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The Project Gutenberg eBook of Aus dem Leben eines
Taugenichts: Novelle
This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you
will have to check the laws of the country where you are located
before using this eBook.
Title: Aus dem Leben eines Taugenichts: Novelle
Author: Freiherr von Joseph Eichendorff
Release date: February 18, 2011 [eBook #35312]
Most recently updated: January 7, 2021
Language: German
Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/35312
Credits: Produced by Jana Srna and the Online Distributed
Proofreading Team at https://www.pgdp.net
*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS DEM
LEBEN EINES TAUGENICHTS: NOVELLE ***
Taugenichts: Novelle
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Author: Freiherr von Joseph Eichendorff
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Anmerkungen zur Transkription:
Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden
übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler wurden
korrigiert. Änderungen sind im Text gekennzeichnet, der
Originaltext erscheint beim Überfahren mit der Maus. Eine Liste
der vorgenommenen Änderungen findet sich am Ende des
Textes.
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JOSEPH
VON
EICHENDORFF
AUS DEM LEBEN
EINES
VON
EICHENDORFF
AUS DEM LEBEN
EINES
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TAUGENICHTS
NOVELLE
IM
INSEL VERLAG
ZU
LEIPZIG
NOVELLE
IM
INSEL VERLAG
ZU
LEIPZIG
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Erstes Kapitel
Das Rad an meines Vaters Mühle brauste und rauschte schon wieder
recht lustig, der Schnee tröpfelte emsig vom Dache, die Sperlinge
zwitscherten und tummelten sich dazwischen; ich saß auf der Türschwelle
und wischte mir den Schlaf aus den Augen; mir war so recht wohl in dem
warmen Sonnenscheine. Da trat der Vater aus dem Hause; er hatte schon
seit Tagesanbruch in der Mühle rumort und die Schlafmütze schief auf dem
Kopfe, der sagte zu mir: »Du Taugenichts! da sonnst du dich schon wieder
und dehnst und reckst dir die Knochen müde und läßt mich alle Arbeit
allein tun. Ich kann dich hier nicht länger füttern. Der Frühling ist vor der
Tür, geh auch einmal hinaus in die Welt und erwirb dir selber dein Brot.« –
»Nun,« sagte ich, »wenn ich ein Taugenichts bin, so ists gut, so will ich in
die Welt gehn und mein Glück machen.« Und eigentlich war mir das recht
lieb, denn es war mir kurz vorher selber eingefallen, auf Reisen zu gehn, da
ich die Goldammer, welche im Herbst und Winter immer betrübt an unserm
Fenster sang: Bauer, miet mich, Bauer, miet mich! nun in der schönen
Frühlingszeit wieder ganz stolz und lustig vom Baume rufen hörte: Bauer,
behalt deinen Dienst! – Ich ging also in das Haus hinein und holte meine
Geige, die ich recht artig spielte, von der Wand, mein Vater gab mir noch
einige Groschen Geld mit auf den Weg, und so schlenderte ich durch das
lange Dorf hinaus. Ich hatte recht meine heimliche Freude, als ich da alle
meine alten Bekannten und Kameraden rechts und links, wie gestern und
vorgestern und immerdar, zur Arbeit hinausziehen, graben und pflügen sah,
während ich so in die freie Welt hinausstrich. Ich rief den armen Leuten
nach allen Seiten recht stolz und zufrieden Adjes zu, aber es kümmerte sich
eben keiner sehr darum. Mir war es wie ein ewiger Sonntag im Gemüte.
Und als ich endlich ins freie Feld hinauskam, da nahm ich meine liebe
Geige vor und spielte und sang, auf der Landstraße fortgehend:
Das Rad an meines Vaters Mühle brauste und rauschte schon wieder
recht lustig, der Schnee tröpfelte emsig vom Dache, die Sperlinge
zwitscherten und tummelten sich dazwischen; ich saß auf der Türschwelle
und wischte mir den Schlaf aus den Augen; mir war so recht wohl in dem
warmen Sonnenscheine. Da trat der Vater aus dem Hause; er hatte schon
seit Tagesanbruch in der Mühle rumort und die Schlafmütze schief auf dem
Kopfe, der sagte zu mir: »Du Taugenichts! da sonnst du dich schon wieder
und dehnst und reckst dir die Knochen müde und läßt mich alle Arbeit
allein tun. Ich kann dich hier nicht länger füttern. Der Frühling ist vor der
Tür, geh auch einmal hinaus in die Welt und erwirb dir selber dein Brot.« –
»Nun,« sagte ich, »wenn ich ein Taugenichts bin, so ists gut, so will ich in
die Welt gehn und mein Glück machen.« Und eigentlich war mir das recht
lieb, denn es war mir kurz vorher selber eingefallen, auf Reisen zu gehn, da
ich die Goldammer, welche im Herbst und Winter immer betrübt an unserm
Fenster sang: Bauer, miet mich, Bauer, miet mich! nun in der schönen
Frühlingszeit wieder ganz stolz und lustig vom Baume rufen hörte: Bauer,
behalt deinen Dienst! – Ich ging also in das Haus hinein und holte meine
Geige, die ich recht artig spielte, von der Wand, mein Vater gab mir noch
einige Groschen Geld mit auf den Weg, und so schlenderte ich durch das
lange Dorf hinaus. Ich hatte recht meine heimliche Freude, als ich da alle
meine alten Bekannten und Kameraden rechts und links, wie gestern und
vorgestern und immerdar, zur Arbeit hinausziehen, graben und pflügen sah,
während ich so in die freie Welt hinausstrich. Ich rief den armen Leuten
nach allen Seiten recht stolz und zufrieden Adjes zu, aber es kümmerte sich
eben keiner sehr darum. Mir war es wie ein ewiger Sonntag im Gemüte.
Und als ich endlich ins freie Feld hinauskam, da nahm ich meine liebe
Geige vor und spielte und sang, auf der Landstraße fortgehend:
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»Wem Gott will rechte Gunst erweisen,
Den schickt er in die weite Welt,
Dem will er seine Wunder weisen
In Berg und Wald und Strom und Feld.
Die Trägen, die zu Hause liegen,
Erquicket nicht das Morgenrot,
Sie wissen nur vom Kinderwiegen,
Von Sorgen, Last und Not um Brot.
Die Bächlein von den Bergen springen,
Die Lerchen schwirren hoch vor Lust,
Was sollt ich nicht mit ihnen singen
Aus voller Kehl und frischer Brust?
Den lieben Gott laß ich nur walten;
Der Bächlein, Lerchen, Wald und Feld
Und Erd und Himmel will erhalten,
Hat auch mein Sach aufs best bestellt!«
Indem, wie ich mich so umsehe, kommt ein köstlicher Reisewagen ganz
nahe an mich heran, der mochte wohl schon einige Zeit hinter mit drein
gefahren sein, ohne daß ich es merkte, weil mein Herz so voller Klang war,
denn es ging ganz langsam, und zwei vornehme Damen steckten die Köpfe
aus dem Wagen und hörten mir zu. Die eine war besonders schön und
jünger als die andere, aber eigentlich gefielen sie mir alle beide. Als ich nun
aufhörte zu singen, ließ die ältere stillhalten und redete mich holdselig an:
»Ei, lustiger Gesell, Er weiß ja recht hübsche Lieder zu singen.« Ich nicht
zu faul dagegen: »Ew. Gnaden aufzuwarten, wüßt ich noch viel schönere.«
Darauf fragte sie mich wieder: »Wohin wandert Er denn schon so am frühen
Morgen?« Da schämte ich mich, daß ich das selber nicht wußte, und sagte
dreist: »Nach Wien«; nun sprachen beide miteinander in einer fremden
Sprache, die ich nicht verstand. Die jüngere schüttelte einigemal mit dem
Kopfe, die andere lachte aber in einem fort und rief mir endlich zu: »Spring
Er nur hinten mit auf, wir fahren auch nach Wien.« Wer war froher als ich!
Ich machte eine Reverenz und war mit einem Sprunge hinter dem Wagen,
der Kutscher knallte, und wir flogen über die glänzende Straße fort, daß mir
der Wind am Hute pfiff.
Den schickt er in die weite Welt,
Dem will er seine Wunder weisen
In Berg und Wald und Strom und Feld.
Die Trägen, die zu Hause liegen,
Erquicket nicht das Morgenrot,
Sie wissen nur vom Kinderwiegen,
Von Sorgen, Last und Not um Brot.
Die Bächlein von den Bergen springen,
Die Lerchen schwirren hoch vor Lust,
Was sollt ich nicht mit ihnen singen
Aus voller Kehl und frischer Brust?
Den lieben Gott laß ich nur walten;
Der Bächlein, Lerchen, Wald und Feld
Und Erd und Himmel will erhalten,
Hat auch mein Sach aufs best bestellt!«
Indem, wie ich mich so umsehe, kommt ein köstlicher Reisewagen ganz
nahe an mich heran, der mochte wohl schon einige Zeit hinter mit drein
gefahren sein, ohne daß ich es merkte, weil mein Herz so voller Klang war,
denn es ging ganz langsam, und zwei vornehme Damen steckten die Köpfe
aus dem Wagen und hörten mir zu. Die eine war besonders schön und
jünger als die andere, aber eigentlich gefielen sie mir alle beide. Als ich nun
aufhörte zu singen, ließ die ältere stillhalten und redete mich holdselig an:
»Ei, lustiger Gesell, Er weiß ja recht hübsche Lieder zu singen.« Ich nicht
zu faul dagegen: »Ew. Gnaden aufzuwarten, wüßt ich noch viel schönere.«
Darauf fragte sie mich wieder: »Wohin wandert Er denn schon so am frühen
Morgen?« Da schämte ich mich, daß ich das selber nicht wußte, und sagte
dreist: »Nach Wien«; nun sprachen beide miteinander in einer fremden
Sprache, die ich nicht verstand. Die jüngere schüttelte einigemal mit dem
Kopfe, die andere lachte aber in einem fort und rief mir endlich zu: »Spring
Er nur hinten mit auf, wir fahren auch nach Wien.« Wer war froher als ich!
Ich machte eine Reverenz und war mit einem Sprunge hinter dem Wagen,
der Kutscher knallte, und wir flogen über die glänzende Straße fort, daß mir
der Wind am Hute pfiff.
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Hinter mir gingen nun Dorf, Gärten und Kirchtürme unter, vor mir neue
Dörfer, Schlösser und Berge auf; unter mir Saaten, Büsche und Wiesen bunt
vorüberfliegend, über mir unzählige Lerchen in der klaren blauen Luft – ich
schämte mich, laut zu schreien, aber innerlichst jauchzte ich und strampelte
und tanzte auf dem Wagentritt herum, daß ich bald meine Geige verloren
hätte, die ich unterm Arme hielt. Wie aber dann die Sonne immer höher
stieg, rings am Horizont schwere weiße Mittagswolken aufstiegen und alles
in der Luft und aus der weiten Fläche so leer und schwül und still wurde
über den leise wogenden Kornfeldern, da fiel mir erst wieder mein Dorf ein
und mein Vater und unsere Mühle, wie es da so heimlich kühl war an dem
schattigen Weiher und daß nun alles so weit, weit hinter mir lag. Mir war
dabei so kurios zumute, als müßt ich wieder umkehren; ich steckte meine
Geige zwischen Rock und Weste, setzte mich voller Gedanken auf den
Wagentritt hin und schlief ein.
Als ich die Augen aufschlug, stand der Wagen still unter hohen
Lindenbäumen, hinter denen eine breite Treppe zwischen Säulen in ein
prächtiges Schloß führte. Seitwärts durch die Bäume sah ich die Türme von
Wien. Die Damen waren, wie es schien, längst ausgestiegen, die Pferde
abgespannt. Ich erschrak sehr, da ich auf einmal so allein saß, und sprang
geschwind in das Schloß hinein, da hörte ich von oben aus dem Fenster
lachen.
In diesem Schlosse ging es mir wunderlich. Zuerst, wie ich mich in der
weiten kühlen Vorhalle umschaue, klopft mir jemand mit dem Stocke auf
die Schulter. Ich kehre mich schnell um, da steht ein großer Herr in
Staatskleidern, ein breites Bandelier von Gold und Seide bis an die Hüften
übergehängt, mit einem oben versilberten Stabe in der Hand und einer
außerordentlich langen gebogenen kurfürstlichen Nase im Gesicht, breit
und prächtig wie ein aufgeblasener Puter, der mich fragt, was ich hier will.
Ich war ganz verblüfft und konnte vor Schreck und Erstaunen nichts
hervorbringen. Darauf kamen mehrere Bediente die Treppe herauf und
herunter gerannt, die sagten gar nichts, sondern sahen mich nur von oben
bis unten an. Sodann kam eine Kammerjungfer (wie ich nachher hörte)
gerade auf mich los und sagte: ich wäre ein scharmanter Junge, und die
gnädigste Herrschaft ließe mich fragen, ob ich hier als Gärtnerbursche
dienen wollte. – Ich griff nach der Weste; meine paar Groschen, weiß Gott,
sie müssen beim Herumtanzen auf dem Wagen aus der Tasche gesprungen
Dörfer, Schlösser und Berge auf; unter mir Saaten, Büsche und Wiesen bunt
vorüberfliegend, über mir unzählige Lerchen in der klaren blauen Luft – ich
schämte mich, laut zu schreien, aber innerlichst jauchzte ich und strampelte
und tanzte auf dem Wagentritt herum, daß ich bald meine Geige verloren
hätte, die ich unterm Arme hielt. Wie aber dann die Sonne immer höher
stieg, rings am Horizont schwere weiße Mittagswolken aufstiegen und alles
in der Luft und aus der weiten Fläche so leer und schwül und still wurde
über den leise wogenden Kornfeldern, da fiel mir erst wieder mein Dorf ein
und mein Vater und unsere Mühle, wie es da so heimlich kühl war an dem
schattigen Weiher und daß nun alles so weit, weit hinter mir lag. Mir war
dabei so kurios zumute, als müßt ich wieder umkehren; ich steckte meine
Geige zwischen Rock und Weste, setzte mich voller Gedanken auf den
Wagentritt hin und schlief ein.
Als ich die Augen aufschlug, stand der Wagen still unter hohen
Lindenbäumen, hinter denen eine breite Treppe zwischen Säulen in ein
prächtiges Schloß führte. Seitwärts durch die Bäume sah ich die Türme von
Wien. Die Damen waren, wie es schien, längst ausgestiegen, die Pferde
abgespannt. Ich erschrak sehr, da ich auf einmal so allein saß, und sprang
geschwind in das Schloß hinein, da hörte ich von oben aus dem Fenster
lachen.
In diesem Schlosse ging es mir wunderlich. Zuerst, wie ich mich in der
weiten kühlen Vorhalle umschaue, klopft mir jemand mit dem Stocke auf
die Schulter. Ich kehre mich schnell um, da steht ein großer Herr in
Staatskleidern, ein breites Bandelier von Gold und Seide bis an die Hüften
übergehängt, mit einem oben versilberten Stabe in der Hand und einer
außerordentlich langen gebogenen kurfürstlichen Nase im Gesicht, breit
und prächtig wie ein aufgeblasener Puter, der mich fragt, was ich hier will.
Ich war ganz verblüfft und konnte vor Schreck und Erstaunen nichts
hervorbringen. Darauf kamen mehrere Bediente die Treppe herauf und
herunter gerannt, die sagten gar nichts, sondern sahen mich nur von oben
bis unten an. Sodann kam eine Kammerjungfer (wie ich nachher hörte)
gerade auf mich los und sagte: ich wäre ein scharmanter Junge, und die
gnädigste Herrschaft ließe mich fragen, ob ich hier als Gärtnerbursche
dienen wollte. – Ich griff nach der Weste; meine paar Groschen, weiß Gott,
sie müssen beim Herumtanzen auf dem Wagen aus der Tasche gesprungen
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sein, waren weg, ich hatte nichts als mein Geigenspiel, für das mir überdies
auch der Herr mit dem Stabe, wie er mir im Vorbeigehn sagte, nicht einen
Heller geben wollte. Ich sagte daher in meiner Herzensangst zu der
Kammerjungfer: »Ja«, noch immer die Augen von der Seite auf die
unheimliche Gestalt gerichtet, die immerfort wie der Perpendikel einer
Turmuhr in der Halle auf und ab wandelte und eben wieder majestätisch
und schauerlich aus dem Hintergrunde heraufgezogen kam. Zuletzt kam
endlich der Gärtner, brummte was von Gesindel und Bauerlümmel unterm
Bart und führte mich nach dem Garten, während er mir unterwegs noch eine
lange Predigt hielt: wie ich nur fein nüchtern und arbeitsam sein, nicht in
der Welt herumvagieren, keine brotlosen Künste und unnützes Zeug treiben
solle, da könnt ich es mit der Zeit auch einmal zu was Rechtem bringen. –
Es waren noch mehr sehr hübsche, gutgesetzte, nützliche Lehren, ich habe
nur seitdem fast alles wieder vergessen. Überhaupt weiß ich eigentlich gar
nicht recht, wie doch alles so gekommen war, ich sagte nur immerfort zu
allem: Ja, – denn mir war wie einem Vogel, dem die Flügel begossen
worden sind. – So war ich denn, Gott sei Dank, im Brote. –
In dem Garten war schön leben, ich hatte täglich mein warmes Essen
vollauf und mehr Geld, als ich zum Weine brauchte, nur hatte ich leider
ziemlich viel zu tun. Auch die Tempel, Lauben und schönen grünen Gänge,
das gefiel mir alles recht gut, wenn ich nur hätte ruhig drin herumspazieren
können und vernünftig diskurieren wie die Herren und Damen, die alle Tage
dahin kamen. Sooft der Gärtner fort und ich allein war, zog ich sogleich
mein kurzes Tabakspfeifchen heraus, setzte mich hin und sann auf schöne
höfliche Redensarten, wie ich die eine junge schöne Dame, die mich in das
Schloß mitbrachte, unterhalten wollte, wenn ich ein Kavalier wäre und mit
ihr hier herumginge. Oder ich legte mich an schwülen Nachmittagen auf
den Rücken hin, wenn alles so still war, daß man nur die Bienen sumsen
hörte, und sah zu, wie über mir die Wolken nach meinem Dorfe zuflogen
und die Gräser und Blumen sich hin und her bewegten, und gedachte an die
Dame, und da geschah es denn oft, daß die schöne Frau mit der Gitarre oder
einem Buche in der Ferne wirklich durch den Garten zog, so still, groß und
freundlich wie ein Engelsbild, so daß ich nicht recht wußte, ob ich träumte
oder wachte.
So sang ich auch einmal, wie ich eben bei einem Lusthause zur Arbeit
vorbeiging, für mich hin:
auch der Herr mit dem Stabe, wie er mir im Vorbeigehn sagte, nicht einen
Heller geben wollte. Ich sagte daher in meiner Herzensangst zu der
Kammerjungfer: »Ja«, noch immer die Augen von der Seite auf die
unheimliche Gestalt gerichtet, die immerfort wie der Perpendikel einer
Turmuhr in der Halle auf und ab wandelte und eben wieder majestätisch
und schauerlich aus dem Hintergrunde heraufgezogen kam. Zuletzt kam
endlich der Gärtner, brummte was von Gesindel und Bauerlümmel unterm
Bart und führte mich nach dem Garten, während er mir unterwegs noch eine
lange Predigt hielt: wie ich nur fein nüchtern und arbeitsam sein, nicht in
der Welt herumvagieren, keine brotlosen Künste und unnützes Zeug treiben
solle, da könnt ich es mit der Zeit auch einmal zu was Rechtem bringen. –
Es waren noch mehr sehr hübsche, gutgesetzte, nützliche Lehren, ich habe
nur seitdem fast alles wieder vergessen. Überhaupt weiß ich eigentlich gar
nicht recht, wie doch alles so gekommen war, ich sagte nur immerfort zu
allem: Ja, – denn mir war wie einem Vogel, dem die Flügel begossen
worden sind. – So war ich denn, Gott sei Dank, im Brote. –
In dem Garten war schön leben, ich hatte täglich mein warmes Essen
vollauf und mehr Geld, als ich zum Weine brauchte, nur hatte ich leider
ziemlich viel zu tun. Auch die Tempel, Lauben und schönen grünen Gänge,
das gefiel mir alles recht gut, wenn ich nur hätte ruhig drin herumspazieren
können und vernünftig diskurieren wie die Herren und Damen, die alle Tage
dahin kamen. Sooft der Gärtner fort und ich allein war, zog ich sogleich
mein kurzes Tabakspfeifchen heraus, setzte mich hin und sann auf schöne
höfliche Redensarten, wie ich die eine junge schöne Dame, die mich in das
Schloß mitbrachte, unterhalten wollte, wenn ich ein Kavalier wäre und mit
ihr hier herumginge. Oder ich legte mich an schwülen Nachmittagen auf
den Rücken hin, wenn alles so still war, daß man nur die Bienen sumsen
hörte, und sah zu, wie über mir die Wolken nach meinem Dorfe zuflogen
und die Gräser und Blumen sich hin und her bewegten, und gedachte an die
Dame, und da geschah es denn oft, daß die schöne Frau mit der Gitarre oder
einem Buche in der Ferne wirklich durch den Garten zog, so still, groß und
freundlich wie ein Engelsbild, so daß ich nicht recht wußte, ob ich träumte
oder wachte.
So sang ich auch einmal, wie ich eben bei einem Lusthause zur Arbeit
vorbeiging, für mich hin:
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»Wohin ich geh und schaue,
In Feld und Wald und Tal,
Vom Berg ins Himmelsblaue,
Vielschöne gnädge Fraue,
Grüß ich dich tausendmal.«
Da seh ich aus dem dunkelkühlen Lusthause zwischen den
halbgeöffneten Jalousien und Blumen, die dort standen, zwei schöne, junge,
frische Augen hervorfunkeln. Ich war ganz erschrocken, ich sang das Lied
nicht aus, sondern ging, ohne mich umzusehen, fort an die Arbeit.
Abends, es war gerade an einem Sonnabend, und ich stand eben in der
Vorfreude kommenden Sonntags mit der Geige im Gartenhause am Fenster
und dachte noch an die funkelnden Augen, da kommt auf einmal die
Kammerjungfer durch die Dämmerung dahergestrichen. »Da schickt Euch
die vielschöne gnädige Frau was, das sollt Ihr auf ihre Gesundheit trinken.
Eine gute Nacht auch!« Damit setzte sie mir fix eine Flasche Wein aufs
Fenster und war sogleich wieder zwischen den Blumen und Hecken
verschwunden wie eine Eidechse.
Ich aber stand noch lange vor der wundersamen Flasche und wußte
nicht, wie mir geschehen war. – Und hatte ich vorher lustig die Geige
gestrichen, so spielt und sang ich jetzt erst recht und sang das Lied von der
schönen Frau ganz aus und alle meine Lieder, die ich nur wußte, bis alle
Nachtigallen draußen erwachten und Mond und Sterne schon lange über
dem Garten standen. Ja, das war einmal eine gute schöne Nacht!
Es wird keinem an der Wiege gesungen, was künftig aus ihm wird, eine
blinde Henne findet manchmal auch ein Korn, wer zuletzt lacht, lacht am
besten, unverhofft kommt oft, der Mensch denkt und Gott lenkt, so
meditiert ich, als ich am folgenden Tage wieder mit meiner Pfeife im
Garten saß und es mir dabei, da ich so aufmerksam an mir heruntersah, fast
vorkommen wollte, als wäre ich doch eigentlich ein rechter Lump. – Ich
stand nunmehr, ganz wider meine sonstige Gewohnheit, alle Tage sehr
zeitig auf, eh sich noch der Gärtner und die andern Arbeiter rührten. Da war
es so wunderschön draußen im Garten. Die Blumen, die Springbrunnen, die
Rosenbüsche und der ganze Garten funkelten von der Morgensonne wie
lauter Gold und Edelstein. Und in den hohen Buchenalleen, da war es noch
In Feld und Wald und Tal,
Vom Berg ins Himmelsblaue,
Vielschöne gnädge Fraue,
Grüß ich dich tausendmal.«
Da seh ich aus dem dunkelkühlen Lusthause zwischen den
halbgeöffneten Jalousien und Blumen, die dort standen, zwei schöne, junge,
frische Augen hervorfunkeln. Ich war ganz erschrocken, ich sang das Lied
nicht aus, sondern ging, ohne mich umzusehen, fort an die Arbeit.
Abends, es war gerade an einem Sonnabend, und ich stand eben in der
Vorfreude kommenden Sonntags mit der Geige im Gartenhause am Fenster
und dachte noch an die funkelnden Augen, da kommt auf einmal die
Kammerjungfer durch die Dämmerung dahergestrichen. »Da schickt Euch
die vielschöne gnädige Frau was, das sollt Ihr auf ihre Gesundheit trinken.
Eine gute Nacht auch!« Damit setzte sie mir fix eine Flasche Wein aufs
Fenster und war sogleich wieder zwischen den Blumen und Hecken
verschwunden wie eine Eidechse.
Ich aber stand noch lange vor der wundersamen Flasche und wußte
nicht, wie mir geschehen war. – Und hatte ich vorher lustig die Geige
gestrichen, so spielt und sang ich jetzt erst recht und sang das Lied von der
schönen Frau ganz aus und alle meine Lieder, die ich nur wußte, bis alle
Nachtigallen draußen erwachten und Mond und Sterne schon lange über
dem Garten standen. Ja, das war einmal eine gute schöne Nacht!
Es wird keinem an der Wiege gesungen, was künftig aus ihm wird, eine
blinde Henne findet manchmal auch ein Korn, wer zuletzt lacht, lacht am
besten, unverhofft kommt oft, der Mensch denkt und Gott lenkt, so
meditiert ich, als ich am folgenden Tage wieder mit meiner Pfeife im
Garten saß und es mir dabei, da ich so aufmerksam an mir heruntersah, fast
vorkommen wollte, als wäre ich doch eigentlich ein rechter Lump. – Ich
stand nunmehr, ganz wider meine sonstige Gewohnheit, alle Tage sehr
zeitig auf, eh sich noch der Gärtner und die andern Arbeiter rührten. Da war
es so wunderschön draußen im Garten. Die Blumen, die Springbrunnen, die
Rosenbüsche und der ganze Garten funkelten von der Morgensonne wie
lauter Gold und Edelstein. Und in den hohen Buchenalleen, da war es noch
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so still, kühl und andächtig, wie in einer Kirche, nur die Vögel flatterten
und pickten auf dem Sande. Gleich vor dem Schlosse, gerade unter den
Fenstern, wo die schöne Frau wohnte, war ein blühender Strauch. Dorthin
ging ich dann immer am frühesten Morgen und duckte mich hinter die Äste,
um so nach den Fenstern zu sehen, denn mich im Freien zu produzieren hatt
ich keine Courage. Da sah ich nun allemal die allerschönste Dame noch
heiß und halb verschlafen im schneeweißen Kleid an das offene Fenster
hervortreten. Bald flocht sie sich die dunkelbraunen Haare und ließ dabei
die anmutig spielenden Augen über Busch und Garten ergehen, bald bog
und band sie die Blumen, die vor ihrem Fenster standen, oder sie nahm
auch die Gitarre in den weißen Arm und sang dazu so wundersam über den
Garten hinaus, daß sich mir noch das Herz umwenden will vor Wehmut,
wenn mir eins von den Liedern bisweilen einfällt – und ach, das alles ist
schon lange her!
So dauerte das wohl über eine Woche. Aber das eine Mal, sie stand
gerade wieder am Fenster, und alles war stille ringsumher, fliegt mir eine
fatale Fliege in die Nase, und ich gebe mich an ein erschreckliches Niesen,
das gar nicht enden will. Sie legt sich weit zum Fenster hinaus und sieht
mich Ärmsten hinter dem Strauche lauschen. – Nun schämte ich mich und
kam viele Tage nicht hin.
Endlich wagte ich es wieder, aber das Fenster blieb diesmal zu, ich saß
vier, fünf, sechs Morgen hinter dem Strauche, aber sie kam nicht wieder ans
Fenster. Da wurde mir die Zeit lang, ich faßte mir ein Herz und ging nun
alle Morgen frank und frei längs dem Schlosse unter allen Fenstern hin.
Aber die liebe schöne Frau blieb immer und immer aus. Eine Strecke weiter
sah ich dann immer die andere Dame am Fenster stehen. Ich hatte sie sonst
so genau noch niemals gesehen. Sie war wahrhaftig recht schön rot und
dick und gar prächtig und hoffärtig anzusehn wie eine Tulipane. Ich machte
ihr immer ein tiefes Kompliment, und, ich kann nicht anders sagen, sie
dankte mir jedesmal und nickte und blinzelte mit den Augen dazu ganz
außerordentlich höflich. – Nur ein einziges Mal glaub ich gesehn zu haben,
daß auch die Schöne an ihrem Fenster hinter der Gardine stand und
versteckt hervorguckte. –
Viele Tage gingen jedoch ins Land, ohne daß ich sie sah. Sie kam nicht
mehr in den Garten, sie kam nicht mehr ans Fenster. Der Gärtner schalt
und pickten auf dem Sande. Gleich vor dem Schlosse, gerade unter den
Fenstern, wo die schöne Frau wohnte, war ein blühender Strauch. Dorthin
ging ich dann immer am frühesten Morgen und duckte mich hinter die Äste,
um so nach den Fenstern zu sehen, denn mich im Freien zu produzieren hatt
ich keine Courage. Da sah ich nun allemal die allerschönste Dame noch
heiß und halb verschlafen im schneeweißen Kleid an das offene Fenster
hervortreten. Bald flocht sie sich die dunkelbraunen Haare und ließ dabei
die anmutig spielenden Augen über Busch und Garten ergehen, bald bog
und band sie die Blumen, die vor ihrem Fenster standen, oder sie nahm
auch die Gitarre in den weißen Arm und sang dazu so wundersam über den
Garten hinaus, daß sich mir noch das Herz umwenden will vor Wehmut,
wenn mir eins von den Liedern bisweilen einfällt – und ach, das alles ist
schon lange her!
So dauerte das wohl über eine Woche. Aber das eine Mal, sie stand
gerade wieder am Fenster, und alles war stille ringsumher, fliegt mir eine
fatale Fliege in die Nase, und ich gebe mich an ein erschreckliches Niesen,
das gar nicht enden will. Sie legt sich weit zum Fenster hinaus und sieht
mich Ärmsten hinter dem Strauche lauschen. – Nun schämte ich mich und
kam viele Tage nicht hin.
Endlich wagte ich es wieder, aber das Fenster blieb diesmal zu, ich saß
vier, fünf, sechs Morgen hinter dem Strauche, aber sie kam nicht wieder ans
Fenster. Da wurde mir die Zeit lang, ich faßte mir ein Herz und ging nun
alle Morgen frank und frei längs dem Schlosse unter allen Fenstern hin.
Aber die liebe schöne Frau blieb immer und immer aus. Eine Strecke weiter
sah ich dann immer die andere Dame am Fenster stehen. Ich hatte sie sonst
so genau noch niemals gesehen. Sie war wahrhaftig recht schön rot und
dick und gar prächtig und hoffärtig anzusehn wie eine Tulipane. Ich machte
ihr immer ein tiefes Kompliment, und, ich kann nicht anders sagen, sie
dankte mir jedesmal und nickte und blinzelte mit den Augen dazu ganz
außerordentlich höflich. – Nur ein einziges Mal glaub ich gesehn zu haben,
daß auch die Schöne an ihrem Fenster hinter der Gardine stand und
versteckt hervorguckte. –
Viele Tage gingen jedoch ins Land, ohne daß ich sie sah. Sie kam nicht
mehr in den Garten, sie kam nicht mehr ans Fenster. Der Gärtner schalt
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mich einen faulen Bengel, ich war verdrüßlich, meine eigene Nasenspitze
war mir im Wege, wenn ich in Gottes freie Welt hinaussah.
So lag ich eines Sonntags nachmittag im Garten und ärgerte mich, wie
ich so in die blauen Wolken meiner Tabakspfeife hinaussah, daß ich mich
nicht auf ein anderes Handwerk gelegt und mich also morgen nicht auch
wenigstens auf einen blauen Montag zu freuen hätte. Die andern Burschen
waren indes alle wohlausstaffiert nach den Tanzböden in der nahen Vorstadt
hinausgezogen. Da wallte und wogte alles im Sonntagsputze in der warmen
Luft zwischen den lichten Häusern und wandernden Leierkästen
schwärmend hin und zurück. Ich aber saß wie eine Rohrdommel im Schilfe
eines einsamen Weihers im Garten und schaukelte mich auf dem Kahne, der
dort angebunden war, während die Vesperglocken aus der Stadt über den
Garten herüberschallten und die Schwäne auf dem Wasser langsam neben
mir hin und her zogen. Mir war zum Sterben bange. –
Währenddes hörte ich von weitem allerlei Stimmen, lustiges
Durcheinandersprechen und Lachen, immer näher und näher, dann
schimmerten rot und weiße Tücher, Hüte und Federn durchs Grüne, auf
einmal kommt ein heller lichter Haufen von jungen Herren und Damen vom
Schlosse über die Wiese auf mich los, meine beiden Damen mitten unter
ihnen. Ich stand auf und wollte weggehen, da erblickte mich die ältere von
den schönen Damen. »Ei, das ist ja wie gerufen,« rief sie mir mit
lachendem Munde zu, »fahr Er uns doch an das jenseitige Ufer über den
Teich!« Die Damen stiegen nun eine nach der andern vorsichtig und
furchtsam in den Kahn, die Herren halfen ihnen dabei und machten sich ein
wenig groß mit ihrer Kühnheit auf dem Wasser. Als sich darauf die Frauen
alle auf die Seitenbänke gelagert hatten, stieß ich vom Ufer. Einer von den
jungen Herren, der ganz vorn stand, fing unmerklich an zu schaukeln. Da
wandten sich die Damen furchtsam hin und her, einige schrien gar. Die
schöne Frau, welche eine Lilie in der Hand hielt, saß dicht am Bord des
Schiffleins und sah so still lächelnd in die klaren Wellen hinunter, die sie
mit der Lilie berührte, so daß ihr ganzes Bild zwischen den
widerscheinenden Wolken und Bäumen im Wasser noch einmal zu sehen
war, wie ein Engel, der leise durch den tiefen blauen Himmelsgrund zieht.
Wie ich noch so auf sie hinsehe, fällts auf einmal der andern lustigen
Dicken von meinen zwei Damen ein, ich sollte ihr während der Fahrt eins
war mir im Wege, wenn ich in Gottes freie Welt hinaussah.
So lag ich eines Sonntags nachmittag im Garten und ärgerte mich, wie
ich so in die blauen Wolken meiner Tabakspfeife hinaussah, daß ich mich
nicht auf ein anderes Handwerk gelegt und mich also morgen nicht auch
wenigstens auf einen blauen Montag zu freuen hätte. Die andern Burschen
waren indes alle wohlausstaffiert nach den Tanzböden in der nahen Vorstadt
hinausgezogen. Da wallte und wogte alles im Sonntagsputze in der warmen
Luft zwischen den lichten Häusern und wandernden Leierkästen
schwärmend hin und zurück. Ich aber saß wie eine Rohrdommel im Schilfe
eines einsamen Weihers im Garten und schaukelte mich auf dem Kahne, der
dort angebunden war, während die Vesperglocken aus der Stadt über den
Garten herüberschallten und die Schwäne auf dem Wasser langsam neben
mir hin und her zogen. Mir war zum Sterben bange. –
Währenddes hörte ich von weitem allerlei Stimmen, lustiges
Durcheinandersprechen und Lachen, immer näher und näher, dann
schimmerten rot und weiße Tücher, Hüte und Federn durchs Grüne, auf
einmal kommt ein heller lichter Haufen von jungen Herren und Damen vom
Schlosse über die Wiese auf mich los, meine beiden Damen mitten unter
ihnen. Ich stand auf und wollte weggehen, da erblickte mich die ältere von
den schönen Damen. »Ei, das ist ja wie gerufen,« rief sie mir mit
lachendem Munde zu, »fahr Er uns doch an das jenseitige Ufer über den
Teich!« Die Damen stiegen nun eine nach der andern vorsichtig und
furchtsam in den Kahn, die Herren halfen ihnen dabei und machten sich ein
wenig groß mit ihrer Kühnheit auf dem Wasser. Als sich darauf die Frauen
alle auf die Seitenbänke gelagert hatten, stieß ich vom Ufer. Einer von den
jungen Herren, der ganz vorn stand, fing unmerklich an zu schaukeln. Da
wandten sich die Damen furchtsam hin und her, einige schrien gar. Die
schöne Frau, welche eine Lilie in der Hand hielt, saß dicht am Bord des
Schiffleins und sah so still lächelnd in die klaren Wellen hinunter, die sie
mit der Lilie berührte, so daß ihr ganzes Bild zwischen den
widerscheinenden Wolken und Bäumen im Wasser noch einmal zu sehen
war, wie ein Engel, der leise durch den tiefen blauen Himmelsgrund zieht.
Wie ich noch so auf sie hinsehe, fällts auf einmal der andern lustigen
Dicken von meinen zwei Damen ein, ich sollte ihr während der Fahrt eins
Page 14
singen. Geschwind dreht sich ein sehr zierlicher junger Herr mit einer Brille
auf der Nase, der neben ihr saß, zu ihr herum, küßt ihr sanft die Hand und
sagt: »Ich danke Ihnen für den sinnigen Einfall! ein Volkslied, g e s u n g e n
vom Volk in freiem Feld und Wald, ist ein Alpenröslein auf der Alpe selbst,
– die Wunderhörner sind nur Herbarien, – ist die Seele der Nationalseele.«
Ich aber sagte, ich wisse nichts zu singen, was für solche Herrschaften
schön genug wäre. Da sagte die schnippische Kammerjungfer, die mit
einem Korbe voll Tassen und Flaschen hart neben mir stand und die ich bis
jetzt noch gar nicht bemerkt hatte: »Weiß Er doch ein recht hübsches
Liedchen von einer vielschönen Fraue.« – »Ja, ja, das sing Er nur recht
dreist weg«, rief darauf sogleich die Dame wieder. Ich wurde über und über
rot. – Indem blickte auch die schöne Frau auf einmal vom Wasser auf und
sah mich an, daß es mir durch Leib und Seele ging. Da besann ich mich
nicht lange, faßt ein Herz und sang so recht aus voller Brust und Lust:
»Wohin ich geh und schaue,
In Feld und Wald und Tal,
Vom Berg hinab in die Aue:
Vielschöne, hohe Fraue,
Grüß ich dich tausendmal.
In meinem Garten find ich
Viel Blumen, schön und fein,
Viel Kränze wohl draus wind ich,
Und tausend Gedanken bind ich
Und Grüße mit darein.
I h r darf ich keinen reichen,
Sie ist zu hoch und schön,
Die müssen alle verbleichen,
Die Liebe nur ohnegleichen
Bleibt ewig im Herzen stehn.
Ich schein wohl froher Dinge
Und schaffe auf und ab,
Und ob das Herz zerspringe,
Ich grabe fort und singe
Und grab mir bald mein Grab.«
auf der Nase, der neben ihr saß, zu ihr herum, küßt ihr sanft die Hand und
sagt: »Ich danke Ihnen für den sinnigen Einfall! ein Volkslied, g e s u n g e n
vom Volk in freiem Feld und Wald, ist ein Alpenröslein auf der Alpe selbst,
– die Wunderhörner sind nur Herbarien, – ist die Seele der Nationalseele.«
Ich aber sagte, ich wisse nichts zu singen, was für solche Herrschaften
schön genug wäre. Da sagte die schnippische Kammerjungfer, die mit
einem Korbe voll Tassen und Flaschen hart neben mir stand und die ich bis
jetzt noch gar nicht bemerkt hatte: »Weiß Er doch ein recht hübsches
Liedchen von einer vielschönen Fraue.« – »Ja, ja, das sing Er nur recht
dreist weg«, rief darauf sogleich die Dame wieder. Ich wurde über und über
rot. – Indem blickte auch die schöne Frau auf einmal vom Wasser auf und
sah mich an, daß es mir durch Leib und Seele ging. Da besann ich mich
nicht lange, faßt ein Herz und sang so recht aus voller Brust und Lust:
»Wohin ich geh und schaue,
In Feld und Wald und Tal,
Vom Berg hinab in die Aue:
Vielschöne, hohe Fraue,
Grüß ich dich tausendmal.
In meinem Garten find ich
Viel Blumen, schön und fein,
Viel Kränze wohl draus wind ich,
Und tausend Gedanken bind ich
Und Grüße mit darein.
I h r darf ich keinen reichen,
Sie ist zu hoch und schön,
Die müssen alle verbleichen,
Die Liebe nur ohnegleichen
Bleibt ewig im Herzen stehn.
Ich schein wohl froher Dinge
Und schaffe auf und ab,
Und ob das Herz zerspringe,
Ich grabe fort und singe
Und grab mir bald mein Grab.«
Page 15
Wir stießen ans Land, die Herrschaften stiegen alle aus, viele von den
jungen Herren hatten mich, ich bemerkt es wohl, während ich sang, mit
listigen Mienen und Flüstern verspottet vor den Damen. Der Herr mit der
Brille faßte mich im Weggehen bei der Hand und sagte mir, ich weiß selbst
nicht mehr was, die ältere von meinen Damen sah mich sehr freundlich an.
Die schöne Frau hatte während meines ganzen Liedes die Augen
niedergeschlagen und ging nun auch fort und sagte gar nichts. – Mir aber
standen die Tränen in den Augen schon wie ich noch sang, das Herz wollte
mir zerspringen von dem Liede vor Scham und vor Schmerz, es fiel mir
jetzt auf einmal alles recht ein, wie s i e so schön ist und ich so arm bin und
verspottet und verlassen von der Welt, – und als sie alle hinter den Büschen
verschwunden waren, da konnt ich mich nicht länger halten, ich warf mich
in das Gras hin und weinte bitterlich.
jungen Herren hatten mich, ich bemerkt es wohl, während ich sang, mit
listigen Mienen und Flüstern verspottet vor den Damen. Der Herr mit der
Brille faßte mich im Weggehen bei der Hand und sagte mir, ich weiß selbst
nicht mehr was, die ältere von meinen Damen sah mich sehr freundlich an.
Die schöne Frau hatte während meines ganzen Liedes die Augen
niedergeschlagen und ging nun auch fort und sagte gar nichts. – Mir aber
standen die Tränen in den Augen schon wie ich noch sang, das Herz wollte
mir zerspringen von dem Liede vor Scham und vor Schmerz, es fiel mir
jetzt auf einmal alles recht ein, wie s i e so schön ist und ich so arm bin und
verspottet und verlassen von der Welt, – und als sie alle hinter den Büschen
verschwunden waren, da konnt ich mich nicht länger halten, ich warf mich
in das Gras hin und weinte bitterlich.
Page 16
Zweites Kapitel
Dicht am herrschaftlichen Garten ging die Landstraße vorüber, nur
durch eine hohe Mauer von derselben geschieden. Ein gar sauberes
Zollhäuschen mit rotem Ziegeldache war da erbaut, und hinter demselben
ein kleines, buntumzäuntes Blumengärtchen, das durch eine Lücke in der
Mauer des Schloßgartens hindurch an den schattigsten und verborgensten
Teil des letzteren stieß. Dort war eben der Zolleinnehmer gestorben, der das
alles sonst bewohnte. Da kam eines Morgens frühzeitig, da ich noch im
tiefsten Schlafe lag, der Schreiber vom Schlosse zu mir und rief mich
schleunigst zum Herrn Amtmann. Ich zog mich geschwind an und
schlenderte hinter dem lustigen Schreiber her, der unterwegs bald da bald
dort eine Blume abbrach und vorn an den Rock steckte, bald mit seinem
Spazierstöckchen künstlich in der Luft herumfocht und allerlei zu mir in
den Wind hineinparlierte, wovon ich aber nichts verstand, weil mir die
Augen und Ohren noch voller Schlaf lagen. Als ich in die Kanzlei trat, wo
es noch gar nicht recht Tag war, sah der Amtmann hinter einem ungeheuren
Tintenfasse und Stößen von Papier und Büchern und einer ansehnlichen
Perücke, wie die Eule aus ihrem Nest, auf mich und hob an: »Wie heißt Er?
Woher ist Er? Kann Er schreiben, lesen und rechnen?« Da ich das bejahte,
versetzte er: »Na, die gnädige Herrschaft hat Ihm, in Betrachtung Seiner
guten Aufführung und besonderen Meriten, die ledige Einnehmerstelle
zugedacht.« – Ich überdachte in der Geschwindigkeit für mich meine
bisherige Aufführung und Manieren, und ich mußte gestehen, ich fand am
Ende selber, daß der Amtmann recht hatte. – Und so war ich denn wirklich
Zolleinnehmer, ehe ich michs versah.
Ich bezog nun sogleich meine neue Wohnung und war in kurzer Zeit
eingerichtet. Ich hatte noch mehrere Gerätschaften gefunden, die der selige
Einnehmer seinem Nachfolger hinterlassen, unter andern einen prächtigen
Dicht am herrschaftlichen Garten ging die Landstraße vorüber, nur
durch eine hohe Mauer von derselben geschieden. Ein gar sauberes
Zollhäuschen mit rotem Ziegeldache war da erbaut, und hinter demselben
ein kleines, buntumzäuntes Blumengärtchen, das durch eine Lücke in der
Mauer des Schloßgartens hindurch an den schattigsten und verborgensten
Teil des letzteren stieß. Dort war eben der Zolleinnehmer gestorben, der das
alles sonst bewohnte. Da kam eines Morgens frühzeitig, da ich noch im
tiefsten Schlafe lag, der Schreiber vom Schlosse zu mir und rief mich
schleunigst zum Herrn Amtmann. Ich zog mich geschwind an und
schlenderte hinter dem lustigen Schreiber her, der unterwegs bald da bald
dort eine Blume abbrach und vorn an den Rock steckte, bald mit seinem
Spazierstöckchen künstlich in der Luft herumfocht und allerlei zu mir in
den Wind hineinparlierte, wovon ich aber nichts verstand, weil mir die
Augen und Ohren noch voller Schlaf lagen. Als ich in die Kanzlei trat, wo
es noch gar nicht recht Tag war, sah der Amtmann hinter einem ungeheuren
Tintenfasse und Stößen von Papier und Büchern und einer ansehnlichen
Perücke, wie die Eule aus ihrem Nest, auf mich und hob an: »Wie heißt Er?
Woher ist Er? Kann Er schreiben, lesen und rechnen?« Da ich das bejahte,
versetzte er: »Na, die gnädige Herrschaft hat Ihm, in Betrachtung Seiner
guten Aufführung und besonderen Meriten, die ledige Einnehmerstelle
zugedacht.« – Ich überdachte in der Geschwindigkeit für mich meine
bisherige Aufführung und Manieren, und ich mußte gestehen, ich fand am
Ende selber, daß der Amtmann recht hatte. – Und so war ich denn wirklich
Zolleinnehmer, ehe ich michs versah.
Ich bezog nun sogleich meine neue Wohnung und war in kurzer Zeit
eingerichtet. Ich hatte noch mehrere Gerätschaften gefunden, die der selige
Einnehmer seinem Nachfolger hinterlassen, unter andern einen prächtigen
Page 17
roten Schlafrock mit gelben Punkten, grüne Pantoffeln, eine Schlafmütze
und einige Pfeifen mit langen Röhren. Das alles hatte ich mir schon einmal
gewünscht, als ich noch zu Hause war, wo ich immer unsern Pfarrer so
bequem herumgehen sah. Den ganzen Tag (zu tun hatte ich weiter nichts)
saß ich daher auf dem Bänkchen vor meinem Hause in Schlafrock und
Schlafmütze, rauchte Tabak aus dem längsten Rohre, das ich von dem
seligen Einnehmer vorgefunden hatte, und sah zu, wie die Leute auf der
Landstraße hin und her gingen, fuhren und ritten. Ich wünschte nur immer,
daß auch einmal ein paar Leute aus meinem Dorfe, die immer sagten, aus
mir würde mein Lebtag nichts, hier vorüberkommen und mich so sehen
möchten. – Der Schlafrock stand mir schön zu Gesichte, und überhaupt das
alles behagte mir sehr gut. So saß ich denn da und dachte mir mancherlei
hin und her, wie aller Anfang schwer ist, wie das vornehmere Leben doch
eigentlich recht bequem sei, und faßte heimlich den Entschluß, nunmehr
alles Reisen zu lassen, auch Geld zu sparen wie die andern und es mit der
Zeit gewiß zu etwas Großem in der Welt zu bringen. Inzwischen vergaß ich
über meinen Entschlüssen, Sorgen und Geschäften die allerschönste Frau
keineswegs.
Die Kartoffeln und anderes Gemüse, das ich in meinem kleinen
Gärtchen fand, warf ich hinaus und bebaute es ganz mit den auserlesensten
Blumen, worüber mich der Portier vom Schlosse mit der großen
kurfürstlichen Nase, der, seitdem ich hier wohnte, oft zu mir kam und mein
intimer Freund geworden war, bedenklich von der Seite ansah und mich für
einen hielt, den sein plötzliches Glück verrückt gemacht hätte. Ich aber ließ
mich das nicht anfechten. Denn nicht weit von mir im herrschaftlichen
Garten hörte ich feine Stimmen sprechen, unter denen ich die meiner
schönen Frau zu erkennen meinte, obgleich ich wegen des dichten
Gebüsches niemand sehen konnte. Da band ich denn alle Tage einen Strauß
von den schönsten Blumen, die ich hatte, stieg jeden Abend, wenn es
dunkel wurde, über die Mauer und legte ihn auf einen steinernen Tisch hin,
der dort inmitten einer Laube stand; und jeden Abend, wenn ich den neuen
Strauß brachte, war der alte von dem Tische fort.
Eines Abends war die Herrschaft auf die Jagd geritten; die Sonne ging
eben unter und bedeckte das ganze Land mit Glanz und Schimmer, die
Donau schlängelte sich prächtig wie von lauter Gold und Feuer in die weite
Ferne, von allen Bergen bis tief ins Land hinein sangen und jauchzten die
und einige Pfeifen mit langen Röhren. Das alles hatte ich mir schon einmal
gewünscht, als ich noch zu Hause war, wo ich immer unsern Pfarrer so
bequem herumgehen sah. Den ganzen Tag (zu tun hatte ich weiter nichts)
saß ich daher auf dem Bänkchen vor meinem Hause in Schlafrock und
Schlafmütze, rauchte Tabak aus dem längsten Rohre, das ich von dem
seligen Einnehmer vorgefunden hatte, und sah zu, wie die Leute auf der
Landstraße hin und her gingen, fuhren und ritten. Ich wünschte nur immer,
daß auch einmal ein paar Leute aus meinem Dorfe, die immer sagten, aus
mir würde mein Lebtag nichts, hier vorüberkommen und mich so sehen
möchten. – Der Schlafrock stand mir schön zu Gesichte, und überhaupt das
alles behagte mir sehr gut. So saß ich denn da und dachte mir mancherlei
hin und her, wie aller Anfang schwer ist, wie das vornehmere Leben doch
eigentlich recht bequem sei, und faßte heimlich den Entschluß, nunmehr
alles Reisen zu lassen, auch Geld zu sparen wie die andern und es mit der
Zeit gewiß zu etwas Großem in der Welt zu bringen. Inzwischen vergaß ich
über meinen Entschlüssen, Sorgen und Geschäften die allerschönste Frau
keineswegs.
Die Kartoffeln und anderes Gemüse, das ich in meinem kleinen
Gärtchen fand, warf ich hinaus und bebaute es ganz mit den auserlesensten
Blumen, worüber mich der Portier vom Schlosse mit der großen
kurfürstlichen Nase, der, seitdem ich hier wohnte, oft zu mir kam und mein
intimer Freund geworden war, bedenklich von der Seite ansah und mich für
einen hielt, den sein plötzliches Glück verrückt gemacht hätte. Ich aber ließ
mich das nicht anfechten. Denn nicht weit von mir im herrschaftlichen
Garten hörte ich feine Stimmen sprechen, unter denen ich die meiner
schönen Frau zu erkennen meinte, obgleich ich wegen des dichten
Gebüsches niemand sehen konnte. Da band ich denn alle Tage einen Strauß
von den schönsten Blumen, die ich hatte, stieg jeden Abend, wenn es
dunkel wurde, über die Mauer und legte ihn auf einen steinernen Tisch hin,
der dort inmitten einer Laube stand; und jeden Abend, wenn ich den neuen
Strauß brachte, war der alte von dem Tische fort.
Eines Abends war die Herrschaft auf die Jagd geritten; die Sonne ging
eben unter und bedeckte das ganze Land mit Glanz und Schimmer, die
Donau schlängelte sich prächtig wie von lauter Gold und Feuer in die weite
Ferne, von allen Bergen bis tief ins Land hinein sangen und jauchzten die
Page 18
Winzer. Ich saß mit dem Portier auf dem Bänkchen vor meinem Hause und
freute mich in der lauen Luft, wie der lustige Tag so langsam vor uns
verdunkelte und verhallte. Da ließen sich auf einmal die Hörner der
zurückkehrenden Jäger von ferne vernehmen, die von den Bergen
gegenüber einander von Zeit zu Zeit lieblich Antwort gaben. Ich war recht
im innersten Herzen vergnügt und sprang auf und rief wie bezaubert und
verzückt vor Lust: »Nein, das ist mir doch ein Metier, die edle Jägerei!« Der
Portier aber klopfte sich ruhig die Pfeife aus und sagte: »Das denkt Ihr Euch
just so. Ich habe es auch mitgemacht, man verdient sich kaum die Sohlen,
die man sich abläuft; und Husten und Schnupfen wird man erst gar nicht
los, das kommt von den ewig nassen Füßen.« – Ich weiß nicht, mich packte
da ein närrischer Zorn, daß ich ordentlich am ganzen Leibe zitterte. Mir war
auf einmal der ganze Kerl mit seinem langweiligen Mantel, die ewigen
Füße, sein Tabaksschnupfen, die große Nase und alles abscheulich. – Ich
faßte ihn, wie außer mir, bei der Brust und sagte: »Portier, jetzt schert Ihr
Euch nach Hause, oder ich prügle Euch hier sogleich durch!« Den Portier
überfiel bei diesen Worten seine alte Meinung, ich wäre verrückt geworden.
Er sah mich bedenklich und mit heimlicher Furcht an, machte sich, ohne ein
Wort zu sprechen, von mir los und ging, immer noch unheimlich nach mir
zurückblickend, mit langen Schritten nach dem Schlosse, wo er atemlos
aussagte, ich sei nun wirklich rasend geworden.
