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The Project Gutenberg eBook of Fenn Kaß
This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will
have to check the laws of the country where you are located before using
this eBook.
Title: Fenn Kaß
Der Roman eines Erlösten
Author: Batty Weber
Release date: June 15, 2025 [eBook #76309]
Language: German
Original publication: Frankfurt a. M.: Ruetten und Loening, 1913
Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/76309
Credits: Jens Sadowski and the Online Distributed Proofreading Team at
https://www.pgdp.net
*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK FENN KASS ***
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Title: Fenn Kaß
Der Roman eines Erlösten
Author: Batty Weber
Release date: June 15, 2025 [eBook #76309]
Language: German
Original publication: Frankfurt a. M.: Ruetten und Loening, 1913
Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/76309
Credits: Jens Sadowski and the Online Distributed Proofreading Team at
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*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK FENN KASS ***
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Fenn Kaß
Der Roman eines Erlösten
von
Batty Weber
1913
Literarische Anstalt
Rütten & Loening
Frankfurt a. M.
Der Roman eines Erlösten
von
Batty Weber
1913
Literarische Anstalt
Rütten & Loening
Frankfurt a. M.
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Alle Rechte, besonders das der Übersetzung, vorbehalten
Copyright 1913 Literarische Anstalt
Rütten & Loening, Frankfurt a. M.
Druck von Oscar Brandstetter in Leipzig
Copyright 1913 Literarische Anstalt
Rütten & Loening, Frankfurt a. M.
Druck von Oscar Brandstetter in Leipzig
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Erstes Buch
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Erstes Kapitel
Z wischen Ulmen und Platanen geht die schöne, staubweiße
Dreikantonstraße quer durch das Luxemburger Ländchen, von der
Mosel nach der belgischen Grenze. Allerhand bäuerliches Fuhrwerk
zieht dort seine Spuren. Straßenwärter lehnen, stets verschnaufend, am
Grabenrand auf ihren Schaufeln und Hacken. Um die Osterzeit liegen vor
den Kilometersteinen bunte Eierschalen, von allerhand Wandervolk nach
Rast und Wegzehrung hingestreut. Es ist, als ob’s im Erdreich ringsum von
erwachendem Leben knistre. Manchmal kommt aus der Ferne das leise
Geklingel eines Schellenkranzes, zwei magere Gäule schleppen einen
gelben Kasten auf Rädern vorbei; durch die klapprigen Fenster sieht man
im Innern müde Gesichter mit geschlossenen Augen vornüber nicken: der
Omnibus. Im Herbst schwelt dünner Rauch von brennendem Kartoffelkraut
über die Straße, und fernher zieht über die leeren Stoppelfelder unsäglich
wehmütig der Choralgesang eines Bauernbuben, der hungrig um seine
Kühe kreist und überm Singen an die duftigen Knollen denkt, die er sich in
der Asche des Kartoffelfeuers brät.
Am schönsten ist es auf der Dreikantonstraße an sonnigen
Septemberabenden. Dann dampft goldener Nebel zwischen den Bergen am
Horizont. Es ist der zerfließende Rauch der Hochöfen im Süden und
Westen. Da schmelzen sie das Erz, das die braunen Italiener aus den
zerrissenen Eingeweiden der Erde herauswühlen, und hinter den Bergen,
dort herum, wo drei Grenzen sich schneiden und das sonore Französisch
des Beckens von Longwy mit den trotzigen Kehllauten altdeutscher
Neulothringer und dem breitspurigen Luxemburger Platt der Escher Gegend
unvermittelt zusammenklingt, da sinkt jetzt der Sonnenball langsam hinweg
in den Dämmerrauch, den er sich zu leuchtenden Schleiern vergoldet hat.
Wiesing ist eines der schönsten Dörfer an der Dreikantonstraße. An der
Straßenkreuzung steht ein vornehmes, altes Gasthaus mit altmodischer
französischer Aufschrift „Auberge. – On loge à pied et à cheval. –
Epicerie.“ Hinter einem Fenster, in einem hohen Glaspokal, dicke
Lakritzstangen, in einem andern brauner und gelber Kandiszucker. Ein
weißes Porzellanfäßchen trägt die Aufschrift: Obourg, – ein anderes die
Worte: Poudre de chasse, bei denen alle Bubenherzen höher schlagen.
Rechts von der Freitreppe, die zum Hausflur hinaufführt, steht eine hölzerne
Z wischen Ulmen und Platanen geht die schöne, staubweiße
Dreikantonstraße quer durch das Luxemburger Ländchen, von der
Mosel nach der belgischen Grenze. Allerhand bäuerliches Fuhrwerk
zieht dort seine Spuren. Straßenwärter lehnen, stets verschnaufend, am
Grabenrand auf ihren Schaufeln und Hacken. Um die Osterzeit liegen vor
den Kilometersteinen bunte Eierschalen, von allerhand Wandervolk nach
Rast und Wegzehrung hingestreut. Es ist, als ob’s im Erdreich ringsum von
erwachendem Leben knistre. Manchmal kommt aus der Ferne das leise
Geklingel eines Schellenkranzes, zwei magere Gäule schleppen einen
gelben Kasten auf Rädern vorbei; durch die klapprigen Fenster sieht man
im Innern müde Gesichter mit geschlossenen Augen vornüber nicken: der
Omnibus. Im Herbst schwelt dünner Rauch von brennendem Kartoffelkraut
über die Straße, und fernher zieht über die leeren Stoppelfelder unsäglich
wehmütig der Choralgesang eines Bauernbuben, der hungrig um seine
Kühe kreist und überm Singen an die duftigen Knollen denkt, die er sich in
der Asche des Kartoffelfeuers brät.
Am schönsten ist es auf der Dreikantonstraße an sonnigen
Septemberabenden. Dann dampft goldener Nebel zwischen den Bergen am
Horizont. Es ist der zerfließende Rauch der Hochöfen im Süden und
Westen. Da schmelzen sie das Erz, das die braunen Italiener aus den
zerrissenen Eingeweiden der Erde herauswühlen, und hinter den Bergen,
dort herum, wo drei Grenzen sich schneiden und das sonore Französisch
des Beckens von Longwy mit den trotzigen Kehllauten altdeutscher
Neulothringer und dem breitspurigen Luxemburger Platt der Escher Gegend
unvermittelt zusammenklingt, da sinkt jetzt der Sonnenball langsam hinweg
in den Dämmerrauch, den er sich zu leuchtenden Schleiern vergoldet hat.
Wiesing ist eines der schönsten Dörfer an der Dreikantonstraße. An der
Straßenkreuzung steht ein vornehmes, altes Gasthaus mit altmodischer
französischer Aufschrift „Auberge. – On loge à pied et à cheval. –
Epicerie.“ Hinter einem Fenster, in einem hohen Glaspokal, dicke
Lakritzstangen, in einem andern brauner und gelber Kandiszucker. Ein
weißes Porzellanfäßchen trägt die Aufschrift: Obourg, – ein anderes die
Worte: Poudre de chasse, bei denen alle Bubenherzen höher schlagen.
Rechts von der Freitreppe, die zum Hausflur hinaufführt, steht eine hölzerne
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Pferdekrippe mit Ringen zum Ankoppeln. Zwischen geköpften
Silberpappeln, die im Frühjahr ihre Lämmerschwänzchen und im Herbst
ihre hellgelben, welken Blätter über die Straße streuen, ragt ein uraltes
Steinkreuz mit bemoostem Altartisch davor. Dort hält an Fronleichnam, bei
der Kirchweih und am Muttergottestag die Prozession, und alles kniet
andächtig in der Runde. Der Herr Pastor hebt über die gesenkten Häupter
segnend die blitzende Monstranz, während die feiertäglich duftenden
Weihrauchwolken steigen, Silberschellchen bimmeln, in der Ferne dumpf
die Böller knallen, die Glocken zu Hauf läuten und in der Gaststube drin ein
paar Burschen, die lieber im Wirtshaus Gottesdienst feiern, stumm an ihren
Sonntagszigarren saugen und hinter den weißen Tüllvorhängen verstohlen
hinausäugen.
Es gab eine Zeit, wo in Wiesing reiche Bauern wohnten. Damals, ehe die
Eisenbahn fertig gebaut war, ging von den Escher Bergen der Strom des
rotbraunen Erzes durch Wiesing nach der Mosel, wo das kostbare Gestein
nach den deutschen Hüttenwerken in weitbauchige Kähne verfrachtet
wurde. Karren an Karren rasselte und polterte durchs Dorf, es war ein
betriebsames Leben, die Bauern verdienten, was sie wollten. Sie trugen zu
ihren stahlblauen, blinkenden Sonntagskitteln schneeweiße Stehkragen,
spielten Kegel und Karten zu einem blanken Taler den Einsatz, und als der
rotbraune Strom plötzlich versiegte, da saßen sie auf dem Trocknen und
wußten nicht wie. Ihre Ställe leerten sich, auf ihren Scheunen sahen durch
die verfallenden Dächer die Sparren wie die Rippen eines faulenden Aases,
das die Raben und Füchse angefressen haben, und an ihren schönen großen
Häusern zerbrach von den teuren gewölbten Fensterscheiben eine nach der
andern und wurde durch ganz gewöhnliches billiges Glas ersetzt. Da lernten
ihre Söhne wieder das bittere Schwitzen und verbrachten schlaflose Nächte
mit Grübeln, wie sie es anstellen sollten, um für den Jud und den Notar die
Zinsen aufzubringen.
A n einem der schönen Septemberabende stand Fräulein Gretchen, die
Schwester des Herrn Pfarrers Reining, an ihrem vergitterten
Küchenfenster, das auf den Hof hinausging, und sah mit verträumten
Augen zu, wie ein dreizehnjähriger Junge einen Korb mit glatten, weißen
Buchenholzstücken füllte, den letzten von einem großen Haufen, den er
Silberpappeln, die im Frühjahr ihre Lämmerschwänzchen und im Herbst
ihre hellgelben, welken Blätter über die Straße streuen, ragt ein uraltes
Steinkreuz mit bemoostem Altartisch davor. Dort hält an Fronleichnam, bei
der Kirchweih und am Muttergottestag die Prozession, und alles kniet
andächtig in der Runde. Der Herr Pastor hebt über die gesenkten Häupter
segnend die blitzende Monstranz, während die feiertäglich duftenden
Weihrauchwolken steigen, Silberschellchen bimmeln, in der Ferne dumpf
die Böller knallen, die Glocken zu Hauf läuten und in der Gaststube drin ein
paar Burschen, die lieber im Wirtshaus Gottesdienst feiern, stumm an ihren
Sonntagszigarren saugen und hinter den weißen Tüllvorhängen verstohlen
hinausäugen.
Es gab eine Zeit, wo in Wiesing reiche Bauern wohnten. Damals, ehe die
Eisenbahn fertig gebaut war, ging von den Escher Bergen der Strom des
rotbraunen Erzes durch Wiesing nach der Mosel, wo das kostbare Gestein
nach den deutschen Hüttenwerken in weitbauchige Kähne verfrachtet
wurde. Karren an Karren rasselte und polterte durchs Dorf, es war ein
betriebsames Leben, die Bauern verdienten, was sie wollten. Sie trugen zu
ihren stahlblauen, blinkenden Sonntagskitteln schneeweiße Stehkragen,
spielten Kegel und Karten zu einem blanken Taler den Einsatz, und als der
rotbraune Strom plötzlich versiegte, da saßen sie auf dem Trocknen und
wußten nicht wie. Ihre Ställe leerten sich, auf ihren Scheunen sahen durch
die verfallenden Dächer die Sparren wie die Rippen eines faulenden Aases,
das die Raben und Füchse angefressen haben, und an ihren schönen großen
Häusern zerbrach von den teuren gewölbten Fensterscheiben eine nach der
andern und wurde durch ganz gewöhnliches billiges Glas ersetzt. Da lernten
ihre Söhne wieder das bittere Schwitzen und verbrachten schlaflose Nächte
mit Grübeln, wie sie es anstellen sollten, um für den Jud und den Notar die
Zinsen aufzubringen.
A n einem der schönen Septemberabende stand Fräulein Gretchen, die
Schwester des Herrn Pfarrers Reining, an ihrem vergitterten
Küchenfenster, das auf den Hof hinausging, und sah mit verträumten
Augen zu, wie ein dreizehnjähriger Junge einen Korb mit glatten, weißen
Buchenholzstücken füllte, den letzten von einem großen Haufen, den er
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mühsam und unverdrossen auf den Speicher geschafft hatte. Der Platz war
noch weiß von Sägespänen, und der bittere Geruch der frisch zersägten
Buchenscheite mischte sich mit den Düften, die vom Kochherd ausgingen
und in lauen, unsichtbaren Wölkchen sich an Fräulein Gretchen vorbei ins
Freie stahlen.
Der Junge hatte den Korb huckepack genommen und ging, vornüber
gebeugt, in langsamem Takte nickend unter seiner Last um das Haus herum
durch die Hintertür hinein und die Treppe zum Boden hinauf. Im
Halbdunkel des sinkenden Tags schimmerte in dem schwülen Raum unterm
Dach die Trockenwäsche auf den Leinen, die zwischen den Balken des
Dachstuhls gespannt waren. Es roch nach Seife, nach trockener
Buchenrinde, nach süßen Birnen und Äpfeln und nach vergilbtem Papier.
Der Junge setzte seinen Korb ab. Mitten im Speicherraum stand wie eine
plumpe Säule der Kaminschlot, der durchs Dach hinausführte, und um
diesen herum war das Brennholz fein säuberlich aufgeschichtet. Bevor der
Junge den Inhalt des Korbes zu dem übrigen legte, holte er aus einer
Speicherecke, von einer offenen Kiste, ein aufgeschlagenes Buch und stellte
sich damit unter eine Dachluke, wo das Zwielicht zum Lesen gerade noch
langte. „Geschichte der Dampfmaschine“ stand auf dem Titelblatt. Das
Buch dicht an den leuchtenden Augen las der Knabe Seite um Seite, und
vergaß über Denis Papin und James Watt alles um sich her.
Plötzlich hörte er rufen. Fräulein Gretchens weiche Altstimme tönte
durchs Haus. „Fenn! Fenny! Könnscht de net bal?“
„Ob der Minut!“ rief Fenn hastig zurück, klappte das Buch zu, trug es an
seinen Platz und leerte hurtig mit beiden Händen den Inhalt des Korbes auf
den Holzstapel, der sich in Brusthöhe vor ihm türmte. Dann sprang er in
eiligen Sätzen die Treppe hinunter.
In der Küchentür stand Fräulein Gretchen. In ihren weltunkundigen,
sanften Augen war lächelnde Zufriedenheit, als sie den Jungen fragte, ob er
nun ganz fertig sei. Dabei wandte sie sich zurück in die Küche und nahm
aus einem Körbchen eine prächtige, große Birne, die sie Fenn am Stiel
entgegenhielt. Er wischte schmunzelnd die flachen Hände an den
Hosenbeinen ab und nahm die Birne, in die er gierig zwei Reihen blanker
Zähne schlug. Wie lecker nach all dem Staub, der so bitter und trocken am
heißen Gaumen klebte! Voll mitgenießender Behäbigkeit sah Fräulein
Gretchen, die Hände unter ihrer kurzen, schwarzen Pelerine
noch weiß von Sägespänen, und der bittere Geruch der frisch zersägten
Buchenscheite mischte sich mit den Düften, die vom Kochherd ausgingen
und in lauen, unsichtbaren Wölkchen sich an Fräulein Gretchen vorbei ins
Freie stahlen.
Der Junge hatte den Korb huckepack genommen und ging, vornüber
gebeugt, in langsamem Takte nickend unter seiner Last um das Haus herum
durch die Hintertür hinein und die Treppe zum Boden hinauf. Im
Halbdunkel des sinkenden Tags schimmerte in dem schwülen Raum unterm
Dach die Trockenwäsche auf den Leinen, die zwischen den Balken des
Dachstuhls gespannt waren. Es roch nach Seife, nach trockener
Buchenrinde, nach süßen Birnen und Äpfeln und nach vergilbtem Papier.
Der Junge setzte seinen Korb ab. Mitten im Speicherraum stand wie eine
plumpe Säule der Kaminschlot, der durchs Dach hinausführte, und um
diesen herum war das Brennholz fein säuberlich aufgeschichtet. Bevor der
Junge den Inhalt des Korbes zu dem übrigen legte, holte er aus einer
Speicherecke, von einer offenen Kiste, ein aufgeschlagenes Buch und stellte
sich damit unter eine Dachluke, wo das Zwielicht zum Lesen gerade noch
langte. „Geschichte der Dampfmaschine“ stand auf dem Titelblatt. Das
Buch dicht an den leuchtenden Augen las der Knabe Seite um Seite, und
vergaß über Denis Papin und James Watt alles um sich her.
Plötzlich hörte er rufen. Fräulein Gretchens weiche Altstimme tönte
durchs Haus. „Fenn! Fenny! Könnscht de net bal?“
„Ob der Minut!“ rief Fenn hastig zurück, klappte das Buch zu, trug es an
seinen Platz und leerte hurtig mit beiden Händen den Inhalt des Korbes auf
den Holzstapel, der sich in Brusthöhe vor ihm türmte. Dann sprang er in
eiligen Sätzen die Treppe hinunter.
In der Küchentür stand Fräulein Gretchen. In ihren weltunkundigen,
sanften Augen war lächelnde Zufriedenheit, als sie den Jungen fragte, ob er
nun ganz fertig sei. Dabei wandte sie sich zurück in die Küche und nahm
aus einem Körbchen eine prächtige, große Birne, die sie Fenn am Stiel
entgegenhielt. Er wischte schmunzelnd die flachen Hände an den
Hosenbeinen ab und nahm die Birne, in die er gierig zwei Reihen blanker
Zähne schlug. Wie lecker nach all dem Staub, der so bitter und trocken am
heißen Gaumen klebte! Voll mitgenießender Behäbigkeit sah Fräulein
Gretchen, die Hände unter ihrer kurzen, schwarzen Pelerine
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übereinandergefaltet, dem Knaben zu. Sie war eine gute Haut, und alle
mochten die „Zäre Joffer“ leiden.
„Zären“ und „Zierden“ heißen im Luxemburgischen von uralters her in
jedem Dorf zwei Häuser, das Pfarrhaus und das Hirtenhaus. In diesen
Bezeichnungen hat sich noch die Genitivform erhalten, um die der
Luxemburger sich sonst wie um etwas hochdeutsch Vornehmes linkisch
herumdrückt. Aus „des Herren“ und „des Hirten“ ist „d’s Hären“ und „d’s
Hierden“, und dann „Zären“ und „Zierden“ geworden, und „Zäre Kächen“
und „Zierden Hond“ sind in allen Dörfern stehende Ausdrücke. Wer sich in
Wiesing etwas herausnehmen durfte, sprach vertraulich von „Zäre
Gre’itchen“, für die andern war sie die Respektsperson, die „Zäre Joffer“.
Fenn hatte seine Birne verzehrt.
„Hast du denn dein Holz schön ‚getesselt‘?“ fragte Fräulein Gretchen in
dem breiten Dialekt, der mit seinen weichen, liebevoll gedehnten
Zischlauten, den fremdartigen, bald ans Englische, bald ans Oberbayrische
anklingenden Diphthongen und einer Beimischung französischer
Nasenlaute dem Ausländer so undeutsch und unverständlich klingt.
Fenn nickte. Er trat von einem Fuß auf den andern und würgte sichtlich
an einem Anliegen, mit dem er sich nicht hervortraute.
„Nun gehst du zu Lehrers und bestellst meinem Vater, daß Essenszeit
ist,“ sagte Joffer Gretchen.
Da brach dem Jungen sein Geheimnis über die Lippen. „Auf dem
Speicher oben liegen so schöne Bücher!“ brachte er unvermittelt hervor,
und sein offenes Bubengesicht lief dabei rot an.
„So, was denn für Bücher?“ fragte wohlwollend Fräulein Gretchen.
Er versuchte ihr klar zu machen, was er meinte, aber mit Worten dauerte
es ihm zu lang. So war er in ein paar Sätzen die Treppe hinauf und holte den
Schmöker. Sie meinte, sie müsse erst „eisen Här“ fragen.
„Unser Herr“ saß in seinem Studierzimmer über seinen Büchern. Der
Herr Wiesinger galt in den Kreisen seiner Confratres für ein unheimlich
gelehrtes Haus, aus dem noch einmal ganz was besonderes werden würde.
Das Geld, das andere in Rotspohn und Zigarren anlegten, steckte er in seine
Bücherei. Schön gebunden, mit schwarzbraunem Rücken und dem Goldtitel
in dunkelgrünem Feld, standen die Theologen, Philosophen, Kirchenväter
und Klassiker auf ihren Regalen, hinter blinkenden Kattunvorhängen. Der
Herr Wiesinger sah seiner Schwester sehr ähnlich. Dasselbe gütige, weiße
mochten die „Zäre Joffer“ leiden.
„Zären“ und „Zierden“ heißen im Luxemburgischen von uralters her in
jedem Dorf zwei Häuser, das Pfarrhaus und das Hirtenhaus. In diesen
Bezeichnungen hat sich noch die Genitivform erhalten, um die der
Luxemburger sich sonst wie um etwas hochdeutsch Vornehmes linkisch
herumdrückt. Aus „des Herren“ und „des Hirten“ ist „d’s Hären“ und „d’s
Hierden“, und dann „Zären“ und „Zierden“ geworden, und „Zäre Kächen“
und „Zierden Hond“ sind in allen Dörfern stehende Ausdrücke. Wer sich in
Wiesing etwas herausnehmen durfte, sprach vertraulich von „Zäre
Gre’itchen“, für die andern war sie die Respektsperson, die „Zäre Joffer“.
Fenn hatte seine Birne verzehrt.
„Hast du denn dein Holz schön ‚getesselt‘?“ fragte Fräulein Gretchen in
dem breiten Dialekt, der mit seinen weichen, liebevoll gedehnten
Zischlauten, den fremdartigen, bald ans Englische, bald ans Oberbayrische
anklingenden Diphthongen und einer Beimischung französischer
Nasenlaute dem Ausländer so undeutsch und unverständlich klingt.
Fenn nickte. Er trat von einem Fuß auf den andern und würgte sichtlich
an einem Anliegen, mit dem er sich nicht hervortraute.
„Nun gehst du zu Lehrers und bestellst meinem Vater, daß Essenszeit
ist,“ sagte Joffer Gretchen.
Da brach dem Jungen sein Geheimnis über die Lippen. „Auf dem
Speicher oben liegen so schöne Bücher!“ brachte er unvermittelt hervor,
und sein offenes Bubengesicht lief dabei rot an.
„So, was denn für Bücher?“ fragte wohlwollend Fräulein Gretchen.
Er versuchte ihr klar zu machen, was er meinte, aber mit Worten dauerte
es ihm zu lang. So war er in ein paar Sätzen die Treppe hinauf und holte den
Schmöker. Sie meinte, sie müsse erst „eisen Här“ fragen.
„Unser Herr“ saß in seinem Studierzimmer über seinen Büchern. Der
Herr Wiesinger galt in den Kreisen seiner Confratres für ein unheimlich
gelehrtes Haus, aus dem noch einmal ganz was besonderes werden würde.
Das Geld, das andere in Rotspohn und Zigarren anlegten, steckte er in seine
Bücherei. Schön gebunden, mit schwarzbraunem Rücken und dem Goldtitel
in dunkelgrünem Feld, standen die Theologen, Philosophen, Kirchenväter
und Klassiker auf ihren Regalen, hinter blinkenden Kattunvorhängen. Der
Herr Wiesinger sah seiner Schwester sehr ähnlich. Dasselbe gütige, weiße
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Gesicht, dieselben sanften Augen, nur tiefer und klüger hinter den starken
Brillengläsern.
Er nahm lächelnd das Buch und blätterte sinnend eine Weile darin. „Gib’s
ihm, wenn es ihm Spaß macht,“ sagte er. „Ich habe es vor reichlich vierzig
Jahren als Schulpreis bekommen. Da klebt noch der Zettel: Sexta, I. Preis,
Karl Reining. Aber der Fenn soll darüber sein Latein nicht
vernachlässigen.“
„Und ich wollte dir auch sagen, Charles, das Essen ist soweit fertig.
Wenn du kommen willst, kann aufgetragen werden.“
Unter vier Augen duzte Joffer Gretchen den geistlichen Bruder, aber in
der Zärtlichkeit, mit der das luxemburgisch-französische „Scharel“
herauskam, klang ein gut Teil Ehrfurcht mit.
Fenn zog glücklich mit seiner Beute ab. Er hatte heute zum letzten Male
im Pfarrhaus Holz getragen. Morgen sollte er nach Luxemburg aufs
Gymnasium, um „auf Herr“ zu studieren.
S ein Vater war der Küster, der griesgrämige Mathias Kaß mit den
buschigen Augenbrauen und den gekniffenen Lippen. Die Kaß in
Wiesing gehörten zu einem alten Luxemburger Schmiedegeschlecht.
Der Mathias war zufällig schwächer geraten als seine Brüder und Vettern
und darum nach Wiesing gekommen, wo er in eine alte Küsterdynastie
eingeheiratet hatte. Aber die Natur hatte nur ein Glied in der Kette
überschlagen, beim jungen Kaß in Wiesing setzte die ganze Kraftfülle der
Altvordern wieder ein. Vielleicht auch war er mehr nach der Mutter geartet,
einer stillen, derben Frau, die an dem grobknochigen einzigen Sohn mit der
ganzen Zärtlichkeit ihrer schlichten Seele hing. Ferdinand hatte sie ihn
taufen lassen. Ferdinand war der schönste Name, den sie kannte. Irgendein
vornehmer Knabe aus einer Geschichte in ihrer Lesefibel hatte Ferdinand
geheißen, und so nannte sie ihren Einzigen Ferdinand. Aus jenem Bedürfnis
nach Feinem, Feiertäglichem, das selbst im gröbsten Bauernweib drin steckt
und ihm eingibt, ein paar Blumenscherben auf der Fensterbank zu halten,
oder um Ostern herum Veilchen zwischen die Wäsche zu legen oder bei
feierlichen Gelegenheiten – Begräbnis, Hochzeit, Kirmes und Kindtaufe –
ihr weißes Taschentuch nebst Gebetbuch und Rosenkranz zimperlich
vornehm in der Hand zu tragen.
Brillengläsern.
Er nahm lächelnd das Buch und blätterte sinnend eine Weile darin. „Gib’s
ihm, wenn es ihm Spaß macht,“ sagte er. „Ich habe es vor reichlich vierzig
Jahren als Schulpreis bekommen. Da klebt noch der Zettel: Sexta, I. Preis,
Karl Reining. Aber der Fenn soll darüber sein Latein nicht
vernachlässigen.“
„Und ich wollte dir auch sagen, Charles, das Essen ist soweit fertig.
Wenn du kommen willst, kann aufgetragen werden.“
Unter vier Augen duzte Joffer Gretchen den geistlichen Bruder, aber in
der Zärtlichkeit, mit der das luxemburgisch-französische „Scharel“
herauskam, klang ein gut Teil Ehrfurcht mit.
Fenn zog glücklich mit seiner Beute ab. Er hatte heute zum letzten Male
im Pfarrhaus Holz getragen. Morgen sollte er nach Luxemburg aufs
Gymnasium, um „auf Herr“ zu studieren.
S ein Vater war der Küster, der griesgrämige Mathias Kaß mit den
buschigen Augenbrauen und den gekniffenen Lippen. Die Kaß in
Wiesing gehörten zu einem alten Luxemburger Schmiedegeschlecht.
Der Mathias war zufällig schwächer geraten als seine Brüder und Vettern
und darum nach Wiesing gekommen, wo er in eine alte Küsterdynastie
eingeheiratet hatte. Aber die Natur hatte nur ein Glied in der Kette
überschlagen, beim jungen Kaß in Wiesing setzte die ganze Kraftfülle der
Altvordern wieder ein. Vielleicht auch war er mehr nach der Mutter geartet,
einer stillen, derben Frau, die an dem grobknochigen einzigen Sohn mit der
ganzen Zärtlichkeit ihrer schlichten Seele hing. Ferdinand hatte sie ihn
taufen lassen. Ferdinand war der schönste Name, den sie kannte. Irgendein
vornehmer Knabe aus einer Geschichte in ihrer Lesefibel hatte Ferdinand
geheißen, und so nannte sie ihren Einzigen Ferdinand. Aus jenem Bedürfnis
nach Feinem, Feiertäglichem, das selbst im gröbsten Bauernweib drin steckt
und ihm eingibt, ein paar Blumenscherben auf der Fensterbank zu halten,
oder um Ostern herum Veilchen zwischen die Wäsche zu legen oder bei
feierlichen Gelegenheiten – Begräbnis, Hochzeit, Kirmes und Kindtaufe –
ihr weißes Taschentuch nebst Gebetbuch und Rosenkranz zimperlich
vornehm in der Hand zu tragen.
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Papa Reining, den Fenn zum Essen rufen sollte, war der Vater des
Pfarrers. Ein bißchen gebeugt, ein bißchen wackelig, ein bißchen
schwerhörig. Unter sich nannten ihn die Wiesinger „Zäre Pätter“, offiziell
hieß er der „Père Reining“. Niemand sah ihn je anders als im schwarzen
Gehrock. Allabendlich ging er auf eine Partie Sechsundsechzig zum Lehrer
Braun, für dessen Jüngste er stets etwas zum Naschen in den
unergründlichen Taschen seiner Rockschöße mitbrachte. Und bot das Haus
einmal nichts Eigenes, dann waren es Pfefferminzpastillen. Um diese
stritten sich die Kinder, es war ihnen ein seltenes und seltsames Empfinden,
an Gaumen und Zunge den kühlen Hauch und den süßlichen Geschmack
der kleinen weißen Plätzchen zu spüren.
Fenn Kaß wußte in dem bescheiden aussehenden, strohgedeckten Haus,
das die Gemeinde ihrem Lehrer als Wohnung zur Verfügung stellte, von
Kindesbeinen auf Bescheid. Von der Straße führte eine Treppe hinan, auf
deren Steinbrüstung bald glucksende Hühner sich sonnten, bald die Töchter
Brauns mit gefärbten Knöchelchen Spielstein spielten. An lauen Abenden
saß dort Braun, ans Haus gelehnt, ein Bein auf der niedrigen
Brüstungsmauer vor sich ausgestreckt, rauchte seine weiße, irdene Pfeife,
sein „Hänschen“, und erklärte seiner Jüngsten die Sternbilder. Dann kroch
Fenn manchmal schweigend von unten die Treppe herauf, bis zu den Füßen
des Lehrers, und lauschte gespannt, wenn Braun am „Großen Wagen“ die
drei Pferde und die vier Räder oder am „Rechen“ die Zähne und den Stiel
mit seinem Pfeifenrohr der kleinen Marjänni demonstrierte. Man weiß
nicht, was den Küstersbuben am meisten lockte, der „Große Bär“ oder die
kleine Marjänni. Tatsache ist, daß es ihn nach dem Lehrerhause hinzog,
auch wenn kein Stern am Himmel stand. Und noch lange nachher wurzelten
die seligsten Erinnerungen seiner Kinderjahre in den Stunden, die er bei
Lehrers zugebracht hatte.
Lehrers hatten jenseits der Straße einen großen Garten, in dem eine
Holzbank unter einem mächtigen Holunderstrauch stand. Dorthin brachten
die Mädchen ihre Puppen und die Buben ihre Pferde und gründeten einen
gemeinsamen Haushalt. In eine Mauerritze wurden nebeneinander ein paar
Stöckchen getrieben, das waren die Balken des Heuspeichers. Quer darüber
kam Reisig und oben darauf wurde ausgerupftes Gras getürmt. Auch Raufe
und Trog fehlten nicht, und den bunten Rossen, die noch so funkelnagelneu
nach Lack dufteten, gebrach es an nichts. Neben dem Stall wurde ein
Brunnen gebohrt, mit einer spitzen Bohnenstange, so tief, daß alle Kinder
Pfarrers. Ein bißchen gebeugt, ein bißchen wackelig, ein bißchen
schwerhörig. Unter sich nannten ihn die Wiesinger „Zäre Pätter“, offiziell
hieß er der „Père Reining“. Niemand sah ihn je anders als im schwarzen
Gehrock. Allabendlich ging er auf eine Partie Sechsundsechzig zum Lehrer
Braun, für dessen Jüngste er stets etwas zum Naschen in den
unergründlichen Taschen seiner Rockschöße mitbrachte. Und bot das Haus
einmal nichts Eigenes, dann waren es Pfefferminzpastillen. Um diese
stritten sich die Kinder, es war ihnen ein seltenes und seltsames Empfinden,
an Gaumen und Zunge den kühlen Hauch und den süßlichen Geschmack
der kleinen weißen Plätzchen zu spüren.
Fenn Kaß wußte in dem bescheiden aussehenden, strohgedeckten Haus,
das die Gemeinde ihrem Lehrer als Wohnung zur Verfügung stellte, von
Kindesbeinen auf Bescheid. Von der Straße führte eine Treppe hinan, auf
deren Steinbrüstung bald glucksende Hühner sich sonnten, bald die Töchter
Brauns mit gefärbten Knöchelchen Spielstein spielten. An lauen Abenden
saß dort Braun, ans Haus gelehnt, ein Bein auf der niedrigen
Brüstungsmauer vor sich ausgestreckt, rauchte seine weiße, irdene Pfeife,
sein „Hänschen“, und erklärte seiner Jüngsten die Sternbilder. Dann kroch
Fenn manchmal schweigend von unten die Treppe herauf, bis zu den Füßen
des Lehrers, und lauschte gespannt, wenn Braun am „Großen Wagen“ die
drei Pferde und die vier Räder oder am „Rechen“ die Zähne und den Stiel
mit seinem Pfeifenrohr der kleinen Marjänni demonstrierte. Man weiß
nicht, was den Küstersbuben am meisten lockte, der „Große Bär“ oder die
kleine Marjänni. Tatsache ist, daß es ihn nach dem Lehrerhause hinzog,
auch wenn kein Stern am Himmel stand. Und noch lange nachher wurzelten
die seligsten Erinnerungen seiner Kinderjahre in den Stunden, die er bei
Lehrers zugebracht hatte.
Lehrers hatten jenseits der Straße einen großen Garten, in dem eine
Holzbank unter einem mächtigen Holunderstrauch stand. Dorthin brachten
die Mädchen ihre Puppen und die Buben ihre Pferde und gründeten einen
gemeinsamen Haushalt. In eine Mauerritze wurden nebeneinander ein paar
Stöckchen getrieben, das waren die Balken des Heuspeichers. Quer darüber
kam Reisig und oben darauf wurde ausgerupftes Gras getürmt. Auch Raufe
und Trog fehlten nicht, und den bunten Rossen, die noch so funkelnagelneu
nach Lack dufteten, gebrach es an nichts. Neben dem Stall wurde ein
Brunnen gebohrt, mit einer spitzen Bohnenstange, so tief, daß alle Kinder
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sagten, sie könnten nicht bis auf den Grund sehen, beinahe fußtief. Und aus
gegabelten Zweigen und quer darüber einem runden Stäbchen mit doppelt
geknicktem Ende als Kurbel wurde der Apparat gebaut, an dem aus der
Tiefe des Brunnens der Wassereimer heraufgewunden wurde.
Während die Knaben so dem Viehbestand ihre Fürsorge zuwandten,
bestellten die Mädchen das Haus. Unter der Bank am Holunderstrauch lag
der Keller, mit Milch und Butter und Kartoffeln und allen Vorräten reich
bestellt, oben drauf waren Küche, Stube und Schlafzimmer für das
Puppenvolk eingerichtet. Da führte Marjänni das Zepter, in Hof und Stall
war Fenn ausschlaggebend.
Auch von den andern, die gewöhnlich dabei waren, ist ein Wort zu sagen.
Heine Putty machte sich aus den Pferden nicht viel, er drückte sich mehr
auf der Mädchenseite herum. Sein Vater war Schneider, aus der Gegend
zwischen Mosel und Syr eingewandert, ein bartloser Schwächling mit dem
Temperament eines Cholerikers, ein Bramarbas, der ein ruhiges Hünenweib
heimgeführt und mit ihr einen schmächtigen Sohn und zwei derbe Töchter
gezeugt hatte, die Leonie und die Justine, die bei den
Haushaltungsnachmittagen im Lehrersgarten emsig schafften. Geriet der
Schneider in Wut, so prügelte er unter gräßlichen Flüchen seine Kinder, eins
nach dem andern, durch. Das ihm zunächst saß, kam zuerst an die Reihe,
und dann die andern. Er erblickte in diesem unparteiischen Durchprügeln
einen Hauptteil seiner väterlichen Sendung. Die Mutter sah ihm dabei ohne
Aufregung zu, weil sie dachte, das könne unmöglich wehe tun. Aus seinen
ledigen Jahren erzählte der Schneider erstaunliche Heldentaten, die ihm die
Wiesinger lieber glaubten, als daß sie sich mit dem mundfixen,
hergelaufenen „Schneiderhähnchen“ auf eine Kontroverse eingelassen
hätten. So war der kleine Peter Heinen – aus Peter machten die Kameraden
Putt und Putty – ein verschüchterter Knabe geworden, aber fein, begabt,
phantasiereich und voll einer heimlichen Genußfreude, die sich nicht gern
an die Oberfläche wagte, die jeden Genuß mißtrauisch in einen
Herzenswinkel schleppte, wie ein Hund einen Knochen, und sich dort gierig
an ihm sättigte.
Suchte Heine Putty beim Spielen stets die Gesellschaft der Mädchen und
gefiel sich Fenn in der Rolle des Hausvaters, so ging der dritte Gespiele,
Fritz Lampert, davon aus, daß er dahin gehörte, wo es im Augenblick am
meisten zu essen und zu trinken gab. Sein Vater, der Lampesch Fiß (Fils),
so genannt nach dem Vorbilde der benachbarten Lothringer Bauernsöhne,
gegabelten Zweigen und quer darüber einem runden Stäbchen mit doppelt
geknicktem Ende als Kurbel wurde der Apparat gebaut, an dem aus der
Tiefe des Brunnens der Wassereimer heraufgewunden wurde.
Während die Knaben so dem Viehbestand ihre Fürsorge zuwandten,
bestellten die Mädchen das Haus. Unter der Bank am Holunderstrauch lag
der Keller, mit Milch und Butter und Kartoffeln und allen Vorräten reich
bestellt, oben drauf waren Küche, Stube und Schlafzimmer für das
Puppenvolk eingerichtet. Da führte Marjänni das Zepter, in Hof und Stall
war Fenn ausschlaggebend.
Auch von den andern, die gewöhnlich dabei waren, ist ein Wort zu sagen.
Heine Putty machte sich aus den Pferden nicht viel, er drückte sich mehr
auf der Mädchenseite herum. Sein Vater war Schneider, aus der Gegend
zwischen Mosel und Syr eingewandert, ein bartloser Schwächling mit dem
Temperament eines Cholerikers, ein Bramarbas, der ein ruhiges Hünenweib
heimgeführt und mit ihr einen schmächtigen Sohn und zwei derbe Töchter
gezeugt hatte, die Leonie und die Justine, die bei den
Haushaltungsnachmittagen im Lehrersgarten emsig schafften. Geriet der
Schneider in Wut, so prügelte er unter gräßlichen Flüchen seine Kinder, eins
nach dem andern, durch. Das ihm zunächst saß, kam zuerst an die Reihe,
und dann die andern. Er erblickte in diesem unparteiischen Durchprügeln
einen Hauptteil seiner väterlichen Sendung. Die Mutter sah ihm dabei ohne
Aufregung zu, weil sie dachte, das könne unmöglich wehe tun. Aus seinen
ledigen Jahren erzählte der Schneider erstaunliche Heldentaten, die ihm die
Wiesinger lieber glaubten, als daß sie sich mit dem mundfixen,
hergelaufenen „Schneiderhähnchen“ auf eine Kontroverse eingelassen
hätten. So war der kleine Peter Heinen – aus Peter machten die Kameraden
Putt und Putty – ein verschüchterter Knabe geworden, aber fein, begabt,
phantasiereich und voll einer heimlichen Genußfreude, die sich nicht gern
an die Oberfläche wagte, die jeden Genuß mißtrauisch in einen
Herzenswinkel schleppte, wie ein Hund einen Knochen, und sich dort gierig
an ihm sättigte.
Suchte Heine Putty beim Spielen stets die Gesellschaft der Mädchen und
gefiel sich Fenn in der Rolle des Hausvaters, so ging der dritte Gespiele,
Fritz Lampert, davon aus, daß er dahin gehörte, wo es im Augenblick am
meisten zu essen und zu trinken gab. Sein Vater, der Lampesch Fiß (Fils),
so genannt nach dem Vorbilde der benachbarten Lothringer Bauernsöhne,
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war der reichste Bauer auf viele Stunden im Umkreis. Manche im Dorf
hängten, wenn sie das sagten, augenzwinkernd das fatale Wörtchen
„gewesen“ daran. Soviel war sicher, der Lampesch Fiß hatte schon in
jungen Jahren das Faulenzen gelernt. Und sollte Fritz von ihm auch weiter
nichts erben, die Faulheit, die Selbstsucht und das Protzentum hatte er von
ihm sicher, das stak im Blut.
Fenn, Putty und Fritz waren ein Kleeblatt. Und von der kleinen Marjänni
hätte man sagen können, sie war an dem Blatt der Stiel, der die drei
zusammenhielt.
Fenn sprang bei Brauns die Treppe hinauf und stieß im Flur auf seine
Freundin, die ein langes Stück massigen Zwetschenkuchens auf der flachen
Hand hielt. Wenn sie beim Hineinbeißen die Lippen schürzte, sah man in
dem gesunden, roten Zahnfleisch das blinkende Elfenbein ihrer Zähne
stehen, und aus zwei groß aufgerissenen, dunkeln Augen funkelte der
Genuß an dem saftigen Bissen.
Daß damals in Wiesing weit und breit die schönsten Mädchen wuchsen,
wußte in der Gegend jeder Bursch. Brauns Marjänni war nicht aus der Art
geschlagen. Sie hatte die süßesten Augen, dunkelolive; ihr schmales
Gesichtchen war weiß, wie ein Rosenblatt, nur um die Augen ein wenig
dunkler, wie weiße Rosenblätter in des Kelches Mitte. Wenn es gegen
Abend ging und sich ihr Haar unter dem Kamm gelockert hatte und einen
breiten Rahmen um ihr entzückendes Kindergesicht legte, war sie fast zu
schön, wie ein Bild, das man keinem Maler glauben würde.
So sah sie aus, als Fenn Kaß ihr jetzt im Türrahmen entgegensprang. Er
griff mutwillig nach ihrem Kuchen, sie retirierte mit einem halb belustigten,
halb entrüsteten „Nein, wie frech!“ in die Küche.
Der „Zäre Pätter“ war in keiner kleinen Aufregung, als Fenn ihn abberief.
Er hatte drei Spiele nacheinander gegen Braun gewonnen und ihn einmal
„Schneider gemacht“, und jedesmal, wenn er einen Trumpf auflegte,
schwang er die Karte hoch empor, wie ein Richtbeil, und ließ sie mit einem
aus tiefster Brust hervorgekeuchten Aha! auf die Karte des Gegners
niedersausen, daß unter seinem feinen Greisenfäustchen die Tischplatte
diskret erbebte.
„Danken Sie Ihrem Schöpfer, Herr Braun, daß ich fort muß!“ sagte er mit
vibrierender Stimme, indem er sein geblümtes Taschentuch und seine
silberne Schnupftabakdose vom Tisch aufnahm. „Heute wäre es Ihnen um
Haus und Hof gegangen!“
hängten, wenn sie das sagten, augenzwinkernd das fatale Wörtchen
„gewesen“ daran. Soviel war sicher, der Lampesch Fiß hatte schon in
jungen Jahren das Faulenzen gelernt. Und sollte Fritz von ihm auch weiter
nichts erben, die Faulheit, die Selbstsucht und das Protzentum hatte er von
ihm sicher, das stak im Blut.
Fenn, Putty und Fritz waren ein Kleeblatt. Und von der kleinen Marjänni
hätte man sagen können, sie war an dem Blatt der Stiel, der die drei
zusammenhielt.
Fenn sprang bei Brauns die Treppe hinauf und stieß im Flur auf seine
Freundin, die ein langes Stück massigen Zwetschenkuchens auf der flachen
Hand hielt. Wenn sie beim Hineinbeißen die Lippen schürzte, sah man in
dem gesunden, roten Zahnfleisch das blinkende Elfenbein ihrer Zähne
stehen, und aus zwei groß aufgerissenen, dunkeln Augen funkelte der
Genuß an dem saftigen Bissen.
Daß damals in Wiesing weit und breit die schönsten Mädchen wuchsen,
wußte in der Gegend jeder Bursch. Brauns Marjänni war nicht aus der Art
geschlagen. Sie hatte die süßesten Augen, dunkelolive; ihr schmales
Gesichtchen war weiß, wie ein Rosenblatt, nur um die Augen ein wenig
dunkler, wie weiße Rosenblätter in des Kelches Mitte. Wenn es gegen
Abend ging und sich ihr Haar unter dem Kamm gelockert hatte und einen
breiten Rahmen um ihr entzückendes Kindergesicht legte, war sie fast zu
schön, wie ein Bild, das man keinem Maler glauben würde.
So sah sie aus, als Fenn Kaß ihr jetzt im Türrahmen entgegensprang. Er
griff mutwillig nach ihrem Kuchen, sie retirierte mit einem halb belustigten,
halb entrüsteten „Nein, wie frech!“ in die Küche.
Der „Zäre Pätter“ war in keiner kleinen Aufregung, als Fenn ihn abberief.
Er hatte drei Spiele nacheinander gegen Braun gewonnen und ihn einmal
„Schneider gemacht“, und jedesmal, wenn er einen Trumpf auflegte,
schwang er die Karte hoch empor, wie ein Richtbeil, und ließ sie mit einem
aus tiefster Brust hervorgekeuchten Aha! auf die Karte des Gegners
niedersausen, daß unter seinem feinen Greisenfäustchen die Tischplatte
diskret erbebte.
„Danken Sie Ihrem Schöpfer, Herr Braun, daß ich fort muß!“ sagte er mit
vibrierender Stimme, indem er sein geblümtes Taschentuch und seine
silberne Schnupftabakdose vom Tisch aufnahm. „Heute wäre es Ihnen um
Haus und Hof gegangen!“
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Braun lachte gemütlich und kraute sich hinter dem Ohr. Er gedachte der
ersten Tage, wo der „Zäre Pätter“ mit ihm Sechsundsechzig gespielt und
regelmäßig Schuh und Strümpfe dabei verloren hatte. Da war er aus reinem
Mitleid mit dem alten Mann hingegangen und hatte heimlich die Karten
gezeichnet. Nun konnte er ihm so viel Trümpfe und Stiche in die Hände
spielen, wie er für gut fand, und der gute „Zäre Pätter“ hatte dank dem
Lehrer Braun einen triumphverklärten Lebensabend und kam jeden Tag in
der übermütigsten Stimmung zum Abendessen. Pfarrer Reining hörte von
der großmütigen Mogelei des Lehrers und erstattete diesem gewaltsam jede
Woche die zwölf Sous, die er an den Père Reining aus christlicher
Nächstenliebe verloren hatte.
A ls Fenn Kaß an jenem Abend die Betglocke läutete, war ihm durchaus
nicht so weich zumut, wie es doch am Vorabend eines so
folgenschweren Tages begreiflich gewesen wäre. Nein, so einer war er
überhaupt nicht. Es hatte ihn noch keiner von seinen Kameraden mit nassen
Augen gesehen. Nicht, daß er ein rohes Gemüt gehabt hätte. Vieles ergriff
ihn seelentief. Aber war sein Inneres ein bewegliches Wasser, auf dem jede
Empfindung ihre Ringe warf, sein Äußeres war festes Erdreich, ein Ufer,
von dem die Wellenringe der innern Aufregung spurlos zurückzitterten.
Fenn schlenkerte den großen Kirchenschlüssel an Daumen und
Zeigefinger hin und her, als er langsam zwischen den Ebereschen hinging,
die vom Tor des Friedhofs bis zur Kirchentür eine zierliche Allee bildeten.
Einzelne rote Beeren lagen über den Pfad gestreut. Fenn fiel es ein, wie sich
Marjänni mit den reifen Vogelbeeren manchmal Ohrgehänge machte, und
instinktiv vermied er, auf eine der roten Korallen zu treten, als hätte er
damit der kleinen Spielkameradin weh tun können.
Beim Missionskreuz an der Turmmauer hielt er die Schritte an. Dort
stand Sonntags nach dem Hochamt die Gemeinde und sprach ein kurzes
Gebet „für die Abgestorbenen“. Warum kam dem Küsterssohn gerade hier
das Bewußtsein, daß ein Abschnitt in seinem Lebensbuche nun für immer
umgeblättert war? Warum dachte er nicht an dies und jenes, das er nie mehr
tun würde, und warum dachte er gerade: Du wirst nun nicht mehr Sonntag
für Sonntag unterm Missionskreuz stehen und für die Verstorbenen beten?
... Drüben war immer Marjännis Platz, an dem Grab mit dem schiefen
ersten Tage, wo der „Zäre Pätter“ mit ihm Sechsundsechzig gespielt und
regelmäßig Schuh und Strümpfe dabei verloren hatte. Da war er aus reinem
Mitleid mit dem alten Mann hingegangen und hatte heimlich die Karten
gezeichnet. Nun konnte er ihm so viel Trümpfe und Stiche in die Hände
spielen, wie er für gut fand, und der gute „Zäre Pätter“ hatte dank dem
Lehrer Braun einen triumphverklärten Lebensabend und kam jeden Tag in
der übermütigsten Stimmung zum Abendessen. Pfarrer Reining hörte von
der großmütigen Mogelei des Lehrers und erstattete diesem gewaltsam jede
Woche die zwölf Sous, die er an den Père Reining aus christlicher
Nächstenliebe verloren hatte.
A ls Fenn Kaß an jenem Abend die Betglocke läutete, war ihm durchaus
nicht so weich zumut, wie es doch am Vorabend eines so
folgenschweren Tages begreiflich gewesen wäre. Nein, so einer war er
überhaupt nicht. Es hatte ihn noch keiner von seinen Kameraden mit nassen
Augen gesehen. Nicht, daß er ein rohes Gemüt gehabt hätte. Vieles ergriff
ihn seelentief. Aber war sein Inneres ein bewegliches Wasser, auf dem jede
Empfindung ihre Ringe warf, sein Äußeres war festes Erdreich, ein Ufer,
von dem die Wellenringe der innern Aufregung spurlos zurückzitterten.
Fenn schlenkerte den großen Kirchenschlüssel an Daumen und
Zeigefinger hin und her, als er langsam zwischen den Ebereschen hinging,
die vom Tor des Friedhofs bis zur Kirchentür eine zierliche Allee bildeten.
Einzelne rote Beeren lagen über den Pfad gestreut. Fenn fiel es ein, wie sich
Marjänni mit den reifen Vogelbeeren manchmal Ohrgehänge machte, und
instinktiv vermied er, auf eine der roten Korallen zu treten, als hätte er
damit der kleinen Spielkameradin weh tun können.
Beim Missionskreuz an der Turmmauer hielt er die Schritte an. Dort
stand Sonntags nach dem Hochamt die Gemeinde und sprach ein kurzes
Gebet „für die Abgestorbenen“. Warum kam dem Küsterssohn gerade hier
das Bewußtsein, daß ein Abschnitt in seinem Lebensbuche nun für immer
umgeblättert war? Warum dachte er nicht an dies und jenes, das er nie mehr
tun würde, und warum dachte er gerade: Du wirst nun nicht mehr Sonntag
für Sonntag unterm Missionskreuz stehen und für die Verstorbenen beten?
... Drüben war immer Marjännis Platz, an dem Grab mit dem schiefen
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grauen Kreuz, über das jetzt riesige Sonnenblumen ihre schweren Köpfe
hängten. Dort sah er sie immer stehen, wenn er etwas später, als die andern,
aus der Sakristei kam, wo er noch nach dem Rechten hatte sehen müssen.
Wenn sich zufällig ihre Blicke kreuzten und er ihr verstohlen zunickte,
winkte sie kaum merklich wieder, schloß eine Sekunde lang ihre dunkeln
Augen und betete weiter, ernst und altklug, als müßte sie ganz allein alle
armen Seelen aus dem Fegfeuer beten. Der Gedanke an sie ging heimlich
hinter ihm her in die stille, dämmerbraune Kirche, in der seine Schritte
hallten. Dort links war ihr Platz. Sie saß die erste in ihrer Bank. Während
im Hochamt das Credo oder in der Vesper die Psalmen gesungen wurden,
saß der Herr Pastor seitwärts vom Altar in einem Seidendamastsessel, rechts
und links die beiden Meßdiener. Das sind die feierlichsten Augenblicke im
Dasein eines Dorfjungen. Die Kirche ist voll von Lichterglanz und süßem
Weihrauchduft, wie im Sonntagssonnenschein eine blumige Märchenwiese,
durch die die Orgelklänge als tönender Bach hindurchfließen, bald sacht,
bald brausend. Die Gemeinde sitzt mit frommen, schläfrigen
Sonntagsgesichtern, die Choralweisen, mit denen alle aufgewachsen sind,
summen laut oder leis in jeder Kehle mit, unbewußt, wie in einem der
gemalten Kirchenfenster eine lockere Scheibe bei schwingungsverwandten
Klängen schläfrig mitklirrt. Auf den fremdartigen Weisen, aus denen der
Widerhall einer versunkenen Zeit mit seltsamen Vinetaglocken läutet,
wiegen sich die Träume hin und her. Das sind die Stunden, wo die Seelen
sich von der Erde und ihren Wirklichkeiten lösen, wo die Gefühle wie die
blauen Weihrauchwölkchen haltlos schweben und wo die Menschen dem
gehören, der ihrem Traumbedürfnis die erdenferne Umwelt schafft, nach
der es sich sehnt.
In solchen Augenblicken hatte Fenn stets das Gesicht der kleinen
Lehrerstochter vor sich. Er saß neben dem Herrn Pastor, der von Samt und
Seide starrte, die Hände in den weiten Ärmeln seines Chorhemdes wie in
einem Muff geborgen. Und die ganze Pracht und Herrlichkeit, die
sonndurchglühten Heiligen in den gemalten Fenstern, die künstlichen
Blumensträuße, in deren goldenen Blättern sich glitzernd die
Kerzenflammen spiegelten, die farbenfreudige Gewölbemalerei, in die sich
die fromme Phantasie eines heimischen Anstreichers ergossen hatte, die
ausgelassene Formenschwelgerei der Rokokoaltäre mit ihren theatralisch
posierenden Heiligen, und die frommen Gesichter und die
hängten. Dort sah er sie immer stehen, wenn er etwas später, als die andern,
aus der Sakristei kam, wo er noch nach dem Rechten hatte sehen müssen.
Wenn sich zufällig ihre Blicke kreuzten und er ihr verstohlen zunickte,
winkte sie kaum merklich wieder, schloß eine Sekunde lang ihre dunkeln
Augen und betete weiter, ernst und altklug, als müßte sie ganz allein alle
armen Seelen aus dem Fegfeuer beten. Der Gedanke an sie ging heimlich
hinter ihm her in die stille, dämmerbraune Kirche, in der seine Schritte
hallten. Dort links war ihr Platz. Sie saß die erste in ihrer Bank. Während
im Hochamt das Credo oder in der Vesper die Psalmen gesungen wurden,
saß der Herr Pastor seitwärts vom Altar in einem Seidendamastsessel, rechts
und links die beiden Meßdiener. Das sind die feierlichsten Augenblicke im
Dasein eines Dorfjungen. Die Kirche ist voll von Lichterglanz und süßem
Weihrauchduft, wie im Sonntagssonnenschein eine blumige Märchenwiese,
durch die die Orgelklänge als tönender Bach hindurchfließen, bald sacht,
bald brausend. Die Gemeinde sitzt mit frommen, schläfrigen
Sonntagsgesichtern, die Choralweisen, mit denen alle aufgewachsen sind,
summen laut oder leis in jeder Kehle mit, unbewußt, wie in einem der
gemalten Kirchenfenster eine lockere Scheibe bei schwingungsverwandten
Klängen schläfrig mitklirrt. Auf den fremdartigen Weisen, aus denen der
Widerhall einer versunkenen Zeit mit seltsamen Vinetaglocken läutet,
wiegen sich die Träume hin und her. Das sind die Stunden, wo die Seelen
sich von der Erde und ihren Wirklichkeiten lösen, wo die Gefühle wie die
blauen Weihrauchwölkchen haltlos schweben und wo die Menschen dem
gehören, der ihrem Traumbedürfnis die erdenferne Umwelt schafft, nach
der es sich sehnt.
In solchen Augenblicken hatte Fenn stets das Gesicht der kleinen
Lehrerstochter vor sich. Er saß neben dem Herrn Pastor, der von Samt und
Seide starrte, die Hände in den weiten Ärmeln seines Chorhemdes wie in
einem Muff geborgen. Und die ganze Pracht und Herrlichkeit, die
sonndurchglühten Heiligen in den gemalten Fenstern, die künstlichen
Blumensträuße, in deren goldenen Blättern sich glitzernd die
Kerzenflammen spiegelten, die farbenfreudige Gewölbemalerei, in die sich
die fromme Phantasie eines heimischen Anstreichers ergossen hatte, die
ausgelassene Formenschwelgerei der Rokokoaltäre mit ihren theatralisch
posierenden Heiligen, und die frommen Gesichter und die
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Sonntagsstimmung der Gemeinde, alles war für Fenn manchmal nur ein
Rahmen um das schöne weiße Gesicht Marjännis.
Solche Visionen umgaben den Küsterssohn jetzt wie eine weiße Wolke
von Erinnerung, in die seine Gedanken wie von selbst hineingetrieben
waren.
Er pinkte erst dreimal leise mit der Glocke an und besorgte dann, wie
jeden Tag, seit er die Kraft dazu besaß, das Abendläuten – nicht mit lautem
Bimbam, wie wenn er die Wiesinger zur Kirche rief, sondern mit
einseitigem, schüchternem Bimbim – Bimbim, das nur zu stillem Ave Maria
mahnte. Dann schloß er das Kirchentor ab und ging.
E in Bauernbub, der unter seine Kinderjahre einen Strich macht, hat von
allerhand Abschied zu nehmen. Fenn Kaß hätte es nicht übers Herz
gebracht, fortzugehen, ohne seinem alten Freund Pichert Lebewohl
gesagt zu haben. Pichert war ein einfacher Schuster und Junggeselle, wie
alte Schuster und Junggesellen auf dem Lande zu sein pflegen, ohne ein
durchschlagendes Leibspruch-Leitmotiv, ohne jegliches besondere
Kennzeichen.
Fenn Kaß war dem alten Pichert in Freundschaft zugetan. Er saß ganze
lange Abende in der kleinen, pech- und gerbsäureduftenden Werkstatt bei
ihm und führte mit ihm unglaublich vernünftige Gespräche. Und umgekehrt
stand der Pichert mit Fenn Kaß genau so, als wäre der dreizehnjährige Bub
ein großer und gescheiter Freund, mit dem er über alle Dinge sprechen
konnte, die seinem kritischen Schusterhirn zu denken gaben.
Der Pichert wohnte in einem der letzten Häuschen des Dorfes, etwas
abseits von der Straße. Eine Steinplatte führte über den Graben, und ein
fußfreier Pfad über dürftigen Rasen zu der Heimstatt des alten Schusters.
War er gar so alt? Er hatte kein Alter. Er war wohl auch nie jung gewesen.
Es war, als ob es keine Zeit gegeben hätte, wo der Pichert nicht eilig durch
die Straßen von Wiesing gelaufen wäre. Denn er hatte es immer eilig. Und
immer trug er seine schwarze Tuchmütze, immer einen Kittel, eine
„Schieb“ aus braunem Wollstoff, unter der an der linken Seite die mit
Schnupftuch und Tabakdose beschwerte Tasche handbreit hervorbaumelte.
Fenn stieß die obere Hälfte der zweiteiligen, altmodischen „Hirzel“-Tür
auf und sah hinter der dunkeln Küche das Wohn-, Eß- und Arbeitszimmer
Rahmen um das schöne weiße Gesicht Marjännis.
Solche Visionen umgaben den Küsterssohn jetzt wie eine weiße Wolke
von Erinnerung, in die seine Gedanken wie von selbst hineingetrieben
waren.
Er pinkte erst dreimal leise mit der Glocke an und besorgte dann, wie
jeden Tag, seit er die Kraft dazu besaß, das Abendläuten – nicht mit lautem
Bimbam, wie wenn er die Wiesinger zur Kirche rief, sondern mit
einseitigem, schüchternem Bimbim – Bimbim, das nur zu stillem Ave Maria
mahnte. Dann schloß er das Kirchentor ab und ging.
E in Bauernbub, der unter seine Kinderjahre einen Strich macht, hat von
allerhand Abschied zu nehmen. Fenn Kaß hätte es nicht übers Herz
gebracht, fortzugehen, ohne seinem alten Freund Pichert Lebewohl
gesagt zu haben. Pichert war ein einfacher Schuster und Junggeselle, wie
alte Schuster und Junggesellen auf dem Lande zu sein pflegen, ohne ein
durchschlagendes Leibspruch-Leitmotiv, ohne jegliches besondere
Kennzeichen.
Fenn Kaß war dem alten Pichert in Freundschaft zugetan. Er saß ganze
lange Abende in der kleinen, pech- und gerbsäureduftenden Werkstatt bei
ihm und führte mit ihm unglaublich vernünftige Gespräche. Und umgekehrt
stand der Pichert mit Fenn Kaß genau so, als wäre der dreizehnjährige Bub
ein großer und gescheiter Freund, mit dem er über alle Dinge sprechen
konnte, die seinem kritischen Schusterhirn zu denken gaben.
Der Pichert wohnte in einem der letzten Häuschen des Dorfes, etwas
abseits von der Straße. Eine Steinplatte führte über den Graben, und ein
fußfreier Pfad über dürftigen Rasen zu der Heimstatt des alten Schusters.
War er gar so alt? Er hatte kein Alter. Er war wohl auch nie jung gewesen.
Es war, als ob es keine Zeit gegeben hätte, wo der Pichert nicht eilig durch
die Straßen von Wiesing gelaufen wäre. Denn er hatte es immer eilig. Und
immer trug er seine schwarze Tuchmütze, immer einen Kittel, eine
„Schieb“ aus braunem Wollstoff, unter der an der linken Seite die mit
Schnupftuch und Tabakdose beschwerte Tasche handbreit hervorbaumelte.
Fenn stieß die obere Hälfte der zweiteiligen, altmodischen „Hirzel“-Tür
auf und sah hinter der dunkeln Küche das Wohn-, Eß- und Arbeitszimmer
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des Schusters erleuchtet. Da schob er von der untern Türhälfte den Riegel
zurück und ging hinein.
Jacques Thielen, genannt der Pichert, saß auf seinem Schemel und
hämmerte auf ein Stück Sohlleder los. Als Unterlage diente ihm ein
handgroßer, schalenförmiger Bombensplitter, den er über dem Schurzfell
auf den spitzen Knien festhielt. Von Zeit zu Zeit tauchte er die Sohle in
einen mit Wasser gefüllten, grauen Steintopf, der zu seinen Füßen stand.
Als Fenn in den Lichtkreis der kleinen Küchenlampe trat, die zwischen
halbfertigem Schuhzeug, Ahlen, Pfriemen, Schachteln mit Kupferösen und
Strohpapierdüten mit Schuhnägeln auf dem schmalen Werktischchen stand,
schielte der Pichert über seine Brillengläser zu ihm herüber. „Setz dich,
Fenn,“ sagte er mit einer rissigen Fagottstimme und griff zugleich nach der
Schnupftabakdose aus Kirschbaumrinde, an deren Deckel ein
Lederriemchen wie ein Rattenschwänzchen vergnügt in die Höhe stand.
„Merci!“ sagte Fenn ablehnend.
„Dummer Kerl!“ schalt ihn der Pichert gutmütig. „Wenn du Pastor
werden willst, mußt du das Schnupfen lernen. Anders habt ihr ja doch kein
Pläsier. Arme Türken! Eine gute Flasche, eine gute Prise, ein guter Bissen
bei Tisch, eine Partie Karten, ein paar Bienenkörbe als Zeitvertreib, das ist
euer Leben.“ Mit einem trocknen, sonoren Lachen machte er ein Punktum
hinter seinen Satz. Durch jahrelange Schnupftabakorgien war seine Nase zu
einem vorlauten Resonanzboden für seine Kehle geworden.
„Du wirst jeden Tag dümmer, mein lieber Pichert,“ entgegnete Fenn
zärtlich. „Glaubst du, ich werde so ein Bienenvater, der tagelang mit einem
Korb hinter einem jungen Schwarm hergiepert? Wenn ich einmal gelehrt
bin, weiß ich mir andre Sachen.“
„Ei was denn, zum Exempel?“
„Ich baue Maschinen.“
„Dann wärst du gescheiter zu deinem Onkel als Schlosser in die Lehre
gegangen.“
„Wie dumm, Pichert! Was kann ein Schlosser, der nichts gelernt hat als
feilen und hämmern! Maschinenbauen, das will studiert sein.“
„So studiere auf Inschenier.“
„Dazu muß man sehr viel Geld haben. Und dann, weißt du, so meine ich
es nicht. Ich meine, wenn ich Pastor bin, habe ich Zeit genug, um nebenbei
allerhand zu fingern. So’n Ingenieur ist heute auch nicht mehr das Richtige,
der tut alles, weil er muß, ums Brot.“
zurück und ging hinein.
Jacques Thielen, genannt der Pichert, saß auf seinem Schemel und
hämmerte auf ein Stück Sohlleder los. Als Unterlage diente ihm ein
handgroßer, schalenförmiger Bombensplitter, den er über dem Schurzfell
auf den spitzen Knien festhielt. Von Zeit zu Zeit tauchte er die Sohle in
einen mit Wasser gefüllten, grauen Steintopf, der zu seinen Füßen stand.
Als Fenn in den Lichtkreis der kleinen Küchenlampe trat, die zwischen
halbfertigem Schuhzeug, Ahlen, Pfriemen, Schachteln mit Kupferösen und
Strohpapierdüten mit Schuhnägeln auf dem schmalen Werktischchen stand,
schielte der Pichert über seine Brillengläser zu ihm herüber. „Setz dich,
Fenn,“ sagte er mit einer rissigen Fagottstimme und griff zugleich nach der
Schnupftabakdose aus Kirschbaumrinde, an deren Deckel ein
Lederriemchen wie ein Rattenschwänzchen vergnügt in die Höhe stand.
„Merci!“ sagte Fenn ablehnend.
„Dummer Kerl!“ schalt ihn der Pichert gutmütig. „Wenn du Pastor
werden willst, mußt du das Schnupfen lernen. Anders habt ihr ja doch kein
Pläsier. Arme Türken! Eine gute Flasche, eine gute Prise, ein guter Bissen
bei Tisch, eine Partie Karten, ein paar Bienenkörbe als Zeitvertreib, das ist
euer Leben.“ Mit einem trocknen, sonoren Lachen machte er ein Punktum
hinter seinen Satz. Durch jahrelange Schnupftabakorgien war seine Nase zu
einem vorlauten Resonanzboden für seine Kehle geworden.
„Du wirst jeden Tag dümmer, mein lieber Pichert,“ entgegnete Fenn
zärtlich. „Glaubst du, ich werde so ein Bienenvater, der tagelang mit einem
Korb hinter einem jungen Schwarm hergiepert? Wenn ich einmal gelehrt
bin, weiß ich mir andre Sachen.“
„Ei was denn, zum Exempel?“
„Ich baue Maschinen.“
„Dann wärst du gescheiter zu deinem Onkel als Schlosser in die Lehre
gegangen.“
„Wie dumm, Pichert! Was kann ein Schlosser, der nichts gelernt hat als
feilen und hämmern! Maschinenbauen, das will studiert sein.“
„So studiere auf Inschenier.“
„Dazu muß man sehr viel Geld haben. Und dann, weißt du, so meine ich
es nicht. Ich meine, wenn ich Pastor bin, habe ich Zeit genug, um nebenbei
allerhand zu fingern. So’n Ingenieur ist heute auch nicht mehr das Richtige,
der tut alles, weil er muß, ums Brot.“
Page 22
„Gezwungenheit ist Gott leid!“ sagte der Schuster und zog eine Prise
Schnupftabak aus der hohlen Hand geräuschvoll in sein linkes Nasloch.
„Was einer tun muß, ums Brot, davon hat er keinen Genuß. Ich seh es
kommen, Fenn, wenn du Pastor bist, stehst du lieber am Schraubstock, als
daß du deine Predigt studierst.“
„An mir bleibt keiner hängen,“ sagte Fenn mit Ernst in den Augen und
Stolz in der Stimme. „Ich sorge immer dafür, daß ich keinem was schuldig
bleibe.“
„Das ist das Gescheitste,“ nickte Jacques Thielen zustimmend auf diese
ehrenfeste Rede seines junges Freundes. „Werde du Pastor und bossele
Maschinen nebenbei, soviel du willst, das ist besser, wie ...“ Der Schluß des
Gedankenganges wurde übertönt durch die Hammerschläge, die doppelt
emsig auf das klatschende Sohlleder niederfuhren.
„Aber das sage ich dir“ – hub der Pichert wieder an und hämmerte dabei
noch ingrimmiger auf das unschuldige Stück Rindshaut ein – „das sage ich
dir, erfinde nur kein so verdammtes Teufelszeug, wie die Maschinen, auf
denen sie die neuen Fabrikschuhe pfuschen. So ’ne Schweinerei! Das hält
keine drei Monate und zieht Wasser wie ein Sieb!“
Von einem Haufen alten Schuhzeugs, das neben ihm in der Stubenecke
aufgestapelt lag, langte er einen zerrissenen Zugstiefel herüber.
„Da hat sich der Lampesch Fiß von der Schobermeß aus der Stadt ein
Paar Bottinen mitgebracht, für ein Heidengeld. Und gedauert hat der
Schund ausgerechnet von zwölf Uhr bis Mittag. Da soll nun der Pichert ein
ordentliches Paar Schuhe daraus machen! Was? Trag sie ihm hin und sag, er
soll sie dem Jud verhandeln.“
„Was ist das nun mit dem ‚Mischell‘ und mit dem Lampesch Fiß?“ fragte
Fenn, plötzlich neugierig geworden.
„Das solltest du nicht wissen? Seit der Lampesch Fiß in der Stadt das
Billardspielen gelernt hat, verfaulenzt und verludert er ein Stück Land nach
dem andern. Der ‚Mischell‘ gibt ihm Geld, soviel er haben will, und wenn
einmal der Fiß mehr Schuld wie Wertschaft hat, dann kehrt ihm der andere
das Wasser ab und schlachtet den Hof.“
„Glaubst du alles, was die Leute sagen?“ fragte Fenn mit einem
Schimmer von Hoffnung, daß für den alten Lampert doch noch ein Kraut
gewachsen sein könnte.
„Fenn, ich sage dir, wenn ein Bauersmann sich solches Dreckszeug an
die Füße zieht,“ – verächtlich schmiß der alte Schuster den Stiefel wieder in
Schnupftabak aus der hohlen Hand geräuschvoll in sein linkes Nasloch.
„Was einer tun muß, ums Brot, davon hat er keinen Genuß. Ich seh es
kommen, Fenn, wenn du Pastor bist, stehst du lieber am Schraubstock, als
daß du deine Predigt studierst.“
„An mir bleibt keiner hängen,“ sagte Fenn mit Ernst in den Augen und
Stolz in der Stimme. „Ich sorge immer dafür, daß ich keinem was schuldig
bleibe.“
„Das ist das Gescheitste,“ nickte Jacques Thielen zustimmend auf diese
ehrenfeste Rede seines junges Freundes. „Werde du Pastor und bossele
Maschinen nebenbei, soviel du willst, das ist besser, wie ...“ Der Schluß des
Gedankenganges wurde übertönt durch die Hammerschläge, die doppelt
emsig auf das klatschende Sohlleder niederfuhren.
„Aber das sage ich dir“ – hub der Pichert wieder an und hämmerte dabei
noch ingrimmiger auf das unschuldige Stück Rindshaut ein – „das sage ich
dir, erfinde nur kein so verdammtes Teufelszeug, wie die Maschinen, auf
denen sie die neuen Fabrikschuhe pfuschen. So ’ne Schweinerei! Das hält
keine drei Monate und zieht Wasser wie ein Sieb!“
Von einem Haufen alten Schuhzeugs, das neben ihm in der Stubenecke
aufgestapelt lag, langte er einen zerrissenen Zugstiefel herüber.
„Da hat sich der Lampesch Fiß von der Schobermeß aus der Stadt ein
Paar Bottinen mitgebracht, für ein Heidengeld. Und gedauert hat der
Schund ausgerechnet von zwölf Uhr bis Mittag. Da soll nun der Pichert ein
ordentliches Paar Schuhe daraus machen! Was? Trag sie ihm hin und sag, er
soll sie dem Jud verhandeln.“
„Was ist das nun mit dem ‚Mischell‘ und mit dem Lampesch Fiß?“ fragte
Fenn, plötzlich neugierig geworden.
„Das solltest du nicht wissen? Seit der Lampesch Fiß in der Stadt das
Billardspielen gelernt hat, verfaulenzt und verludert er ein Stück Land nach
dem andern. Der ‚Mischell‘ gibt ihm Geld, soviel er haben will, und wenn
einmal der Fiß mehr Schuld wie Wertschaft hat, dann kehrt ihm der andere
das Wasser ab und schlachtet den Hof.“
„Glaubst du alles, was die Leute sagen?“ fragte Fenn mit einem
Schimmer von Hoffnung, daß für den alten Lampert doch noch ein Kraut
gewachsen sein könnte.
„Fenn, ich sage dir, wenn ein Bauersmann sich solches Dreckszeug an
die Füße zieht,“ – verächtlich schmiß der alte Schuster den Stiefel wieder in
Page 23
die Ecke – „dann merke, dann geht’s mit ihm in die Binsen.“
„Es muß wohl so sein,“ sagte Fenn entmutigt. „Ich habe vor acht Tagen
den Lampesch Fiß mit dem Alten auf der Gewann gesehen. Sie standen bei
dem großen Nußbaum auf Langfuhr, wo dem Lampert der ganze Berg
gehört.“
„Dann wird ihm der ‚Mischell‘ jetzt auch die Äcker abgeknöpft haben.
Eine Affenschande! So’n herrliches Gut! Na, der Großvater Lampert muß
sich schon so oft im Grabe herumdrehen, vielleicht kommt er zuletzt doch
wieder auf den Rücken zu liegen.“
Diesmal zog der Pichert die Prise in das rechte Nasloch. Fenn sagte nach
einer kleinen Pause:
„Morgen früh um viere fährt uns Lampesch Fiß in die Stadt, mich, den
Heine Putty und den Fritz.“
„Es wäre ihm gesünder, er bliebe zu Haus.“
„Der Wöllem fährt.“
„Natürlich, sonst weiß der liebe Herrgott, in welchem Graben sie den
Lump morgen abend auflesen würden.“
Wieder eine kleine Pause, dann Fenn:
„Ich bin gekommen, um dir Adieu zu sagen, Pichert.“
„Das war schön von dir, mein Junge. Na, du, von dir glaube ich, daß du
nicht hoffärtig wirst, du gibst dem alten Pichert die Hand auch noch, wenn
sie dir die Glatze geschoren haben. Aber die zwei andern! Paß auf, der Putt
wird noch mal ein hochnäsiger Pfaff, und der Fritz schnuppert schon heute
um mich herum, wie seinem Vater sein Jagdhund um einen Eckstein. Denk
an mich, Fenn, der zerreißt nicht bis ans Ende lauter Schuhe, die er sich
selbst gekauft hat. Nun adieu, glückliche Reise, und werd mir nicht krank in
der vermaledeiten Stadt.“
Mit einem kräftigen Händedruck entließ der Pichert das junge
Menschenkind, dessen Weg heute von dem seinen so weit abzweigte.
A ls Fenn auf dem Nachhauseweg bei Lehrers vorbeikam, standen Putty,
Fritz und Marjänni im Dunkeln plaudernd auf der Straße.
„Fenn, gehst du mit zu uns?“ fragte Fritz.
„Nein.“
„Komm mit,“ sagte Marjänni, „wir gehen alle zusammen.“
„Es muß wohl so sein,“ sagte Fenn entmutigt. „Ich habe vor acht Tagen
den Lampesch Fiß mit dem Alten auf der Gewann gesehen. Sie standen bei
dem großen Nußbaum auf Langfuhr, wo dem Lampert der ganze Berg
gehört.“
„Dann wird ihm der ‚Mischell‘ jetzt auch die Äcker abgeknöpft haben.
Eine Affenschande! So’n herrliches Gut! Na, der Großvater Lampert muß
sich schon so oft im Grabe herumdrehen, vielleicht kommt er zuletzt doch
wieder auf den Rücken zu liegen.“
Diesmal zog der Pichert die Prise in das rechte Nasloch. Fenn sagte nach
einer kleinen Pause:
„Morgen früh um viere fährt uns Lampesch Fiß in die Stadt, mich, den
Heine Putty und den Fritz.“
„Es wäre ihm gesünder, er bliebe zu Haus.“
„Der Wöllem fährt.“
„Natürlich, sonst weiß der liebe Herrgott, in welchem Graben sie den
Lump morgen abend auflesen würden.“
Wieder eine kleine Pause, dann Fenn:
„Ich bin gekommen, um dir Adieu zu sagen, Pichert.“
„Das war schön von dir, mein Junge. Na, du, von dir glaube ich, daß du
nicht hoffärtig wirst, du gibst dem alten Pichert die Hand auch noch, wenn
sie dir die Glatze geschoren haben. Aber die zwei andern! Paß auf, der Putt
wird noch mal ein hochnäsiger Pfaff, und der Fritz schnuppert schon heute
um mich herum, wie seinem Vater sein Jagdhund um einen Eckstein. Denk
an mich, Fenn, der zerreißt nicht bis ans Ende lauter Schuhe, die er sich
selbst gekauft hat. Nun adieu, glückliche Reise, und werd mir nicht krank in
der vermaledeiten Stadt.“
Mit einem kräftigen Händedruck entließ der Pichert das junge
Menschenkind, dessen Weg heute von dem seinen so weit abzweigte.
A ls Fenn auf dem Nachhauseweg bei Lehrers vorbeikam, standen Putty,
Fritz und Marjänni im Dunkeln plaudernd auf der Straße.
„Fenn, gehst du mit zu uns?“ fragte Fritz.
„Nein.“
„Komm mit,“ sagte Marjänni, „wir gehen alle zusammen.“
Page 24
Da nickte Fenn und schloß sich an.
Der alte Lampert saß in der Stube allein an dem runden Tisch, den eine
protzige Hängelampe aus Kupfer und geblümtem Porzellan beleuchtete. Vor
ihm stand eine Flasche Weißwein mit einem abenteuerlichen Etikett, auf
dem Tisch lag ein Haufen frischer Nüsse. Der Bauer knackte von Zeit zu
Zeit zwischen den Backzähnen eine Nuß auf, pickte mit klobigen,
zitternden Fingern die hellgelbe, frische Haut von den Kernen und biß zu
jedem Kern in ein großes Butterbrot.
In eine Ecke der Stube lag ein braun und weißgefleckter Jagdhund
gekauert und knurrte ab und zu im Traum. Über ihm an der Wand hing ein
Gewehrrechen mit Jagdflinten und Jagd- und Patronentaschen. Öldrucke
und Photographien, eingerahmte Diplome mit Denkmünzen, Preise für
einen schönen Hengst oder sonstiges Paradedevieh bildeten rings an den
Wänden den gewohnten Bauernstubenschmuck. Nichts Auffallendes, nur
wer genau hinsah, merkte, daß etwas in dieser deftigen Dorfeleganz
brüchig, undicht war, daß da und dort breite Stücke der Tapete sich
losgelöst hatten, daß in dem offenstehenden Wandschrank merkwürdig viele
zerbrochene Porzellanstücke die Reputation der andern, unversehrten
Familienglieder schändeten und daß der Fußboden mindestens eine Woche
lang nicht mehr gekehrt worden war. Denn da lagen festgetretene
Papierfetzen, alte Korkstöpsel, abgenagte Knochen und dergleichen, was
einer ordentlichen Hausmutter oder Dienstmagd ein Greuel gewesen wäre.
Als die Kinder hereinkamen, wischte Lampert mit der flachen Hand
Brotkrumen und Nußschalen von der holzfarbenen Wachstuchdecke auf den
Fußboden und sagte heiser: „Kommt, setscht ech un.“
Eine schlumpige Magd führte dem Witwer den Haushalt. Sie mußte den
Butterweck und den Brotlaib bringen, einen Schoß voll frischer Nüsse auf
den Tisch schütten und ein paar weitere Flaschen aus dem Keller holen. Der
Bauer war inzwischen mit den Vorderarmen breit auf dem Tisch liegen
geblieben und hatte stumpfsinnig an seinen Nüssen weiter geknackt und
gepickt. „Eßt nur! Fritz, schenk ein!“
Putty und Marjänni langten zu.
„Unserm Fritz ist das nicht fein genug,“ knurrte der Bauer, „der muß
immer aus der Tasche naschen.“
Fritz sandte seinem Vater, der nicht aufgesehen hatte, einen bösen Blick
hinüber.
Der alte Lampert saß in der Stube allein an dem runden Tisch, den eine
protzige Hängelampe aus Kupfer und geblümtem Porzellan beleuchtete. Vor
ihm stand eine Flasche Weißwein mit einem abenteuerlichen Etikett, auf
dem Tisch lag ein Haufen frischer Nüsse. Der Bauer knackte von Zeit zu
Zeit zwischen den Backzähnen eine Nuß auf, pickte mit klobigen,
zitternden Fingern die hellgelbe, frische Haut von den Kernen und biß zu
jedem Kern in ein großes Butterbrot.
In eine Ecke der Stube lag ein braun und weißgefleckter Jagdhund
gekauert und knurrte ab und zu im Traum. Über ihm an der Wand hing ein
Gewehrrechen mit Jagdflinten und Jagd- und Patronentaschen. Öldrucke
und Photographien, eingerahmte Diplome mit Denkmünzen, Preise für
einen schönen Hengst oder sonstiges Paradedevieh bildeten rings an den
Wänden den gewohnten Bauernstubenschmuck. Nichts Auffallendes, nur
wer genau hinsah, merkte, daß etwas in dieser deftigen Dorfeleganz
brüchig, undicht war, daß da und dort breite Stücke der Tapete sich
losgelöst hatten, daß in dem offenstehenden Wandschrank merkwürdig viele
zerbrochene Porzellanstücke die Reputation der andern, unversehrten
Familienglieder schändeten und daß der Fußboden mindestens eine Woche
lang nicht mehr gekehrt worden war. Denn da lagen festgetretene
Papierfetzen, alte Korkstöpsel, abgenagte Knochen und dergleichen, was
einer ordentlichen Hausmutter oder Dienstmagd ein Greuel gewesen wäre.
Als die Kinder hereinkamen, wischte Lampert mit der flachen Hand
Brotkrumen und Nußschalen von der holzfarbenen Wachstuchdecke auf den
Fußboden und sagte heiser: „Kommt, setscht ech un.“
Eine schlumpige Magd führte dem Witwer den Haushalt. Sie mußte den
Butterweck und den Brotlaib bringen, einen Schoß voll frischer Nüsse auf
den Tisch schütten und ein paar weitere Flaschen aus dem Keller holen. Der
Bauer war inzwischen mit den Vorderarmen breit auf dem Tisch liegen
geblieben und hatte stumpfsinnig an seinen Nüssen weiter geknackt und
gepickt. „Eßt nur! Fritz, schenk ein!“
Putty und Marjänni langten zu.
„Unserm Fritz ist das nicht fein genug,“ knurrte der Bauer, „der muß
immer aus der Tasche naschen.“
Fritz sandte seinem Vater, der nicht aufgesehen hatte, einen bösen Blick
hinüber.
Page 25
„Eßt, Kinder,“ wiederholte der Bauer mit schwerer Zunge. Und nach
einer kleinen Pause: „Eßt, sonst holt sie der Jud.“ Heiser lachend goß er
sich das letzte Glas aus der Flasche ein.
„Fenn, warum ißt du keine Nüsse? Sie sind von dem großen Baum aus
Langfuhr.“
„Ich weiß, ich eß sie nicht gern.“
„Filou! Hab ich dich damals nicht erwischt, wie du dir von demselben
Baum alle Taschen voll gestohlen hattest?“
Fenn, beleidigt: „Ich hatte sie nicht gestohlen, ich hatte sie mit einem
Hackenstiel heruntergeschmissen!“
„Verzeihen Sie den Irrtum, Herr Kaß! Warum willst du denn heut keine
mehr davon?“
„Weil ich sie heute nicht mehr mag.“
„So laß es bleiben.“
Eine Weile hörte man nur das Geräusch brechender Nußschalen und
malmender Zähne. Fenn knackte die Nüsse für Marjänni. Fritz steckte
heimlich Zuckerplätzchen in den Mund, die er vorhin in der „Epicerie“ an
der Kreuzstraße gekauft hatte.
Allmählich kam ein Gespräch in Fluß. Marjänni fragte die Buben, was
sie für die Aufnahmeprüfung am Gymnasium wissen müßten. Ihre Prüfung
an der Lehrerinnen-Normalschule in einigen Jahren würde viel, viel
knifflicher sein, versicherte sie. Und erzählte Schauerdinge von den
halsbrechenden Schwierigkeiten der Analyse und des Participe passé,
erklärte die Regel de Tri und die periodischen Dezimalbrüche für
Kinderspiel und wußte alle französischen Beiwörter auf al, die in der
Mehrzahl ein s annehmen, so rasch an den Fingern herzusagen, daß dem
verblüfften Fritz ein angelutschtes Karamel aus dem weit geöffneten Munde
herausfiel. Und dann zählte sie auf, woraus ihre Ausstattung bestehen
würde.
„Ich krieg ein ganz feines, schwarzes Kleid, und noch zwei andere, und
zwei Uniformhüte, und furchtbar feine Wäsche. Wir müssen jedes ein
ganzes Dutzend Handtücher haben ...“
Fritz übertrumpfte sie und zählte auf, woraus seine Ausstattung fürs
Konvikt bestand.
„Zeig auch deine goldene Uhr vom Onkel Majerus,“ protzte Vater
Lampert.
einer kleinen Pause: „Eßt, sonst holt sie der Jud.“ Heiser lachend goß er
sich das letzte Glas aus der Flasche ein.
„Fenn, warum ißt du keine Nüsse? Sie sind von dem großen Baum aus
Langfuhr.“
„Ich weiß, ich eß sie nicht gern.“
„Filou! Hab ich dich damals nicht erwischt, wie du dir von demselben
Baum alle Taschen voll gestohlen hattest?“
Fenn, beleidigt: „Ich hatte sie nicht gestohlen, ich hatte sie mit einem
Hackenstiel heruntergeschmissen!“
„Verzeihen Sie den Irrtum, Herr Kaß! Warum willst du denn heut keine
mehr davon?“
„Weil ich sie heute nicht mehr mag.“
„So laß es bleiben.“
Eine Weile hörte man nur das Geräusch brechender Nußschalen und
malmender Zähne. Fenn knackte die Nüsse für Marjänni. Fritz steckte
heimlich Zuckerplätzchen in den Mund, die er vorhin in der „Epicerie“ an
der Kreuzstraße gekauft hatte.
Allmählich kam ein Gespräch in Fluß. Marjänni fragte die Buben, was
sie für die Aufnahmeprüfung am Gymnasium wissen müßten. Ihre Prüfung
an der Lehrerinnen-Normalschule in einigen Jahren würde viel, viel
knifflicher sein, versicherte sie. Und erzählte Schauerdinge von den
halsbrechenden Schwierigkeiten der Analyse und des Participe passé,
erklärte die Regel de Tri und die periodischen Dezimalbrüche für
Kinderspiel und wußte alle französischen Beiwörter auf al, die in der
Mehrzahl ein s annehmen, so rasch an den Fingern herzusagen, daß dem
verblüfften Fritz ein angelutschtes Karamel aus dem weit geöffneten Munde
herausfiel. Und dann zählte sie auf, woraus ihre Ausstattung bestehen
würde.
„Ich krieg ein ganz feines, schwarzes Kleid, und noch zwei andere, und
zwei Uniformhüte, und furchtbar feine Wäsche. Wir müssen jedes ein
ganzes Dutzend Handtücher haben ...“
Fritz übertrumpfte sie und zählte auf, woraus seine Ausstattung fürs
Konvikt bestand.
„Zeig auch deine goldene Uhr vom Onkel Majerus,“ protzte Vater
Lampert.
Page 26
„Wieviel Nachthemden bekommt ihr mit,“ fragte Fritz die Kameraden,
um einen Maßstab für etwaige Vergleiche zu gewinnen.
Putty geriet in Verlegenheit. In seinen Kreisen hatte niemand eine
Ahnung davon, daß die Spezies Hemden sich in Tag- und Nachthemden
schied. Als aber Marjänni und Fritz ihn gespannt ansahen, log er aufs
Geratewohl: „Ein halbes Dutzend.“
„Ich brauch keine Nachthemden,“ erklärte Fenn schlicht und verächtlich.
Von da ab war er aus der Interessensphäre der andern herausgerückt, und
das Gespräch ging hartnäckig an ihm vorüber.
„Sind deine mit blauem oder rotem Besatz?“ inquirierte Fritz weiter.
„Mit allerhand Farben,“ log Putty unverfroren.
„Uni ist feiner,“ entschied Marjänni. Aber Putty fand im Flug für seinen
Modestandpunkt eine Rechtfertigung. „Wenn man nur von einer Farbe hat,
denken die Leute, man zieht immer dasselbe Hemd an.“
Fritz sagte naserümpfend, das wisse doch ein jeder, daß das nicht wahr
ist.
Jetzt mischte sich der alte Lampert hinein. „Ihr seid eine hoffärtige
Bande. Ihr wißt noch gar nicht einmal, ob ihr überhaupt bei der Prüfung
nicht durchsaust, mitsamt all euren Nachthemden.“
Putty wußte Rat. Sein Vater wollte mit dem Herrn Direktor reden und mit
allen Professoren, er kannte sie sehr genau von der Zeit her, wo er in der
Stadt Schneidergeselle gewesen war.
„Kann ich mir denken,“ sagte der Bauer. „Der Direktor sitzt da und
wartet, bis der Schneider aus Wiesing mit seinem Jungen kommt: Ah, guten
Morgen Schneiderhinchen, bringt Ihr uns den Burschen endlich! Den
können wir gerade brauchen! – Paß auf, Putt, die geben deinem Vater noch
Geld auf dich heraus!“
Fritz und Marjänni lachten, Putty schämte sich; Fenn sagte: „Es ist Zeit,
daß ich nach Hause gehe.“
Lampert der Vater pflichtete ihm bei. „Wer morgen früh punkt 4 Uhr
nicht da ist, kann für einen dicken Sous nachlaufen,“ sagte er und schlug
zum Zeichen, daß die Sitzung aufgehoben war, mit der flachen Hand auf
den Tisch.
Als die Kinder zum Gehen fertig dastanden, griente Fritz boshaft:
„Brauns ihres hat sich die Taschen voll Nüsse gestopft.“
Marjänni erschrak und wurde krebsrot. Fenn sagte ruhig: „Sie hat meinen
Teil genommen. Dein Vater sagt ja: Die wir nicht essen, holt der Jud.“
um einen Maßstab für etwaige Vergleiche zu gewinnen.
Putty geriet in Verlegenheit. In seinen Kreisen hatte niemand eine
Ahnung davon, daß die Spezies Hemden sich in Tag- und Nachthemden
schied. Als aber Marjänni und Fritz ihn gespannt ansahen, log er aufs
Geratewohl: „Ein halbes Dutzend.“
„Ich brauch keine Nachthemden,“ erklärte Fenn schlicht und verächtlich.
Von da ab war er aus der Interessensphäre der andern herausgerückt, und
das Gespräch ging hartnäckig an ihm vorüber.
„Sind deine mit blauem oder rotem Besatz?“ inquirierte Fritz weiter.
„Mit allerhand Farben,“ log Putty unverfroren.
„Uni ist feiner,“ entschied Marjänni. Aber Putty fand im Flug für seinen
Modestandpunkt eine Rechtfertigung. „Wenn man nur von einer Farbe hat,
denken die Leute, man zieht immer dasselbe Hemd an.“
Fritz sagte naserümpfend, das wisse doch ein jeder, daß das nicht wahr
ist.
Jetzt mischte sich der alte Lampert hinein. „Ihr seid eine hoffärtige
Bande. Ihr wißt noch gar nicht einmal, ob ihr überhaupt bei der Prüfung
nicht durchsaust, mitsamt all euren Nachthemden.“
Putty wußte Rat. Sein Vater wollte mit dem Herrn Direktor reden und mit
allen Professoren, er kannte sie sehr genau von der Zeit her, wo er in der
Stadt Schneidergeselle gewesen war.
„Kann ich mir denken,“ sagte der Bauer. „Der Direktor sitzt da und
wartet, bis der Schneider aus Wiesing mit seinem Jungen kommt: Ah, guten
Morgen Schneiderhinchen, bringt Ihr uns den Burschen endlich! Den
können wir gerade brauchen! – Paß auf, Putt, die geben deinem Vater noch
Geld auf dich heraus!“
Fritz und Marjänni lachten, Putty schämte sich; Fenn sagte: „Es ist Zeit,
daß ich nach Hause gehe.“
Lampert der Vater pflichtete ihm bei. „Wer morgen früh punkt 4 Uhr
nicht da ist, kann für einen dicken Sous nachlaufen,“ sagte er und schlug
zum Zeichen, daß die Sitzung aufgehoben war, mit der flachen Hand auf
den Tisch.
Als die Kinder zum Gehen fertig dastanden, griente Fritz boshaft:
„Brauns ihres hat sich die Taschen voll Nüsse gestopft.“
Marjänni erschrak und wurde krebsrot. Fenn sagte ruhig: „Sie hat meinen
Teil genommen. Dein Vater sagt ja: Die wir nicht essen, holt der Jud.“
Page 27
„Ins Bett mit euch!“ brummte der Bauer, plötzlich unwirsch.
„Du auch!“ zu Fritz. „Was liegt dran, wenn das Kind ein paar Nüsse
einsteckt!“
Und da Fritz eine ungezogene Widerrede wagte, gab ihm sein Vater
kurzerhand eine Ohrfeige. „Marsch, ins Bett! Morgen gibt’s Frühbirnen!“
Der Bauer riegelte die Tür hinter den drei Kindern ab. Fritz trottete
greinend in seine Schlafstube und schwor dem frechen Frauenzimmer, der
Marjänni, tödliche Rache. Draußen griff Putty in die Tasche und zog eine
Hand voll Nüsse heraus: „Da, nimm, Marjänni,“ sagte er zärtlich und
triumphierend. „Ich habe auch eine Tasche voll für dich gemaust.“
Und auf einmal fand er seinen ganzen Mut wieder: „Wenn der Fritz, der
dumme Aff, morgen in der Prüfung nichts weiß, kann er sehen wer ihm
weiterhilft. Ich nicht!“
Daheim schmeichelte Putty seiner Schwester Leonie ein Stück giftgrüne
Veilchenseife und ein weißseidenes Taschentuch ab, das ihr zur Kirmes ein
Anbeter geschenkt hatte. Der Abschied stimmte sie weich, und sie gab es
her. Putty wollte auch etwas Apartes mithaben auf den Lebensweg, auf den
sein Freund Fritz so viele Kisten und Kasten mitbekam.
Spät abends erwachte Fenn Kaß noch einmal in seinem Bett und hörte
nebenan, wo die Eltern schliefen, Vater Kaß mit keifender Stimme gegen
sein Weib ankämpfen. „Unsinn, der Junge soll sich freuen, daß wir so für
ihn sorgen!“
„Du hast ja recht,“ redete die Mutter dawider, „aber wenn er doch
vielleicht den Beruf nicht hätte?“
„Beruf, Beruf! Das ist auch wieder so’ne verrückte Erfindung. Wozu
einer das Geld hat, dazu hat er den Beruf. Und nun laß mich schlafen!“
Fenn hörte die Bettstelle laut und energisch krachen und wußte nun, daß
Vater Kaß sich herumgedreht und sein letztes Wort gesprochen hatte. Die
Mutter wagte noch einige schüchterne Versuche, ihre Gedanken über die
Zukunft ihres Einzigen an den Mann zu bringen. Als darauf nichts als ein
kräftiges Schnarchen erfolgte, wurde sie still.
Fenn dachte gar nicht weiter darüber nach, was über zehn Jahre aus ihm
werden sollte. Warum nicht Pfarrer? Er sah durchaus nicht ein, warum einer
nicht Pfarrer werden sollte, wenn ihm die Wahl freistand.
„Du auch!“ zu Fritz. „Was liegt dran, wenn das Kind ein paar Nüsse
einsteckt!“
Und da Fritz eine ungezogene Widerrede wagte, gab ihm sein Vater
kurzerhand eine Ohrfeige. „Marsch, ins Bett! Morgen gibt’s Frühbirnen!“
Der Bauer riegelte die Tür hinter den drei Kindern ab. Fritz trottete
greinend in seine Schlafstube und schwor dem frechen Frauenzimmer, der
Marjänni, tödliche Rache. Draußen griff Putty in die Tasche und zog eine
Hand voll Nüsse heraus: „Da, nimm, Marjänni,“ sagte er zärtlich und
triumphierend. „Ich habe auch eine Tasche voll für dich gemaust.“
Und auf einmal fand er seinen ganzen Mut wieder: „Wenn der Fritz, der
dumme Aff, morgen in der Prüfung nichts weiß, kann er sehen wer ihm
weiterhilft. Ich nicht!“
Daheim schmeichelte Putty seiner Schwester Leonie ein Stück giftgrüne
Veilchenseife und ein weißseidenes Taschentuch ab, das ihr zur Kirmes ein
Anbeter geschenkt hatte. Der Abschied stimmte sie weich, und sie gab es
her. Putty wollte auch etwas Apartes mithaben auf den Lebensweg, auf den
sein Freund Fritz so viele Kisten und Kasten mitbekam.
Spät abends erwachte Fenn Kaß noch einmal in seinem Bett und hörte
nebenan, wo die Eltern schliefen, Vater Kaß mit keifender Stimme gegen
sein Weib ankämpfen. „Unsinn, der Junge soll sich freuen, daß wir so für
ihn sorgen!“
„Du hast ja recht,“ redete die Mutter dawider, „aber wenn er doch
vielleicht den Beruf nicht hätte?“
„Beruf, Beruf! Das ist auch wieder so’ne verrückte Erfindung. Wozu
einer das Geld hat, dazu hat er den Beruf. Und nun laß mich schlafen!“
Fenn hörte die Bettstelle laut und energisch krachen und wußte nun, daß
Vater Kaß sich herumgedreht und sein letztes Wort gesprochen hatte. Die
Mutter wagte noch einige schüchterne Versuche, ihre Gedanken über die
Zukunft ihres Einzigen an den Mann zu bringen. Als darauf nichts als ein
kräftiges Schnarchen erfolgte, wurde sie still.
Fenn dachte gar nicht weiter darüber nach, was über zehn Jahre aus ihm
werden sollte. Warum nicht Pfarrer? Er sah durchaus nicht ein, warum einer
nicht Pfarrer werden sollte, wenn ihm die Wahl freistand.
Page 28
Zweites Kapitel
D er alte Wöllem kroch früh morgens um drei aus dem Strohhaufen, den
er sich in einer Ecke des Pferdestalls zum Nachtlager ausersehen hatte.
Er tastete sich bis an die Stelle, wo an der Mauer die viereckige
Laterne hing, klaubte aus der Westentasche ein Schwefelholz und zündete
die Ölfunsel an. Dann dehnte und reckte er sich in seiner ganzen Länge,
streckte den rechten Arm nach oben und den linken Arm nach unten aus,
kratzte sich gähnend mit beiden Händen den struppigen Kopf und stopfte
sich unter allerhand Morgengeräuschen eine Pfeife. Ein paarmal noch
mußte er beim Gähnen den Stummel aus dem Munde nehmen, dann war die
Maschine in Schwung, Wöllem ging an seine Arbeit. Er war ein
knochengewaltiger, schiefbeiniger Hüne, mit den dummen, treuen Augen
eines satten Stiers. Haare und Bart waren kurz und dicht, zottig und
mißfarben wie das Winterfell eines Tieres im Wald.
„Hü! Charlotte!“
Wöllem ließ klatschend seine Riesenhand auf die breite Kruppe eines
Apfelschimmels fallen, der mit eingeknicktem Hinterfuß in Morgenträumen
versunken stand. Dumpfes Rasseln einer Kette am Holztrog gab Antwort.
Wöllem hängte die Laterne an einen Pfosten und begann mit der
Morgentoilette des Schimmels. Ab und zu gab er ihm einen wohlwollenden
Klaps, oder sagte, mild verweisend: „Steh, Luder! – Hömm, Tockkapp!“
Wöllem war nicht der Mann der extremen Gemütsbewegungen. Der
Strom aus seiner Gehirnzentrale brachte auf dem Weg durch die
Nervenstränge nie die Sicherungen zum Schmelzen, und nie züngelte bei
ihm die Flamme des Affektes auf.
Einmal nur war Wöllem furchtbar geworden. In seiner Jugend war er, wie
so viele seiner Landsleute, in Paris Kutscher gewesen und hatte sich ein
Weib genommen, eine Pariser Kammerjungfer, ein leckeres kleines Ding
mit warmen Sammetaugen. Eines Tages wurde er krank und lag sechs
Wochen lang im Spital. Als er herauskam, war ihm das leckere kleine Ding
mit einem Holzbildhauer aus dem Quartier St. Antoine und mit seinen
ganzen Ersparnissen durchgegangen. Wöllem saß einen Tag und eine Nacht
in der leeren Wohnung und wartete, daß sein Weib heimkäme. Bis ihm die
Frau des Concierge die Wahrheit sagte. Da hatte er alle Möbel in der
D er alte Wöllem kroch früh morgens um drei aus dem Strohhaufen, den
er sich in einer Ecke des Pferdestalls zum Nachtlager ausersehen hatte.
Er tastete sich bis an die Stelle, wo an der Mauer die viereckige
Laterne hing, klaubte aus der Westentasche ein Schwefelholz und zündete
die Ölfunsel an. Dann dehnte und reckte er sich in seiner ganzen Länge,
streckte den rechten Arm nach oben und den linken Arm nach unten aus,
kratzte sich gähnend mit beiden Händen den struppigen Kopf und stopfte
sich unter allerhand Morgengeräuschen eine Pfeife. Ein paarmal noch
mußte er beim Gähnen den Stummel aus dem Munde nehmen, dann war die
Maschine in Schwung, Wöllem ging an seine Arbeit. Er war ein
knochengewaltiger, schiefbeiniger Hüne, mit den dummen, treuen Augen
eines satten Stiers. Haare und Bart waren kurz und dicht, zottig und
mißfarben wie das Winterfell eines Tieres im Wald.
„Hü! Charlotte!“
Wöllem ließ klatschend seine Riesenhand auf die breite Kruppe eines
Apfelschimmels fallen, der mit eingeknicktem Hinterfuß in Morgenträumen
versunken stand. Dumpfes Rasseln einer Kette am Holztrog gab Antwort.
Wöllem hängte die Laterne an einen Pfosten und begann mit der
Morgentoilette des Schimmels. Ab und zu gab er ihm einen wohlwollenden
Klaps, oder sagte, mild verweisend: „Steh, Luder! – Hömm, Tockkapp!“
Wöllem war nicht der Mann der extremen Gemütsbewegungen. Der
Strom aus seiner Gehirnzentrale brachte auf dem Weg durch die
Nervenstränge nie die Sicherungen zum Schmelzen, und nie züngelte bei
ihm die Flamme des Affektes auf.
Einmal nur war Wöllem furchtbar geworden. In seiner Jugend war er, wie
so viele seiner Landsleute, in Paris Kutscher gewesen und hatte sich ein
Weib genommen, eine Pariser Kammerjungfer, ein leckeres kleines Ding
mit warmen Sammetaugen. Eines Tages wurde er krank und lag sechs
Wochen lang im Spital. Als er herauskam, war ihm das leckere kleine Ding
mit einem Holzbildhauer aus dem Quartier St. Antoine und mit seinen
ganzen Ersparnissen durchgegangen. Wöllem saß einen Tag und eine Nacht
in der leeren Wohnung und wartete, daß sein Weib heimkäme. Bis ihm die
Frau des Concierge die Wahrheit sagte. Da hatte er alle Möbel in der
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Wohnung kurz und klein geschlagen, war zum Mastroquet an der nächsten
Straßenecke gegangen, hatte sich unmenschlich besoffen und spät abends
alle Gäste einen nach dem andern durchs Fenster auf die Straße geworfen,
den Wirt zuletzt. Dann hatte er sich, weinend wie ein Kind, von der Polizei
abführen lassen. Seither war Wöllem ein ruhiger Sonderling und
Weiberhasser. Und das einzige, was ihm an seinem Liebling, der
Schimmelstute, nicht imponierte, war der dumme Weibername.
Jetzt zog Wöllem den Leiterwagen, der für die Fahrt auf der Tenne bereit
stand, auf den Hof hinaus. „Mhm!“ machte er verwundert, als er wahrnahm,
daß der Bauer im ersten Stock auch schon Licht hatte.
Er schöpfte aus dem steinernen Viehtrog neben dem Ziehbrunnen beide
Hände voll Wasser, fuhr sich damit prustend ein paarmal übers Gesicht,
prustete wieder, schneuzte sich in die Finger und überließ es der
Morgenluft, sein nasses Gesicht zu trocknen.
Während er die Charlotte in die Deichsel schirrte, kamen von fern
hallende Schritte durch die Morgenstille. Das Schneiderhinchen war’s mit
Putty, beide fröstelnd, die Kragen hoch, die Hände bis an die Ellenbogen in
den Taschen vergraben.
Der Schneider machte sich herablassend an Wöllem heran. Dabei suchte
er durch heftiges Räuspern seiner Stimme einen tiefen Klang zu verleihen,
um gegen den Brummbaß des Alten nicht gar zu sehr abzustechen. „Ein
schönes Tier,“ sagte er und ging sachverständig um die Charlotte herum.
„Ein prächtiges Tier.“
Die Charlotte widmete dem Schneider einen teilnahmlosen Blick. Er war
aber auch ein zu unansehnliches Männlein, mit seinem speckweißen
Nußknackergesicht. Die spärlichen gelben Schnurrbarthärchen schienen
eins nach dem andern in die Haut gesteckt. Wöllem brummte etwas in den
Bart und humpelte an die andere Seite des Wagens. Der Schneider ihm
nach: „Ja, ja, Lampesch Fiß muß immer die schönsten und mutwilligsten
Pferde im Dorf haben!“
Wöllem knurrte etwas lauter und stieß der Charlotte die Kandare ins
Maul. Dann kleidete er seine Verachtung in Worte: „Wat verstäht e
Schneider vun de Pärd?“ Und was ihm wohl das Hinchen herausgibt für
jedes Jahr, das die Charlotte mehr als 25 ist? Und ob er meint, die wackelt
auch nur mit den Ohren, wenn man ihr einen Topf voll Mostrich mit Pfeffer
unter den Schwanz schmiert?
Straßenecke gegangen, hatte sich unmenschlich besoffen und spät abends
alle Gäste einen nach dem andern durchs Fenster auf die Straße geworfen,
den Wirt zuletzt. Dann hatte er sich, weinend wie ein Kind, von der Polizei
abführen lassen. Seither war Wöllem ein ruhiger Sonderling und
Weiberhasser. Und das einzige, was ihm an seinem Liebling, der
Schimmelstute, nicht imponierte, war der dumme Weibername.
Jetzt zog Wöllem den Leiterwagen, der für die Fahrt auf der Tenne bereit
stand, auf den Hof hinaus. „Mhm!“ machte er verwundert, als er wahrnahm,
daß der Bauer im ersten Stock auch schon Licht hatte.
Er schöpfte aus dem steinernen Viehtrog neben dem Ziehbrunnen beide
Hände voll Wasser, fuhr sich damit prustend ein paarmal übers Gesicht,
prustete wieder, schneuzte sich in die Finger und überließ es der
Morgenluft, sein nasses Gesicht zu trocknen.
Während er die Charlotte in die Deichsel schirrte, kamen von fern
hallende Schritte durch die Morgenstille. Das Schneiderhinchen war’s mit
Putty, beide fröstelnd, die Kragen hoch, die Hände bis an die Ellenbogen in
den Taschen vergraben.
Der Schneider machte sich herablassend an Wöllem heran. Dabei suchte
er durch heftiges Räuspern seiner Stimme einen tiefen Klang zu verleihen,
um gegen den Brummbaß des Alten nicht gar zu sehr abzustechen. „Ein
schönes Tier,“ sagte er und ging sachverständig um die Charlotte herum.
„Ein prächtiges Tier.“
Die Charlotte widmete dem Schneider einen teilnahmlosen Blick. Er war
aber auch ein zu unansehnliches Männlein, mit seinem speckweißen
Nußknackergesicht. Die spärlichen gelben Schnurrbarthärchen schienen
eins nach dem andern in die Haut gesteckt. Wöllem brummte etwas in den
Bart und humpelte an die andere Seite des Wagens. Der Schneider ihm
nach: „Ja, ja, Lampesch Fiß muß immer die schönsten und mutwilligsten
Pferde im Dorf haben!“
Wöllem knurrte etwas lauter und stieß der Charlotte die Kandare ins
Maul. Dann kleidete er seine Verachtung in Worte: „Wat verstäht e
Schneider vun de Pärd?“ Und was ihm wohl das Hinchen herausgibt für
jedes Jahr, das die Charlotte mehr als 25 ist? Und ob er meint, die wackelt
auch nur mit den Ohren, wenn man ihr einen Topf voll Mostrich mit Pfeffer
unter den Schwanz schmiert?
Page 30
Eine so lange Rede hatte Wöllem seit Jahr und Tag nicht mehr gehalten.
Sein Redebedarf war damit für die nächsten Stunden gedeckt. Jetzt kam
auch Fenn mit seiner Mutter. Schneiderhinchen sagte ihnen guten Morgen
und fand es rücksichtslos, daß der Lampert immer noch nicht
heruntergekommen war. Es dauerte übrigens nicht lange, da ging die
Haustür auf, und Lampesch Fiß rief über den Hof, noch heiserer, als
gewöhnlich: „Wöllem, sin se do?“
„Jo, hei si’ mer!“ antwortete eilfertig der Schneider. Und zu Frau Kaß
und Fenn gewandt, halblaut: „Kommt, e’ muß eng Dröppchen zum beschte
gin.“
„Nä, bleiw eweg, Fenn,“ wehrte die Frau. Sie wollte sich wohl von dem
Bauer fahren lassen, weil es nicht anders ging, aber Speise und Trank von
ihm annehmen oder gar aufdringlich scheinen, das widerstrebte ihrem Stolz
und Feingefühl. Sie wollte ihm nicht mehr zu danken haben, als unbedingt
nötig war.
Der Schneider mußte mit dem Bauer tatsächlich einen furchtbar starken
Schnaps und noch einen trinken, und als man schließlich aufbrach, bekam
er eine halbe Stunde den Mund nicht mehr zu.
Vorn, hinterm Pferd, saß Wöllem auf der Deichsel, ließ die Beine mit
übereinandergelegten Füßen seitwärts herunterbaumeln und hielt die Enden
der Zügelleine im Schoß. Zwischen den Wagenleitern standen die drei
Koffer, die die Habseligkeiten der angehenden Pennäler bargen: vorn der
des jungen Lampert, ein altes Familienstück mit Fellstreifen benagelt,
hinten der Koffer Fenns, vom Schreiner neu gefertigt und schwarz lackiert,
in der Mitte Puttys Bundeslade, in strahlendem Himmelblau. Auf jedem
Koffer saßen die zugehörigen Passagiere.
So polterte der Wagen durch die dämmerstillen Straßen, an der Auberge
vorbei, wo im Dunkel die beiden weißen Porzellantöpfe vom Fenster her
schimmerten und die Silberpappeln um das Altarkreuz eine gespensterhafte
Schattenmasse bildeten. Alles schlief noch, nur da und dort hinter einem
Fenster oder einer Stalluke bewegte sich der träge Flügelschlag eines
schwachen Lichtscheins. Aus den Misthaufen dampfte es weißgrau. Und
vorn rechts im Osten kündete ein bleifarbener Horizont den kommenden
Tag.
Schläfrig zog die Charlotte den schweren Wagen über die Straße. Wo es
bergauf ging, ließ sich Wöllem von seinem Sitz heruntergleiten und trabte
schwerfällig neben dem Schimmel her. Großer Ahnungen voll saßen oben
Sein Redebedarf war damit für die nächsten Stunden gedeckt. Jetzt kam
auch Fenn mit seiner Mutter. Schneiderhinchen sagte ihnen guten Morgen
und fand es rücksichtslos, daß der Lampert immer noch nicht
heruntergekommen war. Es dauerte übrigens nicht lange, da ging die
Haustür auf, und Lampesch Fiß rief über den Hof, noch heiserer, als
gewöhnlich: „Wöllem, sin se do?“
„Jo, hei si’ mer!“ antwortete eilfertig der Schneider. Und zu Frau Kaß
und Fenn gewandt, halblaut: „Kommt, e’ muß eng Dröppchen zum beschte
gin.“
„Nä, bleiw eweg, Fenn,“ wehrte die Frau. Sie wollte sich wohl von dem
Bauer fahren lassen, weil es nicht anders ging, aber Speise und Trank von
ihm annehmen oder gar aufdringlich scheinen, das widerstrebte ihrem Stolz
und Feingefühl. Sie wollte ihm nicht mehr zu danken haben, als unbedingt
nötig war.
Der Schneider mußte mit dem Bauer tatsächlich einen furchtbar starken
Schnaps und noch einen trinken, und als man schließlich aufbrach, bekam
er eine halbe Stunde den Mund nicht mehr zu.
Vorn, hinterm Pferd, saß Wöllem auf der Deichsel, ließ die Beine mit
übereinandergelegten Füßen seitwärts herunterbaumeln und hielt die Enden
der Zügelleine im Schoß. Zwischen den Wagenleitern standen die drei
Koffer, die die Habseligkeiten der angehenden Pennäler bargen: vorn der
des jungen Lampert, ein altes Familienstück mit Fellstreifen benagelt,
hinten der Koffer Fenns, vom Schreiner neu gefertigt und schwarz lackiert,
in der Mitte Puttys Bundeslade, in strahlendem Himmelblau. Auf jedem
Koffer saßen die zugehörigen Passagiere.
So polterte der Wagen durch die dämmerstillen Straßen, an der Auberge
vorbei, wo im Dunkel die beiden weißen Porzellantöpfe vom Fenster her
schimmerten und die Silberpappeln um das Altarkreuz eine gespensterhafte
Schattenmasse bildeten. Alles schlief noch, nur da und dort hinter einem
Fenster oder einer Stalluke bewegte sich der träge Flügelschlag eines
schwachen Lichtscheins. Aus den Misthaufen dampfte es weißgrau. Und
vorn rechts im Osten kündete ein bleifarbener Horizont den kommenden
Tag.
Schläfrig zog die Charlotte den schweren Wagen über die Straße. Wo es
bergauf ging, ließ sich Wöllem von seinem Sitz heruntergleiten und trabte
schwerfällig neben dem Schimmel her. Großer Ahnungen voll saßen oben
Page 31
die drei Knaben. Das war nun die Straße, über die sie so oft ihre Gedanken
nach der Stadt geschickt hatten. Für ihre Dorfbubenphantasie war „die
Stadt“ der Brennpunkt alles gesteigerten Lebens: Straßen, in denen
immerfort Menschen gingen, Kutschen, Schaufenster mit tausend Dingen,
deren Bestimmung sie nicht kannten. Und das „Athenäum“ mit dem großen
braunen Tor und der kleinen Nebentür, der einzigen in der ganzen Stadt, an
der keine Klingel, sondern noch der uralte Türklopfer hing. Als sie das
letzte Mal mit der Muttergottesprozession in der Stadt waren und schon
wußten, daß sie nächsten Herbst selber „Student“ werden sollten, da hatten
sie mit großen Augen und offenem Mund vor dem Hoftor gestanden, bei
dem das Pennälervolk lärmend hinein- und herausgeströmt war. Fenn
erinnerte sich genau eines hochgeschossenen, fahlen Buben, der einen
Kneifer trug mit einer dicken, schwarzen Schnur, die übers rechte Ohr
gehängt war. Der war vor den drei Gaffern stehen geblieben und hatte eine
fürchterliche Grimasse geschnitten. Es war zu einem Auflauf mit
Indianergeheul gekommen, und Fenn biß noch jetzt, bei der Erinnerung
daran, die Zähne zusammen und ballte die Fäuste.
„Hüh! Charlotte!“ – sagte Wöllem manchmal aus seinem
Morgenhalbschlaf heraus. Der Schneider erzählte merkwürdige Ereignisse
aus dem Leben seines Sohnes, Ereignisse, die Puttys Intelligenz in das
hellste Licht rückten. Auch manche spaßhaften Anekdoten. Der Bub
schämte sich. Nicht so sehr, weil mit seinen Gaben geprotzt wurde, wie
deshalb, weil er von seiner Mutter wußte, daß das meiste erfunden war, und
er auch schon ein paarmal im Dorf Erwachsene unter sich wie etwas
Selbstverständliches hatte erwähnen hören, der Schneider lüge das Blaue
vom Himmel herunter. Aber er wagte kein Dreinreden und war froh, als
sein Vater schließlich vom ungewohnten Birnenschnaps übermannt in sich
zusammensank und mit dem Kinn auf der Brust im Sitzen einschlummerte.
Der alte Lampert stierte, die krumme Pfeife in den Mundwinkel gehängt,
stumpfsinnig vor sich hin. Fritz unterhielt sich mit Putty über die Zukunft.
Beide hatten vom Leben im bischöflichen Konvikt, in dem sie
unterkommen sollten, mancherlei gehört, sie erwogen allerhand
Möglichkeiten, z. B. wenn so’n Stadtfrack sie über die Achsel ansähe oder
ihnen gar frech käme. Fritz sagte, er werde ihn in die Fresse hauen, Putty
wußte vernichtende Antworten, mit denen er die Frechlinge zu Boden
schmettern würde.
nach der Stadt geschickt hatten. Für ihre Dorfbubenphantasie war „die
Stadt“ der Brennpunkt alles gesteigerten Lebens: Straßen, in denen
immerfort Menschen gingen, Kutschen, Schaufenster mit tausend Dingen,
deren Bestimmung sie nicht kannten. Und das „Athenäum“ mit dem großen
braunen Tor und der kleinen Nebentür, der einzigen in der ganzen Stadt, an
der keine Klingel, sondern noch der uralte Türklopfer hing. Als sie das
letzte Mal mit der Muttergottesprozession in der Stadt waren und schon
wußten, daß sie nächsten Herbst selber „Student“ werden sollten, da hatten
sie mit großen Augen und offenem Mund vor dem Hoftor gestanden, bei
dem das Pennälervolk lärmend hinein- und herausgeströmt war. Fenn
erinnerte sich genau eines hochgeschossenen, fahlen Buben, der einen
Kneifer trug mit einer dicken, schwarzen Schnur, die übers rechte Ohr
gehängt war. Der war vor den drei Gaffern stehen geblieben und hatte eine
fürchterliche Grimasse geschnitten. Es war zu einem Auflauf mit
Indianergeheul gekommen, und Fenn biß noch jetzt, bei der Erinnerung
daran, die Zähne zusammen und ballte die Fäuste.
„Hüh! Charlotte!“ – sagte Wöllem manchmal aus seinem
Morgenhalbschlaf heraus. Der Schneider erzählte merkwürdige Ereignisse
aus dem Leben seines Sohnes, Ereignisse, die Puttys Intelligenz in das
hellste Licht rückten. Auch manche spaßhaften Anekdoten. Der Bub
schämte sich. Nicht so sehr, weil mit seinen Gaben geprotzt wurde, wie
deshalb, weil er von seiner Mutter wußte, daß das meiste erfunden war, und
er auch schon ein paarmal im Dorf Erwachsene unter sich wie etwas
Selbstverständliches hatte erwähnen hören, der Schneider lüge das Blaue
vom Himmel herunter. Aber er wagte kein Dreinreden und war froh, als
sein Vater schließlich vom ungewohnten Birnenschnaps übermannt in sich
zusammensank und mit dem Kinn auf der Brust im Sitzen einschlummerte.
Der alte Lampert stierte, die krumme Pfeife in den Mundwinkel gehängt,
stumpfsinnig vor sich hin. Fritz unterhielt sich mit Putty über die Zukunft.
Beide hatten vom Leben im bischöflichen Konvikt, in dem sie
unterkommen sollten, mancherlei gehört, sie erwogen allerhand
Möglichkeiten, z. B. wenn so’n Stadtfrack sie über die Achsel ansähe oder
ihnen gar frech käme. Fritz sagte, er werde ihn in die Fresse hauen, Putty
wußte vernichtende Antworten, mit denen er die Frechlinge zu Boden
schmettern würde.
Page 32
Frau Kaß saß in sich geduckt mit ihrem Einzigen zu hinterst im Wagen
und erwog im Morgendämmer mit ihm flüsternd, was nun in naher und
ferner Zukunft werden sollte. „Laß die beiden andern ihre Wege gehen, halt
dich abseits,“ sagte sie leise und stieß ihn mit schlau warnendem
Augenzwinkern an. „Was hast du mit dem Bauer und mit dem Schneider zu
schaffen?“
„Ich weiß was ich tue,“ sagte er zweideutig, und dachte bei sich, die
Mutter kennt sich in Männerangelegenheiten nicht aus.
Und dann sprachen sie über den Vater, daß seine Gesundheit nicht die
beste sei, daß die Mutter zum Frühjahr jemand auf eine Zeitlang in
Tagelohn würde nehmen müssen, um die paar Äcker zu bestellen, die ihnen
gehörten. Und Fenn sprach von der Zeit, wo er Kaplan wäre und die Mutter,
wenn sie allein geblieben wäre, zu sich nehmen würde. Dann wurde es auch
zwischen ihnen eine Zeitlang still. Bis sie ihm auf den Höhen bei Alzingen
die Geschichte erzählte von dem letzten Mann, der droben auf dem
Galgenberg gehängt worden sein sollte.
E s ging auf halb sieben, als sie hinter Hesperingen vom Hochwald aus
die Stadt erblickten. „Da seht, Jungens,“ sagte der Bauer lässig und
deutete mit der Pfeife hinaus, „da liegt euer Käfig.“
Drei Bubenhälse reckten sich. Man sah die breite, fensterreiche Front und
das spitze Türmchen des Konvikts weit drüben, hinter dem Qualm des
Bahnhofs, aus dem Morgennebel ragen.
Die Charlotte setzte sich bergab in einen schläfrigen Trab. Das
Achtergeschirr hopste auf ihrem breiten Hinterteil hin und her. Wöllem
hopste auf seinem unbequemen Sitz im Takte mit, und wer oben auf dem
Wagen zu sprechen versuchte, dem sprangen von dem heftigen Schütteln
des Wagens die Worte wie Scherben über die Lippen.
In der Stadt war noch alles still, am Bahnhof, auf der schmalen, hohen
Brücke, in der Maria-Theresienstraße, durch die sie fuhren, an der alten
Kaserne und dem Spritzenhaus vorbei, nur ein fröstelndes Milchweib lief
mit zwei Blechkrügen von Tür zu Tür, und ein Hund durchschnupperte
geschäftig die Müllkasten. Der Bauer schickte Wöllem zum Konvikt voraus
und lud die Gesellschaft auf eine Tasse Kaffee in den Goldenen Anker. Frau
Kaß fand eine Ausrede und ging derweil nebenan in die Liebfrauenkirche,
und erwog im Morgendämmer mit ihm flüsternd, was nun in naher und
ferner Zukunft werden sollte. „Laß die beiden andern ihre Wege gehen, halt
dich abseits,“ sagte sie leise und stieß ihn mit schlau warnendem
Augenzwinkern an. „Was hast du mit dem Bauer und mit dem Schneider zu
schaffen?“
„Ich weiß was ich tue,“ sagte er zweideutig, und dachte bei sich, die
Mutter kennt sich in Männerangelegenheiten nicht aus.
Und dann sprachen sie über den Vater, daß seine Gesundheit nicht die
beste sei, daß die Mutter zum Frühjahr jemand auf eine Zeitlang in
Tagelohn würde nehmen müssen, um die paar Äcker zu bestellen, die ihnen
gehörten. Und Fenn sprach von der Zeit, wo er Kaplan wäre und die Mutter,
wenn sie allein geblieben wäre, zu sich nehmen würde. Dann wurde es auch
zwischen ihnen eine Zeitlang still. Bis sie ihm auf den Höhen bei Alzingen
die Geschichte erzählte von dem letzten Mann, der droben auf dem
Galgenberg gehängt worden sein sollte.
E s ging auf halb sieben, als sie hinter Hesperingen vom Hochwald aus
die Stadt erblickten. „Da seht, Jungens,“ sagte der Bauer lässig und
deutete mit der Pfeife hinaus, „da liegt euer Käfig.“
Drei Bubenhälse reckten sich. Man sah die breite, fensterreiche Front und
das spitze Türmchen des Konvikts weit drüben, hinter dem Qualm des
Bahnhofs, aus dem Morgennebel ragen.
Die Charlotte setzte sich bergab in einen schläfrigen Trab. Das
Achtergeschirr hopste auf ihrem breiten Hinterteil hin und her. Wöllem
hopste auf seinem unbequemen Sitz im Takte mit, und wer oben auf dem
Wagen zu sprechen versuchte, dem sprangen von dem heftigen Schütteln
des Wagens die Worte wie Scherben über die Lippen.
In der Stadt war noch alles still, am Bahnhof, auf der schmalen, hohen
Brücke, in der Maria-Theresienstraße, durch die sie fuhren, an der alten
Kaserne und dem Spritzenhaus vorbei, nur ein fröstelndes Milchweib lief
mit zwei Blechkrügen von Tür zu Tür, und ein Hund durchschnupperte
geschäftig die Müllkasten. Der Bauer schickte Wöllem zum Konvikt voraus
und lud die Gesellschaft auf eine Tasse Kaffee in den Goldenen Anker. Frau
Kaß fand eine Ausrede und ging derweil nebenan in die Liebfrauenkirche,
Page 33
wo sie für ihren Einzigen einen Rosenkranz betete. Der Ankerwirt
interessierte sich für die jungen Studiosen, da er es selber seinerzeit bis
Prima gebracht hatte. Er fragte, wo sie denn wohnen sollten. Ja, ins Konvikt
gingen jetzt viele. „Das bringt der Stadt noch lange keinen Vorteil, daß ihr’s
wißt!“
Und er schimpfte in volkswirtschaftlichen Vokabeln über die
Konkurrenz, die keine Steuern bezahle. Die drei Knaben waren durch seine
Rede sehr niedergeschlagen; es fiel daraus der erste Schatten auf ihre
blanke Freude an der Zukunft. Da war also schon einer, der erste, der ihnen
nicht lauter Glück auf den Lebensweg wünschte, wie sie es bis jetzt
gewohnt waren.
Frau Kaß kam aus der Kirche, und man ging zusammen hinaus vor die
Stadt, wo die letzten Häuser stehen und als allerletztes das große Haus, über
dessen Toreinfahrt man einen Schutzengel aus Zementguß sieht, wie er
einem Knaben mit dem Finger den Weg nach oben weist. Darunter der
lateinische Spruch: angeLVs CVstoDiat ConViCtVM[1] als Chronogramm,
eine Kunstform, die gern von der feierlichen Borniertheit gepflegt wird.
Buben, die der kleinen Karawane über den Weg liefen, streckten die Zunge
heraus und schrien: „Äh, äh! Bouletten! Bouletten!“ Den Spitznamen
Bouletten hatten die Konviktsschüler bekommen, weil die Sage ging, daß
sie öfter als ihnen lieb war, mit Fleischklößen gefüttert würden, die auf
Französisch und somit auch auf Luxemburgisch Bouletten hießen. Der
Schutzengel aus Zementguß über dem Tor und sein kleiner Schützling
waren mit einem mächtigen violetten Tintenspritzer über und über
bekleckst. Ein unentdeckt gebliebener Attentäter hatte ein Fläschchen
„Tinte für die elegante Welt“ in einem unbewachten Augenblick dem Engel
vor den Leib geworfen, um dem Konvikt einen Schabernack zu spielen.
Vor der Einfahrt und bis weit in den Hof der Anstalt hinein hielt allerhand
Fuhrwerk, fein und grob. Neben gewöhnlichen Leiterwagen stand der char
à bancs, über dessen Holzsitz als Pfühl ein Kopfkissen mit weiß und rot
kariertem Überzug gebreitet war, und dessen Deichsel ein schweres
Ackerpferd mit unförmlich dickem Rumpfe ausfüllte; und der feinere
Phaëton des Herrenbauern, der schon dafür sorgt, daß unter seinen Gäulen
einer ist, der sich als Kutschpferd sehen lassen kann. Wöllem trottete, die
Pfeife im Mundwinkel, den Kittel vorn in einen Wulst gedreht, den er durch
den Brustschlitz durchgesteckt hatte, zwischen den Wagen hindurch, besah
sich jedes Rad, jeden Huf und jedes Stück Geschirr mit ruhiger
interessierte sich für die jungen Studiosen, da er es selber seinerzeit bis
Prima gebracht hatte. Er fragte, wo sie denn wohnen sollten. Ja, ins Konvikt
gingen jetzt viele. „Das bringt der Stadt noch lange keinen Vorteil, daß ihr’s
wißt!“
Und er schimpfte in volkswirtschaftlichen Vokabeln über die
Konkurrenz, die keine Steuern bezahle. Die drei Knaben waren durch seine
Rede sehr niedergeschlagen; es fiel daraus der erste Schatten auf ihre
blanke Freude an der Zukunft. Da war also schon einer, der erste, der ihnen
nicht lauter Glück auf den Lebensweg wünschte, wie sie es bis jetzt
gewohnt waren.
Frau Kaß kam aus der Kirche, und man ging zusammen hinaus vor die
Stadt, wo die letzten Häuser stehen und als allerletztes das große Haus, über
dessen Toreinfahrt man einen Schutzengel aus Zementguß sieht, wie er
einem Knaben mit dem Finger den Weg nach oben weist. Darunter der
lateinische Spruch: angeLVs CVstoDiat ConViCtVM[1] als Chronogramm,
eine Kunstform, die gern von der feierlichen Borniertheit gepflegt wird.
Buben, die der kleinen Karawane über den Weg liefen, streckten die Zunge
heraus und schrien: „Äh, äh! Bouletten! Bouletten!“ Den Spitznamen
Bouletten hatten die Konviktsschüler bekommen, weil die Sage ging, daß
sie öfter als ihnen lieb war, mit Fleischklößen gefüttert würden, die auf
Französisch und somit auch auf Luxemburgisch Bouletten hießen. Der
Schutzengel aus Zementguß über dem Tor und sein kleiner Schützling
waren mit einem mächtigen violetten Tintenspritzer über und über
bekleckst. Ein unentdeckt gebliebener Attentäter hatte ein Fläschchen
„Tinte für die elegante Welt“ in einem unbewachten Augenblick dem Engel
vor den Leib geworfen, um dem Konvikt einen Schabernack zu spielen.
