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The Project Gutenberg eBook of Sämmtliche Werke 5:
Dramatische Werke
This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you
will have to check the laws of the country where you are located
before using this eBook.
Title: Sämmtliche Werke 5: Dramatische Werke
Author: Nikolai Vasilevich Gogol
Editor: Otto Buek
Translator: Thomas Commichau
Gregorius Itelson
Alexandra Ramm
Carl Ritter
André Villard
Release date: September 5, 2017 [eBook #55487]
Language: German
Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/55487
Credits: Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed
Proofreading Team at http://www.pgdp.net
Dramatische Werke
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Title: Sämmtliche Werke 5: Dramatische Werke
Author: Nikolai Vasilevich Gogol
Editor: Otto Buek
Translator: Thomas Commichau
Gregorius Itelson
Alexandra Ramm
Carl Ritter
André Villard
Release date: September 5, 2017 [eBook #55487]
Language: German
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*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK SÄMMTLICHE
WERKE 5: DRAMATISCHE WERKE ***
WERKE 5: DRAMATISCHE WERKE ***
Page 5
Nikolaus Gogol
Dramatische Werke
Dramatische Werke
Page 6
Nikolaus Gogol
Sämmtliche Werke
In 8 Bänden
Herausgegeben
von
Otto Buek
Band 5
München und Leipzig
bei Georg Müller
1911
Sämmtliche Werke
In 8 Bänden
Herausgegeben
von
Otto Buek
Band 5
München und Leipzig
bei Georg Müller
1911
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Nikolaus Gogol
Dramatische Werke
Herausgegeben
von
Otto Buek
München und Leipzig
bei Georg Müller
1911
Dramatische Werke
Herausgegeben
von
Otto Buek
München und Leipzig
bei Georg Müller
1911
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Der Revisor
Komödie in fünf Aufzügen
„Den Spiegel soll nicht schelten, wer eine
Fratze hat.“
Sprichwort.
Komödie in fünf Aufzügen
„Den Spiegel soll nicht schelten, wer eine
Fratze hat.“
Sprichwort.
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Deutsche Übertragung von T h . C om m i chau
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Das Recht der öffentlichen Aufführung ist ausschließlich zu erwerben von
dem
Theaterverlag Eduard Bloch,
Berlin C 2, Brüderstraße 1
dem
Theaterverlag Eduard Bloch,
Berlin C 2, Brüderstraße 1
Page 11
Personen.
Antón Antónowitsch Skwósnik-Dmuchánowski, Polizeimeister.
Anna Andréjewna, seine Frau.
Márja Antónowna, seine Tochter.
Lúka Lúkitsch Chlópoff, Schulinspektor.
Frau Chlópoff.
Ammós Fjódorowitsch Ljápkin-Tjápkin, Kreisrichter.
Artémij Filíppowitsch Semljaníka, Hospitalverwalter.
Iwán Kusmítsch Schpékin, Postmeister.
Pjotr Iwánowitsch Dóbtschinski
Pjotr Iwánowitsch Bóbtschinski } Bürger.
Iwán Alexándrowitsch Chlestakóff, Beamter aus Petersburg.
Ossip, sein Diener.
Christian Iwánowitsch Hübner, Kreisarzt.
Fjódor Andréjewitsch Ljuljukóff
Iwán Lasaréwitsch Rastakówski
Stepán Iwánowitsch Koróbkin
} pensionierte Beamte,
Honoratioren der Stadt.
Stepán Iljitsch Uchowjértoff, Polizeiinspektor.
Swistúnoff
Pugowízyn
Djerschimórda
} Polizeidiener.
Awdúlin, Kaufmann.
Fewrónja Pjetrówna Poschljópkina, Schlossersfrau.
Die Frau eines Unteroffiziers.
Míschka, Diener des Polizeimeisters.
Ein Kellner.
Ein Gendarm.
Gäste, Kaufleute, Volk, Bittsteller.
Antón Antónowitsch Skwósnik-Dmuchánowski, Polizeimeister.
Anna Andréjewna, seine Frau.
Márja Antónowna, seine Tochter.
Lúka Lúkitsch Chlópoff, Schulinspektor.
Frau Chlópoff.
Ammós Fjódorowitsch Ljápkin-Tjápkin, Kreisrichter.
Artémij Filíppowitsch Semljaníka, Hospitalverwalter.
Iwán Kusmítsch Schpékin, Postmeister.
Pjotr Iwánowitsch Dóbtschinski
Pjotr Iwánowitsch Bóbtschinski } Bürger.
Iwán Alexándrowitsch Chlestakóff, Beamter aus Petersburg.
Ossip, sein Diener.
Christian Iwánowitsch Hübner, Kreisarzt.
Fjódor Andréjewitsch Ljuljukóff
Iwán Lasaréwitsch Rastakówski
Stepán Iwánowitsch Koróbkin
} pensionierte Beamte,
Honoratioren der Stadt.
Stepán Iljitsch Uchowjértoff, Polizeiinspektor.
Swistúnoff
Pugowízyn
Djerschimórda
} Polizeidiener.
Awdúlin, Kaufmann.
Fewrónja Pjetrówna Poschljópkina, Schlossersfrau.
Die Frau eines Unteroffiziers.
Míschka, Diener des Polizeimeisters.
Ein Kellner.
Ein Gendarm.
Gäste, Kaufleute, Volk, Bittsteller.
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Zeit: Um 1835. — Ort: Eine kleine russische Provinzialstadt.
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Charaktere und Kostüme
(Bemerkungen für die Herren Schauspieler)
Der Polizeimeister: Ein im Dienst bereits ergrauter und in seiner Art gescheiter Mann.
Obgleich bestechlich, gibt er sich als soliden und ernsthaften Menschen und ist in gewissem Sinne
sogar Räsoneur. Er spricht weder laut noch leise, noch viel, noch wenig; jedes seiner Worte hat
Gewicht. Seine Gesichtszüge sind grob und hart, wie bei allen, die in einer mühsamen Karriere von
der Pike auf gedient haben. Der Übergang von Furcht zu Freude, von Unterwürfigkeit zu Hochmut
vollzieht sich bei ihm ziemlich unvermittelt, wie bei allen Leuten mit roh entwickelten
Charakteranlagen. Er trägt die übliche Uniform mit Litzenkragen und Stulpstiefel mit Sporen; sein
graues Haar ist kurzgeschoren.
Anna Andréjewna, seine Frau: Eine noch leidlich konservierte Provinzialkokette, die zur
Hälfte in der Lektüre von Romanen und Poesiealbums, zur Hälfte im Kleinkram von Hauswirtschaft
und Gesindeplackerei aufgeht. Sehr neugierig, kehrt sie gelegentlich auch Hoffart hervor; erlangt
oftmals dadurch Übergewicht über ihren Mann, daß dieser ihr nichts zu antworten weiß; doch
erstreckt sich solches Übergewicht nur auf Kleinigkeiten und besteht lediglich in Vorwürfen und
Hohn. Im Verlaufe des Stückes wechselt sie viermal die Toilette.
Chlestakóff: ein junger Mann von 23 Jahren, schmächtig und unansehnlich, etwas einfältig und
hat, wie man zu sagen pflegt, das Pulver nicht erfunden; einer von den Leuten, die man in den
Kanzleien Windbeutel nennt. Er ist nicht imstande längere Zeit bei einem Thema zu verweilen,
spricht unzusammenhängend, und die Worte sprudeln ihm unberechenbar aus dem Munde. Je mehr
Freimut und Harmlosigkeit der Darsteller dieser Rolle zur Schau trägt, desto größeren Erfolg wird er
erzielen. Seine Kleidung ist modern (1835).
Ossip, sein Diener: Von dem Wesen, das Diener in vorgerückten Jahren zu haben pflegen; er
spricht gelassen, hält den Blick etwas gesenkt, räsoniert und liebt es, seinem Herrn in dessen
Abwesenheit Vorhaltungen zu machen. Seine Stimme ist fast immer monoton, nimmt aber im
Gespräch mit seinem Herrn einen mürrischen, kargen, zuweilen sogar groben Ausdruck an. Er ist
pfiffiger als sein Herr und weiß sich deshalb rascher zurechtzufinden, spricht aber nicht gern viel und
ist ein stilles Wasser. Seine Kleidung ist ein grauer oder blauer verschlissener Kittel.
Bóbtschinski und Dóbtschinski: Beide von kleinem, niedrigem Wuchs, sehr neugierig;
einander sehr ähnlich; beide mit leichtem Embonpoint. Sie sprechen hastig und unterstützen ihre
Rede durch reichliches Gestikulieren mit den Händen. Dóbtschinski ist ein wenig größer und
ernsthafter als Bóbtschinski, dieser aber ist dafür beweglicher und lebhafter als jener.
Ljápkin-Tjápkin, der Kreisrichter: ein Mensch, der fünf bis sechs Bücher gelesen hat und
daraufhin den Freigeist herauskehrt. Ist stark in Hypothesen und spricht deshalb jedes Wort mit
wichtigem Ton. Der Darsteller dieser Rolle sollte stets eine vielsagende Miene aufsetzen. Er spricht
in tiefem Baß, sehr gedehnt, heiser und mit Räuspern, wie eine alte Wanduhr, die erst schnarrt, ehe
sie schlägt.
Semljaníka, der Hospitalverwalter: Ein sehr korpulenter, schwerfälliger und plumper Mann;
bei alledem Intrigant und Gauner; sehr zuvorkommend und gefällig.
Der Postmeister: Ein bis zur Naivität einfältiger Mensch.
(Bemerkungen für die Herren Schauspieler)
Der Polizeimeister: Ein im Dienst bereits ergrauter und in seiner Art gescheiter Mann.
Obgleich bestechlich, gibt er sich als soliden und ernsthaften Menschen und ist in gewissem Sinne
sogar Räsoneur. Er spricht weder laut noch leise, noch viel, noch wenig; jedes seiner Worte hat
Gewicht. Seine Gesichtszüge sind grob und hart, wie bei allen, die in einer mühsamen Karriere von
der Pike auf gedient haben. Der Übergang von Furcht zu Freude, von Unterwürfigkeit zu Hochmut
vollzieht sich bei ihm ziemlich unvermittelt, wie bei allen Leuten mit roh entwickelten
Charakteranlagen. Er trägt die übliche Uniform mit Litzenkragen und Stulpstiefel mit Sporen; sein
graues Haar ist kurzgeschoren.
Anna Andréjewna, seine Frau: Eine noch leidlich konservierte Provinzialkokette, die zur
Hälfte in der Lektüre von Romanen und Poesiealbums, zur Hälfte im Kleinkram von Hauswirtschaft
und Gesindeplackerei aufgeht. Sehr neugierig, kehrt sie gelegentlich auch Hoffart hervor; erlangt
oftmals dadurch Übergewicht über ihren Mann, daß dieser ihr nichts zu antworten weiß; doch
erstreckt sich solches Übergewicht nur auf Kleinigkeiten und besteht lediglich in Vorwürfen und
Hohn. Im Verlaufe des Stückes wechselt sie viermal die Toilette.
Chlestakóff: ein junger Mann von 23 Jahren, schmächtig und unansehnlich, etwas einfältig und
hat, wie man zu sagen pflegt, das Pulver nicht erfunden; einer von den Leuten, die man in den
Kanzleien Windbeutel nennt. Er ist nicht imstande längere Zeit bei einem Thema zu verweilen,
spricht unzusammenhängend, und die Worte sprudeln ihm unberechenbar aus dem Munde. Je mehr
Freimut und Harmlosigkeit der Darsteller dieser Rolle zur Schau trägt, desto größeren Erfolg wird er
erzielen. Seine Kleidung ist modern (1835).
Ossip, sein Diener: Von dem Wesen, das Diener in vorgerückten Jahren zu haben pflegen; er
spricht gelassen, hält den Blick etwas gesenkt, räsoniert und liebt es, seinem Herrn in dessen
Abwesenheit Vorhaltungen zu machen. Seine Stimme ist fast immer monoton, nimmt aber im
Gespräch mit seinem Herrn einen mürrischen, kargen, zuweilen sogar groben Ausdruck an. Er ist
pfiffiger als sein Herr und weiß sich deshalb rascher zurechtzufinden, spricht aber nicht gern viel und
ist ein stilles Wasser. Seine Kleidung ist ein grauer oder blauer verschlissener Kittel.
Bóbtschinski und Dóbtschinski: Beide von kleinem, niedrigem Wuchs, sehr neugierig;
einander sehr ähnlich; beide mit leichtem Embonpoint. Sie sprechen hastig und unterstützen ihre
Rede durch reichliches Gestikulieren mit den Händen. Dóbtschinski ist ein wenig größer und
ernsthafter als Bóbtschinski, dieser aber ist dafür beweglicher und lebhafter als jener.
Ljápkin-Tjápkin, der Kreisrichter: ein Mensch, der fünf bis sechs Bücher gelesen hat und
daraufhin den Freigeist herauskehrt. Ist stark in Hypothesen und spricht deshalb jedes Wort mit
wichtigem Ton. Der Darsteller dieser Rolle sollte stets eine vielsagende Miene aufsetzen. Er spricht
in tiefem Baß, sehr gedehnt, heiser und mit Räuspern, wie eine alte Wanduhr, die erst schnarrt, ehe
sie schlägt.
Semljaníka, der Hospitalverwalter: Ein sehr korpulenter, schwerfälliger und plumper Mann;
bei alledem Intrigant und Gauner; sehr zuvorkommend und gefällig.
Der Postmeister: Ein bis zur Naivität einfältiger Mensch.
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Die übrigen Rollen bedürfen keiner besonderen Anweisungen; ihren Originalen begegnet man auf
Schritt und Tritt.
Die Herren Schauspieler sollten der letzten Szene besondere Sorgfalt angedeihen lassen. Das
zuletzt ausgesprochene Wort muß auf alle wie ein elektrischer Schlag wirken; gleichzeitig und
plötzlich. Die ganze Gruppe muß ihre Stellung in einem Augenblick wechseln; den Ausruf der
Überraschung müssen alle Damen einstimmig ausstoßen, wie aus einem Munde. Die Nichtbeachtung
dieser Hinweise könnte die gesamte Wirkung in Frage stellen.
Schritt und Tritt.
Die Herren Schauspieler sollten der letzten Szene besondere Sorgfalt angedeihen lassen. Das
zuletzt ausgesprochene Wort muß auf alle wie ein elektrischer Schlag wirken; gleichzeitig und
plötzlich. Die ganze Gruppe muß ihre Stellung in einem Augenblick wechseln; den Ausruf der
Überraschung müssen alle Damen einstimmig ausstoßen, wie aus einem Munde. Die Nichtbeachtung
dieser Hinweise könnte die gesamte Wirkung in Frage stellen.
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Erster Aufzug
Zimmer im Hause des Polizeimeisters
1. Szene
Polizeimeister. Hospitalverwalter. Schulinspektor. Kreisrichter.
Revierinspektor. Arzt. Zwei Polizeidiener.
P ol i zei m eister. Ich habe Sie herberufen, meine Herren, um Ihnen eine
sehr unerfreuliche Nachricht mitzuteilen: ein Revisor kommt zu uns.
Kr ei sr ichter. Ein Revisor?!
Ho sp i tal ver walt er. Ein Revisor?!
P ol i zei m eister. Ein Revisor aus Petersburg, inkognito. Und noch dazu
mit geheimen Instruktionen.
Kr ei sr ichter. Donnerwetter!
Ho sp i tal ver walt er. Das hat uns auch gerade noch gefehlt!
S chul i nspek tor. Herr des Himmels! Und obendrein mit geheimen
Instruktionen!
P ol i zei m eister. Als wenn ich das vorausgeahnt hätte: die ganze Nacht
träumte mir von zwei ungeheuren Ratten — nie habe ich dergleichen vorher
gesehen: schwarz und riesengroß! Kamen heran, beschnupperten mich und
liefen wieder davon. Ich will Ihnen hier den Brief vorlesen, den ich von
Andréj Iwánowitsch Tschmychóff erhalten habe — Sie, Artémij
Filíppowitsch, kennen ihn ja. Er schreibt also folgendermaßen: „Teurer
Freund, Gevatter und Wohltäter“ (halblaut murmelnd und die Zeilen überfliegend) „...
dir zu melden“ — da hier: „Ich beeile mich, dir unter anderem zu melden,
daß ein Beamter eingetroffen ist mit der Instruktion: das ganze
Gouvernement und speziell unsern Kreis (hebt bedeutungsvoll den Finger in die Höhe)
zu inspizieren. Ich erfuhr dies von absolut zuverlässiger Seite, obgleich er
sich für einen Privatmann ausgibt. Da ich nun weiß, daß auch bei dir, wie
überall, kleine Schnitzer mitunterlaufen, weil du ein kluger Mann bist und
ungern fahren läßt, was in deinem Netze zappelt ...“ (Innehaltend) Nun, hier
macht er so seine ... „so rate ich dir auf deiner Hut zu sein: er kann jeden
Zimmer im Hause des Polizeimeisters
1. Szene
Polizeimeister. Hospitalverwalter. Schulinspektor. Kreisrichter.
Revierinspektor. Arzt. Zwei Polizeidiener.
P ol i zei m eister. Ich habe Sie herberufen, meine Herren, um Ihnen eine
sehr unerfreuliche Nachricht mitzuteilen: ein Revisor kommt zu uns.
Kr ei sr ichter. Ein Revisor?!
Ho sp i tal ver walt er. Ein Revisor?!
P ol i zei m eister. Ein Revisor aus Petersburg, inkognito. Und noch dazu
mit geheimen Instruktionen.
Kr ei sr ichter. Donnerwetter!
Ho sp i tal ver walt er. Das hat uns auch gerade noch gefehlt!
S chul i nspek tor. Herr des Himmels! Und obendrein mit geheimen
Instruktionen!
P ol i zei m eister. Als wenn ich das vorausgeahnt hätte: die ganze Nacht
träumte mir von zwei ungeheuren Ratten — nie habe ich dergleichen vorher
gesehen: schwarz und riesengroß! Kamen heran, beschnupperten mich und
liefen wieder davon. Ich will Ihnen hier den Brief vorlesen, den ich von
Andréj Iwánowitsch Tschmychóff erhalten habe — Sie, Artémij
Filíppowitsch, kennen ihn ja. Er schreibt also folgendermaßen: „Teurer
Freund, Gevatter und Wohltäter“ (halblaut murmelnd und die Zeilen überfliegend) „...
dir zu melden“ — da hier: „Ich beeile mich, dir unter anderem zu melden,
daß ein Beamter eingetroffen ist mit der Instruktion: das ganze
Gouvernement und speziell unsern Kreis (hebt bedeutungsvoll den Finger in die Höhe)
zu inspizieren. Ich erfuhr dies von absolut zuverlässiger Seite, obgleich er
sich für einen Privatmann ausgibt. Da ich nun weiß, daß auch bei dir, wie
überall, kleine Schnitzer mitunterlaufen, weil du ein kluger Mann bist und
ungern fahren läßt, was in deinem Netze zappelt ...“ (Innehaltend) Nun, hier
macht er so seine ... „so rate ich dir auf deiner Hut zu sein: er kann jeden
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Augenblick kommen, wenn er nicht gar schon da ist und sich irgendwo
inkognito aufhält ... Gestern ...“ — hier folgen nur noch
Familiennachrichten: „ist meine Schwester Anna Kiríllowna mit ihrem
Manne zum Besuch angekommen; Iwán Kiríllowitsch ist sehr dick
geworden und fiedelt immerfort auf der Geige“, usw. usw. Also nun wissen
Sie, wie die Dinge stehen!
Kr ei sr ichter. Eine seltsame, höchst seltsame Geschichte! Da steckt
irgendwas dahinter.
S chul i nspek tor. Wozu das alles, Antón Antónowitsch, wozu? Warum
uns einen Revisor?!
P ol i zei m eister (seufzend). Warum! Sie sehen ja: Schicksal! (Seufzend)
Bisher hatte man, Gott sei Dank, nur andre Städte heimgesucht; jetzt kommt
eben die Reihe an uns.
Kr ei sr ichter. Ich meine, Antón Antónowitsch, daß dies einen feinen
und mehr politischen Hintergrund hat. Es bedeutet einfach: Rußland ... ja ...
Rußland will Krieg führen — und das Ministerium, sehen Sie wohl, schickt
heimlich einen Beamten ab, um auszuforschen, ob hier herum wo Spione
stecken.
P ol i zei m eister. Eh, was reden Sie da! Sie sind wohl nicht recht
gescheit! In einer Kreisstadt Spione! Liegen wir etwa an der Grenze? Die
erreicht von hier aus keiner, auch wenn er drei Jahre Galopp fährt.
Kr ei sr ichter. Nein, wie ich Ihnen sage. Sie wollen mich nicht ... wollen
nicht ... Die Regierung kennt die feinsten Schliche; weit oder nicht, sie hört
sogar die Flöhe husten.
P ol i zei m eister. Floh hin, Floh her; jedenfalls sind Sie gewarnt, meine
Herren. Sehen Sie sich vor! Ich für meinen Teil habe schon so meine
Maßregeln getroffen, tun Sie das gleiche. Namentlich rate ich’s Ihnen,
Artémij Filíppowitsch! Der durchreisende Revisor wird zweifelsohne vor
allem die Ihnen unterstellten Krankenhäuser inspizieren wollen —, drum
sorgen Sie dafür, daß alles tadellos sei. Daß die Nachtmützen hübsch rein
sind und die Kranken nicht wie die Kesselschmiede aussehen, wie das sonst
gewöhnlich der Fall ist.
Ho sp i tal ver walt er. Na, wenn’s weiter nichts ist — reine Nachtmützen
können sie kriegen.
P ol i zei m eister. Gut. Und an jedem Bett muß auf lateinisch oder in
einer andern fremden Sprache ... das wäre dann eben Ihre Sache, Herr
Doktor — muß jede einzelne Krankheit angeschrieben stehen, Datum der
inkognito aufhält ... Gestern ...“ — hier folgen nur noch
Familiennachrichten: „ist meine Schwester Anna Kiríllowna mit ihrem
Manne zum Besuch angekommen; Iwán Kiríllowitsch ist sehr dick
geworden und fiedelt immerfort auf der Geige“, usw. usw. Also nun wissen
Sie, wie die Dinge stehen!
Kr ei sr ichter. Eine seltsame, höchst seltsame Geschichte! Da steckt
irgendwas dahinter.
S chul i nspek tor. Wozu das alles, Antón Antónowitsch, wozu? Warum
uns einen Revisor?!
P ol i zei m eister (seufzend). Warum! Sie sehen ja: Schicksal! (Seufzend)
Bisher hatte man, Gott sei Dank, nur andre Städte heimgesucht; jetzt kommt
eben die Reihe an uns.
Kr ei sr ichter. Ich meine, Antón Antónowitsch, daß dies einen feinen
und mehr politischen Hintergrund hat. Es bedeutet einfach: Rußland ... ja ...
Rußland will Krieg führen — und das Ministerium, sehen Sie wohl, schickt
heimlich einen Beamten ab, um auszuforschen, ob hier herum wo Spione
stecken.
P ol i zei m eister. Eh, was reden Sie da! Sie sind wohl nicht recht
gescheit! In einer Kreisstadt Spione! Liegen wir etwa an der Grenze? Die
erreicht von hier aus keiner, auch wenn er drei Jahre Galopp fährt.
Kr ei sr ichter. Nein, wie ich Ihnen sage. Sie wollen mich nicht ... wollen
nicht ... Die Regierung kennt die feinsten Schliche; weit oder nicht, sie hört
sogar die Flöhe husten.
P ol i zei m eister. Floh hin, Floh her; jedenfalls sind Sie gewarnt, meine
Herren. Sehen Sie sich vor! Ich für meinen Teil habe schon so meine
Maßregeln getroffen, tun Sie das gleiche. Namentlich rate ich’s Ihnen,
Artémij Filíppowitsch! Der durchreisende Revisor wird zweifelsohne vor
allem die Ihnen unterstellten Krankenhäuser inspizieren wollen —, drum
sorgen Sie dafür, daß alles tadellos sei. Daß die Nachtmützen hübsch rein
sind und die Kranken nicht wie die Kesselschmiede aussehen, wie das sonst
gewöhnlich der Fall ist.
Ho sp i tal ver walt er. Na, wenn’s weiter nichts ist — reine Nachtmützen
können sie kriegen.
P ol i zei m eister. Gut. Und an jedem Bett muß auf lateinisch oder in
einer andern fremden Sprache ... das wäre dann eben Ihre Sache, Herr
Doktor — muß jede einzelne Krankheit angeschrieben stehen, Datum der
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Erkrankung, genau auf Jahr und Tag ... Es ist auch gar nicht schön, daß Ihre
Kranken einen so starken Tabak rauchen, daß, wer hereinkommt, immerzu
niesen muß. Noch besser, wenn überhaupt weniger Kranke da wären; sonst
wird gleich der schlechten Verwaltung oder der Unfähigkeit des Arztes
schuld gegeben.
Ho sp i tal ver walt er. Oh, was die ärztliche Behandlung anbetrifft, so
bin ich mit dem Herrn Doktor längst übereingekommen: je naturgemäßer,
desto besser — teure Arzeneien brauchen wir nicht. Gewöhnliches Volk:
stirbt’s, dann stirbt’s, bleibt’s leben, dann bleibt’s eben leben. Auch könnte
sich der Herr Doktor ja doch nicht mit ihnen verständigen: er versteht ja
kein Wort Russisch.
C hr isti an I w ánowi tsch, der Arzt (gibt Laute von sich, die halb wie i und halb
wie e klingen).
P ol i zei m eister. Auch Ihnen, Ammós Fjódorowitsch, möchte ich raten,
einmal nach Ihrem Gerichtslokal zu schauen. Im Vorzimmer, wo sich die
Klienten versammeln sollen, haben Ihre Gerichtsdiener die ganzen
Hausgänse mit ihren Jungen untergebracht, die einem dort fortwährend
zwischen die Beine geraten. Sich um die Wirtschaft kümmern, ist gewiß
lobenswert, und warum sollte das ein Knecht auch nicht tun; aber an einem
solchen Ort, sehen Sie, paßt sich das doch nicht. Ich wollte das schon eher
sagen, habe es aber wieder ganz verschwitzt.
Kr ei sr ichter. Ich lasse sie gleich sämtlich in die Küche schaffen.
Kommen Sie doch zum Essen herüber.
P ol i zei m eister. Schlimm ist’s auch, daß der Sitzungssaal so von
Schmutz starrt und daß mitten auf dem Aktentisch Ihre Hundepeitsche liegt.
Ich weiß wohl, Sie sind ein großer Jagdfreund, doch besser wär’s, sie
wenigstens jetzt wegzunehmen; ist der Revisor erst wieder fort, dann
können Sie sie ja meinetwegen wieder hinlegen. Und dann Ihr Beisitzer!
Der Mann ist ja wahrscheinlich sehr tüchtig, aber er verbreitet einen Duft,
als ob er geradenwegs aus der Branntweinschänke käme — das taugt auch
nicht. Schon längst wollte ich mal davon reden, wurde aber, ich weiß nicht
wie, davon abgebracht. Es gibt Mittel dagegen, selbst wenn wirklich, wie er
behauptet, ihm dieser Geruch angeboren wäre: man könnte ihm Zwiebeln
oder Knoblauch zu essen geben oder irgendwas ähnliches. Für diesen Fall
kann ja der Herr Doktor mit Medikamenten zu Hilfe kommen.
C hr isti an I wánowi tsch, der Arzt (gibt die vorerwähnten Laute von sich).
Kranken einen so starken Tabak rauchen, daß, wer hereinkommt, immerzu
niesen muß. Noch besser, wenn überhaupt weniger Kranke da wären; sonst
wird gleich der schlechten Verwaltung oder der Unfähigkeit des Arztes
schuld gegeben.
Ho sp i tal ver walt er. Oh, was die ärztliche Behandlung anbetrifft, so
bin ich mit dem Herrn Doktor längst übereingekommen: je naturgemäßer,
desto besser — teure Arzeneien brauchen wir nicht. Gewöhnliches Volk:
stirbt’s, dann stirbt’s, bleibt’s leben, dann bleibt’s eben leben. Auch könnte
sich der Herr Doktor ja doch nicht mit ihnen verständigen: er versteht ja
kein Wort Russisch.
C hr isti an I w ánowi tsch, der Arzt (gibt Laute von sich, die halb wie i und halb
wie e klingen).
P ol i zei m eister. Auch Ihnen, Ammós Fjódorowitsch, möchte ich raten,
einmal nach Ihrem Gerichtslokal zu schauen. Im Vorzimmer, wo sich die
Klienten versammeln sollen, haben Ihre Gerichtsdiener die ganzen
Hausgänse mit ihren Jungen untergebracht, die einem dort fortwährend
zwischen die Beine geraten. Sich um die Wirtschaft kümmern, ist gewiß
lobenswert, und warum sollte das ein Knecht auch nicht tun; aber an einem
solchen Ort, sehen Sie, paßt sich das doch nicht. Ich wollte das schon eher
sagen, habe es aber wieder ganz verschwitzt.
Kr ei sr ichter. Ich lasse sie gleich sämtlich in die Küche schaffen.
Kommen Sie doch zum Essen herüber.
P ol i zei m eister. Schlimm ist’s auch, daß der Sitzungssaal so von
Schmutz starrt und daß mitten auf dem Aktentisch Ihre Hundepeitsche liegt.
Ich weiß wohl, Sie sind ein großer Jagdfreund, doch besser wär’s, sie
wenigstens jetzt wegzunehmen; ist der Revisor erst wieder fort, dann
können Sie sie ja meinetwegen wieder hinlegen. Und dann Ihr Beisitzer!
Der Mann ist ja wahrscheinlich sehr tüchtig, aber er verbreitet einen Duft,
als ob er geradenwegs aus der Branntweinschänke käme — das taugt auch
nicht. Schon längst wollte ich mal davon reden, wurde aber, ich weiß nicht
wie, davon abgebracht. Es gibt Mittel dagegen, selbst wenn wirklich, wie er
behauptet, ihm dieser Geruch angeboren wäre: man könnte ihm Zwiebeln
oder Knoblauch zu essen geben oder irgendwas ähnliches. Für diesen Fall
kann ja der Herr Doktor mit Medikamenten zu Hilfe kommen.
C hr isti an I wánowi tsch, der Arzt (gibt die vorerwähnten Laute von sich).
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Kr ei sr ichter. Nein, das läßt sich nicht vertreiben; er sagt, als Kind habe
ihn seine Amme einmal verprügelt, und seit der Zeit müsse er immer etwas
Branntwein ausschwitzen.
P ol i zei m eister. Nun, ich wollte das nur bemerkt haben. Doch betreffs
unserer sonstigen Zustände und der sogenannten kleinen Schnitzer, von
denen Andréj Iwánowitsch in seinem Briefe redet, weiß ich wahrhaftig
nichts beizubringen. Es bleibt nun eben mal wahr: kein Mensch ist ohne
Sünde. Das hat Gott selber schon so gewollt, und die Aufklärungsapostel
werden vergeblich darüber wettern.
Kr ei sr ichter. Ja, was nennen Sie Sünde, Antón Antónowitsch? Sünde
und Sünde ist zweierlei. Ich für mein Teil gebe ganz offen zu, daß ich hier
und da kleine Geschenke annehme, doch was für welche? Jagdhunde! Das
ist was ganz andres.
P ol i zei m eister. Jagdhunde oder sonst was, Geschenke bleiben’s doch.
Kr ei sr ichter. O nein, Antón Antónowitsch. Aber wenn einer zum
Beispiel einen Pelz für fünfhundert Rubel und seine Frau einen Schal ...
P ol i zei m eister. Schon gut, schon gut, Sie nehmen also bloß Jagdhunde
— dafür glauben Sie aber nicht an Gott und gehen nie in die Kirche; ich
aber bin ein gläubiger Mensch und bin jeden Sonntag beim Gottesdienst.
Aber Sie ... oh, ich kenne Sie: wenn Sie anfangen, über die Schöpfung zu
reden, dann stehen einem die Haare zu Berge.
Kr ei sr ichter. Wenigstens bin ich von alleine darauf gekommen, aus
eigenem Verstande.
P ol i zei m eister. Na, manchmal ist viel Verstand schlimmer als gar
keiner. Übrigens habe ich nur so nebenbei ans Kreisgericht gedacht; ehrlich
gesagt, es wird ja keiner da hineingucken: das ist ein geheiligter Ort, den
Gott selber in Schutz genommen hat. Aber Sie, Lúka Lúkitsch, müssen sich
durchaus mal um Ihr Lehrerpersonal kümmern. Es sind ohne Frage gelehrte
und hochstudierte Leute, haben aber höchst sonderbare Angewohnheiten,
die sich kaum mit dem Lehrberuf vertragen. Da ist zum Beispiel einer, der
mit dem aufgedunsenen Gesicht, mir ist sein Name nicht gegenwärtig —
der muß absolut immer eine Fratze schneiden, sowie er aufs Katheder
steigt, ungefähr so (macht eine Grimasse) und dann steckt er die Hand unter die
Halsbinde und kraut sich den Bart. Daß er den Schülern solche Fratzen
schneidet, ist ja egal und mag vielleicht nötig sein, das geht mich nichts an;
aber sagen Sie selbst, wenn er das vor dem Herrn Inspizienten tut, das kann
ihn seine Amme einmal verprügelt, und seit der Zeit müsse er immer etwas
Branntwein ausschwitzen.
P ol i zei m eister. Nun, ich wollte das nur bemerkt haben. Doch betreffs
unserer sonstigen Zustände und der sogenannten kleinen Schnitzer, von
denen Andréj Iwánowitsch in seinem Briefe redet, weiß ich wahrhaftig
nichts beizubringen. Es bleibt nun eben mal wahr: kein Mensch ist ohne
Sünde. Das hat Gott selber schon so gewollt, und die Aufklärungsapostel
werden vergeblich darüber wettern.
Kr ei sr ichter. Ja, was nennen Sie Sünde, Antón Antónowitsch? Sünde
und Sünde ist zweierlei. Ich für mein Teil gebe ganz offen zu, daß ich hier
und da kleine Geschenke annehme, doch was für welche? Jagdhunde! Das
ist was ganz andres.
P ol i zei m eister. Jagdhunde oder sonst was, Geschenke bleiben’s doch.
Kr ei sr ichter. O nein, Antón Antónowitsch. Aber wenn einer zum
Beispiel einen Pelz für fünfhundert Rubel und seine Frau einen Schal ...
P ol i zei m eister. Schon gut, schon gut, Sie nehmen also bloß Jagdhunde
— dafür glauben Sie aber nicht an Gott und gehen nie in die Kirche; ich
aber bin ein gläubiger Mensch und bin jeden Sonntag beim Gottesdienst.
Aber Sie ... oh, ich kenne Sie: wenn Sie anfangen, über die Schöpfung zu
reden, dann stehen einem die Haare zu Berge.
Kr ei sr ichter. Wenigstens bin ich von alleine darauf gekommen, aus
eigenem Verstande.
P ol i zei m eister. Na, manchmal ist viel Verstand schlimmer als gar
keiner. Übrigens habe ich nur so nebenbei ans Kreisgericht gedacht; ehrlich
gesagt, es wird ja keiner da hineingucken: das ist ein geheiligter Ort, den
Gott selber in Schutz genommen hat. Aber Sie, Lúka Lúkitsch, müssen sich
durchaus mal um Ihr Lehrerpersonal kümmern. Es sind ohne Frage gelehrte
und hochstudierte Leute, haben aber höchst sonderbare Angewohnheiten,
die sich kaum mit dem Lehrberuf vertragen. Da ist zum Beispiel einer, der
mit dem aufgedunsenen Gesicht, mir ist sein Name nicht gegenwärtig —
der muß absolut immer eine Fratze schneiden, sowie er aufs Katheder
steigt, ungefähr so (macht eine Grimasse) und dann steckt er die Hand unter die
Halsbinde und kraut sich den Bart. Daß er den Schülern solche Fratzen
schneidet, ist ja egal und mag vielleicht nötig sein, das geht mich nichts an;
aber sagen Sie selbst, wenn er das vor dem Herrn Inspizienten tut, das kann
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doch sehr fatal werden; der Herr Revisor oder ein andrer könnte das auf
sich beziehen. Da kann der Teufel weiß was dabei herauskommen.
S chul i nspek tor. Ja, aber was soll ich mit ihm machen; ich habe schon
mehrfach mit ihm geredet. Noch kürzlich, als gerade der Schulrat die
Klasse betrat, hat er eine solche Grimasse aufgesetzt, wie ich sie noch
niemals gesehen hatte. Er denkt sich gar nichts Böses dabei, mich aber
rüffelt man dann, daß der Jugend revolutionäre Ideen eingeflößt werden.
P ol i zei m eister. Auch über Ihren Geschichtslehrer habe ich noch
einiges zu bemerken. Es ist ein gelehrtes Haupt, das sieht man deutlich, und
strotzt von Wissen; aber er doziert mit solchem Feuer, daß er sich ganz
dabei vergißt. Ich hörte ihn einmal: na, solange er von den Babyloniern und
Assyrern sprach, da ging’s noch, aber als er auf Alexander den Großen kam
— ich kann’s kaum beschreiben, wie er da loslegte. Ich glaubte, es brennt,
wahrhaftig! Springt vom Katheder und was das Zeug hält — bautz! — den
Stuhl an die Erde. Gewiß, Alexander der Große war schon ein Held, aber
braucht man da Stühle zu zerkeilen? Der Staat hat nur Kosten davon.
S chul i nspek tor. Ja, ja, er ist ein Heißsporn. Ich habe ihm das auch
schon ein paarmal vorgehalten; aber dann erwidert er: „Wie Sie wünschen,
aber für die Wissenschaft opfere ich mein Leben.“
P ol i zei m eister. Ach ja, das muß eben unerforschlicher Schicksalswille
sein: so ein Gelehrter ist entweder Säufer oder schneidet Fratzen, daß man
sich vor den Heiligenbildern schämen möchte.
S chul i nspek tor. Gott bewahre mich davor, Lehrer sein zu müssen, das
ist eine Strafe! Da will jeder reinreden, jeder beweisen, daß auch er
Verstand hat.
P ol i zei m eister. Das hätte alles noch gar nichts zu sagen — das
Inkognito ist das Infame! Mit einmal schielt er herein: „Ah, da seid ihr ja,
Freundchen! Na wer ist denn von Euch der Richter?“ — „Ljápkin-
Tjápkin!“ — „Ei dann bitte schön Herr Ljápkin-Tjápkin!“ — „Und wer ist
der Hospitalverwalter!“ „Semljaníka!“ — „Dann bitte doch schön, Herr
Semljaníka!“ — Das ist das gemeine!
2. Szene
Die Vorigen. Postmeister.
P ost m eister. Herrschaft, was geht denn vor? Ein Revisor soll kommen?
sich beziehen. Da kann der Teufel weiß was dabei herauskommen.
S chul i nspek tor. Ja, aber was soll ich mit ihm machen; ich habe schon
mehrfach mit ihm geredet. Noch kürzlich, als gerade der Schulrat die
Klasse betrat, hat er eine solche Grimasse aufgesetzt, wie ich sie noch
niemals gesehen hatte. Er denkt sich gar nichts Böses dabei, mich aber
rüffelt man dann, daß der Jugend revolutionäre Ideen eingeflößt werden.
P ol i zei m eister. Auch über Ihren Geschichtslehrer habe ich noch
einiges zu bemerken. Es ist ein gelehrtes Haupt, das sieht man deutlich, und
strotzt von Wissen; aber er doziert mit solchem Feuer, daß er sich ganz
dabei vergißt. Ich hörte ihn einmal: na, solange er von den Babyloniern und
Assyrern sprach, da ging’s noch, aber als er auf Alexander den Großen kam
— ich kann’s kaum beschreiben, wie er da loslegte. Ich glaubte, es brennt,
wahrhaftig! Springt vom Katheder und was das Zeug hält — bautz! — den
Stuhl an die Erde. Gewiß, Alexander der Große war schon ein Held, aber
braucht man da Stühle zu zerkeilen? Der Staat hat nur Kosten davon.
S chul i nspek tor. Ja, ja, er ist ein Heißsporn. Ich habe ihm das auch
schon ein paarmal vorgehalten; aber dann erwidert er: „Wie Sie wünschen,
aber für die Wissenschaft opfere ich mein Leben.“
P ol i zei m eister. Ach ja, das muß eben unerforschlicher Schicksalswille
sein: so ein Gelehrter ist entweder Säufer oder schneidet Fratzen, daß man
sich vor den Heiligenbildern schämen möchte.
S chul i nspek tor. Gott bewahre mich davor, Lehrer sein zu müssen, das
ist eine Strafe! Da will jeder reinreden, jeder beweisen, daß auch er
Verstand hat.
P ol i zei m eister. Das hätte alles noch gar nichts zu sagen — das
Inkognito ist das Infame! Mit einmal schielt er herein: „Ah, da seid ihr ja,
Freundchen! Na wer ist denn von Euch der Richter?“ — „Ljápkin-
Tjápkin!“ — „Ei dann bitte schön Herr Ljápkin-Tjápkin!“ — „Und wer ist
der Hospitalverwalter!“ „Semljaníka!“ — „Dann bitte doch schön, Herr
Semljaníka!“ — Das ist das gemeine!
2. Szene
Die Vorigen. Postmeister.
P ost m eister. Herrschaft, was geht denn vor? Ein Revisor soll kommen?
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P ol i zei m eister. Haben Sie’s denn noch nicht gehört?
P ost m eister. Eben, von Pjotr Iwánowitsch Bóbtschinski; er war gerade
bei mir auf dem Postamt.
P ol i zei m eister. Na, nun? Was denken Sie drüber?
P ost m eister. Was ich denke? ’s gibt Krieg mit den Türken.
Kr ei sr ichter. Da, also! Genau wie ich’s gesagt habe!
P ol i zei m eister. Ja, zwei kapitale Schlauköpfe!
P ost m eister. Freilich, mit den Türken. Das haben uns alles die
Franzosen eingebrockt.
P ol i zei m eister. Schöner Krieg mit den Türken. Uns wird’s an den
Kragen gehn, nicht den Türken. Das steht längst fest, ich habe briefliche
Nachricht.
P ost m eister. Na, wenn’s so ist, dann gibt’s eben keinen Krieg.
P ol i zei m eister. Nun, was sagen Sie dazu, Iwán Kusmítsch?
P ost m eister. Hm, ich? Und Sie, Antón Antónowitsch?
P ol i zei m eister. Ich? Von Furcht natürlich keine Spur, aber so ein
bißchen. Kaufleute und Bürger machen mir etwas Sorge. Sie behaupten, ich
hätte sie gerupft, aber bei Gott, wenn ich auch mal von einem oder dem
andern was nahm, dann geschah’s nur in aller Unschuld. Ich vermute, (führt
den Postmeister beim Arm auf die Seite) ich vermute, man hat mich angeschwärzt.
Warum gerade für uns einen Revisor? Hören Sie mal, Iwán Kusmítsch,
könnten Sie nicht, zu unserm gemeinschaftlichen Vorteil, jeden Brief, der in
Ihrem Postamt ein- und ausgeht, wissen Sie, so’n bißchen aufmachen und
durchlesen, ob nicht vielleicht Denunziationen oder dergleichen
vertrauliche Mitteilungen drinstehen? Wenn nicht, kann man sie ja wieder
zusiegeln oder einfach geöffnet abliefern.
P ost m eister. Weiß ich längst! Da brauchen Sie mich nicht erst zu
belehren, mach’ ich sowieso schon, aber weniger aus Vorsicht, als aus
Neugierde — ich bin geradezu versessen auf das, was in der Welt vorgeht.
Ich sage Ihnen, die interessanteste Lektüre. Mancher Brief liest sich ganz
köstlich — da werden Dinge beschrieben ... Und eine Darstellung — besser
als in den „Moskauer Nachrichten“!
P ol i zei m eister. Schön, sagen Sie mal, haben Sie da nichts über einen
Revisor aus Petersburg gefunden?
P ost m eister. Aus Petersburg, nein, aber von einem in Kostromá und
Sarátow ist viel die Rede. Wirklich schade, daß Sie keine Briefe lesen;
manche Stellen sind großartig. Da schrieb kürzlich ein Leutnant seinem
P ost m eister. Eben, von Pjotr Iwánowitsch Bóbtschinski; er war gerade
bei mir auf dem Postamt.
P ol i zei m eister. Na, nun? Was denken Sie drüber?
P ost m eister. Was ich denke? ’s gibt Krieg mit den Türken.
Kr ei sr ichter. Da, also! Genau wie ich’s gesagt habe!
P ol i zei m eister. Ja, zwei kapitale Schlauköpfe!
P ost m eister. Freilich, mit den Türken. Das haben uns alles die
Franzosen eingebrockt.
P ol i zei m eister. Schöner Krieg mit den Türken. Uns wird’s an den
Kragen gehn, nicht den Türken. Das steht längst fest, ich habe briefliche
Nachricht.
P ost m eister. Na, wenn’s so ist, dann gibt’s eben keinen Krieg.
P ol i zei m eister. Nun, was sagen Sie dazu, Iwán Kusmítsch?
P ost m eister. Hm, ich? Und Sie, Antón Antónowitsch?
P ol i zei m eister. Ich? Von Furcht natürlich keine Spur, aber so ein
bißchen. Kaufleute und Bürger machen mir etwas Sorge. Sie behaupten, ich
hätte sie gerupft, aber bei Gott, wenn ich auch mal von einem oder dem
andern was nahm, dann geschah’s nur in aller Unschuld. Ich vermute, (führt
den Postmeister beim Arm auf die Seite) ich vermute, man hat mich angeschwärzt.
Warum gerade für uns einen Revisor? Hören Sie mal, Iwán Kusmítsch,
könnten Sie nicht, zu unserm gemeinschaftlichen Vorteil, jeden Brief, der in
Ihrem Postamt ein- und ausgeht, wissen Sie, so’n bißchen aufmachen und
durchlesen, ob nicht vielleicht Denunziationen oder dergleichen
vertrauliche Mitteilungen drinstehen? Wenn nicht, kann man sie ja wieder
zusiegeln oder einfach geöffnet abliefern.
P ost m eister. Weiß ich längst! Da brauchen Sie mich nicht erst zu
belehren, mach’ ich sowieso schon, aber weniger aus Vorsicht, als aus
Neugierde — ich bin geradezu versessen auf das, was in der Welt vorgeht.
Ich sage Ihnen, die interessanteste Lektüre. Mancher Brief liest sich ganz
köstlich — da werden Dinge beschrieben ... Und eine Darstellung — besser
als in den „Moskauer Nachrichten“!
P ol i zei m eister. Schön, sagen Sie mal, haben Sie da nichts über einen
Revisor aus Petersburg gefunden?
P ost m eister. Aus Petersburg, nein, aber von einem in Kostromá und
Sarátow ist viel die Rede. Wirklich schade, daß Sie keine Briefe lesen;
manche Stellen sind großartig. Da schrieb kürzlich ein Leutnant seinem
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Kameraden und schilderte einen Ball auf die lustigste Art — ganz, ganz
ausgezeichnet: „Ich führe hier“, schreibt er, „ein Götterleben: schöne
Mädchen in Hülle und Fülle, die Musik rauscht, hoch flattert die Fahne ...“
mit großem Schwung schrieb er. Ich habe den Brief wahrscheinlich noch
bei mir; soll ich ihn vorlesen?
P ol i zei m eister. Nein, lassen Sie’s für jetzt. Also seien Sie so gut, Iwán
Kusmítsch: falls Sie gelegentlich auf so eine Beschwerde oder eine
Denunziation stoßen, dann ohne weiteres anhalten.
P ost m eister. Mit dem größten Vergnügen.
Kr ei sr ichter. Sehen Sie sich aber vor, Sie könnten da mal reinfallen.
P ost m eister. Du lieber Gott!
P ol i zei m eister. Ach, das hat gar nichts zu sagen; ja, wenn Sie das an
die große Glocke hängen wollten, aber so ist’s ja reine Privatsache.
Kr ei sr ichter. Na, schlimme Sache das. Übrigens war ich eigentlich
gekommen, Antón Antónowitsch, um Ihnen eine junge Hündin zu
offerieren; sie ist vom selben Wurf wie mein Köter, den Sie kennen. Daß
Tscheptówitsch und Warchowínski im Prozeß liegen, wissen Sie wohl; und
ich habe den Spaß davon, jetzt kann ich beim einen wie beim andern meine
Hasen jagen.
P ol i zei m eister. Herr Gott, bleiben Sie mir jetzt mit Ihren Hasen vom
Leibe; mir sitzt das verdammte Inkognito im Schädel! Immer drauf lauern,
daß jeden Augenblick die Tür aufgeht und baff ...
3. Szene
Die Vorigen. Bóbtschinski und Dóbtschinski stürzen atemlos herein.
B óbt schin sk i. Unerhörte Überraschung!
Dó bt schi n sk i. Erstaunliche Neuigkeit!
Al l e. Was, was ist denn los?!
Dó bt schi n sk i. Unerwartetes Ereignis: wir kommen ins Gasthaus ...
B óbt schin sk i (unterbrechend). Ich und Dóbtschinski kommen ins Gasthaus
...
Dó bt schi n sk i (unterbrechend). Eh, lassen Sie mich, Pjotr Iwánowitsch, ich
will erzählen.
B óbt schin sk i. Nein, nein, lassen Sie mich, lassen Sie mich ... Sie
haben gar kein Geschick ...
ausgezeichnet: „Ich führe hier“, schreibt er, „ein Götterleben: schöne
Mädchen in Hülle und Fülle, die Musik rauscht, hoch flattert die Fahne ...“
mit großem Schwung schrieb er. Ich habe den Brief wahrscheinlich noch
bei mir; soll ich ihn vorlesen?
P ol i zei m eister. Nein, lassen Sie’s für jetzt. Also seien Sie so gut, Iwán
Kusmítsch: falls Sie gelegentlich auf so eine Beschwerde oder eine
Denunziation stoßen, dann ohne weiteres anhalten.
P ost m eister. Mit dem größten Vergnügen.
Kr ei sr ichter. Sehen Sie sich aber vor, Sie könnten da mal reinfallen.
P ost m eister. Du lieber Gott!
P ol i zei m eister. Ach, das hat gar nichts zu sagen; ja, wenn Sie das an
die große Glocke hängen wollten, aber so ist’s ja reine Privatsache.
Kr ei sr ichter. Na, schlimme Sache das. Übrigens war ich eigentlich
gekommen, Antón Antónowitsch, um Ihnen eine junge Hündin zu
offerieren; sie ist vom selben Wurf wie mein Köter, den Sie kennen. Daß
Tscheptówitsch und Warchowínski im Prozeß liegen, wissen Sie wohl; und
ich habe den Spaß davon, jetzt kann ich beim einen wie beim andern meine
Hasen jagen.
P ol i zei m eister. Herr Gott, bleiben Sie mir jetzt mit Ihren Hasen vom
Leibe; mir sitzt das verdammte Inkognito im Schädel! Immer drauf lauern,
daß jeden Augenblick die Tür aufgeht und baff ...
3. Szene
Die Vorigen. Bóbtschinski und Dóbtschinski stürzen atemlos herein.
B óbt schin sk i. Unerhörte Überraschung!
Dó bt schi n sk i. Erstaunliche Neuigkeit!
Al l e. Was, was ist denn los?!
Dó bt schi n sk i. Unerwartetes Ereignis: wir kommen ins Gasthaus ...
B óbt schin sk i (unterbrechend). Ich und Dóbtschinski kommen ins Gasthaus
...
Dó bt schi n sk i (unterbrechend). Eh, lassen Sie mich, Pjotr Iwánowitsch, ich
will erzählen.
B óbt schin sk i. Nein, nein, lassen Sie mich, lassen Sie mich ... Sie
haben gar kein Geschick ...
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Dó bt schi n sk i. Und Sie verhaspeln sich und vergessen alles.
B óbt schin sk i. Nein, bei Gott, ich weiß alles; mischen Sie sich nicht
hinein, lassen Sie mich erzählen. Helfen Sie, meine Herren, daß
Dóbtschinski sich nicht hereinmischt!
P ol i zei m eister. So reden Sie doch um alles in der Welt, was ist los?
Ich brenne vor Ungeduld. Setzen Sie sich, meine Herren, Stühle her; hier
haben Sie einen Stuhl, Bóbtschinski. (Alle setzen sich um Bóbtschinski und
Dóbtschinski herum.) Nur schnell, was gibt’s?
B óbt schin sk i. Erlauben Sie, erlauben Sie, alles nach der Reihe. Kaum
daß ich die Ehre hatte, mich von Ihnen zu verabschieden, nachdem Sie
geruhten, sich über den empfangenen Brief zu beunruhigen, ja — da rannte
ich ... Bitte, unterbrechen Sie mich nicht, Dóbtschinski! Ich weiß alles,
alles. Also: da rannte ich zu Koróbkin, da aber Koróbkin nicht zu Hause
war, zu Rastakówski, und da ich Rastakówski nicht antraf, von dort zum
Herrn Postmeister, um ihm die von Ihnen empfangene Neuigkeit
mitzuteilen, und wie ich von da weggehe, begegne ich Dóbtschinski ...
Dó bt schi n sk i. Neben dem Pastetenladen ...
B óbt schin sk i. Neben dem Pastetenladen. Ich treffe also Dóbtschinski
und sage ihm: haben Sie schon von der großen Neuigkeit gehört, die der
Herr Polizeimeister in einem hochbedeutsamen Brief erhalten hat?
Dóbtschinski aber hatte sie schon von Ihrer Magd Awdótja gehört, die, ich
weiß nicht wonach, zu Philipp Antónowitsch Potschetschújeff geschickt
worden war ...
Dó bt schi n sk i (unterbrechend). Nach einem Kognakfäßchen.
B óbt schin sk i (mit der Hand abwehrend). Nach einem Kognakfäßchen. Wir
gingen also zusammen zu Potschetschújeff ... Nein, Dóbtschinski, nein,
unterbrechen Sie mich nicht, bitte ernstlich, unterbrechen Sie mich nicht! ...
Wir gehen also zu Potschetschújeff und unterwegs sagt mir Dóbtschinski:
„Kommen Sie doch mal erst in die Restauration; ich hab’ so’n gewisses ...
seit heut früh hab’ ich nichts genossen und der Magen knurrt mir so ...“ —
jawohl, Dóbtschinski knurrte der Magen. „Und in der Restauration,“ sagt er,
„gibt’s heut frischen Lachs, kosten wir doch wenigstens.“ Kaum sind wir
drin, als plötzlich ein junger Mann ...
Dó bt schi n sk i (unterbrechend). Von hübschem Äußeren, apart gekleidet ...
B óbt schin sk i. Von hübschem Äußeren, apart gekleidet, so — ft — ins
Zimmer tritt, entschlossener Ausdruck, Physiognomie, Benehmen und hier
(fährt mit der Hand um die Stirne) viel, sehr viel. Ich hatte es sozusagen
B óbt schin sk i. Nein, bei Gott, ich weiß alles; mischen Sie sich nicht
hinein, lassen Sie mich erzählen. Helfen Sie, meine Herren, daß
Dóbtschinski sich nicht hereinmischt!
P ol i zei m eister. So reden Sie doch um alles in der Welt, was ist los?
Ich brenne vor Ungeduld. Setzen Sie sich, meine Herren, Stühle her; hier
haben Sie einen Stuhl, Bóbtschinski. (Alle setzen sich um Bóbtschinski und
Dóbtschinski herum.) Nur schnell, was gibt’s?
B óbt schin sk i. Erlauben Sie, erlauben Sie, alles nach der Reihe. Kaum
daß ich die Ehre hatte, mich von Ihnen zu verabschieden, nachdem Sie
geruhten, sich über den empfangenen Brief zu beunruhigen, ja — da rannte
ich ... Bitte, unterbrechen Sie mich nicht, Dóbtschinski! Ich weiß alles,
alles. Also: da rannte ich zu Koróbkin, da aber Koróbkin nicht zu Hause
war, zu Rastakówski, und da ich Rastakówski nicht antraf, von dort zum
Herrn Postmeister, um ihm die von Ihnen empfangene Neuigkeit
mitzuteilen, und wie ich von da weggehe, begegne ich Dóbtschinski ...
Dó bt schi n sk i. Neben dem Pastetenladen ...
B óbt schin sk i. Neben dem Pastetenladen. Ich treffe also Dóbtschinski
und sage ihm: haben Sie schon von der großen Neuigkeit gehört, die der
Herr Polizeimeister in einem hochbedeutsamen Brief erhalten hat?
Dóbtschinski aber hatte sie schon von Ihrer Magd Awdótja gehört, die, ich
weiß nicht wonach, zu Philipp Antónowitsch Potschetschújeff geschickt
worden war ...
Dó bt schi n sk i (unterbrechend). Nach einem Kognakfäßchen.
B óbt schin sk i (mit der Hand abwehrend). Nach einem Kognakfäßchen. Wir
gingen also zusammen zu Potschetschújeff ... Nein, Dóbtschinski, nein,
unterbrechen Sie mich nicht, bitte ernstlich, unterbrechen Sie mich nicht! ...
Wir gehen also zu Potschetschújeff und unterwegs sagt mir Dóbtschinski:
„Kommen Sie doch mal erst in die Restauration; ich hab’ so’n gewisses ...
seit heut früh hab’ ich nichts genossen und der Magen knurrt mir so ...“ —
jawohl, Dóbtschinski knurrte der Magen. „Und in der Restauration,“ sagt er,
„gibt’s heut frischen Lachs, kosten wir doch wenigstens.“ Kaum sind wir
drin, als plötzlich ein junger Mann ...
Dó bt schi n sk i (unterbrechend). Von hübschem Äußeren, apart gekleidet ...
B óbt schin sk i. Von hübschem Äußeren, apart gekleidet, so — ft — ins
Zimmer tritt, entschlossener Ausdruck, Physiognomie, Benehmen und hier
(fährt mit der Hand um die Stirne) viel, sehr viel. Ich hatte es sozusagen
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vorausgeahnt und sage zu Dóbtschinski: „Hier geht was vor.“ Jawohl. Und
Dóbtschinski hatte schon mit dem Finger gewinkt und den Wirt, den Wirt
Wlas gerufen — seine Frau kam vor drei Wochen mit einem strammen
Jungen nieder, der mal des Vaters Wirtschaft erben wird. Wie Wlas kommt,
fragt ihn Dóbtschinski ganz heimlich: „Wer ist dieser junge Mensch?“ und
Wlas antwortet: „Der“ sagt er ... Ach, so unterbrechen Sie mich doch nicht
in einem fort, Dóbtschinski, Sie können’s ja doch nicht erzählen, Sie lispeln
ja, ich weiß genau, bei Ihnen pfeift ein Zahn ... „Der junge Mensch da“,
sagt Wlas, „das ist ein Beamter“, jawohl, „kommt von Petersburg und
heißt“, sagt er, „Iwán Alexándrowitsch Chlestakóff, und reist“, sagt er,
„nach Sarátoff und führt sich,“ sagt er, „ganz seltsam auf: sitzt schon die
zweite Woche hier, geht nie aus, nimmt alles auf Rechnung und zahlt keinen
Kopeken.“ Wie er das sagt, geht mir auf einmal ein Licht auf: „He!“ sage
ich zu Dóbtschinski ...
Dó bt schi n sk i. Nein Bóbtschinski, ich habe „He!“ gesagt.
B óbt schin sk i. Zuerst sagten Sie’s, danach sagte ich’s auch. Also:
„He!“ sagten Dóbtschinski und ich. „Warum sitzt er hier, wenn er nach
Sarátoff soll?“ Folglich ist er der Beamte.
P ol i zei m eister. Was, welcher Beamte?
B óbt schin sk i. Der Beamte, von dem Sie die Nachricht zu empfangen
geruhten — der Revisor.
P ol i zei m eister (zusammenfahrend). Was reden Sie da, um Gotteswillen,
das kann er nicht sein!
Dó bt schi n sk i. Doch! Geld zahlt er keins und abreisen tut er auch nicht.
Wer sollte es anders sein? Und dabei lautet sein Paß auf Sarátoff.
B óbt schin sk i. Er ist’s, er ist’s, ganz gewiß ... Und was für eine
Spürnase, alles hat er bemerkt, beobachtete, wie Dóbtschinski und ich
Lachs aßen — etwas reichlicher als sonst, weil Dóbtschinskis Magen ... Ja,
so hat er auf unsre Teller geschielt. Der Schreck fuhr mir ordentlich in die
Glieder.
P ol i zei m eister. Herr Gott, erbarme dich über uns arme Sünder! Wo
wohnt er denn da?
Dó bt schi n sk i. Auf Nummer fünf, über die Stiege.
B óbt schin sk i. In derselben Stube, wo sich voriges Jahr die
durchreisenden Offiziere geprügelt hatten.
P ol i zei m eister. Ist er schon lange da?
Dó bt schi n sk i. An die zwei Wochen; seit Sankt Basilius.
Dóbtschinski hatte schon mit dem Finger gewinkt und den Wirt, den Wirt
Wlas gerufen — seine Frau kam vor drei Wochen mit einem strammen
Jungen nieder, der mal des Vaters Wirtschaft erben wird. Wie Wlas kommt,
fragt ihn Dóbtschinski ganz heimlich: „Wer ist dieser junge Mensch?“ und
Wlas antwortet: „Der“ sagt er ... Ach, so unterbrechen Sie mich doch nicht
in einem fort, Dóbtschinski, Sie können’s ja doch nicht erzählen, Sie lispeln
ja, ich weiß genau, bei Ihnen pfeift ein Zahn ... „Der junge Mensch da“,
sagt Wlas, „das ist ein Beamter“, jawohl, „kommt von Petersburg und
heißt“, sagt er, „Iwán Alexándrowitsch Chlestakóff, und reist“, sagt er,
„nach Sarátoff und führt sich,“ sagt er, „ganz seltsam auf: sitzt schon die
zweite Woche hier, geht nie aus, nimmt alles auf Rechnung und zahlt keinen
Kopeken.“ Wie er das sagt, geht mir auf einmal ein Licht auf: „He!“ sage
ich zu Dóbtschinski ...
Dó bt schi n sk i. Nein Bóbtschinski, ich habe „He!“ gesagt.
B óbt schin sk i. Zuerst sagten Sie’s, danach sagte ich’s auch. Also:
„He!“ sagten Dóbtschinski und ich. „Warum sitzt er hier, wenn er nach
Sarátoff soll?“ Folglich ist er der Beamte.
P ol i zei m eister. Was, welcher Beamte?
B óbt schin sk i. Der Beamte, von dem Sie die Nachricht zu empfangen
geruhten — der Revisor.
P ol i zei m eister (zusammenfahrend). Was reden Sie da, um Gotteswillen,
das kann er nicht sein!
Dó bt schi n sk i. Doch! Geld zahlt er keins und abreisen tut er auch nicht.
Wer sollte es anders sein? Und dabei lautet sein Paß auf Sarátoff.
B óbt schin sk i. Er ist’s, er ist’s, ganz gewiß ... Und was für eine
Spürnase, alles hat er bemerkt, beobachtete, wie Dóbtschinski und ich
Lachs aßen — etwas reichlicher als sonst, weil Dóbtschinskis Magen ... Ja,
so hat er auf unsre Teller geschielt. Der Schreck fuhr mir ordentlich in die
Glieder.
P ol i zei m eister. Herr Gott, erbarme dich über uns arme Sünder! Wo
wohnt er denn da?
Dó bt schi n sk i. Auf Nummer fünf, über die Stiege.
B óbt schin sk i. In derselben Stube, wo sich voriges Jahr die
durchreisenden Offiziere geprügelt hatten.
P ol i zei m eister. Ist er schon lange da?
Dó bt schi n sk i. An die zwei Wochen; seit Sankt Basilius.
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P ol i zei m eister. Zwei Wochen! (Beiseite.) Gott und alle Heiligen, steht
mir bei! In diesen zwei Wochen ist die Witwe des Unteroffiziers
ausgepeitscht worden, haben die Gefangenen keine Rationen erhalten. Die
Straßen voll Dreck und Kot. Schimpf und Schande! (Greift sich an den Kopf).
Ho sp i tal ver walt er. Nun, Antón Antónowitsch, jetzt wird’s eben
heißen: auf und in Gala nach dem Gasthof.
Kr ei sr ichter. Nein, nein; erst muß der Stadtälteste, die Geistlichkeit
und die Kaufmannschaft vorangeschickt werden; wie schon zu lesen in den
„Taten Johanns des Freimaurers“ ...
P ol i zei m eister. Nein, nein; überlassen Sie das mir. Mich hat schon
Schwereres im Leben heimgesucht, es ging vorüber und ich habe noch
Dank dazu gehabt. Wohlan! Gott wird auch diesmal helfen. (Zu Bóbtschinski
gewandt.) Sagten Sie nicht, es sei noch ein junger Mann?
B óbt schin sk i. Jawohl, so an die dreiundzwanzig oder ein wenig über
vierundzwanzig.
P ol i zei m eister. Desto besser, ein junger läßt sich leichter auf den Zahn
fühlen; schlimm, wenn’s ein alter Satan gewesen wäre; junge Leute sind
Windbeutel. Halten Sie sich bereit, meine Herren, ich gehe jetzt alleine hin
— oder vielleicht höchstens in Dóbtschinskis Begleitung, ganz privatim,
um wie auf einem Spaziergang bloß mal nachzuschauen, ob die
durchreisenden Fremden keinen Anlaß zu Beschwerden haben. He,
Swistúnoff!
P ol i zei d ien er. Zu Befehl!
P ol i zei m eister. Hol mir sofort den Polizeiinspektor, oder nein, ich
brauche dich hier. Sag draußen irgendwem, er soll mir so schnell wie
möglich den Polizeiinspektor herbeischaffen und komm gleich zurück.
(Polizeidiener ab.)
Ho sp i tal ver walt er. Kommen Sie, kommen Sie, meine Herren, es
könnte wirklich was passieren.
Kr ei sr ichter. Was haben denn Sie zu fürchten? Reine Nachtmützen für
die Kranken und damit holla.
Ho sp i tal ver walt er. Wenn’s das bloß wäre! Von rechtswegen sollten
die Kranken Hafersuppe kriegen, und statt dessen ist bei mir auf allen
Korridoren ein solcher Gestank nach Sauerkohl, daß man sich die Nase
zuhalten muß.
Kr ei sr ichter. In der Hinsicht bin ich ohne Sorge. Aufs Gericht zu
kommen fällt ja doch keinem ein; und wenn er wirklich in so ein
mir bei! In diesen zwei Wochen ist die Witwe des Unteroffiziers
ausgepeitscht worden, haben die Gefangenen keine Rationen erhalten. Die
Straßen voll Dreck und Kot. Schimpf und Schande! (Greift sich an den Kopf).
Ho sp i tal ver walt er. Nun, Antón Antónowitsch, jetzt wird’s eben
heißen: auf und in Gala nach dem Gasthof.
Kr ei sr ichter. Nein, nein; erst muß der Stadtälteste, die Geistlichkeit
und die Kaufmannschaft vorangeschickt werden; wie schon zu lesen in den
„Taten Johanns des Freimaurers“ ...
P ol i zei m eister. Nein, nein; überlassen Sie das mir. Mich hat schon
Schwereres im Leben heimgesucht, es ging vorüber und ich habe noch
Dank dazu gehabt. Wohlan! Gott wird auch diesmal helfen. (Zu Bóbtschinski
gewandt.) Sagten Sie nicht, es sei noch ein junger Mann?
B óbt schin sk i. Jawohl, so an die dreiundzwanzig oder ein wenig über
vierundzwanzig.
P ol i zei m eister. Desto besser, ein junger läßt sich leichter auf den Zahn
fühlen; schlimm, wenn’s ein alter Satan gewesen wäre; junge Leute sind
Windbeutel. Halten Sie sich bereit, meine Herren, ich gehe jetzt alleine hin
— oder vielleicht höchstens in Dóbtschinskis Begleitung, ganz privatim,
um wie auf einem Spaziergang bloß mal nachzuschauen, ob die
durchreisenden Fremden keinen Anlaß zu Beschwerden haben. He,
Swistúnoff!
P ol i zei d ien er. Zu Befehl!
P ol i zei m eister. Hol mir sofort den Polizeiinspektor, oder nein, ich
brauche dich hier. Sag draußen irgendwem, er soll mir so schnell wie
möglich den Polizeiinspektor herbeischaffen und komm gleich zurück.
(Polizeidiener ab.)
Ho sp i tal ver walt er. Kommen Sie, kommen Sie, meine Herren, es
könnte wirklich was passieren.
Kr ei sr ichter. Was haben denn Sie zu fürchten? Reine Nachtmützen für
die Kranken und damit holla.
Ho sp i tal ver walt er. Wenn’s das bloß wäre! Von rechtswegen sollten
die Kranken Hafersuppe kriegen, und statt dessen ist bei mir auf allen
Korridoren ein solcher Gestank nach Sauerkohl, daß man sich die Nase
zuhalten muß.
Kr ei sr ichter. In der Hinsicht bin ich ohne Sorge. Aufs Gericht zu
kommen fällt ja doch keinem ein; und wenn er wirklich in so ein
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Aktenstück reinschaut, wird er seines Lebens nicht froh. Ich sitze nun schon
fünfzehn Jahre auf dem Richterstuhl, und wenn ich solch schriftliches
Referat ansehn muß — ah! ich mache bloß so mit der Hand! Selbst Salomo
würde nicht entscheiden, wo Recht und wo Unrecht ist.
(Kreisrichter, Hospitalverwalter, Schulinspektor und Postmeister ab und kollidieren in der Tür mit
dem zurückkehrenden Polizeidiener.)
4. Szene
Polizeimeister. Bóbtschinski. Dóbtschinski und Polizeidiener.
P ol i zei m eister. Ist der Wagen bereit?
P ol i zei d ien er. Zu Befehl.
P ol i zei m eister. Geh hinunter ... oder nein, halt! Geh, hol mir ... Aber
wo sind denn die andern? Bist du denn allein? Ich habe doch befohlen, daß
auch Prochóroff zur Stelle sei. Wo ist Prochóroff?
P ol i zei d ien er. Prochóroff ist auf der Wache, ist aber nicht zu brauchen.
P ol i zei m eister. Warum nicht?
P ol i zei d ien er. Nun so: man brachte ihn heut morgen totbesoffen an;
wir gossen ihm schon zwei Eimer Wasser über den Kopf, aber bis jetzt hat
er sich noch nicht aufgerappelt.
P ol i zei m eister (schlägt sich vor den Kopf). Gott, mein Gott! Lauf schnell auf
die Straße, oder nein — zuerst in mein Schlafzimmer, hörst du! und bring
mir den Degen und die neue Mütze. Kommen Sie, Dóbtschinski!
B óbt schin sk i. Ich auch, ich auch, bitte, nehmen Sie mich doch auch
mit, Antón Antónowitsch.
P ol i zei m eister. Nein, nein, Bóbtschinski, das geht nicht! Es wäre
unbequem, und wir hätten zusammen doch keinen Platz im Wagen.
B óbt schin sk i. Tut nichts, tut nichts: ich springe hupp, hupp, hupp
hinter dem Wagen her; ich möchte bloß so hineinblinzeln durch ein
Türritzchen, wie er sich dabei haben wird.
P ol i zei m eister (den Degen nehmend, zum Polizeidiener). Lauf rasch, nimm dir
Polizisten und jeder soll ... Verflucht, wie der Degen zerschrammt ist!
Dieser hundsföttische Krämer Awdúljin — sieht beim Polizeimeister den
alten Degen und schickt keinen neuen! Infames Pack! Wartet ihr Halunken,
ich will euch mit euren ellenlangen Bittschriften! Jeder soll sofort eine
Straße packen ... Himmeldonnerwetter Straße — einen Besen soll er packen
fünfzehn Jahre auf dem Richterstuhl, und wenn ich solch schriftliches
Referat ansehn muß — ah! ich mache bloß so mit der Hand! Selbst Salomo
würde nicht entscheiden, wo Recht und wo Unrecht ist.
(Kreisrichter, Hospitalverwalter, Schulinspektor und Postmeister ab und kollidieren in der Tür mit
dem zurückkehrenden Polizeidiener.)
4. Szene
Polizeimeister. Bóbtschinski. Dóbtschinski und Polizeidiener.
P ol i zei m eister. Ist der Wagen bereit?
P ol i zei d ien er. Zu Befehl.
P ol i zei m eister. Geh hinunter ... oder nein, halt! Geh, hol mir ... Aber
wo sind denn die andern? Bist du denn allein? Ich habe doch befohlen, daß
auch Prochóroff zur Stelle sei. Wo ist Prochóroff?
P ol i zei d ien er. Prochóroff ist auf der Wache, ist aber nicht zu brauchen.
P ol i zei m eister. Warum nicht?
P ol i zei d ien er. Nun so: man brachte ihn heut morgen totbesoffen an;
wir gossen ihm schon zwei Eimer Wasser über den Kopf, aber bis jetzt hat
er sich noch nicht aufgerappelt.
P ol i zei m eister (schlägt sich vor den Kopf). Gott, mein Gott! Lauf schnell auf
die Straße, oder nein — zuerst in mein Schlafzimmer, hörst du! und bring
mir den Degen und die neue Mütze. Kommen Sie, Dóbtschinski!
B óbt schin sk i. Ich auch, ich auch, bitte, nehmen Sie mich doch auch
mit, Antón Antónowitsch.
P ol i zei m eister. Nein, nein, Bóbtschinski, das geht nicht! Es wäre
unbequem, und wir hätten zusammen doch keinen Platz im Wagen.
B óbt schin sk i. Tut nichts, tut nichts: ich springe hupp, hupp, hupp
hinter dem Wagen her; ich möchte bloß so hineinblinzeln durch ein
Türritzchen, wie er sich dabei haben wird.
P ol i zei m eister (den Degen nehmend, zum Polizeidiener). Lauf rasch, nimm dir
Polizisten und jeder soll ... Verflucht, wie der Degen zerschrammt ist!
Dieser hundsföttische Krämer Awdúljin — sieht beim Polizeimeister den
alten Degen und schickt keinen neuen! Infames Pack! Wartet ihr Halunken,
ich will euch mit euren ellenlangen Bittschriften! Jeder soll sofort eine
Straße packen ... Himmeldonnerwetter Straße — einen Besen soll er packen
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und gleich die Straße beim Gasthof reinfegen ... hörst du! Und du nimm
dich in acht! Ich kenne dich, Bürschchen: du biederst dich da an und läßt
silberne Löffel in deine Stiefelschäfte verschwinden — sieh dich vor, ich
habe feine Ohren! ... Was hast du neulich beim Kaufmann Tschernájeff
ausgefressen? Er schenkt dir zwei Ellen Tuch zur Uniform, und du maust
ihm das ganze Stück — paß Obacht! Zu so was bist du noch zu gering!
Marsch!
5. Szene
Die Vorigen. Polizeiinspektor.
P ol i zei m eister. Um alles in der Welt, Stepán Iljitsch, wo treiben Sie
sich denn herum? Ist das eine Art?
P ol i zei i nspekt or. Ich war gerade nur einen Augenblick vor der Türe.
P ol i zei m eister. Na, nun hören Sie mal, Stepán Iljitsch! Der bewußte
Beamte aus Petersburg ist eingetroffen. Was haben Sie inzwischen
angeordnet?
P ol i zei i nspekt or. Genau was Sie befahlen; ich schickte den
Polizeidiener Pugowízyn mit Polizisten ab, um das Trottoir zu fegen.
P ol i zei m eister. Und wo ist Djerschimórda?
P ol i zei i nspekt or. Djerschimórda mußte nach der Feuerspritze.
P ol i zei m eister. Und Prochóroff ist besoffen!
P ol i zei i nspekt or. Zu Befehl, besoffen.
P ol i zei m eister. Wie konnten Sie das geschehen lassen?
P ol i zei i nspekt or. Das weiß Gott! Gestern gab’s vor der Stadt Prügelei
— er ritt hinaus, um Ruhe zu schaffen und kam besoffen zurück.
P ol i zei m eister. Hören Sie jetzt, was Sie zu tun haben: der
Wachtmeister, groß und stämmig, wie er ist, soll auf der Brücke Posto
fassen und auf Ordnung halten. Lassen Sie den alten Zaun neben dem
Schuhmacher abfegen und ein paar Strohwische draufstecken, damit’s so
aussieht, als ob dort planiert werden soll; je mehr Rudera, desto mehr glaubt
man an den Eifer der Stadtverwaltung. Mein Gott, ich vergaß ja, daß man
grade neben diesem Zaun an die vierzig Fuhren Dreck abgeladen hat! O
diese schweinische Stadt! Kaum stellt man irgendwo ein Denkmal oder
auch nur einen Zaun auf, gleich schleppen sie einem dort, der Teufel weiß
woher, sämtlichen Unrat zusammen! Ja — und wenn der Revisor unsere
dich in acht! Ich kenne dich, Bürschchen: du biederst dich da an und läßt
silberne Löffel in deine Stiefelschäfte verschwinden — sieh dich vor, ich
habe feine Ohren! ... Was hast du neulich beim Kaufmann Tschernájeff
ausgefressen? Er schenkt dir zwei Ellen Tuch zur Uniform, und du maust
ihm das ganze Stück — paß Obacht! Zu so was bist du noch zu gering!
Marsch!
5. Szene
Die Vorigen. Polizeiinspektor.
P ol i zei m eister. Um alles in der Welt, Stepán Iljitsch, wo treiben Sie
sich denn herum? Ist das eine Art?
P ol i zei i nspekt or. Ich war gerade nur einen Augenblick vor der Türe.
P ol i zei m eister. Na, nun hören Sie mal, Stepán Iljitsch! Der bewußte
Beamte aus Petersburg ist eingetroffen. Was haben Sie inzwischen
angeordnet?
P ol i zei i nspekt or. Genau was Sie befahlen; ich schickte den
Polizeidiener Pugowízyn mit Polizisten ab, um das Trottoir zu fegen.
P ol i zei m eister. Und wo ist Djerschimórda?
P ol i zei i nspekt or. Djerschimórda mußte nach der Feuerspritze.
P ol i zei m eister. Und Prochóroff ist besoffen!
P ol i zei i nspekt or. Zu Befehl, besoffen.
P ol i zei m eister. Wie konnten Sie das geschehen lassen?
P ol i zei i nspekt or. Das weiß Gott! Gestern gab’s vor der Stadt Prügelei
— er ritt hinaus, um Ruhe zu schaffen und kam besoffen zurück.
P ol i zei m eister. Hören Sie jetzt, was Sie zu tun haben: der
Wachtmeister, groß und stämmig, wie er ist, soll auf der Brücke Posto
fassen und auf Ordnung halten. Lassen Sie den alten Zaun neben dem
Schuhmacher abfegen und ein paar Strohwische draufstecken, damit’s so
aussieht, als ob dort planiert werden soll; je mehr Rudera, desto mehr glaubt
man an den Eifer der Stadtverwaltung. Mein Gott, ich vergaß ja, daß man
grade neben diesem Zaun an die vierzig Fuhren Dreck abgeladen hat! O
diese schweinische Stadt! Kaum stellt man irgendwo ein Denkmal oder
auch nur einen Zaun auf, gleich schleppen sie einem dort, der Teufel weiß
woher, sämtlichen Unrat zusammen! Ja — und wenn der Revisor unsere
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Leute fragen sollte, ob sie zufrieden sind mit ihrem Dienst, daß mir die
Kerle gehörig antworten: „Vollkommen zufrieden, Exzellenz!“ Wer sich
anders untersteht, dem will ich später schon seine Mißvergnügtheit
anstreichen. (Seufzt.) Ach, ach, ach! Ich armer geschlagener Sünder! (Ergreift
statt der Mütze die Hutschachtel.) Gebe nur Gott, daß alles gnädig vorübergehe,
dann will ich auch eine Wachskerze weihen, so groß, wie sie noch nie ein
Mensch geopfert hat: jede Bestie von Krämer soll mir dazu drei Zentner
Wachs herschaffen. O Gott, o Gott! Vorwärts, Dóbtschinski (will statt der Mütze
die Hutschachtel aufsetzen.)
P ol i zei i nspekt or. Antón Antónowitsch, das ist ja die Pappschachtel
und nicht die Mütze.
P ol i zei m eister (wirft die Schachtel an die Erde). Zum Teufel mit der
Pappschachtel! Und wenn gefragt wird: warum ist die Kirche am Hospital
nicht gebaut, für die schon vor fünf Jahren die Baugelder angewiesen
wurden, dann hat’s ordnungsgemäß zu heißen: sie war schon im Bau, ist
aber wieder abgebrannt. Ich habe seinerzeit darüber Rapport erstattet. Daß
mir keiner in seiner Dummheit herausplappert, daß sie überhaupt nicht
angefangen wurde. Auch muß Djerschimórda eingeschärft werden, daß er
mit seinen Fäusten nicht allzu derb dreinpfeffert; bei seinem Ruheschaffen
haut er jedem Schuldigen wie Unschuldigen das Feuer aus den Augen.
Fahren wir jetzt, Dóbtschinski. (Geht und kommt noch einmal zurück.) Daß man mir
auch keinen Soldaten halbnackt auf die Straße läßt; diese Lottergarnison
läuft immer nur in Hemd und Uniform herum, und weiter unterwärts ist
nichts da. (Alle ab.)
6. Szene
Anna Andréjewna und Márja Antónowna kommen hereingelaufen.
An na. Wo, wo sind sie? Ach mein Gott! ... (öffnet die Tür.) Mann! Anton!
Liebster Anton! (Hastig.) Immer du, immer deinetwegen! Diese ewige
Trödelei: „Noch eine Stecknadel, noch ein Lätzchen.“ (Läuft zum Fenster und
ruft.) Anton, wohin? Wie? Ist er angekommen? Der Revisor? Mit
Schnurrbart? Schönem Schnurrbart?
S ti m m e d es P o li zeim eister s. Nachher, nachher meine Liebe!
An na. Nachher? Was soll mir nachher! Ich will nicht nachher! ... Nur ein
Wörtchen: ist’s ein Oberst? Wie? (Fassungslos) Fort ist er! Das will ich dir
Kerle gehörig antworten: „Vollkommen zufrieden, Exzellenz!“ Wer sich
anders untersteht, dem will ich später schon seine Mißvergnügtheit
anstreichen. (Seufzt.) Ach, ach, ach! Ich armer geschlagener Sünder! (Ergreift
statt der Mütze die Hutschachtel.) Gebe nur Gott, daß alles gnädig vorübergehe,
dann will ich auch eine Wachskerze weihen, so groß, wie sie noch nie ein
Mensch geopfert hat: jede Bestie von Krämer soll mir dazu drei Zentner
Wachs herschaffen. O Gott, o Gott! Vorwärts, Dóbtschinski (will statt der Mütze
die Hutschachtel aufsetzen.)
P ol i zei i nspekt or. Antón Antónowitsch, das ist ja die Pappschachtel
und nicht die Mütze.
P ol i zei m eister (wirft die Schachtel an die Erde). Zum Teufel mit der
Pappschachtel! Und wenn gefragt wird: warum ist die Kirche am Hospital
nicht gebaut, für die schon vor fünf Jahren die Baugelder angewiesen
wurden, dann hat’s ordnungsgemäß zu heißen: sie war schon im Bau, ist
aber wieder abgebrannt. Ich habe seinerzeit darüber Rapport erstattet. Daß
mir keiner in seiner Dummheit herausplappert, daß sie überhaupt nicht
angefangen wurde. Auch muß Djerschimórda eingeschärft werden, daß er
mit seinen Fäusten nicht allzu derb dreinpfeffert; bei seinem Ruheschaffen
haut er jedem Schuldigen wie Unschuldigen das Feuer aus den Augen.
Fahren wir jetzt, Dóbtschinski. (Geht und kommt noch einmal zurück.) Daß man mir
auch keinen Soldaten halbnackt auf die Straße läßt; diese Lottergarnison
läuft immer nur in Hemd und Uniform herum, und weiter unterwärts ist
nichts da. (Alle ab.)
6. Szene
Anna Andréjewna und Márja Antónowna kommen hereingelaufen.
An na. Wo, wo sind sie? Ach mein Gott! ... (öffnet die Tür.) Mann! Anton!
Liebster Anton! (Hastig.) Immer du, immer deinetwegen! Diese ewige
Trödelei: „Noch eine Stecknadel, noch ein Lätzchen.“ (Läuft zum Fenster und
ruft.) Anton, wohin? Wie? Ist er angekommen? Der Revisor? Mit
Schnurrbart? Schönem Schnurrbart?
S ti m m e d es P o li zeim eister s. Nachher, nachher meine Liebe!
An na. Nachher? Was soll mir nachher! Ich will nicht nachher! ... Nur ein
Wörtchen: ist’s ein Oberst? Wie? (Fassungslos) Fort ist er! Das will ich dir
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gedenken. Ewig dies: „Ach Mamachen, nur noch ein Augenblickchen, nur
noch das Lätzchen feststecken, gleich bin ich fertig.“ Da hast du dein
gleich! Nichts und nichts erfahren! Alles wegen dieser verwünschten
Koketterie; bloß hören, daß der Herr Postmeister da ist, und husch vor den
Spiegel und sich erst gehörig zieren und sich hier herumdrehen und da
herumdrehen, ob man auch hübsch genug ist. Bildet sich ein, daß er ihr die
Cour schneidet! Grimassen schneidet er dir, sobald du dich nur umdrehst.
Már j a. Aber, was ist denn da nun zu machen, Mamachen? Es ist doch
egal, binnen zwei Stunden wissen wir ja alles.
An na. Zwei Stunden? Bedanke mich schönstens! Auf die Antwort durfte
ich ja gefaßt sein; sag doch gleich: in vier Wochen, da wissen wir’s ja noch
bestimmter! (Beugt sich zum Fenster hinaus.) He, Awdótja! Wie? — Awdótja, hast
du’s gehört, wer da angekommen ist? ... Nicht gehört? Dumme Gans! — Er
winkt mit der Hand? Laß ihn winken, hast du ihn wenigstens gefragt? Nicht
verstanden? Natürlich, immer verliebten Kram im Kopf! — Wie? Gerade
abgefahren! Hätt’st nachrennen sollen! Lauf, lauf rasch! Hörst du,
geschwind und frag, wohin sie gefahren sind, aber genau fragen, wer er ist,
wie er aussieht — hörst du? Guck durch die Türritze und schau gut nach,
auch was er für Augen hat, schwarze oder blaue, und in einer Minute bist du
wieder hier, verstanden?! Schnell, schnell, schnell! (Ruft so lange, bis der
niedergehende Vorhang die beiden am Fenster stehenden Frauen den Blicken entzieht.)
(Ende des ersten Aufzuges).
noch das Lätzchen feststecken, gleich bin ich fertig.“ Da hast du dein
gleich! Nichts und nichts erfahren! Alles wegen dieser verwünschten
Koketterie; bloß hören, daß der Herr Postmeister da ist, und husch vor den
Spiegel und sich erst gehörig zieren und sich hier herumdrehen und da
herumdrehen, ob man auch hübsch genug ist. Bildet sich ein, daß er ihr die
Cour schneidet! Grimassen schneidet er dir, sobald du dich nur umdrehst.
Már j a. Aber, was ist denn da nun zu machen, Mamachen? Es ist doch
egal, binnen zwei Stunden wissen wir ja alles.
An na. Zwei Stunden? Bedanke mich schönstens! Auf die Antwort durfte
ich ja gefaßt sein; sag doch gleich: in vier Wochen, da wissen wir’s ja noch
bestimmter! (Beugt sich zum Fenster hinaus.) He, Awdótja! Wie? — Awdótja, hast
du’s gehört, wer da angekommen ist? ... Nicht gehört? Dumme Gans! — Er
winkt mit der Hand? Laß ihn winken, hast du ihn wenigstens gefragt? Nicht
verstanden? Natürlich, immer verliebten Kram im Kopf! — Wie? Gerade
abgefahren! Hätt’st nachrennen sollen! Lauf, lauf rasch! Hörst du,
geschwind und frag, wohin sie gefahren sind, aber genau fragen, wer er ist,
wie er aussieht — hörst du? Guck durch die Türritze und schau gut nach,
auch was er für Augen hat, schwarze oder blaue, und in einer Minute bist du
wieder hier, verstanden?! Schnell, schnell, schnell! (Ruft so lange, bis der
niedergehende Vorhang die beiden am Fenster stehenden Frauen den Blicken entzieht.)
(Ende des ersten Aufzuges).
Page 29
Zweiter Aufzug
Kleines Zimmer im Gasthause, ein Bett, Tisch, Handkoffer, eine leere Flasche, Stiefel, Kleiderbürste
und dergleichen.
1. Szene
Ossip, liegt auf seines Herrn Bett.
Ossi p. Hol’s der Schinder, so’n gemeiner Hunger, und im Magen ein
Rumor, als ob da ’n ganzes Regiment ’rumtrompetet. Und kein
Fortkommen, nich mal nach Hause. Was soll nu geschehen! Zwei
geschlagene Monat weg von Petersburg! Verplempert auf der Reise sein
Geld, mein sauberes Herrchen, und jetzt sitzt er da, klemmt den Schwanz
ein und macht kusch. Und ’s hätt’ doch schön gereicht auf die Reise; aber
nee, siehste, da muß überall Staat gemacht werden. (Äfft ihn nach.) „He, Ossip,
lauf, nimm mir das beste Zimmer und bestell mir das feinste Essen, einen
gewöhnlichen Mansch kann ich nicht genießen, ich brauche das feinste
Essen.“ Ein einfacher tüchtiger Happen hätt’ auch gelangt, aber so’n
Leckermaul muß immer was extra’s haben. Sich mit Reisenden einlassen
und Karten spielen — na und dann gehörig reingelegt werden! Eh, die
Zucht hab’ ich satt! Da is es doch auf ’m Dorf noch immer besser: freilich,
so’n Stadtgetue gibt’s da nu mal nich, aber auch weniger Schererei: man
nimmt sich ’n Weib, liegt immerzu auf der Ofenbank, und läßt sich die
Klöße schmecken. Nu, ’s wird ja keiner abstreiten, und wenn man’s bei
Lichte besieht, hat man’s wohl in Petersburg doch am besten. Man bloß
Geld in der Tasche, dann aber auch ’n pikfeines politisches Leben; Tehater,
tanzende Hunde, alles, was das Herz begehrt. Reden tun sie so delikat, als
ob alles adlig wär’. Geht man auf den Markt, schrein die Kaufleute:
„Gnädigster Herr!“ Man steigt in ’ne Fähre, gleich sitzt neben einem ’n
Beamter. Braucht man Unterhaltung, dann nur in den ersten besten Laden
rein: da erzählt so’n feiner Gardekavalier Schnurren aus ’m Lagerleben und
erklärt einem alle Sterne am Himmel, daß man’s wie auf der flachen Hand
hat. Eine schrumplige Offiziersfrau fängt an zu spektakeln; ’n andermal
blinzt einem so’n Kammerzöfchen zu ... pst, pst! (Schüttelt lächelnd den Kopf.)
Kleines Zimmer im Gasthause, ein Bett, Tisch, Handkoffer, eine leere Flasche, Stiefel, Kleiderbürste
und dergleichen.
1. Szene
Ossip, liegt auf seines Herrn Bett.
Ossi p. Hol’s der Schinder, so’n gemeiner Hunger, und im Magen ein
Rumor, als ob da ’n ganzes Regiment ’rumtrompetet. Und kein
Fortkommen, nich mal nach Hause. Was soll nu geschehen! Zwei
geschlagene Monat weg von Petersburg! Verplempert auf der Reise sein
Geld, mein sauberes Herrchen, und jetzt sitzt er da, klemmt den Schwanz
ein und macht kusch. Und ’s hätt’ doch schön gereicht auf die Reise; aber
nee, siehste, da muß überall Staat gemacht werden. (Äfft ihn nach.) „He, Ossip,
lauf, nimm mir das beste Zimmer und bestell mir das feinste Essen, einen
gewöhnlichen Mansch kann ich nicht genießen, ich brauche das feinste
Essen.“ Ein einfacher tüchtiger Happen hätt’ auch gelangt, aber so’n
Leckermaul muß immer was extra’s haben. Sich mit Reisenden einlassen
und Karten spielen — na und dann gehörig reingelegt werden! Eh, die
Zucht hab’ ich satt! Da is es doch auf ’m Dorf noch immer besser: freilich,
so’n Stadtgetue gibt’s da nu mal nich, aber auch weniger Schererei: man
nimmt sich ’n Weib, liegt immerzu auf der Ofenbank, und läßt sich die
Klöße schmecken. Nu, ’s wird ja keiner abstreiten, und wenn man’s bei
Lichte besieht, hat man’s wohl in Petersburg doch am besten. Man bloß
Geld in der Tasche, dann aber auch ’n pikfeines politisches Leben; Tehater,
tanzende Hunde, alles, was das Herz begehrt. Reden tun sie so delikat, als
ob alles adlig wär’. Geht man auf den Markt, schrein die Kaufleute:
„Gnädigster Herr!“ Man steigt in ’ne Fähre, gleich sitzt neben einem ’n
Beamter. Braucht man Unterhaltung, dann nur in den ersten besten Laden
rein: da erzählt so’n feiner Gardekavalier Schnurren aus ’m Lagerleben und
erklärt einem alle Sterne am Himmel, daß man’s wie auf der flachen Hand
hat. Eine schrumplige Offiziersfrau fängt an zu spektakeln; ’n andermal
blinzt einem so’n Kammerzöfchen zu ... pst, pst! (Schüttelt lächelnd den Kopf.)
Page 30
Der Teufel hol die verliebte Wirtschaft! — Nie kriegt man Grobheiten zu
hören, alles sagt „Sie“ zu einem. Hat man’s Laufen satt, nimmt man sich
’ne Droschke, setzt sich rein wie ’n feiner Herr, und wenn man nicht zahlen
mag — keine Sorge; jedes Haus hat so’n Hinterpförtchen, da witscht man
durch und kein Teufel find’t einen. Bloß eins is schlecht: einmal ißt man
sich plumpsatt, ’s andere Mal könnt’ man vor Hunger zerspringen, wie zum
Beispiel jetzt. Aber daran is er allein schuld. Was soll man mit ihm machen?
Papachen schickt Geld und denkt, man wird sparen — i wohin! ...
Rumtreiben tut er sich, fährt immerzu Droschke, jeden Tag hol’ ihm ein
Tehaterbillett, aber nach acht Tagen, hast du nicht gesehn, da muß ich ihm
schon den neuen Frack zum Trödler tragen. Manchmal is er bis aufs letzte
Hemd ausgeplündert, daß ihm nur ’n schäbiges Röckchen und ’n alter
Mantel übrig bleibt, wahr und wahrhaftig! Und so’n feines Tuch,
londonisches! Ein einziger Frack kost’t ihm 150 Rubel, und für 20 schlägt
er ’n los; von den Hosen erst gar nich zu reden, die gibt er umsonst zu! Und
warum? Darum, weil er nichts tut: statt zu arbeiten, fährt er spazieren auf’m
Proschpekt und spielt Karten. Hä, wenn das der Alte wüßte? Der möcht’
sich nich drum kümmern, daß du’n Beamter bist, sondern möcht dir’s
Hemd hochnehmen und ’n paar überziehen, daß du dich vier Tage lang
jucken könntest. Hast du ’n Dienst, dann dien’ auch. Da kommt nu der Wirt
und sagt: erst gezahlt, und hernach kriegt ihr zu essen; nu, und wenn wir
nich zahlen? (Seufzend.) Grundgütiger Gott, und wenn’s auch bloß ’ne
Kohlsuppe wär’! Ich möcht’ wetten, die ganze Welt hat längst gegessen. —
’s rappelt, gewiß is er’s. (Rafft sich vom Bett auf.)
2. Szene
Ossip. Chlestakóff.
C hl est ak ó ff. Da, nimm das. (Reicht ihm Hut und Spazierstock.) Wieder auf
meinem Bett gewälzt?
Ossi p. Ich und auf’m Bett? Nich mal angesehn hab’ ich’s.
C hl est ak ó ff. Du lügst! Doch hast du’s getan! Sieh doch hin, wie’s
zerwühlt ist!
Ossi p. Was hab’ ich vom Bett? Weiß ich überhaupt, was ’n Bett is? Ich
hab’ ja Beine zum Stehen. Was geht mich Ihr Bett an?
hören, alles sagt „Sie“ zu einem. Hat man’s Laufen satt, nimmt man sich
’ne Droschke, setzt sich rein wie ’n feiner Herr, und wenn man nicht zahlen
mag — keine Sorge; jedes Haus hat so’n Hinterpförtchen, da witscht man
durch und kein Teufel find’t einen. Bloß eins is schlecht: einmal ißt man
sich plumpsatt, ’s andere Mal könnt’ man vor Hunger zerspringen, wie zum
Beispiel jetzt. Aber daran is er allein schuld. Was soll man mit ihm machen?
Papachen schickt Geld und denkt, man wird sparen — i wohin! ...
Rumtreiben tut er sich, fährt immerzu Droschke, jeden Tag hol’ ihm ein
Tehaterbillett, aber nach acht Tagen, hast du nicht gesehn, da muß ich ihm
schon den neuen Frack zum Trödler tragen. Manchmal is er bis aufs letzte
Hemd ausgeplündert, daß ihm nur ’n schäbiges Röckchen und ’n alter
Mantel übrig bleibt, wahr und wahrhaftig! Und so’n feines Tuch,
londonisches! Ein einziger Frack kost’t ihm 150 Rubel, und für 20 schlägt
er ’n los; von den Hosen erst gar nich zu reden, die gibt er umsonst zu! Und
warum? Darum, weil er nichts tut: statt zu arbeiten, fährt er spazieren auf’m
Proschpekt und spielt Karten. Hä, wenn das der Alte wüßte? Der möcht’
sich nich drum kümmern, daß du’n Beamter bist, sondern möcht dir’s
Hemd hochnehmen und ’n paar überziehen, daß du dich vier Tage lang
jucken könntest. Hast du ’n Dienst, dann dien’ auch. Da kommt nu der Wirt
und sagt: erst gezahlt, und hernach kriegt ihr zu essen; nu, und wenn wir
nich zahlen? (Seufzend.) Grundgütiger Gott, und wenn’s auch bloß ’ne
Kohlsuppe wär’! Ich möcht’ wetten, die ganze Welt hat längst gegessen. —
’s rappelt, gewiß is er’s. (Rafft sich vom Bett auf.)
2. Szene
Ossip. Chlestakóff.
C hl est ak ó ff. Da, nimm das. (Reicht ihm Hut und Spazierstock.) Wieder auf
meinem Bett gewälzt?
Ossi p. Ich und auf’m Bett? Nich mal angesehn hab’ ich’s.
C hl est ak ó ff. Du lügst! Doch hast du’s getan! Sieh doch hin, wie’s
zerwühlt ist!
Ossi p. Was hab’ ich vom Bett? Weiß ich überhaupt, was ’n Bett is? Ich
hab’ ja Beine zum Stehen. Was geht mich Ihr Bett an?
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C hl est ak ó ff (auf- und abgehend). Schau mal nach, ob noch Tabak im Beutel
ist.
Ossi p. Wo soll er denn herkommen, der Tabak? Sie haben ja schon
vorgestern den letzten aufgeraucht.
C hl est ak ó ff (auf- und abgehend und immerfort die Lippen aufeinander pressend, endlich
sehr laut und energisch). Hör mal, Ossip!
Ossi p. Was befehlen?
C hl est ak ó ff (laut, aber weniger energisch). Geh mal runter.
Ossi p. Wohin?
C hl est ak ó ff (viel leiser und zahmer, beinahe bittend). Hinunter ans Büfett ... Sag
dort ... man möchte mir zu essen schicken.
Ossi p. Ach nee, lieber nich.
C hl est ak ó ff. Was unterstehst du dich, Schafskopf?
Ossi p. Nu ja, ob ich nu geh’ oder nich, ’s wird ja doch nichts draus. Der
Wirt hat gesagt, er gibt kein Essen mehr.
C hl est ak ó ff. Nichts mehr geben will der Kerl? Die Unverschämtheit!
Ossi p. Obendrein hat er gesagt: Ich geh’ zur Polizei! Dein Herr bezahlt
seit zwei Wochen nich mehr. Und du und dein Herr, sagt er, seid
Spitzbuben, und dein Herr is ’n Gauner.
C hl est ak ó ff. Und du Rindvieh freust dich noch gar, mir das
wiederzuerzählen!
Ossi p. Weiter sagt er noch: „Da kommt solche Bande hergelaufen, nistet
sich ein, macht Schulden, und hinterher kann man sie nich mal
rausschmeißen. Ich“, sagt er, „ich werde aber nich spaßen, ich geh’ aufs
Gericht und bring Euch ins Loch!“
C hl est ak ó ff. Jetzt schweig, Dummkopf! Geh nur, geh, sag’s ihm.
Dieser grobe Klotz!
Ossi p. Am gescheit’sten, ich hol’ Ihnen gleich den Wirt selber herauf.
C hl est ak ó ff. Was brauche ich den Wirt? Sag du es ihm alleine.
Ossi p. Aber wirklich, Herr ...
C hl est ak ó ff. Na, in des Teufels Namen, so geh und rufe den Wirt!
Ossi p (ab).
3. Szene
Chlestakóff allein.
ist.
Ossi p. Wo soll er denn herkommen, der Tabak? Sie haben ja schon
vorgestern den letzten aufgeraucht.
C hl est ak ó ff (auf- und abgehend und immerfort die Lippen aufeinander pressend, endlich
sehr laut und energisch). Hör mal, Ossip!
Ossi p. Was befehlen?
C hl est ak ó ff (laut, aber weniger energisch). Geh mal runter.
Ossi p. Wohin?
C hl est ak ó ff (viel leiser und zahmer, beinahe bittend). Hinunter ans Büfett ... Sag
dort ... man möchte mir zu essen schicken.
Ossi p. Ach nee, lieber nich.
C hl est ak ó ff. Was unterstehst du dich, Schafskopf?
Ossi p. Nu ja, ob ich nu geh’ oder nich, ’s wird ja doch nichts draus. Der
Wirt hat gesagt, er gibt kein Essen mehr.
C hl est ak ó ff. Nichts mehr geben will der Kerl? Die Unverschämtheit!
Ossi p. Obendrein hat er gesagt: Ich geh’ zur Polizei! Dein Herr bezahlt
seit zwei Wochen nich mehr. Und du und dein Herr, sagt er, seid
Spitzbuben, und dein Herr is ’n Gauner.
C hl est ak ó ff. Und du Rindvieh freust dich noch gar, mir das
wiederzuerzählen!
Ossi p. Weiter sagt er noch: „Da kommt solche Bande hergelaufen, nistet
sich ein, macht Schulden, und hinterher kann man sie nich mal
rausschmeißen. Ich“, sagt er, „ich werde aber nich spaßen, ich geh’ aufs
Gericht und bring Euch ins Loch!“
C hl est ak ó ff. Jetzt schweig, Dummkopf! Geh nur, geh, sag’s ihm.
Dieser grobe Klotz!
Ossi p. Am gescheit’sten, ich hol’ Ihnen gleich den Wirt selber herauf.
C hl est ak ó ff. Was brauche ich den Wirt? Sag du es ihm alleine.
Ossi p. Aber wirklich, Herr ...
C hl est ak ó ff. Na, in des Teufels Namen, so geh und rufe den Wirt!
Ossi p (ab).
3. Szene
Chlestakóff allein.
Page 32
C hl est ak ó ff. Greulichen Hunger hab’ ich! Ein bißchen spazieren
gegangen; dachte, der Appetit wird vergehen — nein; im Gegenteil, hol’s
der Satan! Hätte ich nur in Pénsa nicht so gelumpt; dann könnte es noch zur
Heimreise langen. — Dieser Hauptmann hat mich gründlich ausgebeutelt:
wie die Bestie die Volte schlagen konnte! Kaum ein paar Viertelstündchen
gespielt — und ratzekahl geschoren. Trotz alledem hätte ich riesige Lust,
noch einmal mit ihm loszugehen. Leider kann ich auf den Zufall kaum
rechnen. — Was für ein ekelhaftes Nest das! In den Obstläden geben sie
nichts auf Pump; es ist geradezu gemein! (Pfeift eine Melodie aus Robert dem Teufel,
dann den roten Sarafan, endlich alles mögliche durcheinander.) Es scheint niemand
kommen zu wollen.
4. Szene
Chlestakóff, Ossip und der Kellner.
Kel ln er. Der Wirt läßt fragen, was Sie wünschen?
C hl est ak ó ff. Schönen guten Tag! Na, wie geht’s, Freundchen?
Kel ln er. Danke, ausgezeichnet.
C hl est ak ó ff. Und wie steht’s in der Wirtschaft? Guter Zuspruch?
Kel ln er. Danke, alles nach Wunsch.
C hl est ak ó ff. Viel Reisende?
Kel ln er. Danke, ausreichend.
C hl est ak ó ff. Hör mal, mein Lieber, man hat mir bis jetzt das Essen
nicht gebracht; sieh doch geschwind zu, daß sie sich beeilen — ich habe
gleich nach Mittag ein dringendes Geschäft.
Kel ln er. Aber der Wirt hat gesagt, er borgt nicht länger; heute wollte er
sogar schon zum Polizeimeister, um sich zu beschweren.
C hl est ak ó ff. Weshalb beschweren? Aber Freundchen, das siehst du
doch selber ein, essen muß ich doch; ich würde ja sonst verhungern. Ich
habe wirklich starken Appetit — ganz im Ernst.
Kel ln er. Zu dienen. Er sagte aber: „Zu essen kriegt er nichts, bis er nicht
seine vorige Zeche bezahlt hat.“ Wort für Wort.
C hl est ak ó ff. Rede ihm doch zu, dir wird er’s nicht abschlagen.
Kel ln er. Wie soll ich ihm denn zureden?
C hl est ak ó ff. Setze es ihm nur ganz ernsthaft auseinander, daß ich eben
essen m u ß. Von Geld ein andermal ... So ein Bauer bildet sich ein, wenn
gegangen; dachte, der Appetit wird vergehen — nein; im Gegenteil, hol’s
der Satan! Hätte ich nur in Pénsa nicht so gelumpt; dann könnte es noch zur
Heimreise langen. — Dieser Hauptmann hat mich gründlich ausgebeutelt:
wie die Bestie die Volte schlagen konnte! Kaum ein paar Viertelstündchen
gespielt — und ratzekahl geschoren. Trotz alledem hätte ich riesige Lust,
noch einmal mit ihm loszugehen. Leider kann ich auf den Zufall kaum
rechnen. — Was für ein ekelhaftes Nest das! In den Obstläden geben sie
nichts auf Pump; es ist geradezu gemein! (Pfeift eine Melodie aus Robert dem Teufel,
dann den roten Sarafan, endlich alles mögliche durcheinander.) Es scheint niemand
kommen zu wollen.
4. Szene
Chlestakóff, Ossip und der Kellner.
Kel ln er. Der Wirt läßt fragen, was Sie wünschen?
C hl est ak ó ff. Schönen guten Tag! Na, wie geht’s, Freundchen?
Kel ln er. Danke, ausgezeichnet.
C hl est ak ó ff. Und wie steht’s in der Wirtschaft? Guter Zuspruch?
Kel ln er. Danke, alles nach Wunsch.
C hl est ak ó ff. Viel Reisende?
Kel ln er. Danke, ausreichend.
C hl est ak ó ff. Hör mal, mein Lieber, man hat mir bis jetzt das Essen
nicht gebracht; sieh doch geschwind zu, daß sie sich beeilen — ich habe
gleich nach Mittag ein dringendes Geschäft.
Kel ln er. Aber der Wirt hat gesagt, er borgt nicht länger; heute wollte er
sogar schon zum Polizeimeister, um sich zu beschweren.
C hl est ak ó ff. Weshalb beschweren? Aber Freundchen, das siehst du
doch selber ein, essen muß ich doch; ich würde ja sonst verhungern. Ich
habe wirklich starken Appetit — ganz im Ernst.
Kel ln er. Zu dienen. Er sagte aber: „Zu essen kriegt er nichts, bis er nicht
seine vorige Zeche bezahlt hat.“ Wort für Wort.
C hl est ak ó ff. Rede ihm doch zu, dir wird er’s nicht abschlagen.
Kel ln er. Wie soll ich ihm denn zureden?
C hl est ak ó ff. Setze es ihm nur ganz ernsthaft auseinander, daß ich eben
essen m u ß. Von Geld ein andermal ... So ein Bauer bildet sich ein, wenn
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ihm ein Tag fasten nichts schadet, könnten’s auch andere Leute vertragen!
Unerhört!
(Kellner und Ossip ab.)
5. Szene
Chlestakóff allein.
C hl est ak ó ff. Es wäre doch niederträchtig, wenn er mir nichts zu essen
schickte. Einen Hunger hab’ ich, wie noch nie. — Ob man wohl die
Garderobe versetzt? Vielleicht die Beinkleider? Nein, eher noch hungern,
aber wenigstens im Petersburger Kostüm nach Haus kommen. Schade, daß
mir der Jochim nicht die Karosse herleihen wollte; alle Wetter, das wäre
doch ein Spaß gewesen, in so einer Staatskutsche heimzureisen und dann
der lieben Nachbarschaft mit dem Ungetüm vor die Fenster zu rasseln, vorn
Laternen, hinten Ossip in Livree. Ich kann mir’s ordentlich vorstellen, wie
sie da alle aufgesprungen wären! „Was ist los? Wer kommt da?“ Und mein
Lakai tritt herein: (Richtet sich stramm auf und ahmt den Lakeien nach.) „Iwán
Alexándrowitsch Chlestakóff aus Petersburg, geruht die Herrschaft zu
empfangen?“ Diese Tölpel, sie ahnen nicht mal, was da drin liegt:
„empfangen!“ Kommt ihnen freilich so ein Hanswurst von Gutsbesitzer, der
tappt natürlich wie ein ungeschlachter Bär direkt ins Zimmer. — Man
nähert sich einer hübschen jungen Dame: „Ah, Gnädigste, wie bin ich ...“
(Reibt sich die Hände und scharrt mit den Füßen.) Tfu! (Spuckt aus.) Rein übel wird einem
vor lauter Hunger!
6. Szene
Chlestakóff, Ossip, nachher der Kellner.
C hl est ak ó ff. Nun?
Ossi p. Das Essen kommt.
C hl est ak ó ff (klatscht in die Hände und ist mit einem Satz auf dem Stuhl). Das Essen!
Das Essen!
Kel ln er (mit Tellern und Serviette). Der Wirt will es noch ein letztes Mal
geben.
Unerhört!
(Kellner und Ossip ab.)
5. Szene
Chlestakóff allein.
C hl est ak ó ff. Es wäre doch niederträchtig, wenn er mir nichts zu essen
schickte. Einen Hunger hab’ ich, wie noch nie. — Ob man wohl die
Garderobe versetzt? Vielleicht die Beinkleider? Nein, eher noch hungern,
aber wenigstens im Petersburger Kostüm nach Haus kommen. Schade, daß
mir der Jochim nicht die Karosse herleihen wollte; alle Wetter, das wäre
doch ein Spaß gewesen, in so einer Staatskutsche heimzureisen und dann
der lieben Nachbarschaft mit dem Ungetüm vor die Fenster zu rasseln, vorn
Laternen, hinten Ossip in Livree. Ich kann mir’s ordentlich vorstellen, wie
sie da alle aufgesprungen wären! „Was ist los? Wer kommt da?“ Und mein
Lakai tritt herein: (Richtet sich stramm auf und ahmt den Lakeien nach.) „Iwán
Alexándrowitsch Chlestakóff aus Petersburg, geruht die Herrschaft zu
empfangen?“ Diese Tölpel, sie ahnen nicht mal, was da drin liegt:
„empfangen!“ Kommt ihnen freilich so ein Hanswurst von Gutsbesitzer, der
tappt natürlich wie ein ungeschlachter Bär direkt ins Zimmer. — Man
nähert sich einer hübschen jungen Dame: „Ah, Gnädigste, wie bin ich ...“
(Reibt sich die Hände und scharrt mit den Füßen.) Tfu! (Spuckt aus.) Rein übel wird einem
vor lauter Hunger!
6. Szene
Chlestakóff, Ossip, nachher der Kellner.
C hl est ak ó ff. Nun?
Ossi p. Das Essen kommt.
C hl est ak ó ff (klatscht in die Hände und ist mit einem Satz auf dem Stuhl). Das Essen!
Das Essen!
Kel ln er (mit Tellern und Serviette). Der Wirt will es noch ein letztes Mal
geben.
Page 34
C hl est ak ó ff. Wirt hin, Wirt her, ich pfeife auf deinen Wirt! Was bringst
du da?
Kel ln er. Suppe und Braten.
C hl est ak ó ff. Was, bloß zwei Gerichte?
Kel ln er. Bloß zwei.
C hl est ak ó ff. Schufterei! Ich nehme das nicht an. Sag ihm gefälligst,
daß das eine Gemeinheit ist! ... Die paar Brocken!
Kel ln er. Im Gegenteil, der Wirt sagt, das wäre überreichlich.
C hl est ak ó ff. Und warum keine Sauce?
Kel ln er. Sauce gibt’s nicht.
C hl est ak ó ff. Wieso gibt’s nicht? Ich habe doch selber gesehen, wie ich
bei der Küche vorbeiging, daß eine Masse davon bereitet wurde. Und im
Gastzimmer heute morgen aßen zwei alberne Knirpse Lachs und andere
schöne Sachen.
Kel ln er. O ja, da ist es schon, aber es gibt es nicht.
C hl est ak ó ff. Wieso nicht?
Kel ln er. Gibt’s eben nicht.
C hl est ak ó ff. Und Lachs und Fisch und Kotelettes?
Kel ln er. Ja, das gibt’s eben für die besseren Leute.
C hl est ak ó ff. Ach, du Tropf!
Kel ln er. Zu dienen.
C hl est ak ó ff. Ferkel, garstiges ... Warum essen die, und ich nicht? Soll
ich das nicht können, zum Kuckuck? Sind das nicht ebenso gut Reisende
wie ich?
Kel ln er. Oh, das weiß man schon, daß die anders sind.
C hl est ak ó ff. Wieso anders?
Kel ln er. O ganz einfach: die bezahlen eben auch.
C hl est ak ó ff. Mit dir Schafskopf mag ich nichts weiter zu schaffen
haben. (Gießt sich Suppe ein und ißt.) Was ist denn das für Suppe? Reines Wasser
hast du in die Terrine gegossen! Schmeckt nach gar nichts, riecht bloß. Ich
mag diese Suppe nicht, bring mir eine andere.
Kel ln er. Dann nehmen wir sie zurück. Der Wirt sagte, wenn Sie sie
nicht wünschten, brauchten sie auch keine.
C hl est ak ó ff (hält abwehrend die Hand darüber). Nu, nu, nu ... weg, Dummkopf!
Solche Manieren kannst du bei deinen Leuten anbringen: ich bin von
anderem Schlage! Mit mir rate ich’s dir nicht ... (Ißt.) Gott, o Gott, was für
eine Suppe! (Ißt weiter.) Ich glaube, kein Mensch auf der ganzen Welt hat
du da?
Kel ln er. Suppe und Braten.
C hl est ak ó ff. Was, bloß zwei Gerichte?
Kel ln er. Bloß zwei.
C hl est ak ó ff. Schufterei! Ich nehme das nicht an. Sag ihm gefälligst,
daß das eine Gemeinheit ist! ... Die paar Brocken!
Kel ln er. Im Gegenteil, der Wirt sagt, das wäre überreichlich.
C hl est ak ó ff. Und warum keine Sauce?
Kel ln er. Sauce gibt’s nicht.
C hl est ak ó ff. Wieso gibt’s nicht? Ich habe doch selber gesehen, wie ich
bei der Küche vorbeiging, daß eine Masse davon bereitet wurde. Und im
Gastzimmer heute morgen aßen zwei alberne Knirpse Lachs und andere
schöne Sachen.
Kel ln er. O ja, da ist es schon, aber es gibt es nicht.
C hl est ak ó ff. Wieso nicht?
Kel ln er. Gibt’s eben nicht.
C hl est ak ó ff. Und Lachs und Fisch und Kotelettes?
Kel ln er. Ja, das gibt’s eben für die besseren Leute.
C hl est ak ó ff. Ach, du Tropf!
Kel ln er. Zu dienen.
C hl est ak ó ff. Ferkel, garstiges ... Warum essen die, und ich nicht? Soll
ich das nicht können, zum Kuckuck? Sind das nicht ebenso gut Reisende
wie ich?
Kel ln er. Oh, das weiß man schon, daß die anders sind.
C hl est ak ó ff. Wieso anders?
Kel ln er. O ganz einfach: die bezahlen eben auch.
C hl est ak ó ff. Mit dir Schafskopf mag ich nichts weiter zu schaffen
haben. (Gießt sich Suppe ein und ißt.) Was ist denn das für Suppe? Reines Wasser
hast du in die Terrine gegossen! Schmeckt nach gar nichts, riecht bloß. Ich
mag diese Suppe nicht, bring mir eine andere.
Kel ln er. Dann nehmen wir sie zurück. Der Wirt sagte, wenn Sie sie
nicht wünschten, brauchten sie auch keine.
C hl est ak ó ff (hält abwehrend die Hand darüber). Nu, nu, nu ... weg, Dummkopf!
Solche Manieren kannst du bei deinen Leuten anbringen: ich bin von
anderem Schlage! Mit mir rate ich’s dir nicht ... (Ißt.) Gott, o Gott, was für
eine Suppe! (Ißt weiter.) Ich glaube, kein Mensch auf der ganzen Welt hat
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jemals solche Suppe gegessen; statt Fettaugen schwimmen Federn darauf
rum. (Schneidet ein Huhn an.) Gräßlich, so was nennt sich Huhn! Gib den Braten!
Hier ist etwas Suppe übrig geblieben, nimm dir’s, Ossip. (Zerschneidet den
Braten.) Das soll Braten sein? Das ist kein Braten.
Kel ln er. Was denn sonst?
C hl est ak ó ff. Der Teufel mag wissen was, aber Braten ist’s nicht. Eine
geschmorte Axt vielleicht, aber kein Rindfleisch. (Ißt.) Gauner, Kanaillen,
damit wollen Sie einen füttern? Die Kinnladen zerschindet man sich, wenn
man nur einen Bissen kaut. (Stochert mit den Fingern in den Zähnen.) Schufte! Die
reine Baumrinde — man kriegt’s gar nicht wieder heraus; nur die Zähne
werden einem schwarz davon; Halunken! (Wischt sich mit der Serviette den Mund.)
Und weiter gibt’s nichts?
Kel ln er. Nein.
C hl est ak ó ff. Kanaillen! Spitzbuben! Nicht mal einen Löffel Sauce oder
Pasteten. Gauner! Ziehen den Reisenden nur das Fell über die Ohren.
Kel ln er (räumt zusammen und trägt mit Ossip die Teller hinaus).
7. Szene
Chlestakóff. Dann Ossip.
C hl est ak ó ff. Absolut, als wenn ich nichts gegessen hätte; der Appetit
ist nur noch stärker. Hätt’ ich wenigstens einen lumpigen Dreier, um mir
vom Markt eine Semmel holen lassen zu können.
Ossi p (tritt herein). Draußen ist da so was wie ’n Polizeimeister
angekommen, der sich nach Ihnen erkundigt.
C hl est ak ó ff (erschrocken). Da haben wir die Bescherung! Hat mich diese
Bestie von Wirt doch schon verpetzt! Was nun, wenn er mich wirklich ins
Loch steckt! In ein standesgemäßes Gewahrsam vielleicht ... Nein, nein, ich
will nicht! Auf der Straße treiben sich viele Offiziere und Volks umher, und
gerade vorhin erst habe ich ihnen den feinen Ton vorgemacht und mit einem
Kaufmannstöchterchen angebandelt ... nein, ich will nicht ... Aber wie
kommt er überhaupt dazu, was untersteht er sich denn eigentlich? Wofür
hält er mich? Wohl gar für einen Krämer oder Handwerker? (Mut fassend und
sich aufrichtend). Ich sag’s ihm aber direkt ins Gesicht: „Wie können Sie sich
...“ (Die Türklinke bewegt sich, Chlestakóff erbleicht und knickt zusammen).
rum. (Schneidet ein Huhn an.) Gräßlich, so was nennt sich Huhn! Gib den Braten!
Hier ist etwas Suppe übrig geblieben, nimm dir’s, Ossip. (Zerschneidet den
Braten.) Das soll Braten sein? Das ist kein Braten.
Kel ln er. Was denn sonst?
C hl est ak ó ff. Der Teufel mag wissen was, aber Braten ist’s nicht. Eine
geschmorte Axt vielleicht, aber kein Rindfleisch. (Ißt.) Gauner, Kanaillen,
damit wollen Sie einen füttern? Die Kinnladen zerschindet man sich, wenn
man nur einen Bissen kaut. (Stochert mit den Fingern in den Zähnen.) Schufte! Die
reine Baumrinde — man kriegt’s gar nicht wieder heraus; nur die Zähne
werden einem schwarz davon; Halunken! (Wischt sich mit der Serviette den Mund.)
Und weiter gibt’s nichts?
Kel ln er. Nein.
C hl est ak ó ff. Kanaillen! Spitzbuben! Nicht mal einen Löffel Sauce oder
Pasteten. Gauner! Ziehen den Reisenden nur das Fell über die Ohren.
Kel ln er (räumt zusammen und trägt mit Ossip die Teller hinaus).
7. Szene
Chlestakóff. Dann Ossip.
C hl est ak ó ff. Absolut, als wenn ich nichts gegessen hätte; der Appetit
ist nur noch stärker. Hätt’ ich wenigstens einen lumpigen Dreier, um mir
vom Markt eine Semmel holen lassen zu können.
Ossi p (tritt herein). Draußen ist da so was wie ’n Polizeimeister
angekommen, der sich nach Ihnen erkundigt.
C hl est ak ó ff (erschrocken). Da haben wir die Bescherung! Hat mich diese
Bestie von Wirt doch schon verpetzt! Was nun, wenn er mich wirklich ins
Loch steckt! In ein standesgemäßes Gewahrsam vielleicht ... Nein, nein, ich
will nicht! Auf der Straße treiben sich viele Offiziere und Volks umher, und
gerade vorhin erst habe ich ihnen den feinen Ton vorgemacht und mit einem
Kaufmannstöchterchen angebandelt ... nein, ich will nicht ... Aber wie
kommt er überhaupt dazu, was untersteht er sich denn eigentlich? Wofür
hält er mich? Wohl gar für einen Krämer oder Handwerker? (Mut fassend und
sich aufrichtend). Ich sag’s ihm aber direkt ins Gesicht: „Wie können Sie sich
...“ (Die Türklinke bewegt sich, Chlestakóff erbleicht und knickt zusammen).
Page 36
8. Szene
Chlestakóff. Polizeimeister und Dóbtschinski.
(Polizeimeister tritt herein und bleibt stehen; beide betrachten einander mehrere Minuten mit weit
aufgerissenen Augen).
P ol i zei m eister (rafft sich etwas zusammen und grüßt militärisch). Gehorsamster
Diener!
C hl est ak ó ff (sich verbeugend). Ganz ergebenster!
P ol i zei m eister. Verzeihen Sie!
C hl est ak ó ff. Keine Ursache ...
P ol i zei m eister. Es ist meine Schuldigkeit als oberster Beamter dieser
Stadt dafür Sorge zu tragen, daß die Herren Reisenden und Standespersonen
keine Plackereien ...
C hl est ak ó ff (anfangs stotternd, allmählich in sicherem Tone). Was soll man aber
machen ...? Ich habe keine Schuld ... ich zahle bestimmt ... ich erwarte Geld
von zu Hause. (Bóbtschinski schielt durch die Tür.) Er treibt’s ja noch schlimmer:
schickt mir Rindfleisch, so zäh, wie’n Knüppel; und die Suppe — der
Teufel weiß, was er da rein gemanscht hatte, ich mußte sie zum Fenster
hinausgießen. Er hungert mich förmlich aus ... Und ein unglaublicher Tee,
riecht nach Hering, aber nicht nach Tee. Und da sollte ich ... das fehlte
gerade noch!
P ol i zei m eister (furchtsam). Verzeihen Sie, ich habe wahrhaftig keine
Schuld. Wir haben sonst immer gutes Rindfleisch auf dem Markte —
Kaufleute aus Cholmogór bringen es, nüchterne und brave Leute. Ich
begreife nicht, wo er dergleichen her hat. Aber wenn man es hier woran
fehlen lassen sollte ... Gestatten Sie mir, Ihnen den Vorschlag zu machen, in
meiner Begleitung ein anderes Quartier zu beziehen.
C hl est ak ó ff. Nein, das will ich nicht! Ich weiß wohl, was Sie mit dem
andern Quartier meinen: das Gefängnis. Wie können Sie es wagen? ... Ich,
ich ... ein Petersburger Beamter ... (stolz) Ich ... ich ... ich ...
P ol i zei m eister (beiseite). Barmherziger Gott, wie er aufgebracht ist; er
hat alles erfahren, die verfluchten Kaufleute haben ihm alles hinterbracht!
C hl est ak ó ff (noch kühner). Und wenn Sie mit Ihrer ganzen Truppe
anrücken, ich gehe nicht! Ich wende mich direkt an den Minister! (Schlägt mit
der Faust auf den Tisch.) Wer sind Sie denn? Wer sind Sie denn?
P ol i zei m eister (sich windend und am ganzen Leib zitternd). Erbarmen Sie sich.
Verderben Sie mich nicht! Mein Weib, meine unmündigen Kinder ...
Chlestakóff. Polizeimeister und Dóbtschinski.
(Polizeimeister tritt herein und bleibt stehen; beide betrachten einander mehrere Minuten mit weit
aufgerissenen Augen).
P ol i zei m eister (rafft sich etwas zusammen und grüßt militärisch). Gehorsamster
Diener!
C hl est ak ó ff (sich verbeugend). Ganz ergebenster!
P ol i zei m eister. Verzeihen Sie!
C hl est ak ó ff. Keine Ursache ...
P ol i zei m eister. Es ist meine Schuldigkeit als oberster Beamter dieser
Stadt dafür Sorge zu tragen, daß die Herren Reisenden und Standespersonen
keine Plackereien ...
C hl est ak ó ff (anfangs stotternd, allmählich in sicherem Tone). Was soll man aber
machen ...? Ich habe keine Schuld ... ich zahle bestimmt ... ich erwarte Geld
von zu Hause. (Bóbtschinski schielt durch die Tür.) Er treibt’s ja noch schlimmer:
schickt mir Rindfleisch, so zäh, wie’n Knüppel; und die Suppe — der
Teufel weiß, was er da rein gemanscht hatte, ich mußte sie zum Fenster
hinausgießen. Er hungert mich förmlich aus ... Und ein unglaublicher Tee,
riecht nach Hering, aber nicht nach Tee. Und da sollte ich ... das fehlte
gerade noch!
P ol i zei m eister (furchtsam). Verzeihen Sie, ich habe wahrhaftig keine
Schuld. Wir haben sonst immer gutes Rindfleisch auf dem Markte —
Kaufleute aus Cholmogór bringen es, nüchterne und brave Leute. Ich
begreife nicht, wo er dergleichen her hat. Aber wenn man es hier woran
fehlen lassen sollte ... Gestatten Sie mir, Ihnen den Vorschlag zu machen, in
meiner Begleitung ein anderes Quartier zu beziehen.
C hl est ak ó ff. Nein, das will ich nicht! Ich weiß wohl, was Sie mit dem
andern Quartier meinen: das Gefängnis. Wie können Sie es wagen? ... Ich,
ich ... ein Petersburger Beamter ... (stolz) Ich ... ich ... ich ...
P ol i zei m eister (beiseite). Barmherziger Gott, wie er aufgebracht ist; er
hat alles erfahren, die verfluchten Kaufleute haben ihm alles hinterbracht!
C hl est ak ó ff (noch kühner). Und wenn Sie mit Ihrer ganzen Truppe
anrücken, ich gehe nicht! Ich wende mich direkt an den Minister! (Schlägt mit
der Faust auf den Tisch.) Wer sind Sie denn? Wer sind Sie denn?
P ol i zei m eister (sich windend und am ganzen Leib zitternd). Erbarmen Sie sich.
Verderben Sie mich nicht! Mein Weib, meine unmündigen Kinder ...
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machen Sie mich nicht unglücklich!
C hl est ak ó ff. Nein, ich tu’s dennoch nicht! Das wäre ja noch schöner!
Was geht das mich an? Weil Sie Weib und unmündige Kinder haben, soll
ich ins Gefängnis? Vorzüglich! (Bóbtschinski steckt den Kopf durch die Tür und zieht ihn
erschrocken zurück.) Nein, danke verbindlichst, ich will nicht!
P ol i zei m eister (zitternd). Nur Unerfahrenheit, nichts wie
Unerfahrenheit! Unzureichende Pflichterfüllung. Urteilen Sie selbst, das
Diensteinkommen langt kaum für Tee und Zucker. Gelegentliche kleine
Douceurs sind doch nur eine Bagatelle: Kleinigkeiten für den Hausstand,
oder ein paar Anzüge. Was die Unteroffizierswitwe betrifft, die sich mit
Hausierhandel befaßte, und die ich soll haben durchpeitschen lassen, so ist
das nichts wie Verleumdung, bei Gott, Verleumdung; das haben meine
Feinde ersonnen, niederträchtiges Volk, das mir nach dem Leben trachten
möchte.
C hl est ak ó ff. Ja aber, ich habe doch nichts mit denen zu schaffen ...
(Überlegend.) Ich verstehe überhaupt nicht, was Sie da von Bösewichtern und
einer Unteroffizierswitwe reden ... Das mit dieser Unteroffizierswitwe ist
eine Sache für sich — mich aber werden Sie nicht auspeitschen dürfen, so
hoch stehen Sie nicht ... Seh doch einer den Herrn! ... Zahlen werde ich,
aber augenblicklich habe ich kein Geld. Darum sitze ich ja hier fest, weil
ich keinen Kopeken habe.
P ol i zei m eister (beiseite). Wie schlau eingefädelt! Welch feines
Versteckspiel! Wie er sich verstellt! Errate das, wer kann! Ich sehe nicht
mehr, wie ihm beizukommen ist. Immerhin versuchen, geht’s nicht, dann
komme was will, probiert aber muß es werden. (Laut.) Sollten Sie aber Geld
oder sonst etwas nötig haben, dann stehe ich augenblicklich zu Diensten. Es
ist meine Pflicht, den Herren Reisenden beizuspringen.
C hl est ak ó ff. Ach ja, leihen Sie mir welches. Ich befriedige dann sofort
den Wirt. Zweihundert Rubel genügen mir, auch weniger.
P ol i zei m eister (die Brieftasche ziehend). Genau zweihundert Rubel, bitte
bemühen Sie sich nicht erst nachzuzählen.
C hl est ak ó ff (nimmt das Geld). Danke verbindlichst! Ich schicke es Ihnen
postwendend von Hause zurück ... mir war ganz zufällig ... Ich sehe, Sie
sind ein anständiger Mensch. Jetzt sieht die Sache wesentlich anders aus.
P ol i zei m eister (beiseite). Gott sei Dank, er nimmt! Nun wird’s wohl
glatter gehen. Statt 200 habe ich ihm 400 angedreht!
C hl est ak ó ff. Nein, ich tu’s dennoch nicht! Das wäre ja noch schöner!
Was geht das mich an? Weil Sie Weib und unmündige Kinder haben, soll
ich ins Gefängnis? Vorzüglich! (Bóbtschinski steckt den Kopf durch die Tür und zieht ihn
erschrocken zurück.) Nein, danke verbindlichst, ich will nicht!
P ol i zei m eister (zitternd). Nur Unerfahrenheit, nichts wie
Unerfahrenheit! Unzureichende Pflichterfüllung. Urteilen Sie selbst, das
Diensteinkommen langt kaum für Tee und Zucker. Gelegentliche kleine
Douceurs sind doch nur eine Bagatelle: Kleinigkeiten für den Hausstand,
oder ein paar Anzüge. Was die Unteroffizierswitwe betrifft, die sich mit
Hausierhandel befaßte, und die ich soll haben durchpeitschen lassen, so ist
das nichts wie Verleumdung, bei Gott, Verleumdung; das haben meine
Feinde ersonnen, niederträchtiges Volk, das mir nach dem Leben trachten
möchte.
C hl est ak ó ff. Ja aber, ich habe doch nichts mit denen zu schaffen ...
(Überlegend.) Ich verstehe überhaupt nicht, was Sie da von Bösewichtern und
einer Unteroffizierswitwe reden ... Das mit dieser Unteroffizierswitwe ist
eine Sache für sich — mich aber werden Sie nicht auspeitschen dürfen, so
hoch stehen Sie nicht ... Seh doch einer den Herrn! ... Zahlen werde ich,
aber augenblicklich habe ich kein Geld. Darum sitze ich ja hier fest, weil
ich keinen Kopeken habe.
P ol i zei m eister (beiseite). Wie schlau eingefädelt! Welch feines
Versteckspiel! Wie er sich verstellt! Errate das, wer kann! Ich sehe nicht
mehr, wie ihm beizukommen ist. Immerhin versuchen, geht’s nicht, dann
komme was will, probiert aber muß es werden. (Laut.) Sollten Sie aber Geld
oder sonst etwas nötig haben, dann stehe ich augenblicklich zu Diensten. Es
ist meine Pflicht, den Herren Reisenden beizuspringen.
C hl est ak ó ff. Ach ja, leihen Sie mir welches. Ich befriedige dann sofort
den Wirt. Zweihundert Rubel genügen mir, auch weniger.
P ol i zei m eister (die Brieftasche ziehend). Genau zweihundert Rubel, bitte
bemühen Sie sich nicht erst nachzuzählen.
C hl est ak ó ff (nimmt das Geld). Danke verbindlichst! Ich schicke es Ihnen
postwendend von Hause zurück ... mir war ganz zufällig ... Ich sehe, Sie
sind ein anständiger Mensch. Jetzt sieht die Sache wesentlich anders aus.
P ol i zei m eister (beiseite). Gott sei Dank, er nimmt! Nun wird’s wohl
glatter gehen. Statt 200 habe ich ihm 400 angedreht!
Page 38
C hl est ak ó ff. He, Ossip! (Ossip tritt ein.) Ruf den Kellner her! (Zum
Polizeimeister und Dóbtschinski.) Aber warum stehen Sie denn, bitte, setzen Sie
sich! (Zu Dóbtschinski.) Aber so nehmen Sie doch Platz, ich bitte recht sehr!
P ol i zei m eister. Keine Ursache, wir können ebenso gut stehen.
C hl est ak ó ff. So machen Sie mir doch das Vergnügen und setzen Sie
sich! Jetzt erkenne ich erst vollkommen die Lauterkeit und Güte Ihres
Charakters; aber wahrhaftig, ich hatte anfänglich gemeint, Sie kämen um
mich ... (Zu Dóbtschinski.) So setzen Sie sich doch! (Polizeimeister und Dóbtschinski
setzen sich; Bóbtschinski schielt durch die Tür und horcht.)
P ol i zei m eister (beiseite). Man muß dreister vorgehen. Er wünscht, daß
man sein Inkognito respektiert. Schön, spielen wir die Komödie mit, tun
wir, als ob wir nicht wüßten, wen wir vor uns haben. (Laut.) In Ausübung
meiner Pflichten hatte ich hier mit Herrn Pjotr Iwánowitsch Dóbtschinski,
Hausbesitzer hiesiger Stadt, den Gasthof betreten, um mich zu überzeugen,
ob die Herren Reisenden gut verpflegt werden; denn ich bin total anders als
sonstige Amtskollegen, die sich um dergleichen gar nicht kümmern; ich
dagegen wünsche, ganz abgesehen von meiner Pflicht, schon aus
christlicher Nächstenliebe, daß ein jeder hier eine gute Aufnahme findet —
und so verdanke ich der Gunst des Zufalls diese willkommene
Bekanntschaft.
C hl est ak ó ff. Auch ich bin sehr erfreut. Ohne Sie hätte ich wahrhaftig
lange hier sitzen können; ich wußte nicht mehr, womit ich bezahlen sollte.
P ol i zei m eister (beiseite). I rede du nur zu! Wußte nicht, womit bezahlen!
(Laut.) Ist es erlaubt, zu fragen, wohin Sie zu reisen gedenken?
C hl est ak ó ff. Ich reise ins Gouvernement Sarátow, auf mein
Familiengut.
P ol i zei m eister (beiseite mit ironischem Lächeln). Ah? und errötet nicht
einmal! Oh, bei dem muß man die Ohren steif halten! (Laut.) Ein höchst
anerkennenswertes Vorhaben! Abgesehen vom Zustand der Fahrwege
bereitet das Reisen zwar manche Ungelegenheiten durch öfteren Mangel an
Postpferden, dafür aber auf der anderen Seite auch viel schöne Zerstreuung.
Sie reisen vermutlich nur zum Vergnügen!
C hl est ak ó ff. Nein, Papa will mich haben. Der Alte ist verdrießlich, daß
ich es in Petersburg noch nicht weiter gebracht habe. Er bildet sich ein, daß
man nur dort hinzukommen braucht, um sofort den Wladímir ins Knopfloch
zu bekommen. Ich gönnte es ihm, sich selber mal in so einer Kanzlei
herumzuschlagen.
Polizeimeister und Dóbtschinski.) Aber warum stehen Sie denn, bitte, setzen Sie
sich! (Zu Dóbtschinski.) Aber so nehmen Sie doch Platz, ich bitte recht sehr!
P ol i zei m eister. Keine Ursache, wir können ebenso gut stehen.
C hl est ak ó ff. So machen Sie mir doch das Vergnügen und setzen Sie
sich! Jetzt erkenne ich erst vollkommen die Lauterkeit und Güte Ihres
Charakters; aber wahrhaftig, ich hatte anfänglich gemeint, Sie kämen um
mich ... (Zu Dóbtschinski.) So setzen Sie sich doch! (Polizeimeister und Dóbtschinski
setzen sich; Bóbtschinski schielt durch die Tür und horcht.)
P ol i zei m eister (beiseite). Man muß dreister vorgehen. Er wünscht, daß
man sein Inkognito respektiert. Schön, spielen wir die Komödie mit, tun
wir, als ob wir nicht wüßten, wen wir vor uns haben. (Laut.) In Ausübung
meiner Pflichten hatte ich hier mit Herrn Pjotr Iwánowitsch Dóbtschinski,
Hausbesitzer hiesiger Stadt, den Gasthof betreten, um mich zu überzeugen,
ob die Herren Reisenden gut verpflegt werden; denn ich bin total anders als
sonstige Amtskollegen, die sich um dergleichen gar nicht kümmern; ich
dagegen wünsche, ganz abgesehen von meiner Pflicht, schon aus
christlicher Nächstenliebe, daß ein jeder hier eine gute Aufnahme findet —
und so verdanke ich der Gunst des Zufalls diese willkommene
Bekanntschaft.
C hl est ak ó ff. Auch ich bin sehr erfreut. Ohne Sie hätte ich wahrhaftig
lange hier sitzen können; ich wußte nicht mehr, womit ich bezahlen sollte.
P ol i zei m eister (beiseite). I rede du nur zu! Wußte nicht, womit bezahlen!
(Laut.) Ist es erlaubt, zu fragen, wohin Sie zu reisen gedenken?
C hl est ak ó ff. Ich reise ins Gouvernement Sarátow, auf mein
Familiengut.
P ol i zei m eister (beiseite mit ironischem Lächeln). Ah? und errötet nicht
einmal! Oh, bei dem muß man die Ohren steif halten! (Laut.) Ein höchst
anerkennenswertes Vorhaben! Abgesehen vom Zustand der Fahrwege
bereitet das Reisen zwar manche Ungelegenheiten durch öfteren Mangel an
Postpferden, dafür aber auf der anderen Seite auch viel schöne Zerstreuung.
Sie reisen vermutlich nur zum Vergnügen!
C hl est ak ó ff. Nein, Papa will mich haben. Der Alte ist verdrießlich, daß
ich es in Petersburg noch nicht weiter gebracht habe. Er bildet sich ein, daß
man nur dort hinzukommen braucht, um sofort den Wladímir ins Knopfloch
zu bekommen. Ich gönnte es ihm, sich selber mal in so einer Kanzlei
herumzuschlagen.
Page 39
P ol i zei m eister (beiseite). Hat man jemals solche Aufschneiderei erlebt?
Sogar einen Papa hat er bei der Hand! (Laut.) Gedenken Sie, dort lange zu
verweilen?
C hl est ak ó ff. Ich weiß selbst noch nicht. Sehn Sie, mein Vater ist
eigensinnig, ein alter Querkopf, hart wie ein Stock. Ich werde ihm aber kurz
und bündig sagen: wie du wünschst, aber ohne Petersburg kann ich nicht
leben. Warum soll ich denn durchaus mitten unter den Bauern verkommen!
Danach steht mir jetzt nicht der Gaumen, meine Seele dürstet nach Licht.
P ol i zei m eister (beiseite). Unglaublich, wie dick der aufträgt! Eine Lüge
nach der andern, und verhaspelt sich nicht mal! Und dabei ein so
schmächtiges Bürschchen, daß man ihn mit dem kleinen Finger
plattdrücken könnte. Na, warte nur! Du sollst mir schon noch Reden führen!
(Laut.) Sehr richtig bemerkt. Was soll man in so einem Winkel auch
anstellen? Da lobe ich mir wenigstens ein Städtchen wie das unsre: nachts
kein Auge zu, man plagt sich für sein Vaterland, gönnt sich keinerlei
Schonung, ohne die leiseste Hoffnung, künftig einmal Dank dafür zu
ernten. (Blickt im Zimmer umher.) Dieses Zimmer scheint etwas feucht?
C hl est ak ó ff. Schauderhaftes Zimmer, und Wanzen, wie ich sie noch
nie erlebt habe: beißen wie die Hunde.
P ol i zei m eister. Nicht möglich! Ein so erlauchter Gast und derartig
unerhörten Martern ausgesetzt? Seitens fluchwürdiger Wanzen, die es
überhaupt auf der Welt nicht zu geben brauchte! Und wie dunkel es in
diesem Zimmer ist!
C hl est ak ó ff. Ja, vollkommen dunkel. Der Wirt hat die Angewohnheit,
keine Kerzen herzugeben. Man will mal was arbeiten, lesen oder einen
poetischen Gedanken zu Papier bringen — unmöglich: Nacht, schwarze
Nacht.
P ol i zei m eister. Dürfte ich mich erkühnen, Ihnen eine Bitte
vorzutragen ... doch nein, ich bin dessen nicht würdig.
C hl est ak ó ff. Was ist’s denn?
P ol i zei m eister. Nein, nein, ich bin nicht würdig, bin nicht würdig!
C hl est ak ó ff. Na, heraus damit, was ist’s?
P ol i zei m eister. Ich wollte mich erkühnen ... Ich habe in meinem
Hause ein für Sie vorzüglich geeignetes Zimmer, hell, ruhig .... doch nein,
ich fühle es selbst, es wäre der Ehre zu viel für mich, zürnen Sie mir nicht,
ich schlug das lediglich in aller Herzenseinfalt vor.
Sogar einen Papa hat er bei der Hand! (Laut.) Gedenken Sie, dort lange zu
verweilen?
C hl est ak ó ff. Ich weiß selbst noch nicht. Sehn Sie, mein Vater ist
eigensinnig, ein alter Querkopf, hart wie ein Stock. Ich werde ihm aber kurz
und bündig sagen: wie du wünschst, aber ohne Petersburg kann ich nicht
leben. Warum soll ich denn durchaus mitten unter den Bauern verkommen!
Danach steht mir jetzt nicht der Gaumen, meine Seele dürstet nach Licht.
P ol i zei m eister (beiseite). Unglaublich, wie dick der aufträgt! Eine Lüge
nach der andern, und verhaspelt sich nicht mal! Und dabei ein so
schmächtiges Bürschchen, daß man ihn mit dem kleinen Finger
plattdrücken könnte. Na, warte nur! Du sollst mir schon noch Reden führen!
(Laut.) Sehr richtig bemerkt. Was soll man in so einem Winkel auch
anstellen? Da lobe ich mir wenigstens ein Städtchen wie das unsre: nachts
kein Auge zu, man plagt sich für sein Vaterland, gönnt sich keinerlei
Schonung, ohne die leiseste Hoffnung, künftig einmal Dank dafür zu
ernten. (Blickt im Zimmer umher.) Dieses Zimmer scheint etwas feucht?
C hl est ak ó ff. Schauderhaftes Zimmer, und Wanzen, wie ich sie noch
nie erlebt habe: beißen wie die Hunde.
P ol i zei m eister. Nicht möglich! Ein so erlauchter Gast und derartig
unerhörten Martern ausgesetzt? Seitens fluchwürdiger Wanzen, die es
überhaupt auf der Welt nicht zu geben brauchte! Und wie dunkel es in
diesem Zimmer ist!
C hl est ak ó ff. Ja, vollkommen dunkel. Der Wirt hat die Angewohnheit,
keine Kerzen herzugeben. Man will mal was arbeiten, lesen oder einen
poetischen Gedanken zu Papier bringen — unmöglich: Nacht, schwarze
Nacht.
P ol i zei m eister. Dürfte ich mich erkühnen, Ihnen eine Bitte
vorzutragen ... doch nein, ich bin dessen nicht würdig.
C hl est ak ó ff. Was ist’s denn?
P ol i zei m eister. Nein, nein, ich bin nicht würdig, bin nicht würdig!
C hl est ak ó ff. Na, heraus damit, was ist’s?
P ol i zei m eister. Ich wollte mich erkühnen ... Ich habe in meinem
Hause ein für Sie vorzüglich geeignetes Zimmer, hell, ruhig .... doch nein,
ich fühle es selbst, es wäre der Ehre zu viel für mich, zürnen Sie mir nicht,
ich schlug das lediglich in aller Herzenseinfalt vor.
Page 40
C hl est ak ó ff. Ganz im Gegenteil, bitte sehr, ich nehme es mit größtem
Vergnügen an. In einem Privathaus fühle ich mich bei weitem behaglicher
als in dieser Schankbude.
P ol i zei m eister. Ich bin hoch entzückt! Und wie wird sich erst meine
Frau freuen! Dahin geht nun einmal der Zug meines Charakters: schlichte,
aber herzliche Gastfreundschaft, vorzüglich gegen erlauchte Personen.
Seien Sie überzeugt, daß dahinter keine Art von Schmeichelei verborgen ist;
nein, von derartigen Lastern bin ich frei, ich spreche aus vollem Herzen.
C hl est ak ó ff. Verbindlichsten Dank! Auch ich hasse die doppelzüngigen
Menschen. Ihre Aufrichtigkeit und Ihr Freimut berühren mich äußerst
sympathisch und ich verlange, um es offen zu bekennen, nichts weiter als
Ergebenheit und Hochachtung, Hochachtung und Ergebenheit.
9. Szene
Die Vorigen und der Kellner, von Ossip geleitet. Bóbtschinski guckt zur Tür herein.
Kel ln er. Sie geruhten mich rufen zu lassen?
C hl est ak ó ff. Ja, bring mir die Rechnung.
Kel ln er. Ich habe sie Ihnen aber doch erst vor kurzem überreicht.
C hl est ak ó ff. Was weiß ich von deinen dummen Rechnungen. Wieviel
macht’s?
Kel ln er. Am ersten Tage geruhten Sie ein Diner einzunehmen, am
zweiten Tage aßen Sie bloß Lachs — und von da an ließen Sie alles auf
Rechnung gehen.
C hl est ak ó ff. Schafskopf! Muß das noch einmal vorrechnen! Was
macht’s im Ganzen?
P ol i zei m eister. Bitte machen Sie sich doch keine Umstände: der Kerl
kann warten. (zum Kellner.) Scheer dich hinaus, man wird’s schicken!
C hl est ak ó ff. In der Tat, das ist das vernünftigste. (Steckt das Geld wieder ein;
der Kellner ab; Bóbtschinski schielt durch die Tür.)
10. Szene
Polizeimeister. Chlestakóff. Dóbtschinski.
Vergnügen an. In einem Privathaus fühle ich mich bei weitem behaglicher
als in dieser Schankbude.
P ol i zei m eister. Ich bin hoch entzückt! Und wie wird sich erst meine
Frau freuen! Dahin geht nun einmal der Zug meines Charakters: schlichte,
aber herzliche Gastfreundschaft, vorzüglich gegen erlauchte Personen.
Seien Sie überzeugt, daß dahinter keine Art von Schmeichelei verborgen ist;
nein, von derartigen Lastern bin ich frei, ich spreche aus vollem Herzen.
C hl est ak ó ff. Verbindlichsten Dank! Auch ich hasse die doppelzüngigen
Menschen. Ihre Aufrichtigkeit und Ihr Freimut berühren mich äußerst
sympathisch und ich verlange, um es offen zu bekennen, nichts weiter als
Ergebenheit und Hochachtung, Hochachtung und Ergebenheit.
9. Szene
Die Vorigen und der Kellner, von Ossip geleitet. Bóbtschinski guckt zur Tür herein.
Kel ln er. Sie geruhten mich rufen zu lassen?
C hl est ak ó ff. Ja, bring mir die Rechnung.
Kel ln er. Ich habe sie Ihnen aber doch erst vor kurzem überreicht.
C hl est ak ó ff. Was weiß ich von deinen dummen Rechnungen. Wieviel
macht’s?
Kel ln er. Am ersten Tage geruhten Sie ein Diner einzunehmen, am
zweiten Tage aßen Sie bloß Lachs — und von da an ließen Sie alles auf
Rechnung gehen.
C hl est ak ó ff. Schafskopf! Muß das noch einmal vorrechnen! Was
macht’s im Ganzen?
P ol i zei m eister. Bitte machen Sie sich doch keine Umstände: der Kerl
kann warten. (zum Kellner.) Scheer dich hinaus, man wird’s schicken!
C hl est ak ó ff. In der Tat, das ist das vernünftigste. (Steckt das Geld wieder ein;
der Kellner ab; Bóbtschinski schielt durch die Tür.)
10. Szene
Polizeimeister. Chlestakóff. Dóbtschinski.
Page 41
P ol i zei m eister. Würden Sie jetzt vielleicht geneigt sein, einige unserer
städtischen Anstalten zu besichtigen, etwa die Hospitäler und anderes?
C hl est ak ó ff. Was gibt’s denn da zu sehen?
P ol i zei m eister. Nun, Sie könnten da zum Beispiel einen Einblick
gewinnen in die Art unserer Verwaltung ... die Reinlichkeit ...
C hl est ak ó ff. Mit dem größten Vergnügen, bin gern bereit. (Bóbtschinski
steckt den Kopf durch die Tür.)
P ol i zei m eister. Und von dort könnte man sich, wenn Sie es wünschen
sollten, zur Kreisschule begeben, um die Ordnung, in der sich der
Unterricht vollzieht, in Augenschein zu nehmen.
C hl est ak ó ff. Schön, schön.
P ol i zei m eister. Dann, falls Sie das Gefängnis und die städtischen
Arrestlokale zu besuchen wünschten — könnten Sie sich überzeugen, wie
bei uns die Verbrecher gehalten werden.
C hl est ak ó ff. Gefängnis? — ach wozu? Sehen wir uns dann doch lieber
die Hospitäler an.
P ol i zei m eister. Ganz wie Sie wünschen. Befehlen Sie Ihre eigene
Equipage oder nehmen Sie mit meinem bescheidenen Wagen vorlieb?
C hl est ak ó ff. Na, ich fahre dann schon besser mit Ihnen zusammen.
P ol i zei m eister (zu Dóbtschinski). Pjótr Iwánowitsch, nun habe ich für Sie
keinen Platz.
Dó bt schi n sk i. O bitte, hat nichts zu sagen!
P ol i zei m eister (leise zu Dóbtschinski). Hören Sie, laufen Sie, aber was Ihre
Beine laufen können, und bestellen Sie mir zwei Billetts, eins an
Semljaníka ins Hospital, das andere meiner Frau. (Zu Chlestakóff.) Darf ich Sie
um die Erlaubnis bitten, in Ihrer Gegenwart eine Zeile an meine Frau zu
richten, damit sie sich zur Aufnahme eines so geschätzten Gastes
vorbereiten kann?
C hl est ak ó ff. Aber weshalb denn? ... Übrigens Tinte ist vorhanden, nur
weiß ich nicht, ob Papier ... Vielleicht auf dieser Rechnung?
P ol i zei m eister. Genügt vollkommen! (Schreibt und spricht während dieser Zeit
vor sich hin.) Nun wollen wir doch einmal sehen, wie die Sache nach dem
Frühstück und ein paar tüchtigen Flaschen in Gang kommen wird. Wir
haben da so einen hiesigen Madeira, äußerlich ganz harmlos, aber kräftig,
um einen Elefanten umzuwerfen. Wenn ich nur herausbekäme, was er ist
und von welcher Seite man sich vor ihm in acht nehmen muß. (Übergibt das
Papier Dóbtschinski: dieser wendet sich zur Türe, aber im selben Augenblick bricht diese aus den
städtischen Anstalten zu besichtigen, etwa die Hospitäler und anderes?
C hl est ak ó ff. Was gibt’s denn da zu sehen?
P ol i zei m eister. Nun, Sie könnten da zum Beispiel einen Einblick
gewinnen in die Art unserer Verwaltung ... die Reinlichkeit ...
C hl est ak ó ff. Mit dem größten Vergnügen, bin gern bereit. (Bóbtschinski
steckt den Kopf durch die Tür.)
P ol i zei m eister. Und von dort könnte man sich, wenn Sie es wünschen
sollten, zur Kreisschule begeben, um die Ordnung, in der sich der
Unterricht vollzieht, in Augenschein zu nehmen.
C hl est ak ó ff. Schön, schön.
P ol i zei m eister. Dann, falls Sie das Gefängnis und die städtischen
Arrestlokale zu besuchen wünschten — könnten Sie sich überzeugen, wie
bei uns die Verbrecher gehalten werden.
C hl est ak ó ff. Gefängnis? — ach wozu? Sehen wir uns dann doch lieber
die Hospitäler an.
P ol i zei m eister. Ganz wie Sie wünschen. Befehlen Sie Ihre eigene
Equipage oder nehmen Sie mit meinem bescheidenen Wagen vorlieb?
C hl est ak ó ff. Na, ich fahre dann schon besser mit Ihnen zusammen.
P ol i zei m eister (zu Dóbtschinski). Pjótr Iwánowitsch, nun habe ich für Sie
keinen Platz.
Dó bt schi n sk i. O bitte, hat nichts zu sagen!
P ol i zei m eister (leise zu Dóbtschinski). Hören Sie, laufen Sie, aber was Ihre
Beine laufen können, und bestellen Sie mir zwei Billetts, eins an
Semljaníka ins Hospital, das andere meiner Frau. (Zu Chlestakóff.) Darf ich Sie
um die Erlaubnis bitten, in Ihrer Gegenwart eine Zeile an meine Frau zu
richten, damit sie sich zur Aufnahme eines so geschätzten Gastes
vorbereiten kann?
C hl est ak ó ff. Aber weshalb denn? ... Übrigens Tinte ist vorhanden, nur
weiß ich nicht, ob Papier ... Vielleicht auf dieser Rechnung?
P ol i zei m eister. Genügt vollkommen! (Schreibt und spricht während dieser Zeit
vor sich hin.) Nun wollen wir doch einmal sehen, wie die Sache nach dem
Frühstück und ein paar tüchtigen Flaschen in Gang kommen wird. Wir
haben da so einen hiesigen Madeira, äußerlich ganz harmlos, aber kräftig,
um einen Elefanten umzuwerfen. Wenn ich nur herausbekäme, was er ist
und von welcher Seite man sich vor ihm in acht nehmen muß. (Übergibt das
Papier Dóbtschinski: dieser wendet sich zur Türe, aber im selben Augenblick bricht diese aus den
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Angeln und fliegt zusammen mit dem dahinter horchenden Bóbtschinski auf die Szene. Alle stoßen
einen Ruf der Überraschung aus. Bóbtschinski erhebt sich.)
C hl est ak ó ff. Oh, haben Sie sich verletzt?
B óbt schin sk i. Durchaus nicht, durchaus nicht, habe fast nichts
abbekommen, nur über der Nase eine unbedeutende Schramme. Ich laufe
gleich zum Doktor Hübner; er hat ein großartiges Pflaster, da heilt’s
geschwind.
P ol i zei m eister (macht Bóbtschinski ein Zeichen des Vorwurfs; zu Chlestakóff). Das
hat gar nichts auf sich. Bitte untertänigst voranzugehen. Ich werde Ihren
Diener bescheiden, daß er den Koffer hinüberbringt. (Zu Ossip.) Mein
Freundchen, trage das alles zu mir herüber, zum Polizeimeister, jeder kann
dich hinweisen. Bitte untertänigst! (Läßt Chlestakóff den Vortritt und folgt ihm; im
Hinausgehen dreht er sich noch einmal um und sagt in vorwurfsvollem Ton zu Bóbtschinski.) Sie
sind mir auch der Rechte! Konnten sich keinen besseren Ort zum
Hinpflanzen aussuchen! Und auf allen vieren wie — weiß der Teufel wie!
(Ab. Bóbtschinski hinterher. Der Vorhang fällt.)
(Ende des zweiten Aufzuges.)
einen Ruf der Überraschung aus. Bóbtschinski erhebt sich.)
C hl est ak ó ff. Oh, haben Sie sich verletzt?
B óbt schin sk i. Durchaus nicht, durchaus nicht, habe fast nichts
abbekommen, nur über der Nase eine unbedeutende Schramme. Ich laufe
gleich zum Doktor Hübner; er hat ein großartiges Pflaster, da heilt’s
geschwind.
P ol i zei m eister (macht Bóbtschinski ein Zeichen des Vorwurfs; zu Chlestakóff). Das
hat gar nichts auf sich. Bitte untertänigst voranzugehen. Ich werde Ihren
Diener bescheiden, daß er den Koffer hinüberbringt. (Zu Ossip.) Mein
Freundchen, trage das alles zu mir herüber, zum Polizeimeister, jeder kann
dich hinweisen. Bitte untertänigst! (Läßt Chlestakóff den Vortritt und folgt ihm; im
Hinausgehen dreht er sich noch einmal um und sagt in vorwurfsvollem Ton zu Bóbtschinski.) Sie
sind mir auch der Rechte! Konnten sich keinen besseren Ort zum
Hinpflanzen aussuchen! Und auf allen vieren wie — weiß der Teufel wie!
(Ab. Bóbtschinski hinterher. Der Vorhang fällt.)
(Ende des zweiten Aufzuges.)
Page 43
Dritter Aufzug
Dasselbe Zimmer wie im ersten Aufzug
1. Szene
Anna Andréjewna und Márja Antónowna am Fenster in der gleichen Haltung wie am
Schluß des ersten Aufzuges.
An na A n dr éj ewna. Da lauern wir nun schon eine geschlagene Stunde,
und alles nur wegen deiner albernen Ziererei: war deine Toilette nicht längst
fertig — aber nein, da muß immer noch getrödelt werden ... Noch nichts
von ihr zu hören. Rein zum Verdrießen! Nirgends eine Seele, wie auf
Verabredung! Als wenn alles ausgestorben wäre!
Már j a A n tó n owna. Aber wirklich, Mama, in zwei Minuten erfahren
wir alles. Awdótja muß gleich wiederkommen. (Blickt aus dem Fenster und ruft aus.)
Ach Mama, Mama, da kommt jemand, da, am Ende der Straße.
An na A ndr éj ewna. Wo, wo? — Was du auch ewig phantasierst! —
Nun ja doch, es kommt jemand. Wer mag das sein? Untersetzt ... im Frack
... Wer ist das? Wer? Man könnte umkommen vor Ärger! Wer ist es denn
nun?
Már j a A n tón owna. Dóbtschinski ist’s, Mamachen!
An na An d r éjewna. Ach was, Dóbtschinski! Immer diese
Einbildungen! Nicht entfernt Dóbtschinski. (Winkt mit dem Taschentuch.) Heda
Sie, hierher, rasch!
Már j a A n tón owna. Ganz gewiß, Mama, Dóbtschinski!
An na An d r éjewn a. Nur um widersprechen zu können. Du hast gehört,
es ist nicht Dóbtschinski!
Már j a A n t ó no wna. Na und nun, Mama? Siehst du, es ist doch
Dóbtschinski.
An na And r éj ewna. Nun ja doch, Dóbtschinski, jetzt seh ich’s auch;
warum streitest du denn? (Ruft aus dem Fenster.) Schnell, schnell, sputen Sie sich
doch! Wie steht’s, wo sind sie? Wie? Antworten Sie doch gleich von da,
ganz egal! Na, wohl sehr streng? Wie? Und mein Mann, mein Mann?
Dasselbe Zimmer wie im ersten Aufzug
1. Szene
Anna Andréjewna und Márja Antónowna am Fenster in der gleichen Haltung wie am
Schluß des ersten Aufzuges.
An na A n dr éj ewna. Da lauern wir nun schon eine geschlagene Stunde,
und alles nur wegen deiner albernen Ziererei: war deine Toilette nicht längst
fertig — aber nein, da muß immer noch getrödelt werden ... Noch nichts
von ihr zu hören. Rein zum Verdrießen! Nirgends eine Seele, wie auf
Verabredung! Als wenn alles ausgestorben wäre!
Már j a A n tó n owna. Aber wirklich, Mama, in zwei Minuten erfahren
wir alles. Awdótja muß gleich wiederkommen. (Blickt aus dem Fenster und ruft aus.)
Ach Mama, Mama, da kommt jemand, da, am Ende der Straße.
An na A ndr éj ewna. Wo, wo? — Was du auch ewig phantasierst! —
Nun ja doch, es kommt jemand. Wer mag das sein? Untersetzt ... im Frack
... Wer ist das? Wer? Man könnte umkommen vor Ärger! Wer ist es denn
nun?
Már j a A n tón owna. Dóbtschinski ist’s, Mamachen!
An na An d r éjewna. Ach was, Dóbtschinski! Immer diese
Einbildungen! Nicht entfernt Dóbtschinski. (Winkt mit dem Taschentuch.) Heda
Sie, hierher, rasch!
Már j a A n tón owna. Ganz gewiß, Mama, Dóbtschinski!
An na An d r éjewn a. Nur um widersprechen zu können. Du hast gehört,
es ist nicht Dóbtschinski!
Már j a A n t ó no wna. Na und nun, Mama? Siehst du, es ist doch
Dóbtschinski.
An na And r éj ewna. Nun ja doch, Dóbtschinski, jetzt seh ich’s auch;
warum streitest du denn? (Ruft aus dem Fenster.) Schnell, schnell, sputen Sie sich
doch! Wie steht’s, wo sind sie? Wie? Antworten Sie doch gleich von da,
ganz egal! Na, wohl sehr streng? Wie? Und mein Mann, mein Mann?
Page 44
(Ärgerlich vom Fenster zurücktretend.) Tölpel der, wird nichts reden, bis er nicht
mitten im Zimmer steht!
2. Szene
Die Vorigen. Dóbtschinski.
An na Andr éjewna. Nun, so reden Sie doch gefälligst, haben Sie denn
kein Gewissen? Auf Sie allein habe ich mich verlassen wie auf einen
ordentlichen Menschen; alle liefen sie davon und Sie hinterher! Bis diesen
Augenblick kann ich von keiner Seele etwas herausbekommen. Schämen
Sie sich denn gar nicht? Habe ich nicht Ihren Wánitschka und Ihre
Lísotschka aus der Taufe gehoben? Und so behandeln Sie mich?
Dó bt schi n sk i. Mein Gott, Frau Gevatterin, ich bin so gerannt, um
Ihnen gefällig zu sein, daß mir alle Luft ausgegangen ist. Ergebenster
Diener, Márja Antónowna!
Már j a A n tón owna. Guten Tag, Pjotr Iwánowitsch!
An na An d r éjewn a. Nun rasch, so reden Sie doch, wie und was geht
drüben vor?
Dó bt schi n sk i. Antón Antónowitsch schickt Ihnen dieses Billett.
An na And r éjewn a. Nun und er? Natürlich ein General?
Dó bt schi n sk i. Nein, General nicht, aber zum mindesten soviel wie
General. Eine Bildung und ein Auftreten!
An na An d r éjewna. Ah, also derselbe, von dem meinem Mann
geschrieben wurde?
Dó bt schi n sk i. Eben derselbe! Ich und Bóbtschinski haben das
zuallererst entdeckt.
An na And r éjewn a. Weiter, weiter, was geschah weiter?
Dó bt schi n sk i. Gott sei gelobt, alles steht gut. Zuerst geruhte er Antón
Antónowitsch etwas hart anzulassen, ja, er wurde sehr heftig und sagte: im
Gasthofe wäre alles miserabel, und er würde sich nicht seinetwegen ins
Gefängnis sperren lassen; nachher aber, wie er sah, daß Antón
Antónowitsch unschuldig waren, und beide sich kurzer Hand verständigt
hatten, da setzte er gleich eine andere Miene auf — und Gott sei Dank, alles
lief gut ab. Jetzt sind sie ausgefahren, um das Hospital zu besichtigen ...
aber wahrhaftig, Antón Antónowitsch schienen bereits befürchtet zu haben,
mitten im Zimmer steht!
2. Szene
Die Vorigen. Dóbtschinski.
An na Andr éjewna. Nun, so reden Sie doch gefälligst, haben Sie denn
kein Gewissen? Auf Sie allein habe ich mich verlassen wie auf einen
ordentlichen Menschen; alle liefen sie davon und Sie hinterher! Bis diesen
Augenblick kann ich von keiner Seele etwas herausbekommen. Schämen
Sie sich denn gar nicht? Habe ich nicht Ihren Wánitschka und Ihre
Lísotschka aus der Taufe gehoben? Und so behandeln Sie mich?
Dó bt schi n sk i. Mein Gott, Frau Gevatterin, ich bin so gerannt, um
Ihnen gefällig zu sein, daß mir alle Luft ausgegangen ist. Ergebenster
Diener, Márja Antónowna!
Már j a A n tón owna. Guten Tag, Pjotr Iwánowitsch!
An na An d r éjewn a. Nun rasch, so reden Sie doch, wie und was geht
drüben vor?
Dó bt schi n sk i. Antón Antónowitsch schickt Ihnen dieses Billett.
An na And r éjewn a. Nun und er? Natürlich ein General?
Dó bt schi n sk i. Nein, General nicht, aber zum mindesten soviel wie
General. Eine Bildung und ein Auftreten!
An na An d r éjewna. Ah, also derselbe, von dem meinem Mann
geschrieben wurde?
Dó bt schi n sk i. Eben derselbe! Ich und Bóbtschinski haben das
zuallererst entdeckt.
An na And r éjewn a. Weiter, weiter, was geschah weiter?
Dó bt schi n sk i. Gott sei gelobt, alles steht gut. Zuerst geruhte er Antón
Antónowitsch etwas hart anzulassen, ja, er wurde sehr heftig und sagte: im
Gasthofe wäre alles miserabel, und er würde sich nicht seinetwegen ins
Gefängnis sperren lassen; nachher aber, wie er sah, daß Antón
Antónowitsch unschuldig waren, und beide sich kurzer Hand verständigt
hatten, da setzte er gleich eine andere Miene auf — und Gott sei Dank, alles
lief gut ab. Jetzt sind sie ausgefahren, um das Hospital zu besichtigen ...
aber wahrhaftig, Antón Antónowitsch schienen bereits befürchtet zu haben,
Page 45
daß man ihn denunziert hätte. Ich selber bekam es so ein bißchen mit der
Angst.
An na A n dr éjewna. Wovor haben Sie sich denn zu fürchten? Sie sind
doch kein Beamter!
Dó bt schi n sk i. Na immerhin, wissen Sie, wenn so ein Vorgesetzter
spricht, fährt’s einem doch in die Glieder.
An na An d r éjewn a. Ach gehen Sie ... das ist ja dummes Zeug. Nun,
und wie sieht er aus? Alt, jung?
Dó bt schi n sk i. Jung, noch ein ganz junger Mann, so an
dreiundzwanzig; aber reden tut er wie ein alter. „Sehn Sie“, sagt er, „ich
reise da und dahin“ ... (Gestikulierend.) Alles so überlegen. „Ich schreibe auch“,
meint er, „und lese auch dann und wann, aber die Dunkelheit im Zimmer
behindert mich etwas.“
An na And r éjewn a. Und im Äußeren — brünett oder blond?
Dó bt schi n sk i. Nein, mehr aschblond, und Augen so scharf wie ein
Luchs, um das Zittern zu kriegen.
An na Andr éj ewna. Was schreibt er mir denn da auf dem Zettel (liest):
„Ich eile, mein Herz, dich wissen zu lassen, daß meine Lage sehr kritisch
war; doch im Vertrauen auf Gottes Barmherzigkeit für zwei gesalzene
Gurken apart und eine halbe Portion Kaviar ein Rubel fünfundzwanzig
Kopeken ...“ (Innehaltend.) Das verstehe ich nicht, was sollen hier gesalzene
Gurken und Kaviar?
Dó bt schi n sk i. Ach, Antón Antónowitsch benutzten in der Eile ein
beschriebenes Papier; da stand so eine Rechnung drauf.
An na An d r éjewna. Ach ja, richtig: (liest weiter) „doch im Vertrauen auf
Gottes Barmherzigkeit darf ich auf einen glücklichen Ausgang hoffen. Laß
schnell ein Zimmer für den illustren Gast einrichten, das mit den gelben
Tapeten; für Mittag brauchst du nicht zu sorgen, wir speisen im Hospital bei
Artémij Filíppowitsch; nur Wein laß recht viel kommen; sag dem
Kaufmann Awdúljin, er soll vom besten hergeben, sonst schlage ich ihm
seine ganze Bude kurz und klein. Mit Handkuß, mein Herz, verbleibe ich
dein Antón Skwósnik-Dmuchánowski.“ Ach mein Gott! Jetzt heißt’s aber
eilen! He, niemand da? Míschka!
Dó bt schi n sk i (läuft und ruft durch die Tür). Míschka! Míschka! Míschka!
(Míschka kommt herein.)
An na An d r éjewna. Hör mal, lauf zum Kaufmann Awdúljin ... warte,
ich gebe dir einen Zettel (setzt sich an den Tisch, schreibt und spricht währenddem).
Angst.
An na A n dr éjewna. Wovor haben Sie sich denn zu fürchten? Sie sind
doch kein Beamter!
Dó bt schi n sk i. Na immerhin, wissen Sie, wenn so ein Vorgesetzter
spricht, fährt’s einem doch in die Glieder.
An na An d r éjewn a. Ach gehen Sie ... das ist ja dummes Zeug. Nun,
und wie sieht er aus? Alt, jung?
Dó bt schi n sk i. Jung, noch ein ganz junger Mann, so an
dreiundzwanzig; aber reden tut er wie ein alter. „Sehn Sie“, sagt er, „ich
reise da und dahin“ ... (Gestikulierend.) Alles so überlegen. „Ich schreibe auch“,
meint er, „und lese auch dann und wann, aber die Dunkelheit im Zimmer
behindert mich etwas.“
An na And r éjewn a. Und im Äußeren — brünett oder blond?
Dó bt schi n sk i. Nein, mehr aschblond, und Augen so scharf wie ein
Luchs, um das Zittern zu kriegen.
An na Andr éj ewna. Was schreibt er mir denn da auf dem Zettel (liest):
„Ich eile, mein Herz, dich wissen zu lassen, daß meine Lage sehr kritisch
war; doch im Vertrauen auf Gottes Barmherzigkeit für zwei gesalzene
Gurken apart und eine halbe Portion Kaviar ein Rubel fünfundzwanzig
Kopeken ...“ (Innehaltend.) Das verstehe ich nicht, was sollen hier gesalzene
Gurken und Kaviar?
Dó bt schi n sk i. Ach, Antón Antónowitsch benutzten in der Eile ein
beschriebenes Papier; da stand so eine Rechnung drauf.
An na An d r éjewna. Ach ja, richtig: (liest weiter) „doch im Vertrauen auf
Gottes Barmherzigkeit darf ich auf einen glücklichen Ausgang hoffen. Laß
schnell ein Zimmer für den illustren Gast einrichten, das mit den gelben
Tapeten; für Mittag brauchst du nicht zu sorgen, wir speisen im Hospital bei
Artémij Filíppowitsch; nur Wein laß recht viel kommen; sag dem
Kaufmann Awdúljin, er soll vom besten hergeben, sonst schlage ich ihm
seine ganze Bude kurz und klein. Mit Handkuß, mein Herz, verbleibe ich
dein Antón Skwósnik-Dmuchánowski.“ Ach mein Gott! Jetzt heißt’s aber
eilen! He, niemand da? Míschka!
Dó bt schi n sk i (läuft und ruft durch die Tür). Míschka! Míschka! Míschka!
(Míschka kommt herein.)
An na An d r éjewna. Hör mal, lauf zum Kaufmann Awdúljin ... warte,
ich gebe dir einen Zettel (setzt sich an den Tisch, schreibt und spricht währenddem).
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Diesen Zettel gibst du dem Kutscher Sídor, er soll zum Kaufmann Awdúljin
rennen und Wein holen. Und geh gleich und bring mir dies Zimmer hübsch
in Ordnung für einen Gast. Stell ein Bett auf, einen Waschtisch und so
weiter.
Dó bt schi n sk i. Und ich, Anna Andréjewna, will hinlaufen und zusehn,
wie er inspiziert.
An na And r éjewn a. Gehn Sie, gehn Sie, ich halte Sie nicht.
3. Szene
Anna Andréjewna und Márja Antónowna.
An na An d r éj ewn a. Nun, Máscha, jetzt müssen wir an unsere Toilette
denken. Er ist ein Residenzler: Gott bewahre uns davor, von ihm irgendwie
belächelt zu werden. Du solltest am besten dein blaues Kleid mit den
schmalen Volants anziehen.
Már j a Ant ónowna. Fi, Mama, das blaue! Das kann ich nicht leiden:
die Ljápkin-Tjápkin geht schon in einem blauen und Fräulein Semljaníka
geht auch in einem blauen. Nein, ich ziehe lieber das geblümte an.
An na A n dr éj ewna. Das geblümte! ... wirklich, du sprichst nur um zu
widersprechen. Das andere stünde dir viel besser, weil ich mein
strohfarbenes anziehen will; ich schwärme für das strohfarbene.
Már j a An t ó n owna. Aber Mama, das strohfarbene steht dir ja gar
nicht!
An na And r éjewn a. Mir nicht stehn?
Már j a An t ón o wna. Nein, es steht dir nicht, ich wette was du willst, es
steht dir nicht; dafür muß man dunkle Augen haben.
An na And r éj ewn a. Nun wird’s reizend! Ich und keine dunklen
Augen? Die dunkelsten von der Welt! Was schwatzt du für einen Unsinn!
Wieso nicht dunkel, wenn doch beim Kartenlegen für mich immer
Treffdame herauskommt?
Már j a A n tón owna. Ach Mamachen, viel öfter doch Coeurdame!
An na And r éj ewn a. Possen! Nichts als Possen! Ich war nie
Coeurdame! (Verläßt mit Márja Antónowna in Eile das Zimmer und spricht noch hinter der
Szene.) Was das für Phantasien sind, Coeurdame! Soll der Himmel wissen,
was das ist! (Nach ihrem Abgang öffnet sich die seitliche Tür und Míschka wirft einen Haufen
Kehricht heraus. Durch die andere Tür tritt, einen Handkoffer auf dem Kopfe, Ossip herein.)
rennen und Wein holen. Und geh gleich und bring mir dies Zimmer hübsch
in Ordnung für einen Gast. Stell ein Bett auf, einen Waschtisch und so
weiter.
Dó bt schi n sk i. Und ich, Anna Andréjewna, will hinlaufen und zusehn,
wie er inspiziert.
An na And r éjewn a. Gehn Sie, gehn Sie, ich halte Sie nicht.
3. Szene
Anna Andréjewna und Márja Antónowna.
An na An d r éj ewn a. Nun, Máscha, jetzt müssen wir an unsere Toilette
denken. Er ist ein Residenzler: Gott bewahre uns davor, von ihm irgendwie
belächelt zu werden. Du solltest am besten dein blaues Kleid mit den
schmalen Volants anziehen.
Már j a Ant ónowna. Fi, Mama, das blaue! Das kann ich nicht leiden:
die Ljápkin-Tjápkin geht schon in einem blauen und Fräulein Semljaníka
geht auch in einem blauen. Nein, ich ziehe lieber das geblümte an.
An na A n dr éj ewna. Das geblümte! ... wirklich, du sprichst nur um zu
widersprechen. Das andere stünde dir viel besser, weil ich mein
strohfarbenes anziehen will; ich schwärme für das strohfarbene.
Már j a An t ó n owna. Aber Mama, das strohfarbene steht dir ja gar
nicht!
An na And r éjewn a. Mir nicht stehn?
Már j a An t ón o wna. Nein, es steht dir nicht, ich wette was du willst, es
steht dir nicht; dafür muß man dunkle Augen haben.
An na And r éj ewn a. Nun wird’s reizend! Ich und keine dunklen
Augen? Die dunkelsten von der Welt! Was schwatzt du für einen Unsinn!
Wieso nicht dunkel, wenn doch beim Kartenlegen für mich immer
Treffdame herauskommt?
Már j a A n tón owna. Ach Mamachen, viel öfter doch Coeurdame!
An na And r éj ewn a. Possen! Nichts als Possen! Ich war nie
Coeurdame! (Verläßt mit Márja Antónowna in Eile das Zimmer und spricht noch hinter der
Szene.) Was das für Phantasien sind, Coeurdame! Soll der Himmel wissen,
was das ist! (Nach ihrem Abgang öffnet sich die seitliche Tür und Míschka wirft einen Haufen
Kehricht heraus. Durch die andere Tür tritt, einen Handkoffer auf dem Kopfe, Ossip herein.)
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4. Szene
Míschka und Ossip.
Ossi p. Wo damit hin?
Mí sch k a. Hierher, Kamerad, hierher!
Ossi p. Wart, laß mich erst verschnaufen. Miserables Leben das! Auf’n
leeren Magen is jeder Packen ’ne Last.
Mí sch k a. Na, Kamerad, kommt der General bald?
Ossi p. Was für’n General denn?
Mí sch k a. Na, dein Herr.
Ossi p. Mein Herr? Der ’n General?
Mí sch k a. Na, is er denn kein General?
Ossi p. General schon, aber vom andern Ende rauf.
Mí sch k a. Is das nu mehr oder weniger als ’n eigentlicher General?
Ossi p. Mehr.
Mí sch k a. Siehste wohl! Darum auch das Halloh im Hause.
Ossi p. Hör mal, Kleiner; ich seh, du bist ’n flinker Junge — schaff doch
unser einem ’n Happen zu essen!
Mí sch k a. Nee, Kamerad, für euch is noch nichts fertig; unsre Hauskost
werd’t Ihr ja nich anrühren, aber wenn sich dein Herr erst zu Tisch setzt,
kriegst du auch dein Teil ab.
Ossi p. Na und Hauskost, was gibt’s denn da bei euch so?
Mí sch k a. Kohlsuppe, Grütze und Fleischkuchen.
Ossi p. Kohlsuppe, Grütze und Fleischkuchen — her damit! Egal, eß ich
alles. Na, denn rin mit dem Koffer. Is da noch’n Ausgang?
Mí sch k a. Freilich. (Beide tragen den Koffer ins Nebenzimmer.)
5. Szene
Polizeidiener öffnen beide Türflügel. Herein tritt Chlestakóff, gefolgt vom
Polizeimeister; weiter zurück Hospitalverwalter, Schulinspektor, Dóbtschinski
und Bóbtschinski, mit einem Pflaster auf der Nase. Polizeimeister weist die Polizeidiener auf ein
am Boden liegendes Stück Papier; sie rennen hin, um es aufzuheben und stoßen dabei vor Eifer mit
den Köpfen zusammen.
C hl est ak ó ff. Vortreffliche Anstalten! Es gefällt mir besonders gut, daß
man in Ihrer Stadt die Durchreisenden in alle Sehenswürdigkeiten einführt.
Míschka und Ossip.
Ossi p. Wo damit hin?
Mí sch k a. Hierher, Kamerad, hierher!
Ossi p. Wart, laß mich erst verschnaufen. Miserables Leben das! Auf’n
leeren Magen is jeder Packen ’ne Last.
Mí sch k a. Na, Kamerad, kommt der General bald?
Ossi p. Was für’n General denn?
Mí sch k a. Na, dein Herr.
Ossi p. Mein Herr? Der ’n General?
Mí sch k a. Na, is er denn kein General?
Ossi p. General schon, aber vom andern Ende rauf.
Mí sch k a. Is das nu mehr oder weniger als ’n eigentlicher General?
Ossi p. Mehr.
Mí sch k a. Siehste wohl! Darum auch das Halloh im Hause.
Ossi p. Hör mal, Kleiner; ich seh, du bist ’n flinker Junge — schaff doch
unser einem ’n Happen zu essen!
Mí sch k a. Nee, Kamerad, für euch is noch nichts fertig; unsre Hauskost
werd’t Ihr ja nich anrühren, aber wenn sich dein Herr erst zu Tisch setzt,
kriegst du auch dein Teil ab.
Ossi p. Na und Hauskost, was gibt’s denn da bei euch so?
Mí sch k a. Kohlsuppe, Grütze und Fleischkuchen.
Ossi p. Kohlsuppe, Grütze und Fleischkuchen — her damit! Egal, eß ich
alles. Na, denn rin mit dem Koffer. Is da noch’n Ausgang?
Mí sch k a. Freilich. (Beide tragen den Koffer ins Nebenzimmer.)
5. Szene
Polizeidiener öffnen beide Türflügel. Herein tritt Chlestakóff, gefolgt vom
Polizeimeister; weiter zurück Hospitalverwalter, Schulinspektor, Dóbtschinski
und Bóbtschinski, mit einem Pflaster auf der Nase. Polizeimeister weist die Polizeidiener auf ein
am Boden liegendes Stück Papier; sie rennen hin, um es aufzuheben und stoßen dabei vor Eifer mit
den Köpfen zusammen.
C hl est ak ó ff. Vortreffliche Anstalten! Es gefällt mir besonders gut, daß
man in Ihrer Stadt die Durchreisenden in alle Sehenswürdigkeiten einführt.
Page 48
In andern Städten hat man mir gar nichts gezeigt.
P ol i zei m eister. In andern Städten, so wage ich zu behaupten, haben
Behörden und Beamte mehr ihren eigenen Vorteil im Auge; hier aber, das
darf ich wohl sagen, waltet nur das eine Streben: durch Ordnung und
Fürsorge sich das Wohlwollen seiner Obrigkeit zu verdienen.
C hl est ak ó ff. Das Frühstück war ausgezeichnet; ich habe mich
ordentlich überessen. Gibt es so was bei Ihnen alle Tage?
P ol i zei m eister. Lediglich zu Ehren eines hochwillkommenen Gastes.
C hl est ak ó ff. Ich esse gern mal gut. Dafür lebt man ja doch schließlich,
um die Blüte des Daseins zu pflücken. Wie hieß doch noch der Fisch?
Ho sp i tal ver walt er (vortretend). Laberdan, Ew. Gnaden.
C hl est ak ó ff. Sehr schmackhaft! Wo speisten wir doch? Im Lazarett,
nicht wahr?
Ho sp i tal ver walt er. Sehr wohl, Ew. Gnaden, im Hospital.
C hl est ak ó ff. Ach ja, ich erinnere mich, da standen Betten. Die Kranken
sind wohl geheilt? Viele schienen da nicht zu sein.
Ho sp i tal ver walt er. Höchstens zehn Mann, mehr nicht; die übrigen
sind alle geheilt. Das ist eben die Wirkung der vorzüglichen Ordnung.
Seitdem ich die Verwaltung übernahm — es wird Ihnen freilich kaum
glaubhaft erscheinen — seitdem werden sie alle gesund wie die Fliegen.
Kaum kommt ein Kranker ins Lazarett, und schon ist er geheilt; und das
weniger durch Medikamente als durch unsere Redlichkeit und Pflichttreue.
P ol i zei m eister. Und wie aufreibend — verzeihen Sie die Kühnheit —
wie aufreibend die verantwortungsvolle Tätigkeit eines Stadtoberhauptes!
Sachen jeder Art häufen sich, um nur der öffentlichen Bauten, der
Reparaturen und der Straßenreinigung zu gedenken ... mit einem Wort, der
klügste Mann käme in Verlegenheit — doch, Gott sei Dank, hier bei uns
geht alles wie am Schnürchen. Ein andrer Polizeimeister würde da
zweifellos an seinen eigenen Vorteil denken; aber wollen Sie es mir
glauben, daß ich jeden Abend vor dem Schlafengehen für mich bete: „Herr,
mein Gott, lenke meine Taten, damit die Obrigkeit meinen Eifer erkenne
und zufriedengestellt sei!“ ... Selbstverständlich ist es ihr freier Wille, ob sie
mich belohnen will oder nicht, aber ich für mein Teil habe wenigstens ein
reines Gewissen. Ist die Stadt überall wohlbestellt, sind die Straßen
gesäubert, die Gefangenen gut gehalten und wenig Betrunkene zu sehen ...
was will ich dann mehr? Bei Gott, nach Auszeichnungen strebe ich nicht.
P ol i zei m eister. In andern Städten, so wage ich zu behaupten, haben
Behörden und Beamte mehr ihren eigenen Vorteil im Auge; hier aber, das
darf ich wohl sagen, waltet nur das eine Streben: durch Ordnung und
Fürsorge sich das Wohlwollen seiner Obrigkeit zu verdienen.
C hl est ak ó ff. Das Frühstück war ausgezeichnet; ich habe mich
ordentlich überessen. Gibt es so was bei Ihnen alle Tage?
P ol i zei m eister. Lediglich zu Ehren eines hochwillkommenen Gastes.
C hl est ak ó ff. Ich esse gern mal gut. Dafür lebt man ja doch schließlich,
um die Blüte des Daseins zu pflücken. Wie hieß doch noch der Fisch?
Ho sp i tal ver walt er (vortretend). Laberdan, Ew. Gnaden.
C hl est ak ó ff. Sehr schmackhaft! Wo speisten wir doch? Im Lazarett,
nicht wahr?
Ho sp i tal ver walt er. Sehr wohl, Ew. Gnaden, im Hospital.
C hl est ak ó ff. Ach ja, ich erinnere mich, da standen Betten. Die Kranken
sind wohl geheilt? Viele schienen da nicht zu sein.
Ho sp i tal ver walt er. Höchstens zehn Mann, mehr nicht; die übrigen
sind alle geheilt. Das ist eben die Wirkung der vorzüglichen Ordnung.
Seitdem ich die Verwaltung übernahm — es wird Ihnen freilich kaum
glaubhaft erscheinen — seitdem werden sie alle gesund wie die Fliegen.
Kaum kommt ein Kranker ins Lazarett, und schon ist er geheilt; und das
weniger durch Medikamente als durch unsere Redlichkeit und Pflichttreue.
P ol i zei m eister. Und wie aufreibend — verzeihen Sie die Kühnheit —
wie aufreibend die verantwortungsvolle Tätigkeit eines Stadtoberhauptes!
Sachen jeder Art häufen sich, um nur der öffentlichen Bauten, der
Reparaturen und der Straßenreinigung zu gedenken ... mit einem Wort, der
klügste Mann käme in Verlegenheit — doch, Gott sei Dank, hier bei uns
geht alles wie am Schnürchen. Ein andrer Polizeimeister würde da
zweifellos an seinen eigenen Vorteil denken; aber wollen Sie es mir
glauben, daß ich jeden Abend vor dem Schlafengehen für mich bete: „Herr,
mein Gott, lenke meine Taten, damit die Obrigkeit meinen Eifer erkenne
und zufriedengestellt sei!“ ... Selbstverständlich ist es ihr freier Wille, ob sie
mich belohnen will oder nicht, aber ich für mein Teil habe wenigstens ein
reines Gewissen. Ist die Stadt überall wohlbestellt, sind die Straßen
gesäubert, die Gefangenen gut gehalten und wenig Betrunkene zu sehen ...
was will ich dann mehr? Bei Gott, nach Auszeichnungen strebe ich nicht.
Page 49
Gewiß haben sie viel Verlockendes, aber vor der Tugend sind sie nichts wie
eitel Nichtigkeit und Staub.
Ho sp i tal ver walt er (beiseite). Tagedieb der, wie er auspackt! Gott
schenke mir solche Gabe!
C hl est ak ó ff. Sehr richtig. Offen gestanden, auch ich philosophiere
zuweilen gerne; manchmal nur so in Prosa, aber gelegentlich entschlüpft
mir auch mal ein Vers.
B óbt schin sk i (zu Dóbtschinski). Wie tiefsinnig, wie tiefsinnig das alles,
Pjotr Iwánowitsch! Diese Bemerkungen ... man sieht’s, der hat die Bildung
studiert.
C hl est ak ó ff. Ach, sagen Sie doch bitte, gibt es hier bei Ihnen keine
sogenannten Gesellschaften oder Klubs, wo man zum Beispiel ein
Spielchen Karten machen könnte?
P ol i zei m eister (beiseite). Seht doch das Füchschen, will einem Steine
über den Zaun werfen! (Laut.) Gott behüte! Solche Gesellschaften kennt man
hier kaum vom Hörensagen. Ich habe überhaupt noch nie Karten angefaßt,
weiß nicht einmal, wie man Karten spielt. Ich kann sie auch nicht mit
ruhigem Blute betrachten, und wenn ich mal zufällig so einen Karo-König
oder dergleichen vor Augen kriege, dann überkommt mich solch Ekel, daß
ich geradezu ausspucken muß. Einmal hatte ich den Kindern zu Gefallen
ein Kartenhaus aufgebaut, und hinterher mußte ich die ganze Nacht von
dem Plunder träumen! Hol sie der Kuckuck! Wie kann man nur seine
kostbare Zeit daran verschwenden ...
S chul i nspek tor (beiseite). Gauner, und hast mir erst gestern hundert
Rubel abgeknöpft!
P ol i zei m eister. ... ich verwerte sie lieber zum Wohle des Vaterlandes.
C hl est ak ó ff. Nun, so ganz sollten Sie das doch nicht ... es hängt eben
alles davon ab, von welcher Seite man ein Ding betrachtet. Ja, wenn man z.
B. gerade in dem Augenblick paßt, wo man hätte va banque spielen sollen
... na, dann allerdings! ... Nein, sagen Sie das nicht, zuweilen hat so ein
kleines Spielchen was sehr Verlockendes.
6. Szene
Die Vorigen. Anna Andréjewna und Márja Antónowna.
eitel Nichtigkeit und Staub.
Ho sp i tal ver walt er (beiseite). Tagedieb der, wie er auspackt! Gott
schenke mir solche Gabe!
C hl est ak ó ff. Sehr richtig. Offen gestanden, auch ich philosophiere
zuweilen gerne; manchmal nur so in Prosa, aber gelegentlich entschlüpft
mir auch mal ein Vers.
B óbt schin sk i (zu Dóbtschinski). Wie tiefsinnig, wie tiefsinnig das alles,
Pjotr Iwánowitsch! Diese Bemerkungen ... man sieht’s, der hat die Bildung
studiert.
C hl est ak ó ff. Ach, sagen Sie doch bitte, gibt es hier bei Ihnen keine
sogenannten Gesellschaften oder Klubs, wo man zum Beispiel ein
Spielchen Karten machen könnte?
P ol i zei m eister (beiseite). Seht doch das Füchschen, will einem Steine
über den Zaun werfen! (Laut.) Gott behüte! Solche Gesellschaften kennt man
hier kaum vom Hörensagen. Ich habe überhaupt noch nie Karten angefaßt,
weiß nicht einmal, wie man Karten spielt. Ich kann sie auch nicht mit
ruhigem Blute betrachten, und wenn ich mal zufällig so einen Karo-König
oder dergleichen vor Augen kriege, dann überkommt mich solch Ekel, daß
ich geradezu ausspucken muß. Einmal hatte ich den Kindern zu Gefallen
ein Kartenhaus aufgebaut, und hinterher mußte ich die ganze Nacht von
dem Plunder träumen! Hol sie der Kuckuck! Wie kann man nur seine
kostbare Zeit daran verschwenden ...
S chul i nspek tor (beiseite). Gauner, und hast mir erst gestern hundert
Rubel abgeknöpft!
P ol i zei m eister. ... ich verwerte sie lieber zum Wohle des Vaterlandes.
C hl est ak ó ff. Nun, so ganz sollten Sie das doch nicht ... es hängt eben
alles davon ab, von welcher Seite man ein Ding betrachtet. Ja, wenn man z.
B. gerade in dem Augenblick paßt, wo man hätte va banque spielen sollen
... na, dann allerdings! ... Nein, sagen Sie das nicht, zuweilen hat so ein
kleines Spielchen was sehr Verlockendes.
6. Szene
Die Vorigen. Anna Andréjewna und Márja Antónowna.
Page 50
P ol i zei m eister. Ich habe die Ehre, Ihnen meine Familie vorzustellen:
meine Frau, meine Tochter.
C hl est ak ó ff (sich verneigend). Wie glücklich bin ich, Gnädigste,
meinerseits das Vergnügen zu haben, Sie begrüßen zu dürfen.
An na A n dr éj ewna. Wir sind noch weit entzückter, eine so hohe
Person begrüßen zu dürfen.
C hl est ak ó ff (mit Affektation). Aber bitte sehr, Gnädigste, im Gegenteil, mir
ist es noch weit willkommener.
An na A n dr éj ewna. Nein, wie ist’s möglich! Sie sagen das sicherlich
nur aus Galanterie. Bitte untertänigst Platz zu nehmen.
C hl est ak ó ff. Neben Ihnen zu stehen, Gnädigste, bedeutet schon Glück;
wenn Sie es aber durchaus befehlen, setze ich mich auch. Wie entzückt bin
ich, endlich neben Ihnen sitzen zu dürfen.
An na A n dr éj ewna. Ach, ich darf kaum wagen, das auf mich zu
beziehen ... Ich denke, nach der Residenz müssen Sie die Exkursiong nach
hierher sehr unangenehm empfunden haben.
C hl est ak ó ff. Äußerst unangenehm! Daran gewöhnt, comprenez-vous,
in der großen Welt zu leben und sich dann plötzlich auf der Landstraße
wiederfinden — schmutzige Schenken, roheste Unbildung ... Ich gestehe,
ohne einen solchen Zufall, der mich ... (betrachtet Anna Andréjewna und spielt den
Galanten) ... für alles entschädigt ...
An na And r éj ewna. In der Tat, Sie müssen das sehr unangenehm
empfunden haben!
C hl est ak ó ff. Oh, in diesem Augenblick, Gnädigste, finde ich es sehr
angenehm!
An na An d r éjewna. Aber wie ist’s nur möglich! Zuviel der Ehre ... ich
verdiene es durchaus nicht.
C hl est ak ó ff. Aber weshalb sollten Sie es nicht verdienen? Sie
verdienen es, Gnädigste, wirklich, Sie verdienen es.
An na And r éjewn a. Ich lebe auf dem Dorfe ...
C hl est ak ó ff. Oh, auch das Dorf hat seine hübschen runden Hügel und
stillen Bäche ... Nun freilich, wer wird das alles auch gleich mit Petersburg
vergleichen wollen! Ah, Petersburg! Welch ein Leben! Sie denken
vielleicht, ich wäre bloß so ein kleiner Aktenschreiber — nicht entfernt! Ich
stehe mit dem Abteilungschef auf dem vertrautesten Fuße. Der schlägt mir
dann wohl gelegentlich auf die Schulter und sagt: „Na, Kollege, Mahlzeit!“
Ins Departement komme ich höchstens für zwei Minuten, nur um dort
meine Frau, meine Tochter.
C hl est ak ó ff (sich verneigend). Wie glücklich bin ich, Gnädigste,
meinerseits das Vergnügen zu haben, Sie begrüßen zu dürfen.
An na A n dr éj ewna. Wir sind noch weit entzückter, eine so hohe
Person begrüßen zu dürfen.
C hl est ak ó ff (mit Affektation). Aber bitte sehr, Gnädigste, im Gegenteil, mir
ist es noch weit willkommener.
An na A n dr éj ewna. Nein, wie ist’s möglich! Sie sagen das sicherlich
nur aus Galanterie. Bitte untertänigst Platz zu nehmen.
C hl est ak ó ff. Neben Ihnen zu stehen, Gnädigste, bedeutet schon Glück;
wenn Sie es aber durchaus befehlen, setze ich mich auch. Wie entzückt bin
ich, endlich neben Ihnen sitzen zu dürfen.
An na A n dr éj ewna. Ach, ich darf kaum wagen, das auf mich zu
beziehen ... Ich denke, nach der Residenz müssen Sie die Exkursiong nach
hierher sehr unangenehm empfunden haben.
C hl est ak ó ff. Äußerst unangenehm! Daran gewöhnt, comprenez-vous,
in der großen Welt zu leben und sich dann plötzlich auf der Landstraße
wiederfinden — schmutzige Schenken, roheste Unbildung ... Ich gestehe,
ohne einen solchen Zufall, der mich ... (betrachtet Anna Andréjewna und spielt den
Galanten) ... für alles entschädigt ...
An na And r éj ewna. In der Tat, Sie müssen das sehr unangenehm
empfunden haben!
C hl est ak ó ff. Oh, in diesem Augenblick, Gnädigste, finde ich es sehr
angenehm!
An na An d r éjewna. Aber wie ist’s nur möglich! Zuviel der Ehre ... ich
verdiene es durchaus nicht.
C hl est ak ó ff. Aber weshalb sollten Sie es nicht verdienen? Sie
verdienen es, Gnädigste, wirklich, Sie verdienen es.
An na And r éjewn a. Ich lebe auf dem Dorfe ...
C hl est ak ó ff. Oh, auch das Dorf hat seine hübschen runden Hügel und
stillen Bäche ... Nun freilich, wer wird das alles auch gleich mit Petersburg
vergleichen wollen! Ah, Petersburg! Welch ein Leben! Sie denken
vielleicht, ich wäre bloß so ein kleiner Aktenschreiber — nicht entfernt! Ich
stehe mit dem Abteilungschef auf dem vertrautesten Fuße. Der schlägt mir
dann wohl gelegentlich auf die Schulter und sagt: „Na, Kollege, Mahlzeit!“
Ins Departement komme ich höchstens für zwei Minuten, nur um dort
Page 51
Anweisungen zu geben — das so, das so, das so. Da steht gleich so ein
Sekretär, flink wie eine Ratte, setzt bloß die Feder an — kri-kri, kri-kri, kri-
kri, das fliegt nur so! Man wollte mich sogar zum Kollegien-Assessor
machen, na, ich weiß genau warum. Und der Portier kommt mir noch auf
die Treppe nachgelaufen und ruft: „Erlauben Sie, Iwán Alexándrowitsch,
daß ich Ihnen erst die Stiefel säubere!“ (Zum Polizeimeister.) Aber warum stehen
Sie denn, meine Herren? Bitte, setzen Sie sich doch!
P ol i zei m eister. Unser bescheidner Rang gebietet uns zu stehen.
Ho sp i tal ver walt er. Wir können auch stehen.