Ich aber mußte am Ende laut auflachen und war herzlich froh, den
superklugen Gesellen los zu sein, denn es war gerade die Zeit, wo ich den
Blumenstrauß immer in die Laube zu legen pflegte. Ich sprang auch heute
schnell über die Mauer und ging eben auf das steinerne Tischchen los, als
ich in einiger Entfernung Pferdetritte vernahm. Entspringen konnt ich nicht
mehr, denn schon kam meine schöne gnädige Frau selber, in einem grünen
Jagdhabit und mit nickenden Federn auf dem Hute, langsam und, wie es
schien, in tiefen Gedanken die Allee herabgeritten. Es war mir nicht anders
zumute, als da ich sonst in den alten Büchern bei meinem Vater von der
schönen Magelone gelesen, wie sie so zwischen den immer näher
schallenden Waldhornsklängen und wechselnden Abendlichtern unter den
hohen Bäumen hervorkam, – ich konnte nicht vom Fleck. Sie aber erschrak
heftig, als sie mich auf einmal gewahr wurde, und hielt fast unwillkürlich
still. Ich war wie betrunken vor Angst, Herzklopfen und großer Freude, und
da ich bemerkte, daß sie wirklich meinen Blumenstrauß von gestern an der
freute mich in der lauen Luft, wie der lustige Tag so langsam vor uns
verdunkelte und verhallte. Da ließen sich auf einmal die Hörner der
zurückkehrenden Jäger von ferne vernehmen, die von den Bergen
gegenüber einander von Zeit zu Zeit lieblich Antwort gaben. Ich war recht
im innersten Herzen vergnügt und sprang auf und rief wie bezaubert und
verzückt vor Lust: »Nein, das ist mir doch ein Metier, die edle Jägerei!« Der
Portier aber klopfte sich ruhig die Pfeife aus und sagte: »Das denkt Ihr Euch
just so. Ich habe es auch mitgemacht, man verdient sich kaum die Sohlen,
die man sich abläuft; und Husten und Schnupfen wird man erst gar nicht
los, das kommt von den ewig nassen Füßen.« – Ich weiß nicht, mich packte
da ein närrischer Zorn, daß ich ordentlich am ganzen Leibe zitterte. Mir war
auf einmal der ganze Kerl mit seinem langweiligen Mantel, die ewigen
Füße, sein Tabaksschnupfen, die große Nase und alles abscheulich. – Ich
faßte ihn, wie außer mir, bei der Brust und sagte: »Portier, jetzt schert Ihr
Euch nach Hause, oder ich prügle Euch hier sogleich durch!« Den Portier
überfiel bei diesen Worten seine alte Meinung, ich wäre verrückt geworden.
Er sah mich bedenklich und mit heimlicher Furcht an, machte sich, ohne ein
Wort zu sprechen, von mir los und ging, immer noch unheimlich nach mir
zurückblickend, mit langen Schritten nach dem Schlosse, wo er atemlos
aussagte, ich sei nun wirklich rasend geworden.
Ich aber mußte am Ende laut auflachen und war herzlich froh, den
superklugen Gesellen los zu sein, denn es war gerade die Zeit, wo ich den
Blumenstrauß immer in die Laube zu legen pflegte. Ich sprang auch heute
schnell über die Mauer und ging eben auf das steinerne Tischchen los, als
ich in einiger Entfernung Pferdetritte vernahm. Entspringen konnt ich nicht
mehr, denn schon kam meine schöne gnädige Frau selber, in einem grünen
Jagdhabit und mit nickenden Federn auf dem Hute, langsam und, wie es
schien, in tiefen Gedanken die Allee herabgeritten. Es war mir nicht anders
zumute, als da ich sonst in den alten Büchern bei meinem Vater von der
schönen Magelone gelesen, wie sie so zwischen den immer näher
schallenden Waldhornsklängen und wechselnden Abendlichtern unter den
hohen Bäumen hervorkam, – ich konnte nicht vom Fleck. Sie aber erschrak
heftig, als sie mich auf einmal gewahr wurde, und hielt fast unwillkürlich
still. Ich war wie betrunken vor Angst, Herzklopfen und großer Freude, und
da ich bemerkte, daß sie wirklich meinen Blumenstrauß von gestern an der
Page 19
Brust hatte, konnte ich mich nicht länger halten, sondern sagte ganz
verwirrt: »Schönste gnädige Frau, nehmt auch noch diesen Blumenstrauß
von mir und alle Blumen aus meinem Garten und alles, was ich habe. Ach,
könnt ich nur für Euch ins Feuer springen!« – Sie hatte mich gleich anfangs
so ernsthaft und fast böse angeblickt, daß es mir durch Mark und Bein ging,
dann aber hielt sie, solange ich redete, die Augen tief niedergeschlagen.
Soeben ließen sich einige Reiter und Stimmen im Gebüsch hören. Da ergriff
sie schnell den Strauß aus meiner Hand und war bald, ohne ein Wort zu
sagen, am andern Ende des Bogenganges verschwunden.
Seit diesem Abend hatte ich weder Ruh noch Rast mehr. Es war mir
beständig zumute wie sonst immer, wenn der Frühling anfangen sollte, so
unruhig und fröhlich, ohne daß ich wußte, warum, als stünde mir ein großes
Glück oder sonst etwas Außerordentliches bevor. Besonders das fatale
Rechnen wollte mir nun erst gar nicht mehr von der Hand, und ich hatte,
wenn der Sonnenschein durch den Kastanienbaum vor dem Fenster
grüngolden auf die Ziffern fiel, und so fix vom Transport bis zum Latus und
wieder hinauf und hinab addierte, gar seltsame Gedanken dabei, so daß ich
manchmal ganz verwirrt wurde und wahrhaftig nicht bis drei zählen konnte.
Denn die Acht kam mir immer vor wie meine dicke enggeschnürte Dame
mit dem breiten Kopfputz, die böse Sieben war gar wie ein ewig
rückwärtszeigender Wegweiser oder Galgen. – Am meisten Spaß machte
mir noch die Neun, die sich mir so oft, eh ich michs versah, lustig als Sechs
auf den Kopf stellte, während die Zwei wie ein Fragezeichen so pfiffig
dreinsah, als wollte sie mich fragen: Wo soll das am Ende noch hinaus mit
dir, du arme Null? Ohne s i e, diese schlanke Eins und alles, bleibst du doch
ewig nichts!
Auch das Sitzen draußen vor der Tür wollte mir nicht mehr behagen.
Ich nahm mir, um es bequemer zu haben, einen Schemel mit heraus und
streckte die Füße darauf, ich flickte ein altes Parasol vom Einnehmer und
steckte es gegen die Sonne wie ein chinesisches Lusthaus über mich. Aber
es half nichts. Es schien mir, wie ich so saß und rauchte und spekulierte, als
würden mir allmählich die Beine immer länger vor Langeweile und die
Nase wüchse mir vom Nichtstun, wenn ich so stundenlang an ihr
heruntersah. – Und wenn dann manchmal noch vor Tagesanbruch eine
Extrapost vorbeikam, und ich trat halb verschlafen in die kühle Luft hinaus,
und ein niedliches Gesichtchen, von dem man in der Dämmerung nur die
verwirrt: »Schönste gnädige Frau, nehmt auch noch diesen Blumenstrauß
von mir und alle Blumen aus meinem Garten und alles, was ich habe. Ach,
könnt ich nur für Euch ins Feuer springen!« – Sie hatte mich gleich anfangs
so ernsthaft und fast böse angeblickt, daß es mir durch Mark und Bein ging,
dann aber hielt sie, solange ich redete, die Augen tief niedergeschlagen.
Soeben ließen sich einige Reiter und Stimmen im Gebüsch hören. Da ergriff
sie schnell den Strauß aus meiner Hand und war bald, ohne ein Wort zu
sagen, am andern Ende des Bogenganges verschwunden.
Seit diesem Abend hatte ich weder Ruh noch Rast mehr. Es war mir
beständig zumute wie sonst immer, wenn der Frühling anfangen sollte, so
unruhig und fröhlich, ohne daß ich wußte, warum, als stünde mir ein großes
Glück oder sonst etwas Außerordentliches bevor. Besonders das fatale
Rechnen wollte mir nun erst gar nicht mehr von der Hand, und ich hatte,
wenn der Sonnenschein durch den Kastanienbaum vor dem Fenster
grüngolden auf die Ziffern fiel, und so fix vom Transport bis zum Latus und
wieder hinauf und hinab addierte, gar seltsame Gedanken dabei, so daß ich
manchmal ganz verwirrt wurde und wahrhaftig nicht bis drei zählen konnte.
Denn die Acht kam mir immer vor wie meine dicke enggeschnürte Dame
mit dem breiten Kopfputz, die böse Sieben war gar wie ein ewig
rückwärtszeigender Wegweiser oder Galgen. – Am meisten Spaß machte
mir noch die Neun, die sich mir so oft, eh ich michs versah, lustig als Sechs
auf den Kopf stellte, während die Zwei wie ein Fragezeichen so pfiffig
dreinsah, als wollte sie mich fragen: Wo soll das am Ende noch hinaus mit
dir, du arme Null? Ohne s i e, diese schlanke Eins und alles, bleibst du doch
ewig nichts!
Auch das Sitzen draußen vor der Tür wollte mir nicht mehr behagen.
Ich nahm mir, um es bequemer zu haben, einen Schemel mit heraus und
streckte die Füße darauf, ich flickte ein altes Parasol vom Einnehmer und
steckte es gegen die Sonne wie ein chinesisches Lusthaus über mich. Aber
es half nichts. Es schien mir, wie ich so saß und rauchte und spekulierte, als
würden mir allmählich die Beine immer länger vor Langeweile und die
Nase wüchse mir vom Nichtstun, wenn ich so stundenlang an ihr
heruntersah. – Und wenn dann manchmal noch vor Tagesanbruch eine
Extrapost vorbeikam, und ich trat halb verschlafen in die kühle Luft hinaus,
und ein niedliches Gesichtchen, von dem man in der Dämmerung nur die
Page 20
funkelnden Augen sah, bog sich neugierig zum Wagen hervor und bot mir
freundlich einen guten Morgen, in den Dörfern aber ringsumher krähten die
Hähne so frisch über die leise wogenden Kornfelder herüber, und zwischen
den Morgenstreifen hoch am Himmel schweiften schon einzelne zu früh
erwachte Lerchen, und der Postillion nahm dann sein Posthorn und fuhr
weiter und blies und blies – da stand ich lange und sah dem Wagen nach,
und es war mir nicht anders, als müßt ich nur sogleich mit fort, weit, weit in
die Welt. –
Meine Blumensträuße legte ich indes immer noch, sobald die Sonne
unterging, auf den steinernen Tisch in der dunklen Laube. Aber das war es
eben: damit war es nun aus seit jenem Abend. – Kein Mensch kümmerte
sich darum: sooft ich des Morgens frühzeitig nachsah, lagen die Blumen
noch immer da wie gestern und sahen mich mit ihren verwelkten
niederhängenden Köpfchen und daraufstehenden Tautropfen ordentlich
betrübt an, als ob sie weinten. – Das verdroß mich sehr. Ich band gar keinen
Strauß mehr. In meinem Garten mochte nun auch das Unkraut treiben wie
es wollte, und die Blumen ließ ich ruhig stehn und wachsen, bis der Wind
die Blätter verwehte. War mirs doch ebenso wild und bunt und verstört im
Herzen.
In diesen kritischen Zeitläuften geschah es denn, daß einmal, als ich
eben zu Hause im Fenster liege und verdrüßlich in die leere Luft
hinaussehe, die Kammerjungfer vom Schlosse über die Straße
dahergetrippelt kommt. Sie lenkte, da sie mich erblickte, schnell zu mir ein
und blieb am Fenster stehen. – »Der gnädige Herr ist gestern von seiner
Reise zurückgekommen«, sagte sie eilfertig. »So?« entgegnete ich
verwundert – denn ich hatte mich schon seit einigen Wochen um nichts
bekümmert und wußte nicht einmal, daß der Herr auf Reisen war –, »da
wird seine Tochter, die junge gnädige Frau, auch große Freude gehabt
haben.« – Die Kammerjungfer sah mich kurios von oben bis unten an, so
daß ich mich ordentlich selber besinnen mußte, ob ich was Dummes gesagt
hätte. – »Er weiß aber auch gar nichts«, sagte sie endlich und rümpfte das
kleine Näschen. »Nun,« fuhr sie fort, »es soll heute abend dem Herrn zu
Ehren Tanz im Schlosse sein und Maskerade. Meine gnädige Frau wird
auch maskiert sein, als Gärtnerin – versteht Er auch recht – als Gärtnerin.
Nun hat die gnädige Frau gesehen, daß Er besonders schöne Blumen hat in
Seinem Garten.« – Das ist seltsam, dachte ich bei mir selbst, man sieht doch
freundlich einen guten Morgen, in den Dörfern aber ringsumher krähten die
Hähne so frisch über die leise wogenden Kornfelder herüber, und zwischen
den Morgenstreifen hoch am Himmel schweiften schon einzelne zu früh
erwachte Lerchen, und der Postillion nahm dann sein Posthorn und fuhr
weiter und blies und blies – da stand ich lange und sah dem Wagen nach,
und es war mir nicht anders, als müßt ich nur sogleich mit fort, weit, weit in
die Welt. –
Meine Blumensträuße legte ich indes immer noch, sobald die Sonne
unterging, auf den steinernen Tisch in der dunklen Laube. Aber das war es
eben: damit war es nun aus seit jenem Abend. – Kein Mensch kümmerte
sich darum: sooft ich des Morgens frühzeitig nachsah, lagen die Blumen
noch immer da wie gestern und sahen mich mit ihren verwelkten
niederhängenden Köpfchen und daraufstehenden Tautropfen ordentlich
betrübt an, als ob sie weinten. – Das verdroß mich sehr. Ich band gar keinen
Strauß mehr. In meinem Garten mochte nun auch das Unkraut treiben wie
es wollte, und die Blumen ließ ich ruhig stehn und wachsen, bis der Wind
die Blätter verwehte. War mirs doch ebenso wild und bunt und verstört im
Herzen.
In diesen kritischen Zeitläuften geschah es denn, daß einmal, als ich
eben zu Hause im Fenster liege und verdrüßlich in die leere Luft
hinaussehe, die Kammerjungfer vom Schlosse über die Straße
dahergetrippelt kommt. Sie lenkte, da sie mich erblickte, schnell zu mir ein
und blieb am Fenster stehen. – »Der gnädige Herr ist gestern von seiner
Reise zurückgekommen«, sagte sie eilfertig. »So?« entgegnete ich
verwundert – denn ich hatte mich schon seit einigen Wochen um nichts
bekümmert und wußte nicht einmal, daß der Herr auf Reisen war –, »da
wird seine Tochter, die junge gnädige Frau, auch große Freude gehabt
haben.« – Die Kammerjungfer sah mich kurios von oben bis unten an, so
daß ich mich ordentlich selber besinnen mußte, ob ich was Dummes gesagt
hätte. – »Er weiß aber auch gar nichts«, sagte sie endlich und rümpfte das
kleine Näschen. »Nun,« fuhr sie fort, »es soll heute abend dem Herrn zu
Ehren Tanz im Schlosse sein und Maskerade. Meine gnädige Frau wird
auch maskiert sein, als Gärtnerin – versteht Er auch recht – als Gärtnerin.
Nun hat die gnädige Frau gesehen, daß Er besonders schöne Blumen hat in
Seinem Garten.« – Das ist seltsam, dachte ich bei mir selbst, man sieht doch
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jetzt fast keine Blume mehr vor Unkraut. – Sie aber fuhr fort: »Da nun die
gnädige Frau schöne Blumen zu ihrem Anzuge braucht, aber ganz frische,
die eben vom Beete kommen, so soll Er ihr welche bringen und damit heute
abend, wenns dunkel geworden ist, unter dem großen Birnbaum im
Schloßgarten warten, da wird sie dann kommen und die Blumen abholen.«
Ich war ganz verblüfft vor Freude über diese Nachricht und lief in
meiner Entzückung vom Fenster zu der Kammerjungfer hinaus. –
»Pfui, der garstige Schlafrock!« rief diese aus, da sie mich auf einmal so
in meinem Aufzuge im Freien sah. Das ärgerte mich, ich wollte auch nicht
dahinterbleiben in der Galanterie und machte einige artige Kapriolen, um
sie zu erhaschen und zu küssen. Aber unglücklicherweise verwickelte sich
mir dabei der Schlafrock, der mir viel zu lang war, unter den Füßen, und ich
fiel der Länge nach auf die Erde. Als ich mich wieder zusammenraffte, war
die Kammerjungfer schon weit fort, und ich hörte sie noch von fern lachen,
daß sie sich die Seiten halten mußte.
Nun aber hatt ich was zu sinnen und mich zu freuen. S i e dachte ja noch
immer an mich und meine Blumen! Ich ging in mein Gärtchen und riß
hastig alles Unkraut von den Beeten und warf es hoch über meinen Kopf
weg in die schimmernde Luft, als zög ich alle Übel und Melancholie mit
der Wurzel heraus. Die Rosen waren nun wieder wie i h r Mund, die
himmelblauen Winden wie i h r e Augen, die schneeweiße Lilie mit ihrem
schwermütig gesenkten Köpfchen sah ganz aus wie s i e. Ich legte alle
sorgfältig in ein Körbchen zusammen. Es war ein schöner stiller Abend und
kein Wölkchen am Himmel. Einzelne Sterne traten schon am Firmamente
hervor, von weitem rauschte die Donau über die Felder herüber, in den
hohen Bäumen im herrschaftlichen Garten neben mir sangen unzählige
Vögel lustig durcheinander. Ach, ich war so glücklich!
Als endlich die Nacht hereinbrach, nahm ich mein Körbchen an den
Arm und machte mich auf den Weg nach dem großen Garten. In dem
Körbchen lag alles so bunt und anmutig durcheinander, weiß, rot, blau und
duftig, daß mir ordentlich das Herz lachte, wenn ich hineinsah.
Ich ging voller fröhlicher Gedanken bei dem schönen Mondschein
durch die stillen, reinlich mit Sand bestreuten Gänge über die kleinen
weißen Brücken, unter denen die Schwäne eingeschlafen auf dem Wasser
gnädige Frau schöne Blumen zu ihrem Anzuge braucht, aber ganz frische,
die eben vom Beete kommen, so soll Er ihr welche bringen und damit heute
abend, wenns dunkel geworden ist, unter dem großen Birnbaum im
Schloßgarten warten, da wird sie dann kommen und die Blumen abholen.«
Ich war ganz verblüfft vor Freude über diese Nachricht und lief in
meiner Entzückung vom Fenster zu der Kammerjungfer hinaus. –
»Pfui, der garstige Schlafrock!« rief diese aus, da sie mich auf einmal so
in meinem Aufzuge im Freien sah. Das ärgerte mich, ich wollte auch nicht
dahinterbleiben in der Galanterie und machte einige artige Kapriolen, um
sie zu erhaschen und zu küssen. Aber unglücklicherweise verwickelte sich
mir dabei der Schlafrock, der mir viel zu lang war, unter den Füßen, und ich
fiel der Länge nach auf die Erde. Als ich mich wieder zusammenraffte, war
die Kammerjungfer schon weit fort, und ich hörte sie noch von fern lachen,
daß sie sich die Seiten halten mußte.
Nun aber hatt ich was zu sinnen und mich zu freuen. S i e dachte ja noch
immer an mich und meine Blumen! Ich ging in mein Gärtchen und riß
hastig alles Unkraut von den Beeten und warf es hoch über meinen Kopf
weg in die schimmernde Luft, als zög ich alle Übel und Melancholie mit
der Wurzel heraus. Die Rosen waren nun wieder wie i h r Mund, die
himmelblauen Winden wie i h r e Augen, die schneeweiße Lilie mit ihrem
schwermütig gesenkten Köpfchen sah ganz aus wie s i e. Ich legte alle
sorgfältig in ein Körbchen zusammen. Es war ein schöner stiller Abend und
kein Wölkchen am Himmel. Einzelne Sterne traten schon am Firmamente
hervor, von weitem rauschte die Donau über die Felder herüber, in den
hohen Bäumen im herrschaftlichen Garten neben mir sangen unzählige
Vögel lustig durcheinander. Ach, ich war so glücklich!
Als endlich die Nacht hereinbrach, nahm ich mein Körbchen an den
Arm und machte mich auf den Weg nach dem großen Garten. In dem
Körbchen lag alles so bunt und anmutig durcheinander, weiß, rot, blau und
duftig, daß mir ordentlich das Herz lachte, wenn ich hineinsah.
Ich ging voller fröhlicher Gedanken bei dem schönen Mondschein
durch die stillen, reinlich mit Sand bestreuten Gänge über die kleinen
weißen Brücken, unter denen die Schwäne eingeschlafen auf dem Wasser
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saßen, an den zierlichen Lauben und Lusthäusern vorüber. Den großen
Birnbaum hatte ich gar bald aufgefunden, denn es war derselbe, unter dem
ich sonst, als ich noch Gärtnerbursche war, an schwülen Nachmittagen
gelegen.
Hier war es so einsam dunkel. Nur eine hohe Espe zitterte und flüsterte
mit ihren silbernen Blättern in einem fort. Vom Schlosse schallte manchmal
die Tanzmusik herüber. Auch Menschenstimmen hörte ich zuweilen im
Garten, die kamen oft ganz nahe an mich heran, dann wurde es auf einmal
wieder ganz still.
Mir klopfte das Herz. Es war mir schauerlich und seltsam zumute, als
wenn ich jemand bestehlen wollte. Ich stand lange Zeit stockstill an den
Baum gelehnt und lauschte nach allen Seiten, da aber immer niemand kam,
konnt ich es nicht länger aushalten. Ich hing mein Körbchen an den Arm
und kletterte schnell auf den Birnbaum hinauf, um wieder im Freien Luft zu
schöpfen.
Da droben schallte mir die Tanzmusik erst recht über die Wipfel
entgegen. Ich übersah den ganzen Garten und gerade in die hellerleuchteten
Fenster des Schlosses hinein. Dort drehten sich die Kronleuchter langsam
wie Kränze von Sternen, unzählige geputzte Herren und Damen, wie in
einem Schattenspiele, wogten und walzten und wirrten da bunt und
unkenntlich durcheinander, manchmal legten sich welche ins Fenster und
sahen hinunter in den Garten. Draußen vor dem Schlosse aber waren der
Rasen, die Sträucher und die Bäume von den vielen Lichtern aus dem Saale
wie vergoldet, so daß ordentlich die Blumen und die Vögel aufzuwachen
schienen. Weiterhin um mich herum und hinter mir lag der Garten so
schwarz und still.
Da tanzt s i e nun, dacht ich in dem Baume droben bei mir selber, und
hat gewiß lange dich und deine Blumen wieder vergessen. Alles ist so
fröhlich, um dich kümmert sich kein Mensch. – Und so geht es mir überall
und immer. Jeder hat sein Plätzchen auf der Erde ausgesteckt, hat seinen
warmen Ofen, seine Tasse Kaffee, seine Frau, sein Glas Wein zu Abend und
ist so recht zufrieden; selbst dem Portier ist ganz wohl in seiner langen
Haut. – Mir ists nirgends recht. Es ist, als wäre ich überall eben zu spät
gekommen, als hätte die ganze Welt gar nicht auf mich gerechnet. –
Birnbaum hatte ich gar bald aufgefunden, denn es war derselbe, unter dem
ich sonst, als ich noch Gärtnerbursche war, an schwülen Nachmittagen
gelegen.
Hier war es so einsam dunkel. Nur eine hohe Espe zitterte und flüsterte
mit ihren silbernen Blättern in einem fort. Vom Schlosse schallte manchmal
die Tanzmusik herüber. Auch Menschenstimmen hörte ich zuweilen im
Garten, die kamen oft ganz nahe an mich heran, dann wurde es auf einmal
wieder ganz still.
Mir klopfte das Herz. Es war mir schauerlich und seltsam zumute, als
wenn ich jemand bestehlen wollte. Ich stand lange Zeit stockstill an den
Baum gelehnt und lauschte nach allen Seiten, da aber immer niemand kam,
konnt ich es nicht länger aushalten. Ich hing mein Körbchen an den Arm
und kletterte schnell auf den Birnbaum hinauf, um wieder im Freien Luft zu
schöpfen.
Da droben schallte mir die Tanzmusik erst recht über die Wipfel
entgegen. Ich übersah den ganzen Garten und gerade in die hellerleuchteten
Fenster des Schlosses hinein. Dort drehten sich die Kronleuchter langsam
wie Kränze von Sternen, unzählige geputzte Herren und Damen, wie in
einem Schattenspiele, wogten und walzten und wirrten da bunt und
unkenntlich durcheinander, manchmal legten sich welche ins Fenster und
sahen hinunter in den Garten. Draußen vor dem Schlosse aber waren der
Rasen, die Sträucher und die Bäume von den vielen Lichtern aus dem Saale
wie vergoldet, so daß ordentlich die Blumen und die Vögel aufzuwachen
schienen. Weiterhin um mich herum und hinter mir lag der Garten so
schwarz und still.
Da tanzt s i e nun, dacht ich in dem Baume droben bei mir selber, und
hat gewiß lange dich und deine Blumen wieder vergessen. Alles ist so
fröhlich, um dich kümmert sich kein Mensch. – Und so geht es mir überall
und immer. Jeder hat sein Plätzchen auf der Erde ausgesteckt, hat seinen
warmen Ofen, seine Tasse Kaffee, seine Frau, sein Glas Wein zu Abend und
ist so recht zufrieden; selbst dem Portier ist ganz wohl in seiner langen
Haut. – Mir ists nirgends recht. Es ist, als wäre ich überall eben zu spät
gekommen, als hätte die ganze Welt gar nicht auf mich gerechnet. –
Page 23
Wie ich eben so philosophiere, höre ich auf einmal unten im Grase
etwas einherrascheln. Zwei feine Stimmen sprachen ganz nahe und leise
miteinander. Bald darauf bogen sich die Zweige in dem Gesträuche
auseinander, und die Kammerjungfer steckte ihr kleines Gesichtchen, sich
nach allen Seiten umsehend, zwischen der Laube hindurch. Der
Mondschein funkelte recht auf ihren pfiffigen Augen, wie sie
hervorguckten. Ich hielt den Atem an mich und blickte unverwandt
hinunter. Es dauerte auch nicht lange, so trat wirklich die Gärtnerin, ganz so
wie mir sie die Kammerjungfer gestern beschrieben hatte, zwischen den
Bäumen heraus. Mein Herz klopfte mir zum Zerspringen. Sie aber hatte
eine Larve vor und sah sich, wie mir schien, verwundert auf dem Platze um.
– Da wollts mir vorkommen, als wäre sie gar nicht recht schlank und
niedlich. – Endlich trat sie ganz nahe an den Baum und nahm die Larve ab.
– Es war wahrhaftig die andere ältere gnädige Frau!
Wie froh war ich nun, als ich mich vom ersten Schreck erholt hatte, daß
ich mich hier oben in Sicherheit befand. Wie in aller Welt, dachte ich,
kommt d i e nur jetzt hierher? wenn nun die liebe schöne gnädige Frau die
Blumen abholt, – das wird eine schöne Geschichte werden! Ich hätte am
Ende weinen mögen vor Ärger über den ganzen Spektakel.
Indem hub die verkappte Gärtnerin unten an: »Es ist so stickend heiß
droben im Saale, ich mußte gehen, mich ein wenig abzukühlen in der freien
schönen Natur.« Dabei fächelte sie sich mit der Larve in einem fort und
blies die Luft von sich. Bei dem hellen Mondschein konnt ich deutlich
erkennen, wie ihr die Flechsen am Halse ordentlich aufgeschwollen waren;
sie sah ganz erbost aus und ziegelrot im Gesicht. Die Kammerjungfer
suchte unterdes hinter allen Hecken herum, als hätte sie eine Stecknadel
verloren. –
»Ich brauche so notwendig noch frische Blumen zu meiner Maske,«
fuhr die Gärtnerin von neuem fort, »wo er auch stecken mag!« – Die
Kammerjungfer suchte und kicherte dabei immerfort heimlich in sich selbst
hinein. – »Sagtest du was, Rosette?« fragte die Gärtnerin spitzig. – »Ich
sage, was ich immer gesagt habe,« erwiderte die Kammerjungfer und
machte ein ganz ernsthaftes treuherziges Gesicht, »der ganze Einnehmer ist
und bleibt ein Lümmel, er liegt gewiß irgendwo hinter einem Strauche und
schläft.«
etwas einherrascheln. Zwei feine Stimmen sprachen ganz nahe und leise
miteinander. Bald darauf bogen sich die Zweige in dem Gesträuche
auseinander, und die Kammerjungfer steckte ihr kleines Gesichtchen, sich
nach allen Seiten umsehend, zwischen der Laube hindurch. Der
Mondschein funkelte recht auf ihren pfiffigen Augen, wie sie
hervorguckten. Ich hielt den Atem an mich und blickte unverwandt
hinunter. Es dauerte auch nicht lange, so trat wirklich die Gärtnerin, ganz so
wie mir sie die Kammerjungfer gestern beschrieben hatte, zwischen den
Bäumen heraus. Mein Herz klopfte mir zum Zerspringen. Sie aber hatte
eine Larve vor und sah sich, wie mir schien, verwundert auf dem Platze um.
– Da wollts mir vorkommen, als wäre sie gar nicht recht schlank und
niedlich. – Endlich trat sie ganz nahe an den Baum und nahm die Larve ab.
– Es war wahrhaftig die andere ältere gnädige Frau!
Wie froh war ich nun, als ich mich vom ersten Schreck erholt hatte, daß
ich mich hier oben in Sicherheit befand. Wie in aller Welt, dachte ich,
kommt d i e nur jetzt hierher? wenn nun die liebe schöne gnädige Frau die
Blumen abholt, – das wird eine schöne Geschichte werden! Ich hätte am
Ende weinen mögen vor Ärger über den ganzen Spektakel.
Indem hub die verkappte Gärtnerin unten an: »Es ist so stickend heiß
droben im Saale, ich mußte gehen, mich ein wenig abzukühlen in der freien
schönen Natur.« Dabei fächelte sie sich mit der Larve in einem fort und
blies die Luft von sich. Bei dem hellen Mondschein konnt ich deutlich
erkennen, wie ihr die Flechsen am Halse ordentlich aufgeschwollen waren;
sie sah ganz erbost aus und ziegelrot im Gesicht. Die Kammerjungfer
suchte unterdes hinter allen Hecken herum, als hätte sie eine Stecknadel
verloren. –
»Ich brauche so notwendig noch frische Blumen zu meiner Maske,«
fuhr die Gärtnerin von neuem fort, »wo er auch stecken mag!« – Die
Kammerjungfer suchte und kicherte dabei immerfort heimlich in sich selbst
hinein. – »Sagtest du was, Rosette?« fragte die Gärtnerin spitzig. – »Ich
sage, was ich immer gesagt habe,« erwiderte die Kammerjungfer und
machte ein ganz ernsthaftes treuherziges Gesicht, »der ganze Einnehmer ist
und bleibt ein Lümmel, er liegt gewiß irgendwo hinter einem Strauche und
schläft.«
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Mir zuckte es in allen meinen Gliedern, herunterzuspringen und meine
Reputation zu retten – da hörte man auf einmal ein großes Pauken und
Musizieren und Lärmen vom Schlosse her.
Nun hielt sich die Gärtnerin nicht länger. »Da bringen die Menschen«,
fuhr sie verdrüßlich fort, »dem Herrn das Vivat. Komm, man wird uns
vermissen!« – Und hiermit steckte sie die Larve schnell vor und ging
wütend mit der Kammerjungfer nach dem Schlosse zu fort. Die Bäume und
Sträucher wiesen kurios, wie mit langen Nasen und Fingern, hinter ihr
drein, der Mondschein tanzte noch fix, wie über eine Klaviatur, über ihre
breite Taille auf und nieder, und so nahm sie, so recht wie ich auf dem
Theater manchmal die Sängerinnen gesehn, unter Trompeten und Pauken
schnell ihren Abzug.
Ich aber wußte in meinem Baume droben eigentlich gar nicht recht, wie
mir geschehen, und richtete nunmehr meine Augen unverwandt auf das
Schloß hin; denn ein Kreis hoher Windlichter unten an den Stufen des
Einganges warf dort einen seltsamen Schein über die blitzenden Fenster
und weit in den Garten hinein. Es war die Dienerschaft, die soeben ihrer
jungen Herrschaft ein Ständchen brachte. Mitten unter ihnen stand der
prächtig aufgeputzte Portier, wie ein Staatsminister, vor einem Notenpulte
und arbeitete sich emsig an einem Fagotte ab.
Wie ich mich soeben zurechtsetzte, um der schönen Serenade
zuzuhören, gingen auf einmal oben auf dem Balkon des Schlosses die
Flügeltüren auf. Ein hoher Herr, schön und stattlich in Uniform und mit
vielen funkelnden Sternen, trat auf den Balkon heraus, und an seiner Hand
– die schöne junge gnädige Frau, in ganz weißem Kleide, wie eine Lilie in
der Nacht, oder wie wenn der Mond über das klare Firmament zöge.
Ich konnte keinen Blick von dem Platze verwenden, und Garten, Bäume
und Felder gingen unter vor meinen Sinnen, wie sie so wundersam
beleuchtet von den Fackeln hoch und schlank dastand und bald anmutig mit
dem schönen Offizier sprach, bald wieder freundlich zu den Musikanten
herunternickte. Die Leute unten waren außer sich vor Freude, und ich hielt
mich am Ende auch nicht mehr und schrie immer aus Leibeskräften Vivat
mit. –
Reputation zu retten – da hörte man auf einmal ein großes Pauken und
Musizieren und Lärmen vom Schlosse her.
Nun hielt sich die Gärtnerin nicht länger. »Da bringen die Menschen«,
fuhr sie verdrüßlich fort, »dem Herrn das Vivat. Komm, man wird uns
vermissen!« – Und hiermit steckte sie die Larve schnell vor und ging
wütend mit der Kammerjungfer nach dem Schlosse zu fort. Die Bäume und
Sträucher wiesen kurios, wie mit langen Nasen und Fingern, hinter ihr
drein, der Mondschein tanzte noch fix, wie über eine Klaviatur, über ihre
breite Taille auf und nieder, und so nahm sie, so recht wie ich auf dem
Theater manchmal die Sängerinnen gesehn, unter Trompeten und Pauken
schnell ihren Abzug.
Ich aber wußte in meinem Baume droben eigentlich gar nicht recht, wie
mir geschehen, und richtete nunmehr meine Augen unverwandt auf das
Schloß hin; denn ein Kreis hoher Windlichter unten an den Stufen des
Einganges warf dort einen seltsamen Schein über die blitzenden Fenster
und weit in den Garten hinein. Es war die Dienerschaft, die soeben ihrer
jungen Herrschaft ein Ständchen brachte. Mitten unter ihnen stand der
prächtig aufgeputzte Portier, wie ein Staatsminister, vor einem Notenpulte
und arbeitete sich emsig an einem Fagotte ab.
Wie ich mich soeben zurechtsetzte, um der schönen Serenade
zuzuhören, gingen auf einmal oben auf dem Balkon des Schlosses die
Flügeltüren auf. Ein hoher Herr, schön und stattlich in Uniform und mit
vielen funkelnden Sternen, trat auf den Balkon heraus, und an seiner Hand
– die schöne junge gnädige Frau, in ganz weißem Kleide, wie eine Lilie in
der Nacht, oder wie wenn der Mond über das klare Firmament zöge.
Ich konnte keinen Blick von dem Platze verwenden, und Garten, Bäume
und Felder gingen unter vor meinen Sinnen, wie sie so wundersam
beleuchtet von den Fackeln hoch und schlank dastand und bald anmutig mit
dem schönen Offizier sprach, bald wieder freundlich zu den Musikanten
herunternickte. Die Leute unten waren außer sich vor Freude, und ich hielt
mich am Ende auch nicht mehr und schrie immer aus Leibeskräften Vivat
mit. –
Page 25
Als sie aber bald darauf wieder von dem Balkon verschwand, unten eine
Fackel nach der andern verlöschte und die Notenpulte weggeräumt wurden
und nun der Garten ringsumher auch wieder finster wurde und rauschte wie
vorher – da merkt ich erst alles – da fiel es mir auf einmal aufs Herz, daß
mich wohl eigentlich nur die Tante mit den Blumen bestellt hatte, daß die
Schöne gar nicht an mich dachte und lange verheiratet ist und daß ich selber
ein großer Narr war.
Alles das versenkte mich recht in einen Abgrund von Nachsinnen. Ich
wickelte mich, gleich einem Igel, in die Stacheln meiner eigenen Gedanken
zusammen; vom Schlosse schallte die Tanzmusik nur noch seltener herüber,
die Wolken wanderten einsam über den dunklen Garten weg. Und so saß ich
auf dem Baume droben, wie die Nachteule, in den Ruinen meines Glücks
die ganze Nacht hindurch.
Die kühle Morgenluft weckte mich endlich aus meinen Träumereien.
Ich erstaunte ordentlich, wie ich so auf einmal um mich herblickte. Musik
und Tanz war lange vorbei, im Schlosse und rings um das Schloß herum auf
dem Rasenplatze und den steinernen Stufen und Säulen sah alles so still,
kühl und feierlich aus; nur der Springbrunnen vor dem Eingange plätscherte
einsam in einem fort. Hin und her in den Zweigen neben mir erwachten
schon die Vögel, schüttelten ihre bunten Federn und sahen, die kleinen
Flügel dehnend, neugierig und verwundert ihren seltsamen
Schlafkameraden an. Fröhlich schweifende Morgenstrahlen funkelten über
den Garten weg auf meine Brust.
Da richtete ich mich in meinem Baume auf und sah seit langer Zeit zum
ersten Male wieder einmal so recht weit in das Land hinaus, wie da schon
einzelne Schiffe auf der Donau zwischen den Weinbergen herabfuhren und
die noch leeren Landstraßen wie Brücken über das schimmernde Land sich
fern über die Berge und Täler hinausschwangen.
Ich weiß nicht, wie es kam – aber mich packte da auf einmal wieder
meine ehemalige Reiselust: alle die alte Wehmut und Freude und große
Erwartung. Mir fiel dabei zugleich ein, wie nun die schöne Frau droben auf
dem Schlosse zwischen Blumen und unter seidnen Decken schlummerte
und ein Engel bei ihr auf dem Bette säße in der Morgenstille. – »Nein,« rief
Fackel nach der andern verlöschte und die Notenpulte weggeräumt wurden
und nun der Garten ringsumher auch wieder finster wurde und rauschte wie
vorher – da merkt ich erst alles – da fiel es mir auf einmal aufs Herz, daß
mich wohl eigentlich nur die Tante mit den Blumen bestellt hatte, daß die
Schöne gar nicht an mich dachte und lange verheiratet ist und daß ich selber
ein großer Narr war.
Alles das versenkte mich recht in einen Abgrund von Nachsinnen. Ich
wickelte mich, gleich einem Igel, in die Stacheln meiner eigenen Gedanken
zusammen; vom Schlosse schallte die Tanzmusik nur noch seltener herüber,
die Wolken wanderten einsam über den dunklen Garten weg. Und so saß ich
auf dem Baume droben, wie die Nachteule, in den Ruinen meines Glücks
die ganze Nacht hindurch.
Die kühle Morgenluft weckte mich endlich aus meinen Träumereien.
Ich erstaunte ordentlich, wie ich so auf einmal um mich herblickte. Musik
und Tanz war lange vorbei, im Schlosse und rings um das Schloß herum auf
dem Rasenplatze und den steinernen Stufen und Säulen sah alles so still,
kühl und feierlich aus; nur der Springbrunnen vor dem Eingange plätscherte
einsam in einem fort. Hin und her in den Zweigen neben mir erwachten
schon die Vögel, schüttelten ihre bunten Federn und sahen, die kleinen
Flügel dehnend, neugierig und verwundert ihren seltsamen
Schlafkameraden an. Fröhlich schweifende Morgenstrahlen funkelten über
den Garten weg auf meine Brust.
Da richtete ich mich in meinem Baume auf und sah seit langer Zeit zum
ersten Male wieder einmal so recht weit in das Land hinaus, wie da schon
einzelne Schiffe auf der Donau zwischen den Weinbergen herabfuhren und
die noch leeren Landstraßen wie Brücken über das schimmernde Land sich
fern über die Berge und Täler hinausschwangen.
Ich weiß nicht, wie es kam – aber mich packte da auf einmal wieder
meine ehemalige Reiselust: alle die alte Wehmut und Freude und große
Erwartung. Mir fiel dabei zugleich ein, wie nun die schöne Frau droben auf
dem Schlosse zwischen Blumen und unter seidnen Decken schlummerte
und ein Engel bei ihr auf dem Bette säße in der Morgenstille. – »Nein,« rief
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ich aus, »fort muß ich von hier und immer fort, so weit als der Himmel blau
ist!«
Und hiermit nahm ich mein Körbchen und warf es hoch in die Luft, so
daß es recht lieblich anzusehen war, wie die Blumen zwischen den Zweigen
und auf dem grünen Rasen unten bunt umherlagen. Dann stieg ich selber
schnell herunter und ging durch den stillen Garten auf meine Wohnung zu.
Gar oft blieb ich da noch stehen auf manchem Plätzchen, wo ich sie sonst
wohl einmal gesehen oder im Schatten liegend an sie gedacht hatte.
In und um mein Häuschen sah alles noch so aus, wie ich es gestern
verlassen hatte. Das Gärtchen war geplündert und wüst, im Zimmer drin lag
noch das große Rechnungsbuch aufgeschlagen, meine Geige, die ich schon
fast ganz vergessen hatte, hing verstaubt an der Wand. Ein Morgenstrahl
aber aus dem gegenüberstehenden Fenster fuhr gerade blitzend über die
Saiten. Das gab einen rechten Klang in meinem Herzen. »Ja,« sagt ich,
»komm nur her, du getreues Instrument! Unser Reich ist nicht von dieser
Welt!« –
Und so nahm ich die Geige von der Wand, ließ Rechnungsbuch,
Schlafrock, Pantoffeln, Pfeifen und Parasol liegen und wanderte, arm wie
ich gekommen war, aus meinem Häuschen und auf der glänzenden
Landstraße von dannen.
Ich blickte noch oft zurück; mir war gar seltsam zumute, so traurig und
doch auch wieder so überaus fröhlich, wie ein Vogel, der aus seinem Käfig
ausreißt. Und als ich schon eine weite Strecke gegangen war, nahm ich
draußen im Freien meine Geige vor und sang:
»Den lieben Gott laß ich nur walten;
Der Bächlein, Lerchen, Wald und Feld
Und Erd und Himmel tut erhalten,
Hat auch mein Sach aufs best bestellt!«
Das Schloß, der Garten und die Türme von Wien waren schon hinter
mir im Morgenduft versunken, über mir jubilierten unzählige Lerchen hoch
in der Luft; so zog ich zwischen den grünen Bergen und an lustigen Städten
und Dörfern vorbei gen Italien hinunter.
ist!«
Und hiermit nahm ich mein Körbchen und warf es hoch in die Luft, so
daß es recht lieblich anzusehen war, wie die Blumen zwischen den Zweigen
und auf dem grünen Rasen unten bunt umherlagen. Dann stieg ich selber
schnell herunter und ging durch den stillen Garten auf meine Wohnung zu.
Gar oft blieb ich da noch stehen auf manchem Plätzchen, wo ich sie sonst
wohl einmal gesehen oder im Schatten liegend an sie gedacht hatte.
In und um mein Häuschen sah alles noch so aus, wie ich es gestern
verlassen hatte. Das Gärtchen war geplündert und wüst, im Zimmer drin lag
noch das große Rechnungsbuch aufgeschlagen, meine Geige, die ich schon
fast ganz vergessen hatte, hing verstaubt an der Wand. Ein Morgenstrahl
aber aus dem gegenüberstehenden Fenster fuhr gerade blitzend über die
Saiten. Das gab einen rechten Klang in meinem Herzen. »Ja,« sagt ich,
»komm nur her, du getreues Instrument! Unser Reich ist nicht von dieser
Welt!« –
Und so nahm ich die Geige von der Wand, ließ Rechnungsbuch,
Schlafrock, Pantoffeln, Pfeifen und Parasol liegen und wanderte, arm wie
ich gekommen war, aus meinem Häuschen und auf der glänzenden
Landstraße von dannen.
Ich blickte noch oft zurück; mir war gar seltsam zumute, so traurig und
doch auch wieder so überaus fröhlich, wie ein Vogel, der aus seinem Käfig
ausreißt. Und als ich schon eine weite Strecke gegangen war, nahm ich
draußen im Freien meine Geige vor und sang:
»Den lieben Gott laß ich nur walten;
Der Bächlein, Lerchen, Wald und Feld
Und Erd und Himmel tut erhalten,
Hat auch mein Sach aufs best bestellt!«
Das Schloß, der Garten und die Türme von Wien waren schon hinter
mir im Morgenduft versunken, über mir jubilierten unzählige Lerchen hoch
in der Luft; so zog ich zwischen den grünen Bergen und an lustigen Städten
und Dörfern vorbei gen Italien hinunter.
Page 27
Drittes Kapitel
Aber das war nun schlimm! Ich hatte noch gar nicht daran gedacht, daß
ich eigentlich den rechten Weg nicht wußte. Auch war ringsumher kein
Mensch zu sehen in der stillen Morgenstunde, den ich hätte fragen können,
und nicht weit von mir teilte sich die Landstraße in viele neue Landstraßen,
die gingen weit, weit über die höchsten Berge fort, als führten sie aus der
Welt hinaus, so daß mir ordentlich schwindelte, wenn ich recht hinsah.
Endlich kam ein Bauer des Weges daher, der, glaub ich, nach der Kirche
ging, da es heut eben Sonntag war, in einem altmodischen Überrock mit
großen silbernen Knöpfen und einem langen spanischen Rohr mit einem
sehr massiven silbernen Stockknopf darauf, der schon von weitem in der
Sonne funkelte. Ich frug ihn sogleich mit vieler Höflichkeit: »Können Sie
mir nicht sagen, wo der Weg nach Italien geht?« – Der Bauer blieb stehen,
sah mich an, besann sich dann mit weit vorgeschobener Unterlippe und sah
mich wieder an. Ich sagte noch einmal: »Nach Italien, wo die Pomeranzen
wachsen.« – »Ach, was gehn mich Seine Pomeranzen an!« sagte der Bauer
da und schritt wacker wieder weiter. Ich hätte dem Manne mehr Konduite
zugetraut, denn er sah recht stattlich aus.
Was war nun zu machen? Wieder umkehren und in mein Dorf
zurückgehn? Da hätten die Leute mit den Fingern auf mich gewiesen, und
die Jungen wären um mich herumgesprungen: »Ei, tausend willkommen
aus der Welt! wie sieht es denn aus in der Welt? hat Er uns nicht
Pfefferkuchen mitgebracht aus der Welt?« – Der Portier mit der
kurfürstlichen Nase, welcher überhaupt viele Kenntnisse von der
Weltgeschichte hatte, sagte oft zu mir: »Wertgeschätzter Herr Einnehmer!
Italien ist ein schönes Land, da sorgt der liebe Gott für alles, da kann man
sich im Sonnenschein auf den Rücken legen, so wachsen einem die Rosinen
Aber das war nun schlimm! Ich hatte noch gar nicht daran gedacht, daß
ich eigentlich den rechten Weg nicht wußte. Auch war ringsumher kein
Mensch zu sehen in der stillen Morgenstunde, den ich hätte fragen können,
und nicht weit von mir teilte sich die Landstraße in viele neue Landstraßen,
die gingen weit, weit über die höchsten Berge fort, als führten sie aus der
Welt hinaus, so daß mir ordentlich schwindelte, wenn ich recht hinsah.
Endlich kam ein Bauer des Weges daher, der, glaub ich, nach der Kirche
ging, da es heut eben Sonntag war, in einem altmodischen Überrock mit
großen silbernen Knöpfen und einem langen spanischen Rohr mit einem
sehr massiven silbernen Stockknopf darauf, der schon von weitem in der
Sonne funkelte. Ich frug ihn sogleich mit vieler Höflichkeit: »Können Sie
mir nicht sagen, wo der Weg nach Italien geht?« – Der Bauer blieb stehen,
sah mich an, besann sich dann mit weit vorgeschobener Unterlippe und sah
mich wieder an. Ich sagte noch einmal: »Nach Italien, wo die Pomeranzen
wachsen.« – »Ach, was gehn mich Seine Pomeranzen an!« sagte der Bauer
da und schritt wacker wieder weiter. Ich hätte dem Manne mehr Konduite
zugetraut, denn er sah recht stattlich aus.
Was war nun zu machen? Wieder umkehren und in mein Dorf
zurückgehn? Da hätten die Leute mit den Fingern auf mich gewiesen, und
die Jungen wären um mich herumgesprungen: »Ei, tausend willkommen
aus der Welt! wie sieht es denn aus in der Welt? hat Er uns nicht
Pfefferkuchen mitgebracht aus der Welt?« – Der Portier mit der
kurfürstlichen Nase, welcher überhaupt viele Kenntnisse von der
Weltgeschichte hatte, sagte oft zu mir: »Wertgeschätzter Herr Einnehmer!
Italien ist ein schönes Land, da sorgt der liebe Gott für alles, da kann man
sich im Sonnenschein auf den Rücken legen, so wachsen einem die Rosinen
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ins Maul, und wenn einen die Tarantel beißt, so tanzt man mit ungemeiner
Gelenkigkeit, wenn man auch sonst nicht tanzen gelernt hat.« – »Nein, nach
Italien, nach Italien!« rief ich voller Vergnügen aus und rannte, ohne an die
verschiedenen Wege zu denken, auf der Straße fort, die mir eben vor die
Füße kam.
Als ich eine Strecke so fortgewandert war, sah ich rechts von der Straße
einen sehr schönen Baumgarten, wo die Morgensonne so lustig zwischen
den Stämmen und Wipfeln hindurchschimmerte, daß es aussah, als wäre der
Rasen mit goldenen Teppichen belegt. Da ich keinen Menschen erblickte,
stieg ich über den niedrigen Gartenzaun und legte mich recht behaglich
unter einen Apfelbaum ins Gras, denn von dem gestrigen Nachtlager auf
dem Baume taten mir noch alle Glieder weh. Da konnte man weit ins Land
hinaussehen, und da es Sonntag war, so kamen bis aus der weitesten Ferne
Glockenklänge über die stillen Felder herüber, und geputzte Landleute
zogen überall zwischen Wiesen und Büschen nach der Kirche. Ich war recht
fröhlich im Herzen, die Vögel sangen über mir im Baume, ich dachte an
meine Mühle und an den Garten der schönen gnädigen Frau, und wie das
alles nun so weit, weit lag – bis ich zuletzt einschlummerte. Da träumte mir,
als käme diese schöne Frau aus der prächtigen Gegend unten zu mir
gegangen oder eigentlich langsam geflogen zwischen den Glockenklängen,
mit langen weißen Schleiern, die im Morgenrote wehten. Dann war es
wieder, als wären wir gar nicht in der Fremde, sondern bei meinem Dorfe
an der Mühle in den tiefen Schatten. Aber da war alles still und leer, wie
wenn die Leute Sonntags in der Kirche sind und nur der Orgelklang durch
die Bäume herüberkommt, daß es mir recht im Herzen weh tat. Die schöne
Frau aber war sehr gut und freundlich, sie hielt mich an der Hand und ging
mit mir und sang in einem fort in dieser Einsamkeit das schöne Lied, das sie
damals immer frühmorgens am offenen Fenster zur Gitarre gesungen hat,
und ich sah dabei ihr Bild in dem stillen Weiher, noch viel tausendmal
schöner, aber mit sonderbaren großen Augen, die mich so starr ansahen, daß
ich mich beinah gefürchtet hätte. – Da fing auf einmal die Mühle, erst in
einzelnen langsamen Schlägen, dann immer schneller und heftiger an zu
gehen und zu brausen, der Weiher wurde dunkel und kräuselte sich, die
schöne Frau wurde ganz bleich, und ihre Schleier wurden immer länger und
länger und flatterten entsetzlich in langen Spitzen, wie Nebelstreifen, hoch
am Himmel empor; das Sausen nahm immer mehr zu, oft war es, als bliese
Gelenkigkeit, wenn man auch sonst nicht tanzen gelernt hat.« – »Nein, nach
Italien, nach Italien!« rief ich voller Vergnügen aus und rannte, ohne an die
verschiedenen Wege zu denken, auf der Straße fort, die mir eben vor die
Füße kam.
Als ich eine Strecke so fortgewandert war, sah ich rechts von der Straße
einen sehr schönen Baumgarten, wo die Morgensonne so lustig zwischen
den Stämmen und Wipfeln hindurchschimmerte, daß es aussah, als wäre der
Rasen mit goldenen Teppichen belegt. Da ich keinen Menschen erblickte,
stieg ich über den niedrigen Gartenzaun und legte mich recht behaglich
unter einen Apfelbaum ins Gras, denn von dem gestrigen Nachtlager auf
dem Baume taten mir noch alle Glieder weh. Da konnte man weit ins Land
hinaussehen, und da es Sonntag war, so kamen bis aus der weitesten Ferne
Glockenklänge über die stillen Felder herüber, und geputzte Landleute
zogen überall zwischen Wiesen und Büschen nach der Kirche. Ich war recht
fröhlich im Herzen, die Vögel sangen über mir im Baume, ich dachte an
meine Mühle und an den Garten der schönen gnädigen Frau, und wie das
alles nun so weit, weit lag – bis ich zuletzt einschlummerte. Da träumte mir,
als käme diese schöne Frau aus der prächtigen Gegend unten zu mir
gegangen oder eigentlich langsam geflogen zwischen den Glockenklängen,
mit langen weißen Schleiern, die im Morgenrote wehten. Dann war es
wieder, als wären wir gar nicht in der Fremde, sondern bei meinem Dorfe
an der Mühle in den tiefen Schatten. Aber da war alles still und leer, wie
wenn die Leute Sonntags in der Kirche sind und nur der Orgelklang durch
die Bäume herüberkommt, daß es mir recht im Herzen weh tat. Die schöne
Frau aber war sehr gut und freundlich, sie hielt mich an der Hand und ging
mit mir und sang in einem fort in dieser Einsamkeit das schöne Lied, das sie
damals immer frühmorgens am offenen Fenster zur Gitarre gesungen hat,
und ich sah dabei ihr Bild in dem stillen Weiher, noch viel tausendmal
schöner, aber mit sonderbaren großen Augen, die mich so starr ansahen, daß
ich mich beinah gefürchtet hätte. – Da fing auf einmal die Mühle, erst in
einzelnen langsamen Schlägen, dann immer schneller und heftiger an zu
gehen und zu brausen, der Weiher wurde dunkel und kräuselte sich, die
schöne Frau wurde ganz bleich, und ihre Schleier wurden immer länger und
länger und flatterten entsetzlich in langen Spitzen, wie Nebelstreifen, hoch
am Himmel empor; das Sausen nahm immer mehr zu, oft war es, als bliese
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der Portier auf seinem Fagotte dazwischen, bis ich endlich mit heftigem
Herzklopfen aufwachte.