Vor der Einfahrt und bis weit in den Hof der Anstalt hinein hielt allerhand
Fuhrwerk, fein und grob. Neben gewöhnlichen Leiterwagen stand der char
à bancs, über dessen Holzsitz als Pfühl ein Kopfkissen mit weiß und rot
kariertem Überzug gebreitet war, und dessen Deichsel ein schweres
Ackerpferd mit unförmlich dickem Rumpfe ausfüllte; und der feinere
Phaëton des Herrenbauern, der schon dafür sorgt, daß unter seinen Gäulen
einer ist, der sich als Kutschpferd sehen lassen kann. Wöllem trottete, die
Pfeife im Mundwinkel, den Kittel vorn in einen Wulst gedreht, den er durch
den Brustschlitz durchgesteckt hatte, zwischen den Wagen hindurch, besah
sich jedes Rad, jeden Huf und jedes Stück Geschirr mit ruhiger
Page 34
Genauigkeit, spuckte aus und ging weiter. Die drei Knaben sogen aus
seinem Anblick unbewußte Aufmunterung. Die unwirsche Rede des
Ankerwirts, das Schimpfwort der Buben vorhin und das besudelte
Schutzengelbild hatten ihrer Überzeugung, daß dies eine allgemein verehrte
Stätte der Jugenderziehung sei, einen argen Stoß versetzt, sie spürten etwas
wie ein feindliches Regen um die Welt herum, zu der sie nun gehören
sollten, und der Anblick eines stillen Kraftmenschen aus dem Kreise, in
dem sie bodenständig waren, stellte ihr erschüttertes Selbstvertrauen wieder
her. Nur Putty empfand beschämt den Gegensatz zwischen dem derben
erdfarbenen Fuhrknecht und einem geputzten jungen Mädchen, das sich
eben in der Tür an der Pförtnerloge von ihrem Bruder mit einem
schallenden Kuß verabschiedete. Er hörte auch, wie der Bruder mitten in
den Schmerz des Abschieds hinein flüsterte: Vergiß nicht meine
Schokolade!
D urch einen langen, hallenden Korridor, an dessen fernem Ende Nonnen
und Dienstmägde mit gesenkten Häuptern vorbeihuschten, gingen die
sechs Wiesinger, voran das Schneiderhinchen, zum Herrn Direktor,
um sich anzumelden. Sie gingen langsam und bedächtig, wie durch eine
Kirche. An den Wänden hingen deckenhohe, stark nachgedunkelte Ölbilder
in schwarzbraunen Eichenholzrahmen. Nur da und dort ein Fleckchen
Himmel, ein verzücktes Gesicht, ein paar hellere Gewandfalten konnte man
darauf unterscheiden.
„Alles von Raffael!“ sagte das Schneiderhinchen obenhin mit einer
allumfassenden Gebärde.
„Was stellt es vor?“ fragte Lampesch Fiß.
„Es ist eine Himmelfahrt,“ meinte Frau Kaß schüchtern und unsicher, mit
den Fingerspitzen der Linken am Mund.
Über die Galatreppe in der Mitte des Korridors stiegen sie in den ersten
Stock und kamen, immer langsamer und behutsamer auftretend, über einen
Teppichläufer in das Vorzimmer des „Alten“.
Man kann nicht gerade sagen, „der Alte“ sei im Munde der Konviktoren
ein Spitz- oder Spottname für den Direktor gewesen. Die Bezeichnung hatte
für sie einen starken Beigeschmack von Angst und Ehrfurcht. Abbé Kleyer
war eine kindliche Fanatikerseele in einem langen, sehnigen
seinem Anblick unbewußte Aufmunterung. Die unwirsche Rede des
Ankerwirts, das Schimpfwort der Buben vorhin und das besudelte
Schutzengelbild hatten ihrer Überzeugung, daß dies eine allgemein verehrte
Stätte der Jugenderziehung sei, einen argen Stoß versetzt, sie spürten etwas
wie ein feindliches Regen um die Welt herum, zu der sie nun gehören
sollten, und der Anblick eines stillen Kraftmenschen aus dem Kreise, in
dem sie bodenständig waren, stellte ihr erschüttertes Selbstvertrauen wieder
her. Nur Putty empfand beschämt den Gegensatz zwischen dem derben
erdfarbenen Fuhrknecht und einem geputzten jungen Mädchen, das sich
eben in der Tür an der Pförtnerloge von ihrem Bruder mit einem
schallenden Kuß verabschiedete. Er hörte auch, wie der Bruder mitten in
den Schmerz des Abschieds hinein flüsterte: Vergiß nicht meine
Schokolade!
D urch einen langen, hallenden Korridor, an dessen fernem Ende Nonnen
und Dienstmägde mit gesenkten Häuptern vorbeihuschten, gingen die
sechs Wiesinger, voran das Schneiderhinchen, zum Herrn Direktor,
um sich anzumelden. Sie gingen langsam und bedächtig, wie durch eine
Kirche. An den Wänden hingen deckenhohe, stark nachgedunkelte Ölbilder
in schwarzbraunen Eichenholzrahmen. Nur da und dort ein Fleckchen
Himmel, ein verzücktes Gesicht, ein paar hellere Gewandfalten konnte man
darauf unterscheiden.
„Alles von Raffael!“ sagte das Schneiderhinchen obenhin mit einer
allumfassenden Gebärde.
„Was stellt es vor?“ fragte Lampesch Fiß.
„Es ist eine Himmelfahrt,“ meinte Frau Kaß schüchtern und unsicher, mit
den Fingerspitzen der Linken am Mund.
Über die Galatreppe in der Mitte des Korridors stiegen sie in den ersten
Stock und kamen, immer langsamer und behutsamer auftretend, über einen
Teppichläufer in das Vorzimmer des „Alten“.
Man kann nicht gerade sagen, „der Alte“ sei im Munde der Konviktoren
ein Spitz- oder Spottname für den Direktor gewesen. Die Bezeichnung hatte
für sie einen starken Beigeschmack von Angst und Ehrfurcht. Abbé Kleyer
war eine kindliche Fanatikerseele in einem langen, sehnigen
Page 35
Athletenkörper. Er besaß gerade jene geistige Überlegenheit, die er
brauchte, um kindliche Gemüter zu beherrschen. Auf sie wirkten seine
Worte wie Flammen und Dolche. Die Achtung der übrigen Menschen
sicherten ihm seine schrankenlose Ehrlichkeit und die aufrichtige Inbrunst,
mit der er das kleinste zu adeln trachtete. Es war, als hätte er auf der Straße
das Pathos gefunden, alt, abgenutzt und verachtet, und hätte sich mit solch
starkem Glauben an dessen Schönheit und Göttlichkeit hineindrapiert, daß
die einen ihm direkt die Schönheit glaubten und die andern seinem Wort die
fadenscheinige Pracht nicht übelnehmen konnten, da er sie so ganz
aufrichtig für königlichen Purpur hielt.
In dem kleinen Vorzimmer mußten sie warten. Der Fußboden war sauber
gebohnt, vor jedem der sechs Rohrstühle lag eine runde, farbige Strohmatte.
Durch die weißen Tüllvorhänge am Fenster sah man die Rücken der
steinernen Heiligenbilder, die draußen auf dem Balkongeländer standen.
Fenn stieß die Kameraden an und zeigte ihnen auf dem Glacis jenseits des
Tales, über dem sich die Anstalt erhebt, eine Abteilung Soldaten, die dort
ihren Exerzierplatz hatten. Ab und zu klang gedämpft ein Hörnersignal
herein. Nebenan hörte man Stimmen. Eine Frau redete ohne abzusetzen, ein
Mann warf ab und zu in den Redefluß den Brocken eines brummenden
Wortes, der gleich überschwemmt und ersäuft wurde – bis die Dolch- und
Flammenstimme des Direktors einsetzte.
Frau Kaß erschrak, Lampert machte voll Anerkennung: „Huitt!“ und das
Schneiderhinchen sagte: „Den müßtet ihr mal predigen hören!“
„So, hast du ihn schon gehört?“ fragte der Bauer ungläubig.
Das Schneiderhinchen, wegwerfend: „Ei natürlich, wie oft schon!“ Und
dann winkte es ab mit einer Gebärde der Spannung: „Horcht!“
Von drinnen kam es deutlich durch die Tür: „Madame, das ist alles
dummes Zeug! Glauben Sie mir, das ist Affenliebe. Es wird Ihrem Jungen
hier schon nichts passieren. Lassen Sie ihn ruhig da, wir machen aus ihm
einen tüchtigen frommen Menschen, alles andere ist Nebensache. Was,
kleiner Mann!“
Frau Kaß nickte ihrem Fenn zu: „Siehst du, was habe ich immer gesagt!“
Der Bauer gähnte schläfrig, der Schneider rief Putty mit einem strengen
Pst! vom Fenster zurück, wo der Junge den Soldaten zusah. Drinnen
wurden Stühle gerückt, die Stimmen näherten sich der Tür. Frau Kaß strich
ihr Kleid glatt, der Schneider zupfte an seiner Krawatte, und nur der Bauer
bewahrte seine Ruhe und sah mit teilnahmlosen, übernächtigen Quellaugen
brauchte, um kindliche Gemüter zu beherrschen. Auf sie wirkten seine
Worte wie Flammen und Dolche. Die Achtung der übrigen Menschen
sicherten ihm seine schrankenlose Ehrlichkeit und die aufrichtige Inbrunst,
mit der er das kleinste zu adeln trachtete. Es war, als hätte er auf der Straße
das Pathos gefunden, alt, abgenutzt und verachtet, und hätte sich mit solch
starkem Glauben an dessen Schönheit und Göttlichkeit hineindrapiert, daß
die einen ihm direkt die Schönheit glaubten und die andern seinem Wort die
fadenscheinige Pracht nicht übelnehmen konnten, da er sie so ganz
aufrichtig für königlichen Purpur hielt.
In dem kleinen Vorzimmer mußten sie warten. Der Fußboden war sauber
gebohnt, vor jedem der sechs Rohrstühle lag eine runde, farbige Strohmatte.
Durch die weißen Tüllvorhänge am Fenster sah man die Rücken der
steinernen Heiligenbilder, die draußen auf dem Balkongeländer standen.
Fenn stieß die Kameraden an und zeigte ihnen auf dem Glacis jenseits des
Tales, über dem sich die Anstalt erhebt, eine Abteilung Soldaten, die dort
ihren Exerzierplatz hatten. Ab und zu klang gedämpft ein Hörnersignal
herein. Nebenan hörte man Stimmen. Eine Frau redete ohne abzusetzen, ein
Mann warf ab und zu in den Redefluß den Brocken eines brummenden
Wortes, der gleich überschwemmt und ersäuft wurde – bis die Dolch- und
Flammenstimme des Direktors einsetzte.
Frau Kaß erschrak, Lampert machte voll Anerkennung: „Huitt!“ und das
Schneiderhinchen sagte: „Den müßtet ihr mal predigen hören!“
„So, hast du ihn schon gehört?“ fragte der Bauer ungläubig.
Das Schneiderhinchen, wegwerfend: „Ei natürlich, wie oft schon!“ Und
dann winkte es ab mit einer Gebärde der Spannung: „Horcht!“
Von drinnen kam es deutlich durch die Tür: „Madame, das ist alles
dummes Zeug! Glauben Sie mir, das ist Affenliebe. Es wird Ihrem Jungen
hier schon nichts passieren. Lassen Sie ihn ruhig da, wir machen aus ihm
einen tüchtigen frommen Menschen, alles andere ist Nebensache. Was,
kleiner Mann!“
Frau Kaß nickte ihrem Fenn zu: „Siehst du, was habe ich immer gesagt!“
Der Bauer gähnte schläfrig, der Schneider rief Putty mit einem strengen
Pst! vom Fenster zurück, wo der Junge den Soldaten zusah. Drinnen
wurden Stühle gerückt, die Stimmen näherten sich der Tür. Frau Kaß strich
ihr Kleid glatt, der Schneider zupfte an seiner Krawatte, und nur der Bauer
bewahrte seine Ruhe und sah mit teilnahmlosen, übernächtigen Quellaugen
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nach der Tür. Die drei Knaben reihten sich hinter den Erwachsenen auf, von
denen jedes instinktiv die Hand nach dem Seinigen ausstreckte, damit nicht
etwa eine Verwechslung vorkäme. Wie hypnotisiert starrten alle auf die
Türklinke, die sich nervös, quietschend und knarrend hin- und herdrehte,
ohne daß vorläufig die Tür sich auftat. Und drinnen redete die
durchdringende Stimme des Herrn Direktors immer weiter, die Türklinke
quietschte und knarrte dazu im Takt die Begleitung. Fenn fiel es ein, wie
manchmal beim Fischen der Schwimmkork seiner Angel wie verrückt zu
zucken und zu zappeln angefangen hatte und er in unbändige Aufregung
darüber geraten war, was wohl für ein ungeheuerliches Unsichtbares diese
komischen Bewegungen hervorriefe. Wie damals auf den Schwimmkork,
sah er jetzt auf die knarrende Klinke, und wie damals auf seine Beute, so
war er jetzt auf den Mann gespannt, der von nun auf sein Leben
entscheidenden Einfluß gewinnen sollte. Dennoch konnte er sich eines
Gefühls der Überlegenheit nicht erwehren, des Bewußtseins, daß in dem,
womit man ihm würde zu imponieren suchen, auch der Keim einer
feierlichen Komik lag. Und plötzlich schien ihm das Spiel der Klinke so
närrisch, daß ihm das Lachen herausplatzte, ehe er Zeit hatte, es zu
verbeißen. Mutter Kaß erschrak und gab ihm einen Klaps auf den Rücken.
Dazu machte sie einen Mund wie die Öffnung eines alten Lederbörschens,
durch dessen Saum eine fest zugezogene Schnur geht. Putty und Fritz
lachten prustend mit.
Und dann ging die Tür auf, und in ihren Rahmen trat eine kleine
rundliche Dame, elegant gekleidet, die ihr ebenso rundliches Söhnchen an
den Schultern sacht vor sich herschob. Hinter ihr der Herr Gemahl, ein
sichtlich wohlhabender Mann mit einer dicken goldenen Uhrkette, den das
Ganze erheblich zu langweilen schien. Hinter diesen der Herr Direktor, die
vier orgelpfeifenartig aufgebaut.
Frau Kaß hätte in den Boden sinken mögen. Sie fühlte zwei stechende
graue Augen von ganz oben herunter auf sich gerichtet und neigte das
Haupt, als müsse gleich etwas Heftiges, Furchtbares über sie niedergehen.
Sie hörte kaum, wie der Herr Direktor die andere Gesellschaft
verabschiedete. Die kleine, runde, elegante Dame mußte die Bäuerin
antippen, damit sie ihr den Weg zur Türe freigab. Und dann hörte man das
verzogene Söhnchen des vornehmen Ehepaares aufschluchzen und sah es
im Hinausgehen sich an seine Mutter festklammern. Frau Kaß dachte: Er ist
ihr wie aus dem Gesicht geschnitten, er ist ein Muttersöhnchen. Wie doch
denen jedes instinktiv die Hand nach dem Seinigen ausstreckte, damit nicht
etwa eine Verwechslung vorkäme. Wie hypnotisiert starrten alle auf die
Türklinke, die sich nervös, quietschend und knarrend hin- und herdrehte,
ohne daß vorläufig die Tür sich auftat. Und drinnen redete die
durchdringende Stimme des Herrn Direktors immer weiter, die Türklinke
quietschte und knarrte dazu im Takt die Begleitung. Fenn fiel es ein, wie
manchmal beim Fischen der Schwimmkork seiner Angel wie verrückt zu
zucken und zu zappeln angefangen hatte und er in unbändige Aufregung
darüber geraten war, was wohl für ein ungeheuerliches Unsichtbares diese
komischen Bewegungen hervorriefe. Wie damals auf den Schwimmkork,
sah er jetzt auf die knarrende Klinke, und wie damals auf seine Beute, so
war er jetzt auf den Mann gespannt, der von nun auf sein Leben
entscheidenden Einfluß gewinnen sollte. Dennoch konnte er sich eines
Gefühls der Überlegenheit nicht erwehren, des Bewußtseins, daß in dem,
womit man ihm würde zu imponieren suchen, auch der Keim einer
feierlichen Komik lag. Und plötzlich schien ihm das Spiel der Klinke so
närrisch, daß ihm das Lachen herausplatzte, ehe er Zeit hatte, es zu
verbeißen. Mutter Kaß erschrak und gab ihm einen Klaps auf den Rücken.
Dazu machte sie einen Mund wie die Öffnung eines alten Lederbörschens,
durch dessen Saum eine fest zugezogene Schnur geht. Putty und Fritz
lachten prustend mit.
Und dann ging die Tür auf, und in ihren Rahmen trat eine kleine
rundliche Dame, elegant gekleidet, die ihr ebenso rundliches Söhnchen an
den Schultern sacht vor sich herschob. Hinter ihr der Herr Gemahl, ein
sichtlich wohlhabender Mann mit einer dicken goldenen Uhrkette, den das
Ganze erheblich zu langweilen schien. Hinter diesen der Herr Direktor, die
vier orgelpfeifenartig aufgebaut.
Frau Kaß hätte in den Boden sinken mögen. Sie fühlte zwei stechende
graue Augen von ganz oben herunter auf sich gerichtet und neigte das
Haupt, als müsse gleich etwas Heftiges, Furchtbares über sie niedergehen.
Sie hörte kaum, wie der Herr Direktor die andere Gesellschaft
verabschiedete. Die kleine, runde, elegante Dame mußte die Bäuerin
antippen, damit sie ihr den Weg zur Türe freigab. Und dann hörte man das
verzogene Söhnchen des vornehmen Ehepaares aufschluchzen und sah es
im Hinausgehen sich an seine Mutter festklammern. Frau Kaß dachte: Er ist
ihr wie aus dem Gesicht geschnitten, er ist ein Muttersöhnchen. Wie doch
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die Reichen ihre Kinder verziehen. Und wie affig er angezogen ist! Da
puffte Schneiderhinchen sie in die Seite, und sie sah die hohe, hagere
Gestalt des Herrn Direktors dicht vor sich, sah die kleinen,
seidenübersponnenen Knöpfe seiner Soutane blinken, sah wie eine von den
beiden großen, bei der Schlankheit der Figur merkwürdig feisten, weißen
Hände, die eben noch in einer stereotypen Bewegung den seidenen Gürtel
hochgezogen hatten, sich ihr zum Willkommgruß hinstreckte. Und als sie
aufzublicken wagte, sah sie die stechenden grauen Augen mit freundlichem
Blick in die ihren gerichtet und hörte sich liebenswürdig von dem
Gefürchteten angeredet. „Madame Kaß, Ihren Mann kenne ich. Kommen
Sie herein – bitte, Sie können Ihre Sachen behalten. Herr Lampert, Herr ...
wie ist schon der werte Name?“
„Heinen,“ flüsterte beschämt der Schneider.
„Ja so, Herr Heinen, bitte. Ei, ei, das ist ja eine ganze Stube voll
Wiesinger. Nehmen Sie Platz. Der Fauteuil ist für Sie, Frau Kaß. Honneur
aux dames! Die kleinen Männer müssen stehen, das schadet ihnen nichts.“
„Sie stehen gern,“ beeilte sich Herr Heinen entschuldigend einzuwerfen.
Herr Direktor Kleyer ließ die Augen prüfend über die neuen Zöglinge
gleiten. Mit krausgezogener Stirn, die Lippen zusammengepreßt, daß alles
Blut daraus zurückwich, den Unterkiefer krampfhaft vorgeschoben, ein
Falzbein aus gelbem Buchsbaum an einen Stirnhöcker gedrückt, betrachtete
er sie, als wollte er ihnen seine Blicke wie Pfropfenzieher ins Herz bohren.
Putty und Fritz hielten es ein paar Sekunden lang aus und senkten dann
errötend die Augen. Auf Fenn schien die Inquisition keinen Eindruck zu
machen. Seine Augen begegneten ruhig den andern, die auf ihn zielten, und
als ihm der Gedanke kam: Wenn du jetzt weiter so hinsiehst, denkt er, du
bist frech – schlug er den Blick nicht nieder, sondern sah höher hinauf, an
der schwarzen Gestalt vorbei, an die Wand, wo eine Kohlenzeichnung, das
Porträt eines alten Mannes mit knochigem Charakterkopf seine
Aufmerksamkeit fesselte. Dann betrachtete er den schönen Gummibaum,
der die Fensternische ausfüllte und seine großen, glänzenden Blätter bis
unter die Decke hinauf breitete.
„Nun lassen Sie mich einmal raten,“ unterbrach der Herr Direktor das
Schweigen, als alle Platz genommen hatten.
„Also das wäre der junge Lampert. Das sieht man auf den ersten Blick.
Seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten.“
puffte Schneiderhinchen sie in die Seite, und sie sah die hohe, hagere
Gestalt des Herrn Direktors dicht vor sich, sah die kleinen,
seidenübersponnenen Knöpfe seiner Soutane blinken, sah wie eine von den
beiden großen, bei der Schlankheit der Figur merkwürdig feisten, weißen
Hände, die eben noch in einer stereotypen Bewegung den seidenen Gürtel
hochgezogen hatten, sich ihr zum Willkommgruß hinstreckte. Und als sie
aufzublicken wagte, sah sie die stechenden grauen Augen mit freundlichem
Blick in die ihren gerichtet und hörte sich liebenswürdig von dem
Gefürchteten angeredet. „Madame Kaß, Ihren Mann kenne ich. Kommen
Sie herein – bitte, Sie können Ihre Sachen behalten. Herr Lampert, Herr ...
wie ist schon der werte Name?“
„Heinen,“ flüsterte beschämt der Schneider.
„Ja so, Herr Heinen, bitte. Ei, ei, das ist ja eine ganze Stube voll
Wiesinger. Nehmen Sie Platz. Der Fauteuil ist für Sie, Frau Kaß. Honneur
aux dames! Die kleinen Männer müssen stehen, das schadet ihnen nichts.“
„Sie stehen gern,“ beeilte sich Herr Heinen entschuldigend einzuwerfen.
Herr Direktor Kleyer ließ die Augen prüfend über die neuen Zöglinge
gleiten. Mit krausgezogener Stirn, die Lippen zusammengepreßt, daß alles
Blut daraus zurückwich, den Unterkiefer krampfhaft vorgeschoben, ein
Falzbein aus gelbem Buchsbaum an einen Stirnhöcker gedrückt, betrachtete
er sie, als wollte er ihnen seine Blicke wie Pfropfenzieher ins Herz bohren.
Putty und Fritz hielten es ein paar Sekunden lang aus und senkten dann
errötend die Augen. Auf Fenn schien die Inquisition keinen Eindruck zu
machen. Seine Augen begegneten ruhig den andern, die auf ihn zielten, und
als ihm der Gedanke kam: Wenn du jetzt weiter so hinsiehst, denkt er, du
bist frech – schlug er den Blick nicht nieder, sondern sah höher hinauf, an
der schwarzen Gestalt vorbei, an die Wand, wo eine Kohlenzeichnung, das
Porträt eines alten Mannes mit knochigem Charakterkopf seine
Aufmerksamkeit fesselte. Dann betrachtete er den schönen Gummibaum,
der die Fensternische ausfüllte und seine großen, glänzenden Blätter bis
unter die Decke hinauf breitete.
„Nun lassen Sie mich einmal raten,“ unterbrach der Herr Direktor das
Schweigen, als alle Platz genommen hatten.
„Also das wäre der junge Lampert. Das sieht man auf den ersten Blick.
Seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten.“
Page 38
„Meinen Sie?“ sagte der alte Lampert entgegenkommend. „Ich finde
nicht. Er hat von mir keinen Zug, er ist ein Majerus. Sie hätten seine Mutter
kennen müssen. Sehen Sie sich nur die Hände an!“ Und erlegte eine der
milchweißen, sommersprossigen Hände seines Einzigen neben seine
blaurote Alkoholikerfaust auf den Tisch des Hauses.
„Die Ähnlichkeit kommt erst später heraus,“ sagte Herr Kleyer milde und
sachverständig.
„Und dies blasse Männchen ist Ihr Studiosus, Herr – Herr Heinen, nicht
wahr?“
„Ja,“ bestätigte Schneiderhinchen kleinlaut. „Er ist ein bißchen blaß. Das
kommt von der Reise. Aber sonst ist er kerngesund. Wir sind alle so.
Schmächtig, aber stark. Ich habe schon mit 16 Jahren ...“
Der Schneider unterbrach seine Rede, als er sah, wie der Lampert
verächtlich die Achsel zuckte.
„Und wer ist nun der Dritte? Hahaha! Wer mir das rät, kriegt ein
Bildchen mit Spitzen!“ lachte der Direktor. Sein Lachen sollte ansteckend
wirken. Dabei zückte er sein Falzbein auf Fenn Kaß. Der Junge spürte, wie
ihn die Mutter mit der Spitze des Regenschirms ermunternd anstieß und
unterdrückte eine unwillige Gegenbewegung.
„Du bist wohl mit dem linken Fuß zuerst aufgestanden?“ meinte Herr
Kleyer noch immer wohlwollend, trotzdem Fenn unter seinen Blicken
durchaus nicht schmelzen wollte. „Ein kleiner Querkopf, Frau Kaß, wie?“
Frau Kaß sah den Buben an. Sein Ausdruck war lauter Offenheit und
Gleichmut, kein Zug in seinem braunen, magern Gesicht, der nicht das
schönste innere Gleichgewicht verriet. Höchstens, daß sie in seinen lieben
braunen Augen hätte lesen können: Mutter, hier ist es langweilig; mach, daß
wir hinauskommen. – Da war ihre Schüchternheit verflogen.
„Ach nein, Herr Direktor,“ sagte sie ruhig lächelnd, bestimmt. „Ach nein,
er ist nur still. Er ist immer so. Er ist nicht fürs viele Reden.“
„Hm hm“ – meinte Herr Kleyer und machte wieder seine prüfenden
Augen und seine gekniffene Grimasse von vorhin. „Stille Wasser, Frau Kaß,
das kennen wir. Aber hier laufen sie sich die Hörner ab, hier lernen sie sich
in alles fügen. Jawohl, mein Junge –“, als ihm Fenn offen ins Gesicht
blickte – „setz du nur deine trotzigste Miene auf, hier muß der Bruder Esel
Order parieren. Gelt, Madame, da machen Sie Augen. Der Bruder Esel,
sehen Sie, das ist der Leib, der infamigte Leib, der aus Kot geknetet ist, der
immer danach trachtet, die Seele in den Kot zu ziehen, aus dem er
nicht. Er hat von mir keinen Zug, er ist ein Majerus. Sie hätten seine Mutter
kennen müssen. Sehen Sie sich nur die Hände an!“ Und erlegte eine der
milchweißen, sommersprossigen Hände seines Einzigen neben seine
blaurote Alkoholikerfaust auf den Tisch des Hauses.
„Die Ähnlichkeit kommt erst später heraus,“ sagte Herr Kleyer milde und
sachverständig.
„Und dies blasse Männchen ist Ihr Studiosus, Herr – Herr Heinen, nicht
wahr?“
„Ja,“ bestätigte Schneiderhinchen kleinlaut. „Er ist ein bißchen blaß. Das
kommt von der Reise. Aber sonst ist er kerngesund. Wir sind alle so.
Schmächtig, aber stark. Ich habe schon mit 16 Jahren ...“
Der Schneider unterbrach seine Rede, als er sah, wie der Lampert
verächtlich die Achsel zuckte.
„Und wer ist nun der Dritte? Hahaha! Wer mir das rät, kriegt ein
Bildchen mit Spitzen!“ lachte der Direktor. Sein Lachen sollte ansteckend
wirken. Dabei zückte er sein Falzbein auf Fenn Kaß. Der Junge spürte, wie
ihn die Mutter mit der Spitze des Regenschirms ermunternd anstieß und
unterdrückte eine unwillige Gegenbewegung.
„Du bist wohl mit dem linken Fuß zuerst aufgestanden?“ meinte Herr
Kleyer noch immer wohlwollend, trotzdem Fenn unter seinen Blicken
durchaus nicht schmelzen wollte. „Ein kleiner Querkopf, Frau Kaß, wie?“
Frau Kaß sah den Buben an. Sein Ausdruck war lauter Offenheit und
Gleichmut, kein Zug in seinem braunen, magern Gesicht, der nicht das
schönste innere Gleichgewicht verriet. Höchstens, daß sie in seinen lieben
braunen Augen hätte lesen können: Mutter, hier ist es langweilig; mach, daß
wir hinauskommen. – Da war ihre Schüchternheit verflogen.
„Ach nein, Herr Direktor,“ sagte sie ruhig lächelnd, bestimmt. „Ach nein,
er ist nur still. Er ist immer so. Er ist nicht fürs viele Reden.“
„Hm hm“ – meinte Herr Kleyer und machte wieder seine prüfenden
Augen und seine gekniffene Grimasse von vorhin. „Stille Wasser, Frau Kaß,
das kennen wir. Aber hier laufen sie sich die Hörner ab, hier lernen sie sich
in alles fügen. Jawohl, mein Junge –“, als ihm Fenn offen ins Gesicht
blickte – „setz du nur deine trotzigste Miene auf, hier muß der Bruder Esel
Order parieren. Gelt, Madame, da machen Sie Augen. Der Bruder Esel,
sehen Sie, das ist der Leib, der infamigte Leib, der aus Kot geknetet ist, der
immer danach trachtet, die Seele in den Kot zu ziehen, aus dem er
Page 39
hervorgegangen ist. Den nenn ich den Bruder Esel, und wenn der nicht
pariert, muß er Prügel haben. Bildlich meine ich natürlich, bildlich.“
Frau Kaß sagte darauf nichts. Sie verstand zwar den Zusammenhang
nicht, aber da Fenn zu den Trompetentönen der Kleyerschen Rede zufrieden
lächelte, machte sie sich auch weiter keine Sorgen und sagte nichts.
Sie ließ auch ruhig, die Hände im Schoß gefaltet, die Rede an sich
niederrauschen, die der Herr Direktor weiter über seine Zuhörer ausgoß. Er
sprach darin schwungvoll von dem begüterten Bauernstand, dessen Söhne
Advokaten, Ärzte, Ingenieure werden und im Leben als furchtlose
Bekenner die Fahne ihres Glaubens hochhalten sollen, von den
bescheidenen Landfamilien, die ihre Söhne dem Herrn als Diener am Altare
widmen, von der besondern Gnade, die der Herr an diese Familien
verschwendet, die sozusagen der Wurzelstock des Priestertums seien.
Hier hielt es Schneiderhinchen für angebracht, seine Ansicht über den
„Beruf“ kundzugeben. Sie deckte sich einigermaßen mit der des Küsters
Kaß. „Der Beruf,“ sagte er, „ist Schwindel! Da steht unser Bub. Er soll
Geistlicher werden, oder ich schlage ihm alle Knochen kaputt! Er braucht
bloß an Vater und Mutter zu denken, dann kriegt er den Beruf!“
„Aber Heinen,“ sagte Frau Kaß, „laßt doch den Herrn Direktor reden!“
„Und ich sage, wenn der Bub nicht Geistlicher wird, soll er meinetwegen
Strohdecker werden!“ Strohdecker war das brotloseste Handwerk, das sich
das Schneiderhinchen vorstellen konnte.
„Der liebe Gott wird alles schon zum Besten fügen,“ beschwichtigte Herr
Kleyer den aufgeregten Schneider. Und dann fuhr er in seiner Rede fort. Er
sprach von der moralischen Verderbnis, die draußen in der Stadt auf die
Jugend lauere, und von dem sichern Hort der Unschuld, der hier, in diesem
frommen, stillen Hause ihr bereitet sei, unter der Hut des Schutzengels,
dessen Bild sie ja über der Toreinfahrt als Symbol gesehen hätten.
„Der mit dem blauen Tintenfleck?“ fragte Lampert arglos.
Hei, da brach es aber los. Ein heiliges Donnerwetter gegen diese
Lausbuben, diese Höllenhunde von draußen, die ihm seine Zöglinge
verhetzten, sein Haus verleumdeten, die Früchtchen, die Unzüchtigen, die
in Leib und Seele hinein Verfaulten, die Freimaurerbrut, die der Satan
gegen die heilige Stätte der Tugend losgelassen hatte.
Dem armen Lampert war zumut, wie einem, der aus Versehen eine kalte
Dusche über sich aufgedreht hat. Er stammelte mit braunrotem Gesicht
pariert, muß er Prügel haben. Bildlich meine ich natürlich, bildlich.“
Frau Kaß sagte darauf nichts. Sie verstand zwar den Zusammenhang
nicht, aber da Fenn zu den Trompetentönen der Kleyerschen Rede zufrieden
lächelte, machte sie sich auch weiter keine Sorgen und sagte nichts.
Sie ließ auch ruhig, die Hände im Schoß gefaltet, die Rede an sich
niederrauschen, die der Herr Direktor weiter über seine Zuhörer ausgoß. Er
sprach darin schwungvoll von dem begüterten Bauernstand, dessen Söhne
Advokaten, Ärzte, Ingenieure werden und im Leben als furchtlose
Bekenner die Fahne ihres Glaubens hochhalten sollen, von den
bescheidenen Landfamilien, die ihre Söhne dem Herrn als Diener am Altare
widmen, von der besondern Gnade, die der Herr an diese Familien
verschwendet, die sozusagen der Wurzelstock des Priestertums seien.
Hier hielt es Schneiderhinchen für angebracht, seine Ansicht über den
„Beruf“ kundzugeben. Sie deckte sich einigermaßen mit der des Küsters
Kaß. „Der Beruf,“ sagte er, „ist Schwindel! Da steht unser Bub. Er soll
Geistlicher werden, oder ich schlage ihm alle Knochen kaputt! Er braucht
bloß an Vater und Mutter zu denken, dann kriegt er den Beruf!“
„Aber Heinen,“ sagte Frau Kaß, „laßt doch den Herrn Direktor reden!“
„Und ich sage, wenn der Bub nicht Geistlicher wird, soll er meinetwegen
Strohdecker werden!“ Strohdecker war das brotloseste Handwerk, das sich
das Schneiderhinchen vorstellen konnte.
„Der liebe Gott wird alles schon zum Besten fügen,“ beschwichtigte Herr
Kleyer den aufgeregten Schneider. Und dann fuhr er in seiner Rede fort. Er
sprach von der moralischen Verderbnis, die draußen in der Stadt auf die
Jugend lauere, und von dem sichern Hort der Unschuld, der hier, in diesem
frommen, stillen Hause ihr bereitet sei, unter der Hut des Schutzengels,
dessen Bild sie ja über der Toreinfahrt als Symbol gesehen hätten.
„Der mit dem blauen Tintenfleck?“ fragte Lampert arglos.
Hei, da brach es aber los. Ein heiliges Donnerwetter gegen diese
Lausbuben, diese Höllenhunde von draußen, die ihm seine Zöglinge
verhetzten, sein Haus verleumdeten, die Früchtchen, die Unzüchtigen, die
in Leib und Seele hinein Verfaulten, die Freimaurerbrut, die der Satan
gegen die heilige Stätte der Tugend losgelassen hatte.
Dem armen Lampert war zumut, wie einem, der aus Versehen eine kalte
Dusche über sich aufgedreht hat. Er stammelte mit braunrotem Gesicht
Page 40
heisere Entschuldigungen, aber der andere wetterte weiter, bis er sich seinen
frommen Zorn vom Leibe geredet hatte.
„So,“ schloß er, „nun wissen Sie, woher der blaue Fleck an unserm
heiligen Schutzengel rührt. Der Fleck wird vergehen“ – und seine Worte
züngelten wieder flammengleich – „den wird der Himmel fortwaschen,
jaaah! der Himmel, aber den Fleck in der Seele jenes Schandbuben, den
wird in alle Ewigkeit das höllische Feuer nicht wegbrennen!“
Fenn dachte: Warum er nur auf uns so einschreit! Wir können nichts
dafür! Und übrigens, wegen so ’nem dummen Fleck!
Putty stand mit schlotternden Knien, der alte Lampert erhob sich
schwerfällig und sagte: „Komm, Fritz.“
Aber schon glänzte wieder auf dem Antlitz des Herrn Direktors der
Sonnenschein der ausgesuchtesten Liebenswürdigkeit. „Nichts für ungut,
Herr Lampert. Sie haben es hoffentlich nicht für Sich genommen. Und gelt,
kleiner Mann, solche schlechten Kerle werden wir nicht, nein, wir werden
brave, tüchtige Konviktoren! Jawohl!“ Und dabei drückte er Fritzens Kopf
zärtlich gegen seinen Magen und faßte Putty liebkosend unters Kinn. Als er
aber mit derselben väterlich zutraulichen Gebärde nach Fenn Kaß griff, bog
dieser den Kopf zur Seite.
D ie Audienz war zu Ende. Im Vorzimmer war es schon wieder voll von
neuen Ankömmlingen, die die Zornausbrüche Kleyers mit angehört
hatten und nun mit neugierigen und erschrockenen Augen die
Entlassenen musterten.
Eine Nonne mit einem Gesichtchen wie Milch und Blut zeigte den
Wiesingern ihre Plätze in den langen Reihen der Schränke und dem
zugehörigen Schlafsaal. Frau Kaß half ihrem Fenn, seine Sachen in den
Schrank räumen. Und dann stand sie mit ungeduldigen Händen dabei, wie
eine derbe Dienstmagd das Bettzeug auf die kleine, eiserne Bettstelle
auflegte. Sie, die an ihren schweren alten Hausrat, an die massiven
Monumentalbetten aus Eichen und Nußbaum gewöhnt war, stand dem
leichten, wackeligen Eisenstangengerüst einigermaßen mißtrauisch
gegenüber. Ob man denn auch in dem Dings da richtig warm würde, fragte
sie die Magd. Und dann strich sie zärtlich mit den von schwerer Arbeit
verhutzelten Händen über die Steppdecke und das Federbett, das
frommen Zorn vom Leibe geredet hatte.
„So,“ schloß er, „nun wissen Sie, woher der blaue Fleck an unserm
heiligen Schutzengel rührt. Der Fleck wird vergehen“ – und seine Worte
züngelten wieder flammengleich – „den wird der Himmel fortwaschen,
jaaah! der Himmel, aber den Fleck in der Seele jenes Schandbuben, den
wird in alle Ewigkeit das höllische Feuer nicht wegbrennen!“
Fenn dachte: Warum er nur auf uns so einschreit! Wir können nichts
dafür! Und übrigens, wegen so ’nem dummen Fleck!
Putty stand mit schlotternden Knien, der alte Lampert erhob sich
schwerfällig und sagte: „Komm, Fritz.“
Aber schon glänzte wieder auf dem Antlitz des Herrn Direktors der
Sonnenschein der ausgesuchtesten Liebenswürdigkeit. „Nichts für ungut,
Herr Lampert. Sie haben es hoffentlich nicht für Sich genommen. Und gelt,
kleiner Mann, solche schlechten Kerle werden wir nicht, nein, wir werden
brave, tüchtige Konviktoren! Jawohl!“ Und dabei drückte er Fritzens Kopf
zärtlich gegen seinen Magen und faßte Putty liebkosend unters Kinn. Als er
aber mit derselben väterlich zutraulichen Gebärde nach Fenn Kaß griff, bog
dieser den Kopf zur Seite.
D ie Audienz war zu Ende. Im Vorzimmer war es schon wieder voll von
neuen Ankömmlingen, die die Zornausbrüche Kleyers mit angehört
hatten und nun mit neugierigen und erschrockenen Augen die
Entlassenen musterten.
Eine Nonne mit einem Gesichtchen wie Milch und Blut zeigte den
Wiesingern ihre Plätze in den langen Reihen der Schränke und dem
zugehörigen Schlafsaal. Frau Kaß half ihrem Fenn, seine Sachen in den
Schrank räumen. Und dann stand sie mit ungeduldigen Händen dabei, wie
eine derbe Dienstmagd das Bettzeug auf die kleine, eiserne Bettstelle
auflegte. Sie, die an ihren schweren alten Hausrat, an die massiven
Monumentalbetten aus Eichen und Nußbaum gewöhnt war, stand dem
leichten, wackeligen Eisenstangengerüst einigermaßen mißtrauisch
gegenüber. Ob man denn auch in dem Dings da richtig warm würde, fragte
sie die Magd. Und dann strich sie zärtlich mit den von schwerer Arbeit
verhutzelten Händen über die Steppdecke und das Federbett, das
Page 41
Hauptstück der Ausstattung. Sie hatte beim Einkauf lang überlegt, ob sie
den weißen Stoff mit den blauen oder den gelben mit den braunen Blumen
wählen sollte. Sie hatte sich für gelb mit braun entschieden, weil es weniger
schmutzte und vornehmer aussah. Das Blumenmuster war ihr nachgerade
so vertraut, daß es ihr schon im Traum erschien. Und sie fand, daß es das
schönste war in dem ganzen großen Schlafsaal, wo fortan ihr Fenn seine
Nächte zubringen sollte.
Andächtig und langsam wandelte sie mit Fenn und dem Nönnchen durch
die langen Korridore, die zu den Schlafsälen führten, wo an der Fensterseite
in unabsehbarer Zeile die weißen Kippschalen der Waschbecken blinkten
und ihnen gegenüber die lange Reihe der Schränke sich hinzog. Frau Kaß
hatte ihr weißes Taschentuch in der Hand und unterhielt sich in ihren
vornehmsten Ausdrücken mit dem hübschen Nönnchen, das ihr über alle
möglichen Punkte der Hausordnung Bescheid sagen mußte. „Hörst du,
Ferdinand?“ wandte sie sich von Zeit zu Zeit an ihren Sohn. Und
zwischendurch entsetzte sie sich über die Ausgelassenheit einiger Buben,
die in toller Jagd sich um die Schrankreihe herumhetzten. „Es sind auch
nicht lauter Engel,“ meinte sie zu ihrer Begleiterin.
„Ach,“ lächelte die nachsichtig, „die Jungens sind halt so wild, das
wächst ihnen später aus.“
Sie kamen auch am Schneiderhinchen vorbei, der mit einer Hausmagd
vergebens ein vertraut herablassendes Gespräch anzuknüpfen suchte: Von
wo sie denn sei, und ob sie schon lange hier sei und ob es ihr gut gefalle
usw. Er sei aus Wiesing, und sie solle auf den Putty ein wenig aufpassen, er
sei ein Windhund, und sie solle doch einmal nach Wiesing zur Kirmes
kommen. Das Mädchen, das den Mannsleuten, ihrer Pracht und ihren
Werken abgeschworen hatte und sich unter der Obhut der Nonnen, die im
Konvikt den Haushalt führten, auf das Kloster vorbereitete, witterte
allerhand Anzüglichkeiten und antwortete kaum mit ja oder nein.
Schneiderhinchen wurde an sich selber irre. So schmählich hatte seine
Überredungskunst noch nie versagt.
Frau Kaß kam ihm gerade recht. Nun könnten sie ja wieder zusammen
gehen, der Lampert sei gewiß auch schon fertig.
Die Buben brauchten erst nachmittags anzutreten. Bis dahin gab es in der
Stadt Bücher zu kaufen und was an der Ausstattung sonst noch fehlte. Aber
Frau Kaß richtete es so ein, daß sie die andern so bald wie möglich zufällig
verlor. Auf einer Bank im Park verzehrte sie mit Fenn die Waffeln, das
den weißen Stoff mit den blauen oder den gelben mit den braunen Blumen
wählen sollte. Sie hatte sich für gelb mit braun entschieden, weil es weniger
schmutzte und vornehmer aussah. Das Blumenmuster war ihr nachgerade
so vertraut, daß es ihr schon im Traum erschien. Und sie fand, daß es das
schönste war in dem ganzen großen Schlafsaal, wo fortan ihr Fenn seine
Nächte zubringen sollte.
Andächtig und langsam wandelte sie mit Fenn und dem Nönnchen durch
die langen Korridore, die zu den Schlafsälen führten, wo an der Fensterseite
in unabsehbarer Zeile die weißen Kippschalen der Waschbecken blinkten
und ihnen gegenüber die lange Reihe der Schränke sich hinzog. Frau Kaß
hatte ihr weißes Taschentuch in der Hand und unterhielt sich in ihren
vornehmsten Ausdrücken mit dem hübschen Nönnchen, das ihr über alle
möglichen Punkte der Hausordnung Bescheid sagen mußte. „Hörst du,
Ferdinand?“ wandte sie sich von Zeit zu Zeit an ihren Sohn. Und
zwischendurch entsetzte sie sich über die Ausgelassenheit einiger Buben,
die in toller Jagd sich um die Schrankreihe herumhetzten. „Es sind auch
nicht lauter Engel,“ meinte sie zu ihrer Begleiterin.
„Ach,“ lächelte die nachsichtig, „die Jungens sind halt so wild, das
wächst ihnen später aus.“
Sie kamen auch am Schneiderhinchen vorbei, der mit einer Hausmagd
vergebens ein vertraut herablassendes Gespräch anzuknüpfen suchte: Von
wo sie denn sei, und ob sie schon lange hier sei und ob es ihr gut gefalle
usw. Er sei aus Wiesing, und sie solle auf den Putty ein wenig aufpassen, er
sei ein Windhund, und sie solle doch einmal nach Wiesing zur Kirmes
kommen. Das Mädchen, das den Mannsleuten, ihrer Pracht und ihren
Werken abgeschworen hatte und sich unter der Obhut der Nonnen, die im
Konvikt den Haushalt führten, auf das Kloster vorbereitete, witterte
allerhand Anzüglichkeiten und antwortete kaum mit ja oder nein.
Schneiderhinchen wurde an sich selber irre. So schmählich hatte seine
Überredungskunst noch nie versagt.
Frau Kaß kam ihm gerade recht. Nun könnten sie ja wieder zusammen
gehen, der Lampert sei gewiß auch schon fertig.
Die Buben brauchten erst nachmittags anzutreten. Bis dahin gab es in der
Stadt Bücher zu kaufen und was an der Ausstattung sonst noch fehlte. Aber
Frau Kaß richtete es so ein, daß sie die andern so bald wie möglich zufällig
verlor. Auf einer Bank im Park verzehrte sie mit Fenn die Waffeln, das
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Stück Kalbsbraten und die hartgesottenen Eier, die sie tagsvorher als
Wegzehrung in ihr Körbchen gepackt hatte.
„So, das ist besser als im Wirtshaus ein teures Kotelett. Und man braucht
nichts zu trinken.“ Als Dessert hatte sie ein paar der schönsten Apfel
eingepackt. „Iß sie jetzt, ins Konvikt darfst du keine mitnehmen.“
„Ich weiß,“ sagte Fenn. „Aber was meinst du! Der Fritz hat in jedem Paar
Strümpfe einen Apfel stecken, und zwischen seinen Hemden alles dick voll
Schokolade.“
„Wenn es der Herr Direktor erfährt, ist er imstande und jagt ihn fort.“
„Denkt ja nicht dran,“ sagte Fenn achselzuckend.
„Ich kann dir aber keine Schokolade kaufen, wir haben’s nicht dazu!“
„Mutter sei nicht dumm! Was glaubst du, daß ich mir aus Schokolade
mache!“
Mutter Kaß stierte eine Weile sorgenvoll vor sich auf die Erde. Dann zog
sie ein abgegriffenes Börschen aus der Tasche, öffnete es behutsam, nahm
ein Fünfzigpfennigstück heraus und wollte es verstohlen ihrem Fenn in die
Hand drücken. Es ging ihrem Mutterherzen nahe, daß sie ihn nun verlassen
sollte, ohne ihn auch nur ein ganz klein bißchen verhätschelt zu haben. „Da,
du kaufst dir, was du willst.“
Fenn steckte abweisend die Hände in die Taschen und wiederholte:
„Mutter, sei nicht dumm. Ich hab, was ich brauche.“
„Gut,“ sagte sie und tat das Geldstück wieder ins Portemonnaie. Dann
gingen sie schlendernd miteinander durch den Park und sprachen wieder
von zu Haus und von der Zukunft.
Aber es wurmte sie doch, daß sie ohne besondern Beweis ihrer
Zärtlichkeit von ihm gehen sollte. Sie hatte heute die vielen vornehmen
Mütter gesehen, die mit ihren Söhnchen richtig verliebt getan hatten.
Gewiß, die hatten ihnen die Taschen mit Süßigkeiten vollgepfropft und
würden sie beim Abschied weinend umarmen. Ihr Fenn würde sie wohl für
verrückt halten, wenn sie ihm so käme. Und nun erst recht! Nun wollte sie
ihm gerade zeigen, daß sie keine Rabenmutter war. In der Großstraße
kamen sie an einen Laden, wo allerhand Zuckerzeug im Schaufenster stand.
Da zog sie den Widerstrebenden hinein, kaufte eine Tüte voll
farbenprächtiger Zuckerplätzchen und stopfte sie ihm in die Tasche. „Doch,
ich will. Es ist gegen den Husten.“
„Na, meinetwegen!“ willigte der Bub endlich ein. Er schämte sich vor
der Ladenfrau und wollte dem Auftritt ein Ende machen.
Wegzehrung in ihr Körbchen gepackt hatte.
„So, das ist besser als im Wirtshaus ein teures Kotelett. Und man braucht
nichts zu trinken.“ Als Dessert hatte sie ein paar der schönsten Apfel
eingepackt. „Iß sie jetzt, ins Konvikt darfst du keine mitnehmen.“
„Ich weiß,“ sagte Fenn. „Aber was meinst du! Der Fritz hat in jedem Paar
Strümpfe einen Apfel stecken, und zwischen seinen Hemden alles dick voll
Schokolade.“
„Wenn es der Herr Direktor erfährt, ist er imstande und jagt ihn fort.“
„Denkt ja nicht dran,“ sagte Fenn achselzuckend.
„Ich kann dir aber keine Schokolade kaufen, wir haben’s nicht dazu!“
„Mutter sei nicht dumm! Was glaubst du, daß ich mir aus Schokolade
mache!“
Mutter Kaß stierte eine Weile sorgenvoll vor sich auf die Erde. Dann zog
sie ein abgegriffenes Börschen aus der Tasche, öffnete es behutsam, nahm
ein Fünfzigpfennigstück heraus und wollte es verstohlen ihrem Fenn in die
Hand drücken. Es ging ihrem Mutterherzen nahe, daß sie ihn nun verlassen
sollte, ohne ihn auch nur ein ganz klein bißchen verhätschelt zu haben. „Da,
du kaufst dir, was du willst.“
Fenn steckte abweisend die Hände in die Taschen und wiederholte:
„Mutter, sei nicht dumm. Ich hab, was ich brauche.“
„Gut,“ sagte sie und tat das Geldstück wieder ins Portemonnaie. Dann
gingen sie schlendernd miteinander durch den Park und sprachen wieder
von zu Haus und von der Zukunft.
Aber es wurmte sie doch, daß sie ohne besondern Beweis ihrer
Zärtlichkeit von ihm gehen sollte. Sie hatte heute die vielen vornehmen
Mütter gesehen, die mit ihren Söhnchen richtig verliebt getan hatten.
Gewiß, die hatten ihnen die Taschen mit Süßigkeiten vollgepfropft und
würden sie beim Abschied weinend umarmen. Ihr Fenn würde sie wohl für
verrückt halten, wenn sie ihm so käme. Und nun erst recht! Nun wollte sie
ihm gerade zeigen, daß sie keine Rabenmutter war. In der Großstraße
kamen sie an einen Laden, wo allerhand Zuckerzeug im Schaufenster stand.
Da zog sie den Widerstrebenden hinein, kaufte eine Tüte voll
farbenprächtiger Zuckerplätzchen und stopfte sie ihm in die Tasche. „Doch,
ich will. Es ist gegen den Husten.“
„Na, meinetwegen!“ willigte der Bub endlich ein. Er schämte sich vor
der Ladenfrau und wollte dem Auftritt ein Ende machen.
Page 43
Sie trafen auch Putty und seinen Vater, und bald darauf die beiden
Lamperts. Lampert Vater blickte schon aus weinseligen Augen und wollte
den drei Buben ein Glas zum Besten geben, aber Frau Kaß widersetzte sich,
wurde am Ende grob und schimpfte die Männer Lumpen. Schließlich
einigte man sich dahin, daß Lampert mit dem Schneiderhinchen zusammen
einen genehmigen sollte, während Frau Kaß die Knaben ins Konvikt
brächte. Am Tor nahm sie von ihnen Abschied. Sie wunderte sich und es
durchrann sie mit seltsamer Freude, daß ihr Fenn, der rauhe, unumgängliche
barsche Bub, so zärtlich und heiß den Druck ihres Mundes erwidert hatte,
als sie ihn, wie er ganz allein noch ein paar Schritte weit mit ihr
zurückgegangen war, heimlich an sich gezogen und auf den Mund geküßt
hatte.
E in älteres Semester aus der Philosophieklasse hatte sich gleich der drei
kleinen Wiesinger angenommen und sie hinunter auf die Kegelbahn
und an den Rundlauf geleitet. Es war ein gutmütiges Bauernblut, mit
roten Wangen, einem kräftigen Gebiß hinter wulstigen Lippen und
kurzsichtigen kindlichen Augen. Putty fielen die Worte Kleyers von der
rotwangigen, klaräugigen Unschuld ein, die unter diesem Dache wohnen
sollte. Und der improvisierte Fuchsmajor, der sie unter seinen Schutz und
Schirm genommen hatte, erschien ihm mit seinen Pausbacken und seinen
Kinderaugen sofort als eine lebendige Erläuterung zu jenen Worten. Seine
lebhafte Phantasie malte sich auch gleich den Gegensatz dazu aus: Das
blasse hohläugige Laster, das draußen in Freiheit, in den Straßen der Stadt
umging. Der lange Laban, der sie damals vor dem Athenäum so angegrinst
hatte, das war gewiß einer von jenen Verdorbenen, der hatte danach
ausgesehen: Schlotterig, blaß, geschniegelt und pomadisiert.
Durch eine Art Hohlweg, unter einer kleinen Brücke durch, gelangten sie
an die Spielplätze. Die Anstalt stand auf früherm Festungsgelände, und von
den alten Wällen und Gräben des geschleiften Forts, an dessen Stelle sich
der langgestreckte Bau erhob, waren einzelne Überreste noch vorhanden.
So lag der Kegelbahn gegenüber ein massiver, bombenfester Block, in dem
von den Nonnen und ihren weiblichen Dienstboten eine kleine
Stallwirtschaft betrieben wurde. Die ältern Zöglinge stießen sich an und
blinzelten einander zu, wenn eine dralle Magd mit hochgeschürztem Rock
Lamperts. Lampert Vater blickte schon aus weinseligen Augen und wollte
den drei Buben ein Glas zum Besten geben, aber Frau Kaß widersetzte sich,
wurde am Ende grob und schimpfte die Männer Lumpen. Schließlich
einigte man sich dahin, daß Lampert mit dem Schneiderhinchen zusammen
einen genehmigen sollte, während Frau Kaß die Knaben ins Konvikt
brächte. Am Tor nahm sie von ihnen Abschied. Sie wunderte sich und es
durchrann sie mit seltsamer Freude, daß ihr Fenn, der rauhe, unumgängliche
barsche Bub, so zärtlich und heiß den Druck ihres Mundes erwidert hatte,
als sie ihn, wie er ganz allein noch ein paar Schritte weit mit ihr
zurückgegangen war, heimlich an sich gezogen und auf den Mund geküßt
hatte.
E in älteres Semester aus der Philosophieklasse hatte sich gleich der drei
kleinen Wiesinger angenommen und sie hinunter auf die Kegelbahn
und an den Rundlauf geleitet. Es war ein gutmütiges Bauernblut, mit
roten Wangen, einem kräftigen Gebiß hinter wulstigen Lippen und
kurzsichtigen kindlichen Augen. Putty fielen die Worte Kleyers von der
rotwangigen, klaräugigen Unschuld ein, die unter diesem Dache wohnen
sollte. Und der improvisierte Fuchsmajor, der sie unter seinen Schutz und
Schirm genommen hatte, erschien ihm mit seinen Pausbacken und seinen
Kinderaugen sofort als eine lebendige Erläuterung zu jenen Worten. Seine
lebhafte Phantasie malte sich auch gleich den Gegensatz dazu aus: Das
blasse hohläugige Laster, das draußen in Freiheit, in den Straßen der Stadt
umging. Der lange Laban, der sie damals vor dem Athenäum so angegrinst
hatte, das war gewiß einer von jenen Verdorbenen, der hatte danach
ausgesehen: Schlotterig, blaß, geschniegelt und pomadisiert.
Durch eine Art Hohlweg, unter einer kleinen Brücke durch, gelangten sie
an die Spielplätze. Die Anstalt stand auf früherm Festungsgelände, und von
den alten Wällen und Gräben des geschleiften Forts, an dessen Stelle sich
der langgestreckte Bau erhob, waren einzelne Überreste noch vorhanden.
So lag der Kegelbahn gegenüber ein massiver, bombenfester Block, in dem
von den Nonnen und ihren weiblichen Dienstboten eine kleine
Stallwirtschaft betrieben wurde. Die ältern Zöglinge stießen sich an und
blinzelten einander zu, wenn eine dralle Magd mit hochgeschürztem Rock
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dort einen Eimer vorbeitrug, und der erste dieser Blicke, den Putty auffing,
gab seinem Kinderglauben, daß alle Fleischeslust von dieser Stätte
hermetisch abgeschlossen sei, den ersten Stoß.
Auf der Kegelbahn war ein lebhafter Betrieb, und die drei Wiesinger
waren bald mitten drin. Man konnte merken, wie die soziale Chemie schon
gleich hier, am ersten Tag, wo dieses junge Menschenmaterial in derselben
Retorte zusammengeschüttet wurde, Gleiches zu Gleichem sonderte. Das
bäuerliche Element umstand in dichtem Klumpen die Spieler und jeder
wartete ungeduldig seine Reihe ab. Das feinere Porzellan fand an der
gewalttätigen Leibesübung nicht mehr Spaß, als gerade nötig war. Einige
der Größern hielten heimlich Wetten um ansehnliche – für ihre Verhältnisse
ansehnliche – Geldbeträge und gebärdeten sich wie Verschworene; andere
standen zusammen und führten Gespräche über Gegenstände, die ihrer
gesellschaftlichen Stellung entsprachen. Das Muttersöhnchen von
vormittags war auch dabei. Es hatte offenbar seinen Schmerz vergessen. Es
entwickelte eben seine Theorien über die menschliche Gesellschaft. „Die
Menschheit besteht,“ so sagte es, „aus Leuten, die sich die Zähne und die
Nägel putzen, und solchen, die sich die Zähne und die Nägel nicht putzen.
Man erkennt jeden Menschen an seiner Zahnbürste.“
Fenn hatte es gehört und lachte. „Was hat er gesagt?“ fragten die andern.
„Die Menschheit besteht aus Leuten, die sich die Nase selber putzen, und
solchen, denen andere die Nasen putzen müssen,“ wiederholte Fenn
ernsthaft. Es gab ein lautes Hallo um den kleinen Philosophen, besonders,
da er in seiner Verlegenheit das Taschentuch zog und sich geräuschvoll
schneuzte.
„Geschenkt, geschenkt!“ tönte es im Kreis.
Der kleine Zahnbürstentheoriker fand, daß Fenn ein dummer, grober Kerl
sei. Fenn aber warf eben, ohne mit der Wimper zu zucken, alle Neune, und
einen Augenblick lang bestand das ganze verworrene Gemurmel unter den
Spielern nur aus der neugierigen Frage: „Wer ist das? Wie heißt er?“
Putty und Fritz erzählten stolz, daß er ein Junge aus ihrem Dorf sei. Und
es solle sich nur keiner an ihm vergreifen, er sei stark „wie ein Pferd“.
Fenn sah sich inzwischen, ein Liedchen pfeifend, in der Umgebung der
Kegelbahn um. Der Rundlauf interessierte ihn. Eben war einer der an
langen Tauen schlenkernden Griffe frei geworden. Er sprang hinzu und
hatte ihn gerade fest, als über seine Schulter weg eine Hand danach griff.
Als er sich umdrehte, sah er in ein Gesicht, bei dessen Anblick Scham und
gab seinem Kinderglauben, daß alle Fleischeslust von dieser Stätte
hermetisch abgeschlossen sei, den ersten Stoß.
Auf der Kegelbahn war ein lebhafter Betrieb, und die drei Wiesinger
waren bald mitten drin. Man konnte merken, wie die soziale Chemie schon
gleich hier, am ersten Tag, wo dieses junge Menschenmaterial in derselben
Retorte zusammengeschüttet wurde, Gleiches zu Gleichem sonderte. Das
bäuerliche Element umstand in dichtem Klumpen die Spieler und jeder
wartete ungeduldig seine Reihe ab. Das feinere Porzellan fand an der
gewalttätigen Leibesübung nicht mehr Spaß, als gerade nötig war. Einige
der Größern hielten heimlich Wetten um ansehnliche – für ihre Verhältnisse
ansehnliche – Geldbeträge und gebärdeten sich wie Verschworene; andere
standen zusammen und führten Gespräche über Gegenstände, die ihrer
gesellschaftlichen Stellung entsprachen. Das Muttersöhnchen von
vormittags war auch dabei. Es hatte offenbar seinen Schmerz vergessen. Es
entwickelte eben seine Theorien über die menschliche Gesellschaft. „Die
Menschheit besteht,“ so sagte es, „aus Leuten, die sich die Zähne und die
Nägel putzen, und solchen, die sich die Zähne und die Nägel nicht putzen.
Man erkennt jeden Menschen an seiner Zahnbürste.“
Fenn hatte es gehört und lachte. „Was hat er gesagt?“ fragten die andern.
„Die Menschheit besteht aus Leuten, die sich die Nase selber putzen, und
solchen, denen andere die Nasen putzen müssen,“ wiederholte Fenn
ernsthaft. Es gab ein lautes Hallo um den kleinen Philosophen, besonders,
da er in seiner Verlegenheit das Taschentuch zog und sich geräuschvoll
schneuzte.
„Geschenkt, geschenkt!“ tönte es im Kreis.
Der kleine Zahnbürstentheoriker fand, daß Fenn ein dummer, grober Kerl
sei. Fenn aber warf eben, ohne mit der Wimper zu zucken, alle Neune, und
einen Augenblick lang bestand das ganze verworrene Gemurmel unter den
Spielern nur aus der neugierigen Frage: „Wer ist das? Wie heißt er?“
Putty und Fritz erzählten stolz, daß er ein Junge aus ihrem Dorf sei. Und
es solle sich nur keiner an ihm vergreifen, er sei stark „wie ein Pferd“.
Fenn sah sich inzwischen, ein Liedchen pfeifend, in der Umgebung der
Kegelbahn um. Der Rundlauf interessierte ihn. Eben war einer der an
langen Tauen schlenkernden Griffe frei geworden. Er sprang hinzu und
hatte ihn gerade fest, als über seine Schulter weg eine Hand danach griff.
Als er sich umdrehte, sah er in ein Gesicht, bei dessen Anblick Scham und
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Zorn zugleich in ihm aufstiegen. Es war das weiße, spöttische Gesicht des
Grimassenschneiders von damals.
Mit einem heftigen Ruck reißt er das Tauende an sich.
„Mach keine Geschichten,“ sagt der andere kaltblütig und greift wieder
zu, als sei es ganz selbstverständlich, daß ihm der Vorrang gebührt.
„Laß los!“ sagt Fenn in sicherm Trotz.
„Das glaubst du ja selber nicht“ – gibt der andere höhnisch zurück. Über
das braune Gesicht Fenns geht ein Zucken, wie über geschmolzenes Erz in
dem Augenblick, wo es zu einer festen Masse erstarrt. So starr ist jetzt dies
Knabengesicht. Nur in den Augen brennt jach eine trotzige Stichflamme.
„Komm, gib das Seil her, halt das Spiel nicht auf“ – sagt spöttisch wieder
der Blasse.
Ein paar seiner Kameraden haben sich um die beiden gesammelt.
„Das kann gut werden – Oi jeh, der arme Kerl – Theo, tu ihm nichts!“
hört Fenn spöttische Zurufe durcheinander.
„Nun zähl’ ich bis drei – wenn du dann nicht losläßt, kannst du was
erleben!“
„Das kannst du schon früher“ – gibt Fenn verbissen zurück.
„Na, wenn du es so meinst, meinetwegen!“
Der Blasse tritt einen Schritt zurück und stemmt beide Arme hoch, wie
um erst noch ihre Kraft zu erproben. Aber Fenn wartet das weitere nicht ab.
Er packt ihn in den Achselhöhlen und hebt ihn vom Boden – im nächsten
Augenblick sind die beiden Bubenkörper ein Knäuel ineinander
geschlungener, gestraffter Gliedmaßen, an dem zwei rote Köpfe mit
glühenden Augen abwechselnd sichtbar werden. Theos Kameraden sorgen
dafür, daß niemand eingreift: „Laßt nur, er wird schon mit ihm fertig!“
Jetzt wälzt sich der Knäuel am Boden. Fenn ist der Stärkere, der andere
ist geschmeidiger. Man hört sie keuchen, man sieht ihnen den Speichel aus
dem offenen Mund rinnen. Fenns Beinkleider haben sich hinaufgeschoben,
die Zuschauer machen sich über seine grasgrünen Wollstrümpfe lustig.
Einer sagt: „Lacht nicht. Seht, was der Kerl für Muskeln hat!“
Die Aufregung wächst. Mit unbändigem Herzklopfen, leichenblaß,
stehen die Buben im Kreis um die Kämpfenden – „Theo! Theo!“ springt
bald dem einen bald dem andern ein keuchender Zuruf über die Lippen.
Und dann rafft Fenn in einem gewaltigen Ruck seine ganze Kraft
zusammen, rollt den andern wie ein Paket, wie der Holzhacker eine
Grimassenschneiders von damals.
Mit einem heftigen Ruck reißt er das Tauende an sich.
„Mach keine Geschichten,“ sagt der andere kaltblütig und greift wieder
zu, als sei es ganz selbstverständlich, daß ihm der Vorrang gebührt.
„Laß los!“ sagt Fenn in sicherm Trotz.
„Das glaubst du ja selber nicht“ – gibt der andere höhnisch zurück. Über
das braune Gesicht Fenns geht ein Zucken, wie über geschmolzenes Erz in
dem Augenblick, wo es zu einer festen Masse erstarrt. So starr ist jetzt dies
Knabengesicht. Nur in den Augen brennt jach eine trotzige Stichflamme.
„Komm, gib das Seil her, halt das Spiel nicht auf“ – sagt spöttisch wieder
der Blasse.
Ein paar seiner Kameraden haben sich um die beiden gesammelt.
„Das kann gut werden – Oi jeh, der arme Kerl – Theo, tu ihm nichts!“
hört Fenn spöttische Zurufe durcheinander.
„Nun zähl’ ich bis drei – wenn du dann nicht losläßt, kannst du was
erleben!“
„Das kannst du schon früher“ – gibt Fenn verbissen zurück.
„Na, wenn du es so meinst, meinetwegen!“
Der Blasse tritt einen Schritt zurück und stemmt beide Arme hoch, wie
um erst noch ihre Kraft zu erproben. Aber Fenn wartet das weitere nicht ab.
Er packt ihn in den Achselhöhlen und hebt ihn vom Boden – im nächsten
Augenblick sind die beiden Bubenkörper ein Knäuel ineinander
geschlungener, gestraffter Gliedmaßen, an dem zwei rote Köpfe mit
glühenden Augen abwechselnd sichtbar werden. Theos Kameraden sorgen
dafür, daß niemand eingreift: „Laßt nur, er wird schon mit ihm fertig!“
Jetzt wälzt sich der Knäuel am Boden. Fenn ist der Stärkere, der andere
ist geschmeidiger. Man hört sie keuchen, man sieht ihnen den Speichel aus
dem offenen Mund rinnen. Fenns Beinkleider haben sich hinaufgeschoben,
die Zuschauer machen sich über seine grasgrünen Wollstrümpfe lustig.
Einer sagt: „Lacht nicht. Seht, was der Kerl für Muskeln hat!“
Die Aufregung wächst. Mit unbändigem Herzklopfen, leichenblaß,
stehen die Buben im Kreis um die Kämpfenden – „Theo! Theo!“ springt
bald dem einen bald dem andern ein keuchender Zuruf über die Lippen.
Und dann rafft Fenn in einem gewaltigen Ruck seine ganze Kraft
zusammen, rollt den andern wie ein Paket, wie der Holzhacker eine
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Faschine, unter sich und kniet ihm keuchend auf die Brust: „Hast du
genug?“
„Schlag mich tot, ich ergeb mich nicht!“
Drei oder vier der umstehenden Buben überkommt ein wildes, heulendes
Schluchzen. Ihre Glieder zappeln, gehorchen ihnen nicht, es wirft sie mit
hysterischem Drang gegen den Feind, der auf einem der ihrigen kniet. Sie
fallen über ihn her, eine blindwütige Meute, und er steht voll prächtigen
Zornes plötzlich aufrecht da und versucht sie abzuschütteln. Sie fahren ihm
nach der Kehle, hängen sich an ihn, ein Faustschlag trifft ihn aufs Auge,
einer ins Genick, er haut um sich, schimpfend, mit geiferndem Mund, – sie
reißen ihn zu Boden, – heftig ausschlagende Füße, hämmernde Fäuste,
geduckte Köpfe, alles ist ein hin- und hergezerrter, zappelnder Haufe.
Da geschieht etwas Unerwartetes. Theo ist aufgesprungen und brüllt auf
den Haufen ein: „Feiglinge! Feige Hunde!“ und zerrt sie an Armen und
Beinen zurück. Sie wissen nicht, wie ihnen geschieht, glotzen ihn verblüfft
an, den sie vor Schimpf und Schande retten wollten und der sie dafür feige
Hunde schilt.
„Seid ihr denn verrückt?“ schreit er sie an. „Das sind doch meine Sachen!
Was fällt euch denn ein! Sechs gegen einen!“
Fenn stand abseits und zupfte seine Kleider zurecht.
„Du,“ sagte Theo, indem er auf ihn zuging, „du hast mich diesmal
untergekriegt, aber es bleibt nicht dabei, glaubst du mir das?“
„Ich glaube dir, daß du ein andermal wieder anfängst. Es ist mir egal. Ich
fürchte dich nicht. Du bist stärker, als ich gemeint hatte, aber es ist mir egal,
ich fürchte dich nicht. Wenn ich gewollt hätte, ich hätte dir einen Arm oder
ein Bein brechen können.“
„Das ist nicht wahr!“
„Doch. Ich hatte dich so daliegen. Wenn ich dich so herumgeworfen
hätte, hätte es geknackt, und dein Arm wär kaputt.“
„Wie?“ – Theo überließ sich ihm, halb trotzig noch, halb neugierig, mit
schlaffen Gliedern.
Fenn machte mit ihm behutsam die Stellung, die er angedeutet hatte.
Dann standen sie mitten im Kreis der übrigen Streiter. Theo betupfte mit
dem Taschentuch seine blutende Lippe, Fenn zog sich den Hosenbund
wieder unter die Weste hinauf und stopfte die breit herausgequollenen
Hemdfalten wieder zurecht. Auch die andern besahen sich die Schäden, die
genug?“
„Schlag mich tot, ich ergeb mich nicht!“
Drei oder vier der umstehenden Buben überkommt ein wildes, heulendes
Schluchzen. Ihre Glieder zappeln, gehorchen ihnen nicht, es wirft sie mit
hysterischem Drang gegen den Feind, der auf einem der ihrigen kniet. Sie
fallen über ihn her, eine blindwütige Meute, und er steht voll prächtigen
Zornes plötzlich aufrecht da und versucht sie abzuschütteln. Sie fahren ihm
nach der Kehle, hängen sich an ihn, ein Faustschlag trifft ihn aufs Auge,
einer ins Genick, er haut um sich, schimpfend, mit geiferndem Mund, – sie
reißen ihn zu Boden, – heftig ausschlagende Füße, hämmernde Fäuste,
geduckte Köpfe, alles ist ein hin- und hergezerrter, zappelnder Haufe.
Da geschieht etwas Unerwartetes. Theo ist aufgesprungen und brüllt auf
den Haufen ein: „Feiglinge! Feige Hunde!“ und zerrt sie an Armen und
Beinen zurück. Sie wissen nicht, wie ihnen geschieht, glotzen ihn verblüfft
an, den sie vor Schimpf und Schande retten wollten und der sie dafür feige
Hunde schilt.
„Seid ihr denn verrückt?“ schreit er sie an. „Das sind doch meine Sachen!
Was fällt euch denn ein! Sechs gegen einen!“
Fenn stand abseits und zupfte seine Kleider zurecht.
„Du,“ sagte Theo, indem er auf ihn zuging, „du hast mich diesmal
untergekriegt, aber es bleibt nicht dabei, glaubst du mir das?“
„Ich glaube dir, daß du ein andermal wieder anfängst. Es ist mir egal. Ich
fürchte dich nicht. Du bist stärker, als ich gemeint hatte, aber es ist mir egal,
ich fürchte dich nicht. Wenn ich gewollt hätte, ich hätte dir einen Arm oder
ein Bein brechen können.“
„Das ist nicht wahr!“
„Doch. Ich hatte dich so daliegen. Wenn ich dich so herumgeworfen
hätte, hätte es geknackt, und dein Arm wär kaputt.“
„Wie?“ – Theo überließ sich ihm, halb trotzig noch, halb neugierig, mit
schlaffen Gliedern.
Fenn machte mit ihm behutsam die Stellung, die er angedeutet hatte.
Dann standen sie mitten im Kreis der übrigen Streiter. Theo betupfte mit
dem Taschentuch seine blutende Lippe, Fenn zog sich den Hosenbund
wieder unter die Weste hinauf und stopfte die breit herausgequollenen
Hemdfalten wieder zurecht. Auch die andern besahen sich die Schäden, die
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sie im Handgemenge erlitten hatten und paßten unbeholfen die Lappen der
Rißwunden an Röcken und Hosen zusammen.
Da sagte Theo: „Es tut mir leid, daß ich mit dir Händel angefangen habe.
Wie heißt du?“
„Fenn Kaß. Und du?“
„Theo Schütz.“
Sie lachten beide plötzlich auf und reichten sich die Hände. So wurden
zwei junge Menschen durch grimmige Fehde zu Freunden fürs Leben.
D ies war nicht das letzte Abenteuer, das Fenn Kaß am ersten Tag eines
neuen Lebensabschnittes zu bestehen hatte. Um vier Uhr wurde das
Vesperbrot verteilt. Die Zöglinge standen im Refektorium um die
langen, schmalen Tische, auf jedem Tisch zwei Henkelkörbe mit dicken
Brotschnitten. Nach einem kurzen lateinischen Gebet durfte jeder zulangen.
Dann quoll die Schar, jeder mit seinem Stück Brot in der Hand – wenn er
nicht vorzog, es in der Tasche zu versorgen und es mit dem Daumen und
Zeigefinger herauszubrökeln – lärmend durch die Türen – hinaus auf den
großen, luftigen Vorplatz.
Theo suchte Fenn auf und fragte, ob sie zusammen spazieren gehen
wollten. Ja, nickte Fenn.
Allmählich kam ein Gespräch in Fluß. Fenn erzählte Theo, warum er ihn
vorhin gleich so energisch angefallen hatte.
Theo erinnerte sich der drei verlegenen Buben und lachte: „Also du bist
das gewesen! Es darf dich nicht verdrießen, aber ihr habt wirklich zu
dumme Gesichter gemacht! Übrigens, damals war ich noch gar nicht im
Konvikt. Ich wohnte in der Stadt in einem Hotel; einmal Donnerstags
wurden wir unser sechs in einem Wirtshaus in Hesperingen abgefaßt; darauf
steckte mich mein Alter hier herein.“
„Bist du nicht gern hier?“
„Eigentlich nein. Aufgehoben ist man ja hier so gut wie draußen,
manchmal besser. Aber daß alles über einen Kamm geschoren wird, das ist
das Verrückte, siehst du. Wenn dem Direktor einmal einer unter die Finger
gerät, der sich nicht ins Dutzend fügt, dann grantet und nörgelt er an ihm
herum, bis es einen Krach gibt.“
„Warum haben alle nur so unbändig Angst vor ihm?“
Rißwunden an Röcken und Hosen zusammen.
Da sagte Theo: „Es tut mir leid, daß ich mit dir Händel angefangen habe.
Wie heißt du?“
„Fenn Kaß. Und du?“
„Theo Schütz.“
Sie lachten beide plötzlich auf und reichten sich die Hände. So wurden
zwei junge Menschen durch grimmige Fehde zu Freunden fürs Leben.
D ies war nicht das letzte Abenteuer, das Fenn Kaß am ersten Tag eines
neuen Lebensabschnittes zu bestehen hatte. Um vier Uhr wurde das
Vesperbrot verteilt. Die Zöglinge standen im Refektorium um die
langen, schmalen Tische, auf jedem Tisch zwei Henkelkörbe mit dicken
Brotschnitten. Nach einem kurzen lateinischen Gebet durfte jeder zulangen.
Dann quoll die Schar, jeder mit seinem Stück Brot in der Hand – wenn er
nicht vorzog, es in der Tasche zu versorgen und es mit dem Daumen und
Zeigefinger herauszubrökeln – lärmend durch die Türen – hinaus auf den
großen, luftigen Vorplatz.
Theo suchte Fenn auf und fragte, ob sie zusammen spazieren gehen
wollten. Ja, nickte Fenn.
Allmählich kam ein Gespräch in Fluß. Fenn erzählte Theo, warum er ihn
vorhin gleich so energisch angefallen hatte.
Theo erinnerte sich der drei verlegenen Buben und lachte: „Also du bist
das gewesen! Es darf dich nicht verdrießen, aber ihr habt wirklich zu
dumme Gesichter gemacht! Übrigens, damals war ich noch gar nicht im
Konvikt. Ich wohnte in der Stadt in einem Hotel; einmal Donnerstags
wurden wir unser sechs in einem Wirtshaus in Hesperingen abgefaßt; darauf
steckte mich mein Alter hier herein.“
„Bist du nicht gern hier?“
„Eigentlich nein. Aufgehoben ist man ja hier so gut wie draußen,
manchmal besser. Aber daß alles über einen Kamm geschoren wird, das ist
das Verrückte, siehst du. Wenn dem Direktor einmal einer unter die Finger
gerät, der sich nicht ins Dutzend fügt, dann grantet und nörgelt er an ihm
herum, bis es einen Krach gibt.“
„Warum haben alle nur so unbändig Angst vor ihm?“
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„Ich nicht. Ich habe keine Angst vor ihm. Aber er soll mich in Frieden
lassen. Ich bin nicht schlecht.“ Sie gingen oben am Rand, wo der Spielplatz
nach dem Tal zu in einem Rain abfiel, an dessen Fuß eine
Einfriedigungsmauer über die schroff abschüssigen Felsen hinlief und den
ganzen Platz nach dem Tal zu abschloß. Die beiden Knaben standen oben
über der Mauerkrone und hatten den Blick frei über das ganze
gegenüberliegende Plateau bis an die sacht ansteigenden Hügel, die den
südlichen Horizont begrenzen.
„Sieh, das hier ist das beste am ganzen Haus, dieser Platz mit der freien
Aussicht,“ sagte Theo. „Zwischen Hofmauern hätte ich es keine acht Tage
ausgehalten. So denke ich immer: da liegt die Welt, noch ein halb Dutzend
Jährchen, und sie gehört dir. Was willst du werden?“
„Pfarrer.“
„Ist das sicher?“
„Ganz sicher.“
„Wirst du Pfarrer aus dir heraus, ganz aus eigenem Willen?“
„Ja, warum nicht? Es gefällt mir. Wir sind nicht reich, aber ich glaube,
ich würde Pfarrer werden, auch wenn ich Geld hätte. Wie ich es meine, ist
es sehr schön.“
„Ich werde Ingenieur. Das heißt, sicher weiß ich es noch nicht. Mein
Vater hat in Esch ein Geschäft oder allerhand Geschäfte, ich werde nicht
klug daraus. Manchmal hat er Geld, manchmal hat er keins. Als er mich ins
Konvikt steckte, hatte er keins. Und er behauptete, es sei hier billiger zu
leben. Ich laß es mir schon deshalb gefallen. Sonst wäre ich allerdings
lieber draußen.“
„Warum ist denn nur der Direktor so sonderbar, gleich so rotglühend?“
Theo suchte seinem neuen Freund die Eigenart des „Alten“ zu erklären,
so gut er konnte, so gut ihm seine Knabenpsychologie das Wesen dieses
Mannes erschloß. Direktor Kleyer war freilich eine unkomplizierte Natur.
Er hatte bis jetzt als Jugendbildner an einer Stelle gewirkt, wo ihm
schwerere seelische Rätsel kaum aufgegeben waren. Einfaches,
grobschichtiges, homogenes Menschenmaterial war ihm durch die Finger
gegangen. Jetzt war das anders geworden. Die Erziehungsanstalt, zu deren
Leitung er berufen war, und die als Internat zu dem staatlichen Gymnasium
mit Industrieschule ein Privatunternehmen des Bistums bildete, hatte gleich
aus dem Lande selbst und aus der Nachbarschaft sich großen Zulaufs zu
erfreuen gehabt. Bildeten auch die unverdorbenen, biedern Bauernsöhne
lassen. Ich bin nicht schlecht.“ Sie gingen oben am Rand, wo der Spielplatz
nach dem Tal zu in einem Rain abfiel, an dessen Fuß eine
Einfriedigungsmauer über die schroff abschüssigen Felsen hinlief und den
ganzen Platz nach dem Tal zu abschloß. Die beiden Knaben standen oben
über der Mauerkrone und hatten den Blick frei über das ganze
gegenüberliegende Plateau bis an die sacht ansteigenden Hügel, die den
südlichen Horizont begrenzen.
„Sieh, das hier ist das beste am ganzen Haus, dieser Platz mit der freien
Aussicht,“ sagte Theo. „Zwischen Hofmauern hätte ich es keine acht Tage
ausgehalten. So denke ich immer: da liegt die Welt, noch ein halb Dutzend
Jährchen, und sie gehört dir. Was willst du werden?“
„Pfarrer.“
„Ist das sicher?“
„Ganz sicher.“
„Wirst du Pfarrer aus dir heraus, ganz aus eigenem Willen?“
„Ja, warum nicht? Es gefällt mir. Wir sind nicht reich, aber ich glaube,
ich würde Pfarrer werden, auch wenn ich Geld hätte. Wie ich es meine, ist
es sehr schön.“
„Ich werde Ingenieur. Das heißt, sicher weiß ich es noch nicht. Mein
Vater hat in Esch ein Geschäft oder allerhand Geschäfte, ich werde nicht
klug daraus. Manchmal hat er Geld, manchmal hat er keins. Als er mich ins
Konvikt steckte, hatte er keins. Und er behauptete, es sei hier billiger zu
leben. Ich laß es mir schon deshalb gefallen. Sonst wäre ich allerdings
lieber draußen.“
„Warum ist denn nur der Direktor so sonderbar, gleich so rotglühend?“
Theo suchte seinem neuen Freund die Eigenart des „Alten“ zu erklären,
so gut er konnte, so gut ihm seine Knabenpsychologie das Wesen dieses
Mannes erschloß. Direktor Kleyer war freilich eine unkomplizierte Natur.
Er hatte bis jetzt als Jugendbildner an einer Stelle gewirkt, wo ihm
schwerere seelische Rätsel kaum aufgegeben waren. Einfaches,
grobschichtiges, homogenes Menschenmaterial war ihm durch die Finger
gegangen. Jetzt war das anders geworden. Die Erziehungsanstalt, zu deren
Leitung er berufen war, und die als Internat zu dem staatlichen Gymnasium
mit Industrieschule ein Privatunternehmen des Bistums bildete, hatte gleich
aus dem Lande selbst und aus der Nachbarschaft sich großen Zulaufs zu
erfreuen gehabt. Bildeten auch die unverdorbenen, biedern Bauernsöhne
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des Landes den Stamm der Kundschaft, so beherbergte das Haus besonders
damals, in den ersten Jahren seines Bestehens, doch auch ein
Sammelsurium von Früchtchen, die nirgends gut getan hatten, und deren
Eltern es nun auch einmal mit der neuen Anstalt versuchen wollten. Junge
Belgier und Franzosen, zum Teil Söhne von Leuten, die in der
aufstrebenden Metallindustrie des Landes vorteilhafte Stellungen
innehatten, zum Teil durch die Umwälzung nach dem Krieg aus Frankreich,
und besonders Elsaß-Lothringen in die neutralen, zweisprachigen
Luxemburger Unterrichtsanstalten verschlagen, brachten aus ihrer Heimat,
aus der Sumpfluft der Internate Gepflogenheiten und Laster mit, vor deren
bloßem Namen dem guten Kleyer die Haare zu Berg standen. Sein klares
Bild von der Knaben- und Jünglingspsyche verwirrte sich. Bald sah er
Gespenster, bald witterte er hinter jeder Eigenart, deren Wesen ihm
psychologisch unklar blieb, Verstocktheit, raffiniertes Laster, moralische
Fäulnis. Der Kampf dagegen nahm in seinem Erziehungssystem bald eine
so breite Stelle ein, daß Naturen, die ihre Unbefangenheit gewahrt hatten,
durch die Hartnäckigkeit einer falsch adressierten Seelenretterei entweder
abgestoßen oder schließlich aus dem moralischen Gleichgewicht gedrängt
wurden. Empfindungen und Gedankenreihen, die bei ihnen ruhig schliefen,
bis die Natur sie wecken würde, wurden unter dem Vorwand des Lüftens
fortwährend aufgescheucht.
„Er meint, jeder ist ein Schwein, der nicht den ganzen Tag in der Kapelle
hockt und die Augen verdreht“ – schloß Theo seine orientierende Auskunft.
Fenn dachte bei sich: „Ich kriege mit ihm keinen Streit. Ich laß ihn reden
und tu was ich muß. Im übrigen kann er mir den Buckel hinaufsteigen.“
D ie Glocke gellte und rief zum Silentium in den gemeinsamen
Studiensaal, der im rechten Flügel für die obern, im linken für die
untern Klassen eingerichtet war. Fenn bekam einen Platz an der
Südwestseite, dicht neben einem Fenster, durch das sein Blick über welliges
Gelände bis an die rauchenden Höhenzüge der Erzgegend reichte. Gleich,
in der ersten Minute schon, wurde ihm der Platz lieb. Er hörte durch das
Fenster das Rollen und Pfeifen der Eisenbahnzüge auf der belgischen und
französischen Linie, er sah den weißgrauen Qualm der Lokomotiven über
den Wagenreihen wie eine große Raupe hastig durch die Landschaft
damals, in den ersten Jahren seines Bestehens, doch auch ein
Sammelsurium von Früchtchen, die nirgends gut getan hatten, und deren
Eltern es nun auch einmal mit der neuen Anstalt versuchen wollten. Junge
Belgier und Franzosen, zum Teil Söhne von Leuten, die in der
aufstrebenden Metallindustrie des Landes vorteilhafte Stellungen
innehatten, zum Teil durch die Umwälzung nach dem Krieg aus Frankreich,
und besonders Elsaß-Lothringen in die neutralen, zweisprachigen
Luxemburger Unterrichtsanstalten verschlagen, brachten aus ihrer Heimat,
aus der Sumpfluft der Internate Gepflogenheiten und Laster mit, vor deren
bloßem Namen dem guten Kleyer die Haare zu Berg standen. Sein klares
Bild von der Knaben- und Jünglingspsyche verwirrte sich. Bald sah er
Gespenster, bald witterte er hinter jeder Eigenart, deren Wesen ihm
psychologisch unklar blieb, Verstocktheit, raffiniertes Laster, moralische
Fäulnis. Der Kampf dagegen nahm in seinem Erziehungssystem bald eine
so breite Stelle ein, daß Naturen, die ihre Unbefangenheit gewahrt hatten,
durch die Hartnäckigkeit einer falsch adressierten Seelenretterei entweder
abgestoßen oder schließlich aus dem moralischen Gleichgewicht gedrängt
wurden. Empfindungen und Gedankenreihen, die bei ihnen ruhig schliefen,
bis die Natur sie wecken würde, wurden unter dem Vorwand des Lüftens
fortwährend aufgescheucht.
„Er meint, jeder ist ein Schwein, der nicht den ganzen Tag in der Kapelle
hockt und die Augen verdreht“ – schloß Theo seine orientierende Auskunft.
Fenn dachte bei sich: „Ich kriege mit ihm keinen Streit. Ich laß ihn reden
und tu was ich muß. Im übrigen kann er mir den Buckel hinaufsteigen.“
D ie Glocke gellte und rief zum Silentium in den gemeinsamen
Studiensaal, der im rechten Flügel für die obern, im linken für die
untern Klassen eingerichtet war. Fenn bekam einen Platz an der
Südwestseite, dicht neben einem Fenster, durch das sein Blick über welliges
Gelände bis an die rauchenden Höhenzüge der Erzgegend reichte. Gleich,
in der ersten Minute schon, wurde ihm der Platz lieb. Er hörte durch das
Fenster das Rollen und Pfeifen der Eisenbahnzüge auf der belgischen und
französischen Linie, er sah den weißgrauen Qualm der Lokomotiven über
den Wagenreihen wie eine große Raupe hastig durch die Landschaft
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kriechen, mit spitzem Kopf und zerflatterndem Schwanz, sah abends den
Himmel glühen vom Widerschein der Hochöfen, die hinter dem Horizont
ihr dröhnendes Dasein führten.
Sein Pultnachbar war ein schmächtiger, hoch aufgeschossener
blaßbrauner Knabe mit den Augen eines gekochten Fisches, die in
frommem Aufblick himmelwärts gerichtet waren. Der Knabe hieß Louis
Binz und trug schwarze Pulswärmer. Nachdem Louis Binz seine sieben
Sachen ins Pult geräumt hatte, klebte er an die Innenseite seines Pultdeckels
ein Bild des hl. Herzens Jesu, ein Bild des hl. Herzens Mariä, ein Bild der
Muttergottes von Lourdes und ein Bild seines Schutzpatrons, des hl.
Aloysius von Gonzaga. So oft er den Deckel aufhob, sah er eines der Bilder
mit verzücktem Augenaufschlag an und lächelte ihm schüchtern zu, wie
einem hochgestellten Bekannten. Als Fenn ihn fragte, wie lange das
Silentium dauern würde, fuhr Louis Binz zusammen, legte den Finger an
die Lippen und in seine Augen trat starres Entsetzen und dann ein milder
Vorwurf wegen dieser brutalen Versuchung, die Regel des Hauses zu
übertreten.
Da kam zum ersten Male über Fenn Kaß das Empfinden, daß er aus
goldener Freiheit und schöner, großer, gesunder Natur in blödsinnigen
Zwang und verkrüppelnde Unnatur gestoßen war.
Er wurde nicht gerührt, es stieg ihm nicht würgend in die Kehle von
Heimweh und dergleichen – er biß nur die Zähne zusammen und dachte:
„Wenn es sein muß, in Gottes Namen. Es dauert ja nicht ewig.“ Und dann
lächelte er schon wieder, denn es fiel ihm ein, daß er ja noch die
Zuckerplätzchen seiner Mutter in der Tasche hatte. Das war ja eine noch
viel entsetzlichere Sünde wider den Geist des Hauses! Wenn er seinem
Nachbar davon anböte! Das Gesicht! Wahrhaftig, er wollte ... In diesem
Augenblick flog die Tür auf und in steifleinene Majestät drapiert trat der
Herr Direktor in den Saal.
Seine Brillengläser funkelten, er hatte die Lippen zusammengekniffen
und ließ seine Augen über die Köpfe der mäuschenstillen Zöglinge blitzen.
Fast unheilverkündend stand er da. Aber nur auf das Überwältigende des
ersten Eindruckes kam es ihm an. Nachdem er die Überzeugung gewonnen
hatte, daß alles überwältigt war, wechselte er leise ein paar Worte mit dem
die Aufsicht führenden Philosophieschüler, dem sogenannten Präfekten,
und stieg in das hohe Katheder von Pitchpine hinauf.
Himmel glühen vom Widerschein der Hochöfen, die hinter dem Horizont
ihr dröhnendes Dasein führten.
Sein Pultnachbar war ein schmächtiger, hoch aufgeschossener
blaßbrauner Knabe mit den Augen eines gekochten Fisches, die in
frommem Aufblick himmelwärts gerichtet waren. Der Knabe hieß Louis
Binz und trug schwarze Pulswärmer. Nachdem Louis Binz seine sieben
Sachen ins Pult geräumt hatte, klebte er an die Innenseite seines Pultdeckels
ein Bild des hl. Herzens Jesu, ein Bild des hl. Herzens Mariä, ein Bild der
Muttergottes von Lourdes und ein Bild seines Schutzpatrons, des hl.
Aloysius von Gonzaga. So oft er den Deckel aufhob, sah er eines der Bilder
mit verzücktem Augenaufschlag an und lächelte ihm schüchtern zu, wie
einem hochgestellten Bekannten. Als Fenn ihn fragte, wie lange das
Silentium dauern würde, fuhr Louis Binz zusammen, legte den Finger an
die Lippen und in seine Augen trat starres Entsetzen und dann ein milder
Vorwurf wegen dieser brutalen Versuchung, die Regel des Hauses zu
übertreten.
Da kam zum ersten Male über Fenn Kaß das Empfinden, daß er aus
goldener Freiheit und schöner, großer, gesunder Natur in blödsinnigen
Zwang und verkrüppelnde Unnatur gestoßen war.
Er wurde nicht gerührt, es stieg ihm nicht würgend in die Kehle von
Heimweh und dergleichen – er biß nur die Zähne zusammen und dachte:
„Wenn es sein muß, in Gottes Namen. Es dauert ja nicht ewig.“ Und dann
lächelte er schon wieder, denn es fiel ihm ein, daß er ja noch die
Zuckerplätzchen seiner Mutter in der Tasche hatte. Das war ja eine noch
viel entsetzlichere Sünde wider den Geist des Hauses! Wenn er seinem
Nachbar davon anböte! Das Gesicht! Wahrhaftig, er wollte ... In diesem
Augenblick flog die Tür auf und in steifleinene Majestät drapiert trat der
Herr Direktor in den Saal.
Seine Brillengläser funkelten, er hatte die Lippen zusammengekniffen
und ließ seine Augen über die Köpfe der mäuschenstillen Zöglinge blitzen.
Fast unheilverkündend stand er da. Aber nur auf das Überwältigende des
ersten Eindruckes kam es ihm an. Nachdem er die Überzeugung gewonnen
hatte, daß alles überwältigt war, wechselte er leise ein paar Worte mit dem
die Aufsicht führenden Philosophieschüler, dem sogenannten Präfekten,
und stieg in das hohe Katheder von Pitchpine hinauf.
Page 51
Vom Katheder herunter schlug Kleyer seinen geliebten Zöglingen eine
eindringliche Rede über das Jämmerliche und Verderbliche der
Menschenfurcht mit großer Heftigkeit um die Ohren. Seines
Christenglaubens und seiner Eigenschaft als Zögling des Konvikts schäme
sich nur eine Memme! Wie das klang! Eine Memme! Hundert
Knabenherzen zitterten bei dem Gedanken, daß man sie für eine solche
Memme halten könnte. Dann folgte eine vogelperspektivische Erklärung
dessen, was man unter dem Geist des Hauses zu verstehen hatte. Wer den
Geist des Hauses hatte, der konnte nicht verloren gehen in Zeit und
Ewigkeit. Wer aber den Geist des Hauses nicht hatte, der, ja, der, geliebte
Zöglinge, der war dem Dämon der sittlichen Verderbtheit verfallen! Überall
die gleißende Vision dieses Dämons, auf die sich die Phantasie dieses
asketischen Priesters mit geifernder Wut stürzte, auf die er mit geballten
Fäusten losschlug, auf der er schäumenden Mundes herumtrampelte.
Verderbt, wer sich gegen die Hausregel verging, verderbt, wer redete, wo
das Reden verboten war, verderbt, wer die Hände in die Taschen steckte,
verderbt, wer naschte, verderbt, wer über das Essen die Nase rümpfte, –
sittliche Verderbtheit war der innerste Kern aller Auflehnung gegen den
Geist des Hauses.
„Und nun, geliebte Zöglinge, will ich euch zum Schluß eine Geschichte
erzählen. Daraus sollt ihr lernen, wie ein echter Konviktorist der
Versuchung widersteht. Einer von euch hat in herrlicher Weise heute das
Böse in sich überwunden. Seine Mutter, eine schlichte Frau, die es leider
nicht besser wußte, ließ sich vom Dämon der Sinnlichkeit locken, ihr eigen
Kind in Versuchung zu führen!“
Fenn bemerkte, wie Louis Binz auf seinem Sitz unruhig hin- und
herrutschte, um so unruhiger, je weiter die Geschichte gedieh.
„Der Dämon der Sinnlichkeit, geliebte Zöglinge, hatte dieser durch eine
falsche Liebe und Zärtlichkeit verblendeten Mutter eingegeben, ihrem
Sohne zum Abschied eine Tüte Schokoladenplätzchen zu schenken. Eine
Tüte mit Schokoladenplätzchen!“
Herr Kleyer rief es mit komischer Feierlichkeit, als hätte er mit spitzen
Fingern die Tüte gefaßt und hielte sie seinen geliebten Zöglingen als einen
Gegenstand des Abscheus vor die Augen, ehe er sie mit einer Gebärde
unsäglichen Ekels in die Gosse schleuderte.
„Eine Tüte Schokoladenplätzchen! Was tat der Sohn? Als ihm die Mutter
heimlich die Tüte zuzustecken versuchte, wallte heilige Entrüstung in ihm
eindringliche Rede über das Jämmerliche und Verderbliche der
Menschenfurcht mit großer Heftigkeit um die Ohren. Seines
Christenglaubens und seiner Eigenschaft als Zögling des Konvikts schäme
sich nur eine Memme! Wie das klang! Eine Memme! Hundert
Knabenherzen zitterten bei dem Gedanken, daß man sie für eine solche
Memme halten könnte. Dann folgte eine vogelperspektivische Erklärung
dessen, was man unter dem Geist des Hauses zu verstehen hatte. Wer den
Geist des Hauses hatte, der konnte nicht verloren gehen in Zeit und
Ewigkeit. Wer aber den Geist des Hauses nicht hatte, der, ja, der, geliebte
Zöglinge, der war dem Dämon der sittlichen Verderbtheit verfallen! Überall
die gleißende Vision dieses Dämons, auf die sich die Phantasie dieses
asketischen Priesters mit geifernder Wut stürzte, auf die er mit geballten
Fäusten losschlug, auf der er schäumenden Mundes herumtrampelte.
Verderbt, wer sich gegen die Hausregel verging, verderbt, wer redete, wo
das Reden verboten war, verderbt, wer die Hände in die Taschen steckte,
verderbt, wer naschte, verderbt, wer über das Essen die Nase rümpfte, –
sittliche Verderbtheit war der innerste Kern aller Auflehnung gegen den
Geist des Hauses.
„Und nun, geliebte Zöglinge, will ich euch zum Schluß eine Geschichte
erzählen. Daraus sollt ihr lernen, wie ein echter Konviktorist der
Versuchung widersteht. Einer von euch hat in herrlicher Weise heute das
Böse in sich überwunden. Seine Mutter, eine schlichte Frau, die es leider
nicht besser wußte, ließ sich vom Dämon der Sinnlichkeit locken, ihr eigen
Kind in Versuchung zu führen!“
Fenn bemerkte, wie Louis Binz auf seinem Sitz unruhig hin- und
herrutschte, um so unruhiger, je weiter die Geschichte gedieh.
„Der Dämon der Sinnlichkeit, geliebte Zöglinge, hatte dieser durch eine
falsche Liebe und Zärtlichkeit verblendeten Mutter eingegeben, ihrem
Sohne zum Abschied eine Tüte Schokoladenplätzchen zu schenken. Eine
Tüte mit Schokoladenplätzchen!“
Herr Kleyer rief es mit komischer Feierlichkeit, als hätte er mit spitzen
Fingern die Tüte gefaßt und hielte sie seinen geliebten Zöglingen als einen
Gegenstand des Abscheus vor die Augen, ehe er sie mit einer Gebärde
unsäglichen Ekels in die Gosse schleuderte.
„Eine Tüte Schokoladenplätzchen! Was tat der Sohn? Als ihm die Mutter
heimlich die Tüte zuzustecken versuchte, wallte heilige Entrüstung in ihm
Page 52
auf und er sagte blitzenden Auges zu seiner Mutter: Mutter, schämt Ihr
Euch nicht, Euer eigenes Kind in Versuchung zu führen! Da gingen der
guten Frau die Augen furchtbar auf, sie sah das Verwerfliche ihres
Beginnens ein, sie drehte sich weinend um und schlich hinaus, mit ihrer
Tüte Schokoladenplätzchen im Korb!“
An der Stelle, wo Louis Binz mit Fenn Kaß an einem Pult zusammen saß,
war gegen den Schluß dieser erbaulichen Geschichte Unruhe entstanden.
Der Herr Direktor wurde aufmerksam, und als die Unruhe zunahm und
immer mehr Köpfe sich den beiden Pultnachbarn zuwandten, fuhr er mit
einer gellenden Frage drein:
„Was gibt’s dahinten? Wer treibt da Unfug?“
Louis Binz war aufgestanden.
„Binz! Was ist los?“
Der blaßbraune Knabe mit den schwarzen Pulswärmern wagte weder die
Augen zu erheben noch den Mund aufzutun. Er zeigte immer nur mit
entsetzten Mienen auf Fenn Kaß.
„Also du, der andere, wie heißt du?“
„Kaß.“
„Nun, heraus damit! Was ist los?“
Fenn Kaß räusperte sich und erklärte in die lautlose Stille hinein: „Der
Binz hat gesagt, er ist es gewesen, der zu seiner Mutter gesagt hat, sie solle
sich schämen!“
„Weiter?“
„Und da habe ich zu ihm gesagt ...“
„Nun?“
„Er ist ein gemeiner Kerl!“
Ein erlösendes Gelächter brach von allen Pulten los, sofort übertönt von
der Stimme des Alten. „Kaß! Heraus! In die Ecke! Schandbube!“
Fenn Kaß zuckte die Achseln. Er sah, mehr verwundert, als erschrocken,
wie die hagere Gestalt des Direktors in dem Pitchpine-Katheder
emporschnellte, mit Riesenschritten auf ihn zustapfte – wie hundert blasse
Gesichter mit entsetzten Mienen auf ihn gerichtet waren – seine Gedanken
überschlugen sich, in drei Sekunden hatte er überlegt: „Wenn er dich haut,
fängst du den Schlag mit dem rechten Ellenbogen auf – bis Wiesing gehst
du drei Stunden, es ist eben sechs, um neun bist du da, du schläfst beim
Pichert und gehst morgen nach Haus – Brauns Marjänni wird die Hände
Euch nicht, Euer eigenes Kind in Versuchung zu führen! Da gingen der
guten Frau die Augen furchtbar auf, sie sah das Verwerfliche ihres
Beginnens ein, sie drehte sich weinend um und schlich hinaus, mit ihrer
Tüte Schokoladenplätzchen im Korb!“
An der Stelle, wo Louis Binz mit Fenn Kaß an einem Pult zusammen saß,
war gegen den Schluß dieser erbaulichen Geschichte Unruhe entstanden.
Der Herr Direktor wurde aufmerksam, und als die Unruhe zunahm und
immer mehr Köpfe sich den beiden Pultnachbarn zuwandten, fuhr er mit
einer gellenden Frage drein:
„Was gibt’s dahinten? Wer treibt da Unfug?“
Louis Binz war aufgestanden.
„Binz! Was ist los?“
Der blaßbraune Knabe mit den schwarzen Pulswärmern wagte weder die
Augen zu erheben noch den Mund aufzutun. Er zeigte immer nur mit
entsetzten Mienen auf Fenn Kaß.
„Also du, der andere, wie heißt du?“
„Kaß.“
„Nun, heraus damit! Was ist los?“
Fenn Kaß räusperte sich und erklärte in die lautlose Stille hinein: „Der
Binz hat gesagt, er ist es gewesen, der zu seiner Mutter gesagt hat, sie solle
sich schämen!“
„Weiter?“
„Und da habe ich zu ihm gesagt ...“
„Nun?“
„Er ist ein gemeiner Kerl!“
Ein erlösendes Gelächter brach von allen Pulten los, sofort übertönt von
der Stimme des Alten. „Kaß! Heraus! In die Ecke! Schandbube!“
Fenn Kaß zuckte die Achseln. Er sah, mehr verwundert, als erschrocken,
wie die hagere Gestalt des Direktors in dem Pitchpine-Katheder
emporschnellte, mit Riesenschritten auf ihn zustapfte – wie hundert blasse
Gesichter mit entsetzten Mienen auf ihn gerichtet waren – seine Gedanken
überschlugen sich, in drei Sekunden hatte er überlegt: „Wenn er dich haut,
fängst du den Schlag mit dem rechten Ellenbogen auf – bis Wiesing gehst
du drei Stunden, es ist eben sechs, um neun bist du da, du schläfst beim
Pichert und gehst morgen nach Haus – Brauns Marjänni wird die Hände
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überm Kopf zusammenschlagen – der Vater wird schimpfen, aber die
Mutter ...“
Da stand der Direktor vor ihm. Er spürte seine Hand schwer auf seiner
Schulter und litt sie, ohne mit der Wimper zu zucken, ohne sich zu beugen,
trotzig gegen den Druck gestemmt, stolz, daß er ihn ohne nachzugeben trug.
Als sich aber dieselbe Hand um seinen Oberarm krallte, machte er sich los
durch einen heftigen Ruck.
„Du gottverlassenes Subjekt! Hinaus!“ Die gellende Stimme kippte auf
der höchsten Stufe um. „Hinaus!“ Fenn dachte, wie seine Mutter mit ihm
im Park auf der Bank gesessen, wie sie ihm den Fünfziger zustecken wollte,
wie er sich gegen ihre Zuckerplätzchen gesträubt hatte. Es schien ihm
ungeheuerlich, daß er sie mit tugendstolzem Verweis hätte anfahren, daß sie
sich weinend mit ihrem Körbchen zum Gehen hätte wenden sollen – so
unausdenkbar schien ihm das, so wider die Natur, daß er nur den einen
Drang verspürte: Fort! Heim! Fort von den Menschen, die so
Ungeheuerliches als Tugend von dir fordern!
Und im krampfhaften Selbsterhaltungstrieb seiner Seele packte er aus
dem Pult seine kaum verstauten Siebensachen zusammen und ging hinaus.
Der Direktor keuchte hinter ihm drein. Und schwer atmend saßen die
Schüler, wie im Theater die Zuschauer, wenn nach einem guten Aktschluß
der Vorhang gefallen ist.
Fritz Lampert sagte zu seinem Pultnachbar, dem kleinen
Zahnbürstenmann: „Der ist keine Bangbüx, was?“
„Der Alte haut ihn eklig durch, paß auf!“ sagte der Kleine, halb
schaudernd, halb schadenfroh.
„Wetten, daß nicht?“ erwiderte Fritz. Und im weitern Verlauf des leise
geflüsterten Gesprächs vertraute der Kleine Fritz an, daß er Unmengen von
Schokoladenpralinés und kandierten Nüssen und sonstigen teuren Bonbons
in seiner Wäsche verborgen habe, wogegen Fritz mit seinen Äpfeln und
seiner Schokolade nicht aufkam. Auf Heine Putty hatte der Vorgang
gewirkt, als wäre ein Blitzschlag vor seinen Füßen in den Boden gefahren.
Soviel Mut, um einem Allgewaltigen, wie dem Direktor die Zähne zu
zeigen, gab es ja gar nicht! Er malte sich gräßliche Dinge aus, die nun mit
Fenn Kaß geschehen würden. Er sah ihn auf den Knien, händeringend, auf
dem Boden sich wälzend vor dem Donnergott Kleyer, sah ihn mit Schimpf
und Schande aus dem Haus gejagt, sah ganz Wiesing wegen solchen
Abenteuers in Aufruhr.
Mutter ...“
Da stand der Direktor vor ihm. Er spürte seine Hand schwer auf seiner
Schulter und litt sie, ohne mit der Wimper zu zucken, ohne sich zu beugen,
trotzig gegen den Druck gestemmt, stolz, daß er ihn ohne nachzugeben trug.
Als sich aber dieselbe Hand um seinen Oberarm krallte, machte er sich los
durch einen heftigen Ruck.
„Du gottverlassenes Subjekt! Hinaus!“ Die gellende Stimme kippte auf
der höchsten Stufe um. „Hinaus!“ Fenn dachte, wie seine Mutter mit ihm
im Park auf der Bank gesessen, wie sie ihm den Fünfziger zustecken wollte,
wie er sich gegen ihre Zuckerplätzchen gesträubt hatte. Es schien ihm
ungeheuerlich, daß er sie mit tugendstolzem Verweis hätte anfahren, daß sie
sich weinend mit ihrem Körbchen zum Gehen hätte wenden sollen – so
unausdenkbar schien ihm das, so wider die Natur, daß er nur den einen
Drang verspürte: Fort! Heim! Fort von den Menschen, die so
Ungeheuerliches als Tugend von dir fordern!
Und im krampfhaften Selbsterhaltungstrieb seiner Seele packte er aus
dem Pult seine kaum verstauten Siebensachen zusammen und ging hinaus.
Der Direktor keuchte hinter ihm drein. Und schwer atmend saßen die
Schüler, wie im Theater die Zuschauer, wenn nach einem guten Aktschluß
der Vorhang gefallen ist.
Fritz Lampert sagte zu seinem Pultnachbar, dem kleinen
Zahnbürstenmann: „Der ist keine Bangbüx, was?“
„Der Alte haut ihn eklig durch, paß auf!“ sagte der Kleine, halb
schaudernd, halb schadenfroh.
„Wetten, daß nicht?“ erwiderte Fritz. Und im weitern Verlauf des leise
geflüsterten Gesprächs vertraute der Kleine Fritz an, daß er Unmengen von
Schokoladenpralinés und kandierten Nüssen und sonstigen teuren Bonbons
in seiner Wäsche verborgen habe, wogegen Fritz mit seinen Äpfeln und
seiner Schokolade nicht aufkam. Auf Heine Putty hatte der Vorgang
gewirkt, als wäre ein Blitzschlag vor seinen Füßen in den Boden gefahren.
Soviel Mut, um einem Allgewaltigen, wie dem Direktor die Zähne zu
zeigen, gab es ja gar nicht! Er malte sich gräßliche Dinge aus, die nun mit
Fenn Kaß geschehen würden. Er sah ihn auf den Knien, händeringend, auf
dem Boden sich wälzend vor dem Donnergott Kleyer, sah ihn mit Schimpf
und Schande aus dem Haus gejagt, sah ganz Wiesing wegen solchen
Abenteuers in Aufruhr.
Page 54
Von alledem ereignete sich gar nichts. Abends erschien Fenn Kaß, als ob
nichts geschehen wäre, beim gemeinschaftlichen Abendessen und wandelte
nach Tisch, während die andern im Korridor sich jagten, mit Theo Schütz
den langen Gang auf und ab.
„Er hat gemeint, ich merke nicht, wie ihm nur daran gelegen war, daß er
vor den Jungens mich unterkriegt. Nachher war er gut zu mir. Ich habe ihm
gesagt, wenn ich meiner Mutter so gekommen wäre, wie der Louis Binz,
dann hätte sie mir eine kräftige heruntergehauen. Er sagte: Ja, unser
Herrgott hat allerlei Kostgänger. Ich müßte mich abschleifen, ich sei ein
trotziger Mensch ...“
„Du mußt den Bruder Esel bändigen!“
„Natürlich. Mein Bruder Esel ist ganz besonders starrnackig, hat er
gesagt, aber er will mir dabei helfen; ich habe wohl gemerkt, er hatte es
drauf angelegt, daß ich gerührt würde. Aber ich habe mir das Lachen
verbeißen müssen.“
„Ja, wenn er so auf einen losredet, dann wird er wirklich selber warm.
Weißt du, er ist im Grunde ein guter Kerl, nur daß er manchmal zu arg
daneben haut.“
Die Glocke gellte. Es war Schlafenszeit.
Fenn Kaß ging an diesem Abend zu Bett mit einem großen, sichern
Gefühl der Beruhigung. Er war sich in seinem Knabeninstinkt bewußt: Du
bist in der richtigen Bahn, du hast zu Menschen und Dingen das Verhältnis
gewonnen, das dir Lebensbedingung ist, du hast dich durchgesetzt.
nichts geschehen wäre, beim gemeinschaftlichen Abendessen und wandelte
nach Tisch, während die andern im Korridor sich jagten, mit Theo Schütz
den langen Gang auf und ab.
„Er hat gemeint, ich merke nicht, wie ihm nur daran gelegen war, daß er
vor den Jungens mich unterkriegt. Nachher war er gut zu mir. Ich habe ihm
gesagt, wenn ich meiner Mutter so gekommen wäre, wie der Louis Binz,
dann hätte sie mir eine kräftige heruntergehauen. Er sagte: Ja, unser
Herrgott hat allerlei Kostgänger. Ich müßte mich abschleifen, ich sei ein
trotziger Mensch ...“
„Du mußt den Bruder Esel bändigen!“
„Natürlich. Mein Bruder Esel ist ganz besonders starrnackig, hat er
gesagt, aber er will mir dabei helfen; ich habe wohl gemerkt, er hatte es
drauf angelegt, daß ich gerührt würde. Aber ich habe mir das Lachen
verbeißen müssen.“
„Ja, wenn er so auf einen losredet, dann wird er wirklich selber warm.
Weißt du, er ist im Grunde ein guter Kerl, nur daß er manchmal zu arg
daneben haut.“
Die Glocke gellte. Es war Schlafenszeit.
Fenn Kaß ging an diesem Abend zu Bett mit einem großen, sichern
Gefühl der Beruhigung. Er war sich in seinem Knabeninstinkt bewußt: Du
bist in der richtigen Bahn, du hast zu Menschen und Dingen das Verhältnis
gewonnen, das dir Lebensbedingung ist, du hast dich durchgesetzt.
Page 55
Drittes Kapitel
W ie wenn aus stillen Wiesen- und Ackergründen sich geheimnisvolle
Berge heben und die Menschen, die an die Ebene gewöhnt sind, sich
in ihre Täler und Schluchten hineinwagen – so war es im Leben der
drei Wiesinger Knaben gewesen, als das neue Dasein, das schon seit Jahr
und Tag mit unbestimmten Umrissen am Horizont ihrer Erwartungen
gestanden hatte, sie jetzt umfing. Und das Neue, das sie in ihre
Entwicklung, in ihr geistiges und leibliches Werden hinein verarbeiten
mußten, meisterte sie oder wurde von ihnen gemeistert, je nachdem sie über
ihm standen oder es über sie hinwegging. Zu Hause waren sie vom
Säuglingsalter an in ihr Verhältnis zu den Dingen und Menschen
hineingewachsen und sich nie bewußt geworden, daß es anders sein könnte.
Jegliches war an seinem Platz gewesen in ihrem ruhigen Hinleben, und nun
geschah es auf einmal, daß wieder jeder die Ellenbogen rühren mußte, bis
er da stand, wo er hingehörte. Feindschaften und Freundschaften, Zu- und
Abneigungen sind zwischen Dorfkindern wie etwas, mit dem sie zur Welt
gekommen sind. So ein Dorfjunge trägt den ruhigen, stetigen Haß, der
zwischen ihm und einem andern ist, wie er seine Nase im Gesicht trägt und
wünscht und denkt nicht, daß sie anders oder etwa gar nicht da wäre. Wem
seine Gespielen besonders aufsässig sind, der nimmt es hin, wie einen
Höcker oder ein krummes Bein, das ihm die Natur mit auf den Lebensweg
gegeben hat. Dergleichen ist nicht, als ob es geworden, sondern als ob es
immer dagewesen wäre. Soll aber so ein junges Menschenkind sich
plötzlich mit Kopf und Herz in hundert andere, fremde Köpfe und Herzen
schicken, neben denen es nicht herangewachsen ist, dann stößt es sich an
allen Ecken und Kanten.
Am heftigsten von den dreien fand sich der weichherzige Heine Putty aus
seiner Bahn geschleudert. Er litt die ersten Tage unsäglich unter dem, was
er bei seinen Mitschülern als Hochmut, als Roheit und als Stumpfsinn
empfand, und was doch weiter nichts war, als der Hochmut, die Roheit und
der Stumpfsinn, die schon in seinen Dorfgespielen als die undifferenzierten
Keime späterer Entwicklungen vorhanden gewesen waren. Nur daß sie ihm
jetzt als etwas Neues lebendig entgegentraten, auf das er seinen
empfindlichen Seelenapparat erst einstellen mußte. Fritz Lampert fand sich
W ie wenn aus stillen Wiesen- und Ackergründen sich geheimnisvolle
Berge heben und die Menschen, die an die Ebene gewöhnt sind, sich
in ihre Täler und Schluchten hineinwagen – so war es im Leben der
drei Wiesinger Knaben gewesen, als das neue Dasein, das schon seit Jahr
und Tag mit unbestimmten Umrissen am Horizont ihrer Erwartungen
gestanden hatte, sie jetzt umfing. Und das Neue, das sie in ihre
Entwicklung, in ihr geistiges und leibliches Werden hinein verarbeiten
mußten, meisterte sie oder wurde von ihnen gemeistert, je nachdem sie über
ihm standen oder es über sie hinwegging. Zu Hause waren sie vom
Säuglingsalter an in ihr Verhältnis zu den Dingen und Menschen
hineingewachsen und sich nie bewußt geworden, daß es anders sein könnte.
Jegliches war an seinem Platz gewesen in ihrem ruhigen Hinleben, und nun
geschah es auf einmal, daß wieder jeder die Ellenbogen rühren mußte, bis
er da stand, wo er hingehörte. Feindschaften und Freundschaften, Zu- und
Abneigungen sind zwischen Dorfkindern wie etwas, mit dem sie zur Welt
gekommen sind. So ein Dorfjunge trägt den ruhigen, stetigen Haß, der
zwischen ihm und einem andern ist, wie er seine Nase im Gesicht trägt und
wünscht und denkt nicht, daß sie anders oder etwa gar nicht da wäre. Wem
seine Gespielen besonders aufsässig sind, der nimmt es hin, wie einen
Höcker oder ein krummes Bein, das ihm die Natur mit auf den Lebensweg
gegeben hat. Dergleichen ist nicht, als ob es geworden, sondern als ob es
immer dagewesen wäre. Soll aber so ein junges Menschenkind sich
plötzlich mit Kopf und Herz in hundert andere, fremde Köpfe und Herzen
schicken, neben denen es nicht herangewachsen ist, dann stößt es sich an
allen Ecken und Kanten.
Am heftigsten von den dreien fand sich der weichherzige Heine Putty aus
seiner Bahn geschleudert. Er litt die ersten Tage unsäglich unter dem, was
er bei seinen Mitschülern als Hochmut, als Roheit und als Stumpfsinn
empfand, und was doch weiter nichts war, als der Hochmut, die Roheit und
der Stumpfsinn, die schon in seinen Dorfgespielen als die undifferenzierten
Keime späterer Entwicklungen vorhanden gewesen waren. Nur daß sie ihm
jetzt als etwas Neues lebendig entgegentraten, auf das er seinen
empfindlichen Seelenapparat erst einstellen mußte. Fritz Lampert fand sich
Page 56
rascher und schmerzloser mit seiner neuen Umwelt ab. Seine Protzennatur
feite ihn gegen alle grüblerischen Zweifel an seiner Überlegenheit, und in
dem kleinen Kreise, in dem er sich bald heimisch zu machen wußte, war er,
gerade wie zu Hause, das reiche, verwöhnte Bauernsöhnchen, das sein
Taschengeld vernaschte und dem beständig von den heimlich gelutschten
Süßigkeiten eine braune Kruste in den Mundwinkeln saß.
Fenn Kaß freilich hatte gleich vom ersten Tage an durch seine beiden
Abenteuer sich eine Art Ausnahmestellung gesichert, die ihm das
Hineinfinden in die neue Ordnung bedeutend erleichterte. Der „Alte“ hatte
vor ihm Respekt bekommen, wenn er sich auch mit der felsenfesten Absicht
trug, diesen trotzigen Willen doch noch einmal auf feierliche Weise vor
allem Volke zu brechen und diesem verflixten klobigen Kerl von
Küsterssohn den Teufel Hochmut auszutreiben. Für die Kameraden war
Fenn Kaß mit dem Nimbus des Charakters umkleidet. Nichts imponierte
ihnen so, als wenn es von jemand hieß, er sei ein Charakter; denn sie
standen in dem Alter, wo in den Knaben das Seelenmetall sich zu härten
beginnen muß, soll daraus der Stahl werden, der dem Leben auf Stich und
Hieb standhält. Und darum empfanden sie instinktiv den Wert dessen, der
schon jetzt auf Stich und Hieb so stählernen Klang zurückgab.
Die erste Zeit freilich, da wurde es allen dreien hart. Da lernten sie zuerst
die Sehnsucht kennen. Die letzten Oktoberwochen gingen ins Land. Die
drei Wiesinger wußten: jetzt zieht daheim der brenzliche Geruch der
Kartoffelfeuer über Stoppeln und Wiesen; jetzt haben die Kameraden ein
Leben voller Freiheit. Sie brauchen nicht mehr in die Schule. Sie spielen in
den weiten Weidegründen Räuber und Gendarm. Wo ein Nußbaum steht,
schmeißen sie ihre Prügel nach den paar Nüssen, die der Bauer an den
äußersten Zweigen hat hängen lassen.
Putty dachte an die wonnigen Abende zu Hause, wenn er seine
Schularbeiten geschrieben hatte und, die Ellenbogen aufgestützt, die
Daumen in die Ohren gepreßt, den Inhalt des neuen Kalenders verschlang.
Fritz träumte davon, wie er beim Einfahren der Kartoffeln sich auf
glänzenden Pferderücken herumrekelte, auf den schönsten und feurigsten
Pferden des Dorfes, und wie jetzt bald die Kirmeß in Brebach käme, wo der
schlanke Fuchs in den Tilbury gespannt wurde und er zum Onkel Majerus
kutschieren durfte. Ja, damals war er noch ein Kerl, zu dem die andern
aufsahen. Hierin der langweiligen Stadt, da war er ein gewöhnlicher
feite ihn gegen alle grüblerischen Zweifel an seiner Überlegenheit, und in
dem kleinen Kreise, in dem er sich bald heimisch zu machen wußte, war er,
gerade wie zu Hause, das reiche, verwöhnte Bauernsöhnchen, das sein
Taschengeld vernaschte und dem beständig von den heimlich gelutschten
Süßigkeiten eine braune Kruste in den Mundwinkeln saß.
Fenn Kaß freilich hatte gleich vom ersten Tage an durch seine beiden
Abenteuer sich eine Art Ausnahmestellung gesichert, die ihm das
Hineinfinden in die neue Ordnung bedeutend erleichterte. Der „Alte“ hatte
vor ihm Respekt bekommen, wenn er sich auch mit der felsenfesten Absicht
trug, diesen trotzigen Willen doch noch einmal auf feierliche Weise vor
allem Volke zu brechen und diesem verflixten klobigen Kerl von
Küsterssohn den Teufel Hochmut auszutreiben. Für die Kameraden war
Fenn Kaß mit dem Nimbus des Charakters umkleidet. Nichts imponierte
ihnen so, als wenn es von jemand hieß, er sei ein Charakter; denn sie
standen in dem Alter, wo in den Knaben das Seelenmetall sich zu härten
beginnen muß, soll daraus der Stahl werden, der dem Leben auf Stich und
Hieb standhält. Und darum empfanden sie instinktiv den Wert dessen, der
schon jetzt auf Stich und Hieb so stählernen Klang zurückgab.
Die erste Zeit freilich, da wurde es allen dreien hart. Da lernten sie zuerst
die Sehnsucht kennen. Die letzten Oktoberwochen gingen ins Land. Die
drei Wiesinger wußten: jetzt zieht daheim der brenzliche Geruch der
Kartoffelfeuer über Stoppeln und Wiesen; jetzt haben die Kameraden ein
Leben voller Freiheit. Sie brauchen nicht mehr in die Schule. Sie spielen in
den weiten Weidegründen Räuber und Gendarm. Wo ein Nußbaum steht,
schmeißen sie ihre Prügel nach den paar Nüssen, die der Bauer an den
äußersten Zweigen hat hängen lassen.
Putty dachte an die wonnigen Abende zu Hause, wenn er seine
Schularbeiten geschrieben hatte und, die Ellenbogen aufgestützt, die
Daumen in die Ohren gepreßt, den Inhalt des neuen Kalenders verschlang.
Fritz träumte davon, wie er beim Einfahren der Kartoffeln sich auf
glänzenden Pferderücken herumrekelte, auf den schönsten und feurigsten
Pferden des Dorfes, und wie jetzt bald die Kirmeß in Brebach käme, wo der
schlanke Fuchs in den Tilbury gespannt wurde und er zum Onkel Majerus
kutschieren durfte. Ja, damals war er noch ein Kerl, zu dem die andern
aufsahen. Hierin der langweiligen Stadt, da war er ein gewöhnlicher
Page 57
„Wiesenfresser“, dem kein Mensch ansah, daß sein Vater der dickste Bauer
in der Gemeinde war und den schönsten Kutschwagen besaß.
Und Fenn Kaß? Er ging den Berg seiner neuen Pflichten hinan mit dem
stetigen Schritt des treuen Arbeitsgauls, nicht zu langsam und nicht zu
rasch. Aber mitten hinein überkam es ihn doch manchmal mit tiefem
Sehnen nach allem, was er verlassen hatte. Nach dem schlichten Dasein
daheim, nach dem kleinen, ruhigen Kreis, in dem sich für ihn bisher Arbeit
und Genießen abgewickelt hatten. Nach seiner Kirche, nach seinen
Glocken, nach dem Friedhof mit den Ebereschen, mit Malven und
Sonnenblumen über halb eingesunkenen Rasenhügeln und schiefen, grauen
Steinkreuzen; nach den kleinen Besorgungen im Pfarrhaus, der freundlichen
„Zäre Joffer“ und ihrem Bruder mit den gütig ernsten Augen, dem Père
Reining, dem Lehrer Braun – und da wären wir ja auch bei Lehrers
Marjänni. Sobald Fenn in seinen Gedanken so weit war, meinte er, jeder
müsse ihm ansehen, daß er gerade an so ein dummes Mädel dachte. Er
schämte sich, drückte die Fäuste fester an die Schläfen und biß die Zähne
grimmiger aufeinander, und wie mit Hammerschlägen trieb er sich die
Regeln und Vokabeln in den Kopf hinein.
D ie ersten Ferien kamen. Am Abend vor Weihnachten gingen die drei
Wiesinger zu Fuß nach Hause. Und zum ersten Male erlebte es Fenn
Kaß, wie einem das Vaterhaus so klein wird, sobald man es einmal
verlassen und einmal eine Zeitlang zwischen weitern Wänden und unter
einem höhern Dach gewohnt hat. Er kam sich vor, als sei er vom
heimatlichen Ufer abgetrieben, und alles, alles sei zurück- und in sich
zusammengesunken, bis es so klein geworden war, wie die Ferne alle Dinge
macht.
Auf den Weihnachtstag waren die drei jungen Studiosen beim Pfarrer
Reining zu Mittag geladen. Nach dem ersten Glas Wein erzählte Putty mit
glänzenden Augen von ihrem Leben im Konvikt; wie sie schon für
nächstens eine Theateraufführung vorbereiteten, wie er darin einen
vornehmen Pagen und Fritz einen Reitersmann mit Stiefeln und Sporen
darzustellen habe.
Ob denn der Fenn nicht auch dabei sei? fragte Fräulein Gretchen. Nein,
der Fenn hatte wohl daran keinen Spaß, es war auch niemandem
in der Gemeinde war und den schönsten Kutschwagen besaß.
Und Fenn Kaß? Er ging den Berg seiner neuen Pflichten hinan mit dem
stetigen Schritt des treuen Arbeitsgauls, nicht zu langsam und nicht zu
rasch. Aber mitten hinein überkam es ihn doch manchmal mit tiefem
Sehnen nach allem, was er verlassen hatte. Nach dem schlichten Dasein
daheim, nach dem kleinen, ruhigen Kreis, in dem sich für ihn bisher Arbeit
und Genießen abgewickelt hatten. Nach seiner Kirche, nach seinen
Glocken, nach dem Friedhof mit den Ebereschen, mit Malven und
Sonnenblumen über halb eingesunkenen Rasenhügeln und schiefen, grauen
Steinkreuzen; nach den kleinen Besorgungen im Pfarrhaus, der freundlichen
„Zäre Joffer“ und ihrem Bruder mit den gütig ernsten Augen, dem Père
Reining, dem Lehrer Braun – und da wären wir ja auch bei Lehrers
Marjänni. Sobald Fenn in seinen Gedanken so weit war, meinte er, jeder
müsse ihm ansehen, daß er gerade an so ein dummes Mädel dachte. Er
schämte sich, drückte die Fäuste fester an die Schläfen und biß die Zähne
grimmiger aufeinander, und wie mit Hammerschlägen trieb er sich die
Regeln und Vokabeln in den Kopf hinein.
D ie ersten Ferien kamen. Am Abend vor Weihnachten gingen die drei
Wiesinger zu Fuß nach Hause. Und zum ersten Male erlebte es Fenn
Kaß, wie einem das Vaterhaus so klein wird, sobald man es einmal
verlassen und einmal eine Zeitlang zwischen weitern Wänden und unter
einem höhern Dach gewohnt hat. Er kam sich vor, als sei er vom
heimatlichen Ufer abgetrieben, und alles, alles sei zurück- und in sich
zusammengesunken, bis es so klein geworden war, wie die Ferne alle Dinge
macht.
Auf den Weihnachtstag waren die drei jungen Studiosen beim Pfarrer
Reining zu Mittag geladen. Nach dem ersten Glas Wein erzählte Putty mit
glänzenden Augen von ihrem Leben im Konvikt; wie sie schon für
nächstens eine Theateraufführung vorbereiteten, wie er darin einen
vornehmen Pagen und Fritz einen Reitersmann mit Stiefeln und Sporen
darzustellen habe.
Ob denn der Fenn nicht auch dabei sei? fragte Fräulein Gretchen. Nein,
der Fenn hatte wohl daran keinen Spaß, es war auch niemandem
Page 58
eingefallen, ihn zu fragen. Über Pfarrer Reinings weißes Gelehrtengesicht
ging ein feines Lächeln. Er nickte und meinte: „Ja, der Fenn lernt das
Komödienspielen nicht. Der ist von einer andern Sorte.“
Am Nachmittag machten alle drei zusammen einen Besuch bei Lehrers.