S chul i nspek tor. Bitte bemühen Sie sich doch nicht. (Alle drei gleichzeitig.)
C hl est ak ó ff. Rang bei Seite, bitte setzen Sie sich! (Polizeimeister und alle
anderen setzen sich.) Im Gegenteil, ich bemühe mich sogar möglichst unbemerkt
durchzuschlüpfen, aber unmöglich sich zu verbergen, rein unmöglich!
Kaum trete ich wo heraus, gleich heißt’s: „Ei, da ist ja Iwán
Alexándrowitsch!“ Einmal hielten sie mich sogar für den
Oberkommandierenden; die Soldaten rannten aus der Hauptwache und
präsentierten das Gewehr. Nachher sagte mir ein Offizier, ein guter
Bekannter von mir: „Schau doch Freundchen, haben wir dich wahrhaftig für
den Oberkommandierenden gehalten.“
An na And r éjewn a. Nun sagen Sie bloß!
C hl est ak ó ff. Hübsche Schauspielerinnen kenne ich auch. Auch
verschiedene Vaudevilliers ... Mit Schriftstellern verkehre ich viel. Mit
Puschkin bin ich ganz intim. Trifft man sich mal, dann sage ich so zu ihm:
„Na, Puschkinchen, wie geht’s?“ „Na, wie soll’s gehn, Kollege,“ meint er
dann, „danke, es macht sich.“ Ein Original, dieser Puschkin.
An na And r éjewna. Dann schreiben Sie also auch? Wie wundervoll
muß sich doch ein Schriftsteller fühlen! Sie veröffentlichen gewiß auch in
Journalen?
C hl est ak ó ff. O ja, auch in Journalen. Ich habe übrigens schon eine
Menge Schriften verfaßt: Figaros Hochzeit, Robert der Teufel, Norma ...
kaum daß ich die Namen alle noch behalten habe. Und alles wie aus dem
Ärmel geschüttelt; ich wollte eigentlich gar nicht schreiben, aber die
Theaterdirektoren setzen einem zu: „Liebster, Bester, schreib uns doch
was!“ Ich überlege bei mir: „Na, wollen mal sehn.“ Und dann ist’s an einem
einzigen Abend hingeworfen. Ich besitze eine geradezu spielende Phantasie.
Alles, was unter dem Namen „Baron Brambeus“ ging: „Fregatte Hoffnung“
und „Moskauer Telegraph“ ... das war alles von mir.
Sekretär, flink wie eine Ratte, setzt bloß die Feder an — kri-kri, kri-kri, kri-
kri, das fliegt nur so! Man wollte mich sogar zum Kollegien-Assessor
machen, na, ich weiß genau warum. Und der Portier kommt mir noch auf
die Treppe nachgelaufen und ruft: „Erlauben Sie, Iwán Alexándrowitsch,
daß ich Ihnen erst die Stiefel säubere!“ (Zum Polizeimeister.) Aber warum stehen
Sie denn, meine Herren? Bitte, setzen Sie sich doch!
P ol i zei m eister. Unser bescheidner Rang gebietet uns zu stehen.
Ho sp i tal ver walt er. Wir können auch stehen.
S chul i nspek tor. Bitte bemühen Sie sich doch nicht. (Alle drei gleichzeitig.)
C hl est ak ó ff. Rang bei Seite, bitte setzen Sie sich! (Polizeimeister und alle
anderen setzen sich.) Im Gegenteil, ich bemühe mich sogar möglichst unbemerkt
durchzuschlüpfen, aber unmöglich sich zu verbergen, rein unmöglich!
Kaum trete ich wo heraus, gleich heißt’s: „Ei, da ist ja Iwán
Alexándrowitsch!“ Einmal hielten sie mich sogar für den
Oberkommandierenden; die Soldaten rannten aus der Hauptwache und
präsentierten das Gewehr. Nachher sagte mir ein Offizier, ein guter
Bekannter von mir: „Schau doch Freundchen, haben wir dich wahrhaftig für
den Oberkommandierenden gehalten.“
An na And r éjewn a. Nun sagen Sie bloß!
C hl est ak ó ff. Hübsche Schauspielerinnen kenne ich auch. Auch
verschiedene Vaudevilliers ... Mit Schriftstellern verkehre ich viel. Mit
Puschkin bin ich ganz intim. Trifft man sich mal, dann sage ich so zu ihm:
„Na, Puschkinchen, wie geht’s?“ „Na, wie soll’s gehn, Kollege,“ meint er
dann, „danke, es macht sich.“ Ein Original, dieser Puschkin.
An na And r éjewna. Dann schreiben Sie also auch? Wie wundervoll
muß sich doch ein Schriftsteller fühlen! Sie veröffentlichen gewiß auch in
Journalen?
C hl est ak ó ff. O ja, auch in Journalen. Ich habe übrigens schon eine
Menge Schriften verfaßt: Figaros Hochzeit, Robert der Teufel, Norma ...
kaum daß ich die Namen alle noch behalten habe. Und alles wie aus dem
Ärmel geschüttelt; ich wollte eigentlich gar nicht schreiben, aber die
Theaterdirektoren setzen einem zu: „Liebster, Bester, schreib uns doch
was!“ Ich überlege bei mir: „Na, wollen mal sehn.“ Und dann ist’s an einem
einzigen Abend hingeworfen. Ich besitze eine geradezu spielende Phantasie.
Alles, was unter dem Namen „Baron Brambeus“ ging: „Fregatte Hoffnung“
und „Moskauer Telegraph“ ... das war alles von mir.
Page 52
An na And r éjewn a. Ach, also Sie waren Brambeus?
C hl est ak ó ff. Freilich, ich korrigiere ihnen allen ja auch ihre Verse.
Smírdin zahlt mir 40000 dafür.
An na An d r éjewn a. Dann ist sicherlich auch der „Júrij Milosláwski“
von Ihnen?
C hl est ak ó ff. Ganz gewiß.
An na And r éjewn a. Das hatte ich mir gleich gedacht!
Már j a A nt ó no wna. Aber Mama, auf dem Titel steht doch: „von
Sagóskin“!
An na A n dr éj ewna. Wußte ich’s doch, daß du selbst hier streiten
würdest!
C hl est ak ó ff. Ah, richtig, es ist ja wahr, der ist von Sagóskin; aber es
gibt noch einen andern Júrij Milosláwski, und der ist der meinige.
An na And r éjewn a. Nun also, und gerade den Ihren habe ich gelesen.
Wie prachtvoll geschrieben!
C hl est ak ó ff. Offen gestanden, ich lebe für die Literatur. Ich führe das
erste Haus in Petersburg. Stadtbekannt ist es, das Haus des Iwán
Alexándrowitsch. (Sich an alle Anwesenden wendend.) Machen Sie mir doch das
Vergnügen, meine Herrschaften, wenn Sie mal in Petersburg sind, bitte,
bitte, besuchen Sie mich. Ich gebe auch Bälle.
An na A nd r éj ewna. Ich kann mir vorstellen, wie stilvoll und glänzend
diese Bälle sein müssen!
C hl est ak ó ff. O durchaus nicht, ganz schlicht. Auf dem Tisch zum
Beispiel eine Wassermelone — das heißt, so eine für siebenhundert Rubel.
Die Suppe in einer Kasserole direkt per Dampfer aus Paris bezogen; man
hebt den Deckel ab — ein Duft, wie es nichts Köstlicheres in der Welt gibt!
Ich gehe jeden Tag auf den Ball. Dort habe ich auch meine Whistpartie: der
Minister der auswärtigen Angelegenheiten, der französische Botschafter,
der deutsche Botschafter und ich. Wir verbeißen uns oft derart ins Spiel,
daß man’s kaum beschreiben kann. Rennt man dann nach Haus und klettert
in seine vierte Etage hinauf — kann man grade noch zur Köchin stammeln:
Mawrúscha, den Überzieher ... Was plappere ich denn — ich vergaß ja, ich
wohne doch Beletage, nur eine Treppe hoch ... Auch sehr interessant, mein
Antichambre zu sehen, ehe ich mich morgens erhoben habe: da drängen
sich Grafen und Fürsten und sumsen wie die Hummeln, man hört nur: sum,
sum, sum; zuweilen, wenn der Minister ... (Polizeimeister und die übrigen Herren
erheben sich ehrfurchtsvoll von den Sitzen.) Selbst auf meinen Paketadressen steht: an
C hl est ak ó ff. Freilich, ich korrigiere ihnen allen ja auch ihre Verse.
Smírdin zahlt mir 40000 dafür.
An na An d r éjewn a. Dann ist sicherlich auch der „Júrij Milosláwski“
von Ihnen?
C hl est ak ó ff. Ganz gewiß.
An na And r éjewn a. Das hatte ich mir gleich gedacht!
Már j a A nt ó no wna. Aber Mama, auf dem Titel steht doch: „von
Sagóskin“!
An na A n dr éj ewna. Wußte ich’s doch, daß du selbst hier streiten
würdest!
C hl est ak ó ff. Ah, richtig, es ist ja wahr, der ist von Sagóskin; aber es
gibt noch einen andern Júrij Milosláwski, und der ist der meinige.
An na And r éjewn a. Nun also, und gerade den Ihren habe ich gelesen.
Wie prachtvoll geschrieben!
C hl est ak ó ff. Offen gestanden, ich lebe für die Literatur. Ich führe das
erste Haus in Petersburg. Stadtbekannt ist es, das Haus des Iwán
Alexándrowitsch. (Sich an alle Anwesenden wendend.) Machen Sie mir doch das
Vergnügen, meine Herrschaften, wenn Sie mal in Petersburg sind, bitte,
bitte, besuchen Sie mich. Ich gebe auch Bälle.
An na A nd r éj ewna. Ich kann mir vorstellen, wie stilvoll und glänzend
diese Bälle sein müssen!
C hl est ak ó ff. O durchaus nicht, ganz schlicht. Auf dem Tisch zum
Beispiel eine Wassermelone — das heißt, so eine für siebenhundert Rubel.
Die Suppe in einer Kasserole direkt per Dampfer aus Paris bezogen; man
hebt den Deckel ab — ein Duft, wie es nichts Köstlicheres in der Welt gibt!
Ich gehe jeden Tag auf den Ball. Dort habe ich auch meine Whistpartie: der
Minister der auswärtigen Angelegenheiten, der französische Botschafter,
der deutsche Botschafter und ich. Wir verbeißen uns oft derart ins Spiel,
daß man’s kaum beschreiben kann. Rennt man dann nach Haus und klettert
in seine vierte Etage hinauf — kann man grade noch zur Köchin stammeln:
Mawrúscha, den Überzieher ... Was plappere ich denn — ich vergaß ja, ich
wohne doch Beletage, nur eine Treppe hoch ... Auch sehr interessant, mein
Antichambre zu sehen, ehe ich mich morgens erhoben habe: da drängen
sich Grafen und Fürsten und sumsen wie die Hummeln, man hört nur: sum,
sum, sum; zuweilen, wenn der Minister ... (Polizeimeister und die übrigen Herren
erheben sich ehrfurchtsvoll von den Sitzen.) Selbst auf meinen Paketadressen steht: an
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Seine Exzellenz ... Einmal habe ich sogar das Departement geleitet. Das
war ganz komisch; der Chef war verreist, keiner wußte wohin. Nun ging
natürlich das Gerede los; was macht man, wer soll die Stelle ausfüllen?
Viele Generale kamen als Bewerber, treten ein, versuchen — nein, zu
schwer! Es scheint ganz leicht, aber näher zugesehn — unmöglich, hol’s der
Teufel! Kaum sehn sie, daß es nicht geht — zu mir! Und im selben
Augenblick durch die Straßen: Kuriere, Kuriere, Kuriere ... Stellen Sie sich
bloß vor: fünfunddreißigtausend Kuriere! Da frage ich Sie doch, welche
Situation! „Auf, Iwán Alexándrowitsch, aufs Departement!“ Ich war, offen
gestanden, etwas verblüfft, kam im Schlafrock heraus, wollte absagen,
denke mir aber: wenn das bis vor Majestät kommt, na, und das Avancement
... „Schön, meine Herren, ich komme, ich komme,“ sage ich, „abgemacht,
ich komme; aber daß mir keiner, na, na, na! ich habe feine Ohren, ich will
euch ...“ Gesagt, getan: ich quer durchs Departement, das reine Erdbeben,
alles schwankt und zittert wie Espenlaub. (Polizeimeister und die Übrigen beben vor
Schreck; Chlestakóff erhitzt sich noch stärker.) O ich spaße nicht; ich habe es ihnen
allen beigebracht! Selbst der Staatsrat fürchtet sich vor mir. Warum auch
nicht? Das ist so meine Art! Ich nehme auf niemand Rücksicht ... Zu jedem
sage ich: „Ich weiß alleine Bescheid!“ Ich bin überall, überall. Jeden Tag
fahre ich zu Hofe. Morgen werde ich gleich zum Feldmarsch... (schwankt und
fällt beinahe zu Boden, wird aber von den Beamten ehrfurchtsvoll gestützt.)
P ol i zei m eister (tritt näher und versucht, am ganzen Leibe zitternd, zu sprechen). Aber
E... E... E...
C hl est ak ó ff (in heftigem, befehlendem Ton). Was wollen Sie?
P ol i zei m eister. Aber E... E... E... E...
C hl est ak ó ff (im gleichen Ton). Verstehe gar nichts, alles Unsinn.
P ol i zei m eister. Euer E... Ex...zellenz befehlen vielleicht etwas
auszuruhen ... Hier ist ein Zimmer, alles ist bereit.
C hl est ak ó ff. Blödsinn — ausruhen! Meinetwegen auch ausruhen ... Ihr
Frühstück, meine Herren, famos ... sehr zufrieden, sehr zufrieden .... (mit
Emphase.) Laberdan! Laberdan! (Ab ins Nebenzimmer, gefolgt vom Polizeimeister.)
7. Szene
Die Vorigen außer Chlestakóff und Polizeimeister.
war ganz komisch; der Chef war verreist, keiner wußte wohin. Nun ging
natürlich das Gerede los; was macht man, wer soll die Stelle ausfüllen?
Viele Generale kamen als Bewerber, treten ein, versuchen — nein, zu
schwer! Es scheint ganz leicht, aber näher zugesehn — unmöglich, hol’s der
Teufel! Kaum sehn sie, daß es nicht geht — zu mir! Und im selben
Augenblick durch die Straßen: Kuriere, Kuriere, Kuriere ... Stellen Sie sich
bloß vor: fünfunddreißigtausend Kuriere! Da frage ich Sie doch, welche
Situation! „Auf, Iwán Alexándrowitsch, aufs Departement!“ Ich war, offen
gestanden, etwas verblüfft, kam im Schlafrock heraus, wollte absagen,
denke mir aber: wenn das bis vor Majestät kommt, na, und das Avancement
... „Schön, meine Herren, ich komme, ich komme,“ sage ich, „abgemacht,
ich komme; aber daß mir keiner, na, na, na! ich habe feine Ohren, ich will
euch ...“ Gesagt, getan: ich quer durchs Departement, das reine Erdbeben,
alles schwankt und zittert wie Espenlaub. (Polizeimeister und die Übrigen beben vor
Schreck; Chlestakóff erhitzt sich noch stärker.) O ich spaße nicht; ich habe es ihnen
allen beigebracht! Selbst der Staatsrat fürchtet sich vor mir. Warum auch
nicht? Das ist so meine Art! Ich nehme auf niemand Rücksicht ... Zu jedem
sage ich: „Ich weiß alleine Bescheid!“ Ich bin überall, überall. Jeden Tag
fahre ich zu Hofe. Morgen werde ich gleich zum Feldmarsch... (schwankt und
fällt beinahe zu Boden, wird aber von den Beamten ehrfurchtsvoll gestützt.)
P ol i zei m eister (tritt näher und versucht, am ganzen Leibe zitternd, zu sprechen). Aber
E... E... E...
C hl est ak ó ff (in heftigem, befehlendem Ton). Was wollen Sie?
P ol i zei m eister. Aber E... E... E... E...
C hl est ak ó ff (im gleichen Ton). Verstehe gar nichts, alles Unsinn.
P ol i zei m eister. Euer E... Ex...zellenz befehlen vielleicht etwas
auszuruhen ... Hier ist ein Zimmer, alles ist bereit.
C hl est ak ó ff. Blödsinn — ausruhen! Meinetwegen auch ausruhen ... Ihr
Frühstück, meine Herren, famos ... sehr zufrieden, sehr zufrieden .... (mit
Emphase.) Laberdan! Laberdan! (Ab ins Nebenzimmer, gefolgt vom Polizeimeister.)
7. Szene
Die Vorigen außer Chlestakóff und Polizeimeister.
Page 54
B óbt schin sk i. Das ist ein Mann, Pjotr Iwánowitsch! Das heißt doch ein
Mann! Noch nie im Leben habe ich vor einer so bedeutenden Persönlichkeit
gestanden; vor Furcht bin ich fast gestorben. Was glauben Sie, Pjotr
Iwánowitsch, welchen Rang mag er wohl bekleiden?
Dó bt schi n sk i. Ich meine zum mindesten General.
B óbt schin sk i. Ich meine jedoch, ein General reicht dem nicht an die
Gamaschen! Und wenn selbst General, dann mindestens Generalissimus.
Sie hörten ja, wie er den Staatsrat angeblasen hat. Kommen Sie, erzählen
wir’s rasch Ammós Fjódorowitsch und Koróbkin. Empfehle mich, Anna
Andréjewna!
Dó bt schi n sk i. Empfehle mich, Frau Gevatterin! (Beide ab.)
Ho sp i tal ver walt er (zum Schulinspektor). Seltsam, höchst seltsam,
weshalb, das weiß ich selbst nicht. Und wir sind nicht einmal in Gala! Was
dann, wenn er erwacht und sofort darüber nach Petersburg berichtet? (Verläßt
mit dem Schulinspektor nachdenklich das Zimmer; im Hinausgehen:) Empfehlen uns,
Gnädigste!
8. Szene
Anna Andréjewna und Márja Antónowna.
An na And r éjewn a. Ach, was für ein reizender junger Mann!
Már j a A n tón owna. Ach und wie lieb!
An na A ndr éj ewna. Und diese vornehmen Manieren! Man merkt doch
gleich den Großstädter! Haltung und alles von einer Feinheit ... Ach, wie
entzückend! Ich schwärme für dergleichen junge Männer! Wirklich, ich bin
ganz außer mir. Ich habe übrigens Eindruck auf ihn gemacht; ich bemerkte
es wohl, er sah immer nach mir hin.
Már j a A n tón owna. Aber Mama, m i ch hat er angesehen!
An na And r éjewn a. Bleib mir gefälligst fort mit deinem Unsinn! Der
ist hier überflüssig!
Már j a A n tón owna. Nein, wirklich, Mama!
An na An d r éjewna. Natürlich! Gott bewahre mich, alles muß sie
abstreiten! Jetzt schweig aber mal still! Er und dich ansehn? Weshalb hätte
er dich ansehn sollen?
Már j a A n tó no wna. Ganz gewiß, Mama, immerfort hat er mich
angesehen. Als er von der Literatur anfing, da sah er mich an, und nachher,
Mann! Noch nie im Leben habe ich vor einer so bedeutenden Persönlichkeit
gestanden; vor Furcht bin ich fast gestorben. Was glauben Sie, Pjotr
Iwánowitsch, welchen Rang mag er wohl bekleiden?
Dó bt schi n sk i. Ich meine zum mindesten General.
B óbt schin sk i. Ich meine jedoch, ein General reicht dem nicht an die
Gamaschen! Und wenn selbst General, dann mindestens Generalissimus.
Sie hörten ja, wie er den Staatsrat angeblasen hat. Kommen Sie, erzählen
wir’s rasch Ammós Fjódorowitsch und Koróbkin. Empfehle mich, Anna
Andréjewna!
Dó bt schi n sk i. Empfehle mich, Frau Gevatterin! (Beide ab.)
Ho sp i tal ver walt er (zum Schulinspektor). Seltsam, höchst seltsam,
weshalb, das weiß ich selbst nicht. Und wir sind nicht einmal in Gala! Was
dann, wenn er erwacht und sofort darüber nach Petersburg berichtet? (Verläßt
mit dem Schulinspektor nachdenklich das Zimmer; im Hinausgehen:) Empfehlen uns,
Gnädigste!
8. Szene
Anna Andréjewna und Márja Antónowna.
An na And r éjewn a. Ach, was für ein reizender junger Mann!
Már j a A n tón owna. Ach und wie lieb!
An na A ndr éj ewna. Und diese vornehmen Manieren! Man merkt doch
gleich den Großstädter! Haltung und alles von einer Feinheit ... Ach, wie
entzückend! Ich schwärme für dergleichen junge Männer! Wirklich, ich bin
ganz außer mir. Ich habe übrigens Eindruck auf ihn gemacht; ich bemerkte
es wohl, er sah immer nach mir hin.
Már j a A n tón owna. Aber Mama, m i ch hat er angesehen!
An na And r éjewn a. Bleib mir gefälligst fort mit deinem Unsinn! Der
ist hier überflüssig!
Már j a A n tón owna. Nein, wirklich, Mama!
An na An d r éjewna. Natürlich! Gott bewahre mich, alles muß sie
abstreiten! Jetzt schweig aber mal still! Er und dich ansehn? Weshalb hätte
er dich ansehn sollen?
Már j a A n tó no wna. Ganz gewiß, Mama, immerfort hat er mich
angesehen. Als er von der Literatur anfing, da sah er mich an, und nachher,
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wie er erzählte, daß er mit den Botschaftern Whist spielt, da sah er mich
auch an.
An na A n dr éjewna. Nun, kann sein, vielleicht so einmal, aber dann
höchstens etwa so: „Na, sehen wir uns die auch mal an!“
9. Szene
Die Vorigen und Polizeimeister.
P ol i zei m eister (tritt auf den Fußspitzen herein). Pst ... pst ...
An na And r éjewn a. Wie steht’s?
P ol i zei m eister. Es ist mir doch fatal, daß er sich übernommen hat.
Indes, und wenn auch nur die Hälfte von dem, was er gesagt hat, wahr ist?
(Überlegend.) Warum sollte es denn auch nicht wahr sein? Im Rausch offenbart
der Mensch alles: wes das Herz voll ist, des geht der Mund über. Freilich,
ein bißchen geflunkert hat er schon; aber ohne Flunkern kommt schließlich
keine vernünftige Unterhaltung zustande. Mit den Ministern spielt er Karten
und fährt zu Hofe ... Wahrhaftig, je mehr man darüber nachdenkt ... weiß
der Teufel, was in meinem Schädel vorgeht; mir ist gerade so, als ob ich
hoch oben auf einem Glockenturme stünde — oder gehängt werden sollte.
An na A ndr éj ewn a. Ich für mein Teil habe mich durchaus nicht
befangen gefühlt: ich sah in ihm lediglich den gebildeten, weltgewandten,
vornehmen Mann, sein Rang geht mich dabei gar nichts an.
P ol i zei m eister. So seid ihr eben alle — ihr Weiber! Alles ist gleich in
schönster Ordnung, da genügt ein einziges Wörtchen! Euch ist alles —
Spielkram! Das plappert bald so, bald so. Und habt ihr euch verheddert,
seht doch, wie sie da nach dem teuren Gatten schreien! Du, meine
Verehrteste, hast ihn eben leider so harmlos genommen, wie irgend einen
beliebigen Dóbtschinski.
An na Andr éj ewna. Sei bitte meinetwegen ganz ohne Sorge. Ich weiß
vollkommen, was sich schickt! (wirft dabei einen bedeutsamen Blick auf die Tochter.)
P ol i zei m eister (für sich). Mit euch auch reden! ... Aber wahrhaftig,
dieser ganze Fall! Ich kann mich noch immer nicht vom Schreck erholen.
(Öffnet die Tür und ruft hinaus) Míschka! Ruf die Polizeidiener Swistúnoff und
Djerschimórda: sie müssen hier irgendwo beim Tore sein. (Nach längerem
Schweigen.) Sonderbar, wie es jetzt in der Welt zugeht; wenn es wenigstens
ansehnliche Kerle wären, aber so ein unscheinbares, schmächtiges Herrchen
auch an.
An na A n dr éjewna. Nun, kann sein, vielleicht so einmal, aber dann
höchstens etwa so: „Na, sehen wir uns die auch mal an!“
9. Szene
Die Vorigen und Polizeimeister.
P ol i zei m eister (tritt auf den Fußspitzen herein). Pst ... pst ...
An na And r éjewn a. Wie steht’s?
P ol i zei m eister. Es ist mir doch fatal, daß er sich übernommen hat.
Indes, und wenn auch nur die Hälfte von dem, was er gesagt hat, wahr ist?
(Überlegend.) Warum sollte es denn auch nicht wahr sein? Im Rausch offenbart
der Mensch alles: wes das Herz voll ist, des geht der Mund über. Freilich,
ein bißchen geflunkert hat er schon; aber ohne Flunkern kommt schließlich
keine vernünftige Unterhaltung zustande. Mit den Ministern spielt er Karten
und fährt zu Hofe ... Wahrhaftig, je mehr man darüber nachdenkt ... weiß
der Teufel, was in meinem Schädel vorgeht; mir ist gerade so, als ob ich
hoch oben auf einem Glockenturme stünde — oder gehängt werden sollte.
An na A ndr éj ewn a. Ich für mein Teil habe mich durchaus nicht
befangen gefühlt: ich sah in ihm lediglich den gebildeten, weltgewandten,
vornehmen Mann, sein Rang geht mich dabei gar nichts an.
P ol i zei m eister. So seid ihr eben alle — ihr Weiber! Alles ist gleich in
schönster Ordnung, da genügt ein einziges Wörtchen! Euch ist alles —
Spielkram! Das plappert bald so, bald so. Und habt ihr euch verheddert,
seht doch, wie sie da nach dem teuren Gatten schreien! Du, meine
Verehrteste, hast ihn eben leider so harmlos genommen, wie irgend einen
beliebigen Dóbtschinski.
An na Andr éj ewna. Sei bitte meinetwegen ganz ohne Sorge. Ich weiß
vollkommen, was sich schickt! (wirft dabei einen bedeutsamen Blick auf die Tochter.)
P ol i zei m eister (für sich). Mit euch auch reden! ... Aber wahrhaftig,
dieser ganze Fall! Ich kann mich noch immer nicht vom Schreck erholen.
(Öffnet die Tür und ruft hinaus) Míschka! Ruf die Polizeidiener Swistúnoff und
Djerschimórda: sie müssen hier irgendwo beim Tore sein. (Nach längerem
Schweigen.) Sonderbar, wie es jetzt in der Welt zugeht; wenn es wenigstens
ansehnliche Kerle wären, aber so ein unscheinbares, schmächtiges Herrchen
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— wie soll man da herausbekommen, was er ist? Ein Militär ist immer noch
was Greifbares; zieht er aber den Frack an — dann schaut er aus wie eine
Fliege mit ausgerupften Flügeln. Hat sich vorhin im Gasthof lange genug
verbarrikadiert und mit so viel Anspielungen und Zweideutigkeiten
geplänkelt, daß man’s in Ewigkeit nicht hätte zusammenreimen können.
Nun hat er endlich die Waffen gestreckt. Hat sogar noch mehr geredet, als
nötig war. Eins ist wenigstens sicher: der ist noch sehr jung!
10. Szene
Die Vorigen und Ossip. Alle laufen ihm winkend entgegen.
An na And r éjewn a. Komm doch mal her, mein Lieber!
P ol i zei m eister. Pst! ... Wie steht’s? Schläft er?
Ossi p. Nein, er reckt sich noch ’n bissel.
An na And r éjewn a. Hör mal, mein Lieber, wie heißt denn du?
Ossi p. Ossip, Gnädigste.
P ol i zei m eister (zu Frau und Tochter). Laßt schon, laßt! (Zu Ossip) Nun,
Freundchen, hat man dich ordentlich versorgt?
Ossi p. Gut versorgt, allerschönsten Dank, tüchtig versorgt.
An na Andr éj ewn a. Sag doch mal: dein Herr bekommt wohl oft
Besuch von Grafen und Fürsten?
Ossi p (zur Seite). Was red’t man da nu? Haben sie einen jetzt gut gefüttert,
füttern sie einen hernach vielleicht noch besser. (Laut). Ja, auch Grafen
kommen.
Már j a A n tón owna. Ach, Ossipchen, wie reizend ist doch dein Herr!
An na And r éjewn a. Sag doch, Ossip, dein Herr ist wohl ...
P ol i zei m eister. So hört doch mal auf! Ihr stört mich nur mit euren
albernen Fragen. Na Freundchen ...
An na And r éjewn a. Und welchen Rang hat denn dein Herr?
Ossi p. Na den gewöhnlichen.
P ol i zei m eister. Mein Gott, ewig diese Fragereien! Kein Wort kann
man zur Sache reden. Nun, mein Freund, wie ist denn so dein Herr? ...
Streng? Schimpft er auch mal gerne oder nicht?
Ossi p. O ja, auf Ordnung hält er sehr. Alles muß bei ihm auf die Minute
gehn.
was Greifbares; zieht er aber den Frack an — dann schaut er aus wie eine
Fliege mit ausgerupften Flügeln. Hat sich vorhin im Gasthof lange genug
verbarrikadiert und mit so viel Anspielungen und Zweideutigkeiten
geplänkelt, daß man’s in Ewigkeit nicht hätte zusammenreimen können.
Nun hat er endlich die Waffen gestreckt. Hat sogar noch mehr geredet, als
nötig war. Eins ist wenigstens sicher: der ist noch sehr jung!
10. Szene
Die Vorigen und Ossip. Alle laufen ihm winkend entgegen.
An na And r éjewn a. Komm doch mal her, mein Lieber!
P ol i zei m eister. Pst! ... Wie steht’s? Schläft er?
Ossi p. Nein, er reckt sich noch ’n bissel.
An na And r éjewn a. Hör mal, mein Lieber, wie heißt denn du?
Ossi p. Ossip, Gnädigste.
P ol i zei m eister (zu Frau und Tochter). Laßt schon, laßt! (Zu Ossip) Nun,
Freundchen, hat man dich ordentlich versorgt?
Ossi p. Gut versorgt, allerschönsten Dank, tüchtig versorgt.
An na Andr éj ewn a. Sag doch mal: dein Herr bekommt wohl oft
Besuch von Grafen und Fürsten?
Ossi p (zur Seite). Was red’t man da nu? Haben sie einen jetzt gut gefüttert,
füttern sie einen hernach vielleicht noch besser. (Laut). Ja, auch Grafen
kommen.
Már j a A n tón owna. Ach, Ossipchen, wie reizend ist doch dein Herr!
An na And r éjewn a. Sag doch, Ossip, dein Herr ist wohl ...
P ol i zei m eister. So hört doch mal auf! Ihr stört mich nur mit euren
albernen Fragen. Na Freundchen ...
An na And r éjewn a. Und welchen Rang hat denn dein Herr?
Ossi p. Na den gewöhnlichen.
P ol i zei m eister. Mein Gott, ewig diese Fragereien! Kein Wort kann
man zur Sache reden. Nun, mein Freund, wie ist denn so dein Herr? ...
Streng? Schimpft er auch mal gerne oder nicht?
Ossi p. O ja, auf Ordnung hält er sehr. Alles muß bei ihm auf die Minute
gehn.
Page 57
P ol i zei m eister. Du gefällst mir recht gut, Freundchen! Du mußt ein
braver Mensch sein. Sag mal ...
An na Andr éj ewna. Ach, Ossip, was trägt denn dein Herr dort,
Uniform oder ...
P ol i zei m eister. Ruhe, zum Donnerwetter, ihr Plappermäuler! Hier ist’s
dringend, hier geht’s um ein Menschenleben .... (Zu Ossip.) Also, Freundchen,
du gefällst mir sehr gut; auf der Reise trinkt man gern mal ein Gläschen
Tee; kalt ist’s außerdem; da hast du ein paar Blanke für Tee.
Ossi p (nimmt das Geld). Ah, danke allerschönstens, gnädiger Herr! Gott
schenke Ihnen alle Gesundheit! Wie gut Sie zu ’n armen Menschen sind.
P ol i zei m eister. Schon gut, schon gut, ich bin selbst sehr froh. Sag mal
——
An na An d r éjew na. Hör doch, Ossip, was für Augen gefallen deinem
Herrn am besten? ...
Már j a An t ó n ow na. Ach, Ossipchen, was für ein liebes Näschen dein
Herr hat!
P ol i zei m eister. So schweigt doch schon, laßt mich doch endlich! ... (Zu
Ossip). Jetzt sag mal, Freund: worauf achtet dein Herr am meisten, will
sagen, was behagt ihm auf der Reise am meisten?
Ossi p. Genau besehn, alles was kommt. Am meisten aber liebt er’s,
wenn man ihn schön aufnimmt und gehörig verpflegt.
P ol i zei m eister. So so?
Ossi p. Ja so. Und sehn Sie, ich bin doch nur ’n Leibeigner, aber er paßt
auch auf, daß ich’s gut kriege. Freilich. Wir kommen wohin: „Na, Ossip,
gut bewirtet worden?“ „Schlecht, Hochwohlgeboren!“ „Sieh mal, der
miserable Wirt. Du“, meint er, „erinnere mich dran, wenn wir heim
kommen“. „Ah“, denk ich bei mir, (mit einer Handbewegung) „laß ihn laufen! Ich
bin ’n friedlicher Mensch!“
P ol i zei m eister. Schön, schön, sehr vernünftig, was du da sagst. Eben
gab ich dir was für Tee, da nimm noch was für Zwieback.
Ossi p. Zu gnädig, Hochwohlgeboren! (Steckt das Geld ein.) Da trink ich mal
auf Ihre Gesundheit.
An na And r éjewn a. Komm her, lieber Ossip, nimm auch von mir das.
Már j a An t ó n ow na. Ach Ossipchen, gib deinem Herrn für mich einen
Kuß! (Aus dem Nebenzimmer hört man ein leichtes Husten Chlestakóffs.)
P ol i zei m eister. Pst! (Erhebt sich auf den Fußspitzen.) Könnt ihr denn gar
keine Ruhe halten! Geht, geht, es ist genug ...
braver Mensch sein. Sag mal ...
An na Andr éj ewna. Ach, Ossip, was trägt denn dein Herr dort,
Uniform oder ...
P ol i zei m eister. Ruhe, zum Donnerwetter, ihr Plappermäuler! Hier ist’s
dringend, hier geht’s um ein Menschenleben .... (Zu Ossip.) Also, Freundchen,
du gefällst mir sehr gut; auf der Reise trinkt man gern mal ein Gläschen
Tee; kalt ist’s außerdem; da hast du ein paar Blanke für Tee.
Ossi p (nimmt das Geld). Ah, danke allerschönstens, gnädiger Herr! Gott
schenke Ihnen alle Gesundheit! Wie gut Sie zu ’n armen Menschen sind.
P ol i zei m eister. Schon gut, schon gut, ich bin selbst sehr froh. Sag mal
——
An na An d r éjew na. Hör doch, Ossip, was für Augen gefallen deinem
Herrn am besten? ...
Már j a An t ó n ow na. Ach, Ossipchen, was für ein liebes Näschen dein
Herr hat!
P ol i zei m eister. So schweigt doch schon, laßt mich doch endlich! ... (Zu
Ossip). Jetzt sag mal, Freund: worauf achtet dein Herr am meisten, will
sagen, was behagt ihm auf der Reise am meisten?
Ossi p. Genau besehn, alles was kommt. Am meisten aber liebt er’s,
wenn man ihn schön aufnimmt und gehörig verpflegt.
P ol i zei m eister. So so?
Ossi p. Ja so. Und sehn Sie, ich bin doch nur ’n Leibeigner, aber er paßt
auch auf, daß ich’s gut kriege. Freilich. Wir kommen wohin: „Na, Ossip,
gut bewirtet worden?“ „Schlecht, Hochwohlgeboren!“ „Sieh mal, der
miserable Wirt. Du“, meint er, „erinnere mich dran, wenn wir heim
kommen“. „Ah“, denk ich bei mir, (mit einer Handbewegung) „laß ihn laufen! Ich
bin ’n friedlicher Mensch!“
P ol i zei m eister. Schön, schön, sehr vernünftig, was du da sagst. Eben
gab ich dir was für Tee, da nimm noch was für Zwieback.
Ossi p. Zu gnädig, Hochwohlgeboren! (Steckt das Geld ein.) Da trink ich mal
auf Ihre Gesundheit.
An na And r éjewn a. Komm her, lieber Ossip, nimm auch von mir das.
Már j a An t ó n ow na. Ach Ossipchen, gib deinem Herrn für mich einen
Kuß! (Aus dem Nebenzimmer hört man ein leichtes Husten Chlestakóffs.)
P ol i zei m eister. Pst! (Erhebt sich auf den Fußspitzen.) Könnt ihr denn gar
keine Ruhe halten! Geht, geht, es ist genug ...
Page 58
An na An d r éjewna. Komm Máscha! Ich muß dir was erzählen, ich
habe an unserm Gaste was bemerkt, was man nur unter vier Augen
wiedersagen kann.
P ol i zei m eister. Was die sich auch immer zu erzählen haben! Einmal
hinhören und sich sofort die Ohren verstopfen! (Wieder zu Ossip gewendet.) Na,
mein Freund ...
11. Szene
Die Vorigen. Djerschimórda und Swistúnoff.
P ol i zei m eister. Pst! Wie diese verdammten vierschrötigen Bären mit
den Stiefeln stampfen. Das dröhnt, als ob einer vierzig Zentner vom
Lastwagen herabwirft! Welcher Satan schickt euch her?
Dj er sch im ó r da. Wir kamen auf Befehl ...
P ol i zei m eister. Pst! (Hält ihm den Mund zu.) Wie das Rabenvieh krächzt!
(schüttelt ihn.) „Wir kamen auf Befehl!“ Brüllt wie aus einer Tonne! (Zu Ossip.)
Geh, Freundchen, besorge dort das deinige und verfüge über alles, was das
Haus bieten kann. (Ossip ab.) Und ihr — ihr habt mir auf der Treppe zu
stehen, und nicht von der Stelle gerührt! Und keinen Unbefugten
hereingelassen, vor allem keine Kaufleute! Laßt ihr auch nur einen herein,
dann ...! So wie ihr seht, daß jemand mit einer Beschwerdeschrift kommt,
oder wenn er auch nur so aussieht, als ob er eine Beschwerde über mich
einreichen will, dann ohne weiteres eins ins Genick! So! tüchtig! (Machts ihnen
mit dem Fuße vor.) Verstanden? Pst! ... Pst! ... (Geht auf den Zehen hinaus, die Polizeidiener
vor sich herschiebend.)
(Ende des dritten Aufzuges.)
habe an unserm Gaste was bemerkt, was man nur unter vier Augen
wiedersagen kann.
P ol i zei m eister. Was die sich auch immer zu erzählen haben! Einmal
hinhören und sich sofort die Ohren verstopfen! (Wieder zu Ossip gewendet.) Na,
mein Freund ...
11. Szene
Die Vorigen. Djerschimórda und Swistúnoff.
P ol i zei m eister. Pst! Wie diese verdammten vierschrötigen Bären mit
den Stiefeln stampfen. Das dröhnt, als ob einer vierzig Zentner vom
Lastwagen herabwirft! Welcher Satan schickt euch her?
Dj er sch im ó r da. Wir kamen auf Befehl ...
P ol i zei m eister. Pst! (Hält ihm den Mund zu.) Wie das Rabenvieh krächzt!
(schüttelt ihn.) „Wir kamen auf Befehl!“ Brüllt wie aus einer Tonne! (Zu Ossip.)
Geh, Freundchen, besorge dort das deinige und verfüge über alles, was das
Haus bieten kann. (Ossip ab.) Und ihr — ihr habt mir auf der Treppe zu
stehen, und nicht von der Stelle gerührt! Und keinen Unbefugten
hereingelassen, vor allem keine Kaufleute! Laßt ihr auch nur einen herein,
dann ...! So wie ihr seht, daß jemand mit einer Beschwerdeschrift kommt,
oder wenn er auch nur so aussieht, als ob er eine Beschwerde über mich
einreichen will, dann ohne weiteres eins ins Genick! So! tüchtig! (Machts ihnen
mit dem Fuße vor.) Verstanden? Pst! ... Pst! ... (Geht auf den Zehen hinaus, die Polizeidiener
vor sich herschiebend.)
(Ende des dritten Aufzuges.)
Page 59
Vierter Aufzug
(Dasselbe Zimmer im Hause des Polizeimeisters.)
1. Szene
Kreisrichter, Hospitalverwalter,
Es treten auf — behutsam auf den Fußspitzen:
Postmeister, Schulinspektor, Dóbtschinski, Bóbtschinski, (sämtlich in voller Gala.
Die ganze Szene geht im Flüsterton vor sich.)
Kr ei sr ichter (stellt alle im Halbkreis auf). Um Gotteswillen, meine Herren,
schnell einen Halbkreis gebildet, und mehr Richtung! Ein gefährlicher Herr:
fährt zu Hofe und schnauzt den Staatsrat an! Stellen Sie sich in
Schlachtordnung! Sie Pjotr Iwánowitsch, stellen sich hierher.
(Beide Pjotr Iwánowitsch eilen auf den Zehen herbei.)
Ho sp i tal ver walt er. Gestatten Sie, Ammós Fjódorowitsch, man sollte
doch zuvor etwas versuchen.
Kr ei sr ichter. Und was denn?
Ho sp i tal ver walt er. Na, was ganz bekanntes.
Kr ei sr ichter. Schmieren?
Ho sp i tal ver walt er. Nun ja doch, schmieren.
Kr ei sr ichter. Das ist gefährlich, das spricht sich ’rum: ein
Staatsbeamter! Vielleicht in Form einer Widmung seitens des Adels —
irgendein Andenken.
P ost m eister. Oder einfach so: Schaun Sie, Euer Gnaden, da ist Geld
auf der Post eingegangen, aber keiner weiß, wem’s gehört.
Ho sp i tal ver walt er. Passen Sie dann nur auf, daß er Sie nicht mit der
Post weiter wohin befördert. Nein, hören Sie, in einem wohlgeordneten
Staate behandelt man derartige Dinge anders. Wozu braucht’s denn hier der
ganzen Schwadron? Einzeln muß man sich vorstellen, und dann unter vier
Augen ... wie sich’s eben gehört; die Ohren dürfen nichts davon merken! So
ist das in der guten Gesellschaft hergebracht. Sie, Ammós Fjódorowitsch,
müßten den Anfang machen.
(Dasselbe Zimmer im Hause des Polizeimeisters.)
1. Szene
Kreisrichter, Hospitalverwalter,
Es treten auf — behutsam auf den Fußspitzen:
Postmeister, Schulinspektor, Dóbtschinski, Bóbtschinski, (sämtlich in voller Gala.
Die ganze Szene geht im Flüsterton vor sich.)
Kr ei sr ichter (stellt alle im Halbkreis auf). Um Gotteswillen, meine Herren,
schnell einen Halbkreis gebildet, und mehr Richtung! Ein gefährlicher Herr:
fährt zu Hofe und schnauzt den Staatsrat an! Stellen Sie sich in
Schlachtordnung! Sie Pjotr Iwánowitsch, stellen sich hierher.
(Beide Pjotr Iwánowitsch eilen auf den Zehen herbei.)
Ho sp i tal ver walt er. Gestatten Sie, Ammós Fjódorowitsch, man sollte
doch zuvor etwas versuchen.
Kr ei sr ichter. Und was denn?
Ho sp i tal ver walt er. Na, was ganz bekanntes.
Kr ei sr ichter. Schmieren?
Ho sp i tal ver walt er. Nun ja doch, schmieren.
Kr ei sr ichter. Das ist gefährlich, das spricht sich ’rum: ein
Staatsbeamter! Vielleicht in Form einer Widmung seitens des Adels —
irgendein Andenken.
P ost m eister. Oder einfach so: Schaun Sie, Euer Gnaden, da ist Geld
auf der Post eingegangen, aber keiner weiß, wem’s gehört.
Ho sp i tal ver walt er. Passen Sie dann nur auf, daß er Sie nicht mit der
Post weiter wohin befördert. Nein, hören Sie, in einem wohlgeordneten
Staate behandelt man derartige Dinge anders. Wozu braucht’s denn hier der
ganzen Schwadron? Einzeln muß man sich vorstellen, und dann unter vier
Augen ... wie sich’s eben gehört; die Ohren dürfen nichts davon merken! So
ist das in der guten Gesellschaft hergebracht. Sie, Ammós Fjódorowitsch,
müßten den Anfang machen.
Page 60
Kr ei sr ichter. Nein, besser Sie; in Ihrer Anstalt hat der hohe Besuch
doch auch gespeist.
Ho sp i tal ver walt er. Dann eher noch Lúka Lúkitsch in seiner
Eigenschaft als Erleuchter der Jugend.
S chul i nspek tor. Nein ich kann nicht, ich kann nicht, meine Herren!
Offen gestanden, ich bin so ängstlich, daß ich, wenn ein höherer Beamter
mit mir redet, gleich den Kopf verliere und mir die Zunge im Halse stecken
bleibt. Nein, meine Herren, lassen Sie mich aus, lassen Sie mich aus!
Ho sp i tal ver walt er. Ja, dann bleiben eben nur Sie, Ammós
Fjódorowitsch. Sie haben ja auch einen Redefluß, um den Sie Cicero
beneiden könnte.
Kr ei sr ichter. Warum nicht gar! Cicero! Was Sie sich auch ausdenken!
Wenn ich mich auch manchmal hinreißen lasse beim Gespräch über Jagd-
und Schweißhunde ...
Al l e (ihn umdrängend). Nein, nein, nicht nur von Hunden, Sie können sogar
vom babylonischen Turm ... Nein, Ammós Fjódorowitsch, lassen Sie uns
nicht im Stich, seien Sie unser Vater! Nein, Ammós Fjódorowitsch!
Kr ei sr ichter. Lassen Sie mich frei, meine Herren!
(Im selben Augenblick hört man im Nebenzimmer Schritte und Husten Chlestakóffs. Alle rennen um
die Wette nach der Tür und drängen sich, um schnell hinauszukommen, was nicht ohne gegenseitige
Püffe abgeht; man hört unterdrückte Ausrufe.)
S ti m m e Bó b t schi nski s. Au! Dóbtschinski, Dóbtschinski! Meine
Hühneraugen!
S ti m m e d es Hospi t al ver w alter s. Herrschaft laßt los, laßt los, Ihr
quetscht mir ja die Seele aus dem Leibe!
(Man hört noch weitere Ausrufe ai! au! Endlich haben sich alle durchgedrückt, und das Zimmer ist
leer.)
2. Szene
Chlestakóff allein; tritt herein mit verschlafenen Augen.
C hl est ak ó ff. Ich muß ganz tüchtig geschnarcht haben. Wo sie bloß alle
diese Matratzen und Federbetten herhaben mögen? Geschwitzt habe ich
sogar. Mir scheint, ich habe mir gestern beim Frühstück einen ziemlichen
Schwips zugelegt: noch bis jetzt brummt mir der Schädel. Ich sehe, man
kann hier seine Zeit auf die angenehmste Weise verbringen. Ich liebe die
doch auch gespeist.
Ho sp i tal ver walt er. Dann eher noch Lúka Lúkitsch in seiner
Eigenschaft als Erleuchter der Jugend.
S chul i nspek tor. Nein ich kann nicht, ich kann nicht, meine Herren!
Offen gestanden, ich bin so ängstlich, daß ich, wenn ein höherer Beamter
mit mir redet, gleich den Kopf verliere und mir die Zunge im Halse stecken
bleibt. Nein, meine Herren, lassen Sie mich aus, lassen Sie mich aus!
Ho sp i tal ver walt er. Ja, dann bleiben eben nur Sie, Ammós
Fjódorowitsch. Sie haben ja auch einen Redefluß, um den Sie Cicero
beneiden könnte.
Kr ei sr ichter. Warum nicht gar! Cicero! Was Sie sich auch ausdenken!
Wenn ich mich auch manchmal hinreißen lasse beim Gespräch über Jagd-
und Schweißhunde ...
Al l e (ihn umdrängend). Nein, nein, nicht nur von Hunden, Sie können sogar
vom babylonischen Turm ... Nein, Ammós Fjódorowitsch, lassen Sie uns
nicht im Stich, seien Sie unser Vater! Nein, Ammós Fjódorowitsch!
Kr ei sr ichter. Lassen Sie mich frei, meine Herren!
(Im selben Augenblick hört man im Nebenzimmer Schritte und Husten Chlestakóffs. Alle rennen um
die Wette nach der Tür und drängen sich, um schnell hinauszukommen, was nicht ohne gegenseitige
Püffe abgeht; man hört unterdrückte Ausrufe.)
S ti m m e Bó b t schi nski s. Au! Dóbtschinski, Dóbtschinski! Meine
Hühneraugen!
S ti m m e d es Hospi t al ver w alter s. Herrschaft laßt los, laßt los, Ihr
quetscht mir ja die Seele aus dem Leibe!
(Man hört noch weitere Ausrufe ai! au! Endlich haben sich alle durchgedrückt, und das Zimmer ist
leer.)
2. Szene
Chlestakóff allein; tritt herein mit verschlafenen Augen.
C hl est ak ó ff. Ich muß ganz tüchtig geschnarcht haben. Wo sie bloß alle
diese Matratzen und Federbetten herhaben mögen? Geschwitzt habe ich
sogar. Mir scheint, ich habe mir gestern beim Frühstück einen ziemlichen
Schwips zugelegt: noch bis jetzt brummt mir der Schädel. Ich sehe, man
kann hier seine Zeit auf die angenehmste Weise verbringen. Ich liebe die
Page 61
Gastlichkeit und schätze sie noch höher, wenn ich mehr aus natürlicher
Herzensgüte und weniger mit besonderen Hintergedanken bewillkommnet
werde. Zudem ist dies Töchterchen des Polizeimeisters durchaus nicht so
übel, und selbst bei der Mama könnte man noch ganz gut ... Alles in allem
... wahrhaftig, diese Art Leben behagt mir.
3. Szene
Chlestakóff und Kreisrichter.
Kr ei sr ichter (tritt ein, bleibt stehen und spricht für sich). Gott, mein Gott! Hilf
mir aus dieser Klemme; meine Knie brechen mir vor Angst. (Laut, Haltung
nehmend und die Hand am Degen.) Habe die Ehre mich vorzustellen: Ljápkin-
Tjápkin, Kollegienassessor und Richter des hiesigen Kreises.
C hl est ak ó ff. Bitte nehmen Sie Platz! So, Sie sind Richter hier?
Kr ei sr ichter. Vor zwanzig Jahren wurde ich auf Vorschlag des Adels
für drei Jahre gewählt und verwalte mein Amt bis auf den heutigen Tag.
C hl est ak ó ff. Das ist wohl ein recht einträglicher Posten?
Kr ei sr ichter. Nach zweimaliger Wiederwahl erhielt ich den Wladímir
vierter Klasse nebst einer Belobigung seitens meiner vorgesetzten Behörde.
(Beiseite.) Wie mir das Geld zwischen den Fingern brennt!
C hl est ak ó ff. Der Wladímir ist mir sehr sympathisch; der Annenorden
dritter reicht da nicht heran.
Kr ei sr ichter (streckt die geschlossene Hand ein wenig weiter vor; beiseite). Gott im
Himmel, ich weiß nicht mehr, wo ich bin, ich sitze wie auf glühenden
Kohlen!
C hl est ak ó ff. Was haben Sie da in der Hand?
Kr ei sr ichter (verliert den Kopf und läßt die Scheine auf den Boden fallen). O nichts.
C hl est ak ó ff. Wieso nichts? Da fiel doch Geld hin.
Kr ei sr ichter (am ganzen Leibe zitternd). D — d — durchaus nicht! (Beiseite.) O
Gott! Jetzt bin ich gerichtet, der Henkerwagen wartet schon.
C hl est ak ó ff (das Geld aufhebend). Natürlich ist das Geld.
Kr ei sr ichter (beiseite). Nun bin ich verloren, total verloren!
C hl est ak ó ff. Ach wissen Sie, leihen Sie mir das Geld!
Kr ei sr ichter (eilfertig). Wie ... wie ... mit dem größten Vergnügen!
(Beiseite.) Mut, Mut, heilige Mutter Gottes, steh mir bei!
Herzensgüte und weniger mit besonderen Hintergedanken bewillkommnet
werde. Zudem ist dies Töchterchen des Polizeimeisters durchaus nicht so
übel, und selbst bei der Mama könnte man noch ganz gut ... Alles in allem
... wahrhaftig, diese Art Leben behagt mir.
3. Szene
Chlestakóff und Kreisrichter.
Kr ei sr ichter (tritt ein, bleibt stehen und spricht für sich). Gott, mein Gott! Hilf
mir aus dieser Klemme; meine Knie brechen mir vor Angst. (Laut, Haltung
nehmend und die Hand am Degen.) Habe die Ehre mich vorzustellen: Ljápkin-
Tjápkin, Kollegienassessor und Richter des hiesigen Kreises.
C hl est ak ó ff. Bitte nehmen Sie Platz! So, Sie sind Richter hier?
Kr ei sr ichter. Vor zwanzig Jahren wurde ich auf Vorschlag des Adels
für drei Jahre gewählt und verwalte mein Amt bis auf den heutigen Tag.
C hl est ak ó ff. Das ist wohl ein recht einträglicher Posten?
Kr ei sr ichter. Nach zweimaliger Wiederwahl erhielt ich den Wladímir
vierter Klasse nebst einer Belobigung seitens meiner vorgesetzten Behörde.
(Beiseite.) Wie mir das Geld zwischen den Fingern brennt!
C hl est ak ó ff. Der Wladímir ist mir sehr sympathisch; der Annenorden
dritter reicht da nicht heran.
Kr ei sr ichter (streckt die geschlossene Hand ein wenig weiter vor; beiseite). Gott im
Himmel, ich weiß nicht mehr, wo ich bin, ich sitze wie auf glühenden
Kohlen!
C hl est ak ó ff. Was haben Sie da in der Hand?
Kr ei sr ichter (verliert den Kopf und läßt die Scheine auf den Boden fallen). O nichts.
C hl est ak ó ff. Wieso nichts? Da fiel doch Geld hin.
Kr ei sr ichter (am ganzen Leibe zitternd). D — d — durchaus nicht! (Beiseite.) O
Gott! Jetzt bin ich gerichtet, der Henkerwagen wartet schon.
C hl est ak ó ff (das Geld aufhebend). Natürlich ist das Geld.
Kr ei sr ichter (beiseite). Nun bin ich verloren, total verloren!
C hl est ak ó ff. Ach wissen Sie, leihen Sie mir das Geld!
Kr ei sr ichter (eilfertig). Wie ... wie ... mit dem größten Vergnügen!
(Beiseite.) Mut, Mut, heilige Mutter Gottes, steh mir bei!
Page 62
C hl est ak ó ff. Sehen Sie, ich habe mich auf der Reise ganz verausgabt;
dies und jenes ... ich schicke es Ihnen übrigens von Hause gleich wieder
zurück.
Kr ei sr ichter. Absolut unnötig! An sich schon welche Ehre ... Mit
meinen schwachen Kräften der Obrigkeit in Eifer und Hingabe ... zu dienen
bereit ... (erhebt sich vom Stuhle, in Haltung und die Hand am Degen.) Ich wage nicht, Sie
länger durch meine Gegenwart zu belästigen. Hatten Sie noch irgendwelche
Befehle zu erteilen?
C hl est ak ó ff. Was für Befehle?
Kr ei sr ichter. Ich meine — Befehle an den hiesigen Kreisrichter!
C hl est ak ó ff. Wozu? Ich habe augenblicklich gar kein Verlangen nach
ihm; nein, durchaus nicht, danke verbindlichst.
Kr ei sr ichter (sich verneigend und im Hinausgehen beiseite). Die Festung ist
erobert!
C hl est ak ó ff (nach seinem Abgang). Ein freundlicher Mann, dieser
Kreisrichter!
4. Szene
Chlestakóff. Postmeister (tritt ein, in Gala und aufrechter Haltung, die Hand am Degen).
P ost m eister. Habe die Ehre, mich vorzustellen: Postmeister und Hofrat
Schpékin!
C hl est ak ó ff. Ah, sehr willkommen! Ich liebe angenehme Gesellschaft.
Setzen Sie sich. Leben Sie beständig hier?
P ost m eister. Zu dienen.
C hl est ak ó ff. Mir gefällt Ihr Städtchen. Es ist freilich nicht sehr
bevölkert — aber was tut das? Es ist ja doch keine Residenz, nicht wahr? Es
ist ja doch keine Residenz?
P ost m eister. Vollkommen richtig.
C hl est ak ó ff. Den bon ton gibt’s doch eben nur in der Residenz, die hat
auch keine Provinzgänse. Was ist Ihre Meinung, wie?
P ost m eister. Durchaus die nämliche! (Beiseite.) Scheint gar nicht stolz zu
sein; erkundigt sich nach allem.
C hl est ak ó ff. Sagen Sie mal aufrichtig: auch in einer kleinen Stadt läßt
es sich wohl ganz hübsch leben?
P ost m eister. O gewiß.
dies und jenes ... ich schicke es Ihnen übrigens von Hause gleich wieder
zurück.
Kr ei sr ichter. Absolut unnötig! An sich schon welche Ehre ... Mit
meinen schwachen Kräften der Obrigkeit in Eifer und Hingabe ... zu dienen
bereit ... (erhebt sich vom Stuhle, in Haltung und die Hand am Degen.) Ich wage nicht, Sie
länger durch meine Gegenwart zu belästigen. Hatten Sie noch irgendwelche
Befehle zu erteilen?
C hl est ak ó ff. Was für Befehle?
Kr ei sr ichter. Ich meine — Befehle an den hiesigen Kreisrichter!
C hl est ak ó ff. Wozu? Ich habe augenblicklich gar kein Verlangen nach
ihm; nein, durchaus nicht, danke verbindlichst.
Kr ei sr ichter (sich verneigend und im Hinausgehen beiseite). Die Festung ist
erobert!
C hl est ak ó ff (nach seinem Abgang). Ein freundlicher Mann, dieser
Kreisrichter!
4. Szene
Chlestakóff. Postmeister (tritt ein, in Gala und aufrechter Haltung, die Hand am Degen).
P ost m eister. Habe die Ehre, mich vorzustellen: Postmeister und Hofrat
Schpékin!
C hl est ak ó ff. Ah, sehr willkommen! Ich liebe angenehme Gesellschaft.
Setzen Sie sich. Leben Sie beständig hier?
P ost m eister. Zu dienen.
C hl est ak ó ff. Mir gefällt Ihr Städtchen. Es ist freilich nicht sehr
bevölkert — aber was tut das? Es ist ja doch keine Residenz, nicht wahr? Es
ist ja doch keine Residenz?
P ost m eister. Vollkommen richtig.
C hl est ak ó ff. Den bon ton gibt’s doch eben nur in der Residenz, die hat
auch keine Provinzgänse. Was ist Ihre Meinung, wie?
P ost m eister. Durchaus die nämliche! (Beiseite.) Scheint gar nicht stolz zu
sein; erkundigt sich nach allem.
C hl est ak ó ff. Sagen Sie mal aufrichtig: auch in einer kleinen Stadt läßt
es sich wohl ganz hübsch leben?
P ost m eister. O gewiß.
Page 63
C hl est ak ó ff. Ich meine so, was braucht man weiter? Man braucht nur
geachtet und geliebt zu sein — nicht wahr?
P ost m eister. Sehr richtig bemerkt.
C hl est ak ó ff. Ich bin wirklich recht erfreut, daß Sie so ganz meiner
Meinung sind. Ich gelte allerdings für einen Sonderling, aber das ist nun
mal meine Charakteranlage. (Sieht ihm in die Augen und spricht für sich.) Ob ich
diesen Postmeister wohl anpumpen kann? (Laut.) Was mir da komisches
passiert ist! Ich habe mich auf der Reise ganz verausgabt. Könnten Sie mir
vielleicht dreihundert Rubel leihen?
P ost m eister. Aber sofort! Mit dem größten Vergnügen! Haben Sie die
Güte. Stehe bereitwilligst zu Diensten.
C hl est ak ó ff. Sehr verbunden! Offen gestanden, es ist mir in den Tod
zuwider, mich auf der Reise einschränken zu sollen; wozu auch? Nicht
wahr?
P ost m eister. Sehr richtig. (Erhebt sich, in aufrechter Haltung und die Hand am
Degen.) Ich wage nicht, Sie länger mit meiner Gegenwart zu belästigen ...
Hätten Sie einige Anweisungen hinsichtlich des Postdienstes?
C hl est ak ó ff. Nein, nichts. (Postmeister verneigt sich und geht ab.)
C hl est ak ó ff (eine Zigarre anzündend). Der Postmeister scheint auch ein recht
netter Mensch zu sein; zum mindesten sehr gefällig. Solche Leute liebe ich.
5. Szene
Chlestakóff und Schulinspektor, der fast zur Tür hereingestoßen wird. Hinter ihm hört man
eine ziemlich laute Stimme: „Hasenfuß!“
S chul i nspek tor (in zitternder Haltung, die Hand am Degen). Habe die Ehre, mich
vorzustellen: Schulinspektor und Titularrat Chlópoff.
C hl est ak ó ff. Ah, sehr willkommen! Nehmen Sie Platz, nehmen Sie
Platz! Zigarre gefällig? (Reicht ihm eine Zigarre.)
S chul i nspek tor (unschlüssig, für sich). Hast du nicht gesehn! Darauf war
ich nicht vorbereitet. Was nun?
C hl est ak ó ff. Nehmen Sie, nehmen Sie nur; ganz anständiges Kraut.
Natürlich nicht so wie in Petersburg. Sehn Sie, mein Verehrtester, dort
rauche ich so gewöhnlich das Kistchen zu fünfundzwanzig Rubel, tadellos,
man leckt sich ordentlich die Lippen danach. Hier ist Feuer, bitte schön.
(Reicht ihm das Licht.)
geachtet und geliebt zu sein — nicht wahr?
P ost m eister. Sehr richtig bemerkt.
C hl est ak ó ff. Ich bin wirklich recht erfreut, daß Sie so ganz meiner
Meinung sind. Ich gelte allerdings für einen Sonderling, aber das ist nun
mal meine Charakteranlage. (Sieht ihm in die Augen und spricht für sich.) Ob ich
diesen Postmeister wohl anpumpen kann? (Laut.) Was mir da komisches
passiert ist! Ich habe mich auf der Reise ganz verausgabt. Könnten Sie mir
vielleicht dreihundert Rubel leihen?
P ost m eister. Aber sofort! Mit dem größten Vergnügen! Haben Sie die
Güte. Stehe bereitwilligst zu Diensten.
C hl est ak ó ff. Sehr verbunden! Offen gestanden, es ist mir in den Tod
zuwider, mich auf der Reise einschränken zu sollen; wozu auch? Nicht
wahr?
P ost m eister. Sehr richtig. (Erhebt sich, in aufrechter Haltung und die Hand am
Degen.) Ich wage nicht, Sie länger mit meiner Gegenwart zu belästigen ...
Hätten Sie einige Anweisungen hinsichtlich des Postdienstes?
C hl est ak ó ff. Nein, nichts. (Postmeister verneigt sich und geht ab.)
C hl est ak ó ff (eine Zigarre anzündend). Der Postmeister scheint auch ein recht
netter Mensch zu sein; zum mindesten sehr gefällig. Solche Leute liebe ich.
5. Szene
Chlestakóff und Schulinspektor, der fast zur Tür hereingestoßen wird. Hinter ihm hört man
eine ziemlich laute Stimme: „Hasenfuß!“
S chul i nspek tor (in zitternder Haltung, die Hand am Degen). Habe die Ehre, mich
vorzustellen: Schulinspektor und Titularrat Chlópoff.
C hl est ak ó ff. Ah, sehr willkommen! Nehmen Sie Platz, nehmen Sie
Platz! Zigarre gefällig? (Reicht ihm eine Zigarre.)
S chul i nspek tor (unschlüssig, für sich). Hast du nicht gesehn! Darauf war
ich nicht vorbereitet. Was nun?
C hl est ak ó ff. Nehmen Sie, nehmen Sie nur; ganz anständiges Kraut.
Natürlich nicht so wie in Petersburg. Sehn Sie, mein Verehrtester, dort
rauche ich so gewöhnlich das Kistchen zu fünfundzwanzig Rubel, tadellos,
man leckt sich ordentlich die Lippen danach. Hier ist Feuer, bitte schön.
(Reicht ihm das Licht.)
Page 64
S chul i nspek tor (versucht zu rauchen und schlottert am ganzen Leibe).
C hl est ak ó ff. Aber Sie rauchen ja verkehrt!
S chul i nspek tor (läßt vor Schreck die Zigarre fallen, spuckt aus und weht sich mit der
Hand vor dem Gesicht; für sich). Hol das alles doch der Teufel! Diese verfluchte
Schüchternheit!
C hl est ak ó ff. Sie scheinen kein Freund von Zigarren zu sein. Ich
freilich habe offen gesagt geradezu eine Schwäche dafür. Es geht mir damit
so wie mit dem schönen Geschlecht, ich kann da absolut nicht gleichgültig
sein. Und Sie? Was mögen Sie mehr, die Brünetten oder Blondinen?
S chul i nspek tor (schwebt in völliger Ratlosigkeit, was er sagen soll).
C hl est ak ó ff. Nein, frei heraus, Brünette oder Blondinen?
S chul i nspek tor. Ich wage keine Ansicht ...
C hl est ak ó ff. Nein, nein, keine Ausrede! Ich will unbedingt Ihren
Geschmack kennen lernen!
S chul i nspek tor. Dann würde ich mir ergebenst zu bemerken gestatten
... (Beiseite.) Ich weiß ja selber nicht was; alles dreht sich mir im Kopfe
herum.
C hl est ak ó ff. Aha! Sie wollen es nicht sagen! Gewiß hat’s Ihnen so eine
kleine Brünette angetan! Hab’ ich recht?
S chul i nspek tor (schweigt).
C hl est ak ó ff. Ja, ja, Sie erröten, sehen Sie wohl! Warum gestehn Sie’s
denn nicht?
S chul i nspek tor. Meine Befangenheit, Ew. Wohl... Hochwohl...
Exzell... (Beiseite.) Läßt mich doch richtig die verdammte Zunge im Stich!
C hl est ak ó ff. Befangenheit! In der Tat, ich habe in meinen Augen so ein
gewisses Etwas, das befangen macht. Wenigstens weiß ich genau, daß kein
Weib ihm zu widerstehen vermag. Nicht wahr?
S chul i nspek tor. Ganz zweifellos!
C hl est ak ó ff. Da ist mir ein seltsamer Fall passiert — ich habe mich auf
der Reise ganz verausgabt. Könnten Sie mir wohl dreihundert Rubel leihen?
S chul i nspek tor (greift in die Tasche; für sich). Schöne Blamage, wenn ich
jetzt nichts bei mir hätte! Ist da! Ist da! (Zieht die Scheine heraus und überreicht sie
zitternd.)
C hl est ak ó ff. Herzlichen Dank!
S chul i nspek tor. Ich wage nicht, Sie länger mit meiner Gegenwart zu
belästigen.
C hl est ak ó ff. Leben Sie wohl.
C hl est ak ó ff. Aber Sie rauchen ja verkehrt!
S chul i nspek tor (läßt vor Schreck die Zigarre fallen, spuckt aus und weht sich mit der
Hand vor dem Gesicht; für sich). Hol das alles doch der Teufel! Diese verfluchte
Schüchternheit!
C hl est ak ó ff. Sie scheinen kein Freund von Zigarren zu sein. Ich
freilich habe offen gesagt geradezu eine Schwäche dafür. Es geht mir damit
so wie mit dem schönen Geschlecht, ich kann da absolut nicht gleichgültig
sein. Und Sie? Was mögen Sie mehr, die Brünetten oder Blondinen?
S chul i nspek tor (schwebt in völliger Ratlosigkeit, was er sagen soll).
C hl est ak ó ff. Nein, frei heraus, Brünette oder Blondinen?
S chul i nspek tor. Ich wage keine Ansicht ...
C hl est ak ó ff. Nein, nein, keine Ausrede! Ich will unbedingt Ihren
Geschmack kennen lernen!
S chul i nspek tor. Dann würde ich mir ergebenst zu bemerken gestatten
... (Beiseite.) Ich weiß ja selber nicht was; alles dreht sich mir im Kopfe
herum.
C hl est ak ó ff. Aha! Sie wollen es nicht sagen! Gewiß hat’s Ihnen so eine
kleine Brünette angetan! Hab’ ich recht?
S chul i nspek tor (schweigt).
C hl est ak ó ff. Ja, ja, Sie erröten, sehen Sie wohl! Warum gestehn Sie’s
denn nicht?
S chul i nspek tor. Meine Befangenheit, Ew. Wohl... Hochwohl...
Exzell... (Beiseite.) Läßt mich doch richtig die verdammte Zunge im Stich!
C hl est ak ó ff. Befangenheit! In der Tat, ich habe in meinen Augen so ein
gewisses Etwas, das befangen macht. Wenigstens weiß ich genau, daß kein
Weib ihm zu widerstehen vermag. Nicht wahr?
S chul i nspek tor. Ganz zweifellos!
C hl est ak ó ff. Da ist mir ein seltsamer Fall passiert — ich habe mich auf
der Reise ganz verausgabt. Könnten Sie mir wohl dreihundert Rubel leihen?
S chul i nspek tor (greift in die Tasche; für sich). Schöne Blamage, wenn ich
jetzt nichts bei mir hätte! Ist da! Ist da! (Zieht die Scheine heraus und überreicht sie
zitternd.)
C hl est ak ó ff. Herzlichen Dank!
S chul i nspek tor. Ich wage nicht, Sie länger mit meiner Gegenwart zu
belästigen.
C hl est ak ó ff. Leben Sie wohl.
Page 65
S chul i nspek tor (eilt fast laufend hinaus und spricht beiseite). Nun Gott sei Dank!
der guckt mir nicht in meine Klassen hinein!
6. Szene
Chlestakóff. Hospitalverwalter, in Haltung und die Hand am Degen.
Ho sp i tal ver walt er. Habe die Ehre, mich vorzustellen:
Hospitalverwalter und Hofrat Semljaníka.
C hl est ak ó ff. Schönen guten Tag, bitte nehmen Sie gefälligst Platz.
Ho sp i tal ver walt er. Ich hatte gestern die Ehre, Sie persönlich
empfangen und Ihnen in der meiner Aufsicht anvertrauten Anstalt aufwarten
zu dürfen.
C hl est ak ó ff. Ach ja, ich erinnere mich. Sie gaben mir ein vorzügliches
Frühstück.
Ho sp i tal ver walt er. Ich bin glücklich, dem Vaterlande dienen zu
können.
C hl est ak ó ff. Offen gestanden, es ist das meine schwache Seite — ich
liebe eine gute Küche. Sagen Sie doch mal, mir scheint — waren Sie nicht
gestern ein Endchen kleiner, wie?
Ho sp i tal ver walt er. Sehr wohl möglich. (Nach kurzer Pause.) Ich darf es
aussprechen, daß ich mit größter Aufopferung und Hingebung meinen
Dienst erfülle. (Rückt näher und spricht halblaut.) Sehen Sie, der hiesige Postmeister
tut gar rein gar nichts; alles ist gänzlich verwahrlost: Sendungen werden
unterschlagen ... bitte nur selbst einmal nachzusehen. Auch der Kreisrichter,
der eben vor mir drin war, geht immer nur auf die Hasenjagd, hält seine
Hunde im Gerichtslokal, und seine Moral, wenn ich es vor Ihnen bekennen
darf — indessen zum Wohle des Vaterlandes muß ich es tun, obwohl er
mein Anverwandter und Freund ist — seine Moral ist die denkbar
schlechteste. Hier lebt ein Hausbesitzer Dóbtschinski, Sie geruhten ihn
bereits bemerkt zu haben, und wenn dieser Dóbtschinski nur einen Schritt
aus seinem Hause tut, gleich ist der Kreisrichter drin und treibt mit seiner
Frau ... ich kann es beschwören ... Sie brauchen sich da nur mal die Kinder
anzusehen: keins von ihnen gleicht dem Dóbtschinski, aber alle, sogar das
jüngste Töchterchen, sind dem Kreisrichter wie aus dem Gesicht
geschnitten.
C hl est ak ó ff. Was Sie sagen! Das hätte ich nie gedacht!
der guckt mir nicht in meine Klassen hinein!
6. Szene
Chlestakóff. Hospitalverwalter, in Haltung und die Hand am Degen.
Ho sp i tal ver walt er. Habe die Ehre, mich vorzustellen:
Hospitalverwalter und Hofrat Semljaníka.
C hl est ak ó ff. Schönen guten Tag, bitte nehmen Sie gefälligst Platz.
Ho sp i tal ver walt er. Ich hatte gestern die Ehre, Sie persönlich
empfangen und Ihnen in der meiner Aufsicht anvertrauten Anstalt aufwarten
zu dürfen.
C hl est ak ó ff. Ach ja, ich erinnere mich. Sie gaben mir ein vorzügliches
Frühstück.
Ho sp i tal ver walt er. Ich bin glücklich, dem Vaterlande dienen zu
können.
C hl est ak ó ff. Offen gestanden, es ist das meine schwache Seite — ich
liebe eine gute Küche. Sagen Sie doch mal, mir scheint — waren Sie nicht
gestern ein Endchen kleiner, wie?
Ho sp i tal ver walt er. Sehr wohl möglich. (Nach kurzer Pause.) Ich darf es
aussprechen, daß ich mit größter Aufopferung und Hingebung meinen
Dienst erfülle. (Rückt näher und spricht halblaut.) Sehen Sie, der hiesige Postmeister
tut gar rein gar nichts; alles ist gänzlich verwahrlost: Sendungen werden
unterschlagen ... bitte nur selbst einmal nachzusehen. Auch der Kreisrichter,
der eben vor mir drin war, geht immer nur auf die Hasenjagd, hält seine
Hunde im Gerichtslokal, und seine Moral, wenn ich es vor Ihnen bekennen
darf — indessen zum Wohle des Vaterlandes muß ich es tun, obwohl er
mein Anverwandter und Freund ist — seine Moral ist die denkbar
schlechteste. Hier lebt ein Hausbesitzer Dóbtschinski, Sie geruhten ihn
bereits bemerkt zu haben, und wenn dieser Dóbtschinski nur einen Schritt
aus seinem Hause tut, gleich ist der Kreisrichter drin und treibt mit seiner
Frau ... ich kann es beschwören ... Sie brauchen sich da nur mal die Kinder
anzusehen: keins von ihnen gleicht dem Dóbtschinski, aber alle, sogar das
jüngste Töchterchen, sind dem Kreisrichter wie aus dem Gesicht
geschnitten.
C hl est ak ó ff. Was Sie sagen! Das hätte ich nie gedacht!
Page 66
Ho sp i tal ver walt er. Und dann der Schulinspektor. Ich verstehe nicht,
wie die Obrigkeit ihm solch ein Amt anvertrauen konnte. Er ist schlimmer
als ein Jakobiner und bringt der Jugend derartig verwerfliche Grundsätze
bei, daß es schwer zu beschreiben ist. Befehlen Sie, daß ich darüber ein
schriftliches Memorandum aufsetze?
C hl est ak ó ff. Schön, jedenfalls schriftlich. Es wird mir sehr
willkommen sein. Wissen Sie, ich liebe es sehr, für langweilige Stunden
etwas Erbauliches zum Lesen zu haben ... Wie heißen Sie doch? Ich
vergesse immer alles.
Ho sp i tal ver walt er. Semljaníka.
C hl est ak ó ff. Ach ja, Semljaníka. Sagen Sie, haben Sie Kinder?
Ho sp i tal ver walt er. Freilich, ganze fünf, zwei schon erwachsen.
C hl est ak ó ff. So, so, auch schon erwachsene! Na und die ... welchen
Geschl...?
Ho sp i tal ver walt er. Sie geruhten wahrscheinlich zu fragen, wie sie
heißen?
C hl est ak ó ff. Ja wohl, wie sie heißen.
Ho sp i tal ver walt er. Nikolái, Iwán, Elisabeth, Márja und Perpetua.
C hl est ak ó ff. Famos.
Ho sp i tal ver walt er. Ich wage nicht, Sie länger durch meine Gegenwart
zu belästigen und Ihnen kostbare Zeit zu rauben, die den heiligsten
Pflichten gewidmet ist ... (Verneigt sich und will abtreten.)
C hl est ak ó ff (Gibt ihm das Geleit). Nein, durch aus nicht. Das ist ja alles
sehr spaßhaft, was Sie mir da erzählt haben. Machen Sie mir bald wieder
das Vergnügen ... ich höre so etwas sehr gerne. (Geht schnell wieder zur Türe, öffnet
sie und ruft hinter ihm her.) He Sie! Wie heißen Sie doch noch? Ich vergesse alles,
wie heißen Sie mit Vor- und Vaternamen?
Ho sp i tal ver walt er. Artémij Filíppowitsch.
C hl est ak ó ff. Tun Sie mir den Gefallen, Artémij Filíppowitsch, mir ist
ein komischer Fall begegnet: ich gab mich auf der Reise vollständig aus.
Könnten Sie mir wohl vierhundert Rubel leihen?
Ho sp i tal ver walt er. Zu dienen.
C hl est ak ó ff. Wie gut sich das trifft! Danke verbindlichst!
7. Szene
wie die Obrigkeit ihm solch ein Amt anvertrauen konnte. Er ist schlimmer
als ein Jakobiner und bringt der Jugend derartig verwerfliche Grundsätze
bei, daß es schwer zu beschreiben ist. Befehlen Sie, daß ich darüber ein
schriftliches Memorandum aufsetze?
C hl est ak ó ff. Schön, jedenfalls schriftlich. Es wird mir sehr
willkommen sein. Wissen Sie, ich liebe es sehr, für langweilige Stunden
etwas Erbauliches zum Lesen zu haben ... Wie heißen Sie doch? Ich
vergesse immer alles.
Ho sp i tal ver walt er. Semljaníka.
C hl est ak ó ff. Ach ja, Semljaníka. Sagen Sie, haben Sie Kinder?
Ho sp i tal ver walt er. Freilich, ganze fünf, zwei schon erwachsen.
C hl est ak ó ff. So, so, auch schon erwachsene! Na und die ... welchen
Geschl...?
Ho sp i tal ver walt er. Sie geruhten wahrscheinlich zu fragen, wie sie
heißen?
C hl est ak ó ff. Ja wohl, wie sie heißen.
Ho sp i tal ver walt er. Nikolái, Iwán, Elisabeth, Márja und Perpetua.
C hl est ak ó ff. Famos.
Ho sp i tal ver walt er. Ich wage nicht, Sie länger durch meine Gegenwart
zu belästigen und Ihnen kostbare Zeit zu rauben, die den heiligsten
Pflichten gewidmet ist ... (Verneigt sich und will abtreten.)
C hl est ak ó ff (Gibt ihm das Geleit). Nein, durch aus nicht. Das ist ja alles
sehr spaßhaft, was Sie mir da erzählt haben. Machen Sie mir bald wieder
das Vergnügen ... ich höre so etwas sehr gerne. (Geht schnell wieder zur Türe, öffnet
sie und ruft hinter ihm her.) He Sie! Wie heißen Sie doch noch? Ich vergesse alles,
wie heißen Sie mit Vor- und Vaternamen?
Ho sp i tal ver walt er. Artémij Filíppowitsch.
C hl est ak ó ff. Tun Sie mir den Gefallen, Artémij Filíppowitsch, mir ist
ein komischer Fall begegnet: ich gab mich auf der Reise vollständig aus.
Könnten Sie mir wohl vierhundert Rubel leihen?
Ho sp i tal ver walt er. Zu dienen.
C hl est ak ó ff. Wie gut sich das trifft! Danke verbindlichst!
7. Szene
Page 67
Chlestakóff. Dóbtschinski und Bóbtschinski.
B óbt schin sk i. Habe die Ehre mich vorzustellen: Einwohner hiesiger
Stadt, Pjotr Iwánowitsch Bóbtschinski junior.
Dó bt schi n sk i. Hausbesitzer Pjotr Iwánowitsch Dóbtschinski junior.
C hl est ak ó ff. Sieh da, wir kennen uns ja bereits! Mir scheint, Sie fielen
damals hin? Nun, was macht Ihre Nase?
B óbt schin sk i. O danke sehr, bitte bemühen Sie sich nicht: schon ganz
trocken, vollkommen trocken.
C hl est ak ó ff. Das ist ja sehr schön. Ich bin sehr erfreut ... (Plötzlich und
überraschend.) Haben Sie Geld bei sich?
Dó bt schi n sk i. Geld? Wieso Geld?
C hl est ak ó ff. Um mir tausend Rubel zu leihen.
B óbt schin sk i. Eine solche Summe, bei Gott, nein; Sie vielleicht, Pjotr
Iwánowitsch?
Dó bt schi n sk i. Ich auf keinen Fall, weil ich mein Geld, belieben Sie zu
vermerken, bei der Staatskreditbank angelegt habe.
C hl est ak ó ff. Na, wenn nicht tausend, dann doch hundert.
B óbt schin sk i (in den Taschen wühlend). Haben Sie nicht hundert Rubel,
Pjotr Iwánowitsch? Ich habe nur vierzig in Papier.
Dó bt schi n sk i. Und ich fünfundzwanzig alles in allem.
B óbt schin sk i. Sehen Sie nur genauer nach, Pjotr Iwánowitsch! Ich
weiß genau, in Ihrer rechten Tasche ist ein Loch, da werden sich gewiß ein
paar verkrochen haben.
Dó bt schi n sk i. Nein, auch da ist nichts drin.
C hl est ak ó ff. Nun egal: was liegt daran; meinetwegen also
fünfundsechzig Rubel ... Ist mir einerlei. (Nimmt das Geld.)
Dó bt schi n sk i. Ich möchte mir die Freiheit nehmen, Ihnen noch eine
besondere Bitte in einer delikaten Angelegenheit vorzutragen.
C hl est ak ó ff. Und das wäre?
Dó bt schi n sk i. Die Sache ist sehr delikater Natur: mein ältester Sohn,
bitte ergebenst zu vermerken, wurde noch kurz vor meiner Hochzeit
geboren ...
C hl est ak ó ff. So?
Dó bt schi n sk i. Ja, das heißt, man nennt das nur so, aber er ist so gewiß
mein leiblicher Sohn, als wenn er in der Ehe geboren wäre, und überdies
habe ich hinterher alles, wie sich’s gehört, durch den gesetzlichen Ehebund
geordnet. Nun möchte ich gerne, bitte zu vermerken, daß er von jetzt an
B óbt schin sk i. Habe die Ehre mich vorzustellen: Einwohner hiesiger
Stadt, Pjotr Iwánowitsch Bóbtschinski junior.
Dó bt schi n sk i. Hausbesitzer Pjotr Iwánowitsch Dóbtschinski junior.
C hl est ak ó ff. Sieh da, wir kennen uns ja bereits! Mir scheint, Sie fielen
damals hin? Nun, was macht Ihre Nase?
B óbt schin sk i. O danke sehr, bitte bemühen Sie sich nicht: schon ganz
trocken, vollkommen trocken.
C hl est ak ó ff. Das ist ja sehr schön. Ich bin sehr erfreut ... (Plötzlich und
überraschend.) Haben Sie Geld bei sich?
Dó bt schi n sk i. Geld? Wieso Geld?
C hl est ak ó ff. Um mir tausend Rubel zu leihen.
B óbt schin sk i. Eine solche Summe, bei Gott, nein; Sie vielleicht, Pjotr
Iwánowitsch?
Dó bt schi n sk i. Ich auf keinen Fall, weil ich mein Geld, belieben Sie zu
vermerken, bei der Staatskreditbank angelegt habe.
C hl est ak ó ff. Na, wenn nicht tausend, dann doch hundert.
B óbt schin sk i (in den Taschen wühlend). Haben Sie nicht hundert Rubel,
Pjotr Iwánowitsch? Ich habe nur vierzig in Papier.
Dó bt schi n sk i. Und ich fünfundzwanzig alles in allem.
B óbt schin sk i. Sehen Sie nur genauer nach, Pjotr Iwánowitsch! Ich
weiß genau, in Ihrer rechten Tasche ist ein Loch, da werden sich gewiß ein
paar verkrochen haben.
Dó bt schi n sk i. Nein, auch da ist nichts drin.
C hl est ak ó ff. Nun egal: was liegt daran; meinetwegen also
fünfundsechzig Rubel ... Ist mir einerlei. (Nimmt das Geld.)
Dó bt schi n sk i. Ich möchte mir die Freiheit nehmen, Ihnen noch eine
besondere Bitte in einer delikaten Angelegenheit vorzutragen.
C hl est ak ó ff. Und das wäre?
Dó bt schi n sk i. Die Sache ist sehr delikater Natur: mein ältester Sohn,
bitte ergebenst zu vermerken, wurde noch kurz vor meiner Hochzeit
geboren ...
C hl est ak ó ff. So?
Dó bt schi n sk i. Ja, das heißt, man nennt das nur so, aber er ist so gewiß
mein leiblicher Sohn, als wenn er in der Ehe geboren wäre, und überdies
habe ich hinterher alles, wie sich’s gehört, durch den gesetzlichen Ehebund
geordnet. Nun möchte ich gerne, bitte zu vermerken, daß er von jetzt an
Page 68
auch richtig, das heißt gesetzlich mein Sohn sei und sich nennen dürfte wie
ich, Dóbtschinski.
C hl est ak ó ff. Gut, mag er sich doch so nennen, warum nicht?
Dó bt schi n sk i. Ich würde Sie auch damit gar nicht belästigt haben, aber
es wäre zu schade um seine Talente. So ein Kerlchen ... berechtigt zu den
schönsten Hoffnungen: die verschiedensten Gedichte sagt er auswendig her,
und wenn er wo ein Messer in die Finger kriegt, da schnitzt er Ihnen gleich
kleine Wägelchen, so geschickt wie ein Tausendkünstler. Pjotr Iwánowitsch
kann’s bezeugen.
B óbt schin sk i. Ja, er hat wunderbare Talente!
C hl est ak ó ff. Gut gut! Ich werde mir Mühe geben, will Rücksprache
nehmen ... ich hoffe ... es soll geschehen, ja, ja ... (zu Bóbtschinski gewandt).
Haben Sie nicht auch noch ein Anliegen?
B óbt schin sk i. Freilich, ich hätte eine untertänigste Bitte.
C hl est ak ó ff. Nun und welcher Art?
B óbt schin sk i. Bitte untertänigst, wenn Sie wieder nach Petersburg
kommen, sagen Sie bitte all den verschiedenen hochmögenden Senatoren
und Admirälen: Ew. Exzellenz, oder: Ew. Hochwohlgeboren, dort in der
und der Stadt lebt Pjotr Iwánowitsch Bóbtschinski — genau so: lebt Pjotr
Iwánowitsch Bóbtschinski.
C hl est ak ó ff. Sehr gerne.
B óbt schin sk i. Auch wenn Sie mal zufällig den Kaiser treffen, dann
sagen Sie bitte auch dem Kaiser: Halten zu Gnaden, kaiserliche Majestät,
aber in der und der Stadt lebt Pjotr Iwánowitsch Bóbtschinski.
C hl est ak ó ff. Aber sehr gerne.
Dó bt schi n sk i. Verzeihen Sie, daß wir Sie mit unserer Gegenwart so
belästigt haben.
B óbt schin sk i. Verzeihen Sie, daß wir Sie mit unserer Gegenwart so
belästigt haben.
C hl est ak ó ff. Bitte, hat nichts zu sagen! War mir sehr angenehm. (Geleitet
sie bis an die Tür.)
8. Szene
Chlestakóff allein.
ich, Dóbtschinski.
C hl est ak ó ff. Gut, mag er sich doch so nennen, warum nicht?
Dó bt schi n sk i. Ich würde Sie auch damit gar nicht belästigt haben, aber
es wäre zu schade um seine Talente. So ein Kerlchen ... berechtigt zu den
schönsten Hoffnungen: die verschiedensten Gedichte sagt er auswendig her,
und wenn er wo ein Messer in die Finger kriegt, da schnitzt er Ihnen gleich
kleine Wägelchen, so geschickt wie ein Tausendkünstler. Pjotr Iwánowitsch
kann’s bezeugen.
B óbt schin sk i. Ja, er hat wunderbare Talente!
C hl est ak ó ff. Gut gut! Ich werde mir Mühe geben, will Rücksprache
nehmen ... ich hoffe ... es soll geschehen, ja, ja ... (zu Bóbtschinski gewandt).
Haben Sie nicht auch noch ein Anliegen?
B óbt schin sk i. Freilich, ich hätte eine untertänigste Bitte.
C hl est ak ó ff. Nun und welcher Art?
B óbt schin sk i. Bitte untertänigst, wenn Sie wieder nach Petersburg
kommen, sagen Sie bitte all den verschiedenen hochmögenden Senatoren
und Admirälen: Ew. Exzellenz, oder: Ew. Hochwohlgeboren, dort in der
und der Stadt lebt Pjotr Iwánowitsch Bóbtschinski — genau so: lebt Pjotr
Iwánowitsch Bóbtschinski.
C hl est ak ó ff. Sehr gerne.
B óbt schin sk i. Auch wenn Sie mal zufällig den Kaiser treffen, dann
sagen Sie bitte auch dem Kaiser: Halten zu Gnaden, kaiserliche Majestät,
aber in der und der Stadt lebt Pjotr Iwánowitsch Bóbtschinski.
C hl est ak ó ff. Aber sehr gerne.
Dó bt schi n sk i. Verzeihen Sie, daß wir Sie mit unserer Gegenwart so
belästigt haben.
B óbt schin sk i. Verzeihen Sie, daß wir Sie mit unserer Gegenwart so
belästigt haben.
C hl est ak ó ff. Bitte, hat nichts zu sagen! War mir sehr angenehm. (Geleitet
sie bis an die Tür.)
8. Szene
Chlestakóff allein.
Page 69
C hl est ak ó ff. Recht viel Beamte gibt’s hier. Sie scheinen mich übrigens
alle für ein großes Tier zu halten. Freilich, ich habe ihnen gestern einigen
blauen Dunst vorgemacht. Die Schafsköpfe! Ich müßte das alles doch an
Trapítschkin nach Petersburg schreiben: er verfaßt so kleine Feuilletons —
mag er die doch mal gehörig vornehmen. — He, Ossip! Gib mir Tinte und
Papier. (Ossip guckt zur Tür herein und ruft: „Gleich!“) Für Trapítschkin wäre das ein
gefundenes Fressen — ein gefährlicher Bursche: würde seinen eigenen
Vater für einen guten Witz preisgeben, und Geld sieht er auch gern. Diese
Beamten sind übrigens recht biedere Leute; ein netter Zug von ihnen, daß
sie mir Geld leihen. Ich muß doch mal nachsehen, wie viel es ist. Diese
dreihundert vom Kreisrichter — diese dreihundert vom Postmeister,
sechshundert — siebenhundert — achthundert ... was für ein fettiger
Lappen! achthundert — neunhundert ... Oho, bis an die tausend hat sich das
aufgeläppert ... Was sagst du nun, mein schlauer Hauptmann? Komm mir
jetzt mal unter die Finger, wollen doch mal sehen, wer den anderen
unterkriegt! —
9. Szene
Chlestakóff. Ossip (mit Schreibzeug und Papier).
C hl est ak ó ff. Na, du Esel, siehst du wohl, wie sie mich hier verwöhnen
und hofieren! (Beginnt zu schreiben.)
Ossi p. Ja, Gott sei gelobt! Aber wissen Sie was, Iwán Alexándrowitsch?
C hl est ak ó ff. Na?
Ossi p. Reisen Sie ab! Wahrhaftig, ’s is Zeit!
C hl est ak ó ff (schreibt). Verrücktheit! Weshalb denn?
Ossi p. Na so. Was gehen uns alle die Leute an! Zwei Tage haben wir uns
hier ausgetobt, na und nu is genug! Was brauch man sich länger mit ihnen
abgeben. Spucken Sie drauf! Die Luft is auch nich ganz rein: ’s kann wer
anders ankommen — wahrhaftig, Iwán Alexándrowitsch! Und Pferde gibt’s
hier so tüchtige — laufen können die ...!
C hl est ak ó ff (schreibt). Nein, ich möchte noch bleiben. Meinetwegen
denn morgen.
Ossi p. Eh, morgen! Fahren wir doch heute, Iwán Alexándrowitsch! Und
wenn man Ihnen hier auch viel Ehre antut, Sie wissen’s ja alleine: besser is
auf und davon ... Man nimmt Sie hier ja doch nur für einen andern, und
alle für ein großes Tier zu halten. Freilich, ich habe ihnen gestern einigen
blauen Dunst vorgemacht. Die Schafsköpfe! Ich müßte das alles doch an
Trapítschkin nach Petersburg schreiben: er verfaßt so kleine Feuilletons —
mag er die doch mal gehörig vornehmen. — He, Ossip! Gib mir Tinte und
Papier. (Ossip guckt zur Tür herein und ruft: „Gleich!“) Für Trapítschkin wäre das ein
gefundenes Fressen — ein gefährlicher Bursche: würde seinen eigenen
Vater für einen guten Witz preisgeben, und Geld sieht er auch gern. Diese
Beamten sind übrigens recht biedere Leute; ein netter Zug von ihnen, daß
sie mir Geld leihen. Ich muß doch mal nachsehen, wie viel es ist. Diese
dreihundert vom Kreisrichter — diese dreihundert vom Postmeister,
sechshundert — siebenhundert — achthundert ... was für ein fettiger
Lappen! achthundert — neunhundert ... Oho, bis an die tausend hat sich das
aufgeläppert ... Was sagst du nun, mein schlauer Hauptmann? Komm mir
jetzt mal unter die Finger, wollen doch mal sehen, wer den anderen
unterkriegt! —
9. Szene
Chlestakóff. Ossip (mit Schreibzeug und Papier).
C hl est ak ó ff. Na, du Esel, siehst du wohl, wie sie mich hier verwöhnen
und hofieren! (Beginnt zu schreiben.)
Ossi p. Ja, Gott sei gelobt! Aber wissen Sie was, Iwán Alexándrowitsch?
C hl est ak ó ff. Na?
Ossi p. Reisen Sie ab! Wahrhaftig, ’s is Zeit!
C hl est ak ó ff (schreibt). Verrücktheit! Weshalb denn?
Ossi p. Na so. Was gehen uns alle die Leute an! Zwei Tage haben wir uns
hier ausgetobt, na und nu is genug! Was brauch man sich länger mit ihnen
abgeben. Spucken Sie drauf! Die Luft is auch nich ganz rein: ’s kann wer
anders ankommen — wahrhaftig, Iwán Alexándrowitsch! Und Pferde gibt’s
hier so tüchtige — laufen können die ...!
C hl est ak ó ff (schreibt). Nein, ich möchte noch bleiben. Meinetwegen
denn morgen.
Ossi p. Eh, morgen! Fahren wir doch heute, Iwán Alexándrowitsch! Und
wenn man Ihnen hier auch viel Ehre antut, Sie wissen’s ja alleine: besser is
auf und davon ... Man nimmt Sie hier ja doch nur für einen andern, und
Page 70
unser alter Herr wird sich ärgern, wenn Sie solange fackeln. Fein könnten
wir wahrhaftig abkutschieren! Und stramme Pferde würden sie geben!
C hl est ak ó ff (schreibt). Na gut. Aber erst besorge mir diesen Brief, und
dann kannst du meinetwegen gleich einen Postwagen bestellen. Aber sieh
zu, daß wir tüchtige Pferde bekommen. Sag dem Postillon: ich lasse ein
paar silberne springen, wenn er mich flott wie einen Staatskurier fährt und
hübsch dazu bläst! ... (Schreibt weiter.) Ich sehe schon im voraus, wie sich
Trapítschkin totlachen wird ...
Ossi p. Herr, ich schick den Brief lieber mit dem Hausknecht fort und
pack unterdessen geschwind ein, damit keine Zeit verloren geht.
C hl est ak ó ff. Gut. Bring ein Licht.
Ossi p (geht hinaus und spricht hinter der Szene). He, Kamerad! Sollst ’n Brief auf
die Post tragen und sag dem Postmeister, er soll ihn franko befördern, und
er soll dem Herrn gleich die beste Tróika schicken, mit Kurierpferden; und
sag, der Herr zahlt dafür nich, sag: ’ne Fuhre auf Staatskosten. Aber flott
muß alles gehn, sonst schimpfen seine Gnaden der Herr. Wart, der Brief is
noch nich fertig.
C hl est ak ó ff (schreibt weiter). Möchte nur wissen, wo er jetzt wohnt, ob auf
der Poststraße oder der Krautstraße; er liebt auch von einem Quartier ins
andre zu ziehn und die Miete schuldig zu bleiben. Na, ich schreibe aufs
Geratewohl: Poststraße. (Faltet den Brief und adressiert.)
Ossi p (bringt ein Licht).
C hl est ak ó ff (siegelt).
(Währenddessen hört man die Stimme Djerschimórdas: „Fort, du Lausbart, hörst doch, daß keiner
rein darf!“)
C hl est ak ó ff (gibt Ossip den Brief). Da, bring ihn fort.
(Stimmen der Kaufleute: „Laß uns doch rein! Du mußt uns reinlassen, wir kommen um Geschäfte!“)
S ti m m e D jer schi m ór d as. Raus! Raus! Er empfängt nich, er schläft!
(Der Lärm nimmt zu.)
C hl est ak ó ff. Was ist da los, Ossip? Sieh mal nach, was der Lärm
bedeutet.
Ossi p (sieht aus dem Fenster). Da sind Kaufleute, die rein wollen, aber der
Polizist läßt sie nich. Sie winken mit Papieren. Wahrscheinlich wollen sie
zu Ihnen.
C hl est ak ó ff (tritt ans Fenster). Was wollt ihr, guten Leute?
wir wahrhaftig abkutschieren! Und stramme Pferde würden sie geben!
C hl est ak ó ff (schreibt). Na gut. Aber erst besorge mir diesen Brief, und
dann kannst du meinetwegen gleich einen Postwagen bestellen. Aber sieh
zu, daß wir tüchtige Pferde bekommen. Sag dem Postillon: ich lasse ein
paar silberne springen, wenn er mich flott wie einen Staatskurier fährt und
hübsch dazu bläst! ... (Schreibt weiter.) Ich sehe schon im voraus, wie sich
Trapítschkin totlachen wird ...
Ossi p. Herr, ich schick den Brief lieber mit dem Hausknecht fort und
pack unterdessen geschwind ein, damit keine Zeit verloren geht.
C hl est ak ó ff. Gut. Bring ein Licht.
Ossi p (geht hinaus und spricht hinter der Szene). He, Kamerad! Sollst ’n Brief auf
die Post tragen und sag dem Postmeister, er soll ihn franko befördern, und
er soll dem Herrn gleich die beste Tróika schicken, mit Kurierpferden; und
sag, der Herr zahlt dafür nich, sag: ’ne Fuhre auf Staatskosten. Aber flott
muß alles gehn, sonst schimpfen seine Gnaden der Herr. Wart, der Brief is
noch nich fertig.
C hl est ak ó ff (schreibt weiter). Möchte nur wissen, wo er jetzt wohnt, ob auf
der Poststraße oder der Krautstraße; er liebt auch von einem Quartier ins
andre zu ziehn und die Miete schuldig zu bleiben. Na, ich schreibe aufs
Geratewohl: Poststraße. (Faltet den Brief und adressiert.)
Ossi p (bringt ein Licht).
C hl est ak ó ff (siegelt).
(Währenddessen hört man die Stimme Djerschimórdas: „Fort, du Lausbart, hörst doch, daß keiner
rein darf!“)
C hl est ak ó ff (gibt Ossip den Brief). Da, bring ihn fort.
(Stimmen der Kaufleute: „Laß uns doch rein! Du mußt uns reinlassen, wir kommen um Geschäfte!“)
S ti m m e D jer schi m ór d as. Raus! Raus! Er empfängt nich, er schläft!
(Der Lärm nimmt zu.)
C hl est ak ó ff. Was ist da los, Ossip? Sieh mal nach, was der Lärm
bedeutet.
Ossi p (sieht aus dem Fenster). Da sind Kaufleute, die rein wollen, aber der
Polizist läßt sie nich. Sie winken mit Papieren. Wahrscheinlich wollen sie
zu Ihnen.
C hl est ak ó ff (tritt ans Fenster). Was wollt ihr, guten Leute?
Page 71
S ti m m en d er K auf l eut e. Wir kommen zu deiner Barmherzigkeit!
Hab Mitleid, Herr, und nimm unsere Bittschriften an!
C hl est ak ó ff. Man soll sie hereinlassen! Sie mögen kommen. Ossip, sag
ihnen, sie mögen kommen.
Ossi p (geht hinaus).
C hl est ak ó ff (nimmt durchs Fenster Bittschriften entgegen, faltet eine auseinander und
liest). „Seiner hochwohlgeborenen Erlauchtheit dem Herrn Finanziell vom
Kaufmann Awdúljin ...“ der Teufel soll wissen, was das ist; und solchen
Titel gibt’s erst recht nicht!
10. Szene
Chlestakóff. Kaufleute (mit Weinkörben und Zuckerhüten).
C hl est ak ó ff. Was wollt ihr, lieben Leute?
Kauf l eu t e. Klagen kommen wir vor Eure Barmherzigkeit.
C hl est ak ó ff. Worum handelt es sich?
Kauf l eu t e. Laß uns nicht verderben, allergnädigster Herr! Unschuldig
richtet er uns zugrunde!
C hl est ak ó ff. Wer?
E in er der K auf l eut e. Alles unser Polizeimeister! Herr, so einen
Polizeimeister hat’s noch nie gegeben. Was der uns für Niedertracht antut,
das is nich auszudenken. Hat uns so ausgeplündert, daß man bloß noch ’ne
Schlinge um den Hals braucht. Wie geht er auch mit einem um! Kriegt
einen beim Bart zu packen und sagt: „Ach du Tatarenhund!“ Bei Gott, das
tut er! Wenn wir ihm noch hätten was abgehen lassen; aber wir tun ja alles,
was wir nur können: was er verlangen kann zu Kleidern für seine Frau und
seine Tochter — daran läßt man’s ja nicht fehlen. Aber, siehste, das is ihm
alles noch nich genug! Kommt in den Laden rein, und was ihm in die
Hände fällt, alles nimmt er mit: sieht er ’n Stück Stoff: „He, Freundchen,
schöner Stoff; trag ihn mal zu mir rüber!“ Nu und man muß ’n ihm
hintragen, und dabei sind’s doch wenigstens fünfzig Ellen!
C hl est ak ó ff. Nicht möglich? Ist das ein Spitzbube!
Kauf l eu t e. Wirklich wahr! Auf so’n Polizeimeister kann sich keiner
nich besinnen. Man versteckt schon alles im Laden, wenn man ihn kaum
kommen sieht. Nich mal feine Sachen nur nimmt er, nein, er nimmt jeden
Dreck: Backpflaumen, die schon sieben Jahr in der Tonne liegen und die bei
Hab Mitleid, Herr, und nimm unsere Bittschriften an!
C hl est ak ó ff. Man soll sie hereinlassen! Sie mögen kommen. Ossip, sag
ihnen, sie mögen kommen.
Ossi p (geht hinaus).
C hl est ak ó ff (nimmt durchs Fenster Bittschriften entgegen, faltet eine auseinander und
liest). „Seiner hochwohlgeborenen Erlauchtheit dem Herrn Finanziell vom
Kaufmann Awdúljin ...“ der Teufel soll wissen, was das ist; und solchen
Titel gibt’s erst recht nicht!
10. Szene
Chlestakóff. Kaufleute (mit Weinkörben und Zuckerhüten).
C hl est ak ó ff. Was wollt ihr, lieben Leute?
Kauf l eu t e. Klagen kommen wir vor Eure Barmherzigkeit.
C hl est ak ó ff. Worum handelt es sich?
Kauf l eu t e. Laß uns nicht verderben, allergnädigster Herr! Unschuldig
richtet er uns zugrunde!
C hl est ak ó ff. Wer?
E in er der K auf l eut e. Alles unser Polizeimeister! Herr, so einen
Polizeimeister hat’s noch nie gegeben. Was der uns für Niedertracht antut,
das is nich auszudenken. Hat uns so ausgeplündert, daß man bloß noch ’ne
Schlinge um den Hals braucht. Wie geht er auch mit einem um! Kriegt
einen beim Bart zu packen und sagt: „Ach du Tatarenhund!“ Bei Gott, das
tut er! Wenn wir ihm noch hätten was abgehen lassen; aber wir tun ja alles,
was wir nur können: was er verlangen kann zu Kleidern für seine Frau und
seine Tochter — daran läßt man’s ja nicht fehlen. Aber, siehste, das is ihm
alles noch nich genug! Kommt in den Laden rein, und was ihm in die
Hände fällt, alles nimmt er mit: sieht er ’n Stück Stoff: „He, Freundchen,
schöner Stoff; trag ihn mal zu mir rüber!“ Nu und man muß ’n ihm
hintragen, und dabei sind’s doch wenigstens fünfzig Ellen!
C hl est ak ó ff. Nicht möglich? Ist das ein Spitzbube!
Kauf l eu t e. Wirklich wahr! Auf so’n Polizeimeister kann sich keiner
nich besinnen. Man versteckt schon alles im Laden, wenn man ihn kaum
kommen sieht. Nich mal feine Sachen nur nimmt er, nein, er nimmt jeden
Dreck: Backpflaumen, die schon sieben Jahr in der Tonne liegen und die bei
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uns kein Hausknecht fressen möchte — aber er steckt sich so ’ne Handvoll
davon da rein. Auf St. Anton ist sein Namenstag, und man denkt nu, man
hat alles gegeben, was er nur brauchen kann: nein, noch mehr soll man
geben; er sagt, auf St. Onuphrius hätt’ er auch noch ’n Namenstag. Was soll
man nu tun? Man muß auch den St. Onuphrius feiern.
C hl est ak ó ff. Aber das ist ja ein richtiger Räuber!
Kauf l eu t e. Ach Gott, ja. Aber versuch’ einer sich zu sperren, gleich
schickt er einem ’n ganzes Regiment Einquartierung. Schlägt man Lärm,
dann läßt er einem die Türen verrammeln und sagt: „Foltern und geißeln
kann ich dich nicht, das erlaubt mir das Gesetz nicht, aber, Bürschchen, du
sollst mir Heringe fressen, bis dir ...!“
C hl est ak ó ff. Dieser Halunke! Der gehört ja direkt nach Sibirien!
Kauf l eu t e. Ach, wo deine Gnade ihn auch hinschickt, das ist uns alles
recht, nur weiter weg von uns. Lieber Vater, verachte nich unser Salz und
Brot: laß uns dir mit diesem Endchen Zucker und ’nem Körbchen Wein
unsere Ehrfurcht beweisen.
C hl est ak ó ff. Nein, das laßt bleiben: ich nehme absolut keine
Geschenke. Aber wenn ihr mir zum Beispiel dreihundert Rubel leihen
wolltet, das wäre dann was anderes; das kann ich nehmen.
Kauf l eu t e. Bitte, lieber Vater, bitte! (Sie holen Geld heraus.) Warum nur
dreihundert? Nimm doch lieber gleich fünfhundert, nur hilf uns!
C hl est ak ó ff. Wohlverstanden: ein Darlehn — dabei bleibt’s; ich nehme
es an.
Kauf l eu t e (reichen ihm auf einer silbernen Schale das Geld). Tu uns die Gnade und
behalt’ auch gleich die Schale.
C hl est ak ó ff. Nun, meinetwegen auch die Schale.
Kauf l eu t e (sich verbeugend). Dann nimm doch auch schon auf einen Hieb
die Zuckerhüte und ...
C hl est ak ó ff. O nein, Geschenke niemals ...
Ossi p. Euer Hochwohlgeboren! Warum nehmen Sie’s nich? Nehmen
Sie’s doch. Auf der Reise kann man alles brauchen. Her mit dem Zucker
und mit den Körben! Alles her! Alles kann zu was taugen. Was is da? ’n
Strick? Her mit dem Strick! Auch ’n Strick is gut auf die Reise; bricht mal
was am Wagen oder sonst was — man kann’s dann doch binden.
Kauf l eu t e. Tun Sie uns nu auch die Gnade, Euer Herrlichkeit! Wenn
Sie uns auf unsre Bitten nich helfen, dann wissen wir nich mehr wohin,
dann schon lieber gleich ’n Strick um den Hals.
davon da rein. Auf St. Anton ist sein Namenstag, und man denkt nu, man
hat alles gegeben, was er nur brauchen kann: nein, noch mehr soll man
geben; er sagt, auf St. Onuphrius hätt’ er auch noch ’n Namenstag. Was soll
man nu tun? Man muß auch den St. Onuphrius feiern.
C hl est ak ó ff. Aber das ist ja ein richtiger Räuber!
Kauf l eu t e. Ach Gott, ja. Aber versuch’ einer sich zu sperren, gleich
schickt er einem ’n ganzes Regiment Einquartierung. Schlägt man Lärm,
dann läßt er einem die Türen verrammeln und sagt: „Foltern und geißeln
kann ich dich nicht, das erlaubt mir das Gesetz nicht, aber, Bürschchen, du
sollst mir Heringe fressen, bis dir ...!“
C hl est ak ó ff. Dieser Halunke! Der gehört ja direkt nach Sibirien!
Kauf l eu t e. Ach, wo deine Gnade ihn auch hinschickt, das ist uns alles
recht, nur weiter weg von uns. Lieber Vater, verachte nich unser Salz und
Brot: laß uns dir mit diesem Endchen Zucker und ’nem Körbchen Wein
unsere Ehrfurcht beweisen.
C hl est ak ó ff. Nein, das laßt bleiben: ich nehme absolut keine
Geschenke. Aber wenn ihr mir zum Beispiel dreihundert Rubel leihen
wolltet, das wäre dann was anderes; das kann ich nehmen.
Kauf l eu t e. Bitte, lieber Vater, bitte! (Sie holen Geld heraus.) Warum nur
dreihundert? Nimm doch lieber gleich fünfhundert, nur hilf uns!
C hl est ak ó ff. Wohlverstanden: ein Darlehn — dabei bleibt’s; ich nehme
es an.
Kauf l eu t e (reichen ihm auf einer silbernen Schale das Geld). Tu uns die Gnade und
behalt’ auch gleich die Schale.
C hl est ak ó ff. Nun, meinetwegen auch die Schale.
Kauf l eu t e (sich verbeugend). Dann nimm doch auch schon auf einen Hieb
die Zuckerhüte und ...
C hl est ak ó ff. O nein, Geschenke niemals ...
Ossi p. Euer Hochwohlgeboren! Warum nehmen Sie’s nich? Nehmen
Sie’s doch. Auf der Reise kann man alles brauchen. Her mit dem Zucker
und mit den Körben! Alles her! Alles kann zu was taugen. Was is da? ’n
Strick? Her mit dem Strick! Auch ’n Strick is gut auf die Reise; bricht mal
was am Wagen oder sonst was — man kann’s dann doch binden.
Kauf l eu t e. Tun Sie uns nu auch die Gnade, Euer Herrlichkeit! Wenn
Sie uns auf unsre Bitten nich helfen, dann wissen wir nich mehr wohin,
dann schon lieber gleich ’n Strick um den Hals.
Page 73
C hl est ak ó ff. Unbedingt! Unbedingt! Ich werde mich bemühen.
(Die Kaufleute entfernen sich; man hört die)
S ti m m e ei n es Wei bes. Nein, du darfst mich nicht abweisen; auch
dich werde ich verklagen; stoß mich doch nicht so!
C hl est ak ó ff. Wer ist dort? (Tritt ans Fenster.) Was willst du, Mütterchen?
S ti m m e zw eier F r auen. Um deine Barmherzigkeit flehen wir, Vater!
Herr, hör uns an!
C hl est ak ó ff (ruft hinaus). Einlassen!
11. Szene
Chlestakóff. Die Schlosserfrau und die Unteroffizierfrau.
S chl o sser f r au (auf die Knie fallend). Barmherzigkeit!
Un ter off i zier f r au. Barmherzigkeit!
C hl est ak ó ff. Wer seid ihr denn?
Un ter off i zier f r au. Die Unteroffizierfrau Iwánow.
S chl o sser f r au. Die Schlosserfrau und Bürgerin Fewrónja Pjetrówna
Poschljópkina, mein Vater ...
C hl est ak ó ff. Halt, erst soll eine reden. Was willst du?
S chl o sser f r au. Barmherzigkeit. Ich klage gegen den Polizeimeister,
soll ihn Gott schlagen mit allem Bösen, daß seine Kinder und er, der
Halunke, und seine Onkels und seine Tanten alle, alle nicht wissen, wo sie
hin sollen!
C hl est ak ó ff. Was ist denn vorgefallen?
S chl o sser f r au. Er hat meinem Mann den Kopf scheren lassen und ihn
unter die Soldaten gesteckt und das Los war doch nicht auf uns gefallen,
dieser Schuft! Und auch das Gesetz erlaubt’s nicht. Er ist ja verheiratet.
C hl est ak ó ff. Wie konnte er denn das tun?
S chl o sser f r au. Er hat’s getan, der Halunke! Er hat’s getan! Soll ihn
Gott verdammen in dieser und in jener Welt! Und wenn er eine Tante hat,
soll ihm auch seine Tante mit allen Pestilenzen geschlagen sein! Und sein
Vater, wenn er noch lebt, die Kanaille! daß auch der verrecken soll oder
ersticken soll in alle Ewigkeit! So ein Halunke der! Der Schneidersohn
sollte genommen werden, der war ja auch ’n Säufer. Aber seine Eltern
gaben ein schönes Stück Geld, da machte er sich dann an den Sohn der
Kaufmannsfrau Panteléjeff. Aber die Panteléjeff schickte seiner Frau drei
(Die Kaufleute entfernen sich; man hört die)
S ti m m e ei n es Wei bes. Nein, du darfst mich nicht abweisen; auch
dich werde ich verklagen; stoß mich doch nicht so!
C hl est ak ó ff. Wer ist dort? (Tritt ans Fenster.) Was willst du, Mütterchen?
S ti m m e zw eier F r auen. Um deine Barmherzigkeit flehen wir, Vater!
Herr, hör uns an!
C hl est ak ó ff (ruft hinaus). Einlassen!
11. Szene
Chlestakóff. Die Schlosserfrau und die Unteroffizierfrau.
S chl o sser f r au (auf die Knie fallend). Barmherzigkeit!
Un ter off i zier f r au. Barmherzigkeit!
C hl est ak ó ff. Wer seid ihr denn?
Un ter off i zier f r au. Die Unteroffizierfrau Iwánow.
S chl o sser f r au. Die Schlosserfrau und Bürgerin Fewrónja Pjetrówna
Poschljópkina, mein Vater ...
C hl est ak ó ff. Halt, erst soll eine reden. Was willst du?
S chl o sser f r au. Barmherzigkeit. Ich klage gegen den Polizeimeister,
soll ihn Gott schlagen mit allem Bösen, daß seine Kinder und er, der
Halunke, und seine Onkels und seine Tanten alle, alle nicht wissen, wo sie
hin sollen!
C hl est ak ó ff. Was ist denn vorgefallen?
S chl o sser f r au. Er hat meinem Mann den Kopf scheren lassen und ihn
unter die Soldaten gesteckt und das Los war doch nicht auf uns gefallen,
dieser Schuft! Und auch das Gesetz erlaubt’s nicht. Er ist ja verheiratet.
C hl est ak ó ff. Wie konnte er denn das tun?
S chl o sser f r au. Er hat’s getan, der Halunke! Er hat’s getan! Soll ihn
Gott verdammen in dieser und in jener Welt! Und wenn er eine Tante hat,
soll ihm auch seine Tante mit allen Pestilenzen geschlagen sein! Und sein
Vater, wenn er noch lebt, die Kanaille! daß auch der verrecken soll oder
ersticken soll in alle Ewigkeit! So ein Halunke der! Der Schneidersohn
sollte genommen werden, der war ja auch ’n Säufer. Aber seine Eltern
gaben ein schönes Stück Geld, da machte er sich dann an den Sohn der
Kaufmannsfrau Panteléjeff. Aber die Panteléjeff schickte seiner Frau drei
Page 74
Stück Leinwand und da kam er zu mir. „Wozu brauchst du einen Mann,“
sagte er. „Für dich taugt er ja doch nichts mehr.“ Aber ich weiß alleine, ob
er noch taugt oder nicht. Das ist schon meine Sache. So ein Halunke! „Ein
Dieb ist er,“ sagt er, „wenn er auch jetzt nichts gestohlen hat. Ganz egal,“
sagt er, „stehlen wird er doch und sie werden ihn ja doch sowieso nächstes
Jahr unter die Soldaten stecken.“ Was soll ich dann anfangen ohne Mann?
So ein Halunke! Sollen doch alle seine Verwandten es so kriegen, daß sie
Gottes Licht nicht mehr sehen können und wenn er eine Schwiegermutter
hat, so soll auch die Schwiegermutter ...
C hl est ak ó ff. Genug, genug! Nun und du? (Schafft dabei die Schlosserfrau
hinaus.)
S chl o sser f r au (im Fortgehen). Vergiß es nicht, mein Vater, sei barmherzig.
Un ter off i zier f r au. Ich kam wegen dem Polizeimeister.
C hl est ak ó ff. Nun, und warum? Antworte kurz.
Un ter off i zier f r au. Ausgepeitscht, Herr.
C hl est ak ó ff. Wie?
Un ter off i zier f r au. Aus Irrtum, mein Vater. Die Weiber zankten sich
auf dem Markte und wie die Polizei kam und sie nicht fangen konnte, da
griffen sie mich und haben mich so zerschunden, daß ich zwei Tage nicht
sitzen konnte.
C hl est ak ó ff. Ja, aber was ist jetzt da zu machen?
Un ter off i zier f r au. Gewiß ist nichts zu machen, aber für den Fehler
soll er Strafe zahlen. Ich muß ja mein Kreuz nun doch tragen, aber Geld
könnte ich jetzt grade brauchen.
C hl est ak ó ff. Gut, gut. Geh, geh. Ich werde es anordnen. (Nach dem Fenster
strecken sich Hände mit Bittschriften empor.) Wer ist denn da noch? (Geht ans Fenster.) Ich
will nicht, ich will nicht! Genug, genug! (Tritt zurück.) Das habe ich jetzt satt.
Hol’s der Teufel! Niemand mehr einlassen!
Ossi p (schreit aus dem Fenster). Fort, fort! Keine Zeit, kommt morgen wieder!
(Die Tür öffnet sich und es erscheint in ihr eine Gestalt im wollenen Mantel mit verwildertem Bart,
geschwollenen Lippen und verbundener Backe. Hinter ihr erscheinen noch einige andere Gestalten.)
Ossi p. Raus! Raus! Was untersteht ihr euch! (Packt den ersten um den Leib und
zieht ihn mit sich hinaus ins Vorzimmer, die Tür hinter sich zuschlagend.)
12. Szene
sagte er. „Für dich taugt er ja doch nichts mehr.“ Aber ich weiß alleine, ob
er noch taugt oder nicht. Das ist schon meine Sache. So ein Halunke! „Ein
Dieb ist er,“ sagt er, „wenn er auch jetzt nichts gestohlen hat. Ganz egal,“
sagt er, „stehlen wird er doch und sie werden ihn ja doch sowieso nächstes
Jahr unter die Soldaten stecken.“ Was soll ich dann anfangen ohne Mann?
So ein Halunke! Sollen doch alle seine Verwandten es so kriegen, daß sie
Gottes Licht nicht mehr sehen können und wenn er eine Schwiegermutter
hat, so soll auch die Schwiegermutter ...
C hl est ak ó ff. Genug, genug! Nun und du? (Schafft dabei die Schlosserfrau
hinaus.)
S chl o sser f r au (im Fortgehen). Vergiß es nicht, mein Vater, sei barmherzig.
Un ter off i zier f r au. Ich kam wegen dem Polizeimeister.
C hl est ak ó ff. Nun, und warum? Antworte kurz.
Un ter off i zier f r au. Ausgepeitscht, Herr.
C hl est ak ó ff. Wie?
Un ter off i zier f r au. Aus Irrtum, mein Vater. Die Weiber zankten sich
auf dem Markte und wie die Polizei kam und sie nicht fangen konnte, da
griffen sie mich und haben mich so zerschunden, daß ich zwei Tage nicht
sitzen konnte.
C hl est ak ó ff. Ja, aber was ist jetzt da zu machen?
Un ter off i zier f r au. Gewiß ist nichts zu machen, aber für den Fehler
soll er Strafe zahlen. Ich muß ja mein Kreuz nun doch tragen, aber Geld
könnte ich jetzt grade brauchen.
C hl est ak ó ff. Gut, gut. Geh, geh. Ich werde es anordnen. (Nach dem Fenster
strecken sich Hände mit Bittschriften empor.) Wer ist denn da noch? (Geht ans Fenster.) Ich
will nicht, ich will nicht! Genug, genug! (Tritt zurück.) Das habe ich jetzt satt.
Hol’s der Teufel! Niemand mehr einlassen!
Ossi p (schreit aus dem Fenster). Fort, fort! Keine Zeit, kommt morgen wieder!
(Die Tür öffnet sich und es erscheint in ihr eine Gestalt im wollenen Mantel mit verwildertem Bart,
geschwollenen Lippen und verbundener Backe. Hinter ihr erscheinen noch einige andere Gestalten.)
Ossi p. Raus! Raus! Was untersteht ihr euch! (Packt den ersten um den Leib und
zieht ihn mit sich hinaus ins Vorzimmer, die Tür hinter sich zuschlagend.)
12. Szene
Page 75
Chlestakóff. Márja Antónowna.
Már j a. Ach!
C hl est ak ó ff. Warum erschraken Sie so, mein Fräulein?
Már j a. Oh, ich bin gar nicht erschrocken.
C hl est ak ó ff (galant.) Aber mein Fräulein, es ist mir ja gerade sehr
angenehm, daß Sie mich für einen Menschen hielten, welcher ... Darf ich so
kühn sein, zu fragen, wohin Sie zu gehen beabsichtigten?
Már j a. Wirklich, ich wollte nirgends hin.
C hl est ak ó ff. Was wollten Sie beispielsweise mit dem nirgendshin
sagen?
Már j a. Ich dachte, ob Mama vielleicht hier ...
C hl est ak ó ff. Nein, ich möchte eben gerne wissen, weshalb Sie nirgend
wohin gingen?
Már j a. Ich habe Sie gestört. Sie waren mit wichtigen Angelegenheiten
beschäftigt.
C hl est ak ó ff (galant). Ihre Augen sind reizvoller als alle wichtigen
Angelegenheiten. Sie können mich überhaupt nicht stören. Ganz und gar
nicht. Im Gegenteil, Sie können mir nur Vergnügen bereiten.
Már j a. Sie sprechen im Tone der Großstadt —
C hl est ak ó ff. Zu einem so entzückenden Geschöpf, wie Sie es sind.
Darf ich mir das Glück gönnen, Ihnen einen Stuhl anzubieten? Doch nein,
Sie sollten keinen Stuhl, Sie sollten einen Thron haben.
Már j a. Wirklich, ich weiß nicht ... ich hätte doch wohl gehen müssen.
(Setzt sich.)
C hl est ak ó ff. Was haben Sie da für ein reizendes Halstuch?
Már j a. Sie sind ein Spötter, und wollen sich nur über eine Provinzialin
lustig machen.
C hl est ak ó ff. Ach, mein Fräulein, wie sehr wünschte ich, Ihr Halstuch
zu sein, um Ihren Lilienhals umschlingen zu können!
Már j a. Ich verstehe ganz und gar nicht, wovon Sie sprechen. Dieses
Halstuch ... Was für wunderbares Wetter heute ist!
C hl est ak ó ff. Ihre Lippen, mein Fräulein, sind schöner als jedes Wetter.
Már j a. Wie Sie auch immer reden ... Ich möchte Sie bitten, mir lieber
ein paar Verse zur Erinnerung ins Album zu schreiben. Sie wissen jedenfalls
eine Menge.
C hl est ak ó ff. Für Sie, mein Fräulein, tue ich alles, was Sie wünschen.
Was für Verse wollen Sie haben?
Már j a. Ach!
C hl est ak ó ff. Warum erschraken Sie so, mein Fräulein?
Már j a. Oh, ich bin gar nicht erschrocken.
C hl est ak ó ff (galant.) Aber mein Fräulein, es ist mir ja gerade sehr
angenehm, daß Sie mich für einen Menschen hielten, welcher ... Darf ich so
kühn sein, zu fragen, wohin Sie zu gehen beabsichtigten?
Már j a. Wirklich, ich wollte nirgends hin.
C hl est ak ó ff. Was wollten Sie beispielsweise mit dem nirgendshin
sagen?
Már j a. Ich dachte, ob Mama vielleicht hier ...
C hl est ak ó ff. Nein, ich möchte eben gerne wissen, weshalb Sie nirgend
wohin gingen?
Már j a. Ich habe Sie gestört. Sie waren mit wichtigen Angelegenheiten
beschäftigt.
C hl est ak ó ff (galant). Ihre Augen sind reizvoller als alle wichtigen
Angelegenheiten. Sie können mich überhaupt nicht stören. Ganz und gar
nicht. Im Gegenteil, Sie können mir nur Vergnügen bereiten.
Már j a. Sie sprechen im Tone der Großstadt —
C hl est ak ó ff. Zu einem so entzückenden Geschöpf, wie Sie es sind.
Darf ich mir das Glück gönnen, Ihnen einen Stuhl anzubieten? Doch nein,
Sie sollten keinen Stuhl, Sie sollten einen Thron haben.
Már j a. Wirklich, ich weiß nicht ... ich hätte doch wohl gehen müssen.
(Setzt sich.)
C hl est ak ó ff. Was haben Sie da für ein reizendes Halstuch?
Már j a. Sie sind ein Spötter, und wollen sich nur über eine Provinzialin
lustig machen.
C hl est ak ó ff. Ach, mein Fräulein, wie sehr wünschte ich, Ihr Halstuch
zu sein, um Ihren Lilienhals umschlingen zu können!
Már j a. Ich verstehe ganz und gar nicht, wovon Sie sprechen. Dieses
Halstuch ... Was für wunderbares Wetter heute ist!
C hl est ak ó ff. Ihre Lippen, mein Fräulein, sind schöner als jedes Wetter.
Már j a. Wie Sie auch immer reden ... Ich möchte Sie bitten, mir lieber
ein paar Verse zur Erinnerung ins Album zu schreiben. Sie wissen jedenfalls
eine Menge.
C hl est ak ó ff. Für Sie, mein Fräulein, tue ich alles, was Sie wünschen.
Was für Verse wollen Sie haben?
Page 76
Már j a. Irgendwelche, nur recht hübsche, neue.
C hl est ak ó ff. Was heißt Verse! Ich kenne so viele.
Már j a. Also sagen Sie, welche wollen Sie mir einschreiben?
C hl est ak ó ff. Weshalb sagen? Ich kenne sie auch so.
Már j a. Ich habe Verse so gern.
C hl est ak ó ff. Ich weiß eine Menge der verschiedensten Gattung. Was
meinen Sie zum Beispiel zu diesen:
C hl est ak ó ff. Was heißt Verse! Ich kenne so viele.
Már j a. Also sagen Sie, welche wollen Sie mir einschreiben?
C hl est ak ó ff. Weshalb sagen? Ich kenne sie auch so.
Már j a. Ich habe Verse so gern.
C hl est ak ó ff. Ich weiß eine Menge der verschiedensten Gattung. Was
meinen Sie zum Beispiel zu diesen:
Page 77
„O du, der du in Liebesnot
Umsonst mit deinem Schöpfer rechtest!“
Oder anderes dergleichen. Sie wollen mir jetzt gerade nicht einfallen. Aber
das tut nichts, statt dessen ziehe ich es vor, Ihnen meine Liebe anzutragen,
die durch Ihren Blick ... (Rückt mit dem Stuhle näher).
Már j a. Liebe? Ich verstehe nichts von Liebe. Ich habe noch nie gewußt,
was Liebe ist. (Rückt mit dem Stuhl weiter ab).
C hl est ak ó ff. Warum rücken Sie denn fort? Es wäre doch viel netter,
wenn wir nahe beieinander säßen.
Már j a (rückt mit ihrem Stuhl weiter ab). Warum denn nahe? Es kann ja auch
weiter sein.
C hl est ak ó ff (rückt näher). Warum denn weiter? Es kann ja auch näher
sein.
Már j a. Aber warum denn?
C hl est ak ó ff (rückt näher). Sehen Sie, es scheint Ihnen bloß so, daß das
nahe ist. Bilden Sie sich ein, es sei weiter. Wie glücklich würde ich sein,
mein Fräulein, Sie in meine Arme schließen zu können!
Már j a (blickt nach dem Fenster). Was war das, was da vorbeiflog, eine Elster
oder ein anderer Vogel?
C hl est ak ó ff (küßt sie auf die Schulter und blickt nach dem Fenster). Eine Elster!
Már j a (steht unwillig auf). Nein, das geht zu weit! Diese Dreistigkeit!
C hl est ak ó ff (hält sie zurück). Verzeihen Sie, mein Fräulein, das tat ich nur
aus Liebe, aus reiner Liebe.
Már j a. Sie halten mich für eine Art von Provinzmädchen ... (Sie bemüht sich
hinauszukommen.)
C hl est ak ó ff (hält sie immer noch fest). Nur aus Liebe, wirklich nur aus
Liebe. Ich scherzte nur ein wenig, Márja Antónowna. Zürnen Sie mir nicht.
Ich bin bereit, Sie auf den Knien um Verzeihung zu bitten. (Fällt auf die Knie.)
Verzeihen Sie, verzeihen Sie! Sie sehen mich auf den Knien!
13. Szene
Die Vorigen und Anna Andréjewna.
Umsonst mit deinem Schöpfer rechtest!“
Oder anderes dergleichen. Sie wollen mir jetzt gerade nicht einfallen. Aber
das tut nichts, statt dessen ziehe ich es vor, Ihnen meine Liebe anzutragen,
die durch Ihren Blick ... (Rückt mit dem Stuhle näher).
Már j a. Liebe? Ich verstehe nichts von Liebe. Ich habe noch nie gewußt,
was Liebe ist. (Rückt mit dem Stuhl weiter ab).
C hl est ak ó ff. Warum rücken Sie denn fort? Es wäre doch viel netter,
wenn wir nahe beieinander säßen.
Már j a (rückt mit ihrem Stuhl weiter ab). Warum denn nahe? Es kann ja auch
weiter sein.
C hl est ak ó ff (rückt näher). Warum denn weiter? Es kann ja auch näher
sein.
Már j a. Aber warum denn?
C hl est ak ó ff (rückt näher). Sehen Sie, es scheint Ihnen bloß so, daß das
nahe ist. Bilden Sie sich ein, es sei weiter. Wie glücklich würde ich sein,
mein Fräulein, Sie in meine Arme schließen zu können!
Már j a (blickt nach dem Fenster). Was war das, was da vorbeiflog, eine Elster
oder ein anderer Vogel?
C hl est ak ó ff (küßt sie auf die Schulter und blickt nach dem Fenster). Eine Elster!
Már j a (steht unwillig auf). Nein, das geht zu weit! Diese Dreistigkeit!
C hl est ak ó ff (hält sie zurück). Verzeihen Sie, mein Fräulein, das tat ich nur
aus Liebe, aus reiner Liebe.
Már j a. Sie halten mich für eine Art von Provinzmädchen ... (Sie bemüht sich
hinauszukommen.)
C hl est ak ó ff (hält sie immer noch fest). Nur aus Liebe, wirklich nur aus
Liebe. Ich scherzte nur ein wenig, Márja Antónowna. Zürnen Sie mir nicht.
Ich bin bereit, Sie auf den Knien um Verzeihung zu bitten. (Fällt auf die Knie.)
Verzeihen Sie, verzeihen Sie! Sie sehen mich auf den Knien!
13. Szene
Die Vorigen und Anna Andréjewna.
Page 78
An na And r éjewn a (erblickt Chlestakóff auf den Knien liegend). Ah, welche
Situation!
C hl est ak ó ff (sich erhebend). Verflucht!
An na And r éj ew na (zur Tochter). Was soll das heißen, mein Fräulein?
Was ist das für ein Betragen?
Már j a. Ach, Mama, ich ...
An na And r éj ew na. Marsch hinaus, hörst du, hinaus, und wage es
nicht, mir unter die Augen zu treten. (Márja in Tränen ab).
An na And r éjewn a. Verzeihen Sie, aber meine große Bestürzung ...
C hl est ak ó ff (beiseite). Auch noch ganz appetitlich. Gar nicht übel. (Fällt
auf die Knie.) Gnädigste, Sie sehen, ich brenne vor Liebe.
An na A n dr éj ewna. Wie, auf den Knien? Ach, stehen Sie auf, der
Fußboden ist hier so staubig.
C hl est ak ó ff. Nein, auf den Knien, durchaus auf den Knien. Ich muß
wissen, was meiner harrt, Leben oder Tod!
An na A n dr éj ewna. Aber erlauben Sie, ich verstehe den Sinn Ihrer
Worte noch gar nicht. Irre ich nicht, so wollen Sie sich zugunsten meiner
Tochter erklären?
C hl est ak ó ff. Nein, ich liebe Sie, mein Leben hängt an einem Faden.
Wenn Sie meine unwandelbare Liebe nicht krönen, so bin ich des irdischen
Daseins nicht wert. Mit flammendem Herzen bitte ich um Ihre Hand!
An na A n dr éj ewna. Aber gestatten Sie mir zu bemerken, ich bin
gewissermaßen — ich bin verheiratet.
C hl est ak ó ff. Was liegt daran! Die Liebe kennt keinen Unterschied.
Sagte doch schon Karámsin, „die Gesetze verdammen“. Wir ziehen uns in
den Schatten eines Baches zurück. Ihre Hand, ich bitte um Ihre Hand!
14. Szene
Die Vorigen. Márja Antónowna eilt plötzlich herein.
Már j a. Mama, Papa wünscht, du möchtest (erblickt Chlestakóff auf den Knien und
ruft aus.) Ah, welche Situation!
An na An d r éjewna. Nun was soll das? Wohin? Warum? Welche
Keckheit! Hereinzustürzen wie eine verbrannte Katze! Nun, was ist daran
so Erstaunliches? Was hat dir so aufzufallen? Wirklich gerade wie ein
dreijähriges Kind. Ich weiß nicht, ob du jemals vernünftiger werden und
Situation!
C hl est ak ó ff (sich erhebend). Verflucht!
An na And r éj ew na (zur Tochter). Was soll das heißen, mein Fräulein?
Was ist das für ein Betragen?
Már j a. Ach, Mama, ich ...
An na And r éj ew na. Marsch hinaus, hörst du, hinaus, und wage es
nicht, mir unter die Augen zu treten. (Márja in Tränen ab).
An na And r éjewn a. Verzeihen Sie, aber meine große Bestürzung ...
C hl est ak ó ff (beiseite). Auch noch ganz appetitlich. Gar nicht übel. (Fällt
auf die Knie.) Gnädigste, Sie sehen, ich brenne vor Liebe.
An na A n dr éj ewna. Wie, auf den Knien? Ach, stehen Sie auf, der
Fußboden ist hier so staubig.
C hl est ak ó ff. Nein, auf den Knien, durchaus auf den Knien. Ich muß
wissen, was meiner harrt, Leben oder Tod!
An na A n dr éj ewna. Aber erlauben Sie, ich verstehe den Sinn Ihrer
Worte noch gar nicht. Irre ich nicht, so wollen Sie sich zugunsten meiner
Tochter erklären?
C hl est ak ó ff. Nein, ich liebe Sie, mein Leben hängt an einem Faden.
Wenn Sie meine unwandelbare Liebe nicht krönen, so bin ich des irdischen
Daseins nicht wert. Mit flammendem Herzen bitte ich um Ihre Hand!
An na A n dr éj ewna. Aber gestatten Sie mir zu bemerken, ich bin
gewissermaßen — ich bin verheiratet.
C hl est ak ó ff. Was liegt daran! Die Liebe kennt keinen Unterschied.
Sagte doch schon Karámsin, „die Gesetze verdammen“. Wir ziehen uns in
den Schatten eines Baches zurück. Ihre Hand, ich bitte um Ihre Hand!
14. Szene
Die Vorigen. Márja Antónowna eilt plötzlich herein.
Már j a. Mama, Papa wünscht, du möchtest (erblickt Chlestakóff auf den Knien und
ruft aus.) Ah, welche Situation!
An na An d r éjewna. Nun was soll das? Wohin? Warum? Welche
Keckheit! Hereinzustürzen wie eine verbrannte Katze! Nun, was ist daran
so Erstaunliches? Was hat dir so aufzufallen? Wirklich gerade wie ein
dreijähriges Kind. Ich weiß nicht, ob du jemals vernünftiger werden und
Page 79
dich benehmen wirst, wie es sich für ein wohlerzogenes Mädchen schickt.
Ob du jemals begreifen wirst, was es heißt, gute Sitte und anständiges
Betragen!
Már j a (unter Tränen). Wirklich Mama, ich wußte nicht ...
An na A n dr éjewna. Ewig hast du Flatterkram im Kopf. Du nimmst dir
dein Beispiel an den Töchtern des Kreisrichters. Was brauchst du nach
denen hinzusehen, du sollst dich nicht um sie scheren. Du kannst andere
Vorbilder haben. Sieh deine Mutter an. Nach solchen Vorbildern sollst du
dich richten!
C hl est ak ó ff (nimmt die Tochter bei der Hand). Anna Andréjewna, widersetzen
Sie sich nicht unserm Glück, segnen Sie unsere treue Liebe.
An na And r éjewn a (in höchstem Erstaunen). Dann wären Sie also in sie ...
C hl est ak ó ff. Entscheiden Sie, ob Leben oder Tod.
An na An d r éjewn a. Nun sieh, du Närrin, sieh, deinetwegen, um solch
albernes Ding hat unser Gast die Gnade gehabt, sich auf die Knie
herabzulassen und du rennst plötzlich fort wie eine Verrückte. Wahrhaftig,
ich hätte alle Veranlassung, mich zu weigern. Du bist eines solchen Glückes
nicht wert!
Már j a. Nie wieder tu ich’s, Mama, wirklich nie wieder!
15. Szene
Die Vorigen. Polizeimeister in größter Hast hereintretend.
P ol i zei m eister. Nie wieder, Euer Exzellenz! Verderben Sie mich nicht,
verderben Sie mich nicht!
C hl est ak ó ff. Was haben Sie denn?
P ol i zei m eister. Die Kaufleute da haben sich bei Eurer Exzellenz
beschwert. Auf Ehre versichere ich, nicht die Hälfte von dem ist wahr, was
sie sagen. Sie selber betrügen und übervorteilen das Volk. Die
Unteroffiziersfrau hat Ihnen vorgelogen, ich hätte sie durchpeitschen lassen.
Sie lügt, bei Gott sie lügt. Sie hat sich selber durchgepeitscht.
C hl est ak ó ff. Weg mit der Unteroffiziersfrau! Was geht die mich an!
P ol i zei m eister. Glauben Sie ihnen nicht! Glauben Sie ihnen nicht! Das
sind solche Lügner, kein Wickelkind glaubt denen mehr. Die ganze Stadt
kennt sie als Lügner, und was die Spitzbüberei betrifft, sie selbst sind
Spitzbuben, wie es noch keine auf der Welt gab.
Ob du jemals begreifen wirst, was es heißt, gute Sitte und anständiges
Betragen!
Már j a (unter Tränen). Wirklich Mama, ich wußte nicht ...
An na A n dr éjewna. Ewig hast du Flatterkram im Kopf. Du nimmst dir
dein Beispiel an den Töchtern des Kreisrichters. Was brauchst du nach
denen hinzusehen, du sollst dich nicht um sie scheren. Du kannst andere
Vorbilder haben. Sieh deine Mutter an. Nach solchen Vorbildern sollst du
dich richten!
C hl est ak ó ff (nimmt die Tochter bei der Hand). Anna Andréjewna, widersetzen
Sie sich nicht unserm Glück, segnen Sie unsere treue Liebe.
An na And r éjewn a (in höchstem Erstaunen). Dann wären Sie also in sie ...
C hl est ak ó ff. Entscheiden Sie, ob Leben oder Tod.
An na An d r éjewn a. Nun sieh, du Närrin, sieh, deinetwegen, um solch
albernes Ding hat unser Gast die Gnade gehabt, sich auf die Knie
herabzulassen und du rennst plötzlich fort wie eine Verrückte. Wahrhaftig,
ich hätte alle Veranlassung, mich zu weigern. Du bist eines solchen Glückes
nicht wert!
Már j a. Nie wieder tu ich’s, Mama, wirklich nie wieder!
15. Szene
Die Vorigen. Polizeimeister in größter Hast hereintretend.
P ol i zei m eister. Nie wieder, Euer Exzellenz! Verderben Sie mich nicht,
verderben Sie mich nicht!
C hl est ak ó ff. Was haben Sie denn?
P ol i zei m eister. Die Kaufleute da haben sich bei Eurer Exzellenz
beschwert. Auf Ehre versichere ich, nicht die Hälfte von dem ist wahr, was
sie sagen. Sie selber betrügen und übervorteilen das Volk. Die
Unteroffiziersfrau hat Ihnen vorgelogen, ich hätte sie durchpeitschen lassen.
Sie lügt, bei Gott sie lügt. Sie hat sich selber durchgepeitscht.
C hl est ak ó ff. Weg mit der Unteroffiziersfrau! Was geht die mich an!
P ol i zei m eister. Glauben Sie ihnen nicht! Glauben Sie ihnen nicht! Das
sind solche Lügner, kein Wickelkind glaubt denen mehr. Die ganze Stadt
kennt sie als Lügner, und was die Spitzbüberei betrifft, sie selbst sind
Spitzbuben, wie es noch keine auf der Welt gab.
Page 80
An na And r éj ewn a. Weißt du denn auch, welcher Ehre uns Iwán
Alexándrowitsch würdigt? Er bittet um die Hand unserer Tochter.
P ol i zei m eister. Aber, aber, Frauchen, du bist von Sinnen! Bitte zürnen
Sie nicht, Exzellenz, sie ist ein bißchen wunderlich. Die Mutter war auch
so.
C hl est ak ó ff. Nein, ich bitte tatsächlich um ihre Hand. Ich liebe sie.
P ol i zei m eister. Das kann ich unmöglich glauben, Exzellenz.
An na And r éjewn a. Aber wenn man es dir doch sagt!
C hl est ak ó ff. Ich sage das nicht, um zu scherzen. Ich könnte vor Liebe
den Verstand verlieren.
P ol i zei m eister. Ich wage es nicht zu glauben, ich bin dieser Ehre nicht
würdig.
C hl est ak ó ff. Wenn Sie sich weigern, mir die Hand ihrer Tochter zu
geben, dann bin ich weiß Gott wozu entschlossen.
P ol i zei m eister. Ich kann es nicht glauben. Sie belieben zu scherzen,
Exzellenz.
An na An d r éjewn a. Nein, wahrhaftig, was für ein Tölpel! Wenn man’s
dir doch nun sagt!
P ol i zei m eister. Ich kann’s nicht glauben.
C hl est ak ó ff. Geben Sie mir Ihre Hand, geben Sie, ich bin ein
tollkühner Mensch und zu allem bereit. Wenn ich mich erschieße, kommen
Sie vors Gericht.
P ol i zei m eister. O mein Gott, ich bin wirklich, wirklich nicht schuld,
weder mit Leib noch Seele. Bitte zürnen Sie nicht, handeln Sie, wie es Ihre
Gnaden für gut erachten. In meinem Kopfe sieht es augenblicklich ... ich
weiß selbst nicht, was da vorgeht. Ich bin jetzt ein solcher Narr, wie ich es
noch niemals gewesen bin.
An na And r éjewn a. Nun, gib deinen Segen.
C hl est ak ó ff (tritt mit Márja Antónowna heran).
P ol i zei m eister. So segne euch Gott, aber ich bin unschuldig! (Chlestakóff
tauscht mit Márja Küsse. Polizeimeister blickt auf sie.) Was für ein Teufelskerl, es ist
nicht zu sagen! (Reibt sich die Augen.) Ja, ja, küssen sich, ganz klar, küssen sich.
Genau wie ein Bräutigam! Hui, da ist mir aber ein Glück einbeschert! Alle
Wetter!
16. Szene
Alexándrowitsch würdigt? Er bittet um die Hand unserer Tochter.
P ol i zei m eister. Aber, aber, Frauchen, du bist von Sinnen! Bitte zürnen
Sie nicht, Exzellenz, sie ist ein bißchen wunderlich. Die Mutter war auch
so.
C hl est ak ó ff. Nein, ich bitte tatsächlich um ihre Hand. Ich liebe sie.
P ol i zei m eister. Das kann ich unmöglich glauben, Exzellenz.
An na And r éjewn a. Aber wenn man es dir doch sagt!
C hl est ak ó ff. Ich sage das nicht, um zu scherzen. Ich könnte vor Liebe
den Verstand verlieren.
P ol i zei m eister. Ich wage es nicht zu glauben, ich bin dieser Ehre nicht
würdig.
C hl est ak ó ff. Wenn Sie sich weigern, mir die Hand ihrer Tochter zu
geben, dann bin ich weiß Gott wozu entschlossen.
P ol i zei m eister. Ich kann es nicht glauben. Sie belieben zu scherzen,
Exzellenz.
An na An d r éjewn a. Nein, wahrhaftig, was für ein Tölpel! Wenn man’s
dir doch nun sagt!
P ol i zei m eister. Ich kann’s nicht glauben.
C hl est ak ó ff. Geben Sie mir Ihre Hand, geben Sie, ich bin ein
tollkühner Mensch und zu allem bereit. Wenn ich mich erschieße, kommen
Sie vors Gericht.
P ol i zei m eister. O mein Gott, ich bin wirklich, wirklich nicht schuld,
weder mit Leib noch Seele. Bitte zürnen Sie nicht, handeln Sie, wie es Ihre
Gnaden für gut erachten. In meinem Kopfe sieht es augenblicklich ... ich
weiß selbst nicht, was da vorgeht. Ich bin jetzt ein solcher Narr, wie ich es
noch niemals gewesen bin.
An na And r éjewn a. Nun, gib deinen Segen.
C hl est ak ó ff (tritt mit Márja Antónowna heran).
P ol i zei m eister. So segne euch Gott, aber ich bin unschuldig! (Chlestakóff
tauscht mit Márja Küsse. Polizeimeister blickt auf sie.) Was für ein Teufelskerl, es ist
nicht zu sagen! (Reibt sich die Augen.) Ja, ja, küssen sich, ganz klar, küssen sich.
Genau wie ein Bräutigam! Hui, da ist mir aber ein Glück einbeschert! Alle
Wetter!
16. Szene
Page 81
Die Vorigen und Ossip.
Ossi p. Der Wagen ist bereit.
C hl est ak ó ff. Schön, Ossip, gleich.
P ol i zei m eister. Sie geruhen abzureisen?
C hl est ak ó ff. Ja, ich reise.
P ol i zei m eister. Und wann — das heißt — ... Sie geruhten doch selber
vorhin auf eine Hochzeit anzuspielen?
C hl est ak ó ff. Ach, das ist nur momentan. Ich reise bloß für einen Tag zu
meinem Onkel — reicher alter Mann — morgen bin ich wieder zurück.
P ol i zei m eister. Wir wagen nicht Sie zurückzuhalten — in Hoffnung
auf ein glückbringendes Wiedersehen.
C hl est ak ó ff. Aber was denn! Ich bin ja gleich wieder da. Leb wohl,
meine Liebe ... Nein, ich kann es nicht ausdrücken, leb wohl, mein
Herzchen! (Küßt ihr die Hand.)
P ol i zei m eister. Benötigen Sie vielleicht etwas für die Reise? Sie
schienen etwas knapp an Geldmitteln?
C hl est ak ó ff. O nein, wie so? (Denkt etwas nach.) Na, übrigens ja, bitte.
P ol i zei m eister. Wieviel wünschen Sie?
C hl est ak ó ff. Sie gaben mir damals zweihundert, das heißt nicht
zweihundert, sondern vierhundert, ich will aus Ihrem Versehen keinen
Vorteil ziehen — dann also bitte jetzt noch einmal vierhundert, damit es
rund achthundert sind.
P ol i zei m eister. Sofort. (Holt die Scheine aus der Brieftasche.) Noch dazu, wie
bestellt, ganz neue Scheine.
C hl est ak ó ff. Sieh da! (Nimmt und betrachtet die Scheine.) Das ist schön. Heißt
es nicht „neues Geld, neues Glück“?
P ol i zei m eister. Sehr richtig!
C hl est ak ó ff. Leben Sie wohl, Antón Antónowitsch, ich bin Ihnen sehr
dankbar für Ihre Gastfreundschaft. Ich habe noch nirgendwo eine so gute
Aufnahme gefunden. Leben Sie wohl, Anna Andréjewna, mein süßer
Schatz, Márja Antónowna!
(Hinter der Szene):
S ti m m e d es C hl est akó ff. Leb wohl, Engel meiner Seele, Márja
Antónowna!
S ti m m e d es P o li zeim eist er s. Wie? Sie wollen mit dem einfachen
Postwagen reisen?
Ossi p. Der Wagen ist bereit.
C hl est ak ó ff. Schön, Ossip, gleich.
P ol i zei m eister. Sie geruhen abzureisen?
C hl est ak ó ff. Ja, ich reise.
P ol i zei m eister. Und wann — das heißt — ... Sie geruhten doch selber
vorhin auf eine Hochzeit anzuspielen?
C hl est ak ó ff. Ach, das ist nur momentan. Ich reise bloß für einen Tag zu
meinem Onkel — reicher alter Mann — morgen bin ich wieder zurück.
P ol i zei m eister. Wir wagen nicht Sie zurückzuhalten — in Hoffnung
auf ein glückbringendes Wiedersehen.
C hl est ak ó ff. Aber was denn! Ich bin ja gleich wieder da. Leb wohl,
meine Liebe ... Nein, ich kann es nicht ausdrücken, leb wohl, mein
Herzchen! (Küßt ihr die Hand.)
P ol i zei m eister. Benötigen Sie vielleicht etwas für die Reise? Sie
schienen etwas knapp an Geldmitteln?
C hl est ak ó ff. O nein, wie so? (Denkt etwas nach.) Na, übrigens ja, bitte.
P ol i zei m eister. Wieviel wünschen Sie?
C hl est ak ó ff. Sie gaben mir damals zweihundert, das heißt nicht
zweihundert, sondern vierhundert, ich will aus Ihrem Versehen keinen
Vorteil ziehen — dann also bitte jetzt noch einmal vierhundert, damit es
rund achthundert sind.
P ol i zei m eister. Sofort. (Holt die Scheine aus der Brieftasche.) Noch dazu, wie
bestellt, ganz neue Scheine.
C hl est ak ó ff. Sieh da! (Nimmt und betrachtet die Scheine.) Das ist schön. Heißt
es nicht „neues Geld, neues Glück“?
P ol i zei m eister. Sehr richtig!
C hl est ak ó ff. Leben Sie wohl, Antón Antónowitsch, ich bin Ihnen sehr
dankbar für Ihre Gastfreundschaft. Ich habe noch nirgendwo eine so gute
Aufnahme gefunden. Leben Sie wohl, Anna Andréjewna, mein süßer
Schatz, Márja Antónowna!
(Hinter der Szene):
S ti m m e d es C hl est akó ff. Leb wohl, Engel meiner Seele, Márja
Antónowna!
S ti m m e d es P o li zeim eist er s. Wie? Sie wollen mit dem einfachen
Postwagen reisen?
Page 82
S ti m m e d es C hl est ak óff. Ja, ich bin’s schon so gewohnt. In den
federnden Wagen bekomme ich nur Kopfschmerzen.
S ti m m e d es P o sti ll ons. Prrr! ...
S ti m m e des P o li zeim eist er s. Man sollte ihn wenigstens mit etwas
überdecken und wenn’s auch nur ein Teppich wäre. Soll ich nicht nach
einem Teppich schicken?
S ti m m e des C hl est ak óff. Nein, wozu. Das ist unnötig. Aber
vielleicht doch — gut, lassen Sie einen holen.
S ti m m e des P ol izei m ei ster s. He, Awdótja, lauf in die Kammer und
hol den besten Teppich, den mit dem blauen Fond, den persischen, schnell!
S ti m m e d es P o sti ll ons. Prrr!
S ti m m e d es P o li zeim eister s. Wann dürfen wir Sie zurück erwarten?
S ti m m e d es C hl estakóff. Morgen oder übermorgen.
S ti m m e d es Ossip. Is das der Teppich? Gib ihn hierher. So hinlegen.
So, und dort noch ’n bissel Heu, so.
S ti m m e d es P o sti ll ons. Prrr!
S ti m m e d es O ssi p. Noch auf der Seite! Hierher! Noch! Genug! So
wird’s fein gehn. (Schlägt mit der Hand auf den Teppich.) So, Euer Wohlgeboren, nu
setzen Sie sich!
S ti m m e d es C hl estakóff. Adieu, Antón Antónowitsch!
S ti m m e d es P o li zeim eister s. Leben Sie wohl, Euer Exzellenz!
Wei bl i ch e S t im m en. Adieu, Iwán Alexándrowitsch!
S ti m m e d es C hl estakóff. Adieu, Mama!
S ti m m e d es P o sti ll ons. Los, ihr Hengste!
(Die Postglocke ertönt, der Vorhang fällt.)
(Ende des vierten Aufzuges.)
federnden Wagen bekomme ich nur Kopfschmerzen.
S ti m m e d es P o sti ll ons. Prrr! ...
S ti m m e des P o li zeim eist er s. Man sollte ihn wenigstens mit etwas
überdecken und wenn’s auch nur ein Teppich wäre. Soll ich nicht nach
einem Teppich schicken?
S ti m m e des C hl est ak óff. Nein, wozu. Das ist unnötig. Aber
vielleicht doch — gut, lassen Sie einen holen.
S ti m m e des P ol izei m ei ster s. He, Awdótja, lauf in die Kammer und
hol den besten Teppich, den mit dem blauen Fond, den persischen, schnell!
S ti m m e d es P o sti ll ons. Prrr!
S ti m m e d es P o li zeim eister s. Wann dürfen wir Sie zurück erwarten?
S ti m m e d es C hl estakóff. Morgen oder übermorgen.
S ti m m e d es Ossip. Is das der Teppich? Gib ihn hierher. So hinlegen.
So, und dort noch ’n bissel Heu, so.
S ti m m e d es P o sti ll ons. Prrr!
S ti m m e d es O ssi p. Noch auf der Seite! Hierher! Noch! Genug! So
wird’s fein gehn. (Schlägt mit der Hand auf den Teppich.) So, Euer Wohlgeboren, nu
setzen Sie sich!
S ti m m e d es C hl estakóff. Adieu, Antón Antónowitsch!
S ti m m e d es P o li zeim eister s. Leben Sie wohl, Euer Exzellenz!
Wei bl i ch e S t im m en. Adieu, Iwán Alexándrowitsch!
S ti m m e d es C hl estakóff. Adieu, Mama!
S ti m m e d es P o sti ll ons. Los, ihr Hengste!
(Die Postglocke ertönt, der Vorhang fällt.)
(Ende des vierten Aufzuges.)
Page 83
Fünfter Aufzug
(Dasselbe Zimmer.)
1. Szene
Polizeimeister. Anna Andréjewna. Márja Antónowna.
P ol i zei m eister. Nun Frau, hättest du an so etwas gedacht? Solch einen
Fang zu tun? Du Närrin, gesteh’ es, hättest du dir das träumen lassen? —
Eben noch eine gewöhnliche Frau Polizeimeisterin und plötzlich — du
Glückspilz, mit so einem Teufelskerl verschwägert.
An na An dr éj ew na. O, freilich, das wußte ich längst. Nur dich nimmt
das Wunder, weil du ein gewöhnlicher Mensch bist und noch nie gebildete
Leute gesehen hast.
P ol i zei m eister. Ich bin auch ein gebildeter Mensch, aber um darauf
zurückzukommen, wahrhaftig, wenn man bedenkt, Frau, was wir beide jetzt
für stolze Vögel geworden sind! Nein, Frau, und diese erhabene Höhe, hol’s
der Teufel! Halt, jetzt will ich doch mal dieser Bande ihre Bittschriften und
Denunziationen eintränken. He, niemand da?
P ol i zei d ien er (kommt herein).
P ol i zei m eister. Ah, du, Iwán Karpówitsch, schaff mir mal die
Kaufleute her, ich will die Kanaillen! Sich über mich beschweren! Seht
doch, ihr verdammten Schacherseelen! Wartet nur, Bürschchen, habe ich
euch bisher nur geschoren, so sollt ihr mir jetzt geschunden werden! Notier
mir jeden, der sich über mich beschwert hat und vornehmlich dieses
Schmiererpack, das ihnen die Bittschriften aufgesetzt hat, und bringe ihnen
allen bei, daß sie wissen sollen, was Gott für einen Segen auf den
Polizeimeister herabgeschickt hat, daß er seine Tochter verheiratet, aber
nicht an den ersten besten gewöhnlichen Kerl, nein, sondern an einen, wie
es in der Welt noch keinen zweiten gegeben hat, der alles vermag, alles,
alles! Schärf’s ihnen allen ein, daß sie’s auch gut wissen, laß es in der
ganzen Stadt ausrufen, von sämtlichen Glocken ausläuten. Den Teufel auch,
wenn schon triumphieren, dann auch ordentlich triumphieren!
(Dasselbe Zimmer.)
1. Szene
Polizeimeister. Anna Andréjewna. Márja Antónowna.
P ol i zei m eister. Nun Frau, hättest du an so etwas gedacht? Solch einen
Fang zu tun? Du Närrin, gesteh’ es, hättest du dir das träumen lassen? —
Eben noch eine gewöhnliche Frau Polizeimeisterin und plötzlich — du
Glückspilz, mit so einem Teufelskerl verschwägert.
An na An dr éj ew na. O, freilich, das wußte ich längst. Nur dich nimmt
das Wunder, weil du ein gewöhnlicher Mensch bist und noch nie gebildete
Leute gesehen hast.
P ol i zei m eister. Ich bin auch ein gebildeter Mensch, aber um darauf
zurückzukommen, wahrhaftig, wenn man bedenkt, Frau, was wir beide jetzt
für stolze Vögel geworden sind! Nein, Frau, und diese erhabene Höhe, hol’s
der Teufel! Halt, jetzt will ich doch mal dieser Bande ihre Bittschriften und
Denunziationen eintränken. He, niemand da?
P ol i zei d ien er (kommt herein).
P ol i zei m eister. Ah, du, Iwán Karpówitsch, schaff mir mal die
Kaufleute her, ich will die Kanaillen! Sich über mich beschweren! Seht
doch, ihr verdammten Schacherseelen! Wartet nur, Bürschchen, habe ich
euch bisher nur geschoren, so sollt ihr mir jetzt geschunden werden! Notier
mir jeden, der sich über mich beschwert hat und vornehmlich dieses
Schmiererpack, das ihnen die Bittschriften aufgesetzt hat, und bringe ihnen
allen bei, daß sie wissen sollen, was Gott für einen Segen auf den
Polizeimeister herabgeschickt hat, daß er seine Tochter verheiratet, aber
nicht an den ersten besten gewöhnlichen Kerl, nein, sondern an einen, wie
es in der Welt noch keinen zweiten gegeben hat, der alles vermag, alles,
alles! Schärf’s ihnen allen ein, daß sie’s auch gut wissen, laß es in der
ganzen Stadt ausrufen, von sämtlichen Glocken ausläuten. Den Teufel auch,
wenn schon triumphieren, dann auch ordentlich triumphieren!
Page 84
P ol i zei d ien er (ab).
P ol i zei m eister. Na, nun, Frau, was? Wo werden wir jetzt leben? Hier
oder in Petersburg?
An na An d r éjew na. Natürlich in Petersburg, wer soll’s denn auch hier
aushalten.
P ol i zei m eister. Nun, Petersburg ist Petersburg, aber auch hier war’s
gar nicht so übel, und das Polizeimeisterspielen, scheint mir, geht dann auch
zum Teufel, was Frau?
An na An d r éjewna. Selbstverständlich, was ist denn an dem
Polizeimeister gelegen?
P ol i zei m eister. Jetzt wird man denn auch, was meinst du Frau, hübsch
im Rang in die Höhe klettern können, da er ja mit allen Ministern auf du
und du steht und zu Hofe fährt. Er könnte einen dann so nett bugsieren, daß
man mit der Zeit auch in den Generalsrock hineinschlüpft. Was meinst du,
Frau, ob man das wohl erwischt?
An na And r éjewn a. Und ob! Kleinigkeit!
P ol i zei m eister. Teufel auch, schön wär’s doch General zu sein, die
ganze Brust voller Orden und Ordensbänder. Welches ist dir denn lieber,
Frau, das rote oder das blaue?
An na And r éjewn a. Selbstredend das blaue.
P ol i zei m eister. Ei sieh doch, wie hoch sie hinauswill! Auch das rote
ist ganz nett. Sieh, warum wünscht man sich General zu sein? Deshalb,
weil, wenn man irgendwo hinreist, immer die Feldjäger und Adjutanten vor
einem herfliegen: „Pferde“! Und alle andern müssen auf der Station warten,
weil sie keine kriegen, alle diese Titulierten und Hauptleute und
Polizeimeister, und nur man selbst ist über alles erhaben. Man speist
jedesmal beim Gouverneur, und in der Ecke, sieh doch mal, steht dann so
ein Polizeimeister. Hahaha! Kanaillenmäßiger Spaß das! (Lacht, daß ihm die
Tränen über die Backen laufen.)
An na A n dr éj ewna. Dir gefällt auch immer nur das Brutale! Du solltest
daran denken, daß sich das Leben bald ganz anders wird gestalten müssen,
daß deine Bekannten nicht von dem Schlage sein werden, wie so irgendein
„Hetzpeitschen-Kreisrichter“, mit dem du auf die Hasenjagd fährst, oder so
ein Semljaníka; im Gegenteil, das werden Leute von feinster Lebensart
sein, Grafen und Männer der großen Welt ... Aber ich habe wirklich
deinetwegen Angst, dir entschlüpfen nicht selten Ausdrücke und Worte, die
man in der guten Gesellschaft nie zu hören bekommt.
P ol i zei m eister. Na, nun, Frau, was? Wo werden wir jetzt leben? Hier
oder in Petersburg?
An na An d r éjew na. Natürlich in Petersburg, wer soll’s denn auch hier
aushalten.
P ol i zei m eister. Nun, Petersburg ist Petersburg, aber auch hier war’s
gar nicht so übel, und das Polizeimeisterspielen, scheint mir, geht dann auch
zum Teufel, was Frau?
An na An d r éjewna. Selbstverständlich, was ist denn an dem
Polizeimeister gelegen?
P ol i zei m eister. Jetzt wird man denn auch, was meinst du Frau, hübsch
im Rang in die Höhe klettern können, da er ja mit allen Ministern auf du
und du steht und zu Hofe fährt. Er könnte einen dann so nett bugsieren, daß
man mit der Zeit auch in den Generalsrock hineinschlüpft. Was meinst du,
Frau, ob man das wohl erwischt?
An na And r éjewn a. Und ob! Kleinigkeit!
P ol i zei m eister. Teufel auch, schön wär’s doch General zu sein, die
ganze Brust voller Orden und Ordensbänder. Welches ist dir denn lieber,
Frau, das rote oder das blaue?
An na And r éjewn a. Selbstredend das blaue.
P ol i zei m eister. Ei sieh doch, wie hoch sie hinauswill! Auch das rote
ist ganz nett. Sieh, warum wünscht man sich General zu sein? Deshalb,
weil, wenn man irgendwo hinreist, immer die Feldjäger und Adjutanten vor
einem herfliegen: „Pferde“! Und alle andern müssen auf der Station warten,
weil sie keine kriegen, alle diese Titulierten und Hauptleute und
Polizeimeister, und nur man selbst ist über alles erhaben. Man speist
jedesmal beim Gouverneur, und in der Ecke, sieh doch mal, steht dann so
ein Polizeimeister. Hahaha! Kanaillenmäßiger Spaß das! (Lacht, daß ihm die
Tränen über die Backen laufen.)
An na A n dr éj ewna. Dir gefällt auch immer nur das Brutale! Du solltest
daran denken, daß sich das Leben bald ganz anders wird gestalten müssen,
daß deine Bekannten nicht von dem Schlage sein werden, wie so irgendein
„Hetzpeitschen-Kreisrichter“, mit dem du auf die Hasenjagd fährst, oder so
ein Semljaníka; im Gegenteil, das werden Leute von feinster Lebensart
sein, Grafen und Männer der großen Welt ... Aber ich habe wirklich
deinetwegen Angst, dir entschlüpfen nicht selten Ausdrücke und Worte, die
man in der guten Gesellschaft nie zu hören bekommt.
Page 85
P ol i zei m eister. Ach was, Worte tun einem keinen Schaden.
An na An dr éj ew na. Allerdings, so lange du Polizeimeister warst, aber
dort ist das Leben ein ganz anderes.
P ol i zei m eister. Ach freilich, dort soll es ja auch zwei Fische geben,
Plötz und Stint, so köstlich, daß einem schon vor dem Essen das Wasser im
Munde zusammenläuft.
An na Andr éj ewna. Ach du und deine Fische! Ich aber wünsche, daß
unser Haus das erste in der Residenz sei und daß in meinem Salon ein
solcher Ambraduft schwebt, daß man beim Eintreten vor Entzücken die
Augen schließt: (Schließt die Augen und tut, als wenn sie Duft einatmet.) Ah, wie
wunderbar!
2. Szene
Die Vorigen und die Kaufleute.
P ol i zei m eister. Ah, willkommen, Ihr Diebsgesindel!
Kauf l eu t e (sich verneigend). Gesundheit und langes Leben, Herr!
P ol i zei m eister. Na, Ihr Früchtchen, wie steht’s? Wie gehen die
Geschäfte? Was, ihr Hausierer und Ellenreiter, ihr euch beschweren?
Erzgauner, Bestien, Piratenbande, euch beschweren! So, habt ihr denn viel
blechen müssen? „Nu“ denkt sich das, „dafür sperrt er ihn wohl auch ins
Loch!“ Halunken, denen sieben Teufel und eine Hexe an die Gurgel fahren
sollten! Wißt ihr auch, daß ...
An na And r éj ewn a. O Gott, Antón, was du für schauderhafte
Ausdrücke hast!
P ol i zei m eister (ärgerlich). Ach, was heißt hier Ausdrücke! Wißt ihr, daß
derselbe Herr Beamte, bei dem ihr euch beschwert habt, jetzt meine Tochter
heiraten wird? He? So, und was sagt ihr nun? Jetzt sollt ihr aber was
erleben! Ihr beschwindelt die Leute, ihr übernehmt Lieferungen an den
Staat und begaunert ihn um Hunderttausende, liefert verfaultes Tuch, opfert
davon zwanzig Ellen und wollt auch noch dafür bedankt sein! Und wenn sie
wüßten, wie man ihnen ...! Und dabei bläht sich das auch noch auf „ich bin
Kaufmann, rühr mich nicht an!“ Dünkt sich so viel wie ein Edelmann,
schöne Edelleute! Knoten seid ihr! Ein Edelmann hat Schulbildung, kriegt
er auch mal Prügel in der Schule, dann nur darum, damit er was tüchtiges
lerne, aber ihr, mit Schelmenstreichen fängt das an und kriegt vom Nachbar
An na An dr éj ew na. Allerdings, so lange du Polizeimeister warst, aber
dort ist das Leben ein ganz anderes.
P ol i zei m eister. Ach freilich, dort soll es ja auch zwei Fische geben,
Plötz und Stint, so köstlich, daß einem schon vor dem Essen das Wasser im
Munde zusammenläuft.
An na Andr éj ewna. Ach du und deine Fische! Ich aber wünsche, daß
unser Haus das erste in der Residenz sei und daß in meinem Salon ein
solcher Ambraduft schwebt, daß man beim Eintreten vor Entzücken die
Augen schließt: (Schließt die Augen und tut, als wenn sie Duft einatmet.) Ah, wie
wunderbar!
2. Szene
Die Vorigen und die Kaufleute.
P ol i zei m eister. Ah, willkommen, Ihr Diebsgesindel!
Kauf l eu t e (sich verneigend). Gesundheit und langes Leben, Herr!
P ol i zei m eister. Na, Ihr Früchtchen, wie steht’s? Wie gehen die
Geschäfte? Was, ihr Hausierer und Ellenreiter, ihr euch beschweren?
Erzgauner, Bestien, Piratenbande, euch beschweren! So, habt ihr denn viel
blechen müssen? „Nu“ denkt sich das, „dafür sperrt er ihn wohl auch ins
Loch!“ Halunken, denen sieben Teufel und eine Hexe an die Gurgel fahren
sollten! Wißt ihr auch, daß ...
An na And r éj ewn a. O Gott, Antón, was du für schauderhafte
Ausdrücke hast!
P ol i zei m eister (ärgerlich). Ach, was heißt hier Ausdrücke! Wißt ihr, daß
derselbe Herr Beamte, bei dem ihr euch beschwert habt, jetzt meine Tochter
heiraten wird? He? So, und was sagt ihr nun? Jetzt sollt ihr aber was
erleben! Ihr beschwindelt die Leute, ihr übernehmt Lieferungen an den
Staat und begaunert ihn um Hunderttausende, liefert verfaultes Tuch, opfert
davon zwanzig Ellen und wollt auch noch dafür bedankt sein! Und wenn sie
wüßten, wie man ihnen ...! Und dabei bläht sich das auch noch auf „ich bin
Kaufmann, rühr mich nicht an!“ Dünkt sich so viel wie ein Edelmann,
schöne Edelleute! Knoten seid ihr! Ein Edelmann hat Schulbildung, kriegt
er auch mal Prügel in der Schule, dann nur darum, damit er was tüchtiges
lerne, aber ihr, mit Schelmenstreichen fängt das an und kriegt vom Nachbar
Page 86
Hiebe, nur weil es sich ertappen läßt. Ehe das noch sein Vaterunser kann,
betrügt das schon, und wenn ihnen der Bauch schwillt und sie sich die
Taschen vollgeschlagen haben, dann tut das wichtig. Huh, was für ein
Wundertier! Wenn das jeden Tag seine sechszehn Samoware angeblasen
hat, dann dünkt sich das, wer weiß wie! Auf den Kopf spucken soll man
euch und auf eure ganze Dicktuerei!
Kauf l eu t e (sich verbeugend). Vergebung, Antón Antónowitsch, Vergebung!
P ol i zei m eister. Sich beschweren! Wer hat euch betrügen helfen, als
ihr die Brücke bautet, und hat zwanzigtausend Rubel für Stämme
angerechnet, obwohl deren kaum für hundert da waren? Ich hab euch
geholfen, ihr Bocksbärte! Das habt ihr wohl vergessen, und ich hätte es auf
euch schieben können und euch nach Sibirien bringen können. Was sagt ihr
dazu, he?
E in er d er Kau f leute. Vergebung, Antón Antónowitsch! Der Böse hat
uns verführt. Eid darauf, wir beschweren uns nie wieder. Verlange, was du
willst, als Sühne, aber zürne nur nicht!
P ol i zei m eister. Zürne nicht! So, jetzt winselt ihr auf den Knien vor
mir und warum? Darum, weil ich jetzt der stärkere bin. Aber wenn ich nur
einen Augenblick an eurer Stelle wäre, wie würdet ihr mich, Kanaillen, in
den tiefsten Dreck stoßen und noch einen Klotz nachwerfen!
Kauf l eu t e (verneigen sich bis zur Erde). Gnade, Antón Antónowitsch, Gnade!
P ol i zei m eister. Gnade, jetzt heißt’s Gnade, und vorher? Ich sollte euch
... (wehrt mit der Hand ab.) Nun, Gott möge euch verzeihen, jetzt genug davon.
Ich bin nicht nachtragend; aber nun gebt acht, sperrt eure Ohren auf: ich
verheirate meine Tochter an keinen beliebigen hergelaufenen Edelmann;
daß mir die Aussteuer sich sehen lassen kann ... verstanden! Bildet euch
nicht ein, mit so einem Stockfisch oder einem Hut Zucker euch drumrum
drücken zu können ..! Und nun hinaus!
Kauf l eu t e (entfernen sich).
3. Szene
Die Vorigen. Kreisrichter. Hospitalverwalter. Nachher Rastakówski.
Kr ei sr ichter (noch an der Tür). Darf man seinen Ohren trauen, Antón
Antónowitsch? Ein außergewöhnliches Glück ist Ihnen zuteil geworden!
betrügt das schon, und wenn ihnen der Bauch schwillt und sie sich die
Taschen vollgeschlagen haben, dann tut das wichtig. Huh, was für ein
Wundertier! Wenn das jeden Tag seine sechszehn Samoware angeblasen
hat, dann dünkt sich das, wer weiß wie! Auf den Kopf spucken soll man
euch und auf eure ganze Dicktuerei!
Kauf l eu t e (sich verbeugend). Vergebung, Antón Antónowitsch, Vergebung!
P ol i zei m eister. Sich beschweren! Wer hat euch betrügen helfen, als
ihr die Brücke bautet, und hat zwanzigtausend Rubel für Stämme
angerechnet, obwohl deren kaum für hundert da waren? Ich hab euch
geholfen, ihr Bocksbärte! Das habt ihr wohl vergessen, und ich hätte es auf
euch schieben können und euch nach Sibirien bringen können. Was sagt ihr
dazu, he?
E in er d er Kau f leute. Vergebung, Antón Antónowitsch! Der Böse hat
uns verführt. Eid darauf, wir beschweren uns nie wieder. Verlange, was du
willst, als Sühne, aber zürne nur nicht!
P ol i zei m eister. Zürne nicht! So, jetzt winselt ihr auf den Knien vor
mir und warum? Darum, weil ich jetzt der stärkere bin. Aber wenn ich nur
einen Augenblick an eurer Stelle wäre, wie würdet ihr mich, Kanaillen, in
den tiefsten Dreck stoßen und noch einen Klotz nachwerfen!
Kauf l eu t e (verneigen sich bis zur Erde). Gnade, Antón Antónowitsch, Gnade!
P ol i zei m eister. Gnade, jetzt heißt’s Gnade, und vorher? Ich sollte euch
... (wehrt mit der Hand ab.) Nun, Gott möge euch verzeihen, jetzt genug davon.
Ich bin nicht nachtragend; aber nun gebt acht, sperrt eure Ohren auf: ich
verheirate meine Tochter an keinen beliebigen hergelaufenen Edelmann;
daß mir die Aussteuer sich sehen lassen kann ... verstanden! Bildet euch
nicht ein, mit so einem Stockfisch oder einem Hut Zucker euch drumrum
drücken zu können ..! Und nun hinaus!
Kauf l eu t e (entfernen sich).
3. Szene
Die Vorigen. Kreisrichter. Hospitalverwalter. Nachher Rastakówski.
Kr ei sr ichter (noch an der Tür). Darf man seinen Ohren trauen, Antón
Antónowitsch? Ein außergewöhnliches Glück ist Ihnen zuteil geworden!
Page 87
Ho sp i tal ver walt er. Habe die Ehre, Ihnen zu diesem
außergewöhnlichen Glück zu gratulieren! Ich habe mich aufrichtig gefreut,
als ich’s vernahm! (Nähert sich Márja Antónowna zum Handkusse.) Márja Antónowna!
R ast ak ówsk i (hereintretend). Gratuliere, Antón Antónowitsch! Gott
schenke Ihnen und dem jungen Paare ein langes Leben und reiche
Nachkommenschaft an Enkeln und Enkelkindern! Anna Andréjewna! (Küßt
Anna Andréjewna die Hand.) Márja Antónowna! (Küßt Márja die Hand.)
4. Szene
Die Vorigen. Koróbkin und Frau. Ljuljukóff.
Ko r ó bk in. Habe die Ehre, Ihnen zu gratulieren, Antón Antónowitsch!
Anna Andréjewna! (Küßt ihr die Hand.) Márja Antónowna (Küßt Márja die Hand.)
F r au Kor ó b kin. Gratuliere von Herzen, Anna Andréjewna, zu diesem
neuen Glück! (Küssen sich.)
L ju l j uk óff. Habe die Ehre zu gratulieren, Anna Andréjewna! (Küßt ihr die
Hand und wendet sich dann zu den Zuschauern und schnalzt verwegen mit der Zunge.) Márja
Antónowna, habe die Ehre zu gratulieren! (Küßt ihr die Hand mit der gleichen
Pantomime zu den Zuschauern.)
5. Szene
Eine Menge Gäste im Frack und Überrock treten herein, küssen erst Anna Andréjewna mit dem
Ausruf „Anna Andréjewna“ die Hand, um das gleiche bei Márja Antónowna auszuführen.
Bóbtschinski und Dóbtschinski drängen sich nach vorn.
B óbt schin sk i. Habe die Ehre zu gratulieren!
Dó bt schi n sk i. Antón Antónowitsch, habe die Ehre zu gratulieren!
B óbt schin sk i. Zum glückvollen Ereignis!
Dó bt schi n sk i. Anna Andréjewna!
B óbt schin sk i. Anna Andréjewna! (Beide nähern sich ihr gleichzeitig und stoßen
mit den Köpfen zusammen.)
Dó bt schi n sk i. Márja Antónowna! (küßt ihr die Hand.) Habe die Ehre zu
gratulieren! Ein großes, großes Glück ist Ihnen bereitet, goldene Kleider
werden Sie tragen, schöne delikate Suppen werden Sie essen und werden
Ihre Zeit auf die anmutigste Weise verbringen ...
außergewöhnlichen Glück zu gratulieren! Ich habe mich aufrichtig gefreut,
als ich’s vernahm! (Nähert sich Márja Antónowna zum Handkusse.) Márja Antónowna!
R ast ak ówsk i (hereintretend). Gratuliere, Antón Antónowitsch! Gott
schenke Ihnen und dem jungen Paare ein langes Leben und reiche
Nachkommenschaft an Enkeln und Enkelkindern! Anna Andréjewna! (Küßt
Anna Andréjewna die Hand.) Márja Antónowna! (Küßt Márja die Hand.)
4. Szene
Die Vorigen. Koróbkin und Frau. Ljuljukóff.
Ko r ó bk in. Habe die Ehre, Ihnen zu gratulieren, Antón Antónowitsch!
Anna Andréjewna! (Küßt ihr die Hand.) Márja Antónowna (Küßt Márja die Hand.)
F r au Kor ó b kin. Gratuliere von Herzen, Anna Andréjewna, zu diesem
neuen Glück! (Küssen sich.)
L ju l j uk óff. Habe die Ehre zu gratulieren, Anna Andréjewna! (Küßt ihr die
Hand und wendet sich dann zu den Zuschauern und schnalzt verwegen mit der Zunge.) Márja
Antónowna, habe die Ehre zu gratulieren! (Küßt ihr die Hand mit der gleichen
Pantomime zu den Zuschauern.)
5. Szene
Eine Menge Gäste im Frack und Überrock treten herein, küssen erst Anna Andréjewna mit dem
Ausruf „Anna Andréjewna“ die Hand, um das gleiche bei Márja Antónowna auszuführen.
Bóbtschinski und Dóbtschinski drängen sich nach vorn.
B óbt schin sk i. Habe die Ehre zu gratulieren!
Dó bt schi n sk i. Antón Antónowitsch, habe die Ehre zu gratulieren!
B óbt schin sk i. Zum glückvollen Ereignis!
Dó bt schi n sk i. Anna Andréjewna!
B óbt schin sk i. Anna Andréjewna! (Beide nähern sich ihr gleichzeitig und stoßen
mit den Köpfen zusammen.)
Dó bt schi n sk i. Márja Antónowna! (küßt ihr die Hand.) Habe die Ehre zu
gratulieren! Ein großes, großes Glück ist Ihnen bereitet, goldene Kleider
werden Sie tragen, schöne delikate Suppen werden Sie essen und werden
Ihre Zeit auf die anmutigste Weise verbringen ...
Page 88
B óbt schin sk i (ihn unterbrechend). Márja Antónowna, habe die Ehre zu
gratulieren, schenke Ihnen Gott allen Reichtum, viele Dukaten und so einen
kleinen netten Jungen, so ... so ... (zeigt mit der Hand wie groß.) daß man ihn sich
auf die flache Hand setzen kann, jawohl, und schreien wird er immer: Uah!
uah! uah!
6. Szene
Es kommen noch einige Gäste zum Handkusse, darunter der Schulinspektor mit Frau.
S chul i nspek tor. Ich habe die Ehre ...
F r au S chu li n spek tor (eilt nach vorne). Gratuliere Ihnen, Anna
Andréjewna! (sie küssen sich.) Ach, wie habe ich mich gefreut, eben erzählt
man mir, „Anna Andréjewna verheiratet ihre Tochter“. Ach, mein Gott,
denke ich bei mir, und war so erfreut, daß ich zu meinem Mann sage, „hör
doch, Lúkachen, was für ein Glück Anna Andréjewna wiederfahren ist.“
Nun, Gott sei Dank, denke ich bei mir, und sage zu ihm, „ich bin so
entzückt, daß ich vor Ungeduld brenne, es Anna Andréjewna persönlich
auszudrücken.“ Ach, mein Gott, denke ich bei mir, Anna Andréjewna hat ja
lange schon auf eine schöne Partie für ihre Tochter gewartet, und nun erfüllt
sich ihr Wunsch und nun ist’s so gekommen, wie sie es gehofft hat. Und
war so entzückt darüber, daß ich ganz die Sprache verlor! Und nun kommen
mir die Tränen, und ich weine und schluchze. Und Lúka Lúkitsch sagt zu
mir: „Schluchze doch nicht so, Nástja.“ „Lúkachen,“ sage ich zu ihm, „ich
weiß selbst nicht warum, aber die Tränen fließen mir so wie ein Bach aus
den Augen.“
P ol i zei m eister. Bitte höflichst Platz zu nehmen, meine Herrschaften.
He, Míschka, bring mehr Stühle herein! (Die Gäste beginnen sich niederzulassen.)
7. Szene
Die Vorigen. Polizeiinspektor und Polizeidiener.
P ol i zei i nspekt or. Habe die Ehre zu gratulieren, Euer
Hochwohlgeboren! Und Ihnen Glück und Heil auf viele Jahre zu wünschen!
P ol i zei m eister. Danke, danke! Bitte nehmen Sie Platz, meine
Herrschaften. (Die Gäste nehmen alle Platz.)
gratulieren, schenke Ihnen Gott allen Reichtum, viele Dukaten und so einen
kleinen netten Jungen, so ... so ... (zeigt mit der Hand wie groß.) daß man ihn sich
auf die flache Hand setzen kann, jawohl, und schreien wird er immer: Uah!
uah! uah!
6. Szene
Es kommen noch einige Gäste zum Handkusse, darunter der Schulinspektor mit Frau.
S chul i nspek tor. Ich habe die Ehre ...
F r au S chu li n spek tor (eilt nach vorne). Gratuliere Ihnen, Anna
Andréjewna! (sie küssen sich.) Ach, wie habe ich mich gefreut, eben erzählt
man mir, „Anna Andréjewna verheiratet ihre Tochter“. Ach, mein Gott,
denke ich bei mir, und war so erfreut, daß ich zu meinem Mann sage, „hör
doch, Lúkachen, was für ein Glück Anna Andréjewna wiederfahren ist.“
Nun, Gott sei Dank, denke ich bei mir, und sage zu ihm, „ich bin so
entzückt, daß ich vor Ungeduld brenne, es Anna Andréjewna persönlich
auszudrücken.“ Ach, mein Gott, denke ich bei mir, Anna Andréjewna hat ja
lange schon auf eine schöne Partie für ihre Tochter gewartet, und nun erfüllt
sich ihr Wunsch und nun ist’s so gekommen, wie sie es gehofft hat. Und
war so entzückt darüber, daß ich ganz die Sprache verlor! Und nun kommen
mir die Tränen, und ich weine und schluchze. Und Lúka Lúkitsch sagt zu
mir: „Schluchze doch nicht so, Nástja.“ „Lúkachen,“ sage ich zu ihm, „ich
weiß selbst nicht warum, aber die Tränen fließen mir so wie ein Bach aus
den Augen.“
P ol i zei m eister. Bitte höflichst Platz zu nehmen, meine Herrschaften.
He, Míschka, bring mehr Stühle herein! (Die Gäste beginnen sich niederzulassen.)
7. Szene
Die Vorigen. Polizeiinspektor und Polizeidiener.
P ol i zei i nspekt or. Habe die Ehre zu gratulieren, Euer
Hochwohlgeboren! Und Ihnen Glück und Heil auf viele Jahre zu wünschen!
P ol i zei m eister. Danke, danke! Bitte nehmen Sie Platz, meine
Herrschaften. (Die Gäste nehmen alle Platz.)
Page 89
Kr ei sr ichter. Erzählen Sie uns doch, Antón Antónowitsch, wie sich das
alles zugetragen hat, und wie eins nach dem andern gekommen ist.
P ol i zei m eister. Der Verlauf war höchst merkwürdig: er geruhte
plötzlich einen Antrag zu machen.
An na And r éj ewn a. In höchst ehrenvoller und zartester Form. Ganz
über die Maßen taktvoll sagte er: „Anna Andréjewna, einzig und allein aus
Hochachtung vor Ihrem Wert.“ Und ein so hübscher gebildeter junger Mann
von vornehmsten Manieren! „Glauben Sie mir, Anna Andréjewna, das
Leben ist mir keine Kopeke wert, nur die Ehrfurcht vor Ihren seltenen
Vorzügen bewog mich dazu.“
Már j a A n tón owna. Aber Mama, das hat er doch zu mir gesagt!
An na An d r éjewna. Schweig still, gar nichts weißt du, und menge dich
nicht in anderer Leute Angelegenheiten! „Anna Andréjewna, ich vergehe
vor Bewunderung,“ bewegte sich in so schmeichelhaften Ausdrücken ... und
als ich sagen wollte, „wir erkühnen uns nicht, auf eine solche Ehre zu
hoffen,“ da fiel er plötzlich auf die Knie und rief in derselben vornehmen
Art: „Anna Andréjewna, machen Sie mich nicht unglücklich, erwidern Sie
meine Gefühle und wenn nicht, so macht der Tod meinem Leben ein Ende.“
Már j a. Aber Mama, damit meinte er doch mich!
An na Andr éj ewna. Nun ja doch ... er meinte dich auch, das leugne ich
ja gar nicht!
P ol i zei m eister. Und wie er uns in Angst versetzt hat, sagte, er wolle
sich erschießen: „Ich schieße mich tot, ich schieße mich tot!“
Vi el e S t i m m en. Nein, sagen Sie bloß!
Kr ei sr ichter. Aber so etwas!
S chul i nspek tor. Das gnädige Schicksal hat es so gefügt.
Ho sp i tal ver walt er. Nicht das Schicksal, Verehrtester, das Schicksal ist
eine blinde Henne, das Verdienst hat hier seinen Lohn empfangen. (Beiseite.)
Diesem Schwein fliegen auch immer die gebratenen Tauben ins Maul!
Kr ei sr ichter. Hören Sie, Antón Antónowitsch, ich möchte Ihnen doch
gern die Hündin verkaufen, um die wir handelten.
P ol i zei m eister. Nein, nein, an Hündinnen liegt mir jetzt nichts mehr.
Kr ei sr ichter. Nun, wenn Sie nicht wollen, dann einen andern Hund.
F r au Kor ób k in. Ach, Anna Andréjewna, wie ich mich über Ihr Glück
freue, Sie können sich das gar nicht vorstellen!
Ko r ó bk in. Gestatten Sie mir die Frage: wo befindet sich denn zur Zeit
der erlauchte Gast? Ich hörte, er sei verreist.
alles zugetragen hat, und wie eins nach dem andern gekommen ist.
P ol i zei m eister. Der Verlauf war höchst merkwürdig: er geruhte
plötzlich einen Antrag zu machen.
An na And r éj ewn a. In höchst ehrenvoller und zartester Form. Ganz
über die Maßen taktvoll sagte er: „Anna Andréjewna, einzig und allein aus
Hochachtung vor Ihrem Wert.“ Und ein so hübscher gebildeter junger Mann
von vornehmsten Manieren! „Glauben Sie mir, Anna Andréjewna, das
Leben ist mir keine Kopeke wert, nur die Ehrfurcht vor Ihren seltenen
Vorzügen bewog mich dazu.“
Már j a A n tón owna. Aber Mama, das hat er doch zu mir gesagt!
An na An d r éjewna. Schweig still, gar nichts weißt du, und menge dich
nicht in anderer Leute Angelegenheiten! „Anna Andréjewna, ich vergehe
vor Bewunderung,“ bewegte sich in so schmeichelhaften Ausdrücken ... und
als ich sagen wollte, „wir erkühnen uns nicht, auf eine solche Ehre zu
hoffen,“ da fiel er plötzlich auf die Knie und rief in derselben vornehmen
Art: „Anna Andréjewna, machen Sie mich nicht unglücklich, erwidern Sie
meine Gefühle und wenn nicht, so macht der Tod meinem Leben ein Ende.“
Már j a. Aber Mama, damit meinte er doch mich!
An na Andr éj ewna. Nun ja doch ... er meinte dich auch, das leugne ich
ja gar nicht!
P ol i zei m eister. Und wie er uns in Angst versetzt hat, sagte, er wolle
sich erschießen: „Ich schieße mich tot, ich schieße mich tot!“
Vi el e S t i m m en. Nein, sagen Sie bloß!
Kr ei sr ichter. Aber so etwas!
S chul i nspek tor. Das gnädige Schicksal hat es so gefügt.
Ho sp i tal ver walt er. Nicht das Schicksal, Verehrtester, das Schicksal ist
eine blinde Henne, das Verdienst hat hier seinen Lohn empfangen. (Beiseite.)
Diesem Schwein fliegen auch immer die gebratenen Tauben ins Maul!
Kr ei sr ichter. Hören Sie, Antón Antónowitsch, ich möchte Ihnen doch
gern die Hündin verkaufen, um die wir handelten.
P ol i zei m eister. Nein, nein, an Hündinnen liegt mir jetzt nichts mehr.
Kr ei sr ichter. Nun, wenn Sie nicht wollen, dann einen andern Hund.
F r au Kor ób k in. Ach, Anna Andréjewna, wie ich mich über Ihr Glück
freue, Sie können sich das gar nicht vorstellen!
Ko r ó bk in. Gestatten Sie mir die Frage: wo befindet sich denn zur Zeit
der erlauchte Gast? Ich hörte, er sei verreist.
Page 90
P ol i zei m eister. Ja, er fuhr für einen Tag fort, in einer besonders
wichtigen Angelegenheit.
An na A n dr éjewna. Zu seinem Onkel, um ihn um seinen Segen zu
bitten.
P ol i zei m eister. Um seinen Segen zu erbitten. Doch morgen schon ...
(Niest; vielstimmiges gleichzeitiges „Zum Wohlsein“.) Danke vielmals! Doch morgen
schon (niest; brausendes „Zum Wohlsein“; dazwischen gleichzeitig mehrere andere Stimmen.)
P ol i zei i nspekt or. Gesundheit, Euer Hochwohlgeboren!
B óbt schin sk i. Hundert Jahre und einen Sack Dukaten!
Dó bt schi n sk i. Gott schenke Ihnen langes Leben!
Ho sp i tal ver walt er. Verrecken sollst du!
F r au Kor ób kin. Hol dich der Satan! (Alle fünf gleichzeitig.)
P ol i zei m eister. Danke verbindlichst! Ich wünsche Ihnen allen das
gleiche.
An na A n dr éj ewna. Wir beabsichtigen, nach Petersburg überzusiedeln.
Offen gesagt, die hiesige Atmosphäre ... doch gar zu kleinstädtisch ...
wirklich sehr unangenehm ... sehen Sie, und mein Mann ... er soll dort
General werden ...
P ol i zei m eister. Und ich muß gestehen, meine Herrschaften, ich habe
große Lust, hol’s der Teufel, General zu werden.
S chul i nspek tor. Gott erfülle Ihren Wunsch!
R ast ak ówsk i. Bei Gott ist kein Ding unmöglich!
Kr ei sr ichter. Ein großes Schiff braucht ein breites Fahrwasser!
Ho sp i tal ver walt er. Dem Verdienste seine Krone!
Kr ei sr ichter (beiseite). Was der angeben wird, wenn er wirklich General
werden sollte! Dem paßt der Generalsrock wie der Kuh der Sattel. Nein, bis
dahin hat’s noch gute Wege. Hast hier gut gelernt, Schäfchen zu scheren,
aber zum General langt’s doch noch nicht.
Ho sp i tal ver walt er (beiseite). Eh, zum Henker, das möchte schon
General werden! Ein findiger Kerl, darf sich’s auch erlauben. Ist ja auch
schlau genug, daß ihn kein Teufel fassen kann. (Wendet sich zum Polizeimeister.)
Vergessen Sie uns dann nicht, Antón Antónowitsch!
Kr ei sr ichter. Und wenn mal irgend was passiert, zum Beispiel eine
kleine Unregelmäßigkeit im Amt, bleiben Sie dann unser Beschützer!
Ko r ó bk in. Im nächsten Jahre will ich meinen Sohn nach der Residenz
bringen, damit er die Staatskarriere einschlägt, dann bitte schenken Sie ihm
Ihre Protektion! Vertreten Sie Vaterstelle bei der armen Waise!
wichtigen Angelegenheit.
An na A n dr éjewna. Zu seinem Onkel, um ihn um seinen Segen zu
bitten.
P ol i zei m eister. Um seinen Segen zu erbitten. Doch morgen schon ...
(Niest; vielstimmiges gleichzeitiges „Zum Wohlsein“.) Danke vielmals! Doch morgen
schon (niest; brausendes „Zum Wohlsein“; dazwischen gleichzeitig mehrere andere Stimmen.)
P ol i zei i nspekt or. Gesundheit, Euer Hochwohlgeboren!
B óbt schin sk i. Hundert Jahre und einen Sack Dukaten!
Dó bt schi n sk i. Gott schenke Ihnen langes Leben!
Ho sp i tal ver walt er. Verrecken sollst du!
F r au Kor ób kin. Hol dich der Satan! (Alle fünf gleichzeitig.)
P ol i zei m eister. Danke verbindlichst! Ich wünsche Ihnen allen das
gleiche.
An na A n dr éj ewna. Wir beabsichtigen, nach Petersburg überzusiedeln.
Offen gesagt, die hiesige Atmosphäre ... doch gar zu kleinstädtisch ...
wirklich sehr unangenehm ... sehen Sie, und mein Mann ... er soll dort
General werden ...
P ol i zei m eister. Und ich muß gestehen, meine Herrschaften, ich habe
große Lust, hol’s der Teufel, General zu werden.
S chul i nspek tor. Gott erfülle Ihren Wunsch!
R ast ak ówsk i. Bei Gott ist kein Ding unmöglich!
Kr ei sr ichter. Ein großes Schiff braucht ein breites Fahrwasser!
Ho sp i tal ver walt er. Dem Verdienste seine Krone!
Kr ei sr ichter (beiseite). Was der angeben wird, wenn er wirklich General
werden sollte! Dem paßt der Generalsrock wie der Kuh der Sattel. Nein, bis
dahin hat’s noch gute Wege. Hast hier gut gelernt, Schäfchen zu scheren,
aber zum General langt’s doch noch nicht.
Ho sp i tal ver walt er (beiseite). Eh, zum Henker, das möchte schon
General werden! Ein findiger Kerl, darf sich’s auch erlauben. Ist ja auch
schlau genug, daß ihn kein Teufel fassen kann. (Wendet sich zum Polizeimeister.)
Vergessen Sie uns dann nicht, Antón Antónowitsch!
Kr ei sr ichter. Und wenn mal irgend was passiert, zum Beispiel eine
kleine Unregelmäßigkeit im Amt, bleiben Sie dann unser Beschützer!
Ko r ó bk in. Im nächsten Jahre will ich meinen Sohn nach der Residenz
bringen, damit er die Staatskarriere einschlägt, dann bitte schenken Sie ihm
Ihre Protektion! Vertreten Sie Vaterstelle bei der armen Waise!
Page 91
P ol i zei m eister. Ich bin gern bereit, mich für ihn zu verwenden.
An na An d r éjewna. Antón, du versprichst auch immer gleich alles.
Erstens wirst du gar keine Zeit haben, daran zu denken, und dann, wer wird
sich gleich mit solchen Versprechungen belasten!
P ol i zei m eister. Weshalb denn, meine Liebe, zuweilen geht das doch!
An na Andr éj ewna. Gewiß geht’s, aber deswegen braucht man doch
nicht gleich jedem Gründling seine Protektion zuzuwenden!
F r au Kor ób kin. Haben Sie gehört, wie sie uns traktiert?
E in e Dam e. Ja, so war sie immer, ich kenne sie genau. Setze sie an den
Tisch, und sie legt die Beine ...
8. Szene
Die Vorigen. Der Postmeister (in Hast mit einem aufgebrochenen Brief in der Hand.)
P ost m eister. Unglaubliche Sache, Herrschaften! Der Beamte, den wir
für einen Revisor hielten, war gar kein Revisor!
Al l e. Wie, kein Revisor?
P ost m eister. Absolut kein Revisor! Ich erfuhr’s durch einen Brief.
P ol i zei m eister. Was soll das heißen? Durch was für einen Brief?
P ost m eister. Durch einen eigenhändigen Brief von ihm. Man bringt
mir einen Brief auf die Post, ich schaue die Adresse an, lese „Poststraße“,
und war starr vor Schreck. Na, denke ich, bei mir hat er richtig
Unregelmäßigkeiten in der Postverwaltung entdeckt und berichtet darüber
der Behörde. Nehm ihn und brech ihn auf.
P ol i zei m eister. Wie kommen Sie dazu?!
P ost m eister. Ich weiß selbst nicht wie, eine übernatürliche Gewalt
zwang mich dazu. Ich hatte schon den Kurier kommen lassen, der ihn per
Estafette befördern sollte — aber da überkam mich eine so heftige
Neugierde, wie ich sie noch nie empfunden habe. Ich darf nicht, ich darf
nicht, ich weiß, ich darf nicht — aber es zieht, zieht immer stärker. In einem
Ohre flüstert es: „mach ihn nicht auf, du fällst rein“, aber ins andere Ohr
raunt mir ein Satan: „brich auf, brich auf, brich auf“, und wie ich das Siegel
berühre — Feuer, und wie ich’s erbrochen hatte — Eis — kaltes Eis. Mir
zitterten die Hände und alles drehte sich rundherum.
P ol i zei m eister. Wie konnten Sie sich erdreisten, den Brief einer so
hochbevollmächtigten Persönlichkeit zu erbrechen?!
An na An d r éjewna. Antón, du versprichst auch immer gleich alles.
Erstens wirst du gar keine Zeit haben, daran zu denken, und dann, wer wird
sich gleich mit solchen Versprechungen belasten!
P ol i zei m eister. Weshalb denn, meine Liebe, zuweilen geht das doch!
