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The Project Gutenberg eBook of Die Leute von Seldwyla —
Band 2
This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will
have to check the laws of the country where you are located before using
this eBook.
Title: Die Leute von Seldwyla — Band 2
Author: Gottfried Keller
Release date: February 9, 2009 [eBook #28042]
Language: German
Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/28042
Credits: E-text prepared by Norbert H. Langkau, Evelyn Kawrykow, and
the Project Gutenberg Online Distributed Proofreading Team
(http://www.pgdp.net)
*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE LEUTE
VON SELDWYLA — BAND 2 ***
E-text prepared by Norbert H. Langkau, Evelyn Kawrykow,
and the Project Gutenberg Online Distributed Proofreading Team
(http://www.pgdp.net)
Band 2
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Title: Die Leute von Seldwyla — Band 2
Author: Gottfried Keller
Release date: February 9, 2009 [eBook #28042]
Language: German
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Credits: E-text prepared by Norbert H. Langkau, Evelyn Kawrykow, and
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Anmerkungen zur Transkription:
Die Originalschreibweise und kleinere Inkonsistenzen in der Formatierung
und Rechtschreibung wurden prinzipiell beibehalten.
Gottfried Kellers
Die Originalschreibweise und kleinere Inkonsistenzen in der Formatierung
und Rechtschreibung wurden prinzipiell beibehalten.
Gottfried Kellers
Page 5
G e s a m m e l t e We r k e
Fünfter Band
Stuttgart und Berlin 1913
J . G . C o t t a ’s c h e B u c h h a n d l u n g N a c h f o l g e r
Fünfter Band
Stuttgart und Berlin 1913
J . G . C o t t a ’s c h e B u c h h a n d l u n g N a c h f o l g e r
Page 6
Die
Leute von Seldwyla
Leute von Seldwyla
Page 7
Erzählungen von
Gottfried Keller
Zweiter Band
74.–78. Auflage
Stuttgart und Berlin 1913
J . G . C o t t a ’s c h e B u c h h a n d l u n g N a c h f o l g e r
Alle Rechte vorbehalten
Gottfried Keller
Zweiter Band
74.–78. Auflage
Stuttgart und Berlin 1913
J . G . C o t t a ’s c h e B u c h h a n d l u n g N a c h f o l g e r
Alle Rechte vorbehalten
Page 8
Inhalt
Seite
Einleitung 7
Kleider machen Leute 11
Der Schmied seines Glückes 66
Die mißbrauchten Liebesbriefe 101
Dietegen 188
Das verlorene Lachen 260
Seite
Einleitung 7
Kleider machen Leute 11
Der Schmied seines Glückes 66
Die mißbrauchten Liebesbriefe 101
Dietegen 188
Das verlorene Lachen 260
Page 9
Seit die erste Hälfte dieser Erzählungen erschienen, streiten sich etwa
sieben Städte im Schweizerlande darum, welche unter ihnen mit Seldwyla
gemeint sei; und da nach alter Erfahrung der eitle Mensch lieber für
schlimm, glücklich und kurzweilig, als für brav aber unbeholfen und
einfältig gelten will, so hat jede dieser Städte dem Verfasser ihr
Ehrenbürgerrecht angeboten für den Fall, daß er sich für sie erkläre.
Weil er aber schon eine Heimat besitzt, die hinter keinem jener
ehrgeizigen Gemeinwesen zurücksteht, so suchte er sie dadurch zu
beschwichtigen, daß er ihnen vorgab, es rage in jeder Stadt und in jedem
Tale der Schweiz ein Türmchen von Seldwyla, und diese Ortschaft sei
mithin als eine Zusammenstellung solcher Türmchen, als eine ideale Stadt
zu betrachten, welche nur auf den Bergnebel gemalt sei und mit ihm
weiterziehe, bald über diesen, bald über jenen Gau, und vielleicht da oder
dort über die Grenze des lieben Vaterlandes, über den alten Rheinstrom
hinaus.
Während aber einige der Städte hartnäckig fortfahren, sich ihres Homers
schon bei dessen Lebzeiten versichern zu wollen, hat sich mit dem
wirklichen Seldwyla eine solche Veränderung zugetragen, daß sich sein
sonst durch Jahrhunderte gleich gebliebener Charakter in weniger als zehn
Jahren geändert hat und sich ganz in sein Gegenteil zu verwandeln droht.
Oder, wahrer gesagt, hat sich das allgemeine Leben so gestaltet, daß die
besonderen Fähigkeiten und Nücken der wackeren Seldwyler sich
herrlicher darin entwickeln können, ein günstiges Fahrwasser, ein
dankbares Ackerfeld daran haben, auf welchem gerade sie Meister sind und
dadurch zu gelungenen, beruhigten Leuten werden, die sich nicht mehr von
der braven übrigen Welt unterscheiden.
Es ist insonderlich die überall verbreitete Spekulationsbetätigung in
bekannten und unbekannten Werten, welche den Seldwylern ein Feld
sieben Städte im Schweizerlande darum, welche unter ihnen mit Seldwyla
gemeint sei; und da nach alter Erfahrung der eitle Mensch lieber für
schlimm, glücklich und kurzweilig, als für brav aber unbeholfen und
einfältig gelten will, so hat jede dieser Städte dem Verfasser ihr
Ehrenbürgerrecht angeboten für den Fall, daß er sich für sie erkläre.
Weil er aber schon eine Heimat besitzt, die hinter keinem jener
ehrgeizigen Gemeinwesen zurücksteht, so suchte er sie dadurch zu
beschwichtigen, daß er ihnen vorgab, es rage in jeder Stadt und in jedem
Tale der Schweiz ein Türmchen von Seldwyla, und diese Ortschaft sei
mithin als eine Zusammenstellung solcher Türmchen, als eine ideale Stadt
zu betrachten, welche nur auf den Bergnebel gemalt sei und mit ihm
weiterziehe, bald über diesen, bald über jenen Gau, und vielleicht da oder
dort über die Grenze des lieben Vaterlandes, über den alten Rheinstrom
hinaus.
Während aber einige der Städte hartnäckig fortfahren, sich ihres Homers
schon bei dessen Lebzeiten versichern zu wollen, hat sich mit dem
wirklichen Seldwyla eine solche Veränderung zugetragen, daß sich sein
sonst durch Jahrhunderte gleich gebliebener Charakter in weniger als zehn
Jahren geändert hat und sich ganz in sein Gegenteil zu verwandeln droht.
Oder, wahrer gesagt, hat sich das allgemeine Leben so gestaltet, daß die
besonderen Fähigkeiten und Nücken der wackeren Seldwyler sich
herrlicher darin entwickeln können, ein günstiges Fahrwasser, ein
dankbares Ackerfeld daran haben, auf welchem gerade sie Meister sind und
dadurch zu gelungenen, beruhigten Leuten werden, die sich nicht mehr von
der braven übrigen Welt unterscheiden.
Es ist insonderlich die überall verbreitete Spekulationsbetätigung in
bekannten und unbekannten Werten, welche den Seldwylern ein Feld
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eröffnet hat, das für sie wie seit Urbeginn geschaffen schien und sie mit
e i n e m Schlage Tausenden von ernsthaften Geschäftsleuten gleichstellte.
Das gesellschaftliche Besprechen dieser Werte, das Herumspazieren zum
Auftrieb eines Geschäftes, mit welchem keine weitere Arbeit verbunden ist,
als das Erdulden mannigfacher Aufregung, das Eröffnen oder Absenden von
Depeschen und hundert ähnliche Dinge, die den Tag ausfüllen, sind so recht
ihre Sache. Jeder Seldwyler ist nun ein geborener Agent oder dergleichen,
und sie wandern als solche förmlich aus, wie die Engadiner Zuckerbäcker,
die Tessiner Gipsarbeiter und die savoyischen Kaminfeger.
Statt der ehemaligen dicken Brieftasche mit zerknitterten Schuldscheinen
und Bagatellwechseln führen sie nun elegante kleine Notizbücher, in
welchen die Aufträge in Aktien, Obligationen, Baumwolle oder Seide kurz
notiert werden. Wo irgend eine Unternehmung sich auftut, sind einige von
ihnen bei der Hand, flattern wie die Sperlinge um die Sache herum und
helfen sie ausbreiten. Gelingt es einem, für sich selbst einen Gewinn zu
erhaschen, so steuert er stracks damit seitwärts, wie der Karpfen mit dem
Regenwurm, und taucht vergnügt an einem andern Lockort wieder auf.
Immer sind sie in Bewegung und kommen mit aller Welt in Berührung.
Sie spielen mit den angesehensten Geschäftsmännern Karten und verstehen
es vortrefflich, zwischen dem Ausspielen schnelle Antworten auf
Geschäftsfragen zu geben oder ein bedeutsames Schweigen zu beobachten.
Dabei sind sie jedoch bereits einsilbiger und trockener geworden; sie
lachen weniger als früher und finden fast keine Zeit mehr, auf Schwänke
und Lustbarkeiten zu sinnen.
Schon sammelt sich da und dort einiges Vermögen an, welches bei
eintretenden Handelskrisen zwar zittert wie Espenlaub, oder sich sogar still
wieder auseinander begibt wie eine ungesetzliche Versammlung, wenn die
Polizei kommt.
Aber statt der früheren plebejisch-gemütlichen Konkurse und
Verlumpungen, die sie untereinander abspielten, gibt es jetzt vornehme
Akkommodements mit stattlichen auswärtigen Gläubigern, anständig
besprochene Schicksalswendungen, welche annäherungsweise wie etwas
e i n e m Schlage Tausenden von ernsthaften Geschäftsleuten gleichstellte.
Das gesellschaftliche Besprechen dieser Werte, das Herumspazieren zum
Auftrieb eines Geschäftes, mit welchem keine weitere Arbeit verbunden ist,
als das Erdulden mannigfacher Aufregung, das Eröffnen oder Absenden von
Depeschen und hundert ähnliche Dinge, die den Tag ausfüllen, sind so recht
ihre Sache. Jeder Seldwyler ist nun ein geborener Agent oder dergleichen,
und sie wandern als solche förmlich aus, wie die Engadiner Zuckerbäcker,
die Tessiner Gipsarbeiter und die savoyischen Kaminfeger.
Statt der ehemaligen dicken Brieftasche mit zerknitterten Schuldscheinen
und Bagatellwechseln führen sie nun elegante kleine Notizbücher, in
welchen die Aufträge in Aktien, Obligationen, Baumwolle oder Seide kurz
notiert werden. Wo irgend eine Unternehmung sich auftut, sind einige von
ihnen bei der Hand, flattern wie die Sperlinge um die Sache herum und
helfen sie ausbreiten. Gelingt es einem, für sich selbst einen Gewinn zu
erhaschen, so steuert er stracks damit seitwärts, wie der Karpfen mit dem
Regenwurm, und taucht vergnügt an einem andern Lockort wieder auf.
Immer sind sie in Bewegung und kommen mit aller Welt in Berührung.
Sie spielen mit den angesehensten Geschäftsmännern Karten und verstehen
es vortrefflich, zwischen dem Ausspielen schnelle Antworten auf
Geschäftsfragen zu geben oder ein bedeutsames Schweigen zu beobachten.
Dabei sind sie jedoch bereits einsilbiger und trockener geworden; sie
lachen weniger als früher und finden fast keine Zeit mehr, auf Schwänke
und Lustbarkeiten zu sinnen.
Schon sammelt sich da und dort einiges Vermögen an, welches bei
eintretenden Handelskrisen zwar zittert wie Espenlaub, oder sich sogar still
wieder auseinander begibt wie eine ungesetzliche Versammlung, wenn die
Polizei kommt.
Aber statt der früheren plebejisch-gemütlichen Konkurse und
Verlumpungen, die sie untereinander abspielten, gibt es jetzt vornehme
Akkommodements mit stattlichen auswärtigen Gläubigern, anständig
besprochene Schicksalswendungen, welche annäherungsweise wie etwas
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Rechtes aussehen, sodann Wiederaufrichtungen, und nur selten muß noch
einer vom Schauplatze abtreten.
Von der Politik sind sie beinahe ganz abgekommen, da sie glauben, sie
führe immer zum Kriegswesen; als angehende Besitzlustige fürchten und
hassen sie aber alle Kriegsmöglichkeiten, wie den baren Teufel, während sie
sonst hinter ihren Bierkrügen mit der ganzen alten Pentarchie zumal Krieg
führten. So sind sie, ehemals die eifrigsten Kannegießer, dahin gelangt, sich
ängstlich vor jedem Urteil in politischen Dingen zu hüten, um ja kein
Geschäft, bewußt oder unbewußt, auf ein solches zu stützen, da sie das
blinde Vertrauen auf den Zufall für solider halten.
Aber eben durch alles das verändert sich das Wesen der Seldwyler; sie
sehen, wie gesagt, schon aus wie andere Leute; es ereignet sich nichts mehr
unter ihnen, was der beschaulichen Aufzeichnung würdig wäre, und es ist
daher an der Zeit, in ihrer Vergangenheit und den guten lustigen Tagen der
Stadt noch eine kleine Nachernte zu halten, welcher Tätigkeit die
nachfolgenden weiteren fünf Erzählungen ihr Dasein verdanken.