Es hatte sich wirklich ein Wind erhoben, der leise über mir durch den
Apfelbaum ging; aber was so brauste und rumorte, war weder die Mühle
noch der Portier, sondern derselbe Bauer, der mir vorhin den Weg nach
Italien nicht zeigen wollte. Er hatte aber seinen Sonntagsstaat ausgezogen
und stand in einem weißen Kamisol vor mir. »Na,« sagte er, da ich mir noch
den Schlaf aus den Augen wischte, »will Er etwa hier Poperenzen klauben,
daß er mir das schöne Gras so zertrampelt, anstatt in die Kirche zu gehen,
Er Faulenzer!« – Mich ärgerte es nur, daß mich der Grobian aufgeweckt
hatte. Ich sprang ganz erbost auf und versetzte geschwind: »Was, Er will
mich hier ausschimpfen? Ich bin Gärtner gewesen, eh Er daran dachte, und
Einnehmer, und wenn er zur Stadt gefahren wäre, hätte Er die schmierige
Schlafmütze vor mir abnehmen müssen, und hatte mein Haus und meinen
roten Schlafrock mit gelben Punkten.« Aber der Knollfink scherte sich gar
nichts darum, sondern stemmte beide Arme in die Seiten und sagte bloß:
»Was will er denn? he! he!« Dabei sah ich, daß es eigentlich ein kurzer,
stämmiger, krummbeiniger Kerl war, und vorstehende glotzende Augen und
eine rote, etwas schiefe Nase hatte. Und wie er immerfort nichts weiter
sagte als: »He! – he!« – und dabei jedesmal einen Schritt näher auf mich
zukam, da überfiel mich auf einmal eine so kuriose grausliche Angst, daß
ich mich schnell aufmachte, über den Zaun sprang und, ohne mich
umzusehen, immerfort querfeldein lief, daß mir die Geige in der Tasche
klang.
Als ich endlich wieder stillhielt, um Atem zu schöpfen, war der Garten
und das ganze Tal nicht mehr zu sehen, und ich stand in einem schönen
Walde. Aber ich gab nicht viel darauf acht, denn jetzt ärgerte mich das
Spektakel erst recht, und daß der Kerl mich immer Er nannte, und ich
schimpfte noch lange im stillen für mich. In solchen Gedanken ging ich
rasch fort und kam immer mehr von der Landstraße ab, mitten in das
Gebirge hinein. Der Holzweg, auf dem ich fortgelaufen war, hörte auf, und
ich hatte nur noch einen kleinen, wenig betretenen Fußsteig vor mir.
Ringsum war niemand zu sehen und kein Laut zu vernehmen. Sonst aber
war es recht anmutig zu gehen, die Wipfel der Bäume rauschten, und die
Vögel sangen sehr schön. Ich befahl mich daher Gottes Führung, zog meine
Herzklopfen aufwachte.
Es hatte sich wirklich ein Wind erhoben, der leise über mir durch den
Apfelbaum ging; aber was so brauste und rumorte, war weder die Mühle
noch der Portier, sondern derselbe Bauer, der mir vorhin den Weg nach
Italien nicht zeigen wollte. Er hatte aber seinen Sonntagsstaat ausgezogen
und stand in einem weißen Kamisol vor mir. »Na,« sagte er, da ich mir noch
den Schlaf aus den Augen wischte, »will Er etwa hier Poperenzen klauben,
daß er mir das schöne Gras so zertrampelt, anstatt in die Kirche zu gehen,
Er Faulenzer!« – Mich ärgerte es nur, daß mich der Grobian aufgeweckt
hatte. Ich sprang ganz erbost auf und versetzte geschwind: »Was, Er will
mich hier ausschimpfen? Ich bin Gärtner gewesen, eh Er daran dachte, und
Einnehmer, und wenn er zur Stadt gefahren wäre, hätte Er die schmierige
Schlafmütze vor mir abnehmen müssen, und hatte mein Haus und meinen
roten Schlafrock mit gelben Punkten.« Aber der Knollfink scherte sich gar
nichts darum, sondern stemmte beide Arme in die Seiten und sagte bloß:
»Was will er denn? he! he!« Dabei sah ich, daß es eigentlich ein kurzer,
stämmiger, krummbeiniger Kerl war, und vorstehende glotzende Augen und
eine rote, etwas schiefe Nase hatte. Und wie er immerfort nichts weiter
sagte als: »He! – he!« – und dabei jedesmal einen Schritt näher auf mich
zukam, da überfiel mich auf einmal eine so kuriose grausliche Angst, daß
ich mich schnell aufmachte, über den Zaun sprang und, ohne mich
umzusehen, immerfort querfeldein lief, daß mir die Geige in der Tasche
klang.
Als ich endlich wieder stillhielt, um Atem zu schöpfen, war der Garten
und das ganze Tal nicht mehr zu sehen, und ich stand in einem schönen
Walde. Aber ich gab nicht viel darauf acht, denn jetzt ärgerte mich das
Spektakel erst recht, und daß der Kerl mich immer Er nannte, und ich
schimpfte noch lange im stillen für mich. In solchen Gedanken ging ich
rasch fort und kam immer mehr von der Landstraße ab, mitten in das
Gebirge hinein. Der Holzweg, auf dem ich fortgelaufen war, hörte auf, und
ich hatte nur noch einen kleinen, wenig betretenen Fußsteig vor mir.
Ringsum war niemand zu sehen und kein Laut zu vernehmen. Sonst aber
war es recht anmutig zu gehen, die Wipfel der Bäume rauschten, und die
Vögel sangen sehr schön. Ich befahl mich daher Gottes Führung, zog meine
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Violine hervor und spielte alle meine liebsten Stücke durch, daß es recht
fröhlich in dem einsamen Walde erklang.
Mit dem Spielen ging es aber auch nicht lange, denn ich stolperte dabei
jeden Augenblick über die fatalen Baumwurzeln, auch fing mich zuletzt an
zu hungern, und der Wald wollte noch immer gar kein Ende nehmen. So
irrte ich den ganzen Tag herum, und die Sonne schien schon schief
zwischen den Baumstämmen hindurch, als ich endlich in ein kleines
Wiesental hinauskam, das rings von Bergen eingeschlossen und voller roter
und gelber Blumen war, über denen unzählige Schmetterlinge im
Abendgolde herumflatterten. Hier war es so einsam, als läge die Welt wohl
hundert Meilen weit weg. Nur die Heimchen zirpten, und ein Hirt lag
drüben im hohen Grase und blies so melancholisch auf seiner Schalmei, daß
einem das Herz vor Wehmut hätte zerspringen mögen. Ja, dachte ich bei
mir, wer es so gut hätte wie so ein Faulenzer! unsereiner muß sich in der
Fremde herumschlagen und immer attent sein. – Da ein schönes, klares
Flüßchen zwischen uns lag, über das ich nicht herüber konnte, so rief ich
ihm von weitem zu: wo hier das nächste Dorf läge? Er ließ sich aber nicht
stören, sondern streckte nur den Kopf ein wenig aus dem Grase hervor, wies
mit seiner Schalmei auf den andern Wald hin und blies ruhig wieder weiter.
Unterdes marschierte ich fleißig fort, denn es fing schon an zu
dämmern. Die Vögel, die alle noch ein großes Geschrei gemacht hatten, als
die letzten Sonnenstrahlen durch den Wald schimmerten, wurden auf einmal
still, und mir fing beinah an angst zu werden in dem ewigen einsamen
Rauschen der Wälder. Endlich hörte ich von ferne Hunde bellen. Ich schritt
rascher fort, der Wald wurde immer lichter und lichter, und bald darauf sah
ich zwischen den letzten Bäumen hindurch einen schönen grünen Platz, auf
dem viele Kinder lärmten und sich um eine große Linde herumtummelten,
die recht in der Mitte stand. Weiterhin an dem Platze war ein Wirtshaus, vor
dem einige Bauern um einen Tisch saßen und Karten spielten und Tabak
rauchten. Von der andern Seite saßen junge Bursche und Mädchen vor der
Tür, die die Arme in ihre Schürzen gewickelt hatten und in der Kühle
miteinander plauderten.
Ich besann mich nicht lange, zog meine Geige aus der Tasche und
spielte schnell einen lustigen Ländler auf, während ich aus dem Walde
hervortrat. Die Mädchen verwunderten sich, die Alten lachten, daß es weit
fröhlich in dem einsamen Walde erklang.
Mit dem Spielen ging es aber auch nicht lange, denn ich stolperte dabei
jeden Augenblick über die fatalen Baumwurzeln, auch fing mich zuletzt an
zu hungern, und der Wald wollte noch immer gar kein Ende nehmen. So
irrte ich den ganzen Tag herum, und die Sonne schien schon schief
zwischen den Baumstämmen hindurch, als ich endlich in ein kleines
Wiesental hinauskam, das rings von Bergen eingeschlossen und voller roter
und gelber Blumen war, über denen unzählige Schmetterlinge im
Abendgolde herumflatterten. Hier war es so einsam, als läge die Welt wohl
hundert Meilen weit weg. Nur die Heimchen zirpten, und ein Hirt lag
drüben im hohen Grase und blies so melancholisch auf seiner Schalmei, daß
einem das Herz vor Wehmut hätte zerspringen mögen. Ja, dachte ich bei
mir, wer es so gut hätte wie so ein Faulenzer! unsereiner muß sich in der
Fremde herumschlagen und immer attent sein. – Da ein schönes, klares
Flüßchen zwischen uns lag, über das ich nicht herüber konnte, so rief ich
ihm von weitem zu: wo hier das nächste Dorf läge? Er ließ sich aber nicht
stören, sondern streckte nur den Kopf ein wenig aus dem Grase hervor, wies
mit seiner Schalmei auf den andern Wald hin und blies ruhig wieder weiter.
Unterdes marschierte ich fleißig fort, denn es fing schon an zu
dämmern. Die Vögel, die alle noch ein großes Geschrei gemacht hatten, als
die letzten Sonnenstrahlen durch den Wald schimmerten, wurden auf einmal
still, und mir fing beinah an angst zu werden in dem ewigen einsamen
Rauschen der Wälder. Endlich hörte ich von ferne Hunde bellen. Ich schritt
rascher fort, der Wald wurde immer lichter und lichter, und bald darauf sah
ich zwischen den letzten Bäumen hindurch einen schönen grünen Platz, auf
dem viele Kinder lärmten und sich um eine große Linde herumtummelten,
die recht in der Mitte stand. Weiterhin an dem Platze war ein Wirtshaus, vor
dem einige Bauern um einen Tisch saßen und Karten spielten und Tabak
rauchten. Von der andern Seite saßen junge Bursche und Mädchen vor der
Tür, die die Arme in ihre Schürzen gewickelt hatten und in der Kühle
miteinander plauderten.
Ich besann mich nicht lange, zog meine Geige aus der Tasche und
spielte schnell einen lustigen Ländler auf, während ich aus dem Walde
hervortrat. Die Mädchen verwunderten sich, die Alten lachten, daß es weit
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in den Wald hineinschallte. Als ich aber so bis zu der Linde gekommen war
und mich mit dem Rücken dran lehnte und immerfort spielte, da ging ein
heimliches Rumoren und Gewisper unter den jungen Leuten rechts und
links, die Burschen legten endlich ihre Sonntagspfeifen weg, jeder nahm die
Seine, und eh ichs mir versah, schwenkte sich das junge Bauernvolk tüchtig
um mich herum, die Hunde bellten, die Kittel flogen, und die Kinder
standen um mich im Kreise und sahen mir neugierig ins Gesicht und auf die
Finger, wie ich so fix damit hantierte.
Wie der erste Schleifer vorbei war, konnte ich erst recht sehen, wie eine
gute Musik in die Gliedmaßen fährt. Die Bauernburschen, die sich vorher,
die Pfeifen im Munde, auf den Bänken reckten und die steifen Beine von
sich streckten, waren nun auf einmal wie umgetauscht, ließen ihre bunten
Schnupftücher vorn am Knopfloch lang herunterhängen und kapriolten so
artig um die Mädchen herum, daß es eine rechte Lust anzuschauen war.
Einer von ihnen, der sich schon für was Rechtes hielt, haspelte lange in
seiner Westentasche, damit es die andern sehen sollten, und brachte endlich
ein kleines Silberstück heraus, das er mir in die Hand drücken wollte. Mich
ärgerte das, wenn ich gleich dazumal kein Geld in der Tasche hatte. Ich
sagte ihm, er sollte nur seine Pfennige behalten, ich spielte nur so aus
Freude, weil ich wieder bei Menschen wäre. Bald darauf aber kam ein
schmuckes Mädchen mit einer großen Stampe Wein zu mir. »Musikanten
trinken gern«, sagte sie und lachte mich freundlich an, und ihre perlweißen
Zähne schimmerten recht scharmant zwischen den roten Lippen hindurch,
so daß ich sie wohl hätte darauf küssen mögen. Sie tunkte ihr Schnäbelchen
in den Wein, wobei ihre Augen über das Glas weg auf mich
herüberfunkelten, und reichte mir darauf die Stampe hin. Da trank ich das
Glas bis auf den Grund aus und spielte dann wieder von frischem, daß sich
alles lustig um mich herumdrehte.
Die Alten waren unterdes von ihrem Spiel aufgebrochen, die jungen
Leute fingen auch an müde zu werden und zerstreuten sich, und so wurde es
nach und nach ganz still und leer vor dem Wirtshause. Auch das Mädchen,
das mir den Wein gereicht hatte, ging nun nach dem Dorfe zu, aber sie ging
sehr langsam und sah sich zuweilen um, als ob sie was vergessen hätte.
Endlich blieb sie stehen und suchte etwas auf der Erde, aber ich sah wohl,
daß sie, wenn sie sich bückte, unter dem Arme hindurch nach mir
zurückblickte. Ich hatte auf dem Schlosse Lebensart gelernt, ich sprang also
und mich mit dem Rücken dran lehnte und immerfort spielte, da ging ein
heimliches Rumoren und Gewisper unter den jungen Leuten rechts und
links, die Burschen legten endlich ihre Sonntagspfeifen weg, jeder nahm die
Seine, und eh ichs mir versah, schwenkte sich das junge Bauernvolk tüchtig
um mich herum, die Hunde bellten, die Kittel flogen, und die Kinder
standen um mich im Kreise und sahen mir neugierig ins Gesicht und auf die
Finger, wie ich so fix damit hantierte.
Wie der erste Schleifer vorbei war, konnte ich erst recht sehen, wie eine
gute Musik in die Gliedmaßen fährt. Die Bauernburschen, die sich vorher,
die Pfeifen im Munde, auf den Bänken reckten und die steifen Beine von
sich streckten, waren nun auf einmal wie umgetauscht, ließen ihre bunten
Schnupftücher vorn am Knopfloch lang herunterhängen und kapriolten so
artig um die Mädchen herum, daß es eine rechte Lust anzuschauen war.
Einer von ihnen, der sich schon für was Rechtes hielt, haspelte lange in
seiner Westentasche, damit es die andern sehen sollten, und brachte endlich
ein kleines Silberstück heraus, das er mir in die Hand drücken wollte. Mich
ärgerte das, wenn ich gleich dazumal kein Geld in der Tasche hatte. Ich
sagte ihm, er sollte nur seine Pfennige behalten, ich spielte nur so aus
Freude, weil ich wieder bei Menschen wäre. Bald darauf aber kam ein
schmuckes Mädchen mit einer großen Stampe Wein zu mir. »Musikanten
trinken gern«, sagte sie und lachte mich freundlich an, und ihre perlweißen
Zähne schimmerten recht scharmant zwischen den roten Lippen hindurch,
so daß ich sie wohl hätte darauf küssen mögen. Sie tunkte ihr Schnäbelchen
in den Wein, wobei ihre Augen über das Glas weg auf mich
herüberfunkelten, und reichte mir darauf die Stampe hin. Da trank ich das
Glas bis auf den Grund aus und spielte dann wieder von frischem, daß sich
alles lustig um mich herumdrehte.
Die Alten waren unterdes von ihrem Spiel aufgebrochen, die jungen
Leute fingen auch an müde zu werden und zerstreuten sich, und so wurde es
nach und nach ganz still und leer vor dem Wirtshause. Auch das Mädchen,
das mir den Wein gereicht hatte, ging nun nach dem Dorfe zu, aber sie ging
sehr langsam und sah sich zuweilen um, als ob sie was vergessen hätte.
Endlich blieb sie stehen und suchte etwas auf der Erde, aber ich sah wohl,
daß sie, wenn sie sich bückte, unter dem Arme hindurch nach mir
zurückblickte. Ich hatte auf dem Schlosse Lebensart gelernt, ich sprang also
Page 32
geschwind herzu und sagte: »Haben Sie etwas verloren, schönste
Mamsell?« – »Ach nein,« sagte sie und wurde über und über rot, »es war
nur eine Rose – will Er sie haben?« – Ich dankte und steckte die Rose ins
Knopfloch. Sie sah mich sehr freundlich an und sagte: »Er spielt recht
schön.« – »Ja,« versetzte ich, »das ist so eine Gabe Gottes.« – »Die
Musikanten sind hier in der Gegend sehr rar«, hub das Mädchen dann
wieder an und stockte und hatte die Augen beständig niedergeschlagen. »Er
könnte sich hier ein gutes Stück Geld verdienen – auch mein Vater spielt
etwas die Geige und hört gern von der Fremde erzählen – und mein Vater ist
sehr reich.« – Dann lachte sie auf und sagte: »Wenn Er nur nicht immer
solche Grimassen machen möchte mit dem Kopfe, beim Geigen!« –
»Teuerste Jungfer,« erwiderte ich, »erstlich: nennen Sie mich nur nicht
immer Er; sodann mit den Kopftremulenzen, das ist einmal nicht anders,
das haben wir Virtuosen alle so an uns.« – »Ach so!« entgegnete das
Mädchen. Sie wollte noch etwas mehr sagen, aber da entstand auf einmal
ein entsetzliches Gepolter im Wirtshause, die Haustür ging mit großem
Gekrache auf, und ein dünner Kerl kam wie ein ausgeschoßner Ladestock
herausgeflogen, worauf die Tür sogleich wieder hinter ihm zugeschlagen
wurde.
Das Mädchen war bei dem ersten Geräusch wie ein Reh
davongesprungen und im Dunkel verschwunden. Die Figur vor der Tür aber
raffte sich hurtig wieder vom Boden auf und fing nun an mit solcher
Geschwindigkeit gegen das Haus loszuschimpfen, daß es ordentlich zum
Erstaunen war. »Was!« schrie er, »ich besoffen? ich die Kreidestriche an der
verräucherten Tür nicht bezahlen? Löscht sie aus, löscht sie aus! Hab ich
euch nicht erst gestern übern Kochlöffel barbiert und in die Nase
geschnitten, daß ihr mir den Löffel morsch entzweigebissen habt? Barbieren
macht einen Strich – Kochlöffel, wieder ein Strich – Pflaster auf die Nase,
noch ein Strich – wieviel solche hundsföttische Striche wollt ihr denn noch
bezahlt haben? Aber gut, schon gut, ich lasse das ganze Dorf, die ganze
Welt ungeschoren. Lauft meinetwegen mit euren Bärten, daß der liebe Gott
am Jüngsten Tage nicht weiß, ob ihr Juden seid oder Christen! Ja, hängt
euch an euren eigenen Bärten auf, ihr zottigen Landbären!« Hier brach er
auf einmal in ein jämmerliches Weinen aus und fuhr ganz erbärmlich durch
die Fistel fort: »Wasser soll ich saufen wie ein elender Fisch? Ist das
Nächstenliebe? Bin ich nicht ein Mensch und ein ausgelernter Feldscher?
Mamsell?« – »Ach nein,« sagte sie und wurde über und über rot, »es war
nur eine Rose – will Er sie haben?« – Ich dankte und steckte die Rose ins
Knopfloch. Sie sah mich sehr freundlich an und sagte: »Er spielt recht
schön.« – »Ja,« versetzte ich, »das ist so eine Gabe Gottes.« – »Die
Musikanten sind hier in der Gegend sehr rar«, hub das Mädchen dann
wieder an und stockte und hatte die Augen beständig niedergeschlagen. »Er
könnte sich hier ein gutes Stück Geld verdienen – auch mein Vater spielt
etwas die Geige und hört gern von der Fremde erzählen – und mein Vater ist
sehr reich.« – Dann lachte sie auf und sagte: »Wenn Er nur nicht immer
solche Grimassen machen möchte mit dem Kopfe, beim Geigen!« –
»Teuerste Jungfer,« erwiderte ich, »erstlich: nennen Sie mich nur nicht
immer Er; sodann mit den Kopftremulenzen, das ist einmal nicht anders,
das haben wir Virtuosen alle so an uns.« – »Ach so!« entgegnete das
Mädchen. Sie wollte noch etwas mehr sagen, aber da entstand auf einmal
ein entsetzliches Gepolter im Wirtshause, die Haustür ging mit großem
Gekrache auf, und ein dünner Kerl kam wie ein ausgeschoßner Ladestock
herausgeflogen, worauf die Tür sogleich wieder hinter ihm zugeschlagen
wurde.
Das Mädchen war bei dem ersten Geräusch wie ein Reh
davongesprungen und im Dunkel verschwunden. Die Figur vor der Tür aber
raffte sich hurtig wieder vom Boden auf und fing nun an mit solcher
Geschwindigkeit gegen das Haus loszuschimpfen, daß es ordentlich zum
Erstaunen war. »Was!« schrie er, »ich besoffen? ich die Kreidestriche an der
verräucherten Tür nicht bezahlen? Löscht sie aus, löscht sie aus! Hab ich
euch nicht erst gestern übern Kochlöffel barbiert und in die Nase
geschnitten, daß ihr mir den Löffel morsch entzweigebissen habt? Barbieren
macht einen Strich – Kochlöffel, wieder ein Strich – Pflaster auf die Nase,
noch ein Strich – wieviel solche hundsföttische Striche wollt ihr denn noch
bezahlt haben? Aber gut, schon gut, ich lasse das ganze Dorf, die ganze
Welt ungeschoren. Lauft meinetwegen mit euren Bärten, daß der liebe Gott
am Jüngsten Tage nicht weiß, ob ihr Juden seid oder Christen! Ja, hängt
euch an euren eigenen Bärten auf, ihr zottigen Landbären!« Hier brach er
auf einmal in ein jämmerliches Weinen aus und fuhr ganz erbärmlich durch
die Fistel fort: »Wasser soll ich saufen wie ein elender Fisch? Ist das
Nächstenliebe? Bin ich nicht ein Mensch und ein ausgelernter Feldscher?
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Ach, ich bin heute so in der Rage! Mein Herz ist voller Rührung und
Menschenliebe!« Bei diesen Worten zog er sich nach und nach zurück, da
im Hause alles still blieb. Als er mich erblickte, kam er mit ausgebreiteten
Armen auf mich los, ich glaubte, der tolle Kerl wollte mich embrassieren.
Ich sprang aber auf die Seite, und so stolperte er weiter, und ich hörte ihn
noch lange, bald grob, bald fein, durch die Finsternis mit sich diskurieren.
Mir aber ging mancherlei im Kopfe herum. Die Jungfer, die mir vorhin
die Rose geschenkt hatte, war jung, schön und reich – ich konnte da mein
Glück machen, eh man die Hand umkehrte. Und Hammel und Schweine,
Puter und fette Gänse mit Äpfeln gestopft – ja, es war mir nicht anders, als
säh ich den Portier auf mich zukommen: Greif zu, Einnehmer, greif zu!
jung gefreit hat niemand gereut, wers Glück hat, führt die Braut heim,
bleibe im Lande und nähre dich tüchtig. In solchen philosophischen
Gedanken setzte ich mich auf dem Platze, der nun ganz einsam war, auf
einen Stein nieder, denn an das Wirtshaus anzuklopfen traute ich mich
nicht, weil ich kein Geld bei mir hatte. Der Mond schien prächtig, von den
Bergen rauschten die Wälder durch die stille Nacht herüber, manchmal
schlugen im Dorfe die Hunde an, das weiter im Tale unter Bäumen und
Mondschein wie begraben lag. Ich betrachtete das Firmament, wie da
einzelne Wolken langsam durch den Mondschein zogen und manchmal ein
Stern weit in der Ferne herunterfiel. So, dachte ich, scheint der Mond auch
über meines Vaters Mühle und auf das weiße gräfliche Schloß. Dort ist nun
auch schon alles lange still, die gnädige Frau schläft, und die Wasserkünste
und Bäume im Garten rauschen noch immerfort wie damals, und allen ists
gleich, ob ich noch da bin oder in der Fremde oder gestorben. – Da kam mir
die Welt auf einmal so entsetzlich weit und groß vor, und ich so ganz allein
darin, daß ich aus Herzensgrunde hätte weinen mögen.
Wie ich noch immer so dasitze, höre ich auf einmal aus der Ferne
Hufschlag im Walde. Ich hielt den Atem an und lauschte, da kam es immer
näher und näher, und ich konnte schon die Pferde schnauben hören. Bald
darauf kamen auch wirklich zwei Reiter unter den Bäumen hervor, hielten
aber am Saume des Waldes an und sprachen heimlich sehr eifrig
miteinander, wie ich an den Schatten sehen konnte, die plötzlich über den
mondbeglänzten Platz vorschossen und mit langen dunklen Armen bald
dahin bald dorthin wiesen. – Wie oft, wenn mir zu Hause meine verstorbene
Mutter von wilden Wäldern und martialischen Räubern erzählte, hatte ich
Menschenliebe!« Bei diesen Worten zog er sich nach und nach zurück, da
im Hause alles still blieb. Als er mich erblickte, kam er mit ausgebreiteten
Armen auf mich los, ich glaubte, der tolle Kerl wollte mich embrassieren.
Ich sprang aber auf die Seite, und so stolperte er weiter, und ich hörte ihn
noch lange, bald grob, bald fein, durch die Finsternis mit sich diskurieren.
Mir aber ging mancherlei im Kopfe herum. Die Jungfer, die mir vorhin
die Rose geschenkt hatte, war jung, schön und reich – ich konnte da mein
Glück machen, eh man die Hand umkehrte. Und Hammel und Schweine,
Puter und fette Gänse mit Äpfeln gestopft – ja, es war mir nicht anders, als
säh ich den Portier auf mich zukommen: Greif zu, Einnehmer, greif zu!
jung gefreit hat niemand gereut, wers Glück hat, führt die Braut heim,
bleibe im Lande und nähre dich tüchtig. In solchen philosophischen
Gedanken setzte ich mich auf dem Platze, der nun ganz einsam war, auf
einen Stein nieder, denn an das Wirtshaus anzuklopfen traute ich mich
nicht, weil ich kein Geld bei mir hatte. Der Mond schien prächtig, von den
Bergen rauschten die Wälder durch die stille Nacht herüber, manchmal
schlugen im Dorfe die Hunde an, das weiter im Tale unter Bäumen und
Mondschein wie begraben lag. Ich betrachtete das Firmament, wie da
einzelne Wolken langsam durch den Mondschein zogen und manchmal ein
Stern weit in der Ferne herunterfiel. So, dachte ich, scheint der Mond auch
über meines Vaters Mühle und auf das weiße gräfliche Schloß. Dort ist nun
auch schon alles lange still, die gnädige Frau schläft, und die Wasserkünste
und Bäume im Garten rauschen noch immerfort wie damals, und allen ists
gleich, ob ich noch da bin oder in der Fremde oder gestorben. – Da kam mir
die Welt auf einmal so entsetzlich weit und groß vor, und ich so ganz allein
darin, daß ich aus Herzensgrunde hätte weinen mögen.
Wie ich noch immer so dasitze, höre ich auf einmal aus der Ferne
Hufschlag im Walde. Ich hielt den Atem an und lauschte, da kam es immer
näher und näher, und ich konnte schon die Pferde schnauben hören. Bald
darauf kamen auch wirklich zwei Reiter unter den Bäumen hervor, hielten
aber am Saume des Waldes an und sprachen heimlich sehr eifrig
miteinander, wie ich an den Schatten sehen konnte, die plötzlich über den
mondbeglänzten Platz vorschossen und mit langen dunklen Armen bald
dahin bald dorthin wiesen. – Wie oft, wenn mir zu Hause meine verstorbene
Mutter von wilden Wäldern und martialischen Räubern erzählte, hatte ich
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mir sonst immer heimlich gewünscht, eine solche Geschichte selbst zu
erleben. Da hatt ichs nun auf einmal für meine dummen, frevelmütigen
Gedanken! – Ich streckte mich nun an dem Lindenbaum, unter dem ich
gesessen, ganz unmerklich so lang aus, als ich nur konnte, bis ich den ersten
Ast erreicht hatte und mich geschwinde hinaufschwang. Aber ich baumelte
noch mit halbem Leibe über dem Aste und wollte soeben auch meine Beine
nachholen, als der eine von den Reitern rasch hinter mir über den Platz
dahertrabte. Ich drückte nun die Augen fest zu in dem dunklen Laube und
rührte und regte mich nicht. – »Wer ist da?« rief es auf einmal dicht hinter
mir. »Niemand!« schrie ich aus Leibeskräften vor Schreck, daß er mich
doch noch erwischt hatte. Insgeheim mußte ich aber doch bei mir lachen,
wie die Kerls sich schneiden würden, wenn sie mir die leeren Taschen
umdrehten. – »Ei, ei,« sagte der Räuber wieder, »wem gehören denn aber
die zwei Beine, die da herunterhängen?« – Da half nichts mehr. »Nichts
weiter«, versetzte ich, »als ein paar arme, verirrte Musikantenbeine«, und
ließ mich rasch wieder auf den Boden herab, denn ich schämte mich auch,
länger wie eine zerbrochene Gabel da über dem Aste zu hängen.
Das Pferd des Reiters scheute, als ich so plötzlich vom Baume
herunterfuhr. Er klopfte ihm den Hals und sagte lachend: »Nun, wir sind
auch verirrt, da sind wir rechte Kameraden; ich dächte also, du helfest uns
ein wenig den Weg nach B. aufsuchen. Es soll dein Schade nicht sein.« Ich
hatte nun gut beteuern, daß ich gar nicht wüßte, wo B. läge, daß ich lieber
hier im Wirtshause fragen oder sie in das Dorf hinunterführen wollte. Der
Kerl nahm gar keine Räson an. Er zog ganz ruhig eine Pistole aus dem
Gurt, die recht hübsch im Mondschein funkelte. »Mein Liebster,« sagte er
dabei sehr freundschaftlich zu mir, während er bald den Lauf der Pistole
abwischte, bald wieder prüfend an die Augen hielt, »mein Liebster, du wirst
wohl so gut sein, selber nach B. vorauszugehen.«
Da war ich nun recht übel daran. Traf ich den Weg, so kam ich gewiß zu
der Räuberbande und bekam Prügel, da ich kein Geld bei mir hatte, traf ich
ihn nicht – so bekam ich auch Prügel. Ich besann mich also nicht lange und
schlug den ersten besten Weg ein, der an dem Wirtshause vorüber vom
Dorfe abführte. Der Reiter sprengte schnell zu seinem Begleiter zurück, und
beide folgten mir dann in einiger Entfernung langsam nach. So zogen wir
eigentlich recht närrisch auf gut Glück in die mondhelle Nacht hinein. Der
Weg lief immerfort im Walde an einem Bergeshange fort. Zuweilen konnte
erleben. Da hatt ichs nun auf einmal für meine dummen, frevelmütigen
Gedanken! – Ich streckte mich nun an dem Lindenbaum, unter dem ich
gesessen, ganz unmerklich so lang aus, als ich nur konnte, bis ich den ersten
Ast erreicht hatte und mich geschwinde hinaufschwang. Aber ich baumelte
noch mit halbem Leibe über dem Aste und wollte soeben auch meine Beine
nachholen, als der eine von den Reitern rasch hinter mir über den Platz
dahertrabte. Ich drückte nun die Augen fest zu in dem dunklen Laube und
rührte und regte mich nicht. – »Wer ist da?« rief es auf einmal dicht hinter
mir. »Niemand!« schrie ich aus Leibeskräften vor Schreck, daß er mich
doch noch erwischt hatte. Insgeheim mußte ich aber doch bei mir lachen,
wie die Kerls sich schneiden würden, wenn sie mir die leeren Taschen
umdrehten. – »Ei, ei,« sagte der Räuber wieder, »wem gehören denn aber
die zwei Beine, die da herunterhängen?« – Da half nichts mehr. »Nichts
weiter«, versetzte ich, »als ein paar arme, verirrte Musikantenbeine«, und
ließ mich rasch wieder auf den Boden herab, denn ich schämte mich auch,
länger wie eine zerbrochene Gabel da über dem Aste zu hängen.
Das Pferd des Reiters scheute, als ich so plötzlich vom Baume
herunterfuhr. Er klopfte ihm den Hals und sagte lachend: »Nun, wir sind
auch verirrt, da sind wir rechte Kameraden; ich dächte also, du helfest uns
ein wenig den Weg nach B. aufsuchen. Es soll dein Schade nicht sein.« Ich
hatte nun gut beteuern, daß ich gar nicht wüßte, wo B. läge, daß ich lieber
hier im Wirtshause fragen oder sie in das Dorf hinunterführen wollte. Der
Kerl nahm gar keine Räson an. Er zog ganz ruhig eine Pistole aus dem
Gurt, die recht hübsch im Mondschein funkelte. »Mein Liebster,« sagte er
dabei sehr freundschaftlich zu mir, während er bald den Lauf der Pistole
abwischte, bald wieder prüfend an die Augen hielt, »mein Liebster, du wirst
wohl so gut sein, selber nach B. vorauszugehen.«
Da war ich nun recht übel daran. Traf ich den Weg, so kam ich gewiß zu
der Räuberbande und bekam Prügel, da ich kein Geld bei mir hatte, traf ich
ihn nicht – so bekam ich auch Prügel. Ich besann mich also nicht lange und
schlug den ersten besten Weg ein, der an dem Wirtshause vorüber vom
Dorfe abführte. Der Reiter sprengte schnell zu seinem Begleiter zurück, und
beide folgten mir dann in einiger Entfernung langsam nach. So zogen wir
eigentlich recht närrisch auf gut Glück in die mondhelle Nacht hinein. Der
Weg lief immerfort im Walde an einem Bergeshange fort. Zuweilen konnte
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man über die Tannenwipfel, die von unten herauflangten und sich dunkel
rührten, weit in die tiefen, stillen Täler hinaussehen, hin und her schlug eine
Nachtigall, Hunde bellten in der Ferne in den Dörfern. Ein Fluß rauschte
beständig aus der Tiefe und blitzte zuweilen im Mondschein auf. Dabei das
einförmige Pferdegetrappel und das Wirren und Schwirren der Reiter hinter
mir, die unaufhörlich in einer fremden Sprache miteinander plauderten, und
das helle Mondlicht und die langen Schatten der Baumstämme, die
wechselnd über die beiden Reiter wegflogen, daß sie mir bald schwarz, bald
hell, bald klein, bald wieder riesengroß vorkamen. Mir verwirrten sich
ordentlich die Gedanken, als läge ich in einem Traum und könnte gar nicht
aufwachen. Ich schritt immer stramm vor mich hin. Wir müssen, dachte ich,
doch am Ende aus dem Walde und aus der Nacht herauskommen.
Endlich flogen hin und wieder schon lange rötliche Scheine über den
Himmel, ganz leise, wie wenn man über einen Spiegel haucht, auch eine
Lerche sang schon hoch über dem stillen Tale. Da wurde mir auf einmal
ganz klar im Herzen bei dem Morgengruße, und alle Furcht war vorüber.
Die beiden Reiter aber streckten sich und sahen sich nach allen Seiten um
und schienen nun erst gewahr zu werden, daß wir doch wohl nicht auf dem
rechten Wege sein mochten. Sie plauderten wieder viel, und ich merkte
wohl, daß sie von mir sprachen, ja es kam mir vor, als finge der eine sich
vor mir zu fürchten an, als könnt ich wohl gar so ein heimlicher
Schnapphahn sein, der sie im Walde irreführen wollte. Das machte mir
Spaß, denn je lichter es ringsum wurde, je mehr Courage kriegt ich, zumal
da wir soeben auf einen schönen freien Waldplatz herauskamen. Ich sah
mich daher nach allen Seiten ganz wild um und pfiff dann ein paarmal auf
den Fingern, wie die Spitzbuben tun, wenn sie sich einander Signale geben
wollen.
»Halt!« rief auf einmal der eine von den Reitern, daß ich ordentlich
zusammenfuhr. Wie ich mich umsehe, sind sie beide abgestiegen und haben
ihre Pferde an einen Baum angebunden. Der eine kommt aber rasch auf
mich los, sieht mir ganz starr ins Gesicht und fängt auf einmal ganz
unmäßig an zu lachen. Ich muß gestehen, mich ärgerte das unvernünftige
Gelächter. Er aber sagte: »Wahrhaftig, das ist der Gärtner, wollt sagen:
Einnehmer vom Schloß!«
rührten, weit in die tiefen, stillen Täler hinaussehen, hin und her schlug eine
Nachtigall, Hunde bellten in der Ferne in den Dörfern. Ein Fluß rauschte
beständig aus der Tiefe und blitzte zuweilen im Mondschein auf. Dabei das
einförmige Pferdegetrappel und das Wirren und Schwirren der Reiter hinter
mir, die unaufhörlich in einer fremden Sprache miteinander plauderten, und
das helle Mondlicht und die langen Schatten der Baumstämme, die
wechselnd über die beiden Reiter wegflogen, daß sie mir bald schwarz, bald
hell, bald klein, bald wieder riesengroß vorkamen. Mir verwirrten sich
ordentlich die Gedanken, als läge ich in einem Traum und könnte gar nicht
aufwachen. Ich schritt immer stramm vor mich hin. Wir müssen, dachte ich,
doch am Ende aus dem Walde und aus der Nacht herauskommen.
Endlich flogen hin und wieder schon lange rötliche Scheine über den
Himmel, ganz leise, wie wenn man über einen Spiegel haucht, auch eine
Lerche sang schon hoch über dem stillen Tale. Da wurde mir auf einmal
ganz klar im Herzen bei dem Morgengruße, und alle Furcht war vorüber.
Die beiden Reiter aber streckten sich und sahen sich nach allen Seiten um
und schienen nun erst gewahr zu werden, daß wir doch wohl nicht auf dem
rechten Wege sein mochten. Sie plauderten wieder viel, und ich merkte
wohl, daß sie von mir sprachen, ja es kam mir vor, als finge der eine sich
vor mir zu fürchten an, als könnt ich wohl gar so ein heimlicher
Schnapphahn sein, der sie im Walde irreführen wollte. Das machte mir
Spaß, denn je lichter es ringsum wurde, je mehr Courage kriegt ich, zumal
da wir soeben auf einen schönen freien Waldplatz herauskamen. Ich sah
mich daher nach allen Seiten ganz wild um und pfiff dann ein paarmal auf
den Fingern, wie die Spitzbuben tun, wenn sie sich einander Signale geben
wollen.
»Halt!« rief auf einmal der eine von den Reitern, daß ich ordentlich
zusammenfuhr. Wie ich mich umsehe, sind sie beide abgestiegen und haben
ihre Pferde an einen Baum angebunden. Der eine kommt aber rasch auf
mich los, sieht mir ganz starr ins Gesicht und fängt auf einmal ganz
unmäßig an zu lachen. Ich muß gestehen, mich ärgerte das unvernünftige
Gelächter. Er aber sagte: »Wahrhaftig, das ist der Gärtner, wollt sagen:
Einnehmer vom Schloß!«
Page 36
Ich sah ihn groß an, wußte mich aber seiner nicht zu erinnern, hätt auch
viel zu tun gehabt, wenn ich mir alle die jungen Herren hätte ansehen
wollen, die auf dem Schlosse ab und zu ritten. Er aber fuhr mit ewigem
Gelächter fort: »Das ist prächtig! Du vazierst, wie ich sehe, wir brauchen
eben einen Bedienten, bleib bei uns, da hast du ewige Vakanz.« – Ich war
ganz verblüfft und sagte endlich, daß ich soeben auf einer Reise nach Italien
begriffen wäre. – »Nach Italien?!« entgegnete der Fremde; »ebendahin
wollen auch wir!« – »Nun, wenn d a s ist!« rief ich aus und zog voller
Freude meine Geige aus der Tasche und strich, daß die Vögel im Walde
aufwachten. Der Herr aber erwischte geschwind den andern Herrn und
walzte mit ihm wie verrückt auf dem Rasen herum.
Dann standen sie plötzlich still. »Bei Gott,« rief der eine, »da seh ich
schon den Kirchturm von B.! Nun, da wollen wir bald unten sein.« Er zog
seine Uhr heraus und ließ sie repitieren, schüttelte mit dem Kopfe und ließ
noch einmal schlagen. »Nein,« sagte er, »das geht nicht, wir kommen so zu
früh hin, das könnte schlimm werden!«
Darauf holten sie von ihren Pferden Kuchen, Braten und Weinflaschen,
breiteten eine schöne bunte Decke auf dem grünen Rasen aus, streckten sich
darüber hin und schmausten sehr vergnüglich, teilten auch mir von allem
sehr reichlich mit, was mir gar wohl bekam, da ich seit einigen Tagen schon
nicht mehr vernünftig gespeist hatte. – »Und daß du's weißt,« sagte der eine
zu mir, – »aber du kennst uns doch nicht?« – Ich schüttelte mit dem Kopfe.
– »Also, daß du's weißt: ich bin der Maler Leonhard, und das dort ist –
wieder ein Maler – Guido geheißen.«
Ich besah mir nun die beiden Maler genauer bei der
Morgendämmerung. Der eine, Herr Leonhard, war groß, schlank, braun, mit
lustigen, feurigen Augen. Der andere war viel jünger, kleiner und feiner, auf
altdeutsche Mode gekleidet, wie es der Portier nannte, mit weißem Kragen
und bloßem Hals, um den die dunkelbraunen Locken herabhingen, die er oft
aus dem hübschen Gesichte wegschütteln mußte. – Als dieser genug
gefrühstückt hatte, griff er nach meiner Geige, die ich neben mir auf den
Boden gelegt hatte, setzte sich damit auf einen umgehauenen Baumast und
klimperte darauf mit den Fingern. Dann sang er dazu so hell wie ein
Waldvöglein, daß es mir recht durchs ganze Herz klang:
viel zu tun gehabt, wenn ich mir alle die jungen Herren hätte ansehen
wollen, die auf dem Schlosse ab und zu ritten. Er aber fuhr mit ewigem
Gelächter fort: »Das ist prächtig! Du vazierst, wie ich sehe, wir brauchen
eben einen Bedienten, bleib bei uns, da hast du ewige Vakanz.« – Ich war
ganz verblüfft und sagte endlich, daß ich soeben auf einer Reise nach Italien
begriffen wäre. – »Nach Italien?!« entgegnete der Fremde; »ebendahin
wollen auch wir!« – »Nun, wenn d a s ist!« rief ich aus und zog voller
Freude meine Geige aus der Tasche und strich, daß die Vögel im Walde
aufwachten. Der Herr aber erwischte geschwind den andern Herrn und
walzte mit ihm wie verrückt auf dem Rasen herum.
Dann standen sie plötzlich still. »Bei Gott,« rief der eine, »da seh ich
schon den Kirchturm von B.! Nun, da wollen wir bald unten sein.« Er zog
seine Uhr heraus und ließ sie repitieren, schüttelte mit dem Kopfe und ließ
noch einmal schlagen. »Nein,« sagte er, »das geht nicht, wir kommen so zu
früh hin, das könnte schlimm werden!«
Darauf holten sie von ihren Pferden Kuchen, Braten und Weinflaschen,
breiteten eine schöne bunte Decke auf dem grünen Rasen aus, streckten sich
darüber hin und schmausten sehr vergnüglich, teilten auch mir von allem
sehr reichlich mit, was mir gar wohl bekam, da ich seit einigen Tagen schon
nicht mehr vernünftig gespeist hatte. – »Und daß du's weißt,« sagte der eine
zu mir, – »aber du kennst uns doch nicht?« – Ich schüttelte mit dem Kopfe.
– »Also, daß du's weißt: ich bin der Maler Leonhard, und das dort ist –
wieder ein Maler – Guido geheißen.«
Ich besah mir nun die beiden Maler genauer bei der
Morgendämmerung. Der eine, Herr Leonhard, war groß, schlank, braun, mit
lustigen, feurigen Augen. Der andere war viel jünger, kleiner und feiner, auf
altdeutsche Mode gekleidet, wie es der Portier nannte, mit weißem Kragen
und bloßem Hals, um den die dunkelbraunen Locken herabhingen, die er oft
aus dem hübschen Gesichte wegschütteln mußte. – Als dieser genug
gefrühstückt hatte, griff er nach meiner Geige, die ich neben mir auf den
Boden gelegt hatte, setzte sich damit auf einen umgehauenen Baumast und
klimperte darauf mit den Fingern. Dann sang er dazu so hell wie ein
Waldvöglein, daß es mir recht durchs ganze Herz klang:
Page 37
»Fliegt der erste Morgenstrahl
Durch das stille Nebeltal,
Rauscht erwachend Wald und Hügel:
Wer da fliegen kann, nimmt Flügel!
Und sein Hütlein in die Luft
Wirft der Mensch vor Lust und ruft:
Hat Gesang doch auch noch Schwingen,
Nun so will ich fröhlich singen!«
Dabei spielten die rötlichen Morgenscheine recht anmutig über sein
etwas blasses Gesicht und die schwarzen verliebten Augen. Ich aber war so
müde, daß sich mir die Worte und Noten, während er so sang, immer mehr
verwirrten, bis ich zuletzt fest einschlief.
Als ich nach und nach wieder zu mir selber kam, hörte ich wie im
Traume die beiden Maler noch immer neben mir sprechen und die Vögel
über mir singen, und die Morgenstrahlen schimmerten mir durch die
geschlossenen Augen, daß mirs innerlich so dunkelhell war, wie wenn die
Sonne durch rotseidene Gardinen scheint. »Come è bello!« hört ich da dicht
neben mir ausrufen. Ich schlug die Augen auf und erblickte den jungen
Maler, der im funkelnden Morgenlicht über mich hergebeugt stand, so daß
beinah nur die großen schwarzen Augen zwischen den herabhängenden
Locken zu sehen waren.
Ich sprang geschwind auf, denn es war schon heller Tag geworden. Der
Herr Leonhard schien verdrüßlich zu sein, er hatte zwei zornige Falten auf
der Stirn und trieb hastig zum Aufbruch. Der andere Maler aber schüttelte
seine Locken aus dem Gesicht und trällerte, während er sein Pferd
aufzäumte, ruhig ein Liedchen vor sich hin, bis Leonhard zuletzt plötzlich
laut auflachte, schnell eine Flasche ergriff, die noch auf dem Rasen stand,
und den Rest in die Gläser einschenkte. »Auf eine glückliche Ankunft!« rief
er aus, sie stießen mit den Gläsern zusammen, es gab einen schönen Klang.
Darauf schleuderte Leonhard die leere Flasche hoch ins Morgenrot, daß es
lustig in der Luft funkelte.
Endlich setzten sie sich auf ihre Pferde, und ich marschierte frisch
wieder nebenher. Gerade vor uns lag ein unübersehbares Tal, in das wir nun
Durch das stille Nebeltal,
Rauscht erwachend Wald und Hügel:
Wer da fliegen kann, nimmt Flügel!
Und sein Hütlein in die Luft
Wirft der Mensch vor Lust und ruft:
Hat Gesang doch auch noch Schwingen,
Nun so will ich fröhlich singen!«
Dabei spielten die rötlichen Morgenscheine recht anmutig über sein
etwas blasses Gesicht und die schwarzen verliebten Augen. Ich aber war so
müde, daß sich mir die Worte und Noten, während er so sang, immer mehr
verwirrten, bis ich zuletzt fest einschlief.
Als ich nach und nach wieder zu mir selber kam, hörte ich wie im
Traume die beiden Maler noch immer neben mir sprechen und die Vögel
über mir singen, und die Morgenstrahlen schimmerten mir durch die
geschlossenen Augen, daß mirs innerlich so dunkelhell war, wie wenn die
Sonne durch rotseidene Gardinen scheint. »Come è bello!« hört ich da dicht
neben mir ausrufen. Ich schlug die Augen auf und erblickte den jungen
Maler, der im funkelnden Morgenlicht über mich hergebeugt stand, so daß
beinah nur die großen schwarzen Augen zwischen den herabhängenden
Locken zu sehen waren.
Ich sprang geschwind auf, denn es war schon heller Tag geworden. Der
Herr Leonhard schien verdrüßlich zu sein, er hatte zwei zornige Falten auf
der Stirn und trieb hastig zum Aufbruch. Der andere Maler aber schüttelte
seine Locken aus dem Gesicht und trällerte, während er sein Pferd
aufzäumte, ruhig ein Liedchen vor sich hin, bis Leonhard zuletzt plötzlich
laut auflachte, schnell eine Flasche ergriff, die noch auf dem Rasen stand,
und den Rest in die Gläser einschenkte. »Auf eine glückliche Ankunft!« rief
er aus, sie stießen mit den Gläsern zusammen, es gab einen schönen Klang.
Darauf schleuderte Leonhard die leere Flasche hoch ins Morgenrot, daß es
lustig in der Luft funkelte.
Endlich setzten sie sich auf ihre Pferde, und ich marschierte frisch
wieder nebenher. Gerade vor uns lag ein unübersehbares Tal, in das wir nun
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hinunterzogen. Da war ein Blitzen und Rauschen und Schimmern und
Jubilieren! Mir war so kühl und fröhlich zumute, als sollt ich von dem
Berge in die prächtige Gegend hinausfliegen.
Jubilieren! Mir war so kühl und fröhlich zumute, als sollt ich von dem
Berge in die prächtige Gegend hinausfliegen.
Page 39
Viertes Kapitel
Nun ade, Mühle und Schloß und Portier! Nun gings, daß mir der Wind
am Hute pfiff. Rechts und links flogen Dörfer, Städte und Weingärten
vorbei, daß es einem vor den Augen flimmerte; hinter mir die beiden Maler
im Wagen, vor mir vier Pferde mit einem prächtigen Postillion, ich hoch
oben auf dem Kutschbock, daß ich oft ellenhoch in die Höhe flog.
Das war so zugegangen: Als wir vor B. ankamen, kommt schon am
Dorfe ein langer, dürrer, grämlicher Herr im grünen Flauschrock uns
entgegen, macht viele Bücklinge vor den Herren Malern und führt uns in
das Dorf hinein. Da stand unter den hohen Linden vor dem Posthause schon
ein prächtiger Wagen mit vier Postpferden bespannt. Herr Leonhard meinte
unterwegs, ich hätte meine Kleider ausgewachsen. Er holte daher
geschwind andere aus seinem Mantelsack hervor, und ich mußte einen ganz
neuen schönen Frack und Weste anziehn, die mir sehr vornehm zu Gesicht
standen, nur daß mir alles zu lang und weit war und ordentlich um mich
herumschlotterte. Auch einen ganz neuen Hut bekam ich, der funkelte in der
Sonne, als wär er mit frischer Butter überschmiert. Dann nahm der fremde
grämliche Herr die beiden Pferde der Maler am Zügel, die Maler sprangen
in den Wagen, ich auf den Bock, und so flogen wir schon fort, als eben der
Postmeister mit der Schlafmütze aus dem Fenster guckte. Der Postillion
blies lustig auf dem Horne, und so ging es frisch nach Italien hinein.
Ich hatte eigentlich da droben ein prächtiges Leben, wie der Vogel in
der Luft, und brauchte doch dabei nicht selbst zu fliegen. Zu tun hatte ich
auch weiter nichts, als Tag und Nacht auf dem Bocke zu sitzen und bei den
Wirtshäusern manchmal Essen und Trinken an den Wagen herauszubringen,
denn die Maler sprachen nirgends ein, und bei Tage zogen sie die Fenster
am Wagen so fest zu, als wenn die Sonne sie erstechen wollte. Nur zuweilen
Nun ade, Mühle und Schloß und Portier! Nun gings, daß mir der Wind
am Hute pfiff. Rechts und links flogen Dörfer, Städte und Weingärten
vorbei, daß es einem vor den Augen flimmerte; hinter mir die beiden Maler
im Wagen, vor mir vier Pferde mit einem prächtigen Postillion, ich hoch
oben auf dem Kutschbock, daß ich oft ellenhoch in die Höhe flog.
Das war so zugegangen: Als wir vor B. ankamen, kommt schon am
Dorfe ein langer, dürrer, grämlicher Herr im grünen Flauschrock uns
entgegen, macht viele Bücklinge vor den Herren Malern und führt uns in
das Dorf hinein. Da stand unter den hohen Linden vor dem Posthause schon
ein prächtiger Wagen mit vier Postpferden bespannt. Herr Leonhard meinte
unterwegs, ich hätte meine Kleider ausgewachsen. Er holte daher
geschwind andere aus seinem Mantelsack hervor, und ich mußte einen ganz
neuen schönen Frack und Weste anziehn, die mir sehr vornehm zu Gesicht
standen, nur daß mir alles zu lang und weit war und ordentlich um mich
herumschlotterte. Auch einen ganz neuen Hut bekam ich, der funkelte in der
Sonne, als wär er mit frischer Butter überschmiert. Dann nahm der fremde
grämliche Herr die beiden Pferde der Maler am Zügel, die Maler sprangen
in den Wagen, ich auf den Bock, und so flogen wir schon fort, als eben der
Postmeister mit der Schlafmütze aus dem Fenster guckte. Der Postillion
blies lustig auf dem Horne, und so ging es frisch nach Italien hinein.
Ich hatte eigentlich da droben ein prächtiges Leben, wie der Vogel in
der Luft, und brauchte doch dabei nicht selbst zu fliegen. Zu tun hatte ich
auch weiter nichts, als Tag und Nacht auf dem Bocke zu sitzen und bei den
Wirtshäusern manchmal Essen und Trinken an den Wagen herauszubringen,
denn die Maler sprachen nirgends ein, und bei Tage zogen sie die Fenster
am Wagen so fest zu, als wenn die Sonne sie erstechen wollte. Nur zuweilen
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steckte der Herr Guido sein hübsches Köpfchen zum Wagenfenster heraus
und diskurierte freundlich mit mir und lachte dann den Herrn Leonhard aus,
der das nicht leiden wollte und jedesmal über die langen Diskurse böse
wurde. Ein paarmal hätte ich bald Verdruß bekommen mit meinem Herrn.