An na Andr éj ewna. Gewiß geht’s, aber deswegen braucht man doch
nicht gleich jedem Gründling seine Protektion zuzuwenden!
F r au Kor ób kin. Haben Sie gehört, wie sie uns traktiert?
E in e Dam e. Ja, so war sie immer, ich kenne sie genau. Setze sie an den
Tisch, und sie legt die Beine ...
8. Szene
Die Vorigen. Der Postmeister (in Hast mit einem aufgebrochenen Brief in der Hand.)
P ost m eister. Unglaubliche Sache, Herrschaften! Der Beamte, den wir
für einen Revisor hielten, war gar kein Revisor!
Al l e. Wie, kein Revisor?
P ost m eister. Absolut kein Revisor! Ich erfuhr’s durch einen Brief.
P ol i zei m eister. Was soll das heißen? Durch was für einen Brief?
P ost m eister. Durch einen eigenhändigen Brief von ihm. Man bringt
mir einen Brief auf die Post, ich schaue die Adresse an, lese „Poststraße“,
und war starr vor Schreck. Na, denke ich, bei mir hat er richtig
Unregelmäßigkeiten in der Postverwaltung entdeckt und berichtet darüber
der Behörde. Nehm ihn und brech ihn auf.
P ol i zei m eister. Wie kommen Sie dazu?!
P ost m eister. Ich weiß selbst nicht wie, eine übernatürliche Gewalt
zwang mich dazu. Ich hatte schon den Kurier kommen lassen, der ihn per
Estafette befördern sollte — aber da überkam mich eine so heftige
Neugierde, wie ich sie noch nie empfunden habe. Ich darf nicht, ich darf
nicht, ich weiß, ich darf nicht — aber es zieht, zieht immer stärker. In einem
Ohre flüstert es: „mach ihn nicht auf, du fällst rein“, aber ins andere Ohr
raunt mir ein Satan: „brich auf, brich auf, brich auf“, und wie ich das Siegel
berühre — Feuer, und wie ich’s erbrochen hatte — Eis — kaltes Eis. Mir
zitterten die Hände und alles drehte sich rundherum.
P ol i zei m eister. Wie konnten Sie sich erdreisten, den Brief einer so
hochbevollmächtigten Persönlichkeit zu erbrechen?!
Page 92
P ost m eister. Das ist ja gerade der Spaß, daß er weder
hochbevollmächtigt, noch auch eine Persönlichkeit ist!
P ol i zei m eister. Was sollte er denn nach Ihrer Meinung sein?
P ost m eister. Nicht dies, nicht das, weiß der Teufel, was.
P ol i zei m eister (zornig). Wie, nicht dies, nicht das? Wie können Sie sich
unterstehen, von ihm zu sagen „nicht dies, nicht das, und weiß der Teufel,
was?“ Ich lasse Sie verhaften!
P ost m eister. Wer, Sie?
P ol i zei m eister. Ja, ich!
P ost m eister. Hände weg!
P ol i zei m eister. Wissen Sie denn überhaupt, daß er meine Tochter
heiraten wird, daß ich selbst zu den Großen zählen werde, und daß ich Sie
ins hinterste Sibirien verschicken kann?!
P ost m eister. I, Antón Antónowitsch, Sibirien! Sibirien ist weit! Ich
werde Ihnen lieber gleich den Brief vorlesen. Herrschaften, soll ich
vorlesen?
Al l e. Lesen Sie, lesen Sie!
P ost m eister (liest). „Lieber Trapítschkin! In Eile will ich dir davon
Mitteilung machen, was für Wunderdinge mir hier passiert sind. Auf der
Reise hatte mich ein Hauptmann so vollständig ausgebeutelt, daß der
Gastwirt schon nahe daran war, mich ins Loch stecken zu lassen, als
plötzlich, dank meiner Petersburger Physiognomie und meinem
Petersburger Kostüm, mich das ganze Städtchen für einen
Generalgouverneur zu halten begann. Kurz, jetzt wohne ich beim
Polizeimeister, schlemme und schneide abwechselnd bald seiner Frau und
bald seiner Tochter auf Mord die Cour; ich schwanke bloß, an welche von
beiden ich mich zuerst heranmachen soll — wahrscheinlich aber an die
Mama, da sie aussieht, als ob sie zu jeder Gefälligkeit bereit sei. Weißt du
noch, wie wir beide in der Klemme saßen und uns unser Mittagbrot
zusammenmausten, und mich einmal ein Konditor am Kragen erwischte à
conto einiger Pasteten, die wir zu Lasten der Schatulle des Königs von
Britannien verspeist hatten? Jetzt hat sich das Blättchen vollständig
gewendet! Alle pumpen mir so viel, wie ich nur haben will. Unglaubliche
Exemplare, du würdest bersten vor Lachen! Du schreibst ja so kleine
Feuilletons; verewige sie denn durch deine Feder. Da ist zuerst gleich der
Polizeimeister: borniert wie ein grauer Wallach ...“
P ol i zei m eister. Das ist nicht möglich! Das kann nicht dastehn!
hochbevollmächtigt, noch auch eine Persönlichkeit ist!
P ol i zei m eister. Was sollte er denn nach Ihrer Meinung sein?
P ost m eister. Nicht dies, nicht das, weiß der Teufel, was.
P ol i zei m eister (zornig). Wie, nicht dies, nicht das? Wie können Sie sich
unterstehen, von ihm zu sagen „nicht dies, nicht das, und weiß der Teufel,
was?“ Ich lasse Sie verhaften!
P ost m eister. Wer, Sie?
P ol i zei m eister. Ja, ich!
P ost m eister. Hände weg!
P ol i zei m eister. Wissen Sie denn überhaupt, daß er meine Tochter
heiraten wird, daß ich selbst zu den Großen zählen werde, und daß ich Sie
ins hinterste Sibirien verschicken kann?!
P ost m eister. I, Antón Antónowitsch, Sibirien! Sibirien ist weit! Ich
werde Ihnen lieber gleich den Brief vorlesen. Herrschaften, soll ich
vorlesen?
Al l e. Lesen Sie, lesen Sie!
P ost m eister (liest). „Lieber Trapítschkin! In Eile will ich dir davon
Mitteilung machen, was für Wunderdinge mir hier passiert sind. Auf der
Reise hatte mich ein Hauptmann so vollständig ausgebeutelt, daß der
Gastwirt schon nahe daran war, mich ins Loch stecken zu lassen, als
plötzlich, dank meiner Petersburger Physiognomie und meinem
Petersburger Kostüm, mich das ganze Städtchen für einen
Generalgouverneur zu halten begann. Kurz, jetzt wohne ich beim
Polizeimeister, schlemme und schneide abwechselnd bald seiner Frau und
bald seiner Tochter auf Mord die Cour; ich schwanke bloß, an welche von
beiden ich mich zuerst heranmachen soll — wahrscheinlich aber an die
Mama, da sie aussieht, als ob sie zu jeder Gefälligkeit bereit sei. Weißt du
noch, wie wir beide in der Klemme saßen und uns unser Mittagbrot
zusammenmausten, und mich einmal ein Konditor am Kragen erwischte à
conto einiger Pasteten, die wir zu Lasten der Schatulle des Königs von
Britannien verspeist hatten? Jetzt hat sich das Blättchen vollständig
gewendet! Alle pumpen mir so viel, wie ich nur haben will. Unglaubliche
Exemplare, du würdest bersten vor Lachen! Du schreibst ja so kleine
Feuilletons; verewige sie denn durch deine Feder. Da ist zuerst gleich der
Polizeimeister: borniert wie ein grauer Wallach ...“
P ol i zei m eister. Das ist nicht möglich! Das kann nicht dastehn!
Page 93
P ost m eister (zeigt ihm die Stelle). Bitte, lesen Sie doch selbst.
P ol i zei m eister (liest). ... „wie ein grauer Wallach.“ Unmöglich, das
haben Sie selbst geschrieben!
P ost m eister. Wie käme ich denn dazu?
Ho sp i tal ver walt er. Lesen!
S chul i nspek tor. Lesen!
P ost m eister (liest weiter). „... der Polizeimeister: borniert wie ein grauer
Wallach ...“
P ol i zei m eister. Hol ihn der Satan! Muß das noch einmal wiederholen!
Als ob’s nicht so wie so schon dastünde!
P ost m eister (liest weiter). Hm .. hm .. hm „.. grauer Wallach ... Der
Postmeister ist gleichfalls ein netter Kunde ...“ (Hält im Lesen inne). Nun, hier
drückt er sich auch über mich wenig respektvoll aus.
P ol i zei m eister. Nein, lesen Sie weiter!
P ost m eister. Aber wozu denn? ...
P ol i zei m eister. Nein, zum Henker, wenn schon lesen, dann auch alles
lesen! Lesen Sie alles vor!
Ho sp i tal ver walt er. Geben Sie, ich werde lesen. (Setzt die Brille auf und
liest.) „Der Postmeister gleicht auf ein Haar unserm Departements-
Hausknecht Michéjeff, auch ein Gauner und säuft Schnaps.“
P ost m eister (zu den Zuschauern). Ein niederträchtiger Lümmel, der nichts
weiter als eine Tracht Prügel verdient!
Ho sp i tal ver walt er (liest weiter). „Der Hospitalverw... w.. w..“ (Stotternd).
Ko r ó bk in. Warum bleiben Sie denn stecken?
Ho sp i tal ver walt er. Unleserliche Schrift .. man sieht auch zur Genüge,
daß das ein Flegel ist.
Ko r ó bk in. Lassen Sie mich lesen! Ich glaube, ich habe bessere Augen!
(will den Brief nehmen).
Ho sp i tal ver walt er (hält den Brief fest). Nein, diese Stelle kann man ja
überschlagen, weiterhin wird es leserlicher.
Ko r ó bk in. Geben Sie nur her, ich weiß schon Bescheid.
Ho sp i tal ver walt er. Aber was denn — lesen kann ich auch —
weiterhin ist alles ganz deutlich.
P ost m eister. Nein, alles vorlesen! Vorher ist auch alles vorgelesen
worden!
Al l e. Abgeben, Artémij Filíppowitsch, Brief abgeben! (Zu Koróbkin.) Lesen
Sie vor!
P ol i zei m eister (liest). ... „wie ein grauer Wallach.“ Unmöglich, das
haben Sie selbst geschrieben!
P ost m eister. Wie käme ich denn dazu?
Ho sp i tal ver walt er. Lesen!
S chul i nspek tor. Lesen!
P ost m eister (liest weiter). „... der Polizeimeister: borniert wie ein grauer
Wallach ...“
P ol i zei m eister. Hol ihn der Satan! Muß das noch einmal wiederholen!
Als ob’s nicht so wie so schon dastünde!
P ost m eister (liest weiter). Hm .. hm .. hm „.. grauer Wallach ... Der
Postmeister ist gleichfalls ein netter Kunde ...“ (Hält im Lesen inne). Nun, hier
drückt er sich auch über mich wenig respektvoll aus.
P ol i zei m eister. Nein, lesen Sie weiter!
P ost m eister. Aber wozu denn? ...
P ol i zei m eister. Nein, zum Henker, wenn schon lesen, dann auch alles
lesen! Lesen Sie alles vor!
Ho sp i tal ver walt er. Geben Sie, ich werde lesen. (Setzt die Brille auf und
liest.) „Der Postmeister gleicht auf ein Haar unserm Departements-
Hausknecht Michéjeff, auch ein Gauner und säuft Schnaps.“
P ost m eister (zu den Zuschauern). Ein niederträchtiger Lümmel, der nichts
weiter als eine Tracht Prügel verdient!
Ho sp i tal ver walt er (liest weiter). „Der Hospitalverw... w.. w..“ (Stotternd).
Ko r ó bk in. Warum bleiben Sie denn stecken?
Ho sp i tal ver walt er. Unleserliche Schrift .. man sieht auch zur Genüge,
daß das ein Flegel ist.
Ko r ó bk in. Lassen Sie mich lesen! Ich glaube, ich habe bessere Augen!
(will den Brief nehmen).
Ho sp i tal ver walt er (hält den Brief fest). Nein, diese Stelle kann man ja
überschlagen, weiterhin wird es leserlicher.
Ko r ó bk in. Geben Sie nur her, ich weiß schon Bescheid.
Ho sp i tal ver walt er. Aber was denn — lesen kann ich auch —
weiterhin ist alles ganz deutlich.
P ost m eister. Nein, alles vorlesen! Vorher ist auch alles vorgelesen
worden!
Al l e. Abgeben, Artémij Filíppowitsch, Brief abgeben! (Zu Koróbkin.) Lesen
Sie vor!
Page 94
Ho sp i tal ver walt er. Gleich, gleich. (Er gibt Koróbkin den Brief.) Erlauben
Sie ... (deckt die Stelle mit dem Finger zu) ... da ... bitte von hier ab. (Alle umdrängen
Koróbkin.)
P ost m eister. Vorlesen! vorlesen! zum Kuckuck! alles vorlesen!
Ko r ó bk in (liest). „Der Hospitalverwalter Semljaníka ist ein komplettes
Schwein mit einer Nachtmütze.“
Ho sp i tal ver walt er (zu den Zuschauern). Sehr geistreich! Schwein mit einer
Nachtmütze! Welches Schwein trägt Nachtmützen?
Ko r ó bk in (liest weiter). „Der Schulinspektor ist durch und durch mit
Knoblauch verpestet.“
S chul i nspek tor (zu den Zuschauern). Bei Gott, ich habe nie Knoblauch in
den Mund genommen!
Kr ei sr ichter (beiseite). Gott sei Dank, mich läßt er ungeschoren!
Ko r ó bk in (liest weiter). „Der Kreisrichter ...“
Kr ei sr ichter. Hopsa! (Laut.) Meine Herrschaften, ich denke, der Brief ist
doch wohl zu lang ... Wozu in aller Welt solchen Quatsch vorlesen!
S chul i nspek tor. Nein!
P ost m eister. Nein, vorlesen!
Ho sp i tal ver walt er. Nein, lesen Sie nur vor!
Ko r ó bk in (fährt fort). „Der Kreisrichter Ljápkin-Tjápkin ist im höchsten
Grade mauvais ton ...“ (Hält inne). Das scheint ein französischer Ausdruck zu
sein.
Kr ei sr ichter. Mag der Teufel wissen, was das bedeutet! Wenn bloß
Halunke, dann gut; aber es kann noch was viel Schlimmeres sein.
Ko r ó bk in (liest weiter). „Im übrigen ist das Völkchen gastfreundlich und
äußerst harmlos. Lebe wohl, teuerster Trapítschkin. Ich gedenke mich nach
deinem Vorbild jetzt ebenfalls der Literatur zu widmen, denn, lieber Freund,
man bekommt diese Art Leben schließlich doch satt und sehnt sich nach
geistiger Nahrung. Ich sehe es ein, man muß wirklich höheren Zielen
zustreben. Schreibe mir doch nach Gouvernement Sarátoff, Gutsbezirk
Podkalítowka. (Dreht den Brief um und liest die Adresse.) Seiner Hochwohlgeboren,
dem wohledlen Herrn, Herrn Iwán Wassíljewitsch Trapítschkin, St.
Petersburg. Poststraße 97, Hof geradezu, drei Treppen rechts.“
E in e Dam e. Welch unverhoffte Züchtigung!
P ol i zei m eister. Sollte es treffen, dann hat’s jetzt getroffen! Vernichtet,
total vernichtet! Ich erkenne nichts mehr; ringsum nichts wie
Sie ... (deckt die Stelle mit dem Finger zu) ... da ... bitte von hier ab. (Alle umdrängen
Koróbkin.)
P ost m eister. Vorlesen! vorlesen! zum Kuckuck! alles vorlesen!
Ko r ó bk in (liest). „Der Hospitalverwalter Semljaníka ist ein komplettes
Schwein mit einer Nachtmütze.“
Ho sp i tal ver walt er (zu den Zuschauern). Sehr geistreich! Schwein mit einer
Nachtmütze! Welches Schwein trägt Nachtmützen?
Ko r ó bk in (liest weiter). „Der Schulinspektor ist durch und durch mit
Knoblauch verpestet.“
S chul i nspek tor (zu den Zuschauern). Bei Gott, ich habe nie Knoblauch in
den Mund genommen!
Kr ei sr ichter (beiseite). Gott sei Dank, mich läßt er ungeschoren!
Ko r ó bk in (liest weiter). „Der Kreisrichter ...“
Kr ei sr ichter. Hopsa! (Laut.) Meine Herrschaften, ich denke, der Brief ist
doch wohl zu lang ... Wozu in aller Welt solchen Quatsch vorlesen!
S chul i nspek tor. Nein!
P ost m eister. Nein, vorlesen!
Ho sp i tal ver walt er. Nein, lesen Sie nur vor!
Ko r ó bk in (fährt fort). „Der Kreisrichter Ljápkin-Tjápkin ist im höchsten
Grade mauvais ton ...“ (Hält inne). Das scheint ein französischer Ausdruck zu
sein.
Kr ei sr ichter. Mag der Teufel wissen, was das bedeutet! Wenn bloß
Halunke, dann gut; aber es kann noch was viel Schlimmeres sein.
Ko r ó bk in (liest weiter). „Im übrigen ist das Völkchen gastfreundlich und
äußerst harmlos. Lebe wohl, teuerster Trapítschkin. Ich gedenke mich nach
deinem Vorbild jetzt ebenfalls der Literatur zu widmen, denn, lieber Freund,
man bekommt diese Art Leben schließlich doch satt und sehnt sich nach
geistiger Nahrung. Ich sehe es ein, man muß wirklich höheren Zielen
zustreben. Schreibe mir doch nach Gouvernement Sarátoff, Gutsbezirk
Podkalítowka. (Dreht den Brief um und liest die Adresse.) Seiner Hochwohlgeboren,
dem wohledlen Herrn, Herrn Iwán Wassíljewitsch Trapítschkin, St.
Petersburg. Poststraße 97, Hof geradezu, drei Treppen rechts.“
E in e Dam e. Welch unverhoffte Züchtigung!
P ol i zei m eister. Sollte es treffen, dann hat’s jetzt getroffen! Vernichtet,
total vernichtet! Ich erkenne nichts mehr; ringsum nichts wie
Page 95
Schweineschnauzen, und keine Menschengesichter! .... Haltet ihn fest,
haltet ihn fest! (Fährt mit den Armen durch die Luft.)
P ost m eister. Was festhalten! Ich ließ ihm wie abgekartet das beste
Gespann geben, und der Satan riet mir auch noch Relais vorauszubestellen!
F r au Kor ób kin. Das nenn’ ich doch beispiellose Konfusion!
Kr ei sr ichter. Zu allem Überfluß — hol’s der Teufel, meine Herren, hat
er mir sogar dreihundert Rubel abgepumpt!
Ho sp i tal ver walt er. Mir auch dreihundert!
P ost m eister (seufzt.) Ach, und mir auch dreihundert!
B óbt schin sk i. Und von mir und Dóbtschinski nahm er fünfundsechzig
Rubel in Papier, jawohl!
Kr ei sr ichter (breitet in höchstem Erstaunen die Arme aus). Aber ich bitte Sie um
alles, meine Herren, wie konnten wir bloß auf solch einen Schwindel
hereinfallen?!
P ol i zei m eister (schlägt sich vor die Stirne). Und ich — und ich grauer Esel?
Verdient hab’ ich’s, ich hirnverbrannter Schöps! Dreißig Jahre stehe ich im
Dienst, habe mich von keinem Krämerhund oder Bauunternehmer jemals
übers Ohr hauen lassen, habe einen Gauner mit dem andern betrogen, habe
jeden Schelm und jeden Spitzbuben, der alle Welt bestahl, doch noch an
meiner Angel gefangen, habe drei Gouverneure übertölpelt! ... Ach was,
Gouverneure, (mit einer Handbewegung) wo bleiben da Gouverneure ...
An na And r éj ewna. Aber das kann nicht sein, Antón, er hat sich doch
mit Máscha verlobt!
P ol i zei m eister (zornig). Verlobt! Der Fuchs mit der Gans! Nette
Verlobung! ... Kommt mir noch mit Verlobung! (In fassungslosem Erstaunen.) Seht
her, seht her, Welt und alle Christenheit, seht her, was für ein Ochs der
Polizeimeister geworden ist! Pfeift ihn aus, den alten Halunken! (Droht sich
selber mit der Faust.) O ich Rindvieh, halte einen Windhund und Waschlappen
für einen gewaltigen Herrn! Da fährt er nun hin und bimmelt das auf allen
Straßen aus! Trägt die infame Historie bei aller Welt herum! Ins Gespött
kommen ist da noch gar nichts, aber da finden sich Federfuchser und
Zeilenschmierer, die bringen mich auf die Bretter! Da wird Rang und Name
nicht geschont und alle werden sie grinsen und applaudieren! Was lacht ihr?
Ihr lacht über euch selber! ... Ihr! ... (Stampft vor Wut auf den Boden.) Ich möchte
ihnen mal kommen, diesen Zeilenschmierern! Pfui über euch Federfuchser,
verdammte Liberalen! Teufelsbrut! In ein Bündel sollte man euch allesamt
zusammenschnüren, zu Staub zermalmen und dann dem Teufel zum Fraß!
haltet ihn fest! (Fährt mit den Armen durch die Luft.)
P ost m eister. Was festhalten! Ich ließ ihm wie abgekartet das beste
Gespann geben, und der Satan riet mir auch noch Relais vorauszubestellen!
F r au Kor ób kin. Das nenn’ ich doch beispiellose Konfusion!
Kr ei sr ichter. Zu allem Überfluß — hol’s der Teufel, meine Herren, hat
er mir sogar dreihundert Rubel abgepumpt!
Ho sp i tal ver walt er. Mir auch dreihundert!
P ost m eister (seufzt.) Ach, und mir auch dreihundert!
B óbt schin sk i. Und von mir und Dóbtschinski nahm er fünfundsechzig
Rubel in Papier, jawohl!
Kr ei sr ichter (breitet in höchstem Erstaunen die Arme aus). Aber ich bitte Sie um
alles, meine Herren, wie konnten wir bloß auf solch einen Schwindel
hereinfallen?!
P ol i zei m eister (schlägt sich vor die Stirne). Und ich — und ich grauer Esel?
Verdient hab’ ich’s, ich hirnverbrannter Schöps! Dreißig Jahre stehe ich im
Dienst, habe mich von keinem Krämerhund oder Bauunternehmer jemals
übers Ohr hauen lassen, habe einen Gauner mit dem andern betrogen, habe
jeden Schelm und jeden Spitzbuben, der alle Welt bestahl, doch noch an
meiner Angel gefangen, habe drei Gouverneure übertölpelt! ... Ach was,
Gouverneure, (mit einer Handbewegung) wo bleiben da Gouverneure ...
An na And r éj ewna. Aber das kann nicht sein, Antón, er hat sich doch
mit Máscha verlobt!
P ol i zei m eister (zornig). Verlobt! Der Fuchs mit der Gans! Nette
Verlobung! ... Kommt mir noch mit Verlobung! (In fassungslosem Erstaunen.) Seht
her, seht her, Welt und alle Christenheit, seht her, was für ein Ochs der
Polizeimeister geworden ist! Pfeift ihn aus, den alten Halunken! (Droht sich
selber mit der Faust.) O ich Rindvieh, halte einen Windhund und Waschlappen
für einen gewaltigen Herrn! Da fährt er nun hin und bimmelt das auf allen
Straßen aus! Trägt die infame Historie bei aller Welt herum! Ins Gespött
kommen ist da noch gar nichts, aber da finden sich Federfuchser und
Zeilenschmierer, die bringen mich auf die Bretter! Da wird Rang und Name
nicht geschont und alle werden sie grinsen und applaudieren! Was lacht ihr?
Ihr lacht über euch selber! ... Ihr! ... (Stampft vor Wut auf den Boden.) Ich möchte
ihnen mal kommen, diesen Zeilenschmierern! Pfui über euch Federfuchser,
verdammte Liberalen! Teufelsbrut! In ein Bündel sollte man euch allesamt
zusammenschnüren, zu Staub zermalmen und dann dem Teufel zum Fraß!
Page 96
(Ballt die Faust und stampft auf dem Boden. — Nach einer kurzen Pause.) Bis diesen
Augenblick kann ich noch nicht zu mir kommen! Wahrlich, wen Gott
strafen will, den schlägt er zuvor mit Blindheit. Was hatte denn dieser
Windbeutel mit einem Revisor gemein? Nichts! Nicht so viel wie der kleine
Finger — und mit einmal schreit alles: „der Revisor, der Revisor!“
Antwortet mir!
Ho sp i tal ver walt er. Schlagt mich tot, wenn ich sagen kann, wie das
kam. Ein Nebel hat uns irre geführt, der Satan hat uns geblendet.
Kr ei sr ichter. Aber wer hat’s denn ausgeheckt — wer denn? Diese
Bürschchen da! (Deutet auf Bóbtschinski und Dóbtschinski.)
B óbt schin sk i. Ich nicht, ich nicht, nicht mal gedacht hab’ ich ...
Dó bt schi n sk i. Ich weiß von nichts, von gar nichts ...
Ho sp i tal ver walt er. Freilich ihr!
S chul i nspek tor. Selbstredend! Kamen wie die Besessenen aus dem
Wirtshaus gerannt: „Er ist da! er ist da! und Geld zahlt er auch keins!“ ...
Einen sauberen Vogel habt ihr gegriffen!
P ol i zei m eister. Natürlich ihr! Klatschbasen, Lügner verdammte!
Ho sp i tal ver walt er. Hol euch der Teufel mit eurem Revisor und euren
Aufschneidereien!
P ol i zei m eister. Nichts tun Sie, wie in der Stadt ’rumrennen und alles
in Aufruhr versetzen! Plappermäuler verfluchte! und Klatsch verbreiten,
gekappte Elstern ihr!
Kr ei sr ichter. Verdammte Sudelköche!
S chul i nspek tor. Hansnarren!
Ho sp i tal ver walt er. Kurzbäuchige Mistpilze!
(Alle umringen die beiden.)
B óbt schin sk i. Bei Gott, ich war’s nicht, Dóbtschinski war’s!
Dó bt schi n sk i. Nein, Bóbtschinski, ich nicht, Sie waren zuerst
derjenige ...
B óbt schin sk i. Oho nein, zuerst waren Sie’s!
Letzte Szene
Die Vorigen. Ein Gendarm.
Gend ar m. Soeben mit Spezialmission von Petersburg eintreffend,
fordert der Herr Revisor Sie unverzüglich zu sich. Er ist im Gasthof
Augenblick kann ich noch nicht zu mir kommen! Wahrlich, wen Gott
strafen will, den schlägt er zuvor mit Blindheit. Was hatte denn dieser
Windbeutel mit einem Revisor gemein? Nichts! Nicht so viel wie der kleine
Finger — und mit einmal schreit alles: „der Revisor, der Revisor!“
Antwortet mir!
Ho sp i tal ver walt er. Schlagt mich tot, wenn ich sagen kann, wie das
kam. Ein Nebel hat uns irre geführt, der Satan hat uns geblendet.
Kr ei sr ichter. Aber wer hat’s denn ausgeheckt — wer denn? Diese
Bürschchen da! (Deutet auf Bóbtschinski und Dóbtschinski.)
B óbt schin sk i. Ich nicht, ich nicht, nicht mal gedacht hab’ ich ...
Dó bt schi n sk i. Ich weiß von nichts, von gar nichts ...
Ho sp i tal ver walt er. Freilich ihr!
S chul i nspek tor. Selbstredend! Kamen wie die Besessenen aus dem
Wirtshaus gerannt: „Er ist da! er ist da! und Geld zahlt er auch keins!“ ...
Einen sauberen Vogel habt ihr gegriffen!
P ol i zei m eister. Natürlich ihr! Klatschbasen, Lügner verdammte!
Ho sp i tal ver walt er. Hol euch der Teufel mit eurem Revisor und euren
Aufschneidereien!
P ol i zei m eister. Nichts tun Sie, wie in der Stadt ’rumrennen und alles
in Aufruhr versetzen! Plappermäuler verfluchte! und Klatsch verbreiten,
gekappte Elstern ihr!
Kr ei sr ichter. Verdammte Sudelköche!
S chul i nspek tor. Hansnarren!
Ho sp i tal ver walt er. Kurzbäuchige Mistpilze!
(Alle umringen die beiden.)
B óbt schin sk i. Bei Gott, ich war’s nicht, Dóbtschinski war’s!
Dó bt schi n sk i. Nein, Bóbtschinski, ich nicht, Sie waren zuerst
derjenige ...
B óbt schin sk i. Oho nein, zuerst waren Sie’s!
Letzte Szene
Die Vorigen. Ein Gendarm.
Gend ar m. Soeben mit Spezialmission von Petersburg eintreffend,
fordert der Herr Revisor Sie unverzüglich zu sich. Er ist im Gasthof
Page 97
abgestiegen!
(Diese Worte treffen alle wie ein Donnerschlag. Ein einziger Schrei der Überraschung entringt sich
dem Munde sämtlicher Damen. Die ganze Gruppe wechselt plötzlich die Stellung und bleibt in dieser
wie versteinert stehen.)
Márja Antónowna und Anna Andréjewna. Eigene Handzeichnung Gogols zur letzten Szene des
„Revisor“.
Eigene Handzeichnung Gogols zur letzten Szene (pag. 132) des „Revisor“.
(Diese Worte treffen alle wie ein Donnerschlag. Ein einziger Schrei der Überraschung entringt sich
dem Munde sämtlicher Damen. Die ganze Gruppe wechselt plötzlich die Stellung und bleibt in dieser
wie versteinert stehen.)
Márja Antónowna und Anna Andréjewna. Eigene Handzeichnung Gogols zur letzten Szene des
„Revisor“.
Eigene Handzeichnung Gogols zur letzten Szene (pag. 132) des „Revisor“.
Page 98
Eigene Handzeichnung Gogols zur letzten Szene des „Revisor“.
Stumme Szene
Als Schlußbild des letzten Aufzuges.
(In der Mitte der Polizeimeister wie eine Bildsäule, mit ausgestreckten Armen und hintenüber
geworfenem Kopf. Zu seiner Rechten seine Frau und seine Tochter in einer mit ängstlicher Spannung
auf ihn gerichteten Körperhaltung; neben ihnen der Postmeister, in ein Fragezeichen verwandelt, den
Zuschauern zugekehrt; neben diesem der Schulinspektor, in blödeste Bestürzung versetzt; neben ihm,
unmittelbar am Seitenrande der Bühne, drei weibliche Gäste, eng gruppiert, deren höhnischer
Gesichtsausdruck dem Polizeimeister und seinen Angehörigen gilt. Zur Linken des Polizeimeisters
der Hospitalverwalter, den Kopf ein wenig zur Seite geneigt, als wenn er auf etwas lausche; neben
ihm der Kreisrichter, mit gespreizten Händen fast am Boden kauernd und die Lippen bewegend, als
wenn er pfeifen oder sagen wolle: „Holla, Alte, jetzt hat’s eingeschlagen!“ Neben ihm Koróbkin, den
Zuschauern zugewandt, ein Auge blinzelnd zugekniffen und schadenfroh auf den Polizeimeister
weisend; neben ihm, unmittelbar am Seitenrande der Bühne, Dóbtschinski und Bóbtschinski,
einander die Hände entgegenstreckend und sich mit aufgesperrtem Munde und weit aufgerissenen
Augen anstarrend. Alle übrigen Gäste stehen wie Bildsäulen da. Fast anderthalb Minuten verharrt die
ganze versteinerte Gruppe in dieser Stellung, bis der Vorhang fällt.)
(Ende des letzten Aufzuges.)
Stumme Szene
Als Schlußbild des letzten Aufzuges.
(In der Mitte der Polizeimeister wie eine Bildsäule, mit ausgestreckten Armen und hintenüber
geworfenem Kopf. Zu seiner Rechten seine Frau und seine Tochter in einer mit ängstlicher Spannung
auf ihn gerichteten Körperhaltung; neben ihnen der Postmeister, in ein Fragezeichen verwandelt, den
Zuschauern zugekehrt; neben diesem der Schulinspektor, in blödeste Bestürzung versetzt; neben ihm,
unmittelbar am Seitenrande der Bühne, drei weibliche Gäste, eng gruppiert, deren höhnischer
Gesichtsausdruck dem Polizeimeister und seinen Angehörigen gilt. Zur Linken des Polizeimeisters
der Hospitalverwalter, den Kopf ein wenig zur Seite geneigt, als wenn er auf etwas lausche; neben
ihm der Kreisrichter, mit gespreizten Händen fast am Boden kauernd und die Lippen bewegend, als
wenn er pfeifen oder sagen wolle: „Holla, Alte, jetzt hat’s eingeschlagen!“ Neben ihm Koróbkin, den
Zuschauern zugewandt, ein Auge blinzelnd zugekniffen und schadenfroh auf den Polizeimeister
weisend; neben ihm, unmittelbar am Seitenrande der Bühne, Dóbtschinski und Bóbtschinski,
einander die Hände entgegenstreckend und sich mit aufgesperrtem Munde und weit aufgerissenen
Augen anstarrend. Alle übrigen Gäste stehen wie Bildsäulen da. Fast anderthalb Minuten verharrt die
ganze versteinerte Gruppe in dieser Stellung, bis der Vorhang fällt.)
(Ende des letzten Aufzuges.)
Page 99
Anhang zur Komödie
„Der Revisor“
„Der Revisor“
Page 100
I.
Abriß aus einem Brief
(1841)
den der Autor bald nach der ersten Aufführung an einen Schriftsteller
richtete
„.... Der Revisor ist aufgeführt worden — und mir ist so seltsam, so traurig
zumute ... Ich ahnte, ich wußte im voraus, wie es kommen würde, und doch
hat sich ein Gefühl tiefer Niedergeschlagenheit und herber Enttäuschung
meiner bemächtigt. Mein eigenes Werk kam mir unausstehlich, fremd und
gar nicht wie mein eigenes vor. Die Hauptrolle mißriet vollständig; das
hatte ich schon vorausgesetzt. Dürr begriff absolut nicht, was Chlestakoff
bedeutet. Er machte aus ihm eine Art Alnaskaroff, von der Sorte
landläufiger Vaudeville-Schelme, die sich im Gefolge der Pariser
Theaterstücke bei uns breit zu machen beliebten. Er machte einen ganz
gewöhnlichen Schwindler aus ihm, eine armselige Figur, wie sie seit
zweihundert Jahren in ein und derselben Maske auftritt. Ist denn wirklich
aus der Rolle selber nicht zu erkennen, was Chlestakoff bedeutet? Oder war
ich selber bis heute von einem blinden Dünkel besessen, reichte mein
Können nicht aus, um diesen Charakter zu meistern, so daß sich für den
Schauspieler keine Spur, kein Fingerzeig bot? Und mir erschien er so klar.
Chlestakoff ist ganz und gar kein Betrüger, kein Lügner von Profession; er
vergißt selber, daß er lügt, und glaubt beinahe selber an das, was er faselt.
Er läßt sich gehen, ist gut aufgelegt; sieht, daß alles nach Wunsch geht, daß
er umdienert wird; und gerade deshalb redet er flotter, ungezwungener,
frisch von der Leber weg, plaudert sorglos ins Blaue hinein, und zeigt sich
namentlich beim Lügen in seiner wahren Gestalt. Unsere Schauspieler
verstehen überhaupt nicht zu lügen. Sie bilden sich ein, lügen hieße weiter
nichts, als dummes Geschwätz machen. Lügen heißt vielmehr: eine Lüge in
einem so die Wahrheit vortäuschenden, so natürlichen und naiven Tone
aussprechen, wie man eben nur die Wahrheit selber sagen kann; und gerade
darauf beruht die ganze Komik der Lüge. Ich bin fast überzeugt, daß
Chlestakoff einen besseren Erfolg gehabt haben würde, wenn ich diese
Abriß aus einem Brief
(1841)
den der Autor bald nach der ersten Aufführung an einen Schriftsteller
richtete
„.... Der Revisor ist aufgeführt worden — und mir ist so seltsam, so traurig
zumute ... Ich ahnte, ich wußte im voraus, wie es kommen würde, und doch
hat sich ein Gefühl tiefer Niedergeschlagenheit und herber Enttäuschung
meiner bemächtigt. Mein eigenes Werk kam mir unausstehlich, fremd und
gar nicht wie mein eigenes vor. Die Hauptrolle mißriet vollständig; das
hatte ich schon vorausgesetzt. Dürr begriff absolut nicht, was Chlestakoff
bedeutet. Er machte aus ihm eine Art Alnaskaroff, von der Sorte
landläufiger Vaudeville-Schelme, die sich im Gefolge der Pariser
Theaterstücke bei uns breit zu machen beliebten. Er machte einen ganz
gewöhnlichen Schwindler aus ihm, eine armselige Figur, wie sie seit
zweihundert Jahren in ein und derselben Maske auftritt. Ist denn wirklich
aus der Rolle selber nicht zu erkennen, was Chlestakoff bedeutet? Oder war
ich selber bis heute von einem blinden Dünkel besessen, reichte mein
Können nicht aus, um diesen Charakter zu meistern, so daß sich für den
Schauspieler keine Spur, kein Fingerzeig bot? Und mir erschien er so klar.
Chlestakoff ist ganz und gar kein Betrüger, kein Lügner von Profession; er
vergißt selber, daß er lügt, und glaubt beinahe selber an das, was er faselt.
Er läßt sich gehen, ist gut aufgelegt; sieht, daß alles nach Wunsch geht, daß
er umdienert wird; und gerade deshalb redet er flotter, ungezwungener,
frisch von der Leber weg, plaudert sorglos ins Blaue hinein, und zeigt sich
namentlich beim Lügen in seiner wahren Gestalt. Unsere Schauspieler
verstehen überhaupt nicht zu lügen. Sie bilden sich ein, lügen hieße weiter
nichts, als dummes Geschwätz machen. Lügen heißt vielmehr: eine Lüge in
einem so die Wahrheit vortäuschenden, so natürlichen und naiven Tone
aussprechen, wie man eben nur die Wahrheit selber sagen kann; und gerade
darauf beruht die ganze Komik der Lüge. Ich bin fast überzeugt, daß
Chlestakoff einen besseren Erfolg gehabt haben würde, wenn ich diese
Page 101
Rolle einem der wenigst talentierten Schauspieler anvertraut und ihm bloß
gesagt hätte: Chlestakoff ist ein gewandter Mensch, durchaus comme il faut,
gescheit und, wenn man so will, wohlanständig, und es sei nur nötig, ihn
genau so darzustellen. Denn Chlestakoff ist gar kein abgefeimter oder
theatralisch-prahlerischer Lügner: er lügt mit Gefühl; aus seinen Augen
spricht das Behagen, das er dabei empfindet. Es ist dies überhaupt der
schönste und poetischste Augenblick seines Lebens, beinahe eine Art
Begeisterung. Wenn wenigstens ein Hauch davon zu spüren gewesen wäre!
Aber nicht eine Spur eines solchen Charakters, weder der Person, noch des
äußeren Gebarens oder der Physiognomie war dem armen Chlestakoff
gegeben worden. Freilich, die alten Beamten in ihren verschlissenen
Alltagsuniformen nebst abgescheuerten Kragen waren ungleich leichter zu
karikieren; das Erfassen solcher Züge dagegen, welche als ziemlich
wohlanständig nicht durch scharfe Ecken über das gesellschaftlich
allgemein Gültige hinausragen, ist Sache eines erprobten Meisters. Bei
Chlestakoff darf nichts stark betont werden. Er gehört dem Kreise an, der
sich augenscheinlich in keiner Weise von der Art sonstiger junger Leute
unterscheidet. Er hat auch zuweilen eine gute Haltung, spricht hin und
wieder vernünftig, und nur in Fällen, die entweder Geistesgegenwart oder
Charakter erfordern, offenbart sich seine halb niederträchtige, halb
unbedeutende Natur. Die Züge der Rolle so eines Polizeimeisters sind
deutlicher und schärfer umrissen. Ihn bezeichnet allein schon sein stark
persönliches, unveränderliches, rücksichtsloses Äußere und läßt durch sich
zum Teil auf seinen Charakter schließen. Chlestakoffs Züge sind viel
unschärfer, viel schwächer angedeutet, und darum schwerer zu erfassen.
Was ist denn, wenn wir genauer prüfen wollen, dieser Chlestakoff so recht
eigentlich? Ein junger Mensch, ein Beamter und Einfaltspinsel, wie man zu
sagen pflegt, der aber viele Eigenschaften in sich vereinigt, die Leuten
anhaften, welche die Welt keineswegs einfältig nennt. Derartige
Eigenschaften an Leuten zur Schau zu stellen, welche daneben auch
tüchtige Verdienste aufzuweisen haben, wäre ein Verbrechen von seiten des
Schriftstellers, denn er würde sie dadurch dem allgemeinen Gelächter
preisgeben. Mag doch also lieber jeder sich zu seinem Teil in dieser Rolle
wiedererkennen und sich dabei ruhig umschauen dürfen, ohne befürchten
zu müssen, daß jemand mit Fingern auf ihn weist und ihn bei Namen nennt.
Mit einem Wort, diese Figur soll ein Typus vieles dessen sein, was in den
verschiedensten russischen Charakteren zerstreut vorhanden ist, sich aber
gesagt hätte: Chlestakoff ist ein gewandter Mensch, durchaus comme il faut,
gescheit und, wenn man so will, wohlanständig, und es sei nur nötig, ihn
genau so darzustellen. Denn Chlestakoff ist gar kein abgefeimter oder
theatralisch-prahlerischer Lügner: er lügt mit Gefühl; aus seinen Augen
spricht das Behagen, das er dabei empfindet. Es ist dies überhaupt der
schönste und poetischste Augenblick seines Lebens, beinahe eine Art
Begeisterung. Wenn wenigstens ein Hauch davon zu spüren gewesen wäre!
Aber nicht eine Spur eines solchen Charakters, weder der Person, noch des
äußeren Gebarens oder der Physiognomie war dem armen Chlestakoff
gegeben worden. Freilich, die alten Beamten in ihren verschlissenen
Alltagsuniformen nebst abgescheuerten Kragen waren ungleich leichter zu
karikieren; das Erfassen solcher Züge dagegen, welche als ziemlich
wohlanständig nicht durch scharfe Ecken über das gesellschaftlich
allgemein Gültige hinausragen, ist Sache eines erprobten Meisters. Bei
Chlestakoff darf nichts stark betont werden. Er gehört dem Kreise an, der
sich augenscheinlich in keiner Weise von der Art sonstiger junger Leute
unterscheidet. Er hat auch zuweilen eine gute Haltung, spricht hin und
wieder vernünftig, und nur in Fällen, die entweder Geistesgegenwart oder
Charakter erfordern, offenbart sich seine halb niederträchtige, halb
unbedeutende Natur. Die Züge der Rolle so eines Polizeimeisters sind
deutlicher und schärfer umrissen. Ihn bezeichnet allein schon sein stark
persönliches, unveränderliches, rücksichtsloses Äußere und läßt durch sich
zum Teil auf seinen Charakter schließen. Chlestakoffs Züge sind viel
unschärfer, viel schwächer angedeutet, und darum schwerer zu erfassen.
Was ist denn, wenn wir genauer prüfen wollen, dieser Chlestakoff so recht
eigentlich? Ein junger Mensch, ein Beamter und Einfaltspinsel, wie man zu
sagen pflegt, der aber viele Eigenschaften in sich vereinigt, die Leuten
anhaften, welche die Welt keineswegs einfältig nennt. Derartige
Eigenschaften an Leuten zur Schau zu stellen, welche daneben auch
tüchtige Verdienste aufzuweisen haben, wäre ein Verbrechen von seiten des
Schriftstellers, denn er würde sie dadurch dem allgemeinen Gelächter
preisgeben. Mag doch also lieber jeder sich zu seinem Teil in dieser Rolle
wiedererkennen und sich dabei ruhig umschauen dürfen, ohne befürchten
zu müssen, daß jemand mit Fingern auf ihn weist und ihn bei Namen nennt.
Mit einem Wort, diese Figur soll ein Typus vieles dessen sein, was in den
verschiedensten russischen Charakteren zerstreut vorhanden ist, sich aber
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hier zufällig in einer Person vereinigte, wie das in der Natur ja sehr häufig
vorkommt. Wenigstens eine Minute lang, wenn nicht gar mehrere, war oder
ist jeder einmal ein Chlestakoff, wenn er sich das natürlich auch nicht wird
eingestehen wollen; er macht sich sogar über die Tatsache gern selber
lustig, allerdings nur bei anderen, nicht bei der eigenen Person. Auch der
gewandte Gardeoffizier, auch der Staatsmann, selbst unser lieber Bruder,
der sündige Literat, alle zeigen sich zuweilen als Chlestakoff. Es gibt
überhaupt kaum einen Menschen, der es im Leben nicht wenigstens einmal
gewesen wäre; die Sache ist nur die, daß er sich hinterher sehr geschickt so
zu drehen weiß, als sei er’s gar nicht gewesen.
Sollte nun also in meinem Chlestakoff nichts davon zu erkennen sein?
Sollte er wirklich eine nichtssagende Figur sein, während ich mich von
einer momentanen hoffärtigen Stimmung hinreißen ließ zu glauben, daß ein
Schauspieler von hervorragendem Talent sich einst noch bei mir bedanken
würde für die Vereinigung so vieler verschiedenartiger Wesenszüge in einer
einzigen Person, die ihn in den Stand setzt, sein Können nach allen
Richtungen zugleich glänzen zu lassen? Und statt dessen wäre aus
Chlestakoff eine kindische, inhaltlose Rolle geworden! Das ist
niederdrückend und tief verstimmend.
Schon von Beginn der Vorstellung an saß ich gelangweilt im Theater. Um
Beifall und Aufnahme seitens des Publikums kümmerte ich mich nicht. Nur
vor einem Kritiker unter all denen, die anwesend waren, hatte ich Bange, —
und dieser Kritiker war ich selbst. In meinem Innern vernahm ich Murren
und Vorwürfe gegen mein eigenes Stück, die alle übrigen übertönten. Aber
das Publikum war im allgemeinen zufrieden. Die eine Hälfte der Zuschauer
nahm das Stück sogar mit Wohlwollen auf, die andere tadelte bei einzelnen
Anlässen, die sich jedoch nicht auf das Kunstwerk selbst bezogen. Auf
welche Weise man tadelte, darüber wollen wir uns bei unserem nächsten
Wiedersehen unterhalten: es ist manches Lehrreiche und viel Spaßhaftes
darunter. Ich habe sogar einiges davon aufgeschrieben, doch das nebenbei.
Hauptsächlich scheint der Polizeimeister die günstige Aufnahme des
Revisors beim Publikum verursacht zu haben. Auf ihn hatte ich auch schon
vorher volles Vertrauen gesetzt, denn für ein Talent wie Ssossnizki konnte
diese Rolle nichts Unklares an sich haben. Ich bin wenigstens froh, ihm die
Möglichkeit geboten zu haben, ein Talent in seinem ganzen Umfange
zeigen zu können, von dem man sich bereits kühl abzuwenden begann, und
dabei ihn selbst auf eine Stufe mit vielen Schauspielern stellte, die durch
vorkommt. Wenigstens eine Minute lang, wenn nicht gar mehrere, war oder
ist jeder einmal ein Chlestakoff, wenn er sich das natürlich auch nicht wird
eingestehen wollen; er macht sich sogar über die Tatsache gern selber
lustig, allerdings nur bei anderen, nicht bei der eigenen Person. Auch der
gewandte Gardeoffizier, auch der Staatsmann, selbst unser lieber Bruder,
der sündige Literat, alle zeigen sich zuweilen als Chlestakoff. Es gibt
überhaupt kaum einen Menschen, der es im Leben nicht wenigstens einmal
gewesen wäre; die Sache ist nur die, daß er sich hinterher sehr geschickt so
zu drehen weiß, als sei er’s gar nicht gewesen.
Sollte nun also in meinem Chlestakoff nichts davon zu erkennen sein?
Sollte er wirklich eine nichtssagende Figur sein, während ich mich von
einer momentanen hoffärtigen Stimmung hinreißen ließ zu glauben, daß ein
Schauspieler von hervorragendem Talent sich einst noch bei mir bedanken
würde für die Vereinigung so vieler verschiedenartiger Wesenszüge in einer
einzigen Person, die ihn in den Stand setzt, sein Können nach allen
Richtungen zugleich glänzen zu lassen? Und statt dessen wäre aus
Chlestakoff eine kindische, inhaltlose Rolle geworden! Das ist
niederdrückend und tief verstimmend.
Schon von Beginn der Vorstellung an saß ich gelangweilt im Theater. Um
Beifall und Aufnahme seitens des Publikums kümmerte ich mich nicht. Nur
vor einem Kritiker unter all denen, die anwesend waren, hatte ich Bange, —
und dieser Kritiker war ich selbst. In meinem Innern vernahm ich Murren
und Vorwürfe gegen mein eigenes Stück, die alle übrigen übertönten. Aber
das Publikum war im allgemeinen zufrieden. Die eine Hälfte der Zuschauer
nahm das Stück sogar mit Wohlwollen auf, die andere tadelte bei einzelnen
Anlässen, die sich jedoch nicht auf das Kunstwerk selbst bezogen. Auf
welche Weise man tadelte, darüber wollen wir uns bei unserem nächsten
Wiedersehen unterhalten: es ist manches Lehrreiche und viel Spaßhaftes
darunter. Ich habe sogar einiges davon aufgeschrieben, doch das nebenbei.
Hauptsächlich scheint der Polizeimeister die günstige Aufnahme des
Revisors beim Publikum verursacht zu haben. Auf ihn hatte ich auch schon
vorher volles Vertrauen gesetzt, denn für ein Talent wie Ssossnizki konnte
diese Rolle nichts Unklares an sich haben. Ich bin wenigstens froh, ihm die
Möglichkeit geboten zu haben, ein Talent in seinem ganzen Umfange
zeigen zu können, von dem man sich bereits kühl abzuwenden begann, und
dabei ihn selbst auf eine Stufe mit vielen Schauspielern stellte, die durch
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freigebigen Applaus bei alltäglichen Vaudevilles und ähnlichen
Unterhaltungsstücken belohnt werden. Auch auf den Diener hatte ich
Hoffnungen gesetzt, weil ich bei dem betreffenden Schauspieler viel
Beobachtungsgabe und Verständnis für den Text wahrgenommen hatte. Im
Gegensatz dazu gerieten unsere beiden Freunde Bóbtschinski und
Dóbtschinski über alles Erwarten schlecht. Obschon ich selber erwartet
hatte, daß sie schlecht sein würden, weil ich die Rollen der beiden kleinen
Beamten Schtschepkin und Rjásanski auf den Leib geschrieben hatte, hegte
ich doch die Hoffnung, daß deren Äußeres und Position sie einigermaßen
heben und weniger karikieren würden. Es kam aber gerade umgekehrt: eine
vollkommene Karikatur wurde daraus. Schon vor Beginn der Vorstellung,
als ich sie in ihren Kostümen erblickte, war ich entsetzt. Diese beiden sonst
so adretten, etwas korpulenten Menschen mit ihrem sauber geglätteten Haar
erschienen plötzlich in plumpen, ungeheuerlichen grauen Perücken, ganz
verfilzt, schmierig, struppig, mit übergroßen hervorquellenden Chemisettes;
und auf der Bühne schnitten sie derartige Grimassen, daß es einfach
unerträglich war. Überhaupt war die Kostümierung der meisten handelnden
Personen sehr schlecht und karikiert. Ich hatte das gewissermaßen
vorausgeahnt, als ich darum bat, eine Kostümprobe stattfinden zu lassen.
Man versicherte mir aber, das sei gar nicht nötig und auch nicht
herkömmlich, und die Schauspieler würden schon wissen, was sie zu tun
hätten. Wie ich merkte, daß meine Worte in den Wind gesprochen waren,
ließ ich die Leute gewähren. Ich wiederhole noch einmal: scheußlich! Ich
weiß selber nicht, weshalb mich der Ekel so überkommt.
Während der Vorstellung bemerkte ich, daß der Anfang des vierten Aktes
flau wirkte; es machte den Eindruck, als ob der bisher lebhafte Fluß der
Handlung hier stocke oder sich träge dahinschleppe. Tatsächlich hatte mich
ein einsichtiger und erfahrener Schauspieler schon bei Gelegenheit der
Lesung des Stückes darauf aufmerksam gemacht, daß es nicht geschickt sei,
Chlestakoff mit dem Geldborgen den Anfang machen zu lassen, und daß es
besser sein würde, wenn die Beamten es ihm von sich aus anböten. Obwohl
ich die recht feine Bemerkung anerkennen mußte, da sie in gewisser
Hinsicht wohlberechtigt war, sah ich dennoch nicht ein, weshalb
Chlestakoff als ein sich entwickelnder Chlestakoff nicht zuerst um Geld
bitten sollte. Allein die Bemerkung war einmal gemacht, und ich sagte mir:
du wirst diese Szene vermutlich schlecht ausgeführt haben. Und wirklich,
jetzt während der Vorstellung erkannte ich deutlich, daß der Anfang des
Unterhaltungsstücken belohnt werden. Auch auf den Diener hatte ich
Hoffnungen gesetzt, weil ich bei dem betreffenden Schauspieler viel
Beobachtungsgabe und Verständnis für den Text wahrgenommen hatte. Im
Gegensatz dazu gerieten unsere beiden Freunde Bóbtschinski und
Dóbtschinski über alles Erwarten schlecht. Obschon ich selber erwartet
hatte, daß sie schlecht sein würden, weil ich die Rollen der beiden kleinen
Beamten Schtschepkin und Rjásanski auf den Leib geschrieben hatte, hegte
ich doch die Hoffnung, daß deren Äußeres und Position sie einigermaßen
heben und weniger karikieren würden. Es kam aber gerade umgekehrt: eine
vollkommene Karikatur wurde daraus. Schon vor Beginn der Vorstellung,
als ich sie in ihren Kostümen erblickte, war ich entsetzt. Diese beiden sonst
so adretten, etwas korpulenten Menschen mit ihrem sauber geglätteten Haar
erschienen plötzlich in plumpen, ungeheuerlichen grauen Perücken, ganz
verfilzt, schmierig, struppig, mit übergroßen hervorquellenden Chemisettes;
und auf der Bühne schnitten sie derartige Grimassen, daß es einfach
unerträglich war. Überhaupt war die Kostümierung der meisten handelnden
Personen sehr schlecht und karikiert. Ich hatte das gewissermaßen
vorausgeahnt, als ich darum bat, eine Kostümprobe stattfinden zu lassen.
Man versicherte mir aber, das sei gar nicht nötig und auch nicht
herkömmlich, und die Schauspieler würden schon wissen, was sie zu tun
hätten. Wie ich merkte, daß meine Worte in den Wind gesprochen waren,
ließ ich die Leute gewähren. Ich wiederhole noch einmal: scheußlich! Ich
weiß selber nicht, weshalb mich der Ekel so überkommt.
Während der Vorstellung bemerkte ich, daß der Anfang des vierten Aktes
flau wirkte; es machte den Eindruck, als ob der bisher lebhafte Fluß der
Handlung hier stocke oder sich träge dahinschleppe. Tatsächlich hatte mich
ein einsichtiger und erfahrener Schauspieler schon bei Gelegenheit der
Lesung des Stückes darauf aufmerksam gemacht, daß es nicht geschickt sei,
Chlestakoff mit dem Geldborgen den Anfang machen zu lassen, und daß es
besser sein würde, wenn die Beamten es ihm von sich aus anböten. Obwohl
ich die recht feine Bemerkung anerkennen mußte, da sie in gewisser
Hinsicht wohlberechtigt war, sah ich dennoch nicht ein, weshalb
Chlestakoff als ein sich entwickelnder Chlestakoff nicht zuerst um Geld
bitten sollte. Allein die Bemerkung war einmal gemacht, und ich sagte mir:
du wirst diese Szene vermutlich schlecht ausgeführt haben. Und wirklich,
jetzt während der Vorstellung erkannte ich deutlich, daß der Anfang des
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vierten Aktes matt ist und das Kennzeichen einer gewissen Schwäche an
sich trägt. Zu Haus angekommen, machte ich mich sofort an die
Umarbeitung. Jetzt scheint er etwas wirkungsvoller, wenigstens natürlicher
geworden zu sein und geht besser aufs Ziel los. Aber ich habe die Kraft
nicht mehr, mich um die Aufnahme dieses Zusatzes in das Stück
abzuplacken. Ich bin es müde geworden; und da ich überdies weiß, wie man
zu solchem Zweck herumkutschieren, bitten und Bücklinge machen muß,
so mag der Himmel ihm gnädig sein; er könnte schließlich ja noch in einer
zweiten Auflage oder Überarbeitung des „Revisor“ seinen Platz finden.
Noch ein Wort über die letzte Szene. Sie kam absolut nicht zur Geltung.
Der Vorhang fällt in einem sozusagen verworrenen Augenblick, und das
Stück scheint noch gar nicht zu Ende zu sein. Daran bin ich aber nicht
schuld. Man wollte eben nicht auf mich hören. Auch jetzt behaupte ich
noch, daß die letzte Szene so lange keinen Erfolg haben wird, bis man nicht
begriffen hat, daß sie einfach ein stummes Tableau ist, daß dies Ganze eine
versteinerte Gruppe darstellen soll, daß hier das Drama zu Ende ist und von
wortloser Mimik abgelöst wird, daß der Vorhang erst nach zwei bis drei
Minuten fallen darf, und daß all dies unter denselben Bedingungen erfolgen
muß, welche die sogenannten „lebenden Bilder“ erheischen. Man
entgegnete mir aber, daß dies den Schauspielern Zwang auferlege, daß man
dann die Gruppierung einem Ballettmeister übertragen müßte, was für die
Schauspieler einigermaßen demütigend sein würde usw. usw. Und noch
manches Weitere konnte ich von den Mienen ablesen, was noch viel
ärgerlicher als das Geäußerte war. Aber all dieses „Weiteren“ ungeachtet
halte ich meine Meinung aufrecht und behaupte hundertmal: „Nein, das legt
durchaus keinen Zwang auf, das ist nicht demütigend.“ Mag immerhin ein
Ballettmeister die Gruppe gestalten und anordnen, wenn er nur die
Fähigkeit besitzt, sich in die augenblickliche Situation jeder einzelnen
Person zu versetzen. Gezogene Grenzen behindern ein Talent nicht, so
wenig wie granitene Ufer einen Strom; im Gegenteil, einmal in sie geleitet,
wird er mit stärkeren und volleren Wogen dahinrauschen. Ein
temperamentvoller Schauspieler kann auch in einer ihm angewiesenen Pose
alles ausdrücken. Sein Gesicht bleibt hier von allen Fesseln befreit, einzig
die Stellung ist bedingt; sein Gesicht darf zwanglos jede innere Bewegung
widerspiegeln. Und in diesem Verstummtsein liegt für ihn eine Fülle
mannigfaltigster Möglichkeiten. In diesem Erschrecken gleicht keine der
handelnden Personen der anderen, so wenig wie deren Charaktere und der
sich trägt. Zu Haus angekommen, machte ich mich sofort an die
Umarbeitung. Jetzt scheint er etwas wirkungsvoller, wenigstens natürlicher
geworden zu sein und geht besser aufs Ziel los. Aber ich habe die Kraft
nicht mehr, mich um die Aufnahme dieses Zusatzes in das Stück
abzuplacken. Ich bin es müde geworden; und da ich überdies weiß, wie man
zu solchem Zweck herumkutschieren, bitten und Bücklinge machen muß,
so mag der Himmel ihm gnädig sein; er könnte schließlich ja noch in einer
zweiten Auflage oder Überarbeitung des „Revisor“ seinen Platz finden.
Noch ein Wort über die letzte Szene. Sie kam absolut nicht zur Geltung.
Der Vorhang fällt in einem sozusagen verworrenen Augenblick, und das
Stück scheint noch gar nicht zu Ende zu sein. Daran bin ich aber nicht
schuld. Man wollte eben nicht auf mich hören. Auch jetzt behaupte ich
noch, daß die letzte Szene so lange keinen Erfolg haben wird, bis man nicht
begriffen hat, daß sie einfach ein stummes Tableau ist, daß dies Ganze eine
versteinerte Gruppe darstellen soll, daß hier das Drama zu Ende ist und von
wortloser Mimik abgelöst wird, daß der Vorhang erst nach zwei bis drei
Minuten fallen darf, und daß all dies unter denselben Bedingungen erfolgen
muß, welche die sogenannten „lebenden Bilder“ erheischen. Man
entgegnete mir aber, daß dies den Schauspielern Zwang auferlege, daß man
dann die Gruppierung einem Ballettmeister übertragen müßte, was für die
Schauspieler einigermaßen demütigend sein würde usw. usw. Und noch
manches Weitere konnte ich von den Mienen ablesen, was noch viel
ärgerlicher als das Geäußerte war. Aber all dieses „Weiteren“ ungeachtet
halte ich meine Meinung aufrecht und behaupte hundertmal: „Nein, das legt
durchaus keinen Zwang auf, das ist nicht demütigend.“ Mag immerhin ein
Ballettmeister die Gruppe gestalten und anordnen, wenn er nur die
Fähigkeit besitzt, sich in die augenblickliche Situation jeder einzelnen
Person zu versetzen. Gezogene Grenzen behindern ein Talent nicht, so
wenig wie granitene Ufer einen Strom; im Gegenteil, einmal in sie geleitet,
wird er mit stärkeren und volleren Wogen dahinrauschen. Ein
temperamentvoller Schauspieler kann auch in einer ihm angewiesenen Pose
alles ausdrücken. Sein Gesicht bleibt hier von allen Fesseln befreit, einzig
die Stellung ist bedingt; sein Gesicht darf zwanglos jede innere Bewegung
widerspiegeln. Und in diesem Verstummtsein liegt für ihn eine Fülle
mannigfaltigster Möglichkeiten. In diesem Erschrecken gleicht keine der
handelnden Personen der anderen, so wenig wie deren Charaktere und der
Page 105
Grad ihrer Furcht und Angst sich gleichen, entsprechend der
Verschiedenheit der von jedem einzelnen begangenen Sünden. Anders
verdonnert steht der Polizeimeister da, anders seine Frau und seine Tochter.
Auf seine besondere Weise erschrickt der Kreisrichter, auf besondere der
Hospitalverwalter, der Postmeister usw. usw. Wieder anders fährt es
Bóbtschinski und Dóbtschinski in die Glieder, die sich auch hier
gleichbleiben und sich gegenseitig mit einer stummen Frage auf den Lippen
anstarren. Einzig die Gäste dürfen auf gleichartige Weise betroffen
erscheinen, sie stellen aber auch bloß den Hintergrund des Tableaus dar, der
mit einem Pinselstrich entworfen und in ein und dasselbe Kolorit getaucht
ist. Mit einem Wort: jeder einzelne spielt seine Rolle mimisch weiter und
kann, wenn er sich auch vom Ballettmeister begutachten lassen mußte,
deshalb doch ein großer Schauspieler bleiben. Aber meine Kräfte reichen
nicht aus, um mich noch länger abzuplacken und herumzustreiten. Ich bin
seelisch und körperlich ermattet. Es weiß und hört ja auch wahrhaftig
niemand meinen Kummer. Mögen sie doch alle in Gottes Namen tun was
sie wollen! Mein Stück ist mir zuwider geworden. Ich möchte jetzt weit
weg von hier, und nur meine bevorstehende Reise, Dampferfahrt, Meer und
andere ferne Himmelsstriche können mich allein noch wiederbeleben. Ich
sehne mich unbeschreiblich danach. Kommen Sie um Himmelswillen bald;
bevor ich von Ihnen nicht Abschied genommen, reise ich nicht ab. Noch
vieles habe ich Ihnen zu sagen, wozu ich in einem langweiligen, kalten
Briefe außerstande bin ....“
St. Petersburg, 25. Mai 1836.
Verschiedenheit der von jedem einzelnen begangenen Sünden. Anders
verdonnert steht der Polizeimeister da, anders seine Frau und seine Tochter.
Auf seine besondere Weise erschrickt der Kreisrichter, auf besondere der
Hospitalverwalter, der Postmeister usw. usw. Wieder anders fährt es
Bóbtschinski und Dóbtschinski in die Glieder, die sich auch hier
gleichbleiben und sich gegenseitig mit einer stummen Frage auf den Lippen
anstarren. Einzig die Gäste dürfen auf gleichartige Weise betroffen
erscheinen, sie stellen aber auch bloß den Hintergrund des Tableaus dar, der
mit einem Pinselstrich entworfen und in ein und dasselbe Kolorit getaucht
ist. Mit einem Wort: jeder einzelne spielt seine Rolle mimisch weiter und
kann, wenn er sich auch vom Ballettmeister begutachten lassen mußte,
deshalb doch ein großer Schauspieler bleiben. Aber meine Kräfte reichen
nicht aus, um mich noch länger abzuplacken und herumzustreiten. Ich bin
seelisch und körperlich ermattet. Es weiß und hört ja auch wahrhaftig
niemand meinen Kummer. Mögen sie doch alle in Gottes Namen tun was
sie wollen! Mein Stück ist mir zuwider geworden. Ich möchte jetzt weit
weg von hier, und nur meine bevorstehende Reise, Dampferfahrt, Meer und
andere ferne Himmelsstriche können mich allein noch wiederbeleben. Ich
sehne mich unbeschreiblich danach. Kommen Sie um Himmelswillen bald;
bevor ich von Ihnen nicht Abschied genommen, reise ich nicht ab. Noch
vieles habe ich Ihnen zu sagen, wozu ich in einem langweiligen, kalten
Briefe außerstande bin ....“
St. Petersburg, 25. Mai 1836.
Page 106
II.
Vorbemerkung
für diejenigen, die den „Revisor“ sachgemäß aufzuführen beabsichtigen.
1.
(Die ersten Seiten von Gogols eigenhändiger Reinschrift.)
Vor allem muß man sich davor hüten, in eine Karikatur zu verfallen. Auch
in der kleinsten Rolle darf nichts übertrieben oder trivialisiert werden. Im
Gegenteil, der Schauspieler muß sich besondere Mühe geben, noch
einfacher, schlichter und gewissermaßen vornehmer zu wirken, als die
darzustellende Person in Wirklichkeit ist. Je weniger er es darauf anlegen
wird, zum Lachen zu reizen oder komisch zu sein, desto stärker wird die
Komik seiner Rolle zum Vorschein kommen. Sie äußert sich gerade in dem
Ernst, mit dem jede in der Komödie auftretende Person ihren Geschäften
nachgeht. Alle diese Leute sind eifrig, lebhaft, beinahe hitzig dahinter her,
als wenn es sich um die wichtigste Aufgabe ihres Lebens handele. Dem
Zuschauer wird die Albernheit ihres Tuns bloß nebenbei sichtbar. Sie selber
aber spaßen durchaus nicht und ahnen nicht einmal, daß sich jemand über
sie lustig macht. Ein vernünftiger Schauspieler soll, ehe er sich die kleinen
Eigenheiten und äußerlichen Absonderlichkeiten der ihm übertragenen
Person aneignet, erst einmal den allgemein menschlichen Gehalt der Rolle
zu erfassen suchen .... Er soll zu begreifen suchen, wozu diese bestimmt ist,
worin die hauptsächlichste und wesentlichste Beschäftigung jeder Person
besteht, von der ihr Dasein erfüllt und die das beständige Ziel ihrer
Gedanken ist, — der ewig im Kopf steckende Nagel. Hat er diesen
wesentlichsten Daseinszweck der darzustellenden Person erfaßt, dann muß
sich der Schauspieler so in sie einleben, daß deren Gedanken und
Bestrebungen ihm ganz zu eigen werden und während der Dauer der
Vorstellung seinen Geist beherrschen. Um szenische Einzelheiten und
Nebendinge soll er sich nicht weiter kümmern; sie werden ohne weiteres
leicht und sicher gelingen, sofern er nur keinen Augenblick jenen Nagel aus
dem Kopf verliert, welcher in dem seines Helden steckt. Alle diese
Vorbemerkung
für diejenigen, die den „Revisor“ sachgemäß aufzuführen beabsichtigen.
1.
(Die ersten Seiten von Gogols eigenhändiger Reinschrift.)
Vor allem muß man sich davor hüten, in eine Karikatur zu verfallen. Auch
in der kleinsten Rolle darf nichts übertrieben oder trivialisiert werden. Im
Gegenteil, der Schauspieler muß sich besondere Mühe geben, noch
einfacher, schlichter und gewissermaßen vornehmer zu wirken, als die
darzustellende Person in Wirklichkeit ist. Je weniger er es darauf anlegen
wird, zum Lachen zu reizen oder komisch zu sein, desto stärker wird die
Komik seiner Rolle zum Vorschein kommen. Sie äußert sich gerade in dem
Ernst, mit dem jede in der Komödie auftretende Person ihren Geschäften
nachgeht. Alle diese Leute sind eifrig, lebhaft, beinahe hitzig dahinter her,
als wenn es sich um die wichtigste Aufgabe ihres Lebens handele. Dem
Zuschauer wird die Albernheit ihres Tuns bloß nebenbei sichtbar. Sie selber
aber spaßen durchaus nicht und ahnen nicht einmal, daß sich jemand über
sie lustig macht. Ein vernünftiger Schauspieler soll, ehe er sich die kleinen
Eigenheiten und äußerlichen Absonderlichkeiten der ihm übertragenen
Person aneignet, erst einmal den allgemein menschlichen Gehalt der Rolle
zu erfassen suchen .... Er soll zu begreifen suchen, wozu diese bestimmt ist,
worin die hauptsächlichste und wesentlichste Beschäftigung jeder Person
besteht, von der ihr Dasein erfüllt und die das beständige Ziel ihrer
Gedanken ist, — der ewig im Kopf steckende Nagel. Hat er diesen
wesentlichsten Daseinszweck der darzustellenden Person erfaßt, dann muß
sich der Schauspieler so in sie einleben, daß deren Gedanken und
Bestrebungen ihm ganz zu eigen werden und während der Dauer der
Vorstellung seinen Geist beherrschen. Um szenische Einzelheiten und
Nebendinge soll er sich nicht weiter kümmern; sie werden ohne weiteres
leicht und sicher gelingen, sofern er nur keinen Augenblick jenen Nagel aus
dem Kopf verliert, welcher in dem seines Helden steckt. Alle diese
Page 107
Einzelheiten und verschiedenen kleinen Züge, deren sich oft schon solche
Schauspieler mit Glück zu bedienen wissen, welche zwar zu gefallen und
Gang und Gebaren abzulauschen, nicht aber eine Rolle auszuschöpfen
vermögen, — alle diese Züge also sind höchstens Lichter, die man dann erst
aufsetzen darf, wenn das Bild fertig und wohlgelungen ist. Sie sind das
Kleid und der Körper der Rolle, nicht aber deren Seele. Und somit muß
man sich zuerst diese Seele, dann erst das Kleid der Rolle aneignen.
Eine der wichtigsten Rollen ist der Polizeimeister. Dieser Mensch ist vor
allem darauf bedacht, seine Taschen zu füllen. Diese Beschäftigung ließ
ihm keine Zeit, ernster ins Leben zu schauen oder sich selbst genauer zu
betrachten. Durch sie wurde er zum Blutsauger und, ohne es selber zu
merken, erbarmungslos, weil er unfähig ist, böse Gelüste zu unterdrücken;
ihn beherrscht nur das Verlangen, sich alles anzueignen, was sein Auge
erblickt. Er weiß überhaupt nicht mehr, daß das seinem Nächsten Schaden
bringt und manchen zugrunde richtet. Den Kaufleuten, die ihn hatten
verderben wollen, verzeiht er im selben Augenblick, wo diese ihm eine
verlockende Anerbietung machen, weil der Anreiz irdischer Schätze jede
Rücksicht auf Lage und Leiden seines Nächsten in ihm erstickt und
abgestumpft hat. Er fühlt zwar, daß er ein Sünder ist; er geht in die Kirche;
glaubt sogar fromm zu sein. Aber das Gelüst, sich die Taschen zu füllen, ist
übermächtig, übermächtig auch die eingewurzelte Gewohnheit, sich alles
anzueignen und nichts sich entgehen zu lassen.
Er ist ein echter Russe, zwar nicht gerade ein Unmensch, aber doch einer,
bei dem sich die Rechtsbegriffe verwirrt haben, der ganz Lüge geworden
ist, ohne es selbst zu merken. Darum räsoniert er auch, beißt den Ehrbaren
und Würdigen heraus und redet manchmal mit Wärme. Er gehört vielleicht
sogar zu den Leuten, die, wenn sie erkannt haben, daß alle um sie her
ehrlich geworden sind, daß Ehrlichkeit erford.....
2.
(Der vollständige Entwurf.)
Vor allem muß man sich davor hüten, in eine Karikatur zu verfallen. Nichts
darf karikiert erscheinen. Je mehr Einfachheit im Spiel, desto ..... Je
weniger es der Schauspieler darauf anlegen wird zum Lachen zu reizen oder
komisch zu sein, desto komischer wird die Figur selber wirken. Auf dem
Schauspieler mit Glück zu bedienen wissen, welche zwar zu gefallen und
Gang und Gebaren abzulauschen, nicht aber eine Rolle auszuschöpfen
vermögen, — alle diese Züge also sind höchstens Lichter, die man dann erst
aufsetzen darf, wenn das Bild fertig und wohlgelungen ist. Sie sind das
Kleid und der Körper der Rolle, nicht aber deren Seele. Und somit muß
man sich zuerst diese Seele, dann erst das Kleid der Rolle aneignen.
Eine der wichtigsten Rollen ist der Polizeimeister. Dieser Mensch ist vor
allem darauf bedacht, seine Taschen zu füllen. Diese Beschäftigung ließ
ihm keine Zeit, ernster ins Leben zu schauen oder sich selbst genauer zu
betrachten. Durch sie wurde er zum Blutsauger und, ohne es selber zu
merken, erbarmungslos, weil er unfähig ist, böse Gelüste zu unterdrücken;
ihn beherrscht nur das Verlangen, sich alles anzueignen, was sein Auge
erblickt. Er weiß überhaupt nicht mehr, daß das seinem Nächsten Schaden
bringt und manchen zugrunde richtet. Den Kaufleuten, die ihn hatten
verderben wollen, verzeiht er im selben Augenblick, wo diese ihm eine
verlockende Anerbietung machen, weil der Anreiz irdischer Schätze jede
Rücksicht auf Lage und Leiden seines Nächsten in ihm erstickt und
abgestumpft hat. Er fühlt zwar, daß er ein Sünder ist; er geht in die Kirche;
glaubt sogar fromm zu sein. Aber das Gelüst, sich die Taschen zu füllen, ist
übermächtig, übermächtig auch die eingewurzelte Gewohnheit, sich alles
anzueignen und nichts sich entgehen zu lassen.
Er ist ein echter Russe, zwar nicht gerade ein Unmensch, aber doch einer,
bei dem sich die Rechtsbegriffe verwirrt haben, der ganz Lüge geworden
ist, ohne es selbst zu merken. Darum räsoniert er auch, beißt den Ehrbaren
und Würdigen heraus und redet manchmal mit Wärme. Er gehört vielleicht
sogar zu den Leuten, die, wenn sie erkannt haben, daß alle um sie her
ehrlich geworden sind, daß Ehrlichkeit erford.....
2.
(Der vollständige Entwurf.)
Vor allem muß man sich davor hüten, in eine Karikatur zu verfallen. Nichts
darf karikiert erscheinen. Je mehr Einfachheit im Spiel, desto ..... Je
weniger es der Schauspieler darauf anlegen wird zum Lachen zu reizen oder
komisch zu sein, desto komischer wird die Figur selber wirken. Auf dem
Page 108
Ernst, mit dem jede Person bei ihrer Sache ist, beruht ..... Der Schauspieler
soll, ehe er sich die Wunderlichkeiten und kleinen äußeren Besonderheiten
jeder Person aneignet, erst einmal den allgemein menschlichen Gehalt der
Rolle erfassen. Vor dem eigentlichen Charakter der Person muß man den
Zweck ergründen, wofür sie da ist, worin ihre Tätigkeit und Beschäftigung
besteht, wovon ihr Leben erfüllt ist und worum es sich hauptsächlich dreht,
worauf und wohin sich beständig ihre Gedanken und Bestrebungen richten.
Hat er diesen wesentlichsten Daseinszweck der darzustellenden Person
erfaßt, dann muß sich der Schauspieler so in diese Tätigkeit einleben, sich
alle Gedanken und Bestrebungen so zu eigen machen, daß sie während der
ganzen Vorstellung seinen Kopf beherrschen; an szenische Einzelheiten soll
er gar nicht denken. Sie werden ohne weiteres gut gelingen, sofern er nur so
ernsthaft und eifrig bei seiner Sache ist, wie es die darzustellende Person,
ohne zu spaßen, selber tut.
Eine der wichtigsten Rollen ist der Polizeimeister. Ein Mensch, der vor
allem darauf bedacht ist, seine Taschen zu füllen. Diese Beschäftigung ließ
ihm keine Zeit, ernster ins Leben zu schauen oder sich selbst zu betrachten.
Durch sie wurde er, vielleicht ohne es selbst zu merken, zum Blutsauger,
weil er unfähig ist, böse Gelüste zu unterdrücken. Ihn beherrscht nur das
Verlangen, sich alles anzueignen, was sein Auge erblickt. Er hat vergessen,
daß dadurch sein Nächster zugrunde gerichtet wird. Er fühlt zwar
gelegentlich, daß er ein Sünder ist, betet, geht zur Kirche, glaubt sogar
fromm zu sein und denkt auch daran, künftig einmal bereuen zu wollen.
Aber das Gelüst, sich die Taschen zu füllen, ist übermächtig, und
übermächtig die eingewurzelte Gewohnheit. Das umlaufende Gerücht vom
Revisor hat ihn in Aufregung versetzt, mehr noch der Umstand, daß dieser
inkognito kommen soll und niemand weiß, wann und von woher er
erscheinen wird. Er befindet sich vom Beginn bis zum Schluß des Stückes
in Situationen, die weit über alles hinausgehen, was ihm sonst derart im
Leben beschieden war. Seine Nerven sind gespannt. Beim Übergang von
Furcht zu Freude und Hoffnung bekommt sein Ausdruck etwas Überhitztes,
dann ist er der Täuschung stärker ausgesetzt, und er, der zu anderer Zeit
nicht so bald ...., ist nun leicht zu übertölpeln. Wie er sieht, daß der Revisor
in seiner Hand ist, gar nicht gefährlich ist und sich sogar mit ihm
verschwägert hat, überläßt er sich ungestümer Freude in Voraussicht dessen,
daß sein Leben von nun an in Gastereien und Trinkgelagen aufgehen wird,
daß er selbst Stellungen vergeben, auf den Stationen Pferde verlangen, die
soll, ehe er sich die Wunderlichkeiten und kleinen äußeren Besonderheiten
jeder Person aneignet, erst einmal den allgemein menschlichen Gehalt der
Rolle erfassen. Vor dem eigentlichen Charakter der Person muß man den
Zweck ergründen, wofür sie da ist, worin ihre Tätigkeit und Beschäftigung
besteht, wovon ihr Leben erfüllt ist und worum es sich hauptsächlich dreht,
worauf und wohin sich beständig ihre Gedanken und Bestrebungen richten.
Hat er diesen wesentlichsten Daseinszweck der darzustellenden Person
erfaßt, dann muß sich der Schauspieler so in diese Tätigkeit einleben, sich
alle Gedanken und Bestrebungen so zu eigen machen, daß sie während der
ganzen Vorstellung seinen Kopf beherrschen; an szenische Einzelheiten soll
er gar nicht denken. Sie werden ohne weiteres gut gelingen, sofern er nur so
ernsthaft und eifrig bei seiner Sache ist, wie es die darzustellende Person,
ohne zu spaßen, selber tut.
Eine der wichtigsten Rollen ist der Polizeimeister. Ein Mensch, der vor
allem darauf bedacht ist, seine Taschen zu füllen. Diese Beschäftigung ließ
ihm keine Zeit, ernster ins Leben zu schauen oder sich selbst zu betrachten.
Durch sie wurde er, vielleicht ohne es selbst zu merken, zum Blutsauger,
weil er unfähig ist, böse Gelüste zu unterdrücken. Ihn beherrscht nur das
Verlangen, sich alles anzueignen, was sein Auge erblickt. Er hat vergessen,
daß dadurch sein Nächster zugrunde gerichtet wird. Er fühlt zwar
gelegentlich, daß er ein Sünder ist, betet, geht zur Kirche, glaubt sogar
fromm zu sein und denkt auch daran, künftig einmal bereuen zu wollen.
Aber das Gelüst, sich die Taschen zu füllen, ist übermächtig, und
übermächtig die eingewurzelte Gewohnheit. Das umlaufende Gerücht vom
Revisor hat ihn in Aufregung versetzt, mehr noch der Umstand, daß dieser
inkognito kommen soll und niemand weiß, wann und von woher er
erscheinen wird. Er befindet sich vom Beginn bis zum Schluß des Stückes
in Situationen, die weit über alles hinausgehen, was ihm sonst derart im
Leben beschieden war. Seine Nerven sind gespannt. Beim Übergang von
Furcht zu Freude und Hoffnung bekommt sein Ausdruck etwas Überhitztes,
dann ist er der Täuschung stärker ausgesetzt, und er, der zu anderer Zeit
nicht so bald ...., ist nun leicht zu übertölpeln. Wie er sieht, daß der Revisor
in seiner Hand ist, gar nicht gefährlich ist und sich sogar mit ihm
verschwägert hat, überläßt er sich ungestümer Freude in Voraussicht dessen,
daß sein Leben von nun an in Gastereien und Trinkgelagen aufgehen wird,
daß er selbst Stellungen vergeben, auf den Stationen Pferde verlangen, die
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Polizeimeister im Vorzimmer warten lassen, groß tun und den Ton angeben
wird. Darum bedeutet die plötzliche Meldung von der Ankunft des echten
Revisors für ihn einen stärkeren Donnerschlag als für alle anderen und seine
Lage wird zu einer wirklich tragischen.
Der Kreisrichter ist, was Bestechlichkeit anbetrifft, weniger sündig. Ihm
fehlt sogar die Neigung zum Unrechttun; dafür ist seine Jagdleidenschaft
groß ..... Aber das ist nun einmal so, jeder Mensch hat schließlich
irgendeine Leidenschaft .... Ihr zuliebe läßt er sich eine ganze Reihe von
Ungerechtigkeiten zuschulden kommen, ohne sich dessen bewußt zu sein.
Er beschäftigt sich ausschließlich mit sich und seinem Verstande und ist nur
darum gottlos, weil sich ihm auf dieser Bahn Gelegenheit bietet, sich selbst
ins gehörige Licht zu stellen. Für ihn ist jedes Ereignis, auch ein solches,
was andere in Schrecken versetzt, ein willkommener Fund, weil es ihm
Stoff zu seinen Mutmaßungen und Kombinationen gibt, die ihn ebenso
befriedigen, wie den Künstler seine Schöpfung. Diese Selbstzufriedenheit
muß sich auf dem Gesicht des Schauspielers ausprägen. Während er spricht,
beobachtet er gleichzeitig, welchen Eindruck seine Worte auf andere
machen. Er forscht .....
Semljaníka ist ein korpulenter Mann, aber ein schlauer Spitzbube. Trotz
seiner mächtigen Leibesfülle besitzt er viel Gewandtheit und
Schmeichlerisches in Sprache und Auftreten. Auf die Frage Chlestakóffs,
wie der verspeiste Fisch hieß, springt er mit der Gelenkigkeit eines
22jährigen Stutzers herzu, um ihm die Worte: „Laberdan, Ew. Gnaden!“
direkt unter die Nase zu blasen. Er ist einer von denen, die, um sich selber
zu decken, kein anderes Mittel finden, als andere in die Patsche zu bringen,
und deshalb mit Ränkespinnen und Angeberei flink bei der Hand sind, ohne
dabei Verwandtschaft und Freundschaft zu ...., einzig darauf bedacht, nur
selber durchzuschlüpfen. Trotz seiner Beleibtheit und Schwerfälligkeit ist er
immer beweglich. Ein kundiger Schauspieler wird sich natürlich keine
solcher Gelegenheiten entgehen lassen, wo die Zuvorkommenheit eines
korpulenten Mannes auf die Zuschauer besonders komisch wirken kann,
ohne es bis zur Karikatur zu treiben.
Der Schulvorsteher ist nichts weiter als ein durch häufige, aber
zwecklose Revisionen und Rüffel eingeschüchterter Mensch; darum
fürchtet er alle Besichtigungen wie das Feuer und zittert bei der Kunde vom
Revisor wie Espenlaub, obwohl er selber nicht weiß, was er verbrochen hat.
wird. Darum bedeutet die plötzliche Meldung von der Ankunft des echten
Revisors für ihn einen stärkeren Donnerschlag als für alle anderen und seine
Lage wird zu einer wirklich tragischen.
Der Kreisrichter ist, was Bestechlichkeit anbetrifft, weniger sündig. Ihm
fehlt sogar die Neigung zum Unrechttun; dafür ist seine Jagdleidenschaft
groß ..... Aber das ist nun einmal so, jeder Mensch hat schließlich
irgendeine Leidenschaft .... Ihr zuliebe läßt er sich eine ganze Reihe von
Ungerechtigkeiten zuschulden kommen, ohne sich dessen bewußt zu sein.
Er beschäftigt sich ausschließlich mit sich und seinem Verstande und ist nur
darum gottlos, weil sich ihm auf dieser Bahn Gelegenheit bietet, sich selbst
ins gehörige Licht zu stellen. Für ihn ist jedes Ereignis, auch ein solches,
was andere in Schrecken versetzt, ein willkommener Fund, weil es ihm
Stoff zu seinen Mutmaßungen und Kombinationen gibt, die ihn ebenso
befriedigen, wie den Künstler seine Schöpfung. Diese Selbstzufriedenheit
muß sich auf dem Gesicht des Schauspielers ausprägen. Während er spricht,
beobachtet er gleichzeitig, welchen Eindruck seine Worte auf andere
machen. Er forscht .....
Semljaníka ist ein korpulenter Mann, aber ein schlauer Spitzbube. Trotz
seiner mächtigen Leibesfülle besitzt er viel Gewandtheit und
Schmeichlerisches in Sprache und Auftreten. Auf die Frage Chlestakóffs,
wie der verspeiste Fisch hieß, springt er mit der Gelenkigkeit eines
22jährigen Stutzers herzu, um ihm die Worte: „Laberdan, Ew. Gnaden!“
direkt unter die Nase zu blasen. Er ist einer von denen, die, um sich selber
zu decken, kein anderes Mittel finden, als andere in die Patsche zu bringen,
und deshalb mit Ränkespinnen und Angeberei flink bei der Hand sind, ohne
dabei Verwandtschaft und Freundschaft zu ...., einzig darauf bedacht, nur
selber durchzuschlüpfen. Trotz seiner Beleibtheit und Schwerfälligkeit ist er
immer beweglich. Ein kundiger Schauspieler wird sich natürlich keine
solcher Gelegenheiten entgehen lassen, wo die Zuvorkommenheit eines
korpulenten Mannes auf die Zuschauer besonders komisch wirken kann,
ohne es bis zur Karikatur zu treiben.
Der Schulvorsteher ist nichts weiter als ein durch häufige, aber
zwecklose Revisionen und Rüffel eingeschüchterter Mensch; darum
fürchtet er alle Besichtigungen wie das Feuer und zittert bei der Kunde vom
Revisor wie Espenlaub, obwohl er selber nicht weiß, was er verbrochen hat.
Page 110
Der ihn darstellende Schauspieler hat lediglich die beständige Angst zum
Ausdruck zu bringen.
Der Postmeister ist ein bis zu Naivität einfältiger Kerl, der das Leben wie
eine zum Zeitvertreib dienende Sammlung amüsanter Histörchen ansieht,
die er sich aus erbrochenen Briefen zusammenliest. Für Bestechungen ist er
ohne w..... zugänglich. Der Schauspieler hat nichts weiter zu tun, als so
einfältig wie möglich zu sein.
Die beiden Stadtklatschbasen Bóbtschinski und Dóbtschinski aber
müssen besonders gut gegeben werden. Der Schauspieler muß sie sehr
scharf aufzufassen suchen. Es sind das Leutchen, deren ganzes Dasein darin
aufgeht in der Stadt umherzurennen, um überall ihre Aufwartung zu machen
und Neuigkeiten in Umlauf zu bringen. Ihr ganzes Wesen ist .... Die
Leidenschaft zu klatschen hat jede andere Betätigung unterdrückt und
wurde zur treibenden Kraft und zum Zweck ihres Lebens. Es ist unbedingt
notwendig, ihr Behagen sichtbar werden zu lassen, wenn es ihnen endlich
geglückt ist, die Erlaubnis zum Erzählen zu erhalten. Ihre Eilfertigkeit und
Hast ist lediglich von der Angst verursacht, es könne sie jemand stören oder
am Erzählen hindern. Sie sind neugierig, aus dem Bedürfnis Stoff zum
Klatschen zu bekommen. Darum auch, nämlich weil er möglichst rasch
erzählen will, stottert Bóbtschinski ein wenig. Beide sind klein, untersetzt
und einander ungemein ähnlich, haben auch beide ein kleines Embonpoint.
Beide haben ein rundliches Gesicht, saubere Kleidung und
glattgescheiteltes Haar. Dóbtschinski hat auch einen Anflug von Glatze:
man sieht, daß er kein Hagestolz wie Bóbtschinski, sondern verheiratet ist.
Trotzdem hat Bóbtschinski das Übergewicht durch seine größere
Lebhaftigkeit und regiert ihn sogar einigermaßen durch Verstand. Der
Schauspieler muß alle nebensächlichen Züge außer acht lassen, wenn er
diese Rolle gut darstellen will, und hat sich nur bewußt zu bleiben, daß er
mit einem starken Sprachfehler behaftet sein soll. Mit einem Wort, es sind
Leutchen, die vom Schicksal nicht für eigene, sondern für fremde
Interessen in die Welt gesetzt wurden.
Alle übrigen Personen: Kaufleute, Gäste, Polizeibeamte und Bittsteller
jeder Art sind Gestalten, wie sie uns täglich vor Augen kommen, und
werden darum von jedem leicht aufgefaßt werden können, der Rede und
Gebaren von Leuten jederlei Schlages zu beobachten versteht. Das gleiche
kann auch vom Diener gesagt werden, obschon diese Rolle wichtiger als die
erwähnten ist. Er ist ein russischer Diener in vorgerücktem Alter, der etwas
Ausdruck zu bringen.
Der Postmeister ist ein bis zu Naivität einfältiger Kerl, der das Leben wie
eine zum Zeitvertreib dienende Sammlung amüsanter Histörchen ansieht,
die er sich aus erbrochenen Briefen zusammenliest. Für Bestechungen ist er
ohne w..... zugänglich. Der Schauspieler hat nichts weiter zu tun, als so
einfältig wie möglich zu sein.
Die beiden Stadtklatschbasen Bóbtschinski und Dóbtschinski aber
müssen besonders gut gegeben werden. Der Schauspieler muß sie sehr
scharf aufzufassen suchen. Es sind das Leutchen, deren ganzes Dasein darin
aufgeht in der Stadt umherzurennen, um überall ihre Aufwartung zu machen
und Neuigkeiten in Umlauf zu bringen. Ihr ganzes Wesen ist .... Die
Leidenschaft zu klatschen hat jede andere Betätigung unterdrückt und
wurde zur treibenden Kraft und zum Zweck ihres Lebens. Es ist unbedingt
notwendig, ihr Behagen sichtbar werden zu lassen, wenn es ihnen endlich
geglückt ist, die Erlaubnis zum Erzählen zu erhalten. Ihre Eilfertigkeit und
Hast ist lediglich von der Angst verursacht, es könne sie jemand stören oder
am Erzählen hindern. Sie sind neugierig, aus dem Bedürfnis Stoff zum
Klatschen zu bekommen. Darum auch, nämlich weil er möglichst rasch
erzählen will, stottert Bóbtschinski ein wenig. Beide sind klein, untersetzt
und einander ungemein ähnlich, haben auch beide ein kleines Embonpoint.
Beide haben ein rundliches Gesicht, saubere Kleidung und
glattgescheiteltes Haar. Dóbtschinski hat auch einen Anflug von Glatze:
man sieht, daß er kein Hagestolz wie Bóbtschinski, sondern verheiratet ist.
Trotzdem hat Bóbtschinski das Übergewicht durch seine größere
Lebhaftigkeit und regiert ihn sogar einigermaßen durch Verstand. Der
Schauspieler muß alle nebensächlichen Züge außer acht lassen, wenn er
diese Rolle gut darstellen will, und hat sich nur bewußt zu bleiben, daß er
mit einem starken Sprachfehler behaftet sein soll. Mit einem Wort, es sind
Leutchen, die vom Schicksal nicht für eigene, sondern für fremde
Interessen in die Welt gesetzt wurden.
Alle übrigen Personen: Kaufleute, Gäste, Polizeibeamte und Bittsteller
jeder Art sind Gestalten, wie sie uns täglich vor Augen kommen, und
werden darum von jedem leicht aufgefaßt werden können, der Rede und
Gebaren von Leuten jederlei Schlages zu beobachten versteht. Das gleiche
kann auch vom Diener gesagt werden, obschon diese Rolle wichtiger als die
erwähnten ist. Er ist ein russischer Diener in vorgerücktem Alter, der etwas
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mürrisch ist, seinem Herrn grob kommt, weil er merkt, daß dieser ein
Federfuchser und Tropf ist, und ihm hinter dem Rücken Strafpredigten zu
halten liebt; ein stilles Wasser, daneben aber sehr findig im Aufspüren von
Gelegenheiten, wo etwas für ihn abfallen kann, — also eine allgemein
bekannte Figur, weshalb auch diese Rolle stets gut gespielt wurde.
Dementsprechend wird man leicht ermessen können, welchen Eindruck die
Ankunft des Revisors auf jede einzelne dieser Personen auszuüben
imstande ist.
Man darf nur nicht vergessen, daß in all diesen Köpfen der Revisor spukt.
Jeder beschäftigt sich mit ihm, um ihn drehen sich Furcht und Hoffnung
aller handelnden Personen. Die einen wiegen sich in Hoffnung auf ein
strenges Gericht und Erlösung von schlimmen Polizeimeistern und
sonstigen Schnapphähnen, die andern erfaßt panischer Schrecken bei der
Wahrnehmung, daß den obersten Beamten und Spitzen der Behörden angst
und bange wird. Bei den übrigen, also denen, die auf die Dinge dieser Welt
gleichmütig, mit dem Finger in der Nase zu schauen pflegen, herrscht
Neugierde nebst einer gewissen geheimen Scheu, die Persönlichkeit von
Angesicht sehen zu sollen, die so viel Furcht verbreitet und die darum
unstreitig eine außergewöhnliche und bedeutende sein muß.
Am schwierigsten ist die Rolle dessen, der von der erschreckten Stadt für
den Revisor gehalten wird. Chlestakóff ist an und für sich ein
unbedeutender Mensch. Sogar einfältige Leute würden ihn ihrerseits sehr
einfältig nennen. Nie in seinem Leben ist er zu etwas berufen gewesen, was
Nachdenken erforderte. Aber die Wirkung der allgemeinen Furcht macht
ihn zu einer bemerkenswert komischen Figur. Indem sie aller Augen
benebelt, schafft sie ihm Gelegenheit, eine komische Rolle zu spielen. Eben
noch von allem entblößt und sogar des Vergnügens beraubt, stolz auf dem
Newski-Prospekt umherzuflanieren, fühlt er mit einmal freie Bahn und sieht
sich unverhofft allen Verlegenheiten enthoben. Er ist vollständig überrascht
und glaubt zu träumen, kann auch lange Zeit gar nicht begreifen, weshalb
man ihm soviel Aufmerksamkeit und Achtung bezeugt. Er empfindet bloß
ein angenehmes Behagen bei der Wahrnehmung, wie man ihn hofiert,
bedient, alle seine Wünsche erfüllt und begierig jede seiner Äußerungen
auffängt. Da redet er denn ziellos ins Blaue hinein. Die Themata für seine
Aufschneidereien liefern ihm die Ausfrager, die ihm die Worte
gewissermaßen selbst in den Mund legen und somit seine Expektorationen
veranlassen. Er fühlt bloß wie leicht sich überall prahlen läßt, wo nichts
Federfuchser und Tropf ist, und ihm hinter dem Rücken Strafpredigten zu
halten liebt; ein stilles Wasser, daneben aber sehr findig im Aufspüren von
Gelegenheiten, wo etwas für ihn abfallen kann, — also eine allgemein
bekannte Figur, weshalb auch diese Rolle stets gut gespielt wurde.
Dementsprechend wird man leicht ermessen können, welchen Eindruck die
Ankunft des Revisors auf jede einzelne dieser Personen auszuüben
imstande ist.
Man darf nur nicht vergessen, daß in all diesen Köpfen der Revisor spukt.
Jeder beschäftigt sich mit ihm, um ihn drehen sich Furcht und Hoffnung
aller handelnden Personen. Die einen wiegen sich in Hoffnung auf ein
strenges Gericht und Erlösung von schlimmen Polizeimeistern und
sonstigen Schnapphähnen, die andern erfaßt panischer Schrecken bei der
Wahrnehmung, daß den obersten Beamten und Spitzen der Behörden angst
und bange wird. Bei den übrigen, also denen, die auf die Dinge dieser Welt
gleichmütig, mit dem Finger in der Nase zu schauen pflegen, herrscht
Neugierde nebst einer gewissen geheimen Scheu, die Persönlichkeit von
Angesicht sehen zu sollen, die so viel Furcht verbreitet und die darum
unstreitig eine außergewöhnliche und bedeutende sein muß.
Am schwierigsten ist die Rolle dessen, der von der erschreckten Stadt für
den Revisor gehalten wird. Chlestakóff ist an und für sich ein
unbedeutender Mensch. Sogar einfältige Leute würden ihn ihrerseits sehr
einfältig nennen. Nie in seinem Leben ist er zu etwas berufen gewesen, was
Nachdenken erforderte. Aber die Wirkung der allgemeinen Furcht macht
ihn zu einer bemerkenswert komischen Figur. Indem sie aller Augen
benebelt, schafft sie ihm Gelegenheit, eine komische Rolle zu spielen. Eben
noch von allem entblößt und sogar des Vergnügens beraubt, stolz auf dem
Newski-Prospekt umherzuflanieren, fühlt er mit einmal freie Bahn und sieht
sich unverhofft allen Verlegenheiten enthoben. Er ist vollständig überrascht
und glaubt zu träumen, kann auch lange Zeit gar nicht begreifen, weshalb
man ihm soviel Aufmerksamkeit und Achtung bezeugt. Er empfindet bloß
ein angenehmes Behagen bei der Wahrnehmung, wie man ihn hofiert,
bedient, alle seine Wünsche erfüllt und begierig jede seiner Äußerungen
auffängt. Da redet er denn ziellos ins Blaue hinein. Die Themata für seine
Aufschneidereien liefern ihm die Ausfrager, die ihm die Worte
gewissermaßen selbst in den Mund legen und somit seine Expektorationen
veranlassen. Er fühlt bloß wie leicht sich überall prahlen läßt, wo nichts
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einen behindert. Er phantasiert, daß er in der Literatur einen Namen hat, auf
Bällen die erste Rolle spielt, selber Bälle gibt und, damit nicht genug, auch
ein großer Staatsmann ist. Vor nichts scheut er zurück, wonach man ihn
etwa .... Das Diner mit all’ den Laberdanen und Weinen hat seine Zunge
gelöst und ihn redselig gemacht. Je weiter er fabelt, desto stärker wird seine
Einbildungskraft und er gerät wiederholt in ordentliche Hitze. Weil er gar
nicht die Absicht hat, aufzuschneiden, vergißt er selber, daß er lügt. Er
meint sogar all das wirklich geleistet zu haben, wovon er faselt. Darum
versetzt auch die Szene, wo er sich für einen Staatsmann ausgibt, alle
Beamten so in Schrecken. Darum zeigt auch, namentlich bei der Erzählung,
wie er in Petersburg allen miteinander den Kopf gewaschen hat, sein Antlitz
alle Merkmale von Würde und was nur irgend sonst dazu gehört. Weil er
gesehen hat, wie man hierorts Rüffel austeilt, auch aus eigner, vielfacher
Erfahrung weiß, was es mit dem Gerüffeltwerden auf sich hat, bereitet es
ihm (das muß meisterhaft in den Reden zum Ausdruck gebracht werden) in
diesem Augenblick besonderes Behagen, endlich auch einmal andere Leute
herunterzuputzen — wenn auch nur erzählenderweise. Er würde sich auch
noch weiter in seinen Aufschneidereien versteigen, wenn ihm nicht die
Zunge bereits den Dienst versagte, infolgedessen sich die Beamten genötigt
sehen, ihn ehrerbietig und furchtsam aufs vorbereitete Bett zu bringen.
Beim Erwachen ist er wieder derselbe Chlestakóff wie vorher; er weiß
überhaupt nicht mehr, wodurch er sie alle ins Bockshorn gejagt hat. Alle
Phantasie ist ihm wieder abhanden gekommen und sein Betragen ist so
albern wie zuvor.
Fast gleichzeitig bandelt er mit der Mutter und mit der Tochter an. Er
bittet um Geld, weil ihm das wie unwillkürlich über die Lippen kommt und
auch schon der erste, an den er sich wandte, es ihm bereitwilligst zur
Verfügung stellte. Erst gegen Schluß des Aktes wird es ihm klar, daß man
ihn für irgendein großes Tier hält. Ohne Ossips Warnung aber, dem es mit
Mühe gelingt, ihm begreiflich zu machen, daß diese Täuschung nicht lange
vorhalten könne, würde er mit größter Seelenruhe solange dageblieben sein,
bis man ihn mit Schimpf und Schande hinausgeworfen hätte. Kurz, diese
Gestalt ist ein Wahngebilde, das sich wie ein personifiziertes, lügenhaftes
Blendwerk mitsamt der Troika verflüchtigt. Dessenungeachtet muß diese
Rolle durchaus dem besten verfügbaren Schauspieler anvertraut werden,
weil sie die allerschwierigste ist. Denn dieser alberne Mensch und
oberflächliche Charakter vereinigt in sich eine Menge von Eigenschaften,
Bällen die erste Rolle spielt, selber Bälle gibt und, damit nicht genug, auch
ein großer Staatsmann ist. Vor nichts scheut er zurück, wonach man ihn
etwa .... Das Diner mit all’ den Laberdanen und Weinen hat seine Zunge
gelöst und ihn redselig gemacht. Je weiter er fabelt, desto stärker wird seine
Einbildungskraft und er gerät wiederholt in ordentliche Hitze. Weil er gar
nicht die Absicht hat, aufzuschneiden, vergißt er selber, daß er lügt. Er
meint sogar all das wirklich geleistet zu haben, wovon er faselt. Darum
versetzt auch die Szene, wo er sich für einen Staatsmann ausgibt, alle
Beamten so in Schrecken. Darum zeigt auch, namentlich bei der Erzählung,
wie er in Petersburg allen miteinander den Kopf gewaschen hat, sein Antlitz
alle Merkmale von Würde und was nur irgend sonst dazu gehört. Weil er
gesehen hat, wie man hierorts Rüffel austeilt, auch aus eigner, vielfacher
Erfahrung weiß, was es mit dem Gerüffeltwerden auf sich hat, bereitet es
ihm (das muß meisterhaft in den Reden zum Ausdruck gebracht werden) in
diesem Augenblick besonderes Behagen, endlich auch einmal andere Leute
herunterzuputzen — wenn auch nur erzählenderweise. Er würde sich auch
noch weiter in seinen Aufschneidereien versteigen, wenn ihm nicht die
Zunge bereits den Dienst versagte, infolgedessen sich die Beamten genötigt
sehen, ihn ehrerbietig und furchtsam aufs vorbereitete Bett zu bringen.
Beim Erwachen ist er wieder derselbe Chlestakóff wie vorher; er weiß
überhaupt nicht mehr, wodurch er sie alle ins Bockshorn gejagt hat. Alle
Phantasie ist ihm wieder abhanden gekommen und sein Betragen ist so
albern wie zuvor.
Fast gleichzeitig bandelt er mit der Mutter und mit der Tochter an. Er
bittet um Geld, weil ihm das wie unwillkürlich über die Lippen kommt und
auch schon der erste, an den er sich wandte, es ihm bereitwilligst zur
Verfügung stellte. Erst gegen Schluß des Aktes wird es ihm klar, daß man
ihn für irgendein großes Tier hält. Ohne Ossips Warnung aber, dem es mit
Mühe gelingt, ihm begreiflich zu machen, daß diese Täuschung nicht lange
vorhalten könne, würde er mit größter Seelenruhe solange dageblieben sein,
bis man ihn mit Schimpf und Schande hinausgeworfen hätte. Kurz, diese
Gestalt ist ein Wahngebilde, das sich wie ein personifiziertes, lügenhaftes
Blendwerk mitsamt der Troika verflüchtigt. Dessenungeachtet muß diese
Rolle durchaus dem besten verfügbaren Schauspieler anvertraut werden,
weil sie die allerschwierigste ist. Denn dieser alberne Mensch und
oberflächliche Charakter vereinigt in sich eine Menge von Eigenschaften,
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welche auch nicht oberflächliche Leute besitzen. Namentlich darf der
Schauspieler diese Sucht zu prahlen nicht außer acht lassen, mit der mehr
oder weniger alle Menschen behaftet sind und die bei Chlestakóff am
stärksten ausgebildet ist, — eine kindische Neigung zwar, die sich
nichtsdestoweniger aber bei vielen klugen alten Leuten findet, so daß wohl
selten jemand ihr nicht bei irgendeiner Gelegenheit im Leben .... Mit einem
Wort, der Schauspieler muß für diese Rolle ein sehr vielseitiges Talent
mitbringen, fähig, die mannigfaltigsten Eigenschaften eines Menschen
darzustellen und nicht nur ewig ein und dieselben. Er muß zugleich ein
gewandter Weltmann sein, weil er sonst außerstande sein würde, naiv und
harmlos diesen hohlen, weltlichen Leichtsinn zur Anschauung zu bringen,
der einen Menschen über alles und jedes hinwegtändeln läßt und in so
beträchtlichem Umfange Chlestakóff zu eigen ist.
Die letzte Szene des „Revisors“ muß ganz besonders umsichtig gespielt
werden. Hier ist der Spaß zu Ende, und die Situation vieler Personen ist
eine fast tragische. Die des Polizeimeisters ist die allerverzweifeltste; denn,
wie dem auch sei, sich plötzlich betrogen zu sehen, noch dazu von dem
dümmsten und albernsten Bürschchen, das weder Ansehen noch Gestalt
hatte und kaum einem Zündhölzchen glich (Chlestakóff ist, wie erinnerlich,
schmächtig, alle andern dick), — von dem sich betrogen zu sehen, ist
wahrhaftig kein Spaß mehr. Und so plump betrogen zu werden, während
man selber doch schlaue Köpfe und sogar die abgefeimtesten Gauner
hinters Licht zu führen verstanden hatte! Die schließlich erfolgende
Meldung von der Ankunft des echten Revisors wirkt auf ihn wie ein
Donnerschlag. Versteinert steht er da. Mit ausgebreiteten Armen und
hintenübergeworfenem Haupt verharrt er regungslos, und alle handelnden
Personen um ihn her bilden eine momentan versteinerte Gruppe in den
verschiedensten Stellungen.
Die ganze Szene ist ein stummes Bild und muß darum ebenso gestellt
werden wie die lebenden Bilder. Jede Person muß eine Stellung angewiesen
erhalten, die ihrem Charakter entspricht, nach dem Grade ihrer Furcht und
der Stärke des Schreckens, den die Meldung von der Ankunft des echten
Revisors ihr verursacht. Diese Stellungen dürfen nichts miteinander gemein
haben, müssen vielmehr mannigfaltig und verschieden sein; auch muß
darum jeder die seine genau im Kopfe haben, um sie sofort annehmen zu
können, wenn die verhängnisvolle Kunde sein Ohr trifft. Anfangs wird das
freilich gezwungen herauskommen und an Automaten erinnern; allmählich
Schauspieler diese Sucht zu prahlen nicht außer acht lassen, mit der mehr
oder weniger alle Menschen behaftet sind und die bei Chlestakóff am
stärksten ausgebildet ist, — eine kindische Neigung zwar, die sich
nichtsdestoweniger aber bei vielen klugen alten Leuten findet, so daß wohl
selten jemand ihr nicht bei irgendeiner Gelegenheit im Leben .... Mit einem
Wort, der Schauspieler muß für diese Rolle ein sehr vielseitiges Talent
mitbringen, fähig, die mannigfaltigsten Eigenschaften eines Menschen
darzustellen und nicht nur ewig ein und dieselben. Er muß zugleich ein
gewandter Weltmann sein, weil er sonst außerstande sein würde, naiv und
harmlos diesen hohlen, weltlichen Leichtsinn zur Anschauung zu bringen,
der einen Menschen über alles und jedes hinwegtändeln läßt und in so
beträchtlichem Umfange Chlestakóff zu eigen ist.
Die letzte Szene des „Revisors“ muß ganz besonders umsichtig gespielt
werden. Hier ist der Spaß zu Ende, und die Situation vieler Personen ist
eine fast tragische. Die des Polizeimeisters ist die allerverzweifeltste; denn,
wie dem auch sei, sich plötzlich betrogen zu sehen, noch dazu von dem
dümmsten und albernsten Bürschchen, das weder Ansehen noch Gestalt
hatte und kaum einem Zündhölzchen glich (Chlestakóff ist, wie erinnerlich,
schmächtig, alle andern dick), — von dem sich betrogen zu sehen, ist
wahrhaftig kein Spaß mehr. Und so plump betrogen zu werden, während
man selber doch schlaue Köpfe und sogar die abgefeimtesten Gauner
hinters Licht zu führen verstanden hatte! Die schließlich erfolgende
Meldung von der Ankunft des echten Revisors wirkt auf ihn wie ein
Donnerschlag. Versteinert steht er da. Mit ausgebreiteten Armen und
hintenübergeworfenem Haupt verharrt er regungslos, und alle handelnden
Personen um ihn her bilden eine momentan versteinerte Gruppe in den
verschiedensten Stellungen.
Die ganze Szene ist ein stummes Bild und muß darum ebenso gestellt
werden wie die lebenden Bilder. Jede Person muß eine Stellung angewiesen
erhalten, die ihrem Charakter entspricht, nach dem Grade ihrer Furcht und
der Stärke des Schreckens, den die Meldung von der Ankunft des echten
Revisors ihr verursacht. Diese Stellungen dürfen nichts miteinander gemein
haben, müssen vielmehr mannigfaltig und verschieden sein; auch muß
darum jeder die seine genau im Kopfe haben, um sie sofort annehmen zu
können, wenn die verhängnisvolle Kunde sein Ohr trifft. Anfangs wird das
freilich gezwungen herauskommen und an Automaten erinnern; allmählich
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aber, nach einigen Wiederholungen, im Maße wie jeder Schauspieler seine
Situation tiefer erfaßt haben wird, wird ihm die angewiesene Pose
geläufiger werden und ein natürlicheres, seinem Wesen entsprechenderes
Ansehen bekommen. Das Hölzerne und Ungelenke des Automaten wird
verschwinden und es wird den Anschein haben, als sei dieses stumme Bild
ganz von selbst entstanden.
Als Signal zur Veränderung der Stellung kann jener unterdrückte Schrei
dienen, den Frauen bei einer unerwarteten Erscheinung auszustoßen
pflegen. Die einen nehmen die ihnen im stummen Bilde angewiesene Pose
allmählich an und beginnen damit bereits beim Eintritt des Boten mit der
verhängnisvollen Meldung; das sind diejenigen, die minder betroffen sind.
Die anderen nehmen sie momentan an, nämlich die, welche einen stärkeren
Schlag erhalten. Der führende Schauspieler täte gut daran, seine eigene
Pose vorübergehend aufzugeben und dies Bild einige Male selber wie ein
Zuschauer zu betrachten, um zu prüfen, wo etwas abzuschwächen, stärker
zu betonen oder zu mildern wäre, damit das Bild natürlicher wirkt.
Das Bild muß etwa folgendermaßen gestellt werden: in der Mitte der
Polizeimeister, stumm und versteinert. Zu seiner Rechten seine Frau und
Tochter, beide ihm schreckensbleich zugewandt. Hinter ihnen der
Postmeister, in ein Fragezeichen verwandelt und den Zuschauern zugekehrt.
Hinter diesem Luka Lukitsch, kreidebleich. Links vom Polizeimeister
Semljanika mit hochgezogenen Augenbrauen und die Finger im Munde,
wie einer, der sich böse verbrannt hat. Hinter ihm der Kreisrichter, fast auf
die Erde gekauert und eine Grimasse schneidend, als wenn er sagen wollte:
„Holla, Alte, jetzt hat’s eingeschlagen!“ Hinter diesen starren Bobtschinski
und Dobtschinski einander mit offenem Munde an. Die Gäste verteilen sich
in zwei Gruppen auf beiden Seiten; jede für sich nimmt eine eigne
allgemeine Stellung an und heftet ihre Blicke auf den Polizeimeister. Fast
eine Minute lang währt diese stumme Szene, bis endlich der Vorhang fällt.
Damit sich die Gruppe geschickter und ungezwungener entwickele,
überträgt man sie am besten einem tüchtigen Künstler, der Gruppen zu
komponieren versteht, Skizzen entwerfen kann und .....
Wenn sämtliche Schauspieler auch nur einigermaßen im Laufe der
Vorstellung allen Anforderungen ihrer Rollen genügt haben, dann werden
sie auch in dieser stummen Szene die entscheidende Situation ihrer Rollen
zum Ausdruck bringen und dadurch ihrem vollendeten Spiel die Krone
aufsetzen. Erwiesen sie sich aber während der Vorstellung teilnahmslos und
Situation tiefer erfaßt haben wird, wird ihm die angewiesene Pose
geläufiger werden und ein natürlicheres, seinem Wesen entsprechenderes
Ansehen bekommen. Das Hölzerne und Ungelenke des Automaten wird
verschwinden und es wird den Anschein haben, als sei dieses stumme Bild
ganz von selbst entstanden.
Als Signal zur Veränderung der Stellung kann jener unterdrückte Schrei
dienen, den Frauen bei einer unerwarteten Erscheinung auszustoßen
pflegen. Die einen nehmen die ihnen im stummen Bilde angewiesene Pose
allmählich an und beginnen damit bereits beim Eintritt des Boten mit der
verhängnisvollen Meldung; das sind diejenigen, die minder betroffen sind.
Die anderen nehmen sie momentan an, nämlich die, welche einen stärkeren
Schlag erhalten. Der führende Schauspieler täte gut daran, seine eigene
Pose vorübergehend aufzugeben und dies Bild einige Male selber wie ein
Zuschauer zu betrachten, um zu prüfen, wo etwas abzuschwächen, stärker
zu betonen oder zu mildern wäre, damit das Bild natürlicher wirkt.
Das Bild muß etwa folgendermaßen gestellt werden: in der Mitte der
Polizeimeister, stumm und versteinert. Zu seiner Rechten seine Frau und
Tochter, beide ihm schreckensbleich zugewandt. Hinter ihnen der
Postmeister, in ein Fragezeichen verwandelt und den Zuschauern zugekehrt.
Hinter diesem Luka Lukitsch, kreidebleich. Links vom Polizeimeister
Semljanika mit hochgezogenen Augenbrauen und die Finger im Munde,
wie einer, der sich böse verbrannt hat. Hinter ihm der Kreisrichter, fast auf
die Erde gekauert und eine Grimasse schneidend, als wenn er sagen wollte:
„Holla, Alte, jetzt hat’s eingeschlagen!“ Hinter diesen starren Bobtschinski
und Dobtschinski einander mit offenem Munde an. Die Gäste verteilen sich
in zwei Gruppen auf beiden Seiten; jede für sich nimmt eine eigne
allgemeine Stellung an und heftet ihre Blicke auf den Polizeimeister. Fast
eine Minute lang währt diese stumme Szene, bis endlich der Vorhang fällt.
Damit sich die Gruppe geschickter und ungezwungener entwickele,
überträgt man sie am besten einem tüchtigen Künstler, der Gruppen zu
komponieren versteht, Skizzen entwerfen kann und .....
Wenn sämtliche Schauspieler auch nur einigermaßen im Laufe der
Vorstellung allen Anforderungen ihrer Rollen genügt haben, dann werden
sie auch in dieser stummen Szene die entscheidende Situation ihrer Rollen
zum Ausdruck bringen und dadurch ihrem vollendeten Spiel die Krone
aufsetzen. Erwiesen sie sich aber während der Vorstellung teilnahmslos und
Page 115
unbeholfen, dann werden sie auch hier so wirken, mit dem Unterschied, daß
sich in dieser stummen Szene ihr Nichtkönnen noch deutlicher offenbaren
wird.
sich in dieser stummen Szene ihr Nichtkönnen noch deutlicher offenbaren
wird.
Page 116
III.
Zwei Szenen, die schon bei der ersten Ausgabe als den Gang
der Handlung störend ausgeschieden wurden.
Anna Andréjewna und Márja Antónowna.
Már j a A n t ó nowna. Wirklich, Mama, ich begreife nicht, wie du
glauben kannst, deine Augen seien das Schönste ...
An na And r éj ewna. Papperlapapp, rede kein dummes Zeug! Als noch
die Frau Oberst hier wohnte, die die größte Modedame war, die ich je
gesehen, und sich alle Kostüme aus Moskau verschrieb — sagte sie mir bei
jeder Gelegenheit: „Liebste Anna Andréjewna, verraten Sie mir doch bloß
das Geheimnis, weshalb Ihre Augen einen so sprechenden Ausdruck
haben!“ Überhaupt herrschte nur eine Stimme: „Mit Ihnen, Anna
Andréjewna, braucht man nur eine Minute beisammen zu sein, um infolge
Ihrer Liebenswürdigkeit alles um sich her zu vergessen.“ Und der
Stabsrittmeister Starokopytoff, der sich damals, was weiß ich, wegen
Remonte hier aufhielt? Der schöne Mann mit dem frischen, prächtig roten
Gesicht, den pechschwarzen Augen, dem weißen Hemdkragen aus dem
feinsten Batist, wie ihn unsre Kaufleute uns noch nie geliefert haben? Der
sagte mir zu wiederholten Malen: „Ich schwöre Ihnen, Anna Andréjewna,
noch nie habe ich solche Augen gesehen, nicht einmal in Romanen davon
gelesen; ich weiß nicht wie mir geschieht, wenn ich Sie anschaue! ..“ Ich
trug damals noch eine Tüllpelerine, mit Weinblättern und Ähren bestickt
und mit zarten Spitzen eingefaßt, kaum einen Finger breit, einfach
bezaubernd! Und dann sagte er jedesmal: „Ihr Anblick, Anna Andréjewna,
bereitet mir solches Entzücken, daß mein Herz vollständig ...“ ach, ich weiß
schon gar nicht mehr, was er alles geredet hat. Nachher hat er sogar noch
Geschichtchen gemacht: er wollte sich partout erschießen, aber die Pistolen
waren irgendwie abhanden gekommen; sonst wäre er längst nicht mehr am
Leben.
Már j a A ntó nown a. Ich weiß nicht, Mama, aber ich meine doch, deine
untere Gesichtspartie sei weit hübscher als deine Augen.
Zwei Szenen, die schon bei der ersten Ausgabe als den Gang
der Handlung störend ausgeschieden wurden.
Anna Andréjewna und Márja Antónowna.
Már j a A n t ó nowna. Wirklich, Mama, ich begreife nicht, wie du
glauben kannst, deine Augen seien das Schönste ...
An na And r éj ewna. Papperlapapp, rede kein dummes Zeug! Als noch
die Frau Oberst hier wohnte, die die größte Modedame war, die ich je
gesehen, und sich alle Kostüme aus Moskau verschrieb — sagte sie mir bei
jeder Gelegenheit: „Liebste Anna Andréjewna, verraten Sie mir doch bloß
das Geheimnis, weshalb Ihre Augen einen so sprechenden Ausdruck
haben!“ Überhaupt herrschte nur eine Stimme: „Mit Ihnen, Anna
Andréjewna, braucht man nur eine Minute beisammen zu sein, um infolge
Ihrer Liebenswürdigkeit alles um sich her zu vergessen.“ Und der
Stabsrittmeister Starokopytoff, der sich damals, was weiß ich, wegen
Remonte hier aufhielt? Der schöne Mann mit dem frischen, prächtig roten
Gesicht, den pechschwarzen Augen, dem weißen Hemdkragen aus dem
feinsten Batist, wie ihn unsre Kaufleute uns noch nie geliefert haben? Der
sagte mir zu wiederholten Malen: „Ich schwöre Ihnen, Anna Andréjewna,
noch nie habe ich solche Augen gesehen, nicht einmal in Romanen davon
gelesen; ich weiß nicht wie mir geschieht, wenn ich Sie anschaue! ..“ Ich
trug damals noch eine Tüllpelerine, mit Weinblättern und Ähren bestickt
und mit zarten Spitzen eingefaßt, kaum einen Finger breit, einfach
bezaubernd! Und dann sagte er jedesmal: „Ihr Anblick, Anna Andréjewna,
bereitet mir solches Entzücken, daß mein Herz vollständig ...“ ach, ich weiß
schon gar nicht mehr, was er alles geredet hat. Nachher hat er sogar noch
Geschichtchen gemacht: er wollte sich partout erschießen, aber die Pistolen
waren irgendwie abhanden gekommen; sonst wäre er längst nicht mehr am
Leben.
Már j a A ntó nown a. Ich weiß nicht, Mama, aber ich meine doch, deine
untere Gesichtspartie sei weit hübscher als deine Augen.
Page 117
An na A ndr éj ewna. Unsinn, davon kann gar keine Rede sein! Das ist
alles dummes Zeug!
Már j a Ant ó no w na. Nein, wirklich, Mama, wenn man dich so sprechen
oder im Profil sitzen sieht, dann ist besonders dein Mund ...
An na An d r éjew na. Hör auf mit dem dummen Geschwätz! Du bist
wirklich unausstehlich! Immerfort muß sie herumstreiten ... Gott bewahr’
mich! Will gleich vor Neid vergehen, nur weil ihre Mama schöne Augen
hat! — Und bei all dem Gezänk und dem Unsinn haben wir uns richtig ganz
verplappert. Paß auf, er kommt und überrascht uns noch in dem
unmöglichsten Aufzuge! (Eiligst ab, gefolgt von Márja Antónowna.)
Chlestakóff und Rastakówski (in Uniform der Zeit Katharinas II. mit Achselschnüren).
R ast ak ówsk i. Habe die Ehre mich vorzustellen: Einwohner und
Hausbesitzer hiesiger Stadt, Sekond-Major a. D. Rastakówski.
C hl est ak ó ff. Sehr erfreut; bitte nehmen Sie gefälligst Platz. Ich bin mit
Ihrem Chef sehr gut bekannt.
R ast ak ówsk i (hat sich gesetzt). Ah, Sie kannten also Sadunaiski?
C hl est ak ó ff. Welchen Sadunaiski?
R ast ak ówsk i. Nun, den Grafen Rumjanzoff-Sadunaiski, Pjotr
Alexándrowitsch; der war ja mein früherer Chef.
C hl est ak ó ff. Ach so, ja ... Sie haben also wohl lange gedient?
R ast ak ówsk i. Ich nahm bereits 1773 an der Belagerung von Silistria
teil. Da ging es heiß zu. So dicht stand der Türke vor uns, gerade wie dieser
Tisch. Ich war damals Sergeant, und Sekond-Major in unserem Regimente
war — Sie kannten ihn gewiß — Pjotr Wassiljewitsch Gwosdjew.
C hl est ak ó ff. Gwosdjew? was für ein Gwosdjew?
R ast ak ówsk i. Pjotr Wassiljewitsch. Er wurde später auf Allerhöchsten
Befehl der verewigten Kaiserin zu den Dragonern versetzt.
C hl est ak ó ff. Nein, mir unbekannt.
R ast ak ówsk i. Ich dachte mir gleich, daß Sie ihn nicht kennen, weil er
schon vor mehr als dreißig Jahren gestorben ist. Hier ganz in der Nähe,
zwanzig Werst von der Stadt, lebt seine Enkelin, verheiratet mit Iwán
Wassiljewitsch Rogatka.
alles dummes Zeug!
Már j a Ant ó no w na. Nein, wirklich, Mama, wenn man dich so sprechen
oder im Profil sitzen sieht, dann ist besonders dein Mund ...
An na An d r éjew na. Hör auf mit dem dummen Geschwätz! Du bist
wirklich unausstehlich! Immerfort muß sie herumstreiten ... Gott bewahr’
mich! Will gleich vor Neid vergehen, nur weil ihre Mama schöne Augen
hat! — Und bei all dem Gezänk und dem Unsinn haben wir uns richtig ganz
verplappert. Paß auf, er kommt und überrascht uns noch in dem
unmöglichsten Aufzuge! (Eiligst ab, gefolgt von Márja Antónowna.)
Chlestakóff und Rastakówski (in Uniform der Zeit Katharinas II. mit Achselschnüren).
R ast ak ówsk i. Habe die Ehre mich vorzustellen: Einwohner und
Hausbesitzer hiesiger Stadt, Sekond-Major a. D. Rastakówski.
C hl est ak ó ff. Sehr erfreut; bitte nehmen Sie gefälligst Platz. Ich bin mit
Ihrem Chef sehr gut bekannt.
R ast ak ówsk i (hat sich gesetzt). Ah, Sie kannten also Sadunaiski?
C hl est ak ó ff. Welchen Sadunaiski?
R ast ak ówsk i. Nun, den Grafen Rumjanzoff-Sadunaiski, Pjotr
Alexándrowitsch; der war ja mein früherer Chef.
C hl est ak ó ff. Ach so, ja ... Sie haben also wohl lange gedient?
R ast ak ówsk i. Ich nahm bereits 1773 an der Belagerung von Silistria
teil. Da ging es heiß zu. So dicht stand der Türke vor uns, gerade wie dieser
Tisch. Ich war damals Sergeant, und Sekond-Major in unserem Regimente
war — Sie kannten ihn gewiß — Pjotr Wassiljewitsch Gwosdjew.
C hl est ak ó ff. Gwosdjew? was für ein Gwosdjew?
R ast ak ówsk i. Pjotr Wassiljewitsch. Er wurde später auf Allerhöchsten
Befehl der verewigten Kaiserin zu den Dragonern versetzt.
C hl est ak ó ff. Nein, mir unbekannt.
R ast ak ówsk i. Ich dachte mir gleich, daß Sie ihn nicht kennen, weil er
schon vor mehr als dreißig Jahren gestorben ist. Hier ganz in der Nähe,
zwanzig Werst von der Stadt, lebt seine Enkelin, verheiratet mit Iwán
Wassiljewitsch Rogatka.
Page 118
C hl est ak ó ff. Mit Rogatka? Sehen Sie doch mal an! Das ist mir ganz
neu.
R ast ak ówsk i. Freilich, mit Iwán Wassiljewitsch Rogatka. Der Türke
also stand so dicht vor uns, wie dieser Tisch. Frost und Schneegestöber
waren so stark, wie in dem Jahr, da die Franzosen auf Moskau losrückten.
In unserem Regimente stand noch ein Sekond-Major namens Ficktel-
Knabe, ein Deutscher. Er hieß Siegfried Iwánowitsch, aber der damalige
General en chef taufte ihn einfach um: „Du bist kein Siegfried,“ sagte er,
„sondern Suppe; darum sollst du Suppe Iwánowitsch heißen.“ Und seitdem
wurde er nur noch Suppe Iwánowitsch genannt. Dieser Suppe Iwánowitsch
also, nebst dem eben erwähnten Sekond-Major Gwosdjew sollten einmal
eine Fouragierung vornehmen. Ihnen beigegeben waren ich und der
Quartiermeister Trepakin, vielleicht haben Sie ihn gekannt, Awtonom
Pawlowitsch; ich glaube, er ist auch schon bald fünfundzwanzig Jahre tot.
C hl est ak ó ff. Trepakin? Nein, kenne ich nicht. Übrigens hätte ich eine
Bitte an Sie ...
R ast ak ówsk i (ohne darauf zu hören). Eine schöne männliche Gestalt,
blondes Haar, dazu goldne Achselschnüre. Wie der Mazurka tanzen konnte!
Brauchte nur in die Hände zu klatschen, um selbst dem Oberst seine
Tänzerin abspenstig zu machen. Na, und überhaupt die kleinen Mädchen,
ha, ha, ha! ... Wir biwakierten damals unter Zelten; und wenn man bloß mal
so in sein Zelt hineinguckte, ha, ha, ha, da saß auch richtig so eine Kleine
drin; und wurde dann morgens vom Burschen hinausgeführt, als Dragoner
vermummt, im Dreimaster, ha, ha, ha, ein Portepée an der Seite, ha, ha, ha
...
C hl est ak ó ff. Eine ähnliche Geschichte passierte einem meiner
Bekannten, einem Beamten in recht einträglicher Stellung. Wie der eines
Tages im Schlafrock dasitzt und seine Pfeife raucht, kommt mit einemmal
ein Offizier von der Chevaliergarde, auch ein Freund von mir, herein und
sagt ... (unterbricht sich und schaut Rastakówski scharf ins Auge.) Hören Sie mal, könnten
Sie mir nicht etwas Geld borgen? Ich habe mich unterwegs ganz
verausgabt.
R ast ak ówsk i. Wer bat denn um Geld: der Beamte den Offizier oder der
Offizier den Beamten?
C hl est ak ó ff. Nicht doch, ich bitte Sie darum. Sehen Sie, ich tue es
lieber gleich, ehe ich’s nachher noch vergesse.
neu.
R ast ak ówsk i. Freilich, mit Iwán Wassiljewitsch Rogatka. Der Türke
also stand so dicht vor uns, wie dieser Tisch. Frost und Schneegestöber
waren so stark, wie in dem Jahr, da die Franzosen auf Moskau losrückten.
In unserem Regimente stand noch ein Sekond-Major namens Ficktel-
Knabe, ein Deutscher. Er hieß Siegfried Iwánowitsch, aber der damalige
General en chef taufte ihn einfach um: „Du bist kein Siegfried,“ sagte er,
„sondern Suppe; darum sollst du Suppe Iwánowitsch heißen.“ Und seitdem
wurde er nur noch Suppe Iwánowitsch genannt. Dieser Suppe Iwánowitsch
also, nebst dem eben erwähnten Sekond-Major Gwosdjew sollten einmal
eine Fouragierung vornehmen. Ihnen beigegeben waren ich und der
Quartiermeister Trepakin, vielleicht haben Sie ihn gekannt, Awtonom
Pawlowitsch; ich glaube, er ist auch schon bald fünfundzwanzig Jahre tot.
C hl est ak ó ff. Trepakin? Nein, kenne ich nicht. Übrigens hätte ich eine
Bitte an Sie ...
R ast ak ówsk i (ohne darauf zu hören). Eine schöne männliche Gestalt,
blondes Haar, dazu goldne Achselschnüre. Wie der Mazurka tanzen konnte!
Brauchte nur in die Hände zu klatschen, um selbst dem Oberst seine
Tänzerin abspenstig zu machen. Na, und überhaupt die kleinen Mädchen,
ha, ha, ha! ... Wir biwakierten damals unter Zelten; und wenn man bloß mal
so in sein Zelt hineinguckte, ha, ha, ha, da saß auch richtig so eine Kleine
drin; und wurde dann morgens vom Burschen hinausgeführt, als Dragoner
vermummt, im Dreimaster, ha, ha, ha, ein Portepée an der Seite, ha, ha, ha
...
C hl est ak ó ff. Eine ähnliche Geschichte passierte einem meiner
Bekannten, einem Beamten in recht einträglicher Stellung. Wie der eines
Tages im Schlafrock dasitzt und seine Pfeife raucht, kommt mit einemmal
ein Offizier von der Chevaliergarde, auch ein Freund von mir, herein und
sagt ... (unterbricht sich und schaut Rastakówski scharf ins Auge.) Hören Sie mal, könnten
Sie mir nicht etwas Geld borgen? Ich habe mich unterwegs ganz
verausgabt.
R ast ak ówsk i. Wer bat denn um Geld: der Beamte den Offizier oder der
Offizier den Beamten?
C hl est ak ó ff. Nicht doch, ich bitte Sie darum. Sehen Sie, ich tue es
lieber gleich, ehe ich’s nachher noch vergesse.
Page 119
R ast ak ówsk i. Also Sie brauchen Geld? Seltsam, und ich glaubte, der
Offizier in der Anekdote bäte darum. Wie man sich doch im Gespräch oft
täuschen kann! Sie also brauchen Geld? Und ich kam offen gestanden
gerade mit der Absicht, Sie meinerseits mit einer äußerst dringlichen Bitte
zu belästigen.
C hl est ak ó ff. Und die wäre?
R ast ak ówsk i. Ich habe nämlich Anspruch auf eine Pensionszulage und
hatte Sie höflichst darum bitten wollen, dort bei den Senatoren oder bei
sonstigen Persönlichkeiten ein gutes Wort für mich einzulegen.
C hl est ak ó ff. Aber gewiß, mit Vergnügen.
R ast ak ówsk i. Ich selber habe schon mal eine Bittschrift eingereicht,
möglicherweise aber nicht an die zuständige Stelle.
C hl est ak ó ff. Wie lange ist denn das her?
R ast ak ówsk i. Um die Wahrheit zu sagen, noch nicht gar so lange, im
Jahre 1801; ich warte aber seit diesen dreißig Jahren noch immer auf
Bescheid. Ich beförderte sie durch Iwán Pjetrówitsch Ssossulkin, der
damals gerade nach Petersburg reiste; leider ist er kein sonderlich
zuverlässiger Mensch. So kann es gekommen sein, daß sie nicht gehörigen
Orts eingereicht wurde. Jetzt wird es aber gewiß nicht mehr lange dauern:
dreißig Jahre sind um, und da wird die Entscheidung wohl bald erfolgen
müssen.
C hl est ak ó ff. Selbstverständlich, jetzt wird sie bald erfolgen müssen;
übrigens bin ich gern bereit, mich auch meinerseits ... Keine Ursache, schon
gut, schon gut.
Offizier in der Anekdote bäte darum. Wie man sich doch im Gespräch oft
täuschen kann! Sie also brauchen Geld? Und ich kam offen gestanden
gerade mit der Absicht, Sie meinerseits mit einer äußerst dringlichen Bitte
zu belästigen.
C hl est ak ó ff. Und die wäre?
R ast ak ówsk i. Ich habe nämlich Anspruch auf eine Pensionszulage und
hatte Sie höflichst darum bitten wollen, dort bei den Senatoren oder bei
sonstigen Persönlichkeiten ein gutes Wort für mich einzulegen.
C hl est ak ó ff. Aber gewiß, mit Vergnügen.
R ast ak ówsk i. Ich selber habe schon mal eine Bittschrift eingereicht,
möglicherweise aber nicht an die zuständige Stelle.
C hl est ak ó ff. Wie lange ist denn das her?
R ast ak ówsk i. Um die Wahrheit zu sagen, noch nicht gar so lange, im
Jahre 1801; ich warte aber seit diesen dreißig Jahren noch immer auf
Bescheid. Ich beförderte sie durch Iwán Pjetrówitsch Ssossulkin, der
damals gerade nach Petersburg reiste; leider ist er kein sonderlich
zuverlässiger Mensch. So kann es gekommen sein, daß sie nicht gehörigen
Orts eingereicht wurde. Jetzt wird es aber gewiß nicht mehr lange dauern:
dreißig Jahre sind um, und da wird die Entscheidung wohl bald erfolgen
müssen.
C hl est ak ó ff. Selbstverständlich, jetzt wird sie bald erfolgen müssen;
übrigens bin ich gern bereit, mich auch meinerseits ... Keine Ursache, schon
gut, schon gut.
Page 120
IV.
Eine vom Autor in die Buchausgabe nicht mitaufgenommene
Szene des „Revisor“.[1]
8. Szene (des vierten Aufzuges)
Chlestakóff und Hübner.
Hü bn er. Ich habe die Ehre, mich zu rekommandieren: Doktor der
Armenanstalten Hübner.
C hl est ak ó ff. Bitte nehmen Sie gefälligst Platz.
Hü bn er. Es freut mich sehr, die Ehre zu haben, einen so würdigen Mann
zu sehen, den die hohe Obrigkeit bevollmächtigt hat ...
C hl est ak ó ff. Bitte kein Deutsch, da bin ich recht wenig ... Sprechen wir
doch lieber russisch. Was ich sagen wollte: die Herren Beamten beziehen
jetzt allgemein ein recht gutes Gehalt. Haben Sie sich mit Geld versehen?
Hü bn er. Geld? Wieso Geld?
C hl est ak ó ff. Nun, ich würde Sie in dem Falle gebeten haben, es mir zu
borgen ... zu borgen ... Soll natürlich heißen: Sie gibt es mir jetzt, und ich
gebe[2] es Ihnen später wieder.
Hü bn er. Geld ... Geld habe ich keins ... (zieht eine Brieftasche heraus und schüttelt
sie aus). Sehen Sie! Nichts da ... nur eine Zigarre ... weiter nichts ...
C hl est ak ó ff. Na, dann ist nichts zu machen. Wo nichts ist, hat auch der
Kaiser sein Recht verloren.
Hü bn er (steckt die Brieftasche ein und greift in die Rocktasche). Wollen Sie eine
Zigarre rauchen? (Zieht sie heraus und überreicht sie ihm).
C hl est ak ó ff. Recht gern, gut! Geben Sie her, gibt (nimmt sie und steckt sie
an). Ganz leidliche Zigarre; gewiß aus Petersburg. (Bläst den Rauch vor sich hin).
Hü bn er. Nein ... aus ... Riga ...
C hl est ak ó ff. Aus Riga? So, das dachte ich mir gleich.
Hü bn er (steht auf und verbeugt sich). Ich darf Sie nicht mehr beunruhigen
(sic!) und Ihnen die teure Zeit rauben, die Sie den Staatsgeschäften widmen.
(Verabschiedet sich).
C hl est ak ó ff. Adieu. War mir sehr angenehm.
Eine vom Autor in die Buchausgabe nicht mitaufgenommene
Szene des „Revisor“.[1]
8. Szene (des vierten Aufzuges)
Chlestakóff und Hübner.
Hü bn er. Ich habe die Ehre, mich zu rekommandieren: Doktor der
Armenanstalten Hübner.
C hl est ak ó ff. Bitte nehmen Sie gefälligst Platz.
Hü bn er. Es freut mich sehr, die Ehre zu haben, einen so würdigen Mann
zu sehen, den die hohe Obrigkeit bevollmächtigt hat ...
C hl est ak ó ff. Bitte kein Deutsch, da bin ich recht wenig ... Sprechen wir
doch lieber russisch. Was ich sagen wollte: die Herren Beamten beziehen
jetzt allgemein ein recht gutes Gehalt. Haben Sie sich mit Geld versehen?
Hü bn er. Geld? Wieso Geld?
C hl est ak ó ff. Nun, ich würde Sie in dem Falle gebeten haben, es mir zu
borgen ... zu borgen ... Soll natürlich heißen: Sie gibt es mir jetzt, und ich
gebe[2] es Ihnen später wieder.
Hü bn er. Geld ... Geld habe ich keins ... (zieht eine Brieftasche heraus und schüttelt
sie aus). Sehen Sie! Nichts da ... nur eine Zigarre ... weiter nichts ...
C hl est ak ó ff. Na, dann ist nichts zu machen. Wo nichts ist, hat auch der
Kaiser sein Recht verloren.
Hü bn er (steckt die Brieftasche ein und greift in die Rocktasche). Wollen Sie eine
Zigarre rauchen? (Zieht sie heraus und überreicht sie ihm).
C hl est ak ó ff. Recht gern, gut! Geben Sie her, gibt (nimmt sie und steckt sie
an). Ganz leidliche Zigarre; gewiß aus Petersburg. (Bläst den Rauch vor sich hin).
Hü bn er. Nein ... aus ... Riga ...
C hl est ak ó ff. Aus Riga? So, das dachte ich mir gleich.
Hü bn er (steht auf und verbeugt sich). Ich darf Sie nicht mehr beunruhigen
(sic!) und Ihnen die teure Zeit rauben, die Sie den Staatsgeschäften widmen.
(Verabschiedet sich).
C hl est ak ó ff. Adieu. War mir sehr angenehm.
Page 121
9. Szene
C hl est ak ó ff (allein). Auch eine Zigarre ist mal ganz nett. Wieviel Beamte
es doch hier gibt usw.
C hl est ak ó ff (allein). Auch eine Zigarre ist mal ganz nett. Wieviel Beamte
es doch hier gibt usw.
Page 122
V.
Vorwort
zu einer zum Besten der Armen geplanten Ausgabe des „Revisor“.
1846.
Fast alle russischen Schriftsteller haben aus Teilen ihrer Werke Spenden
zum Besten der Armen gemacht: manche gaben zu diesem Zweck ganze
Bücher heraus, andere steuerten bereitwillig zu Sammelwerken bei; noch
andere endlich veranstalteten eigens dafür öffentliche Vorlesungen. Ich
allein hatte mich abseits gehalten. Vom Wunsche beseelt, diese meine
Unterlassung, wenn auch spät, zu sühnen, bestimme ich die vierte und
fünfte gleichzeitig in Moskau und Petersburg erscheinende Ausgabe des
„Revisor“ zum Besten der Notleidenden. Sie ist um eine dem Publikum
noch unbekannte Skizze: „Die Deutung des Revisors“ vermehrt, die aus
verschiedenen Gründen und Umständen bisher nicht veröffentlicht werden
konnte und hier zum erstenmal ihren Platz findet.
Der Erlös dieser beiden Ausgaben soll ausschließlich solchen
Bedürftigen zugute kommen, welche sich in unscheinbaren, niedrigen
Stellungen befinden und bei einem Einkommen, das kaum für den eigenen
Unterhalt notdürftig hinreicht, noch ärmere Anverwandte zu unterstützen,
oft sogar zu erhalten gezwungen sind; mit einem Wort: er ist für diejenigen
bestimmt, denen das bittere Los fiel, die doppelte Last des Lebens zu
tragen. Und deshalb bitte ich alle meine Leser, welche bereits durch den
Kauf dieses Buches das wohltätige Werk begonnen haben, es auch in
gleicher Weise fortzusetzen, namentlich aber, soweit es ihre Zeit erlaubt,
über alle in erster Linie Bedürftigen in Moskau sowohl wie in Petersburg
nach Möglichkeit Kunde einzuziehen, sich die Mühe nicht verdrießen zu
lassen, um in deren drückende Verhältnisse selbst hineinzuschauen, und alle
derartigen Nachrichten denen zu übermitteln, die mit der Verteilung der
Unterstützungen betraut sind.
Es herrscht viel Elend um uns her, von dem wir nichts wissen; oft siecht
in derselben Stadt, derselben Straße, ja in demselben Hause, in dem wir
wohnen, ein Mensch unter der schweren Last der Not und dem durch sie
Vorwort
zu einer zum Besten der Armen geplanten Ausgabe des „Revisor“.
1846.
Fast alle russischen Schriftsteller haben aus Teilen ihrer Werke Spenden
zum Besten der Armen gemacht: manche gaben zu diesem Zweck ganze
Bücher heraus, andere steuerten bereitwillig zu Sammelwerken bei; noch
andere endlich veranstalteten eigens dafür öffentliche Vorlesungen. Ich
allein hatte mich abseits gehalten. Vom Wunsche beseelt, diese meine
Unterlassung, wenn auch spät, zu sühnen, bestimme ich die vierte und
fünfte gleichzeitig in Moskau und Petersburg erscheinende Ausgabe des
„Revisor“ zum Besten der Notleidenden. Sie ist um eine dem Publikum
noch unbekannte Skizze: „Die Deutung des Revisors“ vermehrt, die aus
verschiedenen Gründen und Umständen bisher nicht veröffentlicht werden
konnte und hier zum erstenmal ihren Platz findet.
Der Erlös dieser beiden Ausgaben soll ausschließlich solchen
Bedürftigen zugute kommen, welche sich in unscheinbaren, niedrigen
Stellungen befinden und bei einem Einkommen, das kaum für den eigenen
Unterhalt notdürftig hinreicht, noch ärmere Anverwandte zu unterstützen,
oft sogar zu erhalten gezwungen sind; mit einem Wort: er ist für diejenigen
bestimmt, denen das bittere Los fiel, die doppelte Last des Lebens zu
tragen. Und deshalb bitte ich alle meine Leser, welche bereits durch den
Kauf dieses Buches das wohltätige Werk begonnen haben, es auch in
gleicher Weise fortzusetzen, namentlich aber, soweit es ihre Zeit erlaubt,
über alle in erster Linie Bedürftigen in Moskau sowohl wie in Petersburg
nach Möglichkeit Kunde einzuziehen, sich die Mühe nicht verdrießen zu
lassen, um in deren drückende Verhältnisse selbst hineinzuschauen, und alle
derartigen Nachrichten denen zu übermitteln, die mit der Verteilung der
Unterstützungen betraut sind.
Es herrscht viel Elend um uns her, von dem wir nichts wissen; oft siecht
in derselben Stadt, derselben Straße, ja in demselben Hause, in dem wir
wohnen, ein Mensch unter der schweren Last der Not und dem durch sie
Page 123
erzeugten Herzenskummer dahin, dessen ganzes Schicksal vielleicht
abgewendet werden konnte, wenn wir nur einmal den Blick auf ihn
gerichtet hätten; wir aber schauten uns nicht nach ihm um; wir leben sorglos
und unbekümmert weiter, hören fast teilnahmslos die Nachricht, daß ein
jemand, der neben uns lebte, zugrunde gegangen ist, und ahnen nicht
einmal, daß die Ursache seines Unterganges lediglich die war, daß wir uns
nicht die Mühe gaben, nach ihm hinzusehen. Um Christi willen bitte ich
inständigst einer mündlichen Rücksprache mit solchen nicht aus dem Wege
zu gehen, welche verschlossen und zurückhaltend sind, stumm sich grämen,
stumm leiden und stumm dahinsterben, so daß man nur selten und oft erst
nach ihrem Tode erfährt, sie seien unter der unerträglichen Last ihres
Kummers zusammengebrochen. Alle diejenigen meiner Leser, welche durch
wichtige Geschäfte und Pflichten gebunden nicht die Muße haben, sich
direkt der Lage der Bedürftigen anzunehmen, bitte ich, sich einer möglichst
weitgehenden pekuniären Beihilfe nicht zu versagen und diese einer von
den mit der Verteilung der Unterstützungen betrauten Personen zu
überweisen, deren Namen und Adressen am Schluß dieses Vorwortes
verzeichnet sind.
Ich erachte es für meine Pflicht hierbei mitzuteilen, daß ich für diese
Mühewaltung lediglich solche von den mir bekannten Persönlichkeiten
ausgewählt habe, welche, ohne durch eigene Sorgen und Geschäfte an der
für dergleichen Angelegenheiten notwendigen Muße gekürzt zu sein, sich
überdies aus Herzensbedürfnis gedrungen fühlen, dem Nächsten zu helfen
und diese mühselige Arbeit freudig auf sich genommen haben, ungeachtet
dessen, daß sie sie vieler angenehmer gesellschaftlicher Vergnügungen
beraubt, auf die man sonst ungern verzichtet. Deshalb darf sich jeder
Gebende überzeugt halten, daß die von ihm gewährte Unterstützung auch
mit Überlegung verteilt und keine Kopeke nutzlos vergeudet werden wird.
Die Betreffenden werden keinem Menschen eher beispringen, bevor sie ihn
nicht aus der Nähe kennen gelernt, alle obwaltenden Umstände erwogen
und so die volle Einsicht gewonnen haben, auf welche Art und Weise die
jenem zugedachte Unterstützung zur Anwendung kommen soll. In solchen
Fällen jedoch, wo der Unglückliche sein schweres Los selbst verschuldet
hat und sein Elend mit Gewissensfragen in Verbindung steht, werden sie die
Beihilfe nur durch erfahrene Geistliche und namentlich solche Beichtiger
zur Ausführung bringen lassen, die nicht zum erstenmal mit Seele und
Gewissen des Menschen zu tun hatten. Es wäre wünschenswert, wenn jeder,
abgewendet werden konnte, wenn wir nur einmal den Blick auf ihn
gerichtet hätten; wir aber schauten uns nicht nach ihm um; wir leben sorglos
und unbekümmert weiter, hören fast teilnahmslos die Nachricht, daß ein
jemand, der neben uns lebte, zugrunde gegangen ist, und ahnen nicht
einmal, daß die Ursache seines Unterganges lediglich die war, daß wir uns
nicht die Mühe gaben, nach ihm hinzusehen. Um Christi willen bitte ich
inständigst einer mündlichen Rücksprache mit solchen nicht aus dem Wege
zu gehen, welche verschlossen und zurückhaltend sind, stumm sich grämen,
stumm leiden und stumm dahinsterben, so daß man nur selten und oft erst
nach ihrem Tode erfährt, sie seien unter der unerträglichen Last ihres
Kummers zusammengebrochen. Alle diejenigen meiner Leser, welche durch
wichtige Geschäfte und Pflichten gebunden nicht die Muße haben, sich
direkt der Lage der Bedürftigen anzunehmen, bitte ich, sich einer möglichst
weitgehenden pekuniären Beihilfe nicht zu versagen und diese einer von
den mit der Verteilung der Unterstützungen betrauten Personen zu
überweisen, deren Namen und Adressen am Schluß dieses Vorwortes
verzeichnet sind.
Ich erachte es für meine Pflicht hierbei mitzuteilen, daß ich für diese
Mühewaltung lediglich solche von den mir bekannten Persönlichkeiten
ausgewählt habe, welche, ohne durch eigene Sorgen und Geschäfte an der
für dergleichen Angelegenheiten notwendigen Muße gekürzt zu sein, sich
überdies aus Herzensbedürfnis gedrungen fühlen, dem Nächsten zu helfen
und diese mühselige Arbeit freudig auf sich genommen haben, ungeachtet
dessen, daß sie sie vieler angenehmer gesellschaftlicher Vergnügungen
beraubt, auf die man sonst ungern verzichtet. Deshalb darf sich jeder
Gebende überzeugt halten, daß die von ihm gewährte Unterstützung auch
mit Überlegung verteilt und keine Kopeke nutzlos vergeudet werden wird.
Die Betreffenden werden keinem Menschen eher beispringen, bevor sie ihn
nicht aus der Nähe kennen gelernt, alle obwaltenden Umstände erwogen
und so die volle Einsicht gewonnen haben, auf welche Art und Weise die
jenem zugedachte Unterstützung zur Anwendung kommen soll. In solchen
Fällen jedoch, wo der Unglückliche sein schweres Los selbst verschuldet
hat und sein Elend mit Gewissensfragen in Verbindung steht, werden sie die
Beihilfe nur durch erfahrene Geistliche und namentlich solche Beichtiger
zur Ausführung bringen lassen, die nicht zum erstenmal mit Seele und
Gewissen des Menschen zu tun hatten. Es wäre wünschenswert, wenn jeder,
Page 124
der Nachforschungen nach Bedürftigen anzustellen gedenkt, sich der Mühe
unterziehen wollte, die Ergebnisse den Verteilern der Unterstützungsgelder
persönlich und nicht schriftlich darzulegen; denn bei mündlicher
Rücksprache lassen sich all’ jene Mißverständnisse leicht beseitigen, die bei
brieflicher Mitteilung nie zu vermeiden sind. Auf diese Weise wird jeder
sich nach Beschaffenheit seines Falles selber darüber ein Urteil bilden
können, an welche der bezeichneten Personen er sich lieber, bequemer und
zweckentsprechender wenden mag, auch erwägen können, wann die
mitfühlende Beteiligung einer Frau, wann das kräftige, brüderlich
ermutigende Wort eines Mannes im besonderen vonnöten sei. Noch
nützlicher wäre, wenn zu solchen Besprechungen ein für allemal eine
bestimmte Stunde festgesetzt würde, beispielsweise von 11-12, eine Stunde,
die überhaupt für alle, wenigstens für die Mehrzahl, die geeignetste ist; und
sollte sie trotzdem dem einen oder anderen nicht genehm sein, so wird der
zu dieser Stunde Vorsprechende auf jeden Fall die Ansage einer anderen,
geeigneteren erhalten können.
Zur Verteilung der Unterstützungsgelder haben sich bereit erklärt:
In Moskau:
Awdotja Pietrowna Jelagina.
Katerina Alexandrowna Swjerbejewa.
Wjera Sergejewna Aksakowa.
Alexej Stjepanowitsch Chomjakoff.
Nikolai Filippowitsch Pawloff.
Pjotr Wassiljewitsch Kirejewski.
In P et er sb urg:
Olga Stjepanowna Odojewskaja.
Gräfin Anna Michailowna Wjeljegorskaja.
Gräfin Daschkowa.
Arkadij Ossipowitsch Rosseti.
Jurij Fjodorowitsch Ssamarin.
Wladimir Alexejewitsch Muchanoff.
unterziehen wollte, die Ergebnisse den Verteilern der Unterstützungsgelder
persönlich und nicht schriftlich darzulegen; denn bei mündlicher
Rücksprache lassen sich all’ jene Mißverständnisse leicht beseitigen, die bei
brieflicher Mitteilung nie zu vermeiden sind. Auf diese Weise wird jeder
sich nach Beschaffenheit seines Falles selber darüber ein Urteil bilden
können, an welche der bezeichneten Personen er sich lieber, bequemer und
zweckentsprechender wenden mag, auch erwägen können, wann die
mitfühlende Beteiligung einer Frau, wann das kräftige, brüderlich
ermutigende Wort eines Mannes im besonderen vonnöten sei. Noch
nützlicher wäre, wenn zu solchen Besprechungen ein für allemal eine
bestimmte Stunde festgesetzt würde, beispielsweise von 11-12, eine Stunde,
die überhaupt für alle, wenigstens für die Mehrzahl, die geeignetste ist; und
sollte sie trotzdem dem einen oder anderen nicht genehm sein, so wird der
zu dieser Stunde Vorsprechende auf jeden Fall die Ansage einer anderen,
geeigneteren erhalten können.
Zur Verteilung der Unterstützungsgelder haben sich bereit erklärt:
In Moskau:
Awdotja Pietrowna Jelagina.
Katerina Alexandrowna Swjerbejewa.
Wjera Sergejewna Aksakowa.
Alexej Stjepanowitsch Chomjakoff.
Nikolai Filippowitsch Pawloff.
Pjotr Wassiljewitsch Kirejewski.
In P et er sb urg:
Olga Stjepanowna Odojewskaja.
Gräfin Anna Michailowna Wjeljegorskaja.
Gräfin Daschkowa.
Arkadij Ossipowitsch Rosseti.
Jurij Fjodorowitsch Ssamarin.
Wladimir Alexejewitsch Muchanoff.
Page 125
VI.
Die Deutung des Revisors
Personen:
Erster Schauspieler, Komiker: Michailo Sjemjonowitsch Schtschepkin.
Eine hübsche Schauspielerin.
Zweiter Schauspieler.
Fjodor Fjodorowitsch, Theaterenthusiast.
Pjotr Pjetrowitsch, ein vornehmer Herr.
Sjemjon Sjemjonowitsch, ein Herr aus ebenfalls ziemlich gutem Stande.
Nikolai Nikolajewitsch, ein Literat.
Schauspieler und Schauspielerinnen.
E r st er S chausp ieler (tritt auf die Bühne). Nun, jetzt wäre Bescheidenheit
unangebracht. Diesmal, darf ich sagen, habe ich ausgezeichnet gespielt und
der Applaus des Publikums war nicht unverdient. Fühlt man das selber,
ohne sich vor sich selbst zu schämen, dann war eben die Leistung
vollkommen.
(Eine Menge Schauspieler und Schauspielerinnen betreten die Bühne)
Z weit er S ch au sp ieler (einen Kranz in der Hand). Michailo
Sjemjonowitsch, jetzt kommen wir, nicht das Publikum, um Ihnen diesen
Kranz zu bringen. Das Publikum verteilt seine Kränze nicht immer nach
strenger Wahl; es schenkt sie auch geringeren Leistungen. Wenn aber
Kollegen, die doch oftmals neidisch und unbillig sind — wenn eben diese
Kollegen jemandem einmütigen Sinnes einen Kranz bringen, dann besagt
das, daß dieser Mann des Kranzes vollkommen würdig ist.
E r st er S chausp ieler (den Kranz entgegennehmend). Liebe Kollegen, ich
weiß diesen Kranz zu schätzen.
Die Deutung des Revisors
Personen:
Erster Schauspieler, Komiker: Michailo Sjemjonowitsch Schtschepkin.
Eine hübsche Schauspielerin.
Zweiter Schauspieler.
Fjodor Fjodorowitsch, Theaterenthusiast.
Pjotr Pjetrowitsch, ein vornehmer Herr.
Sjemjon Sjemjonowitsch, ein Herr aus ebenfalls ziemlich gutem Stande.
Nikolai Nikolajewitsch, ein Literat.
Schauspieler und Schauspielerinnen.
E r st er S chausp ieler (tritt auf die Bühne). Nun, jetzt wäre Bescheidenheit
unangebracht. Diesmal, darf ich sagen, habe ich ausgezeichnet gespielt und
der Applaus des Publikums war nicht unverdient. Fühlt man das selber,
ohne sich vor sich selbst zu schämen, dann war eben die Leistung
vollkommen.
(Eine Menge Schauspieler und Schauspielerinnen betreten die Bühne)
Z weit er S ch au sp ieler (einen Kranz in der Hand). Michailo
Sjemjonowitsch, jetzt kommen wir, nicht das Publikum, um Ihnen diesen
Kranz zu bringen. Das Publikum verteilt seine Kränze nicht immer nach
strenger Wahl; es schenkt sie auch geringeren Leistungen. Wenn aber
Kollegen, die doch oftmals neidisch und unbillig sind — wenn eben diese
Kollegen jemandem einmütigen Sinnes einen Kranz bringen, dann besagt
das, daß dieser Mann des Kranzes vollkommen würdig ist.
E r st er S chausp ieler (den Kranz entgegennehmend). Liebe Kollegen, ich
weiß diesen Kranz zu schätzen.
Page 126
Z weit er S ch au sp ieler. Nein, nicht in der Hand, aufs Haupt sollen Sie
ihn setzen!
Al l e S chau sp ieler und S ch auspi eler i nnen. Aufs Haupt den
Kranz!
Di e h ü bsche S chauspi el er i n (vortretend, mit befehlender Gebärde). Michailo
Sjemjonowitsch, den Kranz aufs Haupt!
E r st er S chau spi el er. Nein liebe Kollegen, den Kranz nehme ich zwar
von Euch an, aber aufsetzen darf ich ihn nicht. Etwas anderes ist’s, vom
Publikum einen Kranz zu empfangen, als den gewohnten Ausdruck des
Dankes, womit es jeden beschenkt, der seinen Beifall zu erringen wußte;
einen solchen Kranz nicht aufsetzen, würde Geringschätzung gegenüber
seiner Gunst bedeuten. Um aber einen Kranz im Kreise gleichwürdiger
Kollegen aufzusetzen, dazu bedürfte es weit größerer Selbstüberhebung, als
ich sie besitze.
Al l e. Den Kranz aufs Haupt!
Di e hü bsch e S chauspi el er in. Den Kranz aufs Haupt, Michailo
Sjemjonowitsch!
Z weit er S chauspi el er. Das ist unsere Sache, hier richten wir, nicht
Sie. Setzen Sie ihn bitte nur erst mal auf, dann wollen wir Ihnen schon
sagen, weshalb wir Sie bekränzt haben. So ist’s recht! Und nun hören Sie!
Der Kranz gebührt Ihnen darum, weil Sie uns schon reichlich zwanzig Jahre
angehören, ohne daß auch nur ein einziger unter uns sich jemals von Ihnen
gekränkt gefühlt hätte; darum, weil Sie hingebender als wir alle ihre Pflicht
getan und eben dadurch auch unseren Ehrgeiz geweckt haben, auf unserer
Bahn nicht zu ermatten, wozu wir sonst schwerlich die Kraft gehabt hätten.
Gibt es denn eine Macht, die stärker fortreißen könnte, als das anfeuernde
Beispiel eines Kollegen? Und darum auch, weil Sie stets nicht nur an sich
selbst gedacht, sich nicht nur Mühe gegeben haben, Ihre eigne Rolle gut zu
spielen, sondern auch Sorge trugen, daß jeder andere die seine nicht
verderbe, keinem Ihren Rat versagt und keinen gering geachtet haben. Und
endlich darum, weil Sie die Kunst so geliebt haben, wie niemals einer von
uns übrigen. Nun wissen Sie, warum wir einmütig Ihnen jetzt diesen Kranz
widmen.
E r st er S chauspi el er (mit Rührung). Nein, liebe Kollegen, so war es
nicht, wiewohl ich wünschte, es wäre so gewesen.
(Es erscheinen Fjodor Fjodorowitsch, Sjemjon Sjemjonowitsch, Pjotr Pjetrowitsch und Nikolai
Nikolajewitsch.)
ihn setzen!
Al l e S chau sp ieler und S ch auspi eler i nnen. Aufs Haupt den
Kranz!
Di e h ü bsche S chauspi el er i n (vortretend, mit befehlender Gebärde). Michailo
Sjemjonowitsch, den Kranz aufs Haupt!
E r st er S chau spi el er. Nein liebe Kollegen, den Kranz nehme ich zwar
von Euch an, aber aufsetzen darf ich ihn nicht. Etwas anderes ist’s, vom
Publikum einen Kranz zu empfangen, als den gewohnten Ausdruck des
Dankes, womit es jeden beschenkt, der seinen Beifall zu erringen wußte;
einen solchen Kranz nicht aufsetzen, würde Geringschätzung gegenüber
seiner Gunst bedeuten. Um aber einen Kranz im Kreise gleichwürdiger
Kollegen aufzusetzen, dazu bedürfte es weit größerer Selbstüberhebung, als
ich sie besitze.
Al l e. Den Kranz aufs Haupt!
Di e hü bsch e S chauspi el er in. Den Kranz aufs Haupt, Michailo
Sjemjonowitsch!
Z weit er S chauspi el er. Das ist unsere Sache, hier richten wir, nicht
Sie. Setzen Sie ihn bitte nur erst mal auf, dann wollen wir Ihnen schon
sagen, weshalb wir Sie bekränzt haben. So ist’s recht! Und nun hören Sie!
Der Kranz gebührt Ihnen darum, weil Sie uns schon reichlich zwanzig Jahre
angehören, ohne daß auch nur ein einziger unter uns sich jemals von Ihnen
gekränkt gefühlt hätte; darum, weil Sie hingebender als wir alle ihre Pflicht
getan und eben dadurch auch unseren Ehrgeiz geweckt haben, auf unserer
Bahn nicht zu ermatten, wozu wir sonst schwerlich die Kraft gehabt hätten.
Gibt es denn eine Macht, die stärker fortreißen könnte, als das anfeuernde
Beispiel eines Kollegen? Und darum auch, weil Sie stets nicht nur an sich
selbst gedacht, sich nicht nur Mühe gegeben haben, Ihre eigne Rolle gut zu
spielen, sondern auch Sorge trugen, daß jeder andere die seine nicht
verderbe, keinem Ihren Rat versagt und keinen gering geachtet haben. Und
endlich darum, weil Sie die Kunst so geliebt haben, wie niemals einer von
uns übrigen. Nun wissen Sie, warum wir einmütig Ihnen jetzt diesen Kranz
widmen.
E r st er S chauspi el er (mit Rührung). Nein, liebe Kollegen, so war es
nicht, wiewohl ich wünschte, es wäre so gewesen.
(Es erscheinen Fjodor Fjodorowitsch, Sjemjon Sjemjonowitsch, Pjotr Pjetrowitsch und Nikolai
Nikolajewitsch.)
Page 127
F jo do r F j o dor owi tsch (den ersten Schauspieler lebhaft umarmend). Michailo
Sjemjonowitsch, ich bin außer mir, weiß gar nicht, was ich zu Ihrem Spiel
sagen soll: so schön haben Sie noch nie gespielt!
P jo t r P j et r o wit sch. Ohne alle Schmeichelei, Michailo
Sjemjonowitsch, aber ich muß aufrichtig bekennen: ich habe niemals —
trotzdem ich, wie ich ohne mich zu brüsten sagen darf, alle erstrangigen
Theater Europas besucht und die vorzüglichsten Schauspieler gesehen habe
— niemals habe ich ein ähnlich vollkommenes Spiel gesehen, nein niemals,
ohne alle Schmeichelei!
S jem jo n S j em jo nowi tsch. Michailo Sjemjonowitsch! ... (außerstande,
sich in Worten auszudrücken, mit einer Handbewegung). Sie sind der reine Dämon!
Ni kol ai Ni k olajewit sch. So vorzüglich, so restlos vollkommen, so
verständnisvoll und mit so tiefer Auffassung seine Rolle spielen — nein,
das geht über eine einfache Darstellung hinaus, das ist eine zweite
Gestaltung, ist eine Neuschöpfung!
F jo do r F jo dor owi tsch. Die vollendete Kunst hat ihren Kranz
erhalten! Hier endlich begreift man die Hoheit der Kunst. Was hat denn z.
B. die Persönlichkeit, die Sie eben darstellten, sonst reizvolles an sich? Ist’s
möglich, dem Zuschauer durch Verkörperung irgendeines beliebigen
Schurken Genuß zu bereiten? Ihnen ist das gelungen. Ich habe geweint,
nicht aus Teilnahme für das Schicksal dieses Menschen, sondern weil ich
hingerissen war. Mir wurde hell und leicht ums Herz, und zwar deshalb,
weil Sie alle Züge dieses verderbten Charakters ans Licht brachten, weil Sie
klar erkennen ließen, was so ein Schurke bedeutet.
P jo t r P j etr owi tsch. Gestatten Sie mir immerhin, um ganz abzusehen
von der meisterhaften Darstellung des Stückes, dergleichen ich aufrichtig
gestanden noch nie gesehen habe — und ich bin doch, ohne Rühmens
gesagt, in den besten Theatern gewesen — ich weiß auch nicht einmal, wem
der Autor mehr zu Dank verpflichtet ist: Ihnen, meine Herrschaften, oder
unserer Theaterleitung; wahrscheinlich aber beiden zugleich, denn eine
derartige Aufführung hebt jedes Stück (ich bitte meine Worte nicht als leere
Schmeichelei aufzufassen!). Immerhin also gestatten Sie mir, wenn wir von alldem
absehen, eine Bemerkung über das Stück selbst zu machen, dieselbe
Bemerkung, die sich mir schon vor zehn Jahren, bei Gelegenheit der ersten
Aufführung aufdrängte: ich vermag nämlich im „Revisor“, auch wenn er so
vortrefflich wie jetzt gespielt wird, nicht den geringsten Nutzen für die
Sjemjonowitsch, ich bin außer mir, weiß gar nicht, was ich zu Ihrem Spiel
sagen soll: so schön haben Sie noch nie gespielt!
P jo t r P j et r o wit sch. Ohne alle Schmeichelei, Michailo
Sjemjonowitsch, aber ich muß aufrichtig bekennen: ich habe niemals —
trotzdem ich, wie ich ohne mich zu brüsten sagen darf, alle erstrangigen
Theater Europas besucht und die vorzüglichsten Schauspieler gesehen habe
— niemals habe ich ein ähnlich vollkommenes Spiel gesehen, nein niemals,
ohne alle Schmeichelei!
S jem jo n S j em jo nowi tsch. Michailo Sjemjonowitsch! ... (außerstande,
sich in Worten auszudrücken, mit einer Handbewegung). Sie sind der reine Dämon!
Ni kol ai Ni k olajewit sch. So vorzüglich, so restlos vollkommen, so
verständnisvoll und mit so tiefer Auffassung seine Rolle spielen — nein,
das geht über eine einfache Darstellung hinaus, das ist eine zweite
Gestaltung, ist eine Neuschöpfung!
F jo do r F jo dor owi tsch. Die vollendete Kunst hat ihren Kranz
erhalten! Hier endlich begreift man die Hoheit der Kunst. Was hat denn z.
B. die Persönlichkeit, die Sie eben darstellten, sonst reizvolles an sich? Ist’s
möglich, dem Zuschauer durch Verkörperung irgendeines beliebigen
Schurken Genuß zu bereiten? Ihnen ist das gelungen. Ich habe geweint,
nicht aus Teilnahme für das Schicksal dieses Menschen, sondern weil ich
hingerissen war. Mir wurde hell und leicht ums Herz, und zwar deshalb,
weil Sie alle Züge dieses verderbten Charakters ans Licht brachten, weil Sie
klar erkennen ließen, was so ein Schurke bedeutet.
P jo t r P j etr owi tsch. Gestatten Sie mir immerhin, um ganz abzusehen
von der meisterhaften Darstellung des Stückes, dergleichen ich aufrichtig
gestanden noch nie gesehen habe — und ich bin doch, ohne Rühmens
gesagt, in den besten Theatern gewesen — ich weiß auch nicht einmal, wem
der Autor mehr zu Dank verpflichtet ist: Ihnen, meine Herrschaften, oder
unserer Theaterleitung; wahrscheinlich aber beiden zugleich, denn eine
derartige Aufführung hebt jedes Stück (ich bitte meine Worte nicht als leere
Schmeichelei aufzufassen!). Immerhin also gestatten Sie mir, wenn wir von alldem
absehen, eine Bemerkung über das Stück selbst zu machen, dieselbe
Bemerkung, die sich mir schon vor zehn Jahren, bei Gelegenheit der ersten
Aufführung aufdrängte: ich vermag nämlich im „Revisor“, auch wenn er so
vortrefflich wie jetzt gespielt wird, nicht den geringsten Nutzen für die
Page 128
Allgemeinheit zu erkennen, so daß man sagen dürfte, das Stück sei für sie
unentbehrlich.
S jem jo n S jem jo nowi tsch. Ich meinesteils halte es sogar für
schädlich; es wird darin unsere Entwürdigung geschildert. Ich kann nicht
glauben, daß derjenige, der es schrieb, sein Vaterland liebt. Überdies:
welche Nichtachtung, welche Rücksichtslosigkeit offenbaren sich darin! Ich
fasse es überhaupt nicht, wie man wagen kann, allen ins Gesicht zu sagen:
„was lacht ihr? Ihr lacht über euch selber!“
F jo do r F j o dor owi tsch. Aber Sjemjon Sjemjonowitsch, lieber Freund,
du vergißt ja ganz, daß das nicht der Autor, sondern der Polizeimeister sagt,
der aufgebrachte, zornige Schurke, der natürlich wütend ist, weil man über
ihn lacht.
P jo t r P j etr owi tsch. Fjodor Fjodorowitsch, dagegen wäre doch
einzuwenden, daß gerade diese Worte eine befremdende Wirkung taten, und
daß sicherlich sehr viele Zuschauer den Eindruck gehabt haben, als richte
der Autor jene Worte: „Was lacht ihr? Ihr lacht über euch selber!“
ausdrücklich an sie. Ich sage das — meine Herrschaften, Sie werden meine
Worte nicht so auffassen, als ob ich dem Autor persönlich übelwollte, oder
voreingenommen gegen ihn wäre, oder ... kurz, als ob ich irgend etwas
gegen ihn hätte, verstehen Sie mich recht; nein, ich gebe lediglich meinem
eigenen Empfinden Ausdruck; mir kam es aber wirklich so vor, als ob in
diesem Augenblick ein Mensch vor mir stünde, der sich über alles an uns
lustig macht, über unsre Eigenschaften, unsre Sitten und Gewohnheiten;
und, indem er uns zwingt, selber über all dies zu lachen, uns ins Gesicht
sagt: „ihr lacht über euch selber!“
E r st er S ch au sp ieler. Erlauben Sie mir hier ein Wort einzuschalten.
Das hat sich ganz unwillkürlich so ergeben: in einem an sich selbst
gerichteten Monologe pflegt sich der Schauspieler gewöhnlich dem
Publikum zuzuwenden. Obwohl nun der Polizeimeister halb bewußtlos und
dem Wahnsinn nahe ist, muß er doch erkennen, wie überaus lächerlich er
sich durch seine ohnmächtigen Drohungen gegen Chlestakóff macht, der
zur selben Zeit im Postwagen über Stock und Stein auf
Nimmerwiedersehen davonjagt. Mag man dem immerhin die Deutung
geben, von der Sie reden: dem Autor jedenfalls hat jede derartige Absicht
ferngelegen; ich sage Ihnen das deshalb, weil ich ein kleines Geheimnis
dieses Stückes kenne. Gestatten Sie mir übrigens eine Gegenfrage: was
unentbehrlich.
S jem jo n S jem jo nowi tsch. Ich meinesteils halte es sogar für
schädlich; es wird darin unsere Entwürdigung geschildert. Ich kann nicht
glauben, daß derjenige, der es schrieb, sein Vaterland liebt. Überdies:
welche Nichtachtung, welche Rücksichtslosigkeit offenbaren sich darin! Ich
fasse es überhaupt nicht, wie man wagen kann, allen ins Gesicht zu sagen:
„was lacht ihr? Ihr lacht über euch selber!“
F jo do r F j o dor owi tsch. Aber Sjemjon Sjemjonowitsch, lieber Freund,
du vergißt ja ganz, daß das nicht der Autor, sondern der Polizeimeister sagt,
der aufgebrachte, zornige Schurke, der natürlich wütend ist, weil man über
ihn lacht.
P jo t r P j etr owi tsch. Fjodor Fjodorowitsch, dagegen wäre doch
einzuwenden, daß gerade diese Worte eine befremdende Wirkung taten, und
daß sicherlich sehr viele Zuschauer den Eindruck gehabt haben, als richte
der Autor jene Worte: „Was lacht ihr? Ihr lacht über euch selber!“
ausdrücklich an sie. Ich sage das — meine Herrschaften, Sie werden meine
Worte nicht so auffassen, als ob ich dem Autor persönlich übelwollte, oder
voreingenommen gegen ihn wäre, oder ... kurz, als ob ich irgend etwas
gegen ihn hätte, verstehen Sie mich recht; nein, ich gebe lediglich meinem
eigenen Empfinden Ausdruck; mir kam es aber wirklich so vor, als ob in
diesem Augenblick ein Mensch vor mir stünde, der sich über alles an uns
lustig macht, über unsre Eigenschaften, unsre Sitten und Gewohnheiten;
und, indem er uns zwingt, selber über all dies zu lachen, uns ins Gesicht
sagt: „ihr lacht über euch selber!“
E r st er S ch au sp ieler. Erlauben Sie mir hier ein Wort einzuschalten.
Das hat sich ganz unwillkürlich so ergeben: in einem an sich selbst
gerichteten Monologe pflegt sich der Schauspieler gewöhnlich dem
Publikum zuzuwenden. Obwohl nun der Polizeimeister halb bewußtlos und
dem Wahnsinn nahe ist, muß er doch erkennen, wie überaus lächerlich er
sich durch seine ohnmächtigen Drohungen gegen Chlestakóff macht, der
zur selben Zeit im Postwagen über Stock und Stein auf
Nimmerwiedersehen davonjagt. Mag man dem immerhin die Deutung
geben, von der Sie reden: dem Autor jedenfalls hat jede derartige Absicht
ferngelegen; ich sage Ihnen das deshalb, weil ich ein kleines Geheimnis
dieses Stückes kenne. Gestatten Sie mir übrigens eine Gegenfrage: was
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wäre denn, wenn der Autor wirklich die Absicht gehabt hätte, dem
Zuschauer begreiflich zu machen, daß er über sich selber lacht?
S jem jo n S j em jo nowi tsch. Danke für das Kompliment! Ich für mein
Teil vermag nichts an mir zu entdecken, was ich mit den im „Revisor“
geschilderten Personen gemein hätte. Verzeihen Sie! Ich will mich gewiß
nicht rühmen, ohne Fehler zu sein, wie das ja auch sonst kein Mensch kann,
aber jenen Leuten gleiche ich doch nicht. Das fehlte noch gerade! Im Motto
heißt es: „Den Spiegel soll nicht schelten, wer eine Fratze hat.“ Pjotr
Pjetrowitsch, ich frage dich: habe ich eine Fratze? Und dich, Nikolai
Nikolajewitsch, frage ich: habe ich eine Fratze? (Sich an die übrigen wendend.)
Meine Herrschaften, ich frage Sie alle: habe ich etwa eine Fratze?
F jo do r F jo do r owi tsch. Aber, Sjemjon Sjemjonowitsch, lieber
Freund, du stellst wunderliche Fragen. Ein Ausbund von Schönheit bist du
freilich nicht, wie ja auch wir allesamt Sünder sind. Man kann wirklich
nicht so ohne weiteres behaupten, daß dein Gesicht die Vollkommenheit
selber wäre; wie man es sich auch betrachtet, ein wenig schief ist es doch;
nun, und was schief ist, ist schließlich auch eine Fratze.
P jo t r P jet r owi t sch. Aber meine Herren, Sie kommen ja ganz vom
Thema ab! Das ist doch jedermanns eigene Gewissenssache; und wir
amüsieren uns darüber zu streiten, wer eine Fratze hat, und wer nicht. Die
eigentliche Frage war aber doch, um wieder darauf zurückzukommen: ich
sehe in dieser Komödie nichts von Vernunft, ich sehe nichts von einem
Zweck darin, wenigstens geht aus dem Werke selbst nichts dergleichen
hervor.
Ni kol ai N i k ol aj ewi tsch. Ja, was wollen Sie denn noch für einen
Zweck, Pjotr Pjetrowitsch? Die Kunst trägt doch ihren Zweck in sich selbst;
das Streben nach dem Schönen und Erhabenen, das ist Kunst; das ist das
unverbrüchliche Gesetz der Kunst, und ohne dies ist Kunst nicht Kunst.
Und darum kann sie in keinem Falle unmoralisch sein. Sie strebt durchaus
zum Guten, positiv oder negativ, ob sie uns nun das Edelste darstellt, was
der Mensch besitzt, oder sich über die Häßlichkeit seiner Laster lustig
macht. Wenn man alles Schlechte zur Schau stellt, was im Menschen steckt,
und so kraß darstellt, daß jeder Zuschauer tiefen Abscheu davor empfindet,
dann frage ich: Ist das nicht eine Verherrlichung alles Edlen? Nicht eine
Verherrlichung der Tugend?
P jo t r P jet r owi t sch. Unstreitig, Nikolai Nikolajewitsch, doch möchte
ich trotzdem ....
Zuschauer begreiflich zu machen, daß er über sich selber lacht?
S jem jo n S j em jo nowi tsch. Danke für das Kompliment! Ich für mein
Teil vermag nichts an mir zu entdecken, was ich mit den im „Revisor“
geschilderten Personen gemein hätte. Verzeihen Sie! Ich will mich gewiß
nicht rühmen, ohne Fehler zu sein, wie das ja auch sonst kein Mensch kann,
aber jenen Leuten gleiche ich doch nicht. Das fehlte noch gerade! Im Motto
heißt es: „Den Spiegel soll nicht schelten, wer eine Fratze hat.“ Pjotr
Pjetrowitsch, ich frage dich: habe ich eine Fratze? Und dich, Nikolai
Nikolajewitsch, frage ich: habe ich eine Fratze? (Sich an die übrigen wendend.)
Meine Herrschaften, ich frage Sie alle: habe ich etwa eine Fratze?
F jo do r F jo do r owi tsch. Aber, Sjemjon Sjemjonowitsch, lieber
Freund, du stellst wunderliche Fragen. Ein Ausbund von Schönheit bist du
freilich nicht, wie ja auch wir allesamt Sünder sind. Man kann wirklich
nicht so ohne weiteres behaupten, daß dein Gesicht die Vollkommenheit
selber wäre; wie man es sich auch betrachtet, ein wenig schief ist es doch;
nun, und was schief ist, ist schließlich auch eine Fratze.
P jo t r P jet r owi t sch. Aber meine Herren, Sie kommen ja ganz vom
Thema ab! Das ist doch jedermanns eigene Gewissenssache; und wir
amüsieren uns darüber zu streiten, wer eine Fratze hat, und wer nicht. Die
eigentliche Frage war aber doch, um wieder darauf zurückzukommen: ich
sehe in dieser Komödie nichts von Vernunft, ich sehe nichts von einem
Zweck darin, wenigstens geht aus dem Werke selbst nichts dergleichen
hervor.
Ni kol ai N i k ol aj ewi tsch. Ja, was wollen Sie denn noch für einen
Zweck, Pjotr Pjetrowitsch? Die Kunst trägt doch ihren Zweck in sich selbst;
das Streben nach dem Schönen und Erhabenen, das ist Kunst; das ist das
unverbrüchliche Gesetz der Kunst, und ohne dies ist Kunst nicht Kunst.
Und darum kann sie in keinem Falle unmoralisch sein. Sie strebt durchaus
zum Guten, positiv oder negativ, ob sie uns nun das Edelste darstellt, was
der Mensch besitzt, oder sich über die Häßlichkeit seiner Laster lustig
macht. Wenn man alles Schlechte zur Schau stellt, was im Menschen steckt,
und so kraß darstellt, daß jeder Zuschauer tiefen Abscheu davor empfindet,
dann frage ich: Ist das nicht eine Verherrlichung alles Edlen? Nicht eine
Verherrlichung der Tugend?
P jo t r P jet r owi t sch. Unstreitig, Nikolai Nikolajewitsch, doch möchte
ich trotzdem ....
Page 130
Ni kol ai N ik ol ajewit sch (fortfahrend). Nicht das ist schlimm, daß man
uns im Sünder die Sünde zeigt, so daß wir erkennen, wie schlecht sie ist,
sondern schlimm ist, wenn sie so dargestellt wird, daß man nicht weiß, auf
welche Seite man sich stellen soll; schlimm endlich, daß uns die Tugend in
einer Weise gezeigt wird, daß man in ihr nichts mehr von Tugend erkennt.
E r st er S ch au spi el er. Wahr und schön gesprochen, Nikolai
Nikolajewitsch! Sie haben ausgesprochen, was von jeher meine
Überzeugung war, nur daß ich selbst es nie so treffend formulieren konnte.
Ja, das ist das Schlimme, daß man in der Tugend die Tugend nicht mehr
erkennt. Dies Übel kommt aber von all den modernen Dramen her, mit
denen wir das Publikum unterhalten müssen. Der Zuschauer verläßt das
Theater, ohne sich Rechenschaft geben zu können, was er denn eigentlich
gesehen hat, ob ein böser oder ein guter Mensch vor ihm stand; er leitete
ihn nicht zur Tugend, er hielt ihn nicht vor dem Laster zurück, und so bleibt
er wie in einem Traum befangen, ohne aus dem, was er gesehen, eine
brauchbare Richtschnur fürs Leben gewinnen zu können, ja sogar irre
gemacht auf dem Wege, den er bisher gegangen, und bereit, dem ersten
besten zu folgen, der ihn abseits führt, ohne zu fragen wohin und warum.
F jo do r F jod or owi tsch. Fügen Sie noch hinzu, Michailo
Sjemjonowitsch, welche Überwindung es einen Schauspieler kosten muß,
eine derartige Rolle zu spielen, sofern er ein echter, wahrer Künstler ist.
E r st er S chau sp ieler. Sprechen Sie nicht davon, Ihre Worte treffen
mich mitten ins Herz. Sie können gar nicht ermessen, wie bitter das
manchmal ist. Man lernt, man studiert seine Rolle, und weiß doch selber
nicht, wie man sie verkörpern soll. Dann vergißt man sich mitunter, versetzt
sich in die Lage der darzustellenden Person, erhitzt sich, erschüttert die
Zuschauer — und wenn man sich schließlich besinnt, wodurch man das
erreicht hat, wird man uneins mit sich selbst: man möchte in die Erde
versinken, und glüht beim Applaus wie vor eigener Scham. Ja, ich vermag
nicht zu entscheiden, was verwerflicher ist: die Niedertracht so darzustellen,
daß es den Zuschauer mit ihr zu sympathisieren gelüstet, oder das Walten
der Tugend so wenig zur Erscheinung kommen zu lassen, daß jener gar
nicht den Wunsch fühlt, ihr zu folgen. Eines wie das andere ist meiner
Meinung nach — Fäulnis, aber keine Kunst. Nikolai Nikolajewitsch hat
weise gesprochen: schlimm ist’s, wenn man in der Tugend die Tugend nicht
erkennt.
uns im Sünder die Sünde zeigt, so daß wir erkennen, wie schlecht sie ist,
sondern schlimm ist, wenn sie so dargestellt wird, daß man nicht weiß, auf
welche Seite man sich stellen soll; schlimm endlich, daß uns die Tugend in
einer Weise gezeigt wird, daß man in ihr nichts mehr von Tugend erkennt.
E r st er S ch au spi el er. Wahr und schön gesprochen, Nikolai
Nikolajewitsch! Sie haben ausgesprochen, was von jeher meine
Überzeugung war, nur daß ich selbst es nie so treffend formulieren konnte.
Ja, das ist das Schlimme, daß man in der Tugend die Tugend nicht mehr
erkennt. Dies Übel kommt aber von all den modernen Dramen her, mit
denen wir das Publikum unterhalten müssen. Der Zuschauer verläßt das
Theater, ohne sich Rechenschaft geben zu können, was er denn eigentlich
gesehen hat, ob ein böser oder ein guter Mensch vor ihm stand; er leitete
ihn nicht zur Tugend, er hielt ihn nicht vor dem Laster zurück, und so bleibt
er wie in einem Traum befangen, ohne aus dem, was er gesehen, eine
brauchbare Richtschnur fürs Leben gewinnen zu können, ja sogar irre
gemacht auf dem Wege, den er bisher gegangen, und bereit, dem ersten
besten zu folgen, der ihn abseits führt, ohne zu fragen wohin und warum.
F jo do r F jod or owi tsch. Fügen Sie noch hinzu, Michailo
Sjemjonowitsch, welche Überwindung es einen Schauspieler kosten muß,
eine derartige Rolle zu spielen, sofern er ein echter, wahrer Künstler ist.
E r st er S chau sp ieler. Sprechen Sie nicht davon, Ihre Worte treffen
mich mitten ins Herz. Sie können gar nicht ermessen, wie bitter das
manchmal ist. Man lernt, man studiert seine Rolle, und weiß doch selber
nicht, wie man sie verkörpern soll. Dann vergißt man sich mitunter, versetzt
sich in die Lage der darzustellenden Person, erhitzt sich, erschüttert die
Zuschauer — und wenn man sich schließlich besinnt, wodurch man das
erreicht hat, wird man uneins mit sich selbst: man möchte in die Erde
versinken, und glüht beim Applaus wie vor eigener Scham. Ja, ich vermag
nicht zu entscheiden, was verwerflicher ist: die Niedertracht so darzustellen,
daß es den Zuschauer mit ihr zu sympathisieren gelüstet, oder das Walten
der Tugend so wenig zur Erscheinung kommen zu lassen, daß jener gar
nicht den Wunsch fühlt, ihr zu folgen. Eines wie das andere ist meiner
Meinung nach — Fäulnis, aber keine Kunst. Nikolai Nikolajewitsch hat
weise gesprochen: schlimm ist’s, wenn man in der Tugend die Tugend nicht
erkennt.
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Z weit er S chau spieler. Wahr, sehr wahr; schlimm, wenn man in der
Tugend die Tugend nicht erkennt.
P jo t r P j et r o wi t sch. Dagegen habe ich ganz und gar nichts
einzuwenden. Nikolai Nikolajewitsch hat weise gesprochen, und Michailo
Sjemjonowitsch hat es noch weiter ausgeführt. Jedoch ist all dies keine
Antwort auf meine Frage. Das, was Sie eben ausgesprochen haben,
nämlich: daß die Tugend mit einer magischen Kraft dargestellt werden
solle, fähig, nicht nur den guten, sondern auch den schlechten Menschen an
sich zu ziehen, und andererseits das Laster in so durchsichtiger Weise, daß
der Zuschauer nicht nur keine Neigung spürt, mit den dargestellten
Personen zu sympathisieren, sondern umgekehrt den lebhaften Wunsch
fühlt, sie weit von sich zu stoßen, — all dies, Nikolai Nikolajewitsch, muß
selbstverständlich die absolute Vorbedingung jedes Dichterwerkes sein; um
von Zweck schon gar nicht zu reden. Jedes Dichterwerk aber muß darüber
hinaus noch Sinn und Bedeutung selbständiger Art besitzen, Nikolai
Nikolajewitsch, sonst geht seine Originalität verloren, sehen Sie das wohl
ein? Deshalb kann ich im „Revisor“ nicht die große Bedeutung erkennen,
die andere ihm beimessen. Es ist notwendig, daß volle Klarheit darüber
herrsche, warum solch ein Werk unternommen wurde, speziell was es
bezweckt, worauf es zielt und was es neues durch sich sagen will. Darum
handelt es sich, Nikolai Nikolajewitsch, und nicht um das, was Sie im
allgemeinen über Kunst sagen.
Ni kol ai N i k o lajewit sch. Aber wozu denn erst fragen, was es
bezweckt? Das liegt doch auf der Hand.
P jo t r P jetr owi tsch. Nein, Nikolai Nikolajewitsch, das liegt
keineswegs auf der Hand. Ich kann in dieser Komödie keinen besonderen
Zweck erkennen, es sei denn, der Autor hätte ihn absichtlich verhüllt. Dann
aber bedeutet das eine Verletzung des Kunstprinzips, was Sie auch dagegen
einwenden mögen. Betrachten wir diese Komödie doch mal genauer: der
„Revisor“ bringt doch gewiß nicht die Wirkung hervor, daß die Zuschauer
sich hinterher erhoben fühlen; im Gegenteil, ich denke, Sie wissen es selber,
daß die einen zwecklos beunruhigt, andere sogar erbittert wurden, und alle
samt und sonders ein drückendes Unbehagen mit nach Haus nahmen. Wenn
wir absehen vom Vergnügen, das die geschickt erfundenen Szenen bereiten,
von der komischen Situation vieler Personen, von der gewiß meisterhaften
Zeichnung einzelner Charaktere absehen, so bleibt doch in Summa so etwas
— ich kann das gar nicht einmal klar bezeichnen — so etwas unnatürlich
Tugend die Tugend nicht erkennt.
P jo t r P j et r o wi t sch. Dagegen habe ich ganz und gar nichts
einzuwenden. Nikolai Nikolajewitsch hat weise gesprochen, und Michailo
Sjemjonowitsch hat es noch weiter ausgeführt. Jedoch ist all dies keine
Antwort auf meine Frage. Das, was Sie eben ausgesprochen haben,
nämlich: daß die Tugend mit einer magischen Kraft dargestellt werden
solle, fähig, nicht nur den guten, sondern auch den schlechten Menschen an
sich zu ziehen, und andererseits das Laster in so durchsichtiger Weise, daß
der Zuschauer nicht nur keine Neigung spürt, mit den dargestellten
Personen zu sympathisieren, sondern umgekehrt den lebhaften Wunsch
fühlt, sie weit von sich zu stoßen, — all dies, Nikolai Nikolajewitsch, muß
selbstverständlich die absolute Vorbedingung jedes Dichterwerkes sein; um
von Zweck schon gar nicht zu reden. Jedes Dichterwerk aber muß darüber
hinaus noch Sinn und Bedeutung selbständiger Art besitzen, Nikolai
Nikolajewitsch, sonst geht seine Originalität verloren, sehen Sie das wohl
ein? Deshalb kann ich im „Revisor“ nicht die große Bedeutung erkennen,
die andere ihm beimessen. Es ist notwendig, daß volle Klarheit darüber
herrsche, warum solch ein Werk unternommen wurde, speziell was es
bezweckt, worauf es zielt und was es neues durch sich sagen will. Darum
handelt es sich, Nikolai Nikolajewitsch, und nicht um das, was Sie im
allgemeinen über Kunst sagen.
Ni kol ai N i k o lajewit sch. Aber wozu denn erst fragen, was es
bezweckt? Das liegt doch auf der Hand.
P jo t r P jetr owi tsch. Nein, Nikolai Nikolajewitsch, das liegt
keineswegs auf der Hand. Ich kann in dieser Komödie keinen besonderen
Zweck erkennen, es sei denn, der Autor hätte ihn absichtlich verhüllt. Dann
aber bedeutet das eine Verletzung des Kunstprinzips, was Sie auch dagegen
einwenden mögen. Betrachten wir diese Komödie doch mal genauer: der
„Revisor“ bringt doch gewiß nicht die Wirkung hervor, daß die Zuschauer
sich hinterher erhoben fühlen; im Gegenteil, ich denke, Sie wissen es selber,
daß die einen zwecklos beunruhigt, andere sogar erbittert wurden, und alle
samt und sonders ein drückendes Unbehagen mit nach Haus nahmen. Wenn
wir absehen vom Vergnügen, das die geschickt erfundenen Szenen bereiten,
von der komischen Situation vieler Personen, von der gewiß meisterhaften
Zeichnung einzelner Charaktere absehen, so bleibt doch in Summa so etwas
— ich kann das gar nicht einmal klar bezeichnen — so etwas unnatürlich
Page 132
Düsteres, so etwas wie Schrecken über unsere Sittenlosigkeit zurück.
Gerade das Erscheinen des Gendarmen, der wie eine Art Henker in die Tür
tritt, dies Versteinern, welches sich in allen Gesichtern ausprägt, während er
das Eintreffen des wahren Revisors ankündigt, der sie alle zerschmettern,
vernichten, vom Erdboden vertilgen soll, — all dies ist unerhört
schreckhaft! Ich bekenne Ihnen ganz aufrichtig, à la lettre, daß mir keine
einzige Tragödie jemals eine so trübe, drückende, trostlose Stimmung
verursacht hat; weshalb ich sogar argwöhne, der Autor habe durch die letzte
Szene seiner Komödie absichtlich diese Wirkung hervorbringen wollen. Es
ist ausgeschlossen, daß das durch bloßen Zufall zustande gekommen sein
sollte.
E r st er S ch auspi el er. Da sind Sie also doch endlich bei dieser Frage
angelangt. Der „Revisor“ wird nun schon an die zehn Jahr auf den Bühnen
dargestellt; mehr oder minder haben alle an der niederdrückenden Wirkung,
die er auf sie ausübte, Anstoß genommen; und dennoch hat sich niemand
die Frage vorgelegt: weshalb mußte diese Wirkung erzielt werden? Als
wenn der Autor seine Komödie nur so aufs Geratewohl geschrieben haben
sollte, ohne überhaupt daran zu denken, wozu sie nützen und welche Folgen
sie haben könnte. Gestehen Sie ihm doch wenigstens dieses Quentchen
Verstand zu, das Sie sonst keinem Menschen absprechen; jede Tat hat doch
schließlich einen Beweggrund, selbst bei unvernünftigen Leuten.
(Alle sehen ihn erstaunt an.)
P jo t r P j et r o wit sch. Erklären Sie sich genauer, Michailo
Sjemjonowitsch, das ist nicht ganz verständlich.
S jem jo n S jem jo nowi tsch. Sie scheinen uns Rätsel aufgeben zu
wollen.
E r st er S ch au spi el er. Ja, ist Ihnen denn wirklich gar nicht aufgefallen,
daß der „Revisor“ keinen Schluß hat?
Ni kol ai N i ko l ajewit sch. Wieso keinen Schluß?
S jem jo n S j em j on owi tsch. Was denn noch für einen Schluß? Fünf
Akte sind doch da, auf sechs bringt es keine Komödie. Soll etwa noch ein
weiterer Skandal nachfolgen?
P jo t r P j etr o w i t sch. In der Tat, Michailo Sjemjonowitsch, was wäre
denn das für eine Art Stück, wenn es keinen Schluß hätte? Ist das etwa auch
eine Kunstregel, Nikolai Nikolajewitsch? Das kommt mir wirklich so vor,
als wenn man vor uns alle ein verschlossenes Kästchen hinstellen und
fragen wollte, was darin sei.
Gerade das Erscheinen des Gendarmen, der wie eine Art Henker in die Tür
tritt, dies Versteinern, welches sich in allen Gesichtern ausprägt, während er
das Eintreffen des wahren Revisors ankündigt, der sie alle zerschmettern,
vernichten, vom Erdboden vertilgen soll, — all dies ist unerhört
schreckhaft! Ich bekenne Ihnen ganz aufrichtig, à la lettre, daß mir keine
einzige Tragödie jemals eine so trübe, drückende, trostlose Stimmung
verursacht hat; weshalb ich sogar argwöhne, der Autor habe durch die letzte
Szene seiner Komödie absichtlich diese Wirkung hervorbringen wollen. Es
ist ausgeschlossen, daß das durch bloßen Zufall zustande gekommen sein
sollte.
E r st er S ch auspi el er. Da sind Sie also doch endlich bei dieser Frage
angelangt. Der „Revisor“ wird nun schon an die zehn Jahr auf den Bühnen
dargestellt; mehr oder minder haben alle an der niederdrückenden Wirkung,
die er auf sie ausübte, Anstoß genommen; und dennoch hat sich niemand
die Frage vorgelegt: weshalb mußte diese Wirkung erzielt werden? Als
wenn der Autor seine Komödie nur so aufs Geratewohl geschrieben haben
sollte, ohne überhaupt daran zu denken, wozu sie nützen und welche Folgen
sie haben könnte. Gestehen Sie ihm doch wenigstens dieses Quentchen
Verstand zu, das Sie sonst keinem Menschen absprechen; jede Tat hat doch
schließlich einen Beweggrund, selbst bei unvernünftigen Leuten.
(Alle sehen ihn erstaunt an.)
P jo t r P j et r o wit sch. Erklären Sie sich genauer, Michailo
Sjemjonowitsch, das ist nicht ganz verständlich.
S jem jo n S jem jo nowi tsch. Sie scheinen uns Rätsel aufgeben zu
wollen.
E r st er S ch au spi el er. Ja, ist Ihnen denn wirklich gar nicht aufgefallen,
daß der „Revisor“ keinen Schluß hat?
Ni kol ai N i ko l ajewit sch. Wieso keinen Schluß?
S jem jo n S j em j on owi tsch. Was denn noch für einen Schluß? Fünf
Akte sind doch da, auf sechs bringt es keine Komödie. Soll etwa noch ein
weiterer Skandal nachfolgen?
P jo t r P j etr o w i t sch. In der Tat, Michailo Sjemjonowitsch, was wäre
denn das für eine Art Stück, wenn es keinen Schluß hätte? Ist das etwa auch
eine Kunstregel, Nikolai Nikolajewitsch? Das kommt mir wirklich so vor,
als wenn man vor uns alle ein verschlossenes Kästchen hinstellen und
fragen wollte, was darin sei.
Page 133
E r st er S ch auspi el er. Und wenn es nun tatsächlich zu dem Zweck
hingestellt wäre, damit Sie sich selber bemühen, es zu öffnen?
P jo t r P j et r o w i t sch. Dann muß einem das wenigstens gesagt, oder
gleich der Schlüssel in die Hand gegeben werden.
E r st er S ch au sp ieler. Aber wenn der Schlüssel nun doch daliegt,
neben dem Kästchen liegt?
Ni kol ai Ni kol ajewit sch. Sprechen Sie doch nicht weiter in Rätseln!