Kleider machen Leute
An einem unfreundlichen Novembertage wanderte ein armes
Schneiderlein auf der Landstraße nach Goldach, einer kleinen reichen Stadt,
die nur wenige Stunden von Seldwyla entfernt ist. Der Schneider trug in
seiner Tasche nichts als einen Fingerhut, welchen er, in Ermangelung irgend
einer Münze, unablässig zwischen den Fingern drehte, wenn er der Kälte
wegen die Hände in die Hosen steckte, und die Finger schmerzten ihm
ordentlich von diesem Drehen und Reiben, denn er hatte wegen des
Fallimentes irgend eines Seldwyler Schneidermeisters seinen Arbeitslohn
mit der Arbeit zugleich verlieren und auswandern müssen. Er hatte noch
nichts gefrühstückt als einige Schneeflocken, die ihm in den Mund
geflogen, und er sah noch weniger ab, wo das geringste Mittagsbrot
herwachsen sollte. Das Fechten fiel ihm äußerst schwer, ja schien ihm
einer vom Schauplatze abtreten.
Von der Politik sind sie beinahe ganz abgekommen, da sie glauben, sie
führe immer zum Kriegswesen; als angehende Besitzlustige fürchten und
hassen sie aber alle Kriegsmöglichkeiten, wie den baren Teufel, während sie
sonst hinter ihren Bierkrügen mit der ganzen alten Pentarchie zumal Krieg
führten. So sind sie, ehemals die eifrigsten Kannegießer, dahin gelangt, sich
ängstlich vor jedem Urteil in politischen Dingen zu hüten, um ja kein
Geschäft, bewußt oder unbewußt, auf ein solches zu stützen, da sie das
blinde Vertrauen auf den Zufall für solider halten.
Aber eben durch alles das verändert sich das Wesen der Seldwyler; sie
sehen, wie gesagt, schon aus wie andere Leute; es ereignet sich nichts mehr
unter ihnen, was der beschaulichen Aufzeichnung würdig wäre, und es ist
daher an der Zeit, in ihrer Vergangenheit und den guten lustigen Tagen der
Stadt noch eine kleine Nachernte zu halten, welcher Tätigkeit die
nachfolgenden weiteren fünf Erzählungen ihr Dasein verdanken.
Kleider machen Leute
An einem unfreundlichen Novembertage wanderte ein armes
Schneiderlein auf der Landstraße nach Goldach, einer kleinen reichen Stadt,
die nur wenige Stunden von Seldwyla entfernt ist. Der Schneider trug in
seiner Tasche nichts als einen Fingerhut, welchen er, in Ermangelung irgend
einer Münze, unablässig zwischen den Fingern drehte, wenn er der Kälte
wegen die Hände in die Hosen steckte, und die Finger schmerzten ihm
ordentlich von diesem Drehen und Reiben, denn er hatte wegen des
Fallimentes irgend eines Seldwyler Schneidermeisters seinen Arbeitslohn
mit der Arbeit zugleich verlieren und auswandern müssen. Er hatte noch
nichts gefrühstückt als einige Schneeflocken, die ihm in den Mund
geflogen, und er sah noch weniger ab, wo das geringste Mittagsbrot
herwachsen sollte. Das Fechten fiel ihm äußerst schwer, ja schien ihm
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gänzlich unmöglich, weil er über seinem schwarzen Sonntagskleide,
welches sein einziges war, einen weiten dunkelgrauen Radmantel trug, mit
schwarzem Sammet ausgeschlagen, der seinem Träger ein edles und
romantisches Aussehen verlieh, zumal dessen lange schwarze Haare und
Schnurrbärtchen sorgfältig gepflegt waren und er sich blasser aber
regelmäßiger Gesichtszüge erfreute.
Solcher Habitus war ihm zum Bedürfnis geworden, ohne daß er etwas
Schlimmes oder Betrügerisches dabei im Schilde führte; vielmehr war er
zufrieden, wenn man ihn nur gewähren und im stillen seine Arbeit
verrichten ließ; aber lieber wäre er verhungert, als daß er sich von seinem
Radmantel und von seiner polnischen Pelzmütze getrennt hätte, die er
ebenfalls mit großem Anstand zu tragen wußte.
Er konnte deshalb nur in größeren Städten arbeiten, wo solches nicht zu
sehr auffiel; wenn er wanderte und keine Ersparnisse mitführte, geriet er in
die größte Not. Näherte er sich einem Hause, so betrachteten ihn die Leute
mit Verwunderung und Neugierde und erwarteten eher alles andere, als daß
er betteln würde; so erstarben ihm, da er überdies nicht beredt war, die
Worte im Munde, also daß er der Märtyrer seines Mantels war und Hunger
litt, so schwarz wie des letzteren Sammetfutter.
Als er bekümmert und geschwächt eine Anhöhe hinauf ging, stieß er auf
einen neuen und bequemen Reisewagen, welchen ein herrschaftlicher
Kutscher in Basel abgeholt hatte und seinem Herrn überbrachte, einem
fremden Grafen, der irgendwo in der Ostschweiz auf einem gemieteten oder
angekauften alten Schlosse saß. Der Wagen war mit allerlei Vorrichtungen
zur Aufnahme des Gepäckes versehen und schien deswegen schwer bepackt
zu sein, obgleich alles leer war. Der Kutscher ging wegen des steilen Weges
neben den Pferden, und als er oben angekommen den Bock wieder bestieg,
fragte er den Schneider, ob er sich nicht in den leeren Wagen setzen wolle.
Denn es fing eben an zu regnen und er hatte mit einem Blicke gesehen, daß
der Fußgänger sich matt und kümmerlich durch die Welt schlug.
Derselbe nahm das Anerbieten dankbar und bescheiden an, worauf der
Wagen rasch mit ihm von dannen rollte und in einer kleinen Stunde stattlich
und donnernd durch den Torbogen von Goldach fuhr. Vor dem ersten
Gasthofe, zur Wage genannt, hielt das vornehme Fuhrwerk plötzlich, und
welches sein einziges war, einen weiten dunkelgrauen Radmantel trug, mit
schwarzem Sammet ausgeschlagen, der seinem Träger ein edles und
romantisches Aussehen verlieh, zumal dessen lange schwarze Haare und
Schnurrbärtchen sorgfältig gepflegt waren und er sich blasser aber
regelmäßiger Gesichtszüge erfreute.
Solcher Habitus war ihm zum Bedürfnis geworden, ohne daß er etwas
Schlimmes oder Betrügerisches dabei im Schilde führte; vielmehr war er
zufrieden, wenn man ihn nur gewähren und im stillen seine Arbeit
verrichten ließ; aber lieber wäre er verhungert, als daß er sich von seinem
Radmantel und von seiner polnischen Pelzmütze getrennt hätte, die er
ebenfalls mit großem Anstand zu tragen wußte.
Er konnte deshalb nur in größeren Städten arbeiten, wo solches nicht zu
sehr auffiel; wenn er wanderte und keine Ersparnisse mitführte, geriet er in
die größte Not. Näherte er sich einem Hause, so betrachteten ihn die Leute
mit Verwunderung und Neugierde und erwarteten eher alles andere, als daß
er betteln würde; so erstarben ihm, da er überdies nicht beredt war, die
Worte im Munde, also daß er der Märtyrer seines Mantels war und Hunger
litt, so schwarz wie des letzteren Sammetfutter.
Als er bekümmert und geschwächt eine Anhöhe hinauf ging, stieß er auf
einen neuen und bequemen Reisewagen, welchen ein herrschaftlicher
Kutscher in Basel abgeholt hatte und seinem Herrn überbrachte, einem
fremden Grafen, der irgendwo in der Ostschweiz auf einem gemieteten oder
angekauften alten Schlosse saß. Der Wagen war mit allerlei Vorrichtungen
zur Aufnahme des Gepäckes versehen und schien deswegen schwer bepackt
zu sein, obgleich alles leer war. Der Kutscher ging wegen des steilen Weges
neben den Pferden, und als er oben angekommen den Bock wieder bestieg,
fragte er den Schneider, ob er sich nicht in den leeren Wagen setzen wolle.
Denn es fing eben an zu regnen und er hatte mit einem Blicke gesehen, daß
der Fußgänger sich matt und kümmerlich durch die Welt schlug.
Derselbe nahm das Anerbieten dankbar und bescheiden an, worauf der
Wagen rasch mit ihm von dannen rollte und in einer kleinen Stunde stattlich
und donnernd durch den Torbogen von Goldach fuhr. Vor dem ersten
Gasthofe, zur Wage genannt, hielt das vornehme Fuhrwerk plötzlich, und
Page 13
alsogleich zog der Hausknecht so heftig an der Glocke, daß der Draht
beinahe entzwei ging. Da stürzten Wirt und Leute herunter und rissen den
Schlag auf; Kinder und Nachbaren umringten schon den prächtigen Wagen,
neugierig, welch’ ein Kern sich aus so unerhörter Schale enthülsen werde,
und als der verdutzte Schneider endlich hervorsprang in seinem Mantel,
blaß und schön und schwermütig zur Erde blickend, schien er ihnen
wenigstens ein geheimnisvoller Prinz oder Grafensohn zu sein. Der Raum
zwischen dem Reisewagen und der Pforte des Gasthauses war schmal und
im übrigen der Weg durch die Zuschauer ziemlich gesperrt. Mochte es nun
der Mangel an Geistesgegenwart oder an Mut sein, den Haufen zu
durchbrechen und einfach seines Weges zu gehen, – er tat dieses nicht,
sondern ließ sich willenlos in das Haus und die Treppe hinangeleiten und
bemerkte seine neue seltsame Lage erst recht, als er sich in einen
wohnlichen Speisesaal versetzt sah und ihm sein ehrwürdiger Mantel
dienstfertig abgenommen wurde.
»Der Herr wünscht zu speisen?« hieß es, »gleich wird serviert werden, es
ist eben gekocht!«
Ohne eine Antwort abzuwarten lief der Wagwirt in die Küche und rief:
»Ins drei Teufels Namen! Nun haben wir nichts als Rindfleisch und die
Hammelskeule! Die Rebhuhnpastete darf ich nicht anschneiden, da sie für
die Abendherren bestimmt und versprochen ist. So geht es! Den einzigen
Tag, wo wir keinen solchen Gast erwarten und nichts da ist, muß ein solcher
Herr kommen! Und der Kutscher hat ein Wappen auf den Knöpfen und der
Wagen ist wie der eines Herzogs! und der junge Mann mag kaum den Mund
öffnen vor Vornehmheit!«
Doch die ruhige Köchin sagte: »Nun, was ist denn da zu lamentieren,
Herr? Die Pastete tragen Sie nur kühn auf, die wird er doch nicht aufessen!
Die Abendherren bekommen sie dann portionenweise, sechs Portionen
wollen wir schon noch herausbringen!«
»Sechs Portionen? Ihr vergeßt wohl, daß die Herren sich satt zu essen
gewohnt sind!« meinte der Wirt, allein die Köchin fuhr unerschüttert fort:
»Das sollen sie auch! Man läßt noch schnell ein halbes Dutzend Kotelettes
holen, die brauchen wir so wie so für den Fremden, und was er übrig läßt,
beinahe entzwei ging. Da stürzten Wirt und Leute herunter und rissen den
Schlag auf; Kinder und Nachbaren umringten schon den prächtigen Wagen,
neugierig, welch’ ein Kern sich aus so unerhörter Schale enthülsen werde,
und als der verdutzte Schneider endlich hervorsprang in seinem Mantel,
blaß und schön und schwermütig zur Erde blickend, schien er ihnen
wenigstens ein geheimnisvoller Prinz oder Grafensohn zu sein. Der Raum
zwischen dem Reisewagen und der Pforte des Gasthauses war schmal und
im übrigen der Weg durch die Zuschauer ziemlich gesperrt. Mochte es nun
der Mangel an Geistesgegenwart oder an Mut sein, den Haufen zu
durchbrechen und einfach seines Weges zu gehen, – er tat dieses nicht,
sondern ließ sich willenlos in das Haus und die Treppe hinangeleiten und
bemerkte seine neue seltsame Lage erst recht, als er sich in einen
wohnlichen Speisesaal versetzt sah und ihm sein ehrwürdiger Mantel
dienstfertig abgenommen wurde.
»Der Herr wünscht zu speisen?« hieß es, »gleich wird serviert werden, es
ist eben gekocht!«
Ohne eine Antwort abzuwarten lief der Wagwirt in die Küche und rief:
»Ins drei Teufels Namen! Nun haben wir nichts als Rindfleisch und die
Hammelskeule! Die Rebhuhnpastete darf ich nicht anschneiden, da sie für
die Abendherren bestimmt und versprochen ist. So geht es! Den einzigen
Tag, wo wir keinen solchen Gast erwarten und nichts da ist, muß ein solcher
Herr kommen! Und der Kutscher hat ein Wappen auf den Knöpfen und der
Wagen ist wie der eines Herzogs! und der junge Mann mag kaum den Mund
öffnen vor Vornehmheit!«
Doch die ruhige Köchin sagte: »Nun, was ist denn da zu lamentieren,
Herr? Die Pastete tragen Sie nur kühn auf, die wird er doch nicht aufessen!