Das eine Mal, wie ich bei schöner, sternklarer Nacht droben auf dem Bock
die Geige zu spielen anfing, und sodann späterhin wegen des Schlafes. Das
war aber auch ganz zum Erstaunen! Ich wollte mir doch Italien recht genau
besehen und riß die Augen alle Viertelstunden weit auf. Aber kaum hatte ich
ein Weilchen so vor mich hingesehen, so verschwirrten und verwickelten
sich mir die sechzehn Pferdefüße vor mir wie ein Filet so hin und her und
übers Kreuz, daß mir die Augen gleich wieder übergingen, und zuletzt
geriet ich in ein solches entsetzliches und unaufhaltsames Schlafen, daß gar
kein Rat mehr war. Da mocht es Tag oder Nacht, Regen oder Sonnenschein,
Tirol oder Italien sein, ich hing bald rechts, bald links, bald rücklings über
den Bock herunter, ja manchmal tunkte ich mit solcher Vehemenz mit dem
Kopfe nach dem Boden zu, daß mir der Hut weit vom Kopfe flog und der
Herr Guido im Wagen laut aufschrie.
So war ich, ich weiß selbst nicht wie, durch halb Welschland, das sie
dort Lombardei nennen, durchgekommen, als wir an einem schönen Abend
vor einem Wirtshause auf dem Lande stillhielten. Die Postpferde waren in
dem daranstoßenden Stationsdorfe erst nach ein paar Stunden bestellt, die
Herren Maler stiegen daher aus und ließen sich in ein besonderes Zimmer
führen, um hier ein wenig zu rasten und einige Briefe zu schreiben. Ich aber
war sehr vergnügt darüber und verfügte mich sogleich in die Gaststube, um
endlich wieder einmal so recht mit Ruhe und Kommodität zu essen und zu
trinken. Da sah es ziemlich liederlich aus. Die Mägde gingen mit
zerzottelten Haaren herum und hatten die offenen Halstücher unordentlich
um das gelbe Fell hängen. Um einen runden Tisch saßen die Knechte vom
Hause in blauen Überziehhemden beim Abendessen und glotzten mich
zuweilen von der Seite an. Die hatten alle kurze, dicke Haarzöpfe und sahen
so recht vornehm wie die jungen Herrlein aus. – Da bist du nun, dachte ich
bei mir und aß fleißig fort, da bist du nun endlich in dem Lande, woher
immer die kuriosen Leute zu unserm Herrn Pfarrer kamen, mit Mausefallen
und Barometern und Bildern. Was der Mensch doch nicht alles erfährt,
wenn er sich einmal hinterm Ofen hervormacht!
und diskurierte freundlich mit mir und lachte dann den Herrn Leonhard aus,
der das nicht leiden wollte und jedesmal über die langen Diskurse böse
wurde. Ein paarmal hätte ich bald Verdruß bekommen mit meinem Herrn.
Das eine Mal, wie ich bei schöner, sternklarer Nacht droben auf dem Bock
die Geige zu spielen anfing, und sodann späterhin wegen des Schlafes. Das
war aber auch ganz zum Erstaunen! Ich wollte mir doch Italien recht genau
besehen und riß die Augen alle Viertelstunden weit auf. Aber kaum hatte ich
ein Weilchen so vor mich hingesehen, so verschwirrten und verwickelten
sich mir die sechzehn Pferdefüße vor mir wie ein Filet so hin und her und
übers Kreuz, daß mir die Augen gleich wieder übergingen, und zuletzt
geriet ich in ein solches entsetzliches und unaufhaltsames Schlafen, daß gar
kein Rat mehr war. Da mocht es Tag oder Nacht, Regen oder Sonnenschein,
Tirol oder Italien sein, ich hing bald rechts, bald links, bald rücklings über
den Bock herunter, ja manchmal tunkte ich mit solcher Vehemenz mit dem
Kopfe nach dem Boden zu, daß mir der Hut weit vom Kopfe flog und der
Herr Guido im Wagen laut aufschrie.
So war ich, ich weiß selbst nicht wie, durch halb Welschland, das sie
dort Lombardei nennen, durchgekommen, als wir an einem schönen Abend
vor einem Wirtshause auf dem Lande stillhielten. Die Postpferde waren in
dem daranstoßenden Stationsdorfe erst nach ein paar Stunden bestellt, die
Herren Maler stiegen daher aus und ließen sich in ein besonderes Zimmer
führen, um hier ein wenig zu rasten und einige Briefe zu schreiben. Ich aber
war sehr vergnügt darüber und verfügte mich sogleich in die Gaststube, um
endlich wieder einmal so recht mit Ruhe und Kommodität zu essen und zu
trinken. Da sah es ziemlich liederlich aus. Die Mägde gingen mit
zerzottelten Haaren herum und hatten die offenen Halstücher unordentlich
um das gelbe Fell hängen. Um einen runden Tisch saßen die Knechte vom
Hause in blauen Überziehhemden beim Abendessen und glotzten mich
zuweilen von der Seite an. Die hatten alle kurze, dicke Haarzöpfe und sahen
so recht vornehm wie die jungen Herrlein aus. – Da bist du nun, dachte ich
bei mir und aß fleißig fort, da bist du nun endlich in dem Lande, woher
immer die kuriosen Leute zu unserm Herrn Pfarrer kamen, mit Mausefallen
und Barometern und Bildern. Was der Mensch doch nicht alles erfährt,
wenn er sich einmal hinterm Ofen hervormacht!
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Wie ich noch eben so esse und meditiere, wuscht ein Männlein, das bis
jetzt in einer dunklen Ecke der Stube bei seinem Glase Wein gesessen hatte,
auf einmal aus seinem Winkel wie eine Spinne auf mich los. Er war ganz
kurz und bucklicht, hatte aber einen großen grauslichen Kopf mit einer
langen römischen Adlernase und sparsamen roten Backenbart, und die
gepuderten Haare standen ihm von allen Seiten zu Berge, als wenn der
Sturmwind durchgefahren wäre. Dabei trug er einen altmodischen,
verschossenen Frack, kurze plüschene Beinkleider und ganz vergelbte
seidene Strümpfe. Er war einmal in Deutschland gewesen und dachte
wunder wie gut er Deutsch verstünde. Er setzte sich zu mir und frug bald
das, bald jenes, während er immerfort Tabak schnupfte: ob ich der Servitore
sei? wenn wir arriware? ob wir nach Roma kehn? Aber das wußte ich alles
selber nicht und konnte auch sein Kauderwelsch gar nicht verstehn.
»Parlez-vous français?« sagte ich endlich in meiner Angst zu ihm. Er
schüttelte mit dem großen Kopfe, und das war mir sehr lieb, denn ich
konnte ja auch nicht Französisch. Aber das half alles nichts. Er hatte mich
einmal recht aufs Korn genommen, er frug und frug immer wieder; je mehr
wir parlierten, je weniger verstand einer den andern, zuletzt wurden wir
beide schon hitzig, so daß mirs manchmal vorkam, als wollte der Signor mit
seiner Adlernase nach mir hacken, bis endlich die Mägde, die den
babylonischen Diskurs mit angehört hatten, uns beide tüchtig auslachten.
Ich aber legte schnell Messer und Gabel hin und ging vor die Haustür
hinaus. Denn mir war in dem fremden Lande nicht anders, als wäre ich mit
meiner deutschen Zunge tausend Klafter tief ins Meer versenkt und allerlei
unbekanntes Gewürm ringelte sich und rauschte da in der Einsamkeit um
mich her und glotzte und schnappte nach mir.
Draußen war eine warme Sommernacht, so recht um gassatim zu gehen.
Weit von den Weinbergen herüber hörte man noch zuweilen einen Winzer
singen, dazwischen blitzte es manchmal von ferne, und die ganze Gegend
zitterte und säuselte im Mondschein. Ja, manchmal kam es mir vor, als
schlüpfte eine lange dunkle Gestalt hinter den Haselnußsträuchern vor dem
Hause vorüber und guckte durch die Zweige, dann war alles auf einmal
wieder still. – Da trat der Herr Guido eben auf den Balkon des Wirtshauses
heraus. Er bemerkte mich nicht und spielte sehr geschickt auf einer Zither,
die er im Hause gefunden haben mußte, und sang dann dazu wie eine
Nachtigall:
jetzt in einer dunklen Ecke der Stube bei seinem Glase Wein gesessen hatte,
auf einmal aus seinem Winkel wie eine Spinne auf mich los. Er war ganz
kurz und bucklicht, hatte aber einen großen grauslichen Kopf mit einer
langen römischen Adlernase und sparsamen roten Backenbart, und die
gepuderten Haare standen ihm von allen Seiten zu Berge, als wenn der
Sturmwind durchgefahren wäre. Dabei trug er einen altmodischen,
verschossenen Frack, kurze plüschene Beinkleider und ganz vergelbte
seidene Strümpfe. Er war einmal in Deutschland gewesen und dachte
wunder wie gut er Deutsch verstünde. Er setzte sich zu mir und frug bald
das, bald jenes, während er immerfort Tabak schnupfte: ob ich der Servitore
sei? wenn wir arriware? ob wir nach Roma kehn? Aber das wußte ich alles
selber nicht und konnte auch sein Kauderwelsch gar nicht verstehn.
»Parlez-vous français?« sagte ich endlich in meiner Angst zu ihm. Er
schüttelte mit dem großen Kopfe, und das war mir sehr lieb, denn ich
konnte ja auch nicht Französisch. Aber das half alles nichts. Er hatte mich
einmal recht aufs Korn genommen, er frug und frug immer wieder; je mehr
wir parlierten, je weniger verstand einer den andern, zuletzt wurden wir
beide schon hitzig, so daß mirs manchmal vorkam, als wollte der Signor mit
seiner Adlernase nach mir hacken, bis endlich die Mägde, die den
babylonischen Diskurs mit angehört hatten, uns beide tüchtig auslachten.
Ich aber legte schnell Messer und Gabel hin und ging vor die Haustür
hinaus. Denn mir war in dem fremden Lande nicht anders, als wäre ich mit
meiner deutschen Zunge tausend Klafter tief ins Meer versenkt und allerlei
unbekanntes Gewürm ringelte sich und rauschte da in der Einsamkeit um
mich her und glotzte und schnappte nach mir.
Draußen war eine warme Sommernacht, so recht um gassatim zu gehen.
Weit von den Weinbergen herüber hörte man noch zuweilen einen Winzer
singen, dazwischen blitzte es manchmal von ferne, und die ganze Gegend
zitterte und säuselte im Mondschein. Ja, manchmal kam es mir vor, als
schlüpfte eine lange dunkle Gestalt hinter den Haselnußsträuchern vor dem
Hause vorüber und guckte durch die Zweige, dann war alles auf einmal
wieder still. – Da trat der Herr Guido eben auf den Balkon des Wirtshauses
heraus. Er bemerkte mich nicht und spielte sehr geschickt auf einer Zither,
die er im Hause gefunden haben mußte, und sang dann dazu wie eine
Nachtigall:
Page 42
»Schweigt der Menschen laute Lust:
Rauscht die Erde wie in Träumen
Wunderbar mit allen Bäumen,
Was dem Herzen kaum bewußt,
Alte Zeiten, linde Trauer,
Und es schweifen leise Schauer
Wetterleuchtend durch die Brust.«
Ich weiß nicht, ob er noch mehr gesungen haben mag, denn ich hatte
mich auf die Bank vor der Haustür hingestreckt und schlief in der lauen
Nacht vor großer Ermüdung fest ein.
Es mochten wohl ein paar Stunden ins Land gegangen sein, als mich ein
Posthorn aufweckte, das lange Zeit lustig in meine Träume hereinblies, ehe
ich mich völlig besinnen konnte. Ich sprang endlich auf, der Tag dämmerte
schon an den Bergen, und die Morgenkühle rieselte mir durch alle Glieder.
Da fiel mir erst ein, daß wir ja um diese Zeit schon wieder weit fort sein
wollten. Aha, dachte ich, heut ist einmal das Wecken und Auslachen an mir.
Wie wird der Herr Guido mit dem verschlafenen Lockenkopfe
herausfahren, wenn er mich draußen hört! So ging ich den kleinen Garten
am Hause dicht unter die Fenster, wo meine Herren wohnten, dehnte mich
noch einmal recht ins Morgenrot hinein und sang fröhlichen Mutes:
»Wenn der Hoppevogel schreit,
Ist der Tag nicht mehr weit,
Wenn die Sonne sich auftut,
Schmeckt der Schlaf noch so gut!« –
Das Fenster war offen, aber es blieb alles still oben, nur der Nachtwind
ging noch durch die Weinranken, die sich bis in das Fenster hineinstreckten.
– »Nun, was soll denn das wieder bedeuten?« rief ich voll Erstaunen aus
und lief in das Haus und durch die stillen Gänge nach der Stube zu. Aber da
gab es mir einen rechten Stich ins Herz. Denn wie ich die Tür aufreiße, ist
alles leer darin, kein Frack, kein Hut, kein Stiefel. – Nur die Zither, auf der
Herr Guido gestern gespielt hatte, hing an der Wand, auf dem Tische mitten
in der Stube lag ein schöner voller Geldbeutel, worauf ein Zettel geklebt
war. Ich hielt ihn näher ans Fenster und traute meinen Augen kaum, es stand
wahrhaftig mit großen Buchstaben darauf: »Für den Herrn Einnehmer!«
Rauscht die Erde wie in Träumen
Wunderbar mit allen Bäumen,
Was dem Herzen kaum bewußt,
Alte Zeiten, linde Trauer,
Und es schweifen leise Schauer
Wetterleuchtend durch die Brust.«
Ich weiß nicht, ob er noch mehr gesungen haben mag, denn ich hatte
mich auf die Bank vor der Haustür hingestreckt und schlief in der lauen
Nacht vor großer Ermüdung fest ein.
Es mochten wohl ein paar Stunden ins Land gegangen sein, als mich ein
Posthorn aufweckte, das lange Zeit lustig in meine Träume hereinblies, ehe
ich mich völlig besinnen konnte. Ich sprang endlich auf, der Tag dämmerte
schon an den Bergen, und die Morgenkühle rieselte mir durch alle Glieder.
Da fiel mir erst ein, daß wir ja um diese Zeit schon wieder weit fort sein
wollten. Aha, dachte ich, heut ist einmal das Wecken und Auslachen an mir.
Wie wird der Herr Guido mit dem verschlafenen Lockenkopfe
herausfahren, wenn er mich draußen hört! So ging ich den kleinen Garten
am Hause dicht unter die Fenster, wo meine Herren wohnten, dehnte mich
noch einmal recht ins Morgenrot hinein und sang fröhlichen Mutes:
»Wenn der Hoppevogel schreit,
Ist der Tag nicht mehr weit,
Wenn die Sonne sich auftut,
Schmeckt der Schlaf noch so gut!« –
Das Fenster war offen, aber es blieb alles still oben, nur der Nachtwind
ging noch durch die Weinranken, die sich bis in das Fenster hineinstreckten.
– »Nun, was soll denn das wieder bedeuten?« rief ich voll Erstaunen aus
und lief in das Haus und durch die stillen Gänge nach der Stube zu. Aber da
gab es mir einen rechten Stich ins Herz. Denn wie ich die Tür aufreiße, ist
alles leer darin, kein Frack, kein Hut, kein Stiefel. – Nur die Zither, auf der
Herr Guido gestern gespielt hatte, hing an der Wand, auf dem Tische mitten
in der Stube lag ein schöner voller Geldbeutel, worauf ein Zettel geklebt
war. Ich hielt ihn näher ans Fenster und traute meinen Augen kaum, es stand
wahrhaftig mit großen Buchstaben darauf: »Für den Herrn Einnehmer!«
Page 43
Was war mir aber das alles nütze, wenn ich meine lieben lustigen
Herren nicht wiederfand? Ich schob den Beutel in meine tiefe Rocktasche,
das plumpte wie in einen tiefen Brunnen, daß es mich ordentlich
hintenüberzog. Dann rannte ich hinaus, machte einen großen Lärm und
weckte alle Knechte und Mägde im Hause. Die wußten gar nicht, was ich
wollte, und meinten, ich wäre verrückt geworden. Dann aber verwunderten
sie sich nicht wenig, als sie oben das leere Nest sahen. Niemand wußte
etwas von meinen Herren. Nur die eine Magd – wie ich aus ihren Zeichen
und Gestikulationen zusammenbringen konnte – hatte bemerkt, daß der
Herr Guido, als er gestern abends auf dem Balkon sang, auf einmal laut
aufschrie und dann geschwind zu dem andern Herrn ins Zimmer
zurückstürzte. Als sie hernach in der Nacht einmal aufwachte, hörte sie
draußen Pferdegetrappel. Sie guckte durch das kleine Kammerfenster und
sah den buckligen Signor, der gestern mit mir so viel gesprochen hatte, auf
einem Schimmel im Mondschein quer übers Feld galoppieren, daß er immer
ellenhoch überm Sattel in die Höhe flog und die Magd sich bekreuzte, weil
es aussah wie ein Gespenst, das auf einem dreibeinigen Pferde reitet. – Da
wußt ich nun gar nicht, was ich machen sollte.
Unterdes aber stand unser Wagen schon lange vor der Tür angespannt,
und der Postillion stieß ungeduldig ins Horn, daß er hätte bersten mögen,
denn er mußte zur bestimmten Stunde auf der nächsten Station sein, da alles
durch Laufzettel bis auf die Minute vorausbestellt war. Ich rannte noch
einmal um das ganze Haus herum und rief die Maler, aber niemand gab
Antwort, die Leute aus dem Hause liefen zusammen und gafften mich an,
der Postillion fluchte, die Pferde schnaubten, ich, ganz verblüfft, springe
endlich geschwind in den Wagen hinein, der Hausknecht schlägt die Tür
hinter mir zu, der Postillion knallt, und so gings mit mir fort in die weite
Welt hinein.
Herren nicht wiederfand? Ich schob den Beutel in meine tiefe Rocktasche,
das plumpte wie in einen tiefen Brunnen, daß es mich ordentlich
hintenüberzog. Dann rannte ich hinaus, machte einen großen Lärm und
weckte alle Knechte und Mägde im Hause. Die wußten gar nicht, was ich
wollte, und meinten, ich wäre verrückt geworden. Dann aber verwunderten
sie sich nicht wenig, als sie oben das leere Nest sahen. Niemand wußte
etwas von meinen Herren. Nur die eine Magd – wie ich aus ihren Zeichen
und Gestikulationen zusammenbringen konnte – hatte bemerkt, daß der
Herr Guido, als er gestern abends auf dem Balkon sang, auf einmal laut
aufschrie und dann geschwind zu dem andern Herrn ins Zimmer
zurückstürzte. Als sie hernach in der Nacht einmal aufwachte, hörte sie
draußen Pferdegetrappel. Sie guckte durch das kleine Kammerfenster und
sah den buckligen Signor, der gestern mit mir so viel gesprochen hatte, auf
einem Schimmel im Mondschein quer übers Feld galoppieren, daß er immer
ellenhoch überm Sattel in die Höhe flog und die Magd sich bekreuzte, weil
es aussah wie ein Gespenst, das auf einem dreibeinigen Pferde reitet. – Da
wußt ich nun gar nicht, was ich machen sollte.
Unterdes aber stand unser Wagen schon lange vor der Tür angespannt,
und der Postillion stieß ungeduldig ins Horn, daß er hätte bersten mögen,
denn er mußte zur bestimmten Stunde auf der nächsten Station sein, da alles
durch Laufzettel bis auf die Minute vorausbestellt war. Ich rannte noch
einmal um das ganze Haus herum und rief die Maler, aber niemand gab
Antwort, die Leute aus dem Hause liefen zusammen und gafften mich an,
der Postillion fluchte, die Pferde schnaubten, ich, ganz verblüfft, springe
endlich geschwind in den Wagen hinein, der Hausknecht schlägt die Tür
hinter mir zu, der Postillion knallt, und so gings mit mir fort in die weite
Welt hinein.
Page 44
Fünftes Kapitel
Wir fuhren nun über Berg und Tal Tag und Nacht immerfort. Ich hatte
gar nicht Zeit, mich zu besinnen, denn wo wir hinkamen, standen die Pferde
angeschirrt, ich konnte mit den Leuten nicht sprechen, mein Demonstrieren
half also nichts; oft, wenn ich im Wirtshause eben beim besten Essen war,
blies der Postillion, ich mußte Messer und Gabel wegwerfen und wieder in
den Wagen springen und wußte doch eigentlich gar nicht, wohin und
weswegen ich just mit so ausnehmender Geschwindigkeit fortreisen sollte.
Sonst war die Lebensart gar nicht so übel. Ich legte mich, wie auf einem
Kanapee, bald in die eine, bald in die andere Ecke des Wagens und lernte
Menschen und Länder kennen, und wenn wir durch Städte fuhren, lehnte
ich mich auf beide Arme zum Wagenfenster heraus und dankte den Leuten,
die höflich vor mir den Hut abnahmen, oder ich grüßte die Mädchen an den
Fenstern wie ein alter Bekannter, die sich dann immer sehr verwunderten
und mir noch lange neugierig nachguckten.
Aber zuletzt erschrak ich sehr. Ich hatte das Geld in dem gefundenen
Beutel niemals gezählt, den Postmeistern und Gastwirten mußte ich überall
viel bezahlen, und ehe ich michs versah, war der Beutel leer. Anfangs nahm
ich mir vor, sobald wir durch einen einsamen Wald führen, schnell aus dem
Wagen zu springen und zu entlaufen. Dann aber tat es mir wieder leid, nun
den schönen Wagen so allein zu lassen, mit dem ich sonst wohl noch bis ans
Ende der Welt fortgefahren wäre.
Nun saß ich eben voller Gedanken und wußte nicht aus noch ein, als es
auf einmal seitwärts von der Landstraße abging. Ich schrie zum Fenster
heraus auf den Postillion: wohin er denn fahre? Aber ich mochte sprechen,
was ich wollte, der Kerl sagte immer bloß: »Si, si, Signore!« und fuhr
Wir fuhren nun über Berg und Tal Tag und Nacht immerfort. Ich hatte
gar nicht Zeit, mich zu besinnen, denn wo wir hinkamen, standen die Pferde
angeschirrt, ich konnte mit den Leuten nicht sprechen, mein Demonstrieren
half also nichts; oft, wenn ich im Wirtshause eben beim besten Essen war,
blies der Postillion, ich mußte Messer und Gabel wegwerfen und wieder in
den Wagen springen und wußte doch eigentlich gar nicht, wohin und
weswegen ich just mit so ausnehmender Geschwindigkeit fortreisen sollte.
Sonst war die Lebensart gar nicht so übel. Ich legte mich, wie auf einem
Kanapee, bald in die eine, bald in die andere Ecke des Wagens und lernte
Menschen und Länder kennen, und wenn wir durch Städte fuhren, lehnte
ich mich auf beide Arme zum Wagenfenster heraus und dankte den Leuten,
die höflich vor mir den Hut abnahmen, oder ich grüßte die Mädchen an den
Fenstern wie ein alter Bekannter, die sich dann immer sehr verwunderten
und mir noch lange neugierig nachguckten.
Aber zuletzt erschrak ich sehr. Ich hatte das Geld in dem gefundenen
Beutel niemals gezählt, den Postmeistern und Gastwirten mußte ich überall
viel bezahlen, und ehe ich michs versah, war der Beutel leer. Anfangs nahm
ich mir vor, sobald wir durch einen einsamen Wald führen, schnell aus dem
Wagen zu springen und zu entlaufen. Dann aber tat es mir wieder leid, nun
den schönen Wagen so allein zu lassen, mit dem ich sonst wohl noch bis ans
Ende der Welt fortgefahren wäre.
Nun saß ich eben voller Gedanken und wußte nicht aus noch ein, als es
auf einmal seitwärts von der Landstraße abging. Ich schrie zum Fenster
heraus auf den Postillion: wohin er denn fahre? Aber ich mochte sprechen,
was ich wollte, der Kerl sagte immer bloß: »Si, si, Signore!« und fuhr
Page 45
immer über Stock und Stein, daß ich aus einer Ecke des Wagens in die
andere flog.
Das wollte mir gar nicht in den Sinn, denn die Landstraße lief gerade
durch eine prächtige Landschaft auf die untergehende Sonne zu, wohl wie
in ein Meer von Glanz und Funken. Von der Seite aber, wohin wir uns
gewendet hatten, lag ein wüstes Gebirge vor uns mit grauen Schluchten,
zwischen denen es schon lange dunkel geworden war. – Je weiter wir
fuhren, je wilder und einsamer wurde die Gegend. Endlich kam der Mond
hinter den Wolken hervor und schien auf einmal so hell zwischen die
Bäume und Felsen herein, daß es ordentlich grauslich anzusehen war. Wir
konnten nur langsam fahren in den engen steinichten Schluchten, und das
einförmige, ewige Gerassel des Wagens schallte an den Steinwänden weit in
die stille Nacht, als führen wir in ein großes Grabgewölbe hinein. Nur von
vielen Wasserfällen, die man aber nicht sehen konnte, war ein
unaufhörliches Rauschen tiefer im Walde, und die Käuzchen riefen aus der
Ferne immer fort: »Komm mit, komm mit!« – Dabei kam es mir vor, als
wenn der Kutscher, der, wie ich jetzt erst sah, gar keine Uniform hatte und
kein Postillion war, sich einigemal unruhig umsähe und schneller zu fahren
anfing, und wie ich mich recht zum Wagen herauslegte, kam plötzlich ein
Reiter aus dem Gebüsche hervor, sprengte dicht vor unsern Pferden quer
über den Weg und verlor sich sogleich wieder auf der anderen Seite im
Walde. Ich war ganz verwirrt, denn, soviel ich bei dem hellen Mondschein
erkennen konnte, war es dasselbe bucklige Männlein auf seinem Schimmel,
das in dem Wirtshause mit der Adlernase nach mir gehackt hatte. Der
Kutscher schüttelte den Kopf und lachte laut auf über die närrische Reiterei,
wandte sich aber dann rasch zu mir um, sprach sehr viel und sehr eifrig,
wovon ich leider nichts verstand, und fuhr dann noch rascher fort.
Ich aber war froh, als ich bald darauf von fern ein Licht schimmern sah.
Es fanden sich nach und nach noch mehrere Lichter, sie wurden immer
größer und heller, und endlich kamen wir an einigen verräucherten Hütten
vorüber, die wie Schwalbennester auf dem Felsen hingen. Da die Nacht
warm war, so standen die Türen offen, und ich konnte darin die
hellerleuchteten Stuben und allerlei lumpiges Gesindel sehen, das wie
dunkle Schatten um das Herdfeuer herumhockte. Wir aber rasselten durch
die stille Nacht einen Steinweg hinan, der sich auf einen hohen Berg
hinaufzog. Bald überdeckten hohe Bäume und herabhängende Sträucher
andere flog.
Das wollte mir gar nicht in den Sinn, denn die Landstraße lief gerade
durch eine prächtige Landschaft auf die untergehende Sonne zu, wohl wie
in ein Meer von Glanz und Funken. Von der Seite aber, wohin wir uns
gewendet hatten, lag ein wüstes Gebirge vor uns mit grauen Schluchten,
zwischen denen es schon lange dunkel geworden war. – Je weiter wir
fuhren, je wilder und einsamer wurde die Gegend. Endlich kam der Mond
hinter den Wolken hervor und schien auf einmal so hell zwischen die
Bäume und Felsen herein, daß es ordentlich grauslich anzusehen war. Wir
konnten nur langsam fahren in den engen steinichten Schluchten, und das
einförmige, ewige Gerassel des Wagens schallte an den Steinwänden weit in
die stille Nacht, als führen wir in ein großes Grabgewölbe hinein. Nur von
vielen Wasserfällen, die man aber nicht sehen konnte, war ein
unaufhörliches Rauschen tiefer im Walde, und die Käuzchen riefen aus der
Ferne immer fort: »Komm mit, komm mit!« – Dabei kam es mir vor, als
wenn der Kutscher, der, wie ich jetzt erst sah, gar keine Uniform hatte und
kein Postillion war, sich einigemal unruhig umsähe und schneller zu fahren
anfing, und wie ich mich recht zum Wagen herauslegte, kam plötzlich ein
Reiter aus dem Gebüsche hervor, sprengte dicht vor unsern Pferden quer
über den Weg und verlor sich sogleich wieder auf der anderen Seite im
Walde. Ich war ganz verwirrt, denn, soviel ich bei dem hellen Mondschein
erkennen konnte, war es dasselbe bucklige Männlein auf seinem Schimmel,
das in dem Wirtshause mit der Adlernase nach mir gehackt hatte. Der
Kutscher schüttelte den Kopf und lachte laut auf über die närrische Reiterei,
wandte sich aber dann rasch zu mir um, sprach sehr viel und sehr eifrig,
wovon ich leider nichts verstand, und fuhr dann noch rascher fort.
Ich aber war froh, als ich bald darauf von fern ein Licht schimmern sah.
Es fanden sich nach und nach noch mehrere Lichter, sie wurden immer
größer und heller, und endlich kamen wir an einigen verräucherten Hütten
vorüber, die wie Schwalbennester auf dem Felsen hingen. Da die Nacht
warm war, so standen die Türen offen, und ich konnte darin die
hellerleuchteten Stuben und allerlei lumpiges Gesindel sehen, das wie
dunkle Schatten um das Herdfeuer herumhockte. Wir aber rasselten durch
die stille Nacht einen Steinweg hinan, der sich auf einen hohen Berg
hinaufzog. Bald überdeckten hohe Bäume und herabhängende Sträucher
Page 46
den ganzen Hohlweg, bald konnte man auf einmal wieder das ganze
Firmament und in der Tiefe die weite stille Runde von Bergen, Wäldern und
Tälern übersehen. Auf dem Gipfel des Berges stand ein großes altes Schloß
mit vielen Türmen im hellsten Mondschein. – »Nun Gott befohlen!« rief ich
aus und war innerlich ganz munter geworden vor Erwartung, wohin sie
mich da am Ende noch bringen würden.
Es dauerte wohl noch eine gute halbe Stunde, ehe wir endlich auf dem
Berge am Schloßtore ankamen. Das ging in einen breiten, runden Turm
hinein, der oben schon ganz verfallen war. Der Kutscher knallte dreimal,
daß es weit in dem alten Schlosse widerhallte, wo ein Schwarm von Dohlen
ganz erschrocken plötzlich aus allen Luken und Ritzen herausfuhr und mit
großem Geschrei die Luft durchkreuzte. Darauf rollte der Wagen in den
langen, dunklen Torweg hinein. Die Pferde gaben mit ihren Hufeisen Feuer
auf dem Steinpflaster, ein großer Hund bellte, der Wagen donnerte zwischen
den gewölbten Wänden. Die Dohlen schrien noch immer dazwischen – so
kamen wir mit einem entsetzlichen Spektakel in den engen gepflasterten
Schloßhof.
Eine kuriose Station! dachte ich bei mir, als nun der Wagen stillstand.
Da wurde die Wagentür von draußen aufgemacht, und ein alter langer Mann
mit einer kleinen Laterne sah mich unter seinen dicken Augenbrauen
grämlich an. Er faßte mich dann unter den Arm und half mir, wie einem
großen Herrn, aus dem Wagen heraus. Draußen vor der Haustür stand eine
alte, sehr häßliche Frau in schwarzem Kamisol und Rock, mit einer weißen
Schürze und schwarzen Haube, von der ihr ein langer Schnipper bis an die
Nase herunterhing. Sie hatte an der einen Hüfte einen großen Bund
Schlüssel hängen und hielt in der andern einen altmodischen Armleuchter
mit zwei brennenden Wachskerzen. Sobald sie mich erblickte, fing sie an,
tiefe Knickse zu machen, und sprach und frug sehr viel durcheinander. Ich
verstand aber nichts davon und machte immerfort Kratzfüße vor ihr, und es
war mir eigentlich recht unheimlich zumute.
Der alte Mann hatte unterdes mit seiner Laterne den Wagen von allen
Seiten beleuchtet und brummte und schüttelte den Kopf, als er nirgend
einen Koffer oder Bagage fand. Der Kutscher fuhr darauf, ohne Trinkgeld
von mir zu fordern, den Wagen in einen alten Schuppen, der auf der Seite
des Hofes schon offen stand. Die alte Frau aber bat mich sehr höflich durch
Firmament und in der Tiefe die weite stille Runde von Bergen, Wäldern und
Tälern übersehen. Auf dem Gipfel des Berges stand ein großes altes Schloß
mit vielen Türmen im hellsten Mondschein. – »Nun Gott befohlen!« rief ich
aus und war innerlich ganz munter geworden vor Erwartung, wohin sie
mich da am Ende noch bringen würden.
Es dauerte wohl noch eine gute halbe Stunde, ehe wir endlich auf dem
Berge am Schloßtore ankamen. Das ging in einen breiten, runden Turm
hinein, der oben schon ganz verfallen war. Der Kutscher knallte dreimal,
daß es weit in dem alten Schlosse widerhallte, wo ein Schwarm von Dohlen
ganz erschrocken plötzlich aus allen Luken und Ritzen herausfuhr und mit
großem Geschrei die Luft durchkreuzte. Darauf rollte der Wagen in den
langen, dunklen Torweg hinein. Die Pferde gaben mit ihren Hufeisen Feuer
auf dem Steinpflaster, ein großer Hund bellte, der Wagen donnerte zwischen
den gewölbten Wänden. Die Dohlen schrien noch immer dazwischen – so
kamen wir mit einem entsetzlichen Spektakel in den engen gepflasterten
Schloßhof.
Eine kuriose Station! dachte ich bei mir, als nun der Wagen stillstand.
Da wurde die Wagentür von draußen aufgemacht, und ein alter langer Mann
mit einer kleinen Laterne sah mich unter seinen dicken Augenbrauen
grämlich an. Er faßte mich dann unter den Arm und half mir, wie einem
großen Herrn, aus dem Wagen heraus. Draußen vor der Haustür stand eine
alte, sehr häßliche Frau in schwarzem Kamisol und Rock, mit einer weißen
Schürze und schwarzen Haube, von der ihr ein langer Schnipper bis an die
Nase herunterhing. Sie hatte an der einen Hüfte einen großen Bund
Schlüssel hängen und hielt in der andern einen altmodischen Armleuchter
mit zwei brennenden Wachskerzen. Sobald sie mich erblickte, fing sie an,
tiefe Knickse zu machen, und sprach und frug sehr viel durcheinander. Ich
verstand aber nichts davon und machte immerfort Kratzfüße vor ihr, und es
war mir eigentlich recht unheimlich zumute.
Der alte Mann hatte unterdes mit seiner Laterne den Wagen von allen
Seiten beleuchtet und brummte und schüttelte den Kopf, als er nirgend
einen Koffer oder Bagage fand. Der Kutscher fuhr darauf, ohne Trinkgeld
von mir zu fordern, den Wagen in einen alten Schuppen, der auf der Seite
des Hofes schon offen stand. Die alte Frau aber bat mich sehr höflich durch
Page 47
allerlei Zeichen, ihr zu folgen. Sie führte mich mit ihren Wachskerzen durch
einen langen schmalen Gang, und dann eine kleine steinerne Treppe herauf.
Als wir an der Küche vorbeigingen, streckten ein paar junge Mägde
neugierig die Köpfe durch die halbgeöffnete Tür und guckten mich so starr
an und winkten und nickten einander heimlich zu, als wenn sie in ihrem
Leben noch kein Mannsbild gesehen hätten. Die Alte machte endlich oben
eine Tür auf, da wurde ich anfangs ordentlich ganz verblüfft. Denn es war
ein großes, schönes, herrschaftliches Zimmer mit goldenen Verzierungen an
der Decke, und an den Wänden hingen prächtige Tapeten mit allerlei
Figuren und großen Blumen. In der Mitte stand ein gedeckter Tisch mit
Braten, Kuchen, Salat, Obst, Wein und Konfekt, daß einem recht das Herz
im Leibe lachte. Zwischen den beiden Fenstern hing ein ungeheurer
Spiegel, der vom Boden bis zur Decke reichte.
Ich muß sagen, das gefiel mir recht wohl. Ich streckte mich ein paarmal
und ging mit langen Schritten vornehm im Zimmer auf und ab. Dann konnt
ich aber doch nicht widerstehen, mich einmal in einem so großen Spiegel zu
besehen. Das ist wahr, die neuen Kleider vom Herrn Leonhard standen mir
recht schön, auch hatte ich in Italien so ein gewisses feuriges Auge
bekommen, sonst aber war ich gerade noch so ein Milchbart, wie ich zu
Hause gewesen war, nur auf der Oberlippe zeigten sich erst ein paar
Flaumfedern.
Die alte Frau mahlte indes in einem fort mit ihrem zahnlosen Munde,
daß es nicht anders aussah, als wenn sie an der langen herunterhängenden
Nasenspitze kaute. Dann nötigte sie mich zum Sitzen, streichelte mir mit
ihren dürren Fingern das Kinn, nannte mich »Poverina!« wobei sie mich
aus den roten Augen so schelmich ansah, daß sich ihr der eine Mundwinkel
bis an die halbe Wange in die Höhe zog, und ging endlich mit einem tiefen
Knicks zur Tür hinaus.
Ich aber setzte mich zu dem gedeckten Tisch, während eine junge
hübsche Magd hereintrat, um mich bei der Tafel zu bedienen. Ich knüpfte
allerlei galanten Diskurs mit ihr an, sie verstand mich aber nicht, sondern
sah mich immer ganz kurios von der Seite an, weil mirs so gut schmeckte,
denn das Essen war delikat. Als ich satt war und wieder aufstand, nahm die
Magd ein Licht von der Tafel und führte mich in ein anderes Zimmer. Da
war ein Sofa, ein kleiner Spiegel und ein prächtiges Bett mit grünseidenen
einen langen schmalen Gang, und dann eine kleine steinerne Treppe herauf.
Als wir an der Küche vorbeigingen, streckten ein paar junge Mägde
neugierig die Köpfe durch die halbgeöffnete Tür und guckten mich so starr
an und winkten und nickten einander heimlich zu, als wenn sie in ihrem
Leben noch kein Mannsbild gesehen hätten. Die Alte machte endlich oben
eine Tür auf, da wurde ich anfangs ordentlich ganz verblüfft. Denn es war
ein großes, schönes, herrschaftliches Zimmer mit goldenen Verzierungen an
der Decke, und an den Wänden hingen prächtige Tapeten mit allerlei
Figuren und großen Blumen. In der Mitte stand ein gedeckter Tisch mit
Braten, Kuchen, Salat, Obst, Wein und Konfekt, daß einem recht das Herz
im Leibe lachte. Zwischen den beiden Fenstern hing ein ungeheurer
Spiegel, der vom Boden bis zur Decke reichte.
Ich muß sagen, das gefiel mir recht wohl. Ich streckte mich ein paarmal
und ging mit langen Schritten vornehm im Zimmer auf und ab. Dann konnt
ich aber doch nicht widerstehen, mich einmal in einem so großen Spiegel zu
besehen. Das ist wahr, die neuen Kleider vom Herrn Leonhard standen mir
recht schön, auch hatte ich in Italien so ein gewisses feuriges Auge
bekommen, sonst aber war ich gerade noch so ein Milchbart, wie ich zu
Hause gewesen war, nur auf der Oberlippe zeigten sich erst ein paar
Flaumfedern.
Die alte Frau mahlte indes in einem fort mit ihrem zahnlosen Munde,
daß es nicht anders aussah, als wenn sie an der langen herunterhängenden
Nasenspitze kaute. Dann nötigte sie mich zum Sitzen, streichelte mir mit
ihren dürren Fingern das Kinn, nannte mich »Poverina!« wobei sie mich
aus den roten Augen so schelmich ansah, daß sich ihr der eine Mundwinkel
bis an die halbe Wange in die Höhe zog, und ging endlich mit einem tiefen
Knicks zur Tür hinaus.
Ich aber setzte mich zu dem gedeckten Tisch, während eine junge
hübsche Magd hereintrat, um mich bei der Tafel zu bedienen. Ich knüpfte
allerlei galanten Diskurs mit ihr an, sie verstand mich aber nicht, sondern
sah mich immer ganz kurios von der Seite an, weil mirs so gut schmeckte,
denn das Essen war delikat. Als ich satt war und wieder aufstand, nahm die
Magd ein Licht von der Tafel und führte mich in ein anderes Zimmer. Da
war ein Sofa, ein kleiner Spiegel und ein prächtiges Bett mit grünseidenen
Page 48
Vorhängen. Ich frug sie mit Zeichen, ob ich mich da hinein legen sollte? Sie
nickte zwar: ja, aber das war denn doch nicht möglich, denn sie blieb wie
angenagelt bei mir stehen. Endlich holte ich mir noch ein großes Glas Wein
aus der Tafelstube herein und rief ihr zu: »Felicissima notte!« denn so viel
hatt ich schon Italienisch gelernt. Aber wie ich das Glas so auf einmal
ausstürzte, bricht sie plötzlich in ein verhaltenes Kichern aus, wird über und
über rot, geht in die Tafelstube und macht die Tür hinter sich zu. Was ist da
zu lachen? dachte ich ganz verwundert, ich glaube, die Leute in Italien sind
alle verrückt.
Ich hatte nun nur immer Angst vor dem Postillion, daß der gleich wieder
zu blasen anfangen würde. Ich horchte am Fenster, aber es war alles still
draußen. Laß ihn blasen! dachte ich, zog mich aus und legte mich in das
prächtige Bett. Das war nicht anders, als wenn man in Milch und Honig
schwömme! Vor den Fenstern rauschte die alte Linde im Hofe, zuweilen
fuhr noch eine Dohle plötzlich vom Dache auf, bis ich endlich voller
Vergnügen einschlief.
nickte zwar: ja, aber das war denn doch nicht möglich, denn sie blieb wie
angenagelt bei mir stehen. Endlich holte ich mir noch ein großes Glas Wein
aus der Tafelstube herein und rief ihr zu: »Felicissima notte!« denn so viel
hatt ich schon Italienisch gelernt. Aber wie ich das Glas so auf einmal
ausstürzte, bricht sie plötzlich in ein verhaltenes Kichern aus, wird über und
über rot, geht in die Tafelstube und macht die Tür hinter sich zu. Was ist da
zu lachen? dachte ich ganz verwundert, ich glaube, die Leute in Italien sind
alle verrückt.
Ich hatte nun nur immer Angst vor dem Postillion, daß der gleich wieder
zu blasen anfangen würde. Ich horchte am Fenster, aber es war alles still
draußen. Laß ihn blasen! dachte ich, zog mich aus und legte mich in das
prächtige Bett. Das war nicht anders, als wenn man in Milch und Honig
schwömme! Vor den Fenstern rauschte die alte Linde im Hofe, zuweilen
fuhr noch eine Dohle plötzlich vom Dache auf, bis ich endlich voller
Vergnügen einschlief.
Page 49
Sechstes Kapitel
Als ich wieder erwachte, spielten schon die ersten Morgenstrahlen an
den grünen Vorhängen über mir. Ich konnte mich gar nicht besinnen, wo ich
eigentlich wäre. Es kam mir vor, als führe ich noch immer fort im Wagen,
und es hätte mir von einem Schlosse im Mondschein geträumt und von
einer alten Hexe und ihrem blassen Töchterlein.
Ich sprang endlich rasch aus dem Bette, kleidete mich an und sah mich
dabei nach allen Seiten in dem Zimmer um. Da bemerkte ich eine kleine
Tapetentür, die ich gestern gar nicht gesehen hatte. Sie war nur angelehnt,
ich öffnete sie und erblickte ein kleines nettes Stübchen, das in der
Morgendämmerung recht heimlich aussah. Über einem Stuhl waren
Frauenkleider unordentlich hingeworfen, auf einem Bettchen daneben lag
das Mädchen, das mir gestern abends bei der Tafel aufgewartet hatte. Sie
schlief noch ganz ruhig und hatte den Kopf auf den weißen bloßen Arm
gelegt, über den ihre schwarzen Locken herabfielen. »Wenn die wüßte, daß
die Tür offen war!« sagte ich zu mir selbst und ging in mein Schlafzimmer
zurück, während ich hinter mir wieder schloß und verriegelte, damit das
Mädchen nicht erschrecken und sich schämen sollte, wenn sie erwachte.
Draußen ließ sich noch kein Laut vernehmen. Nur ein früh erwachtes
Waldvöglein saß vor meinem Fenster auf einem Strauch, der aus der Mauer
herauswuchs, und sang schon sein Morgenlied. »Nein,« sagte ich, »du sollst
mich nicht beschämen und allein so früh und fleißig Gott loben!« – Ich
nahm schnell meine Geige, die ich gestern auf das Tischchen gelegt hatte,
und ging hinaus. Im Schlosse war noch alles totenstill, und es dauerte lange,
ehe ich mich aus den dunklen Gängen ins Freie herausfand.
Als ich vor das Schloß heraustrat, kam ich in einen großen Garten, der
auf breiten Terrassen, wovon die eine immer tiefer war als die andere, bis
Als ich wieder erwachte, spielten schon die ersten Morgenstrahlen an
den grünen Vorhängen über mir. Ich konnte mich gar nicht besinnen, wo ich
eigentlich wäre. Es kam mir vor, als führe ich noch immer fort im Wagen,
und es hätte mir von einem Schlosse im Mondschein geträumt und von
einer alten Hexe und ihrem blassen Töchterlein.
Ich sprang endlich rasch aus dem Bette, kleidete mich an und sah mich
dabei nach allen Seiten in dem Zimmer um. Da bemerkte ich eine kleine
Tapetentür, die ich gestern gar nicht gesehen hatte. Sie war nur angelehnt,
ich öffnete sie und erblickte ein kleines nettes Stübchen, das in der
Morgendämmerung recht heimlich aussah. Über einem Stuhl waren
Frauenkleider unordentlich hingeworfen, auf einem Bettchen daneben lag
das Mädchen, das mir gestern abends bei der Tafel aufgewartet hatte. Sie
schlief noch ganz ruhig und hatte den Kopf auf den weißen bloßen Arm
gelegt, über den ihre schwarzen Locken herabfielen. »Wenn die wüßte, daß
die Tür offen war!« sagte ich zu mir selbst und ging in mein Schlafzimmer
zurück, während ich hinter mir wieder schloß und verriegelte, damit das
Mädchen nicht erschrecken und sich schämen sollte, wenn sie erwachte.
Draußen ließ sich noch kein Laut vernehmen. Nur ein früh erwachtes
Waldvöglein saß vor meinem Fenster auf einem Strauch, der aus der Mauer
herauswuchs, und sang schon sein Morgenlied. »Nein,« sagte ich, »du sollst
mich nicht beschämen und allein so früh und fleißig Gott loben!« – Ich
nahm schnell meine Geige, die ich gestern auf das Tischchen gelegt hatte,
und ging hinaus. Im Schlosse war noch alles totenstill, und es dauerte lange,
ehe ich mich aus den dunklen Gängen ins Freie herausfand.
Als ich vor das Schloß heraustrat, kam ich in einen großen Garten, der
auf breiten Terrassen, wovon die eine immer tiefer war als die andere, bis
Page 50
auf den halben Berg herunterging. Aber das war eine liederliche Gärtnerei.
Die Gänge waren alle mit hohem Grase bewachsen, die künstlichen Figuren
von Buchsbaum waren nicht beschnitten und streckten, wie Gespenster,
lange Nasen oder ellenhohe spitzige Mützen in die Luft hinaus, daß man
sich in der Dämmerung ordentlich davor hätte fürchten mögen. Auf einige
zerbrochene Statuen über einer vertrockneten Wasserkunst war gar Wäsche
aufgehängt, hin und wieder hatten sie mitten im Garten Kohl gebaut, dann
kamen wieder ein paar ordinäre Blumen, alles unordentlich durcheinander
und von hohem, wildem Unkraut überwachsen, zwischen dem sich bunte
Eidechsen schlängelten. Zwischen die alten, hohen Bäume hindurch aber
war überall eine weite, einsame Aussicht, eine Bergkoppe hinter der andern,
so weit das Auge reichte.
Nachdem ich so ein Weilchen in der Morgendämmerung durch die
Wildnis umherspaziert war, erblickte ich auf der Terrasse unter mir einen
langen, schmalen, blassen Jüngling in einem langen braunen Kaputrock, der
mit verschränkten Armen und großen Schritten auf und ab ging. Er tat, als
sähe er mich nicht, setzte sich bald darauf auf eine steinerne Bank hin, zog
ein Buch aus der Tasche, las sehr laut, als wenn er predigte, sah dabei
zuweilen zum Himmel und stützte dann den Kopf ganz melancholisch auf
die rechte Hand. Ich sah ihm lange zu, endlich wurde ich doch neugierig,
warum er denn eigentlich so absonderliche Grimassen machte, und ging
schnell auf ihn zu. Er hatte eben einen tiefen Seufzer ausgestoßen und
sprang erschrocken auf, als ich ankam. Er war voller Verlegenheit, ich auch,
wir wußten beide nicht, was wir sprechen sollten, und machten immerfort
Komplimente voreinander, bis er endlich mit langen Schritten in das
Gebüsch Reißaus nahm. Unterdes war die Sonne über dem Walde
aufgegangen, ich sprang auf die Bank hinauf und strich vor Lust meine
Geige, daß es weit in die stillen Täler herunterschallte. Die Alte mit dem
Schlüsselbunde, die mich schon ängstlich im ganzen Schlosse zum
Frühstück aufgesucht hatte, erschien nun auf der Terrasse über mir und
verwunderte sich, daß ich so artig auf der Geige spielen konnte. Der alte
grämliche Mann vom Schlosse fand sich dazu und verwunderte sich
ebenfalls, endlich kamen auch noch die Mägde, und alles blieb oben voller
Verwunderung stehen, und ich fingerte und schwenkte meinen Fiedelbogen
immer künstlicher und hurtiger und spielte Kadenzen und Variationen, bis
ich endlich ganz müde wurde.
Die Gänge waren alle mit hohem Grase bewachsen, die künstlichen Figuren
von Buchsbaum waren nicht beschnitten und streckten, wie Gespenster,
lange Nasen oder ellenhohe spitzige Mützen in die Luft hinaus, daß man
sich in der Dämmerung ordentlich davor hätte fürchten mögen. Auf einige
zerbrochene Statuen über einer vertrockneten Wasserkunst war gar Wäsche
aufgehängt, hin und wieder hatten sie mitten im Garten Kohl gebaut, dann
kamen wieder ein paar ordinäre Blumen, alles unordentlich durcheinander
und von hohem, wildem Unkraut überwachsen, zwischen dem sich bunte
Eidechsen schlängelten. Zwischen die alten, hohen Bäume hindurch aber
war überall eine weite, einsame Aussicht, eine Bergkoppe hinter der andern,
so weit das Auge reichte.
Nachdem ich so ein Weilchen in der Morgendämmerung durch die
Wildnis umherspaziert war, erblickte ich auf der Terrasse unter mir einen
langen, schmalen, blassen Jüngling in einem langen braunen Kaputrock, der
mit verschränkten Armen und großen Schritten auf und ab ging. Er tat, als
sähe er mich nicht, setzte sich bald darauf auf eine steinerne Bank hin, zog
ein Buch aus der Tasche, las sehr laut, als wenn er predigte, sah dabei
zuweilen zum Himmel und stützte dann den Kopf ganz melancholisch auf
die rechte Hand. Ich sah ihm lange zu, endlich wurde ich doch neugierig,
warum er denn eigentlich so absonderliche Grimassen machte, und ging
schnell auf ihn zu. Er hatte eben einen tiefen Seufzer ausgestoßen und
sprang erschrocken auf, als ich ankam. Er war voller Verlegenheit, ich auch,
wir wußten beide nicht, was wir sprechen sollten, und machten immerfort
Komplimente voreinander, bis er endlich mit langen Schritten in das
Gebüsch Reißaus nahm. Unterdes war die Sonne über dem Walde
aufgegangen, ich sprang auf die Bank hinauf und strich vor Lust meine
Geige, daß es weit in die stillen Täler herunterschallte. Die Alte mit dem
Schlüsselbunde, die mich schon ängstlich im ganzen Schlosse zum
Frühstück aufgesucht hatte, erschien nun auf der Terrasse über mir und
verwunderte sich, daß ich so artig auf der Geige spielen konnte. Der alte
grämliche Mann vom Schlosse fand sich dazu und verwunderte sich
ebenfalls, endlich kamen auch noch die Mägde, und alles blieb oben voller
Verwunderung stehen, und ich fingerte und schwenkte meinen Fiedelbogen
immer künstlicher und hurtiger und spielte Kadenzen und Variationen, bis
ich endlich ganz müde wurde.
Page 51
Das war nun aber doch ganz seltsam auf dem Schlosse! Kein Mensch
dachte da ans Weiterreisen. Das Schloß war auch gar kein Wirtshaus,
sondern gehörte, wie ich von der Magd erfuhr, einem reichen Grafen. Wenn
ich mich dann manchmal bei der Alten erkundigte, wie der Graf heiße, wo
er wohne, da schmunzelte sie immer bloß wie den ersten Abend, da ich auf
das Schloß kam, und kniff und winkte mir so pfiffig mit den Augen zu, als
wenn sie nicht recht bei Sinne wäre. Trank ich einmal an einem heißen Tage
eine ganze Flasche Wein aus, so kicherten die Mägde gewiß, wenn sie die
andere brachten, und als mich dann gar einmal nach einer Pfeife Tabak
verlangte, ich ihnen durch Zeichen beschrieb, was ich wollte, da brachen
alle in ein großes unvernünftiges Gelächter aus. – Am verwunderlichsten
war mir eine Nachtmusik, die sich oft, und gerade immer in den finstersten
Nächten, unter meinem Fenster hören ließ. Es griff auf einer Gitarre immer
nur von Zeit zu Zeit einzelne, ganz leise Klänge. Das eine Mal aber kam es
mir vor, als wenn es dabei von unten: »Pst! pst!« heraufrief. Ich fuhr daher
geschwind aus dem Bett und mit dem Kopf aus dem Fenster. »Holla! heda!
wer ist da draußen?« rief ich hinunter. Aber es antwortete niemand, ich
hörte nur etwas sehr schnell durch die Gesträuche fortlaufen. Der große
Hund im Hofe schlug über meinen Lärm ein paarmal an, dann war auf
einmal alles wieder still, und die Nachtmusik ließ sich seitdem nicht wieder
vernehmen.