Sie haben von irgend etwas Kenntnis. Sicherlich hat Ihnen der Autor den
Schlüssel an die Hand gegeben, und Sie halten ihn fest und spielen den
Geheimnisvollen.
F jo do r F jo dor owi tsch. Erklären Sie sich, Michailo Sjemjonowitsch;
es interessiert mich allen Ernstes zu erfahren, was dahinter stecken mag!
Mit meinen Augen sehe ich nichts.
S jem jo n S jem j ono wit sch. So öffnen Sie uns doch das rätselhafte
Kästchen! Was ist’s mit diesem seltsamen Ding, das uns geheimnisvoll
gebracht, geheimnisvoll vor uns aufgestellt und geheimnisvoll vor uns
verschlossen gehalten wird?
E r st er S chau sp ieler. Und was dann, wenn es sich so öffnet, daß Sie
sich wundern müßten, es nicht selber haben öffnen zu können? Wenn dann
etwas darin liegt, was manchem als wertloser Groschen, anderen aber als
blanker Dukaten gilt, von dauerndem Wert, wie auch seine Prägung sich
verändern möge?
Ni kol ai N i ko l ajewit sch. Jetzt genug mit Ihren Rätseln! Geben Sie
uns ohne Umschweife den Schlüssel!
S jem jo n S j em j onowi tsch. Den Schlüssel, Michailo Sjemjonowitsch!
F jo do r F jo d or o wit sch. Den Schlüssel!
P jo t r P jet r o wit sch. Den Schlüssel!
Al l e S ch au sp ieler und S chauspiel er in nen. Michailo
Sjemjonowitsch, den Schlüssel!
E r st er S ch auspi el er. Den Schlüssel? Werden Sie ihn auch annehmen,
meine Herrschaften? Ihn nicht vielleicht mitsamt dem Kästchen
fortschleudern?
Ni kol ai N ik o lajewit sch. Den Schlüssel! Weiter wollen wir nichts
hören. Den Schlüssel!
Al l e. Den Schlüssel!
E r st er S ch auspi el er. Gut also, ich will Ihnen den Schlüssel geben.
Möglicherweise sind Sie nicht gewohnt, aus dem Munde eines Komikers
hingestellt wäre, damit Sie sich selber bemühen, es zu öffnen?
P jo t r P j et r o w i t sch. Dann muß einem das wenigstens gesagt, oder
gleich der Schlüssel in die Hand gegeben werden.
E r st er S ch au sp ieler. Aber wenn der Schlüssel nun doch daliegt,
neben dem Kästchen liegt?
Ni kol ai Ni kol ajewit sch. Sprechen Sie doch nicht weiter in Rätseln!
Sie haben von irgend etwas Kenntnis. Sicherlich hat Ihnen der Autor den
Schlüssel an die Hand gegeben, und Sie halten ihn fest und spielen den
Geheimnisvollen.
F jo do r F jo dor owi tsch. Erklären Sie sich, Michailo Sjemjonowitsch;
es interessiert mich allen Ernstes zu erfahren, was dahinter stecken mag!
Mit meinen Augen sehe ich nichts.
S jem jo n S jem j ono wit sch. So öffnen Sie uns doch das rätselhafte
Kästchen! Was ist’s mit diesem seltsamen Ding, das uns geheimnisvoll
gebracht, geheimnisvoll vor uns aufgestellt und geheimnisvoll vor uns
verschlossen gehalten wird?
E r st er S chau sp ieler. Und was dann, wenn es sich so öffnet, daß Sie
sich wundern müßten, es nicht selber haben öffnen zu können? Wenn dann
etwas darin liegt, was manchem als wertloser Groschen, anderen aber als
blanker Dukaten gilt, von dauerndem Wert, wie auch seine Prägung sich
verändern möge?
Ni kol ai N i ko l ajewit sch. Jetzt genug mit Ihren Rätseln! Geben Sie
uns ohne Umschweife den Schlüssel!
S jem jo n S j em j onowi tsch. Den Schlüssel, Michailo Sjemjonowitsch!
F jo do r F jo d or o wit sch. Den Schlüssel!
P jo t r P jet r o wit sch. Den Schlüssel!
Al l e S ch au sp ieler und S chauspiel er in nen. Michailo
Sjemjonowitsch, den Schlüssel!
E r st er S ch auspi el er. Den Schlüssel? Werden Sie ihn auch annehmen,
meine Herrschaften? Ihn nicht vielleicht mitsamt dem Kästchen
fortschleudern?
Ni kol ai N ik o lajewit sch. Den Schlüssel! Weiter wollen wir nichts
hören. Den Schlüssel!
Al l e. Den Schlüssel!
E r st er S ch auspi el er. Gut also, ich will Ihnen den Schlüssel geben.
Möglicherweise sind Sie nicht gewohnt, aus dem Munde eines Komikers
Page 134
derartige Worte zu vernehmen; doch einerlei, heut glüht meine Seele, ich
fühle mich leicht und frei, und will darum alles aussprechen, was ich auf
dem Herzen habe, wie Sie auch immer meine Worte aufnehmen mögen.
Nein, meine Herrschaften, der Autor hat mir den Schlüssel nicht anvertraut,
aber es gibt Momente der Seelenstimmung, wo man plötzlich erkennt, was
vordem unbegreiflich war. Ich fand diesen Schlüssel und mein Herz sagt
mir, daß es der rechte sei; das Kästchen tat sich vor mir auf, und meine
Seele sagt mir, daß der Autor selber nichts anderes gemeint haben könne.
Schauen Sie einmal genau in jene Stadt hinein, die im Stück geschildert
wird! Alle ohne Ausnahme sind überzeugt, daß es eine solche Stadt in ganz
Rußland nicht gibt; man hat nirgendwo bei uns von einem Orte gehört, in
dem sämtliche Beamten solche Schurken wären; immer sind doch
wenigstens zwei bis drei ehrenhafte darunter. Hier aber kein einziger. Mit
einem Wort, solch eine Stadt existiert nicht, nicht wahr? Wie aber nun,
wenn dies vielmehr unsere eigene Seelenstadt wäre, die sich in einem jeden
von uns befindet? Nein, lassen Sie uns nicht mit irdischen Augen auf uns
schauen — denn kein irdisches Wesen wird dereinst über uns zu Gericht
sitzen, — versuchen wir doch einmal mit den Augen dessen auf uns zu
schauen, der von allen Menschen Rechenschaft fordern wird, vor dem auch
die besten unter uns, beherzigen sie das, vor Scham die Blicke zu Boden
senken werden, und dann wollen wir einmal sehen, ob noch ein einziger
den Mut haben wird zu fragen: „habe ich denn eine Fratze?“ Ob er nicht
vielmehr über seine eigene Verworfenheit dann ebenso erschrecken wird,
wie er über die Verworfenheit aller jener Beamten erschrak, die er vorhin
im Stück sah. Nein, Pjotr Pjetrowitsch, nein, Sjemjon Sjemjonowitsch,
sagen Sie mir nicht: „das ist alter Kram“ oder „das wissen wir längst!“
Lassen Sie auch mich einmal reden. Bin ich denn etwa bloß zum
Spaßmachen da? Dinge, die uns zu dem Zweck gegeben sind, damit wir
ewig an sie denken sollen, darf man nicht alt heißen: wie etwas Neues
sollen wir sie aufnehmen, gleich als hörten wir sie zum erstenmal, ohne
Ansehung dessen, der sie ausspricht, sei er wer er sei. Nein, Sjemjon
Sjemjonowitsch, nicht um unsere Vortrefflichkeit darf es sich handeln,
sondern um die Sorge, daß unser Leben, welches wir für eine Komödie
anzusehen uns gewöhnt hatten, nicht auch so tragisch ende, wie die
Komödie, die wir vorhin gespielt haben. Man sage was man will, furchtbar
aber ist jener Revisor, der uns an den Pforten des Grabes erwartet. Und Sie
wüßten nicht, wer dieser Revisor ist? Wozu die Verstellung? Dieser Revisor
fühle mich leicht und frei, und will darum alles aussprechen, was ich auf
dem Herzen habe, wie Sie auch immer meine Worte aufnehmen mögen.
Nein, meine Herrschaften, der Autor hat mir den Schlüssel nicht anvertraut,
aber es gibt Momente der Seelenstimmung, wo man plötzlich erkennt, was
vordem unbegreiflich war. Ich fand diesen Schlüssel und mein Herz sagt
mir, daß es der rechte sei; das Kästchen tat sich vor mir auf, und meine
Seele sagt mir, daß der Autor selber nichts anderes gemeint haben könne.
Schauen Sie einmal genau in jene Stadt hinein, die im Stück geschildert
wird! Alle ohne Ausnahme sind überzeugt, daß es eine solche Stadt in ganz
Rußland nicht gibt; man hat nirgendwo bei uns von einem Orte gehört, in
dem sämtliche Beamten solche Schurken wären; immer sind doch
wenigstens zwei bis drei ehrenhafte darunter. Hier aber kein einziger. Mit
einem Wort, solch eine Stadt existiert nicht, nicht wahr? Wie aber nun,
wenn dies vielmehr unsere eigene Seelenstadt wäre, die sich in einem jeden
von uns befindet? Nein, lassen Sie uns nicht mit irdischen Augen auf uns
schauen — denn kein irdisches Wesen wird dereinst über uns zu Gericht
sitzen, — versuchen wir doch einmal mit den Augen dessen auf uns zu
schauen, der von allen Menschen Rechenschaft fordern wird, vor dem auch
die besten unter uns, beherzigen sie das, vor Scham die Blicke zu Boden
senken werden, und dann wollen wir einmal sehen, ob noch ein einziger
den Mut haben wird zu fragen: „habe ich denn eine Fratze?“ Ob er nicht
vielmehr über seine eigene Verworfenheit dann ebenso erschrecken wird,
wie er über die Verworfenheit aller jener Beamten erschrak, die er vorhin
im Stück sah. Nein, Pjotr Pjetrowitsch, nein, Sjemjon Sjemjonowitsch,
sagen Sie mir nicht: „das ist alter Kram“ oder „das wissen wir längst!“
Lassen Sie auch mich einmal reden. Bin ich denn etwa bloß zum
Spaßmachen da? Dinge, die uns zu dem Zweck gegeben sind, damit wir
ewig an sie denken sollen, darf man nicht alt heißen: wie etwas Neues
sollen wir sie aufnehmen, gleich als hörten wir sie zum erstenmal, ohne
Ansehung dessen, der sie ausspricht, sei er wer er sei. Nein, Sjemjon
Sjemjonowitsch, nicht um unsere Vortrefflichkeit darf es sich handeln,
sondern um die Sorge, daß unser Leben, welches wir für eine Komödie
anzusehen uns gewöhnt hatten, nicht auch so tragisch ende, wie die
Komödie, die wir vorhin gespielt haben. Man sage was man will, furchtbar
aber ist jener Revisor, der uns an den Pforten des Grabes erwartet. Und Sie
wüßten nicht, wer dieser Revisor ist? Wozu die Verstellung? Dieser Revisor
Page 135
ist unser erwachendes Gewissen, das uns jählings zwingt, uns mit scharfem
Auge selbst zu betrachten. Vor diesem Revisor wird nichts verborgen
bleiben, weil er in Sendung des Allerhöchsten kommt und gerade in dem
Augenblicke gemeldet wird, wo es keinen Schritt zurück mehr gibt. Dann
wird sich vor uns, wird sich in unserm eignen Innern ein solches Gräuel
enthüllen, daß sich vor Schrecken unser Haar sträuben wird. Darum ist es
besser eine Revision von alle dem, was in uns ist, im Anfang des Lebens
vorzunehmen, und nicht erst am Schlusse; besser, statt schalen Selbstlobs
und schaler Selbstbeschönigungen schon jetzt in diese unsaubere
Seelenstadt einzutreten, die oftmals verwahrloster als jede andere Stadt ist,
und in der unsere Leidenschaften wie verworfene Beamte hausen, die den
Schatz unsrer eigenen Seele bestehlen. Am Anfang des Lebens soll man
einen Revisor nehmen und Hand in Hand mit ihm alles durchprüfen, was in
uns ist, — einen wirklichen Revisor, keinen falschen, keinen Chlestakóff!
Chlestakóff ist ein Windbeutel, Chlestakóff ist das leichtfertige irdische
Gewissen, das feile, betrügerische Gewissen; ein Chlestakóff wird von den
in unsrer Seele hausenden Leidenschaften sofort bestochen; an seiner Hand
werden wir in unserer Seele nichts entdecken. Sehen Sie doch, wie sich
jeder Beamte im Gespräch mit ihm geschickt herauswindet, rechtfertigt und
fast wie ein Heiliger davongeht. Bedenken Sie, ist nicht jede unserer
Leidenschaften noch viel schlauer als diese schurkischen Beamten? Die
Leidenschaften nicht nur, nein sogar jede beliebige gleichgültige, platte
Gewohnheit? Sie weiß sich uns so geschickt zu entwinden und zu
rechtfertigen, daß man sie geradezu für eine Tugend hält, sich vor seinem
Nächsten noch brüstet und spricht: „sieh, wie herrlich meine Stadt ist, wie
alles darin so ordentlich und sauber ist!“ Heuchler sind unsere
Leidenschaften, Heuchler, sage ich Ihnen, denn ich habe für mich selbst mit
ihnen zu schaffen gehabt. Nein, mit dem leichtfertigen irdischen Gewissen
entdeckt man in sich nichts davon: dies wird von jenen, und jene werden
von diesem geprellt, wie die Beamten von Chlestakóff, und schließlich
verflüchtigt es sich auf Nimmerwiedersehen. Und man steht dann da wie
der Dummkopf Polizeimeister, der schon wer weiß wie hoch hinauswollte,
sich schon General träumte, ganz zuversichtlich verkündete, er werde in der
Residenz der Erste sein, den anderen bereits Ämter und Würden versprach,
und dann doch plötzlich wahrnehmen muß, daß er komplett betrogen und
übertölpelt worden ist von einem Bürschchen, einem Schlingel, einem
Windbeutel, der nicht die geringste Ähnlichkeit mit einem wirklichen
Auge selbst zu betrachten. Vor diesem Revisor wird nichts verborgen
bleiben, weil er in Sendung des Allerhöchsten kommt und gerade in dem
Augenblicke gemeldet wird, wo es keinen Schritt zurück mehr gibt. Dann
wird sich vor uns, wird sich in unserm eignen Innern ein solches Gräuel
enthüllen, daß sich vor Schrecken unser Haar sträuben wird. Darum ist es
besser eine Revision von alle dem, was in uns ist, im Anfang des Lebens
vorzunehmen, und nicht erst am Schlusse; besser, statt schalen Selbstlobs
und schaler Selbstbeschönigungen schon jetzt in diese unsaubere
Seelenstadt einzutreten, die oftmals verwahrloster als jede andere Stadt ist,
und in der unsere Leidenschaften wie verworfene Beamte hausen, die den
Schatz unsrer eigenen Seele bestehlen. Am Anfang des Lebens soll man
einen Revisor nehmen und Hand in Hand mit ihm alles durchprüfen, was in
uns ist, — einen wirklichen Revisor, keinen falschen, keinen Chlestakóff!
Chlestakóff ist ein Windbeutel, Chlestakóff ist das leichtfertige irdische
Gewissen, das feile, betrügerische Gewissen; ein Chlestakóff wird von den
in unsrer Seele hausenden Leidenschaften sofort bestochen; an seiner Hand
werden wir in unserer Seele nichts entdecken. Sehen Sie doch, wie sich
jeder Beamte im Gespräch mit ihm geschickt herauswindet, rechtfertigt und
fast wie ein Heiliger davongeht. Bedenken Sie, ist nicht jede unserer
Leidenschaften noch viel schlauer als diese schurkischen Beamten? Die
Leidenschaften nicht nur, nein sogar jede beliebige gleichgültige, platte
Gewohnheit? Sie weiß sich uns so geschickt zu entwinden und zu
rechtfertigen, daß man sie geradezu für eine Tugend hält, sich vor seinem
Nächsten noch brüstet und spricht: „sieh, wie herrlich meine Stadt ist, wie
alles darin so ordentlich und sauber ist!“ Heuchler sind unsere
Leidenschaften, Heuchler, sage ich Ihnen, denn ich habe für mich selbst mit
ihnen zu schaffen gehabt. Nein, mit dem leichtfertigen irdischen Gewissen
entdeckt man in sich nichts davon: dies wird von jenen, und jene werden
von diesem geprellt, wie die Beamten von Chlestakóff, und schließlich
verflüchtigt es sich auf Nimmerwiedersehen. Und man steht dann da wie
der Dummkopf Polizeimeister, der schon wer weiß wie hoch hinauswollte,
sich schon General träumte, ganz zuversichtlich verkündete, er werde in der
Residenz der Erste sein, den anderen bereits Ämter und Würden versprach,
und dann doch plötzlich wahrnehmen muß, daß er komplett betrogen und
übertölpelt worden ist von einem Bürschchen, einem Schlingel, einem
Windbeutel, der nicht die geringste Ähnlichkeit mit einem wirklichen
Page 136
Revisor besessen hatte. Nein, Pjotr Pjetrowitsch, nein, Sjemjon
Sjemjonowitsch, nein, meine Herrschaften, alle, alle, die ihr solcher
Anschauung sein mögt, entschlagt auch dieses weltlichen Gewissens! Laßt
uns nicht mit Chlestakóff, sondern mit dem wirklichen Revisor auf uns
schauen. Ich versichere euch, unsere Seelenstadt ist es wert, daß für sie so
von uns gesorgt werde, wie ein gewissenhafter Herrscher für sein Reich
sorgt. Mit Ernst und Strenge, wie er aus seinen Landen die Bestechlichen
entfernt, so laßt uns die bestechlichen Elemente aus unsrer eigenen Seele
vertreiben! Ein Mittel, eine Geißel gibt es, womit man sie austreiben kann:
mit dem Lachen, meine werten Landsleute! Mit dem Lachen, das all’ unsre
niederen Leidenschaften so fürchten, dem Lachen, das uns geschenkt ist,
um über alles, was die echte Schönheit des Menschen entstellt, lachen zu
können. Geben wir doch dem Lachen seine wahre Bedeutung wieder!
Entreißen wir es denen, die es erniedrigt haben zu einem leichtfertigen,
weltlichen Gespött über alles, ohne Unterschied zwischen Gut und Böse. In
derselben Weise, wie wir über die Verderbtheit anderer gelacht haben, laßt
uns hochherzig lachen über die eigenen Schwächen, welcher Art sie auch
sein mögen! Laßt uns nicht nur diese eine Komödie, sondern alles, was aus
der Feder jedes beliebigen Schriftstellers kommt, der Laster und Niedrigkeit
lachend an den Pranger stellt, so auf uns selbst beziehen, als wenn es
lediglich für uns geschrieben wäre: alles werden wir in uns aufspüren,
sofern wir unsere Seele nur nicht mit einem Chlestakóff, sondern mit dem
wirklichen und unbestechlichen Revisor betreten. Und nicht wollen wir uns
irre machen lassen, wenn so ein aufgebrachter Polizeimeister oder richtiger:
der böse Geist selber uns zuraunt: „Warum lacht ihr? Ihr lacht über euch
selbst!“ Stolz wollen wir ihm dann entgegnen: „Jawohl, wir lachen über uns
selbst, weil wir die Stimme unseres edlen russischen Wesens vernehmen,
weil wir den Befehl des Höchsten vernehmen, der uns gebietet, besser zu
werden als die übrigen!“ Meine lieben Landsleute, seht, in meinen Adern
fließt dasselbe russische Blut wie in den euren. Schaut her: ich weine! Ich,
der Komiker, der euch noch eben belustigt hat, ich weine jetzt. Gönnt mir
das Bewußtsein, daß auch mein Lebensweg so ehrenhaft ist, wie der eines
jeden von euch, daß auch ich meinem Vaterlande so ehrlich diene, wie ihr
andern alle, daß ich kein beliebiger Possenreißer bin, geschaffen zur
Kurzweil der gedankenlosen Menge, sondern ein treuer Beamter des großen
Gottesreiches; und daß ich ein Lachen in euch erweckt habe — nicht das
sündhafte, mit dem ein Mensch den andern verspottet, und das die nichtige
Sjemjonowitsch, nein, meine Herrschaften, alle, alle, die ihr solcher
Anschauung sein mögt, entschlagt auch dieses weltlichen Gewissens! Laßt
uns nicht mit Chlestakóff, sondern mit dem wirklichen Revisor auf uns
schauen. Ich versichere euch, unsere Seelenstadt ist es wert, daß für sie so
von uns gesorgt werde, wie ein gewissenhafter Herrscher für sein Reich
sorgt. Mit Ernst und Strenge, wie er aus seinen Landen die Bestechlichen
entfernt, so laßt uns die bestechlichen Elemente aus unsrer eigenen Seele
vertreiben! Ein Mittel, eine Geißel gibt es, womit man sie austreiben kann:
mit dem Lachen, meine werten Landsleute! Mit dem Lachen, das all’ unsre
niederen Leidenschaften so fürchten, dem Lachen, das uns geschenkt ist,
um über alles, was die echte Schönheit des Menschen entstellt, lachen zu
können. Geben wir doch dem Lachen seine wahre Bedeutung wieder!
Entreißen wir es denen, die es erniedrigt haben zu einem leichtfertigen,
weltlichen Gespött über alles, ohne Unterschied zwischen Gut und Böse. In
derselben Weise, wie wir über die Verderbtheit anderer gelacht haben, laßt
uns hochherzig lachen über die eigenen Schwächen, welcher Art sie auch
sein mögen! Laßt uns nicht nur diese eine Komödie, sondern alles, was aus
der Feder jedes beliebigen Schriftstellers kommt, der Laster und Niedrigkeit
lachend an den Pranger stellt, so auf uns selbst beziehen, als wenn es
lediglich für uns geschrieben wäre: alles werden wir in uns aufspüren,
sofern wir unsere Seele nur nicht mit einem Chlestakóff, sondern mit dem
wirklichen und unbestechlichen Revisor betreten. Und nicht wollen wir uns
irre machen lassen, wenn so ein aufgebrachter Polizeimeister oder richtiger:
der böse Geist selber uns zuraunt: „Warum lacht ihr? Ihr lacht über euch
selbst!“ Stolz wollen wir ihm dann entgegnen: „Jawohl, wir lachen über uns
selbst, weil wir die Stimme unseres edlen russischen Wesens vernehmen,
weil wir den Befehl des Höchsten vernehmen, der uns gebietet, besser zu
werden als die übrigen!“ Meine lieben Landsleute, seht, in meinen Adern
fließt dasselbe russische Blut wie in den euren. Schaut her: ich weine! Ich,
der Komiker, der euch noch eben belustigt hat, ich weine jetzt. Gönnt mir
das Bewußtsein, daß auch mein Lebensweg so ehrenhaft ist, wie der eines
jeden von euch, daß auch ich meinem Vaterlande so ehrlich diene, wie ihr
andern alle, daß ich kein beliebiger Possenreißer bin, geschaffen zur
Kurzweil der gedankenlosen Menge, sondern ein treuer Beamter des großen
Gottesreiches; und daß ich ein Lachen in euch erweckt habe — nicht das
sündhafte, mit dem ein Mensch den andern verspottet, und das die nichtige
Page 137
Leere des Müßiggangs gebiert, — sondern jenes Lachen, welches aus der
Nächstenliebe quillt. Einträchtig wollen wir aller Welt beweisen, daß in
russischen Landen alles, was da lebt, klein und groß, bemüht ist, dem zu
dienen, dem man auf Erden dienen soll, und (nach oben blickend) nach dorthin
aufwärts strebt zur höchsten, ewigen Schönheit.
Nächstenliebe quillt. Einträchtig wollen wir aller Welt beweisen, daß in
russischen Landen alles, was da lebt, klein und groß, bemüht ist, dem zu
dienen, dem man auf Erden dienen soll, und (nach oben blickend) nach dorthin
aufwärts strebt zur höchsten, ewigen Schönheit.
Page 138
VII.
Nachtrag
zur „Deutung des Revisors“.
S jem jo n S j em j onowi tsch. Was bedeutet das, Michailo
Michailowitsch, von was für einer Seelenstadt reden Sie?
Mi ch ai l o Mi chail owi tsch. Es war eine Eingebung. Mir schien, es sei
dies meine eigene Seelenstadt, und die letzte Szene stelle die letzte Szene
des Lebens vor, wo das Gewissen einen plötzlich zwingt, sich selbst scharf
zu betrachten und vor sich selber zu erschrecken. Mir schien, als sei dieser
wirkliche Revisor, dessen bloße Ankündigung am Schluß der Komödie
solchen Schrecken hervorruft, unser wahres Gewissen, welches uns an der
Pforte des Grabes entgegentritt; und dieser Windbeutel Chlestakóff, dieser
Schelm, oder wie Sie ihn sonst nennen wollen, sei unser falsches weltliches
Gewissen, das, indem es sich unsern Schrecken zunutze macht, unversehens
die Maske des wahren annimmt und sich von unseren Leidenschaften
bestechen läßt, wie Chlestakóff von den Beamten, um dann wie dieser
spurlos zu verschwinden. Mir schien, als träte jener trostlos
niederdrückende Schluß, der die Zuschauer so betrübt und erschüttert hat,
mit der Mahnung vor mich hin, daß auch das Leben, das wir gewöhnlich als
eine Komödie betrachten, einen solch düster-tragischen Abschluß haben
könne. Mir schien, als lehre der gesamte Inhalt der Komödie, daß man die
Pflicht habe, zu Anfang jenen Revisor zu nehmen, der uns am Schluß
entgegentritt, um an seiner Hand die eigene Seele genau so durchzuprüfen,
wie ein gerechter Herrscher sein Reich revidiert, und daß man sich ebenso
gegen die eigenen Leidenschaften wappnen müsse, wie sich ein solcher
gegen bestechliche Beamte wappnet; und zwar darum, weil jene ebenso
rücksichtslos die Schätze unserer Seele bestehlen, wie diese die Kassen und
das Vermögen des Staates. Mit dem echten Revisor soll man es tun, weil
unsere heuchlerischen Leidenschaften, und nicht nur sie allein, sondern jede
geringste alberne Gewohnheit so schlau uns beizukommen, sich so
geschickt vor uns zu beschönigen versteht, wie nur irgend die schurkischen
Beamten vor Chlestakóff, so daß man drauf und dran ist, sie für Tugenden
zu halten und sich der Ordnung in der eigenen Seelenstadt zu rühmen, ohne
Nachtrag
zur „Deutung des Revisors“.
S jem jo n S j em j onowi tsch. Was bedeutet das, Michailo
Michailowitsch, von was für einer Seelenstadt reden Sie?
Mi ch ai l o Mi chail owi tsch. Es war eine Eingebung. Mir schien, es sei
dies meine eigene Seelenstadt, und die letzte Szene stelle die letzte Szene
des Lebens vor, wo das Gewissen einen plötzlich zwingt, sich selbst scharf
zu betrachten und vor sich selber zu erschrecken. Mir schien, als sei dieser
wirkliche Revisor, dessen bloße Ankündigung am Schluß der Komödie
solchen Schrecken hervorruft, unser wahres Gewissen, welches uns an der
Pforte des Grabes entgegentritt; und dieser Windbeutel Chlestakóff, dieser
Schelm, oder wie Sie ihn sonst nennen wollen, sei unser falsches weltliches
Gewissen, das, indem es sich unsern Schrecken zunutze macht, unversehens
die Maske des wahren annimmt und sich von unseren Leidenschaften
bestechen läßt, wie Chlestakóff von den Beamten, um dann wie dieser
spurlos zu verschwinden. Mir schien, als träte jener trostlos
niederdrückende Schluß, der die Zuschauer so betrübt und erschüttert hat,
mit der Mahnung vor mich hin, daß auch das Leben, das wir gewöhnlich als
eine Komödie betrachten, einen solch düster-tragischen Abschluß haben
könne. Mir schien, als lehre der gesamte Inhalt der Komödie, daß man die
Pflicht habe, zu Anfang jenen Revisor zu nehmen, der uns am Schluß
entgegentritt, um an seiner Hand die eigene Seele genau so durchzuprüfen,
wie ein gerechter Herrscher sein Reich revidiert, und daß man sich ebenso
gegen die eigenen Leidenschaften wappnen müsse, wie sich ein solcher
gegen bestechliche Beamte wappnet; und zwar darum, weil jene ebenso
rücksichtslos die Schätze unserer Seele bestehlen, wie diese die Kassen und
das Vermögen des Staates. Mit dem echten Revisor soll man es tun, weil
unsere heuchlerischen Leidenschaften, und nicht nur sie allein, sondern jede
geringste alberne Gewohnheit so schlau uns beizukommen, sich so
geschickt vor uns zu beschönigen versteht, wie nur irgend die schurkischen
Beamten vor Chlestakóff, so daß man drauf und dran ist, sie für Tugenden
zu halten und sich der Ordnung in der eigenen Seelenstadt zu rühmen, ohne
Page 139
auch nur im entferntesten zu argwöhnen, daß man hinterher der Betrogene
sein könne, gleichwie der Polizeimeister. So kam es mir vor.
P jo t r P j etr o w i t sch. Michailo Michailowitsch, all das ist schön
gesprochen; wo aber fanden Sie hier die Ähnlichkeit? Was für eine
Beziehung besteht denn zwischen Chlestakóff und dem leichtfertigen
weltlichen Gewissen, oder zwischen dem echten Revisor und dem echten
Gewissen? Nikolai Nikolajewitsch, sagen Sie mir offen: finden Sie hier
irgendwelche Analogie?
Ni kol ai N i ko l ajewit sch. Nicht die geringste.
S jem jo n S jem j onowi t sch. Auch ich nicht; wie weit ich auch die
Augen aufsperre, ich sehe nichts davon.
F jo do r F j odo r o wit sch. Ich muß Ihnen aufrichtig gestehen, Michailo
Michailowitsch, obgleich der Gedanke nicht übel ist und einer
künstlerischen Arbeit sehr wohl als Thema dienen könnte, daß ich dennoch
nicht glauben kann, der Autor habe ihn im Sinn gehabt.
Ni kol ai N i ko l ajewit sch (bestimmt). Unsinn! er ist ihm nicht einmal
eingefallen!
Mi ch ai l o Mich ai lo wit sch. Ja, habe ich denn etwa behauptet, daß der
Autor ihn im Sinne gehabt hat? Ich erklärte Ihnen doch vorhin schon: „Der
Autor gab mir den Schlüssel nicht, ich biete Ihnen dafür den meinen.“
Selbst wenn er diesen Gedanken gehabt hätte, würde er doch in einem
solchen Falle unklug gehandelt haben, wenn er ihn deutlich erkennen ließe.
Dann wäre die Komödie auf eine Allegorie hinausgelaufen, hätte sich in
eine dürre, moralisierende Predigt verwandelt. Nein, seine Sache war es
vielmehr, lediglich den Abscheu vor tatsächlichen Mißständen, nicht
solchen in einer ideellen Stadt, sondern in einer realen, irdischen, zur
Darstellung zu bringen, und alles Schlechte unserer Heimat so
zusammenzufassen, daß man es sofort als solches erkennt und nicht etwa
für das unvermeidliche Übel hält, welches ebenso unausweichlich zwischen
das Gute gemengt ist, wie die Schatten auf einem Gemälde. Seine Pflicht
war es, diese Schatten so schwarz zu malen, daß ein jeder fühlen soll, es
müsse dagegen angekämpft werden; daß den Zuschauer Schrecken erfaßt
und ihm der Schauder durch Mark und Bein geht. Das war seine Pflicht.
Unsere Pflicht aber ist es, die Moral daraus zu ziehen. Wir sind Gott sei
Dank keine Kinder mehr. Ich habe darüber nachgesonnen, was für eine
Moral ich für mich selbst daraus ziehen könnte, und bin auf jene verfallen,
die ich Ihnen soeben mitgeteilt habe.
sein könne, gleichwie der Polizeimeister. So kam es mir vor.
P jo t r P j etr o w i t sch. Michailo Michailowitsch, all das ist schön
gesprochen; wo aber fanden Sie hier die Ähnlichkeit? Was für eine
Beziehung besteht denn zwischen Chlestakóff und dem leichtfertigen
weltlichen Gewissen, oder zwischen dem echten Revisor und dem echten
Gewissen? Nikolai Nikolajewitsch, sagen Sie mir offen: finden Sie hier
irgendwelche Analogie?
Ni kol ai N i ko l ajewit sch. Nicht die geringste.
S jem jo n S jem j onowi t sch. Auch ich nicht; wie weit ich auch die
Augen aufsperre, ich sehe nichts davon.
F jo do r F j odo r o wit sch. Ich muß Ihnen aufrichtig gestehen, Michailo
Michailowitsch, obgleich der Gedanke nicht übel ist und einer
künstlerischen Arbeit sehr wohl als Thema dienen könnte, daß ich dennoch
nicht glauben kann, der Autor habe ihn im Sinn gehabt.
Ni kol ai N i ko l ajewit sch (bestimmt). Unsinn! er ist ihm nicht einmal
eingefallen!
Mi ch ai l o Mich ai lo wit sch. Ja, habe ich denn etwa behauptet, daß der
Autor ihn im Sinne gehabt hat? Ich erklärte Ihnen doch vorhin schon: „Der
Autor gab mir den Schlüssel nicht, ich biete Ihnen dafür den meinen.“
Selbst wenn er diesen Gedanken gehabt hätte, würde er doch in einem
solchen Falle unklug gehandelt haben, wenn er ihn deutlich erkennen ließe.
Dann wäre die Komödie auf eine Allegorie hinausgelaufen, hätte sich in
eine dürre, moralisierende Predigt verwandelt. Nein, seine Sache war es
vielmehr, lediglich den Abscheu vor tatsächlichen Mißständen, nicht
solchen in einer ideellen Stadt, sondern in einer realen, irdischen, zur
Darstellung zu bringen, und alles Schlechte unserer Heimat so
zusammenzufassen, daß man es sofort als solches erkennt und nicht etwa
für das unvermeidliche Übel hält, welches ebenso unausweichlich zwischen
das Gute gemengt ist, wie die Schatten auf einem Gemälde. Seine Pflicht
war es, diese Schatten so schwarz zu malen, daß ein jeder fühlen soll, es
müsse dagegen angekämpft werden; daß den Zuschauer Schrecken erfaßt
und ihm der Schauder durch Mark und Bein geht. Das war seine Pflicht.
Unsere Pflicht aber ist es, die Moral daraus zu ziehen. Wir sind Gott sei
Dank keine Kinder mehr. Ich habe darüber nachgesonnen, was für eine
Moral ich für mich selbst daraus ziehen könnte, und bin auf jene verfallen,
die ich Ihnen soeben mitgeteilt habe.
Page 140
P jo t r P j et r owi tsch. Michailo Michailowitsch! Eine Komödie wird für
alle geschrieben; es soll jedermann die Moral daraus ziehen können, eine
Moral, die naheliegt und allen erreichbar ist, nicht aber so fern liegen darf,
daß höchstens ein ungewöhnlich begabter Mensch sie für sich allein finden
kann. Warum, frage ich, hat niemand außer Ihnen diese Moral gefunden?
Ni kol ai Ni kol aj ewi tsch. Sehr richtig, das ist der springende Punkt!
Erklären Sie erst einmal, weshalb nur Sie, und nicht auch alle anderen sie
gefunden haben?
S jem jo n S j em jo nowi tsch. Ja, Michailo Michailowitsch, weshalb
haben Sie und nur Sie allein sie gefunden?
Mi ch ai l o Mich ai lo wit sch. Zunächst einmal: woher wissen Sie, daß
nur ich allein diese Moral gefunden habe? Und ferner: aus welchem Grunde
halten Sie sie für fernliegend? Ich meine doch, daß uns unsere Seele näher
liegt, als alles andere. Ich hatte damals meine eigene Seele im Sinne, ich
dachte an mich selbst, und darum eben zog ich diese Moral daraus. Hätten
auch andere vor allem an sich selbst gedacht, dann hätten auch sie gewiß
die gleiche Moral wie ich finden können. Dringt denn aber jeder von uns so
tief in das Dichterwerk ein, wie die Biene in die Blüte? Um
herauszusaugen, was man braucht? Nein: wir suchen in allem eine Moral
für andere, nicht für uns; wir sind immer dabei, die Allgemeinheit zu
behüten und zu bewahren, indem wir eifrigst für die Moralität anderer
Leute Sorge tragen — und unsere eigene vergessen. Machen wir uns doch
gern über andere lustig, nicht aber über uns selbst; freuen uns, die Fehler
der anderen zu bemerken, nicht aber die eigenen. Wie dem nun auch sein
mag, schauen Sie doch aber mal hin: dreitausend Menschen kommen ins
Theater; alle wissen, daß sie gekommen sind, um sich zu amüsieren und
jeder von diesen dreitausend setzt voraus, er werde Gelegenheit finden, sich
über andere lustig machen zu können, nicht aber über sich selbst. Die
leiseste Andeutung, daß er selber vielleicht gar dem ähnele, über den er
lachte, kann ihn erzürnen und er würde sofort wütend wiederholen: „habe
ich denn eine Fratze?“
S jem jo n S j em j onowi t sch. Michailo Michailowitsch, in diesem
Sinne meine ich das nicht ...
Mi ch ai l o Michail owi tsch (ihn unterbrechend). Gestatten Sie, Sjemjon
Sjemjonowitsch! Sie, ein ehrenwerter Mann, mit echt russischem Herzen,
ein Mensch, der mit wahrhaft christlichem Auge das Leben betrachtet, —
warum sprechen Sie aus, was Ihrer eigenen Denkungsart widerstreitet? Vor
alle geschrieben; es soll jedermann die Moral daraus ziehen können, eine
Moral, die naheliegt und allen erreichbar ist, nicht aber so fern liegen darf,
daß höchstens ein ungewöhnlich begabter Mensch sie für sich allein finden
kann. Warum, frage ich, hat niemand außer Ihnen diese Moral gefunden?
Ni kol ai Ni kol aj ewi tsch. Sehr richtig, das ist der springende Punkt!
Erklären Sie erst einmal, weshalb nur Sie, und nicht auch alle anderen sie
gefunden haben?
S jem jo n S j em jo nowi tsch. Ja, Michailo Michailowitsch, weshalb
haben Sie und nur Sie allein sie gefunden?
Mi ch ai l o Mich ai lo wit sch. Zunächst einmal: woher wissen Sie, daß
nur ich allein diese Moral gefunden habe? Und ferner: aus welchem Grunde
halten Sie sie für fernliegend? Ich meine doch, daß uns unsere Seele näher
liegt, als alles andere. Ich hatte damals meine eigene Seele im Sinne, ich
dachte an mich selbst, und darum eben zog ich diese Moral daraus. Hätten
auch andere vor allem an sich selbst gedacht, dann hätten auch sie gewiß
die gleiche Moral wie ich finden können. Dringt denn aber jeder von uns so
tief in das Dichterwerk ein, wie die Biene in die Blüte? Um
herauszusaugen, was man braucht? Nein: wir suchen in allem eine Moral
für andere, nicht für uns; wir sind immer dabei, die Allgemeinheit zu
behüten und zu bewahren, indem wir eifrigst für die Moralität anderer
Leute Sorge tragen — und unsere eigene vergessen. Machen wir uns doch
gern über andere lustig, nicht aber über uns selbst; freuen uns, die Fehler
der anderen zu bemerken, nicht aber die eigenen. Wie dem nun auch sein
mag, schauen Sie doch aber mal hin: dreitausend Menschen kommen ins
Theater; alle wissen, daß sie gekommen sind, um sich zu amüsieren und
jeder von diesen dreitausend setzt voraus, er werde Gelegenheit finden, sich
über andere lustig machen zu können, nicht aber über sich selbst. Die
leiseste Andeutung, daß er selber vielleicht gar dem ähnele, über den er
lachte, kann ihn erzürnen und er würde sofort wütend wiederholen: „habe
ich denn eine Fratze?“
S jem jo n S j em j onowi t sch. Michailo Michailowitsch, in diesem
Sinne meine ich das nicht ...
Mi ch ai l o Michail owi tsch (ihn unterbrechend). Gestatten Sie, Sjemjon
Sjemjonowitsch! Sie, ein ehrenwerter Mann, mit echt russischem Herzen,
ein Mensch, der mit wahrhaft christlichem Auge das Leben betrachtet, —
warum sprechen Sie aus, was Ihrer eigenen Denkungsart widerstreitet? Vor
Page 141
allem, warum vergessen Sie jedesmal, daß das Thema der Komödie und
überhaupt der Satire nicht das Tüchtige, sondern das Verächtliche im
Menschen ist? Daß, je schwärzer sie das Laster schildert und je stärker sie
den Zuschauer erbeben und vor ihm schaudern macht, sie desto
vollkommener ihren Zweck erreicht? Warum vergessen Sie das jedesmal
und weisen der Satire Motive zu, die vielmehr dem Bereiche der Tragödie
gehören? Warum betrachten Sie nicht auch das Werk des Schriftstellers mit
dem Auge des Christen? Nein, wer eine Moral haben will, wird sie für sich
selbst auch finden; wer in seine eigene Seele schaut, wird von überallher
nehmen, was er braucht: wird auch in dieser realen Stadt seine eigene
Seelenstadt erkennen, wird erkennen, daß man sich mit aller Kraft gegen
die Heuchelei wappnen muß. Nein, lassen Sie die Satire unbehelligt, sie tut
ihre Schuldigkeit. Das Laster darf nirgendwo geschont werden, mag es zu
Tage treten, wo es wolle. Wenn Sie aber schon christlich handeln wollen,
dann beziehen Sie die Satire auf sich selbst, wenden Sie die Komödie auf
sich selbst an, ehe Sie eine Beziehung auf die Allgemeinheit darin suchen.
Will man wahrhaft christlich handeln, dann ist es Pflicht, jede Dichtung, in
der das Laster gegeißelt wird, auf sich selbst zu beziehen, gleich als wäre
Sie bloß unsertwegen verfaßt. Sie wissen es ja doch, daß wir keinen Fehler
an anderen entdecken können, den wir nicht wenigstens als Reflex auch
selber besäßen, — in geringerem Maßstabe, anders geartet, in anderer
Verkleidung, anständiger, liebenswürdiger und verbrämter als Chlestakoff.
Einerlei was man sucht, wenn man in seine Seele nur mit jenem
unbestechlichen Revisor hineinschaut, der unser an der Pforte des Grabes
harrt! Wir wissen das sehr wohl, wollen es aber nicht wissen! Tagtäglich
gestehen wir uns ein, daß unser Inneres von Leidenschaften wimmelt, aber
austreiben wollen wir sie nicht. Und haben doch eine Peitsche in der Hand,
um sie austreiben zu können.
S jem jo n S j em j onowi tsch. Eine Peitsche? Welche Peitsche denn?
Mi ch ai l o Mi chail owi tsch. Ist das Lachen etwa keine Peitsche? Oder
meinen Sie, es wäre uns umsonst geschenkt, während doch selbst der
verworfenste Mensch sich davor fürchtet? Fürchtet sich doch sogar
derjenige davor, der sich sonst vor nichts fürchtet! Also ist es uns zu einem
wichtigen Zwecke geschenkt. Und wozu? Meinen Sie etwa, um uns in
oberflächlicher Weise zu amüsieren? Haben wir es aber zu dem Zwecke
erhalten, um damit alles zu geißeln, was die edleren Eigenschaften des
Menschen befleckt, warum geißeln wir dann nicht zuerst einmal das, was
überhaupt der Satire nicht das Tüchtige, sondern das Verächtliche im
Menschen ist? Daß, je schwärzer sie das Laster schildert und je stärker sie
den Zuschauer erbeben und vor ihm schaudern macht, sie desto
vollkommener ihren Zweck erreicht? Warum vergessen Sie das jedesmal
und weisen der Satire Motive zu, die vielmehr dem Bereiche der Tragödie
gehören? Warum betrachten Sie nicht auch das Werk des Schriftstellers mit
dem Auge des Christen? Nein, wer eine Moral haben will, wird sie für sich
selbst auch finden; wer in seine eigene Seele schaut, wird von überallher
nehmen, was er braucht: wird auch in dieser realen Stadt seine eigene
Seelenstadt erkennen, wird erkennen, daß man sich mit aller Kraft gegen
die Heuchelei wappnen muß. Nein, lassen Sie die Satire unbehelligt, sie tut
ihre Schuldigkeit. Das Laster darf nirgendwo geschont werden, mag es zu
Tage treten, wo es wolle. Wenn Sie aber schon christlich handeln wollen,
dann beziehen Sie die Satire auf sich selbst, wenden Sie die Komödie auf
sich selbst an, ehe Sie eine Beziehung auf die Allgemeinheit darin suchen.
Will man wahrhaft christlich handeln, dann ist es Pflicht, jede Dichtung, in
der das Laster gegeißelt wird, auf sich selbst zu beziehen, gleich als wäre
Sie bloß unsertwegen verfaßt. Sie wissen es ja doch, daß wir keinen Fehler
an anderen entdecken können, den wir nicht wenigstens als Reflex auch
selber besäßen, — in geringerem Maßstabe, anders geartet, in anderer
Verkleidung, anständiger, liebenswürdiger und verbrämter als Chlestakoff.
Einerlei was man sucht, wenn man in seine Seele nur mit jenem
unbestechlichen Revisor hineinschaut, der unser an der Pforte des Grabes
harrt! Wir wissen das sehr wohl, wollen es aber nicht wissen! Tagtäglich
gestehen wir uns ein, daß unser Inneres von Leidenschaften wimmelt, aber
austreiben wollen wir sie nicht. Und haben doch eine Peitsche in der Hand,
um sie austreiben zu können.
S jem jo n S j em j onowi tsch. Eine Peitsche? Welche Peitsche denn?
Mi ch ai l o Mi chail owi tsch. Ist das Lachen etwa keine Peitsche? Oder
meinen Sie, es wäre uns umsonst geschenkt, während doch selbst der
verworfenste Mensch sich davor fürchtet? Fürchtet sich doch sogar
derjenige davor, der sich sonst vor nichts fürchtet! Also ist es uns zu einem
wichtigen Zwecke geschenkt. Und wozu? Meinen Sie etwa, um uns in
oberflächlicher Weise zu amüsieren? Haben wir es aber zu dem Zwecke
erhalten, um damit alles zu geißeln, was die edleren Eigenschaften des
Menschen befleckt, warum geißeln wir dann nicht zuerst einmal das, was
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unsere eigene Seele verunziert? Warum verwenden wir es nicht gegen das
eigene Innere, treiben nicht aus dem eigenen Lande die eigenen Schurken
hinaus? Warum soll die leise Andeutung, daß wir über uns selbst lachen,
uns Ärger verursachen? Sei dem wie ihm wolle, aber jede unserer
Leidenschaften, jede unserer schlechten Gewohnheiten will immer eine
möglichst vornehme Rolle spielen und äußerlich vornehm scheinen, und
schleicht sich lediglich unter dieser Maske in unsere Seele ein, die, weil von
edlerer Natur, jene in ihrer schmutzigen Nacktheit sonst zurückweisen
würde. Aber glauben Sie mir, würden wir sie vor uns selbst dem Lachen
preisgeben und so schonungslos geißeln, daß man selber vor Scham erglüht
und nicht weiß, wo man sein Antlitz verbergen soll, — sie würde nicht
wagen, sich in unserer Seele einzunisten, und würde spurlos verschwinden.
S jem jo n S jem j onowi tsch. In der Tat, Ihre Worte geben zu denken.
Sie glauben also, die Anwendung des Lachens auf sich selbst, gegen die
eigene Person, sei möglich?
P jo t r P j etr owi tsch. Ich bin der Meinung, daß das bloß derjenige
vermag, der den Adel der menschlichen Natur fühlt und Schauder vor
seinen eigenen Fehlern empfindet.
Mi ch ai l o Michai l owit sch. Und ich meinerseits bin überzeugt, daß,
wer nur ein echt russisches Herz besitzt, es ganz leicht kann. Ein jeder von
uns besitzt ja doch dies Lachen; ein gewisser schonungsloser Sarkasmus ist
selbst unter unseren niederen Volksschichten verbreitet. Auch besitzen wir
den Mut, aus uns herauszugehen und uns selbst nicht zu schonen. Und
gerade deshalb ist es vielleicht uns allein möglich, dem Lachen seine ihm
gebührende Richtung zu geben. Widerlegen Sie mich, beweisen Sie mir,
daß ich lüge; vernichten Sie, zerstören Sie meine Überzeugung, und
vernichten Sie zugleich mich selber, den armseligen Possenreißer, der für
diese Überzeugung lebt, die er an seinem eigenen Leibe erprobt hat.
Sjemjon Sjemjonowitsch, fließt nicht in meinen Adern das gleiche russische
Blut wie in den Ihren? Fühle ich in meinen erhabensten Momenten etwas
anderes, als Sie in solchen zu fühlen fähig sind? Stehe ich nicht gerade jetzt
in meinem erhabensten Momente vor Ihnen? Meine Laufbahn ist beendet;
ich verlasse das Theater, dem ich zwanzig Jahre lang gedient habe. Sie
selber haben mich mit dem Kranz geschmückt, haben mich in Wallung
gebracht. Sie selber haben mich fast gezwungen zu sagen, was ich eben
gesagt habe. Sehen Sie her: ich weine. Ich, der Komiker, der Sie noch eben
belustigte, ich weine nun. Gönnen Sie mir das Bewußtsein, daß auch mein
eigene Innere, treiben nicht aus dem eigenen Lande die eigenen Schurken
hinaus? Warum soll die leise Andeutung, daß wir über uns selbst lachen,
uns Ärger verursachen? Sei dem wie ihm wolle, aber jede unserer
Leidenschaften, jede unserer schlechten Gewohnheiten will immer eine
möglichst vornehme Rolle spielen und äußerlich vornehm scheinen, und
schleicht sich lediglich unter dieser Maske in unsere Seele ein, die, weil von
edlerer Natur, jene in ihrer schmutzigen Nacktheit sonst zurückweisen
würde. Aber glauben Sie mir, würden wir sie vor uns selbst dem Lachen
preisgeben und so schonungslos geißeln, daß man selber vor Scham erglüht
und nicht weiß, wo man sein Antlitz verbergen soll, — sie würde nicht
wagen, sich in unserer Seele einzunisten, und würde spurlos verschwinden.
S jem jo n S jem j onowi tsch. In der Tat, Ihre Worte geben zu denken.
Sie glauben also, die Anwendung des Lachens auf sich selbst, gegen die
eigene Person, sei möglich?
P jo t r P j etr owi tsch. Ich bin der Meinung, daß das bloß derjenige
vermag, der den Adel der menschlichen Natur fühlt und Schauder vor
seinen eigenen Fehlern empfindet.
Mi ch ai l o Michai l owit sch. Und ich meinerseits bin überzeugt, daß,
wer nur ein echt russisches Herz besitzt, es ganz leicht kann. Ein jeder von
uns besitzt ja doch dies Lachen; ein gewisser schonungsloser Sarkasmus ist
selbst unter unseren niederen Volksschichten verbreitet. Auch besitzen wir
den Mut, aus uns herauszugehen und uns selbst nicht zu schonen. Und
gerade deshalb ist es vielleicht uns allein möglich, dem Lachen seine ihm
gebührende Richtung zu geben. Widerlegen Sie mich, beweisen Sie mir,
daß ich lüge; vernichten Sie, zerstören Sie meine Überzeugung, und
vernichten Sie zugleich mich selber, den armseligen Possenreißer, der für
diese Überzeugung lebt, die er an seinem eigenen Leibe erprobt hat.
Sjemjon Sjemjonowitsch, fließt nicht in meinen Adern das gleiche russische
Blut wie in den Ihren? Fühle ich in meinen erhabensten Momenten etwas
anderes, als Sie in solchen zu fühlen fähig sind? Stehe ich nicht gerade jetzt
in meinem erhabensten Momente vor Ihnen? Meine Laufbahn ist beendet;
ich verlasse das Theater, dem ich zwanzig Jahre lang gedient habe. Sie
selber haben mich mit dem Kranz geschmückt, haben mich in Wallung
gebracht. Sie selber haben mich fast gezwungen zu sagen, was ich eben
gesagt habe. Sehen Sie her: ich weine. Ich, der Komiker, der Sie noch eben
belustigte, ich weine nun. Gönnen Sie mir das Bewußtsein, daß auch mein
Page 143
Lebensweg so ehrenhaft war, wie der eines jeden von Ihnen; daß auch ich
meinem Vaterlande treu gedient habe, daß ich kein alberner Possenreißer,
sondern ein ehrlicher Beamter des großen Gottesreiches war, und in Ihnen
nicht etwa das törichte Lachen erweckt habe, womit ein Mensch den
anderen verspottet, sondern jenes Lachen, welches aus der Nächstenliebe
quillt. Nikolai Nikolajewitsch, Fjodor Fjodorowitsch, Sjemjon
Sjemjonowitsch, und ihr andern Kameraden alle, mit denen ich Stunden der
Arbeit und Stunden lehrreicher Aussprache geteilt, von denen ich vieles
gelernt habe und von denen ich jetzt mich trenne, — Freunde! Das
Publikum liebte mein Talent, ihr aber liebtet mich selber! Entreißt, wenn ich
nicht mehr da bin, entreißt dieses Lachen denjenigen, die es herabgewürdigt
haben zu einem Gespött über alles, ohne Unterschied zwischen Gut und
Böse! Ich sage euch: glaubt diesen meinen Worten ... Es ist edel, es ist
ehrenhaft, dieses Lachen. Es ist uns ausdrücklich darum geschenkt, damit
wir über uns selbst, nicht über unsern Nächsten lachen sollen. Und wer
nicht den Mut hat, über seine eigenen Fehler zu lachen, der sollte besser
überhaupt nicht lachen! ... Er wird einst dafür Rechenschaft geben müssen!
...
meinem Vaterlande treu gedient habe, daß ich kein alberner Possenreißer,
sondern ein ehrlicher Beamter des großen Gottesreiches war, und in Ihnen
nicht etwa das törichte Lachen erweckt habe, womit ein Mensch den
anderen verspottet, sondern jenes Lachen, welches aus der Nächstenliebe
quillt. Nikolai Nikolajewitsch, Fjodor Fjodorowitsch, Sjemjon
Sjemjonowitsch, und ihr andern Kameraden alle, mit denen ich Stunden der
Arbeit und Stunden lehrreicher Aussprache geteilt, von denen ich vieles
gelernt habe und von denen ich jetzt mich trenne, — Freunde! Das
Publikum liebte mein Talent, ihr aber liebtet mich selber! Entreißt, wenn ich
nicht mehr da bin, entreißt dieses Lachen denjenigen, die es herabgewürdigt
haben zu einem Gespött über alles, ohne Unterschied zwischen Gut und
Böse! Ich sage euch: glaubt diesen meinen Worten ... Es ist edel, es ist
ehrenhaft, dieses Lachen. Es ist uns ausdrücklich darum geschenkt, damit
wir über uns selbst, nicht über unsern Nächsten lachen sollen. Und wer
nicht den Mut hat, über seine eigenen Fehler zu lachen, der sollte besser
überhaupt nicht lachen! ... Er wird einst dafür Rechenschaft geben müssen!
...
Page 144
Eine Heiratsgeschichte
Eine ganz unwahrscheinliche Begebenheit in zwei Aufzügen
1833
Deutsch von Carl Ritter und André Villard
Eine ganz unwahrscheinliche Begebenheit in zwei Aufzügen
1833
Deutsch von Carl Ritter und André Villard
Page 145
Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt
Page 146
Personen.
Page 147
Agathe Tichonowna, eine heiratslustige Kaufmannstochter.
Arina Panteleimonowna, ihre Tante.
Thekla Iwanowna, eine Heiratsvermittlerin.
Podkoliessin, Beamter — Hofrat.
Kotschkarjow, sein Freund.
Iwan Pawlowitsch Eierkuchen, Exekutor.
Anutschkin, Infanterie-Leutnant a. D.
Schewakin, Leutnant zur See.
Dunjaschka, das Dienstmädchen.
Starikow, ein Kaufmann.
Stepan, Podkoliessins Diener.
Arina Panteleimonowna, ihre Tante.
Thekla Iwanowna, eine Heiratsvermittlerin.
Podkoliessin, Beamter — Hofrat.
Kotschkarjow, sein Freund.
Iwan Pawlowitsch Eierkuchen, Exekutor.
Anutschkin, Infanterie-Leutnant a. D.
Schewakin, Leutnant zur See.
Dunjaschka, das Dienstmädchen.
Starikow, ein Kaufmann.
Stepan, Podkoliessins Diener.
Page 148
Erster Aufzug
(Zimmer eines Junggesellen.)
1. Auftritt
Podkoliessin.
P odkol iessin (liegt allein auf dem Sofa und raucht eine Pfeife). Ja, wenn man so
allein auf dem Sofa liegt und nachdenkt, dann merkt man erst recht, daß es
so nicht weiter geht ..... Man muß heiraten! ... Wirklich, da lebt man so
dahin, bis einem schließlich die ganze Geschichte zum Halse raushängt.
Nun habe ich auch wieder die Fastenzeit vorüberstreichen lassen, und doch
ist alles fix und fertig! Es sind ja bald drei Monate, daß mir die
Heiratsvermittlerin das Haus einläuft. Wahrhaftig, man muß sich bald vor
sich selber schämen ... He, Stepan!
2. Auftritt
Podkoliessin und Stepan.
P odkol iessin. War die Heiratsvermittlerin nicht da?
S tepan. Nein.
P odkol iessin. Und bist du beim Schneider gewesen?
S tepan. Jawohl.
P odkol iessin. Wie ist’s, arbeitet er an meinem Frack?
S tepan. Jawohl.
P odkol iessin. Ist er bald fertig?
S tepan. Ja, nun wird’s wohl nicht mehr lange dauern. Er ist schon bei
den Knopflöchern.
P odkol iessin. Was? ... Was hast du gesagt? ...
S tepan. Ich sage, er ist schon bei den Knopflöchern!
P odkol iessin. Sag mal, hat er denn gar nicht gefragt, wozu dein Herr
den Frack braucht? ...
(Zimmer eines Junggesellen.)
1. Auftritt
Podkoliessin.
P odkol iessin (liegt allein auf dem Sofa und raucht eine Pfeife). Ja, wenn man so
allein auf dem Sofa liegt und nachdenkt, dann merkt man erst recht, daß es
so nicht weiter geht ..... Man muß heiraten! ... Wirklich, da lebt man so
dahin, bis einem schließlich die ganze Geschichte zum Halse raushängt.
Nun habe ich auch wieder die Fastenzeit vorüberstreichen lassen, und doch
ist alles fix und fertig! Es sind ja bald drei Monate, daß mir die
Heiratsvermittlerin das Haus einläuft. Wahrhaftig, man muß sich bald vor
sich selber schämen ... He, Stepan!
2. Auftritt
Podkoliessin und Stepan.
P odkol iessin. War die Heiratsvermittlerin nicht da?
S tepan. Nein.
P odkol iessin. Und bist du beim Schneider gewesen?
S tepan. Jawohl.
P odkol iessin. Wie ist’s, arbeitet er an meinem Frack?
S tepan. Jawohl.
P odkol iessin. Ist er bald fertig?
S tepan. Ja, nun wird’s wohl nicht mehr lange dauern. Er ist schon bei
den Knopflöchern.
P odkol iessin. Was? ... Was hast du gesagt? ...
S tepan. Ich sage, er ist schon bei den Knopflöchern!
P odkol iessin. Sag mal, hat er denn gar nicht gefragt, wozu dein Herr
den Frack braucht? ...
Page 149
S tepan. Nein, danach hat er nicht gefragt.
P odkol iessin. Oder hat er vielleicht nur gesagt: „Dein Herr will wohl
heiraten?“ ...
S tepan. Nein, darüber hat er auch nichts gesagt.
P odkol iessin. Aber du hast doch bei ihm auch andere Fräcke hängen
sehen? Er arbeitet doch auch für andre Leute.
S tepan. Ja, es liegen viele Fräcke bei ihm herum.
P odkol iessin. Nun sag mal, mein Stoff ist wohl etwas besser als bei
den übrigen, was? ...
S tepan. Ja, etwas feiner wird er schon sein.
P odkol iessin. Was sagst du? ...
S tepan. Ich sage, etwas feiner wird er schon sein.
P odkol iessin. Gut, ... schön! ... Aber hat er denn nicht gefragt, warum
dein Herr so feinen Stoff zu seinem Frack nimmt?
S tepan. Nein!
P odkol iessin. Also vom Heiraten hat er nicht gesprochen?
S tepan. Nein, davon hat er nichts gesagt.
P odkol iessin. Aber hast du ihm auch meinen Rang und Titel genannt
und gesagt, wo ich diene? ...
S tepan. Gewiß, gnädiger Herr!
P odkol iessin. Nun, und er? ...
S tepan. ... hat gesagt: „Schön, ich werde mir Mühe geben!“
P odkol iessin. Gut, du kannst gehen.
(Stepan geht ab.)
3. Auftritt
Podkoliessin (allein).
P odkol iessin. Ja, ich bin nun mal der Ansicht, ein schwarzer Frack ist
doch solider. Die bunten, ... die passen mehr für Sekretäre, Titularräte und
solch ein Volk. Das ist was für Grünschnäbel. Ein Mann von höherem
Rang, muß eben das ... das ... ja, wie soll man gleich sagen ... eh, jetzt habe
ich dies Wort vergessen ... es war ein so schönes Wort, und ich hab’s
vergessen ... Ja, mein Bester, dreh und wende dich, wie du willst: ... ein
Hofrat steht im Grunde genommen nicht hinter einem Oberst zurück; es sei
grade, daß er keine Epauletten trägt ... He, Stepan!
P odkol iessin. Oder hat er vielleicht nur gesagt: „Dein Herr will wohl
heiraten?“ ...
S tepan. Nein, darüber hat er auch nichts gesagt.
P odkol iessin. Aber du hast doch bei ihm auch andere Fräcke hängen
sehen? Er arbeitet doch auch für andre Leute.
S tepan. Ja, es liegen viele Fräcke bei ihm herum.
P odkol iessin. Nun sag mal, mein Stoff ist wohl etwas besser als bei
den übrigen, was? ...
S tepan. Ja, etwas feiner wird er schon sein.
P odkol iessin. Was sagst du? ...
S tepan. Ich sage, etwas feiner wird er schon sein.
P odkol iessin. Gut, ... schön! ... Aber hat er denn nicht gefragt, warum
dein Herr so feinen Stoff zu seinem Frack nimmt?
S tepan. Nein!
P odkol iessin. Also vom Heiraten hat er nicht gesprochen?
S tepan. Nein, davon hat er nichts gesagt.
P odkol iessin. Aber hast du ihm auch meinen Rang und Titel genannt
und gesagt, wo ich diene? ...
S tepan. Gewiß, gnädiger Herr!
P odkol iessin. Nun, und er? ...
S tepan. ... hat gesagt: „Schön, ich werde mir Mühe geben!“
P odkol iessin. Gut, du kannst gehen.
(Stepan geht ab.)
3. Auftritt
Podkoliessin (allein).
P odkol iessin. Ja, ich bin nun mal der Ansicht, ein schwarzer Frack ist
doch solider. Die bunten, ... die passen mehr für Sekretäre, Titularräte und
solch ein Volk. Das ist was für Grünschnäbel. Ein Mann von höherem
Rang, muß eben das ... das ... ja, wie soll man gleich sagen ... eh, jetzt habe
ich dies Wort vergessen ... es war ein so schönes Wort, und ich hab’s
vergessen ... Ja, mein Bester, dreh und wende dich, wie du willst: ... ein
Hofrat steht im Grunde genommen nicht hinter einem Oberst zurück; es sei
grade, daß er keine Epauletten trägt ... He, Stepan!
Page 150
4. Auftritt
Podkoliessin und Stepan.
P odkol iessin. Hast du die Stiefelwichse gekauft?
S tepan. Jawohl.
P odkol iessin. Wo? ... In dem Laden, von dem ich dir gesprochen habe?
Auf dem Wosnissenski Prospekt?
S tepan. Ja, in dem Laden.
P odkol iessin. Und ist die Wichse gut?
S tepan. Ja, sehr gut.
P odkol iessin. Hast du schon probiert, die Stiefel damit zu putzen?
S tepan. Jawohl.
P odkol iessin. Nun, und glänzen sie schön?
S tepan. Ja, glänzen tun sie mächtig!
P odkol iessin. Und sag: wie du die Wichse bei ihm kauftest, hat er da
nicht gefragt, wozu dein Herr so feine Stiefelwichse braucht?
S tepan. Nein.
P odkol iessin. Hat er nicht gefragt: dein Herr will am Ende gar
heiraten?
S tepan. Nein, er hat nichts gesagt.
P odkol iessin. So? ... Na, es ist gut ... geh nur! (Stepan geht ab.)
5. Auftritt
Podkoliessin (allein).
P odkol iessin. Wenn man so denkt: was sind ein Paar Stiefel? Eine
höchst gleichgültige Sache! Und doch, wenn sie schlecht genäht sind und
die Wichse stumpf bleibt, so begegnet man dir in der vornehmen Welt schon
nicht mehr mit der gleichen Achtung. Es fehlt was, es ist nicht mehr das
Richtige. Und was noch sehr unangenehm ist, das sind Hühneraugen. Alles
kann ich ertragen, bei Gott, nur keine Hühneraugen .... He, Stepan!
6. Auftritt
Podkoliessin und Stepan.
Podkoliessin und Stepan.
P odkol iessin. Hast du die Stiefelwichse gekauft?
S tepan. Jawohl.
P odkol iessin. Wo? ... In dem Laden, von dem ich dir gesprochen habe?
Auf dem Wosnissenski Prospekt?
S tepan. Ja, in dem Laden.
P odkol iessin. Und ist die Wichse gut?
S tepan. Ja, sehr gut.
P odkol iessin. Hast du schon probiert, die Stiefel damit zu putzen?
S tepan. Jawohl.
P odkol iessin. Nun, und glänzen sie schön?
S tepan. Ja, glänzen tun sie mächtig!
P odkol iessin. Und sag: wie du die Wichse bei ihm kauftest, hat er da
nicht gefragt, wozu dein Herr so feine Stiefelwichse braucht?
S tepan. Nein.
P odkol iessin. Hat er nicht gefragt: dein Herr will am Ende gar
heiraten?
S tepan. Nein, er hat nichts gesagt.
P odkol iessin. So? ... Na, es ist gut ... geh nur! (Stepan geht ab.)
5. Auftritt
Podkoliessin (allein).
P odkol iessin. Wenn man so denkt: was sind ein Paar Stiefel? Eine
höchst gleichgültige Sache! Und doch, wenn sie schlecht genäht sind und
die Wichse stumpf bleibt, so begegnet man dir in der vornehmen Welt schon
nicht mehr mit der gleichen Achtung. Es fehlt was, es ist nicht mehr das
Richtige. Und was noch sehr unangenehm ist, das sind Hühneraugen. Alles
kann ich ertragen, bei Gott, nur keine Hühneraugen .... He, Stepan!
6. Auftritt
Podkoliessin und Stepan.
Page 151
S tepan. Der Herr wünschen?
P odkol iessin. Hast du dem Schuster auch gesagt, er solle die Stiefel so
machen, daß ich keine Hühneraugen bekomme?
S tepan. Jawohl.
P odkol iessin. Und was sagt er?
S tepan. Er hat gesagt: Gut! (Stepan geht ab.)
7. Auftritt
Podkoliessin allein, später Stepan.
P odkol iessin. ’s ist doch ’ne verdammte Plackerei, das Heiraten! Hol’s
der Teufel! Erst dies und dann das und dann wieder jenes. Alles will
überdacht und geordnet sein, Teufel nochmal! Das ist nicht so leicht, wie
man zu sagen pflegt ... He, Stepan! (Stepan kommt herein.) Ich wollte dir noch
sagen ...
S tepan. Die Alte ist da.
P odkol iessin. So, ist sie da? Sag ihr, sie soll mal reinkommen. (Stepan
geht.)
P odkol iessin. Ja, das ist so ’ne Sache. Die ist gar nicht so ohne. Eine
höchst komplizierte Geschichte das!
8. Auftritt
Podkoliessin und Thekla.
P odkol iessin. Ah, guten Tag! ... Guten Tag, Thekla Iwanowna! Nun
was gibts, wie sieht’s aus ... Nehmen Sie einen Stuhl! Setzen Sie sich nur
und erzählen Sie. Nun, also, wie steht’s? Wie heißt sie doch gleich?
Melanie? ...
T hekl a. Nicht doch, Agathe Tichonowna.
P odkol iessin. Richtig, Agathe Tichonowna. Wohl so ’ne vierzigjährige
Jungfrau, was?
T hekl a. Aber nicht doch, davon ist keine Rede. Das heißt, — heiraten
Sie bloß. Jeden Tag werden Sie mich loben und mir danken.
P odkol iessin. Ach was, du schwindelst ja, Thekla Iwanowna!
P odkol iessin. Hast du dem Schuster auch gesagt, er solle die Stiefel so
machen, daß ich keine Hühneraugen bekomme?
S tepan. Jawohl.
P odkol iessin. Und was sagt er?
S tepan. Er hat gesagt: Gut! (Stepan geht ab.)
7. Auftritt
Podkoliessin allein, später Stepan.
P odkol iessin. ’s ist doch ’ne verdammte Plackerei, das Heiraten! Hol’s
der Teufel! Erst dies und dann das und dann wieder jenes. Alles will
überdacht und geordnet sein, Teufel nochmal! Das ist nicht so leicht, wie
man zu sagen pflegt ... He, Stepan! (Stepan kommt herein.) Ich wollte dir noch
sagen ...
S tepan. Die Alte ist da.
P odkol iessin. So, ist sie da? Sag ihr, sie soll mal reinkommen. (Stepan
geht.)
P odkol iessin. Ja, das ist so ’ne Sache. Die ist gar nicht so ohne. Eine
höchst komplizierte Geschichte das!
8. Auftritt
Podkoliessin und Thekla.
P odkol iessin. Ah, guten Tag! ... Guten Tag, Thekla Iwanowna! Nun
was gibts, wie sieht’s aus ... Nehmen Sie einen Stuhl! Setzen Sie sich nur
und erzählen Sie. Nun, also, wie steht’s? Wie heißt sie doch gleich?
Melanie? ...
T hekl a. Nicht doch, Agathe Tichonowna.
P odkol iessin. Richtig, Agathe Tichonowna. Wohl so ’ne vierzigjährige
Jungfrau, was?
T hekl a. Aber nicht doch, davon ist keine Rede. Das heißt, — heiraten
Sie bloß. Jeden Tag werden Sie mich loben und mir danken.
P odkol iessin. Ach was, du schwindelst ja, Thekla Iwanowna!
Page 152
T hekl a. Ich bin schon zu alt, um noch zu lügen, Väterchen. Das überlaß
ich den Hundesöhnen.
P odkol iessin. Und wie steht’s mit der Mitgift? ... Erzähl mir’s doch
noch einmal.
T hekl a. Gott, sie bekommt ein steinernes Haus mit, ein zweistöckiges,
im Moskauer Viertel. Das rentiert sich, sage ich Ihnen, na, Sie werden Ihre
reinste Freude daran haben. Für den Laden allein zahlt ein Kaufmann
siebenhundert Rubel ... Eine Schenke ist darin, die ist überhaupt immer
voll. Dazu hat’s zwei hölzerne Seitenflügel; der eine, der ist ganz aus Holz,
und der andere hat ein steinernes Fundament. Jeder für sich bringt jährlich
vierhundert Rubel. Und dann gehört ihr noch ein Gemüsegarten auf der
Wiborger Seite. Vorvoriges Jahr, da hat ihn ein Kaufmann gepachtet, um
Kohl darin zu pflanzen, ich sage Ihnen, ein braver, nüchterner Mann, der
nie einen Tropfen Schnaps in den Mund nimmt. Er ist Vater von drei
Söhnen. Zwei davon hat er schon verheiratet. „Mein dritter aber“, sagte er,
„ist noch zu jung. Der kann ruhig ein bißchen im Laden sitzen und für das
Geschäft sorgen. Ich bin schon zu alt,“ sagt er, „jetzt mag mein Sohn für
mich im Laden sitzen, damit das Geschäft besser geht.“
P odkol iessin. Schön, schön; aber wie sieht sie denn aus? Ist sie denn
hübsch? ...
T hekl a. Ach, der reinste Milchzucker! Weiße Haut, rote Backen,
überhaupt: Milch und Blut. Oh, sie ist so reizend, ich kann’s gar nicht
sagen, wie reizend. Also, Sie werden zufrieden sein. Bis dahinauf (zeigt auf
den Hals). Das heißt, zu Freund und Feind werden Sie sagen: ... „Diese Thekla
Iwanowna, bei der muß ich mich aber bedanken!“
P odkol iessin. Aber sie ist doch nicht einmal Hauptmannstochter.
T hekl a. Ihr Vater war Kaufmann dritter Gilde. Ich sage Ihnen, ein
General brauchte sich ihrer nicht zu schämen. Von einem Kaufmann will
die gar nichts hören. „Mein Mann mag aussehen wie er will,“ sagt sie, „und
wenn er äußerlich auch noch so unansehnlich ist; wenn er nur den Adel
hat.“ Einfach ein Bonbon, sage ich Ihnen. Und wenn sie des Sonntags ihr
seidenes Kleid anzieht, Jesus, wie sie dann einherrauscht .... gradezu ’ne
Gräfin.
P odkol iessin. Aber Sie begreifen doch, warum ich danach frage. Ich
bin doch Hofrat. Und da muß ich doch ein ... ein ... na, Sie verstehen mich
schon.
ich den Hundesöhnen.
P odkol iessin. Und wie steht’s mit der Mitgift? ... Erzähl mir’s doch
noch einmal.
T hekl a. Gott, sie bekommt ein steinernes Haus mit, ein zweistöckiges,
im Moskauer Viertel. Das rentiert sich, sage ich Ihnen, na, Sie werden Ihre
reinste Freude daran haben. Für den Laden allein zahlt ein Kaufmann
siebenhundert Rubel ... Eine Schenke ist darin, die ist überhaupt immer
voll. Dazu hat’s zwei hölzerne Seitenflügel; der eine, der ist ganz aus Holz,
und der andere hat ein steinernes Fundament. Jeder für sich bringt jährlich
vierhundert Rubel. Und dann gehört ihr noch ein Gemüsegarten auf der
Wiborger Seite. Vorvoriges Jahr, da hat ihn ein Kaufmann gepachtet, um
Kohl darin zu pflanzen, ich sage Ihnen, ein braver, nüchterner Mann, der
nie einen Tropfen Schnaps in den Mund nimmt. Er ist Vater von drei
Söhnen. Zwei davon hat er schon verheiratet. „Mein dritter aber“, sagte er,
„ist noch zu jung. Der kann ruhig ein bißchen im Laden sitzen und für das
Geschäft sorgen. Ich bin schon zu alt,“ sagt er, „jetzt mag mein Sohn für
mich im Laden sitzen, damit das Geschäft besser geht.“
P odkol iessin. Schön, schön; aber wie sieht sie denn aus? Ist sie denn
hübsch? ...
T hekl a. Ach, der reinste Milchzucker! Weiße Haut, rote Backen,
überhaupt: Milch und Blut. Oh, sie ist so reizend, ich kann’s gar nicht
sagen, wie reizend. Also, Sie werden zufrieden sein. Bis dahinauf (zeigt auf
den Hals). Das heißt, zu Freund und Feind werden Sie sagen: ... „Diese Thekla
Iwanowna, bei der muß ich mich aber bedanken!“
P odkol iessin. Aber sie ist doch nicht einmal Hauptmannstochter.
T hekl a. Ihr Vater war Kaufmann dritter Gilde. Ich sage Ihnen, ein
General brauchte sich ihrer nicht zu schämen. Von einem Kaufmann will
die gar nichts hören. „Mein Mann mag aussehen wie er will,“ sagt sie, „und
wenn er äußerlich auch noch so unansehnlich ist; wenn er nur den Adel
hat.“ Einfach ein Bonbon, sage ich Ihnen. Und wenn sie des Sonntags ihr
seidenes Kleid anzieht, Jesus, wie sie dann einherrauscht .... gradezu ’ne
Gräfin.
P odkol iessin. Aber Sie begreifen doch, warum ich danach frage. Ich
bin doch Hofrat. Und da muß ich doch ein ... ein ... na, Sie verstehen mich
schon.
Page 153
T hekl a. Natürlich, das ist doch klar. Was sollte dabei nicht zu verstehen
sein? Es war auch schon ’n Hofrat da. Wir haben ihn aber abgewiesen, weil
er uns nicht gefallen hat. Er hatte aber auch gar zu merkwürdige Manieren.
Jedes Wort, das er sprach, war gelogen. Und dabei war es doch ein ganz
stattlicher Mann. Ja, was ist da zu machen? ... Gott hat ihn nun mal so
geschaffen! Er ärgerte sich selbst darüber. Aber es war ihm einfach
unmöglich, das Lügen zu lassen. Es war halt Gottes Wille.
P odkol iessin. Nun, und außer dieser? Können Sie mir keine anderen
Vorschläge machen? ...
T hekl a. Was wollen Sie denn noch für welche? ... Eine Schönere können
Sie sich ja gar nicht wünschen.
P odkol iessin. Als wenn’s überhaupt keine Schönere gäbe!
T hekl a. Suchen Sie auf der ganzen Welt, Sie finden keine.
P odkol iessin. Na schön, ich will’s mir überlegen, Mütterchen! Also
kommen Sie übermorgen wieder. Dann wollen wir die Sache noch einmal
durchsprechen. Wissen Sie, so wie heute. Ich liege auf dem Sofa, und Sie
erzählen mir.
T hekl a. Ach, mein Gott, jetzt komme ich doch schon den dritten Monat
Tag für Tag zu Ihnen hergelaufen und doch kommt nichts dabei heraus:
immer sitzen Sie im Schlafrock da und rauchen.
P odkol iessin. Sie denken sich wohl, heiraten das ist so, als ob ich zu
meinem Diener sage: „He Stepan, bring mir mal die Stiefel her! Zieh sie
mir an und los!“ Das will doch überlegt, durchdacht sein.
T hekl a. Na, wie Sie wollen! Wollen Sie sich die Sache erst ansehen, ....
meinetwegen! Dies Recht steht Ihnen bei jeder Ware zu. Lassen Sie sich
doch den Mantel bringen, ... es ist ja noch früh, ... und fahren Sie hin!
P odkol iessin. Wie jetzt? ... Sehen Sie doch, wie trübe es draußen ist.
Wenn es nun anfängt, zu regnen, und ich bin gerade unterwegs ...
T hekl a. Es ist ja nur Ihr eigener Schaden! Sie fangen ja schon an, graue
Haare zu bekommen. Bald taugen Sie überhaupt nicht mehr zum Ehemann.
Auch was Besonderes ... Hofrat! Wir haben noch ganz andere Freier wie
Sie!
P odkol iessin. Was für dummes Zeug schwatzen Sie da! Was fällt
Ihnen nur plötzlich ein, zu behaupten, ich hätt’ graue Haare? Wo sollen die
denn sein? ... (Zupft an seinen Haaren.)
T hekl a. Und warum sollen Sie keine grauen Haare haben? ... So ist es
nun einmal im Leben. Sie sind mir auch einer! Die gefällt ihm nicht, und
sein? Es war auch schon ’n Hofrat da. Wir haben ihn aber abgewiesen, weil
er uns nicht gefallen hat. Er hatte aber auch gar zu merkwürdige Manieren.
Jedes Wort, das er sprach, war gelogen. Und dabei war es doch ein ganz
stattlicher Mann. Ja, was ist da zu machen? ... Gott hat ihn nun mal so
geschaffen! Er ärgerte sich selbst darüber. Aber es war ihm einfach
unmöglich, das Lügen zu lassen. Es war halt Gottes Wille.
P odkol iessin. Nun, und außer dieser? Können Sie mir keine anderen
Vorschläge machen? ...
T hekl a. Was wollen Sie denn noch für welche? ... Eine Schönere können
Sie sich ja gar nicht wünschen.
P odkol iessin. Als wenn’s überhaupt keine Schönere gäbe!
T hekl a. Suchen Sie auf der ganzen Welt, Sie finden keine.
P odkol iessin. Na schön, ich will’s mir überlegen, Mütterchen! Also
kommen Sie übermorgen wieder. Dann wollen wir die Sache noch einmal
durchsprechen. Wissen Sie, so wie heute. Ich liege auf dem Sofa, und Sie
erzählen mir.
T hekl a. Ach, mein Gott, jetzt komme ich doch schon den dritten Monat
Tag für Tag zu Ihnen hergelaufen und doch kommt nichts dabei heraus:
immer sitzen Sie im Schlafrock da und rauchen.
P odkol iessin. Sie denken sich wohl, heiraten das ist so, als ob ich zu
meinem Diener sage: „He Stepan, bring mir mal die Stiefel her! Zieh sie
mir an und los!“ Das will doch überlegt, durchdacht sein.
T hekl a. Na, wie Sie wollen! Wollen Sie sich die Sache erst ansehen, ....
meinetwegen! Dies Recht steht Ihnen bei jeder Ware zu. Lassen Sie sich
doch den Mantel bringen, ... es ist ja noch früh, ... und fahren Sie hin!
P odkol iessin. Wie jetzt? ... Sehen Sie doch, wie trübe es draußen ist.
Wenn es nun anfängt, zu regnen, und ich bin gerade unterwegs ...
T hekl a. Es ist ja nur Ihr eigener Schaden! Sie fangen ja schon an, graue
Haare zu bekommen. Bald taugen Sie überhaupt nicht mehr zum Ehemann.
Auch was Besonderes ... Hofrat! Wir haben noch ganz andere Freier wie
Sie!
P odkol iessin. Was für dummes Zeug schwatzen Sie da! Was fällt
Ihnen nur plötzlich ein, zu behaupten, ich hätt’ graue Haare? Wo sollen die
denn sein? ... (Zupft an seinen Haaren.)
T hekl a. Und warum sollen Sie keine grauen Haare haben? ... So ist es
nun einmal im Leben. Sie sind mir auch einer! Die gefällt ihm nicht, und
Page 154
jene paßt ihm nicht. Ich habe einen Kapitän an der Hand, dem reichen Sie
nicht an die Schulter. Der hat ’ne Stimme! ... Wie ’ne Trompete. Er dient in
der Admiralität.
P odkol iessin. Nein, das lügst du! Ich will doch mal in den Spiegel
sehen. Wo hast du nur ein graues Haar gefunden? ... He, Stepan, bring mir
mal den Spiegel her! Oder nein, warte, ich werde ihn mir schon selber
holen. Graue Haare! das fehlte mir gerade noch. Gott behüte! Das ist ja
schlimmer als die Pocken. (Er geht in das nächste Zimmer.)
9. Auftritt
(Kotschkarjow kommt hereingelaufen.) Thekla und Kotschkarjow.
Ko tschkar j ow. Nun, Podkoliessin, wo steckst du denn? (Erblickt Thekla.)
Nanu, wie kommst du hierher? ... Na, warte nur! Sag, bei allen Teufeln,
wozu hast du mich bloß verheiratet? ..
T hekl a. Nun, ist das denn so schlimm? Du hast eben deine Pflicht getan.
Ko tschkar j ow. Pflicht getan! Eine Frau genommen; auch was
Besonderes. Als wenn ich nicht ohne Frau ausgekommen wäre.
T hekl a. Du warst ja gar nicht loszuwerden. „Schaff mir ’ne Frau,
Mütterchen, schaff mir ’ne Frau!“
Ko tschkar j ow. Ach, du alte Ratte du! Was aber suchst du bloß hier?
Oder sollte gar der Podkoliessin?
T hekl a. Warum denn nicht ... Mit Gottes Hilfe! ..
Ko tschkar j ow. Wirklich? Nein, solch ein Lump! Und erzählt mir kein
Sterbenswörtchen davon. So ein Kerl! Macht’s ganz im geheimen. Wie? ..
Was? ..
10. Auftritt
Die Vorigen und Podkoliessin mit einem Spiegel in der Hand, in dem er sich aufmerksam
betrachtet.
Ko tschkar j ow (kommt herangeschlichen und erschreckt ihn). Puff!
P odkol iessin (schreit auf und läßt den Spiegel fallen, der zerbricht). Du? Du bist
wohl verrückt geworden? .. Was für einen Sinn hat das nur? .. Wozu diese
nicht an die Schulter. Der hat ’ne Stimme! ... Wie ’ne Trompete. Er dient in
der Admiralität.
P odkol iessin. Nein, das lügst du! Ich will doch mal in den Spiegel
sehen. Wo hast du nur ein graues Haar gefunden? ... He, Stepan, bring mir
mal den Spiegel her! Oder nein, warte, ich werde ihn mir schon selber
holen. Graue Haare! das fehlte mir gerade noch. Gott behüte! Das ist ja
schlimmer als die Pocken. (Er geht in das nächste Zimmer.)
9. Auftritt
(Kotschkarjow kommt hereingelaufen.) Thekla und Kotschkarjow.
Ko tschkar j ow. Nun, Podkoliessin, wo steckst du denn? (Erblickt Thekla.)
Nanu, wie kommst du hierher? ... Na, warte nur! Sag, bei allen Teufeln,
wozu hast du mich bloß verheiratet? ..
T hekl a. Nun, ist das denn so schlimm? Du hast eben deine Pflicht getan.
Ko tschkar j ow. Pflicht getan! Eine Frau genommen; auch was
Besonderes. Als wenn ich nicht ohne Frau ausgekommen wäre.
T hekl a. Du warst ja gar nicht loszuwerden. „Schaff mir ’ne Frau,
Mütterchen, schaff mir ’ne Frau!“
Ko tschkar j ow. Ach, du alte Ratte du! Was aber suchst du bloß hier?
Oder sollte gar der Podkoliessin?
T hekl a. Warum denn nicht ... Mit Gottes Hilfe! ..
Ko tschkar j ow. Wirklich? Nein, solch ein Lump! Und erzählt mir kein
Sterbenswörtchen davon. So ein Kerl! Macht’s ganz im geheimen. Wie? ..
Was? ..
10. Auftritt
Die Vorigen und Podkoliessin mit einem Spiegel in der Hand, in dem er sich aufmerksam
betrachtet.
Ko tschkar j ow (kommt herangeschlichen und erschreckt ihn). Puff!
P odkol iessin (schreit auf und läßt den Spiegel fallen, der zerbricht). Du? Du bist
wohl verrückt geworden? .. Was für einen Sinn hat das nur? .. Wozu diese
Page 155
Dummheiten? .. Wahrhaftig, ich bin so erschrocken, daß ich gar nicht weiß,
wo ich bin.
Ko tschkar j ow. Ach, reg dich nicht auf ... es war doch nur ein Spaß!
P odkol iessin. Ein schöner Spaß! Ich kann mich bis jetzt nicht vom
Schreck erholen. Und der Spiegel ist zerbrochen. Das war doch kein billiges
Stück. Den hab’ ich in einem englischen Laden gekauft.
Ko tschkar j ow. Nun, nun, sei friedlich! Ich werde dir einen andern
Spiegel kaufen.
P odkol iessin. Ja, ja, ich weiß schon. Ich kenne diese andern Spiegel
schon. In denen sieht man um zehn Jahre älter aus. Die ganze Fratze wird
einem schief darin.
Ko tschkar j ow. Ich hätte viel mehr Grund, mich über d ich zu ärgern.
Ich bin doch dein Freund, und du verheimlichst mir alles. Du willst dich
verheiraten!
P odkol iessin. Ach, Unsinn. Wer denkt denn daran.
Ko tschkar j ow. Bitte, hier steht der Beweis. (Zeigt auf Thekla.) Man weiß
schon, was das für ein Vogel ist. Nun, nun, das schadet ja nichts. Das ist
doch kein Verbrechen! Ein ganz christliches Werk, sogar ein patriotisches
Werk! Doch, laß mich nur machen! Ich nehme alles auf mich. (Zu Thekla.)
Also, nun los, erzähle. Wie, wo, was. Ist es ’ne Adlige, eine aus dem
Beamten- oder Kaufmannsstande und, vor allem, — wie heißt sie?
T hekl a. Agathe Tichonowna heißt sie.
Ko tschkar j ow. Aha, Agathe Tichonowna Brandachlistowa!
T hekl a. Nein, Kuperdjagina.
Ko tschkar j ow. Na ja, und wohnt in der Schestilawotschnaja.
T hekl a. Nicht doch, in der Nähe von Peßki wohnt sie. In der
Müllnijgasse.
Ko tschkar j ow. Natürlich, in der Müllnijgasse, gleich hinter dem
Kramladen. In dem hölzernen Haus.
T hekl a. Nein, nicht hinter dem Kramladen; hinter der Schenke.
Ko tschkar j ow. Wieso hinter der Schenke? ... Das versteh ich nicht.
T hekl a. Wenn du in die Gasse einbiegst, so kommst du gleich an einem
Häuschen vorbei. Gleich hinter dem Häuschen mußt du nach links
einbiegen. Dann siehst du das hölzerne Haus vor dir, in dem die Näherin
wohnt, ... die, die früher mit dem Obersekretär des Senats zusammengelebt
hat. An der Näherin also mußt du vorübergehen: du läßt sie hinter dir. Aber
wo ich bin.
Ko tschkar j ow. Ach, reg dich nicht auf ... es war doch nur ein Spaß!
P odkol iessin. Ein schöner Spaß! Ich kann mich bis jetzt nicht vom
Schreck erholen. Und der Spiegel ist zerbrochen. Das war doch kein billiges
Stück. Den hab’ ich in einem englischen Laden gekauft.
Ko tschkar j ow. Nun, nun, sei friedlich! Ich werde dir einen andern
Spiegel kaufen.
P odkol iessin. Ja, ja, ich weiß schon. Ich kenne diese andern Spiegel
schon. In denen sieht man um zehn Jahre älter aus. Die ganze Fratze wird
einem schief darin.
Ko tschkar j ow. Ich hätte viel mehr Grund, mich über d ich zu ärgern.
Ich bin doch dein Freund, und du verheimlichst mir alles. Du willst dich
verheiraten!
P odkol iessin. Ach, Unsinn. Wer denkt denn daran.
Ko tschkar j ow. Bitte, hier steht der Beweis. (Zeigt auf Thekla.) Man weiß
schon, was das für ein Vogel ist. Nun, nun, das schadet ja nichts. Das ist
doch kein Verbrechen! Ein ganz christliches Werk, sogar ein patriotisches
Werk! Doch, laß mich nur machen! Ich nehme alles auf mich. (Zu Thekla.)
Also, nun los, erzähle. Wie, wo, was. Ist es ’ne Adlige, eine aus dem
Beamten- oder Kaufmannsstande und, vor allem, — wie heißt sie?
T hekl a. Agathe Tichonowna heißt sie.
Ko tschkar j ow. Aha, Agathe Tichonowna Brandachlistowa!
T hekl a. Nein, Kuperdjagina.
Ko tschkar j ow. Na ja, und wohnt in der Schestilawotschnaja.
T hekl a. Nicht doch, in der Nähe von Peßki wohnt sie. In der
Müllnijgasse.
Ko tschkar j ow. Natürlich, in der Müllnijgasse, gleich hinter dem
Kramladen. In dem hölzernen Haus.
T hekl a. Nein, nicht hinter dem Kramladen; hinter der Schenke.
Ko tschkar j ow. Wieso hinter der Schenke? ... Das versteh ich nicht.
T hekl a. Wenn du in die Gasse einbiegst, so kommst du gleich an einem
Häuschen vorbei. Gleich hinter dem Häuschen mußt du nach links
einbiegen. Dann siehst du das hölzerne Haus vor dir, in dem die Näherin
wohnt, ... die, die früher mit dem Obersekretär des Senats zusammengelebt
hat. An der Näherin also mußt du vorübergehen: du läßt sie hinter dir. Aber
Page 156
sofort danach, das steinerne Haus, das gehört ihr. Das heißt, da wohnt sie:
Agathe Tichonowna, die Braut.
Ko tschkar j ow. Gut, gut. Ich werde schon Alles besorgen. Jetzt kannst
du abziehen. Wir brauchen dich nicht mehr.
T hekl a. Was, du willst doch nicht, .... du kriegst doch keine Heirat
zustande!
Ko tschkar j ow. Selbstverständlich! Ich besorge das ganz allein. Du
brauchst dich um nichts mehr zu kümmern.
T hekl a. Pfui, schäme dich. Das ist doch kein Beruf für Männer. Lassen
Sie die Hand davon, Väterchen! Ich bitte Sie!
Ko tschkar j ow. Geh, geh nur. Was verstehst denn du davon? Schuster,
bleib bei deinen Leisten. Los, Abfahrt!
T hekl a. Was? Du willst den Leuten das Brot wegnehmen? Wart, du alter
Sünder. Mischt sich in diese Angelegenheit. Wenn ich das gewußt hätte!
Kein Wort wäre über meine Lippen gekommen! (Läuft wütend hinaus.)
11. Auftritt
Kotschkarjow und Podkoliessin.
Ko tschkar j ow. Hör mal, lieber Freund, eine solche Sache läßt
durchaus keinen Aufschub zu. Also komm, fahren wir.
P odkol iessin. Was fällt dir ein? Ich bin ja noch garnicht ... Ich überlege
es mir doch erst!
Ko tschkar j ow. Ach was, Torheiten. Sei doch nicht so schüchtern. Ich
werde dich schon verheiraten ... Du sollst es selbst nicht merken. Also
komm, wir fahren gleich zur Braut, und du siehst sofort, wie die Sache
steht.
P odkol iessin. Was redest du da? ... Wir können doch nicht gleich
hinfahren.
Ko tschkar j ow. Warum denn nicht? ... Ich bitte dich, woran fehlt’s denn
noch? ... Sieh selbst an, jetzt bist du unverheiratet. Und wie lebst du? Guck
dich doch nur mal im Zimmer um, ... wie sieht es denn hier aus? ... Dort
liegt ein ungeputzter Stiefel, da steht das Waschbecken. Hier, auf dem Tisch
treibt sich ein Haufen Tabak herum; und du selbst liegst beständig auf der
Bärenhaut und faulenzt.
Agathe Tichonowna, die Braut.
Ko tschkar j ow. Gut, gut. Ich werde schon Alles besorgen. Jetzt kannst
du abziehen. Wir brauchen dich nicht mehr.
T hekl a. Was, du willst doch nicht, .... du kriegst doch keine Heirat
zustande!
Ko tschkar j ow. Selbstverständlich! Ich besorge das ganz allein. Du
brauchst dich um nichts mehr zu kümmern.
T hekl a. Pfui, schäme dich. Das ist doch kein Beruf für Männer. Lassen
Sie die Hand davon, Väterchen! Ich bitte Sie!
Ko tschkar j ow. Geh, geh nur. Was verstehst denn du davon? Schuster,
bleib bei deinen Leisten. Los, Abfahrt!
T hekl a. Was? Du willst den Leuten das Brot wegnehmen? Wart, du alter
Sünder. Mischt sich in diese Angelegenheit. Wenn ich das gewußt hätte!
Kein Wort wäre über meine Lippen gekommen! (Läuft wütend hinaus.)
11. Auftritt
Kotschkarjow und Podkoliessin.
Ko tschkar j ow. Hör mal, lieber Freund, eine solche Sache läßt
durchaus keinen Aufschub zu. Also komm, fahren wir.
P odkol iessin. Was fällt dir ein? Ich bin ja noch garnicht ... Ich überlege
es mir doch erst!
Ko tschkar j ow. Ach was, Torheiten. Sei doch nicht so schüchtern. Ich
werde dich schon verheiraten ... Du sollst es selbst nicht merken. Also
komm, wir fahren gleich zur Braut, und du siehst sofort, wie die Sache
steht.
P odkol iessin. Was redest du da? ... Wir können doch nicht gleich
hinfahren.
Ko tschkar j ow. Warum denn nicht? ... Ich bitte dich, woran fehlt’s denn
noch? ... Sieh selbst an, jetzt bist du unverheiratet. Und wie lebst du? Guck
dich doch nur mal im Zimmer um, ... wie sieht es denn hier aus? ... Dort
liegt ein ungeputzter Stiefel, da steht das Waschbecken. Hier, auf dem Tisch
treibt sich ein Haufen Tabak herum; und du selbst liegst beständig auf der
Bärenhaut und faulenzt.
Page 157
P odkol iessin. Das ist wahr. Wie unordentlich es bei mir zugeht, das
weiß i ch am allerbesten.
Ko tschkar j ow. Na, und nun denk mal, wenn du erst eine Frau haben
wirst. Du wirst dich selbst nicht wiedererkennen. Dort wird ein Sofa stehen,
dazu ein kleines Hündchen ... ein Zeisig oder sonst was im Käfig ... hier
Häkeleien ... Und nun stell dir vor, du sitzt auf dem Sofa und plötzlich setzt
sich dein Weibchen an deine Seite ... so ein reizendes Frauchen, und
streichelt dich mit ihren Händchen.
P odkol iessin. Teufel, ja, wenn ich denke, was für reizende Händchen
es in der Welt gibt. Weißt du, Freund, so weiß wie Milch ...
Ko tschkar j ow. Ach was, als ob sie bloß Händchen hätten. Die haben
noch ganz was anderes! ... Doch wozu noch viele Worte machen; ... weiß
der Teufel, was die nicht alles haben.
P odkol iessin. Ich muß sagen, wenn ich ehrlich sein soll, ich habe es
ganz gern, wenn solch hübsches Mädel neben mir sitzt.
Ko tschkar j ow. Aha, siehst du, du bist also selbst auf den Geschmack
gekommen! Jetzt laß mich nur machen. Du brauchst dich um nichts mehr zu
kümmern. Das Verlobungs-Essen und alles, was drum und dran hängt das
besorge ich ganz allein. Was den Champagner betrifft — unter einem
Dutzend läßt sich gar nicht erst anfangen. Da magst du nun reden, was du
willst. Dazu kommt dann noch ein halbes Dutzend Madeira, — unbedingt.
Die Braut hat sicherlich einen ganzen Haufen von Tanten und Basen, die
lieben nämlich nicht zu scherzen. Na, und den Rheinwein, ach was, hol’ ihn
der Teufel, auf den verzichten wir, nicht? Und dann das Essen, — weißt du,
— da habe ich einen Hoftraiteur, der Kerl liefert dir ein Diner, nach dem
stehst du überhaupt nicht mehr auf.
P odkol iessin. Hör mal, du legst dich aber gleich ganz gehörig ins
Zeug. Das ist ja beinahe, als ob schon heute abend die Hochzeit wäre.
Ko tschkar j ow. Gewiß! Warum denn nicht? ... Wozu sollen wir es denn
aufschieben? Du bist doch mit allem einverstanden.
P odkol iessin. Ich? Nein, mein Bester, ich bin noch durchaus nicht
einverstanden.
Ko tschkar j ow. Da haben wir’s. Soeben hast du doch erklärt, du
wolltest gerne heiraten!
P odkol iessin. Ich meinte doch nur, es wäre nicht schlecht ...
Ko tschkar j ow. Wie, aber wir haben doch ... die ... ganze Sache schon
vollständig ... Ja, wie? Gefällt dir denn das Eheleben nicht, was?
weiß i ch am allerbesten.
Ko tschkar j ow. Na, und nun denk mal, wenn du erst eine Frau haben
wirst. Du wirst dich selbst nicht wiedererkennen. Dort wird ein Sofa stehen,
dazu ein kleines Hündchen ... ein Zeisig oder sonst was im Käfig ... hier
Häkeleien ... Und nun stell dir vor, du sitzt auf dem Sofa und plötzlich setzt
sich dein Weibchen an deine Seite ... so ein reizendes Frauchen, und
streichelt dich mit ihren Händchen.
P odkol iessin. Teufel, ja, wenn ich denke, was für reizende Händchen
es in der Welt gibt. Weißt du, Freund, so weiß wie Milch ...
Ko tschkar j ow. Ach was, als ob sie bloß Händchen hätten. Die haben
noch ganz was anderes! ... Doch wozu noch viele Worte machen; ... weiß
der Teufel, was die nicht alles haben.
P odkol iessin. Ich muß sagen, wenn ich ehrlich sein soll, ich habe es
ganz gern, wenn solch hübsches Mädel neben mir sitzt.
Ko tschkar j ow. Aha, siehst du, du bist also selbst auf den Geschmack
gekommen! Jetzt laß mich nur machen. Du brauchst dich um nichts mehr zu
kümmern. Das Verlobungs-Essen und alles, was drum und dran hängt das
besorge ich ganz allein. Was den Champagner betrifft — unter einem
Dutzend läßt sich gar nicht erst anfangen. Da magst du nun reden, was du
willst. Dazu kommt dann noch ein halbes Dutzend Madeira, — unbedingt.
Die Braut hat sicherlich einen ganzen Haufen von Tanten und Basen, die
lieben nämlich nicht zu scherzen. Na, und den Rheinwein, ach was, hol’ ihn
der Teufel, auf den verzichten wir, nicht? Und dann das Essen, — weißt du,
— da habe ich einen Hoftraiteur, der Kerl liefert dir ein Diner, nach dem
stehst du überhaupt nicht mehr auf.
P odkol iessin. Hör mal, du legst dich aber gleich ganz gehörig ins
Zeug. Das ist ja beinahe, als ob schon heute abend die Hochzeit wäre.
Ko tschkar j ow. Gewiß! Warum denn nicht? ... Wozu sollen wir es denn
aufschieben? Du bist doch mit allem einverstanden.
P odkol iessin. Ich? Nein, mein Bester, ich bin noch durchaus nicht
einverstanden.
Ko tschkar j ow. Da haben wir’s. Soeben hast du doch erklärt, du
wolltest gerne heiraten!
P odkol iessin. Ich meinte doch nur, es wäre nicht schlecht ...
Ko tschkar j ow. Wie, aber wir haben doch ... die ... ganze Sache schon
vollständig ... Ja, wie? Gefällt dir denn das Eheleben nicht, was?
Page 158
P odkol iessin. Gewiß gefällt es mir! ...
Ko tschkar j ow. Na also, woran fehlt’s denn noch?
P odkol iessin. An nichts; es ist alles nur so sonderbar.
Ko tschkar j ow. Was ist sonderbar?
P odkol iessin. Du wirst doch zugeben, daß es merkwürdig ist: da war
man so lange unverheiratet, und dann soll man plötzlich Ehemann sein.
Ko tschkar j ow. Nein, hör mal, schämst du dich denn nicht? Nein, ich
sehe wirklich, mit dir muß man ernst reden! Also, ich will ganz aufrichtig
gegen dich sein, wie ein Vater zu seinem Sohne. Betrachte dich doch nur
einmal genau, so wie du jetzt mich ansiehst; ... was stellst du eigentlich vor?
Ein Klotz bist du, ohne alle tiefere Bedeutung. Na, und wozu lebst du
eigentlich? Guck doch bloß mal in den Spiegel! Na, was siehst du da? ...
Ein dummes Gesicht, und weiter nichts. Statt dessen, überlege dir doch nur,
wie dann die kleinen Kinderchen um dich herumhüpfen werden. Nicht etwa
zwei oder drei, nein, gleich ein halbes Dutzend. Und alle gleichen dem
Vater, wie ein Tropfen Wasser dem andern. Jetzt bist du allein, bist Hofrat,
Expeditor, oder irgendein Direktor irgendeines Departements und weiß
Gott, was sonst noch. Und nun stell dir erst mal vor, was dann sein wird.
Alle die kleinen Expeditorchen um dich herum, diese kleinen Spitzbuben,
und wenn dann solch ein kleiner Wildfang die Hände ausstreckt und dir im
Bart zu krauen beginnt, und du dazwischen wie ein Hund bellen mußt: Wau,
wau, wau ... na, nun sag selbst, kann es etwas Hübscheres geben? ...
P odkol iessin. Aber, wenn sie nur nicht solche Schelme wären. Sie
werden mir nur alles zerreißen und meine Papiere durcheinanderbringen.
Ko tschkar j ow. Laß sie doch. Dafür werden sie dir alle ähnlich sehen;
das ist eben der Witz.
P odkol iessin. Ja, es hat wirklich etwas Komisches, weiß der Teufel.
So’n kleiner Windbeutel, so ein junger, täppischer Hund, und ist dir schon
wie aus dem Gesicht geschnitten.
Ko tschkar j ow. Natürlich, gewiß ist es komisch. Na also, dann fahren
wir.
P odkol iessin. Also ... gut, meinetwegen!
Ko tschkar j ow. He, Stepan, hilf deinem Herrn beim Anziehen.
P odkol iessin (kleidet sich vor dem Spiegel an). Ich denke, vielleicht sollte ich
lieber eine weiße Weste nehmen?
Ko tschkar j ow. Ach was, Unsinn, es kommt ja nicht so genau drauf an.
Ko tschkar j ow. Na also, woran fehlt’s denn noch?
P odkol iessin. An nichts; es ist alles nur so sonderbar.
Ko tschkar j ow. Was ist sonderbar?
P odkol iessin. Du wirst doch zugeben, daß es merkwürdig ist: da war
man so lange unverheiratet, und dann soll man plötzlich Ehemann sein.
Ko tschkar j ow. Nein, hör mal, schämst du dich denn nicht? Nein, ich
sehe wirklich, mit dir muß man ernst reden! Also, ich will ganz aufrichtig
gegen dich sein, wie ein Vater zu seinem Sohne. Betrachte dich doch nur
einmal genau, so wie du jetzt mich ansiehst; ... was stellst du eigentlich vor?
Ein Klotz bist du, ohne alle tiefere Bedeutung. Na, und wozu lebst du
eigentlich? Guck doch bloß mal in den Spiegel! Na, was siehst du da? ...
Ein dummes Gesicht, und weiter nichts. Statt dessen, überlege dir doch nur,
wie dann die kleinen Kinderchen um dich herumhüpfen werden. Nicht etwa
zwei oder drei, nein, gleich ein halbes Dutzend. Und alle gleichen dem
Vater, wie ein Tropfen Wasser dem andern. Jetzt bist du allein, bist Hofrat,
Expeditor, oder irgendein Direktor irgendeines Departements und weiß
Gott, was sonst noch. Und nun stell dir erst mal vor, was dann sein wird.
Alle die kleinen Expeditorchen um dich herum, diese kleinen Spitzbuben,
und wenn dann solch ein kleiner Wildfang die Hände ausstreckt und dir im
Bart zu krauen beginnt, und du dazwischen wie ein Hund bellen mußt: Wau,
wau, wau ... na, nun sag selbst, kann es etwas Hübscheres geben? ...
P odkol iessin. Aber, wenn sie nur nicht solche Schelme wären. Sie
werden mir nur alles zerreißen und meine Papiere durcheinanderbringen.
Ko tschkar j ow. Laß sie doch. Dafür werden sie dir alle ähnlich sehen;
das ist eben der Witz.
P odkol iessin. Ja, es hat wirklich etwas Komisches, weiß der Teufel.
So’n kleiner Windbeutel, so ein junger, täppischer Hund, und ist dir schon
wie aus dem Gesicht geschnitten.
Ko tschkar j ow. Natürlich, gewiß ist es komisch. Na also, dann fahren
wir.
P odkol iessin. Also ... gut, meinetwegen!
Ko tschkar j ow. He, Stepan, hilf deinem Herrn beim Anziehen.
P odkol iessin (kleidet sich vor dem Spiegel an). Ich denke, vielleicht sollte ich
lieber eine weiße Weste nehmen?
Ko tschkar j ow. Ach was, Unsinn, es kommt ja nicht so genau drauf an.
Page 159
P odkol iessin (legt sich den Kragen um). Die verdammte Wäscherin. Hat
schon wieder den Kragen so schlecht gestärkt; er will absolut nicht stehen.
Stepan, sag ihr, wenn sie die Wäsche noch einmal so schlecht plättet, dann
schicke ich nach einer andern. So ein dummes Weib! Wahrscheinlich sitzt
sie den ganzen Tag mit ihren Liebsten zusammen, anstatt zu plätten.
Ko tschkar j ow. Beeil dich ein bißchen, lieber Freund, was trödelst du
denn so lange herum.
P odkol iessin. Gleich, gleich! (Zieht den Frack an und setzt sich.) Hör mal, Ilja
Fomitsch, weißt du was: Fahr du doch lieber alleine!
Ko tschkar j ow. Was fällt dir ein! Hast du plötzlich den Verstand
verloren? Ich soll fahren? .. Wer von uns will sich denn eigentlich
verheiraten? .. Du oder ich? ...
P odkol iessin. Wirklich, ich habe keine rechte Lust. Fahren wir lieber
morgen.
Ko tschkar j ow. Na, hast du bloß einen Funken Verstand? .. Bist du
nicht ein Trottel? .. Ist schon ganz fertig und plötzlich will er nicht mehr.
Nein, sag selbst, bist du nicht ein Schwein? .. Bist du nicht ein Lump, nach
alledem? ...
P odkol iessin. Wozu schimpfst du? ... Was soll das? ... Habe ich dir
denn was zuleide getan?
Ko tschkar j ow. Ein Esel bist du, ein altes Schaf, das wird dir jeder
sagen. Dumm bist du, einfach dumm. Trotzdem du Expeditor bist! Für wen
sorge ich mich denn eigentlich? Doch nur für dich. Zu deinem Vorteil! Sie
werden dir noch den Bissen vor dem Munde wegschnappen. Liegt da auf
seinem Faulbett, der verdammte Junggeselle. Nein, sag mal bitte, wonach
siehst du eigentlich aus? Du Waschlappen du! Du alte Schlafmütze! Na, ich
hätte beinahe etwas gesagt. Wenn’s nur nicht zu unanständig wäre. ... Ein
altes Weib bist du; schlimmer als ein altes Weib!
P odkol iessin. Du benimmst dich sehr fein. Tatsächlich! (Halblaut.) Du
bist wohl nicht ganz bei Troste? Da steht der Knecht, und du schimpfst
drauf los und gebrauchst in seiner Gegenwart solche Worte. Du konntest dir
dazu wohl keinen andern Ort auswählen? ...
Ko tschkar j ow. Ja, wie soll man dich denn nicht schimpfen. Kann denn
ein Mensch dabei ruhig bleiben und nicht schimpfen? ... Wer hat denn
soviel Selbstbeherrschung? .. Du hast dich als anständiger Mensch
entschlossen, zu heiraten; ... bist der Stimme der Vernunft gefolgt, und nun,
schon wieder den Kragen so schlecht gestärkt; er will absolut nicht stehen.
Stepan, sag ihr, wenn sie die Wäsche noch einmal so schlecht plättet, dann
schicke ich nach einer andern. So ein dummes Weib! Wahrscheinlich sitzt
sie den ganzen Tag mit ihren Liebsten zusammen, anstatt zu plätten.
Ko tschkar j ow. Beeil dich ein bißchen, lieber Freund, was trödelst du
denn so lange herum.
P odkol iessin. Gleich, gleich! (Zieht den Frack an und setzt sich.) Hör mal, Ilja
Fomitsch, weißt du was: Fahr du doch lieber alleine!
Ko tschkar j ow. Was fällt dir ein! Hast du plötzlich den Verstand
verloren? Ich soll fahren? .. Wer von uns will sich denn eigentlich
verheiraten? .. Du oder ich? ...
P odkol iessin. Wirklich, ich habe keine rechte Lust. Fahren wir lieber
morgen.
Ko tschkar j ow. Na, hast du bloß einen Funken Verstand? .. Bist du
nicht ein Trottel? .. Ist schon ganz fertig und plötzlich will er nicht mehr.
Nein, sag selbst, bist du nicht ein Schwein? .. Bist du nicht ein Lump, nach
alledem? ...
P odkol iessin. Wozu schimpfst du? ... Was soll das? ... Habe ich dir
denn was zuleide getan?
Ko tschkar j ow. Ein Esel bist du, ein altes Schaf, das wird dir jeder
sagen. Dumm bist du, einfach dumm. Trotzdem du Expeditor bist! Für wen
sorge ich mich denn eigentlich? Doch nur für dich. Zu deinem Vorteil! Sie
werden dir noch den Bissen vor dem Munde wegschnappen. Liegt da auf
seinem Faulbett, der verdammte Junggeselle. Nein, sag mal bitte, wonach
siehst du eigentlich aus? Du Waschlappen du! Du alte Schlafmütze! Na, ich
hätte beinahe etwas gesagt. Wenn’s nur nicht zu unanständig wäre. ... Ein
altes Weib bist du; schlimmer als ein altes Weib!
P odkol iessin. Du benimmst dich sehr fein. Tatsächlich! (Halblaut.) Du
bist wohl nicht ganz bei Troste? Da steht der Knecht, und du schimpfst
drauf los und gebrauchst in seiner Gegenwart solche Worte. Du konntest dir
dazu wohl keinen andern Ort auswählen? ...
Ko tschkar j ow. Ja, wie soll man dich denn nicht schimpfen. Kann denn
ein Mensch dabei ruhig bleiben und nicht schimpfen? ... Wer hat denn
soviel Selbstbeherrschung? .. Du hast dich als anständiger Mensch
entschlossen, zu heiraten; ... bist der Stimme der Vernunft gefolgt, und nun,
Page 160
mit einemmal, aus einer bloßen Laune ... Du hast wohl Tollkirschen
gefressen? .. Du Tölpel, du Holzklotz du!
P odkol iessin. Nun, nun, genug ... ich fahre! Was schreist du so?
Ko tschkar j ow. Du fährst? Selbstverständlich fährst du! Du kannst ja
gar nichts anderes tun, als fahren. (Zu Stepan.) Bring Hut und Mantel! Schnell
...
P odkol iessin (in der Türe). Du bist ein seltsamer Mensch, Kotschkarjow!
Wahrhaftig! Mit dir ist es doch wirklich nicht zum Aushalten. Schimpfst mit
einem Mal los, ohne alle Ursache und ohne jeden Grund! Das ist doch kein
Benehmen.
Ko tschkar j ow. Ach, das ist ja längst vorbei! Ich schimpfe ja gar nicht
mehr ...
(Beide ab.)
12. Auftritt
Agathe Tichonowna legt Karten, Arina Panteleimonowna, ihre Tante, blickt ihr über
die Achseln in die Karten.
Ag at h e Ti cho n owna. Tantchen, sieh, schon wieder ein Weg! Ein
Karo-König interessiert sich für mich. ... Tränen! ... Ein Liebesbrief ... links
der Treff-König zeigt große Teilnahme, aber hier liegt ein böses Weib
dazwischen.
Ar in a P an tel ei m o nown a. Und was denkst du, der Treff-König: wer
mag das sein?
Ag at h e Ti ch o nown a. Das kann ich doch nicht wissen.
Ar in a P an t el ei m ono wna. Aber ich weiß es.
Ag at h e Ti ch o nown a. Ja? ... Wer? ...
Ar in a P an tel ei m onown a. Nun, der nette Kaufmann vom Tuchmarkt,
Alexei Dmitriewitsch Starikow.
Ag at h e Ti cho n owna. Ach, der doch auf keinen Fall. Ich gehe jede
Wette ein, daß der es nicht ist.
Ar in a P an t eleim on owna. Streite doch nicht, Agathe Tichonowna,
sieh doch die blonden Haare hier; einen andern Treff-König gibt es ja gar
nicht.
Ag at h e Tich o nown a. Aber nicht doch, Tantchen, Treff-König ist
immer ein Edelmann. Ein Kaufmann reicht noch lange nicht an den Treff-
gefressen? .. Du Tölpel, du Holzklotz du!
P odkol iessin. Nun, nun, genug ... ich fahre! Was schreist du so?
Ko tschkar j ow. Du fährst? Selbstverständlich fährst du! Du kannst ja
gar nichts anderes tun, als fahren. (Zu Stepan.) Bring Hut und Mantel! Schnell
...
P odkol iessin (in der Türe). Du bist ein seltsamer Mensch, Kotschkarjow!
Wahrhaftig! Mit dir ist es doch wirklich nicht zum Aushalten. Schimpfst mit
einem Mal los, ohne alle Ursache und ohne jeden Grund! Das ist doch kein
Benehmen.
Ko tschkar j ow. Ach, das ist ja längst vorbei! Ich schimpfe ja gar nicht
mehr ...
(Beide ab.)
12. Auftritt
Agathe Tichonowna legt Karten, Arina Panteleimonowna, ihre Tante, blickt ihr über
die Achseln in die Karten.
Ag at h e Ti cho n owna. Tantchen, sieh, schon wieder ein Weg! Ein
Karo-König interessiert sich für mich. ... Tränen! ... Ein Liebesbrief ... links
der Treff-König zeigt große Teilnahme, aber hier liegt ein böses Weib
dazwischen.
Ar in a P an tel ei m o nown a. Und was denkst du, der Treff-König: wer
mag das sein?
Ag at h e Ti ch o nown a. Das kann ich doch nicht wissen.
Ar in a P an t el ei m ono wna. Aber ich weiß es.
Ag at h e Ti ch o nown a. Ja? ... Wer? ...
Ar in a P an tel ei m onown a. Nun, der nette Kaufmann vom Tuchmarkt,
Alexei Dmitriewitsch Starikow.
Ag at h e Ti cho n owna. Ach, der doch auf keinen Fall. Ich gehe jede
Wette ein, daß der es nicht ist.
Ar in a P an t eleim on owna. Streite doch nicht, Agathe Tichonowna,
sieh doch die blonden Haare hier; einen andern Treff-König gibt es ja gar
nicht.
Ag at h e Tich o nown a. Aber nicht doch, Tantchen, Treff-König ist
immer ein Edelmann. Ein Kaufmann reicht noch lange nicht an den Treff-
Page 161
König heran.
Ar in a P an tel ei m o nowna. Ach, Agathe Tichonowna, du würdest auch
anders reden, wenn dein seliger Vater, Tichon Panteleimonowitsch, noch am
Leben wäre. Der schlug manches liebe Mal mit der Faust auf den Tisch und
schrie: „Ich spucke auf jeden, der sich schämt, ein Kaufmann zu sein. Ich
gebe meine Tochter keinem Obersten,“ sagte er. „Mögen das doch andre
Leute machen. Und mein Sohn, der soll mir auch nicht Beamter werden“,
sagte er. „Dient nicht der Kaufmann seinem Zaren genau so gut wie jeder
andere?“ sagte er. Und dabei schlug er so mit der Faust auf den Tisch, daß
es krachte. Und das war ’ne Hand, sag’ ich dir, so groß wie ein Eimer. Ja,
solch ein leidenschaftlicher Mensch war er. Wenn ich offen sein soll, deiner
seligen Mutter hat er das Leben auch gehörig versalzen. Sonst hätt’ sie wohl
noch länger gelebt.
Ag at h e Ti chon owna. Nun, soll ich etwa eben solch einen bösen
Mann kriegen? Nein, unter keinen Umständen nehme ich einen Kaufmann.
Ar in a P an t el ei m ono wna. Aber Alexei Dmitriewitsch ist doch gar
nicht solch einer.
Ag at h e Ti cho n owna. Nein, ich will ihn nicht. Ich mag ihn nicht. Und
dann trägt er einen Vollbart. Beim Essen wird es ihm immer in den Bart
heruntertropfen. Nein, nein, ich will ihn nicht!
Ar in a P antelei m ono wna. Aber wo soll man nur einen anständigen
Adligen hernehmen? Sie liegen doch nicht auf der Straße herum!
Ag at h e Ti cho n owna. Thekla Iwanowna wird schon einen auftreiben.
Sie versprach mir’s, den Allerschönsten zu finden.
Ar in a P an t el ei m ono wna. Ach, die schwindelt ja nur, Herzchen.
13. Auftritt
Die Vorigen und Thekla Iwanowna.
T hekl a. Aber nein, Arina Panteleimonowna, schämen Sie sich doch, mir
hinterm Rücken so was nachzureden.
Ag at h e Ti chon owna. Ach, da sind Sie ja, Thekla Iwanowna! Nun,
wie steht’s? Sprechen Sie doch! Erzählen Sie! Haben Sie einen?
T hekl a. Ja doch, ja, lassen Sie mich nur erst verschnaufen. Wie bin ich
in Ihrem Auftrag herumgelaufen! ... Ich bin in allen Häusern gewesen, in
allen Kanzleien und Ministerien; hab’ sogar in die Kasernen geguckt! ...
Ar in a P an tel ei m o nowna. Ach, Agathe Tichonowna, du würdest auch
anders reden, wenn dein seliger Vater, Tichon Panteleimonowitsch, noch am
Leben wäre. Der schlug manches liebe Mal mit der Faust auf den Tisch und
schrie: „Ich spucke auf jeden, der sich schämt, ein Kaufmann zu sein. Ich
gebe meine Tochter keinem Obersten,“ sagte er. „Mögen das doch andre
Leute machen. Und mein Sohn, der soll mir auch nicht Beamter werden“,
sagte er. „Dient nicht der Kaufmann seinem Zaren genau so gut wie jeder
andere?“ sagte er. Und dabei schlug er so mit der Faust auf den Tisch, daß
es krachte. Und das war ’ne Hand, sag’ ich dir, so groß wie ein Eimer. Ja,
solch ein leidenschaftlicher Mensch war er. Wenn ich offen sein soll, deiner
seligen Mutter hat er das Leben auch gehörig versalzen. Sonst hätt’ sie wohl
noch länger gelebt.
Ag at h e Ti chon owna. Nun, soll ich etwa eben solch einen bösen
Mann kriegen? Nein, unter keinen Umständen nehme ich einen Kaufmann.
Ar in a P an t el ei m ono wna. Aber Alexei Dmitriewitsch ist doch gar
nicht solch einer.
Ag at h e Ti cho n owna. Nein, ich will ihn nicht. Ich mag ihn nicht. Und
dann trägt er einen Vollbart. Beim Essen wird es ihm immer in den Bart
heruntertropfen. Nein, nein, ich will ihn nicht!
Ar in a P antelei m ono wna. Aber wo soll man nur einen anständigen
Adligen hernehmen? Sie liegen doch nicht auf der Straße herum!
Ag at h e Ti cho n owna. Thekla Iwanowna wird schon einen auftreiben.
Sie versprach mir’s, den Allerschönsten zu finden.
Ar in a P an t el ei m ono wna. Ach, die schwindelt ja nur, Herzchen.
13. Auftritt
Die Vorigen und Thekla Iwanowna.
T hekl a. Aber nein, Arina Panteleimonowna, schämen Sie sich doch, mir
hinterm Rücken so was nachzureden.
Ag at h e Ti chon owna. Ach, da sind Sie ja, Thekla Iwanowna! Nun,
wie steht’s? Sprechen Sie doch! Erzählen Sie! Haben Sie einen?
T hekl a. Ja doch, ja, lassen Sie mich nur erst verschnaufen. Wie bin ich
in Ihrem Auftrag herumgelaufen! ... Ich bin in allen Häusern gewesen, in
allen Kanzleien und Ministerien; hab’ sogar in die Kasernen geguckt! ...
Page 162
Wissen Sie, Mütterchen, beinah geschlagen hat man mich ... bei Gott! Die
Alte, die ihre Hand in der Heirat der Affeirows im Spiel gehabt hat, die
stürzte sich auf mich los und schrie: „Du bist mir auch so eine und so ’ne,
nimmst bloß andern Leuten das Brot weg, bleib du doch gefälligst in
deinem Revier!“ ... „Was soll ich tun,“ sagte ich ihr geradezu ins Gesicht,
„verzeih, aber für mein Fräulein, da bin ich jederzeit zu allem bereit.“ Ja
mein Herzchen, was ich Ihnen aber auch für Freier besorgt habe! Na, das
heißt: solange die Welt steht, — und sie wird noch lange stehen — aber
solche hat es denn doch noch nie gegeben. Ein paar werden noch heute ihre
Aufwartung machen. Ich komme absichtlich hergelaufen, um Sie
vorzubereiten.
Ag at h e Ti chon owna. Wie? Heute noch? ... Liebste Thekla Iwanowna,
ich bitte Sie ... ich fürchte mich ...
T hekl a. Sie brauchen keine Angst zu haben, Mütterchen. ’s ist ja eine
ganz gewöhnliche Sache! Sie werden eben kommen, sich umsehen, und —
weiter nichts! Sie werden sie sich auch ansehen, und wenn sie Ihnen nicht
gefallen, nun, dann fahren sie eben wieder fort.
Ar in a P an teleim o nown a. Na, du wirst mir schon nette Kerle
rausgesucht haben.
Ag at h e Ti ch o nown a. Wie viele sind es denn? Sind’s viele?
T hekl a. Nun, an die sechs Mann werden es wohl sein.
Ag at h e Ti ch o nown a (aufschreiend). Ach Herrjeh! ...
T hekl a. Nun, nun, springen Sie doch nicht gleich in die Höhe,
Mütterchen! ... Um so leichter ist doch die Wahl. Gefällt dir der eine nicht,
so tut’s vielleicht der andere.
Ag at h e Ti ch o nown a. Und sind es Adlige? ..
T hekl a. Aber natürlich! Alle! Wie ausgesucht! Solche Adlige wie die,
finden Sie nirgends mehr.
Ag at h e Ti ch o nown a. Und was sind es für Menschen? ...
T hekl a. Ach, prächtige Menschen! Alles prachtvolle, propre, junge
Leute. Da haben Sie erstens den Baltasar Baltasarowitsch Schewakin. Ein
ganz vorzüglicher Mensch; er hat in der Flotte gedient. Der paßt
ausgezeichnet zu Ihnen! „Denn“, sagt er, „was meine Braut betrifft, die muß
voll sein.“ Die mageren, die mag er gar nicht leiden. Und dann ist da Iwan
Pawlowitsch, der Ixikutor! Ein sehr würdiger, ein geradezu unnahbarer
Mann. Wenn der einen anschreit: „Erzähl’ mir nur keine langen Geschichten
von der Braut. Sag lieber, was hat sie an Mabilien und Immabilien, und
Alte, die ihre Hand in der Heirat der Affeirows im Spiel gehabt hat, die
stürzte sich auf mich los und schrie: „Du bist mir auch so eine und so ’ne,
nimmst bloß andern Leuten das Brot weg, bleib du doch gefälligst in
deinem Revier!“ ... „Was soll ich tun,“ sagte ich ihr geradezu ins Gesicht,
„verzeih, aber für mein Fräulein, da bin ich jederzeit zu allem bereit.“ Ja
mein Herzchen, was ich Ihnen aber auch für Freier besorgt habe! Na, das
heißt: solange die Welt steht, — und sie wird noch lange stehen — aber
solche hat es denn doch noch nie gegeben. Ein paar werden noch heute ihre
Aufwartung machen. Ich komme absichtlich hergelaufen, um Sie
vorzubereiten.
Ag at h e Ti chon owna. Wie? Heute noch? ... Liebste Thekla Iwanowna,
ich bitte Sie ... ich fürchte mich ...
T hekl a. Sie brauchen keine Angst zu haben, Mütterchen. ’s ist ja eine
ganz gewöhnliche Sache! Sie werden eben kommen, sich umsehen, und —
weiter nichts! Sie werden sie sich auch ansehen, und wenn sie Ihnen nicht
gefallen, nun, dann fahren sie eben wieder fort.
Ar in a P an teleim o nown a. Na, du wirst mir schon nette Kerle
rausgesucht haben.
Ag at h e Ti ch o nown a. Wie viele sind es denn? Sind’s viele?
T hekl a. Nun, an die sechs Mann werden es wohl sein.
Ag at h e Ti ch o nown a (aufschreiend). Ach Herrjeh! ...
T hekl a. Nun, nun, springen Sie doch nicht gleich in die Höhe,
Mütterchen! ... Um so leichter ist doch die Wahl. Gefällt dir der eine nicht,
so tut’s vielleicht der andere.
Ag at h e Ti ch o nown a. Und sind es Adlige? ..
T hekl a. Aber natürlich! Alle! Wie ausgesucht! Solche Adlige wie die,
finden Sie nirgends mehr.
Ag at h e Ti ch o nown a. Und was sind es für Menschen? ...
T hekl a. Ach, prächtige Menschen! Alles prachtvolle, propre, junge
Leute. Da haben Sie erstens den Baltasar Baltasarowitsch Schewakin. Ein
ganz vorzüglicher Mensch; er hat in der Flotte gedient. Der paßt
ausgezeichnet zu Ihnen! „Denn“, sagt er, „was meine Braut betrifft, die muß
voll sein.“ Die mageren, die mag er gar nicht leiden. Und dann ist da Iwan
Pawlowitsch, der Ixikutor! Ein sehr würdiger, ein geradezu unnahbarer
Mann. Wenn der einen anschreit: „Erzähl’ mir nur keine langen Geschichten
von der Braut. Sag lieber, was hat sie an Mabilien und Immabilien, und
Page 163
damit basta!“ So und so viel, Väterchen, bei Gott! „Das lügst du, Luder!“ ...
Und dann hat er mir noch ein Wort an den Kopf geworfen, ja, Mütterchen,
das ist schon zu unanständig, um es hier zu wiederholen. Da hatt’ ich’s
gleich raus: das muß aber ein vornehmer Mann gewesen sein.
Ag at h e Ti ch o nown a. Nun, und wer noch? ..
T hekl a. Dann ist da noch ein Herr, Nikolai Iwanowitsch Anutschkin.
Eine majestätische Gestalt! Und was für Lippen er hat ... die reinsten
Himbeeren. So ein feiner Herr! „Ich will,“ sagte er, „daß meine Frau hübsch
und gut erzogen ist, und Französisch muß sie sprechen können.“ Ja, ein
Herr von äußerst feinem Benehmen! Alles deutsche Finessen! Und dabei ist
er so zart und hat so schmale, dünne Beinchen.
Ag at h e Ti ch o nown a. Nein, grade diese Zarten, die wollen mir nicht
so recht, ... ich weiß nicht, aber ich finde keinen Geschmack an ihnen.
T hekl a. Ja, wenn Sie auf etwas Massiveres reflektieren, dann nehmen
Sie doch Iwan Pawlowitsch! Einen passenderen können Sie ja gar nicht
finden. Da ist nichts zu sagen. Das ist ein Herr! Der geht Ihnen hier nicht
durch die Tür. So ein prächtiger Mensch!
Ag at h e Ti ch o nown a. Und wie alt ist er?
T hekl a. Ach, noch ein junger Mann! Vielleicht an die fünfzig. Oder
noch nicht einmal fünfzig.
Ag at h e Ti ch o nown a. Und wie ist sein Name?
T hekl a. Er heißt Iwan Pawlowitsch Eierkuchen.
Ag at h e Ti cho nowna. Wie ... Eierkuchen ... das ist sein
Familienname?
T hekl a. Ja, das ist sein Name.
Ag at h e Ti ch ono wna. Gott, welch ein Name! Denk doch nur,
Theklachen, wie soll denn das werden, wenn ich den heirate? Dann heiße
ich ja plötzlich Agathe Tichonowna Eierkuchen. Weiß Gott, das ist ja
fürchterlich!
T hekl a. I was, liebes Mütterchen, bei uns in Rußland gibt es nun mal
solche Namen, da möchte man am liebsten gleich ausspucken und das
Kreuz darüber schlagen, wenn man sie hört. Aber wenn er Ihnen nicht
gefällt, so nehmen Sie doch Baltasar Baltasarowitsch Schewakin. Ein
herrlicher Freier!
Ag at h e Ti ch o nown a. Und was für ein Haar hat er?
T hekl a. Sehr schönes Haar, mein Herzchen.
Ag at h e Ti ch o nown a. Und die Nase?
Und dann hat er mir noch ein Wort an den Kopf geworfen, ja, Mütterchen,
das ist schon zu unanständig, um es hier zu wiederholen. Da hatt’ ich’s
gleich raus: das muß aber ein vornehmer Mann gewesen sein.
Ag at h e Ti ch o nown a. Nun, und wer noch? ..
T hekl a. Dann ist da noch ein Herr, Nikolai Iwanowitsch Anutschkin.
Eine majestätische Gestalt! Und was für Lippen er hat ... die reinsten
Himbeeren. So ein feiner Herr! „Ich will,“ sagte er, „daß meine Frau hübsch
und gut erzogen ist, und Französisch muß sie sprechen können.“ Ja, ein
Herr von äußerst feinem Benehmen! Alles deutsche Finessen! Und dabei ist
er so zart und hat so schmale, dünne Beinchen.
Ag at h e Ti ch o nown a. Nein, grade diese Zarten, die wollen mir nicht
so recht, ... ich weiß nicht, aber ich finde keinen Geschmack an ihnen.
T hekl a. Ja, wenn Sie auf etwas Massiveres reflektieren, dann nehmen
Sie doch Iwan Pawlowitsch! Einen passenderen können Sie ja gar nicht
finden. Da ist nichts zu sagen. Das ist ein Herr! Der geht Ihnen hier nicht
durch die Tür. So ein prächtiger Mensch!
Ag at h e Ti ch o nown a. Und wie alt ist er?
T hekl a. Ach, noch ein junger Mann! Vielleicht an die fünfzig. Oder
noch nicht einmal fünfzig.
Ag at h e Ti ch o nown a. Und wie ist sein Name?
T hekl a. Er heißt Iwan Pawlowitsch Eierkuchen.
Ag at h e Ti cho nowna. Wie ... Eierkuchen ... das ist sein
Familienname?
T hekl a. Ja, das ist sein Name.
Ag at h e Ti ch ono wna. Gott, welch ein Name! Denk doch nur,
Theklachen, wie soll denn das werden, wenn ich den heirate? Dann heiße
ich ja plötzlich Agathe Tichonowna Eierkuchen. Weiß Gott, das ist ja
fürchterlich!
T hekl a. I was, liebes Mütterchen, bei uns in Rußland gibt es nun mal
solche Namen, da möchte man am liebsten gleich ausspucken und das
Kreuz darüber schlagen, wenn man sie hört. Aber wenn er Ihnen nicht
gefällt, so nehmen Sie doch Baltasar Baltasarowitsch Schewakin. Ein
herrlicher Freier!
Ag at h e Ti ch o nown a. Und was für ein Haar hat er?
T hekl a. Sehr schönes Haar, mein Herzchen.
Ag at h e Ti ch o nown a. Und die Nase?
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T hekl a. Eh, die Nase ist auch schön. Überhaupt, alles steht an seinem
richtigen Fleck. Und er selbst ist ein prächtiger Mensch. Nur über eins
dürfen Sie sich nicht ärgern: — in seiner ganzen Wohnung werden Sie
nichts finden, als seine lange Pfeife. Nicht ein Möbelstück weiter!
Ag at h e Ti ch o nown a. Und wen gibt’s noch?
T hekl a. Akinthus Stepanowitsch Pantjelejew. — Ein Beamter und
Titular-Rat. Er stottert zwar ein wenig, aber dafür ist er sehr zurückhaltend.
Ar in a P an telei m onown a. Du sagst immer ein Beamter, ein Beamter!
Sag mir lieber, ob er nicht gerne einen über den Durst trinkt.
T hekl a. Aha, das tut er! Dem kann ich nicht widersprechen. Das ist
wahr. Was soll man machen? ... Dafür ist er auch Titular-Rat. Aber im
übrigen ist er so ruhig und sanft wie Seide.
Ag at h e Ti cho n owna. Nein, ich danke schön. Einen Trinker will ich
nicht zum Manne haben.
T hekl a. Gut, Mütterchen, mach was du willst. Wollt Ihr nicht den einen,
so nehmt einen andern. Aber, ... schließlich, was ist auch dabei, wenn er
wirklich einen zuviel trinkt? Er braucht doch nicht gleich die ganze Woche
betrunken zu sein. Er wird auch schon seinen nüchternen Tag haben.
Ag at h e Ti ch o nown a. Nun, und wer weiter?
T hekl a. Ja, es ist noch einer da. Aber das ist nur so einer, Gott mit ihm!
Die andern sind schon besser!
Ag at h e Ti ch o nown a. Nein, sag, wer ist er.
T hekl a. Am liebsten hätte ich gar nicht von ihm gesprochen. Freilich ist
er ja Hofrat, mit ’nem Band im Knopfloch. Aber so furchtbar schwerfällig;
kaum aus dem Haus ist er herauszukriegen.
Ag at h e Ti cho n owna. Nun und wer noch? Das sind doch erst fünf!
Und zuerst sprachst du doch von sechsen.
T hekl a. Haben Sie denn wirklich noch nicht genug? Sehen Sie mal an,
wie Sie plötzlich hinterher sind, und zuerst waren Sie doch ganz
erschrocken.
Ar in a P an t el eim o nowna. I, geh du mir mit all deinen Adligen. Und
wenn es auch ein halbes Dutzend sind; ein Kaufmann wiegt sie alle
miteinander auf.
T hekl a. Ach nein, Arina Panteleimonowna, ein Adliger, der ist doch was
Vornehmeres.
Ar in a P an tel ei m o nowna. Was mache ich mir aus der Vornehmheit.
Sieh dir mal den Alexei Dmitriewitsch an, wenn der mit seiner Zobelmütze
richtigen Fleck. Und er selbst ist ein prächtiger Mensch. Nur über eins
dürfen Sie sich nicht ärgern: — in seiner ganzen Wohnung werden Sie
nichts finden, als seine lange Pfeife. Nicht ein Möbelstück weiter!
Ag at h e Ti ch o nown a. Und wen gibt’s noch?
T hekl a. Akinthus Stepanowitsch Pantjelejew. — Ein Beamter und
Titular-Rat. Er stottert zwar ein wenig, aber dafür ist er sehr zurückhaltend.
Ar in a P an telei m onown a. Du sagst immer ein Beamter, ein Beamter!
Sag mir lieber, ob er nicht gerne einen über den Durst trinkt.
T hekl a. Aha, das tut er! Dem kann ich nicht widersprechen. Das ist
wahr. Was soll man machen? ... Dafür ist er auch Titular-Rat. Aber im
übrigen ist er so ruhig und sanft wie Seide.
Ag at h e Ti cho n owna. Nein, ich danke schön. Einen Trinker will ich
nicht zum Manne haben.
T hekl a. Gut, Mütterchen, mach was du willst. Wollt Ihr nicht den einen,
so nehmt einen andern. Aber, ... schließlich, was ist auch dabei, wenn er
wirklich einen zuviel trinkt? Er braucht doch nicht gleich die ganze Woche
betrunken zu sein. Er wird auch schon seinen nüchternen Tag haben.
Ag at h e Ti ch o nown a. Nun, und wer weiter?
T hekl a. Ja, es ist noch einer da. Aber das ist nur so einer, Gott mit ihm!
Die andern sind schon besser!
Ag at h e Ti ch o nown a. Nein, sag, wer ist er.
T hekl a. Am liebsten hätte ich gar nicht von ihm gesprochen. Freilich ist
er ja Hofrat, mit ’nem Band im Knopfloch. Aber so furchtbar schwerfällig;
kaum aus dem Haus ist er herauszukriegen.
Ag at h e Ti cho n owna. Nun und wer noch? Das sind doch erst fünf!
Und zuerst sprachst du doch von sechsen.
T hekl a. Haben Sie denn wirklich noch nicht genug? Sehen Sie mal an,
wie Sie plötzlich hinterher sind, und zuerst waren Sie doch ganz
erschrocken.
Ar in a P an t el eim o nowna. I, geh du mir mit all deinen Adligen. Und
wenn es auch ein halbes Dutzend sind; ein Kaufmann wiegt sie alle
miteinander auf.
T hekl a. Ach nein, Arina Panteleimonowna, ein Adliger, der ist doch was
Vornehmeres.
Ar in a P an tel ei m o nowna. Was mache ich mir aus der Vornehmheit.
Sieh dir mal den Alexei Dmitriewitsch an, wenn der mit seiner Zobelmütze
Page 165
im Schlitten vorüberfährt ...
T hekl a. Dafür kommt ihm ein Adliger mit seinen Epauletten entgegen
und sagt: „Was fällt dir ein, du Koofmich du; mach mir mal Platz“. Oder
„he, Herr Kaufmann, ein paar Meter Samt; aber vom allerbesten“. Worauf
der Kaufmann erwidert: „Bitte sehr, Euer Gnaden!“ — „Nimm mal deine
Mütze ab, du Flegel!“ So spricht ein Adliger.
Ar in a P an t el eim on owna. Aber, wenn der Kaufmann keine Lust hat,
braucht er ihm kein Tuch zu verkaufen. Dann kann dein Adliger nackt
dasitzen und hat nichts anzuziehen.
T hekl a. Dann wird ihm der Adlige eins über den Schädel schlagen.
Ar in a P an tel ei m ono wna. Dann wird der Kaufmann zur Polizei
laufen und ihn verklagen.
T hekl a. Dann wird der Adlige den Kaufmann bei dem Senator
verklagen.
Ar in a P ant elei m onown a. Dann wird der Kaufmann zum Gouverneur
gehen.
T hekl a. Dann wird der Adlige ...
Ar in a P an tel ei m on owna. Ach was, nichts wie Schwindel mit deinen
Adligen. Der Gouverneur ist mehr als dein Senator. Tut sich da mit ihren
Adligen dicke. Auch so’n Adliger muß manches liebe Mal seine Bücklinge
machen. (Es läutet an der Türe.) Ich glaube, es hat geläutet!
T hekl a. Ach Gott, da sind sie schon.
Ag at h e Ti ch o nown a. Wer ... sie?
T hekl a. Nun ja, sie — einer von den Freiern.
Ag at h e Ti ch o nown a (schreit auf). Ach herrjeh, ach herrjeh!
Ar in a P ant elei m on owna. Heilige Mutter Gottes, vergib mir meine
Sünden! Hier im Zimmer ist ja noch gar nicht aufgeräumt. (Sie nimmt alles, was
auf dem Tische liegt, zusammen und läuft damit durch das Zimmer.) Herrgott, das Tischtuch
ist ja ganz schwarz ... Dunjaschka ... Dunjaschka! (Dunjaschka kommt
hereingelaufen.) Schnell ein reines Tischtuch! (Arina reißt das Tischtuch vom Tisch und
läuft durchs Zimmer.)
Ag at h e Ti cho n owna. Ach, Tantchen, was soll ich nur machen? Ich
hab’ ja fast nur ein Hemd an.
Ar in a P antelei m onown a. Ach Gott, Kind, lauf nur schnell und zieh
dich um. (Sie rennt erregt durch das Zimmer. Dunjaschka bringt ein reines Tischtuch. Es läutet
wieder.) Lauf doch nur hin und öffne. Sage, wir kommen gleich. (Dunjaschka
geht. Man hört sie von draußen „gleich“ rufen.)
T hekl a. Dafür kommt ihm ein Adliger mit seinen Epauletten entgegen
und sagt: „Was fällt dir ein, du Koofmich du; mach mir mal Platz“. Oder
„he, Herr Kaufmann, ein paar Meter Samt; aber vom allerbesten“. Worauf
der Kaufmann erwidert: „Bitte sehr, Euer Gnaden!“ — „Nimm mal deine
Mütze ab, du Flegel!“ So spricht ein Adliger.
Ar in a P an t el eim on owna. Aber, wenn der Kaufmann keine Lust hat,
braucht er ihm kein Tuch zu verkaufen. Dann kann dein Adliger nackt
dasitzen und hat nichts anzuziehen.
T hekl a. Dann wird ihm der Adlige eins über den Schädel schlagen.
Ar in a P an tel ei m ono wna. Dann wird der Kaufmann zur Polizei
laufen und ihn verklagen.
T hekl a. Dann wird der Adlige den Kaufmann bei dem Senator
verklagen.
Ar in a P ant elei m onown a. Dann wird der Kaufmann zum Gouverneur
gehen.
T hekl a. Dann wird der Adlige ...
Ar in a P an tel ei m on owna. Ach was, nichts wie Schwindel mit deinen
Adligen. Der Gouverneur ist mehr als dein Senator. Tut sich da mit ihren
Adligen dicke. Auch so’n Adliger muß manches liebe Mal seine Bücklinge
machen. (Es läutet an der Türe.) Ich glaube, es hat geläutet!
T hekl a. Ach Gott, da sind sie schon.
Ag at h e Ti ch o nown a. Wer ... sie?
T hekl a. Nun ja, sie — einer von den Freiern.
Ag at h e Ti ch o nown a (schreit auf). Ach herrjeh, ach herrjeh!
Ar in a P ant elei m on owna. Heilige Mutter Gottes, vergib mir meine
Sünden! Hier im Zimmer ist ja noch gar nicht aufgeräumt. (Sie nimmt alles, was
auf dem Tische liegt, zusammen und läuft damit durch das Zimmer.) Herrgott, das Tischtuch
ist ja ganz schwarz ... Dunjaschka ... Dunjaschka! (Dunjaschka kommt
hereingelaufen.) Schnell ein reines Tischtuch! (Arina reißt das Tischtuch vom Tisch und
läuft durchs Zimmer.)
Ag at h e Ti cho n owna. Ach, Tantchen, was soll ich nur machen? Ich
hab’ ja fast nur ein Hemd an.
Ar in a P antelei m onown a. Ach Gott, Kind, lauf nur schnell und zieh
dich um. (Sie rennt erregt durch das Zimmer. Dunjaschka bringt ein reines Tischtuch. Es läutet
wieder.) Lauf doch nur hin und öffne. Sage, wir kommen gleich. (Dunjaschka
geht. Man hört sie von draußen „gleich“ rufen.)
Page 166
Ag at h e Ti ch o nown a. Aber Tante, mein Kleid ist nicht geplättet.
Ar in a P an t el eim ono wna. Ach, du lieber Gott, erbarme dich unser;
— zieh doch das andre an.
T hekl a (kommt hereingelaufen). Warum kommen Sie denn nicht heraus? —
Kommen Sie, Agathe Tichonowna — machen Sie doch schneller,
Mütterchen! (Man hört es wieder läuten.) Ach, jetzt wartet er schon eine Ewigkeit.
Ar in a P an t el ei m o nown a. Dunjaschka, laß ihn eintreten und bitte ihn,
zu warten.
(Dunjaschka läuft in den Flur und öffnet die Tür; dann hört man Stimmen: „Zu Hause?“ ... „Ja, bitte,
treten Sie ein.“ Die Frauen blicken angestrengt durch das Schlüsselloch.)
Ag at h e Ti ch o nown a (aufschreiend). Herr Gott, wie dick er ist!
T hekl a. Er kommt, er kommt! (Alle laufen eilig weg.)
14. Auftritt
Iwan Pawlowitsch Eierkuchen und Dunjaschka.
Du nj asch ka. Bitte, warten Sie hier gefälligst! (Geht ab.)
E ier k u ch en. Meinetwegen ... Warten ... na dann warte ich eben ...
Wenn’s mich nur nicht zu lange aufhält. Ich bin ja nur auf einen Sprung aus
dem Bureau fortgegangen. Wie, wenn es nun dem General plötzlich
einfiele, zu fragen: „Und wo ist der Exekutor?“ ... „Er ist auf die Brautschau
gegangen.“ Wenn er mich nur nicht mitsamt der Braut abfahren läßt.
Übrigens, ich will mir doch noch mal das Verzeichnis ansehen: (Er liest.)
Also, ein zweistöckiges, steinernes Haus ... (Sieht empor und betrachtet das Zimmer)
Stimmt, ist vorhanden! (Liest weiter.) Zwei Seitenflügel; einer auf einem
Fundament von Stein und ein hölzerner Flügel. Na der hölzerne ist ziemlich
schlecht. Weiter: eine Kutsche, ein doppelsitziger Schlitten mit Schnitzwerk
und dazu eine große und eine kleine Decke. Na, den Schlitten wird man
wohl in die Rumpelkammer stecken können. Die Alte behauptet zwar, er sei
prima. Schön, meinetwegen auch prima. Zwei Dutzend silberne Löffel. Hm,
ja, in der Wirtschaft werden freilich silberne Löffel gebraucht. Zwei
Fuchspelze. Hm. Vier große Oberbetten und zwei kleine. (Er preßt die Lippen
bedeutungsvoll zusammen.) Sechs Paar seidene und sechs Paar Kattunkleider.
Zwei Nachtjacken ... Na, das sind Torheiten! Wäsche, Tischtücher; ach, das
mag sie halten wie sie will. Übrigens, man muß das doch alles gut in
Augenschein nehmen. Jetzt verspricht man dir Häuser und Equipagen, und
Ar in a P an t el eim ono wna. Ach, du lieber Gott, erbarme dich unser;
— zieh doch das andre an.
T hekl a (kommt hereingelaufen). Warum kommen Sie denn nicht heraus? —
Kommen Sie, Agathe Tichonowna — machen Sie doch schneller,
Mütterchen! (Man hört es wieder läuten.) Ach, jetzt wartet er schon eine Ewigkeit.
Ar in a P an t el ei m o nown a. Dunjaschka, laß ihn eintreten und bitte ihn,
zu warten.
(Dunjaschka läuft in den Flur und öffnet die Tür; dann hört man Stimmen: „Zu Hause?“ ... „Ja, bitte,
treten Sie ein.“ Die Frauen blicken angestrengt durch das Schlüsselloch.)
Ag at h e Ti ch o nown a (aufschreiend). Herr Gott, wie dick er ist!
T hekl a. Er kommt, er kommt! (Alle laufen eilig weg.)
14. Auftritt
Iwan Pawlowitsch Eierkuchen und Dunjaschka.
Du nj asch ka. Bitte, warten Sie hier gefälligst! (Geht ab.)
E ier k u ch en. Meinetwegen ... Warten ... na dann warte ich eben ...
Wenn’s mich nur nicht zu lange aufhält. Ich bin ja nur auf einen Sprung aus
dem Bureau fortgegangen. Wie, wenn es nun dem General plötzlich
einfiele, zu fragen: „Und wo ist der Exekutor?“ ... „Er ist auf die Brautschau
gegangen.“ Wenn er mich nur nicht mitsamt der Braut abfahren läßt.
Übrigens, ich will mir doch noch mal das Verzeichnis ansehen: (Er liest.)
Also, ein zweistöckiges, steinernes Haus ... (Sieht empor und betrachtet das Zimmer)
Stimmt, ist vorhanden! (Liest weiter.) Zwei Seitenflügel; einer auf einem
Fundament von Stein und ein hölzerner Flügel. Na der hölzerne ist ziemlich
schlecht. Weiter: eine Kutsche, ein doppelsitziger Schlitten mit Schnitzwerk
und dazu eine große und eine kleine Decke. Na, den Schlitten wird man
wohl in die Rumpelkammer stecken können. Die Alte behauptet zwar, er sei
prima. Schön, meinetwegen auch prima. Zwei Dutzend silberne Löffel. Hm,
ja, in der Wirtschaft werden freilich silberne Löffel gebraucht. Zwei
Fuchspelze. Hm. Vier große Oberbetten und zwei kleine. (Er preßt die Lippen
bedeutungsvoll zusammen.) Sechs Paar seidene und sechs Paar Kattunkleider.
Zwei Nachtjacken ... Na, das sind Torheiten! Wäsche, Tischtücher; ach, das
mag sie halten wie sie will. Übrigens, man muß das doch alles gut in
Augenschein nehmen. Jetzt verspricht man dir Häuser und Equipagen, und
Page 167
wenn es zur Heirat kommt, findet man nichts als Oberbetten und
Daunenkissen.
(Man hört es läuten. Dunjaschka läuft atemlos durchs Zimmer und öffnet die Tür. Man hört Stimmen:
„Zu Hause?“ „Jawohl!“ ...)
15. Auftritt
Iwan Pawlowitsch Eierkuchen und Anutschkin.
Du nj asch ka. Bitte, warten Sie hier, sie werden sogleich kommen. (Geht
ab.)
(Anutschkin und Eierkuchen begrüßen sich.)
E ier k u ch en. Ich habe die Ehre!
An ut schk i n. Habe ich vielleicht das Vergnügen, den Vater der
reizenden Tochter zu begrüßen?
E ier k u ch en. Nein, keineswegs den Vater! Ich habe überhaupt noch
keine Kinder.
An ut schk i n. So, dann bitte ich Sie vielmals um Entschuldigung.
E ier k u ch en (beiseite). Die Physiognomie dieses Menschen kommt mir
verdächtig vor. Sollte er etwa wegen derselben Sache hier sein wie ich?
(Laut.) Sie kommen wohl des Fräuleins wegen?
An ut schk i n. Ach nein ... Durchaus nicht ... Ich bin nur beim
Spazierengehen so mit herangekommen.
E ier k u ch en (beiseite). Der Kerl lügt! Sicher lügt er! Dies Spazierengehen
kenn’ ich. Heiraten will er, der Lump!
(Man hört es läuten. Dunjaschka läuft durchs Zimmer und öffnet die Tür. Man hört Stimmen: „Zu
Hause?“ „Jawohl!“)
16. Auftritt
Dieselben und Schewakin begleitet von Dunjaschka.
S chewak in (zu Dunjaschka). Bitte schön, Kindchen, putz mich mal ab!
Weißt du, auf der Straße ist mir so viel Staub angeflogen. Und nimm mir
doch hier den Flocken ab. (Wendet den Kopf.) So, danke schön, mein Kind. Sieh
doch mal nach: Kriecht mir da nicht ’ne Spinne über den Rock? Sind auch
die Rockschöße hübsch rein? Danke, meine Liebste! Sieh mal, hier scheint
Daunenkissen.
(Man hört es läuten. Dunjaschka läuft atemlos durchs Zimmer und öffnet die Tür. Man hört Stimmen:
„Zu Hause?“ „Jawohl!“ ...)
15. Auftritt
Iwan Pawlowitsch Eierkuchen und Anutschkin.
Du nj asch ka. Bitte, warten Sie hier, sie werden sogleich kommen. (Geht
ab.)
(Anutschkin und Eierkuchen begrüßen sich.)
E ier k u ch en. Ich habe die Ehre!
An ut schk i n. Habe ich vielleicht das Vergnügen, den Vater der
reizenden Tochter zu begrüßen?
E ier k u ch en. Nein, keineswegs den Vater! Ich habe überhaupt noch
keine Kinder.
An ut schk i n. So, dann bitte ich Sie vielmals um Entschuldigung.
E ier k u ch en (beiseite). Die Physiognomie dieses Menschen kommt mir
verdächtig vor. Sollte er etwa wegen derselben Sache hier sein wie ich?
(Laut.) Sie kommen wohl des Fräuleins wegen?
An ut schk i n. Ach nein ... Durchaus nicht ... Ich bin nur beim
Spazierengehen so mit herangekommen.
E ier k u ch en (beiseite). Der Kerl lügt! Sicher lügt er! Dies Spazierengehen
kenn’ ich. Heiraten will er, der Lump!
(Man hört es läuten. Dunjaschka läuft durchs Zimmer und öffnet die Tür. Man hört Stimmen: „Zu
Hause?“ „Jawohl!“)
16. Auftritt
Dieselben und Schewakin begleitet von Dunjaschka.
S chewak in (zu Dunjaschka). Bitte schön, Kindchen, putz mich mal ab!
Weißt du, auf der Straße ist mir so viel Staub angeflogen. Und nimm mir
doch hier den Flocken ab. (Wendet den Kopf.) So, danke schön, mein Kind. Sieh
doch mal nach: Kriecht mir da nicht ’ne Spinne über den Rock? Sind auch
die Rockschöße hübsch rein? Danke, meine Liebste! Sieh mal, hier scheint
Page 168
noch was zu sitzen. (Streicht mit der Hand über den Ärmel und beobachtet Anutschkin und
Iwan Pawlowitsch.) Es ist nämlich englischer Stoff. Und wie er sich trägt! Im
Jahre 95, als unsere Flotte in Sizilien lag, — ich war damals allerdings noch
Kadett — hab’ ich mir die Uniform daraus machen lassen. 1801 unter Zar
Pawel Petrowitsch wurde ich Leutnant, und der Stoff war noch ganz wie
neu. 1814 machte ich die Weltumseglung mit, da merkte ich zum erstenmal,
daß er anfängt, sich an den Nähten abzuscheuern, und 1815 nahm ich
meinen Abschied; da brauchte ich ihn blos wenden zu lassen. Nun trage ich
ihn schon zehn Jahre, und er ist noch immer fast wie neu ... So ist’s gut,
Herzchen, danke schön, meine Holde ... (Er wirft ihr eine Kußhand zu, geht an den
Spiegel und fährt sich mit der Hand durch die Haare.)
An ut schk i n. Gestatten Sie mir, Sizilien ... Sie geruhten vorhin ...
Sizilien zu erwähnen. Ist das eigentlich ein schönes Land ... dieses Sizilien?
S chewak in. Äh, ich sage Ihnen, ein herrliches Land. Vierunddreißig
Tage lagen wir dort vor Anker. Eine Gegend, sage ich Ihnen, einfach
entzückend. Solche Berge, — zwischendurch mal ein Granatenbaum, und
überall diese kleinen Italienerinnen, wie zarte Röschen, einfach zum
Küssen!
An ut schk i n. Und wie steht es mit der Bildung?
S chewak in. Oh, ganz ausgezeichnet! Sie sind so gebildet, wie bei uns
etwa nur die Gräfinnen. Sehen Sie, zum Beispiel ... mitunter bummelt man
durch die Straßen. Sie wissen ja, was ein russischer Leutnant ist. Natürlich
Epauletts (er zeigt auf die Schulter), goldene Schnüre; — und herum alle die
schwarzäugigen Schönen, ... dort hat ja jedes Haus einen Balkon und platte
Dächer, platt wie dieser Fußboden ... Da sieht man denn mal so rauf, und
oben sitzt dann solch ein Röschen. Natürlich will man sich doch auch nichts
vergeben .... (Macht eine liebenswürdige Verbeugung und winkt mit der Hand.) Und auch
sie macht bloß so .... (Macht eine entsprechende Geste.) Selbstverständlich alle
brillant gekleidet. Hier, so ein Mieder, dann das Korsett, allerhand Damen-
Ohrringe, mit einem Wort ... ein Leckerbissen.
An ut schk i n. Und wenn ich Sie noch um eine Auskunft bitten dürfte ...
Sagen Sie ... welche Sprache spricht man in Sizilien?
S chewak in. Natürlich spricht alles Französisch.
An ut schk i n. Dann sprechen also auch alle jungen Damen Französisch?
S chewak in. Alle, ohne Ausnahme ... Sie werden mir vielleicht nicht
glauben, was ich Ihnen jetzt sage: Wir haben vierunddreißig Tage vor
Iwan Pawlowitsch.) Es ist nämlich englischer Stoff. Und wie er sich trägt! Im
Jahre 95, als unsere Flotte in Sizilien lag, — ich war damals allerdings noch
Kadett — hab’ ich mir die Uniform daraus machen lassen. 1801 unter Zar
Pawel Petrowitsch wurde ich Leutnant, und der Stoff war noch ganz wie
neu. 1814 machte ich die Weltumseglung mit, da merkte ich zum erstenmal,
daß er anfängt, sich an den Nähten abzuscheuern, und 1815 nahm ich
meinen Abschied; da brauchte ich ihn blos wenden zu lassen. Nun trage ich
ihn schon zehn Jahre, und er ist noch immer fast wie neu ... So ist’s gut,
Herzchen, danke schön, meine Holde ... (Er wirft ihr eine Kußhand zu, geht an den
Spiegel und fährt sich mit der Hand durch die Haare.)
An ut schk i n. Gestatten Sie mir, Sizilien ... Sie geruhten vorhin ...
Sizilien zu erwähnen. Ist das eigentlich ein schönes Land ... dieses Sizilien?
S chewak in. Äh, ich sage Ihnen, ein herrliches Land. Vierunddreißig
Tage lagen wir dort vor Anker. Eine Gegend, sage ich Ihnen, einfach
entzückend. Solche Berge, — zwischendurch mal ein Granatenbaum, und
überall diese kleinen Italienerinnen, wie zarte Röschen, einfach zum
Küssen!
An ut schk i n. Und wie steht es mit der Bildung?
S chewak in. Oh, ganz ausgezeichnet! Sie sind so gebildet, wie bei uns
etwa nur die Gräfinnen. Sehen Sie, zum Beispiel ... mitunter bummelt man
durch die Straßen. Sie wissen ja, was ein russischer Leutnant ist. Natürlich
Epauletts (er zeigt auf die Schulter), goldene Schnüre; — und herum alle die
schwarzäugigen Schönen, ... dort hat ja jedes Haus einen Balkon und platte
Dächer, platt wie dieser Fußboden ... Da sieht man denn mal so rauf, und
oben sitzt dann solch ein Röschen. Natürlich will man sich doch auch nichts
vergeben .... (Macht eine liebenswürdige Verbeugung und winkt mit der Hand.) Und auch
sie macht bloß so .... (Macht eine entsprechende Geste.) Selbstverständlich alle
brillant gekleidet. Hier, so ein Mieder, dann das Korsett, allerhand Damen-
Ohrringe, mit einem Wort ... ein Leckerbissen.
An ut schk i n. Und wenn ich Sie noch um eine Auskunft bitten dürfte ...
Sagen Sie ... welche Sprache spricht man in Sizilien?
S chewak in. Natürlich spricht alles Französisch.
An ut schk i n. Dann sprechen also auch alle jungen Damen Französisch?
S chewak in. Alle, ohne Ausnahme ... Sie werden mir vielleicht nicht
glauben, was ich Ihnen jetzt sage: Wir haben vierunddreißig Tage vor
Page 169
Sizilien gelegen, und während dieser ganzen Zeit habe ich nicht ein
einziges Wort Russisch von ihnen gehört.
An ut schk i n. Nicht ein Wort?
S chewak in. Kein Wort. Dabei rede ich noch nicht einmal von den
Adligen und den übrigen Signoren, d. h. von ihren Offizieren, — nein,
nehmen Sie den gewöhnlichen Bauern oder Arbeiter, der jeden Dreck auf
seinen Schultern schleppt, probieren Sie mal, ihm zu sagen: Bruder, gib mir
ein Stück Brot! — Er wird Sie nicht verstehen, bei Gott; er versteht Sie
nicht. Aber sagen Sie ihm dasselbe auf französisch: Dateci del pane oder
Portate vino — dann versteht er Sie sofort. Im Augenblick läuft er hin und
bringt, was Sie wünschen.
I wan P awlo w i t sch. Ein merkwürdiges Land muß doch dieses Sizilien
sein, wie ich sehe. Sie sagten da: ein Bauer! Wie ist es denn mit diesem
Bauern? Ist er ganz ebenso wie ein russischer Bauer? So ein breitschultriger
Kerl, der den Acker pflügt, oder nicht?
S chewak in. Darüber kann ich Ihnen leider keine Auskunft geben. Ob
sie auch pflügen oder nicht, das hab’ ich gar nicht beobachtet. Aber was das
Tabakschnupfen anbelangt, so kann ich Ihnen allerdings versichern, daß sie
ihn nicht nur alle schnupfen, sondern daß sie ihn auch in die Backen
stecken. Auch das Fahren ist dort sehr bequem. Nichts wie Wasser
ringsherum, und dabei überall Gondeln. Und darinnen selbstverständlich
solch eine kleine Italienerin, so ein Röschen, und angezogen, ... pikfein! So
ein Lätzchen und Tüchlein, und so ... Sehen Sie, wir hatten auch zwei
englische Offiziere mit uns. Ich sage Ihnen, das war eine Gesellschaft, ganz
wie unsere Seeleute. Anfangs war es ja ein bißchen merkwürdig, wir
verstanden uns nämlich nicht; aber als wir uns erst ordentlich kennen
gelernt hatten, da verstanden wir uns vortrefflich. So zeigen Sie zum
Beispiel auf die Flasche oder auf das Glas, und jeder weiß sofort — das
bedeutet: einen nehmen. Oder man legt die Finger an den Mund und macht
mit den Lippen nur: Paff! Paff! Das bedeutet dann einfach: Ich will eine
Pfeife rauchen. Überhaupt kann ich Ihnen sagen: eine ganz leichte Sprache.
Unsere Matrosen, die verstanden sich bereits nach zwei oder drei Tagen.
I wan P aw lo w i t sch. Wie ich sehe ein höchst interessantes Leben in
fremden Ländern. Es freut mich außerordentlich, die Bekanntschaft eines
Mannes zu machen, der so weit herumgekommen ist. Darf ich fragen, mit
wem ich die Ehre habe?
einziges Wort Russisch von ihnen gehört.
An ut schk i n. Nicht ein Wort?
S chewak in. Kein Wort. Dabei rede ich noch nicht einmal von den
Adligen und den übrigen Signoren, d. h. von ihren Offizieren, — nein,
nehmen Sie den gewöhnlichen Bauern oder Arbeiter, der jeden Dreck auf
seinen Schultern schleppt, probieren Sie mal, ihm zu sagen: Bruder, gib mir
ein Stück Brot! — Er wird Sie nicht verstehen, bei Gott; er versteht Sie
nicht. Aber sagen Sie ihm dasselbe auf französisch: Dateci del pane oder
Portate vino — dann versteht er Sie sofort. Im Augenblick läuft er hin und
bringt, was Sie wünschen.
I wan P awlo w i t sch. Ein merkwürdiges Land muß doch dieses Sizilien
sein, wie ich sehe. Sie sagten da: ein Bauer! Wie ist es denn mit diesem
Bauern? Ist er ganz ebenso wie ein russischer Bauer? So ein breitschultriger
Kerl, der den Acker pflügt, oder nicht?
S chewak in. Darüber kann ich Ihnen leider keine Auskunft geben. Ob
sie auch pflügen oder nicht, das hab’ ich gar nicht beobachtet. Aber was das
Tabakschnupfen anbelangt, so kann ich Ihnen allerdings versichern, daß sie
ihn nicht nur alle schnupfen, sondern daß sie ihn auch in die Backen
stecken. Auch das Fahren ist dort sehr bequem. Nichts wie Wasser
ringsherum, und dabei überall Gondeln. Und darinnen selbstverständlich
solch eine kleine Italienerin, so ein Röschen, und angezogen, ... pikfein! So
ein Lätzchen und Tüchlein, und so ... Sehen Sie, wir hatten auch zwei
englische Offiziere mit uns. Ich sage Ihnen, das war eine Gesellschaft, ganz
wie unsere Seeleute. Anfangs war es ja ein bißchen merkwürdig, wir
verstanden uns nämlich nicht; aber als wir uns erst ordentlich kennen
gelernt hatten, da verstanden wir uns vortrefflich. So zeigen Sie zum
Beispiel auf die Flasche oder auf das Glas, und jeder weiß sofort — das
bedeutet: einen nehmen. Oder man legt die Finger an den Mund und macht
mit den Lippen nur: Paff! Paff! Das bedeutet dann einfach: Ich will eine
Pfeife rauchen. Überhaupt kann ich Ihnen sagen: eine ganz leichte Sprache.
Unsere Matrosen, die verstanden sich bereits nach zwei oder drei Tagen.
I wan P aw lo w i t sch. Wie ich sehe ein höchst interessantes Leben in
fremden Ländern. Es freut mich außerordentlich, die Bekanntschaft eines
Mannes zu machen, der so weit herumgekommen ist. Darf ich fragen, mit
wem ich die Ehre habe?
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S chewak in. Schewakin, Leutnant zur See a. D. Erlauben Sie, mich
auch meinerseits zu erkundigen, mit wem ich das schätzbare Vergnügen
habe ...
E ier k u ch en. Exekutor, noch im Dienst, Iwan Pawlowitsch ...
Eierkuchen!
S chewak in (ihn nicht verstehend). Ja, ich habe auch schon etwas gegessen.
Sehen Sie, ich weiß, ich habe noch einen großen Weg vor mir, und es ist
heute sehr kalt; da habe ich ein Stückchen Brot mit Hering zu mir
genommen.
E ier k u ch en. Nein, Sie scheinen mich nicht richtig verstanden zu haben;
Eierkuchen — das ist mein Familienname.
S chewak in (sich verbeugend). Ah, das freut mich sehr! ... Verzeihen Sie, ich
höre etwas schlecht. Ich verstand, Sie wollten sagen: Sie hätten Eierkuchen
gegessen.
E ier k u ch en. Ja, was soll man machen! — Ich wollte schon den General
um die Erlaubnis bitten, mich Eierk uchl er nennen zu dürfen. Aber meine
Verwandten waren dagegen, sie meinten, das hätte wieder zu viel
Ähnlichkeit mit „Ei Verfluchter“ ...
S chewak in. Ja, es passieren schon solche Geschichten. Sehen Sie z. B.
unser ganzes drittes Geschwader: sämtliche Offiziere und Matrosen hatten
so merkwürdige Familiennamen .... Herr von Spülicht, Herr von Süffel,
Leutnant von Schweißlappen, und ein Kadett, übrigens sonst ein famoser
Kerl, hieß ganz einfach: Loch, so daß man den Kapitän manchmal rufen
hörte: Komm doch mal her, Löchlein. Auch die anderen machten sich oft
über ihn lustig und riefen ihm zu: Ach du Loch, du Löchlein du! (Es schellt.
Thekla läuft durch das Zimmer und öffnet.)
E ier k u ch en. Eh, guten Tag, Mütterchen!
S chewak in. Guten Tag, wie geht’s, meine Seele?
An ut schk i n. Guten Tag, Mütterchen Thekla Iwanowna.
T hekl a (kommt atemlos gelaufen). Danke schön, danke schön, meine lieben
Herren. Gut, gut.
(Sie öffnet die Tür, im Vorzimmer hört man Stimmen: „Zu Hause?“ „Jawohl!“ Dann hört man ein
paar unverständliche Worte, worauf Thekla ärgerlich ausruft: „Du bist mir aber auch einer!“ ...)
17. Auftritt
Die Vorigen. Kotschkarjow, Podkoliessin und Thekla.
auch meinerseits zu erkundigen, mit wem ich das schätzbare Vergnügen
habe ...
E ier k u ch en. Exekutor, noch im Dienst, Iwan Pawlowitsch ...
Eierkuchen!
S chewak in (ihn nicht verstehend). Ja, ich habe auch schon etwas gegessen.
Sehen Sie, ich weiß, ich habe noch einen großen Weg vor mir, und es ist
heute sehr kalt; da habe ich ein Stückchen Brot mit Hering zu mir
genommen.
E ier k u ch en. Nein, Sie scheinen mich nicht richtig verstanden zu haben;
Eierkuchen — das ist mein Familienname.
S chewak in (sich verbeugend). Ah, das freut mich sehr! ... Verzeihen Sie, ich
höre etwas schlecht. Ich verstand, Sie wollten sagen: Sie hätten Eierkuchen
gegessen.
E ier k u ch en. Ja, was soll man machen! — Ich wollte schon den General
um die Erlaubnis bitten, mich Eierk uchl er nennen zu dürfen. Aber meine
Verwandten waren dagegen, sie meinten, das hätte wieder zu viel
Ähnlichkeit mit „Ei Verfluchter“ ...
S chewak in. Ja, es passieren schon solche Geschichten. Sehen Sie z. B.
unser ganzes drittes Geschwader: sämtliche Offiziere und Matrosen hatten
so merkwürdige Familiennamen .... Herr von Spülicht, Herr von Süffel,
Leutnant von Schweißlappen, und ein Kadett, übrigens sonst ein famoser
Kerl, hieß ganz einfach: Loch, so daß man den Kapitän manchmal rufen
hörte: Komm doch mal her, Löchlein. Auch die anderen machten sich oft
über ihn lustig und riefen ihm zu: Ach du Loch, du Löchlein du! (Es schellt.
Thekla läuft durch das Zimmer und öffnet.)
E ier k u ch en. Eh, guten Tag, Mütterchen!
S chewak in. Guten Tag, wie geht’s, meine Seele?
An ut schk i n. Guten Tag, Mütterchen Thekla Iwanowna.
T hekl a (kommt atemlos gelaufen). Danke schön, danke schön, meine lieben
Herren. Gut, gut.
(Sie öffnet die Tür, im Vorzimmer hört man Stimmen: „Zu Hause?“ „Jawohl!“ Dann hört man ein
paar unverständliche Worte, worauf Thekla ärgerlich ausruft: „Du bist mir aber auch einer!“ ...)
17. Auftritt
Die Vorigen. Kotschkarjow, Podkoliessin und Thekla.
Page 171
Ko tschkar j ow (zu Podkoliessin). Denk immer nur an eins: Courage und
weiter nichts! (Er sieht sich um, macht erstaunt einige Verbeugungen, beiseite.) Teufel, was
für ein Haufen Menschen! Was hat das zu bedeuten? Das sind doch nicht
etwa lauter Freier? (Er gibt Thekla einen Rippenstoß und sagt leise zu ihr.) Woher nahmst
du bloß all die Geier?
T hekl a (leise). Was, Geier? ... Das sind lauter anständige Menschen.
Ko tschkar j ow (zu ihr). Nun, nun, viel Geschrei und wenig Wolle!
T hekl a. Kehr du nur vor deiner Tür. Du hast auch nichts, womit du
prahlen könntest ... ’ne Zobelmütze auf’m Kopf und ’ne Wassersuppe in
dem Topf!
Ko tschkar j ow. Das sind wohl alles deine Kunden, was? Alle mit ’nem
Loch im Beutel. (Laut.) Aber wo bleibt sie denn nur? Diese Tür geht wohl in
ihr Schlafzimmer? (Geht zur Türe.)
T hekl a. Schäme dich was, ich sagte dir doch, sie zieht sich noch um.
Ko tschkar j ow. Welch ein Malheur! Was ist denn dabei? ... Ich will ja
nur mal reingucken ... und weiter nichts. (Sieht durch das Schlüsselloch.)
S chewak in. Ah, ich bitte sehr, erlauben Sie mir doch auch einmal,
hineinzusehen.
E ier k u ch en. Ach, lassen Sie mich nur ein Augenblickchen durchsehen.
Ko tschkar j ow (sieht noch immer durchs Schlüsselloch). Es ist nichts zu sehen,
meine Herrschaften! Man kann absolut nichts erkennen. Man sieht nur was
Weißes; aber es ist nicht herauszukriegen: ist’s eine Frau oder ein
Kopfkissen.
(Alle drängen sich jedoch um die Tür und suchen sich gegenseitig fortzustoßen, um durchs
Schlüsselloch zu sehen.)
Ko tschkar j ow. Sst. Es kommt jemand ... (Alle springen zurück.)
18. Auftritt
Die Vorigen, Arina Panteleimonowna und Agathe Tichonowna. Alle verbeugen
sich.
Ar in a P an t el ei m ono wna. Was verschafft uns die Ehre Ihres
Besuches?
E ier k u ch en. Wie ich aus den Zeitungen erfahre, wollen Sie Holz
schlagen lassen. Ich bin staatlicher Exekutor, und so komme ich, zu hören,
weiter nichts! (Er sieht sich um, macht erstaunt einige Verbeugungen, beiseite.) Teufel, was
für ein Haufen Menschen! Was hat das zu bedeuten? Das sind doch nicht
etwa lauter Freier? (Er gibt Thekla einen Rippenstoß und sagt leise zu ihr.) Woher nahmst
du bloß all die Geier?
T hekl a (leise). Was, Geier? ... Das sind lauter anständige Menschen.
Ko tschkar j ow (zu ihr). Nun, nun, viel Geschrei und wenig Wolle!
T hekl a. Kehr du nur vor deiner Tür. Du hast auch nichts, womit du
prahlen könntest ... ’ne Zobelmütze auf’m Kopf und ’ne Wassersuppe in
dem Topf!
Ko tschkar j ow. Das sind wohl alles deine Kunden, was? Alle mit ’nem
Loch im Beutel. (Laut.) Aber wo bleibt sie denn nur? Diese Tür geht wohl in
ihr Schlafzimmer? (Geht zur Türe.)
T hekl a. Schäme dich was, ich sagte dir doch, sie zieht sich noch um.
Ko tschkar j ow. Welch ein Malheur! Was ist denn dabei? ... Ich will ja
nur mal reingucken ... und weiter nichts. (Sieht durch das Schlüsselloch.)
S chewak in. Ah, ich bitte sehr, erlauben Sie mir doch auch einmal,
hineinzusehen.
E ier k u ch en. Ach, lassen Sie mich nur ein Augenblickchen durchsehen.
Ko tschkar j ow (sieht noch immer durchs Schlüsselloch). Es ist nichts zu sehen,
meine Herrschaften! Man kann absolut nichts erkennen. Man sieht nur was
Weißes; aber es ist nicht herauszukriegen: ist’s eine Frau oder ein
Kopfkissen.
(Alle drängen sich jedoch um die Tür und suchen sich gegenseitig fortzustoßen, um durchs
Schlüsselloch zu sehen.)
Ko tschkar j ow. Sst. Es kommt jemand ... (Alle springen zurück.)
18. Auftritt
Die Vorigen, Arina Panteleimonowna und Agathe Tichonowna. Alle verbeugen
sich.
Ar in a P an t el ei m ono wna. Was verschafft uns die Ehre Ihres
Besuches?
E ier k u ch en. Wie ich aus den Zeitungen erfahre, wollen Sie Holz
schlagen lassen. Ich bin staatlicher Exekutor, und so komme ich, zu hören,
Page 172
um was für einen Baumschlag es sich hier handelt, wieviel und bis wann
Sie liefern können.
Ar in a P an t el eim on owna. Holz — haben wir zwar nicht abzugeben,
aber wir freuen uns über Ihren Besuch. Darf ich nach Ihrem Namen fragen?
E ier k u ch en. Iwan Pawlowitsch Eierkuchen — Kollegienassessor.
Ar in a P an tel ei m o nowna. Nehmen Sie gefälligst Platz. (Wendet sich an
Schewakin und blickt ihn scharf an.) Und darf ich Sie fragen, was Sie ...
S chewak in. Oh, ich habe auch so eine Annonce gelesen und da hab’ ich
mir gedacht: da mußt du doch mal hingehen. Sehen Sie, das Wetter war sehr
schön, überall am Wege grünt und blüht es ...
Ar in a P an t el ei m ono wna. Und wie ist Ihr Name?
S chewak in. Oh, Leutnant zur See a. D. ... Baltasar Baltasarowitsch
Schewakin der Zweite. Wir hatten nämlich noch einen andern Schewakin,
aber der nahm noch vor mir seinen Abschied. Er wurde nämlich am Bein
verwundet, Mütterchen. Und dabei traf ihn die Kugel so eigentümlich; sie
verletzte nur eine Sehne, ohne den Knochen in Mitleidenschaft zu ziehen.
Das hing alles nur grade noch zusammen, und wenn man neben ihm stand,
sah es genau so aus, als ob er einem von hinten eins mit dem Fuße
auswischen wollte.
Ar in a P an t el ei m o nowna. Bitte, nehmen Sie doch Platz. (Zu Anutschkin.)
Und Sie, mein Herr, was führt Sie her?
An ut schk i n. Ich habe die Ehre, Ihr Nachbar zu sein. Ich wohne ganz in
Ihrer Nähe.
Ar in a P an telei m on owna. Etwa im Hause der Frau Kaufmann
Tulubow? Hier gegenüber?
An ut schk i n. Nein, das nicht. Einstweilen wohne ich noch in Peßki;
aber ich habe die feste Absicht, mit der Zeit hierher in Ihren Bezirk zu
ziehen.
Ar in a P ant elei m ono wna. Setzen Sie sich, bitte! (Zu Kotschkarjow.) Und
darf ich wissen, was Sie veranlaßte ...
Ko tschkar j ow. Ja! Wie? Erkennen Sie mich denn nicht? (Wendet sich an
Agathe Tichonowna.) Und auch Sie nicht, mein Fräulein?
Ag at h e Ti ch o nown a. Mir scheint, ich habe Sie noch nie gesehen.
Ko tschkar j ow. Aber erinnern Sie sich doch. Sie haben mich sicher
schon irgendwo gesehen.
Ag at h e Ti cho n owna. Ich weiß wirklich nicht. Doch nicht etwa bei
Birjuschkins?
Sie liefern können.
Ar in a P an t el eim on owna. Holz — haben wir zwar nicht abzugeben,
aber wir freuen uns über Ihren Besuch. Darf ich nach Ihrem Namen fragen?
E ier k u ch en. Iwan Pawlowitsch Eierkuchen — Kollegienassessor.
Ar in a P an tel ei m o nowna. Nehmen Sie gefälligst Platz. (Wendet sich an
Schewakin und blickt ihn scharf an.) Und darf ich Sie fragen, was Sie ...
S chewak in. Oh, ich habe auch so eine Annonce gelesen und da hab’ ich
mir gedacht: da mußt du doch mal hingehen. Sehen Sie, das Wetter war sehr
schön, überall am Wege grünt und blüht es ...
Ar in a P an t el ei m ono wna. Und wie ist Ihr Name?
S chewak in. Oh, Leutnant zur See a. D. ... Baltasar Baltasarowitsch
Schewakin der Zweite. Wir hatten nämlich noch einen andern Schewakin,
aber der nahm noch vor mir seinen Abschied. Er wurde nämlich am Bein
verwundet, Mütterchen. Und dabei traf ihn die Kugel so eigentümlich; sie
verletzte nur eine Sehne, ohne den Knochen in Mitleidenschaft zu ziehen.
Das hing alles nur grade noch zusammen, und wenn man neben ihm stand,
sah es genau so aus, als ob er einem von hinten eins mit dem Fuße
auswischen wollte.
Ar in a P an t el ei m o nowna. Bitte, nehmen Sie doch Platz. (Zu Anutschkin.)
Und Sie, mein Herr, was führt Sie her?
An ut schk i n. Ich habe die Ehre, Ihr Nachbar zu sein. Ich wohne ganz in
Ihrer Nähe.
Ar in a P an telei m on owna. Etwa im Hause der Frau Kaufmann
Tulubow? Hier gegenüber?
An ut schk i n. Nein, das nicht. Einstweilen wohne ich noch in Peßki;
aber ich habe die feste Absicht, mit der Zeit hierher in Ihren Bezirk zu
ziehen.
Ar in a P ant elei m ono wna. Setzen Sie sich, bitte! (Zu Kotschkarjow.) Und
darf ich wissen, was Sie veranlaßte ...
Ko tschkar j ow. Ja! Wie? Erkennen Sie mich denn nicht? (Wendet sich an
Agathe Tichonowna.) Und auch Sie nicht, mein Fräulein?
Ag at h e Ti ch o nown a. Mir scheint, ich habe Sie noch nie gesehen.
Ko tschkar j ow. Aber erinnern Sie sich doch. Sie haben mich sicher
schon irgendwo gesehen.
Ag at h e Ti cho n owna. Ich weiß wirklich nicht. Doch nicht etwa bei
Birjuschkins?
Page 173
Ko tschkar j ow. Wo denn sonst? ... Natürlich bei Birjuschkins.
Ag at h e Tich ono wna. Ach, dann wissen Sie wohl noch gar nicht, was
für eine Geschichte da passiert ist?
Ko tschkar j ow. Gewiß; sie hat sich verheiratet.
Ag at h e Ti ch o nowna. Nun, das wäre noch nicht so schlimm; nein, sie
hat sich ein Bein gebrochen.
Ar in a P an t el ei m ono wna. Ja, ein schwerer Bruch. Sie fuhr spät
abends im Wagen nach Hause, der Kutscher war betrunken und warf den
Wagen um.
Ko tschkar j ow. Richtig, jetzt erinnere ich mich! Irgend etwas mußte
mit ihr passiert sein ... entweder sie hatte sich verheiratet oder sie hatte sich
ein Bein gebrochen.
Ar in a P an t el ei m ono wna. Und wie heißen Sie?
Ko tschkar j ow. Bitte sehr — Ilja Fomitsch Kotschkarjow. Wir sind
doch Verwandte. Meine Frau spricht fortgesetzt davon. Erlauben Sie,
erlauben Sie: (Er faßt Podkoliessin bei der Hand und zieht ihn herbei.) Mein Freund Iwan
Kusmitsch Podkoliessin, Hofrat. Ist Expeditor, macht aber alles allein. Er
hat sein Ressort famos in die Höhe gebracht.
Ar in a P an t el ei m ono wna. Und wie ist Ihr Name?
Ko tschkar j ow. Podkoliessin. Iwan Kusmitsch Podkoliessin. Der
Direktor, der ist überhaupt nur noch pro forma da. Er hat das ganze
Departement in den Händen. Iwan Kusmitsch Podkoliessin.
Ar in a P an t el ei m ono wna. Bitte, nehmen Sie Platz.
19. Auftritt
Die Vorigen und Starikow.
S tar i k ow (verbeugt sich lebhaft und schnell wie ein Kaufmann und stemmt die Hände ein
wenig in die Seite). Guten Tag, Mütterchen Arina Panteleimonowna. Bei uns in
der Passage war davon die Rede, Sie hätten Wolle zu verkaufen,
Mütterchen.
Ag at h e Ti cho n owna (wendet sich verächtlich ab, halblaut murmelnd, aber so, daß er
es verstehen kann). Hier ist doch kein Kramladen.
S tar i k ow. Ei, also komm’ ich wohl nicht zupaß? Oder ist der Brei schon
ohne mich ausgelöffelt?
Ag at h e Tich ono wna. Ach, dann wissen Sie wohl noch gar nicht, was
für eine Geschichte da passiert ist?
Ko tschkar j ow. Gewiß; sie hat sich verheiratet.
Ag at h e Ti ch o nowna. Nun, das wäre noch nicht so schlimm; nein, sie
hat sich ein Bein gebrochen.
Ar in a P an t el ei m ono wna. Ja, ein schwerer Bruch. Sie fuhr spät
abends im Wagen nach Hause, der Kutscher war betrunken und warf den
Wagen um.
Ko tschkar j ow. Richtig, jetzt erinnere ich mich! Irgend etwas mußte
mit ihr passiert sein ... entweder sie hatte sich verheiratet oder sie hatte sich
ein Bein gebrochen.
Ar in a P an t el ei m ono wna. Und wie heißen Sie?
Ko tschkar j ow. Bitte sehr — Ilja Fomitsch Kotschkarjow. Wir sind
doch Verwandte. Meine Frau spricht fortgesetzt davon. Erlauben Sie,
erlauben Sie: (Er faßt Podkoliessin bei der Hand und zieht ihn herbei.) Mein Freund Iwan
Kusmitsch Podkoliessin, Hofrat. Ist Expeditor, macht aber alles allein. Er
hat sein Ressort famos in die Höhe gebracht.
Ar in a P an t el ei m ono wna. Und wie ist Ihr Name?
Ko tschkar j ow. Podkoliessin. Iwan Kusmitsch Podkoliessin. Der
Direktor, der ist überhaupt nur noch pro forma da. Er hat das ganze
Departement in den Händen. Iwan Kusmitsch Podkoliessin.
Ar in a P an t el ei m ono wna. Bitte, nehmen Sie Platz.
19. Auftritt
Die Vorigen und Starikow.
S tar i k ow (verbeugt sich lebhaft und schnell wie ein Kaufmann und stemmt die Hände ein
wenig in die Seite). Guten Tag, Mütterchen Arina Panteleimonowna. Bei uns in
der Passage war davon die Rede, Sie hätten Wolle zu verkaufen,
Mütterchen.
Ag at h e Ti cho n owna (wendet sich verächtlich ab, halblaut murmelnd, aber so, daß er
es verstehen kann). Hier ist doch kein Kramladen.
S tar i k ow. Ei, also komm’ ich wohl nicht zupaß? Oder ist der Brei schon
ohne mich ausgelöffelt?
Page 174
Ar in a P an t el ei m onown a. Bitte, bitte, Alexei Dmitriewitsch, wenn
wir auch nicht mit Wolle handeln, aber wir freuen uns doch sehr, daß Sie
uns das Vergnügen machen. Bitte, nehmen Sie Platz.
(Alle sitzen schweigend da. Pause.)
E ier k u ch en. Ein äußerst seltsames Wetter heute. Morgens, da sah es
ganz so aus, als ob es regnen wollte. Jetzt jedoch scheint es wieder vorüber
zu sein.
Ag at h e Tichono wna. Ja, dieses Wetter ist wirklich furchtbar ... Bald
ist es hell, und bald regnet es unaufhörlich. Ein höchst peinliches Wetter.
S chewak in. Ganz recht! Zum Beispiel — sehen Sie in Sizilien,
Mütterchen! Wir waren einmal im Frühjahr mit unserer Flotte dort. Die
jetzige Jahreszeit entspricht ungefähr unserem Februar. Wenn man da seine
Schritte ins Freie lenkt, dann leuchtet die Sonne. Und dann fängt es
plötzlich an zu regnen, und wenn man genauer zusieht, dann regnet es
wirklich.
E ier k u ch en. Das Unangenehmste bei solch einem Wetter ist, alleine zu
Hause zu sitzen. Bei einem verheirateten Manne, da ist’s doch eine ganz
andere Sache. Der langweilt sich nicht; aber, wenn man alleine sitzt, das ist
einfach nicht zum ...
S chewak in. Oh, eine tödtliche Langeweile!
An ut schk i n. Ja, das dürfte man wohl behaupten.
Ko tschkar j ow. Ach was, die reinste Folter ist es. Man wird seines
Lebens nicht mehr froh. Gott bewahre mich vor einem solchen Zustand.
E ier k u ch en. Wie wäre es nun, mein Fräulein, wenn Sie in die Lage
kämen, sich ein ... einen ... Gegenstand zu wählen? Kann ich Ihren
Geschmack erfahren? Entschuldigen Sie, daß ich so frei von der Leber rede
... Was paßte Ihnen wohl am besten? Ich meine, welches Amt müßte Ihr
Mann bekleiden?
S chewak in. Wollten Sie nicht einen Mann Ihr eigen nennen, der sich
mit allen Stürmen des Meeres herumgeschlagen hat? ...
Ko tschkar j ow. Nein, nein, der beste Mann ist meiner Meinung nach
nur einer, der ein ganzes Departement leiten kann.
An ut schk i n. O bitte, warum denn ein solches Vorurteil. Warum wollten
Sie einen Mann geringschätzen, der vielleicht nur bei der Infanterie gedient
hat, der es aber doch versteht, die Formen der feinen Welt zu schätzen.
E ier k u ch en. Entscheiden Sie, Fräulein!
Ag at h e Ti ch o nown a (schweigt).
wir auch nicht mit Wolle handeln, aber wir freuen uns doch sehr, daß Sie
uns das Vergnügen machen. Bitte, nehmen Sie Platz.
(Alle sitzen schweigend da. Pause.)
E ier k u ch en. Ein äußerst seltsames Wetter heute. Morgens, da sah es
ganz so aus, als ob es regnen wollte. Jetzt jedoch scheint es wieder vorüber
zu sein.
Ag at h e Tichono wna. Ja, dieses Wetter ist wirklich furchtbar ... Bald
ist es hell, und bald regnet es unaufhörlich. Ein höchst peinliches Wetter.
S chewak in. Ganz recht! Zum Beispiel — sehen Sie in Sizilien,
Mütterchen! Wir waren einmal im Frühjahr mit unserer Flotte dort. Die
jetzige Jahreszeit entspricht ungefähr unserem Februar. Wenn man da seine
Schritte ins Freie lenkt, dann leuchtet die Sonne. Und dann fängt es
plötzlich an zu regnen, und wenn man genauer zusieht, dann regnet es
wirklich.
E ier k u ch en. Das Unangenehmste bei solch einem Wetter ist, alleine zu
Hause zu sitzen. Bei einem verheirateten Manne, da ist’s doch eine ganz
andere Sache. Der langweilt sich nicht; aber, wenn man alleine sitzt, das ist
einfach nicht zum ...
S chewak in. Oh, eine tödtliche Langeweile!
An ut schk i n. Ja, das dürfte man wohl behaupten.
Ko tschkar j ow. Ach was, die reinste Folter ist es. Man wird seines
Lebens nicht mehr froh. Gott bewahre mich vor einem solchen Zustand.
E ier k u ch en. Wie wäre es nun, mein Fräulein, wenn Sie in die Lage
kämen, sich ein ... einen ... Gegenstand zu wählen? Kann ich Ihren
Geschmack erfahren? Entschuldigen Sie, daß ich so frei von der Leber rede
... Was paßte Ihnen wohl am besten? Ich meine, welches Amt müßte Ihr
Mann bekleiden?
S chewak in. Wollten Sie nicht einen Mann Ihr eigen nennen, der sich
mit allen Stürmen des Meeres herumgeschlagen hat? ...
Ko tschkar j ow. Nein, nein, der beste Mann ist meiner Meinung nach
nur einer, der ein ganzes Departement leiten kann.
An ut schk i n. O bitte, warum denn ein solches Vorurteil. Warum wollten
Sie einen Mann geringschätzen, der vielleicht nur bei der Infanterie gedient
hat, der es aber doch versteht, die Formen der feinen Welt zu schätzen.
E ier k u ch en. Entscheiden Sie, Fräulein!
Ag at h e Ti ch o nown a (schweigt).
Page 175
T hekl a. So sprechen Sie doch, Mütterchen! Reden Sie doch einen Ton.
E ier k u ch en. Nun Fräulein, bitte, wie steht’s? ...
Ko tschkar j ow. Wie denken Sie darüber, Agathe Tichonowna?
T hekl a (leise zu ihr). Sagen Sie doch irgendwas, ... sagen Sie nur: „Ich
danke bestens,“ oder „mit Vergnügen!“ Man sitzt doch nicht so stumm da.
Ag at h e Ti ch o nown a (leise). Ich schäme mich ja! Ich schäme mich
wirklich. Ich will lieber gehen ... wirklich, ich will gehen. Tantchen, bleiben
Sie statt meiner hier.
T hekl a. Ach, tu mir doch diese Schande nicht an. Lauf nur nicht fort, du
blamierst uns ja nur. Weiß Gott, was sie von uns denken werden? ...
Ag at h e Ti cho n owna (wie vorher). Nein, ich geh ... ich geh ... ich geh
wirklich ... (Sie läuft hinaus; Thekla und Arina Panteleimonowna folgen ihr.)
20. Auftritt
Die Vorigen ohne die Frauen.
E ier k u ch en. Da haben wir’s! Jetzt laufen sie alle fort. Was soll das nun
wieder bedeuten? ...
Ko tschkar j ow. Wahrscheinlich ist irgend etwas passiert? ...
S chewak in. Vielleicht ist die Toilette in Unordnung geraten. Man muß
etwas nachhelfen ... Vielleicht das Mieder feststecken ... (Thekla kommt zurück;
alle stürzen mit Fragen auf sie zu.) Nun, nun, was ist los?
Ko tschkar j ow. Ist was passiert? ...
T hekl a. Wie soll denn was passiert sein! Bei Gott! Nichts ist passiert.
Ko tschkar j ow. Warum ist sie denn dann fortgelaufen?
T hekl a. Ihr habt sie in Verlegenheit gebracht. Darum ist sie
rausgelaufen. Sie war ja ganz verwirrt und wußte nicht mehr ein noch aus.
Sie bittet mich, daß Ihr sie entschuldigen sollt. Ihr möchtet doch heute
abend zu einem Glas Tee kommen. (Geht ab).
E ier k u ch en. Eh, dieses Glas Tee! Deswegen kann mir die ganze
Heiraterei gestohlen werden. Nun geht wieder die Plackerei von vorne los
... „Heute haben wir keine Zeit ... bitte kommen Sie morgen ... oder
übermorgen ... auf ein Glas Tee! Wir müssen es uns noch überlegen“ ... Und
dabei ist die Heirat doch ’ne ganz lumpige Sache. Erfordert durchaus kein
Kopfzerbrechen. Hol’s der Teufel! Ich steh im Dienst, ich hab’ keine Zeit.
E ier k u ch en. Nun Fräulein, bitte, wie steht’s? ...
Ko tschkar j ow. Wie denken Sie darüber, Agathe Tichonowna?
T hekl a (leise zu ihr). Sagen Sie doch irgendwas, ... sagen Sie nur: „Ich
danke bestens,“ oder „mit Vergnügen!“ Man sitzt doch nicht so stumm da.
Ag at h e Ti ch o nown a (leise). Ich schäme mich ja! Ich schäme mich
wirklich. Ich will lieber gehen ... wirklich, ich will gehen. Tantchen, bleiben
Sie statt meiner hier.
T hekl a. Ach, tu mir doch diese Schande nicht an. Lauf nur nicht fort, du
blamierst uns ja nur. Weiß Gott, was sie von uns denken werden? ...
Ag at h e Ti cho n owna (wie vorher). Nein, ich geh ... ich geh ... ich geh
wirklich ... (Sie läuft hinaus; Thekla und Arina Panteleimonowna folgen ihr.)
20. Auftritt
Die Vorigen ohne die Frauen.
E ier k u ch en. Da haben wir’s! Jetzt laufen sie alle fort. Was soll das nun
wieder bedeuten? ...
Ko tschkar j ow. Wahrscheinlich ist irgend etwas passiert? ...
S chewak in. Vielleicht ist die Toilette in Unordnung geraten. Man muß
etwas nachhelfen ... Vielleicht das Mieder feststecken ... (Thekla kommt zurück;
alle stürzen mit Fragen auf sie zu.) Nun, nun, was ist los?
Ko tschkar j ow. Ist was passiert? ...
T hekl a. Wie soll denn was passiert sein! Bei Gott! Nichts ist passiert.
Ko tschkar j ow. Warum ist sie denn dann fortgelaufen?
T hekl a. Ihr habt sie in Verlegenheit gebracht. Darum ist sie
rausgelaufen. Sie war ja ganz verwirrt und wußte nicht mehr ein noch aus.
Sie bittet mich, daß Ihr sie entschuldigen sollt. Ihr möchtet doch heute
abend zu einem Glas Tee kommen. (Geht ab).
E ier k u ch en. Eh, dieses Glas Tee! Deswegen kann mir die ganze
Heiraterei gestohlen werden. Nun geht wieder die Plackerei von vorne los
... „Heute haben wir keine Zeit ... bitte kommen Sie morgen ... oder
übermorgen ... auf ein Glas Tee! Wir müssen es uns noch überlegen“ ... Und
dabei ist die Heirat doch ’ne ganz lumpige Sache. Erfordert durchaus kein
Kopfzerbrechen. Hol’s der Teufel! Ich steh im Dienst, ich hab’ keine Zeit.
Page 176
Ko tschkar j ow (zu Podkoliessin). Hör mal du, das Mädel ist nicht übel,
was? ...
P odkol iessin. Durchaus nicht übel!
S chewak in. Nettes Mädchen das!
Ko tschkar j ow (beiseite). Teufel, dieser Esel ist wohl verliebt! Er
verpfuscht uns womöglich noch die ganze Geschichte. (Laut.) Die ist doch
nicht nett! Auch nicht im mindesten.
E ier k u ch en. Die Nase ist zu groß.
S chewak in. O nein. Davon habe ich nichts bemerkt. Sie ist ein richtiges
Röschen!
An ut schk i n. Auch ich möchte mich dieser Ansicht anschließen. Es ist
doch nichts Rechtes. Ich möchte sogar zweifeln, daß sie etwas von den
Formen der feinen Welt versteht. Es ist noch die Frage, ob sie das
Französische beherrscht.
S chewak in. Aha, dann gestatten Sie mir wohl die Frage, warum haben
Sie es nicht versucht, mit ihr Französisch zu sprechen. Vielleicht kann sie es
doch?
An ut schk i n. Sie glauben, daß ich des Französischen mächtig bin. Ach
nein, ich hatte leider niemals das Glück, eine dahingehende Erziehung zu
genießen. Mein Vater war ein Schweinehund, sozusagen ... ein Lump. Er
hat gar nicht daran gedacht, mich Französisch lernen zu lassen. Damals war
ich ja noch ein Kind; es wäre also ganz leicht gewesen, es mir beizubringen.