Die Abendherren bekommen sie dann portionenweise, sechs Portionen
wollen wir schon noch herausbringen!«
»Sechs Portionen? Ihr vergeßt wohl, daß die Herren sich satt zu essen
gewohnt sind!« meinte der Wirt, allein die Köchin fuhr unerschüttert fort:
»Das sollen sie auch! Man läßt noch schnell ein halbes Dutzend Kotelettes
holen, die brauchen wir so wie so für den Fremden, und was er übrig läßt,
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schneide ich in kleine Stückchen und menge sie unter die Pastete, da lassen
Sie nur mich machen!«
Doch der wackere Wirt sagte ernsthaft: »Köchin, ich habe Euch schon
einmal gesagt, daß dergleichen in dieser Stadt und in diesem Hause nicht
angeht! Wir leben hier solid und ehrenfest und vermögen es!«
»Ei der Tausend, ja, ja!« rief die Köchin endlich etwas aufgeregt, »wenn
man sich dann nicht zu helfen weiß, so opfere man die Sache! Hier sind
zwei Schnepfen, die ich den Augenblick vom Jäger gekauft habe, die kann
man am Ende der Pastete zusetzen! Eine mit Schnepfen gefälschte
Rebhuhnpastete werden die Leckermäuler nicht beanstanden! Sodann sind
auch die Forellen da, die größte habe ich in das siedende Wasser geworfen,
wie der merkwürdige Wagen kam, und da kocht auch schon die Brühe im
Pfännchen, so haben wir also einen Fisch, das Rindfleisch, das Gemüse mit
den Kotelettes, den Hammelsbraten und die Pastete; geben Sie nur den
Schlüssel, daß man das Eingemachte und den Dessert herausnehmen kann!
Und den Schlüssel könnten Sie, Herr! mir mit Ehren und Zutrauen
übergeben, damit man Ihnen nicht allerorten nachspringen muß und oft in
die größte Verlegenheit gerät!«
»Liebe Köchin! Das braucht Ihr nicht übel zu nehmen, ich habe meiner
seligen Frau am Totbette versprechen müssen, die Schlüssel immer in
Händen zu behalten; sonach geschieht es grundsätzlich und nicht aus
Mißtrauen! Hier sind die Gurken und hier die Kirschen, hier die Birnen und
hier die Aprikosen; aber das alte Konfekt darf man nicht mehr aufstellen;
geschwind soll die Lise zum Zuckerbeck laufen und frisches Backwerk
holen, drei Teller, und wenn er eine gute Torte hat, soll er sie auch gleich
mitgeben!«
»Aber Herr! Sie können ja dem einzigen Gast das nicht alles aufrechnen,
das schlägt’s beim besten Willen nicht heraus!«
»Tut nichts, es ist um die Ehre! Das bringt mich nicht um; dafür soll ein
großer Herr, wenn er durch unsere Stadt reist, sagen können, er habe ein
ordentliches Essen gefunden, obgleich er ganz unerwartet und im Winter
gekommen sei! Es soll nicht heißen, wie von den Wirten zu Seldwyl, die
alles Gute selber fressen und den Fremden die Knochen vorsetzen! Also
frisch, munter, sputet Euch allerseits!«
Sie nur mich machen!«
Doch der wackere Wirt sagte ernsthaft: »Köchin, ich habe Euch schon
einmal gesagt, daß dergleichen in dieser Stadt und in diesem Hause nicht
angeht! Wir leben hier solid und ehrenfest und vermögen es!«
»Ei der Tausend, ja, ja!« rief die Köchin endlich etwas aufgeregt, »wenn
man sich dann nicht zu helfen weiß, so opfere man die Sache! Hier sind
zwei Schnepfen, die ich den Augenblick vom Jäger gekauft habe, die kann
man am Ende der Pastete zusetzen! Eine mit Schnepfen gefälschte
Rebhuhnpastete werden die Leckermäuler nicht beanstanden! Sodann sind
auch die Forellen da, die größte habe ich in das siedende Wasser geworfen,
wie der merkwürdige Wagen kam, und da kocht auch schon die Brühe im
Pfännchen, so haben wir also einen Fisch, das Rindfleisch, das Gemüse mit
den Kotelettes, den Hammelsbraten und die Pastete; geben Sie nur den
Schlüssel, daß man das Eingemachte und den Dessert herausnehmen kann!
Und den Schlüssel könnten Sie, Herr! mir mit Ehren und Zutrauen
übergeben, damit man Ihnen nicht allerorten nachspringen muß und oft in
die größte Verlegenheit gerät!«
»Liebe Köchin! Das braucht Ihr nicht übel zu nehmen, ich habe meiner
seligen Frau am Totbette versprechen müssen, die Schlüssel immer in
Händen zu behalten; sonach geschieht es grundsätzlich und nicht aus
Mißtrauen! Hier sind die Gurken und hier die Kirschen, hier die Birnen und
hier die Aprikosen; aber das alte Konfekt darf man nicht mehr aufstellen;
geschwind soll die Lise zum Zuckerbeck laufen und frisches Backwerk
holen, drei Teller, und wenn er eine gute Torte hat, soll er sie auch gleich
mitgeben!«
»Aber Herr! Sie können ja dem einzigen Gast das nicht alles aufrechnen,
das schlägt’s beim besten Willen nicht heraus!«
»Tut nichts, es ist um die Ehre! Das bringt mich nicht um; dafür soll ein
großer Herr, wenn er durch unsere Stadt reist, sagen können, er habe ein
ordentliches Essen gefunden, obgleich er ganz unerwartet und im Winter
gekommen sei! Es soll nicht heißen, wie von den Wirten zu Seldwyl, die
alles Gute selber fressen und den Fremden die Knochen vorsetzen! Also
frisch, munter, sputet Euch allerseits!«
Page 15
Während dieser umständlichen Zubereitungen befand sich der Schneider
in der peinlichsten Angst, da der Tisch mit glänzendem Zeuge gedeckt
wurde, und so heiß sich der ausgehungerte Mann vor kurzem noch nach
einiger Nahrung gesehnt hatte, so ängstlich wünschte er jetzt, der
drohenden Mahlzeit zu entfliehen. Endlich faßte er sich einen Mut, nahm
seinen Mantel um, setzte die Mütze auf und begab sich hinaus, um den
Ausweg zu gewinnen. Da er aber in seiner Verwirrung, und in dem
weitläufigen Hause die Treppe nicht gleich fand, so glaubte der Kellner, den
der Teufel beständig umhertrieb, jener suche eine gewisse Bequemlichkeit,
rief: »Erlauben Sie gefälligst, mein Herr, ich werde Ihnen den Weg
weisen!« und führte ihn durch einen langen Gang, der nirgend anders
endigte, als vor einer schönen lackierten Türe, auf welcher eine zierliche
Inschrift angebracht war.
Also ging der Mantelträger ohne Widerspruch, sanft wie ein Lämmlein,
dort hinein und schloß ordentlich hinter sich zu. Dort lehnte er sich
bitterlich seufzend an die Wand, und wünschte der goldenen Freiheit der
Landstraße wieder teilhaftig zu sein, welche ihm jetzt, so schlecht das
Wetter war, als das höchste Glück erschien.
Doch verwickelte er sich jetzt in die erste selbsttätige Lüge, weil er in
dem verschlossenen Raum ein wenig verweilte und er betrat hiermit den
abschüssigen Weg des Bösen.
Unterdessen schrie der Wirt, der ihn gesehen hatte im Mantel
dahingehen: »Der Herr friert! heizt mir ein im Saal! Wo ist die Lise, wo ist
die Anne? Rasch einen Korb Holz in den Ofen und einige Hände voll
Späne, daß es brennt! Zum Teufel, sollen die Leute in der Wage im Mantel
zu Tisch sitzen?«
Und als der Schneider wieder aus dem langen Gange hervorgewandelt
kam, melancholisch wie der umgehende Ahnherr eines Stammschlosses,
begleitete er ihn mit hundert Komplimenten und Handreibungen wiederum
in den verwünschten Saal hinein. Dort wurde er ohne ferneres Verweilen an
den Tisch gebeten, der Stuhl zurechtgerückt und da der Duft der kräftigen
Suppe, dergleichen er lange nicht gerochen, ihn vollends seines Willens
beraubte, so ließ er sich in Gottes Namen nieder und tauchte sofort den
schweren Löffel in die braungoldene Brühe. In tiefem Schweigen erfrischte
in der peinlichsten Angst, da der Tisch mit glänzendem Zeuge gedeckt
wurde, und so heiß sich der ausgehungerte Mann vor kurzem noch nach
einiger Nahrung gesehnt hatte, so ängstlich wünschte er jetzt, der
drohenden Mahlzeit zu entfliehen. Endlich faßte er sich einen Mut, nahm
seinen Mantel um, setzte die Mütze auf und begab sich hinaus, um den
Ausweg zu gewinnen. Da er aber in seiner Verwirrung, und in dem
weitläufigen Hause die Treppe nicht gleich fand, so glaubte der Kellner, den
der Teufel beständig umhertrieb, jener suche eine gewisse Bequemlichkeit,
rief: »Erlauben Sie gefälligst, mein Herr, ich werde Ihnen den Weg
weisen!« und führte ihn durch einen langen Gang, der nirgend anders
endigte, als vor einer schönen lackierten Türe, auf welcher eine zierliche
Inschrift angebracht war.
Also ging der Mantelträger ohne Widerspruch, sanft wie ein Lämmlein,
dort hinein und schloß ordentlich hinter sich zu. Dort lehnte er sich
bitterlich seufzend an die Wand, und wünschte der goldenen Freiheit der
Landstraße wieder teilhaftig zu sein, welche ihm jetzt, so schlecht das
Wetter war, als das höchste Glück erschien.
Doch verwickelte er sich jetzt in die erste selbsttätige Lüge, weil er in
dem verschlossenen Raum ein wenig verweilte und er betrat hiermit den
abschüssigen Weg des Bösen.
Unterdessen schrie der Wirt, der ihn gesehen hatte im Mantel
dahingehen: »Der Herr friert! heizt mir ein im Saal! Wo ist die Lise, wo ist
die Anne? Rasch einen Korb Holz in den Ofen und einige Hände voll
Späne, daß es brennt! Zum Teufel, sollen die Leute in der Wage im Mantel
zu Tisch sitzen?«
Und als der Schneider wieder aus dem langen Gange hervorgewandelt
kam, melancholisch wie der umgehende Ahnherr eines Stammschlosses,
begleitete er ihn mit hundert Komplimenten und Handreibungen wiederum
in den verwünschten Saal hinein. Dort wurde er ohne ferneres Verweilen an
den Tisch gebeten, der Stuhl zurechtgerückt und da der Duft der kräftigen
Suppe, dergleichen er lange nicht gerochen, ihn vollends seines Willens
beraubte, so ließ er sich in Gottes Namen nieder und tauchte sofort den
schweren Löffel in die braungoldene Brühe. In tiefem Schweigen erfrischte
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er seine matten Lebensgeister und wurde mit achtungsvoller Stille und
Ruhe bedient.
Als er den Teller geleert hatte und der Wirt sah, daß es ihm so wohl
schmeckte, munterte er ihn höflich auf, noch einen Löffel voll zu nehmen,
das sei gut bei dem rauhen Wetter. Nun wurde die Forelle aufgetragen, mit
Grünem bekränzt, und der Wirt legte ein schönes Stück vor. Doch der
Schneider, von Sorgen gequält, wagte in seiner Blödigkeit nicht, das blanke
Messer zu brauchen, sondern hantierte schüchtern und zimperlich mit der
silbernen Gabel daran herum. Das bemerkte die Köchin, welche zur Tür
hineinguckte, den großen Herren zu sehen, und sie sagte zu den
Umstehenden: »Gelobt sei Jesus Christ! Der weiß noch einen feinen Fisch
zu essen, wie es sich gehört, der sägt nicht mit dem Messer in dem zarten
Wesen herum, wie wenn er ein Kalb schlachten wollte. Das ist ein Herr von
großem Hause, darauf wollt’ ich schwören, wenn es nicht verboten wäre!
Und wie schön und traurig er ist! Gewiß ist er in ein armes Fräulein
verliebt, das man ihm nicht lassen will! Ja, ja, die vornehmen Leute haben
auch ihre Leiden!«
Inzwischen sah der Wirt, daß der Gast nicht trank, und sagte ehrerbietig:
»Der Herr mögen den Tischwein nicht, befehlen Sie vielleicht ein Glas
guten Bordeaux, den ich bestens empfehlen kann?«
Da beging der Schneider den zweiten selbsttätigen Fehler, indem er aus
Gehorsam ja statt nein sagte, und alsobald verfügte sich der Wagwirt
persönlich in den Keller, um eine ausgesuchte Flasche zu holen; denn es lag
ihm alles daran, daß man sagen könne, es sei etwas Rechtes im Ort zu
haben. Als der Gast von dem eingeschenkten Wein wiederum aus bösem
Gewissen ganz kleine Schlücklein nahm, lief der Wirt voll Freuden in die
Küche, schnalzte mit der Zunge und rief: »Hol’ mich der Teufel, der
versteht’s, der schlürft meinen guten Wein auf die Zunge, wie man einen
Dukaten auf die Goldwage legt!«
»Gelobt sei Jesus Christ!« sagte die Köchin, »ich hab’s behauptet, daß
er’s versteht!«
So nahm die Mahlzeit denn ihren Verlauf und zwar sehr langsam, weil
der arme Schneider immer zimperlich und unentschlossen aß und trank und
der Wirt, um ihm Zeit zu lassen, die Speisen genugsam stehen ließ.