Herr Braun interessierte sich für die Methoden seiner Oberkollegen aus der
Stadt, und Marjänni hörte altklug zu, wie es die Jungens jeder in seiner Art
zu erklären suchten und wie doch immer Fenn mit ein paar Worten das
Wesentliche zu treffen schien. Putty war einigermaßen enttäuscht, daß die
Gespielin nicht stärker von der Rückkehr der drei überwältigt war. Sie tat,
als stünde sie etwas durchaus Selbstverständlichem gegenüber. Fritz brachte
eine Schachtel Schokoladenpralinés mit, die er selbst schon halb
ausgenascht hatte. Er schickte beim Überreichen seiner Gabe voraus, daß
die mit brauner Füllung die besten seien, und er bestand darauf, daß
Marjänni in seiner Gegenwart von jeder Sorte eines kostete, während sie in
ihrer vorsorglichen Hausfrauenart am liebsten die ganze Schachtel
aufgehoben hätte.
Für Putty und Fritz waren die paar Ferientage voller festlichen
Sonnenscheins. Der Schneider kam aus dem Stolz und der Rührung über
„seinen Studenten“ nicht heraus und erzählte im Wirtshaus dramatische
Geschichten über Puttys Erfolge: Wie er als einziger der ganzen Klasse
einmal zu sagen wußte, wer Peru entdeckt hatte. Peru, Peru! Ihr Dickköpfe
wißt nicht einmal, ob Peru eine Stadt ist oder ein Purgiermittel! Von Mutter
und Schwestern wurde Putty auf Händen getragen und behandelt wie ein
seltener Besuch, dem man alles zu lieb tun müsse. Er mußte sich mit ihnen
in die mollig geheizte Stube setzen und von seinem Luxemburger Leben
erzählen, was er in Gegenwart des Vaters nie tat. „Der erzählt noch zuviel,
wenn er schon nichts weiß!“ Die Frauen saßen mit offenem Munde, die
Hände in die Schürze gewickelt, und Puttys lebendige Erzählkunst war wie
etwas, das lau und wohlig an ihnen herunterrann. Das waren die Stunden,
nach denen ihn noch lange Jahre ein weiches Sehnen überkam, wenn er
wieder in der Stadt sich durch seine Pennälerpflichten hindurchwinden
mußte.
Fritz Lampert verbrachte den größten Teil seiner Ferientage mit seinem
Vater im Wirtshaus und auf der Kegelbahn. Und wenn es auch wieder um
einen Taler den Einsatz ging, der alte Lampert legte ihn für Fritz hin und
verzog das gedunsene Trinkergesicht ebensowenig, wenn einer der andern
den Gewinn einheimste, wie wenn er selber oder Fritz das Spiel gewann.
ging ein feines Lächeln. Er nickte und meinte: „Ja, der Fenn lernt das
Komödienspielen nicht. Der ist von einer andern Sorte.“
Am Nachmittag machten alle drei zusammen einen Besuch bei Lehrers.
Herr Braun interessierte sich für die Methoden seiner Oberkollegen aus der
Stadt, und Marjänni hörte altklug zu, wie es die Jungens jeder in seiner Art
zu erklären suchten und wie doch immer Fenn mit ein paar Worten das
Wesentliche zu treffen schien. Putty war einigermaßen enttäuscht, daß die
Gespielin nicht stärker von der Rückkehr der drei überwältigt war. Sie tat,
als stünde sie etwas durchaus Selbstverständlichem gegenüber. Fritz brachte
eine Schachtel Schokoladenpralinés mit, die er selbst schon halb
ausgenascht hatte. Er schickte beim Überreichen seiner Gabe voraus, daß
die mit brauner Füllung die besten seien, und er bestand darauf, daß
Marjänni in seiner Gegenwart von jeder Sorte eines kostete, während sie in
ihrer vorsorglichen Hausfrauenart am liebsten die ganze Schachtel
aufgehoben hätte.
Für Putty und Fritz waren die paar Ferientage voller festlichen
Sonnenscheins. Der Schneider kam aus dem Stolz und der Rührung über
„seinen Studenten“ nicht heraus und erzählte im Wirtshaus dramatische
Geschichten über Puttys Erfolge: Wie er als einziger der ganzen Klasse
einmal zu sagen wußte, wer Peru entdeckt hatte. Peru, Peru! Ihr Dickköpfe
wißt nicht einmal, ob Peru eine Stadt ist oder ein Purgiermittel! Von Mutter
und Schwestern wurde Putty auf Händen getragen und behandelt wie ein
seltener Besuch, dem man alles zu lieb tun müsse. Er mußte sich mit ihnen
in die mollig geheizte Stube setzen und von seinem Luxemburger Leben
erzählen, was er in Gegenwart des Vaters nie tat. „Der erzählt noch zuviel,
wenn er schon nichts weiß!“ Die Frauen saßen mit offenem Munde, die
Hände in die Schürze gewickelt, und Puttys lebendige Erzählkunst war wie
etwas, das lau und wohlig an ihnen herunterrann. Das waren die Stunden,
nach denen ihn noch lange Jahre ein weiches Sehnen überkam, wenn er
wieder in der Stadt sich durch seine Pennälerpflichten hindurchwinden
mußte.
Fritz Lampert verbrachte den größten Teil seiner Ferientage mit seinem
Vater im Wirtshaus und auf der Kegelbahn. Und wenn es auch wieder um
einen Taler den Einsatz ging, der alte Lampert legte ihn für Fritz hin und
verzog das gedunsene Trinkergesicht ebensowenig, wenn einer der andern
den Gewinn einheimste, wie wenn er selber oder Fritz das Spiel gewann.
Page 59
Die beiden Lamperts waren bekannt dafür, daß sie mit niemand, nicht
einmal unter sich, halbpart spielten, und bei den Stammgästen der
Kegelbahn, die das Spiel als weitverzweigtes Kompagniegeschäft betrieben,
waren sie deshalb nur mäßig beliebt. Eines Abends, als der alte Lampert
gerade ein paarmal nacheinander ein ziemlich fettes Spiel eingestrichen
hatte, mit der nachlässigen Gebärde, mit der er vom Tisch nach dem
Pfeifenstopfen die Tabakreste in den Beutel wischte, hörte Fritz, wie ein
Bursche zu dem andern sagte: „Er brauchte auch nicht so zu tun, als ob ihm
unser Geld Schmierkäse wäre. Er kann’s gebrauchen.“ Als Fritz abends
vorm Schlafengehen dem Alten die Worte wiederholte, zuckte der die
Achseln, holte aus dem Wandschrank die Flasche mit dem alten
Kornschnaps und trank davon zwei Weingläser voll. Dann ging er heiser
lachend die Treppe hinauf und keuchte:
„Sie können mir alle den Buckel hinaufsteigen.“
Mit Fenn Kaß war es, als ob der Faden seiner alten Gewohnheiten gar
nicht abgerissen wäre. Er ging seinem Vater beim Küsteramt an die Hand
ganz wie vordem und tat gar nicht dergleichen, als ob er als studierender
Mensch auf Ruhe in den Ferien ein verbrieftes Recht hätte. Die Teilung der
Arbeit, wie sie früher bestanden hatte, war für Fenn auch in den Ferien
maßgebend. Wenn Vater Kaß der erste aus den Federn war und eigenhändig
in aller Früh die Betglocke läutete, so lag alles weitere Geläute tagsüber und
bis zum späten Abend seinem Sohn ob. Fenn schloß die Kirche auf und zu,
Fenn legte dem Herrn Pfarrer das Meßgewand zurecht, Fenn sorgte fürs
Kerzenanzünden, für den richtigen Altarschmuck, wie es die Tage nach der
Abstufung ihres festlichen Charakters verlangten. Er kannte alle Schmuck-
Garnituren auf den Fingern auswendig.
Aber am meisten Genugtuung bereitete ihm das Aufziehen der Turmuhr.
Das war ein Geschäft, mit dem ihn sein Vater lange nicht hatte betrauen
wollen. Es galt als geradezu halsbrechend. Man mußte auf Leitern im
Innern des Turmes von einem Absatz zum andern steigen, daß einem beim
Hinunterblicken ordentlich schwindelig werden konnte. Oben stand man
dann auf einer schmalen Bretterbrücke und mußte mit der Kurbel die
schweren Gewichte heraufwinden. Ein Fehltritt, und man stürzte den
ganzen Leiterweg wieder hinunter. Das Uhraufziehen war der Frau Küsterin
eine Quelle der Sorge und Angst. Immer, wenn einer von ihren Mannsleuten
in den Turm steigen mußte, wartete sie mit banger Seele, bis er heil und
gesund wieder vor ihr stand. Wie eine Försterfrau um ihren Mann bangt,
einmal unter sich, halbpart spielten, und bei den Stammgästen der
Kegelbahn, die das Spiel als weitverzweigtes Kompagniegeschäft betrieben,
waren sie deshalb nur mäßig beliebt. Eines Abends, als der alte Lampert
gerade ein paarmal nacheinander ein ziemlich fettes Spiel eingestrichen
hatte, mit der nachlässigen Gebärde, mit der er vom Tisch nach dem
Pfeifenstopfen die Tabakreste in den Beutel wischte, hörte Fritz, wie ein
Bursche zu dem andern sagte: „Er brauchte auch nicht so zu tun, als ob ihm
unser Geld Schmierkäse wäre. Er kann’s gebrauchen.“ Als Fritz abends
vorm Schlafengehen dem Alten die Worte wiederholte, zuckte der die
Achseln, holte aus dem Wandschrank die Flasche mit dem alten
Kornschnaps und trank davon zwei Weingläser voll. Dann ging er heiser
lachend die Treppe hinauf und keuchte:
„Sie können mir alle den Buckel hinaufsteigen.“
Mit Fenn Kaß war es, als ob der Faden seiner alten Gewohnheiten gar
nicht abgerissen wäre. Er ging seinem Vater beim Küsteramt an die Hand
ganz wie vordem und tat gar nicht dergleichen, als ob er als studierender
Mensch auf Ruhe in den Ferien ein verbrieftes Recht hätte. Die Teilung der
Arbeit, wie sie früher bestanden hatte, war für Fenn auch in den Ferien
maßgebend. Wenn Vater Kaß der erste aus den Federn war und eigenhändig
in aller Früh die Betglocke läutete, so lag alles weitere Geläute tagsüber und
bis zum späten Abend seinem Sohn ob. Fenn schloß die Kirche auf und zu,
Fenn legte dem Herrn Pfarrer das Meßgewand zurecht, Fenn sorgte fürs
Kerzenanzünden, für den richtigen Altarschmuck, wie es die Tage nach der
Abstufung ihres festlichen Charakters verlangten. Er kannte alle Schmuck-
Garnituren auf den Fingern auswendig.
Aber am meisten Genugtuung bereitete ihm das Aufziehen der Turmuhr.
Das war ein Geschäft, mit dem ihn sein Vater lange nicht hatte betrauen
wollen. Es galt als geradezu halsbrechend. Man mußte auf Leitern im
Innern des Turmes von einem Absatz zum andern steigen, daß einem beim
Hinunterblicken ordentlich schwindelig werden konnte. Oben stand man
dann auf einer schmalen Bretterbrücke und mußte mit der Kurbel die
schweren Gewichte heraufwinden. Ein Fehltritt, und man stürzte den
ganzen Leiterweg wieder hinunter. Das Uhraufziehen war der Frau Küsterin
eine Quelle der Sorge und Angst. Immer, wenn einer von ihren Mannsleuten
in den Turm steigen mußte, wartete sie mit banger Seele, bis er heil und
gesund wieder vor ihr stand. Wie eine Försterfrau um ihren Mann bangt,
Page 60
wenn er auf Wilddiebe lauern geht. Für Fenn aber war es eine der reinsten
Freuden, an diese berüchtigte Arbeit die Spannkraft seiner jungen Muskeln
und die Abenteuerlust seiner dreizehn Jahre zu setzen. Und dann das
Uhrwerk! Das war ihm wie ein lebendiges Tier, dem er in den Brustkasten
hineingucken durfte. Er kannte jedes Rad mit Namen, er vermaß sich, den
ganzen Krempel auseinanderzuschrauben und wieder einzurichten, ohne ein
Rad übrig zu behalten, wie es dem Dorfschmied einst passiert war, als er in
der Uhr nach dem Rechten hatte sehen wollen.
Fenn Kaß war eine eigene Natur, zu deren Kern die Äußerlichkeiten des
Lebens nicht leicht hineindrangen. Die Seele der andern war wie eine Wage,
die mit jeder Veränderung der Umwelt aus dem Gleichgewicht kam.
Zwischen Kinderstube und Stadtleben schwankte sie hin und her, Jahre
lang, bis eine Seite der andern leidlich die Wage hielt. Diesmal gab es bei
der Rückkehr aus den Ferien noch einen bedenklichen Ruck, und die ersten
Abende konnte man in den Schlafsälen der Jüngsten manch unterdrücktes
Schluchzen hören, und unter mancher Wange netzte sich das Kopfkissen
von Heimwehtränen.
D ann ging das Leben im Konvikt seinen Gang, Jahr um Jahr. Fenn Kaß
schlug sich redlich durch seine Klassen. Sein Wissen wuchs, wie das
Holz der Eiche, Jahresring um Jahresring, dicht und fest und sicher
aufeinander, aber das Wissen Puttys war wie weiches Pappelholz, hoch und
rasch emporgeschossen, unzuverlässig und untüchtig. Den Lampert hatten
sie schon nach dem ersten Jahre hinter sich zurückgelassen. Er geriet immer
bedenklicher ins Hintertreffen, und eines Tages wurde er von dem „Alten“
endgültig abgeschüttelt. Das kam so. Fritz war eines Morgens mit den
andern zum Weg in die Klasse angetreten. Man war im Anstaltshof
rottenweise aufgestellt, unter der Führung eines ältern Semesters, das in der
Terminologie des Hauses Präfekt hieß. Der Präfekt, ein derber Öslinger
Bauernsproß mit klobigen Nagelschuhen und zu kurzen Beinkleidern, dem
die roten Hände wie Hummerscheren aus den Ärmeln hingen, hatte den
jungen Lampert, der wieder einmal einen Anzug nach dem neuesten Schnitt
trug, ironisch beschnuppert. Fritz hielt es nämlich für fein, sich stets in eine
Wolke desjenigen Parfüms zu hüllen, von dem er jeweilig gehört oder
gelesen hatte, es sei das feinste. Diesmal war es Verbena.
Freuden, an diese berüchtigte Arbeit die Spannkraft seiner jungen Muskeln
und die Abenteuerlust seiner dreizehn Jahre zu setzen. Und dann das
Uhrwerk! Das war ihm wie ein lebendiges Tier, dem er in den Brustkasten
hineingucken durfte. Er kannte jedes Rad mit Namen, er vermaß sich, den
ganzen Krempel auseinanderzuschrauben und wieder einzurichten, ohne ein
Rad übrig zu behalten, wie es dem Dorfschmied einst passiert war, als er in
der Uhr nach dem Rechten hatte sehen wollen.
Fenn Kaß war eine eigene Natur, zu deren Kern die Äußerlichkeiten des
Lebens nicht leicht hineindrangen. Die Seele der andern war wie eine Wage,
die mit jeder Veränderung der Umwelt aus dem Gleichgewicht kam.
Zwischen Kinderstube und Stadtleben schwankte sie hin und her, Jahre
lang, bis eine Seite der andern leidlich die Wage hielt. Diesmal gab es bei
der Rückkehr aus den Ferien noch einen bedenklichen Ruck, und die ersten
Abende konnte man in den Schlafsälen der Jüngsten manch unterdrücktes
Schluchzen hören, und unter mancher Wange netzte sich das Kopfkissen
von Heimwehtränen.
D ann ging das Leben im Konvikt seinen Gang, Jahr um Jahr. Fenn Kaß
schlug sich redlich durch seine Klassen. Sein Wissen wuchs, wie das
Holz der Eiche, Jahresring um Jahresring, dicht und fest und sicher
aufeinander, aber das Wissen Puttys war wie weiches Pappelholz, hoch und
rasch emporgeschossen, unzuverlässig und untüchtig. Den Lampert hatten
sie schon nach dem ersten Jahre hinter sich zurückgelassen. Er geriet immer
bedenklicher ins Hintertreffen, und eines Tages wurde er von dem „Alten“
endgültig abgeschüttelt. Das kam so. Fritz war eines Morgens mit den
andern zum Weg in die Klasse angetreten. Man war im Anstaltshof
rottenweise aufgestellt, unter der Führung eines ältern Semesters, das in der
Terminologie des Hauses Präfekt hieß. Der Präfekt, ein derber Öslinger
Bauernsproß mit klobigen Nagelschuhen und zu kurzen Beinkleidern, dem
die roten Hände wie Hummerscheren aus den Ärmeln hingen, hatte den
jungen Lampert, der wieder einmal einen Anzug nach dem neuesten Schnitt
trug, ironisch beschnuppert. Fritz hielt es nämlich für fein, sich stets in eine
Wolke desjenigen Parfüms zu hüllen, von dem er jeweilig gehört oder
gelesen hatte, es sei das feinste. Diesmal war es Verbena.
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„Der Teufel weiß, wonach der Lampert wieder duftet!“ sagte der Präfekt.
Fritz gab eine so unanständige Antwort, daß die ganze Rotte in ein
betäubendes Irokesengeheul ausbrach. Der Herr Direktor kam wie mit
Siebenmeilenstiefeln über den Platz gestelzt und fragte zornfunkelnd, was
los sei. Der Präfekt wiederholte treu die Lampertsche Verbalinjurie, und das
Geheul erscholl von neuem.
Wie Blitze züngelten die Worte des Alten auf Fritzens Haupt. Der drehte
ihm den Rücken und zuckte die Achseln. Die Stimme Kleyers überschlug
sich, zischte, fauchte, sprang in spitzem, elastischem Echo von der
Hausfront bis über das Tal hinüber. „Freches Individuum! Abbitte leisten!
Sofort! Auf der Stelle! Oder hinaus! Hinaus!! Hinaus!!!“ „Jeß Marja!“ sagte
Fritz gelassen in diesen Zornesorkan hinein. „Maacht iech net mid! Der krit
jo e Schlaag!“ Und er gehe direkt, lieber heute als morgen, und er habe die
Boulettenwirtschaft schon ewig satt. Zwischen jeden Satz hinein fuhr wie
eine Stahlklinge ein blitzendes „Ruhig! Still! Kein Wort mehr!“ des
wutschnaubenden Direktors.
Fritz Lampert ging wirklich und mietete sich in der Stadt eine behagliche
Bude. Er war die nächste Zeit hindurch der Held des Tages. Und die Wut,
die Herr Kleyer an diesem räudigen Schaf nicht hatte auslassen können,
kühlte er in kleinen Ausfällen, die er gegen Fenn Kaß richtete. Fenn Kaß,
der andere Wiesinger, war ja derselbe Trotzkopf wie sein Dorfgenosse, es
bestand zwischen ihnen zweifellos eine heimliche Solidarität, die Fenn
büßen mußte. Bald donnerte ihn bei Tisch der Alte an, weil Fenn mit einem
Nachbar ein Wort gewechselt hatte, bald gab er ihm in der Kapelle einen
Stoß, wenn er beim Knien sich nicht genug zusammennahm, bald ging ein
Sturzbach über das Haupt des Sünders nieder, wenn ihn Herr Kleyer mit
den Händen in den Taschen erblickte. Fenn ließ alles mit ruhigem Gemüt
über sich ergehen. Er wußte: muckte er auf, so gab es zwischen ihm und
dem Direktor ein Ringen auf Leben und Tod. Wozu, dachte er, dies
Fingerhackeln? Ich laß mich doch nicht zu Brei zermalmen, daß sie nachher
aus mir eine neue Masse kneten, wie sie sie brauchen. Ich weiß selbst, was
ich tue.
In solchen Stunden war es ihm ein Trost, mit Theo Schütz zusammen zu
sein. Der war auch einer von den Hartgesottenen, die sich nicht von dem
„Alten“ in seinem Erziehungsraptus auf denselben Leisten mit hundert
andern wollten schlagen lassen. „Er will einen bloß zerbrechen, damit er die
Stücke nach seinem Gustus wieder zusammenleimen kann!“ sagte Theo zu
Fritz gab eine so unanständige Antwort, daß die ganze Rotte in ein
betäubendes Irokesengeheul ausbrach. Der Herr Direktor kam wie mit
Siebenmeilenstiefeln über den Platz gestelzt und fragte zornfunkelnd, was
los sei. Der Präfekt wiederholte treu die Lampertsche Verbalinjurie, und das
Geheul erscholl von neuem.
Wie Blitze züngelten die Worte des Alten auf Fritzens Haupt. Der drehte
ihm den Rücken und zuckte die Achseln. Die Stimme Kleyers überschlug
sich, zischte, fauchte, sprang in spitzem, elastischem Echo von der
Hausfront bis über das Tal hinüber. „Freches Individuum! Abbitte leisten!
Sofort! Auf der Stelle! Oder hinaus! Hinaus!! Hinaus!!!“ „Jeß Marja!“ sagte
Fritz gelassen in diesen Zornesorkan hinein. „Maacht iech net mid! Der krit
jo e Schlaag!“ Und er gehe direkt, lieber heute als morgen, und er habe die
Boulettenwirtschaft schon ewig satt. Zwischen jeden Satz hinein fuhr wie
eine Stahlklinge ein blitzendes „Ruhig! Still! Kein Wort mehr!“ des
wutschnaubenden Direktors.
Fritz Lampert ging wirklich und mietete sich in der Stadt eine behagliche
Bude. Er war die nächste Zeit hindurch der Held des Tages. Und die Wut,
die Herr Kleyer an diesem räudigen Schaf nicht hatte auslassen können,
kühlte er in kleinen Ausfällen, die er gegen Fenn Kaß richtete. Fenn Kaß,
der andere Wiesinger, war ja derselbe Trotzkopf wie sein Dorfgenosse, es
bestand zwischen ihnen zweifellos eine heimliche Solidarität, die Fenn
büßen mußte. Bald donnerte ihn bei Tisch der Alte an, weil Fenn mit einem
Nachbar ein Wort gewechselt hatte, bald gab er ihm in der Kapelle einen
Stoß, wenn er beim Knien sich nicht genug zusammennahm, bald ging ein
Sturzbach über das Haupt des Sünders nieder, wenn ihn Herr Kleyer mit
den Händen in den Taschen erblickte. Fenn ließ alles mit ruhigem Gemüt
über sich ergehen. Er wußte: muckte er auf, so gab es zwischen ihm und
dem Direktor ein Ringen auf Leben und Tod. Wozu, dachte er, dies
Fingerhackeln? Ich laß mich doch nicht zu Brei zermalmen, daß sie nachher
aus mir eine neue Masse kneten, wie sie sie brauchen. Ich weiß selbst, was
ich tue.
In solchen Stunden war es ihm ein Trost, mit Theo Schütz zusammen zu
sein. Der war auch einer von den Hartgesottenen, die sich nicht von dem
„Alten“ in seinem Erziehungsraptus auf denselben Leisten mit hundert
andern wollten schlagen lassen. „Er will einen bloß zerbrechen, damit er die
Stücke nach seinem Gustus wieder zusammenleimen kann!“ sagte Theo zu
Page 62
Fenn. „Um mich kümmert er sich weniger, ich bin hier nur geduldet, sie
wissen, daß ich später doch meine eigenen Wege gehe. Aber du, du gehörst
ihnen mit Haut und Haaren, wenn du später deinen Willen hast, kannst du
ihnen allerhand Striche durch allerhand Rechnungen machen. Darum mußt
du hinein in die Form.“
„Wenn ich aber doch nicht will? Er kann mir doch nichts vorwerfen; ich
tue in allem meine Pflicht, mehr brauche ich nicht.“
Fenn Kaß hatte auch schon mit seinem Vater über sein Verhältnis zu
Herrn Kleyer Rat gepflogen. Der war geradeswegs mit ihm zum Pfarrer
Reining gegangen. Herr Reining ließ sich von Fenn die Sache
auseinanderlegen, nickte still vor sich hin und sagte, er werde sehen, was zu
tun sei. Aber hinterher tat er gar nichts und dachte: der Fenn ist ein
Goldkerl, der frißt sich durch.
A uf den Lippen der drei Wiesinger sproßte schon der Flaum der
Jünglingsjahre und es war an der Zeit, da die blinde Unbefangenheit
ihrer Knabenjahre sich in ahnende Neugier vor den Rätseln des
Lebens zu wandeln begann.
Fritz Lampert hatte in der derb zufassenden Einfachheit seiner
Bauernnatur vor den Toren, die ihn in das Heiligtum neuer Erkenntnisse
führen sollten, nicht lange halt gemacht, und es hatte ihn seelisch auch
weiter nicht erschüttert, was er auf seinen verbotenen Streifzügen erlebt
hatte. Für Putty aber, den er ohne Umschweife eines Tages in seine
Eroberungen einweihte, wurde dies zu einem Erlebnis, das ihn in glühende
Gedankenorgien hineinpeitschte. Andern Tags predigte Direktor Kleyer in
der Kapelle. Es klang dem jungen Heinen in die Ohren wie die Posaunen
des Jüngsten Gerichtes, als er begann: „Geliebte Zöglinge! Hütet euch! Das
Laster geht um! Das Laster mit bleichen Hängebacken und bläulich fahlen
Säcken unter den Augen. Und wen es vergiftet, und wessen Blicke vordem
leuchteten wie Kohlenfeuer im Felsengemäuer, dessen Inneres wird eitel
Fäulnis! Und sein Blick wird wie der Sumpf, auf dessen trübem Spiegel das
Gift der Tiefe schillert!“
Putty war vernichtet. Ihm schien, als spürte er den Hauch der Fäulnis von
sich ausgehen und als seien seine Augen trüb wie Sümpfe. Und während am
Abend nach Tisch die Kameraden lärmend durch Hof und Gänge tobten,
wissen, daß ich später doch meine eigenen Wege gehe. Aber du, du gehörst
ihnen mit Haut und Haaren, wenn du später deinen Willen hast, kannst du
ihnen allerhand Striche durch allerhand Rechnungen machen. Darum mußt
du hinein in die Form.“
„Wenn ich aber doch nicht will? Er kann mir doch nichts vorwerfen; ich
tue in allem meine Pflicht, mehr brauche ich nicht.“
Fenn Kaß hatte auch schon mit seinem Vater über sein Verhältnis zu
Herrn Kleyer Rat gepflogen. Der war geradeswegs mit ihm zum Pfarrer
Reining gegangen. Herr Reining ließ sich von Fenn die Sache
auseinanderlegen, nickte still vor sich hin und sagte, er werde sehen, was zu
tun sei. Aber hinterher tat er gar nichts und dachte: der Fenn ist ein
Goldkerl, der frißt sich durch.
A uf den Lippen der drei Wiesinger sproßte schon der Flaum der
Jünglingsjahre und es war an der Zeit, da die blinde Unbefangenheit
ihrer Knabenjahre sich in ahnende Neugier vor den Rätseln des
Lebens zu wandeln begann.
Fritz Lampert hatte in der derb zufassenden Einfachheit seiner
Bauernnatur vor den Toren, die ihn in das Heiligtum neuer Erkenntnisse
führen sollten, nicht lange halt gemacht, und es hatte ihn seelisch auch
weiter nicht erschüttert, was er auf seinen verbotenen Streifzügen erlebt
hatte. Für Putty aber, den er ohne Umschweife eines Tages in seine
Eroberungen einweihte, wurde dies zu einem Erlebnis, das ihn in glühende
Gedankenorgien hineinpeitschte. Andern Tags predigte Direktor Kleyer in
der Kapelle. Es klang dem jungen Heinen in die Ohren wie die Posaunen
des Jüngsten Gerichtes, als er begann: „Geliebte Zöglinge! Hütet euch! Das
Laster geht um! Das Laster mit bleichen Hängebacken und bläulich fahlen
Säcken unter den Augen. Und wen es vergiftet, und wessen Blicke vordem
leuchteten wie Kohlenfeuer im Felsengemäuer, dessen Inneres wird eitel
Fäulnis! Und sein Blick wird wie der Sumpf, auf dessen trübem Spiegel das
Gift der Tiefe schillert!“
Putty war vernichtet. Ihm schien, als spürte er den Hauch der Fäulnis von
sich ausgehen und als seien seine Augen trüb wie Sümpfe. Und während am
Abend nach Tisch die Kameraden lärmend durch Hof und Gänge tobten,
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saß er zerknirscht, in weinender Inbrunst vor dem Altar in der Kapelle und
reinigte seine Seele durch Gebet. Aber je mehr er betete, desto grimmiger
fielen ihn die Gedanken an, die heimtückischen Gedanken an die sündige
Lust. Er erhob hilfeflehend den Blick und sah vor sich ein Stationsbild: die
Grablegung. Hunderte Male hatte er es gesehen und betrachtet – jetzt stach
ihm zum ersten Male der nackte Arm der Maria Magdalena in die Augen,
der durch ihr gelöstes Haar durchschimmerte, und ihr Antlitz nahm
plötzlich bekannte Züge an: die schöne Wiesinger Lehrerstochter! Langsam,
wie das junge Sonnenlicht von der erwachenden Erde, ergriff das Weib von
dieser keimenden Mannheit Besitz. Putty taumelte aus der Kapelle in die
Spiele seiner Kameraden hinein. Aber seine Glieder gehorchten ihm nicht.
Es war darin wie ein lähmendes Gift, wie man es im Traum spürt, wenn
man sich bewegen will und kann nicht los aus der warmen, zähen
Umarmung des Schlafes. Seine Kehle war voller Bangigkeit und sein Herz
voll eines unendlichen Mitleids mit sich selbst. Wie ein Opferlamm kam er
sich vor, ein Märtyrer, der sein Leben durch elterliche Unvernunft, durch
stumpfsinnigen Zwang verdorben und verpfuscht sieht. Der Gedanke
durchfuhr ihn plötzlich an das Kleid der Entsagung, das er nach Jahren
tragen sollte, an die schwarze, geschlechtslose Soutane. Und er bäumte
dagegen zähneknirschend auf, wie gegen einen brutalen Eingriff in seine
Persönlichkeit.
Mitten in der Nacht wachte Fenn Kaß von einem leisen Stoß gegen seine
Schulter auf. Er sah dicht vor seinen Augen ein leichenblasses Gesicht, das
in dem verstohlen hereindringenden Mondenschein tränennaß glänzte, und
erkannte nach ein paar Sekunden Putty.
„Was ist denn los?“ fragte er, noch halb schlaftrunken.
„Fenn – höre mich an! Es erwürgt mich. Ich kann nicht schlafen, bis ich
dir alles gesagt habe.“
„Aber leise, daß nur der Präfekt nichts hört. Kannst du nicht warten, bis
morgen?“
„Nein, du siehst ja, es läßt mir keine Ruhe.“
„Was denn? Du bist ja ganz drunter und drüber!“
„Fenn, mit mir ist es aus. Morgen geh’ ich heim und werde
Schneiderlehrling.“
„Ach so! Dann kann ich ja weiter schlafen.“
„Lach mich nicht aus, es ist blutiger Ernst. Ich kann nicht mehr Priester
werden.“
reinigte seine Seele durch Gebet. Aber je mehr er betete, desto grimmiger
fielen ihn die Gedanken an, die heimtückischen Gedanken an die sündige
Lust. Er erhob hilfeflehend den Blick und sah vor sich ein Stationsbild: die
Grablegung. Hunderte Male hatte er es gesehen und betrachtet – jetzt stach
ihm zum ersten Male der nackte Arm der Maria Magdalena in die Augen,
der durch ihr gelöstes Haar durchschimmerte, und ihr Antlitz nahm
plötzlich bekannte Züge an: die schöne Wiesinger Lehrerstochter! Langsam,
wie das junge Sonnenlicht von der erwachenden Erde, ergriff das Weib von
dieser keimenden Mannheit Besitz. Putty taumelte aus der Kapelle in die
Spiele seiner Kameraden hinein. Aber seine Glieder gehorchten ihm nicht.
Es war darin wie ein lähmendes Gift, wie man es im Traum spürt, wenn
man sich bewegen will und kann nicht los aus der warmen, zähen
Umarmung des Schlafes. Seine Kehle war voller Bangigkeit und sein Herz
voll eines unendlichen Mitleids mit sich selbst. Wie ein Opferlamm kam er
sich vor, ein Märtyrer, der sein Leben durch elterliche Unvernunft, durch
stumpfsinnigen Zwang verdorben und verpfuscht sieht. Der Gedanke
durchfuhr ihn plötzlich an das Kleid der Entsagung, das er nach Jahren
tragen sollte, an die schwarze, geschlechtslose Soutane. Und er bäumte
dagegen zähneknirschend auf, wie gegen einen brutalen Eingriff in seine
Persönlichkeit.
Mitten in der Nacht wachte Fenn Kaß von einem leisen Stoß gegen seine
Schulter auf. Er sah dicht vor seinen Augen ein leichenblasses Gesicht, das
in dem verstohlen hereindringenden Mondenschein tränennaß glänzte, und
erkannte nach ein paar Sekunden Putty.
„Was ist denn los?“ fragte er, noch halb schlaftrunken.
„Fenn – höre mich an! Es erwürgt mich. Ich kann nicht schlafen, bis ich
dir alles gesagt habe.“
„Aber leise, daß nur der Präfekt nichts hört. Kannst du nicht warten, bis
morgen?“
„Nein, du siehst ja, es läßt mir keine Ruhe.“
„Was denn? Du bist ja ganz drunter und drüber!“
„Fenn, mit mir ist es aus. Morgen geh’ ich heim und werde
Schneiderlehrling.“
„Ach so! Dann kann ich ja weiter schlafen.“
„Lach mich nicht aus, es ist blutiger Ernst. Ich kann nicht mehr Priester
werden.“
Page 64
„Na, da hast du ja noch ein paar Jährchen, bis du dich entscheiden mußt.“
„Nein, ich kann den Gedanken nicht mehr ertragen, daß ihr glaubt, ich
will Geistlicher werden.“
„Dir kann es doch egal sein, was die andern glauben.“
„Nein, ich ertrag es nicht. Ich will nicht, daß sie glauben soll, ich – –“
„Sie? Wer, sie?“
„Die Marjänni.“
„Was hat die Marjänni –?“
„Höre mich an, Fenn! Es ist etwas mit mir vorgegangen innerlich ...“
„Na ja! Jetzt weiß ich schon, was kommt. Du hast Weibergeschichten im
Kopf. Laß mich damit zufrieden.“
„Nein, Fenn! Du mußt es hören. Ich bitte und beschwöre dich. Es ist
keine Frivolität ...“
„Putty, sei kein Frosch. Ich könnte dich ja jetzt beichten lassen, und dann
hättest du morgen früh einen Moralischen und würdest dich schämen, daß
du dich so vor mir ausgezogen hast! Geh schlafen, und wenn es dich
morgen oder übermorgen noch drückt, na, dann kannst du meinetwegen
dein Herz in meinen Busen ausschütten.“
„Meinst du, Fenn?“ fragte Putty schon merklich beschwichtigt, „Aber ich
versichere dir, es ist furchtbar. Ich war nie in meinem Leben so, – so – –“
„Jawohl! Geh jetzt! Ich will nicht wegen Störung der Nachtruhe bei dem
Alten unter den Schlitten kommen.“
Putty schlich lautlos zu seinem Lager zurück, und fünf Minuten später
mischten sich seine ruhigen Atemzüge in die seiner Schlafsaalgenossen.
Aber statt seiner lag jetzt ein anderer wach. Fenn Kaß. „Was hat denn der
mit Brauns Marjänni?“ – so ungefähr gingen seine Gedanken. – „Das wäre
noch schöner. Die will ja Lehrerin werden, die ist doch kein Mädchen wie
die andern. Und er ist doch auch kein Bub wie die andern. Er ist ja von
allen immer durchgehauen worden – selbst von den Mädels. Was gehen
denn den jetzt auf einmal die Frauenzimmer an? Er bildet sich das nur ein.
Wir denken doch auch an keine Mädels – das ist dummes Zeug – dummes
Zeug – die Marjänni lacht ihn aus, wenn sie so was hört – das kommt von
seinem dummen Geschichtenlesen – und sein Vater haut ihm die Jacke voll,
wenn er nicht Order parieren will – er soll lieber seine Metamorphosen für
morgen vorbereiten – das letztemal hat er nichts gewußt – er ist ein
Bähschaf – manchmal – ein guter Kerl, aber – ein Bäh – ein Bähschaf. Und
die Marjänni, die lacht – die lacht ihn aus – die Marjänni – die Marj – –“
„Nein, ich kann den Gedanken nicht mehr ertragen, daß ihr glaubt, ich
will Geistlicher werden.“
„Dir kann es doch egal sein, was die andern glauben.“
„Nein, ich ertrag es nicht. Ich will nicht, daß sie glauben soll, ich – –“
„Sie? Wer, sie?“
„Die Marjänni.“
„Was hat die Marjänni –?“
„Höre mich an, Fenn! Es ist etwas mit mir vorgegangen innerlich ...“
„Na ja! Jetzt weiß ich schon, was kommt. Du hast Weibergeschichten im
Kopf. Laß mich damit zufrieden.“
„Nein, Fenn! Du mußt es hören. Ich bitte und beschwöre dich. Es ist
keine Frivolität ...“
„Putty, sei kein Frosch. Ich könnte dich ja jetzt beichten lassen, und dann
hättest du morgen früh einen Moralischen und würdest dich schämen, daß
du dich so vor mir ausgezogen hast! Geh schlafen, und wenn es dich
morgen oder übermorgen noch drückt, na, dann kannst du meinetwegen
dein Herz in meinen Busen ausschütten.“
„Meinst du, Fenn?“ fragte Putty schon merklich beschwichtigt, „Aber ich
versichere dir, es ist furchtbar. Ich war nie in meinem Leben so, – so – –“
„Jawohl! Geh jetzt! Ich will nicht wegen Störung der Nachtruhe bei dem
Alten unter den Schlitten kommen.“
Putty schlich lautlos zu seinem Lager zurück, und fünf Minuten später
mischten sich seine ruhigen Atemzüge in die seiner Schlafsaalgenossen.
Aber statt seiner lag jetzt ein anderer wach. Fenn Kaß. „Was hat denn der
mit Brauns Marjänni?“ – so ungefähr gingen seine Gedanken. – „Das wäre
noch schöner. Die will ja Lehrerin werden, die ist doch kein Mädchen wie
die andern. Und er ist doch auch kein Bub wie die andern. Er ist ja von
allen immer durchgehauen worden – selbst von den Mädels. Was gehen
denn den jetzt auf einmal die Frauenzimmer an? Er bildet sich das nur ein.
Wir denken doch auch an keine Mädels – das ist dummes Zeug – dummes
Zeug – die Marjänni lacht ihn aus, wenn sie so was hört – das kommt von
seinem dummen Geschichtenlesen – und sein Vater haut ihm die Jacke voll,
wenn er nicht Order parieren will – er soll lieber seine Metamorphosen für
morgen vorbereiten – das letztemal hat er nichts gewußt – er ist ein
Bähschaf – manchmal – ein guter Kerl, aber – ein Bäh – ein Bähschaf. Und
die Marjänni, die lacht – die lacht ihn aus – die Marjänni – die Marj – –“
Page 65
Und dann nahm er ihr Bild mit hinüber in seine Träume.
P uttys Weltschmerz hielt indes länger vor, als Fenn vorausgesetzt hatte.
Am nächsten Tag verkniff er sich noch sein Herzensgeheimnis, aber am
zweitnächsten mußte Fenn die ganze Beichte hören: Wie es in seinem
Innern plötzlich klar geworden sei, wie er mit einem Male sein ganzes
zukünftiges Leben vor sich habe liegen sehen als eine Wüste, die in den
Abgrund führte, wie ihm Marjänni gleich einem verklärten Rettungsengel
erschienen sei und wie er nun ganz bestimmt wisse, was er zu tun habe.
„Na, du kannst es ja mal probieren,“ meinte Fenn Kaß sehr sachlich.
„Aber sage vorläufig deinem Vater nichts, das hat immer noch Zeit, wenn
du vor der Entscheidung stehst. Bis dahin läuft noch viel Wasser die Mosel
hinunter und es gehen dir noch viele Gedanken durch den Kopf. Lern jetzt
deinen Ovid, das ist viel gescheiter.“
Putty war nach diesem Gespräch stark ernüchtert. Aber sein früheres
Gleichgewicht war ein- für allemal dahin. Zwar das Bild Marjännis wurde
blaß und blässer, aber statt dieser einen behielt das Weib schlechthin seine
Macht über ihn, und die ganze sehnsüchtige Liebesqual schlug bei ihm in
eine butterweiche Sorte von Weltschmerz um. So saß er denn an den
Sonntagnachmittagen im Studiensaal und las immer wieder im
„Taugenichts“ von Eichendorff. Aus der Ferne knallten und widerhallten die
Büchsen der Schützengesellschaft, die in einem alten Festungsgraben ihre
Scheiben stehen hatte. Manchmal trug der Wind eine verwehte Wolke von
Blechmusik herüber, wenn ein Verein in der Stadt einen Umzug hielt. Alle
Geräusche kamen so fernher, so gedämpft, klangen so unsäglich traurig in
Puttys Käfig herein, daß er sich vor Unglück und Elend nicht zu lassen
wußte. Nebenan, im Garten einer herrschaftlichen Villa, sah er modisch
gekleidete Altersgenossen mit schlanken jungen Mädchen Ball spielen, und
er bildete sich ein, in die eine davon, die die schlankste war und die
schönsten und längsten braunen Zöpfe hatte, sterbensverliebt zu sein. Las er
dann von dem armen Taugenichts den Kapitelschluß, wo jener die schöne
Frau mit ihrer Begleitung übers Wasser gerudert hat: „Und da warf er sich
ins Gras und weinte bitterlich“ – dann legte Putty seinen Kopf auf die Arme
und dachte an das weiße schlanke Mädchen von drüben, das von dem
Dasein eines gewissen Peter Heinen, genannt Putty, aus Wiesing keine
P uttys Weltschmerz hielt indes länger vor, als Fenn vorausgesetzt hatte.
Am nächsten Tag verkniff er sich noch sein Herzensgeheimnis, aber am
zweitnächsten mußte Fenn die ganze Beichte hören: Wie es in seinem
Innern plötzlich klar geworden sei, wie er mit einem Male sein ganzes
zukünftiges Leben vor sich habe liegen sehen als eine Wüste, die in den
Abgrund führte, wie ihm Marjänni gleich einem verklärten Rettungsengel
erschienen sei und wie er nun ganz bestimmt wisse, was er zu tun habe.
„Na, du kannst es ja mal probieren,“ meinte Fenn Kaß sehr sachlich.
„Aber sage vorläufig deinem Vater nichts, das hat immer noch Zeit, wenn
du vor der Entscheidung stehst. Bis dahin läuft noch viel Wasser die Mosel
hinunter und es gehen dir noch viele Gedanken durch den Kopf. Lern jetzt
deinen Ovid, das ist viel gescheiter.“
Putty war nach diesem Gespräch stark ernüchtert. Aber sein früheres
Gleichgewicht war ein- für allemal dahin. Zwar das Bild Marjännis wurde
blaß und blässer, aber statt dieser einen behielt das Weib schlechthin seine
Macht über ihn, und die ganze sehnsüchtige Liebesqual schlug bei ihm in
eine butterweiche Sorte von Weltschmerz um. So saß er denn an den
Sonntagnachmittagen im Studiensaal und las immer wieder im
„Taugenichts“ von Eichendorff. Aus der Ferne knallten und widerhallten die
Büchsen der Schützengesellschaft, die in einem alten Festungsgraben ihre
Scheiben stehen hatte. Manchmal trug der Wind eine verwehte Wolke von
Blechmusik herüber, wenn ein Verein in der Stadt einen Umzug hielt. Alle
Geräusche kamen so fernher, so gedämpft, klangen so unsäglich traurig in
Puttys Käfig herein, daß er sich vor Unglück und Elend nicht zu lassen
wußte. Nebenan, im Garten einer herrschaftlichen Villa, sah er modisch
gekleidete Altersgenossen mit schlanken jungen Mädchen Ball spielen, und
er bildete sich ein, in die eine davon, die die schlankste war und die
schönsten und längsten braunen Zöpfe hatte, sterbensverliebt zu sein. Las er
dann von dem armen Taugenichts den Kapitelschluß, wo jener die schöne
Frau mit ihrer Begleitung übers Wasser gerudert hat: „Und da warf er sich
ins Gras und weinte bitterlich“ – dann legte Putty seinen Kopf auf die Arme
und dachte an das weiße schlanke Mädchen von drüben, das von dem
Dasein eines gewissen Peter Heinen, genannt Putty, aus Wiesing keine
Page 66
Ahnung hatte, da doch dieser selbe junge Mann sich in Liebe zu ihr
verzehrte – und wenn er dann meinte, jetzt hätten vor unsäglichem Elend
seine Augen endlich ein wenig Salzwasser gepumpt, dann hatte er noch ein
viel größeres Mitleid mit sich selber als mit dem armen Taugenichts.
Zu Puttys großem Leidwesen wirkte die Liebe auf ihn jedoch auch stark
appetiterregend. Er hatte die Sache einmal ganz und gar romantisch bis ans
Ende durchführen wollen, ganz ätherisch, ganz transzendent, und hatte sich
mit hungrigem Magen, aber hehren Gefühlen in der Brust am Nachtessen
vorbeigefastet. Einmal und nicht wieder.
Seinem Freund Fenn durfte er mit solchen erotischen Gewissensqualen
nicht mehr kommen, der hatte dafür nicht das leiseste Verständnis. War er
dann von einer Predigt des Herrn Direktors bis ins Innerste aufgewühlt und
verängstigt, flüchtete er in die Kapelle. Dort sah ihn der fromme Jüngling
Louis Binz, der schon einmal dem ganzen Hause als Musterknabe
vorgeführt worden war, und dessen Streben seither nach nichts geringerm,
als dem Heiligenschein des hl. Aloysius von Gonzaga ging, von dem
geschrieben steht, er habe nicht einmal seine Mutter anzusehen gewagt, aus
Furcht vor fleischlichen Anfechtungen. Als eines Abends Putty die Kapelle
verließ, streckte sich ihm die wächserne Hand dieses Louis Binz mit zwei
gereckten Fingern entgegen, die sich eben in das Weihwasserbecken
getaucht hatten. Putty näßte seine Fingerspitzen an denen seines
Mitschülers und sah dabei in zwei vor innerer Verzückung schwimmende
Augen. Im Korridor, wo die andern plaudernd auf und ab gingen, gesellte
sich Louis Binz zu Putty. Nach einigen gleichgültigen Redensarten brachte
er das Gespräch auf die Wonnen der heimlichen Andachtsstunden in der
Kapelle, vor dem Altar, wo in einem roten Glas das Flämmchen der ewigen
Ampel glühte. Von dieser Ampel kam seine Phantasie nicht los. Sie war ihm
das billige Sinnbild seiner Seele. Und allmählich steckte er Putty mit
diesem glutrot und inbrünstig flackernden Mystizismus an. Aber der
Schneiderssohn brannte nicht im eigenen Feuer von innen heraus, er war
nur von den innern Flammen des andern angeheizt, und seine
Seelentemperatur sank, sobald ihn Louis Binz aus seinem Bannkreis
entließ. Dann kamen wieder Zeiten, wo er ganz gottverlassen und
verzeihungsbedürftig in die Schwüle desselben Umgangs zurück flüchtete.
Fenn Kaß schüttelte den Kopf über den neuen Freundschaftsbund. Er selbst
empfand gegen Binz den instinktiven Ekel des gesunden Menschen gegen
alle Hysterie, zumal seit er gehört hatte, Binz habe einmal insgeheim eine
verzehrte – und wenn er dann meinte, jetzt hätten vor unsäglichem Elend
seine Augen endlich ein wenig Salzwasser gepumpt, dann hatte er noch ein
viel größeres Mitleid mit sich selber als mit dem armen Taugenichts.
Zu Puttys großem Leidwesen wirkte die Liebe auf ihn jedoch auch stark
appetiterregend. Er hatte die Sache einmal ganz und gar romantisch bis ans
Ende durchführen wollen, ganz ätherisch, ganz transzendent, und hatte sich
mit hungrigem Magen, aber hehren Gefühlen in der Brust am Nachtessen
vorbeigefastet. Einmal und nicht wieder.
Seinem Freund Fenn durfte er mit solchen erotischen Gewissensqualen
nicht mehr kommen, der hatte dafür nicht das leiseste Verständnis. War er
dann von einer Predigt des Herrn Direktors bis ins Innerste aufgewühlt und
verängstigt, flüchtete er in die Kapelle. Dort sah ihn der fromme Jüngling
Louis Binz, der schon einmal dem ganzen Hause als Musterknabe
vorgeführt worden war, und dessen Streben seither nach nichts geringerm,
als dem Heiligenschein des hl. Aloysius von Gonzaga ging, von dem
geschrieben steht, er habe nicht einmal seine Mutter anzusehen gewagt, aus
Furcht vor fleischlichen Anfechtungen. Als eines Abends Putty die Kapelle
verließ, streckte sich ihm die wächserne Hand dieses Louis Binz mit zwei
gereckten Fingern entgegen, die sich eben in das Weihwasserbecken
getaucht hatten. Putty näßte seine Fingerspitzen an denen seines
Mitschülers und sah dabei in zwei vor innerer Verzückung schwimmende
Augen. Im Korridor, wo die andern plaudernd auf und ab gingen, gesellte
sich Louis Binz zu Putty. Nach einigen gleichgültigen Redensarten brachte
er das Gespräch auf die Wonnen der heimlichen Andachtsstunden in der
Kapelle, vor dem Altar, wo in einem roten Glas das Flämmchen der ewigen
Ampel glühte. Von dieser Ampel kam seine Phantasie nicht los. Sie war ihm
das billige Sinnbild seiner Seele. Und allmählich steckte er Putty mit
diesem glutrot und inbrünstig flackernden Mystizismus an. Aber der
Schneiderssohn brannte nicht im eigenen Feuer von innen heraus, er war
nur von den innern Flammen des andern angeheizt, und seine
Seelentemperatur sank, sobald ihn Louis Binz aus seinem Bannkreis
entließ. Dann kamen wieder Zeiten, wo er ganz gottverlassen und
verzeihungsbedürftig in die Schwüle desselben Umgangs zurück flüchtete.
Fenn Kaß schüttelte den Kopf über den neuen Freundschaftsbund. Er selbst
empfand gegen Binz den instinktiven Ekel des gesunden Menschen gegen
alle Hysterie, zumal seit er gehört hatte, Binz habe einmal insgeheim eine
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neuntägige Andacht zum heiligen Herzen Jesu gehalten, um seine, Fenns
Seele, zu retten. Er lachte darüber, aber es ärgerte ihn doch, daß dieser
Flagellant und Fanatiker sich mit ihm in eine gewisse Gedanken- und
Gefühlsgemeinschaft hineindrängte. Sein Leben lag vor ihm so klar, wie ein
heller Tag, mit Morgen, Mittag und Abend. Jetzt begann er zu empfinden,
daß fremde Einflüsse ihm seinen Sonnentag mit ungesunden Nebeln zu
trüben suchten.
„Sag deinem Binz, er soll mich gefälligst mit seinen Fürbitten beim
Himmel verschonen, sonst, wenn ich wieder dergleichen höre, hau ich ihn
so gottsjämmerlich durch, daß er genug zu tun hat, wenn er für sich selbst
betet!“
Putty empfand erst eine widerstrebende Bewunderung für Fenn, eine
Bewunderung, in die sich ein leiser Neid darüber mischte, daß er nicht auch
die Kraftnatur war, die dem Leben so frisch-fromm-fröhlich mit geballter
Faust gegenüber stand. Sobald aber Fenns Gegenwart nicht mehr auf ihn
wirkte, und er wieder dem sanften Zauber des Binzschen Heiligenscheins
verfiel, schlug er über die Brutalität seines Freundes ein Kreuz und
vereinbarte mit dem andern, daß sie beide einen ganzen Abend lang für die
Erleuchtung Fenns in der Kapelle beten wollten.
F enn Kaß war bei seinen Mitschülern, von denen es im vorhinein
feststand, daß sie den geistlichen Beruf ergreifen wollten, allmählich in
den Ruf eines Freidenkers und unsichern Kantonisten gekommen. So
zwar, daß ihn eines Tages der Herr Direktor zu sich beschied, um ihn über
seine Zukunftspläne gründlich auszuholen.
„Du bist ja soweit ein guter Zögling, Kaß, es ist dir im großen ganzen
nicht viel vorzuwerfen, aber man wird aus dir nicht klug. Sieh mal die
andern, die sich auf das Priesterseminar vorbereiten, denen sieht man die
Begeisterung für ihren Beruf förmlich an den Augen an. Fenn Kaß, warum
bist du nicht begeistert?“
Es war an derselben Stelle, wo der junge Kaß schon einmal dem Ansturm
Kleyers standgehalten hatte, damals am Tage seiner Aufnahme. Auch jetzt
schlug er die Blicke nicht nieder, sondern ließ sie emporschweifen, an den
Wänden entlang, wo neben Heiligenbildern der knochige Charakterkopf des
alten Mannes hing, durch die Zweige des Gummibaumes hindurch, zum
Seele, zu retten. Er lachte darüber, aber es ärgerte ihn doch, daß dieser
Flagellant und Fanatiker sich mit ihm in eine gewisse Gedanken- und
Gefühlsgemeinschaft hineindrängte. Sein Leben lag vor ihm so klar, wie ein
heller Tag, mit Morgen, Mittag und Abend. Jetzt begann er zu empfinden,
daß fremde Einflüsse ihm seinen Sonnentag mit ungesunden Nebeln zu
trüben suchten.
„Sag deinem Binz, er soll mich gefälligst mit seinen Fürbitten beim
Himmel verschonen, sonst, wenn ich wieder dergleichen höre, hau ich ihn
so gottsjämmerlich durch, daß er genug zu tun hat, wenn er für sich selbst
betet!“
Putty empfand erst eine widerstrebende Bewunderung für Fenn, eine
Bewunderung, in die sich ein leiser Neid darüber mischte, daß er nicht auch
die Kraftnatur war, die dem Leben so frisch-fromm-fröhlich mit geballter
Faust gegenüber stand. Sobald aber Fenns Gegenwart nicht mehr auf ihn
wirkte, und er wieder dem sanften Zauber des Binzschen Heiligenscheins
verfiel, schlug er über die Brutalität seines Freundes ein Kreuz und
vereinbarte mit dem andern, daß sie beide einen ganzen Abend lang für die
Erleuchtung Fenns in der Kapelle beten wollten.
F enn Kaß war bei seinen Mitschülern, von denen es im vorhinein
feststand, daß sie den geistlichen Beruf ergreifen wollten, allmählich in
den Ruf eines Freidenkers und unsichern Kantonisten gekommen. So
zwar, daß ihn eines Tages der Herr Direktor zu sich beschied, um ihn über
seine Zukunftspläne gründlich auszuholen.
„Du bist ja soweit ein guter Zögling, Kaß, es ist dir im großen ganzen
nicht viel vorzuwerfen, aber man wird aus dir nicht klug. Sieh mal die
andern, die sich auf das Priesterseminar vorbereiten, denen sieht man die
Begeisterung für ihren Beruf förmlich an den Augen an. Fenn Kaß, warum
bist du nicht begeistert?“
Es war an derselben Stelle, wo der junge Kaß schon einmal dem Ansturm
Kleyers standgehalten hatte, damals am Tage seiner Aufnahme. Auch jetzt
schlug er die Blicke nicht nieder, sondern ließ sie emporschweifen, an den
Wänden entlang, wo neben Heiligenbildern der knochige Charakterkopf des
alten Mannes hing, durch die Zweige des Gummibaumes hindurch, zum
Page 68
Fenster hinaus in den leuchtenden Wolkenhimmel. Das waren ja dieselben
weißen Sonnenwolken, die über seine Kindertage hingezogen waren,
damals, als noch nichts und niemand seine Seele in starre Formen zu
pressen suchte. Gerade zog drüben am südlichen Himmel ein großes,
leuchtendes Wolkengebilde vorüber, ein phantastisches Schneegebirge mit
blendend weißen Firnen, mit schwindelnden Abgründen und weiten,
seligen, jungfräulichen Wüsteneien, ein in klaren Umrissen und
schwellender Plastik in den hellen Tag hineingestelltes Traumgesicht. Und
Fenn Kaß war davon ganz erfüllt. Der gute Dämon seiner Kinderjahre
schlug seine Flügel um ihn, und er fühlte sich so stark wie daheim, wo er
wurzelte, daheim, wo er zum Atmen alle Luft der Täler und Hügel und
Wälder und Acker hatte, wo er jauchzend das Wachsen seiner Kraft gespürt,
überschäumend vom Gefühl des Seins seinen Kameraden vorangestürmt
war in Spiel und Streit. Und er tauchte mit stumm inbrünstiger Leidenschaft
seine Blicke in all dies Licht und all dies leuchtende Erinnern. Da stand er
hoch über der Stubenluft, die ihn jetzt umwitterte, und über den Händen, die
nach seinen Flügeln griffen.
„Herr Direktor,“ sagte Fenn Kaß ruhig, „was wollen Sie mit mir? Ich
gehe meinen Weg und tue meine Pflicht. Was haben Sie mir vorzuwerfen?“
Er sagte es so ernst, so schwer, so selbstsicher, daß das schöne Pathos des
Herrn Direktors davon durchlöchert und zerfetzt ward.
„Fenn Kaß! Du bist eine verstockte und verbissene Natur, und wenn das
nicht anders wird mit dir, so wirst du“ – hier kam der Redner wieder in
Schwung, hier lagen ihm wieder seine pädagogischen Donnerkeile zur
Hand – „so wirst du untergehen, fallen von Stufe zu Stufe! Abyssus
abyssum invocat! Et finis interitus!“
Fenn Kaß schüttelte den Kopf und lächelte dazu. „Ach nein, Herr
Direktor, lassen Sie mich nur machen. Sie werden sehen, es geht auch ohne
Begeisterung.“
„Ich will’s hoffen, Kaß, ich will’s hoffen für dich und für deine armen
Eltern, die ihr Letztes dransetzen, um ihren Sohn eines Tages am Altare zu
sehen ...“
„Herr Direktor, ich weiß, was ich meinen Eltern schuldig bin,“ versetzte
Fenn mit zornigem Unwillen, wandte sich zur Tür und ging hinaus. Er hörte
hinter sich die Stimme des „Alten“ gellen: „Kaß! Komm her! Sofort!“
Aber er zuckte die Achseln und ging hinaus. Der Herr Direktor fand
schließlich, daß es das klügste sei, ihn laufen zu lassen. Dieser Duckmäuser,
weißen Sonnenwolken, die über seine Kindertage hingezogen waren,
damals, als noch nichts und niemand seine Seele in starre Formen zu
pressen suchte. Gerade zog drüben am südlichen Himmel ein großes,
leuchtendes Wolkengebilde vorüber, ein phantastisches Schneegebirge mit
blendend weißen Firnen, mit schwindelnden Abgründen und weiten,
seligen, jungfräulichen Wüsteneien, ein in klaren Umrissen und
schwellender Plastik in den hellen Tag hineingestelltes Traumgesicht. Und
Fenn Kaß war davon ganz erfüllt. Der gute Dämon seiner Kinderjahre
schlug seine Flügel um ihn, und er fühlte sich so stark wie daheim, wo er
wurzelte, daheim, wo er zum Atmen alle Luft der Täler und Hügel und
Wälder und Acker hatte, wo er jauchzend das Wachsen seiner Kraft gespürt,
überschäumend vom Gefühl des Seins seinen Kameraden vorangestürmt
war in Spiel und Streit. Und er tauchte mit stumm inbrünstiger Leidenschaft
seine Blicke in all dies Licht und all dies leuchtende Erinnern. Da stand er
hoch über der Stubenluft, die ihn jetzt umwitterte, und über den Händen, die
nach seinen Flügeln griffen.
„Herr Direktor,“ sagte Fenn Kaß ruhig, „was wollen Sie mit mir? Ich
gehe meinen Weg und tue meine Pflicht. Was haben Sie mir vorzuwerfen?“
Er sagte es so ernst, so schwer, so selbstsicher, daß das schöne Pathos des
Herrn Direktors davon durchlöchert und zerfetzt ward.
„Fenn Kaß! Du bist eine verstockte und verbissene Natur, und wenn das
nicht anders wird mit dir, so wirst du“ – hier kam der Redner wieder in
Schwung, hier lagen ihm wieder seine pädagogischen Donnerkeile zur
Hand – „so wirst du untergehen, fallen von Stufe zu Stufe! Abyssus
abyssum invocat! Et finis interitus!“
Fenn Kaß schüttelte den Kopf und lächelte dazu. „Ach nein, Herr
Direktor, lassen Sie mich nur machen. Sie werden sehen, es geht auch ohne
Begeisterung.“
„Ich will’s hoffen, Kaß, ich will’s hoffen für dich und für deine armen
Eltern, die ihr Letztes dransetzen, um ihren Sohn eines Tages am Altare zu
sehen ...“
„Herr Direktor, ich weiß, was ich meinen Eltern schuldig bin,“ versetzte
Fenn mit zornigem Unwillen, wandte sich zur Tür und ging hinaus. Er hörte
hinter sich die Stimme des „Alten“ gellen: „Kaß! Komm her! Sofort!“
Aber er zuckte die Achseln und ging hinaus. Der Herr Direktor fand
schließlich, daß es das klügste sei, ihn laufen zu lassen. Dieser Duckmäuser,
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dieser hinterhältige Bursche! Der war ihm am Ende wirklich über! Da sollte
doch ein heiliges Kreuzgewitter ... Und der Herr Direktor ertappte sich auf
der Sünde des Jähzorns, ging in sein Kämmerlein und kniete lange, mit den
Händen vorm Gesicht, auf seinem Betschemel und erbetete sich in heißem
Flüstern Vergebung für seine Sünde.
doch ein heiliges Kreuzgewitter ... Und der Herr Direktor ertappte sich auf
der Sünde des Jähzorns, ging in sein Kämmerlein und kniete lange, mit den
Händen vorm Gesicht, auf seinem Betschemel und erbetete sich in heißem
Flüstern Vergebung für seine Sünde.
Page 70
Viertes Kapitel
D raußen suchte Fenn Kaß seinen Freund Theo auf und erzählte ihm,
was er wieder einmal mit Kleyer erlebt hatte.
„Es ist ja immer die alte Geschichte,“ sagte Theo. „Ich will dir
weiter nicht zureden, aber soviel ist sicher: der ‚Alte‘ ist nur deshalb so
hinter dir her, weil er in dir den künftigen Priester und Streiter für die
heilige Kirche sieht. Sag ihm, daß du Ingenieur werden willst, und er frißt
dich auf vor Liebenswürdigkeit.“
Fenn lachte laut auf. „Als ob das so einfach wäre.“
„Wirf es nicht so weit von dir. Du bist ein vortrefflicher Mathematiker,
der Professor hält große Stücke auf dich, er wird sicher befürworten, daß du
ein Stipendium bekommst. Ich hab schon mit meinem Alten gesprochen –
zur Not könnte er ...“
„Geschenkt, geschenkt,“ fiel Fenn energisch ein. „Ich sagte dir schon,
mein Lebensplan ist fertig, ich werde Geistlicher. Ich hab es mir reiflich
überlegt. Ich gehe nicht in den Beruf hinein, um nur überhaupt
unterzukommen, sondern weil ich überzeugt bin, daß einer an dieser Stelle
unendlich viel Gutes wirken kann. Gerade für das Materielle. Ich will aus
meinem Haus nicht ein schweigendes Heiligtum machen, in dem nur
raunende Betschwestern ab- und zugehen. Ich will zu den Leuten
hinausgehen mit einem Schatz von Wissen, damit ich ihnen helfen kann,
sich das Leben leichter zu machen. Wir sind ja nicht da, um uns wie Blei an
sie zu hängen mit Predigten und Ermahnungen, wir sollen sie lehren, wie
man ein guter Kerl sein kann und lustig dabei von morgens bis abends. Paß
auf, Theo, in meiner Pfarrei sollen sie noch einmal tanzen, und ich stelle
ihnen die Musik dazu!“
„Da wirst du schön ankommen!“
„Ich muß und muß Recht behalten! Was sind wir denn heute den Leuten
da draußen?“ Fenn redete sich in Eifer und tat, als gehörte er schon zum
Bau. „Ein Fremdling! Der Herr! Wenn so eine schwarze Gestalt, ihr Brevier
betend, über die Fluren wandelt, wird den Bauern unheimlich, als sei die
ganze Gewann in eine Kirche verwandelt, und für sie ist die Kirche ein Ort,
in dem man bloß stille sein muß und im Winter sich die Füße abfriert, im
Sommer vor Schlaf die Augen nicht offen behält. Der Herr kommt! Ist das
D raußen suchte Fenn Kaß seinen Freund Theo auf und erzählte ihm,
was er wieder einmal mit Kleyer erlebt hatte.
„Es ist ja immer die alte Geschichte,“ sagte Theo. „Ich will dir
weiter nicht zureden, aber soviel ist sicher: der ‚Alte‘ ist nur deshalb so
hinter dir her, weil er in dir den künftigen Priester und Streiter für die
heilige Kirche sieht. Sag ihm, daß du Ingenieur werden willst, und er frißt
dich auf vor Liebenswürdigkeit.“
Fenn lachte laut auf. „Als ob das so einfach wäre.“
„Wirf es nicht so weit von dir. Du bist ein vortrefflicher Mathematiker,
der Professor hält große Stücke auf dich, er wird sicher befürworten, daß du
ein Stipendium bekommst. Ich hab schon mit meinem Alten gesprochen –
zur Not könnte er ...“
„Geschenkt, geschenkt,“ fiel Fenn energisch ein. „Ich sagte dir schon,
mein Lebensplan ist fertig, ich werde Geistlicher. Ich hab es mir reiflich
überlegt. Ich gehe nicht in den Beruf hinein, um nur überhaupt
unterzukommen, sondern weil ich überzeugt bin, daß einer an dieser Stelle
unendlich viel Gutes wirken kann. Gerade für das Materielle. Ich will aus
meinem Haus nicht ein schweigendes Heiligtum machen, in dem nur
raunende Betschwestern ab- und zugehen. Ich will zu den Leuten
hinausgehen mit einem Schatz von Wissen, damit ich ihnen helfen kann,
sich das Leben leichter zu machen. Wir sind ja nicht da, um uns wie Blei an
sie zu hängen mit Predigten und Ermahnungen, wir sollen sie lehren, wie
man ein guter Kerl sein kann und lustig dabei von morgens bis abends. Paß
auf, Theo, in meiner Pfarrei sollen sie noch einmal tanzen, und ich stelle
ihnen die Musik dazu!“
„Da wirst du schön ankommen!“
„Ich muß und muß Recht behalten! Was sind wir denn heute den Leuten
da draußen?“ Fenn redete sich in Eifer und tat, als gehörte er schon zum
Bau. „Ein Fremdling! Der Herr! Wenn so eine schwarze Gestalt, ihr Brevier
betend, über die Fluren wandelt, wird den Bauern unheimlich, als sei die
ganze Gewann in eine Kirche verwandelt, und für sie ist die Kirche ein Ort,
in dem man bloß stille sein muß und im Winter sich die Füße abfriert, im
Sommer vor Schlaf die Augen nicht offen behält. Der Herr kommt! Ist das
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nicht ein Schreckensruf, den die Burschen und Mädels draußen bei der
Arbeit, die Kinder beim Viehhüten, beim Spielen, beim Baden einander
zurufen, als Warnung vor dem Störenfried, von dem man sich keines
freundlichen Wortes versieht? Wir haben zu Haus einen Pfarrer, der die
Güte selber ist, er hat uns, wo er uns draußen traf, immer die Hand gegeben
und freundlich unsern Gruß erwidert. Aber er war uns doch immer der Herr!
Der gestrenge Stellvertreter Christi auf Erden, der Vogt Geßler unseres
lieben Herrgotts. Ich vergesse es nie, wie einmal ein alter Bauer hinter ihm
her knurrte: ‚Der hat gut in den Himmel kommen, er hat weiter nichts zu
tun!‘ Da liegt es: Weiter nichts zu tun! Doch, wir haben weiter zu tun, viel
weiter zu tun! Das mit dem Latein und mit den Predigten und der Beichte
und den Sakramenten, ja, das gehört ja alles dazu; aber wir sind den Leuten
mehr schuldig, wahrhaftig!“
Theo sah seinen Freund verwundert und beunruhigt von der Seite an.
„Fenn, das sind böse Worte. Wie kannst du mit solchen Anschauungen
Priester werden?“
„Wieso?“ fragte Fenn erstaunt zurück.
„Nun, ich dächte, wenn man so gleichgültig über den Inhalt eines
Glaubens denkt, sollte man nicht sein Leben daran setzen, ihm zu dienen.“
„Ich meine, man kann sehr gläubig sein, ohne beständig den Glauben im
Munde zu führen.“
„Und glaubst du denn alles, was sie dich glauben heißen?“
„Theo, jetzt will ich dir mal was sagen. Über glauben und nicht glauben,
da zerbrech ich mir nicht den Kopf. Das Richtige tun, darauf kommt es an.
Das Glauben, na ja, es gehört ja nun mal in den Bau hinein, und weil ich
davon überzeugt bin, daß dieser Bau so wunderbar gefügt ist, wie sonst
nichts mehr, was Menschengeist ausgesonnen hat, so bleibe ich eben drin
und arbeite an meiner Arbeitsstelle.“
„Also doch Menschengeist, Fenn?“
„Das ist doch durchaus nebensächlich. Grase nicht so nörglerisch an den
Rändern des Themas herum. Die Hauptsache ist: da ist ein Ganzes, das sich
der Menschheit aufdrängt geradezu. Ich finde, daß man in seinem Rahmen
an einer bestimmten Stelle viel mehr Gutes wirken kann, als da bis heute
gewirkt wurde, ich will an dieser Stelle stehen und meine Kräfte
gebrauchen – also!“
„Also brauchst du noch lange nicht Priester zu werden.“
Arbeit, die Kinder beim Viehhüten, beim Spielen, beim Baden einander
zurufen, als Warnung vor dem Störenfried, von dem man sich keines
freundlichen Wortes versieht? Wir haben zu Haus einen Pfarrer, der die
Güte selber ist, er hat uns, wo er uns draußen traf, immer die Hand gegeben
und freundlich unsern Gruß erwidert. Aber er war uns doch immer der Herr!
Der gestrenge Stellvertreter Christi auf Erden, der Vogt Geßler unseres
lieben Herrgotts. Ich vergesse es nie, wie einmal ein alter Bauer hinter ihm
her knurrte: ‚Der hat gut in den Himmel kommen, er hat weiter nichts zu
tun!‘ Da liegt es: Weiter nichts zu tun! Doch, wir haben weiter zu tun, viel
weiter zu tun! Das mit dem Latein und mit den Predigten und der Beichte
und den Sakramenten, ja, das gehört ja alles dazu; aber wir sind den Leuten
mehr schuldig, wahrhaftig!“
Theo sah seinen Freund verwundert und beunruhigt von der Seite an.
„Fenn, das sind böse Worte. Wie kannst du mit solchen Anschauungen
Priester werden?“
„Wieso?“ fragte Fenn erstaunt zurück.
„Nun, ich dächte, wenn man so gleichgültig über den Inhalt eines
Glaubens denkt, sollte man nicht sein Leben daran setzen, ihm zu dienen.“
„Ich meine, man kann sehr gläubig sein, ohne beständig den Glauben im
Munde zu führen.“
„Und glaubst du denn alles, was sie dich glauben heißen?“
„Theo, jetzt will ich dir mal was sagen. Über glauben und nicht glauben,
da zerbrech ich mir nicht den Kopf. Das Richtige tun, darauf kommt es an.
Das Glauben, na ja, es gehört ja nun mal in den Bau hinein, und weil ich
davon überzeugt bin, daß dieser Bau so wunderbar gefügt ist, wie sonst
nichts mehr, was Menschengeist ausgesonnen hat, so bleibe ich eben drin
und arbeite an meiner Arbeitsstelle.“
„Also doch Menschengeist, Fenn?“
„Das ist doch durchaus nebensächlich. Grase nicht so nörglerisch an den
Rändern des Themas herum. Die Hauptsache ist: da ist ein Ganzes, das sich
der Menschheit aufdrängt geradezu. Ich finde, daß man in seinem Rahmen
an einer bestimmten Stelle viel mehr Gutes wirken kann, als da bis heute
gewirkt wurde, ich will an dieser Stelle stehen und meine Kräfte
gebrauchen – also!“
„Also brauchst du noch lange nicht Priester zu werden.“
Page 72
„Wenn ich aber doch in den Gedanken hineingewachsen bin! Glaubst du,
ich sattle auf einen Windstoß hin um? Ein Birnbaum wird doch nicht über
Nacht zum Holunderstrauch. Seit ich denken kann, habe ich mich an den
Gedanken gewöhnt, daß ich einmal das geistliche Kleid tragen werde. Kein
anderer Stand lockt mich, keiner verheißt mir eine Stätte, an der ich so tief
und so weit um mich wirken kann.“
„Doch! Geh mit mir nach Aachen, oder nach Lüttich.“
„Nein, Theo, das ist wieder nichts. Ich weiß, was unsere Ingenieure zu
tun haben. Ihr Wirken ist auf Schienen gestellt und geht ewig im Kreise
herum.“
„Das hoffe ich nicht. Ich will einmal in Freiheit schaffen und zeigen, was
ich kann.“
„Ja, und dann bist du froh, wenn du eine Vertretung für Schmieröle oder
Heizungsanlagen findest. Da hinein münden ja schließlich eure Träume von
der Eroberung der Welt.“
Theo lachte. „Glaubst du denn, dir wird es einmal anders und besser
gehen, und du wirst nicht inmitten deiner Bauern verknöchern und
verfilzen?“
„Dafür laß mich sorgen. Ich habe Pläne, sage ich dir, Pläne!“ Und Fenn
reckte die Arme gen Himmel, als wollte er die Leitern seiner Hoffnung am
Firmament aufhängen. „Und dann, siehst du, dann möchte ich auch den
Lebenstraum meiner Mutter erfüllen.“
„Deines Vaters doch auch?“
„Das ist schon was anders. Einem Vater tut man dergleichen nicht zulieb.
Man wittert Zwang und geht dagegen an. Aber von der Mutter ist es kein
Druck, kein Zwingenwollen, nur ein sehnsüchtiges Wünschen – da fühlt
man sich als den Schenker und tut sich was drauf zugut.“
„Siehst du, im Grunde bist du also doch geschoben worden und meintest
zu schieben.“
„Nun hör aber auf. Ich habe mit dir schon viel zu lang darüber geredet.“
B ei derselben Gelegenheit zog Theo den Freund ins Vertrauen: Er wollte
in der Nacht ausbrechen. Im Lokal der Schützengesellschaft war
abends ein belgischer Ingenieurverein zu Gast. Bankett, Feuerwerk,
bengalische Beleuchtung, Konzert und Ball standen auf dem Programm.
ich sattle auf einen Windstoß hin um? Ein Birnbaum wird doch nicht über
Nacht zum Holunderstrauch. Seit ich denken kann, habe ich mich an den
Gedanken gewöhnt, daß ich einmal das geistliche Kleid tragen werde. Kein
anderer Stand lockt mich, keiner verheißt mir eine Stätte, an der ich so tief
und so weit um mich wirken kann.“
„Doch! Geh mit mir nach Aachen, oder nach Lüttich.“
„Nein, Theo, das ist wieder nichts. Ich weiß, was unsere Ingenieure zu
tun haben. Ihr Wirken ist auf Schienen gestellt und geht ewig im Kreise
herum.“
„Das hoffe ich nicht. Ich will einmal in Freiheit schaffen und zeigen, was
ich kann.“
„Ja, und dann bist du froh, wenn du eine Vertretung für Schmieröle oder
Heizungsanlagen findest. Da hinein münden ja schließlich eure Träume von
der Eroberung der Welt.“
Theo lachte. „Glaubst du denn, dir wird es einmal anders und besser
gehen, und du wirst nicht inmitten deiner Bauern verknöchern und
verfilzen?“
„Dafür laß mich sorgen. Ich habe Pläne, sage ich dir, Pläne!“ Und Fenn
reckte die Arme gen Himmel, als wollte er die Leitern seiner Hoffnung am
Firmament aufhängen. „Und dann, siehst du, dann möchte ich auch den
Lebenstraum meiner Mutter erfüllen.“
„Deines Vaters doch auch?“
„Das ist schon was anders. Einem Vater tut man dergleichen nicht zulieb.
Man wittert Zwang und geht dagegen an. Aber von der Mutter ist es kein
Druck, kein Zwingenwollen, nur ein sehnsüchtiges Wünschen – da fühlt
man sich als den Schenker und tut sich was drauf zugut.“
„Siehst du, im Grunde bist du also doch geschoben worden und meintest
zu schieben.“
„Nun hör aber auf. Ich habe mit dir schon viel zu lang darüber geredet.“
B ei derselben Gelegenheit zog Theo den Freund ins Vertrauen: Er wollte
in der Nacht ausbrechen. Im Lokal der Schützengesellschaft war
abends ein belgischer Ingenieurverein zu Gast. Bankett, Feuerwerk,
bengalische Beleuchtung, Konzert und Ball standen auf dem Programm.
Page 73
Theo hatte von dem Sohn eines Vorstandsmitgliedes eine Einladung
bekommen.
„Es sind feine Kerle, Hütten- und Bergbauingenieure von Seraing und
Lüttich und Charleroi, Direktoren, Betriebsleiter, die Generale des
belgischen Arbeitsheeres,“ begeisterte sich Theo. Er war fest entschlossen,
hinzugehen. Er wußte schon, wie es anzustellen war. Ins Freie kam er leicht
durch irgendein Fenster, eine Leiter hatte er schon ausgekundschaftet; um
drei Uhr, wenn noch alles schlief, wollte er auf demselben Wege
zurückkommen.
„Du riskierst, daß dich der Alte wegjagt,“ warnte Fenn. „Und was hast du
davon? Du siehst ein paar Stunden zu, wie sie tanzen und trinken. Was hast
du davon?“
„Das lockt mich nicht. Ich will nur die Leute sehen. Ich bin einmal mit
meinem Vater nach Lüttich gefahren. Junge, das ging dir stundenlang in
einem fort durch Hochöfen und Bergwerke, das sauste und polterte und
schwang voller Räder und Hebel, es war wie mitten in einer Schlacht,
Feuer, rote nackte Leiber, immer wie im Kampf, immer zugehauen. Darin
befehlen dürfen, Junge, das alles im Kopf haben, und dann eines Tages
vielleicht sagen können: das und das machen wir jetzt viel einfacher und
leichter und besser! Und dann fragen sie dich, wieso denn? Und du sagst,
daß du die Sache erfunden hast, eine Maschine, oder etwas in der
chemischen Zusammensetzung, was das ganze Verfahren umkrempelt.
Darum möchte ich heut abend hin, weil ich die Männer sehen möchte, die
das alles machen.“
„Meinetwegen geh. Aber sieh zu, daß du nicht ertappt wirst.“
Fenn stand abends im Schlafsaal heimlich auf, stützte die Ellenbogen auf
die Fensterbank, legte das Gesicht in die Hände und träumte ins Dunkel.
Das Fenster ging ins Tal, und er sah von fern den Festsaal der Schützen
erleuchtet. Jetzt war Theo dort. Die Grundakkorde der Musik kamen
gedämpft durch die Nacht, das helle Ding dort hinten war wie ein
Rieseninsekt, das da im Grünen lag und summte. Ab und zu stieg noch eine
Rakete zischend auf und ließ in der Höhe ihre heftig leuchtenden
Kügelchen in die Nacht fallen. Vom Bahnhof her dröhnte es von
manövrierenden Wagenreihen, die Dampfpfeifen klangen wie empörte
Schmerzensschreie oder wie leidenschaftliche Jauchzer, oder zogen sich
wie lange Klangserpentinen durch das ferne Dunkel. Dann rollten am
Horizont die Abendzüge, und leuchtende Rauchmähnen, straff hintenüber
bekommen.
„Es sind feine Kerle, Hütten- und Bergbauingenieure von Seraing und
Lüttich und Charleroi, Direktoren, Betriebsleiter, die Generale des
belgischen Arbeitsheeres,“ begeisterte sich Theo. Er war fest entschlossen,
hinzugehen. Er wußte schon, wie es anzustellen war. Ins Freie kam er leicht
durch irgendein Fenster, eine Leiter hatte er schon ausgekundschaftet; um
drei Uhr, wenn noch alles schlief, wollte er auf demselben Wege
zurückkommen.
„Du riskierst, daß dich der Alte wegjagt,“ warnte Fenn. „Und was hast du
davon? Du siehst ein paar Stunden zu, wie sie tanzen und trinken. Was hast
du davon?“
„Das lockt mich nicht. Ich will nur die Leute sehen. Ich bin einmal mit
meinem Vater nach Lüttich gefahren. Junge, das ging dir stundenlang in
einem fort durch Hochöfen und Bergwerke, das sauste und polterte und
schwang voller Räder und Hebel, es war wie mitten in einer Schlacht,
Feuer, rote nackte Leiber, immer wie im Kampf, immer zugehauen. Darin
befehlen dürfen, Junge, das alles im Kopf haben, und dann eines Tages
vielleicht sagen können: das und das machen wir jetzt viel einfacher und
leichter und besser! Und dann fragen sie dich, wieso denn? Und du sagst,
daß du die Sache erfunden hast, eine Maschine, oder etwas in der
chemischen Zusammensetzung, was das ganze Verfahren umkrempelt.
Darum möchte ich heut abend hin, weil ich die Männer sehen möchte, die
das alles machen.“
„Meinetwegen geh. Aber sieh zu, daß du nicht ertappt wirst.“
Fenn stand abends im Schlafsaal heimlich auf, stützte die Ellenbogen auf
die Fensterbank, legte das Gesicht in die Hände und träumte ins Dunkel.
Das Fenster ging ins Tal, und er sah von fern den Festsaal der Schützen
erleuchtet. Jetzt war Theo dort. Die Grundakkorde der Musik kamen
gedämpft durch die Nacht, das helle Ding dort hinten war wie ein
Rieseninsekt, das da im Grünen lag und summte. Ab und zu stieg noch eine
Rakete zischend auf und ließ in der Höhe ihre heftig leuchtenden
Kügelchen in die Nacht fallen. Vom Bahnhof her dröhnte es von
manövrierenden Wagenreihen, die Dampfpfeifen klangen wie empörte
Schmerzensschreie oder wie leidenschaftliche Jauchzer, oder zogen sich
wie lange Klangserpentinen durch das ferne Dunkel. Dann rollten am
Horizont die Abendzüge, und leuchtende Rauchmähnen, straff hintenüber
Page 74
geweht, wurden sichtbar und verschwanden, und ihr Aufleuchten war wie
ein Flügelschlagen durch das Dunkel.
Fenn träumte in die Nacht. Seiner Phantasie drängte sich mählich die
Vorstellung einer Welt auf, die bis jetzt nie als Ganzes in seinen innern
Gesichtskreis getreten war: Dort drüben die Menschen, von denen Theo so
begeistert gesprochen hatte, deren Lebensjahre doppelt zählten gleich
Kriegsjahren; die da wirkten, wo alle Kraft und Bewegung ins Riesenhafte
gesteigert sein mußte. Und weiter hinaus, rechts, unter dem Widerschein der
tausend Lichter, die den Nachthimmel sanft anglühten, der Bahnhof, der
Puls eines weit über die Lande kreisenden Stroms von Leben. Fenn fühlte
sich eingeschaltet in den kreisenden Strom, der ihn hinaustrug in die Welt,
in die schöne, weite Welt, wo die hohen Berge sind und die weiten Seen, wo
sich die ewigen Dome in gleitenden Strömen spiegeln, wo die
Marmorpaläste versunkener Geschlechter stehen, wo die stolzen Schiffe
über die Meere ziehen, wo das Leben uferlos ist.
Eine Rakete stieg, ein Walzer begann, und die laue Luft war wieder wie
gefärbt von einem leisen, süßen Klingen. Fenn dachte daran, was seine
Zukunft sein würde: Eine freudige Pflichterfüllung in der Enge. Tief auf
dem Grunde eines Schachtes, in den von oben das Licht und das Geräusch
der freien Weiten dringen würde. Aber unwillig schüttelte er die herben
Vorstellungen ab, die ihn manchmal anfielen. Er stemmte sich gegen sie mit
dem Trotz seiner Bauernseele, die sich aus der Enge ihres Erlebens heraus
dennoch mit dem Weltganzen eins fühlte und wußte, daß sie darin an der
richtigen Stelle zu wirken berufen war.
In der Frühe gab es eine Katastrophe. Louis Binz hatte den
heimschleichenden Theo überrascht und angezeigt. Beim Morgengebet in
der Kapelle teilte Herr Kleyer den versammelten Zöglingen schaudernd das
Furchtbare mit: Daß einer von ihnen heimlich in finsterer Nacht entwichen
war, um sich an die Stätte der Ausschweifung und des Lasters zu
schleichen. Er mußte hinaus! Hinaus! Hinaus!!! Keine Stunde länger hatte
er das Haus mit seiner Gegenwart verpesten dürfen, im Morgengrauen hatte
er sein Bündel schnüren müssen!
Als es kund wurde, daß Louis Binz der Verräter war, suchte Fenn seinen
Landsmann Putty auf und sagte zu ihm: „Wenn du jetzt mit dem Lauskerl
noch ein Wort redest, kündige ich dir die Freundschaft!“
Und in seinem Gemüt blieb als Stachel der Gedanke zurück, daß er
seinen Lebensweg gemeinsam mit „diesem Lauskerl“ werde wandern
ein Flügelschlagen durch das Dunkel.
Fenn träumte in die Nacht. Seiner Phantasie drängte sich mählich die
Vorstellung einer Welt auf, die bis jetzt nie als Ganzes in seinen innern
Gesichtskreis getreten war: Dort drüben die Menschen, von denen Theo so
begeistert gesprochen hatte, deren Lebensjahre doppelt zählten gleich
Kriegsjahren; die da wirkten, wo alle Kraft und Bewegung ins Riesenhafte
gesteigert sein mußte. Und weiter hinaus, rechts, unter dem Widerschein der
tausend Lichter, die den Nachthimmel sanft anglühten, der Bahnhof, der
Puls eines weit über die Lande kreisenden Stroms von Leben. Fenn fühlte
sich eingeschaltet in den kreisenden Strom, der ihn hinaustrug in die Welt,
in die schöne, weite Welt, wo die hohen Berge sind und die weiten Seen, wo
sich die ewigen Dome in gleitenden Strömen spiegeln, wo die
Marmorpaläste versunkener Geschlechter stehen, wo die stolzen Schiffe
über die Meere ziehen, wo das Leben uferlos ist.
Eine Rakete stieg, ein Walzer begann, und die laue Luft war wieder wie
gefärbt von einem leisen, süßen Klingen. Fenn dachte daran, was seine
Zukunft sein würde: Eine freudige Pflichterfüllung in der Enge. Tief auf
dem Grunde eines Schachtes, in den von oben das Licht und das Geräusch
der freien Weiten dringen würde. Aber unwillig schüttelte er die herben
Vorstellungen ab, die ihn manchmal anfielen. Er stemmte sich gegen sie mit
dem Trotz seiner Bauernseele, die sich aus der Enge ihres Erlebens heraus
dennoch mit dem Weltganzen eins fühlte und wußte, daß sie darin an der
richtigen Stelle zu wirken berufen war.
In der Frühe gab es eine Katastrophe. Louis Binz hatte den
heimschleichenden Theo überrascht und angezeigt. Beim Morgengebet in
der Kapelle teilte Herr Kleyer den versammelten Zöglingen schaudernd das
Furchtbare mit: Daß einer von ihnen heimlich in finsterer Nacht entwichen
war, um sich an die Stätte der Ausschweifung und des Lasters zu
schleichen. Er mußte hinaus! Hinaus! Hinaus!!! Keine Stunde länger hatte
er das Haus mit seiner Gegenwart verpesten dürfen, im Morgengrauen hatte
er sein Bündel schnüren müssen!
Als es kund wurde, daß Louis Binz der Verräter war, suchte Fenn seinen
Landsmann Putty auf und sagte zu ihm: „Wenn du jetzt mit dem Lauskerl
noch ein Wort redest, kündige ich dir die Freundschaft!“
Und in seinem Gemüt blieb als Stachel der Gedanke zurück, daß er
seinen Lebensweg gemeinsam mit „diesem Lauskerl“ werde wandern
Page 75
müssen.
F enns Berufswahl erfuhr gerade um diese Zeit mancherlei Anfechtung.
Seine kühle und starke Natur wurde aus sich selbst heraus durch die
Frühlingsstürme des Lebens nicht aus dem Gleichgewicht gehoben,
aber von außen trat allerlei an ihn heran, was sich fremdkörperartig in sein
Denken und Empfinden hineinzwängte.
Wenn er später über sich nachdachte und nach den Wurzeln seines
stärksten innern Erlebens grub, dann machten wohl seine Gedanken bei
jenem Septembertage halt, an dem der erste Stein aus dem hartnäckigen
Bau seines Lebensplanes herausgeschlagen wurde.
Die schönsten Tage im Jahr brachte für unsere Wiesinger immer der
goldene Erntemond. Wenn schimmerndes Spinnweb die Hängematten der
Elfen von Grashalm zu Grashalm wob und die kleinen grauen Netze
morgens von Tauperlen funkelten, wenn von den Wiesen her das eintönige
Singen der Kuhbuben kam, die die Vesperpsalmen langgezogen und
schläfrig über die leere Gewann gröhlten, wenn nach all dem ernsten
Einscheuern der Feldfrüchte, an denen der Begriff des Notwendigen, des
Pflichtmäßigen haftet – wenn nach Heu und Grummet, Hafer und Weizen,
Erbsen und Bohnen es jetzt an das angenehmere Ernten des süßen Obstes
ging, wenn der straffe Bogen der Arbeit allmählich sich abzuspannen
begann und die Menschen langsam sich bewußt wurden, daß sie auch
wieder einmal ausruhen und genießen durften, – in diesen Tagen war es für
die Wiesinger „Studenten“ eine Wonne, die Felder und die Wälder zu
durchstreifen und zu fühlen, wie sie sich auflösten im Zauber ihrer Heimat,
wie ihr Wesen in dieser Umwelt restlos aufging gleich einem Körper, der
sich in einer Flüssigkeit auflöst, da er in einer andern hart und
undurchdringlich bleibt.
So waren sie eines Sonntags nachmittags in den Wald gezogen zum
Haselnußpflücken, Fenn, Putty, Fritz, Marjänni mit ihren jüngern
Geschwistern, die beiden Schneidertöchter, die Leonie und die Justine, die
sich, nach ihrer Mutter geartet, schon zu stattlichen Dirnen ausgewachsen
hatten und die das Schneiderhinchen nicht mehr durchzuprügeln wagte, seit
ihn die älteste einmal wie mit einer unwillkürlichen Bewegung hinterrücks
über Stuhl und Tisch geschleudert hatte, als er zu einer Ohrfeige ausholen
F enns Berufswahl erfuhr gerade um diese Zeit mancherlei Anfechtung.
Seine kühle und starke Natur wurde aus sich selbst heraus durch die
Frühlingsstürme des Lebens nicht aus dem Gleichgewicht gehoben,
aber von außen trat allerlei an ihn heran, was sich fremdkörperartig in sein
Denken und Empfinden hineinzwängte.
Wenn er später über sich nachdachte und nach den Wurzeln seines
stärksten innern Erlebens grub, dann machten wohl seine Gedanken bei
jenem Septembertage halt, an dem der erste Stein aus dem hartnäckigen
Bau seines Lebensplanes herausgeschlagen wurde.
Die schönsten Tage im Jahr brachte für unsere Wiesinger immer der
goldene Erntemond. Wenn schimmerndes Spinnweb die Hängematten der
Elfen von Grashalm zu Grashalm wob und die kleinen grauen Netze
morgens von Tauperlen funkelten, wenn von den Wiesen her das eintönige
Singen der Kuhbuben kam, die die Vesperpsalmen langgezogen und
schläfrig über die leere Gewann gröhlten, wenn nach all dem ernsten
Einscheuern der Feldfrüchte, an denen der Begriff des Notwendigen, des
Pflichtmäßigen haftet – wenn nach Heu und Grummet, Hafer und Weizen,
Erbsen und Bohnen es jetzt an das angenehmere Ernten des süßen Obstes
ging, wenn der straffe Bogen der Arbeit allmählich sich abzuspannen
begann und die Menschen langsam sich bewußt wurden, daß sie auch
wieder einmal ausruhen und genießen durften, – in diesen Tagen war es für
die Wiesinger „Studenten“ eine Wonne, die Felder und die Wälder zu
durchstreifen und zu fühlen, wie sie sich auflösten im Zauber ihrer Heimat,
wie ihr Wesen in dieser Umwelt restlos aufging gleich einem Körper, der
sich in einer Flüssigkeit auflöst, da er in einer andern hart und
undurchdringlich bleibt.
So waren sie eines Sonntags nachmittags in den Wald gezogen zum
Haselnußpflücken, Fenn, Putty, Fritz, Marjänni mit ihren jüngern
Geschwistern, die beiden Schneidertöchter, die Leonie und die Justine, die
sich, nach ihrer Mutter geartet, schon zu stattlichen Dirnen ausgewachsen
hatten und die das Schneiderhinchen nicht mehr durchzuprügeln wagte, seit
ihn die älteste einmal wie mit einer unwillkürlichen Bewegung hinterrücks
über Stuhl und Tisch geschleudert hatte, als er zu einer Ohrfeige ausholen
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wollte. Sie hatte ihm liebevoll wieder auf die Beine geholfen und harmlos
gefragt, ob er sich nicht wehgetan habe und wie das nur so schnell
gekommen sei. Der Schneider hatte sie ein wenig mißtrauisch von der Seite
angeblickt, sich den Buckel gerieben und geknurrt, er sei über den Stuhl
gestolpert. Von der Stunde an wußte er, daß es mit dem Hauen als
Erziehungsmittel bei seinen Mädels endgültig vorbei war.
Daß die Leonie ein handfestes Mädchen war, konnte man an selbigem
Sonntagnachmittag im Walde bemerken, wenn ihr Herr Fritz Lampert beim
Haselnußpflücken in einer Weise behilflich sein wollte, mit der sie nicht
einverstanden war. Fritz hatte sich in einen Witz verbissen, der aus einer
volkswirtschaftlichen Redensart herübergeholt war und den er großartig
fand. Er wollte anhaltend „dem Ackerbau unter die Arme greifen“, aber der
Ackerbau ließ sich das nicht gefallen. Eine Zeitlang kam aus der Gegend
des Waldes, wo Leonie und Fritz in den Haselhecken streiften,
ausgelassenes Gekicher, dann plötzlich ein zorniger Aufschrei des
Mädchens – ein klatschender Schall, wie er entsteht, wenn eine hohle Hand
mit einer weichen Fläche heftig zusammentrifft – eine Weile Totenstille,
und dann begann wieder ein regelrechter und gedeihlicher Betrieb des
Nußpflückens, so zwar, daß Fritz und Leonie am Ende die reichste Ernte
gehalten hatten. Von der Backpfeife, die zu dieser nutzbringenden Tätigkeit
übergeleitet hatte, verlautete kein Wort. Auf der andern Seite hatten sich
Putty und Marjänni in die Hände gearbeitet, während Fenn sich der jüngern
Justine zugesellt hatte. Er war ganz bei der Sache und machte mit Lachen
und Schreien einen Heidenlärm, als er einmal bemerkte, wie Putty zerstreut
einen Buchenstrauch nach Nüssen absuchte, während Marjänni
erwartungsvoll dabei stand und ihre Schürze aufhielt. Putty schämte sich,
Marjänni verhehlte ihm nicht ihren Unwillen darüber, daß er sie vor den
andern mitblamiert hatte. So’n Trottel! Eine Buchenstaude für einen
Haselnußstrauch zu halten! Putty war zerknirscht, um so zerknirschter, als
ihm gerade seine Liebe zu Marjänni den dummen Streich gespielt hatte.
Denn wie er so im Wald hinter der jungen Freundin herging, war die
schöne, vornehme junge Dame aus der Villa in Luxemburg, war die ganze
Taugenichtsstimmung vergessen und weggeweht, und es überkam ihn beim
Anblick Marjännis mit aller unheimlichen Kraft der Urtriebe, die um so
wacher werden, je näher sich der Mensch der Natur fühlt. Es war wieder die
süße Bangigkeit von damals, wo er sich zum ersten Male seiner Mannheit
inne geworden war, nur stärker, begehrender, ohne das Sündenbewußtsein,
gefragt, ob er sich nicht wehgetan habe und wie das nur so schnell
gekommen sei. Der Schneider hatte sie ein wenig mißtrauisch von der Seite
angeblickt, sich den Buckel gerieben und geknurrt, er sei über den Stuhl
gestolpert. Von der Stunde an wußte er, daß es mit dem Hauen als
Erziehungsmittel bei seinen Mädels endgültig vorbei war.
Daß die Leonie ein handfestes Mädchen war, konnte man an selbigem
Sonntagnachmittag im Walde bemerken, wenn ihr Herr Fritz Lampert beim
Haselnußpflücken in einer Weise behilflich sein wollte, mit der sie nicht
einverstanden war. Fritz hatte sich in einen Witz verbissen, der aus einer
volkswirtschaftlichen Redensart herübergeholt war und den er großartig
fand. Er wollte anhaltend „dem Ackerbau unter die Arme greifen“, aber der
Ackerbau ließ sich das nicht gefallen. Eine Zeitlang kam aus der Gegend
des Waldes, wo Leonie und Fritz in den Haselhecken streiften,
ausgelassenes Gekicher, dann plötzlich ein zorniger Aufschrei des
Mädchens – ein klatschender Schall, wie er entsteht, wenn eine hohle Hand
mit einer weichen Fläche heftig zusammentrifft – eine Weile Totenstille,
und dann begann wieder ein regelrechter und gedeihlicher Betrieb des
Nußpflückens, so zwar, daß Fritz und Leonie am Ende die reichste Ernte
gehalten hatten. Von der Backpfeife, die zu dieser nutzbringenden Tätigkeit
übergeleitet hatte, verlautete kein Wort. Auf der andern Seite hatten sich
Putty und Marjänni in die Hände gearbeitet, während Fenn sich der jüngern
Justine zugesellt hatte. Er war ganz bei der Sache und machte mit Lachen
und Schreien einen Heidenlärm, als er einmal bemerkte, wie Putty zerstreut
einen Buchenstrauch nach Nüssen absuchte, während Marjänni
erwartungsvoll dabei stand und ihre Schürze aufhielt. Putty schämte sich,
Marjänni verhehlte ihm nicht ihren Unwillen darüber, daß er sie vor den
andern mitblamiert hatte. So’n Trottel! Eine Buchenstaude für einen
Haselnußstrauch zu halten! Putty war zerknirscht, um so zerknirschter, als
ihm gerade seine Liebe zu Marjänni den dummen Streich gespielt hatte.
Denn wie er so im Wald hinter der jungen Freundin herging, war die
schöne, vornehme junge Dame aus der Villa in Luxemburg, war die ganze
Taugenichtsstimmung vergessen und weggeweht, und es überkam ihn beim
Anblick Marjännis mit aller unheimlichen Kraft der Urtriebe, die um so
wacher werden, je näher sich der Mensch der Natur fühlt. Es war wieder die
süße Bangigkeit von damals, wo er sich zum ersten Male seiner Mannheit
inne geworden war, nur stärker, begehrender, ohne das Sündenbewußtsein,
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das sein erstes Verlangen nach dem Weib begleitet hatte. So ging er vor sich
hin, als blickte und träte er in die Leere eines Abgrunds und als stünde
jenseits die Erfüllung aller seiner Sehnsüchte. Darum hatte der arme Kerl
nach Haselnüssen an einem Buchenstrauche gesucht.
Auf dem Heimweg gab sein Versehen zu allerhand Neckereien Anlaß,
derart, daß sich bei Marjänni der Unwille in Mitleid kehrte und sie zuletzt
mit blitzenden Augen für ihn Partei ergriff. Das regte Fenn zu noch
grausamern Sticheleien an und er brachte das Mädchen damit derart in
Harnisch, daß sie auf ihn zulief und ihn mit der linkisch ausholenden
Bewegung, die den Frauen eigentümlich ist, zornig auf den Rücken schlug.
Er drehte sich blitzschnell um und haschte nach ihrer Hand, sie riß sich los
und stürmte davon, im Kreise um die Gruppe der andern und zwischen den
einzelnen hindurch, kreischend beflissen, den Griffen des sie auf dem Fuß
verfolgenden Fenn sich zu entwinden. Und so entstand ein Knäuel
jauchzender, quietschender, schreiender und durcheinander schießender
Gestalten, wobei bald ein jedes Partei nahm und sich am Haschen oder
Entwinden nach Kräften beteiligte.
Da geschah es, daß ein paar erwachsene Burschen, denen die Weinlaune
die Grenze zwischen Wohlanstand und Flegelei verrückt hatte, vorbeigingen
und dem Spiel eine Weile zusahen. Und dann rief einer, gerade als Fenn die
aufkreischende Marjänni am Handgelenk zu fassen bekam, in den Trubel
hinein:
„Willst du das Mädel loslassen! Was gehen dich Pfaffenlehrling die
Mädel an!“ Und ein zweiter warf eine Unflätigkeit dazwischen, bei der
Fenn das Blut in die Stirn schoß.
Jeder andere Anwurf hätte ihn sofort zur Entgegnung gereizt und ihm die
Fäuste geballt. So war er wie vor den Kopf geschlagen. Das rohe Gelächter
der Burschen, die sich unter dem gellenden Geschimpf der beiden
Schneiderstöchter ihres Weges trollten, ohrfeigte ihn förmlich, und es war
in ihm keine einzige Zorneswallung, er kam sich vor wie ein
Ausgestoßener, aus dem Kreis der Vollmenschen verbannt, ein freiwilliger
Krüppel. Er brauchte seinen ganzen Trotz, sein ganzes geradliniges, klares
Empfinden, seine ganze kühlgesunde Natur, um über diesen Augenblick,
der auf ihn wie eine häßliche Offenbarung gewirkt hatte,
hinwegzukommen. Fester als je klammerte er sich an das Bild, das er sich
von seiner Zukunft zurecht gemacht hatte, und als er sich wieder ganz
beruhigt hatte, als er über seinen Kleinmut und seine Verstimmung wieder
hin, als blickte und träte er in die Leere eines Abgrunds und als stünde
jenseits die Erfüllung aller seiner Sehnsüchte. Darum hatte der arme Kerl
nach Haselnüssen an einem Buchenstrauche gesucht.
Auf dem Heimweg gab sein Versehen zu allerhand Neckereien Anlaß,
derart, daß sich bei Marjänni der Unwille in Mitleid kehrte und sie zuletzt
mit blitzenden Augen für ihn Partei ergriff. Das regte Fenn zu noch
grausamern Sticheleien an und er brachte das Mädchen damit derart in
Harnisch, daß sie auf ihn zulief und ihn mit der linkisch ausholenden
Bewegung, die den Frauen eigentümlich ist, zornig auf den Rücken schlug.
Er drehte sich blitzschnell um und haschte nach ihrer Hand, sie riß sich los
und stürmte davon, im Kreise um die Gruppe der andern und zwischen den
einzelnen hindurch, kreischend beflissen, den Griffen des sie auf dem Fuß
verfolgenden Fenn sich zu entwinden. Und so entstand ein Knäuel
jauchzender, quietschender, schreiender und durcheinander schießender
Gestalten, wobei bald ein jedes Partei nahm und sich am Haschen oder
Entwinden nach Kräften beteiligte.
Da geschah es, daß ein paar erwachsene Burschen, denen die Weinlaune
die Grenze zwischen Wohlanstand und Flegelei verrückt hatte, vorbeigingen
und dem Spiel eine Weile zusahen. Und dann rief einer, gerade als Fenn die
aufkreischende Marjänni am Handgelenk zu fassen bekam, in den Trubel
hinein:
„Willst du das Mädel loslassen! Was gehen dich Pfaffenlehrling die
Mädel an!“ Und ein zweiter warf eine Unflätigkeit dazwischen, bei der
Fenn das Blut in die Stirn schoß.
Jeder andere Anwurf hätte ihn sofort zur Entgegnung gereizt und ihm die
Fäuste geballt. So war er wie vor den Kopf geschlagen. Das rohe Gelächter
der Burschen, die sich unter dem gellenden Geschimpf der beiden
Schneiderstöchter ihres Weges trollten, ohrfeigte ihn förmlich, und es war
in ihm keine einzige Zorneswallung, er kam sich vor wie ein
Ausgestoßener, aus dem Kreis der Vollmenschen verbannt, ein freiwilliger
Krüppel. Er brauchte seinen ganzen Trotz, sein ganzes geradliniges, klares
Empfinden, seine ganze kühlgesunde Natur, um über diesen Augenblick,
der auf ihn wie eine häßliche Offenbarung gewirkt hatte,
hinwegzukommen. Fester als je klammerte er sich an das Bild, das er sich
von seiner Zukunft zurecht gemacht hatte, und als er sich wieder ganz
beruhigt hatte, als er über seinen Kleinmut und seine Verstimmung wieder
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zu lächeln vermochte, da ging er zu seinem Freund Pichert und erzählte ihm
das Geschehnis.
Der alte Pichert hieb auf sein Sohlleder los, daß ihm die Brille von der
Nase kutschte, und brummte etwas von Schweinehunden und dreckigen
Lümmeln vor sich hin. Dann sah er Fenn forschend über die frischgeputzten
Brillengläser an und fragte: „Was hast du denn darauf gesagt?“
Gar nichts hatte Fenn geantwortet. Er hatte dagestanden, wie eine
Bildsäule, und als er wieder so weit war, daß er ihnen an die Gurgel wollte,
da waren sie schon nicht mehr zu sehen.
„Hm! hm!“ Der Schuster räusperte sich, tat ein paar Schläge, räusperte
sich wieder – er hatte etwas auf dem Rohr. Er setzte Fenn seine Theorie
vom Weib auseinander.
„Das, siehst du, mein Junge – du bist ja nun so alt, daß man mit dir offen
reden kann. Es ist ja alles menschlich! Das, siehst du, das mit den
Frauensleuten, das ist Schwindel. Es gibt ja Kerls, denen wässern gleich
alle Zähne, wenn sie einen Unterrock auf hundert Meter wittern. Aber die
sind sicher nicht ganz gesund, bei denen ist sicher eine Schraube los. Ein
kerngesunder Mensch, für den ist das mit den Frauensleuten Schwindel,
eine Hundekrankheit. Natürlich, gerade wie eine Hundekrankheit!“
„Wo willst du hinaus, Pichert?“ fragte Fenn belustigt.
„Na ja, dir brauch ich ja das nicht zu sagen. Aber es ist gut, daß du es
weißt. Wenn du so deinen Weg für dich gehst, und es will dir einmal so’n
Frauensmensch den Kopf warm machen – glaub mir, es ist Schwindel, man
kommt ganz gut ohne sie zuwege!“
Und Pichert pfiff das Lied vom „Comper Ku’eb“[2] und hieb dazu den
Takt mit seinem Hammer in die glatte Höhlung des Bombensplitters. Schon
lange hatte es ihm Sorgen gemacht, wie wohl sein junger Freund sich mit
dem Opfer der Entsagung abfinden würde. Denn der alte Pichert wußte aus
seinen jungen Jahren von einer Zeit, wo ihm die Gedanken an das Weib zu
schaffen gemacht hatten, und er wünschte mit seiner Erfahrung Fenn Kaß
möglichst unangefochten durch diesen Entwicklungshohlweg
hindurchzubringen. Nun, Fenn nahm die Sache ja erfreulicherweise leicht,
also konnte man von was anderm reden. „Hast du gehört, daß der Lampesch
Fiß auf dem letzten Loche pfeift?“
„Wieso? Ich habe ihn vorhin noch auf der Kreuzstraße gesehen.“
„So meine ich es nicht. Aber der ‚Mischell‘ hat ihm – – gicks!“ Und
Pichert machte dabei die Bewegung des Halsumdrehens.
das Geschehnis.
Der alte Pichert hieb auf sein Sohlleder los, daß ihm die Brille von der
Nase kutschte, und brummte etwas von Schweinehunden und dreckigen
Lümmeln vor sich hin. Dann sah er Fenn forschend über die frischgeputzten
Brillengläser an und fragte: „Was hast du denn darauf gesagt?“
Gar nichts hatte Fenn geantwortet. Er hatte dagestanden, wie eine
Bildsäule, und als er wieder so weit war, daß er ihnen an die Gurgel wollte,
da waren sie schon nicht mehr zu sehen.
„Hm! hm!“ Der Schuster räusperte sich, tat ein paar Schläge, räusperte
sich wieder – er hatte etwas auf dem Rohr. Er setzte Fenn seine Theorie
vom Weib auseinander.
„Das, siehst du, mein Junge – du bist ja nun so alt, daß man mit dir offen
reden kann. Es ist ja alles menschlich! Das, siehst du, das mit den
Frauensleuten, das ist Schwindel. Es gibt ja Kerls, denen wässern gleich
alle Zähne, wenn sie einen Unterrock auf hundert Meter wittern. Aber die
sind sicher nicht ganz gesund, bei denen ist sicher eine Schraube los. Ein
kerngesunder Mensch, für den ist das mit den Frauensleuten Schwindel,
eine Hundekrankheit. Natürlich, gerade wie eine Hundekrankheit!“
„Wo willst du hinaus, Pichert?“ fragte Fenn belustigt.
„Na ja, dir brauch ich ja das nicht zu sagen. Aber es ist gut, daß du es
weißt. Wenn du so deinen Weg für dich gehst, und es will dir einmal so’n
Frauensmensch den Kopf warm machen – glaub mir, es ist Schwindel, man
kommt ganz gut ohne sie zuwege!“
Und Pichert pfiff das Lied vom „Comper Ku’eb“[2] und hieb dazu den
Takt mit seinem Hammer in die glatte Höhlung des Bombensplitters. Schon
lange hatte es ihm Sorgen gemacht, wie wohl sein junger Freund sich mit
dem Opfer der Entsagung abfinden würde. Denn der alte Pichert wußte aus
seinen jungen Jahren von einer Zeit, wo ihm die Gedanken an das Weib zu
schaffen gemacht hatten, und er wünschte mit seiner Erfahrung Fenn Kaß
möglichst unangefochten durch diesen Entwicklungshohlweg
hindurchzubringen. Nun, Fenn nahm die Sache ja erfreulicherweise leicht,
also konnte man von was anderm reden. „Hast du gehört, daß der Lampesch
Fiß auf dem letzten Loche pfeift?“
„Wieso? Ich habe ihn vorhin noch auf der Kreuzstraße gesehen.“
„So meine ich es nicht. Aber der ‚Mischell‘ hat ihm – – gicks!“ Und
Pichert machte dabei die Bewegung des Halsumdrehens.
Page 79
„Davon war ja schon lang das Gerede. Ist es denn jetzt wirklich Matthäi
am Letzten?“
„Am Sonntag wird die Versteigerung ausgerufen.“
„Und was wird denn da aus dem Fritz?“
Pichert zuckte die Achseln und blies ein geringschätziges pöh! durch die
Lippen. Der Fritz? Was lag ihm am Fritz, an dem Affen mit dem fertig
gekauften Fabrikschuhzeug! „Übrigens, der erbt von seinem Onkel Majerus
in Brebach die schöne Mühle, für den ist gesorgt.“
„Jawohl, Müller werden, das stünde ihm besser an als studieren.“
„Gelt, er bringt nicht viel vor sich?“
„Nu ja, er tut aber doch, was er kann.“
„Paß auf, aus dem wird seiner Lebtag nichts Rechtes.“
A ls am nächsten Sonntag vor dem Hochamt die Bauern auf der
Straßenkreuzung zusammenstanden – sie hatten vorne die Kittel
heraufgeschürzt und beide Hände in den Hosentaschen, weshalb sie
beim Ausspucken die Pfeife nicht aus dem Munde nehmen konnten – da
kam unten um die Ecke ein städtisch gekleideter Mann, der eine große,
blinkende Messingschelle mit einem mächtigen Handgriff verkehrt, den
Klöppel nach oben, im gebogenen Arm trug. Er hatte einen wohlgepflegten
braunen Vollbart und trug sein Hütchen keck auf dem Ohr. Sie kannten ihn
alle und hatten ihn wohl auch erwartet. Ihr Kreis öffnete sich, so daß jetzt
alle den Blick auf den Ankommenden gerichtet hatten. Er machte vor der
Gruppe halt, fuhr grüßend flüchtig mit der Linken an den Hutrand, stellte
sich in Positur, die rechte Stiefelspitze weit nach vorne, die linke Hand in
die Hüfte gestemmt. Und dann begann er seine Glocke zu schwenken, mit
wunderbarem Geschick. Rein mit einer eleganten Bewegung aus dem
Handgelenk brachte er einen tadellosen Dreitakt heraus: Klinglingling
Klinglingling! Aus den vier Richtungen kamen schreiend die Buben in
ihren Sonntagskleidern herbeigeschossen, drängten sich durch und
umstanden in froher Neugier den Mann mit der Schelle. Klinglingling
Klinglingling! gellte es in strengem Rhythmus durch die Straßen. Hinter
den Buben kamen deren Väter, gemessenen Schritts, ohne Eile, damit man
nicht denken könnte, sie überschlügen sich vor Neugier. Und, wie gesagt,
sie wußten schon, was kam. Aber sie wollten doch dabei sein, wenn das
am Letzten?“
„Am Sonntag wird die Versteigerung ausgerufen.“
„Und was wird denn da aus dem Fritz?“
Pichert zuckte die Achseln und blies ein geringschätziges pöh! durch die
Lippen. Der Fritz? Was lag ihm am Fritz, an dem Affen mit dem fertig
gekauften Fabrikschuhzeug! „Übrigens, der erbt von seinem Onkel Majerus
in Brebach die schöne Mühle, für den ist gesorgt.“
„Jawohl, Müller werden, das stünde ihm besser an als studieren.“
„Gelt, er bringt nicht viel vor sich?“
„Nu ja, er tut aber doch, was er kann.“
„Paß auf, aus dem wird seiner Lebtag nichts Rechtes.“
A ls am nächsten Sonntag vor dem Hochamt die Bauern auf der
Straßenkreuzung zusammenstanden – sie hatten vorne die Kittel
heraufgeschürzt und beide Hände in den Hosentaschen, weshalb sie
beim Ausspucken die Pfeife nicht aus dem Munde nehmen konnten – da
kam unten um die Ecke ein städtisch gekleideter Mann, der eine große,
blinkende Messingschelle mit einem mächtigen Handgriff verkehrt, den
Klöppel nach oben, im gebogenen Arm trug. Er hatte einen wohlgepflegten
braunen Vollbart und trug sein Hütchen keck auf dem Ohr. Sie kannten ihn
alle und hatten ihn wohl auch erwartet. Ihr Kreis öffnete sich, so daß jetzt
alle den Blick auf den Ankommenden gerichtet hatten. Er machte vor der
Gruppe halt, fuhr grüßend flüchtig mit der Linken an den Hutrand, stellte
sich in Positur, die rechte Stiefelspitze weit nach vorne, die linke Hand in
die Hüfte gestemmt. Und dann begann er seine Glocke zu schwenken, mit
wunderbarem Geschick. Rein mit einer eleganten Bewegung aus dem
Handgelenk brachte er einen tadellosen Dreitakt heraus: Klinglingling
Klinglingling! Aus den vier Richtungen kamen schreiend die Buben in
ihren Sonntagskleidern herbeigeschossen, drängten sich durch und
umstanden in froher Neugier den Mann mit der Schelle. Klinglingling
Klinglingling! gellte es in strengem Rhythmus durch die Straßen. Hinter
den Buben kamen deren Väter, gemessenen Schritts, ohne Eile, damit man
nicht denken könnte, sie überschlügen sich vor Neugier. Und, wie gesagt,
sie wußten schon, was kam. Aber sie wollten doch dabei sein, wenn das
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Unerhörte geschah, wenn das ganze große Gut der Lamperts, das seit über
einem Jahrhundert in der Familie war, zur Versteigerung ausgerufen wurde.
Jetzt schwang der Bärtige zum letzten Male seine Schelle in weiterm
Bogen durch die Luft und bugsierte sie zurück in die Biegung seines
rechten Armes. Dann legte er den Kopf ein wenig nach rechts hintenüber
und begann seine Kundmachung. In kurzen, heftigen Absätzen stieß er die
Worte heraus. Es klang wie Gebell: „Am Montag – den 20. Oktober –
vormittags 9 Uhr – läßt Herr Lampert – von allhier – seine auf hiesigem
Banne – gelegenen Güter – und sein Wohnhaus mit Stallung – und sein
Vieh – und seine Fouragen – und seine Ackergeräte – öffentlich auf Borg
versteigern. – Wer Liebhaber ist – kann sich um 9 Uhr – in der
Gastwirtschaft Jaans – und später im Hause Lampert selbst einfinden.“
Dann ließ der Schellengewaltige noch einen gleichgültigen Siegerblick
über die Umstehenden schweifen und setzte seine blanken Stiefelspitzen
weiter nach dem andern Ende des Dorfes, wo er dieselbe Verkündigung
wiederholte.
Während die Bauern an der Kreuzstraße und an den übrigen
Sammelpunkten, wo sie Sonntags ihr Ting zu halten pflegten, die Äcker und
Wiesen des Lampesch Fiß besprachen und jeder nach Kräften das schlecht
machte, auf das er sein Auge geworfen hatte, humpelte der alte Wöllem in
einer Eile, die an ihm noch niemand wahrgenommen hatte, auf einem
Richtweg der Kirche zu, keuchte an der Rückseite die steile Treppe zum
Friedhof hinauf und klopfte unbeholfen an die Tür der Sakristei, wo er
wußte, daß um diese Zeit Fenn Kaß mit den Vorbereitungen zum Hochamt
beschäftigt war. Fenn Kaß tat ihm auf und war verblüfft, als er den alten
Mann mit verstörtem Gesicht in der Tür stehen sah. Man wußte nicht,
waren die Tropfen, die ihm über die felsfarbigen Wangen herunter in den
Bart liefen, wirkliche Tränen oder kamen sie nur auf Rechnung der scharfen
Herbstluft.
„Was ist denn los, Wöllem?“ fragte Fenn, ein wenig barsch in seiner
Neugier und Verblüffung.
Da verzog der alte Mann sein runzliges Armeleutsgesicht zu einer
unsäglich kläglichen Grimasse, einer jener Grimassen, in denen die
Ungewohntheit großer Affekte durch eine rührende Hilflosigkeit des
Ausdrucks sich verrät. Niemals seit einem Menschenalter hatte der arme
Wöllem sein Gesicht in starkem Leid oder Glück verzogen, es war wie
ausgetrocknet, es hatte für dergleichen keine Falten, und er sah in seinem
einem Jahrhundert in der Familie war, zur Versteigerung ausgerufen wurde.
Jetzt schwang der Bärtige zum letzten Male seine Schelle in weiterm
Bogen durch die Luft und bugsierte sie zurück in die Biegung seines
rechten Armes. Dann legte er den Kopf ein wenig nach rechts hintenüber
und begann seine Kundmachung. In kurzen, heftigen Absätzen stieß er die
Worte heraus. Es klang wie Gebell: „Am Montag – den 20. Oktober –
vormittags 9 Uhr – läßt Herr Lampert – von allhier – seine auf hiesigem
Banne – gelegenen Güter – und sein Wohnhaus mit Stallung – und sein
Vieh – und seine Fouragen – und seine Ackergeräte – öffentlich auf Borg
versteigern. – Wer Liebhaber ist – kann sich um 9 Uhr – in der
Gastwirtschaft Jaans – und später im Hause Lampert selbst einfinden.“
Dann ließ der Schellengewaltige noch einen gleichgültigen Siegerblick
über die Umstehenden schweifen und setzte seine blanken Stiefelspitzen
weiter nach dem andern Ende des Dorfes, wo er dieselbe Verkündigung
wiederholte.
Während die Bauern an der Kreuzstraße und an den übrigen
Sammelpunkten, wo sie Sonntags ihr Ting zu halten pflegten, die Äcker und
Wiesen des Lampesch Fiß besprachen und jeder nach Kräften das schlecht
machte, auf das er sein Auge geworfen hatte, humpelte der alte Wöllem in
einer Eile, die an ihm noch niemand wahrgenommen hatte, auf einem
Richtweg der Kirche zu, keuchte an der Rückseite die steile Treppe zum
Friedhof hinauf und klopfte unbeholfen an die Tür der Sakristei, wo er
wußte, daß um diese Zeit Fenn Kaß mit den Vorbereitungen zum Hochamt
beschäftigt war. Fenn Kaß tat ihm auf und war verblüfft, als er den alten
Mann mit verstörtem Gesicht in der Tür stehen sah. Man wußte nicht,
waren die Tropfen, die ihm über die felsfarbigen Wangen herunter in den
Bart liefen, wirkliche Tränen oder kamen sie nur auf Rechnung der scharfen
Herbstluft.
„Was ist denn los, Wöllem?“ fragte Fenn, ein wenig barsch in seiner
Neugier und Verblüffung.
Da verzog der alte Mann sein runzliges Armeleutsgesicht zu einer
unsäglich kläglichen Grimasse, einer jener Grimassen, in denen die
Ungewohntheit großer Affekte durch eine rührende Hilflosigkeit des
Ausdrucks sich verrät. Niemals seit einem Menschenalter hatte der arme
Wöllem sein Gesicht in starkem Leid oder Glück verzogen, es war wie
ausgetrocknet, es hatte für dergleichen keine Falten, und er sah in seinem
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Schmerz wirklich so komisch aus, daß Fenn schon das Lachen ankam, als
plötzlich ein Laut voll unerhörten hilflosen Entsetzens dem alten Mann aus
dem Munde brach. Und dabei führte er zitternd die flache Hand unter
seinem Kinn vorbei.
„Um Gottes willen!“ Fenn hatte begriffen. „Der Lampert!“
Ja, der Lampert hatte sich mit dem Rasiermesser die Gurgel
abgeschnitten, genau in derselben Minute, als drunten an der
Straßenkreuzung, vor dem Altar zwischen den beiden Silberpappeln sein
Hab und Gut ausgeschellt wurde.
Fenn ging zum Pfarrer und mit diesem zu dem Toten. Der saß aufrecht,
nur in Hemd und Hosen, in seinem Lehnstuhl, in derselben Stube, in der vor
Jahren die Kinder mit ihm die Nüsse gegessen hatten aus dem verpfändeten
Acker. Fenn erinnerte sich, wie er keine davon anrühren wollte und wie der
Bauer darauf heiser gelacht hatte: Eßt sie, sonst holt sie der Jud!
Der Lampert, der das Erbe seiner Väter vertan hatte, – da saß er, die
Augen fest geschlossen in dem fahl violetten, furchtbar eingefallenen
Gesicht. Aus den durchschnittenen Halsschlagadern war das Blut wie eine
rote Quelle ausgeströmt und das Hemd des Toten hatte über der Brust
keinen weißen Fleck mehr.
„Warum,“ dachte Fenn, „entsetzen wir uns beim Anblick des Blutes?
Warum zuckt uns die Hand vor der Berührung des roten Lebenssaftes? Ist
es denn nicht die Farbe der Freude?“
Wöllem stand daneben, und von Zeit zu Zeit schütterte seine
Hünengestalt unter einem Schluchzen, das sich gewaltsam aus seiner
breiten Brust losrang.
Fenn hatte sich nach Fritz Lampert umgesehen. Der Sohn des
Selbstmörders zeigte sich nicht. Fenn wußte, wo er im ersten Stock sein
Zimmer hatte. Er ging hinauf und klopfte an die Tür, erhielt aber keine
Antwort. Er sah, daß der Schlüssel von innen stak. Als er auf die Klinke
drückte, fand er die Tür verschlossen.
Da rief er gedämpft den Namen des Kameraden. „Fritz! Ich bin’s, der
Fenn!“
„Laß mich in Ruh!“ kam es trotzig zurück.
„Fritz, mach auf! du mußt aufmachen, hörst du!“
Ohne daß Fenn drinnen Schritte gehört hatte, flog plötzlich die Tür auf
und Fritz stand vor ihm. „Was willst du denn hier?“ fuhr Fritz Lampert den
Küstersohn an.
plötzlich ein Laut voll unerhörten hilflosen Entsetzens dem alten Mann aus
dem Munde brach. Und dabei führte er zitternd die flache Hand unter
seinem Kinn vorbei.
„Um Gottes willen!“ Fenn hatte begriffen. „Der Lampert!“
Ja, der Lampert hatte sich mit dem Rasiermesser die Gurgel
abgeschnitten, genau in derselben Minute, als drunten an der
Straßenkreuzung, vor dem Altar zwischen den beiden Silberpappeln sein
Hab und Gut ausgeschellt wurde.
Fenn ging zum Pfarrer und mit diesem zu dem Toten. Der saß aufrecht,
nur in Hemd und Hosen, in seinem Lehnstuhl, in derselben Stube, in der vor
Jahren die Kinder mit ihm die Nüsse gegessen hatten aus dem verpfändeten
Acker. Fenn erinnerte sich, wie er keine davon anrühren wollte und wie der
Bauer darauf heiser gelacht hatte: Eßt sie, sonst holt sie der Jud!
Der Lampert, der das Erbe seiner Väter vertan hatte, – da saß er, die
Augen fest geschlossen in dem fahl violetten, furchtbar eingefallenen
Gesicht. Aus den durchschnittenen Halsschlagadern war das Blut wie eine
rote Quelle ausgeströmt und das Hemd des Toten hatte über der Brust
keinen weißen Fleck mehr.
„Warum,“ dachte Fenn, „entsetzen wir uns beim Anblick des Blutes?
Warum zuckt uns die Hand vor der Berührung des roten Lebenssaftes? Ist
es denn nicht die Farbe der Freude?“
Wöllem stand daneben, und von Zeit zu Zeit schütterte seine
Hünengestalt unter einem Schluchzen, das sich gewaltsam aus seiner
breiten Brust losrang.
Fenn hatte sich nach Fritz Lampert umgesehen. Der Sohn des
Selbstmörders zeigte sich nicht. Fenn wußte, wo er im ersten Stock sein
Zimmer hatte. Er ging hinauf und klopfte an die Tür, erhielt aber keine
Antwort. Er sah, daß der Schlüssel von innen stak. Als er auf die Klinke
drückte, fand er die Tür verschlossen.
Da rief er gedämpft den Namen des Kameraden. „Fritz! Ich bin’s, der
Fenn!“
„Laß mich in Ruh!“ kam es trotzig zurück.
„Fritz, mach auf! du mußt aufmachen, hörst du!“
Ohne daß Fenn drinnen Schritte gehört hatte, flog plötzlich die Tür auf
und Fritz stand vor ihm. „Was willst du denn hier?“ fuhr Fritz Lampert den
Küstersohn an.
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„Dir sagen, daß dein Platz drunten ist, bei der Leiche!“
„Kümmere dich um das, was dich angeht!“
„Das geht mich an, das geht einen jeden an. Du gehörst hinunter, zu der
Leiche, jetzt wenigstens!“
„Wer mir so was antut, der verdient nicht, daß ich mich um ihn
kümmere!“ stieß Fritz haßgeschwollen hervor.
„Tu es der Leute wegen, Fritz,“ redete ihm Fenn zu. „Mir kann’s ja gleich
sein. Aber wir sind doch immer Kameraden gewesen, ich möchte nicht, daß
sie später von dir sagen, du hättest von deinem leiblichen Vater nichts mehr
wissen wollen.“
„Meinetwegen! Ich ziehe fort, keine vierundzwanzig Stunden bleibe ich
länger hier. Ich gehe zu meinem Onkel nach Brebach!“
„Komm jetzt hinunter. Wir müssen die Neugierigen hinausweisen.“
„Das fehlte noch!“ brauste Fritz auf. „Daß sie uns jetzt Maulaffen halber
das Haus auslaufen und sich womöglich die Taschen voll stehlen!“
Und was die Kindesliebe nicht vermocht hatte, das brachte in dem
starrnackigen Bauernsproß der Eigentumssinn fertig. Fritz Lampert ging
hinunter zu der Leiche seines Vaters und wies mit rüden Worten alles
hinaus, was über die Schwelle drängte und den toten Lampesch Fiß sehen
wollte. Nur Putty durfte herein und Marjänni. Sie räumte beherzt ein wenig
in der Stube und im Hause auf, damit alles sauber aussähe, wenn das
Gericht käme, und sie sagte ernst und leise zu Fritz, er solle doch nachher
bei ihnen zu Mittag essen – nein, durchaus keine Umstände, es werde
einfach ein Teller mehr aufgesetzt. Da fiel es Fenn ein, daß auch der alte
Wöllem an dem Tag und den folgenden keinen Tisch hätte, an den er sich
ohne Grauen setzen würde, und er sagte ihm, daß er nach dem Hochamt mit
ihm zu seinen Eltern gehen sollte.
„Kümmere dich um das, was dich angeht!“
„Das geht mich an, das geht einen jeden an. Du gehörst hinunter, zu der
Leiche, jetzt wenigstens!“
„Wer mir so was antut, der verdient nicht, daß ich mich um ihn
kümmere!“ stieß Fritz haßgeschwollen hervor.
„Tu es der Leute wegen, Fritz,“ redete ihm Fenn zu. „Mir kann’s ja gleich
sein. Aber wir sind doch immer Kameraden gewesen, ich möchte nicht, daß
sie später von dir sagen, du hättest von deinem leiblichen Vater nichts mehr
wissen wollen.“
„Meinetwegen! Ich ziehe fort, keine vierundzwanzig Stunden bleibe ich
länger hier. Ich gehe zu meinem Onkel nach Brebach!“
„Komm jetzt hinunter. Wir müssen die Neugierigen hinausweisen.“
„Das fehlte noch!“ brauste Fritz auf. „Daß sie uns jetzt Maulaffen halber
das Haus auslaufen und sich womöglich die Taschen voll stehlen!“
Und was die Kindesliebe nicht vermocht hatte, das brachte in dem
starrnackigen Bauernsproß der Eigentumssinn fertig. Fritz Lampert ging
hinunter zu der Leiche seines Vaters und wies mit rüden Worten alles
hinaus, was über die Schwelle drängte und den toten Lampesch Fiß sehen
wollte. Nur Putty durfte herein und Marjänni. Sie räumte beherzt ein wenig
in der Stube und im Hause auf, damit alles sauber aussähe, wenn das
Gericht käme, und sie sagte ernst und leise zu Fritz, er solle doch nachher
bei ihnen zu Mittag essen – nein, durchaus keine Umstände, es werde
einfach ein Teller mehr aufgesetzt. Da fiel es Fenn ein, daß auch der alte
Wöllem an dem Tag und den folgenden keinen Tisch hätte, an den er sich
ohne Grauen setzen würde, und er sagte ihm, daß er nach dem Hochamt mit
ihm zu seinen Eltern gehen sollte.
Page 83
Fünftes Kapitel
A cht Tage nach dem Begräbnis des alten Lampert waren die Ferien um.