Ich hätte nur tüchtig Prügel zu bekommen brauchen, dann könnte ich heute
Französisch.
S chewak in. Da Sie es nun aber nicht verstehen, was könnte es Ihnen
nützen, wenn diese ...
An ut schk i n. O nein! Bei einer Frau ist das etwas ganz anderes. Sie
muß es unbedingt können; sonst ist eben ... dieses und das und ... (er macht ein
paar Gesten) alles eben nicht in Ordnung.
E ier k u ch en (beiseite). Mag sich ein anderer darüber den Kopf
zerbrechen. Ich will unterdessen mal hinlaufen und mir das Haus und seine
beiden Seitenflügel von unten ansehen. Wenn da nur alles in Ordnung ist,
dann setze ich es heute abend noch durch. Diese Herren Freier sind mir
gewiß nicht gefährlich, das ist ja man ’ne recht schwächliche Sorte. Solche
Gesellen! Nein, die Frauenzimmer haben einen andern Geschmack.
S chewak in. Man sollte sich eine Pfeife anzünden! Haben wir vielleicht
denselben Weg? Darf ich fragen, wo wohnen Sie doch gleich?
was? ...
P odkol iessin. Durchaus nicht übel!
S chewak in. Nettes Mädchen das!
Ko tschkar j ow (beiseite). Teufel, dieser Esel ist wohl verliebt! Er
verpfuscht uns womöglich noch die ganze Geschichte. (Laut.) Die ist doch
nicht nett! Auch nicht im mindesten.
E ier k u ch en. Die Nase ist zu groß.
S chewak in. O nein. Davon habe ich nichts bemerkt. Sie ist ein richtiges
Röschen!
An ut schk i n. Auch ich möchte mich dieser Ansicht anschließen. Es ist
doch nichts Rechtes. Ich möchte sogar zweifeln, daß sie etwas von den
Formen der feinen Welt versteht. Es ist noch die Frage, ob sie das
Französische beherrscht.
S chewak in. Aha, dann gestatten Sie mir wohl die Frage, warum haben
Sie es nicht versucht, mit ihr Französisch zu sprechen. Vielleicht kann sie es
doch?
An ut schk i n. Sie glauben, daß ich des Französischen mächtig bin. Ach
nein, ich hatte leider niemals das Glück, eine dahingehende Erziehung zu
genießen. Mein Vater war ein Schweinehund, sozusagen ... ein Lump. Er
hat gar nicht daran gedacht, mich Französisch lernen zu lassen. Damals war
ich ja noch ein Kind; es wäre also ganz leicht gewesen, es mir beizubringen.
Ich hätte nur tüchtig Prügel zu bekommen brauchen, dann könnte ich heute
Französisch.
S chewak in. Da Sie es nun aber nicht verstehen, was könnte es Ihnen
nützen, wenn diese ...
An ut schk i n. O nein! Bei einer Frau ist das etwas ganz anderes. Sie
muß es unbedingt können; sonst ist eben ... dieses und das und ... (er macht ein
paar Gesten) alles eben nicht in Ordnung.
E ier k u ch en (beiseite). Mag sich ein anderer darüber den Kopf
zerbrechen. Ich will unterdessen mal hinlaufen und mir das Haus und seine
beiden Seitenflügel von unten ansehen. Wenn da nur alles in Ordnung ist,
dann setze ich es heute abend noch durch. Diese Herren Freier sind mir
gewiß nicht gefährlich, das ist ja man ’ne recht schwächliche Sorte. Solche
Gesellen! Nein, die Frauenzimmer haben einen andern Geschmack.
S chewak in. Man sollte sich eine Pfeife anzünden! Haben wir vielleicht
denselben Weg? Darf ich fragen, wo wohnen Sie doch gleich?
Page 177
An ut schk i n. Bitte sehr, in Peßki, in der Petrowski-Gasse.
S chewak in. Hm, das wäre allerdings ein Umweg. Ich wohne auf
Wassiliewski-Ostrow, in der achtzehnten Linie. Übrigens kann ich Sie doch
begleiten.
S tar i k ow. Nein, die Herrschaften sind mir doch etwas zu hochnäsig.
Na, Agathe Tichonowna, Sie werden noch einmal an mich denken. Ich
empfehle mich Ihnen, meine Herren. (Er verbeugt sich und geht ab.)
21. Auftritt
Podkoliessin und Kotschkarjow.
P odkol iessin. Und worauf warten wir?
Ko tschkar j ow. Nein, sag mal, sie ist doch ganz reizend, was?
P odkol iessin. Ach, geh, aufrichtig gesagt, sie gefällt mir nicht!
Ko tschkar j ow. Da haben wir’s! Was soll das nun wieder heißen?
Vorhin hast du doch selbst zugegeben, daß sie hübsch ist.
P odkol iessin. Ich weiß nicht, aber es ist wohl doch nicht das Richtige.
Die Nase ist zu lang und dann: sie spricht ja nicht Französisch.
Ko tschkar j ow. Was soll denn das? ... Wozu hast du es denn nötig, daß
sie Französisch spricht?
P odkol iessin. Nein, bitte, ein Mädchen, das heiraten will, muß
Französisch können.
Ko tschkar j ow. Wozu?
P odkol iessin. So ... weil ... nun ich weiß nicht mehr warum; sonst ist
die Sache eben nicht in Ordnung.
Ko tschkar j ow. Da haben wir’s! Irgendein Esel hat hier so was
behauptet, und du läßt gleich die Ohren hängen. Sie ist entzückend, sag’ ich
dir, einfach entzückend! Ein solches Mädchen findest du überhaupt nicht
wieder.
P odkol iessin. Ich muß ja gestehen, im Anfang gefiel sie mir ebenfalls.
Aber als nachher die andern kamen und sagten, die Nase sei zu lang, da sah
ich genauer hin und fand wirklich, daß die Nase zu lang ist.
Ko tschkar j ow.
S chewak in. Hm, das wäre allerdings ein Umweg. Ich wohne auf
Wassiliewski-Ostrow, in der achtzehnten Linie. Übrigens kann ich Sie doch
begleiten.
S tar i k ow. Nein, die Herrschaften sind mir doch etwas zu hochnäsig.
Na, Agathe Tichonowna, Sie werden noch einmal an mich denken. Ich
empfehle mich Ihnen, meine Herren. (Er verbeugt sich und geht ab.)
21. Auftritt
Podkoliessin und Kotschkarjow.
P odkol iessin. Und worauf warten wir?
Ko tschkar j ow. Nein, sag mal, sie ist doch ganz reizend, was?
P odkol iessin. Ach, geh, aufrichtig gesagt, sie gefällt mir nicht!
Ko tschkar j ow. Da haben wir’s! Was soll das nun wieder heißen?
Vorhin hast du doch selbst zugegeben, daß sie hübsch ist.
P odkol iessin. Ich weiß nicht, aber es ist wohl doch nicht das Richtige.
Die Nase ist zu lang und dann: sie spricht ja nicht Französisch.
Ko tschkar j ow. Was soll denn das? ... Wozu hast du es denn nötig, daß
sie Französisch spricht?
P odkol iessin. Nein, bitte, ein Mädchen, das heiraten will, muß
Französisch können.
Ko tschkar j ow. Wozu?
P odkol iessin. So ... weil ... nun ich weiß nicht mehr warum; sonst ist
die Sache eben nicht in Ordnung.
Ko tschkar j ow. Da haben wir’s! Irgendein Esel hat hier so was
behauptet, und du läßt gleich die Ohren hängen. Sie ist entzückend, sag’ ich
dir, einfach entzückend! Ein solches Mädchen findest du überhaupt nicht
wieder.
P odkol iessin. Ich muß ja gestehen, im Anfang gefiel sie mir ebenfalls.
Aber als nachher die andern kamen und sagten, die Nase sei zu lang, da sah
ich genauer hin und fand wirklich, daß die Nase zu lang ist.
Ko tschkar j ow.
Page 178
Ach, dieser Esel läuft umher,
Find’t seine eigne Tür nicht mehr!
Du Dummkopf, das wird doch absichtlich so geredet, um dich
wegzugraulen. Ich hab’s doch genau so gemacht. So wird’s eben gemacht!
Bester, ich sag’ dir, das ist ein Mädchen! Sieh dir nur mal die Augen an.
Augen sind das! Die reden und glühen ja förmlich. Weiß der Teufel! Und
die Nase ... Himmel, ist das ’ne Nase! Wie Alabaster so weiß. Ach was,
Alabaster reicht da gar nicht heran. Sieh du sie dir nur erst mal ordentlich
an.
P odkol iessin (lächelnd). Ja, jetzt sehe ich es selbst: sie ist wirklich schön.
Ko tschkar j ow. Natürlich ist sie’s! Hör mal: jetzt, nachdem sie alle fort
sind, können wir gleich reingehen, du erklärst dich, und die Geschichte ist
erledigt.
P odkol iessin. Nein, das tue ich denn doch nicht.
Ko tschkar j ow. Warum denn nicht?
P odkol iessin. Das wäre doch zu unverschämt. Wir sind doch so viele,
mag sie selbst wählen.
Ko tschkar j ow. Was gehen denn dich die andern an? Fürchtest du dich
vor der Konkurrenz. Wie? Oder willst du, daß ich sie alle in einer Minute
hinausbefördere?
P odkol iessin. Ja, wie willst du sie denn hinausbefördern?
Ko tschkar j ow. Das laß nur meine Sache sein! Versprich mir nur das
eine, daß du nachher dein Wort nicht zurücknimmst.
P odkol iessin. Weshalb sollte ich das nicht versprechen? Bitte schön,
ich leiste ja gar keinen Widerstand. Ich habe die feste Absicht, zu heiraten!
——
Ko tschkar j ow. Deine Hand darauf!
P odkol iessin (reicht ihm die Hand). Hier.
Ko tschkar j ow. Nun, mehr brauch’ ich nicht. (Beide ab.)
Find’t seine eigne Tür nicht mehr!
Du Dummkopf, das wird doch absichtlich so geredet, um dich
wegzugraulen. Ich hab’s doch genau so gemacht. So wird’s eben gemacht!
Bester, ich sag’ dir, das ist ein Mädchen! Sieh dir nur mal die Augen an.
Augen sind das! Die reden und glühen ja förmlich. Weiß der Teufel! Und
die Nase ... Himmel, ist das ’ne Nase! Wie Alabaster so weiß. Ach was,
Alabaster reicht da gar nicht heran. Sieh du sie dir nur erst mal ordentlich
an.
P odkol iessin (lächelnd). Ja, jetzt sehe ich es selbst: sie ist wirklich schön.
Ko tschkar j ow. Natürlich ist sie’s! Hör mal: jetzt, nachdem sie alle fort
sind, können wir gleich reingehen, du erklärst dich, und die Geschichte ist
erledigt.
P odkol iessin. Nein, das tue ich denn doch nicht.
Ko tschkar j ow. Warum denn nicht?
P odkol iessin. Das wäre doch zu unverschämt. Wir sind doch so viele,
mag sie selbst wählen.
Ko tschkar j ow. Was gehen denn dich die andern an? Fürchtest du dich
vor der Konkurrenz. Wie? Oder willst du, daß ich sie alle in einer Minute
hinausbefördere?
P odkol iessin. Ja, wie willst du sie denn hinausbefördern?
Ko tschkar j ow. Das laß nur meine Sache sein! Versprich mir nur das
eine, daß du nachher dein Wort nicht zurücknimmst.
P odkol iessin. Weshalb sollte ich das nicht versprechen? Bitte schön,
ich leiste ja gar keinen Widerstand. Ich habe die feste Absicht, zu heiraten!
——
Ko tschkar j ow. Deine Hand darauf!
P odkol iessin (reicht ihm die Hand). Hier.
Ko tschkar j ow. Nun, mehr brauch’ ich nicht. (Beide ab.)
Page 179
Zweiter Aufzug
Zimmer im Hause Agathe Tichonownas.
1. Auftritt
Agathe Tichonowna allein; später Kotschkarjow.
Ag at h e Ti cho n owna. Nein, wie schwer wird einem doch eine solche
Wahl! Wären es nur einer oder zwei. Aber nun gleich vier. Ja, wer die Wahl
hat, hat die Qual! Nikanor Iwanowitsch ist ja nicht übel; obwohl er etwas zu
mager ist. Iwan Kusmitsch ist übrigens auch nicht häßlich und, wenn ich
die Wahrheit sagen soll, so ist zwar Iwan Pawlowitsch ein wenig dick, aber
doch ein ganz stattlicher Mann. Schöne Geschichte! Was soll ich nur
anfangen? Andererseits hat auch Baltasar Baltasarowitsch seine Vorzüge.
Nein, wie schwer wird einem doch solch ein Entschluß! Es läßt sich gar
nicht sagen, wie schwer. Wenn man die Lippen Nikanor Iwanowitschs
nehmen und die Nase Iwan Kusmitschs darüber setzen könnte, und wäre
dazu etwas von der Keckheit Baltasar Baltasarowitschs und dann noch ein
wenig von der Fülle Iwan Pawlowitschs dabei — dann würde ich mich auf
der Stelle entschließen. So aber, ach, ich mag gar nicht daran denken! Der
Kopf schmerzt mir schon. Vielleicht wäre es das Beste, darum zu losen.
Möge Gott entscheiden! Wen ich ziehe, der soll mein Mann werden. So, ich
werde alle Namen auf Zettelchen schreiben, sie rollen,
durcheinanderschütteln, und mag dann kommen, was kommen will. (Sie geht
an das Tischchen, holt Papier und eine Schere herauf, schneidet einige Zettel, rollt sie und fährt fort.)
Wie schrecklich ist doch die Lage eines jungen Mädchens, besonders wenn
sie verliebt ist ... Kein Mann kann sich da hineinversetzen, ach, keiner wird
sie auch nur verstehen wollen. So, jetzt sind sie alle fertig. Jetzt brauche ich
sie nur ins Täschchen zu stecken, die Augen zuzumachen und dann mag
kommen, was da will. (Sie legt die Zettel in den Pompadour und mischt sie mit der Hand.)
Wie ängstlich ich bin! Ach, wenn Gott gäbe, daß ich Nikanor Iwanowitsch
zöge ... Doch nein, warum grade ihn? ... Lieber schon Iwan Kusmitsch.
Aber warum grade Iwan Kusmitsch? Die andern sind doch auch nicht
Zimmer im Hause Agathe Tichonownas.
1. Auftritt
Agathe Tichonowna allein; später Kotschkarjow.
Ag at h e Ti cho n owna. Nein, wie schwer wird einem doch eine solche
Wahl! Wären es nur einer oder zwei. Aber nun gleich vier. Ja, wer die Wahl
hat, hat die Qual! Nikanor Iwanowitsch ist ja nicht übel; obwohl er etwas zu
mager ist. Iwan Kusmitsch ist übrigens auch nicht häßlich und, wenn ich
die Wahrheit sagen soll, so ist zwar Iwan Pawlowitsch ein wenig dick, aber
doch ein ganz stattlicher Mann. Schöne Geschichte! Was soll ich nur
anfangen? Andererseits hat auch Baltasar Baltasarowitsch seine Vorzüge.
Nein, wie schwer wird einem doch solch ein Entschluß! Es läßt sich gar
nicht sagen, wie schwer. Wenn man die Lippen Nikanor Iwanowitschs
nehmen und die Nase Iwan Kusmitschs darüber setzen könnte, und wäre
dazu etwas von der Keckheit Baltasar Baltasarowitschs und dann noch ein
wenig von der Fülle Iwan Pawlowitschs dabei — dann würde ich mich auf
der Stelle entschließen. So aber, ach, ich mag gar nicht daran denken! Der
Kopf schmerzt mir schon. Vielleicht wäre es das Beste, darum zu losen.
Möge Gott entscheiden! Wen ich ziehe, der soll mein Mann werden. So, ich
werde alle Namen auf Zettelchen schreiben, sie rollen,
durcheinanderschütteln, und mag dann kommen, was kommen will. (Sie geht
an das Tischchen, holt Papier und eine Schere herauf, schneidet einige Zettel, rollt sie und fährt fort.)
Wie schrecklich ist doch die Lage eines jungen Mädchens, besonders wenn
sie verliebt ist ... Kein Mann kann sich da hineinversetzen, ach, keiner wird
sie auch nur verstehen wollen. So, jetzt sind sie alle fertig. Jetzt brauche ich
sie nur ins Täschchen zu stecken, die Augen zuzumachen und dann mag
kommen, was da will. (Sie legt die Zettel in den Pompadour und mischt sie mit der Hand.)
Wie ängstlich ich bin! Ach, wenn Gott gäbe, daß ich Nikanor Iwanowitsch
zöge ... Doch nein, warum grade ihn? ... Lieber schon Iwan Kusmitsch.
Aber warum grade Iwan Kusmitsch? Die andern sind doch auch nicht
Page 180
schlechter. Nein, ich will an nichts denken. Wen ich herausziehe, der mag es
schon sein. Endgültig! (Sie sucht mit der Hand im Pompadour herum und zieht statt eines
Zettels — alle auf einmal.) Ach Herr Gott, jetzt habe ich alle auf einmal
herausgezogen ... Ach, wie mein Herz klopft ... Nein, nein, nur einen! (Sie
legt die Zettel wieder in den Pompadour und mischt sie von neuem. In diesem Augenblick kommt
Ach, wenn ich doch Baltasar
Kotschkarjow leise herein und tritt hinter sie.)
Baltasarowitsch, nein, ich wollte sagen Nikanor Iwanowitsch ... Nein, nein,
ich will nicht. Das Schicksal mag entscheiden.
Ko tschkar j ow. Nehmen Sie Iwan Kusmitsch! Fertig! Das ist schon das
allerbeste.
Ag at h e Ti cho n owna. Ach! (Sie schreit auf, bedeckt das Gesicht mit beiden Händen
und fürchtet sich, sich umzusehen.)
Ko tschkar j ow. Warum erschrecken Sie so? Haben Sie keine Angst; ich
bin es. Wirklich, nehmen Sie schon Iwan Kusmitsch.
Ag at h e Tich o nown a. Ach, ich schäme mich so. Gewiß haben Sie
gehorcht.
Ko tschkar j ow. Das schadet doch nichts! Ich gehöre doch zur Familie.
Vor mir brauchen Sie ja keine Geheimnisse zu haben. Lassen Sie mich doch
Ihr Gesichtchen sehen.
Ag at h e Ti cho n owna (zieht die Hand zur Hälfte zurück). Nein, wirklich, ich
schäme mich!
Ko tschkar j ow. Also, nehmen Sie Iwan Kusmitsch.
Ag at h e Tich ono wna. Ach! (Schreit wieder auf und bedeckt das Gesicht von neuem
mit den Händen.)
Ko tschkar j ow. Wirklich, er ist ein prächtiger Mensch; er hat sein
Ressort famos in die Höhe gebracht. Wahrhaftig, ein seltener Mensch!
Ag at h e Tich ono wna (zieht ihre Hände wieder langsam zurück). Wie aber ... und
der andere? Nikanor Iwanowitsch? Das ist doch auch ein vortrefflicher
Mensch.
Ko tschkar j ow. Aber, ich bitte Sie, das ist doch nur Bruch; im Vergleich
zu Iwan Kusmitsch.
Ag at h e Ti ch o nown a. Wieso denn?
Ko tschkar j ow. Aber das ist doch ganz klar! Iwan Kusmitsch ist eben
ein Mensch ... nun also, ein Mensch, so, wie Sie ihn einfach nicht wieder
finden.
Ag at h e Ti ch o nown a. Und Iwan Pawlowitsch?
schon sein. Endgültig! (Sie sucht mit der Hand im Pompadour herum und zieht statt eines
Zettels — alle auf einmal.) Ach Herr Gott, jetzt habe ich alle auf einmal
herausgezogen ... Ach, wie mein Herz klopft ... Nein, nein, nur einen! (Sie
legt die Zettel wieder in den Pompadour und mischt sie von neuem. In diesem Augenblick kommt
Ach, wenn ich doch Baltasar
Kotschkarjow leise herein und tritt hinter sie.)
Baltasarowitsch, nein, ich wollte sagen Nikanor Iwanowitsch ... Nein, nein,
ich will nicht. Das Schicksal mag entscheiden.
Ko tschkar j ow. Nehmen Sie Iwan Kusmitsch! Fertig! Das ist schon das
allerbeste.
Ag at h e Ti cho n owna. Ach! (Sie schreit auf, bedeckt das Gesicht mit beiden Händen
und fürchtet sich, sich umzusehen.)
Ko tschkar j ow. Warum erschrecken Sie so? Haben Sie keine Angst; ich
bin es. Wirklich, nehmen Sie schon Iwan Kusmitsch.
Ag at h e Tich o nown a. Ach, ich schäme mich so. Gewiß haben Sie
gehorcht.
Ko tschkar j ow. Das schadet doch nichts! Ich gehöre doch zur Familie.
Vor mir brauchen Sie ja keine Geheimnisse zu haben. Lassen Sie mich doch
Ihr Gesichtchen sehen.
Ag at h e Ti cho n owna (zieht die Hand zur Hälfte zurück). Nein, wirklich, ich
schäme mich!
Ko tschkar j ow. Also, nehmen Sie Iwan Kusmitsch.
Ag at h e Tich ono wna. Ach! (Schreit wieder auf und bedeckt das Gesicht von neuem
mit den Händen.)
Ko tschkar j ow. Wirklich, er ist ein prächtiger Mensch; er hat sein
Ressort famos in die Höhe gebracht. Wahrhaftig, ein seltener Mensch!
Ag at h e Tich ono wna (zieht ihre Hände wieder langsam zurück). Wie aber ... und
der andere? Nikanor Iwanowitsch? Das ist doch auch ein vortrefflicher
Mensch.
Ko tschkar j ow. Aber, ich bitte Sie, das ist doch nur Bruch; im Vergleich
zu Iwan Kusmitsch.
Ag at h e Ti ch o nown a. Wieso denn?
Ko tschkar j ow. Aber das ist doch ganz klar! Iwan Kusmitsch ist eben
ein Mensch ... nun also, ein Mensch, so, wie Sie ihn einfach nicht wieder
finden.
Ag at h e Ti ch o nown a. Und Iwan Pawlowitsch?
Page 181
Ko tschkar j ow. Na, Iwan Pawlowitsch ist natürlich auch Bruch; kurz
und gut, sie sind eben alle Bruch.
Ag at h e Ti ch o nown a. Wirklich alle?
Ko tschkar j ow. Urteilen Sie doch selbst. Sie brauchen nur zu
vergleichen. So oder so — Iwan Kusmitsch, und daneben die andern ...
hergelaufenes Gesindel! Dieser Iwan Pawlowitsch, dieser Nikanor
Iwanowitsch. Pfui Teufel noch einmal!
Ag at h e Tich ono wna. Eigentlich haben Sie recht! Es sind wahrhaftig
recht unansehnliche Menschen.
Ko tschkar j ow. Was? ... Unansehnlich? Pack! Strolche! Eine ganz
gefährliche Bande! Haben Sie denn Lust, schon am Tage nach der Hochzeit
geschlagen zu werden?
Ag at h e Ti ch o nown a. O mein Gott! Welch ein Unglück ... ich könnte
mir kein furchtbareres Unglück denken.
Ko tschkar j ow. Etwas Furchtbareres läßt sich auch gar nicht vorstellen.
Ag at h e Ti cho n owna. Also Sie meinen, ich soll Iwan Kusmitsch
nehmen?
Ko tschkar j ow. Gewiß. Iwan Kusmitsch. Natürlich! Iwan Kusmitsch
(Beiseite.) Ich glaube, die Sache geht glatt. Podkoliessin sitzt im Café, ich will
gleich mal hinlaufen und ihn holen.
Ag at h e Ti ch o nown a. Also, Sie meinen wirklich, daß ich Iwan
Kusmitsch nehmen soll?
Ko tschkar j ow. Unbedingt Iwan Kusmitsch ...
Ag at h e Ti ch o nown a. Und ich soll den andern einen Korb geben?
Ko tschkar j ow. Selbstverständlich! ...
Ag at h e Ti cho nowna. Wie soll ich das nur machen? Ich schäme mich
ein wenig.
Ko tschkar j ow. Was ist dabei zu schämen? ... Sagen Sie doch einfach,
Sie fühlen sich noch zu jung zum Heiraten.
Ag at h e Ti chon owna. Das werden sie mir nicht glauben. Sie werden
erst fragen: wie, warum, weswegen ...
Ko tschkar j ow. Ja, wollen Sie die Gesellschaft auf einmal loswerden,
dann sagen Sie doch einfach: „Macht daß ihr rauskommt, Ihr Esel!“
Ag at h e Ti ch o nown a. Aber nein, so was sagt man doch nicht!
Ko tschkar j ow. Versuchen Sie’s nur mal, seien Sie sicher, danach
laufen sie alle davon.
Ag at h e Ti ch o nown a. Nein, das wäre ja geradezu grob.
und gut, sie sind eben alle Bruch.
Ag at h e Ti ch o nown a. Wirklich alle?
Ko tschkar j ow. Urteilen Sie doch selbst. Sie brauchen nur zu
vergleichen. So oder so — Iwan Kusmitsch, und daneben die andern ...
hergelaufenes Gesindel! Dieser Iwan Pawlowitsch, dieser Nikanor
Iwanowitsch. Pfui Teufel noch einmal!
Ag at h e Tich ono wna. Eigentlich haben Sie recht! Es sind wahrhaftig
recht unansehnliche Menschen.
Ko tschkar j ow. Was? ... Unansehnlich? Pack! Strolche! Eine ganz
gefährliche Bande! Haben Sie denn Lust, schon am Tage nach der Hochzeit
geschlagen zu werden?
Ag at h e Ti ch o nown a. O mein Gott! Welch ein Unglück ... ich könnte
mir kein furchtbareres Unglück denken.
Ko tschkar j ow. Etwas Furchtbareres läßt sich auch gar nicht vorstellen.
Ag at h e Ti cho n owna. Also Sie meinen, ich soll Iwan Kusmitsch
nehmen?
Ko tschkar j ow. Gewiß. Iwan Kusmitsch. Natürlich! Iwan Kusmitsch
(Beiseite.) Ich glaube, die Sache geht glatt. Podkoliessin sitzt im Café, ich will
gleich mal hinlaufen und ihn holen.
Ag at h e Ti ch o nown a. Also, Sie meinen wirklich, daß ich Iwan
Kusmitsch nehmen soll?
Ko tschkar j ow. Unbedingt Iwan Kusmitsch ...
Ag at h e Ti ch o nown a. Und ich soll den andern einen Korb geben?
Ko tschkar j ow. Selbstverständlich! ...
Ag at h e Ti cho nowna. Wie soll ich das nur machen? Ich schäme mich
ein wenig.
Ko tschkar j ow. Was ist dabei zu schämen? ... Sagen Sie doch einfach,
Sie fühlen sich noch zu jung zum Heiraten.
Ag at h e Ti chon owna. Das werden sie mir nicht glauben. Sie werden
erst fragen: wie, warum, weswegen ...
Ko tschkar j ow. Ja, wollen Sie die Gesellschaft auf einmal loswerden,
dann sagen Sie doch einfach: „Macht daß ihr rauskommt, Ihr Esel!“
Ag at h e Ti ch o nown a. Aber nein, so was sagt man doch nicht!
Ko tschkar j ow. Versuchen Sie’s nur mal, seien Sie sicher, danach
laufen sie alle davon.
Ag at h e Ti ch o nown a. Nein, das wäre ja geradezu grob.
Page 182
Ko tschkar j ow. Aber Sie sehen sie doch nicht mehr wieder. Da kann’s
Ihnen doch gleich bleiben.
Ag at h e Tich o nown a. Es schickt sich aber doch nicht. Und dann, sie
könnten in Wut geraten.
Ko tschkar j ow. Das ist doch kein Unglück, wenn sie böse werden.
Wenn’s noch irgendwelche Folgen hätte, dann wär’s was anderes. Das
Schlimmste, was Ihnen passieren kann, ist, daß Ihnen der eine oder der
andere ins Gesicht spuckt. Weiter nichts! ...
Ag at h e Ti ch o nown a. Nun, da sehen Sie’s!
Ko tschkar j ow. Nun? Was schadet denn das? Manch einem ist das
schon ein paarmal passiert. Bei Gott! Da hab’ ich einen Bekannten, einen
hübschen Kerl, mit roten Backen, der hat seinem Chef so lange auf dem
Hals gelegen, ihn um Zulage gequält, bis der es schließlich nicht mehr
aushielt, und ihm gradweg ins Gesicht spuckte. Bei Gott! „Da hast du deine
Zulage,“ hat er ihn angebrüllt, „laß mich in Ruhe, du Satan!“ aber
bekommen hat er die Zulage nachher doch. Was hat’s ihm geschadet, daß er
ihn angespuckt hat? Ja, hätte er kein Taschentuch bei sich gehabt! Aber er
hatte ja eins in der Tasche, nahm es heraus und wischte sich ab. (Draußen
schellt es.) Aha, es klopft, da kommt wohl schon einer angezogen. Aber jetzt
möchte ich keinem von ihnen begegnen. Sagen Sie, gibt es hier keinen
zweiten Ausgang?
Ag at h e Ti cho n owna. Ja, doch, hier über die Hintertreppe ... Ich zittre
am ganzen Körper. Wahrhaftig! ...
Ko tschkar j ow. Das macht nichts. Nur Mut und Selbstvertrauen! Leben
Sie wohl. (Beiseite.) Ich muß doch den Podkoliessin schnell herschleppen.
2. Auftritt
Agathe Tichonowna und Eierkuchen.
E ier k u ch en. Ich bin mit Absicht etwas früher gekommen, mein
Fräulein, um Sie ganz allein zu sprechen und zwar in aller Ruhe. Was
meinen Rang anbetrifft, Fräulein, so sind Sie, wie ich glaube, zur Genüge
informiert. Ich bin Kollegien-Assessor; meine Vorgesetzten lieben mich;
meine Untergebenen gehorchen mir; ich bedarf also nichts als einer
Lebensgefährtin.
Ag at h e Ti ch o nown a. Ja.
Ihnen doch gleich bleiben.
Ag at h e Tich o nown a. Es schickt sich aber doch nicht. Und dann, sie
könnten in Wut geraten.
Ko tschkar j ow. Das ist doch kein Unglück, wenn sie böse werden.
Wenn’s noch irgendwelche Folgen hätte, dann wär’s was anderes. Das
Schlimmste, was Ihnen passieren kann, ist, daß Ihnen der eine oder der
andere ins Gesicht spuckt. Weiter nichts! ...
Ag at h e Ti ch o nown a. Nun, da sehen Sie’s!
Ko tschkar j ow. Nun? Was schadet denn das? Manch einem ist das
schon ein paarmal passiert. Bei Gott! Da hab’ ich einen Bekannten, einen
hübschen Kerl, mit roten Backen, der hat seinem Chef so lange auf dem
Hals gelegen, ihn um Zulage gequält, bis der es schließlich nicht mehr
aushielt, und ihm gradweg ins Gesicht spuckte. Bei Gott! „Da hast du deine
Zulage,“ hat er ihn angebrüllt, „laß mich in Ruhe, du Satan!“ aber
bekommen hat er die Zulage nachher doch. Was hat’s ihm geschadet, daß er
ihn angespuckt hat? Ja, hätte er kein Taschentuch bei sich gehabt! Aber er
hatte ja eins in der Tasche, nahm es heraus und wischte sich ab. (Draußen
schellt es.) Aha, es klopft, da kommt wohl schon einer angezogen. Aber jetzt
möchte ich keinem von ihnen begegnen. Sagen Sie, gibt es hier keinen
zweiten Ausgang?
Ag at h e Ti cho n owna. Ja, doch, hier über die Hintertreppe ... Ich zittre
am ganzen Körper. Wahrhaftig! ...
Ko tschkar j ow. Das macht nichts. Nur Mut und Selbstvertrauen! Leben
Sie wohl. (Beiseite.) Ich muß doch den Podkoliessin schnell herschleppen.
2. Auftritt
Agathe Tichonowna und Eierkuchen.
E ier k u ch en. Ich bin mit Absicht etwas früher gekommen, mein
Fräulein, um Sie ganz allein zu sprechen und zwar in aller Ruhe. Was
meinen Rang anbetrifft, Fräulein, so sind Sie, wie ich glaube, zur Genüge
informiert. Ich bin Kollegien-Assessor; meine Vorgesetzten lieben mich;
meine Untergebenen gehorchen mir; ich bedarf also nichts als einer
Lebensgefährtin.
Ag at h e Ti ch o nown a. Ja.
Page 183
E ier k u ch en. Jetzt aber habe ich eine gefunden, nämlich Sie! Bitte,
antworten Sie mir, aber ohne Umschweife: Ja, oder nein! (Er betrachtet ihre
Schultern; beiseite.) In der Tat, sie ist nicht so mager, wie die deutschen
Mädchen; sie hat doch wenigstens was auf sich.
Ag at h e Ti ch o nown a. Aber ich bin doch noch zu jung; ich will noch
nicht heiraten.
E ier k u ch en. Aber ich bitte Sie, mein Fräulein, warum bemüht sich
dann die Vermittlerin? Nein, vielleicht wollten Sie etwas anderes sagen;
sprechen Sie sich ruhig aus! (Es klingelt.) Teufel, die lassen einem ja nicht mal
Zeit, die Sache richtig anzupacken.
3. Auftritt
Die Vorigen und Schewakin.
S chewak in. Mein gnädiges Fräulein, ich bitte Sie um Verzeihung, wenn
ich vielleicht ein wenig zu früh erscheine. (Dreht sich um und erblickt Eierkuchen.)
Aha, es ist schon jemand hier. Iwan Pawlowitsch, ich habe die Ehre!
E ier k u ch en (beiseite). Hol’ dich der Teufel mit deiner Ehre. (Laut.) Also,
wie steht’s, mein Fräulein? Sagen Sie doch nur ein Wort: Ja oder nein? (Es
läutet. Eierkuchen spuckt wütend aus.) Schon wieder die Glocke!
4. Auftritt
Die Vorigen und Anutschkin.
An ut schk i n. Vielleicht, mein Fräulein, dürfte ich etwas früher
gekommen sein, als es die Regeln des Anstandes erlauben. (Erblickt die übrigen
und begrüßt sie mit einem Ausruf des Erstaunens.) Ah, Ihr ergebener Diener!
E ier k u ch en (bei sich). Zum Teufel mit deinem Diener! Dich hat der Satan
hergeführt. Wenn du doch auf deinen dürren Stelzen zusammenklapptest!
(Laut.) Nun also, mein Fräulein, entscheiden Sie sich jetzt! Sie wissen, mich
ruft mein Dienst, ich habe nicht viel Zeit zu verlieren. Ja oder nein?
Ag at h e Ti ch o nown a (verlegen). Es ist nicht nötig ... es ist nicht nötig ...
nicht doch ... (Zu sich selber.) Ich weiß ja gar nicht, was ich spreche.
E ier k u ch en. Wie, nicht nötig? In welcher Hinsicht nicht nötig?
antworten Sie mir, aber ohne Umschweife: Ja, oder nein! (Er betrachtet ihre
Schultern; beiseite.) In der Tat, sie ist nicht so mager, wie die deutschen
Mädchen; sie hat doch wenigstens was auf sich.
Ag at h e Ti ch o nown a. Aber ich bin doch noch zu jung; ich will noch
nicht heiraten.
E ier k u ch en. Aber ich bitte Sie, mein Fräulein, warum bemüht sich
dann die Vermittlerin? Nein, vielleicht wollten Sie etwas anderes sagen;
sprechen Sie sich ruhig aus! (Es klingelt.) Teufel, die lassen einem ja nicht mal
Zeit, die Sache richtig anzupacken.
3. Auftritt
Die Vorigen und Schewakin.
S chewak in. Mein gnädiges Fräulein, ich bitte Sie um Verzeihung, wenn
ich vielleicht ein wenig zu früh erscheine. (Dreht sich um und erblickt Eierkuchen.)
Aha, es ist schon jemand hier. Iwan Pawlowitsch, ich habe die Ehre!
E ier k u ch en (beiseite). Hol’ dich der Teufel mit deiner Ehre. (Laut.) Also,
wie steht’s, mein Fräulein? Sagen Sie doch nur ein Wort: Ja oder nein? (Es
läutet. Eierkuchen spuckt wütend aus.) Schon wieder die Glocke!
4. Auftritt
Die Vorigen und Anutschkin.
An ut schk i n. Vielleicht, mein Fräulein, dürfte ich etwas früher
gekommen sein, als es die Regeln des Anstandes erlauben. (Erblickt die übrigen
und begrüßt sie mit einem Ausruf des Erstaunens.) Ah, Ihr ergebener Diener!
E ier k u ch en (bei sich). Zum Teufel mit deinem Diener! Dich hat der Satan
hergeführt. Wenn du doch auf deinen dürren Stelzen zusammenklapptest!
(Laut.) Nun also, mein Fräulein, entscheiden Sie sich jetzt! Sie wissen, mich
ruft mein Dienst, ich habe nicht viel Zeit zu verlieren. Ja oder nein?
Ag at h e Ti ch o nown a (verlegen). Es ist nicht nötig ... es ist nicht nötig ...
nicht doch ... (Zu sich selber.) Ich weiß ja gar nicht, was ich spreche.
E ier k u ch en. Wie, nicht nötig? In welcher Hinsicht nicht nötig?
Page 184
Ag at h e Ti ch o nown a. Ach nein, nein, das wollte ich ja gar nicht
sagen. (Plötzlich Mut fassend.) Raus! (Schlägt die Hände vor dem Gesicht zusammen.) Ach,
mein Gott, mein Gott, was hab’ ich nur gesagt!
E ier k u ch en. Wie raus? Was bedeutet das: Raus? Ich muß Sie fragen,
was Sie darunter verstanden haben wollen? (Stemmt die Arme drohend in die Seite
und geht auf sie zu.)
Ag at h e Ti chon owna (sieht ihn erschrocken an und schreit entsetzt auf). Mein
Gott, er will mich schlagen! Er will mich schlagen!
(Sie läuft hinaus; Eierkuchen bleibt mit offenem Munde stehen. Auf ihr Schreien kommt)
Ar in a P ant el ei m on owna (hereingelaufen. Sowie sie ihm ins Gesicht sieht, schreit
sie ebenfalls auf). Mein Gott, er will mich schlagen! (Läuft hinaus.)
E ier k u ch en. Was für eine Komödie geht hier vor sich? Eine schöne
Geschichte das! (Es läutet wieder an der Türe; man hört von draußen Stimmen.)
S ti m m e K ot sch kar j ows. So komm doch endlich! Komme doch rein!
Was stehst du denn da?
S ti m m e P o dkol iessins. Geh nur voran! Laß mich einen Augenblick.
Mein Hosenträger ist mir losgegangen. Laß mich ihn erst wieder befestigen.
S ti m m e K ot sch kar j ows. Du läufst mir nur wieder weg.
S ti m m e P o dkol i essin s. Wahrhaftig nicht. Ich laufe nicht weg. Bei
Gott nicht.
5. Auftritt
Die Vorigen und Kotschkarjow.
Ko tschkar j ow. Da haben wir’s! Als ob’s so nötig wäre, sich die
Hosenträger in Ordnung zu bringen.
E ier k u ch en (sich zu ihm wendend). Bitte, sagen Sie: das Fräulein hier ist
wohl etwas dumm? Wie? ...
Ko tschkar j ow. Wieso? Was ist denn passiert?
E ier k u ch en. Ihr Benehmen ist wirklich höchst merkwürdig. Sie läuft
einfach hinaus und schreit in einem fort: „Er schlägt mich ... er schlägt
mich!“ Weiß der Teufel, was das bedeuten soll!
Ko tschkar j ow. Aha ... Ja, das kommt bei ihr öfters vor. Sie ist eben ein
bißchen beschränkt.
E ier k u ch en. Sagen Sie bitte, Sie sind doch verwandt mit ihr ...
Ko tschkar j ow. Aber gewiß. Ich bin ihr Verwandter.
sagen. (Plötzlich Mut fassend.) Raus! (Schlägt die Hände vor dem Gesicht zusammen.) Ach,
mein Gott, mein Gott, was hab’ ich nur gesagt!
E ier k u ch en. Wie raus? Was bedeutet das: Raus? Ich muß Sie fragen,
was Sie darunter verstanden haben wollen? (Stemmt die Arme drohend in die Seite
und geht auf sie zu.)
Ag at h e Ti chon owna (sieht ihn erschrocken an und schreit entsetzt auf). Mein
Gott, er will mich schlagen! Er will mich schlagen!
(Sie läuft hinaus; Eierkuchen bleibt mit offenem Munde stehen. Auf ihr Schreien kommt)
Ar in a P ant el ei m on owna (hereingelaufen. Sowie sie ihm ins Gesicht sieht, schreit
sie ebenfalls auf). Mein Gott, er will mich schlagen! (Läuft hinaus.)
E ier k u ch en. Was für eine Komödie geht hier vor sich? Eine schöne
Geschichte das! (Es läutet wieder an der Türe; man hört von draußen Stimmen.)
S ti m m e K ot sch kar j ows. So komm doch endlich! Komme doch rein!
Was stehst du denn da?
S ti m m e P o dkol iessins. Geh nur voran! Laß mich einen Augenblick.
Mein Hosenträger ist mir losgegangen. Laß mich ihn erst wieder befestigen.
S ti m m e K ot sch kar j ows. Du läufst mir nur wieder weg.
S ti m m e P o dkol i essin s. Wahrhaftig nicht. Ich laufe nicht weg. Bei
Gott nicht.
5. Auftritt
Die Vorigen und Kotschkarjow.
Ko tschkar j ow. Da haben wir’s! Als ob’s so nötig wäre, sich die
Hosenträger in Ordnung zu bringen.
E ier k u ch en (sich zu ihm wendend). Bitte, sagen Sie: das Fräulein hier ist
wohl etwas dumm? Wie? ...
Ko tschkar j ow. Wieso? Was ist denn passiert?
E ier k u ch en. Ihr Benehmen ist wirklich höchst merkwürdig. Sie läuft
einfach hinaus und schreit in einem fort: „Er schlägt mich ... er schlägt
mich!“ Weiß der Teufel, was das bedeuten soll!
Ko tschkar j ow. Aha ... Ja, das kommt bei ihr öfters vor. Sie ist eben ein
bißchen beschränkt.
E ier k u ch en. Sagen Sie bitte, Sie sind doch verwandt mit ihr ...
Ko tschkar j ow. Aber gewiß. Ich bin ihr Verwandter.
Page 185
E ier k u ch en. So ... und in welchem Grade?
Ko tschkar j ow. Das kann ich nicht so genau feststellen. Die Tante
meiner Mutter hängt irgendwie mit ihrem Vater zusammen. Oder auch ihr
Vater irgendwie mit meiner Tante. Meine Frau weiß darin besser Bescheid
als ich. Das ist ihre Angelegenheit.
E ier k u ch en. Und ist sie denn schon lange so albern?
Ko tschkar j ow. Ja, das hat sie schon seit der Geburt.
E ier k u ch en. Hm, besser wär’s freilich, wenn sie etwas klüger wäre.
Übrigens, mag sie doch dumm sein, auch gut, wenn nur das übrige in
Ordnung ist.
Ko tschkar j ow. Ja, sie bekommt doch nichts mit!
E ier k u ch en. Was? ... Und das steinerne Haus?
Ko tschkar j ow. Aber, das sind doch bloß Redensarten. Das heißt doch
nur so — es wäre von Stein ... Wenn Sie wüßten, wie das Haus gebaut ist!
Die Mauern sind doch nicht massiv! Zwei Reihen Ziegelsteine und
dazwischen Sägemehl und Hobelspäne und allerhand solch ein Plunder.
E ier k u ch en. Was sagen Sie? ...
Ko tschkar j ow. Natürlich, wissen Sie denn nicht, wie heutzutage
Häuser gebaut werden? Doch nur, damit man sie beleihen kann.
E ier k u ch en. Aber auf diesem Hause liegen ja keine Hypotheken.
Ko tschkar j ow. Von wem haben Sie sich denn das erzählen lassen? Das
ist’s ja eben. Wenn’s nur die Hypotheken wären ... Die Zinsen für die beiden
letzten Jahre sind noch nicht einmal bezahlt. Und dann hat sie noch einen
Bruder im Senat, der streckt auch seine Finger nach dem Hause aus. Es gibt
keinen größeren Halunken auf der Welt, als den. Seiner eigenen Mutter
würde er den letzten Rock wegnehmen, der Elende.
E ier k u ch en. Was hat mir denn aber die Vermittlerin gesagt ... Oh, diese
Bestie, dieser Auswurf der Menschheit! (Beiseite.) Aber vielleicht lügt er nur?
Ich muß die Alte einem strengen Verhör unterziehen. Und sollte etwas
Wahres dran sein, na, dann soll sie mir ein ander Liedchen anstimmen.
An ut schk i n. Dürfte ich Ihnen auch mit einer Frage lästig fallen? ... Ich
muß gestehen, ich spreche selbst nicht Französisch, und da ist es
außerordentlich schwer zu beurteilen, ob eine Dame es kann oder nicht.
Spricht sie Französisch?
Ko tschkar j ow. Ach wo, keine Ahnung hat sie!
An ut schk i n. Was sagen Sie?
Ko tschkar j ow. Das kann ich nicht so genau feststellen. Die Tante
meiner Mutter hängt irgendwie mit ihrem Vater zusammen. Oder auch ihr
Vater irgendwie mit meiner Tante. Meine Frau weiß darin besser Bescheid
als ich. Das ist ihre Angelegenheit.
E ier k u ch en. Und ist sie denn schon lange so albern?
Ko tschkar j ow. Ja, das hat sie schon seit der Geburt.
E ier k u ch en. Hm, besser wär’s freilich, wenn sie etwas klüger wäre.
Übrigens, mag sie doch dumm sein, auch gut, wenn nur das übrige in
Ordnung ist.
Ko tschkar j ow. Ja, sie bekommt doch nichts mit!
E ier k u ch en. Was? ... Und das steinerne Haus?
Ko tschkar j ow. Aber, das sind doch bloß Redensarten. Das heißt doch
nur so — es wäre von Stein ... Wenn Sie wüßten, wie das Haus gebaut ist!
Die Mauern sind doch nicht massiv! Zwei Reihen Ziegelsteine und
dazwischen Sägemehl und Hobelspäne und allerhand solch ein Plunder.
E ier k u ch en. Was sagen Sie? ...
Ko tschkar j ow. Natürlich, wissen Sie denn nicht, wie heutzutage
Häuser gebaut werden? Doch nur, damit man sie beleihen kann.
E ier k u ch en. Aber auf diesem Hause liegen ja keine Hypotheken.
Ko tschkar j ow. Von wem haben Sie sich denn das erzählen lassen? Das
ist’s ja eben. Wenn’s nur die Hypotheken wären ... Die Zinsen für die beiden
letzten Jahre sind noch nicht einmal bezahlt. Und dann hat sie noch einen
Bruder im Senat, der streckt auch seine Finger nach dem Hause aus. Es gibt
keinen größeren Halunken auf der Welt, als den. Seiner eigenen Mutter
würde er den letzten Rock wegnehmen, der Elende.
E ier k u ch en. Was hat mir denn aber die Vermittlerin gesagt ... Oh, diese
Bestie, dieser Auswurf der Menschheit! (Beiseite.) Aber vielleicht lügt er nur?
Ich muß die Alte einem strengen Verhör unterziehen. Und sollte etwas
Wahres dran sein, na, dann soll sie mir ein ander Liedchen anstimmen.
An ut schk i n. Dürfte ich Ihnen auch mit einer Frage lästig fallen? ... Ich
muß gestehen, ich spreche selbst nicht Französisch, und da ist es
außerordentlich schwer zu beurteilen, ob eine Dame es kann oder nicht.
Spricht sie Französisch?
Ko tschkar j ow. Ach wo, keine Ahnung hat sie!
An ut schk i n. Was sagen Sie?
Page 186
Ko tschkar j ow. Wie, ich muß das doch wissen! Sie war ja mit meiner
Frau im selben Pensionat. Ihre Faulheit war geradezu berühmt; kurz, immer
war sie die Dumme. Vor allem der französische Lehrer, der hat sie beständig
mit dem Stock geschlagen.
An ut schk i n. Denken Sie sich! Sofort, als ich sie sah, hatte ich’s im
Gefühl: die versteht kein Französisch.
E ier k u ch en. Ach, hol’ euch der Teufel mit eurem Französisch. Aber
dieses verfluchte Weib, die Thekla Iwanowna, diese Bestie, diese alte Hexe!
Wenn Sie bloß wüßten, wie schön sie mir das alles ausgemalt hat. Die
reinste Künstlerin! „Bitte, ein Haus,“ sagte sie, „und zwei Seitenflügel
dazu, auf einem vorzüglichen Fundament, silberne Löffel, ein Schlitten —
man braucht sich nur reinzusetzen und loszufahren.“ Mit einem Wort, man
findet es selten in einem Roman so schön dargestellt. Ach, du alte
Schuhsohle, verfluchte, warte, wenn ich dich nur in die Finger kriege ...
6. Auftritt
Die Vorigen und Thekla.
(Sobald sie sie erblicken, stürzen sie alle, durcheinandersprechend, auf sie zu.)
E ier k u ch en. Ah, da ist sie ja! Bitte, komm mal her, alte Sünderin!
Näher, immer näher, noch näher ... komm mal her!
An ut schk i n. Also so konnten Sie mich hintergehen, Thekla Iwanowna?
Ko tschkar j ow. Weh dir, Barbara, jetzt warte deines Gerichts!
T hekl a. Von all dem versteh’ ich kein Wort! Ihr macht mich ja ganz
taub.
E ier k u ch en. Eine Reihe Ziegelsteine, du alte Schuhsohle, und nichts
als Hobelspäne dazwischen; und was hast du mir vorgelogen, von einem
Zwischenstock, und weiß der Teufel was sonst noch?
T hekl a. Ich weiß es doch nicht, ich hab’s nicht gebaut; vielleicht darf es
gar nicht anders sein, vielleicht muß es nur eine Reihe Ziegelsteine haben,
daher ist’s auch so gebaut worden.
E ier k u ch en. Und dann die Hypotheken! Hol’ dich der Teufel,
verfluchte Hexe! (Stampft wütend mit dem Fuße auf.)
T hekl a. Du bist mir einer! Hier noch zu schimpfen. Ein andrer würde
mir dankbar sein, daß ich mich so für ihn abgequält habe.
Frau im selben Pensionat. Ihre Faulheit war geradezu berühmt; kurz, immer
war sie die Dumme. Vor allem der französische Lehrer, der hat sie beständig
mit dem Stock geschlagen.
An ut schk i n. Denken Sie sich! Sofort, als ich sie sah, hatte ich’s im
Gefühl: die versteht kein Französisch.
E ier k u ch en. Ach, hol’ euch der Teufel mit eurem Französisch. Aber
dieses verfluchte Weib, die Thekla Iwanowna, diese Bestie, diese alte Hexe!
Wenn Sie bloß wüßten, wie schön sie mir das alles ausgemalt hat. Die
reinste Künstlerin! „Bitte, ein Haus,“ sagte sie, „und zwei Seitenflügel
dazu, auf einem vorzüglichen Fundament, silberne Löffel, ein Schlitten —
man braucht sich nur reinzusetzen und loszufahren.“ Mit einem Wort, man
findet es selten in einem Roman so schön dargestellt. Ach, du alte
Schuhsohle, verfluchte, warte, wenn ich dich nur in die Finger kriege ...
6. Auftritt
Die Vorigen und Thekla.
(Sobald sie sie erblicken, stürzen sie alle, durcheinandersprechend, auf sie zu.)
E ier k u ch en. Ah, da ist sie ja! Bitte, komm mal her, alte Sünderin!
Näher, immer näher, noch näher ... komm mal her!
An ut schk i n. Also so konnten Sie mich hintergehen, Thekla Iwanowna?
Ko tschkar j ow. Weh dir, Barbara, jetzt warte deines Gerichts!
T hekl a. Von all dem versteh’ ich kein Wort! Ihr macht mich ja ganz
taub.
E ier k u ch en. Eine Reihe Ziegelsteine, du alte Schuhsohle, und nichts
als Hobelspäne dazwischen; und was hast du mir vorgelogen, von einem
Zwischenstock, und weiß der Teufel was sonst noch?
T hekl a. Ich weiß es doch nicht, ich hab’s nicht gebaut; vielleicht darf es
gar nicht anders sein, vielleicht muß es nur eine Reihe Ziegelsteine haben,
daher ist’s auch so gebaut worden.
E ier k u ch en. Und dann die Hypotheken! Hol’ dich der Teufel,
verfluchte Hexe! (Stampft wütend mit dem Fuße auf.)
T hekl a. Du bist mir einer! Hier noch zu schimpfen. Ein andrer würde
mir dankbar sein, daß ich mich so für ihn abgequält habe.
Page 187
An ut schk i n. Ja, Thekla Iwanowna, mir haben Sie auch erzählt, daß sie
Französisch kann.
T hekl a. Kann sie auch, mein Lieber. Deutsch und Französisch, alles
kann sie; auf all die feinen Manieren versteht sie sich.
An ut schk i n. O nein, mir scheint, sie spricht nur Russisch.
T hekl a. Ist denn das so schlimm? Russisch ist doch verständlicher,
daher spricht sie eben Russisch. Und spräche sie irgendeine barbarische
Sprache, so säßest doch nur du in der Patsche. Kein Wort würdest du
verstehen! Da ist doch über unser Russisch weiter kein Wort zu verlieren.
Das kennt man wenigstens, auch die lieben Heiligen haben doch Russisch
gesprochen.
E ier k u ch en. Nun? komm mal näher, immer näher, du Hexe!
T hekl a (weicht zurück und sucht die Tür zu erreichen). Nein, ich danke bestens. Ich
kenne dich. Du bist ein gefährlicher Mensch. Ehe man sich’s versieht, haust
du zu.
E ier k u ch en. Paß auf, Herzchen, das bleibt dir nicht geschenkt! Ich
nehm’ dich und bring’ dich zur Polizei; du sollst schon merken, was es
heißt, ehrliche Leute zu betrügen. Darauf kannst du dich verlassen. Deiner
Braut aber bestelle von mir: in meinen Augen ist sie ein Lump! Hörst du,
vergiß es nicht, zu bestellen! (Geht hinaus.)
T hekl a. Seht doch einer den an. Wie wütend der ist! Er denkt, weil er so
dick ist, könnt’ es keiner mit ihm aufnehmen. Und ich sage dir, du bist
selbst ein Lump! Hörst du!
An ut schk i n. Ich muß Ihnen ebenfalls gestehen, meine Verehrteste, ich
hätte nie gedacht, daß Sie mich so betrügen könnten! Wenn ich’s gewußt
hätte, daß die Dame auf solch einem Niveau der Bildung steht, keinen Fuß
würde ich über die Schwelle dieses Hauses gesetzt haben! Jawohl! (Geht
hinaus.)
T hekl a. Ihr habt wohl Tollkirschen gefressen, oder einen zu viel
genippt? Seht mal an, mäkeln die hier herum; dem ist die Bildung wohl
auch in den Kopf gestiegen!
7. Auftritt
Thekla, Kotschkarjow und Schewakin.
Französisch kann.
T hekl a. Kann sie auch, mein Lieber. Deutsch und Französisch, alles
kann sie; auf all die feinen Manieren versteht sie sich.
An ut schk i n. O nein, mir scheint, sie spricht nur Russisch.
T hekl a. Ist denn das so schlimm? Russisch ist doch verständlicher,
daher spricht sie eben Russisch. Und spräche sie irgendeine barbarische
Sprache, so säßest doch nur du in der Patsche. Kein Wort würdest du
verstehen! Da ist doch über unser Russisch weiter kein Wort zu verlieren.
Das kennt man wenigstens, auch die lieben Heiligen haben doch Russisch
gesprochen.
E ier k u ch en. Nun? komm mal näher, immer näher, du Hexe!
T hekl a (weicht zurück und sucht die Tür zu erreichen). Nein, ich danke bestens. Ich
kenne dich. Du bist ein gefährlicher Mensch. Ehe man sich’s versieht, haust
du zu.
E ier k u ch en. Paß auf, Herzchen, das bleibt dir nicht geschenkt! Ich
nehm’ dich und bring’ dich zur Polizei; du sollst schon merken, was es
heißt, ehrliche Leute zu betrügen. Darauf kannst du dich verlassen. Deiner
Braut aber bestelle von mir: in meinen Augen ist sie ein Lump! Hörst du,
vergiß es nicht, zu bestellen! (Geht hinaus.)
T hekl a. Seht doch einer den an. Wie wütend der ist! Er denkt, weil er so
dick ist, könnt’ es keiner mit ihm aufnehmen. Und ich sage dir, du bist
selbst ein Lump! Hörst du!
An ut schk i n. Ich muß Ihnen ebenfalls gestehen, meine Verehrteste, ich
hätte nie gedacht, daß Sie mich so betrügen könnten! Wenn ich’s gewußt
hätte, daß die Dame auf solch einem Niveau der Bildung steht, keinen Fuß
würde ich über die Schwelle dieses Hauses gesetzt haben! Jawohl! (Geht
hinaus.)
T hekl a. Ihr habt wohl Tollkirschen gefressen, oder einen zu viel
genippt? Seht mal an, mäkeln die hier herum; dem ist die Bildung wohl
auch in den Kopf gestiegen!
7. Auftritt
Thekla, Kotschkarjow und Schewakin.
Page 188
Ko tschkar j ow (sieht Thekla an und zeigt mit dem Finger laut lachend auf sie).
Hahaha!
T hekl a (ärgerlich). Na, was strapazierst du denn deinen Hals so?
Ko tschkar j ow (fährt fort zu lachen).
T hekl a. Du wirst gleich platzen!
Ko tschkar j ow. ’ne schöne Heiratsvermittlerin bist du mir. Eine
Künstlerin in deinem Fach! Du hast die Sache aber raus. (Lacht unaufhörlich
weiter.)
T hekl a. Was der zu lachen hat? ... Deine selige Mutter wird wohl auch
nicht ganz bei Troste gewesen sein, als sie dich zur Welt brachte. (Sie läuft
wütend hinaus.)
8. Auftritt
Kotschkarjow und Schewakin.
Ko tschkar j ow (fährt fort zu lachen). Herrgott, ich kann einfach nicht mehr!
Bei Gott, ich kann nicht mehr! Ich halt’s nicht mehr aus, ich platze vor
Lachen. (Lacht weiter.)
S chewak in (sieht ihn an und fängt gleichfalls an zu lachen).
Ko tschkar j ow (ermüdet in einen Stuhl sinkend). Wahrhaftig, mir geht die Puste
aus! Ich fühle, wenn ich noch lange so weiter lache, so verrecke ich.
S chewak in. Ihr fröhliches Naturell gefällt mir außerordentlich. Wissen
Sie, bei unserm Geschwader, das unter Kapitän Bolderow stand, war auch
ein Kadett, namens Petuchow. Anton Iwanowitsch. Der war auch immer so
fröhlich. Dem brauchte man nur den kleinen Finger zu zeigen, und schon
lachte er los! Bei Gott! Und dann lachte er den ganzen Tag hindurch, bis
zum späten Abend ... Wenn ihn einer nur ansah, kriegte er schon das
Lachen, und eh’ man’s sich versah, lachte man selber mit.
Ko tschkar j ow (atemholend). Ach Gott, erbarme dich meiner. Diese
dumme Gans, was die sich einbildet. Wie soll sie es fertig kriegen, einen
Menschen zu verheiraten. Die will einen verheiraten! Ja, wenn ich die
Sache in die Hand nehme, dann will ich schon eine Heirat zustande bringen.
S chewak in. Wirklich? ... In der Tat, könnten Sie den Heiratsvermittler
spielen? ...
Ko tschkar j ow. Selbstverständlich! Ich übernehme es, jedes beliebige
Paar zusammenzubringen.
Hahaha!
T hekl a (ärgerlich). Na, was strapazierst du denn deinen Hals so?
Ko tschkar j ow (fährt fort zu lachen).
T hekl a. Du wirst gleich platzen!
Ko tschkar j ow. ’ne schöne Heiratsvermittlerin bist du mir. Eine
Künstlerin in deinem Fach! Du hast die Sache aber raus. (Lacht unaufhörlich
weiter.)
T hekl a. Was der zu lachen hat? ... Deine selige Mutter wird wohl auch
nicht ganz bei Troste gewesen sein, als sie dich zur Welt brachte. (Sie läuft
wütend hinaus.)
8. Auftritt
Kotschkarjow und Schewakin.
Ko tschkar j ow (fährt fort zu lachen). Herrgott, ich kann einfach nicht mehr!
Bei Gott, ich kann nicht mehr! Ich halt’s nicht mehr aus, ich platze vor
Lachen. (Lacht weiter.)
S chewak in (sieht ihn an und fängt gleichfalls an zu lachen).
Ko tschkar j ow (ermüdet in einen Stuhl sinkend). Wahrhaftig, mir geht die Puste
aus! Ich fühle, wenn ich noch lange so weiter lache, so verrecke ich.
S chewak in. Ihr fröhliches Naturell gefällt mir außerordentlich. Wissen
Sie, bei unserm Geschwader, das unter Kapitän Bolderow stand, war auch
ein Kadett, namens Petuchow. Anton Iwanowitsch. Der war auch immer so
fröhlich. Dem brauchte man nur den kleinen Finger zu zeigen, und schon
lachte er los! Bei Gott! Und dann lachte er den ganzen Tag hindurch, bis
zum späten Abend ... Wenn ihn einer nur ansah, kriegte er schon das
Lachen, und eh’ man’s sich versah, lachte man selber mit.
Ko tschkar j ow (atemholend). Ach Gott, erbarme dich meiner. Diese
dumme Gans, was die sich einbildet. Wie soll sie es fertig kriegen, einen
Menschen zu verheiraten. Die will einen verheiraten! Ja, wenn ich die
Sache in die Hand nehme, dann will ich schon eine Heirat zustande bringen.
S chewak in. Wirklich? ... In der Tat, könnten Sie den Heiratsvermittler
spielen? ...
Ko tschkar j ow. Selbstverständlich! Ich übernehme es, jedes beliebige
Paar zusammenzubringen.
Page 189
S chewak in. Hören Sie mal, wenn das stimmt, so .... verschaffen Sie mir
doch das Fräulein.
Ko tschkar j ow. Ihnen? ... Was brauchen Sie denn zu heiraten?
S chewak in. Warum denn nicht! Erlauben Sie mal, das ist doch eine
seltsame Frage! Es ist doch klar, wozu.
Ko tschkar j ow. Sie haben doch eben gehört, daß sie nichts
mitbekommt.
S chewak in. Wo nichts ist, hat der Kaiser sein Recht verloren! ... Das ist
ja nicht schön, aber bei diesem entzückenden Fräulein mit den reizenden
Manieren, da kann man schließlich auch ohne Mitgift auskommen. Ein
kleines Kämmerchen, (macht eine entsprechende Geste) ein kleiner Flur, eine kleine
spanische Wand oder so etwas wie ein Vorhang ...
Ko tschkar j ow. Ja, aber was gefällt Ihnen denn an ihr so sehr?
S chewak in. Wenn ich offen sein soll, so ist es grade jene Fülle, die sie
auszeichnet. Sehen Sie, ich bin ein großer Amateur in bezug auf ... auf ...
rundliche Frauen.
Ko tschkar j ow (sieht ihn von der Seite an und sagt dann zu sich selbst). Na, damit
kann er gerade nicht allzusehr Staat machen. Sieht selbst aus, wie ein
ausgeschüttelter Tabaksbeutel. (Laut.) Wissen Sie, Sie sollten überhaupt nicht
heiraten.
S chewak in. Wie meinen Sie das? ...
Ko tschkar j ow. Ganz einfach. Was haben Sie denn für eine Figur?
Unter uns gesagt, Sie haben ja die reinsten Hahnenfüße.
S chewak in. Hahnenfüße? ...
Ko tschkar j ow. Natürlich! ... Gewiß! ... Wonach sehen Sie denn aus?
S chewak in. Nein, erlauben Sie mal, wie können Sie sagen, ich hätte
Hahnenfüße?
Ko tschkar j ow. Sehr einfach! Das sind doch Hahnenfüße! ...
S chewak in. Gestatten Sie mal, mir scheint, in Ihren Worten liegt etwas:
mir scheint, Sie werden p er sö nlich!
Ko tschkar j ow. Ich sage Ihnen das doch nur, weil ich weiß, daß Sie ein
vernünftiger Mensch sind. Einem andern hätte ich das doch nicht gesagt.
Also gut, ich verschaffe Ihnen eine Frau; aber eine andere.
S chewak in. Dann möchte ich Sie doch bitten ... keine andere. Seien Sie
schon so gut ... bleiben wir bei dieser.
Ko tschkar j ow. Schön, wenn Sie denn durchaus wollen ...
meinetwegen. Aber unter einer Bedingung ... Sie dürfen sich nicht
doch das Fräulein.
Ko tschkar j ow. Ihnen? ... Was brauchen Sie denn zu heiraten?
S chewak in. Warum denn nicht! Erlauben Sie mal, das ist doch eine
seltsame Frage! Es ist doch klar, wozu.
Ko tschkar j ow. Sie haben doch eben gehört, daß sie nichts
mitbekommt.
S chewak in. Wo nichts ist, hat der Kaiser sein Recht verloren! ... Das ist
ja nicht schön, aber bei diesem entzückenden Fräulein mit den reizenden
Manieren, da kann man schließlich auch ohne Mitgift auskommen. Ein
kleines Kämmerchen, (macht eine entsprechende Geste) ein kleiner Flur, eine kleine
spanische Wand oder so etwas wie ein Vorhang ...
Ko tschkar j ow. Ja, aber was gefällt Ihnen denn an ihr so sehr?
S chewak in. Wenn ich offen sein soll, so ist es grade jene Fülle, die sie
auszeichnet. Sehen Sie, ich bin ein großer Amateur in bezug auf ... auf ...
rundliche Frauen.
Ko tschkar j ow (sieht ihn von der Seite an und sagt dann zu sich selbst). Na, damit
kann er gerade nicht allzusehr Staat machen. Sieht selbst aus, wie ein
ausgeschüttelter Tabaksbeutel. (Laut.) Wissen Sie, Sie sollten überhaupt nicht
heiraten.
S chewak in. Wie meinen Sie das? ...
Ko tschkar j ow. Ganz einfach. Was haben Sie denn für eine Figur?
Unter uns gesagt, Sie haben ja die reinsten Hahnenfüße.
S chewak in. Hahnenfüße? ...
Ko tschkar j ow. Natürlich! ... Gewiß! ... Wonach sehen Sie denn aus?
S chewak in. Nein, erlauben Sie mal, wie können Sie sagen, ich hätte
Hahnenfüße?
Ko tschkar j ow. Sehr einfach! Das sind doch Hahnenfüße! ...
S chewak in. Gestatten Sie mal, mir scheint, in Ihren Worten liegt etwas:
mir scheint, Sie werden p er sö nlich!
Ko tschkar j ow. Ich sage Ihnen das doch nur, weil ich weiß, daß Sie ein
vernünftiger Mensch sind. Einem andern hätte ich das doch nicht gesagt.
Also gut, ich verschaffe Ihnen eine Frau; aber eine andere.
S chewak in. Dann möchte ich Sie doch bitten ... keine andere. Seien Sie
schon so gut ... bleiben wir bei dieser.
Ko tschkar j ow. Schön, wenn Sie denn durchaus wollen ...
meinetwegen. Aber unter einer Bedingung ... Sie dürfen sich nicht
Page 190
hineinmischen. Sie dürfen sich dem Fräulein überhaupt nicht zeigen. Ich
werde alles allein machen.
S chewak in. Erlauben Sie mal, ohne mich geht es denn doch nicht.
Immerhin werde ich mich doch wohl dabei sehen lassen müssen.
Ko tschkar j ow. Nein, durchaus nicht. Gehen Sie nach Hause und
warten Sie auf mich. Heute abend ist alles in schönster Ordnung.
S chewak in (reibt sich die Hände). Famos! Das wäre ja famos. Sagen Sie,
brauchen Sie denn kein Attest, kein Dienstzeugnis? Vielleicht dürfte sich
das Fräulein doch dafür interessieren. Ich werde sofort laufen und es holen.
Ko tschkar j ow. Nein, nein, ich brauche nichts! Gehen Sie nur ruhig
nach Hause. Verlassen Sie sich drauf, Sie bekommen noch heute Nachricht.
(Er begleitet ihn hinaus.) Teufel auch, das würde dir wohl passen! ... Doch was ist
das nur? Warum kommt denn der Podkoliessin nicht wieder? Das ist doch
sehr merkwürdig! Er kann doch seine Hosenträger nicht ewig in Ordnung
bringen ... Am Ende muß ich noch selbst hinlaufen und ihn holen.
9. Auftritt
Kotschkarjow, Agathe Tichonowna.
Ag at h e Tich ono wna (sieht sich nach allen Seiten um). Sind sie fort? ... Ist
niemand mehr hier? ...
Ko tschkar j ow. Niemand! ... Sie sind alle fort! ...
Ag at h e Ti chon owna. Ach, wenn Sie wüßten, wie ich gezittert habe.
Nein, so etwas habe ich wirklich noch nicht erlebt. Ach, wie furchtbar war
dieser Eierkuchen! ... Wie ein Tyrann wird der einmal seine Frau behandeln.
Ich fürchte immer noch, er könnte jeden Augenblick zurückkommen.
Ko tschkar j ow. Nein, der kommt nicht wieder. Ich setze meinen Kopf
ein, daß keiner von beiden seine Nase mehr zur Türe hineinsteckt.
Ag at h e Ti ch o nown a. Und der Dritte?
Ko tschkar j ow. Welcher Dritte?
S chewak in (steckt leise den Kopf zur Tür hinein). Ich hörte für mein Leben gern,
was ihr kleines Mündchen von mir sagen wird ... Oh, dieses zarte Röschen!
Ag at h e Ti ch o nown a. Ich meine ... Baltasar Baltasarowitsch ...
S chewak in. Jetzt kommt’s, jetzt kommt’s! (Reibt sich die Hände.)
Ko tschkar j ow. Verflucht noch mal, ich denke mir, von wem reden Sie
bloß? Der Kerl ist ja ein ausgemachter Tölpel! — Pfui Teufel nochmal!
werde alles allein machen.
S chewak in. Erlauben Sie mal, ohne mich geht es denn doch nicht.
Immerhin werde ich mich doch wohl dabei sehen lassen müssen.
Ko tschkar j ow. Nein, durchaus nicht. Gehen Sie nach Hause und
warten Sie auf mich. Heute abend ist alles in schönster Ordnung.
S chewak in (reibt sich die Hände). Famos! Das wäre ja famos. Sagen Sie,
brauchen Sie denn kein Attest, kein Dienstzeugnis? Vielleicht dürfte sich
das Fräulein doch dafür interessieren. Ich werde sofort laufen und es holen.
Ko tschkar j ow. Nein, nein, ich brauche nichts! Gehen Sie nur ruhig
nach Hause. Verlassen Sie sich drauf, Sie bekommen noch heute Nachricht.
(Er begleitet ihn hinaus.) Teufel auch, das würde dir wohl passen! ... Doch was ist
das nur? Warum kommt denn der Podkoliessin nicht wieder? Das ist doch
sehr merkwürdig! Er kann doch seine Hosenträger nicht ewig in Ordnung
bringen ... Am Ende muß ich noch selbst hinlaufen und ihn holen.
9. Auftritt
Kotschkarjow, Agathe Tichonowna.
Ag at h e Tich ono wna (sieht sich nach allen Seiten um). Sind sie fort? ... Ist
niemand mehr hier? ...
Ko tschkar j ow. Niemand! ... Sie sind alle fort! ...
Ag at h e Ti chon owna. Ach, wenn Sie wüßten, wie ich gezittert habe.
Nein, so etwas habe ich wirklich noch nicht erlebt. Ach, wie furchtbar war
dieser Eierkuchen! ... Wie ein Tyrann wird der einmal seine Frau behandeln.
Ich fürchte immer noch, er könnte jeden Augenblick zurückkommen.
Ko tschkar j ow. Nein, der kommt nicht wieder. Ich setze meinen Kopf
ein, daß keiner von beiden seine Nase mehr zur Türe hineinsteckt.
Ag at h e Ti ch o nown a. Und der Dritte?
Ko tschkar j ow. Welcher Dritte?
S chewak in (steckt leise den Kopf zur Tür hinein). Ich hörte für mein Leben gern,
was ihr kleines Mündchen von mir sagen wird ... Oh, dieses zarte Röschen!
Ag at h e Ti ch o nown a. Ich meine ... Baltasar Baltasarowitsch ...
S chewak in. Jetzt kommt’s, jetzt kommt’s! (Reibt sich die Hände.)
Ko tschkar j ow. Verflucht noch mal, ich denke mir, von wem reden Sie
bloß? Der Kerl ist ja ein ausgemachter Tölpel! — Pfui Teufel nochmal!
Page 191
S chewak in. Was ist das? ... Wahrhaftig, davon versteh’ ich kein Wort.
Ag at h e Ti ch o nown a. Aber auf den ersten Blick machte er auf mich
den Eindruck eines sehr guten Menschen.
Ko tschkar j ow. Er ist aber doch immer betrunken!
S chewak in. Bei Gott, ich verstehe nichts davon!
Ag at h e Ti ch o nown a. Wahrhaftig ... er trinkt?
Ko tschkar j ow. Ich bitte Sie ... ein ausgekochter Lump!
S chewak in (laut). Nein, gestatten Sie! Ich habe Sie denn doch nicht
gebeten, derartige Behauptungen aufzustellen. Hätten Sie einige Worte zu
meinen Gunsten geredet, oder irgend etwas Lobendes gesagt, das wäre
etwas anderes gewesen ... Mit diesen Worten jedoch, nein bitte, suchen Sie
sich dafür einen andern aus. Nein, ich danke bestens. Ergebener Diener.
Ko tschkar j ow (beiseite). Warum mußte der Kerl nur zurückkommen! (Zu
Agathe Tichonowna.) Sehen Sie, sehen Sie nur ... er kann sich ja kaum noch auf
den Füßen halten. Und so benimmt er sich jeden Tag. Jagen Sie ihn doch
zum Teufel, fertig! (Beiseite.) Daß dieser verfluchte Podkoliessin noch nicht
da ist ... Dieser Lump! ... Na warte ... das will ich dir anstreichen! (Geht ab.)
10. Auftritt
Agathe Tichonowna und Schewakin.
S chewak in (beiseite). Verspricht, mich zu loben und ... statt dessen ...
beschimpft er mich. Ein seltsamer Mensch! (Laut.) Mein gnädiges Fräulein,
schenken Sie seinen Worten keinen Glauben.
Ag at h e Ti cho n owna. Nein, entschuldigen Sie mich, ich fühle mich
nicht ganz wohl. Der Kopf schmerzt mir so. (Will gehen.)
S chewak in. Aber vielleicht gefällt Ihnen etwas nicht an mir? (Er zeigt auf
seinen Kopf.) Bitte, achten Sie nicht darauf, daß ich einen gewissen Anflug von
Glatze habe. Das macht nichts. Es ist mir vom Fieber zurückgeblieben. Mit
der Zeit kommen die Haare schon wieder.
Ag at h e Ti ch o nown a. Es interessiert mich nicht, was Ihnen fehlt.
S chewak in. Und dann, mein gnädiges Fräulein, wenn ich einen
schwarzen Frack anziehe, wird mein Teint um vieles heller.
Ag at h e Tich o nown a. Um so besser für Sie. Leben Sie wohl! (Sie geht
hinaus.)
Ag at h e Ti ch o nown a. Aber auf den ersten Blick machte er auf mich
den Eindruck eines sehr guten Menschen.
Ko tschkar j ow. Er ist aber doch immer betrunken!
S chewak in. Bei Gott, ich verstehe nichts davon!
Ag at h e Ti ch o nown a. Wahrhaftig ... er trinkt?
Ko tschkar j ow. Ich bitte Sie ... ein ausgekochter Lump!
S chewak in (laut). Nein, gestatten Sie! Ich habe Sie denn doch nicht
gebeten, derartige Behauptungen aufzustellen. Hätten Sie einige Worte zu
meinen Gunsten geredet, oder irgend etwas Lobendes gesagt, das wäre
etwas anderes gewesen ... Mit diesen Worten jedoch, nein bitte, suchen Sie
sich dafür einen andern aus. Nein, ich danke bestens. Ergebener Diener.
Ko tschkar j ow (beiseite). Warum mußte der Kerl nur zurückkommen! (Zu
Agathe Tichonowna.) Sehen Sie, sehen Sie nur ... er kann sich ja kaum noch auf
den Füßen halten. Und so benimmt er sich jeden Tag. Jagen Sie ihn doch
zum Teufel, fertig! (Beiseite.) Daß dieser verfluchte Podkoliessin noch nicht
da ist ... Dieser Lump! ... Na warte ... das will ich dir anstreichen! (Geht ab.)
10. Auftritt
Agathe Tichonowna und Schewakin.
S chewak in (beiseite). Verspricht, mich zu loben und ... statt dessen ...
beschimpft er mich. Ein seltsamer Mensch! (Laut.) Mein gnädiges Fräulein,
schenken Sie seinen Worten keinen Glauben.
Ag at h e Ti cho n owna. Nein, entschuldigen Sie mich, ich fühle mich
nicht ganz wohl. Der Kopf schmerzt mir so. (Will gehen.)
S chewak in. Aber vielleicht gefällt Ihnen etwas nicht an mir? (Er zeigt auf
seinen Kopf.) Bitte, achten Sie nicht darauf, daß ich einen gewissen Anflug von
Glatze habe. Das macht nichts. Es ist mir vom Fieber zurückgeblieben. Mit
der Zeit kommen die Haare schon wieder.
Ag at h e Ti ch o nown a. Es interessiert mich nicht, was Ihnen fehlt.
S chewak in. Und dann, mein gnädiges Fräulein, wenn ich einen
schwarzen Frack anziehe, wird mein Teint um vieles heller.
Ag at h e Tich o nown a. Um so besser für Sie. Leben Sie wohl! (Sie geht
hinaus.)
Page 192
11. Auftritt
Schewakin allein.
S chewak in (ihr nachrufend). Mein Fräulein, bitte, gestatten Sie, sagen Sie
mir bitte, was ist geschehen. Warum, weshalb? ... Haftet mir denn irgendein
wesentlicher Makel an? ... Fort! Wie seltsam! Das passiert mir nun schon
das siebzehnte Mal, und immer läuft es fast ebenso aus. Im Anfang geht
alles glatt, und wenn die Geschichte zum Klappen kommt, dann, eh’ ich
mich’s versehe, hab’ ich meinen Korb weg. (Geht nachdenklich auf und ab) Ja, ja ...
das ist nun bereits die Siebzehnte .... Und was hat sie bloß? ... Warum sollte
sie nicht zum Beispiel ... (Nachdenklich.) Eine dunkle, höchst dunkle
Geschichte ... Wenn ich noch wirklich so häßlich wäre ... (Betrachtet sich.) Aber
das kann doch kein Mensch behaupten! Gott sei Dank! Die Natur hat einen
doch wirklich nicht stiefmütterlich behandelt. Unbegreiflich! Ob ich nicht
schnell mal nach Hause laufe und in meinem Kästchen nachsehe? Ich muß
doch da noch ein paar Verse liegen haben. Denen kann keine widerstehen ...
Bei Gott! Und ich begreife das alles gar nicht! Zuerst schien’s mir so gut zu
glücken. ... Ja, ich werde wohl kehrtmachen müssen. Schade, sehr schade!
(Geht ab.)
12. Auftritt
(Podkoliessin und Kotschkarjow treten ein und blicken zurück.)
Ko tschkar j ow. Er hat uns nicht bemerkt! Hast du gesehen, mit was für
einer langen Nase er abgezogen ist?
P odkol iessin. Tatsächlich? ... Also er hat eben so einen Korb
bekommen, wie die andern?
Ko tschkar j ow. ... Einen mächtigen!
P odkol iessin (mit selbstgefälliger Miene). Das muß eigentlich recht peinlich
sein, sich einen Korb zu holen.
Ko tschkar j ow. Das will ich meinen.
P odkol iessin. Ich kann es noch immer nicht glauben, daß sie es ihm so
grade ins Gesicht gesagt hat, sie ziehe mich vor.
Ko tschkar j ow. — Zieht dich vor? ... Ich sage dir ... sie ist einfach
hingerissen! Verliebt bis über die Ohren! Was sie dir nur für Kosenamen
gegeben hat! Eine solche Leidenschaft! ... Sie glüht ja förmlich! ...
Schewakin allein.
S chewak in (ihr nachrufend). Mein Fräulein, bitte, gestatten Sie, sagen Sie
mir bitte, was ist geschehen. Warum, weshalb? ... Haftet mir denn irgendein
wesentlicher Makel an? ... Fort! Wie seltsam! Das passiert mir nun schon
das siebzehnte Mal, und immer läuft es fast ebenso aus. Im Anfang geht
alles glatt, und wenn die Geschichte zum Klappen kommt, dann, eh’ ich
mich’s versehe, hab’ ich meinen Korb weg. (Geht nachdenklich auf und ab) Ja, ja ...
das ist nun bereits die Siebzehnte .... Und was hat sie bloß? ... Warum sollte
sie nicht zum Beispiel ... (Nachdenklich.) Eine dunkle, höchst dunkle
Geschichte ... Wenn ich noch wirklich so häßlich wäre ... (Betrachtet sich.) Aber
das kann doch kein Mensch behaupten! Gott sei Dank! Die Natur hat einen
doch wirklich nicht stiefmütterlich behandelt. Unbegreiflich! Ob ich nicht
schnell mal nach Hause laufe und in meinem Kästchen nachsehe? Ich muß
doch da noch ein paar Verse liegen haben. Denen kann keine widerstehen ...
Bei Gott! Und ich begreife das alles gar nicht! Zuerst schien’s mir so gut zu
glücken. ... Ja, ich werde wohl kehrtmachen müssen. Schade, sehr schade!
(Geht ab.)
12. Auftritt
(Podkoliessin und Kotschkarjow treten ein und blicken zurück.)
Ko tschkar j ow. Er hat uns nicht bemerkt! Hast du gesehen, mit was für
einer langen Nase er abgezogen ist?
P odkol iessin. Tatsächlich? ... Also er hat eben so einen Korb
bekommen, wie die andern?
Ko tschkar j ow. ... Einen mächtigen!
P odkol iessin (mit selbstgefälliger Miene). Das muß eigentlich recht peinlich
sein, sich einen Korb zu holen.
Ko tschkar j ow. Das will ich meinen.
P odkol iessin. Ich kann es noch immer nicht glauben, daß sie es ihm so
grade ins Gesicht gesagt hat, sie ziehe mich vor.
Ko tschkar j ow. — Zieht dich vor? ... Ich sage dir ... sie ist einfach
hingerissen! Verliebt bis über die Ohren! Was sie dir nur für Kosenamen
gegeben hat! Eine solche Leidenschaft! ... Sie glüht ja förmlich! ...
Page 193
P odkol iessin (lächelt selbstzufrieden). Ja, das ist wahr ... Wenn eine Frau
will, kann sie einem Worte sagen ... unsereiner würde niemals auf so etwas
kommen: „Mein Frätzchen, mein Mistkäferchen, mein Fliegenpilzchen“ ...
Ko tschkar j ow. Ach, das ist noch nichts! Heirate mal erst! Die Worte,
die du da in den ersten zwei Monaten zu hören bekommst, — na, du
zergehst förmlich vor Wonne!
P odkol iessin (lächelnd). Wahrhaftig? ...
Ko tschkar j ow. Was für eine ehrliche Haut! Doch jetzt schnell zur
Sache! Geh hin, erkläre dich sofort, eröffne ihr dein Herz und bitte Sie um
ihre Hand.
P odkol iessin. Wie denn? Doch nicht etwa jetzt gleich? ... Was fällt dir
ein!
Ko tschkar j ow. Natürlich gleich! Ah, da ist sie ja selbst!
13. Auftritt
Die Vorigen und Agathe Tichonowna.
Ko tschkar j ow. Mein Fräulein, ich bringe Ihnen hier einen Sterblichen,
den Herrn, den Sie hier vor sich sehen. Es hat überhaupt noch keinen
Menschen gegeben, der so verliebt war wie er. Gott behüte, das möcht’ ich
ja meinem ärgsten Feinde nicht wünschen.
P odkol iessin (stößt ihn mit der Hand in die Seite, leise). Nein, hör mal, du treibst
es aber zu toll!
Ko tschkar j ow (zu ihm). Das schadet nichts. (Leise zu ihr.) Seien Sie nur
recht keck zu ihm; er ist noch etwas schüchtern. Sie müssen ziemlich
herausfordernd sein. Klappern Sie nur tüchtig mit den Augen und dann
werfen Sie ihm plötzlich einen Blick zu, daß er platt ist, der Bösewicht!
Oder zeigen Sie ihm ein Stückchen von Ihrer Schulter, damit er mal
hingucken kann, der Schuft, der! Übrigens hätten Sie auch ein Kleid mit
kurzen Ärmeln anziehen können! Na, schließlich ist dies auch gut! (Laut.)
Also, ich lasse Sie in der angenehmsten Gesellschaft zurück. Ich will nur
noch einen Blick in das Speisezimmer und in die Küche werfen. Ich werde
dort Bescheid sagen. Gleich muß der Diener kommen, der das Souper
bringt ... vielleicht ist der Wein auch schon da. Na, auf Wiedersehen! ... (Zu
Podkoliessin.) Mehr Mut, Mut! (Er geht.)
will, kann sie einem Worte sagen ... unsereiner würde niemals auf so etwas
kommen: „Mein Frätzchen, mein Mistkäferchen, mein Fliegenpilzchen“ ...
Ko tschkar j ow. Ach, das ist noch nichts! Heirate mal erst! Die Worte,
die du da in den ersten zwei Monaten zu hören bekommst, — na, du
zergehst förmlich vor Wonne!
P odkol iessin (lächelnd). Wahrhaftig? ...
Ko tschkar j ow. Was für eine ehrliche Haut! Doch jetzt schnell zur
Sache! Geh hin, erkläre dich sofort, eröffne ihr dein Herz und bitte Sie um
ihre Hand.
P odkol iessin. Wie denn? Doch nicht etwa jetzt gleich? ... Was fällt dir
ein!
Ko tschkar j ow. Natürlich gleich! Ah, da ist sie ja selbst!
13. Auftritt
Die Vorigen und Agathe Tichonowna.
Ko tschkar j ow. Mein Fräulein, ich bringe Ihnen hier einen Sterblichen,
den Herrn, den Sie hier vor sich sehen. Es hat überhaupt noch keinen
Menschen gegeben, der so verliebt war wie er. Gott behüte, das möcht’ ich
ja meinem ärgsten Feinde nicht wünschen.
P odkol iessin (stößt ihn mit der Hand in die Seite, leise). Nein, hör mal, du treibst
es aber zu toll!
Ko tschkar j ow (zu ihm). Das schadet nichts. (Leise zu ihr.) Seien Sie nur
recht keck zu ihm; er ist noch etwas schüchtern. Sie müssen ziemlich
herausfordernd sein. Klappern Sie nur tüchtig mit den Augen und dann
werfen Sie ihm plötzlich einen Blick zu, daß er platt ist, der Bösewicht!
Oder zeigen Sie ihm ein Stückchen von Ihrer Schulter, damit er mal
hingucken kann, der Schuft, der! Übrigens hätten Sie auch ein Kleid mit
kurzen Ärmeln anziehen können! Na, schließlich ist dies auch gut! (Laut.)
Also, ich lasse Sie in der angenehmsten Gesellschaft zurück. Ich will nur
noch einen Blick in das Speisezimmer und in die Küche werfen. Ich werde
dort Bescheid sagen. Gleich muß der Diener kommen, der das Souper
bringt ... vielleicht ist der Wein auch schon da. Na, auf Wiedersehen! ... (Zu
Podkoliessin.) Mehr Mut, Mut! (Er geht.)
Page 194
14. Auftritt
Podkoliessin und Agathe Tichonowna.
Ag at h e Ti ch o nown a. Aber bitte schön, so nehmen Sie doch Platz!
(Beide setzen sich und schweigen.)
P odkol iessin. — Fahren Sie gerne spazieren?
Ag at h e Ti ch o nown a. Wie meinen Sie das? ...
P odkol iessin. Im Sommer ist es doch schön, Kahn zu fahren.
Ag at h e Ti ch ono wna. Ja, zuweilen mache ich einen Ausflug mit
Bekannten.
P odkol iessin. Es läßt sich noch nicht voraussagen, was für einen
Sommer wir in diesem Jahre haben werden.
Ag at h e Ti ch o nown a. Aber hoffentlich wird er gut!
(Beide schweigen.)
P odkol iessin. Welches ist Ihre Lieblingsblume, gnädiges Fräulein?
Ag at h e Ti cho n owna. Am meisten liebe ich die Blumen, die stark
duften. Zum Beispiel Nelken!
P odkol iessin. Den Damen stehen Blumen sehr gut.
Ag at h e Tich onown a. Ja, man muß sagen, sie machen recht viel
Vergnügen!
(Beide schweigen.)
In welcher Kirche waren Sie am vorigen Sonntag?
P odkol iessin. In der Himmelfahrts-Kirche. Und eine Woche vorher, da
war ich in der Kasanschen Kirche. Übrigens ist es doch ganz gleich, in
welche Kirche man beten geht ... Nur ... die letztere ... die ist viel
prächtiger.
(Beide schweigen.)
(Podkoliessin beginnt mit den Fingern auf den Tisch zu trommeln.)
Bald findet in Katharinenhof ein Gartenfest statt.
Ag at h e Ti ch o nown a. Ja, ich glaube, in einem Monat.
P odkol iessin. Oh, in kaum einem Monat!
Ag at h e Ti ch o nown a. Es wird wohl sehr lustig werden.
P odkol iessin. Heute haben wir den Achten. (An den Fingern abzählend.) Den
Neunten, den Zehnten, den Elften ... In zweiundzwanzig Tagen.
Ag at h e Ti ch o nown a. Denken Sie nur, schon so bald!
Podkoliessin und Agathe Tichonowna.
Ag at h e Ti ch o nown a. Aber bitte schön, so nehmen Sie doch Platz!
(Beide setzen sich und schweigen.)
P odkol iessin. — Fahren Sie gerne spazieren?
Ag at h e Ti ch o nown a. Wie meinen Sie das? ...
P odkol iessin. Im Sommer ist es doch schön, Kahn zu fahren.
Ag at h e Ti ch ono wna. Ja, zuweilen mache ich einen Ausflug mit
Bekannten.
P odkol iessin. Es läßt sich noch nicht voraussagen, was für einen
Sommer wir in diesem Jahre haben werden.
Ag at h e Ti ch o nown a. Aber hoffentlich wird er gut!
(Beide schweigen.)
P odkol iessin. Welches ist Ihre Lieblingsblume, gnädiges Fräulein?
Ag at h e Ti cho n owna. Am meisten liebe ich die Blumen, die stark
duften. Zum Beispiel Nelken!
P odkol iessin. Den Damen stehen Blumen sehr gut.
Ag at h e Tich onown a. Ja, man muß sagen, sie machen recht viel
Vergnügen!
(Beide schweigen.)
In welcher Kirche waren Sie am vorigen Sonntag?
P odkol iessin. In der Himmelfahrts-Kirche. Und eine Woche vorher, da
war ich in der Kasanschen Kirche. Übrigens ist es doch ganz gleich, in
welche Kirche man beten geht ... Nur ... die letztere ... die ist viel
prächtiger.
(Beide schweigen.)
(Podkoliessin beginnt mit den Fingern auf den Tisch zu trommeln.)
Bald findet in Katharinenhof ein Gartenfest statt.
Ag at h e Ti ch o nown a. Ja, ich glaube, in einem Monat.
P odkol iessin. Oh, in kaum einem Monat!
Ag at h e Ti ch o nown a. Es wird wohl sehr lustig werden.
P odkol iessin. Heute haben wir den Achten. (An den Fingern abzählend.) Den
Neunten, den Zehnten, den Elften ... In zweiundzwanzig Tagen.
Ag at h e Ti ch o nown a. Denken Sie nur, schon so bald!
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P odkol iessin. Und den heutigen Tag habe ich dabei noch gar nicht mal
mitgezählt.
(Pause.)
Was für mutige Leute doch unsere Russen sind!
Ag at h e Ti ch o nown a. Wie? ...
P odkol iessin. Ich meine die Arbeiter! Stehen da ganz ruhig hoch oben
auf dem Gerüst. Ich kam nämlich heute an einem Neubau vorüber. Sitzt so
ein Stukkateur ganz gemütlich hoch oben und denkt sich gar nichts dabei.
Er fürchtet sich nicht im mindesten.
Ag at h e Ti ch o nown a. Ja! Und wo war denn das? ...
P odkol iessin. Auf dem Wege nach dem Departement, da, wo ich
täglich vorüberkomme. Ich gehe doch jeden Morgen in den Dienst.
(Beide schweigen. Podkoliessin fängt wieder an, mit den Fingern auf den Tisch zu klopfen. Dann
steht er auf, nimmt seinen Hut und macht eine Verbeugung.)
Ag at h e Ti ch o nown a. Wie, Sie wollen schon gehen?
P odkol iessin. Ja, gewiß habe ich Sie gelangweilt. Entschuldigen Sie.
Ag at h e Ti ch o nown a. Aber wie können Sie nur so etwas glauben? Im
Gegenteil. Ich danke Ihnen von Herzen für die angenehme Unterhaltung.
P odkol iessin (lächelnd). Nein, wirklich, mir schien, daß ich Sie
langweilte.
Ag at h e Ti ch o nown a. Wahrhaftig nicht!
P odkol iessin. Oh, wenn ich mich geirrt haben sollte, so erlauben Sie
mir doch, daß ich zu einer anderen Zeit ... vielleicht einmal abends ...
Ag at h e Ti chon owna. Ich würde mich außerordentlich freuen ... (Sie
verabschieden sich voneinander, und Podkoliessin geht.)
15. Auftritt
Agathe Tichonowna (allein).
Welch ein würdiger Mensch! Jetzt habe ich ihn erst recht kennen gelernt!
Wahrhaftig, man muß ihn liebhaben! Und dabei so klug und bescheiden
zugleich! Ja, sein Freund hatte vollständig recht. Schade nur, daß er so
schnell wieder fortgegangen ist. Ich hätte ihm so gern noch ein wenig
zugehört. Wie angenehm ist es, mit ihm zu plaudern. Und was vor allem so
angenehm ist, er macht gar keine Redensarten. Ich hätte ihm auch noch
einiges sagen mögen ... aber ich muß gestehen, mir fehlte der Mut dazu.
mitgezählt.
(Pause.)
Was für mutige Leute doch unsere Russen sind!
Ag at h e Ti ch o nown a. Wie? ...
P odkol iessin. Ich meine die Arbeiter! Stehen da ganz ruhig hoch oben
auf dem Gerüst. Ich kam nämlich heute an einem Neubau vorüber. Sitzt so
ein Stukkateur ganz gemütlich hoch oben und denkt sich gar nichts dabei.
Er fürchtet sich nicht im mindesten.
Ag at h e Ti ch o nown a. Ja! Und wo war denn das? ...
P odkol iessin. Auf dem Wege nach dem Departement, da, wo ich
täglich vorüberkomme. Ich gehe doch jeden Morgen in den Dienst.
(Beide schweigen. Podkoliessin fängt wieder an, mit den Fingern auf den Tisch zu klopfen. Dann
steht er auf, nimmt seinen Hut und macht eine Verbeugung.)
Ag at h e Ti ch o nown a. Wie, Sie wollen schon gehen?
P odkol iessin. Ja, gewiß habe ich Sie gelangweilt. Entschuldigen Sie.
Ag at h e Ti ch o nown a. Aber wie können Sie nur so etwas glauben? Im
Gegenteil. Ich danke Ihnen von Herzen für die angenehme Unterhaltung.
P odkol iessin (lächelnd). Nein, wirklich, mir schien, daß ich Sie
langweilte.
Ag at h e Ti ch o nown a. Wahrhaftig nicht!
P odkol iessin. Oh, wenn ich mich geirrt haben sollte, so erlauben Sie
mir doch, daß ich zu einer anderen Zeit ... vielleicht einmal abends ...
Ag at h e Ti chon owna. Ich würde mich außerordentlich freuen ... (Sie
verabschieden sich voneinander, und Podkoliessin geht.)
15. Auftritt
Agathe Tichonowna (allein).
Welch ein würdiger Mensch! Jetzt habe ich ihn erst recht kennen gelernt!
Wahrhaftig, man muß ihn liebhaben! Und dabei so klug und bescheiden
zugleich! Ja, sein Freund hatte vollständig recht. Schade nur, daß er so
schnell wieder fortgegangen ist. Ich hätte ihm so gern noch ein wenig
zugehört. Wie angenehm ist es, mit ihm zu plaudern. Und was vor allem so
angenehm ist, er macht gar keine Redensarten. Ich hätte ihm auch noch
einiges sagen mögen ... aber ich muß gestehen, mir fehlte der Mut dazu.
Page 196
Mein Herz klopfte so stark. ... Welch ein herrlicher Mensch! Ich will doch
hingehen und es der Tante erzählen. (Sie geht hinaus.)
16. Auftritt
Podkoliessin und Kotschkarjow (treten herein).
Ko tschkar j ow. Warum nach Hause? Was für ein Unsinn ist das
wieder? Warum nach Hause?
P odkol iessin. Ja, wozu soll ich denn hierbleiben? ... Ich habe doch
alles gesagt, was nötig war.
Ko tschkar j ow. So? Hast du dich ihr ganz erklärt? ...
P odkol iessin. Ja, das wäre vielleicht noch das einzige; erklärt habe ich
mich allerdings noch nicht!
Ko tschkar j ow. Eine schöne Geschichte! ... Warum denn nicht? ...
P odkol iessin. Ich bitte dich, ich kann doch nicht so plötzlich, so ohne
alle einleitenden Worte mit der Tür ins Haus fallen: Mein Fräulein, wollen
wir uns doch heiraten!
Ko tschkar j ow. Worüber habt ihr denn die ganze Zeit gesprochen?
Mehr als eine halbe Stunde lang?
P odkol iessin. Nun. Über alles mögliche! Und ich muß sagen, ich bin
sehr befriedigt. Ich habe die Zeit sehr angenehm verbracht.
Ko tschkar j ow. Nein, höre mal, sage doch selbst, mein Bester, wie
sollen wir denn noch heute mit der ganzen Geschichte fertig werden? In
einer Stunde spätestens müssen wir in die Kirche fahren ... zur Trauung ...
P odkol iessin. Du bist wohl verrückt? ... Heut sollen wir schon
Hochzeit machen?
Ko tschkar j ow. Weshalb denn nicht? ...
P odkol iessin. Noch heute zur Trauung fahren! ... Welch ein Wahnsinn!
Ko tschkar j ow. Aber du hast mir doch selbst dein Wort gegeben und
hast gesagt, sobald die Freier heraus sind, bist du bereit, dich zu
verheiraten!
P odkol iessin. Nun ja, ich nehme auch jetzt mein Wort nicht zurück.
Aber doch nicht gleich. Laß mir doch wenigstens einen Monat Zeit dazu.
Ko tschkar j ow. Was? ... Einen Monat!
P odkol iessin. Nun ja, freilich!
Ko tschkar j ow. Du hast wohl den Verstand verloren, was?
hingehen und es der Tante erzählen. (Sie geht hinaus.)
16. Auftritt
Podkoliessin und Kotschkarjow (treten herein).
Ko tschkar j ow. Warum nach Hause? Was für ein Unsinn ist das
wieder? Warum nach Hause?
P odkol iessin. Ja, wozu soll ich denn hierbleiben? ... Ich habe doch
alles gesagt, was nötig war.
Ko tschkar j ow. So? Hast du dich ihr ganz erklärt? ...
P odkol iessin. Ja, das wäre vielleicht noch das einzige; erklärt habe ich
mich allerdings noch nicht!
Ko tschkar j ow. Eine schöne Geschichte! ... Warum denn nicht? ...
P odkol iessin. Ich bitte dich, ich kann doch nicht so plötzlich, so ohne
alle einleitenden Worte mit der Tür ins Haus fallen: Mein Fräulein, wollen
wir uns doch heiraten!
Ko tschkar j ow. Worüber habt ihr denn die ganze Zeit gesprochen?
Mehr als eine halbe Stunde lang?
P odkol iessin. Nun. Über alles mögliche! Und ich muß sagen, ich bin
sehr befriedigt. Ich habe die Zeit sehr angenehm verbracht.
Ko tschkar j ow. Nein, höre mal, sage doch selbst, mein Bester, wie
sollen wir denn noch heute mit der ganzen Geschichte fertig werden? In
einer Stunde spätestens müssen wir in die Kirche fahren ... zur Trauung ...
P odkol iessin. Du bist wohl verrückt? ... Heut sollen wir schon
Hochzeit machen?
Ko tschkar j ow. Weshalb denn nicht? ...
P odkol iessin. Noch heute zur Trauung fahren! ... Welch ein Wahnsinn!
Ko tschkar j ow. Aber du hast mir doch selbst dein Wort gegeben und
hast gesagt, sobald die Freier heraus sind, bist du bereit, dich zu
verheiraten!
P odkol iessin. Nun ja, ich nehme auch jetzt mein Wort nicht zurück.
Aber doch nicht gleich. Laß mir doch wenigstens einen Monat Zeit dazu.
Ko tschkar j ow. Was? ... Einen Monat!
P odkol iessin. Nun ja, freilich!
Ko tschkar j ow. Du hast wohl den Verstand verloren, was?
Page 197
P odkol iessin. Ja, einen Monat brauche ich mindestens.
Ko tschkar j ow. Aber ich habe doch schon das Souper beim Traiteur
bestellt. Du Klotz du! ... Nein, hör mal, Iwan Kusmitsch, sei jetzt nicht
eigensinnig, Bruder. Laßt euch doch gleich trauen!
P odkol iessin. Ich bitte dich, Freund, was redest du da? ... Wie ist denn
das gleich möglich?
Ko tschkar j ow. Iwan Kusmitsch, sieh mal, ich bitte dich recht herzlich
... wenn nicht für dich selbst, so tue es doch meinetwegen! Mir zuliebe!
P odkol iessin. Nein, tatsächlich — es geht nicht!
Ko tschkar j ow. Doch, doch, es geht schon, Liebster! Es geht alles,
Liebling; laß die Launen.
P odkol iessin. Nein, wirklich nicht. Es geht nicht. Es ist wirklich nicht
möglich.
Ko tschkar j ow. Warum nicht möglich? ... Wer hat dir das bloß
eingeredet? Überlege doch selbst. Du bist doch ein gescheiter Kerl! Ich
spreche nicht so, um dir zu schmeicheln oder weil du Expeditor bist, nein,
einfach, weil ich dich liebe! — Genug, Herzchen, entschließe dich. Sieh
doch die Sache mit vernünftigen Augen an!
P odkol iessin. Ja, wenn ich nur eine Möglichkeit sehen würde — ich
wäre gerne bereit ...
Ko tschkar j ow. Iwan Kusmitsch, alter Kerl, lieber Freund ... willst du,
daß ich vor dir auf die Knie falle? ...
P odkol iessin. Ja, wozu nur das alles?
Ko tschkar j ow (fällt auf die Knie). Nun gut, hier knie ich. Jetzt siehst du es,
wie sehr ich dich bitte. Ich will dir’s mein Leben lang nicht vergessen.
Herzchen, sei nicht eigensinnig!
P odkol iessin. Nein, Freund, es geht nicht! Wirklich nicht!
Ko tschkar j ow (steht auf, wütend). Schweinehund!
P odkol iessin. Gut, schimpf nur!
Ko tschkar j ow. Rindvieh! ... Einen größeren Esel, wie dich, hat es
tatsächlich noch nie gegeben!
P odkol iessin. Schimpfe doch meinetwegen. Schimpfe nur!
Ko tschkar j ow. Für wen habe ich mich nun geplagt und abgerackert?
Doch nur für dich; in deinem Interesse, du Schaf! Was geht mich die ganze
Geschichte im Grunde an? ... Gut, ich gehe sofort meiner Wege und laß dich
laufen. Was hab’ i ch denn davon?
Ko tschkar j ow. Aber ich habe doch schon das Souper beim Traiteur
bestellt. Du Klotz du! ... Nein, hör mal, Iwan Kusmitsch, sei jetzt nicht
eigensinnig, Bruder. Laßt euch doch gleich trauen!
P odkol iessin. Ich bitte dich, Freund, was redest du da? ... Wie ist denn
das gleich möglich?
Ko tschkar j ow. Iwan Kusmitsch, sieh mal, ich bitte dich recht herzlich
... wenn nicht für dich selbst, so tue es doch meinetwegen! Mir zuliebe!
P odkol iessin. Nein, tatsächlich — es geht nicht!
Ko tschkar j ow. Doch, doch, es geht schon, Liebster! Es geht alles,
Liebling; laß die Launen.
P odkol iessin. Nein, wirklich nicht. Es geht nicht. Es ist wirklich nicht
möglich.
Ko tschkar j ow. Warum nicht möglich? ... Wer hat dir das bloß
eingeredet? Überlege doch selbst. Du bist doch ein gescheiter Kerl! Ich
spreche nicht so, um dir zu schmeicheln oder weil du Expeditor bist, nein,
einfach, weil ich dich liebe! — Genug, Herzchen, entschließe dich. Sieh
doch die Sache mit vernünftigen Augen an!
P odkol iessin. Ja, wenn ich nur eine Möglichkeit sehen würde — ich
wäre gerne bereit ...
Ko tschkar j ow. Iwan Kusmitsch, alter Kerl, lieber Freund ... willst du,
daß ich vor dir auf die Knie falle? ...
P odkol iessin. Ja, wozu nur das alles?
Ko tschkar j ow (fällt auf die Knie). Nun gut, hier knie ich. Jetzt siehst du es,
wie sehr ich dich bitte. Ich will dir’s mein Leben lang nicht vergessen.
Herzchen, sei nicht eigensinnig!
P odkol iessin. Nein, Freund, es geht nicht! Wirklich nicht!
Ko tschkar j ow (steht auf, wütend). Schweinehund!
P odkol iessin. Gut, schimpf nur!
Ko tschkar j ow. Rindvieh! ... Einen größeren Esel, wie dich, hat es
tatsächlich noch nie gegeben!
P odkol iessin. Schimpfe doch meinetwegen. Schimpfe nur!
Ko tschkar j ow. Für wen habe ich mich nun geplagt und abgerackert?
Doch nur für dich; in deinem Interesse, du Schaf! Was geht mich die ganze
Geschichte im Grunde an? ... Gut, ich gehe sofort meiner Wege und laß dich
laufen. Was hab’ i ch denn davon?
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P odkol iessin. Ja ... hab’ ich dich denn um deine Bemühungen gebeten?
Geh doch nur, bitte!
Ko tschkar j ow. Und ich sage dir, daß du zugrunde gehen wirst. Ohne
mich wirst du zu nichts kommen. Wenn dich nicht ein anderer verheiratet,
bleibst du dein Leben lang ein ... Dummkopf.
P odkol iessin. Und was kümmert’s dich? ...
Ko tschkar j ow. Ich bin doch nur um dich besorgt, du Dummkopf.
P odkol iessin. Und ich verzichte auf deine Besorgnis.
Ko tschkar j ow. Nun, so geh zum Teufel!
P odkol iessin. Gut. Ich gehe.
Ko tschkar j ow. Da gehörst du auch hin.
P odkol iessin. Nun schön, ich gehe schon.
Ko tschkar j ow. Geh nur, geh! Wenn du dir nur gleich ein Bein brächst!
Wahrhaftig, es ist mein innigster Wunsch, daß dir irgendein besoffener
Droschkenkutscher mit der Deichsel in die Gurgel fährt. Du Lappen du!
Und das will ein Beamter sein, ... Das schwöre ich dir, von nun an ist alles
zwischen uns aus. Komm mir nicht mehr unter die Augen!
P odkol iessin. Nun gut, du sollst mich nicht mehr sehen! (Geht.)
Ko tschkar j ow. Geh doch zu deinem alten Freunde, dem Teufel. (Öffnet
die Tür und ruft ihm nach.) Esel!
17. Auftritt
Ko tschkar j ow (allein, geht aufgeregt im Zimmer auf und ab). Hat die Welt jemals
einen solchen Menschen gesehen? .. Solch ein Esel! Übrigens, wahrhaftig,
ich bin auch gut! .. Nein, sagt nur, ich möchte euch alle zu Zeugen anrufen:
Bin ich nicht genau solch ein alter Esel? Bin ich nicht ganz dumm? ..... Was
rege ich mich auf und schreie mir die Kehle wund? .. Sagt, was ist er mir?
Er ist doch nicht mein Verwandter. Und ich bin weder seine Amme, noch
seine Tante, noch seine Schwiegermutter, oder gar seine Patin! Was zum
Teufel rackere ich mich seinetwegen ab? Gönne mir keinen Augenblick
Ruhe ... mag er doch zum Satan gehen! Weiß der Teufel, wozu das alles!
Wozu nur der Mensch mitunter etwas tut? ..... Solch ein Halunke! Diese
niederträchtige, widerwärtige Visage! Nehmen möchte ich dich, du dummes
Rindvieh; Nase, Ohren, Mund und Zähne ... einschlagen möcht’ ich dir ...
(Macht mit der Hand wütend die entsprechenden Bewegungen.) Und was das Empörendste
Geh doch nur, bitte!
Ko tschkar j ow. Und ich sage dir, daß du zugrunde gehen wirst. Ohne
mich wirst du zu nichts kommen. Wenn dich nicht ein anderer verheiratet,
bleibst du dein Leben lang ein ... Dummkopf.
P odkol iessin. Und was kümmert’s dich? ...
Ko tschkar j ow. Ich bin doch nur um dich besorgt, du Dummkopf.
P odkol iessin. Und ich verzichte auf deine Besorgnis.
Ko tschkar j ow. Nun, so geh zum Teufel!
P odkol iessin. Gut. Ich gehe.
Ko tschkar j ow. Da gehörst du auch hin.
P odkol iessin. Nun schön, ich gehe schon.
Ko tschkar j ow. Geh nur, geh! Wenn du dir nur gleich ein Bein brächst!
Wahrhaftig, es ist mein innigster Wunsch, daß dir irgendein besoffener
Droschkenkutscher mit der Deichsel in die Gurgel fährt. Du Lappen du!
Und das will ein Beamter sein, ... Das schwöre ich dir, von nun an ist alles
zwischen uns aus. Komm mir nicht mehr unter die Augen!
P odkol iessin. Nun gut, du sollst mich nicht mehr sehen! (Geht.)
Ko tschkar j ow. Geh doch zu deinem alten Freunde, dem Teufel. (Öffnet
die Tür und ruft ihm nach.) Esel!
17. Auftritt
Ko tschkar j ow (allein, geht aufgeregt im Zimmer auf und ab). Hat die Welt jemals
einen solchen Menschen gesehen? .. Solch ein Esel! Übrigens, wahrhaftig,
ich bin auch gut! .. Nein, sagt nur, ich möchte euch alle zu Zeugen anrufen:
Bin ich nicht genau solch ein alter Esel? Bin ich nicht ganz dumm? ..... Was
rege ich mich auf und schreie mir die Kehle wund? .. Sagt, was ist er mir?
Er ist doch nicht mein Verwandter. Und ich bin weder seine Amme, noch
seine Tante, noch seine Schwiegermutter, oder gar seine Patin! Was zum
Teufel rackere ich mich seinetwegen ab? Gönne mir keinen Augenblick
Ruhe ... mag er doch zum Satan gehen! Weiß der Teufel, wozu das alles!
Wozu nur der Mensch mitunter etwas tut? ..... Solch ein Halunke! Diese
niederträchtige, widerwärtige Visage! Nehmen möchte ich dich, du dummes
Rindvieh; Nase, Ohren, Mund und Zähne ... einschlagen möcht’ ich dir ...
(Macht mit der Hand wütend die entsprechenden Bewegungen.) Und was das Empörendste
Page 199
dabei ist: er geht einfach nach Hause ... er macht sich weiter keine
Kopfschmerzen ... er schüttelt’s sich ab, wie ein nasser Hund ... Nicht zum
Ertragen ist dieser Gedanke! Jetzt geht er heim, legt sich aufs Sofa und
raucht sich eine Pfeife an. Dieser gemeine Patron! Wahrhaftig, es gibt
ekelhafte Fratzen auf der Welt; aber so eine läßt man sich denn doch nicht
träumen ... Bei Gott, eine widerwärtigere Visage läßt sich gar nicht
ausdenken. Tatsächlich nicht! Aber nein, jetzt gerade nicht! Ich hol’ ihn
zurück, den nichtsnutzigen Kerl. Er soll mir nicht entwischen, ich bring’ ihn
wieder zurück, den Lump! (Er läuft fort.)
18. Auftritt
Ag at h e Tich onown a (tritt ein). Wie mir das Herz klopft ... ich kann es
gar nicht sagen. Wohin ich schaue, wohin ich mich wende ... überall sehe
ich Iwan Kusmitsch vor mir sitzen. Es muß wohl wahr sein, daß niemand
seinem Schicksal entgehen kann. Vorhin versuchte ich an ganz etwas
anderes zu denken! Aber, was ich mir auch vornehme ... ich probierte Garn
abzuwickeln, fing an, den Pompadour zu sticken, aber ach, immerzu, in
einem fort drängt sich mir das Bild Iwan Kusmitschs auf. (Pause.) Ach, also
wirklich, nun soll die große Veränderung in meinem Leben kommen ... Erst
wird man mich in die Kirche führen ... dann mich mit ihm allein lassen; ...
mit dem Manne ... oh, mir wird schon jetzt ganz schaurig! — ja, leb wohl,
meine schöne Mädchenzeit! (Sie weint.) Wie viele Jahre hab’ ich so ruhig
dahingelebt; — lebte und lebte vor mich hin! Und nun mit einem Male soll
ich heiraten, die Frau eines Mannes werden. Und all die Sorgen, die einen
da erwarten. Die Kinder ... ach ... und die Knaben, dieses wilde Volk ... Und
dann kommen auch die Mädchen, die werden schnell groß und wollen dann
ebenfalls versorgt sein. Noch gut, wenn sie brave Männer bekommen; aber
vielleicht kriegen sie einen Säufer ... oder einen solchen Kerl, der alles auf
eine Karte zu setzen bereit ist ... (Sie fängt wieder an zu weinen.) Eigentlich habe
ich doch meine Mädchenzeit gar nicht so recht genossen ... Nur
siebenundzwanzig Jahre hat sie gedauert ... (Mit veränderter Stimme.) Aber
warum zögert nur Iwan Kusmitsch so lange?
Agathe Tichonowna und Podkoliessin, den Kotschkarjows Hände in die Tür
hineinschieben.
Kopfschmerzen ... er schüttelt’s sich ab, wie ein nasser Hund ... Nicht zum
Ertragen ist dieser Gedanke! Jetzt geht er heim, legt sich aufs Sofa und
raucht sich eine Pfeife an. Dieser gemeine Patron! Wahrhaftig, es gibt
ekelhafte Fratzen auf der Welt; aber so eine läßt man sich denn doch nicht
träumen ... Bei Gott, eine widerwärtigere Visage läßt sich gar nicht
ausdenken. Tatsächlich nicht! Aber nein, jetzt gerade nicht! Ich hol’ ihn
zurück, den nichtsnutzigen Kerl. Er soll mir nicht entwischen, ich bring’ ihn
wieder zurück, den Lump! (Er läuft fort.)
18. Auftritt
Ag at h e Tich onown a (tritt ein). Wie mir das Herz klopft ... ich kann es
gar nicht sagen. Wohin ich schaue, wohin ich mich wende ... überall sehe
ich Iwan Kusmitsch vor mir sitzen. Es muß wohl wahr sein, daß niemand
seinem Schicksal entgehen kann. Vorhin versuchte ich an ganz etwas
anderes zu denken! Aber, was ich mir auch vornehme ... ich probierte Garn
abzuwickeln, fing an, den Pompadour zu sticken, aber ach, immerzu, in
einem fort drängt sich mir das Bild Iwan Kusmitschs auf. (Pause.) Ach, also
wirklich, nun soll die große Veränderung in meinem Leben kommen ... Erst
wird man mich in die Kirche führen ... dann mich mit ihm allein lassen; ...
mit dem Manne ... oh, mir wird schon jetzt ganz schaurig! — ja, leb wohl,
meine schöne Mädchenzeit! (Sie weint.) Wie viele Jahre hab’ ich so ruhig
dahingelebt; — lebte und lebte vor mich hin! Und nun mit einem Male soll
ich heiraten, die Frau eines Mannes werden. Und all die Sorgen, die einen
da erwarten. Die Kinder ... ach ... und die Knaben, dieses wilde Volk ... Und
dann kommen auch die Mädchen, die werden schnell groß und wollen dann
ebenfalls versorgt sein. Noch gut, wenn sie brave Männer bekommen; aber
vielleicht kriegen sie einen Säufer ... oder einen solchen Kerl, der alles auf
eine Karte zu setzen bereit ist ... (Sie fängt wieder an zu weinen.) Eigentlich habe
ich doch meine Mädchenzeit gar nicht so recht genossen ... Nur
siebenundzwanzig Jahre hat sie gedauert ... (Mit veränderter Stimme.) Aber
warum zögert nur Iwan Kusmitsch so lange?
Agathe Tichonowna und Podkoliessin, den Kotschkarjows Hände in die Tür
hineinschieben.
Page 200
P odkol iessin (stockend). Ich komme, mein Fräulein, um Ihnen eine
Erklärung abzugeben ... aber ... ich wüßte nämlich gerne zuvor, ob Ihnen
diese Erklärung nicht zu seltsam vorkommen wird.
Ag at h e Ti ch o nown a (die Augen senkend). Um was handelt es sich denn?
P odkol iessin. Nein, Fräulein, sagen Sie mir erst, daß Sie sich nicht
darüber wundern werden.
Ag at h e Ti ch o nown a (wie vorher). Ich weiß doch gar nicht, was es ist.
P odkol iessin. Gestehen Sie nur, es wird Ihnen sicherlich sehr
merkwürdig vorkommen, was ich Ihnen zu sagen habe.
Ag at h e Ti chon owna. Aber ich bitte Sie, warum denn merkwürdig? ...
Alles was Sie mir sagen, ist mir angenehm.
P odkol iessin. Aber so etwas haben Sie gewiß noch niemals gehört ...
(Agathe Tichonowna läßt die Augen noch tiefer sinken; inzwischen ist Kotschkarjow leise
hereingetreten. Er stellt sich hinter Podkoliessin.) Es handelt sich nämlich ... um das
folgende ... Aber nein, sprechen wir lieber ein andermal davon.
Ag at h e Ti ch o nown a. Aber was ist es denn nur?
P odkol iessin. Es ist ... nämlich ... ich möchte Ihnen nämlich erklären,
aber ich habe noch immer Zweifel ...
Ko tschkar j ow (beiseite, die Hände zusammenschlagend). Herrgott, ist das ein
Mensch! Das reinste alte Weib, und kein Mensch! Ein Hohn, eine Parodie
auf die Menschheit! ...
Ag at h e Ti ch o nown a. Aber warum zweifeln Sie denn noch?
P odkol iessin. Ach, ich weiß nicht, mir kommen immer wieder
Bedenken.
Ko tschkar j ow (laut). Herrgott, wie dumm ist das alles! Wie dumm!
Fräulein, Sie sehen doch, er hält eben um Ihre Hand an. Er will Ihnen
erklären, daß er ohne Sie nicht länger leben, nicht existieren kann. Er
möchte Sie nur fragen, ob Sie bereit wären, ihn glücklich zu machen.
P odkol iessin (beinahe erschrocken, gibt ihm einen Rippenstoß und spricht lebhaft). Ich
bitte dich, was sagst du da? ...
Ko tschkar j ow. Also, entschließen Sie sich, mein Fräulein. Wollen Sie
diesen Sterblichen glücklich machen?
Ag at h e Tich onown a. Ach, wie könnte ich glauben, daß es in meiner
Macht liegen sollte, das Glück eines Mannes ... das Glück eines Mannes ...
Nun gut, ich bin einverstanden ...
Ko tschkar j ow. Natürlich! Selbstverständlich! Warum denn nicht gleich
so? So reicht euch doch die Hände, Kinder!
Erklärung abzugeben ... aber ... ich wüßte nämlich gerne zuvor, ob Ihnen
diese Erklärung nicht zu seltsam vorkommen wird.
Ag at h e Ti ch o nown a (die Augen senkend). Um was handelt es sich denn?
P odkol iessin. Nein, Fräulein, sagen Sie mir erst, daß Sie sich nicht
darüber wundern werden.
Ag at h e Ti ch o nown a (wie vorher). Ich weiß doch gar nicht, was es ist.
P odkol iessin. Gestehen Sie nur, es wird Ihnen sicherlich sehr
merkwürdig vorkommen, was ich Ihnen zu sagen habe.
Ag at h e Ti chon owna. Aber ich bitte Sie, warum denn merkwürdig? ...
Alles was Sie mir sagen, ist mir angenehm.
P odkol iessin. Aber so etwas haben Sie gewiß noch niemals gehört ...
(Agathe Tichonowna läßt die Augen noch tiefer sinken; inzwischen ist Kotschkarjow leise
hereingetreten. Er stellt sich hinter Podkoliessin.) Es handelt sich nämlich ... um das
folgende ... Aber nein, sprechen wir lieber ein andermal davon.
Ag at h e Ti ch o nown a. Aber was ist es denn nur?
P odkol iessin. Es ist ... nämlich ... ich möchte Ihnen nämlich erklären,
aber ich habe noch immer Zweifel ...
Ko tschkar j ow (beiseite, die Hände zusammenschlagend). Herrgott, ist das ein
Mensch! Das reinste alte Weib, und kein Mensch! Ein Hohn, eine Parodie
auf die Menschheit! ...
Ag at h e Ti ch o nown a. Aber warum zweifeln Sie denn noch?
P odkol iessin. Ach, ich weiß nicht, mir kommen immer wieder
Bedenken.
Ko tschkar j ow (laut). Herrgott, wie dumm ist das alles! Wie dumm!
Fräulein, Sie sehen doch, er hält eben um Ihre Hand an. Er will Ihnen
erklären, daß er ohne Sie nicht länger leben, nicht existieren kann. Er
möchte Sie nur fragen, ob Sie bereit wären, ihn glücklich zu machen.
P odkol iessin (beinahe erschrocken, gibt ihm einen Rippenstoß und spricht lebhaft). Ich
bitte dich, was sagst du da? ...
Ko tschkar j ow. Also, entschließen Sie sich, mein Fräulein. Wollen Sie
diesen Sterblichen glücklich machen?
Ag at h e Tich onown a. Ach, wie könnte ich glauben, daß es in meiner
Macht liegen sollte, das Glück eines Mannes ... das Glück eines Mannes ...
Nun gut, ich bin einverstanden ...
Ko tschkar j ow. Natürlich! Selbstverständlich! Warum denn nicht gleich
so? So reicht euch doch die Hände, Kinder!
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P odkol iessin. Gleich! (Er will Kotschkarjow etwas ins Ohr flüstern. Dieser zeigt ihm
die Faust, runzelt die Stirn, und Podkoliessin reicht Agathe Tichonowna die Hand.)
Ko tschkar j ow (legt ihre Hände ineinander). So, Gott segne euch! Auch ich
gebe euch meinen Segen zu eurem Bunde. Die Ehe, wißt ihr, ist immer so
’ne Sache. Ja, das ist nicht, als ob man sich ’ne Droschke nimmt, sich
reinsetzt und irgendwohin losfährt. Das ist eine ganz andere Sache; ja, das
ist eine Pflicht! Leider habe ich jetzt keine Zeit mehr; darum will ich euch
nachher sagen, was das für eine Pflicht ist. So, Iwan Kusmitsch, und jetzt
küsse deine Braut! Nunmehr darfst du es tun; ja, mein Freund, nun mußt du
es sogar tun! ... (Agathe Tichonowna senkt die Augen.) Nicht doch, nicht doch, mein
Fräulein. Das muß so sein. Sie müssen sich küssen lassen.
P odkol iessin. Nein, Fräulein, gestatten Sie ... Jetzt müssen Sie schon
gestatten. (Er küßt sie und nimmt sie bei der Hand.) Welch ein herrliches Händchen!
Woher haben Sie nur ein so herrliches Händchen, mein Fräulein? ... Und
noch eins ... Lassen Sie unsere Hochzeit sofort stattfinden! Sofort!
Ag at h e Tich ono wna. Wie, gleich? ... Aber das ist am Ende doch zu
schnell!
P odkol iessin. Nein, nein, davon will ich nichts hören! Die Trauung
soll gleich stattfinden. So schnell als möglich!
Ko tschkar j ow. Vorzüglich! Bravo! ... Sehr gut! Du bist ja ein
Prachtkerl! Ich muß sagen, ich habe immer nur das Beste von dir erwartet.
Und Sie, Fräulein, beeilen Sie sich jetzt. Ziehen Sie sich recht schnell um.
Jetzt darf ich’s ja verraten. Ich habe schon vorhin einen Wagen besorgt und
auch ein paar Gäste für heute abend geladen. Sie sind wahrscheinlich schon
auf dem Wege nach der Kirche. Ihr Hochzeitskleid liegt doch schon bereit,
nicht wahr?
Ag at h e Tich ono wna. O gewiß, schon lange. Ich kleide mich schnell
um und bin sofort fertig.
19. Auftritt
Kotschkarjow und Podkoliessin.
P odkol iessin. Nun, lieber Freund, ich bin dir wirklich dankbar. Jetzt
begreife ich erst, was du mir für einen Dienst erwiesen hast. Mein eigener
Vater konnte nicht das für mich tun, was du mir getan hast. Ja, jetzt sehe ich
es, du hast dich nur von deiner Freundschaft leiten lassen. Ich danke dir,
die Faust, runzelt die Stirn, und Podkoliessin reicht Agathe Tichonowna die Hand.)
Ko tschkar j ow (legt ihre Hände ineinander). So, Gott segne euch! Auch ich
gebe euch meinen Segen zu eurem Bunde. Die Ehe, wißt ihr, ist immer so
’ne Sache. Ja, das ist nicht, als ob man sich ’ne Droschke nimmt, sich
reinsetzt und irgendwohin losfährt. Das ist eine ganz andere Sache; ja, das
ist eine Pflicht! Leider habe ich jetzt keine Zeit mehr; darum will ich euch
nachher sagen, was das für eine Pflicht ist. So, Iwan Kusmitsch, und jetzt
küsse deine Braut! Nunmehr darfst du es tun; ja, mein Freund, nun mußt du
es sogar tun! ... (Agathe Tichonowna senkt die Augen.) Nicht doch, nicht doch, mein
Fräulein. Das muß so sein. Sie müssen sich küssen lassen.
P odkol iessin. Nein, Fräulein, gestatten Sie ... Jetzt müssen Sie schon
gestatten. (Er küßt sie und nimmt sie bei der Hand.) Welch ein herrliches Händchen!
Woher haben Sie nur ein so herrliches Händchen, mein Fräulein? ... Und
noch eins ... Lassen Sie unsere Hochzeit sofort stattfinden! Sofort!
Ag at h e Tich ono wna. Wie, gleich? ... Aber das ist am Ende doch zu
schnell!
P odkol iessin. Nein, nein, davon will ich nichts hören! Die Trauung
soll gleich stattfinden. So schnell als möglich!
Ko tschkar j ow. Vorzüglich! Bravo! ... Sehr gut! Du bist ja ein
Prachtkerl! Ich muß sagen, ich habe immer nur das Beste von dir erwartet.
Und Sie, Fräulein, beeilen Sie sich jetzt. Ziehen Sie sich recht schnell um.
Jetzt darf ich’s ja verraten. Ich habe schon vorhin einen Wagen besorgt und
auch ein paar Gäste für heute abend geladen. Sie sind wahrscheinlich schon
auf dem Wege nach der Kirche. Ihr Hochzeitskleid liegt doch schon bereit,
nicht wahr?
Ag at h e Tich ono wna. O gewiß, schon lange. Ich kleide mich schnell
um und bin sofort fertig.
19. Auftritt
Kotschkarjow und Podkoliessin.
P odkol iessin. Nun, lieber Freund, ich bin dir wirklich dankbar. Jetzt
begreife ich erst, was du mir für einen Dienst erwiesen hast. Mein eigener
Vater konnte nicht das für mich tun, was du mir getan hast. Ja, jetzt sehe ich
es, du hast dich nur von deiner Freundschaft leiten lassen. Ich danke dir,
Page 202
Bruder! Ja, das werde ich dir nie vergessen. (Gerührt.) Nächstes Frühjahr
werde ich dem Grabe deines Vaters einen Besuch abstatten.
Ko tschkar j ow. Ach, nicht doch, lieber Freund! Ich freue mich ja
selber. Komm, laß dich küssen. (Küßt ihn erst auf eine und dann auf die andre Backe.)
Gebe Gott, daß du glücklich wirst. (Sie küssen sich.) Hoffentlich schickt er dir
nun auch Reichtum und Überfluß und einen ganzen Haufen Kinder.
P odkol iessin. Dank dir, Bruder! Wahrhaftig; jetzt erst fange ich an, zu
begreifen, was es heißt, leben! Eine völlig neue Welt tut sich plötzlich vor
mir auf ... Nun erkenne ich, daß sich das alles bewegt, sich regt, fühlt,
empfindet, sich gewissermaßen verflüchtigt, weißt du, man weiß sozusagen
selbst nicht recht, wie und was eigentlich vorgeht. Früher aber habe ich
nichts davon gesehen, nichts von alle dem begriffen. Das heißt, ich war
einfach ein unwissender, ahnungsloser Mensch, der über nichts weiter
nachdachte, in nichts tiefer hineinblickte, und so dahinlebte ... wie jeder
andre Mensch.
Ko tschkar j ow. Das freut mich, freut mich von Herzen. Doch, ich muß
jetzt gehen und mal nachschauen, ob der Tisch auch gut gedeckt ist. Ich bin
gleich wieder da. (Beiseite.) Aber seinen Hut will ich doch lieber verstecken,
für alle Fälle. (Er nimmt den Hut und trägt ihn mit sich fort.)
20. Auftritt
Podkoliessin (allein).
P odkol iessin. Es ist wahr! Was war ich denn bis auf den heutigen Tag?
... Hatte ich auch nur einen Begriff vom Leben? ... Ach, gar keine Ahnung
hatt’ ich! Was war denn schließlich dies mein Junggesellen-Dasein? ... Was
galt ich? ... Was tat ich? Ich lebte ... vegetierte so hin ... versah meinen
Dienst ... ging ins Departement ... aß und schlief ... mit einem Wort, ich war
der hohlste, gewöhnlichste Mensch von der Welt. Jetzt erst sehe ich ein, wie
dumm doch die Menschen sind, die nicht heiraten. Und wenn man so
zusieht, wie viele so blind dahintrotten. Wenn ich ein König wäre,
wahrhaftig, ich erließe ein Gesetz ... alle Menschen in meinem Reiche
müßten sich verheiraten. Unter meiner Herrschaft sollte es auch nicht einen
Hagestolzen geben! Ja, wenn ich so daran denke, noch ein paar
Augenblicke, und ich werde verheiratet sein. Wie lange noch, ... und ich
werde alle Wonnen auskosten, wie sie eigentlich doch nur im Märchen
werde ich dem Grabe deines Vaters einen Besuch abstatten.
Ko tschkar j ow. Ach, nicht doch, lieber Freund! Ich freue mich ja
selber. Komm, laß dich küssen. (Küßt ihn erst auf eine und dann auf die andre Backe.)
Gebe Gott, daß du glücklich wirst. (Sie küssen sich.) Hoffentlich schickt er dir
nun auch Reichtum und Überfluß und einen ganzen Haufen Kinder.
P odkol iessin. Dank dir, Bruder! Wahrhaftig; jetzt erst fange ich an, zu
begreifen, was es heißt, leben! Eine völlig neue Welt tut sich plötzlich vor
mir auf ... Nun erkenne ich, daß sich das alles bewegt, sich regt, fühlt,
empfindet, sich gewissermaßen verflüchtigt, weißt du, man weiß sozusagen
selbst nicht recht, wie und was eigentlich vorgeht. Früher aber habe ich
nichts davon gesehen, nichts von alle dem begriffen. Das heißt, ich war
einfach ein unwissender, ahnungsloser Mensch, der über nichts weiter
nachdachte, in nichts tiefer hineinblickte, und so dahinlebte ... wie jeder
andre Mensch.
Ko tschkar j ow. Das freut mich, freut mich von Herzen. Doch, ich muß
jetzt gehen und mal nachschauen, ob der Tisch auch gut gedeckt ist. Ich bin
gleich wieder da. (Beiseite.) Aber seinen Hut will ich doch lieber verstecken,
für alle Fälle. (Er nimmt den Hut und trägt ihn mit sich fort.)
20. Auftritt
Podkoliessin (allein).
P odkol iessin. Es ist wahr! Was war ich denn bis auf den heutigen Tag?
... Hatte ich auch nur einen Begriff vom Leben? ... Ach, gar keine Ahnung
hatt’ ich! Was war denn schließlich dies mein Junggesellen-Dasein? ... Was
galt ich? ... Was tat ich? Ich lebte ... vegetierte so hin ... versah meinen
Dienst ... ging ins Departement ... aß und schlief ... mit einem Wort, ich war
der hohlste, gewöhnlichste Mensch von der Welt. Jetzt erst sehe ich ein, wie
dumm doch die Menschen sind, die nicht heiraten. Und wenn man so
zusieht, wie viele so blind dahintrotten. Wenn ich ein König wäre,
wahrhaftig, ich erließe ein Gesetz ... alle Menschen in meinem Reiche
müßten sich verheiraten. Unter meiner Herrschaft sollte es auch nicht einen
Hagestolzen geben! Ja, wenn ich so daran denke, noch ein paar
Augenblicke, und ich werde verheiratet sein. Wie lange noch, ... und ich
werde alle Wonnen auskosten, wie sie eigentlich doch nur im Märchen
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vorkommen. Eine Seligkeit, die sich nicht ausdrücken läßt, und für die sich
keine Worte finden lassen. (Pause.) Übrigens mag man sagen, was man will,
aber es wird einem beinahe unheimlich zumute, wenn man sich das alles so
genau vorstellt! ... Sich für immer ... für das ganze Leben, sei dem, wie ihm
wolle ... sich für das ganze Leben zu binden. Denn: dann gibt’s keine Reue
mehr ... keine Ausrede ... nichts, nichts mehr ... dann ist’s vorbei ... dann ist
alles zu Ende! Ja, eigentlich könnte ich ja schon jetzt nicht mehr zurück.
Noch ein paar Augenblicke, ... und man steckt im Joch! Nicht mal
durchgehen könnte man mehr ... dort unten steht schon der Wagen, ... und ...
alles ist schon vorbereitet! ...
Wie? Sollte es denn wahrhaftig kein Zurück mehr geben? Natürlich, jetzt
geht’s nicht mehr! Dort in der Tür und überall stehen Menschen. Wie? ... sie
würden fragen: ... He, was ist los? ... Nein, nein, es geht nicht mehr! Doch
halt, da ist ja ein offenes Fenster! Wie, wenn ... wenn, wenn ich da
hinausspränge? ... Nein, unmöglich ... Das würde sich nicht schicken ... Und
dann ... ist es ja wohl auch zu hoch ... (Er geht ans Fenster.) Na, gar so hoch ist’s
eigentlich nicht! Es sind ja nur die Grundmauern, und die sind ja gar nicht
so hoch. Aber nein, ich habe ja nicht einmal meinen Hut bei mir! ... So,
ohne Hut ... das würde sich wirklich nicht passen! Hm, wie ... Sollte es
wirklich nicht ohne Hut gehen? ... Hm, wie, wenn man es vielleicht doch
versuchte! ... Soll ich es wagen? ... Wie? ... (Er steigt auf die Fensterbank und springt
hinunter mit den Worten:) Gott steh mir bei! (Man hört ihn draußen ächzen und stöhnen.)
Mein Gott, das ist aber verdammt hoch! ... He, Kutscher! ...
S ti m m e ein es Dr osch ken - Kutscher s. Soll ich vorfahren?
P odkol iessin s S ti m m e. Nach dem Kanal, an der Semjonowschen
Brücke.
Di e S t im m e des Kutscher s. Einen Groschen, gnädiger Herr, das ist
nicht zu viel.
P odkol iessin s S t im m e. Na, schön ... Nur los!
(Man hört die Droschke fortrollen.)
21. Auftritt
Ag at h e Tich ono wna (im Brautkleide, tritt mit verschämt gesenktem Blick herein).
Ich weiß selbst nicht, was in mir vorgeht. Ich schäme mich schon wieder
und zittre am ganzen Körper; ach, wenn er doch nur einen Augenblick, nur
keine Worte finden lassen. (Pause.) Übrigens mag man sagen, was man will,
aber es wird einem beinahe unheimlich zumute, wenn man sich das alles so
genau vorstellt! ... Sich für immer ... für das ganze Leben, sei dem, wie ihm
wolle ... sich für das ganze Leben zu binden. Denn: dann gibt’s keine Reue
mehr ... keine Ausrede ... nichts, nichts mehr ... dann ist’s vorbei ... dann ist
alles zu Ende! Ja, eigentlich könnte ich ja schon jetzt nicht mehr zurück.
Noch ein paar Augenblicke, ... und man steckt im Joch! Nicht mal
durchgehen könnte man mehr ... dort unten steht schon der Wagen, ... und ...
alles ist schon vorbereitet! ...
Wie? Sollte es denn wahrhaftig kein Zurück mehr geben? Natürlich, jetzt
geht’s nicht mehr! Dort in der Tür und überall stehen Menschen. Wie? ... sie
würden fragen: ... He, was ist los? ... Nein, nein, es geht nicht mehr! Doch
halt, da ist ja ein offenes Fenster! Wie, wenn ... wenn, wenn ich da
hinausspränge? ... Nein, unmöglich ... Das würde sich nicht schicken ... Und
dann ... ist es ja wohl auch zu hoch ... (Er geht ans Fenster.) Na, gar so hoch ist’s
eigentlich nicht! Es sind ja nur die Grundmauern, und die sind ja gar nicht
so hoch. Aber nein, ich habe ja nicht einmal meinen Hut bei mir! ... So,
ohne Hut ... das würde sich wirklich nicht passen! Hm, wie ... Sollte es
wirklich nicht ohne Hut gehen? ... Hm, wie, wenn man es vielleicht doch
versuchte! ... Soll ich es wagen? ... Wie? ... (Er steigt auf die Fensterbank und springt
hinunter mit den Worten:) Gott steh mir bei! (Man hört ihn draußen ächzen und stöhnen.)
Mein Gott, das ist aber verdammt hoch! ... He, Kutscher! ...
S ti m m e ein es Dr osch ken - Kutscher s. Soll ich vorfahren?
P odkol iessin s S ti m m e. Nach dem Kanal, an der Semjonowschen
Brücke.
Di e S t im m e des Kutscher s. Einen Groschen, gnädiger Herr, das ist
nicht zu viel.
P odkol iessin s S t im m e. Na, schön ... Nur los!
(Man hört die Droschke fortrollen.)
21. Auftritt
Ag at h e Tich ono wna (im Brautkleide, tritt mit verschämt gesenktem Blick herein).
Ich weiß selbst nicht, was in mir vorgeht. Ich schäme mich schon wieder
und zittre am ganzen Körper; ach, wenn er doch nur einen Augenblick, nur
Page 204
gerade jetzt nicht im Zimmer wäre! Möcht’ er doch nur fortgegangen sein!
(Sich ängstlich umblickend.) Ja, wo ist er denn nur? Niemand hier? Wo ist er denn
nur hinausgegangen? (Sie öffnet die Tür ins Vorzimmer und ruft) Thekla, wo ist Iwan
Kusmitsch hingegangen? ...
T hekl as S ti m m e. Er ist doch drinnen!
Ag at h e Ti ch o nown a. Wo drinnen?
T hekl a (eintretend). Na, er saß doch noch eben hier im Zimmer.
Ag at h e Ti cho n owna. Aber er ist doch nicht da, das siehst du doch
selbst.
T hekl a. Aus dem Zimmer ist er aber auch nicht herausgekommen! Ich
hab’ doch die ganze Zeit im Flur gesessen.
Ag at h e Ti ch o nown a. Ja, wo kann er bloß sein?
T hekl a. Wahrhaftigen Gott, ich weiß nicht wo. Er ist doch nicht etwa
durch die andere Tür, die Hintertreppe hinuntergelaufen? ... Oder nein ...
gewiß sitzt er in Arina Panteleimonownas Zimmer.
Ag at h e Ti ch o nown a. Tantchen! Tantchen!
22. Auftritt
Die Vorigen. Arina Panteleimonowna.
Ar in a P an t el ei m ono wna (festlich gekleidet). Was ist los?
Ag at h e Ti ch o nown a. Ist Iwan Kusmitsch bei Ihnen?
Ar in a P ant elei m onown a. Nein, er muß doch hier sein. Er war gar
nicht bei mir.
T hekl a. Und im Vorzimmer war er auch nicht. Die ganze Zeit über saß
ich draußen ...
Ag at h e Ti ch ono wna. Nun und hier ist er auch nicht, das seht ihr
selbst.
23. Auftritt
Die Vorigen und Kotschkarjow.
Ko tschkar j ow. Nun? Was ist passiert? ...
Ag at h e Ti ch o nown a. Iwan Kusmitsch ist fort.
Ko tschkar j ow. Wie? Fort? Ist er denn fortgegangen?
(Sich ängstlich umblickend.) Ja, wo ist er denn nur? Niemand hier? Wo ist er denn
nur hinausgegangen? (Sie öffnet die Tür ins Vorzimmer und ruft) Thekla, wo ist Iwan
Kusmitsch hingegangen? ...
T hekl as S ti m m e. Er ist doch drinnen!
Ag at h e Ti ch o nown a. Wo drinnen?
T hekl a (eintretend). Na, er saß doch noch eben hier im Zimmer.
Ag at h e Ti cho n owna. Aber er ist doch nicht da, das siehst du doch
selbst.
T hekl a. Aus dem Zimmer ist er aber auch nicht herausgekommen! Ich
hab’ doch die ganze Zeit im Flur gesessen.
Ag at h e Ti ch o nown a. Ja, wo kann er bloß sein?
T hekl a. Wahrhaftigen Gott, ich weiß nicht wo. Er ist doch nicht etwa
durch die andere Tür, die Hintertreppe hinuntergelaufen? ... Oder nein ...
gewiß sitzt er in Arina Panteleimonownas Zimmer.
Ag at h e Ti ch o nown a. Tantchen! Tantchen!
22. Auftritt
Die Vorigen. Arina Panteleimonowna.
Ar in a P an t el ei m ono wna (festlich gekleidet). Was ist los?
Ag at h e Ti ch o nown a. Ist Iwan Kusmitsch bei Ihnen?
Ar in a P ant elei m onown a. Nein, er muß doch hier sein. Er war gar
nicht bei mir.
T hekl a. Und im Vorzimmer war er auch nicht. Die ganze Zeit über saß
ich draußen ...
Ag at h e Ti ch ono wna. Nun und hier ist er auch nicht, das seht ihr
selbst.
23. Auftritt
Die Vorigen und Kotschkarjow.
Ko tschkar j ow. Nun? Was ist passiert? ...
Ag at h e Ti ch o nown a. Iwan Kusmitsch ist fort.
Ko tschkar j ow. Wie? Fort? Ist er denn fortgegangen?
Page 205
Ag at h e Tich ono wna. Nein, er ist nicht da, und fortgegangen ist er
auch nicht.
Ko tschkar j ow. Wie ist das möglich? Fort? Und doch nicht
weggegangen?
T hekl a. Wo kann er nur hin sein? Das will mir nicht in den Kopf! Die
ganze Zeit über saß ich im Vorzimmer. Nicht vom Fleck habe ich mich
gerührt.
Ar in a P an tel ei m ono wna. Aber über die Hintertreppe kann er auch
nicht gegangen sein.
Ko tschkar j ow. Was bedeutet das zum Teufel? ... Er kann doch nicht
einfach verschwunden sein ... wenn er das Zimmer nicht verlassen hat.
Vielleicht versteckt er sich irgendwo. Iwan Kusmitsch, wo bist du? Mach
doch keine faulen Witze! Komm schnell her! Was sollen denn die dummen
Späße? Es ist höchste Zeit, zur Kirche zu fahren. (Er guckt in den Schrank und wirft
sogar flüchtige Blicke unter die Stühle.) Unbegreiflich! Doch nein, fort kann er ja
nicht sein! Das ist vollständig ausgeschlossen! Er ist hier! Dort im Zimmer
liegt ja sein Hut. Ich hatte ihn ja absichtlich dorthin gelegt.
Ar in a P an telei m onown a. Ich will doch mal das Mädchen fragen. Sie
hat die ganze Zeit über auf der Straße gestanden. Dunjaschka! ...
Dunjaschka! ...
24. Auftritt
Die Vorigen und Dunjaschka.
Ar in a P ant eleim o nown a. Wo ist Iwan Kusmitsch? Hast du ihn nicht
gesehen?
Du nj asch ka. Gewiß! Der Herr sind ja aus dem Fenster gesprungen.
Ag at h e Ti ch o nown a (schreit auf und schlägt die Hände zusammen).
Al l e. Aus dem Fenster? ...
Du nj asch ka. Jawohl, aus dem Fenster! Dann haben sie sich eine
Droschke genommen und sind losgefahren.
Ar in a P an t el ei m ono wna. Ist es denn auch wahr, was du da schwatzt?
Ko tschkar j ow. Du lügst! Das kann nicht sein!
Du nj asch ka. Gott helfe mir, sie sind rausgesprungen! Auch der
Kaufmann nebenan im Kramladen hat’s gesehen. Eine Droschke für einen
Groschen haben sie genommen und sind fortgefahren.
auch nicht.
Ko tschkar j ow. Wie ist das möglich? Fort? Und doch nicht
weggegangen?
T hekl a. Wo kann er nur hin sein? Das will mir nicht in den Kopf! Die
ganze Zeit über saß ich im Vorzimmer. Nicht vom Fleck habe ich mich
gerührt.
Ar in a P an tel ei m ono wna. Aber über die Hintertreppe kann er auch
nicht gegangen sein.
Ko tschkar j ow. Was bedeutet das zum Teufel? ... Er kann doch nicht
einfach verschwunden sein ... wenn er das Zimmer nicht verlassen hat.
Vielleicht versteckt er sich irgendwo. Iwan Kusmitsch, wo bist du? Mach
doch keine faulen Witze! Komm schnell her! Was sollen denn die dummen
Späße? Es ist höchste Zeit, zur Kirche zu fahren. (Er guckt in den Schrank und wirft
sogar flüchtige Blicke unter die Stühle.) Unbegreiflich! Doch nein, fort kann er ja
nicht sein! Das ist vollständig ausgeschlossen! Er ist hier! Dort im Zimmer
liegt ja sein Hut. Ich hatte ihn ja absichtlich dorthin gelegt.
Ar in a P an telei m onown a. Ich will doch mal das Mädchen fragen. Sie
hat die ganze Zeit über auf der Straße gestanden. Dunjaschka! ...
Dunjaschka! ...
24. Auftritt
Die Vorigen und Dunjaschka.
Ar in a P ant eleim o nown a. Wo ist Iwan Kusmitsch? Hast du ihn nicht
gesehen?
Du nj asch ka. Gewiß! Der Herr sind ja aus dem Fenster gesprungen.
Ag at h e Ti ch o nown a (schreit auf und schlägt die Hände zusammen).
Al l e. Aus dem Fenster? ...
Du nj asch ka. Jawohl, aus dem Fenster! Dann haben sie sich eine
Droschke genommen und sind losgefahren.
Ar in a P an t el ei m ono wna. Ist es denn auch wahr, was du da schwatzt?
Ko tschkar j ow. Du lügst! Das kann nicht sein!
Du nj asch ka. Gott helfe mir, sie sind rausgesprungen! Auch der
Kaufmann nebenan im Kramladen hat’s gesehen. Eine Droschke für einen
Groschen haben sie genommen und sind fortgefahren.
Page 206
Ar in a P antelei m on own a (auf Kotschkarjow zugehend). Wie, mein Herr,
wollen Sie uns verhöhnen? Wollen Sie Ihren Spott mit uns treiben? ... Uns
an den Pranger stellen? ... Bald sechzig bin ich jetzt, aber solche Schande
hab’ ich noch nicht erlebt. Wahrhaftig Herr, ich spucke Ihnen ins Gesicht,
wenn Sie ein ehrlicher Mensch sind! Ein Schuft sind Sie, wenn Sie ein
ehrlicher Mensch sind! Ein armes Mädchen so vor der ganzen Welt zu
beschimpfen. Ich bin ja nur eine einfache Frau, aber so was hätte ich
niemals fertig gebracht! Und das will noch ein Adliger sein! Aber man
sieht, euer Adel reicht auch nur für allerhand Gaunereien und
Schweinereien. (Sie geht wütend ab, die Braut hinter sich herziehend.)
Ko tschkar j ow (steht wie niedergeschmettert da).
T hekl a. He, so, so sieht also der Herr aus, der seine Sache so gut
versteht? He, wollte eine Heirat zustande bringen ... ohne die
Heiratsvermittlerin! Mögen meine Freier sein, wie sie wollen, gerupft und
gezupft und weiß Gott wie, aber solche, die zum Fenster hinausspringen,
solche findst du bei mir nicht! Haltet zu Gnaden, mein gnädiger Herr.
Ko tschkar j ow. Aber das ist ja alles Unsinn! Das stimmt ja alles nicht!
Ich laufe hin zu ihm und hol’ ihn zurück! (Ab.)
T hekl a. Ja, hol ihn nur wieder! ... Du kennst wohl das Heiratsgeschäft
nicht ... Wäre er noch zur Türe hinausgelaufen, dann ging’s allenfalls noch
an; ... aber wenn der Bräutigam durchs Fenster hoppst ... da ... gesegnete
Mahlzeit! ... Alle Achtung, gnädiger Herr! ...
wollen Sie uns verhöhnen? Wollen Sie Ihren Spott mit uns treiben? ... Uns
an den Pranger stellen? ... Bald sechzig bin ich jetzt, aber solche Schande
hab’ ich noch nicht erlebt. Wahrhaftig Herr, ich spucke Ihnen ins Gesicht,
wenn Sie ein ehrlicher Mensch sind! Ein Schuft sind Sie, wenn Sie ein
ehrlicher Mensch sind! Ein armes Mädchen so vor der ganzen Welt zu
beschimpfen. Ich bin ja nur eine einfache Frau, aber so was hätte ich
niemals fertig gebracht! Und das will noch ein Adliger sein! Aber man
sieht, euer Adel reicht auch nur für allerhand Gaunereien und
Schweinereien. (Sie geht wütend ab, die Braut hinter sich herziehend.)
Ko tschkar j ow (steht wie niedergeschmettert da).
T hekl a. He, so, so sieht also der Herr aus, der seine Sache so gut
versteht? He, wollte eine Heirat zustande bringen ... ohne die
Heiratsvermittlerin! Mögen meine Freier sein, wie sie wollen, gerupft und
gezupft und weiß Gott wie, aber solche, die zum Fenster hinausspringen,
solche findst du bei mir nicht! Haltet zu Gnaden, mein gnädiger Herr.
Ko tschkar j ow. Aber das ist ja alles Unsinn! Das stimmt ja alles nicht!
Ich laufe hin zu ihm und hol’ ihn zurück! (Ab.)
T hekl a. Ja, hol ihn nur wieder! ... Du kennst wohl das Heiratsgeschäft
nicht ... Wäre er noch zur Türe hinausgelaufen, dann ging’s allenfalls noch
an; ... aber wenn der Bräutigam durchs Fenster hoppst ... da ... gesegnete
Mahlzeit! ... Alle Achtung, gnädiger Herr! ...
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Dramatische Fragmente
und
Einzelne Szenen
(1832-1837)
und
Einzelne Szenen
(1832-1837)
Page 208
Die Spieler
Deutsch von
Gr ego r i us I telson
Deutsch von
Gr ego r i us I telson
Page 209
Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt
Alle Rechte vorbehalten
Alle Rechte vorbehalten
Page 210
„Geschichten aus alten Zeiten ...“
1. Auftritt
(Ein Zimmer in einem städtischen Gasthaus.)
Icharew kommt in Begleitung des Hoteldieners Alexej und seines eigenen Dieners
Gawrjuschka.
Al exej. Bitte, bitte sehr, hier haben Sie ein Zimmerchen, das
allerruhigste; gar kein Lärm.
I ch ar ew. Lärm gibt’s wohl keinen, aber Kavallerie, Springer wohl
genug, was?
Al exej. Das heißt, Sie meinen wohl von wegen der Flöhe? Seien Sie nur
ruhig. Wenn ein Floh oder eine Wanze Sie beißen sollte, so haben wir’s zu
verantworten, das ist unsere Sache.
I ch ar ew (zu Gawrjuschka). Geh, bringe die Sachen aus dem Wagen her!
(Gawrjuschka ab; zu Alexej) Wie heißt du?
Al exej. Alexéj.
I ch ar ew. Nun höre, (mit Bedeutung) erzähl mal, wer wohnt bei euch?
Al exej. Hier wohnen jetzt viele, fast alle Zimmer sind besetzt.
I ch ar ew. Wer denn alles?
Al exej. Schwóchnew — Peter Petrowitsch, Krugel — Oberst, Stepán
Iwánowitsch Uteschítelny.
I ch ar ew. Spielen die?
Al exej. Schon die sechste Nacht hintereinander spielen sie.
I ch ar ew. Da hast du ein paar Rubelstücke. (Steckt ihm in die Hand.)
Al exej (sich verbeugend). Danke gehorsamst!
I ch ar ew. Nachher gibt’s noch mehr.
Al exej. Gehorsamsten Dank!
I ch ar ew. Spielen die untereinander?
Al exej. Nein, neulich haben sie den Leutnant Artunówsky bearbeitet;
und dem Fürsten Schenkin haben sie sechsunddreißig Tausend
abgewonnen.
1. Auftritt
(Ein Zimmer in einem städtischen Gasthaus.)
Icharew kommt in Begleitung des Hoteldieners Alexej und seines eigenen Dieners
Gawrjuschka.
Al exej. Bitte, bitte sehr, hier haben Sie ein Zimmerchen, das
allerruhigste; gar kein Lärm.
I ch ar ew. Lärm gibt’s wohl keinen, aber Kavallerie, Springer wohl
genug, was?
Al exej. Das heißt, Sie meinen wohl von wegen der Flöhe? Seien Sie nur
ruhig. Wenn ein Floh oder eine Wanze Sie beißen sollte, so haben wir’s zu
verantworten, das ist unsere Sache.
I ch ar ew (zu Gawrjuschka). Geh, bringe die Sachen aus dem Wagen her!
(Gawrjuschka ab; zu Alexej) Wie heißt du?
Al exej. Alexéj.
I ch ar ew. Nun höre, (mit Bedeutung) erzähl mal, wer wohnt bei euch?
Al exej. Hier wohnen jetzt viele, fast alle Zimmer sind besetzt.
I ch ar ew. Wer denn alles?
Al exej. Schwóchnew — Peter Petrowitsch, Krugel — Oberst, Stepán
Iwánowitsch Uteschítelny.
I ch ar ew. Spielen die?
Al exej. Schon die sechste Nacht hintereinander spielen sie.
I ch ar ew. Da hast du ein paar Rubelstücke. (Steckt ihm in die Hand.)
Al exej (sich verbeugend). Danke gehorsamst!
I ch ar ew. Nachher gibt’s noch mehr.
Al exej. Gehorsamsten Dank!
I ch ar ew. Spielen die untereinander?
Al exej. Nein, neulich haben sie den Leutnant Artunówsky bearbeitet;
und dem Fürsten Schenkin haben sie sechsunddreißig Tausend
abgewonnen.
Page 211
I ch ar ew. Hier hast du noch einen roten Lappen. Wenn du mir ehrlich
dienst, kriegst du noch. Gestehe doch, die Karten hast du gekauft?
Al exej. Nein, die haben sie selbst gekauft.
I ch ar ew. Bei wem?
Al exej. Bei dem hiesigen Kaufmann Wachraméjkin.
I ch ar ew. Du lügst, Schwindler!
Al exej. Bei Gott!
I ch ar ew. Gut, wir werden später mit dir verhandeln. (Gawrjuschka bringt eine
Schatulle.) Stelle sie hierher. Jetzt geht und bringt mir etwas zum Waschen
und zum Rasieren. (Die Diener ab.)
2. Auftritt.
Icharew allein.
Öffnet die Schatulle, die ganz mit Kartenspielen gefüllt ist.
I ch ar ew. Ist das ein Anblick, was? Jedes Dutzend von Gold! Mit
Schweiß, mit Mühe ist jedes hergestellt. Eine Kleinigkeit, bis jetzt
flimmert’s mir noch vor den Augen von diesen verdammten Sprenkeln.
Aber dafür ist’s ein wahres Kapital! Man kann’s den Kindern als Erbteil
hinterlassen. Da ist es, das schicksalschwere Päckchen. Einfach eine Perle!
Dafür hat es auch einen Namen, jawohl: Adelaida Iwanowna. Diene mir
nur, mein Liebchen, so wie dein Schwesterchen mir gedient hat; gewinne
mir ebenfalls achtzig Tausend, so werde ich dir ein Marmordenkmal setzen,
wenn ich auf das Gut komme; in Moskau werde ich es bestellen. (Hört ein
Geräusch und schließt schnell die Schatulle zu.)
3. Auftritt
Alexej und Gawrjuschka bringen eine Waschschüssel, einen Wasserkrug und ein Handtuch.
I ch ar ew. Sind die Herren jetzt zu Hause?
Al exej. Ja wohl, sie sind jetzt im Salon.
dienst, kriegst du noch. Gestehe doch, die Karten hast du gekauft?
Al exej. Nein, die haben sie selbst gekauft.
I ch ar ew. Bei wem?
Al exej. Bei dem hiesigen Kaufmann Wachraméjkin.
I ch ar ew. Du lügst, Schwindler!
Al exej. Bei Gott!
I ch ar ew. Gut, wir werden später mit dir verhandeln. (Gawrjuschka bringt eine
Schatulle.) Stelle sie hierher. Jetzt geht und bringt mir etwas zum Waschen
und zum Rasieren. (Die Diener ab.)
2. Auftritt.
Icharew allein.
Öffnet die Schatulle, die ganz mit Kartenspielen gefüllt ist.
I ch ar ew. Ist das ein Anblick, was? Jedes Dutzend von Gold! Mit
Schweiß, mit Mühe ist jedes hergestellt. Eine Kleinigkeit, bis jetzt
flimmert’s mir noch vor den Augen von diesen verdammten Sprenkeln.
Aber dafür ist’s ein wahres Kapital! Man kann’s den Kindern als Erbteil
hinterlassen. Da ist es, das schicksalschwere Päckchen. Einfach eine Perle!
Dafür hat es auch einen Namen, jawohl: Adelaida Iwanowna. Diene mir
nur, mein Liebchen, so wie dein Schwesterchen mir gedient hat; gewinne
mir ebenfalls achtzig Tausend, so werde ich dir ein Marmordenkmal setzen,
wenn ich auf das Gut komme; in Moskau werde ich es bestellen. (Hört ein
Geräusch und schließt schnell die Schatulle zu.)
3. Auftritt
Alexej und Gawrjuschka bringen eine Waschschüssel, einen Wasserkrug und ein Handtuch.
I ch ar ew. Sind die Herren jetzt zu Hause?
Al exej. Ja wohl, sie sind jetzt im Salon.
Page 212
I ch ar ew. Ich werde mal hingehen und nachsehen, was für Leute das
sind. (Ab.)
4. Auftritt
Alexej und Gawrjuschka.
Al exej. Kommt ihr von weitem her?
Gawr j uschk a. Aus Rjasán.
Al exej. Seid ihr selbst auch aus jenem Gouvernement?
Gawr j uschk a. Nein, wir selber sind aus dem Smolénskischen.
Al exej. So, so! Also, das heißt, das Gut ist im Smolenskischen?
Gawr j uschk a. Nein, nicht im Smolenskischen. Im Smolenskischen
haben wir hundert Seelen und im Kalúgischen achtzig.
Al exej. Ich verstehe schon, also in zwei Gouvernements.
Gawr j uschk a. Jawohl, in zwei Gouvernements. Da ist bei uns an
Dienerschaft: Ignát der Buffetier, Pawlúscha, der früher mit dem Herrn
reiste, Gerássim, der Lakai, Iwán, ebenfalls Lakai, Iwán, der Hundeknecht,
noch einmal Iwán, der Musikant, dann der Koch Grigórij, der Koch
Semjón, Baruch, der Gärtner, Deméntij, der Kutscher — so ist es bei uns!
5. Auftritt
Dieselben; Krugel, Schwochnew, vorsichtig eintretend.
Kr ug el. Wahrhaftig, ich fürchte, daß er uns hier antreffe.
S chw och n ew. Tut nichts, Stepan Iwanowitsch wird ihn aufhalten. (Zu
Alexej.) Geh, Lieber, man ruft dich. (Alexej ab. Schwochnew vorsichtig an Gawrjuschka
herantretend.) Woher ist dein Herr?
Gawr j uschk a. Jetzt kommt er aus Rjasán.
S chw och n ew. Gutsbesitzer?
Gawr j uschk a. Gutsbesitzer.
S chw och n ew. Spielt?
Gawr j uschk a. Spielt.
sind. (Ab.)
4. Auftritt
Alexej und Gawrjuschka.
Al exej. Kommt ihr von weitem her?
Gawr j uschk a. Aus Rjasán.
Al exej. Seid ihr selbst auch aus jenem Gouvernement?
Gawr j uschk a. Nein, wir selber sind aus dem Smolénskischen.
Al exej. So, so! Also, das heißt, das Gut ist im Smolenskischen?
Gawr j uschk a. Nein, nicht im Smolenskischen. Im Smolenskischen
haben wir hundert Seelen und im Kalúgischen achtzig.
Al exej. Ich verstehe schon, also in zwei Gouvernements.
Gawr j uschk a. Jawohl, in zwei Gouvernements. Da ist bei uns an
Dienerschaft: Ignát der Buffetier, Pawlúscha, der früher mit dem Herrn
reiste, Gerássim, der Lakai, Iwán, ebenfalls Lakai, Iwán, der Hundeknecht,
noch einmal Iwán, der Musikant, dann der Koch Grigórij, der Koch
Semjón, Baruch, der Gärtner, Deméntij, der Kutscher — so ist es bei uns!
5. Auftritt
Dieselben; Krugel, Schwochnew, vorsichtig eintretend.
Kr ug el. Wahrhaftig, ich fürchte, daß er uns hier antreffe.
S chw och n ew. Tut nichts, Stepan Iwanowitsch wird ihn aufhalten. (Zu
Alexej.) Geh, Lieber, man ruft dich. (Alexej ab. Schwochnew vorsichtig an Gawrjuschka
herantretend.) Woher ist dein Herr?
Gawr j uschk a. Jetzt kommt er aus Rjasán.
S chw och n ew. Gutsbesitzer?
Gawr j uschk a. Gutsbesitzer.
S chw och n ew. Spielt?
Gawr j uschk a. Spielt.
Page 213
S chw och n ew. Hier hast du einen Roten (gibt ihm das Papiergeld), erzähl mir
alles.
Gawr j uschk a. Werden Sie aber dem Herrn auch nichts sagen?
B ei de. I wo, hab keine Angst.
S chw och n ew. Wie, ist er jetzt bei Gewinn, was?
Gawr j uschk a. Kennen Sie den Oberst Tschebotaróff?
S chw och n ew. Nein! Warum?
Gawr j uschk a. Vor drei Wochen haben wir ihm achtzig Tausend in Geld
abgewonnen, einen Warschauer Wagen, eine Schatulle, einen Teppich und
mehrere Paar goldene Epaulettes, an reinem Gold sechshundert Rubel.
S chw och n ew (sieht Krugel bedeutungsvoll an). He! Achtzigtausend? (Krugel
schüttelt den Kopf.) Glaubst du, es ist eine reine Sache? Das wollen wir gleich
erfahren. Hör mal, Gawrjuschka, wenn dein Herr allein zu Hause bleibt,
was macht er dann?
Gawr j uschk a. Was heißt das: was macht er? Was soll er denn machen?
Er ist ein Herr, er hält sich gut, er tut gar nichts.
S chw och n ew. Du lügst; er läßt wohl die Karten nicht aus der Hand?
Gawr j uschk a. Das kann ich nicht wissen. Ich reise erst zwei Wochen
mit dem Herrn; früher reiste immer Pawluscha mit ihm. Wir haben auch
Gerassim, den Lakai, noch mal Iwan, den Lakai, Iwan, den Hundeknecht,
Iwan, den Musikanten, Dementij, den Kutscher, und neulich haben wir uns
aus dem Dorfe noch einen geholt.
S chw och n ew (zu Krugel). Was glaubst du? Ein Falschspieler?
Kr ug el. Sehr möglich.
S chw och n ew. Na, probieren müssen wir’s doch.
(Beide schnell ab.)
6. Auftritt
Gawr j uschk a (allein). Geschickte Herren, aber fürs Papiergeld besten
Dank. Dafür kriegt Matrjóna eine Haube und die Bengels Pfefferkuchen.
Ach, wie liebe ich das Leben auf Reisen! Da fällt ja immer etwas ab. Der
Herr schickt mal, was einzukaufen, da kann man schon ein
Zehnkopekenstück vom Rubel in die Tasche legen. Wenn man bedenkt, was
für ein schönes Leben die Herren haben: wohin du willst, da reist du hin.
alles.
Gawr j uschk a. Werden Sie aber dem Herrn auch nichts sagen?
B ei de. I wo, hab keine Angst.
S chw och n ew. Wie, ist er jetzt bei Gewinn, was?
Gawr j uschk a. Kennen Sie den Oberst Tschebotaróff?
S chw och n ew. Nein! Warum?
Gawr j uschk a. Vor drei Wochen haben wir ihm achtzig Tausend in Geld
abgewonnen, einen Warschauer Wagen, eine Schatulle, einen Teppich und
mehrere Paar goldene Epaulettes, an reinem Gold sechshundert Rubel.
S chw och n ew (sieht Krugel bedeutungsvoll an). He! Achtzigtausend? (Krugel
schüttelt den Kopf.) Glaubst du, es ist eine reine Sache? Das wollen wir gleich
erfahren. Hör mal, Gawrjuschka, wenn dein Herr allein zu Hause bleibt,
was macht er dann?
Gawr j uschk a. Was heißt das: was macht er? Was soll er denn machen?
Er ist ein Herr, er hält sich gut, er tut gar nichts.
S chw och n ew. Du lügst; er läßt wohl die Karten nicht aus der Hand?
Gawr j uschk a. Das kann ich nicht wissen. Ich reise erst zwei Wochen
mit dem Herrn; früher reiste immer Pawluscha mit ihm. Wir haben auch
Gerassim, den Lakai, noch mal Iwan, den Lakai, Iwan, den Hundeknecht,
Iwan, den Musikanten, Dementij, den Kutscher, und neulich haben wir uns
aus dem Dorfe noch einen geholt.
S chw och n ew (zu Krugel). Was glaubst du? Ein Falschspieler?
Kr ug el. Sehr möglich.
S chw och n ew. Na, probieren müssen wir’s doch.
(Beide schnell ab.)
6. Auftritt
Gawr j uschk a (allein). Geschickte Herren, aber fürs Papiergeld besten
Dank. Dafür kriegt Matrjóna eine Haube und die Bengels Pfefferkuchen.
Ach, wie liebe ich das Leben auf Reisen! Da fällt ja immer etwas ab. Der
Herr schickt mal, was einzukaufen, da kann man schon ein
Zehnkopekenstück vom Rubel in die Tasche legen. Wenn man bedenkt, was
für ein schönes Leben die Herren haben: wohin du willst, da reist du hin.
Page 214
Hast du’s in Smolénsk satt, gehst du nach Rjasán, willst du nicht nach
Rjasán, so nach Kasán, willst du nicht nach Kasán, dann direkt nach
Jarosláw. Aber das eine weiß ich bis jetzt nicht, welche von diesen Städten
ist ziviler: Rjasán oder Kasán? Kasán wird wohl ziviler sein, denn in Kasán
...
7. Auftritt
Icharew, Gawrjuschka, nachher Alexej.
I ch ar ew. Sie haben nichts Besonderes an sich, wie mir scheint.
Übrigens ... Ach, wie möchte ich sie gern rupfen! Lieber Gott, wie möcht’
ich’s so gern! Wenn ich daran denke, wahrhaftig, so kriege ich Herzklopfen!
(Nimmt eine Bürste und Seife, setzt sich vor den Spiegel und fängt an, sich zu rasieren.) Die
Hand zittert mir, ich kann mich nicht rasieren. (Alexej tritt ein.)
Al exej. Befehlen Sie — etwas zu essen?
I ch ar ew. Gewiß, gewiß, bring etwas Imbiß für vier Personen: Kaviar,
Lachs und vier Flaschen Wein, und gib ihm auch zu essen. (Zeigt auf
Gawrjuschka.)
Al exej (zu Gawrjuschka). Bitte nach der Küche, da steht für Sie was bereit.
(Gawrjuschka ab.)
I ch ar ew (sich rasierend). Hör mal, haben sie dir viel gegeben?
Al exej. Wer denn?
I ch ar ew. Nun, mach keine Faxen, sprich!
Al exej. Jawohl, sie haben mir was für Bedienung geschenkt.
I ch ar ew. Wieviel? Fünfzig Rubel?
Al exej. Jawohl, fünfzig haben sie mir gegeben.
I ch ar ew. Von mir kriegst du nicht fünfzig, sondern — siehst du, dort auf
dem Tisch, da liegt ein Hundertrubelschein, nimm ihn dir. Hab keine Angst,
er beißt nicht. Von dir wird nichts mehr verlangt, als Ehrlichkeit, verstehst
du? Die Karten mögen beim Wachramejkin oder bei einem anderen
Kaufmann gekauft werden, das geht mich nichts weiter an. Aber hier hast
du als Zugabe noch ein Dutzend Kartenspiele von mir. (Gibt ihm ein versiegeltes
Paket.) Hast du verstanden?
Al exej. Was ist denn da nicht zu verstehen? Sie können sich darauf
verlassen, das ist schon meine Sache.
Rjasán, so nach Kasán, willst du nicht nach Kasán, dann direkt nach
Jarosláw. Aber das eine weiß ich bis jetzt nicht, welche von diesen Städten
ist ziviler: Rjasán oder Kasán? Kasán wird wohl ziviler sein, denn in Kasán
...
7. Auftritt
Icharew, Gawrjuschka, nachher Alexej.
I ch ar ew. Sie haben nichts Besonderes an sich, wie mir scheint.
Übrigens ... Ach, wie möchte ich sie gern rupfen! Lieber Gott, wie möcht’
ich’s so gern! Wenn ich daran denke, wahrhaftig, so kriege ich Herzklopfen!
(Nimmt eine Bürste und Seife, setzt sich vor den Spiegel und fängt an, sich zu rasieren.) Die
Hand zittert mir, ich kann mich nicht rasieren. (Alexej tritt ein.)
Al exej. Befehlen Sie — etwas zu essen?
I ch ar ew. Gewiß, gewiß, bring etwas Imbiß für vier Personen: Kaviar,
Lachs und vier Flaschen Wein, und gib ihm auch zu essen. (Zeigt auf
Gawrjuschka.)
Al exej (zu Gawrjuschka). Bitte nach der Küche, da steht für Sie was bereit.
(Gawrjuschka ab.)
I ch ar ew (sich rasierend). Hör mal, haben sie dir viel gegeben?
Al exej. Wer denn?
I ch ar ew. Nun, mach keine Faxen, sprich!
Al exej. Jawohl, sie haben mir was für Bedienung geschenkt.
I ch ar ew. Wieviel? Fünfzig Rubel?
Al exej. Jawohl, fünfzig haben sie mir gegeben.
I ch ar ew. Von mir kriegst du nicht fünfzig, sondern — siehst du, dort auf
dem Tisch, da liegt ein Hundertrubelschein, nimm ihn dir. Hab keine Angst,
er beißt nicht. Von dir wird nichts mehr verlangt, als Ehrlichkeit, verstehst
du? Die Karten mögen beim Wachramejkin oder bei einem anderen
Kaufmann gekauft werden, das geht mich nichts weiter an. Aber hier hast
du als Zugabe noch ein Dutzend Kartenspiele von mir. (Gibt ihm ein versiegeltes
Paket.) Hast du verstanden?
Al exej. Was ist denn da nicht zu verstehen? Sie können sich darauf
verlassen, das ist schon meine Sache.
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I ch ar ew. Und die Karten verstecke ordentlich, daß man sie nicht gewahr
wird. (Legt Bürste und Seife weg und trocknet sich das Gesicht mit dem Handtuch ab. Alexej ab.)
Das wäre sehr, sehr schön. Ach, ich gestehe, ich möchte sie recht gern
hineinlegen.
8. Auftritt
Schwochnew, Krugel und Stepan Iwanowitsch Uteschitelny treten mit
Verbeugungen ein.
I ch ar ew (mit einer Verbeugung ihnen entgegenkommend). Bitte um
Entschuldigung: das Zimmer ist, wie Sie sehen, nicht besonders schön: im
ganzen vier Stühle.
Ut eschi t el n y. Die Freundlichkeiten des Hausherrn sind wertvoller, als
alle Bequemlichkeiten.
S chw och n ew. Man lebt ja nicht mit dem Zimmer, sondern mit guten
Menschen.
Ut eschi t el n y. Die reine Wahrheit. Ich könnte gar nicht ohne
Gesellschaft auskommen. (Zu Krugel.) Erinnerst du dich, mein Bester, wie ich
hierherkam, mutterseelenallein? Denken Sie sich, nicht einen einzigen
Bekannten hatte ich hier. Die Wirtin — eine alte Greisin. Auf der Treppe
irgendeine furchtbar häßliche Scheuerfrau. Da sehe ich: um sie herum
scharwenzelt ein Infanterist, scheint ganz ausgehungert ... Mit einem Wort
— eine tödliche Langeweile! Da plötzlich sendet mir das Schicksal ihn,
und nachher führt mich der Zufall mit diesem da zusammen. Nun war ich
aber froh! Ich kann keine Stunde ohne Gesellschaft von Freunden
auskommen. Alles, was ich auf der Seele habe, bin ich bereit, jedem zu
erzählen.
Kr ug el. Ja, Freundchen, das ist aber auch dein Fehler, und keineswegs
eine Tugend. Jedes Zuviel schadet, du bist vermutlich schon mehr als
einmal betrogen worden.
Ut eschi t el n y. Jawohl, ich bin betrogen worden und werde noch immer
betrogen werden, und doch kann ich ohne Aufrichtigkeit nicht leben.
Kr ug el. Nun weißt du, ich muß gestehen, das ist mir unbegreiflich! Mit
jedem aufrichtig sein! Freundschaft, das ist ganz was anderes.
Ut eschi t el n y. Das schon, aber der Mensch gehört der Gesellschaft an.
wird. (Legt Bürste und Seife weg und trocknet sich das Gesicht mit dem Handtuch ab. Alexej ab.)
Das wäre sehr, sehr schön. Ach, ich gestehe, ich möchte sie recht gern
hineinlegen.
8. Auftritt
Schwochnew, Krugel und Stepan Iwanowitsch Uteschitelny treten mit
Verbeugungen ein.
I ch ar ew (mit einer Verbeugung ihnen entgegenkommend). Bitte um
Entschuldigung: das Zimmer ist, wie Sie sehen, nicht besonders schön: im
ganzen vier Stühle.
Ut eschi t el n y. Die Freundlichkeiten des Hausherrn sind wertvoller, als
alle Bequemlichkeiten.
S chw och n ew. Man lebt ja nicht mit dem Zimmer, sondern mit guten
Menschen.
Ut eschi t el n y. Die reine Wahrheit. Ich könnte gar nicht ohne
Gesellschaft auskommen. (Zu Krugel.) Erinnerst du dich, mein Bester, wie ich
hierherkam, mutterseelenallein? Denken Sie sich, nicht einen einzigen
Bekannten hatte ich hier. Die Wirtin — eine alte Greisin. Auf der Treppe
irgendeine furchtbar häßliche Scheuerfrau. Da sehe ich: um sie herum
scharwenzelt ein Infanterist, scheint ganz ausgehungert ... Mit einem Wort
— eine tödliche Langeweile! Da plötzlich sendet mir das Schicksal ihn,
und nachher führt mich der Zufall mit diesem da zusammen. Nun war ich
aber froh! Ich kann keine Stunde ohne Gesellschaft von Freunden
auskommen. Alles, was ich auf der Seele habe, bin ich bereit, jedem zu
erzählen.
Kr ug el. Ja, Freundchen, das ist aber auch dein Fehler, und keineswegs
eine Tugend. Jedes Zuviel schadet, du bist vermutlich schon mehr als
einmal betrogen worden.
Ut eschi t el n y. Jawohl, ich bin betrogen worden und werde noch immer
betrogen werden, und doch kann ich ohne Aufrichtigkeit nicht leben.
Kr ug el. Nun weißt du, ich muß gestehen, das ist mir unbegreiflich! Mit
jedem aufrichtig sein! Freundschaft, das ist ganz was anderes.
Ut eschi t el n y. Das schon, aber der Mensch gehört der Gesellschaft an.
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Kr ug el. Er gehört wohl, aber nicht ganz.
Ut eschi t el n y. Nein, ganz.
Kr ug el. Nein, nicht ganz.
Ut eschi t el n y. Nein, ganz!
S chw och n ew (zu Uteschitelny). Streite nicht, lieber Freund, du hast
unrecht.
Ut eschi t el n y (hitzig). Nein, ich werde dirs beweisen, das ist eine Pflicht,
das ist — das ist — das ist — eine Schuldigkeit, das ist — das ist ...
S chw och n ew. Nun ist er losgegangen! Er ist nämlich furchtbar hitzig;
die ersten paar Worte von dem, was er spricht, kann man noch verstehen,
aber weiter versteht man nichts.
Ut eschi t el n y. Ich kann nicht, ich kann nicht! Wenn es die Pflicht
betrifft, so komme ich ganz außer Fassung! Ich erkläre gewöhnlich schon
von vornherein: meine Herren, wenn die Rede von so etwas Ähnlichem sein
wird, so müssen Sie schon verzeihen, ich lasse mich hinreißen, ja, ich lasse
mich hinreißen. Wie im Rausch gleichsam, und meine Galle kocht und
kocht über!
I ch ar ew (für sich). Nun, lieber Freund, ich kenn’ schon die Leute, die sich
hinreißen lassen und hitzig werden bei dem Worte Pflicht. Deine Galle wird
schon überkochen, aber nicht bei solcher Gelegenheit. (Laut.) Nun, meine
Herren, während hier über heilige Pflichten gestritten wird, wollen wir da
nicht auch ein Spielchen machen? (Während des Gespräches wird das Frühstück serviert.)
Ut eschi t el n y. Bitte, wenn’s nur ein kleines Spiel ist, warum nicht?
Kr ug el. Unschuldigen Vergnügungen bin ich nie abgeneigt.
I ch ar ew. Wie ist es, in diesem Hotel wird’s wohl Karten geben?
S chw och n ew. Oh, Sie brauchen nur zu befehlen!
I ch ar ew. Karten! (Alexej macht sich am Kartentisch zu schaffen.) Und inzwischen,
bitte, meine Herren, (zeigt mit der Hand auf den Frühstückstisch und tritt heran) der Lachs
ist, wie es scheint, nicht sonderlich, aber der Kaviar geht an.
S chw och n ew (indem er ein Stück in den Mund steckt). Nein, der Lachs ist auch
nicht übel.
Kr ug el (ebenfalls). Der Käse ist auch gut; auch der Kaviar ist nicht übel.
S chw och n ew (zu Krugel). Erinnerst du dich, was für vortrefflichen Käse
wir vor zwei Wochen gegessen haben?
Kr ug el. Nein, nie in meinem Leben werde ich den Käse vergessen, den
ich bei Peter Alexándrowitsch Alexándrow gegessen habe.
Ut eschi t el n y. Nein, ganz.
Kr ug el. Nein, nicht ganz.
Ut eschi t el n y. Nein, ganz!
S chw och n ew (zu Uteschitelny). Streite nicht, lieber Freund, du hast
unrecht.
Ut eschi t el n y (hitzig). Nein, ich werde dirs beweisen, das ist eine Pflicht,
das ist — das ist — das ist — eine Schuldigkeit, das ist — das ist ...
S chw och n ew. Nun ist er losgegangen! Er ist nämlich furchtbar hitzig;
die ersten paar Worte von dem, was er spricht, kann man noch verstehen,
aber weiter versteht man nichts.
Ut eschi t el n y. Ich kann nicht, ich kann nicht! Wenn es die Pflicht
betrifft, so komme ich ganz außer Fassung! Ich erkläre gewöhnlich schon
von vornherein: meine Herren, wenn die Rede von so etwas Ähnlichem sein
wird, so müssen Sie schon verzeihen, ich lasse mich hinreißen, ja, ich lasse
mich hinreißen. Wie im Rausch gleichsam, und meine Galle kocht und
kocht über!
I ch ar ew (für sich). Nun, lieber Freund, ich kenn’ schon die Leute, die sich
hinreißen lassen und hitzig werden bei dem Worte Pflicht. Deine Galle wird
schon überkochen, aber nicht bei solcher Gelegenheit. (Laut.) Nun, meine
Herren, während hier über heilige Pflichten gestritten wird, wollen wir da
nicht auch ein Spielchen machen? (Während des Gespräches wird das Frühstück serviert.)
Ut eschi t el n y. Bitte, wenn’s nur ein kleines Spiel ist, warum nicht?
Kr ug el. Unschuldigen Vergnügungen bin ich nie abgeneigt.
I ch ar ew. Wie ist es, in diesem Hotel wird’s wohl Karten geben?
S chw och n ew. Oh, Sie brauchen nur zu befehlen!
I ch ar ew. Karten! (Alexej macht sich am Kartentisch zu schaffen.) Und inzwischen,
bitte, meine Herren, (zeigt mit der Hand auf den Frühstückstisch und tritt heran) der Lachs
ist, wie es scheint, nicht sonderlich, aber der Kaviar geht an.
S chw och n ew (indem er ein Stück in den Mund steckt). Nein, der Lachs ist auch
nicht übel.
Kr ug el (ebenfalls). Der Käse ist auch gut; auch der Kaviar ist nicht übel.
S chw och n ew (zu Krugel). Erinnerst du dich, was für vortrefflichen Käse
wir vor zwei Wochen gegessen haben?
Kr ug el. Nein, nie in meinem Leben werde ich den Käse vergessen, den
ich bei Peter Alexándrowitsch Alexándrow gegessen habe.
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Ut eschi t el n y. Sieh mal, mein Lieber: wann ist denn der Käse
eigentlich gut? Er ist dann gut, wenn du dir nach einem Mittagessen noch
ein zweites vornimmst — das ist seine eigentliche Bestimmung. Er ist
gleichsam wie ein guter Quartiermeister; er sagt: bitte, meine Herrschaften,
hier ist noch Platz.
I ch ar ew. Bitte, meine Herrschaften, die Karten sind auf dem Tisch.
Ut eschi t el n y (an den Kartentisch herantretend). Ah, das ist nun wieder einmal
eine Sache aus alten Zeiten! Sieh mal, Schwochnew, Karten! Ha, wieviele
Jahre sind’s wohl her?
I ch ar ew (zur Seite). Na, na! Tu doch nicht so!
Ut eschi t el n y. Wollen Sie die Bank halten?
I ch ar ew. Eine kleine, gewiß! Fünfhundert Rubel! Wollen Sie abheben?
(Gibt Karten. Das Spiel fängt an. Man hört Ausrufe.)
S chw och n ew. Vier, Aß, beide zu zehn.
Ut eschi t el n y. Gib mir mal dein Kartenspiel, Liebster, ich will mir eine
Karte wählen: auf das Glück unserer Frau Adelsmarschall.
Kr ug el. Gestatten Sie mir eine Neun hinzuzufügen.
Ut eschi t el n y. Schwochnew, gib mal die Kreide! Ich schreibe an und
schreibe ab.
S chw och n ew. Hol’s der Teufel, Paroli!
Ut eschi t el n y. Und fünf Rubel Einsatz!
Kr ug el. Attendez! Gestatten Sie mir, nachzusehen, ich glaube, es
müssen noch zwei Dreien im Spiel sein.
Ut eschi t el n y (springt auf, für sich). Hol’s der Teufel, die Sache ist nicht
sauber, hier sind andere Karten, das ist augenscheinlich (Das Spiel geht weiter.)
I ch ar ew (zu Krugel). Gestatten Sie die Frage: Gelten beide?
Kr ug el. Beide!
I ch ar ew. Erhöhen Sie nicht?
Kr ug el. Nein.
I ch ar ew (zu Schwochnew). Und Sie, setzen Sie nichts?
S chw och n ew. Gestatten Sie, daß ich dieses Spiel abwarte. (Steht auf, geht
eilig auf Uteschitelny zu und sagt schnell:) Hol’s der Teufel, Liebster, er macht alle
möglichen Kunststücke. Ein Falschspieler ersten Ranges.
Ut eschi t el n y (erregt). Wollen wir denn auf die Achtzigtausend
verzichten?
S chw och n ew. Natürlich verzichten wir, wenn’s nicht geht.
eigentlich gut? Er ist dann gut, wenn du dir nach einem Mittagessen noch
ein zweites vornimmst — das ist seine eigentliche Bestimmung. Er ist
gleichsam wie ein guter Quartiermeister; er sagt: bitte, meine Herrschaften,
hier ist noch Platz.
I ch ar ew. Bitte, meine Herrschaften, die Karten sind auf dem Tisch.
Ut eschi t el n y (an den Kartentisch herantretend). Ah, das ist nun wieder einmal
eine Sache aus alten Zeiten! Sieh mal, Schwochnew, Karten! Ha, wieviele
Jahre sind’s wohl her?
I ch ar ew (zur Seite). Na, na! Tu doch nicht so!
Ut eschi t el n y. Wollen Sie die Bank halten?
I ch ar ew. Eine kleine, gewiß! Fünfhundert Rubel! Wollen Sie abheben?
(Gibt Karten. Das Spiel fängt an. Man hört Ausrufe.)
S chw och n ew. Vier, Aß, beide zu zehn.
Ut eschi t el n y. Gib mir mal dein Kartenspiel, Liebster, ich will mir eine
Karte wählen: auf das Glück unserer Frau Adelsmarschall.
Kr ug el. Gestatten Sie mir eine Neun hinzuzufügen.
Ut eschi t el n y. Schwochnew, gib mal die Kreide! Ich schreibe an und
schreibe ab.
S chw och n ew. Hol’s der Teufel, Paroli!
Ut eschi t el n y. Und fünf Rubel Einsatz!
Kr ug el. Attendez! Gestatten Sie mir, nachzusehen, ich glaube, es
müssen noch zwei Dreien im Spiel sein.
Ut eschi t el n y (springt auf, für sich). Hol’s der Teufel, die Sache ist nicht
sauber, hier sind andere Karten, das ist augenscheinlich (Das Spiel geht weiter.)
I ch ar ew (zu Krugel). Gestatten Sie die Frage: Gelten beide?
Kr ug el. Beide!
I ch ar ew. Erhöhen Sie nicht?
Kr ug el. Nein.
I ch ar ew (zu Schwochnew). Und Sie, setzen Sie nichts?
S chw och n ew. Gestatten Sie, daß ich dieses Spiel abwarte. (Steht auf, geht
eilig auf Uteschitelny zu und sagt schnell:) Hol’s der Teufel, Liebster, er macht alle
möglichen Kunststücke. Ein Falschspieler ersten Ranges.
Ut eschi t el n y (erregt). Wollen wir denn auf die Achtzigtausend
verzichten?
S chw och n ew. Natürlich verzichten wir, wenn’s nicht geht.
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Ut eschi t el n y. Nun, das ist noch die Frage, aber vorläufig müssen wir
uns mit ihm verständigen.
S chw och n ew. Wieso?
Ut eschi t el n y. Ihm einfach alles eingestehen.
S chw och n ew. Wozu denn?
Ut eschi t el n y. Das sage ich dir nachher, komm. (Gehen beide auf Icharew zu
und klopfen ihm von beiden Seiten auf die Schulter.)
Ut eschi t el n y. Verschießen Sie nicht umsonst Ihr Pulver.
I ch ar ew (zusammenfahrend). Wieso?
Ut eschi t el n y. Was ist da lange zu reden? Erkennt denn einer nicht
seinesgleichen?
I ch ar ew (höflich). Gestatten Sie die Frage, wie soll ich das verstehen?
Ut eschi t el n y. Ganz einfach, ohne überflüssige Worte und Zeremonien.
Wir haben Ihre Kunst gesehen, und seien Sie versichert, wir wissen Ihren
Wert zu schätzen. Und deshalb schlage ich Ihnen im Namen unserer
Kameraden ein Freundschaftsbündnis vor. Wenn wir unsere Kenntnisse und
Kapitalien zusammentun, können wir viel erfolgreicher arbeiten als einzeln.
I ch ar ew. In welchem Maße darf ich von der Richtigkeit Ihrer Worte
überzeugt sein?
Ut eschi t el n y. In diesem Maße: Für Aufrichtigkeit zahlen wir mit
Aufrichtigkeit. Wir gestehen Ihnen hier ganz offen, daß wir uns verabredet
haben, Sie zu beschwindeln, weil wir Sie für einen gewöhnlichen Menschen
gehalten haben. Aber jetzt sehen wir, daß Ihnen die höchsten Geheimnisse
bekannt sind. Und nun, wollen Sie unsere Freundschaft annehmen?
I ch ar ew. Zu einem so freundlichen Anerbieten kann ich nicht nein
sagen.
Ut eschi t el n y. Also reichen wir einander die Hände. (Alle drücken
nacheinander Icharew die Hand.) Von nun ab sei alles gemeinschaftlich, fort mit
Verstellung und Zeremonien! Gestatten Sie die Frage, seit wann haben Sie
angefangen, die Tiefe der Wissenschaft zu erforschen?
I ch ar ew. Ich muß gestehen, schon seit meiner frühen Jugendzeit war es
stets mein Bestreben. Schon in der Schule während der Vorlesungen des
Professors habe ich meinen Kommilitonen unter dem Tisch die Bank
gehalten.
Ut eschi t el n y. Das dachte ich mir. Eine solche Kunst kann man nicht
erwerben ohne eine Praxis in den Jahren der zartesten Jugend. Erinnerst du
dich des ungewöhnlichen Knaben, Schwochnew?
uns mit ihm verständigen.
S chw och n ew. Wieso?
Ut eschi t el n y. Ihm einfach alles eingestehen.
S chw och n ew. Wozu denn?
Ut eschi t el n y. Das sage ich dir nachher, komm. (Gehen beide auf Icharew zu
und klopfen ihm von beiden Seiten auf die Schulter.)
Ut eschi t el n y. Verschießen Sie nicht umsonst Ihr Pulver.
I ch ar ew (zusammenfahrend). Wieso?
Ut eschi t el n y. Was ist da lange zu reden? Erkennt denn einer nicht
seinesgleichen?
I ch ar ew (höflich). Gestatten Sie die Frage, wie soll ich das verstehen?
Ut eschi t el n y. Ganz einfach, ohne überflüssige Worte und Zeremonien.
Wir haben Ihre Kunst gesehen, und seien Sie versichert, wir wissen Ihren
Wert zu schätzen. Und deshalb schlage ich Ihnen im Namen unserer
Kameraden ein Freundschaftsbündnis vor. Wenn wir unsere Kenntnisse und
Kapitalien zusammentun, können wir viel erfolgreicher arbeiten als einzeln.
I ch ar ew. In welchem Maße darf ich von der Richtigkeit Ihrer Worte
überzeugt sein?
Ut eschi t el n y. In diesem Maße: Für Aufrichtigkeit zahlen wir mit
Aufrichtigkeit. Wir gestehen Ihnen hier ganz offen, daß wir uns verabredet
haben, Sie zu beschwindeln, weil wir Sie für einen gewöhnlichen Menschen
gehalten haben. Aber jetzt sehen wir, daß Ihnen die höchsten Geheimnisse
bekannt sind. Und nun, wollen Sie unsere Freundschaft annehmen?
I ch ar ew. Zu einem so freundlichen Anerbieten kann ich nicht nein
sagen.
Ut eschi t el n y. Also reichen wir einander die Hände. (Alle drücken
nacheinander Icharew die Hand.) Von nun ab sei alles gemeinschaftlich, fort mit
Verstellung und Zeremonien! Gestatten Sie die Frage, seit wann haben Sie
angefangen, die Tiefe der Wissenschaft zu erforschen?
I ch ar ew. Ich muß gestehen, schon seit meiner frühen Jugendzeit war es
stets mein Bestreben. Schon in der Schule während der Vorlesungen des
Professors habe ich meinen Kommilitonen unter dem Tisch die Bank
gehalten.
Ut eschi t el n y. Das dachte ich mir. Eine solche Kunst kann man nicht
erwerben ohne eine Praxis in den Jahren der zartesten Jugend. Erinnerst du
dich des ungewöhnlichen Knaben, Schwochnew?
Page 219
I ch ar ew. Welches Knaben?
Ut eschi t el n y. Erzähle mal.
S chw och n ew. Eine solche Begebenheit werde ich nie vergessen. Sagt
mir da einmal sein Schwager (zeigt auf Uteschitelny) Andréj Iwánowitsch
Pjátkin: „Schwochnew, willst du ein Wunder sehen? Ein Junge von elf
Jahren, der Sohn von Iwán Micháilowitsch Kubischew, macht solche
Kartenkunststücke, wie kein einziger Spieler. Reise mal nach dem
Tjetjúschischen Kreis und sieh dir’s an!“ Ich muß gestehen, ich habe mich
sofort nach dem Tjetjúschischen Kreis begeben, ich frage nach dem Dorf
des Iwan Michailowitsch Kubischew und komme direkt zu ihm. Ich lasse
mich anmelden. Es kommt ein Herr gesetzten Alters, ich stelle mich vor
und sage: „Entschuldigen Sie bitte, ich habe gehört, daß Gott Ihnen einen
ganz ungewöhnlichen Sohn geschenkt hat.“ — „Jawohl, das muß ich
zugeben“, sagt er, und was mir gefallen hat, verstehen Sie wohl, ohne
irgendwelche Umschweife und Prätentionen — Ja, sagt er, das ist richtig,
wenn’s auch einem Vater nicht zukommt, seinen eigenen Sohn zu loben,
aber der ist wirklich gewissermaßen ein Wunder. Mischa, sagt er, komm
mal her, zeig mal dem Gast deine Kunst. Nun wissen Sie, wie so’n Junge
ist, der Junge ist noch ganz Kind, reicht mir kaum bis an die Schulter, und
in den Augen ist auch nichts Besonderes zu bemerken. Er fängt an, Karten
zu geben, und ich bin ganz baff! Es übersteigt alle Beschreibung!
I ch ar ew. Ist es möglich, daß gar nichts zu bemerken war?
S chw och n ew. Nichts, gar nichts, nicht die Spur. Ich schaute zu mit
beiden Augen.
I ch ar ew. Das ist unbegreiflich!
Ut eschi t el n y. Ein Phänomen, ein wahres Phänomen!
I ch ar ew. Wenn ich noch bedenke, daß dazu doch Kenntnisse notwendig
sind, die auf der Schärfe der Augen und einem aufmerksamen Studium des
Musters beruhen.
Ut eschi t el n y. Aber jetzt ist das ja sehr viel leichter geworden. Jetzt ist
das Besprenkeln und Bezeichnen ganz aus dem Gebrauch gekommen. Man
sucht jetzt den Schlüssel zu erlernen.
I ch ar ew. Das heißt, den Schlüssel der Zeichnung?
Ut eschi t el n y. Jawohl. Den Schlüssel der Zeichnung auf der Rückseite.
Da lebt in einer Stadt, — in welcher, das will ich nicht sagen, — ein
ehrbarer Mann, der nichts anderes tut, als nur dies: Jedes Jahr bekommt er
aus Moskau einige hundert Kartenspiele, von wem, — das bleibt ein
Ut eschi t el n y. Erzähle mal.
S chw och n ew. Eine solche Begebenheit werde ich nie vergessen. Sagt
mir da einmal sein Schwager (zeigt auf Uteschitelny) Andréj Iwánowitsch
Pjátkin: „Schwochnew, willst du ein Wunder sehen? Ein Junge von elf
Jahren, der Sohn von Iwán Micháilowitsch Kubischew, macht solche
Kartenkunststücke, wie kein einziger Spieler. Reise mal nach dem
Tjetjúschischen Kreis und sieh dir’s an!“ Ich muß gestehen, ich habe mich
sofort nach dem Tjetjúschischen Kreis begeben, ich frage nach dem Dorf
des Iwan Michailowitsch Kubischew und komme direkt zu ihm. Ich lasse
mich anmelden. Es kommt ein Herr gesetzten Alters, ich stelle mich vor
und sage: „Entschuldigen Sie bitte, ich habe gehört, daß Gott Ihnen einen
ganz ungewöhnlichen Sohn geschenkt hat.“ — „Jawohl, das muß ich
zugeben“, sagt er, und was mir gefallen hat, verstehen Sie wohl, ohne
irgendwelche Umschweife und Prätentionen — Ja, sagt er, das ist richtig,
wenn’s auch einem Vater nicht zukommt, seinen eigenen Sohn zu loben,
aber der ist wirklich gewissermaßen ein Wunder. Mischa, sagt er, komm
mal her, zeig mal dem Gast deine Kunst. Nun wissen Sie, wie so’n Junge
ist, der Junge ist noch ganz Kind, reicht mir kaum bis an die Schulter, und
in den Augen ist auch nichts Besonderes zu bemerken. Er fängt an, Karten
zu geben, und ich bin ganz baff! Es übersteigt alle Beschreibung!
I ch ar ew. Ist es möglich, daß gar nichts zu bemerken war?
S chw och n ew. Nichts, gar nichts, nicht die Spur. Ich schaute zu mit
beiden Augen.
I ch ar ew. Das ist unbegreiflich!
Ut eschi t el n y. Ein Phänomen, ein wahres Phänomen!
I ch ar ew. Wenn ich noch bedenke, daß dazu doch Kenntnisse notwendig
sind, die auf der Schärfe der Augen und einem aufmerksamen Studium des
Musters beruhen.
Ut eschi t el n y. Aber jetzt ist das ja sehr viel leichter geworden. Jetzt ist
das Besprenkeln und Bezeichnen ganz aus dem Gebrauch gekommen. Man
sucht jetzt den Schlüssel zu erlernen.
I ch ar ew. Das heißt, den Schlüssel der Zeichnung?
Ut eschi t el n y. Jawohl. Den Schlüssel der Zeichnung auf der Rückseite.