Ruhe bedient.
Als er den Teller geleert hatte und der Wirt sah, daß es ihm so wohl
schmeckte, munterte er ihn höflich auf, noch einen Löffel voll zu nehmen,
das sei gut bei dem rauhen Wetter. Nun wurde die Forelle aufgetragen, mit
Grünem bekränzt, und der Wirt legte ein schönes Stück vor. Doch der
Schneider, von Sorgen gequält, wagte in seiner Blödigkeit nicht, das blanke
Messer zu brauchen, sondern hantierte schüchtern und zimperlich mit der
silbernen Gabel daran herum. Das bemerkte die Köchin, welche zur Tür
hineinguckte, den großen Herren zu sehen, und sie sagte zu den
Umstehenden: »Gelobt sei Jesus Christ! Der weiß noch einen feinen Fisch
zu essen, wie es sich gehört, der sägt nicht mit dem Messer in dem zarten
Wesen herum, wie wenn er ein Kalb schlachten wollte. Das ist ein Herr von
großem Hause, darauf wollt’ ich schwören, wenn es nicht verboten wäre!
Und wie schön und traurig er ist! Gewiß ist er in ein armes Fräulein
verliebt, das man ihm nicht lassen will! Ja, ja, die vornehmen Leute haben
auch ihre Leiden!«
Inzwischen sah der Wirt, daß der Gast nicht trank, und sagte ehrerbietig:
»Der Herr mögen den Tischwein nicht, befehlen Sie vielleicht ein Glas
guten Bordeaux, den ich bestens empfehlen kann?«
Da beging der Schneider den zweiten selbsttätigen Fehler, indem er aus
Gehorsam ja statt nein sagte, und alsobald verfügte sich der Wagwirt
persönlich in den Keller, um eine ausgesuchte Flasche zu holen; denn es lag
ihm alles daran, daß man sagen könne, es sei etwas Rechtes im Ort zu
haben. Als der Gast von dem eingeschenkten Wein wiederum aus bösem
Gewissen ganz kleine Schlücklein nahm, lief der Wirt voll Freuden in die
Küche, schnalzte mit der Zunge und rief: »Hol’ mich der Teufel, der
versteht’s, der schlürft meinen guten Wein auf die Zunge, wie man einen
Dukaten auf die Goldwage legt!«
»Gelobt sei Jesus Christ!« sagte die Köchin, »ich hab’s behauptet, daß
er’s versteht!«
So nahm die Mahlzeit denn ihren Verlauf und zwar sehr langsam, weil
der arme Schneider immer zimperlich und unentschlossen aß und trank und
der Wirt, um ihm Zeit zu lassen, die Speisen genugsam stehen ließ.
Page 17
Trotzdem war es nicht der Rede wert, was der Gast bis jetzt zu sich
genommen; vielmehr begann der Hunger, der immerfort so gefährlich
gereizt wurde, nun den Schrecken zu überwinden, und als die Pastete von
Rebhühnern erschien, schlug die Stimmung des Schneiders gleichzeitig um
und ein fester Gedanke begann sich in ihm zu bilden. »Es ist jetzt einmal,
wie es ist,« sagte er sich, von einem neuen Tröpflein Weines erwärmt und
aufgestachelt; »nun wäre ich ein Tor, wenn ich die kommende Schande und
Verfolgung ertragen wollte, ohne mich dafür sattgegessen zu haben! Also
vorgesehen, weil es noch Zeit ist! Das Türmchen, was sie da aufgestellt
haben, dürfte leichtlich die letzte Speise sein, daran will ich mich halten,
komme was da wolle! Was ich einmal im Leibe habe, kann mir kein König
wieder rauben!«
Gesagt, getan; mit dem Mute der Verzweiflung hieb er in die leckere
Pastete, ohne an ein Aufhören zu denken, so daß sie in weniger als fünf
Minuten zur Hälfte geschwunden war und die Sache für die Abendherren
sehr bedenklich zu werden begann. Fleisch, Trüffeln, Klößchen, Boden,
Deckel, alles schlang er ohne Ansehen der Person hinunter, nur besorgt,
sein Ränzchen voll zu packen, ehe das Verhängnis hereinbräche; dazu trank
er den Wein in tüchtigen Zügen und steckte große Brotbissen in den Mund;
kurz es war eine so hastig belebte Einfuhr, wie wenn bei aufsteigendem
Gewitter das Heu von der nahen Wiese gleich auf der Gabel in die Scheune
geflüchtet wird. Abermals lief der Wirt in die Küche und rief: »Köchin! Er
ißt die Pastete auf, während er den Braten kaum berührt hat! Und den
Bordeaux trinkt er in halben Gläsern!«
»Wohl bekomm’ es ihm,« sagte die Köchin, »lassen Sie ihn nur machen,
der weiß, was Rebhühner sind! Wär’ er ein gemeiner Kerl, so hätte er sich
an den Braten gehalten!«
»Ich sag’s auch,« meinte der Wirt, »es sieht sich zwar nicht ganz elegant
an; aber so hab’ ich, als ich zu meiner Ausbildung reiste, nur Generäle und
Kapitelsherren essen sehen!«
Unterdessen hatte der Kutscher die Pferde füttern lassen und selbst ein
handfestes Essen eingenommen in der Stube für das untere Volk, und da er
Eile hatte, ließ er bald wieder anspannen. Die Angehörigen des Gasthofes
zur Wage konnten sich nun nicht länger enthalten und fragten, eh’ es zu spät
genommen; vielmehr begann der Hunger, der immerfort so gefährlich
gereizt wurde, nun den Schrecken zu überwinden, und als die Pastete von
Rebhühnern erschien, schlug die Stimmung des Schneiders gleichzeitig um
und ein fester Gedanke begann sich in ihm zu bilden. »Es ist jetzt einmal,
wie es ist,« sagte er sich, von einem neuen Tröpflein Weines erwärmt und
aufgestachelt; »nun wäre ich ein Tor, wenn ich die kommende Schande und
Verfolgung ertragen wollte, ohne mich dafür sattgegessen zu haben! Also
vorgesehen, weil es noch Zeit ist! Das Türmchen, was sie da aufgestellt
haben, dürfte leichtlich die letzte Speise sein, daran will ich mich halten,
komme was da wolle! Was ich einmal im Leibe habe, kann mir kein König
wieder rauben!«
Gesagt, getan; mit dem Mute der Verzweiflung hieb er in die leckere
Pastete, ohne an ein Aufhören zu denken, so daß sie in weniger als fünf
Minuten zur Hälfte geschwunden war und die Sache für die Abendherren
sehr bedenklich zu werden begann. Fleisch, Trüffeln, Klößchen, Boden,
Deckel, alles schlang er ohne Ansehen der Person hinunter, nur besorgt,
sein Ränzchen voll zu packen, ehe das Verhängnis hereinbräche; dazu trank
er den Wein in tüchtigen Zügen und steckte große Brotbissen in den Mund;
kurz es war eine so hastig belebte Einfuhr, wie wenn bei aufsteigendem
Gewitter das Heu von der nahen Wiese gleich auf der Gabel in die Scheune
geflüchtet wird. Abermals lief der Wirt in die Küche und rief: »Köchin! Er
ißt die Pastete auf, während er den Braten kaum berührt hat! Und den
Bordeaux trinkt er in halben Gläsern!«
»Wohl bekomm’ es ihm,« sagte die Köchin, »lassen Sie ihn nur machen,
der weiß, was Rebhühner sind! Wär’ er ein gemeiner Kerl, so hätte er sich
an den Braten gehalten!«
»Ich sag’s auch,« meinte der Wirt, »es sieht sich zwar nicht ganz elegant
an; aber so hab’ ich, als ich zu meiner Ausbildung reiste, nur Generäle und
Kapitelsherren essen sehen!«
Unterdessen hatte der Kutscher die Pferde füttern lassen und selbst ein
handfestes Essen eingenommen in der Stube für das untere Volk, und da er
Eile hatte, ließ er bald wieder anspannen. Die Angehörigen des Gasthofes
zur Wage konnten sich nun nicht länger enthalten und fragten, eh’ es zu spät
Page 18
wurde, den herrschaftlichen Kutscher geradezu, wer sein Herr da oben sei,
und wie er heiße? Der Kutscher, ein schalkhafter und durchtriebener Kerl,
versetzte: »Hat er es noch nicht selbst gesagt?«
»Nein,« hieß es, und er erwiderte: »Das glaub’ ich wohl, der spricht nicht
viel in einem Tage; nun, es ist der Graf Strapinski! Er wird aber heut und
vielleicht einige Tage hier bleiben, denn er hat mir befohlen mit dem Wagen
vorauszufahren.«
Er machte diesen schlechten Spaß, um sich an dem Schneiderlein zu
rächen, das, wie er glaubte, statt ihm für seine Gefälligkeit ein Wort des
Dankes und des Abschiedes zu sagen, sich ohne Umsehen in das Haus
begeben hatte und den Herren spielte. Seine Eulenspiegelei aufs äußerste
treibend, bestieg er auch den Wagen, ohne nach der Zeche für sich und die
Pferde zu fragen, schwang die Peitsche und fuhr aus der Stadt, und alles
ward so in der Ordnung befunden und dem guten Schneider aufs Kerbholz
gebracht.
Nun mußte es sich aber fügen, daß dieser, ein geborener Schlesier,
wirklich Strapinski hieß, Wenzel Strapinski, mochte es nun ein Zufall sein,
oder mochte der Schneider sein Wanderbuch im Wagen hervorgezogen, es
dort vergessen und der Kutscher es zu sich genommen haben. Genug, als
der Wirt freudestrahlend und händereibend vor ihn hintrat und fragte, ob der
Herr Graf Strapinski zum Nachtisch ein Glas alten Tokaier oder ein Glas
Champagner nehme, und ihm meldete, daß die Zimmer soeben zubereitet
würden, da erblaßte der arme Strapinski, verwirrte sich von neuem und
erwiderte gar nichts.
»Höchst interessant!« brummte der Wirt für sich, indem er abermals in
den Keller eilte und aus besonderem Verschlage nicht nur ein Fläschchen
Tokaier, sondern auch ein Krügelchen Bocksbeutel holte und eine
Champagnerflasche schlechthin unter den Arm nahm. Bald sah Strapinski
einen kleinen Wald von Gläsern vor sich, aus welchem der
Champagnerkelch wie eine Pappel emporragte. Das glänzte, klingelte und
duftete gar seltsam vor ihm, und was noch seltsamer war, der arme, aber
zierliche Mann griff nicht ungeschickt in das Wäldchen hinein, und goß, als
er sah, daß der Wirt etwas Rotwein in seinen Champagner tat, einige
Tropfen Tokaier in den seinigen. Inzwischen war der Stadtschreiber und der
und wie er heiße? Der Kutscher, ein schalkhafter und durchtriebener Kerl,
versetzte: »Hat er es noch nicht selbst gesagt?«
»Nein,« hieß es, und er erwiderte: »Das glaub’ ich wohl, der spricht nicht
viel in einem Tage; nun, es ist der Graf Strapinski! Er wird aber heut und
vielleicht einige Tage hier bleiben, denn er hat mir befohlen mit dem Wagen
vorauszufahren.«
Er machte diesen schlechten Spaß, um sich an dem Schneiderlein zu
rächen, das, wie er glaubte, statt ihm für seine Gefälligkeit ein Wort des
Dankes und des Abschiedes zu sagen, sich ohne Umsehen in das Haus
begeben hatte und den Herren spielte. Seine Eulenspiegelei aufs äußerste
treibend, bestieg er auch den Wagen, ohne nach der Zeche für sich und die
Pferde zu fragen, schwang die Peitsche und fuhr aus der Stadt, und alles
ward so in der Ordnung befunden und dem guten Schneider aufs Kerbholz
gebracht.
Nun mußte es sich aber fügen, daß dieser, ein geborener Schlesier,
wirklich Strapinski hieß, Wenzel Strapinski, mochte es nun ein Zufall sein,
oder mochte der Schneider sein Wanderbuch im Wagen hervorgezogen, es
dort vergessen und der Kutscher es zu sich genommen haben. Genug, als
der Wirt freudestrahlend und händereibend vor ihn hintrat und fragte, ob der
Herr Graf Strapinski zum Nachtisch ein Glas alten Tokaier oder ein Glas
Champagner nehme, und ihm meldete, daß die Zimmer soeben zubereitet
würden, da erblaßte der arme Strapinski, verwirrte sich von neuem und
erwiderte gar nichts.