An einem Morgen, ähnlich jenem andern, an dem die drei Wiesinger
Buben mit Sack und Pack in die Stadt gezogen waren, fuhren früh um
vier der alte Braun, Marjänni, Fenn und Putty über dieselbe Straße
stadtwärts. Wöllem kutschierte. Aber die Charlotte war längst den Weg alles
Pferdefleisches gegangen, in der Deichsel trollte ein Fuchs, ein geduldiges
Tier, mit dem Wöllem jetzt, wie früher mit der Charlotte, im Stall und bei
der Arbeit Zwiesprache pflegte. Über eine Woche war die Versteigerung,
wer weiß, in wessen Hände der Fuchs dann kommen würde. Wöllem tat
ihm bis dahin alles zulieb. Armdicke Brotschnitten stahl er für ihn in der
Küche, den Hafer gab er ihm angemessen, es ging jetzt doch alles drunter
und drüber. Fritz war am Tag nach dem Begräbnis mit allem, worauf er
Wert legte, nach Brebach zu seinem Onkel Majerus ausgewandert und ließ
die Magd wirtschaften. Daß Wöllem zu der Fahrt nach Luxemburg
anspannen sollte, hatte Fritz aus Dankbarkeit für die paar Tage
Gastfreundschaft im Hause Braun eigens angeordnet. Heute sollte Marjänni
in der Lehrerinnen-Normalschule untergebracht werden. Es war
merkwürdig, wie all die fremden Dinge, die ihrer warteten, so klar vor ihr
ausgebreitet lagen. Wie die Wäsche hübsch gefalten und abgezählt daheim
in den Schränken lag, da die Bettwäsche, da die Handtücher, da die
Hemden, da die Taschentücher, immer hübsch dutzend- oder
halbdutzendweise – was sich nicht ins Dutzend dividieren ließ, galt als
Landstreichervolk – so hatte das fünfzehnjährige Mädchen mit
pflichtbewußter Nüchternheit sich die Menschen und Verhältnisse für die
nächste Zukunft zurecht gelegt. Ihr Wissen war sauber, wie gebügelt, in den
verschiedenen Fächern aufgestapelt, sie konnte ihre Grammatikregeln so
sicher und gedankenlos hersagen wie das Vaterunser, im Rechnen war sie,
wenn ein Exempel keine besonders große Kombinationsgabe erforderte, so
fix wie eine. Am liebsten freilich hatte sie die Arbeitswege, die sich glatt
und deutlich hinausbreiteten, auf denen sie still und emsig ihr Pensum
herunterschaffen konnte, ohne sich den Kopf mit der Lösung
labyrinthischer Schwierigkeiten zu plagen. Ich werde nicht die erste, sagte
sie schlicht und bestimmt, aber ich komme sicher unter die fünf ersten. Der
A cht Tage nach dem Begräbnis des alten Lampert waren die Ferien um.
An einem Morgen, ähnlich jenem andern, an dem die drei Wiesinger
Buben mit Sack und Pack in die Stadt gezogen waren, fuhren früh um
vier der alte Braun, Marjänni, Fenn und Putty über dieselbe Straße
stadtwärts. Wöllem kutschierte. Aber die Charlotte war längst den Weg alles
Pferdefleisches gegangen, in der Deichsel trollte ein Fuchs, ein geduldiges
Tier, mit dem Wöllem jetzt, wie früher mit der Charlotte, im Stall und bei
der Arbeit Zwiesprache pflegte. Über eine Woche war die Versteigerung,
wer weiß, in wessen Hände der Fuchs dann kommen würde. Wöllem tat
ihm bis dahin alles zulieb. Armdicke Brotschnitten stahl er für ihn in der
Küche, den Hafer gab er ihm angemessen, es ging jetzt doch alles drunter
und drüber. Fritz war am Tag nach dem Begräbnis mit allem, worauf er
Wert legte, nach Brebach zu seinem Onkel Majerus ausgewandert und ließ
die Magd wirtschaften. Daß Wöllem zu der Fahrt nach Luxemburg
anspannen sollte, hatte Fritz aus Dankbarkeit für die paar Tage
Gastfreundschaft im Hause Braun eigens angeordnet. Heute sollte Marjänni
in der Lehrerinnen-Normalschule untergebracht werden. Es war
merkwürdig, wie all die fremden Dinge, die ihrer warteten, so klar vor ihr
ausgebreitet lagen. Wie die Wäsche hübsch gefalten und abgezählt daheim
in den Schränken lag, da die Bettwäsche, da die Handtücher, da die
Hemden, da die Taschentücher, immer hübsch dutzend- oder
halbdutzendweise – was sich nicht ins Dutzend dividieren ließ, galt als
Landstreichervolk – so hatte das fünfzehnjährige Mädchen mit
pflichtbewußter Nüchternheit sich die Menschen und Verhältnisse für die
nächste Zukunft zurecht gelegt. Ihr Wissen war sauber, wie gebügelt, in den
verschiedenen Fächern aufgestapelt, sie konnte ihre Grammatikregeln so
sicher und gedankenlos hersagen wie das Vaterunser, im Rechnen war sie,
wenn ein Exempel keine besonders große Kombinationsgabe erforderte, so
fix wie eine. Am liebsten freilich hatte sie die Arbeitswege, die sich glatt
und deutlich hinausbreiteten, auf denen sie still und emsig ihr Pensum
herunterschaffen konnte, ohne sich den Kopf mit der Lösung
labyrinthischer Schwierigkeiten zu plagen. Ich werde nicht die erste, sagte
sie schlicht und bestimmt, aber ich komme sicher unter die fünf ersten. Der
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Leiterwagen polterte durch den nebligen Herbstmorgen. Von seinen Stößen
geschüttert sahen die Insassen den Sternenhimmel über sich hüpfend
mitrennen, und Marjänni rief verwundert: „Vater, sieh, die Sterne springen
uns nach.“
Der alte Braun klopfte die Asche aus seiner irdenen Pfeife und sagte:
„Das will ich euch erklären. Daß die Sterne uns zu begleiten scheinen, rührt
daher, daß sie nicht, wie andere Gegenstände, die wir hinter uns
zurücklassen, immer kleiner werden. Die Entfernung zwischen den Sternen
und uns ist so ungeheuer groß, daß das Endchen von Wiesing nach
Luxemburg keinen Unterschied macht.“
Marjänni dachte angestrengt nach, aber sie erfaßte den Zusammenhang
nicht gleich.
„Dummes Ding,“ half Putty nach, „wenn man im Finstern eine Laterne z.
B. von dir wegträgt, wird sie immer kleiner und kleiner. Daran merkst du
überhaupt, daß sie sich entfernt. Bliebe sie immer gleich groß, so würdest
du sagen, sie bleibt stehen.“
„Aber die Sterne?“ fragte Marjänni.
„Nun, die Sterne sind Laternen, die nicht kleiner werden, wenn wir von
ihnen weggehen, weil die Entfernung schon so groß ist, daß die paar
Kilometer mehr oder weniger nichts ausmachen. Und darum hast du den
Eindruck, daß die Entfernung dieselbe bleibt, das heißt, daß die Sterne mit
uns gehen.“
„Das haben wir noch nicht gehabt,“ sagte Marjänni schlicht und sachlich.
„Du schreibst es mir auf, gelt, ich will es lernen.“
„So was schreibt man doch nicht auf,“ sagte Putty spöttisch.
„Laß sie,“ warf Fenn ein. „Ich werd’s dir aufschreiben, Marjänni.“
Herr Braun nannte alle Sternbilder, die er kannte. Und dann warf Fenn in
die Unterhaltung die Worte „Kant-Laplace“. Der alte Lehrer horchte mit
offenem Munde und schüttelte den Kopf über die kühnen Hypothesen, die
Fenn da vortrug. Zum erstenmal in seinem Leben hörte er von einem
Urnebel, der sich durch Umdrehung zur Kugel geballt, andere Kugeln durch
Zentrifugalkraft abgeschleudert haben soll, die wieder die Mütter zahlloser
weiterer Welten geworden seien. Er wagte es kaum auszudenken, daß der
junge Mann, der das so selbstverständlich vortrug, einer war, der später aus
der Bibel die Menschen lehren sollte, die Welt sei auf ein Schöpferwort
Gottes entstanden, in sechs Tagewerken, in denen sich der Ewige die Arbeit
hübsch eingeteilt hatte, just wie in der Grammatik jede Regelngruppe in
geschüttert sahen die Insassen den Sternenhimmel über sich hüpfend
mitrennen, und Marjänni rief verwundert: „Vater, sieh, die Sterne springen
uns nach.“
Der alte Braun klopfte die Asche aus seiner irdenen Pfeife und sagte:
„Das will ich euch erklären. Daß die Sterne uns zu begleiten scheinen, rührt
daher, daß sie nicht, wie andere Gegenstände, die wir hinter uns
zurücklassen, immer kleiner werden. Die Entfernung zwischen den Sternen
und uns ist so ungeheuer groß, daß das Endchen von Wiesing nach
Luxemburg keinen Unterschied macht.“
Marjänni dachte angestrengt nach, aber sie erfaßte den Zusammenhang
nicht gleich.
„Dummes Ding,“ half Putty nach, „wenn man im Finstern eine Laterne z.
B. von dir wegträgt, wird sie immer kleiner und kleiner. Daran merkst du
überhaupt, daß sie sich entfernt. Bliebe sie immer gleich groß, so würdest
du sagen, sie bleibt stehen.“
„Aber die Sterne?“ fragte Marjänni.
„Nun, die Sterne sind Laternen, die nicht kleiner werden, wenn wir von
ihnen weggehen, weil die Entfernung schon so groß ist, daß die paar
Kilometer mehr oder weniger nichts ausmachen. Und darum hast du den
Eindruck, daß die Entfernung dieselbe bleibt, das heißt, daß die Sterne mit
uns gehen.“
„Das haben wir noch nicht gehabt,“ sagte Marjänni schlicht und sachlich.
„Du schreibst es mir auf, gelt, ich will es lernen.“
„So was schreibt man doch nicht auf,“ sagte Putty spöttisch.
„Laß sie,“ warf Fenn ein. „Ich werd’s dir aufschreiben, Marjänni.“
Herr Braun nannte alle Sternbilder, die er kannte. Und dann warf Fenn in
die Unterhaltung die Worte „Kant-Laplace“. Der alte Lehrer horchte mit
offenem Munde und schüttelte den Kopf über die kühnen Hypothesen, die
Fenn da vortrug. Zum erstenmal in seinem Leben hörte er von einem
Urnebel, der sich durch Umdrehung zur Kugel geballt, andere Kugeln durch
Zentrifugalkraft abgeschleudert haben soll, die wieder die Mütter zahlloser
weiterer Welten geworden seien. Er wagte es kaum auszudenken, daß der
junge Mann, der das so selbstverständlich vortrug, einer war, der später aus
der Bibel die Menschen lehren sollte, die Welt sei auf ein Schöpferwort
Gottes entstanden, in sechs Tagewerken, in denen sich der Ewige die Arbeit
hübsch eingeteilt hatte, just wie in der Grammatik jede Regelngruppe in
Page 85
ihrem eigenen Kapitel steht, und man immer mit der einen fertig sein muß,
ehe man mit der andern anfängt.
„Wo lernt ihr das alles?“ fragte Lehrer Braun mißtrauisch.
„In der Schule nicht,“ sagte Fenn. „Man muß ein bißchen um sich herum
lesen.“
„Wenn sie es erfahren, können sie dir Schwierigkeiten machen.“
„Sie“ war in der Einbildung des alten Lehrers ein Sammelbegriff, der für
ihn alles einschloß, was in der Stadt über die Menschen Macht hat, was die
Köpfe zusammensteckt, um einen glücklich oder unglücklich zu machen,
was einen mit allen Wohltaten, die für brave Christenmenschen da sind,
überrieseln oder aber einen völlig trocken setzen kann; was mit strengen
Blicken und womöglich goldenen Brillen hinter allerhand grünen Tischen
sitzt und salbungsvoll seine Sätze mit tja tja anfängt; was jeden Sonntag
morgen den Wochenvorrat an Zucht und Ordnung, an Freiheit des Denkens
und Glaubens behutsam heraustut, nicht zu wenig und nicht zu viel, für alle,
die nach ihm etwas zu fragen haben.
„Sie“, das waren für den alten Braun alle die Hochmögenden, die eines
Tages seinen jungen Freund Fenn vor ihren Gerichtsstuhl zitieren und ihm
sagen konnten: du hast durch Vortragen verwegener Theorien über den
Ursprung der Welt Ärgernis gegeben, du mußt alles abschwören, oder wir
machen dich unglücklich!
„Sie werden mir schon nichts tun,“ sagte Fenn lächelnd. „Ich sage schon
nicht mehr, als ich sagen darf und als was sie selbst alle glauben, wenn sie
keine Stiesel sind.“
Putty aber erwog bei sich, ob es nicht trotzdem vorsichtiger sei, das
System Kant-Laplace den Kindern der Welt zu überlassen und sich
schlichten Sinnes an die bewährte biblische Schöpfungsgeschichte zu
halten. Die ließ sich gutmütig alle möglichen Auslegungen gefallen.
N ach dem Morgenkaffee im Goldenen Anker ging die ganze
Gesellschaft mit Marjänni zur Mädchen-Normalschule. Die Oberin
war geschmeichelt, daß die beiden Studenten, die schon in den obern
Klassen waren, ihrer Anstalt die Ehre schenkten, und sie ließ eines der
jüngsten Nönnchen antreten, um den Wiesingern das Haus zu zeigen. Die
lautlose schwarze Gestalt mit den in den weiten Ärmeln versteckten
ehe man mit der andern anfängt.
„Wo lernt ihr das alles?“ fragte Lehrer Braun mißtrauisch.
„In der Schule nicht,“ sagte Fenn. „Man muß ein bißchen um sich herum
lesen.“
„Wenn sie es erfahren, können sie dir Schwierigkeiten machen.“
„Sie“ war in der Einbildung des alten Lehrers ein Sammelbegriff, der für
ihn alles einschloß, was in der Stadt über die Menschen Macht hat, was die
Köpfe zusammensteckt, um einen glücklich oder unglücklich zu machen,
was einen mit allen Wohltaten, die für brave Christenmenschen da sind,
überrieseln oder aber einen völlig trocken setzen kann; was mit strengen
Blicken und womöglich goldenen Brillen hinter allerhand grünen Tischen
sitzt und salbungsvoll seine Sätze mit tja tja anfängt; was jeden Sonntag
morgen den Wochenvorrat an Zucht und Ordnung, an Freiheit des Denkens
und Glaubens behutsam heraustut, nicht zu wenig und nicht zu viel, für alle,
die nach ihm etwas zu fragen haben.
„Sie“, das waren für den alten Braun alle die Hochmögenden, die eines
Tages seinen jungen Freund Fenn vor ihren Gerichtsstuhl zitieren und ihm
sagen konnten: du hast durch Vortragen verwegener Theorien über den
Ursprung der Welt Ärgernis gegeben, du mußt alles abschwören, oder wir
machen dich unglücklich!
„Sie werden mir schon nichts tun,“ sagte Fenn lächelnd. „Ich sage schon
nicht mehr, als ich sagen darf und als was sie selbst alle glauben, wenn sie
keine Stiesel sind.“
Putty aber erwog bei sich, ob es nicht trotzdem vorsichtiger sei, das
System Kant-Laplace den Kindern der Welt zu überlassen und sich
schlichten Sinnes an die bewährte biblische Schöpfungsgeschichte zu
halten. Die ließ sich gutmütig alle möglichen Auslegungen gefallen.
N ach dem Morgenkaffee im Goldenen Anker ging die ganze
Gesellschaft mit Marjänni zur Mädchen-Normalschule. Die Oberin
war geschmeichelt, daß die beiden Studenten, die schon in den obern
Klassen waren, ihrer Anstalt die Ehre schenkten, und sie ließ eines der
jüngsten Nönnchen antreten, um den Wiesingern das Haus zu zeigen. Die
lautlose schwarze Gestalt mit den in den weiten Ärmeln versteckten
Page 86
Händen und der steifen ovalen Musselintüte, aus deren Tiefe ein frisches
Gesicht herausguckte, war ein munteres Ding mit großen Rehaugen, das
jeden Anlaß benützte, einer unbändigen Lachlust, die sich in ihm
angesammelt hatte, ein Sicherheitsventil zu öffnen. Die zwei Wiesinger
waren für diese Nonne ein Gegenstand erstaunter Hochachtung. Das
würden also über drei Jahre richtige „Herren“ sein, mit langer Soutane und
geschorenem Scheitel! Und sie erzählte von „ihrem“ Studenten, einem
armen Teufel von Gymnasiasten, der jeden Morgen in der Anstaltskapelle
die Messe diente und dafür von den Küchenschwestern mit andächtiger
Mütterlichkeit überernährt wurde.
Marjänni freute sich, daß ihre zwei Jugendgespielen so liebenswürdig in
„ihrer“ Normalschule behandelt wurden, und sie hätte gar zu gern auch das
Konvikt besichtigt, aber keiner von den beiden mochte es übernehmen, eine
so junge Frauensperson in die Mauern ihrer weiberfremden Anstalt
hineinzuschmuggeln. Das hätte allerhand Verdacht bei dem „Alten“
wachrufen können, und so mußten alle darauf verzichten, daß Marjänni von
Angesicht zu Angesicht die Stätten sah, an denen das Leben Fenns und
Puttys hinfloß, und daß das Gemeinsame, das ihre Gedanken und
Erinnerungen aus dem heimischen Milieu sogen, auch jetzt noch Nahrung
gefunden hätte darin, daß jedes wenigstens eine flüchtige Vorstellung von
den Daseinsäußerlichkeiten des andern gehabt hätte.
E s war für Marjänni wie für die beiden Lateinschüler ein Ereignis, als
wenige Wochen später, an einem freien Nachmittag, sich die Zöglinge
beider Anstalten auf einem Spaziergang begegneten. Die Schwester,
die die Führung der schwarzen Mädchenkolonie hatte, begann sich ihrer
ganzen Verantwortlichkeit bewußt zu werden, als sie um die nächste Ecke
die ersten Reihen der Konviktoristen auftauchen sah und es im selben
Augenblick durch die helle Eintönigkeit des Geschnatters ihrer
Pflegebefohlenen einen kurzen Riß gab. In der nächsten Sekunde lief das
aus Dutzenden von grellen, aber sittsam gedämpften Mädchenstimmen
gewobene Band wieder ungestört weiter. Die Nonne schritt eifrig aus, bis
sie an die Spitze ihres Zuges gelangte und ließ dann die ganze Reihe unter
ihrem strengen Blick defilieren. Ein Ausweichen gab es nicht, es tat sich
nirgends eine Seitenstraße auf. So mußte man denn sehen, wie man die
Gesicht herausguckte, war ein munteres Ding mit großen Rehaugen, das
jeden Anlaß benützte, einer unbändigen Lachlust, die sich in ihm
angesammelt hatte, ein Sicherheitsventil zu öffnen. Die zwei Wiesinger
waren für diese Nonne ein Gegenstand erstaunter Hochachtung. Das
würden also über drei Jahre richtige „Herren“ sein, mit langer Soutane und
geschorenem Scheitel! Und sie erzählte von „ihrem“ Studenten, einem
armen Teufel von Gymnasiasten, der jeden Morgen in der Anstaltskapelle
die Messe diente und dafür von den Küchenschwestern mit andächtiger
Mütterlichkeit überernährt wurde.
Marjänni freute sich, daß ihre zwei Jugendgespielen so liebenswürdig in
„ihrer“ Normalschule behandelt wurden, und sie hätte gar zu gern auch das
Konvikt besichtigt, aber keiner von den beiden mochte es übernehmen, eine
so junge Frauensperson in die Mauern ihrer weiberfremden Anstalt
hineinzuschmuggeln. Das hätte allerhand Verdacht bei dem „Alten“
wachrufen können, und so mußten alle darauf verzichten, daß Marjänni von
Angesicht zu Angesicht die Stätten sah, an denen das Leben Fenns und
Puttys hinfloß, und daß das Gemeinsame, das ihre Gedanken und
Erinnerungen aus dem heimischen Milieu sogen, auch jetzt noch Nahrung
gefunden hätte darin, daß jedes wenigstens eine flüchtige Vorstellung von
den Daseinsäußerlichkeiten des andern gehabt hätte.
E s war für Marjänni wie für die beiden Lateinschüler ein Ereignis, als
wenige Wochen später, an einem freien Nachmittag, sich die Zöglinge
beider Anstalten auf einem Spaziergang begegneten. Die Schwester,
die die Führung der schwarzen Mädchenkolonie hatte, begann sich ihrer
ganzen Verantwortlichkeit bewußt zu werden, als sie um die nächste Ecke
die ersten Reihen der Konviktoristen auftauchen sah und es im selben
Augenblick durch die helle Eintönigkeit des Geschnatters ihrer
Pflegebefohlenen einen kurzen Riß gab. In der nächsten Sekunde lief das
aus Dutzenden von grellen, aber sittsam gedämpften Mädchenstimmen
gewobene Band wieder ungestört weiter. Die Nonne schritt eifrig aus, bis
sie an die Spitze ihres Zuges gelangte und ließ dann die ganze Reihe unter
ihrem strengen Blick defilieren. Ein Ausweichen gab es nicht, es tat sich
nirgends eine Seitenstraße auf. So mußte man denn sehen, wie man die
Page 87
Geschlechter so unangefochten wie möglich aneinander vorbeibrachte. Der
geistliche Koadjutor, der die Konviktschüler begleitete, führte instinktiv
dasselbe Feldherrnmanöver aus, wie seine Kollegin, und nun, Gott
befohlen: Der Vorbeimarsch begann.
Puttys Herz klopfte. Er dachte: Werde ich einen Blick von ihr erhaschen?
Aber der Koadjutor stand in seiner Nähe und paßte scharf auf, wer die
Augen aufschlug und einen Blick nach der Mädchenreihe hinübersandte.
Der Koadjutor sah übrigens nur gleichgültige Gesichter. Bis auf eins. Es
gehörte wieder mal diesem aufsässigen Fenn Kaß. – Was? Der Mensch
hatte die Dreistigkeit, sogar hinüber zu grüßen! – Der Koadjutor drehte sich
um, er wollte sehen, wem dieser Gruß gegolten hatte. Er sah ein hübsches
Mädchengesicht, das ein unbefangenes Lächeln herüberstrahlte, sah dies
Lächeln plötzlich von einem Ausdruck des Entsetzens wie fortgeblasen und
hörte die Nonne zischen: „Braun Marianne! Du bist unverschämt!“
Jawohl! Unverschämt! Das war ja auch dieser Fenn Kaß gewesen. Der
junge Geistliche und die Nonne standen unbeweglich, bis die Reihen
aneinander vorbei waren – dann zog der Herr Koadjutor verlegen seinen
Hut, die Nonne neigte das Haupt und beide folgten ihren Zöglingen in dem
Bewußtsein, die ihnen anvertrauten Seelen, bis auf zwei, vor Anfechtung
glücklich bewahrt zu haben.
Diese zwei hatten an dem Abend wahrscheinlich keine Ahnung davon,
wie sie für einander leiden mußten.
„Fenn Kaß!“ sagte Herr Kleyer, „was habe ich gesagt! Wenn ein braver
Konviktorist an Personen des andern Geschlechts vorbeigeht, was tut er da?
– Nun? – Du schweigst in deinem Trotz? – Er schlägt die Augen nieder! Er
schickt keine frechen Blicke nach dem Antlitz des Weibes! Fenn Kaß! Was
habe ich gesagt! Tota mulier ... das ganze Weib ist ein Köder!“
Fenn mußte wieder die Achsel zucken.
„Fenn Kaß! Du gehst verloren für Zeit und Ewigkeit, wenn es nicht
anders wird mit dir!“
„Was habe ich denn getan?“
„Was du getan hast! Herr Bormann hat mir berichtet, daß du freche
Blicke nach einer jungen Person, einer Normalschülerin, geworfen hast. Du
hast versucht, mit ihr Zeichen des Einverständnisses zu wechseln. Fenn
Kaß! Es gibt mehr Ketten als rasende Hunde!“
„Wenn ich einem Mädchen aus meinem Dorf guten Tag sage, so bin ich
noch kein rasender Hund.“
geistliche Koadjutor, der die Konviktschüler begleitete, führte instinktiv
dasselbe Feldherrnmanöver aus, wie seine Kollegin, und nun, Gott
befohlen: Der Vorbeimarsch begann.
Puttys Herz klopfte. Er dachte: Werde ich einen Blick von ihr erhaschen?
Aber der Koadjutor stand in seiner Nähe und paßte scharf auf, wer die
Augen aufschlug und einen Blick nach der Mädchenreihe hinübersandte.
Der Koadjutor sah übrigens nur gleichgültige Gesichter. Bis auf eins. Es
gehörte wieder mal diesem aufsässigen Fenn Kaß. – Was? Der Mensch
hatte die Dreistigkeit, sogar hinüber zu grüßen! – Der Koadjutor drehte sich
um, er wollte sehen, wem dieser Gruß gegolten hatte. Er sah ein hübsches
Mädchengesicht, das ein unbefangenes Lächeln herüberstrahlte, sah dies
Lächeln plötzlich von einem Ausdruck des Entsetzens wie fortgeblasen und
hörte die Nonne zischen: „Braun Marianne! Du bist unverschämt!“
Jawohl! Unverschämt! Das war ja auch dieser Fenn Kaß gewesen. Der
junge Geistliche und die Nonne standen unbeweglich, bis die Reihen
aneinander vorbei waren – dann zog der Herr Koadjutor verlegen seinen
Hut, die Nonne neigte das Haupt und beide folgten ihren Zöglingen in dem
Bewußtsein, die ihnen anvertrauten Seelen, bis auf zwei, vor Anfechtung
glücklich bewahrt zu haben.
Diese zwei hatten an dem Abend wahrscheinlich keine Ahnung davon,
wie sie für einander leiden mußten.
„Fenn Kaß!“ sagte Herr Kleyer, „was habe ich gesagt! Wenn ein braver
Konviktorist an Personen des andern Geschlechts vorbeigeht, was tut er da?
– Nun? – Du schweigst in deinem Trotz? – Er schlägt die Augen nieder! Er
schickt keine frechen Blicke nach dem Antlitz des Weibes! Fenn Kaß! Was
habe ich gesagt! Tota mulier ... das ganze Weib ist ein Köder!“
Fenn mußte wieder die Achsel zucken.
„Fenn Kaß! Du gehst verloren für Zeit und Ewigkeit, wenn es nicht
anders wird mit dir!“
„Was habe ich denn getan?“
„Was du getan hast! Herr Bormann hat mir berichtet, daß du freche
Blicke nach einer jungen Person, einer Normalschülerin, geworfen hast. Du
hast versucht, mit ihr Zeichen des Einverständnisses zu wechseln. Fenn
Kaß! Es gibt mehr Ketten als rasende Hunde!“
„Wenn ich einem Mädchen aus meinem Dorf guten Tag sage, so bin ich
noch kein rasender Hund.“
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„Und ich sage dir, du ahnst es nicht, wie in jenem Augenblick der Teufel
nach dir und jenem bedauernswerten Geschöpf seine Netze ausgeworfen
hat!“
„Davon habe ich nichts gespürt.“
„Fenn Kaß! Ich bin es müde, mit dir um dein Seelenheil zu streiten. Das
beste, was du jetzt tun kannst: geh in die Kapelle und bete, bis du der
Versuchung Herr geworden bist.“
„Ich weiß nichts von –“
„Geh in die Kapelle, sag ich dir!“
Ungefähr um dieselbe Stunde rang die Braun Marianne vor der Oberin
der Normalschule die Hände und beteuerte, daß sie sich wirklich nichts
dabei gedacht hätte, als sie dem Küsterssohn ihres Heimatsdorfes einen
guten Tag hinübergewinkt hatte.
In den nächsten Weihnachtsferien erzählte Fenn der Lehrerstochter, was
er ihretwegen zu bestehen gehabt hatte, aber sie sagte ihm nicht, daß sie mit
demselben Abenteuer aufwarten konnte. Warum hütete sie ihr Geheimnis?
Scheute sie instinktiv davor zurück, daß sich zwischen ihr und ihm die
Gemeinschaft des ertragenen Leids bildete? Fürchtete sie, er, der Starke,
Rücksichtslose, werde etwas Gewalttätiges gegen die unternehmen, die ihr
zu nahe getreten waren? Oder war es einfach werktägliche
Mädchenschläue, die da denkt: die Männer brauchen nicht alles zu wissen?
– Wer kennt sich aus in einem sechzehnjährigen Mädchenherzen?
Eine zweite Begegnung der beiden Anstalten fand in dem Jahre nicht
mehr statt. Und auch in Wiesing, während der Ferien, war es selten, daß
Marjänni mit ihren beiden Studiengenossen zusammentraf. Die besondere
Art von Erziehung, die sie erlitt, übte ihre Wirkung. Sie war von
schulwegen auch zu Hause an allerhand Regelkram gebunden, in dem für
Umgang mit jungen Männern kein Spielraum blieb, und mit der Intimität
der Kinderjahre war es jetzt ein für allemal vorbei.
I n den Herbstferien verunglückte der alte Kaß im Kirchturm, beim
Aufziehen der Uhr, wie es seine Frau immer vorhergesagt hatte. Es klang
fast, als suchte sie darin einigen Trost für ihr Leid, wenn sie den
Nachbarn, die ihr zuredeten, immer wiederholte: ich habe es kommen
sehen, ich habe es immer gesagt!
nach dir und jenem bedauernswerten Geschöpf seine Netze ausgeworfen
hat!“
„Davon habe ich nichts gespürt.“
„Fenn Kaß! Ich bin es müde, mit dir um dein Seelenheil zu streiten. Das
beste, was du jetzt tun kannst: geh in die Kapelle und bete, bis du der
Versuchung Herr geworden bist.“
„Ich weiß nichts von –“
„Geh in die Kapelle, sag ich dir!“
Ungefähr um dieselbe Stunde rang die Braun Marianne vor der Oberin
der Normalschule die Hände und beteuerte, daß sie sich wirklich nichts
dabei gedacht hätte, als sie dem Küsterssohn ihres Heimatsdorfes einen
guten Tag hinübergewinkt hatte.
In den nächsten Weihnachtsferien erzählte Fenn der Lehrerstochter, was
er ihretwegen zu bestehen gehabt hatte, aber sie sagte ihm nicht, daß sie mit
demselben Abenteuer aufwarten konnte. Warum hütete sie ihr Geheimnis?
Scheute sie instinktiv davor zurück, daß sich zwischen ihr und ihm die
Gemeinschaft des ertragenen Leids bildete? Fürchtete sie, er, der Starke,
Rücksichtslose, werde etwas Gewalttätiges gegen die unternehmen, die ihr
zu nahe getreten waren? Oder war es einfach werktägliche
Mädchenschläue, die da denkt: die Männer brauchen nicht alles zu wissen?
– Wer kennt sich aus in einem sechzehnjährigen Mädchenherzen?
Eine zweite Begegnung der beiden Anstalten fand in dem Jahre nicht
mehr statt. Und auch in Wiesing, während der Ferien, war es selten, daß
Marjänni mit ihren beiden Studiengenossen zusammentraf. Die besondere
Art von Erziehung, die sie erlitt, übte ihre Wirkung. Sie war von
schulwegen auch zu Hause an allerhand Regelkram gebunden, in dem für
Umgang mit jungen Männern kein Spielraum blieb, und mit der Intimität
der Kinderjahre war es jetzt ein für allemal vorbei.
I n den Herbstferien verunglückte der alte Kaß im Kirchturm, beim
Aufziehen der Uhr, wie es seine Frau immer vorhergesagt hatte. Es klang
fast, als suchte sie darin einigen Trost für ihr Leid, wenn sie den
Nachbarn, die ihr zuredeten, immer wiederholte: ich habe es kommen
sehen, ich habe es immer gesagt!
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Fenn hatte den Verunglückten selbst im Turm gefunden. Als er den noch
warmen Körper, der ihm bleischwer in den Armen hing, aus dem Dunkel
des Turms heraustrug in die hellere Kirche und ihm aus dem
Weihwasserkessel die Schläfe kühlte, weil er glaubte, er sei nur
ohnmächtig, da war es vielleicht das erstemal, daß er seinem Vater innerlich
ganz nahe kam, dem Toten viel, viel näher als dem Lebenden.
Vater Kaß hatte durch einen Sturz auf den Hinterkopf das Genick
gebrochen. Er lag jetzt auf den Steinfliesen im Mittelgang der Kirche, das
ruhige Antlitz mit den Augen, die der Stürzende im Aufprallen fest
geschlossen hatte, dem Gewölbe zugekehrt, an dessen naiven Malereien die
gelben Strahlen der untergehenden Sonne leise hinglitten.
„Vater,“ sagte Fenn angstvoll und schlug dem Toten immer fester und
eindringlicher in die hohle Hand. „Vater, hörst du mich?“
Er schob sanft eines der geschlossenen Augenlider zurück und es blieb
über dem glanzlosen Blick bewegungslos stehen.
Da ging dem armen Burschen die Wahrheit auf, und mit einem
Schluchzen, das den ganzen starken Körper erschütterte, warf er sich über
den Toten. Er tat es mit dem innern Vorwurf, sein ganzes Leben neben
diesem Manne hingegangen zu sein und ihm nie so recht aus Herzensgrund
gesagt zu haben, wie er an ihm hing. Der stille, verschlossene Küster hatte
seinen Sohn nie an Gefühlsausbrüche gewöhnt, er war nie, weder in Zorn
noch in Zärtlichkeit aus sich herausgegangen, aber der heranwachsende
Knabe und Jüngling hatte an manchem Blick, an manchem Wort und
manchem kaum sichtbaren Lächeln gemerkt, was er dem Vater war. Die
sich vertiefende Einsicht ins Leben, die geistige Überlegenheit, die ihm sein
Wissen über das schlichte Menschtum seines Vaters gab, vermochten bei
Fenn nichts über sein reines Sohnesempfinden, das ihm den Vater immer als
den Stärkern und Weisern zeigte. Manchmal freilich war in diesem
Empfinden auch die Hefe des Trotzes aufgegangen, wenn der Alte mit dem
hartnäckigen Gleichschritt seiner Gewohnheit über allerhand
Neuerungsversuche des Jungen in Kleinigkeiten des Tagewerks
hinwegschritt. Dann regte sich der Trotz des Mannes gegen den Mann, die
Herzen drohten sich zu verhärten, wie sie sich oft zwischen Vater und Sohn
verhärten, wenn jener das Werden seines Ebenbildes, die Wiedergeburt
seiner selbst, zu ausschließlich nach seinem Willen lenken will. Dann
bäumt sich in beiden der Genius der Persönlichkeit, und die Flammen des
Hasses lodern. Soweit war es zwischen Fenn Kaß und seinem Vater nie
warmen Körper, der ihm bleischwer in den Armen hing, aus dem Dunkel
des Turms heraustrug in die hellere Kirche und ihm aus dem
Weihwasserkessel die Schläfe kühlte, weil er glaubte, er sei nur
ohnmächtig, da war es vielleicht das erstemal, daß er seinem Vater innerlich
ganz nahe kam, dem Toten viel, viel näher als dem Lebenden.
Vater Kaß hatte durch einen Sturz auf den Hinterkopf das Genick
gebrochen. Er lag jetzt auf den Steinfliesen im Mittelgang der Kirche, das
ruhige Antlitz mit den Augen, die der Stürzende im Aufprallen fest
geschlossen hatte, dem Gewölbe zugekehrt, an dessen naiven Malereien die
gelben Strahlen der untergehenden Sonne leise hinglitten.
„Vater,“ sagte Fenn angstvoll und schlug dem Toten immer fester und
eindringlicher in die hohle Hand. „Vater, hörst du mich?“
Er schob sanft eines der geschlossenen Augenlider zurück und es blieb
über dem glanzlosen Blick bewegungslos stehen.
Da ging dem armen Burschen die Wahrheit auf, und mit einem
Schluchzen, das den ganzen starken Körper erschütterte, warf er sich über
den Toten. Er tat es mit dem innern Vorwurf, sein ganzes Leben neben
diesem Manne hingegangen zu sein und ihm nie so recht aus Herzensgrund
gesagt zu haben, wie er an ihm hing. Der stille, verschlossene Küster hatte
seinen Sohn nie an Gefühlsausbrüche gewöhnt, er war nie, weder in Zorn
noch in Zärtlichkeit aus sich herausgegangen, aber der heranwachsende
Knabe und Jüngling hatte an manchem Blick, an manchem Wort und
manchem kaum sichtbaren Lächeln gemerkt, was er dem Vater war. Die
sich vertiefende Einsicht ins Leben, die geistige Überlegenheit, die ihm sein
Wissen über das schlichte Menschtum seines Vaters gab, vermochten bei
Fenn nichts über sein reines Sohnesempfinden, das ihm den Vater immer als
den Stärkern und Weisern zeigte. Manchmal freilich war in diesem
Empfinden auch die Hefe des Trotzes aufgegangen, wenn der Alte mit dem
hartnäckigen Gleichschritt seiner Gewohnheit über allerhand
Neuerungsversuche des Jungen in Kleinigkeiten des Tagewerks
hinwegschritt. Dann regte sich der Trotz des Mannes gegen den Mann, die
Herzen drohten sich zu verhärten, wie sie sich oft zwischen Vater und Sohn
verhärten, wenn jener das Werden seines Ebenbildes, die Wiedergeburt
seiner selbst, zu ausschließlich nach seinem Willen lenken will. Dann
bäumt sich in beiden der Genius der Persönlichkeit, und die Flammen des
Hasses lodern. Soweit war es zwischen Fenn Kaß und seinem Vater nie
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gekommen, aber leise hatten doch ab und zu die Stahlpanzer ihrer Seelen
widereinander geklungen.
Daran dachte Fenn, während er über dem Toten kniete. Jeder Widerstand,
der dem Aufrechten gegenüber stets sprungbereit im Hintergrund gelauert
hatte, war gebrochen. „Armer Vater!“ schluchzte Fenn. In diesem
mitleidigen Klageruf drückte er am klarsten aus, was ihn bewegte. Ein
Leben lang hatte sich ein guter, treuer Mensch gerackert um die Erfüllung
seines Herzenswunsches noch vier, fünf Jahre, und er konnte auf der
sonnigen Höhe Rast machen, nach der seine stille Sehnsucht stand – und
tückisch tut das Schicksal vor ihm einen dunkeln Spalt auf, in dem er
klanglos verschwindet. So sah Fenn den Vater vor sich: einen heimtückisch
Gefällten. Er küßte die schwieligen Hände, aus denen die Lebenswärme
allmählich entfloh, er küßte das starre Gesicht und die Stirn, die ihm nie so
klar erschienen war wie jetzt. Dann ging er zu seiner Mutter.
Frau Kaß stand in der Küche, um für ihre Mannsleute das Abendessen zu
kochen. Wöllem, der seit der Versteigerung des Lampertschen Gutes bei
Küsters das Gnadenbrot aß und dafür im Felde half, sog in einer Ecke an
seinem Pfeifenstummel. Aus dem Herd kam leichter Rauch von dem
knisternden Reisig, das Frau Kaß gerade entzündet hatte. Als sie Fenn, der
eine Weile kein Wort über die Lippen brachte, ansah, meinte sie, der
beizende Rauch hätte ihm die Augen mit Wasser gefüllt, und sie sagte, er
solle das Fenster aufmachen.
Da brach es aus ihm heraus, zu gewaltig, als daß er an schonende Lügen
denken konnte. „Oh Mutter! Er ist tot!“
Frau Kaß verstand gleich. Aber wie man im Stürzen nach einem Halt
greift, griff sie in die Luft mit der dumpfen Frage: „Wer ist tot?“ Dann
wischte sie sich die Hände an der Schürze ab, zog die Schleife des
Schürzenbandes auf und drängte an Fenn und dem in die Höhe taumelnden
Wöllem vorbei durch die Tür, ging in großen Schritten, mit versteinertem
Gesicht und fest zusammengepreßten Lippen durch das Dorf zu ihrem toten
Mann. Sie wußte ja, wo er liegen mußte, sie hatte es ja immer gesagt, daß es
so kommen würde.
D er Gesangverein, dem der Küster so oft mit seiner Stimmgabel den
Ton angegeben und den Takt geschlagen hatte, stand am offenen Grab
widereinander geklungen.
Daran dachte Fenn, während er über dem Toten kniete. Jeder Widerstand,
der dem Aufrechten gegenüber stets sprungbereit im Hintergrund gelauert
hatte, war gebrochen. „Armer Vater!“ schluchzte Fenn. In diesem
mitleidigen Klageruf drückte er am klarsten aus, was ihn bewegte. Ein
Leben lang hatte sich ein guter, treuer Mensch gerackert um die Erfüllung
seines Herzenswunsches noch vier, fünf Jahre, und er konnte auf der
sonnigen Höhe Rast machen, nach der seine stille Sehnsucht stand – und
tückisch tut das Schicksal vor ihm einen dunkeln Spalt auf, in dem er
klanglos verschwindet. So sah Fenn den Vater vor sich: einen heimtückisch
Gefällten. Er küßte die schwieligen Hände, aus denen die Lebenswärme
allmählich entfloh, er küßte das starre Gesicht und die Stirn, die ihm nie so
klar erschienen war wie jetzt. Dann ging er zu seiner Mutter.
Frau Kaß stand in der Küche, um für ihre Mannsleute das Abendessen zu
kochen. Wöllem, der seit der Versteigerung des Lampertschen Gutes bei
Küsters das Gnadenbrot aß und dafür im Felde half, sog in einer Ecke an
seinem Pfeifenstummel. Aus dem Herd kam leichter Rauch von dem
knisternden Reisig, das Frau Kaß gerade entzündet hatte. Als sie Fenn, der
eine Weile kein Wort über die Lippen brachte, ansah, meinte sie, der
beizende Rauch hätte ihm die Augen mit Wasser gefüllt, und sie sagte, er
solle das Fenster aufmachen.
Da brach es aus ihm heraus, zu gewaltig, als daß er an schonende Lügen
denken konnte. „Oh Mutter! Er ist tot!“
Frau Kaß verstand gleich. Aber wie man im Stürzen nach einem Halt
greift, griff sie in die Luft mit der dumpfen Frage: „Wer ist tot?“ Dann
wischte sie sich die Hände an der Schürze ab, zog die Schleife des
Schürzenbandes auf und drängte an Fenn und dem in die Höhe taumelnden
Wöllem vorbei durch die Tür, ging in großen Schritten, mit versteinertem
Gesicht und fest zusammengepreßten Lippen durch das Dorf zu ihrem toten
Mann. Sie wußte ja, wo er liegen mußte, sie hatte es ja immer gesagt, daß es
so kommen würde.
D er Gesangverein, dem der Küster so oft mit seiner Stimmgabel den
Ton angegeben und den Takt geschlagen hatte, stand am offenen Grab
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und sang mühsam, mit zögernden Einsätzen, ein Abschiedslied: Ruhe in
Frieden, Selig geschieden ... Es klang so dürftig unterm freien Himmel, eine
führende Tenorstimme stach unter den andern, die sich willenlos leiten
ließen, mit so naiver und dienstbeflissener Dreistigkeit hervor, daß Fenn in
seinem Schmerz unwillig den Kopf schüttelte. Gleich tat es ihm leid um die
treuen Sänger, Freunde und zum Teil Altersgenossen seines Vaters, die von
ihren Pflügen herbeigekommen waren und ihre Sonntagskleider angelegt
hatten, um dem Toten ihr Lied zu singen, das er mit ihnen eingeübt und
unzählige Male an andern Gräbern gesungen hatte. Ein neuer
Tränenschwall brach ihm aus den Augen. Er sah die Gemeinde in weitem
Kreise das Grab umstehen, sah drei Schritte von sich seinen Freund Putty,
sah auch drüben den Lehrer Braun mit seinen Schulkindern, sah auf der
Frauenseite Marjännis Schwestern mit ihren großen, braunen Kinderaugen
herüberstarren – Marjänni fehlte. Als er mit seiner Mutter und den
Verwandten nach Hause ging, gesellte sich ihm Putty Heinen zu und sagte,
daß er von Marjänni einen Brief bekommen habe: Er möge sie bei Fenn und
seiner Mutter entschuldigen, sie habe mit einer Verwandten des Fritz
Lampert diesem gerade für heute in Brebach einen Besuch versprochen
gehabt, sonst hätte sie sicher bei dem Begräbnis nicht gefehlt.
„Sie braucht sich doch nicht zu entschuldigen,“ sagte Fenn.
„Es wäre aber doch anständig gewesen, daß sie bei der Beerdigung
gewesen wäre,“ meinte Putty.
„Warum denn?“ schnitt Fenn mit einer abweisenden Frage jede fernere
Erörterung ab.
Als er abends mit seiner Mutter ganz allein in der Stube saß, in jener
lauen Niedergeschlagenheit, die einen nach großem Kummer und nach
schwerem Fieber überfällt, sagte die alte Frau plötzlich über den Tisch zu
ihm herüber: „Elo brauch’s de net me’ih Paschtouer ze gin, wann et dein Idi
net aß.“ (Jetzt brauchst du nicht mehr Pastor zu werden, wenn es deine Idee
nicht ist.)
Fenn schrak unter der Schwere ihrer Worte zusammen.
„Wie meinst du das, Mutter?“
„Ich meine, daß dein Vater immer so arg viel darauf gehalten hat, daß du
ins Seminar gehst.“
„Und du doch auch, Mutter?“
„Ich auch, aber wenn es deine Sache nicht ist –“
„Warum soll es jetzt auf einmal meine Sache nicht mehr sein?“
Frieden, Selig geschieden ... Es klang so dürftig unterm freien Himmel, eine
führende Tenorstimme stach unter den andern, die sich willenlos leiten
ließen, mit so naiver und dienstbeflissener Dreistigkeit hervor, daß Fenn in
seinem Schmerz unwillig den Kopf schüttelte. Gleich tat es ihm leid um die
treuen Sänger, Freunde und zum Teil Altersgenossen seines Vaters, die von
ihren Pflügen herbeigekommen waren und ihre Sonntagskleider angelegt
hatten, um dem Toten ihr Lied zu singen, das er mit ihnen eingeübt und
unzählige Male an andern Gräbern gesungen hatte. Ein neuer
Tränenschwall brach ihm aus den Augen. Er sah die Gemeinde in weitem
Kreise das Grab umstehen, sah drei Schritte von sich seinen Freund Putty,
sah auch drüben den Lehrer Braun mit seinen Schulkindern, sah auf der
Frauenseite Marjännis Schwestern mit ihren großen, braunen Kinderaugen
herüberstarren – Marjänni fehlte. Als er mit seiner Mutter und den
Verwandten nach Hause ging, gesellte sich ihm Putty Heinen zu und sagte,
daß er von Marjänni einen Brief bekommen habe: Er möge sie bei Fenn und
seiner Mutter entschuldigen, sie habe mit einer Verwandten des Fritz
Lampert diesem gerade für heute in Brebach einen Besuch versprochen
gehabt, sonst hätte sie sicher bei dem Begräbnis nicht gefehlt.
„Sie braucht sich doch nicht zu entschuldigen,“ sagte Fenn.
„Es wäre aber doch anständig gewesen, daß sie bei der Beerdigung
gewesen wäre,“ meinte Putty.
„Warum denn?“ schnitt Fenn mit einer abweisenden Frage jede fernere
Erörterung ab.
Als er abends mit seiner Mutter ganz allein in der Stube saß, in jener
lauen Niedergeschlagenheit, die einen nach großem Kummer und nach
schwerem Fieber überfällt, sagte die alte Frau plötzlich über den Tisch zu
ihm herüber: „Elo brauch’s de net me’ih Paschtouer ze gin, wann et dein Idi
net aß.“ (Jetzt brauchst du nicht mehr Pastor zu werden, wenn es deine Idee
nicht ist.)
Fenn schrak unter der Schwere ihrer Worte zusammen.
„Wie meinst du das, Mutter?“
„Ich meine, daß dein Vater immer so arg viel darauf gehalten hat, daß du
ins Seminar gehst.“
„Und du doch auch, Mutter?“
„Ich auch, aber wenn es deine Sache nicht ist –“
„Warum soll es jetzt auf einmal meine Sache nicht mehr sein?“
Page 92
„Ich meine nur so.“
Fenn wollte sagen, daß er sich durch Rücksichten auf seinen Vater nie
hätte in einen Beruf zwingen lassen. Aber es schien ihm hart und feige, das
jetzt zu sagen. Er suchte sich anders verständlich zu machen. „Mach dir
keine Gedanken, Mutter, was ich werde, werde ich aus freien Stücken.“
Da versuchte sie noch einmal, ihm insgeheim das Opfer ihres
Lebenswunsches zu bringen. „Meinetwegen, weißt du, sollst du es nicht
tun, ich halte gar nicht so sehr darauf.“ Sie sagte es ein wenig rauh und
wegwerfend und zitterte dabei, daß er das Opfer annehmen möchte.
„Wir wollen davon nicht mehr reden, Mutter. Ich bin kein Kind, ich weiß
schon lange, was ich tue. Es ist mein fester Wille, Priester zu werden. Dazu
habe ich Talent; zum einfachen Dorfpastor. Ich verstehe die Leute, und ich
hoffe, sie werden mich verstehen. Ich brauche viele um mich herum, denen
ich Gutes erweisen kann und die auf mein Wort hören. Ich verstehe es so,
weißt du, Mutter, daß das ganze Dorf meine Familie sein soll.“
„Wären sie alle so,“ sagte Mutter Kaß mit einem fast zornigen Blick auf
ihren Einzigen. Und Wöllem, der in der Ofenecke seine Pfeife rauchte,
räusperte sich, zum Zeichen, daß er gehört hatte und daß er einverstanden
war.
Fenn hatte seine großen, schöngeformten Hände, durch deren frische
Haut das Blut rosigbraun durchschien, vor sich wie in Andacht auf dem
Tisch verschränkt und seine Augen hatten einen tiefen Glanz. Ein
leidenschaftliches Liebesbedürfnis gab seinem Gesicht einen fast verklärten
Ausdruck.
„Sie sollen mich lieb haben, Mutter, und ich will sie mit Liebe zu mir
zwingen,“ sagte er halblaut.
Seine Mutter war beruhigt. Sie verstand ihn nur halb. Seine Worte rührten
sie, wie an hohen Festtagen in der Kirche das Latein, das sie auch nicht
verstand, aber das so feierlich klang.
Ja, es mußte doch wohl so sein, daß ihr Ferdinand den Beruf hatte. Auch
ohne den väterlichen Zwang. Denn bisher hatte sie wirklich gemeint, das
Machtwort des Vaters sei sozusagen allein für Fenns Berufswahl
ausschlaggebend gewesen. Jetzt war sie darüber beruhigt.
Fenn wollte sagen, daß er sich durch Rücksichten auf seinen Vater nie
hätte in einen Beruf zwingen lassen. Aber es schien ihm hart und feige, das
jetzt zu sagen. Er suchte sich anders verständlich zu machen. „Mach dir
keine Gedanken, Mutter, was ich werde, werde ich aus freien Stücken.“
Da versuchte sie noch einmal, ihm insgeheim das Opfer ihres
Lebenswunsches zu bringen. „Meinetwegen, weißt du, sollst du es nicht
tun, ich halte gar nicht so sehr darauf.“ Sie sagte es ein wenig rauh und
wegwerfend und zitterte dabei, daß er das Opfer annehmen möchte.
„Wir wollen davon nicht mehr reden, Mutter. Ich bin kein Kind, ich weiß
schon lange, was ich tue. Es ist mein fester Wille, Priester zu werden. Dazu
habe ich Talent; zum einfachen Dorfpastor. Ich verstehe die Leute, und ich
hoffe, sie werden mich verstehen. Ich brauche viele um mich herum, denen
ich Gutes erweisen kann und die auf mein Wort hören. Ich verstehe es so,
weißt du, Mutter, daß das ganze Dorf meine Familie sein soll.“
„Wären sie alle so,“ sagte Mutter Kaß mit einem fast zornigen Blick auf
ihren Einzigen. Und Wöllem, der in der Ofenecke seine Pfeife rauchte,
räusperte sich, zum Zeichen, daß er gehört hatte und daß er einverstanden
war.
Fenn hatte seine großen, schöngeformten Hände, durch deren frische
Haut das Blut rosigbraun durchschien, vor sich wie in Andacht auf dem
Tisch verschränkt und seine Augen hatten einen tiefen Glanz. Ein
leidenschaftliches Liebesbedürfnis gab seinem Gesicht einen fast verklärten
Ausdruck.
„Sie sollen mich lieb haben, Mutter, und ich will sie mit Liebe zu mir
zwingen,“ sagte er halblaut.
Seine Mutter war beruhigt. Sie verstand ihn nur halb. Seine Worte rührten
sie, wie an hohen Festtagen in der Kirche das Latein, das sie auch nicht
verstand, aber das so feierlich klang.
Ja, es mußte doch wohl so sein, daß ihr Ferdinand den Beruf hatte. Auch
ohne den väterlichen Zwang. Denn bisher hatte sie wirklich gemeint, das
Machtwort des Vaters sei sozusagen allein für Fenns Berufswahl
ausschlaggebend gewesen. Jetzt war sie darüber beruhigt.
Page 93
F enn lag an jenem Abend lange wach. Es war mit ihm so ganz anders
geworden. Bisher hatte er in seiner ernsten Lebensführung und in dem
geradlinigen Lossteuern auf eine fest umrissene Zukunft an seinem
Vater unbewußt einen sichern Rückhalt gehabt. Etwas wie das Gefühl, das
selbst der sicherste Bergsteiger hat, wenn er sich an einen zuverlässigen
Führer angeseilt weiß. Und nun war er plötzlich ohne diese
Rückversicherung hinaus ins Leben gestellt. Er gab sich seelisch einen
Ruck, prüfte seine Kräfte, prüfte den Boden unter seinen Füßen und war
fest entschlossen, aufrecht und unbeirrt weiterzugehen. Eine Zeitlang war
seinen Gedanken ein leidiges Unbehagen beigemischt gewesen. Denn er
kam eine Weile nicht los von jenem Augenblick, wo er am Grab heute
vormittag ein gewisses Gesicht nicht erblickt hatte und wo ihm Putty gesagt
hatte, ... Ach was, – die dummen Gedanken lagen jetzt Jahre weit hinter
ihm. Jetzt mußte seine Jugend begraben sein, begraben mit dem Toten, der
im Leben über ihm gestanden hatte. Jetzt war er, Fenn Kaß, der älteste
Mann im Haus, und er wollte von heute ab reif sein, ganz reif, und ganz der,
der er zu sein sich vorgenommen hatte.
geworden. Bisher hatte er in seiner ernsten Lebensführung und in dem
geradlinigen Lossteuern auf eine fest umrissene Zukunft an seinem
Vater unbewußt einen sichern Rückhalt gehabt. Etwas wie das Gefühl, das
selbst der sicherste Bergsteiger hat, wenn er sich an einen zuverlässigen
Führer angeseilt weiß. Und nun war er plötzlich ohne diese
Rückversicherung hinaus ins Leben gestellt. Er gab sich seelisch einen
Ruck, prüfte seine Kräfte, prüfte den Boden unter seinen Füßen und war
fest entschlossen, aufrecht und unbeirrt weiterzugehen. Eine Zeitlang war
seinen Gedanken ein leidiges Unbehagen beigemischt gewesen. Denn er
kam eine Weile nicht los von jenem Augenblick, wo er am Grab heute
vormittag ein gewisses Gesicht nicht erblickt hatte und wo ihm Putty gesagt
hatte, ... Ach was, – die dummen Gedanken lagen jetzt Jahre weit hinter
ihm. Jetzt mußte seine Jugend begraben sein, begraben mit dem Toten, der
im Leben über ihm gestanden hatte. Jetzt war er, Fenn Kaß, der älteste
Mann im Haus, und er wollte von heute ab reif sein, ganz reif, und ganz der,
der er zu sein sich vorgenommen hatte.
Page 94
Sechstes Kapitel
Lieber Pichert!
Als ich das letztemal in den Ferien bei Dir war, batest Du, ich möchte Dir
doch einmal schreiben. Ich tue es gern. Ich stelle mir vor, ich sitze bei Dir
in Deinem Stübchen und erzähle Dir von meinem Leben, während Du
Deine Nähte ziehst. Von meiner ganzen Studienzeit ist dies letzte Jahr das
langweiligste. Es ist einem zumute wie auf der Eisenbahn, kurz ehe man
umsteigt. Man packt seine Siebensachen zusammen und kann keine Minute
stillsitzen und hat kein Interesse an den Dingen und Menschen, die um
einen sind. Im Herbst steigen wir um, ins Seminar. Ich werde mich freuen,
wenn wir soweit sind. Jetzt ist es ein Durcheinander von Leuten, von denen
jeder andere Ziele und andere Wünsche hat. Der eine will Arzt werden, der
andere Advokat, andere warten, bis sie eine Beamtenstelle bekommen
können, und wir Seminaristen sind mitten zwischen diesem weltlichen Volk
sozusagen die, die nicht mitzählen. Darum freue ich mich, wenn ich wieder
an einen Ort komme, wo alles an einem Strang zieht.
Es war hier zum Aushalten, solange man ein Kind war. Aber die Studien
fangen an, mir auf die Nerven zu fallen, und noch mehr die Studenten. Die
meisten scheinen zu glauben, das Studium an und für sich sei schon ein
Lebenszweck. Sie nehmen sich furchtbar ernst, wenn sie die Daumen in die
Ohren drücken und über ihren Büchern ochsen. Keiner von ihnen denkt
über die nächsten Jahre hinaus ans Leben, keiner hat Interesse für die Dinge
daheim. Wenn wir so Donnerstags über Land spazieren und das Herz geht
mir auf, wenn ich sehe, wie die Äcker stehen, das Korn und der Klee und
die Kartoffeln und alles, dann ärgere ich mich, wie diese Bauernsöhne kein
Auge haben für das, womit sie doch aufgewachsen sind. Ich langweile mich
zu Tode an der Spielerei meiner Studien und sehne mich inbrünstig nach
dem Tage, wo ich einmal mit all diesen Vorbereitungen fertig bin. Man muß
ja den Schwindel gelernt haben, sagen sie, um den Leuten zu imponieren,
aber ich meine, man könnte das alles in viel kürzerer Zeit. Ich finde, was
ich hier gelernt habe, hätte ich zu Hause mit unserm Pfarrer lernen können
und daneben mit meiner Mutter unsere ganzen Felder bestellen.
Lieber Pichert!
Als ich das letztemal in den Ferien bei Dir war, batest Du, ich möchte Dir
doch einmal schreiben. Ich tue es gern. Ich stelle mir vor, ich sitze bei Dir
in Deinem Stübchen und erzähle Dir von meinem Leben, während Du
Deine Nähte ziehst. Von meiner ganzen Studienzeit ist dies letzte Jahr das
langweiligste. Es ist einem zumute wie auf der Eisenbahn, kurz ehe man
umsteigt. Man packt seine Siebensachen zusammen und kann keine Minute
stillsitzen und hat kein Interesse an den Dingen und Menschen, die um
einen sind. Im Herbst steigen wir um, ins Seminar. Ich werde mich freuen,
wenn wir soweit sind. Jetzt ist es ein Durcheinander von Leuten, von denen
jeder andere Ziele und andere Wünsche hat. Der eine will Arzt werden, der
andere Advokat, andere warten, bis sie eine Beamtenstelle bekommen
können, und wir Seminaristen sind mitten zwischen diesem weltlichen Volk
sozusagen die, die nicht mitzählen. Darum freue ich mich, wenn ich wieder
an einen Ort komme, wo alles an einem Strang zieht.
Es war hier zum Aushalten, solange man ein Kind war. Aber die Studien
fangen an, mir auf die Nerven zu fallen, und noch mehr die Studenten. Die
meisten scheinen zu glauben, das Studium an und für sich sei schon ein
Lebenszweck. Sie nehmen sich furchtbar ernst, wenn sie die Daumen in die
Ohren drücken und über ihren Büchern ochsen. Keiner von ihnen denkt
über die nächsten Jahre hinaus ans Leben, keiner hat Interesse für die Dinge
daheim. Wenn wir so Donnerstags über Land spazieren und das Herz geht
mir auf, wenn ich sehe, wie die Äcker stehen, das Korn und der Klee und
die Kartoffeln und alles, dann ärgere ich mich, wie diese Bauernsöhne kein
Auge haben für das, womit sie doch aufgewachsen sind. Ich langweile mich
zu Tode an der Spielerei meiner Studien und sehne mich inbrünstig nach
dem Tage, wo ich einmal mit all diesen Vorbereitungen fertig bin. Man muß
ja den Schwindel gelernt haben, sagen sie, um den Leuten zu imponieren,
aber ich meine, man könnte das alles in viel kürzerer Zeit. Ich finde, was
ich hier gelernt habe, hätte ich zu Hause mit unserm Pfarrer lernen können
und daneben mit meiner Mutter unsere ganzen Felder bestellen.
Page 95
Wie gut ist es, daß sie jetzt den alten Wöllem hat, der ihr an die Hand
geht und ihr in unserm Häuschen Gesellschaft leistet. Wenn ich über drei
Jahre Kaplan werde, hoffe ich, eine Stelle draußen zu bekommen, wo ich
die beiden zu mir nehmen kann. Man wird mich doch um Gottes willen
nicht irgendwo in der Stadt gefangen setzen. Das wäre gut für Heine Putty,
der paßt in die Stadt. Rede nicht darüber, Pichert, aber der arme Junge tut
mir leid. Der hat so viel den Beruf zum Priester wie der große Türke, aber
er wird daran glauben müssen. Er hat nicht die moralische Kraft, vor seinen
Vater hinzutreten und zu sagen: Ich kann’s nicht. Ich sehe es ihm an, wie er
darunter leidet. Und so gibt es noch andere. Sie wissen, daß ihre Eltern zu
Hause sich seit Jahren das Blut unter den Nägeln herausgearbeitet haben,
daß ihre Geschwister alles entbehren mußten, nur damit ein Geistlicher in
die Familie kommt. Sie haben von Kindesbeinen auf immer sagen hören,
daß sie einmal Priester werden, sie wissen, wenn sie jetzt abseits gehen, ist
es eine Katastrophe. Sie haben keine Kraft, dies Hoffnungsgebäude über
den Haufen zu werfen, das so viele über ihnen errichtet haben, und da
lassen sie sich eben einmauern. Wenn ich denke, daß mich einer in diesen
Beruf wider meinen Willen zwingen möchte, – lieber sollte die Welt
zugrunde gehen. Aber wie käme der arme Heine Putty dazu, jetzt auf
einmal den Seinen die Zähne zu zeigen? Vater, Mutter und Geschwister
können den Tag nicht erwarten, wo sie ihn „unsern Herrn“ nennen, und das
soll er alles jetzt gewaltsam abschütteln! Wie gern würde ich ihm helfen,
aber solchen Menschen ist nicht zu helfen. Wenn einer nicht selbst gegen
den Strom schwimmen kann, darf man ihn auch nicht gegen den Strom
schleppen, sonst schluckt er Wasser und ertrinkt am Ende.
Mit Herrn Kleyer stehe ich mich jetzt so gut wie nie zuvor. Seit Vaters
Tod ist es rührend, wie er so treu und betulich um mich herum ist. Er faßt
mich jetzt von einer ganz andern Seite auf. Er glaubt jetzt nicht mehr, daß
ich es faustdick hinter den Ohren habe. Ich bin im Handumdrehen sein
bester Freund geworden. Er nimmt mich stundenlang mit sich auf sein
Zimmer und spricht mit mir über die intimsten Dinge, über Bücher, die er
eben liest, über dies und jenes Schöne, das er darin gefunden hat, und
woran er sich begeistern kann wie einer von zwanzig Jahren. Er schüttet mir
sein Herz aus und klagt mir, was ihm Unangenehmes mit Schülern oder
sonstwie zugestoßen ist. Ich merke, wie wohl es ihm tut, daß er jemand hat,
dem er sich rückhaltlos mitteilen kann. Es ist ja auch kein Vergnügen, so
von früh bis spät vor einer Rotte Korah, wie die Buben es manchmal sind,
geht und ihr in unserm Häuschen Gesellschaft leistet. Wenn ich über drei
Jahre Kaplan werde, hoffe ich, eine Stelle draußen zu bekommen, wo ich
die beiden zu mir nehmen kann. Man wird mich doch um Gottes willen
nicht irgendwo in der Stadt gefangen setzen. Das wäre gut für Heine Putty,
der paßt in die Stadt. Rede nicht darüber, Pichert, aber der arme Junge tut
mir leid. Der hat so viel den Beruf zum Priester wie der große Türke, aber
er wird daran glauben müssen. Er hat nicht die moralische Kraft, vor seinen
Vater hinzutreten und zu sagen: Ich kann’s nicht. Ich sehe es ihm an, wie er
darunter leidet. Und so gibt es noch andere. Sie wissen, daß ihre Eltern zu
Hause sich seit Jahren das Blut unter den Nägeln herausgearbeitet haben,
daß ihre Geschwister alles entbehren mußten, nur damit ein Geistlicher in
die Familie kommt. Sie haben von Kindesbeinen auf immer sagen hören,
daß sie einmal Priester werden, sie wissen, wenn sie jetzt abseits gehen, ist
es eine Katastrophe. Sie haben keine Kraft, dies Hoffnungsgebäude über
den Haufen zu werfen, das so viele über ihnen errichtet haben, und da
lassen sie sich eben einmauern. Wenn ich denke, daß mich einer in diesen
Beruf wider meinen Willen zwingen möchte, – lieber sollte die Welt
zugrunde gehen. Aber wie käme der arme Heine Putty dazu, jetzt auf
einmal den Seinen die Zähne zu zeigen? Vater, Mutter und Geschwister
können den Tag nicht erwarten, wo sie ihn „unsern Herrn“ nennen, und das
soll er alles jetzt gewaltsam abschütteln! Wie gern würde ich ihm helfen,
aber solchen Menschen ist nicht zu helfen. Wenn einer nicht selbst gegen
den Strom schwimmen kann, darf man ihn auch nicht gegen den Strom
schleppen, sonst schluckt er Wasser und ertrinkt am Ende.
Mit Herrn Kleyer stehe ich mich jetzt so gut wie nie zuvor. Seit Vaters
Tod ist es rührend, wie er so treu und betulich um mich herum ist. Er faßt
mich jetzt von einer ganz andern Seite auf. Er glaubt jetzt nicht mehr, daß
ich es faustdick hinter den Ohren habe. Ich bin im Handumdrehen sein
bester Freund geworden. Er nimmt mich stundenlang mit sich auf sein
Zimmer und spricht mit mir über die intimsten Dinge, über Bücher, die er
eben liest, über dies und jenes Schöne, das er darin gefunden hat, und
woran er sich begeistern kann wie einer von zwanzig Jahren. Er schüttet mir
sein Herz aus und klagt mir, was ihm Unangenehmes mit Schülern oder
sonstwie zugestoßen ist. Ich merke, wie wohl es ihm tut, daß er jemand hat,
dem er sich rückhaltlos mitteilen kann. Es ist ja auch kein Vergnügen, so
von früh bis spät vor einer Rotte Korah, wie die Buben es manchmal sind,
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in Stiefeln und Sporen und wie in einem moralischen Panzer
herumzugehen, und sich keine Sekunde lang das Mindeste vergeben zu
dürfen, immer den Gestrengen herauszukehren, immer sich stramm am
Zügel zu haben und sich selber zu schulmeistern, um die Herrschaft über
die andern zu behalten. Ich denke mir zwar, daß es auch anders gehen
müßte, daß man den Buben auch ohne beständiges Augenfunkeln und
Stirnrunzeln imponieren könnte, aber er ist eben von der andern Schule.
Sonst hat er das beste Herz von der Welt. Neulich hat er mich gar auf eine
Flasche Wein und eine Zigarre eingeladen, ich traute meinen Augen nicht.
Ich glaube, er hat jetzt keinen hier, mit dem er so ganz und so einfach
Mensch zu sein wagt, wie mit mir, und ich bin nicht wenig stolz darauf.
Aber warum richten sich manche Menschen ihr Leben so ein, daß sie nur
im Verborgenen und in gestohlenen Stunden das zu sein wagen, was sie
innerlich sind?
Lieber Pichert, ich sehe Dich, wie Du an Deiner Brille rückst und denkst:
Was schreibt mir der Fenn da für ein Zeug? Das interessiert mich doch
nicht. Es ist wahr. Dir liegt wahrscheinlich nicht sehr viel an der
Erziehungsmethode unseres Alten, aber es lief mir eben so mit aus der
Feder. In sechs Wochen kommen wir nach Haus. Dann machen wir ein
Kreuz übers Konviktstor. Es waren im ganzen langweilige Jahre, Jahre der
Unnatur, des Zwangs, des Massendrills. Von unsern Lehrern keiner, der uns
aus dem trockenen Brotstudium hinaus den Weg in die Freiheit gewiesen
hätte, wo in der Sonne die Blumen wachsen, die sie uns getrocknet
zwischen Löschpapier zeigten. Jahre, die nach Bücherstaub und Schweiß
riechen, in denen nichts an einen herantrat, was man fürs Dasein lieben
lernte. Ich sehe es kommen: Wenn wir später unsere Erinnerungen aus
dieser Zeit auskramen werden, kommt nichts zum Vorschein als die öden
Professorenanekdoten. Wir sind da hindurch getrieben worden, wie durch
einen Tunnel, und wenn man seine Wiesinger Kinderjahre nicht hätte, die
hinter einem liegen, wie eine blumige Wiese im Sonnenschein, was wäre
man für ein armer, armer Kerl! Das verstehst Du vielleicht wieder nicht,
mein lieber Pichert, aber das werde ich Dir erklären, wenn wir einmal
abends zusammen in Deinem Stübchen sitzen, oder wenn wir Sonntags
nach der Vesper über die Gewann gehen. Um eins nur tut es mir leid: Ich
muß mich jetzt von meinem besten Freunde trennen, von dem Theo Schütz,
den Du ja schon kennst. Ich ziehe im Herbst die Soutane an und gehe ins
Seminar, er geht nach Aachen aufs Polytechnikum und wird
herumzugehen, und sich keine Sekunde lang das Mindeste vergeben zu
dürfen, immer den Gestrengen herauszukehren, immer sich stramm am
Zügel zu haben und sich selber zu schulmeistern, um die Herrschaft über
die andern zu behalten. Ich denke mir zwar, daß es auch anders gehen
müßte, daß man den Buben auch ohne beständiges Augenfunkeln und
Stirnrunzeln imponieren könnte, aber er ist eben von der andern Schule.
Sonst hat er das beste Herz von der Welt. Neulich hat er mich gar auf eine
Flasche Wein und eine Zigarre eingeladen, ich traute meinen Augen nicht.
Ich glaube, er hat jetzt keinen hier, mit dem er so ganz und so einfach
Mensch zu sein wagt, wie mit mir, und ich bin nicht wenig stolz darauf.
Aber warum richten sich manche Menschen ihr Leben so ein, daß sie nur
im Verborgenen und in gestohlenen Stunden das zu sein wagen, was sie
innerlich sind?
Lieber Pichert, ich sehe Dich, wie Du an Deiner Brille rückst und denkst:
Was schreibt mir der Fenn da für ein Zeug? Das interessiert mich doch
nicht. Es ist wahr. Dir liegt wahrscheinlich nicht sehr viel an der
Erziehungsmethode unseres Alten, aber es lief mir eben so mit aus der
Feder. In sechs Wochen kommen wir nach Haus. Dann machen wir ein
Kreuz übers Konviktstor. Es waren im ganzen langweilige Jahre, Jahre der
Unnatur, des Zwangs, des Massendrills. Von unsern Lehrern keiner, der uns
aus dem trockenen Brotstudium hinaus den Weg in die Freiheit gewiesen
hätte, wo in der Sonne die Blumen wachsen, die sie uns getrocknet
zwischen Löschpapier zeigten. Jahre, die nach Bücherstaub und Schweiß
riechen, in denen nichts an einen herantrat, was man fürs Dasein lieben
lernte. Ich sehe es kommen: Wenn wir später unsere Erinnerungen aus
dieser Zeit auskramen werden, kommt nichts zum Vorschein als die öden
Professorenanekdoten. Wir sind da hindurch getrieben worden, wie durch
einen Tunnel, und wenn man seine Wiesinger Kinderjahre nicht hätte, die
hinter einem liegen, wie eine blumige Wiese im Sonnenschein, was wäre
man für ein armer, armer Kerl! Das verstehst Du vielleicht wieder nicht,
mein lieber Pichert, aber das werde ich Dir erklären, wenn wir einmal
abends zusammen in Deinem Stübchen sitzen, oder wenn wir Sonntags
nach der Vesper über die Gewann gehen. Um eins nur tut es mir leid: Ich
muß mich jetzt von meinem besten Freunde trennen, von dem Theo Schütz,
den Du ja schon kennst. Ich ziehe im Herbst die Soutane an und gehe ins
Seminar, er geht nach Aachen aufs Polytechnikum und wird
Page 97
Maschineningenieur. Das war ein lieber Mensch, Pichert, und ich glaube
wohl, daß er mir so lieb war wie Du. Gib acht, von dem hören wir noch
reden, das ist einer von denen, die sich ihre Äste nicht verschneiden lassen.
Er denkt über vieles anders als ich und ist ja auch in anderen Verhältnissen
groß geworden, aber im Grunde sind wir, glaube ich, von einem Holz, und
es müßte sonderbar zugehen, wenn wir nicht für immer Freunde blieben.
Nun Gott befohlen, lieber Pichert, meine freie Zeit ist um. Laß mal von
Dir hören.
Dein treuer Fenn Kaß.
Lieber Fenn!
Dein Brief hat mir viel Freude gemacht, besonders daß Du jetzt so mit
Eurem Alten stehst, wie Ihr ihn nennt. Ich bin froh, daß Du jetzt bald wieder
nach Hause kommst. Es kommt mir drollig vor, daß ich Dich in der langen
Soutane sehen soll. Sie muß Dir aber gut stehen, mit Deinen breiten
Schultern. Der Heine-Schneider hat schon für seinen Putty den Stoff
gekauft. Das Feinste und Teuerste, was sie in der Stadt im Laden hatten. Er
bekommt, mit Verlaub zu reden, das Maul über den Jungen nicht mehr zu.
Es muß keine Freude sein, so einen Vater zu haben, der einen so in allen
Wirtshäusern herumträgt. Ich meine, Du hast recht, Fenn, das Pastorwerden
ist dem Putty seine Sache nicht. Wenn nur alles gerade reißt mit dem!
Deiner Mutter geht es gut. Ich sehe sie als hier und da mit der Hacke
vorbeigehen, sie sieht gut aus. Der Wöllem kann froh sein, daß er so ein
warmes Nest gefunden hat. Er ist ein guter Kerl. Er sagt auch, er hätte es
bei Euch besser, wie bei dem Lampert. Der Fritz ist jetzt Herr und Meister
in Brebach, sein Onkel Majerus läßt ihn so ziemlich in allem gewähren. Mit
Brauns ist er jetzt eins und alles, seit sie ihn die paar Tage in Kost hatten,
als das mit seinem Vater ... Du weißt ja. Der Père Reining wird jeden Tag
wackliger. Es ist auch kein Wunder, der Mann hat seine dreiundachtzig auf
dem Buckel. Ich hatte auch wieder meinen steifen Arm ein paar Wochen
lang, aber jetzt ist es wieder gut. Wenn Du kommst, lieber Fenn, bring mir
vom Cary, Du weißt ja, wieder ein halbes Pfund Schnupftabak mit, wie
immer. Ich gebe Dir das Geld wieder. Sei vielmal gegrüßt von Deinem alten
Pichert, und auf baldiges Wiedersehen.
Jakob Thielen, genannt Pichert.
wohl, daß er mir so lieb war wie Du. Gib acht, von dem hören wir noch
reden, das ist einer von denen, die sich ihre Äste nicht verschneiden lassen.
Er denkt über vieles anders als ich und ist ja auch in anderen Verhältnissen
groß geworden, aber im Grunde sind wir, glaube ich, von einem Holz, und
es müßte sonderbar zugehen, wenn wir nicht für immer Freunde blieben.
Nun Gott befohlen, lieber Pichert, meine freie Zeit ist um. Laß mal von
Dir hören.
Dein treuer Fenn Kaß.
Lieber Fenn!
Dein Brief hat mir viel Freude gemacht, besonders daß Du jetzt so mit
Eurem Alten stehst, wie Ihr ihn nennt. Ich bin froh, daß Du jetzt bald wieder
nach Hause kommst. Es kommt mir drollig vor, daß ich Dich in der langen
Soutane sehen soll. Sie muß Dir aber gut stehen, mit Deinen breiten
Schultern. Der Heine-Schneider hat schon für seinen Putty den Stoff
gekauft. Das Feinste und Teuerste, was sie in der Stadt im Laden hatten. Er
bekommt, mit Verlaub zu reden, das Maul über den Jungen nicht mehr zu.
Es muß keine Freude sein, so einen Vater zu haben, der einen so in allen
Wirtshäusern herumträgt. Ich meine, Du hast recht, Fenn, das Pastorwerden
ist dem Putty seine Sache nicht. Wenn nur alles gerade reißt mit dem!
Deiner Mutter geht es gut. Ich sehe sie als hier und da mit der Hacke
vorbeigehen, sie sieht gut aus. Der Wöllem kann froh sein, daß er so ein
warmes Nest gefunden hat. Er ist ein guter Kerl. Er sagt auch, er hätte es
bei Euch besser, wie bei dem Lampert. Der Fritz ist jetzt Herr und Meister
in Brebach, sein Onkel Majerus läßt ihn so ziemlich in allem gewähren. Mit
Brauns ist er jetzt eins und alles, seit sie ihn die paar Tage in Kost hatten,
als das mit seinem Vater ... Du weißt ja. Der Père Reining wird jeden Tag
wackliger. Es ist auch kein Wunder, der Mann hat seine dreiundachtzig auf
dem Buckel. Ich hatte auch wieder meinen steifen Arm ein paar Wochen
lang, aber jetzt ist es wieder gut. Wenn Du kommst, lieber Fenn, bring mir
vom Cary, Du weißt ja, wieder ein halbes Pfund Schnupftabak mit, wie
immer. Ich gebe Dir das Geld wieder. Sei vielmal gegrüßt von Deinem alten
Pichert, und auf baldiges Wiedersehen.
Jakob Thielen, genannt Pichert.
Page 98
Als Fenn Kaß an dem klaren Augustmorgen, an dem die Ferien begannen,
durch das Konviktstor herausschritt, war sein Herz leicht wie lange nicht
mehr. Die Kameraden, die um ihn wimmelten, fuchtelten mit ihren Stöcken
und beredeten sich, wie sie die nächsten Stunden in der Stadt vertun sollten,
ehe ihre Züge in die Heimat fuhren. Fenn hatte in sich nur einen Drang:
Fort, hinaus, heim! Er gedachte, Putty zu fragen, ob er den Weg mit ihm zu
Fuß machen wollte, aber da hieß es, Putty sei von dem Fritz Lampert schon
abgeholt worden, der werde ihn später mit seinem Wagen nach Hause
bringen.
„Auch gut,“ dachte Fenn. Daß ihn die beiden ausgeschlossen hatten, war
ihm eigentlich recht. Er kaufte für den Pichert ein halbes Pfund
Schnupftabak, für Wöllem ein Päckchen Varinas und ein paar irdene
Pfeifen, „rheinisch Bietchen“ genannt, und für seine Mutter ein Gebäck,
von dem er wußte, daß es ihr ein Leckerbissen war. Das band er alles in
eins, hängte es am Stock über die Schulter, steckte die linke Hand in die
Hosentasche, und wanderte „zum Städtle“ hinaus. Und er pfiff sich dazu
eine Reisenote, daß die Mädchen stehen blieben, sich lachend anstießen und
hinter ihm her sagten: „Kuck den, der hat’s gut vor!“ Auf der Landstraße
draußen ging er neben dem Graben im kurzen Gras, schlenkerte sein Paket
in der Linken und köpfte lustig die Dolden der Schafgarben und die
pludderigen grauen Flaumköpfe des Löwenzahn. Sobald er weit draußen
war, wo die Straße ganz einsam wurde, sang er sich ein Marschlied, daß es
weit über die Felder schallte. Er war froh, wie einer, der etwas klebrig
Unangenehmes von sich abgewaschen hat und im frischen Wasser einem
willkommenen Ufer entgegenschwimmt. Die längste Etappe auf seinem
Weg ins Leben hatte er hinter sich, die drei Jahre strammen Studiums im
Priesterseminar schreckten ihn nicht. Da lebte man schon sein eigenes
Zellenleben, konnte ruhig seine Wurzeln in das geistige Erdreich senken, in
dem man sich wohl fühlte, wurde nicht mehr als halbes Kind, sondern als
ganzer, verantwortlicher Mensch behandelt, kurzum, da stand man schon
auf der Bahn, die gerade hinaus in die Wirklichkeiten des Daseins führte.
Die innige Gestalterfreude des Starken war in Fenn, wie er einsam über die
staubweiße Landstraße wanderte, das Bewußtsein, daß er viele würde
glücklich machen können, wenn sie an ihn glaubten. Und sie würden an ihn
glauben, sie würden an ihn glauben. Herr, du meines Lebens! jauchzte er
und hieb mit seinem Stock allerhand Figuren in die Luft. Er war zu Haus,
ehe er es sich versah. Der Pichert trompetete ihm ein schmetterndes
durch das Konviktstor herausschritt, war sein Herz leicht wie lange nicht
mehr. Die Kameraden, die um ihn wimmelten, fuchtelten mit ihren Stöcken
und beredeten sich, wie sie die nächsten Stunden in der Stadt vertun sollten,
ehe ihre Züge in die Heimat fuhren. Fenn hatte in sich nur einen Drang:
Fort, hinaus, heim! Er gedachte, Putty zu fragen, ob er den Weg mit ihm zu
Fuß machen wollte, aber da hieß es, Putty sei von dem Fritz Lampert schon
abgeholt worden, der werde ihn später mit seinem Wagen nach Hause
bringen.
„Auch gut,“ dachte Fenn. Daß ihn die beiden ausgeschlossen hatten, war
ihm eigentlich recht. Er kaufte für den Pichert ein halbes Pfund
Schnupftabak, für Wöllem ein Päckchen Varinas und ein paar irdene
Pfeifen, „rheinisch Bietchen“ genannt, und für seine Mutter ein Gebäck,
von dem er wußte, daß es ihr ein Leckerbissen war. Das band er alles in
eins, hängte es am Stock über die Schulter, steckte die linke Hand in die
Hosentasche, und wanderte „zum Städtle“ hinaus. Und er pfiff sich dazu
eine Reisenote, daß die Mädchen stehen blieben, sich lachend anstießen und
hinter ihm her sagten: „Kuck den, der hat’s gut vor!“ Auf der Landstraße
draußen ging er neben dem Graben im kurzen Gras, schlenkerte sein Paket
in der Linken und köpfte lustig die Dolden der Schafgarben und die
pludderigen grauen Flaumköpfe des Löwenzahn. Sobald er weit draußen
war, wo die Straße ganz einsam wurde, sang er sich ein Marschlied, daß es
weit über die Felder schallte. Er war froh, wie einer, der etwas klebrig
Unangenehmes von sich abgewaschen hat und im frischen Wasser einem
willkommenen Ufer entgegenschwimmt. Die längste Etappe auf seinem
Weg ins Leben hatte er hinter sich, die drei Jahre strammen Studiums im
Priesterseminar schreckten ihn nicht. Da lebte man schon sein eigenes
Zellenleben, konnte ruhig seine Wurzeln in das geistige Erdreich senken, in
dem man sich wohl fühlte, wurde nicht mehr als halbes Kind, sondern als
ganzer, verantwortlicher Mensch behandelt, kurzum, da stand man schon
auf der Bahn, die gerade hinaus in die Wirklichkeiten des Daseins führte.
Die innige Gestalterfreude des Starken war in Fenn, wie er einsam über die
staubweiße Landstraße wanderte, das Bewußtsein, daß er viele würde
glücklich machen können, wenn sie an ihn glaubten. Und sie würden an ihn
glauben, sie würden an ihn glauben. Herr, du meines Lebens! jauchzte er
und hieb mit seinem Stock allerhand Figuren in die Luft. Er war zu Haus,
ehe er es sich versah. Der Pichert trompetete ihm ein schmetterndes
Page 99
Willkomm entgegen, als er ihm seinen Schnupftabak brachte, die Mutter
lachte still übers ganze Gesicht, als er ihr Lieblingsgebäck aus der
Papierhülle wickelte und Wöllem knurrte, während er seinen Tabak und
seine Pfeifen einsteckte: „Hm, meng Sach aß gudd gaangen!“ Dann gab es
zu Mittag natürlich Fenns Lieblingsgericht: Eierkuchen mit Kartoffeln und
Endiviensalat, und dazu holte Wöllem ein Liter Bier aus der „Auberge“ an
der Kreuzstraße.
A m Nachmittag kam eines von den Heinens Mädchen, um zu fragen,
wo Putty geblieben sei. Und dann kam auch der Schneider und ärgerte
sich blau, daß dieser Windhund, dieser Ausreißer, sich solche
Seitensprünge erlaubte. Der Fritz Lampert, von dem schon allerhand
Weibergeschichten die Runde machten, war doch kein Kamerad für einen,
der Geistlicher werden wollte, Himmelkreuzsakra! Und er würde dem Putty
den Kopf waschen, daß er alle Glocken der Nachbarschaft sollte zuhauf
läuten hören. Die Lampe des Schneiders Heinen war die einzige, die noch
im Dorf brannte, als Fritz Lampert seinem Freund Putty vor dessen
Vaterhaus vom Wagen herunterhalf und ihm gute Nacht wünschte, um sich
sofort mit seinem Gefährt schleunigst aus dem Staube zu machen. Er
überhörte es geflissentlich, daß ihm Putty zuraunte, er möchte doch noch
auf einen Augenblick mit hereinkommen, um eine Kleinigkeit zu genießen.
Und er vernahm durch das Rollen der Räder und das Hufgeklapper seines
Braunen hindurch, wie auf Puttys Klopfen die Tür aufflog und Worte
gewechselt wurden, die auf keinen liebreichen Empfang deuteten.
„Hierher kommst du!“ herrschte der Schneider seinen Sohn an, als der
nach dem Treppengeländer tastete, um sein Schlafzimmer aufzusuchen.
Und als Putty nicht gleich Order parierte, fühlte er sich derb am rechten
Oberarm gefaßt und in die Stube gezerrt.
„Da setz dich hin!“
Inzwischen kam auch Frau Heinen im Unterrock fröstelnd herbei, stellte
sich am Tisch auf und rieb sich gähnend die Hüfte.
„Wo warst du so spät?“ – wollte sie das Verhör beginnen.
„Wo wird er gewesen sein!“ fuhr ihr Mann zornbebend dazwischen,
„gesoffen haben sie, bei den Weibern sind sie gewesen.“
lachte still übers ganze Gesicht, als er ihr Lieblingsgebäck aus der
Papierhülle wickelte und Wöllem knurrte, während er seinen Tabak und
seine Pfeifen einsteckte: „Hm, meng Sach aß gudd gaangen!“ Dann gab es
zu Mittag natürlich Fenns Lieblingsgericht: Eierkuchen mit Kartoffeln und
Endiviensalat, und dazu holte Wöllem ein Liter Bier aus der „Auberge“ an
der Kreuzstraße.
A m Nachmittag kam eines von den Heinens Mädchen, um zu fragen,
wo Putty geblieben sei. Und dann kam auch der Schneider und ärgerte
sich blau, daß dieser Windhund, dieser Ausreißer, sich solche
Seitensprünge erlaubte. Der Fritz Lampert, von dem schon allerhand
Weibergeschichten die Runde machten, war doch kein Kamerad für einen,
der Geistlicher werden wollte, Himmelkreuzsakra! Und er würde dem Putty
den Kopf waschen, daß er alle Glocken der Nachbarschaft sollte zuhauf
läuten hören. Die Lampe des Schneiders Heinen war die einzige, die noch
im Dorf brannte, als Fritz Lampert seinem Freund Putty vor dessen
Vaterhaus vom Wagen herunterhalf und ihm gute Nacht wünschte, um sich
sofort mit seinem Gefährt schleunigst aus dem Staube zu machen. Er
überhörte es geflissentlich, daß ihm Putty zuraunte, er möchte doch noch
auf einen Augenblick mit hereinkommen, um eine Kleinigkeit zu genießen.
Und er vernahm durch das Rollen der Räder und das Hufgeklapper seines
Braunen hindurch, wie auf Puttys Klopfen die Tür aufflog und Worte
gewechselt wurden, die auf keinen liebreichen Empfang deuteten.
„Hierher kommst du!“ herrschte der Schneider seinen Sohn an, als der
nach dem Treppengeländer tastete, um sein Schlafzimmer aufzusuchen.
Und als Putty nicht gleich Order parierte, fühlte er sich derb am rechten
Oberarm gefaßt und in die Stube gezerrt.
„Da setz dich hin!“
Inzwischen kam auch Frau Heinen im Unterrock fröstelnd herbei, stellte
sich am Tisch auf und rieb sich gähnend die Hüfte.
„Wo warst du so spät?“ – wollte sie das Verhör beginnen.
„Wo wird er gewesen sein!“ fuhr ihr Mann zornbebend dazwischen,
„gesoffen haben sie, bei den Weibern sind sie gewesen.“
Page 100
Putty schlug ein paar schwimmende Augen mit einem leeren Blick zu
seinem Vater auf und zuckte stumm und verächtlich die Achseln.
„Ich will wissen, wo du warst!“ brüllte der Schneider und schlug mit dem
geballten Fäustchen auf den Tisch, daß Frau Heinen ängstlich nach der
Lampe griff.
Putty hob wieder die Achseln und skizzierte mit der Linken eine müde
Gebärde in die Runde.
„Der Kerl ist ja besoffen wie ein Schwein!“ sagte der Schneider mit dem
Ausdruck unsäglichen Abscheus.
„Laß ihn schlafen gehen,“ schlug die Mutter vor, worauf sie Putty streng
anfuhr: „Soll ich dir vielleicht eine Tasse schwarzen Kaffee kochen?“
„Ich gehe lieber schlafen,“ lallte Putty.
„Vor mir die Treppe hinauf!“ befahl der Schneider. In der Tür drehte sich
Putty um. Er hatte in seiner Betrunkenheit das Empfinden, daß ihm von
seinem Vater ein tätlicher Schimpf drohte. Der Schneider hatte schon den
Fuß gezückt. Putty sah die Bewegung, auf Sekunden war sein Rausch
verflogen und aus seinen Augen brach eine so irre Flamme des Hasses und
der Wut, daß seine Mutter sich ihm schreiend entgegenwarf. Auch der
Schneider hatte den Blick aufgefangen und es war ihm dabei kalt übers
Herz gekrochen. Er war froh, daß seine Frau alles weitere abgeschnitten
hatte. So sagte er, noch bebend vor Aufregung und plötzlicher Angst, mit
künstlich zurechtgemachter Verachtung: „Mach, daß mir der Kerl aus den
Augen kommt!“
G egen Ende September sagte eines Tages Putty Heinen zu seinem
Freund Fenn: „Morgen sind unsere Soutanen fertig. Mein Vater läßt
dir sagen, morgen werden sie anprobiert.“
Dann gingen die beiden querfeldein. Putty lenkte in Wege ein, die immer
weiter vom Dorf abführten. Jetzt waren sie am „Hau“ hinauf zur Höhe
gelangt, von der man weit in der Runde die Berge mattgrau in der
Herbstluft stehen sah. Putty schaute lange träumerisch in die Weite in der
Richtung, wo die Stadt lag, und dann umschlang er plötzlich krampfhaft
und leidenschaftlich schluchzend einen dicken Baum am Weg und rief in
einem fort, in tränender Verzweiflung den Namen seines Freundes.
seinem Vater auf und zuckte stumm und verächtlich die Achseln.
„Ich will wissen, wo du warst!“ brüllte der Schneider und schlug mit dem
geballten Fäustchen auf den Tisch, daß Frau Heinen ängstlich nach der
Lampe griff.
Putty hob wieder die Achseln und skizzierte mit der Linken eine müde
Gebärde in die Runde.
„Der Kerl ist ja besoffen wie ein Schwein!“ sagte der Schneider mit dem
Ausdruck unsäglichen Abscheus.
„Laß ihn schlafen gehen,“ schlug die Mutter vor, worauf sie Putty streng
anfuhr: „Soll ich dir vielleicht eine Tasse schwarzen Kaffee kochen?“
„Ich gehe lieber schlafen,“ lallte Putty.
„Vor mir die Treppe hinauf!“ befahl der Schneider. In der Tür drehte sich
Putty um. Er hatte in seiner Betrunkenheit das Empfinden, daß ihm von
seinem Vater ein tätlicher Schimpf drohte. Der Schneider hatte schon den
Fuß gezückt. Putty sah die Bewegung, auf Sekunden war sein Rausch
verflogen und aus seinen Augen brach eine so irre Flamme des Hasses und
der Wut, daß seine Mutter sich ihm schreiend entgegenwarf. Auch der
Schneider hatte den Blick aufgefangen und es war ihm dabei kalt übers
Herz gekrochen. Er war froh, daß seine Frau alles weitere abgeschnitten
hatte. So sagte er, noch bebend vor Aufregung und plötzlicher Angst, mit
künstlich zurechtgemachter Verachtung: „Mach, daß mir der Kerl aus den
Augen kommt!“
G egen Ende September sagte eines Tages Putty Heinen zu seinem
Freund Fenn: „Morgen sind unsere Soutanen fertig. Mein Vater läßt
dir sagen, morgen werden sie anprobiert.“
Dann gingen die beiden querfeldein. Putty lenkte in Wege ein, die immer
weiter vom Dorf abführten. Jetzt waren sie am „Hau“ hinauf zur Höhe
gelangt, von der man weit in der Runde die Berge mattgrau in der
Herbstluft stehen sah. Putty schaute lange träumerisch in die Weite in der
Richtung, wo die Stadt lag, und dann umschlang er plötzlich krampfhaft
und leidenschaftlich schluchzend einen dicken Baum am Weg und rief in
einem fort, in tränender Verzweiflung den Namen seines Freundes.
Page 101
„Komm zu dir,“ redete ihm Fenn begütigend zu. Er dachte sich schon,
wie dem armen Kerl zumute war.
„Fenn, was soll das werden mit mir, was soll das werden!“ und sein
heulendes Leid quoll heraus wie ein heißer Strahl, wie Blut aus offenen
Adern.
„Ja Putty, da kann ich dir nicht helfen, wenn du glaubst, du kannst deinen
Leuten nicht sagen, daß du nicht hinein willst, dann mußt du dich eben
bezwingen. So schlimm wird es schließlich ja nicht sein. Es sind ja viele
vor dir denselben Weg gegangen und haben es schließlich doch
verwunden.“
„Ich kann es nicht. Wenn man dir was einstopfen will, was dich ekelt,
kannst du es doch nicht schlucken. Du erbrichst es, sobald es dir auf die
Zunge kommt. Ich kann nicht, ich kann nicht!“
„Was ist denn daran, das dir so unüberwindlich scheint?“
„Alles. Ich will leben. Ich will mich anziehen wie jedermann! Ich will
nicht ein Gezeichneter sein, dem jeder schon am Kleid ansieht, daß er nicht
darf, was alle dürfen!“
„Ist das nicht ein bißchen Eitelkeit, Putty?“
„Nein, es ist die Wut dagegen, daß man mich zum Krüppel machen will,
alle zu Haus, mein Vater und meine Mutter und meine Schwestern! Sie
sagen, sie haben um mich gedarbt. Gelogen ist es! Was haben sie sich denn
meinetwegen versagt? Das wenige, das sie mir vielleicht geopfert haben,
gibt ihnen doch kein Recht, so über mich zu verfügen!“
„Bist du dir ganz klar darüber, daß du nicht wegen einer dummen
Weibergeschichte –?“
„Ach, Fenn, glaube mir, es gibt keine dummen Weibergeschichten für
den, der zur Entsagung nicht geboren ist. Für den ist jede Weibergeschichte
ein schlimmer Aufruhr, in dem er sein Bestes lassen kann.“
„Was heißt das: Zur Entsagung nicht geboren! Also wenn du zum
Entsagen keine Lust hast, sagst du einfach, du bist zur Entsagung nicht
geboren?“
„Ach tu doch nicht so, als ließe sich das alles glatt nach dem Einmaleins
aufs Papier hinrechnen. Und überhaupt, es ist nicht das Weib allein, es ist
alles! Das ganze Leben! Ich kann mir nicht, wie du, meinen Lebensweg so
schnurgrad zwischen zwei Pappelreihen denken, mit der ewigen Seligkeit
als Abendrot in der Perspektive. Was mir alles bevorstehen kann, siehst du,
ist mir noch wie ein süßbanges Geheimnis, eine Fülle von Schönem oder
wie dem armen Kerl zumute war.
„Fenn, was soll das werden mit mir, was soll das werden!“ und sein
heulendes Leid quoll heraus wie ein heißer Strahl, wie Blut aus offenen
Adern.
„Ja Putty, da kann ich dir nicht helfen, wenn du glaubst, du kannst deinen
Leuten nicht sagen, daß du nicht hinein willst, dann mußt du dich eben
bezwingen. So schlimm wird es schließlich ja nicht sein. Es sind ja viele
vor dir denselben Weg gegangen und haben es schließlich doch
verwunden.“
„Ich kann es nicht. Wenn man dir was einstopfen will, was dich ekelt,
kannst du es doch nicht schlucken. Du erbrichst es, sobald es dir auf die
Zunge kommt. Ich kann nicht, ich kann nicht!“
„Was ist denn daran, das dir so unüberwindlich scheint?“
„Alles. Ich will leben. Ich will mich anziehen wie jedermann! Ich will
nicht ein Gezeichneter sein, dem jeder schon am Kleid ansieht, daß er nicht
darf, was alle dürfen!“
„Ist das nicht ein bißchen Eitelkeit, Putty?“
„Nein, es ist die Wut dagegen, daß man mich zum Krüppel machen will,
alle zu Haus, mein Vater und meine Mutter und meine Schwestern! Sie
sagen, sie haben um mich gedarbt. Gelogen ist es! Was haben sie sich denn
meinetwegen versagt? Das wenige, das sie mir vielleicht geopfert haben,
gibt ihnen doch kein Recht, so über mich zu verfügen!“
„Bist du dir ganz klar darüber, daß du nicht wegen einer dummen
Weibergeschichte –?“
„Ach, Fenn, glaube mir, es gibt keine dummen Weibergeschichten für
den, der zur Entsagung nicht geboren ist. Für den ist jede Weibergeschichte
ein schlimmer Aufruhr, in dem er sein Bestes lassen kann.“
„Was heißt das: Zur Entsagung nicht geboren! Also wenn du zum
Entsagen keine Lust hast, sagst du einfach, du bist zur Entsagung nicht
geboren?“
„Ach tu doch nicht so, als ließe sich das alles glatt nach dem Einmaleins
aufs Papier hinrechnen. Und überhaupt, es ist nicht das Weib allein, es ist
alles! Das ganze Leben! Ich kann mir nicht, wie du, meinen Lebensweg so
schnurgrad zwischen zwei Pappelreihen denken, mit der ewigen Seligkeit
als Abendrot in der Perspektive. Was mir alles bevorstehen kann, siehst du,
ist mir noch wie ein süßbanges Geheimnis, eine Fülle von Schönem oder
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Schrecklichem oder beidem zusammen. Aber frei will ich sein, nach allem
zu greifen und allem zu entfliehen.“
Fenn zuckte die Achseln: „Ja, dann weiß ich dir keinen andern Rat. Dann
mußt du eben den Mut haben, daß du es deinen Leuten sagst, wie es um
dich steht.“
Putty hatte sich in dem leidenschaftlichen Ausbruch Luft gemacht, seine
Energie war schon erschöpft.
„Ich kann nicht,“ sagte er traurig. „Zehnmal schon dachte ich mir ein
Herz zu fassen, aber es war mir immer, als müßte ich mit meinem
Geständnis etwas ganz Furchtbares entfesseln, etwas, in dem alles zugrunde
gehen würde. Jetzt mag es sich wenden, wie es will. Ich komme mir vor,
wie einer, der Spießruten läuft und die Augen zudrückt, bis er hindurch ist.
Mir ist, als zeigten die Leute mit Fingern auf mich und drängten sich dazu,
wie ich nackt ausgezogen und angeprangert und gestäupt werde. Das muß
doch ein jeder sehen, daß ich in das Kleid und den Beruf nicht
hineingehöre.“
Fenn konnte dem Freund nicht mehr zureden. Und er dachte, was man in
solchen Fällen immer denkt, um von einer häßlichen Vorstellung
loszukommen: „Wer weiß, vielleicht ist es am Ende gar nicht so schlimm.“
A m folgenden Tage holte Putty den Freund ab. Fenn war in dem kleinen
Garten des Küsterhauses beim Zwetschenpflücken. Putty nahm eine
der dunkelblauen Früchte, zerdrückte sie, daß das goldgelbe Fleisch
sich spaltete und in der spitzen Kernhöhlung süßer Saft zusammenlief. Aber
der Genuß daran wurde ihm durch den Gedanken an die seelische
Hinrichtung vergällt, die ihm bevorstand. Fenn sprang lustig vom Baum.
„Also gehen wir,“ sagte er heiter. Er schraubte absichtlich seine gute Laune
um ein paar Grad höher, als Abwehr gegen Puttys Herzensangst, von der er
einen neuen Ausbruch befürchtete. In der Schneiderstube lagen die beiden
Soutanen fertig zum Anprobieren über einer Stuhllehne. Schneiderhinchen
saß mit gekreuzten Beinen auf dem Tisch, die Brille auf der Nase, das Band
des Zentimetermaßes über die Schultern gehängt. Er hüpfte herunter, reckte
die Glieder und sagte: „Also wollen wir mal sehen, wie ihr als Herren
ausschaut.“
zu greifen und allem zu entfliehen.“
Fenn zuckte die Achseln: „Ja, dann weiß ich dir keinen andern Rat. Dann
mußt du eben den Mut haben, daß du es deinen Leuten sagst, wie es um
dich steht.“
Putty hatte sich in dem leidenschaftlichen Ausbruch Luft gemacht, seine
Energie war schon erschöpft.
„Ich kann nicht,“ sagte er traurig. „Zehnmal schon dachte ich mir ein
Herz zu fassen, aber es war mir immer, als müßte ich mit meinem
Geständnis etwas ganz Furchtbares entfesseln, etwas, in dem alles zugrunde
gehen würde. Jetzt mag es sich wenden, wie es will. Ich komme mir vor,
wie einer, der Spießruten läuft und die Augen zudrückt, bis er hindurch ist.
Mir ist, als zeigten die Leute mit Fingern auf mich und drängten sich dazu,
wie ich nackt ausgezogen und angeprangert und gestäupt werde. Das muß
doch ein jeder sehen, daß ich in das Kleid und den Beruf nicht
hineingehöre.“
Fenn konnte dem Freund nicht mehr zureden. Und er dachte, was man in
solchen Fällen immer denkt, um von einer häßlichen Vorstellung
loszukommen: „Wer weiß, vielleicht ist es am Ende gar nicht so schlimm.“
A m folgenden Tage holte Putty den Freund ab. Fenn war in dem kleinen
Garten des Küsterhauses beim Zwetschenpflücken. Putty nahm eine
der dunkelblauen Früchte, zerdrückte sie, daß das goldgelbe Fleisch
sich spaltete und in der spitzen Kernhöhlung süßer Saft zusammenlief. Aber
der Genuß daran wurde ihm durch den Gedanken an die seelische
Hinrichtung vergällt, die ihm bevorstand. Fenn sprang lustig vom Baum.
„Also gehen wir,“ sagte er heiter. Er schraubte absichtlich seine gute Laune
um ein paar Grad höher, als Abwehr gegen Puttys Herzensangst, von der er
einen neuen Ausbruch befürchtete. In der Schneiderstube lagen die beiden
Soutanen fertig zum Anprobieren über einer Stuhllehne. Schneiderhinchen
saß mit gekreuzten Beinen auf dem Tisch, die Brille auf der Nase, das Band
des Zentimetermaßes über die Schultern gehängt. Er hüpfte herunter, reckte
die Glieder und sagte: „Also wollen wir mal sehen, wie ihr als Herren
ausschaut.“
Page 103
Es roch unangenehm scharf nach Fleckwasser, ein Geruch, den Putty von
klein auf nicht hatte ausstehen können, und den er zuletzt haßte, weil er ihn
stets an seinen Vater erinnerte.
„Wer will zuerst dran kommen?“
Fenn wollte Putty den Vortritt lassen, aber der schob den Freund vor:
„Allez hopp, mir ist es immer noch früh genug.“
Schneiderhinchen wollte auffahren. Was fiel denn dem Buben ein! Er
sollte doch seinem Schöpfer danken. Und nun: Mir ist es immer noch früh
genug! Na wart! Dir werde ich! – Aber das streitbare Männlein fraß seinen
Jähzorn hinein und begnügte sich damit, einen funkelnden Blick nach Putty
hinüberzuwerfen.
Fenns magerer, knochiger Körper trug das lange schwarze Gewand leicht
und selbstverständlich. Man sah, es belästigte ihn nicht, es floß gehorsam
um seine Bewegungen, es beeinträchtigte in nichts das wohltuend Bildhafte
seiner kräftigen Männlichkeit. Der Schneider war stolz auf sein Werk.
„Besser hätte sie dir keiner in der Stadt gemacht,“ sagte er mit einem leisen
Anflug von Vorwurf, aber auch von Genugtuung. Als ob doch vielleicht bei
Fenn der Plan hätte bestehen können, seinem alten Schneider bei dieser
festlichen und besondern Gelegenheit abtrünnig zu werden.
Dann kam Putty an die Reihe. Als ihm die langen Ärmel feierlich weit
bis über die halben Hände hingen, als sein Vater dicht vor ihm kniete und
mit wächsernen, ärmlichen Fingern emsig die lange Knopfreihe von unten
herauf zu schließen begann und dabei Putty aufforderte, dasselbe Geschäft
von oben her zu besorgen, als dieser dann das schwarze, schwere Tuch mit
seinem kirchlich ernsten Glanz an sich hinabhängen sah, war ihm wirklich
nicht anders, als ob er lebendigen Leibes eingemauert werden und selber
Stein auf Stein zu seinem Hungerkerker fügen sollte. Sein Körper krampfte
sich zusammen, der Krampf löste sich in einer explodierenden Bewegung
des Abscheus und der Abwehr, und die Bewegung zitterte hysterisch nach
durch alle seine Glieder.
„Was ist los?“ fragte der Schneider unwillig erstaunt.
„Ich komme mir vor, wie ein Frauenzimmer!“ sagte Putty und erkannte
seine eigene Stimme nicht. So hatte der Aufruhr seines Innern die
Muskulatur seiner Kehle umgeknetet.
„Du bist wohl verrückt,“ sagte sein Vater und richtete sich mühsam
zornig auf.
klein auf nicht hatte ausstehen können, und den er zuletzt haßte, weil er ihn
stets an seinen Vater erinnerte.
„Wer will zuerst dran kommen?“
Fenn wollte Putty den Vortritt lassen, aber der schob den Freund vor:
„Allez hopp, mir ist es immer noch früh genug.“
Schneiderhinchen wollte auffahren. Was fiel denn dem Buben ein! Er
sollte doch seinem Schöpfer danken. Und nun: Mir ist es immer noch früh
genug! Na wart! Dir werde ich! – Aber das streitbare Männlein fraß seinen
Jähzorn hinein und begnügte sich damit, einen funkelnden Blick nach Putty
hinüberzuwerfen.
Fenns magerer, knochiger Körper trug das lange schwarze Gewand leicht
und selbstverständlich. Man sah, es belästigte ihn nicht, es floß gehorsam
um seine Bewegungen, es beeinträchtigte in nichts das wohltuend Bildhafte
seiner kräftigen Männlichkeit. Der Schneider war stolz auf sein Werk.
„Besser hätte sie dir keiner in der Stadt gemacht,“ sagte er mit einem leisen
Anflug von Vorwurf, aber auch von Genugtuung. Als ob doch vielleicht bei
Fenn der Plan hätte bestehen können, seinem alten Schneider bei dieser
festlichen und besondern Gelegenheit abtrünnig zu werden.
Dann kam Putty an die Reihe. Als ihm die langen Ärmel feierlich weit
bis über die halben Hände hingen, als sein Vater dicht vor ihm kniete und
mit wächsernen, ärmlichen Fingern emsig die lange Knopfreihe von unten
herauf zu schließen begann und dabei Putty aufforderte, dasselbe Geschäft
von oben her zu besorgen, als dieser dann das schwarze, schwere Tuch mit
seinem kirchlich ernsten Glanz an sich hinabhängen sah, war ihm wirklich
nicht anders, als ob er lebendigen Leibes eingemauert werden und selber
Stein auf Stein zu seinem Hungerkerker fügen sollte. Sein Körper krampfte
sich zusammen, der Krampf löste sich in einer explodierenden Bewegung
des Abscheus und der Abwehr, und die Bewegung zitterte hysterisch nach
durch alle seine Glieder.
„Was ist los?“ fragte der Schneider unwillig erstaunt.
„Ich komme mir vor, wie ein Frauenzimmer!“ sagte Putty und erkannte
seine eigene Stimme nicht. So hatte der Aufruhr seines Innern die
Muskulatur seiner Kehle umgeknetet.
„Du bist wohl verrückt,“ sagte sein Vater und richtete sich mühsam
zornig auf.
Page 104
„Es ist ja wahr,“ gab Putty, schon dem Weinen nah, zurück, und zeigte
mit verächtlicher Gebärde an sich herunter.
„Ich meine gar, du Aff ...“ eiferte das Schneiderhinchen und schlug
seinem unbotmäßigen Buben jähzornig die Hand ins Gesicht.
Dann geschah etwas Plötzliches, züngelnd Gewalttätiges, wie ein
Sprengschuß.
„Es war seine Schuld“ – war Puttys erster Gedanke, als er wieder zu sich
kam. Er hatte wirklich nichts dafür gekonnt. Es war, als wäre er ein
Spielzeug aus Hausenblase gewesen, in das jemand heftig hineingepustet
hätte. So plötzlich, mit einem Ruck, hatten sich seine Arme gespannt, waren
seine Fäuste wütenden Hunden gleich dem Schneider an die Kehle und ins
Gesicht gesprungen. Mitten aus einem Gerümpel von Tisch und Stühlen sah
das angstverzerrte Gesicht des kleinen, blassen Mannes hervor. Aus einer
schmalen Wunde über dem linken Auge floß ein spärliches Blutgerinsel,
wurde durch die Braue abgelenkt, fand den Weg hinunter über die Wange.
Als der Schneider das warme Rieseln spürte, griff er mit der Hand hin. Der
Anblick des roten Saftes erfüllte ihn mit Entsetzen. „O Gott, o Gott!“
stöhnte er und zeigte Fenn schaudernd die beiden blutgefärbten Finger. Und
er sah so ärmlich, so mitleidheischend, so gottergeben aus, so ganz
zerknirscht im Opferlamm-Gefühl eines, von dem man verlangt, er soll
einem Vatermörder verzeihen, daß Fenn ein Lächeln unterdrücken mußte.
Die Schneiderin und die beiden Mädchen hatten von draußen einen
heisern Schrei und heftiges Poltern gehört und stürzten herein. Als sie des
Blutes ansichtig wurden, stießen sie gellende Hilferufe aus und drängten
Fenn, der beschwichtigen wollte, beiseite. Sie hoben den hilflosen
Schneider auf die Beine und bestürmten ihn mit Fragen, was geschehen sei.
Er deutete nur stumm, mit einer herzbrechend betrübten Duldermiene auf
seinen ungeratenen Sohn, der zitternd, zu Tode erschrocken, leichenfahl
dastand und nun auf einmal aufheulend in die Knie brach.
Wären jetzt alle mit bissigen Vorwürfen über ihn hergefallen, so hätte
sich Putty vielleicht gewaltsam einen Weg in die Freiheit gebrochen. Als
aber die Weiber hörten, was geschehen war, sahen sie ihn entsetzt an, wie
einen Ausgestoßenen, und führten den Vater sanft hinaus in die Küche, an
den Wasserstein, wo sie ihm unter der Pumpe umständlich die Wunde
auswuschen. Es war ein kaum halbfingerlanger Riß, den sich der Schneider
beim Aufschlagen auf die Tischkante zugefügt hatte. „Daß einem sein eigen
mit verächtlicher Gebärde an sich herunter.
„Ich meine gar, du Aff ...“ eiferte das Schneiderhinchen und schlug
seinem unbotmäßigen Buben jähzornig die Hand ins Gesicht.
Dann geschah etwas Plötzliches, züngelnd Gewalttätiges, wie ein
Sprengschuß.
„Es war seine Schuld“ – war Puttys erster Gedanke, als er wieder zu sich
kam. Er hatte wirklich nichts dafür gekonnt. Es war, als wäre er ein
Spielzeug aus Hausenblase gewesen, in das jemand heftig hineingepustet
hätte. So plötzlich, mit einem Ruck, hatten sich seine Arme gespannt, waren
seine Fäuste wütenden Hunden gleich dem Schneider an die Kehle und ins
Gesicht gesprungen. Mitten aus einem Gerümpel von Tisch und Stühlen sah
das angstverzerrte Gesicht des kleinen, blassen Mannes hervor. Aus einer
schmalen Wunde über dem linken Auge floß ein spärliches Blutgerinsel,
wurde durch die Braue abgelenkt, fand den Weg hinunter über die Wange.
Als der Schneider das warme Rieseln spürte, griff er mit der Hand hin. Der
Anblick des roten Saftes erfüllte ihn mit Entsetzen. „O Gott, o Gott!“
stöhnte er und zeigte Fenn schaudernd die beiden blutgefärbten Finger. Und
er sah so ärmlich, so mitleidheischend, so gottergeben aus, so ganz
zerknirscht im Opferlamm-Gefühl eines, von dem man verlangt, er soll
einem Vatermörder verzeihen, daß Fenn ein Lächeln unterdrücken mußte.
Die Schneiderin und die beiden Mädchen hatten von draußen einen
heisern Schrei und heftiges Poltern gehört und stürzten herein. Als sie des
Blutes ansichtig wurden, stießen sie gellende Hilferufe aus und drängten
Fenn, der beschwichtigen wollte, beiseite. Sie hoben den hilflosen
Schneider auf die Beine und bestürmten ihn mit Fragen, was geschehen sei.
Er deutete nur stumm, mit einer herzbrechend betrübten Duldermiene auf
seinen ungeratenen Sohn, der zitternd, zu Tode erschrocken, leichenfahl
dastand und nun auf einmal aufheulend in die Knie brach.
Wären jetzt alle mit bissigen Vorwürfen über ihn hergefallen, so hätte
sich Putty vielleicht gewaltsam einen Weg in die Freiheit gebrochen. Als
aber die Weiber hörten, was geschehen war, sahen sie ihn entsetzt an, wie
einen Ausgestoßenen, und führten den Vater sanft hinaus in die Küche, an
den Wasserstein, wo sie ihm unter der Pumpe umständlich die Wunde
auswuschen. Es war ein kaum halbfingerlanger Riß, den sich der Schneider
beim Aufschlagen auf die Tischkante zugefügt hatte. „Daß einem sein eigen
Page 105
Herzblut nach dem Leben trachten muß!“ stöhnte er, während ihm seine
Älteste ein nasses Tuch auf die Stirn drückte.
„Sagen Sie doch das nicht!“ fiel Fenn, fast ärgerlich, ein. „Putty hat sich
gegen die Ohrfeige gewehrt, und dabei sind Sie zu Fall gekommen.“
„Wollte Gott, daß du recht hättest, Fenn,“ hauchte das Schneiderhinchen.
Im Zimmer drinnen hörte man Putty schluchzen und von Zeit zu Zeit
leidenschaftlich aufheulen. „Ich tu ja alles, was ihr wollt! Der Vater soll nur
das nicht sagen, nur das nicht!“
Der Schneider wurde allmählich gerührt. „Führt mich zu ihm hinein,“
sagte er matt.
Er war sich nie so groß, so edel, so erhaben vorgekommen wie jetzt, wo
er dem schluchzenden Opfer seiner Beschränktheit die Hände auflegte und
ihm versicherte, er wolle ihm denn also noch einmal verzeihen, und er
hoffe, er werde die Lehre beherzigen, mit der ihn der liebe Herrgott hart am
Abgrund des Vatermordes vorbeigeführt habe.
Vierzehn Tage später bezogen Fenn Kaß und Putty Heinen ihre Zellen im
Luxemburger Priesterseminar.
Älteste ein nasses Tuch auf die Stirn drückte.
„Sagen Sie doch das nicht!“ fiel Fenn, fast ärgerlich, ein. „Putty hat sich
gegen die Ohrfeige gewehrt, und dabei sind Sie zu Fall gekommen.“
„Wollte Gott, daß du recht hättest, Fenn,“ hauchte das Schneiderhinchen.
Im Zimmer drinnen hörte man Putty schluchzen und von Zeit zu Zeit
leidenschaftlich aufheulen. „Ich tu ja alles, was ihr wollt! Der Vater soll nur
das nicht sagen, nur das nicht!“
Der Schneider wurde allmählich gerührt. „Führt mich zu ihm hinein,“
sagte er matt.
Er war sich nie so groß, so edel, so erhaben vorgekommen wie jetzt, wo
er dem schluchzenden Opfer seiner Beschränktheit die Hände auflegte und
ihm versicherte, er wolle ihm denn also noch einmal verzeihen, und er
hoffe, er werde die Lehre beherzigen, mit der ihn der liebe Herrgott hart am
Abgrund des Vatermordes vorbeigeführt habe.
Vierzehn Tage später bezogen Fenn Kaß und Putty Heinen ihre Zellen im
Luxemburger Priesterseminar.
Page 106
Zweites Buch
Page 107
Page 108
Erstes Kapitel
U m die Menschen ist es manchmal wie um Schachfiguren. Ein Spiel ist
vorbei, und das Leben stellt die Figuren zu einem neuen Spiele auf.
Jahrelang ist es vielleicht, als erlebten sie Großes, aber ihre Schicksale
waren nur Schein, Ereignisse ohne Beziehungen, und darum ohne
Bedeutung, Erlebnisse ohne Ausstrahlung, Schicksale ohne Widerhall an
andern Menschenschicksalen. Dann eines Tages beginnt das neue Spiel, und
die Fäden neuer Glücks- und Unglücksgewebe spinnen sich zwischen den
Menschen.
Was seit den letzten Jahren mit den Menschen vorgegangen ist, die uns in
dieser Erzählung nähergetreten sind, war die Aufstellung zu einem neuen
Spiel auf dem Schachbrett des Lebens.
Fenn Kaß und Putty Heinen hatten ihre drei Jahre im Seminar in der
unheimlichen Ruhe verbracht, in der geistliche Seminaristen diese dunkle
Durchgangszeit vom Triebleben der Jugend zum pflichtbeherrschten
Berufsdasein zu verbringen scheinen – denn nach außen wird von den
Kämpfen, deren Zeuginnen die Zellenwände jener Anstalt sind, nichts laut.
Fritz Lampert hatte in Brebach die Mühle seines Onkels übernommen,
nachdem ein ungebärdiges Pferd dem alten Hagestolz, der es eigensinnig
zähmen wollte, den Schädel eingetreten hatte. In dem neuen Lampertshaus
in Brebach aber, das sich über den Trümmern des alten aufzubauen
versuchte, waltete als Hausfrau die frühere Lehrerin „Brauns Marjänni“.
Es war keine erfreuliche Sache, wieso das gekommen war. Schon als
Lehramtskandidatin und dann als angehende Lehrerin in Brebach, wo Fritz
durch seinen Einfluß ihr die Stelle hatte verschaffen helfen, war Marjänni
im Hause des Jugendgespielen häufig zu Gaste gewesen. Erst besuchte sie
Fritz in Begleitung einer Verwandten, dann geschah es immer öfter, daß sie
in Brebach spät abends weit um die Gärten herumschlich und bei Fritz zur
Ucht ging, oder daß er auf ein Stündchen in ihre Stube im ersten Stock der
Mädchenschule kam. Dann spielten sie „Mühlchen“ oder Sechsundsechzig,
tranken einen mit Nußschalen angesetzten süßen Schnaps und redeten von
den Tagen ihrer Kindheit. Sie hatten einander nicht eigentlich lieb. Es war
die süße Angewöhnung, die sie einander in die Arme führte. Marjänni
machte gerade die leidige Prüfungszeit der jungen Lehrerinnen durch, in der
die armen Dinger zwischen Pfarrer und Bürgermeister, diesem und jenem
U m die Menschen ist es manchmal wie um Schachfiguren. Ein Spiel ist
vorbei, und das Leben stellt die Figuren zu einem neuen Spiele auf.
Jahrelang ist es vielleicht, als erlebten sie Großes, aber ihre Schicksale
waren nur Schein, Ereignisse ohne Beziehungen, und darum ohne
Bedeutung, Erlebnisse ohne Ausstrahlung, Schicksale ohne Widerhall an
andern Menschenschicksalen. Dann eines Tages beginnt das neue Spiel, und
die Fäden neuer Glücks- und Unglücksgewebe spinnen sich zwischen den
Menschen.
Was seit den letzten Jahren mit den Menschen vorgegangen ist, die uns in
dieser Erzählung nähergetreten sind, war die Aufstellung zu einem neuen
Spiel auf dem Schachbrett des Lebens.
Fenn Kaß und Putty Heinen hatten ihre drei Jahre im Seminar in der
unheimlichen Ruhe verbracht, in der geistliche Seminaristen diese dunkle
Durchgangszeit vom Triebleben der Jugend zum pflichtbeherrschten
Berufsdasein zu verbringen scheinen – denn nach außen wird von den
Kämpfen, deren Zeuginnen die Zellenwände jener Anstalt sind, nichts laut.
Fritz Lampert hatte in Brebach die Mühle seines Onkels übernommen,
nachdem ein ungebärdiges Pferd dem alten Hagestolz, der es eigensinnig
zähmen wollte, den Schädel eingetreten hatte. In dem neuen Lampertshaus
in Brebach aber, das sich über den Trümmern des alten aufzubauen
versuchte, waltete als Hausfrau die frühere Lehrerin „Brauns Marjänni“.
Es war keine erfreuliche Sache, wieso das gekommen war. Schon als
Lehramtskandidatin und dann als angehende Lehrerin in Brebach, wo Fritz
durch seinen Einfluß ihr die Stelle hatte verschaffen helfen, war Marjänni
im Hause des Jugendgespielen häufig zu Gaste gewesen. Erst besuchte sie
Fritz in Begleitung einer Verwandten, dann geschah es immer öfter, daß sie
in Brebach spät abends weit um die Gärten herumschlich und bei Fritz zur
Ucht ging, oder daß er auf ein Stündchen in ihre Stube im ersten Stock der
Mädchenschule kam. Dann spielten sie „Mühlchen“ oder Sechsundsechzig,
tranken einen mit Nußschalen angesetzten süßen Schnaps und redeten von
den Tagen ihrer Kindheit. Sie hatten einander nicht eigentlich lieb. Es war
die süße Angewöhnung, die sie einander in die Arme führte. Marjänni
machte gerade die leidige Prüfungszeit der jungen Lehrerinnen durch, in der
die armen Dinger zwischen Pfarrer und Bürgermeister, diesem und jenem
Page 109
einflußreichen Bauern und seiner Bäuerin, der Pfarrersköchin und sonst
einer gottesfürchtigen Seele nicht mehr wissen, wie der rechte Pfad geht
und ganze Abende voll Herzeleid verlassen daheim sitzen. Da war Fritz
Lampert derjenige gewesen, der in solchen Augenblicken der Hilflosen
Stärke und Stütze vortäuschte, und sie war ihm in Erlösungsfreude und
Vergeltungsbedürfnis anheimgefallen. Acht Tage lang hatten sie sich
gemieden nach jener Nacht. Dann trieben ihn die hungrigen Sinne wieder
ihr zu. In ihr aber hatte der Ordnungssinn und Haushaltungstrieb der Frau,
die in ihrem Leben wie in ihrem Wäscheschrank Ordnung halten will,
wieder die Oberhand gewonnen, und sie hatte Fritz mit Fasten und Milde
dahin gebracht, daß er ihrem Verhältnis rechtzeitig die standesamtliche
Sanktion gab. Und so war sie zu Ostern in der Lampertsmühle die schöne
Müllerin geworden, und schon um Mariä Himmelfahrt war der Hochzeit die
Taufe gefolgt.
Ungefähr um dieselbe Zeit, da in Brebach der kleine Stammhalter des
Hauses Lampert über die Taufe gehoben wurde, zog der Jugendfreund
seiner Mutter, Fenn Kaß, als wohlbestallter Kaplan mit seiner Mutter und
dem alten Wöllem ins Dorf und wurde von Feuerwehr und Gesangverein,
von männlicher und weiblicher Jugend festlich empfangen und nach
Gebühr und Überlieferung geehrt.
Sein Pfarrer, Herr Brendel, hatte die dünnen, geschlossenen Lippen in die
Breite gezogen und ihm eine magere, blutleere Hand mit
schwarzgeränderten Fingernägeln zum Gruße gereicht. Er hatte dabei die
Hoffnung ausgesprochen, daß sie in segensreichem Wirken mit Gottes Hilfe
einander in die Hände arbeiten würden. Pfarrer Brendel, der auf die hübsche
Lehrerin nie gut zu sprechen gewesen war, hatte es sich nicht verkneifen
können, einige Zeit nach Fenns Installation die Geburt des jungen Lampert
in einer Predigt zu feiern, die mit feinen und groben Anspielungen auf den
Fall gespickt war. Am selben Sonntag Abend hatte er seinen neuen Kaplan
zu Tisch, und es entspann sich zwischen beiden folgendes Gespräch, bei
welchem Fräulein Brendel, gierig aufhorchend, mit den Händen den
Nickelaufsatz des kalten Stubenofens streichelnd, daneben stand, bis es
heikel wurde und der Herr Bruder sie hinauswinkte. Den Rest hörte sie
dann durch das Schlüsselloch.
„Ich habe diesem Frauenzimmer überhaupt nie über den Weg getraut!“
sagte Pfarrer Brendel mit zusammengekniffenen Brauen.
„Warum?“ fragte Fenn kurz und abweisend.
einer gottesfürchtigen Seele nicht mehr wissen, wie der rechte Pfad geht
und ganze Abende voll Herzeleid verlassen daheim sitzen. Da war Fritz
Lampert derjenige gewesen, der in solchen Augenblicken der Hilflosen
Stärke und Stütze vortäuschte, und sie war ihm in Erlösungsfreude und
Vergeltungsbedürfnis anheimgefallen. Acht Tage lang hatten sie sich
gemieden nach jener Nacht. Dann trieben ihn die hungrigen Sinne wieder
ihr zu. In ihr aber hatte der Ordnungssinn und Haushaltungstrieb der Frau,
die in ihrem Leben wie in ihrem Wäscheschrank Ordnung halten will,
wieder die Oberhand gewonnen, und sie hatte Fritz mit Fasten und Milde
dahin gebracht, daß er ihrem Verhältnis rechtzeitig die standesamtliche
Sanktion gab. Und so war sie zu Ostern in der Lampertsmühle die schöne
Müllerin geworden, und schon um Mariä Himmelfahrt war der Hochzeit die
Taufe gefolgt.
Ungefähr um dieselbe Zeit, da in Brebach der kleine Stammhalter des
Hauses Lampert über die Taufe gehoben wurde, zog der Jugendfreund
seiner Mutter, Fenn Kaß, als wohlbestallter Kaplan mit seiner Mutter und
dem alten Wöllem ins Dorf und wurde von Feuerwehr und Gesangverein,
von männlicher und weiblicher Jugend festlich empfangen und nach
Gebühr und Überlieferung geehrt.
Sein Pfarrer, Herr Brendel, hatte die dünnen, geschlossenen Lippen in die
Breite gezogen und ihm eine magere, blutleere Hand mit
schwarzgeränderten Fingernägeln zum Gruße gereicht. Er hatte dabei die
Hoffnung ausgesprochen, daß sie in segensreichem Wirken mit Gottes Hilfe
einander in die Hände arbeiten würden. Pfarrer Brendel, der auf die hübsche
Lehrerin nie gut zu sprechen gewesen war, hatte es sich nicht verkneifen
können, einige Zeit nach Fenns Installation die Geburt des jungen Lampert
in einer Predigt zu feiern, die mit feinen und groben Anspielungen auf den
Fall gespickt war. Am selben Sonntag Abend hatte er seinen neuen Kaplan
zu Tisch, und es entspann sich zwischen beiden folgendes Gespräch, bei
welchem Fräulein Brendel, gierig aufhorchend, mit den Händen den
Nickelaufsatz des kalten Stubenofens streichelnd, daneben stand, bis es
heikel wurde und der Herr Bruder sie hinauswinkte. Den Rest hörte sie
dann durch das Schlüsselloch.
„Ich habe diesem Frauenzimmer überhaupt nie über den Weg getraut!“
sagte Pfarrer Brendel mit zusammengekniffenen Brauen.
„Warum?“ fragte Fenn kurz und abweisend.
Page 110
„Sie sah schon danach aus. Eine Lehrerin zieht sich doch so nicht an.“
Fräulein Brendel räusperte sich zum Zeichen ihres Einverständnisses.
„Mir ist nie aufgefallen, daß Fräulein Braun sich extravagant angezogen
hätte,“ sagte Fenn Kaß.
„Nun ja, nicht gerade extravagant. Aber es gibt im Äußern der Frau denn
doch gewisse – wie soll ich sagen? – Besonderheiten, gewisse Linien, deren
Betonung auf eine eitle und leichtfertige, vielleicht gar unkeusche Sinnesart
deutet.“
„Ich verstehe nicht, was Sie meinen.“
„Nun, ich will mich aus Schicklichkeitsgründen nicht deutlicher
ausdrücken!“ Und Pfarrer Brendel schnaufte vor nachträglicher Entrüstung.
„Ich habe mich nie auf dergleichen verlegt.“
„Sie weichen mir aus.“
„Das tue ich manchmal, wenn ich merke, daß anders das Gespräch auf
keinen grünen Zweig kommt.“
Pfarrer Brendel dachte eine Weile darüber nach, ob sein Kaplan ihm mit
diesen Worten wohl eine Zurechtweisung habe erteilen wollen. Aber im
Bewußtsein seines guten Rechts setzte er sich darüber hinweg und suchte
zuvörderst, das angeschnittene Gesprächsthema in seinem Sinne zu
erschöpfen. „Und dann: Die Sache mit Fräulein Braun und diesem
hergelaufenen Lampert sah ich lange kommen.“
„Wieso?“ klang in feindseliger Zurückhaltung die Frage des Kaplans.