Da lebt in einer Stadt, — in welcher, das will ich nicht sagen, — ein
ehrbarer Mann, der nichts anderes tut, als nur dies: Jedes Jahr bekommt er
aus Moskau einige hundert Kartenspiele, von wem, — das bleibt ein
Page 220
Geheimnis. Seine ganze Aufgabe und Pflicht besteht darin, das Muster auf
der Rückseite jeder Karte zu untersuchen, und einen Schlüssel dazu
einzuschicken, d. h. sieh nur hin: bei der Zwei, da ist die Zeichnung so
angeordnet, bei einer anderen Karte ist die Sache so, und dann wieder so,
und für das allein bekommt er jährlich fünftausend in barem Gelde.
I ch ar ew. Das ist allerdings eine sehr wichtige Sache!
Ut eschi t el n y. Ja, das m uß übrigens auch so sein. Das ist, was man in
der National-Ökonomie die Arbeitsteilungen nennt. Zum Beispiel, ein
Wagenbauer, der macht ja nicht selbst den ganzen Wagen, er gibt doch auch
dem Schmied und dem Tapezierer was ab. Sonst würde ja das ganze
Menschenleben nicht ausreichen.
I ch ar ew. Gestatten Sie eine Frage: Wie machten Sie’s bis jetzt, um Ihre
Kartenspiele in Kurs zu setzen. Die Bedienung bestechen, das ist ja nicht
immer möglich.
Ut eschi t el n y. Gott behüte! ist auch gefährlich. Das hieße ja manchmal,
sich selbst verraten. Wir machen es anders. Einmal machten wir’s auf
folgende Weise: Unser Agent kommt zum Jahrmarkt und nimmt als
Kaufmann Logis im Stadthotel; er habe noch nicht Zeit gefunden, sich
einen Laden zu mieten. Da stehen nun die Kisten und Ballen noch so im
Zimmer herum. Er lebt im Hotel, macht Ausgaben, ißt, trinkt und
verschwindet plötzlich, man weiß nicht, wohin, ohne seine Rechnung
bezahlt zu haben. Der Hotelwirt sucht im Zimmer herum und sieht, es ist
nur ein Ballen zurückgeblieben. Er macht den Ballen auf, sieh da: hundert
Dutzend Kartenspiele. Die Karten werden natürlich gleich verauktioniert.
Das Dutzend einen Rubel billiger, da kaufen die Kaufleute in einem
Augenblick alles für ihren Laden auf, und in vier Tagen hat die ganze Stadt
ihr Geld im Spiel verloren.
I ch ar ew. Das ist sehr geschickt.
S chw och n ew. Nun, und bei jenem, beim Gutsbesitzer?
I ch ar ew. Was denn, beim Gutsbesitzer?
Ut eschi t el n y. Ja so, die Geschichte war auch nicht schlecht gemacht.
Ich weiß nicht, ob’s Ihnen bekannt ist, es gibt einen Gutsbesitzer Arkádij
Antónowitsch Dergunów, ein furchtbar reicher Mann, spielt vorzüglich, ist
von beispielloser Redlichkeit, und, verstehen Sie, ihn herumzukriegen, ist
gar keine Möglichkeit. Alles beaufsichtigt er selbst, seine Dienerschaft ist
gut erzogen, — die reinen Kammerherren, das Haus — ein Palast, sein
Garten — alles nach englischem Muster, kurz, ein russischer Edelmann im
der Rückseite jeder Karte zu untersuchen, und einen Schlüssel dazu
einzuschicken, d. h. sieh nur hin: bei der Zwei, da ist die Zeichnung so
angeordnet, bei einer anderen Karte ist die Sache so, und dann wieder so,
und für das allein bekommt er jährlich fünftausend in barem Gelde.
I ch ar ew. Das ist allerdings eine sehr wichtige Sache!
Ut eschi t el n y. Ja, das m uß übrigens auch so sein. Das ist, was man in
der National-Ökonomie die Arbeitsteilungen nennt. Zum Beispiel, ein
Wagenbauer, der macht ja nicht selbst den ganzen Wagen, er gibt doch auch
dem Schmied und dem Tapezierer was ab. Sonst würde ja das ganze
Menschenleben nicht ausreichen.
I ch ar ew. Gestatten Sie eine Frage: Wie machten Sie’s bis jetzt, um Ihre
Kartenspiele in Kurs zu setzen. Die Bedienung bestechen, das ist ja nicht
immer möglich.
Ut eschi t el n y. Gott behüte! ist auch gefährlich. Das hieße ja manchmal,
sich selbst verraten. Wir machen es anders. Einmal machten wir’s auf
folgende Weise: Unser Agent kommt zum Jahrmarkt und nimmt als
Kaufmann Logis im Stadthotel; er habe noch nicht Zeit gefunden, sich
einen Laden zu mieten. Da stehen nun die Kisten und Ballen noch so im
Zimmer herum. Er lebt im Hotel, macht Ausgaben, ißt, trinkt und
verschwindet plötzlich, man weiß nicht, wohin, ohne seine Rechnung
bezahlt zu haben. Der Hotelwirt sucht im Zimmer herum und sieht, es ist
nur ein Ballen zurückgeblieben. Er macht den Ballen auf, sieh da: hundert
Dutzend Kartenspiele. Die Karten werden natürlich gleich verauktioniert.
Das Dutzend einen Rubel billiger, da kaufen die Kaufleute in einem
Augenblick alles für ihren Laden auf, und in vier Tagen hat die ganze Stadt
ihr Geld im Spiel verloren.
I ch ar ew. Das ist sehr geschickt.
S chw och n ew. Nun, und bei jenem, beim Gutsbesitzer?
I ch ar ew. Was denn, beim Gutsbesitzer?
Ut eschi t el n y. Ja so, die Geschichte war auch nicht schlecht gemacht.
Ich weiß nicht, ob’s Ihnen bekannt ist, es gibt einen Gutsbesitzer Arkádij
Antónowitsch Dergunów, ein furchtbar reicher Mann, spielt vorzüglich, ist
von beispielloser Redlichkeit, und, verstehen Sie, ihn herumzukriegen, ist
gar keine Möglichkeit. Alles beaufsichtigt er selbst, seine Dienerschaft ist
gut erzogen, — die reinen Kammerherren, das Haus — ein Palast, sein
Garten — alles nach englischem Muster, kurz, ein russischer Edelmann im
Page 221
vollen Sinne des Wortes. Wir sind schon drei Tage bei ihm. Wie fängt man’s
an? Einfach keine Möglichkeit! Endlich kamen wir auf einen Gedanken.
Eines Morgens rast am Hofe ein Dreigespann vorbei, im Wagen sitzen ein
paar junge Burschen, alle im höchsten Grade besoffen, alles singt Lieder
und treibt’s, wie die wilde Jagd. Zu so einem Schauspiel kommt natürlich
die ganze Dienerschaft herbeigelaufen. Sie gaffen, lachen und bemerken,
daß aus dem Wagen etwas herausgefallen ist. Sie kommen hinzu und sehen
einen Reisekoffer. Sie winken mit den Händen und rufen: Halt! Aber i wo,
niemand hört, sie sind fortgerast, und nur der Staub auf dem ganzen Wege
ist aufgewirbelt. Sie machen den Reisekoffer auf, finden Wäsche, einige
Kleidungsstücke, zweihundert Rubel bares Geld und gegen vierzig Dutzend
Kartenspiele. Nun natürlich, auf das Geld wollten die Dienstboten nicht
verzichten, die Kartenspiele kamen auf den herrschaftlichen Tisch und
schon am nächsten Tage waren gegen Abend alle, der Hausherr wie die
Gäste, ohne eine Kopeke in der Tasche, und das Spiel war zu Ende.
I ch ar ew. Sehr geistreich! Das bezeichnen die Leute mit Schwindel oder
ähnlichen Namen, aber das ist ja nur Scharfsinn und feiner Verstand.
Ut eschi t el n y. Die Leute verstehen ja nichts vom Spiel. Im Spiel gibt es
kein Ansehen der Person, das Spiel sieht auf nichts. Mag mein eigener Vater
mit mir Karten spielen; ich würde meinen Vater beschwindeln. Setze dich
nicht mit mir hin! Hier sind alle gleich.
I ch ar ew. Richtig, das versteht man nicht, daß ein Spieler der
tugendhafteste Mensch sein kann. Ich kenne einen, der zu allen möglichen
Mogeleien geneigt ist, aber einem Armen gibt er seine letzte Kopeke. Und
er wird es keineswegs verschmähen, sich mit Dreien gegen Einen zu
verbinden und ihm das Geld abzunehmen. Aber meine Herren, da wir schon
so aufrichtig miteinander sind, so will ich Ihnen eine ganz wunderbare
Sache zeigen. Wissen Sie, was das heißt, ein kombiniertes oder
zusammengesuchtes Kartenspiel, in dem jede Karte von mir auf eine
bedeutende Distanz erraten werden kann?
Ut eschi t el n y. Ich weiß es wohl, aber vielleicht in etwas anderer Art.
I ch ar ew. Ich kann mich wohl rühmen, daß Sie ein ähnliches nirgends
finden werden. Es hat fast ein halbes Jahr Arbeit gekostet. Ich habe zwei
Wochen nachher das Sonnenlicht nicht sehen können. Der Arzt befürchtete
eine Augenentzündung. (Nimmt es aus der Schatulle.) Da ist es, aber nehmen Sie
mir’s nicht übel, es hat auch einen Namen wie ein Mensch.
Ut eschi t el n y. Wieso einen Namen?
an? Einfach keine Möglichkeit! Endlich kamen wir auf einen Gedanken.
Eines Morgens rast am Hofe ein Dreigespann vorbei, im Wagen sitzen ein
paar junge Burschen, alle im höchsten Grade besoffen, alles singt Lieder
und treibt’s, wie die wilde Jagd. Zu so einem Schauspiel kommt natürlich
die ganze Dienerschaft herbeigelaufen. Sie gaffen, lachen und bemerken,
daß aus dem Wagen etwas herausgefallen ist. Sie kommen hinzu und sehen
einen Reisekoffer. Sie winken mit den Händen und rufen: Halt! Aber i wo,
niemand hört, sie sind fortgerast, und nur der Staub auf dem ganzen Wege
ist aufgewirbelt. Sie machen den Reisekoffer auf, finden Wäsche, einige
Kleidungsstücke, zweihundert Rubel bares Geld und gegen vierzig Dutzend
Kartenspiele. Nun natürlich, auf das Geld wollten die Dienstboten nicht
verzichten, die Kartenspiele kamen auf den herrschaftlichen Tisch und
schon am nächsten Tage waren gegen Abend alle, der Hausherr wie die
Gäste, ohne eine Kopeke in der Tasche, und das Spiel war zu Ende.
I ch ar ew. Sehr geistreich! Das bezeichnen die Leute mit Schwindel oder
ähnlichen Namen, aber das ist ja nur Scharfsinn und feiner Verstand.
Ut eschi t el n y. Die Leute verstehen ja nichts vom Spiel. Im Spiel gibt es
kein Ansehen der Person, das Spiel sieht auf nichts. Mag mein eigener Vater
mit mir Karten spielen; ich würde meinen Vater beschwindeln. Setze dich
nicht mit mir hin! Hier sind alle gleich.
I ch ar ew. Richtig, das versteht man nicht, daß ein Spieler der
tugendhafteste Mensch sein kann. Ich kenne einen, der zu allen möglichen
Mogeleien geneigt ist, aber einem Armen gibt er seine letzte Kopeke. Und
er wird es keineswegs verschmähen, sich mit Dreien gegen Einen zu
verbinden und ihm das Geld abzunehmen. Aber meine Herren, da wir schon
so aufrichtig miteinander sind, so will ich Ihnen eine ganz wunderbare
Sache zeigen. Wissen Sie, was das heißt, ein kombiniertes oder
zusammengesuchtes Kartenspiel, in dem jede Karte von mir auf eine
bedeutende Distanz erraten werden kann?
Ut eschi t el n y. Ich weiß es wohl, aber vielleicht in etwas anderer Art.
I ch ar ew. Ich kann mich wohl rühmen, daß Sie ein ähnliches nirgends
finden werden. Es hat fast ein halbes Jahr Arbeit gekostet. Ich habe zwei
Wochen nachher das Sonnenlicht nicht sehen können. Der Arzt befürchtete
eine Augenentzündung. (Nimmt es aus der Schatulle.) Da ist es, aber nehmen Sie
mir’s nicht übel, es hat auch einen Namen wie ein Mensch.
Ut eschi t el n y. Wieso einen Namen?
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I ch ar ew. Jawohl, einen Namen: Adelaida Iwánowna.
Ut eschi t el n y. Hör mal, Schwochnew, das ist ja eine ganz neue Idee,
ein Kartenspiel Adelaida Iwanowna zu nennen. Ich finde es sogar sehr
geistreich.
S chw och n ew. Sehr schön: Adelaida Iwanowna! Wunderschön.
Ut eschi t el n y. Adelaida Iwanowna! Sogar eine Deutsche! Hörst du,
Krugel, da hast du eine Frau.
Kr ug el. Was bin ich für ein Deutscher? Mein Großvater war ein
Deutscher, und auch der verstand kein Deutsch.
Ut eschi t el n y (das Kartenspiel betrachtend). Das ist wahrhaftig ein Schatz.
Wirklich, es ist gar nichts zu merken. Können Sie tatsächlich jede Karte
erraten, auf jede beliebige Distanz?
I ch ar ew. Bitte, ich stelle mich fünf Schritt weit von Ihnen auf und
werde von da aus jede Karte benennen. Ich bin bereit, zweitausend Rubel
zu zahlen, wenn ich mich irre.
Ut eschi t el n y. Nun, was ist das für eine Karte?
I ch ar ew. Eine Sieben.
Ut eschi t el n y. Richtig, und diese?
I ch ar ew. Ein Bube.
Ut eschi t el n y. Hol’s der Teufel, ganz richtig! Nun, und diese?
I ch ar ew. Eine Drei.
Ut eschi t el n y. Unbegreiflich!
Kr ug el (die Achseln zuckend). Unbegreiflich!
S chw och n ew. Unbegreiflich!
Ut eschi t el n y. Gestatten Sie mir, noch mal nachzusehen. (Besieht das
Kartenspiel.) Ein ganz wundervolles Ding, es ist wirklich wert, daß man ihm
einen Namen gab. Aber gestatten Sie die Bemerkung, das Spiel in Gebrauch
zu nehmen, ist doch eine schwierige Sache; vielleicht geht’s etwa mit einem
ganz unerfahrenen Spieler, man muß es ja selbst vertauschen.
I ch ar ew. Aber das tut man ja nur während der Hitze des Spiels, wenn
das Spiel so hoch geht, daß der erfahrenste Spieler unruhig wird, und wenn
ein Mensch nur ein bißchen verwirrt ist, so kann man ja mit ihm machen,
was man will. Wissen Sie denn nicht, daß das mit den besten Spielern
passiert, was man so nennt „sich heiß spielen“. Wenn er zwei, drei Nächte
hintereinander spielt, ohne zu schlafen — nun, dann spielt er sich eben heiß.
Im Hasardspiel kann ich immer den Talon vertauschen. Glauben Sie mir,
die ganze Kunst besteht nur darin, daß man kaltblütig bleibt, wenn der
Ut eschi t el n y. Hör mal, Schwochnew, das ist ja eine ganz neue Idee,
ein Kartenspiel Adelaida Iwanowna zu nennen. Ich finde es sogar sehr
geistreich.
S chw och n ew. Sehr schön: Adelaida Iwanowna! Wunderschön.
Ut eschi t el n y. Adelaida Iwanowna! Sogar eine Deutsche! Hörst du,
Krugel, da hast du eine Frau.
Kr ug el. Was bin ich für ein Deutscher? Mein Großvater war ein
Deutscher, und auch der verstand kein Deutsch.
Ut eschi t el n y (das Kartenspiel betrachtend). Das ist wahrhaftig ein Schatz.
Wirklich, es ist gar nichts zu merken. Können Sie tatsächlich jede Karte
erraten, auf jede beliebige Distanz?
I ch ar ew. Bitte, ich stelle mich fünf Schritt weit von Ihnen auf und
werde von da aus jede Karte benennen. Ich bin bereit, zweitausend Rubel
zu zahlen, wenn ich mich irre.
Ut eschi t el n y. Nun, was ist das für eine Karte?
I ch ar ew. Eine Sieben.
Ut eschi t el n y. Richtig, und diese?
I ch ar ew. Ein Bube.
Ut eschi t el n y. Hol’s der Teufel, ganz richtig! Nun, und diese?
I ch ar ew. Eine Drei.
Ut eschi t el n y. Unbegreiflich!
Kr ug el (die Achseln zuckend). Unbegreiflich!
S chw och n ew. Unbegreiflich!
Ut eschi t el n y. Gestatten Sie mir, noch mal nachzusehen. (Besieht das
Kartenspiel.) Ein ganz wundervolles Ding, es ist wirklich wert, daß man ihm
einen Namen gab. Aber gestatten Sie die Bemerkung, das Spiel in Gebrauch
zu nehmen, ist doch eine schwierige Sache; vielleicht geht’s etwa mit einem
ganz unerfahrenen Spieler, man muß es ja selbst vertauschen.
I ch ar ew. Aber das tut man ja nur während der Hitze des Spiels, wenn
das Spiel so hoch geht, daß der erfahrenste Spieler unruhig wird, und wenn
ein Mensch nur ein bißchen verwirrt ist, so kann man ja mit ihm machen,
was man will. Wissen Sie denn nicht, daß das mit den besten Spielern
passiert, was man so nennt „sich heiß spielen“. Wenn er zwei, drei Nächte
hintereinander spielt, ohne zu schlafen — nun, dann spielt er sich eben heiß.
Im Hasardspiel kann ich immer den Talon vertauschen. Glauben Sie mir,
die ganze Kunst besteht nur darin, daß man kaltblütig bleibt, wenn der
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andere hitzig ist; und die Aufmerksamkeit anderer abzulenken, dazu gibt es
tausend Mittel. Fangen Sie nur mit einem der Spieler irgendeinen Krakehl
an, sagen Sie z. B., er hätte nicht richtig aufgeschrieben, dann wenden sich
die Augen Aller auf ihn, und in diesem Augenblick ist das Kartenspiel
bereits vertauscht.
Ut eschi t el n y. Nun, ich sehe, daß Sie außer der Kunst auch noch die
Tugend der Kaltblütigkeit besitzen. Das ist eine wichtige Sache. Ihre
Bekanntschaft ist nun für uns desto wertvoller geworden. Wollen wir alle
Zeremonien, alle überflüssigen Formalitäten fallen lassen und wollen wir
einander einfach du sagen.
I ch ar ew. Das hätten wir schon längst tun sollen.
Ut eschi t el n y. Kellner! Champagner, zur Bekräftigung des
freundschaftlichen Bundes!
I ch ar ew. Jawohl, es gehört sich, daß man das begieße!
S chw och n ew. Nun, meine Herren, wir haben uns ja zu Heldentaten
versammelt. Das Geschütz ist in unseren Händen, die nötigen Kräfte haben
wir, es fehlt nur eins.
I ch ar ew. Richtig, richtig! Die Festung fehlt ja, die zu nehmen wäre, das
ist das Pech!
Ut eschi t el n y. Was ist da zu machen? Vorläufig gibt’s noch keinen
Feind. (Sieht Schwochnew fest an.) Wie? Du machst ja ein Gesicht, das zu sagen
scheint: ein Feind wäre wohl da.
S chw och n ew. Ja, da ist ... (Bleibt stecken.)
Ut eschi t el n y. Ich weiß schon, wen du meinst.
I ch ar ew (lebhaft). Wen denn, wen denn? Wer ist es?
Ut eschi t el n y. Ach, Unsinn! Das hat er sich ausgedacht. Der reinste
Unsinn! Sehen Sie mal, hier ist ein zugereister Gutsbesitzer, Micháilo
Alexándrowitsch Glow. Aber was ist da zu reden, er spielt ja gar nicht. Wir
haben uns schon mit ihm zu schaffen gemacht. Ich habe ihm einen ganzen
Monat den Hof gemacht, habe mit ihm Freundschaft geschlossen, habe sein
Vertrauen erworben und habe doch nichts ausgerichtet.
I ch ar ew. Aber hör mal, kann man ihn denn nicht zu sehen bekommen?
Wer weiß, vielleicht doch?
Ut eschi t el n y. Nun, ich sage dir im voraus, das wird ganz vergebliche
Mühe sein.
I ch ar ew. Aber wir wollen’s doch mal versuchen.
tausend Mittel. Fangen Sie nur mit einem der Spieler irgendeinen Krakehl
an, sagen Sie z. B., er hätte nicht richtig aufgeschrieben, dann wenden sich
die Augen Aller auf ihn, und in diesem Augenblick ist das Kartenspiel
bereits vertauscht.
Ut eschi t el n y. Nun, ich sehe, daß Sie außer der Kunst auch noch die
Tugend der Kaltblütigkeit besitzen. Das ist eine wichtige Sache. Ihre
Bekanntschaft ist nun für uns desto wertvoller geworden. Wollen wir alle
Zeremonien, alle überflüssigen Formalitäten fallen lassen und wollen wir
einander einfach du sagen.
I ch ar ew. Das hätten wir schon längst tun sollen.
Ut eschi t el n y. Kellner! Champagner, zur Bekräftigung des
freundschaftlichen Bundes!
I ch ar ew. Jawohl, es gehört sich, daß man das begieße!
S chw och n ew. Nun, meine Herren, wir haben uns ja zu Heldentaten
versammelt. Das Geschütz ist in unseren Händen, die nötigen Kräfte haben
wir, es fehlt nur eins.
I ch ar ew. Richtig, richtig! Die Festung fehlt ja, die zu nehmen wäre, das
ist das Pech!
Ut eschi t el n y. Was ist da zu machen? Vorläufig gibt’s noch keinen
Feind. (Sieht Schwochnew fest an.) Wie? Du machst ja ein Gesicht, das zu sagen
scheint: ein Feind wäre wohl da.
S chw och n ew. Ja, da ist ... (Bleibt stecken.)
Ut eschi t el n y. Ich weiß schon, wen du meinst.
I ch ar ew (lebhaft). Wen denn, wen denn? Wer ist es?
Ut eschi t el n y. Ach, Unsinn! Das hat er sich ausgedacht. Der reinste
Unsinn! Sehen Sie mal, hier ist ein zugereister Gutsbesitzer, Micháilo
Alexándrowitsch Glow. Aber was ist da zu reden, er spielt ja gar nicht. Wir
haben uns schon mit ihm zu schaffen gemacht. Ich habe ihm einen ganzen
Monat den Hof gemacht, habe mit ihm Freundschaft geschlossen, habe sein
Vertrauen erworben und habe doch nichts ausgerichtet.
I ch ar ew. Aber hör mal, kann man ihn denn nicht zu sehen bekommen?
Wer weiß, vielleicht doch?
Ut eschi t el n y. Nun, ich sage dir im voraus, das wird ganz vergebliche
Mühe sein.
I ch ar ew. Aber wir wollen’s doch mal versuchen.
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S chw och n ew. Nun, bring ihn doch wenigstens hierher. Wenn’s uns
nicht gelingt, so unterhalten wir uns doch ein wenig. Warum wollen wir’s
denn nicht versuchen?
Ut eschi t el n y. Meinetwegen, mir macht’s ja nichts, ich bringe ihn
schon her.
I ch ar ew. Bring ihn doch, bitte, gleich hierher!
Ut eschi t el n y. Schon gut, schon gut! (Ab.)
9. Auftritt
Dieselben ohne Uteschitelny.
I ch ar ew. Wahrhaftig, wie kann man wissen, manchmal scheint eine
Sache ganz unmöglich.
S chw och n ew. Ich bin auch derselben Meinung. Wir haben’s doch nicht
mit Göttern zu tun, sondern mit einem Menschen, und ein Mensch bleibt
immer ein Mensch. Heute sagt er nein, morgen nein, übermorgen nein, und
am vierten Tage, wenn man ihm nur ordentlich zusetzt, sagt er ja. Mancher
tut ja bloß so, als ob er so unzugänglich sei, aber wenn man genauer
zusieht, so merkt man, daß nur viel Lärm um nichts gemacht worden ist.
Kr ug el. Nun, dieser ist nicht derart.
I ch ar ew. Ach, wenn’s doch wäre! Es ist nicht zu glauben, wie jetzt der
Trieb zur Tätigkeit in mir erwacht ist. Sie müssen wissen, daß mein letzter
Gewinn von achtzigtausend beim Oberst Tschebotarjów bereits vom
vergangenen Monat herrührt. Seitdem habe ich einen ganzen Monat keine
Praxis mehr gehabt. Sie können sich kaum denken, was für eine Langeweile
ich in dieser ganzen Zeit ausgestanden habe, eine tödliche Langeweile!
S chw och n ew. Ich begreife diese Lage ganz wohl. Es ist gerade wie bei
einem Feldherrn: was muß der empfinden, wenn es keinen Krieg gibt. Das,
mein Liebster, ist einfach eine fatale Zwischenpause. Ich weiß es aus
eigener Erfahrung, das ist kein Spaß.
I ch ar ew. Du glaubst es nicht, es kommt manchmal so weit, daß, wenn
jemand bloß fünf Rubel in der Bank halten würde, ich bereit wäre, mich
hinzusetzen und zu spielen.
S chw och n ew. Eine ganz natürliche Sache. So hat auch schon
manchmal der geschickteste Spieler verloren: aus Melancholie, wenn keine
nicht gelingt, so unterhalten wir uns doch ein wenig. Warum wollen wir’s
denn nicht versuchen?
Ut eschi t el n y. Meinetwegen, mir macht’s ja nichts, ich bringe ihn
schon her.
I ch ar ew. Bring ihn doch, bitte, gleich hierher!
Ut eschi t el n y. Schon gut, schon gut! (Ab.)
9. Auftritt
Dieselben ohne Uteschitelny.
I ch ar ew. Wahrhaftig, wie kann man wissen, manchmal scheint eine
Sache ganz unmöglich.
S chw och n ew. Ich bin auch derselben Meinung. Wir haben’s doch nicht
mit Göttern zu tun, sondern mit einem Menschen, und ein Mensch bleibt
immer ein Mensch. Heute sagt er nein, morgen nein, übermorgen nein, und
am vierten Tage, wenn man ihm nur ordentlich zusetzt, sagt er ja. Mancher
tut ja bloß so, als ob er so unzugänglich sei, aber wenn man genauer
zusieht, so merkt man, daß nur viel Lärm um nichts gemacht worden ist.
Kr ug el. Nun, dieser ist nicht derart.
I ch ar ew. Ach, wenn’s doch wäre! Es ist nicht zu glauben, wie jetzt der
Trieb zur Tätigkeit in mir erwacht ist. Sie müssen wissen, daß mein letzter
Gewinn von achtzigtausend beim Oberst Tschebotarjów bereits vom
vergangenen Monat herrührt. Seitdem habe ich einen ganzen Monat keine
Praxis mehr gehabt. Sie können sich kaum denken, was für eine Langeweile
ich in dieser ganzen Zeit ausgestanden habe, eine tödliche Langeweile!
S chw och n ew. Ich begreife diese Lage ganz wohl. Es ist gerade wie bei
einem Feldherrn: was muß der empfinden, wenn es keinen Krieg gibt. Das,
mein Liebster, ist einfach eine fatale Zwischenpause. Ich weiß es aus
eigener Erfahrung, das ist kein Spaß.
I ch ar ew. Du glaubst es nicht, es kommt manchmal so weit, daß, wenn
jemand bloß fünf Rubel in der Bank halten würde, ich bereit wäre, mich
hinzusetzen und zu spielen.
S chw och n ew. Eine ganz natürliche Sache. So hat auch schon
manchmal der geschickteste Spieler verloren: aus Melancholie, wenn keine
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Arbeit da ist, gerät er in der Hitze manchmal an einen von jenen, die man
Habenichtse und Stromer nennt, — nun, und verliert alles um nichts und
wieder nichts.
I ch ar ew. Ist der Glow reich?
Kr ug el. Oh, Geld hat er schon! Ich glaube, so gegen tausend
Leibeigene.
I ch ar ew. Ei, der Teufel! Vielleicht könnte man ihm was zu trinken
geben, Champagner, was?
S chw och n ew. Er nimmt keinen Tropfen in den Mund.
I ch ar ew. Was ist nun mit ihm zu machen? Wie kommt man an ihn
heran? Aber nein, ich denke doch, das Spiel ist eine verführerische Sache.
Ich glaube, wenn er sich nur hinsetzen wollte und zusehen, wie die andern
spielen, so würde er’s doch nicht aushalten.
S chw och n ew. Nun, wir wollen’s jetzt versuchen. Wir wollen hier etwas
abseits mit Krugel ein ganz kleines Spielchen machen. Aber man muß ihm
nicht zu viel Aufmerksamkeit schenken, alte Leute sind mißtrauisch. (Setzen
sich abseits an den Spieltisch.)
10. Auftritt
Dieselben. Uteschitelny und Michailo Alexandrowitsch Glow, ein Herr in
gesetzten Jahren.
Ut eschi t el n y. Hier, Icharew, gestatte, daß ich dir Michailo
Alexandrowitsch Glow vorstelle.
I ch ar ew. Ich muß gestehen, ich habe mir schon lange die Ehre
gewünscht. Da wir doch in einem Hotel wohnen ...
Gl ow. Ich freue mich auch, Ihre Bekanntschaft zu machen. Nur schade,
daß es fast vor der Abreise geschieht.
I ch ar ew (reicht ihm einen Stuhl). Bitte ergebenst! Leben Sie schon lange in
dieser Stadt? (Uteschitelny, Schwochnew und Krugel flüstern miteinander.)
Gl ow. Ach, lieber Herr, ich habe sie schon so satt, diese Stadt, ich würde
mich schon herzlich freuen, von hier fortzukommen.
I ch ar ew. Nun, halten Sie hier Geschäfte davon ab?
Gl ow. Jawohl, Geschäfte. Ist das eine Sache, diese Geschäfte!
I ch ar ew. Wohl ein Prozeß?
Habenichtse und Stromer nennt, — nun, und verliert alles um nichts und
wieder nichts.
I ch ar ew. Ist der Glow reich?
Kr ug el. Oh, Geld hat er schon! Ich glaube, so gegen tausend
Leibeigene.
I ch ar ew. Ei, der Teufel! Vielleicht könnte man ihm was zu trinken
geben, Champagner, was?
S chw och n ew. Er nimmt keinen Tropfen in den Mund.
I ch ar ew. Was ist nun mit ihm zu machen? Wie kommt man an ihn
heran? Aber nein, ich denke doch, das Spiel ist eine verführerische Sache.
Ich glaube, wenn er sich nur hinsetzen wollte und zusehen, wie die andern
spielen, so würde er’s doch nicht aushalten.
S chw och n ew. Nun, wir wollen’s jetzt versuchen. Wir wollen hier etwas
abseits mit Krugel ein ganz kleines Spielchen machen. Aber man muß ihm
nicht zu viel Aufmerksamkeit schenken, alte Leute sind mißtrauisch. (Setzen
sich abseits an den Spieltisch.)
10. Auftritt
Dieselben. Uteschitelny und Michailo Alexandrowitsch Glow, ein Herr in
gesetzten Jahren.
Ut eschi t el n y. Hier, Icharew, gestatte, daß ich dir Michailo
Alexandrowitsch Glow vorstelle.
I ch ar ew. Ich muß gestehen, ich habe mir schon lange die Ehre
gewünscht. Da wir doch in einem Hotel wohnen ...
Gl ow. Ich freue mich auch, Ihre Bekanntschaft zu machen. Nur schade,
daß es fast vor der Abreise geschieht.
I ch ar ew (reicht ihm einen Stuhl). Bitte ergebenst! Leben Sie schon lange in
dieser Stadt? (Uteschitelny, Schwochnew und Krugel flüstern miteinander.)
Gl ow. Ach, lieber Herr, ich habe sie schon so satt, diese Stadt, ich würde
mich schon herzlich freuen, von hier fortzukommen.
I ch ar ew. Nun, halten Sie hier Geschäfte davon ab?
Gl ow. Jawohl, Geschäfte. Ist das eine Sache, diese Geschäfte!
I ch ar ew. Wohl ein Prozeß?
Page 226
Gl ow. Nein, Gott sei Dank, kein Prozeß, aber doch eine ziemlich
schwierige Angelegenheit. Sehen Sie mal, ich verheirate jetzt meine
Tochter, ein achtzehnjähriges Mädchen. Verstehen Sie meine Lage als
Vater? Ich bin hierher gekommen, verschiedene Einkäufe zu machen,
hauptsächlich aber eine Hypothek auf ein Gut aufzunehmen. Die Sache
wäre schon ganz zu Ende, aber das Amt gibt noch immer das Geld nicht
heraus, und so bleibe ich ganz unnützer Weise hier.
I ch ar ew. Gestatten Sie mir die Frage, für welche Summe verpfänden
Sie Ihr Gut?
Gl ow. Für zweihunderttausend. Schon in diesen Tagen sollte das Geld
ausgezahlt werden, aber nun zieht sich’s hin, und ich hab’s schon satt, hier
zu sitzen. Zu Hause, wissen Sie, habe ich alles nur auf ganz kurze Zeit
zurückgelassen. Meine Tochter ist Braut. Alles wartet ... Ich habe sogar
schon beschlossen, nicht weiter zu warten und hier alles liegen zu lassen.
I ch ar ew. Wieso? Wollen Sie denn nicht abwarten, bis Sie das Geld
bekommen?
Gl ow. Was ist zu machen, mein Liebster? Bedenken Sie nur meine Lage.
Seit einem Monat habe ich meine Frau und die Kinder nicht gesehen und
habe auch keinen Brief erhalten. Weiß Gott, wie’s dort zugeht. Ich überlasse
alles meinem Sohn, der hierbleibt. Ich hab’s satt. (Sich an Schwochnew und Krugel
wendend.) Was machen Sie, meine Herren? Ich glaube, ich störe wohl. Sie
waren mit etwas beschäftigt?
Kr ug el. Unsinn! Das ist nur so; vor Langeweile spielen wir ein bißchen.
Gl ow. Ich glaube, das ist so etwas wie Bankspiel?
S chw och n ew. Ach was, nur zum Zeitvertreib: ein Pfennigspiel.
Gl ow. Ach, meine Herren, hören Sie, was Ihnen ein alter Mann sagt. Sie
sind junge Leute, natürlich, da ist nichts Schlimmes dabei: so’n bißchen
Zerstreuung; und in einem Pfennigspiel kann man ja nicht viel verlieren.
Das ist ja ganz richtig. Aber immerhin ... Ach, meine Herren, ich habe selbst
gespielt und kenne das aus Erfahrung. Da heißt alles auf der Welt eine
Pfennigsache, aber sieht man näher zu, so endet ein kleines Spielchen
manchmal als sehr großes Spiel.
S chw och n ew (zu Icharew). Na, da fängt der Alte schon mit seinem
Gerede an. (Zu Glow.) Nun sehen Sie mal, da machen Sie gleich aus einer
Kleinigkeit eine wichtige Sache. Das ist so die gewohnte Manier der alten
Herren.
schwierige Angelegenheit. Sehen Sie mal, ich verheirate jetzt meine
Tochter, ein achtzehnjähriges Mädchen. Verstehen Sie meine Lage als
Vater? Ich bin hierher gekommen, verschiedene Einkäufe zu machen,
hauptsächlich aber eine Hypothek auf ein Gut aufzunehmen. Die Sache
wäre schon ganz zu Ende, aber das Amt gibt noch immer das Geld nicht
heraus, und so bleibe ich ganz unnützer Weise hier.
I ch ar ew. Gestatten Sie mir die Frage, für welche Summe verpfänden
Sie Ihr Gut?
Gl ow. Für zweihunderttausend. Schon in diesen Tagen sollte das Geld
ausgezahlt werden, aber nun zieht sich’s hin, und ich hab’s schon satt, hier
zu sitzen. Zu Hause, wissen Sie, habe ich alles nur auf ganz kurze Zeit
zurückgelassen. Meine Tochter ist Braut. Alles wartet ... Ich habe sogar
schon beschlossen, nicht weiter zu warten und hier alles liegen zu lassen.
I ch ar ew. Wieso? Wollen Sie denn nicht abwarten, bis Sie das Geld
bekommen?
Gl ow. Was ist zu machen, mein Liebster? Bedenken Sie nur meine Lage.
Seit einem Monat habe ich meine Frau und die Kinder nicht gesehen und
habe auch keinen Brief erhalten. Weiß Gott, wie’s dort zugeht. Ich überlasse
alles meinem Sohn, der hierbleibt. Ich hab’s satt. (Sich an Schwochnew und Krugel
wendend.) Was machen Sie, meine Herren? Ich glaube, ich störe wohl. Sie
waren mit etwas beschäftigt?
Kr ug el. Unsinn! Das ist nur so; vor Langeweile spielen wir ein bißchen.
Gl ow. Ich glaube, das ist so etwas wie Bankspiel?
S chw och n ew. Ach was, nur zum Zeitvertreib: ein Pfennigspiel.
Gl ow. Ach, meine Herren, hören Sie, was Ihnen ein alter Mann sagt. Sie
sind junge Leute, natürlich, da ist nichts Schlimmes dabei: so’n bißchen
Zerstreuung; und in einem Pfennigspiel kann man ja nicht viel verlieren.
Das ist ja ganz richtig. Aber immerhin ... Ach, meine Herren, ich habe selbst
gespielt und kenne das aus Erfahrung. Da heißt alles auf der Welt eine
Pfennigsache, aber sieht man näher zu, so endet ein kleines Spielchen
manchmal als sehr großes Spiel.
S chw och n ew (zu Icharew). Na, da fängt der Alte schon mit seinem
Gerede an. (Zu Glow.) Nun sehen Sie mal, da machen Sie gleich aus einer
Kleinigkeit eine wichtige Sache. Das ist so die gewohnte Manier der alten
Herren.
Page 227
Gl ow. Wieso? Ich bin ja noch gar nicht so alt, aber ich urteile aus
Erfahrung.
S chw och n ew. Ich meine ja nicht gerade Sie, aber die alten Herren
haben es überhaupt an sich: wenn sie sich an etwas verbrannt haben, so sind
sie überzeugt, daß auch der andere sich an derselben Sache verbrennen
müsse. Wenn sie auf einem Wege dahingingen und aus Zerstreutheit auf
dem Glatteis ausgeglitten und hingefallen sind, dann schreien sie gleich und
geben es für eine allgemeine Regel aus, daß auf diesem Wege niemand
gehen soll, denn da sei an einer Stelle Glatteis und jeder müsse auf die Nase
fallen. Das bedenken sie nicht, daß ein anderer vielleicht nicht so zerstreut
sein wird und seine Stiefel auch nicht so glatte Sohlen haben. Nein, das
alles verstehen sie nicht. Hat mal ein Hund einen Menschen auf der Straße
gebissen, dann heißt es, alle Hunde beißen, und niemand darf auf die Straße
gehen.
Gl ow. Nun ja, mein Teuerster, das ist schon richtig, so ne schlechte
Gewohnheit gibt’s ja. Aber auch die jungen Leute sind gut, die haben schon
gar zu viel Feuer, die laufen jeden Augenblick Gefahr, sich das Genick zu
brechen!
S chw och n ew. Das ist es eben, daß wir keinen Mittelweg kennen. Die
Jugend tobt, daß es nicht mehr auszuhalten ist, und das Alter wird so
heuchlerisch, daß wieder die anderen es nicht aushalten können.
Gl ow. Also so eine beleidigende Meinung haben Sie von den Alten?
S chw och n ew. Aber nein, was ist denn das für eine beleidigende
Meinung? Das ist die reine Wahrheit, nichts mehr.
I ch ar ew. Gestatte mir doch die Bemerkung: dein Urteil ist zu scharf.
Ut eschi t el n y. Von wegen des Kartenspiels bin ich ganz derselben
Meinung wie Michailo Alexandrowitsch. Ich habe selber gespielt und habe
stark gespielt, aber Gott sei Dank, ich habe das für immer aufgegeben.
Nicht etwa, daß ich all mein Geld verloren hätte oder daß ich mich gegen
das Schicksal auflehnte. Glauben Sie mir, das ist noch gar nichts: der
Geldverlust ist nicht so wichtig, wie die Seelenruhe. Schon die Aufregung,
die man während des Spiels empfindet, verkürzt, was man auch sagen mag,
merklich unser Leben.
Gl ow. Jawohl, richtig, mein Teuerster, bei Gott, das haben Sie sehr
weise bemerkt. Gestatten Sie mir eine unbescheidene Frage: Ich habe schon
so lange das Vergnügen, Ihre Bekanntschaft zu genießen und bis jetzt ...
Ut eschi t el n y. Welche Frage denn?
Erfahrung.
S chw och n ew. Ich meine ja nicht gerade Sie, aber die alten Herren
haben es überhaupt an sich: wenn sie sich an etwas verbrannt haben, so sind
sie überzeugt, daß auch der andere sich an derselben Sache verbrennen
müsse. Wenn sie auf einem Wege dahingingen und aus Zerstreutheit auf
dem Glatteis ausgeglitten und hingefallen sind, dann schreien sie gleich und
geben es für eine allgemeine Regel aus, daß auf diesem Wege niemand
gehen soll, denn da sei an einer Stelle Glatteis und jeder müsse auf die Nase
fallen. Das bedenken sie nicht, daß ein anderer vielleicht nicht so zerstreut
sein wird und seine Stiefel auch nicht so glatte Sohlen haben. Nein, das
alles verstehen sie nicht. Hat mal ein Hund einen Menschen auf der Straße
gebissen, dann heißt es, alle Hunde beißen, und niemand darf auf die Straße
gehen.
Gl ow. Nun ja, mein Teuerster, das ist schon richtig, so ne schlechte
Gewohnheit gibt’s ja. Aber auch die jungen Leute sind gut, die haben schon
gar zu viel Feuer, die laufen jeden Augenblick Gefahr, sich das Genick zu
brechen!
S chw och n ew. Das ist es eben, daß wir keinen Mittelweg kennen. Die
Jugend tobt, daß es nicht mehr auszuhalten ist, und das Alter wird so
heuchlerisch, daß wieder die anderen es nicht aushalten können.
Gl ow. Also so eine beleidigende Meinung haben Sie von den Alten?
S chw och n ew. Aber nein, was ist denn das für eine beleidigende
Meinung? Das ist die reine Wahrheit, nichts mehr.
I ch ar ew. Gestatte mir doch die Bemerkung: dein Urteil ist zu scharf.
Ut eschi t el n y. Von wegen des Kartenspiels bin ich ganz derselben
Meinung wie Michailo Alexandrowitsch. Ich habe selber gespielt und habe
stark gespielt, aber Gott sei Dank, ich habe das für immer aufgegeben.
Nicht etwa, daß ich all mein Geld verloren hätte oder daß ich mich gegen
das Schicksal auflehnte. Glauben Sie mir, das ist noch gar nichts: der
Geldverlust ist nicht so wichtig, wie die Seelenruhe. Schon die Aufregung,
die man während des Spiels empfindet, verkürzt, was man auch sagen mag,
merklich unser Leben.
Gl ow. Jawohl, richtig, mein Teuerster, bei Gott, das haben Sie sehr
weise bemerkt. Gestatten Sie mir eine unbescheidene Frage: Ich habe schon
so lange das Vergnügen, Ihre Bekanntschaft zu genießen und bis jetzt ...
Ut eschi t el n y. Welche Frage denn?
Page 228
Gl ow. Gestatten Sie mir die Frage, wenn es auch eine kitzlige Sache ist:
wie alt sind Sie?
Ut eschi t el n y. Neununddreißig.
Gl ow. Denken Sie mal, was ist das denn, neununddreißig Jahre? Noch
ein ganz junger Mensch. Wenn doch bei uns in Rußland recht viele solche
wären wie Sie, die so weise urteilen. Du lieber Himmel, das wäre ja ein
goldenes Zeitalter, sozusagen eine Asträa. Wie bin ich dem Schicksal
dankbar, daß ich Sie kennen gelernt habe!
I ch ar ew. Glauben Sie mir, ich teile auch ganz dieselbe Ansicht. Ich
würde jungen Burschen auch nicht gestatten, Karten in die Hand zu
nehmen, aber weshalb sollen denn vernünftige, gesetzte Leute sich nicht
etwas amüsieren, z. B. ein älterer Herr, der nicht mehr tanzt, warum nicht?
Gl ow. Das ist schon richtig, gewiß, aber glauben Sie mir, es gibt im
Leben so viele Freuden, sozusagen heilige Pflichten. Ach meine Herren,
hören Sie doch auf einen alten Mann. Es gibt für den Menschen keine
bessere Bestimmung als das Familienleben, im häuslichen Kreis. Alles was
Sie jetzt umgibt, sind ja nichts als Aufregungen, bei Gott, nur Aufregungen,
aber das eigentliche Glück haben Sie ja noch nicht genossen. Nehmen Sie
mal mich, glauben Sie mir, ich kann die Minuten kaum zählen, bis ich die
Meinigen wiedersehe, bei Gott! Wenn ich mir vorstelle, wie mein
Töchterlein mir um den Hals fällt: Papachen, liebstes Papachen! Auch mein
Sohn ist aus dem Gymnasium gekommen, ich habe ihn ein halbes Jahr lang
nicht gesehen. Wahrhaftig, ich kann’s gar nicht aussprechen; bei Gott, so ist
es! Nach alledem will man keine Karte mehr ansehen!
I ch ar ew. Aber weshalb soll man denn die väterlichen Gefühle mit den
Karten zusammenwerfen? Die väterlichen Gefühle sind etwas für sich, und
die Karten sind wieder etwas für sich.
Al exej (tritt ein, zu Glow). Ihr Diener fragt wegen der Koffer: befehlen Sie,
sie hinauszutragen? Die Pferde warten schon.
Gl ow. Ah, sofort. Entschuldigen Sie, meine Herren, daß ich Sie für einen
Augenblick verlasse. (Ab.)
11. Auftritt
Schwochnew. Icharew. Krugel. Uteschitelny.
wie alt sind Sie?
Ut eschi t el n y. Neununddreißig.
Gl ow. Denken Sie mal, was ist das denn, neununddreißig Jahre? Noch
ein ganz junger Mensch. Wenn doch bei uns in Rußland recht viele solche
wären wie Sie, die so weise urteilen. Du lieber Himmel, das wäre ja ein
goldenes Zeitalter, sozusagen eine Asträa. Wie bin ich dem Schicksal
dankbar, daß ich Sie kennen gelernt habe!
I ch ar ew. Glauben Sie mir, ich teile auch ganz dieselbe Ansicht. Ich
würde jungen Burschen auch nicht gestatten, Karten in die Hand zu
nehmen, aber weshalb sollen denn vernünftige, gesetzte Leute sich nicht
etwas amüsieren, z. B. ein älterer Herr, der nicht mehr tanzt, warum nicht?
Gl ow. Das ist schon richtig, gewiß, aber glauben Sie mir, es gibt im
Leben so viele Freuden, sozusagen heilige Pflichten. Ach meine Herren,
hören Sie doch auf einen alten Mann. Es gibt für den Menschen keine
bessere Bestimmung als das Familienleben, im häuslichen Kreis. Alles was
Sie jetzt umgibt, sind ja nichts als Aufregungen, bei Gott, nur Aufregungen,
aber das eigentliche Glück haben Sie ja noch nicht genossen. Nehmen Sie
mal mich, glauben Sie mir, ich kann die Minuten kaum zählen, bis ich die
Meinigen wiedersehe, bei Gott! Wenn ich mir vorstelle, wie mein
Töchterlein mir um den Hals fällt: Papachen, liebstes Papachen! Auch mein
Sohn ist aus dem Gymnasium gekommen, ich habe ihn ein halbes Jahr lang
nicht gesehen. Wahrhaftig, ich kann’s gar nicht aussprechen; bei Gott, so ist
es! Nach alledem will man keine Karte mehr ansehen!
I ch ar ew. Aber weshalb soll man denn die väterlichen Gefühle mit den
Karten zusammenwerfen? Die väterlichen Gefühle sind etwas für sich, und
die Karten sind wieder etwas für sich.
Al exej (tritt ein, zu Glow). Ihr Diener fragt wegen der Koffer: befehlen Sie,
sie hinauszutragen? Die Pferde warten schon.
Gl ow. Ah, sofort. Entschuldigen Sie, meine Herren, daß ich Sie für einen
Augenblick verlasse. (Ab.)
11. Auftritt
Schwochnew. Icharew. Krugel. Uteschitelny.
Page 229
I ch ar ew. Nein, da ist keine Hoffnung!
Ut eschi t el n y. Ich habe dir’s ja vorher gesagt. Ich begreife nicht, wie
Sie es dem Menschen nicht sofort ansehen! Man braucht ja nur hinzusehen,
um zu wissen, wenn einer nicht spielen will.
I ch ar ew. Aber ich glaube, man müßte ihm doch ordentlich zusetzen.
Weshalb hast du ihn denn noch selber unterstützt?
Ut eschi t el n y. Aber mein Liebster, anders geht’s doch nicht. Mit diesen
Leuten muß man sehr vorsichtig umgehen, sonst merkt er’s ja gleich, daß
man ihm etwas abgewinnen will.
I ch ar ew. Nun, und was ist daraus geworden? Er reist ja bald ab, es ist ja
doch ganz egal.
Ut eschi t el n y. Na, warten wir ab, die Sache ist noch nicht ganz zu
Ende.
12. Auftritt
Dieselben und Glow.
Gl ow. Besten Dank für die angenehme Bekanntschaft, meine Herren.
Ich bedaure wahrhaftig nur, daß sie erst so spät zustande gekommen ist.
Gott wird uns übrigens vielleicht noch einmal zusammenführen.
S chw och n ew. O gewiß, die Wege sind glatt, und die Menschen treiben
sich weit herum, warum sollte man da nicht noch mal zusammentreffen?
Wenn nur das Schicksal es so will!
Gl ow. Bei Gott, ganz richtig, wenn das Schicksal will, so sehen wir uns
vielleicht schon morgen wieder, das ist die reinste Wahrheit! Adieu, meine
Herren! Aufrichtigsten Dank! Und Ihnen, Stepan Iwanowitsch, bin ich
besonders verpflichtet. Wahrhaftig, Sie haben mir meine Einsamkeit
versüßt!
Ut eschi t el n y. Aber bitte, hat nichts zu sagen. Ich habe getan, was ich
konnte.
Gl ow. Nun, wenn Sie schon so gut sind, so erweisen Sie mir noch eine
Gunst, wenn ich Sie bitten darf.
Ut eschi t el n y. Welche? Sagen Sie mir bloß alles; alles, ich bin zu allem
bereit!
Gl ow. Beruhigen Sie einen alten Vater.
Ut eschi t el n y. Ich habe dir’s ja vorher gesagt. Ich begreife nicht, wie
Sie es dem Menschen nicht sofort ansehen! Man braucht ja nur hinzusehen,
um zu wissen, wenn einer nicht spielen will.
I ch ar ew. Aber ich glaube, man müßte ihm doch ordentlich zusetzen.
Weshalb hast du ihn denn noch selber unterstützt?
Ut eschi t el n y. Aber mein Liebster, anders geht’s doch nicht. Mit diesen
Leuten muß man sehr vorsichtig umgehen, sonst merkt er’s ja gleich, daß
man ihm etwas abgewinnen will.
I ch ar ew. Nun, und was ist daraus geworden? Er reist ja bald ab, es ist ja
doch ganz egal.
Ut eschi t el n y. Na, warten wir ab, die Sache ist noch nicht ganz zu
Ende.
12. Auftritt
Dieselben und Glow.
Gl ow. Besten Dank für die angenehme Bekanntschaft, meine Herren.
Ich bedaure wahrhaftig nur, daß sie erst so spät zustande gekommen ist.
Gott wird uns übrigens vielleicht noch einmal zusammenführen.
S chw och n ew. O gewiß, die Wege sind glatt, und die Menschen treiben
sich weit herum, warum sollte man da nicht noch mal zusammentreffen?
Wenn nur das Schicksal es so will!
Gl ow. Bei Gott, ganz richtig, wenn das Schicksal will, so sehen wir uns
vielleicht schon morgen wieder, das ist die reinste Wahrheit! Adieu, meine
Herren! Aufrichtigsten Dank! Und Ihnen, Stepan Iwanowitsch, bin ich
besonders verpflichtet. Wahrhaftig, Sie haben mir meine Einsamkeit
versüßt!
Ut eschi t el n y. Aber bitte, hat nichts zu sagen. Ich habe getan, was ich
konnte.
Gl ow. Nun, wenn Sie schon so gut sind, so erweisen Sie mir noch eine
Gunst, wenn ich Sie bitten darf.
Ut eschi t el n y. Welche? Sagen Sie mir bloß alles; alles, ich bin zu allem
bereit!
Gl ow. Beruhigen Sie einen alten Vater.
Page 230
Ut eschi t el n y. Wieso denn?
Gl ow. Ich lasse meinen Sascha hier. Ein netter Junge, eine gute Seele,
aber immerhin nicht ganz zuverlässig, zweiundzwanzig Jahre alt, ich bitte
Sie, was sind das für Jahre? Fast noch ein Kind. Er hat die Schule
durchgemacht und denkt nun an nichts anderes als an die Husaren. Ich sage
zu ihm: „Es ist ja noch zu früh, Sascha, warte doch, sieh dich doch ein
bißchen um, warum willst du denn Husar werden? Wer weiß, vielleicht hast
du ganz zivile Anlagen. Du kennst ja noch die Welt gar nicht, die Zeit
gehört ja dir!“ Nun, Sie begreifen wohl, ein so junges Wesen, da kommt
ihm bei den Husaren alles so glänzend vor; die reiche gestickte Uniform ...
Was ist da zu machen? Die Bestrebungen kann man ja nicht aufhalten ....
Also seien Sie doch so gut, Väterchen Stepan Iwanowitsch! Er bleibt nun
ganz allein. Ich habe ihm einige geschäftliche Aufträge gegeben. Er ist ja
ein junger Mann, es kann ja alles passieren; daß ihn da nur die Beamten
nicht irgendwie beschwindeln. Wer weiß! Also nehmen Sie ihn doch unter
Ihren Schutz! Beaufsichtigen Sie seine Schritte, halten Sie ihn von allem
Bösen ab! Seien Sie doch so gut, Väterchen! (Faßt seine beiden Hände.)
Ut eschi t el n y. Bitte, bitte sehr. Alles, was ein Vater für seinen Sohn tun
kann, werde ich für ihn tun.
Gl ow. Ach, Väterchen! (Sie umarmen und küssen sich.) Da sieht man doch
gleich, wenn einer ein gutes Herz hat, bei Gott! Gott wird Sie dafür
belohnen! Adieu, meine Herren! Ich wünsche Ihnen von Herzen alles Beste!
I ch ar ew. Adieu, glückliche Reise!
S chw och n ew. Ich wünsche, daß Sie die Ihrigen gesund vorfinden!
Gl ow. Ich danke Ihnen, meine Herren!
Ut eschi t el n y. Und ich werde Sie bis zum Wagen begleiten und Ihnen
hineinhelfen.
Gl ow. Ach, Väterchen, wie gut sind Sie!
13. Auftritt
Schwochnew, Krugel und Icharew.
I ch ar ew. Fort ist der Vogel!
S chw och n ew. Ja, man hätte doch was ergattern können!
Gl ow. Ich lasse meinen Sascha hier. Ein netter Junge, eine gute Seele,
aber immerhin nicht ganz zuverlässig, zweiundzwanzig Jahre alt, ich bitte
Sie, was sind das für Jahre? Fast noch ein Kind. Er hat die Schule
durchgemacht und denkt nun an nichts anderes als an die Husaren. Ich sage
zu ihm: „Es ist ja noch zu früh, Sascha, warte doch, sieh dich doch ein
bißchen um, warum willst du denn Husar werden? Wer weiß, vielleicht hast
du ganz zivile Anlagen. Du kennst ja noch die Welt gar nicht, die Zeit
gehört ja dir!“ Nun, Sie begreifen wohl, ein so junges Wesen, da kommt
ihm bei den Husaren alles so glänzend vor; die reiche gestickte Uniform ...
Was ist da zu machen? Die Bestrebungen kann man ja nicht aufhalten ....
Also seien Sie doch so gut, Väterchen Stepan Iwanowitsch! Er bleibt nun
ganz allein. Ich habe ihm einige geschäftliche Aufträge gegeben. Er ist ja
ein junger Mann, es kann ja alles passieren; daß ihn da nur die Beamten
nicht irgendwie beschwindeln. Wer weiß! Also nehmen Sie ihn doch unter
Ihren Schutz! Beaufsichtigen Sie seine Schritte, halten Sie ihn von allem
Bösen ab! Seien Sie doch so gut, Väterchen! (Faßt seine beiden Hände.)
Ut eschi t el n y. Bitte, bitte sehr. Alles, was ein Vater für seinen Sohn tun
kann, werde ich für ihn tun.
Gl ow. Ach, Väterchen! (Sie umarmen und küssen sich.) Da sieht man doch
gleich, wenn einer ein gutes Herz hat, bei Gott! Gott wird Sie dafür
belohnen! Adieu, meine Herren! Ich wünsche Ihnen von Herzen alles Beste!
I ch ar ew. Adieu, glückliche Reise!
S chw och n ew. Ich wünsche, daß Sie die Ihrigen gesund vorfinden!
Gl ow. Ich danke Ihnen, meine Herren!
Ut eschi t el n y. Und ich werde Sie bis zum Wagen begleiten und Ihnen
hineinhelfen.
Gl ow. Ach, Väterchen, wie gut sind Sie!
13. Auftritt
Schwochnew, Krugel und Icharew.
I ch ar ew. Fort ist der Vogel!
S chw och n ew. Ja, man hätte doch was ergattern können!
Page 231
I ch ar ew. Ich muß gestehen, wie er da sagte: zweihunderttausend, da
bekam ich sogar Herzklopfen.
Kr ug el. An eine solche Summe ist es sogar süß zu denken.
I ch ar ew. Wenn man bedenkt, wieviel Geld umsonst, ohne irgendeinen
Nutzen herumliegt! Was hat man nun davon, daß er zweihunderttausend
bekommen wird? Das alles wird ja bei Einkäufen von irgendwelchen
Lappen und altem Zeug draufgehen.
S chw och n ew. Alles das ist Plunder und Tand.
I ch ar ew. Und wieviel Geld geht so in der Welt ohne Umsatz verloren!
Wieviel tote Kapitalien gibt es, die wie die Toten in den Banken
herumliegen. Es ist wahrhaftig ein Jammer! Ich möchte nicht mehr haben,
als was im Vormundschaftsrat liegt.
S chw och n ew. Ich wäre schon mit der Hälfte zufrieden.
Kr ug el. Und ich mit einem Viertel.
S chw och n ew. Na, na, flunkere nicht, Deutscher, du wirst schon noch
mehr verlangen.
Kr ug el. Auf Ehrenwort!
S chw och n ew. Schwindel!
14. Auftritt
Dieselben und Uteschitelny (kommt eilig, mit vor Freude strahlendem Gesicht).
Ut eschi t el n y. Schadet nichts, schadet nichts, meine Herren, er ist fort,
hol ihn der Teufel! Desto besser! Der Sohn ist dageblieben. Der Vater hat
ihm die Vollmacht übergeben und alle Rechte auf den Empfang der Gelder
vom Fiskus; und er hat mir die Aufsicht über alles anvertraut. Der Sohn ist
ein feiner Kerl, es zieht ihn zu den Husaren. Da gibt’s eine Ernte. Ich gehe
und bringe ihn gleich zu euch. (Schnell ab.)
15. Auftritt
Schwochnew, Krugel und Icharew.
bekam ich sogar Herzklopfen.
Kr ug el. An eine solche Summe ist es sogar süß zu denken.
I ch ar ew. Wenn man bedenkt, wieviel Geld umsonst, ohne irgendeinen
Nutzen herumliegt! Was hat man nun davon, daß er zweihunderttausend
bekommen wird? Das alles wird ja bei Einkäufen von irgendwelchen
Lappen und altem Zeug draufgehen.
S chw och n ew. Alles das ist Plunder und Tand.
I ch ar ew. Und wieviel Geld geht so in der Welt ohne Umsatz verloren!
Wieviel tote Kapitalien gibt es, die wie die Toten in den Banken
herumliegen. Es ist wahrhaftig ein Jammer! Ich möchte nicht mehr haben,
als was im Vormundschaftsrat liegt.
S chw och n ew. Ich wäre schon mit der Hälfte zufrieden.
Kr ug el. Und ich mit einem Viertel.
S chw och n ew. Na, na, flunkere nicht, Deutscher, du wirst schon noch
mehr verlangen.
Kr ug el. Auf Ehrenwort!
S chw och n ew. Schwindel!
14. Auftritt
Dieselben und Uteschitelny (kommt eilig, mit vor Freude strahlendem Gesicht).
Ut eschi t el n y. Schadet nichts, schadet nichts, meine Herren, er ist fort,
hol ihn der Teufel! Desto besser! Der Sohn ist dageblieben. Der Vater hat
ihm die Vollmacht übergeben und alle Rechte auf den Empfang der Gelder
vom Fiskus; und er hat mir die Aufsicht über alles anvertraut. Der Sohn ist
ein feiner Kerl, es zieht ihn zu den Husaren. Da gibt’s eine Ernte. Ich gehe
und bringe ihn gleich zu euch. (Schnell ab.)
15. Auftritt
Schwochnew, Krugel und Icharew.
Page 232
I ch ar ew. Der Uteschitelny! Ist das einer!
S chw och n ew. Bravo! Die Sache nimmt eine vortreffliche Wendung!
(Alle reiben sich vor Freude die Hände.)
I ch ar ew. Ein braver Kerl, der Uteschitelny! Jetzt begreife ich, warum er
sich an den Alten herangemacht hat und ihm in allem zustimmte. Und das
alles so fein, so glatt!
S chw och n ew. Oh, dazu hat er ein ungewöhnliches Talent!
Kr ug el. Ganz ungeheuere Fähigkeiten!
I ch ar ew. Ich muß gestehen, als der Vater sagte, daß er den Sohn hier
läßt, da ging mir selber ein Gedanke durch den Kopf, aber nur einen
Augenblick, und dieser hat’s gleich ... was für ein Scharfblick!
S chw och n ew. Oh, du kennst ihn noch nicht genügend!
16. Auftritt
Dieselben, Uteschitelny und Alexander Michailowitsch Glow, ein junger Mann.
Ut eschi t el n y. Meine Herren, gestatten Sie, daß ich Ihnen vorstelle:
Alexander Micháilowitsch Glow, ein vorzüglicher Kamerad. Ich bitte Sie,
ihn zu lieben, wie mich selbst!
S chw och n ew. Sehr erfreut! (Drückt ihm die Hand.)
I ch ar ew. Ihre Bekanntschaft ist uns ...
Kr ug el. Gestatten Sie, daß wir Sie gleich umarmen!
Gl ow. Meine Herren, ich ...
Ut eschi t el n y. Bitte ohne Zeremonien, ganz ohne Zeremonien.
Gleichheit ist hier die erste Sache, meine Herren. Glow, du siehst, hier sind
alle Kameraden, daher zum Teufel mit aller Etikette. Wollen wir uns gleich
„du“ sagen?
S chw och n ew. Jawohl, „du“.
Gl ow. Ja „du“. (Reicht ihnen allen die Hand.)
Ut eschi t el n y. So, bravo! Kellner, Champagner! Bemerken Sie, meine
Herren, wie er schon heute etwas vom Husaren an sich hat. Nein, dein
Vater, gestatte bitte das harte Wort, ist ein großes Viech. Du mußt schon
verzeihen, wir sind ja auf „du“. Wie konnte er nur so einen famosen Kerl in
den Tintendienst stecken wollen! Nun, Bruder, findet die Hochzeit deiner
Schwester bald statt?
S chw och n ew. Bravo! Die Sache nimmt eine vortreffliche Wendung!
(Alle reiben sich vor Freude die Hände.)
I ch ar ew. Ein braver Kerl, der Uteschitelny! Jetzt begreife ich, warum er
sich an den Alten herangemacht hat und ihm in allem zustimmte. Und das
alles so fein, so glatt!
S chw och n ew. Oh, dazu hat er ein ungewöhnliches Talent!
Kr ug el. Ganz ungeheuere Fähigkeiten!
I ch ar ew. Ich muß gestehen, als der Vater sagte, daß er den Sohn hier
läßt, da ging mir selber ein Gedanke durch den Kopf, aber nur einen
Augenblick, und dieser hat’s gleich ... was für ein Scharfblick!
S chw och n ew. Oh, du kennst ihn noch nicht genügend!
16. Auftritt
Dieselben, Uteschitelny und Alexander Michailowitsch Glow, ein junger Mann.
Ut eschi t el n y. Meine Herren, gestatten Sie, daß ich Ihnen vorstelle:
Alexander Micháilowitsch Glow, ein vorzüglicher Kamerad. Ich bitte Sie,
ihn zu lieben, wie mich selbst!
S chw och n ew. Sehr erfreut! (Drückt ihm die Hand.)
I ch ar ew. Ihre Bekanntschaft ist uns ...
Kr ug el. Gestatten Sie, daß wir Sie gleich umarmen!
Gl ow. Meine Herren, ich ...
Ut eschi t el n y. Bitte ohne Zeremonien, ganz ohne Zeremonien.
Gleichheit ist hier die erste Sache, meine Herren. Glow, du siehst, hier sind
alle Kameraden, daher zum Teufel mit aller Etikette. Wollen wir uns gleich
„du“ sagen?
S chw och n ew. Jawohl, „du“.
Gl ow. Ja „du“. (Reicht ihnen allen die Hand.)
Ut eschi t el n y. So, bravo! Kellner, Champagner! Bemerken Sie, meine
Herren, wie er schon heute etwas vom Husaren an sich hat. Nein, dein
Vater, gestatte bitte das harte Wort, ist ein großes Viech. Du mußt schon
verzeihen, wir sind ja auf „du“. Wie konnte er nur so einen famosen Kerl in
den Tintendienst stecken wollen! Nun, Bruder, findet die Hochzeit deiner
Schwester bald statt?
Page 233
Gl ow. Hol’s der Teufel mit der Hochzeit! Ich bin furchtbar ärgerlich, daß
der Vater mich deswegen drei Monate auf dem Dorfe festgehalten hat!
Ut eschi t el n y. Hör mal, ist deine Schwester hübsch?
Gl ow. So hübsch ... Wenn sie nicht meine Schwester wäre, dann würde
ich’s ihr schon zeigen.
Ut eschi t el n y. Bravo, bravo, Husar, da sieht man gleich den Husaren!
Nun hör mal, würdest du mir helfen, wenn ich sie entführen wollte?
Gl ow. Warum denn nicht? Gewiß würde ich dir helfen.
Ut eschi t el n y. Bravo, Husar! Das ist ein richtiger Husar, zum Teufel!
Kellner, Champagner! Das ist mein wahrer Geschmack, solche
offenherzigen Menschen habe ich gern! Warte mal, meine Seele, laß dich
umarmen!
S chw och n ew. Laß mich ihn auch umarmen. (Umarmt ihn.)
I ch ar ew. Auch ich! (Umarmt ihn.)
Kr ug el. Nun, wenn’s so ist, dann werde auch ich ihn umarmen. (Umarmt
ihn. Alexej bringt eine Flasche, den Korken mit den Fingern festhaltend, der knallend an die Decke
fliegt. Er füllt die Gläser.)
Ut eschi t el n y. Meine Herren, auf das Wohl des künftigen Husaren!
Möge er der erste Haudegen, der erste Kurschneider, der erste Säufer, kurz,
möge er alles mögliche werden!
Al l e. Möge er alles mögliche werden! (Trinken.)
Gl ow. Auf das Wohl des gesamten Husarentums! (Erhebt das Glas.)
Al l e. Auf das Wohl des gesamten Husarentums! (Trinken.)
Ut eschi t el n y. Meine Herren, man muß ihn jetzt schon in alle
Husarenbräuche einweihen. Wie Sie sehen, trinkt er schon leidlich gut, aber
das ist ja ’ne Kleinigkeit. Man muß dazu auch noch ein rechter
Kartenspieler werden. Spielst du Bank?
Gl ow. Ich möchte schon recht gerne spielen, ich möchte furchtbar gern,
aber ich habe kein Geld.
Ut eschi t el n y. Das ist Unsinn, kein Geld! Man braucht nur etwas zu
haben, um sich an den Spieltisch zu setzen, dann kommen die Gelder schon,
du wirst ja gewinnen.
Gl ow. Man muß doch aber was haben, um anzufangen.
Ut eschi t el n y. Ah, wir werden dir’s kreditieren. Du hast ja eine
Vollmacht auf die Gelder vom Fiskus. Wir können ja warten. Wenn du sie
bekommst, so wirst du uns sofort bezahlen, bis dahin kannst du uns ja einen
der Vater mich deswegen drei Monate auf dem Dorfe festgehalten hat!
Ut eschi t el n y. Hör mal, ist deine Schwester hübsch?
Gl ow. So hübsch ... Wenn sie nicht meine Schwester wäre, dann würde
ich’s ihr schon zeigen.
Ut eschi t el n y. Bravo, bravo, Husar, da sieht man gleich den Husaren!
Nun hör mal, würdest du mir helfen, wenn ich sie entführen wollte?
Gl ow. Warum denn nicht? Gewiß würde ich dir helfen.
Ut eschi t el n y. Bravo, Husar! Das ist ein richtiger Husar, zum Teufel!
Kellner, Champagner! Das ist mein wahrer Geschmack, solche
offenherzigen Menschen habe ich gern! Warte mal, meine Seele, laß dich
umarmen!
S chw och n ew. Laß mich ihn auch umarmen. (Umarmt ihn.)
I ch ar ew. Auch ich! (Umarmt ihn.)
Kr ug el. Nun, wenn’s so ist, dann werde auch ich ihn umarmen. (Umarmt
ihn. Alexej bringt eine Flasche, den Korken mit den Fingern festhaltend, der knallend an die Decke
fliegt. Er füllt die Gläser.)
Ut eschi t el n y. Meine Herren, auf das Wohl des künftigen Husaren!
Möge er der erste Haudegen, der erste Kurschneider, der erste Säufer, kurz,
möge er alles mögliche werden!
Al l e. Möge er alles mögliche werden! (Trinken.)
Gl ow. Auf das Wohl des gesamten Husarentums! (Erhebt das Glas.)
Al l e. Auf das Wohl des gesamten Husarentums! (Trinken.)
Ut eschi t el n y. Meine Herren, man muß ihn jetzt schon in alle
Husarenbräuche einweihen. Wie Sie sehen, trinkt er schon leidlich gut, aber
das ist ja ’ne Kleinigkeit. Man muß dazu auch noch ein rechter
Kartenspieler werden. Spielst du Bank?
Gl ow. Ich möchte schon recht gerne spielen, ich möchte furchtbar gern,
aber ich habe kein Geld.
Ut eschi t el n y. Das ist Unsinn, kein Geld! Man braucht nur etwas zu
haben, um sich an den Spieltisch zu setzen, dann kommen die Gelder schon,
du wirst ja gewinnen.
Gl ow. Man muß doch aber was haben, um anzufangen.
Ut eschi t el n y. Ah, wir werden dir’s kreditieren. Du hast ja eine
Vollmacht auf die Gelder vom Fiskus. Wir können ja warten. Wenn du sie
bekommst, so wirst du uns sofort bezahlen, bis dahin kannst du uns ja einen
Page 234
Wechsel geben. Übrigens, was sage ich da: als ob du unbedingt verlieren
müßtest! Du kannst ja sofort einige Tausend in bar gewinnen.
Gl ow. Wenn ich aber verliere?
Ut eschi t el n y. Schäme dich, was bist du denn für ein Husar! Natürlich,
eins von beiden: entweder gewinnst du, oder du verlierst. Aber darin besteht
ja die ganze Sache, in dem Risiko liegt ja die Haupttugend. Nicht riskieren
kann ja jeder. Aufs Gewisse hin würde auch eine Beamtenseele es wagen
und ein Jude eine Festung bestürmen.
Gl ow. Hol’s der Teufel! Wenn’s so ist, dann spiele ich, was soll ich mir
da noch aus dem Vater machen!
Ut eschi t el n y. Bravo, Junker! Kellner! Karten! (Schenkt ihm ein.) Was
braucht man denn hauptsächlich? Man braucht Kühnheit, Kraft. Nun gut,
meine Herren, ich werde eine kleine Bank von fünfundzwanzig Tausend
halten. (Gibt Karten nach rechts und links.) Nun, Husar? Und du, Schwochnew, was
setzt du? (Gibt.) Wie sonderbar die Karten fallen! Höchst interessant das zu
berechnen! Der Bube ist geschlagen, die Zehn hat gestochen. Was hast du
da, sieh mal nach. Auch die Vier hat geschlagen, was? Ah, Husar, Husar! Ist
das ein Husar! Bemerkst du, Icharew, wie er schon die Einsätze großartig
erhöht? Und das As kommt noch immer nicht heraus. Schwochnew, warum
schenkst du ihm nicht ein? Da, da, da ist das As! Da hat Krugel auch schon
was geholt, der Deutsche hat immer Schwein! Die Vier hat gewonnen. Ah,
bravo, bravo, Husar! Hörst du’s, Schwochnew? Der Husar hat schon
beinahe fünftausend gewonnen.
Gl ow (biegt die Karte um). Hol’s der Teufel! Paroli! Da ist schon wieder die
Zehn auf dem Tisch. Die gilt auch, und noch fünfhundert Rubel Einsatz!
Ut eschi t el n y (weitergebend). Ah, bravo, Husar! Die Sieben ist geschla—
— ach nein, zum Teufel! Wieder pliez! Wieder pliez! Ah, nun hat der Husar
verloren. Na, Liebster, was ist da zu machen? Nicht jeder hat eine Marie zur
Frau, das kommt so, wie’s Gott gibt! Krugel, hör doch auf, zu rechnen,
setze doch die, welche du gezogen hast. Bravo, da hat der Husar wieder
gewonnen. Warum gratuliert ihr ihm nicht? (Alle trinken und gratulieren ihm, indem
sie mit den Gläsern anstoßen.) Man sagt, Pique-Dame verrät einen immer, aber ich
kann’s nicht behaupten. Erinnerst du dich, Schwochnew? Deine Brünette,
die du Pique-Dame genannt hast? Was macht die jetzt, die Liebste? Die ist
wohl ganz außer Rand und Band? Krugel, deine ist geschlagen! (Zu Icharew.)
Und auch deine ist geschlagen! Schwochnew, deine ist auch geschlagen, der
Husar ist auch kaputt.
müßtest! Du kannst ja sofort einige Tausend in bar gewinnen.
Gl ow. Wenn ich aber verliere?
Ut eschi t el n y. Schäme dich, was bist du denn für ein Husar! Natürlich,
eins von beiden: entweder gewinnst du, oder du verlierst. Aber darin besteht
ja die ganze Sache, in dem Risiko liegt ja die Haupttugend. Nicht riskieren
kann ja jeder. Aufs Gewisse hin würde auch eine Beamtenseele es wagen
und ein Jude eine Festung bestürmen.
Gl ow. Hol’s der Teufel! Wenn’s so ist, dann spiele ich, was soll ich mir
da noch aus dem Vater machen!
Ut eschi t el n y. Bravo, Junker! Kellner! Karten! (Schenkt ihm ein.) Was
braucht man denn hauptsächlich? Man braucht Kühnheit, Kraft. Nun gut,
meine Herren, ich werde eine kleine Bank von fünfundzwanzig Tausend
halten. (Gibt Karten nach rechts und links.) Nun, Husar? Und du, Schwochnew, was
setzt du? (Gibt.) Wie sonderbar die Karten fallen! Höchst interessant das zu
berechnen! Der Bube ist geschlagen, die Zehn hat gestochen. Was hast du
da, sieh mal nach. Auch die Vier hat geschlagen, was? Ah, Husar, Husar! Ist
das ein Husar! Bemerkst du, Icharew, wie er schon die Einsätze großartig
erhöht? Und das As kommt noch immer nicht heraus. Schwochnew, warum
schenkst du ihm nicht ein? Da, da, da ist das As! Da hat Krugel auch schon
was geholt, der Deutsche hat immer Schwein! Die Vier hat gewonnen. Ah,
bravo, bravo, Husar! Hörst du’s, Schwochnew? Der Husar hat schon
beinahe fünftausend gewonnen.
Gl ow (biegt die Karte um). Hol’s der Teufel! Paroli! Da ist schon wieder die
Zehn auf dem Tisch. Die gilt auch, und noch fünfhundert Rubel Einsatz!
Ut eschi t el n y (weitergebend). Ah, bravo, Husar! Die Sieben ist geschla—
— ach nein, zum Teufel! Wieder pliez! Wieder pliez! Ah, nun hat der Husar
verloren. Na, Liebster, was ist da zu machen? Nicht jeder hat eine Marie zur
Frau, das kommt so, wie’s Gott gibt! Krugel, hör doch auf, zu rechnen,
setze doch die, welche du gezogen hast. Bravo, da hat der Husar wieder
gewonnen. Warum gratuliert ihr ihm nicht? (Alle trinken und gratulieren ihm, indem
sie mit den Gläsern anstoßen.) Man sagt, Pique-Dame verrät einen immer, aber ich
kann’s nicht behaupten. Erinnerst du dich, Schwochnew? Deine Brünette,
die du Pique-Dame genannt hast? Was macht die jetzt, die Liebste? Die ist
wohl ganz außer Rand und Band? Krugel, deine ist geschlagen! (Zu Icharew.)
Und auch deine ist geschlagen! Schwochnew, deine ist auch geschlagen, der
Husar ist auch kaputt.
Page 235
Gl ow. Hol’s der Teufel! Va banque!
Ut eschi t el n y. Bravo, Husar! Das ist die richtige Husarenschneidigkeit!
Weißt du, Schwochnew, daß das eigentliche Gefühl doch stets
herauskommt? Bis jetzt sah man immer schon, daß er einmal ein Husar sein
wird, nun aber sieht man, daß er auch schon jetzt ein Husar ist. Das ist so
die Natur! Der Husar ist wieder geschlagen!
Gl ow. Va banque!
Ut eschi t el n y. Bravo, Husar! Auf alle fünfzigtausend! Das nennt man
Seelengröße! Na, such doch mal, wo findest du so einen Zug. Das ist ja eine
wahre Heldentat! Der Husar ist wieder geschlagen!
Gl ow. Va banque! Hol’s der Teufel! Va banque!
Ut eschi t el n y. Oho, Husar, auf hunderttausend! Was? Und die Äuglein,
die Äuglein! Merkst du’s Schwochnew, wie seine Äuglein brennen? Er hat
etwas von einem Barklai de Tolly. Das ist etwas Heroisches! Der König ist
noch immer nicht da! Hier hast du die Karo-Dame, Schwochnew. Da, hier,
Deutscher, friß die Sieben! Routé, unbedingt routé! Der König scheint gar
nicht im Spiel zu sein. Wahrhaftig, das ist sogar sonderbar. Ah, da ist er, da
ist er. Wieder ist der Husar geschlagen!
Gl ow (hitzig). Va banque! Hol’s der Teufel! Va banque!
Ut eschi t el n y. Nein, Bruder, halt! Du hast jetzt schon
zweihunderttausend verloren. Erst zahlen, ohne das kann man kein weiteres
Spiel anfangen. Soviel können wir dir nicht kreditieren!
Gl ow. Aber wo soll ich’s denn hernehmen? Ich hab’ ja jetzt kein Geld!
Ut eschi t el n y. So gib uns einen Wechsel! Unterschreibe!
Gl ow. Bitte, ich bin bereit! (Nimmt die Feder.)
Ut eschi t el n y. Und gib uns auch die Vollmacht auf die Gelder heraus.
Gl ow. Hier habt ihr auch die Vollmacht!
Ut eschi t el n y. Jetzt unterschreibe dies, und dann auch dies! (Gibt ihm
etwas zu unterschreiben.)
Gl ow. Bitte, ich bin bereit, alles zu tun. Hier habe ich unterschrieben.
Jetzt wollen wir weiterspielen.
Ut eschi t el n y. Nein, Liebster, warte, erst mußt du das Geld vorzeigen!
Gl ow. Ich werd’s euch doch bezahlen, seid nur ganz ruhig!
Ut eschi t el n y. Nein, Bruder, erst das Geld auf den Tisch!
Gl ow. Was ist denn das? Das ist ja die reinste Niedertracht!
Kr ug el. Nein, das ist keine Niedertracht.
Ut eschi t el n y. Bravo, Husar! Das ist die richtige Husarenschneidigkeit!
Weißt du, Schwochnew, daß das eigentliche Gefühl doch stets
herauskommt? Bis jetzt sah man immer schon, daß er einmal ein Husar sein
wird, nun aber sieht man, daß er auch schon jetzt ein Husar ist. Das ist so
die Natur! Der Husar ist wieder geschlagen!
Gl ow. Va banque!
Ut eschi t el n y. Bravo, Husar! Auf alle fünfzigtausend! Das nennt man
Seelengröße! Na, such doch mal, wo findest du so einen Zug. Das ist ja eine
wahre Heldentat! Der Husar ist wieder geschlagen!
Gl ow. Va banque! Hol’s der Teufel! Va banque!
Ut eschi t el n y. Oho, Husar, auf hunderttausend! Was? Und die Äuglein,
die Äuglein! Merkst du’s Schwochnew, wie seine Äuglein brennen? Er hat
etwas von einem Barklai de Tolly. Das ist etwas Heroisches! Der König ist
noch immer nicht da! Hier hast du die Karo-Dame, Schwochnew. Da, hier,
Deutscher, friß die Sieben! Routé, unbedingt routé! Der König scheint gar
nicht im Spiel zu sein. Wahrhaftig, das ist sogar sonderbar. Ah, da ist er, da
ist er. Wieder ist der Husar geschlagen!
Gl ow (hitzig). Va banque! Hol’s der Teufel! Va banque!
Ut eschi t el n y. Nein, Bruder, halt! Du hast jetzt schon
zweihunderttausend verloren. Erst zahlen, ohne das kann man kein weiteres
Spiel anfangen. Soviel können wir dir nicht kreditieren!
Gl ow. Aber wo soll ich’s denn hernehmen? Ich hab’ ja jetzt kein Geld!
Ut eschi t el n y. So gib uns einen Wechsel! Unterschreibe!
Gl ow. Bitte, ich bin bereit! (Nimmt die Feder.)
Ut eschi t el n y. Und gib uns auch die Vollmacht auf die Gelder heraus.
Gl ow. Hier habt ihr auch die Vollmacht!
Ut eschi t el n y. Jetzt unterschreibe dies, und dann auch dies! (Gibt ihm
etwas zu unterschreiben.)
Gl ow. Bitte, ich bin bereit, alles zu tun. Hier habe ich unterschrieben.
Jetzt wollen wir weiterspielen.
Ut eschi t el n y. Nein, Liebster, warte, erst mußt du das Geld vorzeigen!
Gl ow. Ich werd’s euch doch bezahlen, seid nur ganz ruhig!
Ut eschi t el n y. Nein, Bruder, erst das Geld auf den Tisch!
Gl ow. Was ist denn das? Das ist ja die reinste Niedertracht!
Kr ug el. Nein, das ist keine Niedertracht.
Page 236
I ch ar ew. Nein, das ist eine ganz andere Sache, die Chancen sind ja nicht
gleich.
S chw och n ew. Auf die Weise wirst du dich hinsetzen, um uns das Geld
abzugewinnen. Das kennt man: wer sich ohne Geld zum Spiel hinsetzt, der
setzt sich hin, um sicher zu gewinnen.
Gl ow. Was wollt ihr denn? Fordert doch beliebige Zinsen, ich bin zu
allem bereit. Ich werde euch doppelt bezahlen!
Ut eschi t el n y. Was machen wir uns aus deinen Zinsen, Liebster? Wir
sind selber bereit, beliebige Zinsen zu zahlen, aber borg uns erst Geld.
Gl ow (verzweifelt und entschlossen). So sagt doch euer letztes Wort: wollt ihr
spielen?
S chw och n ew. Bring Geld, und wir wollen gleich spielen.
Gl ow (eine Pistole aus der Tasche herausholend). Nun, dann lebt wohl, meine
Herren! Ihr werdet mich auf dieser Welt nicht mehr wiedersehen! (Schnell ab
mit der Pistole.)
Ut eschi t el n y. Du, du, bist du verrückt? Man muß ihm nach! In der Tat,
er könnte sich ja noch erschießen! (Schnell ab.)
17. Auftritt
Schwochnew, Krugel und Icharew.
I ch ar ew. Das gibt noch eine Geschichte, wenn dieser Teufel sich
erschießt.
S chw och n ew. Hol ihn der Teufel, mag er sich erschießen, nur nicht
jetzt, denn noch sind die Gelder nicht in unseren Händen; das ist das
Schlimme.
Kr ug el. Ich befürchte alles. Es ist ja auch möglich ...
18. Auftritt
Dieselben, Uteschitelny und Glow.
gleich.
S chw och n ew. Auf die Weise wirst du dich hinsetzen, um uns das Geld
abzugewinnen. Das kennt man: wer sich ohne Geld zum Spiel hinsetzt, der
setzt sich hin, um sicher zu gewinnen.
Gl ow. Was wollt ihr denn? Fordert doch beliebige Zinsen, ich bin zu
allem bereit. Ich werde euch doppelt bezahlen!
Ut eschi t el n y. Was machen wir uns aus deinen Zinsen, Liebster? Wir
sind selber bereit, beliebige Zinsen zu zahlen, aber borg uns erst Geld.
Gl ow (verzweifelt und entschlossen). So sagt doch euer letztes Wort: wollt ihr
spielen?
S chw och n ew. Bring Geld, und wir wollen gleich spielen.
Gl ow (eine Pistole aus der Tasche herausholend). Nun, dann lebt wohl, meine
Herren! Ihr werdet mich auf dieser Welt nicht mehr wiedersehen! (Schnell ab
mit der Pistole.)
Ut eschi t el n y. Du, du, bist du verrückt? Man muß ihm nach! In der Tat,
er könnte sich ja noch erschießen! (Schnell ab.)
17. Auftritt
Schwochnew, Krugel und Icharew.
I ch ar ew. Das gibt noch eine Geschichte, wenn dieser Teufel sich
erschießt.
S chw och n ew. Hol ihn der Teufel, mag er sich erschießen, nur nicht
jetzt, denn noch sind die Gelder nicht in unseren Händen; das ist das
Schlimme.
Kr ug el. Ich befürchte alles. Es ist ja auch möglich ...
18. Auftritt
Dieselben, Uteschitelny und Glow.
Page 237
Ut eschi t el n y (faßt Glow bei der Hand, in der er die Pistole hält). Was ist mit dir,
was ist mit dir, Bruder? Bist du verrückt? Hören Sie, hören Sie doch, meine
Herren? Er hatte schon die Pistole in den Mund gesteckt. He, schäm dich!
Al l e (an ihn herantretend). Du, du ... Um Gottes willen, was ist mit dir?
S chw och n ew. Und dabei ist er so’n gescheiter Mensch; und wegen so
einer Lappalie will er sich erschießen!
I ch ar ew. Auf diese Weise müßte sich ja ganz Rußland erschießen: Jeder
hat verspielt oder hat doch die Absicht, zu verspielen. Wenn das nicht wäre,
so könnte man ja auch nicht gewinnen, das mußt du doch selber bedenken!
Ut eschi t el n y. Du bist einfach ein Dummkopf, laß dir’s sagen. Du
kennst dein eigenes Glück nicht. Fühlst du denn nicht, daß du gewonnen
hast, indem du verloren hast?
Gl ow (ärgerlich). Ihr haltet mich wirklich für einen Dummkopf. Was ist
denn da für ein Gewinn, zweihunderttausend zu verlieren! Der Teufel auch!
Ut eschi t el n y. Ei, du Einfaltspinsel, weißt du denn nicht, was für einen
Ruhm du dir im Regiment erwirbst? Hörst du, eine Kleinigkeit: noch nicht
Junker sein und zweihunderttausend verlieren! Die Husaren werden dich ja
auf den Händen tragen!
Gl ow (ermuntert sich). Was denkt ihr denn? Werde ich denn nicht den Mut
haben, auf das alles zu pfeifen, wenn es so weit ist? Hol’s der Teufel! Es
lebe das Husarentum!
Ut eschi t el n y. Bravo, es leben die Husaren! Teremtete! Champagner!
(Man bringt ein paar Flaschen.)
Gl ow (das Glas in der Hand). Es leben die Husaren!
I ch ar ew. Es leben die Husaren! Hol’s der Teufel!
S chw och n ew. Teremtete! Es leben die Husaren!
Gl ow. Ich pfeife auf alles, wenn es so ist. (Stellt das Glas auf den Tisch.) Aber
das eine ist schlimm, wie komme ich nach Hause? Mein Vater! Mein Vater!
(Faßt sich beim Haar.)
Ut eschi t el n y. Wozu willst du denn zum Vater? Ist ja gar nicht nötig!
Gl ow (ihn verwundert anglotzend). Wieso?
Ut eschi t el n y. Du kannst ja von hier direkt ins Regiment fahren! Wir
geben dir was zur Equipierung. Liebster Schwochnew, wir müssen ihm jetzt
zweihundert Rubel geben, mag der Junker sich etwas amüsieren. Ich hab’s
schon bemerkt, er hat so ’ne Brünette, was?
Gl ow. Hol’s der Teufel! Ich laufe gleich zu ihr, und werde sie im Sturme
nehmen!
was ist mit dir, Bruder? Bist du verrückt? Hören Sie, hören Sie doch, meine
Herren? Er hatte schon die Pistole in den Mund gesteckt. He, schäm dich!
Al l e (an ihn herantretend). Du, du ... Um Gottes willen, was ist mit dir?
S chw och n ew. Und dabei ist er so’n gescheiter Mensch; und wegen so
einer Lappalie will er sich erschießen!
I ch ar ew. Auf diese Weise müßte sich ja ganz Rußland erschießen: Jeder
hat verspielt oder hat doch die Absicht, zu verspielen. Wenn das nicht wäre,
so könnte man ja auch nicht gewinnen, das mußt du doch selber bedenken!
Ut eschi t el n y. Du bist einfach ein Dummkopf, laß dir’s sagen. Du
kennst dein eigenes Glück nicht. Fühlst du denn nicht, daß du gewonnen
hast, indem du verloren hast?
Gl ow (ärgerlich). Ihr haltet mich wirklich für einen Dummkopf. Was ist
denn da für ein Gewinn, zweihunderttausend zu verlieren! Der Teufel auch!
Ut eschi t el n y. Ei, du Einfaltspinsel, weißt du denn nicht, was für einen
Ruhm du dir im Regiment erwirbst? Hörst du, eine Kleinigkeit: noch nicht
Junker sein und zweihunderttausend verlieren! Die Husaren werden dich ja
auf den Händen tragen!
Gl ow (ermuntert sich). Was denkt ihr denn? Werde ich denn nicht den Mut
haben, auf das alles zu pfeifen, wenn es so weit ist? Hol’s der Teufel! Es
lebe das Husarentum!
Ut eschi t el n y. Bravo, es leben die Husaren! Teremtete! Champagner!
(Man bringt ein paar Flaschen.)
Gl ow (das Glas in der Hand). Es leben die Husaren!
I ch ar ew. Es leben die Husaren! Hol’s der Teufel!
S chw och n ew. Teremtete! Es leben die Husaren!
Gl ow. Ich pfeife auf alles, wenn es so ist. (Stellt das Glas auf den Tisch.) Aber
das eine ist schlimm, wie komme ich nach Hause? Mein Vater! Mein Vater!
(Faßt sich beim Haar.)
Ut eschi t el n y. Wozu willst du denn zum Vater? Ist ja gar nicht nötig!
Gl ow (ihn verwundert anglotzend). Wieso?
Ut eschi t el n y. Du kannst ja von hier direkt ins Regiment fahren! Wir
geben dir was zur Equipierung. Liebster Schwochnew, wir müssen ihm jetzt
zweihundert Rubel geben, mag der Junker sich etwas amüsieren. Ich hab’s
schon bemerkt, er hat so ’ne Brünette, was?
Gl ow. Hol’s der Teufel! Ich laufe gleich zu ihr, und werde sie im Sturme
nehmen!
Page 238
Ut eschi t el n y. Ist das ein Husar, was? Schwochnew, hast du nicht
zweihundert Rubel bei dir?
I ch ar ew. Ich werde ihm schon was geben, mag er sich ordentlich
amüsieren! (Glow nimmt das Papiergeld und fuchtelt damit in der Luft herum.)
Al l e. Champagner! (Man bringt die Flaschen.)
Gl ow. Es leben die Husaren!
Ut eschi t el n y. Sie leben hoch! Weißt du, Schwochnew, was mir jetzt
eingefallen ist? Wir wollen ihn auf die Hände nehmen und in die Höhe
werfen, wie man es bei uns im Regiment tat. Nun, antreten! faßt ihn an! (Alle
treten an ihn heran, fassen ihn an den Händen und Füßen, wiegen ihn auf und ab und singen dabei
nach der bekannten Melodie das bekannte Lied:)
Herzlich lieben wir dich allesamt,
Bleibe unser Haupt du immerdar,
Unsre Herzen sind für dich entflammt,
Wir sind deine treue Kinderschar!
Gl ow (mit erhobenem Glas). Hurrah!
Al l e. Hurrah! (lassen ihn auf die Erde hinab).
Gl ow (wirft das Glas zu Boden, alle zerschlagen ebenfalls ihre Gläser, die einen mit dem
Stiefelabsatz, die anderen direkt am Boden). Ich gehe gleich zu ihr.
Ut eschi t el n y. Können wir nicht auch mit, wie?
Gl ow. Nein, niemand soll ..., und wenn jemand ... so geht’s auf Säbel.
Ut eschi t el n y. Ach, ist das ein Haudegen, was? Eifersüchtig und
streitsüchtig wie ein Teufel. Ich glaube, meine Herren, daß aus ihm noch ein
richtiger Kampfhahn wird. Nun adieu, leb wohl, Husar, wir halten dich
nicht weiter auf.
Gl ow. Adieu!
S chw och n ew. Komm und erzähl uns nachher! (Glow ab).
19. Auftritt.
Dieselben ohne Glow.
Ut eschi t el n y. Man muß ihn sanft behandeln, so lange das Geld noch
nicht in unsern Händen ist. Aber dann hol ihn der Teufel!
zweihundert Rubel bei dir?
I ch ar ew. Ich werde ihm schon was geben, mag er sich ordentlich
amüsieren! (Glow nimmt das Papiergeld und fuchtelt damit in der Luft herum.)
Al l e. Champagner! (Man bringt die Flaschen.)
Gl ow. Es leben die Husaren!
Ut eschi t el n y. Sie leben hoch! Weißt du, Schwochnew, was mir jetzt
eingefallen ist? Wir wollen ihn auf die Hände nehmen und in die Höhe
werfen, wie man es bei uns im Regiment tat. Nun, antreten! faßt ihn an! (Alle
treten an ihn heran, fassen ihn an den Händen und Füßen, wiegen ihn auf und ab und singen dabei
nach der bekannten Melodie das bekannte Lied:)
Herzlich lieben wir dich allesamt,
Bleibe unser Haupt du immerdar,
Unsre Herzen sind für dich entflammt,
Wir sind deine treue Kinderschar!
Gl ow (mit erhobenem Glas). Hurrah!
Al l e. Hurrah! (lassen ihn auf die Erde hinab).
Gl ow (wirft das Glas zu Boden, alle zerschlagen ebenfalls ihre Gläser, die einen mit dem
Stiefelabsatz, die anderen direkt am Boden). Ich gehe gleich zu ihr.
Ut eschi t el n y. Können wir nicht auch mit, wie?
Gl ow. Nein, niemand soll ..., und wenn jemand ... so geht’s auf Säbel.
Ut eschi t el n y. Ach, ist das ein Haudegen, was? Eifersüchtig und
streitsüchtig wie ein Teufel. Ich glaube, meine Herren, daß aus ihm noch ein
richtiger Kampfhahn wird. Nun adieu, leb wohl, Husar, wir halten dich
nicht weiter auf.
Gl ow. Adieu!
S chw och n ew. Komm und erzähl uns nachher! (Glow ab).
19. Auftritt.
Dieselben ohne Glow.
Ut eschi t el n y. Man muß ihn sanft behandeln, so lange das Geld noch
nicht in unsern Händen ist. Aber dann hol ihn der Teufel!
Page 239
S chw och n ew. Ich fürchte nur eins, daß sich die Sache mit der
Herausgabe der Gelder vom Fiskus lange hinziehen könnte.
Ut eschi t el n y. Ja, das wäre sehr schlimm. Übrigens meine Herren, wie
ihr wißt, gibt’s ja zu diesem Zweck Antreiber. Wie dem auch sein mag, wir
werden schon diesem oder jenem etwas Geld in die Hände stecken müssen;
der Ordnung halber.
20. Auftritt.
Dieselben und der Beamte Samuchrischkin; er ist mit einem etwas schäbigen Frack
bekleidet und steckt den Kopf durch die Tür.
S am uchr isch k in. Gestatten Sie die Frage, ist hier Glow, Alexander
Michailowitsch Glow?
S chw och n ew. Nein, er ist eben fortgegangen. Was wünschen Sie denn?
S am uchr isch k in. Ich komme in Geschäften wegen der Herausgabe der
Gelder.
Ut eschi t el n y. Wer sind Sie denn?
S am uchr isch k in. Ich bin ein Beamter aus dem Fiskus.
Ut eschi t el n y. Ah, bitte sehr, bitte gehorsamst, Platz zu nehmen. Für
diese Sache haben wir alle das lebhafteste Interesse, um so mehr, als wir
freundschaftliche Abmachungen mit Alexander Michailowitsch
abgeschlossen haben. Deshalb werden Sie begreifen, daß Sie von ihm und
von ihm und von ihm (zeigt mit den Fingern auf alle) den aufrichtigsten Dank zu
gewärtigen haben. Es handelt sich nur darum, daß man die Gelder aus dem
Fiskus möglichst schnell erhalte.
S am uchr isch k in. Wie Sie wollen, vor zwei Wochen geht’s nicht.
Ut eschi t el n y. Nein, das ist aber furchtbar lang. Sie vergessen ja, daß
wir uns unsererseits bedanken ...
S am uchr isch k in. Das versteht sich ja von selbst, es wird alles
angenommen: wie könnte ich das vergessen? Wir sprechen auch deshalb
von zwei Wochen, sonst würden wir Ihnen vielleicht drei Monate lang zu
schaffen machen. Das Geld wird bei uns nicht vor anderthalb Wochen
eintreffen, und augenblicklich haben wir im ganzen Amt auch nicht eine
Kopeke. In der vorigen Woche haben wir hundertundfünfzigtausend
Herausgabe der Gelder vom Fiskus lange hinziehen könnte.
Ut eschi t el n y. Ja, das wäre sehr schlimm. Übrigens meine Herren, wie
ihr wißt, gibt’s ja zu diesem Zweck Antreiber. Wie dem auch sein mag, wir
werden schon diesem oder jenem etwas Geld in die Hände stecken müssen;
der Ordnung halber.
20. Auftritt.
Dieselben und der Beamte Samuchrischkin; er ist mit einem etwas schäbigen Frack
bekleidet und steckt den Kopf durch die Tür.
S am uchr isch k in. Gestatten Sie die Frage, ist hier Glow, Alexander
Michailowitsch Glow?
S chw och n ew. Nein, er ist eben fortgegangen. Was wünschen Sie denn?
S am uchr isch k in. Ich komme in Geschäften wegen der Herausgabe der
Gelder.
Ut eschi t el n y. Wer sind Sie denn?
S am uchr isch k in. Ich bin ein Beamter aus dem Fiskus.
Ut eschi t el n y. Ah, bitte sehr, bitte gehorsamst, Platz zu nehmen. Für
diese Sache haben wir alle das lebhafteste Interesse, um so mehr, als wir
freundschaftliche Abmachungen mit Alexander Michailowitsch
abgeschlossen haben. Deshalb werden Sie begreifen, daß Sie von ihm und
von ihm und von ihm (zeigt mit den Fingern auf alle) den aufrichtigsten Dank zu
gewärtigen haben. Es handelt sich nur darum, daß man die Gelder aus dem
Fiskus möglichst schnell erhalte.
S am uchr isch k in. Wie Sie wollen, vor zwei Wochen geht’s nicht.
Ut eschi t el n y. Nein, das ist aber furchtbar lang. Sie vergessen ja, daß
wir uns unsererseits bedanken ...
S am uchr isch k in. Das versteht sich ja von selbst, es wird alles
angenommen: wie könnte ich das vergessen? Wir sprechen auch deshalb
von zwei Wochen, sonst würden wir Ihnen vielleicht drei Monate lang zu
schaffen machen. Das Geld wird bei uns nicht vor anderthalb Wochen
eintreffen, und augenblicklich haben wir im ganzen Amt auch nicht eine
Kopeke. In der vorigen Woche haben wir hundertundfünfzigtausend
Page 240
erhalten, die haben wir aber alle ausgegeben. Jetzt warten noch drei
Gutsbesitzer auf Geld, die bereits im Februar ihre Güter verpfändet haben.
Ut eschi t el n y. Nun, das gilt für andere. Für uns aber machen Sie es aus
Freundschaft. Wir müssen uns etwas näher kennen lernen. Nun ja, wir
stehen einander doch nahe. Ja, wie heißen Sie gleich? Fentafléj
Perpéntitsch, nicht?
S am uchr isch k in. Psoj Stáchitsch.
Ut eschi t el n y. Nun, das ist ja fast dasselbe. Also hören Sie, Psoj
Stachitsch. Seien wir wie alte Freunde. Nun wie steht’s, wie gehen die
Geschäfte? Wie ist Ihr Dienst?
S am uchr isch k in. Ja, wie soll denn der Dienst sein? Wie gewöhnlich:
Man dient eben.
Ut eschi t el n y. Nun, und wie ist es mit den verschiedenen Einkünften,
verstehen Sie? Sagen wir einfach, nehmen Sie viel Geschenke?
S am uchr isch k in. Aber ich bitte Sie: natürlich, wovon soll man denn
leben?
Ut eschi t el n y. Nun sagen Sie mal ganz aufrichtig, wie ist es bei Ihnen
im Amt: Greifen alle zu?
S am uchr isch k in. Ach Gott, nun lachen Sie auch, wie ich sehe. Ach,
meine Herren! ... Sehen Sie mal: auch die Herren Schriftsteller, die lachen
alle über die, die sich bestechen lassen; aber wenn man genauer zusieht, so
lassen sich auch andere Leute bestechen, die besser als wir zu sein
scheinen. Z. B. Sie meine Herren, Sie haben nur einen vornehmeren Namen
dafür erfunden. Eine Spende für wohltätige Zwecke oder so was. Weiß der
Himmel, wie das heißt. Aber sieht man genauer zu, so ist’s in Wirklichkeit
dieselbe Bestechung: wie sagt man doch, dieselbe Couleur in grün.
Ut eschi t el n y. Wie ich sehe, fühlt sich unser Psoj Stachitsch gekränkt.
So ist es, wenn man dem Ehrgefühl zu nahe tritt.
S am uchr isch k in. Ja, das Ehrgefühl ist eine kitzlige Sache, das wissen
Sie wohl selber. Aber ich bin gar nicht böse. Ich habe schon ein langes
Leben hinter mir, Väterchen.
S chw och n ew. Schon gut, wir wollen ganz freundschaftlich miteinander
sprechen, Psoj Stachitsch. Wie steht’s mit Ihnen, was machen Sie, wie
geht’s bei Ihnen? Wie schlagen Sie sich in der Welt durch? Haben Sie ein
Frauchen und Kinderchen?
S am uchr isch k in. Gott sei Dank, Gott hat mich gesegnet. Zwei
Jungens besuchen schon die Kreisschule, die zwei anderen sind noch etwas
Gutsbesitzer auf Geld, die bereits im Februar ihre Güter verpfändet haben.
Ut eschi t el n y. Nun, das gilt für andere. Für uns aber machen Sie es aus
Freundschaft. Wir müssen uns etwas näher kennen lernen. Nun ja, wir
stehen einander doch nahe. Ja, wie heißen Sie gleich? Fentafléj
Perpéntitsch, nicht?
S am uchr isch k in. Psoj Stáchitsch.
Ut eschi t el n y. Nun, das ist ja fast dasselbe. Also hören Sie, Psoj
Stachitsch. Seien wir wie alte Freunde. Nun wie steht’s, wie gehen die
Geschäfte? Wie ist Ihr Dienst?
S am uchr isch k in. Ja, wie soll denn der Dienst sein? Wie gewöhnlich:
Man dient eben.
Ut eschi t el n y. Nun, und wie ist es mit den verschiedenen Einkünften,
verstehen Sie? Sagen wir einfach, nehmen Sie viel Geschenke?
S am uchr isch k in. Aber ich bitte Sie: natürlich, wovon soll man denn
leben?
Ut eschi t el n y. Nun sagen Sie mal ganz aufrichtig, wie ist es bei Ihnen
im Amt: Greifen alle zu?
S am uchr isch k in. Ach Gott, nun lachen Sie auch, wie ich sehe. Ach,
meine Herren! ... Sehen Sie mal: auch die Herren Schriftsteller, die lachen
alle über die, die sich bestechen lassen; aber wenn man genauer zusieht, so
lassen sich auch andere Leute bestechen, die besser als wir zu sein
scheinen. Z. B. Sie meine Herren, Sie haben nur einen vornehmeren Namen
dafür erfunden. Eine Spende für wohltätige Zwecke oder so was. Weiß der
Himmel, wie das heißt. Aber sieht man genauer zu, so ist’s in Wirklichkeit
dieselbe Bestechung: wie sagt man doch, dieselbe Couleur in grün.
Ut eschi t el n y. Wie ich sehe, fühlt sich unser Psoj Stachitsch gekränkt.
So ist es, wenn man dem Ehrgefühl zu nahe tritt.
S am uchr isch k in. Ja, das Ehrgefühl ist eine kitzlige Sache, das wissen
Sie wohl selber. Aber ich bin gar nicht böse. Ich habe schon ein langes
Leben hinter mir, Väterchen.
S chw och n ew. Schon gut, wir wollen ganz freundschaftlich miteinander
sprechen, Psoj Stachitsch. Wie steht’s mit Ihnen, was machen Sie, wie
geht’s bei Ihnen? Wie schlagen Sie sich in der Welt durch? Haben Sie ein
Frauchen und Kinderchen?
S am uchr isch k in. Gott sei Dank, Gott hat mich gesegnet. Zwei
Jungens besuchen schon die Kreisschule, die zwei anderen sind noch etwas
Page 241
jünger. Einer läuft noch im Hemdchen rum und der andere kriecht noch auf
allen Vieren.
Ut eschi t el n y. Nun, und sie können wohl alle mit den Händchen schon
so machen, glaub ich. (Zeigt mit der Hand, wie man Geld nimmt.)
S am uchr isch k in. Ach bitte, meine Herren, sind Sie aber! Sie fangen
schon wieder an.
Ut eschi t el n y. Nun, nun, schon gut, Psoj Stachitsch. Das geschieht ja
alles aus Freundschaft. Was ist denn nun dabei, wir sind ja unter uns. Heda,
ein Champagnerglas für Psoj Stachitsch. Wir müssen ja jetzt gute Freunde
sein. Wir wollen Sie auch bald mal besuchen.
S am uchr isch k in (nimmt das Glas). Ah, bitte schön, meine Herren, Sie
sollen herzlich willkommen sein! Ich kann Ihnen aufrichtig sagen, einen
solchen Tee wie Sie ihn bei mir trinken werden, finden Sie nicht einmal
beim Gouverneur.
Ut eschi t el n y. Natürlich ein Geschenk vom Kaufmann?
S am uchr isch k in. Jawohl, vom Kaufmann, direkt aus Kjachta bezogen.
Ut eschi t el n y. Aber wie ist denn das, Psoj Stachitsch, Sie haben ja gar
keine amtlichen Beziehungen zu den Kaufleuten.
S am uchr isch k in (trinkt das Glas aus und stützt sich mit den Händen auf die Knie). Die
Sache ist nämlich so. Der Kaufmann hat eigentlich nur aus Dummheit
blechen müssen. Der Gutsbesitzer Frakassow, wenn Sie den vielleicht
kennen, nimmt eine Hypothek auf sein Gut auf, alles ist abgemacht, wie
sich’s gehört, und am nächsten Tag soll er das Geld bekommen. Er plant die
Errichtung irgendeiner Fabrik halbpart mit dem Kaufmann. Nun, Sie
begreifen wohl, uns geht es ja gar nichts an, ob das Geld für eine Fabrik
verwendet wird oder für etwas anderes, und wessen Kompagnon er ist, das
ist gar nicht unsere Sache. Aber der Kaufmann plappert aus Dummheit in
der Stadt herum, daß er mit dem Gutsbesitzer halbpart ein Kompagnie-
Geschäft abgeschlossen hat und von ihm von Stunde zu Stunde Geld
erwartet. Da ließen wir dem Kaufmann sagen: wenn er uns zweitausend
schickt, so wird das Geld gleich ausgezahlt, wenn nicht, so kann er lange
warten. Indessen aber, verstehen Sie wohl, sind ihm schon die Kessel und
die andern Gerätschaften für die Fabrik gebracht worden, und man wartet
bloß noch auf das Handgeld. Der Kaufmann sieht — die Sache ist schlimm,
er bezahlt seine zweitausend und jedem von uns noch drei Pfund Tee. Man
wird vielleicht sagen, das ist Bestechung, aber es geschieht ihm doch recht.
allen Vieren.
Ut eschi t el n y. Nun, und sie können wohl alle mit den Händchen schon
so machen, glaub ich. (Zeigt mit der Hand, wie man Geld nimmt.)
S am uchr isch k in. Ach bitte, meine Herren, sind Sie aber! Sie fangen
schon wieder an.
Ut eschi t el n y. Nun, nun, schon gut, Psoj Stachitsch. Das geschieht ja
alles aus Freundschaft. Was ist denn nun dabei, wir sind ja unter uns. Heda,
ein Champagnerglas für Psoj Stachitsch. Wir müssen ja jetzt gute Freunde
sein. Wir wollen Sie auch bald mal besuchen.
S am uchr isch k in (nimmt das Glas). Ah, bitte schön, meine Herren, Sie
sollen herzlich willkommen sein! Ich kann Ihnen aufrichtig sagen, einen
solchen Tee wie Sie ihn bei mir trinken werden, finden Sie nicht einmal
beim Gouverneur.
Ut eschi t el n y. Natürlich ein Geschenk vom Kaufmann?
S am uchr isch k in. Jawohl, vom Kaufmann, direkt aus Kjachta bezogen.
Ut eschi t el n y. Aber wie ist denn das, Psoj Stachitsch, Sie haben ja gar
keine amtlichen Beziehungen zu den Kaufleuten.
S am uchr isch k in (trinkt das Glas aus und stützt sich mit den Händen auf die Knie). Die
Sache ist nämlich so. Der Kaufmann hat eigentlich nur aus Dummheit
blechen müssen. Der Gutsbesitzer Frakassow, wenn Sie den vielleicht
kennen, nimmt eine Hypothek auf sein Gut auf, alles ist abgemacht, wie
sich’s gehört, und am nächsten Tag soll er das Geld bekommen. Er plant die
Errichtung irgendeiner Fabrik halbpart mit dem Kaufmann. Nun, Sie
begreifen wohl, uns geht es ja gar nichts an, ob das Geld für eine Fabrik
verwendet wird oder für etwas anderes, und wessen Kompagnon er ist, das
ist gar nicht unsere Sache. Aber der Kaufmann plappert aus Dummheit in
der Stadt herum, daß er mit dem Gutsbesitzer halbpart ein Kompagnie-
Geschäft abgeschlossen hat und von ihm von Stunde zu Stunde Geld
erwartet. Da ließen wir dem Kaufmann sagen: wenn er uns zweitausend
schickt, so wird das Geld gleich ausgezahlt, wenn nicht, so kann er lange
warten. Indessen aber, verstehen Sie wohl, sind ihm schon die Kessel und
die andern Gerätschaften für die Fabrik gebracht worden, und man wartet
bloß noch auf das Handgeld. Der Kaufmann sieht — die Sache ist schlimm,
er bezahlt seine zweitausend und jedem von uns noch drei Pfund Tee. Man
wird vielleicht sagen, das ist Bestechung, aber es geschieht ihm doch recht.
Page 242
Warum ist er so dumm, wer hat ihn denn zum Reden gezwungen; er hätte
doch seiner Zunge Halt gebieten können.
Ut eschi t el n y. Hören Sie mal, Psoj Stachitsch, bitte erledigen Sie doch
unser Geschäftchen, wir werden Ihnen schon was geben, und Sie machen es
mit Ihrem Vorgesetzten ab, wie sich’s gehört. Nur um Gottes Willen
möglichst schnell, Psoj Stachitsch, wie?
S am uchr isch k in. Wir werden uns schon Mühe geben. (Steht auf.) Aber
ich will Ihnen ganz offen sagen, so schnell, wie Sie wollen, geht es nicht.
Bei Gott, bei uns im Amt ist keine Kopeke vorhanden, aber ich will mir
schon Mühe geben.
Ut eschi t el n y. Nun, und wie soll ich nach Ihnen fragen?
S am uchr isch k in. Fragen Sie ganz einfach nach Psoj Stachitsch
Samuchrischkin. Auf Wiedersehen, meine Herren! (Geht zur Tür).
S chw och n ew. Psoj Stachitsch, bitte Psoj Stachitsch, (sieht sich um) sehen
Sie doch zu.
Ut eschi t el n y. Psoj Stachitsch, bitte Psoj Stachitsch, helfen Sie recht
schnell.
S am uchr isch k in. Ich habe ja schon gesagt, ich werde mir Mühe
geben.
Ut eschi t el n y. Zum Henker, das dauert aber lange, (schlägt sich mit der Hand
vor die Stirn) nein, ich will ihm nachgehen, vielleicht erreiche ich etwas, ich
werde kein Geld sparen, hol ihn der Teufel, ich werde ihm dreitausend von
meinem Geld geben. (Schnell ab).
21. Auftritt
Schwochnew, Krugel, Icharew.
I ch ar ew. Natürlich wäre es besser, das Geld möglichst bald zu
bekommen.
S chw och n ew. Und wie dringend nötig wir es haben, wie dringend
nötig!
Kr ug el. Ach, wenn er ihn nur herumkriegen könnte.
I ch ar ew. Wie, sind denn etwa Ihre Angelegenheiten ...
doch seiner Zunge Halt gebieten können.
Ut eschi t el n y. Hören Sie mal, Psoj Stachitsch, bitte erledigen Sie doch
unser Geschäftchen, wir werden Ihnen schon was geben, und Sie machen es
mit Ihrem Vorgesetzten ab, wie sich’s gehört. Nur um Gottes Willen
möglichst schnell, Psoj Stachitsch, wie?
S am uchr isch k in. Wir werden uns schon Mühe geben. (Steht auf.) Aber
ich will Ihnen ganz offen sagen, so schnell, wie Sie wollen, geht es nicht.
Bei Gott, bei uns im Amt ist keine Kopeke vorhanden, aber ich will mir
schon Mühe geben.
Ut eschi t el n y. Nun, und wie soll ich nach Ihnen fragen?
S am uchr isch k in. Fragen Sie ganz einfach nach Psoj Stachitsch
Samuchrischkin. Auf Wiedersehen, meine Herren! (Geht zur Tür).
S chw och n ew. Psoj Stachitsch, bitte Psoj Stachitsch, (sieht sich um) sehen
Sie doch zu.
Ut eschi t el n y. Psoj Stachitsch, bitte Psoj Stachitsch, helfen Sie recht
schnell.
S am uchr isch k in. Ich habe ja schon gesagt, ich werde mir Mühe
geben.
Ut eschi t el n y. Zum Henker, das dauert aber lange, (schlägt sich mit der Hand
vor die Stirn) nein, ich will ihm nachgehen, vielleicht erreiche ich etwas, ich
werde kein Geld sparen, hol ihn der Teufel, ich werde ihm dreitausend von
meinem Geld geben. (Schnell ab).
21. Auftritt
Schwochnew, Krugel, Icharew.
I ch ar ew. Natürlich wäre es besser, das Geld möglichst bald zu
bekommen.
S chw och n ew. Und wie dringend nötig wir es haben, wie dringend
nötig!
Kr ug el. Ach, wenn er ihn nur herumkriegen könnte.
I ch ar ew. Wie, sind denn etwa Ihre Angelegenheiten ...
Page 243
22. Auftritt
Dieselben und Uteschitelny.
Ut eschi t el n y (tritt ein, verzweifelt). Zum Teufel, früher als in vier Tagen
kann er es keinesfalls machen, ich möchte mir den Kopf an der Wand
zerschellen.
I ch ar ew. Warum hast du denn nur solche Eile, kannst du denn nicht
noch vier Tage warten?
S chw och n ew. Das ist es ja, Liebster, das ist für uns viel zu wichtig.
Ut eschi t el n y. Warten? Weißt du denn, daß man uns stündlich in
Nischni-Nowgorod erwartet? Wir haben es dir noch nicht erzählt. Schon vor
vier Tagen haben wir die Meldung bekommen, wir müßten eiligst dahin und
sollten unter allen Umständen etwas Geld mitbringen. Ein Kaufmann hat da
für sechshunderttausend Rubel Eisen mitgebracht. Dienstag ist die
endgültige Abmachung, und das Geld wird ihm bar ausgezahlt; und gestern
ist ein anderer mit Flachs für eine halbe Million angekommen.
I ch ar ew. Nun, was ist denn dabei?
Ut eschi t el n y. Wieso, was ist denn dabei? Die Alten sind doch zu
Hause geblieben, und haben an ihrer Stelle ihre Söhne hingeschickt.
I ch ar ew. Ob aber die Söhne auch ganz bestimmt spielen werden?
Ut eschi t el n y. Aber wo lebst du bloß? Etwa in China? Weißt du denn
nicht, wie diese Kaufmannssöhnchen sind? Der Kaufmann erzieht ja seinen
Sohn derart, daß er entweder gar nichts weiß, oder nur das weiß, was ein
Adliger und nicht was ein Kaufmann zu wissen braucht. Natürlich ist auch
das Söhnchen danach: spaziert am Arm mit Offizieren, und bummelt herum.
Das ist für uns die einträglichste Kundschaft, mein Liebster. Diese
Schafsköpfe wissen nicht, daß sie für jeden Rubel, den sie uns
abschwindeln, tausend bezahlen. Jawohl, das ist unser Glück, daß der
Kaufmann nur daran denkt, seine Töchter mit einem General zu verheiraten
und dem Sohne Rang und Titel zu verschaffen.
I ch ar ew. Und sind das auch sichere Sachen?
Ut eschi t el n y. Ob es sichere Sachen sind! Man würde uns doch nicht
benachrichtigt haben. Es ist fast alles in unsern Händen, jede Minute ist
jetzt teuer.
I ch ar ew. Ach, zum Teufel, was sitzen wir denn hier. Meine Herren, wir
haben ja abgemacht, gemeinschaftlich zu arbeiten.
Dieselben und Uteschitelny.
Ut eschi t el n y (tritt ein, verzweifelt). Zum Teufel, früher als in vier Tagen
kann er es keinesfalls machen, ich möchte mir den Kopf an der Wand
zerschellen.
I ch ar ew. Warum hast du denn nur solche Eile, kannst du denn nicht
noch vier Tage warten?
S chw och n ew. Das ist es ja, Liebster, das ist für uns viel zu wichtig.
Ut eschi t el n y. Warten? Weißt du denn, daß man uns stündlich in
Nischni-Nowgorod erwartet? Wir haben es dir noch nicht erzählt. Schon vor
vier Tagen haben wir die Meldung bekommen, wir müßten eiligst dahin und
sollten unter allen Umständen etwas Geld mitbringen. Ein Kaufmann hat da
für sechshunderttausend Rubel Eisen mitgebracht. Dienstag ist die
endgültige Abmachung, und das Geld wird ihm bar ausgezahlt; und gestern
ist ein anderer mit Flachs für eine halbe Million angekommen.
I ch ar ew. Nun, was ist denn dabei?
Ut eschi t el n y. Wieso, was ist denn dabei? Die Alten sind doch zu
Hause geblieben, und haben an ihrer Stelle ihre Söhne hingeschickt.
I ch ar ew. Ob aber die Söhne auch ganz bestimmt spielen werden?
Ut eschi t el n y. Aber wo lebst du bloß? Etwa in China? Weißt du denn
nicht, wie diese Kaufmannssöhnchen sind? Der Kaufmann erzieht ja seinen
Sohn derart, daß er entweder gar nichts weiß, oder nur das weiß, was ein
Adliger und nicht was ein Kaufmann zu wissen braucht. Natürlich ist auch
das Söhnchen danach: spaziert am Arm mit Offizieren, und bummelt herum.
Das ist für uns die einträglichste Kundschaft, mein Liebster. Diese
Schafsköpfe wissen nicht, daß sie für jeden Rubel, den sie uns
abschwindeln, tausend bezahlen. Jawohl, das ist unser Glück, daß der
Kaufmann nur daran denkt, seine Töchter mit einem General zu verheiraten
und dem Sohne Rang und Titel zu verschaffen.
I ch ar ew. Und sind das auch sichere Sachen?
Ut eschi t el n y. Ob es sichere Sachen sind! Man würde uns doch nicht
benachrichtigt haben. Es ist fast alles in unsern Händen, jede Minute ist
jetzt teuer.
I ch ar ew. Ach, zum Teufel, was sitzen wir denn hier. Meine Herren, wir
haben ja abgemacht, gemeinschaftlich zu arbeiten.
Page 244
Ut eschi t el n y. Gewiß, das ist auch unser Vorteil. Hör mal, was mir
eingefallen ist. Du brauchst ja vorläufig nicht zu eilen. Du hast jetzt
achtzigtausend in barem Geld. Gib uns das Geld und nimm Glows Wechsel
von uns, du bekommst sicher hundertfünfzigtausend, also das Doppelte,
und uns würdest du noch gar einen Dienst erweisen. Denn wir brauchen
jetzt das Geld so sehr, das wir mit Freuden das Dreifache für jede Kopeke
zu zahlen bereit sind.
I ch ar ew. Sehr gern, warum nicht: um Ihnen zu beweisen, daß die
Freundschaft ... (Geht an die Kassette und nimmt einen Haufen Geldscheine hervor.) Hier
habt ihr achtzigtausend.
Ut eschi t el n y. Und hier hast du die Wechsel. Jetzt eile ich gleich zu
Glow, ich will ihn herbeiholen und alle Formalitäten erledigen. Krugel,
bring das Geld auf mein Zimmer. Hier hast du den Schlüssel zu meiner
Kassette. (Krugel ab.) Ach, wenn wir es einrichten könnten, daß wir heute
abend abreisen können! (Ab.)
I ch ar ew. Natürlich, natürlich, hier ist keine Minute zu verlieren.
S chw och n ew. Und dir rate ich auch, hier nicht noch lange sitzen zu
bleiben. Sowie du das Geld bekommen hast, komme sofort zu uns. Mit den
zweihunderttausend — weißt du, was man damit machen kann? Man kann
einfach den ganzen Jahrmarkt in die Luft sprengen ... Ach, ich habe ganz
vergessen, dem Krugel etwas Wichtiges zu sagen. Warte nur, ich komme
gleich zurück. (Schnell ab.)
23. Auftritt
I ch ar ew (allein). Was für eine Wendung doch die Umstände genommen
haben, was? Noch heute morgen bloß achtzigtausend, und gegen abend
schon zweihunderttausend, wie? Für manchen bedeutet das ja ein ganzes
Leben voll Dienst und Arbeit, den Preis für ein ständiges Sitzen,
Entbehrungen, Verlust der Gesundheit, und hier bist du in einigen Stunden,
ja in einigen Minuten ein regierender Prinz. Eine Kleinigkeit das:
Zweihunderttausend! Ich kann mir denken, was aus mir geworden wäre,
wenn ich auf dem Lande gesessen wäre und mich mit den Starosten und
Bauern herumgeschlagen hätte, um jährlich dreitausend einzuheimsen. Ist
denn Bildung eine Kleinigkeit? Die Unbildung, die sich auf dem Lande an
eingefallen ist. Du brauchst ja vorläufig nicht zu eilen. Du hast jetzt
achtzigtausend in barem Geld. Gib uns das Geld und nimm Glows Wechsel
von uns, du bekommst sicher hundertfünfzigtausend, also das Doppelte,
und uns würdest du noch gar einen Dienst erweisen. Denn wir brauchen
jetzt das Geld so sehr, das wir mit Freuden das Dreifache für jede Kopeke
zu zahlen bereit sind.
I ch ar ew. Sehr gern, warum nicht: um Ihnen zu beweisen, daß die
Freundschaft ... (Geht an die Kassette und nimmt einen Haufen Geldscheine hervor.) Hier
habt ihr achtzigtausend.
Ut eschi t el n y. Und hier hast du die Wechsel. Jetzt eile ich gleich zu
Glow, ich will ihn herbeiholen und alle Formalitäten erledigen. Krugel,
bring das Geld auf mein Zimmer. Hier hast du den Schlüssel zu meiner
Kassette. (Krugel ab.) Ach, wenn wir es einrichten könnten, daß wir heute
abend abreisen können! (Ab.)
I ch ar ew. Natürlich, natürlich, hier ist keine Minute zu verlieren.
S chw och n ew. Und dir rate ich auch, hier nicht noch lange sitzen zu
bleiben. Sowie du das Geld bekommen hast, komme sofort zu uns. Mit den
zweihunderttausend — weißt du, was man damit machen kann? Man kann
einfach den ganzen Jahrmarkt in die Luft sprengen ... Ach, ich habe ganz
vergessen, dem Krugel etwas Wichtiges zu sagen. Warte nur, ich komme
gleich zurück. (Schnell ab.)
23. Auftritt
I ch ar ew (allein). Was für eine Wendung doch die Umstände genommen
haben, was? Noch heute morgen bloß achtzigtausend, und gegen abend
schon zweihunderttausend, wie? Für manchen bedeutet das ja ein ganzes
Leben voll Dienst und Arbeit, den Preis für ein ständiges Sitzen,
Entbehrungen, Verlust der Gesundheit, und hier bist du in einigen Stunden,
ja in einigen Minuten ein regierender Prinz. Eine Kleinigkeit das:
Zweihunderttausend! Ich kann mir denken, was aus mir geworden wäre,
wenn ich auf dem Lande gesessen wäre und mich mit den Starosten und
Bauern herumgeschlagen hätte, um jährlich dreitausend einzuheimsen. Ist
denn Bildung eine Kleinigkeit? Die Unbildung, die sich auf dem Lande an
Page 245
dir festsetzt, die kannst du nachher nicht mit dem Messer abkratzen. Womit
hätte man da seine Zeit verloren? Mit Gesprächen mit den Starosten und
den Bauern ... Ich aber will mich mit gebildeten Menschen unterhalten!
Jetzt bin ich sichergestellt, jetzt habe ich freie Zeit. Jetzt kann ich mich
damit beschäftigen, was zu unserer Bildung beiträgt. Wenn ich nach
Petersburg will, kann ich auch nach Petersburg reisen, da gehe ich ins
Theater, sehe die Münze, da spaziere ich am Palais, am Englischen Quai
vorbei, gehe in den Sommergarten. Oder ich gehe nach Moskau und diniere
bei Jar, ich kann mich nach der Mode der Residenz kleiden, kann mich mit
den andern gleichstellen und die Pflichten eines aufgeklärten Menschen
erfüllen. Und was ist die Ursache davon? Was gibt mir die Möglichkeit
dazu? Das, was man Betrügerei nennt. Ach, Unsinn, das ist eben gar keine
Betrügerei, ein Betrüger kann man in einer Minute werden, hierzu aber ist
Praxis, Studium nötig. Aber zugegeben, es sei Betrügerei. Es ist doch eben
eine notwendige Sache; was kann man denn ohne sie machen? Sie ist
gewissermaßen eine Warnung. Wenn ich z. B. nicht alle Feinheiten kennte,
wenn ich das alles nicht begriffen hätte, wie hätte man mich da nicht
beschwindeln können! Sie haben mich ja auch wirklich beschwindeln
wollen. Dann sahen sie aber, daß sie es nicht mit einem gewöhnlichen
Menschen zu tun haben, und gingen mich selbst um meine Hilfe an. O nein,
Verstand — das ist eine große Sache; und in der Welt ist Feinheit
notwendig. Ich sehe das Leben von einem ganz anderen Standpunkt an. So
leben, wie ein dummer Kerl, so kann jeder leben, das ist kein Kunststück,
aber mit Witz und mit Kunst leben, alle betrügen und doch selbst nicht
betrogen werden, das ist die eigentliche Aufgabe, das wahre Ziel.
24. Auftritt
Icharew und Glow, der eilig eintritt.
Gl ow. Wo sind sie denn? Ich bin eben im Zimmer gewesen, das ist leer.
I ch ar ew. Sie sind soeben hier gewesen, sie sind nur auf einen
Augenblick fortgegangen.
Gl ow. Wie, schon fort? Haben sie Geld bei dir genommen?
I ch ar ew. Jawohl, wir haben’s schon abgemacht. Jetzt handelt sich’s
noch um dich.
hätte man da seine Zeit verloren? Mit Gesprächen mit den Starosten und
den Bauern ... Ich aber will mich mit gebildeten Menschen unterhalten!
Jetzt bin ich sichergestellt, jetzt habe ich freie Zeit. Jetzt kann ich mich
damit beschäftigen, was zu unserer Bildung beiträgt. Wenn ich nach
Petersburg will, kann ich auch nach Petersburg reisen, da gehe ich ins
Theater, sehe die Münze, da spaziere ich am Palais, am Englischen Quai
vorbei, gehe in den Sommergarten. Oder ich gehe nach Moskau und diniere
bei Jar, ich kann mich nach der Mode der Residenz kleiden, kann mich mit
den andern gleichstellen und die Pflichten eines aufgeklärten Menschen
erfüllen. Und was ist die Ursache davon? Was gibt mir die Möglichkeit
dazu? Das, was man Betrügerei nennt. Ach, Unsinn, das ist eben gar keine
Betrügerei, ein Betrüger kann man in einer Minute werden, hierzu aber ist
Praxis, Studium nötig. Aber zugegeben, es sei Betrügerei. Es ist doch eben
eine notwendige Sache; was kann man denn ohne sie machen? Sie ist
gewissermaßen eine Warnung. Wenn ich z. B. nicht alle Feinheiten kennte,
wenn ich das alles nicht begriffen hätte, wie hätte man mich da nicht
beschwindeln können! Sie haben mich ja auch wirklich beschwindeln
wollen. Dann sahen sie aber, daß sie es nicht mit einem gewöhnlichen
Menschen zu tun haben, und gingen mich selbst um meine Hilfe an. O nein,
Verstand — das ist eine große Sache; und in der Welt ist Feinheit
notwendig. Ich sehe das Leben von einem ganz anderen Standpunkt an. So
leben, wie ein dummer Kerl, so kann jeder leben, das ist kein Kunststück,
aber mit Witz und mit Kunst leben, alle betrügen und doch selbst nicht
betrogen werden, das ist die eigentliche Aufgabe, das wahre Ziel.
24. Auftritt
Icharew und Glow, der eilig eintritt.
Gl ow. Wo sind sie denn? Ich bin eben im Zimmer gewesen, das ist leer.
I ch ar ew. Sie sind soeben hier gewesen, sie sind nur auf einen
Augenblick fortgegangen.
Gl ow. Wie, schon fort? Haben sie Geld bei dir genommen?
I ch ar ew. Jawohl, wir haben’s schon abgemacht. Jetzt handelt sich’s
noch um dich.
Page 246
25. Auftritt
Dieselben und Alexej.
Al exej (zu Glow). Sie wünschen zu wissen, wo die Herren sind?
Gl ow. Jawohl.
Al exej. Die sind ja schon abgereist.
Gl ow. Wieso abgereist?
Al exej. So, sie hielten schon seit einer halben Stunde Wagen und Pferde
bereit.
Gl ow (schlägt die Hände zusammen). Nun sind wir beide hineingelegt!
I ch ar ew. Was für ein Unsinn? Ich verstehe kein Wort. Uteschitelny muß
jeden Augenblick zurückkommen. Du weißt ja, daß du die ganze Schuld
jetzt m i r bezahlen mußt. Sie haben sie mir zediert.
Gl ow. Ach was, Schuld? Zum Teufel! Du willst bezahlt haben? Siehst du
denn nicht, daß du zum Narren gehalten und angeführt bist wie ein Gimpel?
I ch ar ew. Was sprichst du da für einen Unsinn? Du scheinst deinen
Rausch noch immer im Kopf zu haben.
Gl ow. Nun, wie es scheint, haben wir beide einen Rausch. Erwache
doch! Glaubst du etwa, ich bin Glow? Ich bin ebensowenig Glow, wie du
der Kaiser von China.
I ch ar ew (unruhig). Aber ich bitte dich, was sprichst du da für einen
Unsinn? Und dein Vater? ... und ...
Gl ow. Der Alte? Erstens ist er gar nicht mein Vater, und wird den Teufel
Kinder haben; und zweitens heißt er auch nicht Glow, sondern Krinizin und
nicht Michailo Alexandrowitsch, sondern Iwán Klímitsch; der ist von
derselben Bande.
I ch ar ew. Hör mal, sprich du im Ernst; damit treibt man keinen Spaß.
Gl ow. Was für einen Spaß? Ich habe mich ja selber daran beteiligt und
bin ebenfalls betrogen. Sie haben mir dreitausend für meine Mühe
versprochen.
I ch ar ew (geht auf ihn zu, hitzig). He, treib keinen Spaß, sage ich dir! Du
glaubst, ich bin so dumm? Und die Vollmacht, und der Fiskus? Da war doch
noch soeben der Beamte aus dem Fiskus, Psoj Stachitsch Samuchrischkin.
Du glaubst, ich kann ihn wohl nicht gleich herbeiholen lassen?
Gl ow. Erstens ist er gar kein Beamter aus dem Fiskus, sondern ein
Stabskapitän a. D. von derselben Bande; und dann heißt er gar nicht
Dieselben und Alexej.
Al exej (zu Glow). Sie wünschen zu wissen, wo die Herren sind?
Gl ow. Jawohl.
Al exej. Die sind ja schon abgereist.
Gl ow. Wieso abgereist?
Al exej. So, sie hielten schon seit einer halben Stunde Wagen und Pferde
bereit.
Gl ow (schlägt die Hände zusammen). Nun sind wir beide hineingelegt!
I ch ar ew. Was für ein Unsinn? Ich verstehe kein Wort. Uteschitelny muß
jeden Augenblick zurückkommen. Du weißt ja, daß du die ganze Schuld
jetzt m i r bezahlen mußt. Sie haben sie mir zediert.
Gl ow. Ach was, Schuld? Zum Teufel! Du willst bezahlt haben? Siehst du
denn nicht, daß du zum Narren gehalten und angeführt bist wie ein Gimpel?
I ch ar ew. Was sprichst du da für einen Unsinn? Du scheinst deinen
Rausch noch immer im Kopf zu haben.
Gl ow. Nun, wie es scheint, haben wir beide einen Rausch. Erwache
doch! Glaubst du etwa, ich bin Glow? Ich bin ebensowenig Glow, wie du
der Kaiser von China.
I ch ar ew (unruhig). Aber ich bitte dich, was sprichst du da für einen
Unsinn? Und dein Vater? ... und ...
Gl ow. Der Alte? Erstens ist er gar nicht mein Vater, und wird den Teufel
Kinder haben; und zweitens heißt er auch nicht Glow, sondern Krinizin und
nicht Michailo Alexandrowitsch, sondern Iwán Klímitsch; der ist von
derselben Bande.
I ch ar ew. Hör mal, sprich du im Ernst; damit treibt man keinen Spaß.
Gl ow. Was für einen Spaß? Ich habe mich ja selber daran beteiligt und
bin ebenfalls betrogen. Sie haben mir dreitausend für meine Mühe
versprochen.
I ch ar ew (geht auf ihn zu, hitzig). He, treib keinen Spaß, sage ich dir! Du
glaubst, ich bin so dumm? Und die Vollmacht, und der Fiskus? Da war doch
noch soeben der Beamte aus dem Fiskus, Psoj Stachitsch Samuchrischkin.
Du glaubst, ich kann ihn wohl nicht gleich herbeiholen lassen?
Gl ow. Erstens ist er gar kein Beamter aus dem Fiskus, sondern ein
Stabskapitän a. D. von derselben Bande; und dann heißt er gar nicht
Page 247
Samuchrischkin, sondern Mursaféjkin und nicht Psoj Stachitsch, sondern
Frol Semjónowitsch.
I ch ar ew (verzweifelt). Und wer bist du, Teufel? sprich, wer bist du?
Gl ow. Wer ich bin? Ich war ein anständiger Mensch und bin durch die
Not zu einem Schwindler geworden. Sie haben mir alles im Spiel
abgewonnen, alles bis aufs Hemd. Was soll ich nun machen? ich will doch
nicht vor Hunger sterben. Für dreitausend habe ich mich dazu hergegeben,
mitzuarbeiten und dich zu beschwindeln. Ich sag’ es dir gerade heraus, du
siehst, ich handle vornehm.
I ch ar ew (faßt ihn wütend am Kragen). Du Schwindler.
Al exej (für sich). Na, da kommt’s, wie es scheint, gleich zu einer Rauferei,
da will ich lieber verschwinden. (Ab.)
I ch ar ew (Glow fortziehend). Komm, komm.
Gl ow. Wohin, wohin?
I ch ar ew (in Wut). Wohin? zum Gericht! zum Gericht!
Gl ow. Aber ich bitte dich, du hast ja gar kein Recht dazu!
I ch ar ew. Wieso, ich habe kein Recht? Stehlen, am hellichten Tage Geld
wegnehmen ... in so gaunerischer Weise! Ich hätte kein Recht? Aber warte
nur, im Gefängnis, in Sibirien wirst du wohl auch sagen, daß ich kein Recht
habe? Warte nur, man wird eure ganze Gaunerbande noch abfassen! Ihr
werdet schon sehen, was es heißt, das Vertrauen und die Ehrlichkeit
gutmütiger Menschen zu hintergehen. Das Gesetz, das Gesetz, das Gesetz
werde ich anrufen. (Zieht ihn fort.)
Gl ow. Du könntest das Gesetz ja dann anrufen, wenn du selbst nicht
gesetzwidrig gehandelt hättest. Aber bedenke doch, du hast dich ja mit
ihnen verbunden, um mich zu beschwindeln und mir das Geld
abzugewinnen, und die Karten waren ja dein eigenes Fabrikat. Nein,
Brüderchen, das ist ja eben die Sache, daß du gar kein Recht hast, zu
klagen.
I ch ar ew (schlägt sich in seiner Verzweiflung mit der Hand vor die Stirn). Zum Teufel,
das ist wahr. (Fällt entkräftet auf den Stuhl, indessen eilt Glow fort). Aber solch ein
teuflischer Betrug!
Gl ow (steckt den Kopf durch die Tür). Tröste dich, du hast es ja noch nicht so
schlimm, dir bleibt ja noch die Adelaida Iwanowna! (Verschwindet).
I ch ar ew (wütend). Hol der Teufel die Adelaida Iwanowna! (Ergreift das
Kartenspiel und schleudert es gegen die Tür, einzelne Karten fliegen auf den Boden.) Da muß es
nun solche Schwindler geben zum Schimpf und zur Schande der
Frol Semjónowitsch.
I ch ar ew (verzweifelt). Und wer bist du, Teufel? sprich, wer bist du?
Gl ow. Wer ich bin? Ich war ein anständiger Mensch und bin durch die
Not zu einem Schwindler geworden. Sie haben mir alles im Spiel
abgewonnen, alles bis aufs Hemd. Was soll ich nun machen? ich will doch
nicht vor Hunger sterben. Für dreitausend habe ich mich dazu hergegeben,
mitzuarbeiten und dich zu beschwindeln. Ich sag’ es dir gerade heraus, du
siehst, ich handle vornehm.
I ch ar ew (faßt ihn wütend am Kragen). Du Schwindler.
Al exej (für sich). Na, da kommt’s, wie es scheint, gleich zu einer Rauferei,
da will ich lieber verschwinden. (Ab.)
I ch ar ew (Glow fortziehend). Komm, komm.
Gl ow. Wohin, wohin?
I ch ar ew (in Wut). Wohin? zum Gericht! zum Gericht!
Gl ow. Aber ich bitte dich, du hast ja gar kein Recht dazu!
I ch ar ew. Wieso, ich habe kein Recht? Stehlen, am hellichten Tage Geld
wegnehmen ... in so gaunerischer Weise! Ich hätte kein Recht? Aber warte
nur, im Gefängnis, in Sibirien wirst du wohl auch sagen, daß ich kein Recht
habe? Warte nur, man wird eure ganze Gaunerbande noch abfassen! Ihr
werdet schon sehen, was es heißt, das Vertrauen und die Ehrlichkeit
gutmütiger Menschen zu hintergehen. Das Gesetz, das Gesetz, das Gesetz
werde ich anrufen. (Zieht ihn fort.)
Gl ow. Du könntest das Gesetz ja dann anrufen, wenn du selbst nicht
gesetzwidrig gehandelt hättest. Aber bedenke doch, du hast dich ja mit
ihnen verbunden, um mich zu beschwindeln und mir das Geld
abzugewinnen, und die Karten waren ja dein eigenes Fabrikat. Nein,
Brüderchen, das ist ja eben die Sache, daß du gar kein Recht hast, zu
klagen.
I ch ar ew (schlägt sich in seiner Verzweiflung mit der Hand vor die Stirn). Zum Teufel,
das ist wahr. (Fällt entkräftet auf den Stuhl, indessen eilt Glow fort). Aber solch ein
teuflischer Betrug!
Gl ow (steckt den Kopf durch die Tür). Tröste dich, du hast es ja noch nicht so
schlimm, dir bleibt ja noch die Adelaida Iwanowna! (Verschwindet).
I ch ar ew (wütend). Hol der Teufel die Adelaida Iwanowna! (Ergreift das
Kartenspiel und schleudert es gegen die Tür, einzelne Karten fliegen auf den Boden.) Da muß es
nun solche Schwindler geben zum Schimpf und zur Schande der
Page 248
Menschheit! Aber es ist ja einfach zum Wahnsinnigwerden: Wie teuflisch
war das alles durchgeführt, wie fein! Dieser Vater, dieser Sohn und dieser
Beamte Samuchrischkin — und das alles ist abgekartet, und ich kann nicht
einmal klagen. (Springt vom Stuhl auf und geht erregt im Zimmer auf und ab.) Und da soll
man noch den Schlauen spielen, da soll man seinen Geist, seinen Witz
anstrengen, Mittel erdenken .... Nein, hol’s der Teufel, es lohnt sich gar
nicht, es ist des edlen Eifers, es ist der Mühe nicht wert! Da findet sich
gleich in deiner Nähe ein Gauner, der dich noch übergaunert, ein
Schwindler, der mit einem Male das ganze Gebäude in die Luft sprengt, an
dem du jahrelang gearbeitet hast. (Mit einer ärgerlichen Handbewegung.) Zum
Teufel, ist das eine schwindelhafte Welt! Nur der hat Glück, der so dumm
ist wie ein Klotz, und der nichts versteht, an nichts denkt, nichts tut und mit
abgenutzten Karten um einen Groschen Boston spielt!
war das alles durchgeführt, wie fein! Dieser Vater, dieser Sohn und dieser
Beamte Samuchrischkin — und das alles ist abgekartet, und ich kann nicht
einmal klagen. (Springt vom Stuhl auf und geht erregt im Zimmer auf und ab.) Und da soll
man noch den Schlauen spielen, da soll man seinen Geist, seinen Witz
anstrengen, Mittel erdenken .... Nein, hol’s der Teufel, es lohnt sich gar
nicht, es ist des edlen Eifers, es ist der Mühe nicht wert! Da findet sich
gleich in deiner Nähe ein Gauner, der dich noch übergaunert, ein
Schwindler, der mit einem Male das ganze Gebäude in die Luft sprengt, an
dem du jahrelang gearbeitet hast. (Mit einer ärgerlichen Handbewegung.) Zum
Teufel, ist das eine schwindelhafte Welt! Nur der hat Glück, der so dumm
ist wie ein Klotz, und der nichts versteht, an nichts denkt, nichts tut und mit
abgenutzten Karten um einen Groschen Boston spielt!
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Szenen aus einer unvollendeten Komödie
Deutsch von Alexandra Ramm
Deutsch von Alexandra Ramm
Page 250
Der Morgen eines vielbeschäftigten Herrn
1. Auftritt
Ein Kabinett. Einige Schränke mit Büchern. Auf dem Tisch liegen zerstreute Papiere. Iwan
Petrowitsch, ein Beamter, tritt im Schlafrock herein, reckt sich und klingelt. Im Flur hört man eine
Stimme: „Sofort!“ Iwan Petrowitsch klingelt zum zweiten Male; wieder dieselbe Stimme: „Sofort!“
Iwan Petrowitsch klingelt ungeduldig zum dritten Male; der Diener tritt ein.
I wan P et r o wit sch. Bist du taub geworden?
Der L ak ai. O nein.
I wan P et r owi t sch. Und warum hat es dir beliebt, nicht eher zu
erscheinen, als bis ich zum dritten Male geklingelt habe?
Der L akai. Wie hätte ich es anders machen können! Ich konnte doch
meine Arbeit nicht wegwerfen: ich habe die Stiefel geputzt!
I wan P et r o wit sch. Und was hat Iwan getan?
Der L ak ai. Iwan hat das Zimmer gefegt. Und dann ist er in den
Pferdestall gegangen.
I wan P et r o wi t sch. Hol mir das Hündchen her! (Der Lakai bringt das
Hündchen.) Sususchka, Sususchka, ah Sususchka. Wir wollen dir jetzt ein
Stückchen Papier anbinden. (Befestigt ihm ein Stückchen Papier am Schwanz.)
E in an d er er L akai (kommt hereingelaufen). Alexander Iwanowitsch!
I wan P etr owi tsch. Bitte! (Läßt eilig das Hündchen fallen und schlägt ein Gesetzbuch
auf.)
2. Auftritt
Iwan Petrowitsch und Alexander Iwanowitsch, (auch ein vielbeschäftigter Herr).
Al exan der I wan owi tsch. Guten Morgen, Iwan Petrowitsch.
I wan P et r owi tsch. Nun, wie befinden Sie sich, Alexander
Iwanowitsch?
Al exan der I wan owi tsch. Danke sehr. Störe ich auch nicht?
I wan P et r owi tsch. Ach, ich bitte Sie. Ich bin ja immer beschäftigt.
Nun — um wieviel Uhr sind Sie nach Haus gekommen?
1. Auftritt
Ein Kabinett. Einige Schränke mit Büchern. Auf dem Tisch liegen zerstreute Papiere. Iwan
Petrowitsch, ein Beamter, tritt im Schlafrock herein, reckt sich und klingelt. Im Flur hört man eine
Stimme: „Sofort!“ Iwan Petrowitsch klingelt zum zweiten Male; wieder dieselbe Stimme: „Sofort!“
Iwan Petrowitsch klingelt ungeduldig zum dritten Male; der Diener tritt ein.
I wan P et r o wit sch. Bist du taub geworden?
Der L ak ai. O nein.
I wan P et r owi t sch. Und warum hat es dir beliebt, nicht eher zu
erscheinen, als bis ich zum dritten Male geklingelt habe?
Der L akai. Wie hätte ich es anders machen können! Ich konnte doch
meine Arbeit nicht wegwerfen: ich habe die Stiefel geputzt!
I wan P et r o wit sch. Und was hat Iwan getan?
Der L ak ai. Iwan hat das Zimmer gefegt. Und dann ist er in den
Pferdestall gegangen.
I wan P et r o wi t sch. Hol mir das Hündchen her! (Der Lakai bringt das
Hündchen.) Sususchka, Sususchka, ah Sususchka. Wir wollen dir jetzt ein
Stückchen Papier anbinden. (Befestigt ihm ein Stückchen Papier am Schwanz.)
E in an d er er L akai (kommt hereingelaufen). Alexander Iwanowitsch!
I wan P etr owi tsch. Bitte! (Läßt eilig das Hündchen fallen und schlägt ein Gesetzbuch
auf.)
2. Auftritt
Iwan Petrowitsch und Alexander Iwanowitsch, (auch ein vielbeschäftigter Herr).
Al exan der I wan owi tsch. Guten Morgen, Iwan Petrowitsch.
I wan P et r owi tsch. Nun, wie befinden Sie sich, Alexander
Iwanowitsch?
Al exan der I wan owi tsch. Danke sehr. Störe ich auch nicht?
I wan P et r owi tsch. Ach, ich bitte Sie. Ich bin ja immer beschäftigt.
Nun — um wieviel Uhr sind Sie nach Haus gekommen?
Page 251
Al exan der I wanowi tsch. So um sechs. Als ich aus der Offizierskaja
herauskam, fragte ich einen Posten, an dem ich vorüberkam: „Brüderchen,
hast du nicht gehört, wie spät es ist?“ „Jawohl, es hat schon sechs
geschlagen!“ sagte er. So habe ich erfahren, daß es schon sechs Uhr war.
I wan P et r o w i t sch. Denken Sie sich: ich bin auch fast um die gleiche
Zeit zurückgekommen! — Nun, denken Sie noch an das Whistchen? Hä hä
hä!
Al exan der I wanowi tsch. Hä hä hä! ... Ich habe sogar davon
geträumt.
I wan P etr owi t sch. Hä hä hä! Ich habe immer gedacht: was soll es nur
bedeuten, daß er den König ausspielt! Ich hatte die Dame und zwei kleinere
Karten in Kreuz in der Hand und hatte schon längst gesehen, daß Lukian
Fedossejewitsch renoncierte.
Al exan der I wan owi tsch. Am längsten zog sich die achte Runde hin.
I wan P et r owi t sch. Jawohl. (Nach einer Pause.) Ich hatte Lukian
Fedossejewitsch schon zugewinkt, daß er Trumpf ausspielen soll; aber nein!
Und dabei hätte er nur einmal Trumpf zu bringen brauchen, und mein
Pique-Junge hätte gestochen!
Al exan der I w anowi t sch. Erlauben Sie, Iwan Petrowitsch, der Junge
hätte nicht gestochen!
I wan P et r o wit sch. Oho! Er hätte doch gestochen!
Al exan der I wanowi tsch. Er hätte nicht gestochen, weil Sie ja nie
zum Anspielen gekommen wären.
I wan P et r o wi t sch. Aber Sie haben ja Lukian Fedossejewitschs Pique-
Sieben vergessen!
Al exan der I w anowi t sch. Hatte er denn noch ein Pique? Ich kann
mich gar nicht daran erinnern ...
I wan P et r o wit sch. Aber gewiß. Er hatte zwei Pique: die Vier, die er
auf die Dame gegeben hatte, und eine Sieben.
Al exan der I wanowi tsch. Aber nein, Iwan Petrowitsch, erlauben Sie:
er konnte nicht mehr als ein Pique haben!
I wan P etr owi tsch. Aber mein Gott, Alexander Iwanowitsch, wem
erzählen Sie das! Zwei Pique! Ich sehe sie noch wie jetzt vor mir: eine Vier
und eine Sieben!
Al exan der I wan owi tsch. Eine Vier hatte er, das stimmt — aber keine
Sieben. Dann hätte er doch Trumpf gespielt, das müssen Sie doch zugeben,
er hätte dann eben Trumpf gespielt!
herauskam, fragte ich einen Posten, an dem ich vorüberkam: „Brüderchen,
hast du nicht gehört, wie spät es ist?“ „Jawohl, es hat schon sechs
geschlagen!“ sagte er. So habe ich erfahren, daß es schon sechs Uhr war.
I wan P et r o w i t sch. Denken Sie sich: ich bin auch fast um die gleiche
Zeit zurückgekommen! — Nun, denken Sie noch an das Whistchen? Hä hä
hä!
Al exan der I wanowi tsch. Hä hä hä! ... Ich habe sogar davon
geträumt.
I wan P etr owi t sch. Hä hä hä! Ich habe immer gedacht: was soll es nur
bedeuten, daß er den König ausspielt! Ich hatte die Dame und zwei kleinere
Karten in Kreuz in der Hand und hatte schon längst gesehen, daß Lukian
Fedossejewitsch renoncierte.
Al exan der I wan owi tsch. Am längsten zog sich die achte Runde hin.
I wan P et r owi t sch. Jawohl. (Nach einer Pause.) Ich hatte Lukian
Fedossejewitsch schon zugewinkt, daß er Trumpf ausspielen soll; aber nein!
Und dabei hätte er nur einmal Trumpf zu bringen brauchen, und mein
Pique-Junge hätte gestochen!
Al exan der I w anowi t sch. Erlauben Sie, Iwan Petrowitsch, der Junge
hätte nicht gestochen!
I wan P et r o wit sch. Oho! Er hätte doch gestochen!
Al exan der I wanowi tsch. Er hätte nicht gestochen, weil Sie ja nie
zum Anspielen gekommen wären.
I wan P et r o wi t sch. Aber Sie haben ja Lukian Fedossejewitschs Pique-
Sieben vergessen!
Al exan der I w anowi t sch. Hatte er denn noch ein Pique? Ich kann
mich gar nicht daran erinnern ...
I wan P et r o wit sch. Aber gewiß. Er hatte zwei Pique: die Vier, die er
auf die Dame gegeben hatte, und eine Sieben.
Al exan der I wanowi tsch. Aber nein, Iwan Petrowitsch, erlauben Sie:
er konnte nicht mehr als ein Pique haben!
I wan P etr owi tsch. Aber mein Gott, Alexander Iwanowitsch, wem
erzählen Sie das! Zwei Pique! Ich sehe sie noch wie jetzt vor mir: eine Vier
und eine Sieben!
Al exan der I wan owi tsch. Eine Vier hatte er, das stimmt — aber keine
Sieben. Dann hätte er doch Trumpf gespielt, das müssen Sie doch zugeben,
er hätte dann eben Trumpf gespielt!
Page 252
I wan P et r o wit sch. Bei Gott, Alexander Iwanowitsch, bei Gott!
Al exan der I wanowi tsch. Nein, Iwan Petrowitsch. Es ist durchaus
unmöglich.
I wan P et r o w i t sch. Erlauben Sie, Alexander Iwanowitsch: wissen Sie,
was das Beste ist? Wir fahren morgen zu Lukian Fedossejewitsch. Sind Sie
einverstanden?
Al exan der I wan owi tsch. Gut.
I wan P et r o wit sch. Fragen wir ihn selbst, ob er eine Pique Sieben in
der Hand gehabt hat.
Al exan der I wan owit sch. Bitte sehr — ich bin durchaus nicht
abgeneigt. Übrigens, wenn man sich die Sache überlegt, warum spielt
eigentlich Lukian Fedossejewitsch so schlecht? Man kann doch nicht sagen,
daß er keinen Verstand hat. Er ist ein feiner Mann, und sein Benehmen ...
I wan P et r o wit sch. Und fügen Sie hinzu: von großen Kenntnissen! Ein
Mann — das dürfen wir unter uns wohl sagen — wie wir nur wenige in
Rußland haben. — Waren Sie bei Sr. Exzellenz?
Al exan der I w ano wit sch. Jawohl. Ich komme soeben von ihm. — Es
war etwas kalt heut morgen. Wie Ihnen wohl bekannt sein wird, habe ich
die Gewohnheit, ein Wams aus Elenleder zu tragen: es ist viel angenehmer
als eins von Flanell und wärmt dabei nicht so. Darum ließ ich mir den Pelz
geben. Ich komme zu Sr. Exzellenz. — Se. Exzellenz schläft noch. Nun, da
habe ich gewartet. Und dann sprachen wir von diesem und jenem.
I wan P et r o wit sch. Und von mir wurde nicht gesprochen?
Al exan der I w ano wit sch. Gewiß, auch von Ihnen. Und dann wurde
die Unterhaltung noch sehr amüsant.
I wan P et r o wit sch (angeregt). Was, was, was?
Al exan der I wan owit sch. Erlauben Sie ... erlauben Sie, immer eins
nach dem andern! Das ist eine höchst unterhaltsame Geschichte. Se.
Exzellenz fragte mich unter andern, wo ich meine Zeit verbringe, da er
mich so lange nicht gesehen hätte, und sprach den Wunsch aus, etwas über
den gestrigen Abend und über die Anwesenden zu erfahren. Ich antwortete:
„Ew. Exzellenz, es waren anwesend: Pawel Grigorjewitsch Borschtschow,
Ilja Wladimirowitsch Bubunizin.“ Se. Exzellenz sagt nach jedem Wort:
„Hem!“ Ich sagte: „Außerdem war noch ein Bekannter Ew. Exzellenz ...“
I wan P et r o wit sch. Nun, nun?
Al exan der I wan owit sch. Erlauben Sie! Und was meinen Sie wohl,
sagte Se. Exzellenz darauf?
Al exan der I wanowi tsch. Nein, Iwan Petrowitsch. Es ist durchaus
unmöglich.
I wan P et r o w i t sch. Erlauben Sie, Alexander Iwanowitsch: wissen Sie,
was das Beste ist? Wir fahren morgen zu Lukian Fedossejewitsch. Sind Sie
einverstanden?
Al exan der I wan owi tsch. Gut.
I wan P et r o wit sch. Fragen wir ihn selbst, ob er eine Pique Sieben in
der Hand gehabt hat.
Al exan der I wan owit sch. Bitte sehr — ich bin durchaus nicht
abgeneigt. Übrigens, wenn man sich die Sache überlegt, warum spielt
eigentlich Lukian Fedossejewitsch so schlecht? Man kann doch nicht sagen,
daß er keinen Verstand hat. Er ist ein feiner Mann, und sein Benehmen ...
I wan P et r o wit sch. Und fügen Sie hinzu: von großen Kenntnissen! Ein
Mann — das dürfen wir unter uns wohl sagen — wie wir nur wenige in
Rußland haben. — Waren Sie bei Sr. Exzellenz?
Al exan der I w ano wit sch. Jawohl. Ich komme soeben von ihm. — Es
war etwas kalt heut morgen. Wie Ihnen wohl bekannt sein wird, habe ich
die Gewohnheit, ein Wams aus Elenleder zu tragen: es ist viel angenehmer
als eins von Flanell und wärmt dabei nicht so. Darum ließ ich mir den Pelz
geben. Ich komme zu Sr. Exzellenz. — Se. Exzellenz schläft noch. Nun, da
habe ich gewartet. Und dann sprachen wir von diesem und jenem.
I wan P et r o wit sch. Und von mir wurde nicht gesprochen?
Al exan der I w ano wit sch. Gewiß, auch von Ihnen. Und dann wurde
die Unterhaltung noch sehr amüsant.
I wan P et r o wit sch (angeregt). Was, was, was?
Al exan der I wan owit sch. Erlauben Sie ... erlauben Sie, immer eins
nach dem andern! Das ist eine höchst unterhaltsame Geschichte. Se.
Exzellenz fragte mich unter andern, wo ich meine Zeit verbringe, da er
mich so lange nicht gesehen hätte, und sprach den Wunsch aus, etwas über
den gestrigen Abend und über die Anwesenden zu erfahren. Ich antwortete:
„Ew. Exzellenz, es waren anwesend: Pawel Grigorjewitsch Borschtschow,
Ilja Wladimirowitsch Bubunizin.“ Se. Exzellenz sagt nach jedem Wort:
„Hem!“ Ich sagte: „Außerdem war noch ein Bekannter Ew. Exzellenz ...“
I wan P et r o wit sch. Nun, nun?
Al exan der I wan owit sch. Erlauben Sie! Und was meinen Sie wohl,
sagte Se. Exzellenz darauf?
Page 253
I wan P et r o wit sch. Ich weiß nicht ...
Al exan der I wan owi tsch. Er sagte: „Wer könnte das sein? —“ „Iwan
Petrowitsch Barsukow,“ antwortete ich. „Hem,“ sagte Se. Exzellenz. „Das
ist ein Beamter, und noch dazu ...“ (Hebt die Augen empor.) Die Decken sind bei
Ihnen recht nett bemalt: ist das auf Ihre Kosten geschehen, oder auf die
Ihres Wirts?
I wan P et r o wit sch. Aber nein, das ist doch eine Amtswohnung!
Al exan der I wanowi tsch. Sehr, sehr hübsch. Körbchen, eine Lyra,
rings herum Zwiebacke, Trommeln und eine Trompete. Wirklich, sehr, sehr
natürlich!
I wan P et r o wit sch (ungeduldig). Und was sagte Se. Exzellenz?
Al exan der I wan owi tsch. Ach, das hätte ich richtig vergessen. Was
sagte er doch noch ...?
I wan P et r o wit sch. Er sagte: „Hem! ... Das ist ein Beamter ...“
Al exan der I wanowi tsch. Richtig! „Das ist ein Beamter ...“ ... nun,
und ... „und steht in meinem Dienst!“ Nachher war die Unterhaltung nicht
mehr so interessant und wandte sich gewöhnlichen Dingen zu.
I wan P et r o wit sch. Und weiter hat er nichts von mir gesagt?
Al exan der I wan owi tsch. Nein.
I wan P et r o wi t sch (für sich). Nun, das ist vorläufig noch nicht viel. Gott,
Gott, wie wäre es, wenn er gesagt hätte: In Berücksichtigung dieser und
jener Verdienste schlage ich diesen Barsukow vor ...
3. Auftritt
Die Vorigen und Schreider, der zur Tür hereinschaut.
I wan P etr owi tsch. Kommen Sie herein, kommen Sie herein, es macht
nichts, bitte kommen Sie nur her: Was ist das? Ein Rapport?
S chr eid er. Wollen Sie freundlichst unterschreiben. Hier ist eine
Meldung an den Cameralhof, und das ist ein Rapport an den Verwalter.
I wan P etr o w i t sch (liest inzwischen). ... dem Herrn Verwalter ... Was ist
das! Sie haben ja nicht überall gleichen Rand gelassen? Was soll das?
Wissen Sie, daß man Sie dafür mit Arrest bestrafen kann? (Wirft ihm einen
bedeutungsvollen Blick zu).
S chr eid er. Ich habe es Iwan Iwanowitsch gesagt: aber er hat
geantwortet, der Minister werde auf solche Lappalien nicht achten.
Al exan der I wan owi tsch. Er sagte: „Wer könnte das sein? —“ „Iwan
Petrowitsch Barsukow,“ antwortete ich. „Hem,“ sagte Se. Exzellenz. „Das
ist ein Beamter, und noch dazu ...“ (Hebt die Augen empor.) Die Decken sind bei
Ihnen recht nett bemalt: ist das auf Ihre Kosten geschehen, oder auf die
Ihres Wirts?
I wan P et r o wit sch. Aber nein, das ist doch eine Amtswohnung!
Al exan der I wanowi tsch. Sehr, sehr hübsch. Körbchen, eine Lyra,
rings herum Zwiebacke, Trommeln und eine Trompete. Wirklich, sehr, sehr
natürlich!
I wan P et r o wit sch (ungeduldig). Und was sagte Se. Exzellenz?
Al exan der I wan owi tsch. Ach, das hätte ich richtig vergessen. Was
sagte er doch noch ...?
I wan P et r o wit sch. Er sagte: „Hem! ... Das ist ein Beamter ...“
Al exan der I wanowi tsch. Richtig! „Das ist ein Beamter ...“ ... nun,
und ... „und steht in meinem Dienst!“ Nachher war die Unterhaltung nicht
mehr so interessant und wandte sich gewöhnlichen Dingen zu.
I wan P et r o wit sch. Und weiter hat er nichts von mir gesagt?
Al exan der I wan owi tsch. Nein.
I wan P et r o wi t sch (für sich). Nun, das ist vorläufig noch nicht viel. Gott,
Gott, wie wäre es, wenn er gesagt hätte: In Berücksichtigung dieser und
jener Verdienste schlage ich diesen Barsukow vor ...
3. Auftritt
Die Vorigen und Schreider, der zur Tür hereinschaut.
I wan P etr owi tsch. Kommen Sie herein, kommen Sie herein, es macht
nichts, bitte kommen Sie nur her: Was ist das? Ein Rapport?
S chr eid er. Wollen Sie freundlichst unterschreiben. Hier ist eine
Meldung an den Cameralhof, und das ist ein Rapport an den Verwalter.
I wan P etr o w i t sch (liest inzwischen). ... dem Herrn Verwalter ... Was ist
das! Sie haben ja nicht überall gleichen Rand gelassen? Was soll das?
Wissen Sie, daß man Sie dafür mit Arrest bestrafen kann? (Wirft ihm einen
bedeutungsvollen Blick zu).
S chr eid er. Ich habe es Iwan Iwanowitsch gesagt: aber er hat
geantwortet, der Minister werde auf solche Lappalien nicht achten.
Page 254
I wan P etr o w i t sch. Lappalien! Iwan Iwanowitsch hat gut reden! Ich
selber denke ja auch so: der Minister wird das wirklich nicht beachten!
Aber wenn es ihm nun plötzlich doch einfällt?
S chr eid er. Man kann es ja abschreiben; nur wird es dann zu spät
werden. Aber da Sie selbst zu sagen belieben, daß der Minister es nicht
beachten wird ...
I wan P etr o w i t sch. Natürlich. Das ist ja alles sehr richtig. Ich bin
durchaus mit Ihnen einverstanden, er wird sich mit solchen Kleinigkeiten
nicht abgeben. Aber setzen Sie den Fall, daß es ihm doch einfällt. Ich will
doch mal sehen, wie groß der Raum ist, den man für den Rand gelassen hat
...?
S chr eid er. Wenn es so ist, werde ich es sofort abschreiben.
I wan P etr owi tsch. Ja eben „wenn es so ist“. Ich spreche ja nur mit
Ihnen, weil Sie Universitätsbildung haben. Bei einem andern würde ich
kein Wort verlieren.
S chr eid er. Ich habe es mir nur erlaubt, weil der Herr Minister ...
I wan P et r o w i t sch. Gestatten Sie! Gestatten Sie: Das ist vollkommen
richtig: ich bin ja auf ein Haar mit Ihnen einig. Gewiß, der Minister wird es
nie beachten! er wird sich gar nicht darum kümmern. Aber wenn es ihm
plötzlich doch ... was dann?
S chr eid er. Ich werde es abschreiben. (Entfernt sich.)
4. Auftritt
I wan P etr owi tsch (zuckt die Achseln und wendet sich an Alexander Iwanowitsch).
Das hat immer noch Wind im Kopfe! Sonst ein anständiger junger Mann,
erst vor kurzem von der Universität gekommen, aber hier (zeigt auf die Stirn)
rein gar nichts. Sie können sich keine Vorstellung machen, verehrtester
Alexander Iwanowitsch, wieviel Mühe es mir gekostet hat, das alles in
Ordnung zu bringen. Sie hätten nur sehen sollen, in welchem Zustand ich
meinen Posten übernommen habe! Denken Sie sich — kein Kanzleibeamter
konnte einen ordentlichen Buchstaben schreiben! Man mußte es mit
ansehen, wie der eine das „An“ auf die falsche Zeile brachte und wie der
andere auf der ersten Zeile „Dur“ und auf der andern „chlaucht“ schrieb.
Mit einem Wort: es war entsetzlich! Eine babylonische Verwirrung! Und
schauen Sie sich jetzt einmal die Akten an: alles ist schön und gut! Das
selber denke ja auch so: der Minister wird das wirklich nicht beachten!
Aber wenn es ihm nun plötzlich doch einfällt?
S chr eid er. Man kann es ja abschreiben; nur wird es dann zu spät
werden. Aber da Sie selbst zu sagen belieben, daß der Minister es nicht
beachten wird ...
I wan P etr o w i t sch. Natürlich. Das ist ja alles sehr richtig. Ich bin
durchaus mit Ihnen einverstanden, er wird sich mit solchen Kleinigkeiten
nicht abgeben. Aber setzen Sie den Fall, daß es ihm doch einfällt. Ich will
doch mal sehen, wie groß der Raum ist, den man für den Rand gelassen hat
...?
S chr eid er. Wenn es so ist, werde ich es sofort abschreiben.
I wan P etr owi tsch. Ja eben „wenn es so ist“. Ich spreche ja nur mit
Ihnen, weil Sie Universitätsbildung haben. Bei einem andern würde ich
kein Wort verlieren.
S chr eid er. Ich habe es mir nur erlaubt, weil der Herr Minister ...
I wan P et r o w i t sch. Gestatten Sie! Gestatten Sie: Das ist vollkommen
richtig: ich bin ja auf ein Haar mit Ihnen einig. Gewiß, der Minister wird es
nie beachten! er wird sich gar nicht darum kümmern. Aber wenn es ihm
plötzlich doch ... was dann?
S chr eid er. Ich werde es abschreiben. (Entfernt sich.)
4. Auftritt
I wan P etr owi tsch (zuckt die Achseln und wendet sich an Alexander Iwanowitsch).
Das hat immer noch Wind im Kopfe! Sonst ein anständiger junger Mann,
erst vor kurzem von der Universität gekommen, aber hier (zeigt auf die Stirn)
rein gar nichts. Sie können sich keine Vorstellung machen, verehrtester
Alexander Iwanowitsch, wieviel Mühe es mir gekostet hat, das alles in
Ordnung zu bringen. Sie hätten nur sehen sollen, in welchem Zustand ich
meinen Posten übernommen habe! Denken Sie sich — kein Kanzleibeamter
konnte einen ordentlichen Buchstaben schreiben! Man mußte es mit
ansehen, wie der eine das „An“ auf die falsche Zeile brachte und wie der
andere auf der ersten Zeile „Dur“ und auf der andern „chlaucht“ schrieb.
Mit einem Wort: es war entsetzlich! Eine babylonische Verwirrung! Und
schauen Sie sich jetzt einmal die Akten an: alles ist schön und gut! Das
Page 255
Herz freut sich, die Seele triumphiert! Und eine Ordnung — alles ist an
seinem Platz!
Al exan der I wanowi tsch. Man kann also sagen, daß Sie sich Ihren
Rang mit Schweiß und Blut erworben haben!
I wan P et r owi t sch (seufzend). Jawohl! Mit Schweiß und Blut! Aber was
soll ich machen, ich habe nun einmal so einen Charakter! Was wäre ich
nicht alles geworden, wenn ich mich nur darum bemüht hätte! Auf meiner
Brust wäre kein Platz mehr für die Orden! Aber was soll ich machen? Ich
kann nun einmal nicht anders handeln. So nebenbei werde ich ja schon ein
paar Andeutungen und Anspielungen fallen lassen, aber geradeheraus etwas
fordern, unmittelbar etwas für mich erbitten — nein, das ist meine Sache
nicht! Andere steigen fortwährend im Rang — ich dagegen habe nun einmal
so einen Charakter: zu allem kann ich mich herbeilassen, aber niemals zu
einer Ungerechtigkeit! (Seufzt.) Nur eins möchte ich jetzt: wenn ich doch
einen kleinen Orden ins Knopfloch kriegen könnte! Nicht, weil ich ein
besonderes Interesse daran hätte, sondern nur darum, damit man merkt, daß
meine Vorgesetzten mir einige Aufmerksamkeit schenken. Ich möchte Sie
bitten, Alexander Iwanowitsch, seien Sie so hochherzig, machen Sie doch
bei Gelegenheit, natürlich so ganz nebenbei, Sr. Exzellenz gegenüber eine
Anspielung, daß bei Barsukow in der Kanzlei eine Ordnung herrscht, wie
Sie sie selten gefunden haben, oder doch irgend etwas ähnliches.
Al exan der I wanowi tsch. Mit dem größten Vergnügen, sowie sich
eine Gelegenheit bietet ...
5. Auftritt
Die Vorigen und Katerina Alexandrowna. Iwan Petrowitschs Frau.
Kat er i n a A lex and r owna (erblickt Alexander Iwanowitsch). Ah! Alexander
Iwanowitsch! Mein Gott, wie lange wir uns nicht gesehen haben! Sie haben
mich ganz vergessen! Wie geht es Natalia Fominischna!
Al exan der I wanowi tsch. Gottseidank! Übrigens kränkelt sie seit
einer Woche.
Kat er i n a Al ex an dr owna. Aeh!
Al exan der I wan owit sch. Sie leidet an Stichen und Beklemmungen
in der Magengrube. Der Arzt hat ihr ein Abführungsmittel und heiße
Kompressen von Kamillentee und Salmiakgeist verschrieben.
seinem Platz!
Al exan der I wanowi tsch. Man kann also sagen, daß Sie sich Ihren
Rang mit Schweiß und Blut erworben haben!
I wan P et r owi t sch (seufzend). Jawohl! Mit Schweiß und Blut! Aber was
soll ich machen, ich habe nun einmal so einen Charakter! Was wäre ich
nicht alles geworden, wenn ich mich nur darum bemüht hätte! Auf meiner
Brust wäre kein Platz mehr für die Orden! Aber was soll ich machen? Ich
kann nun einmal nicht anders handeln. So nebenbei werde ich ja schon ein
paar Andeutungen und Anspielungen fallen lassen, aber geradeheraus etwas
fordern, unmittelbar etwas für mich erbitten — nein, das ist meine Sache
nicht! Andere steigen fortwährend im Rang — ich dagegen habe nun einmal
so einen Charakter: zu allem kann ich mich herbeilassen, aber niemals zu
einer Ungerechtigkeit! (Seufzt.) Nur eins möchte ich jetzt: wenn ich doch
einen kleinen Orden ins Knopfloch kriegen könnte! Nicht, weil ich ein
besonderes Interesse daran hätte, sondern nur darum, damit man merkt, daß
meine Vorgesetzten mir einige Aufmerksamkeit schenken. Ich möchte Sie
bitten, Alexander Iwanowitsch, seien Sie so hochherzig, machen Sie doch
bei Gelegenheit, natürlich so ganz nebenbei, Sr. Exzellenz gegenüber eine
Anspielung, daß bei Barsukow in der Kanzlei eine Ordnung herrscht, wie
Sie sie selten gefunden haben, oder doch irgend etwas ähnliches.
Al exan der I wanowi tsch. Mit dem größten Vergnügen, sowie sich
eine Gelegenheit bietet ...
5. Auftritt
Die Vorigen und Katerina Alexandrowna. Iwan Petrowitschs Frau.
Kat er i n a A lex and r owna (erblickt Alexander Iwanowitsch). Ah! Alexander
Iwanowitsch! Mein Gott, wie lange wir uns nicht gesehen haben! Sie haben
mich ganz vergessen! Wie geht es Natalia Fominischna!
Al exan der I wanowi tsch. Gottseidank! Übrigens kränkelt sie seit
einer Woche.
Kat er i n a Al ex an dr owna. Aeh!
Al exan der I wan owit sch. Sie leidet an Stichen und Beklemmungen
in der Magengrube. Der Arzt hat ihr ein Abführungsmittel und heiße
Kompressen von Kamillentee und Salmiakgeist verschrieben.
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Kat er i n a A l exandr o wna. Versuchen Sie es doch mit einem
homöopathischen Mittel.
I wan P etr owi tsch. Da du gerade von Homöopathie sprichst — es ist
wirklich merkwürdig, wenn man bedenkt, wie weit man es jetzt mit der
Aufklärung gebracht hat, Katerina Alexandrowna. Ich war vor kurzem in
einer Vorstellung. Und was glauben Sie? Ein Bengel, wie soll ich euch
sagen, so groß (zeigt mit der Hand) und etwa drei Jahr alt, nicht mehr — ihr
hättet sehen müssen, wie der auf einem ganz dünnen Seil tanzte! Ich
versichere Ihnen, im Ernst, der Atem stockte einem vor Angst!
Al exan der I wan owi tsch. Die Melas singt wirklich sehr schön.
I wan P et r o wit sch (bedeutungsvoll). Die Melas? O ja. Mit vielem Gefühl!
Al exan der I wan owi tsch. Ausgezeichnet.
I wan P etr owi t sch. Haben Sie bemerkt, wie geschickt sie das ... nimmt
... (beschreibt mit der Hand Kreise vor den Augen).
Al exan der I w anowi t sch. Jawohl, besonders das macht sie ganz
wundervoll. — Doch es ist gleich zwei Uhr.
I wan P et r o w i t sch. Wie! Wollen Sie schon gehen, Alexander
Iwanowitsch?
Al exan der I wan owit sch. Es ist Zeit. Ich muß heut vormittag noch an
ungefähr drei Stellen sein.
I wan P etr owi tsch. Nun, dann auf Wiedersehn. Wann sehen wir uns?
Richtig, ich hab fast vergessen: morgen sind wir doch bei Lukian
Fedossejewitsch?
Al exan der I wan owi tsch. Ganz bestimmt. (Sie verabschieden sich.)
Kat er i n a Al ex an dr owna. Leben Sie wohl, Alexander Iwanowitsch.
Al exan der I wan owit sch (in der Garderobe, während er sich den Pelz umlegt). Ich
kann diese Art Menschen nicht ausstehen! Das tut nichts, wird nur immer
fetter und stellt sich, als wäre er dies und jenes, als hätte es dies getan und
jenes verbessert — die leibhaftige Tugend! Und welche Ansprüche das
macht! Einen Orden! Und er wird ihn auch bekommen! Ja, er wird ihn
bekommen — dieser Gauner! Er wird ihn bekommen! Solche Menschen
haben ja immer Erfolg! Und ich? Hä? Fünf Jahre bin ich länger im Dienst
und bis jetzt noch nicht einmal für einen Orden vorgeschlagen? Pfui, was
für eine ekelhafte Physiognomie? Und dazu entwickelt er noch zarte
Gefühle: er will ja gar nichts so besonderes, nur damit man merkt, daß seine
Vorgesetzten ihm einige Aufmerksamkeit erweisen. Und er bittet mich
noch, daß ich ein Wort für ihn einlegen soll! Da sind Sie an den Richtigen
homöopathischen Mittel.
I wan P etr owi tsch. Da du gerade von Homöopathie sprichst — es ist
wirklich merkwürdig, wenn man bedenkt, wie weit man es jetzt mit der
Aufklärung gebracht hat, Katerina Alexandrowna. Ich war vor kurzem in
einer Vorstellung. Und was glauben Sie? Ein Bengel, wie soll ich euch
sagen, so groß (zeigt mit der Hand) und etwa drei Jahr alt, nicht mehr — ihr
hättet sehen müssen, wie der auf einem ganz dünnen Seil tanzte! Ich
versichere Ihnen, im Ernst, der Atem stockte einem vor Angst!
Al exan der I wan owi tsch. Die Melas singt wirklich sehr schön.
I wan P et r o wit sch (bedeutungsvoll). Die Melas? O ja. Mit vielem Gefühl!
Al exan der I wan owi tsch. Ausgezeichnet.
I wan P etr owi t sch. Haben Sie bemerkt, wie geschickt sie das ... nimmt
... (beschreibt mit der Hand Kreise vor den Augen).
Al exan der I w anowi t sch. Jawohl, besonders das macht sie ganz
wundervoll. — Doch es ist gleich zwei Uhr.
I wan P et r o w i t sch. Wie! Wollen Sie schon gehen, Alexander
Iwanowitsch?
Al exan der I wan owit sch. Es ist Zeit. Ich muß heut vormittag noch an
ungefähr drei Stellen sein.
I wan P etr owi tsch. Nun, dann auf Wiedersehn. Wann sehen wir uns?
Richtig, ich hab fast vergessen: morgen sind wir doch bei Lukian
Fedossejewitsch?
Al exan der I wan owi tsch. Ganz bestimmt. (Sie verabschieden sich.)
Kat er i n a Al ex an dr owna. Leben Sie wohl, Alexander Iwanowitsch.
Al exan der I wan owit sch (in der Garderobe, während er sich den Pelz umlegt). Ich
kann diese Art Menschen nicht ausstehen! Das tut nichts, wird nur immer
fetter und stellt sich, als wäre er dies und jenes, als hätte es dies getan und
jenes verbessert — die leibhaftige Tugend! Und welche Ansprüche das
macht! Einen Orden! Und er wird ihn auch bekommen! Ja, er wird ihn
bekommen — dieser Gauner! Er wird ihn bekommen! Solche Menschen
haben ja immer Erfolg! Und ich? Hä? Fünf Jahre bin ich länger im Dienst
und bis jetzt noch nicht einmal für einen Orden vorgeschlagen? Pfui, was
für eine ekelhafte Physiognomie? Und dazu entwickelt er noch zarte
Gefühle: er will ja gar nichts so besonderes, nur damit man merkt, daß seine
Vorgesetzten ihm einige Aufmerksamkeit erweisen. Und er bittet mich
noch, daß ich ein Wort für ihn einlegen soll! Da sind Sie an den Richtigen
Page 257
gekommen, Verehrtester! Ich werde ihm schon einen Dienst erweisen!
Nein, mein Bester, du sollst keinen Orden bekommen! Keinen! Keinen!!
(Klopft einige Male wie zur Bestätigung mit der Faust auf die Handfläche und entfernt sich.)
Nein, mein Bester, du sollst keinen Orden bekommen! Keinen! Keinen!!
(Klopft einige Male wie zur Bestätigung mit der Faust auf die Handfläche und entfernt sich.)
Page 258
Der Prozeß.
1. Auftritt
Ein Kabinett.
P r ol et ew (ein Sekretär, sitzt allein im Sessel und hat fortwährend den Schlucken). Was ist
denn mit mir los? Grad als wenn’s mir aufstößt. Das Mittagessen von
gestern steckt mir noch in der Kehle. Da ißt man und ißt — weiß der Teufel,
was man alles ißt! (Es stößt ihm auf.) Da ist’s! (Es stößt ihm auf.) Schon wieder. (Es
stößt ihm auf.) Noch einmal! (Es stößt ihm auf.) Jetzt schon zum viertenmal! (Es stößt
ihm auf.) Der Teufel soll auch das viertemal holen! Jetzt will ich mal die
„Nördliche Biene“ lesen und sehen, was da drin steht. Ah, wie ich diese
„Nördliche Biene“ über habe! Grad wie ein Frauenzimmer, das als alte
Jungfer sitzengeblieben ist. (Liest und schreit auf.) Krachmanow eine
Auszeichnung! Ah? Petruschka Krachmanow! Solch ein kleiner Bengel war
er. (Zeigt mit der Hand.) Ich habe ihn doch selbst im Kadettenkorps
untergebracht. Ah? (Fährt fort zu lesen, plötzlich schreit er auf, indem er die Augen weit
aufreißt.) Was ist das? Was ist das? Heißt das wirklich Burdjukow? Wirklich!
Pawel Petrowitsch Burdjukow ist befördert worden! Ah? Nun? Ein
bestechlicher Kerl, der zweimal von Gerichtswegen verfolgt wurde, der
Vater ein Dieb, der den Fiskus bestohlen hat — der ekelhafteste Mensch,
den man sich nur vorstellen kann — Hä? Und die ganze Welt hält ihn für
einen aufrichtigen Menschen. Solch ein Schurke! Hat er nicht behauptet:
„Der Prozeß Buchtjelew ist nicht sachlich entschieden worden, der Senat ist
der Sache nicht auf den Grund gegangen!“ — Und warum? Der Schurke hat
einfach erfahren, daß auf meinen Teil zwanzigtausend Rubel fallen würden
— da denkt er sich, warum hat er die nicht bekommen? Der ist wie ein
Hund, der auf dem Heu liegt: Was er selbst nicht kriegt, gönnt er auch
einem andern nicht. Aber ich kenne dich, geh doch und schwindle andern
etwas vor, verstell dich nur vor ihnen. Ich weiß genug von dir. Wahrhaftig,
ich ärgere mich, daß ich in die Zeitung hineingesehen habe. Wenn man die
liest, hat man nichts als Ärger und Ekel. He, Andrei!
1. Auftritt
Ein Kabinett.
P r ol et ew (ein Sekretär, sitzt allein im Sessel und hat fortwährend den Schlucken). Was ist
denn mit mir los? Grad als wenn’s mir aufstößt. Das Mittagessen von
gestern steckt mir noch in der Kehle. Da ißt man und ißt — weiß der Teufel,
was man alles ißt! (Es stößt ihm auf.) Da ist’s! (Es stößt ihm auf.) Schon wieder. (Es
stößt ihm auf.) Noch einmal! (Es stößt ihm auf.) Jetzt schon zum viertenmal! (Es stößt
ihm auf.) Der Teufel soll auch das viertemal holen! Jetzt will ich mal die
„Nördliche Biene“ lesen und sehen, was da drin steht. Ah, wie ich diese
„Nördliche Biene“ über habe! Grad wie ein Frauenzimmer, das als alte
Jungfer sitzengeblieben ist. (Liest und schreit auf.) Krachmanow eine
Auszeichnung! Ah? Petruschka Krachmanow! Solch ein kleiner Bengel war
er. (Zeigt mit der Hand.) Ich habe ihn doch selbst im Kadettenkorps
untergebracht. Ah? (Fährt fort zu lesen, plötzlich schreit er auf, indem er die Augen weit
aufreißt.) Was ist das? Was ist das? Heißt das wirklich Burdjukow? Wirklich!
Pawel Petrowitsch Burdjukow ist befördert worden! Ah? Nun? Ein
bestechlicher Kerl, der zweimal von Gerichtswegen verfolgt wurde, der
Vater ein Dieb, der den Fiskus bestohlen hat — der ekelhafteste Mensch,
den man sich nur vorstellen kann — Hä? Und die ganze Welt hält ihn für
einen aufrichtigen Menschen. Solch ein Schurke! Hat er nicht behauptet:
„Der Prozeß Buchtjelew ist nicht sachlich entschieden worden, der Senat ist
der Sache nicht auf den Grund gegangen!“ — Und warum? Der Schurke hat
einfach erfahren, daß auf meinen Teil zwanzigtausend Rubel fallen würden
— da denkt er sich, warum hat er die nicht bekommen? Der ist wie ein
Hund, der auf dem Heu liegt: Was er selbst nicht kriegt, gönnt er auch
einem andern nicht. Aber ich kenne dich, geh doch und schwindle andern
etwas vor, verstell dich nur vor ihnen. Ich weiß genug von dir. Wahrhaftig,
ich ärgere mich, daß ich in die Zeitung hineingesehen habe. Wenn man die
liest, hat man nichts als Ärger und Ekel. He, Andrei!
Page 259
2. Auftritt
Der L ak ai (hereintretend). Was befehlen Sie?
P r ol et ew. Trag diese Zeitung hinaus! Warum hast du sie überhaupt
gebracht, du Narr! (Andrei trägt die Zeitung hinaus.) Was sagt man nur zu diesem
Burdjukow. Ah, den würde ich, ohne viel Worte zu machen, einfach nach
Kamtschatka schicken. Ich würde ihm mit dem größten Vergnügen einen
Schabernack spielen, das muß ich gestehen — sofort in diesem selben
Augenblick. Aber es hat sich bis jetzt noch keine, aber auch keine
Gelegenheit gefunden ... Was soll ich machen? Gott zürnt mir wohl! Ah, ich
würde dich schon streicheln, ich würde dir schon was um die Lippen
schmieren ... Und was er für Lippen hat! Wie ein Stier — so ’ne Kanaille!
Der L ak ai. Burdjukow ist da.
P r ol et ew. Wer?
Der L ak ai. Burdjukow ist da.
P r ol et ew. Was für einen Unsinn redest du?
Der L ak ai. Zu Befehl.
P r ol et ew. Du lügst, Esel. Burdjukow? Pawel Petrowitsch Burdjukow?
Der L ak ai. Nein, Pawel Petrowitsch nicht — irgendein anderer!
P r ol et ew. Was für ein anderer?
Der L ak ai. Belieben Sie selbst nachzusehen: er wartet draußen.
P r ol et ew. Ich lasse bitten.
3. Auftritt
Proletew und Christophor Petrowitsch Burdjukow.
B ur dj u kow. Bitte entschuldigen Sie die Störung, die ich Ihnen
verursache. Allerlei Umstände und Geschäfte haben mich aus unserm
Städtchen vertrieben. Ich bin hergekommen, Sie um Ihre persönliche Hilfe
und um Ihren Schutz zu bitten.
P r ol et ew (beiseite). Das ist wirklich ein anderer. Aber er hat eine gewisse
Ähnlichkeit mit ihm. (Laut.) Was wünschen Sie? Womit kann ich Ihnen
dienen?
B ur dj u kow (zuckt die Achseln). Gott, ein Prozeß. Eine Gerichtssache.
P r ol et ew. Eine Gerichtssache? Gegen wen?
B ur dj u kow. Gegen meinen eigenen Bruder.
Der L ak ai (hereintretend). Was befehlen Sie?
P r ol et ew. Trag diese Zeitung hinaus! Warum hast du sie überhaupt
gebracht, du Narr! (Andrei trägt die Zeitung hinaus.) Was sagt man nur zu diesem
Burdjukow. Ah, den würde ich, ohne viel Worte zu machen, einfach nach
Kamtschatka schicken. Ich würde ihm mit dem größten Vergnügen einen
Schabernack spielen, das muß ich gestehen — sofort in diesem selben
Augenblick. Aber es hat sich bis jetzt noch keine, aber auch keine
Gelegenheit gefunden ... Was soll ich machen? Gott zürnt mir wohl! Ah, ich
würde dich schon streicheln, ich würde dir schon was um die Lippen
schmieren ... Und was er für Lippen hat! Wie ein Stier — so ’ne Kanaille!
Der L ak ai. Burdjukow ist da.
P r ol et ew. Wer?
Der L ak ai. Burdjukow ist da.
P r ol et ew. Was für einen Unsinn redest du?
Der L ak ai. Zu Befehl.
P r ol et ew. Du lügst, Esel. Burdjukow? Pawel Petrowitsch Burdjukow?
Der L ak ai. Nein, Pawel Petrowitsch nicht — irgendein anderer!
P r ol et ew. Was für ein anderer?
Der L ak ai. Belieben Sie selbst nachzusehen: er wartet draußen.
P r ol et ew. Ich lasse bitten.
3. Auftritt
Proletew und Christophor Petrowitsch Burdjukow.
B ur dj u kow. Bitte entschuldigen Sie die Störung, die ich Ihnen
verursache. Allerlei Umstände und Geschäfte haben mich aus unserm
Städtchen vertrieben. Ich bin hergekommen, Sie um Ihre persönliche Hilfe
und um Ihren Schutz zu bitten.
P r ol et ew (beiseite). Das ist wirklich ein anderer. Aber er hat eine gewisse
Ähnlichkeit mit ihm. (Laut.) Was wünschen Sie? Womit kann ich Ihnen
dienen?
B ur dj u kow (zuckt die Achseln). Gott, ein Prozeß. Eine Gerichtssache.
P r ol et ew. Eine Gerichtssache? Gegen wen?
B ur dj u kow. Gegen meinen eigenen Bruder.
Page 260
P r ol et ew. Erlauben Sie mir, Sie zuerst um Ihren Namen zu bitten. Und
dann setzen Sie mir Ihre Angelegenheit näher auseinander. Wollen Sie bitte
Platz nehmen.
B ur dj u kow. Mein Name ist Burdjukow, Christophor Petrowitsch, und
der Prozeß geht gegen meinen leiblichen Bruder, Pawel Petrowitsch
Burdjukow.
P r ol et ew. Was sagen Sie? Was? ... Nein!
B ur dj u kow. Ja, was starren Sie mich so an? Glauben Sie vielleicht, ich
bin zu meinem Vergnügen mit der Post aus Tambow hierhergekommen?
P r ol et ew. Gott segne Sie für diese gute Tat! Erlauben Sie mir, Ihre
nähere Bekanntschaft zu machen. Etwas Gescheiteres hätten Sie sich nie
ausdenken können. Nun soll man noch sagen, daß es keine Großmut und
keine Gerechtigkeit gibt! Und was wäre das? Hier steht der leibliche
Bruder! Durch Blutsbande verbunden — und er hat den Bruder nicht
geschont! Ein Prozeß gegen den leiblichen Bruder! Erlauben Sie, daß ich
Sie umarme.
B ur dj u kow. Mit Vergnügen. Ich hätte Sie selbst gern für Ihr
Entgegenkommen umarmt. (Sie umarmen sich.) Das muß ich gestehen: vorhin,
als ich Ihr Gesicht sah, hätte ich niemals geglaubt, daß Sie ein so
vernünftiger Mensch sind!
P r ol et ew. Da haben wir’s! — Wieso denn?
B ur dj u kow. Wirklich — im Ernst! Gestatten Sie mir eine Frage: Ihre
selige Mutter hat wohl einen großen Schreck gehabt, als sie mit Ihnen
schwanger ging?
P r ol et ew. Was der für einen Unsinn zusammenschwatzt!
B ur dj u kow. Wirklich, seien Sie nicht beleidigt, ich werde Ihnen sagen,
das kommt sehr oft vor. Bei unserm Vorsitzenden ist die ganze untere
Gesichtspartie, ähnlich wie bei einem Schaf, gleichsam abgeplattet und mit
Fell bewachsen — ganz wie bei einem Schaf. Und das infolge eines ganz
unbedeutenden Umstandes: als die Selige beim Gebären war, da war ein
Schaf am Fenster erschienen, und der Böse muß es reiten, daß es zu blöken
anfängt!
P r ol et ew. Bitte, lassen wir den Vorsitzenden und das Schaf in Ruh ...
Nein, wie ich mich freue!
B ur dj u kow. Und wie ich mich erst freue, daß ich solch einen Gönner
gefunden habe! Erst jetzt, wo ich Sie näher ansehe, finde ich, daß Ihr
Gesicht mir bekannt ist: wir hatten in unserm Karabinierregiment einen
dann setzen Sie mir Ihre Angelegenheit näher auseinander. Wollen Sie bitte
Platz nehmen.
B ur dj u kow. Mein Name ist Burdjukow, Christophor Petrowitsch, und
der Prozeß geht gegen meinen leiblichen Bruder, Pawel Petrowitsch
Burdjukow.
P r ol et ew. Was sagen Sie? Was? ... Nein!
B ur dj u kow. Ja, was starren Sie mich so an? Glauben Sie vielleicht, ich
bin zu meinem Vergnügen mit der Post aus Tambow hierhergekommen?
P r ol et ew. Gott segne Sie für diese gute Tat! Erlauben Sie mir, Ihre
nähere Bekanntschaft zu machen. Etwas Gescheiteres hätten Sie sich nie
ausdenken können. Nun soll man noch sagen, daß es keine Großmut und
keine Gerechtigkeit gibt! Und was wäre das? Hier steht der leibliche
Bruder! Durch Blutsbande verbunden — und er hat den Bruder nicht
geschont! Ein Prozeß gegen den leiblichen Bruder! Erlauben Sie, daß ich
Sie umarme.
B ur dj u kow. Mit Vergnügen. Ich hätte Sie selbst gern für Ihr
Entgegenkommen umarmt. (Sie umarmen sich.) Das muß ich gestehen: vorhin,
als ich Ihr Gesicht sah, hätte ich niemals geglaubt, daß Sie ein so
vernünftiger Mensch sind!
P r ol et ew. Da haben wir’s! — Wieso denn?
B ur dj u kow. Wirklich — im Ernst! Gestatten Sie mir eine Frage: Ihre
selige Mutter hat wohl einen großen Schreck gehabt, als sie mit Ihnen
schwanger ging?
P r ol et ew. Was der für einen Unsinn zusammenschwatzt!
B ur dj u kow. Wirklich, seien Sie nicht beleidigt, ich werde Ihnen sagen,
das kommt sehr oft vor. Bei unserm Vorsitzenden ist die ganze untere
Gesichtspartie, ähnlich wie bei einem Schaf, gleichsam abgeplattet und mit
Fell bewachsen — ganz wie bei einem Schaf. Und das infolge eines ganz
unbedeutenden Umstandes: als die Selige beim Gebären war, da war ein
Schaf am Fenster erschienen, und der Böse muß es reiten, daß es zu blöken
anfängt!
P r ol et ew. Bitte, lassen wir den Vorsitzenden und das Schaf in Ruh ...
Nein, wie ich mich freue!
B ur dj u kow. Und wie ich mich erst freue, daß ich solch einen Gönner
gefunden habe! Erst jetzt, wo ich Sie näher ansehe, finde ich, daß Ihr
Gesicht mir bekannt ist: wir hatten in unserm Karabinierregiment einen
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Leutnant, der Ihnen ähnelte wie ein Tropfen Wasser dem andern. Ein
schrecklicher Trunkenbold! Wissen Sie, ich kann Ihnen sagen: kein Tag
verging, ohne daß seine Visage ganz zerschlagen war.
P r ol et ew (beiseite). Wie es scheint, hat dieser Dorfbär nicht die
Gewohnheit, seine Zunge im Zaum zu halten; aller Unrat, der in seiner
Seele sitzt, muß auf die Zunge. (Laut.) Ich habe nicht viel Zeit, bitte, kommen
Sie zur Sache.
B ur dj u kow. Erlauben Sie, aber das läßt sich im Sitzen nicht erzählen.
Das ist ein schwieriger Kasus. Haben Sie die Gutsbesitzerin Jewdokia
Malafejewna Merinow aus dem Ustjuger Kreise gekannt? Nein? Sie haben
Sie nicht gekannt? Schön. Es war meine leibhaftige Tante und auch die
dieser Bestie, meines Bruders. Ich und mein Bruder sind ihre nächsten
Erben. — Belieben Sie das zu beachten: darum handelt es sich nämlich!
Außerdem ist noch eine Schwester da, die den General Polawischtschew
geheiratet hat: nun, über die wollen wir kein Wort weiter sagen, die hat
ohnedies schon ihr Teil abbekommen. Nun erlauben Sie: da hat sich also
dieser Gauner, mein Bruder, — in dieser Beziehung kann der Teufel noch
von ihm lernen — an meine Tante herangemacht: „Tantchen, Sie haben
Gottseidank schon siebzig Jahre lang gelebt, wozu wollen Sie sich bei
einem so hohen Alter noch mit der Wirtschaft abgeben: lassen Sie lieber
mich für Sie wirtschaften und für den Unterhalt sorgen.“ Und so geschah
es! Merken Sie etwas? Merken Sie etwas? Er siedelte in ihr Haus über, und
nun lebt er dort und herrscht dort wie der wirkliche Herr des Hauses. Hören
Sie auch zu?
P r ol et ew. Jawohl.
B ur dj u kow. Also schön. Ja also ... nun wird die Tante krank. Warum?
— Gott mag es wissen. Vielleicht hat er selbst ihr etwas eingegeben. Man
gibt mir von anderer Seite einen Wink. Merken Sie etwas? Ich komme hin:
im Flur begegnet mir diese Bestie, das heißt mein Bruder, ganz in Tränen
aufgelöst und wie abwesend, und sagt zu mir: „Nun, Brüderchen,“ sagt er,
„nun sind wir für ewig unglücklich: unsere Wohltäterin ...“ „Wie, hat sie
ihre Seele Gott überantwortet?“ — „Nein, sie liegt im Sterben.“ Ich trete
ein und wirklich: die Tante liegt in den letzten Zügen und rollte nur noch
die Augen. Nun, was soll man tun? Weinen? Das hilft ja auch nichts. Das
hätte doch nichts geholfen, he?