Sonst hatte ich hier ein Leben, wie sichs ein Mensch nur immer in der
Welt wünschen kann. Der gute Portier! er wußte wohl, was er sprach, wenn
er immer zu sagen pflegte, daß in Italien einem die Rosinen von selbst in
den Mund wüchsen. Ich lebte auf dem einsamen Schlosse wie ein
verwunschener Prinz. Wo ich hintrat, hatten die Leute eine große
Ehrerbietung vor mir, obgleich sie schon alle wußten, daß ich keinen Heller
in der Tasche hatte. Ich durfte nur sagen: Tischchen, deck dich! so standen
auch schon herrliche Speisen, Reis, Wein, Melonen und Parmesankäse da.
Ich ließ mirs wohlschmecken, schlief in dem prächtigen Himmelbett, ging
im Garten spazieren, musizierte und half wohl auch manchmal in der
Gärtnerei nach. Oft lag ich auch stundenlang im Garten im hohen Grase,
und der schmale Jüngling (es war ein Schüler und Verwandter der Alten, der
eben jetzt hier zur Vakanz war) ging mit seinem langen Kaputrock in weiten
Kreisen um mich herum und murmelte dabei, wie ein Zauberer, aus seinem
Buche, worüber ich dann auch jedesmal einschlummerte. – So verging ein
dachte da ans Weiterreisen. Das Schloß war auch gar kein Wirtshaus,
sondern gehörte, wie ich von der Magd erfuhr, einem reichen Grafen. Wenn
ich mich dann manchmal bei der Alten erkundigte, wie der Graf heiße, wo
er wohne, da schmunzelte sie immer bloß wie den ersten Abend, da ich auf
das Schloß kam, und kniff und winkte mir so pfiffig mit den Augen zu, als
wenn sie nicht recht bei Sinne wäre. Trank ich einmal an einem heißen Tage
eine ganze Flasche Wein aus, so kicherten die Mägde gewiß, wenn sie die
andere brachten, und als mich dann gar einmal nach einer Pfeife Tabak
verlangte, ich ihnen durch Zeichen beschrieb, was ich wollte, da brachen
alle in ein großes unvernünftiges Gelächter aus. – Am verwunderlichsten
war mir eine Nachtmusik, die sich oft, und gerade immer in den finstersten
Nächten, unter meinem Fenster hören ließ. Es griff auf einer Gitarre immer
nur von Zeit zu Zeit einzelne, ganz leise Klänge. Das eine Mal aber kam es
mir vor, als wenn es dabei von unten: »Pst! pst!« heraufrief. Ich fuhr daher
geschwind aus dem Bett und mit dem Kopf aus dem Fenster. »Holla! heda!
wer ist da draußen?« rief ich hinunter. Aber es antwortete niemand, ich
hörte nur etwas sehr schnell durch die Gesträuche fortlaufen. Der große
Hund im Hofe schlug über meinen Lärm ein paarmal an, dann war auf
einmal alles wieder still, und die Nachtmusik ließ sich seitdem nicht wieder
vernehmen.
Sonst hatte ich hier ein Leben, wie sichs ein Mensch nur immer in der
Welt wünschen kann. Der gute Portier! er wußte wohl, was er sprach, wenn
er immer zu sagen pflegte, daß in Italien einem die Rosinen von selbst in
den Mund wüchsen. Ich lebte auf dem einsamen Schlosse wie ein
verwunschener Prinz. Wo ich hintrat, hatten die Leute eine große
Ehrerbietung vor mir, obgleich sie schon alle wußten, daß ich keinen Heller
in der Tasche hatte. Ich durfte nur sagen: Tischchen, deck dich! so standen
auch schon herrliche Speisen, Reis, Wein, Melonen und Parmesankäse da.
Ich ließ mirs wohlschmecken, schlief in dem prächtigen Himmelbett, ging
im Garten spazieren, musizierte und half wohl auch manchmal in der
Gärtnerei nach. Oft lag ich auch stundenlang im Garten im hohen Grase,
und der schmale Jüngling (es war ein Schüler und Verwandter der Alten, der
eben jetzt hier zur Vakanz war) ging mit seinem langen Kaputrock in weiten
Kreisen um mich herum und murmelte dabei, wie ein Zauberer, aus seinem
Buche, worüber ich dann auch jedesmal einschlummerte. – So verging ein
Page 52
Tag nach dem andern, bis ich am Ende anfing, von dem guten Essen und
Trinken ganz melancholisch zu werden. Die Glieder gingen mir von dem
ewigen Nichtstun ordentlich aus allen Gelenken, und es war mir, als würde
ich vor Faulheit noch ganz auseinanderfallen.
In dieser Zeit saß ich einmal an einem schwülen Nachmittag im Wipfel
eines hohen Baumes, der am Abhange stand, und wiegte mich auf den
Ästen langsam über dem stillen, tiefen Tale. Die Bienen summten zwischen
den Blättern um mich herum, sonst war alles wie ausgestorben, kein
Mensch war zwischen den Bergen zu sehen, tief unter mir auf den stillen
Waldwiesen ruhten die Kühe auf dem hohen Grase. Aber ganz von weitem
kam der Klang eines Posthorns über die waldigen Gipfel herüber, bald
kaum vernehmbar, bald wieder heller und deutlicher. Mir fiel dabei auf
einmal ein altes Lied recht aufs Herz, das ich noch zu Hause auf meines
Vaters Mühle von einem wandernden Handwerksburschen gelernt hatte,
und ich sang:
»Wer in die Fremde will wandern,
Der muß mit der Liebsten gehn,
Es jubeln und lassen die andern
Den Fremden alleine stehn.
Was wisset ihr, dunkele Wipfel,
Von der alten, schönen Zeit?
Ach, die Heimat hinter den Gipfeln,
Wie liegt sie von hier so weit!
Am liebsten betracht ich die Sterne,
Die schienen, wenn ich ging zu ihr,
Die Nachtigall hör ich so gerne,
Sie sang vor der Liebsten Tür.
Der Morgen, das ist meine Freude!
Da steig ich in stiller Stund,
Auf den höchsten Berg in die Weite,
Grüß dich, Deutschland, aus Herzensgrund!«
Trinken ganz melancholisch zu werden. Die Glieder gingen mir von dem
ewigen Nichtstun ordentlich aus allen Gelenken, und es war mir, als würde
ich vor Faulheit noch ganz auseinanderfallen.
In dieser Zeit saß ich einmal an einem schwülen Nachmittag im Wipfel
eines hohen Baumes, der am Abhange stand, und wiegte mich auf den
Ästen langsam über dem stillen, tiefen Tale. Die Bienen summten zwischen
den Blättern um mich herum, sonst war alles wie ausgestorben, kein
Mensch war zwischen den Bergen zu sehen, tief unter mir auf den stillen
Waldwiesen ruhten die Kühe auf dem hohen Grase. Aber ganz von weitem
kam der Klang eines Posthorns über die waldigen Gipfel herüber, bald
kaum vernehmbar, bald wieder heller und deutlicher. Mir fiel dabei auf
einmal ein altes Lied recht aufs Herz, das ich noch zu Hause auf meines
Vaters Mühle von einem wandernden Handwerksburschen gelernt hatte,
und ich sang:
»Wer in die Fremde will wandern,
Der muß mit der Liebsten gehn,
Es jubeln und lassen die andern
Den Fremden alleine stehn.
Was wisset ihr, dunkele Wipfel,
Von der alten, schönen Zeit?
Ach, die Heimat hinter den Gipfeln,
Wie liegt sie von hier so weit!
Am liebsten betracht ich die Sterne,
Die schienen, wenn ich ging zu ihr,
Die Nachtigall hör ich so gerne,
Sie sang vor der Liebsten Tür.
Der Morgen, das ist meine Freude!
Da steig ich in stiller Stund,
Auf den höchsten Berg in die Weite,
Grüß dich, Deutschland, aus Herzensgrund!«
Page 53
Es war, als wenn mich das Posthorn bei meinem Liede aus der Ferne
begleiten wollte. Es kam, während ich sang, zwischen den Bergen immer
näher und näher, bis ich es endlich gar oben auf dem Schloßhofe schallen
hörte. Ich sprang rasch vom Baume herunter. Da kam mir auch schon die
Alte mit einem geöffneten Pakete aus dem Schlosse entgegen. »Da ist auch
etwas für Sie mitgekommen«, sagte sie und reichte mir aus dem Paket ein
kleines, niedliches Briefchen. Es war ohne Aufschrift, ich brach es schnell
auf. Aber da wurde ich auch auf einmal im ganzen Gesicht so rot wie eine
Päonie, und das Herz schlug mir so heftig, daß es die Alte merkte, denn das
Briefchen war von – meiner schönen Frau, von der ich manches Zettelchen
bei dem Herrn Amtmann gesehen hatte. Sie schrieb darin ganz kurz: »Es ist
alles wieder gut, alle Hindernisse sind beseitigt. Ich benutzte heimlich diese
Gelegenheit, um die erste zu sein, die Ihnen diese freudige Botschaft
schreibt. Kommen, eilen Sie zurück. Es ist so öde hier, und ich kann kaum
mehr leben, seit Sie von uns fort sind. Aurelie.«
Die Augen gingen mir über, als ich das las, vor Entzücken und Schreck
und unsäglicher Freude. Ich schämte mich vor dem alten Weibe, die mich
wieder abscheulich anschmunzelte, und flog wie ein Pfeil bis in den
allereinsamsten Winkel des Gartens. Dort warf ich mich unter den
Haselnußsträuchern ins Gras hin und las das Briefchen noch einmal, sagte
die Worte auswendig für mich hin und las dann wieder und immer wieder,
und die Sonnenstrahlen tanzten zwischen den Blättern hindurch über den
Buchstaben, daß sie sich wie goldene und hellgrüne und rote Blüten vor
meinen Augen ineinanderschlangen. Ist sie am Ende gar nicht verheiratet
gewesen? dachte ich, war der fremde Offizier damals vielleicht ihr Herr
Bruder, oder ist er nun tot, oder bin ich toll, oder – »Das ist alles einerlei!«
rief ich endlich und sprang auf, »nun ists ja klar, sie liebt mich ja, sie liebt
mich!«
Als ich aus dem Gesträuch wieder hervorkroch, neigte sich die Sonne
zum Untergange. Der Himmel war rot, die Vögel sangen lustig in allen
Wäldern, die Täler waren voller Schimmer, aber in meinem Herzen war es
noch viel tausendmal schöner und fröhlicher!
Ich rief in das Schloß hinein, daß sie mir heut das Abendessen in den
Garten herausbringen sollten. Die alte Frau, der alte grämliche Mann, die
Mägde, sie mußten alle mit heraus und sich mit mir unter dem Baum an den
begleiten wollte. Es kam, während ich sang, zwischen den Bergen immer
näher und näher, bis ich es endlich gar oben auf dem Schloßhofe schallen
hörte. Ich sprang rasch vom Baume herunter. Da kam mir auch schon die
Alte mit einem geöffneten Pakete aus dem Schlosse entgegen. »Da ist auch
etwas für Sie mitgekommen«, sagte sie und reichte mir aus dem Paket ein
kleines, niedliches Briefchen. Es war ohne Aufschrift, ich brach es schnell
auf. Aber da wurde ich auch auf einmal im ganzen Gesicht so rot wie eine
Päonie, und das Herz schlug mir so heftig, daß es die Alte merkte, denn das
Briefchen war von – meiner schönen Frau, von der ich manches Zettelchen
bei dem Herrn Amtmann gesehen hatte. Sie schrieb darin ganz kurz: »Es ist
alles wieder gut, alle Hindernisse sind beseitigt. Ich benutzte heimlich diese
Gelegenheit, um die erste zu sein, die Ihnen diese freudige Botschaft
schreibt. Kommen, eilen Sie zurück. Es ist so öde hier, und ich kann kaum
mehr leben, seit Sie von uns fort sind. Aurelie.«
Die Augen gingen mir über, als ich das las, vor Entzücken und Schreck
und unsäglicher Freude. Ich schämte mich vor dem alten Weibe, die mich
wieder abscheulich anschmunzelte, und flog wie ein Pfeil bis in den
allereinsamsten Winkel des Gartens. Dort warf ich mich unter den
Haselnußsträuchern ins Gras hin und las das Briefchen noch einmal, sagte
die Worte auswendig für mich hin und las dann wieder und immer wieder,
und die Sonnenstrahlen tanzten zwischen den Blättern hindurch über den
Buchstaben, daß sie sich wie goldene und hellgrüne und rote Blüten vor
meinen Augen ineinanderschlangen. Ist sie am Ende gar nicht verheiratet
gewesen? dachte ich, war der fremde Offizier damals vielleicht ihr Herr
Bruder, oder ist er nun tot, oder bin ich toll, oder – »Das ist alles einerlei!«
rief ich endlich und sprang auf, »nun ists ja klar, sie liebt mich ja, sie liebt
mich!«
Als ich aus dem Gesträuch wieder hervorkroch, neigte sich die Sonne
zum Untergange. Der Himmel war rot, die Vögel sangen lustig in allen
Wäldern, die Täler waren voller Schimmer, aber in meinem Herzen war es
noch viel tausendmal schöner und fröhlicher!
Ich rief in das Schloß hinein, daß sie mir heut das Abendessen in den
Garten herausbringen sollten. Die alte Frau, der alte grämliche Mann, die
Mägde, sie mußten alle mit heraus und sich mit mir unter dem Baum an den
Page 54
gedeckten Tisch setzen. Ich zog meine Geige hervor und spielte und aß und
trank dazwischen. Da wurden sie alle lustig, der alte Mann strich seine
grämlichen Falten aus dem Gesicht und stieß ein Glas nach dem andern aus,
die Alte plauderte in einem fort, Gott weiß was; die Mägde fingen an auf
dem Rasen miteinander zu tanzen. Zuletzt kam auch noch der blasse
Student neugierig hervor, warf einige verächtliche Blicke auf das Spektakel
und wollte ganz vornehm wieder weitergehen. Ich aber, nicht zu faul,
sprang geschwind auf, erwischte ihn, eh er sichs versah, bei seinem langen
Überrock und walzte tüchtig mit ihm herum. Er strengte sich nun an, recht
zierlich und neumodisch zu tanzen, und füßelte so emsig und künstlich, daß
ihm der Schweiß vom Gesicht herunterfloß und die langen Rockschöße wie
ein Rad um uns herumflogen. Dabei sah er mich aber manchmal so kurios
mit verdrehten Augen an, daß ich mich ordentlich vor ihm zu fürchten
anfing und ihn plötzlich wieder losließ.
Die Alte hätte nun gar zu gern erfahren, was in dem Briefe stand und
warum ich denn eigentlich heut auf einmal so lustig war. Aber das war ja
viel zu weitläufig, um es ihr auseinandersetzen zu können. Ich zeigte bloß
auf ein paar Kraniche, die eben hoch über uns durch die Luft zogen, und
sagte: ich müßte nun auch so fort und immer fort, weit in die Ferne! – Da
riß sie die vertrockneten Augen weit auf und blickte wie ein Basilisk bald
auf mich, bald auf den alten Mann hinüber. Dann bemerkte ich, wie die
beiden heimlich die Köpfe zusammensteckten, sooft ich mich wegwandte,
und sehr eifrig miteinander sprachen und mich dabei zuweilen von der Seite
ansahen.
Das fiel mir auf. Ich sann hin und her, was sie wohl mit mir vorhaben
möchten. Darüber wurde ich stiller, die Sonne war auch schon lange
untergegangen, und so wünschte ich allen gute Nacht und ging
nachdenklich in meine Schlafstube hinauf.
Ich war innerlich so fröhlich und unruhig, daß ich noch lange im
Zimmer auf und nieder ging. Draußen wälzte der Wind schwere, schwarze
Wolken über den Schloßturm weg, man konnte kaum die nächsten
Bergkoppen in der dicken Finsternis erkennen. Da kam es mir vor, als wenn
ich im Garten unten Stimmen hörte. Ich löschte mein Licht aus und stellte
mich ans Fenster. Die Stimmen schienen näher zu kommen, sprachen aber
sehr leise miteinander. Auf einmal gab eine kleine Laterne, welche die eine
trank dazwischen. Da wurden sie alle lustig, der alte Mann strich seine
grämlichen Falten aus dem Gesicht und stieß ein Glas nach dem andern aus,
die Alte plauderte in einem fort, Gott weiß was; die Mägde fingen an auf
dem Rasen miteinander zu tanzen. Zuletzt kam auch noch der blasse
Student neugierig hervor, warf einige verächtliche Blicke auf das Spektakel
und wollte ganz vornehm wieder weitergehen. Ich aber, nicht zu faul,
sprang geschwind auf, erwischte ihn, eh er sichs versah, bei seinem langen
Überrock und walzte tüchtig mit ihm herum. Er strengte sich nun an, recht
zierlich und neumodisch zu tanzen, und füßelte so emsig und künstlich, daß
ihm der Schweiß vom Gesicht herunterfloß und die langen Rockschöße wie
ein Rad um uns herumflogen. Dabei sah er mich aber manchmal so kurios
mit verdrehten Augen an, daß ich mich ordentlich vor ihm zu fürchten
anfing und ihn plötzlich wieder losließ.
Die Alte hätte nun gar zu gern erfahren, was in dem Briefe stand und
warum ich denn eigentlich heut auf einmal so lustig war. Aber das war ja
viel zu weitläufig, um es ihr auseinandersetzen zu können. Ich zeigte bloß
auf ein paar Kraniche, die eben hoch über uns durch die Luft zogen, und
sagte: ich müßte nun auch so fort und immer fort, weit in die Ferne! – Da
riß sie die vertrockneten Augen weit auf und blickte wie ein Basilisk bald
auf mich, bald auf den alten Mann hinüber. Dann bemerkte ich, wie die
beiden heimlich die Köpfe zusammensteckten, sooft ich mich wegwandte,
und sehr eifrig miteinander sprachen und mich dabei zuweilen von der Seite
ansahen.
Das fiel mir auf. Ich sann hin und her, was sie wohl mit mir vorhaben
möchten. Darüber wurde ich stiller, die Sonne war auch schon lange
untergegangen, und so wünschte ich allen gute Nacht und ging
nachdenklich in meine Schlafstube hinauf.
Ich war innerlich so fröhlich und unruhig, daß ich noch lange im
Zimmer auf und nieder ging. Draußen wälzte der Wind schwere, schwarze
Wolken über den Schloßturm weg, man konnte kaum die nächsten
Bergkoppen in der dicken Finsternis erkennen. Da kam es mir vor, als wenn
ich im Garten unten Stimmen hörte. Ich löschte mein Licht aus und stellte
mich ans Fenster. Die Stimmen schienen näher zu kommen, sprachen aber
sehr leise miteinander. Auf einmal gab eine kleine Laterne, welche die eine
Page 55
Gestalt unterm Mantel trug, einen langen Schein. Ich erkannte nun den
grämlichen Schloßverwalter und die alte Haushälterin. Das Licht blitzte
über das Gesicht der Alten, das mir noch niemals so gräßlich vorgekommen
war, und über ein langes Messer, das sie in der Hand hielt. Dabei konnte ich
sehen, daß sie beide eben nach meinem Fenster hinaufsahen. Dann schlug
der Verwalter seinen Mantel wieder dichter um, und es war bald alles
wieder finster und still.
Was wollen die, dachte ich, zu dieser Stunde noch draußen im Garten?
Mich schauderte, denn es fielen mir alle Mordgeschichten ein, die ich in
meinem Leben gehört hatte, von Hexen und Räubern, welche Menschen
abschlachten, um ihre Herzen zu fressen. Indem ich noch so nachdenke,
kommen Menschentritte erst die Treppe herauf, dann auf dem langen Gange
ganz leise, leise auf meine Tür zu, dabei war es, als wenn zuweilen
Stimmen heimlich miteinander wisperten. Ich sprang schnell an das andere
Ende der Stube hinter einen großen Tisch, den ich, sobald sich etwas rührte,
vor mir aufheben und so mit aller Gewalt auf die Tür losrennen wollte. Aber
in der Finsternis warf ich einen Stuhl um, daß es ein entsetzliches Gepolter
gab. Da wurde es auf einmal ganz still draußen. Ich lauschte hinter dem
Tisch und sah immerfort nach der Tür, als wenn ich sie mit den Augen
durchstechen wollte, daß mir ordentlich die Augen zum Kopfe
herausstanden. Als ich mich ein Weilchen wieder so ruhig verhalten hatte,
daß man die Fliegen an der Wand hätte können gehen hören, vernahm ich,
wie jemand von draußen ganz leise einen Schlüssel ins Schlüsselloch
steckte. Ich wollte nun eben mit meinem Tische losfahren, da drehte es den
Schlüssel langsam dreimal in der Tür um, zog ihn vorsichtig wieder heraus
und schnurrte dann sachte über den Gang und die Treppe hinunter.
Ich schöpfte nun tief Atem. Oho, dachte ich, da haben sie dich
eingesperrt, damit sie's kommode haben, wenn ich erst fest eingeschlafen
bin. Ich untersuchte geschwind die Tür. Es war richtig, sie war fest
verschlossen, ebenso die andere Tür, hinter der die hübsche, bleiche Magd
schlief. Das war noch niemals geschehen, solange ich auf dem Schlosse
wohnte.
Da saß ich nun in der Fremde gefangen! Die schöne Frau stand nun
wohl an ihrem Fenster und sah über den stillen Garten nach der Landstraße
hinaus, ob ich nicht schon am Zollhäuschen mit meiner Geige
grämlichen Schloßverwalter und die alte Haushälterin. Das Licht blitzte
über das Gesicht der Alten, das mir noch niemals so gräßlich vorgekommen
war, und über ein langes Messer, das sie in der Hand hielt. Dabei konnte ich
sehen, daß sie beide eben nach meinem Fenster hinaufsahen. Dann schlug
der Verwalter seinen Mantel wieder dichter um, und es war bald alles
wieder finster und still.
Was wollen die, dachte ich, zu dieser Stunde noch draußen im Garten?
Mich schauderte, denn es fielen mir alle Mordgeschichten ein, die ich in
meinem Leben gehört hatte, von Hexen und Räubern, welche Menschen
abschlachten, um ihre Herzen zu fressen. Indem ich noch so nachdenke,
kommen Menschentritte erst die Treppe herauf, dann auf dem langen Gange
ganz leise, leise auf meine Tür zu, dabei war es, als wenn zuweilen
Stimmen heimlich miteinander wisperten. Ich sprang schnell an das andere
Ende der Stube hinter einen großen Tisch, den ich, sobald sich etwas rührte,
vor mir aufheben und so mit aller Gewalt auf die Tür losrennen wollte. Aber
in der Finsternis warf ich einen Stuhl um, daß es ein entsetzliches Gepolter
gab. Da wurde es auf einmal ganz still draußen. Ich lauschte hinter dem
Tisch und sah immerfort nach der Tür, als wenn ich sie mit den Augen
durchstechen wollte, daß mir ordentlich die Augen zum Kopfe
herausstanden. Als ich mich ein Weilchen wieder so ruhig verhalten hatte,
daß man die Fliegen an der Wand hätte können gehen hören, vernahm ich,
wie jemand von draußen ganz leise einen Schlüssel ins Schlüsselloch
steckte. Ich wollte nun eben mit meinem Tische losfahren, da drehte es den
Schlüssel langsam dreimal in der Tür um, zog ihn vorsichtig wieder heraus
und schnurrte dann sachte über den Gang und die Treppe hinunter.
Ich schöpfte nun tief Atem. Oho, dachte ich, da haben sie dich
eingesperrt, damit sie's kommode haben, wenn ich erst fest eingeschlafen
bin. Ich untersuchte geschwind die Tür. Es war richtig, sie war fest
verschlossen, ebenso die andere Tür, hinter der die hübsche, bleiche Magd
schlief. Das war noch niemals geschehen, solange ich auf dem Schlosse
wohnte.
Da saß ich nun in der Fremde gefangen! Die schöne Frau stand nun
wohl an ihrem Fenster und sah über den stillen Garten nach der Landstraße
hinaus, ob ich nicht schon am Zollhäuschen mit meiner Geige
Page 56
dahergestrichen komme, die Wolken flogen rasch über den Himmel, die
Zeit verging – und ich konnte nicht fort von hier! Ach, mir war so weh im
Herzen, ich wußte gar nicht mehr, was ich tun sollte. Dabei war mirs auch
immer, wenn die Blätter draußen rauschten oder eine Ratte am Boden
knosperte, als wäre die Alte durch eine verborgene Tapetentür heimlich
hereingetreten und lauere und schleiche leise mit dem langen Messer durchs
Zimmer.
Als ich so voll Sorgen auf dem Bette saß, hörte ich auf einmal seit
langer Zeit wieder die Nachtmusik unter meinen Fenstern. Bei dem ersten
Klange der Gitarre war es mir nicht anders, als wenn mir ein Morgenstrahl
plötzlich durch die Seele führe. Ich riß das Fenster auf und rief leise
hinunter, daß ich wach sei. »Pst, pst!« antwortete es von unten. Ich besann
mich nun nicht lange, steckte das Briefchen und meine Geige zu mir,
schwang mich aus dem Fenster und kletterte an der alten, zersprungenen
Mauer hinab, indem ich mich mit den Händen an den Sträuchern, die aus
den Ritzen wuchsen, anhielt. Aber einige morsche Ziegel gaben nach, ich
kam ins Rutschen, es ging immer rascher und rascher mit mir, bis ich
endlich mit beiden Füßen aufplumpte, daß mirs im Gehirnkasten knisterte.
Kaum war ich auf diese Art unten im Garten angekommen, so umarmte
mich jemand mit solcher Vehemenz, daß ich laut aufschrie. Der gute Freund
aber hielt mir schnell die Finger auf den Mund, faßte mich an der Hand und
führte mich dann aus dem Gesträuch ins Freie hinaus. Da erkannte ich mit
Verwunderung den guten, langen Studenten, der die Gitarre an einem
breiten seidenen Bande um den Hals hängen hatte. – Ich beschrieb ihm nun
in größter Geschwindigkeit, daß ich aus dem Garten hinauswollte. Er schien
aber das alles schon lange zu wissen und führte mich auf allerlei verdeckten
Umwegen zu dem untern Tore in der hohen Gartenmauer. Aber da war nun
auch das Tor wieder fest verschlossen! Doch der Student hatte auch das
schon vorbedacht, er zog einen großen Schlüssel hervor und schloß
behutsam auf.
Als wir nun in den Wald hinaustraten und ich ihn eben noch um den
besten Weg zur nächsten Stadt fragen wollte, stürzte er plötzlich vor mir auf
ein Knie nieder, hob die eine Hand hoch in die Höhe und fing an zu fluchen
und zu schwören, daß es entsetzlich anzuhören war. Ich wußte gar nicht,
was er wollte, ich hörte nur immerfort: Idio und cuore und amore und
Zeit verging – und ich konnte nicht fort von hier! Ach, mir war so weh im
Herzen, ich wußte gar nicht mehr, was ich tun sollte. Dabei war mirs auch
immer, wenn die Blätter draußen rauschten oder eine Ratte am Boden
knosperte, als wäre die Alte durch eine verborgene Tapetentür heimlich
hereingetreten und lauere und schleiche leise mit dem langen Messer durchs
Zimmer.
Als ich so voll Sorgen auf dem Bette saß, hörte ich auf einmal seit
langer Zeit wieder die Nachtmusik unter meinen Fenstern. Bei dem ersten
Klange der Gitarre war es mir nicht anders, als wenn mir ein Morgenstrahl
plötzlich durch die Seele führe. Ich riß das Fenster auf und rief leise
hinunter, daß ich wach sei. »Pst, pst!« antwortete es von unten. Ich besann
mich nun nicht lange, steckte das Briefchen und meine Geige zu mir,
schwang mich aus dem Fenster und kletterte an der alten, zersprungenen
Mauer hinab, indem ich mich mit den Händen an den Sträuchern, die aus
den Ritzen wuchsen, anhielt. Aber einige morsche Ziegel gaben nach, ich
kam ins Rutschen, es ging immer rascher und rascher mit mir, bis ich
endlich mit beiden Füßen aufplumpte, daß mirs im Gehirnkasten knisterte.
Kaum war ich auf diese Art unten im Garten angekommen, so umarmte
mich jemand mit solcher Vehemenz, daß ich laut aufschrie. Der gute Freund
aber hielt mir schnell die Finger auf den Mund, faßte mich an der Hand und
führte mich dann aus dem Gesträuch ins Freie hinaus. Da erkannte ich mit
Verwunderung den guten, langen Studenten, der die Gitarre an einem
breiten seidenen Bande um den Hals hängen hatte. – Ich beschrieb ihm nun
in größter Geschwindigkeit, daß ich aus dem Garten hinauswollte. Er schien
aber das alles schon lange zu wissen und führte mich auf allerlei verdeckten
Umwegen zu dem untern Tore in der hohen Gartenmauer. Aber da war nun
auch das Tor wieder fest verschlossen! Doch der Student hatte auch das
schon vorbedacht, er zog einen großen Schlüssel hervor und schloß
behutsam auf.
Als wir nun in den Wald hinaustraten und ich ihn eben noch um den
besten Weg zur nächsten Stadt fragen wollte, stürzte er plötzlich vor mir auf
ein Knie nieder, hob die eine Hand hoch in die Höhe und fing an zu fluchen
und zu schwören, daß es entsetzlich anzuhören war. Ich wußte gar nicht,
was er wollte, ich hörte nur immerfort: Idio und cuore und amore und
Page 57
furore! Als er aber am Ende gar anfing, auf beiden Knien schnell und immer
näher auf mich zuzurutschen, da wurde mir auf einmal ganz grauslich, ich
merkte wohl, daß er verrückt war, und rannte, ohne mich umzusehen, in den
dicksten Wald hinein.
Ich hörte nun den Studenten wie rasend hinter mir drein schreien. Bald
darauf gab noch eine andere grobe Stimme vom Schlosse her Antwort. Ich
dachte mir nun wohl, daß sie mich aufsuchen würden. Der Weg war mir
unbekannt, die Nacht finster, ich konnte ihnen leicht wieder in die Hände
fallen. Ich kletterte daher auf den Wipfel einer hohen Tanne hinauf, um
bessere Gelegenheit abzuwarten.
Von dort konnte ich hören, wie auf dem Schlosse eine Stimme nach der
andern wach wurde. Einige Windlichter zeigten sich oben und warfen ihre
wilden roten Scheine über das alte Gemäuer des Schlosses und weit vom
Berge in die schwarze Nacht hinein. Ich befahl meine Seele dem lieben
Gott, denn das verworrene Getümmel wurde immer lauter und näherte sich
immer mehr und mehr. Endlich stürzte der Student mit einer Fackel unter
meinem Baume vorüber, daß ihm die Rockschöße weit im Winde
nachflogen. Dann schienen sie sich alle nach und nach auf eine andere Seite
des Berges hinzuwenden, die Stimmen schallten immer ferner und ferner,
und der Wind rauschte wieder durch den stillen Wald. Da stieg ich schnell
von dem Baume herab und lief atemlos weiter in das Tal und die Nacht
hinaus.
näher auf mich zuzurutschen, da wurde mir auf einmal ganz grauslich, ich
merkte wohl, daß er verrückt war, und rannte, ohne mich umzusehen, in den
dicksten Wald hinein.
Ich hörte nun den Studenten wie rasend hinter mir drein schreien. Bald
darauf gab noch eine andere grobe Stimme vom Schlosse her Antwort. Ich
dachte mir nun wohl, daß sie mich aufsuchen würden. Der Weg war mir
unbekannt, die Nacht finster, ich konnte ihnen leicht wieder in die Hände
fallen. Ich kletterte daher auf den Wipfel einer hohen Tanne hinauf, um
bessere Gelegenheit abzuwarten.
Von dort konnte ich hören, wie auf dem Schlosse eine Stimme nach der
andern wach wurde. Einige Windlichter zeigten sich oben und warfen ihre
wilden roten Scheine über das alte Gemäuer des Schlosses und weit vom
Berge in die schwarze Nacht hinein. Ich befahl meine Seele dem lieben
Gott, denn das verworrene Getümmel wurde immer lauter und näherte sich
immer mehr und mehr. Endlich stürzte der Student mit einer Fackel unter
meinem Baume vorüber, daß ihm die Rockschöße weit im Winde
nachflogen. Dann schienen sie sich alle nach und nach auf eine andere Seite
des Berges hinzuwenden, die Stimmen schallten immer ferner und ferner,
und der Wind rauschte wieder durch den stillen Wald. Da stieg ich schnell
von dem Baume herab und lief atemlos weiter in das Tal und die Nacht
hinaus.
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Siebentes Kapitel
Ich war Tag und Nacht eilig fortgegangen, denn es sauste mir lange in
den Ohren, als kämen die vom Berge mit ihrem Rufen, mit Fackeln und
langen Messern noch immer hinter mir drein. Unterwegs erfuhr ich, daß ich
nur noch ein paar Meilen von Rom wäre. Da erschrak ich ordentlich vor
Freude. Denn von dem prächtigen Rom hatte ich schon zu Hause als Kind
viele wunderbare Geschichten gehört, und wenn ich dann an
Sonntagsnachmittagen vor der Mühle im Grase lag und alles ringsum so
still war, da dachte ich mir Rom wie die ziehenden Wolken über mir, mit
wundersamen Bergen und Abgründen am blauen Meer und goldnen Toren
und hohen glänzenden Türmen, von denen Engel in goldnen Gewändern
sangen. – Die Nacht war schon wieder lange hereingebrochen, und der
Mond schien prächtig, als ich endlich auf einem Hügel aus dem Walde
heraustrat und auf einmal die Stadt in der Ferne vor mir sah. – Das Meer
leuchtete von weitem, der Himmel blitzte und funkelte unübersehbar mit
unzähligen Sternen, darunter lag die heilige Stadt, von der man nur einen
langen Nebelstreif erkennen konnte, wie ein eingeschlafener Löwe auf der
stillen Erde, und Berge standen daneben wie dunkle Riesen, die ihn
bewachten.
Ich kam nun zuerst auf eine große, einsame Heide, auf der es so grau
und still war wie im Grabe. Nur hin und her stand ein altes verfallenes
Gemäuer oder ein trockener wunderbar gewundener Strauch; manchmal
schwirrten Nachtvögel durch die Luft, und mein eigener Schatten strich
immerfort lang und dunkel in der Einsamkeit neben mir her. Sie sagen, daß
hier eine uralte Stadt und die Frau Venus begraben liegt und die alten
Heiden zuweilen noch aus ihren Gräbern heraufsteigen und bei stiller Nacht
über die Heide gehen und die Wanderer verwirren. Aber ich ging immer
gerade fort und ließ mich nichts anfechten. Denn die Stadt stieg immer
Ich war Tag und Nacht eilig fortgegangen, denn es sauste mir lange in
den Ohren, als kämen die vom Berge mit ihrem Rufen, mit Fackeln und
langen Messern noch immer hinter mir drein. Unterwegs erfuhr ich, daß ich
nur noch ein paar Meilen von Rom wäre. Da erschrak ich ordentlich vor
Freude. Denn von dem prächtigen Rom hatte ich schon zu Hause als Kind
viele wunderbare Geschichten gehört, und wenn ich dann an
Sonntagsnachmittagen vor der Mühle im Grase lag und alles ringsum so
still war, da dachte ich mir Rom wie die ziehenden Wolken über mir, mit
wundersamen Bergen und Abgründen am blauen Meer und goldnen Toren
und hohen glänzenden Türmen, von denen Engel in goldnen Gewändern
sangen. – Die Nacht war schon wieder lange hereingebrochen, und der
Mond schien prächtig, als ich endlich auf einem Hügel aus dem Walde
heraustrat und auf einmal die Stadt in der Ferne vor mir sah. – Das Meer
leuchtete von weitem, der Himmel blitzte und funkelte unübersehbar mit
unzähligen Sternen, darunter lag die heilige Stadt, von der man nur einen
langen Nebelstreif erkennen konnte, wie ein eingeschlafener Löwe auf der
stillen Erde, und Berge standen daneben wie dunkle Riesen, die ihn
bewachten.
Ich kam nun zuerst auf eine große, einsame Heide, auf der es so grau
und still war wie im Grabe. Nur hin und her stand ein altes verfallenes
Gemäuer oder ein trockener wunderbar gewundener Strauch; manchmal
schwirrten Nachtvögel durch die Luft, und mein eigener Schatten strich
immerfort lang und dunkel in der Einsamkeit neben mir her. Sie sagen, daß
hier eine uralte Stadt und die Frau Venus begraben liegt und die alten
Heiden zuweilen noch aus ihren Gräbern heraufsteigen und bei stiller Nacht
über die Heide gehen und die Wanderer verwirren. Aber ich ging immer
gerade fort und ließ mich nichts anfechten. Denn die Stadt stieg immer
Page 59
deutlicher und prächtiger vor mir herauf, und die hohen Burgen und Tore
und die goldenen Kuppeln glänzten so herrlich im hellen Mondenschein, als
ständen wirklich die Engel in goldnen Gewändern auf den Zinnen und
sängen durch die stille Nacht herüber.
So zog ich denn endlich erst an kleinen Häusern vorbei, dann durch ein
prächtiges Tor in die berühmte Stadt Rom hinein. Der Mond schien
zwischen den Palästen, als wäre es heller Tag, aber die Straßen waren schon
alle leer, nur hin und wieder lag ein lumpiger Kerl, wie ein Toter, in der
lauen Nacht auf den Marmorschwellen und schlief. Dabei rauschten die
Brunnen auf den stillen Plätzen, und die Gärten an der Straße säuselten
dazwischen und erfüllten die Luft mit erquickenden Düften.
Wie ich nun eben so weiter fortschlendere und vor Vergnügen,
Mondschein und Wohlgeruch gar nicht weiß, wohin ich mich wenden soll,
läßt sich tief aus dem einen Garten eine Gitarre hören. Mein Gott, denk ich,
da ist mir wohl der tolle Student mit dem langen Überrock heimlich
nachgesprungen! Darüber fing eine Dame in dem Garten an überaus
lieblich zu singen. Ich stand ganz wie bezaubert, denn es war die Stimme
der schönen gnädigen Frau und dasselbe welsche Liedchen, das sie gar oft
zu Hause am offnen Fenster gesungen hatte.
Da fiel mir auf einmal die schöne alte Zeit mit solcher Gewalt aufs
Herz, daß ich bitterlich hätte weinen mögen, der stille Garten vor dem
Schloß in früher Morgenstunde, und wie ich da hinter dem Strauch so
glückselig war, ehe mir die dumme Fliege in die Nase flog. Ich konnte mich
nicht länger halten. Ich kletterte auf den vergoldeten Zieraten über das
Gittertor und schwang mich in den Garten hinunter, woher der Gesang kam.
Da bemerkte ich, daß eine schlanke, weiße Gestalt von fern hinter einer
Pappel stand und mir erst verwundert zusah, als ich über das Gitterwerk
kletterte, dann aber auf einmal so schnell durch den dunklen Garten nach
dem Hause zuflog, daß man sie im Mondschein kaum füßeln sehen konnte.
»Das war sie selbst!« rief ich aus, und das Herz schlug mir vor Freude,
denn ich erkannte sie gleich an den kleinen, geschwinden Füßchen wieder.
Es war nur schlimm, daß ich mir beim Herunterspringen vom Gartentore
den rechten Fuß etwas vertreten hatte, ich mußte daher erst ein paarmal mit
dem Beine schlenkern, eh ich zu dem Hause nachspringen konnte. Aber da
hatten sie unterdes Tür und Fenster fest verschlossen. Ich klopfte ganz
und die goldenen Kuppeln glänzten so herrlich im hellen Mondenschein, als
ständen wirklich die Engel in goldnen Gewändern auf den Zinnen und
sängen durch die stille Nacht herüber.
So zog ich denn endlich erst an kleinen Häusern vorbei, dann durch ein
prächtiges Tor in die berühmte Stadt Rom hinein. Der Mond schien
zwischen den Palästen, als wäre es heller Tag, aber die Straßen waren schon
alle leer, nur hin und wieder lag ein lumpiger Kerl, wie ein Toter, in der
lauen Nacht auf den Marmorschwellen und schlief. Dabei rauschten die
Brunnen auf den stillen Plätzen, und die Gärten an der Straße säuselten
dazwischen und erfüllten die Luft mit erquickenden Düften.
Wie ich nun eben so weiter fortschlendere und vor Vergnügen,
Mondschein und Wohlgeruch gar nicht weiß, wohin ich mich wenden soll,
läßt sich tief aus dem einen Garten eine Gitarre hören. Mein Gott, denk ich,
da ist mir wohl der tolle Student mit dem langen Überrock heimlich
nachgesprungen! Darüber fing eine Dame in dem Garten an überaus
lieblich zu singen. Ich stand ganz wie bezaubert, denn es war die Stimme
der schönen gnädigen Frau und dasselbe welsche Liedchen, das sie gar oft
zu Hause am offnen Fenster gesungen hatte.
Da fiel mir auf einmal die schöne alte Zeit mit solcher Gewalt aufs
Herz, daß ich bitterlich hätte weinen mögen, der stille Garten vor dem
Schloß in früher Morgenstunde, und wie ich da hinter dem Strauch so
glückselig war, ehe mir die dumme Fliege in die Nase flog. Ich konnte mich
nicht länger halten. Ich kletterte auf den vergoldeten Zieraten über das
Gittertor und schwang mich in den Garten hinunter, woher der Gesang kam.
Da bemerkte ich, daß eine schlanke, weiße Gestalt von fern hinter einer
Pappel stand und mir erst verwundert zusah, als ich über das Gitterwerk
kletterte, dann aber auf einmal so schnell durch den dunklen Garten nach
dem Hause zuflog, daß man sie im Mondschein kaum füßeln sehen konnte.
»Das war sie selbst!« rief ich aus, und das Herz schlug mir vor Freude,
denn ich erkannte sie gleich an den kleinen, geschwinden Füßchen wieder.
Es war nur schlimm, daß ich mir beim Herunterspringen vom Gartentore
den rechten Fuß etwas vertreten hatte, ich mußte daher erst ein paarmal mit
dem Beine schlenkern, eh ich zu dem Hause nachspringen konnte. Aber da
hatten sie unterdes Tür und Fenster fest verschlossen. Ich klopfte ganz
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bescheiden an, horchte und klopfte wieder. Da war es nicht anders, als wenn
es drinnen leise flüsterte und kicherte, ja einmal kam es mir vor, als wenn
zwei helle Augen zwischen den Jalousien im Mondschein hervorfunkelten.
Dann war auf einmal wieder alles still.
Sie weiß nur nicht, daß ich es bin, dachte ich, zog die Geige, die ich
allzeit bei mir trage, hervor, spazierte damit auf dem Gange vor dem Hause
auf und nieder und spielte und sang das Lied von der schönen Frau und
spielte voll Vergnügen alle meine Lieder durch, die ich damals in den
schönen Sommernächten im Schloßgarten oder auf der Bank vor dem
Zollhause gespielt hatte, daß es weit bis in die Fenster des Schlosses
hinüberklang. – Aber es half alles nichts, es rührte und regte sich niemand
im ganzen Hause. Da steckte ich endlich meine Geige traurig ein und legte
mich auf der Schwelle vor der Haustür hin, denn ich war sehr müde von
dem langen Marsch. Die Nacht war warm, die Blumenbeete vor dem Hause
dufteten lieblich, eine Wasserkunst weiter unten im Garten plätscherte
immerfort dazwischen. Mir träumte von himmelblauen Blumen, von
schönen, dunkelgrünen, einsamen Gründen, wo Quellen rauschten und
Bächlein gingen und bunte Vögel wunderbar sangen, bis ich endlich fest
einschlief.
Als ich aufwachte, rieselte mir die Morgenluft durch alle Glieder. Die
Vögel waren schon wach und zwitscherten auf den Bäumen um mich
herum, als ob sie mich für'n Narren haben wollten. Ich sprang rasch auf und
sah mich nach allen Seiten um. Die Wasserkunst im Garten rauschte noch
immerfort, aber in dem Hause war kein Laut zu vernehmen. Ich guckte
durch die grünen Jalousien in das eine Zimmer hinein. Da war ein Sofa, und
ein großer runder Tisch mit grauer Leinwand verhangen, die Stühle standen
alle in großer Ordnung und unverrückt an den Wänden herum; von außen
aber waren die Jalousien an allen Fenstern heruntergelassen, als wäre das
ganze Haus schon seit vielen Jahren unbewohnt. – Da überfiel mich ein
ordentliches Grausen vor dem einsamen Hause und Garten und vor der
gestrigen weißen Gestalt. Ich lief, ohne mich weiter umzusehen, durch die
stillen Lauben und Gänge und kletterte geschwind wieder an dem Gartentor
hinauf. Aber da blieb ich wie verzaubert sitzen, als ich auf einmal von dem
hohen Gitterwerk in die prächtige Stadt hinuntersah. Da blitzte und funkelte
die Morgensonne weit über die Dächer und in die langen stillen Straßen
es drinnen leise flüsterte und kicherte, ja einmal kam es mir vor, als wenn
zwei helle Augen zwischen den Jalousien im Mondschein hervorfunkelten.
Dann war auf einmal wieder alles still.
Sie weiß nur nicht, daß ich es bin, dachte ich, zog die Geige, die ich
allzeit bei mir trage, hervor, spazierte damit auf dem Gange vor dem Hause
auf und nieder und spielte und sang das Lied von der schönen Frau und
spielte voll Vergnügen alle meine Lieder durch, die ich damals in den
schönen Sommernächten im Schloßgarten oder auf der Bank vor dem
Zollhause gespielt hatte, daß es weit bis in die Fenster des Schlosses
hinüberklang. – Aber es half alles nichts, es rührte und regte sich niemand
im ganzen Hause. Da steckte ich endlich meine Geige traurig ein und legte
mich auf der Schwelle vor der Haustür hin, denn ich war sehr müde von
dem langen Marsch. Die Nacht war warm, die Blumenbeete vor dem Hause
dufteten lieblich, eine Wasserkunst weiter unten im Garten plätscherte
immerfort dazwischen. Mir träumte von himmelblauen Blumen, von
schönen, dunkelgrünen, einsamen Gründen, wo Quellen rauschten und
Bächlein gingen und bunte Vögel wunderbar sangen, bis ich endlich fest
einschlief.
Als ich aufwachte, rieselte mir die Morgenluft durch alle Glieder. Die
Vögel waren schon wach und zwitscherten auf den Bäumen um mich
herum, als ob sie mich für'n Narren haben wollten. Ich sprang rasch auf und
sah mich nach allen Seiten um. Die Wasserkunst im Garten rauschte noch
immerfort, aber in dem Hause war kein Laut zu vernehmen. Ich guckte
durch die grünen Jalousien in das eine Zimmer hinein. Da war ein Sofa, und
ein großer runder Tisch mit grauer Leinwand verhangen, die Stühle standen
alle in großer Ordnung und unverrückt an den Wänden herum; von außen
aber waren die Jalousien an allen Fenstern heruntergelassen, als wäre das
ganze Haus schon seit vielen Jahren unbewohnt. – Da überfiel mich ein
ordentliches Grausen vor dem einsamen Hause und Garten und vor der
gestrigen weißen Gestalt. Ich lief, ohne mich weiter umzusehen, durch die
stillen Lauben und Gänge und kletterte geschwind wieder an dem Gartentor
hinauf. Aber da blieb ich wie verzaubert sitzen, als ich auf einmal von dem
hohen Gitterwerk in die prächtige Stadt hinuntersah. Da blitzte und funkelte
die Morgensonne weit über die Dächer und in die langen stillen Straßen
Page 61
hinein, daß ich laut aufjauchzen mußte und voller Freude auf die Straße
hinuntersprang.
Aber wohin sollt ich mich wenden in der großen fremden Stadt? Auch
ging mir die konfuse Nacht und das welsche Lied der schönen gnädigen
Frau von gestern noch immer im Kopfe hin und her. Ich setzte mich endlich
auf den steinernen Springbrunnen, der mitten auf dem einsamen Platze
stand, wusch mir in dem klaren Wasser die Augen hell und sang dazu:
»Wenn ich ein Vöglein war,
Ich wüßt wohl, wovon ich sänge,
Und auch zwei Flügel hätt,
Ich wüßt wohl, wohin ich mich schwänge!«
»Ei, lustiger Gesell, du singst ja wie eine Lerche beim ersten
Morgenstrahl!« sagte da auf einmal ein junger Mann zu mir, der während
meines Liedes an den Brunnen herangetreten war. Mir aber, da ich so
unverhofft Deutsch sprechen hörte, war es nicht anders im Herzen, als wenn
die Glocke aus meinem Dorfe am stillen Sonntagsmorgen plötzlich zu mir
herüberklänge. »Gott willkommen, bester Herr Landsmann!« rief ich aus
und sprang voller Vergnügen von dem steinernen Brunnen herab. Der junge
Mann lächelte und sah mich von oben bis unten an. »Aber was treibt Ihr
denn eigentlich hier in Rom?« fragte er endlich. Da wußte ich nun nicht
gleich, was ich sagen sollte, denn daß ich soeben der schönen gnädigen
Frau nachspränge, mocht ich ihm nicht sagen. »Ich treibe,« erwiderte ich,
»mich selbst ein bißchen herum, um die Welt zu sehn.« – »So so!« versetzte
der junge Mann und lachte laut auf, »da haben wir ja e i n Metier. Das tu ich
eben auch, um die Welt zu sehn und hinterdrein abzumalen.« – »Also ein
Maler!« rief ich fröhlich aus, denn mir fiel dabei Herr Leonhard und Guido
ein. Aber der Herr ließ mich nicht zu Worte kommen. »Ich denke,« sagte er,
»du gehst mit und frühstückst bei mir, da will ich dich selbst abkonterfeien,
daß es eine Freude sein soll!« – Das ließ ich mir gern gefallen und wanderte
nun mit dem Maler durch die leeren Straßen, wo nur hin und wieder erst
einige Fensterladen aufgemacht wurden und bald ein Paar weiße Arme, bald
ein verschlafnes Gesichtchen in die frische Morgenluft hinausguckte.
Er führte mich lange hin und her durch eine Menge konfuser, enger und
dunkler Gassen, bis wir endlich in ein altes verräuchertes Haus
hinuntersprang.
Aber wohin sollt ich mich wenden in der großen fremden Stadt? Auch
ging mir die konfuse Nacht und das welsche Lied der schönen gnädigen
Frau von gestern noch immer im Kopfe hin und her. Ich setzte mich endlich
auf den steinernen Springbrunnen, der mitten auf dem einsamen Platze
stand, wusch mir in dem klaren Wasser die Augen hell und sang dazu:
»Wenn ich ein Vöglein war,
Ich wüßt wohl, wovon ich sänge,
Und auch zwei Flügel hätt,
Ich wüßt wohl, wohin ich mich schwänge!«
»Ei, lustiger Gesell, du singst ja wie eine Lerche beim ersten
Morgenstrahl!« sagte da auf einmal ein junger Mann zu mir, der während
meines Liedes an den Brunnen herangetreten war. Mir aber, da ich so
unverhofft Deutsch sprechen hörte, war es nicht anders im Herzen, als wenn
die Glocke aus meinem Dorfe am stillen Sonntagsmorgen plötzlich zu mir
herüberklänge. »Gott willkommen, bester Herr Landsmann!« rief ich aus
und sprang voller Vergnügen von dem steinernen Brunnen herab. Der junge
Mann lächelte und sah mich von oben bis unten an. »Aber was treibt Ihr
denn eigentlich hier in Rom?« fragte er endlich. Da wußte ich nun nicht
gleich, was ich sagen sollte, denn daß ich soeben der schönen gnädigen
Frau nachspränge, mocht ich ihm nicht sagen. »Ich treibe,« erwiderte ich,
»mich selbst ein bißchen herum, um die Welt zu sehn.« – »So so!« versetzte
der junge Mann und lachte laut auf, »da haben wir ja e i n Metier. Das tu ich
eben auch, um die Welt zu sehn und hinterdrein abzumalen.« – »Also ein
Maler!« rief ich fröhlich aus, denn mir fiel dabei Herr Leonhard und Guido
ein. Aber der Herr ließ mich nicht zu Worte kommen. »Ich denke,« sagte er,
»du gehst mit und frühstückst bei mir, da will ich dich selbst abkonterfeien,
daß es eine Freude sein soll!« – Das ließ ich mir gern gefallen und wanderte
nun mit dem Maler durch die leeren Straßen, wo nur hin und wieder erst
einige Fensterladen aufgemacht wurden und bald ein Paar weiße Arme, bald
ein verschlafnes Gesichtchen in die frische Morgenluft hinausguckte.
Er führte mich lange hin und her durch eine Menge konfuser, enger und
dunkler Gassen, bis wir endlich in ein altes verräuchertes Haus
Page 62
hineinwuschten. Dort stiegen wir eine finstre Treppe hinauf, dann wieder
eine, als wenn wir in den Himmel hineinsteigen wollten. Wir standen nun
unter dem Dache vor einer Tür still, und der Maler fing an in allen Taschen
vorn und hinten mit großer Eilfertigkeit zu suchen. Aber er hatte heute früh
vergessen zuzuschließen und den Schlüssel in der Stube gelassen. Denn er
war, wie er mir unterwegs erzählte, noch vor Tagesanbruch vor die Stadt
hinausgegangen, um die Gegend bei Sonnenaufgang zu betrachten. Er
schüttelte nur mit dem Kopfe und stieß die Tür mit dem Fuße auf.
Das war eine lange, lange, große Stube, daß man darin hätte tanzen
können, wenn nur nicht auf dem Fußboden alles vollgelegen hätte. Aber da
lagen Stiefel, Papiere, Kleider, umgeworfene Farbentöpfe, alles
durcheinander; in der Mitte der Stube standen große Gerüste, wie man zum
Birnenabnehmen braucht, ringsum an der Wand waren große Bilder
angelehnt. Auf einem langen hölzernen Tische war eine Schüssel, worauf
neben einem Farbenkleckse Brot und Butter lag. Eine Flasche Wein stand
daneben.
»Nun eßt und trinkt erst, Landsmann!« rief mir der Maler zu. – Ich
wollte mir auch sogleich ein paar Butterschnitten schmieren, aber da war
wieder kein Messer da. Wir mußten erst lange in den Papieren auf dem
Tische herumrascheln, ehe wir es unter einem großen Pakete endlich
fanden. Darauf riß der Maler das Fenster auf, daß die frische Morgenluft
fröhlich das ganze Zimmer durchdrang. Das war eine herrliche Aussicht
weit über die Stadt weg in die Berge hinein, wo die Morgensonne lustig die
weißen Landhäuser und Weingärten beschien. – »Vivat unser kühlgrünes
Deutschland da hinter den Bergen!« rief der Maler aus und trank dazu aus
der Weinflasche, die er mir dann hinreichte. Ich tat ihm höflich Bescheid
und grüßte in meinem Herzen die schöne Heimat in der Ferne noch viel
tausendmal.