Pfarrer Brendel winkte seine Schwester hinaus und fuhr fort: „Herr
Kaplan, Sie sind erst seit ein paar Wochen im Dorf. Sie scheinen nicht zu
wissen, was vorher die Spatzen von den Dächern pfiffen.“
„Was denn?“
„Daß unser tugendhaftes Fräulein Lehrerin Abend für Abend ihren
Freund Lampert besuchte und stundenlang mutterseelenallein bei ihm
zubrachte.“
„Das ist nicht wahr.“
„Wieso, Herr Kaplan, das ist nicht wahr?“
„Das glaube ich nicht.“
„Ob Sie es glauben oder nicht, es ist so.“
„Ich kenne Fräulein Braun von Kindheit auf, ich halte sie nicht für fähig
...“
„Lernen Sie die Menschen kennen, Herr Kaplan. Frau, sage mir, wie du
dich anziehst, und ich sage dir, wer du bist.“
Fräulein Brendel räusperte sich zum Zeichen ihres Einverständnisses.
„Mir ist nie aufgefallen, daß Fräulein Braun sich extravagant angezogen
hätte,“ sagte Fenn Kaß.
„Nun ja, nicht gerade extravagant. Aber es gibt im Äußern der Frau denn
doch gewisse – wie soll ich sagen? – Besonderheiten, gewisse Linien, deren
Betonung auf eine eitle und leichtfertige, vielleicht gar unkeusche Sinnesart
deutet.“
„Ich verstehe nicht, was Sie meinen.“
„Nun, ich will mich aus Schicklichkeitsgründen nicht deutlicher
ausdrücken!“ Und Pfarrer Brendel schnaufte vor nachträglicher Entrüstung.
„Ich habe mich nie auf dergleichen verlegt.“
„Sie weichen mir aus.“
„Das tue ich manchmal, wenn ich merke, daß anders das Gespräch auf
keinen grünen Zweig kommt.“
Pfarrer Brendel dachte eine Weile darüber nach, ob sein Kaplan ihm mit
diesen Worten wohl eine Zurechtweisung habe erteilen wollen. Aber im
Bewußtsein seines guten Rechts setzte er sich darüber hinweg und suchte
zuvörderst, das angeschnittene Gesprächsthema in seinem Sinne zu
erschöpfen. „Und dann: Die Sache mit Fräulein Braun und diesem
hergelaufenen Lampert sah ich lange kommen.“
„Wieso?“ klang in feindseliger Zurückhaltung die Frage des Kaplans.
Pfarrer Brendel winkte seine Schwester hinaus und fuhr fort: „Herr
Kaplan, Sie sind erst seit ein paar Wochen im Dorf. Sie scheinen nicht zu
wissen, was vorher die Spatzen von den Dächern pfiffen.“
„Was denn?“
„Daß unser tugendhaftes Fräulein Lehrerin Abend für Abend ihren
Freund Lampert besuchte und stundenlang mutterseelenallein bei ihm
zubrachte.“
„Das ist nicht wahr.“
„Wieso, Herr Kaplan, das ist nicht wahr?“
„Das glaube ich nicht.“
„Ob Sie es glauben oder nicht, es ist so.“
„Ich kenne Fräulein Braun von Kindheit auf, ich halte sie nicht für fähig
...“
„Lernen Sie die Menschen kennen, Herr Kaplan. Frau, sage mir, wie du
dich anziehst, und ich sage dir, wer du bist.“
Page 111
„Na ja, das ist ja auch eine Psychologie,“ sagte Fenn obenhin. Er hatte
wirklich keine Lust, mit dem verbauerten Menschen sich auf einen längern
Wortstreit über einen so explosionsgefährlichen Gegenstand einzulassen.
Die Gerüchte über das Verhältnis Marjännis zu Fritz waren früher
tatsächlich nicht bis zu Fenn gedrungen. Um so brutaler hatte sich ihm jetzt
die Wahrheit enthüllt. Auf dem Nachhauseweg suchte er sich über seine
Betroffenheit klar zu werden. Es war ein milder Herbstabend. Fenn ging
vom Pfarrhaus die Straße bergauf, an den letzten Häusern vorbei, durch
einen mit niedrigem Gebüsch eingefaßten Hohlweg bis zur Höhe, wo der
Wald anfängt und man die Nähe und Ferne mit dem weitgeschlängelten
Fluß, dem in großen Schlingen ausbiegenden Tal, dem Dorf und seinen
Äckern und Wiesen beherrscht. Hier hinauf war er gleich am ersten Tag
nach seinem Einzug in Brebach gestiegen, seinem innersten Bedürfnis nach
Klarheit und nach Überblick über die Dinge folgend. Er kannte aus seinem
Seminarleben die Wohltaten der „Retraite“, der tagelangen, gewollten
Einsamkeit, in der sich alles Vergängliche wie ein Niederschlag auf den
Boden der Seele senkt und diese mit ihrem Wesen geklärt und still darüber
steht. Fenn Kaß stand da, in allen Weiten der einzig wache Mensch. Die
Nacht mit ihren leisen Geräuschen, eine Frucht, die leise in die Stoppeln
fiel, ein kurzer Lufthauch, der auf eine Sekunde das Rauschen des Flusses
herübertrug – die Nacht war um ihn, wie ein dunkler, stiller Weiher, der sich
mit unsichtbaren Ufern um einen breitet und auf dessen Spiegel ab und zu
eine Blase mit geheimnisvollem Klang zerspringt. Dann wuchs aus der
Stille das Grollen eines nahenden Schnellzuges, der bald weit unten
vorbeiglitt. Feuerschein hauchte die dem Schlot entqualmenden Wolken an,
die Wagenreihe glimmerte mit ihren hellen Scheiben durch die Landschaft,
wie nachts auf einer schwarzen Wand ein Phosphorstrich.
Jetzt war es wieder totenstill. Fenns Augen gewöhnten sich langsam an
das Dunkel. Er lehnte an dem Stamm eines hoch ausgeästeten Kirschbaums,
von dem er mit dem Blick den ganzen Umkreis des Horizonts umfaßte. Das
Band des Flusses leuchtete matt vom Widerschein des Nachthimmels, die
steigende Masse der Ferne mit den dunklern Flecken der Wälder lastete
schwer wie in unsichtbare Unendlichkeiten hinaus, die hellen Häuser des
Dorfes unten in der Talsenkung drängten sich aneinander, wie schlafende
Tiere im Pferch.
Fenn Kaß dachte mit wehem Zorn an die Freundin seiner Kindheit und
Jugend. Auf dem Grunde seiner Gedanken stand schmerzhaft, mit den
wirklich keine Lust, mit dem verbauerten Menschen sich auf einen längern
Wortstreit über einen so explosionsgefährlichen Gegenstand einzulassen.
Die Gerüchte über das Verhältnis Marjännis zu Fritz waren früher
tatsächlich nicht bis zu Fenn gedrungen. Um so brutaler hatte sich ihm jetzt
die Wahrheit enthüllt. Auf dem Nachhauseweg suchte er sich über seine
Betroffenheit klar zu werden. Es war ein milder Herbstabend. Fenn ging
vom Pfarrhaus die Straße bergauf, an den letzten Häusern vorbei, durch
einen mit niedrigem Gebüsch eingefaßten Hohlweg bis zur Höhe, wo der
Wald anfängt und man die Nähe und Ferne mit dem weitgeschlängelten
Fluß, dem in großen Schlingen ausbiegenden Tal, dem Dorf und seinen
Äckern und Wiesen beherrscht. Hier hinauf war er gleich am ersten Tag
nach seinem Einzug in Brebach gestiegen, seinem innersten Bedürfnis nach
Klarheit und nach Überblick über die Dinge folgend. Er kannte aus seinem
Seminarleben die Wohltaten der „Retraite“, der tagelangen, gewollten
Einsamkeit, in der sich alles Vergängliche wie ein Niederschlag auf den
Boden der Seele senkt und diese mit ihrem Wesen geklärt und still darüber
steht. Fenn Kaß stand da, in allen Weiten der einzig wache Mensch. Die
Nacht mit ihren leisen Geräuschen, eine Frucht, die leise in die Stoppeln
fiel, ein kurzer Lufthauch, der auf eine Sekunde das Rauschen des Flusses
herübertrug – die Nacht war um ihn, wie ein dunkler, stiller Weiher, der sich
mit unsichtbaren Ufern um einen breitet und auf dessen Spiegel ab und zu
eine Blase mit geheimnisvollem Klang zerspringt. Dann wuchs aus der
Stille das Grollen eines nahenden Schnellzuges, der bald weit unten
vorbeiglitt. Feuerschein hauchte die dem Schlot entqualmenden Wolken an,
die Wagenreihe glimmerte mit ihren hellen Scheiben durch die Landschaft,
wie nachts auf einer schwarzen Wand ein Phosphorstrich.
Jetzt war es wieder totenstill. Fenns Augen gewöhnten sich langsam an
das Dunkel. Er lehnte an dem Stamm eines hoch ausgeästeten Kirschbaums,
von dem er mit dem Blick den ganzen Umkreis des Horizonts umfaßte. Das
Band des Flusses leuchtete matt vom Widerschein des Nachthimmels, die
steigende Masse der Ferne mit den dunklern Flecken der Wälder lastete
schwer wie in unsichtbare Unendlichkeiten hinaus, die hellen Häuser des
Dorfes unten in der Talsenkung drängten sich aneinander, wie schlafende
Tiere im Pferch.
Fenn Kaß dachte mit wehem Zorn an die Freundin seiner Kindheit und
Jugend. Auf dem Grunde seiner Gedanken stand schmerzhaft, mit den
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Augen eines wunden Tieres, die Frage: Warum hat sie mir das getan? Bis
sich die Antwort durchrang, erst zag, dann herrisch: daß er zu solch einer
Frage kein Recht hatte. Was war jenes Weib denn ihm schuldig, ihm, der
dem Weibe entsagt hatte? Wieder einmal, wie damals bei dem Schimpf der
betrunkenen Burschen, dämmerte diesem Leidenschaftslosen auf, was seine
Entsagung letzten Endes bedeutete. Solange die Frau, die allein er
unbewußt zu seinem Leben je in Beziehung gebracht hatte, gleichsam
geschlechtslos, ein Wesen an und für sich, in seinem innern Gesichtskreis
stand, solange die Besitzfrage nicht gestellt war, solange hatte in ihm auch
der Besitzerinstinkt geschlummert. Nun war er brutal vor die Tatsache
gestellt, daß diese Frau ihre Weibheit, das Besondere, an das er nie mit
wachen Sinnen gedacht hatte, an einen anderen weggeworfen hatte, weil sie
bei diesem zu finden wußte, was ihr Freund ihr nicht geben durfte. Das war
die Stunde, in der Fenn Kaß die Zähne zusammenbiß, heißen Herzens und
grimmigen Gemüts erst das Opfer brachte, das er längst schon gebracht zu
haben wähnte.
Aber er brachte es, er wurde mit sich fertig. Wie einen unbändigen
Falken schmiedete er seinen Willen fest an den Gedanken, daß alle, die
drunten in den dämmerhellen Häusern schliefen, ein Recht hatten auf seine
Liebe, daß er ihnen Gutes tun mußte, und daß er sie mit Liebe zu sich
zwingen wollte. Er wanderte ziellos querfeldein, die ganze Nacht, und als
der Morgen kam, weitete sich seine Seele zumal mit der Welt, die um ihn
war. Eine Flur nach der andern, ein Hügel um den andern, drang das Land
leise und unwiderstehlich ringsum aus dem Dunkel, wurde scharf und klar,
und so hellte sich in Fenn Kaß die dunkle Welt seines Wollens auf, bis seine
Zukunft in kühnen, deutlichen Umrissen vor ihm stand.
M utter Kaß und der alte Wöllem waren um ihren Herrn Kaplan sehr in
Sorge gewesen und freuten sich, die eine mit lautem Gruß, der
andere mit zufriedenem Grunzen, seiner Heimkehr. Frau Kaß saß in
der Küche am Herd und drehte energisch die Kurbel der Kaffeemühle, die
sie zwischen den blaubeschürzten Knien hielt, Wöllem ging zwischen
Küche und Schuppen wackelbeinig hin und her und schaffte Reisig für das
Morgenfeuer.
sich die Antwort durchrang, erst zag, dann herrisch: daß er zu solch einer
Frage kein Recht hatte. Was war jenes Weib denn ihm schuldig, ihm, der
dem Weibe entsagt hatte? Wieder einmal, wie damals bei dem Schimpf der
betrunkenen Burschen, dämmerte diesem Leidenschaftslosen auf, was seine
Entsagung letzten Endes bedeutete. Solange die Frau, die allein er
unbewußt zu seinem Leben je in Beziehung gebracht hatte, gleichsam
geschlechtslos, ein Wesen an und für sich, in seinem innern Gesichtskreis
stand, solange die Besitzfrage nicht gestellt war, solange hatte in ihm auch
der Besitzerinstinkt geschlummert. Nun war er brutal vor die Tatsache
gestellt, daß diese Frau ihre Weibheit, das Besondere, an das er nie mit
wachen Sinnen gedacht hatte, an einen anderen weggeworfen hatte, weil sie
bei diesem zu finden wußte, was ihr Freund ihr nicht geben durfte. Das war
die Stunde, in der Fenn Kaß die Zähne zusammenbiß, heißen Herzens und
grimmigen Gemüts erst das Opfer brachte, das er längst schon gebracht zu
haben wähnte.
Aber er brachte es, er wurde mit sich fertig. Wie einen unbändigen
Falken schmiedete er seinen Willen fest an den Gedanken, daß alle, die
drunten in den dämmerhellen Häusern schliefen, ein Recht hatten auf seine
Liebe, daß er ihnen Gutes tun mußte, und daß er sie mit Liebe zu sich
zwingen wollte. Er wanderte ziellos querfeldein, die ganze Nacht, und als
der Morgen kam, weitete sich seine Seele zumal mit der Welt, die um ihn
war. Eine Flur nach der andern, ein Hügel um den andern, drang das Land
leise und unwiderstehlich ringsum aus dem Dunkel, wurde scharf und klar,
und so hellte sich in Fenn Kaß die dunkle Welt seines Wollens auf, bis seine
Zukunft in kühnen, deutlichen Umrissen vor ihm stand.
M utter Kaß und der alte Wöllem waren um ihren Herrn Kaplan sehr in
Sorge gewesen und freuten sich, die eine mit lautem Gruß, der
andere mit zufriedenem Grunzen, seiner Heimkehr. Frau Kaß saß in
der Küche am Herd und drehte energisch die Kurbel der Kaffeemühle, die
sie zwischen den blaubeschürzten Knien hielt, Wöllem ging zwischen
Küche und Schuppen wackelbeinig hin und her und schaffte Reisig für das
Morgenfeuer.
Page 113
„Denkst du daran,“ fragte Frau Kaß, „daß du heute abend den Burschen
zum Besten geben wolltest?“
Fenn hatte bei seiner Installation in Brebach von der männlichen
Dorfjugend ein grasgrünes Plüschsofa geschenkt bekommen und wollte
heute abend dafür ein Fäßchen Bier auflegen. Er sah nach den Zigarren,
fragte, ob die Mutter für die nötigen Schinkenbrote gesorgt und ob Wöllem
die erforderlichen Vorkehrungen für einen ungestörten Zapfbetrieb
getroffen habe. – Alles war bereit, sie konnten kommen.
Und sie kamen. Sie wußten, was sich schickte, denn sie rieben klirrend
alle, Mann für Mann, umständlich ihre genagelten Sohlen an dem
Kratzeisen ab, fuhren sich beim Hutabziehen gleich mit der Hand, die die
Krempe hielt, glättend über den Scheitel bis in den Nacken, und jeder war
bestrebt, sobald er dem Herrn Kaplan die Hand gedrückt hatte, durch die
Reihe der Kameraden hindurch rücklings mit tastenden Ellenbogen in den
Hintergrund unterzutauchen.
Es waren Menschen von ungeschlachter Kraft, die zuerst in der
beständigen Angst lebten, sie könnten in der Stube des Herrn Kaplans
irgend etwas versehentlich umschmeißen oder Löcher in den Fußboden
treten. Erst allmählich wurden sie sicherer, da sie merkten, daß Frau Kaß
und ihr Sohn sie gar nicht mißtrauisch beobachteten, wie sie es wohl von
ihrem Pfarrer und seiner Köchin gewöhnt waren. Der alte Wöllem gar, der
so vergnügt herumhumpelte und ungestraft nach seinem sauern Rolltabak
duftete, flößte ihnen vollends Zutrauen ein, und sie wurden bald zutunlich.
Der Herr Kaplan war ja auch gar nicht so unnahbar würdevoll, so lateinisch,
wie die andern geistlichen Herren, die sie kannten. Erstens war er gerade so
ein starkknochiger Enakssohn wie sie selber. Zwar seine Hände waren nicht
schwielig und erdfarben, wie ihre, aber er wußte sie zu gebrauchen. Das
hatten sie gesehen, als Wöllem das Bierfäßchen hereingerollt und Fenn Kaß
es freihändig auf den Tisch gehoben hatte, wo es jetzt zwischen zwei
Holzscheiten festgeklemmt lag. Und als der Herr Kaplan den Hahn ins Faß
schlug, dachten alle, was er für einen geschickten Hammerschwung hatte
und wie er sich so ganz sachgemäß und gar nicht linkisch dabei anließ. Und
dann: Alles gefiel ihnen an dem neuen: daß er so kameradschaftlich mit
ihnen anstieß, daß beim Lachen seine kräftigen Zähne blitzten, daß er bei
der gemütlichen Unterhaltung weltlich ungezwungene Redensarten
gebrauchte, daß seine Mutter ihn nicht „Ihr“ und „Herr“, sondern du und
Fenn nannte. Und es war trotzdem – das fühlten sie, wenn auch ohne Scheu,
zum Besten geben wolltest?“
Fenn hatte bei seiner Installation in Brebach von der männlichen
Dorfjugend ein grasgrünes Plüschsofa geschenkt bekommen und wollte
heute abend dafür ein Fäßchen Bier auflegen. Er sah nach den Zigarren,
fragte, ob die Mutter für die nötigen Schinkenbrote gesorgt und ob Wöllem
die erforderlichen Vorkehrungen für einen ungestörten Zapfbetrieb
getroffen habe. – Alles war bereit, sie konnten kommen.
Und sie kamen. Sie wußten, was sich schickte, denn sie rieben klirrend
alle, Mann für Mann, umständlich ihre genagelten Sohlen an dem
Kratzeisen ab, fuhren sich beim Hutabziehen gleich mit der Hand, die die
Krempe hielt, glättend über den Scheitel bis in den Nacken, und jeder war
bestrebt, sobald er dem Herrn Kaplan die Hand gedrückt hatte, durch die
Reihe der Kameraden hindurch rücklings mit tastenden Ellenbogen in den
Hintergrund unterzutauchen.
Es waren Menschen von ungeschlachter Kraft, die zuerst in der
beständigen Angst lebten, sie könnten in der Stube des Herrn Kaplans
irgend etwas versehentlich umschmeißen oder Löcher in den Fußboden
treten. Erst allmählich wurden sie sicherer, da sie merkten, daß Frau Kaß
und ihr Sohn sie gar nicht mißtrauisch beobachteten, wie sie es wohl von
ihrem Pfarrer und seiner Köchin gewöhnt waren. Der alte Wöllem gar, der
so vergnügt herumhumpelte und ungestraft nach seinem sauern Rolltabak
duftete, flößte ihnen vollends Zutrauen ein, und sie wurden bald zutunlich.
Der Herr Kaplan war ja auch gar nicht so unnahbar würdevoll, so lateinisch,
wie die andern geistlichen Herren, die sie kannten. Erstens war er gerade so
ein starkknochiger Enakssohn wie sie selber. Zwar seine Hände waren nicht
schwielig und erdfarben, wie ihre, aber er wußte sie zu gebrauchen. Das
hatten sie gesehen, als Wöllem das Bierfäßchen hereingerollt und Fenn Kaß
es freihändig auf den Tisch gehoben hatte, wo es jetzt zwischen zwei
Holzscheiten festgeklemmt lag. Und als der Herr Kaplan den Hahn ins Faß
schlug, dachten alle, was er für einen geschickten Hammerschwung hatte
und wie er sich so ganz sachgemäß und gar nicht linkisch dabei anließ. Und
dann: Alles gefiel ihnen an dem neuen: daß er so kameradschaftlich mit
ihnen anstieß, daß beim Lachen seine kräftigen Zähne blitzten, daß er bei
der gemütlichen Unterhaltung weltlich ungezwungene Redensarten
gebrauchte, daß seine Mutter ihn nicht „Ihr“ und „Herr“, sondern du und
Fenn nannte. Und es war trotzdem – das fühlten sie, wenn auch ohne Scheu,
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so doch deutlich heraus – es war doch eine Kluft zwischen ihm und ihnen.
Nicht nur seine Gelehrsamkeit: sein ganzes Wesen, die Reife und
Sicherheit, die in ihm waren, die ruhige Überlegenheit, der sie sich gern
beugten. Sie mißbilligten es denn auch, als ihr Hauptspaßmacher, der
Schmiede-Anton, mit dem Herrn Kaplan gleich vertraulicher tat, als er es
ihrem Empfinden nach gedurft hätte.
Aber Fenn nahm nichts krumm und ging gemütlich auf die Scherze ein.
„Man merkt, daß Sie Schmied sind. Drei meiner Onkel waren Schmiede,
und sie machten alle drei gern ein Späßchen.“
„Ja, Herr Kaplan, wenn man so bei der Esse steht und den Blasebalg
zieht, dann fällt einem allerlei ein.“
Und Fenn Kaß erzählte, wie es ihm immer einen Mordsspaß gemacht
hatte, den Blasebalg zu ziehen, wie stolz er gewesen war, als er es schon mit
einer Hand zuwege brachte, gerade wie der Onkel und seine Gesellen. Wie
immer in der Schmiede sich die Burschen zusammenfanden, ein Eisen in
der Esse anglühten, um ihre Pfeife damit in Brand zu setzen und wie sie
dann ein halbes Stündchen blieben und Scherze machten und Geschichten
erzählten, daß bei ihrem Lachen die Nachbarschaft aufhorchte.
A llmählich wurde die Gesellschaft warm, und Fenn Kaß sah sich einen
nach dem andern an und horchte auf den Widerhall ihres Innern. Das
waren ja jetzt seine Kameraden sozusagen, die Gesellen, mit denen
zusammen er allerlei Lebendiges im Dorfe wirken wollte. Und er wollte sie
kennen, um sicher zu sein, wessen er sich von jedem zu versehen hatte. Da
waren zunächst die drei Brüder Kamp, der Johann, der Thedi und der
Viktor, blonde, rotbäckige Burschen mit lustigen, blauen Augen, gutmütig,
gescheit und zu jeder Arbeit anstellig. Das hatte er bald weg. Wenn von
Maschinen die Rede ging, standen die drei gleich im Mittelpunkt des
Gesprächs und alle andern bezogen sich auf sie, als auf die offiziösen
Dorfsachverständigen. Sie lachten bei jedem Wort, das sie sagten, nicht als
ob ein besonders lustiger Anlaß vorläge, sondern aus innerm Bedürfnis, aus
Freude am Dasein, weil bei ihnen die Heiterkeit jede Lebensäußerung
begleitete, wie das Geräusch die Bewegung. Dann waren noch zwei Brüder
Masseler, der Emil und der Nikolas oder „Neckel“. Emil war von einer
bäuerlich zimperlichen Erbtante in den Manieren eines sanften Knaben
Nicht nur seine Gelehrsamkeit: sein ganzes Wesen, die Reife und
Sicherheit, die in ihm waren, die ruhige Überlegenheit, der sie sich gern
beugten. Sie mißbilligten es denn auch, als ihr Hauptspaßmacher, der
Schmiede-Anton, mit dem Herrn Kaplan gleich vertraulicher tat, als er es
ihrem Empfinden nach gedurft hätte.
Aber Fenn nahm nichts krumm und ging gemütlich auf die Scherze ein.
„Man merkt, daß Sie Schmied sind. Drei meiner Onkel waren Schmiede,
und sie machten alle drei gern ein Späßchen.“
„Ja, Herr Kaplan, wenn man so bei der Esse steht und den Blasebalg
zieht, dann fällt einem allerlei ein.“
Und Fenn Kaß erzählte, wie es ihm immer einen Mordsspaß gemacht
hatte, den Blasebalg zu ziehen, wie stolz er gewesen war, als er es schon mit
einer Hand zuwege brachte, gerade wie der Onkel und seine Gesellen. Wie
immer in der Schmiede sich die Burschen zusammenfanden, ein Eisen in
der Esse anglühten, um ihre Pfeife damit in Brand zu setzen und wie sie
dann ein halbes Stündchen blieben und Scherze machten und Geschichten
erzählten, daß bei ihrem Lachen die Nachbarschaft aufhorchte.
A llmählich wurde die Gesellschaft warm, und Fenn Kaß sah sich einen
nach dem andern an und horchte auf den Widerhall ihres Innern. Das
waren ja jetzt seine Kameraden sozusagen, die Gesellen, mit denen
zusammen er allerlei Lebendiges im Dorfe wirken wollte. Und er wollte sie
kennen, um sicher zu sein, wessen er sich von jedem zu versehen hatte. Da
waren zunächst die drei Brüder Kamp, der Johann, der Thedi und der
Viktor, blonde, rotbäckige Burschen mit lustigen, blauen Augen, gutmütig,
gescheit und zu jeder Arbeit anstellig. Das hatte er bald weg. Wenn von
Maschinen die Rede ging, standen die drei gleich im Mittelpunkt des
Gesprächs und alle andern bezogen sich auf sie, als auf die offiziösen
Dorfsachverständigen. Sie lachten bei jedem Wort, das sie sagten, nicht als
ob ein besonders lustiger Anlaß vorläge, sondern aus innerm Bedürfnis, aus
Freude am Dasein, weil bei ihnen die Heiterkeit jede Lebensäußerung
begleitete, wie das Geräusch die Bewegung. Dann waren noch zwei Brüder
Masseler, der Emil und der Nikolas oder „Neckel“. Emil war von einer
bäuerlich zimperlichen Erbtante in den Manieren eines sanften Knaben
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erzogen und hatte in einem Jesuitenpensionat des Auslandes, durch das
nach alter Überlieferung alle bessern Bauernsöhne des Landes
hindurchgehen mußten, eine Erziehung genossen, die ihn für alle Zeit
außerhalb der andern stellte. Er war von allen der einzige, der glatt rasiert
ging. Er spitzte sehr oft den Mund, wie zum Küssen, zum Zeichen, daß er
reden wollte, aber er redete selten und wenig, das Mundspitzen ging dann in
ein mild ironisches Lächeln über, bei dem sich jeder denken konnte: Aha, er
weiß es besser, der Emil, er ist nur zu diskret. So hatte sich Masseler der
Ältere, mit dem vornehmen Namen Emil, zur Freude seiner Erbtante in den
Ruf eines klugen und sanften Jünglings gebracht, im Gegensatz zu seinem
Bruder Neckel, der zwar auch nicht viel, aber deftig sprach und sein
bißchen gesunden Bauernverstand in robusten Redensarten ausmünzte.
Eben noch ging über ihn die Geschichte um von der Antwort, die er dem
Herrn Pfarrer gegeben hatte, als ihm der zumutete, einen Knecht zu
entlassen, der nicht in die Kirche ging. „Na ja!“ hatte Neckel gemeint, „Da’
se’t den: ‚Laaft mer de Bockel eran,‘ an dann hun ech en Dreck, Här
Paschto’uer.“
Der Längsten und Stillsten einer unter der ganzen Schar war „der Ruß“.
Eine Hüne mit einem Kalmückenschädel, der in der ganzen Gegend als
unverbesserlicher Wild- und Fischdieb bekannt und dem trotzdem nichts
anzuhaben war. Dutzende Male hatten ihn die Gendarmen auslauern wollen,
und er hatte ihnen jedesmal eine Nase gedreht. Niemand wußte, in welchem
hohlen Baum jeweils sein rostiges Schießeisen versteckt war, aber so viel
war sicher, daß der Ruß in der Nähe desselben hohlen Baumes gerade einen
Wildwechsel ausgespürt hatte. Die Fische im Fluß kannte er mit Namen, er
fing sie, bis unter die Arme und oft bis über den Kopf im Wasser, mit den
Händen, füllte sie beim Gurt in die weiten Hosenbeine, die unten in den
Strümpfen staken, und ließ sie, wenn ihn die Gendarmen überrumpelten,
gemächlich nach unten wieder herauszappeln. Mit dem Ausdruck der
beleidigten Unschuld erklärte er dann, er habe doch nur „Ried gerupft“, um
seine Fässer zu kalfaktern, und hatten die Gendarmen den Rücken gedreht,
so suchte er sich unter dem Uferrain und aus den Schilfbüscheln seine
entronnene Beute wieder zusammen.
In einem gewissen drolligen Gegensatz zu all diesem schwergliedrigen
Menschtum stand der „Fritt“. Der Fritt war ein kleiner beweglicher Kerl, an
dem alles Nerv und Neugier war. Sowie eine Erscheinung in den Umkreis
seiner Wahrnehmungen trat, nahm er sie an, wie ein Hund das Wild, und
nach alter Überlieferung alle bessern Bauernsöhne des Landes
hindurchgehen mußten, eine Erziehung genossen, die ihn für alle Zeit
außerhalb der andern stellte. Er war von allen der einzige, der glatt rasiert
ging. Er spitzte sehr oft den Mund, wie zum Küssen, zum Zeichen, daß er
reden wollte, aber er redete selten und wenig, das Mundspitzen ging dann in
ein mild ironisches Lächeln über, bei dem sich jeder denken konnte: Aha, er
weiß es besser, der Emil, er ist nur zu diskret. So hatte sich Masseler der
Ältere, mit dem vornehmen Namen Emil, zur Freude seiner Erbtante in den
Ruf eines klugen und sanften Jünglings gebracht, im Gegensatz zu seinem
Bruder Neckel, der zwar auch nicht viel, aber deftig sprach und sein
bißchen gesunden Bauernverstand in robusten Redensarten ausmünzte.
Eben noch ging über ihn die Geschichte um von der Antwort, die er dem
Herrn Pfarrer gegeben hatte, als ihm der zumutete, einen Knecht zu
entlassen, der nicht in die Kirche ging. „Na ja!“ hatte Neckel gemeint, „Da’
se’t den: ‚Laaft mer de Bockel eran,‘ an dann hun ech en Dreck, Här
Paschto’uer.“
Der Längsten und Stillsten einer unter der ganzen Schar war „der Ruß“.
Eine Hüne mit einem Kalmückenschädel, der in der ganzen Gegend als
unverbesserlicher Wild- und Fischdieb bekannt und dem trotzdem nichts
anzuhaben war. Dutzende Male hatten ihn die Gendarmen auslauern wollen,
und er hatte ihnen jedesmal eine Nase gedreht. Niemand wußte, in welchem
hohlen Baum jeweils sein rostiges Schießeisen versteckt war, aber so viel
war sicher, daß der Ruß in der Nähe desselben hohlen Baumes gerade einen
Wildwechsel ausgespürt hatte. Die Fische im Fluß kannte er mit Namen, er
fing sie, bis unter die Arme und oft bis über den Kopf im Wasser, mit den
Händen, füllte sie beim Gurt in die weiten Hosenbeine, die unten in den
Strümpfen staken, und ließ sie, wenn ihn die Gendarmen überrumpelten,
gemächlich nach unten wieder herauszappeln. Mit dem Ausdruck der
beleidigten Unschuld erklärte er dann, er habe doch nur „Ried gerupft“, um
seine Fässer zu kalfaktern, und hatten die Gendarmen den Rücken gedreht,
so suchte er sich unter dem Uferrain und aus den Schilfbüscheln seine
entronnene Beute wieder zusammen.
In einem gewissen drolligen Gegensatz zu all diesem schwergliedrigen
Menschtum stand der „Fritt“. Der Fritt war ein kleiner beweglicher Kerl, an
dem alles Nerv und Neugier war. Sowie eine Erscheinung in den Umkreis
seiner Wahrnehmungen trat, nahm er sie an, wie ein Hund das Wild, und
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seine hohe, verschleierte Stimme kläffte in unablässigen Fragen nach dem
Wie, Warum, Woher und Wohin der Dinge. Er hielt mit seinem Scharfsinn
die Andern, Stärkern in Schach, und es wagte sich nicht leicht einer an ihn.
„Er beißt,“ sagten sie von ihm, und tatsächlich hatte er einmal bei einer
Rauferei sich in die Wade eines Gegners festgebissen. „Na ja,“ krähte er
heiser, als einer auf diese Art der Verteidigung anspielte, „jeder hilft sich,
wie er kann. Meinen Sie nicht auch Herr Kaplan?“ Und der Fritt gab sich
nicht zufrieden, bis er die Meinung des Herrn Kaplan über den Fall
ergründet hatte.
Wer da glaubt, daß sich auf dem Dorf die persönlichen Besonderheiten
im Einerlei des Werktags verwischen, begeht einen schweren Irrtum.
Nirgends sind die Typen so scharf und eckig herausgearbeitet, nur daß sie
sich oberflächlicher Wahrnehmung nicht offenbaren. Fast jeder ist dort ein
abgeschlossenes Original mit fester anerkannter Eigenart, und die
Leichtgebackenen sondern sich bald heraus und gelten nicht für voll. Die
Zuchtwahl hat sie längst aus den Reihen der eigentlich Besitzenden
verbannt, sie wohnen in den Taglöhnerhütten, wo die letzten Häuser stehen,
aber auch sie werden in der eigenartigen Umwelt jeder zu einem
menschlichen Sonderfall. Je nach der Blutmischung geht ihr Geschlecht
zugrunde oder arbeitet sich langsam, durch zwei, drei Generationen –
langsamer als in den Kreisen, wo der Besitz leichtflüssiger ist – bis in die
Front der Vollgültigen hinauf. Auch von dieser Menschensorte waren bei
Fenn Kaß an jenem Abend mehrere zu Gast: der Jänni, ein gutmütiger
Landstreicher, von dem die Sage ging, er übe manchmal das
Sattlerhandwerk aus und dem „die Rede nicht wich“. Man verstand nicht
alles, was er sagte, aber meist kugelten sich Jännis Kameraden – wenn bei
ihm von Kameraden die Rede sein konnte – über das wenige, was sie
verstanden, weil es entweder blödsinnig dumm oder verblüffend gescheit
war. Ein anderer „Leichtgebackener“ war da, dessen Vater es schon zu
nichts gebracht hatte, und von dem es wahrscheinlich war, daß sich unter
ihm die Geschicke seines Hauses auch nicht zum Bessern wenden würden.
Sein Vorname war eine onomatopoetische Anpassung des nicht ganz
seltenen „Nikelas“ an die träge, nachgiebige und langstielige Behäbigkeit
des Mannes: er hieß nämlich „Niegela“. Alles, wozu er angestellt wurde,
besorgte er mit einer stumpfsinnigen Gewissenhaftigkeit, aber es dauerte
unheimlich lang. Niegela war eigentlich nur dazu da, daß man sich über ihn
lustig machte. Es hatte nicht den Anschein, als ob ihm irgend etwas
Wie, Warum, Woher und Wohin der Dinge. Er hielt mit seinem Scharfsinn
die Andern, Stärkern in Schach, und es wagte sich nicht leicht einer an ihn.
„Er beißt,“ sagten sie von ihm, und tatsächlich hatte er einmal bei einer
Rauferei sich in die Wade eines Gegners festgebissen. „Na ja,“ krähte er
heiser, als einer auf diese Art der Verteidigung anspielte, „jeder hilft sich,
wie er kann. Meinen Sie nicht auch Herr Kaplan?“ Und der Fritt gab sich
nicht zufrieden, bis er die Meinung des Herrn Kaplan über den Fall
ergründet hatte.
Wer da glaubt, daß sich auf dem Dorf die persönlichen Besonderheiten
im Einerlei des Werktags verwischen, begeht einen schweren Irrtum.
Nirgends sind die Typen so scharf und eckig herausgearbeitet, nur daß sie
sich oberflächlicher Wahrnehmung nicht offenbaren. Fast jeder ist dort ein
abgeschlossenes Original mit fester anerkannter Eigenart, und die
Leichtgebackenen sondern sich bald heraus und gelten nicht für voll. Die
Zuchtwahl hat sie längst aus den Reihen der eigentlich Besitzenden
verbannt, sie wohnen in den Taglöhnerhütten, wo die letzten Häuser stehen,
aber auch sie werden in der eigenartigen Umwelt jeder zu einem
menschlichen Sonderfall. Je nach der Blutmischung geht ihr Geschlecht
zugrunde oder arbeitet sich langsam, durch zwei, drei Generationen –
langsamer als in den Kreisen, wo der Besitz leichtflüssiger ist – bis in die
Front der Vollgültigen hinauf. Auch von dieser Menschensorte waren bei
Fenn Kaß an jenem Abend mehrere zu Gast: der Jänni, ein gutmütiger
Landstreicher, von dem die Sage ging, er übe manchmal das
Sattlerhandwerk aus und dem „die Rede nicht wich“. Man verstand nicht
alles, was er sagte, aber meist kugelten sich Jännis Kameraden – wenn bei
ihm von Kameraden die Rede sein konnte – über das wenige, was sie
verstanden, weil es entweder blödsinnig dumm oder verblüffend gescheit
war. Ein anderer „Leichtgebackener“ war da, dessen Vater es schon zu
nichts gebracht hatte, und von dem es wahrscheinlich war, daß sich unter
ihm die Geschicke seines Hauses auch nicht zum Bessern wenden würden.
Sein Vorname war eine onomatopoetische Anpassung des nicht ganz
seltenen „Nikelas“ an die träge, nachgiebige und langstielige Behäbigkeit
des Mannes: er hieß nämlich „Niegela“. Alles, wozu er angestellt wurde,
besorgte er mit einer stumpfsinnigen Gewissenhaftigkeit, aber es dauerte
unheimlich lang. Niegela war eigentlich nur dazu da, daß man sich über ihn
lustig machte. Es hatte nicht den Anschein, als ob ihm irgend etwas
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zustoßen könnte, worüber man nicht lachen würde. Niegela war einmal auf
dem Grund eines neuen Brunnens verschüttet und mit knapper Not, mehr
tot als lebendig, heraufgeschafft worden. Als er wieder zu sich gekommen
war, hatte er den Umstehenden eine Grimasse geschnitten, weil er es für
seine Pflicht gehalten hatte, zu verhindern, daß sich die Leute um ihn noch
weiter Sorge machten. Heute abend betrank er sich sinnlos, nicht weil es
ihm, sondern weil es den andern Vergnügen machte, wenn sie ihn mit
seinen langen Beinen über die Straße torkeln sahen.
Alle mit Namen nennen, die an jenem Abend dem Herrn Kaplan die Ehre
schenkten, wäre nicht möglich. Es war auch viel menschliches Mittelgut da,
wackeres Bauernblut, mit kräftigen Kinnladen, hellen Augen und
ungeschlachten Fäusten, denen alles, was nicht Stall und Scheune und
Acker war, wie bloßer Zeitvertreib ohne irgendwelche Wichtigkeit vorkam.
Ihr Ehrgeiz reicht nicht über die Nasen ihrer Gäule und die Grenzen ihrer
Gemarkung, und ihre Seelen sind wie Söldner, die der lautesten
Werbetrommel folgen.
D ergestalt war die Gesellschaft, die Fenn Kaß zu einem Glas Bier,
einem Schinkenbrot und einer Zigarre um sich versammelt hatte. Es
dauerte nicht lang, so war er mit den drei Kamps Burschen in einem
angeregten Gespräch über die geplante Feldbereinigung. Alles ginge am
Schnürchen, sagten sie, nur Emil Masseler und seine Erbtante wären
störrisch. Der sanfte Emil spitzte den Mund und lächelte, zuckte langsam
die Achseln und meinte zuletzt, es sei ja alles gut, wie es sei. Da mischte
sich der Fritt ins Gespräch und steckte dem hochmütigen Großbauernsohn
energisch Bescheid. Ob er denn glaube, das Dorf werde sich durch seinen
Starrkopf im Fortschritt hindern lassen.
„Fortschritt?“ sagte Emil Masseler mit lächelnder Skepsis.
„Jawohl, Fortschritt!“ begehrte das Frittchen auf. Und erklärte heiser
krähend, mit vielen hochdeutschen Ausdrücken, das Wesen und den Vorteil
der Feldbereinigung im Interesse der rationellen Ackerwirtschaft.
„Was meinen Sie dazu, Herr Kaplan?“ schloß er seine Ausführungen.
„Ich wollte, ich hätte dem Emil sein Geld und er wüßte mein
Französisch,“ lallte der Jänni, und ein wieherndes Gelächter machte dem
sachlichen Redefluß des Kleinen ein Ende. Aber das Frittchen gab noch
dem Grund eines neuen Brunnens verschüttet und mit knapper Not, mehr
tot als lebendig, heraufgeschafft worden. Als er wieder zu sich gekommen
war, hatte er den Umstehenden eine Grimasse geschnitten, weil er es für
seine Pflicht gehalten hatte, zu verhindern, daß sich die Leute um ihn noch
weiter Sorge machten. Heute abend betrank er sich sinnlos, nicht weil es
ihm, sondern weil es den andern Vergnügen machte, wenn sie ihn mit
seinen langen Beinen über die Straße torkeln sahen.
Alle mit Namen nennen, die an jenem Abend dem Herrn Kaplan die Ehre
schenkten, wäre nicht möglich. Es war auch viel menschliches Mittelgut da,
wackeres Bauernblut, mit kräftigen Kinnladen, hellen Augen und
ungeschlachten Fäusten, denen alles, was nicht Stall und Scheune und
Acker war, wie bloßer Zeitvertreib ohne irgendwelche Wichtigkeit vorkam.
Ihr Ehrgeiz reicht nicht über die Nasen ihrer Gäule und die Grenzen ihrer
Gemarkung, und ihre Seelen sind wie Söldner, die der lautesten
Werbetrommel folgen.
D ergestalt war die Gesellschaft, die Fenn Kaß zu einem Glas Bier,
einem Schinkenbrot und einer Zigarre um sich versammelt hatte. Es
dauerte nicht lang, so war er mit den drei Kamps Burschen in einem
angeregten Gespräch über die geplante Feldbereinigung. Alles ginge am
Schnürchen, sagten sie, nur Emil Masseler und seine Erbtante wären
störrisch. Der sanfte Emil spitzte den Mund und lächelte, zuckte langsam
die Achseln und meinte zuletzt, es sei ja alles gut, wie es sei. Da mischte
sich der Fritt ins Gespräch und steckte dem hochmütigen Großbauernsohn
energisch Bescheid. Ob er denn glaube, das Dorf werde sich durch seinen
Starrkopf im Fortschritt hindern lassen.
„Fortschritt?“ sagte Emil Masseler mit lächelnder Skepsis.
„Jawohl, Fortschritt!“ begehrte das Frittchen auf. Und erklärte heiser
krähend, mit vielen hochdeutschen Ausdrücken, das Wesen und den Vorteil
der Feldbereinigung im Interesse der rationellen Ackerwirtschaft.
„Was meinen Sie dazu, Herr Kaplan?“ schloß er seine Ausführungen.
„Ich wollte, ich hätte dem Emil sein Geld und er wüßte mein
Französisch,“ lallte der Jänni, und ein wieherndes Gelächter machte dem
sachlichen Redefluß des Kleinen ein Ende. Aber das Frittchen gab noch
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nicht klein bei. Es verzieh dem Glattrasierten nicht sein Hohnlächeln über
den Fortschritt und begann, trotz dem Herrn Kaplan, auf Emil wegen dessen
Reise nach Lourdes zu sticheln. Denn Masseler der Ältere war in Lourdes
gewesen.
„Und wenn du zehnmal hingehst,“ krähte der Fritt giftig, „deinen
Dickschädel kann dir die Muttergottes doch nicht wegkurieren!“
Emil schaute auf den geistlichen Herrn, von dem jetzt sicher ein scharfer
Verweis gegen den respektlosen Fritt ergehen würde.
Indes, Fenn Kaß tat nichts dergleichen. „Kommt Kinder, wir wollen uns
wieder vertragen,“ sagte er beschwichtigend. Emil war schmerzlich erstaunt
und nahm sich vor, der Erbtante über den uneifrigen Herrn Kaplan klaren
Wein einzuschenken, damit auf diesem Umweg der Herr Pfarrer erfahren
sollte, wie sein Untergebener die Muttergottes und ihren treuen Verehrer
Emil Masseler ungerochen verunglimpfen ließ.
Von der Feldbereinigung glitt das Gespräch auf andere Gegenstände über,
die auch die Allgemeinheit betrafen. Fenn stellte seinen Zuhörern, die ihn
nur teilweise verstanden, eindringlich vor, wie sie sich hier draußen
unverzeihlich das Leben schwer machten. An tausend Ecken und Enden
könnten sie sich die Arbeit erleichtern und Zeit behalten für andere
Beschäftigung, die sie vorwärts brachte. Warum, zum Beispiel, verhielten
sie sich gegen Ackerbaumaschinen noch so ablehnend? Warum hatten sie
keine Wasserleitung und mußten eine Menge Zeit damit verlieren, daß sie
ihr Vieh zur Schwemme trieben, oder aus dem Brunnen Wasser
herzutrugen? Warum hatten sie kein elektrisches Licht und hantierten
jahraus jahrein mit ihren feuergefährlichen, trüben Ölfunseln in Stall und
Scheune?
„Elektrisches Licht!“ sagte wieder mit seinem ironischen Lächeln Emil
Masseler.
„Warum nicht?“ fragte der Kaplan dawider. Sie hatten in der Nähe des
Dorfes die schönste Wasserkraft. Oder gar im Dorfe selbst, die
Majerusmühle.
„Der Lampert läuft uns nach mit seiner Mühle,“ sagte Emil Masseler.
Fenn meinte, was einer auf solcher Mühle heutzutage noch verdiente, das
könnte ihm die Gemeinde gern für die Wasserkraft ersetzen. Und der
Lampert hätte sicher nichts dagegen, wenn ihm seine weiße Kohle allein,
ohne Arbeit und Kopfzerbrechen, so viel eintrüge, wie sie es heute mitsamt
der Mühle tat. Er machte seinen Zuhörern von ungefähr die Rechnung auf.
den Fortschritt und begann, trotz dem Herrn Kaplan, auf Emil wegen dessen
Reise nach Lourdes zu sticheln. Denn Masseler der Ältere war in Lourdes
gewesen.
„Und wenn du zehnmal hingehst,“ krähte der Fritt giftig, „deinen
Dickschädel kann dir die Muttergottes doch nicht wegkurieren!“
Emil schaute auf den geistlichen Herrn, von dem jetzt sicher ein scharfer
Verweis gegen den respektlosen Fritt ergehen würde.
Indes, Fenn Kaß tat nichts dergleichen. „Kommt Kinder, wir wollen uns
wieder vertragen,“ sagte er beschwichtigend. Emil war schmerzlich erstaunt
und nahm sich vor, der Erbtante über den uneifrigen Herrn Kaplan klaren
Wein einzuschenken, damit auf diesem Umweg der Herr Pfarrer erfahren
sollte, wie sein Untergebener die Muttergottes und ihren treuen Verehrer
Emil Masseler ungerochen verunglimpfen ließ.
Von der Feldbereinigung glitt das Gespräch auf andere Gegenstände über,
die auch die Allgemeinheit betrafen. Fenn stellte seinen Zuhörern, die ihn
nur teilweise verstanden, eindringlich vor, wie sie sich hier draußen
unverzeihlich das Leben schwer machten. An tausend Ecken und Enden
könnten sie sich die Arbeit erleichtern und Zeit behalten für andere
Beschäftigung, die sie vorwärts brachte. Warum, zum Beispiel, verhielten
sie sich gegen Ackerbaumaschinen noch so ablehnend? Warum hatten sie
keine Wasserleitung und mußten eine Menge Zeit damit verlieren, daß sie
ihr Vieh zur Schwemme trieben, oder aus dem Brunnen Wasser
herzutrugen? Warum hatten sie kein elektrisches Licht und hantierten
jahraus jahrein mit ihren feuergefährlichen, trüben Ölfunseln in Stall und
Scheune?
„Elektrisches Licht!“ sagte wieder mit seinem ironischen Lächeln Emil
Masseler.
„Warum nicht?“ fragte der Kaplan dawider. Sie hatten in der Nähe des
Dorfes die schönste Wasserkraft. Oder gar im Dorfe selbst, die
Majerusmühle.
„Der Lampert läuft uns nach mit seiner Mühle,“ sagte Emil Masseler.
Fenn meinte, was einer auf solcher Mühle heutzutage noch verdiente, das
könnte ihm die Gemeinde gern für die Wasserkraft ersetzen. Und der
Lampert hätte sicher nichts dagegen, wenn ihm seine weiße Kohle allein,
ohne Arbeit und Kopfzerbrechen, so viel eintrüge, wie sie es heute mitsamt
der Mühle tat. Er machte seinen Zuhörern von ungefähr die Rechnung auf.
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Alle schenkten ihm nachdenkliche Aufmerksamkeit. Nur der sanfte Emil
äußerte: „Ja, wenn das ginge!“
„Es ginge schon, wenn alle wollten,“ sagte Fenn. Die drei Kamps
ereiferten sich für den Plan. Man würde natürlich das alte Rad durch eine
Turbine ersetzen.
„Und man könnte durch eine kleine Umleitung des Bachs das fünffache
Gefälle herausbekommen,“ warf der Kaplan ein. Es war ja so einfach. Da
ging eine Schlucht, der sogenannte Höhlenweg, sichelförmig um das Dorf.
Fast niemand benutzte ihn, weil er vor Schmutz die meiste Zeit unwegsam
war. Der Niveauunterschied vom Einfluß des Baches ins Dorf bis zur
Mühle, nahe am untern Ende der Schlucht, war ziemlich beträchtlich und
bildete ein Gefälle, das jetzt unausgenützt blieb. Wurde der Bach in den
Höhlenweg geleitet, was oben mit einem kurzen Durchstich leicht und billig
zu machen war, so hatte man einen natürlichen Mühlendeich, eine fertige
Talsperre im kleinen, die Kraft für eine elektrische Anlage reichlich hergab.
Niemand wurde geschädigt, Erdmassen waren kaum zu bewegen, die
Kosten konnten ein paar Tausende nicht überschreiten. Es war so einfach,
daß man sich wundern mußte, wie noch niemand auf die Idee gekommen
war. Die drei Kamps und der Fritt waren gleich Feuer und Flamme für den
Plan. Emil Masseler verhielt sich ablehnend. Die Sache gefiel ihm schon
deshalb nicht, weil sie ihm keine Handhabe bot, auf seine Scholle pochend
ein Machtwort dagegen zu sprechen. Denn der Höhlenweg war
Gemeindebesitz, und außer Lampert war eigentlich niemand da, dessen
Grund und Boden in Mitleidenschaft gezogen wurde.
„Laßt euch die Sache durch den Kopf gehen,“ redete Fenn seinen Gästen
zu. „Es wäre eine Sünd’ und eine Schand’, wenn es ginge und wir wollten’s
nicht schaffen. Wir betrögen uns selbst um eine der schönsten
Kulturwohltaten“ – er sagte wahrhaftig „Kulturwohltaten“, und den jungen
Brebachern weitete sich dabei die Brust – „und dazu haben wir als
Menschen doch schließlich unsern Verstand, daß wir ihn gebrauchen, um
uns Gottes Erde immer schöner und wohnlicher einzurichten.“
Da kam von der Tür her eine schmalzig salbungsvolle Stimme, die sagte:
„Gott hat dem Menschen seine unsterbliche Seele gegeben und seinen
Verstand, auf daß er damit sein Heil wirke und seinem Schöpfer immer
wohlgefälliger werde. Das dürfen Sie nicht vergessen, Herr Kaplan.“
Alle Köpfe reckten sich nach der Tür, in deren Rahmen Herr Pfarrer
Brendel stand und mit zwei ausgestreckten Fingern die Gebärde des
äußerte: „Ja, wenn das ginge!“
„Es ginge schon, wenn alle wollten,“ sagte Fenn. Die drei Kamps
ereiferten sich für den Plan. Man würde natürlich das alte Rad durch eine
Turbine ersetzen.
„Und man könnte durch eine kleine Umleitung des Bachs das fünffache
Gefälle herausbekommen,“ warf der Kaplan ein. Es war ja so einfach. Da
ging eine Schlucht, der sogenannte Höhlenweg, sichelförmig um das Dorf.
Fast niemand benutzte ihn, weil er vor Schmutz die meiste Zeit unwegsam
war. Der Niveauunterschied vom Einfluß des Baches ins Dorf bis zur
Mühle, nahe am untern Ende der Schlucht, war ziemlich beträchtlich und
bildete ein Gefälle, das jetzt unausgenützt blieb. Wurde der Bach in den
Höhlenweg geleitet, was oben mit einem kurzen Durchstich leicht und billig
zu machen war, so hatte man einen natürlichen Mühlendeich, eine fertige
Talsperre im kleinen, die Kraft für eine elektrische Anlage reichlich hergab.
Niemand wurde geschädigt, Erdmassen waren kaum zu bewegen, die
Kosten konnten ein paar Tausende nicht überschreiten. Es war so einfach,
daß man sich wundern mußte, wie noch niemand auf die Idee gekommen
war. Die drei Kamps und der Fritt waren gleich Feuer und Flamme für den
Plan. Emil Masseler verhielt sich ablehnend. Die Sache gefiel ihm schon
deshalb nicht, weil sie ihm keine Handhabe bot, auf seine Scholle pochend
ein Machtwort dagegen zu sprechen. Denn der Höhlenweg war
Gemeindebesitz, und außer Lampert war eigentlich niemand da, dessen
Grund und Boden in Mitleidenschaft gezogen wurde.
„Laßt euch die Sache durch den Kopf gehen,“ redete Fenn seinen Gästen
zu. „Es wäre eine Sünd’ und eine Schand’, wenn es ginge und wir wollten’s
nicht schaffen. Wir betrögen uns selbst um eine der schönsten
Kulturwohltaten“ – er sagte wahrhaftig „Kulturwohltaten“, und den jungen
Brebachern weitete sich dabei die Brust – „und dazu haben wir als
Menschen doch schließlich unsern Verstand, daß wir ihn gebrauchen, um
uns Gottes Erde immer schöner und wohnlicher einzurichten.“
Da kam von der Tür her eine schmalzig salbungsvolle Stimme, die sagte:
„Gott hat dem Menschen seine unsterbliche Seele gegeben und seinen
Verstand, auf daß er damit sein Heil wirke und seinem Schöpfer immer
wohlgefälliger werde. Das dürfen Sie nicht vergessen, Herr Kaplan.“
Alle Köpfe reckten sich nach der Tür, in deren Rahmen Herr Pfarrer
Brendel stand und mit zwei ausgestreckten Fingern die Gebärde des
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Segnens skizzierte, mit der er durch die Reihen der knienden Dorfkinder zu
schreiten pflegte. „Übrigens, gelobt sei Jesus Christus,“ fügte er hinzu, und
Emil Masseler sekundierte: „In Ewigkeit Amen.“
Pfarrer Brendel sah auf die Uhr. „O, so spät schon,“ tat er erstaunt. „Ich
komme von einer Kranken gerade hier vorüber und wollte eben nur auf eine
Sekunde hereinsehen.“
„Ich hatte Sie eingeladen, Herr Pfarrer,“ sagte Fenn.
„Ich weiß, ich weiß, aber ich wollte nicht indiskret sein. Jung zu jung
gesellt sich gern. Ich gehe schon wieder. Gelobt sei Jesus Christus.“
„In Ewigkeit Amen. Ich wollte auch gerade gehen, Herr Pastor. Wenn Sie
erlauben –“
„Aber nein doch, Masseler, bleiben Sie, ich will dem Herrn Kaplan seine
Gäste nicht entführen.“
„O, es bleiben ja noch genug. Sie entschuldigen mich, Herr Kaplan, aber
ich habe meiner Tante versprochen –“
„Bitte, Herr Masseler, nichts zu entschuldigen. Gute Nacht, und lassen
Sie sich den Abend gut bekommen.“
A ls die beiden draußen waren, sagte der Niegela zu den Umstehenden:
„Die Kranke, die der besucht hat, die hat lange Hosen an und trinkt
Schnaps.“
„Und spielt mit ihm Sechsundsechzig,“ sagte der Fritt.
Es kam kein rechter Zug mehr in die Unterhaltung. Auf dem Heimweg
tauschten die Burschen ihre Eindrücke aus.
„Er ist ein feiner Kerl,“ sagten die Kamps.
„Man kann mit ihm disputieren,“ pflichtete ihnen der Fritt bei.
„Und er hat seine Zigarren nicht abgezählt,“ lobte ihn der Jänni.
„Freundlich hat er nicht drein geschaut, wie der Pastor auf einmal da
stand,“ stellte der Ruß fest. Und da waren sie alle darin einig, daß dieser
Pfarrer und dieser Kaplan schlecht zusammen in der Deichsel gingen.
„Aber da könnt ihr euch darauf verlassen,“ meinte der Fritt, „der wird
ihm die Zähne zeigen, der alte Brendel steckt den nicht in die Tasche.“
schreiten pflegte. „Übrigens, gelobt sei Jesus Christus,“ fügte er hinzu, und
Emil Masseler sekundierte: „In Ewigkeit Amen.“
Pfarrer Brendel sah auf die Uhr. „O, so spät schon,“ tat er erstaunt. „Ich
komme von einer Kranken gerade hier vorüber und wollte eben nur auf eine
Sekunde hereinsehen.“
„Ich hatte Sie eingeladen, Herr Pfarrer,“ sagte Fenn.
„Ich weiß, ich weiß, aber ich wollte nicht indiskret sein. Jung zu jung
gesellt sich gern. Ich gehe schon wieder. Gelobt sei Jesus Christus.“
„In Ewigkeit Amen. Ich wollte auch gerade gehen, Herr Pastor. Wenn Sie
erlauben –“
„Aber nein doch, Masseler, bleiben Sie, ich will dem Herrn Kaplan seine
Gäste nicht entführen.“
„O, es bleiben ja noch genug. Sie entschuldigen mich, Herr Kaplan, aber
ich habe meiner Tante versprochen –“
„Bitte, Herr Masseler, nichts zu entschuldigen. Gute Nacht, und lassen
Sie sich den Abend gut bekommen.“
A ls die beiden draußen waren, sagte der Niegela zu den Umstehenden:
„Die Kranke, die der besucht hat, die hat lange Hosen an und trinkt
Schnaps.“
„Und spielt mit ihm Sechsundsechzig,“ sagte der Fritt.
Es kam kein rechter Zug mehr in die Unterhaltung. Auf dem Heimweg
tauschten die Burschen ihre Eindrücke aus.
„Er ist ein feiner Kerl,“ sagten die Kamps.
„Man kann mit ihm disputieren,“ pflichtete ihnen der Fritt bei.
„Und er hat seine Zigarren nicht abgezählt,“ lobte ihn der Jänni.
„Freundlich hat er nicht drein geschaut, wie der Pastor auf einmal da
stand,“ stellte der Ruß fest. Und da waren sie alle darin einig, daß dieser
Pfarrer und dieser Kaplan schlecht zusammen in der Deichsel gingen.
„Aber da könnt ihr euch darauf verlassen,“ meinte der Fritt, „der wird
ihm die Zähne zeigen, der alte Brendel steckt den nicht in die Tasche.“
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A m nächsten Morgen nach der Messe bat Pfarrer Brendel seinen
Kaplan, ihn vor der Kirche zu erwarten, er habe mit ihm zu reden.
„Sie haben sich da gestern abend mit den jungen Leuten
eingelassen. Ich finde, man darf in dieser Beziehung nicht zu weit gehen.“
„Sie haben recht, Herr Pastor. Und ich glaube, nicht zu weit gegangen zu
sein.“
„Sie haben allerhand Fragen aus dem profanen, materiellen Gebiet mit
ihnen besprochen. Man muß da sehr vorsichtig sein, Herr Kaplan.“
„Ich weiß, Herr Pastor. Wir sind ja gelehrt worden, daß ein
unverlöschliches Siegel uns von der Laienwelt ausscheidet und zum
besondern Anteil und Eigentum Gottes macht, daß unser Amt noch über
dem der Engel steht. Da klingt es freilich befremdlich, wenn wir von
künstlichem Dünger und Turbinen und elektrischen Beleuchtungsanlagen
zu unsern Pfarrkindern reden.“
Pfarrer Brendel hatte bei dieser Rede seines Kaplans sichtlich zum
mindesten einen Steigbügel verloren, und er schuf durch Räuspern und
Schnäuzen eine Pause, um wieder Herr der Lage zu werden. „Ich weiß, daß
unter euch Modernen die Tendenz herrscht, zum Volk hinabzusteigen, wie
ihr das nennt. Nehmen Sie sich in acht. Wer sich unter die Kleie mischt,
wird von den Säuen gefressen.“
Fenn dachte: „Dagegen läßt sich jetzt nichts mehr einwenden, was
diesem Mann gegenüber die Mühe lohnte.“
„Ich habe Sie beobachtet, Herr Kaplan, seit Sie in Ihren hiesigen
Wirkungskreis eingetreten sind. Es wäre ja schließlich nicht so viel dagegen
zu sagen, daß Sie die Leute wirtschaftlich zu beraten suchen. Das ist ja
manchmal ein brauchbares Mittel, ihnen auch sonst beizukommen. Aber Sie
scheinen ein sogenannter Wissenschaftler zu sein. Wie ich höre, geben Sie
sich Mühe, unsern Bauernburschen allerhand astronomische, physikalische,
geologische Probleme zu erklären. Sie rütteln sogar an der biblischen
Schöpfungsgeschichte.“
Fenn mußte lächeln.
Und Pfarrer Brendel machte eine weitere Anstrengung, sich in seiner
überlegenen Stellung zu behaupten: „Glauben Sie mir, Herr Kaplan, die
Wissenschaft hat schon manchen in die Wüste geführt. Wir Ältern, die wir
die Erfahrung haben, wir sagen mit Christus dem Herrn: Eines nur ist
notwendig.“
Kaplan, ihn vor der Kirche zu erwarten, er habe mit ihm zu reden.
„Sie haben sich da gestern abend mit den jungen Leuten
eingelassen. Ich finde, man darf in dieser Beziehung nicht zu weit gehen.“
„Sie haben recht, Herr Pastor. Und ich glaube, nicht zu weit gegangen zu
sein.“
„Sie haben allerhand Fragen aus dem profanen, materiellen Gebiet mit
ihnen besprochen. Man muß da sehr vorsichtig sein, Herr Kaplan.“
„Ich weiß, Herr Pastor. Wir sind ja gelehrt worden, daß ein
unverlöschliches Siegel uns von der Laienwelt ausscheidet und zum
besondern Anteil und Eigentum Gottes macht, daß unser Amt noch über
dem der Engel steht. Da klingt es freilich befremdlich, wenn wir von
künstlichem Dünger und Turbinen und elektrischen Beleuchtungsanlagen
zu unsern Pfarrkindern reden.“
Pfarrer Brendel hatte bei dieser Rede seines Kaplans sichtlich zum
mindesten einen Steigbügel verloren, und er schuf durch Räuspern und
Schnäuzen eine Pause, um wieder Herr der Lage zu werden. „Ich weiß, daß
unter euch Modernen die Tendenz herrscht, zum Volk hinabzusteigen, wie
ihr das nennt. Nehmen Sie sich in acht. Wer sich unter die Kleie mischt,
wird von den Säuen gefressen.“
Fenn dachte: „Dagegen läßt sich jetzt nichts mehr einwenden, was
diesem Mann gegenüber die Mühe lohnte.“
„Ich habe Sie beobachtet, Herr Kaplan, seit Sie in Ihren hiesigen
Wirkungskreis eingetreten sind. Es wäre ja schließlich nicht so viel dagegen
zu sagen, daß Sie die Leute wirtschaftlich zu beraten suchen. Das ist ja
manchmal ein brauchbares Mittel, ihnen auch sonst beizukommen. Aber Sie
scheinen ein sogenannter Wissenschaftler zu sein. Wie ich höre, geben Sie
sich Mühe, unsern Bauernburschen allerhand astronomische, physikalische,
geologische Probleme zu erklären. Sie rütteln sogar an der biblischen
Schöpfungsgeschichte.“
Fenn mußte lächeln.
Und Pfarrer Brendel machte eine weitere Anstrengung, sich in seiner
überlegenen Stellung zu behaupten: „Glauben Sie mir, Herr Kaplan, die
Wissenschaft hat schon manchen in die Wüste geführt. Wir Ältern, die wir
die Erfahrung haben, wir sagen mit Christus dem Herrn: Eines nur ist
notwendig.“
Page 122
„Ich kann Ihnen aber Roscher zitieren. Sie kennen doch Roscher?“ sagte
Fenn und dachte: „Vielleicht fragt er am Ende wenigstens, welcher?“
Aber Pfarrer Brendel brummte kaum hörbar: „Natürlich kenne ich
Roscher! Was sagt denn der?“
„Roscher sagt: Sobald die Kulturüberlegenheit des Priesters aufhört, ist
sein Ansehen gefährdet.“
„So? Und ich sage Ihnen: Haben Sie Kulturüberlegenheit, soviel Sie
wollen, wenn Ihnen die Frömmigkeit fehlt, ist alles umsonst. Nisi Dominus
aedificaverit domum, in vanum laboraverunt qui aedificant eam!“
„Darauf kann ich Ihnen wiederum dienen. Der Aquinate sagt –“
„Ich muß Sie bitten, mir mit Ihren profanen Zitaten vom Leibe zu
bleiben. Der Aquinate! Wer ist nun das wieder?“
„Ach so, ich dachte, Sie kennten – Also sagen wir, der heilige Thomas
von Aquin.“
„Den lasse ich mir gefallen.“
„Der sagt: Inutilis pietas, quae scientiae discretione caret.“
„Hat das der heilige Thomas wirklich gesagt?“
„Jawohl, es steht in der Summa theologiae.“
„Na, ich glaub’s Ihnen. Aber ich muß nochmals bitten: untergraben Sie
nicht mutwillig Ihr Ansehen dadurch, daß Sie sich mit den Leuten allzu
gemein machen und daß Sie ihnen Dinge entschleiern, die ihnen ewig
Geheimnis bleiben müßten. Sie kennen diese Sorte noch nicht genügend.“
„Haben Sie von gestern abend den Eindruck gewonnen, daß ich mich mit
dieser Sorte, wie Sie sagen, zu weit eingelassen habe?“
„Das nicht gerade. In gewissem Sinne vielleicht sogar zu wenig.“
„Wie meinen Sie das?“
„Nun, ich will durchaus offen sein. Ich habe erfahren, daß in Ihrer
Gegenwart über die Muttergottes von Lourdes respektlos geredet wurde,
sehr respektlos, und daß Sie nicht, wie es wohl Ihre Pflicht gewesen wäre,
Einspruch erhoben.“
„Eigentlich freue ich mich, daß Sie mir diese Gelegenheit zur Aussprache
geben. Ich kenne zunächst nur eine Muttergottes, und die ist weder von
Lourdes noch von Marpingen, noch läßt sich ihr Wohnsitz sonstwie
geographisch bestimmen. Was nun speziell den Wunderglauben an Lourdes
betrifft, so vermag ich nicht, ihn zu teilen. Wenn dieser Wunderglaube
Bedingung für meinen geistlichen Beruf gewesen wäre, trüge ich heute
nicht dies Kleid.“
Fenn und dachte: „Vielleicht fragt er am Ende wenigstens, welcher?“
Aber Pfarrer Brendel brummte kaum hörbar: „Natürlich kenne ich
Roscher! Was sagt denn der?“
„Roscher sagt: Sobald die Kulturüberlegenheit des Priesters aufhört, ist
sein Ansehen gefährdet.“
„So? Und ich sage Ihnen: Haben Sie Kulturüberlegenheit, soviel Sie
wollen, wenn Ihnen die Frömmigkeit fehlt, ist alles umsonst. Nisi Dominus
aedificaverit domum, in vanum laboraverunt qui aedificant eam!“
„Darauf kann ich Ihnen wiederum dienen. Der Aquinate sagt –“
„Ich muß Sie bitten, mir mit Ihren profanen Zitaten vom Leibe zu
bleiben. Der Aquinate! Wer ist nun das wieder?“
„Ach so, ich dachte, Sie kennten – Also sagen wir, der heilige Thomas
von Aquin.“
„Den lasse ich mir gefallen.“
„Der sagt: Inutilis pietas, quae scientiae discretione caret.“
„Hat das der heilige Thomas wirklich gesagt?“
„Jawohl, es steht in der Summa theologiae.“
„Na, ich glaub’s Ihnen. Aber ich muß nochmals bitten: untergraben Sie
nicht mutwillig Ihr Ansehen dadurch, daß Sie sich mit den Leuten allzu
gemein machen und daß Sie ihnen Dinge entschleiern, die ihnen ewig
Geheimnis bleiben müßten. Sie kennen diese Sorte noch nicht genügend.“
„Haben Sie von gestern abend den Eindruck gewonnen, daß ich mich mit
dieser Sorte, wie Sie sagen, zu weit eingelassen habe?“
„Das nicht gerade. In gewissem Sinne vielleicht sogar zu wenig.“
„Wie meinen Sie das?“
„Nun, ich will durchaus offen sein. Ich habe erfahren, daß in Ihrer
Gegenwart über die Muttergottes von Lourdes respektlos geredet wurde,
sehr respektlos, und daß Sie nicht, wie es wohl Ihre Pflicht gewesen wäre,
Einspruch erhoben.“
„Eigentlich freue ich mich, daß Sie mir diese Gelegenheit zur Aussprache
geben. Ich kenne zunächst nur eine Muttergottes, und die ist weder von
Lourdes noch von Marpingen, noch läßt sich ihr Wohnsitz sonstwie
geographisch bestimmen. Was nun speziell den Wunderglauben an Lourdes
betrifft, so vermag ich nicht, ihn zu teilen. Wenn dieser Wunderglaube
Bedingung für meinen geistlichen Beruf gewesen wäre, trüge ich heute
nicht dies Kleid.“
Page 123
„Wie, Sie glauben nicht an Lourdes?“
Fenn sagte schonungslos, was er über die Geschichte von Lourdes alles
gelesen hatte.
„Es ist furchtbar!“ murmelte Pfarrer Brendel vor sich hin.
„Was finden Sie Furchtbares daran? Wenn Sie wüßten, wie in die
Geschichte von Lourdes die Politik und die Habsucht hineingespielt haben,
fänden Sie es sehr angebracht, daß die Wahrheit über den Ursprung jener
Wunderhistorie nicht verschüttet wird. Die daran glauben wollen, mögen in
ihrem Glauben Trost suchen und finden, ich werde ihnen eine Überzeugung
nicht stehlen, die ihre Leiden lindern kann. Aber zwingen lasse ich mich
nicht, daß ich etwas unterstütze, was ich für – sagen wir einmal, für
künstlich aufgebaut halte.“
„Und weiß man im Bistum, wie Ihr Standpunkt ist?“
„Ich habe seinerzeit da, wo es darauf ankam, kein Hehl daraus gemacht.“
Pfarrer Brendel war niedergeschmettert. Die Persönlichkeit seines
Kaplans war ihm in den paar Minuten unheimlich geworden. Er fand einen
Ausweg: „Herr Kaplan,“ sagte er, „ich schlage Ihnen vor, wir gehen
zusammen in die Kirche und beten, daß wir über diese schlimme
Anfechtung hinwegkommen.“
Fenn ging nachdenklich mit. Und während neben ihm sein Pfarrer, das
Gesicht in den Händen, nach Sammlung rang, dachte der junge Kaplan, wie
merkwürdig es sei, daß man in seinem Beruf so oft auf die ärgsten
Hindernisse dort stößt, wo man die größte Hilfe zu finden berechtigt wäre.
Fenn sagte schonungslos, was er über die Geschichte von Lourdes alles
gelesen hatte.
„Es ist furchtbar!“ murmelte Pfarrer Brendel vor sich hin.
„Was finden Sie Furchtbares daran? Wenn Sie wüßten, wie in die
Geschichte von Lourdes die Politik und die Habsucht hineingespielt haben,
fänden Sie es sehr angebracht, daß die Wahrheit über den Ursprung jener
Wunderhistorie nicht verschüttet wird. Die daran glauben wollen, mögen in
ihrem Glauben Trost suchen und finden, ich werde ihnen eine Überzeugung
nicht stehlen, die ihre Leiden lindern kann. Aber zwingen lasse ich mich
nicht, daß ich etwas unterstütze, was ich für – sagen wir einmal, für
künstlich aufgebaut halte.“
„Und weiß man im Bistum, wie Ihr Standpunkt ist?“
„Ich habe seinerzeit da, wo es darauf ankam, kein Hehl daraus gemacht.“
Pfarrer Brendel war niedergeschmettert. Die Persönlichkeit seines
Kaplans war ihm in den paar Minuten unheimlich geworden. Er fand einen
Ausweg: „Herr Kaplan,“ sagte er, „ich schlage Ihnen vor, wir gehen
zusammen in die Kirche und beten, daß wir über diese schlimme
Anfechtung hinwegkommen.“
Fenn ging nachdenklich mit. Und während neben ihm sein Pfarrer, das
Gesicht in den Händen, nach Sammlung rang, dachte der junge Kaplan, wie
merkwürdig es sei, daß man in seinem Beruf so oft auf die ärgsten
Hindernisse dort stößt, wo man die größte Hilfe zu finden berechtigt wäre.
Page 124
Zweites Kapitel
F rau Marjänni Lampert stand mit geschürztem Rock am Herd und kochte
ein Milchsüppchen für ihr Kind, als Fenn Kaß mit gebücktem Kopf
durch die Türe trat. „Gelobt sei Jesus Christus. Wie geht’s, Frau
Marjänni?“
Sie ließ vor Schreck den Löffel in den Topf fallen, streifte den Rock
herunter und wischte hastig in seinen Falten die Hände ab. „O Mamm, wat
sin ech elo erschreckt!“
„Nun, einen guten Abend werd’ ich doch wohl noch geboten kriegen,“
lachte er.
„Guten Abend auch. Und wo kommst du ... wo kommen Sie denn so auf
einmal her?“
Marjänni stand schamübergossen. Hatte denn der, der so plötzlich ihr da
gegenübergetreten war, nicht ein Recht auf sie gehabt? War ihr nicht immer
gewesen, als gehörte sie zu ihm, seit den fernsten Tagen ihrer Kindheit?
Kam er jetzt, Rechenschaft von ihr zu fordern? Dagegen bäumte sich etwas
in ihr, etwas, das wie Trotz aussah und auch ein wenig Stolz war, von dem
Bauernstolz, der von ihrem Mann auf sie abgefärbt hatte. Schließlich hatte
sie doch eingeheiratet in die reiche Lampertsfamilie, die in Wiesing seit
hundert Jahren immer die reichste gewesen war und zu der immer das
ganze Dorf emporgeblickt hatte. Und sie war in Brebach die reiche und
schöne Müllerin und hatte nach niemand zu fragen. Was wollte er denn von
ihr, der arme Küstersfenn, der bei ihrem Schwiegervater die Kühe gehütet
hatte für ein Butterbrot oder ein Stück Zwetschenkuchen Jawohl, sie hatte
sich mit ihrem Fritz vergangen, aber das brauchte ja jetzt niemand mehr zu
wissen. Was wollte er also von ihr?
„Ei ei,“ dachte Fenn Kaß, „das ist nicht mehr die alte Marjänni, das ist
wirklich und wahrhaftig die Frau Lampert. Na, um so besser.“ Er besah sie
sich eine Weile, und es fiel ihm auf, welche Veränderung mit ihr
vorgegangen war. Es war ja noch dasselbe Gesicht, so ziemlich auch noch
dieselbe Gestalt. Aber etwas fehlte gegen früher, etwas, das wie eine
Hemmung über dem ganzen Menschen gelegen hatte und jetzt
verschwunden war. Und etwas war auch in dem Ausdruck dieses Gesichts
und in allen Bewegungen, was früher nicht darin gewesen war. Etwas, was
F rau Marjänni Lampert stand mit geschürztem Rock am Herd und kochte
ein Milchsüppchen für ihr Kind, als Fenn Kaß mit gebücktem Kopf
durch die Türe trat. „Gelobt sei Jesus Christus. Wie geht’s, Frau
Marjänni?“
Sie ließ vor Schreck den Löffel in den Topf fallen, streifte den Rock
herunter und wischte hastig in seinen Falten die Hände ab. „O Mamm, wat
sin ech elo erschreckt!“
„Nun, einen guten Abend werd’ ich doch wohl noch geboten kriegen,“
lachte er.
„Guten Abend auch. Und wo kommst du ... wo kommen Sie denn so auf
einmal her?“
Marjänni stand schamübergossen. Hatte denn der, der so plötzlich ihr da
gegenübergetreten war, nicht ein Recht auf sie gehabt? War ihr nicht immer
gewesen, als gehörte sie zu ihm, seit den fernsten Tagen ihrer Kindheit?
Kam er jetzt, Rechenschaft von ihr zu fordern? Dagegen bäumte sich etwas
in ihr, etwas, das wie Trotz aussah und auch ein wenig Stolz war, von dem
Bauernstolz, der von ihrem Mann auf sie abgefärbt hatte. Schließlich hatte
sie doch eingeheiratet in die reiche Lampertsfamilie, die in Wiesing seit
hundert Jahren immer die reichste gewesen war und zu der immer das
ganze Dorf emporgeblickt hatte. Und sie war in Brebach die reiche und
schöne Müllerin und hatte nach niemand zu fragen. Was wollte er denn von
ihr, der arme Küstersfenn, der bei ihrem Schwiegervater die Kühe gehütet
hatte für ein Butterbrot oder ein Stück Zwetschenkuchen Jawohl, sie hatte
sich mit ihrem Fritz vergangen, aber das brauchte ja jetzt niemand mehr zu
wissen. Was wollte er also von ihr?
„Ei ei,“ dachte Fenn Kaß, „das ist nicht mehr die alte Marjänni, das ist
wirklich und wahrhaftig die Frau Lampert. Na, um so besser.“ Er besah sie
sich eine Weile, und es fiel ihm auf, welche Veränderung mit ihr
vorgegangen war. Es war ja noch dasselbe Gesicht, so ziemlich auch noch
dieselbe Gestalt. Aber etwas fehlte gegen früher, etwas, das wie eine
Hemmung über dem ganzen Menschen gelegen hatte und jetzt
verschwunden war. Und etwas war auch in dem Ausdruck dieses Gesichts
und in allen Bewegungen, was früher nicht darin gewesen war. Etwas, was
Page 125
Fenn an Fritz Lampert erinnerte. Aber das war wohl nur Einbildung.
Einerlei, es hatte sich bei ihm festgesetzt. Es kam über ihn, wie damals, als
ihm der Pfarrer von den heimlichen Zusammenkünften der beiden erzählt
hatte. Fenn war zumut wie einem, der ein liebgewordenes Haus von weitem
wiedersieht und weiß, es steht noch und schaut ungefähr noch aus wie
früher, aber ein anderer wohnt drin, und für dich hat es keine Stätte mehr.
„Wo ich herkomme?“ ging er auf Marjännis Frage ein. „Um die Wahrheit
zu sagen: Geradewegs aus der Kirche.“
„Das hätte ich mir denken können. Da gehört Ihr ja eigentlich auch hin,“
sagte sie und suchte gleich, sich Vergebung für ihre plumpe Rede zu
erlächeln.
„Freilich, die Kirche ist ja unsere Werkstatt.“ Er wollte fragen, ob Fritz
zu Hause sei, und wußte plötzlich nicht, ob er noch „dein Mann“ sagen
dürfte, da sie vorhin über das „du“ gestolpert war. „Ist Fritz zu Hause?“
fragte er schließlich.
„Nein, mein Mann ist auf der Jagd,“ beeilte sie sich zu entgegnen. „Aber
meinen Sohn kann ich dir vorstellen. Komm doch herein in die Stube.“
Nein, er dankte. Er hätte mit Lampert reden wollen, er werde ein
andermal wiederkommen. Und er empfand auch, daß sie mit ihm den
rechten Ton nicht finden würde, daß es ihr lieb wäre, wenn er ginge.
Er schlug den Weg in die Äcker ein und kam in die Nähe des
Höhlenwegs. Am Rande der Schlucht stand Fritz Lampert, die Jagdflinte
schußbereit, während unten im Gestrüpp seine Bracken läuteten. Fenn blieb
stehen und wartete ab. Ein Häschen brach oben aus dem Gestrüpp, tat ein
paar Sätze über einen Sturzacker und überschlug sich im Feuer, daß seine
weiße Bauchwolle schimmerte. „Bravo!“ rief Fenn, und Fritz antwortete
geschmeichelt: „Ah, du bist das! Den hab ich mir prompt geholt, was!“ Er
nahm dem apportierenden Hund den Hasen ab und tat ihn nach den
üblichen Manipulationen in die Jagdtasche. „So, jetzt kann ich heimgehen,
jetzt lacht mich die Frau nicht aus.“
Fenn dachte: „Gute Laune ist die beste Maklerin“ und fing mit Fritz
gleich von dem Geschäft zu reden an, das er mit ihm plante. Er erklärte ihm
an Ort und Stelle das Technische und sagte, was man von ihm
beanspruchte: daß er sich wegen seiner Wasserkraft abfinden ließe und die
Mühle, die dem Wohnhaus gegenüberlag, als Betriebsgebäude für die
elektrische Anlage billig hergäbe. Fritz wollte sich die Sache mal
Einerlei, es hatte sich bei ihm festgesetzt. Es kam über ihn, wie damals, als
ihm der Pfarrer von den heimlichen Zusammenkünften der beiden erzählt
hatte. Fenn war zumut wie einem, der ein liebgewordenes Haus von weitem
wiedersieht und weiß, es steht noch und schaut ungefähr noch aus wie
früher, aber ein anderer wohnt drin, und für dich hat es keine Stätte mehr.
„Wo ich herkomme?“ ging er auf Marjännis Frage ein. „Um die Wahrheit
zu sagen: Geradewegs aus der Kirche.“
„Das hätte ich mir denken können. Da gehört Ihr ja eigentlich auch hin,“
sagte sie und suchte gleich, sich Vergebung für ihre plumpe Rede zu
erlächeln.
„Freilich, die Kirche ist ja unsere Werkstatt.“ Er wollte fragen, ob Fritz
zu Hause sei, und wußte plötzlich nicht, ob er noch „dein Mann“ sagen
dürfte, da sie vorhin über das „du“ gestolpert war. „Ist Fritz zu Hause?“
fragte er schließlich.
„Nein, mein Mann ist auf der Jagd,“ beeilte sie sich zu entgegnen. „Aber
meinen Sohn kann ich dir vorstellen. Komm doch herein in die Stube.“
Nein, er dankte. Er hätte mit Lampert reden wollen, er werde ein
andermal wiederkommen. Und er empfand auch, daß sie mit ihm den
rechten Ton nicht finden würde, daß es ihr lieb wäre, wenn er ginge.
Er schlug den Weg in die Äcker ein und kam in die Nähe des
Höhlenwegs. Am Rande der Schlucht stand Fritz Lampert, die Jagdflinte
schußbereit, während unten im Gestrüpp seine Bracken läuteten. Fenn blieb
stehen und wartete ab. Ein Häschen brach oben aus dem Gestrüpp, tat ein
paar Sätze über einen Sturzacker und überschlug sich im Feuer, daß seine
weiße Bauchwolle schimmerte. „Bravo!“ rief Fenn, und Fritz antwortete
geschmeichelt: „Ah, du bist das! Den hab ich mir prompt geholt, was!“ Er
nahm dem apportierenden Hund den Hasen ab und tat ihn nach den
üblichen Manipulationen in die Jagdtasche. „So, jetzt kann ich heimgehen,
jetzt lacht mich die Frau nicht aus.“
Fenn dachte: „Gute Laune ist die beste Maklerin“ und fing mit Fritz
gleich von dem Geschäft zu reden an, das er mit ihm plante. Er erklärte ihm
an Ort und Stelle das Technische und sagte, was man von ihm
beanspruchte: daß er sich wegen seiner Wasserkraft abfinden ließe und die
Mühle, die dem Wohnhaus gegenüberlag, als Betriebsgebäude für die
elektrische Anlage billig hergäbe. Fritz wollte sich die Sache mal
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überschlafen. Daß ihm seine Mühle nicht viel einbrachte, gab er zwar nicht
zu, indes, er wollte mit sich reden lassen.
„Und nun laß ich dich nicht los, nun mußt du mit mir zu Nacht essen.“
„Nein, Fritz, ich danke wirklich. Ich war vorhin bei euch zu Haus, ich
habe deine Frau begrüßt ...“
„Um so besser. Du mußt mir den Gefallen tun.“ Er faßte Fenn am Ärmel
und zog ihn mit fort.
J a, gemütlich sah es aus bei Lamperts. Die Frau wußte ein Haus zu
führen. Anfangs sei es ihr ja schwer gefallen, scherzte Fritz, da habe
manchmal noch das Fräulein Lehrerin überwogen, aber sie habe sich als
Hausmutter gemacht, sie koche leidlich, und es lasse sich mit ihr leben. Nur
mit der Butter gehe sie zu sparsam um, wohl noch von zuhause her. Er
müsse an allem reichlich Butter haben, und wenn sie zwei Mark das Pfund
koste. Er begann sehr viele Sätze mit „ich“, um zu sagen, wie er, Fritz
Lampert, dies oder jenes am liebsten habe. „Ich trinke keinen Viez, der ist
mir zu läpsch.“ Oder: „Ich esse vom Hasen nur das Contrefilet, das hier,
unterm Rückgrat sitzt.“ Und Frau Marjänni tat es ihm schon nach: „Mein
Mann mag Fische nur, wenn sie direkt aus dem Wasser kommen,“ und:
„Mein Mann könnte längst Feuerwehrkommandant sein, wenn er wollte.“
Fritz und Marjänni konnten es nicht fassen, daß Fenn Kaß sich in den
Kopf gesetzt hatte, den Brebachern eine elektrische Kraftanlage zu bauen.
„Glaubst du denn, daß du dabei etwas aufsteckst?“ fragte Fritz.
„Ich will doch nichts aufstecken, ich bin schon zufrieden, wenn die Leute
ihr Licht für Stall und Scheune und die Kraft für ihre Dreschmaschinen und
dergleichen billig bekommen.“
„Was hast denn du davon?“ meinte Marjänni.
„Die Freude, daß ich ihnen einen Dienst geleistet habe.“
Fritz prustete los, und Marjänni sagte: „Doch, Fritz, ich glaube ihm das.
Laß ihn doch, wenn es ihm Spaß macht.“
„Na ja, es gibt also doch noch Idealisten. Frau, hol uns noch eine Flasche,
und bring dir ein Glas mit.“
Es wurde gemütlich. Marjänni brachte noch eine Flasche und schüttete
zum Nachtisch eine Schürze voll frischer Nüsse auf das Tischtuch. Fenn
hemmte seine Zunge rechtzeitig. Er wollte sagen: „Ei, das ist ja wie am
zu, indes, er wollte mit sich reden lassen.
„Und nun laß ich dich nicht los, nun mußt du mit mir zu Nacht essen.“
„Nein, Fritz, ich danke wirklich. Ich war vorhin bei euch zu Haus, ich
habe deine Frau begrüßt ...“
„Um so besser. Du mußt mir den Gefallen tun.“ Er faßte Fenn am Ärmel
und zog ihn mit fort.
J a, gemütlich sah es aus bei Lamperts. Die Frau wußte ein Haus zu
führen. Anfangs sei es ihr ja schwer gefallen, scherzte Fritz, da habe
manchmal noch das Fräulein Lehrerin überwogen, aber sie habe sich als
Hausmutter gemacht, sie koche leidlich, und es lasse sich mit ihr leben. Nur
mit der Butter gehe sie zu sparsam um, wohl noch von zuhause her. Er
müsse an allem reichlich Butter haben, und wenn sie zwei Mark das Pfund
koste. Er begann sehr viele Sätze mit „ich“, um zu sagen, wie er, Fritz
Lampert, dies oder jenes am liebsten habe. „Ich trinke keinen Viez, der ist
mir zu läpsch.“ Oder: „Ich esse vom Hasen nur das Contrefilet, das hier,
unterm Rückgrat sitzt.“ Und Frau Marjänni tat es ihm schon nach: „Mein
Mann mag Fische nur, wenn sie direkt aus dem Wasser kommen,“ und:
„Mein Mann könnte längst Feuerwehrkommandant sein, wenn er wollte.“
Fritz und Marjänni konnten es nicht fassen, daß Fenn Kaß sich in den
Kopf gesetzt hatte, den Brebachern eine elektrische Kraftanlage zu bauen.
„Glaubst du denn, daß du dabei etwas aufsteckst?“ fragte Fritz.
„Ich will doch nichts aufstecken, ich bin schon zufrieden, wenn die Leute
ihr Licht für Stall und Scheune und die Kraft für ihre Dreschmaschinen und
dergleichen billig bekommen.“
„Was hast denn du davon?“ meinte Marjänni.
„Die Freude, daß ich ihnen einen Dienst geleistet habe.“
Fritz prustete los, und Marjänni sagte: „Doch, Fritz, ich glaube ihm das.
Laß ihn doch, wenn es ihm Spaß macht.“
„Na ja, es gibt also doch noch Idealisten. Frau, hol uns noch eine Flasche,
und bring dir ein Glas mit.“
Es wurde gemütlich. Marjänni brachte noch eine Flasche und schüttete
zum Nachtisch eine Schürze voll frischer Nüsse auf das Tischtuch. Fenn
hemmte seine Zunge rechtzeitig. Er wollte sagen: „Ei, das ist ja wie am
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Vorabend unserer ersten Fahrt nach Luxemburg“ – da trat die blutende
Gestalt des alten Lampert dazwischen und schnitt ihm das Wort ab.
Marjänni trank mit und wurde gesprächig. Fenn fiel es auf, wie der junge
Lampert anfing, seinem Vater ähnlich zu sehen. Er hatte schon dasselbe
gedunsene Gesicht, nur blasser, dieselben Quellaugen, dieselben groben
Hände, die sich schwer auf alles legten, aber aus denen die Energie des
Zufassens, wie sie in den Händen der Lampertschen Vorfahren gewohnt
hatte, verflüchtigt war.
Und sie? „Sie sieht ihm doch ähnlich!“ dachte Fenn, während er sie
verstohlen betrachtete, wie sie, eine Wange in der hohlen Hand und den
Ellenbogen aufgestützt, ihm schräg gegenübersaß, neben ihrem Mann. In
den Augen lag die Ähnlichkeit nicht. Das waren willfährige
Gehorcherinnenaugen, die nach den Wünschen eines Gebieters spähten,
nicht immer froh, manchmal mißmutig, aber immer untertan. Es waren die
Augen eines Wesens, das in sich allein keine Erfüllung findet, das
Ergänzung sucht und sich da gehorsam einlebt, wo sein Schicksal es am
Strande absetzt. Sie war mit ihrem ganzen Wollen und Denken dem Wollen
und Denken ihres Mannes magdlich untergeben, und einige Sekunden lang
schnürte es Fenn wieder die Kehle, daß sie außerhalb seines Lebens ihre
Erfüllung gefunden hatte. Jetzt sah er auch die Ähnlichkeit. Sie lag im Zug
des Mundes. Ihre Lippen, die ehedem wie feine, rote Striche waren, glichen
jetzt runden Wülsten und standen fortwährend gerade soweit geöffnet, daß
man in ihrem Schatten die Zähne blitzen sah. Genießerisch breit waren ihre
Lippen geworden, schlapp und satt, wie die ihres Mannes. Tiefes Mitleid
mit ihr gewann allmählich bei Fenn die Oberhand.
Man sprach weiter von dem Plan, die Mühle der Gemeinde abzutreten.
Fritz nahm ein Blatt Papier und rechnete aus, wie sich für ihn das Ergebnis
stellen würde. Er operierte mit Ziffern, in denen er seinen derzeitigen
Verdienst stark übertrieb, aber dennoch fand sich, daß er kein schlechtes
Geschäft machen würde. Marjänni zog das Blatt an sich und suchte zu
begreifen. Die Ziffern verwirrten sich ihr vor den Augen, aber ihr Instinkt
redete. Wenn Fritz die Mühle aufgab, hatte er gar keine Beschäftigung
mehr. Was dann würde, wußte sie genau. Schon jetzt betrank er sich jeden
Tag, machte in den paar Wirtshäusern des Dorfes die Runde und blieb halbe
Tage lang draußen, wenn er wo in eine Partie Karten oder Kegel geriet.
Marjänni meinte also, mit dem elektrischen Projekte sei es nichts. Fritz
begehrte auf, Fenn vermittelte, und als Lampert mit groben Worten
Gestalt des alten Lampert dazwischen und schnitt ihm das Wort ab.
Marjänni trank mit und wurde gesprächig. Fenn fiel es auf, wie der junge
Lampert anfing, seinem Vater ähnlich zu sehen. Er hatte schon dasselbe
gedunsene Gesicht, nur blasser, dieselben Quellaugen, dieselben groben
Hände, die sich schwer auf alles legten, aber aus denen die Energie des
Zufassens, wie sie in den Händen der Lampertschen Vorfahren gewohnt
hatte, verflüchtigt war.
Und sie? „Sie sieht ihm doch ähnlich!“ dachte Fenn, während er sie
verstohlen betrachtete, wie sie, eine Wange in der hohlen Hand und den
Ellenbogen aufgestützt, ihm schräg gegenübersaß, neben ihrem Mann. In
den Augen lag die Ähnlichkeit nicht. Das waren willfährige
Gehorcherinnenaugen, die nach den Wünschen eines Gebieters spähten,
nicht immer froh, manchmal mißmutig, aber immer untertan. Es waren die
Augen eines Wesens, das in sich allein keine Erfüllung findet, das
Ergänzung sucht und sich da gehorsam einlebt, wo sein Schicksal es am
Strande absetzt. Sie war mit ihrem ganzen Wollen und Denken dem Wollen
und Denken ihres Mannes magdlich untergeben, und einige Sekunden lang
schnürte es Fenn wieder die Kehle, daß sie außerhalb seines Lebens ihre
Erfüllung gefunden hatte. Jetzt sah er auch die Ähnlichkeit. Sie lag im Zug
des Mundes. Ihre Lippen, die ehedem wie feine, rote Striche waren, glichen
jetzt runden Wülsten und standen fortwährend gerade soweit geöffnet, daß
man in ihrem Schatten die Zähne blitzen sah. Genießerisch breit waren ihre
Lippen geworden, schlapp und satt, wie die ihres Mannes. Tiefes Mitleid
mit ihr gewann allmählich bei Fenn die Oberhand.
Man sprach weiter von dem Plan, die Mühle der Gemeinde abzutreten.
Fritz nahm ein Blatt Papier und rechnete aus, wie sich für ihn das Ergebnis
stellen würde. Er operierte mit Ziffern, in denen er seinen derzeitigen
Verdienst stark übertrieb, aber dennoch fand sich, daß er kein schlechtes
Geschäft machen würde. Marjänni zog das Blatt an sich und suchte zu
begreifen. Die Ziffern verwirrten sich ihr vor den Augen, aber ihr Instinkt
redete. Wenn Fritz die Mühle aufgab, hatte er gar keine Beschäftigung
mehr. Was dann würde, wußte sie genau. Schon jetzt betrank er sich jeden
Tag, machte in den paar Wirtshäusern des Dorfes die Runde und blieb halbe
Tage lang draußen, wenn er wo in eine Partie Karten oder Kegel geriet.
Marjänni meinte also, mit dem elektrischen Projekte sei es nichts. Fritz
begehrte auf, Fenn vermittelte, und als Lampert mit groben Worten
Page 128
dreinfuhr, kamen seiner Frau die Tränen. Da legte er erst recht los gegen
diese verfluchte Flennerei der Weiberbande. Wenn sie von drei Glas Wein
das heulende Elend bekam, sollte sie doch lieber Milch trinken. Sie sollte
ihre Kartoffeln kochen und ihre Kinderwindeln waschen und sich nicht
dreinmischen, wenn die Männer zu reden hätten.
Fenn suchte Frieden zu stiften, Fritz wurde noch gröber, und dann
verteidigte sich Marjänni. Da sie mundfertiger war, als ihr Mann, kam
dieser schließlich ins Hintertreffen. Er benutzte die Pausen, um mit seinem
gröbsten Geschütz dazwischenzufeuern, schrie, bleich vor Zorn mit seltsam
verwandelter, knödelnder Halsstimme, sie wisse ja, was sie zu tun habe,
wenn es ihr nicht mehr passe, und er hätte klüger getan, sie in ihrem
Schulmeisterheim zu lassen und sich eine Frau zu nehmen, die an ein
Regiment gewöhnt sei, wie es in deftigen Häusern herrsche. Ein Wort gab
das andere, bis Fritz rasend dastand und seinen Stuhl fluchend mit beiden
Händen bis an die Decke hob, als wolle er ihn seiner Frau auf dem Scheitel
zerschmettern. Aber er begnügte sich, ihn auf den Tisch zu hauen, daß
Flaschen und Gläser in Splittern herumflogen.
Marjänni kannte das. Sie wußte: nun wird er ruhiger. Und sie rettete sich
rasch auf die Seite der gekränkten Unschuld. „Das ist ja recht nett,“ sagte
sie mit kalt verweisendem Ton. „Du bringst unserm Gast ja eine
merkwürdige Vorstellung bei von unserm Familienleben.“
„Ach was,“ brummte er im Verschnaufen, „du sollst mich nicht so in Wut
bringen. Geh, Fenn, setz dich her, sie holt noch eine Flasche.“
Fenn mußte wohl oder übel noch eine Flasche mittrinken. Marjänni saß
dabei, und es brachte ihn in tödliche Verlegenheit, daß sie ihm manchmal,
wenn Fritz sie gerade nicht bemerkte, einen Blick zuwarf, der zwischen ihr
und ihm eine Art geheimen Einverständnisses herstellen, einen Blick, der
ihm sagen sollte: „Ja, so ist er! Was bin ich doch für eine todunglückliche
Frau!“ Und im nächsten Augenblick sagte sie mit fast zärtlicher
Vorsorglichkeit: „Fritz, trink nicht so schnell, du weißt ja, es bekommt dir
nicht!“
Als Fenn von den beiden Abschied nahm, standen sie im Rahmen der
Haustür eng umschlungen, und es kam ihm vor, als legten sie bewußt in
ihren Gute-Nachtgruß ein klein wenig von der Ironie des Reichen gegen
den Bettler. Ein Gefühl physischen Ekels war in ihm gegen den
Lebensausschnitt, dessen Zeuge er gewesen war. Irgend etwas göttlich
Reines meinte er beschmutzt und zertreten gesehen zu haben, und am
diese verfluchte Flennerei der Weiberbande. Wenn sie von drei Glas Wein
das heulende Elend bekam, sollte sie doch lieber Milch trinken. Sie sollte
ihre Kartoffeln kochen und ihre Kinderwindeln waschen und sich nicht
dreinmischen, wenn die Männer zu reden hätten.
Fenn suchte Frieden zu stiften, Fritz wurde noch gröber, und dann
verteidigte sich Marjänni. Da sie mundfertiger war, als ihr Mann, kam
dieser schließlich ins Hintertreffen. Er benutzte die Pausen, um mit seinem
gröbsten Geschütz dazwischenzufeuern, schrie, bleich vor Zorn mit seltsam
verwandelter, knödelnder Halsstimme, sie wisse ja, was sie zu tun habe,
wenn es ihr nicht mehr passe, und er hätte klüger getan, sie in ihrem
Schulmeisterheim zu lassen und sich eine Frau zu nehmen, die an ein
Regiment gewöhnt sei, wie es in deftigen Häusern herrsche. Ein Wort gab
das andere, bis Fritz rasend dastand und seinen Stuhl fluchend mit beiden
Händen bis an die Decke hob, als wolle er ihn seiner Frau auf dem Scheitel
zerschmettern. Aber er begnügte sich, ihn auf den Tisch zu hauen, daß
Flaschen und Gläser in Splittern herumflogen.
Marjänni kannte das. Sie wußte: nun wird er ruhiger. Und sie rettete sich
rasch auf die Seite der gekränkten Unschuld. „Das ist ja recht nett,“ sagte
sie mit kalt verweisendem Ton. „Du bringst unserm Gast ja eine
merkwürdige Vorstellung bei von unserm Familienleben.“
„Ach was,“ brummte er im Verschnaufen, „du sollst mich nicht so in Wut
bringen. Geh, Fenn, setz dich her, sie holt noch eine Flasche.“
Fenn mußte wohl oder übel noch eine Flasche mittrinken. Marjänni saß
dabei, und es brachte ihn in tödliche Verlegenheit, daß sie ihm manchmal,
wenn Fritz sie gerade nicht bemerkte, einen Blick zuwarf, der zwischen ihr
und ihm eine Art geheimen Einverständnisses herstellen, einen Blick, der
ihm sagen sollte: „Ja, so ist er! Was bin ich doch für eine todunglückliche
Frau!“ Und im nächsten Augenblick sagte sie mit fast zärtlicher
Vorsorglichkeit: „Fritz, trink nicht so schnell, du weißt ja, es bekommt dir
nicht!“
Als Fenn von den beiden Abschied nahm, standen sie im Rahmen der
Haustür eng umschlungen, und es kam ihm vor, als legten sie bewußt in
ihren Gute-Nachtgruß ein klein wenig von der Ironie des Reichen gegen
den Bettler. Ein Gefühl physischen Ekels war in ihm gegen den
Lebensausschnitt, dessen Zeuge er gewesen war. Irgend etwas göttlich
Reines meinte er beschmutzt und zertreten gesehen zu haben, und am
Page 129
trostlosesten schien es ihm, daß die, die er in solche Tiefen gestoßen sah,
nicht mehr mit der starken Sehnsucht, die erlösen kann, ans Licht zu streben
vermochte.
F enns Verhältnis zu seinem Pfarrer gestaltete sich immer unerfreulicher.
Brendel war aus kleinen Verhältnissen an die Spitze der wohlhabenden
Pfarrei in Brebach gekommen. Er war fromm, von jener Frömmigkeit,
die in Worten verdampft, dabei von robustem Erwerbssinn. Und so wickelte
sich sein Leben ab zwischen dem Bestreben, „auf den Haufen zu schaffen“,
wie die Leute sagten, und dem andern, seine Pfarrei nach seinem Begriff
der Gottesfurcht zu stilisieren. Ein frömmelnder Bauer war ihm der
Inbegriff alles Erstrebenswerten, was ein Seelsorger aus einem Pfarrkind
machen kann. Und daß ihn sein Kaplan in dieser Richtung nicht
unterstützte, nahm er ihm natürlich äußerst übel. Auf Schritt und Tritt sah er
sein Wirken von dem frischen, weltlichen Draufgängertum dieses
„Schmiedegesellen“, wie er ihn heimlich nannte, durchkreuzt. Pfarrer
Brendel hatte seine Pfarrei mit einem frommen Vereinswesen wie mit
Kaninchenbauen durchzogen. Er hatte einen Jünglings- und einen
Jungfrauenverein, einen Paramentenverein, einen Verein des Heiligen
Herzens Jesu und einen Verein des Heiligen Herzens Mariä, einen Verein
vom Kindlein Jesu für Loskaufung von armen Heidenkindern und eine
Bruderschaft von diesem und eine Schwesterschaft von jener Heiligen.
Jeder Mensch in Brebach hatte für jeden Tag in der Woche einen andern
Verein, als dessen Mitglied er sich jeweils fühlen konnte, wenn er Lust
hatte. Und außerdem durchdrang der Herr Pfarrer den Gesangverein und die
Feuerwehr vollständig mit seinem Einfluß, alle mehr oder weniger
öffentlichen Kundgebungen des profanen Lebens suchte er mit Pietismus zu
durchsäuern, allerdings nicht immer mit dem gewünschten Erfolg. Denn
wenn die Brebacher aus angeborener Gutmütigkeit und innerlicher
Glaubenstreue sich manches gefallen ließen, so schüttelten sie sich doch
zuweilen, wenn ihr Pfarrer sie zu stark für seine Frömmlerzwecke in
Anspruch nahm.
Die Buchführung über seine heilige Vereinsmeierei war eine der
Hauptbeschäftigungen des Pfarrers Brendel, und er ging denn auch schon
mit dem Gedanken um, sie auf seinen Kaplan abzuladen, als er wahrnahm,
nicht mehr mit der starken Sehnsucht, die erlösen kann, ans Licht zu streben
vermochte.
F enns Verhältnis zu seinem Pfarrer gestaltete sich immer unerfreulicher.
Brendel war aus kleinen Verhältnissen an die Spitze der wohlhabenden
Pfarrei in Brebach gekommen. Er war fromm, von jener Frömmigkeit,
die in Worten verdampft, dabei von robustem Erwerbssinn. Und so wickelte
sich sein Leben ab zwischen dem Bestreben, „auf den Haufen zu schaffen“,
wie die Leute sagten, und dem andern, seine Pfarrei nach seinem Begriff
der Gottesfurcht zu stilisieren. Ein frömmelnder Bauer war ihm der
Inbegriff alles Erstrebenswerten, was ein Seelsorger aus einem Pfarrkind
machen kann. Und daß ihn sein Kaplan in dieser Richtung nicht
unterstützte, nahm er ihm natürlich äußerst übel. Auf Schritt und Tritt sah er
sein Wirken von dem frischen, weltlichen Draufgängertum dieses
„Schmiedegesellen“, wie er ihn heimlich nannte, durchkreuzt. Pfarrer
Brendel hatte seine Pfarrei mit einem frommen Vereinswesen wie mit
Kaninchenbauen durchzogen. Er hatte einen Jünglings- und einen
Jungfrauenverein, einen Paramentenverein, einen Verein des Heiligen
Herzens Jesu und einen Verein des Heiligen Herzens Mariä, einen Verein
vom Kindlein Jesu für Loskaufung von armen Heidenkindern und eine
Bruderschaft von diesem und eine Schwesterschaft von jener Heiligen.
Jeder Mensch in Brebach hatte für jeden Tag in der Woche einen andern
Verein, als dessen Mitglied er sich jeweils fühlen konnte, wenn er Lust
hatte. Und außerdem durchdrang der Herr Pfarrer den Gesangverein und die
Feuerwehr vollständig mit seinem Einfluß, alle mehr oder weniger
öffentlichen Kundgebungen des profanen Lebens suchte er mit Pietismus zu
durchsäuern, allerdings nicht immer mit dem gewünschten Erfolg. Denn
wenn die Brebacher aus angeborener Gutmütigkeit und innerlicher
Glaubenstreue sich manches gefallen ließen, so schüttelten sie sich doch
zuweilen, wenn ihr Pfarrer sie zu stark für seine Frömmlerzwecke in
Anspruch nahm.
Die Buchführung über seine heilige Vereinsmeierei war eine der
Hauptbeschäftigungen des Pfarrers Brendel, und er ging denn auch schon
mit dem Gedanken um, sie auf seinen Kaplan abzuladen, als er wahrnahm,
Page 130
daß er damit den Bock zum Gärtner machen würde. Durch seine Vereinssaat
wehte ein verdächtiger Wind. Und eines schönen Tages stand er vor der
unerfreulichen Tatsache, daß aus den Kerntruppen seines Jünglingsvereins
und seiner andern männlichen Vereine und Bruderschaften sich auf
Betreiben des „Schmiedegesellen“ ein Ackerbau-Lokalverein gebildet hatte
mit dem schnöden Zweck, Kunstdünger gemeinsam zu beziehen,
Ackerbaugeräte und Maschinen zu gemeinsamem Gebrauch anzuschaffen
und sich durch Vorträge und Lektüre allgemein zu bilden. Dazu kam, daß
der Kaplan durch diesen Verein auf die Gemeinde zugunsten seiner
elektrischen Kraftanlage zu drücken gedachte. Emil Masseler hatte das alles
dem Herrn Pfarrer brühwarm hinterbracht, als dieser eines Abends mit
seiner Schwester auf ein Schwätzchen zur Erbtante gekommen war. Bei der
Erbtante gab es immer eine gute Flasche, und da konnte der Herr Pastor
seinem bedrängten Herzen zwanglos Luft machen. Die Erbtante wollte mit
den Behörden, deren Vertreter ebenfalls ihren Keller zu schätzen wußten,
ein Wörtchen reden. Diesem ungefügigen Herrn würde man schon das
Handwerk legen.
Da wirkte es wie ein kaltes Sturzbad, als eines Tages in Brebach bekannt
wurde, Kaplan Kaß sei in der Stadt lange beim Ackerbauminister gewesen,
der ihn gar bei sich zu Tisch gehabt und ihn wegen seiner gemeinnützigen
Initiative in Gegenwart verschiedener hoher Beamten sehr gelobt habe.
Verbohrter als je kroch Pfarrer Brendel in das Schneckenhaus seiner
frommen Selbstgerechtigkeit zurück und brütete Vergeltung.
Am nächsten Sonntag predigte er im Hochamt. Kaplan Kaß saß im
Chorgestühl. Was Pfarrer Brendel in der Regel predigte, war ein lauwarmer
Wortbrei mit Mohn, bei dessen Genuß seine Zuhörer eine unwiderstehliche
Schlafsucht überfiel. Eine Weile wehrten sie sich dagegen, zwangen die
Augenlider krampfhaft hinauf, bis ihnen war, als stiege der Altar mit seinen
blinkenden Blumen und seinen gelben Kerzenflammen langsam gen
Himmel und als senkte sich ein dunkler Sammetvorhang zwischen sie und
die sichtbare Welt. Diesmal schmeckten sie alle den Essig durch, der
zwischen den Worten ihres frommen Pfarrers sickerte, und sie horchten auf.
Was war denn das? Das klang ja gar nicht so erdenfern und schläfrig wie
sonst, das schien ja, als ob ihnen „der Herr“ diesmal wirklich etwas zu
sagen hätte.
„Geliebte Christen!“ Sonst war die Anrede über sie hinweggegangen wie
ein leerer Schall. Heute klang daraus ein Aufruf, eine Aufforderung, zu
wehte ein verdächtiger Wind. Und eines schönen Tages stand er vor der
unerfreulichen Tatsache, daß aus den Kerntruppen seines Jünglingsvereins
und seiner andern männlichen Vereine und Bruderschaften sich auf
Betreiben des „Schmiedegesellen“ ein Ackerbau-Lokalverein gebildet hatte
mit dem schnöden Zweck, Kunstdünger gemeinsam zu beziehen,
Ackerbaugeräte und Maschinen zu gemeinsamem Gebrauch anzuschaffen
und sich durch Vorträge und Lektüre allgemein zu bilden. Dazu kam, daß
der Kaplan durch diesen Verein auf die Gemeinde zugunsten seiner
elektrischen Kraftanlage zu drücken gedachte. Emil Masseler hatte das alles
dem Herrn Pfarrer brühwarm hinterbracht, als dieser eines Abends mit
seiner Schwester auf ein Schwätzchen zur Erbtante gekommen war. Bei der
Erbtante gab es immer eine gute Flasche, und da konnte der Herr Pastor
seinem bedrängten Herzen zwanglos Luft machen. Die Erbtante wollte mit
den Behörden, deren Vertreter ebenfalls ihren Keller zu schätzen wußten,
ein Wörtchen reden. Diesem ungefügigen Herrn würde man schon das
Handwerk legen.
Da wirkte es wie ein kaltes Sturzbad, als eines Tages in Brebach bekannt
wurde, Kaplan Kaß sei in der Stadt lange beim Ackerbauminister gewesen,
der ihn gar bei sich zu Tisch gehabt und ihn wegen seiner gemeinnützigen
Initiative in Gegenwart verschiedener hoher Beamten sehr gelobt habe.
Verbohrter als je kroch Pfarrer Brendel in das Schneckenhaus seiner
frommen Selbstgerechtigkeit zurück und brütete Vergeltung.
Am nächsten Sonntag predigte er im Hochamt. Kaplan Kaß saß im
Chorgestühl. Was Pfarrer Brendel in der Regel predigte, war ein lauwarmer
Wortbrei mit Mohn, bei dessen Genuß seine Zuhörer eine unwiderstehliche
Schlafsucht überfiel. Eine Weile wehrten sie sich dagegen, zwangen die
Augenlider krampfhaft hinauf, bis ihnen war, als stiege der Altar mit seinen
blinkenden Blumen und seinen gelben Kerzenflammen langsam gen
Himmel und als senkte sich ein dunkler Sammetvorhang zwischen sie und
die sichtbare Welt. Diesmal schmeckten sie alle den Essig durch, der
zwischen den Worten ihres frommen Pfarrers sickerte, und sie horchten auf.
Was war denn das? Das klang ja gar nicht so erdenfern und schläfrig wie
sonst, das schien ja, als ob ihnen „der Herr“ diesmal wirklich etwas zu
sagen hätte.
„Geliebte Christen!“ Sonst war die Anrede über sie hinweggegangen wie
ein leerer Schall. Heute klang daraus ein Aufruf, eine Aufforderung, zu
Page 131
hören.
„Geliebte Christen!“ Und Pfarrer Brendel begann eine anspielungsreiche
Predigt über die Erhabenheit und Heiligkeit des Priesterstandes. Er sagte in
umfangreichen Ausführungen, was und wie seiner Auffassung nach der
Priester sein müsse und was und wie er nicht sein dürfe. Mit Frömmigkeit
und Gebet müsse er die Welt bezwingen, – „alles übrige wird Euch
zugegeben werden. Hat unser Herr und Heiland nicht zu seinen Jüngern
gesagt: Wahrlich, wahrlich, ich sage Euch, Moses hat Euch nicht das Brot
vom Himmel gegeben, sondern mein Vater gibt Euch das rechte Brot vom
Himmel. Geliebte Christen, seht Euch vor, daß Euch nicht ein moderner
Moses das falsche Brot vom Himmel breche, denn: ich bin das Brot des
Lebens, sagt der Herr. Was frommt es Euch, wenn Ihr Eure Kornäcker mit
künstlichem Dünger besät, und Eure unsterblichen Seelen leiden Schaden
und müssen dürsten nach Wahrheit und Frömmigkeit wie die Wiese nach
dem Tau, und es ist niemand, der sie tränket. Sorget nicht, sprach Jesus zu
seinen Jüngern, für Euer Leben, was Ihr essen sollt und wie Ihr Euch
kleiden sollt, denn das Leben ist mehr als die Speise und der Leib mehr
denn die Kleidung. Wichtiger ist es, geliebte Christen, daß Ihr Eure Seelen
mit dem Geiste Gottes, als daß Ihr Eure Häuser mit dem Lichte dieser Welt
erleuchtet. Der Herr erhält alle, die da fallen, und richtet alle auf, die da
niedergeschlagen sind. Aller Augen warten auf ihn und er gibt ihnen Speise
zur rechten Zeit.“
Fenn Kaß hatte schon seit einigen Tagen wahrgenommen, daß der Pfarrer
etwas gegen ihn im Schilde führen mußte. Eine Frage fiel ihm ein, die Herr
Brendel ihm kürzlich mit seltsamer Betonung gestellt hatte: ob er sich denn
wirklich in seinem Beruf glücklich fühle. „Bis jetzt wohl,“ hatte ihm Fenn
geantwortet. „Und ich denke, wenn es mir gelingt, mein Wirken nach
meiner Auffassung auszugestalten, so werde ich wohl auch ferner glücklich
bleiben, soweit das dem Menschen überhaupt beschieden ist.“ Pfarrer
Brendel hatte sauersüß dazu gelächelt und entgegnet, der Herr Kaplan sei
noch sehr jung und unerfahren, und die Hauptsache sei eben die
Auffassung. „Wo will er hinaus?“ dachte Fenn Kaß, als er jetzt den Pfarrer
in seinem weißen Chorhemd auf der Kanzel stehen und mit merkwürdig
rotem Kopf auf seine Gemeinde losreden sah. Die erste Anspielung auf
seine Tätigkeit als Gründer des Lokalvereins hatte bewirkt, daß alle
Gesichter in der Kirche sich nach dem Chor wandten, wo der Herr Kaplan
„Geliebte Christen!“ Und Pfarrer Brendel begann eine anspielungsreiche
Predigt über die Erhabenheit und Heiligkeit des Priesterstandes. Er sagte in
umfangreichen Ausführungen, was und wie seiner Auffassung nach der
Priester sein müsse und was und wie er nicht sein dürfe. Mit Frömmigkeit
und Gebet müsse er die Welt bezwingen, – „alles übrige wird Euch
zugegeben werden. Hat unser Herr und Heiland nicht zu seinen Jüngern
gesagt: Wahrlich, wahrlich, ich sage Euch, Moses hat Euch nicht das Brot
vom Himmel gegeben, sondern mein Vater gibt Euch das rechte Brot vom
Himmel. Geliebte Christen, seht Euch vor, daß Euch nicht ein moderner
Moses das falsche Brot vom Himmel breche, denn: ich bin das Brot des
Lebens, sagt der Herr. Was frommt es Euch, wenn Ihr Eure Kornäcker mit
künstlichem Dünger besät, und Eure unsterblichen Seelen leiden Schaden
und müssen dürsten nach Wahrheit und Frömmigkeit wie die Wiese nach
dem Tau, und es ist niemand, der sie tränket. Sorget nicht, sprach Jesus zu
seinen Jüngern, für Euer Leben, was Ihr essen sollt und wie Ihr Euch
kleiden sollt, denn das Leben ist mehr als die Speise und der Leib mehr
denn die Kleidung. Wichtiger ist es, geliebte Christen, daß Ihr Eure Seelen
mit dem Geiste Gottes, als daß Ihr Eure Häuser mit dem Lichte dieser Welt
erleuchtet. Der Herr erhält alle, die da fallen, und richtet alle auf, die da
niedergeschlagen sind. Aller Augen warten auf ihn und er gibt ihnen Speise
zur rechten Zeit.“
Fenn Kaß hatte schon seit einigen Tagen wahrgenommen, daß der Pfarrer
etwas gegen ihn im Schilde führen mußte. Eine Frage fiel ihm ein, die Herr
Brendel ihm kürzlich mit seltsamer Betonung gestellt hatte: ob er sich denn
wirklich in seinem Beruf glücklich fühle. „Bis jetzt wohl,“ hatte ihm Fenn
geantwortet. „Und ich denke, wenn es mir gelingt, mein Wirken nach
meiner Auffassung auszugestalten, so werde ich wohl auch ferner glücklich
bleiben, soweit das dem Menschen überhaupt beschieden ist.“ Pfarrer
Brendel hatte sauersüß dazu gelächelt und entgegnet, der Herr Kaplan sei
noch sehr jung und unerfahren, und die Hauptsache sei eben die
Auffassung. „Wo will er hinaus?“ dachte Fenn Kaß, als er jetzt den Pfarrer
in seinem weißen Chorhemd auf der Kanzel stehen und mit merkwürdig
rotem Kopf auf seine Gemeinde losreden sah. Die erste Anspielung auf
seine Tätigkeit als Gründer des Lokalvereins hatte bewirkt, daß alle
Gesichter in der Kirche sich nach dem Chor wandten, wo der Herr Kaplan
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saß. Und alle hatten gesehen, wie Fenn das Blut in die Stirn gestiegen war
und wie sich die Falte zwischen seinen Brauen tiefer gegraben hatte.
Pfarrer Brendel sprach weiter:
„Geliebte Christen! Wie steht geschrieben? Es war ein Weib mit Namen
Martha, die nahm Jesum auf in ihr Haus. Und sie hatte eine Schwester, die
hieß Maria. Die setzte sich Jesu zu Füßen und hörte seiner Rede zu. Martha
aber machte sich viel zu schaffen, ihm zu dienen. Und sie trat hinzu und
sprach: Herr, fragest du nicht danach, daß mich meine Schwester läßt allein
dienen? Sage ihr doch, daß sie mir helfe. Jesus aber antwortete und sprach:
Martha, Martha, du machst dir viel Sorge und Mühe. Eins aber nur ist
notwendig. Maria hat das beste Teil erwählt, das soll nicht von ihr
genommen werden. Geliebte Christen! Was lehrt uns diese Erzählung aus
dem Evangelium des heiligen Apostels Lukas? Daß wir sollen unsern Sinn
nicht richten auf das Weltliche und Sinnliche, nicht auf Geld und Gut noch
auf Speise und Trank, denn sehet die Lilien auf dem Feld: sie säen nicht und
ernten nicht, und sie haben keinen Lokalverein und keine elektrische
Beleuchtung, und sind doch schöner gekleidet als Salomon in all seiner
Pracht und Herrlichkeit.“
Wieder fuhren alle Köpfe nach dem Chorgestühl, wo der Kaplan saß und
mit harten verschlossenen Mienen den predigenden Pfarrer ansah.
„Und im Evangelium Johannis lesen wir, geliebte Christen, daß auch
Judas Ischariot zugegen war, als Maria dem Herrn die Füße salbete mit
Salbe aus köstlicher Narde, und der Verräter sagte: Warum ist die Salbe
nicht um dreihundert Silberlinge verkauft und das Geld den Armen gegeben
worden? Er sorgte sich aber nicht um die Armen, sondern um seinen
Geldbeutel. Und Christus der Herr durchschaute ihn und sagte zu denen, die
um ihn standen: Arme werdet ihr allezeit bei Euch haben, mich aber habt
Ihr nicht allezeit bei Euch. Und so, geliebte Christen, gibt es auch heute
noch unter denen, die sich die Jünger Jesu nennen, viele, die mehr auf das
Wohl des Geldbeutels, als auf die Gegenwart des Herrn bedacht sind.“
Fenn Kaß schüttelte den Kopf und dachte: „Wie kann in einem
Menschenhirn soviel Torheit und Gottesliebe beieinander wohnen!“
Und der Herr Pfarrer sprach salbungsvoll und boshaft weiter von denen,
die den wahren Priesterberuf haben und denen, die die räudigen Schafe in
Gottes Herde sind: „Es sind die unruhigen, verbohrten Köpfe, für die die
Glaubenstreue besonders schwer ist, es sind die unlenkbaren Charaktere,
die sich nie an den priesterlichen Gehorsam gewöhnen, Temperamente, die
und wie sich die Falte zwischen seinen Brauen tiefer gegraben hatte.
Pfarrer Brendel sprach weiter:
„Geliebte Christen! Wie steht geschrieben? Es war ein Weib mit Namen
Martha, die nahm Jesum auf in ihr Haus. Und sie hatte eine Schwester, die
hieß Maria. Die setzte sich Jesu zu Füßen und hörte seiner Rede zu. Martha
aber machte sich viel zu schaffen, ihm zu dienen. Und sie trat hinzu und
sprach: Herr, fragest du nicht danach, daß mich meine Schwester läßt allein
dienen? Sage ihr doch, daß sie mir helfe. Jesus aber antwortete und sprach:
Martha, Martha, du machst dir viel Sorge und Mühe. Eins aber nur ist
notwendig. Maria hat das beste Teil erwählt, das soll nicht von ihr
genommen werden. Geliebte Christen! Was lehrt uns diese Erzählung aus
dem Evangelium des heiligen Apostels Lukas? Daß wir sollen unsern Sinn
nicht richten auf das Weltliche und Sinnliche, nicht auf Geld und Gut noch
auf Speise und Trank, denn sehet die Lilien auf dem Feld: sie säen nicht und
ernten nicht, und sie haben keinen Lokalverein und keine elektrische
Beleuchtung, und sind doch schöner gekleidet als Salomon in all seiner
Pracht und Herrlichkeit.“
Wieder fuhren alle Köpfe nach dem Chorgestühl, wo der Kaplan saß und
mit harten verschlossenen Mienen den predigenden Pfarrer ansah.
„Und im Evangelium Johannis lesen wir, geliebte Christen, daß auch
Judas Ischariot zugegen war, als Maria dem Herrn die Füße salbete mit
Salbe aus köstlicher Narde, und der Verräter sagte: Warum ist die Salbe
nicht um dreihundert Silberlinge verkauft und das Geld den Armen gegeben
worden? Er sorgte sich aber nicht um die Armen, sondern um seinen
Geldbeutel. Und Christus der Herr durchschaute ihn und sagte zu denen, die
um ihn standen: Arme werdet ihr allezeit bei Euch haben, mich aber habt
Ihr nicht allezeit bei Euch. Und so, geliebte Christen, gibt es auch heute
noch unter denen, die sich die Jünger Jesu nennen, viele, die mehr auf das
Wohl des Geldbeutels, als auf die Gegenwart des Herrn bedacht sind.“
Fenn Kaß schüttelte den Kopf und dachte: „Wie kann in einem
Menschenhirn soviel Torheit und Gottesliebe beieinander wohnen!“
Und der Herr Pfarrer sprach salbungsvoll und boshaft weiter von denen,
die den wahren Priesterberuf haben und denen, die die räudigen Schafe in
Gottes Herde sind: „Es sind die unruhigen, verbohrten Köpfe, für die die
Glaubenstreue besonders schwer ist, es sind die unlenkbaren Charaktere,
die sich nie an den priesterlichen Gehorsam gewöhnen, Temperamente, die
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sich vielleicht insgeheim auch gegen die priesterliche Keuschheit
aufbäumen, Seelen endlich, die niemals oder in höchst unvollkommener
Weise den dem Priestertum nötigen religiösen Geist, Geschmack an
göttlichen Dingen und Seeleneifer sich aneignen. Beten wir, geliebte
Christen, daß unsere Pfarrei immerdar vor solchen falschen Seelenhirten
bewahrt bleibe, beten wir, daß der Geist der Frömmigkeit und Gottesfurcht,
daß der Geist Marias niemals verdrängt werde durch die irdischen,
himmelabgewandten Sorgen einer Martha oder gar eines Judas Ischariot in
Priestergestalt. Amen!“
Die Zuhörer atmeten auf in der gelösten Spannung ihrer Gemüter, und sie
wußten nicht, sollten sie dem Pfarrer recht geben, der als frommer
Gottesmann sicher eine dem Himmel gefällige und im Grunde ja auch sehr
interessante Predigt gehalten hatte, oder sollten sie sich auf die Seite des
Kaplans schlagen, der doch ein so umgänglicher Mensch war und sie so
geschickt zu nehmen verstand? Sie wollten abwarten. Denn wie sie den
Kaplan kannten, würde er den Schimpf nicht stillschweigend einstecken.
Das Hochamt war vorbei. Die Kinder konnten es kaum erwarten, bis sie
ins Freie kamen. Zwei und zwei traten sie aus ihren niedrigen Bänken,
knixten lustig vor der Kommunionbank und gingen den Gang hinunter
zwischen den Sitzen der Großen, die Mützen und Hüte an den Mund
gedrückt, auf das offene Kirchentor zu, reichten sich kichernd Weihwasser
und traten mit einem innerlichen Juchzer über die Schwelle, denn noch
zehn, zwanzig Schritt, und sie durften in langen Sätzen die Treppe hinunter
auf die Straße stürmen. Aber sie schraken zusammen, und die vordern
stockten. Vor ihnen stand plötzlich der Kaplan, der aus der Sakristei um die
Kirche herum gekommen war. Er winkte stumm, daß sie vorbei gehen
sollten, und erst als die Erwachsenen kamen, stellte er sich ihnen mitten in
den Weg und hob die Hände in die Höhe. Verdutzt blieb alles stehen und
sammelte sich auf dem Vorplatz. Als die letzten heraus waren, ging Fenn
Kaß durch die stummen Reihen hindurch, zog die Kirchentür in die Klinke
und trat auf die breite erhöhte Schwelle.
„Meine lieben Freunde!“ hub er an. Die guten Brebacher betrachteten ihn
wie eine Erscheinung. Das war ja unerhört. Der hatte ja den Teufel im Leib.
„Meine lieben Freunde! Ich möchte euch nicht nach Hause gehen lassen,
ohne ein Mißverständnis zu zerstreuen, das vielleicht nach der heutigen
Predigt unseres – eures Herrn Pfarrers bei einigen von euch entstanden sein
könnte.“
aufbäumen, Seelen endlich, die niemals oder in höchst unvollkommener
Weise den dem Priestertum nötigen religiösen Geist, Geschmack an
göttlichen Dingen und Seeleneifer sich aneignen. Beten wir, geliebte
Christen, daß unsere Pfarrei immerdar vor solchen falschen Seelenhirten
bewahrt bleibe, beten wir, daß der Geist der Frömmigkeit und Gottesfurcht,
daß der Geist Marias niemals verdrängt werde durch die irdischen,
himmelabgewandten Sorgen einer Martha oder gar eines Judas Ischariot in
Priestergestalt. Amen!“
Die Zuhörer atmeten auf in der gelösten Spannung ihrer Gemüter, und sie
wußten nicht, sollten sie dem Pfarrer recht geben, der als frommer
Gottesmann sicher eine dem Himmel gefällige und im Grunde ja auch sehr
interessante Predigt gehalten hatte, oder sollten sie sich auf die Seite des
Kaplans schlagen, der doch ein so umgänglicher Mensch war und sie so
geschickt zu nehmen verstand? Sie wollten abwarten. Denn wie sie den
Kaplan kannten, würde er den Schimpf nicht stillschweigend einstecken.
Das Hochamt war vorbei. Die Kinder konnten es kaum erwarten, bis sie
ins Freie kamen. Zwei und zwei traten sie aus ihren niedrigen Bänken,
knixten lustig vor der Kommunionbank und gingen den Gang hinunter
zwischen den Sitzen der Großen, die Mützen und Hüte an den Mund
gedrückt, auf das offene Kirchentor zu, reichten sich kichernd Weihwasser
und traten mit einem innerlichen Juchzer über die Schwelle, denn noch
zehn, zwanzig Schritt, und sie durften in langen Sätzen die Treppe hinunter
auf die Straße stürmen. Aber sie schraken zusammen, und die vordern
stockten. Vor ihnen stand plötzlich der Kaplan, der aus der Sakristei um die
Kirche herum gekommen war. Er winkte stumm, daß sie vorbei gehen
sollten, und erst als die Erwachsenen kamen, stellte er sich ihnen mitten in
den Weg und hob die Hände in die Höhe. Verdutzt blieb alles stehen und
sammelte sich auf dem Vorplatz. Als die letzten heraus waren, ging Fenn
Kaß durch die stummen Reihen hindurch, zog die Kirchentür in die Klinke
und trat auf die breite erhöhte Schwelle.
„Meine lieben Freunde!“ hub er an. Die guten Brebacher betrachteten ihn
wie eine Erscheinung. Das war ja unerhört. Der hatte ja den Teufel im Leib.
„Meine lieben Freunde! Ich möchte euch nicht nach Hause gehen lassen,
ohne ein Mißverständnis zu zerstreuen, das vielleicht nach der heutigen
Predigt unseres – eures Herrn Pfarrers bei einigen von euch entstanden sein
könnte.“
Page 134
Emil Masseler räusperte sich, zum Zeichen, daß er ganz bei der Sache sei
und bereit, sich zu merken, was der Redner Falsches oder Ungehöriges etwa
vorbringen würde. Seine Erbtante schüttelte leise und mißbilligend den
Kopf, und die Frauen, die um sie standen, fanden infolgedessen auch, daß
Kaplan Kaß im Begriffe war, daneben zu greifen.