P r ol et ew. Nein, gar nichts.
schrecklicher Trunkenbold! Wissen Sie, ich kann Ihnen sagen: kein Tag
verging, ohne daß seine Visage ganz zerschlagen war.
P r ol et ew (beiseite). Wie es scheint, hat dieser Dorfbär nicht die
Gewohnheit, seine Zunge im Zaum zu halten; aller Unrat, der in seiner
Seele sitzt, muß auf die Zunge. (Laut.) Ich habe nicht viel Zeit, bitte, kommen
Sie zur Sache.
B ur dj u kow. Erlauben Sie, aber das läßt sich im Sitzen nicht erzählen.
Das ist ein schwieriger Kasus. Haben Sie die Gutsbesitzerin Jewdokia
Malafejewna Merinow aus dem Ustjuger Kreise gekannt? Nein? Sie haben
Sie nicht gekannt? Schön. Es war meine leibhaftige Tante und auch die
dieser Bestie, meines Bruders. Ich und mein Bruder sind ihre nächsten
Erben. — Belieben Sie das zu beachten: darum handelt es sich nämlich!
Außerdem ist noch eine Schwester da, die den General Polawischtschew
geheiratet hat: nun, über die wollen wir kein Wort weiter sagen, die hat
ohnedies schon ihr Teil abbekommen. Nun erlauben Sie: da hat sich also
dieser Gauner, mein Bruder, — in dieser Beziehung kann der Teufel noch
von ihm lernen — an meine Tante herangemacht: „Tantchen, Sie haben
Gottseidank schon siebzig Jahre lang gelebt, wozu wollen Sie sich bei
einem so hohen Alter noch mit der Wirtschaft abgeben: lassen Sie lieber
mich für Sie wirtschaften und für den Unterhalt sorgen.“ Und so geschah
es! Merken Sie etwas? Merken Sie etwas? Er siedelte in ihr Haus über, und
nun lebt er dort und herrscht dort wie der wirkliche Herr des Hauses. Hören
Sie auch zu?
P r ol et ew. Jawohl.
B ur dj u kow. Also schön. Ja also ... nun wird die Tante krank. Warum?
— Gott mag es wissen. Vielleicht hat er selbst ihr etwas eingegeben. Man
gibt mir von anderer Seite einen Wink. Merken Sie etwas? Ich komme hin:
im Flur begegnet mir diese Bestie, das heißt mein Bruder, ganz in Tränen
aufgelöst und wie abwesend, und sagt zu mir: „Nun, Brüderchen,“ sagt er,
„nun sind wir für ewig unglücklich: unsere Wohltäterin ...“ „Wie, hat sie
ihre Seele Gott überantwortet?“ — „Nein, sie liegt im Sterben.“ Ich trete
ein und wirklich: die Tante liegt in den letzten Zügen und rollte nur noch
die Augen. Nun, was soll man tun? Weinen? Das hilft ja auch nichts. Das
hätte doch nichts geholfen, he?
P r ol et ew. Nein, gar nichts.
Page 262
B ur dj u kow. Was ist also zu machen? Nichts ist zu machen! Es war
eben Gottes Wille! Ich trete näher heran. „Tantchen,“ sage ich, „wir sind
alle sterblich. Unser Leben steht heut wie morgen in Gottes Hand, wie man
zu sagen pflegt. Wollen Sie nicht rechtzeitig irgendeine Anordnung
treffen?“ Und was tut das Tantchen? Ich sehe, sie kann kaum noch die
Zunge bewegen und lallt nur: „Eh, eh, eh!“ Dieser Schuft aber steht neben
ihrem Bett und sagt: „Tantchen erklärt hiermit, daß sie ihre Anordnungen
schon getroffen hat!“ Hören Sie? Hören Sie?
P r ol et ew. So ein ..! Hatte sie denn wirklich etwas derartiges gesagt?
B ur dj u kow. I wo, zum Teufel! Sie lallte nur: „Eh, eh, eh!“ Ich dränge
also immer mehr. „Gestatten Sie, Tantchen, daß ich erfahre, was das für
Anordnungen sind?“ Und was tut das Tantchen? Das Tantchen antwortet
wieder nur: „Eh, eh, eh ...“ Jener Schurke aber erklärt wieder: „Tantchen
sagt, das sich die betreffenden Anordnungen in ihrem Testament befinden!“
Hören Sie? Hören Sie? Was sollte ich da machen? Ich schwieg und sagte
kein Wort!
P r ol et ew. Aber erlauben Sie: warum haben Sie ihn nicht gleich Lügen
gestraft?
B ur dj u kow. Was sollte ich machen? (Gestikuliert mit den Händen.) Er fing an
zu schwören, sie hätte das wirklich alles gesagt! Nun — ich mußte ihm
glauben!
P r ol et ew. Und hat man das Testament geöffnet?
B ur dj u kow. Jawohl.
P r ol et ew. Nun, und ..?
B ur dj u kow. Passen Sie auf: Sobald man nach Christenpflicht alles
besorgt hatte, sagte ich, es sei doch jetzt Zeit, sich die letzte
Willenserklärung der Seligen anzusehen. Der Bruder konnte kaum
antworten: er war so voller Schmerz und Verzweiflung, daß er nur
fortwährend weinte. „Nehmen Sie es“, sagte er, „und lesen Sie selbst.“ Die
Zeugen versammelten sich, und man las das Testament vor. Nun, und was
glauben Sie, steht in dem Testament? Folgendes: „Meinem Neffen Pawel
Petrows Sohn Burdjukow“ — passen Sie auf — „hinterlasse ich zur
Belohnung für seine kindliche Sorge um mich und für sein stetes Verweilen
in meiner Nähe bis zu meinem Tode“ — merken Sie etwas? — „mein
ererbtes und wohlerworbenes Gut im Kreise Ustjug,“ — aha, soweit ist es
also gekommen! — „fünfhundert Seelen, Mobilien und alles Übrige!“ Nun,
haben Sie gehört? „Meiner Nichte Maria Petrowna Powalischtschew,
eben Gottes Wille! Ich trete näher heran. „Tantchen,“ sage ich, „wir sind
alle sterblich. Unser Leben steht heut wie morgen in Gottes Hand, wie man
zu sagen pflegt. Wollen Sie nicht rechtzeitig irgendeine Anordnung
treffen?“ Und was tut das Tantchen? Ich sehe, sie kann kaum noch die
Zunge bewegen und lallt nur: „Eh, eh, eh!“ Dieser Schuft aber steht neben
ihrem Bett und sagt: „Tantchen erklärt hiermit, daß sie ihre Anordnungen
schon getroffen hat!“ Hören Sie? Hören Sie?
P r ol et ew. So ein ..! Hatte sie denn wirklich etwas derartiges gesagt?
B ur dj u kow. I wo, zum Teufel! Sie lallte nur: „Eh, eh, eh!“ Ich dränge
also immer mehr. „Gestatten Sie, Tantchen, daß ich erfahre, was das für
Anordnungen sind?“ Und was tut das Tantchen? Das Tantchen antwortet
wieder nur: „Eh, eh, eh ...“ Jener Schurke aber erklärt wieder: „Tantchen
sagt, das sich die betreffenden Anordnungen in ihrem Testament befinden!“
Hören Sie? Hören Sie? Was sollte ich da machen? Ich schwieg und sagte
kein Wort!
P r ol et ew. Aber erlauben Sie: warum haben Sie ihn nicht gleich Lügen
gestraft?
B ur dj u kow. Was sollte ich machen? (Gestikuliert mit den Händen.) Er fing an
zu schwören, sie hätte das wirklich alles gesagt! Nun — ich mußte ihm
glauben!
P r ol et ew. Und hat man das Testament geöffnet?
B ur dj u kow. Jawohl.
P r ol et ew. Nun, und ..?
B ur dj u kow. Passen Sie auf: Sobald man nach Christenpflicht alles
besorgt hatte, sagte ich, es sei doch jetzt Zeit, sich die letzte
Willenserklärung der Seligen anzusehen. Der Bruder konnte kaum
antworten: er war so voller Schmerz und Verzweiflung, daß er nur
fortwährend weinte. „Nehmen Sie es“, sagte er, „und lesen Sie selbst.“ Die
Zeugen versammelten sich, und man las das Testament vor. Nun, und was
glauben Sie, steht in dem Testament? Folgendes: „Meinem Neffen Pawel
Petrows Sohn Burdjukow“ — passen Sie auf — „hinterlasse ich zur
Belohnung für seine kindliche Sorge um mich und für sein stetes Verweilen
in meiner Nähe bis zu meinem Tode“ — merken Sie etwas? — „mein
ererbtes und wohlerworbenes Gut im Kreise Ustjug,“ — aha, soweit ist es
also gekommen! — „fünfhundert Seelen, Mobilien und alles Übrige!“ Nun,
haben Sie gehört? „Meiner Nichte Maria Petrowna Powalischtschew,
Page 263
geborene Burdjukow, hinterlasse ich das ihr zukommende Gut von hundert
Seelen ... Meinem Neffen“, aha, merken Sie etwas? Da ist die Eiterbeule!
„Chrisanphy Petrows Sohn Burdjukow“, passen Sie auf, passen Sie auf,
„vermache ich als Erinnerung an mich“, oho! oho! „drei Samtröcke und das
ganze Gerümpel, das sich im Speicher befindet, als da sind: zwei
Federbetten, das Fayencegeschirr, die Laken und Häubchen ...“ und der
Teufel mag wissen, was für Lumpereien noch! Nun? wie gefällt Ihnen das?
Ich frage Sie: wozu zum Teufel brauche ich drei Samtröcke?
P r ol et ew. So ein Lump! Ich bitte Sie!
B ur dj u kow. Eine Schurkerei — das stimmt vollkommen. Ich bin
durchaus einer Meinung mit Ihnen, aber ich frage Sie nochmals: wozu
brauche ich drei Samtröcke? Was soll ich damit anfangen? Soll ich sie mir
über den Kopf ziehen?
P r ol et ew. Und haben die Zeugen unterschrieben?
B ur dj u kow. Natürlich, er hatte sich schon das rechte Lumpenpack
zusammengetrommelt!
P r ol et ew. Und die Selige hatte eigenhändig unterzeichnet?
B ur dj u kow. Darum handelt es sich ja — sie hat unterzeichnet, aber der
Teufel mag wissen wie!
P r ol et ew. Wie?
B ur dj u kow. Passen Sie auf: die Selige hieß Jewdokia, und sie hat so ein
Zeug hingekritzelt, das keiner entziffern kann.
P r ol et ew. Warum nicht?
B ur dj u kow. Ja das mag der Teufel wissen! Sie hätte doch Jewdokia
schreiben müssen — in Wahrheit aber hat sie geschrieben: „Tauche ein!“
P r ol et ew. Was Sie sagen!
B ur dj u kow. Oh, ich werde Ihnen sagen: der ist zu allem fähig! „Und
meinem Neffen Chrisanphy Petrow: drei Samtröcke!“
P r ol et ew (beiseite). Dieser Pawel Petrowitsch Burdjukow ist ein
Hauptkerl, nie hätte ich geglaubt, daß er so ein Schlaukopf ist!
B ur dj u kow (gestikulierend). „Tauche ein!“ Was soll das bedeuten? Das ist
doch kein Name: „Tauche ein!“
P r ol et ew. Und was beabsichtigen Sie nun zu tun?
B ur dj u kow. Ich habe schon eine Eingabe behufs Kassierung des
Testaments eingereicht, weil die Unterschrift falsch ist. Sie sollen mir doch
nichts vorlügen: die Selige hieß Jewdokia und nicht „Tauche ein!“
Seelen ... Meinem Neffen“, aha, merken Sie etwas? Da ist die Eiterbeule!
„Chrisanphy Petrows Sohn Burdjukow“, passen Sie auf, passen Sie auf,
„vermache ich als Erinnerung an mich“, oho! oho! „drei Samtröcke und das
ganze Gerümpel, das sich im Speicher befindet, als da sind: zwei
Federbetten, das Fayencegeschirr, die Laken und Häubchen ...“ und der
Teufel mag wissen, was für Lumpereien noch! Nun? wie gefällt Ihnen das?
Ich frage Sie: wozu zum Teufel brauche ich drei Samtröcke?
P r ol et ew. So ein Lump! Ich bitte Sie!
B ur dj u kow. Eine Schurkerei — das stimmt vollkommen. Ich bin
durchaus einer Meinung mit Ihnen, aber ich frage Sie nochmals: wozu
brauche ich drei Samtröcke? Was soll ich damit anfangen? Soll ich sie mir
über den Kopf ziehen?
P r ol et ew. Und haben die Zeugen unterschrieben?
B ur dj u kow. Natürlich, er hatte sich schon das rechte Lumpenpack
zusammengetrommelt!
P r ol et ew. Und die Selige hatte eigenhändig unterzeichnet?
B ur dj u kow. Darum handelt es sich ja — sie hat unterzeichnet, aber der
Teufel mag wissen wie!
P r ol et ew. Wie?
B ur dj u kow. Passen Sie auf: die Selige hieß Jewdokia, und sie hat so ein
Zeug hingekritzelt, das keiner entziffern kann.
P r ol et ew. Warum nicht?
B ur dj u kow. Ja das mag der Teufel wissen! Sie hätte doch Jewdokia
schreiben müssen — in Wahrheit aber hat sie geschrieben: „Tauche ein!“
P r ol et ew. Was Sie sagen!
B ur dj u kow. Oh, ich werde Ihnen sagen: der ist zu allem fähig! „Und
meinem Neffen Chrisanphy Petrow: drei Samtröcke!“
P r ol et ew (beiseite). Dieser Pawel Petrowitsch Burdjukow ist ein
Hauptkerl, nie hätte ich geglaubt, daß er so ein Schlaukopf ist!
B ur dj u kow (gestikulierend). „Tauche ein!“ Was soll das bedeuten? Das ist
doch kein Name: „Tauche ein!“
P r ol et ew. Und was beabsichtigen Sie nun zu tun?
B ur dj u kow. Ich habe schon eine Eingabe behufs Kassierung des
Testaments eingereicht, weil die Unterschrift falsch ist. Sie sollen mir doch
nichts vorlügen: die Selige hieß Jewdokia und nicht „Tauche ein!“
Page 264
P r ol et ew. Sie haben ganz Recht! Doch erlauben Sie mir jetzt, die Sache
in die Hand zu nehmen. Ich werde sofort einen mir bekannten Sekretär
benachrichtigen, und Sie stellen mir inzwischen eine Abschrift von Ihrem
Testament zu.
B ur dj u kow. Ich bin Ihnen unendlich verpflichtet. (Nimmt seinen Hut.)
Durch welche Tür geht man hinaus, durch diese oder jene?
P r ol et ew. Bitte durch diese.
B ur dj u kow. Aha. Ich habe bloß darum gefragt, weil ich noch wegen
eines Bedürfnisses wohin muß. Also auf Wiedersehen, Verehrtester! ... Wie
heißen Sie doch? ... Ich vergesse es immer.
P r ol et ew. Alexander Iwanowitsch.
B ur dj u kow. Alexander Iwanowitsch. Alexander Iwanowitsch heißt
einer von den Proldiukowskis; kennen Sie ihn?
P r ol et ew. Nein.
B ur dj u kow. Er wohnt fünf Werst von unserm Gute. Leben Sie wohl!
P r ol et ew. Leben Sie wohl, Verehrtester, leben Sie wohl!
4. Auftritt
Proletew. Später der Diener.
P r ol et ew. Das ist ja ein unerwartetes Glück! Das ist geradezu ein
Geschenk; einfach eine Schickung Gottes. Seltsam, aber man fühlt so ein
unsagbares Vergnügen in der Seele, als ob einem die eigene Frau zum
erstenmal einen Sohn geboren, oder der Minister einem in Anwesenheit
aller Beamten einen Kuß gegeben hat. Bei Gott — etwas beinahe
Magnetisches. He! Andrei! (Andrei tritt ein.) Geh sofort zu meinem Sekretär
und rufe ihn her. Hörst du? Ja — und wart mal: hier hast du ein Trinkgeld,
betrink dich ordentlich, heut erlaub’ ich’s dir; und da hast du noch etwas für
deinen Jungen, für Kuchen. Sag dem Sekretär, er soll sofort ... es handle
sich um eine höchst eilige Angelegenheit! Ach, endlich doch ... aber mit wie
vieler Mühe! Auch in unsere Straße also zog das Glück ein! Warte, jetzt
setze ich mich hin und pfeife, und wir wollen sehen, wie du tanzen wirst!
Wenn ich erst aus meinen Kollegen ein Orchester zusammenbringe, dann
sollst du mir tanzen, daß dir dein Leben lang die Hüften schmerzen sollen!
in die Hand zu nehmen. Ich werde sofort einen mir bekannten Sekretär
benachrichtigen, und Sie stellen mir inzwischen eine Abschrift von Ihrem
Testament zu.
B ur dj u kow. Ich bin Ihnen unendlich verpflichtet. (Nimmt seinen Hut.)
Durch welche Tür geht man hinaus, durch diese oder jene?
P r ol et ew. Bitte durch diese.
B ur dj u kow. Aha. Ich habe bloß darum gefragt, weil ich noch wegen
eines Bedürfnisses wohin muß. Also auf Wiedersehen, Verehrtester! ... Wie
heißen Sie doch? ... Ich vergesse es immer.
P r ol et ew. Alexander Iwanowitsch.
B ur dj u kow. Alexander Iwanowitsch. Alexander Iwanowitsch heißt
einer von den Proldiukowskis; kennen Sie ihn?
P r ol et ew. Nein.
B ur dj u kow. Er wohnt fünf Werst von unserm Gute. Leben Sie wohl!
P r ol et ew. Leben Sie wohl, Verehrtester, leben Sie wohl!
4. Auftritt
Proletew. Später der Diener.
P r ol et ew. Das ist ja ein unerwartetes Glück! Das ist geradezu ein
Geschenk; einfach eine Schickung Gottes. Seltsam, aber man fühlt so ein
unsagbares Vergnügen in der Seele, als ob einem die eigene Frau zum
erstenmal einen Sohn geboren, oder der Minister einem in Anwesenheit
aller Beamten einen Kuß gegeben hat. Bei Gott — etwas beinahe
Magnetisches. He! Andrei! (Andrei tritt ein.) Geh sofort zu meinem Sekretär
und rufe ihn her. Hörst du? Ja — und wart mal: hier hast du ein Trinkgeld,
betrink dich ordentlich, heut erlaub’ ich’s dir; und da hast du noch etwas für
deinen Jungen, für Kuchen. Sag dem Sekretär, er soll sofort ... es handle
sich um eine höchst eilige Angelegenheit! Ach, endlich doch ... aber mit wie
vieler Mühe! Auch in unsere Straße also zog das Glück ein! Warte, jetzt
setze ich mich hin und pfeife, und wir wollen sehen, wie du tanzen wirst!
Wenn ich erst aus meinen Kollegen ein Orchester zusammenbringe, dann
sollst du mir tanzen, daß dir dein Leben lang die Hüften schmerzen sollen!
Page 265
Das Vorzimmer
1. Auftritt
Das Theater stellt ein Flurzimmer dar. Rechts führt eine Tür zur Treppe, links eine zum Saal. Im
Hintergrund, etwas zur Seite, die Tür zum Kabinett. Auf einer Bank, die durch die Länge des Raums
bis zu dieser Tür reicht, schlafen Pjotr, Iwan und Grigori, einer den Kopf auf die Schultern des
andern stützend. An der Tür, die zur Treppe führt, ertönt lautes Klingeln. Die Lakaien erwachen.
Gr ig o r i. Geh, mach die Tür auf! Man klingelt.
P jo t r. Und warum bleibst du sitzen? Du hast wohl Beulen an den Füßen,
was? Du kannst wohl nicht aufstehen?
I wan (beruhigend). Nun gut, ich werde gehen. Ich werde schon aufmachen.
(Öffnet die Tür und ruft.) Das ist ja Andruschka!
(Ein fremder Diener in Mütze und Mantel tritt ein, er trägt ein Bündel in der Hand.)
Gr ig o r i. Nun, du Moskauer Nachteule, was hat dich hierher getrieben!
Der f r em d e Di ener. Du Schuchoner Kauz, wenn du so viel
herumgelaufen wärst wie ich! Sie befiehlt mir das da (hebt das Bündel empor) der
Blumenhändlerin auf der Petersburgskaja zu bringen. Aber kein Gedanke,
daß sie mir etwa eine Kopeke für eine Droschke gibt. Und auch zu eurem
Herrn soll ich .. nun, schläft er noch?
Gr ig o r i. Wer? Der Bär? Nein, der liegt noch in seiner Höhle und hat
noch nicht gebrummt.
P jo t r. Ist es wahr, daß eure Gnädige euch Strümpfe stopfen läßt? (Alle
lachen.)
Gr ig o r i. Brüderchen, von jetzt ab sollst du die Stopferin heißen — wir
werden dich alle so nennen!
Der f r em de L akai. Bist du ein Lügner! Nie habe ich einen Strumpf
gestopft!
P jo t r. Aber es ist ja bekannt von euch: bis zum Mittag ist ein Diener bei
euch Koch, und nach dem Mittag Kutscher, Lakai oder Stiefelflicker.
Der f r em d e L ak ai. Nun und was ist schon dabei? Ein Handwerk steht
doch dem andern nicht im Wege. Man kann doch nicht ohne Arbeit
herumsitzen! Gewiß, ich bin Lakai und Damenschneider zugleich. Ich nähe
1. Auftritt
Das Theater stellt ein Flurzimmer dar. Rechts führt eine Tür zur Treppe, links eine zum Saal. Im
Hintergrund, etwas zur Seite, die Tür zum Kabinett. Auf einer Bank, die durch die Länge des Raums
bis zu dieser Tür reicht, schlafen Pjotr, Iwan und Grigori, einer den Kopf auf die Schultern des
andern stützend. An der Tür, die zur Treppe führt, ertönt lautes Klingeln. Die Lakaien erwachen.
Gr ig o r i. Geh, mach die Tür auf! Man klingelt.
P jo t r. Und warum bleibst du sitzen? Du hast wohl Beulen an den Füßen,
was? Du kannst wohl nicht aufstehen?
I wan (beruhigend). Nun gut, ich werde gehen. Ich werde schon aufmachen.
(Öffnet die Tür und ruft.) Das ist ja Andruschka!
(Ein fremder Diener in Mütze und Mantel tritt ein, er trägt ein Bündel in der Hand.)
Gr ig o r i. Nun, du Moskauer Nachteule, was hat dich hierher getrieben!
Der f r em d e Di ener. Du Schuchoner Kauz, wenn du so viel
herumgelaufen wärst wie ich! Sie befiehlt mir das da (hebt das Bündel empor) der
Blumenhändlerin auf der Petersburgskaja zu bringen. Aber kein Gedanke,
daß sie mir etwa eine Kopeke für eine Droschke gibt. Und auch zu eurem
Herrn soll ich .. nun, schläft er noch?
Gr ig o r i. Wer? Der Bär? Nein, der liegt noch in seiner Höhle und hat
noch nicht gebrummt.
P jo t r. Ist es wahr, daß eure Gnädige euch Strümpfe stopfen läßt? (Alle
lachen.)
Gr ig o r i. Brüderchen, von jetzt ab sollst du die Stopferin heißen — wir
werden dich alle so nennen!
Der f r em de L akai. Bist du ein Lügner! Nie habe ich einen Strumpf
gestopft!
P jo t r. Aber es ist ja bekannt von euch: bis zum Mittag ist ein Diener bei
euch Koch, und nach dem Mittag Kutscher, Lakai oder Stiefelflicker.
Der f r em d e L ak ai. Nun und was ist schon dabei? Ein Handwerk steht
doch dem andern nicht im Wege. Man kann doch nicht ohne Arbeit
herumsitzen! Gewiß, ich bin Lakai und Damenschneider zugleich. Ich nähe
Page 266
für meine Gnädige und auch für Fremde — so bring ich doch noch ein paar
Kopeken zusammen. Und ihr, was tut ihr? Ihr tut nichts!
Gr ig o r i. Nein Bruder, ein anständiger Herr wird seine Lakaien nicht mit
solchen Arbeiten beschäftigen: dafür gibt es Handwerker genug. Der Graf
Bulkin hat allein dreißig Diener, und dort, Bruder, dort gibt es nicht so was.
„Petruschka, geh mal da und dahin.“ „Nein,“ würde er antworten, „nein, das
ist nicht meine Sache. Belieben Sie doch Iwan zu beauftragen!“ Ja, so ist
es! So sieht es aus, wenn ein Herr wie ein Herr lebt! Eure Alte, die aus
Moskau angekommen ist, hat überhaupt eine Kalesche wie eine geknackte
Nuß. Die Schwänze der Pferde sind mit Strippen zusammengebunden. (Alle
lachen).
Der f r em d e L akai. Nein, was du für ein Spaßvogel bist! — Und was
hast du davon, wenn du den ganzen Tag herumliegst? Dabei kommt keine
Kopeke heraus!
Gr ig o r i. Was brauche ich deine Kopeken? Wozu ist denn der Herr da?
Den Lohn zahlt er mir doch aus, ob ich nun arbeite oder nicht. Für das Alter
sparen brauche ich nicht. Das wäre ja ein netter Herr, der seinem Diener
keine Pension für seine Arbeit aussetzt.
Der f r em de L akai. Übrigens ... die Kollegen wollen einen Ball
geben?
P jo t r. Ja. Kommst du?
Der f r em de L ak ai. Ach, das wird schon ein Ball werden. Bloß dem
Namen nach, sonst ...
Gr ig o r i. O nein Bruder, das wird ein richtiger Ball werden! Alle geben
einen Rubel, und manche noch mehr. Der Koch des Fürsten hat fünf Rubel
gegeben und übernimmt es persönlich, das Essen zu bereiten. Eine
Bewirtung wird es geben — nicht etwa bloß Nüsse! Ein halbes Pud
Konfitüren sind schon gekauft, dazu Eis ... (man hört ein dünnes Klingeln im
herrschaftlichen Kabinet.)
Der f r em de L akai. Geh hin, der Herr klingelt.
Gr ig o r i. Der kann warten. — Man will ’ne Lumination machen. Mit der
Musik ist auch schon verhandelt worden, man ist sich aber noch nicht einig
geworden: es ist kein Baß da, sonst wäre man schon ... (Man hört ein etwas
stärkeres Läuten aus dem Kabinett.)
Der f r em de L akai. Geh! Geh doch! Er klingelt.
Gr ig o r i. Der kann warten. — Wieviel gibst du?
Kopeken zusammen. Und ihr, was tut ihr? Ihr tut nichts!
Gr ig o r i. Nein Bruder, ein anständiger Herr wird seine Lakaien nicht mit
solchen Arbeiten beschäftigen: dafür gibt es Handwerker genug. Der Graf
Bulkin hat allein dreißig Diener, und dort, Bruder, dort gibt es nicht so was.
„Petruschka, geh mal da und dahin.“ „Nein,“ würde er antworten, „nein, das
ist nicht meine Sache. Belieben Sie doch Iwan zu beauftragen!“ Ja, so ist
es! So sieht es aus, wenn ein Herr wie ein Herr lebt! Eure Alte, die aus
Moskau angekommen ist, hat überhaupt eine Kalesche wie eine geknackte
Nuß. Die Schwänze der Pferde sind mit Strippen zusammengebunden. (Alle
lachen).
Der f r em d e L akai. Nein, was du für ein Spaßvogel bist! — Und was
hast du davon, wenn du den ganzen Tag herumliegst? Dabei kommt keine
Kopeke heraus!
Gr ig o r i. Was brauche ich deine Kopeken? Wozu ist denn der Herr da?
Den Lohn zahlt er mir doch aus, ob ich nun arbeite oder nicht. Für das Alter
sparen brauche ich nicht. Das wäre ja ein netter Herr, der seinem Diener
keine Pension für seine Arbeit aussetzt.
Der f r em de L akai. Übrigens ... die Kollegen wollen einen Ball
geben?
P jo t r. Ja. Kommst du?
Der f r em de L ak ai. Ach, das wird schon ein Ball werden. Bloß dem
Namen nach, sonst ...
Gr ig o r i. O nein Bruder, das wird ein richtiger Ball werden! Alle geben
einen Rubel, und manche noch mehr. Der Koch des Fürsten hat fünf Rubel
gegeben und übernimmt es persönlich, das Essen zu bereiten. Eine
Bewirtung wird es geben — nicht etwa bloß Nüsse! Ein halbes Pud
Konfitüren sind schon gekauft, dazu Eis ... (man hört ein dünnes Klingeln im
herrschaftlichen Kabinet.)
Der f r em de L akai. Geh hin, der Herr klingelt.
Gr ig o r i. Der kann warten. — Man will ’ne Lumination machen. Mit der
Musik ist auch schon verhandelt worden, man ist sich aber noch nicht einig
geworden: es ist kein Baß da, sonst wäre man schon ... (Man hört ein etwas
stärkeres Läuten aus dem Kabinett.)
Der f r em de L akai. Geh! Geh doch! Er klingelt.
Gr ig o r i. Der kann warten. — Wieviel gibst du?
Page 267
Der f r em d e L ak ai. Ach, was ist an diesem Ball dran. Das ist alles
doch nur so.
Gr ig o r i. Nun binde mal deinen Beutel auf, du — Stopferin. Da, sieh ihn
dir an, Petruschka, was für einer das ist ... (Pufft ihn mit dem Finger. Während dieser
Zeit öffnet sich die Tür, der Herr im Schlafrock streckt die Hand aus und packt Grigori beim Ohr;
alle erheben sich von ihren Plätzen.)
2. Auftritt
Der Her r. Was tut ihr eigentlich hier, ihr Müßiggänger? Drei Mann, und
kein einziger erhebt sich von seinem Platz! Und ich klingle aus allen
Kräften, ich habe beinahe die Schnur zerrissen!
Gr ig o r i. Es war nichts zu hören, gnädiger Herr.
Der H er r. Du lügst.
Gr ig o r i. Bei Gott! Warum soll ich lügen? Petruschka hat ja auch
dabeigesessen. Das ist schon so eine Klingel, gnädiger Herr, die taugt gar
nichts, niemals hört man etwas. Man muß den Schlosser rufen.
Der H er r. Nun, dann muß man eben den Schlosser rufen.
Gr ig o r i. Ich habe es dem Hausmeister auch schon gesagt. Aber was hilft
das? Man sagt ihm etwas, und er schimpft einen nur aus.
Der H er r (erblickt den fremden Lakaien). Was ist denn das da für ein Mensch?
Gr ig o r i. Ein Diener von Anna Petrowna, der einen Auftrag an Sie hat.
Der H er r. Nun, Bruder, was hast du mir zu sagen.
Der f r em d e L akai. Die gnädige Frau läßt sich empfehlen und läßt
Ihnen mitteilen, daß die gnädige Frau heute bei Ihnen sein wird.
Der H er r. Weißt du nicht warum?
Der f r em d e L akai. Das weiß ich nicht. Die gnädige Frau sagte nur:
Sage Fjodor Fjodorowitsch, ich hätte befohlen, ihn zu grüßen, und ich
werde heute zu ihm kommen.
Der H er r. Und wann? Um wieviel Uhr?
Der f r em de L ak ai. Um wieviel Uhr? Das weiß ich nicht. Die gnädige
Frau sagten nur: „Melde Fjodor Fjodorowitsch“ sagte sie, „daß ich zu ihm
kommen werde, und daß ich ihn persönlich aufsuchen werde“.
Der H er r. Gut. Petruschka, hilf mir schnell, mich ankleiden. Und ihr da
— keiner wird empfangen, hört ihr? Allen wird gesagt, ich bin nicht zu
Hause! (Geht, Petruschka folgt ihm.)
doch nur so.
Gr ig o r i. Nun binde mal deinen Beutel auf, du — Stopferin. Da, sieh ihn
dir an, Petruschka, was für einer das ist ... (Pufft ihn mit dem Finger. Während dieser
Zeit öffnet sich die Tür, der Herr im Schlafrock streckt die Hand aus und packt Grigori beim Ohr;
alle erheben sich von ihren Plätzen.)
2. Auftritt
Der Her r. Was tut ihr eigentlich hier, ihr Müßiggänger? Drei Mann, und
kein einziger erhebt sich von seinem Platz! Und ich klingle aus allen
Kräften, ich habe beinahe die Schnur zerrissen!
Gr ig o r i. Es war nichts zu hören, gnädiger Herr.
Der H er r. Du lügst.
Gr ig o r i. Bei Gott! Warum soll ich lügen? Petruschka hat ja auch
dabeigesessen. Das ist schon so eine Klingel, gnädiger Herr, die taugt gar
nichts, niemals hört man etwas. Man muß den Schlosser rufen.
Der H er r. Nun, dann muß man eben den Schlosser rufen.
Gr ig o r i. Ich habe es dem Hausmeister auch schon gesagt. Aber was hilft
das? Man sagt ihm etwas, und er schimpft einen nur aus.
Der H er r (erblickt den fremden Lakaien). Was ist denn das da für ein Mensch?
Gr ig o r i. Ein Diener von Anna Petrowna, der einen Auftrag an Sie hat.
Der H er r. Nun, Bruder, was hast du mir zu sagen.
Der f r em d e L akai. Die gnädige Frau läßt sich empfehlen und läßt
Ihnen mitteilen, daß die gnädige Frau heute bei Ihnen sein wird.
Der H er r. Weißt du nicht warum?
Der f r em d e L akai. Das weiß ich nicht. Die gnädige Frau sagte nur:
Sage Fjodor Fjodorowitsch, ich hätte befohlen, ihn zu grüßen, und ich
werde heute zu ihm kommen.
Der H er r. Und wann? Um wieviel Uhr?
Der f r em de L ak ai. Um wieviel Uhr? Das weiß ich nicht. Die gnädige
Frau sagten nur: „Melde Fjodor Fjodorowitsch“ sagte sie, „daß ich zu ihm
kommen werde, und daß ich ihn persönlich aufsuchen werde“.
Der H er r. Gut. Petruschka, hilf mir schnell, mich ankleiden. Und ihr da
— keiner wird empfangen, hört ihr? Allen wird gesagt, ich bin nicht zu
Hause! (Geht, Petruschka folgt ihm.)
Page 268
3. Auftritt
Der f r em de L akai (zu Grigori). Nun siehst du, da hast du’s bekommen.
Gr ig o r i (macht eine abwehrende Bewegung). Ach, das ist schon ein Dienst! Man
mag sich so viel Mühe geben, als man will: man wird doch ausgescholten!
(Die Klingel an der Flurtür erschallt.)
Gr ig o r i. Da kommt schon wieder ein Störenfried. (Zu Iwan.) Geh, mach
auf! Was, hältst du Maulaffen feil! (Iwan öffnet die Tür, ein Herr im Pelz tritt herein.)
4. Auftritt
Der H er r i m P elz. Ist Fjodor Fjodorowitsch zu Hause?
Gr ig o r i. Nein.
Der H er r. Wie ärgerlich. Weißt du nicht, wohin er gegangen ist?
Gr ig o r i. Ich weiß nicht. Wahrscheinlich ins Departement. Wen darf ich
melden?
Der Her r. Sag, daß Neweleschtschagin hier war. Und es hätte ihm sehr
leid getan, daß er niemand zu Haus getroffen habe. Hörst du? Wirst du es
auch nicht vergessen? Neweleschtschagin.
Gr ig o r i. Lentjagin?
Der H er r (eindringlich). Neweleschtschagin.
Gr ig o r i. Sie sind ein Deutscher?
Der Her r. Was — ein Deutscher! Ein Russe natürlich! Ne-we-lesch-
tscha-gin.
Gr ig o r i. Hörst du, Iwan, vergiß nich. Erdaschtschagin. (Der Herr entfernt
sich.)
5. Auftritt
Der f r em de L akai. Lebt wohl, Brüder. Es ist jetzt Zeit für mich.
Gr ig o r i. Nun, wie steht’s? Wirst du zum Ball kommen?
Der f r em de L akai. Das will ich mir noch überlegen. Leb wohl, Iwan.
(Ab.)
I wan. Leb wohl. (Er geht, um die Tür zu öffnen.)
Der f r em de L akai (zu Grigori). Nun siehst du, da hast du’s bekommen.
Gr ig o r i (macht eine abwehrende Bewegung). Ach, das ist schon ein Dienst! Man
mag sich so viel Mühe geben, als man will: man wird doch ausgescholten!
(Die Klingel an der Flurtür erschallt.)
Gr ig o r i. Da kommt schon wieder ein Störenfried. (Zu Iwan.) Geh, mach
auf! Was, hältst du Maulaffen feil! (Iwan öffnet die Tür, ein Herr im Pelz tritt herein.)
4. Auftritt
Der H er r i m P elz. Ist Fjodor Fjodorowitsch zu Hause?
Gr ig o r i. Nein.
Der H er r. Wie ärgerlich. Weißt du nicht, wohin er gegangen ist?
Gr ig o r i. Ich weiß nicht. Wahrscheinlich ins Departement. Wen darf ich
melden?
Der Her r. Sag, daß Neweleschtschagin hier war. Und es hätte ihm sehr
leid getan, daß er niemand zu Haus getroffen habe. Hörst du? Wirst du es
auch nicht vergessen? Neweleschtschagin.
Gr ig o r i. Lentjagin?
Der H er r (eindringlich). Neweleschtschagin.
Gr ig o r i. Sie sind ein Deutscher?
Der Her r. Was — ein Deutscher! Ein Russe natürlich! Ne-we-lesch-
tscha-gin.
Gr ig o r i. Hörst du, Iwan, vergiß nich. Erdaschtschagin. (Der Herr entfernt
sich.)
5. Auftritt
Der f r em de L akai. Lebt wohl, Brüder. Es ist jetzt Zeit für mich.
Gr ig o r i. Nun, wie steht’s? Wirst du zum Ball kommen?
Der f r em de L akai. Das will ich mir noch überlegen. Leb wohl, Iwan.
(Ab.)
I wan. Leb wohl. (Er geht, um die Tür zu öffnen.)
Page 269
6. Auftritt
Das Stubenmädchen eilt durch das Vorzimmer.
Gr ig o r i. Wohin? Wohin? So schenken Sie mir doch nur einen Blick.
(Hascht sie beim Rock.)
Das Mäd ch en. Es geht nicht, es geht nicht, Grigori Pawlowitsch.
Halten Sie mich nicht auf, ich habe gar keine Zeit. (Reißt sich los und eilt zu der
Tür, die zur Treppe führt.)
Gr ig o r i (sieht ihr nach). Schau nur, wie die trippelt! (Lacht.) He he he!
I wan (lacht). Hi hi hi. (Der Herr tritt herein; Grigori und Iwan machen plötzlich besorgte
Gesichter und werden ernst. Grigori nimmt den Pelz von dem Ständer und legt ihn dem Herrn um die
Schultern; der Herr entfernt sich. Grigori bleibt in der Mitte des Zimmers stehen und putzt sich die
Nase mit dem Finger.)
Gr ig o r i. Jetzt haben wir freie Zeit: der Herr ist weg. Nun wäre ja alles
gut, aber gleich kommt dieser Teufel, dieser Wanst von einem Hausmeister.
(Hinter der Bühne hört man den Hausmeister lärmen: „Es ist ’ne wahrhaftige Strafe Gottes, zehn
Mann im Hause und kein einziger räumt auf!“) Da schreit er schon, dieser Dickwanst.
7. Auftritt
Der H ausm eist er (tritt sehr beleidigt und erregt herein und gestikuliert heftig mit den
Händen). Wenn ihr euch nicht vor Gott fürchtet, so solltet ihr euch doch
wenigstens vor eurem Gewissen fürchten. Die Teppiche sind bis jetzt noch
nicht ausgeklopft! Sie, Grigori Pawlowitsch, sollten den andern ein Beispiel
geben: und gerade Sie schlafen vom Morgen bis Abend. Die Augen sind
Ihnen ja ganz verschwollen vom Schlaf, bei Gott! Sie sind ein wirklicher
Schurke, Grigori Pawlowitsch!
Gr ig o r i. Bin ich denn kein Mensch, daß ich nicht auch mal
einschlummern kann?
Der H ausm ei st er. Wer sagt denn auch ein Wort dagegen? Warum soll
man nicht einmal einschlummern können? Aber doch nicht für den ganzen
Tag! Und auch du, beispielsweise, Pjotr Iwanowitsch, ohne etwas gegen
dich sagen zu wollen, du gleichst doch ganz einem Schwein — bei Gott!
Was hast du zu arbeiten? Ein, zwei Leuchter putzen. Und warum sitzt du
hier herum? (Pjotr entfernt sich langsam.) Und dir, Iwan, müßte man einfach einen
Stoß ins Genick geben.
Das Stubenmädchen eilt durch das Vorzimmer.
Gr ig o r i. Wohin? Wohin? So schenken Sie mir doch nur einen Blick.
(Hascht sie beim Rock.)
Das Mäd ch en. Es geht nicht, es geht nicht, Grigori Pawlowitsch.
Halten Sie mich nicht auf, ich habe gar keine Zeit. (Reißt sich los und eilt zu der
Tür, die zur Treppe führt.)
Gr ig o r i (sieht ihr nach). Schau nur, wie die trippelt! (Lacht.) He he he!
I wan (lacht). Hi hi hi. (Der Herr tritt herein; Grigori und Iwan machen plötzlich besorgte
Gesichter und werden ernst. Grigori nimmt den Pelz von dem Ständer und legt ihn dem Herrn um die
Schultern; der Herr entfernt sich. Grigori bleibt in der Mitte des Zimmers stehen und putzt sich die
Nase mit dem Finger.)
Gr ig o r i. Jetzt haben wir freie Zeit: der Herr ist weg. Nun wäre ja alles
gut, aber gleich kommt dieser Teufel, dieser Wanst von einem Hausmeister.
(Hinter der Bühne hört man den Hausmeister lärmen: „Es ist ’ne wahrhaftige Strafe Gottes, zehn
Mann im Hause und kein einziger räumt auf!“) Da schreit er schon, dieser Dickwanst.
7. Auftritt
Der H ausm eist er (tritt sehr beleidigt und erregt herein und gestikuliert heftig mit den
Händen). Wenn ihr euch nicht vor Gott fürchtet, so solltet ihr euch doch
wenigstens vor eurem Gewissen fürchten. Die Teppiche sind bis jetzt noch
nicht ausgeklopft! Sie, Grigori Pawlowitsch, sollten den andern ein Beispiel
geben: und gerade Sie schlafen vom Morgen bis Abend. Die Augen sind
Ihnen ja ganz verschwollen vom Schlaf, bei Gott! Sie sind ein wirklicher
Schurke, Grigori Pawlowitsch!
Gr ig o r i. Bin ich denn kein Mensch, daß ich nicht auch mal
einschlummern kann?
Der H ausm ei st er. Wer sagt denn auch ein Wort dagegen? Warum soll
man nicht einmal einschlummern können? Aber doch nicht für den ganzen
Tag! Und auch du, beispielsweise, Pjotr Iwanowitsch, ohne etwas gegen
dich sagen zu wollen, du gleichst doch ganz einem Schwein — bei Gott!
Was hast du zu arbeiten? Ein, zwei Leuchter putzen. Und warum sitzt du
hier herum? (Pjotr entfernt sich langsam.) Und dir, Iwan, müßte man einfach einen
Stoß ins Genick geben.
Page 270
Gr ig o r i (indem er sich entfernt). Ach, dieses Leben — dieses Leben! Der Kerl
steht auf und gleich beginnt er zu schreien!
Der Hau sm ei st er (bleibt allein). Darin besteht eben die Ordnung, daß
jeder Mensch seine Pflicht kennt. Wenn du ein Diener bist — so mußt du
auch ein Diener sein, bist du ein Edelmann — so sei ein Edelmann, bist du
ein Bischof — so mußt du ein Bischof sein. Sonst könnte ja jeder anfangen
... ich würde z. B. gleich sagen: „Nein, ich bin kein Hausmeister, sondern
ein Gouverneur oder irgendeiner von der Infanterie.“ Aber darauf würde
mir doch jeder antworten: „Nein, du lügst, du bist ein Hausmeister und kein
General.“ — Ja! „Deine Pflicht ist es, über das Haus zu wachen und über
das Benehmen der Diener!“ Ja! „Für dich heißt es nicht: ‚Bon jour comment
vous français‘, sondern: halt Ordnung, gib deine Anweisungen!“ So ist’s!
Jawohl!
8. Auftritt
Anuschka, das Stubenmädchen aus dem andern Hause, tritt ein.
Der Hau sm eist er. Ah, Anna Gawrilowna! Meine Hochachtung! Ich
begrüße Sie mit außerordentlichem Vergnügen!
An uschka. Machen Sie sich keine Mühe, Lawrenti Pawlowitsch. Ich
komme absichtlich nur auf eine Minute zu Ihnen; ich habe den Wagen Ihres
Herrn gesehen und erfahren, daß er nicht zu Hause ist.
Der H au sm ei ster. Daran haben Sie sehr wohl getan. Ich und meine
Frau werden uns sehr freuen. Bitte, setzen Sie sich doch.
An uschka (setzt sich). Sagen Sie, Sie wissen doch etwas von dem Ball,
der in den nächsten Tagen stattfinden soll?
Der H ausm eist er. Natürlich. Sehen Sie wohl, es war beispielsweise
eine Kollekte veranstaltet: ein Mensch gibt etwas, und ein anderer gibt
etwas, und wie gesagt, ein dritter ... Natürlich wird das sozusagen eine
größere Summe ausmachen. Ich und meine Frau haben zusammen fünf
Rubel gegeben. Natürlich: es ist doch ein Ball! Oder wie man zu sagen
pflegt: eine Soiree! Es wird auch was vorgesetzt werden, wie gesagt,
Erfrischungen und für die jungen Leute Tänze und Vergnügungen ähnlicher
Art.
An uschka. Ich werde unbedingt kommen, unbedingt. Ich bin nur
hergekommen, um zu erfahren, ob Sie und Agafja Iwanowna da sein
steht auf und gleich beginnt er zu schreien!
Der Hau sm ei st er (bleibt allein). Darin besteht eben die Ordnung, daß
jeder Mensch seine Pflicht kennt. Wenn du ein Diener bist — so mußt du
auch ein Diener sein, bist du ein Edelmann — so sei ein Edelmann, bist du
ein Bischof — so mußt du ein Bischof sein. Sonst könnte ja jeder anfangen
... ich würde z. B. gleich sagen: „Nein, ich bin kein Hausmeister, sondern
ein Gouverneur oder irgendeiner von der Infanterie.“ Aber darauf würde
mir doch jeder antworten: „Nein, du lügst, du bist ein Hausmeister und kein
General.“ — Ja! „Deine Pflicht ist es, über das Haus zu wachen und über
das Benehmen der Diener!“ Ja! „Für dich heißt es nicht: ‚Bon jour comment
vous français‘, sondern: halt Ordnung, gib deine Anweisungen!“ So ist’s!
Jawohl!
8. Auftritt
Anuschka, das Stubenmädchen aus dem andern Hause, tritt ein.
Der Hau sm eist er. Ah, Anna Gawrilowna! Meine Hochachtung! Ich
begrüße Sie mit außerordentlichem Vergnügen!
An uschka. Machen Sie sich keine Mühe, Lawrenti Pawlowitsch. Ich
komme absichtlich nur auf eine Minute zu Ihnen; ich habe den Wagen Ihres
Herrn gesehen und erfahren, daß er nicht zu Hause ist.
Der H au sm ei ster. Daran haben Sie sehr wohl getan. Ich und meine
Frau werden uns sehr freuen. Bitte, setzen Sie sich doch.
An uschka (setzt sich). Sagen Sie, Sie wissen doch etwas von dem Ball,
der in den nächsten Tagen stattfinden soll?
Der H ausm eist er. Natürlich. Sehen Sie wohl, es war beispielsweise
eine Kollekte veranstaltet: ein Mensch gibt etwas, und ein anderer gibt
etwas, und wie gesagt, ein dritter ... Natürlich wird das sozusagen eine
größere Summe ausmachen. Ich und meine Frau haben zusammen fünf
Rubel gegeben. Natürlich: es ist doch ein Ball! Oder wie man zu sagen
pflegt: eine Soiree! Es wird auch was vorgesetzt werden, wie gesagt,
Erfrischungen und für die jungen Leute Tänze und Vergnügungen ähnlicher
Art.
An uschka. Ich werde unbedingt kommen, unbedingt. Ich bin nur
hergekommen, um zu erfahren, ob Sie und Agafja Iwanowna da sein
Page 271
werden.
Der H ausm eist er. Agafja Iwanowna spricht von nichts anderem als
von Ihnen.
An uschka. Ich fürchte mich nur wegen der Gesellschaft.
Der H ausm ei st er. Nein, Anna Gawrilowna, die Gesellschaft wird sehr
gut sein. Ich kann es nicht mit Sicherheit sagen, aber ich habe gehört, daß
der Kammerdiener des Fürsten Tolstogub, der Büfettier und der Kutscher
des Fürsten Brjuchowezki und das Stubenmädchen irgendeiner Fürstin da
sein werden. Ich hoffe, daß auch einige Beamte kommen werden.
An uschka. Nur eins gefällt mir gar nicht, daß auch die Kutscher da sein
werden. Sie riechen immer nach schlechtem Tabak oder Wodka; und dabei
sind sie alle so ungebildet und haben schlechte Manieren.
Der Hau sm ei ster. Erlauben Sie mir Ihnen zu sagen, Anna
Gawrilowna, daß es Kutscher und Kutscher gibt. Das ist natürlich richtig:
die Kutscher haben ununterbrochen mit den Pferden zu tun und manchmal
müssen sie, mit Verlaub zu sagen, sogar den Dung auskehren; gewiß, so ein
einfacher Mensch — der trinkt ab und zu ein Glas Wodka und manchmal
auch mehr, raucht gewöhnlich Bakun, wie es das einfache Volk meistenteils
zu tun pflegt, und so ist es ja natürlich, daß er manchmal beispielsweise
nach Dung oder Wodka stinkt — gewiß, das stimmt. Aber das müssen Sie
doch selbst sagen, Anna Gawrilowna, daß es auch Kutscher gibt, die zwar
Kutscher sind — die man aber nach ihren Gewohnheiten eher Stallbeamte
als Kutscher nennen möchte. Ihr Amt oder ihre Obliegenheit sozusagen
besteht darin, daß sie Hafer herausgeben oder einem Vorreiter oder
Kutscher eine Zurechtweisung erteilen, wenn sie sich was zuschulden
kommen lassen.
An uschka. Wie Sie schön reden können, Lawrenti Pawlowitsch, ich bin
immer ganz hingerissen.
Der H ausm ei ster (mit einem zufriedenen Lächeln). Oh, keine Ursache zu
danken, Gnädigste! Gewiß, nicht jeder Mensch kann reden, nicht jeder hat
sozusagen die Gabe des Wortes. Natürlich kommt es vor ... daß einer, wie
man zu sagen pflegt, nur stammelt ... oder andere Fälle ähnlicher Art ... was
ja allerdings eine natürliche Anlage ist ... Aber belieben Sie nicht, in mein
Zimmer zu kommen? (Anuschka geht ab, Lawrenti Pawlowitsch folgt ihr.)
Der H ausm eist er. Agafja Iwanowna spricht von nichts anderem als
von Ihnen.
An uschka. Ich fürchte mich nur wegen der Gesellschaft.
Der H ausm ei st er. Nein, Anna Gawrilowna, die Gesellschaft wird sehr
gut sein. Ich kann es nicht mit Sicherheit sagen, aber ich habe gehört, daß
der Kammerdiener des Fürsten Tolstogub, der Büfettier und der Kutscher
des Fürsten Brjuchowezki und das Stubenmädchen irgendeiner Fürstin da
sein werden. Ich hoffe, daß auch einige Beamte kommen werden.
An uschka. Nur eins gefällt mir gar nicht, daß auch die Kutscher da sein
werden. Sie riechen immer nach schlechtem Tabak oder Wodka; und dabei
sind sie alle so ungebildet und haben schlechte Manieren.
Der Hau sm ei ster. Erlauben Sie mir Ihnen zu sagen, Anna
Gawrilowna, daß es Kutscher und Kutscher gibt. Das ist natürlich richtig:
die Kutscher haben ununterbrochen mit den Pferden zu tun und manchmal
müssen sie, mit Verlaub zu sagen, sogar den Dung auskehren; gewiß, so ein
einfacher Mensch — der trinkt ab und zu ein Glas Wodka und manchmal
auch mehr, raucht gewöhnlich Bakun, wie es das einfache Volk meistenteils
zu tun pflegt, und so ist es ja natürlich, daß er manchmal beispielsweise
nach Dung oder Wodka stinkt — gewiß, das stimmt. Aber das müssen Sie
doch selbst sagen, Anna Gawrilowna, daß es auch Kutscher gibt, die zwar
Kutscher sind — die man aber nach ihren Gewohnheiten eher Stallbeamte
als Kutscher nennen möchte. Ihr Amt oder ihre Obliegenheit sozusagen
besteht darin, daß sie Hafer herausgeben oder einem Vorreiter oder
Kutscher eine Zurechtweisung erteilen, wenn sie sich was zuschulden
kommen lassen.
An uschka. Wie Sie schön reden können, Lawrenti Pawlowitsch, ich bin
immer ganz hingerissen.
Der H ausm ei ster (mit einem zufriedenen Lächeln). Oh, keine Ursache zu
danken, Gnädigste! Gewiß, nicht jeder Mensch kann reden, nicht jeder hat
sozusagen die Gabe des Wortes. Natürlich kommt es vor ... daß einer, wie
man zu sagen pflegt, nur stammelt ... oder andere Fälle ähnlicher Art ... was
ja allerdings eine natürliche Anlage ist ... Aber belieben Sie nicht, in mein
Zimmer zu kommen? (Anuschka geht ab, Lawrenti Pawlowitsch folgt ihr.)
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Fragment
Ein Zimmer im Hause Maria Alexandrownas.
1. Auftritt
Maria Alexandrowna, eine Dame mittleren Alters, und Michailo Andrejewitsch, ihr
Sohn.
Mar i a A l exandr owna. Hör, Mischa, ich wollte schon längst mit dir
sprechen: du mußt deinen Dienst wechseln.
Mi sch a. Meinetwegen morgen.
Mar i a A l ex andr own a. Du mußt zum Militär.
Mi sch a (reißt die Augen auf). Zum Militär?
Mar i a A l ex andr own a. Ja.
Mi sch a. Was sagen Sie, Mamachen, zum Militär?
Mar i a A l ex andr own a. Warum bist du so erstaunt?
Mi sch a. Aber ich bitte Sie — wissen Sie denn nicht: man muß doch mit
dem Junker anfangen!
Mar i a Alex an d r owna. Nun ja, du wirst ein Jahr als Junker dienen,
und dann wirst du Offizier werden — laß das nur meine Sorge sein.
Mi sch a. Aber was finden Sie Militärisches an mir? Auch meine Figur ist
doch gar nicht militärisch. Ich bitte Sie, Mütterchen, wahrhaftig, Sie haben
mich mit diesen Worten so überrascht, daß ich ... ich ... ich weiß einfach
nicht, was ich davon denken soll. Ich bin Gott sei Dank ein wenig dick, und
wenn ich noch die Junkeruniform mit den kurzen Schößen anziehen soll,
werde ich mich schämen, mich anzusehen.
Mar i a Al exan dr owna. Tut nichts. Man wird dich zum Offizier
ernennen, und du wirst eine Uniform mit langen Rockschößen tragen, die
deinen Embonpoint gänzlich verdecken wird, so daß man nichts davon
merkt. Es ist sogar besser, daß du ein wenig beleibt bist — um so eher wird
die Beförderung kommen: sie werden sich ja schämen, daß es in ihrem
Regiment so einen dicken Fähnrich gibt.
Mi sch a. Aber Mutterchen, ich habe ja nur noch ein Jahr bis zum
Kollegienassessor. Ich bin schon zwei Jahr lang Titularrat.
Ein Zimmer im Hause Maria Alexandrownas.
1. Auftritt
Maria Alexandrowna, eine Dame mittleren Alters, und Michailo Andrejewitsch, ihr
Sohn.
Mar i a A l exandr owna. Hör, Mischa, ich wollte schon längst mit dir
sprechen: du mußt deinen Dienst wechseln.
Mi sch a. Meinetwegen morgen.
Mar i a A l ex andr own a. Du mußt zum Militär.
Mi sch a (reißt die Augen auf). Zum Militär?
Mar i a A l ex andr own a. Ja.
Mi sch a. Was sagen Sie, Mamachen, zum Militär?
Mar i a A l ex andr own a. Warum bist du so erstaunt?
Mi sch a. Aber ich bitte Sie — wissen Sie denn nicht: man muß doch mit
dem Junker anfangen!
Mar i a Alex an d r owna. Nun ja, du wirst ein Jahr als Junker dienen,
und dann wirst du Offizier werden — laß das nur meine Sorge sein.
Mi sch a. Aber was finden Sie Militärisches an mir? Auch meine Figur ist
doch gar nicht militärisch. Ich bitte Sie, Mütterchen, wahrhaftig, Sie haben
mich mit diesen Worten so überrascht, daß ich ... ich ... ich weiß einfach
nicht, was ich davon denken soll. Ich bin Gott sei Dank ein wenig dick, und
wenn ich noch die Junkeruniform mit den kurzen Schößen anziehen soll,
werde ich mich schämen, mich anzusehen.
Mar i a Al exan dr owna. Tut nichts. Man wird dich zum Offizier
ernennen, und du wirst eine Uniform mit langen Rockschößen tragen, die
deinen Embonpoint gänzlich verdecken wird, so daß man nichts davon
merkt. Es ist sogar besser, daß du ein wenig beleibt bist — um so eher wird
die Beförderung kommen: sie werden sich ja schämen, daß es in ihrem
Regiment so einen dicken Fähnrich gibt.
Mi sch a. Aber Mutterchen, ich habe ja nur noch ein Jahr bis zum
Kollegienassessor. Ich bin schon zwei Jahr lang Titularrat.
Page 273
Mar i a A lex an d r owna. Hör auf, hör auf! Dieses Wort „Titular“ peinigt
meine Ohren; mir kommt immer gleich Gott weiß was dabei in den Sinn.
Ich will, daß mein Sohn in der Garde dient, ich kann diese Garnitur jetzt
einfach nicht mehr ansehen.
Mi sch a. Aber Mutterchen, bedenken Sie: sehen Sie mich einmal gut an,
auch mein Äußeres. Schon in der Schule nannte man mich eine
Schlafmütze. Beim Militär ist es doch immer notwendig, daß man mutig auf
seinem Gaul sitzt, eine klangvolle Stimme, einen heldenhaften Wuchs und
eine schlanke Taille hat.
Mar i a Al exandr own a. Das wirst du schon haben, das wirst du schon
alles haben. Ich wünsche unbedingt, daß du dienst. Und es gibt einen
wichtigen Grund dafür.
Mi sch a. Was für einen Grund?
Mar i a A l ex andr own a. Nun — einen wichtigen Grund.
Mi sch a. Immerhin können Sie mir doch sagen, was für ein Grund das
ist.
Mar i a Alex andr own a. Ach, ich habe meinen Grund — ich weiß auch
gar nicht, ob du das richtig verstehen wirst. Die Gubomasowa, diese Närrin,
sagte vorgestern bei den Rogoschinskis — und zwar absichtlich, damit ich’s
hören sollte — ich saß als dritte in der Reihe: vor mir saß Sofia
Wotruschkow, die Fürstin Alexandrin und nach der Fürstin Alexandrin
gleich ich — und was glaubst du wagte diese abscheuliche Person zu
sagen? ... Wahrhaftig, ich wollte mich schon von meinem Platze erheben
und wenn nicht die Fürstin Alexandrin dagewesen wäre, weiß ich nicht, was
ich getan hätte. Denk dir, sie sagte: „Ich bin sehr froh, daß man keine
Zivilisten zu den Hofbällen zuläßt, die sind alle“ sagte sie, „mauvais genre,
sie riechen nach etwas Unvornehmen. Ich bin froh,“ sagte sie weiter, „daß
mein Alexis keinen solchen ekelhaften Frack trägt“. Und das alles sagte sie
so geziert, in so einem Ton, so ... wahrhaftig, ich weiß nicht, was ich getan
hätte. Und dabei ist ihr Sohn doch einfach ein Trottel, der nichts kann, als
die Beine in die Höhe heben. So ein abscheuliches Frauenzimmer!
Mi sch a. Was, Mütterchen, das ist der ganze Grund?
Mar i a A l ex andr o wna. Ja, jetzt will ich es erst recht haben, ihr zum
Trotz — daß mein Sohn bei der Garde dient und alle Hofbälle besucht.
Mi sch a. Aber Mütterchen, ich bitte Sie: — einzig weil sie eine Närrin
ist ...?
meine Ohren; mir kommt immer gleich Gott weiß was dabei in den Sinn.
Ich will, daß mein Sohn in der Garde dient, ich kann diese Garnitur jetzt
einfach nicht mehr ansehen.
Mi sch a. Aber Mutterchen, bedenken Sie: sehen Sie mich einmal gut an,
auch mein Äußeres. Schon in der Schule nannte man mich eine
Schlafmütze. Beim Militär ist es doch immer notwendig, daß man mutig auf
seinem Gaul sitzt, eine klangvolle Stimme, einen heldenhaften Wuchs und
eine schlanke Taille hat.
Mar i a Al exandr own a. Das wirst du schon haben, das wirst du schon
alles haben. Ich wünsche unbedingt, daß du dienst. Und es gibt einen
wichtigen Grund dafür.
Mi sch a. Was für einen Grund?
Mar i a A l ex andr own a. Nun — einen wichtigen Grund.
Mi sch a. Immerhin können Sie mir doch sagen, was für ein Grund das
ist.
Mar i a Alex andr own a. Ach, ich habe meinen Grund — ich weiß auch
gar nicht, ob du das richtig verstehen wirst. Die Gubomasowa, diese Närrin,
sagte vorgestern bei den Rogoschinskis — und zwar absichtlich, damit ich’s
hören sollte — ich saß als dritte in der Reihe: vor mir saß Sofia
Wotruschkow, die Fürstin Alexandrin und nach der Fürstin Alexandrin
gleich ich — und was glaubst du wagte diese abscheuliche Person zu
sagen? ... Wahrhaftig, ich wollte mich schon von meinem Platze erheben
und wenn nicht die Fürstin Alexandrin dagewesen wäre, weiß ich nicht, was
ich getan hätte. Denk dir, sie sagte: „Ich bin sehr froh, daß man keine
Zivilisten zu den Hofbällen zuläßt, die sind alle“ sagte sie, „mauvais genre,
sie riechen nach etwas Unvornehmen. Ich bin froh,“ sagte sie weiter, „daß
mein Alexis keinen solchen ekelhaften Frack trägt“. Und das alles sagte sie
so geziert, in so einem Ton, so ... wahrhaftig, ich weiß nicht, was ich getan
hätte. Und dabei ist ihr Sohn doch einfach ein Trottel, der nichts kann, als
die Beine in die Höhe heben. So ein abscheuliches Frauenzimmer!
Mi sch a. Was, Mütterchen, das ist der ganze Grund?
Mar i a A l ex andr o wna. Ja, jetzt will ich es erst recht haben, ihr zum
Trotz — daß mein Sohn bei der Garde dient und alle Hofbälle besucht.
Mi sch a. Aber Mütterchen, ich bitte Sie: — einzig weil sie eine Närrin
ist ...?
Page 274
Mar i a Alex andr o wna. Nein, ich bin fest entschlossen: sie soll vor
Ärger platzen, sie soll wütend sein.
Mi sch a. Aber ...
Mar i a Al exand r o wna. Oho, ich werde es ihr schon zeigen! Sie mag
tun was sie will: ich werde alle meine Kräfte anstrengen, und mein Sohn
wird auch in der Garde dienen. Wenn er auch etwas dadurch verliert — er
wird unbedingt dort dienen. Soll ich jedem ekelhaften Frauenzimmer
gestatten, sich vor mir aufzublasen und ihre Stumpfnase noch höher zu
tragen? Nein, nie wird das geschehen! Sie können machen, was Sie wollen,
Natalia Andrejewna!
Mi sch a. Aber werden Sie sie damit auch ärgern?
Mar i a A l ex andr own a. Nein, ich werde das nie zugeben!
Mi sch a. Gut, wenn Sie es verlangen, werde ich mich zum Militär
versetzen lassen; aber wahrhaftig, es wird mir selbst lächerlich vorkommen,
wenn ich mich in der Uniform sehen werde.
Mar i a Alex an d r owna. Mindestens ist sie noch vornehmer als dieses
Fräckchen. Und nun etwas anderes: ich will dich verheiraten.
Mi sch a. Wie, alles auf einmal? Ich soll den Dienst wechseln und mich
außerdem noch verheiraten?
Mar i a Al exan dr owna. Nun und was ist dabei? Als ob es nicht
möglich ist, daß man den Dienst wechselt und zugleich heiratet.
Mi sch a. Aber ich hatte ja gar nicht die Absicht. Ich will noch nicht
heiraten.
Mar i a Alex an d r owna. Du wirst schon wollen, wenn du erst erfährst,
wen. Mit dieser Heirat wirst du dein Glück machen: sowohl im Dienst wie
in der Familie. Mit einem Wort: ich will dich mit der Fürstin
Schlepochwostow verheiraten.
Mi sch a. Aber Mütterchen, das ist ja eine Gans allerersten Ranges.
Mar i a A l exandr owna. Gar nicht ersten Ranges. — Sie ist genau so
eine wie alle andern. Ein ausgezeichnetes Mädchen, sie hat nur kein
Gedächtnis: manchmal vergißt sie sich und sagt etwas Unpassendes; doch
das ist nur Zerstreutheit, dafür klatscht sie nicht und sie wird sich nie etwas
Schlimmes ausdenken.
Mi sch a. Aber ich bitte Sie, wie sollte sie auch klatschen! Sie kann ja
kaum ein Wort hervorbringen und wenn sie es tut, dann nur so, daß man die
Hände ringen möchte. Sie wissen ja selbst, Mütterchen, das Heiraten ist
eine Herzensangelegenheit, man muß die Seele ...
Ärger platzen, sie soll wütend sein.
Mi sch a. Aber ...
Mar i a Al exand r o wna. Oho, ich werde es ihr schon zeigen! Sie mag
tun was sie will: ich werde alle meine Kräfte anstrengen, und mein Sohn
wird auch in der Garde dienen. Wenn er auch etwas dadurch verliert — er
wird unbedingt dort dienen. Soll ich jedem ekelhaften Frauenzimmer
gestatten, sich vor mir aufzublasen und ihre Stumpfnase noch höher zu
tragen? Nein, nie wird das geschehen! Sie können machen, was Sie wollen,
Natalia Andrejewna!
Mi sch a. Aber werden Sie sie damit auch ärgern?
Mar i a A l ex andr own a. Nein, ich werde das nie zugeben!
Mi sch a. Gut, wenn Sie es verlangen, werde ich mich zum Militär
versetzen lassen; aber wahrhaftig, es wird mir selbst lächerlich vorkommen,
wenn ich mich in der Uniform sehen werde.
Mar i a Alex an d r owna. Mindestens ist sie noch vornehmer als dieses
Fräckchen. Und nun etwas anderes: ich will dich verheiraten.
Mi sch a. Wie, alles auf einmal? Ich soll den Dienst wechseln und mich
außerdem noch verheiraten?
Mar i a Al exan dr owna. Nun und was ist dabei? Als ob es nicht
möglich ist, daß man den Dienst wechselt und zugleich heiratet.
Mi sch a. Aber ich hatte ja gar nicht die Absicht. Ich will noch nicht
heiraten.
Mar i a Alex an d r owna. Du wirst schon wollen, wenn du erst erfährst,
wen. Mit dieser Heirat wirst du dein Glück machen: sowohl im Dienst wie
in der Familie. Mit einem Wort: ich will dich mit der Fürstin
Schlepochwostow verheiraten.
Mi sch a. Aber Mütterchen, das ist ja eine Gans allerersten Ranges.
Mar i a A l exandr owna. Gar nicht ersten Ranges. — Sie ist genau so
eine wie alle andern. Ein ausgezeichnetes Mädchen, sie hat nur kein
Gedächtnis: manchmal vergißt sie sich und sagt etwas Unpassendes; doch
das ist nur Zerstreutheit, dafür klatscht sie nicht und sie wird sich nie etwas
Schlimmes ausdenken.
Mi sch a. Aber ich bitte Sie, wie sollte sie auch klatschen! Sie kann ja
kaum ein Wort hervorbringen und wenn sie es tut, dann nur so, daß man die
Hände ringen möchte. Sie wissen ja selbst, Mütterchen, das Heiraten ist
eine Herzensangelegenheit, man muß die Seele ...
Page 275
Mar i a Al exand r owna. Nun ja! Als ob ich’s geahnt habe! Höre, laß
diesen liberalen Tonfall! Er paßt nicht zu dir, ich habe dir das schon
zwanzigmal gesagt. Anderen mag er vielleicht liegen, aber dich kleidet er
schon gar nicht.
Mi sch a. Mütterchen, war ich Ihnen je ungehorsam? Ich bin schon bald
dreißig Jahre alt, und ich gehorche Ihnen in allem wie ein Kind. Sie
befehlen mir irgendwohin zu fahren, wohin ich in den Tod nicht fahren
möchte — und ich tue es, ohne Ihnen auch nur zu zeigen, wie schwer es mir
fällt. Sie befehlen mir, mich im Vorzimmer des Herrn Soundso
herumzudrücken, und ich drücke mich im Vorzimmer des Herrn Soundso
herum, auch wenn es ganz gegen meine Wünsche ist. Sie befehlen mir, auf
den Bällen herumzutanzen — und ich tanze, trotzdem alle über mich und
meine Figur lachen. Schließlich befehlen Sie mir den Dienst zu wechseln:
und ich wechsle den Dienst, mit dreißig Jahren werde ich Junker, werde mit
dreißig Jahren gleichsam von neuem geboren wie ein Kind — alles Ihnen
zuliebe, und dabei reiben Sie mir jeden Tag den Liberalismus unter die
Nase. Es vergeht kein Moment, wo Sie mich nicht einen Liberalen nennen.
Hören Sie, Mütterchen, das schmerzt — ich schwöre Ihnen, das schmerzt.
Ich habe doch wohl für meine aufrichtige Liebe und Anhänglichkeit an Sie
mehr verdient, als ...
Mar i a Al exand r o wna. Bitte, sprich nicht so. Als ob ich nicht weiß,
daß du ein Liberaler bist! Ich weiß sogar, wer dir dies alles eingeredet hat:
das kommt alles von diesem widerlichen Sobatschkin.
Mi sch a. Nein, Mütterchen, das ist zu viel, nun soll ich auch noch
Sobatschkin folgen. Sobatschkin ist ein Lump, ein Spieler und alles, was
Sie wollen. Aber daran ist er unschuldig. Ich werde ihm niemals erlauben,
auch nur einen Schatten von Einfluß auf mich zu haben.
Mar i a Al exand r owna. Ach mein Gott, was ist das für ein furchtbarer
Mensch! Ich erschrak förmlich, als ich ihn durchschaute. Ohne alle
Grundsätze, ohne Tugenden — was für ein abscheulicher Mensch! Wenn du
wüßtest, was er für Gerüchte über mich verbreitet hat! ... Drei Monate
konnte ich mein Gesicht nirgends sehen lassen. Talgstümpfe soll man bei
mir brennen! Wochenlang sollen die Teppiche in den Zimmern nicht mit der
Bürste berührt werden! Die Pferde seien bei mir mit einfachen Stricken
angeschirrt, und ich soll so spazieren gefahren sein: mit einem Kummet,
wie bei einem gewöhnlichen Droschkengaul ... Ich wurde ganz rot vor
Scham; über eine Woche bin ich nicht ausgegangen, ich weiß gar nicht, wie
diesen liberalen Tonfall! Er paßt nicht zu dir, ich habe dir das schon
zwanzigmal gesagt. Anderen mag er vielleicht liegen, aber dich kleidet er
schon gar nicht.
Mi sch a. Mütterchen, war ich Ihnen je ungehorsam? Ich bin schon bald
dreißig Jahre alt, und ich gehorche Ihnen in allem wie ein Kind. Sie
befehlen mir irgendwohin zu fahren, wohin ich in den Tod nicht fahren
möchte — und ich tue es, ohne Ihnen auch nur zu zeigen, wie schwer es mir
fällt. Sie befehlen mir, mich im Vorzimmer des Herrn Soundso
herumzudrücken, und ich drücke mich im Vorzimmer des Herrn Soundso
herum, auch wenn es ganz gegen meine Wünsche ist. Sie befehlen mir, auf
den Bällen herumzutanzen — und ich tanze, trotzdem alle über mich und
meine Figur lachen. Schließlich befehlen Sie mir den Dienst zu wechseln:
und ich wechsle den Dienst, mit dreißig Jahren werde ich Junker, werde mit
dreißig Jahren gleichsam von neuem geboren wie ein Kind — alles Ihnen
zuliebe, und dabei reiben Sie mir jeden Tag den Liberalismus unter die
Nase. Es vergeht kein Moment, wo Sie mich nicht einen Liberalen nennen.
Hören Sie, Mütterchen, das schmerzt — ich schwöre Ihnen, das schmerzt.
Ich habe doch wohl für meine aufrichtige Liebe und Anhänglichkeit an Sie
mehr verdient, als ...
Mar i a Al exand r o wna. Bitte, sprich nicht so. Als ob ich nicht weiß,
daß du ein Liberaler bist! Ich weiß sogar, wer dir dies alles eingeredet hat:
das kommt alles von diesem widerlichen Sobatschkin.
Mi sch a. Nein, Mütterchen, das ist zu viel, nun soll ich auch noch
Sobatschkin folgen. Sobatschkin ist ein Lump, ein Spieler und alles, was
Sie wollen. Aber daran ist er unschuldig. Ich werde ihm niemals erlauben,
auch nur einen Schatten von Einfluß auf mich zu haben.
Mar i a Al exand r owna. Ach mein Gott, was ist das für ein furchtbarer
Mensch! Ich erschrak förmlich, als ich ihn durchschaute. Ohne alle
Grundsätze, ohne Tugenden — was für ein abscheulicher Mensch! Wenn du
wüßtest, was er für Gerüchte über mich verbreitet hat! ... Drei Monate
konnte ich mein Gesicht nirgends sehen lassen. Talgstümpfe soll man bei
mir brennen! Wochenlang sollen die Teppiche in den Zimmern nicht mit der
Bürste berührt werden! Die Pferde seien bei mir mit einfachen Stricken
angeschirrt, und ich soll so spazieren gefahren sein: mit einem Kummet,
wie bei einem gewöhnlichen Droschkengaul ... Ich wurde ganz rot vor
Scham; über eine Woche bin ich nicht ausgegangen, ich weiß gar nicht, wie
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ich das alles überstehen konnte. Wahrhaftig, nur der Glaube an die
Vorsehung hat mich noch aufrecht erhalten!
Mi sch a. Und Sie glauben, daß so ein Mensch Macht über mich
gewinnen könnte? Sie glauben, ich würde erlauben, daß er ...
Mar i a A lex and r o wna. Ich habe ihm gesagt, daß er es nicht wagen
soll, sich vor meinen Augen zu zeigen, und es gibt nur ein Mittel, mit dem
du dich rechtfertigen kannst: daß du jetzt deinen Trotz aufgibst und noch
heute der Fürstin eine Deklaration machst.
Mi sch a. Aber Mütterchen, wenn das nicht möglich ist?
Mar i a A l ex andr own a. Wieso ist das nicht möglich, wieso nicht?
Mi sch a (beiseite). Ein entscheidender Augenblick. (Laut.) Gestatten Sie mir,
mindestens hier meine eigene Meinung zu haben, mindestens in einer
Angelegenheit, von der das Glück meines zukünftigen Lebens abhängt. Sie
haben mich bis jetzt nicht gefragt — aber wenn ich nun in eine andere
verliebt wäre?
Mar i a A l exandr own a. Das ist ja etwas ganz neues für mich, ich muß
gestehen, davon habe ich noch nichts gehört. Nun, und wer ist diese andere?
Mi sch a. Ach Mütterchen, ich schwöre dir, nie hat es ein ähnliches
Wesen gegeben. Sie ist ein Engel: ein Engel an Leib und Seele.
Mar i a A l ex andr own a. Und wo ist sie her? Wer ist ihr Vater?
Mi sch a. Ihr Vater ist Alexander Alexandrowitsch Odossimow.
Mar i a A l exandr o wna. Odossimow? Der Name ist mir unbekannt. Ich
weiß von keinem Odossimow ... Ist er ein reicher Mann?
Mi sch a. Ein seltener Mensch! Ein merkwürdiger Mensch!
Mar i a A l ex andr own a. Und ist er reich?
Mi sch a. Was soll ich Ihnen sagen! Sie müssen ihn selbst sehen! Solche
seelischen Vorzüge, wie er sie hat, gibt es auf der ganzen Welt nicht wieder.
Mar i a A lex and r o wna. Aber was ist er? Wer ist es? Was ist sein Rang?
Wie groß ist sein Vermögen?
Mi sch a. Ich verstehe, was Sie meinen, Mütterchen. Gestatten Sie mir,
Ihnen meine Gedanken offen darzulegen. Wie auch die Verhältnisse sein
mögen — es gibt jetzt in Rußland keinen Bräutigam, der nicht eine reiche
Braut sucht. Jeder will seine Lage mit Hilfe der Mitgift seiner Frau
verbessern. Das mag ja unter gewissen Verhältnissen verzeihlich sein: ich
begreife, daß ein Mann, der im Dienste oder anderswo einen Mißerfolg
gehabt hat, den vielleicht übermäßige Ehrlichkeit daran gehindert hat, sich
ein Vermögen zu erwerben — kurz, was der Grund auch sein mag, — daß
Vorsehung hat mich noch aufrecht erhalten!
Mi sch a. Und Sie glauben, daß so ein Mensch Macht über mich
gewinnen könnte? Sie glauben, ich würde erlauben, daß er ...
Mar i a A lex and r o wna. Ich habe ihm gesagt, daß er es nicht wagen
soll, sich vor meinen Augen zu zeigen, und es gibt nur ein Mittel, mit dem
du dich rechtfertigen kannst: daß du jetzt deinen Trotz aufgibst und noch
heute der Fürstin eine Deklaration machst.
Mi sch a. Aber Mütterchen, wenn das nicht möglich ist?
Mar i a A l ex andr own a. Wieso ist das nicht möglich, wieso nicht?
Mi sch a (beiseite). Ein entscheidender Augenblick. (Laut.) Gestatten Sie mir,
mindestens hier meine eigene Meinung zu haben, mindestens in einer
Angelegenheit, von der das Glück meines zukünftigen Lebens abhängt. Sie
haben mich bis jetzt nicht gefragt — aber wenn ich nun in eine andere
verliebt wäre?
Mar i a A l exandr own a. Das ist ja etwas ganz neues für mich, ich muß
gestehen, davon habe ich noch nichts gehört. Nun, und wer ist diese andere?
Mi sch a. Ach Mütterchen, ich schwöre dir, nie hat es ein ähnliches
Wesen gegeben. Sie ist ein Engel: ein Engel an Leib und Seele.
Mar i a A l ex andr own a. Und wo ist sie her? Wer ist ihr Vater?
Mi sch a. Ihr Vater ist Alexander Alexandrowitsch Odossimow.
Mar i a A l exandr o wna. Odossimow? Der Name ist mir unbekannt. Ich
weiß von keinem Odossimow ... Ist er ein reicher Mann?
Mi sch a. Ein seltener Mensch! Ein merkwürdiger Mensch!
Mar i a A l ex andr own a. Und ist er reich?
Mi sch a. Was soll ich Ihnen sagen! Sie müssen ihn selbst sehen! Solche
seelischen Vorzüge, wie er sie hat, gibt es auf der ganzen Welt nicht wieder.
Mar i a A lex and r o wna. Aber was ist er? Wer ist es? Was ist sein Rang?
Wie groß ist sein Vermögen?
Mi sch a. Ich verstehe, was Sie meinen, Mütterchen. Gestatten Sie mir,
Ihnen meine Gedanken offen darzulegen. Wie auch die Verhältnisse sein
mögen — es gibt jetzt in Rußland keinen Bräutigam, der nicht eine reiche
Braut sucht. Jeder will seine Lage mit Hilfe der Mitgift seiner Frau
verbessern. Das mag ja unter gewissen Verhältnissen verzeihlich sein: ich
begreife, daß ein Mann, der im Dienste oder anderswo einen Mißerfolg
gehabt hat, den vielleicht übermäßige Ehrlichkeit daran gehindert hat, sich
ein Vermögen zu erwerben — kurz, was der Grund auch sein mag, — daß
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der ein Recht hat, sich eine reiche Braut zu suchen. Und vielleicht wären
die Eltern ungerecht, die seine guten Eigenschaften nicht anerkennen und
ihm ihre Tochter nicht zur Frau geben würden. Aber sagen Sie selbst: würde
ein begüterter Mann gerecht handeln, der sich eine reiche Braut suchen
wollte? Was sollte dann aus der Welt werden? Das ist doch ebenso, als
wollte einer einen Mantel über seinen Pelz anziehen, wenn ihm schon
ohnedies warm genug ist ... während dieser Mantel vielleicht jemand
anderem die Schultern wärmen könnte. Nein, Mütterchen, das ist unrecht!
Der Vater hat sein ganzes Vermögen der Erziehung seiner Tochter geopfert.
Mar i a Alex and r o wna. Genug! Genug! Ich bin nicht imstande, mehr
zu hören! Ich weiß schon alles — alles! Da hat er sich in eine Vagabundin
verliebt, in die Tochter irgendeines Fourieurs, der vielleicht Gott weiß was
treibt.
Mi sch a. Mütterchen ...
Mar i a Alex an d r owna. Der Vater ist ein Säufer, die Mutter eine
Köchin, und die Verwandtschaft besteht aus kleinen Polizeibeamten und
Branntweinverkäufern! ... Und das alles muß ich mit anhören, muß das alles
ertragen ... ertragen von dem eigenen Sohn, für den ich mein Leben nicht
geschont habe! ... Nein, das werde ich nicht überleben!
Mi sch a. Aber Mütterchen, erlauben Sie ...
Mar i a A l exandr owna. Mein Gott, was für eine Moral haben denn die
jungen Leute jetzt nur! Nein, das werde ich nie überleben, ich schwöre es
dir, das werde ich nicht überleben ... Ah, wie wird mir, mir wird ganz
schwindlig im Kopf. (Schreit auf.) Ach, ich habe Stiche in der Seite! ...
Maschka! Maschka! Das Fläschchen! ... Ich weiß nicht, ob ich den Abend
noch erleben werde! Grausamer Sohn!
Mi sch a (eilt auf sie zu). Mütterchen, beruhigen Sie sich. Sie schaden sich
nur ...
Mar i a A l exandr own a. Und das alles hat dieser widerliche
Sobatschkin angerichtet. Ah, ich weiß nicht, warum ich diese Pest bis jetzt
noch nicht davongejagt habe.
Der L ak ai (in der Tür). Sobatschkin ist gekommen.
Mar i a Al exan dr own a. Was! Sobatschkin? Schickt ihn fort!
Fortschicken, daß keine Spur mehr von ihm übrig bleibt!
2. Auftritt
die Eltern ungerecht, die seine guten Eigenschaften nicht anerkennen und
ihm ihre Tochter nicht zur Frau geben würden. Aber sagen Sie selbst: würde
ein begüterter Mann gerecht handeln, der sich eine reiche Braut suchen
wollte? Was sollte dann aus der Welt werden? Das ist doch ebenso, als
wollte einer einen Mantel über seinen Pelz anziehen, wenn ihm schon
ohnedies warm genug ist ... während dieser Mantel vielleicht jemand
anderem die Schultern wärmen könnte. Nein, Mütterchen, das ist unrecht!
Der Vater hat sein ganzes Vermögen der Erziehung seiner Tochter geopfert.
Mar i a Alex and r o wna. Genug! Genug! Ich bin nicht imstande, mehr
zu hören! Ich weiß schon alles — alles! Da hat er sich in eine Vagabundin
verliebt, in die Tochter irgendeines Fourieurs, der vielleicht Gott weiß was
treibt.
Mi sch a. Mütterchen ...
Mar i a Alex an d r owna. Der Vater ist ein Säufer, die Mutter eine
Köchin, und die Verwandtschaft besteht aus kleinen Polizeibeamten und
Branntweinverkäufern! ... Und das alles muß ich mit anhören, muß das alles
ertragen ... ertragen von dem eigenen Sohn, für den ich mein Leben nicht
geschont habe! ... Nein, das werde ich nicht überleben!
Mi sch a. Aber Mütterchen, erlauben Sie ...
Mar i a A l exandr owna. Mein Gott, was für eine Moral haben denn die
jungen Leute jetzt nur! Nein, das werde ich nie überleben, ich schwöre es
dir, das werde ich nicht überleben ... Ah, wie wird mir, mir wird ganz
schwindlig im Kopf. (Schreit auf.) Ach, ich habe Stiche in der Seite! ...
Maschka! Maschka! Das Fläschchen! ... Ich weiß nicht, ob ich den Abend
noch erleben werde! Grausamer Sohn!
Mi sch a (eilt auf sie zu). Mütterchen, beruhigen Sie sich. Sie schaden sich
nur ...
Mar i a A l exandr own a. Und das alles hat dieser widerliche
Sobatschkin angerichtet. Ah, ich weiß nicht, warum ich diese Pest bis jetzt
noch nicht davongejagt habe.
Der L ak ai (in der Tür). Sobatschkin ist gekommen.
Mar i a Al exan dr own a. Was! Sobatschkin? Schickt ihn fort!
Fortschicken, daß keine Spur mehr von ihm übrig bleibt!
2. Auftritt
Page 278
Dieselben und Sobatschkin.
S obat sch ki n. Maria Alexandrowna, seien Sie großmütig und verzeihen
Sie mir, daß ich so lange nicht bei Ihnen gewesen bin. Aber bei Gott, es war
mir unmöglich. Sie können sich gar nicht denken, wieviel Geschäfte ich zu
erledigen habe ... ich wußte ja, daß Sie böse sein werden, wahrhaftig, ich
wußte es ... (Er erblickt Mischa.) Guten Tag, Bruder, wie geht’s dir?
Mar i a A l ex andr own a (beiseite). Ich finde einfach keine Worte. So ein
Mensch! Und er entschuldigt sich noch, daß er so lange nicht hiergewesen
ist!
S obat sch ki n. Ich freue mich, daß Sie so wohl und gesund sind, soweit
man nach dem Aussehen urteilen kann. Und wie steht’s mit der Gesundheit
Ihres Herrn Bruders? Ich muß gestehen, daß ich ihn auch hier zu treffen
hoffte.
Mar i a Alex andr o wna. Da hätten Sie doch ihn aufsuchen sollen und
nicht mich.
S obat sch ki n (lächelt). Ich bin gerade zu Ihnen gekommen, um Ihnen eine
höchst interessante Anekdote zu erzählen.
Mar i a A l ex andr own a. Ich liebe die Anekdoten nicht.
S obat sch ki n. — Von Natalia Andrejewna Gubomasowa.
Mar i a Al exan dr owna. Was? Von der Gubomasowa? ... (Bemüht sich ihre
Neugier zu verbergen.) Dann ist es wohl erst vor kurzem passiert?
S obat sch ki n. In diesen Tagen.
Mar i a A l ex andr own a. Um was handelt es sich denn?
S obat sch ki n. Wissen Sie, daß sie ihre Mädchen eigenhändig prügelt?
Mar i a A l exandr own a. Nein! Was Sie sagen! Oh, was für eine
Schande! Ist es nur möglich?
S obat sch ki n. Ich schwöre es Ihnen, erlauben Sie mir, Ihnen den
Hergang zu erzählen. Eines Tages befiehlt sie einem Mädchen, das sich
irgend etwas hatte zuschulden kommen lassen, sich so, wie es sich gehört,
aufs Bett zu legen. Sie selbst geht in ein anderes Zimmer — ich kann mich
nicht mehr erinnern warum, aber ich glaube, um eine Rute zu holen.
Inzwischen verläßt das Mädchen aus irgendeinem Grunde das Zimmer. Statt
ihrer kommt Natalia Andrejewnas Mann hinein, legt sich aufs Bett und
schläft ein. Natalia Andrejewna erscheint also mit der Rute, befiehlt einem
Mädchen, sich dem auf dem Bett Liegenden auf die Füße zu setzen, deckt
einen Lappen über ihn — und prügelt ihren eigenen Mann durch.
S obat sch ki n. Maria Alexandrowna, seien Sie großmütig und verzeihen
Sie mir, daß ich so lange nicht bei Ihnen gewesen bin. Aber bei Gott, es war
mir unmöglich. Sie können sich gar nicht denken, wieviel Geschäfte ich zu
erledigen habe ... ich wußte ja, daß Sie böse sein werden, wahrhaftig, ich
wußte es ... (Er erblickt Mischa.) Guten Tag, Bruder, wie geht’s dir?
Mar i a A l ex andr own a (beiseite). Ich finde einfach keine Worte. So ein
Mensch! Und er entschuldigt sich noch, daß er so lange nicht hiergewesen
ist!
S obat sch ki n. Ich freue mich, daß Sie so wohl und gesund sind, soweit
man nach dem Aussehen urteilen kann. Und wie steht’s mit der Gesundheit
Ihres Herrn Bruders? Ich muß gestehen, daß ich ihn auch hier zu treffen
hoffte.
Mar i a Alex andr o wna. Da hätten Sie doch ihn aufsuchen sollen und
nicht mich.
S obat sch ki n (lächelt). Ich bin gerade zu Ihnen gekommen, um Ihnen eine
höchst interessante Anekdote zu erzählen.
Mar i a A l ex andr own a. Ich liebe die Anekdoten nicht.
S obat sch ki n. — Von Natalia Andrejewna Gubomasowa.
Mar i a Al exan dr owna. Was? Von der Gubomasowa? ... (Bemüht sich ihre
Neugier zu verbergen.) Dann ist es wohl erst vor kurzem passiert?
S obat sch ki n. In diesen Tagen.
Mar i a A l ex andr own a. Um was handelt es sich denn?
S obat sch ki n. Wissen Sie, daß sie ihre Mädchen eigenhändig prügelt?
Mar i a A l exandr own a. Nein! Was Sie sagen! Oh, was für eine
Schande! Ist es nur möglich?
S obat sch ki n. Ich schwöre es Ihnen, erlauben Sie mir, Ihnen den
Hergang zu erzählen. Eines Tages befiehlt sie einem Mädchen, das sich
irgend etwas hatte zuschulden kommen lassen, sich so, wie es sich gehört,
aufs Bett zu legen. Sie selbst geht in ein anderes Zimmer — ich kann mich
nicht mehr erinnern warum, aber ich glaube, um eine Rute zu holen.
Inzwischen verläßt das Mädchen aus irgendeinem Grunde das Zimmer. Statt
ihrer kommt Natalia Andrejewnas Mann hinein, legt sich aufs Bett und
schläft ein. Natalia Andrejewna erscheint also mit der Rute, befiehlt einem
Mädchen, sich dem auf dem Bett Liegenden auf die Füße zu setzen, deckt
einen Lappen über ihn — und prügelt ihren eigenen Mann durch.
Page 279
Mar i a A lex and r o wna (schlägt die Hände zusammen). Mein Gott, welche
Schande! Wie habe ich bis jetzt nur nichts davon erfahren? Aber ich muß
Ihnen gestehen, ich war immer davon überzeugt, daß sie zu so etwas fähig
sei.
S obat sch ki n. Selbstverständlich. Ich habe es schon in aller Welt
erzählt. Und da sagt man nun: dies Musterweib! Sie sitzt in ihrem Haus,
beschäftigt sich mit der Erziehung ihrer Kinder und bringt ihnen selbst
englisch bei! ... Eine schöne Erziehung! Jeden Tag prügelt sie ihren Mann
durch wie eine Katze! ... Wahrhaftig, es tut mir leid, aber ich kann nicht
länger bei Ihnen bleiben. (Verbeugt sich.)
Mar i a Al exan dr owna. Warum haben Sie es so eilig, Andrej
Kondratjewitsch? Schämen Sie sich nicht, nachdem Sie so lange nicht bei
mir gewesen sind? ... Ich war immer gewöhnt, Sie als Freund des Hauses zu
betrachten — bleiben Sie doch! Ich wollte noch mit Ihnen über etwas
sprechen. Hör mal Mischa, der Wagenbauer wartet in meinem Zimmer auf
mich: bitte sprich du mit ihm. Frage ihn, ob er es übernehmen will, die
Kutsche bis zum ersten wieder in Stand zu setzen. Er soll sie blau
anstreichen, mit hellen Ornamenten — in der Art wie die Kutsche der
Gubomasowa. (Mischa entfernt sich.)
Mar i a Al exandr own a. Ich habe meinen Sohn absichtlich
weggeschickt, weil ich mit Ihnen allein reden will. Sagen Sie, wissen Sie
etwas darüber, ob es hier irgendwo einen Alexander Alexandrowitsch
Odossimow gibt?
S obat sch ki n. Odossimow? ... Odossimow ... Odossimow ... Ich weiß,
daß es irgendwo einen Odossimow gibt ... aber ich kann mich ja genauer
erkundigen.
Mar i a A l ex andr own a. Bitte.
S obat sch ki n. Ich erinnere mich ... Ja, ich erinnere mich, es gibt einen
Odossimow, einen Tischvorsteher oder einen Abteilungschef ... ja, ja, es
gibt so einen ...
Mar i a Al exandr own a. Denken Sie nur, es ist da eine komische
Geschichte passiert ... Sie könnten mir einen großen Dienst erweisen.
S obat sch ki n. Sie haben nur zu befehlen. Für Sie bin ich zu allem
bereit: aber das wissen Sie ja selbst!
Mar i a A l ex andr o wna. Es handelt sich um folgendes: Mein Sohn hat
sich verliebt ... oder richtiger gesagt, es ist ihm eine wahnsinnige Idee in
Schande! Wie habe ich bis jetzt nur nichts davon erfahren? Aber ich muß
Ihnen gestehen, ich war immer davon überzeugt, daß sie zu so etwas fähig
sei.
S obat sch ki n. Selbstverständlich. Ich habe es schon in aller Welt
erzählt. Und da sagt man nun: dies Musterweib! Sie sitzt in ihrem Haus,
beschäftigt sich mit der Erziehung ihrer Kinder und bringt ihnen selbst
englisch bei! ... Eine schöne Erziehung! Jeden Tag prügelt sie ihren Mann
durch wie eine Katze! ... Wahrhaftig, es tut mir leid, aber ich kann nicht
länger bei Ihnen bleiben. (Verbeugt sich.)
Mar i a Al exan dr owna. Warum haben Sie es so eilig, Andrej
Kondratjewitsch? Schämen Sie sich nicht, nachdem Sie so lange nicht bei
mir gewesen sind? ... Ich war immer gewöhnt, Sie als Freund des Hauses zu
betrachten — bleiben Sie doch! Ich wollte noch mit Ihnen über etwas
sprechen. Hör mal Mischa, der Wagenbauer wartet in meinem Zimmer auf
mich: bitte sprich du mit ihm. Frage ihn, ob er es übernehmen will, die
Kutsche bis zum ersten wieder in Stand zu setzen. Er soll sie blau
anstreichen, mit hellen Ornamenten — in der Art wie die Kutsche der
Gubomasowa. (Mischa entfernt sich.)
Mar i a Al exandr own a. Ich habe meinen Sohn absichtlich
weggeschickt, weil ich mit Ihnen allein reden will. Sagen Sie, wissen Sie
etwas darüber, ob es hier irgendwo einen Alexander Alexandrowitsch
Odossimow gibt?
S obat sch ki n. Odossimow? ... Odossimow ... Odossimow ... Ich weiß,
daß es irgendwo einen Odossimow gibt ... aber ich kann mich ja genauer
erkundigen.
Mar i a A l ex andr own a. Bitte.
S obat sch ki n. Ich erinnere mich ... Ja, ich erinnere mich, es gibt einen
Odossimow, einen Tischvorsteher oder einen Abteilungschef ... ja, ja, es
gibt so einen ...
Mar i a Al exandr own a. Denken Sie nur, es ist da eine komische
Geschichte passiert ... Sie könnten mir einen großen Dienst erweisen.
S obat sch ki n. Sie haben nur zu befehlen. Für Sie bin ich zu allem
bereit: aber das wissen Sie ja selbst!
Mar i a A l ex andr o wna. Es handelt sich um folgendes: Mein Sohn hat
sich verliebt ... oder richtiger gesagt, es ist ihm eine wahnsinnige Idee in
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den Kopf gekommen ... nun, er ist ein junger Mensch ... mit einem Wort: er
ist in die Tochter dieses Odossimow verliebt.
S obat sch ki n. Verliebt? Aber er hat mir doch nichts davon erzählt?
Allerdings, wenn S i e es sagen, wird er wohl verliebt sein.
Mar i a Alex andr own a. Ich bitte Sie um einen großen Dienst, Andrej
Kondratjewitsch ... Ich weiß, Sie gefallen den Frauen.
S obat sch ki n. He he he! Woher wissen Sie das? Aber wirklich, denken
Sie sich nur: in der Fastnachtswoche haben sich sechs Kaufmannsfrauen ...
vielleicht glauben Sie, daß ich ihnen meinerseits irgendwie ... etwa den Hof
gemacht habe oder sonst was ... Ich schwöre Ihnen, nicht einmal angesehen
habe ich sie! Ja noch mehr! Kennen Sie diesen — wie heißt er nur gleich —
Jermolay? Jermolay ...? Mein Gott, Jermolay, der in der Litejnaja wohnte,
unweit der Kirotschnaja?
Mar i a A l ex andr own a. Ich kenne dort niemanden.
S obat sch ki n. Mein Gott, Jermolay Iwanowitsch, glaub ich — schlagen
Sie mich tot, aber ich habe den Familiennamen vergessen. Seine Frau ist
vor fünf Jahren in eine peinliche Geschichte verwickelt gewesen ... Sie
kennen sie doch? .. Silphida Petrowna?
Mar i a Al exan dr owna. Durchaus nicht. Ich kenne weder einen
Jermolay Iwanowitsch noch eine Silphida Petrowna.
S obat sch ki n. Mein Gott, der in der Nähe von Kuropatkin wohnte!
Mar i a A l ex andr own a. Ich kenne aber auch Ihren Kuropatkin nicht.
S obat sch ki n. Nun, Sie werden sich später daran erinnern. Also die
Tochter ist fürchterlich reich. Bis zu zweimalhunderttausend Rubel Mitgift
— ohne jeden Schwindel! Noch vor der Hochzeit soll man den
Lombardschein in den Händen haben ...
Mar i a A l ex andr owna. Nun, und Sie? Und da haben Sie sie nicht
geheiratet?
S obat sch ki n. Nein! Drei Tage lang lag der Vater vor mir auf den Knien
und flehte mich an. Die Tochter hat es nicht verwinden können und sitzt
jetzt im Kloster.
Mar i a A l ex andr own a. Und warum haben Sie sie nicht geheiratet?
S obat sch ki n. Mein Gott ... Ich sagte mir: der Vater ist
Branntweinpächter, und die Verwandtschaft — lauter hergelaufene Leute ...
Glauben Sie mir, später hat es mir wahrhaftig selbst leid getan. Bei Gott,
hol’s der Teufel! Wie diese Welt eingerichtet ist! Überall nichts wie
ist in die Tochter dieses Odossimow verliebt.
S obat sch ki n. Verliebt? Aber er hat mir doch nichts davon erzählt?
Allerdings, wenn S i e es sagen, wird er wohl verliebt sein.
Mar i a Alex andr own a. Ich bitte Sie um einen großen Dienst, Andrej
Kondratjewitsch ... Ich weiß, Sie gefallen den Frauen.
S obat sch ki n. He he he! Woher wissen Sie das? Aber wirklich, denken
Sie sich nur: in der Fastnachtswoche haben sich sechs Kaufmannsfrauen ...
vielleicht glauben Sie, daß ich ihnen meinerseits irgendwie ... etwa den Hof
gemacht habe oder sonst was ... Ich schwöre Ihnen, nicht einmal angesehen
habe ich sie! Ja noch mehr! Kennen Sie diesen — wie heißt er nur gleich —
Jermolay? Jermolay ...? Mein Gott, Jermolay, der in der Litejnaja wohnte,
unweit der Kirotschnaja?
Mar i a A l ex andr own a. Ich kenne dort niemanden.
S obat sch ki n. Mein Gott, Jermolay Iwanowitsch, glaub ich — schlagen
Sie mich tot, aber ich habe den Familiennamen vergessen. Seine Frau ist
vor fünf Jahren in eine peinliche Geschichte verwickelt gewesen ... Sie
kennen sie doch? .. Silphida Petrowna?
Mar i a Al exan dr owna. Durchaus nicht. Ich kenne weder einen
Jermolay Iwanowitsch noch eine Silphida Petrowna.
S obat sch ki n. Mein Gott, der in der Nähe von Kuropatkin wohnte!
Mar i a A l ex andr own a. Ich kenne aber auch Ihren Kuropatkin nicht.
S obat sch ki n. Nun, Sie werden sich später daran erinnern. Also die
Tochter ist fürchterlich reich. Bis zu zweimalhunderttausend Rubel Mitgift
— ohne jeden Schwindel! Noch vor der Hochzeit soll man den
Lombardschein in den Händen haben ...
Mar i a A l ex andr owna. Nun, und Sie? Und da haben Sie sie nicht
geheiratet?
S obat sch ki n. Nein! Drei Tage lang lag der Vater vor mir auf den Knien
und flehte mich an. Die Tochter hat es nicht verwinden können und sitzt
jetzt im Kloster.
Mar i a A l ex andr own a. Und warum haben Sie sie nicht geheiratet?
S obat sch ki n. Mein Gott ... Ich sagte mir: der Vater ist
Branntweinpächter, und die Verwandtschaft — lauter hergelaufene Leute ...
Glauben Sie mir, später hat es mir wahrhaftig selbst leid getan. Bei Gott,
hol’s der Teufel! Wie diese Welt eingerichtet ist! Überall nichts wie
Page 281
Konventionen und Rücksichten! Wie viele hat das schon zugrunde
gerichtet!
Mar i a Alex andr o wna. Und warum müssen Sie sich nach der Welt
richten? (Beiseite.) Wahrhaftig, jetzt glaubt jedes emporgekommene Insekt,
daß es ein Aristokrat ist. Der Mensch ist erst Titularrat, — und man höre
nur, wie er spricht!
S obat sch ki n. Nun ja, aber es ging nun einmal nicht, Maria
Alexandrowna, wirklich, es ging nicht ... Sie verstehen, da hätte man
gesagt: „Aha, weiß der Teufel, wen er geheiratet hat ...“ Allerdings
passieren mir fortwährend solche Geschichten. Manchmal habe ich wirklich
keine Schuld, von meiner Seite ist durchaus nichts geschehen, aber was soll
man machen? (Spricht leise vor sich hin.) Dann findet man, wenn die Newa
aufgeht, immer zwei bis drei ertrunkene Frauen — ich schweige lieber
davon, weil man sonst noch in allerlei Geschichten verwickelt wird ... Ja,
man liebt mich — und warum, frage ich? Man kann doch nicht sagen, daß
mein Gesicht so sehr ...
Mar i a Alex andr o wna. Hören Sie auf! Als ob Sie nicht selbst wüßten,
daß Sie ein schöner Mann sind.
S obat sch ki n (lächelt). Stellen Sie sich nur vor: schon als ich noch ein
Knabe war, ging keine an mir vorüber, ohne mich mit dem Finger am Kinn
zu fassen und zu sagen: „Oh, wie schön dieser Schelm ist!“
Mar i a Alex and r o wna (beiseite). Ich bitte! ... Von wegen der Schönheit
— das ist doch ein richtiger Mops! Und das bildet sich ein, daß es schön
sei! (Laut.) Nun, dann hören Sie, Andrej Kondratjewitsch, bei Ihrem Äußeren
wird das leicht zu machen sein. Mein Sohn ist bis zur Narrheit in das
Mädchen verliebt und redet sich ein, daß sie die wahrhafte Güte und
Unschuld ist. Wissen Sie, wäre es nun nicht möglich, ihm das Mädchen auf
irgendeine Art in einem anderen Lichte erscheinen zu lassen? Sie sozusagen
ein bißchen herabzusetzen? ... Wenn auch Sie keinen Eindruck auf sie
machen, so daß sie sich in Sie vergafft ...
S obat sch ki n. Seien Sie überzeugt, Maria Alexandrowna, streiten Sie
nicht! Sie wird es: ich lasse mir den Kopf abschlagen, wenn sie sich nicht in
mich verliebt. Oh, Maria Alexandrowna, lassen Sie mich Ihnen erzählen,
mir passierten schon andere Geschichten ... erst in diesen Tagen ...
Mar i a Al exan dr owna. Wie es auch enden mag — ob sie sich nun
vernarrt oder nicht: es ist nur notwendig, daß sich in der Stadt das Gerücht
verbreitet, Sie hätten ein Verhältnis mit ihr ... und daß mein Sohn es erfährt.
gerichtet!
Mar i a Alex andr o wna. Und warum müssen Sie sich nach der Welt
richten? (Beiseite.) Wahrhaftig, jetzt glaubt jedes emporgekommene Insekt,
daß es ein Aristokrat ist. Der Mensch ist erst Titularrat, — und man höre
nur, wie er spricht!
S obat sch ki n. Nun ja, aber es ging nun einmal nicht, Maria
Alexandrowna, wirklich, es ging nicht ... Sie verstehen, da hätte man
gesagt: „Aha, weiß der Teufel, wen er geheiratet hat ...“ Allerdings
passieren mir fortwährend solche Geschichten. Manchmal habe ich wirklich
keine Schuld, von meiner Seite ist durchaus nichts geschehen, aber was soll
man machen? (Spricht leise vor sich hin.) Dann findet man, wenn die Newa
aufgeht, immer zwei bis drei ertrunkene Frauen — ich schweige lieber
davon, weil man sonst noch in allerlei Geschichten verwickelt wird ... Ja,
man liebt mich — und warum, frage ich? Man kann doch nicht sagen, daß
mein Gesicht so sehr ...
Mar i a Alex andr o wna. Hören Sie auf! Als ob Sie nicht selbst wüßten,
daß Sie ein schöner Mann sind.
S obat sch ki n (lächelt). Stellen Sie sich nur vor: schon als ich noch ein
Knabe war, ging keine an mir vorüber, ohne mich mit dem Finger am Kinn
zu fassen und zu sagen: „Oh, wie schön dieser Schelm ist!“
Mar i a Alex and r o wna (beiseite). Ich bitte! ... Von wegen der Schönheit
— das ist doch ein richtiger Mops! Und das bildet sich ein, daß es schön
sei! (Laut.) Nun, dann hören Sie, Andrej Kondratjewitsch, bei Ihrem Äußeren
wird das leicht zu machen sein. Mein Sohn ist bis zur Narrheit in das
Mädchen verliebt und redet sich ein, daß sie die wahrhafte Güte und
Unschuld ist. Wissen Sie, wäre es nun nicht möglich, ihm das Mädchen auf
irgendeine Art in einem anderen Lichte erscheinen zu lassen? Sie sozusagen
ein bißchen herabzusetzen? ... Wenn auch Sie keinen Eindruck auf sie
machen, so daß sie sich in Sie vergafft ...
S obat sch ki n. Seien Sie überzeugt, Maria Alexandrowna, streiten Sie
nicht! Sie wird es: ich lasse mir den Kopf abschlagen, wenn sie sich nicht in
mich verliebt. Oh, Maria Alexandrowna, lassen Sie mich Ihnen erzählen,
mir passierten schon andere Geschichten ... erst in diesen Tagen ...
Mar i a Al exan dr owna. Wie es auch enden mag — ob sie sich nun
vernarrt oder nicht: es ist nur notwendig, daß sich in der Stadt das Gerücht
verbreitet, Sie hätten ein Verhältnis mit ihr ... und daß mein Sohn es erfährt.
Page 282
S obat sch ki n. Ihr Sohn?
Mar i a A l ex andr own a. Jawohl, mein Sohn.
S obat sch ki n. Hm.
Mar i a A l ex andr own a. Was — hm?
S obat sch ki n. Oh, nichts. Ich machte nur so: hm.
Mar i a Al exandr own a. Sie finden vielleicht, daß es zu schwierig für
Sie ist?
S obat sch ki n. Oh, nein, gar nicht. Aber diese Verliebten ... Sie glauben
gar nicht, zu welch sinnlosen Dingen und unpassenden Kindereien sie sich
hinreißen lassen: bald sind es Pistolen, bald ... weiß der Teufel, was. Nicht
etwa, daß mich das irgendwie ... aber wissen Sie, es schickt sich nicht in der
guten Gesellschaft.
Mar i a Al exand r owna. Oh! Was das betrifft, da seien Sie ganz ruhig.
Verlassen Sie sich nur auf mich — das werde ich schon nicht zulassen.
S obat sch ki n. Übrigens war das nur eine Nebenbemerkung. Glauben
Sie mir, Maria Alexandrowna, wenn es sich darum handelte, mein Leben
für Sie aufs Spiel zu setzen: bei Gott, ich würde es mit Vergnügen tun! Ich
liebe Sie so sehr, daß es mir, um die Wahrheit zu sagen, fast etwas peinlich
ist: sie mögen Gott weiß was glauben, und doch ist es nur tiefe Verehrung.
— Ach ja, ausgezeichnet, daß ich mich daran erinnere! Ich wollte Sie bitten,
Maria Alexandrowna, mir auf kurze Zeit zweitausend Rubel zu leihen. Weiß
der Teufel, was ich für ein idiotisches Gedächtnis habe! Als ich mich anzog,
habe ich immerfort daran gedacht: nur die Brieftasche nicht vergessen! Ich
lege sie absichtlich auf den Tisch, gerade vor meine Augen. Und nun hab’
ich alles mitgenommen, hab’ die Tabaksdose mitgenommen und ein zweites
Taschentuch — nur die Brieftasche ist auf dem Tisch liegen geblieben.
Mar i a Alex an d r owna (beiseite). Was soll ich mit ihm machen? Gebe
ich ihm das Geld, so wird er mich vollends auspressen, gebe ich’s ihm
nicht, so wird er in der ganzen Stadt solch einen Unsinn über mich
verbreiten, daß ich mein Gesicht nirgends sehen lassen kann. Das beste ist,
daß er noch behauptet, die Brieftasche vergessen zu haben! Die Brieftasche
hast du bei dir, das weiß ich genau, aber sie ist leer. Doch was soll ich
machen — man muß ihm das Geld geben. (Laut.) Bitte, Andrej
Kondratjewitsch, warten Sie hier, ich werde es Ihnen gleich bringen.
S obat sch ki n. Sehr schön, ich werde mich ein Weilchen hersetzen.
Mar i a A lex andr own a (während sie weggeht, beiseite). Ohne Geld wird der
Lump ja doch nichts machen.
Mar i a A l ex andr own a. Jawohl, mein Sohn.
S obat sch ki n. Hm.
Mar i a A l ex andr own a. Was — hm?
S obat sch ki n. Oh, nichts. Ich machte nur so: hm.
Mar i a Al exandr own a. Sie finden vielleicht, daß es zu schwierig für
Sie ist?
S obat sch ki n. Oh, nein, gar nicht. Aber diese Verliebten ... Sie glauben
gar nicht, zu welch sinnlosen Dingen und unpassenden Kindereien sie sich
hinreißen lassen: bald sind es Pistolen, bald ... weiß der Teufel, was. Nicht
etwa, daß mich das irgendwie ... aber wissen Sie, es schickt sich nicht in der
guten Gesellschaft.
Mar i a Al exand r owna. Oh! Was das betrifft, da seien Sie ganz ruhig.
Verlassen Sie sich nur auf mich — das werde ich schon nicht zulassen.
S obat sch ki n. Übrigens war das nur eine Nebenbemerkung. Glauben
Sie mir, Maria Alexandrowna, wenn es sich darum handelte, mein Leben
für Sie aufs Spiel zu setzen: bei Gott, ich würde es mit Vergnügen tun! Ich
liebe Sie so sehr, daß es mir, um die Wahrheit zu sagen, fast etwas peinlich
ist: sie mögen Gott weiß was glauben, und doch ist es nur tiefe Verehrung.
— Ach ja, ausgezeichnet, daß ich mich daran erinnere! Ich wollte Sie bitten,
Maria Alexandrowna, mir auf kurze Zeit zweitausend Rubel zu leihen. Weiß
der Teufel, was ich für ein idiotisches Gedächtnis habe! Als ich mich anzog,
habe ich immerfort daran gedacht: nur die Brieftasche nicht vergessen! Ich
lege sie absichtlich auf den Tisch, gerade vor meine Augen. Und nun hab’
ich alles mitgenommen, hab’ die Tabaksdose mitgenommen und ein zweites
Taschentuch — nur die Brieftasche ist auf dem Tisch liegen geblieben.
Mar i a Alex an d r owna (beiseite). Was soll ich mit ihm machen? Gebe
ich ihm das Geld, so wird er mich vollends auspressen, gebe ich’s ihm
nicht, so wird er in der ganzen Stadt solch einen Unsinn über mich
verbreiten, daß ich mein Gesicht nirgends sehen lassen kann. Das beste ist,
daß er noch behauptet, die Brieftasche vergessen zu haben! Die Brieftasche
hast du bei dir, das weiß ich genau, aber sie ist leer. Doch was soll ich
machen — man muß ihm das Geld geben. (Laut.) Bitte, Andrej
Kondratjewitsch, warten Sie hier, ich werde es Ihnen gleich bringen.
S obat sch ki n. Sehr schön, ich werde mich ein Weilchen hersetzen.
Mar i a A lex andr own a (während sie weggeht, beiseite). Ohne Geld wird der
Lump ja doch nichts machen.
Page 283
S obat sch ki n (allein). Diese Zweitausend kann ich gerade ausgezeichnet
gebrauchen. Meine Schulden werde ich davon allerdings nicht bezahlen:
der Schuster kann warten, der Schneider kann warten, und Anna Iwanowna
kann auch warten: sie wird natürlich wieder Lärm schlagen, aber was soll
ich machen? Ich kann doch nicht überall mit dem Gelde um mich werfen!
Sie hat an meiner Liebe genug, und was das Kleid betrifft — da lügt sie, das
hat sie! ... Ich werde es so machen: nächstens wird ein Fest stattfinden, und
wenn mein Wägelchen auch noch neu ist, so kennt es doch jeder und hat es
schon gesehen. Aber ich höre, daß Jochim soeben mit einem Wagen fertig
geworden ist, der ganz nach der letzten Mode gebaut ist und den er noch
niemandem gezeigt hat. Wenn ich diese Zweitausend noch zu meinem
Wagen hinzulege, so werde ich ihn sehr gut dafür eintauschen können. Ah,
wissen Sie, das wird Effekt machen! ... Auf dem ganzen Fest werden
höchstens ein oder zwei solche Wagen zu sehen sein. Überall wird man
dann von mir sprechen ... Inzwischen muß ich allerdings über Maria
Alexandrownas Auftrag nachdenken. Mir scheint, daß es das Vernünftigste
ist, wenn ich mit Liebesbriefen beginne. Wie, wenn ich etwa einen Brief in
ihrem Namen schriebe und ihn zufällig in seiner Gegenwart fallen ließe
oder ihn auf dem Tisch in seinem Zimmer vergesse? Gewiß, es kann allerlei
Böses dabei herauskommen. Nun und das wäre? Schlimmstenfalls kann es
Schläge geben ... Schläge tun natürlich weh, aber doch nicht so, daß man ...
Außerdem kann ich ja auch davonlaufen; und wenn es irgendwie gefährlich
wird — laufe ich geradezu in das Schlafzimmer Maria Alexandrownas und
zwar direkt unter ihr Bett. Mag er mich doch dort hervorholen! Die
Hauptsache ist, wie der Brief geschrieben werden muß! Ich kann in den Tod
keine Briefe schreiben: das ist mein Ende! Der Teufel weiß warum! Im
Gespräch könnte ich alles, scheint mir, sehr schön auseinandersetzen; aber
sowie ich die Feder anfasse, so ist es mir, als ob mir jemand eine Ohrfeige
gegeben hätte. Konfusion und nichts als Konfusion — ich kann die Hand
nicht bewegen, und alles ist aus ... Vielleicht geht’s so: Ich habe noch einige
Briefe, die vor kurzem an mich geschrieben worden sind; wenn ich einen
von den besseren aussuchte, den Namen wegradierte und einen andern an
seine Stelle setzte? Hm — das ist wirklich nicht übel? Bei Gott, ich werde
mal in meinen Taschen nachsehen, ob ich nicht einen finde, den ich
brauchen kann. (Nimmt ein paar Briefe aus der Tasche.) Zum Beispiel dieser! (Liest.)
„Ich bin Gottseidank gesund, aber ich werde krank vor Schmerz. Oder
haben Sie mich ganz vergessen, mein Herzchen? Iwan Danilowitsch hat Sie
gebrauchen. Meine Schulden werde ich davon allerdings nicht bezahlen:
der Schuster kann warten, der Schneider kann warten, und Anna Iwanowna
kann auch warten: sie wird natürlich wieder Lärm schlagen, aber was soll
ich machen? Ich kann doch nicht überall mit dem Gelde um mich werfen!
Sie hat an meiner Liebe genug, und was das Kleid betrifft — da lügt sie, das
hat sie! ... Ich werde es so machen: nächstens wird ein Fest stattfinden, und
wenn mein Wägelchen auch noch neu ist, so kennt es doch jeder und hat es
schon gesehen. Aber ich höre, daß Jochim soeben mit einem Wagen fertig
geworden ist, der ganz nach der letzten Mode gebaut ist und den er noch
niemandem gezeigt hat. Wenn ich diese Zweitausend noch zu meinem
Wagen hinzulege, so werde ich ihn sehr gut dafür eintauschen können. Ah,
wissen Sie, das wird Effekt machen! ... Auf dem ganzen Fest werden
höchstens ein oder zwei solche Wagen zu sehen sein. Überall wird man
dann von mir sprechen ... Inzwischen muß ich allerdings über Maria
Alexandrownas Auftrag nachdenken. Mir scheint, daß es das Vernünftigste
ist, wenn ich mit Liebesbriefen beginne. Wie, wenn ich etwa einen Brief in
ihrem Namen schriebe und ihn zufällig in seiner Gegenwart fallen ließe
oder ihn auf dem Tisch in seinem Zimmer vergesse? Gewiß, es kann allerlei
Böses dabei herauskommen. Nun und das wäre? Schlimmstenfalls kann es
Schläge geben ... Schläge tun natürlich weh, aber doch nicht so, daß man ...
Außerdem kann ich ja auch davonlaufen; und wenn es irgendwie gefährlich
wird — laufe ich geradezu in das Schlafzimmer Maria Alexandrownas und
zwar direkt unter ihr Bett. Mag er mich doch dort hervorholen! Die
Hauptsache ist, wie der Brief geschrieben werden muß! Ich kann in den Tod
keine Briefe schreiben: das ist mein Ende! Der Teufel weiß warum! Im
Gespräch könnte ich alles, scheint mir, sehr schön auseinandersetzen; aber
sowie ich die Feder anfasse, so ist es mir, als ob mir jemand eine Ohrfeige
gegeben hätte. Konfusion und nichts als Konfusion — ich kann die Hand
nicht bewegen, und alles ist aus ... Vielleicht geht’s so: Ich habe noch einige
Briefe, die vor kurzem an mich geschrieben worden sind; wenn ich einen
von den besseren aussuchte, den Namen wegradierte und einen andern an
seine Stelle setzte? Hm — das ist wirklich nicht übel? Bei Gott, ich werde
mal in meinen Taschen nachsehen, ob ich nicht einen finde, den ich
brauchen kann. (Nimmt ein paar Briefe aus der Tasche.) Zum Beispiel dieser! (Liest.)
„Ich bin Gottseidank gesund, aber ich werde krank vor Schmerz. Oder
haben Sie mich ganz vergessen, mein Herzchen? Iwan Danilowitsch hat Sie
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im Teater gesehen, mein Herzchen — ach, wären Sie doch zu mir
gekommen und hätten Sie mich durch Ihre heiteren Gespreche beruhigt.“
Hol’s der Teufel, ich glaube die Orthographie stimmt nicht. Nein, mit dem
läßt sich keine Falle legen, glaube ich. (Liest weiter.) „Ich habe ein
Strumpfband für Sie gestickt, mein Herzchen.“ Und jetzt wird sie zärtlich.
Etwas reichlich bukolisch und schmeckt nach Chateaubriand. Ah, hier ist
noch etwas, vielleicht findet sich etwas Besseres darunter! (Faltet einen Brief
auseinander, kneift ein Auge zu und bemüht sich, ihn zu entziffern.) „Lie-bens-wür-di-ger
Freund!“ Nein, das heißt nicht liebenswürdiger Freund: aber wie heißt es
denn nur? „Zärtlichster, Teuerster?“ Nein, auch nicht Teuerster, nein, nein.
(Liest.) „Lu-lu-lu-mp.“ Hm. (Beißt die Lippen zusammen.) „Wenn du verräterischer
Räuber meiner Unschuld, wenn du dem Krämer das Geld, das ich in der
Unerfahrenheit meiner Seele für dich geborgt habe, nicht bezahlst, werde
ich dich, du ekelhafte Fratze (das letzte Wort preßt er beinahe zwischen den Zähnen hervor)
... der Polizei anzeigen!“ Der Teufel soll sie holen, wahrhaftig, der Teufel
soll sie holen! Es steht doch wirklich garnichts in diesem Brief. Gewiß: man
kann alles sagen, aber man muß es doch anständig ausdrücken; in Worten,
die einen Menschen nicht verletzen. Nein, nein, ich sehe, alle diese Briefe
sind nicht geeignet. Man muß etwas Kräftiges suchen, etwas, worin etwas
wie Siedehitze, wie man zu sagen pflegt — zu spüren ist. Ah, hier, hier —
sehen wir uns mal das an! (Liest.) „Grausamer Tyrann meiner Seele!“ Aha,
das ist gut. „Laß dich durch mein Herzensschicksal rühren!“ Sehr edel! Bei
Gott, sehr edel! Da spürt man doch die Erziehung! Man sieht gleich, wie
sich jemand benimmt. So muß man schreiben: empfindsam und doch wird
der Mensch nicht beleidigt. Diesen Brief werde ich ihm zustecken. Weiter
brauche ich ja gar nicht erst zu lesen: ich weiß nur nicht, wie man den
Namen so ausradieren kann, daß nichts zu sehen ist. (Er blickt auf die Unterschrift.)
Aha, das ist schön! Es steht gar kein Name darunter! Ausgezeichnet! Das
kann ich unterschreiben! Nein, wie sich die Sache von selbst macht! — Und
dabei sagt man noch: das Äußere kommt nicht in Betracht! Wenn du nicht
hübsch wärst, so würde man sich nicht in dich verlieben, so würde man dir
keine Briefe schreiben, und hätte ich keine Briefe, so würde ich nicht
wissen, wie ich die Geschichte anfangen soll. (Tritt vor den Spiegel.) Heut hab’
ich mich noch ein bißchen gehen lassen: manchmal ist mir’s sogar, als ob
ich ein bedeutendes Gesicht habe ... Schade, daß meine Zähne schlecht
sind, sonst hätte ich die größte Ähnlichkeit mit Fürst Bagration. Ich weiß
nur nicht, wie ich mir den Backenbart stehen lassen soll: so, daß er
gekommen und hätten Sie mich durch Ihre heiteren Gespreche beruhigt.“
Hol’s der Teufel, ich glaube die Orthographie stimmt nicht. Nein, mit dem
läßt sich keine Falle legen, glaube ich. (Liest weiter.) „Ich habe ein
Strumpfband für Sie gestickt, mein Herzchen.“ Und jetzt wird sie zärtlich.
Etwas reichlich bukolisch und schmeckt nach Chateaubriand. Ah, hier ist
noch etwas, vielleicht findet sich etwas Besseres darunter! (Faltet einen Brief
auseinander, kneift ein Auge zu und bemüht sich, ihn zu entziffern.) „Lie-bens-wür-di-ger
Freund!“ Nein, das heißt nicht liebenswürdiger Freund: aber wie heißt es
denn nur? „Zärtlichster, Teuerster?“ Nein, auch nicht Teuerster, nein, nein.
(Liest.) „Lu-lu-lu-mp.“ Hm. (Beißt die Lippen zusammen.) „Wenn du verräterischer
Räuber meiner Unschuld, wenn du dem Krämer das Geld, das ich in der
Unerfahrenheit meiner Seele für dich geborgt habe, nicht bezahlst, werde
ich dich, du ekelhafte Fratze (das letzte Wort preßt er beinahe zwischen den Zähnen hervor)
... der Polizei anzeigen!“ Der Teufel soll sie holen, wahrhaftig, der Teufel
soll sie holen! Es steht doch wirklich garnichts in diesem Brief. Gewiß: man
kann alles sagen, aber man muß es doch anständig ausdrücken; in Worten,
die einen Menschen nicht verletzen. Nein, nein, ich sehe, alle diese Briefe
sind nicht geeignet. Man muß etwas Kräftiges suchen, etwas, worin etwas
wie Siedehitze, wie man zu sagen pflegt — zu spüren ist. Ah, hier, hier —
sehen wir uns mal das an! (Liest.) „Grausamer Tyrann meiner Seele!“ Aha,
das ist gut. „Laß dich durch mein Herzensschicksal rühren!“ Sehr edel! Bei
Gott, sehr edel! Da spürt man doch die Erziehung! Man sieht gleich, wie
sich jemand benimmt. So muß man schreiben: empfindsam und doch wird
der Mensch nicht beleidigt. Diesen Brief werde ich ihm zustecken. Weiter
brauche ich ja gar nicht erst zu lesen: ich weiß nur nicht, wie man den
Namen so ausradieren kann, daß nichts zu sehen ist. (Er blickt auf die Unterschrift.)
Aha, das ist schön! Es steht gar kein Name darunter! Ausgezeichnet! Das
kann ich unterschreiben! Nein, wie sich die Sache von selbst macht! — Und
dabei sagt man noch: das Äußere kommt nicht in Betracht! Wenn du nicht
hübsch wärst, so würde man sich nicht in dich verlieben, so würde man dir
keine Briefe schreiben, und hätte ich keine Briefe, so würde ich nicht
wissen, wie ich die Geschichte anfangen soll. (Tritt vor den Spiegel.) Heut hab’
ich mich noch ein bißchen gehen lassen: manchmal ist mir’s sogar, als ob
ich ein bedeutendes Gesicht habe ... Schade, daß meine Zähne schlecht
sind, sonst hätte ich die größte Ähnlichkeit mit Fürst Bagration. Ich weiß
nur nicht, wie ich mir den Backenbart stehen lassen soll: so, daß er
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ringsherum eine ausgesprochene Freese bildet — wie mit Tuch benäht, wie
man zu sagen pflegt — oder ob ich alles kahl abrasieren und mir nur unter
der Lippe etwas zulegen soll? Ah?
man zu sagen pflegt — oder ob ich alles kahl abrasieren und mir nur unter
der Lippe etwas zulegen soll? Ah?
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Nach dem Theater
(Epilog zu einer neuen Komödie.)
Deutsch von Alexandra Ramm
(Epilog zu einer neuen Komödie.)
Deutsch von Alexandra Ramm
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Der Vestibül des Theaters. Auf der einen Seite sieht man die Treppen, die zu den Logen und Gallerien
emporführen; in der Mitte das Entree zu den Fauteuils und den Balkons, auf der anderen Seite den
Ausgang. Man hört entferntes Applaudieren.
Der Au t or d es S t ück s[3] (tritt hinaus). Ich habe mich herausgewunden
wie aus einem Sumpf. Nun ist er endlich da, der Lärm und der Beifall! Das
ganze Theater dröhnt! Das ist der Ruhm. Gott, wie hätte mein Herz vor
sieben, acht Jahren geklopft! Wie hätte es mich emporgehoben! Aber das
liegt weit hinter mir. Damals war ich jung, kühn — wie ein Jüngling.
Gepriesen sei das Schicksal, das mich vor frühem Ruhm und Bewunderung
bewahrt hat. Aber jetzt ... Die besonnene Kühle des Alters macht jeden
weise. Endlich wird einem klar, daß der Beifall noch nicht viel bedeutet und
daß er alle zu belohnen bereit ist: ob es ein Schauspieler ist, der die
Geheimnisse der Seele und des menschlichen Herzens kennt, ein Tänzer,
dem es gelungen ist, mit den Füßen künstliche Verschlingungen zu bilden,
ein Gaukler — alle umtost der Beifall. Ob es der grübelnde Verstand, das
empfindende Herz, die tönende Tiefe der Seele, die kunstvoll bewegten
Füße oder die gewandt mit Gläsern spielenden Hände sind — auf sie alle
plätschert der Beifall herab. Nein, nicht Beifall wünsche ich mir jetzt: ich
wünschte in allen Logen zu sein, auf den Balkons, im Parkett, auf den
Gallerien — überall möchte ich sein und aller Meinungen und Eindrücke
hören, solange sie noch keusch und frisch sind und sich noch nicht der
Kritik der Kenner und Journalisten untergeordnet haben, solange jeder noch
unter der Wirkung seines eigenen Urteils steht. Ich muß es wissen: denn ich
bin ein Komödienschreiber. Alle anderen Werke und Kunstformen stehen
unter dem Urteil Weniger, und nur der Komödienschreiber unterliegt dem
Gericht Aller; jeder Zuschauer hat ein Anrecht auf ihn, und jeder Stand ist
über ihn Richter. Oh! Wie ich wünschte, daß mir jeder Einzelne alle
Unzulänglichkeiten und Fehler sagte! Mag er über mich lachen, mag
Mißgunst seine Worte leiten, Parteilichkeit, Empörung, Haß, alles — wenn
nur die wahre Meinung gesagt wird. Es ist nicht möglich, daß ein Wort ohne
Grund gesprochen wird, und aus allem kann ein Funke der Wahrheit
aufblitzen. Wer es wagt, andern die lächerlichen Seiten der Welt zu zeigen,
muß verständnisvoll die Hinweise auf seine eigenen Schwächen und
Lächerlichkeiten hinnehmen. Ich will es versuchen, ich bleibe hier im
Vorraum, während das Publikum das Theater verläßt. Es ist unmöglich, daß
man nicht über das neue Stück spricht: die Menschen sind lebhafter unter
emporführen; in der Mitte das Entree zu den Fauteuils und den Balkons, auf der anderen Seite den
Ausgang. Man hört entferntes Applaudieren.
Der Au t or d es S t ück s[3] (tritt hinaus). Ich habe mich herausgewunden
wie aus einem Sumpf. Nun ist er endlich da, der Lärm und der Beifall! Das
ganze Theater dröhnt! Das ist der Ruhm. Gott, wie hätte mein Herz vor
sieben, acht Jahren geklopft! Wie hätte es mich emporgehoben! Aber das
liegt weit hinter mir. Damals war ich jung, kühn — wie ein Jüngling.
Gepriesen sei das Schicksal, das mich vor frühem Ruhm und Bewunderung
bewahrt hat. Aber jetzt ... Die besonnene Kühle des Alters macht jeden
weise. Endlich wird einem klar, daß der Beifall noch nicht viel bedeutet und
daß er alle zu belohnen bereit ist: ob es ein Schauspieler ist, der die
Geheimnisse der Seele und des menschlichen Herzens kennt, ein Tänzer,
dem es gelungen ist, mit den Füßen künstliche Verschlingungen zu bilden,
ein Gaukler — alle umtost der Beifall. Ob es der grübelnde Verstand, das
empfindende Herz, die tönende Tiefe der Seele, die kunstvoll bewegten
Füße oder die gewandt mit Gläsern spielenden Hände sind — auf sie alle
plätschert der Beifall herab. Nein, nicht Beifall wünsche ich mir jetzt: ich
wünschte in allen Logen zu sein, auf den Balkons, im Parkett, auf den
Gallerien — überall möchte ich sein und aller Meinungen und Eindrücke
hören, solange sie noch keusch und frisch sind und sich noch nicht der
Kritik der Kenner und Journalisten untergeordnet haben, solange jeder noch
unter der Wirkung seines eigenen Urteils steht. Ich muß es wissen: denn ich
bin ein Komödienschreiber. Alle anderen Werke und Kunstformen stehen
unter dem Urteil Weniger, und nur der Komödienschreiber unterliegt dem
Gericht Aller; jeder Zuschauer hat ein Anrecht auf ihn, und jeder Stand ist
über ihn Richter. Oh! Wie ich wünschte, daß mir jeder Einzelne alle
Unzulänglichkeiten und Fehler sagte! Mag er über mich lachen, mag
Mißgunst seine Worte leiten, Parteilichkeit, Empörung, Haß, alles — wenn
nur die wahre Meinung gesagt wird. Es ist nicht möglich, daß ein Wort ohne
Grund gesprochen wird, und aus allem kann ein Funke der Wahrheit
aufblitzen. Wer es wagt, andern die lächerlichen Seiten der Welt zu zeigen,
muß verständnisvoll die Hinweise auf seine eigenen Schwächen und
Lächerlichkeiten hinnehmen. Ich will es versuchen, ich bleibe hier im
Vorraum, während das Publikum das Theater verläßt. Es ist unmöglich, daß
man nicht über das neue Stück spricht: die Menschen sind lebhafter unter
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der Wirkung des ersten Eindrucks und wollen ihre Meinungen austauschen.
(Tritt zur Seite.)
Es erscheinen ei ni ge gu tgek lei d ete Her r n (der eine spricht zum andern).
Gehen wir lieber gleich, es wird nur noch ein unbedeutendes Vaudeville
gespielt. (Beide entfernen sich.)
(Zwei Elegants von stattlichem Äußeren kommen die Treppe herab.)
Der er st e E leg ant. Es wäre gut, wenn die Polizei meinen Wagen nicht
zu weit zurückgetrieben hätte. — Weißt du nicht, wie diese junge
Schauspielerin heißt?
Der ander e E legan t. Nein. Aber sie ist nicht übel.
Der er ste E l egant. Sicher, nicht übel. Aber es fehlt ihr etwas ... Ich
empfehle dir übrigens ein neues Restaurant, gestern hat man uns frische
grüne Erbsen serviert. (Küßt sich die Fingerspitzen.) Entzückend! (Beide entfernen sich.)
E in O ff i zier (läuft herein, ein anderer hält ihn am Arm fest).
Der ander e Off i zier. Bleiben wir doch.
Der er ste Off i zi er. Nein, Brüderchen, zum Vaudeville wird mich
nichts verlocken. Ah, wir kennen diese Stücke, die als Nachspeise serviert
werden. Lakaien statt Schauspieler, und die Weiber — ein Ungetüm über
das andere! (Sie entfernen sich.)
E in Welt m an n (stutzerhaft gekleidet, kommt die Treppe herunter). Ein Spitzbube,
dieser Schneider. Er hat mir die Beinkleider so eng gemacht, daß ich die
ganze Zeit vor Unbequemlichkeit kaum sitzen konnte. Dafür gedenke ich
ihn noch etwas hinzuziehen und ihm die nächsten zwei Jährchen nichts zu
bezahlen. (Er entfernt sich.)
E in ander er Welt m ann (etwas beleibter, er spricht lebhaft zum andern). Niemals,
niemals, glaube es mir, wird er sich mit dir zum Spielen hinsetzen. Weniger
als hundertfünfzig Rubel den Robber spielt er nicht. Ich weiß es genau, weil
mein Schwager Pafnutiew jeden Tag mit ihm spielt.
Der Au t or d es S t ückes (für sich). Und noch immer kein Wort über die
Komödie!
E in B eam t er (in mittleren Jahren, kommt mit ausgestreckten Händen heraus). Das ist
ja einfach — weiß der Teufel, was! ... So ein! ... So ein! ... Das ist doch
unerhört! (Er entfernt sich.)
E in H er r (der sich um die Literatur nur wenig kümmert, wendet sich zu einem andern).
Das ist doch eine Übersetzung, nicht wahr?
Der ander e. Aber ich bitte Sie, eine Übersetzung! Das Stück spielt doch
in Rußland, es sind unsere Sitten, sogar unsere Titel.
(Tritt zur Seite.)
Es erscheinen ei ni ge gu tgek lei d ete Her r n (der eine spricht zum andern).
Gehen wir lieber gleich, es wird nur noch ein unbedeutendes Vaudeville
gespielt. (Beide entfernen sich.)
(Zwei Elegants von stattlichem Äußeren kommen die Treppe herab.)
Der er st e E leg ant. Es wäre gut, wenn die Polizei meinen Wagen nicht
zu weit zurückgetrieben hätte. — Weißt du nicht, wie diese junge
Schauspielerin heißt?
Der ander e E legan t. Nein. Aber sie ist nicht übel.
Der er ste E l egant. Sicher, nicht übel. Aber es fehlt ihr etwas ... Ich
empfehle dir übrigens ein neues Restaurant, gestern hat man uns frische
grüne Erbsen serviert. (Küßt sich die Fingerspitzen.) Entzückend! (Beide entfernen sich.)
E in O ff i zier (läuft herein, ein anderer hält ihn am Arm fest).
Der ander e Off i zier. Bleiben wir doch.
Der er ste Off i zi er. Nein, Brüderchen, zum Vaudeville wird mich
nichts verlocken. Ah, wir kennen diese Stücke, die als Nachspeise serviert
werden. Lakaien statt Schauspieler, und die Weiber — ein Ungetüm über
das andere! (Sie entfernen sich.)
E in Welt m an n (stutzerhaft gekleidet, kommt die Treppe herunter). Ein Spitzbube,
dieser Schneider. Er hat mir die Beinkleider so eng gemacht, daß ich die
ganze Zeit vor Unbequemlichkeit kaum sitzen konnte. Dafür gedenke ich
ihn noch etwas hinzuziehen und ihm die nächsten zwei Jährchen nichts zu
bezahlen. (Er entfernt sich.)
E in ander er Welt m ann (etwas beleibter, er spricht lebhaft zum andern). Niemals,
niemals, glaube es mir, wird er sich mit dir zum Spielen hinsetzen. Weniger
als hundertfünfzig Rubel den Robber spielt er nicht. Ich weiß es genau, weil
mein Schwager Pafnutiew jeden Tag mit ihm spielt.
Der Au t or d es S t ückes (für sich). Und noch immer kein Wort über die
Komödie!
E in B eam t er (in mittleren Jahren, kommt mit ausgestreckten Händen heraus). Das ist
ja einfach — weiß der Teufel, was! ... So ein! ... So ein! ... Das ist doch
unerhört! (Er entfernt sich.)
E in H er r (der sich um die Literatur nur wenig kümmert, wendet sich zu einem andern).
Das ist doch eine Übersetzung, nicht wahr?
Der ander e. Aber ich bitte Sie, eine Übersetzung! Das Stück spielt doch
in Rußland, es sind unsere Sitten, sogar unsere Titel.
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Der H er r (den die Literatur wenig kümmert). Ich erinnere mich an etwas
Französisches ... wenn es auch nicht ganz in dieser Art war. (Beide entfernen
sich.)
Der ei ne v on zwei Z uschauer n (die sich auch hinausbegeben). Jetzt kann
man noch nichts wissen. Warte ab, was die Zeitungen sagen, dann wirst du
es erfahren.
Z wei P ekesch en (die eine zu der andern). Nun, und Sie? Ich möchte Ihre
Meinung über die Komödie hören.
Di e ander e P ek esche (macht mit den Lippen eine bedeutsame Bewegung). Gewiß,
natürlich, man kann nicht sagen, daß es daran ... fehlte ... sie ist in ihrer Art
... Natürlich, wer behauptet denn, daß es wiederum nicht ... und wo ist denn
sozusagen ... übrigens aber ... (Drückt wie zur Bekräftigung die Lippen zusammen.) Ja,
ja. (Gehen ab.)
Der Aut o r (für sich). Nun, diese haben bisher noch nicht viel gesagt.
Übrigens, es wird noch viel herumgestritten werden: Vorne sehe ich heftig
gestikulierende Leute.
Z wei Off i zier e.
Der ein e. Ich habe noch nie so gelacht.
Der ander e. Ich meine: eine ausgezeichnete Komödie.
Der ei ne. Nun, nun, wir wollen doch abwarten, was die Zeitungen
sagen werden: erst muß sie dem Urteil der Kritik unterzogen werden ...
Schau, schau! (Stößt ihn am Arm.)
Der ander e. Was?
Der ei ne (zeigt mit dem Finger auf einen von zwei die Treppe herunterkommenden Herren).
Ein Literat!
Der ander e (eilig). Wer?
Der ein e. Dieser da! St! Wir wollen hören, was sie sagen werden.
Der ander e. Und wer ist der andere neben ihm?
Der ein e. Ich weiß nicht, ein unbekannter Herr. (Beide Offiziere treten zur
Seite, um den Herunterkommenden Platz zu machen.)
Der un b ek annt e Her r. Ich kann über die literarischen Qualitäten
nicht urteilen: aber mir scheint, sie enthält geistreiche Bemerkungen.
Witzig, witzig!
Der L i ter at. Aber ich bitte Sie, was ist hier Geistreiches? Was für ein
gewöhnliches Volk hier vorgeführt wird! Und was für ein Ton! Die Späße
sind flach; einfach schmierig!
Französisches ... wenn es auch nicht ganz in dieser Art war. (Beide entfernen
sich.)
Der ei ne v on zwei Z uschauer n (die sich auch hinausbegeben). Jetzt kann
man noch nichts wissen. Warte ab, was die Zeitungen sagen, dann wirst du
es erfahren.
Z wei P ekesch en (die eine zu der andern). Nun, und Sie? Ich möchte Ihre
Meinung über die Komödie hören.
Di e ander e P ek esche (macht mit den Lippen eine bedeutsame Bewegung). Gewiß,
natürlich, man kann nicht sagen, daß es daran ... fehlte ... sie ist in ihrer Art
... Natürlich, wer behauptet denn, daß es wiederum nicht ... und wo ist denn
sozusagen ... übrigens aber ... (Drückt wie zur Bekräftigung die Lippen zusammen.) Ja,
ja. (Gehen ab.)
Der Aut o r (für sich). Nun, diese haben bisher noch nicht viel gesagt.
Übrigens, es wird noch viel herumgestritten werden: Vorne sehe ich heftig
gestikulierende Leute.
Z wei Off i zier e.
Der ein e. Ich habe noch nie so gelacht.
Der ander e. Ich meine: eine ausgezeichnete Komödie.
Der ei ne. Nun, nun, wir wollen doch abwarten, was die Zeitungen
sagen werden: erst muß sie dem Urteil der Kritik unterzogen werden ...
Schau, schau! (Stößt ihn am Arm.)
Der ander e. Was?
Der ei ne (zeigt mit dem Finger auf einen von zwei die Treppe herunterkommenden Herren).
Ein Literat!
Der ander e (eilig). Wer?
Der ein e. Dieser da! St! Wir wollen hören, was sie sagen werden.
Der ander e. Und wer ist der andere neben ihm?
Der ein e. Ich weiß nicht, ein unbekannter Herr. (Beide Offiziere treten zur
Seite, um den Herunterkommenden Platz zu machen.)
Der un b ek annt e Her r. Ich kann über die literarischen Qualitäten
nicht urteilen: aber mir scheint, sie enthält geistreiche Bemerkungen.
Witzig, witzig!
Der L i ter at. Aber ich bitte Sie, was ist hier Geistreiches? Was für ein
gewöhnliches Volk hier vorgeführt wird! Und was für ein Ton! Die Späße
sind flach; einfach schmierig!
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Der un b ekannt e Her r. Aha, das ist eine andere Sache. Ich sage eben:
in bezug auf die literarischen Qualitäten habe ich kein Urteil; ich habe nur
bemerkt, daß das Stück komisch ist und unterhält.
Der L it er at. Aber es ist auch nicht komisch. Ich bitte Sie, was ist hier
komisch, und worin liegt der Genuß? Das Sujet: unmöglich! Alles Unsinn;
kein Auftakt, keine Handlung, keine Struktur.
Der u nbek ann t e Her r. Nun ja, dagegen sage ich ja gar nichts. In
literarischer Beziehung ist es schon so; in literarischer Beziehung ist sie
nicht komisch, aber vom Standpunkt eines sozusagen Außenstehenden hat
sie ...
Der L it er at. Ja, was hat sie? Ich bitte Sie, sie hat auch das nicht! Was
für eine Konversation! Wer spricht so in der besseren Gesellschaft? Nun
sagen Sie doch selbst, sprechen wir so miteinander?
Der u n bek ann t e Her r. Das ist allerdings wahr. Das haben Sie sehr
fein bemerkt. Darüber habe ich eben auch selbst nachgedacht: in der
Konversation ist keine Vornehmheit. Es scheint, daß alle Personen ihre
niedrige Natur nicht verbergen können — das ist wahr.
Der L i t er at. Nun — und Sie loben noch!
Der u nbek ann t e Her r. Wer lobt? Ich lobe doch nicht! Ich sehe es jetzt
selbst ein, daß das ganze Stück Unsinn ist. Aber mit einemmal kann man
das doch nicht einsehen, in literarischer Beziehung habe ich kein Urteil.
(Beide entfernen sich.)
E in and er er L it er at (kommt mit zwei Zuschauern, mit denen er unter heftigen
Gestikulationen spricht). Glauben Sie mir, ich kenne die Sache schon. Ein
abscheuliches Stück! Ein schmutziges, ein schmutziges Stück! Kein
einziger wirklicher Mensch, lauter Karikaturen! In der Natur gibt es so
etwas nicht, glauben Sie mir, ich weiß das besser: ich bin selbst
Schriftsteller. Man behauptet, es enthält Frische, Beobachtung ... aber das
ist ja alles Unsinn! Das sind alles Freunde, Freunde, die es loben — alles
Freunde! Ich habe schon gehört, man hat ihn neben die Von Wisins gestellt,
und das Stück ist einfach nicht wert, eine Komödie zu heißen. Eine Farce,
nichts als eine Farce, und keine gelungene Farce. Der schlechteste, leerste
Schwank von Kotzebue ist im Vergleich mit ihr — ein Montblanc gegen
einen Pulkowoberg. Ich werde Ihnen das alles beweisen, mathematisch
beweisen — wie, daß zweimalzwei gleich vier ist. Die Freunde und
Kameraden haben ihn so über alle Maßen gelobt, daß er wohl nun selbst
glaubt, daß ihm nicht mehr viel zum Shakespeare fehlt. Bei uns übertreiben
in bezug auf die literarischen Qualitäten habe ich kein Urteil; ich habe nur
bemerkt, daß das Stück komisch ist und unterhält.
Der L it er at. Aber es ist auch nicht komisch. Ich bitte Sie, was ist hier
komisch, und worin liegt der Genuß? Das Sujet: unmöglich! Alles Unsinn;
kein Auftakt, keine Handlung, keine Struktur.
Der u nbek ann t e Her r. Nun ja, dagegen sage ich ja gar nichts. In
literarischer Beziehung ist es schon so; in literarischer Beziehung ist sie
nicht komisch, aber vom Standpunkt eines sozusagen Außenstehenden hat
sie ...
Der L it er at. Ja, was hat sie? Ich bitte Sie, sie hat auch das nicht! Was
für eine Konversation! Wer spricht so in der besseren Gesellschaft? Nun
sagen Sie doch selbst, sprechen wir so miteinander?
Der u n bek ann t e Her r. Das ist allerdings wahr. Das haben Sie sehr
fein bemerkt. Darüber habe ich eben auch selbst nachgedacht: in der
Konversation ist keine Vornehmheit. Es scheint, daß alle Personen ihre
niedrige Natur nicht verbergen können — das ist wahr.
Der L i t er at. Nun — und Sie loben noch!
Der u nbek ann t e Her r. Wer lobt? Ich lobe doch nicht! Ich sehe es jetzt
selbst ein, daß das ganze Stück Unsinn ist. Aber mit einemmal kann man
das doch nicht einsehen, in literarischer Beziehung habe ich kein Urteil.
(Beide entfernen sich.)
E in and er er L it er at (kommt mit zwei Zuschauern, mit denen er unter heftigen
Gestikulationen spricht). Glauben Sie mir, ich kenne die Sache schon. Ein
abscheuliches Stück! Ein schmutziges, ein schmutziges Stück! Kein
einziger wirklicher Mensch, lauter Karikaturen! In der Natur gibt es so
etwas nicht, glauben Sie mir, ich weiß das besser: ich bin selbst
Schriftsteller. Man behauptet, es enthält Frische, Beobachtung ... aber das
ist ja alles Unsinn! Das sind alles Freunde, Freunde, die es loben — alles
Freunde! Ich habe schon gehört, man hat ihn neben die Von Wisins gestellt,
und das Stück ist einfach nicht wert, eine Komödie zu heißen. Eine Farce,
nichts als eine Farce, und keine gelungene Farce. Der schlechteste, leerste
Schwank von Kotzebue ist im Vergleich mit ihr — ein Montblanc gegen
einen Pulkowoberg. Ich werde Ihnen das alles beweisen, mathematisch
beweisen — wie, daß zweimalzwei gleich vier ist. Die Freunde und
Kameraden haben ihn so über alle Maßen gelobt, daß er wohl nun selbst
glaubt, daß ihm nicht mehr viel zum Shakespeare fehlt. Bei uns übertreiben
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ja die Freunde immer. Zum Beispiel auch Puschkin! Warum spricht jetzt
ganz Rußland von ihm? — Alles nur die Freunde: sie haben geschrien und
geschrien, und nach ihnen hat auch ganz Rußland zu schreien begonnen.
(Entfernt sich mit den Zuschauern.)
Di e b eid en O ff i zi er e (treten hervor und nehmen ihre vorigen Plätze ein).
Der er st e. Das ist richtig, vollständig richtig: nichts als eine Farce; ich
habe es schon früher gesagt, eine dumme Farce, die nur durch die Freunde
gehalten wird. Ich muß gestehen, manches war geradezu ekelhaft
anzuschauen.
Der ander e. Aber du sagtest doch, daß du nie so gelacht hättest!
Der er st e. Ah, das ist wieder eine andere Sache. Du verstehst mich
nicht, man muß dir das auseinandersetzen. Was ist denn das für ein Stück?
Erstens keine Exposition, auch keine Handlung, absolut keine
Kombinationen; lauter Unmöglichkeiten — und dazu lauter Karikaturen ...
Z wei an d er e i m Hin terg r unde.
Der eine (zum andern). Wer kritisiert da? Scheinbar einer von den
Unseren.
Der ander e (schaut dem Sprechenden von der Seite ins Gesicht und macht eine
Handbewegung).
Der er st e. Was? Ist er dumm?
Der and er e. Nein, das nicht. Verstand hat er schon — doch erst nach
dem Erscheinen der Zeitschrift, allein verspätet sie sich — ist so nichts in
seinem Kopfe. Aber gehen wir doch. (Sie entfernen sich.)
(Zwei Kunstliebhaber.)
Der er st e. Ich gehöre durchaus nicht zu denen, die immer nur zu
Worten greifen, wie schmutzig, ekelhaft, schlechter Ton und ähnliches. Das
ist doch eine fast bewiesene Sache, daß solche Worte meist aus dem Munde
solcher kommen, deren Ton selbst zweifelhaft ist; sie sprechen vom Salon
und werden nur im Vorzimmer empfangen. Aber von denen ist ja nicht die
Rede. Ich spreche davon, daß das Stück keine Exposition hat.
Der an d er e. Ja, wenn man die Exposition in dem Sinne nimmt, wie sie
gewöhnlich genommen wird, d. h. im Sinne einer Liebesintrige, so ist sie
wirklich nicht vorhanden. Aber es scheint mir, daß es Zeit ist, mit der
ewigen Berufung auf diese Exposition aufzuhören. Man muß nur scharf um
sich blicken. Alles hat sich in der Welt längst geändert. Jetzt wird ein Drama
durch das Bestreben der Helden exponiert, sich eine vorteilhafte Stellung zu
erobern, zu glänzen, einen andern um jeden Preis in den Schatten zu stellen,
ganz Rußland von ihm? — Alles nur die Freunde: sie haben geschrien und
geschrien, und nach ihnen hat auch ganz Rußland zu schreien begonnen.
(Entfernt sich mit den Zuschauern.)
Di e b eid en O ff i zi er e (treten hervor und nehmen ihre vorigen Plätze ein).
Der er st e. Das ist richtig, vollständig richtig: nichts als eine Farce; ich
habe es schon früher gesagt, eine dumme Farce, die nur durch die Freunde
gehalten wird. Ich muß gestehen, manches war geradezu ekelhaft
anzuschauen.
Der ander e. Aber du sagtest doch, daß du nie so gelacht hättest!
Der er st e. Ah, das ist wieder eine andere Sache. Du verstehst mich
nicht, man muß dir das auseinandersetzen. Was ist denn das für ein Stück?
Erstens keine Exposition, auch keine Handlung, absolut keine
Kombinationen; lauter Unmöglichkeiten — und dazu lauter Karikaturen ...
Z wei an d er e i m Hin terg r unde.
Der eine (zum andern). Wer kritisiert da? Scheinbar einer von den
Unseren.
Der ander e (schaut dem Sprechenden von der Seite ins Gesicht und macht eine
Handbewegung).
Der er st e. Was? Ist er dumm?
Der and er e. Nein, das nicht. Verstand hat er schon — doch erst nach
dem Erscheinen der Zeitschrift, allein verspätet sie sich — ist so nichts in
seinem Kopfe. Aber gehen wir doch. (Sie entfernen sich.)
(Zwei Kunstliebhaber.)
Der er st e. Ich gehöre durchaus nicht zu denen, die immer nur zu
Worten greifen, wie schmutzig, ekelhaft, schlechter Ton und ähnliches. Das
ist doch eine fast bewiesene Sache, daß solche Worte meist aus dem Munde
solcher kommen, deren Ton selbst zweifelhaft ist; sie sprechen vom Salon
und werden nur im Vorzimmer empfangen. Aber von denen ist ja nicht die
Rede. Ich spreche davon, daß das Stück keine Exposition hat.
Der an d er e. Ja, wenn man die Exposition in dem Sinne nimmt, wie sie
gewöhnlich genommen wird, d. h. im Sinne einer Liebesintrige, so ist sie
wirklich nicht vorhanden. Aber es scheint mir, daß es Zeit ist, mit der
ewigen Berufung auf diese Exposition aufzuhören. Man muß nur scharf um
sich blicken. Alles hat sich in der Welt längst geändert. Jetzt wird ein Drama
durch das Bestreben der Helden exponiert, sich eine vorteilhafte Stellung zu
erobern, zu glänzen, einen andern um jeden Preis in den Schatten zu stellen,
Page 292
Rache für eine Mißachtung, für eine Verhöhnung zu nehmen. Elektrisiert
ein Amt, ein Kapital, eine vorteilhafte Heirat nicht mehr als die Liebe?
Der er st e. Das ist ja alles sehr gut; aber auch unter diesem
Gesichtspunkt finde ich keine Exposition in dem Stücke.
Der an der e. Ich will jetzt nicht untersuchen, ob es in diesem Stück eine
Exposition gibt oder nicht. Ich will nur sagen, daß man jetzt nur auf
Einzelheiten achtet und die allgemeine Exposition überhaupt nicht sieht.
Die Menschen sind einfach an diese unvermeidlichen Liebespaare gewöhnt,
ohne deren Heirat kein Stück schließen kann. Gewiß ist auch das eine
Exposition: aber was für eine! Ein Knoten im Zipfel eines Taschentuchs.
Nein, eine Komödie muß sich selbst knüpfen — und zwar mit ihrer ganzen
Masse, zu einem großen allgemeinen Knoten. Diese Exposition muß alle
Personen umfassen, nicht nur eine oder zwei; muß berühren, was alle
handelnden Personen mehr oder weniger tief ergreift. Hier ist jeder der
Held: der Fluß, der Gang des Stückes bewirkt eine Erschütterung der
ganzen Maschinerie. Kein einziges Rad darf stehen bleiben, als wäre es
verrostet oder gehörte nicht zur Sache.
Der er st e. Aber es kann doch nicht jeder der Held sein. Einer oder zwei
müssen doch die andern leiten.
Der and er e. Doch nicht leiten, sondern hervorragen. Auch in der
Maschine bewegen sich bestimmte Räder bemerkbarer und stärker. Und
man kann sie höchstens die Haupträder nennen; aber gelenkt wird das Stück
durch eine Idee, durch einen Gedanken: ohne sie gibt es keine Einheit. Und
exponieren kann alles: selbst das Entsetzen, die Angst der Erwartung, das
ferne Gewitter des herannahenden Gesetzes ...
Der er ste. Aber das heißt schon, der Komödie eine allgemeine
Bedeutung zu geben.
Der and er e. Ja ist denn das nicht ihre wahre und wirkliche Bedeutung?
Schon von Beginn an war die Komödie eine öffentliche Angelegenheit des
Volkes. Zumindest stellte sie sich so bei ihrem Vater Aristophanes dar.
Später wurde sie in den Engpaß privater Beziehungen gedrängt, das Auf
und Ab der Liebe wurde hineingetragen, immer dieselbe unvermeidliche
Exposition. Und wie schwach ist sie deshalb selbst bei den besten
Komödiendichtern! Wie nichtig sind diese Theaterliebhaber mit ihrer
papierenen Liebe!
E in d r i t ter (tritt heran und klopft ihm leicht auf die Schulter). Du hast unrecht. Die
Liebe kann ebenso wie jedes andere Gefühl Ingredienz einer Komödie sein.
ein Amt, ein Kapital, eine vorteilhafte Heirat nicht mehr als die Liebe?
Der er st e. Das ist ja alles sehr gut; aber auch unter diesem
Gesichtspunkt finde ich keine Exposition in dem Stücke.
Der an der e. Ich will jetzt nicht untersuchen, ob es in diesem Stück eine
Exposition gibt oder nicht. Ich will nur sagen, daß man jetzt nur auf
Einzelheiten achtet und die allgemeine Exposition überhaupt nicht sieht.
Die Menschen sind einfach an diese unvermeidlichen Liebespaare gewöhnt,
ohne deren Heirat kein Stück schließen kann. Gewiß ist auch das eine
Exposition: aber was für eine! Ein Knoten im Zipfel eines Taschentuchs.
Nein, eine Komödie muß sich selbst knüpfen — und zwar mit ihrer ganzen
Masse, zu einem großen allgemeinen Knoten. Diese Exposition muß alle
Personen umfassen, nicht nur eine oder zwei; muß berühren, was alle
handelnden Personen mehr oder weniger tief ergreift. Hier ist jeder der
Held: der Fluß, der Gang des Stückes bewirkt eine Erschütterung der
ganzen Maschinerie. Kein einziges Rad darf stehen bleiben, als wäre es
verrostet oder gehörte nicht zur Sache.
Der er st e. Aber es kann doch nicht jeder der Held sein. Einer oder zwei
müssen doch die andern leiten.
Der and er e. Doch nicht leiten, sondern hervorragen. Auch in der
Maschine bewegen sich bestimmte Räder bemerkbarer und stärker. Und
man kann sie höchstens die Haupträder nennen; aber gelenkt wird das Stück
durch eine Idee, durch einen Gedanken: ohne sie gibt es keine Einheit. Und
exponieren kann alles: selbst das Entsetzen, die Angst der Erwartung, das
ferne Gewitter des herannahenden Gesetzes ...
Der er ste. Aber das heißt schon, der Komödie eine allgemeine
Bedeutung zu geben.
Der and er e. Ja ist denn das nicht ihre wahre und wirkliche Bedeutung?
Schon von Beginn an war die Komödie eine öffentliche Angelegenheit des
Volkes. Zumindest stellte sie sich so bei ihrem Vater Aristophanes dar.
Später wurde sie in den Engpaß privater Beziehungen gedrängt, das Auf
und Ab der Liebe wurde hineingetragen, immer dieselbe unvermeidliche
Exposition. Und wie schwach ist sie deshalb selbst bei den besten
Komödiendichtern! Wie nichtig sind diese Theaterliebhaber mit ihrer
papierenen Liebe!
E in d r i t ter (tritt heran und klopft ihm leicht auf die Schulter). Du hast unrecht. Die
Liebe kann ebenso wie jedes andere Gefühl Ingredienz einer Komödie sein.
Page 293
Der and er e. Ich sage ja auch gar nicht, daß sie es nicht sein kann. Aber
die Liebe kann, wie andere erhabenere Gefühle, nur dann einen erhebenden
Eindruck machen, wenn sie in ihrer ganzen Tiefe entwickelt wird. Hat man
einmal begonnen, sie darzustellen, muß man alles andere aufopfern; alles,
was eben den Charakter der Komödie ausmacht, verblaßt dann, und die
Bedeutung der Komödie als Angelegenheit der Gesellschaft verschwindet.
Der dr it t e. Also muß der Gegenstand der Komödie unbedingt etwas
Niedriges sein? Die Komödie ist also immer ein untergeordnetes Genre?
Der and er e. Für den, der nur auf die Worte achtet und nicht den Sinn zu
begreifen sucht, wird es so sein. Kann das Positive wie das Negative nicht
der gleichen Absicht dienen? Können die Komödie und die Tragödie nicht
den gleichen hohen Gedanken ausdrücken? Die seelischen Schwingungen
eines schurkischen und ehrlosen Menschen, die gröbsten wie die feinsten,
— zeichnen sie nicht schon das Bild eines ehrenhaften Mannes? Verraten
denn nicht die Anhäufung von Niedrigkeiten, von Verletzungen der Gesetze
und der Gerechtigkeit deutlich, was Gesetz, Pflicht und Gerechtigkeit von
uns fordert? In den Händen eines geschickten Arztes heilen das heiße wie
das kalte Wasser mit gleichem Erfolge dieselben Krankheiten. In der Hand
des Talents kann alles ein Mittel des Schönen werden, wenn es nur durch
die hohe Absicht, dem Schönen zu dienen, geleitet wird.
E in v i er ter (tritt hinzu). Was kann dem Schönen dienen und worüber
streitet ihr?
Der er st e. Der Streit entstand bei uns über die Komödie. Wir sprechen
allgemein von der Komödie, über die neue Komödie hat noch keiner ein
Wort gesagt. Und was haben Sie zu bemerken?
Der v ier t e. Ich möchte folgendes bemerken: man spürt das Talent,
Beobachtung des Lebens, viel Lächerliches, Richtiges, der Natur
Abgelauschtes, aber ganz allgemein: dem Stück fehlt etwas. Man sieht
weder eine Intrige noch eine Auflösung. Es ist doch merkwürdig, daß alle
unsere Komödiendichter nicht ohne die Regierung auskommen können.
Ohne sie schließt bei ihnen keine Komödie.
Der d r i tt e. Das ist wahr. Aber übrigens, es ist andererseits sehr
natürlich. Wir haben doch alle mit der Regierung zu tun, wir stehen ja fast
alle in ihrem Dienst; unser aller Interessen sind mehr oder weniger mit der
Regierung verknüpft. Es ist also nicht verwunderlich, wenn sich das in den
Schöpfungen unserer Dichter spiegelt.
die Liebe kann, wie andere erhabenere Gefühle, nur dann einen erhebenden
Eindruck machen, wenn sie in ihrer ganzen Tiefe entwickelt wird. Hat man
einmal begonnen, sie darzustellen, muß man alles andere aufopfern; alles,
was eben den Charakter der Komödie ausmacht, verblaßt dann, und die
Bedeutung der Komödie als Angelegenheit der Gesellschaft verschwindet.
Der dr it t e. Also muß der Gegenstand der Komödie unbedingt etwas
Niedriges sein? Die Komödie ist also immer ein untergeordnetes Genre?
Der and er e. Für den, der nur auf die Worte achtet und nicht den Sinn zu
begreifen sucht, wird es so sein. Kann das Positive wie das Negative nicht
der gleichen Absicht dienen? Können die Komödie und die Tragödie nicht
den gleichen hohen Gedanken ausdrücken? Die seelischen Schwingungen
eines schurkischen und ehrlosen Menschen, die gröbsten wie die feinsten,
— zeichnen sie nicht schon das Bild eines ehrenhaften Mannes? Verraten
denn nicht die Anhäufung von Niedrigkeiten, von Verletzungen der Gesetze
und der Gerechtigkeit deutlich, was Gesetz, Pflicht und Gerechtigkeit von
uns fordert? In den Händen eines geschickten Arztes heilen das heiße wie
das kalte Wasser mit gleichem Erfolge dieselben Krankheiten. In der Hand
des Talents kann alles ein Mittel des Schönen werden, wenn es nur durch
die hohe Absicht, dem Schönen zu dienen, geleitet wird.
E in v i er ter (tritt hinzu). Was kann dem Schönen dienen und worüber
streitet ihr?
Der er st e. Der Streit entstand bei uns über die Komödie. Wir sprechen
allgemein von der Komödie, über die neue Komödie hat noch keiner ein
Wort gesagt. Und was haben Sie zu bemerken?
Der v ier t e. Ich möchte folgendes bemerken: man spürt das Talent,
Beobachtung des Lebens, viel Lächerliches, Richtiges, der Natur
Abgelauschtes, aber ganz allgemein: dem Stück fehlt etwas. Man sieht
weder eine Intrige noch eine Auflösung. Es ist doch merkwürdig, daß alle
unsere Komödiendichter nicht ohne die Regierung auskommen können.
Ohne sie schließt bei ihnen keine Komödie.
Der d r i tt e. Das ist wahr. Aber übrigens, es ist andererseits sehr
natürlich. Wir haben doch alle mit der Regierung zu tun, wir stehen ja fast
alle in ihrem Dienst; unser aller Interessen sind mehr oder weniger mit der
Regierung verknüpft. Es ist also nicht verwunderlich, wenn sich das in den
Schöpfungen unserer Dichter spiegelt.
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Der v ier te. Richtig. Mag diese Beziehung auch spürbar sein, so ist es
doch lächerlich, daß ein Stück keinesfalls ohne die Regierung auskommen
kann. Sie muß unbedingt erscheinen: wie das unentrinnbare Schicksal in
den Tragödien der Alten.
Der ander e. Nun sehen Sie: es ist also beinahe etwas Unwillkürliches
bei unseren Komödiendichtern. Und das bildet also ein charakteristisches
Merkmal unserer Komödie. Unsere Seele enthält irgendeinen geheimen
Glauben an die Regierung. Nun? Dabei ist doch nichts Schlimmes: Gott
gebe, daß die Regierung immer und überall von ihrer Bestimmung, die
Vertreterin der Vorsehung auf Erden zu sein, zu hören bekommt. Und daß
wir daran glauben, so wie die Alten geglaubt haben, daß das Verbrechen
vom Schicksal ereilt wird.
Der f ün f t e. Guten Abend, meine Herren. Ich höre nur immer das eine
Wort „Regierung“. Die Komödie hat Lärm und Streit entfesselt ...
Der zwei t e. Wollen wir diesen Zank und Lärm nicht lieber bei mir
austragen, als in diesem Theatervorraum. (Sie entfernen sich.)
(Einige würdige und anständig gekleidete Herren erscheinen einer nach dem andern.)
E r st er H er r. So, so, ich sehe: es ist wahr, es gibt so etwas bei uns, aber
es kommt auch anderswo vor, und noch Schlimmeres; aber zu welchem
Zwecke, wozu so etwas darstellen? — Das ist die Frage. Warum diese
Vorstellungen? Was für einen Nutzen bringen sie? — Erklären Sie mir das!
Was nützt es mir, zu wissen, daß es da und dort Schelme gibt? Ich ... ich
verstehe einfach die Notwendigkeit solcher Vorführungen nicht. (Er entfernt
sich.)
Z weit er Her r. Nein, das ist doch keine Verhöhnung der Laster, das ist
doch eine widerwärtige Verhöhnung Rußlands. — Das ist die Sache. Das
heißt, die Regierung selbst in ein schlechtes Licht stellen, denn schlechte
Beamte und Übergriffe, die in allen Ständen vorkommen, bloßstellen,
bedeutet die Regierung selbst kompromittieren. Man sollte solche
Vorstellungen nicht erlauben. (Er entfernt sich.)
(Herr A. und Herr B. treten ein, Männer von nicht geringem Rang.)
Her r A. Ich spreche nicht davon; im Gegenteil, Mißbräuche muß man
uns zeigen; das ist notwendig, daß wir unsere Vergehen sehen; und ich teile
nicht im geringsten die Meinung vieler allzu stark erregter Patrioten; aber
mich dünkt, daß hier zu viel Trauriges vorkommt ...
doch lächerlich, daß ein Stück keinesfalls ohne die Regierung auskommen
kann. Sie muß unbedingt erscheinen: wie das unentrinnbare Schicksal in
den Tragödien der Alten.
Der ander e. Nun sehen Sie: es ist also beinahe etwas Unwillkürliches
bei unseren Komödiendichtern. Und das bildet also ein charakteristisches
Merkmal unserer Komödie. Unsere Seele enthält irgendeinen geheimen
Glauben an die Regierung. Nun? Dabei ist doch nichts Schlimmes: Gott
gebe, daß die Regierung immer und überall von ihrer Bestimmung, die
Vertreterin der Vorsehung auf Erden zu sein, zu hören bekommt. Und daß
wir daran glauben, so wie die Alten geglaubt haben, daß das Verbrechen
vom Schicksal ereilt wird.
Der f ün f t e. Guten Abend, meine Herren. Ich höre nur immer das eine
Wort „Regierung“. Die Komödie hat Lärm und Streit entfesselt ...
Der zwei t e. Wollen wir diesen Zank und Lärm nicht lieber bei mir
austragen, als in diesem Theatervorraum. (Sie entfernen sich.)
(Einige würdige und anständig gekleidete Herren erscheinen einer nach dem andern.)
E r st er H er r. So, so, ich sehe: es ist wahr, es gibt so etwas bei uns, aber
es kommt auch anderswo vor, und noch Schlimmeres; aber zu welchem
Zwecke, wozu so etwas darstellen? — Das ist die Frage. Warum diese
Vorstellungen? Was für einen Nutzen bringen sie? — Erklären Sie mir das!
Was nützt es mir, zu wissen, daß es da und dort Schelme gibt? Ich ... ich
verstehe einfach die Notwendigkeit solcher Vorführungen nicht. (Er entfernt
sich.)
Z weit er Her r. Nein, das ist doch keine Verhöhnung der Laster, das ist
doch eine widerwärtige Verhöhnung Rußlands. — Das ist die Sache. Das
heißt, die Regierung selbst in ein schlechtes Licht stellen, denn schlechte
Beamte und Übergriffe, die in allen Ständen vorkommen, bloßstellen,
bedeutet die Regierung selbst kompromittieren. Man sollte solche
Vorstellungen nicht erlauben. (Er entfernt sich.)
(Herr A. und Herr B. treten ein, Männer von nicht geringem Rang.)
Her r A. Ich spreche nicht davon; im Gegenteil, Mißbräuche muß man
uns zeigen; das ist notwendig, daß wir unsere Vergehen sehen; und ich teile
nicht im geringsten die Meinung vieler allzu stark erregter Patrioten; aber
mich dünkt, daß hier zu viel Trauriges vorkommt ...
Page 295
Her r B. Ich wünschte sehr, daß Sie die Meinung eines sehr bescheiden
angezogenen Herrn gehört hätten, der neben mir im Sessel saß ... Ach, da ist
er ja selbst.
Her r A. Wer?
Her r B. Eben dieser sehr bescheiden angezogene Herr. (Wendet sich zu ihm.)
Wir haben unser Gespräch nicht beendet, dessen Anfang mir sehr
interessant war.
Der seh r besch ei den angezo gene H er r. Auch ich muß gestehen,
daß ich sehr froh bin, die Unterhaltung fortsetzen zu können. Ich habe
soeben allerlei Diskussionen gehört, zum Beispiel: daß das alles nicht wahr
sei, daß es eine Verhöhnung unserer Regierung, unserer Sitten sei und daß
das alles gar nicht vorgeführt werden dürfe. Das zwang mich, das ganze
Stück noch einmal durchzudenken und in Gedanken zu überschauen. Und
ich muß gestehen, daß mir der Gehalt der Komödie noch bedeutender
erschien. Mir scheint, das Lachen trifft hier am stärksten und tiefsten die
Heuchelei, die wohlanständige Maske, unter der Niedrigkeit und Schurkerei
erscheinen, den Schelm, der sich hinter dem Äußeren eines ehrbaren
Mannes verbirgt. Ich muß gestehen, ich empfand Freude, als ich sah, wie
lächerlich die ehrbaren Worte im Munde eines Schurken klingen, und wie
ungeheuer lächerlich wurde allen vom Parkett bis zum Olymp diese von
ihm angenommene Maske. Und danach gibt es noch Menschen, die
behaupten, daß man so etwas nicht auf der Bühne vorführen sollte! Ich
vernahm eine Bemerkung, die ein, wie mir schien, sehr achtbarer Herr
gemacht hatte: „Und was wird das Volk sagen, wenn es sieht, daß bei uns
solche Übergriffe vorkommen?“
Her r A. Ich muß gestehen, entschuldigen Sie, daß mir selbst auch diese
Frage aufgetaucht ist: und was wird unser Volk sagen, wenn es dies alles
sieht?
Der sehr besch ei den ang ezo gene Her r. Was das Volk sagen wird?
(Geht zur Seite, zwei Männer in Armjaks gehen vorüber.)
Der bl aue Ar m jak (zum grauen). Frech waren die Woiwoden, aber sie
erblaßten doch, als das Zarengericht begann! (Beide gehen hinaus.)
Der seh r b escheid en an gez ogen e Her r. Das wird das Volk sagen!
Haben Sie gehört?
Her r A. Was?
Der sehr besch ei den an gezog ene Her r. Es wird sagen: „Frech
waren die Woiwoden, aber sie erblaßten doch, als das Zarengericht
angezogenen Herrn gehört hätten, der neben mir im Sessel saß ... Ach, da ist
er ja selbst.
Her r A. Wer?
Her r B. Eben dieser sehr bescheiden angezogene Herr. (Wendet sich zu ihm.)
Wir haben unser Gespräch nicht beendet, dessen Anfang mir sehr
interessant war.
Der seh r besch ei den angezo gene H er r. Auch ich muß gestehen,
daß ich sehr froh bin, die Unterhaltung fortsetzen zu können. Ich habe
soeben allerlei Diskussionen gehört, zum Beispiel: daß das alles nicht wahr
sei, daß es eine Verhöhnung unserer Regierung, unserer Sitten sei und daß
das alles gar nicht vorgeführt werden dürfe. Das zwang mich, das ganze
Stück noch einmal durchzudenken und in Gedanken zu überschauen. Und
ich muß gestehen, daß mir der Gehalt der Komödie noch bedeutender
erschien. Mir scheint, das Lachen trifft hier am stärksten und tiefsten die
Heuchelei, die wohlanständige Maske, unter der Niedrigkeit und Schurkerei
erscheinen, den Schelm, der sich hinter dem Äußeren eines ehrbaren
Mannes verbirgt. Ich muß gestehen, ich empfand Freude, als ich sah, wie
lächerlich die ehrbaren Worte im Munde eines Schurken klingen, und wie
ungeheuer lächerlich wurde allen vom Parkett bis zum Olymp diese von
ihm angenommene Maske. Und danach gibt es noch Menschen, die
behaupten, daß man so etwas nicht auf der Bühne vorführen sollte! Ich
vernahm eine Bemerkung, die ein, wie mir schien, sehr achtbarer Herr
gemacht hatte: „Und was wird das Volk sagen, wenn es sieht, daß bei uns
solche Übergriffe vorkommen?“
Her r A. Ich muß gestehen, entschuldigen Sie, daß mir selbst auch diese
Frage aufgetaucht ist: und was wird unser Volk sagen, wenn es dies alles
sieht?
Der sehr besch ei den ang ezo gene Her r. Was das Volk sagen wird?
(Geht zur Seite, zwei Männer in Armjaks gehen vorüber.)
Der bl aue Ar m jak (zum grauen). Frech waren die Woiwoden, aber sie
erblaßten doch, als das Zarengericht begann! (Beide gehen hinaus.)
Der seh r b escheid en an gez ogen e Her r. Das wird das Volk sagen!
Haben Sie gehört?
Her r A. Was?
Der sehr besch ei den an gezog ene Her r. Es wird sagen: „Frech
waren die Woiwoden, aber sie erblaßten doch, als das Zarengericht
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begann!“ Haben Sie gehört, wie sicher der Instinkt und das Gefühl des
Menschen sind? Wie treu das einfache Auge sieht, wenn es nicht von
Theorien und Gedanken verschleiert ist, die aus Büchern herausgezupft
sind; sondern alles aus der menschlichen Natur schöpft? Ist es denn nicht
ganz offensichtlich, daß nach so einer Vorstellung das Volk mehr Glauben
an die Regierung bekommt? Ja, es braucht solche Aufführungen! Es soll die
Regierung von ihren schlechten Vertretern trennen lernen. Es soll sehen,
daß die Übergriffe nicht von der Regierung aus geschehen, sondern von
denen, die ihre Forderungen nicht verstehen. Die der Regierung gegenüber
keine Verantwortung auf sich nehmen wollen. Es soll sehen, daß sie edel
denkt, daß sie mit wachem Auge alle gleich behütet, daß sie früher oder
später die Verräter des Gesetzes, der Ehre und der heiligen Pflicht der
Menschheit herausfinden wird, daß die, die kein reines Gewissen haben, vor
ihr erblassen werden. Ja, es muß diese Vorstellungen sehen; glauben Sie
mir, wenn es einmal am eigenen Leibe die Schikanen und
Ungerechtigkeiten erfahren sollte, wird es getröstet, mit einem festen
Glauben an das stets wache höhere Gesetz aus dieser Vorstellung
hinausgehen. Auch noch eine andere Bemerkung gefiel mir: „Das Volk wird
eine schlechte Meinung von seinen Beamten bekommen.“ Das heißt, man
glaubt, daß das Volk hier im Theater zum ersten Male seine Vorgesetzten
kennen lernt: wenn ihm zu Hause irgendein schurkischer Amtmann den Fuß
auf den Nacken setzt, so wird es dies nicht bemerken, aber wenn es ins
Theater geht, dann erst gehen ihm die Augen auf. Man hält unser Volk
wirklich für dümmer als einen Klotz — für so dumm, daß es nicht imstande
ist, zu unterscheiden, ob ein Kuchen mit Fleisch oder mit Brei gefüllt ist.
Nein, jetzt scheint es mir sogar gut, daß auf der Bühne kein einziger
ehrlicher Mensch vorgeführt wurde. Der Mensch ist so eitel: zeige ihm
unter vielen schlechten Eigenschaften nur eine gute, und er wird stolz aus
dem Theater gehen. Nein, es ist gut, daß nur Ausnahmefälle und lasterhafte
Menschen dargestellt sind, die so in die Augen fallen, daß man nicht ihr
Mitbürger zu sein wünscht, daß man sich zu gestehen schämt, daß es so
etwas überhaupt gibt.
Her r A. Aber gibt es denn bei uns wirklich solche Menschen, genau
solche?
Der sehr b escheiden angezogene H er r. Gestatten Sie mir, Ihnen
darauf folgendes zu antworten: ich weiß nicht, warum ich jedesmal traurig
werde, wenn ich eine solche Frage höre. Ich kann offen mit Ihnen sprechen,
Menschen sind? Wie treu das einfache Auge sieht, wenn es nicht von
Theorien und Gedanken verschleiert ist, die aus Büchern herausgezupft
sind; sondern alles aus der menschlichen Natur schöpft? Ist es denn nicht
ganz offensichtlich, daß nach so einer Vorstellung das Volk mehr Glauben
an die Regierung bekommt? Ja, es braucht solche Aufführungen! Es soll die
Regierung von ihren schlechten Vertretern trennen lernen. Es soll sehen,
daß die Übergriffe nicht von der Regierung aus geschehen, sondern von
denen, die ihre Forderungen nicht verstehen. Die der Regierung gegenüber
keine Verantwortung auf sich nehmen wollen. Es soll sehen, daß sie edel
denkt, daß sie mit wachem Auge alle gleich behütet, daß sie früher oder
später die Verräter des Gesetzes, der Ehre und der heiligen Pflicht der
Menschheit herausfinden wird, daß die, die kein reines Gewissen haben, vor
ihr erblassen werden. Ja, es muß diese Vorstellungen sehen; glauben Sie
mir, wenn es einmal am eigenen Leibe die Schikanen und
Ungerechtigkeiten erfahren sollte, wird es getröstet, mit einem festen
Glauben an das stets wache höhere Gesetz aus dieser Vorstellung
hinausgehen. Auch noch eine andere Bemerkung gefiel mir: „Das Volk wird
eine schlechte Meinung von seinen Beamten bekommen.“ Das heißt, man
glaubt, daß das Volk hier im Theater zum ersten Male seine Vorgesetzten
kennen lernt: wenn ihm zu Hause irgendein schurkischer Amtmann den Fuß
auf den Nacken setzt, so wird es dies nicht bemerken, aber wenn es ins
Theater geht, dann erst gehen ihm die Augen auf. Man hält unser Volk
wirklich für dümmer als einen Klotz — für so dumm, daß es nicht imstande
ist, zu unterscheiden, ob ein Kuchen mit Fleisch oder mit Brei gefüllt ist.
Nein, jetzt scheint es mir sogar gut, daß auf der Bühne kein einziger
ehrlicher Mensch vorgeführt wurde. Der Mensch ist so eitel: zeige ihm
unter vielen schlechten Eigenschaften nur eine gute, und er wird stolz aus
dem Theater gehen. Nein, es ist gut, daß nur Ausnahmefälle und lasterhafte
Menschen dargestellt sind, die so in die Augen fallen, daß man nicht ihr
Mitbürger zu sein wünscht, daß man sich zu gestehen schämt, daß es so
etwas überhaupt gibt.
Her r A. Aber gibt es denn bei uns wirklich solche Menschen, genau
solche?
Der sehr b escheiden angezogene H er r. Gestatten Sie mir, Ihnen
darauf folgendes zu antworten: ich weiß nicht, warum ich jedesmal traurig
werde, wenn ich eine solche Frage höre. Ich kann offen mit Ihnen sprechen,
Page 297
in Ihren Zügen sehe ich etwas, das mich zur Aufrichtigkeit auffordert. Der
Mensch stellt zu allererst diese Frage: „Gibt es denn wirklich solche
Menschen?“ Aber hat man je gehört, daß einer diese Frage gestellt hätte:
„Bin ich denn selbst ganz frei von diesen Lastern?“ Niemals, niemals! Noch
eins — ich will ja offen mit Ihnen reden. — Ich habe ein gutes Herz und
viel Liebe in meiner Brust, aber wenn Sie wüßten, wieviel seelische
Anstrengungen und Erschütterungen es mich gekostet hat, um nicht in viele
Laster zu verfallen, in die man unwillkürlich gerät, wenn man mit den
Menschen zusammenlebt! Und wie kann ich jetzt sagen, daß in mir selbst,
in diesem Augenblick, sich nicht die gleichen Neigungen regen, über die
alle vor zehn Minuten gelacht haben, über die ich selbst gelacht habe?
Her r A. (nach kurzem Schweigen). Ich muß gestehen, Ihre Worte zwingen
mich zum Nachdenken. Und wenn ich mich erinnere, wenn ich mir
vorstelle, wie stolz uns unsere europäische Erziehung gemacht hat, wie sie
uns überhaupt vor uns selbst verborgen hat, wie hochmütig und mit welcher
Verachtung wir auf jene sehen, die diesen äußeren Schliff nicht empfangen
haben, wie jeder von uns sich fast als Heiligen hinstellt, und von dem
Schlechten immer in dritter Person spricht — ich muß gestehen, dann wird
mir traurig zumute ... Aber verzeihen Sie meine Unbescheidenheit — Sie
sind übrigens selbst schuld daran — darf ich wissen, mit wem ich das
Vergnügen zu sprechen habe?
Der seh r besch ei den an gezo gene H er r. Ich bin nicht mehr und
nicht weniger als einer jener Beamten und nehme eine Stellung ein, deren
Träger in der Komödie vorgeführt werden; und ich bin erst vorgestern aus
meinem Städtchen hier angekommen.
Her r B. Das hätte ich kaum geglaubt. Und scheint es Ihnen nach
alledem nicht peinlich, mit solchen Menschen zu dienen und zusammen zu
leben?
Der seh r b escheid en angezogene H er r. Peinlich? Darauf möchte
ich Ihnen folgendes antworten: ich gestehe, daß ich oft die Geduld verloren
habe. In unserem Städtchen gehören nicht alle Beamten zu dem ehrlichen
Dutzend, oft muß man die Wände hinaufklettern, um eine gute Tat
durchzusetzen, schon mehrere Male wollte ich den Dienst quittieren; aber
jetzt, eben nach dieser Vorstellung, fühle ich eine Frische und zugleich neue
Kraft, um meine Tätigkeit fortzusetzen. Mich tröstet schon der Gedanke,
daß die Gemeinheit bei uns nicht verborgen bleibt oder gar gefördert wird.
Daß sie dort, im Angesicht aller ehrlichen Menschen vom Lachen getroffen
Mensch stellt zu allererst diese Frage: „Gibt es denn wirklich solche
Menschen?“ Aber hat man je gehört, daß einer diese Frage gestellt hätte:
„Bin ich denn selbst ganz frei von diesen Lastern?“ Niemals, niemals! Noch
eins — ich will ja offen mit Ihnen reden. — Ich habe ein gutes Herz und
viel Liebe in meiner Brust, aber wenn Sie wüßten, wieviel seelische
Anstrengungen und Erschütterungen es mich gekostet hat, um nicht in viele
Laster zu verfallen, in die man unwillkürlich gerät, wenn man mit den
Menschen zusammenlebt! Und wie kann ich jetzt sagen, daß in mir selbst,
in diesem Augenblick, sich nicht die gleichen Neigungen regen, über die
alle vor zehn Minuten gelacht haben, über die ich selbst gelacht habe?
Her r A. (nach kurzem Schweigen). Ich muß gestehen, Ihre Worte zwingen
mich zum Nachdenken. Und wenn ich mich erinnere, wenn ich mir
vorstelle, wie stolz uns unsere europäische Erziehung gemacht hat, wie sie
uns überhaupt vor uns selbst verborgen hat, wie hochmütig und mit welcher
Verachtung wir auf jene sehen, die diesen äußeren Schliff nicht empfangen
haben, wie jeder von uns sich fast als Heiligen hinstellt, und von dem
Schlechten immer in dritter Person spricht — ich muß gestehen, dann wird
mir traurig zumute ... Aber verzeihen Sie meine Unbescheidenheit — Sie
sind übrigens selbst schuld daran — darf ich wissen, mit wem ich das
Vergnügen zu sprechen habe?
Der seh r besch ei den an gezo gene H er r. Ich bin nicht mehr und
nicht weniger als einer jener Beamten und nehme eine Stellung ein, deren
Träger in der Komödie vorgeführt werden; und ich bin erst vorgestern aus
meinem Städtchen hier angekommen.
Her r B. Das hätte ich kaum geglaubt. Und scheint es Ihnen nach
alledem nicht peinlich, mit solchen Menschen zu dienen und zusammen zu
leben?
Der seh r b escheid en angezogene H er r. Peinlich? Darauf möchte
ich Ihnen folgendes antworten: ich gestehe, daß ich oft die Geduld verloren
habe. In unserem Städtchen gehören nicht alle Beamten zu dem ehrlichen
Dutzend, oft muß man die Wände hinaufklettern, um eine gute Tat
durchzusetzen, schon mehrere Male wollte ich den Dienst quittieren; aber
jetzt, eben nach dieser Vorstellung, fühle ich eine Frische und zugleich neue
Kraft, um meine Tätigkeit fortzusetzen. Mich tröstet schon der Gedanke,
daß die Gemeinheit bei uns nicht verborgen bleibt oder gar gefördert wird.
Daß sie dort, im Angesicht aller ehrlichen Menschen vom Lachen getroffen
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wird; daß es eine Feder gibt, die es nicht unterläßt, unsere niedrigen Taten
bloßzustellen, wenn dies auch unserem nationalen Stolze nicht schmeichelt,
und daß es bei uns eine gute Regierung gibt, die es gestattet, dies all denen
vor Augen zu führen, für die es bestimmt ist; und schon das allein gibt mir
den Mut, meinen nutzbringenden Dienst fortzusetzen.
Her r A. Erlauben Sie mir, Ihnen einen Vorschlag zu machen. Ich
bekleide ein Amt, ein ziemlich hohes Amt. Ich brauche wahrhaft
edeldenkende und ehrliche Mitarbeiter. Ich biete Ihnen eine Stellung an, in
der Sie ein weites Feld für Ihre Tätigkeit finden werden, die Ihnen
unvergleichlich mehr Vorteile bieten wird und wo Sie an einer achtbaren
Stelle stehen werden.
Der sehr b escheiden angezogene H er r. Gestatten Sie mir, Ihnen
von ganzem Herzen und ganzer Seele für Ihr Anerbieten zu danken. Und
erlauben Sie mir zugleich, es abzulehnen. Wenn ich fühle, daß ich in meiner
Stellung nützlich sein kann, wäre es dann anständig von mir, sie zu
verlassen? Und wie kann ich sie verlassen, wo ich nicht fest überzeugt bin,
daß nach mir nicht irgend ein Kerl kommen wird, der ein
Schreckensregiment beginnt. Wenn Sie aber das Anerbieten als Belohnung
gedacht haben, so gestatten Sie mir Ihnen folgendes zu sagen: Ich habe wie
alle andern dem Dichter des Stückes applaudiert, aber ich habe ihn nicht
hervorgerufen. Was für eine Belohnung käme ihm zu? Wem das Stück
gefällt, der mag es loben, aber er — er hat nur seine Pflicht erfüllt. Wir sind
wahrhaftig so weit gekommen, daß einer sich nicht nur um einer Heldentat
willen, sondern schon wenn er einem andern im Leben oder im Dienst nicht
schadet, für einen Gott weiß wie edlen Menschen hält, und ernsthaft
beleidigt ist, wenn man dies nicht bemerkt und ihn nicht dafür belohnt.
„Aber ich bitte,“ schreit er, „ich war Zeit meines Lebens ein ehrlicher
Mensch, ich habe kaum eine Niederträchtigkeit begangen, — warum gibt
man mir kein Amt, keine Orden?“ Ich dagegen denke so: wer nicht ohne
Aufmunterung anständig sein kann — an dessen Anstand glaube ich nicht;
sein Krämeranstand ist keinen Heller wert!
Her r A. Zumindest werden Sie mir doch Ihre nähere Bekanntschaft
nicht versagen: verzeihen Sie meine Zudringlichkeit. Sie sehen ja selbst,
daß sie die Folge meiner aufrichtigen Hochachtung ist. Geben Sie mir Ihre
Adresse.
Der seh r b esch ei den an gezog ene Her r. Hier ist meine Adresse.
Aber seien Sie überzeugt, ich werde nicht zulassen, daß Sie von ihr
bloßzustellen, wenn dies auch unserem nationalen Stolze nicht schmeichelt,
und daß es bei uns eine gute Regierung gibt, die es gestattet, dies all denen
vor Augen zu führen, für die es bestimmt ist; und schon das allein gibt mir
den Mut, meinen nutzbringenden Dienst fortzusetzen.
Her r A. Erlauben Sie mir, Ihnen einen Vorschlag zu machen. Ich
bekleide ein Amt, ein ziemlich hohes Amt. Ich brauche wahrhaft
edeldenkende und ehrliche Mitarbeiter. Ich biete Ihnen eine Stellung an, in
der Sie ein weites Feld für Ihre Tätigkeit finden werden, die Ihnen
unvergleichlich mehr Vorteile bieten wird und wo Sie an einer achtbaren
Stelle stehen werden.
Der sehr b escheiden angezogene H er r. Gestatten Sie mir, Ihnen
von ganzem Herzen und ganzer Seele für Ihr Anerbieten zu danken. Und
erlauben Sie mir zugleich, es abzulehnen. Wenn ich fühle, daß ich in meiner
Stellung nützlich sein kann, wäre es dann anständig von mir, sie zu
verlassen? Und wie kann ich sie verlassen, wo ich nicht fest überzeugt bin,
daß nach mir nicht irgend ein Kerl kommen wird, der ein
Schreckensregiment beginnt. Wenn Sie aber das Anerbieten als Belohnung
gedacht haben, so gestatten Sie mir Ihnen folgendes zu sagen: Ich habe wie
alle andern dem Dichter des Stückes applaudiert, aber ich habe ihn nicht
hervorgerufen. Was für eine Belohnung käme ihm zu? Wem das Stück
gefällt, der mag es loben, aber er — er hat nur seine Pflicht erfüllt. Wir sind
wahrhaftig so weit gekommen, daß einer sich nicht nur um einer Heldentat
willen, sondern schon wenn er einem andern im Leben oder im Dienst nicht
schadet, für einen Gott weiß wie edlen Menschen hält, und ernsthaft
beleidigt ist, wenn man dies nicht bemerkt und ihn nicht dafür belohnt.
„Aber ich bitte,“ schreit er, „ich war Zeit meines Lebens ein ehrlicher
Mensch, ich habe kaum eine Niederträchtigkeit begangen, — warum gibt
man mir kein Amt, keine Orden?“ Ich dagegen denke so: wer nicht ohne
Aufmunterung anständig sein kann — an dessen Anstand glaube ich nicht;
sein Krämeranstand ist keinen Heller wert!
Her r A. Zumindest werden Sie mir doch Ihre nähere Bekanntschaft
nicht versagen: verzeihen Sie meine Zudringlichkeit. Sie sehen ja selbst,
daß sie die Folge meiner aufrichtigen Hochachtung ist. Geben Sie mir Ihre
Adresse.
Der seh r b esch ei den an gezog ene Her r. Hier ist meine Adresse.
Aber seien Sie überzeugt, ich werde nicht zulassen, daß Sie von ihr
Page 299
Gebrauch machen, und schon morgen früh werde ich selbst bei Ihnen
vorsprechen. Verzeihen Sie mir, ich bin nicht in der großen Welt erzogen
und kann nicht reden ... Aber bei einem Staatsbeamten diese großmütige
Aufmerksamkeit, dieses Streben nach dem Guten zu finden ... Gott gebe,
daß jeder Herrscher von solchen Leuten umgeben sei! (Entfernt sich eilig.)
Her r A. (dreht die Visitkarte in den Händen herum). Ich blicke auf diese Karte und
den mir unbekannten Namen, und mir wird das Herz so voll. Wie sich
dieser anfangs so traurige Eindruck von selbst verflüchtigt hat! Gott behüte
dich, mein Rußland, das wir noch so wenig kennen! In der fernsten Provinz,
in einem deiner verlorenen Winkel ist so eine Perle verborgen und sicher ist
sie nicht die einzige. Sie sind wie die Körner einer Goldader, versprengt in
den finstern Tiefen deines Granits. Es liegt ein Gefühl tiefen Trostes in einer
solchen Erscheinung, und es wurde hell in meiner Seele nach der
Begegnung mit diesem Beamten, wie es in seiner eignen Seele hell wurde
nach der Aufführung dieser Komödie. Leben Sie wohl! Ich danke Ihnen,
daß Sie mir diese Begegnung verschafft haben. (Entfernt sich.)
Her r W. (tritt zu Herrn B. heran). Wer war das, mit dem Sie sprachen? Ich
glaube, er ist Minister, nicht wahr?
Her r P. (kommt von der anderen Seite). Hör doch Bruder, was ist das eigentlich
für eine Geschichte? ...
Her r B. Was?
Her r P. Wie kann man so etwas aufführen?!
Her r B. Warum denn nicht?
Her r P. Aber ich bitte, urteile doch selbst. Was ist denn das eigentlich?
Nichts als Laster und Laster; was für ein Beispiel sollen sich die Zuschauer
daran nehmen?
Her r B. Ja, wird denn das Laster verherrlicht? Es wird doch dem Spott
preisgegeben.
Her r P. Na Bruder, was du auch sagen magst: die Achtung ... aber
dadurch geht doch die Achtung vor Amt und Beamten verloren.
Her r B. Nicht vor Amt und Beamten geht die Achtung verloren, sondern
vor denen, die ihre Pflichten schlecht erfüllen.
Her r W. Gestatten Sie mir jedoch, zu bemerken: das alles ist immerhin
eine Beleidigung, die mehr oder weniger alle trifft.
Her r P. Sehr richtig. Das wollte ich ihm schon selbst sagen. Das ist eine
Beleidigung, die alle trifft. Jetzt führt man uns zum Beispiel einen Titularrat
vorsprechen. Verzeihen Sie mir, ich bin nicht in der großen Welt erzogen
und kann nicht reden ... Aber bei einem Staatsbeamten diese großmütige
Aufmerksamkeit, dieses Streben nach dem Guten zu finden ... Gott gebe,
daß jeder Herrscher von solchen Leuten umgeben sei! (Entfernt sich eilig.)
Her r A. (dreht die Visitkarte in den Händen herum). Ich blicke auf diese Karte und
den mir unbekannten Namen, und mir wird das Herz so voll. Wie sich
dieser anfangs so traurige Eindruck von selbst verflüchtigt hat! Gott behüte
dich, mein Rußland, das wir noch so wenig kennen! In der fernsten Provinz,
in einem deiner verlorenen Winkel ist so eine Perle verborgen und sicher ist
sie nicht die einzige. Sie sind wie die Körner einer Goldader, versprengt in
den finstern Tiefen deines Granits. Es liegt ein Gefühl tiefen Trostes in einer
solchen Erscheinung, und es wurde hell in meiner Seele nach der
Begegnung mit diesem Beamten, wie es in seiner eignen Seele hell wurde
nach der Aufführung dieser Komödie. Leben Sie wohl! Ich danke Ihnen,
daß Sie mir diese Begegnung verschafft haben. (Entfernt sich.)
Her r W. (tritt zu Herrn B. heran). Wer war das, mit dem Sie sprachen? Ich
glaube, er ist Minister, nicht wahr?
Her r P. (kommt von der anderen Seite). Hör doch Bruder, was ist das eigentlich
für eine Geschichte? ...
Her r B. Was?
Her r P. Wie kann man so etwas aufführen?!
Her r B. Warum denn nicht?
Her r P. Aber ich bitte, urteile doch selbst. Was ist denn das eigentlich?
Nichts als Laster und Laster; was für ein Beispiel sollen sich die Zuschauer
daran nehmen?
Her r B. Ja, wird denn das Laster verherrlicht? Es wird doch dem Spott
preisgegeben.
Her r P. Na Bruder, was du auch sagen magst: die Achtung ... aber
dadurch geht doch die Achtung vor Amt und Beamten verloren.
Her r B. Nicht vor Amt und Beamten geht die Achtung verloren, sondern
vor denen, die ihre Pflichten schlecht erfüllen.
Her r W. Gestatten Sie mir jedoch, zu bemerken: das alles ist immerhin
eine Beleidigung, die mehr oder weniger alle trifft.
Her r P. Sehr richtig. Das wollte ich ihm schon selbst sagen. Das ist eine
Beleidigung, die alle trifft. Jetzt führt man uns zum Beispiel einen Titularrat
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vor, und nächstens ... äh ... wird man uns noch am Ende ... äh ... einen
wirklichen Staatsrat vorführen.