Der Maler aber hatte unterdes das hölzerne Gerüst, worauf ein sehr
großes Papier aufgespannt war, näher an das Fenster herangerückt. Auf dem
Papier war bloß mit großen schwarzen Strichen eine alte Hütte gar künstlich
abgezeichnet. Darin saß die Heilige Jungfrau mit einem überaus schönen,
freudigen und doch recht wehmütigen Gesichte. Zu ihren Füßen auf einem
Nestlein von Stroh lag das Jesuskind, sehr freundlich, aber mit großen,
ernsthaften Augen. Draußen auf der Schwelle der offnen Hütte aber knieten
eine, als wenn wir in den Himmel hineinsteigen wollten. Wir standen nun
unter dem Dache vor einer Tür still, und der Maler fing an in allen Taschen
vorn und hinten mit großer Eilfertigkeit zu suchen. Aber er hatte heute früh
vergessen zuzuschließen und den Schlüssel in der Stube gelassen. Denn er
war, wie er mir unterwegs erzählte, noch vor Tagesanbruch vor die Stadt
hinausgegangen, um die Gegend bei Sonnenaufgang zu betrachten. Er
schüttelte nur mit dem Kopfe und stieß die Tür mit dem Fuße auf.
Das war eine lange, lange, große Stube, daß man darin hätte tanzen
können, wenn nur nicht auf dem Fußboden alles vollgelegen hätte. Aber da
lagen Stiefel, Papiere, Kleider, umgeworfene Farbentöpfe, alles
durcheinander; in der Mitte der Stube standen große Gerüste, wie man zum
Birnenabnehmen braucht, ringsum an der Wand waren große Bilder
angelehnt. Auf einem langen hölzernen Tische war eine Schüssel, worauf
neben einem Farbenkleckse Brot und Butter lag. Eine Flasche Wein stand
daneben.
»Nun eßt und trinkt erst, Landsmann!« rief mir der Maler zu. – Ich
wollte mir auch sogleich ein paar Butterschnitten schmieren, aber da war
wieder kein Messer da. Wir mußten erst lange in den Papieren auf dem
Tische herumrascheln, ehe wir es unter einem großen Pakete endlich
fanden. Darauf riß der Maler das Fenster auf, daß die frische Morgenluft
fröhlich das ganze Zimmer durchdrang. Das war eine herrliche Aussicht
weit über die Stadt weg in die Berge hinein, wo die Morgensonne lustig die
weißen Landhäuser und Weingärten beschien. – »Vivat unser kühlgrünes
Deutschland da hinter den Bergen!« rief der Maler aus und trank dazu aus
der Weinflasche, die er mir dann hinreichte. Ich tat ihm höflich Bescheid
und grüßte in meinem Herzen die schöne Heimat in der Ferne noch viel
tausendmal.
Der Maler aber hatte unterdes das hölzerne Gerüst, worauf ein sehr
großes Papier aufgespannt war, näher an das Fenster herangerückt. Auf dem
Papier war bloß mit großen schwarzen Strichen eine alte Hütte gar künstlich
abgezeichnet. Darin saß die Heilige Jungfrau mit einem überaus schönen,
freudigen und doch recht wehmütigen Gesichte. Zu ihren Füßen auf einem
Nestlein von Stroh lag das Jesuskind, sehr freundlich, aber mit großen,
ernsthaften Augen. Draußen auf der Schwelle der offnen Hütte aber knieten
Page 63
zwei Hirtenknaben mit Stab und Tasche. – »Siehst du,« sagte der Maler,
»dem einen Hirtenknaben da will ich deinen Kopf aufsetzen, so kommt dein
Gesicht doch auch etwas unter die Leute, und wills Gott, sollen sie sich
daran noch erfreuen, wenn wir beide schon lange begraben sind und selbst
so still und fröhlich vor der Heiligen Mutter und ihrem Sohne knien wie die
glücklichen Jungen hier.« – Darauf ergriff er einen alten Stuhl, von dem
ihm aber, da er ihn aufheben wollte, die halbe Lehne in der Hand blieb. Er
paßte ihn geschwind wieder zusammen, schob ihn vor das Gerüst hin, und
ich mußte mich nun darauf setzen und mein Gesicht etwas von der Seite,
nach dem Maler zu, wenden. – So saß ich ein paar Minuten ganz still, ohne
mich zu rühren. Aber ich weiß nicht, zuletzt konnt ichs gar nicht recht
aushalten, bald juckte michs da, bald juckte michs dort. Auch hing mir
gerade gegenüber ein zerbrochener halber Spiegel, da mußt ich immerfort
hineinsehen und machte, wenn er eben malte, aus Langeweile allerlei
Gesichter und Grimassen. Der Maler, der es bemerkte, lachte endlich laut
auf und winkte mir mit der Hand, daß ich wieder aufstehen sollte. Mein
Gesicht auf dem Hirten war auch schon fertig und sah so klar aus, daß ich
mir ordentlich selber gefiel.
Er zeichnete nun in der frischen Morgenkühle immer fleißig fort,
während er ein Liedchen dazu sang und zuweilen durch das offne Fenster in
die prächtige Gegend hinausblickte. Ich aber schnitt mir unterdes noch eine
Butterstolle und ging damit im Zimmer auf und ab und besah mir die
Bilder, die an der Wand aufgestellt waren. Zwei darunter gefielen mir ganz
besonders gut. »Habt Ihr die auch gemalt?« fragte ich den Maler. »Warum
nicht gar!« erwiderte er, »die sind von den berühmten Meistern Leonardo
da Vinci und Guido Reni – aber da weißt du ja doch nichts davon!« – Mich
ärgerte der Schluß der Rede. »O,« versetzte ich ganz gelassen, »die beiden
Meister kenne ich wie meine eigne Tasche.« – Da machte er große Augen.
»Wieso?« fragte er geschwind. »Nun,« sagte ich, »bin ich nicht mit ihnen
Tag und Nacht fortgereist, zu Pferde und zu Fuß und zu Wagen, daß mir der
Wind am Hute pfiff, und hab sie alle beide in der Schenke verloren und bin
dann allein in ihrem Wagen mit Extrapost immer weiter gefahren, daß der
Bombenwagen immerfort auf zwei Rädern über die entsetzlichen Steine
flog, und« – »Oho! Oho!« unterbrach mich der Maler und sah mich starr an,
als wenn er mich für verrückt hielte. Dann aber brach er plötzlich in ein
lautes Gelächter aus. »Ach,« rief er, »nun versteh ich erst, du bist mit zwei
»dem einen Hirtenknaben da will ich deinen Kopf aufsetzen, so kommt dein
Gesicht doch auch etwas unter die Leute, und wills Gott, sollen sie sich
daran noch erfreuen, wenn wir beide schon lange begraben sind und selbst
so still und fröhlich vor der Heiligen Mutter und ihrem Sohne knien wie die
glücklichen Jungen hier.« – Darauf ergriff er einen alten Stuhl, von dem
ihm aber, da er ihn aufheben wollte, die halbe Lehne in der Hand blieb. Er
paßte ihn geschwind wieder zusammen, schob ihn vor das Gerüst hin, und
ich mußte mich nun darauf setzen und mein Gesicht etwas von der Seite,
nach dem Maler zu, wenden. – So saß ich ein paar Minuten ganz still, ohne
mich zu rühren. Aber ich weiß nicht, zuletzt konnt ichs gar nicht recht
aushalten, bald juckte michs da, bald juckte michs dort. Auch hing mir
gerade gegenüber ein zerbrochener halber Spiegel, da mußt ich immerfort
hineinsehen und machte, wenn er eben malte, aus Langeweile allerlei
Gesichter und Grimassen. Der Maler, der es bemerkte, lachte endlich laut
auf und winkte mir mit der Hand, daß ich wieder aufstehen sollte. Mein
Gesicht auf dem Hirten war auch schon fertig und sah so klar aus, daß ich
mir ordentlich selber gefiel.
Er zeichnete nun in der frischen Morgenkühle immer fleißig fort,
während er ein Liedchen dazu sang und zuweilen durch das offne Fenster in
die prächtige Gegend hinausblickte. Ich aber schnitt mir unterdes noch eine
Butterstolle und ging damit im Zimmer auf und ab und besah mir die
Bilder, die an der Wand aufgestellt waren. Zwei darunter gefielen mir ganz
besonders gut. »Habt Ihr die auch gemalt?« fragte ich den Maler. »Warum
nicht gar!« erwiderte er, »die sind von den berühmten Meistern Leonardo
da Vinci und Guido Reni – aber da weißt du ja doch nichts davon!« – Mich
ärgerte der Schluß der Rede. »O,« versetzte ich ganz gelassen, »die beiden
Meister kenne ich wie meine eigne Tasche.« – Da machte er große Augen.
»Wieso?« fragte er geschwind. »Nun,« sagte ich, »bin ich nicht mit ihnen
Tag und Nacht fortgereist, zu Pferde und zu Fuß und zu Wagen, daß mir der
Wind am Hute pfiff, und hab sie alle beide in der Schenke verloren und bin
dann allein in ihrem Wagen mit Extrapost immer weiter gefahren, daß der
Bombenwagen immerfort auf zwei Rädern über die entsetzlichen Steine
flog, und« – »Oho! Oho!« unterbrach mich der Maler und sah mich starr an,
als wenn er mich für verrückt hielte. Dann aber brach er plötzlich in ein
lautes Gelächter aus. »Ach,« rief er, »nun versteh ich erst, du bist mit zwei
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Malern gereist, die Guido und Leonhard hießen?« – Da ich das bejahte,
sprang er rasch auf und sah mich nochmals von oben bis unten ganz genau
an. »Ich glaube gar,« sagte er, »am Ende – spielst du die Violine?« – Ich
schlug auf meine Rocktasche, daß die Geige darin einen Klang gab. –
»Nun, wahrhaftig,« versetzte der Maler, »da war eine Gräfin aus
Deutschland hier, die hat sich in allen Winkeln von Rom nach den beiden
Malern und nach einem jungen Musikanten mit der Geige erkundigen
lassen.« – »Eine junge Gräfin aus Deutschland?« rief ich voller Entzücken
aus, »ist der Portier mit?« – »Ja, das weiß ich alles nicht,« erwiderte der
Maler, »ich sah sie nur einige Male bei einer Freundin von ihr, die aber
auch nicht in der Stadt wohnt. – Kennst du die?« fuhr er fort, indem er in
einem Winkel plötzlich eine Leinwanddecke von einem großen Bilde in die
Höhe hob. Da war mirs doch nicht anders, als wenn man in einer finstern
Stube die Laden aufmacht und einem die Morgensonne auf einmal über die
Augen blitzt, es war – die schöne gnädige Frau! – sie stand in einem
schwarzen Samtkleide im Garten und hob mit einer Hand den Schleier vom
Gesicht und sah still und freundlich in eine weite, prächtige Gegend hinaus.
Je länger ich hinsah, je mehr kam es mir vor, als wäre es der Garten am
Schlosse, und die Blumen und Zweige wiegten sich leise im Winde, und
unten in der Tiefe sähe ich mein Zollhäuschen und die Landstraße weit
durchs Grüne und die Donau und die fernen blauen Berge.
»Sie ists, sie ists!« rief ich endlich, erwischte meinen Hut und rannte
rasch zur Tür hinaus, die vielen Treppen hinunter und hörte nur noch, daß
mir der verwunderte Maler nachschrie, ich sollte gegen Abend
wiederkommen, da könnten wir vielleicht mehr erfahren.
sprang er rasch auf und sah mich nochmals von oben bis unten ganz genau
an. »Ich glaube gar,« sagte er, »am Ende – spielst du die Violine?« – Ich
schlug auf meine Rocktasche, daß die Geige darin einen Klang gab. –
»Nun, wahrhaftig,« versetzte der Maler, »da war eine Gräfin aus
Deutschland hier, die hat sich in allen Winkeln von Rom nach den beiden
Malern und nach einem jungen Musikanten mit der Geige erkundigen
lassen.« – »Eine junge Gräfin aus Deutschland?« rief ich voller Entzücken
aus, »ist der Portier mit?« – »Ja, das weiß ich alles nicht,« erwiderte der
Maler, »ich sah sie nur einige Male bei einer Freundin von ihr, die aber
auch nicht in der Stadt wohnt. – Kennst du die?« fuhr er fort, indem er in
einem Winkel plötzlich eine Leinwanddecke von einem großen Bilde in die
Höhe hob. Da war mirs doch nicht anders, als wenn man in einer finstern
Stube die Laden aufmacht und einem die Morgensonne auf einmal über die
Augen blitzt, es war – die schöne gnädige Frau! – sie stand in einem
schwarzen Samtkleide im Garten und hob mit einer Hand den Schleier vom
Gesicht und sah still und freundlich in eine weite, prächtige Gegend hinaus.
Je länger ich hinsah, je mehr kam es mir vor, als wäre es der Garten am
Schlosse, und die Blumen und Zweige wiegten sich leise im Winde, und
unten in der Tiefe sähe ich mein Zollhäuschen und die Landstraße weit
durchs Grüne und die Donau und die fernen blauen Berge.
»Sie ists, sie ists!« rief ich endlich, erwischte meinen Hut und rannte
rasch zur Tür hinaus, die vielen Treppen hinunter und hörte nur noch, daß
mir der verwunderte Maler nachschrie, ich sollte gegen Abend
wiederkommen, da könnten wir vielleicht mehr erfahren.
Page 65
Achtes Kapitel
Ich lief mit großer Eilfertigkeit durch die Stadt, um mich sogleich
wieder in dem Gartenhause zu melden, wo die schöne Frau gestern abend
gesungen hatte. Auf den Straßen war unterdes alles lebendig geworden,
Herren und Damen zogen im Sonnenschein und neigten sich und grüßten
bunt durcheinander, prächtige Karossen rasselten dazwischen, und von allen
Türmen läutete es zur Messe, daß die Klänge über dem Gewühl wunderbar
in der klaren Luft durcheinanderhallten. Ich war wie betrunken von Freude
und von dem Rumor und rannte in meiner Fröhlichkeit immer gerade fort,
bis ich zuletzt gar nicht mehr wußte, wo ich stand. Es war wie verzaubert,
als wäre der stille Platz mit dem Brunnen und der Garten und das Haus bloß
ein Traum gewesen und beim hellen Tageslichte alles wieder von der Erde
verschwunden.
Fragen konnte ich nicht, denn ich wußte den Namen des Platzes nicht.
Endlich fing es auch an sehr schwül zu werden, die Sonnenstrahlen
schossen recht wie sengende Pfeile auf das Pflaster, die Leute verkrochen
sich in die Häuser, die Jalousien wurden überall wieder zugemacht, und es
war auf einmal wie ausgestorben auf den Straßen. Ich warf mich zuletzt
ganz verzweifelt vor einem schönen großen Hause hin, vor dem ein Balkon
mit Säulen breiten Schatten warf, und betrachtete bald die stille Stadt, die in
der plötzlichen Einsamkeit bei heller Mittagsstunde ordentlich schauerlich
aussah, bald wieder den tiefblauen, ganz wolkenlosen Himmel, bis ich
endlich vor großer Ermüdung gar einschlummerte. Da träumte mir, ich läge
bei meinem Dorfe auf einer einsamen grünen Wiese, ein warmer
Sommerregen sprühte und glänzte in der Sonne, die soeben hinter den
Bergen unterging, und wie die Regentropfen auf den Rasen fielen, waren es
lauter schöne bunte Blumen, so daß ich davon ganz überschüttet war.
Ich lief mit großer Eilfertigkeit durch die Stadt, um mich sogleich
wieder in dem Gartenhause zu melden, wo die schöne Frau gestern abend
gesungen hatte. Auf den Straßen war unterdes alles lebendig geworden,
Herren und Damen zogen im Sonnenschein und neigten sich und grüßten
bunt durcheinander, prächtige Karossen rasselten dazwischen, und von allen
Türmen läutete es zur Messe, daß die Klänge über dem Gewühl wunderbar
in der klaren Luft durcheinanderhallten. Ich war wie betrunken von Freude
und von dem Rumor und rannte in meiner Fröhlichkeit immer gerade fort,
bis ich zuletzt gar nicht mehr wußte, wo ich stand. Es war wie verzaubert,
als wäre der stille Platz mit dem Brunnen und der Garten und das Haus bloß
ein Traum gewesen und beim hellen Tageslichte alles wieder von der Erde
verschwunden.
Fragen konnte ich nicht, denn ich wußte den Namen des Platzes nicht.
Endlich fing es auch an sehr schwül zu werden, die Sonnenstrahlen
schossen recht wie sengende Pfeile auf das Pflaster, die Leute verkrochen
sich in die Häuser, die Jalousien wurden überall wieder zugemacht, und es
war auf einmal wie ausgestorben auf den Straßen. Ich warf mich zuletzt
ganz verzweifelt vor einem schönen großen Hause hin, vor dem ein Balkon
mit Säulen breiten Schatten warf, und betrachtete bald die stille Stadt, die in
der plötzlichen Einsamkeit bei heller Mittagsstunde ordentlich schauerlich
aussah, bald wieder den tiefblauen, ganz wolkenlosen Himmel, bis ich
endlich vor großer Ermüdung gar einschlummerte. Da träumte mir, ich läge
bei meinem Dorfe auf einer einsamen grünen Wiese, ein warmer
Sommerregen sprühte und glänzte in der Sonne, die soeben hinter den
Bergen unterging, und wie die Regentropfen auf den Rasen fielen, waren es
lauter schöne bunte Blumen, so daß ich davon ganz überschüttet war.
Page 66
Aber wie erstaunte ich, als ich erwachte und wirklich eine Menge
schöner frischer Blumen auf und neben mir liegen sah! Ich sprang auf,
konnte aber nichts Besonderes bemerken, als bloß in dem Hause über mir
ein Fenster ganz oben voll von duftenden Sträuchern und Blumen, hinter
denen ein Papagei unablässig plauderte und kreischte. Ich las nun die
zerstreuten Blumen auf, band sie zusammen und steckte mir den Strauß
vorn ins Knopfloch. Dann aber fing ich an, mit dem Papagei ein wenig zu
diskurieren, denn es freute mich, wie er in seinem vergoldeten Gebauer mit
allerlei Grimassen herauf und herunter stieg und sich dabei immer
ungeschickt über die große Zehe trat. Doch ehe ich michs versah, schimpfte
er mich »Furfante!« Wenn es gleich eine unvernünftige Bestie war, so
ärgerte es mich doch. Ich schimpfte ihn wieder, wir gerieten endlich beide
in Hitze, je mehr ich auf deutsch schimpfte, je mehr gurgelte er auf
italienisch wieder auf mich los.
Auf einmal hörte ich jemand hinter mir lachen. Ich drehte mich rasch
um. Es war der Maler von heute früh. »Was stellst du wieder für tolles Zeug
an!« sagte er, »ich warte schon eine halbe Stunde auf dich. Die Luft ist
wieder kühler, wir wollen in einen Garten vor der Stadt gehen, da wirst du
mehrere Landsleute finden und vielleicht etwas Näheres von der deutschen
Gräfin erfahren.«
Darüber war ich außerordentlich erfreut, und wir traten unsern
Spaziergang sogleich an, während ich den Papagei noch lange hinter mir
drein schimpfen hörte.
Nachdem wir draußen vor der Stadt auf schmalen steinichten
Fußsteigen lange zwischen Landhäusern und Weingärten hinaufgestiegen
waren, kamen wir an einen kleinen hochgelegenen Garten, wo mehrere
junge Männer und Mädchen im Grünen um einen runden Tisch saßen.
Sobald wir hineintraten, winkten uns alle zu, uns still zu verhalten, und
zeigten auf die andere Seite des Gartens hin. Dort saßen in einer großen,
grünverwachsenen Laube zwei schöne Frauen an einem Tisch einander
gegenüber. Die eine sang, die andere spielte Gitarre dazu. Zwischen beiden
hinter dem Tische stand ein freundlicher Mann, der mit einem kleinen
Stäbchen zuweilen den Takt schlug. Dabei funkelte die Abendsonne durch
das Weinlaub, bald über die Weinflaschen und Früchte, womit der Tisch in
der Laube besetzt war, bald über die vollen, runden, blendendweißen
schöner frischer Blumen auf und neben mir liegen sah! Ich sprang auf,
konnte aber nichts Besonderes bemerken, als bloß in dem Hause über mir
ein Fenster ganz oben voll von duftenden Sträuchern und Blumen, hinter
denen ein Papagei unablässig plauderte und kreischte. Ich las nun die
zerstreuten Blumen auf, band sie zusammen und steckte mir den Strauß
vorn ins Knopfloch. Dann aber fing ich an, mit dem Papagei ein wenig zu
diskurieren, denn es freute mich, wie er in seinem vergoldeten Gebauer mit
allerlei Grimassen herauf und herunter stieg und sich dabei immer
ungeschickt über die große Zehe trat. Doch ehe ich michs versah, schimpfte
er mich »Furfante!« Wenn es gleich eine unvernünftige Bestie war, so
ärgerte es mich doch. Ich schimpfte ihn wieder, wir gerieten endlich beide
in Hitze, je mehr ich auf deutsch schimpfte, je mehr gurgelte er auf
italienisch wieder auf mich los.
Auf einmal hörte ich jemand hinter mir lachen. Ich drehte mich rasch
um. Es war der Maler von heute früh. »Was stellst du wieder für tolles Zeug
an!« sagte er, »ich warte schon eine halbe Stunde auf dich. Die Luft ist
wieder kühler, wir wollen in einen Garten vor der Stadt gehen, da wirst du
mehrere Landsleute finden und vielleicht etwas Näheres von der deutschen
Gräfin erfahren.«
Darüber war ich außerordentlich erfreut, und wir traten unsern
Spaziergang sogleich an, während ich den Papagei noch lange hinter mir
drein schimpfen hörte.
Nachdem wir draußen vor der Stadt auf schmalen steinichten
Fußsteigen lange zwischen Landhäusern und Weingärten hinaufgestiegen
waren, kamen wir an einen kleinen hochgelegenen Garten, wo mehrere
junge Männer und Mädchen im Grünen um einen runden Tisch saßen.
Sobald wir hineintraten, winkten uns alle zu, uns still zu verhalten, und
zeigten auf die andere Seite des Gartens hin. Dort saßen in einer großen,
grünverwachsenen Laube zwei schöne Frauen an einem Tisch einander
gegenüber. Die eine sang, die andere spielte Gitarre dazu. Zwischen beiden
hinter dem Tische stand ein freundlicher Mann, der mit einem kleinen
Stäbchen zuweilen den Takt schlug. Dabei funkelte die Abendsonne durch
das Weinlaub, bald über die Weinflaschen und Früchte, womit der Tisch in
der Laube besetzt war, bald über die vollen, runden, blendendweißen
Page 67
Achseln der Frau mit der Gitarre. Die andere war wie verzückt und sang auf
italienisch ganz außerordentlich künstlich, daß ihr die Flechsen am Halse
aufschwollen.
Wie sie nun soeben mit zum Himmel gerichteten Augen eine lange
Kadenz anhielt und der Mann neben ihr mit aufgehobenem Stäbchen auf
den Augenblick paßte, wo sie wieder in den Takt einfallen würde, und
keiner im ganzen Garten zu atmen sich unterstand, da flog plötzlich die
Gartentür weit auf und ein ganz erhitztes Mädchen und hinter ihr ein junger
Mensch mit einem feinen, bleichen Gesicht stürzten in großem Gezänke
herein. Der erschrockene Musikdirektor blieb mit seinem aufgehobenen
Stabe wie ein versteinerter Zauberer stehen, obgleich die Sängerin schon
längst den langen Triller plötzlich abgeschnappt hatte und zornig
aufgestanden war. Alle übrigen zischten den Neuangekommenen wütend
an. »Barbar!« rief ihm einer von dem runden Tische zu, »du rennst da
mitten in das sinnreiche Tableau von der schönen Beschreibung hinein,
welche der selige Hoffmann, Seite 347 des Frauentaschenbuches für 1816,
von dem schönsten Hummelschen Bilde gibt, das im Herbst 1814 auf der
Berliner Kunstausstellung zu sehen war!« – Aber das half alles nichts. »Ach
was!« entgegnete der junge Mann, »mit euern Tableaus von Tableaus! Mein
selbsterfundenes Bild für die andern, und mein Mädchen für mich allein! So
will ich es halten! O du Ungetreue, du Falsche!« fuhr er dann von neuem
gegen das arme Mädchen fort, »du kritische Seele, die in der Malerkunst
nur den Silberblick und in der Dichterkunst nur den goldenen Faden sucht
und keinen Liebsten, sondern nur lauter Schätze hat! Ich wünsche dir
hinfüro, anstatt eines ehrlichen malerischen Pinsels, einen alten Duka mit
einer ganzen Münzgrube von Diamanten auf der Nase und mit hellem
Silberblick auf der kahlen Platte und mit Goldschnitt auf den paar noch
übrigen Haaren! Ja, nur heraus mit dem verruchten Zettel, den du da vorhin
vor mir versteckt hast! Was hast du wieder angezettelt? Von wem ist der
Wisch, und an wen ist er?«
Aber das Mädchen sträubte sich standhaft, und je eifriger die andern
den erbosten jungen Menschen umgaben und ihn mit großem Lärm zu
trösten und zu beruhigen suchten, desto erhitzter und toller wurde er von
dem Rumor, zumal da das Mädchen auch ihr Mäulchen nicht halten konnte,
bis sie endlich weinend aus dem verworrenen Knäuel hervorflog und sich
auf einmal ganz unverhofft an meine Brust stürzte, um bei mir Schutz zu
italienisch ganz außerordentlich künstlich, daß ihr die Flechsen am Halse
aufschwollen.
Wie sie nun soeben mit zum Himmel gerichteten Augen eine lange
Kadenz anhielt und der Mann neben ihr mit aufgehobenem Stäbchen auf
den Augenblick paßte, wo sie wieder in den Takt einfallen würde, und
keiner im ganzen Garten zu atmen sich unterstand, da flog plötzlich die
Gartentür weit auf und ein ganz erhitztes Mädchen und hinter ihr ein junger
Mensch mit einem feinen, bleichen Gesicht stürzten in großem Gezänke
herein. Der erschrockene Musikdirektor blieb mit seinem aufgehobenen
Stabe wie ein versteinerter Zauberer stehen, obgleich die Sängerin schon
längst den langen Triller plötzlich abgeschnappt hatte und zornig
aufgestanden war. Alle übrigen zischten den Neuangekommenen wütend
an. »Barbar!« rief ihm einer von dem runden Tische zu, »du rennst da
mitten in das sinnreiche Tableau von der schönen Beschreibung hinein,
welche der selige Hoffmann, Seite 347 des Frauentaschenbuches für 1816,
von dem schönsten Hummelschen Bilde gibt, das im Herbst 1814 auf der
Berliner Kunstausstellung zu sehen war!« – Aber das half alles nichts. »Ach
was!« entgegnete der junge Mann, »mit euern Tableaus von Tableaus! Mein
selbsterfundenes Bild für die andern, und mein Mädchen für mich allein! So
will ich es halten! O du Ungetreue, du Falsche!« fuhr er dann von neuem
gegen das arme Mädchen fort, »du kritische Seele, die in der Malerkunst
nur den Silberblick und in der Dichterkunst nur den goldenen Faden sucht
und keinen Liebsten, sondern nur lauter Schätze hat! Ich wünsche dir
hinfüro, anstatt eines ehrlichen malerischen Pinsels, einen alten Duka mit
einer ganzen Münzgrube von Diamanten auf der Nase und mit hellem
Silberblick auf der kahlen Platte und mit Goldschnitt auf den paar noch
übrigen Haaren! Ja, nur heraus mit dem verruchten Zettel, den du da vorhin
vor mir versteckt hast! Was hast du wieder angezettelt? Von wem ist der
Wisch, und an wen ist er?«
Aber das Mädchen sträubte sich standhaft, und je eifriger die andern
den erbosten jungen Menschen umgaben und ihn mit großem Lärm zu
trösten und zu beruhigen suchten, desto erhitzter und toller wurde er von
dem Rumor, zumal da das Mädchen auch ihr Mäulchen nicht halten konnte,
bis sie endlich weinend aus dem verworrenen Knäuel hervorflog und sich
auf einmal ganz unverhofft an meine Brust stürzte, um bei mir Schutz zu
Page 68
suchen. Ich stellte mich auch sogleich in die gehörige Positur, aber da die
andern in dem Getümmel soeben nicht auf uns acht gaben, kehrte sie
plötzlich das Köpfchen nach mir herauf und flüsterte mir mit ganz ruhigem
Gesichte sehr leise und schnell ins Ohr: »Du abscheulicher Einnehmer! Um
dich muß ich das alles leiden. Da steck den fatalen Zettel geschwind zu dir,
du findest darauf bemerkt, wo wir wohnen. Also zur bestimmten Stunde,
wenn du ins Tor kommst, immer die einsame Straße rechts fort!«
Ich konnte vor Verwunderung kein Wort hervorbringen, denn wie ich sie
nun erst recht ansah, erkannte ich sie auf einmal: es war wahrhaftig die
schnippische Kammerjungfer vom Schloß, die mir damals an dem schönen
Sonntagsabende die Flasche mit Wein brachte. Sie war mir sonst niemals so
schön vorgekommen, als da sie sich jetzt so erhitzt an mich lehnte, daß die
schwarzen Locken über meinem Arm herabhingen. – »Aber, verehrte
Mamsell,« sagte ich voller Erstaunen, »wie kommen Sie« – »Um Gottes
willen, still nur, jetzt still!« erwiderte sie und sprang geschwind von mir fort
auf die andere Seite des Gartens, eh ich mich noch auf alles recht besinnen
konnte.
Unterdes hatten die andern ihr erstes Thema fast ganz vergessen,
zankten aber untereinander recht vergnüglich weiter, indem sie dem jungen
Menschen beweisen wollten, daß er eigentlich betrunken sei, was sich für
einen ehrliebenden Maler gar nicht schicke. Der runde, fixe Mann aus der
Laube, der – wie ich nachher erfuhr – ein großer Kenner und Freund von
Künsten war und aus Liebe zu den Wissenschaften gern alles mitmachte,
hatte auch sein Stäbchen weggeworfen und flankierte mit seinem fetten
Gesicht, das vor Freundlichkeit ordentlich glänzte, eifrig mitten in dem
dicksten Getümmel herum, um alles zu vermitteln und zu beschwichtigen,
während er dazwischen immer wieder die lange Kadenz und das schöne
Tableau bedauerte, das er mit vieler Mühe zusammengebracht hatte.
Mir aber war es so sternklar im Herzen wie damals an dem glückseligen
Sonnabend, als ich am offenen Fenster vor der Weinflasche bis tief in die
Nacht hinein auf der Geige spielte. Ich holte, da der Rumor gar kein Ende
nehmen wollte, frisch meine Violine wieder hervor und spielte, ohne mich
lange zu besinnen, einen welschen Tanz auf, den sie dort im Gebirge tanzen
und den ich auf dem alten, einsamen Waldschlosse gelernt hatte.
andern in dem Getümmel soeben nicht auf uns acht gaben, kehrte sie
plötzlich das Köpfchen nach mir herauf und flüsterte mir mit ganz ruhigem
Gesichte sehr leise und schnell ins Ohr: »Du abscheulicher Einnehmer! Um
dich muß ich das alles leiden. Da steck den fatalen Zettel geschwind zu dir,
du findest darauf bemerkt, wo wir wohnen. Also zur bestimmten Stunde,
wenn du ins Tor kommst, immer die einsame Straße rechts fort!«
Ich konnte vor Verwunderung kein Wort hervorbringen, denn wie ich sie
nun erst recht ansah, erkannte ich sie auf einmal: es war wahrhaftig die
schnippische Kammerjungfer vom Schloß, die mir damals an dem schönen
Sonntagsabende die Flasche mit Wein brachte. Sie war mir sonst niemals so
schön vorgekommen, als da sie sich jetzt so erhitzt an mich lehnte, daß die
schwarzen Locken über meinem Arm herabhingen. – »Aber, verehrte
Mamsell,« sagte ich voller Erstaunen, »wie kommen Sie« – »Um Gottes
willen, still nur, jetzt still!« erwiderte sie und sprang geschwind von mir fort
auf die andere Seite des Gartens, eh ich mich noch auf alles recht besinnen
konnte.
Unterdes hatten die andern ihr erstes Thema fast ganz vergessen,
zankten aber untereinander recht vergnüglich weiter, indem sie dem jungen
Menschen beweisen wollten, daß er eigentlich betrunken sei, was sich für
einen ehrliebenden Maler gar nicht schicke. Der runde, fixe Mann aus der
Laube, der – wie ich nachher erfuhr – ein großer Kenner und Freund von
Künsten war und aus Liebe zu den Wissenschaften gern alles mitmachte,
hatte auch sein Stäbchen weggeworfen und flankierte mit seinem fetten
Gesicht, das vor Freundlichkeit ordentlich glänzte, eifrig mitten in dem
dicksten Getümmel herum, um alles zu vermitteln und zu beschwichtigen,
während er dazwischen immer wieder die lange Kadenz und das schöne
Tableau bedauerte, das er mit vieler Mühe zusammengebracht hatte.
Mir aber war es so sternklar im Herzen wie damals an dem glückseligen
Sonnabend, als ich am offenen Fenster vor der Weinflasche bis tief in die
Nacht hinein auf der Geige spielte. Ich holte, da der Rumor gar kein Ende
nehmen wollte, frisch meine Violine wieder hervor und spielte, ohne mich
lange zu besinnen, einen welschen Tanz auf, den sie dort im Gebirge tanzen
und den ich auf dem alten, einsamen Waldschlosse gelernt hatte.
Page 69
Da reckten alle die Köpfe in die Höh. »Bravo, bravissimo, ein deliziöser
Einfall!« rief der lustige Kenner von den Künsten und lief sogleich von
einem zum andern, um ein ländliches Divertissement, wie ers nannte,
einzurichten. Er selbst machte den Anfang, indem er der Dame die Hand
reichte, die vorhin in der Laube gespielt hatte. Er begann darauf
außerordentlich künstlich zu tanzen, schrieb mit den Fußspitzen allerlei
Buchstaben auf den Rasen, schlug ordentliche Triller mit den Füßen und
machte von Zeit zu Zeit ganz passable Luftsprünge. Aber er bekam es bald
satt, denn er war etwas korpulent. Er machte immer kürzere und
ungeschicktere Sprünge, bis er endlich ganz aus dem Kreise heraustrat und
heftig hustete und sich mit seinem schneeweißen Schnupftuche
unaufhörlich den Schweiß abwischte. Unterdes hatte auch der junge
Mensch, der nun wieder ganz gescheut geworden war, aus dem Wirtshause
Kastagnetten herbeigeholt, und ehe ich michs versah, tanzten alle unter den
Bäumen bunt durcheinander. Die untergegangene Sonne warf noch einige
rote Widerscheine zwischen die dunklen Schatten und über das alte
Gemäuer und die von Efeu wild überwachsenen, halb versunkenen Säulen
hinten im Garten, während man von der andern Seite tief unter den
Weinbergen die Stadt Rom in den Abendgluten liegen sah. Da tanzten sie
alle lieblich im Grünen in der klaren stillen Luft, und mir lachte das Herz
recht im Leibe, wie die schlanken Mädchen, und die Kammerjungfer mitten
unter ihnen, sich so mit aufgehobenen Armen wie heidnische Waldnymphen
zwischen dem Laubwerk schwangen und dabei jedesmal in der Luft mit den
Kastagnetten lustig dazu schnalzten. Ich konnte mich nicht länger halten,
ich sprang mitten unter sie hinein und machte, während ich dabei immerfort
geigte, recht artige Figuren.
Ich mochte eine ziemliche Weile so im Kreise herumgesprungen sein
und merkte gar nicht, daß die andern unterdes anfingen müde zu werden
und sich nach und nach von dem Rasenplatze verloren. Da zupfte mich
jemand von hinten tüchtig an den Rockschößen. Es war die
Kammerjungfer. »Sei kein Narr,« sagte sie leise, »du springst ja wie ein
Ziegenbock! Studiere deinen Zettel ordentlich und komm bald nach, die
schöne junge Gräfin wartet.« – Und damit schlüpfte sie in der Dämmerung
zur Gartenpforte hinaus und war bald zwischen den Weingärten
verschwunden.
Einfall!« rief der lustige Kenner von den Künsten und lief sogleich von
einem zum andern, um ein ländliches Divertissement, wie ers nannte,
einzurichten. Er selbst machte den Anfang, indem er der Dame die Hand
reichte, die vorhin in der Laube gespielt hatte. Er begann darauf
außerordentlich künstlich zu tanzen, schrieb mit den Fußspitzen allerlei
Buchstaben auf den Rasen, schlug ordentliche Triller mit den Füßen und
machte von Zeit zu Zeit ganz passable Luftsprünge. Aber er bekam es bald
satt, denn er war etwas korpulent. Er machte immer kürzere und
ungeschicktere Sprünge, bis er endlich ganz aus dem Kreise heraustrat und
heftig hustete und sich mit seinem schneeweißen Schnupftuche
unaufhörlich den Schweiß abwischte. Unterdes hatte auch der junge
Mensch, der nun wieder ganz gescheut geworden war, aus dem Wirtshause
Kastagnetten herbeigeholt, und ehe ich michs versah, tanzten alle unter den
Bäumen bunt durcheinander. Die untergegangene Sonne warf noch einige
rote Widerscheine zwischen die dunklen Schatten und über das alte
Gemäuer und die von Efeu wild überwachsenen, halb versunkenen Säulen
hinten im Garten, während man von der andern Seite tief unter den
Weinbergen die Stadt Rom in den Abendgluten liegen sah. Da tanzten sie
alle lieblich im Grünen in der klaren stillen Luft, und mir lachte das Herz
recht im Leibe, wie die schlanken Mädchen, und die Kammerjungfer mitten
unter ihnen, sich so mit aufgehobenen Armen wie heidnische Waldnymphen
zwischen dem Laubwerk schwangen und dabei jedesmal in der Luft mit den
Kastagnetten lustig dazu schnalzten. Ich konnte mich nicht länger halten,
ich sprang mitten unter sie hinein und machte, während ich dabei immerfort
geigte, recht artige Figuren.
Ich mochte eine ziemliche Weile so im Kreise herumgesprungen sein
und merkte gar nicht, daß die andern unterdes anfingen müde zu werden
und sich nach und nach von dem Rasenplatze verloren. Da zupfte mich
jemand von hinten tüchtig an den Rockschößen. Es war die
Kammerjungfer. »Sei kein Narr,« sagte sie leise, »du springst ja wie ein
Ziegenbock! Studiere deinen Zettel ordentlich und komm bald nach, die
schöne junge Gräfin wartet.« – Und damit schlüpfte sie in der Dämmerung
zur Gartenpforte hinaus und war bald zwischen den Weingärten
verschwunden.
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Mir klopfte das Herz, ich wäre am liebsten gleich nachgesprungen. Zum
Glücke zündete der Kellner, da es schon dunkel geworden war, in einer
großen Laterne an der Gartentür Licht an. Ich trat heran und zog geschwind
den Zettel heraus. Da war ziemlich kritzlig mit Bleifeder das Tor und die
Straße beschrieben, wie mir die Kammerjungfer vorhin gesagt hatte. Dann
stand: »Elf Uhr an der kleinen Tür.«
Da waren noch ein paar lange Stunden hin! – Ich wollte mich
dessenungeachtet sogleich auf den Weg machen, denn ich hatte keine Rast
und Ruhe mehr; aber da kam der Maler, der mich hierhergebracht hatte, auf
mich los. »Hast du das Mädchen gesprochen?« fragte er, »ich seh sie nun
nirgends mehr; das war das Kammermädchen von der deutschen Gräfin.«
»Still, still!« erwiderte ich, »die Gräfin ist noch in Rom.« »Nun, desto
besser,« sagte der Maler, »so komm und trink mit uns auf ihre Gesundheit!«
Und damit zog er mich, wie sehr ich mich auch sträubte, in den Garten
zurück.
Da war es unterdes ganz öde und leer geworden. Die lustigen Gäste
wanderten, jeder sein Liebchen am Arm, nach der Stadt zu, und man hörte
sie noch durch den stillen Abend zwischen den Weingärten plaudern und
lachen, immer ferner und ferner, bis sich endlich die Stimmen tief in dem
Tale im Rauschen der Bäume und des Stromes verloren. Ich war noch mit
meinem Maler und dem Herrn Eckbrecht – so hieß der andere junge Maler,
der sich vorhin so herumgezankt hatte – allein oben zurückgeblieben. Der
Mond schien prächtig im Garten zwischen die hohen, dunklen Bäume
herein, ein Licht flackerte im Winde auf dem Tische vor uns und
schimmerte über den vielen vergoßnen Wein auf der Tafel. Ich mußte mich
mit hinsetzen, und mein Maler plauderte mit mir über meine Herkunft,
meine Reise und meinen Lebensplan. Herr Eckbrecht aber hatte das junge
hübsche Mädchen aus dem Wirtshause, nachdem sie uns Flaschen auf den
Tisch gestellt, vor sich auf den Schoß genommen, legte ihr die Gitarre in
den Arm und lehrte sie ein Liedchen darauf klimpern. Sie fand sich auch
bald mit den kleinen Händchen zurecht, und sie sangen dann zusammen ein
italienisches Lied, einmal er, dann wieder das Mädchen eine Strophe, was
sich in dem schönen stillen Abend prächtig ausnahm. – Als das Mädchen
dann weggerufen wurde, lehnte sich Herr Eckbrecht mit der Gitarre auf der
Bank zurück, legte seine Füße auf einen Stuhl, der vor ihm stand, und sang
nun für sich allein viele herrliche deutsche und italienische Lieder, ohne
Glücke zündete der Kellner, da es schon dunkel geworden war, in einer
großen Laterne an der Gartentür Licht an. Ich trat heran und zog geschwind
den Zettel heraus. Da war ziemlich kritzlig mit Bleifeder das Tor und die
Straße beschrieben, wie mir die Kammerjungfer vorhin gesagt hatte. Dann
stand: »Elf Uhr an der kleinen Tür.«
Da waren noch ein paar lange Stunden hin! – Ich wollte mich
dessenungeachtet sogleich auf den Weg machen, denn ich hatte keine Rast
und Ruhe mehr; aber da kam der Maler, der mich hierhergebracht hatte, auf
mich los. »Hast du das Mädchen gesprochen?« fragte er, »ich seh sie nun
nirgends mehr; das war das Kammermädchen von der deutschen Gräfin.«
»Still, still!« erwiderte ich, »die Gräfin ist noch in Rom.« »Nun, desto
besser,« sagte der Maler, »so komm und trink mit uns auf ihre Gesundheit!«
Und damit zog er mich, wie sehr ich mich auch sträubte, in den Garten
zurück.
Da war es unterdes ganz öde und leer geworden. Die lustigen Gäste
wanderten, jeder sein Liebchen am Arm, nach der Stadt zu, und man hörte
sie noch durch den stillen Abend zwischen den Weingärten plaudern und
lachen, immer ferner und ferner, bis sich endlich die Stimmen tief in dem
Tale im Rauschen der Bäume und des Stromes verloren. Ich war noch mit
meinem Maler und dem Herrn Eckbrecht – so hieß der andere junge Maler,
der sich vorhin so herumgezankt hatte – allein oben zurückgeblieben. Der
Mond schien prächtig im Garten zwischen die hohen, dunklen Bäume
herein, ein Licht flackerte im Winde auf dem Tische vor uns und
schimmerte über den vielen vergoßnen Wein auf der Tafel. Ich mußte mich
mit hinsetzen, und mein Maler plauderte mit mir über meine Herkunft,
meine Reise und meinen Lebensplan. Herr Eckbrecht aber hatte das junge
hübsche Mädchen aus dem Wirtshause, nachdem sie uns Flaschen auf den
Tisch gestellt, vor sich auf den Schoß genommen, legte ihr die Gitarre in
den Arm und lehrte sie ein Liedchen darauf klimpern. Sie fand sich auch
bald mit den kleinen Händchen zurecht, und sie sangen dann zusammen ein
italienisches Lied, einmal er, dann wieder das Mädchen eine Strophe, was
sich in dem schönen stillen Abend prächtig ausnahm. – Als das Mädchen
dann weggerufen wurde, lehnte sich Herr Eckbrecht mit der Gitarre auf der
Bank zurück, legte seine Füße auf einen Stuhl, der vor ihm stand, und sang
nun für sich allein viele herrliche deutsche und italienische Lieder, ohne
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sich weiter um uns zu bekümmern. Dabei schienen die Sterne prächtig am
klaren Firmament, die ganze Gegend war wie versilbert vom Mondscheine,
ich dachte an die schöne Frau, an die ferne Heimat und vergaß darüber ganz
meinen Maler neben mir. Zuweilen mußte Herr Eckbrecht stimmen, darüber
wurde er immer ganz zornig. Er drehte und riß zuletzt an dem Instrument,
daß plötzlich eine Saite sprang. Da warf er die Gitarre hin und sprang auf.
Nun wurde er erst gewahr, daß mein Maler sich unterdes über seinen Arm
auf den Tisch gelegt hatte und fest eingeschlafen war. Er warf schnell einen
weißen Mantel um, der auf einem Aste neben dem Tische hing, besann sich
aber plötzlich, sah erst meinen Maler, dann mich ein paarmal scharf an,
setzte sich darauf, ohne sich lange zu bedenken, gerade vor mich auf den
Tisch hin, räusperte sich, rückte an seiner Halsbinde und fing dann auf
einmal an, eine Rede an mich zu halten. »Geliebter Zuhörer und
Landsmann!« sagte er, »da die Flaschen beinahe leer sind, und da die Moral
unstreitig die erste Bürgerpflicht ist, wenn die Tugenden auf die Neige
gehen, so fühle ich mich aus landsmännlicher Sympathie getrieben, dir
einige Moralität zu Gemüte zu führen. – Man könnte zwar meinen,« fuhr er
fort, »du seist ein bloßer Jüngling, während doch dein Frack über seine
besten Jahre hinaus ist; man könnte vielleicht annehmen, du habest vorhin
wunderliche Sprünge gemacht, wie ein Satyr; ja, einige möchten wohl
behaupten, du seiest wohl gar ein Landstreicher, weil du hier auf dem
Lande bist und die Geige streichst; aber ich kehre mich an solche
oberflächlichen Urteile nicht, ich halte mich an deine feingespitzte Nase,
ich halte dich für ein vazierendes Genie.« – Mich ärgerten die verfänglichen
Redensarten, ich wollte ihm soeben recht antworten. Aber er ließ mich nicht
zu Worte kommen. »Siehst du,« sagte er, »wie du dich schon aufblähst von
dem bißchen Lobe. Gehe in dich und bedenke dies gefährliche Metier! Wir
Genies – denn ich bin auch eins – machen uns aus der Welt ebensowenig als
sie sich aus uns, wir schreiten vielmehr ohne besondere Umstände in unsern
Siebenmeilenstiefeln, die wir bald mit auf die Welt bringen, gerade auf die
Ewigkeit los. O, höchst klägliche, unbequeme, breitgespreizte Position, mit
dem einen Beine in der Zukunft, wo nichts als Morgenrot und zukünftige
Kindergesichter dazwischen, mit dem andern Beine noch mitten in Rom auf
der Piazza del Popolo, wo das ganze Säkulum bei der guten Gelegenheit mit
will und sich an den Stiefel hängt, daß sie einem das Bein ausreißen
möchten! Und alle das Zucken, Weintrinken und Hungerleiden lediglich für
die unsterbliche Ewigkeit! Und siehe meinen Herrn Kollegen dort auf der
klaren Firmament, die ganze Gegend war wie versilbert vom Mondscheine,
ich dachte an die schöne Frau, an die ferne Heimat und vergaß darüber ganz
meinen Maler neben mir. Zuweilen mußte Herr Eckbrecht stimmen, darüber
wurde er immer ganz zornig. Er drehte und riß zuletzt an dem Instrument,
daß plötzlich eine Saite sprang. Da warf er die Gitarre hin und sprang auf.
Nun wurde er erst gewahr, daß mein Maler sich unterdes über seinen Arm
auf den Tisch gelegt hatte und fest eingeschlafen war. Er warf schnell einen
weißen Mantel um, der auf einem Aste neben dem Tische hing, besann sich
aber plötzlich, sah erst meinen Maler, dann mich ein paarmal scharf an,
setzte sich darauf, ohne sich lange zu bedenken, gerade vor mich auf den
Tisch hin, räusperte sich, rückte an seiner Halsbinde und fing dann auf
einmal an, eine Rede an mich zu halten. »Geliebter Zuhörer und
Landsmann!« sagte er, »da die Flaschen beinahe leer sind, und da die Moral
unstreitig die erste Bürgerpflicht ist, wenn die Tugenden auf die Neige
gehen, so fühle ich mich aus landsmännlicher Sympathie getrieben, dir
einige Moralität zu Gemüte zu führen. – Man könnte zwar meinen,« fuhr er
fort, »du seist ein bloßer Jüngling, während doch dein Frack über seine
besten Jahre hinaus ist; man könnte vielleicht annehmen, du habest vorhin
wunderliche Sprünge gemacht, wie ein Satyr; ja, einige möchten wohl
behaupten, du seiest wohl gar ein Landstreicher, weil du hier auf dem
Lande bist und die Geige streichst; aber ich kehre mich an solche
oberflächlichen Urteile nicht, ich halte mich an deine feingespitzte Nase,
ich halte dich für ein vazierendes Genie.« – Mich ärgerten die verfänglichen
Redensarten, ich wollte ihm soeben recht antworten. Aber er ließ mich nicht
zu Worte kommen. »Siehst du,« sagte er, »wie du dich schon aufblähst von
dem bißchen Lobe. Gehe in dich und bedenke dies gefährliche Metier! Wir
Genies – denn ich bin auch eins – machen uns aus der Welt ebensowenig als
sie sich aus uns, wir schreiten vielmehr ohne besondere Umstände in unsern
Siebenmeilenstiefeln, die wir bald mit auf die Welt bringen, gerade auf die
Ewigkeit los. O, höchst klägliche, unbequeme, breitgespreizte Position, mit
dem einen Beine in der Zukunft, wo nichts als Morgenrot und zukünftige
Kindergesichter dazwischen, mit dem andern Beine noch mitten in Rom auf
der Piazza del Popolo, wo das ganze Säkulum bei der guten Gelegenheit mit
will und sich an den Stiefel hängt, daß sie einem das Bein ausreißen
möchten! Und alle das Zucken, Weintrinken und Hungerleiden lediglich für
die unsterbliche Ewigkeit! Und siehe meinen Herrn Kollegen dort auf der
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Bank, der gleichfalls ein Genie ist; ihm wird die Z e i t schon zu lang, was
wird er erst in der Ewigkeit anfangen?! Ja, hochgeschätzter Herr Kollege,
du und ich und die Sonne, wir sind heute früh zusammen aufgegangen und
haben den ganzen Tag gebrütet und gemalt, und es war alles schön – und
nun fährt die schläfrige Nacht mit ihrem Pelzärmel über die Welt und hat
alle Farben verwischt.« Er sprach noch immerfort und war dabei mit seinen
verwirrten Haaren von dem Tanzen und Trinken im Mondschein ganz
leichenblaß anzusehen.
Mir aber graute schon lange vor ihm und seinem wilden Gerede, und als
er sich nun förmlich zu dem schlafenden Maler herumwandte, benutzte ich
die Gelegenheit, schlich, ohne daß er es bemerkte, um den Tisch aus dem
Garten heraus und stieg, allein und fröhlich im Herzen, an dem
Rebengeländer in das weite vom Mondschein beglänzte Tal hinunter.
Von der Stadt her schlugen die Uhren zehn. Hinter mir hörte ich durch
die stille Nacht noch einzelne Gitarrenklänge und manchmal die Stimmen
der beiden Maler, die nun auch nach Hause gingen, von fern
herüberschallen. Ich lief daher so schnell, als ich nur konnte, damit sie mich
nicht weiter ausfragen sollten.
Am Tore bog ich sogleich rechts in die Straße ein und ging mit
klopfendem Herzen eilig zwischen den stillen Häusern und Gärten fort.
Aber wie erstaunte ich, als ich da auf einmal auf dem Platze mit dem
Springbrunnen herauskam, den ich heute am Tage gar nicht hatte finden
können. Da stand das einsame Gartenhaus wieder, im prächtigsten
Mondschein, und auch die schöne Frau sang im Garten wieder dasselbe
italienische Lied wie gestern abend. – Ich rannte voller Entzücken erst an
die kleine Tür, dann an die Haustür und endlich mit aller Gewalt an das
große Gartentor, aber es war alles verschlossen. Nun fiel mir erst ein, daß es
noch nicht elf geschlagen hatte. Ich ärgerte mich über die langsame Zeit,
aber über das Gartentor klettern wie gestern mochte ich wegen der guten
Lebensart nicht. Ich ging daher ein Weilchen auf dem einsamen Platze auf
und ab und setzte mich endlich wieder auf den steinernen Brunnen voller
Gedanken und stiller Erwartung hin.
Die Sterne funkelten am Himmel, auf dem Platze war alles leer und
still, ich hörte voll Vergnügen dem Gesange der schönen Frau zu, der
wird er erst in der Ewigkeit anfangen?! Ja, hochgeschätzter Herr Kollege,
du und ich und die Sonne, wir sind heute früh zusammen aufgegangen und
haben den ganzen Tag gebrütet und gemalt, und es war alles schön – und
nun fährt die schläfrige Nacht mit ihrem Pelzärmel über die Welt und hat
alle Farben verwischt.« Er sprach noch immerfort und war dabei mit seinen
verwirrten Haaren von dem Tanzen und Trinken im Mondschein ganz
leichenblaß anzusehen.
Mir aber graute schon lange vor ihm und seinem wilden Gerede, und als
er sich nun förmlich zu dem schlafenden Maler herumwandte, benutzte ich
die Gelegenheit, schlich, ohne daß er es bemerkte, um den Tisch aus dem
Garten heraus und stieg, allein und fröhlich im Herzen, an dem
Rebengeländer in das weite vom Mondschein beglänzte Tal hinunter.
Von der Stadt her schlugen die Uhren zehn. Hinter mir hörte ich durch
die stille Nacht noch einzelne Gitarrenklänge und manchmal die Stimmen
der beiden Maler, die nun auch nach Hause gingen, von fern
herüberschallen. Ich lief daher so schnell, als ich nur konnte, damit sie mich
nicht weiter ausfragen sollten.
Am Tore bog ich sogleich rechts in die Straße ein und ging mit
klopfendem Herzen eilig zwischen den stillen Häusern und Gärten fort.