„Aus den Worten eures Herrn Pfarrers möchte vielleicht der eine oder der
andere von euch schließen, es mißfalle unserm lieben Herrgott, wenn sich
ein Priester dazu herbeiläßt, seinen Pfarrkindern mehr von der Wahrheit zu
sagen, als sie davon sonst erfahren, und auch in Dingen des Erwerbs mit
Rat und Tat ihnen an die Hand zu gehen. Ich halte diese Auffassung für
falsch. Ich bin nach wie vor entschlossen, euch die Geheimnisse der Natur
aufzuhellen, die ihr verstehen könnt und, soviel an mir liegt, werktätig zu
eurem zeitlichen Wohlergehen beizutragen. Derjenige, der euch euren
Verstand und eure Kräfte gegeben hat, der will auch, daß ihr sie reget und
gebraucht, daß ihr auch mit diesem Talente wuchert und damit das wirkt,
wozu es seiner Natur nach bestimmt ist. Nicht die Wahrheit ist verderblich,
sondern die Lüge. Und keine Arbeit, die in der natürlichen Ordnung der
Dinge liegt, kann dem Schöpfer mißfällig sein. Nur Schwächlinge und
Kranke können das Gegenteil behaupten. Wenn ich euch helfe, eure Kräfte
nach Möglichkeit anzuspannen und auszunützen, so habe ich bei der
Ausführung von Naturgesetzen geholfen, die von Gott geschaffen sind. Am
klarsten lernt ihr den Schöpfer erkennen in der Gesetzmäßigkeit, mit der
alle Kräfte des Weltalls ineinander wirken. Am aufrichtigsten verehrt man
den Meister, in dessen Werk man sich selber als ein Teil des Ganzen fühlt
und betätigt. Lernen und arbeiten sind das gottgefälligste Gebet, ihr Lohn
und ihr Segen sind von Gott gewollt. Ich könnte noch lange über denselben
Gegenstand zu euch reden und euch viele Bibelsprüche anführen, die für
mich zeugen, indes euer Mittagsmahl wartet auf euch, und ich will nicht
schuld sein, daß eure Suppe überkocht.“
Dieser Schluß, den Fenn Kaß lächelnden Mundes vorbrachte, glättete die
Stirnen, die überm Zuhören sich kraus gezogen hatten, und dehnte die
Münder zu einem beifälligen und befreiten Lächeln in die Breite.
Fenn Kaß trat von der Schwelle der Kirchentür herunter. Bereitwillig
öffnete die Menge ihm eine Gasse, und er schritt weit ausholend zwischen
ihren ehrerbietigen und zutunlichen Grüßen hindurch.
Die Leute verliefen sich mit Gesumme, nur der sanfte Emil blieb zurück
und wartete auf den Pfarrer, dem er, so gut er es vermochte, den Inhalt der
und bereit, sich zu merken, was der Redner Falsches oder Ungehöriges etwa
vorbringen würde. Seine Erbtante schüttelte leise und mißbilligend den
Kopf, und die Frauen, die um sie standen, fanden infolgedessen auch, daß
Kaplan Kaß im Begriffe war, daneben zu greifen.
„Aus den Worten eures Herrn Pfarrers möchte vielleicht der eine oder der
andere von euch schließen, es mißfalle unserm lieben Herrgott, wenn sich
ein Priester dazu herbeiläßt, seinen Pfarrkindern mehr von der Wahrheit zu
sagen, als sie davon sonst erfahren, und auch in Dingen des Erwerbs mit
Rat und Tat ihnen an die Hand zu gehen. Ich halte diese Auffassung für
falsch. Ich bin nach wie vor entschlossen, euch die Geheimnisse der Natur
aufzuhellen, die ihr verstehen könnt und, soviel an mir liegt, werktätig zu
eurem zeitlichen Wohlergehen beizutragen. Derjenige, der euch euren
Verstand und eure Kräfte gegeben hat, der will auch, daß ihr sie reget und
gebraucht, daß ihr auch mit diesem Talente wuchert und damit das wirkt,
wozu es seiner Natur nach bestimmt ist. Nicht die Wahrheit ist verderblich,
sondern die Lüge. Und keine Arbeit, die in der natürlichen Ordnung der
Dinge liegt, kann dem Schöpfer mißfällig sein. Nur Schwächlinge und
Kranke können das Gegenteil behaupten. Wenn ich euch helfe, eure Kräfte
nach Möglichkeit anzuspannen und auszunützen, so habe ich bei der
Ausführung von Naturgesetzen geholfen, die von Gott geschaffen sind. Am
klarsten lernt ihr den Schöpfer erkennen in der Gesetzmäßigkeit, mit der
alle Kräfte des Weltalls ineinander wirken. Am aufrichtigsten verehrt man
den Meister, in dessen Werk man sich selber als ein Teil des Ganzen fühlt
und betätigt. Lernen und arbeiten sind das gottgefälligste Gebet, ihr Lohn
und ihr Segen sind von Gott gewollt. Ich könnte noch lange über denselben
Gegenstand zu euch reden und euch viele Bibelsprüche anführen, die für
mich zeugen, indes euer Mittagsmahl wartet auf euch, und ich will nicht
schuld sein, daß eure Suppe überkocht.“
Dieser Schluß, den Fenn Kaß lächelnden Mundes vorbrachte, glättete die
Stirnen, die überm Zuhören sich kraus gezogen hatten, und dehnte die
Münder zu einem beifälligen und befreiten Lächeln in die Breite.
Fenn Kaß trat von der Schwelle der Kirchentür herunter. Bereitwillig
öffnete die Menge ihm eine Gasse, und er schritt weit ausholend zwischen
ihren ehrerbietigen und zutunlichen Grüßen hindurch.
Die Leute verliefen sich mit Gesumme, nur der sanfte Emil blieb zurück
und wartete auf den Pfarrer, dem er, so gut er es vermochte, den Inhalt der
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eben gehörten Standrede wiederholte. Pfarrer Brendel machte dazu ein ganz
verdonnertes Gesicht und sagte am Schluß mit einem Ausdruck, als sei ihm
der Gottseibeiuns erschienen: „Das klingt ja genau wie materialistische
Weltanschauung.“
„Ganz genau,“ bestätigte voll innerer Freude und äußerer Betrübnis der
sanfte Emil.
„Ich will nicht ab irato handeln,“ sagte Pfarrer Brendel, „aber der Fall ist
ernst, sehr ernst. Grüße deine Tante, lieber Emil, und ich ließe guten Appetit
wünschen. Vorderhand will ich nichts beschließen, ich muß vor allen
Dingen den Herrn Kaplan zur Rede stellen, wie es gemeint war.“
Es kam zu einer scharfen Auseinandersetzung zwischen dem Pfarrer und
Fenn Kaß. Aus dem Ton väterlich ernster Zurechtweisung fiel Herr Brendel
sehr bald in eine nervöse Unsicherheit, denn sein Kaplan setzte ihm mit
überlegenen Worten zu, und er freute sich wirklich, daß er zu der
Unterredung nicht, wie es zuerst seine Absicht gewesen war, mehrere
zuverlässige Älteste der Gemeinde zugezogen hatte, damit sie Zeugen
wären, wie der vorlaute junge Herr klein beigeben würde.
„Und schließlich, Herr Pfarrer, ich tue meine Pflicht, wie ich sie verstehe
und wie manche im Lande sie gleich mir tun möchten. Sollte das mich nicht
davor schützen, daß Sie mich öffentlich vor der versammelten Gemeinde in
den schmählichsten Verdacht bringen, so muß ich alle Mittel anwenden, die
mir gegen solche Verunglimpfung zu Gebote stehen.“
„Tun Sie, was Ihnen beliebt,“ sagte Pfarrer Brendel. Und er ließ von
Stund an seinen Kaplan ausspionieren, ob er etwa Anstalten träfe, sich bei
seinen geistlichen Vorgesetzten zu beschweren. Sein Plan für diesen Fall
war fertig.
Fenn ließ es dabei bewenden. Wenn er die Sache vor das Bistum brachte,
war es so gut wie sicher, daß er samt seinem Pfarrer versetzt wurde, und
dann würden für ihn anderswo möglicherweise dieselben Schwierigkeiten
des Einlebens sich wiederholen. Er wollte die Geschichte einschlafen lassen
und im übrigen die Wege weitergehen, die er eingeschlagen hatte.
M utter Kaß war an dem Sonntag, wo der eben erzählte Zwischenfall
sich ereignet hatte, nicht in der Kirche gewesen. Aber Marjänni hatte
alles mit angehört und der alten Frau am selben Nachmittag noch vor
verdonnertes Gesicht und sagte am Schluß mit einem Ausdruck, als sei ihm
der Gottseibeiuns erschienen: „Das klingt ja genau wie materialistische
Weltanschauung.“
„Ganz genau,“ bestätigte voll innerer Freude und äußerer Betrübnis der
sanfte Emil.
„Ich will nicht ab irato handeln,“ sagte Pfarrer Brendel, „aber der Fall ist
ernst, sehr ernst. Grüße deine Tante, lieber Emil, und ich ließe guten Appetit
wünschen. Vorderhand will ich nichts beschließen, ich muß vor allen
Dingen den Herrn Kaplan zur Rede stellen, wie es gemeint war.“
Es kam zu einer scharfen Auseinandersetzung zwischen dem Pfarrer und
Fenn Kaß. Aus dem Ton väterlich ernster Zurechtweisung fiel Herr Brendel
sehr bald in eine nervöse Unsicherheit, denn sein Kaplan setzte ihm mit
überlegenen Worten zu, und er freute sich wirklich, daß er zu der
Unterredung nicht, wie es zuerst seine Absicht gewesen war, mehrere
zuverlässige Älteste der Gemeinde zugezogen hatte, damit sie Zeugen
wären, wie der vorlaute junge Herr klein beigeben würde.
„Und schließlich, Herr Pfarrer, ich tue meine Pflicht, wie ich sie verstehe
und wie manche im Lande sie gleich mir tun möchten. Sollte das mich nicht
davor schützen, daß Sie mich öffentlich vor der versammelten Gemeinde in
den schmählichsten Verdacht bringen, so muß ich alle Mittel anwenden, die
mir gegen solche Verunglimpfung zu Gebote stehen.“
„Tun Sie, was Ihnen beliebt,“ sagte Pfarrer Brendel. Und er ließ von
Stund an seinen Kaplan ausspionieren, ob er etwa Anstalten träfe, sich bei
seinen geistlichen Vorgesetzten zu beschweren. Sein Plan für diesen Fall
war fertig.
Fenn ließ es dabei bewenden. Wenn er die Sache vor das Bistum brachte,
war es so gut wie sicher, daß er samt seinem Pfarrer versetzt wurde, und
dann würden für ihn anderswo möglicherweise dieselben Schwierigkeiten
des Einlebens sich wiederholen. Er wollte die Geschichte einschlafen lassen
und im übrigen die Wege weitergehen, die er eingeschlagen hatte.
M utter Kaß war an dem Sonntag, wo der eben erzählte Zwischenfall
sich ereignet hatte, nicht in der Kirche gewesen. Aber Marjänni hatte
alles mit angehört und der alten Frau am selben Nachmittag noch vor
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der Vesper in der Küche, während Fenn in seiner Studierstube saß,
haarklein und dramatisch mit groß aufgerissenen Augen und
leidenschaftlich geflüsterten Sätzen alles erzählt.
„Man muß ihn gewähren lassen,“ hatte Frau Kaß ruhig versetzt, als die
junge Frau fertig war und hatte sie auf später zu einer Tasse Kaffee geladen.
Marjänni war geschmeichelt gewesen. Schon hieß es im Dorfe, mit dem
Kaplanshause ließen sich schlechterdings keine Beziehungen anknüpfen,
sowohl die Mutter Kaß wie der alte Wöllem seien unzugänglich und gleich
festverriegelten Türen. Frau Lampert wußte also die Ehre zu schätzen, und
sie kam in die Küche zu den beiden Alten bald häufig zu Gast, ohne daß die
meiste Zeit Fenn darum wußte. Er wunderte sich nur, wie seine Mutter jetzt
so genau in der kleinen Dorfchronik Bescheid wußte und ihm oft aus
verborgenen Geschehnissen heraus Dinge erklären konnte, auf die er sonst
sich keinen Vers zu machen wußte. Allmählich bekam er einen Einblick in
das verworrene Gespinst der ärmlichsten und kleinlichsten Dorfintrigen, bei
denen in der Regel unbefriedigte Weiblichkeit die unausrottbare Triebkraft
abgibt: Weiber, die ihren Tatendrang und ihre abgestandene
Liebesbedürftigkeit durch das Sicherheitsventil eines so orgiastisch wie
systematisch betriebenen Klatsches ausströmen lassen, und Männer, die
ihnen dabei helfen. An der Zurückhaltung der einen, den Verlegenheiten der
andern und der klebrigen Unterwürfigkeit dritter merkte Fenn Kaß bald, daß
er den passiven Mittelpunkt mancher Klatschgewebe abgeben mußte, und
er lachte darüber und zuckte die Achseln, wie ein Gulliver, den die
Liliputaner in einen Käfig mit Zwirnfadengittern einsperren möchten.
haarklein und dramatisch mit groß aufgerissenen Augen und
leidenschaftlich geflüsterten Sätzen alles erzählt.
„Man muß ihn gewähren lassen,“ hatte Frau Kaß ruhig versetzt, als die
junge Frau fertig war und hatte sie auf später zu einer Tasse Kaffee geladen.
Marjänni war geschmeichelt gewesen. Schon hieß es im Dorfe, mit dem
Kaplanshause ließen sich schlechterdings keine Beziehungen anknüpfen,
sowohl die Mutter Kaß wie der alte Wöllem seien unzugänglich und gleich
festverriegelten Türen. Frau Lampert wußte also die Ehre zu schätzen, und
sie kam in die Küche zu den beiden Alten bald häufig zu Gast, ohne daß die
meiste Zeit Fenn darum wußte. Er wunderte sich nur, wie seine Mutter jetzt
so genau in der kleinen Dorfchronik Bescheid wußte und ihm oft aus
verborgenen Geschehnissen heraus Dinge erklären konnte, auf die er sonst
sich keinen Vers zu machen wußte. Allmählich bekam er einen Einblick in
das verworrene Gespinst der ärmlichsten und kleinlichsten Dorfintrigen, bei
denen in der Regel unbefriedigte Weiblichkeit die unausrottbare Triebkraft
abgibt: Weiber, die ihren Tatendrang und ihre abgestandene
Liebesbedürftigkeit durch das Sicherheitsventil eines so orgiastisch wie
systematisch betriebenen Klatsches ausströmen lassen, und Männer, die
ihnen dabei helfen. An der Zurückhaltung der einen, den Verlegenheiten der
andern und der klebrigen Unterwürfigkeit dritter merkte Fenn Kaß bald, daß
er den passiven Mittelpunkt mancher Klatschgewebe abgeben mußte, und
er lachte darüber und zuckte die Achseln, wie ein Gulliver, den die
Liliputaner in einen Käfig mit Zwirnfadengittern einsperren möchten.
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Drittes Kapitel
D as Kaplanshaus lag am Flußufer und hatte einen hübschen Garten, in
dem jetzt, Ende September, die Sonnenblumen ihre breiten
Samentorten reifen ließen, die Äpfel die warme Farbe des gelb
glühenden Abendhimmels bekamen und Astern und Chrysanthemen zu
knospen begannen. Fenn saß in der Spätnachmittagssonne und freute sich
der reifen Schönheit, die um ihn war. Die Uferhügel standen fern in
leichtem Dunst, und der Fluß spiegelte den wolkenlosen Himmel, die
schrägen Sonnenstrahlen machten die Wiesen leuchten und schienen auf die
Schornsteine eines weit talauf liegenden Dorfes, daß der Rauch nicht
entweichen konnte und als silbriger, bewegungsloser Schleier über den
Dächern hing. Ganz aus der Ferne kam der breite Ton einer
Automobilhuppe wie das kurze Muh eines Rindes. Das laute, schnurrige
Singen des Motors schwoll an und wieder ab, jetzt ratterte die Maschine
heran, schien langsamer zu fahren und stoppte. Fenn hörte von seinem Platz
aus, daß seine Mutter an der Haustür mit jemand redete, dann wurde es still,
und jetzt kam ein Herr durch den Garten auf Fenn zu. Dieser ging ihm
zögernd entgegen, im Gesicht den angespannten, fragenden Ausdruck, der
in die Züge tritt, wenn man etwas Fremdartiges rasch und angestrengt
enträtseln soll.
Der Unbekannte strich sich lachend den glänzendschwarzen Vollbart und
sagte: „Ja, lieber Fenn, wenn du mich mit solcher Bullenbeißermiene
empfängst, kehre ich lieber gleich wieder um.“
„Jeß Marja!“ klang es freudig erregt dawider, „der Theo!“ Na ja, der
Bart, und der unvermutete Überfall, das Automobil, das Fremdartige
überhaupt, da konnte man schon einen Augenblick mit der Stange im Nebel
fahren.
„Akkurat so hast du ausgesehen. Nun sag, kannst du mich bis morgen
oder übermorgen brauchen? Ich bin solange frei, seit Gott weiß wann mein
erster freier Augenblick – der soll dir gehören. Das heißt, wenn du mich
haben willst.“
„Mach keine lange Vorrede. Dein Bett ist gedeckt. Deine Karre laß
drüben in den Schuppen fahren, und so du einen Chauffeur hast, ist auch für
D as Kaplanshaus lag am Flußufer und hatte einen hübschen Garten, in
dem jetzt, Ende September, die Sonnenblumen ihre breiten
Samentorten reifen ließen, die Äpfel die warme Farbe des gelb
glühenden Abendhimmels bekamen und Astern und Chrysanthemen zu
knospen begannen. Fenn saß in der Spätnachmittagssonne und freute sich
der reifen Schönheit, die um ihn war. Die Uferhügel standen fern in
leichtem Dunst, und der Fluß spiegelte den wolkenlosen Himmel, die
schrägen Sonnenstrahlen machten die Wiesen leuchten und schienen auf die
Schornsteine eines weit talauf liegenden Dorfes, daß der Rauch nicht
entweichen konnte und als silbriger, bewegungsloser Schleier über den
Dächern hing. Ganz aus der Ferne kam der breite Ton einer
Automobilhuppe wie das kurze Muh eines Rindes. Das laute, schnurrige
Singen des Motors schwoll an und wieder ab, jetzt ratterte die Maschine
heran, schien langsamer zu fahren und stoppte. Fenn hörte von seinem Platz
aus, daß seine Mutter an der Haustür mit jemand redete, dann wurde es still,
und jetzt kam ein Herr durch den Garten auf Fenn zu. Dieser ging ihm
zögernd entgegen, im Gesicht den angespannten, fragenden Ausdruck, der
in die Züge tritt, wenn man etwas Fremdartiges rasch und angestrengt
enträtseln soll.
Der Unbekannte strich sich lachend den glänzendschwarzen Vollbart und
sagte: „Ja, lieber Fenn, wenn du mich mit solcher Bullenbeißermiene
empfängst, kehre ich lieber gleich wieder um.“
„Jeß Marja!“ klang es freudig erregt dawider, „der Theo!“ Na ja, der
Bart, und der unvermutete Überfall, das Automobil, das Fremdartige
überhaupt, da konnte man schon einen Augenblick mit der Stange im Nebel
fahren.
„Akkurat so hast du ausgesehen. Nun sag, kannst du mich bis morgen
oder übermorgen brauchen? Ich bin solange frei, seit Gott weiß wann mein
erster freier Augenblick – der soll dir gehören. Das heißt, wenn du mich
haben willst.“
„Mach keine lange Vorrede. Dein Bett ist gedeckt. Deine Karre laß
drüben in den Schuppen fahren, und so du einen Chauffeur hast, ist auch für
Page 138
ihn gesorgt. Mit meinem alten Wöllem wird er sich ja hoffentlich
vertragen.“
Als die beiden Freunde, nachdem alles besorgt war, zusammen im Garten
saßen und Mutter Kaß ihnen eine Flasche Mosel und Zigarren hingestellt
hatte, sagte Theo Schütz: „Es gibt doch noch reine Freuden im Leben, Fenn.
Solche Freude war unser Wiedersehen vorhin.“
„Ja,“ bestätigte mit leisem Lächeln Fenn Kaß. „Es muß wohl so sein. Ich
besinne mich eben, worüber ich mich in diesem Augenblick noch ebenso
stark hätte freuen können wie über dein Kommen. Und ich finde nichts.“
„Aber schön hast du’s hier. Ich glaube, ich begreife jetzt deine
Berufswahl.“
Fenn lachte. „Läßt du dich so leicht bestechen?“
„Ich meine jetzt nur das Äußerliche. Das Innerliche steht ja freilich auf
einem andern Blatt.“
„Jawohl, das Innerliche, das steht auf einem andern Blatt.“
Hatte das nicht wie eine leise Enttäuschung geklungen? Theo sah besorgt
dem Freund ins Gesicht. Nein, er mußte sich geirrt haben. Es verriet nichts,
was danach ausgesehen hätte.
Man erzählte sich seine Lebensschicksale der letzten Zeit. Theo hatte seit
seinem letzten Zusammensein mit Fenn in einer großen französischen
Maschinenfabrik eine schöne Anstellung gefunden.
„Und Junge,“ sagte er voll froher Erregtheit, „es ist ganz anders
gekommen, als du es mir prophezeit hattest. Ich habe keine Vertretung für
Schmieröle, ich habe einen Wirkungskreis, der mir die tiefste Genugtuung
gibt.“
„Dann hast du recht, dich zu freuen. Was ist schließlich das Glück? Einen
Lebensberuf haben, der einem das zur Pflicht macht, was man am liebsten
und am besten tut.“
„Seine besten Kräfte regen dürfen und dafür belohnt werden, jawohl. Hör
mich an, Fenn. Dir sag ich es. Aber es ist vorläufig noch tiefes Geheimnis.
Meine Fabrik will aus Frankreich auswandern, die politische Lage ist zu
unsicher. Die Oberleitung hat ihr Auge auf Luxemburg geworfen. Aber sie
sucht eine ausgiebige Wasserkraft. Ich hab ihr vorgeschlagen, im Ösling
den nötigen Grund und Boden an der Sauer entlang zu kaufen und eine
Talsperre zu bauen. So ungefähr weiß ich schon, wo und wie es ginge. Der
Vorschlag hat den Leuten eingeleuchtet, und ich bin hier, um unter der
vertragen.“
Als die beiden Freunde, nachdem alles besorgt war, zusammen im Garten
saßen und Mutter Kaß ihnen eine Flasche Mosel und Zigarren hingestellt
hatte, sagte Theo Schütz: „Es gibt doch noch reine Freuden im Leben, Fenn.
Solche Freude war unser Wiedersehen vorhin.“
„Ja,“ bestätigte mit leisem Lächeln Fenn Kaß. „Es muß wohl so sein. Ich
besinne mich eben, worüber ich mich in diesem Augenblick noch ebenso
stark hätte freuen können wie über dein Kommen. Und ich finde nichts.“
„Aber schön hast du’s hier. Ich glaube, ich begreife jetzt deine
Berufswahl.“
Fenn lachte. „Läßt du dich so leicht bestechen?“
„Ich meine jetzt nur das Äußerliche. Das Innerliche steht ja freilich auf
einem andern Blatt.“
„Jawohl, das Innerliche, das steht auf einem andern Blatt.“
Hatte das nicht wie eine leise Enttäuschung geklungen? Theo sah besorgt
dem Freund ins Gesicht. Nein, er mußte sich geirrt haben. Es verriet nichts,
was danach ausgesehen hätte.
Man erzählte sich seine Lebensschicksale der letzten Zeit. Theo hatte seit
seinem letzten Zusammensein mit Fenn in einer großen französischen
Maschinenfabrik eine schöne Anstellung gefunden.
„Und Junge,“ sagte er voll froher Erregtheit, „es ist ganz anders
gekommen, als du es mir prophezeit hattest. Ich habe keine Vertretung für
Schmieröle, ich habe einen Wirkungskreis, der mir die tiefste Genugtuung
gibt.“
„Dann hast du recht, dich zu freuen. Was ist schließlich das Glück? Einen
Lebensberuf haben, der einem das zur Pflicht macht, was man am liebsten
und am besten tut.“
„Seine besten Kräfte regen dürfen und dafür belohnt werden, jawohl. Hör
mich an, Fenn. Dir sag ich es. Aber es ist vorläufig noch tiefes Geheimnis.
Meine Fabrik will aus Frankreich auswandern, die politische Lage ist zu
unsicher. Die Oberleitung hat ihr Auge auf Luxemburg geworfen. Aber sie
sucht eine ausgiebige Wasserkraft. Ich hab ihr vorgeschlagen, im Ösling
den nötigen Grund und Boden an der Sauer entlang zu kaufen und eine
Talsperre zu bauen. So ungefähr weiß ich schon, wo und wie es ginge. Der
Vorschlag hat den Leuten eingeleuchtet, und ich bin hier, um unter der
Page 139
Hand die Sache einzufädeln, eventuell Kompromisse zu schließen,
Aufnahmen machen und was alles dazu gehört. Was sagst du dazu?“
„Ich kann mir denken, wie du dich darüber freust. Da hast du wirklich
etwas Großes eingeleitet. Große Verantwortungen warten auf dich und
vielleicht ein großer Erfolg.“
„Ja, die Verantwortung, siehst du, das ist mir der beste Maßstab. Ich
messe den Mann an den Verantwortungen, die er nach reiflicher Überlegung
übernimmt.“
„Und wie weit bist du mit deinem Projekt?“
„So in großen Umrissen sind meine Berechnungen fertig. Wir bekämen
für unsere Fabrik die Pferdekräfte, die wir brauchten, und darüber hinaus
soviel, daß wir durch Fernleitung einen ganzen Umkreis noch mit Kraft und
Licht versorgen könnten.“
„Du kommst mir wie gerufen,“ sagte Fenn lachend. Und er teilte dem
Freund seine eigenen Pläne mit.
„Machen wir,“ ging Theo Schütz darauf ein. „Wir können ja das gleich
morgen an Ort und Stelle näher besprechen.“
Bei Tisch und während des Abends wurden Erinnerungen, Erlebnisse,
Pläne ausgetauscht. Fenn erfuhr, daß Theo Schütz, wenn sich seine Idee zu
einem festen Vorhaben verdichtete, vorläufig als Vertreter seiner Fabrik
nach seiner Heimat übersiedeln und das Projekt in zweckmäßiger Weise
vorbereiten sollte, während die Firma drüben langsam sich aus den alten
Verhältnissen lösen würde. Fenns Miniaturtalsperre fand des sachkundigen
Freundes vollste Billigung. Wenn Theo einmal im Lande wäre, würde man
der Sache ganz ernsthaft näher treten. Dann sprach man von den frühern
Schulgenossen. Fenn erzählte von Fritz Lampert, von Marjänni, die Theo
von früher kannte, und von Putty Heinen, der weit oben im Norden eine
Kaplanei verwaltete. Von sich sagte er nichts, die ganzen zwei Tage, die
Theo bei ihm blieb. Als dieser Abschied nahm, begleitete ihn eine heimliche
Sorge um den zurückbleibenden Freund. Er hatte ihn öfters fragen wollen,
ob er spüre, daß er im Leben wirklich an dem Platz stehe, an den er gehörte.
Aber er unterließ seine Frage, denn er konnte sich im voraus die Antwort
denken.
Beide standen vor dem Kaplanshaus und reichten sich nochmals die
Hände. Theo behielt die Hand des Freundes lange in der seinen. Und noch
einmal wollte die Frage über seine Lippen. Aber wie er ihn so dastehen sah,
Aufnahmen machen und was alles dazu gehört. Was sagst du dazu?“
„Ich kann mir denken, wie du dich darüber freust. Da hast du wirklich
etwas Großes eingeleitet. Große Verantwortungen warten auf dich und
vielleicht ein großer Erfolg.“
„Ja, die Verantwortung, siehst du, das ist mir der beste Maßstab. Ich
messe den Mann an den Verantwortungen, die er nach reiflicher Überlegung
übernimmt.“
„Und wie weit bist du mit deinem Projekt?“
„So in großen Umrissen sind meine Berechnungen fertig. Wir bekämen
für unsere Fabrik die Pferdekräfte, die wir brauchten, und darüber hinaus
soviel, daß wir durch Fernleitung einen ganzen Umkreis noch mit Kraft und
Licht versorgen könnten.“
„Du kommst mir wie gerufen,“ sagte Fenn lachend. Und er teilte dem
Freund seine eigenen Pläne mit.
„Machen wir,“ ging Theo Schütz darauf ein. „Wir können ja das gleich
morgen an Ort und Stelle näher besprechen.“
Bei Tisch und während des Abends wurden Erinnerungen, Erlebnisse,
Pläne ausgetauscht. Fenn erfuhr, daß Theo Schütz, wenn sich seine Idee zu
einem festen Vorhaben verdichtete, vorläufig als Vertreter seiner Fabrik
nach seiner Heimat übersiedeln und das Projekt in zweckmäßiger Weise
vorbereiten sollte, während die Firma drüben langsam sich aus den alten
Verhältnissen lösen würde. Fenns Miniaturtalsperre fand des sachkundigen
Freundes vollste Billigung. Wenn Theo einmal im Lande wäre, würde man
der Sache ganz ernsthaft näher treten. Dann sprach man von den frühern
Schulgenossen. Fenn erzählte von Fritz Lampert, von Marjänni, die Theo
von früher kannte, und von Putty Heinen, der weit oben im Norden eine
Kaplanei verwaltete. Von sich sagte er nichts, die ganzen zwei Tage, die
Theo bei ihm blieb. Als dieser Abschied nahm, begleitete ihn eine heimliche
Sorge um den zurückbleibenden Freund. Er hatte ihn öfters fragen wollen,
ob er spüre, daß er im Leben wirklich an dem Platz stehe, an den er gehörte.
Aber er unterließ seine Frage, denn er konnte sich im voraus die Antwort
denken.
Beide standen vor dem Kaplanshaus und reichten sich nochmals die
Hände. Theo behielt die Hand des Freundes lange in der seinen. Und noch
einmal wollte die Frage über seine Lippen. Aber wie er ihn so dastehen sah,
Page 140
mußte er denken: „Wenn Fenn Kaß spürt, daß er hier nicht hingehört, dann
wird er seiner Wege gehen.“ Und er ließ ankurbeln.
D ie Beete im Gemüsegarten der Mutter Kaß leerten sich, die Astern und
Chrysanthemen verblühten, die Blätter wurden gelb, und in einer
Novembernacht kam ein Frost und räumte brutal mit all den
zitternden, greisenhaften Überbleibseln des Sommers auf. Durch Fenns
Fenster, vor dem ein Kirschbaum bis ganz zuletzt seine schlanken Blätter
im Winde geregt hatte, schien jetzt nüchtern das kalte, weiße Tageslicht,
und über dem Antlitz der Erde war nicht mehr das Geschleier schwankender
Schatten, das ihm so schön steht, wie wirkliche Schleier einem
Frauengesicht. In der Seelsorge bekam Kaplan Kaß angestrengter zu tun.
Während des Sommers und Herbstes hatten die Bauern keine Zeit, krank zu
werden. Jetzt lag bald hier, bald da einer oder eine darnieder, hatte sich
vertrunken oder verhitzt oder auf dem nassen Erdreich einen Schlaf getan,
der das Leben kosten konnte. Fenn kam in viele Krankenzimmer und sah,
wie hilflos diese Menschen waren, sobald sie nicht mehr aufrechtstanden.
Er begriff ihre Scheu davor, sich „zu legen“. Sie hatten den Instinkt
gewisser Vögel, die nicht auf flachem Boden einfallen wollen, weil sie
wissen, daß sie dann nur mit Mühe wieder auffliegen können. Es ging gut,
er brachte seine Kranken mit Gottes und des alten Landdoktors Hilfe durch.
Bis auf zwei, einen Goldkerl von altem Bauer und das lahme Lieschen.
D er Alte trug im Dorfe den knorrigen Namen Schente’ Storrek. Er war
schon seit einem Jahr im Mark getroffen. Wenn er, im langen blauen
Kittel, das Dorf heraufkam, die Hacke geschultert, die kalte Pfeife mit
dem Kopf verkehrt im Mundwinkel, dann sah man gleich: den hat’s. Die
krummen Beine schlenkerten kraftlos, der Kittel hing schlaff auf dem
Gestell eines Körpers, der in der Hitze eines immerwährenden Fiebers
langsam bis auf die Knochen zusammenschmolz. Zuletzt saß der Storrek,
der ein alter Junggeselle war und seine Ländereien bis auf einen
Lieblingsacker verpachtet hatte, nur noch im Sonnenschein vor seinem
Häuschen mit den hellblau getünchten Fenstersteinen auf einem alten
Eichen-„Kill“ und hatte hinter sich auf der Fensterbank ein weißes
wird er seiner Wege gehen.“ Und er ließ ankurbeln.
D ie Beete im Gemüsegarten der Mutter Kaß leerten sich, die Astern und
Chrysanthemen verblühten, die Blätter wurden gelb, und in einer
Novembernacht kam ein Frost und räumte brutal mit all den
zitternden, greisenhaften Überbleibseln des Sommers auf. Durch Fenns
Fenster, vor dem ein Kirschbaum bis ganz zuletzt seine schlanken Blätter
im Winde geregt hatte, schien jetzt nüchtern das kalte, weiße Tageslicht,
und über dem Antlitz der Erde war nicht mehr das Geschleier schwankender
Schatten, das ihm so schön steht, wie wirkliche Schleier einem
Frauengesicht. In der Seelsorge bekam Kaplan Kaß angestrengter zu tun.
Während des Sommers und Herbstes hatten die Bauern keine Zeit, krank zu
werden. Jetzt lag bald hier, bald da einer oder eine darnieder, hatte sich
vertrunken oder verhitzt oder auf dem nassen Erdreich einen Schlaf getan,
der das Leben kosten konnte. Fenn kam in viele Krankenzimmer und sah,
wie hilflos diese Menschen waren, sobald sie nicht mehr aufrechtstanden.
Er begriff ihre Scheu davor, sich „zu legen“. Sie hatten den Instinkt
gewisser Vögel, die nicht auf flachem Boden einfallen wollen, weil sie
wissen, daß sie dann nur mit Mühe wieder auffliegen können. Es ging gut,
er brachte seine Kranken mit Gottes und des alten Landdoktors Hilfe durch.
Bis auf zwei, einen Goldkerl von altem Bauer und das lahme Lieschen.
D er Alte trug im Dorfe den knorrigen Namen Schente’ Storrek. Er war
schon seit einem Jahr im Mark getroffen. Wenn er, im langen blauen
Kittel, das Dorf heraufkam, die Hacke geschultert, die kalte Pfeife mit
dem Kopf verkehrt im Mundwinkel, dann sah man gleich: den hat’s. Die
krummen Beine schlenkerten kraftlos, der Kittel hing schlaff auf dem
Gestell eines Körpers, der in der Hitze eines immerwährenden Fiebers
langsam bis auf die Knochen zusammenschmolz. Zuletzt saß der Storrek,
der ein alter Junggeselle war und seine Ländereien bis auf einen
Lieblingsacker verpachtet hatte, nur noch im Sonnenschein vor seinem
Häuschen mit den hellblau getünchten Fenstersteinen auf einem alten
Eichen-„Kill“ und hatte hinter sich auf der Fensterbank ein weißes
Page 141
Porzellanpöttchen mit „Altem“ aus dem halben Fuder, das er vom letzten
guten Jahrgang her für sich aufgespart hatte. Aber der „Alte“ schmeckte
ihm nicht mehr, die Pfeife brannte er schon gar nicht mehr an. Er konnte
seine richtige Sorte Tabak nicht mehr finden, behauptete er, und der Neue
kratzte ihn im Hals. Die Nachbarkinder setzten sich manchmal auf ein
Weilchen zu ihm auf den „Kill“ und betrachteten neugierig seine schweren
Hände, an denen besonders ein paar abnorm große Daumen saßen. Wenn er
aber zu husten anfing, machten sie neugierig erschrockene Gesichter,
schoben sich verstohlen vom Sitz und gingen wieder um die Ecke ihren
Spielen nach. So hatte der Storrek draußen gesessen, bis ihn die Sonne nicht
mehr wärmen wollte. Dann hatte er sich hinter den Ofen und zuletzt in sein
Bett zurückgezogen. Fenn Kaß hatte ihm zugeredet, und der Alte hatte sich
denn auch „gelegt“. Als er das magere Knie auf den Bettrand setzte, sagte er
mühsam lächelnd: „Einsteigen nach Kirchhofshausen!“ Fenn war bei ihm
bis zum letzten Atemzug, der alte Storrek starb als Philosoph. Fenn machte
bei ihm einen schüchternen Trostversuch und gab es dann auf. Er merkte,
das war einer, der hatte zu altern gewußt und würde zu sterben wissen, weil
er zu reifen gewußt hatte: „Wann et engem seng Zeit aß, da muß än dru’
gle’wen!“ sagte Schente’ Storrek resigniert, und der Herr Kaplan sollte sich
weiter keine Mühe geben. Aber wenn er ihm eine Freude machen wolle, so
solle er ihm manchmal aus der Bibel etwas vorlesen. Der Storrek hatte eine
alte Allioli-Bibel, die er vor langen Jahren einem Hausierer aus Einsiedeln
abgekauft hatte, und Fenn Kaß las ihm daraus die Stellen vor, an denen die
Blätter am stärksten abgegriffen waren.
„Versteht ihr denn auch alles, Storrek?“ fragte er einmal.
„Alles nicht,“ sagte der Schente’ Storrek, „aber es lautet alles so schön.“
Eines Nachmittags, als der erste Schneesturm durch die Gassen blies,
drehte der Storrek das Gesicht gegen die Mauer und entschlief, um nicht
mehr aufzuwachen.
Mit dem lahmen Lieschen hatte der Herr Kaplan es weniger bequem. Es
war noch im September mit dem großen Pilgerzug in Lourdes gewesen, und
als es wieder kam, hatte es vielen Leuten geschienen, als ginge es an seinen
Krücken wirklich leichter und lebhafter herum.
„Noch ein paarmal,“ sagte es, „dann kann ich zu Fuß zurückkommen.“
Es hatte ein fixes Mundwerk. Seine dünnen Lippen streckten sich
schmollend vor und hatten etwas von einem Entenschnabel. Aber sein
Mundwerk lag an der Kette seines Gebrechens, und wenn das Lieschen
guten Jahrgang her für sich aufgespart hatte. Aber der „Alte“ schmeckte
ihm nicht mehr, die Pfeife brannte er schon gar nicht mehr an. Er konnte
seine richtige Sorte Tabak nicht mehr finden, behauptete er, und der Neue
kratzte ihn im Hals. Die Nachbarkinder setzten sich manchmal auf ein
Weilchen zu ihm auf den „Kill“ und betrachteten neugierig seine schweren
Hände, an denen besonders ein paar abnorm große Daumen saßen. Wenn er
aber zu husten anfing, machten sie neugierig erschrockene Gesichter,
schoben sich verstohlen vom Sitz und gingen wieder um die Ecke ihren
Spielen nach. So hatte der Storrek draußen gesessen, bis ihn die Sonne nicht
mehr wärmen wollte. Dann hatte er sich hinter den Ofen und zuletzt in sein
Bett zurückgezogen. Fenn Kaß hatte ihm zugeredet, und der Alte hatte sich
denn auch „gelegt“. Als er das magere Knie auf den Bettrand setzte, sagte er
mühsam lächelnd: „Einsteigen nach Kirchhofshausen!“ Fenn war bei ihm
bis zum letzten Atemzug, der alte Storrek starb als Philosoph. Fenn machte
bei ihm einen schüchternen Trostversuch und gab es dann auf. Er merkte,
das war einer, der hatte zu altern gewußt und würde zu sterben wissen, weil
er zu reifen gewußt hatte: „Wann et engem seng Zeit aß, da muß än dru’
gle’wen!“ sagte Schente’ Storrek resigniert, und der Herr Kaplan sollte sich
weiter keine Mühe geben. Aber wenn er ihm eine Freude machen wolle, so
solle er ihm manchmal aus der Bibel etwas vorlesen. Der Storrek hatte eine
alte Allioli-Bibel, die er vor langen Jahren einem Hausierer aus Einsiedeln
abgekauft hatte, und Fenn Kaß las ihm daraus die Stellen vor, an denen die
Blätter am stärksten abgegriffen waren.
„Versteht ihr denn auch alles, Storrek?“ fragte er einmal.
„Alles nicht,“ sagte der Schente’ Storrek, „aber es lautet alles so schön.“
Eines Nachmittags, als der erste Schneesturm durch die Gassen blies,
drehte der Storrek das Gesicht gegen die Mauer und entschlief, um nicht
mehr aufzuwachen.
Mit dem lahmen Lieschen hatte der Herr Kaplan es weniger bequem. Es
war noch im September mit dem großen Pilgerzug in Lourdes gewesen, und
als es wieder kam, hatte es vielen Leuten geschienen, als ginge es an seinen
Krücken wirklich leichter und lebhafter herum.
„Noch ein paarmal,“ sagte es, „dann kann ich zu Fuß zurückkommen.“
Es hatte ein fixes Mundwerk. Seine dünnen Lippen streckten sich
schmollend vor und hatten etwas von einem Entenschnabel. Aber sein
Mundwerk lag an der Kette seines Gebrechens, und wenn das Lieschen
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gerade gut im Zug war, spannte sich die Kette und es kroch mit einem
vorwurfsvollen Au! für ein Weilchen in stille Betrachtung zurück.
Das Lieschen wollte fortwährend getröstet sein. Es dachte noch nicht ans
Sterben. Es glaubte steif und fest daran, daß die Muttergottes von Lourdes
seine Beine ganz gerade und stark machen würde. Aber wenn es einmal
stürbe, und es käme in den Himmel – für diesen Fall wollte das Lieschen
genau wissen, wie es ihm droben ergehen würde, worin die Pracht und
Herrlichkeit bestand, die seiner dort wartete. Fenn Kaß konnte ihm darüber
nun nicht viel sinnlich Greifbares mitteilen, und Lieschen kam seiner
Phantasie zuhilfe. Sie schilderte lebhaft und mit viel Vergleichen aus dem
Kreis ihrer Umwelt, wie es aussehen würde. Gott der Vater saß auf einem
goldenen Thron und glänzte wie die Sonne, noch heller, viel heller, aber
man konnte ihn anschauen, ohne daß einem die Augen weh taten. Über dies
„Anschauen“ machte sich Lieschen viele Gedanken, und es erwartete davon
eigentlich die Hauptsache. Dabei war es sicher, daß man es da droben wie
eine alte, liebe Bekannte empfangen würde, wie eine Kusine etwa, oder
eine Tante, für die das ganze Haus zum Empfang an den Bahnhof geht, und
die das beste Zimmer im Haus bekommt.
Als es mit Lieschen zum Sterben kam, verlangte sie, so lange ihr
Bewußtsein und ihre Kräfte reichten, nur nach ihrer Arznei.
Zwischen diesen beiden Krankenstuben lernte Fenn manche andere
kennen, und er hatte dabei viel mehr die Gesunden für das Leben, als die
Kranken für das Sterben zu trösten. Im allgemeinen kam er sich angesichts
des Todes unsäglich überflüssig und ohnmächtig vor, und diesen Eindruck
hatte er am stärksten da, wo er es mit den wertvollsten Menschen zu tun
hatte. Er lernte einsehen: damit man einem andern auf dem Weg zum Tod
oder auf dem Weg durchs Leben wirklich etwas Besonderes sein kann, muß
man ihm näher gekommen sein, als er den Menschen in seinem
Wirkungskreis kommen konnte.
T heo Schütz wohnte seit November in Luxemburg. Er hatte seine alten
Beziehungen wieder angeknüpft und war bald mitten im Getriebe der
kleinen Hauptstadt. Er besuchte seinen Freund in Brebach häufig und
blieb oft tagelang bei ihm, um so öfter, je mehr er merkte, daß Fenn Kaß
vorwurfsvollen Au! für ein Weilchen in stille Betrachtung zurück.
Das Lieschen wollte fortwährend getröstet sein. Es dachte noch nicht ans
Sterben. Es glaubte steif und fest daran, daß die Muttergottes von Lourdes
seine Beine ganz gerade und stark machen würde. Aber wenn es einmal
stürbe, und es käme in den Himmel – für diesen Fall wollte das Lieschen
genau wissen, wie es ihm droben ergehen würde, worin die Pracht und
Herrlichkeit bestand, die seiner dort wartete. Fenn Kaß konnte ihm darüber
nun nicht viel sinnlich Greifbares mitteilen, und Lieschen kam seiner
Phantasie zuhilfe. Sie schilderte lebhaft und mit viel Vergleichen aus dem
Kreis ihrer Umwelt, wie es aussehen würde. Gott der Vater saß auf einem
goldenen Thron und glänzte wie die Sonne, noch heller, viel heller, aber
man konnte ihn anschauen, ohne daß einem die Augen weh taten. Über dies
„Anschauen“ machte sich Lieschen viele Gedanken, und es erwartete davon
eigentlich die Hauptsache. Dabei war es sicher, daß man es da droben wie
eine alte, liebe Bekannte empfangen würde, wie eine Kusine etwa, oder
eine Tante, für die das ganze Haus zum Empfang an den Bahnhof geht, und
die das beste Zimmer im Haus bekommt.
Als es mit Lieschen zum Sterben kam, verlangte sie, so lange ihr
Bewußtsein und ihre Kräfte reichten, nur nach ihrer Arznei.
Zwischen diesen beiden Krankenstuben lernte Fenn manche andere
kennen, und er hatte dabei viel mehr die Gesunden für das Leben, als die
Kranken für das Sterben zu trösten. Im allgemeinen kam er sich angesichts
des Todes unsäglich überflüssig und ohnmächtig vor, und diesen Eindruck
hatte er am stärksten da, wo er es mit den wertvollsten Menschen zu tun
hatte. Er lernte einsehen: damit man einem andern auf dem Weg zum Tod
oder auf dem Weg durchs Leben wirklich etwas Besonderes sein kann, muß
man ihm näher gekommen sein, als er den Menschen in seinem
Wirkungskreis kommen konnte.
T heo Schütz wohnte seit November in Luxemburg. Er hatte seine alten
Beziehungen wieder angeknüpft und war bald mitten im Getriebe der
kleinen Hauptstadt. Er besuchte seinen Freund in Brebach häufig und
blieb oft tagelang bei ihm, um so öfter, je mehr er merkte, daß Fenn Kaß
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seine Gegenwart brauchte. Er überzeugte sich mehr und mehr, daß Fenn
einem Scheideweg entgegenging.
Eines Winterabends saßen sie in Fenns Studierzimmer. Der Ofen brannte,
der Raum war voll der molligen Wärme, die nicht allein die Luft, sondern
alle Möbel und Mauern durchdringt.
„Ich kann mir nichts Gemütlicheres denken als so ein Kaplanszimmer,“
sagte Theo.
„Das ist ein Fabrikgeheimnis meiner Mutter,“ meinte Fenn.
„Ich dächte doch, es liegt in der Sache selbst. Ein Landpfarrer und ein
Landkaplan, die waren mir von jeher die berufensten Träger des Begriffs
Gemütlichkeit.“
„Man muß dafür geschaffen sein,“ sagte Fenn Kaß nachdenklich.
Theo überlegte eine Weile und fiel dann mit der Türe ins Haus. „Und bist
du dafür geschaffen?“
Diesmal ging Fenn einer ernsten Aussprache nicht aus dem Weg. „Ich
habe den Priesterberuf immer für etwas so Großes und Ernstes angesehen,
daß ich nicht schon jetzt, nach einem halben Jahr, innerlich umsatteln
kann.“
„Was fällt dir daran am schwersten?“
„Da muß ich mich prüfen, ehe ich dir eine richtige Antwort geben kann.
Ich glaube, ich kann so sagen: das Schwerste daran ist mir, daß mich meine
Tätigkeit nicht ausfüllt. Aber das kann noch kommen. Was ich dir
vorausgesagt hatte, daß du deinen Flug zu hoch nehmen und später am
Boden schleichen würdest, trifft jetzt umgekehrt auf mich zu. Die
Verhältnisse sind mir in allem zu klein, und ich spüre zudem, sie sind mir
feindlich. Ich denke immer: was ich hier im höchsten Falle wirken kann, ist
das wirklich wert, daß ich dafür auf die volle Entfaltung meiner Kräfte
verzichte? Jeder Mensch ist dem Ganzen gegenüber eine Verheißung. Das
Schwerste ist mir, daß ich oft denke, ich muß, was mich angeht, der vollen
Erfüllung entsagen.“
Theo wollte antworten, als ihm Fenn ins Wort fiel.
„Ich will mich nicht besser machen, als ich bin. Ich suche mir darüber
klar zu werden, was ich mir unter der vollen Erfüllung denke, und ich bin
nicht sicher, daß mein Widerwille gegen die Entsagung frei ist von
unreinem Eigennutz.“
Theo sagte langsam und nachdenklich: „Glaubst du nicht, Fenn, daß die
Fähigkeit oder der Trieb zur Entsagung eine Besonderheit niedergehender
einem Scheideweg entgegenging.
Eines Winterabends saßen sie in Fenns Studierzimmer. Der Ofen brannte,
der Raum war voll der molligen Wärme, die nicht allein die Luft, sondern
alle Möbel und Mauern durchdringt.
„Ich kann mir nichts Gemütlicheres denken als so ein Kaplanszimmer,“
sagte Theo.
„Das ist ein Fabrikgeheimnis meiner Mutter,“ meinte Fenn.
„Ich dächte doch, es liegt in der Sache selbst. Ein Landpfarrer und ein
Landkaplan, die waren mir von jeher die berufensten Träger des Begriffs
Gemütlichkeit.“
„Man muß dafür geschaffen sein,“ sagte Fenn Kaß nachdenklich.
Theo überlegte eine Weile und fiel dann mit der Türe ins Haus. „Und bist
du dafür geschaffen?“
Diesmal ging Fenn einer ernsten Aussprache nicht aus dem Weg. „Ich
habe den Priesterberuf immer für etwas so Großes und Ernstes angesehen,
daß ich nicht schon jetzt, nach einem halben Jahr, innerlich umsatteln
kann.“
„Was fällt dir daran am schwersten?“
„Da muß ich mich prüfen, ehe ich dir eine richtige Antwort geben kann.
Ich glaube, ich kann so sagen: das Schwerste daran ist mir, daß mich meine
Tätigkeit nicht ausfüllt. Aber das kann noch kommen. Was ich dir
vorausgesagt hatte, daß du deinen Flug zu hoch nehmen und später am
Boden schleichen würdest, trifft jetzt umgekehrt auf mich zu. Die
Verhältnisse sind mir in allem zu klein, und ich spüre zudem, sie sind mir
feindlich. Ich denke immer: was ich hier im höchsten Falle wirken kann, ist
das wirklich wert, daß ich dafür auf die volle Entfaltung meiner Kräfte
verzichte? Jeder Mensch ist dem Ganzen gegenüber eine Verheißung. Das
Schwerste ist mir, daß ich oft denke, ich muß, was mich angeht, der vollen
Erfüllung entsagen.“
Theo wollte antworten, als ihm Fenn ins Wort fiel.
„Ich will mich nicht besser machen, als ich bin. Ich suche mir darüber
klar zu werden, was ich mir unter der vollen Erfüllung denke, und ich bin
nicht sicher, daß mein Widerwille gegen die Entsagung frei ist von
unreinem Eigennutz.“
Theo sagte langsam und nachdenklich: „Glaubst du nicht, Fenn, daß die
Fähigkeit oder der Trieb zur Entsagung eine Besonderheit niedergehender
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Geschlechter ist? Daß eine menschliche Entwicklungsreihe im Aufstieg nur
positive Tugenden pflegt, nicht die gewissermaßen negative Tugend der
Entsagung?“
„Du tust mir die Ehre, zu glauben, ich gehöre einer aufsteigenden
Entwicklungsreihe an?“
„Ich habe manchmal über euch vier Wiesinger nachgedacht: dich, den
Putty Heinen, den Fritz Lampert und die Marjänni. Ihr seid sozusagen
Menschen des ersten Stadiums, wie sie die Kultur dem großen
Menschenrohmaterial der Dörfer entnimmt, um damit Veredlungsversuche
anzustellen. Manchmal greift sie fehl, das Rohmaterial ist nicht
veredlungsfähig, oder es ist schon selber ein Produkt des Verfalls –
gelöschter Kalk. Dein Freund Lampert ist solch ein keimunfähiges
Individuum. Putty Heinen – ja, der ist ein Fall für sich. Bei dem hat die
Natur nicht weit genug ausgeholt, es langt nicht für eine Geschlechterreihe.
Du wirst sehen, das Auf und Ab seiner Entwicklungsparabel vollzieht sich
ganz in ihm allein und dann ist Schluß. Und die Marjänni – wie soll ich das
ausdrücken? Eigentlich kenne ich sie nicht genug –“
„Mir macht es den Eindruck, daß da die Parabel trostlos flach ausfallen
wird,“ sagte Fenn gedrückt.
„Bleibst also noch du. – Nein, laß mich. Ich meine es bitter ernst. Du
sagtest eben, dein Beruf fülle dich nicht aus. Das wußte ich längst. Jetzt
heißt es –“
„Die Konsequenzen ziehen. Gut. Ich bin nicht der Mann, der dem aus
dem Wege geht, wenn es sich aufdrängt.“
„Ich weiß, Fenn Kaß, mit wem ich zu tun habe. Ich weiß, daß du
schwerer Entschlüsse fähig bist, aber auch schwerer Opfer. Ich betrachte die
Dinge von außen her und sehe sie übersichtlicher als du, der mitten drin
steckt. Ich habe gegen dich die Pflicht, dich vor einem Opfer zu warnen,
das ein Verbrechen wäre gegen dich und gegen das, was das Leben mit dir
vorhat.“
„Schweig jetzt still und laß mir Zeit. Ich gebe dir mein Wort: An dem
Tage, wo ich die Überzeugung gewinne, daß ich hier nicht hingehöre – ich
meine es so: daß ich außerhalb des Priestertums Stärkeres und Größeres
leisten und mit Segen für mich und andere weiter um mich wirken kann –
an dem Tage ziehe ich die Soutane aus.“
positive Tugenden pflegt, nicht die gewissermaßen negative Tugend der
Entsagung?“
„Du tust mir die Ehre, zu glauben, ich gehöre einer aufsteigenden
Entwicklungsreihe an?“
„Ich habe manchmal über euch vier Wiesinger nachgedacht: dich, den
Putty Heinen, den Fritz Lampert und die Marjänni. Ihr seid sozusagen
Menschen des ersten Stadiums, wie sie die Kultur dem großen
Menschenrohmaterial der Dörfer entnimmt, um damit Veredlungsversuche
anzustellen. Manchmal greift sie fehl, das Rohmaterial ist nicht
veredlungsfähig, oder es ist schon selber ein Produkt des Verfalls –
gelöschter Kalk. Dein Freund Lampert ist solch ein keimunfähiges
Individuum. Putty Heinen – ja, der ist ein Fall für sich. Bei dem hat die
Natur nicht weit genug ausgeholt, es langt nicht für eine Geschlechterreihe.
Du wirst sehen, das Auf und Ab seiner Entwicklungsparabel vollzieht sich
ganz in ihm allein und dann ist Schluß. Und die Marjänni – wie soll ich das
ausdrücken? Eigentlich kenne ich sie nicht genug –“
„Mir macht es den Eindruck, daß da die Parabel trostlos flach ausfallen
wird,“ sagte Fenn gedrückt.
„Bleibst also noch du. – Nein, laß mich. Ich meine es bitter ernst. Du
sagtest eben, dein Beruf fülle dich nicht aus. Das wußte ich längst. Jetzt
heißt es –“
„Die Konsequenzen ziehen. Gut. Ich bin nicht der Mann, der dem aus
dem Wege geht, wenn es sich aufdrängt.“
„Ich weiß, Fenn Kaß, mit wem ich zu tun habe. Ich weiß, daß du
schwerer Entschlüsse fähig bist, aber auch schwerer Opfer. Ich betrachte die
Dinge von außen her und sehe sie übersichtlicher als du, der mitten drin
steckt. Ich habe gegen dich die Pflicht, dich vor einem Opfer zu warnen,
das ein Verbrechen wäre gegen dich und gegen das, was das Leben mit dir
vorhat.“
„Schweig jetzt still und laß mir Zeit. Ich gebe dir mein Wort: An dem
Tage, wo ich die Überzeugung gewinne, daß ich hier nicht hingehöre – ich
meine es so: daß ich außerhalb des Priestertums Stärkeres und Größeres
leisten und mit Segen für mich und andere weiter um mich wirken kann –
an dem Tage ziehe ich die Soutane aus.“
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E ine erste Folge dieses Gespräches war, daß Fenn Kaß sich eifriger als je
in seinen Pflichtenkreis einspann, mit gesenktem Kopf und mit
geistigen Scheuklappen gegen jede Ablenkung den Wagen seines
Tagewerkes dahinzog.
„Du mußt den Hochmut in dir abtöten,“ redete er sich zu, „du mußt dich
in die Denkart der Leute versenken, mußt sie begreifen lernen; und sie
verstehen, heißt sie lieben lernen.“ Und immer wieder, wenn er seinen
Entschluß zur Entsagung, zur Aufopferung eines Teiles seiner selbst aufs
neue faßte, fiel ihm das Wort Theos ein: „Entsagung ist das Erbteil des
Verfalls.“ Hatte er ein Recht, das Beste in sich, seine tragfähigsten Triebe
verdorren zu lassen? Und wem zulieb? Je besser er die Menschen um sich
kennen lernte, desto weniger schienen sie ihm das Opfer zu verdienen, das
er ihnen bringen wollte. Die ihn liebten – das spürte er heraus – würden ihm
treu bleiben, auch wenn er von ihnen ginge. Die drei Kamps zum Beispiel.
Für die war er nicht der Seelsorger, für die war er der gute Kamerad, der sie
verstand und ihnen half. Und der „Niegela“. Er war ein Trottel, aber doch
eine Seele von Mensch. Und manch ein stiller Bauer, mit dem er selten ein
Wort wechselte, aber aus dessen Augen wirkliche Verehrung und Treue ihn
anblickte. Dagegen die andern, von Pfarrer Brendel angefangen bis zum
sanften Emil und seiner Erbtante – Beschränktheit, Boshaftigkeit, und
dazwischen die schwere, interesselose Masse der Gleichgültigen, die um
Hirn und Herz die dicke Kruste ihres Habsuchtsinstinktes trugen.
Frau Kaß fing an, sich um ihren Sohn zu sorgen. Er war die letzte Zeit so
in sich gekehrt, die Schatten in seinen Augenhöhlen wurden immer dunkler
und sie hörte ihn oft bis spät in die Nacht in seinem Zimmer auf und ab
gehen.
Eines Tages, kaum daß es dunkelte, kam Marjänni zu ihr in die Küche
geschlichen. Sie hatte rotgeweinte Augen und ihre Lippen zitterten, als sie
sagte: „Ich komme, euch Lebewohl sagen. Ich bin heute zum letzten Male
hier.“
Frau Kaß machte große Augen und fragte: „Wie, Marjänni, zieht ihr
fort?“
Marjänni schüttelte den Kopf, und ihre Tränen begannen wieder zu
strömen. „Nein,“ stieß sie schluchzend hervor, „ich darf nicht mehr
kommen, mein Mann hat es verboten.“
„Oh! verboten! Und warum das?“
in seinen Pflichtenkreis einspann, mit gesenktem Kopf und mit
geistigen Scheuklappen gegen jede Ablenkung den Wagen seines
Tagewerkes dahinzog.
„Du mußt den Hochmut in dir abtöten,“ redete er sich zu, „du mußt dich
in die Denkart der Leute versenken, mußt sie begreifen lernen; und sie
verstehen, heißt sie lieben lernen.“ Und immer wieder, wenn er seinen
Entschluß zur Entsagung, zur Aufopferung eines Teiles seiner selbst aufs
neue faßte, fiel ihm das Wort Theos ein: „Entsagung ist das Erbteil des
Verfalls.“ Hatte er ein Recht, das Beste in sich, seine tragfähigsten Triebe
verdorren zu lassen? Und wem zulieb? Je besser er die Menschen um sich
kennen lernte, desto weniger schienen sie ihm das Opfer zu verdienen, das
er ihnen bringen wollte. Die ihn liebten – das spürte er heraus – würden ihm
treu bleiben, auch wenn er von ihnen ginge. Die drei Kamps zum Beispiel.
Für die war er nicht der Seelsorger, für die war er der gute Kamerad, der sie
verstand und ihnen half. Und der „Niegela“. Er war ein Trottel, aber doch
eine Seele von Mensch. Und manch ein stiller Bauer, mit dem er selten ein
Wort wechselte, aber aus dessen Augen wirkliche Verehrung und Treue ihn
anblickte. Dagegen die andern, von Pfarrer Brendel angefangen bis zum
sanften Emil und seiner Erbtante – Beschränktheit, Boshaftigkeit, und
dazwischen die schwere, interesselose Masse der Gleichgültigen, die um
Hirn und Herz die dicke Kruste ihres Habsuchtsinstinktes trugen.
Frau Kaß fing an, sich um ihren Sohn zu sorgen. Er war die letzte Zeit so
in sich gekehrt, die Schatten in seinen Augenhöhlen wurden immer dunkler
und sie hörte ihn oft bis spät in die Nacht in seinem Zimmer auf und ab
gehen.
Eines Tages, kaum daß es dunkelte, kam Marjänni zu ihr in die Küche
geschlichen. Sie hatte rotgeweinte Augen und ihre Lippen zitterten, als sie
sagte: „Ich komme, euch Lebewohl sagen. Ich bin heute zum letzten Male
hier.“
Frau Kaß machte große Augen und fragte: „Wie, Marjänni, zieht ihr
fort?“
Marjänni schüttelte den Kopf, und ihre Tränen begannen wieder zu
strömen. „Nein,“ stieß sie schluchzend hervor, „ich darf nicht mehr
kommen, mein Mann hat es verboten.“
„Oh! verboten! Und warum das?“
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Marjänni fing noch heftiger an zu schluchzen. „Es ist so schlecht, ich
kann es nicht sagen!“
„Nun, so gar arg kann es doch nicht sein,“ redete Frau Kaß ihr zu.
„Doch, doch Mutter Kaß! Sie sagen –“
„Nun?“
„Sie sagen, ich halte es mit euerm Herrn!“, und ein Sturzbach von Tränen
entquoll ihren verschwollenen Augen.
Frau Kaß streckte den Kopf vor, kniff die Augen zu, blähte die Nüstern
und fragte mit geschürzter Oberlippe, als hätte sie nicht richtig verstanden:
„Was? Mit unserm Herrn? Mit unserm Fenn? Du sollst es mit unserm Fenn
... Wer sagt das?“
Jetzt vergaß Marjänni ihr Herzeleid, das Interesse an der Sache überwog.
Sie trocknete rasch ihre Tränen und begann heftig flüsternd ihre Erzählung.
Ihr Mann war übellaunig nach Haus gekommen und hatte erst nicht mit
der Farbe herausgewollt. Ach, weiter nichts von Belang, ein Krawall mit
dem Ruß. Aber was denn, warum denn? Na ja, der Ruß war frech geworden
beim Kegeln, und da hatten die beiden gerauft. Aber um was es denn
gegangen war? Diese Mannsleute, um eine Pfeife Tabak ... Was, um eine
Pfeife Tabak? ..., hatte Fritz ganz bleich vor Zorn gesagt. Wenn mir einer
unter die Nase reibt, meine Frau sei eine ... und dann hatte er ihr alles ins
Gesicht geschrien, was ihm der Ruß hämisch aufgetischt hatte. Er glaubte
es ja nicht, das wäre noch schöner, aber er wollte nicht mehr, daß Marjänni
im Kaplanshause verkehrte.
Frau Kaß hörte ruhig zu und stierte eine Weile vor sich hin. „Es ist gut,
Marjänni,“ sagte sie dann. „Geh nach Haus und sag deinem Mann, er soll
gegen niemand von der Sache ein Sterbenswörtchen verlauten lassen. Unser
Fenn darf davon nichts erfahren. Komm nicht mehr in unser Haus, wir
bleiben ja doch gute Freunde. Aber tu nicht, als ob du etwas wüßtest. Ich
kann mir ja denken, von wo das Geschwätz ausgeht. Wenn wir den Ruß
fassen, ist uns nicht geholfen, wir müssen warten, bis einer von denen sich
verplappert, die die Geschichte aufgebracht haben. Aber die Freude sollen
sie jetzt nicht haben, daß sie merken, wir wissen alles und grämen uns
darüber.“
Marjänni riet noch, brennend vor Neugierde, hin und her, wen Frau Kaß
wohl im Verdacht hatte, aber sie brachte aus der alten Frau nichts mehr
heraus. Die sagte nur starren Blickes: „Nein, Marjänni, geh jetzt. Und tu,
kann es nicht sagen!“
„Nun, so gar arg kann es doch nicht sein,“ redete Frau Kaß ihr zu.
„Doch, doch Mutter Kaß! Sie sagen –“
„Nun?“
„Sie sagen, ich halte es mit euerm Herrn!“, und ein Sturzbach von Tränen
entquoll ihren verschwollenen Augen.
Frau Kaß streckte den Kopf vor, kniff die Augen zu, blähte die Nüstern
und fragte mit geschürzter Oberlippe, als hätte sie nicht richtig verstanden:
„Was? Mit unserm Herrn? Mit unserm Fenn? Du sollst es mit unserm Fenn
... Wer sagt das?“
Jetzt vergaß Marjänni ihr Herzeleid, das Interesse an der Sache überwog.
Sie trocknete rasch ihre Tränen und begann heftig flüsternd ihre Erzählung.
Ihr Mann war übellaunig nach Haus gekommen und hatte erst nicht mit
der Farbe herausgewollt. Ach, weiter nichts von Belang, ein Krawall mit
dem Ruß. Aber was denn, warum denn? Na ja, der Ruß war frech geworden
beim Kegeln, und da hatten die beiden gerauft. Aber um was es denn
gegangen war? Diese Mannsleute, um eine Pfeife Tabak ... Was, um eine
Pfeife Tabak? ..., hatte Fritz ganz bleich vor Zorn gesagt. Wenn mir einer
unter die Nase reibt, meine Frau sei eine ... und dann hatte er ihr alles ins
Gesicht geschrien, was ihm der Ruß hämisch aufgetischt hatte. Er glaubte
es ja nicht, das wäre noch schöner, aber er wollte nicht mehr, daß Marjänni
im Kaplanshause verkehrte.
Frau Kaß hörte ruhig zu und stierte eine Weile vor sich hin. „Es ist gut,
Marjänni,“ sagte sie dann. „Geh nach Haus und sag deinem Mann, er soll
gegen niemand von der Sache ein Sterbenswörtchen verlauten lassen. Unser
Fenn darf davon nichts erfahren. Komm nicht mehr in unser Haus, wir
bleiben ja doch gute Freunde. Aber tu nicht, als ob du etwas wüßtest. Ich
kann mir ja denken, von wo das Geschwätz ausgeht. Wenn wir den Ruß
fassen, ist uns nicht geholfen, wir müssen warten, bis einer von denen sich
verplappert, die die Geschichte aufgebracht haben. Aber die Freude sollen
sie jetzt nicht haben, daß sie merken, wir wissen alles und grämen uns
darüber.“
Marjänni riet noch, brennend vor Neugierde, hin und her, wen Frau Kaß
wohl im Verdacht hatte, aber sie brachte aus der alten Frau nichts mehr
heraus. Die sagte nur starren Blickes: „Nein, Marjänni, geh jetzt. Und tu,
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wie ich dir gesagt habe.“ Dann kniff sie die Lippen zusammen und
schüttelte auf alle Fragen Marjännis nur noch den Kopf.
Erst als Frau Lampert draußen war, zog Fenns Mutter ihr großes
Taschentuch und weinte hinein, daß es sie an den Schultern schüttelte.
„Also dafür habe ich ihn groß gezogen, daß so ein Pack ihn mir jetzt
verunglimpft!“
Aber sie faßte sich rasch. Beim Abendessen wagte sie ein paar leise
Anspielungen, konnte sich aber überzeugen, daß Fenn dem bösen Gerücht
gegenüber völlig ahnungslos war. Da lag also nicht der Grund zu seinem in
sich gekehrten Wesen. Frau Kaß hoffte zuversichtlich, daß der üble Klatsch,
wenn er keine Nahrung erhielte, mit der Zeit wieder einschlafen und an
ihrem Einzigen spurlos vorübergehen würde.
D em Kaplan fiel es auf, daß sein Pfarrer seit einiger Zeit für den
Lokalverein, den Fenn gegründet hatte, ein regeres Interesse an den
Tag legte. Er hörte ab und zu davon, daß Herr Brendel abends in einer
Vereinssitzung erschienen sei und mit den Mitgliedern äußerst leutselig
getan habe. Fenn machte sich selbstquälerische Vorwürfe, weil ihm diese
Tatsache, statt ihn zu freuen und ihm als eine friedfertige Annäherung des
Pfarrers zu erscheinen, verdächtig vorkam.
„Ich fange an, an Verfolgungswahn zu leiden,“ dachte er, und nahm sich
noch peinlicher vor ungerechten Beurteilungen anderer in acht.
Um dieselbe Zeit brachte ihm der Briefträger eines Tages ein
wohlriechendes Kuvert mit einer Bristolkarte, auf der er las: „Herr und Frau
Peppinger geben sich die Ehre, Seine Hochwürden Herrn Kaplan Kaß auf
Mittwoch, elften Februar, zwölf ein halb Uhr, zum Mittagessen einzuladen.
U. A. w. g.“
Peppinger? Er kannte niemand dieses Namens. Waren das die reichen
Peppingers aus dem nahen Kantonalhauptort?
Andern Morgens fragte ihn der Herr Pastor, ob er auch schon seine
Einladung zu Peppingers erhalten habe. Fenn erfuhr, daß die junge Frau den
Wunsch geäußert habe, bei der nächsten Firmung in ihrem Marktflecken
Patin zu stehen. Sie wollte deshalb nun die Bekanntschaft aller Herren
Geistlichen ihres Kantons machen. Und daher die Einladung. Er gehe doch
mit? Man könne unbesorgt annehmen, die Leute hätten’s dazu.
schüttelte auf alle Fragen Marjännis nur noch den Kopf.
Erst als Frau Lampert draußen war, zog Fenns Mutter ihr großes
Taschentuch und weinte hinein, daß es sie an den Schultern schüttelte.
„Also dafür habe ich ihn groß gezogen, daß so ein Pack ihn mir jetzt
verunglimpft!“
Aber sie faßte sich rasch. Beim Abendessen wagte sie ein paar leise
Anspielungen, konnte sich aber überzeugen, daß Fenn dem bösen Gerücht
gegenüber völlig ahnungslos war. Da lag also nicht der Grund zu seinem in
sich gekehrten Wesen. Frau Kaß hoffte zuversichtlich, daß der üble Klatsch,
wenn er keine Nahrung erhielte, mit der Zeit wieder einschlafen und an
ihrem Einzigen spurlos vorübergehen würde.
D em Kaplan fiel es auf, daß sein Pfarrer seit einiger Zeit für den
Lokalverein, den Fenn gegründet hatte, ein regeres Interesse an den
Tag legte. Er hörte ab und zu davon, daß Herr Brendel abends in einer
Vereinssitzung erschienen sei und mit den Mitgliedern äußerst leutselig
getan habe. Fenn machte sich selbstquälerische Vorwürfe, weil ihm diese
Tatsache, statt ihn zu freuen und ihm als eine friedfertige Annäherung des
Pfarrers zu erscheinen, verdächtig vorkam.
„Ich fange an, an Verfolgungswahn zu leiden,“ dachte er, und nahm sich
noch peinlicher vor ungerechten Beurteilungen anderer in acht.
Um dieselbe Zeit brachte ihm der Briefträger eines Tages ein
wohlriechendes Kuvert mit einer Bristolkarte, auf der er las: „Herr und Frau
Peppinger geben sich die Ehre, Seine Hochwürden Herrn Kaplan Kaß auf
Mittwoch, elften Februar, zwölf ein halb Uhr, zum Mittagessen einzuladen.
U. A. w. g.“
Peppinger? Er kannte niemand dieses Namens. Waren das die reichen
Peppingers aus dem nahen Kantonalhauptort?
Andern Morgens fragte ihn der Herr Pastor, ob er auch schon seine
Einladung zu Peppingers erhalten habe. Fenn erfuhr, daß die junge Frau den
Wunsch geäußert habe, bei der nächsten Firmung in ihrem Marktflecken
Patin zu stehen. Sie wollte deshalb nun die Bekanntschaft aller Herren
Geistlichen ihres Kantons machen. Und daher die Einladung. Er gehe doch
mit? Man könne unbesorgt annehmen, die Leute hätten’s dazu.
Page 148
Fenns Mutter redete ihm zu, daß er sich nicht ausschlösse, und er ging
mit zu Peppingers.
Es wurde sehr gemütlich. Die Peppingers machten für die Verhältnisse
des Ortes ein großes Haus. Er, der Herr Peppinger, hatte im Hauptamt einen
lässig betriebenen Lederhandel, dem ein im Hause ergrauter Kommis
vorstand, und im Nebenamt ein privates Geldverleihinstitut, bei dem
sozusagen alle Bauern des Kantons in der Kreide gestanden hatten, standen
oder zuversichtlich eines Tages stehen würden. Des Herrn Peppinger
Intelligenz war ganz in Erwerbssinn aufgegangen, und er wußte wie kein
anderer die Wurst nach der Speckseite zu werfen. Seine Bekannten machten
ihn zum Helden sämtlicher Dümmlingsanekdoten, die sie kannten, aber von
seinem Kassenschrank und seinem Keller sprachen sie mit unbegrenzter
Hochachtung. Mit der Geistlichkeit seines Kantons stand er immer auf dem
besten Fuß und viele Herren Pastöre und Kapläne der Umgegend wußten
den Weg zum und vom Hause Peppinger in der stichdunkelsten Nacht zu
finden.
Der Herr des Hauses empfing seine Gäste mit einer linkischen
Liebenswürdigkeit. Er war nicht der Mann vieler und lauter Worte. Das
verriet schon sein Äußeres. Sein dünnes, blondes Haar, war à la frommer
Heinrich über dem spitzen Scheitel glatt gestrichen, seine wasserblauen
Augen glotzten ewig erstaunt durch den goldenen Kneifer, der ihm lässig
und schief auf der Nase saß, und sein Gesicht war wie aus einem
unzulänglich gebackenen Milchteig. Frau Peppinger dagegen, die gern
Firmpatin werden wollte, war eine dunkelfarbige, resolute Person, die
jedem Ankommenden mit ausgestreckten Händen entgegenrauschte und mit
„das ist recht!“ – „das freut mich, daß Sie auch gekommen sind!“ jeden
einzelnen willkommen hieß.
Als Fenn Kaß den geräumigen Flur des Hauses Peppinger betrat, vom
Kutscher Dominik in Livree an der Türe empfangen, fand er schon eine
ganze Gesellschaft dort versammelt. An den Kleiderhaken hingen Mäntel
und Hüte der geistlichen Herren. Die hellfarbigen, glattpolierten
Wanderstöcke aus Eichenholz gehörten den Jüngeren, die Herren Pastöre
der älteren Generation hatten ihre Regenschirme oder spanischen Rohre mit
Elfenbein- oder Hornknauf mitgebracht.
Fenn hörte den behäbigen Pfarrer Schock, einen Studiengenossen und
Busenfreund Peppingers sagen:
mit zu Peppingers.
Es wurde sehr gemütlich. Die Peppingers machten für die Verhältnisse
des Ortes ein großes Haus. Er, der Herr Peppinger, hatte im Hauptamt einen
lässig betriebenen Lederhandel, dem ein im Hause ergrauter Kommis
vorstand, und im Nebenamt ein privates Geldverleihinstitut, bei dem
sozusagen alle Bauern des Kantons in der Kreide gestanden hatten, standen
oder zuversichtlich eines Tages stehen würden. Des Herrn Peppinger
Intelligenz war ganz in Erwerbssinn aufgegangen, und er wußte wie kein
anderer die Wurst nach der Speckseite zu werfen. Seine Bekannten machten
ihn zum Helden sämtlicher Dümmlingsanekdoten, die sie kannten, aber von
seinem Kassenschrank und seinem Keller sprachen sie mit unbegrenzter
Hochachtung. Mit der Geistlichkeit seines Kantons stand er immer auf dem
besten Fuß und viele Herren Pastöre und Kapläne der Umgegend wußten
den Weg zum und vom Hause Peppinger in der stichdunkelsten Nacht zu
finden.
Der Herr des Hauses empfing seine Gäste mit einer linkischen
Liebenswürdigkeit. Er war nicht der Mann vieler und lauter Worte. Das
verriet schon sein Äußeres. Sein dünnes, blondes Haar, war à la frommer
Heinrich über dem spitzen Scheitel glatt gestrichen, seine wasserblauen
Augen glotzten ewig erstaunt durch den goldenen Kneifer, der ihm lässig
und schief auf der Nase saß, und sein Gesicht war wie aus einem
unzulänglich gebackenen Milchteig. Frau Peppinger dagegen, die gern
Firmpatin werden wollte, war eine dunkelfarbige, resolute Person, die
jedem Ankommenden mit ausgestreckten Händen entgegenrauschte und mit
„das ist recht!“ – „das freut mich, daß Sie auch gekommen sind!“ jeden
einzelnen willkommen hieß.
Als Fenn Kaß den geräumigen Flur des Hauses Peppinger betrat, vom
Kutscher Dominik in Livree an der Türe empfangen, fand er schon eine
ganze Gesellschaft dort versammelt. An den Kleiderhaken hingen Mäntel
und Hüte der geistlichen Herren. Die hellfarbigen, glattpolierten
Wanderstöcke aus Eichenholz gehörten den Jüngeren, die Herren Pastöre
der älteren Generation hatten ihre Regenschirme oder spanischen Rohre mit
Elfenbein- oder Hornknauf mitgebracht.
Fenn hörte den behäbigen Pfarrer Schock, einen Studiengenossen und
Busenfreund Peppingers sagen:
Page 149
„Brebacher, da ist ja auch dein Kaplan.“ Pfarrer Brendel nahm davon
keine Notiz.
Ein paar von den Herren saßen im Flur auf einer alten geschnitzten
Herdbank, einer Siedel, andere standen umher, lehnten am Treppengeländer
und baten Frau Peppinger, die sie in den Salon nötigen wollte, sie doch
lieber draußen ihre Zigarren fertig rauchen zu lassen. Frau Peppinger tat
ihrem Hausfrauenherzen Gewalt an und sagte bittersüß, die Zigarren
könnten sie ja auch mit hineinnehmen, aber ein Herr Kaplan Schramm, mit
einem pfiffigen Schuljungengesicht, meinte, das gehe nicht, er wisse von
seiner Tante, was sich schickt.
Frau Peppinger rauschte auf Fenn Kaß zu und hieß ihn mit einem
liebenswürdigen Wortschwall willkommen. Dazwischen rief sie nach dem
Salon hinüber ihrem Manne zu, daß Herr Kaplan Kaß aus Brebach
gekommen sei. Und sie zeigte dem neuen Gast ihre schöne „Siedel“, ein
echtes altes Stück, das sie samt einer stilvollen eichenen Stockuhr für ein
Spottgeld – raten Sie mal – in einem Nachbardorf bei einem Kunden ihres
Mannes gekauft hatte. Ob er sich für dergleichen interessiere? – Ja, meinte
Fenn Kaß, wenn es an Ort und Stelle stehe. Er liebe die alten
Sammlerstücke nicht, die, aus ihrer Umgebung herausgelöst, inmitten
modernen Hausrats altväterische Biederkeit vorstellen sollten.
„Da haben Sie recht,“ sagte Frau Peppinger verbindlich. „Wir haben auch
schöne neue Sachen.“
Sie führte ihn in den Salon, wo ihr Mann zwischen Tischen und
Tischchen, Stühlen und Stühlchen hin und her lavierte, um den Gästen über
den Gegenstand, den sie gerade ins Auge gefaßt hatten, geflissentlich
Erklärungen zu geben.
„Ich finde, Louis XV ist doch noch immer das schönste, was man von
Stil hat,“ begann die Hausfrau wieder das durch die Vorstellung zwischen
Fenn und ihrem Mann unterbrochene Gespräch.
Herr August Peppinger winkte seinem Busenfreund Schock, und die
beiden hatten ein geheimes Konsilium. Es lief in folgende Zwiesprache aus:
„Also erst den 1908er Caseler, dann den 1904er Wiltinger Kupp,“
rekapitulierte Pfarrer Schock.
„Die Vierer machen sich wieder.“
„Wundervoll. Dann zu dem warmen Schinken ...“
„Da dachte ich an ein Glas Bier.“
keine Notiz.
Ein paar von den Herren saßen im Flur auf einer alten geschnitzten
Herdbank, einer Siedel, andere standen umher, lehnten am Treppengeländer
und baten Frau Peppinger, die sie in den Salon nötigen wollte, sie doch
lieber draußen ihre Zigarren fertig rauchen zu lassen. Frau Peppinger tat
ihrem Hausfrauenherzen Gewalt an und sagte bittersüß, die Zigarren
könnten sie ja auch mit hineinnehmen, aber ein Herr Kaplan Schramm, mit
einem pfiffigen Schuljungengesicht, meinte, das gehe nicht, er wisse von
seiner Tante, was sich schickt.
Frau Peppinger rauschte auf Fenn Kaß zu und hieß ihn mit einem
liebenswürdigen Wortschwall willkommen. Dazwischen rief sie nach dem
Salon hinüber ihrem Manne zu, daß Herr Kaplan Kaß aus Brebach
gekommen sei. Und sie zeigte dem neuen Gast ihre schöne „Siedel“, ein
echtes altes Stück, das sie samt einer stilvollen eichenen Stockuhr für ein
Spottgeld – raten Sie mal – in einem Nachbardorf bei einem Kunden ihres
Mannes gekauft hatte. Ob er sich für dergleichen interessiere? – Ja, meinte
Fenn Kaß, wenn es an Ort und Stelle stehe. Er liebe die alten
Sammlerstücke nicht, die, aus ihrer Umgebung herausgelöst, inmitten
modernen Hausrats altväterische Biederkeit vorstellen sollten.
„Da haben Sie recht,“ sagte Frau Peppinger verbindlich. „Wir haben auch
schöne neue Sachen.“
Sie führte ihn in den Salon, wo ihr Mann zwischen Tischen und
Tischchen, Stühlen und Stühlchen hin und her lavierte, um den Gästen über
den Gegenstand, den sie gerade ins Auge gefaßt hatten, geflissentlich
Erklärungen zu geben.
„Ich finde, Louis XV ist doch noch immer das schönste, was man von
Stil hat,“ begann die Hausfrau wieder das durch die Vorstellung zwischen
Fenn und ihrem Mann unterbrochene Gespräch.
Herr August Peppinger winkte seinem Busenfreund Schock, und die
beiden hatten ein geheimes Konsilium. Es lief in folgende Zwiesprache aus:
„Also erst den 1908er Caseler, dann den 1904er Wiltinger Kupp,“
rekapitulierte Pfarrer Schock.
„Die Vierer machen sich wieder.“
„Wundervoll. Dann zu dem warmen Schinken ...“
„Da dachte ich an ein Glas Bier.“
Page 150
„Ganz recht, das erfrischt. Und dann gibst du von deinem alten Volnay,
dem 84er.“
„Soviel ist davon gar nicht mehr da.“
„Er muß getrunken werden, er verliert.“
„Meinetwegen. Wenn du meinst, daß sie ihn zu schätzen wissen? Und zu
den Krebsen?“
„Grade zu den Krebsen. Es ist nichts verkehrter, als zu den Krebsen
Weißwein zu trinken.“
„Schön. Und dann?“
„Dann gibst du von deinem alten Mercier Splendide, von dem, wo die
Pfropfen nach dem Entkorken ganz dünn bleiben.“
„Ich weiß nicht, ob davon ...“
„Doch, ich weiß bestimmt, es liegt davon noch ein ganzer Korb, zwei
Dutzend Flaschen.“
„Du, wollen wir die nicht für uns zwei aufsparen?“ Pfarrer Schock sah
seinem hellblonden Busenfreund mißtrauisch in die Augen.
„Sicher ist sicher, dachte ich, aber ich nehme dich beim Wort. Also dann
von der letzten Sendung.“
Sie stiegen in den Keller und suchten aus den Gestellen die Kreszenzen
zusammen, auf die sie sich geeinigt hatten. Jeder trug vorsichtig unter
beiden Armen und in beiden Händen je zwei Flaschen.
Oben wurden sie mit lautem Halloh von den jungen Semestern
empfangen. Und dann sah man die großen weißen Baumwollhandschuhe
des Kutschers Dominik an der Flügeltür zwischen Salon und Speisezimmer
die Messingriegel von oben und unten zurückziehen und die knarrende Tür
öffnen. Frau Peppinger bat mit einem zutunlich hausmütterlichem „So,
meine Herren!“ zu Tisch.
Um die von weißem Linnen schimmernde, von Kristall und Silber
blitzende und gleißende Festtafel suchte jeder seinen Platz. Als dann Herr
Peppinger mit einer einladenden Handbewegung sich schon halb
niedergelassen hatte, wurde er durch ein vorwurfsvolles „Aber Peppinger!“
seiner Gattin wieder emporgescheucht. „Herr Seimich,“ flüsterte die Frau
ihrem Nachbar zur Rechten zu. Und der alte Herr Seimich, ein
spindeldürrer Pfarrer mit eingefallenen Wangen und erloschenen
Asketenaugen schlug mit zittriger Hand ein großes Kreuz und hub das
Tischgebet an. August Peppinger fingerte verlegen an seinem Kneifer
herum und seine Frau zuckte noch einmal mit einem raschen Blick nach
dem 84er.“
„Soviel ist davon gar nicht mehr da.“
„Er muß getrunken werden, er verliert.“
„Meinetwegen. Wenn du meinst, daß sie ihn zu schätzen wissen? Und zu
den Krebsen?“
„Grade zu den Krebsen. Es ist nichts verkehrter, als zu den Krebsen
Weißwein zu trinken.“
„Schön. Und dann?“
„Dann gibst du von deinem alten Mercier Splendide, von dem, wo die
Pfropfen nach dem Entkorken ganz dünn bleiben.“
„Ich weiß nicht, ob davon ...“
„Doch, ich weiß bestimmt, es liegt davon noch ein ganzer Korb, zwei
Dutzend Flaschen.“
„Du, wollen wir die nicht für uns zwei aufsparen?“ Pfarrer Schock sah
seinem hellblonden Busenfreund mißtrauisch in die Augen.
„Sicher ist sicher, dachte ich, aber ich nehme dich beim Wort. Also dann
von der letzten Sendung.“
Sie stiegen in den Keller und suchten aus den Gestellen die Kreszenzen
zusammen, auf die sie sich geeinigt hatten. Jeder trug vorsichtig unter
beiden Armen und in beiden Händen je zwei Flaschen.
Oben wurden sie mit lautem Halloh von den jungen Semestern
empfangen. Und dann sah man die großen weißen Baumwollhandschuhe
des Kutschers Dominik an der Flügeltür zwischen Salon und Speisezimmer
die Messingriegel von oben und unten zurückziehen und die knarrende Tür
öffnen. Frau Peppinger bat mit einem zutunlich hausmütterlichem „So,
meine Herren!“ zu Tisch.
Um die von weißem Linnen schimmernde, von Kristall und Silber
blitzende und gleißende Festtafel suchte jeder seinen Platz. Als dann Herr
Peppinger mit einer einladenden Handbewegung sich schon halb
niedergelassen hatte, wurde er durch ein vorwurfsvolles „Aber Peppinger!“
seiner Gattin wieder emporgescheucht. „Herr Seimich,“ flüsterte die Frau
ihrem Nachbar zur Rechten zu. Und der alte Herr Seimich, ein
spindeldürrer Pfarrer mit eingefallenen Wangen und erloschenen
Asketenaugen schlug mit zittriger Hand ein großes Kreuz und hub das
Tischgebet an. August Peppinger fingerte verlegen an seinem Kneifer
herum und seine Frau zuckte noch einmal mit einem raschen Blick nach
Page 151
oben und einem leisen Kopfschütteln über dem Gebet die Achseln. Dann
zog sich jeder der geistlichen Herren mit gewohnter Gebärde die Soutane in
Sitzhöhe glatt, es gab ein geräuschvolles Stuhlrücken, ein weitausholendes
Entfalten der Servietten, und auf einen Wink der Hausfrau begann das
Auftragen.
Fenn Kaß hatte im Verhältnis zu seinem Rang und Alter einen der besten
Plätze bekommen. Er saß der Hausfrau, die in der Mitte der Tafel den
Ehrenplatz einnahm, schräg gegenüber, zwischen Abbé Rommelfangen,
dem Chefredakteur der „Luxemburger Abendglocke“ rechts und dem
pfiffigen Kaplan Schramm links. Abbé Rommelfangen hatte ein blühend
rotes Kinderantlitz, zu dem zweierlei nicht paßte: seine Nase, die lang und
spitz heraussprang, wie der Zeiger einer Sonnenuhr, und seine unsteten
Augen, deren Blicke wie verflatterte Vögel nirgends auszuruhen
vermochten und nur ab und zu sich ängstlich schielend an die Nasenspitze
Rommelfangens hefteten.
Fenn gegenüber, etwas weiter von der Mitte ab, saß Dr. Feller, ein
blutjunger Vikar mit einem gescheiten Gesicht und sehr starken
Brillengläsern. Er war der Sohn eines höheren Staatsbeamten aus der
Hauptstadt und galt unter seinen Konfratres als ein Kenner der feinen
Lebensart. Eben studierte er das Menü, beugte sich vornüber und suchte die
Blicke der Hausfrau, um ihr seine Anerkennung dadurch auszudrücken, daß
er die Lippen spitzte und mit Daumen und Zeigefinger eine Bewegung
andeutete, als ob er sich rasch einen Faden aus dem Mund zöge. Damit war
die ganze Tafelrunde von der Tadellosigkeit der Speisenfolge überzeugt.
Nach der Suppe beantragte Pfarrer Schock, einen ersten Schluck zu tun.
„Um den Wurm zu töten, sagt der Franzose.“
Und Pfarrer Schlunz, ein runder, rotbackiger Biedermann, zitierte den
alten Spruch, daß ein Glas Wein nach der Suppe dem Doktor zehn Dukaten
aus der Tasche stehle. Er kostete den Caseler, grunzte anerkennend und
sagte, er sei allerdings seit einiger Zeit zum „Viez“ übergegangen und
befinde sich sehr wohl dabei. Er nannte seine Quelle und den Preis, und alle
fanden es sehr billig und vorteilhaft. Nur der alte Herr Seimich konnte den
Apfelwein nicht verdauen. Er habe sich bei einem französischen
Weinreisenden ein Halbstück kleinen Bordeaux bestellt, daran werde er
wohl genug haben bis an sein seliges Ende. Im Anschluß hieran teilte er
Frau Peppinger Näheres über seine chronischen Verdauungsbeschwerden
mit.
zog sich jeder der geistlichen Herren mit gewohnter Gebärde die Soutane in
Sitzhöhe glatt, es gab ein geräuschvolles Stuhlrücken, ein weitausholendes
Entfalten der Servietten, und auf einen Wink der Hausfrau begann das
Auftragen.
Fenn Kaß hatte im Verhältnis zu seinem Rang und Alter einen der besten
Plätze bekommen. Er saß der Hausfrau, die in der Mitte der Tafel den
Ehrenplatz einnahm, schräg gegenüber, zwischen Abbé Rommelfangen,
dem Chefredakteur der „Luxemburger Abendglocke“ rechts und dem
pfiffigen Kaplan Schramm links. Abbé Rommelfangen hatte ein blühend
rotes Kinderantlitz, zu dem zweierlei nicht paßte: seine Nase, die lang und
spitz heraussprang, wie der Zeiger einer Sonnenuhr, und seine unsteten
Augen, deren Blicke wie verflatterte Vögel nirgends auszuruhen
vermochten und nur ab und zu sich ängstlich schielend an die Nasenspitze
Rommelfangens hefteten.
Fenn gegenüber, etwas weiter von der Mitte ab, saß Dr. Feller, ein
blutjunger Vikar mit einem gescheiten Gesicht und sehr starken
Brillengläsern. Er war der Sohn eines höheren Staatsbeamten aus der
Hauptstadt und galt unter seinen Konfratres als ein Kenner der feinen
Lebensart. Eben studierte er das Menü, beugte sich vornüber und suchte die
Blicke der Hausfrau, um ihr seine Anerkennung dadurch auszudrücken, daß
er die Lippen spitzte und mit Daumen und Zeigefinger eine Bewegung
andeutete, als ob er sich rasch einen Faden aus dem Mund zöge. Damit war
die ganze Tafelrunde von der Tadellosigkeit der Speisenfolge überzeugt.
Nach der Suppe beantragte Pfarrer Schock, einen ersten Schluck zu tun.
„Um den Wurm zu töten, sagt der Franzose.“
Und Pfarrer Schlunz, ein runder, rotbackiger Biedermann, zitierte den
alten Spruch, daß ein Glas Wein nach der Suppe dem Doktor zehn Dukaten
aus der Tasche stehle. Er kostete den Caseler, grunzte anerkennend und
sagte, er sei allerdings seit einiger Zeit zum „Viez“ übergegangen und
befinde sich sehr wohl dabei. Er nannte seine Quelle und den Preis, und alle
fanden es sehr billig und vorteilhaft. Nur der alte Herr Seimich konnte den
Apfelwein nicht verdauen. Er habe sich bei einem französischen
Weinreisenden ein Halbstück kleinen Bordeaux bestellt, daran werde er
wohl genug haben bis an sein seliges Ende. Im Anschluß hieran teilte er
Frau Peppinger Näheres über seine chronischen Verdauungsbeschwerden
mit.
Page 152
Das Gespräch wollte zuerst nicht recht in Fluß kommen. Nur die
Jüngsten, an den äußersten Tischenden waren bald in einer angeregten
halblauten Unterhaltung begriffen. Sie sprachen, offenbar durch die Nähe
Rommelfangens angeregt, über Stil, Literatur, Zeitungen, über den
Unterschied zwischen deutschem und französischem Journalismus,
zwischen Louis Veuillot und Erzberger. Einer wollte den Abbé
Rommelfangen ins Gespräch ziehen, aber die andern winkten heftig ab. Sie
hatten für ihn einen scheuen Respekt, aber wenig Sympathie. Seine
Schreibweise, die populär sein wollte und nur ungeschlacht war, imponierte
ihnen, weil sie im Schreiben ein wenig unbeholfen geblieben waren, und sie
wußten, daß er beim Bischof einen Stein im Brett hatte, weil er stets erriet,
wo er grob oder scharf oder feierlich schreiben mußte, um dem
Hochwürdigsten Herrn aus der Seele zu schreiben. Und sie standen alle zur
größeren Ehre Gottes in seiner Fron, sandten ihm Berichte über die
Geschehnisse aus ihren Ortschaften und warben Abonnenten.
Heute wußten sie alle, daß Rommelfangen nicht an Peppingers Tisch saß,
weil die Frau Firmpatin werden wollte. Sie errieten, daß eine politische
Aktion einzufädeln war, daß Peppinger ihr Kandidat bei den nächsten
Kammerwahlen sein würde, und sie machten einander auf das sorgenvolle
Gesicht Rommelfangens aufmerksam, der kaum ein Wort sprach und in
Gedanken an einem Brotkügelchen herumknetete.
Er litt offenbar unter der Rede, in der er der Versammlung die Kandidatur
Peppingers ankündigen sollte.
Der Fisch kam: Hecht mit Kapernsauce. Dr. Feller mischte sich quer über
den Tisch hinüber in das lückenreicher werdende Gespräch über
lesenswerte Bücher im Allgemeinen und über „Dreizehnlinden“ im
Besondern und schnitt das Thema von der Rückständigkeit der Katholiken
in Literatur und Kunst an. Pfarrer Brendel hatte schon seit Jahren in seiner
Pfarrei die Borromäusbücher eingeführt und ließ keine Inferiorität gelten.
Kaplan Schramm war so heimtückisch, den auf beiden Backen kauenden
Pfarrer Schlunz ins Gespräch zu ziehen. Aber der hatte für Literatur kein
Interesse. Er trieb neben seiner Seelsorge eine schwungvolle Landwirtschaft
mit Molkerei, Schweine-, Hühner- und Bienenzucht. Er klopfte mit der
Messerspitze auf eine neue Portion Hecht, die er auf das leise Zureden des
Kutschers Dominik sich heruntergelangt hatte und sagte kauend über den
Tisch hinüber zur Hausfrau: „Sehr gut! sehr gut!“ worauf er die
hochbeladene Messerspitze zärtlich zum Munde führte.
Jüngsten, an den äußersten Tischenden waren bald in einer angeregten
halblauten Unterhaltung begriffen. Sie sprachen, offenbar durch die Nähe
Rommelfangens angeregt, über Stil, Literatur, Zeitungen, über den
Unterschied zwischen deutschem und französischem Journalismus,
zwischen Louis Veuillot und Erzberger. Einer wollte den Abbé
Rommelfangen ins Gespräch ziehen, aber die andern winkten heftig ab. Sie
hatten für ihn einen scheuen Respekt, aber wenig Sympathie. Seine
Schreibweise, die populär sein wollte und nur ungeschlacht war, imponierte
ihnen, weil sie im Schreiben ein wenig unbeholfen geblieben waren, und sie
wußten, daß er beim Bischof einen Stein im Brett hatte, weil er stets erriet,
wo er grob oder scharf oder feierlich schreiben mußte, um dem
Hochwürdigsten Herrn aus der Seele zu schreiben. Und sie standen alle zur
größeren Ehre Gottes in seiner Fron, sandten ihm Berichte über die
Geschehnisse aus ihren Ortschaften und warben Abonnenten.
Heute wußten sie alle, daß Rommelfangen nicht an Peppingers Tisch saß,
weil die Frau Firmpatin werden wollte. Sie errieten, daß eine politische
Aktion einzufädeln war, daß Peppinger ihr Kandidat bei den nächsten
Kammerwahlen sein würde, und sie machten einander auf das sorgenvolle
Gesicht Rommelfangens aufmerksam, der kaum ein Wort sprach und in
Gedanken an einem Brotkügelchen herumknetete.
Er litt offenbar unter der Rede, in der er der Versammlung die Kandidatur
Peppingers ankündigen sollte.
Der Fisch kam: Hecht mit Kapernsauce. Dr. Feller mischte sich quer über
den Tisch hinüber in das lückenreicher werdende Gespräch über
lesenswerte Bücher im Allgemeinen und über „Dreizehnlinden“ im
Besondern und schnitt das Thema von der Rückständigkeit der Katholiken
in Literatur und Kunst an. Pfarrer Brendel hatte schon seit Jahren in seiner
Pfarrei die Borromäusbücher eingeführt und ließ keine Inferiorität gelten.
Kaplan Schramm war so heimtückisch, den auf beiden Backen kauenden
Pfarrer Schlunz ins Gespräch zu ziehen. Aber der hatte für Literatur kein
Interesse. Er trieb neben seiner Seelsorge eine schwungvolle Landwirtschaft
mit Molkerei, Schweine-, Hühner- und Bienenzucht. Er klopfte mit der
Messerspitze auf eine neue Portion Hecht, die er auf das leise Zureden des
Kutschers Dominik sich heruntergelangt hatte und sagte kauend über den
Tisch hinüber zur Hausfrau: „Sehr gut! sehr gut!“ worauf er die
hochbeladene Messerspitze zärtlich zum Munde führte.
Page 153
„Sie schicken uns nie etwas für das Blatt,“ sagte unvermittelt Abbé
Rommelfangen zu seinem schweigsamen Nachbar Fenn Kaß.
„Bei uns passiert nichts, was in die Zeitung gehört,“ antwortete Fenn,
kurz angebunden.
„Es passiert immer was, man muß nur aufpassen und Interesse dafür
haben.“
„Dann fehlt mir wohl das Interesse.“
„Das wird es sein. Ich habe schon gemerkt, daß Sie nicht viel für uns
übrig haben.“
Es entstand eine kleine Pause. Dann entgegnet Fenn:
„Ich denke, es ist nicht meine Sache, Zeitungsreporter zu spielen.“
„Da–as ist je–edermanns Sache!“ sagte Rommelfangen, der in der
Erregung stotterte. „Je–edermann, der u–unsrer heiligen Sa–ache dienen
will ...“
„Über die Heiligkeit Ihrer speziellen Sache will ich mit Ihnen nicht
streiten, zumal nicht in einem fremden Hause,“ erwiderte Fenn halblaut,
aber entschieden.
Frau Peppinger hatte das Wetterleuchten gemerkt, und im Instinkt ihrer
Gastgeberinnenpflicht lenkte sie ab:
„Aber Herr Kaß, Sie nehmen sich da gerade das allerschlechteste Stück.“
Der Kutscher Dominik räusperte sich aufgeregt, als hätte er einen Rüffel
bekommen und dirigierte mit der Platte dem Gast das schönste Stück unter
die Gabel.
Fenn dankte, und Kaplan Schramm sagte, er wolle sich opfern und mit
Widerstreben noch einmal zugreifen.
Der Wiltinger duftete nach Riesling in der mählich wärmer werdenden
Zimmerluft, und auch die blassesten Gesichter begannen an den
Backenknochen und unter den Augen sich fleckig zu röten. Um den Tisch
bildeten sich die Gesprächsinseln, die entstehen, wenn der Alkohol leise zu
wirken beginnt. Das Bedürfnis nach Übersicht, das dem Nüchternen eigen
ist, macht der Lust am Ausspinnen eines Lieblingsthemas Platz, das
Mißtrauen gegen sich selbst und die Schüchternheit weichen der Freude am
leichten Fluß vermeintlich geistvoller Gedanken. Die geräuschvolleren
Temperamente brachten die stilleren in Schwung, und wie es so geht: bald
waren die Stilleren die, die am lautesten redeten. Pfarrer Schlunz tat immer
herablassender zu Dominik, Hochwürden Herr Seimich ließ sich durch die
Vortrefflichkeit der Gerichte verlocken, seine blasse Stirnhaut rötete sich
Rommelfangen zu seinem schweigsamen Nachbar Fenn Kaß.
„Bei uns passiert nichts, was in die Zeitung gehört,“ antwortete Fenn,
kurz angebunden.
„Es passiert immer was, man muß nur aufpassen und Interesse dafür
haben.“
„Dann fehlt mir wohl das Interesse.“
„Das wird es sein. Ich habe schon gemerkt, daß Sie nicht viel für uns
übrig haben.“
Es entstand eine kleine Pause. Dann entgegnet Fenn:
„Ich denke, es ist nicht meine Sache, Zeitungsreporter zu spielen.“
„Da–as ist je–edermanns Sache!“ sagte Rommelfangen, der in der
Erregung stotterte. „Je–edermann, der u–unsrer heiligen Sa–ache dienen
will ...“
„Über die Heiligkeit Ihrer speziellen Sache will ich mit Ihnen nicht
streiten, zumal nicht in einem fremden Hause,“ erwiderte Fenn halblaut,
aber entschieden.
Frau Peppinger hatte das Wetterleuchten gemerkt, und im Instinkt ihrer
Gastgeberinnenpflicht lenkte sie ab:
„Aber Herr Kaß, Sie nehmen sich da gerade das allerschlechteste Stück.“
Der Kutscher Dominik räusperte sich aufgeregt, als hätte er einen Rüffel
bekommen und dirigierte mit der Platte dem Gast das schönste Stück unter
die Gabel.
Fenn dankte, und Kaplan Schramm sagte, er wolle sich opfern und mit
Widerstreben noch einmal zugreifen.
Der Wiltinger duftete nach Riesling in der mählich wärmer werdenden
Zimmerluft, und auch die blassesten Gesichter begannen an den
Backenknochen und unter den Augen sich fleckig zu röten. Um den Tisch
bildeten sich die Gesprächsinseln, die entstehen, wenn der Alkohol leise zu
wirken beginnt. Das Bedürfnis nach Übersicht, das dem Nüchternen eigen
ist, macht der Lust am Ausspinnen eines Lieblingsthemas Platz, das
Mißtrauen gegen sich selbst und die Schüchternheit weichen der Freude am
leichten Fluß vermeintlich geistvoller Gedanken. Die geräuschvolleren
Temperamente brachten die stilleren in Schwung, und wie es so geht: bald
waren die Stilleren die, die am lautesten redeten. Pfarrer Schlunz tat immer
herablassender zu Dominik, Hochwürden Herr Seimich ließ sich durch die
Vortrefflichkeit der Gerichte verlocken, seine blasse Stirnhaut rötete sich
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unregelmäßig, in Landkartenmanier, und seine Asketenaugen glühten. Die
Jüngeren stritten sich jetzt darüber, ob der Ministerpräsident, der allgemein
als Freidenker galt, im Grunde noch ein gläubiger Christ sei oder nicht. Und
Pfarrer Brendel sagte wegwerfend: „Laßt ihn einmal auf der Flanke liegen,
in articulo mortis, dann wird er sich schon wieder auf seinen Kinderglauben
besinnen.“
„Ach ja,“ pflichtete Hochwürden Seimich bei, „wenn ihr letztes
Stündlein schlägt, dann kriegen sie es auf einmal mit der Angst.“
„Siehe Voltaire!“ griff Herr Schlunz in seinen Zitatenschatz.
Fenn Kaß hatte bis dahin ruhig zugehört und sagte jetzt:
„Warum soll jemand, der sein Leben lang als aufrechter Mann nicht
geglaubt hat, auf dem Totenbett aus Angst auf einmal gläubig werden? ...
Bitte, meine Herren, ich meine nicht jemand, der rein aus Bequemlichkeit
das Praktizieren und Kirchengehen aufgegeben hat, sondern einen Mann,
der sich aufrichtig mit sich auseinandergesetzt hat, der in seinem Innern die
aufrichtige Überzeugung gewonnen hat, daß es sich mit den
Glaubenswahrheiten unsrer Religion nicht so verhält, wie wir lehren ...“
Weiter kam er nicht. Die einen lachten höhnisch auf, die andern redeten
mit roten Gesichtern auf ihn ein. Nein! So verliere man den Glauben nicht!
Aus heiterm Himmel werde keiner zum Gottesleugner, das Laster sei die
Artillerie des Unglaubens, die ihm erst das Terrain frei mache.
„Das ist echt Kaß,“ flüsterte Pfarrer Brendel seinem Nachbarn zu.
„Sie ha–aben ja me–erkwürdige Ansichten, Herr Kaß!“ sagte
Rommelfangen sarkastisch, die Arme kreuzend und jedes Wort mit einem
Kopfnicken unterstreichend.
„Prosit, Herr Konfrater!“ rief Dr. Feller über den Tisch Kaß zu und hielt
ihm das schäumende Bierglas hin, denn gerade begann Dominik, den
safttriefenden Schinken herumzureichen. „Wir wollen diesen
hochinteressanten Streit zu gelegnerer Zeit austragen. Es kommt alles auf
die Nuancen an.“
„Das sind A–ansichten,“ grollte Rommelfangen, mußte sich aber doch
den beschwichtigenden Worten des jungen Vikars fügen. Denn Dr. Feller
hatte Einfluß. Er würde nach der Ansicht aller eine schöne Karriere machen.
Er hatte in Rom im Collegium germanicum studiert, unterhielt wertvolle
Beziehungen in der besseren Gesellschaft, galt trotz seiner Jugend als ein
überlegener Geist, der häufig in Vermittlerrollen wohltätig zu wirken wußte.
Seine Kameraden prophezeiten ihm mit Sicherheit die Mitra.
Jüngeren stritten sich jetzt darüber, ob der Ministerpräsident, der allgemein
als Freidenker galt, im Grunde noch ein gläubiger Christ sei oder nicht. Und
Pfarrer Brendel sagte wegwerfend: „Laßt ihn einmal auf der Flanke liegen,
in articulo mortis, dann wird er sich schon wieder auf seinen Kinderglauben
besinnen.“
„Ach ja,“ pflichtete Hochwürden Seimich bei, „wenn ihr letztes
Stündlein schlägt, dann kriegen sie es auf einmal mit der Angst.“
„Siehe Voltaire!“ griff Herr Schlunz in seinen Zitatenschatz.
Fenn Kaß hatte bis dahin ruhig zugehört und sagte jetzt:
„Warum soll jemand, der sein Leben lang als aufrechter Mann nicht
geglaubt hat, auf dem Totenbett aus Angst auf einmal gläubig werden? ...
Bitte, meine Herren, ich meine nicht jemand, der rein aus Bequemlichkeit
das Praktizieren und Kirchengehen aufgegeben hat, sondern einen Mann,
der sich aufrichtig mit sich auseinandergesetzt hat, der in seinem Innern die
aufrichtige Überzeugung gewonnen hat, daß es sich mit den
Glaubenswahrheiten unsrer Religion nicht so verhält, wie wir lehren ...“
Weiter kam er nicht. Die einen lachten höhnisch auf, die andern redeten
mit roten Gesichtern auf ihn ein. Nein! So verliere man den Glauben nicht!
Aus heiterm Himmel werde keiner zum Gottesleugner, das Laster sei die
Artillerie des Unglaubens, die ihm erst das Terrain frei mache.
„Das ist echt Kaß,“ flüsterte Pfarrer Brendel seinem Nachbarn zu.
„Sie ha–aben ja me–erkwürdige Ansichten, Herr Kaß!“ sagte
Rommelfangen sarkastisch, die Arme kreuzend und jedes Wort mit einem
Kopfnicken unterstreichend.
„Prosit, Herr Konfrater!“ rief Dr. Feller über den Tisch Kaß zu und hielt
ihm das schäumende Bierglas hin, denn gerade begann Dominik, den
safttriefenden Schinken herumzureichen. „Wir wollen diesen
hochinteressanten Streit zu gelegnerer Zeit austragen. Es kommt alles auf
die Nuancen an.“
„Das sind A–ansichten,“ grollte Rommelfangen, mußte sich aber doch
den beschwichtigenden Worten des jungen Vikars fügen. Denn Dr. Feller
hatte Einfluß. Er würde nach der Ansicht aller eine schöne Karriere machen.
Er hatte in Rom im Collegium germanicum studiert, unterhielt wertvolle
Beziehungen in der besseren Gesellschaft, galt trotz seiner Jugend als ein
überlegener Geist, der häufig in Vermittlerrollen wohltätig zu wirken wußte.
Seine Kameraden prophezeiten ihm mit Sicherheit die Mitra.
Page 155
Jetzt mischte sich Herr Peppinger ins Gespräch.
„Herr Feller, ich habe gehört, Sie können gerade so gut beweisen, daß es
einen Gott gibt, wie daß es keinen gibt.“
„Aha,“ sagte Kaplan Schramm erwartungsvoll, „endlich einmal ein
vernünftiges Wort!“
Dr. Feller lachte.
„Was wir nicht alles beweisen können, Herr Peppinger! Nehmen Sie sich
in acht, sonst beweise ich Ihnen, daß Sie überhaupt gar nicht da sind.“
Rommelfangen zuckte die Achseln. Warmer Schinken und Gottesbeweis
waren für ihn Dinge, die nur ein frivoler Geist im Zusammenhang
behandeln konnte. Und je näher der Augenblick rückte, wo er den Zweck
des heutigen Gastmahls bekannt machen sollte, desto strenger wurden seine
Grundsätze. Er hörte kaum noch hin, wie die Jungen über Kunst in der
Schule sprachen, wie einer erklärte, an die Schulwände gehörten
Heiligenbilder, das sei was fürs kindliche Gemüt, der schönste Gipsabguß
eines profanen Kunstwerks sei für das kindliche Begriffsvermögen Kaviar,
eine unangenehme hügelige Unterbrechung der glatten Wandfläche. Da
schlug Abbé Rommelfangen, der mit Peppinger einen raschen Blick
gewechselt hatte, mit dem Messerrücken an seinen leeren Champagnerkelch
und stand auf.
„Pst, Silentium!“ ging es um den Tisch.
Peppinger schluckte vor Aufregung und rückte mit beiden Händen den
Kneifer zurecht.
Abbé Rommelfangen blieb nach den ersten Worten stecken und zog aus
der Tasche einen Zettel, von dem er seine Rede ablas.
Es hieß darin, daß bald wieder der Kampf entbrennen werde, der Kampf
um die Macht, „der auch schon bei uns ein Kampf um den Glauben unsrer
Väter geworden ist“. Da müßten glaubensstarke Männer her, die für die
heilige Kirche und ihre Lehren allezeit Farbe bekennen. Und da sei Herr
Peppinger der Mann, den sie brauchten. Auf den könnten sie vertrauen, daß
er mit ihnen Schulter an Schulter usw. „Gläubige Männer heraus!“ Das sei
die Losung. „Und Herr Kandidat – was sage ich! – Herr Abgeordneter
Peppinger lebe hoch!“
Ein dreifaches donnerndes Hoch brach sich an Wänden und Decke des
Speisezimmers. Dominik hatte in aller Eile den Champagner eingeschenkt
und alle Gläser streckten sich Peppinger entgegen. Auch seine Gattin ging
strahlend auf ihn zu und sagte: „Siehst du, August!“
„Herr Feller, ich habe gehört, Sie können gerade so gut beweisen, daß es
einen Gott gibt, wie daß es keinen gibt.“
„Aha,“ sagte Kaplan Schramm erwartungsvoll, „endlich einmal ein
vernünftiges Wort!“
Dr. Feller lachte.
„Was wir nicht alles beweisen können, Herr Peppinger! Nehmen Sie sich
in acht, sonst beweise ich Ihnen, daß Sie überhaupt gar nicht da sind.“
Rommelfangen zuckte die Achseln. Warmer Schinken und Gottesbeweis
waren für ihn Dinge, die nur ein frivoler Geist im Zusammenhang
behandeln konnte. Und je näher der Augenblick rückte, wo er den Zweck
des heutigen Gastmahls bekannt machen sollte, desto strenger wurden seine
Grundsätze. Er hörte kaum noch hin, wie die Jungen über Kunst in der
Schule sprachen, wie einer erklärte, an die Schulwände gehörten
Heiligenbilder, das sei was fürs kindliche Gemüt, der schönste Gipsabguß
eines profanen Kunstwerks sei für das kindliche Begriffsvermögen Kaviar,
eine unangenehme hügelige Unterbrechung der glatten Wandfläche. Da
schlug Abbé Rommelfangen, der mit Peppinger einen raschen Blick
gewechselt hatte, mit dem Messerrücken an seinen leeren Champagnerkelch
und stand auf.
„Pst, Silentium!“ ging es um den Tisch.
Peppinger schluckte vor Aufregung und rückte mit beiden Händen den
Kneifer zurecht.
Abbé Rommelfangen blieb nach den ersten Worten stecken und zog aus
der Tasche einen Zettel, von dem er seine Rede ablas.
Es hieß darin, daß bald wieder der Kampf entbrennen werde, der Kampf
um die Macht, „der auch schon bei uns ein Kampf um den Glauben unsrer
Väter geworden ist“. Da müßten glaubensstarke Männer her, die für die
heilige Kirche und ihre Lehren allezeit Farbe bekennen. Und da sei Herr
Peppinger der Mann, den sie brauchten. Auf den könnten sie vertrauen, daß
er mit ihnen Schulter an Schulter usw. „Gläubige Männer heraus!“ Das sei
die Losung. „Und Herr Kandidat – was sage ich! – Herr Abgeordneter
Peppinger lebe hoch!“
Ein dreifaches donnerndes Hoch brach sich an Wänden und Decke des
Speisezimmers. Dominik hatte in aller Eile den Champagner eingeschenkt
und alle Gläser streckten sich Peppinger entgegen. Auch seine Gattin ging
strahlend auf ihn zu und sagte: „Siehst du, August!“
Page 156
August war blaß geworden bis in die Lippen.
Als wieder Stille eingetreten war und alle sich gesetzt hatten, blickte er
mit seinen wasserblauen Augen hilfesuchend über die Versammlung und
griff schließlich in die linke Brusttasche, aus der auch er einen Zettel
hervorzog.
Mit tonloser Stimme las er, häufig sich räuspernd, daß der Vorschlag des
hochwürdigen Herrn Vorredners ihn ebenso überrasche, wie er ihn ehre. Er
sei sich der großen Verantwortung bewußt usw., aber er nehme trotzdem an
und er gebe sein Ehrenwort, daß er nie gegen die Interessen „unserer Mutter
der heiligen Kirche“ seine Stimme abgeben werde.
Wieder betäubendes Hoch und Bravo! Hochwürden Herr Schock, der
sich sozusagen als der Einpeitscher betrachtete, ließ immer neuen
Champagner auffahren. Es war ein Druck von der Versammlung
genommen. Ein Vikar, der des Harmoniumspielens kundig war, wurde ans
Klavier genötigt und griff ganze Hände voll rauschende Kirchenakkorde. Er
versuchte auch ein paar Volkslieder, die die Korona mitsang, bis
Rommelfangen sagte, das werde in der Straße unliebsam auffallen. Aber der
musikalische Vikar war nicht mehr vom Instrument wegzubringen und ließ
eine fromme Weise und eine kindliche Improvisation nach der andern
erschallen. Rommelfangen hatte seinen Stuhl neben den Peppingers
getragen und besprach mit diesem schon Einzelheiten seines
Wahlfeldzuges. Frau Peppinger horchte hin mit dem gespannten Interesse
der Gattin, die ihrem Mann nicht Schneid und Grütze genug zutraut, immer
auf dem Sprung, um einzugreifen, wenn er versagen sollte.
Zigarrenrauch begann die Räume zu durchziehen, in die sich die lauten
Gäste zerstreut hatten. Es ging jetzt hoch her. Auf der ganzen Linie war
Politik Trumpf.
Fenn Kaß war zu Sinn, als schallte das alles an ihm vorbei, ohne ihn zu
berühren. Dr. Feller trat zu ihm und pries begeistert, was doch der Partei für
eine wunderbare Organisation in der geistlichen Hierarchie geschaffen sei,
was für ein unübertreffliches Offizierkorps der Klerus in der Wahlschlacht
abgebe. Fenn Kaß schüttelte den Kopf und wandte ein, dazu glaube er nicht
berufen zu sein. Dr. Feller tat seine Bedenken mit einem burschikosen:
„Man muß eben mit den Wölfen heulen“ ab. Frau Peppinger kam hinzu und
floß über von Liebenswürdigkeit für den Kaplan, dem sie schon den ganzen
Mittag mit ihrem Fraueninstinkt den unsicheren Kantonisten angesehen
hatte. Fenn Kaß aber benützte die willkommene Gelegenheit, sich zu
Als wieder Stille eingetreten war und alle sich gesetzt hatten, blickte er
mit seinen wasserblauen Augen hilfesuchend über die Versammlung und
griff schließlich in die linke Brusttasche, aus der auch er einen Zettel
hervorzog.
Mit tonloser Stimme las er, häufig sich räuspernd, daß der Vorschlag des
hochwürdigen Herrn Vorredners ihn ebenso überrasche, wie er ihn ehre. Er
sei sich der großen Verantwortung bewußt usw., aber er nehme trotzdem an
und er gebe sein Ehrenwort, daß er nie gegen die Interessen „unserer Mutter
der heiligen Kirche“ seine Stimme abgeben werde.
Wieder betäubendes Hoch und Bravo! Hochwürden Herr Schock, der
sich sozusagen als der Einpeitscher betrachtete, ließ immer neuen
Champagner auffahren. Es war ein Druck von der Versammlung
genommen. Ein Vikar, der des Harmoniumspielens kundig war, wurde ans
Klavier genötigt und griff ganze Hände voll rauschende Kirchenakkorde. Er
versuchte auch ein paar Volkslieder, die die Korona mitsang, bis
Rommelfangen sagte, das werde in der Straße unliebsam auffallen. Aber der
musikalische Vikar war nicht mehr vom Instrument wegzubringen und ließ
eine fromme Weise und eine kindliche Improvisation nach der andern
erschallen. Rommelfangen hatte seinen Stuhl neben den Peppingers
getragen und besprach mit diesem schon Einzelheiten seines
Wahlfeldzuges. Frau Peppinger horchte hin mit dem gespannten Interesse
der Gattin, die ihrem Mann nicht Schneid und Grütze genug zutraut, immer
auf dem Sprung, um einzugreifen, wenn er versagen sollte.
Zigarrenrauch begann die Räume zu durchziehen, in die sich die lauten
Gäste zerstreut hatten. Es ging jetzt hoch her. Auf der ganzen Linie war
Politik Trumpf.
Fenn Kaß war zu Sinn, als schallte das alles an ihm vorbei, ohne ihn zu
berühren. Dr. Feller trat zu ihm und pries begeistert, was doch der Partei für
eine wunderbare Organisation in der geistlichen Hierarchie geschaffen sei,
was für ein unübertreffliches Offizierkorps der Klerus in der Wahlschlacht
abgebe. Fenn Kaß schüttelte den Kopf und wandte ein, dazu glaube er nicht
berufen zu sein. Dr. Feller tat seine Bedenken mit einem burschikosen:
„Man muß eben mit den Wölfen heulen“ ab. Frau Peppinger kam hinzu und
floß über von Liebenswürdigkeit für den Kaplan, dem sie schon den ganzen
Mittag mit ihrem Fraueninstinkt den unsicheren Kantonisten angesehen
hatte. Fenn Kaß aber benützte die willkommene Gelegenheit, sich zu
Page 157
empfehlen und verließ unauffällig die sehr angeregte Gesellschaft. Er ging
langsam durch den Spätnachmittag am Fluß entlang, mit dem Hut in der
Hand, und ließ sich die herbe Vorfrühlingsluft um den warmen Kopf wehen.
Ein unüberwindliches Gefühl des Unbehagens quälte ihn. Er fühlte die
Nähe der Menschen, in deren Mitte er seinen Nachmittag verbracht hatte
und wußte, daß er nie so werden könnte wie sie, nie sich in der Luft
heimisch fühlen, in der sie mit vollen Lungen atmeten. Er redete fast zornig
auf sich ein, wiederholte sich in Gedanken, daß die meisten ja doch
seelengute Menschen seien, voll des besten Willens, das Gute zu tun, wie
sie es gelehrt worden waren. Und immer wieder fühlte er in sich die
Empörung aufstehen gegen die Zumutung, daß er mit ihnen in innerer und
äußerer Gemeinschaft leben und sterben sollte. Ihr Herdeninstinkt, ihre
geistige Genügsamkeit, um deretwillen er sie oft bemitleidet hatte, erregten
seinen Zorn, weil er wußte, daß sie ihn stillschweigend als Bundesgenossen
beanspruchten. Ihr Biedersinn, der bäuerliche Rhythmus ihres Wesens,
erschienen ihm als protzige Unkultur, die aus der Not prahlerisch eine
Tugend machte und sich mit Bleigewichten an ihn zu hängen suchte. Und
wie er auch sann und sann, er fand keinen Ausweg aus ihrer Gemeinschaft.
Als er nach Hause kam, saß sein Freund Theo in seinem Studierzimmer
und rief ihm entgegen: „Du, lies mir einmal tüchtig das Kapitel! Ich habe
eine Dummheit gemacht. Ich lasse mich in deinem Kanton als
demokratischer Kandidat für die nächsten Kammerwahlen aufstellen.“
Fenn lachte laut auf. „Freilich, ich hätte dir allerhand Gescheiteres
gewußt. Du und Politik!“
Theo machte eine komische Armesündermiene.
„Na, tröste dich,“ spottete Fenn, „du bist ja nicht der einzige. Ich war
heute dabei, wie dein Nebenbuhler auf den Schild gehoben wurde.“ Er
erzählte die Geburt der Kandidatur Peppinger.
„Wie kommst du armer Saul unter diese Propheten?“ fragte Fenn.
„Ja, es muß doch auch Leute geben, die Politik treiben.“
„Aber ausgerechnet du! Du solltest als Maschineningenieur doch wissen,
daß Politik der Apparat ist, der bei größter Kraftvergeudung den geringsten
Nutzeffekt hergibt.“
„Wenn dieser Nutzeffekt nun aber nicht anders zu erzielen ist?“
„Ja, so heißt es immer. Aber mir kommen die politischen Parteien vor
wie die zwei Feuerwehrleute, denen ich einmal zusah, wie sie sich bei
langsam durch den Spätnachmittag am Fluß entlang, mit dem Hut in der
Hand, und ließ sich die herbe Vorfrühlingsluft um den warmen Kopf wehen.
Ein unüberwindliches Gefühl des Unbehagens quälte ihn. Er fühlte die
Nähe der Menschen, in deren Mitte er seinen Nachmittag verbracht hatte
und wußte, daß er nie so werden könnte wie sie, nie sich in der Luft
heimisch fühlen, in der sie mit vollen Lungen atmeten. Er redete fast zornig
auf sich ein, wiederholte sich in Gedanken, daß die meisten ja doch
seelengute Menschen seien, voll des besten Willens, das Gute zu tun, wie
sie es gelehrt worden waren. Und immer wieder fühlte er in sich die
Empörung aufstehen gegen die Zumutung, daß er mit ihnen in innerer und
äußerer Gemeinschaft leben und sterben sollte. Ihr Herdeninstinkt, ihre
geistige Genügsamkeit, um deretwillen er sie oft bemitleidet hatte, erregten
seinen Zorn, weil er wußte, daß sie ihn stillschweigend als Bundesgenossen
beanspruchten. Ihr Biedersinn, der bäuerliche Rhythmus ihres Wesens,
erschienen ihm als protzige Unkultur, die aus der Not prahlerisch eine
Tugend machte und sich mit Bleigewichten an ihn zu hängen suchte. Und
wie er auch sann und sann, er fand keinen Ausweg aus ihrer Gemeinschaft.
Als er nach Hause kam, saß sein Freund Theo in seinem Studierzimmer
und rief ihm entgegen: „Du, lies mir einmal tüchtig das Kapitel! Ich habe
eine Dummheit gemacht. Ich lasse mich in deinem Kanton als
demokratischer Kandidat für die nächsten Kammerwahlen aufstellen.“
Fenn lachte laut auf. „Freilich, ich hätte dir allerhand Gescheiteres
gewußt. Du und Politik!“
Theo machte eine komische Armesündermiene.
„Na, tröste dich,“ spottete Fenn, „du bist ja nicht der einzige. Ich war
heute dabei, wie dein Nebenbuhler auf den Schild gehoben wurde.“ Er
erzählte die Geburt der Kandidatur Peppinger.
„Wie kommst du armer Saul unter diese Propheten?“ fragte Fenn.
„Ja, es muß doch auch Leute geben, die Politik treiben.“
„Aber ausgerechnet du! Du solltest als Maschineningenieur doch wissen,
daß Politik der Apparat ist, der bei größter Kraftvergeudung den geringsten
Nutzeffekt hergibt.“
„Wenn dieser Nutzeffekt nun aber nicht anders zu erzielen ist?“
„Ja, so heißt es immer. Aber mir kommen die politischen Parteien vor
wie die zwei Feuerwehrleute, denen ich einmal zusah, wie sie sich bei
Page 158
einem Brande darum prügelten, wer den Schlauch halten sollte.
Mittlerweile löschten die Hausleute selbst das Feuer.“
„In gewissem Sinn hast du ja recht. Sie wollen alle das Beste, und das
Dumme ist nur, daß angeblich keiner es dem andern glaubt.“
„Und darum streiten sie sich herum, und es dauert zehn Jahre, bis etwas
Nützliches zustande kommt, das in zehn Monaten ebenso gut zu leisten
gewesen wäre.“
„Was willst du, lieber Fenn, ich mache mir ja auch keine Illusionen. Ich
weiß, ich habe von Politik keinen Dunst. Aber was soll man machen? Man
sitzt ruhig daheim und denkt an nichts Böses! Plötzlich klopft es, und herein
treten drei Herren mit ernsten Gesichtern, die einem auf den Kopf zusagen,
man sei der Rettungsanker einer Weltanschauung, man müsse unbedingt
eine Kandidatur annehmen. Die Herren holen ihre Argumente wie aus
einem Rucksack. Du denkst, er ist leer, und im Handumdrehen langen sie
daraus die moralischen Daumschrauben, die sie dir anlegen, während du
schon glaubtest, sie wollten sich empfehlen. Sie streuen dir Pfeffer in die
Augen, sie nehmen dir dein Ehrenwort ab wie ein Portemonnaie, und wenn
du am nächsten Morgen aufwachst, stellst du dich vor den Spiegel und
sagst: Herr, Sie sind ein Hornochse! – Aber es ist zu spät, du bist
Kandidat!“
Mit dem Talisman solcher Skepsis zog Theo Schütz in den Wahlkampf.
D as halbe Ländchen war ein Hexenkessel, in dem es von Übertreibung,
Lüge, Ehrabschneidung brodelte. Die Geister kochten in Siedehitze,
und die Menschen gebärdeten sich, als hinge das Schicksal des
Weltalls von dem Ausgang dieser Wahlen ab.
In Fenns Kanton waren drei Abgeordnete zu wählen. An die zwei alten
war nicht zu tippen, um den dritten Platz kämpften Theo Schütz und Herr
Peppinger. In der „Abendglocke“ erschienen Artikel, unter denen das Papier
dampfte. Die paar ersten Wochen ausschließlich für Peppinger: wie er einer
biedern, alt-luxemburgischen Familie angehöre, wie er nach allen Seiten
unabhängig sei, weder dem Kapital noch den „Sozen“ verschrieben, eine
Säule des Mittelstandes, der im Volk wurzelte, kein vorlauter Redner, aber
zu durchgreifender Arbeit in den Abteilungen befähigt und entschlossen.
Dann gegen Schütz: ein hergelaufener Industrieritter, der in Frankreich den
Mittlerweile löschten die Hausleute selbst das Feuer.“
„In gewissem Sinn hast du ja recht. Sie wollen alle das Beste, und das
Dumme ist nur, daß angeblich keiner es dem andern glaubt.“
„Und darum streiten sie sich herum, und es dauert zehn Jahre, bis etwas
Nützliches zustande kommt, das in zehn Monaten ebenso gut zu leisten
gewesen wäre.“
„Was willst du, lieber Fenn, ich mache mir ja auch keine Illusionen. Ich
weiß, ich habe von Politik keinen Dunst. Aber was soll man machen? Man
sitzt ruhig daheim und denkt an nichts Böses! Plötzlich klopft es, und herein
treten drei Herren mit ernsten Gesichtern, die einem auf den Kopf zusagen,
man sei der Rettungsanker einer Weltanschauung, man müsse unbedingt
eine Kandidatur annehmen. Die Herren holen ihre Argumente wie aus
einem Rucksack. Du denkst, er ist leer, und im Handumdrehen langen sie
daraus die moralischen Daumschrauben, die sie dir anlegen, während du
schon glaubtest, sie wollten sich empfehlen. Sie streuen dir Pfeffer in die
Augen, sie nehmen dir dein Ehrenwort ab wie ein Portemonnaie, und wenn
du am nächsten Morgen aufwachst, stellst du dich vor den Spiegel und
sagst: Herr, Sie sind ein Hornochse! – Aber es ist zu spät, du bist
Kandidat!“
Mit dem Talisman solcher Skepsis zog Theo Schütz in den Wahlkampf.
D as halbe Ländchen war ein Hexenkessel, in dem es von Übertreibung,
Lüge, Ehrabschneidung brodelte. Die Geister kochten in Siedehitze,
und die Menschen gebärdeten sich, als hinge das Schicksal des
Weltalls von dem Ausgang dieser Wahlen ab.