Her r B. Nun und was wäre dabei? Die Persönlichkeit darf nicht
angetastet werden; aber wenn ich mir eine Figur erdenke und sie mit den
Lastern versehe, die unter uns Menschen vorkommen, und wenn ich ihr
einen Rang gebe, der mir geeignet erscheint, wenn es auch der eines
wirklichen Staatsrats ist, und wenn ich sage, daß dieser wirkliche Staatsrat
nicht so ist, wie er sein sollte: was ist dabei? Kommen denn solche Patrone
unter wirklichen Staatsräten nicht vor?
Her r P. Aber nein, mein Lieber, das ist schon zu viel. Wie kann denn ein
solcher Patron wirklicher Staatsrat sein? Vielleicht Titularrat ... Nein, du
gehst schon zu weit.
Her r W. Aber warum soll man uns nur das Schlechte zeigen und nicht
auch das Gute, das, was der Nacheiferung würdig ist?
Her r B. Warum? Eine merkwürdige Frage: Warum? So kann man
oftmals „Warum“ fragen. Warum führte ein Vater seinen Sohn, um ihn dem
liederlichen Leben zu entreißen, ohne viele Worte und Moralpredigten in
ein Krankenhaus, wo ihm die furchtbaren Folgen eines lasterhaften Lebens
in all ihren Schrecknissen offenbar wurden? Warum tat er das?
Her r W. Gestatten Sie mir, Ihnen zu bemerken: das heißt doch
gewissermaßen Krankheiten der Gesellschaft entblößen, die man verhüllen,
und nicht noch aufzeigen sollte!
Her r P. Das ist wahr. Ich bin damit vollkommen einverstanden. Bei uns
muß man das Schlimme verbergen, und nicht noch aufdecken.
Her r B. Wenn ein anderer als Sie diese Worte gesprochen hätte, würde
ich sagen, daß nicht wahre Liebe zum Vaterland, sondern Heuchelei sie
diktiert habe. Nach Ihrer Meinung muß man die gesellschaftlichen
Krankheiten, wie Sie sie nennen, nur verhüllen, nur äußerlich heilen, sie
sollen nur vorläufig nicht zu sehen sein, aber im Innern mag die Krankheit
fortwüten — das macht nichts. Es macht nichts, daß sie ausbricht und sich
in solchen Symptomen offenbart, die keiner Heilung mehr fähig sind. Das
macht nichts. Sie wollen nicht wissen, daß wir ohne ein tiefes herzliches
Bekenntnis, ohne christliches Eingestehen unserer Sünden, ohne sie in
unsern eigenen Augen zu übertreiben, nicht die Kraft haben, uns über sie zu
erheben, wir nicht die Kraft haben, uns mit unserer Seele über die
Gemeinheit des Lebens emporzuschwingen. Sie wollen es nicht wissen!
Soll der Mensch taub bleiben, soll er schlafend durch das Leben wandeln,
wirklichen Staatsrat vorführen.
Her r B. Nun und was wäre dabei? Die Persönlichkeit darf nicht
angetastet werden; aber wenn ich mir eine Figur erdenke und sie mit den
Lastern versehe, die unter uns Menschen vorkommen, und wenn ich ihr
einen Rang gebe, der mir geeignet erscheint, wenn es auch der eines
wirklichen Staatsrats ist, und wenn ich sage, daß dieser wirkliche Staatsrat
nicht so ist, wie er sein sollte: was ist dabei? Kommen denn solche Patrone
unter wirklichen Staatsräten nicht vor?
Her r P. Aber nein, mein Lieber, das ist schon zu viel. Wie kann denn ein
solcher Patron wirklicher Staatsrat sein? Vielleicht Titularrat ... Nein, du
gehst schon zu weit.
Her r W. Aber warum soll man uns nur das Schlechte zeigen und nicht
auch das Gute, das, was der Nacheiferung würdig ist?
Her r B. Warum? Eine merkwürdige Frage: Warum? So kann man
oftmals „Warum“ fragen. Warum führte ein Vater seinen Sohn, um ihn dem
liederlichen Leben zu entreißen, ohne viele Worte und Moralpredigten in
ein Krankenhaus, wo ihm die furchtbaren Folgen eines lasterhaften Lebens
in all ihren Schrecknissen offenbar wurden? Warum tat er das?
Her r W. Gestatten Sie mir, Ihnen zu bemerken: das heißt doch
gewissermaßen Krankheiten der Gesellschaft entblößen, die man verhüllen,
und nicht noch aufzeigen sollte!
Her r P. Das ist wahr. Ich bin damit vollkommen einverstanden. Bei uns
muß man das Schlimme verbergen, und nicht noch aufdecken.
Her r B. Wenn ein anderer als Sie diese Worte gesprochen hätte, würde
ich sagen, daß nicht wahre Liebe zum Vaterland, sondern Heuchelei sie
diktiert habe. Nach Ihrer Meinung muß man die gesellschaftlichen
Krankheiten, wie Sie sie nennen, nur verhüllen, nur äußerlich heilen, sie
sollen nur vorläufig nicht zu sehen sein, aber im Innern mag die Krankheit
fortwüten — das macht nichts. Es macht nichts, daß sie ausbricht und sich
in solchen Symptomen offenbart, die keiner Heilung mehr fähig sind. Das
macht nichts. Sie wollen nicht wissen, daß wir ohne ein tiefes herzliches
Bekenntnis, ohne christliches Eingestehen unserer Sünden, ohne sie in
unsern eigenen Augen zu übertreiben, nicht die Kraft haben, uns über sie zu
erheben, wir nicht die Kraft haben, uns mit unserer Seele über die
Gemeinheit des Lebens emporzuschwingen. Sie wollen es nicht wissen!
Soll der Mensch taub bleiben, soll er schlafend durch das Leben wandeln,
Page 301
soll er nie erschüttert werden, nie aus tiefster Seele weinen, soll er seine
Seele so einschläfern, daß nichts mehr ihn aufrütteln kann! Nein ...
verzeihen Sie mir! Wer so spricht, dessen Lippen werden von kaltem
Egoismus bewegt und nicht von heiliger, reiner Liebe zur Menschheit. (Er
entfernt sich.)
Her r P. (nach einigem Schweigen). Warum schweigst du? — Nun wie gefällt
er dir? Was er nicht alles erzählt hat! Wie?
Her r W. (schweigt).
Her r P. (fortfahrend). Er mag reden was er will — aber das sind doch
immerhin unsere Wunden.
Her r W. (beiseite). Nein, was sich der mit seinen „Wunden“ hat! Jetzt wird
er sie jedem vorsetzen, der ihm über den Weg läuft!
Her r P. Ich könnte vielleicht auch eine ganze Menge darüber sagen:
aber was würde das beweisen? ... Ah da ist ja Fürst N. Höre Fürst, lauf nicht
davon.
F ür st N. Was gibts?
Her r P. Nun, wir wollen uns ein wenig unterhalten. Na, wie ist das
Stück?
F ür st N. Recht komisch.
Her r P. Sag doch bitte: wie kann man das nur aufführen! Wie ist das
blos möglich?
F ür st N. Warum soll man es nicht aufführen?
Her r P. Urteile doch selbst, das geht doch nicht: Plötzlich steht ein
Schurke auf der Bühne — das sind doch unsere Wunden!
F ür st N. Was für Wunden?
Her r P. Das sind doch unsere Wunden! Sozusagen unsere
gesellschaftlichen Wunden.
F ür st N. (ärgerlich). Ich schenke sie dir! Mögen es meinetwegen deine
Wunden sein, aber nicht meine! Warum schiebst du sie mir zu? Ich muß
nach Hause. (Entfernt sich.)
Her r P. (fortfahrend). Und weiter: was für Unsinn hat er hier
zusammengeredet? Er sagte, ein wirklicher Staatsrat kann ein Schelm sein.
Wenn es noch ein Titularrat wäre ... das wäre noch möglich ...
Her r W. Aber wollen wir doch gehen. Genug von dem Gerede; ich
denke, alle Vorübergehenden haben schon erfahren, daß Sie ein wirklicher
Staatsrat sind. (Beiseite.) Es gibt Menschen, die die Kunst besitzen, alles in
den Schmutz zu ziehen. Wenn sie deinen eigenen Gedanken wiederholen,
Seele so einschläfern, daß nichts mehr ihn aufrütteln kann! Nein ...
verzeihen Sie mir! Wer so spricht, dessen Lippen werden von kaltem
Egoismus bewegt und nicht von heiliger, reiner Liebe zur Menschheit. (Er
entfernt sich.)
Her r P. (nach einigem Schweigen). Warum schweigst du? — Nun wie gefällt
er dir? Was er nicht alles erzählt hat! Wie?
Her r W. (schweigt).
Her r P. (fortfahrend). Er mag reden was er will — aber das sind doch
immerhin unsere Wunden.
Her r W. (beiseite). Nein, was sich der mit seinen „Wunden“ hat! Jetzt wird
er sie jedem vorsetzen, der ihm über den Weg läuft!
Her r P. Ich könnte vielleicht auch eine ganze Menge darüber sagen:
aber was würde das beweisen? ... Ah da ist ja Fürst N. Höre Fürst, lauf nicht
davon.
F ür st N. Was gibts?
Her r P. Nun, wir wollen uns ein wenig unterhalten. Na, wie ist das
Stück?
F ür st N. Recht komisch.
Her r P. Sag doch bitte: wie kann man das nur aufführen! Wie ist das
blos möglich?
F ür st N. Warum soll man es nicht aufführen?
Her r P. Urteile doch selbst, das geht doch nicht: Plötzlich steht ein
Schurke auf der Bühne — das sind doch unsere Wunden!
F ür st N. Was für Wunden?
Her r P. Das sind doch unsere Wunden! Sozusagen unsere
gesellschaftlichen Wunden.
F ür st N. (ärgerlich). Ich schenke sie dir! Mögen es meinetwegen deine
Wunden sein, aber nicht meine! Warum schiebst du sie mir zu? Ich muß
nach Hause. (Entfernt sich.)
Her r P. (fortfahrend). Und weiter: was für Unsinn hat er hier
zusammengeredet? Er sagte, ein wirklicher Staatsrat kann ein Schelm sein.
Wenn es noch ein Titularrat wäre ... das wäre noch möglich ...
Her r W. Aber wollen wir doch gehen. Genug von dem Gerede; ich
denke, alle Vorübergehenden haben schon erfahren, daß Sie ein wirklicher
Staatsrat sind. (Beiseite.) Es gibt Menschen, die die Kunst besitzen, alles in
den Schmutz zu ziehen. Wenn sie deinen eigenen Gedanken wiederholen,
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wissen sie ihn so banal zu machen, daß man rot wird. Wenn du eine
Dummheit gesagt hast, die vielleicht noch durchschlüpfen könnte, so findet
sich immer noch ein Freund oder Verehrer, der sie in Umlauf bringt und sie
noch dümmer macht, als sie ist. Es ist wirklich ärgerlich — wie wenn man
in den Dreck gestoßen wird! (Sie entfernen sich.)
(Ein Militär und ein Zivilist treten zusammen auf.)
Der Z i vi l ist. So seid ihr Herren vom Militär! Ihr sagt: „Das muß man
auf die Bühne bringen“, ihr seid bereit, euch über einen Zivilbeamten lustig
zu machen; aber greift man irgendwie das Militär an, sagt man nur, daß in
dem und dem Regiment einige Offiziere — von lasterhaften Neigungen
ganz zu schweigen — sich zum Beispiel schlecht benehmen, schlechte
Manieren haben — so seid ihr gleich bereit, mit einer Klage zum Reichsrat
zu laufen.
Der Mil it är. Nein hören Sie: für wen halten Sie mich? Gewiß, es gibt
auch unter uns solche Don Quijotes, aber glauben Sie mir, es gibt auch viele
wahrhaft vernünftige Männer, die froh sein würden, wenn man die, die
ihren Beruf schänden, dem allgemeinen Spott ausliefern würde. Ja, wo ist
denn hier eine Beleidigung? Geben Sie uns nur mehr davon! Wir sind
bereit, jeden Tag zuzuschauen.
Der Z i vi l ist. So sind die Menschen, immer schreien sie: „Gib uns, gib
uns“. Aber wenn du es tust, sind sie empört. (Sie entfernen sich.)
(Zwei Pekeschen.)
Di e er ste P ek esche. Man nehme zum Beispiel die Franzosen; aber
bei ihnen ist das alles sehr nett. Erinnerst du dich unter anderem des
gestrigen Vaudeville: sie entkleidet sich, legt sich ins Bett, nimmt die
Salatschüssel vom Tisch und stellt sie unter das Bett. Das ist natürlich
indezent, aber allerliebst. Das alles kann man sich ansehen, das verletzt
nicht ... Meine Frau und meine Kinder gehen jeden Tag ins Theater. Aber
hier — was ist das nun? Irgend ein Lump, ein Bauer, den ich nicht in mein
Vorzimmer hineingelassen hätte, macht sichs mit seinen Stiefeln bequem,
gähnt und stochert sich in den Zähnen — wirklich, was soll das bedeuten?
Wie sieht das aus?
Di e zw eit e P ek esche. Bei den Franzosen ist das eine andere Sache!
Dort machts die societé, mon cher! Bei uns ist so etwas unmöglich. Bei uns
sind die Autoren ohne jede Bildung: zum größten Teil sind es alles Zöglinge
eines Seminars. Sie neigen zum Wein, zur Ausschweifung. Auch zu meinem
Dummheit gesagt hast, die vielleicht noch durchschlüpfen könnte, so findet
sich immer noch ein Freund oder Verehrer, der sie in Umlauf bringt und sie
noch dümmer macht, als sie ist. Es ist wirklich ärgerlich — wie wenn man
in den Dreck gestoßen wird! (Sie entfernen sich.)
(Ein Militär und ein Zivilist treten zusammen auf.)
Der Z i vi l ist. So seid ihr Herren vom Militär! Ihr sagt: „Das muß man
auf die Bühne bringen“, ihr seid bereit, euch über einen Zivilbeamten lustig
zu machen; aber greift man irgendwie das Militär an, sagt man nur, daß in
dem und dem Regiment einige Offiziere — von lasterhaften Neigungen
ganz zu schweigen — sich zum Beispiel schlecht benehmen, schlechte
Manieren haben — so seid ihr gleich bereit, mit einer Klage zum Reichsrat
zu laufen.
Der Mil it är. Nein hören Sie: für wen halten Sie mich? Gewiß, es gibt
auch unter uns solche Don Quijotes, aber glauben Sie mir, es gibt auch viele
wahrhaft vernünftige Männer, die froh sein würden, wenn man die, die
ihren Beruf schänden, dem allgemeinen Spott ausliefern würde. Ja, wo ist
denn hier eine Beleidigung? Geben Sie uns nur mehr davon! Wir sind
bereit, jeden Tag zuzuschauen.
Der Z i vi l ist. So sind die Menschen, immer schreien sie: „Gib uns, gib
uns“. Aber wenn du es tust, sind sie empört. (Sie entfernen sich.)
(Zwei Pekeschen.)
Di e er ste P ek esche. Man nehme zum Beispiel die Franzosen; aber
bei ihnen ist das alles sehr nett. Erinnerst du dich unter anderem des
gestrigen Vaudeville: sie entkleidet sich, legt sich ins Bett, nimmt die
Salatschüssel vom Tisch und stellt sie unter das Bett. Das ist natürlich
indezent, aber allerliebst. Das alles kann man sich ansehen, das verletzt
nicht ... Meine Frau und meine Kinder gehen jeden Tag ins Theater. Aber
hier — was ist das nun? Irgend ein Lump, ein Bauer, den ich nicht in mein
Vorzimmer hineingelassen hätte, macht sichs mit seinen Stiefeln bequem,
gähnt und stochert sich in den Zähnen — wirklich, was soll das bedeuten?
Wie sieht das aus?
Di e zw eit e P ek esche. Bei den Franzosen ist das eine andere Sache!
Dort machts die societé, mon cher! Bei uns ist so etwas unmöglich. Bei uns
sind die Autoren ohne jede Bildung: zum größten Teil sind es alles Zöglinge
eines Seminars. Sie neigen zum Wein, zur Ausschweifung. Auch zu meinem
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Lakei kam immer so ein Autor: wo soll der also eine Vorstellung von der
guten Gesellschaft hernehmen? (Sie entfernen sich.)
E in e Wel t dam e (in Begleitung zweier Herren, der eine trägt einen Frack und der andere
eine Uniform): Was für Menschen, was für Personen hier vorgeführt werden!
Nicht einer, der einigermaßen anziehend ist ... Warum schreibt man bei uns
nicht so, wie die Franzosen schreiben, zum Beispiel Dumas und ähnliche.
Ich verlange keine Muster von Tugend; zeigt mir eine Frau, die irrt, die
ihren Mann betrügt, die sich zum Beispiel einer lasterhaften und verbotenen
Liebe hingibt — aber stellt es mir so hinreißend dar, daß ich mit ihr
mitfühle, daß ich sie lieb gewinne ... Hier dagegen ist eine Person immer
ekelhafter als die andere.
Der H er r i n U n if or m. Ja, so trivial, so trivial.
Di e Wel td am e. Sagen Sie: warum ist bei uns in Rußland alles noch so
trivial?
Der H er r i m F r ack. Mein Herz, du wirst mir nachher erzählen, warum
alles so trivial ist. Man ruft unsern Wagen auf. (Sie entfernen sich.)
(Drei Herren treten auf.)
Der er ste. Warum soll man denn nicht ein wenig lachen? Man darf
doch noch lachen: aber ist das ein Gegenstand für den Spott — Mißbräuche
und Laster! Was gibt es da zu spotten?
Der zw eit e. Über was soll man denn sonst lachen? Etwa über die
Tugenden, über die Vorzüge eines Menschen?
Der er st e. Nein; das ist doch kein Gegenstand für eine Komödie, mein
Lieber! Das soll sozusagen auch die Regierung treffen. Gibt es denn keine
anderen Gegenstände, worüber man schreiben kann?
Der zwei t e. Was wären das für andere Gegenstände?
Der er st e. Nun, gibt es denn so wenig komische gesellschaftliche
Ereignisse? Nehmen wir zum Beispiel an: ich will zu einem Gartenfest auf
die Apothekerinsel fahren, und der Kutscher würde mich plötzlich auf der
Wyborgskaja oder bei dem Smolnikloster absetzen. Gibt es denn nicht
genug solcher komischer Situationen?
Der zw eit e. Das heißt: Sie wollen der Komödie jede ernste Bedeutung
nehmen. Aber warum solche absolute Gesetze aufstellen? Komödien in der
Art, wie Sie es wünschen, gibt es ja in Unzahl. Warum soll es nicht zwei
oder drei wie die eben gespielte geben dürfen? Wenn Ihnen solche
Komödien gefallen, wie die, von denen Sie soeben sprachen, so brauchen
Sie nur ins Theater zu gehen: dort können Sie täglich ein Stück sehen, wo
guten Gesellschaft hernehmen? (Sie entfernen sich.)
E in e Wel t dam e (in Begleitung zweier Herren, der eine trägt einen Frack und der andere
eine Uniform): Was für Menschen, was für Personen hier vorgeführt werden!
Nicht einer, der einigermaßen anziehend ist ... Warum schreibt man bei uns
nicht so, wie die Franzosen schreiben, zum Beispiel Dumas und ähnliche.
Ich verlange keine Muster von Tugend; zeigt mir eine Frau, die irrt, die
ihren Mann betrügt, die sich zum Beispiel einer lasterhaften und verbotenen
Liebe hingibt — aber stellt es mir so hinreißend dar, daß ich mit ihr
mitfühle, daß ich sie lieb gewinne ... Hier dagegen ist eine Person immer
ekelhafter als die andere.
Der H er r i n U n if or m. Ja, so trivial, so trivial.
Di e Wel td am e. Sagen Sie: warum ist bei uns in Rußland alles noch so
trivial?
Der H er r i m F r ack. Mein Herz, du wirst mir nachher erzählen, warum
alles so trivial ist. Man ruft unsern Wagen auf. (Sie entfernen sich.)
(Drei Herren treten auf.)
Der er ste. Warum soll man denn nicht ein wenig lachen? Man darf
doch noch lachen: aber ist das ein Gegenstand für den Spott — Mißbräuche
und Laster! Was gibt es da zu spotten?
Der zw eit e. Über was soll man denn sonst lachen? Etwa über die
Tugenden, über die Vorzüge eines Menschen?
Der er st e. Nein; das ist doch kein Gegenstand für eine Komödie, mein
Lieber! Das soll sozusagen auch die Regierung treffen. Gibt es denn keine
anderen Gegenstände, worüber man schreiben kann?
Der zwei t e. Was wären das für andere Gegenstände?
Der er st e. Nun, gibt es denn so wenig komische gesellschaftliche
Ereignisse? Nehmen wir zum Beispiel an: ich will zu einem Gartenfest auf
die Apothekerinsel fahren, und der Kutscher würde mich plötzlich auf der
Wyborgskaja oder bei dem Smolnikloster absetzen. Gibt es denn nicht
genug solcher komischer Situationen?
Der zw eit e. Das heißt: Sie wollen der Komödie jede ernste Bedeutung
nehmen. Aber warum solche absolute Gesetze aufstellen? Komödien in der
Art, wie Sie es wünschen, gibt es ja in Unzahl. Warum soll es nicht zwei
oder drei wie die eben gespielte geben dürfen? Wenn Ihnen solche
Komödien gefallen, wie die, von denen Sie soeben sprachen, so brauchen
Sie nur ins Theater zu gehen: dort können Sie täglich ein Stück sehen, wo
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einer sich unter dem Stuhl versteckt und der andere ihn am Bein
hervorzieht.
Der d r i t te. Nein, nein, bitte, so ist es denn doch nicht. Alles hat seine
Grenzen, es gibt Dinge, über die man sozusagen nicht spotten darf, die
schon gewissermaßen etwas Heiliges sind.
Der zweit e (für sich mit einem bitteren Lächeln): So ists immer auf der Welt.
Lacht man über das wahrhaft Edele, über das, was das große Heiligtum
unserer Seele ausmacht, so wird keiner dafür eintreten; lacht man aber über
das Laster, über das Gemeine und Niedrige — dann schreien alle: „Er
verspottet unsere Heiligtümer!“
Der er st e. Na, nun sehen Sie’s; wie ich merke, sind Sie jetzt überzeugt:
Sie sagen kein Wort. Glauben Sie mir, man muß überzeugt sein: das ist das
Wahre. Ich selbst bin ein unparteiischer Mensch und ich will nicht sagen,
daß ... aber das ist einfach keine Angelegenheit für einen Autor, kein
Gegenstand für eine Komödie. (Sie entfernen sich.)
Der zwei te (für sich). Ich gestehe, ich möchte um keinen Preis an Stelle
des Autors sein. Allen soll man’s recht machen! Wählt man ein
unbedeutendes gesellschaftliches Ereignis, so schreien alle: „Er schreibt
Unsinn! Das hat doch keinen tiefen moralischen Zweck;“ wählt man aber
einen Gegenstand, der irgendeinen sittlichen Kern enthält, so sagen sie:
„Das ist nicht seine Sache, er soll spaßige Sachen schreiben!“ (Er entfernt sich.)
(Eine junge Weltdame in Begleitung ihres Mannes.)
Der Man n. Unser Wagen kann nicht weit sein, wir können gleich
fahren.
Her r N. (tritt zu der Dame heran). Was sehe ich! Sie sind hergekommen, um
sich ein russisches Stück anzusehen!
Di e j ung e Dam e. Was ist dabei? Habe ich denn gar keinen
Patriotismus?
Her r N. Nun, wenn es so wäre: so werden Sie mit Ihrem Patriotismus
doch nicht allzusehr auf ihre Kosten gekommen sein. Sie schimpfen doch
wohl auf das Stück?
Di e ju n ge Dam e. Gar nicht. Ich finde, daß vieles darin ungemein
richtig ist: ich habe von Herzen gelacht.
Her r N. Warum haben Sie denn gelacht? Vielleicht weil Sie gern über
alles Russische lachen?
Di e ju ng e Dam e. Nein, nur darum, weil es einfach komisch war. Weil
hier jene Niedertracht, jene Gemeinheit öffentlich entlarvt wurde, die
hervorzieht.
Der d r i t te. Nein, nein, bitte, so ist es denn doch nicht. Alles hat seine
Grenzen, es gibt Dinge, über die man sozusagen nicht spotten darf, die
schon gewissermaßen etwas Heiliges sind.
Der zweit e (für sich mit einem bitteren Lächeln): So ists immer auf der Welt.
Lacht man über das wahrhaft Edele, über das, was das große Heiligtum
unserer Seele ausmacht, so wird keiner dafür eintreten; lacht man aber über
das Laster, über das Gemeine und Niedrige — dann schreien alle: „Er
verspottet unsere Heiligtümer!“
Der er st e. Na, nun sehen Sie’s; wie ich merke, sind Sie jetzt überzeugt:
Sie sagen kein Wort. Glauben Sie mir, man muß überzeugt sein: das ist das
Wahre. Ich selbst bin ein unparteiischer Mensch und ich will nicht sagen,
daß ... aber das ist einfach keine Angelegenheit für einen Autor, kein
Gegenstand für eine Komödie. (Sie entfernen sich.)
Der zwei te (für sich). Ich gestehe, ich möchte um keinen Preis an Stelle
des Autors sein. Allen soll man’s recht machen! Wählt man ein
unbedeutendes gesellschaftliches Ereignis, so schreien alle: „Er schreibt
Unsinn! Das hat doch keinen tiefen moralischen Zweck;“ wählt man aber
einen Gegenstand, der irgendeinen sittlichen Kern enthält, so sagen sie:
„Das ist nicht seine Sache, er soll spaßige Sachen schreiben!“ (Er entfernt sich.)
(Eine junge Weltdame in Begleitung ihres Mannes.)
Der Man n. Unser Wagen kann nicht weit sein, wir können gleich
fahren.
Her r N. (tritt zu der Dame heran). Was sehe ich! Sie sind hergekommen, um
sich ein russisches Stück anzusehen!
Di e j ung e Dam e. Was ist dabei? Habe ich denn gar keinen
Patriotismus?
Her r N. Nun, wenn es so wäre: so werden Sie mit Ihrem Patriotismus
doch nicht allzusehr auf ihre Kosten gekommen sein. Sie schimpfen doch
wohl auf das Stück?
Di e ju n ge Dam e. Gar nicht. Ich finde, daß vieles darin ungemein
richtig ist: ich habe von Herzen gelacht.
Her r N. Warum haben Sie denn gelacht? Vielleicht weil Sie gern über
alles Russische lachen?
Di e ju ng e Dam e. Nein, nur darum, weil es einfach komisch war. Weil
hier jene Niedertracht, jene Gemeinheit öffentlich entlarvt wurde, die
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immer die gleiche Gemeinheit und Niedertracht bleibt, welches Gewand sie
auch anlegen mag, und ob sie sich in einer Kreisstadt oder hier, mitten unter
uns abspielt: deshalb habe ich gelacht.
Her r N. Mir sagte eben eine sehr gescheite Dame, daß sie auch gelacht
hat, aber bei alledem hat das Stück auf sie einen sehr traurigen Eindruck
gemacht.
Di e j u nge Dam e. Ich mag nicht wissen, was Ihre gescheite Dame
empfunden hat, aber ich habe keine so empfindlichen Nerven, und ich lache
immer gern über das, was in seinem Kern komisch ist. Ich weiß, daß es
unter uns auch Leute gibt, die im Herzen über die schiefe Nase eines
Menschen lachen können, aber den Mut nicht aufbringen, über die häßliche
Seele eines Menschen zu lachen.
(In der Entfernung erscheint noch eine junge Dame mit ihrem Mann.)
Her r N. Ah da kommt Ihre Freundin. Ich möchte ihre Meinung über die
Komödie hören. (Die Damen reichen sich die Hände.)
Di e er ste Dam e. Ich sah von weitem, wie du lachtest.
Di e zw eit e Dam e. Ja, wer hat denn nicht gelacht? Alle haben doch
gelacht.
Her r N. Und hatten Sie denn gar kein trauriges Gefühl dabei?
Di e zwei t e Dam e. Ich gestehe, mir war wirklich traurig zu Mut. Ich
weiß, daß das alles sehr wahr ist; ich habe viel Ähnliches gesehen, und es
hat mich immer traurig gestimmt.
Her r N. Also hat Ihnen die Komödie nicht gefallen?
Di e zwei t e D am e. Aber erlauben Sie, wer sagt denn das? Ich habe
Ihnen doch schon gesagt, daß ich von ganzem Herzen gelacht habe und
sogar mehr als alle andern; ich glaube sogar, daß man mich für eine
Wahnsinnige gehalten hat ... Aber ich wurde deshalb traurig, weil ich den
Wunsch hatte, wenigstens auf einem guten Gesicht ausruhen zu können.
Diese Masse, diese Überfülle des Gemeinen ...
Her r N. Sprechen Sie! Sprechen Sie!
Di e zwei te Dam e. Hören Sie: empfehlen Sie dem Autor, daß er
wenigstens ei n en anständigen Menschen hineinbringt. Sagen Sie ihm, daß
man ihn darum bittet, daß es wirklich gut wäre.
Der Man n der er sten Dam e. Gerade dies sollten Sie ihm nicht
empfehlen! Die Damen wollen unbedingt einen Ritter sehen, der bei jeder
Gelegenheit von Edelmut spricht, und sei es auch in den banalsten Phrasen.
auch anlegen mag, und ob sie sich in einer Kreisstadt oder hier, mitten unter
uns abspielt: deshalb habe ich gelacht.
Her r N. Mir sagte eben eine sehr gescheite Dame, daß sie auch gelacht
hat, aber bei alledem hat das Stück auf sie einen sehr traurigen Eindruck
gemacht.
Di e j u nge Dam e. Ich mag nicht wissen, was Ihre gescheite Dame
empfunden hat, aber ich habe keine so empfindlichen Nerven, und ich lache
immer gern über das, was in seinem Kern komisch ist. Ich weiß, daß es
unter uns auch Leute gibt, die im Herzen über die schiefe Nase eines
Menschen lachen können, aber den Mut nicht aufbringen, über die häßliche
Seele eines Menschen zu lachen.
(In der Entfernung erscheint noch eine junge Dame mit ihrem Mann.)
Her r N. Ah da kommt Ihre Freundin. Ich möchte ihre Meinung über die
Komödie hören. (Die Damen reichen sich die Hände.)
Di e er ste Dam e. Ich sah von weitem, wie du lachtest.
Di e zw eit e Dam e. Ja, wer hat denn nicht gelacht? Alle haben doch
gelacht.
Her r N. Und hatten Sie denn gar kein trauriges Gefühl dabei?
Di e zwei t e Dam e. Ich gestehe, mir war wirklich traurig zu Mut. Ich
weiß, daß das alles sehr wahr ist; ich habe viel Ähnliches gesehen, und es
hat mich immer traurig gestimmt.
Her r N. Also hat Ihnen die Komödie nicht gefallen?
Di e zwei t e D am e. Aber erlauben Sie, wer sagt denn das? Ich habe
Ihnen doch schon gesagt, daß ich von ganzem Herzen gelacht habe und
sogar mehr als alle andern; ich glaube sogar, daß man mich für eine
Wahnsinnige gehalten hat ... Aber ich wurde deshalb traurig, weil ich den
Wunsch hatte, wenigstens auf einem guten Gesicht ausruhen zu können.
Diese Masse, diese Überfülle des Gemeinen ...
Her r N. Sprechen Sie! Sprechen Sie!
Di e zwei te Dam e. Hören Sie: empfehlen Sie dem Autor, daß er
wenigstens ei n en anständigen Menschen hineinbringt. Sagen Sie ihm, daß
man ihn darum bittet, daß es wirklich gut wäre.
Der Man n der er sten Dam e. Gerade dies sollten Sie ihm nicht
empfehlen! Die Damen wollen unbedingt einen Ritter sehen, der bei jeder
Gelegenheit von Edelmut spricht, und sei es auch in den banalsten Phrasen.
Page 306
Di e zwei te Dam e. Durchaus nicht. Wie wenig Sie uns kennen! Gerade
Ihnen ist dies eigentümlich! Gerade Ihr liebt nur Phrasen und Reden von
Hochherzigkeit und Edelmut. Ich habe einmal das Urteil eines von den
Euren gehört: ein Dickwanst schrie so, daß er, wie ich glaube, die
allgemeine Aufmerksamkeit auf sich lenkte — das alles sei Verleumdung,
solche Gemeinheiten und Schurkereien kämen bei uns nie vor. Und wer
sagte das? — Der allerniedrigste und gemeinste Mensch, der stets bereit
war, seine Seele, sein Gewissen und alles, was Sie wollen, zu verkaufen. Ich
will ihn nur nicht beim Namen nennen.
Her r N. Aber sagen Sie es doch: Wer war es?
Di e zw eit e Dam e. Warum wollen Sie es wissen? Er war es ja nicht
allein; ich hörte, wie man um uns herum unaufhörlich schrie: „Das ist eine
widerwärtige Verhöhnung Rußlands, eine Verhöhnung der Regierung! Wie
kann man nur so etwas zulassen? Was wird das Volk dazu sagen?“ Und
war um haben sie so geschrieen? Etwa, weil sie wirklich so dachten und
fühlten? — Oh nein, verzeihen Sie. Nur darum, um Lärm zu machen, damit
man das Stück verbietet, oder vielleicht, weil sie etwas in ihm gefunden
hatten, das sie an sich selbst erinnerte. So sind Ihre wahren Ritter, und —
nicht die Theaterhelden!
Der Man n der er sten D am e. O bei Ihnen regt sich schon etwas wie
eine kleine Empörung!
Di e zw eit e Dam e. Empörung — jawohl Empörung. Ja, ich bin
empört, sehr empört. Man kann doch nicht ruhig bleiben, wenn man sieht,
wie die Gemeinheit unter allen möglichen Masken auftritt.
Der Mann der er sten Dam e. Nun ja: Sie möchten, daß sofort
irgendein Ritter hervortritt, über einen Abgrund springt und sich das Genick
bricht ...
Di e zw eit e Dam e. O nein, verzeihen Sie.
Der Man n d er er st en Dam e. Natürlich: was verlangt denn eine
Frau? — Sie verlangt unbedingt, daß sich im Leben irgendein Roman
abspielt.
Di e zweit e Dam e. Nein, nein, nein! Ich könnte es zweihundertmal
wiederholen: nein! Das ist eine ganz alte, banale Vorstellung, die Sie uns
immer wieder aufdrängen wollen. Die Frau hat mehr wahrhaften Edelmut,
als der Mann, die Frau ist nicht imstande, sie ist unfähig, alle jene
Niedrigkeiten und Schurkereien zu begehen, die ihr Männer euch leistet.
Die Frau kann nicht heucheln, wo ihr heuchelt, sie kann nicht durch die
Ihnen ist dies eigentümlich! Gerade Ihr liebt nur Phrasen und Reden von
Hochherzigkeit und Edelmut. Ich habe einmal das Urteil eines von den
Euren gehört: ein Dickwanst schrie so, daß er, wie ich glaube, die
allgemeine Aufmerksamkeit auf sich lenkte — das alles sei Verleumdung,
solche Gemeinheiten und Schurkereien kämen bei uns nie vor. Und wer
sagte das? — Der allerniedrigste und gemeinste Mensch, der stets bereit
war, seine Seele, sein Gewissen und alles, was Sie wollen, zu verkaufen. Ich
will ihn nur nicht beim Namen nennen.
Her r N. Aber sagen Sie es doch: Wer war es?
Di e zw eit e Dam e. Warum wollen Sie es wissen? Er war es ja nicht
allein; ich hörte, wie man um uns herum unaufhörlich schrie: „Das ist eine
widerwärtige Verhöhnung Rußlands, eine Verhöhnung der Regierung! Wie
kann man nur so etwas zulassen? Was wird das Volk dazu sagen?“ Und
war um haben sie so geschrieen? Etwa, weil sie wirklich so dachten und
fühlten? — Oh nein, verzeihen Sie. Nur darum, um Lärm zu machen, damit
man das Stück verbietet, oder vielleicht, weil sie etwas in ihm gefunden
hatten, das sie an sich selbst erinnerte. So sind Ihre wahren Ritter, und —
nicht die Theaterhelden!
Der Man n der er sten D am e. O bei Ihnen regt sich schon etwas wie
eine kleine Empörung!
Di e zw eit e Dam e. Empörung — jawohl Empörung. Ja, ich bin
empört, sehr empört. Man kann doch nicht ruhig bleiben, wenn man sieht,
wie die Gemeinheit unter allen möglichen Masken auftritt.
Der Mann der er sten Dam e. Nun ja: Sie möchten, daß sofort
irgendein Ritter hervortritt, über einen Abgrund springt und sich das Genick
bricht ...
Di e zw eit e Dam e. O nein, verzeihen Sie.
Der Man n d er er st en Dam e. Natürlich: was verlangt denn eine
Frau? — Sie verlangt unbedingt, daß sich im Leben irgendein Roman
abspielt.
Di e zweit e Dam e. Nein, nein, nein! Ich könnte es zweihundertmal
wiederholen: nein! Das ist eine ganz alte, banale Vorstellung, die Sie uns
immer wieder aufdrängen wollen. Die Frau hat mehr wahrhaften Edelmut,
als der Mann, die Frau ist nicht imstande, sie ist unfähig, alle jene
Niedrigkeiten und Schurkereien zu begehen, die ihr Männer euch leistet.
Die Frau kann nicht heucheln, wo ihr heuchelt, sie kann nicht durch die
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Finger sehen, wo ihr es tut, wo es sich um solche Gemeinheiten handelt! Sie
ist anständig genug, um dies alles auszusprechen, ohne sich erst überall
umzuschauen, ob es den Leuten auch gefällt — denn das muß
ausgesprochen werden. Was gemein ist — ist gemein, da hilft kein
Vertuschen und kein Beschönigen. Es bleibt eine Gemeinheit, eine
Gemeinheit, eine Gemeinheit!
Der Mann d er er st en Dam e. Ich glaube, jetzt sind Sie wahrhaftig
allen Ernstes böse.
Di e zw eit e Dam e. Weil ich offen bin und es nicht ertragen kann, wenn
man die Unwahrheit spricht.
Der Man n der er st en Dam e. Nun, nun, seien Sie nicht böse und
geben Sie mir Ihr Händchen. Ich scherzte ja nur.
Di e zwei te D am e. Hier haben Sie meine Hand — ich bin ja gar nicht
böse. (Sie wendet sich an Herrn N.) Hören Sie: bitte raten Sie doch dem Autor, daß
er einen edlen und ehrlichen Menschen in die Komödie hineinbringt.
Her r N. Ja aber wie soll man das machen? Wie, wenn er nun einen
ehrlichen Menschen hineinbrächte und dieser ehrliche Mensch ein
Theaterheld würde?
Di e zwei t e D am e. O nein, wenn er wirklich stark und tief empfindet,
so wird sein Held kein Theaterritter werden.
Her r N. Aber ich glaube, das ist nicht so leicht zu machen.
Di e zwei te Dam e. Sagen Sie doch einfach, daß Ihr Autor keine
starken und tiefen Seelenregungen hat.
Her r N. Aber warum nur?
Di e zw eit e Dam e. Nun, wer unaufhörlich und immerfort lacht, der
kann doch keine allzu hohen Gefühle haben: unmöglich kann ihm bekannt
sein, was nur ein zartes Herz empfindet.
Her r N. Das ist ausgezeichnet! Also nach Ihnen kann der Verfasser kein
edler Mensch sein?
Di e zwei te Dam e. Sehen Sie! Sie legen es gleich ganz anders aus. Ich
habe doch kein Wort davon gesagt, daß ein Komödiendichter nicht edel sein
und keinen strengen Begriff von der Ehre im vollen Sinn dieses Wortes
haben kann. Ich sage nur, daß er nicht imstande ist ... eine von Herzen
kommende Träne zu vergießen und etwas aus ganzer Kraft, aus tiefster
Seele zu lieben.
Der Mann d er zweit en Dam e. Aber wie kannst du das nur so positiv
behaupten?
ist anständig genug, um dies alles auszusprechen, ohne sich erst überall
umzuschauen, ob es den Leuten auch gefällt — denn das muß
ausgesprochen werden. Was gemein ist — ist gemein, da hilft kein
Vertuschen und kein Beschönigen. Es bleibt eine Gemeinheit, eine
Gemeinheit, eine Gemeinheit!
Der Mann d er er st en Dam e. Ich glaube, jetzt sind Sie wahrhaftig
allen Ernstes böse.
Di e zw eit e Dam e. Weil ich offen bin und es nicht ertragen kann, wenn
man die Unwahrheit spricht.
Der Man n der er st en Dam e. Nun, nun, seien Sie nicht böse und
geben Sie mir Ihr Händchen. Ich scherzte ja nur.
Di e zwei te D am e. Hier haben Sie meine Hand — ich bin ja gar nicht
böse. (Sie wendet sich an Herrn N.) Hören Sie: bitte raten Sie doch dem Autor, daß
er einen edlen und ehrlichen Menschen in die Komödie hineinbringt.
Her r N. Ja aber wie soll man das machen? Wie, wenn er nun einen
ehrlichen Menschen hineinbrächte und dieser ehrliche Mensch ein
Theaterheld würde?
Di e zwei t e D am e. O nein, wenn er wirklich stark und tief empfindet,
so wird sein Held kein Theaterritter werden.
Her r N. Aber ich glaube, das ist nicht so leicht zu machen.
Di e zwei te Dam e. Sagen Sie doch einfach, daß Ihr Autor keine
starken und tiefen Seelenregungen hat.
Her r N. Aber warum nur?
Di e zw eit e Dam e. Nun, wer unaufhörlich und immerfort lacht, der
kann doch keine allzu hohen Gefühle haben: unmöglich kann ihm bekannt
sein, was nur ein zartes Herz empfindet.
Her r N. Das ist ausgezeichnet! Also nach Ihnen kann der Verfasser kein
edler Mensch sein?
Di e zwei te Dam e. Sehen Sie! Sie legen es gleich ganz anders aus. Ich
habe doch kein Wort davon gesagt, daß ein Komödiendichter nicht edel sein
und keinen strengen Begriff von der Ehre im vollen Sinn dieses Wortes
haben kann. Ich sage nur, daß er nicht imstande ist ... eine von Herzen
kommende Träne zu vergießen und etwas aus ganzer Kraft, aus tiefster
Seele zu lieben.
Der Mann d er zweit en Dam e. Aber wie kannst du das nur so positiv
behaupten?
Page 308
Di e zwei te Dam e. Ich kann es, weil ich es weiß. Alle Menschen, die
immer nur lachten, oder Spötter waren, besaßen eine große Eigenliebe und
waren fast alle Egoisten; vornehme und edle Egoisten natürlich — aber
immer doch Egoisten.
Her r N. Also Sie geben unbedingt jener Art von Werken den Vorzug, in
denen nur die hohen Regungen der Menschen vorkommen.
Di e zw ei t e D am e. Aber natürlich! Ich werde sie immer höher stellen,
und ich muß gestehen, ich habe mehr inneres Vertrauen zu einem solchen
Autor.
Der Man n d er er st en Dam e (wendet sich an Herrn N.). Nun, du siehst
doch, es kommt auf das gleiche hinaus — so ist der Geschmack der Frauen.
In ihren Augen steht die banalste Tragödie höher als die allerbeste
Komödie. Schon allein, weil es eine Tragödie ist ...
Di e zw eit e Dam e. Schweigen Sie, sonst werde ich wieder böse.
(Wendet sich an Herrn N.) Nun sagen Sie, habe ich denn nicht die Wahrheit
gesagt: ein Komödienschreiber muß doch unbedingt eine kalte Seele haben?
Der Man n der zwei ten D am e. Oder eine glühende, denn ein
reizbares Temperament fordert doch auch zum Spott und zur Satire heraus.
Di e zweit e Dam e. Oder eine leicht erregbare Seele. Aber was
bedeutet das? — Das bedeutet, daß der Anlaß zu diesen Werken immer nur
Galle, Verbitterung, Empörung ist, wenn auch eine in jeder Hinsicht
gerechte Empörung. Aber es fehlt das, was erkennen läßt, daß das Werk aus
einer hohen Liebe zur Menschheit ... kurz aus Liebe geboren ward. Nicht
wahr?
Her r N. Sehr richtig.
Di e zwei te Dam e. Und nun sagen Sie: hat der Autor der Komödie
Ähnlichkeit mit diesem Porträt?
Her r N. Wie soll ich Ihnen sagen? Ich kenne ihn nicht so gut, um über
seine Seele urteilen zu können. Aber wenn ich überlege, was ich alles von
ihm gehört habe, so muß er entweder ein Egoist oder ein sehr reizbarer
Mensch sein.
Di e zw eit e Dam e. Nun sehen Sie, ich wußte es doch ganz genau.
Di e er ste Dam e. Ich weiß nicht warum — aber ich möchte nicht, daß
er ein Egoist wäre.
Der Mann d er er st en Dam e. Ah, da kommt unser Lakai, unser
Wagen ist also vorgefahren. Leben Sie wohl. (Drückt der zweiten Dame die Hand.)
immer nur lachten, oder Spötter waren, besaßen eine große Eigenliebe und
waren fast alle Egoisten; vornehme und edle Egoisten natürlich — aber
immer doch Egoisten.
Her r N. Also Sie geben unbedingt jener Art von Werken den Vorzug, in
denen nur die hohen Regungen der Menschen vorkommen.
Di e zw ei t e D am e. Aber natürlich! Ich werde sie immer höher stellen,
und ich muß gestehen, ich habe mehr inneres Vertrauen zu einem solchen
Autor.
Der Man n d er er st en Dam e (wendet sich an Herrn N.). Nun, du siehst
doch, es kommt auf das gleiche hinaus — so ist der Geschmack der Frauen.
In ihren Augen steht die banalste Tragödie höher als die allerbeste
Komödie. Schon allein, weil es eine Tragödie ist ...
Di e zw eit e Dam e. Schweigen Sie, sonst werde ich wieder böse.
(Wendet sich an Herrn N.) Nun sagen Sie, habe ich denn nicht die Wahrheit
gesagt: ein Komödienschreiber muß doch unbedingt eine kalte Seele haben?
Der Man n der zwei ten D am e. Oder eine glühende, denn ein
reizbares Temperament fordert doch auch zum Spott und zur Satire heraus.
Di e zweit e Dam e. Oder eine leicht erregbare Seele. Aber was
bedeutet das? — Das bedeutet, daß der Anlaß zu diesen Werken immer nur
Galle, Verbitterung, Empörung ist, wenn auch eine in jeder Hinsicht
gerechte Empörung. Aber es fehlt das, was erkennen läßt, daß das Werk aus
einer hohen Liebe zur Menschheit ... kurz aus Liebe geboren ward. Nicht
wahr?
Her r N. Sehr richtig.
Di e zwei te Dam e. Und nun sagen Sie: hat der Autor der Komödie
Ähnlichkeit mit diesem Porträt?
Her r N. Wie soll ich Ihnen sagen? Ich kenne ihn nicht so gut, um über
seine Seele urteilen zu können. Aber wenn ich überlege, was ich alles von
ihm gehört habe, so muß er entweder ein Egoist oder ein sehr reizbarer
Mensch sein.
Di e zw eit e Dam e. Nun sehen Sie, ich wußte es doch ganz genau.
Di e er ste Dam e. Ich weiß nicht warum — aber ich möchte nicht, daß
er ein Egoist wäre.
Der Mann d er er st en Dam e. Ah, da kommt unser Lakai, unser
Wagen ist also vorgefahren. Leben Sie wohl. (Drückt der zweiten Dame die Hand.)
Page 309
Sie kommen doch zu uns, nicht wahr? Wir wollen doch bei uns zu Hause
Tee trinken?
Di e er ste Dam e (im Weggehen). Gern.
Di e zw eit e Dam e. Unbedingt.
Der Mann d er zwei t en Dam e. Ich glaube, unser Wagen ist auch
vorgefahren. (Folgen ihnen.)
(Zwei Zuschauer treten herein.)
Der er st e. Erklären Sie mir nur das eine: wenn man jeden Akt, jede
Person, jeden Charakter einzeln betrachtet, warum sieht man dann, daß alles
wahr, alles lebendig und der Natur entnommen ist, und doch erscheint es im
ganzen als etwas Ungeheuerliches, Übertriebenes, als eine Karikatur, so daß
man sich nach Verlassen des Theaters unwillkürlich fragt: existieren denn
wirklich solche Menschen? Und dabei sind es doch nicht eigentlich
Verbrecher!
Der zwei t e. Nicht im geringsten — es sind durchaus keine Verbrecher!
Sie sind einfach das, was das Sprichwort so ausdrückt: Kein böser Sinn, ein
Schelm schlechthin.
Der er ste. Und dann noch eins: diese ungeheure Anhäufung, dieses
Übermaß — ist das nicht schon ein Fehler einer Komödie? Sagen Sie mir,
wo gibt es eine Gesellschaft, die aus lauter solchen Menschen besteht, wo
— wenn nicht die Hälfte — so doch mindestens nicht ein kleiner Bruchteil
anständige Menschen sind. Wenn eine Komödie ein Bild, ein Spiegel
unseres sozialen Lebens sein soll, so muß dieses sich in voller Deutlichkeit
spiegeln.
Der zwei te. Erstens ist meiner Meinung nach diese Komödie kein Bild,
sondern eher noch eine Frontispice. Sie sehen, Szene und Schauplatz sind
imaginär. Sonst hätte der Autor wohl keine Fehler und keine
offensichtlichen Anachronismen begangen und nicht manche Personen
solche Worte sagen lassen, die weder ihrem Charakter noch der Stellung,
die sie einnehmen, entsprechen. Nur die erste Gereiztheit hat das für eine
persönliche Anspielung nehmen können, worin auch nicht einmal ein
Schatten von Persönlichem liegt und was mehr oder weniger allen
Menschen eigen ist. Das ist vielmehr ein großer Sammelpunkt: von überall
her, aus allen Winkeln Rußlands sind hier alle Abnormitäten, alle
Mißbräuche und Verirrungen zusammengeströmt, um einer Idee zu dienen
und dem Zuschauer eine lebhafte edle Abscheu vor vielem Häßlichen und
Niedrigen einzuflößen. Der Eindruck wird aber immer größer, weil keine
Tee trinken?
Di e er ste Dam e (im Weggehen). Gern.
Di e zw eit e Dam e. Unbedingt.
Der Mann d er zwei t en Dam e. Ich glaube, unser Wagen ist auch
vorgefahren. (Folgen ihnen.)
(Zwei Zuschauer treten herein.)
Der er st e. Erklären Sie mir nur das eine: wenn man jeden Akt, jede
Person, jeden Charakter einzeln betrachtet, warum sieht man dann, daß alles
wahr, alles lebendig und der Natur entnommen ist, und doch erscheint es im
ganzen als etwas Ungeheuerliches, Übertriebenes, als eine Karikatur, so daß
man sich nach Verlassen des Theaters unwillkürlich fragt: existieren denn
wirklich solche Menschen? Und dabei sind es doch nicht eigentlich
Verbrecher!
Der zwei t e. Nicht im geringsten — es sind durchaus keine Verbrecher!
Sie sind einfach das, was das Sprichwort so ausdrückt: Kein böser Sinn, ein
Schelm schlechthin.
Der er ste. Und dann noch eins: diese ungeheure Anhäufung, dieses
Übermaß — ist das nicht schon ein Fehler einer Komödie? Sagen Sie mir,
wo gibt es eine Gesellschaft, die aus lauter solchen Menschen besteht, wo
— wenn nicht die Hälfte — so doch mindestens nicht ein kleiner Bruchteil
anständige Menschen sind. Wenn eine Komödie ein Bild, ein Spiegel
unseres sozialen Lebens sein soll, so muß dieses sich in voller Deutlichkeit
spiegeln.
Der zwei te. Erstens ist meiner Meinung nach diese Komödie kein Bild,
sondern eher noch eine Frontispice. Sie sehen, Szene und Schauplatz sind
imaginär. Sonst hätte der Autor wohl keine Fehler und keine
offensichtlichen Anachronismen begangen und nicht manche Personen
solche Worte sagen lassen, die weder ihrem Charakter noch der Stellung,
die sie einnehmen, entsprechen. Nur die erste Gereiztheit hat das für eine
persönliche Anspielung nehmen können, worin auch nicht einmal ein
Schatten von Persönlichem liegt und was mehr oder weniger allen
Menschen eigen ist. Das ist vielmehr ein großer Sammelpunkt: von überall
her, aus allen Winkeln Rußlands sind hier alle Abnormitäten, alle
Mißbräuche und Verirrungen zusammengeströmt, um einer Idee zu dienen
und dem Zuschauer eine lebhafte edle Abscheu vor vielem Häßlichen und
Niedrigen einzuflößen. Der Eindruck wird aber immer größer, weil keine
Page 310
der dargestellten Personen alles Menschliche verloren hat: überall klingt
dies Menschliche hindurch. Dadurch wird die seelische Erschütterung noch
tiefer, und wenn der Zuschauer lacht, wendet er sich unwillkürlich um, wie
wenn er fühlte, daß ihm das ganz nahe ist, worüber er lachte, und daß er
jeden Augenblick darüber wachen muß, daß es nicht in seine eigene Seele
hinüberfließe. Am amüsantesten mußte wohl folgender Vorwurf für den
Autor sein, wie ich glaube. „Warum sind seine Personen und Helden nicht
sympathisch?“ während er doch alles getan hat, um sie recht abstoßend zu
machen. Und wenn auch nur ei n anständiger Mensch in die Komödie
hineingebracht worden wäre, mit der ganzen Anziehungskraft, die von
einem solchen ausgeht, so hätten sich alle, bis auf den Letzten, auf die Seite
des anständigen Menschen gestellt und die ganz und gar vergessen, vor
denen sie jetzt so erschrocken sind. Diese Gestalten würden uns vielleicht
nach der Vorstellung nicht so verfolgen, wie wenn sie lebendig wären; der
Zuschauer nähme kein schmerzliches Gefühl aus dem Stück mit und würde
sich nicht fragen: „Existieren denn wirklich solche Menschen?“
Der er st e. Gewiß. Aber das wird man doch nicht gleich begreifen.
Der zw eit e. Sehr natürlich. Der innere Sinn der Sache wird immer erst
nachher verstanden. Und je lebhafter, je deutlicher die Gestalten sind, in
denen er sich verkörpert und auf die er sich verteilt, um so mehr bleibt die
allgemeine Aufmerksamkeit an diesen Gestalten haften. Nur wenn man sie
zusammenaddiert, erhält man die Summe und den Sinn einer solchen
Schöpfung. Aber solche Zeichen schnell zergliedern und addieren, sie
sogleich auf den ersten Blick lesen — das kann nicht jeder; und bis dahin
wird man immer nur Zeichen sehen. Und ich sage es Ihnen im Voraus, Sie
werden es noch erleben: vor allem wird jedes Kreisstädtchen in Rußland in
Empörung geraten und behaupten, daß das eine böse Satire, eine platte und
gemeine Erdichtung ist, die sich offen gegen dies Städtchen richtet. (Sie
entfernen sich.)
E in B eam t er. Das ist nichts wie eine platte gemeine Erdichtung! Das
ist eine Satire! Ein Pasquill!
E in an der er B eam t er. Jetzt ist also gar nichts mehr übriggeblieben.
Man braucht keine Gesetze, man braucht auch dem Staate nicht zu dienen.
Diese Uniform, die ich trage, — muß ich also fortwerfen: sie ist jetzt nicht
mehr als ein Lappen.
(Zwei junge Menschen laufen herein.)
dies Menschliche hindurch. Dadurch wird die seelische Erschütterung noch
tiefer, und wenn der Zuschauer lacht, wendet er sich unwillkürlich um, wie
wenn er fühlte, daß ihm das ganz nahe ist, worüber er lachte, und daß er
jeden Augenblick darüber wachen muß, daß es nicht in seine eigene Seele
hinüberfließe. Am amüsantesten mußte wohl folgender Vorwurf für den
Autor sein, wie ich glaube. „Warum sind seine Personen und Helden nicht
sympathisch?“ während er doch alles getan hat, um sie recht abstoßend zu
machen. Und wenn auch nur ei n anständiger Mensch in die Komödie
hineingebracht worden wäre, mit der ganzen Anziehungskraft, die von
einem solchen ausgeht, so hätten sich alle, bis auf den Letzten, auf die Seite
des anständigen Menschen gestellt und die ganz und gar vergessen, vor
denen sie jetzt so erschrocken sind. Diese Gestalten würden uns vielleicht
nach der Vorstellung nicht so verfolgen, wie wenn sie lebendig wären; der
Zuschauer nähme kein schmerzliches Gefühl aus dem Stück mit und würde
sich nicht fragen: „Existieren denn wirklich solche Menschen?“
Der er st e. Gewiß. Aber das wird man doch nicht gleich begreifen.
Der zw eit e. Sehr natürlich. Der innere Sinn der Sache wird immer erst
nachher verstanden. Und je lebhafter, je deutlicher die Gestalten sind, in
denen er sich verkörpert und auf die er sich verteilt, um so mehr bleibt die
allgemeine Aufmerksamkeit an diesen Gestalten haften. Nur wenn man sie
zusammenaddiert, erhält man die Summe und den Sinn einer solchen
Schöpfung. Aber solche Zeichen schnell zergliedern und addieren, sie
sogleich auf den ersten Blick lesen — das kann nicht jeder; und bis dahin
wird man immer nur Zeichen sehen. Und ich sage es Ihnen im Voraus, Sie
werden es noch erleben: vor allem wird jedes Kreisstädtchen in Rußland in
Empörung geraten und behaupten, daß das eine böse Satire, eine platte und
gemeine Erdichtung ist, die sich offen gegen dies Städtchen richtet. (Sie
entfernen sich.)
E in B eam t er. Das ist nichts wie eine platte gemeine Erdichtung! Das
ist eine Satire! Ein Pasquill!
E in an der er B eam t er. Jetzt ist also gar nichts mehr übriggeblieben.
Man braucht keine Gesetze, man braucht auch dem Staate nicht zu dienen.
Diese Uniform, die ich trage, — muß ich also fortwerfen: sie ist jetzt nicht
mehr als ein Lappen.
(Zwei junge Menschen laufen herein.)
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Der ei ne. Jetzt sind alle zornig. Ich habe schon so viel reden hören, daß
ich schon, wenn ich einen bloß ansehe, erraten kann, was er über das Stück
denkt.
Der ander e. Nun, und was denkt dieser da?
Der er st e. Der grade in die Ärmel seines Mantels fährt?
Der ander e. Ja.
Der er ste. Der denkt folgendes: „Für so eine Komödie solltest du mir
nach Nertschinsk! ...“ Aber ich glaube, die Galerie kommt schon herunter.
Das Vaudeville scheint schon aus zu sein. Gleich wird der Strom der
kleinen Leute hereinbrechen. Wir wollen gehen. (Beide entfernen sich.)
(Der Lärm wird stärker; man hört und sieht die Menschen alle Treppen herunterlaufen. Es kommen:
Bauernröcke, Pelzjacken, Hauben, lange deutsche Kaufmanns-Kaftans, Dreimaster und Federbüsche,
Mäntel aller Arten: Friesmäntel, Militäruniformen, abgetragene und stutzerhafte mit Biberkragen.
Die Menge stößt den Herrn, der in die Ärmel des Mantels fährt, weg; der Herr tritt zur Seite und fährt
dort fort, den Mantel anzuziehen. In der Menge werden Herren und Beamte aller Art sichtbar.
Lakaien in Livree bahnen den gnädigen Frauen den Weg.)
Man hört ei ne k r eischende F r auenst im m e: Herrgott, man erdrückt
mich ja ganz von allen Seiten.
E in g eschm ei di ger j un ger B eam ter (läuft an den Herrn heran, der den
Mantel anzieht). Erlauben Exzellenz, daß ich Ihnen den Mantel halte.
Der Her r im Man tel. Ah, guten Tag! Du hier? Du bist wohl
hergekommen, um das Stück zu sehen?
Der j un g e Beam t e. Jawohl, Exzellenz, es ist sehr gut und mit viel
Witz beobachtet!
Der H er r i m Man tel. Ach Unsinn! Da gibts gar nichts Witziges!
Der j ung e B eam te. Sehr richtig, Exzellenz! Absolut nichts!
Der Her r i m Mantel. Für solche Sachen verdient man, ausgepeitscht
und nicht noch gelobt zu werden.
Der j ung e B eam te. Jawohl, Exzellenz.
Der Her r im Mant el. Daß man die jungen Leute nur ins Theater läßt!
Die werden dort viel Nützliches lernen! Auch du: jetzt wirst du wohl in die
Kanzlei kommen und gleich mit Grobheiten beginnen?
Der j un g e Beam t e. Wie könnte ich nur, Exzellenz! ... Gestatten Sie,
daß ich Ihnen den Weg freimache. (Zu der Menge, während er ein paar Leute fortstößt.)
He, ihr da, macht Platz! Ein General kommt! (Tritt mit übertriebener Höflichkeit an
zwei stutzerhaft gekleidete Herren heran.) Meine Herren, tuen Sie mir den Gefallen,
lassen Sie den General durch!
(Die gutgekleideten Herren treten zur Seite und geben den Weg frei.)
ich schon, wenn ich einen bloß ansehe, erraten kann, was er über das Stück
denkt.
Der ander e. Nun, und was denkt dieser da?
Der er st e. Der grade in die Ärmel seines Mantels fährt?
Der ander e. Ja.
Der er ste. Der denkt folgendes: „Für so eine Komödie solltest du mir
nach Nertschinsk! ...“ Aber ich glaube, die Galerie kommt schon herunter.
Das Vaudeville scheint schon aus zu sein. Gleich wird der Strom der
kleinen Leute hereinbrechen. Wir wollen gehen. (Beide entfernen sich.)
(Der Lärm wird stärker; man hört und sieht die Menschen alle Treppen herunterlaufen. Es kommen:
Bauernröcke, Pelzjacken, Hauben, lange deutsche Kaufmanns-Kaftans, Dreimaster und Federbüsche,
Mäntel aller Arten: Friesmäntel, Militäruniformen, abgetragene und stutzerhafte mit Biberkragen.
Die Menge stößt den Herrn, der in die Ärmel des Mantels fährt, weg; der Herr tritt zur Seite und fährt
dort fort, den Mantel anzuziehen. In der Menge werden Herren und Beamte aller Art sichtbar.
Lakaien in Livree bahnen den gnädigen Frauen den Weg.)
Man hört ei ne k r eischende F r auenst im m e: Herrgott, man erdrückt
mich ja ganz von allen Seiten.
E in g eschm ei di ger j un ger B eam ter (läuft an den Herrn heran, der den
Mantel anzieht). Erlauben Exzellenz, daß ich Ihnen den Mantel halte.
Der Her r im Man tel. Ah, guten Tag! Du hier? Du bist wohl
hergekommen, um das Stück zu sehen?
Der j un g e Beam t e. Jawohl, Exzellenz, es ist sehr gut und mit viel
Witz beobachtet!
Der H er r i m Man tel. Ach Unsinn! Da gibts gar nichts Witziges!
Der j ung e B eam te. Sehr richtig, Exzellenz! Absolut nichts!
Der Her r i m Mantel. Für solche Sachen verdient man, ausgepeitscht
und nicht noch gelobt zu werden.
Der j ung e B eam te. Jawohl, Exzellenz.
Der Her r im Mant el. Daß man die jungen Leute nur ins Theater läßt!
Die werden dort viel Nützliches lernen! Auch du: jetzt wirst du wohl in die
Kanzlei kommen und gleich mit Grobheiten beginnen?
Der j un g e Beam t e. Wie könnte ich nur, Exzellenz! ... Gestatten Sie,
daß ich Ihnen den Weg freimache. (Zu der Menge, während er ein paar Leute fortstößt.)
He, ihr da, macht Platz! Ein General kommt! (Tritt mit übertriebener Höflichkeit an
zwei stutzerhaft gekleidete Herren heran.) Meine Herren, tuen Sie mir den Gefallen,
lassen Sie den General durch!
(Die gutgekleideten Herren treten zur Seite und geben den Weg frei.)
Page 312
Der er st e. Weißt du, was das für ein General ist? Es muß wohl eine
bekannte Größe sein?
Der zwei t e. Ich weiß nicht. Ich habe ihn noch nie gesehen.
E in r edsel iger B eam t er (mischt sich von hinten in das Gespräch). Ein ganz
einfacher Staatsrat vierter Klasse. So ein Glück! Nach fünfzehnjährigem
Dienst hat er schon den Wladimir-, den Anna- und Stanislaworden,
dreitausend Rubel Gehalt, und außerdem zweitausend Zuschuß und dazu
noch Zulagen vom Rat, von der Kommission und vom Departement.
Di e gu t gek lei deten Her r en (einer zum andern). Gehen wir. (Sie entfernen
sich.)
Der r ed sel ig e Her r. Das sind wohl verwöhnte Muttersöhnchen.
Dienen wahrscheinlich im auswärtigen Amt. Ich habe die Komödien nicht
gern; meinem Geschmack entspricht mehr die Tragödie. (Geht ab.)
E in e S t i m m e aus d er Meng e. Wieviel Volk hier zusammengeströmt
ist!
E in Off i zier (drängt sich mit einer Dame am Arm durch die Menge). He, ihr
Langbärte da, drängt doch nicht so. Siehst du denn nicht — das ist eine
Dame!
E in K auf m an n (mit einer Dame am Arm). Wir haben doch auch eine Dame
bei uns, Väterchen.
E in e S ti m m e aus der Menge. Jetzt hat sie sich umgesehen, siehst
du, siehst du? Sie ist jetzt häßlicher geworden — aber vor drei Jahren ...
Ver schi eden e S t im m en. Hörst du, dreißig Kopeken habe ich von ihm
zurückbekommen. — Ein schurkisches, schlechtes Stück! — Ein amüsantes
Stück. — Was drängst du dich mir bis an die Gurgel ran?
E in e S t im m e vom äu ßer st en E nde. Das ist alles Unsinn! Wo hätte
sich so ein Ereignis abspielen können? So etwas könnte höchstens noch auf
der Tschukotzki-Insel geschehen.
E in e S t im m e vom ander en E nde. Nun, ganz so eine Sache ist
unserer Stadt passiert. Ich glaubte schon, der Autor habe — wenn er nicht
selbst dort gewesen ist — doch zum mindesten davon gehört.
Di e S t im m e d es Kauf m anns. Es ist — sehen Sie wohl — sozusagen
mehr von der moralischen Seite gesehen. Gewiß, es gibt sozusagen sehr
verschiedene Menschen. Aber wollen Sie bitte in Betracht ziehen, daß auch
ein ehrlicher Mensch, wenn die Gelegenheit sich bietet ... Und von wegen
der Moral — so kommt das auch bei den Adligen vor.
bekannte Größe sein?
Der zwei t e. Ich weiß nicht. Ich habe ihn noch nie gesehen.
E in r edsel iger B eam t er (mischt sich von hinten in das Gespräch). Ein ganz
einfacher Staatsrat vierter Klasse. So ein Glück! Nach fünfzehnjährigem
Dienst hat er schon den Wladimir-, den Anna- und Stanislaworden,
dreitausend Rubel Gehalt, und außerdem zweitausend Zuschuß und dazu
noch Zulagen vom Rat, von der Kommission und vom Departement.
Di e gu t gek lei deten Her r en (einer zum andern). Gehen wir. (Sie entfernen
sich.)
Der r ed sel ig e Her r. Das sind wohl verwöhnte Muttersöhnchen.
Dienen wahrscheinlich im auswärtigen Amt. Ich habe die Komödien nicht
gern; meinem Geschmack entspricht mehr die Tragödie. (Geht ab.)
E in e S t i m m e aus d er Meng e. Wieviel Volk hier zusammengeströmt
ist!
E in Off i zier (drängt sich mit einer Dame am Arm durch die Menge). He, ihr
Langbärte da, drängt doch nicht so. Siehst du denn nicht — das ist eine
Dame!
E in K auf m an n (mit einer Dame am Arm). Wir haben doch auch eine Dame
bei uns, Väterchen.
E in e S ti m m e aus der Menge. Jetzt hat sie sich umgesehen, siehst
du, siehst du? Sie ist jetzt häßlicher geworden — aber vor drei Jahren ...
Ver schi eden e S t im m en. Hörst du, dreißig Kopeken habe ich von ihm
zurückbekommen. — Ein schurkisches, schlechtes Stück! — Ein amüsantes
Stück. — Was drängst du dich mir bis an die Gurgel ran?
E in e S t im m e vom äu ßer st en E nde. Das ist alles Unsinn! Wo hätte
sich so ein Ereignis abspielen können? So etwas könnte höchstens noch auf
der Tschukotzki-Insel geschehen.
E in e S t im m e vom ander en E nde. Nun, ganz so eine Sache ist
unserer Stadt passiert. Ich glaubte schon, der Autor habe — wenn er nicht
selbst dort gewesen ist — doch zum mindesten davon gehört.
Di e S t im m e d es Kauf m anns. Es ist — sehen Sie wohl — sozusagen
mehr von der moralischen Seite gesehen. Gewiß, es gibt sozusagen sehr
verschiedene Menschen. Aber wollen Sie bitte in Betracht ziehen, daß auch
ein ehrlicher Mensch, wenn die Gelegenheit sich bietet ... Und von wegen
der Moral — so kommt das auch bei den Adligen vor.
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Di e S t i m m e ei nes Mäzen s. Wahrscheinlich ist er eine Kanaille, ein
Schuft — dieser Dichter: alles hat er ausgekundschaftet, er weiß alles!
Di e S tim m e ein es b r u m m igen, aber off en bar er f ahr enen
B eam ten. Was weiß er denn? Den Teufel weiß er! Und schwindeln tut er,
schwindeln: alles, was er da geschrieben hat — alles ist gelogen! Man
nimmt auch die Schmiergelder nicht auf diese Weise, wenn es darauf
ankommt ...
Di e S ti m m e ei nes ander n Beam ten au s der Men ge. Ach was
sagen Sie: „Lächerlich, ganz lächerlich!“ Wissen Sie auch warum das
lächerlich ist? Das sind doch alles bestimmte Personen. Er hat nämlich alle
seine Großmütter und Tanten dargestellt. Das ist das Lächerliche daran!
E in e u n bek annt e S ti m m e. Halt, man hat ein Tuch gestohlen!
(Zwei Offiziere, die sich erkennen, begrüßen einander über die Menschen hinweg.)
Der er st e. Michèl, gehst du hin?
Der zwei t e. Jawohl.
Der er st e. Nun, ich bin auch dort.
E in Beam t er von bedeutendem Äuß er n. Ich würde alles
verbieten. Nichts braucht man zu drucken. Genieße die Errungenschaften
der Bildung, lies — aber schreib nicht! Es gibt schon genug Bücher — wir
brauchen keine mehr!
E in e S t i m m e aus dem Volk e. Nun wenn er ein Schurke ist — so ist
er eben ein Schurke! Sei kein Schurke, und man wird nicht über dich
lachen.
E in h üb sch er un d wo hlbeleibter Her r (spricht hitzig zu einem
unansehnlichen kleinen Herrn). Die Sittlichkeit leidet darunter, die Sittlichkeit
leidet darunter — das ist das Wesentliche.
E in kl ein er, unanseh nl icher Her r vo n b osh af tem Char ak ter.
Aber die Sittlichkeit ist doch etwas Relatives.
Der schö n e un d bel ei bt e H er r. Was verstehen Sie unter dem Wort
„relativ“?
Der un anseh n li ch e kl ei ne Her r von boshaf tem C har ak ter.
Das, daß jeder die Sittlichkeit mit seinem eigenen Maßstabe mißt. Der eine
nennt es sittlich, wenn man den Hut vor ihm auf der Straße lüftet. Der
andere nennt das Sittlichkeit, daß man durch die Finger sieht, wenn er
stiehlt; der dritte nennt die Dienste sittlich, die man seiner Geliebten
erweist. Wie sagt doch jeder von uns gewöhnlich zu seinen Untergebenen?
— Er erklärt von oben herab: „Mein Herr, geben Sie sich Mühe, Ihre Pflicht
Schuft — dieser Dichter: alles hat er ausgekundschaftet, er weiß alles!
Di e S tim m e ein es b r u m m igen, aber off en bar er f ahr enen
B eam ten. Was weiß er denn? Den Teufel weiß er! Und schwindeln tut er,
schwindeln: alles, was er da geschrieben hat — alles ist gelogen! Man
nimmt auch die Schmiergelder nicht auf diese Weise, wenn es darauf
ankommt ...
Di e S ti m m e ei nes ander n Beam ten au s der Men ge. Ach was
sagen Sie: „Lächerlich, ganz lächerlich!“ Wissen Sie auch warum das
lächerlich ist? Das sind doch alles bestimmte Personen. Er hat nämlich alle
seine Großmütter und Tanten dargestellt. Das ist das Lächerliche daran!
E in e u n bek annt e S ti m m e. Halt, man hat ein Tuch gestohlen!
(Zwei Offiziere, die sich erkennen, begrüßen einander über die Menschen hinweg.)
Der er st e. Michèl, gehst du hin?
Der zwei t e. Jawohl.
Der er st e. Nun, ich bin auch dort.
E in Beam t er von bedeutendem Äuß er n. Ich würde alles
verbieten. Nichts braucht man zu drucken. Genieße die Errungenschaften
der Bildung, lies — aber schreib nicht! Es gibt schon genug Bücher — wir
brauchen keine mehr!
E in e S t i m m e aus dem Volk e. Nun wenn er ein Schurke ist — so ist
er eben ein Schurke! Sei kein Schurke, und man wird nicht über dich
lachen.
E in h üb sch er un d wo hlbeleibter Her r (spricht hitzig zu einem
unansehnlichen kleinen Herrn). Die Sittlichkeit leidet darunter, die Sittlichkeit
leidet darunter — das ist das Wesentliche.
E in kl ein er, unanseh nl icher Her r vo n b osh af tem Char ak ter.
Aber die Sittlichkeit ist doch etwas Relatives.
Der schö n e un d bel ei bt e H er r. Was verstehen Sie unter dem Wort
„relativ“?
Der un anseh n li ch e kl ei ne Her r von boshaf tem C har ak ter.
Das, daß jeder die Sittlichkeit mit seinem eigenen Maßstabe mißt. Der eine
nennt es sittlich, wenn man den Hut vor ihm auf der Straße lüftet. Der
andere nennt das Sittlichkeit, daß man durch die Finger sieht, wenn er
stiehlt; der dritte nennt die Dienste sittlich, die man seiner Geliebten
erweist. Wie sagt doch jeder von uns gewöhnlich zu seinen Untergebenen?
— Er erklärt von oben herab: „Mein Herr, geben Sie sich Mühe, Ihre Pflicht
Page 314
gegen Gott, Kaiser und Vaterland zu erfüllen,“ worauf das aber zu beziehen
ist — das kannst du dir selbst zurechtlegen. Allerdings ist das nur noch in
der Provinz üblich, in der Residenz passiert so etwas nicht mehr, nicht
wahr? Wenn sich hier jemand in drei Jahren zwei Häuser anschafft — wie
hängt das zusammen? Doch nur mit der Ehrlichkeit; nicht wahr?
Der h üb sch e beleibt e Her r (beiseite). Der ist bös wie der Teufel und
hat eine Zunge wie eine Schlange!
Der un an seh nl i che Her r vo n b oshaf tem Char akter (stößt einen ihm
gänzlich unbekannten Herrn am Arm und spricht zu ihm, indem er auf den hübschen Herrn hinweist).
Vier Häuser in einer Straße; alle nebeneinander, die sind in sechs Jahren aus
der Erde gewachsen! Wie wirkt die Ehrlichkeit auf die Vegetation, was?
Der U nb ekan n te (entfernt sich eilig). Verzeihen Sie, ich habe nicht ganz
verstanden ...
Der un anseh n li ch e Her r von b oshaf tem C har akter (stößt einen
unbekannten Nachbar am Arm). Wie sich heutzutage die Taubheit in der Stadt
verbreitet hat, was? Das macht alles das ungesunde und feuchte Klima!
Der u n bek annt e Nach bar. Ja, und die Grippe. Bei mir waren
sämtliche Kinder krank.
Der un anseh n li ch e Her r von boshaf tem C har akter. Ja, die
Grippe, die Taubheit und der Ziegenpeter im Halse. (Verliert sich in der Menge.)
(Eine Unterhaltung in einer abseits stehenden Gruppe.)
Der er st e. Man behauptet, daß mit dem Autor selbst eine ähnliche
Geschichte passiert ist; er soll schuldenhalber in einem Städtchen im
Gefängnis gesessen haben.
E in H er r auf der anderen Seite der Gruppe (fällt ihm ins Wort). Nein, nicht
im Gefängnis, sondern auf einem Turm. Vorüberfahrende haben es gesehen.
Man sagt, es sei etwas Außerordentliches gewesen. Denken Sie sich, ein
Dichter auf einem fabelhaft hohen Turm, ringsherum Berge, in einer
entzückenden Lage und von dort herab rezitiert er seine Gedichte. Nicht
wahr, darin offenbart sich doch ein ganz besonderer Zug des Dichters?
E in p osi t iv gesi nnt er Her r. Der Autor muß ein gescheiter Mensch
sein.
E in neg at i v g esi nnt er Her r. Aber nicht im geringsten. Ich weiß, er
hat gedient, und man hat ihn fortgejagt: er war nicht einmal imstande, ein
Gesuch abzufassen.
E in g anz gew ö hnl icher L ü gner. Ein kecker, ein schlauer Kopf!
Man wollte ihm lange keine Anstellung geben — und was glauben Sie? Er
ist — das kannst du dir selbst zurechtlegen. Allerdings ist das nur noch in
der Provinz üblich, in der Residenz passiert so etwas nicht mehr, nicht
wahr? Wenn sich hier jemand in drei Jahren zwei Häuser anschafft — wie
hängt das zusammen? Doch nur mit der Ehrlichkeit; nicht wahr?
Der h üb sch e beleibt e Her r (beiseite). Der ist bös wie der Teufel und
hat eine Zunge wie eine Schlange!
Der un an seh nl i che Her r vo n b oshaf tem Char akter (stößt einen ihm
gänzlich unbekannten Herrn am Arm und spricht zu ihm, indem er auf den hübschen Herrn hinweist).
Vier Häuser in einer Straße; alle nebeneinander, die sind in sechs Jahren aus
der Erde gewachsen! Wie wirkt die Ehrlichkeit auf die Vegetation, was?
Der U nb ekan n te (entfernt sich eilig). Verzeihen Sie, ich habe nicht ganz
verstanden ...
Der un anseh n li ch e Her r von b oshaf tem C har akter (stößt einen
unbekannten Nachbar am Arm). Wie sich heutzutage die Taubheit in der Stadt
verbreitet hat, was? Das macht alles das ungesunde und feuchte Klima!
Der u n bek annt e Nach bar. Ja, und die Grippe. Bei mir waren
sämtliche Kinder krank.
Der un anseh n li ch e Her r von boshaf tem C har akter. Ja, die
Grippe, die Taubheit und der Ziegenpeter im Halse. (Verliert sich in der Menge.)
(Eine Unterhaltung in einer abseits stehenden Gruppe.)
Der er st e. Man behauptet, daß mit dem Autor selbst eine ähnliche
Geschichte passiert ist; er soll schuldenhalber in einem Städtchen im
Gefängnis gesessen haben.
E in H er r auf der anderen Seite der Gruppe (fällt ihm ins Wort). Nein, nicht
im Gefängnis, sondern auf einem Turm. Vorüberfahrende haben es gesehen.
Man sagt, es sei etwas Außerordentliches gewesen. Denken Sie sich, ein
Dichter auf einem fabelhaft hohen Turm, ringsherum Berge, in einer
entzückenden Lage und von dort herab rezitiert er seine Gedichte. Nicht
wahr, darin offenbart sich doch ein ganz besonderer Zug des Dichters?
E in p osi t iv gesi nnt er Her r. Der Autor muß ein gescheiter Mensch
sein.
E in neg at i v g esi nnt er Her r. Aber nicht im geringsten. Ich weiß, er
hat gedient, und man hat ihn fortgejagt: er war nicht einmal imstande, ein
Gesuch abzufassen.
E in g anz gew ö hnl icher L ü gner. Ein kecker, ein schlauer Kopf!
Man wollte ihm lange keine Anstellung geben — und was glauben Sie? Er
Page 315
schrieb ganz einfach einen Brief an den Minister. Und wie der geschrieben
war! — In Quintilianischem Stil. Schon allein der Anfang: „Sehr geehrter
Herr!“ Und so ging es weiter, weiter und weiter ... so an die acht Seiten
heruntergehauen! Als der Minister das las, sagte er: „nun, ich danke, ich
danke! Ich sehe, du hast viel Feinde. Du sollst Chef der Abteilung werden.“
Und so hat er sich gleich von einem gewöhnlichen Schreiber zum
Abteilungschef aufgeschwungen.
E in Her r m it gut m üt igem C har ak ter (wendet sich zu einem anderen
kaltblütigen Herrn). Der Teufel weiß, wem man da glauben soll! Im Gefängnis
hat er gesessen und auf den Turm ist er geklettert! Aus dem Dienst hat man
ihn gejagt und eine Anstellung hat er bekommen.
E in k al tb l üt i ger Her r. Das sind ja alles Improvisationen.
Der gu tm ü ti g e Her r. Wieso — Improvisationen?
Der k alt bl ü ti g e Her r. Ganz einfach ... Zwei Minuten vorher wissen
sie ja selbst nicht, was sie von sich hören werden. Ein Zungenschlag — und
plötzlich platzen sie, ohne daß sie selbst etwas davon wissen, mit einer
Neuigkeit heraus, sind zufrieden, — und kehren nach Haus zurück, als ob
sie sich satt gegessen hätten. Am andern Tag aber ist alles vergessen, was
sie selbst sich ausgedacht hatten. Es scheint ihnen, als ob sie es von andern
Leuten gehört hätten, und dann gehen sie los und erzählen es in der ganzen
Stadt herum.
Der g u tm ü t ige Her r. Aber das ist gewissenlos: lügen und es selbst
nicht fühlen.
Der k alt b lü t ig e Her r. Oh, es gibt auch empfindliche Leute. Es gibt
solche, die fühlen, daß sie lügen, aber sie halten es in der Unterhaltung für
etwas Notwendiges: Wie das Korn auf dem Felde das Auge entzückt, so
eine Lüge die Rede erst schmückt.
E in e gu t si tu i er t e Dam e. Aber was für ein boshafter Spötter dieser
Autor sein muß! Ich gestehe, daß ich ihm um keinen Preis unter die Augen
kommen möchte: er würde sofort etwas Komisches an mir entdecken.
E in Mann von Gewi ch t. Ich weiß nicht, was für ein Mann das ist.
Das ist ... das ist ... das ist ... Für diesen Menschen gibt es nichts Heiliges:
heut sagt er: der Rat Soundso ist kein guter Beamter, und morgen wird er
erklären, daß es keinen Gott gibt. Bis dahin ist nur ein Schritt.
E in zwei ter Her r. Verspotten! Aber mit dem Lachen darf man nicht
spaßen! Das heißt doch jede Achtung zerstören — ja das heißt es!! Danach
kann ja jeder kommen und mir auf der Straße einen Schlag versetzen und
war! — In Quintilianischem Stil. Schon allein der Anfang: „Sehr geehrter
Herr!“ Und so ging es weiter, weiter und weiter ... so an die acht Seiten
heruntergehauen! Als der Minister das las, sagte er: „nun, ich danke, ich
danke! Ich sehe, du hast viel Feinde. Du sollst Chef der Abteilung werden.“
Und so hat er sich gleich von einem gewöhnlichen Schreiber zum
Abteilungschef aufgeschwungen.
E in Her r m it gut m üt igem C har ak ter (wendet sich zu einem anderen
kaltblütigen Herrn). Der Teufel weiß, wem man da glauben soll! Im Gefängnis
hat er gesessen und auf den Turm ist er geklettert! Aus dem Dienst hat man
ihn gejagt und eine Anstellung hat er bekommen.
E in k al tb l üt i ger Her r. Das sind ja alles Improvisationen.
Der gu tm ü ti g e Her r. Wieso — Improvisationen?
Der k alt bl ü ti g e Her r. Ganz einfach ... Zwei Minuten vorher wissen
sie ja selbst nicht, was sie von sich hören werden. Ein Zungenschlag — und
plötzlich platzen sie, ohne daß sie selbst etwas davon wissen, mit einer
Neuigkeit heraus, sind zufrieden, — und kehren nach Haus zurück, als ob
sie sich satt gegessen hätten. Am andern Tag aber ist alles vergessen, was
sie selbst sich ausgedacht hatten. Es scheint ihnen, als ob sie es von andern
Leuten gehört hätten, und dann gehen sie los und erzählen es in der ganzen
Stadt herum.
Der g u tm ü t ige Her r. Aber das ist gewissenlos: lügen und es selbst
nicht fühlen.
Der k alt b lü t ig e Her r. Oh, es gibt auch empfindliche Leute. Es gibt
solche, die fühlen, daß sie lügen, aber sie halten es in der Unterhaltung für
etwas Notwendiges: Wie das Korn auf dem Felde das Auge entzückt, so
eine Lüge die Rede erst schmückt.
E in e gu t si tu i er t e Dam e. Aber was für ein boshafter Spötter dieser
Autor sein muß! Ich gestehe, daß ich ihm um keinen Preis unter die Augen
kommen möchte: er würde sofort etwas Komisches an mir entdecken.
E in Mann von Gewi ch t. Ich weiß nicht, was für ein Mann das ist.
Das ist ... das ist ... das ist ... Für diesen Menschen gibt es nichts Heiliges:
heut sagt er: der Rat Soundso ist kein guter Beamter, und morgen wird er
erklären, daß es keinen Gott gibt. Bis dahin ist nur ein Schritt.
E in zwei ter Her r. Verspotten! Aber mit dem Lachen darf man nicht
spaßen! Das heißt doch jede Achtung zerstören — ja das heißt es!! Danach
kann ja jeder kommen und mir auf der Straße einen Schlag versetzen und
Page 316
sagen: „Man lacht doch über euch; du bekleidest doch dasselbe Amt, da
hast du eine Ohrfeige!“ Jawohl, das bedeutet es.
E in d r i tt er H er r. Natürlich! Das ist eine ernste Sache. Man sagt: „so
eine Kleinigkeit, so eine Bagatelle: eine Theatervorstellung!“ Nein, das ist
gar keine solche Kleinigkeit. Darauf muß man ernstlich achtgeben! Für
solche Sachen kommt man nach Sibirien. Wenn ich die Macht hätte —
würde der Autor nicht zu mucksen wagen! Ich würde ihn an einen solchen
Ort bringen lassen, wo kein Lichtstrahl hineinfällt.
(Es erscheint eine Gruppe von Menschen, von Gott weiß welcher Art, übrigens aber von vornehmem
Äußeren und gutgekleidet.)
Der er st e. Bleiben wir lieber hier stehen, bis die Menge sich verlaufen
hat. Nein, was soll das wirklich! Lärm machen, in die Hände klatschen, als
ob das Gott weiß was wäre! So eine Kleinigkeit, irgendein bedeutungsloses
Theaterstück — und so einen Alarm zu schlagen! Schreien, den Autor
hervorrufen — was soll das wirklich!
Der zwei t e. Immerhin war das Stück amüsant und unterhaltend.
Der er st e. Nun ja, amüsant, so wie uns gewöhnlich jede Bagatelle
amüsiert. Aber warum dieser Lärm, diese Diskussionen? Man streitet
darüber wie über eine wichtige Sache, man applaudiert ... was soll das
bedeuten! Schön, ich verstehe, wenn es sich noch um eine Sängerin oder
Tänzerin handelte — das verstände ich noch: da bewundert man doch
wenigstens die Kunst, die Geschmeidigkeit, die Geschicklichkeit, das
natürliche Talent. Aber hier? Man schreit: „ein Literat, ein Literat, ein
Schriftsteller“! Ja, was ist denn ein Schriftsteller? Weil ihm manchmal ein
witziges Wort einfällt, oder weil er die Natur abschreibt ... Ist denn das so
schwer? Was ist denn das für eine Kunst? Das sind doch alles Fabeln und
weiter nichts!
Der zwei t e. Aber natürlich — eine höchst mittelmäßige Sache.
Der er ste. Denken Sie selbst: Ein Tänzer zum Beispiel: Das ist doch
immerhin Kunst, was er leistet, das kann ihm doch keiner nachmachen.
Wenn ich es zum Beispiel wollte: ja bei mir würden sich einfach die Füße
nicht von der Stelle bewegen. Ich sollte mal versuchen, einen Entrechat zu
machen: ich würde keinen einzigen fertig bringen. Aber schreiben kann
man, auch ohne es gelernt zu haben. Ich weiß nicht, wer der Autor ist, aber
man hat mir erzählt, daß er ein absolut ungebildeter Mensch ist, der nichts
weiß — den man irgendwo hinausgeworfen hat.
hast du eine Ohrfeige!“ Jawohl, das bedeutet es.
E in d r i tt er H er r. Natürlich! Das ist eine ernste Sache. Man sagt: „so
eine Kleinigkeit, so eine Bagatelle: eine Theatervorstellung!“ Nein, das ist
gar keine solche Kleinigkeit. Darauf muß man ernstlich achtgeben! Für
solche Sachen kommt man nach Sibirien. Wenn ich die Macht hätte —
würde der Autor nicht zu mucksen wagen! Ich würde ihn an einen solchen
Ort bringen lassen, wo kein Lichtstrahl hineinfällt.
(Es erscheint eine Gruppe von Menschen, von Gott weiß welcher Art, übrigens aber von vornehmem
Äußeren und gutgekleidet.)
Der er st e. Bleiben wir lieber hier stehen, bis die Menge sich verlaufen
hat. Nein, was soll das wirklich! Lärm machen, in die Hände klatschen, als
ob das Gott weiß was wäre! So eine Kleinigkeit, irgendein bedeutungsloses
Theaterstück — und so einen Alarm zu schlagen! Schreien, den Autor
hervorrufen — was soll das wirklich!
Der zwei t e. Immerhin war das Stück amüsant und unterhaltend.
Der er st e. Nun ja, amüsant, so wie uns gewöhnlich jede Bagatelle
amüsiert. Aber warum dieser Lärm, diese Diskussionen? Man streitet
darüber wie über eine wichtige Sache, man applaudiert ... was soll das
bedeuten! Schön, ich verstehe, wenn es sich noch um eine Sängerin oder
Tänzerin handelte — das verstände ich noch: da bewundert man doch
wenigstens die Kunst, die Geschmeidigkeit, die Geschicklichkeit, das
natürliche Talent. Aber hier? Man schreit: „ein Literat, ein Literat, ein
Schriftsteller“! Ja, was ist denn ein Schriftsteller? Weil ihm manchmal ein
witziges Wort einfällt, oder weil er die Natur abschreibt ... Ist denn das so
schwer? Was ist denn das für eine Kunst? Das sind doch alles Fabeln und
weiter nichts!
Der zwei t e. Aber natürlich — eine höchst mittelmäßige Sache.
Der er ste. Denken Sie selbst: Ein Tänzer zum Beispiel: Das ist doch
immerhin Kunst, was er leistet, das kann ihm doch keiner nachmachen.
Wenn ich es zum Beispiel wollte: ja bei mir würden sich einfach die Füße
nicht von der Stelle bewegen. Ich sollte mal versuchen, einen Entrechat zu
machen: ich würde keinen einzigen fertig bringen. Aber schreiben kann
man, auch ohne es gelernt zu haben. Ich weiß nicht, wer der Autor ist, aber
man hat mir erzählt, daß er ein absolut ungebildeter Mensch ist, der nichts
weiß — den man irgendwo hinausgeworfen hat.
Page 317
Der zwei te. Aber erlauben Sie mal, etwas muß er doch wissen: ohne
dies kann man doch nicht schreiben.
Der er st e. Aber ich bitte Sie, was kann er denn wissen? Sie wissen ja
selbst, was ein Literat ist. Der leerste Mensch! Das ist doch weltbekannt —
zu nichts zu gebrauchen. Man hat schon versucht, sie irgendwie zu
verwenden — aber man hat es aufgegeben. Nun sagen Sie selbst: was
schreiben sie denn? Das sind doch alles Torheiten und Fabeln. Wenn ich
wollte, könnte ich sofort so etwas schreiben, und ebenso Sie und er, jeder
kann so etwas schreiben.
Der zwei te. Nun ja ... gewiß — warum sollte man so etwas nicht
schreiben können. Wenn man nur ein Funken Verstand im Kopf hat, so kann
man es schon.
Der er ste. Man braucht auch keinen Verstand dazu. Wozu denn
Verstand? Das sind doch alles Fabeln. Ja, wenn es noch zum Beispiel eine
schwierige Wissenschaft wäre, irgendeine Sache die man nicht kennt —
aber was ist denn das? Das weiß doch jeder Bauer. Das kann man jeden Tag
auf der Straße sehen. Man braucht sich nur ans Fenster zu setzen und sich
alles zu notieren, was passiert — das ist das ganze Kunststück.
Der d r i tt e. Das ist wahr. Wahrhaftig, wenn man nur bedenkt, mit was
für Unsinn man seine Zeit vergeudet!
Der er st e. Sehr richtig, das ist Zeitverschwendung und sonst nichts.
Lauter Fabeln und Torheiten! Man müßte es einfach verbieten, ihnen Tinte
und Feder in die Hand zu geben. Aber das Volk strömt heraus — wollen wir
gehen! Lärm machen, schreien, Beifall klatschen! Und die Sache ist doch
ganz wertlos! Fabeln! (Sie entfernen sich. Die Menge lichtet sich, einige Zurückgebliebene
laufen vorüber.)
Der gu t m üt i ge Beam t e. Nun immerhin, er hätte doch wirklich
wenigstens einen anständigen Menschen auftreten lassen können. Aber
nichts als Schurken und Gauner!
E in Man n au s d em Vol ke. Hörst du, erwarte mich an der
Straßenkreuzung! Ich laufe nur hinein und hole meine Handschuhe.
E in vo r n ehm er Her r (sieht auf die Uhr). Es ist bald ein Uhr. Noch nie bin
ich so spät aus dem Theater gekommen. (Er entfernt sich.)
E in B eam ter d er si ch v er spätet hat. Nichts als unnütz verlorene
Zeit! Nein, ich gehe nie mehr ins Theater! (Er entfernt sich, das Vestibül leert sich.)
Der A ut or d es S tücks (tritt hervor). Ich habe mehr gehört, als ich
vermutete. Was für eine bunte Menge von Ansichten. Wie glücklich ist doch
dies kann man doch nicht schreiben.
Der er st e. Aber ich bitte Sie, was kann er denn wissen? Sie wissen ja
selbst, was ein Literat ist. Der leerste Mensch! Das ist doch weltbekannt —
zu nichts zu gebrauchen. Man hat schon versucht, sie irgendwie zu
verwenden — aber man hat es aufgegeben. Nun sagen Sie selbst: was
schreiben sie denn? Das sind doch alles Torheiten und Fabeln. Wenn ich
wollte, könnte ich sofort so etwas schreiben, und ebenso Sie und er, jeder
kann so etwas schreiben.
Der zwei te. Nun ja ... gewiß — warum sollte man so etwas nicht
schreiben können. Wenn man nur ein Funken Verstand im Kopf hat, so kann
man es schon.
Der er ste. Man braucht auch keinen Verstand dazu. Wozu denn
Verstand? Das sind doch alles Fabeln. Ja, wenn es noch zum Beispiel eine
schwierige Wissenschaft wäre, irgendeine Sache die man nicht kennt —
aber was ist denn das? Das weiß doch jeder Bauer. Das kann man jeden Tag
auf der Straße sehen. Man braucht sich nur ans Fenster zu setzen und sich
alles zu notieren, was passiert — das ist das ganze Kunststück.
Der d r i tt e. Das ist wahr. Wahrhaftig, wenn man nur bedenkt, mit was
für Unsinn man seine Zeit vergeudet!
Der er st e. Sehr richtig, das ist Zeitverschwendung und sonst nichts.
Lauter Fabeln und Torheiten! Man müßte es einfach verbieten, ihnen Tinte
und Feder in die Hand zu geben. Aber das Volk strömt heraus — wollen wir
gehen! Lärm machen, schreien, Beifall klatschen! Und die Sache ist doch
ganz wertlos! Fabeln! (Sie entfernen sich. Die Menge lichtet sich, einige Zurückgebliebene
laufen vorüber.)
Der gu t m üt i ge Beam t e. Nun immerhin, er hätte doch wirklich
wenigstens einen anständigen Menschen auftreten lassen können. Aber
nichts als Schurken und Gauner!
E in Man n au s d em Vol ke. Hörst du, erwarte mich an der
Straßenkreuzung! Ich laufe nur hinein und hole meine Handschuhe.
E in vo r n ehm er Her r (sieht auf die Uhr). Es ist bald ein Uhr. Noch nie bin
ich so spät aus dem Theater gekommen. (Er entfernt sich.)
E in B eam ter d er si ch v er spätet hat. Nichts als unnütz verlorene
Zeit! Nein, ich gehe nie mehr ins Theater! (Er entfernt sich, das Vestibül leert sich.)
Der A ut or d es S tücks (tritt hervor). Ich habe mehr gehört, als ich
vermutete. Was für eine bunte Menge von Ansichten. Wie glücklich ist doch
Page 318
der Komödiendichter, der einer Nation entstammt, wo die Gesellschaft noch
keine kompakte unbewegliche Masse bildet, wo sie noch nicht von einer
Rinde alter Vorurteile umgeben ist, die die Gedanken aller mit derselben
Form und demselben Maß umschließt; wo jeder Mensch seine eigene
Meinung hat, wo jeder selbst der Schöpfer seines Charakters ist. Welche
Mannigfaltigkeit liegt in allen diesen Meinungen, und wie leuchtete doch
aus allen der starke, klare, russische Geist hervor!: in dem edlen Streben des
Staatsmanns, in der hohen Selbstverleugnung des in die Provinz
verschlagenen Beamten, in der zarten Schönheit einer großmütigen
Frauenseele, dem ästhetischen Gefühl der Kenner und in dem schlichten
sicheren Instinkt des Volkes. Wie war selbst in den unfreundlichen Urteilen
noch so vieles enthalten, was der Komödiendichter wissen muß! Ja, ich bin
befriedigt. Aber warum wird mir so traurig ums Herz ...? Seltsam: es
schmerzt mich, daß keiner die redliche Person bemerkt hat, die in meinem
Stück auftritt. Und doch gibt es eine ehrliche, edle Persönlichkeit, die
während des ganzen Stückes mitwirkt. Diese edle ehrliche Person war —
das L achen. Es war hochherzig, weil es sich hervorzutreten entschloß,
trotz der gemeinen Bedeutung, die die Welt ihm beilegt. Es war hochherzig,
weil es sich hervorzutreten entschloß, obschon es dem Komödiendichter
einen schlechten Ruf einbrachte — den Ruf eines kalten Egoisten, und
sogar die Leute zwang, an das Vorhandensein zarter Seelenregungen bei
ihm zu zweifeln. Für dieses Lachen ist keiner eingetreten. Ich aber, der
Komödiendichter, ich diente ihm treu und ehrlich, und darum muß ich sein
Fürsprecher sein. Nein, das Lachen hat eine größere Bedeutung und ist
tiefer, als alle glauben — nicht das Lachen, das ein flüchtiger Reiz, das die
Galle oder ein krankhafter Charakter erzeugt; auch nicht das leichte Lachen,
das der müßigen Zerstreuung und Unterhaltung dient — sondern jenes
Lachen, das ganz aus der lichten Natur des Menschen strömt — das aus ihr
hervorströmt, weil sich auf ihrem Grunde sein ewig sprudelnder Quell
befindet; ein Lachen das den Gegenstand vertieft, und hell hervortreten läßt,
was sonst flüchtig vorübergeglitten wäre, und ohne dessen durchdringende
Kraft diese Kleinheit und die Hohlheit des Lebens den Menschen nicht so
mit Schrecken erfüllen würde. Das Verächtliche und Nichtige, an dem er
täglich gleichgültig vorbeigeht, würde nicht mit dieser furchtbaren, beinahe
bizarren Gewalt vor ihm emporwachsen und er würde nicht in den Ruf
ausbrechen: „Gibt es denn wirklich solche Menschen?“ während es, wie er
selbst weiß, noch viel schlimmere Menschen gibt. Nein, die haben unrecht,
keine kompakte unbewegliche Masse bildet, wo sie noch nicht von einer
Rinde alter Vorurteile umgeben ist, die die Gedanken aller mit derselben
Form und demselben Maß umschließt; wo jeder Mensch seine eigene
Meinung hat, wo jeder selbst der Schöpfer seines Charakters ist. Welche
Mannigfaltigkeit liegt in allen diesen Meinungen, und wie leuchtete doch
aus allen der starke, klare, russische Geist hervor!: in dem edlen Streben des
Staatsmanns, in der hohen Selbstverleugnung des in die Provinz
verschlagenen Beamten, in der zarten Schönheit einer großmütigen
Frauenseele, dem ästhetischen Gefühl der Kenner und in dem schlichten
sicheren Instinkt des Volkes. Wie war selbst in den unfreundlichen Urteilen
noch so vieles enthalten, was der Komödiendichter wissen muß! Ja, ich bin
befriedigt. Aber warum wird mir so traurig ums Herz ...? Seltsam: es
schmerzt mich, daß keiner die redliche Person bemerkt hat, die in meinem
Stück auftritt. Und doch gibt es eine ehrliche, edle Persönlichkeit, die
während des ganzen Stückes mitwirkt. Diese edle ehrliche Person war —
das L achen. Es war hochherzig, weil es sich hervorzutreten entschloß,
trotz der gemeinen Bedeutung, die die Welt ihm beilegt. Es war hochherzig,
weil es sich hervorzutreten entschloß, obschon es dem Komödiendichter
einen schlechten Ruf einbrachte — den Ruf eines kalten Egoisten, und
sogar die Leute zwang, an das Vorhandensein zarter Seelenregungen bei
ihm zu zweifeln. Für dieses Lachen ist keiner eingetreten. Ich aber, der
Komödiendichter, ich diente ihm treu und ehrlich, und darum muß ich sein
Fürsprecher sein. Nein, das Lachen hat eine größere Bedeutung und ist
tiefer, als alle glauben — nicht das Lachen, das ein flüchtiger Reiz, das die
Galle oder ein krankhafter Charakter erzeugt; auch nicht das leichte Lachen,
das der müßigen Zerstreuung und Unterhaltung dient — sondern jenes
Lachen, das ganz aus der lichten Natur des Menschen strömt — das aus ihr
hervorströmt, weil sich auf ihrem Grunde sein ewig sprudelnder Quell
befindet; ein Lachen das den Gegenstand vertieft, und hell hervortreten läßt,
was sonst flüchtig vorübergeglitten wäre, und ohne dessen durchdringende
Kraft diese Kleinheit und die Hohlheit des Lebens den Menschen nicht so
mit Schrecken erfüllen würde. Das Verächtliche und Nichtige, an dem er
täglich gleichgültig vorbeigeht, würde nicht mit dieser furchtbaren, beinahe
bizarren Gewalt vor ihm emporwachsen und er würde nicht in den Ruf
ausbrechen: „Gibt es denn wirklich solche Menschen?“ während es, wie er
selbst weiß, noch viel schlimmere Menschen gibt. Nein, die haben unrecht,
Page 319
die da behaupten, daß das Lachen uns empört. Nur das Finstere empört uns,
das Lachen aber ist leuchtend und hell. Vieles würde den Menschen
empören, wenn es ihm in seiner ganzen Nacktheit gezeigt würde, aber von
der Macht des Lachens erleuchtet, bringt es unserer Seele Frieden und
Versöhnung. Und wer an einem boshaften Menschen Rache nehmen will,
söhnt sich schon beinahe mit ihm aus, wenn er gewahr wird, wie die
gemeinen Regungen seiner Seele verlacht werden. Die sind ungerecht, die
da behaupten, das Lachen wirke nicht auf die, gegen die es gerichtet ist, und
daß der Spitzbube der erste ist, der über einen andern Spitzbuben lacht. Der
Enkel des Schurken wird darüber lachen, aber über seinen schurkischen
Zeitgenossen wird kein Spitzbube lachen können. Er merkt, daß sich der
Eindruck seines Wesens schon allen unwiderstehlich eingeprägt hat, daß
eine einzige gemeine Bewegung von ihm genügt, um ihm diesen Eindruck
als ewiges Kennzeichen anzuheften; und vor dem Spott fürchtet sich sogar
der, der sich vor nichts auf der Welt mehr fürchtet. Nein, nur dem ist jenes
gütige Lachen gegeben, der ein von Grund aus gutes Herz hat. Aber man
hört sie nicht, die gewaltsame Macht dieses Lachens; „was lächerlich ist, ist
gemein“, sagt die Welt; nur das, was im erhobenem Tone gesagt wird, nur
das wird als das Hohe bezeichnet. Aber mein Gott, wie viel Menschen
gehen täglich an uns vorüber, für die es überhaupt nichts Hohes in der Welt
gibt! Alles, was die Begeisterung erschuf, ist für sie Torheit und Fabelei.
Die Werke Shakespeares sind Fabeln für sie, die heiligsten Regungen der
Seele sind auch nichts als Fabeln. Nein, nicht verletzte kleinliche
Dichtereitelkeit zwingt mich, das zu sagen, nicht weil meine unreifen
schwachen Schöpfungen soeben als Fabeln bezeichnet wurden — nein, ich
sehe meine Fehler ein, ich sehe ein, daß ich Vorwürfe verdient habe; aber
meine Seele konnte es nicht gleichgültig ertragen, daß die vollendetsten
Schöpfungen als Torheiten und Fabeln bezeichnet wurden, daß alle
Leuchten und Sterne dieser Welt nur für Verfasser von Torheiten und Fabeln
gehalten wurden. Das Herz tat mir weh, als ich sah, wieviel stumpfe, tote
Menschen es hier, mitten im treibenden Leben gibt, die uns durch die starre
Kälte ihrer Seelen erschrecken, durch die unfruchtbare Wüstenei ihrer
Herzen; das Herz tat mir weh, als ich sah, wie auf ihren unempfindlichen
Gesichtern auch nicht die Spur eines Eindrucks dessen aufblitzte, was einer
von tiefer Liebe erfüllten Seele himmlische Tränen entlockt hätte. Und ihre
Zunge zögerte keinen Augenblick, ihr ewiges „Fabeln“, „Fabeln“
auszusprechen. Doch sieh, Jahrhunderte sind verflossen, Städte und Völker
das Lachen aber ist leuchtend und hell. Vieles würde den Menschen
empören, wenn es ihm in seiner ganzen Nacktheit gezeigt würde, aber von
der Macht des Lachens erleuchtet, bringt es unserer Seele Frieden und
Versöhnung. Und wer an einem boshaften Menschen Rache nehmen will,
söhnt sich schon beinahe mit ihm aus, wenn er gewahr wird, wie die
gemeinen Regungen seiner Seele verlacht werden. Die sind ungerecht, die
da behaupten, das Lachen wirke nicht auf die, gegen die es gerichtet ist, und
daß der Spitzbube der erste ist, der über einen andern Spitzbuben lacht. Der
Enkel des Schurken wird darüber lachen, aber über seinen schurkischen
Zeitgenossen wird kein Spitzbube lachen können. Er merkt, daß sich der
Eindruck seines Wesens schon allen unwiderstehlich eingeprägt hat, daß
eine einzige gemeine Bewegung von ihm genügt, um ihm diesen Eindruck
als ewiges Kennzeichen anzuheften; und vor dem Spott fürchtet sich sogar
der, der sich vor nichts auf der Welt mehr fürchtet. Nein, nur dem ist jenes
gütige Lachen gegeben, der ein von Grund aus gutes Herz hat. Aber man
hört sie nicht, die gewaltsame Macht dieses Lachens; „was lächerlich ist, ist
gemein“, sagt die Welt; nur das, was im erhobenem Tone gesagt wird, nur
das wird als das Hohe bezeichnet. Aber mein Gott, wie viel Menschen
gehen täglich an uns vorüber, für die es überhaupt nichts Hohes in der Welt
gibt! Alles, was die Begeisterung erschuf, ist für sie Torheit und Fabelei.
Die Werke Shakespeares sind Fabeln für sie, die heiligsten Regungen der
Seele sind auch nichts als Fabeln. Nein, nicht verletzte kleinliche
Dichtereitelkeit zwingt mich, das zu sagen, nicht weil meine unreifen
schwachen Schöpfungen soeben als Fabeln bezeichnet wurden — nein, ich
sehe meine Fehler ein, ich sehe ein, daß ich Vorwürfe verdient habe; aber
meine Seele konnte es nicht gleichgültig ertragen, daß die vollendetsten
Schöpfungen als Torheiten und Fabeln bezeichnet wurden, daß alle
Leuchten und Sterne dieser Welt nur für Verfasser von Torheiten und Fabeln
gehalten wurden. Das Herz tat mir weh, als ich sah, wieviel stumpfe, tote
Menschen es hier, mitten im treibenden Leben gibt, die uns durch die starre
Kälte ihrer Seelen erschrecken, durch die unfruchtbare Wüstenei ihrer
Herzen; das Herz tat mir weh, als ich sah, wie auf ihren unempfindlichen
Gesichtern auch nicht die Spur eines Eindrucks dessen aufblitzte, was einer
von tiefer Liebe erfüllten Seele himmlische Tränen entlockt hätte. Und ihre
Zunge zögerte keinen Augenblick, ihr ewiges „Fabeln“, „Fabeln“
auszusprechen. Doch sieh, Jahrhunderte sind verflossen, Städte und Völker
Page 320
sind vom Angesicht der Erde getilgt und verschwunden, wie Rauch ist alles
verflogen, was einstmals war — aber die Fabeln leben noch und
wiederholen sich bis heute, und andächtig lauschen ihnen weise Herrscher,
tiefsinnige Fürsten, der herrliche Greis und der von edlem Streben erfüllte
Jüngling. Fabeln ...! Es ächzen die Balkone und die Brüstungen des
Theaters: von oben bis unten erschauert alles, ist ganz in ein einziges
Gefühl, in einen Augenblick verwandelt, alles verschmilzt zu einem
einzigen Menschen, alle Menschen treffen wie Brüder in einer seelischen
Regung zusammen, und der einstimmige Beifallssturm wird zu einer hehren
Dankhymne für den, der schon seit fünfhundert Jahren nicht mehr auf der
Welt ist. Vernehmen es seine verwesten Knochen im Grabe? Gibt seine
Seele Antwort, die im Leben so herbes Leid erduldet hat? Fabeln ...! Dort,
in die Reihen der erschütterten Menge tritt ein vom Unglück und der schier
unerträglichen Last des Lebens Gebeugter; schon will er in seiner
Verzweiflung Hand an sich legen — da plötzlich entströmen erfrischende
Tränen seinen Augen, er geht hinaus, versöhnt mit dem Leben, und bittet
den Himmel um neue Leiden und Schmerzen, nur damit er leben und
wieder Tränen vergießen kann über solche Fabeln. Fabeln ...! Die Welt
würde einschlummern ohne solche Fabeln, das Leben verflachen, Schlamm
und Schimmel würden die Seele überziehen. Fabeln ...! Oh! heilig seien die
Namen derer, die solchen Fabeln andächtig gelauscht haben, heilig noch
ihren Enkeln bis in alle Ewigkeit: der wunderbare Finger der Vorsehung
schwebte ewig über dem Haupt ihrer Schöpfer. Selbst in den Zeiten des
Unglücks und der Verfolgungen traten die Vornehmsten und Besten im
Staate, als die ersten, schützend auf ihre Seite, und ein gekrönter Monarch
beschattete sie mit seinem königlichen Schild von der Höhe seines
unerreichbaren Thrones.
Wohlan denn, frisch auf den Weg. Nicht möge die Seele der Tadel
verwirren, sondern hochherzig nehme sie die Hinweise auf ihre Mängel hin.
Selbst das darf sie nicht betrüben, daß man ihr große Regungen und die
heilige Liebe zur Menschheit abspricht. Die Welt gleicht einem Strudel:
ewig kreisen in ihr Meinungen und Ansichten, aber sie alle zermahlt die
Zeit: wie eine Schale fallen die falschen ab, aber gleich harten Körnern
bleiben unerschütterlich die ewigen Wahrheiten bestehen. Was einst als hohl
und leer angesehen wurde, kann später mit ernster Bedeutung ausgerüstet
erscheinen. In der Tiefe eines kalten Gelächters entdeckt man vielleicht
plötzlich glühende Funken einer ewigen, machtvollen Liebe. Und wer will
verflogen, was einstmals war — aber die Fabeln leben noch und
wiederholen sich bis heute, und andächtig lauschen ihnen weise Herrscher,
tiefsinnige Fürsten, der herrliche Greis und der von edlem Streben erfüllte
Jüngling. Fabeln ...! Es ächzen die Balkone und die Brüstungen des
Theaters: von oben bis unten erschauert alles, ist ganz in ein einziges
Gefühl, in einen Augenblick verwandelt, alles verschmilzt zu einem
einzigen Menschen, alle Menschen treffen wie Brüder in einer seelischen
Regung zusammen, und der einstimmige Beifallssturm wird zu einer hehren
Dankhymne für den, der schon seit fünfhundert Jahren nicht mehr auf der
Welt ist. Vernehmen es seine verwesten Knochen im Grabe? Gibt seine
Seele Antwort, die im Leben so herbes Leid erduldet hat? Fabeln ...! Dort,
in die Reihen der erschütterten Menge tritt ein vom Unglück und der schier
unerträglichen Last des Lebens Gebeugter; schon will er in seiner
Verzweiflung Hand an sich legen — da plötzlich entströmen erfrischende
Tränen seinen Augen, er geht hinaus, versöhnt mit dem Leben, und bittet
den Himmel um neue Leiden und Schmerzen, nur damit er leben und
wieder Tränen vergießen kann über solche Fabeln. Fabeln ...! Die Welt
würde einschlummern ohne solche Fabeln, das Leben verflachen, Schlamm
und Schimmel würden die Seele überziehen. Fabeln ...! Oh! heilig seien die
Namen derer, die solchen Fabeln andächtig gelauscht haben, heilig noch
ihren Enkeln bis in alle Ewigkeit: der wunderbare Finger der Vorsehung
schwebte ewig über dem Haupt ihrer Schöpfer. Selbst in den Zeiten des
Unglücks und der Verfolgungen traten die Vornehmsten und Besten im
Staate, als die ersten, schützend auf ihre Seite, und ein gekrönter Monarch
beschattete sie mit seinem königlichen Schild von der Höhe seines
unerreichbaren Thrones.
Wohlan denn, frisch auf den Weg. Nicht möge die Seele der Tadel
verwirren, sondern hochherzig nehme sie die Hinweise auf ihre Mängel hin.
Selbst das darf sie nicht betrüben, daß man ihr große Regungen und die
heilige Liebe zur Menschheit abspricht. Die Welt gleicht einem Strudel:
ewig kreisen in ihr Meinungen und Ansichten, aber sie alle zermahlt die
Zeit: wie eine Schale fallen die falschen ab, aber gleich harten Körnern
bleiben unerschütterlich die ewigen Wahrheiten bestehen. Was einst als hohl
und leer angesehen wurde, kann später mit ernster Bedeutung ausgerüstet
erscheinen. In der Tiefe eines kalten Gelächters entdeckt man vielleicht
plötzlich glühende Funken einer ewigen, machtvollen Liebe. Und wer will
Page 321
es wissen — vielleicht kommt einmal die Zeit, wo alle Menschen
anerkennen, daß kraft der gleichen Gesetze, nach denen der Stolze und
Starke im Unglück klein und schwach erscheint, während das Elend den
Schwachen zu einem Riesen emporwachsen läßt — daß kraft der gleichen
Gesetze der, der häufig weint und bittre, von Herzen kommende Tränen
vergießt, vielleicht mehr lacht als alle andern auf der Welt ...!
anerkennen, daß kraft der gleichen Gesetze, nach denen der Stolze und
Starke im Unglück klein und schwach erscheint, während das Elend den
Schwachen zu einem Riesen emporwachsen läßt — daß kraft der gleichen
Gesetze der, der häufig weint und bittre, von Herzen kommende Tränen
vergießt, vielleicht mehr lacht als alle andern auf der Welt ...!
Page 322
Anhang
Page 323
Der Revisor
Diese Komödie ist im Jahre 1834 begonnen. Das Bühnenmanuskript wurde
am 4. Dezember 1835 vollendet und am 2. März für die Aufführung
freigegeben, trotzdem fuhr der Autor fort, auch nach der Freigabe durch die
Zensur an diesem Texte weiterzuarbeiten. Am 19. April 1836 fand die erste
Aufführung am Alexandertheater zu St. Petersburg, und zwar an einem
Sonntage statt — das kleine Theater in Moskau folgte am 25. Mai desselben
Jahres. Zugleich mit der Aufführung erfolgte die Drucklegung der
Buchausgabe des Revisor, die sich in vieler Hinsicht von der
Bühnenausgabe unterschied. Das Buch erschien im April 1836 (die
Unterschrift des Zensors trägt das Datum: den 13. März 1836). Von diesem
Zeitpunkt ab ist der Revisor mehrmals und zu verschiedenen Zeiten immer
wieder umgearbeitet worden, bis er die Fassung erhielt, die im dritten
Bande der ersten Ausgabe der „Werke Gogols“ abgedruckt ist. Die
endgültige Umarbeitung des Textes fällt in den Zeitabschnitt zwischen dem
März 1841 und dem 15. Juli 1842. Eine der letzten Fassungen, die im
Druck vorliegen, weist folgende Abweichungen gegenüber den
vorhergehenden Ausgaben auf:
1) Ist die stumme Schlußszene, die in den früheren Ausgaben
folgendermaßen lautete, weit ausführlicher behandelt: „Alle stoßen einen
Schrei der Überraschung aus und bleiben mit offenem Munde und langen
Gesichtern stehen. Stumme Szene. Der Vorhang fällt.“
2) In der zweiten Ausgabe von „Gogols Werken“ fehlen folgende
Ausführungen über die Gäste, die offenbar vom Verfasser herstammen:
„Die Gäste müssen einen möglichst verschiedenartigen Charakter haben. Es
müssen große und kleine, dicke und dünne, ungekämmte und gekämmte
darunter sein. Auch müssen sie verschieden angezogen sein, die einen
müssen Fräcke, die andern ungarische Röcke und andre Röcke von
verschiedener Farbe und verschiedenem Schnitt tragen. Auch die Kostüme
der Damen müssen dieselbe Mannigfaltigkeit aufweisen, die einen müssen
ziemlich anständig angezogen sein, sogar mit einem gewissen Anspruch auf
Modernität, doch aber muß es immer an etwas fehlen: entweder sitzt die
Haube schief, oder sie haben einen ganz seltsamen Pompadour usw., wieder
Diese Komödie ist im Jahre 1834 begonnen. Das Bühnenmanuskript wurde
am 4. Dezember 1835 vollendet und am 2. März für die Aufführung
freigegeben, trotzdem fuhr der Autor fort, auch nach der Freigabe durch die
Zensur an diesem Texte weiterzuarbeiten. Am 19. April 1836 fand die erste
Aufführung am Alexandertheater zu St. Petersburg, und zwar an einem
Sonntage statt — das kleine Theater in Moskau folgte am 25. Mai desselben
Jahres. Zugleich mit der Aufführung erfolgte die Drucklegung der
Buchausgabe des Revisor, die sich in vieler Hinsicht von der
Bühnenausgabe unterschied. Das Buch erschien im April 1836 (die
Unterschrift des Zensors trägt das Datum: den 13. März 1836). Von diesem
Zeitpunkt ab ist der Revisor mehrmals und zu verschiedenen Zeiten immer
wieder umgearbeitet worden, bis er die Fassung erhielt, die im dritten
Bande der ersten Ausgabe der „Werke Gogols“ abgedruckt ist. Die
endgültige Umarbeitung des Textes fällt in den Zeitabschnitt zwischen dem
März 1841 und dem 15. Juli 1842. Eine der letzten Fassungen, die im
Druck vorliegen, weist folgende Abweichungen gegenüber den
vorhergehenden Ausgaben auf:
1) Ist die stumme Schlußszene, die in den früheren Ausgaben
folgendermaßen lautete, weit ausführlicher behandelt: „Alle stoßen einen
Schrei der Überraschung aus und bleiben mit offenem Munde und langen
Gesichtern stehen. Stumme Szene. Der Vorhang fällt.“
2) In der zweiten Ausgabe von „Gogols Werken“ fehlen folgende
Ausführungen über die Gäste, die offenbar vom Verfasser herstammen:
„Die Gäste müssen einen möglichst verschiedenartigen Charakter haben. Es
müssen große und kleine, dicke und dünne, ungekämmte und gekämmte
darunter sein. Auch müssen sie verschieden angezogen sein, die einen
müssen Fräcke, die andern ungarische Röcke und andre Röcke von
verschiedener Farbe und verschiedenem Schnitt tragen. Auch die Kostüme
der Damen müssen dieselbe Mannigfaltigkeit aufweisen, die einen müssen
ziemlich anständig angezogen sein, sogar mit einem gewissen Anspruch auf
Modernität, doch aber muß es immer an etwas fehlen: entweder sitzt die
Haube schief, oder sie haben einen ganz seltsamen Pompadour usw., wieder
Page 324
andre haben Kleider an, die überhaupt keiner Mode entsprechen — sie
tragen große Tücher und Hauben in Form eines Zuckerhutes — überhaupt
muß man auf das Ganze des Stückes achten. Angst, Entsetzen,
Überraschung, Unruhe — das alles muß plötzlich und überall in der ganzen
Gruppe der handelnden Personen zum Ausdruck kommen und sich zugleich
in jedem Einzelnen in seiner Weise und gemäß seinem besonderen
Charakter spiegeln“ (Vergl. Seite 8).
3) Die Stelle im Monolog Chlestakoffs (Seite 35 „Dieser Hauptmann“
usw.) hatte in den beiden ersten Ausgaben folgende Fassung: „Dieser
Hauptmann hat mich am meisten ausgebeutelt, übrigens: man kann sagen,
was man will, die Bestie konnte glänzend die Volte schlagen. Kaum ein
Viertelstündchen gespielt und ratzekahl geschoren! Er spielt wirklich fein!
Wenn ich doch noch einmal irgendwo mit ihm zusammentreffen könnte!
Übrigens, wie sollten wir noch einmal zusammentreffen? Zu alledem
bedarf’s eines glücklichen Zufalls. Wenn ich doch nur schnell nach Hause
fahren könnte. Wirklich, ich habe das Reisen satt. Und dazu muß es noch so
ein ekelhaftes Nest sein! In andern Städten, da findet man doch noch
wenigstens etwas: hier dagegen gibt es auch gar nichts. Im Obstladen, da
gibt es zwar noch einen passablen Stör, aber die verdammten Verkäufer
geben einem so schrecklich wenig zum Probieren“.
4) Ferner ist folgende Stelle aus den ersten beiden gedruckten Ausgaben
des Revisor umgearbeitet: „Chlestakoff (erschrocken). Da haben wir die
Bescherung! Daran hätte ich weiß Gott niemals gedacht. Diese Bestie von
Wirt! Was nun, wenn er mich wirklich ins Loch steckt! Hm! In ein
standesgemäßes Gewahrsam ... das wäre noch nicht so schlimm, da ginge
ich vielleicht noch mit. Nein, was sage ich, ich ginge noch mit? Gestern
haben mir zwei Kaufmannstöchter nachgesehen, und dann treiben sich da
auch immerfort Offiziere herum ... Nein damit bin ich nicht einverstanden.
Das kann er nicht machen, oder wenn er es täte, wäre er ein solches
Schwein ... Das kann man sich wohl mit irgendeinem Krämer oder mit
einem Handwerker erlauben ... Nein, nur nicht nachgeben (Mut fassend). Was
kann er mir antun? Ich sags ihm geradezu. Wie können Sie! ... Ich will
nichts davon wissen. (Die Türklinke bewegt sich, Chlestakoff erbleicht).“
5) Auch folgende Stelle aus der ersten und zweiten Ausgabe hat leichte
Änderungen erfahren: Seite 120. „Schweig still, gar nichts weißt du, und
menge dich nicht in anderer Leute Angelegenheiten. Anna Andrejewna,
glauben Sie mir, ich bitte nur dar um um Ihre Hand oder um die Ihrer
tragen große Tücher und Hauben in Form eines Zuckerhutes — überhaupt
muß man auf das Ganze des Stückes achten. Angst, Entsetzen,
Überraschung, Unruhe — das alles muß plötzlich und überall in der ganzen
Gruppe der handelnden Personen zum Ausdruck kommen und sich zugleich
in jedem Einzelnen in seiner Weise und gemäß seinem besonderen
Charakter spiegeln“ (Vergl. Seite 8).
3) Die Stelle im Monolog Chlestakoffs (Seite 35 „Dieser Hauptmann“
usw.) hatte in den beiden ersten Ausgaben folgende Fassung: „Dieser
Hauptmann hat mich am meisten ausgebeutelt, übrigens: man kann sagen,
was man will, die Bestie konnte glänzend die Volte schlagen. Kaum ein
Viertelstündchen gespielt und ratzekahl geschoren! Er spielt wirklich fein!
Wenn ich doch noch einmal irgendwo mit ihm zusammentreffen könnte!
Übrigens, wie sollten wir noch einmal zusammentreffen? Zu alledem
bedarf’s eines glücklichen Zufalls. Wenn ich doch nur schnell nach Hause
fahren könnte. Wirklich, ich habe das Reisen satt. Und dazu muß es noch so
ein ekelhaftes Nest sein! In andern Städten, da findet man doch noch
wenigstens etwas: hier dagegen gibt es auch gar nichts. Im Obstladen, da
gibt es zwar noch einen passablen Stör, aber die verdammten Verkäufer
geben einem so schrecklich wenig zum Probieren“.
4) Ferner ist folgende Stelle aus den ersten beiden gedruckten Ausgaben
des Revisor umgearbeitet: „Chlestakoff (erschrocken). Da haben wir die
Bescherung! Daran hätte ich weiß Gott niemals gedacht. Diese Bestie von
Wirt! Was nun, wenn er mich wirklich ins Loch steckt! Hm! In ein
standesgemäßes Gewahrsam ... das wäre noch nicht so schlimm, da ginge
ich vielleicht noch mit. Nein, was sage ich, ich ginge noch mit? Gestern
haben mir zwei Kaufmannstöchter nachgesehen, und dann treiben sich da
auch immerfort Offiziere herum ... Nein damit bin ich nicht einverstanden.
Das kann er nicht machen, oder wenn er es täte, wäre er ein solches
Schwein ... Das kann man sich wohl mit irgendeinem Krämer oder mit
einem Handwerker erlauben ... Nein, nur nicht nachgeben (Mut fassend). Was
kann er mir antun? Ich sags ihm geradezu. Wie können Sie! ... Ich will
nichts davon wissen. (Die Türklinke bewegt sich, Chlestakoff erbleicht).“
5) Auch folgende Stelle aus der ersten und zweiten Ausgabe hat leichte
Änderungen erfahren: Seite 120. „Schweig still, gar nichts weißt du, und
menge dich nicht in anderer Leute Angelegenheiten. Anna Andrejewna,
glauben Sie mir, ich bitte nur dar um um Ihre Hand oder um die Ihrer
Page 325
Tochter, weil ich mich von herzlicher Liebe ergriffen fühle, und von
Bewunderung für Ihre Vorzüge erfüllt bin. In so schmeichelhaften
Ausdrücken bewegte er sich, ... und als ich sagen wollte, wir erkühnen uns
nie, auf eine solche Ehre zu hoffen, da sagte er kein Wort, fiel plötzlich auf
die Knie und rief in derselben vornehmen Art: Anna Andrejewna, machen
Sie mich nicht unglücklich! Wenn Sie meine Gefühle nicht erwidern, so
macht der Tod meinem Leben ein Ende. Und weiter — K r ei sr i ch t er. In
der Tat! Ein außerordentliches Ereignis! S chu li nsp ektor. Das gnädige
Schicksal hat es so gefügt. — Hospit alv er wal t er (beiseite). Diesem
Schwein fliegen auch immer die gebratenen Tauben ins Maul.“
Alle Korrekturen und Verbesserungen, die in der endgültigen Fassung des
Revisors Aufnahme fanden, sind von Gogol in die erste in Druck
erschienene Ausgabe eingetragen (1836).
Ab r i ß au s ei nem B r ief , d en der Auto r bald nach d er er sten
Auff ühr un g an einen S ch r if tsteller r i chtete. Der erste Entwurf
stammt aus dem April des Jahres 1836. Die endgültige Ausarbeitung für den
Druck fand Anfang März 1841 statt.
Vor bem er kun g f ür di ej enigen , die d en Rev iso r sachgem äß
auf zuf ü hr en b eabsicht ig en. Ist wahrscheinlich gegen Ende des Jahres
1842 niedergeschrieben.
Z wei S zenen , di e schon b ei der er sten Au sgabe, al s d en
Gan g d er Han d lun g stör en d, au sgeschied en wur den. Der erste
Entwurf stammt aus den Jahren 1834 und 1835. Ende 1835 wurden sie noch
einmal umgearbeitet. Die zweite von diesen Szenen erschien zum erstenmal
im „Moskwitjanin“ (Der Moskauer) Band 3, 1841, und dann um einige
Stellen vermehrt in der zweiten Ausgabe des „Revisor“, 1841 wurden beide
Szenen für den Druck umgearbeitet.
E in e v om Au tor in die Bu chausgab e n ich t m it
auf g enom m ene S zene des „Rev isor “. Stammt aus dem Jahr 1835.
Vor w o r t zu einer zum B esten der Ar m en gepl anten Ausgabe
des „R ev i so r “. Ist im Oktober des Jahres 1846 niedergeschrieben.
Di e Deu tu n g d es „R evi sor s“. Stammt aus dem Jahre 1846.
Nacht r ag zur „Deutu ng des R evisor “ stammt aus der zweiten
Hälfte des Jahres 1847.
Bewunderung für Ihre Vorzüge erfüllt bin. In so schmeichelhaften
Ausdrücken bewegte er sich, ... und als ich sagen wollte, wir erkühnen uns
nie, auf eine solche Ehre zu hoffen, da sagte er kein Wort, fiel plötzlich auf
die Knie und rief in derselben vornehmen Art: Anna Andrejewna, machen
Sie mich nicht unglücklich! Wenn Sie meine Gefühle nicht erwidern, so
macht der Tod meinem Leben ein Ende. Und weiter — K r ei sr i ch t er. In
der Tat! Ein außerordentliches Ereignis! S chu li nsp ektor. Das gnädige
Schicksal hat es so gefügt. — Hospit alv er wal t er (beiseite). Diesem
Schwein fliegen auch immer die gebratenen Tauben ins Maul.“
Alle Korrekturen und Verbesserungen, die in der endgültigen Fassung des
Revisors Aufnahme fanden, sind von Gogol in die erste in Druck
erschienene Ausgabe eingetragen (1836).
Ab r i ß au s ei nem B r ief , d en der Auto r bald nach d er er sten
Auff ühr un g an einen S ch r if tsteller r i chtete. Der erste Entwurf
stammt aus dem April des Jahres 1836. Die endgültige Ausarbeitung für den
Druck fand Anfang März 1841 statt.
Vor bem er kun g f ür di ej enigen , die d en Rev iso r sachgem äß
auf zuf ü hr en b eabsicht ig en. Ist wahrscheinlich gegen Ende des Jahres
1842 niedergeschrieben.
Z wei S zenen , di e schon b ei der er sten Au sgabe, al s d en
Gan g d er Han d lun g stör en d, au sgeschied en wur den. Der erste
Entwurf stammt aus den Jahren 1834 und 1835. Ende 1835 wurden sie noch
einmal umgearbeitet. Die zweite von diesen Szenen erschien zum erstenmal
im „Moskwitjanin“ (Der Moskauer) Band 3, 1841, und dann um einige
Stellen vermehrt in der zweiten Ausgabe des „Revisor“, 1841 wurden beide
Szenen für den Druck umgearbeitet.
E in e v om Au tor in die Bu chausgab e n ich t m it
auf g enom m ene S zene des „Rev isor “. Stammt aus dem Jahr 1835.
Vor w o r t zu einer zum B esten der Ar m en gepl anten Ausgabe
des „R ev i so r “. Ist im Oktober des Jahres 1846 niedergeschrieben.
Di e Deu tu n g d es „R evi sor s“. Stammt aus dem Jahre 1846.
Nacht r ag zur „Deutu ng des R evisor “ stammt aus der zweiten
Hälfte des Jahres 1847.
Page 326
Eine Heiratsgeschichte
Der erste Entwurf dieser Komödie stammt aus dem Jahre 1833. 1834 wurde
das Werk von Grund aus umgearbeitet, aber erst 1841 oder zu Anfang des
Jahres 1842, erhielt das Stück nach wiederholten Umarbeitungen seine
endgültige Gestalt. Es erschien zum erstenmal in der ersten Ausgabe von
Gogols Werken im Druck.
Die Spieler
Diese Komödie wurde im Anfang Juni 1836 noch vor Gogols Reise ins
Ausland begonnen und erschien 1842 zum erstenmal in Druck. Als Gogol
das Werk für den Druck fertiggestellt hatte, schrieb er an Prokopowitsch.
„Ich habe die Ihnen zugehenden S pieler nur mit Mühe rekonstruiert, das
Brouillon ist vor so langer Zeit und so unleserlich geschrieben, daß es mich
eine schier unendliche Arbeit kostete, es zu entziffern.“
Der Morgen eines vielbeschäftigten Herrn. Der Prozeß. Das
Bedientenzimmer und das Fragment
bilden Teile, oder nach Gogols eigenen Worten, „die Fetzen einer vom
Autor vernichteten Komödie: Der Wladimirorden dritter Klasse“, deren
erster Entwurf aus dem Jahre 1832 stammt.
Der Morgen ei nes v ielbeschäf ti gten H er r n. Diese Szenen
wurden im Herbst des Jahres 1835 für den Druck bearbeitet, und zwar aus
jenen Fetzen der vernichteten Komödie. Diese Szenen gehörten zu den
frühesten der Komödie. Später bearbeitete Gogol diese Szenen noch einmal
für Puschkins „Ssowremennik“ (der Zeitgenosse). Dies war die letzte
Fassung vom März des Jahres 1836. Sie trugen den Titel D er Morgen
ei nes B eam ten und erschienen im Ssowremennik unter dem Titel D er
Morg en ei nes vi el beschäf tig ten Her r n. P eter sburg er S zen en.
Als Gogol diese Szenen für die gesammelten Werke vom Jahre 1842
fertigstellte, änderte er nur folgende Stelle: „A lexander I wano wi t sch:
Der erste Entwurf dieser Komödie stammt aus dem Jahre 1833. 1834 wurde
das Werk von Grund aus umgearbeitet, aber erst 1841 oder zu Anfang des
Jahres 1842, erhielt das Stück nach wiederholten Umarbeitungen seine
endgültige Gestalt. Es erschien zum erstenmal in der ersten Ausgabe von
Gogols Werken im Druck.
Die Spieler
Diese Komödie wurde im Anfang Juni 1836 noch vor Gogols Reise ins
Ausland begonnen und erschien 1842 zum erstenmal in Druck. Als Gogol
das Werk für den Druck fertiggestellt hatte, schrieb er an Prokopowitsch.
„Ich habe die Ihnen zugehenden S pieler nur mit Mühe rekonstruiert, das
Brouillon ist vor so langer Zeit und so unleserlich geschrieben, daß es mich
eine schier unendliche Arbeit kostete, es zu entziffern.“
Der Morgen eines vielbeschäftigten Herrn. Der Prozeß. Das
Bedientenzimmer und das Fragment
bilden Teile, oder nach Gogols eigenen Worten, „die Fetzen einer vom
Autor vernichteten Komödie: Der Wladimirorden dritter Klasse“, deren
erster Entwurf aus dem Jahre 1832 stammt.
Der Morgen ei nes v ielbeschäf ti gten H er r n. Diese Szenen
wurden im Herbst des Jahres 1835 für den Druck bearbeitet, und zwar aus
jenen Fetzen der vernichteten Komödie. Diese Szenen gehörten zu den
frühesten der Komödie. Später bearbeitete Gogol diese Szenen noch einmal
für Puschkins „Ssowremennik“ (der Zeitgenosse). Dies war die letzte
Fassung vom März des Jahres 1836. Sie trugen den Titel D er Morgen
ei nes B eam ten und erschienen im Ssowremennik unter dem Titel D er
Morg en ei nes vi el beschäf tig ten Her r n. P eter sburg er S zen en.
Als Gogol diese Szenen für die gesammelten Werke vom Jahre 1842
fertigstellte, änderte er nur folgende Stelle: „A lexander I wano wi t sch:
Page 327
Er stach nicht, weil ich meine Dame noch nicht abgeworfen hatte. I w an
P etr ow i tsch: Gut, Sie spielen Dame, aber Lukian Fedossejewitsch hat ja
noch die Trumpf Sieben. Alex an der I wano wit sch: Ja hatte er denn
noch einen Trumpf? Ich kann mich gar nicht erinnern. I w an
P etr ow i tsch: Aber gewiß. Er hatte noch zw ei Trümpfe! die Zehn, mit der
er die Trümpfe herauslocken mußte, und die Sieben. Al exander
I wano wi t sch: Aber nein, Iwan Petrowitsch, erlauben Sie, er konnte nicht
mehr als einen Trumpf haben, denn ... I wan P et r ow itsch: Aber mein
Gott, Alexander Iwanowitsch, wem erzählen Sie das? Zwei Trümpfe. Zwei
Trümpfe! Ich sehe sie noch jetzt vor mir! die Zehn und die Sieben.
Al ex an der I wan o wit sch: Eine Zehn hatte er, das stimmt, aber keine
Sieben. Dann hätte er doch Trumpf gespielt, das müssen Sie doch zugeben,
dann hätte er eben Trumpf gespielt. I wan P etr o wi t sch: Bei Gott,
Alexander Iwanowitsch. Bei Gott.“
Der P r o zeß . Wurde im Jahre 1839 oder Anfang 1840 vollendet.
Di e Bed ienten stu be. Wurde gegen Ende des Jahres 1839 neu
bearbeitet und in einigen Teilen ergänzt.
Das F r ag m ent — die erste Niederschrift — stammt wahrscheinlich aus
dem Jahre 1837. Es wurde 1840 umgearbeitet. Anfang 1841 wurde diese
Bearbeitung ins reine geschrieben. Die letzten Korrekturen stammen vom
August des Jahres 1842 aus der Zeit der Drucklegung der „Werke“ Gogols.
Im gedruckten Text fehlen folgende Seiten aus dem Manuskript „Mi scha.
Ach Mutter, Mamachen, wie oft habe ich Sie gebeten, dieses Wort nicht zu
wiederholen. Sie glauben nicht, wie widerwärtig es mir ist, wie gemein es
klingt und was für eine dumme und falsche Bedeutung es bei uns
angenommen hat. Seien Sie doch nicht so, wie jene alten Herren, die dieses
Wort allen Menschen unter die Nase reiben, ohne sich den Menschen und
das Wort erst ordentlich angesehen zu haben, das sie einem ins Gesicht
schleudern. Was ist von den fünfzig Hohlköpfen (sic!) übriggeblieben,
denen man eine französische Erziehung angedeihen ließ? Sie haben sich an
dies sagenhafte Wort geklammert, legen es nun jedermann bei, und beehren
jeden damit, der ihnen in den Weg läuft. Wenn sie einen Menschen sehen,
dessen Anzug ein wenig anders ist, als der anderer Leute, der eine andre
Frisur hat oder bei dem kurz gesagt etwas nicht g anz so ist, wie bei andern
Menschen, so schreien sie gleich: Ein Liberaler! Ein Liberaler! Ein
Revolutionär! Seht doch seine Frackschöße an, die sind ganz anders wie bei
andern Leuten, sein Halstuch ist ganz anders gebunden, er trägt seine Haare
P etr ow i tsch: Gut, Sie spielen Dame, aber Lukian Fedossejewitsch hat ja
noch die Trumpf Sieben. Alex an der I wano wit sch: Ja hatte er denn
noch einen Trumpf? Ich kann mich gar nicht erinnern. I w an
P etr ow i tsch: Aber gewiß. Er hatte noch zw ei Trümpfe! die Zehn, mit der
er die Trümpfe herauslocken mußte, und die Sieben. Al exander
I wano wi t sch: Aber nein, Iwan Petrowitsch, erlauben Sie, er konnte nicht
mehr als einen Trumpf haben, denn ... I wan P et r ow itsch: Aber mein
Gott, Alexander Iwanowitsch, wem erzählen Sie das? Zwei Trümpfe. Zwei
Trümpfe! Ich sehe sie noch jetzt vor mir! die Zehn und die Sieben.
Al ex an der I wan o wit sch: Eine Zehn hatte er, das stimmt, aber keine
Sieben. Dann hätte er doch Trumpf gespielt, das müssen Sie doch zugeben,
dann hätte er eben Trumpf gespielt. I wan P etr o wi t sch: Bei Gott,
Alexander Iwanowitsch. Bei Gott.“
Der P r o zeß . Wurde im Jahre 1839 oder Anfang 1840 vollendet.
Di e Bed ienten stu be. Wurde gegen Ende des Jahres 1839 neu
bearbeitet und in einigen Teilen ergänzt.
Das F r ag m ent — die erste Niederschrift — stammt wahrscheinlich aus
dem Jahre 1837. Es wurde 1840 umgearbeitet. Anfang 1841 wurde diese
Bearbeitung ins reine geschrieben. Die letzten Korrekturen stammen vom
August des Jahres 1842 aus der Zeit der Drucklegung der „Werke“ Gogols.
Im gedruckten Text fehlen folgende Seiten aus dem Manuskript „Mi scha.
Ach Mutter, Mamachen, wie oft habe ich Sie gebeten, dieses Wort nicht zu
wiederholen. Sie glauben nicht, wie widerwärtig es mir ist, wie gemein es
klingt und was für eine dumme und falsche Bedeutung es bei uns
angenommen hat. Seien Sie doch nicht so, wie jene alten Herren, die dieses
Wort allen Menschen unter die Nase reiben, ohne sich den Menschen und
das Wort erst ordentlich angesehen zu haben, das sie einem ins Gesicht
schleudern. Was ist von den fünfzig Hohlköpfen (sic!) übriggeblieben,
denen man eine französische Erziehung angedeihen ließ? Sie haben sich an
dies sagenhafte Wort geklammert, legen es nun jedermann bei, und beehren
jeden damit, der ihnen in den Weg läuft. Wenn sie einen Menschen sehen,
dessen Anzug ein wenig anders ist, als der anderer Leute, der eine andre
Frisur hat oder bei dem kurz gesagt etwas nicht g anz so ist, wie bei andern
Menschen, so schreien sie gleich: Ein Liberaler! Ein Liberaler! Ein
Revolutionär! Seht doch seine Frackschöße an, die sind ganz anders wie bei
andern Leuten, sein Halstuch ist ganz anders gebunden, er trägt seine Haare
Page 328
anders! Sie glauben nicht, wie sich jedesmal mein Herz empört, wenn ich
etwas Derartiges höre. Wie wenig kennen sie das Herz eines Russen und die
starken festen Züge seines Charakters! Sie wissen nicht, daß, wenn er sich
auch von etwas hinreißen läßt, er dies nur auf Grund von schönen, geistigen
Motiven tut und nicht infolge einer zusammenhanglosen Idee, die in dem
leichtsinnigen Kopfe eines Franzosen entsprungen ist, (der in der Tiefe
seines Herzens soviel tiefe innerliche Überzeugungen birgt, die ihn auf
ewig wider alle kleinlichen Verirrungen des Verstandes behüten. Schon
diese Liebe für seinen Zaren, dieses ganze ursprüngliche Gefühl, das in
seiner Seele lebt, und von dem er sich nicht befreien kann, selbst wenn es
ihm einfiele! Für i hn ist er bereit, sein ganzes Hab und Gut hinzugeben,
sein Leben zu opfern, alles stumm zu ertragen, und das ohne vorher ein
Wort davon zu reden oder sich gar damit zu brüsten. Ist es da nicht bitter, zu
sehen, daß man einem solchen russischen Mann in trivialer Weise
Gedanken beilegt, die er nie gehabt hat und nicht haben kann, und daß man
ihn mit dem abgeschmackten, abgedroschenen Wort zu treffen glaubt, er
spiele den Liberalen. Mütterchen! um Gottes willen brauchen Sie dieses
widerwärtige Wort nicht. Und vermeiden Sie es, wahllos all das, was Ihnen
nicht gefällt, damit zu bezeichnen. Bitte sehen Sie doch zu: Wann und
worin war ich Ihnen je ungehorsam?)“ Die zweite eingeklammerte Hälfte
des Textes hat Gogol durchgestrichen und auf der dritten Seite folgenden
Passus dafür gesetzt: „Und dieser russische Mann, in dessen Busen eine
ursprüngliche, mit seiner eigensten Natur erwachsene, unergründliche Liebe
für seinen Zaren lebt — ein Gefühl, für das er alles hingeben, sein ganzes
Hab und Gut zum Opfer bringen, ja sein Leben aufopfern würde, ohne
vorher ein Wort darüber zu reden oder sich später damit zu rühmen und zu
brüsten — dieser russische Mann soll durch dieses häßliche Wort getroffen
werden, das man ebensogut jedem hergelaufenen Frechling oder
Vagabunden beilegt. Nein Mütterchen, brauchen Sie alle Worte, die Sie
wollen, nur nicht dies banale und abgedroschene Wort. Denken Sie doch,
wan n u n d wor i n war i ch I h nen je u ngeho r sam?“ Von diesem
ganzen Absatz ist nur die letzte gesperrt gedruckte Zeile in den Text der
gedruckten Ausgabe aufgenommen worden.
Nach dem Theater
etwas Derartiges höre. Wie wenig kennen sie das Herz eines Russen und die
starken festen Züge seines Charakters! Sie wissen nicht, daß, wenn er sich
auch von etwas hinreißen läßt, er dies nur auf Grund von schönen, geistigen
Motiven tut und nicht infolge einer zusammenhanglosen Idee, die in dem
leichtsinnigen Kopfe eines Franzosen entsprungen ist, (der in der Tiefe
seines Herzens soviel tiefe innerliche Überzeugungen birgt, die ihn auf
ewig wider alle kleinlichen Verirrungen des Verstandes behüten. Schon
diese Liebe für seinen Zaren, dieses ganze ursprüngliche Gefühl, das in
seiner Seele lebt, und von dem er sich nicht befreien kann, selbst wenn es
ihm einfiele! Für i hn ist er bereit, sein ganzes Hab und Gut hinzugeben,
sein Leben zu opfern, alles stumm zu ertragen, und das ohne vorher ein
Wort davon zu reden oder sich gar damit zu brüsten. Ist es da nicht bitter, zu
sehen, daß man einem solchen russischen Mann in trivialer Weise
Gedanken beilegt, die er nie gehabt hat und nicht haben kann, und daß man
ihn mit dem abgeschmackten, abgedroschenen Wort zu treffen glaubt, er
spiele den Liberalen. Mütterchen! um Gottes willen brauchen Sie dieses
widerwärtige Wort nicht. Und vermeiden Sie es, wahllos all das, was Ihnen
nicht gefällt, damit zu bezeichnen. Bitte sehen Sie doch zu: Wann und
worin war ich Ihnen je ungehorsam?)“ Die zweite eingeklammerte Hälfte
des Textes hat Gogol durchgestrichen und auf der dritten Seite folgenden
Passus dafür gesetzt: „Und dieser russische Mann, in dessen Busen eine
ursprüngliche, mit seiner eigensten Natur erwachsene, unergründliche Liebe
für seinen Zaren lebt — ein Gefühl, für das er alles hingeben, sein ganzes
Hab und Gut zum Opfer bringen, ja sein Leben aufopfern würde, ohne
vorher ein Wort darüber zu reden oder sich später damit zu rühmen und zu
brüsten — dieser russische Mann soll durch dieses häßliche Wort getroffen
werden, das man ebensogut jedem hergelaufenen Frechling oder
Vagabunden beilegt. Nein Mütterchen, brauchen Sie alle Worte, die Sie
wollen, nur nicht dies banale und abgedroschene Wort. Denken Sie doch,
wan n u n d wor i n war i ch I h nen je u ngeho r sam?“ Von diesem
ganzen Absatz ist nur die letzte gesperrt gedruckte Zeile in den Text der
gedruckten Ausgabe aufgenommen worden.
Nach dem Theater
Page 329
E pil o g zu ei n er neuen Kom ö die. Die ersten Entwürfe sind im April
des Jahres 1836 in Petersburg niedergeschrieben. Im Oktober 1842 wurde
diese Szene vollendet.
Die Nachträge und Varianten zu diesem Bande sind der Ausgabe von
Tischonorawow, St. Petersburg 1901, entnommen.
Der H er ausgeber.
Druck von Mänicke und Jahn, Rudolstadt.
des Jahres 1836 in Petersburg niedergeschrieben. Im Oktober 1842 wurde
diese Szene vollendet.
Die Nachträge und Varianten zu diesem Bande sind der Ausgabe von
Tischonorawow, St. Petersburg 1901, entnommen.
Der H er ausgeber.
Druck von Mänicke und Jahn, Rudolstadt.
Page 330
Fußnoten
[1] Der Humor dieser Szene geht in der Übersetzung größtenteils
verloren: Hübner nämlich spricht deutsch und radebrecht russisch,
Chlestakóff dagegen russisch und radebrecht deutsch. Die deutschen
Worte des Originals seien wenigstens im Druck gekennzeichnet. —
Anmerk. d. Übers.
[2] Ein in der Übersetzung nicht zu veranschaulichender Wortwitz des
Originals.
[3] Es versteht sich von selbst, daß der Autor des Stückes eine ideale
Persönlichkeit ist: er verkörpert die Situation des Komödiendichters in
der Gesellschaft, — des Komikers, der sich die Verspottung der
Mißbräuche in den verschiedenen Ämtern und Ständen zur Aufgabe
gemacht hat.
[1] Der Humor dieser Szene geht in der Übersetzung größtenteils
verloren: Hübner nämlich spricht deutsch und radebrecht russisch,
Chlestakóff dagegen russisch und radebrecht deutsch. Die deutschen
Worte des Originals seien wenigstens im Druck gekennzeichnet. —
Anmerk. d. Übers.
[2] Ein in der Übersetzung nicht zu veranschaulichender Wortwitz des
Originals.
[3] Es versteht sich von selbst, daß der Autor des Stückes eine ideale
Persönlichkeit ist: er verkörpert die Situation des Komödiendichters in
der Gesellschaft, — des Komikers, der sich die Verspottung der
Mißbräuche in den verschiedenen Ämtern und Ständen zur Aufgabe
gemacht hat.
Page 331
MODERNE RUSSEN
MICH. P. ARTZIBASCHEW:
Ssanin, Roman
GEHEFTET M. 5.—, GEBUNDEN M. 6.50
Aufruhr, Novellen
GEHEFTET M. 3.—, GEBUNDEN M. 4.50
Millionen
GEHEFTET M. 5.—, GEBUNDEN M. 6.50
Revolutionsgeschichten
GEHEFTET M. 4.—, GEBUNDEN M. 5.50
FJODOR SSOLOGUB:
Der kleine Dämon
GEHEFTET M. 5.—, GEBUNDEN M. 6.50
ALEXANDER KUPRIN:
Die Gruft
GEHEFTET M. 3.—, GEBUNDEN M. 4.50
GEORG MÜLLER VERLAG MÜNCHEN
MICH. P. ARTZIBASCHEW:
Ssanin, Roman
GEHEFTET M. 5.—, GEBUNDEN M. 6.50
Aufruhr, Novellen
GEHEFTET M. 3.—, GEBUNDEN M. 4.50
Millionen
GEHEFTET M. 5.—, GEBUNDEN M. 6.50
Revolutionsgeschichten
GEHEFTET M. 4.—, GEBUNDEN M. 5.50
FJODOR SSOLOGUB:
Der kleine Dämon
GEHEFTET M. 5.—, GEBUNDEN M. 6.50
ALEXANDER KUPRIN:
Die Gruft
GEHEFTET M. 3.—, GEBUNDEN M. 4.50
GEORG MÜLLER VERLAG MÜNCHEN
Page 332
M. ARTZIBASCHEW, Ssanin. Roman. 20. Auflage.
Finster, groß und ernst, von religiösem und sozial-ethischem Pathos erfüllt, mit
weltreformatorischen Absichten und Gesinnungen, steht die russische Kunst, wie in Dostojewski
und Tolstoi, so auch in Artzibaschew vor uns. Mit düsteren und starren Savonarola-Mienen blickt
der Dichter auf das Leben seiner Zeit und seines Volkes, und er trägt Geißeln in seiner Hand;
überall lodern die Flammen der Revolution, verspürt man den Atem umstürzlerischen Fühlens und
Denkens.
Julius Hart im Tag
Das Dichterische hebt das ganze Buch Artzibaschews über das Niveau der Tendenz- und
Absichtenbücher empor. Artzibaschew müßte zwar kein Russe sein, wenn sein Buch nicht im
Grundton aller russischen Literatur, in philosophierender Grübelei erklingen sollte, aber er
phantasiert nicht ins Blaue hinein, er hat vor allem wirklich etwas zu sagen. Und er sagt es mit
künstlerischem Stil und poetischer Kraft.
Münchener Post
Der Verfasser verfügt über einen eigentümlichen Zauber in der knappen Charakteristik der
Frauengestalten. Er gibt reizende, poetische Naturbilder von Gärten und Landschaften, in denen die
jungen Leute sich umhertreiben; einzelne Szenen haben einen großartigen Zug echt russischen
Charakters, wie man derartiges nur bei den ganz großen russischen Dichtern findet.
Kölnische Zeitung
M. ARTZIBASCHEW, Aufruhr u. andere Novellen. 3. Aufl.
Artzibaschew ist unstreitig der beste unter den jungrussischen Erzählern, der schon eine unendliche
Reihe von Nachtretern gefunden hat. Er ist im Grunde seines Schaffens Impressionist ... seine
Bilder stehen vor uns in einem packenden Rahmen, in klarer Deutlichkeit, mit richtiger Licht- und
Schattenverteilung und in der menschlichen Unmittelbarkeit, die uns am tiefsten ergreift. Sein
vorliegender Novellenband ist wieder einmal die Bestätigung dieser seiner großen poetischen
Kunst.
Berliner Morgenpost
Es ist etwas Gewaltiges um den Realismus und die nackte Offenheit von dem Autor des „Ssanin“!
Er ist ein Arzt der Seele, der die Wunden am Organismus des russischen Volkskörpers rücksichtslos
bloßlegt. Keinem denkenden Leser wird es je einfallen, eine zynische Note in diesen aus
künstlerischem und sozialethischem Geiste entstandenen Bildern zu suchen.
Hamburgisches Fremdenblatt
M. ARTZIBASCHEW, Millionen u. andere Novellen. 3. Aufl.
Die Psychologie der Erzählung ist so ausgezeichnet, wie man das von den Russen gewohnt ist. Sie
geht in den Spuren des großen Dostojewski. Ein besonderes formales Moment sind die
Naturstimmungen zu Anfang fast jeden Kapitels. Auch in der zweiten Erzählung finden sie sich. Sie
sind eine Art von intimerem Symbolismus. Artzibaschews Sprache ... zeigt aber bemerkenswerte
und besondere individuelle Vorzüge. Unvergleichlich und von höchst unmittelbarer, reizvoller
Wirkung ist z. B. die schlichte und knappe und doch sehr plastische und suggestive Wirkung, wie
Artzibaschew den Reiz des weiblichen Körpers und seine Macht auf den Mann mitzuteilen weiß.
Ich könnte mir vorstellen, daß Artzibaschew nach solcher Richtung ein Dichter des Weibes werden
könnte, wie ihn Rußland noch nicht gehabt hat.
Johannes Schlaf in „Nord und Süd“
Finster, groß und ernst, von religiösem und sozial-ethischem Pathos erfüllt, mit
weltreformatorischen Absichten und Gesinnungen, steht die russische Kunst, wie in Dostojewski
und Tolstoi, so auch in Artzibaschew vor uns. Mit düsteren und starren Savonarola-Mienen blickt
der Dichter auf das Leben seiner Zeit und seines Volkes, und er trägt Geißeln in seiner Hand;
überall lodern die Flammen der Revolution, verspürt man den Atem umstürzlerischen Fühlens und
Denkens.
Julius Hart im Tag
Das Dichterische hebt das ganze Buch Artzibaschews über das Niveau der Tendenz- und
Absichtenbücher empor. Artzibaschew müßte zwar kein Russe sein, wenn sein Buch nicht im
Grundton aller russischen Literatur, in philosophierender Grübelei erklingen sollte, aber er
phantasiert nicht ins Blaue hinein, er hat vor allem wirklich etwas zu sagen. Und er sagt es mit
künstlerischem Stil und poetischer Kraft.
Münchener Post
Der Verfasser verfügt über einen eigentümlichen Zauber in der knappen Charakteristik der
Frauengestalten. Er gibt reizende, poetische Naturbilder von Gärten und Landschaften, in denen die
jungen Leute sich umhertreiben; einzelne Szenen haben einen großartigen Zug echt russischen
Charakters, wie man derartiges nur bei den ganz großen russischen Dichtern findet.
Kölnische Zeitung
M. ARTZIBASCHEW, Aufruhr u. andere Novellen. 3. Aufl.
Artzibaschew ist unstreitig der beste unter den jungrussischen Erzählern, der schon eine unendliche
Reihe von Nachtretern gefunden hat. Er ist im Grunde seines Schaffens Impressionist ... seine
Bilder stehen vor uns in einem packenden Rahmen, in klarer Deutlichkeit, mit richtiger Licht- und
Schattenverteilung und in der menschlichen Unmittelbarkeit, die uns am tiefsten ergreift. Sein
vorliegender Novellenband ist wieder einmal die Bestätigung dieser seiner großen poetischen
Kunst.
Berliner Morgenpost
Es ist etwas Gewaltiges um den Realismus und die nackte Offenheit von dem Autor des „Ssanin“!
Er ist ein Arzt der Seele, der die Wunden am Organismus des russischen Volkskörpers rücksichtslos
bloßlegt. Keinem denkenden Leser wird es je einfallen, eine zynische Note in diesen aus
künstlerischem und sozialethischem Geiste entstandenen Bildern zu suchen.
Hamburgisches Fremdenblatt
M. ARTZIBASCHEW, Millionen u. andere Novellen. 3. Aufl.
Die Psychologie der Erzählung ist so ausgezeichnet, wie man das von den Russen gewohnt ist. Sie
geht in den Spuren des großen Dostojewski. Ein besonderes formales Moment sind die
Naturstimmungen zu Anfang fast jeden Kapitels. Auch in der zweiten Erzählung finden sie sich. Sie
sind eine Art von intimerem Symbolismus. Artzibaschews Sprache ... zeigt aber bemerkenswerte
und besondere individuelle Vorzüge. Unvergleichlich und von höchst unmittelbarer, reizvoller
Wirkung ist z. B. die schlichte und knappe und doch sehr plastische und suggestive Wirkung, wie
Artzibaschew den Reiz des weiblichen Körpers und seine Macht auf den Mann mitzuteilen weiß.
Ich könnte mir vorstellen, daß Artzibaschew nach solcher Richtung ein Dichter des Weibes werden
könnte, wie ihn Rußland noch nicht gehabt hat.
Johannes Schlaf in „Nord und Süd“
Page 333
Ein bis ins Unterbewußtsein kühn hineingreifendes, scharfes und unfehlbares psychologisches
Vermögen, eine meisterhafte, wohlklingende Bildersprache, eine bis hart an die Grenze des
Überfeinerten gesteigerte Ästhetik ... In allem eine minutiöse Detailmalerei, und eine
Milieuschilderung, wie sie zum Besten in ihrer Art gerechnet werden müssen.
B. Z. am Mittag
M. ARTZIBASCHEW, Revolutionsgeschichten. 3. Aufl.
Der berühmte Dichter des „Ssanin“ zeigt sein hervorragendes dichterisches Können auch in diesem
neuen Werk. Die „Revolutionsgeschichten“ sind furchtbare Illustrationen zu den nun schon
historisch gewordenen Greueltaten jener Zeit, da Revolution und Reaktion in Rußland einen
grauenvollen Kampf begannen. In diesen Geschichten steckt die sittliche Kraft der russischen
Jugend und Intelligenz, die es gewagt hat, an den Grundlagen des tönernen Kolosses zu rühren und
die Reformation des Landes unter Aufopferung ihrer eignen Personen zu erzwingen. Und doch
lesen sich diese Geschichten nicht etwa bloß wie historische Berichte. Sie sind dichterische
Schöpfungen.
Dr. Messer i. d. Neuen Freien Presse, Wien
FJODOR SSOLOGUB, Der kleine Dämon. Roman. 3. Aufl.
Ssologubs „Kleiner Dämon“ ist ein Buch, das man gerne liest und über das man gerne schreibt,
seinem furchtbaren Stoffe, der Tatsache zum Trotz, daß es Seite für Seite vom Schmutz eines für
westeuropäische Begriffe schier unglaublich niedrigen Alltags geradezu pappt. Dies grausame Buch
... bedarf einer energischen Abwehr der Insinuation des Naturalismus und seiner Lust zu stinken.
Ssologub steht hoch über dem Verdachte, mit den Widrigkeiten seines Werkes Sensation
beabsichtigt zu haben ... Er ist Dichter durch und durch und blickt mit den ernsten, echt
menschlichen Augen eines vornehmen Ethikers. Ssologub macht keinerlei literarischen Getues mit
dem Satanismus der Welt, die er schildert. Er spricht ruhig und gelassen wie von einer Sache, über
die wir uns längst einig sind. Sein Pessimismus posiert nicht und ist keine trockene These, sondern
bitterlich ernste Lebenserfahrung, Lebensstimmung.
Hermann Eßwein im Literarischen Echo
ALEXANDER KUPRIN, Die Gruft. Ein Roman aus der russischen Tiefe. Dritte
Auflage.
Ein mächtiges Gefühl der Wirklichkeit lodert in seinem Schaffen, ein Streben, das ganze russische
Leben zu umfassen und die Vielheit seiner Formen sinnreich zu beleuchten ... Kuprins
Naturalismus hat hier in der Sprache, in der Darstellung von Tatsachen und in den Farben den
Höhepunkt erreicht. Er erscheint hier als Naturforscher, als Psychologe und als Chirurg, der mit
verblüffender Kaltblütigkeit das Seziermesser handhabt, um alle Atome zu zerlegen ... Die ethische
Kraft, mit der Kuprin sein Werk geschrieben, ist gewaltig genug, um jede ernstdenkende und
mitfühlende Persönlichkeit hinzureißen.
Neue Freie Presse, Wien
Was Kuprins Buch, das er den Müttern und der Jugend widmet, von der Bordell- und
Dirnenliteratur unterscheidet, in der mit einem ethisch-sentimentalen Rittertum die Notwendigkeit
der Institution und die Zusammenhänge unterschlagen wurden, ist die Objektivität, mit der er den
Dingen aus nächster Nähe klar ins Auge sieht, ohne das ungeheuer Geschäftsmäßige der
Prostitution dabei mit Gemüt zu überfälschen ... Es ist ein Erkenntnis- und ein Mahnbuch, ein Buch
der Nächstenliebe, voll großen sozialen Empfindens.
Vorwärts, Berlin
Vermögen, eine meisterhafte, wohlklingende Bildersprache, eine bis hart an die Grenze des
Überfeinerten gesteigerte Ästhetik ... In allem eine minutiöse Detailmalerei, und eine
Milieuschilderung, wie sie zum Besten in ihrer Art gerechnet werden müssen.
B. Z. am Mittag
M. ARTZIBASCHEW, Revolutionsgeschichten. 3. Aufl.
Der berühmte Dichter des „Ssanin“ zeigt sein hervorragendes dichterisches Können auch in diesem
neuen Werk. Die „Revolutionsgeschichten“ sind furchtbare Illustrationen zu den nun schon
historisch gewordenen Greueltaten jener Zeit, da Revolution und Reaktion in Rußland einen
grauenvollen Kampf begannen. In diesen Geschichten steckt die sittliche Kraft der russischen
Jugend und Intelligenz, die es gewagt hat, an den Grundlagen des tönernen Kolosses zu rühren und
die Reformation des Landes unter Aufopferung ihrer eignen Personen zu erzwingen. Und doch
lesen sich diese Geschichten nicht etwa bloß wie historische Berichte. Sie sind dichterische
Schöpfungen.
Dr. Messer i. d. Neuen Freien Presse, Wien
FJODOR SSOLOGUB, Der kleine Dämon. Roman. 3. Aufl.
Ssologubs „Kleiner Dämon“ ist ein Buch, das man gerne liest und über das man gerne schreibt,
seinem furchtbaren Stoffe, der Tatsache zum Trotz, daß es Seite für Seite vom Schmutz eines für
westeuropäische Begriffe schier unglaublich niedrigen Alltags geradezu pappt. Dies grausame Buch
... bedarf einer energischen Abwehr der Insinuation des Naturalismus und seiner Lust zu stinken.
Ssologub steht hoch über dem Verdachte, mit den Widrigkeiten seines Werkes Sensation
beabsichtigt zu haben ... Er ist Dichter durch und durch und blickt mit den ernsten, echt
menschlichen Augen eines vornehmen Ethikers. Ssologub macht keinerlei literarischen Getues mit
dem Satanismus der Welt, die er schildert. Er spricht ruhig und gelassen wie von einer Sache, über
die wir uns längst einig sind. Sein Pessimismus posiert nicht und ist keine trockene These, sondern
bitterlich ernste Lebenserfahrung, Lebensstimmung.
Hermann Eßwein im Literarischen Echo
ALEXANDER KUPRIN, Die Gruft. Ein Roman aus der russischen Tiefe. Dritte
Auflage.
Ein mächtiges Gefühl der Wirklichkeit lodert in seinem Schaffen, ein Streben, das ganze russische
Leben zu umfassen und die Vielheit seiner Formen sinnreich zu beleuchten ... Kuprins
Naturalismus hat hier in der Sprache, in der Darstellung von Tatsachen und in den Farben den
Höhepunkt erreicht. Er erscheint hier als Naturforscher, als Psychologe und als Chirurg, der mit
verblüffender Kaltblütigkeit das Seziermesser handhabt, um alle Atome zu zerlegen ... Die ethische
Kraft, mit der Kuprin sein Werk geschrieben, ist gewaltig genug, um jede ernstdenkende und
mitfühlende Persönlichkeit hinzureißen.
Neue Freie Presse, Wien
Was Kuprins Buch, das er den Müttern und der Jugend widmet, von der Bordell- und
Dirnenliteratur unterscheidet, in der mit einem ethisch-sentimentalen Rittertum die Notwendigkeit
der Institution und die Zusammenhänge unterschlagen wurden, ist die Objektivität, mit der er den
Dingen aus nächster Nähe klar ins Auge sieht, ohne das ungeheuer Geschäftsmäßige der
Prostitution dabei mit Gemüt zu überfälschen ... Es ist ein Erkenntnis- und ein Mahnbuch, ein Buch
der Nächstenliebe, voll großen sozialen Empfindens.
Vorwärts, Berlin
Page 334
RUDOLF HUCH
Mehr Goethe
7. Aufl. Geh. M. 2.—, geb. M. 3,—
Winterwanderung
2. Aufl. Geh. M. 2.50, geb. M. 3.50
Die beiden Ritterhelm
Roman. 2. Aufl. Geh. M. 4.—, geb. M. 5.—
Die Familie Hellmann
Roman. 2. Aufl. Geh. M. 6.—, geb. M. 7.50
Die Rübenstedter
Eine Kleinstadtsommergeschichte
2. Aufl. Geh. M. 3.—, geb. M. 4.—
Wilhelm Brinkmeyers Abenteuer
von ihm selbst erzählt
2. Aufl. Geh. M. 5.—, geb. M. 6.50
GEORG MÜLLER VERLAG MÜNCHEN
Mehr Goethe
7. Aufl. Geh. M. 2.—, geb. M. 3,—
Winterwanderung
2. Aufl. Geh. M. 2.50, geb. M. 3.50
Die beiden Ritterhelm
Roman. 2. Aufl. Geh. M. 4.—, geb. M. 5.—
Die Familie Hellmann
Roman. 2. Aufl. Geh. M. 6.—, geb. M. 7.50
Die Rübenstedter
Eine Kleinstadtsommergeschichte
2. Aufl. Geh. M. 3.—, geb. M. 4.—
Wilhelm Brinkmeyers Abenteuer
von ihm selbst erzählt
2. Aufl. Geh. M. 5.—, geb. M. 6.50
GEORG MÜLLER VERLAG MÜNCHEN
Page 335
Mehr Goethe Und nun komme ich zu einem der eigenartigsten und selbständigsten Bücher, die
den Namen Goethe auf ihren Schild geschrieben haben. Das Buch von Rudolf
Huch „Mehr Goethe!“ hat ja inzwischen seinen breiten Weg in die deutsche Leserwelt gefunden, es
bedarf also der Empfehlung kaum noch ... E s i st ei n f r i sch es, m u t i g es un d gesu ndes
Bu ch, das aus seinem Herzen keine Mördergrube macht, keck und dreist, ohne viel gelehrten
Ballast im Schulsack, mitten in die Dinge hineinspringt und alle graue Theorie zum Teufel jagt.
(‚Westermanns Monatshefte‘)
Winterwanderung Anmutig und durch einen Beigeschmack feiner Ironie ätzend und oft fast
pikant in gutem Sinne liest sich ein gleichwohl gedankenreiches, zu
aphoristischer Form neigendes Werk von Rudolf Huch: Winterwanderung ... E i n vo r n eh m er
Gr und t on , ei n ar i st okr at i scher P essi m i sm us, d er si ch an S ch op en h au er v er t i ef t
hat , zi eh t dur ch Hu ch s Wel t anschauu n g; aber ein oft feinsatirischer, oft grimmiger Humor
bildet das angenehme Gegengewicht und läßt steife Feierlichkeit nicht aufkommen. Das geistvolle
Buch, wiederum ausgezeichnet durch eine fesselnde Stilistik, ist insofern eine empfehlenswerte
Ergänzung zu des Verfassers bekanntem Buch: Mehr Goethe.
(‚Der Türmer‘)
Die beiden Ritterhelm Den hohen Reiz des Buches macht die gleichmäßige, epische
Gelassenheit aus und, mit ihr zusammenhängend, die dem Stoff gemäße
patrizische Natur des Erzählers. Das gibt dem Ganzen ei ne u n gewö h n l i ch e, l ückenl ose
E i n hei t l i chkei t. Wir spüren ein bildungsgesättigtes Wesen, das der Bildungsprotzerei
entgegengesetzt ist, wir spüren einen tiefen Ernst der Lebensanschauung und zugleich eine
humorisch mildernde Überstrahlung; weite Ausblicke werden in verhaltener Darstellung
angedeutet, und überall erfreut die unsüßliche Anmut der sparsamsten Linie.
(‚Der Kunstwart‘)
Huchs Buch ist von einer kräftigen Strenge, herb und unerbittlich, männlich durch und durch. Und
es ist fest in seinem Gefüge, seine Gewölbe sind tragkräftig, und der Mörtel des Baues ist hart wie
Stein ... Die Gefühle der Menschen in diesem Buche liegen nicht an der Oberfläche und können
nicht leichthin berührt werden. Sie sind in Knospen eingeschlossen ... Hu ch s Bu ch g eh ör t zu
j enen, di e m an n i cht v erg i ß t .
(Karl Hans Strahl in ‚Die Zeit‘, Wien)
Die Familie Hellmann Kei n Buch f ü h r t wo h l so i n g er ad er L i ni e au f d en
S t am m bau m Go et h es zur ü ck wi e d i eser F am i l i en r om an
Ru dol f Huchs. E r i st ei n E r l eb n i s f ü r d en L eser, davon er manchen Tag zehren kann und
das ihm schwerlich mehr aus dem Gedächtnis schwindet; auf den fünfhundert Seiten wird keine
Zeile langweilig sein. Da i st ed l e Au sg eg l i ch en h ei t der S p r ache, Wo h l k l ang,
F ei nn er vi gk ei t , m änn l i che Kr af t u nd f r au l i che S üß i gk ei t : d as Buch hat et was i m
t i ef st en Gr u nde Mu si kal i sch es ... „Die Familie Hellmann“ bildet einen Höhepunkt in Rudolf
Huchs künstlerischem Schaffen und verdient es, den bisher noch viel zu wenig gekannten Dichter
endlich ans Licht zu führen.
(Dr. Ludwig Finckh in den ‚Propyläen‘)
Rudolf Huch hat sich schon früher durch einige Werke die Achtung des deutschen Publikums
errungen. Mi t di esem Ro m an st eht er al s ei n ganz r ei f er, ei gen ar t i ger un d al s
l i t er ar i scher Ch ar ak t er d u r ch g eb i l d et er Kü nst l er v or un s, der auf äußeren und inneren
Stil etwas hält, nicht gewisser Szenen wegen sich technisch überhastet, sondern ruhig und sachlich,
den Namen Goethe auf ihren Schild geschrieben haben. Das Buch von Rudolf
Huch „Mehr Goethe!“ hat ja inzwischen seinen breiten Weg in die deutsche Leserwelt gefunden, es
bedarf also der Empfehlung kaum noch ... E s i st ei n f r i sch es, m u t i g es un d gesu ndes
Bu ch, das aus seinem Herzen keine Mördergrube macht, keck und dreist, ohne viel gelehrten
Ballast im Schulsack, mitten in die Dinge hineinspringt und alle graue Theorie zum Teufel jagt.
(‚Westermanns Monatshefte‘)
Winterwanderung Anmutig und durch einen Beigeschmack feiner Ironie ätzend und oft fast
pikant in gutem Sinne liest sich ein gleichwohl gedankenreiches, zu
aphoristischer Form neigendes Werk von Rudolf Huch: Winterwanderung ... E i n vo r n eh m er
Gr und t on , ei n ar i st okr at i scher P essi m i sm us, d er si ch an S ch op en h au er v er t i ef t
hat , zi eh t dur ch Hu ch s Wel t anschauu n g; aber ein oft feinsatirischer, oft grimmiger Humor
bildet das angenehme Gegengewicht und läßt steife Feierlichkeit nicht aufkommen. Das geistvolle
Buch, wiederum ausgezeichnet durch eine fesselnde Stilistik, ist insofern eine empfehlenswerte
Ergänzung zu des Verfassers bekanntem Buch: Mehr Goethe.
(‚Der Türmer‘)
Die beiden Ritterhelm Den hohen Reiz des Buches macht die gleichmäßige, epische
Gelassenheit aus und, mit ihr zusammenhängend, die dem Stoff gemäße
patrizische Natur des Erzählers. Das gibt dem Ganzen ei ne u n gewö h n l i ch e, l ückenl ose
E i n hei t l i chkei t. Wir spüren ein bildungsgesättigtes Wesen, das der Bildungsprotzerei
entgegengesetzt ist, wir spüren einen tiefen Ernst der Lebensanschauung und zugleich eine
humorisch mildernde Überstrahlung; weite Ausblicke werden in verhaltener Darstellung
angedeutet, und überall erfreut die unsüßliche Anmut der sparsamsten Linie.
(‚Der Kunstwart‘)
Huchs Buch ist von einer kräftigen Strenge, herb und unerbittlich, männlich durch und durch. Und
es ist fest in seinem Gefüge, seine Gewölbe sind tragkräftig, und der Mörtel des Baues ist hart wie
Stein ... Die Gefühle der Menschen in diesem Buche liegen nicht an der Oberfläche und können
nicht leichthin berührt werden. Sie sind in Knospen eingeschlossen ... Hu ch s Bu ch g eh ör t zu
j enen, di e m an n i cht v erg i ß t .
(Karl Hans Strahl in ‚Die Zeit‘, Wien)
Die Familie Hellmann Kei n Buch f ü h r t wo h l so i n g er ad er L i ni e au f d en
S t am m bau m Go et h es zur ü ck wi e d i eser F am i l i en r om an
Ru dol f Huchs. E r i st ei n E r l eb n i s f ü r d en L eser, davon er manchen Tag zehren kann und
das ihm schwerlich mehr aus dem Gedächtnis schwindet; auf den fünfhundert Seiten wird keine
Zeile langweilig sein. Da i st ed l e Au sg eg l i ch en h ei t der S p r ache, Wo h l k l ang,
F ei nn er vi gk ei t , m änn l i che Kr af t u nd f r au l i che S üß i gk ei t : d as Buch hat et was i m
t i ef st en Gr u nde Mu si kal i sch es ... „Die Familie Hellmann“ bildet einen Höhepunkt in Rudolf
Huchs künstlerischem Schaffen und verdient es, den bisher noch viel zu wenig gekannten Dichter
endlich ans Licht zu führen.
(Dr. Ludwig Finckh in den ‚Propyläen‘)
Rudolf Huch hat sich schon früher durch einige Werke die Achtung des deutschen Publikums
errungen. Mi t di esem Ro m an st eht er al s ei n ganz r ei f er, ei gen ar t i ger un d al s
l i t er ar i scher Ch ar ak t er d u r ch g eb i l d et er Kü nst l er v or un s, der auf äußeren und inneren
Stil etwas hält, nicht gewisser Szenen wegen sich technisch überhastet, sondern ruhig und sachlich,
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das heißt episch langsam von Nuance zu Nuance, von Stufe zu Stufe fortschreitend erzählt. Und
trotz dieser scheinbar ruhigen und sachlichen Art formt sich seine Geschichte immer mehr, runden
sich seine Gestalten und erleben mit objektiver Unerbittlichkeit ihr Schicksal. Neben den
tatsächlichen Hauptpersonen gewinnt eine Anzahl Nebenfiguren durch die liebevolle Behandlung
von seiten des Autors wirkliches Leben und wirkliche, menschenähnliche Plastik.
(‚Pester Lloyd‘)
Rudolf Huch hat eine streitbare Schrift „Mehr Goethe!“ verfaßt, in der er den Deutschen als
unverlierbare Richtschnur den Weg zu Goethe anpreist. Diesen Weg ist er mit seinem schönen
Roman selbst geschritten. Er beleuchtete den Grundsatz des großen Meisters: Bilde, Künstler, rede
nicht. S ei ne F i gu r en haben pl ast i sch es L eb en. S i e bl ei b en i n un ser er E r i nn er ung,
al s ob wi r si e sel b st g eseh en hät t en . Lyrische Stimmungen, an denen auch dieser Roman
nicht arm ist, verdrängen doch nicht die hartgefügten Menschengestalten, die der Dichter
geschaffen hat.
(Dr. Max Messer)
Rudolf Huch ist ein Dichter mit starker Eigenart. Er prägt scharf und hart und baut seine Sachen
ohne alle umhüllende Weichheit und Zartheit aus. E i n e wi r k l i ch e Ko m p o si t i o n sk un st und
ei ne wun der vo l l e Tel eo l o g i e i st d a, di e j ed es ei n m al au f g en om m en e Mom en t des
S t off es ent wi ckel t un d zur Gel t un g b r i n g t . Hu ch sch m ü ck t d i e F or m; do ch sei n
S chm u ck i st karg un d sp r ö d, vo l l E i n f al t un d Ung ebr o ch enh ei t ... Wenige sind so
frisch, kernhaft und anspruchslos wie er. Schönheit, tiefe und innere Größe ist auch den Menschen
nahe, die durch diese letzte Arbeit Huchs gehen.
(‚Mannheimer General-Anzeiger‘)
Die Rübenstedter Got t l o b, en d l i ch ei nm al Hum o r, wi r k l i cher d eu t scher
E r zäh l er h um or ! Der Verfasser zitiert nicht umsonst in seiner Vorrede solch
gute Geister wie Wilhelm Raabe und Fritz Reuter. Er hätte meinethalben auch noch Dickens
nennen können, ja vielleicht den mit dem besten Recht. Denn Rudolf Huch streift ... durchaus die
behagliche, künstlerische Sphäre des englischen Erzählers ... Huch steht alle „Moral“ so fern, daß
er für die moralisch außerordentlich streng geregelte Lebensweise von Rübenstedt ein wirklich
befreiendes Lachen des Mitgefühls übrig hat, das durchhält bis zum Schluß.
(Eugen Kalkschmidt in der ‚B. Z. am Mittag‘)
Die Rübenstedter sind ei n g anz sel b st än d i g es Buch, d ur ch so n n t v on ei n em br ei t en,
behäbi gen Hum o r, köstlich in der feinen Verspottung der Kleinstädter, der Philister und all der
Leute, deren freie geistige Regungen in der Kleinstadt verkümmert und die in ihr lederne Pedanten
und Banausen geworden sind ... Die Gestalten der Geschichte sind mit wenig Strichen prächtig
charakterisiert, die Darstellung ist von reifer Lebensweisheit getragen.
(‚Rhein- und Ruhr-Zeitung‘)
Rudolf Huchs Kleinstadtsommergeschichte „Die Rübenstedter“ ist ei n p r äch t i g es Bu ch ....
E s i st ei n Bu ch, d as ganz k ö st l i che E i n zel hei t en en t h äl t , u n d üb er v i el e S t el l en
kann m an b i s zu Tr än en l achen. Die Sprache in ihrer Ruhe und Sachlichkeit, die reiche
Reihe glänzend gezeichneter, lebensvoller Gestalten ... sichern dem Buche einen guten Platz in
unserer humoristischen Erzählungsliteratur.
(‚Literar. Zentralblatt‘)
trotz dieser scheinbar ruhigen und sachlichen Art formt sich seine Geschichte immer mehr, runden
sich seine Gestalten und erleben mit objektiver Unerbittlichkeit ihr Schicksal. Neben den
tatsächlichen Hauptpersonen gewinnt eine Anzahl Nebenfiguren durch die liebevolle Behandlung
von seiten des Autors wirkliches Leben und wirkliche, menschenähnliche Plastik.
(‚Pester Lloyd‘)
Rudolf Huch hat eine streitbare Schrift „Mehr Goethe!“ verfaßt, in der er den Deutschen als
unverlierbare Richtschnur den Weg zu Goethe anpreist. Diesen Weg ist er mit seinem schönen
Roman selbst geschritten. Er beleuchtete den Grundsatz des großen Meisters: Bilde, Künstler, rede
nicht. S ei ne F i gu r en haben pl ast i sch es L eb en. S i e bl ei b en i n un ser er E r i nn er ung,
al s ob wi r si e sel b st g eseh en hät t en . Lyrische Stimmungen, an denen auch dieser Roman
nicht arm ist, verdrängen doch nicht die hartgefügten Menschengestalten, die der Dichter
geschaffen hat.
(Dr. Max Messer)
Rudolf Huch ist ein Dichter mit starker Eigenart. Er prägt scharf und hart und baut seine Sachen
ohne alle umhüllende Weichheit und Zartheit aus. E i n e wi r k l i ch e Ko m p o si t i o n sk un st und
ei ne wun der vo l l e Tel eo l o g i e i st d a, di e j ed es ei n m al au f g en om m en e Mom en t des
S t off es ent wi ckel t un d zur Gel t un g b r i n g t . Hu ch sch m ü ck t d i e F or m; do ch sei n
S chm u ck i st karg un d sp r ö d, vo l l E i n f al t un d Ung ebr o ch enh ei t ... Wenige sind so
frisch, kernhaft und anspruchslos wie er. Schönheit, tiefe und innere Größe ist auch den Menschen
nahe, die durch diese letzte Arbeit Huchs gehen.
(‚Mannheimer General-Anzeiger‘)
Die Rübenstedter Got t l o b, en d l i ch ei nm al Hum o r, wi r k l i cher d eu t scher
E r zäh l er h um or ! Der Verfasser zitiert nicht umsonst in seiner Vorrede solch
gute Geister wie Wilhelm Raabe und Fritz Reuter. Er hätte meinethalben auch noch Dickens
nennen können, ja vielleicht den mit dem besten Recht. Denn Rudolf Huch streift ... durchaus die
behagliche, künstlerische Sphäre des englischen Erzählers ... Huch steht alle „Moral“ so fern, daß
er für die moralisch außerordentlich streng geregelte Lebensweise von Rübenstedt ein wirklich
befreiendes Lachen des Mitgefühls übrig hat, das durchhält bis zum Schluß.
(Eugen Kalkschmidt in der ‚B. Z. am Mittag‘)
Die Rübenstedter sind ei n g anz sel b st än d i g es Buch, d ur ch so n n t v on ei n em br ei t en,
behäbi gen Hum o r, köstlich in der feinen Verspottung der Kleinstädter, der Philister und all der
Leute, deren freie geistige Regungen in der Kleinstadt verkümmert und die in ihr lederne Pedanten
und Banausen geworden sind ... Die Gestalten der Geschichte sind mit wenig Strichen prächtig
charakterisiert, die Darstellung ist von reifer Lebensweisheit getragen.
(‚Rhein- und Ruhr-Zeitung‘)
Rudolf Huchs Kleinstadtsommergeschichte „Die Rübenstedter“ ist ei n p r äch t i g es Bu ch ....
E s i st ei n Bu ch, d as ganz k ö st l i che E i n zel hei t en en t h äl t , u n d üb er v i el e S t el l en
kann m an b i s zu Tr än en l achen. Die Sprache in ihrer Ruhe und Sachlichkeit, die reiche
Reihe glänzend gezeichneter, lebensvoller Gestalten ... sichern dem Buche einen guten Platz in
unserer humoristischen Erzählungsliteratur.
(‚Literar. Zentralblatt‘)
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Anmerkungen zur Transkription
Die Schreibweise der Buchvorlage wurde weitgehend beibehalten. Auch Variationen
in der Transliteration der russischen Namen wurden nicht verändert. Die Übersetzer
haben teilweise, zumeist im »Revisor«, die russischen Namen unter Verwendung von
Akzenten transliteriert. Dies wurde unverändert übernommen und auch nicht
vereinheitlicht.
Offensichtliche Fehler wurden, teilweise unter Zuhilfenahme des russischen
Originaltextes, korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):
... ich mich, dir unter anderem zu melden, daß ein ...
... mich, dir unter anderem zu melden, daß ein ...
... Sie so delikat, als ob alles adlig wär’. Geht man auf ...
... sie so delikat, als ob alles adlig wär’. Geht man auf ...
... bündig sagen: wie du wünscht, aber ohne Petersburg ...
... bündig sagen: wie du wünschst, aber ohne Petersburg ...
... Polizeimeister (macht Bóbtschinski ein Zeichen der ...
... Polizeimeister (macht Bóbtschinski ein Zeichen des ...
... Aexándrowitsch, daß ich Ihnen erst die Stiefel säubere!“ ...
... Alexándrowitsch, daß ich Ihnen erst die Stiefel säubere!“ ...
... wird aber von den Beamten erfurchtsvoll gestützt.) ...
... wird aber von den Beamten ehrfurchtsvoll gestützt.) ...
... is da? ’n Strick? Her mit dem Strick? Auch ’n ...
... is da? ’n Strick? Her mit dem Strick! Auch ’n ...
... Chestakóff (galant.) Aber mein Fräulein, es ist ...
... Chlestakóff (galant.) Aber mein Fräulein, es ist ...
... Polzeimeister. Wie konnten Sie sich erdreisten, ...
... Polizeimeister. Wie konnten Sie sich erdreisten, ...
... Polizeimeister. Was sollte er denn nach ihrer ...
... Polizeimeister. Was sollte er denn nach Ihrer ...
... Antón, er hat sich doch mit Mascha verlobt! ...
... Antón, er hat sich doch mit Máscha verlobt! ...
... kleinen Beamten Schtschepkin und Rjäsanski auf den ...
... kleinen Beamten Schtschepkin und Rjásanski auf den ...
... chlecht und karikiert. Ich hatte das gewissermaßen ...
... schlecht und karikiert. Ich hatte das gewissermaßen ...
... suchen, wozu diese bestimmt ist, worin die haupsächlichste ...
... suchen, wozu diese bestimmt ist, worin die hauptsächlichste ...
Die Schreibweise der Buchvorlage wurde weitgehend beibehalten. Auch Variationen
in der Transliteration der russischen Namen wurden nicht verändert. Die Übersetzer
haben teilweise, zumeist im »Revisor«, die russischen Namen unter Verwendung von
Akzenten transliteriert. Dies wurde unverändert übernommen und auch nicht
vereinheitlicht.
Offensichtliche Fehler wurden, teilweise unter Zuhilfenahme des russischen
Originaltextes, korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):
... ich mich, dir unter anderem zu melden, daß ein ...
... mich, dir unter anderem zu melden, daß ein ...
... Sie so delikat, als ob alles adlig wär’. Geht man auf ...
... sie so delikat, als ob alles adlig wär’. Geht man auf ...
... bündig sagen: wie du wünscht, aber ohne Petersburg ...
... bündig sagen: wie du wünschst, aber ohne Petersburg ...
... Polizeimeister (macht Bóbtschinski ein Zeichen der ...
... Polizeimeister (macht Bóbtschinski ein Zeichen des ...
... Aexándrowitsch, daß ich Ihnen erst die Stiefel säubere!“ ...
... Alexándrowitsch, daß ich Ihnen erst die Stiefel säubere!“ ...
... wird aber von den Beamten erfurchtsvoll gestützt.) ...
... wird aber von den Beamten ehrfurchtsvoll gestützt.) ...
... is da? ’n Strick? Her mit dem Strick? Auch ’n ...
... is da? ’n Strick? Her mit dem Strick! Auch ’n ...
... Chestakóff (galant.) Aber mein Fräulein, es ist ...
... Chlestakóff (galant.) Aber mein Fräulein, es ist ...
... Polzeimeister. Wie konnten Sie sich erdreisten, ...
... Polizeimeister. Wie konnten Sie sich erdreisten, ...
... Polizeimeister. Was sollte er denn nach ihrer ...
... Polizeimeister. Was sollte er denn nach Ihrer ...
... Antón, er hat sich doch mit Mascha verlobt! ...
... Antón, er hat sich doch mit Máscha verlobt! ...
... kleinen Beamten Schtschepkin und Rjäsanski auf den ...
... kleinen Beamten Schtschepkin und Rjásanski auf den ...
... chlecht und karikiert. Ich hatte das gewissermaßen ...
... schlecht und karikiert. Ich hatte das gewissermaßen ...
... suchen, wozu diese bestimmt ist, worin die haupsächlichste ...
... suchen, wozu diese bestimmt ist, worin die hauptsächlichste ...
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... befehlender Geberde). Michailo Sjemjonowitsch, den Kranz ...
... befehlender Gebärde). Michailo Sjemjonowitsch, den Kranz ...
... keinem ihren Rat versagt und keinen gering geachtet ...
... keinem Ihren Rat versagt und keinen gering geachtet ...
... umarmend). Michailo Sjemonowitsch, ich bin außer ...
... umarmend). Michailo Sjemjonowitsch, ich bin außer ...
... Zweiter Schauspieler. Wahr, sehr war; ...
... Zweiter Schauspieler. Wahr, sehr wahr; ...
... gegen bestechliche Beamten wappnet; und zwar darum, ...
... gegen bestechliche Beamte wappnet; und zwar darum, ...
... eigentlich? Guck dich doch bloß mal in den Spiegel! ...
... eigentlich? Guck doch bloß mal in den Spiegel! ...
... fühlt, empfindet, sich gewissermaßen verflüchtigt, weist ...
... fühlt, empfindet, sich gewissermaßen verflüchtigt, weißt ...
... 22. Auftritt ...
... 20. Auftritt ...
... häußlichen Kreis. Alles was Sie jetzt umgibt, sind ja ...
... häuslichen Kreis. Alles was Sie jetzt umgibt, sind ja ...
... Ich begreife nicht, wie sie es dem Menschen nicht sofort ...
... Ich begreife nicht, wie Sie es dem Menschen nicht sofort ...
... Das ist mein wahrer Geschmack, solche offenherzige ...
... Das ist mein wahrer Geschmack, solche offenherzigen ...
... es waren anwesend: Pawel Grigojewitsch Borschtschow, ...
... es waren anwesend: Pawel Grigorjewitsch Borschtschow, ...
... einfach nach Kamschatka schicken. Ich würde ihm mit ...
... einfach nach Kamtschatka schicken. Ich würde ihm mit ...
... ging. ...
... ging? ...
... (Zu Iwan.) Geh, mach auf! Was, hälst du Maulaffen ...
... (Zu Iwan.) Geh, mach auf! Was, hältst du Maulaffen ...
... Sobatschkin. Wissen Sie, daß Sie ihre Mädchen ...
... Sobatschkin. Wissen Sie, daß sie ihre Mädchen ...
... eine Mißachtung, für eine Verlöhnung zu nehmen. Elektrisiert ...
... eine Mißachtung, für eine Verhöhnung zu nehmen. Elektrisiert ...
... der Laster, das ist doch eine widerwärtige Verhöhnung Rußland. ...
... der Laster, das ist doch eine widerwärtige Verhöhnung Rußlands. ...
... im innern mag die Krankheit fortwüten — das macht nichts. ...
... im Innern mag die Krankheit fortwüten — das macht nichts. ...
... sich immer noch ein Freund oder Verehrer, der sie im ...
... sich immer noch ein Freund oder Verehrer, der sie in ...
... befehlender Gebärde). Michailo Sjemjonowitsch, den Kranz ...
... keinem ihren Rat versagt und keinen gering geachtet ...
... keinem Ihren Rat versagt und keinen gering geachtet ...
... umarmend). Michailo Sjemonowitsch, ich bin außer ...
... umarmend). Michailo Sjemjonowitsch, ich bin außer ...
... Zweiter Schauspieler. Wahr, sehr war; ...
... Zweiter Schauspieler. Wahr, sehr wahr; ...
... gegen bestechliche Beamten wappnet; und zwar darum, ...
... gegen bestechliche Beamte wappnet; und zwar darum, ...
... eigentlich? Guck dich doch bloß mal in den Spiegel! ...
... eigentlich? Guck doch bloß mal in den Spiegel! ...
... fühlt, empfindet, sich gewissermaßen verflüchtigt, weist ...
... fühlt, empfindet, sich gewissermaßen verflüchtigt, weißt ...
... 22. Auftritt ...
... 20. Auftritt ...
... häußlichen Kreis. Alles was Sie jetzt umgibt, sind ja ...
... häuslichen Kreis. Alles was Sie jetzt umgibt, sind ja ...
... Ich begreife nicht, wie sie es dem Menschen nicht sofort ...
... Ich begreife nicht, wie Sie es dem Menschen nicht sofort ...
... Das ist mein wahrer Geschmack, solche offenherzige ...
... Das ist mein wahrer Geschmack, solche offenherzigen ...
... es waren anwesend: Pawel Grigojewitsch Borschtschow, ...
... es waren anwesend: Pawel Grigorjewitsch Borschtschow, ...
... einfach nach Kamschatka schicken. Ich würde ihm mit ...
... einfach nach Kamtschatka schicken. Ich würde ihm mit ...
... ging. ...
... ging? ...
... (Zu Iwan.) Geh, mach auf! Was, hälst du Maulaffen ...
... (Zu Iwan.) Geh, mach auf! Was, hältst du Maulaffen ...
... Sobatschkin. Wissen Sie, daß Sie ihre Mädchen ...
... Sobatschkin. Wissen Sie, daß sie ihre Mädchen ...
... eine Mißachtung, für eine Verlöhnung zu nehmen. Elektrisiert ...
... eine Mißachtung, für eine Verhöhnung zu nehmen. Elektrisiert ...
... der Laster, das ist doch eine widerwärtige Verhöhnung Rußland. ...
... der Laster, das ist doch eine widerwärtige Verhöhnung Rußlands. ...
... im innern mag die Krankheit fortwüten — das macht nichts. ...
... im Innern mag die Krankheit fortwüten — das macht nichts. ...
... sich immer noch ein Freund oder Verehrer, der sie im ...
... sich immer noch ein Freund oder Verehrer, der sie in ...
Page 339
... sehen, wo einer sich unter den Stuhl versteckt und der ...
... sehen, wo einer sich unter dem Stuhl versteckt und der ...
... so empfindliche Nerven, und ich lache immer gern über ...
... so empfindlichen Nerven, und ich lache immer gern über ...
... Gerade ihr liebt nur Phrasen und Reden von Hochherzigkeit ...
... Gerade Ihr liebt nur Phrasen und Reden von Hochherzigkeit ...
... Der unansehnliche Herr von boshaften ...
... Der unansehnliche Herr von boshaftem ...
... ich die Macht hätte — würde der Autor nicht zu muksen ...
... ich die Macht hätte — würde der Autor nicht zu mucksen ...
... wirklich! Lärm machen, in die Hände klaschen, als ob ...
... wirklich! Lärm machen, in die Hände klatschen, als ob ...
... Ein Heiratsgeschichte ...
... Eine Heiratsgeschichte ...
... sehen, wo einer sich unter dem Stuhl versteckt und der ...
... so empfindliche Nerven, und ich lache immer gern über ...
... so empfindlichen Nerven, und ich lache immer gern über ...
... Gerade ihr liebt nur Phrasen und Reden von Hochherzigkeit ...
... Gerade Ihr liebt nur Phrasen und Reden von Hochherzigkeit ...
... Der unansehnliche Herr von boshaften ...
... Der unansehnliche Herr von boshaftem ...
... ich die Macht hätte — würde der Autor nicht zu muksen ...
... ich die Macht hätte — würde der Autor nicht zu mucksen ...
... wirklich! Lärm machen, in die Hände klaschen, als ob ...
... wirklich! Lärm machen, in die Hände klatschen, als ob ...
... Ein Heiratsgeschichte ...
... Eine Heiratsgeschichte ...
Page 340
*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK SÄMMTLICHE
WERKE 5: DRAMATISCHE WERKE ***
Updated editions will replace the previous one—the old editions will
be renamed.
Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright
law means that no one owns a United States copyright in these works,
so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United
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eBook, complying with the trademark license is very easy. You may
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Gutenberg
Project Gutenberg is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of
computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.
Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg’s goals
and ensuring that the Project Gutenberg collection will remain freely
available for generations to come. In 2001, the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation was created to provide a secure and
permanent future for Project Gutenberg and future generations. To
learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 and
the Foundation information page at www.gutenberg.org.
Section 3. Information about the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation
The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state
of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue
Service. The Foundation’s EIN or federal tax identification number is
64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation are tax deductible to the full extent permitted by U.S.
federal laws and your state’s laws.
The Foundation’s business office is located at 41 Watchung Plaza
#516, Montclair NJ 07042, USA, +1 (862) 621-9288. Email contact
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Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without
widespread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine-readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small
donations ($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax
exempt status with the IRS.
The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United States.
Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable
effort, much paperwork and many fees to meet and keep up with these
requirements. We do not solicit donations in locations where we have
not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
state visit www.gutenberg.org/donate.
While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.
International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
Please check the Project Gutenberg web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate.
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Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone. For forty years, he produced and distributed Project
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