»Höchst interessant!« brummte der Wirt für sich, indem er abermals in
den Keller eilte und aus besonderem Verschlage nicht nur ein Fläschchen
Tokaier, sondern auch ein Krügelchen Bocksbeutel holte und eine
Champagnerflasche schlechthin unter den Arm nahm. Bald sah Strapinski
einen kleinen Wald von Gläsern vor sich, aus welchem der
Champagnerkelch wie eine Pappel emporragte. Das glänzte, klingelte und
duftete gar seltsam vor ihm, und was noch seltsamer war, der arme, aber
zierliche Mann griff nicht ungeschickt in das Wäldchen hinein, und goß, als
er sah, daß der Wirt etwas Rotwein in seinen Champagner tat, einige
Tropfen Tokaier in den seinigen. Inzwischen war der Stadtschreiber und der
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Notar gekommen, um den Kaffee zu trinken, und das tägliche Spielchen um
denselben zu machen; bald kam auch der ältere Sohn des Hauses Häberlein
und Co., der jüngere des Hauses Pütschli-Nievergelt, der Buchhalter einer
großen Spinnerei, Herr Melcher Böhni; allein statt ihre Partie zu spielen,
gingen sämtliche Herren in weitem Bogen hinter dem polnischen Grafen
herum, die Hände in den hinteren Rocktaschen, mit den Augen blinzelnd
und auf den Stockzähnen lächelnd. Denn es waren diejenigen Mitglieder
guter Häuser, welche ihr Leben lang zu Hause blieben, deren Verwandte
und Genossen aber in aller Welt saßen, weswegen sie selbst die Welt
sattsam zu kennen glaubten.
Also das sollte ein polnischer Graf sein? Den Wagen hatten sie freilich
von ihrem Kontorstuhl aus gesehen; auch wußte man nicht, ob der Wirt den
Grafen oder dieser jenen bewirte; doch hatte der Wirt bis jetzt noch keine
dummen Streiche gemacht; er war vielmehr als ein ziemlich schlauer Kopf
bekannt, und so wurden denn die Kreise, welche die neugierigen Herren um
den Fremden zogen, immer kleiner, bis sie sich zuletzt vertraulich an den
gleichen Tisch setzten und sich auf gewandte Weise zu dem Gelage aus dem
Stegreif einluden, indem sie ohne weiteres um eine Flasche zu würfeln
begannen.
Doch tranken sie nicht zu viel, da es noch früh war; dagegen galt es,
einen Schluck trefflichen Kaffee zu nehmen und dem Polacken, wie sie den
Schneider bereits heimlich nannten, mit gutem Rauchzeug aufzuwarten,
damit er immer mehr röche, wo er eigentlich wäre.
»Darf ich dem Herrn Grafen eine ordentliche Zigarre anbieten? Ich habe
sie von meinem Bruder auf Kuba direkt bekommen!« sagte der eine.
»Die Herren Polen lieben auch eine gute Zigarette, hier ist echter Tabak
aus Smyrna, mein Kompagnon hat ihn gesandt,« rief der andere, indem er
ein rotseidenes Beutelchen hinschob.
»Dieser aus Damaskus ist feiner, Herr Graf,« rief der dritte, »unser
dortiger Prokurist selbst hat ihn für mich besorgt!«
Der vierte streckte einen ungefügen Zigarrenbengel dar, indem er schrie:
»Wenn Sie etwas ganz Ausgezeichnetes wollen, so versuchen Sie diese
denselben zu machen; bald kam auch der ältere Sohn des Hauses Häberlein
und Co., der jüngere des Hauses Pütschli-Nievergelt, der Buchhalter einer
großen Spinnerei, Herr Melcher Böhni; allein statt ihre Partie zu spielen,
gingen sämtliche Herren in weitem Bogen hinter dem polnischen Grafen
herum, die Hände in den hinteren Rocktaschen, mit den Augen blinzelnd
und auf den Stockzähnen lächelnd. Denn es waren diejenigen Mitglieder
guter Häuser, welche ihr Leben lang zu Hause blieben, deren Verwandte
und Genossen aber in aller Welt saßen, weswegen sie selbst die Welt
sattsam zu kennen glaubten.
Also das sollte ein polnischer Graf sein? Den Wagen hatten sie freilich
von ihrem Kontorstuhl aus gesehen; auch wußte man nicht, ob der Wirt den
Grafen oder dieser jenen bewirte; doch hatte der Wirt bis jetzt noch keine
dummen Streiche gemacht; er war vielmehr als ein ziemlich schlauer Kopf
bekannt, und so wurden denn die Kreise, welche die neugierigen Herren um
den Fremden zogen, immer kleiner, bis sie sich zuletzt vertraulich an den
gleichen Tisch setzten und sich auf gewandte Weise zu dem Gelage aus dem
Stegreif einluden, indem sie ohne weiteres um eine Flasche zu würfeln
begannen.
Doch tranken sie nicht zu viel, da es noch früh war; dagegen galt es,
einen Schluck trefflichen Kaffee zu nehmen und dem Polacken, wie sie den
Schneider bereits heimlich nannten, mit gutem Rauchzeug aufzuwarten,
damit er immer mehr röche, wo er eigentlich wäre.
»Darf ich dem Herrn Grafen eine ordentliche Zigarre anbieten? Ich habe
sie von meinem Bruder auf Kuba direkt bekommen!« sagte der eine.
»Die Herren Polen lieben auch eine gute Zigarette, hier ist echter Tabak
aus Smyrna, mein Kompagnon hat ihn gesandt,« rief der andere, indem er
ein rotseidenes Beutelchen hinschob.
»Dieser aus Damaskus ist feiner, Herr Graf,« rief der dritte, »unser
dortiger Prokurist selbst hat ihn für mich besorgt!«
Der vierte streckte einen ungefügen Zigarrenbengel dar, indem er schrie:
»Wenn Sie etwas ganz Ausgezeichnetes wollen, so versuchen Sie diese
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Pflanzerzigarre aus Virginien, selbstgezogen, selbstgemacht und durchaus
nicht käuflich!«
Strapinski lächelte sauersüß, sagte nichts und war bald in feine
Duftwolken gehüllt, welche von der hervorbrechenden Sonne lieblich
versilbert wurden. Der Himmel entwölkte sich in weniger als einer
Viertelstunde, der schönste Herbstnachmittag trat ein; es hieß, der Genuß
der günstigen Stunde sei sich zu gönnen, da das Jahr vielleicht nicht viele
solcher Tage mehr brächte; und es wurde beschlossen, auszufahren, den
fröhlichen Amtsrat auf seinem Gute zu besuchen, der erst vor wenigen
Tagen gekeltert hatte, und seinen neuen Wein, den roten Sauser, zu kosten.
Pütschli-Nievergelt, Sohn, sandte nach seinem Jagdwagen, und bald
schlugen seine jungen Eisenschimmel das Pflaster vor der Wage. Der Wirt
selbst ließ ebenfalls anspannen, man lud den Grafen zuvorkommend ein,
sich anzuschließen und die Gegend etwas kennen zu lernen.
Der Wein hatte seinen Witz erwärmt; er überdachte schnell, daß er bei
dieser Gelegenheit am besten sich unbemerkt entfernen und seine
Wanderung fortsetzen könne; den Schaden sollten die törichten und
zudringlichen Herren an sich selbst behalten. Er nahm daher die Einladung
mit einigen höflichen Worten an und bestieg mit dem jungen Pütschli den
Jagdwagen.
Nun war es eine weitere Fügung, daß der Schneider, nachdem er auf
seinem Dorfe schon als junger Bursch dem Gutsherrn zuweilen Dienste
geleistet, seine Militärzeit bei den Husaren abgedient hatte und demnach
genugsam mit Pferden umzugehen verstand. Wie daher sein Gefährte
höflich fragte, ob er vielleicht fahren möge, ergriff er sofort Zügel und
Peitsche und fuhr in schulgerechter Haltung in raschem Trabe durch das Tor
und auf der Landstraße dahin, so daß die Herren einander ansahen und
flüsterten: »Es ist richtig, es ist jedenfalls ein Herr!«
In einer halben Stunde war das Gut des Amtsrates erreicht, Strapinski
fuhr in einem prächtigen Halbbogen auf und ließ die feurigen Pferde aufs
beste anprallen; man sprang von den Wagen, der Amtsrat kam herbei und
führte die Gesellschaft ins Haus, und alsobald war auch der Tisch mit einem
halben Dutzend Karaffen voll karneolfarbigen Sausers besetzt. Das heiße,
gärende Getränk wurde vorerst geprüft, belobt, und sodann fröhlich in
nicht käuflich!«
Strapinski lächelte sauersüß, sagte nichts und war bald in feine
Duftwolken gehüllt, welche von der hervorbrechenden Sonne lieblich
versilbert wurden. Der Himmel entwölkte sich in weniger als einer
Viertelstunde, der schönste Herbstnachmittag trat ein; es hieß, der Genuß
der günstigen Stunde sei sich zu gönnen, da das Jahr vielleicht nicht viele
solcher Tage mehr brächte; und es wurde beschlossen, auszufahren, den
fröhlichen Amtsrat auf seinem Gute zu besuchen, der erst vor wenigen
Tagen gekeltert hatte, und seinen neuen Wein, den roten Sauser, zu kosten.
Pütschli-Nievergelt, Sohn, sandte nach seinem Jagdwagen, und bald
schlugen seine jungen Eisenschimmel das Pflaster vor der Wage. Der Wirt
selbst ließ ebenfalls anspannen, man lud den Grafen zuvorkommend ein,
sich anzuschließen und die Gegend etwas kennen zu lernen.
Der Wein hatte seinen Witz erwärmt; er überdachte schnell, daß er bei
dieser Gelegenheit am besten sich unbemerkt entfernen und seine
Wanderung fortsetzen könne; den Schaden sollten die törichten und
zudringlichen Herren an sich selbst behalten. Er nahm daher die Einladung
mit einigen höflichen Worten an und bestieg mit dem jungen Pütschli den
Jagdwagen.
Nun war es eine weitere Fügung, daß der Schneider, nachdem er auf
seinem Dorfe schon als junger Bursch dem Gutsherrn zuweilen Dienste
geleistet, seine Militärzeit bei den Husaren abgedient hatte und demnach
genugsam mit Pferden umzugehen verstand. Wie daher sein Gefährte
höflich fragte, ob er vielleicht fahren möge, ergriff er sofort Zügel und
Peitsche und fuhr in schulgerechter Haltung in raschem Trabe durch das Tor
und auf der Landstraße dahin, so daß die Herren einander ansahen und
flüsterten: »Es ist richtig, es ist jedenfalls ein Herr!«
In einer halben Stunde war das Gut des Amtsrates erreicht, Strapinski
fuhr in einem prächtigen Halbbogen auf und ließ die feurigen Pferde aufs
beste anprallen; man sprang von den Wagen, der Amtsrat kam herbei und
führte die Gesellschaft ins Haus, und alsobald war auch der Tisch mit einem
halben Dutzend Karaffen voll karneolfarbigen Sausers besetzt. Das heiße,
gärende Getränk wurde vorerst geprüft, belobt, und sodann fröhlich in
Page 21
Angriff genommen, während der Hausherr im Hause die Kunde herum trug,
es sei ein vornehmer Graf da, ein Polacke, und eine feinere Bewirtung
vorbereitete.
Mittlerweile teilte sich die Gesellschaft in zwei Partien, um das
versäumte Spiel nachzuholen, da in diesem Lande keine Männer zusammen
sein konnten, ohne zu spielen, wahrscheinlich aus angeborenem
Tätigkeitstriebe. Strapinski, welcher die Teilnahme aus verschiedenen
Gründen ablehnen mußte, wurde eingeladen zuzusehen, denn das schien
ihnen immerhin der Mühe wert, da sie so viel Klugheit und
Geistesgegenwart bei den Karten zu entwickeln pflegten. Er mußte sich
zwischen beide Partien setzen, und sie legten es nun darauf an, geistreich
und gewandt zu spielen und den Gast zu gleicher Zeit zu unterhalten. So
saß er denn wie ein kränkelnder Fürst, vor welchem die Hofleute ein
angenehmes Schauspiel aufführen und den Lauf der Welt darstellen. Sie
erklärten ihm die bedeutendsten Wendungen, Handstreiche und Ereignisse,
und wenn die eine Partei für einen Augenblick ihre Aufmerksamkeit
ausschließlich dem Spiele zuwenden mußte, so führte die andere dafür um
so angelegentlicher die Unterhaltung mit dem Schneider. Der beste
Gegenstand dünkte sie hierfür Pferde, Jagd und dergleichen; Strapinski
wußte hier auch am besten Bescheid, denn er brauchte nur die Redensarten
hervorzuholen, welche er einst in der Nähe von Offizieren und Gutsherren
gehört und die ihm schon dazumal ausnehmend wohl gefallen hatten. Wenn
er diese Redensarten auch nur sparsam, mit einer gewissen Bescheidenheit
und stets mit einem schwermütigen Lächeln vorbrachte, so erreichte er
damit nur eine größere Wirkung; wenn zwei oder drei von den Herren
aufstanden und etwa zur Seite traten, so sagten sie: »Es ist ein
vollkommener Junker!«
Nur Melcher Böhni, der Buchhalter, als ein geborener Zweifler, rieb sich
vergnügt die Hände und sagte zu sich selbst: »Ich sehe es kommen, daß es
wieder einen Goldacher Putsch gibt, ja, er ist gewissermaßen schon da! Es
war aber auch Zeit, denn schon sind’s zwei Jahre seit dem letzten! Der
Mann dort hat mir so wunderlich zerstochene Finger, vielleicht von Praga
oder Ostrolenka her! Nun, ich werde mich hüten, den Verlauf zu stören!«
Die beiden Partien waren nun zu Ende, auch das Sausergelüste der
Herren gebüßt, und sie zogen nun vor, sich an den alten Weinen des
es sei ein vornehmer Graf da, ein Polacke, und eine feinere Bewirtung
vorbereitete.