Aber wie erstaunte ich, als ich da auf einmal auf dem Platze mit dem
Springbrunnen herauskam, den ich heute am Tage gar nicht hatte finden
können. Da stand das einsame Gartenhaus wieder, im prächtigsten
Mondschein, und auch die schöne Frau sang im Garten wieder dasselbe
italienische Lied wie gestern abend. – Ich rannte voller Entzücken erst an
die kleine Tür, dann an die Haustür und endlich mit aller Gewalt an das
große Gartentor, aber es war alles verschlossen. Nun fiel mir erst ein, daß es
noch nicht elf geschlagen hatte. Ich ärgerte mich über die langsame Zeit,
aber über das Gartentor klettern wie gestern mochte ich wegen der guten
Lebensart nicht. Ich ging daher ein Weilchen auf dem einsamen Platze auf
und ab und setzte mich endlich wieder auf den steinernen Brunnen voller
Gedanken und stiller Erwartung hin.
Die Sterne funkelten am Himmel, auf dem Platze war alles leer und
still, ich hörte voll Vergnügen dem Gesange der schönen Frau zu, der
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zwischen dem Rauschen des Brunnens aus dem Garten herüberklang. Da
erblickt ich auf einmal eine weiße Gestalt, die von der andern Seite des
Platzes herkam und gerade auf die kleine Gartentür zuging. Ich blickte
durch den Mondflimmer recht scharf hin – es war der wilde Maler in
seinem weißen Mantel. Er zog schnell einen Schlüssel hervor, schloß auf,
und ehe ich michs versah, war er im Garten drin.
Nun hatte ich gegen den Maler schon vom Anfang eine absonderliche
Pike wegen seiner unvernünftigen Reden. Jetzt aber geriet ich ganz außer
mir vor Zorn. Das liederliche Genie ist gewiß wieder betrunken, dachte ich,
den Schlüssel hat er von der Kammerjungfer und will nun die gnädige Frau
beschleichen, verraten, überfallen. – Und so stürzte ich durch das kleine,
offen gebliebene Pförtchen in den Garten hinein.
Als ich eintrat, war es ganz still und einsam darin. Die Flügeltür vom
Gartenhause stand offen, ein milchweißer Lichtschein drang daraus hervor
und spielte auf dem Grase und den Blumen vor der Tür. Ich blickte von
weitem herein. Da lag in einem prächtigen grünen Gemach, das von einer
weißen Lampe nur wenig erhellt war, die schöne gnädige Frau, mit der
Gitarre im Arm, auf einem seidenen Faulbettchen, ohne in ihrer Unschuld
an die Gefahren draußen zu denken.
Ich hatte aber nicht lange Zeit, hinzusehen, denn ich bemerkte soeben,
daß die weiße Gestalt von der andern Seite ganz behutsam hinter den
Sträuchern nach dem Gartenhause zuschlich. Dabei sang die gnädige Frau
so kläglich aus dem Hause, daß es mir recht durch Mark und Bein ging. Ich
besann mich daher nicht lange, brach einen tüchtigen Ast ab, rannte damit
gerade auf den Weißmantel los und schrie aus vollem Halse »Mordio!«, daß
der ganze Garten erzitterte.
Der Maler, wie er mich so unverhofft daherkommen sah, nahm schnell
Reißaus und schrie entsetzlich. Ich schrie noch besser, er lief nach dem
Hause zu, ich ihm nach – und ich hatt ihn beinah schon erwischt, da
verwickelte ich mich mit den Füßen in den fatalen Blumenstücken und
stürzte auf einmal der Länge nach vor der Haustür hin.
»Also du bist es, Narr!« hört ich da über mir ausrufen, »hast du mich
doch fast zum Tode erschreckt.« – Ich raffte mich geschwind wieder auf,
und wie ich mir den Sand und die Erde aus den Augen wischte, steht die
erblickt ich auf einmal eine weiße Gestalt, die von der andern Seite des
Platzes herkam und gerade auf die kleine Gartentür zuging. Ich blickte
durch den Mondflimmer recht scharf hin – es war der wilde Maler in
seinem weißen Mantel. Er zog schnell einen Schlüssel hervor, schloß auf,
und ehe ich michs versah, war er im Garten drin.
Nun hatte ich gegen den Maler schon vom Anfang eine absonderliche
Pike wegen seiner unvernünftigen Reden. Jetzt aber geriet ich ganz außer
mir vor Zorn. Das liederliche Genie ist gewiß wieder betrunken, dachte ich,
den Schlüssel hat er von der Kammerjungfer und will nun die gnädige Frau
beschleichen, verraten, überfallen. – Und so stürzte ich durch das kleine,
offen gebliebene Pförtchen in den Garten hinein.
Als ich eintrat, war es ganz still und einsam darin. Die Flügeltür vom
Gartenhause stand offen, ein milchweißer Lichtschein drang daraus hervor
und spielte auf dem Grase und den Blumen vor der Tür. Ich blickte von
weitem herein. Da lag in einem prächtigen grünen Gemach, das von einer
weißen Lampe nur wenig erhellt war, die schöne gnädige Frau, mit der
Gitarre im Arm, auf einem seidenen Faulbettchen, ohne in ihrer Unschuld
an die Gefahren draußen zu denken.
Ich hatte aber nicht lange Zeit, hinzusehen, denn ich bemerkte soeben,
daß die weiße Gestalt von der andern Seite ganz behutsam hinter den
Sträuchern nach dem Gartenhause zuschlich. Dabei sang die gnädige Frau
so kläglich aus dem Hause, daß es mir recht durch Mark und Bein ging. Ich
besann mich daher nicht lange, brach einen tüchtigen Ast ab, rannte damit
gerade auf den Weißmantel los und schrie aus vollem Halse »Mordio!«, daß
der ganze Garten erzitterte.
Der Maler, wie er mich so unverhofft daherkommen sah, nahm schnell
Reißaus und schrie entsetzlich. Ich schrie noch besser, er lief nach dem
Hause zu, ich ihm nach – und ich hatt ihn beinah schon erwischt, da
verwickelte ich mich mit den Füßen in den fatalen Blumenstücken und
stürzte auf einmal der Länge nach vor der Haustür hin.
»Also du bist es, Narr!« hört ich da über mir ausrufen, »hast du mich
doch fast zum Tode erschreckt.« – Ich raffte mich geschwind wieder auf,
und wie ich mir den Sand und die Erde aus den Augen wischte, steht die
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Kammerjungfer vor mir, die soeben bei dem letzten Sprunge den weißen
Mantel von der Schulter verloren hatte. »Aber«, sagte ich ganz verblüfft,
»war denn der Maler nicht hier?« – »Ja freilich,« entgegnete sie
schnippisch, »sein Mantel wenigstens, den er mir, als ich ihm vorhin im
Tore begegnete, umgehängt hat, weil mich fror.« – Über dem Geplauder
war nun auch die gnädige Frau von ihrem Sofa aufgesprungen und kam zu
uns an die Tür. Mir klopfte das Herz zum Zerspringen. Aber wie erschrak
ich, als ich recht hinsah und anstatt der schönen gnädigen Frau auf einmal
eine ganz fremde Person erblickte!
Es war eine etwas große, korpulente, mächtige Dame mit einer stolzen
Adlernase und hochgewölbten schwarzen Augenbrauen, so recht zum
Erschrecken schön. Sie sah mich mit ihren großen funkelnden Augen so
majestätisch an, daß ich mich vor Ehrfurcht gar nicht zu lassen wußte. Ich
war ganz verwirrt, ich machte in einem fort Komplimente und wollte ihr
zuletzt gar die Hand küssen. Aber sie riß ihre Hand schnell weg und sprach
dann auf italienisch zu der Kammerjungfer, wovon ich nichts verstand.
Unterdes aber war von dem vorigen Geschrei die ganze Nachbarschaft
lebendig geworden. Hunde bellten, Kinder schrien, zwischendurch hörte
man einige Männerstimmen, die immer näher und näher auf den Garten
zukamen. Da blickte mich die Dame noch einmal an, als wenn sie mich mit
feurigen Kugeln durchbohren wollte, wandte sich dann rasch nach dem
Zimmer zurück, während sie dabei stolz und gezwungen auflachte, und
schmiß mir die Tür vor der Nase zu. Die Kammerjungfer aber erwischte
mich ohne weiteres beim Flügel und zerrte mich nach der Gartenpforte.
»Da hast du wieder einmal recht dummes Zeug gemacht«, sagte sie
unterwegs voller Bosheit zu mir. Ich wurde auch schon giftig. »Nun, zum
Teufel!« sagte ich, »habt Ihr mich denn nicht selbst hierher bestellt?« –
»Das ists ja eben,« rief die Kammerjungfer, »meine Gräfin meinte es so gut
mit dir, wirft dir erst Blumen aus dem Fenster zu, singt Arien – und d a s ist
nun ihr Lohn! Aber mit dir ist nun einmal nichts anzufangen; du trittst dein
Glück ordentlich mit Füßen.« – »Aber«, erwiderte ich, »ich meinte die
Gräfin aus Deutschland, die schöne gnädige Frau.« – »Ach,« unterbrach sie
mich, »die ist ja lange schon wieder in Deutschland mitsamt deiner tollen
Amour. Und da lauf du nur auch wieder hin! Sie schmachtet ohnedies nach
Mantel von der Schulter verloren hatte. »Aber«, sagte ich ganz verblüfft,
»war denn der Maler nicht hier?« – »Ja freilich,« entgegnete sie
schnippisch, »sein Mantel wenigstens, den er mir, als ich ihm vorhin im
Tore begegnete, umgehängt hat, weil mich fror.« – Über dem Geplauder
war nun auch die gnädige Frau von ihrem Sofa aufgesprungen und kam zu
uns an die Tür. Mir klopfte das Herz zum Zerspringen. Aber wie erschrak
ich, als ich recht hinsah und anstatt der schönen gnädigen Frau auf einmal
eine ganz fremde Person erblickte!
Es war eine etwas große, korpulente, mächtige Dame mit einer stolzen
Adlernase und hochgewölbten schwarzen Augenbrauen, so recht zum
Erschrecken schön. Sie sah mich mit ihren großen funkelnden Augen so
majestätisch an, daß ich mich vor Ehrfurcht gar nicht zu lassen wußte. Ich
war ganz verwirrt, ich machte in einem fort Komplimente und wollte ihr
zuletzt gar die Hand küssen. Aber sie riß ihre Hand schnell weg und sprach
dann auf italienisch zu der Kammerjungfer, wovon ich nichts verstand.
Unterdes aber war von dem vorigen Geschrei die ganze Nachbarschaft
lebendig geworden. Hunde bellten, Kinder schrien, zwischendurch hörte
man einige Männerstimmen, die immer näher und näher auf den Garten
zukamen. Da blickte mich die Dame noch einmal an, als wenn sie mich mit
feurigen Kugeln durchbohren wollte, wandte sich dann rasch nach dem
Zimmer zurück, während sie dabei stolz und gezwungen auflachte, und
schmiß mir die Tür vor der Nase zu. Die Kammerjungfer aber erwischte
mich ohne weiteres beim Flügel und zerrte mich nach der Gartenpforte.
»Da hast du wieder einmal recht dummes Zeug gemacht«, sagte sie
unterwegs voller Bosheit zu mir. Ich wurde auch schon giftig. »Nun, zum
Teufel!« sagte ich, »habt Ihr mich denn nicht selbst hierher bestellt?« –
»Das ists ja eben,« rief die Kammerjungfer, »meine Gräfin meinte es so gut
mit dir, wirft dir erst Blumen aus dem Fenster zu, singt Arien – und d a s ist
nun ihr Lohn! Aber mit dir ist nun einmal nichts anzufangen; du trittst dein
Glück ordentlich mit Füßen.« – »Aber«, erwiderte ich, »ich meinte die
Gräfin aus Deutschland, die schöne gnädige Frau.« – »Ach,« unterbrach sie
mich, »die ist ja lange schon wieder in Deutschland mitsamt deiner tollen
Amour. Und da lauf du nur auch wieder hin! Sie schmachtet ohnedies nach
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dir, da könnt ihr zusammen die Geige spielen und in den Mond gucken,
aber daß du mir nicht wieder unter die Augen kommst!«
Nun aber entstand ein entsetzlicher Rumor und Spektakel hinter uns.
Aus dem anderen Garten kletterten Leute mit Knüppeln hastig über den
Zaun, andere fluchten und durchsuchten schon die Gänge, desperate
Gesichter mit Schlafmützen guckten im Mondschein bald da bald dort über
die Hecken, es war, als wenn der Teufel auf einmal aus allen Hecken und
Sträuchern Gesindel heckte. – Die Kammerjungfer fackelte nicht lange.
»Dort, dort läuft der Dieb!« schrie sie den Leuten zu, indem sie dabei auf
die andere Seite des Gartens zeigte. Dann schob sie mich schnell aus dem
Garten und klappte das Pförtchen hinter mir zu.
Da stand ich nun unter Gottes freiem Himmel wieder auf dem stillen
Platze mutterseelenallein, wie ich gestern angekommen war. Die
Wasserkunst, die mir vorhin im Mondschein so lustig flimmerte, als wenn
Engelein darin auf und nieder stiegen, rauschte noch fort wie damals, mir
aber war unterdes alle Lust und Freude in den Brunnen gefallen. – Ich nahm
mir nun fest vor, dem falschen Italien mit seinen verrückten Malern,
Pomeranzen und Kammerjungfern auf ewig den Rücken zu kehren, und
wanderte noch zur selbigen Stunde zum Tore hinaus.
aber daß du mir nicht wieder unter die Augen kommst!«
Nun aber entstand ein entsetzlicher Rumor und Spektakel hinter uns.
Aus dem anderen Garten kletterten Leute mit Knüppeln hastig über den
Zaun, andere fluchten und durchsuchten schon die Gänge, desperate
Gesichter mit Schlafmützen guckten im Mondschein bald da bald dort über
die Hecken, es war, als wenn der Teufel auf einmal aus allen Hecken und
Sträuchern Gesindel heckte. – Die Kammerjungfer fackelte nicht lange.
»Dort, dort läuft der Dieb!« schrie sie den Leuten zu, indem sie dabei auf
die andere Seite des Gartens zeigte. Dann schob sie mich schnell aus dem
Garten und klappte das Pförtchen hinter mir zu.
Da stand ich nun unter Gottes freiem Himmel wieder auf dem stillen
Platze mutterseelenallein, wie ich gestern angekommen war. Die
Wasserkunst, die mir vorhin im Mondschein so lustig flimmerte, als wenn
Engelein darin auf und nieder stiegen, rauschte noch fort wie damals, mir
aber war unterdes alle Lust und Freude in den Brunnen gefallen. – Ich nahm
mir nun fest vor, dem falschen Italien mit seinen verrückten Malern,
Pomeranzen und Kammerjungfern auf ewig den Rücken zu kehren, und
wanderte noch zur selbigen Stunde zum Tore hinaus.
Page 76
Neuntes Kapitel
Page 77
»Die treuen Berg' stehn auf der Wacht:
Wer streicht bei stiller Morgenzeit
Da aus der Fremde durch die Heid?
Ich aber mir die Berg' betracht
Und lach in mich vor großer Lust
Und rufe recht aus frischer Brust
Parol und Feldgeschrei sogleich:
Vivat Östreich!
Da kennt mich erst die ganze Rund,
Nun grüßen Bach und Vöglein zart
Und Wälder rings nach Landesart,
Die Donau blitzt aus tiefem Grund,
Der Stephansturm auch ganz von fern
Guckt übern Berg und säh mich gern,
Und ist ers nicht, so kommt er doch gleich,
Vivat Östreich!«
Ich stand auf einem hohen Berge, wo man zum erstenmal nach Östreich
hineinsehen kann, und schwenkte voller Freude noch mit dem Hute und
sang die letzte Strophe, da fiel auf einmal hinter mir im Walde eine
prächtige Musik von Blasinstrumenten mit ein. Ich dreh mich schnell um
und erblicke drei junge Gesellen in langen blauen Mänteln, davon bläst der
eine Oboe, der andere die Klarinette und der dritte, der einen alten
Dreistutzer auf dem Kopfe hatte, das Waldhorn – die akkompagnierten mich
plötzlich, daß der ganze Wald erschallte. Ich, nicht zu faul, ziehe meine
Geige hervor und spiele und singe sogleich frisch mit. Da sah einer den
andern bedenklich an, der Waldhornist ließ dann zuerst seine Bausbacken
wieder einfallen und setzte sein Waldhorn ab, bis am Ende alle stille wurden
und mich anschauten. Ich hielt verwundert ein und sah sie auch an. – »Wir
meinten,« sagte endlich der Waldhornist, »weil der Herr so einen langen
Frack hat, der Herr wäre ein reisender Engländer, der hier zu Fuß die
schöne Natur bewundert; da wollten wir uns ein Viatikum verdienen. Aber
mir scheint, der Herr ist selber ein Musikant.« – »Eigentlich ein
Einnehmer,« versetzte ich, »und komme direkt von Rom her, da ich aber
seit geraumer Zeit nichts mehr eingenommen, so habe ich mich unterwegs
Wer streicht bei stiller Morgenzeit
Da aus der Fremde durch die Heid?
Ich aber mir die Berg' betracht
Und lach in mich vor großer Lust
Und rufe recht aus frischer Brust
Parol und Feldgeschrei sogleich:
Vivat Östreich!
Da kennt mich erst die ganze Rund,
Nun grüßen Bach und Vöglein zart
Und Wälder rings nach Landesart,
Die Donau blitzt aus tiefem Grund,
Der Stephansturm auch ganz von fern
Guckt übern Berg und säh mich gern,
Und ist ers nicht, so kommt er doch gleich,
Vivat Östreich!«
Ich stand auf einem hohen Berge, wo man zum erstenmal nach Östreich
hineinsehen kann, und schwenkte voller Freude noch mit dem Hute und
sang die letzte Strophe, da fiel auf einmal hinter mir im Walde eine
prächtige Musik von Blasinstrumenten mit ein. Ich dreh mich schnell um
und erblicke drei junge Gesellen in langen blauen Mänteln, davon bläst der
eine Oboe, der andere die Klarinette und der dritte, der einen alten
Dreistutzer auf dem Kopfe hatte, das Waldhorn – die akkompagnierten mich
plötzlich, daß der ganze Wald erschallte. Ich, nicht zu faul, ziehe meine
Geige hervor und spiele und singe sogleich frisch mit. Da sah einer den
andern bedenklich an, der Waldhornist ließ dann zuerst seine Bausbacken
wieder einfallen und setzte sein Waldhorn ab, bis am Ende alle stille wurden
und mich anschauten. Ich hielt verwundert ein und sah sie auch an. – »Wir
meinten,« sagte endlich der Waldhornist, »weil der Herr so einen langen
Frack hat, der Herr wäre ein reisender Engländer, der hier zu Fuß die
schöne Natur bewundert; da wollten wir uns ein Viatikum verdienen. Aber
mir scheint, der Herr ist selber ein Musikant.« – »Eigentlich ein
Einnehmer,« versetzte ich, »und komme direkt von Rom her, da ich aber
seit geraumer Zeit nichts mehr eingenommen, so habe ich mich unterwegs
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mit der Violine durchgeschlagen.« – »Bringt nicht viel heutzutage!« sagte
der Waldhornist, der unterdes wieder an den Wald zurückgetreten war und
mit seinem Dreistutzer ein kleines Feuer anfachte, das sie dort angezündet
hatten. »Da gehn die blasenden Instrumente schon besser,« fuhr er fort;
»wenn so eine Herrschaft ganz ruhig zu Mittag speist, und wir treten
unverhofft in das gewölbte Vorhaus und fangen alle drei aus Leibeskräften
zu blasen an – gleich kommt ein Bedienter herausgesprungen mit Geld oder
Essen, damit sie nur den Lärm wieder los werden. Aber will der Herr nicht
eine Kollation mit uns einnehmen?«
Das Feuer loderte nun recht lustig im Walde, der Morgen war frisch, wir
setzten uns alle ringsumher auf den Rasen, und zwei von den Musikanten
nahmen ein Töpfchen, worin Kaffee und auch schon Milch war, vom Feuer,
holten Brot aus ihren Manteltaschen hervor und tunkten und tranken
abwechselnd aus dem Topfe, und es schmeckte ihnen so gut, daß es
ordentlich eine Lust war anzusehen. – Der Waldhornist aber sagte: »Ich
kann das schwarze Gesöff nicht vertragen«, und reichte mir dabei die eine
Hälfte von einer großen, übereinandergelegten Butterschnitte, dann brachte
er eine Flasche Wein zum Vorschein. »Will der Herr nicht auch einen
Schluck?« – Ich tat einen tüchtigen Zug, mußte aber schnell wieder
absetzen und das ganze Gesicht verziehn, denn es schmeckte wie
Dreimännerwein. »Hiesiges Gewächs,« sagte der Waldhornist, »aber der
Herr hat sich in Italien den deutschen Geschmack verdorben.«
Darauf kramte er eifrig in seinem Schubsack und zog endlich unter
allerlei Plunder eine alte zerfetzte Landkarte hervor, worauf noch der Kaiser
in vollem Ornate zu sehen war, den Zepter in der rechten, den Reichsapfel
in der linken Hand. Er breitete sie auf dem Boden behutsam auseinander,
die andern rückten näher heran, und sie beratschlagten nun zusammen, was
sie für eine Marschroute nehmen sollten.
»Die Vakanz geht bald zu Ende,« sagte der eine, »wir müssen uns gleich
von Linz links abwenden, so kommen wir noch bei guter Zeit nach Prag.« –
»Nun wahrhaftig!« rief der Waldhornist, »wem willst du da was vorpfeifen?
Nichts als Wälder und Kohlenbauern, kein geläuterter Kunstgeschmack,
keine vernünftige freie Station!« – »O Narrenspossen!« erwiderte der
andere, »die Bauern sind mir gerade die liebsten, die wissen am besten, wo
einen der Schuh drückt, und nehmens nicht so genau, wenn man manchmal
der Waldhornist, der unterdes wieder an den Wald zurückgetreten war und
mit seinem Dreistutzer ein kleines Feuer anfachte, das sie dort angezündet
hatten. »Da gehn die blasenden Instrumente schon besser,« fuhr er fort;
»wenn so eine Herrschaft ganz ruhig zu Mittag speist, und wir treten
unverhofft in das gewölbte Vorhaus und fangen alle drei aus Leibeskräften
zu blasen an – gleich kommt ein Bedienter herausgesprungen mit Geld oder
Essen, damit sie nur den Lärm wieder los werden. Aber will der Herr nicht
eine Kollation mit uns einnehmen?«
Das Feuer loderte nun recht lustig im Walde, der Morgen war frisch, wir
setzten uns alle ringsumher auf den Rasen, und zwei von den Musikanten
nahmen ein Töpfchen, worin Kaffee und auch schon Milch war, vom Feuer,
holten Brot aus ihren Manteltaschen hervor und tunkten und tranken
abwechselnd aus dem Topfe, und es schmeckte ihnen so gut, daß es
ordentlich eine Lust war anzusehen. – Der Waldhornist aber sagte: »Ich
kann das schwarze Gesöff nicht vertragen«, und reichte mir dabei die eine
Hälfte von einer großen, übereinandergelegten Butterschnitte, dann brachte
er eine Flasche Wein zum Vorschein. »Will der Herr nicht auch einen
Schluck?« – Ich tat einen tüchtigen Zug, mußte aber schnell wieder
absetzen und das ganze Gesicht verziehn, denn es schmeckte wie
Dreimännerwein. »Hiesiges Gewächs,« sagte der Waldhornist, »aber der
Herr hat sich in Italien den deutschen Geschmack verdorben.«
Darauf kramte er eifrig in seinem Schubsack und zog endlich unter
allerlei Plunder eine alte zerfetzte Landkarte hervor, worauf noch der Kaiser
in vollem Ornate zu sehen war, den Zepter in der rechten, den Reichsapfel
in der linken Hand. Er breitete sie auf dem Boden behutsam auseinander,
die andern rückten näher heran, und sie beratschlagten nun zusammen, was
sie für eine Marschroute nehmen sollten.
»Die Vakanz geht bald zu Ende,« sagte der eine, »wir müssen uns gleich
von Linz links abwenden, so kommen wir noch bei guter Zeit nach Prag.« –
»Nun wahrhaftig!« rief der Waldhornist, »wem willst du da was vorpfeifen?
Nichts als Wälder und Kohlenbauern, kein geläuterter Kunstgeschmack,
keine vernünftige freie Station!« – »O Narrenspossen!« erwiderte der
andere, »die Bauern sind mir gerade die liebsten, die wissen am besten, wo
einen der Schuh drückt, und nehmens nicht so genau, wenn man manchmal
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eine falsche Note bläst.« – »Das macht, du hast kein point d'honneur,«
versetzte der Waldhornist, »odi profanum vulgus et arceo, sagt der
Lateiner.« – »Nun, Kirchen aber muß es auf der Tour doch geben,« meinte
der dritte, »so kehren wir bei den Herren Pfarrern ein.« – »Gehorsamster
Diener!« sagte der Waldhornist, »die geben kleines Geld und große
Sermone, daß wir nicht so unnütz in der Welt herumschweifen, sondern uns
besser auf die Wissenschaften applizieren sollen, besonders wenn sie in mir
den künftigen Herrn Konfrater wittern. Nein, nein, Clericus clericum non
decimat. Aber was gibt es denn da überhaupt für große Not? Die Herren
Professoren sitzen auch noch im Karlsbade und halten selbst den Tag nicht
so genau ein.« – »Ja, distinguendum est inter et inter,« erwiderte der
andere, »quod licet Jovi, non licet bovi!«
Ich aber merkte nun, daß es Prager Studenten waren, und bekam einen
ordentlichen Respekt vor ihnen, besonders da ihnen das Latein nur so wie
Wasser von dem Munde floß. – »Ist der Herr auch ein Studierter?« fragte
mich darauf der Waldhornist. Ich erwiderte bescheiden, daß ich immer
besondere Lust zum Studieren, aber kein Geld gehabt hätte. – »Das tut gar
nichts,« rief der Waldhornist, »wir haben auch weder Geld noch reiche
Freundschaft. Aber ein gescheuter Kopf muß sich zu helfen wissen. Aurora
musis amica, das heißt zu deutsch: mit vielem Frühstücken sollst du dir
nicht die Zeit verderben. Aber wenn dann die Mittagsglocken von Turm zu
Turm und von Berg zu Berg über die Stadt gehen und nun die Schüler auf
einmal mit großem Geschrei aus dem alten finstern Kollegium
herausbrechen und im Sonnenschein durch die Gassen schwärmen – da
begeben wir uns bei den Kapuzinern zum Pater Küchenmeister und finden
unsern gedeckten Tisch, und ist er auch nicht gedeckt, so steht doch für
jeden ein voller Topf darauf, da fragen wir nicht viel darnach und essen und
perfektionieren uns dabei noch im Lateinischsprechen. Sieht der Herr, so
studieren wir von einem Tage zum andern fort. Und wenn dann endlich die
Vakanz kommt, und die andern fahren und reiten zu ihren Eltern fort, da
wandern wir mit unsern Instrumenten unterm Mantel durch die Gassen zum
Tore hinaus, und die ganze Welt steht uns offen.«
Ich weiß nicht – wie er so erzählte – ging es mir recht durchs Herz, daß
so gelehrte Leute so ganz verlassen sein sollten auf der Welt. Ich dachte
dabei an mich, wie es mir eigentlich selber nicht anders ginge, und die
Tränen traten mir in die Augen. – Der Waldhornist sah mich groß an. »Das
versetzte der Waldhornist, »odi profanum vulgus et arceo, sagt der
Lateiner.« – »Nun, Kirchen aber muß es auf der Tour doch geben,« meinte
der dritte, »so kehren wir bei den Herren Pfarrern ein.« – »Gehorsamster
Diener!« sagte der Waldhornist, »die geben kleines Geld und große
Sermone, daß wir nicht so unnütz in der Welt herumschweifen, sondern uns
besser auf die Wissenschaften applizieren sollen, besonders wenn sie in mir
den künftigen Herrn Konfrater wittern. Nein, nein, Clericus clericum non
decimat. Aber was gibt es denn da überhaupt für große Not? Die Herren
Professoren sitzen auch noch im Karlsbade und halten selbst den Tag nicht
so genau ein.« – »Ja, distinguendum est inter et inter,« erwiderte der
andere, »quod licet Jovi, non licet bovi!«
Ich aber merkte nun, daß es Prager Studenten waren, und bekam einen
ordentlichen Respekt vor ihnen, besonders da ihnen das Latein nur so wie
Wasser von dem Munde floß. – »Ist der Herr auch ein Studierter?« fragte
mich darauf der Waldhornist. Ich erwiderte bescheiden, daß ich immer
besondere Lust zum Studieren, aber kein Geld gehabt hätte. – »Das tut gar
nichts,« rief der Waldhornist, »wir haben auch weder Geld noch reiche
Freundschaft. Aber ein gescheuter Kopf muß sich zu helfen wissen. Aurora
musis amica, das heißt zu deutsch: mit vielem Frühstücken sollst du dir
nicht die Zeit verderben. Aber wenn dann die Mittagsglocken von Turm zu
Turm und von Berg zu Berg über die Stadt gehen und nun die Schüler auf
einmal mit großem Geschrei aus dem alten finstern Kollegium
herausbrechen und im Sonnenschein durch die Gassen schwärmen – da
begeben wir uns bei den Kapuzinern zum Pater Küchenmeister und finden
unsern gedeckten Tisch, und ist er auch nicht gedeckt, so steht doch für
jeden ein voller Topf darauf, da fragen wir nicht viel darnach und essen und
perfektionieren uns dabei noch im Lateinischsprechen. Sieht der Herr, so
studieren wir von einem Tage zum andern fort. Und wenn dann endlich die
Vakanz kommt, und die andern fahren und reiten zu ihren Eltern fort, da
wandern wir mit unsern Instrumenten unterm Mantel durch die Gassen zum
Tore hinaus, und die ganze Welt steht uns offen.«
Ich weiß nicht – wie er so erzählte – ging es mir recht durchs Herz, daß
so gelehrte Leute so ganz verlassen sein sollten auf der Welt. Ich dachte
dabei an mich, wie es mir eigentlich selber nicht anders ginge, und die
Tränen traten mir in die Augen. – Der Waldhornist sah mich groß an. »Das
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tut gar nichts,« fuhr er wieder weiter fort, »ich möchte gar nicht so reisen:
Pferde und Kaffee und frisch überzogene Betten, und Nachtmützen und
Stiefelknecht vorausbestellt. Das ist just das Schönste, wenn wir so
frühmorgens heraustreten und die Zugvögel hoch über uns fortziehen, daß
wir gar nicht wissen, welcher Schornstein heut für uns raucht, und gar nicht
voraussehen, was uns bis zum Abend noch für ein besonderes Glück
begegnen kann.« – »Ja,« sagte der andere, »und wo wir hinkommen und
unsere Instrumente herausziehen, wird alles fröhlich, und wenn wir dann
zur Mittagsstunde auf dem Lande in ein Herrschaftshaus treten und im
Hausflure blasen, da tanzen die Mägde miteinander vor der Haustür, und die
Herrschaft läßt die Saaltür etwas aufmachen, damit sie die Musik drin
besser hören, und durch die Lücke kommt das Tellergeklapper und der
Bratenduft in den freudenreichen Schall herausgezogen, und die Fräuleins
an der Tafel verdrehen sich fast die Hälse, um die Musikanten draußen zu
sehen.« – »Wahrhaftig,« rief der Waldhornist mit leuchtenden Augen aus,
»laßt die andern nur ihre Kompendien repetieren, w i r studieren unterdes in
dem großen Bilderbuche, das der liebe Gott uns draußen aufgeschlagen hat!
Ja, glaub nur der Herr, aus uns werden gerade die rechten Kerls, die den
Bauern dann was zu erzählen wissen und mit der Faust auf die Kanzel
schlagen, daß den Knollfinken unten vor Erbauung und Zerknirschung das
Herz im Leibe bersten möchte.«
Wie sie so sprachen, wurde mir so lustig in meinem Sinn, daß ich gleich
auch hätte mit studieren mögen. Ich konnte mich gar nicht satt hören, denn
ich unterhalte mich gern mit studierten Leuten, wo man etwas profitieren
kann. Aber es konnte gar nicht zu einem recht vernünftigen Diskurse
kommen. Denn dem einen Studenten war vorhin angst geworden, weil die
Vakanz so bald zu Ende gehen sollte. Er hatte daher hurtig sein Klarinett
zusammengesetzt, ein Notenblatt vor sich auf das aufgestemmte Knie
hingelegt und exerzierte sich eine schwierige Passage aus einer Messe ein,
die er mitblasen sollte, wenn sie nach Prag zurückkamen. Da saß er nun und
fingerte und pfiff dazwischen manchmal so falsch, daß es einem durch
Mark und Bein ging und man oft sein eigenes Wort nicht verstehen konnte.
Auf einmal schrie der Waldhornist mit seiner Baßstimme: »Topp, da hab
ich es«, er schlug dabei fröhlich auf die Landkarte neben ihm. Der andere
ließ auf einen Augenblick von seinem fleißigen Blasen ab und sah ihn
verwundert an. »Hört,« sagte der Waldhornist, »nicht weit von Wien ist ein
Pferde und Kaffee und frisch überzogene Betten, und Nachtmützen und
Stiefelknecht vorausbestellt. Das ist just das Schönste, wenn wir so
frühmorgens heraustreten und die Zugvögel hoch über uns fortziehen, daß
wir gar nicht wissen, welcher Schornstein heut für uns raucht, und gar nicht
voraussehen, was uns bis zum Abend noch für ein besonderes Glück
begegnen kann.« – »Ja,« sagte der andere, »und wo wir hinkommen und
unsere Instrumente herausziehen, wird alles fröhlich, und wenn wir dann
zur Mittagsstunde auf dem Lande in ein Herrschaftshaus treten und im
Hausflure blasen, da tanzen die Mägde miteinander vor der Haustür, und die
Herrschaft läßt die Saaltür etwas aufmachen, damit sie die Musik drin
besser hören, und durch die Lücke kommt das Tellergeklapper und der
Bratenduft in den freudenreichen Schall herausgezogen, und die Fräuleins
an der Tafel verdrehen sich fast die Hälse, um die Musikanten draußen zu
sehen.« – »Wahrhaftig,« rief der Waldhornist mit leuchtenden Augen aus,
»laßt die andern nur ihre Kompendien repetieren, w i r studieren unterdes in
dem großen Bilderbuche, das der liebe Gott uns draußen aufgeschlagen hat!
Ja, glaub nur der Herr, aus uns werden gerade die rechten Kerls, die den
Bauern dann was zu erzählen wissen und mit der Faust auf die Kanzel
schlagen, daß den Knollfinken unten vor Erbauung und Zerknirschung das
Herz im Leibe bersten möchte.«
Wie sie so sprachen, wurde mir so lustig in meinem Sinn, daß ich gleich
auch hätte mit studieren mögen. Ich konnte mich gar nicht satt hören, denn
ich unterhalte mich gern mit studierten Leuten, wo man etwas profitieren
kann. Aber es konnte gar nicht zu einem recht vernünftigen Diskurse
kommen. Denn dem einen Studenten war vorhin angst geworden, weil die
Vakanz so bald zu Ende gehen sollte. Er hatte daher hurtig sein Klarinett
zusammengesetzt, ein Notenblatt vor sich auf das aufgestemmte Knie
hingelegt und exerzierte sich eine schwierige Passage aus einer Messe ein,
die er mitblasen sollte, wenn sie nach Prag zurückkamen. Da saß er nun und
fingerte und pfiff dazwischen manchmal so falsch, daß es einem durch
Mark und Bein ging und man oft sein eigenes Wort nicht verstehen konnte.
Auf einmal schrie der Waldhornist mit seiner Baßstimme: »Topp, da hab
ich es«, er schlug dabei fröhlich auf die Landkarte neben ihm. Der andere
ließ auf einen Augenblick von seinem fleißigen Blasen ab und sah ihn
verwundert an. »Hört,« sagte der Waldhornist, »nicht weit von Wien ist ein
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Schloß, auf dem Schlosse ist ein Portier, und der Portier ist mein Vetter!
Teuerste Kondiszipels, da müssen wir hin, machen dem Herrn Vetter unser
Kompliment, und er wird dann schon dafür sorgen, wie er uns wieder weiter
fortbringt!« – Als ich das hörte, fuhr ich geschwind auf. »Bläst er nicht auf
dem Fagott?« rief ich, »und ist von langer, gerader Beschaffenheit und hat
eine große vornehme Nase?« – Der Waldhornist nickte mit dem Kopfe. Ich
aber embrassierte ihn vor Freuden, daß ihm der Dreistutzer vom Kopfe fiel,
und wir beschlossen nun sogleich, alle miteinander im Postschiffe auf der
Donau nach dem Schloß der schönen Gräfin hinunterzufahren.
Als wir an das Ufer kamen, war schon alles zur Abfahrt bereit. Der
dicke Gastwirt, bei dem das Schiff über Nacht angelegt hatte, stand breit
und behaglich in seiner Haustür, die er ganz ausfüllte, und ließ zum
Abschied allerlei Witze und Redensarten erschallen, während in jedem
Fenster ein Mädchenkopf herausfuhr und den Schiffern noch freundlich
zunickte, die soeben die letzten Pakete nach dem Schiffe schafften. Ein
ältlicher Herr mit einem grauen Überrock und schwarzem Halstuch, der
auch mitfahren wollte, stand am Ufer und sprach sehr eifrig mit einem
jungen, schlanken Bürschchen, das mit langen, ledernen Beinkleidern und
knapper, scharlachroter Jacke vor ihm auf einem prächtigen Engländer saß.
Es schien mir zu meiner großen Verwunderung, als wenn sie beide zuweilen
nach mir hinblickten und von mir sprächen. – Zuletzt lachte der alte Herr,
das schlanke Bürschchen schnalzte mit der Reitgerte und sprengte, mit den
Lerchen über ihm um die Wette, durch die Morgenluft in die blitzende
Landschaft hinein.
Unterdes hatten die Studenten und ich unsere Kasse
zusammengeschossen. Der Schiffer lachte und schüttelte den Kopf, als ihm
der Waldhornist damit unser Fährgeld in lauter Kupferstücken aufzählte, die
wir mit großer Not aus allen unsern Taschen zusammengebracht hatten. Ich
aber jauchzte laut auf, als ich auf einmal wieder die Donau so recht vor mir
sah: wir sprangen geschwind auf das Schiff hinauf, der Schiffer gab das
Zeichen, und so flogen wir nun im schönsten Morgenglanze zwischen den
Bergen und Wiesen hinunter.
Da schlugen die Vögel im Walde, und von beiden Seiten klangen die
Morgenglocken von fern aus den Dörfern, hoch in der Luft hörte man
Teuerste Kondiszipels, da müssen wir hin, machen dem Herrn Vetter unser
Kompliment, und er wird dann schon dafür sorgen, wie er uns wieder weiter
fortbringt!« – Als ich das hörte, fuhr ich geschwind auf. »Bläst er nicht auf
dem Fagott?« rief ich, »und ist von langer, gerader Beschaffenheit und hat
eine große vornehme Nase?« – Der Waldhornist nickte mit dem Kopfe. Ich
aber embrassierte ihn vor Freuden, daß ihm der Dreistutzer vom Kopfe fiel,
und wir beschlossen nun sogleich, alle miteinander im Postschiffe auf der
Donau nach dem Schloß der schönen Gräfin hinunterzufahren.
Als wir an das Ufer kamen, war schon alles zur Abfahrt bereit. Der
dicke Gastwirt, bei dem das Schiff über Nacht angelegt hatte, stand breit
und behaglich in seiner Haustür, die er ganz ausfüllte, und ließ zum
Abschied allerlei Witze und Redensarten erschallen, während in jedem
Fenster ein Mädchenkopf herausfuhr und den Schiffern noch freundlich
zunickte, die soeben die letzten Pakete nach dem Schiffe schafften. Ein
ältlicher Herr mit einem grauen Überrock und schwarzem Halstuch, der
auch mitfahren wollte, stand am Ufer und sprach sehr eifrig mit einem
jungen, schlanken Bürschchen, das mit langen, ledernen Beinkleidern und
knapper, scharlachroter Jacke vor ihm auf einem prächtigen Engländer saß.
Es schien mir zu meiner großen Verwunderung, als wenn sie beide zuweilen
nach mir hinblickten und von mir sprächen. – Zuletzt lachte der alte Herr,
das schlanke Bürschchen schnalzte mit der Reitgerte und sprengte, mit den
Lerchen über ihm um die Wette, durch die Morgenluft in die blitzende
Landschaft hinein.
Unterdes hatten die Studenten und ich unsere Kasse
zusammengeschossen. Der Schiffer lachte und schüttelte den Kopf, als ihm
der Waldhornist damit unser Fährgeld in lauter Kupferstücken aufzählte, die
wir mit großer Not aus allen unsern Taschen zusammengebracht hatten. Ich
aber jauchzte laut auf, als ich auf einmal wieder die Donau so recht vor mir
sah: wir sprangen geschwind auf das Schiff hinauf, der Schiffer gab das
Zeichen, und so flogen wir nun im schönsten Morgenglanze zwischen den
Bergen und Wiesen hinunter.
Da schlugen die Vögel im Walde, und von beiden Seiten klangen die
Morgenglocken von fern aus den Dörfern, hoch in der Luft hörte man
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manchmal die Lerchen dazwischen. Von dem Schiffe aber jubilierte und
schmetterte ein Kanarienvogel mit darein, daß es eine rechte Lust war.
Der gehörte einem hübschen jungen Mädchen, die auch mit auf dem
Schiffe war. Sie hatte den Käfig dicht neben sich stehen, von der andern
Seite hielt sie ein feines Bündel Wäsche unterm Arm, so saß sie ganz still
für sich und sah recht zufrieden bald auf ihre neuen Reiseschuhe, die unter
dem Röckchen hervorkamen, bald wieder in das Wasser vor sich hinunter,
und die Morgensonne glänzte ihr dabei auf der weißen Stirn, über der sie
die Haare sehr sauber gescheitelt hatte. Ich merkte wohl, daß die Studenten
gern einen höflichen Diskurs mit ihr angesponnen hätten, denn sie gingen
immer an ihr vorüber, und der Waldhornist räusperte sich dabei und rückte
bald an seiner Halsbinde, bald an dem Dreistutzer. Aber sie hatten keine
rechte Courage, und das Mädchen schlug auch jedesmal die Augen nieder,
sobald sie ihr näher kamen.
Besonders aber genierten sie sich vor dem ältlichen Herrn mit dem
grauen Überrocke, der nun auf der andern Seite des Schiffes saß und den sie
gleich für einen Geistlichen hielten. Er hatte ein Brevier vor sich, in
welchem er las, dazwischen aber oft in die schöne Gegend von dem Buche
aufsah, dessen Goldschnitt und die vielen dareingelegten bunten
Heiligenbilder prächtig im Morgenschein blitzten. Dabei bemerkte er auch
sehr gut, was auf dem Schiffe vorging, und erkannte bald die Vögel an ihren
Federn; denn es dauerte nicht lange, so redete er einen von den Studenten
lateinisch an, worauf alle drei herantraten, die Hüte vor ihm abnahmen und
ihm wieder lateinisch antworteten.
Ich aber hatte mich unterdes ganz vorn auf die Spitze des Schiffes
gesetzt, ließ vergnügt meine Beine über dem Wasser herunterbaumeln und
blickte, während das Schiff so fortflog und die Wellen unter mir rauschten
und schäumten, immerfort in die blaue Ferne, wie da ein Turm und ein
Schloß nach dem andern aus dem Ufergrün hervorkam, wuchs und wuchs
und endlich hinter uns wieder verschwand. Wenn ich nur h e u t e Flügel
hätte! dachte ich und zog endlich vor Ungeduld meine liebe Violine hervor
und spielte alle meine ältesten Stücke durch, die ich noch zu Hause und auf
dem Schloß der schönen Frau gelernt hatte.
schmetterte ein Kanarienvogel mit darein, daß es eine rechte Lust war.
Der gehörte einem hübschen jungen Mädchen, die auch mit auf dem
Schiffe war. Sie hatte den Käfig dicht neben sich stehen, von der andern
Seite hielt sie ein feines Bündel Wäsche unterm Arm, so saß sie ganz still
für sich und sah recht zufrieden bald auf ihre neuen Reiseschuhe, die unter
dem Röckchen hervorkamen, bald wieder in das Wasser vor sich hinunter,
und die Morgensonne glänzte ihr dabei auf der weißen Stirn, über der sie
die Haare sehr sauber gescheitelt hatte. Ich merkte wohl, daß die Studenten
gern einen höflichen Diskurs mit ihr angesponnen hätten, denn sie gingen
immer an ihr vorüber, und der Waldhornist räusperte sich dabei und rückte
bald an seiner Halsbinde, bald an dem Dreistutzer. Aber sie hatten keine
rechte Courage, und das Mädchen schlug auch jedesmal die Augen nieder,
sobald sie ihr näher kamen.
Besonders aber genierten sie sich vor dem ältlichen Herrn mit dem
grauen Überrocke, der nun auf der andern Seite des Schiffes saß und den sie
gleich für einen Geistlichen hielten. Er hatte ein Brevier vor sich, in
welchem er las, dazwischen aber oft in die schöne Gegend von dem Buche
aufsah, dessen Goldschnitt und die vielen dareingelegten bunten
Heiligenbilder prächtig im Morgenschein blitzten. Dabei bemerkte er auch
sehr gut, was auf dem Schiffe vorging, und erkannte bald die Vögel an ihren
Federn; denn es dauerte nicht lange, so redete er einen von den Studenten
lateinisch an, worauf alle drei herantraten, die Hüte vor ihm abnahmen und
ihm wieder lateinisch antworteten.
Ich aber hatte mich unterdes ganz vorn auf die Spitze des Schiffes
gesetzt, ließ vergnügt meine Beine über dem Wasser herunterbaumeln und
blickte, während das Schiff so fortflog und die Wellen unter mir rauschten
und schäumten, immerfort in die blaue Ferne, wie da ein Turm und ein
Schloß nach dem andern aus dem Ufergrün hervorkam, wuchs und wuchs
und endlich hinter uns wieder verschwand. Wenn ich nur h e u t e Flügel
hätte! dachte ich und zog endlich vor Ungeduld meine liebe Violine hervor
und spielte alle meine ältesten Stücke durch, die ich noch zu Hause und auf
dem Schloß der schönen Frau gelernt hatte.
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Auf einmal klopfte mir jemand von hinten auf die Achsel. Es war der
geistliche Herr, der unterdes sein Buch weggelegt und mir schon ein
Weilchen zugehört hatte. »Ei,« sagte er lachend zu mir, »ei, ei, Herr ludi
magister, Essen und Trinken vergißt er.« Er hieß mich darauf meine Geige
einstecken, um einen Imbiß mit ihm einzunehmen, und führte mich zu einer
kleinen lustigen Laube, die von den Schiffern aus jungen Birken und
Tannenbäumchen in der Mitte des Schiffes aufgerichtet worden war. Dort
hatte er einen Tisch hinstellen lassen, und ich, die Studenten und selbst das
junge Mädchen, wir mußten uns auf die Fässer und Pakete ringsherum
setzen.
Der geistliche Herr packte nun einen großen Braten und Butterschnitten
aus, die sorgfältig in Papier gewickelt waren, zog auch aus einem Futteral
mehrere Weinflaschen und einen silbernen, innerlich vergoldeten Becher
hervor, schenkte ein, kostete erst, roch daran und prüfte wieder und reichte
dann einem jeden von uns. Die Studenten saßen kerzengerade auf ihren
Fässern und aßen und tranken nur sehr wenig vor großer Devotion. Auch
das Mädchen tauchte bloß das Schnäbelchen in den Becher und blickte
dabei schüchtern bald auf mich, bald auf die Studenten, aber je öfter sie uns
ansah, je dreister wurde sie nach und nach.
Sie erzählte endlich dem geistlichen Herrn, daß sie nun zum erstenmal
von Hause in Kondition komme und soeben auf das Schloß ihrer neuen
Herrschaft reise. Ich wurde über und über rot, denn sie nannte dabei das
Schloß der schönen gnädigen Frau. – Also das soll meine zukünftige
Kammerjungfer sein! dachte ich und sah sie groß an, und mir schwindelte
fast dabei. – »Auf dem Schlosse wird es bald eine große Hochzeit geben,«
sagte darauf der geistliche Herr. »Ja,« erwiderte das Mädchen, die gern von
der Geschichte mehr gewußt hätte; »man sagt, es wäre schon eine alte,
heimliche Liebschaft gewesen, die Gräfin hätte es aber niemals zugeben
wollen.« Der Geistliche antwortete nur mit Hm, hm, während er seinen
Jagdbecher vollschenkte und mit bedenklichen Mienen daraus nippte. Ich
aber hatte mich mit beiden Armen weit über den Tisch vorgelegt, um die
Unterredung recht genau anzuhören. Der geistliche Herr bemerkte es. »Ich
kanns Euch wohl sagen,« hub er wieder an, »die beiden Gräfinnen haben
mich auf Kundschaft ausgeschickt, ob der Bräutigam schon vielleicht hier
in der Gegend sei. Eine Dame aus Rom hat geschrieben, daß er schon lange
von dort fort sei.« – Wie er von der Dame aus Rom anfing, wurd ich wieder
geistliche Herr, der unterdes sein Buch weggelegt und mir schon ein
Weilchen zugehört hatte. »Ei,« sagte er lachend zu mir, »ei, ei, Herr ludi
magister, Essen und Trinken vergißt er.« Er hieß mich darauf meine Geige
einstecken, um einen Imbiß mit ihm einzunehmen, und führte mich zu einer
kleinen lustigen Laube, die von den Schiffern aus jungen Birken und
Tannenbäumchen in der Mitte des Schiffes aufgerichtet worden war. Dort
hatte er einen Tisch hinstellen lassen, und ich, die Studenten und selbst das
junge Mädchen, wir mußten uns auf die Fässer und Pakete ringsherum
setzen.
Der geistliche Herr packte nun einen großen Braten und Butterschnitten
aus, die sorgfältig in Papier gewickelt waren, zog auch aus einem Futteral
mehrere Weinflaschen und einen silbernen, innerlich vergoldeten Becher
hervor, schenkte ein, kostete erst, roch daran und prüfte wieder und reichte
dann einem jeden von uns. Die Studenten saßen kerzengerade auf ihren
Fässern und aßen und tranken nur sehr wenig vor großer Devotion. Auch
das Mädchen tauchte bloß das Schnäbelchen in den Becher und blickte
dabei schüchtern bald auf mich, bald auf die Studenten, aber je öfter sie uns
ansah, je dreister wurde sie nach und nach.
Sie erzählte endlich dem geistlichen Herrn, daß sie nun zum erstenmal
von Hause in Kondition komme und soeben auf das Schloß ihrer neuen
Herrschaft reise. Ich wurde über und über rot, denn sie nannte dabei das
Schloß der schönen gnädigen Frau. – Also das soll meine zukünftige
Kammerjungfer sein! dachte ich und sah sie groß an, und mir schwindelte
fast dabei. – »Auf dem Schlosse wird es bald eine große Hochzeit geben,«
sagte darauf der geistliche Herr. »Ja,« erwiderte das Mädchen, die gern von
der Geschichte mehr gewußt hätte; »man sagt, es wäre schon eine alte,
heimliche Liebschaft gewesen, die Gräfin hätte es aber niemals zugeben
wollen.« Der Geistliche antwortete nur mit Hm, hm, während er seinen
Jagdbecher vollschenkte und mit bedenklichen Mienen daraus nippte. Ich
aber hatte mich mit beiden Armen weit über den Tisch vorgelegt, um die
Unterredung recht genau anzuhören. Der geistliche Herr bemerkte es. »Ich
kanns Euch wohl sagen,« hub er wieder an, »die beiden Gräfinnen haben
mich auf Kundschaft ausgeschickt, ob der Bräutigam schon vielleicht hier
in der Gegend sei. Eine Dame aus Rom hat geschrieben, daß er schon lange
von dort fort sei.« – Wie er von der Dame aus Rom anfing, wurd ich wieder
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rot. »Kennen denn Ew. Hochwürden den Bräutigam?« fragte ich ganz
verwirrt. – »Nein,« erwiderte der alte Herr, »aber er soll ein lustiger Vogel
sein.« – »O ja,« sagte ich hastig, »ein Vogel, der aus jedem Käfig ausreißt,
sobald er nur kann, und lustig singt, wenn er wieder in der Freiheit ist.« –
»Und sich in der Fremde herumtreibt,« fuhr der Herr gelassen fort, »in der
Nacht gassatim geht und am Tage vor den Haustüren schläft.« – Mich
verdroß das sehr. »Ehrwürdiger Herr,« rief ich ganz hitzig aus, »da hat man
Euch falsch berichtet. Der Bräutigam ist ein moralischer, schlanker,
hoffnungsvoller Jüngling, der in Italien in einem alten Schlosse auf großem
Fuß gelebt hat, der mit lauter Gräfinnen, berühmten Malern und
Kammerjungfern umgegangen ist, der sein Geld sehr wohl zu Rate zu
halten weiß, wenn er nur welches hätte, der –« »Nun, nun, ich wußte nicht,
daß Ihr ihn so gut kennt«, unterbrach mich hier der Geistliche und lachte
dabei so herzlich, daß er ganz blau im Gesichte wurde und ihm die Tränen
aus den Augen rollten. – »Ich hab doch aber gehört,« ließ sich nun das
Mädchen wieder vernehmen, »der Bräutigam wäre ein großer, überaus
reicher Herr.« – »Ach Gott, ja doch, ja! Konfusion, nichts als Konfusion!«
rief der Geistliche und konnte sich noch immer vor Lachen nicht zugute
geben, bis er sich endlich ganz verhustete. Als er sich wieder ein wenig
erholt hatte, hob er den Becher in die Höh und rief: »Das Brautpaar soll
leben!« – Ich wußte gar nicht, was ich von dem Geistlichen und seinem
Gerede denken sollte, ich schämte mich aber, wegen der römischen
Geschichten, ihm hier vor allen Leuten zu sagen, daß ich selber der
verlorene, glückselige Bräutigam sei.