In Fenns Kanton waren drei Abgeordnete zu wählen. An die zwei alten
war nicht zu tippen, um den dritten Platz kämpften Theo Schütz und Herr
Peppinger. In der „Abendglocke“ erschienen Artikel, unter denen das Papier
dampfte. Die paar ersten Wochen ausschließlich für Peppinger: wie er einer
biedern, alt-luxemburgischen Familie angehöre, wie er nach allen Seiten
unabhängig sei, weder dem Kapital noch den „Sozen“ verschrieben, eine
Säule des Mittelstandes, der im Volk wurzelte, kein vorlauter Redner, aber
zu durchgreifender Arbeit in den Abteilungen befähigt und entschlossen.
Dann gegen Schütz: ein hergelaufener Industrieritter, der in Frankreich den
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Haß gegen Gott und seine heilige Kirche eingesogen habe, von dem man
nicht wisse, in wessen Sold er stehe und wem er sich für den Fall seiner
Wahl verschrieben habe. Das waren so die Hauptleitmotive, die hinum und
herum, bald ironisch, bald pathetisch durch alle Tonarten abgewandelt
wurden.
Fenn Kaß hatte seinem Freund von vornherein erklärt, daß er sich um die
Wahlen in keiner Weise kümmern und bei niemand, auch nicht bei seinen
zuverlässigsten Freunden im Dorf, ein Wort für ihn einlegen würde. Aber es
geschah ihm doch, daß er in seinem Verein, wenn Pfarrer Brendel gerade
vor ihm dagewesen war und die Leute bearbeitet hatte, die eine oder andere
Verleumdung gegen Theo auffing und ihre Nachbeter eines Bessern
belehren mußte. Ach ja, hieß es dann; aber gegen den reichen Peppinger
kann er doch nicht an.
Fenn kam auch auf einige Nachbardörfer, wo Schulgenossen von ihm
amtierten und Vereine nach Art des seinigen ins Leben gerufen hatten oder
beeinflußten. Er war Zeuge, wie alle sich begeistert in den Dienst der
Peppingerschen Wahlsache stellten und um die eigentlichen
Vereinsinteressen sich nur insofern kümmerten, als dadurch etwa bewiesen
werden konnte, wieso die Partei Peppinger dem Kanton freund und die
Partei Schütz dem Kanton feind sei.
Bald hub auch von allen Kanzeln des Kantons das Anathema an gegen
den freisinnigen Kandidaten, diesen notorischen Gottesleugner, der es mit
seinen Gesinnungsgenossen darauf abgesehen habe, dem Volk den Glauben
zu stehlen.
Fenn wußte, daß dies Treiben die höchste Billigung fand, aber er meinte,
es könne doch nicht möglich sein, daß er der einzige von allen sei, der
davor solchen Abscheu empfand. Es sei doch nicht denkbar, daß alle, die
sich zusammen mit ihm durch ihre Studienjahre hindurch vollgesogen
hatten mit den idealsten Vorstellungen von der Erhabenheit des
Priesteramtes, jetzt ihre ganze Tatkraft und Arbeitsfreudigkeit in ödem
politischen Klatsch verzettelten.
Aber so weit er um sich blickte, er sah keinen seiner geistlichen
Altersgenossen, der nicht den Beflissenen spielte, der nicht so tat, als sei
Herr Lederhändler August Peppinger der bravste, ehrlichste,
gottesfürchtigste und gescheiteste Mann innerhalb der Landesgrenzen und
Herr Ingenieur Theo Schütz der Antichrist in Person, ein Herrenknecht und
nicht wisse, in wessen Sold er stehe und wem er sich für den Fall seiner
Wahl verschrieben habe. Das waren so die Hauptleitmotive, die hinum und
herum, bald ironisch, bald pathetisch durch alle Tonarten abgewandelt
wurden.
Fenn Kaß hatte seinem Freund von vornherein erklärt, daß er sich um die
Wahlen in keiner Weise kümmern und bei niemand, auch nicht bei seinen
zuverlässigsten Freunden im Dorf, ein Wort für ihn einlegen würde. Aber es
geschah ihm doch, daß er in seinem Verein, wenn Pfarrer Brendel gerade
vor ihm dagewesen war und die Leute bearbeitet hatte, die eine oder andere
Verleumdung gegen Theo auffing und ihre Nachbeter eines Bessern
belehren mußte. Ach ja, hieß es dann; aber gegen den reichen Peppinger
kann er doch nicht an.
Fenn kam auch auf einige Nachbardörfer, wo Schulgenossen von ihm
amtierten und Vereine nach Art des seinigen ins Leben gerufen hatten oder
beeinflußten. Er war Zeuge, wie alle sich begeistert in den Dienst der
Peppingerschen Wahlsache stellten und um die eigentlichen
Vereinsinteressen sich nur insofern kümmerten, als dadurch etwa bewiesen
werden konnte, wieso die Partei Peppinger dem Kanton freund und die
Partei Schütz dem Kanton feind sei.
Bald hub auch von allen Kanzeln des Kantons das Anathema an gegen
den freisinnigen Kandidaten, diesen notorischen Gottesleugner, der es mit
seinen Gesinnungsgenossen darauf abgesehen habe, dem Volk den Glauben
zu stehlen.
Fenn wußte, daß dies Treiben die höchste Billigung fand, aber er meinte,
es könne doch nicht möglich sein, daß er der einzige von allen sei, der
davor solchen Abscheu empfand. Es sei doch nicht denkbar, daß alle, die
sich zusammen mit ihm durch ihre Studienjahre hindurch vollgesogen
hatten mit den idealsten Vorstellungen von der Erhabenheit des
Priesteramtes, jetzt ihre ganze Tatkraft und Arbeitsfreudigkeit in ödem
politischen Klatsch verzettelten.
Aber so weit er um sich blickte, er sah keinen seiner geistlichen
Altersgenossen, der nicht den Beflissenen spielte, der nicht so tat, als sei
Herr Lederhändler August Peppinger der bravste, ehrlichste,
gottesfürchtigste und gescheiteste Mann innerhalb der Landesgrenzen und
Herr Ingenieur Theo Schütz der Antichrist in Person, ein Herrenknecht und
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Hochstapler, von dem es noch gar nicht einmal feststehe, daß er nicht seine
Großmutter umgebracht und silberne Löffel gestohlen habe.
Dies überhitzte, unaufrichtige Wesen widerte Fenn Kaß derart an, daß er
das physische Bedürfnis empfand, sich einmal hinauszuretten.
Er dachte an seinen Jugendgespielen Putty Heinen. Der saß in den
Öslinger Bergen als Kaplan auf einem der kleinen Dörfer, die mit ihren
weißgetünchten Häusern und blauschwarzen Schieferdächern so sauber und
frischgewaschen von den Bergrücken und Hängen in die Weite schimmern.
Fenn Kaß machte sich einen freien Tag und fuhr hin.
Von der Haltestelle, wo er ausstieg, hatte er anderthalb Stunden zu gehen.
Eine Bahnwärtersfrau zeigte ihm einen Weg, der abseits von der Landstraße
über stille Buschpfade und durch entlegene Wiesentäler führte. Fenn klomm
erst eine ginsterbestandene Höhe hinan und sah die weißen Häuser des
Dorfes, das er eben verlassen hatte, verstreut unter sich in dem höckerigen
Kessel liegen. Die Felsrücken streckten sich in das enge Wiesental vor und
fielen sanft gegen das glasklare, schwarzbraune Wasser des Flüßchens ab,
auf dem weiße Schaumflocken zu Tal trieben. Diese Felsgebilde sahen
manchmal aus, wie riesige Tierschnauzen, die im Ausruhen platt auf die
Erde gedrückt sind. Unten im Tal der Wiesengrund leuchtete im jungen
Grün und war eine zarte Folie für die dunkeln Fichtengruppen, die mürrisch
in all der Erneuerung des Frühlings mit ihrem ewig alten düstern Kleide
standen. Die Wälder waren flaumig braun und weich, und in ihrem Braun,
in dem man schon die schwellenden Knospen ahnte, schimmerte da und
dort wie ein grüner Hauch der Wipfel einer Hagebuche oder das Silbergrau
wolliger Pappelkätzchen. An den Eichen hing noch das tabakbraune welke
Laub, das den Winterstürmen getrotzt hatte, und wo eine, kurz
zusammengeschnitten und gedrungen als Markscheide in den Wiesen stand,
wirkte sie wie ein rothaariger Landstreicher, der gut gelaunt sich den Wind
um die Ohren sausen läßt. Fenn witterte Veilchenduft und pflückte sich an
einem Hag ein Sträußchen, das er abends seiner Mutter heimbringen wollte.
Er dachte an die Veilchen, die sie immer um Ostern zwischen ihr Linnen
legte. Er schritt fürbaß und ließ sich in tiefen Zügen die Lenzluft durch die
Lungen gehen. Sein Pfad führte über die Höhe. Aus dem Wiesengrund
stiegen die braunen Hänge steil herauf, schoben und schachtelten sich
ineinander, zwischen den Bergrücken flossen, wie grüne Gletscher,
Wiesenstreifen nieder und mündeten in der breiten Flur der Talsohle.
Großmutter umgebracht und silberne Löffel gestohlen habe.
Dies überhitzte, unaufrichtige Wesen widerte Fenn Kaß derart an, daß er
das physische Bedürfnis empfand, sich einmal hinauszuretten.
Er dachte an seinen Jugendgespielen Putty Heinen. Der saß in den
Öslinger Bergen als Kaplan auf einem der kleinen Dörfer, die mit ihren
weißgetünchten Häusern und blauschwarzen Schieferdächern so sauber und
frischgewaschen von den Bergrücken und Hängen in die Weite schimmern.
Fenn Kaß machte sich einen freien Tag und fuhr hin.
Von der Haltestelle, wo er ausstieg, hatte er anderthalb Stunden zu gehen.
Eine Bahnwärtersfrau zeigte ihm einen Weg, der abseits von der Landstraße
über stille Buschpfade und durch entlegene Wiesentäler führte. Fenn klomm
erst eine ginsterbestandene Höhe hinan und sah die weißen Häuser des
Dorfes, das er eben verlassen hatte, verstreut unter sich in dem höckerigen
Kessel liegen. Die Felsrücken streckten sich in das enge Wiesental vor und
fielen sanft gegen das glasklare, schwarzbraune Wasser des Flüßchens ab,
auf dem weiße Schaumflocken zu Tal trieben. Diese Felsgebilde sahen
manchmal aus, wie riesige Tierschnauzen, die im Ausruhen platt auf die
Erde gedrückt sind. Unten im Tal der Wiesengrund leuchtete im jungen
Grün und war eine zarte Folie für die dunkeln Fichtengruppen, die mürrisch
in all der Erneuerung des Frühlings mit ihrem ewig alten düstern Kleide
standen. Die Wälder waren flaumig braun und weich, und in ihrem Braun,
in dem man schon die schwellenden Knospen ahnte, schimmerte da und
dort wie ein grüner Hauch der Wipfel einer Hagebuche oder das Silbergrau
wolliger Pappelkätzchen. An den Eichen hing noch das tabakbraune welke
Laub, das den Winterstürmen getrotzt hatte, und wo eine, kurz
zusammengeschnitten und gedrungen als Markscheide in den Wiesen stand,
wirkte sie wie ein rothaariger Landstreicher, der gut gelaunt sich den Wind
um die Ohren sausen läßt. Fenn witterte Veilchenduft und pflückte sich an
einem Hag ein Sträußchen, das er abends seiner Mutter heimbringen wollte.
Er dachte an die Veilchen, die sie immer um Ostern zwischen ihr Linnen
legte. Er schritt fürbaß und ließ sich in tiefen Zügen die Lenzluft durch die
Lungen gehen. Sein Pfad führte über die Höhe. Aus dem Wiesengrund
stiegen die braunen Hänge steil herauf, schoben und schachtelten sich
ineinander, zwischen den Bergrücken flossen, wie grüne Gletscher,
Wiesenstreifen nieder und mündeten in der breiten Flur der Talsohle.
Page 161
Fenn sah das Dorf nicht mehr. Lautlose Einsamkeit war weit um ihn her,
und wie ein Bild selbstgewollter trotziger Abgeschiedenheit sah er auf
einem der Berggipfel, die wie erstarrter Wellenschlag der Erde vor ihm sich
ausbreiteten, ein graues, weitschichtiges Haus liegen, einen alten,
befestigten Herrensitz, der halb verfallen, wie ein verwunschenes Schloß,
plötzlich mit seiner starren grauen Masse da war und sagte: Hier bist du in
meinem Bann, hier rede ich von Dingen und Zeiten, die nicht mehr sind und
nie mehr sein werden.
Fenn wanderte drauf los, durch einen andern stillen Talgrund, durch den
ein Bach quirlte, dann durch dichtes Gebüsch den Burgweg hinauf. Eine
Herde Kühe kam ihm entgegen. Die Tiere blieben vor ihm stehen und
glotzten ihn an, bis der Bub, der mit einem riesigen Käsebrot in der Hand
ihnen folgte, sie mit hüh und hoh! und einem leichten Gertenhieb übers
Kreuz weiter trieb. Oben traf Fenn eine rotwangige junge Frau mit
himmelblauen Augen und zwei Reihen blitzender Zähne, die Wäsche auf
die Weißdornhecke aufhängte. Er unterhielt sich mit ihr und sie brachte ihm
eine Tasse schäumende Milch und erzählte ihm von dem Schloßherrn,
einem stillen Menschen, der das alte Schloß für ein Spottgeld gekauft und
sie mit ihrem Mann zur Bewirtschaftung hineingesetzt hatte. Er hatte oft die
Sehnsucht, sich abzusondern und kam mit seinen Büchern und seinem
Angelgeräte heraus, wohnte in den alten weiten Räumen, deren Fenster auf
die Berge hinausgehen und hängte träumend tagelang seine Angelschnur in
das luftklare Bergwasser des Baches im Tal.
Fenn Kaß dachte: Wer er auch sei, er will das Glück genießen, er selbst
zu sein. Er hat recht.
Und er ging verträumt weiter. Alles, was ihn bedrückt hatte, war in der
freien Einsamkeit der Berge von ihm abgefallen. Der Schlachtruf: Hie
Schütz, hie Peppinger! schien ihm herüberzudringen wie ein Geschrei
raufender Kinderscharen, und er mußte darüber lächeln. Am Wegrand sah er
ein zerknülltes Zeitungsblatt liegen, und es ging ihm durch die Gedanken:
Das also ist hier draußen die Politik: ein zerknülltes Stück Makulatur, das
wie eine Verunreinigung wirkt, ein Blatt Papier aus zerwalkten Lumpen in
einer ewig wunderbaren Welt treibender Keime und schwellenden Lebens
und sonnendurchzitterter Schönheit, ein beschämendes Symbol
menschlicher Kraftvergeudung neben dem mühelosen, zwecksicheren Sein
und Werden im All.
und wie ein Bild selbstgewollter trotziger Abgeschiedenheit sah er auf
einem der Berggipfel, die wie erstarrter Wellenschlag der Erde vor ihm sich
ausbreiteten, ein graues, weitschichtiges Haus liegen, einen alten,
befestigten Herrensitz, der halb verfallen, wie ein verwunschenes Schloß,
plötzlich mit seiner starren grauen Masse da war und sagte: Hier bist du in
meinem Bann, hier rede ich von Dingen und Zeiten, die nicht mehr sind und
nie mehr sein werden.
Fenn wanderte drauf los, durch einen andern stillen Talgrund, durch den
ein Bach quirlte, dann durch dichtes Gebüsch den Burgweg hinauf. Eine
Herde Kühe kam ihm entgegen. Die Tiere blieben vor ihm stehen und
glotzten ihn an, bis der Bub, der mit einem riesigen Käsebrot in der Hand
ihnen folgte, sie mit hüh und hoh! und einem leichten Gertenhieb übers
Kreuz weiter trieb. Oben traf Fenn eine rotwangige junge Frau mit
himmelblauen Augen und zwei Reihen blitzender Zähne, die Wäsche auf
die Weißdornhecke aufhängte. Er unterhielt sich mit ihr und sie brachte ihm
eine Tasse schäumende Milch und erzählte ihm von dem Schloßherrn,
einem stillen Menschen, der das alte Schloß für ein Spottgeld gekauft und
sie mit ihrem Mann zur Bewirtschaftung hineingesetzt hatte. Er hatte oft die
Sehnsucht, sich abzusondern und kam mit seinen Büchern und seinem
Angelgeräte heraus, wohnte in den alten weiten Räumen, deren Fenster auf
die Berge hinausgehen und hängte träumend tagelang seine Angelschnur in
das luftklare Bergwasser des Baches im Tal.
Fenn Kaß dachte: Wer er auch sei, er will das Glück genießen, er selbst
zu sein. Er hat recht.
Und er ging verträumt weiter. Alles, was ihn bedrückt hatte, war in der
freien Einsamkeit der Berge von ihm abgefallen. Der Schlachtruf: Hie
Schütz, hie Peppinger! schien ihm herüberzudringen wie ein Geschrei
raufender Kinderscharen, und er mußte darüber lächeln. Am Wegrand sah er
ein zerknülltes Zeitungsblatt liegen, und es ging ihm durch die Gedanken:
Das also ist hier draußen die Politik: ein zerknülltes Stück Makulatur, das
wie eine Verunreinigung wirkt, ein Blatt Papier aus zerwalkten Lumpen in
einer ewig wunderbaren Welt treibender Keime und schwellenden Lebens
und sonnendurchzitterter Schönheit, ein beschämendes Symbol
menschlicher Kraftvergeudung neben dem mühelosen, zwecksicheren Sein
und Werden im All.
Page 162
In dieser Stimmung stieg er den Pfad hinunter, der wieder in ein neues
Tal und jenseits hinauf in das Kirchdorf führte, in dem Putty Heinen
zuhause war. Und da sah er ihn auch schon drüben den Pfad herkommen
und schickte ihm einen lauten Juchzer zum Gruß hinüber. Die schwarze
Gestalt blieb stehen, schirmte mit der Hand die Augen, und dann kam die
Antwort, ein langgezogenes „Juhu! Fenn!“
Unten im Wiesengrund trafen sie zusammen. Putty sprang vor Freude auf
einem Bein wie ein Kind. Sie hatten sich seit ihrer Anstellung nicht gesehen
und hatten sich allerlei zu sagen. Namentlich für Putty war es ein Labsal,
dem Freund sein Herz ausschütten zu können.
Er hatte sich überwunden, sagte er, er war unsäglich glücklich in seinem
Beruf. „Hier bin ich Mensch, hier darf ichs sein!“ zitierte er begeistert.
„Du wirst hier viel arbeiten können,“ meinte Fenn. „So still, so fern von
aller Ablenkung.“
„Ja, was soll man arbeiten? Es gibt in der Seelsorge schon zu tun. Aber
die Hauptsache ist das andre, siehst du, was mich mit meinem Beruf
aussöhnt, das Mitschaffen am großen Werk der Wiedergeburt unseres
politischen Lebens ...“
„Um Gottes willen,“ unterbrach ihn Fenn, „ich reiße mich zu Haus los,
um der Drangsal der Politik auf vierundzwanzig Stunden zu entfliehen, und
nun kommst du mir so!“
Putty lachte auf.
„Na, wir können ja auch von was anderm reden. Vorerst gehen wir nach
Haus, daß wir uns bei meiner Schwester zum Mittag ansagen, und dann
sehen wir weiter.“
Putty führte den Freund durch sein Haus, zeigte ihm die Dorfkirche, den
Friedhof, die Umgebung, ging mit ihm zu ein paar der reichsten Bauern des
Orts, um ihn als seinen Jugendfreund und Dorfkameraden vorzustellen, zu
den Schulschwestern, die einen süßen Schnaps und selbstgebackene
Makronen auftischten. Und sie schlenderten durch das Dorf, blieben bei den
Leuten stehen, die vor den Häusern beschäftigt waren und denen Putty eine
Prise anbot.
„Weißt du,“ sagte er ein wenig verschämt zu Fenn, „ich habe mir den
Schnupftabak angewöhnt. Eine harmlose Genußmöglichkeit. Und er wirkt
zuweilen tatsächlich erfrischend.“
Ein pfiffig aussehendes Bäuerlein, dem er auch die länglich runde Dose
aus Kirschrinde mit dem Lederriemchen am Deckel hinhielt, meinte, es
Tal und jenseits hinauf in das Kirchdorf führte, in dem Putty Heinen
zuhause war. Und da sah er ihn auch schon drüben den Pfad herkommen
und schickte ihm einen lauten Juchzer zum Gruß hinüber. Die schwarze
Gestalt blieb stehen, schirmte mit der Hand die Augen, und dann kam die
Antwort, ein langgezogenes „Juhu! Fenn!“
Unten im Wiesengrund trafen sie zusammen. Putty sprang vor Freude auf
einem Bein wie ein Kind. Sie hatten sich seit ihrer Anstellung nicht gesehen
und hatten sich allerlei zu sagen. Namentlich für Putty war es ein Labsal,
dem Freund sein Herz ausschütten zu können.
Er hatte sich überwunden, sagte er, er war unsäglich glücklich in seinem
Beruf. „Hier bin ich Mensch, hier darf ichs sein!“ zitierte er begeistert.
„Du wirst hier viel arbeiten können,“ meinte Fenn. „So still, so fern von
aller Ablenkung.“
„Ja, was soll man arbeiten? Es gibt in der Seelsorge schon zu tun. Aber
die Hauptsache ist das andre, siehst du, was mich mit meinem Beruf
aussöhnt, das Mitschaffen am großen Werk der Wiedergeburt unseres
politischen Lebens ...“
„Um Gottes willen,“ unterbrach ihn Fenn, „ich reiße mich zu Haus los,
um der Drangsal der Politik auf vierundzwanzig Stunden zu entfliehen, und
nun kommst du mir so!“
Putty lachte auf.
„Na, wir können ja auch von was anderm reden. Vorerst gehen wir nach
Haus, daß wir uns bei meiner Schwester zum Mittag ansagen, und dann
sehen wir weiter.“
Putty führte den Freund durch sein Haus, zeigte ihm die Dorfkirche, den
Friedhof, die Umgebung, ging mit ihm zu ein paar der reichsten Bauern des
Orts, um ihn als seinen Jugendfreund und Dorfkameraden vorzustellen, zu
den Schulschwestern, die einen süßen Schnaps und selbstgebackene
Makronen auftischten. Und sie schlenderten durch das Dorf, blieben bei den
Leuten stehen, die vor den Häusern beschäftigt waren und denen Putty eine
Prise anbot.
„Weißt du,“ sagte er ein wenig verschämt zu Fenn, „ich habe mir den
Schnupftabak angewöhnt. Eine harmlose Genußmöglichkeit. Und er wirkt
zuweilen tatsächlich erfrischend.“
Ein pfiffig aussehendes Bäuerlein, dem er auch die länglich runde Dose
aus Kirschrinde mit dem Lederriemchen am Deckel hinhielt, meinte, es
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könne in keinem Fall was schaden. „Es kennt sich nachher niemand aus, ob
einer die rote Nase vom Schnupfen oder vom Trinken hat.“
Manche hielten in ihrer Arbeit inne, wenn die beiden geistlichen Herren
auf sie zukamen, zogen die Mütze vom Kopf und strichen sich mit der
Hand, die den Mützenschirm hielt, verlegen grinsend über den Scheitel bis
in den Nacken hinunter. Andre sahen nur unter der Arbeit, wie bei etwas
Unrechtem ertappt, nach den Herren herüber und rückten linkisch an der
Mütze, wenn sie nicht schon vorher im Dunkel von Scheune oder Stall
verschwunden waren, von wo sie ihrem Kaplan und seinem Freund mit
schuldbewußter Neugier nachsahen.
Schulkinder kamen in Reih und Glied, knixten und sagten schallend:
„Gelobt sei Jes’ Christus!“ Die Kleinen umringten Putty und den fremden
Herrn, um bei ihnen eine Patschhand anzubringen, nur ein paar größere
Mädchen wurden rot, stießen sich kichernd an und drängten verlegen
vorüber.
Als vom Kirchturm die helle Dorfglocke Mittag läutete, setzten sich die
beiden Freunde in der gemütlichen Stube des Kaplanshauses an den runden
Tisch, den die Leonie dem Gast zu Ehren frisch gedeckt hatte. Die Fenster
rahmte grünes Gerank ein und auf den Fensterbänken standen in blauen und
grünen Gläsern die prächtigen Hyazinthen, die „Zäre Joffer“ zum Erstaunen
der Bäuerinnen getrieben hatte.
Während die „Herren“ die Suppe auslöffelten, stand die Leonie mit
versonnenem Lächeln, die Hände unter dem Busen gefaltet, daneben und
freute sich mütterlich an dem Appetit der beiden.
Fenn fragte scherzend, wie sie denn mit ihrem Brüderlein zufrieden sei.
„Ach, es geht,“ sagte sie. „Wenn er nur ein bißchen mehr zu Hause
bliebe.“
Putty zuckte die Achseln. Das reizte sie, und sie sagte halb im Ernst, halb
im Scherz, daß er die meiste Zeit auswärts sei und sie ihn manchmal
tagelang nicht zu sehen bekomme, und daß er sehr oft Besuch habe und sie
manchmal nicht wisse, wie sie die Enden zusammenbringen werde.
„Was hast denn du für ’ne Ahnung, was mein Beruf mit sich bringt,“ wies
Putty sie barsch zurecht, „ich gehe nicht aus, wenn ich nicht muß.“
„So! Heute hast du doch auch wieder fortgewollt, weil ihr eine politische
Versammlung hättet, und nun konntest du doch zu Haus bleiben.“
„Red bitte nicht über Dinge, die du nicht verstehst.“
einer die rote Nase vom Schnupfen oder vom Trinken hat.“
Manche hielten in ihrer Arbeit inne, wenn die beiden geistlichen Herren
auf sie zukamen, zogen die Mütze vom Kopf und strichen sich mit der
Hand, die den Mützenschirm hielt, verlegen grinsend über den Scheitel bis
in den Nacken hinunter. Andre sahen nur unter der Arbeit, wie bei etwas
Unrechtem ertappt, nach den Herren herüber und rückten linkisch an der
Mütze, wenn sie nicht schon vorher im Dunkel von Scheune oder Stall
verschwunden waren, von wo sie ihrem Kaplan und seinem Freund mit
schuldbewußter Neugier nachsahen.
Schulkinder kamen in Reih und Glied, knixten und sagten schallend:
„Gelobt sei Jes’ Christus!“ Die Kleinen umringten Putty und den fremden
Herrn, um bei ihnen eine Patschhand anzubringen, nur ein paar größere
Mädchen wurden rot, stießen sich kichernd an und drängten verlegen
vorüber.
Als vom Kirchturm die helle Dorfglocke Mittag läutete, setzten sich die
beiden Freunde in der gemütlichen Stube des Kaplanshauses an den runden
Tisch, den die Leonie dem Gast zu Ehren frisch gedeckt hatte. Die Fenster
rahmte grünes Gerank ein und auf den Fensterbänken standen in blauen und
grünen Gläsern die prächtigen Hyazinthen, die „Zäre Joffer“ zum Erstaunen
der Bäuerinnen getrieben hatte.
Während die „Herren“ die Suppe auslöffelten, stand die Leonie mit
versonnenem Lächeln, die Hände unter dem Busen gefaltet, daneben und
freute sich mütterlich an dem Appetit der beiden.
Fenn fragte scherzend, wie sie denn mit ihrem Brüderlein zufrieden sei.
„Ach, es geht,“ sagte sie. „Wenn er nur ein bißchen mehr zu Hause
bliebe.“
Putty zuckte die Achseln. Das reizte sie, und sie sagte halb im Ernst, halb
im Scherz, daß er die meiste Zeit auswärts sei und sie ihn manchmal
tagelang nicht zu sehen bekomme, und daß er sehr oft Besuch habe und sie
manchmal nicht wisse, wie sie die Enden zusammenbringen werde.
„Was hast denn du für ’ne Ahnung, was mein Beruf mit sich bringt,“ wies
Putty sie barsch zurecht, „ich gehe nicht aus, wenn ich nicht muß.“
„So! Heute hast du doch auch wieder fortgewollt, weil ihr eine politische
Versammlung hättet, und nun konntest du doch zu Haus bleiben.“
„Red bitte nicht über Dinge, die du nicht verstehst.“
Page 164
„So heißt es immer. Wenn ich auch nicht rede, ich denke doch mein Teil,“
trumpfte die große Leonie auf.
„Gut, also kriegen wir jetzt was zu essen oder nicht?“
Leonie zwinkerte zu Fenn Kaß hinüber, während sie die Suppenschüssel
fortnahm, und ging achselzuckend hinaus.
„Bist du wirklich so viel auswärts?“ fragte Fenn.
„Ach wo, ab und zu mal zur Aushilfe, oder zum Besuch bei einem
Nachbarn, und dann haben wir allerdings auch unsre politischen
Zusammenkünfte, oder ich bin mal hier im Dorf spät abends in einem
Verein.“
„Da behältst du nicht viel Zeit für dich?“
„Für mich? Wie meinst du das?“
„Ich meine, daß es doch nicht dein Ehrgeiz sein kann, in dieser Umwelt
zu versauern. Einsamkeit ist schön, aber man darf ihr nicht entfliehen, wie
du es tust. Und man muß immer ein wenig an sich herummachen, finde ich,
um die Fähigkeit zu behalten, sich über das Milieu emporzuheben.“
„Ja so, ich lese auch ab und zu was. Ich weiß, was du meinst.“
„Man soll immer denken, daß das Leben noch einmal mehr und besseres
von einem verlangt. Ein jeder soll sich bereitzuhalten suchen, das Höchste
zu leisten, wozu seine Kräfte ausreichen.“
„Na ja, das schon. Das hast du ja immer gesagt. Wenn du es so auffassen
willst.“
Putty war offenbar nicht geneigt, dem Freund in diese Gedankengänge
folgen. Er sorgte während des Essens für leichteren Gesprächsstoff, aber
nachher, als sie bei der Tasse schwarzen Kaffee saßen und ihre Zigarren
rauchten, brachte er die Rede doch wieder auf seine politische Tätigkeit.
„Unsre Organisation, siehst du, ist das bewunderungswürdigste
Werkzeug politischer Macht, das die Kulturwelt kennt,“ sagte er begeistert.
„Na na,“ lachte Fenn Kaß. „Ich kenne Dinge, für die ich mich mehr
begeistern kann, als für eure Organisation.“
„Das ist nicht unsre, das ist auch deine Organisation!“
„Bleib mir bitte damit vom Leib! Ich bin Priester, ich bin kein
Wahlagent.“
Putty redete sich in Eifer. Er sprach in der Leitartikelprosa seiner
Parteiblätter von der Pflicht des Seelsorgers, tätig in die Politik
einzugreifen, wenn die Interessen der Kirche auf dem Spiel stehen.
trumpfte die große Leonie auf.
„Gut, also kriegen wir jetzt was zu essen oder nicht?“
Leonie zwinkerte zu Fenn Kaß hinüber, während sie die Suppenschüssel
fortnahm, und ging achselzuckend hinaus.
„Bist du wirklich so viel auswärts?“ fragte Fenn.
„Ach wo, ab und zu mal zur Aushilfe, oder zum Besuch bei einem
Nachbarn, und dann haben wir allerdings auch unsre politischen
Zusammenkünfte, oder ich bin mal hier im Dorf spät abends in einem
Verein.“
„Da behältst du nicht viel Zeit für dich?“
„Für mich? Wie meinst du das?“
„Ich meine, daß es doch nicht dein Ehrgeiz sein kann, in dieser Umwelt
zu versauern. Einsamkeit ist schön, aber man darf ihr nicht entfliehen, wie
du es tust. Und man muß immer ein wenig an sich herummachen, finde ich,
um die Fähigkeit zu behalten, sich über das Milieu emporzuheben.“
„Ja so, ich lese auch ab und zu was. Ich weiß, was du meinst.“
„Man soll immer denken, daß das Leben noch einmal mehr und besseres
von einem verlangt. Ein jeder soll sich bereitzuhalten suchen, das Höchste
zu leisten, wozu seine Kräfte ausreichen.“
„Na ja, das schon. Das hast du ja immer gesagt. Wenn du es so auffassen
willst.“
Putty war offenbar nicht geneigt, dem Freund in diese Gedankengänge
folgen. Er sorgte während des Essens für leichteren Gesprächsstoff, aber
nachher, als sie bei der Tasse schwarzen Kaffee saßen und ihre Zigarren
rauchten, brachte er die Rede doch wieder auf seine politische Tätigkeit.
„Unsre Organisation, siehst du, ist das bewunderungswürdigste
Werkzeug politischer Macht, das die Kulturwelt kennt,“ sagte er begeistert.
„Na na,“ lachte Fenn Kaß. „Ich kenne Dinge, für die ich mich mehr
begeistern kann, als für eure Organisation.“
„Das ist nicht unsre, das ist auch deine Organisation!“
„Bleib mir bitte damit vom Leib! Ich bin Priester, ich bin kein
Wahlagent.“
Putty redete sich in Eifer. Er sprach in der Leitartikelprosa seiner
Parteiblätter von der Pflicht des Seelsorgers, tätig in die Politik
einzugreifen, wenn die Interessen der Kirche auf dem Spiel stehen.
Page 165
„Soll ich dir sagen, was ich für meine Pflicht halte? Meinen Leuten den
wahren Glauben beizubringen, den Glauben, der tief innen überzeugt und
wärmt. Wenn sie dann nicht von selbst, aus der Erleuchtung ihres Glaubens
heraus, auch in der Politik das Richtige zu finden wissen, dann ist es
schlimm genug, aber ich kann ihnen und der Kirche dann nicht helfen,
weiter gehe ich nicht mit.“
Putty wußte wohl, was darauf zu antworten gewesen wäre. Aber das
wichtige Wesen seines Gegenübers benahm ihm die Zuversicht, mit der er
sonst wohl auf seine Argumente baute. Er versuchte, ihm von einer andern
Seite beizukommen.
„Ich will nicht einmal behaupten, daß wir alle die politische Betätigung
streng genommen als unsre Pflicht ansehen. Aber sie ist uns unleugbar eine
Genugtuung. Sieh mal, wenn der Klerus von heute sich von allem
Weltlichen abschließen sollte, wie es die ganz Unentwegten und außer
ihnen merkwürdigerweise auch unsre Gegner behaupten, ja, wer zum
Henker möchte dann noch Priester werden! Wir wollen uns doch nicht unter
eine Glasglocke aufs Kamin stellen lassen, wir wollen doch auch
Menschen, Bürger sein, uns regen, dreinschlagen dürfen, wenn es sein
muß.“
Fenn schüttelte den Kopf und Putty wurde wärmer.
„Und da, siehst du, da ist es ein wahres Labsal, in einer Organisation drin
zu stehen, von der man sich getragen fühlt, wo man hieb- und stoßsicher an
seinem Platze wirkt.“
Jetzt kroch Fenn Kaß in sich zusammen und sagte mit gerunzelten
Brauen:
„Wem das Spaß macht, allerdings. Mein Fall wäre es nicht. Daß es dein
Fall ist, kann ich dir nachfühlen. Denn nimm es mir nicht übel, da hast
immer – wie soll ich sagen? – einen Halt außer dir gebraucht.“
Putty wurde rot, zog ein paarmal kräftig an seiner Zigarre, hüllte sich in
eine Rauchwolke und sagte, als er den Hieb verwunden hatte:
„Sei es wie es sei, ich bin mit Begeisterung bei der Sache. Und ich finde
darin Genugtuung. – Und Anerkennung,“ fügte er nach einer kleinen Pause
mit Beziehung hinzu.
„O ja, du wirst es zu was bringen können.“
„Das braucht dich nicht zu verbittern.“
Fenn lachte lustig auf.
„Nein, Putty, so dumm wollen wir wirklich nicht sein.“
wahren Glauben beizubringen, den Glauben, der tief innen überzeugt und
wärmt. Wenn sie dann nicht von selbst, aus der Erleuchtung ihres Glaubens
heraus, auch in der Politik das Richtige zu finden wissen, dann ist es
schlimm genug, aber ich kann ihnen und der Kirche dann nicht helfen,
weiter gehe ich nicht mit.“
Putty wußte wohl, was darauf zu antworten gewesen wäre. Aber das
wichtige Wesen seines Gegenübers benahm ihm die Zuversicht, mit der er
sonst wohl auf seine Argumente baute. Er versuchte, ihm von einer andern
Seite beizukommen.
„Ich will nicht einmal behaupten, daß wir alle die politische Betätigung
streng genommen als unsre Pflicht ansehen. Aber sie ist uns unleugbar eine
Genugtuung. Sieh mal, wenn der Klerus von heute sich von allem
Weltlichen abschließen sollte, wie es die ganz Unentwegten und außer
ihnen merkwürdigerweise auch unsre Gegner behaupten, ja, wer zum
Henker möchte dann noch Priester werden! Wir wollen uns doch nicht unter
eine Glasglocke aufs Kamin stellen lassen, wir wollen doch auch
Menschen, Bürger sein, uns regen, dreinschlagen dürfen, wenn es sein
muß.“
Fenn schüttelte den Kopf und Putty wurde wärmer.
„Und da, siehst du, da ist es ein wahres Labsal, in einer Organisation drin
zu stehen, von der man sich getragen fühlt, wo man hieb- und stoßsicher an
seinem Platze wirkt.“
Jetzt kroch Fenn Kaß in sich zusammen und sagte mit gerunzelten
Brauen:
„Wem das Spaß macht, allerdings. Mein Fall wäre es nicht. Daß es dein
Fall ist, kann ich dir nachfühlen. Denn nimm es mir nicht übel, da hast
immer – wie soll ich sagen? – einen Halt außer dir gebraucht.“
Putty wurde rot, zog ein paarmal kräftig an seiner Zigarre, hüllte sich in
eine Rauchwolke und sagte, als er den Hieb verwunden hatte:
„Sei es wie es sei, ich bin mit Begeisterung bei der Sache. Und ich finde
darin Genugtuung. – Und Anerkennung,“ fügte er nach einer kleinen Pause
mit Beziehung hinzu.
„O ja, du wirst es zu was bringen können.“
„Das braucht dich nicht zu verbittern.“
Fenn lachte lustig auf.
„Nein, Putty, so dumm wollen wir wirklich nicht sein.“
Page 166
Putty schämte sich schon seiner albernen Regung.
„Ich weiß ja,“ sagte er, „du hast deine Auffassung vom Priesterberuf, und
ich weiß auch, daß du nicht leicht davon abzubringen bist. Aber du mußt es
doch verstehen, wenn ich sage, daß es schön ist, einer großen Sache in
Gehorsam zu dienen.“
„So ausgedrückt, jawohl. Aber ich fürchte, euch oder vielen von euch ist
die große Sache eben die Organisation. Die ist euch Selbstzweck. Ihr habt
euern Spaß an der Maschine. Die Maschine aber läuft im Dienst eines
Herrn, den ihr nicht kennt.“
„Ich verstehe dich nicht.“
„Ja du, ich verstehe mich vielleicht selber nur halb. Ich habe das
unbestimmte Gefühl, nachdem ich das Priesterkleid angezogen habe, um
Gott zum Heile der Menschen zu dienen, daß ich jetzt dunkeln, fernen
Kräften dienen soll, die menschlichen Wesens sind und mit andern
Menschenkräften um die Herrschaft der Welt ringen durch die Zeiten
hindurch. Und siehst du, wo ich kämpfen soll, will ich genau wissen, um
was und für wen.“
Jetzt lachte Putty.
„Senke nieder, Adlergedank, dein Gefieder!“
„Du hast recht. Und heute kein Wort mehr von Politik.“
Sie durchstreiften Nachmittags die Wälder, standen auf den höchsten
Schroffen der Umgegend, sahen weit im Süden den Rauch der Hochöfen
steigen, die blauen Moselberge im Südosten verdämmern und auf den
Höhen gen Norden die letzten weißen Häuser des Landes stehen.
Als Fenn Kaß wieder im Zug saß, und durchs Kupeefenster seinem
Jugendgenossen zum Abschied zuwinkte, löste sich in ihm ein
unbehagliches Gefühl, das er den ganzen Tag mit sich herumgetragen hatte,
in den betrübenden aber bestimmten Gedanken auf, daß Putty Heinen eine
innerlich verlorene Existenz sei: sein fahriges Wesen, seine Begeisterung,
die sich wie ängstlich an ein eingebildetes Ideal klammerte, die Nörgeleien
der Schwester, die Tatsache, daß er bei einem flüchtigen Blick in Puttys
Bücherei allerhand leichte, vielleicht schlüpfrige Ware hatte liegen sehen,
aber nicht ein Buch, nicht eine Zeitschrift, die auf ernste geistige Interessen
deuteten, – das alles reihte sich ihm zu einer traurigen Indizienkette
zusammen, und er fuhr nach Haus in einer Stimmung, in der sich Zorn und
Mitleid seltsam mischten.
„Ich weiß ja,“ sagte er, „du hast deine Auffassung vom Priesterberuf, und
ich weiß auch, daß du nicht leicht davon abzubringen bist. Aber du mußt es
doch verstehen, wenn ich sage, daß es schön ist, einer großen Sache in
Gehorsam zu dienen.“
„So ausgedrückt, jawohl. Aber ich fürchte, euch oder vielen von euch ist
die große Sache eben die Organisation. Die ist euch Selbstzweck. Ihr habt
euern Spaß an der Maschine. Die Maschine aber läuft im Dienst eines
Herrn, den ihr nicht kennt.“
„Ich verstehe dich nicht.“
„Ja du, ich verstehe mich vielleicht selber nur halb. Ich habe das
unbestimmte Gefühl, nachdem ich das Priesterkleid angezogen habe, um
Gott zum Heile der Menschen zu dienen, daß ich jetzt dunkeln, fernen
Kräften dienen soll, die menschlichen Wesens sind und mit andern
Menschenkräften um die Herrschaft der Welt ringen durch die Zeiten
hindurch. Und siehst du, wo ich kämpfen soll, will ich genau wissen, um
was und für wen.“
Jetzt lachte Putty.
„Senke nieder, Adlergedank, dein Gefieder!“
„Du hast recht. Und heute kein Wort mehr von Politik.“
Sie durchstreiften Nachmittags die Wälder, standen auf den höchsten
Schroffen der Umgegend, sahen weit im Süden den Rauch der Hochöfen
steigen, die blauen Moselberge im Südosten verdämmern und auf den
Höhen gen Norden die letzten weißen Häuser des Landes stehen.
Als Fenn Kaß wieder im Zug saß, und durchs Kupeefenster seinem
Jugendgenossen zum Abschied zuwinkte, löste sich in ihm ein
unbehagliches Gefühl, das er den ganzen Tag mit sich herumgetragen hatte,
in den betrübenden aber bestimmten Gedanken auf, daß Putty Heinen eine
innerlich verlorene Existenz sei: sein fahriges Wesen, seine Begeisterung,
die sich wie ängstlich an ein eingebildetes Ideal klammerte, die Nörgeleien
der Schwester, die Tatsache, daß er bei einem flüchtigen Blick in Puttys
Bücherei allerhand leichte, vielleicht schlüpfrige Ware hatte liegen sehen,
aber nicht ein Buch, nicht eine Zeitschrift, die auf ernste geistige Interessen
deuteten, – das alles reihte sich ihm zu einer traurigen Indizienkette
zusammen, und er fuhr nach Haus in einer Stimmung, in der sich Zorn und
Mitleid seltsam mischten.
Page 167
I n diesen Tagen, da Fenn Kaß mit knirschenden Zähnen und geballten
Fäusten Stunden und Nächte lang gegen den Ekel ankämpfte, den ihm
das Schauspiel des Wahlkampfes einflößte, geschah es, daß er folgenden
Brief erhielt:
„Sehr geehrter Herr Konfrater!
Ich erfahre, daß Sie Sich nicht damit begnügen, in Ihrem Wirkungskreis die
Kandidatur des Herrn Peppinger zu ignorieren, sondern daß Sie für den
Freidenker Theo Schütz, der Ihr persönlicher Freund sein soll, Propaganda
machen. Ich möchte Sie hiermit davor warnen, daß Sie die Dinge auf die
Spitze treiben. Unsere Presse ist zum Äußersten entschlossen und würde
sich nötigenfalls nicht scheuen, sowohl gegen genannten Schütz die
Bedenken geltend zu machen, die aus seinem Vorleben und seinen
Familienverhältnissen für jeden solid denkenden Bürger sich ergeben, als
auch Ihre Person in den Bereich der Polemik zu ziehen. Sapienti sat! Das
werden gerade Sie, Herr Konfrater, in Ihren speziellen Verhältnissen zu
beherzigen wissen.
Mit gebührender Hochachtung
Rommelfangen, Chefredakteur der Abendglocke.“
Als hätte der Wisch, den er in Händen hielt, die Luft um Fenn verpestet, riß
dieser alle Fenster auf und ließ die abendliche Kühle hereinströmen. Indes,
er kam nicht zur Ruhe, er mußte ausschreiten. Er ging zum Dorf hinaus,
jener Höhe am Waldessaum zu, wo er schon einmal in schwerem Harm
gestanden hatte. Aus einem Wirtshaus, wo man ihn hatte vorbeigehen
sehen, brüllten sie ihm ein Hoch auf Peppinger nach. Er glaubte, die heisere
Stimme des Ruß und die krähende des kleinen Fritt herauszuhören. Lautes
Gelächter und Gläserklirren folgte dem Geschrei.
Fenn lehnte wieder an dem hohen Kirschbaum und sah wieder das Tal in
weichen Umrissen hinausdämmern. Er stand, die Lippen fest
zusammengepreßt, die Brauen in tiefen Falten, die Arme verschränkt. Und
er prüfte sich auf Herz und Nieren, ob er in all der schweren Zeit, die er
hinter sich hatte, sich einmal untreu geworden sei, ob er das Recht verwirkt
habe, selbstherrlich über sich zu entscheiden. Nein, sein Weg war gerade
gewesen und lag im hellen Tag. Er war keiner Mühsal ausgewichen. Aber
Fäusten Stunden und Nächte lang gegen den Ekel ankämpfte, den ihm
das Schauspiel des Wahlkampfes einflößte, geschah es, daß er folgenden
Brief erhielt:
„Sehr geehrter Herr Konfrater!
Ich erfahre, daß Sie Sich nicht damit begnügen, in Ihrem Wirkungskreis die
Kandidatur des Herrn Peppinger zu ignorieren, sondern daß Sie für den
Freidenker Theo Schütz, der Ihr persönlicher Freund sein soll, Propaganda
machen. Ich möchte Sie hiermit davor warnen, daß Sie die Dinge auf die
Spitze treiben. Unsere Presse ist zum Äußersten entschlossen und würde
sich nötigenfalls nicht scheuen, sowohl gegen genannten Schütz die
Bedenken geltend zu machen, die aus seinem Vorleben und seinen
Familienverhältnissen für jeden solid denkenden Bürger sich ergeben, als
auch Ihre Person in den Bereich der Polemik zu ziehen. Sapienti sat! Das
werden gerade Sie, Herr Konfrater, in Ihren speziellen Verhältnissen zu
beherzigen wissen.
Mit gebührender Hochachtung
Rommelfangen, Chefredakteur der Abendglocke.“
Als hätte der Wisch, den er in Händen hielt, die Luft um Fenn verpestet, riß
dieser alle Fenster auf und ließ die abendliche Kühle hereinströmen. Indes,
er kam nicht zur Ruhe, er mußte ausschreiten. Er ging zum Dorf hinaus,
jener Höhe am Waldessaum zu, wo er schon einmal in schwerem Harm
gestanden hatte. Aus einem Wirtshaus, wo man ihn hatte vorbeigehen
sehen, brüllten sie ihm ein Hoch auf Peppinger nach. Er glaubte, die heisere
Stimme des Ruß und die krähende des kleinen Fritt herauszuhören. Lautes
Gelächter und Gläserklirren folgte dem Geschrei.
Fenn lehnte wieder an dem hohen Kirschbaum und sah wieder das Tal in
weichen Umrissen hinausdämmern. Er stand, die Lippen fest
zusammengepreßt, die Brauen in tiefen Falten, die Arme verschränkt. Und
er prüfte sich auf Herz und Nieren, ob er in all der schweren Zeit, die er
hinter sich hatte, sich einmal untreu geworden sei, ob er das Recht verwirkt
habe, selbstherrlich über sich zu entscheiden. Nein, sein Weg war gerade
gewesen und lag im hellen Tag. Er war keiner Mühsal ausgewichen. Aber
Page 168
jetzt war er am Ende seiner Kraft. Wie damals der arme Putty Heinen, so
schlang er jetzt die Arme um den rauhen Baumstamm und begann zu
weinen. Er weinte wirklich, der starke Fenn Kaß. Er versuchte zu beten. Er
stellte sich den Gott vor, zu dem er beten wollte, und je länger er an ihn
dachte, desto klarer wurde ihm, daß dieser Gott nicht das von ihm wollen
konnte, was die Menschen von ihm verlangten. Dann zweifelte er wieder an
sich: „Ich mache mir den Gott zurecht, den ich brauche, um mich zu
rechtfertigen.“ Und er grübelte weiter auf dieser Spur: „Haben denn das
nicht alle Gottsucher getan? Den Gott in ihrer Seele werden lassen, dessen
ihre Seele bedurfte?“
So kam er nicht zur Ruhe. Er dachte an seine Mutter und ging nach Haus.
„Mutter, ich habe dir etwas zu sagen.“
Die alte Frau erschrak bis in den Hals. Sie dachte an die häßliche
Verleumdung, die ihr Marjänni hinterbracht hatte. Mit schlotternden Knien
ging sie zu ihm in sein Zimmer.
„Mutter, glaubst du, daß ich dir alles zulieb tue, dessen ich fähig bin?“
„Ja Fenn, warum fragst du?“
„Damit du nicht denken sollst, wenn ich dir jetzt einen Schmerz bereite,
daß es mir möglich gewesen wäre, anders zu handeln.“
„Du mußt alles frei heraussagen, Fenn. Wir zwei haben uns ja doch
immer gleich verstanden.“
„Erinnerst du dich, Mutter, wie ich dir damals sagte, warum ich
Geistlicher werden wollte?“
„Ja, du sagtest, glaube ich, du müßtest viele haben, denen du Gutes tun
kannst, und die dich lieb haben.“
„Glaubst du, Mutter, daß es so geworden ist, wie ich es mir damals
dachte?“
Sie sah lange schweigend unter sich und sagte dann hart: „Nein, Fenn, es
ist nicht so geworden.“
„Und glaubst du, ich habe lange und ehrlich genug versucht, ob es doch
noch so werden könnte?“
Jetzt wußte sie, wo die Schatten in seinen Augenhöhlen herkamen. Und
sie wußte auch, besser als er selber, daß sein Mühen vergebens war und
vergebens bleiben würde. Sie wußte, wie die kleine bucklige Gehässigkeit
ihn seit damals weiter und boshafter umrankte, wie jeder seiner Schritte
mißdeutet wurde, und daß er nicht die Hornhaut ums Herz hatte, die ihn
gegen solche Verletzungen unempfindlich gemacht hätte. Ja, wenn er sich
schlang er jetzt die Arme um den rauhen Baumstamm und begann zu
weinen. Er weinte wirklich, der starke Fenn Kaß. Er versuchte zu beten. Er
stellte sich den Gott vor, zu dem er beten wollte, und je länger er an ihn
dachte, desto klarer wurde ihm, daß dieser Gott nicht das von ihm wollen
konnte, was die Menschen von ihm verlangten. Dann zweifelte er wieder an
sich: „Ich mache mir den Gott zurecht, den ich brauche, um mich zu
rechtfertigen.“ Und er grübelte weiter auf dieser Spur: „Haben denn das
nicht alle Gottsucher getan? Den Gott in ihrer Seele werden lassen, dessen
ihre Seele bedurfte?“
So kam er nicht zur Ruhe. Er dachte an seine Mutter und ging nach Haus.
„Mutter, ich habe dir etwas zu sagen.“
Die alte Frau erschrak bis in den Hals. Sie dachte an die häßliche
Verleumdung, die ihr Marjänni hinterbracht hatte. Mit schlotternden Knien
ging sie zu ihm in sein Zimmer.
„Mutter, glaubst du, daß ich dir alles zulieb tue, dessen ich fähig bin?“
„Ja Fenn, warum fragst du?“
„Damit du nicht denken sollst, wenn ich dir jetzt einen Schmerz bereite,
daß es mir möglich gewesen wäre, anders zu handeln.“
„Du mußt alles frei heraussagen, Fenn. Wir zwei haben uns ja doch
immer gleich verstanden.“
„Erinnerst du dich, Mutter, wie ich dir damals sagte, warum ich
Geistlicher werden wollte?“
„Ja, du sagtest, glaube ich, du müßtest viele haben, denen du Gutes tun
kannst, und die dich lieb haben.“
„Glaubst du, Mutter, daß es so geworden ist, wie ich es mir damals
dachte?“
Sie sah lange schweigend unter sich und sagte dann hart: „Nein, Fenn, es
ist nicht so geworden.“
„Und glaubst du, ich habe lange und ehrlich genug versucht, ob es doch
noch so werden könnte?“
Jetzt wußte sie, wo die Schatten in seinen Augenhöhlen herkamen. Und
sie wußte auch, besser als er selber, daß sein Mühen vergebens war und
vergebens bleiben würde. Sie wußte, wie die kleine bucklige Gehässigkeit
ihn seit damals weiter und boshafter umrankte, wie jeder seiner Schritte
mißdeutet wurde, und daß er nicht die Hornhaut ums Herz hatte, die ihn
gegen solche Verletzungen unempfindlich gemacht hätte. Ja, wenn er sich
Page 169
nicht aus freien Stücken zum Diener derer gemacht hätte, die jetzt nach
seinem Herzen zielten! Aber jetzt! Jetzt wollte er sich frei machen. Jetzt
kam er und fragte sie, seine Mutter, ob er ihr ihren alten, heitern,
klaräugigen Fenn wiederschenken dürfte!
Es stieg ihr beklemmend in die Kehle und heiß in die Augen, und sie
sagte: „Du dummer Bub! Meinst du denn, ich habe nicht schon lange
gemerkt, daß du in die Irre gehst!“
seinem Herzen zielten! Aber jetzt! Jetzt wollte er sich frei machen. Jetzt
kam er und fragte sie, seine Mutter, ob er ihr ihren alten, heitern,
klaräugigen Fenn wiederschenken dürfte!
Es stieg ihr beklemmend in die Kehle und heiß in die Augen, und sie
sagte: „Du dummer Bub! Meinst du denn, ich habe nicht schon lange
gemerkt, daß du in die Irre gehst!“
Page 170
Viertes Kapitel
Lieber Theo! Treffe ich Dich am Dienstag in Luxemburg? Unsere Pfarrei
geht mit der Prozession hin. Ich hätte Dir etwas zu sagen. Komm gegen
Mittag in den Goldenen Anker. – Dein Fenn Kaß.“
Am Dienstag in der Dämmerfrühe war die Pfarrei auf den Beinen und
zog singend und betend zum Dorf hinaus gen Luxemburg, wo in der
„Octav“ acht Tage lang das wundertätige Muttergottesbild, die „Trösterin
der Betrübten“, im Kerzengeflimmer auf ihrem Votivaltar steht und von
Gold und Edelsteinen glitzert. Auf ihrem Scheitel ragt eine goldene Krone,
darunter wellt sich ihr blondes Haar auf die Schultern, und ein kostbarer
Spitzenschleier fällt bis zum Saum ihres seidenen Kleides, über das
goldgestickte Spruchbänder laufen mit den Worten: Mater Jesu, Consolatrix
Afflictorum, Patrona Patriae, ora pro nobis! Ihre Rechte trägt ein kostbares
Zepter, und am Handgelenk hängen ihr ein goldenes Herz, eine Perlenkette
und ein Schlüssel des alten Stadttores von Luxemburg. Auf ihrem linken
Arm sitzt das goldgekrönte Jesuskind, in dem einen Händchen die
kreuzüberragte Weltkugel, die Schwurfinger des andern segnend
emporgestreckt. Und aus großen, runden, kalten Augen sieht das
goldstrotzende Muttergottesbild auf die Tausende von Armen, Mühseligen
und Beladenen, die sich während der Octav als dunkel verworrene Masse
zu seinen Füßen drängen, ihm ihr Leid klagen und ihre Silberlinge auf den
Altarstufen opfern.
Die „Octav“ beginnt damit, daß an einem Frühlingsabend dumpfe,
summende Glockenschläge wie dunkle Klangwolken langsam über die
Stadt hinschwimmen. Die Glocke heißt der „Bourdon“. Ihre Klänge
verbreiten eine feierlich aufgeregte Vorabendstimmung. Und an den
nächsten Tagen, in aller Herrgottsfrüh, bis tief in den Vormittag hinein,
kommt es gezogen mit Kreuz und Fahne, Gebet, Gesang und Musik,
schwarze Menschenzeilen, die wie Raupen über Straßen und Brücken
herankriechen und sich vor der Wallfahrtskirche stauen. Nicht alle gelangen
hinein, das Gedränge ist beängstigend. Durch das geöffnete Kirchentor
dringt aus dem Dunkeln ein wundersames Flimmern zugleich mit dem
Brodem von tausend müden Menschenleibern, die sich da drinnen
zusammenquetschen. Die Stadt gehört der „Octav“. Magere
Lieber Theo! Treffe ich Dich am Dienstag in Luxemburg? Unsere Pfarrei
geht mit der Prozession hin. Ich hätte Dir etwas zu sagen. Komm gegen
Mittag in den Goldenen Anker. – Dein Fenn Kaß.“
Am Dienstag in der Dämmerfrühe war die Pfarrei auf den Beinen und
zog singend und betend zum Dorf hinaus gen Luxemburg, wo in der
„Octav“ acht Tage lang das wundertätige Muttergottesbild, die „Trösterin
der Betrübten“, im Kerzengeflimmer auf ihrem Votivaltar steht und von
Gold und Edelsteinen glitzert. Auf ihrem Scheitel ragt eine goldene Krone,
darunter wellt sich ihr blondes Haar auf die Schultern, und ein kostbarer
Spitzenschleier fällt bis zum Saum ihres seidenen Kleides, über das
goldgestickte Spruchbänder laufen mit den Worten: Mater Jesu, Consolatrix
Afflictorum, Patrona Patriae, ora pro nobis! Ihre Rechte trägt ein kostbares
Zepter, und am Handgelenk hängen ihr ein goldenes Herz, eine Perlenkette
und ein Schlüssel des alten Stadttores von Luxemburg. Auf ihrem linken
Arm sitzt das goldgekrönte Jesuskind, in dem einen Händchen die
kreuzüberragte Weltkugel, die Schwurfinger des andern segnend
emporgestreckt. Und aus großen, runden, kalten Augen sieht das
goldstrotzende Muttergottesbild auf die Tausende von Armen, Mühseligen
und Beladenen, die sich während der Octav als dunkel verworrene Masse
zu seinen Füßen drängen, ihm ihr Leid klagen und ihre Silberlinge auf den
Altarstufen opfern.
Die „Octav“ beginnt damit, daß an einem Frühlingsabend dumpfe,
summende Glockenschläge wie dunkle Klangwolken langsam über die
Stadt hinschwimmen. Die Glocke heißt der „Bourdon“. Ihre Klänge
verbreiten eine feierlich aufgeregte Vorabendstimmung. Und an den
nächsten Tagen, in aller Herrgottsfrüh, bis tief in den Vormittag hinein,
kommt es gezogen mit Kreuz und Fahne, Gebet, Gesang und Musik,
schwarze Menschenzeilen, die wie Raupen über Straßen und Brücken
herankriechen und sich vor der Wallfahrtskirche stauen. Nicht alle gelangen
hinein, das Gedränge ist beängstigend. Durch das geöffnete Kirchentor
dringt aus dem Dunkeln ein wundersames Flimmern zugleich mit dem
Brodem von tausend müden Menschenleibern, die sich da drinnen
zusammenquetschen. Die Stadt gehört der „Octav“. Magere
Page 171
Heidemenschen ziehen mit ihren Kindern an der Hand durch die Straßen.
Die Bärte der Männer sind staubig und ihre Blicke kummervoll vor
Müdigkeit. Man sieht überall, zu den Schaufenstern gebückt, die häßlichen
Nacken der Bauernweiber, die ihr pechfarbenes Haar am Hinterkopf
gewaltsam hinaufgestrählt haben und oben drauf eine klägliche Hutparodie
tragen. Eifeler und Hunsrücker, Trierer und Hochwälder Bauern kreuzen
sich in der Masse der Eingeborenen mit den schwarzäugigen Lothringer
Frauen, die ihr schleppendes Französisch dahersingen und langsam hinter
ihrem Pfarrer und ihrem majestätischen Schweizer dreinstrudeln. Ein Bub
mit großen Neugieraugen hat seinen Regenschirm mit beiden Händen
unterm Griff gefaßt und hält ihn vor sich hin, als sei es eine Gans, die er
erwürgen müsse. Mitten auf dem Pflaster steht ein glattrasierter Bauer mit
rundem, rotem Gesicht und saugt mit hohlen Backen an einem Rest von
Zigarrenstummel, bis er seine Leute von fern erspäht und aufgeregt auf sie
lossteuert. Kapläne schwimmen durch die Menschenwogen geschäftig hin
und her und sind wie die jungen Leutnants im Manöver, die wichtig tun und
nie Bescheid wissen. Und die entwurzelten Menschen von draußen, deren
Gesichter vor Hunger und Müdigkeit erdfarben und fahl sind, lassen sich
durch die Straßen treiben und schrecken zusammen, wenn ein ungewohntes
Geräusch sie überrascht. Sie gehen schwer und mühsam, als ob die
Erdschollen der ganzen Frühjahrsfron an ihren Schuhsohlen klebten. Das
Gewühl ist wie ein dickflüssiger Schlamm von Menschen. Stumpfsinnige
Männer lungern herum und haben nur den einen Wunsch: sich hinter einen
Tisch zu einem Humpen setzen, eine Pfeife rauchen und in das Gewühl
starren. Sie erörtern, ob die Weinberge in dieser Nacht erfroren sind,
während sie über die Landstraße im fahlen Morgenlicht pilgerten. Und ihre
Frauen stehen vor den Läden und befühlen mit ihren schwieligen Fingern
Stoffmuster, deren Billigkeit sie in Versuchung führt.
Dann sammeln sie sich um die Leiterwagen und warten, bis die von
ungewohntem Geräusch und von Bier und Nichtstun halbbetrunkenen
Männer anspannen und ihre polternden und rasselnden Gefährte, auf denen
die müden Pilgerinnen stille hocken, wie schlafende Hühner auf der Stange,
über das Pflaster der Stadt und die staubweißen Straßen entlang heimwärts
kutschieren.
In der Dämmerfrühe am Dienstag waren die Brebacher Pilger
aufgebrochen. Eine Strecke vor dem Dorf lösten sich die Reihen, das Gebet
verstummte und man ging in plaudernden Gruppen, setzte sich auch einmal
Die Bärte der Männer sind staubig und ihre Blicke kummervoll vor
Müdigkeit. Man sieht überall, zu den Schaufenstern gebückt, die häßlichen
Nacken der Bauernweiber, die ihr pechfarbenes Haar am Hinterkopf
gewaltsam hinaufgestrählt haben und oben drauf eine klägliche Hutparodie
tragen. Eifeler und Hunsrücker, Trierer und Hochwälder Bauern kreuzen
sich in der Masse der Eingeborenen mit den schwarzäugigen Lothringer
Frauen, die ihr schleppendes Französisch dahersingen und langsam hinter
ihrem Pfarrer und ihrem majestätischen Schweizer dreinstrudeln. Ein Bub
mit großen Neugieraugen hat seinen Regenschirm mit beiden Händen
unterm Griff gefaßt und hält ihn vor sich hin, als sei es eine Gans, die er
erwürgen müsse. Mitten auf dem Pflaster steht ein glattrasierter Bauer mit
rundem, rotem Gesicht und saugt mit hohlen Backen an einem Rest von
Zigarrenstummel, bis er seine Leute von fern erspäht und aufgeregt auf sie
lossteuert. Kapläne schwimmen durch die Menschenwogen geschäftig hin
und her und sind wie die jungen Leutnants im Manöver, die wichtig tun und
nie Bescheid wissen. Und die entwurzelten Menschen von draußen, deren
Gesichter vor Hunger und Müdigkeit erdfarben und fahl sind, lassen sich
durch die Straßen treiben und schrecken zusammen, wenn ein ungewohntes
Geräusch sie überrascht. Sie gehen schwer und mühsam, als ob die
Erdschollen der ganzen Frühjahrsfron an ihren Schuhsohlen klebten. Das
Gewühl ist wie ein dickflüssiger Schlamm von Menschen. Stumpfsinnige
Männer lungern herum und haben nur den einen Wunsch: sich hinter einen
Tisch zu einem Humpen setzen, eine Pfeife rauchen und in das Gewühl
starren. Sie erörtern, ob die Weinberge in dieser Nacht erfroren sind,
während sie über die Landstraße im fahlen Morgenlicht pilgerten. Und ihre
Frauen stehen vor den Läden und befühlen mit ihren schwieligen Fingern
Stoffmuster, deren Billigkeit sie in Versuchung führt.
Dann sammeln sie sich um die Leiterwagen und warten, bis die von
ungewohntem Geräusch und von Bier und Nichtstun halbbetrunkenen
Männer anspannen und ihre polternden und rasselnden Gefährte, auf denen
die müden Pilgerinnen stille hocken, wie schlafende Hühner auf der Stange,
über das Pflaster der Stadt und die staubweißen Straßen entlang heimwärts
kutschieren.
In der Dämmerfrühe am Dienstag waren die Brebacher Pilger
aufgebrochen. Eine Strecke vor dem Dorf lösten sich die Reihen, das Gebet
verstummte und man ging in plaudernden Gruppen, setzte sich auch einmal
Page 172
im Wald an den Wegrand und frühstückte aus den Körben, die mit Wurst
und harten Eiern, Butterbrot und Waffeln vollgestopft waren. Fenn ging
seltsam bewegten Gemütes mit den andern durch den Aprilmorgen. Die
erwachende Welt bis an den Horizont und bis wohin immer seine Gedanken
reichten, rief ihm zu: Ich gehöre dir! Zum ersten Male, seit er seiner selbst
bewußt geworden, durfte sein Sehnen und Hoffen schrankenlos sein. Seine
Seele atmete jauchzend in vollen Zügen. Zwei von den Kamps Burschen
gingen ihm zur Seite, und er faßte im Überschwang seines Glücks jeden mit
einer Hand und ging, weit die Arme schlenkernd, mit ihnen fürbaß, wie er
wohl als Kind mit seinen Gespielen gegangen war. Seine Mutter, die hinten
im Nachtrab der Alten schritt, beobachtete ihn glückselig und betete mit
versonnenem Lächeln für ihn heimlich einen Rosenkranz nach dem andern.
An der letzten Etappe vor der Stadt wurde halt gemacht. Die Fahnen
wurden aus ihren Futteralen gezogen, den „Engelchen“ wurden die
Haarwickel gelöst und die Schleier angesteckt, die Sänger taten ihre Pfeifen
in die Brusttaschen, spuckten ergiebig aus und strichen sich die
Schnurrbärte. Sie räusperten ihre Kehlen sauber und stellten sich in Reih
und Glied. Auch die Feuerwehr faßte Posto. Und dann setzte sich der
Pilgerzug von der Anhöhe her gegen die Stadt in Bewegung.
Nie hatte sich Fenn so innig und unbewußt wie heute über die weißen
Blütendolden des Hagedorns gefreut, die im kräftigen Braun der Hecken
standen, über das erste Laub, das in den Zweigen hing wie grüner Rauch,
der sich dort verfangen hat und das so zarten Anblicks war, daß man es wie
eine weiche Liebkosung in den Handflächen und an der Wange zu spüren
meinte. Einzelne kurzgeschnittene Hecken am Weg waren wie breite
Tierrücken mit grünem, dichtem Fell, und zwischen den Häuserwürfeln,
über die blinkenden Dächer quoll das junge Grün der runden, treibenden
Baumwipfel empor, und die schiefen Strahlen der aufgehenden Sonne
durchdrangen die höchsten Spitzen mit ihrem blassen Gold. Der
Morgenwind grüßte die Sonne, und eine leuchtende Staubwolke fegte vor
ihm her über die Straße, wie ein stolzer Schiffsbug über die Wellen gleitet,
oder wie gespenstige Schlittenkufen, die aus dem Boden wachsen, einer
Schwanenbrust gleichen, lautlos dahinfahren und versinken.
Das mutwillig laute Gebet der Buben, die in der Stadt ihre Müdigkeit
vergaßen, hallte durch die morgenstillen Straßen, und die Prozession
zerfloß bald in dem kribbelnden Sammelbecken, das sich vor der Kirche
anstaute. Fenn sah einen fremden Küster, der das silberne Kreuz von der
und harten Eiern, Butterbrot und Waffeln vollgestopft waren. Fenn ging
seltsam bewegten Gemütes mit den andern durch den Aprilmorgen. Die
erwachende Welt bis an den Horizont und bis wohin immer seine Gedanken
reichten, rief ihm zu: Ich gehöre dir! Zum ersten Male, seit er seiner selbst
bewußt geworden, durfte sein Sehnen und Hoffen schrankenlos sein. Seine
Seele atmete jauchzend in vollen Zügen. Zwei von den Kamps Burschen
gingen ihm zur Seite, und er faßte im Überschwang seines Glücks jeden mit
einer Hand und ging, weit die Arme schlenkernd, mit ihnen fürbaß, wie er
wohl als Kind mit seinen Gespielen gegangen war. Seine Mutter, die hinten
im Nachtrab der Alten schritt, beobachtete ihn glückselig und betete mit
versonnenem Lächeln für ihn heimlich einen Rosenkranz nach dem andern.
An der letzten Etappe vor der Stadt wurde halt gemacht. Die Fahnen
wurden aus ihren Futteralen gezogen, den „Engelchen“ wurden die
Haarwickel gelöst und die Schleier angesteckt, die Sänger taten ihre Pfeifen
in die Brusttaschen, spuckten ergiebig aus und strichen sich die
Schnurrbärte. Sie räusperten ihre Kehlen sauber und stellten sich in Reih
und Glied. Auch die Feuerwehr faßte Posto. Und dann setzte sich der
Pilgerzug von der Anhöhe her gegen die Stadt in Bewegung.
Nie hatte sich Fenn so innig und unbewußt wie heute über die weißen
Blütendolden des Hagedorns gefreut, die im kräftigen Braun der Hecken
standen, über das erste Laub, das in den Zweigen hing wie grüner Rauch,
der sich dort verfangen hat und das so zarten Anblicks war, daß man es wie
eine weiche Liebkosung in den Handflächen und an der Wange zu spüren
meinte. Einzelne kurzgeschnittene Hecken am Weg waren wie breite
Tierrücken mit grünem, dichtem Fell, und zwischen den Häuserwürfeln,
über die blinkenden Dächer quoll das junge Grün der runden, treibenden
Baumwipfel empor, und die schiefen Strahlen der aufgehenden Sonne
durchdrangen die höchsten Spitzen mit ihrem blassen Gold. Der
Morgenwind grüßte die Sonne, und eine leuchtende Staubwolke fegte vor
ihm her über die Straße, wie ein stolzer Schiffsbug über die Wellen gleitet,
oder wie gespenstige Schlittenkufen, die aus dem Boden wachsen, einer
Schwanenbrust gleichen, lautlos dahinfahren und versinken.
Das mutwillig laute Gebet der Buben, die in der Stadt ihre Müdigkeit
vergaßen, hallte durch die morgenstillen Straßen, und die Prozession
zerfloß bald in dem kribbelnden Sammelbecken, das sich vor der Kirche
anstaute. Fenn sah einen fremden Küster, der das silberne Kreuz von der
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Tragstange schraubte, um es in seinem Futteral zu bergen: „So schraube ich
von mir mein Priestertum ab,“ dachte er. „Wollen sehen, zu was die Stange
zu gebrauchen ist.“ Ein paar Ordensschwestern gingen vorbei, vor sich eine
Doppelreihe idiotisch aussehender, zum Teil verkrüppelter junger Mädchen.
Und Fenn verweilte bei dem Gedanken, wie die Kirche, der er nicht mehr
dienen wollte, im Lebenshaushalt ihresgleichen nicht hat, da sie die
menschlichen Abfälle so wirtschaftlich zu verwenden weiß. Eine Sekunde
überkam es ihn beim Anblick der beiden Nonnen, die solche verlorenen
Existenzen ins Schlepptau ihres eigenen Lebens nahmen, wie Scham und
Reue. Aber die verkrüppelten, idiotischen Mädchen mit ihren
Begleiterinnen verschwanden in der Menge, um Fenn Kaß flutete wieder
warmes, gesundes Leben, und die bittere Regung war verflogen.
Er frühstückte mit den Kamps und mit Niegela im Goldenen Anker und
gedachte dann beim Bischof vorzusprechen und diesem seinen Entschluß
mitzuteilen.
D raußen, mitten im Gewühl, zupfte jemand Fenn am Ärmel. Er wandte
sich um und erblickte Herrn Jakob Thielen aus Wiesing, genannt
Pichert. Aber der Pichert machte nicht das konzentriert glückliche
Gesicht, das er immer machte, wenn er seinen jungen Freund Fenn
wiedersah. Unwille und Betrübnis hielten sich in dem Ausdruck seines
treuen Schusterantlitzes die Wage, und Fenn fragte erstaunt: „Pichert, was
ist denn mit dir los?“
Der Pichert drückte ihm die Hand, als gelte es einen Rütlischwur und
fragte mit seltsam bewegter Stimme, ob er mit Fenn einen Augenblick
sprechen könne.
„Ei natürlich! Sag mal, Pichert, du siehst ja drein wie ein Verschwörer.
Sollen wir uns in eine verborgene Höhle zurückziehen?“
Aber dem Pichert war es nicht ums Lachen. „Komm zwischen den
Leuten heraus,“ sagte er ernst. „Ich habe dir etwas Wichtiges mitzuteilen.
Es war nämlich einer aus eurem Dorf kürzlich in Wiesing.“
So? Und wer das denn gewesen sei, und was er gewollt habe.
„Er heißt Emil Masseler, und er wollte wissen, wie du in der Zeit, wo du
noch in Wiesing warst, mit Brauns Marjänni gestanden hast.“
„Ich? Mit Brauns Marjänni? Wie kommt denn der dazu?“
von mir mein Priestertum ab,“ dachte er. „Wollen sehen, zu was die Stange
zu gebrauchen ist.“ Ein paar Ordensschwestern gingen vorbei, vor sich eine
Doppelreihe idiotisch aussehender, zum Teil verkrüppelter junger Mädchen.
Und Fenn verweilte bei dem Gedanken, wie die Kirche, der er nicht mehr
dienen wollte, im Lebenshaushalt ihresgleichen nicht hat, da sie die
menschlichen Abfälle so wirtschaftlich zu verwenden weiß. Eine Sekunde
überkam es ihn beim Anblick der beiden Nonnen, die solche verlorenen
Existenzen ins Schlepptau ihres eigenen Lebens nahmen, wie Scham und
Reue. Aber die verkrüppelten, idiotischen Mädchen mit ihren
Begleiterinnen verschwanden in der Menge, um Fenn Kaß flutete wieder
warmes, gesundes Leben, und die bittere Regung war verflogen.
Er frühstückte mit den Kamps und mit Niegela im Goldenen Anker und
gedachte dann beim Bischof vorzusprechen und diesem seinen Entschluß
mitzuteilen.
D raußen, mitten im Gewühl, zupfte jemand Fenn am Ärmel. Er wandte
sich um und erblickte Herrn Jakob Thielen aus Wiesing, genannt
Pichert. Aber der Pichert machte nicht das konzentriert glückliche
Gesicht, das er immer machte, wenn er seinen jungen Freund Fenn
wiedersah. Unwille und Betrübnis hielten sich in dem Ausdruck seines
treuen Schusterantlitzes die Wage, und Fenn fragte erstaunt: „Pichert, was
ist denn mit dir los?“
Der Pichert drückte ihm die Hand, als gelte es einen Rütlischwur und
fragte mit seltsam bewegter Stimme, ob er mit Fenn einen Augenblick
sprechen könne.
„Ei natürlich! Sag mal, Pichert, du siehst ja drein wie ein Verschwörer.
Sollen wir uns in eine verborgene Höhle zurückziehen?“
Aber dem Pichert war es nicht ums Lachen. „Komm zwischen den
Leuten heraus,“ sagte er ernst. „Ich habe dir etwas Wichtiges mitzuteilen.
Es war nämlich einer aus eurem Dorf kürzlich in Wiesing.“
So? Und wer das denn gewesen sei, und was er gewollt habe.
„Er heißt Emil Masseler, und er wollte wissen, wie du in der Zeit, wo du
noch in Wiesing warst, mit Brauns Marjänni gestanden hast.“
„Ich? Mit Brauns Marjänni? Wie kommt denn der dazu?“
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Pichert konnte nicht mehr an sich halten. Sein Geheimnis brach über alle
Dämme. „Ich sehe, Fenn, du weißt von nichts. Dieser Masseler saß in den
Wirtshäusern herum, fing mit den Leuten ein Gespräch über dich und
Marjänni an und fragte, ob ihr denn auch in Wiesing früher schon so gut
Freund gewesen seid, wie jetzt in Brebach. Er zwinkerte mit den Augen und
machte die ganze Wirtsstube neugierig, aber wenn dann einer fragte, was er
damit meine, dann drückte er sich: Er wolle nichts gesagt haben, aber sie
sollten nach Brebach kommen und das erste beste Kind auf der Straße
fragen ...“
„Komm, Pichert,“ sagte Fenn, „gib dir weiter keine Mühe, ich kann mir
den Rest denken. Habt ihr denn in Wiesing das geglaubt?“
„Wo denkst du hin, Fenn! Aber ich mußte es dir doch sagen!“
„Nun ja, Pichert, es ist ja auch gut, daß du mich gewarnt hast, aber so
schlimm wird die Sache nicht sein, sonst hätte ich in Brebach schon davon
gehört. Denn sieh, welchen Zweck hätte es, erlogene Schlechtigkeiten über
mich zu erzählen, wenn ich es nicht erfahre und mich nicht darüber
ärgere?“
Der Pichert war wieder einmal froh, daß etwas, was ihm so schwer auf
dem Herzen gelegen hatte, seinen jungen Freund nicht aus dem
Gleichgewicht warf. „Der Fenn ist doch ein anderer Mensch, wie wir,“
dachte er bei sich.
„Und jetzt, mein lieber Pichert, muß ich dich verlassen, ich habe einen
notwendigen und wichtigen Gang vor. Vielleicht hörst du noch heute
Näheres darüber. Von der andern Sache rede mit niemanden. Wenn was
dahintersteckt, weiß ich, was ich zu tun habe.“
Daß man ihm Beziehungen zu Frau Lampert andichtete, fand er
grenzenlos dumm. Die Leute konnten doch unmöglich wissen, wie er
innerlich zu ihr gestanden hatte. Jetzt war, seit seinem Besuch im Hause
Lampert und jenem wüsten Auftritt, jedes geheime Band zerrissen, das
vielleicht einmal von ihm zu ihr hinübergeführt hatte.
F enn zog auf der Treppe zum Bistum die Klingel. Die Tür ging auf und
er stand dem „Peter“ des Hochwürdigsten Herrn gegenüber. Peter war
nicht der Vor-, sondern der Gattungsname des jeweiligen bischöflichen
Leibdieners. Er war von dem ersten Träger dieser Würde, der unter dem
Dämme. „Ich sehe, Fenn, du weißt von nichts. Dieser Masseler saß in den
Wirtshäusern herum, fing mit den Leuten ein Gespräch über dich und
Marjänni an und fragte, ob ihr denn auch in Wiesing früher schon so gut
Freund gewesen seid, wie jetzt in Brebach. Er zwinkerte mit den Augen und
machte die ganze Wirtsstube neugierig, aber wenn dann einer fragte, was er
damit meine, dann drückte er sich: Er wolle nichts gesagt haben, aber sie
sollten nach Brebach kommen und das erste beste Kind auf der Straße
fragen ...“
„Komm, Pichert,“ sagte Fenn, „gib dir weiter keine Mühe, ich kann mir
den Rest denken. Habt ihr denn in Wiesing das geglaubt?“
„Wo denkst du hin, Fenn! Aber ich mußte es dir doch sagen!“
„Nun ja, Pichert, es ist ja auch gut, daß du mich gewarnt hast, aber so
schlimm wird die Sache nicht sein, sonst hätte ich in Brebach schon davon
gehört. Denn sieh, welchen Zweck hätte es, erlogene Schlechtigkeiten über
mich zu erzählen, wenn ich es nicht erfahre und mich nicht darüber
ärgere?“
Der Pichert war wieder einmal froh, daß etwas, was ihm so schwer auf
dem Herzen gelegen hatte, seinen jungen Freund nicht aus dem
Gleichgewicht warf. „Der Fenn ist doch ein anderer Mensch, wie wir,“
dachte er bei sich.
„Und jetzt, mein lieber Pichert, muß ich dich verlassen, ich habe einen
notwendigen und wichtigen Gang vor. Vielleicht hörst du noch heute
Näheres darüber. Von der andern Sache rede mit niemanden. Wenn was
dahintersteckt, weiß ich, was ich zu tun habe.“
Daß man ihm Beziehungen zu Frau Lampert andichtete, fand er
grenzenlos dumm. Die Leute konnten doch unmöglich wissen, wie er
innerlich zu ihr gestanden hatte. Jetzt war, seit seinem Besuch im Hause
Lampert und jenem wüsten Auftritt, jedes geheime Band zerrissen, das
vielleicht einmal von ihm zu ihr hinübergeführt hatte.
F enn zog auf der Treppe zum Bistum die Klingel. Die Tür ging auf und
er stand dem „Peter“ des Hochwürdigsten Herrn gegenüber. Peter war
nicht der Vor-, sondern der Gattungsname des jeweiligen bischöflichen
Leibdieners. Er war von dem ersten Träger dieser Würde, der unter dem
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Namen „Bischofs Peter“ im Land populär geworden war, auf alle
Nachfolger übergegangen.
Der jetzige Peter war ein bleicher Leisetreter, mit einem salbungsvoll
verschmitzten Bedientengesicht. In seinem engen Kreise besaß er eine
zuverlässige Menschenkenntnis, die auf viele heimlichen Beobachtungen
aus dem Augenwinkel gestützt war. Es war, als hätte er lange, unsichtbare
Fühler, die er ausstreckte und einzog und nach denen er sein Verhalten
einrichtete. Was jetzt da vor ihm stand, war ein gewöhnlicher Landkaplan.
Da gab man sich nicht viele Mühe. Dem imponierte man schon mit dem
gewöhnlichen Werktagsgesicht.
„Ich möchte den Hochwürdigsten Herrn sprechen.“
Peter setzte zu seiner Abfertigung an: „Der Hochwürdigste Herr ist sehr
müd, noch von der letzten Reise, wünscht sich noch auszuruhen ... wenn
nicht unbedingt notwendig ...“
Er unterbrach sich. Mit diesem Kaplan mußte es etwas ganz Besonderes
sein, der hatte einen ganz andern Ton als die übrigen. Der sah ja gar nicht
aus, als ob er das Vorzimmerfieber hätte. Der war ja nicht unterwürfig, der
schien ja wirklich etwas zu wollen und nicht nur etwas in Demut zu
erbitten.
„Es ist notwendig, sonst wäre ich nicht gekommen,“ versetzte Fenn und
faßte sich den Peter scharf ins Auge.
Die Tür nebenan ging auf und die beiden Sekretäre steckten neugierig
ihre Gesichter heraus, in die die Anpassungsnotwendigkeiten ihres Berufs
auch schon ihre deutlichen Spuren gegraben hatten. Es waren
Schulkameraden Fenns. Sie begrüßten ihn burschikos und waren erstaunt,
wie ernst und abweisend er ihren Gruß erwiderte.
„Ich will dann also sehen, ob der Hochwürdigste Herr Sie empfangen
will,“ sagte Peter, noch unsicher, ob er sich diesem merkwürdigen
Menschen tatsächlich zu fügen habe.
„Melden Sie Herrn Ferdinand Kaß aus Brebach.“
Dem Peter kam diese profane Titulatur ungewohnt vor und er ließ sie
sich wiederholen.
Jetzt stand Fenn im ersten Empfangszimmer des Bischofs. Eine große
„Fußwaschung“, die im Klerus geheimnisvoll mit dem Namen Rubens in
Verbindung gebracht wurde, bedeckte eine ganze Wand. Auf dem Kamin
stand zwischen Kandelabern, die wie ein Willkommgeschenk an den
Hochwürdigsten Herrn aus seiner Kaplanszeit aussahen, ein kupfernes
Nachfolger übergegangen.
Der jetzige Peter war ein bleicher Leisetreter, mit einem salbungsvoll
verschmitzten Bedientengesicht. In seinem engen Kreise besaß er eine
zuverlässige Menschenkenntnis, die auf viele heimlichen Beobachtungen
aus dem Augenwinkel gestützt war. Es war, als hätte er lange, unsichtbare
Fühler, die er ausstreckte und einzog und nach denen er sein Verhalten
einrichtete. Was jetzt da vor ihm stand, war ein gewöhnlicher Landkaplan.
Da gab man sich nicht viele Mühe. Dem imponierte man schon mit dem
gewöhnlichen Werktagsgesicht.
„Ich möchte den Hochwürdigsten Herrn sprechen.“
Peter setzte zu seiner Abfertigung an: „Der Hochwürdigste Herr ist sehr
müd, noch von der letzten Reise, wünscht sich noch auszuruhen ... wenn
nicht unbedingt notwendig ...“
Er unterbrach sich. Mit diesem Kaplan mußte es etwas ganz Besonderes
sein, der hatte einen ganz andern Ton als die übrigen. Der sah ja gar nicht
aus, als ob er das Vorzimmerfieber hätte. Der war ja nicht unterwürfig, der
schien ja wirklich etwas zu wollen und nicht nur etwas in Demut zu
erbitten.
„Es ist notwendig, sonst wäre ich nicht gekommen,“ versetzte Fenn und
faßte sich den Peter scharf ins Auge.
Die Tür nebenan ging auf und die beiden Sekretäre steckten neugierig
ihre Gesichter heraus, in die die Anpassungsnotwendigkeiten ihres Berufs
auch schon ihre deutlichen Spuren gegraben hatten. Es waren
Schulkameraden Fenns. Sie begrüßten ihn burschikos und waren erstaunt,
wie ernst und abweisend er ihren Gruß erwiderte.
„Ich will dann also sehen, ob der Hochwürdigste Herr Sie empfangen
will,“ sagte Peter, noch unsicher, ob er sich diesem merkwürdigen
Menschen tatsächlich zu fügen habe.
„Melden Sie Herrn Ferdinand Kaß aus Brebach.“
Dem Peter kam diese profane Titulatur ungewohnt vor und er ließ sie
sich wiederholen.
Jetzt stand Fenn im ersten Empfangszimmer des Bischofs. Eine große
„Fußwaschung“, die im Klerus geheimnisvoll mit dem Namen Rubens in
Verbindung gebracht wurde, bedeckte eine ganze Wand. Auf dem Kamin
stand zwischen Kandelabern, die wie ein Willkommgeschenk an den
Hochwürdigsten Herrn aus seiner Kaplanszeit aussahen, ein kupfernes
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Kruzifix, der „Fußwaschung“ gegenüber hingen einzelne Bilder von
Mitgliedern des Herrscherhauses. Während Fenn noch unaufmerksam in
einem Band architektonischer Zeichnungen blätterte, der neben einem
Prachtwerk über Lourdes auf dem Tisch in der Mitte des Zimmers lag, ging
eine Innentür auf und der Bischof trat schweren Schrittes herein. Fenn sah
durch die halbgeöffnete Tür in ein Zimmer mit roten Plüschmöbeln, in dem
bläulicher Zigarrenrauch in Wolken und Ringen schwamm. Gedämpfte
Stimmen, die er gehört hatte, verstummten ganz.
Er schlug das Buch zu und trat dem Hochwürdigsten einen Schritt
entgegen. Der legte sein wohlgenährtes Gesicht in ernste Falten, wobei er
das Haupt etwas zur Seite neigte und dem jungen Geistlichen seine Rechte,
nachdem er ihn zuerst mit einem summarischen Kreuzeszeichen gesegnet
hatte, zum Ringkuß hinstreckte.
Fenn ergriff die Hand und drückte sie, wie bei einer Begrüßung unter
Bekannten, und es tat ihm leid, dem ältern Mann diese verletzende
Überraschung bereiten zu müssen. Der Hochwürdigste Herr machte eine
Sekunde lang ein Gesicht wie einer, der beim Treppabsteigen eine Stufe zu
kurz zählt und von der vorletzten ins Leere, statt auf festen Boden tritt.
Fenn beeilte sich, eine Erklärung dafür zu geben, daß er nicht, wie üblich,
niedergekniet war und den bischöflichen Amethyst geküßt hatte.
„Ich bin gekommen, um Ihnen zu sagen, daß ich aus dem Priesterstande
austrete.“
„So, so,“ grollte der Bischof und suchte sich zu sammeln. Denn das alles
war ihm zu elementar plötzlich gekommen. „Und warum wollen Sie
austreten?“
„Aus innern Gründen, deren Darlegung mich wahrscheinlich zu weit
führen würde.“
„So! Also dann will ich Ihnen sagen, warum Sie austreten wollen!“ In
vollen Brusttönen kamen die Worte heraus und die entrüstet aufgeworfenen
Lippen nahmen sie von der Zunge in Empfang und wälzten sich breiig und
ungeschlacht daher. „Ich hab’ es schon lange gewußt, daß Sie es nicht
aushalten würden. Sie waren schon im Konvikt ein unsicherer Kantonist.
Sie sind auch einer von denen, die auf das ‚Hochland‘ und auf die
‚Kölnische Volkszeitung‘ abonniert sind.“
„Ei ei,“ dachte Fenn, „lassen wir ihn sich einmal losknöpfen.“
„Sie?“ fuhr der Bischof fort, „Sie haben den Geist der Frömmigkeit in
sich ertötet und Sie treiben Allotria! Und von wem der Geist der
Mitgliedern des Herrscherhauses. Während Fenn noch unaufmerksam in
einem Band architektonischer Zeichnungen blätterte, der neben einem
Prachtwerk über Lourdes auf dem Tisch in der Mitte des Zimmers lag, ging
eine Innentür auf und der Bischof trat schweren Schrittes herein. Fenn sah
durch die halbgeöffnete Tür in ein Zimmer mit roten Plüschmöbeln, in dem
bläulicher Zigarrenrauch in Wolken und Ringen schwamm. Gedämpfte
Stimmen, die er gehört hatte, verstummten ganz.
Er schlug das Buch zu und trat dem Hochwürdigsten einen Schritt
entgegen. Der legte sein wohlgenährtes Gesicht in ernste Falten, wobei er
das Haupt etwas zur Seite neigte und dem jungen Geistlichen seine Rechte,
nachdem er ihn zuerst mit einem summarischen Kreuzeszeichen gesegnet
hatte, zum Ringkuß hinstreckte.
Fenn ergriff die Hand und drückte sie, wie bei einer Begrüßung unter
Bekannten, und es tat ihm leid, dem ältern Mann diese verletzende
Überraschung bereiten zu müssen. Der Hochwürdigste Herr machte eine
Sekunde lang ein Gesicht wie einer, der beim Treppabsteigen eine Stufe zu
kurz zählt und von der vorletzten ins Leere, statt auf festen Boden tritt.
Fenn beeilte sich, eine Erklärung dafür zu geben, daß er nicht, wie üblich,
niedergekniet war und den bischöflichen Amethyst geküßt hatte.
„Ich bin gekommen, um Ihnen zu sagen, daß ich aus dem Priesterstande
austrete.“
„So, so,“ grollte der Bischof und suchte sich zu sammeln. Denn das alles
war ihm zu elementar plötzlich gekommen. „Und warum wollen Sie
austreten?“
„Aus innern Gründen, deren Darlegung mich wahrscheinlich zu weit
führen würde.“
„So! Also dann will ich Ihnen sagen, warum Sie austreten wollen!“ In
vollen Brusttönen kamen die Worte heraus und die entrüstet aufgeworfenen
Lippen nahmen sie von der Zunge in Empfang und wälzten sich breiig und
ungeschlacht daher. „Ich hab’ es schon lange gewußt, daß Sie es nicht
aushalten würden. Sie waren schon im Konvikt ein unsicherer Kantonist.
Sie sind auch einer von denen, die auf das ‚Hochland‘ und auf die
‚Kölnische Volkszeitung‘ abonniert sind.“
„Ei ei,“ dachte Fenn, „lassen wir ihn sich einmal losknöpfen.“
„Sie?“ fuhr der Bischof fort, „Sie haben den Geist der Frömmigkeit in
sich ertötet und Sie treiben Allotria! Und von wem der Geist der
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Frömmigkeit gewichen ist, der fällt dem Bösen leicht zur Beute. Sie? Aus
Brebach sind mir über Sie Geschichten zugetragen worden. Ja ja! wenn
man solchen Sinnes ist.“
Fenn dachte bei sich: „Wem will er imponieren?“ und er fiel dem
Hochwürdigsten Herrn ruhig, aber bestimmt ins Wort: „Sie fassen die Lage
verkehrt auf. Ich sagte Ihnen, ich wolle austreten. Das heißt so viel, wie daß
ich virtuell schon ausgetreten bin. In diesem Augenblick bin ich nicht mehr
ein Mann, der von Ihnen irgendwelche Richtlinien empfangen will. Das
bitte ich zu bedenken. Und damit werden Ihre Erörterungen über meine
Beweggründe, zumal wenn sie in diesem Ton gehalten sind, überflüssig.“
Der Bischof schnaufte vor Erregung. Das hob ihn ganz und gar aus den
Angeln. „So! was wollen Sie denn hier?“
„Ich komme als anständiger Mensch zu Ihnen, und sage Ihnen, daß ich
ein freiwillig eingegangenes Verhältnis aus persönlichen Gründen und
eigener Machtvollkommenheit löse. Das war mein Recht. Es wäre nicht
höflich meinerseits gewesen, wenn ich gewartet hätte, bis Ihnen das von
anderen Seite hinterbracht worden wäre.“
„Sie haben schon zu lange gewartet. Ich wußte über Sie genau Bescheid.“
„Nein, Herr Bischof, das konnten Sie nicht. Ich habe vor einer halben
Stunde erfahren, was Sie wahrscheinlich über mich wissen werden. Es ist
ein abgefeimter Klatsch, der an mich nicht heranreicht, und der nur die
beschmutzt, die ihn ausgeheckt haben. Sie werden ja wissen, wen ich
meine. Die Gründe, die mich aus dem Priesterstand heraustreiben – das
lassen Sie Sich bitte gesagt sein –, sind ehrenhafter als die, die viele darin
zurückhalten.“
„Jetzt haben Sie an die Ehre meines Klerus gerührt, jetzt müssen Sie ...“
„Meine Ehre ist mir so viel wert, wie Ihnen die Ehre Ihres Klerus. Sie
unterschoben mir niedere Motive, ohne dafür einen andern Anhaltspunkt zu
haben, als den schmutzigsten Dorfklatsch. Ich habe den Ehrgeiz, daß ich
nur durch die beurteilt werden will, die mich kennen.“
„Das sind stolze Worte. Und der Teufel Hochmut ...“
„Bitte, ich war noch nicht fertig. Sie kannten mich jedenfalls nicht
hinlänglich. Was Sie Hochmut nennen, empfinde ich als ethisches
Sauberkeitsbedürfnis.“
„Ich kannte Sie allerdings nicht hinlänglich. Das sehe ich ein. Sie können
gehen, Sie gehören nicht zu uns.“
Brebach sind mir über Sie Geschichten zugetragen worden. Ja ja! wenn
man solchen Sinnes ist.“
Fenn dachte bei sich: „Wem will er imponieren?“ und er fiel dem
Hochwürdigsten Herrn ruhig, aber bestimmt ins Wort: „Sie fassen die Lage
verkehrt auf. Ich sagte Ihnen, ich wolle austreten. Das heißt so viel, wie daß
ich virtuell schon ausgetreten bin. In diesem Augenblick bin ich nicht mehr
ein Mann, der von Ihnen irgendwelche Richtlinien empfangen will. Das
bitte ich zu bedenken. Und damit werden Ihre Erörterungen über meine
Beweggründe, zumal wenn sie in diesem Ton gehalten sind, überflüssig.“
Der Bischof schnaufte vor Erregung. Das hob ihn ganz und gar aus den
Angeln. „So! was wollen Sie denn hier?“
„Ich komme als anständiger Mensch zu Ihnen, und sage Ihnen, daß ich
ein freiwillig eingegangenes Verhältnis aus persönlichen Gründen und
eigener Machtvollkommenheit löse. Das war mein Recht. Es wäre nicht
höflich meinerseits gewesen, wenn ich gewartet hätte, bis Ihnen das von
anderen Seite hinterbracht worden wäre.“
„Sie haben schon zu lange gewartet. Ich wußte über Sie genau Bescheid.“
„Nein, Herr Bischof, das konnten Sie nicht. Ich habe vor einer halben
Stunde erfahren, was Sie wahrscheinlich über mich wissen werden. Es ist
ein abgefeimter Klatsch, der an mich nicht heranreicht, und der nur die
beschmutzt, die ihn ausgeheckt haben. Sie werden ja wissen, wen ich
meine. Die Gründe, die mich aus dem Priesterstand heraustreiben – das
lassen Sie Sich bitte gesagt sein –, sind ehrenhafter als die, die viele darin
zurückhalten.“
„Jetzt haben Sie an die Ehre meines Klerus gerührt, jetzt müssen Sie ...“
„Meine Ehre ist mir so viel wert, wie Ihnen die Ehre Ihres Klerus. Sie
unterschoben mir niedere Motive, ohne dafür einen andern Anhaltspunkt zu
haben, als den schmutzigsten Dorfklatsch. Ich habe den Ehrgeiz, daß ich
nur durch die beurteilt werden will, die mich kennen.“
„Das sind stolze Worte. Und der Teufel Hochmut ...“
„Bitte, ich war noch nicht fertig. Sie kannten mich jedenfalls nicht
hinlänglich. Was Sie Hochmut nennen, empfinde ich als ethisches
Sauberkeitsbedürfnis.“
„Ich kannte Sie allerdings nicht hinlänglich. Das sehe ich ein. Sie können
gehen, Sie gehören nicht zu uns.“
Page 178
„Sehen Sie,“ lachte Fenn gutmütig, „nun sind wir doch so weit, daß wir
uns verstehen.“
„Es hat mir weh getan, Herr Kaß. Ich habe Sie lieb gehabt!“ Der Bischof
sagte es mit seiner fettesten Bruststimme und belegte seine Gerührtheit mit
seinem väterlichsten Blick.
„Und was gedenken Sie nun anzufangen?“
„Darüber bin ich mir im einzelnen noch nicht ganz klar.“
„Sie werden es schwer haben, Herr Kaß! Der apostasierte Priester trägt
doch überall das unauslöschliche Merkmal seiner göttlichen Weihe auf der
Stirn.“
„Glauben Sie? Ich habe das Empfinden, daß es mir nicht schwer fallen
wird, mich in der profanen Welt heimisch zu machen.“
„Täuschen Sie Sich nicht, wir haben Beispiele in Masse. Die Welt
betrachtet den ausgetretenen Priester mit Scheu und Mißtrauen.“
„Das werde ich also überwinden müssen. Und ich bin sicher, ich werde es
überwinden.“
„Ich wünsche es von ganzem Herzen, Herr Kaß.“
„Dann also, Adieu, Herr Bischof.“
„Gehen Sie mit Gott, Herr Kaß. Und bleiben Sie trotz alledem ein
frommer, gläubiger Mensch.“
„Mein Glaube hat mit meinem Austritt nichts zu schaffen. Leben Sie
wohl!“
Nun stand er draußen. Wie war ihm doch zumut? Wie damals, als er nach
dem Abitur singend zur Stadt hinausgezogen war und Disteln und
Löwenzahn an seinem Weg vor fröhlichem Übermut und überschäumender
Kraft geköpft hatte. Damals hatte er gemeint, ihm gehöre ein Stück der
Welt. Jetzt stand ihm die ganze Welt offen. Er sah den Leuten, die
vorbeigingen, so fröhlich ins Gesicht, daß sie dachten: „Ei, dem gehts gut,
der hat in der ‚Lese‘ einen guten Tropfen gekostet.“
Wo wollte er nur gleich hin? Ja so, im Goldenen Anker erwartete ihn
Theo Schütz.
U nter dem Torbogen des Gasthofs zum „Goldenen Anker“ ging der
zähflüssige Menschenstrom langsam aus und ein. Bald schiebend,
bald geschoben, gelangte Fenn in die Gaststube. Im Flur schwammen
uns verstehen.“
„Es hat mir weh getan, Herr Kaß. Ich habe Sie lieb gehabt!“ Der Bischof
sagte es mit seiner fettesten Bruststimme und belegte seine Gerührtheit mit
seinem väterlichsten Blick.
„Und was gedenken Sie nun anzufangen?“
„Darüber bin ich mir im einzelnen noch nicht ganz klar.“
„Sie werden es schwer haben, Herr Kaß! Der apostasierte Priester trägt
doch überall das unauslöschliche Merkmal seiner göttlichen Weihe auf der
Stirn.“
„Glauben Sie? Ich habe das Empfinden, daß es mir nicht schwer fallen
wird, mich in der profanen Welt heimisch zu machen.“
„Täuschen Sie Sich nicht, wir haben Beispiele in Masse. Die Welt
betrachtet den ausgetretenen Priester mit Scheu und Mißtrauen.“
„Das werde ich also überwinden müssen. Und ich bin sicher, ich werde es
überwinden.“
„Ich wünsche es von ganzem Herzen, Herr Kaß.“
„Dann also, Adieu, Herr Bischof.“
„Gehen Sie mit Gott, Herr Kaß. Und bleiben Sie trotz alledem ein
frommer, gläubiger Mensch.“
„Mein Glaube hat mit meinem Austritt nichts zu schaffen. Leben Sie
wohl!“
Nun stand er draußen. Wie war ihm doch zumut? Wie damals, als er nach
dem Abitur singend zur Stadt hinausgezogen war und Disteln und
Löwenzahn an seinem Weg vor fröhlichem Übermut und überschäumender
Kraft geköpft hatte. Damals hatte er gemeint, ihm gehöre ein Stück der
Welt. Jetzt stand ihm die ganze Welt offen. Er sah den Leuten, die
vorbeigingen, so fröhlich ins Gesicht, daß sie dachten: „Ei, dem gehts gut,
der hat in der ‚Lese‘ einen guten Tropfen gekostet.“
Wo wollte er nur gleich hin? Ja so, im Goldenen Anker erwartete ihn
Theo Schütz.
U nter dem Torbogen des Gasthofs zum „Goldenen Anker“ ging der
zähflüssige Menschenstrom langsam aus und ein. Bald schiebend,
bald geschoben, gelangte Fenn in die Gaststube. Im Flur schwammen
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die dunstigen Gerüche von Speisen, Wein, Bier und Tabak, die
weißbeschürzten „Änny“, „Kätty“, „Marry“ trugen mit heißen Gesichtern
ihre dampfenden Lasten treppauf treppab, vor dem Stoß ihrer Füße flogen
die Türen auf, und wo sie erschienen, streckten sich ihnen winkende Hände
und leere Gläser und Flaschen entgegen ...
In einer Ecke des Eßzimmers saß eine Gruppe Wiesinger, und etwas
abseits von ihnen Frau Marjänni Lampert. Sie hatte eine volle
Bratenschüssel vor sich, und eine Flasche Mosel mit einem farbigen Etikett,
aus der sie einer Nachbarin, einer Wiesinger Tagelöhnersfrau, gönnerhaft
ein Glas mit ausgoß: „Doch doch, Sie müssen das annehmen, das schmeckt
gut zu Ihrem Stück Brot mit Speck.“
„Sei dach net esu domm, Mrai!“ redete eine entfernter sitzende Frau der
Nachbarin Marjännis zu. „Vun e’m Glas Wei’ werdsch de net baschten!“
Marjänni hatte die schwere goldene Halskette ihrer verstorbenen
Schwiegermutter um. Es war ein Familienerbstück. Zweimal ging sie in
weiter Schlinge um den Hals und vorne hing daran ein altmodisches
goldenes Kreuzchen.
„Die alten Sachen kommen wieder in Mode,“ erklärte Marjänni der
Tagelöhnersfrau, die von dem Glas Wein gesprächig geworden war und den
Schmuck bewunderte.
„Oh ja, das glaube ich auch,“ sagte sie, im Kauen einhaltend.
Der Herr Lampert war nicht mitgekommen. „Ihm liegt nicht viel an der
Octav. Er kommt ja das Jahr hindurch so oft in die Stadt, ihm ist das nichts
Neues.“
„Ja, das glaube ich,“ sagte wieder beifällig die Nachbarin.
Drüben saß ja auch Herr Schütz, der so oft zum Herrn Kaplan nach
Brebach kam. Den kannte Madame Lampert sehr gut, oh ja, früher. Heute
sahen sie sich nicht mehr so oft. Ihr Mann war nicht für die vielerlei
Freundschaften aus der Stadt. Man hatte nichts davon.
„Oh ja, das glaube ich auch.“
Die Tür ging auf und Fenn Kaß trat herein.
„Der Herr Kaplan!“ flüsterte die Tagelöhnersfrau ehrerbietig.
„De’ kuckt haut emol monter dran!“ – „dem seng Sach aß go’ut gaang“ –
und ähnliche Bemerkungen begrüßten laut und leise seinen Eintritt.
Er bemerkte zuerst die Gruppe der Wiesinger und ging mit freudigem
Willkomm auf sie zu. Mit einem leisen Lachen, in dem alle seine Zähne
weißbeschürzten „Änny“, „Kätty“, „Marry“ trugen mit heißen Gesichtern
ihre dampfenden Lasten treppauf treppab, vor dem Stoß ihrer Füße flogen
die Türen auf, und wo sie erschienen, streckten sich ihnen winkende Hände
und leere Gläser und Flaschen entgegen ...
In einer Ecke des Eßzimmers saß eine Gruppe Wiesinger, und etwas
abseits von ihnen Frau Marjänni Lampert. Sie hatte eine volle
Bratenschüssel vor sich, und eine Flasche Mosel mit einem farbigen Etikett,
aus der sie einer Nachbarin, einer Wiesinger Tagelöhnersfrau, gönnerhaft
ein Glas mit ausgoß: „Doch doch, Sie müssen das annehmen, das schmeckt
gut zu Ihrem Stück Brot mit Speck.“
„Sei dach net esu domm, Mrai!“ redete eine entfernter sitzende Frau der
Nachbarin Marjännis zu. „Vun e’m Glas Wei’ werdsch de net baschten!“
Marjänni hatte die schwere goldene Halskette ihrer verstorbenen
Schwiegermutter um. Es war ein Familienerbstück. Zweimal ging sie in
weiter Schlinge um den Hals und vorne hing daran ein altmodisches
goldenes Kreuzchen.
„Die alten Sachen kommen wieder in Mode,“ erklärte Marjänni der
Tagelöhnersfrau, die von dem Glas Wein gesprächig geworden war und den
Schmuck bewunderte.
„Oh ja, das glaube ich auch,“ sagte sie, im Kauen einhaltend.
Der Herr Lampert war nicht mitgekommen. „Ihm liegt nicht viel an der
Octav. Er kommt ja das Jahr hindurch so oft in die Stadt, ihm ist das nichts
Neues.“
„Ja, das glaube ich,“ sagte wieder beifällig die Nachbarin.
Drüben saß ja auch Herr Schütz, der so oft zum Herrn Kaplan nach
Brebach kam. Den kannte Madame Lampert sehr gut, oh ja, früher. Heute
sahen sie sich nicht mehr so oft. Ihr Mann war nicht für die vielerlei
Freundschaften aus der Stadt. Man hatte nichts davon.
„Oh ja, das glaube ich auch.“
Die Tür ging auf und Fenn Kaß trat herein.
„Der Herr Kaplan!“ flüsterte die Tagelöhnersfrau ehrerbietig.
„De’ kuckt haut emol monter dran!“ – „dem seng Sach aß go’ut gaang“ –
und ähnliche Bemerkungen begrüßten laut und leise seinen Eintritt.
Er bemerkte zuerst die Gruppe der Wiesinger und ging mit freudigem
Willkomm auf sie zu. Mit einem leisen Lachen, in dem alle seine Zähne
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blitzten, streckte er Frau Lampert die Hand über den Tisch hinüber: „We’i
gäht et, Marjänni, schmaacht et alt?“[3]
Ein paar der Wiesinger stießen sich unter dem Tisch an und warfen sich
verständnisinnige Blicke zu.
Marjänni hatte rot vor Verlegenheit den Gruß erwidert und rasch eine
Ablenkung darin gefunden, daß sie Fenn auf die Anwesenheit seines
Freundes aufmerksam machte.
Und nun sahen die Wiesinger, wie sich ihr Kaplan und Herr Theo Schütz
drüben in die Ecke dicht zueinander setzten, wie der Herr Kaplan dem
Freund leise etwas ins Ohr erzählte, wie der immer aufmerksamer und
erstaunter aufhorchte, wie sich sein Gesicht zusehends verklärte und er
endlich in heller Freude mit der flachen Hand auf den Tisch schlug und laut
nach der Bedienung rief. Der Herr Kaplan suchte ihm lachend zu wehren,
aber das half nichts, Herr Schütz winkte die „Änny“ heran und bestellte
eine Flasche Champagner. Und rasch! Vom besten, den sie im Keller hatten.
Die beiden tranken die Flasche bei angeregt geflüsterter Unterhaltung
aus, und dann nötigte Herr Schütz den Freund mit zu sich nach Haus.
Das alles sahen die Wiesinger voll siedender Neugier, einzelne auch voll
gerechter Entrüstung mit an. Denn war es nicht geradezu anstößig, daß sich
ein geistlicher Herr in einem öffentlichen Lokal mit einem notorischen
Gottesleugner und kirchenfeindlichen Kammerkandidaten so auffällig
machte?
Aber die guten Wiesinger waren noch nicht am Ende ihres Staunens.
Denn wenig später kam Pfarrer Brendel mit Emil Masseler und der Erbtante
in sichtlicher Erregung herein. Sie nahmen bei den andern Platz und Emil
Masseler fragte: „Man darf es ja sagen, Herr Pastor?“
„Warum nicht?“ meinte Herr Brendel kummervoll, „einmal muß der
Skandal ja doch losbrechen.“
„Was denn?“ fragten die zunächst Sitzenden.
Emil Masseler legte sich weit über den Tisch und alle Köpfe bogen sich
zu ihm. „Unser Kaplan zieht den schwarzen Rock aus!“
Die einen stießen aus tiefster Brust ein fast erschrockenes Oh! heraus, die
andern machten Pst! und wollten gleich mehr hören.
Jawohl, der Herr Pastor war beim Bischof gewesen, wie der Kaplan
gerade fort war. Es war ganz sicher. Übrigens, man konnte sich das schon
lange denken. Der hatte keine geistlichen „Naupen“.
gäht et, Marjänni, schmaacht et alt?“[3]
Ein paar der Wiesinger stießen sich unter dem Tisch an und warfen sich
verständnisinnige Blicke zu.
Marjänni hatte rot vor Verlegenheit den Gruß erwidert und rasch eine
Ablenkung darin gefunden, daß sie Fenn auf die Anwesenheit seines
Freundes aufmerksam machte.
Und nun sahen die Wiesinger, wie sich ihr Kaplan und Herr Theo Schütz
drüben in die Ecke dicht zueinander setzten, wie der Herr Kaplan dem
Freund leise etwas ins Ohr erzählte, wie der immer aufmerksamer und
erstaunter aufhorchte, wie sich sein Gesicht zusehends verklärte und er
endlich in heller Freude mit der flachen Hand auf den Tisch schlug und laut
nach der Bedienung rief. Der Herr Kaplan suchte ihm lachend zu wehren,
aber das half nichts, Herr Schütz winkte die „Änny“ heran und bestellte
eine Flasche Champagner. Und rasch! Vom besten, den sie im Keller hatten.
Die beiden tranken die Flasche bei angeregt geflüsterter Unterhaltung
aus, und dann nötigte Herr Schütz den Freund mit zu sich nach Haus.
Das alles sahen die Wiesinger voll siedender Neugier, einzelne auch voll
gerechter Entrüstung mit an. Denn war es nicht geradezu anstößig, daß sich
ein geistlicher Herr in einem öffentlichen Lokal mit einem notorischen
Gottesleugner und kirchenfeindlichen Kammerkandidaten so auffällig
machte?
Aber die guten Wiesinger waren noch nicht am Ende ihres Staunens.
Denn wenig später kam Pfarrer Brendel mit Emil Masseler und der Erbtante
in sichtlicher Erregung herein. Sie nahmen bei den andern Platz und Emil
Masseler fragte: „Man darf es ja sagen, Herr Pastor?“
„Warum nicht?“ meinte Herr Brendel kummervoll, „einmal muß der
Skandal ja doch losbrechen.“
„Was denn?“ fragten die zunächst Sitzenden.
Emil Masseler legte sich weit über den Tisch und alle Köpfe bogen sich
zu ihm. „Unser Kaplan zieht den schwarzen Rock aus!“
Die einen stießen aus tiefster Brust ein fast erschrockenes Oh! heraus, die
andern machten Pst! und wollten gleich mehr hören.
Jawohl, der Herr Pastor war beim Bischof gewesen, wie der Kaplan
gerade fort war. Es war ganz sicher. Übrigens, man konnte sich das schon
lange denken. Der hatte keine geistlichen „Naupen“.
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Die Tagelöhnerin neben Marjänni, die näher an Masseler saß, gab die
Meldung an Frau Lampert weiter. Sie tat es mit einer Betonung, als ob sie
gerade von ihrer Nachbarin eine besondere Teilnahme erwartete.
„Was liegt mir daran?“ sagte Marjänni wegwerfend, und die
Tagelöhnerin pflichtete ihr bei: „Ja, das glaube ich auch. Was braucht Ihnen
daran zu liegen!“
Und während vom Tisch der Wiesinger die Neuigkeit, daß der Brebacher
Kaplan den schwarzen Rock auszog, sich in der ganzen Gaststube
verbreitete und überall mit erstauntem: „Oh! Kuck hei! Aß dat elo
miglech?“ aufgenommen wurde, saß Fenn Kaß mit seinem Freund Theo
beim Mittagessen und besprach mit ihm seine nächste Zukunft.
„In Brebach wirst du wohl nicht bleiben können,“ meinte Theo.
„Warum nicht?“
„Nja! Du weißt, wie das Volk ausgetretenen Priestern gegenübersteht.“
„Dasselbe hat mir schon vorhin der Bischof gesagt. Aber ich bin nicht
gesonnen, diesem Volksempfinden aus dem Wege zu gehen. Ich bin fest
entschlossen, es zu meistern und mich ihm gegenüber als voll
durchzusetzen.“
„Wie willst du das tun?“
„Das hängt von den Umständen ab. Ich gehe nach Brebach zurück und
gehe dort nicht fort, bis ich weiß: die Leute lassen dich gelten, als das, was
du sein willst.“
„Dir kann es doch völlig gleichgültig sein, was die Brebacher Bauern von
dir denken.“
„Durchaus nicht. Ich habe wirkliche Freunde dort. Es liegt mir viel daran,
daß sie selbst wissen, was sie an mir haben, und daß sie sich von andern
wegen ihrer Freundschaft für mich keine Anzapfungen brauchen gefallen zu
lassen.“
„Dann wäre es also aussichtlos, dich davon abbringen zu wollen. Reden
wir von was anderm. Was willst du in Brebach anfangen?“
„Ich dachte, ich könnte die Sache mit der elektrischen Anlage auf eigene
Rechnung übernehmen.“
„Das wäre eine Lösung. Seide wirst du dabei keine spinnen, aber die
Anlage läßt sich wirtschaftlich machen, vielleicht kannst du davon leben.“
„Mehr brauche ich vorläufig nicht. Meine Mutter hat in Wiesing ihre paar
Äcker und Wiesen gut verpachtet, und wir brauchen nicht viel. Du wirst
Meldung an Frau Lampert weiter. Sie tat es mit einer Betonung, als ob sie
gerade von ihrer Nachbarin eine besondere Teilnahme erwartete.
„Was liegt mir daran?“ sagte Marjänni wegwerfend, und die
Tagelöhnerin pflichtete ihr bei: „Ja, das glaube ich auch. Was braucht Ihnen
daran zu liegen!“
Und während vom Tisch der Wiesinger die Neuigkeit, daß der Brebacher
Kaplan den schwarzen Rock auszog, sich in der ganzen Gaststube
verbreitete und überall mit erstauntem: „Oh! Kuck hei! Aß dat elo
miglech?“ aufgenommen wurde, saß Fenn Kaß mit seinem Freund Theo
beim Mittagessen und besprach mit ihm seine nächste Zukunft.
„In Brebach wirst du wohl nicht bleiben können,“ meinte Theo.
„Warum nicht?“
„Nja! Du weißt, wie das Volk ausgetretenen Priestern gegenübersteht.“
„Dasselbe hat mir schon vorhin der Bischof gesagt. Aber ich bin nicht
gesonnen, diesem Volksempfinden aus dem Wege zu gehen. Ich bin fest
entschlossen, es zu meistern und mich ihm gegenüber als voll
durchzusetzen.“
„Wie willst du das tun?“
„Das hängt von den Umständen ab. Ich gehe nach Brebach zurück und
gehe dort nicht fort, bis ich weiß: die Leute lassen dich gelten, als das, was
du sein willst.“
„Dir kann es doch völlig gleichgültig sein, was die Brebacher Bauern von
dir denken.“
„Durchaus nicht. Ich habe wirkliche Freunde dort. Es liegt mir viel daran,
daß sie selbst wissen, was sie an mir haben, und daß sie sich von andern
wegen ihrer Freundschaft für mich keine Anzapfungen brauchen gefallen zu
lassen.“
„Dann wäre es also aussichtlos, dich davon abbringen zu wollen. Reden
wir von was anderm. Was willst du in Brebach anfangen?“
„Ich dachte, ich könnte die Sache mit der elektrischen Anlage auf eigene
Rechnung übernehmen.“
„Das wäre eine Lösung. Seide wirst du dabei keine spinnen, aber die
Anlage läßt sich wirtschaftlich machen, vielleicht kannst du davon leben.“
„Mehr brauche ich vorläufig nicht. Meine Mutter hat in Wiesing ihre paar
Äcker und Wiesen gut verpachtet, und wir brauchen nicht viel. Du wirst
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sehen, es geht. Später suche ich, weiter zu kommen. Ich kann es jetzt, ich
habe die Ellenbogen frei.“
Fenn Kaß blieb, nachdem er seine Mutter von dem Geschehenen
verständigt hatte, ein paar Tage bei seinem Freund in der Stadt. Er hatte in
der Regierung wegen seiner Anlage in Brebach zu verhandeln, da für
derartige gemeinnützige Unternehmungen Staatszuschüsse bewilligt
wurden. Von da aus wurde auch bei der Gemeinde dahin gewirkt, daß sie
sich zu einem eventuellen Vertrag bereit erklärte. Mit Fritz Lampert war
Fenn schon vorher im Prinzip einig gewesen und die technische Seite des
Projekts wurde eingehend mit Theo besprochen. Es wurde offenbar, daß
Fenn sich eine erstaunliche Fülle theoretischer Kenntnisse auf dem Gebiete
der Elektrizität, der Mechanik und des Hoch- und Tiefbaues angeeignet und
ausgesprochene natürliche Anlagen durch gründliches Studium entfaltet und
vertieft hatte. Theo war erstaunt.
„Junge,“ sagte er, „du bist für Brebach zu schade. Ich habe Pläne. Na, du
wirst ja sehen.“
habe die Ellenbogen frei.“
Fenn Kaß blieb, nachdem er seine Mutter von dem Geschehenen
verständigt hatte, ein paar Tage bei seinem Freund in der Stadt. Er hatte in
der Regierung wegen seiner Anlage in Brebach zu verhandeln, da für
derartige gemeinnützige Unternehmungen Staatszuschüsse bewilligt
wurden. Von da aus wurde auch bei der Gemeinde dahin gewirkt, daß sie
sich zu einem eventuellen Vertrag bereit erklärte. Mit Fritz Lampert war
Fenn schon vorher im Prinzip einig gewesen und die technische Seite des
Projekts wurde eingehend mit Theo besprochen. Es wurde offenbar, daß
Fenn sich eine erstaunliche Fülle theoretischer Kenntnisse auf dem Gebiete
der Elektrizität, der Mechanik und des Hoch- und Tiefbaues angeeignet und
ausgesprochene natürliche Anlagen durch gründliches Studium entfaltet und
vertieft hatte. Theo war erstaunt.
„Junge,“ sagte er, „du bist für Brebach zu schade. Ich habe Pläne. Na, du
wirst ja sehen.“
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Fünftes Kapitel
I n Brebach war es einfach ein Aufruhr, als Fenn Kaß in bürgerlicher
Kleidung am hellen Tage eintraf. Er merkte in der Hauptstraße, die er bis
zu seiner Wohnung zu passieren hatte, wie Kinder und Erwachsene, die
von fern den Fremden kommen sahen und nach längerm Anglotzen als
ihren frühern Kaplan erkannten, Hals über Kopf in den Hausgängen
verschwanden und alle Familienmitglieder zu dem aufregenden Ereignis
auf die Türschwelle riefen. Man überschlug sich vor Neugier. Sein Gruß
fand nur ein seltenes Echo. Die Männer rückten schweigend und
unfreundlich an den Mützen, die Frauen blickten ihn an, wie einen
Fremden, und einmal rief ihm eine Gruppe Kinder, offenbar auf Anstiften
der Eltern, nach: „Hei, do’u dein Ho’ut ä’s of! Hu’esch de d’Kopp nach
geschu’er?“
Zu Hause wartete seiner die Mitteilung, der Hausbesitzer habe die
Wohnung gekündigt. Die sei eigens für den Ortskaplan und müsse für den
Nachfolger frei werden.
„Auch gut,“ meinte Fenn, der doch einen leisen Ärger in sich aufsteigen
fühlte. „Wir ziehen ja so wie so in die Mühle. Eigentlich sollte ich dem Kerl
die Zähne zeigen und ihn lehren, was ein regelrechter Mietvertrag heißt.
Aber sei’s drum.“
An einem der nächsten Abende saß Fenn Kaß in seiner Studierstube und
las in der alten Allioli-Bibel, die er vom Schente Storrek geerbt hatte. Seit
er den Priesterrock ausgezogen hatte, tat er das mit wachsendem Genuß. Es
war, als hätte sich mit ihm und für ihn das Buch der Bücher verweltlicht.
Psalmen und Evangelien, Sprüche und Briefe, Chroniken und
Prophezeiungen gewannen für ihn erst jetzt einen tiefen menschlichen Reiz,
nachdem sie ihm bislang fast nur als Hilfsmittel seines priesterlichen
Lehramtes erschienen waren. Und er dachte mit Rührung an den alten
Bauer, von dessen Fingern die Seiten abgegriffen und angegilbt waren und
dessen schlichter Geist aus dem Geist und Klang dieses Jahrtausende alten
Schrifttums Genuß und Trost geschöpft hatte, mehr als er, der studierte
Kulturmensch, zu dessen Beruf doch das Eindringen in die Bibel gehört
hatte.
I n Brebach war es einfach ein Aufruhr, als Fenn Kaß in bürgerlicher
Kleidung am hellen Tage eintraf. Er merkte in der Hauptstraße, die er bis
zu seiner Wohnung zu passieren hatte, wie Kinder und Erwachsene, die
von fern den Fremden kommen sahen und nach längerm Anglotzen als
ihren frühern Kaplan erkannten, Hals über Kopf in den Hausgängen
verschwanden und alle Familienmitglieder zu dem aufregenden Ereignis
auf die Türschwelle riefen. Man überschlug sich vor Neugier. Sein Gruß
fand nur ein seltenes Echo. Die Männer rückten schweigend und
unfreundlich an den Mützen, die Frauen blickten ihn an, wie einen
Fremden, und einmal rief ihm eine Gruppe Kinder, offenbar auf Anstiften
der Eltern, nach: „Hei, do’u dein Ho’ut ä’s of! Hu’esch de d’Kopp nach
geschu’er?“
Zu Hause wartete seiner die Mitteilung, der Hausbesitzer habe die
Wohnung gekündigt. Die sei eigens für den Ortskaplan und müsse für den
Nachfolger frei werden.
„Auch gut,“ meinte Fenn, der doch einen leisen Ärger in sich aufsteigen
fühlte. „Wir ziehen ja so wie so in die Mühle. Eigentlich sollte ich dem Kerl
die Zähne zeigen und ihn lehren, was ein regelrechter Mietvertrag heißt.
Aber sei’s drum.“
An einem der nächsten Abende saß Fenn Kaß in seiner Studierstube und
las in der alten Allioli-Bibel, die er vom Schente Storrek geerbt hatte. Seit
er den Priesterrock ausgezogen hatte, tat er das mit wachsendem Genuß. Es
war, als hätte sich mit ihm und für ihn das Buch der Bücher verweltlicht.
Psalmen und Evangelien, Sprüche und Briefe, Chroniken und
Prophezeiungen gewannen für ihn erst jetzt einen tiefen menschlichen Reiz,
nachdem sie ihm bislang fast nur als Hilfsmittel seines priesterlichen
Lehramtes erschienen waren. Und er dachte mit Rührung an den alten
Bauer, von dessen Fingern die Seiten abgegriffen und angegilbt waren und
dessen schlichter Geist aus dem Geist und Klang dieses Jahrtausende alten
Schrifttums Genuß und Trost geschöpft hatte, mehr als er, der studierte
Kulturmensch, zu dessen Beruf doch das Eindringen in die Bibel gehört
hatte.
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In dieser Stimmung wurde Fenn durch einen Besuch überrascht, dessen
Klingeln und kurze hastige Frage im Hausflur er mit dem Eindruck
vernahm, daß es jemand war, der es sehr eilig haben müsse. Im nächsten
Augenblick öffnete seine Mutter die Tür und sagte: „Hier, Fenn, bringe ich
Besuch.“
Er sah im Dunkel ein blasses Gesicht und ein paar funkelnde
Brillengläser und erkannte sofort Putty Heinen, den er mit freudiger
Lebhaftigkeit begrüßte.
„Putty, du! Das nenn’ ich eine Überraschung!“
„An Sie hätte ich jetzt wahrhaftig auch nicht gedacht!“ bestätigte Frau
Kaß.
Putty schien durch das Licht im Zimmer geblendet. Fahrig und unsicher
antwortete er auf die Begrüßung mit gezwungener Heiterkeit. Als ihn Frau
Kaß fragte, ob er schon zu Nacht gegessen habe, verneinte er zuerst und
versicherte dann, er habe doch gegessen, ganz sicher, er werde unter keinen
Umständen etwas anrühren.
Frau Kaß ging, und Fenn nötigte den Freund auf einen Stuhl, im
Lichtkreis seiner Studierlampe. Erst jetzt sah er, wie blaß Putty aussah und
wie verfallen vor Angst und Erschöpfung seine Züge waren.
Sofort begann dieser zu reden, stoßweise, schwer Atem holend. „Fenn,
ich bin am Ende. Es ist aus mit mir.“
„Wieso! Was ist denn geschehen?“
Fenn Kaß kannte seinen Jugendfreund dafür, daß er sich rasch
entmutigen ließ und auf Anhieb alles sehr tragisch zu nehmen geneigt war.
Aber diesmal mußte es ihm doch wirklich unter die Haut gegangen sein.
„Wenn du mich nicht rettest, schlafe ich morgen Nacht im Gefängnis!“
Und er erzählte seine Geschichte, die ewige alte: Versuchung, Einsamkeit,
keine Ablenkung, Tag für Tag die Gelegenheit zur sträflichen Sünde,
endlich das Straucheln, der Fall, das vermeintliche Geheimnis und eines
Morgens der Skandal, der im hellen Tage schwillt und im Dorf, im Land
sein hämisches und empörtes Echo weckt.
„Morgen früh steh ich in den Zeitungen! In diesem Augenblick vielleicht
ist das Gericht schon da, um mich zu verhaften.“
„Und was soll ich für dich tun?“
„Mich über die Grenze schaffen.“
Fenn Kaß erinnerte sich der begeisterten Worte, mit denen ihm sein
Freund vor wenigen Monaten die Schönheiten seines Berufs gepriesen
Klingeln und kurze hastige Frage im Hausflur er mit dem Eindruck
vernahm, daß es jemand war, der es sehr eilig haben müsse. Im nächsten
Augenblick öffnete seine Mutter die Tür und sagte: „Hier, Fenn, bringe ich
Besuch.“
Er sah im Dunkel ein blasses Gesicht und ein paar funkelnde
Brillengläser und erkannte sofort Putty Heinen, den er mit freudiger
Lebhaftigkeit begrüßte.
„Putty, du! Das nenn’ ich eine Überraschung!“
„An Sie hätte ich jetzt wahrhaftig auch nicht gedacht!“ bestätigte Frau
Kaß.
Putty schien durch das Licht im Zimmer geblendet. Fahrig und unsicher
antwortete er auf die Begrüßung mit gezwungener Heiterkeit. Als ihn Frau
Kaß fragte, ob er schon zu Nacht gegessen habe, verneinte er zuerst und
versicherte dann, er habe doch gegessen, ganz sicher, er werde unter keinen
Umständen etwas anrühren.
Frau Kaß ging, und Fenn nötigte den Freund auf einen Stuhl, im
Lichtkreis seiner Studierlampe. Erst jetzt sah er, wie blaß Putty aussah und
wie verfallen vor Angst und Erschöpfung seine Züge waren.
Sofort begann dieser zu reden, stoßweise, schwer Atem holend. „Fenn,
ich bin am Ende. Es ist aus mit mir.“
„Wieso! Was ist denn geschehen?“
Fenn Kaß kannte seinen Jugendfreund dafür, daß er sich rasch
entmutigen ließ und auf Anhieb alles sehr tragisch zu nehmen geneigt war.
Aber diesmal mußte es ihm doch wirklich unter die Haut gegangen sein.
„Wenn du mich nicht rettest, schlafe ich morgen Nacht im Gefängnis!“
Und er erzählte seine Geschichte, die ewige alte: Versuchung, Einsamkeit,
keine Ablenkung, Tag für Tag die Gelegenheit zur sträflichen Sünde,
endlich das Straucheln, der Fall, das vermeintliche Geheimnis und eines
Morgens der Skandal, der im hellen Tage schwillt und im Dorf, im Land
sein hämisches und empörtes Echo weckt.
„Morgen früh steh ich in den Zeitungen! In diesem Augenblick vielleicht
ist das Gericht schon da, um mich zu verhaften.“
„Und was soll ich für dich tun?“
„Mich über die Grenze schaffen.“
Fenn Kaß erinnerte sich der begeisterten Worte, mit denen ihm sein
Freund vor wenigen Monaten die Schönheiten seines Berufs gepriesen
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hatte. Und der Augenblick des Abschieds von damals stieg wieder vor ihm
auf. Es war mit dem armen Menschen rascher zu Ende gegangen, als er
gefürchtet hatte, und Fenn war zu gütig und arglos, um ihn mit der leisesten
Anspielung auf jenen Tag demütigen zu wollen. Auch der andere machte
keinen Versuch, von jener Höhe nach der Tiefe, in der er nunmehr irrte,
einen Weg zu zeigen. Hinter ihm lag alles derart hoffnungslos in Trümmern,
daß er nicht einmal den Schein zu retten versuchte.