Mittlerweile teilte sich die Gesellschaft in zwei Partien, um das
versäumte Spiel nachzuholen, da in diesem Lande keine Männer zusammen
sein konnten, ohne zu spielen, wahrscheinlich aus angeborenem
Tätigkeitstriebe. Strapinski, welcher die Teilnahme aus verschiedenen
Gründen ablehnen mußte, wurde eingeladen zuzusehen, denn das schien
ihnen immerhin der Mühe wert, da sie so viel Klugheit und
Geistesgegenwart bei den Karten zu entwickeln pflegten. Er mußte sich
zwischen beide Partien setzen, und sie legten es nun darauf an, geistreich
und gewandt zu spielen und den Gast zu gleicher Zeit zu unterhalten. So
saß er denn wie ein kränkelnder Fürst, vor welchem die Hofleute ein
angenehmes Schauspiel aufführen und den Lauf der Welt darstellen. Sie
erklärten ihm die bedeutendsten Wendungen, Handstreiche und Ereignisse,
und wenn die eine Partei für einen Augenblick ihre Aufmerksamkeit
ausschließlich dem Spiele zuwenden mußte, so führte die andere dafür um
so angelegentlicher die Unterhaltung mit dem Schneider. Der beste
Gegenstand dünkte sie hierfür Pferde, Jagd und dergleichen; Strapinski
wußte hier auch am besten Bescheid, denn er brauchte nur die Redensarten
hervorzuholen, welche er einst in der Nähe von Offizieren und Gutsherren
gehört und die ihm schon dazumal ausnehmend wohl gefallen hatten. Wenn
er diese Redensarten auch nur sparsam, mit einer gewissen Bescheidenheit
und stets mit einem schwermütigen Lächeln vorbrachte, so erreichte er
damit nur eine größere Wirkung; wenn zwei oder drei von den Herren
aufstanden und etwa zur Seite traten, so sagten sie: »Es ist ein
vollkommener Junker!«
Nur Melcher Böhni, der Buchhalter, als ein geborener Zweifler, rieb sich
vergnügt die Hände und sagte zu sich selbst: »Ich sehe es kommen, daß es
wieder einen Goldacher Putsch gibt, ja, er ist gewissermaßen schon da! Es
war aber auch Zeit, denn schon sind’s zwei Jahre seit dem letzten! Der
Mann dort hat mir so wunderlich zerstochene Finger, vielleicht von Praga
oder Ostrolenka her! Nun, ich werde mich hüten, den Verlauf zu stören!«
Die beiden Partien waren nun zu Ende, auch das Sausergelüste der
Herren gebüßt, und sie zogen nun vor, sich an den alten Weinen des
Page 22
Amtsrates ein wenig abzukühlen, die jetzt gebracht wurden; doch war die
Abkühlung etwas leidenschaftlicher Natur, indem sofort, um nicht in
schnöden Müßiggang zu verfallen, ein allgemeines Hasardspiel
vorgeschlagen wurde. Man mischte die Karten, jeder warf einen
Brabantertaler hin und als die Reihe an Strapinski war, konnte er nicht wohl
seinen Fingerhut auf den Tisch setzen. »Ich habe nicht ein solches
Geldstück,« sagte er errötend; aber schon hatte Melcher Böhni, der ihn
beobachtet, für ihn eingesetzt, ohne daß jemand darauf acht gab, denn alle
waren viel zu behaglich, als daß sie auf den Argwohn geraten wären,
jemand in der Welt könne kein Geld haben. Im nächsten Augenblicke wurde
dem Schneider, der gewonnen hatte, der ganze Einsatz zugeschoben;
verwirrt ließ er das Geld liegen und Böhni besorgte für ihn das zweite Spiel,
welches ein anderer gewann, sowie das dritte. Doch das vierte und fünfte
gewann wiederum der Polacke, der allmählich aufwachte und sich in die
Sache fand. Indem er sich still und ruhig verhielt, spielte er mit
abwechselndem Glücke; einmal kam er bis auf einen Taler herunter, den er
setzen mußte, gewann wieder, und zuletzt, als man das Spiel satt bekam,
besaß er einige Louisdor, mehr als er jemals in seinem Leben besessen,
welche er, als er sah, daß jedermann sein Geld einsteckte, ebenfalls zu sich
nahm, nicht ohne Furcht, daß alles ein Traum sei. Böhni, welcher ihn
fortwähren scharf betrachtete, war jetzt im klaren über ihn und dachte: den
Teufel fährt der in einem vierspännigen Wagen!
Weil er aber zugleich bemerkte, daß der rätselhafte Fremde keine Gier
nach dem Gelde gezeigt, sich überhaupt bescheiden und nüchtern verhalten
hatte, so war er nicht übel gegen ihn gesinnt, sondern beschloß, die Sache
durchaus gehen zu lassen.
Aber der Graf Strapinski, als man sich vor dem Abendessen im Freien
erging, nahm jetzt seine Gedanken zusammen und hielt den rechten
Zeitpunkt einer geräuschlosen Beurlaubung für gekommen. Er hatte ein
artiges Reisegeld und nahm sich vor, dem Wirt zur Wage von der nächsten
Stadt aus sein aufgedrungenes Mittagsmahl zu bezahlen. Also schlug er
seinen Radmantel malerisch um, drückte die Pelzmütze tiefer in die Augen
und schritt unter einer Reihe von hohen Akazien in der Abendsonne
langsam auf und nieder, das schöne Gelände betrachtend, oder vielmehr den
Weg erspähend, den er einschlagen wollte. Er nahm sich mit seiner
bewölkten Stirne, seinem lieblichen, aber schwermütigen Mundbärtchen,
Abkühlung etwas leidenschaftlicher Natur, indem sofort, um nicht in
schnöden Müßiggang zu verfallen, ein allgemeines Hasardspiel
vorgeschlagen wurde. Man mischte die Karten, jeder warf einen
Brabantertaler hin und als die Reihe an Strapinski war, konnte er nicht wohl
seinen Fingerhut auf den Tisch setzen. »Ich habe nicht ein solches
Geldstück,« sagte er errötend; aber schon hatte Melcher Böhni, der ihn
beobachtet, für ihn eingesetzt, ohne daß jemand darauf acht gab, denn alle
waren viel zu behaglich, als daß sie auf den Argwohn geraten wären,
jemand in der Welt könne kein Geld haben. Im nächsten Augenblicke wurde
dem Schneider, der gewonnen hatte, der ganze Einsatz zugeschoben;
verwirrt ließ er das Geld liegen und Böhni besorgte für ihn das zweite Spiel,
welches ein anderer gewann, sowie das dritte. Doch das vierte und fünfte
gewann wiederum der Polacke, der allmählich aufwachte und sich in die
Sache fand. Indem er sich still und ruhig verhielt, spielte er mit
abwechselndem Glücke; einmal kam er bis auf einen Taler herunter, den er
setzen mußte, gewann wieder, und zuletzt, als man das Spiel satt bekam,
besaß er einige Louisdor, mehr als er jemals in seinem Leben besessen,
welche er, als er sah, daß jedermann sein Geld einsteckte, ebenfalls zu sich
nahm, nicht ohne Furcht, daß alles ein Traum sei. Böhni, welcher ihn
fortwähren scharf betrachtete, war jetzt im klaren über ihn und dachte: den
Teufel fährt der in einem vierspännigen Wagen!
Weil er aber zugleich bemerkte, daß der rätselhafte Fremde keine Gier
nach dem Gelde gezeigt, sich überhaupt bescheiden und nüchtern verhalten
hatte, so war er nicht übel gegen ihn gesinnt, sondern beschloß, die Sache
durchaus gehen zu lassen.
Aber der Graf Strapinski, als man sich vor dem Abendessen im Freien
erging, nahm jetzt seine Gedanken zusammen und hielt den rechten
Zeitpunkt einer geräuschlosen Beurlaubung für gekommen. Er hatte ein
artiges Reisegeld und nahm sich vor, dem Wirt zur Wage von der nächsten
Stadt aus sein aufgedrungenes Mittagsmahl zu bezahlen. Also schlug er
seinen Radmantel malerisch um, drückte die Pelzmütze tiefer in die Augen
und schritt unter einer Reihe von hohen Akazien in der Abendsonne
langsam auf und nieder, das schöne Gelände betrachtend, oder vielmehr den
Weg erspähend, den er einschlagen wollte. Er nahm sich mit seiner
bewölkten Stirne, seinem lieblichen, aber schwermütigen Mundbärtchen,
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seinen glänzenden schwarzen Locken, seinen dunkeln Augen, im Wehen
seines faltigen Mantels vortrefflich aus; der Abendschein und das Säuseln
der Bäume über ihm erhöhte den Eindruck, so daß die Gesellschaft ihn von
Ferne mit Aufmerksamkeit und Wohlwollen betrachtete. Allmählich ging er
immer etwas weiter vom Hause hinweg, schritt durch ein Gebüsch, hinter
welchem ein Feldweg vorüber ging, und als er sich vor den Blicken der
Gesellschaft gedeckt sah, wollte er eben mit festem Schritt ins Feld rücken,
als um eine Ecke herum plötzlich der Amtsrat mit seiner Tochter Nettchen
ihm entgegentrat. Nettchen war ein hübsches Fräulein, äußerst prächtig,
etwas stutzerhaft gekleidet und mit Schmuck reichlich verziert.
»Wir suchen Sie, Herr Graf!« rief der Amtsrat, »damit ich Sie erstens hier
meinem Kinde vorstelle und zweitens, um Sie zu bitten, daß Sie uns die
Ehre erweisen möchten, einen Bissen Abendbrot mit uns zu nehmen; die
anderen Herren sind bereits im Hause.«
Der Wanderer nahm schnell seine Mütze vom Kopfe und machte
ehrfurchtsvolle, ja furchtsame Verbeugungen, von Rot übergossen. Denn
eine neue Wendung war eingetreten, ein Fräulein beschritt den Schauplatz
der Ereignisse. Doch schadete ihm seine Blödigkeit und übergroße
Ehrerbietung nicht bei der Dame; im Gegenteil, die Schüchternheit, Demut
und Ehrerbietung eines so vornehmen und interessanten jungen Edelmanns
erschien ihr wahrhaft rührend, ja hinreißend. Da sieht man, fuhr es ihr durch
den Sinn, je nobler, desto bescheidener und unverdorbener; merkt es euch,
ihr Herren Wildfänge von Goldach, die ihr vor den jungen Mädchen kaum
mehr den Hut berührt!
Sie grüßte den Ritter daher auf das holdseligste, indem sie auch lieblich
errötete, und sprach sogleich hastig und schnell und vieles mit ihm, wie es
die Art behaglicher Kleinstädterinnen ist, die sich den Fremden zeigen
wollen. Strapinski hingegen wandelte sich in kurzer Zeit um; während er
bisher nichts getan hatte, um im geringsten in die Rolle einzugehen, die
man ihm aufbürdete, begann er nun unwillkürlich, etwas gesuchter zu
sprechen und mischte allerhand polnische Brocken in die Rede, kurz, das
Schneiderblütchen fing in der Nähe des Frauenzimmers an seine Sprünge
zu machen und seinen Reiter davon zu tragen.
seines faltigen Mantels vortrefflich aus; der Abendschein und das Säuseln
der Bäume über ihm erhöhte den Eindruck, so daß die Gesellschaft ihn von
Ferne mit Aufmerksamkeit und Wohlwollen betrachtete. Allmählich ging er
immer etwas weiter vom Hause hinweg, schritt durch ein Gebüsch, hinter
welchem ein Feldweg vorüber ging, und als er sich vor den Blicken der
Gesellschaft gedeckt sah, wollte er eben mit festem Schritt ins Feld rücken,
als um eine Ecke herum plötzlich der Amtsrat mit seiner Tochter Nettchen
ihm entgegentrat. Nettchen war ein hübsches Fräulein, äußerst prächtig,
etwas stutzerhaft gekleidet und mit Schmuck reichlich verziert.