Der Becher ging wieder fleißig in die Runde, der geistliche Herr sprach
dabei freundlich mit allen, so daß ihm bald ein jeder gut wurde und am
Ende alles fröhlich durcheinandersprach. Auch die Studenten wurden
immer redseliger und erzählten von ihren Fahrten im Gebirge, bis sie
endlich gar ihre Instrumente holten und lustig zu blasen anfingen. Die kühle
Wasserluft strich dabei durch die Zweige der Laube, die Abendsonne
vergoldete schon die Wälder und Täler, die schnell an uns vorüberflogen,
während die Ufer von den Waldhornsklängen widerhallten. – Und als dann
der Geistliche von der Musik immer vergnügter wurde und lustige
Geschichten aus seiner Jugend erzählte: wie auch er zur Vakanz über Berge
und Täler gezogen und oft hungrig und durstig, aber immer fröhlich
gewesen, und wie eigentlich das ganze Studentenleben eine große Vakanz
verwirrt. – »Nein,« erwiderte der alte Herr, »aber er soll ein lustiger Vogel
sein.« – »O ja,« sagte ich hastig, »ein Vogel, der aus jedem Käfig ausreißt,
sobald er nur kann, und lustig singt, wenn er wieder in der Freiheit ist.« –
»Und sich in der Fremde herumtreibt,« fuhr der Herr gelassen fort, »in der
Nacht gassatim geht und am Tage vor den Haustüren schläft.« – Mich
verdroß das sehr. »Ehrwürdiger Herr,« rief ich ganz hitzig aus, »da hat man
Euch falsch berichtet. Der Bräutigam ist ein moralischer, schlanker,
hoffnungsvoller Jüngling, der in Italien in einem alten Schlosse auf großem
Fuß gelebt hat, der mit lauter Gräfinnen, berühmten Malern und
Kammerjungfern umgegangen ist, der sein Geld sehr wohl zu Rate zu
halten weiß, wenn er nur welches hätte, der –« »Nun, nun, ich wußte nicht,
daß Ihr ihn so gut kennt«, unterbrach mich hier der Geistliche und lachte
dabei so herzlich, daß er ganz blau im Gesichte wurde und ihm die Tränen
aus den Augen rollten. – »Ich hab doch aber gehört,« ließ sich nun das
Mädchen wieder vernehmen, »der Bräutigam wäre ein großer, überaus
reicher Herr.« – »Ach Gott, ja doch, ja! Konfusion, nichts als Konfusion!«
rief der Geistliche und konnte sich noch immer vor Lachen nicht zugute
geben, bis er sich endlich ganz verhustete. Als er sich wieder ein wenig
erholt hatte, hob er den Becher in die Höh und rief: »Das Brautpaar soll
leben!« – Ich wußte gar nicht, was ich von dem Geistlichen und seinem
Gerede denken sollte, ich schämte mich aber, wegen der römischen
Geschichten, ihm hier vor allen Leuten zu sagen, daß ich selber der
verlorene, glückselige Bräutigam sei.
Der Becher ging wieder fleißig in die Runde, der geistliche Herr sprach
dabei freundlich mit allen, so daß ihm bald ein jeder gut wurde und am
Ende alles fröhlich durcheinandersprach. Auch die Studenten wurden
immer redseliger und erzählten von ihren Fahrten im Gebirge, bis sie
endlich gar ihre Instrumente holten und lustig zu blasen anfingen. Die kühle
Wasserluft strich dabei durch die Zweige der Laube, die Abendsonne
vergoldete schon die Wälder und Täler, die schnell an uns vorüberflogen,
während die Ufer von den Waldhornsklängen widerhallten. – Und als dann
der Geistliche von der Musik immer vergnügter wurde und lustige
Geschichten aus seiner Jugend erzählte: wie auch er zur Vakanz über Berge
und Täler gezogen und oft hungrig und durstig, aber immer fröhlich
gewesen, und wie eigentlich das ganze Studentenleben eine große Vakanz
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sei zwischen der engen, düstern Schule und der ernsten Amtsarbeit – da
tranken die Studenten noch einmal herum und stimmten dann frisch ein
Lied an, daß es weit in die Berge hineinschallte.
»Nach Süden sich nun lenken
Die Vöglein allzumal,
Viel Wandrer lustig schwenken
Die Hüt' im Morgenstrahl.
Das sind die Herrn Studenten,
Zum Tor hinaus es geht,
Auf ihren Instrumenten
Sie blasen zum Valet:
Ade in die Läng und Breite,
O Prag, wir ziehn in die Weite:
Et habeat bonam pacem,
Qui sedet post fornacem!
Nachts wir durchs Städtlein schweifen,
Die Fenster schimmern weit,
Am Fenster drehn und schleifen
Viel schön geputzte Leut.
Wir blasen vor den Türen
Und haben Durst genung,
Das kommt vom Musizieren,
Herr Wirt, ein'n frischen Trunk!
Und siehe, über ein kleines
Mit einer Kanne Weines
Venit ex sua domo –
Beatus ille homo!
Nun weht schon durch die Wälder
Der kalte Boreas,
Wir streichen durch die Felder,
Von Schnee und Regen naß,
Der Mantel fliegt im Winde,
Zerrissen sind die Schuh,
Da blasen wir geschwinde
tranken die Studenten noch einmal herum und stimmten dann frisch ein
Lied an, daß es weit in die Berge hineinschallte.
»Nach Süden sich nun lenken
Die Vöglein allzumal,
Viel Wandrer lustig schwenken
Die Hüt' im Morgenstrahl.
Das sind die Herrn Studenten,
Zum Tor hinaus es geht,
Auf ihren Instrumenten
Sie blasen zum Valet:
Ade in die Läng und Breite,
O Prag, wir ziehn in die Weite:
Et habeat bonam pacem,
Qui sedet post fornacem!
Nachts wir durchs Städtlein schweifen,
Die Fenster schimmern weit,
Am Fenster drehn und schleifen
Viel schön geputzte Leut.
Wir blasen vor den Türen
Und haben Durst genung,
Das kommt vom Musizieren,
Herr Wirt, ein'n frischen Trunk!
Und siehe, über ein kleines
Mit einer Kanne Weines
Venit ex sua domo –
Beatus ille homo!
Nun weht schon durch die Wälder
Der kalte Boreas,
Wir streichen durch die Felder,
Von Schnee und Regen naß,
Der Mantel fliegt im Winde,
Zerrissen sind die Schuh,
Da blasen wir geschwinde
Page 86
Und singen noch dazu:
Beatus ille homo,
Qui sedet in sua domo,
Et sedet post fornacem
Et habet bonam pacem!«
Ich, die Schiffer und das Mädchen, obgleich wir alle kein Latein
verstanden, stimmten jedesmal jauchzend in den letzten Vers mit ein, ich
aber jauchzte am allervergnügtesten, denn ich sah soeben von fern mein
Zollhäuschen und bald darauf auch das Schloß in der Abendsonne über die
Bäume hervorkommen.
Beatus ille homo,
Qui sedet in sua domo,
Et sedet post fornacem
Et habet bonam pacem!«
Ich, die Schiffer und das Mädchen, obgleich wir alle kein Latein
verstanden, stimmten jedesmal jauchzend in den letzten Vers mit ein, ich
aber jauchzte am allervergnügtesten, denn ich sah soeben von fern mein
Zollhäuschen und bald darauf auch das Schloß in der Abendsonne über die
Bäume hervorkommen.
Page 87
Zehntes Kapitel
Das Schiff stieß an das Ufer, wir sprangen schnell ans Land und
verteilten uns nun nach allen Seiten im Grünen, wie Vögel, wenn das
Gebauer plötzlich aufgemacht wird. Der geistliche Herr nahm eiligen
Abschied und ging mit großen Schritten nach dem Schlosse zu. Die
Studenten dagegen wanderten eifrig nach einem abgelegenen Gebüsch, wo
sie noch geschwind ihre Mäntel ausklopfen, sich in dem vorüberfließenden
Bache waschen und einer den andern rasieren wollten. Die neue
Kammerjungfer endlich ging mit ihrem Kanarienvogel und ihrem Bündel
unterm Arm nach dem Wirtshause unter dem Schloßberge, um bei der Frau
Wirtin, die ich ihr als eine gute Person rekommandiert hatte, ein besseres
Kleid anzulegen, ehe sie sich oben im Schlosse vorstellte. Mir aber
leuchtete der schöne Abend recht durchs Herz, und als sie sich nun alle
verlaufen hatten, bedachte ich mich nicht lange und rannte sogleich nach
dem herrschaftlichen Garten hin.
Mein Zollhaus, an dem ich vorbei mußte, stand noch auf der alten
Stelle, die hohen Bäume aus dem herrschaftlichen Garten rauschten noch
immer darüberhin, eine Goldammer, die damals auf dem Kastanienbaume
vor dem Fenster jedesmal bei Sonnenuntergang ihr Abendlied gesungen
hatte, sang auch wieder, als wäre seitdem gar nichts in der Welt
vorgegangen. Das Fenster im Zollhause stand offen, ich lief voller Freuden
hin und steckte den Kopf in die Stube hinein. Es war niemand darin, aber
die Wanduhr pickte noch immer ruhig fort, der Schreibtisch stand am
Fenster und die lange Pfeife in einem Winkel wie damals. Ich konnte nicht
widerstehen, ich sprang durch das Fenster hinein und setzte mich an den
Schreibtisch vor das große Rechenbuch hin. Da fiel der Sonnenschein durch
den Kastanienbaum vor dem Fenster wieder grüngolden auf die Ziffern in
dem aufgeschlagenen Buche, die Bienen summten wieder an dem offnen
Das Schiff stieß an das Ufer, wir sprangen schnell ans Land und
verteilten uns nun nach allen Seiten im Grünen, wie Vögel, wenn das
Gebauer plötzlich aufgemacht wird. Der geistliche Herr nahm eiligen
Abschied und ging mit großen Schritten nach dem Schlosse zu. Die
Studenten dagegen wanderten eifrig nach einem abgelegenen Gebüsch, wo
sie noch geschwind ihre Mäntel ausklopfen, sich in dem vorüberfließenden
Bache waschen und einer den andern rasieren wollten. Die neue
Kammerjungfer endlich ging mit ihrem Kanarienvogel und ihrem Bündel
unterm Arm nach dem Wirtshause unter dem Schloßberge, um bei der Frau
Wirtin, die ich ihr als eine gute Person rekommandiert hatte, ein besseres
Kleid anzulegen, ehe sie sich oben im Schlosse vorstellte. Mir aber
leuchtete der schöne Abend recht durchs Herz, und als sie sich nun alle
verlaufen hatten, bedachte ich mich nicht lange und rannte sogleich nach
dem herrschaftlichen Garten hin.
Mein Zollhaus, an dem ich vorbei mußte, stand noch auf der alten
Stelle, die hohen Bäume aus dem herrschaftlichen Garten rauschten noch
immer darüberhin, eine Goldammer, die damals auf dem Kastanienbaume
vor dem Fenster jedesmal bei Sonnenuntergang ihr Abendlied gesungen
hatte, sang auch wieder, als wäre seitdem gar nichts in der Welt
vorgegangen. Das Fenster im Zollhause stand offen, ich lief voller Freuden
hin und steckte den Kopf in die Stube hinein. Es war niemand darin, aber
die Wanduhr pickte noch immer ruhig fort, der Schreibtisch stand am
Fenster und die lange Pfeife in einem Winkel wie damals. Ich konnte nicht
widerstehen, ich sprang durch das Fenster hinein und setzte mich an den
Schreibtisch vor das große Rechenbuch hin. Da fiel der Sonnenschein durch
den Kastanienbaum vor dem Fenster wieder grüngolden auf die Ziffern in
dem aufgeschlagenen Buche, die Bienen summten wieder an dem offnen
Page 88
Fenster hin und her, die Goldammer draußen auf dem Baume sang fröhlich
immerzu. – Auf einmal aber ging die Tür aus der Stube auf, und ein alter,
langer Einnehmer in meinem punktierten Schlafrock trat herein! Er blieb in
der Tür stehen, wie er mich so unversehens erblickte, nahm schnell die
Brille von der Nase und sah mich grimmig an. Ich aber erschrak nicht
wenig darüber, sprang, ohne ein Wort zu sagen, auf und lief aus der Haustür
durch den kleinen Garten fort, wo ich mich noch bald mit den Füßen in dem
fatalen Kartoffelkraut verwickelt hätte, das der alte Einnehmer nunmehr,
wie ich sah, nach des Portiers Rat statt meiner Blumen angepflanzt hatte.
Ich hörte noch, wie er vor die Tür herausfuhr und hinter mir drein
schimpfte, aber ich saß schon oben auf der hohen Gartenmauer und schaute
mit klopfendem Herzen in den Schloßgarten hinein.
Da war ein Duften und Schimmern und Jubilieren von allen Vöglein;
die Plätze und Gänge waren leer, aber die vergoldeten Wipfel neigten sich
im Abendwinde vor mir, als wollten sie mich bewillkommnen, und
seitwärts aus dem tiefen Grunde blitzte zuweilen die Donau zwischen den
Bäumen nach mir herauf.
Auf einmal hörte ich in einiger Entfernung im Garten singen:
»Schweigt der Menschen laute Lust:
Rauscht die Erde wie in Träumen
Wunderbar mit allen Bäumen,
Was dem Herzen kaum bewußt,
Alte Zeiten, linde Trauer,
Und es schweifen leise Schauer
Wetterleuchtend durch die Brust.«
Die Stimme und das Lied klang mir so wunderlich und doch wieder so
altbekannt, als hätte ichs irgendeinmal im Traume gehört. Ich dachte lange,
lange nach. – »Das ist der Herr Guido!« rief ich endlich voller Freude und
schwang mich schnell in den Garten hinunter – es war dasselbe Lied, das er
an jenem Sommerabend auf dem Balkon des italienischen Wirtshauses
sang, wo ich ihn zum letztenmal gesehen hatte.
Er sang noch immer fort, ich aber sprang über Beete und Hecken dem
Liede nach. Als ich nun zwischen den letzten Rosensträuchern hervortrat,
immerzu. – Auf einmal aber ging die Tür aus der Stube auf, und ein alter,
langer Einnehmer in meinem punktierten Schlafrock trat herein! Er blieb in
der Tür stehen, wie er mich so unversehens erblickte, nahm schnell die
Brille von der Nase und sah mich grimmig an. Ich aber erschrak nicht
wenig darüber, sprang, ohne ein Wort zu sagen, auf und lief aus der Haustür
durch den kleinen Garten fort, wo ich mich noch bald mit den Füßen in dem
fatalen Kartoffelkraut verwickelt hätte, das der alte Einnehmer nunmehr,
wie ich sah, nach des Portiers Rat statt meiner Blumen angepflanzt hatte.
Ich hörte noch, wie er vor die Tür herausfuhr und hinter mir drein
schimpfte, aber ich saß schon oben auf der hohen Gartenmauer und schaute
mit klopfendem Herzen in den Schloßgarten hinein.
Da war ein Duften und Schimmern und Jubilieren von allen Vöglein;
die Plätze und Gänge waren leer, aber die vergoldeten Wipfel neigten sich
im Abendwinde vor mir, als wollten sie mich bewillkommnen, und
seitwärts aus dem tiefen Grunde blitzte zuweilen die Donau zwischen den
Bäumen nach mir herauf.
Auf einmal hörte ich in einiger Entfernung im Garten singen:
»Schweigt der Menschen laute Lust:
Rauscht die Erde wie in Träumen
Wunderbar mit allen Bäumen,
Was dem Herzen kaum bewußt,
Alte Zeiten, linde Trauer,
Und es schweifen leise Schauer
Wetterleuchtend durch die Brust.«
Die Stimme und das Lied klang mir so wunderlich und doch wieder so
altbekannt, als hätte ichs irgendeinmal im Traume gehört. Ich dachte lange,
lange nach. – »Das ist der Herr Guido!« rief ich endlich voller Freude und
schwang mich schnell in den Garten hinunter – es war dasselbe Lied, das er
an jenem Sommerabend auf dem Balkon des italienischen Wirtshauses
sang, wo ich ihn zum letztenmal gesehen hatte.
Er sang noch immer fort, ich aber sprang über Beete und Hecken dem
Liede nach. Als ich nun zwischen den letzten Rosensträuchern hervortrat,
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blieb ich plötzlich wie verzaubert stehen. Denn auf dem grünen Platze am
Schwanenteich, recht vom Abendrote beschienen, saß die schöne gnädige
Frau, in einem prächtigen Kleide und einem Kranz von weißen und roten
Rosen in dem schwarzen Haar, mit niedergeschlagenen Augen auf einer
Steinbank und spielte während des Liedes mit ihrer Reitgerte vor sich auf
dem Rasen, gerade so wie damals auf dem Kahne, da ich ihr das Lied von
der schönen Frau vorsingen mußte. Ihr gegenüber saß eine andre junge
Dame, die hatte den weißen runden Nacken voll brauner Locken gegen
mich gewendet und sang zur Gitarre, während die Schwäne auf dem stillen
Weiher langsam im Kreise herumschwammen. – Da hob die schöne Frau
auf einmal die Augen und schrie laut auf, da sie mich erblickte. Die andere
Dame wandte sich rasch nach mir herum, daß ihr die Locken ins Gesicht
flogen, und da sie mich recht ansah, brach sie in ein unmäßiges Lachen aus,
sprang dann von der Bank und klatschte dreimal mit den Händchen. In
demselben Augenblicke kam eine große Menge kleiner Mädchen in
blütenweißen, kurzen Kleidchen mit grünen und roten Schleifen zwischen
den Rosensträuchern hervorgeschlüpft, so daß ich gar nicht begreifen
konnte, wo sie alle gesteckt hatten. Sie hielten eine lange Blumengirlande in
den Händen, schlossen schnell einen Kreis um mich, tanzten um mich
herum und sangen dabei:
»Wir bringen dir den Jungfernkranz
Mit veilchenblauer Seide,
Wir führen dich zu Lust und Tanz,
Zu neuer Hochzeitsfreude.
Schöner, grüner Jungfernkranz,
Veilchenblaue Seide.«
Das war aus dem Freischützen. Von den kleinen Sängerinnen erkannte
ich nun auch einige wieder, es waren Mädchen aus dem Dorfe. Ich kneipte
sie in die Wangen und wäre gern aus dem Kreise entwischt, aber die
kleinen, schnippischen Dinger ließen mich nicht heraus. – Ich wußte gar
nicht, was die Geschichte eigentlich bedeuten sollte, und stand ganz
verblüfft da.
Da trat plötzlich ein junger Mann in feiner Jägerkleidung aus dem
Gebüsch hervor. Ich traute meinen Augen kaum – es war der fröhliche Herr
Leonhard! – Die kleinen Mädchen öffneten nun den Kreis und standen auf
Schwanenteich, recht vom Abendrote beschienen, saß die schöne gnädige
Frau, in einem prächtigen Kleide und einem Kranz von weißen und roten
Rosen in dem schwarzen Haar, mit niedergeschlagenen Augen auf einer
Steinbank und spielte während des Liedes mit ihrer Reitgerte vor sich auf
dem Rasen, gerade so wie damals auf dem Kahne, da ich ihr das Lied von
der schönen Frau vorsingen mußte. Ihr gegenüber saß eine andre junge
Dame, die hatte den weißen runden Nacken voll brauner Locken gegen
mich gewendet und sang zur Gitarre, während die Schwäne auf dem stillen
Weiher langsam im Kreise herumschwammen. – Da hob die schöne Frau
auf einmal die Augen und schrie laut auf, da sie mich erblickte. Die andere
Dame wandte sich rasch nach mir herum, daß ihr die Locken ins Gesicht
flogen, und da sie mich recht ansah, brach sie in ein unmäßiges Lachen aus,
sprang dann von der Bank und klatschte dreimal mit den Händchen. In
demselben Augenblicke kam eine große Menge kleiner Mädchen in
blütenweißen, kurzen Kleidchen mit grünen und roten Schleifen zwischen
den Rosensträuchern hervorgeschlüpft, so daß ich gar nicht begreifen
konnte, wo sie alle gesteckt hatten. Sie hielten eine lange Blumengirlande in
den Händen, schlossen schnell einen Kreis um mich, tanzten um mich
herum und sangen dabei:
»Wir bringen dir den Jungfernkranz
Mit veilchenblauer Seide,
Wir führen dich zu Lust und Tanz,
Zu neuer Hochzeitsfreude.
Schöner, grüner Jungfernkranz,
Veilchenblaue Seide.«
Das war aus dem Freischützen. Von den kleinen Sängerinnen erkannte
ich nun auch einige wieder, es waren Mädchen aus dem Dorfe. Ich kneipte
sie in die Wangen und wäre gern aus dem Kreise entwischt, aber die
kleinen, schnippischen Dinger ließen mich nicht heraus. – Ich wußte gar
nicht, was die Geschichte eigentlich bedeuten sollte, und stand ganz
verblüfft da.
Da trat plötzlich ein junger Mann in feiner Jägerkleidung aus dem
Gebüsch hervor. Ich traute meinen Augen kaum – es war der fröhliche Herr
Leonhard! – Die kleinen Mädchen öffneten nun den Kreis und standen auf
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einmal wie verzaubert, alle unbeweglich auf einem Beinchen, während sie
das andere in die Luft streckten, und dabei die Blumengirlanden mit beiden
Armen hoch über den Köpfen in die Höh hielten. Der Herr Leonhard aber
faßte die schöne gnädige Frau, die noch immer ganz stillstand und nur
manchmal auf mich herüberblickte, bei der Hand, führte sie bis zu mir und
sagte:
»Die Liebe – darüber sind nun alle Gelehrten einig – ist eine der
couragiösesten Eigenschaften des menschlichen Herzens, die Bastionen von
Rang und Stand schmettert sie mit einem Feuerblicke darnieder, die Welt ist
ihr zu eng und die Ewigkeit zu kurz. Ja, sie ist eigentlich ein Poetenmantel,
den jeder Phantast einmal in der kalten Welt umnimmt, um nach Arkadien
auszuwandern. Und je entfernter zwei getrennte Verliebte voneinander
wandern, in desto anständigern Bogen bläst der Reisewind den schillernden
Mantel hinter ihnen auf, desto kühner und überraschender entwickelt sich
der Faltenwurf, desto länger und länger wächst der Talar den Liebenden
hinten nach, so daß ein Neutraler nicht über Land gehen kann, ohne
unversehens auf ein paar solche Schleppen zu treten. O teuerster Herr
Einnehmer und Bräutigam! obgleich Ihr in diesem Mantel bis an die
Gestade der Tiber dahinrauschtet, das kleine Händchen Eurer
gegenwärtigen Braut hielt Euch dennoch am äußersten Ende der Schleppe
fest, und wie Ihr zucktet und geigtet und rumortet, Ihr mußtet zurück in den
stillen Bann ihrer schönen Augen. – Und nun dann, da es so gekommen ist,
ihr zwei lieben, lieben närrischen Leute! schlagt den seligen Mantel um
euch, daß die ganze andere Welt rings um euch untergeht – liebt euch wie
die Kaninchen und seid glücklich!«
Der Herr Leonhard war mit seinem Sermon kaum erst fertig, so kam
auch die andere junge Dame, die vorhin das Liedchen gesungen hatte, auf
mich los, setzte mir schnell einen frischen Myrtenkranz auf den Kopf und
sang dazu sehr neckisch, während sie mir den Kranz in den Haaren
festrückte und ihr Gesichtchen dabei dicht vor mir war:
»Darum bin ich dir gewogen,
Darum wird dein Haupt geschmückt,
Weil der Strich von deinem Bogen
Öfters hat mein Herz entzückt.«
das andere in die Luft streckten, und dabei die Blumengirlanden mit beiden
Armen hoch über den Köpfen in die Höh hielten. Der Herr Leonhard aber
faßte die schöne gnädige Frau, die noch immer ganz stillstand und nur
manchmal auf mich herüberblickte, bei der Hand, führte sie bis zu mir und
sagte:
»Die Liebe – darüber sind nun alle Gelehrten einig – ist eine der
couragiösesten Eigenschaften des menschlichen Herzens, die Bastionen von
Rang und Stand schmettert sie mit einem Feuerblicke darnieder, die Welt ist
ihr zu eng und die Ewigkeit zu kurz. Ja, sie ist eigentlich ein Poetenmantel,
den jeder Phantast einmal in der kalten Welt umnimmt, um nach Arkadien
auszuwandern. Und je entfernter zwei getrennte Verliebte voneinander
wandern, in desto anständigern Bogen bläst der Reisewind den schillernden
Mantel hinter ihnen auf, desto kühner und überraschender entwickelt sich
der Faltenwurf, desto länger und länger wächst der Talar den Liebenden
hinten nach, so daß ein Neutraler nicht über Land gehen kann, ohne
unversehens auf ein paar solche Schleppen zu treten. O teuerster Herr
Einnehmer und Bräutigam! obgleich Ihr in diesem Mantel bis an die
Gestade der Tiber dahinrauschtet, das kleine Händchen Eurer
gegenwärtigen Braut hielt Euch dennoch am äußersten Ende der Schleppe
fest, und wie Ihr zucktet und geigtet und rumortet, Ihr mußtet zurück in den
stillen Bann ihrer schönen Augen. – Und nun dann, da es so gekommen ist,
ihr zwei lieben, lieben närrischen Leute! schlagt den seligen Mantel um
euch, daß die ganze andere Welt rings um euch untergeht – liebt euch wie
die Kaninchen und seid glücklich!«
Der Herr Leonhard war mit seinem Sermon kaum erst fertig, so kam
auch die andere junge Dame, die vorhin das Liedchen gesungen hatte, auf
mich los, setzte mir schnell einen frischen Myrtenkranz auf den Kopf und
sang dazu sehr neckisch, während sie mir den Kranz in den Haaren
festrückte und ihr Gesichtchen dabei dicht vor mir war:
»Darum bin ich dir gewogen,
Darum wird dein Haupt geschmückt,
Weil der Strich von deinem Bogen
Öfters hat mein Herz entzückt.«
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Da trat sie wieder ein paar Schritte zurück. – »Kennst du die Räuber
noch, die dich damals in der Nacht vom Baume schüttelten?« sagte sie,
indem sie einen Knicks mir machte und mich so anmutig und fröhlich
ansah, daß mir ordentlich das Herz im Leibe lachte. Darauf ging sie, ohne
meine Antwort abzuwarten, rings um mich herum. »Wahrhaftig, noch ganz
der alte, ohne allen welschen Beischmack! Aber nein, sieh doch nur einmal
die dicken Taschen an!« rief sie plötzlich zu der schönen gnädigen Frau,
»Violine, Wäsche, Barbiermesser, Reisekoffer, alles durcheinander!« Sie
drehte mich nach allen Seiten und konnte sich vor Lachen gar nicht zugute
geben. Die schöne gnädige Frau war unterdes noch immer still und mochte
gar nicht die Augen aufschlagen vor Scham und Verwirrung. Oft kam es mir
vor, als zürnte sie heimlich über das viele Gerede und Spaßen. Endlich
stürzten ihr plötzlich Tränen aus den Augen, und sie verbarg ihr Gesicht an
der Brust der andern Dame. Diese sah sie erst erstaunt an und drückte sie
dann herzlich an sich.
Ich aber stand ganz verdutzt da. Denn je genauer ich die fremde Dame
betrachtete, desto deutlicher erkannte ich sie, es war wahrhaftig niemand
anders als – der junge Herr Maler Guido!
Ich wußte gar nicht, was ich sagen sollte, und wollte soeben näher
nachfragen, als Herr Leonhard zu ihr trat und heimlich mit ihr sprach.
»Weiß er denn noch nicht?« hörte ich ihn fragen. Sie schüttelte mit dem
Kopfe. Er besann sich darauf einen Augenblick. »Nein, nein,« sagte er
endlich, »er muß schnell alles erfahren, sonst entsteht nur neues Geplauder
und Gewirre.«
»Herr Einnehmer,« wandte er sich nun zu mir, »wir haben jetzt nicht
viel Zeit, aber tue mir den Gefallen und wundere dich hier in aller
Geschwindigkeit aus, damit du nicht hinterher durch Fragen, Erstaunen und
Kopfschütteln unter den Leuten alte Geschichten aufrührst und neue
Erdichtungen und Vermutungen ausschüttelst.« – Er zog mich bei diesen
Worten tiefer in das Gebüsch hinein, während das Fräulein mit der von der
schönen gnädigen Frau weggelegten Reitgerte in der Luft focht und alle
ihre Locken tief in das Gesichtchen schüttelte, durch die ich aber doch
sehen konnte, daß sie bis an die Stirn rot wurde. – »Nun denn,« sagte Herr
Leonhard, »Fräulein Flora, die hier soeben tun will, als hörte und wüßte sie
von der ganzen Geschichte nichts, hatte in aller Geschwindigkeit ihr
noch, die dich damals in der Nacht vom Baume schüttelten?« sagte sie,
indem sie einen Knicks mir machte und mich so anmutig und fröhlich
ansah, daß mir ordentlich das Herz im Leibe lachte. Darauf ging sie, ohne
meine Antwort abzuwarten, rings um mich herum. »Wahrhaftig, noch ganz
der alte, ohne allen welschen Beischmack! Aber nein, sieh doch nur einmal
die dicken Taschen an!« rief sie plötzlich zu der schönen gnädigen Frau,
»Violine, Wäsche, Barbiermesser, Reisekoffer, alles durcheinander!« Sie
drehte mich nach allen Seiten und konnte sich vor Lachen gar nicht zugute
geben. Die schöne gnädige Frau war unterdes noch immer still und mochte
gar nicht die Augen aufschlagen vor Scham und Verwirrung. Oft kam es mir
vor, als zürnte sie heimlich über das viele Gerede und Spaßen. Endlich
stürzten ihr plötzlich Tränen aus den Augen, und sie verbarg ihr Gesicht an
der Brust der andern Dame. Diese sah sie erst erstaunt an und drückte sie
dann herzlich an sich.
Ich aber stand ganz verdutzt da. Denn je genauer ich die fremde Dame
betrachtete, desto deutlicher erkannte ich sie, es war wahrhaftig niemand
anders als – der junge Herr Maler Guido!
Ich wußte gar nicht, was ich sagen sollte, und wollte soeben näher
nachfragen, als Herr Leonhard zu ihr trat und heimlich mit ihr sprach.
»Weiß er denn noch nicht?« hörte ich ihn fragen. Sie schüttelte mit dem
Kopfe. Er besann sich darauf einen Augenblick. »Nein, nein,« sagte er
endlich, »er muß schnell alles erfahren, sonst entsteht nur neues Geplauder
und Gewirre.«
»Herr Einnehmer,« wandte er sich nun zu mir, »wir haben jetzt nicht
viel Zeit, aber tue mir den Gefallen und wundere dich hier in aller
Geschwindigkeit aus, damit du nicht hinterher durch Fragen, Erstaunen und
Kopfschütteln unter den Leuten alte Geschichten aufrührst und neue
Erdichtungen und Vermutungen ausschüttelst.« – Er zog mich bei diesen
Worten tiefer in das Gebüsch hinein, während das Fräulein mit der von der
schönen gnädigen Frau weggelegten Reitgerte in der Luft focht und alle
ihre Locken tief in das Gesichtchen schüttelte, durch die ich aber doch
sehen konnte, daß sie bis an die Stirn rot wurde. – »Nun denn,« sagte Herr
Leonhard, »Fräulein Flora, die hier soeben tun will, als hörte und wüßte sie
von der ganzen Geschichte nichts, hatte in aller Geschwindigkeit ihr
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Herzchen mit jemand vertauscht. Darüber kommt ein andrer und bringt ihr
mit Prologen, Trompeten und Pauken wiederum s e i n Herz dar und will ihr
Herz dagegen. Ihr Herz ist aber schon bei jemand und jemands Herz bei ihr,
und der Jemand will sein Herz nicht wieder haben und ihr Herz nicht
wieder zurückgeben. Alle Welt schreit – aber du hast wohl noch keinen
Roman gelesen?« – Ich verneinte es. – »Nun, so hast du doch einen
mitgespielt. Kurz: das war eine solche Konfusion mit den Herzen, daß der
Jemand – das heißt ich – mich zuletzt selbst ins Mittel legen mußte. Ich
schwang mich bei lauer Sommernacht auf mein Roß, hob das Fräulein als
Maler Guido auf das andere, und so ging es fort nach Süden, um sie in
einem meiner einsamen Schlösser in Italien zu verbergen, bis das Geschrei
wegen der Herzen vorüber wäre. Unterwegs aber kam man uns auf die
Spur, und von dem Balkon des welschen Wirtshauses, vor dem du so
vortrefflich Wache schliefst, erblickte Flora plötzlich unsere Verfolger.« –
»Also der bucklige Signor?« – »War ein Spion. Wir zogen uns daher
heimlich in die Wälder und ließen dich auf dem vorbestellten Postkurse
allein fortfahren. Das täuschte unsere Verfolger und zum Überfluß auch
noch meine Leute auf dem Bergschlosse, welche die verkleidete Flora
stündlich erwarteten und mit mehr Diensteifer als Scharfsinn dich für das
Fräulein hielten. Selbst hier auf dem Schlosse glaubte man, daß Flora auf
dem Felsen wohne, man erkundigte sich, man schrieb an sie – hast du nicht
ein Briefchen erhalten?« – Bei diesen Worten fuhr ich blitzschnell mit dem
Zettel aus der Tasche. – »Also dieser Brief?« – »Ist an mich«, sagte
Fräulein Flora, die bisher auf unsere Rede gar nicht acht zu geben schien,
riß mir den Zettel rasch aus der Hand, überlas ihn und steckte ihn dann in
den Busen. – »Und nun,« sagte Herr Leonhard, »müssen wir schnell in das
Schloß, da wartet schon alles auf uns. Also zum Schluß, wie sichs von
selbst versteht und einem wohlerzogenen Romane gebührt: Entdeckung,
Reue, Versöhnung, wir sind alle wieder lustig beisammen, und übermorgen
ist Hochzeit!«
Da er noch so sprach, erhob sich plötzlich in dem Gebüsch ein rasender
Spektakel von Pauken und Trompeten, Hörnern und Posaunen; Böller
wurden dazwischen gelöst und Vivat gerufen, die kleinen Mädchen tanzten
von neuem, und aus allen Sträuchern kam ein Kopf über dem andern
hervor, als wenn sie aus der Erde wüchsen. Ich sprang in dem Geschwirre
und Geschleife ellenhoch von einer Seite zur andern, da es aber schon
mit Prologen, Trompeten und Pauken wiederum s e i n Herz dar und will ihr
Herz dagegen. Ihr Herz ist aber schon bei jemand und jemands Herz bei ihr,
und der Jemand will sein Herz nicht wieder haben und ihr Herz nicht
wieder zurückgeben. Alle Welt schreit – aber du hast wohl noch keinen
Roman gelesen?« – Ich verneinte es. – »Nun, so hast du doch einen
mitgespielt. Kurz: das war eine solche Konfusion mit den Herzen, daß der
Jemand – das heißt ich – mich zuletzt selbst ins Mittel legen mußte. Ich
schwang mich bei lauer Sommernacht auf mein Roß, hob das Fräulein als
Maler Guido auf das andere, und so ging es fort nach Süden, um sie in
einem meiner einsamen Schlösser in Italien zu verbergen, bis das Geschrei
wegen der Herzen vorüber wäre. Unterwegs aber kam man uns auf die
Spur, und von dem Balkon des welschen Wirtshauses, vor dem du so
vortrefflich Wache schliefst, erblickte Flora plötzlich unsere Verfolger.« –
»Also der bucklige Signor?« – »War ein Spion. Wir zogen uns daher
heimlich in die Wälder und ließen dich auf dem vorbestellten Postkurse
allein fortfahren. Das täuschte unsere Verfolger und zum Überfluß auch
noch meine Leute auf dem Bergschlosse, welche die verkleidete Flora
stündlich erwarteten und mit mehr Diensteifer als Scharfsinn dich für das
Fräulein hielten. Selbst hier auf dem Schlosse glaubte man, daß Flora auf
dem Felsen wohne, man erkundigte sich, man schrieb an sie – hast du nicht
ein Briefchen erhalten?« – Bei diesen Worten fuhr ich blitzschnell mit dem
Zettel aus der Tasche. – »Also dieser Brief?« – »Ist an mich«, sagte
Fräulein Flora, die bisher auf unsere Rede gar nicht acht zu geben schien,
riß mir den Zettel rasch aus der Hand, überlas ihn und steckte ihn dann in
den Busen. – »Und nun,« sagte Herr Leonhard, »müssen wir schnell in das
Schloß, da wartet schon alles auf uns. Also zum Schluß, wie sichs von
selbst versteht und einem wohlerzogenen Romane gebührt: Entdeckung,
Reue, Versöhnung, wir sind alle wieder lustig beisammen, und übermorgen
ist Hochzeit!«
Da er noch so sprach, erhob sich plötzlich in dem Gebüsch ein rasender
Spektakel von Pauken und Trompeten, Hörnern und Posaunen; Böller
wurden dazwischen gelöst und Vivat gerufen, die kleinen Mädchen tanzten
von neuem, und aus allen Sträuchern kam ein Kopf über dem andern
hervor, als wenn sie aus der Erde wüchsen. Ich sprang in dem Geschwirre
und Geschleife ellenhoch von einer Seite zur andern, da es aber schon
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dunkel wurde, erkannte ich erst nach und nach alle die alten Gesichter
wieder. Der alte Gärtner schlug die Pauken, die Prager Studenten in ihren
Mänteln musizierten mitten darunter, neben ihnen fingerte der Portier wie
toll auf seinem Fagott. Wie ich den so unverhofft erblickte, lief ich sogleich
auf ihn zu und embrassierte ihn heftig. Darüber kam er ganz aus dem
Konzept. »Nun wahrhaftig, und wenn der bis ans Ende der Welt reist, er ist
und bleibt ein Narr!« rief er den Studenten zu und blies ganz wütend weiter.
Unterdes war die schöne gnädige Frau vor dem Rumor heimlich
entsprungen und flog wie ein aufgescheuchtes Reh über den Rasen tiefer in
den Garten hinein. Ich sah es noch zur rechten Zeit und lief ihr eiligst nach.
Die Musikanten merkten in ihrem Eifer nichts davon, sie meinten nachher:
wir wären schon nach dem Schlosse aufgebrochen, und die ganze Bande
setzte sich nun mit Musik und großem Getümmel gleichfalls dorthin auf
den Marsch.
Wir aber waren fast zu gleicher Zeit in einem Sommerhause
angekommen, das am Abhange des Gartens stand, mit dem offenen Fenster
nach dem weiten, tiefen Tale zu. Die Sonne war schon lange untergegangen
hinter den Bergen, es schimmerte nur noch wie ein rötlicher Duft über dem
warmen, verschallenden Abend, aus dem die Donau immer vernehmlicher
heraufrauschte, je stiller es ringsum wurde. Ich sah unverwandt die schöne
Gräfin an, die ganz erhitzt vom Laufen dicht vor mir stand, so daß ich
ordentlich hören konnte, wie ihr das Herz schlug. Ich wußte nun aber gar
nicht, was ich sprechen sollte vor Respekt, da ich auf einmal so allein mit
ihr war. Endlich faßte ich ein Herz, nahm ihr kleines, weißes Händchen – da
zog sie mich schnell an sich und fiel mir um den Hals, und ich umschlang
sie fest mit beiden Armen.
Sie machte sich aber geschwind wieder los und legte sich ganz verwirrt
in das Fenster, um ihre glühenden Wangen in der Abendluft abzukühlen. –
»Ach,« rief ich, »mir ist mein Herz recht zum Zerspringen, aber ich kann
mir noch alles nicht recht denken, es ist mir alles noch wie ein Traum!« –
»Mir auch,« sagte die schöne gnädige Frau. »Als ich vergangenen
Sommer,« setzte sie nach einer Weile hinzu, »mit der Gräfin aus Rom kam
und wir das Fräulein Flora gefunden hatten und mit zurückbrachten, von dir
aber dort und hier nichts hörte – da dacht ich nicht, daß alles so noch
kommen würde! Erst heut zu Mittag sprengte der Jockei, der gute, flinke
wieder. Der alte Gärtner schlug die Pauken, die Prager Studenten in ihren
Mänteln musizierten mitten darunter, neben ihnen fingerte der Portier wie
toll auf seinem Fagott. Wie ich den so unverhofft erblickte, lief ich sogleich
auf ihn zu und embrassierte ihn heftig. Darüber kam er ganz aus dem
Konzept. »Nun wahrhaftig, und wenn der bis ans Ende der Welt reist, er ist
und bleibt ein Narr!« rief er den Studenten zu und blies ganz wütend weiter.
Unterdes war die schöne gnädige Frau vor dem Rumor heimlich
entsprungen und flog wie ein aufgescheuchtes Reh über den Rasen tiefer in
den Garten hinein. Ich sah es noch zur rechten Zeit und lief ihr eiligst nach.
Die Musikanten merkten in ihrem Eifer nichts davon, sie meinten nachher:
wir wären schon nach dem Schlosse aufgebrochen, und die ganze Bande
setzte sich nun mit Musik und großem Getümmel gleichfalls dorthin auf
den Marsch.
Wir aber waren fast zu gleicher Zeit in einem Sommerhause
angekommen, das am Abhange des Gartens stand, mit dem offenen Fenster
nach dem weiten, tiefen Tale zu. Die Sonne war schon lange untergegangen
hinter den Bergen, es schimmerte nur noch wie ein rötlicher Duft über dem
warmen, verschallenden Abend, aus dem die Donau immer vernehmlicher
heraufrauschte, je stiller es ringsum wurde. Ich sah unverwandt die schöne
Gräfin an, die ganz erhitzt vom Laufen dicht vor mir stand, so daß ich
ordentlich hören konnte, wie ihr das Herz schlug. Ich wußte nun aber gar
nicht, was ich sprechen sollte vor Respekt, da ich auf einmal so allein mit
ihr war. Endlich faßte ich ein Herz, nahm ihr kleines, weißes Händchen – da
zog sie mich schnell an sich und fiel mir um den Hals, und ich umschlang
sie fest mit beiden Armen.
Sie machte sich aber geschwind wieder los und legte sich ganz verwirrt
in das Fenster, um ihre glühenden Wangen in der Abendluft abzukühlen. –
»Ach,« rief ich, »mir ist mein Herz recht zum Zerspringen, aber ich kann
mir noch alles nicht recht denken, es ist mir alles noch wie ein Traum!« –
»Mir auch,« sagte die schöne gnädige Frau. »Als ich vergangenen
Sommer,« setzte sie nach einer Weile hinzu, »mit der Gräfin aus Rom kam
und wir das Fräulein Flora gefunden hatten und mit zurückbrachten, von dir
aber dort und hier nichts hörte – da dacht ich nicht, daß alles so noch
kommen würde! Erst heut zu Mittag sprengte der Jockei, der gute, flinke
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Bursch, atemlos auf den Hof und brachte die Nachricht, daß du mit dem
Postschiffe kämst.« – Dann lachte sie still in sich hinein. »Weißt du noch,«
sagte sie, »wie du mich damals auf dem Balkon zum letztenmal sahst? Das
war gerade wie heute, auch so ein stiller Abend und Musik im Garten.« –
»Wer ist denn eigentlich gestorben?« fragte ich hastig. – »Wer denn?« sagte
die schöne Frau und sah mich erstaunt an. »Der Herr Gemahl von Ew.
Gnaden,« erwiderte ich, »der damals mit auf dem Balkon stand.« – Sie
wurde ganz rot. »Was hast du auch für Seltsamkeiten im Kopfe!« rief sie
aus, »das war ja der Sohn von der Gräfin, der eben von Reisen zurückkam,
und es traf gerade auch mein Geburtstag, da führte er mich mit auf den
Balkon hinaus, damit ich auch ein Vivat bekäme. – Aber deshalb bist du
wohl damals von hier fortgelaufen?« – »Ach Gott, freilich!« rief ich aus
und schlug mich mit der Hand vor die Stirn. Sie aber schüttelte mit dem
Köpfchen und lachte recht herzlich.
Mir war so wohl, wie sie so fröhlich und vertraulich neben mir
plauderte, ich hätte bis zum Morgen zuhören mögen. Ich war so recht
seelenvergnügt und langte eine Handvoll Knackmandeln aus der Tasche, die
ich noch aus Italien mitgebracht hatte. Sie nahm auch davon, und wir
knackten nun und sahen zufrieden in die stille Gegend hinaus. – »Siehst
du,« sagte sie nach einem Weilchen wieder, »das weiße Schlößchen, das da
drüben im Mondschein glänzt, das hat uns der Graf geschenkt, samt dem
Garten und den Weinbergen, da werden wir wohnen. Er wußt es schon
lange, daß wir einander gut sind, und ist dir sehr gewogen, denn hätt er dich
nicht mitgehabt, als er das Fräulein aus der Pensionsanstalt entführte, so
wären sie beide erwischt worden, ehe sie sich vorher noch mit der Gräfin
versöhnten, und alles wäre anders gekommen.« – »Mein Gott, schönste,
gnädigste Gräfin,« rief ich aus, »ich weiß gar nicht mehr, wo mir der Kopf
steht vor lauter unverhofften Neuigkeiten; also der Herr Leonhard?« – »Ja,
ja,« fiel sie mir in die Rede, »so nannte er sich in Italien; dem gehören die
Herrschaften da drüben, und er heiratet nun unserer Gräfin Tochter, die
schöne Flora. – Aber was nennst du mich denn Gräfin?« – Ich sah sie groß
an. – »Ich bin ja gar keine Gräfin,« fuhr sie fort, »unsere gnädige Gräfin hat
mich nur zu sich aufs Schloß genommen, da mich mein Onkel, der Portier,
als kleines Kind und arme Waise mit hierherbrachte.«
Nun wars mir doch nicht anders, als wenn mir ein Stein vom Herzen
fiele! »Gott segne den Portier,« versetzte ich ganz entzückt, »daß er unser
Postschiffe kämst.« – Dann lachte sie still in sich hinein. »Weißt du noch,«
sagte sie, »wie du mich damals auf dem Balkon zum letztenmal sahst? Das
war gerade wie heute, auch so ein stiller Abend und Musik im Garten.« –
»Wer ist denn eigentlich gestorben?« fragte ich hastig. – »Wer denn?« sagte
die schöne Frau und sah mich erstaunt an. »Der Herr Gemahl von Ew.
Gnaden,« erwiderte ich, »der damals mit auf dem Balkon stand.« – Sie
wurde ganz rot. »Was hast du auch für Seltsamkeiten im Kopfe!« rief sie
aus, »das war ja der Sohn von der Gräfin, der eben von Reisen zurückkam,
und es traf gerade auch mein Geburtstag, da führte er mich mit auf den
Balkon hinaus, damit ich auch ein Vivat bekäme. – Aber deshalb bist du
wohl damals von hier fortgelaufen?« – »Ach Gott, freilich!« rief ich aus
und schlug mich mit der Hand vor die Stirn. Sie aber schüttelte mit dem
Köpfchen und lachte recht herzlich.
Mir war so wohl, wie sie so fröhlich und vertraulich neben mir
plauderte, ich hätte bis zum Morgen zuhören mögen. Ich war so recht
seelenvergnügt und langte eine Handvoll Knackmandeln aus der Tasche, die
ich noch aus Italien mitgebracht hatte. Sie nahm auch davon, und wir
knackten nun und sahen zufrieden in die stille Gegend hinaus. – »Siehst
du,« sagte sie nach einem Weilchen wieder, »das weiße Schlößchen, das da
drüben im Mondschein glänzt, das hat uns der Graf geschenkt, samt dem
Garten und den Weinbergen, da werden wir wohnen. Er wußt es schon
lange, daß wir einander gut sind, und ist dir sehr gewogen, denn hätt er dich
nicht mitgehabt, als er das Fräulein aus der Pensionsanstalt entführte, so
wären sie beide erwischt worden, ehe sie sich vorher noch mit der Gräfin
versöhnten, und alles wäre anders gekommen.« – »Mein Gott, schönste,
gnädigste Gräfin,« rief ich aus, »ich weiß gar nicht mehr, wo mir der Kopf
steht vor lauter unverhofften Neuigkeiten; also der Herr Leonhard?« – »Ja,
ja,« fiel sie mir in die Rede, »so nannte er sich in Italien; dem gehören die
Herrschaften da drüben, und er heiratet nun unserer Gräfin Tochter, die
schöne Flora. – Aber was nennst du mich denn Gräfin?« – Ich sah sie groß
an. – »Ich bin ja gar keine Gräfin,« fuhr sie fort, »unsere gnädige Gräfin hat
mich nur zu sich aufs Schloß genommen, da mich mein Onkel, der Portier,
als kleines Kind und arme Waise mit hierherbrachte.«
Nun wars mir doch nicht anders, als wenn mir ein Stein vom Herzen
fiele! »Gott segne den Portier,« versetzte ich ganz entzückt, »daß er unser
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Onkel ist! Ich habe immer große Stücke auf ihn gehalten.« – »Er meint es
auch gut mir dir,« erwiderte sie, »wenn du dich nur etwas vornehmer
hieltest, sagt er immer. Du mußt dich jetzt auch eleganter kleiden.« – »O,«
rief ich voller Freuden, »englischen Frack, Strohhut und Pumphosen und
Sporen! und gleich nach der Trauung reisen wir fort nach Italien, nach
Rom, da gehn die schönen Wasserkünste, und nehmen die Prager Studenten
mit und den Portier!« – Sie lächelte still und sah mich recht vergnügt und
freundlich an, und von fern schallte immerfort die Musik herüber, und
Leuchtkugeln flogen vom Schloß durch die stille Nacht über die Gärten,
und die Donau rauschte dazwischen herauf – und es war alles, alles gut!
Druck von Breitkopf und Härtel in Leipzig
Anmerkungen zur Transkription:
Im folgenden werden alle geänderten Textstellen angeführt, wobei
jeweils zuerst die Stelle wie im Original, danach die geänderte Stelle
steht.
Seite 10:
zu sehen, denn mich im Freien zu prozudieren hatt ich keine
zu sehen, denn mich im Freien zu produzieren hatt ich keine
Seite 16:
Ich faßte ihn, wie außer mir, bei der Brust und und
Ich faßte ihn, wie außer mir, bei der Brust und
Seite 36:
Dann standen sie plötzlich still. »Bei Gott,« rief der eine, da
Dann standen sie plötzlich still. »Bei Gott,« rief der eine, »da
auch gut mir dir,« erwiderte sie, »wenn du dich nur etwas vornehmer
hieltest, sagt er immer. Du mußt dich jetzt auch eleganter kleiden.« – »O,«
rief ich voller Freuden, »englischen Frack, Strohhut und Pumphosen und
Sporen! und gleich nach der Trauung reisen wir fort nach Italien, nach
Rom, da gehn die schönen Wasserkünste, und nehmen die Prager Studenten
mit und den Portier!« – Sie lächelte still und sah mich recht vergnügt und
freundlich an, und von fern schallte immerfort die Musik herüber, und
Leuchtkugeln flogen vom Schloß durch die stille Nacht über die Gärten,
und die Donau rauschte dazwischen herauf – und es war alles, alles gut!
Druck von Breitkopf und Härtel in Leipzig
Anmerkungen zur Transkription:
Im folgenden werden alle geänderten Textstellen angeführt, wobei
jeweils zuerst die Stelle wie im Original, danach die geänderte Stelle
steht.
Seite 10:
zu sehen, denn mich im Freien zu prozudieren hatt ich keine
zu sehen, denn mich im Freien zu produzieren hatt ich keine
Seite 16:
Ich faßte ihn, wie außer mir, bei der Brust und und
Ich faßte ihn, wie außer mir, bei der Brust und
Seite 36:
Dann standen sie plötzlich still. »Bei Gott,« rief der eine, da
Dann standen sie plötzlich still. »Bei Gott,« rief der eine, »da
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Seite 69:
rechts fort!
rechts fort!«
Seite 79:
wenn man manchmal einen falsche Note bläst.« – »Das macht,
wenn man manchmal eine falsche Note bläst.« – »Das macht,
Seite 85:
ein luftiger Vogel sein.« – »O ja,« sagte ich hastig, »ein Vogel,
ein lustiger Vogel sein.« – »O ja,« sagte ich hastig, »ein Vogel,
Seite 92:
alles erfahren, sonst entsteht nur neues Geplauder und Gewirre.
alles erfahren, sonst entsteht nur neues Geplauder und Gewirre.«
rechts fort!
rechts fort!«
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wenn man manchmal einen falsche Note bläst.« – »Das macht,
wenn man manchmal eine falsche Note bläst.« – »Das macht,
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ein luftiger Vogel sein.« – »O ja,« sagte ich hastig, »ein Vogel,
ein lustiger Vogel sein.« – »O ja,« sagte ich hastig, »ein Vogel,
Seite 92:
alles erfahren, sonst entsteht nur neues Geplauder und Gewirre.
alles erfahren, sonst entsteht nur neues Geplauder und Gewirre.«
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EINES TAUGENICHTS: NOVELLE ***
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• You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
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to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means of
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Vanilla ASCII” or other form. Any alternate format must include the
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EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
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from. If you received the work on a physical medium, you must return
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of a refund. If the second copy is also defective, you may demand a
refund in writing without further opportunities to fix the problem.
1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth in
paragraph 1.F.3, this work is provided to you ‘AS-IS’, WITH NO
OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED,
INCLUDING BUT NOT LIMITED TO WARRANTIES OF
MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages. If
any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the law
of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the
Foundation, the trademark owner, any agent or employee of the
Foundation, anyone providing copies of Project Gutenberg™
electronic works in accordance with this agreement, and any
volunteers associated with the production, promotion and distribution
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costs and expenses, including legal fees, that arise directly or indirectly
from any of the following which you do or cause to occur: (a)
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and (c) any Defect you cause.
Section 2. Information about the Mission of Project
Gutenberg
Project Gutenberg is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of
computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.
Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg’s goals
and ensuring that the Project Gutenberg collection will remain freely
available for generations to come. In 2001, the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation was created to provide a secure and
permanent future for Project Gutenberg and future generations. To
learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 and
the Foundation information page at www.gutenberg.org.
Section 3. Information about the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation
The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state
of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue
Service. The Foundation’s EIN or federal tax identification number is
64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation are tax deductible to the full extent permitted by U.S.
federal laws and your state’s laws.
The Foundation’s business office is located at 41 Watchung Plaza
#516, Montclair NJ 07042, USA, +1 (862) 621-9288. Email contact
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Section 4. Information about Donations to the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation
Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without
widespread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine-readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small
donations ($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax
exempt status with the IRS.
The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United States.
Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable
effort, much paperwork and many fees to meet and keep up with these
requirements. We do not solicit donations in locations where we have
not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
state visit www.gutenberg.org/donate.
While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.
International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
Please check the Project Gutenberg web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate.
Foundation’s website and official page at www.gutenberg.org/contact
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Section 5. General Information About Project Gutenberg
electronic works
Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone. For forty years, he produced and distributed Project
Gutenberg eBooks with only a loose network of volunteer support.
Project Gutenberg eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
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Most people start at our website which has the main PG search facility:
www.gutenberg.org.
This website includes information about Project Gutenberg, including
how to make donations to the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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