Putty wußte nicht, was weiter werden sollte. Er hatte keinen Pfennig
Geld, war den halben Weg nach Brebach zu Fuß gegangen, hatte keinen
Bissen Nahrung und keinen Tropfen Wasser über die Lippen gebracht. Er
war willenlos und gehorchte nur dem Instinkt, der ihn forttrieb, fort aus
dem Bereich der Gendarmen und Gerichte.
„Vor allen Dingen mußt du jetzt zu dir kommen. In einer Stunde ist alles
im Dorf zur Ruhe, dann bring ich dich übers Wasser an die preußische
Station. Ich gebe dir einen Anzug von mir. Um zehn Uhr hast du einen Zug,
mit dem du morgen mittag in Berlin bist. Von da fährst du nach Bremen
oder Hamburg und mit dem nächsten Schiff über See.“
„Und das Geld?“
„Soviel habe ich immer liegen. Du mußt freilich Zwischendeck fahren.“
„Als Kohlentrimmer, wenn es sein muß. Nur fort.“
„Gut. Und dann?“
Ja, daran hatte Putty nicht gedacht. Ihm schwebte nebelhaft eine Zukunft
vor, in der er vielleicht Kellner, Schuhputzer, Sprachlehrer oder Goldgräber
sein würde.
Fenn Kaß hörte ihm zu und sagte bedächtig: „Nein, mein Junge, wie ich
dich kenne, gingest du dann vor die Hunde. Laß dir drüben irgendwo die
Adresse eines Klosters angeben, geh hin und tu, was sie dir sagen. Du bist
nicht der erste. Übers Jahr, oder früher, oder später hast du dich
wiedergefunden. – Du kommst drüben als Pfarrer unter, in andern
Verhältnissen als hier, wirst vielleicht tagelang im Sattel hängen, um die
Farmen deiner Pfarrei abzureiten, wirst deine verbotenen Gedanken an der
freien Luft verrauchen lassen und die Hauptsache: du wirst dich wieder
selbst achten lernen.“
Putty schwieg eine Weile und kaute an der Unterlippe. „Du meinst also,“
begann er dann zögernd und in sichtlich tiefer Bewegung, – „du meinst, ich
soll Priester bleiben?“
auf. Es war mit dem armen Menschen rascher zu Ende gegangen, als er
gefürchtet hatte, und Fenn war zu gütig und arglos, um ihn mit der leisesten
Anspielung auf jenen Tag demütigen zu wollen. Auch der andere machte
keinen Versuch, von jener Höhe nach der Tiefe, in der er nunmehr irrte,
einen Weg zu zeigen. Hinter ihm lag alles derart hoffnungslos in Trümmern,
daß er nicht einmal den Schein zu retten versuchte.
Putty wußte nicht, was weiter werden sollte. Er hatte keinen Pfennig
Geld, war den halben Weg nach Brebach zu Fuß gegangen, hatte keinen
Bissen Nahrung und keinen Tropfen Wasser über die Lippen gebracht. Er
war willenlos und gehorchte nur dem Instinkt, der ihn forttrieb, fort aus
dem Bereich der Gendarmen und Gerichte.
„Vor allen Dingen mußt du jetzt zu dir kommen. In einer Stunde ist alles
im Dorf zur Ruhe, dann bring ich dich übers Wasser an die preußische
Station. Ich gebe dir einen Anzug von mir. Um zehn Uhr hast du einen Zug,
mit dem du morgen mittag in Berlin bist. Von da fährst du nach Bremen
oder Hamburg und mit dem nächsten Schiff über See.“
„Und das Geld?“
„Soviel habe ich immer liegen. Du mußt freilich Zwischendeck fahren.“
„Als Kohlentrimmer, wenn es sein muß. Nur fort.“
„Gut. Und dann?“
Ja, daran hatte Putty nicht gedacht. Ihm schwebte nebelhaft eine Zukunft
vor, in der er vielleicht Kellner, Schuhputzer, Sprachlehrer oder Goldgräber
sein würde.
Fenn Kaß hörte ihm zu und sagte bedächtig: „Nein, mein Junge, wie ich
dich kenne, gingest du dann vor die Hunde. Laß dir drüben irgendwo die
Adresse eines Klosters angeben, geh hin und tu, was sie dir sagen. Du bist
nicht der erste. Übers Jahr, oder früher, oder später hast du dich
wiedergefunden. – Du kommst drüben als Pfarrer unter, in andern
Verhältnissen als hier, wirst vielleicht tagelang im Sattel hängen, um die
Farmen deiner Pfarrei abzureiten, wirst deine verbotenen Gedanken an der
freien Luft verrauchen lassen und die Hauptsache: du wirst dich wieder
selbst achten lernen.“
Putty schwieg eine Weile und kaute an der Unterlippe. „Du meinst also,“
begann er dann zögernd und in sichtlich tiefer Bewegung, – „du meinst, ich
soll Priester bleiben?“
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„Ich halte es für das beste. Du brauchst Verhältnisse, in denen dir dein
Pflichtenpensum zugemessen wird, in denen du gerade an den strengen
Normen deines Berufs einen Halt findest.“
„Aber an meinem Beruf bin ich zugrund gegangen.“
„Das bezweifle ich. Ich glaube vielmehr, daß du in jedem Beruf
gestrauchelt wärest, der dich in ähnliche äußere Verhältnisse gebracht
hätte.“
„Und warum bist du ausgetreten, Fenn?“ Auflehnung und Vorwurf
klangen aus der Frage.
„Gut, daß du mich fragst. Ich will dir mit rückhaltloser Offenheit
antworten. Sieh, Putty, daß zwischen uns beiden ein großer Unterschied
besteht, wirst du nicht leugnen wollen. Daß ich bisher im Leben immer tat,
was ich tun zu müssen glaubte, einerlei ob es mich leicht oder schwer
ankam, wirst du mir ebenfalls zugeben. Und mein Tun und Lassen richtete
sich einzig und allein danach, ob ich das erfüllte, was ich als meine
Bestimmung erkannte, nicht danach, ob es mir augenblicklich ein Genuß
war oder eine Fron. Ich glaubte eine Zeitlang, als Geistlicher soviel Gutes
und Schönes und Nützliches wirken zu können, daß es mich mit
Genugtuung erfüllen würde. Darin wurde ich enttäuscht, durch die Dinge
und durch die Menschen enttäuscht. Und darum gab ich es auf.“
„Du drehst also der Kirche nicht den Rücken, weil du aufgehört hast, an
die Göttlichkeit ihres Ursprunges zu glauben –“
„Ach so, und an den göttlichen Ursprung ihrer Rechte, die Menschen in
souveräner Weise zu ihrem übernatürlichen Geschick zu führen? So oder
ähnlich heißt ja wohl eine bekannte Formel. Ach nein, mit der Kirche habe
ich mich nicht auseinandergesetzt. Es war wirklich nur mein Bedürfnis,
mich nach meinen innersten Anlagen auszuwachsen. Und nun noch eins,
die Hauptsache. Ich trete ungestraft aus dem Priesterstande aus, weil ich nie
hineingehört habe. Mein Fall ist selten. Viel seltener, als man glauben sollte,
wenn man die zahlreichen Geschichten von Priestern hört und liest, die die
Soutane auszogen oder gern ausgezogen hätten. An den besondern Pflichten
des Standes habe ich mich wohl nie ernstlich gestoßen, nie so, daß mir von
daher der Wunsch nach einem Berufswechsel gekommen wäre. Aber ich
habe nie in mir das gespürt, was man religiöses Empfinden nennt. Meine
Ethik und Moral waren immer ohne religiöse Färbung und Grundlage. Ich
habe als Küsterskind von klein auf mit dem lieben Herrgott auf dem Duzfuß
sozusagen verkehrt, alle Äußerlichkeiten der Glaubensübung, die euch im
Pflichtenpensum zugemessen wird, in denen du gerade an den strengen
Normen deines Berufs einen Halt findest.“
„Aber an meinem Beruf bin ich zugrund gegangen.“
„Das bezweifle ich. Ich glaube vielmehr, daß du in jedem Beruf
gestrauchelt wärest, der dich in ähnliche äußere Verhältnisse gebracht
hätte.“
„Und warum bist du ausgetreten, Fenn?“ Auflehnung und Vorwurf
klangen aus der Frage.
„Gut, daß du mich fragst. Ich will dir mit rückhaltloser Offenheit
antworten. Sieh, Putty, daß zwischen uns beiden ein großer Unterschied
besteht, wirst du nicht leugnen wollen. Daß ich bisher im Leben immer tat,
was ich tun zu müssen glaubte, einerlei ob es mich leicht oder schwer
ankam, wirst du mir ebenfalls zugeben. Und mein Tun und Lassen richtete
sich einzig und allein danach, ob ich das erfüllte, was ich als meine
Bestimmung erkannte, nicht danach, ob es mir augenblicklich ein Genuß
war oder eine Fron. Ich glaubte eine Zeitlang, als Geistlicher soviel Gutes
und Schönes und Nützliches wirken zu können, daß es mich mit
Genugtuung erfüllen würde. Darin wurde ich enttäuscht, durch die Dinge
und durch die Menschen enttäuscht. Und darum gab ich es auf.“
„Du drehst also der Kirche nicht den Rücken, weil du aufgehört hast, an
die Göttlichkeit ihres Ursprunges zu glauben –“
„Ach so, und an den göttlichen Ursprung ihrer Rechte, die Menschen in
souveräner Weise zu ihrem übernatürlichen Geschick zu führen? So oder
ähnlich heißt ja wohl eine bekannte Formel. Ach nein, mit der Kirche habe
ich mich nicht auseinandergesetzt. Es war wirklich nur mein Bedürfnis,
mich nach meinen innersten Anlagen auszuwachsen. Und nun noch eins,
die Hauptsache. Ich trete ungestraft aus dem Priesterstande aus, weil ich nie
hineingehört habe. Mein Fall ist selten. Viel seltener, als man glauben sollte,
wenn man die zahlreichen Geschichten von Priestern hört und liest, die die
Soutane auszogen oder gern ausgezogen hätten. An den besondern Pflichten
des Standes habe ich mich wohl nie ernstlich gestoßen, nie so, daß mir von
daher der Wunsch nach einem Berufswechsel gekommen wäre. Aber ich
habe nie in mir das gespürt, was man religiöses Empfinden nennt. Meine
Ethik und Moral waren immer ohne religiöse Färbung und Grundlage. Ich
habe als Küsterskind von klein auf mit dem lieben Herrgott auf dem Duzfuß
sozusagen verkehrt, alle Äußerlichkeiten der Glaubensübung, die euch im
Page 187
Kindes- und Jugendalter die Phantasie anregen und die Herzen warm
machen und die euch später zum mindesten ein Schatz farbiger und
poetischer Erinnerungen sind, die waren mir nüchterne Teile eines
nüchternen Tagewerks. Sagen wir es einmal so: Ich habe die Kulissen der
Religion beständig von der ungemalten Seite gesehen. Darum war ich
immun gegen das Psychologische des Berufs, das, was euch allen im Blut
sitzt, was recht eigentlich das unauslöschliche Merkmal der Priesterweihe
ist. Das werdet ihr nicht los, das ist eine Umbiegung eures ganzen innern
und äußern Wesens, die sich nie zurecht richten läßt. Und davon weiß ich
mich frei. In diesem Sinne habe ich wohl nie die Berufung zum
Priesterstand gehabt, und darum durfte ich ihm den Rücken kehren, ohne
eine Schuld hinter mir zu lassen, ohne Schlinge am Fuß. Wer das von sich
nicht sagen kann und trotzdem das geistliche Kleid auszieht, der geht
durchs Leben mit einem unheilbaren Zwiespalt. Siehst du, lieber Putty,
darum rate ich dir, meinem Beispiel nicht zu folgen. Denn du hast ein
wachsweiches Gemüt, und das haben sie dir derart zurechtgeknetet, daß es
sich nie in die böse Welt wird schicken können und daß deine
Goldgräberkollegen im hintersten Alaska dir auf hundert Meter den
entlaufenen Kaplan ansehen würden.“
„Das Religiöse?“ fragte Putty versonnen.
„Ich nenne es so. Es ist, allgemeiner genommen, die ganz besondere
Geistes- und Herzensverfassung, die in euch das Gefühl erzeugt, daß ihr
seelisch gebückt gehen müßt, daß ihr euch nicht aufrichten dürft, ohne mit
dem Kopf an die Decke zu stoßen, daß ihr eure Pflicht gegen euch und alle
Menschen bis zum letzten Blutstropfen getan und doch die Strafe ewiger
Verdammnis verdient haben könnt. Suche du es besser zu definieren.“
„Ja,“ meinte Putty ohne großen Nachdruck, „du sprichst schließlich nur
von dem, was wir gemeinhin Glauben und Unglauben nennen.“
„Nicht ganz. Es gibt ausgetretene Geistliche, die auch im Unglauben das
Priesterhafte behalten, und das sind die unleidlichsten.“
„Was mich angeht, ich habe ja unterwegs Zeit genug, darüber
nachzudenken, was ich mit meinem verpfuschten Leben noch anfangen
soll,“ meinte Putty mutlos.
Nachdem er gegessen und getrunken hatte, ruderte ihn Fenn über den
Fluß und brachte ihn an den Zug.
„Bringe es meinen Leuten daheim bei. Um meine Mutter tuts mir leid,
der andere – meinem Vater ... dem kann ichs gönnen!“ waren seine letzten
machen und die euch später zum mindesten ein Schatz farbiger und
poetischer Erinnerungen sind, die waren mir nüchterne Teile eines
nüchternen Tagewerks. Sagen wir es einmal so: Ich habe die Kulissen der
Religion beständig von der ungemalten Seite gesehen. Darum war ich
immun gegen das Psychologische des Berufs, das, was euch allen im Blut
sitzt, was recht eigentlich das unauslöschliche Merkmal der Priesterweihe
ist. Das werdet ihr nicht los, das ist eine Umbiegung eures ganzen innern
und äußern Wesens, die sich nie zurecht richten läßt. Und davon weiß ich
mich frei. In diesem Sinne habe ich wohl nie die Berufung zum
Priesterstand gehabt, und darum durfte ich ihm den Rücken kehren, ohne
eine Schuld hinter mir zu lassen, ohne Schlinge am Fuß. Wer das von sich
nicht sagen kann und trotzdem das geistliche Kleid auszieht, der geht
durchs Leben mit einem unheilbaren Zwiespalt. Siehst du, lieber Putty,
darum rate ich dir, meinem Beispiel nicht zu folgen. Denn du hast ein
wachsweiches Gemüt, und das haben sie dir derart zurechtgeknetet, daß es
sich nie in die böse Welt wird schicken können und daß deine
Goldgräberkollegen im hintersten Alaska dir auf hundert Meter den
entlaufenen Kaplan ansehen würden.“
„Das Religiöse?“ fragte Putty versonnen.
„Ich nenne es so. Es ist, allgemeiner genommen, die ganz besondere
Geistes- und Herzensverfassung, die in euch das Gefühl erzeugt, daß ihr
seelisch gebückt gehen müßt, daß ihr euch nicht aufrichten dürft, ohne mit
dem Kopf an die Decke zu stoßen, daß ihr eure Pflicht gegen euch und alle
Menschen bis zum letzten Blutstropfen getan und doch die Strafe ewiger
Verdammnis verdient haben könnt. Suche du es besser zu definieren.“
„Ja,“ meinte Putty ohne großen Nachdruck, „du sprichst schließlich nur
von dem, was wir gemeinhin Glauben und Unglauben nennen.“
„Nicht ganz. Es gibt ausgetretene Geistliche, die auch im Unglauben das
Priesterhafte behalten, und das sind die unleidlichsten.“
„Was mich angeht, ich habe ja unterwegs Zeit genug, darüber
nachzudenken, was ich mit meinem verpfuschten Leben noch anfangen
soll,“ meinte Putty mutlos.
Nachdem er gegessen und getrunken hatte, ruderte ihn Fenn über den
Fluß und brachte ihn an den Zug.
„Bringe es meinen Leuten daheim bei. Um meine Mutter tuts mir leid,
der andere – meinem Vater ... dem kann ichs gönnen!“ waren seine letzten
Page 188
Worte.
F ür Fenn begann eine schwere Zeit. Die Verleumdung sickerte in alle
Häuser und fand überall willige Ohren. Man achtet da draußen an dem
Geistlichen hauptsächlich das Kleid und das Amt, nicht die Person. Das
ist eine instinktiv erfundene Formel, mit der man sich hilft, wenn einmal die
Gemeinde oder eine Partei zwischen sich und dem Pfarrer das Tischtuch
entzwei schneidet. Da kann man sich dann mit der Person ruhig
herumbalgen, ohne dem Priester zu nahe zu treten. Sobald Kaplan Kaß sein
geistliches Kleid abgelegt hatte, war er vogelfrei und es galten keine
Rücksichten mehr. Er spürte die Feindseligkeit der Bevölkerung, wie man
eine Zugluft spürt, die einem heimtückisch und unangenehm in den Nacken
weht. Sein Lokalverein war aus den Fugen gegangen und hatte sich wieder
in die Bruderschaften des Herrn Pastors verkrümelt. Das hing übrigens mit
den Wahlen und mit dem Geldverleih-Institut des Herrn August Peppinger
zusammen. Fenn hatte seinem Freund Theo raten müssen, sich nicht mehr
im Dorf zu zeigen, weil die politische Feindschaft gegen ihn unter der
Führung des „Ruß“ in Tätlichkeiten auszuarten drohte. Von den frühern
Freunden waren ihm nur die drei Kamps Burschen, außerdem der Niegela
und der jüngere Masseler treu geblieben, dieser besonders deshalb, weil er
damit seinen vornehmen Bruder zu ärgern wußte.
„Ditt en nemme baschten!“[4] meinte er gutmütig.
Den „Ruß“ hatte Fenn einmal dadurch gekränkt, daß er ihm das
Verwerfliche seiner Wilddieberei vorgehalten und einen Hasen
zurückgeschickt hatte, den der „Ruß“ zu verbotener Zeit in der
Kaplansküche abgeladen hatte.
„Ah, de’ mecht de spatze Möndchen! Da’ woart ä’s!“ hatte der Ruß
gedroht.[5]
Anonyme Briefe hielten Fenn über die Stimmung im Dorf auf dem
Laufenden.
„Herr Tesärteur,“ schrieb ihm einer, „ich teht mich ja schehmen, wie ein
Kellichdiep, wen ich daas gemacht hätte. Das nennt man ein Cujong. An
nemt eich inacht, wir wolen euch nicht im Dorf haben, wen ihr nicht
freiwihlich ghet machen wir euch beine wir wollen kein entlaufener Paaf im
Dorf haben past auf wir schlahgen euch noch der Scharrivarri, ist es den
F ür Fenn begann eine schwere Zeit. Die Verleumdung sickerte in alle
Häuser und fand überall willige Ohren. Man achtet da draußen an dem
Geistlichen hauptsächlich das Kleid und das Amt, nicht die Person. Das
ist eine instinktiv erfundene Formel, mit der man sich hilft, wenn einmal die
Gemeinde oder eine Partei zwischen sich und dem Pfarrer das Tischtuch
entzwei schneidet. Da kann man sich dann mit der Person ruhig
herumbalgen, ohne dem Priester zu nahe zu treten. Sobald Kaplan Kaß sein
geistliches Kleid abgelegt hatte, war er vogelfrei und es galten keine
Rücksichten mehr. Er spürte die Feindseligkeit der Bevölkerung, wie man
eine Zugluft spürt, die einem heimtückisch und unangenehm in den Nacken
weht. Sein Lokalverein war aus den Fugen gegangen und hatte sich wieder
in die Bruderschaften des Herrn Pastors verkrümelt. Das hing übrigens mit
den Wahlen und mit dem Geldverleih-Institut des Herrn August Peppinger
zusammen. Fenn hatte seinem Freund Theo raten müssen, sich nicht mehr
im Dorf zu zeigen, weil die politische Feindschaft gegen ihn unter der
Führung des „Ruß“ in Tätlichkeiten auszuarten drohte. Von den frühern
Freunden waren ihm nur die drei Kamps Burschen, außerdem der Niegela
und der jüngere Masseler treu geblieben, dieser besonders deshalb, weil er
damit seinen vornehmen Bruder zu ärgern wußte.
„Ditt en nemme baschten!“[4] meinte er gutmütig.
Den „Ruß“ hatte Fenn einmal dadurch gekränkt, daß er ihm das
Verwerfliche seiner Wilddieberei vorgehalten und einen Hasen
zurückgeschickt hatte, den der „Ruß“ zu verbotener Zeit in der
Kaplansküche abgeladen hatte.
„Ah, de’ mecht de spatze Möndchen! Da’ woart ä’s!“ hatte der Ruß
gedroht.[5]
Anonyme Briefe hielten Fenn über die Stimmung im Dorf auf dem
Laufenden.
„Herr Tesärteur,“ schrieb ihm einer, „ich teht mich ja schehmen, wie ein
Kellichdiep, wen ich daas gemacht hätte. Das nennt man ein Cujong. An
nemt eich inacht, wir wolen euch nicht im Dorf haben, wen ihr nicht
freiwihlich ghet machen wir euch beine wir wollen kein entlaufener Paaf im
Dorf haben past auf wir schlahgen euch noch der Scharrivarri, ist es den
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keine schant mit einer verheiraten Frau halten. Fier euer scheinheilig
Fiesemin ist schohn der Klöppel ferdich womit ihr si kreuzweis ersolt
kricht. Dan habt ihr euer wollverdienter Lon ales im Dorf sacht warum
misse wir der entlaufene Paaf hir erhalten zum leßten Mal es ist die hekste
Zeit daß ihr euch durch die Reiser maacht den ein entlaufener Paaf ist der
Rest von nix.“
Ende Mai zog Fenn mit seiner Haushaltung in die Mühle, die Lampert
geräumt hatte, um nach Wiesing überzusiedeln. Die Stundenfrau, die Mutter
Kaß immer zur Aushilfe hatte, ließ sagen, sie könne nicht beim Umzug
helfen, und sie könne überhaupt nicht mehr kommen. Drei, vier andere, die
Fenn fragen ließ, gaben dem alten Wöllem denselben Bescheid. Die
Nachbarn gebrauchten faule Ausreden, um ihre Wagen nicht herleihen zu
müssen, und schließlich mußte Fenn mitten in der Nacht mit Hilfe seiner
fünf Getreuen den Umzug bewerkstelligen, und er hörte andern Tags, daß
sie auf dem Heimweg vom Ruß mit einer Bande seiner Spießgesellen
angefallen worden waren. Abends zog eine Rotte mit Feuerwehrhörnern
und Trommeln, mit alten Eimern und Gießkannen und sonstigen
Lärmwerkzeugen vor die Mühle und schlug Charivari, daß das Dorf
zusammenlief. Aus dem Gebrüll heraus verstand Fenn Rufe, wie: „Eraus
mat der Millesch!“ – „Hopp Marjännchen, loß dei Kaplänchen danzen!“ –
„Werf es eng Zoutan erof!“ – „an en önneschte Rack!“[6]
Er knirschte vor kalter Wut und dachte einen Augenblick, ob er ihnen ein
paar Revolverschüsse über die Köpfe feuern sollte.
Frau Kaß ließ ihn nicht aus den Augen. Sie wollte ihm nicht dreinreden.
Aber bald sah sie ihn ruhiger werden und wußte, daß er nichts tun würde,
was er später bereuen müßte.
Auch der alte Wöllem kam herein und fragte mit seiner heiseren Stimme:
„Was wollen die?“
„Eigentlich Kopfnüsse,“ sagte Fenn.
Wöllem murrte etwas von „Cujongen“ und „Hondsfotten“ und
entwickelte einen Plan: Er wollte ihnen ein paar Eimer Wasser über die
Köpfe gießen, und nicht vom klarsten. Und wenn es gewesen wäre, ehe er
nach Paris gegangen war, da wollte er ihnen mit blanken Fäusten schon
gezeigt haben, „wat gelifft!“[7] Aber seit Paris! ... Nondidjeh!
„Jetzt paß auf, Wöllem, wie ich denen komme,“ lachte Fenn.
Er ging durch eine Hintertür ins Freie und kam auf einem Umweg den
Lärmmachern in den Rücken. Da stand er denn eine Weile und hörte
Fiesemin ist schohn der Klöppel ferdich womit ihr si kreuzweis ersolt
kricht. Dan habt ihr euer wollverdienter Lon ales im Dorf sacht warum
misse wir der entlaufene Paaf hir erhalten zum leßten Mal es ist die hekste
Zeit daß ihr euch durch die Reiser maacht den ein entlaufener Paaf ist der
Rest von nix.“
Ende Mai zog Fenn mit seiner Haushaltung in die Mühle, die Lampert
geräumt hatte, um nach Wiesing überzusiedeln. Die Stundenfrau, die Mutter
Kaß immer zur Aushilfe hatte, ließ sagen, sie könne nicht beim Umzug
helfen, und sie könne überhaupt nicht mehr kommen. Drei, vier andere, die
Fenn fragen ließ, gaben dem alten Wöllem denselben Bescheid. Die
Nachbarn gebrauchten faule Ausreden, um ihre Wagen nicht herleihen zu
müssen, und schließlich mußte Fenn mitten in der Nacht mit Hilfe seiner
fünf Getreuen den Umzug bewerkstelligen, und er hörte andern Tags, daß
sie auf dem Heimweg vom Ruß mit einer Bande seiner Spießgesellen
angefallen worden waren. Abends zog eine Rotte mit Feuerwehrhörnern
und Trommeln, mit alten Eimern und Gießkannen und sonstigen
Lärmwerkzeugen vor die Mühle und schlug Charivari, daß das Dorf
zusammenlief. Aus dem Gebrüll heraus verstand Fenn Rufe, wie: „Eraus
mat der Millesch!“ – „Hopp Marjännchen, loß dei Kaplänchen danzen!“ –
„Werf es eng Zoutan erof!“ – „an en önneschte Rack!“[6]
Er knirschte vor kalter Wut und dachte einen Augenblick, ob er ihnen ein
paar Revolverschüsse über die Köpfe feuern sollte.
Frau Kaß ließ ihn nicht aus den Augen. Sie wollte ihm nicht dreinreden.
Aber bald sah sie ihn ruhiger werden und wußte, daß er nichts tun würde,
was er später bereuen müßte.
Auch der alte Wöllem kam herein und fragte mit seiner heiseren Stimme:
„Was wollen die?“
„Eigentlich Kopfnüsse,“ sagte Fenn.
Wöllem murrte etwas von „Cujongen“ und „Hondsfotten“ und
entwickelte einen Plan: Er wollte ihnen ein paar Eimer Wasser über die
Köpfe gießen, und nicht vom klarsten. Und wenn es gewesen wäre, ehe er
nach Paris gegangen war, da wollte er ihnen mit blanken Fäusten schon
gezeigt haben, „wat gelifft!“[7] Aber seit Paris! ... Nondidjeh!
„Jetzt paß auf, Wöllem, wie ich denen komme,“ lachte Fenn.
Er ging durch eine Hintertür ins Freie und kam auf einem Umweg den
Lärmmachern in den Rücken. Da stand er denn eine Weile und hörte
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sichtlich mit gutem Humor den Spektakel einmal von der andern Seite an.
Als ihn die in den hintersten Reihen, die untätig dabei standen, erblickten,
ging es bald durch die ganze Schar:
„Elei stäht en!“
Die Trommler und Trompeter erschraken und der Lärm verstummte auf
einen Augenblick plötzlich wie auf Kommando. Fenn machte Miene, auf
das Haus zuzugehen, und verlegen öffneten ihm die Burschen einen Weg:
„Ihr hättet warten sollen, bis ich zu Haus war,“ sagte Fenn ruhig. „Was
trinkt ihr lieber, Wein oder Bier?“
„Mir peifen op ärt Gedränks,“ sagte der Ruß trotzig.
Fenn meinte, das sei für ihn erheblich billiger, und in den hintersten
Reihen lachten sie den Ruß aus.
„Dat spillt keng Roll!“ sagte dieser hartnäckig und machte Miene, Fenn
den Weg zu versperren. Der behielt vorsichtshalber die Hände in den
Taschen und zwängte sich an dem langen Kalmücken vorüber.
„Ich weiß ja jetzt, wer dabei war,“ sagte er, als er auf seiner Türschwelle
stand. „Wenn ich euch bei der Gendarmerie anzeige, werdet ihr alle
verknaxt. Also geht jetzt ruhig heim in eure Betten, ihr habt entschieden
mehr davon.“
Es entstand ein Geraune und Gesumme, der Ruß fluchte dazwischen und
wollte jedem, der vom Platze wich, mit seiner Gießkanne die Hirnschale
spalten. Aber der Respekt vor dem Gericht behielt die Oberhand, und
lärmend und tutend, aus der Entfernung zurückschimpfend, zog die Schar
ab.
Tags darauf stand in der „Abendglocke“ ein Bericht über das Ereignis:
„Wenn wir solche Ausschreitungen auch beileibe nicht billigen können,
so wollen wir uns doch nicht die Nutzanwendung versagen, die sich daraus
ergibt. Sie zeigen wieder einmal in nicht mißzuverstehender Weise, wie tief
bei unserm biedern Landvolk der Glaube und die Anhänglichkeit an seine
Priester wurzeln, und wie es sich mit elementarer Wucht empört, wenn
irgendwo etwas geschieht, was gegen seine frommen und glaubenstreuen
Überlieferungen verstößt. In diesem Sinn ist ihm jeder apostasierte
Geistliche ein Gegenstand des Abscheus, und diesem Abscheu lediglich hat
es in vorliegendem Falle Luft gemacht.“
„So ein Gemütsmensch!“ dachte Fenn. Aber das mit dem
Sichdurchsetzen ließ sich doch schwerer an, als er zuerst gemeint hatte. Je
Als ihn die in den hintersten Reihen, die untätig dabei standen, erblickten,
ging es bald durch die ganze Schar:
„Elei stäht en!“
Die Trommler und Trompeter erschraken und der Lärm verstummte auf
einen Augenblick plötzlich wie auf Kommando. Fenn machte Miene, auf
das Haus zuzugehen, und verlegen öffneten ihm die Burschen einen Weg:
„Ihr hättet warten sollen, bis ich zu Haus war,“ sagte Fenn ruhig. „Was
trinkt ihr lieber, Wein oder Bier?“
„Mir peifen op ärt Gedränks,“ sagte der Ruß trotzig.
Fenn meinte, das sei für ihn erheblich billiger, und in den hintersten
Reihen lachten sie den Ruß aus.
„Dat spillt keng Roll!“ sagte dieser hartnäckig und machte Miene, Fenn
den Weg zu versperren. Der behielt vorsichtshalber die Hände in den
Taschen und zwängte sich an dem langen Kalmücken vorüber.
„Ich weiß ja jetzt, wer dabei war,“ sagte er, als er auf seiner Türschwelle
stand. „Wenn ich euch bei der Gendarmerie anzeige, werdet ihr alle
verknaxt. Also geht jetzt ruhig heim in eure Betten, ihr habt entschieden
mehr davon.“
Es entstand ein Geraune und Gesumme, der Ruß fluchte dazwischen und
wollte jedem, der vom Platze wich, mit seiner Gießkanne die Hirnschale
spalten. Aber der Respekt vor dem Gericht behielt die Oberhand, und
lärmend und tutend, aus der Entfernung zurückschimpfend, zog die Schar
ab.
Tags darauf stand in der „Abendglocke“ ein Bericht über das Ereignis:
„Wenn wir solche Ausschreitungen auch beileibe nicht billigen können,
so wollen wir uns doch nicht die Nutzanwendung versagen, die sich daraus
ergibt. Sie zeigen wieder einmal in nicht mißzuverstehender Weise, wie tief
bei unserm biedern Landvolk der Glaube und die Anhänglichkeit an seine
Priester wurzeln, und wie es sich mit elementarer Wucht empört, wenn
irgendwo etwas geschieht, was gegen seine frommen und glaubenstreuen
Überlieferungen verstößt. In diesem Sinn ist ihm jeder apostasierte
Geistliche ein Gegenstand des Abscheus, und diesem Abscheu lediglich hat
es in vorliegendem Falle Luft gemacht.“
„So ein Gemütsmensch!“ dachte Fenn. Aber das mit dem
Sichdurchsetzen ließ sich doch schwerer an, als er zuerst gemeint hatte. Je
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nun, mit Ruhe und Geduld würde es doch noch gehen. Die sogenannte
Volksseele läßt sich nicht mit dem Wurfnetz einfangen.
F enn suchte die Unbill der Menschen über seiner Arbeit zu vergessen. In
der Mühle gab es vielerlei umzubauen, um für die Turbinenanlage einen
geeigneten Raum zu schaffen. Der Niegela und die Kamps halfen, wo
er sie brauchte, der jüngere Masseler besorgte die nötigen Fuhren, es fleckte
nach Wunsch. Die Turbinen, Dynamos und Akkumulatoren wurden
rechtzeitig angeliefert, und nach Fenns Berechnung konnte bis Mitte Juni
die Anlage fertig sein.
„Mutter,“ sagte er eines Tages, „du kannst dir nicht denken, mit welch
inniger Freude ich meine Arbeit tue. Hätte ich, wie es früher war, die
Anlage für den Verein oder sonstwie bauen dürfen, das hätte mich ja auch
gefreut, aber so, weißt du, ist das doch eine ganz andere Sache. So beruht
alles auf mir, ich fühle den ganzen Bau auf meinen Schultern. Das ganze
Unternehmen, das bin ich selbst, ... ich glaube wirklich, Theo hat recht: was
den Mann macht, das ist die Verantwortung.“
„Nun ja, mein Junge, du wirst ja wohl recht haben, ich verstehe nichts
davon.“ Und sie sah ihm mit glücklich behäbigem Lächeln nach, wie er in
der Küche sich ein Glas Wasser pumpte, es mit Genuß austrank und wieder
zu seinen Arbeitern hinausging.
„Du wirst sehen,“ sagte er im Fortgehen, „ich baue diesen Dickköpfen
am Ende auch noch eine Wasserleitung.“
Und eines Abends im Juni war richtig das Turbinenhaus fertig, Dynamos
und Akkumulatoren montiert, die Leitungen für die Beleuchtung der
Straßen und eine Anzahl Privatanschlüsse gelegt. Die Kamps freuten sich
wie die Kinder darauf, daß sie in ihrer Werkstatt die
Holzbearbeitungsmaschinen mit elektrischem Antrieb würden laufen lassen,
Masseler der Jüngere hatte seine Dreschmaschine anschließen lassen, es
war allerseits freudige Spannung und Zuversicht. Nur daß der Schöpfer der
Anlage gerade Fenn Kaß war, das wollte den Brebachern nicht gefallen.
Der Niegela hatte den ganzen Tag oberhalb des Dorfes an dem
Durchstich gearbeitet, der den Bach in den Höhlenweg überleiten sollte.
Andern Tags sollten die beiden Schleusen am Durchstich und oben am
Volksseele läßt sich nicht mit dem Wurfnetz einfangen.
F enn suchte die Unbill der Menschen über seiner Arbeit zu vergessen. In
der Mühle gab es vielerlei umzubauen, um für die Turbinenanlage einen
geeigneten Raum zu schaffen. Der Niegela und die Kamps halfen, wo
er sie brauchte, der jüngere Masseler besorgte die nötigen Fuhren, es fleckte
nach Wunsch. Die Turbinen, Dynamos und Akkumulatoren wurden
rechtzeitig angeliefert, und nach Fenns Berechnung konnte bis Mitte Juni
die Anlage fertig sein.
„Mutter,“ sagte er eines Tages, „du kannst dir nicht denken, mit welch
inniger Freude ich meine Arbeit tue. Hätte ich, wie es früher war, die
Anlage für den Verein oder sonstwie bauen dürfen, das hätte mich ja auch
gefreut, aber so, weißt du, ist das doch eine ganz andere Sache. So beruht
alles auf mir, ich fühle den ganzen Bau auf meinen Schultern. Das ganze
Unternehmen, das bin ich selbst, ... ich glaube wirklich, Theo hat recht: was
den Mann macht, das ist die Verantwortung.“
„Nun ja, mein Junge, du wirst ja wohl recht haben, ich verstehe nichts
davon.“ Und sie sah ihm mit glücklich behäbigem Lächeln nach, wie er in
der Küche sich ein Glas Wasser pumpte, es mit Genuß austrank und wieder
zu seinen Arbeitern hinausging.
„Du wirst sehen,“ sagte er im Fortgehen, „ich baue diesen Dickköpfen
am Ende auch noch eine Wasserleitung.“
Und eines Abends im Juni war richtig das Turbinenhaus fertig, Dynamos
und Akkumulatoren montiert, die Leitungen für die Beleuchtung der
Straßen und eine Anzahl Privatanschlüsse gelegt. Die Kamps freuten sich
wie die Kinder darauf, daß sie in ihrer Werkstatt die
Holzbearbeitungsmaschinen mit elektrischem Antrieb würden laufen lassen,
Masseler der Jüngere hatte seine Dreschmaschine anschließen lassen, es
war allerseits freudige Spannung und Zuversicht. Nur daß der Schöpfer der
Anlage gerade Fenn Kaß war, das wollte den Brebachern nicht gefallen.
Der Niegela hatte den ganzen Tag oberhalb des Dorfes an dem
Durchstich gearbeitet, der den Bach in den Höhlenweg überleiten sollte.
Andern Tags sollten die beiden Schleusen am Durchstich und oben am
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Turbinenhaus in Angriff genommen und unten die Abflußröhren gelegt
werden.
„Wenn alles klappt,“ meinte Fenn, „können wir am Samstag das Ganze
einmal Probe laufen lassen.“
Der Niegela mußte vor der Zeit Feierabend machen, weil ein furchtbares
Gewitter ihn von der Arbeit scheuchte. Nun, so weit, daß die Schleuse
eingebaut werden konnte, hatte er ja den Durchstich fertig, der Rest mußte
stehen bleiben, bis unten alles in Ordnung war und der Bach in das neue
Bett geleitet werden konnte. Fenn war noch vor Dunkelwerden oben
gewesen mit den Kamps und hatte nachgesehen, ob die stehengebliebenen
Erdmassen widerstandsfähig genug wären, um dem seitlichen Anprall des
vom Gewitterregen anschwellenden Baches Widerstand zu leisten. Denn
wenn ihm jetzt seine Talsperre unvermutet voll lief, wurde seine ganze
Anlage unter Wasser gesetzt. Indes, jede Gefahr schien ausgeschlossen, und
beruhigt gingen die vier nach Haus.
A m selben Tag hatten im Kantonshauptort die Wahlen stattgefunden.
Fast die ganze männliche Bevölkerung, auch die jüngern, die noch
nicht wählten, waren hingezogen, denn man wußte, siegt der
Peppinger, so fließen Wein und Bier in Strömen, und an fester Atzung dazu
wird es auch nicht fehlen. Und daß der Peppinger gewählt würde, daran
zweifelte niemand.
Theo Schütz hatte aus Pflichtgefühl bis zum Schluß des Wahlgeschäfts
ausgehalten und war dann in seinem Automobil zum Städtchen
hinausgefahren: Die Stimmen mochten sie zählen, ohne daß er dabei war.
Eins hatte ihm sein Wahlfeldzug jedenfalls eingebracht: Den unbeugsamen
Entschluß, sich niemals wieder auf die Galeere Politik einsperren zu lassen.
Von zwölfhundertdreiundachtzig abgegebenen gültigen Stimmen – so
meldeten in den ersten Nachmittagsstunden die Blätter – waren
elfhundertzweiundvierzig auf Herrn August Peppinger und
hunderteinundvierzig auf Herrn Theo Schütz entfallen. Die Brebacher taten
sich bei den Jubelkundgebungen vor dem Hause des Gewählten unter allen
andern hervor. Sie feierten nicht nur den Sieg Peppingers, sie feierten auch
besonders die Niederlage des andern, in dem ihr entlaufener Kaplan
mitgetroffen war. Allen voran lärmte der Ruß und schlug mit der Faust auf
werden.
„Wenn alles klappt,“ meinte Fenn, „können wir am Samstag das Ganze
einmal Probe laufen lassen.“
Der Niegela mußte vor der Zeit Feierabend machen, weil ein furchtbares
Gewitter ihn von der Arbeit scheuchte. Nun, so weit, daß die Schleuse
eingebaut werden konnte, hatte er ja den Durchstich fertig, der Rest mußte
stehen bleiben, bis unten alles in Ordnung war und der Bach in das neue
Bett geleitet werden konnte. Fenn war noch vor Dunkelwerden oben
gewesen mit den Kamps und hatte nachgesehen, ob die stehengebliebenen
Erdmassen widerstandsfähig genug wären, um dem seitlichen Anprall des
vom Gewitterregen anschwellenden Baches Widerstand zu leisten. Denn
wenn ihm jetzt seine Talsperre unvermutet voll lief, wurde seine ganze
Anlage unter Wasser gesetzt. Indes, jede Gefahr schien ausgeschlossen, und
beruhigt gingen die vier nach Haus.
A m selben Tag hatten im Kantonshauptort die Wahlen stattgefunden.
Fast die ganze männliche Bevölkerung, auch die jüngern, die noch
nicht wählten, waren hingezogen, denn man wußte, siegt der
Peppinger, so fließen Wein und Bier in Strömen, und an fester Atzung dazu
wird es auch nicht fehlen. Und daß der Peppinger gewählt würde, daran
zweifelte niemand.
Theo Schütz hatte aus Pflichtgefühl bis zum Schluß des Wahlgeschäfts
ausgehalten und war dann in seinem Automobil zum Städtchen
hinausgefahren: Die Stimmen mochten sie zählen, ohne daß er dabei war.
Eins hatte ihm sein Wahlfeldzug jedenfalls eingebracht: Den unbeugsamen
Entschluß, sich niemals wieder auf die Galeere Politik einsperren zu lassen.
Von zwölfhundertdreiundachtzig abgegebenen gültigen Stimmen – so
meldeten in den ersten Nachmittagsstunden die Blätter – waren
elfhundertzweiundvierzig auf Herrn August Peppinger und
hunderteinundvierzig auf Herrn Theo Schütz entfallen. Die Brebacher taten
sich bei den Jubelkundgebungen vor dem Hause des Gewählten unter allen
andern hervor. Sie feierten nicht nur den Sieg Peppingers, sie feierten auch
besonders die Niederlage des andern, in dem ihr entlaufener Kaplan
mitgetroffen war. Allen voran lärmte der Ruß und schlug mit der Faust auf
Page 193
den Wirtshaustisch, daß es hoch aus den Gläsern spritzte, und seine
Kraftausdrücke über Fenn Kaß entfesselten das wiehernde Gelächter seiner
Dorfgenossen, die ihn immer tiefer in sein wütiges Pathos hineinhetzten.
Bei Peppingers ging es von Glückwünschenden mit und ohne
Blumensträuße aus und ein, alle Augenblicke brachte der Bote von der Post
ein Telegramm und bekam von der gnädigen Frau ein Trinkgeld, das mit
jedem weitern Telegramm knapper wurde und zuletzt nur noch aus einem
Glas Champagner und einer Wahlzigarre bestand. Herr Rommelfangen war
persönlich erschienen, um den heißen Dank seines Schützlings von Hand zu
Hand entgegenzunehmen. Abordnungen von Vereinen kamen, halb und
ganz betrunkene Vereinswürdenträger standen mit riesigen Blumensträußen
vor dem Helden des Tages und stammelten bald laut, bald leise die
Ansprachen, in denen sie ihrer Freude darüber Ausdruck gaben, daß ihr
langjähriges Mitglied usw., und ihrer Hoffnung, daß Herr Peppinger usw.,
und Herr Peppinger und Frau Peppinger sollen leben hoch! hoch! hoch!
Pfarrer und Kapläne standen in Gruppen umher und ihr Anblick trug
glücklicherweise dazu bei, die durstigen und lärmfrohen Gratulanten im
Flur und in der Zimmerflucht des Erdgeschosses im Zaume zu halten.
Wenn man die Festräume, die mit sonnendurchschienenem Zigarrendunst
und dem süßsäuerlichen Duft des billigen Champagners erfüllt waren, bis
zu einem Ende durchschritt, kam man in einen kleinen Salon, das Boudoir
der Dame des Hauses. Dahin hatte sich die Elite der Glückwünschenden
abgesondert, und dort wurden hochpolitische Gespräche geführt. Herr
Chefredakteur Rommelfangen stellte von Zeit zu Zeit stotternd und krebsrot
im Gesicht eine Thesis auf, um die dann die andern wie um einen Fußball
mit kühler Berechnung oder mit sprudelndem Draufgängertum sich
tummelten. Es war keine einheitlich zusammengesetzte Gesellschaft. Zwar
in dem einen waren alle einig: daß man sich im Interesse der guten Sache
über den Sieg Peppingers freuen müsse. Aber da war die Gruppe der
biedern alten Pfarrherren und kirchentreuen Eingesessenen, die ohne Falsch
und aufrichtig sich ganz der frohen Überzeugung hingaben, daß mit dem
Wahlsieg Peppingers der Herr der Heerscharen sich auf ihre Seite
geschlagen hatte. Da war aber auch die Bank der heimlichen Spötter, der
Lebemänner der Geistlichkeit, vorurteilslose junge Pastöre und Kapläne,
die auf dem Standpunkt standen, daß sie die Entsagung, die sie auf der
einen Seite übten, auf der andern durch Wohlleben in den Grenzen der
Kasuistik wett machen dürften. Bei ihnen saßen die paar jugendlichen
Kraftausdrücke über Fenn Kaß entfesselten das wiehernde Gelächter seiner
Dorfgenossen, die ihn immer tiefer in sein wütiges Pathos hineinhetzten.
Bei Peppingers ging es von Glückwünschenden mit und ohne
Blumensträuße aus und ein, alle Augenblicke brachte der Bote von der Post
ein Telegramm und bekam von der gnädigen Frau ein Trinkgeld, das mit
jedem weitern Telegramm knapper wurde und zuletzt nur noch aus einem
Glas Champagner und einer Wahlzigarre bestand. Herr Rommelfangen war
persönlich erschienen, um den heißen Dank seines Schützlings von Hand zu
Hand entgegenzunehmen. Abordnungen von Vereinen kamen, halb und
ganz betrunkene Vereinswürdenträger standen mit riesigen Blumensträußen
vor dem Helden des Tages und stammelten bald laut, bald leise die
Ansprachen, in denen sie ihrer Freude darüber Ausdruck gaben, daß ihr
langjähriges Mitglied usw., und ihrer Hoffnung, daß Herr Peppinger usw.,
und Herr Peppinger und Frau Peppinger sollen leben hoch! hoch! hoch!
Pfarrer und Kapläne standen in Gruppen umher und ihr Anblick trug
glücklicherweise dazu bei, die durstigen und lärmfrohen Gratulanten im
Flur und in der Zimmerflucht des Erdgeschosses im Zaume zu halten.
Wenn man die Festräume, die mit sonnendurchschienenem Zigarrendunst
und dem süßsäuerlichen Duft des billigen Champagners erfüllt waren, bis
zu einem Ende durchschritt, kam man in einen kleinen Salon, das Boudoir
der Dame des Hauses. Dahin hatte sich die Elite der Glückwünschenden
abgesondert, und dort wurden hochpolitische Gespräche geführt. Herr
Chefredakteur Rommelfangen stellte von Zeit zu Zeit stotternd und krebsrot
im Gesicht eine Thesis auf, um die dann die andern wie um einen Fußball
mit kühler Berechnung oder mit sprudelndem Draufgängertum sich
tummelten. Es war keine einheitlich zusammengesetzte Gesellschaft. Zwar
in dem einen waren alle einig: daß man sich im Interesse der guten Sache
über den Sieg Peppingers freuen müsse. Aber da war die Gruppe der
biedern alten Pfarrherren und kirchentreuen Eingesessenen, die ohne Falsch
und aufrichtig sich ganz der frohen Überzeugung hingaben, daß mit dem
Wahlsieg Peppingers der Herr der Heerscharen sich auf ihre Seite
geschlagen hatte. Da war aber auch die Bank der heimlichen Spötter, der
Lebemänner der Geistlichkeit, vorurteilslose junge Pastöre und Kapläne,
die auf dem Standpunkt standen, daß sie die Entsagung, die sie auf der
einen Seite übten, auf der andern durch Wohlleben in den Grenzen der
Kasuistik wett machen dürften. Bei ihnen saßen die paar jugendlichen
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Advokaten, die nach der Mahnung ihres alten Direktors Kleyer die Fahne
des Glaubens inmitten der Kinder dieser Welt unentwegt hochhielten und
sich gut dabei befanden. Unter ihnen war mehr als einer, der insgeheim die
Hoffnung nährte, Herrn Peppinger dermaleinst die politischen Fersen
auszutreten, und der jetzt fleißig auf des Gastgebers Gesundheit anstieß,
indem er mit seinem Nachbar einen verständnisinnigen Blick wechselte und
dabei in ein unbändiges Lachen ausbrach. Kaplan Schramm mit dem
kindlich-lustigen Genießergesicht flüsterte nämlich in einem fort über
Peppinger Kraftausdrücke, die er wie eine Kette aneinander reihte, und
jedesmal, wenn er, wie er sagte, den Nagel auf den Hohlkopf getroffen
hatte, lachten die andern laut und ausgelassen hinterdrein. Aus der Gruppe
der Altern schollen dann neugierige Fragen herüber, die der Spaßmacher in
übermütiger Laune mit einem neuen Witz beantwortete. Und er wettete die
beste Flasche aus Peppingers Keller, daß er den Pfarrer Schlunz innerhalb
fünf Minuten dazu bringen würde, seine Leib- und Magengeschichte zum
fünfzehnten Male an jenem Nachmittag zu erzählen. Das war die
Geschichte, in der Hochwürden Schlunz auftrat, wie er zwei Amtsbrüdern
weismachte, sie hätten bei ihm an der Kirmes Pferdefleisch statt Beefsteak
gegessen. Er schilderte die Wirkung immer sehr anschaulich, und der
Schlußeffekt war ein vorzüglich nachgeahmtes Pferdegewieher.
In einer dritten spitzen Ecke wurde von einer anders gearteten Schar von
jüngern Geistlichen der Einzelfall Peppinger-Schütz ernsthaft erörtert. Man
besprach die Kampfmittel, die in Anwendung gekommen waren, und die
man noch vervollkommnen würde, die sittliche und politische Berechtigung
des Klerus, in die Wahlkämpfe aktiv einzugreifen. Da gab Rommelfangen
den Ton an. Die milde Verachtung, die er für die politischen Widersacher
zur Schau trug, stärkte die andern in ihrem Empfinden, daß sie auf der
Sonnenseite der Volksgunst saßen.
„Was wollen sie uns anhaben? Wir haben erst angefangen, die Reserve an
Kraft, die für uns im Volke aufgespeichert liegt, mobil zu machen. Daran
müssen wir festhalten, meine Herren! Es ist für unser Volk sittliche Pflicht,
der politischen Weisheit der Kirchengewalt Folge zu leisten.“
„Vivant sequentes!“ sagte der lustige Kaplan darauf augenblinzelnd und
stieß mit einem der jungen Advokaten an. Und er lachte dazu breit und
behäbig, daß sich ihm der Mund bis an die Ohrläppchen spaltete.
Plötzlich machte er ein tiefernstes Gesicht, das freilich von seinen
weinseligen Äuglein auffällig dementiert wurde. „Von heute ab steht auch
des Glaubens inmitten der Kinder dieser Welt unentwegt hochhielten und
sich gut dabei befanden. Unter ihnen war mehr als einer, der insgeheim die
Hoffnung nährte, Herrn Peppinger dermaleinst die politischen Fersen
auszutreten, und der jetzt fleißig auf des Gastgebers Gesundheit anstieß,
indem er mit seinem Nachbar einen verständnisinnigen Blick wechselte und
dabei in ein unbändiges Lachen ausbrach. Kaplan Schramm mit dem
kindlich-lustigen Genießergesicht flüsterte nämlich in einem fort über
Peppinger Kraftausdrücke, die er wie eine Kette aneinander reihte, und
jedesmal, wenn er, wie er sagte, den Nagel auf den Hohlkopf getroffen
hatte, lachten die andern laut und ausgelassen hinterdrein. Aus der Gruppe
der Altern schollen dann neugierige Fragen herüber, die der Spaßmacher in
übermütiger Laune mit einem neuen Witz beantwortete. Und er wettete die
beste Flasche aus Peppingers Keller, daß er den Pfarrer Schlunz innerhalb
fünf Minuten dazu bringen würde, seine Leib- und Magengeschichte zum
fünfzehnten Male an jenem Nachmittag zu erzählen. Das war die
Geschichte, in der Hochwürden Schlunz auftrat, wie er zwei Amtsbrüdern
weismachte, sie hätten bei ihm an der Kirmes Pferdefleisch statt Beefsteak
gegessen. Er schilderte die Wirkung immer sehr anschaulich, und der
Schlußeffekt war ein vorzüglich nachgeahmtes Pferdegewieher.
In einer dritten spitzen Ecke wurde von einer anders gearteten Schar von
jüngern Geistlichen der Einzelfall Peppinger-Schütz ernsthaft erörtert. Man
besprach die Kampfmittel, die in Anwendung gekommen waren, und die
man noch vervollkommnen würde, die sittliche und politische Berechtigung
des Klerus, in die Wahlkämpfe aktiv einzugreifen. Da gab Rommelfangen
den Ton an. Die milde Verachtung, die er für die politischen Widersacher
zur Schau trug, stärkte die andern in ihrem Empfinden, daß sie auf der
Sonnenseite der Volksgunst saßen.
„Was wollen sie uns anhaben? Wir haben erst angefangen, die Reserve an
Kraft, die für uns im Volke aufgespeichert liegt, mobil zu machen. Daran
müssen wir festhalten, meine Herren! Es ist für unser Volk sittliche Pflicht,
der politischen Weisheit der Kirchengewalt Folge zu leisten.“
„Vivant sequentes!“ sagte der lustige Kaplan darauf augenblinzelnd und
stieß mit einem der jungen Advokaten an. Und er lachte dazu breit und
behäbig, daß sich ihm der Mund bis an die Ohrläppchen spaltete.
Plötzlich machte er ein tiefernstes Gesicht, das freilich von seinen
weinseligen Äuglein auffällig dementiert wurde. „Von heute ab steht auch
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der liebe Herrgott bei unserm Freund Peppinger in der Kreide,“ medisierte
er halblaut weiter.
„Wieso?“
„Heute hat ihm der liebe Herrgott nämlich ein Amt gegeben, aber den
Verstand dazu bleibt er ihm bis auf weiteres schuldig.“
„Sie sind wieder losgelassen, Herr Kaplan,“ sagte Peppinger, der gerade
hinzutrat und den Herren sein volles Glas entgegenhielt.
„Hoch sollen Sie leben, Herr Peppinger!“ sagte der Kaplan, und seine
Augen sprühten Ausgelassenheit. „Und jede Woche einmal sollen Sie in die
Kammer gewählt werden, und der Segen des Herrn sei über Ihnen, über
Ihrer Familie, über Ihrem Kassenschrank, Ihren Wiesen, Wäldern und
Feldern – und über Ihren Kartoffeln,“ setzte er weniger laut inmitten des
Gläserklingens hinzu.
Die Gruppe Rommelfangen billigte dieses geräuschvolle Gehabe nur
halb und wartete, bis der Lärm sich gelegt hatte, um in ihren ernsten
Erörterungen der Sachlage fortzufahren. Aber der Herr Chefredakteur kam
herüber und suchte Anschluß an die angeregte Unterhaltung.
„Wa–as sagen de– denn Sie zu unserm Wa–ahlsieg?“ begann er leutselig
und seine Blicke befingerten erregt seine Nasenspitze.
Kaplan Schramm meinte, mit solchen Trümpfen in der Hand sei ein Spiel
nicht zu verlieren gewesen.
„Allerdings,“ sagte Rommelfangen, „und die Geschichte mit Kaß hat den
Gegnern vollends den Rest gegeben.“
Der andere meinte, die sei doch reichlich durch die Geschichte mit
Heinen aufgewogen.
Rommelfangen hatte das Gefühl, daß er in eine Gesellschaft geraten sei,
die seine Überlegenheit nur bedingt anerkannte. Ja, leider Gottes, die
Geschichte mit diesem unseligen Heinen! Aber zum Glück sei das Volk
noch nicht so, daß es einen unwürdigen Priester gleich dem ganzen Stand
an die Rockschöße hänge.
Die Jüngern waren herüber gekommen, und Dr. Feller sagte, man könne
Fenn Kaß doch wirklich nicht mit einem Menschen wie diesem Heinen
gleichstellen. „Ich kenne Kaß genau. Wenn er austrat, so konnte er sicher
nicht anders. Dafür lasse ich mir die Hand abhacken.“
„Ach was, es ist die alte Geschichte: Die Weiber, die Weiber und wieder
die Weiber!“
er halblaut weiter.
„Wieso?“
„Heute hat ihm der liebe Herrgott nämlich ein Amt gegeben, aber den
Verstand dazu bleibt er ihm bis auf weiteres schuldig.“
„Sie sind wieder losgelassen, Herr Kaplan,“ sagte Peppinger, der gerade
hinzutrat und den Herren sein volles Glas entgegenhielt.
„Hoch sollen Sie leben, Herr Peppinger!“ sagte der Kaplan, und seine
Augen sprühten Ausgelassenheit. „Und jede Woche einmal sollen Sie in die
Kammer gewählt werden, und der Segen des Herrn sei über Ihnen, über
Ihrer Familie, über Ihrem Kassenschrank, Ihren Wiesen, Wäldern und
Feldern – und über Ihren Kartoffeln,“ setzte er weniger laut inmitten des
Gläserklingens hinzu.
Die Gruppe Rommelfangen billigte dieses geräuschvolle Gehabe nur
halb und wartete, bis der Lärm sich gelegt hatte, um in ihren ernsten
Erörterungen der Sachlage fortzufahren. Aber der Herr Chefredakteur kam
herüber und suchte Anschluß an die angeregte Unterhaltung.
„Wa–as sagen de– denn Sie zu unserm Wa–ahlsieg?“ begann er leutselig
und seine Blicke befingerten erregt seine Nasenspitze.
Kaplan Schramm meinte, mit solchen Trümpfen in der Hand sei ein Spiel
nicht zu verlieren gewesen.
„Allerdings,“ sagte Rommelfangen, „und die Geschichte mit Kaß hat den
Gegnern vollends den Rest gegeben.“
Der andere meinte, die sei doch reichlich durch die Geschichte mit
Heinen aufgewogen.
Rommelfangen hatte das Gefühl, daß er in eine Gesellschaft geraten sei,
die seine Überlegenheit nur bedingt anerkannte. Ja, leider Gottes, die
Geschichte mit diesem unseligen Heinen! Aber zum Glück sei das Volk
noch nicht so, daß es einen unwürdigen Priester gleich dem ganzen Stand
an die Rockschöße hänge.
Die Jüngern waren herüber gekommen, und Dr. Feller sagte, man könne
Fenn Kaß doch wirklich nicht mit einem Menschen wie diesem Heinen
gleichstellen. „Ich kenne Kaß genau. Wenn er austrat, so konnte er sicher
nicht anders. Dafür lasse ich mir die Hand abhacken.“
„Ach was, es ist die alte Geschichte: Die Weiber, die Weiber und wieder
die Weiber!“
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Fenns Sachwalter wurde warm, und man merkte, er hatte die andern
hinter sich. „Bei Kaß waren es nicht die Weiber und nicht das Weib. Die
Geschichte, die über ihn herumgetragen wird, ist sicher erlogen. Ich habe
Anhaltspunkte. Kaß ist ein ernster Mensch, der nur aus ernsten Motiven
handelt, und in meiner Gegenwart“ – der junge Kaplan erhob die Stimme –
„lasse ich nichts auf ihn kommen.“
Rommelfangen geriet ins Stottern. Auf geredeten Widerspruch war er
nicht eingeübt, und er drehte diesem Kreis junger Besserwisser den Rücken.
Pfarrer Schlunz, eine schwere Zigarre im Mundwinkel, trat zu dem Kreis
heran. „Sprecht ihr von dem Kaß? Dem fehlte weiter nichts, als daß ihm zu
wohl war. Ich wollte, ich wäre nur einen Tag lang der liebe Herrgott, ich
würde euch den Kaß schon mürbe kriegen. Der sollte mir schon lernen, was
es heißt: Manus domini tetigit me!“ Pfarrer Schlunz stellte sich den lieben
Gott mit einem strengen Gesicht auf dem Kutschbock des Weltalls vor, wie
er seine störrischen Pferde mit Zügel und Peitsche bändigt und den braven
doppelte Haferportionen in die Krippe schüttet. Er hielt für seine Person
darauf, sich jeden Tag seine doppelte Portion zu verdienen.
„Wenn ich an Pfarrer Brendels Stelle wäre,“ redete der junge Kaplan an
seinem fidelen Oberkollegen vorbei, „so würde ich es nicht dulden, daß in
Brebach in dieser abscheulichen Weise gegen Kaß agitiert wird.“
Die andern lächelten. Sie wußten, wo Pfarrer Brendel in diesem Fall mit
seinem Einspruch anfangen müßte.
„Es könnte uns nichts schaden, wenn wir unter uns viele von der Sorte
Kaß hätten. Ich will ihm ja nicht recht geben, aber mit seinesgleichen
kämen wir sicher weiter.“
„Du, paß auf,“ sagte warnend ein Konfrater. „Du hast vielleicht recht,
aber der Wind von oben geht gegen diese Richtung. Brendelsche Observanz
– da liegt heute das Heil.“
Es entstand Schweigen in dem kleinen Kreis der Jüngsten, und sie gingen
bald auseinander, seelisch gebückt, wie Fenn gesagt hatte, mit dem Gefühl,
daß sie an die Decke stießen, wenn sie sich aufrichten wollten.
D er Spätnachmittag hatte sich gewittrig angelassen, um
Sonnenuntergang war es mit Blitz und Donner und Regendrusch
hinter sich. „Bei Kaß waren es nicht die Weiber und nicht das Weib. Die
Geschichte, die über ihn herumgetragen wird, ist sicher erlogen. Ich habe
Anhaltspunkte. Kaß ist ein ernster Mensch, der nur aus ernsten Motiven
handelt, und in meiner Gegenwart“ – der junge Kaplan erhob die Stimme –
„lasse ich nichts auf ihn kommen.“
Rommelfangen geriet ins Stottern. Auf geredeten Widerspruch war er
nicht eingeübt, und er drehte diesem Kreis junger Besserwisser den Rücken.
Pfarrer Schlunz, eine schwere Zigarre im Mundwinkel, trat zu dem Kreis
heran. „Sprecht ihr von dem Kaß? Dem fehlte weiter nichts, als daß ihm zu
wohl war. Ich wollte, ich wäre nur einen Tag lang der liebe Herrgott, ich
würde euch den Kaß schon mürbe kriegen. Der sollte mir schon lernen, was
es heißt: Manus domini tetigit me!“ Pfarrer Schlunz stellte sich den lieben
Gott mit einem strengen Gesicht auf dem Kutschbock des Weltalls vor, wie
er seine störrischen Pferde mit Zügel und Peitsche bändigt und den braven
doppelte Haferportionen in die Krippe schüttet. Er hielt für seine Person
darauf, sich jeden Tag seine doppelte Portion zu verdienen.
„Wenn ich an Pfarrer Brendels Stelle wäre,“ redete der junge Kaplan an
seinem fidelen Oberkollegen vorbei, „so würde ich es nicht dulden, daß in
Brebach in dieser abscheulichen Weise gegen Kaß agitiert wird.“
Die andern lächelten. Sie wußten, wo Pfarrer Brendel in diesem Fall mit
seinem Einspruch anfangen müßte.
„Es könnte uns nichts schaden, wenn wir unter uns viele von der Sorte
Kaß hätten. Ich will ihm ja nicht recht geben, aber mit seinesgleichen
kämen wir sicher weiter.“
„Du, paß auf,“ sagte warnend ein Konfrater. „Du hast vielleicht recht,
aber der Wind von oben geht gegen diese Richtung. Brendelsche Observanz
– da liegt heute das Heil.“
Es entstand Schweigen in dem kleinen Kreis der Jüngsten, und sie gingen
bald auseinander, seelisch gebückt, wie Fenn gesagt hatte, mit dem Gefühl,
daß sie an die Decke stießen, wenn sie sich aufrichten wollten.
D er Spätnachmittag hatte sich gewittrig angelassen, um
Sonnenuntergang war es mit Blitz und Donner und Regendrusch
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losgebrochen und bis spät in die Nacht hinein war es am Himmel von
Nachhut-Scharmützeln der zersprengten Wolkenheere nicht stille geworden.
Fenn Kaß schlief unruhig. Sein Zimmer ging nach dem Mühlenbau. Von
fern hörte er manchmal in das Rauschen des angeschwollenen Baches
hinein, der unweit noch in seinem alten Bette vorbeifloß, das Gegröhle der
heimkehrenden Brebacher. Er merkte die Absicht, mit der sie gerade vor
seinem Haus ihre Hochrufe auf Peppinger ausbrachten. Allmählich wurde
das Gejohle seltener und gegen Mitternacht verstummte es ganz.
Im Morgendämmer erwachte Fenn und richtete sich erschrocken in
seinem Bett auf. Er hatte geträumt, man hätte ihn bei lebendigem Leibe in
den Sarg gelegt und begraben. Er hatte die Erdschollen auf dem Sargdeckel
poltern gehört, das Geräusch war immer dumpfer geworden und dann war
auf einmal alles totenstill um ihn gewesen. Er stemmte sich mit aller Kraft
gegen die Last über seiner Brust und saß plötzlich wach, schweißgebadet in
seinem Bett. Der Druck über seiner Brust hatte aufgehört, aber das
unheimliche Gefühl der Totenstille um ihn her war nicht gewichen. Der
Bach war verstummt. Statt des verstärkten Rauschens, das Fenn noch vor
wenigen Stunden vernommen hatte, war unheimliche Stille vor seinen
Fenstern. Er hatte die Empfindung eines, der zu spät an die Bahn kommt
und statt des aufgeregten Getriebes einer Zugabfahrt leere Hallen findet,
oder der bei der Heimkehr entdeckt, daß seine Zimmer ausgeraubt sind.
Dann wurde ihm langsam der Zusammenhang klar: Der Bach war in den
Höhlenweg durchgebrochen. Aufgeregt fuhr er in die Kleider und stürzte
hinaus.
Da kam ihm auch schon Wöllem entgegen. Der treue Alte kraute sich
hinterm Ohr und sagte: „Et aß eppes net an der Reih’.“
Fenn erklärte ihm, daß der Bach ausgebrochen sei. Aber Wöllem
schüttelte den Kopf. Von selber sei das nicht passiert. Da müßten ein paar
gute Leute nachgeholfen haben.
„Jetzt heißt es vor allen Dingen, dem Wasser einen Abfluß schaffen,“
sagte Fenn mit ruhiger Bestimmtheit. Er ging mit Wöllem an die Stelle, wo
durch die Grundmauer des Turbinenhauses heraus die Öffnung für die
Ableitung schon gebrochen war und heute die Röhren gelegt werden
sollten.
„Hier muß dicht von der Mauer an ein Graben nach dem alten Bach
ausgeworfen werden. Ich laufe zu den Kamps und zum Niegela, daß sie dir
Nachhut-Scharmützeln der zersprengten Wolkenheere nicht stille geworden.
Fenn Kaß schlief unruhig. Sein Zimmer ging nach dem Mühlenbau. Von
fern hörte er manchmal in das Rauschen des angeschwollenen Baches
hinein, der unweit noch in seinem alten Bette vorbeifloß, das Gegröhle der
heimkehrenden Brebacher. Er merkte die Absicht, mit der sie gerade vor
seinem Haus ihre Hochrufe auf Peppinger ausbrachten. Allmählich wurde
das Gejohle seltener und gegen Mitternacht verstummte es ganz.
Im Morgendämmer erwachte Fenn und richtete sich erschrocken in
seinem Bett auf. Er hatte geträumt, man hätte ihn bei lebendigem Leibe in
den Sarg gelegt und begraben. Er hatte die Erdschollen auf dem Sargdeckel
poltern gehört, das Geräusch war immer dumpfer geworden und dann war
auf einmal alles totenstill um ihn gewesen. Er stemmte sich mit aller Kraft
gegen die Last über seiner Brust und saß plötzlich wach, schweißgebadet in
seinem Bett. Der Druck über seiner Brust hatte aufgehört, aber das
unheimliche Gefühl der Totenstille um ihn her war nicht gewichen. Der
Bach war verstummt. Statt des verstärkten Rauschens, das Fenn noch vor
wenigen Stunden vernommen hatte, war unheimliche Stille vor seinen
Fenstern. Er hatte die Empfindung eines, der zu spät an die Bahn kommt
und statt des aufgeregten Getriebes einer Zugabfahrt leere Hallen findet,
oder der bei der Heimkehr entdeckt, daß seine Zimmer ausgeraubt sind.
Dann wurde ihm langsam der Zusammenhang klar: Der Bach war in den
Höhlenweg durchgebrochen. Aufgeregt fuhr er in die Kleider und stürzte
hinaus.
Da kam ihm auch schon Wöllem entgegen. Der treue Alte kraute sich
hinterm Ohr und sagte: „Et aß eppes net an der Reih’.“
Fenn erklärte ihm, daß der Bach ausgebrochen sei. Aber Wöllem
schüttelte den Kopf. Von selber sei das nicht passiert. Da müßten ein paar
gute Leute nachgeholfen haben.
„Jetzt heißt es vor allen Dingen, dem Wasser einen Abfluß schaffen,“
sagte Fenn mit ruhiger Bestimmtheit. Er ging mit Wöllem an die Stelle, wo
durch die Grundmauer des Turbinenhauses heraus die Öffnung für die
Ableitung schon gebrochen war und heute die Röhren gelegt werden
sollten.
„Hier muß dicht von der Mauer an ein Graben nach dem alten Bach
ausgeworfen werden. Ich laufe zu den Kamps und zum Niegela, daß sie dir
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helfen, vielleicht schafft ihr es noch weit genug, ehe oben der Höhlenweg
voll läuft, sonst ersäuft uns am Ende die ganze Anlage.“
Wöllem holte seine Spitzhacke und machte sich an die Arbeit. Fenn
alarmierte die andern und lief dann hinauf zu dem Durchstich. Er sah im
Morgenzwielicht auf den ersten Blick, daß es nicht möglich war, hier den
ungestümen Wasserdruck abzudämmen. Und er sah auch, daß der Bach
nicht von selbst durchgebrochen war. Von der Schlucht her war das
Erdreich kunstgerecht mit Hacken und Schaufeln ausgeworfen, bis die
Erdmauer so dünn gewesen war, daß sie von dem Wasserdruck
niedergeschwemmt werden mußte. Im Umkreis war der Boden von vielen
Tritten zerstampft, Zigarrenstummel lagen umher und auf einem Zaun hing
eine Sonntagsjacke und ein Hut, die Fenn leicht als Eigentum des Ruß
erkannte. Am Wasserstand sah er, daß unten am Turbinenhaus die
Katastrophe in drohende Nähe gerückt, wenn nicht schon eingetreten war,
und er lief Trab bis zur Mühle. Leute kamen ihm aus dem Hoftor entgegen,
die verlegen auswichen. Weiter hinab, am Turbinenhaus, stand eine Gruppe
bewegungslos im Kreis, und jetzt sah er auch, daß die Mauer, unter der die
Ableitung durchführen sollte, in einer Breite von mehrern Metern bis unters
Dach hinauf eingestürzt war. Durch den Spalt und über die Trümmer ergoß
sich schäumend und quirlend das vom Gewitterregen gelbe Bachwasser und
suchte in breitem Gerinsel einen Weg in sein altes Bett. Als Fenn keuchend
die Gruppe anlief, teilte sich der Kreis und er sah den alten Wöllem leblos
an der Erde liegen. Haare, Gesicht und Kleider waren mit trockenem Mörtel
überpudert, wo das Wasser nicht darüber gewaschen hatte, auf der Brust sah
man den Abdruck eines schweren Mauerklumpens und aus einem
Mundwinkel sickerte dem alten Mann eine dünne, hellrote Blutrinne an der
Kinnlade herunter.
Da gab es nicht viel zu fragen. Die breit unterspülte Mauer war
heruntergerutscht, ihre obern Teile im Bogen herausschleudernd. Die
Kamps hatten gerade noch gesehen, wie Wöllem, seine Spitzhacke
nachschleppend, aus dem Bereich der stürzenden Trümmer schwerfällig
enteilen wollte, hinfiel, sich herumwarf und eines der Mauerstücke, die mit
krummem Staubschweif durch die Luft flogen, voll auf die Brust bekam.
Fenn kniete nieder und suchte Wöllems rechte Hand. Er drückte sie erst
bewegt an die Lippen, dann suchte er nach dem Puls, legte sich flach auf
die Erde und preßte das Ohr an die linke Seite des Verunglückten. Dann
stand er auf und sagte: „Es muß jemand zum Arzt.“
voll läuft, sonst ersäuft uns am Ende die ganze Anlage.“
Wöllem holte seine Spitzhacke und machte sich an die Arbeit. Fenn
alarmierte die andern und lief dann hinauf zu dem Durchstich. Er sah im
Morgenzwielicht auf den ersten Blick, daß es nicht möglich war, hier den
ungestümen Wasserdruck abzudämmen. Und er sah auch, daß der Bach
nicht von selbst durchgebrochen war. Von der Schlucht her war das
Erdreich kunstgerecht mit Hacken und Schaufeln ausgeworfen, bis die
Erdmauer so dünn gewesen war, daß sie von dem Wasserdruck
niedergeschwemmt werden mußte. Im Umkreis war der Boden von vielen
Tritten zerstampft, Zigarrenstummel lagen umher und auf einem Zaun hing
eine Sonntagsjacke und ein Hut, die Fenn leicht als Eigentum des Ruß
erkannte. Am Wasserstand sah er, daß unten am Turbinenhaus die
Katastrophe in drohende Nähe gerückt, wenn nicht schon eingetreten war,
und er lief Trab bis zur Mühle. Leute kamen ihm aus dem Hoftor entgegen,
die verlegen auswichen. Weiter hinab, am Turbinenhaus, stand eine Gruppe
bewegungslos im Kreis, und jetzt sah er auch, daß die Mauer, unter der die
Ableitung durchführen sollte, in einer Breite von mehrern Metern bis unters
Dach hinauf eingestürzt war. Durch den Spalt und über die Trümmer ergoß
sich schäumend und quirlend das vom Gewitterregen gelbe Bachwasser und
suchte in breitem Gerinsel einen Weg in sein altes Bett. Als Fenn keuchend
die Gruppe anlief, teilte sich der Kreis und er sah den alten Wöllem leblos
an der Erde liegen. Haare, Gesicht und Kleider waren mit trockenem Mörtel
überpudert, wo das Wasser nicht darüber gewaschen hatte, auf der Brust sah
man den Abdruck eines schweren Mauerklumpens und aus einem
Mundwinkel sickerte dem alten Mann eine dünne, hellrote Blutrinne an der
Kinnlade herunter.
Da gab es nicht viel zu fragen. Die breit unterspülte Mauer war
heruntergerutscht, ihre obern Teile im Bogen herausschleudernd. Die
Kamps hatten gerade noch gesehen, wie Wöllem, seine Spitzhacke
nachschleppend, aus dem Bereich der stürzenden Trümmer schwerfällig
enteilen wollte, hinfiel, sich herumwarf und eines der Mauerstücke, die mit
krummem Staubschweif durch die Luft flogen, voll auf die Brust bekam.
Fenn kniete nieder und suchte Wöllems rechte Hand. Er drückte sie erst
bewegt an die Lippen, dann suchte er nach dem Puls, legte sich flach auf
die Erde und preßte das Ohr an die linke Seite des Verunglückten. Dann
stand er auf und sagte: „Es muß jemand zum Arzt.“
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Mehrere junge Bauern meldeten sich linkisch, die sogleich fahren
wollten. Sie sahen aus wie Leute, die ein schlechtes Gewissen haben.
„Geht,“ sagte Fenn, „macht es unter euch aus, wer am schnellsten zurück
sein kann.“
Sie liefen aus dem Tor. Der Leblose wurde ins Haus getragen, wo Mutter
Kaß in der Stube schon eine Matratze und Kissen für ihn hergerichtet hatte.
Jetzt sah Fenn erst, daß er Hut und Rock des Ruß mitgebracht hatte. Er
verwahrte sie in seinem Zimmer. Nachdem Wöllem in der Wohnstube
gebettet war, ging Fenn ins Turbinenhaus. Der Schaden war nicht so groß,
wie es auf den ersten Augenblick geschienen hatte. An den Maschinen war
nichts verdorben, in der Hauptsache war wohl nur die Mauer aufzubauen.
Draußen standen sie schon wenigstens ein Dutzend mit Schaufeln und
Hacken, um dem Wasser seinen Weg nach dem alten Bett zu bahnen, wohin
die Ableitung gehen sollte.
Der Arzt konnte dem alten Wöllem nicht mehr helfen. Der ganze
Brustkasten war platt gequetscht. Fenn saß bei der Leiche seines alten
Freundes und seine Gedanken durchmaßen eine Welt, darin der Weg in
weitem Umkreis von Rache und Vergeltung zu Verzeihung führte. Lange
sann er nach, wie ihm all die rohen Gesellen, die ihm den Untergang
geschworen hatten, für das Leben des armen Alten büßen sollten. Er starrte
in das stille Antlitz, in dem die Oberlippe an der einen Seite ein wenig
heraufgezogen war, mit einem Ausdruck des plötzlichen Schrecks und der
Reflexbewegung der Abwehr. Und er legte sich in Gedanken zurecht, wie er
die Mörder überführen würde, wie sie angstschlotternd vor Gericht stünden
und im Gefängniswagen abgeführt würden. Der Tote, der so viel kleiner,
ärmlicher schien, als da er noch aufrecht im Hause herumging, kam Fenn
vor wie eine handgreifliche Schmach, die ihm seine Widersacher angetan
hatten, wie eine Blutschuld, die er einfordern müsse. Die Nacht wurde
stiller, und in Fenns Seele legten sich die schmerzhaften Rachegedanken.
Seine Feinde? Was waren sie denn letzten Endes anders als arme
Menschenbestien, die auf der Stufe ihres Erkennens und Empfindens kaum
etwas Strafbares zu vollbringen gedacht hatten? Und er? War er nicht der
ganz Freie, der über seinem Tun und Lassen nur die höchsten ethischen
Gesetze wollte walten lassen? Sollte er das kostbare Gefühl der Rache, dem
das Beste gerade gut genug sein muß, an diese Ärmsten verschwenden,
deren Feindseligkeit ihm gegenüber kaum bewußter war, als die
Feindseligkeit des Elementes, das sie entfesselt hatten? Aber auch bei dieser
wollten. Sie sahen aus wie Leute, die ein schlechtes Gewissen haben.
„Geht,“ sagte Fenn, „macht es unter euch aus, wer am schnellsten zurück
sein kann.“
Sie liefen aus dem Tor. Der Leblose wurde ins Haus getragen, wo Mutter
Kaß in der Stube schon eine Matratze und Kissen für ihn hergerichtet hatte.
Jetzt sah Fenn erst, daß er Hut und Rock des Ruß mitgebracht hatte. Er
verwahrte sie in seinem Zimmer. Nachdem Wöllem in der Wohnstube
gebettet war, ging Fenn ins Turbinenhaus. Der Schaden war nicht so groß,
wie es auf den ersten Augenblick geschienen hatte. An den Maschinen war
nichts verdorben, in der Hauptsache war wohl nur die Mauer aufzubauen.
Draußen standen sie schon wenigstens ein Dutzend mit Schaufeln und
Hacken, um dem Wasser seinen Weg nach dem alten Bett zu bahnen, wohin
die Ableitung gehen sollte.
Der Arzt konnte dem alten Wöllem nicht mehr helfen. Der ganze
Brustkasten war platt gequetscht. Fenn saß bei der Leiche seines alten
Freundes und seine Gedanken durchmaßen eine Welt, darin der Weg in
weitem Umkreis von Rache und Vergeltung zu Verzeihung führte. Lange
sann er nach, wie ihm all die rohen Gesellen, die ihm den Untergang
geschworen hatten, für das Leben des armen Alten büßen sollten. Er starrte
in das stille Antlitz, in dem die Oberlippe an der einen Seite ein wenig
heraufgezogen war, mit einem Ausdruck des plötzlichen Schrecks und der
Reflexbewegung der Abwehr. Und er legte sich in Gedanken zurecht, wie er
die Mörder überführen würde, wie sie angstschlotternd vor Gericht stünden
und im Gefängniswagen abgeführt würden. Der Tote, der so viel kleiner,
ärmlicher schien, als da er noch aufrecht im Hause herumging, kam Fenn
vor wie eine handgreifliche Schmach, die ihm seine Widersacher angetan
hatten, wie eine Blutschuld, die er einfordern müsse. Die Nacht wurde
stiller, und in Fenns Seele legten sich die schmerzhaften Rachegedanken.
Seine Feinde? Was waren sie denn letzten Endes anders als arme
Menschenbestien, die auf der Stufe ihres Erkennens und Empfindens kaum
etwas Strafbares zu vollbringen gedacht hatten? Und er? War er nicht der
ganz Freie, der über seinem Tun und Lassen nur die höchsten ethischen
Gesetze wollte walten lassen? Sollte er das kostbare Gefühl der Rache, dem
das Beste gerade gut genug sein muß, an diese Ärmsten verschwenden,
deren Feindseligkeit ihm gegenüber kaum bewußter war, als die
Feindseligkeit des Elementes, das sie entfesselt hatten? Aber auch bei dieser
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Etappe der milden Verachtung blieben Fenns Gedanken nicht stehen, und
als der bleiche Morgen in die Leichenkammer schien, hatte sich in ihm alles
in schönes, starkes Mitleid aufgelöst, und die Tränen, die er seinem alten
Wöllem nachweinte, flossen aus dem Quell geläuterter Menschlichkeit.
A ls der Ruß am Abend des Wahltags mit seinen Kumpanen gröhlend
nach Hause gekommen war, hatte die ganze Schar im Wirtshaus neben
der Kirche noch Licht gesehen. Sie fanden dort andere betrunkene
Wähler und ganz allein an einem Tisch den Niegela, der heute seinen
durstigen Tag gehabt hatte und gesprächig war. Ihre derben Neckereien
beantwortete er mit gutmütiger Abwehr, und als man auf die Arbeiten am
Bach zu reden kam, tat er damit dick, daß er heute den Durchstich
angefangen hätte, und wettete, daß er bis Samstag damit fertig wäre. Der
Ruß hatte die Wette gehalten und mit der Hartnäckigkeit des Betrunkenen
immer wieder gelallt: „Niegela, ich wette eine Runde, daß du bis Samstag
den Durchstich nicht fertig machst.“
„Ich wette sechs.“
„Niegela, hörst du, du machst bis Samstag den Durchstich nicht fertig, –
eng Tourni gewa’t!“
„Sechs Tourni’en!“
So war mit schwerfälligen Zungen die Rede hin und her gegangen, bis
Niegela sich empfahl. Auch der Ruß hatte mit seinem Anhang das
Wirtshaus verlassen. Draußen erklärte er den andern, wie er die Wette
meinte.
„Wir kehren den Bach gleich selbst in den Höhlenweg.“ Nondidjeß! was
der „gefehlte Paaf“ dann morgen früh für ein Gesicht schneiden würde!
Und: jo! jo! waren alle einverstanden. Sie holten Werkzeug und machten
sich alle an die Arbeit. Sie gruben und schaufelten, daß ihnen der
Alkoholschweiß aus allen Poren perlte. Ab und zu ein kurzer Fluch, ein
ersticktes Lachen: bis das Wasser zischend durch eine schmale Öffnung
schoß und im Nu den letzten Wall mitwegriß.
„Sauve qui peut!“ lachte der Ruß und nahm zuerst Reißaus.
Ruß und seine Kumpane schliefen in den hellen Morgen hinein und als
sie mit dumpfen Schädeln erwachten, war das erste, was sie hörten, die
als der bleiche Morgen in die Leichenkammer schien, hatte sich in ihm alles
in schönes, starkes Mitleid aufgelöst, und die Tränen, die er seinem alten
Wöllem nachweinte, flossen aus dem Quell geläuterter Menschlichkeit.
A ls der Ruß am Abend des Wahltags mit seinen Kumpanen gröhlend
nach Hause gekommen war, hatte die ganze Schar im Wirtshaus neben
der Kirche noch Licht gesehen. Sie fanden dort andere betrunkene
Wähler und ganz allein an einem Tisch den Niegela, der heute seinen
durstigen Tag gehabt hatte und gesprächig war. Ihre derben Neckereien
beantwortete er mit gutmütiger Abwehr, und als man auf die Arbeiten am
Bach zu reden kam, tat er damit dick, daß er heute den Durchstich
angefangen hätte, und wettete, daß er bis Samstag damit fertig wäre. Der
Ruß hatte die Wette gehalten und mit der Hartnäckigkeit des Betrunkenen
immer wieder gelallt: „Niegela, ich wette eine Runde, daß du bis Samstag
den Durchstich nicht fertig machst.“
„Ich wette sechs.“
„Niegela, hörst du, du machst bis Samstag den Durchstich nicht fertig, –
eng Tourni gewa’t!“
„Sechs Tourni’en!“
So war mit schwerfälligen Zungen die Rede hin und her gegangen, bis
Niegela sich empfahl. Auch der Ruß hatte mit seinem Anhang das
Wirtshaus verlassen. Draußen erklärte er den andern, wie er die Wette
meinte.
„Wir kehren den Bach gleich selbst in den Höhlenweg.“ Nondidjeß! was
der „gefehlte Paaf“ dann morgen früh für ein Gesicht schneiden würde!
Und: jo! jo! waren alle einverstanden. Sie holten Werkzeug und machten
sich alle an die Arbeit. Sie gruben und schaufelten, daß ihnen der
Alkoholschweiß aus allen Poren perlte. Ab und zu ein kurzer Fluch, ein
ersticktes Lachen: bis das Wasser zischend durch eine schmale Öffnung
schoß und im Nu den letzten Wall mitwegriß.
„Sauve qui peut!“ lachte der Ruß und nahm zuerst Reißaus.
Ruß und seine Kumpane schliefen in den hellen Morgen hinein und als
sie mit dumpfen Schädeln erwachten, war das erste, was sie hörten, die
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Nachricht von der eingestürzten Mauer, die Kaplans Wöllem totgeschlagen
hatte.
Das fuhr ihnen in die Glieder. Voller Angst und Katzenjammer suchte der
erste den zweiten auf, zu den zwei ersten kam der dritte, und einem
psychologischen Naturgesetz folgend waren sie bald ziemlich vollzählig mit
andern Dörflern oben an dem fatalen Durchstich.
So im hellen Tageslicht und aus nüchternen Augen sah sich die
Geschichte doch verflucht unheimlich an. Sie hatten bald weg, daß es gut
sei, wenn um den Graben herum möglichst viele Leute das Erdreich
zerstampften, damit ihre Spuren verwischt würden. Freilich, die
ausgeworfenen Erdhaufen auf beiden Seiten, die konnten nicht von selbst
entstanden sein. Aber man schien anzunehmen, daß die von der Arbeit des
Niegela herrührten. Nirgends wurde die Vermutung laut, daß da etwas nicht
mit natürlichen Dingen zugegangen sein könnte. Auch Fenn Kaß war
dagewesen, hatte die Schuldigen mit seltsamem Blick gemessen, besonders
den Ruß, aber auch mit keinem Sterbenswörtchen auf ihren Schurkenstreich
angespielt.
I m Laufe des Vormittags kam zu Fenn Kaß einer von den Brüdern Kamp,
der ihm etwas sagen wollte. Erst konnte der Bursche nicht mit der Farbe
heraus. Schließlich brachte er sein Anliegen vor: Der alte Wöllem hatte
seit Menschengedenken seine Ostern nicht gehalten und würde ohne
Geistlichkeit begraben. Da war ja nun mal nicht dran zu tippen. Aber daß
ihm die Totenglocke nicht geläutet worden war, das war nicht in Ordnung,
da hätte Fenn sich drein legen müssen.
Fenn besann sich. Ja, das war ihm entgangen, daran hatte er nicht
gedacht. Der junge Kamp sagte, daß sich die Leute im Dorf darüber
aufhielten. Die meisten sagten, ein jeder Tote verdiene, daß für ihn die
Glocke geläutet werde.
„Wir haben beim Bürgermeister angefragt, er hat uns erlaubt, noch
nachträglich die Sterbeglocke zu läuten.“
„Nun, und?“
„Der Küster gibt den Schlüssel nicht her und an der Tür zum
Glockenturm steht der Ruß mit ihrer einem halben Dutzend und läßt
niemand heran.“
hatte.
Das fuhr ihnen in die Glieder. Voller Angst und Katzenjammer suchte der
erste den zweiten auf, zu den zwei ersten kam der dritte, und einem
psychologischen Naturgesetz folgend waren sie bald ziemlich vollzählig mit
andern Dörflern oben an dem fatalen Durchstich.
So im hellen Tageslicht und aus nüchternen Augen sah sich die
Geschichte doch verflucht unheimlich an. Sie hatten bald weg, daß es gut
sei, wenn um den Graben herum möglichst viele Leute das Erdreich
zerstampften, damit ihre Spuren verwischt würden. Freilich, die
ausgeworfenen Erdhaufen auf beiden Seiten, die konnten nicht von selbst
entstanden sein. Aber man schien anzunehmen, daß die von der Arbeit des
Niegela herrührten. Nirgends wurde die Vermutung laut, daß da etwas nicht
mit natürlichen Dingen zugegangen sein könnte. Auch Fenn Kaß war
dagewesen, hatte die Schuldigen mit seltsamem Blick gemessen, besonders
den Ruß, aber auch mit keinem Sterbenswörtchen auf ihren Schurkenstreich
angespielt.
I m Laufe des Vormittags kam zu Fenn Kaß einer von den Brüdern Kamp,
der ihm etwas sagen wollte. Erst konnte der Bursche nicht mit der Farbe
heraus. Schließlich brachte er sein Anliegen vor: Der alte Wöllem hatte
seit Menschengedenken seine Ostern nicht gehalten und würde ohne
Geistlichkeit begraben. Da war ja nun mal nicht dran zu tippen. Aber daß
ihm die Totenglocke nicht geläutet worden war, das war nicht in Ordnung,
da hätte Fenn sich drein legen müssen.
Fenn besann sich. Ja, das war ihm entgangen, daran hatte er nicht
gedacht. Der junge Kamp sagte, daß sich die Leute im Dorf darüber
aufhielten. Die meisten sagten, ein jeder Tote verdiene, daß für ihn die
Glocke geläutet werde.
„Wir haben beim Bürgermeister angefragt, er hat uns erlaubt, noch
nachträglich die Sterbeglocke zu läuten.“
„Nun, und?“
„Der Küster gibt den Schlüssel nicht her und an der Tür zum
Glockenturm steht der Ruß mit ihrer einem halben Dutzend und läßt
niemand heran.“
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„Komm,“ sagte Fenn Kaß.
Er ging zum Schmiedeanton und lieh sich den dicksten Zuschlaghammer
aus. „Den trägst du, Tedi.“
Dann schritt er mit Bedacht durch die Dorfstraße, die Kirchentreppe
hinauf unter den Kastanienbäumen her, bog links in den Kirchhof ein und
ging auf die Männer zu, die sich vor der Tür zum Glockenturm
angesammelt hatten.
„Hat einer von euch den Turmschlüssel?“
„Ja, aber du kriegst ihn nicht!“ sagte trotzig der Ruß.
„Das habe ich euch nicht gefragt. Wer hat den Schlüssel?“
„Der Küster.“
„Will der Küster die Tür aufschließen?“
„Wozu?“
„Ich will für unsern Wöllem die Sterbeglocke läuten.“
„Der braucht keine Sterbeglocke,“ sagte der Ruß.
„Freilich brauchte er heute keine, wenn es keine Schurken in Brebach
gäbe. Wollt ihr Platz machen?“ Keiner rührte sich. Sie sahen einander mit
verlegenem Hohn von unten herauf an, behielten die Hände in den Taschen,
und die am weitesten abstanden, rückten näher zur Mitte, um die lebende
Wehr vor der Tür zu verstärken.
Was Fenn Kaß jetzt tat, tat er mit kaltem Blut. Er war seiner Sache ganz
sicher, so sicher, daß er Wort für Wort im voraus hätte aufschreiben können,
was jetzt kam. Er war sich bewußt, daß ihm das Geschick einen Augenblick
geschenkt hatte, in dem er vollenden konnte, was ihm sonst in Jahr und Tag
nicht gelungen wäre, und es stand auch ganz klar in seinem Bewußtsein,
daß der alte Wöllem ihm diesen günstigen Augenblick um den Preis seines
Lebens erkauft hatte. Fenn Kaß hatte das Gefühl, daß es von der
Ausnutzung des Momentes abhing, ob er als Sieger oder als Besiegter aus
dem Kampf mit der rohen Einfalt dieser Menschen hervorging.
„Gut!“ sagte er. „Es geht um den Kopf. Ich weiß, vor mir stehen die, die
den alten Wöllem auf dem Gewissen haben.“
Einzelne suchten durch Ausspucken ihrer Erregung Herr zu werden.
„Ich war heute morgen früh oben am Eingang zum Höhlenweg. Ich weiß,
wer den Bach abgeleitet hat.“
„Einen Dreck weiß er!“ sagte ingrimmig der Ruß.
„Ich habe die Spuren von euren Tritten und eure Zigarrenstummel
gefunden.“
Er ging zum Schmiedeanton und lieh sich den dicksten Zuschlaghammer
aus. „Den trägst du, Tedi.“
Dann schritt er mit Bedacht durch die Dorfstraße, die Kirchentreppe
hinauf unter den Kastanienbäumen her, bog links in den Kirchhof ein und
ging auf die Männer zu, die sich vor der Tür zum Glockenturm
angesammelt hatten.
„Hat einer von euch den Turmschlüssel?“
„Ja, aber du kriegst ihn nicht!“ sagte trotzig der Ruß.
„Das habe ich euch nicht gefragt. Wer hat den Schlüssel?“
„Der Küster.“
„Will der Küster die Tür aufschließen?“
„Wozu?“
„Ich will für unsern Wöllem die Sterbeglocke läuten.“
„Der braucht keine Sterbeglocke,“ sagte der Ruß.
„Freilich brauchte er heute keine, wenn es keine Schurken in Brebach
gäbe. Wollt ihr Platz machen?“ Keiner rührte sich. Sie sahen einander mit
verlegenem Hohn von unten herauf an, behielten die Hände in den Taschen,
und die am weitesten abstanden, rückten näher zur Mitte, um die lebende
Wehr vor der Tür zu verstärken.
Was Fenn Kaß jetzt tat, tat er mit kaltem Blut. Er war seiner Sache ganz
sicher, so sicher, daß er Wort für Wort im voraus hätte aufschreiben können,
was jetzt kam. Er war sich bewußt, daß ihm das Geschick einen Augenblick
geschenkt hatte, in dem er vollenden konnte, was ihm sonst in Jahr und Tag
nicht gelungen wäre, und es stand auch ganz klar in seinem Bewußtsein,
daß der alte Wöllem ihm diesen günstigen Augenblick um den Preis seines
Lebens erkauft hatte. Fenn Kaß hatte das Gefühl, daß es von der
Ausnutzung des Momentes abhing, ob er als Sieger oder als Besiegter aus
dem Kampf mit der rohen Einfalt dieser Menschen hervorging.
„Gut!“ sagte er. „Es geht um den Kopf. Ich weiß, vor mir stehen die, die
den alten Wöllem auf dem Gewissen haben.“
Einzelne suchten durch Ausspucken ihrer Erregung Herr zu werden.
„Ich war heute morgen früh oben am Eingang zum Höhlenweg. Ich weiß,
wer den Bach abgeleitet hat.“
„Einen Dreck weiß er!“ sagte ingrimmig der Ruß.
„Ich habe die Spuren von euren Tritten und eure Zigarrenstummel
gefunden.“
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„Damit lauf dich warm.“
„Und einer von euch – ich kenne ihn – hat seinen Rock und Hut an einem
Zaun hängen lassen. Ich habe sie zu Haus und brauche sie nur den
Gendarmen auszuhändigen, so wißt ihr, was euch blüht.“
Dem Ruß hatte es einen Ruck versetzt, er war fluchend mit der Hand an
die Mütze gefahren.
„Wollt ihr mich durchlassen?“
Noch immer rührte sich keiner.
Da griff Fenn nach dem Zuschlaghammer und schwang ihn mit einem
Griff hoch über den Kopf, wie ihn seine Vorfahren über den Amboß
geschwungen hatten. „Die Sterbeglocke wird geläutet,“ schrie er ihnen ins
Gesicht, „und ist es nicht für den alten Wöllem, dann ist es für den, der ihn
auf dem Gewissen hat!“
Sie sahen seine Augen funkeln, der Hammer stand hoch über ihren
Köpfen, sie bückten sich und schlichen zur Seite, und dann sauste der
eiserne Würfel gegen die Tür, daß sie splitternd und krachend aus dem
Schloß fuhr.
„Ja, da war nichts zu machen,“ sagte der Ruß, „der hätte mir wahrhaftig
den Schädel eingeschlagen.“
Sie blieben stehen, während Fenn und der junge Kamp die Totenglocke
läuteten.
Ein eigentümlich lastendes Gefühl bannte sie zur Stelle. Es war ihnen, als
käme ein unheimliches Geschick auf sie zu, dessen sie sich nicht erwehren
könnten, das sie gar nicht fragte, ob es ihnen paßte oder nicht, daß es ihnen
an den Kragen wollte. Sie wußten ja, der Tote dort unten in der Mühle, das
war ihr Toter, den hatten sie auf dem Gewissen. Ja, wenn das nicht gewesen
wäre, dann hätte es für den Kaß vorhin kein Mittel gegeben. Aber wie er so
dastand – Donnerwetter ja, da hatte es sie wirklich geschüttelt. Das hatte
von der Erinnerung an den geistlichen Herrn den Rest, aber auch den letzten
Rest weggewischt. Die Gebärde hatte ihn mit einem Ruck an einen andern
Platz gestellt. Der war Geist von ihrem Geist, Fleisch von ihrem Fleisch,
der brauchte auch seine Fäuste, der war ein „Weltlicher“. Und doch, um
wieviel anders als sie!
„Jungens,“ sagte der Fritt, „wir liegen im Dreck, der kann uns am Ende
alle ins Gefängnis bringen.“
„So ist er nicht,“ meinte kleinlaut ein anderer.
„Und einer von euch – ich kenne ihn – hat seinen Rock und Hut an einem
Zaun hängen lassen. Ich habe sie zu Haus und brauche sie nur den
Gendarmen auszuhändigen, so wißt ihr, was euch blüht.“
Dem Ruß hatte es einen Ruck versetzt, er war fluchend mit der Hand an
die Mütze gefahren.
„Wollt ihr mich durchlassen?“
Noch immer rührte sich keiner.
Da griff Fenn nach dem Zuschlaghammer und schwang ihn mit einem
Griff hoch über den Kopf, wie ihn seine Vorfahren über den Amboß
geschwungen hatten. „Die Sterbeglocke wird geläutet,“ schrie er ihnen ins
Gesicht, „und ist es nicht für den alten Wöllem, dann ist es für den, der ihn
auf dem Gewissen hat!“
Sie sahen seine Augen funkeln, der Hammer stand hoch über ihren
Köpfen, sie bückten sich und schlichen zur Seite, und dann sauste der
eiserne Würfel gegen die Tür, daß sie splitternd und krachend aus dem
Schloß fuhr.
„Ja, da war nichts zu machen,“ sagte der Ruß, „der hätte mir wahrhaftig
den Schädel eingeschlagen.“
Sie blieben stehen, während Fenn und der junge Kamp die Totenglocke
läuteten.
Ein eigentümlich lastendes Gefühl bannte sie zur Stelle. Es war ihnen, als
käme ein unheimliches Geschick auf sie zu, dessen sie sich nicht erwehren
könnten, das sie gar nicht fragte, ob es ihnen paßte oder nicht, daß es ihnen
an den Kragen wollte. Sie wußten ja, der Tote dort unten in der Mühle, das
war ihr Toter, den hatten sie auf dem Gewissen. Ja, wenn das nicht gewesen
wäre, dann hätte es für den Kaß vorhin kein Mittel gegeben. Aber wie er so
dastand – Donnerwetter ja, da hatte es sie wirklich geschüttelt. Das hatte
von der Erinnerung an den geistlichen Herrn den Rest, aber auch den letzten
Rest weggewischt. Die Gebärde hatte ihn mit einem Ruck an einen andern
Platz gestellt. Der war Geist von ihrem Geist, Fleisch von ihrem Fleisch,
der brauchte auch seine Fäuste, der war ein „Weltlicher“. Und doch, um
wieviel anders als sie!
„Jungens,“ sagte der Fritt, „wir liegen im Dreck, der kann uns am Ende
alle ins Gefängnis bringen.“
„So ist er nicht,“ meinte kleinlaut ein anderer.
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Der Fritt besann sich noch eine Weile. Dann löste er sich schweigend von
der Gruppe, trat in den dunkeln Turm und sagte: „Herr Kaß, lassen Sie mich
ein wenig helfen.“
Fenn war es zufrieden. Er ging zu den andern hinaus und sagte: „Ruß, Ihr
könnt heute abend kommen und Euern Hut und Rock abholen.“
Der Ruß sah eine Weile beharrlich auf den Boden, dann mit unsicherm
Blick Fenn in die Augen. Er fand darin keine Rachsucht und keine
Schadenfreude, nur ruhige, gütige Überlegenheit. Da bekam der Ruß ein
merkwürdiges Zittern in die Lippen und in die Hand und sagte grimmig:
„Jongen, ech sin en niderträchtegen Hond!“ – – „An dihr seid net vill
besser,“ fügte er nach einer Weile hinzu.
Pfarrer Brendel hatte das Läuten vernommen und kam aufgeregt mit
rauschender Soutane gegangen: Was denn das heiße, für wen denn die
Sterbeglocke geläutet werde?
Gerade hatte der Ruß sich eines Seiles bemächtigt, und zog daran, als
müsse er sich Verzeihung für seine Missetat vom Himmel herunterreißen.
„Heraus aus dem Turm!“ herrschte Pfarrer Brendel ihn an.
„Geben Sie acht, Herr Pastor,“ warnte der Ruß gutmütig, „das Seilende
schlenkert so arg, sehen Sie, das könnte Sie treffen.“ Und er zog, daß die
Glockenschläge mit seltsam hellem Klang übers Dorf flogen. Und bei
jedem Zug tat er einen Schluchzer und sagte: „O ech niderträchtigen
Hond!“ und die hellen Tränen kullerten ihm über sein Kalmückengesicht.
Abends holte er seinen Rock und Hut ab. Und er hatte mit Fenn Kaß ein
langes Gespräch, in dem er nicht müde wurde, ihm zu versichern, sie hätten
ihn nicht gekannt, sie hätten gemeint, er sei so ein gewöhnlicher entlaufener
Pfaff, der den schwarzen Rock aus liederlicher Gesinnung ausgezogen habe
und nirgend gut tue. Aber jetzt hätten sie ihn kennen gelernt.
Wieso sie ihn denn kennen gelernt hätten, fragte Fenn.
Ei, wie er so dagestanden sei mit dem Hammer. „Da habe ich gesehen,
Sie sind einer, der den Biß hält. Mit den Menschen ist es so: die einen tun
Arges aus Mut, und die andern aus Feigheit. Den einen, denen kann man
immer wieder gut sein, aber die andern, die sollen mir zehn Schritt vom
Leibe bleiben.“
„So,“ sagte Fenn, „und wie war das mit eurem Schurkenstreich von
gestern nacht? War das Mut oder Feigheit?“
Der Ruß machte ein klägliches Gesicht und sagte: „Das war der Suff,
Herr Kaß.“
der Gruppe, trat in den dunkeln Turm und sagte: „Herr Kaß, lassen Sie mich
ein wenig helfen.“
Fenn war es zufrieden. Er ging zu den andern hinaus und sagte: „Ruß, Ihr
könnt heute abend kommen und Euern Hut und Rock abholen.“
Der Ruß sah eine Weile beharrlich auf den Boden, dann mit unsicherm
Blick Fenn in die Augen. Er fand darin keine Rachsucht und keine
Schadenfreude, nur ruhige, gütige Überlegenheit. Da bekam der Ruß ein
merkwürdiges Zittern in die Lippen und in die Hand und sagte grimmig:
„Jongen, ech sin en niderträchtegen Hond!“ – – „An dihr seid net vill
besser,“ fügte er nach einer Weile hinzu.
Pfarrer Brendel hatte das Läuten vernommen und kam aufgeregt mit
rauschender Soutane gegangen: Was denn das heiße, für wen denn die
Sterbeglocke geläutet werde?
Gerade hatte der Ruß sich eines Seiles bemächtigt, und zog daran, als
müsse er sich Verzeihung für seine Missetat vom Himmel herunterreißen.
„Heraus aus dem Turm!“ herrschte Pfarrer Brendel ihn an.
„Geben Sie acht, Herr Pastor,“ warnte der Ruß gutmütig, „das Seilende
schlenkert so arg, sehen Sie, das könnte Sie treffen.“ Und er zog, daß die
Glockenschläge mit seltsam hellem Klang übers Dorf flogen. Und bei
jedem Zug tat er einen Schluchzer und sagte: „O ech niderträchtigen
Hond!“ und die hellen Tränen kullerten ihm über sein Kalmückengesicht.
Abends holte er seinen Rock und Hut ab. Und er hatte mit Fenn Kaß ein
langes Gespräch, in dem er nicht müde wurde, ihm zu versichern, sie hätten
ihn nicht gekannt, sie hätten gemeint, er sei so ein gewöhnlicher entlaufener
Pfaff, der den schwarzen Rock aus liederlicher Gesinnung ausgezogen habe
und nirgend gut tue. Aber jetzt hätten sie ihn kennen gelernt.
Wieso sie ihn denn kennen gelernt hätten, fragte Fenn.
Ei, wie er so dagestanden sei mit dem Hammer. „Da habe ich gesehen,
Sie sind einer, der den Biß hält. Mit den Menschen ist es so: die einen tun
Arges aus Mut, und die andern aus Feigheit. Den einen, denen kann man
immer wieder gut sein, aber die andern, die sollen mir zehn Schritt vom
Leibe bleiben.“
„So,“ sagte Fenn, „und wie war das mit eurem Schurkenstreich von
gestern nacht? War das Mut oder Feigheit?“
Der Ruß machte ein klägliches Gesicht und sagte: „Das war der Suff,
Herr Kaß.“
Page 205
Und dann ging er hinunter in die Stube und betete zehn Vaterunser an der
Bahre des alten Wöllem und schlug mit dem Buchsbaumzweig aus dem
Weihwasserglas ein großes Kreuz über das weiße Laken, auf dem die
bleichen, schwieligen Hände des alten Tagelöhners mit dem
hindurchgeschlungenen Rosenkranz ineinandergefaltet ruhten.
D er alte Wöllem hatte das schönste Begräbnis, das Brebach je gesehen
hatte. Die männliche Jugend schlug sich um die Ehre, seinen Sarg zu
tragen, die Frauen plünderten ihre Blumengärten und wetteiferten im
Binden der prächtigsten Totenkränze, die Feuerwehr erwies ihm in Gala die
letzte Ehre, der Gesangverein sang am offenen Grabe „Wie sie so sanft
ruh’n“, und der Ruß ließ es sich nicht nehmen, dem Pfarrer zum Trotz mit
seinen Kameraden während des ganzen Leichenzuges die Glocken zu
läuten, so schwungvoll und taktfest, wie sie in Brebach noch nie geläutet
worden waren.
Theo, der im Automobil zur Beerdigung gekommen war, wußte sich vor
Staunen nicht zu fassen. „Deine Brebacher sind umgewendet, wie ein
Handschuh,“ sagte er, als er nachher mit Fenn und Frau Kaß bei Tisch saß.
Fenn erzählte ihm, wie er mit den Rädelsführern va banque gespielt hatte.
„Es konnte aber doch schief gehen,“ meinte Theo.
„Nein, das war ausgeschlossen. Dafür kenne ich die Leute.
Salbungsvoller Zuspruch hätte es nicht getan, selbst dann nicht, wenn ich
ihnen völlige Verzeihung in Aussicht gestellt hätte. Dann war ich der
Schwächling, der sich des Schutzes der Soutane nicht hätte begeben dürfen.
Es brauchte eine starke Zornesgebärde. Meine war freilich ein bißchen von
des Gedankens Blässe angekränkelt, aber das merkten sie nicht.“
Und dann sagte Fenn weiter: „Ohne meinen guten alten Wöllem hätte ich
noch Gott weiß wie lang auf den Granit der bäuerlichen Starrnackigkeit
gebissen. Er hat mir recht wie ein Winkelried die harten Spieße gebrochen,
die sie mir entgegenreckten, um mir ihre Herzen zu verschließen.“
D ie Freunde saßen noch lange auf.
„Du mußt an deine Zukunft denken,“ sagte Theo.
„Sie braucht nicht schöner zu werden, als meine Gegenwart.“
Bahre des alten Wöllem und schlug mit dem Buchsbaumzweig aus dem
Weihwasserglas ein großes Kreuz über das weiße Laken, auf dem die
bleichen, schwieligen Hände des alten Tagelöhners mit dem
hindurchgeschlungenen Rosenkranz ineinandergefaltet ruhten.
D er alte Wöllem hatte das schönste Begräbnis, das Brebach je gesehen
hatte. Die männliche Jugend schlug sich um die Ehre, seinen Sarg zu
tragen, die Frauen plünderten ihre Blumengärten und wetteiferten im
Binden der prächtigsten Totenkränze, die Feuerwehr erwies ihm in Gala die
letzte Ehre, der Gesangverein sang am offenen Grabe „Wie sie so sanft
ruh’n“, und der Ruß ließ es sich nicht nehmen, dem Pfarrer zum Trotz mit
seinen Kameraden während des ganzen Leichenzuges die Glocken zu
läuten, so schwungvoll und taktfest, wie sie in Brebach noch nie geläutet
worden waren.
Theo, der im Automobil zur Beerdigung gekommen war, wußte sich vor
Staunen nicht zu fassen. „Deine Brebacher sind umgewendet, wie ein
Handschuh,“ sagte er, als er nachher mit Fenn und Frau Kaß bei Tisch saß.
Fenn erzählte ihm, wie er mit den Rädelsführern va banque gespielt hatte.
„Es konnte aber doch schief gehen,“ meinte Theo.
„Nein, das war ausgeschlossen. Dafür kenne ich die Leute.
Salbungsvoller Zuspruch hätte es nicht getan, selbst dann nicht, wenn ich
ihnen völlige Verzeihung in Aussicht gestellt hätte. Dann war ich der
Schwächling, der sich des Schutzes der Soutane nicht hätte begeben dürfen.
Es brauchte eine starke Zornesgebärde. Meine war freilich ein bißchen von
des Gedankens Blässe angekränkelt, aber das merkten sie nicht.“
Und dann sagte Fenn weiter: „Ohne meinen guten alten Wöllem hätte ich
noch Gott weiß wie lang auf den Granit der bäuerlichen Starrnackigkeit
gebissen. Er hat mir recht wie ein Winkelried die harten Spieße gebrochen,
die sie mir entgegenreckten, um mir ihre Herzen zu verschließen.“
D ie Freunde saßen noch lange auf.
„Du mußt an deine Zukunft denken,“ sagte Theo.
„Sie braucht nicht schöner zu werden, als meine Gegenwart.“
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„Doch, Fenn. Erinnerst du dich, wie ich dir sagte, ihr seid zu vier von
Wiesing ausgezogen, um in einer höhern Kulturwelt heimisch zu werden,
und du seist der einzige, der nicht am Wege verkommt. Ich dachte an dich
für meine Talsperre im Ösling, aber das wäre auch nur halbe Arbeit. Ich
habe in Aachen Polytechniker gekannt, die älter waren, als du jetzt bist. Du
mußt Ingenieur werden.“
Fenn saß eine Weile, die Ellenbogen auf den Knien, das Kinn in beide
Hände gestützt.
„Nein, nach Aachen möchte ich nicht.“
„Warum?“
„Ich kenne Aachen nur vom Hörensagen. Aber in dem Namen klingt mir
etwas mit, wobei mir unbehaglich wird. Ein Widerhall aus der Umwelt, der
ich entronnen bin. Der Name riecht nach Weihrauch, und davon habe ich
für eine Weile grade genug.“
Nach einer Pause sagte Theo:
„So geh nach München. Ich glaube, da gehörst du hin. Da haben sie
schließlich noch am stärksten den Willen bewahrt, sich nicht mit der
einheitlich mitteleuropäischen Sauce begießen zu lassen. Da findest du
noch die Hülle und Fülle von Menschen ohne geistige und seelische
Bügelfalten.“
„Und die Berge sind so nahe, habe ich oft gelesen.“
„Ach ja, geh nach München, vorerst wenigstens.“
„Was sagst du dazu, Mutter?“
„Mir ist alles recht,“ sagte Frau Kaß versonnen lächelnd. „Ich war eben
dabei, über deine Ausstattung nachzudenken. Es ist mir um den Sinn just
wie vor vierzehn Jahren, als du zuerst in die Stadt kamst. Ja, man hat seine
Last mit euch Buben.“
A n einem kühlen Oktobermorgen desselben Jahres fuhr Fenn Kaß gen
München. Als er in der Frühe in seinem Abteil dritter Klasse erwachte,
wälzten sich Nebelschwaden über der Ebene, durch die der Zug
rasselte. Er sah durch das linke Fenster hinter dem Nebel eine wunderbare
Erscheinung: Den Sonnenball, der riesengroß auf der verschleierten
Horizontlinie lag, strahlenlos glühend, wie eine rote Kohle. Er hing nicht in
der Luft, er lag auf der Erde und rollte durch den Nebel langsam auf Fenn
Wiesing ausgezogen, um in einer höhern Kulturwelt heimisch zu werden,
und du seist der einzige, der nicht am Wege verkommt. Ich dachte an dich
für meine Talsperre im Ösling, aber das wäre auch nur halbe Arbeit. Ich
habe in Aachen Polytechniker gekannt, die älter waren, als du jetzt bist. Du
mußt Ingenieur werden.“
Fenn saß eine Weile, die Ellenbogen auf den Knien, das Kinn in beide
Hände gestützt.
„Nein, nach Aachen möchte ich nicht.“
„Warum?“
„Ich kenne Aachen nur vom Hörensagen. Aber in dem Namen klingt mir
etwas mit, wobei mir unbehaglich wird. Ein Widerhall aus der Umwelt, der
ich entronnen bin. Der Name riecht nach Weihrauch, und davon habe ich
für eine Weile grade genug.“
Nach einer Pause sagte Theo:
„So geh nach München. Ich glaube, da gehörst du hin. Da haben sie
schließlich noch am stärksten den Willen bewahrt, sich nicht mit der
einheitlich mitteleuropäischen Sauce begießen zu lassen. Da findest du
noch die Hülle und Fülle von Menschen ohne geistige und seelische
Bügelfalten.“
„Und die Berge sind so nahe, habe ich oft gelesen.“
„Ach ja, geh nach München, vorerst wenigstens.“
„Was sagst du dazu, Mutter?“
„Mir ist alles recht,“ sagte Frau Kaß versonnen lächelnd. „Ich war eben
dabei, über deine Ausstattung nachzudenken. Es ist mir um den Sinn just
wie vor vierzehn Jahren, als du zuerst in die Stadt kamst. Ja, man hat seine
Last mit euch Buben.“
A n einem kühlen Oktobermorgen desselben Jahres fuhr Fenn Kaß gen
München. Als er in der Frühe in seinem Abteil dritter Klasse erwachte,
wälzten sich Nebelschwaden über der Ebene, durch die der Zug
rasselte. Er sah durch das linke Fenster hinter dem Nebel eine wunderbare
Erscheinung: Den Sonnenball, der riesengroß auf der verschleierten
Horizontlinie lag, strahlenlos glühend, wie eine rote Kohle. Er hing nicht in
der Luft, er lag auf der Erde und rollte durch den Nebel langsam auf Fenn
Page 207
Kaß zu. Und so ungeahnt wie jenes neue Sonnenwunder dünkte es diesen,
daß sein Leben eine so unerhörte Wendung genommen, daß eine Zukunft,
die er niemals zu erträumen gewagt hatte, jetzt mit rotglühenden
Hoffnungen und Verheißungen vor ihm lag, als könne er sie mit Händen
greifen.
Während die Stadt zu ihrem Tagewerk erwachte, trat er aus dem Bahnhof
hinaus in ein fremdes Leben, das vor ihm mit verwirrenden und nie
gehörten Geräuschen seine Weberschifflein durcheinander warf. Fenn Kaß
war niemals zuvor in einer Großstadt gewesen. Er brauchte Zeit, sich zu
fassen, und kam nur langsam vorwärts. Alles war ihm neu, für alles hatte er
Interesse. Nicht das Interesse der Neugier. Aber jede Wahrnehmung setzte
sich wie ein neues Teilchen an die starke Überzeugung fest, zu der sich sein
Denken an jenem Morgen kristallisierte: die Überzeugung, daß er jetzt erst
in das Leben eingetreten war, in dem das reiche Rohmaterial zu seinem
Glück lag. Und er faßte sein Glück als die Fähigkeit, dies Leben zu
meistern, in ihm bis an die Stelle sich durchzusetzen, wo er mit seiner
besten, eigensten Kraft das Größte würde schaffen können.
Er sah gespannt in die Gesichter der Menschen, die an ihm vorbeigingen.
Es waren nicht, wie sonst, die Augen der Menschen, die ihm auffielen, es
waren ihre Münder. In diesen lag der Ausdruck, der ihm das Rätsel einer
jeden Individualität aufgab. Genießerisch, roh, brutal, entschlossen, fein,
ironisch, herrisch. Es fiel Fenn Kaß zum erstenmal auf, wie all das sich in
den Mündern der Menschen ausprägte. Und er las weiter in allen Gesichtern
die Bestimmtheit, mit der ein jeder wußte, was ihm oblag. Er las in dem
einen die Gewohnheit des Befehlens, in dem andern die Gewohnheit des
Gehorchens. Die Herrschenden und die Dienenden, alle trugen ihre
Bestimmung zur Schau, und wieder ward er sich glücklich bewußt, daß er
einer Welt entgegenging, in der sich sein Inneres heimisch fühlen würde. Er
dachte an sein Gespräch mit Putty Heinen. Organisation! Ja! Hier war sie,
fein gegliedert und kompliziert, aber nicht willkürlich zu willkürlichem
Zweck geschaffen, sondern vom Leben selbst als Notwendigkeit gewollt,
ein wundervolles Ineinandergreifen freier Kräfte, die jede naturnotwendig
an der Aufgabe wirkten, der sie gewachsen und für die sie geschaffen
waren. In solchem Ganzen wollte er sich nicht beengt und begrenzt,
sondern gehoben und getragen fühlen, da würde die Wucht des ganzen
Organismus ihn mit Schöpferwollust durchzittern, weil seine Kraft als Teil
der Allkraft an der richtigen Stelle mitzeugend wirken würde.
daß sein Leben eine so unerhörte Wendung genommen, daß eine Zukunft,
die er niemals zu erträumen gewagt hatte, jetzt mit rotglühenden
Hoffnungen und Verheißungen vor ihm lag, als könne er sie mit Händen
greifen.
Während die Stadt zu ihrem Tagewerk erwachte, trat er aus dem Bahnhof
hinaus in ein fremdes Leben, das vor ihm mit verwirrenden und nie
gehörten Geräuschen seine Weberschifflein durcheinander warf. Fenn Kaß
war niemals zuvor in einer Großstadt gewesen. Er brauchte Zeit, sich zu
fassen, und kam nur langsam vorwärts. Alles war ihm neu, für alles hatte er
Interesse. Nicht das Interesse der Neugier. Aber jede Wahrnehmung setzte
sich wie ein neues Teilchen an die starke Überzeugung fest, zu der sich sein
Denken an jenem Morgen kristallisierte: die Überzeugung, daß er jetzt erst
in das Leben eingetreten war, in dem das reiche Rohmaterial zu seinem
Glück lag. Und er faßte sein Glück als die Fähigkeit, dies Leben zu
meistern, in ihm bis an die Stelle sich durchzusetzen, wo er mit seiner
besten, eigensten Kraft das Größte würde schaffen können.
Er sah gespannt in die Gesichter der Menschen, die an ihm vorbeigingen.
Es waren nicht, wie sonst, die Augen der Menschen, die ihm auffielen, es
waren ihre Münder. In diesen lag der Ausdruck, der ihm das Rätsel einer
jeden Individualität aufgab. Genießerisch, roh, brutal, entschlossen, fein,
ironisch, herrisch. Es fiel Fenn Kaß zum erstenmal auf, wie all das sich in
den Mündern der Menschen ausprägte. Und er las weiter in allen Gesichtern
die Bestimmtheit, mit der ein jeder wußte, was ihm oblag. Er las in dem
einen die Gewohnheit des Befehlens, in dem andern die Gewohnheit des
Gehorchens. Die Herrschenden und die Dienenden, alle trugen ihre
Bestimmung zur Schau, und wieder ward er sich glücklich bewußt, daß er
einer Welt entgegenging, in der sich sein Inneres heimisch fühlen würde. Er
dachte an sein Gespräch mit Putty Heinen. Organisation! Ja! Hier war sie,
fein gegliedert und kompliziert, aber nicht willkürlich zu willkürlichem
Zweck geschaffen, sondern vom Leben selbst als Notwendigkeit gewollt,
ein wundervolles Ineinandergreifen freier Kräfte, die jede naturnotwendig
an der Aufgabe wirkten, der sie gewachsen und für die sie geschaffen
waren. In solchem Ganzen wollte er sich nicht beengt und begrenzt,
sondern gehoben und getragen fühlen, da würde die Wucht des ganzen
Organismus ihn mit Schöpferwollust durchzittern, weil seine Kraft als Teil
der Allkraft an der richtigen Stelle mitzeugend wirken würde.
Page 208
So kam er ans Isarufer. Und wie das Phänomen der Kraft im ganzen
Verkehr der Straße um ihn sang und klang als sein Wesenston, den ihm die
Dinge wiedertönten, so nahmen am Wehrsteg die stürzenden Wassermassen
seine aufgeregte Einbildungskraft gefangen. Von einigen Regengüssen und
dem Neuschnee, den die letzten ungewöhnlich lauen Tage geschmolzen
hatten, war der Fluß angeschwollen und seine schwere, ungestüme Masse
drängte leidenschaftlich zu Tal.
Fenn Kaß stand auf dem leise zitternden Steg und schaute hingenommen
auf das seidenglatte Gleiten der Wassermauer, an der das Schaumgekräusel
vergeblich emporzuklettern suchte, in das Fliehen der Wogen, die nach dem
rauschenden Erlebnis des Sturzes eilig weiterschossen. Traumhaft und
massig stand im Morgennebel der werdende Neubau des Deutschen
Museums mitten im Fluß. Fenn Kaß bestimmte den ragenden Schatten nach
seinem Plan. Er dachte daran, daß jener Bau die Stätte sein solle, von der
aus in die Massen das Bewußtsein von der wunderbaren Gesetzmäßigkeit
aller das All bewegenden Kraft dringe. Tausend glückliche Fäden spannen
sich zwischen der Welt und ihm, ein wonnevoller Stolz sprang in ihm auf
und schnürte ihm die Kehle, daß es fast wie Schluchzen klang, als er mit
einem wilden Laut seinem übervollen Herzen Luft machte.
„Bahn frei!“ schrie er jubelnd und trotzig in das Brausen der Isar.
Und in seinem Schrei klangen Sehnsucht und Erfüllungssicherheit.
Verkehr der Straße um ihn sang und klang als sein Wesenston, den ihm die
Dinge wiedertönten, so nahmen am Wehrsteg die stürzenden Wassermassen
seine aufgeregte Einbildungskraft gefangen. Von einigen Regengüssen und
dem Neuschnee, den die letzten ungewöhnlich lauen Tage geschmolzen
hatten, war der Fluß angeschwollen und seine schwere, ungestüme Masse
drängte leidenschaftlich zu Tal.
Fenn Kaß stand auf dem leise zitternden Steg und schaute hingenommen
auf das seidenglatte Gleiten der Wassermauer, an der das Schaumgekräusel
vergeblich emporzuklettern suchte, in das Fliehen der Wogen, die nach dem
rauschenden Erlebnis des Sturzes eilig weiterschossen. Traumhaft und
massig stand im Morgennebel der werdende Neubau des Deutschen
Museums mitten im Fluß. Fenn Kaß bestimmte den ragenden Schatten nach
seinem Plan. Er dachte daran, daß jener Bau die Stätte sein solle, von der
aus in die Massen das Bewußtsein von der wunderbaren Gesetzmäßigkeit
aller das All bewegenden Kraft dringe. Tausend glückliche Fäden spannen
sich zwischen der Welt und ihm, ein wonnevoller Stolz sprang in ihm auf
und schnürte ihm die Kehle, daß es fast wie Schluchzen klang, als er mit
einem wilden Laut seinem übervollen Herzen Luft machte.
„Bahn frei!“ schrie er jubelnd und trotzig in das Brausen der Isar.
Und in seinem Schrei klangen Sehnsucht und Erfüllungssicherheit.
Page 209
Fußnoten
[1] Die großen lateinischen Buchstaben ergeben – als römische Ziffern gelesen – in der Addition
die Jahreszahl 1870.
[2] Altes luxemburgisches Volkslied. Comper Ku’eb = Gevatter Rabe.
[3] Schmeckt es als?
[4] Tät er nur bersten.
[5] Wörtlich: So, der macht das spitze Mündchen! Dann wart einmal.
[6] Unterrock.
[7] Was beliebt.
[1] Die großen lateinischen Buchstaben ergeben – als römische Ziffern gelesen – in der Addition
die Jahreszahl 1870.
[2] Altes luxemburgisches Volkslied. Comper Ku’eb = Gevatter Rabe.
[3] Schmeckt es als?
[4] Tät er nur bersten.
[5] Wörtlich: So, der macht das spitze Mündchen! Dann wart einmal.
[6] Unterrock.
[7] Was beliebt.
Page 210
Anmerkungen zur Transkription
Fußnoten wurden am Ende des Buches gesammelt.
Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere Änderungen sind hier
aufgeführt (vorher/nachher):
... Augen gesehen. Nicht, daß er er ein rohes Gemüt gehabt ...
... Augen gesehen. Nicht, daß er ein rohes Gemüt gehabt ...
... war kaputt.“ ...
... wär kaputt.“ ...
... Sachen ins Puls geräumt hatte, klebte er an die Innenseite ...
... Sachen ins Pult geräumt hatte, klebte er an die Innenseite ...
(mehrfache Fälle)
... Er frühstückte mit den Kamps und mit Niegla im Goldenen ...
... Er frühstückte mit den Kamps und mit Niegela im Goldenen ...
Fußnoten wurden am Ende des Buches gesammelt.
Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere Änderungen sind hier
aufgeführt (vorher/nachher):
... Augen gesehen. Nicht, daß er er ein rohes Gemüt gehabt ...
... Augen gesehen. Nicht, daß er ein rohes Gemüt gehabt ...
... war kaputt.“ ...
... wär kaputt.“ ...
... Sachen ins Puls geräumt hatte, klebte er an die Innenseite ...
... Sachen ins Pult geräumt hatte, klebte er an die Innenseite ...
(mehrfache Fälle)
... Er frühstückte mit den Kamps und mit Niegla im Goldenen ...
... Er frühstückte mit den Kamps und mit Niegela im Goldenen ...
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*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK FENN KASS ***
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THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
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EXCEPT THOSE PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE
THAT THE FOUNDATION, THE TRADEMARK OWNER, AND ANY
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TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL,
PUNITIVE OR INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE
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BUT NOT LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR
FITNESS FOR ANY PURPOSE.
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alteration, modification, or additions or deletions to any Project Gutenberg
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Section 2. Information about the Mission of Project
Gutenberg
Project Gutenberg is synonymous with the free distribution of electronic
works in formats readable by the widest variety of computers including
obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists because of the
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efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks of
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Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance
they need are critical to reaching Project Gutenberg’s goals and ensuring
that the Project Gutenberg collection will remain freely available for
generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation was created to provide a secure and permanent future for
Project Gutenberg and future generations. To learn more about the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations
can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
www.gutenberg.org.
Section 3. Information about the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation
The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit 501(c)
(3) educational corporation organized under the laws of the state of
Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service.
The Foundation’s EIN or federal tax identification number is 64-6221541.
Contributions to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation are tax
deductible to the full extent permitted by U.S. federal laws and your state’s
laws.
The Foundation’s business office is located at 41 Watchung Plaza #516,
Montclair NJ 07042, USA, +1 (862) 621-9288. Email contact links and up
to date contact information can be found at the Foundation’s website and
official page at www.gutenberg.org/contact
Section 4. Information about Donations to the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation
Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without widespread
public support and donations to carry out its mission of increasing the
number of public domain and licensed works that can be freely distributed
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including outdated equipment. Many small donations ($1 to $5,000) are
particularly important to maintaining tax exempt status with the IRS.
The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United States.
Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable effort,
much paperwork and many fees to meet and keep up with these
requirements. We do not solicit donations in locations where we have not
received written confirmation of compliance. To SEND DONATIONS or
determine the status of compliance for any particular state visit
www.gutenberg.org/donate.
While we cannot and do not solicit contributions from states where we have
not met the solicitation requirements, we know of no prohibition against
accepting unsolicited donations from donors in such states who approach us
with offers to donate.
International donations are gratefully accepted, but we cannot make any
statements concerning tax treatment of donations received from outside the
United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
Please check the Project Gutenberg web pages for current donation methods
and addresses. Donations are accepted in a number of other ways including
checks, online payments and credit card donations. To donate, please visit:
www.gutenberg.org/donate.
Section 5. General Information About Project Gutenberg
electronic works
Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg
concept of a library of electronic works that could be freely shared with
anyone. For forty years, he produced and distributed Project Gutenberg
eBooks with only a loose network of volunteer support.
Project Gutenberg eBooks are often created from several printed editions,
all of which are confirmed as not protected by copyright in the U.S. unless a
particularly important to maintaining tax exempt status with the IRS.
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Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable effort,
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received written confirmation of compliance. To SEND DONATIONS or
determine the status of compliance for any particular state visit
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copyright notice is included. Thus, we do not necessarily keep eBooks in
compliance with any particular paper edition.
Most people start at our website which has the main PG search facility:
www.gutenberg.org.
This website includes information about Project Gutenberg, including how
to make donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation,
how to help produce our new eBooks, and how to subscribe to our email
newsletter to hear about new eBooks.
compliance with any particular paper edition.
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