»Wir suchen Sie, Herr Graf!« rief der Amtsrat, »damit ich Sie erstens hier
meinem Kinde vorstelle und zweitens, um Sie zu bitten, daß Sie uns die
Ehre erweisen möchten, einen Bissen Abendbrot mit uns zu nehmen; die
anderen Herren sind bereits im Hause.«
Der Wanderer nahm schnell seine Mütze vom Kopfe und machte
ehrfurchtsvolle, ja furchtsame Verbeugungen, von Rot übergossen. Denn
eine neue Wendung war eingetreten, ein Fräulein beschritt den Schauplatz
der Ereignisse. Doch schadete ihm seine Blödigkeit und übergroße
Ehrerbietung nicht bei der Dame; im Gegenteil, die Schüchternheit, Demut
und Ehrerbietung eines so vornehmen und interessanten jungen Edelmanns
erschien ihr wahrhaft rührend, ja hinreißend. Da sieht man, fuhr es ihr durch
den Sinn, je nobler, desto bescheidener und unverdorbener; merkt es euch,
ihr Herren Wildfänge von Goldach, die ihr vor den jungen Mädchen kaum
mehr den Hut berührt!
Sie grüßte den Ritter daher auf das holdseligste, indem sie auch lieblich
errötete, und sprach sogleich hastig und schnell und vieles mit ihm, wie es
die Art behaglicher Kleinstädterinnen ist, die sich den Fremden zeigen
wollen. Strapinski hingegen wandelte sich in kurzer Zeit um; während er
bisher nichts getan hatte, um im geringsten in die Rolle einzugehen, die
man ihm aufbürdete, begann er nun unwillkürlich, etwas gesuchter zu
sprechen und mischte allerhand polnische Brocken in die Rede, kurz, das
Schneiderblütchen fing in der Nähe des Frauenzimmers an seine Sprünge
zu machen und seinen Reiter davon zu tragen.
Page 24
Am Tisch erhielt er den Ehrenplatz neben der Tochter des Hauses; denn
die Mutter war gestorben. Er wurde zwar bald wieder melancholisch, da er
bedachte, nun müsse er mit den andern wieder in die Stadt zurückkehren
oder gewaltsam in die Nacht hinaus entrinnen, und da er ferner überlegte,
wie vergänglich das Glück sei, welches er jetzt genoß. Aber dennoch
empfand er dies Glück und sagte sich zum voraus: »Ach, einmal wirst du
doch in deinem Leben etwas vorgestellt und neben einem solchen höheren
Wesen gesessen haben.«
Es war in der Tat keine Kleinigkeit, eine Hand neben sich glänzen zu
sehen, die von drei oder vier Armbändern klirrte, und bei einem flüchtigen
Seitenblick jedesmal einen abenteuerlich reizend frisierten Kopf, ein holdes
Erröten, einen vollen Augenaufschlag zu sehen. Denn er mochte tun oder
lassen, was er wollte, alles wurde als ungewöhnlich und nobel ausgelegt
und die Ungeschicklichkeit selbst als merkwürdige Unbefangenheit
liebenswürdig befunden von der jungen Dame, welche sonst stundenlang
über gesellschaftliche Verstöße zu plaudern wußte. Da man guter Dinge
war, sangen ein paar Gäste Lieder, die in den Dreißigerjahren Mode waren.
Der Graf wurde gebeten, ein polnisches Lied zu singen. Der Wein überwand
seine Schüchternheit endlich, obschon nicht seine Sorgen; er hatte einst
einige Wochen im Polnischen gearbeitet und wußte einige polnische Worte,
sogar ein Volksliedchen auswendig, ohne ihres Inhaltes bewußt zu sein,
gleich einem Papagei. Also sang er mit edlem Wesen, mehr zaghaft als laut
und mit einer Stimme, welche wie von einem geheimen Kummer leise
zitterte, auf polnisch:
Hunderttausend Schweine pferchen
Von der Desna bis zur Weichsel,
Und Kathinka, dieses Saumensch,
Geht im Schmutz bis an die Knöchel!
Hunderttausend Ochsen brüllen
Auf Wolhyniens grünen Weiden,
Und Kathinka, ja Kathinka,
Glaubt, ich sei in sie verliebt!
»Bravo! Bravo!« riefen alle Herren, mit den Händen klatschend, und
Nettchen sagte gerührt: »Ach das Nationale ist immer so schön!«
die Mutter war gestorben. Er wurde zwar bald wieder melancholisch, da er
bedachte, nun müsse er mit den andern wieder in die Stadt zurückkehren
oder gewaltsam in die Nacht hinaus entrinnen, und da er ferner überlegte,
wie vergänglich das Glück sei, welches er jetzt genoß. Aber dennoch
empfand er dies Glück und sagte sich zum voraus: »Ach, einmal wirst du
doch in deinem Leben etwas vorgestellt und neben einem solchen höheren
Wesen gesessen haben.«
Es war in der Tat keine Kleinigkeit, eine Hand neben sich glänzen zu
sehen, die von drei oder vier Armbändern klirrte, und bei einem flüchtigen
Seitenblick jedesmal einen abenteuerlich reizend frisierten Kopf, ein holdes
Erröten, einen vollen Augenaufschlag zu sehen. Denn er mochte tun oder
lassen, was er wollte, alles wurde als ungewöhnlich und nobel ausgelegt
und die Ungeschicklichkeit selbst als merkwürdige Unbefangenheit
liebenswürdig befunden von der jungen Dame, welche sonst stundenlang
über gesellschaftliche Verstöße zu plaudern wußte. Da man guter Dinge
war, sangen ein paar Gäste Lieder, die in den Dreißigerjahren Mode waren.
Der Graf wurde gebeten, ein polnisches Lied zu singen. Der Wein überwand
seine Schüchternheit endlich, obschon nicht seine Sorgen; er hatte einst
einige Wochen im Polnischen gearbeitet und wußte einige polnische Worte,
sogar ein Volksliedchen auswendig, ohne ihres Inhaltes bewußt zu sein,
gleich einem Papagei. Also sang er mit edlem Wesen, mehr zaghaft als laut
und mit einer Stimme, welche wie von einem geheimen Kummer leise
zitterte, auf polnisch:
Hunderttausend Schweine pferchen
Von der Desna bis zur Weichsel,
Und Kathinka, dieses Saumensch,
Geht im Schmutz bis an die Knöchel!
Hunderttausend Ochsen brüllen
Auf Wolhyniens grünen Weiden,
Und Kathinka, ja Kathinka,
Glaubt, ich sei in sie verliebt!
»Bravo! Bravo!« riefen alle Herren, mit den Händen klatschend, und
Nettchen sagte gerührt: »Ach das Nationale ist immer so schön!«
Page 25
Glücklicherweise verlangte niemand die Übersetzung dieses Gesanges.
Mit dem Überschreiten solchen Höhepunktes der Unterhaltung brach die
Gesellschaft auf; der Schneider wurde wieder eingepackt und sorgfältig
nach Goldach zurückgebracht; vorher hatte er versprechen müssen, nicht
ohne Abschied davonzureisen. Im Gasthof zur Wage wurde noch ein Glas
Punsch genommen; jedoch Strapinski war erschöpft und verlangte nach
dem Bette. Der Wirt selbst führte ihn auf seine Zimmer, deren Stattlichkeit
er kaum mehr beachtete, obgleich er nur gewohnt war, in dürftigen
Herbergskammern zu schlafen. Er stand ohne alle und jede Habseligkeit
mitten auf einem schönen Teppich, als der Wirt plötzlich den Mangel an
Gepäck entdeckte und sich vor die Stirne schlug. Dann lief er schnell
hinaus, schellte, rief Kellner und Hausknechte herbei, wortwechselte mit
ihnen, kam wieder und beteuerte: »Es ist richtig, Herr Graf, man hat
vergessen, Ihr Gepäck abzuladen! Auch das Notwendigste fehlt!«
»Auch das kleine Paketchen, das im Wagen lag?« fragte Strapinski
ängstlich, weil er an ein handgroßes Bündelein dachte, welches er auf dem
Sitze hatte liegen lassen und das ein Schnupftuch, eine Haarbürste, einen
Kamm, ein Büchschen Pomade und einen Stengel Bartwichse enthielt.
»Auch dieses fehlt, es ist gar nichts da,« sagte der gute Wirt erschrocken,
weil er darunter etwas sehr Wichtiges vermutete. »Man muß dem Kutscher
sogleich einen Expressen nachschicken,« rief er eifrig, »ich werde das
besorgen!«
Doch der Herr Graf fiel ihm ebenso erschrocken in den Arm und sagte
bewegt: »Lassen Sie, es darf nicht sein! Man muß meine Spur verlieren für
einige Zeit,« setzte er hinzu, selbst betreten über diese Erfindung.
Der Wirt ging erstaunt zu den Punsch trinkenden Gästen, erzählte ihnen
den Fall und schloß mit dem Ausspruche, daß der Graf unzweifelhaft ein
Opfer politischer oder der Familienverfolgung sein müsse; denn um eben
diese Zeit wurden viele Polen und andere Flüchtlinge wegen gewaltsamer
Unternehmungen des Landes verwiesen; andere wurden von fremden
Agenten beobachtet und umgarnt.
Strapinski aber tat einen guten Schlaf, und als er spät erwachte, sah er
zunächst den prächtigen Sonntagsschlafrock des Wagwirtes über einen
Mit dem Überschreiten solchen Höhepunktes der Unterhaltung brach die
Gesellschaft auf; der Schneider wurde wieder eingepackt und sorgfältig
nach Goldach zurückgebracht; vorher hatte er versprechen müssen, nicht
ohne Abschied davonzureisen. Im Gasthof zur Wage wurde noch ein Glas
Punsch genommen; jedoch Strapinski war erschöpft und verlangte nach
dem Bette. Der Wirt selbst führte ihn auf seine Zimmer, deren Stattlichkeit
er kaum mehr beachtete, obgleich er nur gewohnt war, in dürftigen
Herbergskammern zu schlafen. Er stand ohne alle und jede Habseligkeit
mitten auf einem schönen Teppich, als der Wirt plötzlich den Mangel an
Gepäck entdeckte und sich vor die Stirne schlug. Dann lief er schnell
hinaus, schellte, rief Kellner und Hausknechte herbei, wortwechselte mit
ihnen, kam wieder und beteuerte: »Es ist richtig, Herr Graf, man hat
vergessen, Ihr Gepäck abzuladen! Auch das Notwendigste fehlt!«
»Auch das kleine Paketchen, das im Wagen lag?« fragte Strapinski
ängstlich, weil er an ein handgroßes Bündelein dachte, welches er auf dem
Sitze hatte liegen lassen und das ein Schnupftuch, eine Haarbürste, einen
Kamm, ein Büchschen Pomade und einen Stengel Bartwichse enthielt.
»Auch dieses fehlt, es ist gar nichts da,« sagte der gute Wirt erschrocken,
weil er darunter etwas sehr Wichtiges vermutete. »Man muß dem Kutscher
sogleich einen Expressen nachschicken,« rief er eifrig, »ich werde das
besorgen!«
Doch der Herr Graf fiel ihm ebenso erschrocken in den Arm und sagte
bewegt: »Lassen Sie, es darf nicht sein! Man muß meine Spur verlieren für
einige Zeit,« setzte er hinzu, selbst betreten über diese Erfindung.
Der Wirt ging erstaunt zu den Punsch trinkenden Gästen, erzählte ihnen
den Fall und schloß mit dem Ausspruche, daß der Graf unzweifelhaft ein
Opfer politischer oder der Familienverfolgung sein müsse; denn um eben
diese Zeit wurden viele Polen und andere Flüchtlinge wegen gewaltsamer
Unternehmungen des Landes verwiesen; andere wurden von fremden
Agenten beobachtet und umgarnt.
Strapinski aber tat einen guten Schlaf, und als er spät erwachte, sah er
zunächst den prächtigen Sonntagsschlafrock des Wagwirtes über einen
Page 26
Stuhl gehängt, ferner ein Tischchen mit allem möglichen Toilettenwerkzeug
bedeckt. Sodann harrten eine Anzahl Dienstboten, um Körbe und Koffer,
angefüllt mit feiner Wäsche, mit Kleidern, mit Zigarren, mit Büchern, mit
Stiefeln, mit Schuhen, mit Sporen, mit Reitpeitschen, mit Pelzen, mit
Mützen, mit Hüten, mit Socken, mit Strümpfen, mit Pfeifen, mit Flöten und
Geigen abzugeben von seiten der gestrigen Freunde, mit der
angelegentlichen Bitte, sich dieser Bequemlichkeiten einstweilen bedienen
zu wollen. Da sie die Vormittagsstunden unabänderlich in ihren Geschäften
verbrachten, ließen sie ihre Besuche auf die Zeit nach Tisch ansagen.
Diese Leute waren nichts weniger, als lächerlich oder einfältig, sondern
umsichtige Geschäftsmänner, mehr schlau als vernagelt; allein da ihre
wohlbesorgte Stadt klein war und es ihnen manchmal langweilig darin
vorkam, waren sie stets begierig auf eine Abwechslung, ein Ereignis, einen
Vorgang, dem sie sich ohne Rückhalt hingaben. Der vierspännige Wagen,
das Aussteigen des Fremden, sein Mittagessen, die Aussage des Kutschers
waren so einfache und natürliche Dinge, daß die Goldacher, welche keinem
müßigen Argwohn nachzuhängen pflegten, ein Ereignis darauf aufbauten,
wie auf einen Felsen.
Als Strapinski das Warenlager sah, das sich vor ihm ausbreitete, war
seine erste Bewegung, daß er in seine Tasche griff, um zu erfahren, ob er
träume oder wache. Wenn sein Fingerhut dort noch in seiner Einsamkeit
weilte, so träumte er. Aber nein, der Fingerhut wohnte traulich zwischen
dem gewonnenen Spielgelde und scheuerte sich freundschaftlich an den
Talern; so ergab sich auch sein Gebieter wiederum in das Ding und stieg
von seinen Zimmern herunter auf die Straße, um sich die Stadt zu besehen,
in welcher es ihm so wohl erging. Unter der Küchentüre stand die Köchin,
welche ihm einen tiefen Knix machte und ihm mit neuem Wohlgefallen
nachsah; auf dem Flur und an der Haustüre standen andere Hausgeister, alle
mit der Mütze in der Hand und Strapinski schritt mit gutem Anstand und
doch bescheiden heraus, seinen Mantel sittsam zusammennehmend. Das
Schicksal machte ihn mit jeder Minute größer.
Mit ganz anderer Miene besah er sich die Stadt, als wenn er um Arbeit
darin ausgegangen wäre. Dieselbe bestand größtenteils aus schönen,
festgebauten Häusern, welche alle mit steinernen oder gemalten Sinnbildern
geziert und mit einem Namen versehen waren. In diesen Benennungen war
bedeckt. Sodann harrten eine Anzahl Dienstboten, um Körbe und Koffer,
angefüllt mit feiner Wäsche, mit Kleidern, mit Zigarren, mit Büchern, mit
Stiefeln, mit Schuhen, mit Sporen, mit Reitpeitschen, mit Pelzen, mit
Mützen, mit Hüten, mit Socken, mit Strümpfen, mit Pfeifen, mit Flöten und
Geigen abzugeben von seiten der gestrigen Freunde, mit der
angelegentlichen Bitte, sich dieser Bequemlichkeiten einstweilen bedienen
zu wollen. Da sie die Vormittagsstunden unabänderlich in ihren Geschäften
verbrachten, ließen sie ihre Besuche auf die Zeit nach Tisch ansagen.
Diese Leute waren nichts weniger, als lächerlich oder einfältig, sondern
umsichtige Geschäftsmänner, mehr schlau als vernagelt; allein da ihre
wohlbesorgte Stadt klein war und es ihnen manchmal langweilig darin
vorkam, waren sie stets begierig auf eine Abwechslung, ein Ereignis, einen
Vorgang, dem sie sich ohne Rückhalt hingaben. Der vierspännige Wagen,
das Aussteigen des Fremden, sein Mittagessen, die Aussage des Kutschers
waren so einfache und natürliche Dinge, daß die Goldacher, welche keinem
müßigen Argwohn nachzuhängen pflegten, ein Ereignis darauf aufbauten,
wie auf einen Felsen.
Als Strapinski das Warenlager sah, das sich vor ihm ausbreitete, war
seine erste Bewegung, daß er in seine Tasche griff, um zu erfahren, ob er
träume oder wache. Wenn sein Fingerhut dort noch in seiner Einsamkeit
weilte, so träumte er. Aber nein, der Fingerhut wohnte traulich zwischen
dem gewonnenen Spielgelde und scheuerte sich freundschaftlich an den
Talern; so ergab sich auch sein Gebieter wiederum in das Ding und stieg
von seinen Zimmern herunter auf die Straße, um sich die Stadt zu besehen,
in welcher es ihm so wohl erging. Unter der Küchentüre stand die Köchin,
welche ihm einen tiefen Knix machte und ihm mit neuem Wohlgefallen
nachsah; auf dem Flur und an der Haustüre standen andere Hausgeister, alle
mit der Mütze in der Hand und Strapinski schritt mit gutem Anstand und
doch bescheiden heraus, seinen Mantel sittsam zusammennehmend. Das
Schicksal machte ihn mit jeder Minute größer.
Mit ganz anderer Miene besah er sich die Stadt, als wenn er um Arbeit
darin ausgegangen wäre. Dieselbe bestand größtenteils aus schönen,
festgebauten Häusern, welche alle mit steinernen oder gemalten Sinnbildern
geziert und mit einem Namen versehen waren. In diesen Benennungen war
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die Sitte der Jahrhunderte deutlich zu erkennen. Das Mittelalter spiegelte
sich ab in den ältesten Häusern oder in den Neubauten, welche an deren
Stelle getreten, aber den alten Namen behalten aus der Zeit der
kriegerischen Schultheiße und der Märchen. Da hieß es: zum Schwert, zum
Eisenhut, zum Harnisch, zur Armbrust, zum blauen Schild, zum
Schweizerdegen, zum Ritter, zum Büchsenstein, zum Türken, zum
Meerwunder, zum goldenen Drachen, zur Linde, zum Pilgerstab, zur
Wasserfrau, zum Paradiesvogel, zum Granatbaum, zum Kämbel, zum
Einhorn und dergleichen. Die Zeit der Aufklärung und der Philanthropie
war deutlich zu lesen in den moralischen Begriffen, welche in schönen
Goldbuchstaben über den Haustüren erglänzten, wie: zur Eintracht, zur
Redlichkeit, zur alten Unabhängigkeit, zur neuen Unabhängigkeit, zur
Bürgertugend a, zur Bürgertugend b, zum Vertrauen, zur Liebe, zur
Hoffnung, zum Wiedersehen 1 und 2, zum Frohsinn, zur inneren
Rechtlichkeit, zur äußeren Rechtlichkeit, zum Landeswohl (ein reinliches
Häuschen, in welchem hinter einem Kanarienkäficht, ganz mit Kresse
behängt, eine freundliche alte Frau saß mit einer weißen Zipfelhaube und
Garn haspelte), zur Verfassung (unten hauste ein Böttcher, welcher eifrig
und mit großem Geräusch kleine Eimer und Fäßchen mit Reifen einfaßte
und unablässig klopfte); ein Haus hieß schauerlich: zum Tod! ein
verwaschenes Gerippe erstreckte sich von unten bis oben zwischen den
Fenstern; hier wohnte der Friedensrichter. Im Hause zur Geduld wohnte der
Schuldenschreiber, ein ausgehungertes Jammerbild, da in dieser Stadt
keiner dem andern etwas schuldig blieb.
Endlich verkündete sich an den neuesten Häusern die Poesie der
Fabrikanten, Bankiere und Spediteure und ihrer Nachahmer in den
wohlklingenden Namen: Rosental, Morgental, Sonnenberg, Veilchenburg,
Jugendgarten, Freudenberg, Henriettental, zur Camellia, Wilhelminenburg
und so weiter. Die an Frauennamen gehängten Täler und Burgen bedeuteten
für den Kundigen immer ein schönes Weibergut.
An jeder Straßenecke stand ein alter Turm mit reichem Uhrwerk, buntem
Dach und zierlich vergoldeter Windfahne. Diese Türme waren sorgfältig
erhalten; denn die Goldacher erfreuten sich der Vergangenheit und der
Gegenwart und taten auch recht daran. Die ganze Herrlichkeit war aber von
der alten Ringmauer eingefaßt, welche, obwohl nichts mehr nütze, dennoch
zum Schmucke beibehalten wurde, da sie ganz mit dichtem, altem Efeu
sich ab in den ältesten Häusern oder in den Neubauten, welche an deren
Stelle getreten, aber den alten Namen behalten aus der Zeit der
kriegerischen Schultheiße und der Märchen. Da hieß es: zum Schwert, zum
Eisenhut, zum Harnisch, zur Armbrust, zum blauen Schild, zum
Schweizerdegen, zum Ritter, zum Büchsenstein, zum Türken, zum
Meerwunder, zum goldenen Drachen, zur Linde, zum Pilgerstab, zur
Wasserfrau, zum Paradiesvogel, zum Granatbaum, zum Kämbel, zum
Einhorn und dergleichen. Die Zeit der Aufklärung und der Philanthropie
war deutlich zu lesen in den moralischen Begriffen, welche in schönen
Goldbuchstaben über den Haustüren erglänzten, wie: zur Eintracht, zur
Redlichkeit, zur alten Unabhängigkeit, zur neuen Unabhängigkeit, zur
Bürgertugend a, zur Bürgertugend b, zum Vertrauen, zur Liebe, zur
Hoffnung, zum Wiedersehen 1 und 2, zum Frohsinn, zur inneren
Rechtlichkeit, zur äußeren Rechtlichkeit, zum Landeswohl (ein reinliches
Häuschen, in welchem hinter einem Kanarienkäficht, ganz mit Kresse
behängt, eine freundliche alte Frau saß mit einer weißen Zipfelhaube und
Garn haspelte), zur Verfassung (unten hauste ein Böttcher, welcher eifrig
und mit großem Geräusch kleine Eimer und Fäßchen mit Reifen einfaßte
und unablässig klopfte); ein Haus hieß schauerlich: zum Tod! ein
verwaschenes Gerippe erstreckte sich von unten bis oben zwischen den
Fenstern; hier wohnte der Friedensrichter. Im Hause zur Geduld wohnte der
Schuldenschreiber, ein ausgehungertes Jammerbild, da in dieser Stadt
keiner dem andern etwas schuldig blieb.
Endlich verkündete sich an den neuesten Häusern die Poesie der
Fabrikanten, Bankiere und Spediteure und ihrer Nachahmer in den
wohlklingenden Namen: Rosental, Morgental, Sonnenberg, Veilchenburg,
Jugendgarten, Freudenberg, Henriettental, zur Camellia, Wilhelminenburg
und so weiter. Die an Frauennamen gehängten Täler und Burgen bedeuteten
für den Kundigen immer ein schönes Weibergut.
An jeder Straßenecke stand ein alter Turm mit reichem Uhrwerk, buntem
Dach und zierlich vergoldeter Windfahne. Diese Türme waren sorgfältig
erhalten; denn die Goldacher erfreuten sich der Vergangenheit und der
Gegenwart und taten auch recht daran. Die ganze Herrlichkeit war aber von
der alten Ringmauer eingefaßt, welche, obwohl nichts mehr nütze, dennoch
zum Schmucke beibehalten wurde, da sie ganz mit dichtem, altem Efeu
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überwachsen war und so die kleine Stadt mit einem immergrünen Kranze
umschloß.
Alles dieses machte einen wunderbaren Eindruck auf Strapinski; er
glaubte sich in einer anderen Welt zu befinden. Denn als er die Aufschriften
der Häuser las, dergleichen er noch nicht gesehen, war er der Meinung, sie
bezögen sich auf die besonderen Geheimnisse und Lebensweisen jedes
Hauses und es sehe hinter jeder Haustüre wirklich so aus, wie die
Überschrift angab, so daß er in eine Art moralisches Utopien hineingeraten
wäre. So war er geneigt zu glauben, die wunderliche Aufnahme, welche er
gefunden, hänge hiemit im Zusammenhang, so daß zum Beispiel das
Sinnbild der Wage, in welcher er wohnte, bedeute, daß dort das ungleiche
Schicksal abgewogen und ausgeglichen und zuweilen ein reisender
Schneider zum Grafen gemacht würde.
Er geriet auf seiner Wanderung auch vor das Tor, und wie er nun so über
das freie Feld hinblickte, meldete sich zum letzten Male der pflichtgemäße
Gedanke, seinen Weg unverweilt fortzusetzen. Die Sonne schien, die Straße
war schön, fest, nicht zu trocken und auch nicht naß, zum Wandern wie
gemacht. Reisegeld hatte er nun auch, so daß er angenehm einkehren
konnte, wo er Lust dazu verspürte, und kein Hindernis war zu erspähen.
Da stand er nun, gleich dem Jüngling am Scheidewege, auf einer
wirklichen Kreuzstraße; aus dem Lindenkranze, welcher die Stadt umgab,
stiegen gastliche Rauchsäulen, die goldenen Turmknöpfe funkelten lockend
aus den Baumwipfeln; Glück, Genuß und Verschuldung, ein
geheimnisvolles Schicksal winkten dort; von der Feldseite her aber glänzte
die freie Ferne; Arbeit, Entbehrung, Armut, Dunkelheit harrten dort, aber
auch ein gutes Gewissen und ein ruhiger Wandel; dieses fühlend, wollte er
denn auch entschlossen ins Feld abschwenken. Im gleichen Augenblicke
rollte ein rasches Fuhrwerk heran; es war das Fräulein von gestern, welches
mit wehendem, blauem Schleier ganz allein in einem schmucken leichten
Fuhrwerke saß, ein schönes Pferd regierte und nach der Stadt fuhr. Sobald
Strapinski nur an seine Mütze griff und dieselbe demütig vor seine Brust
nahm in seiner Überraschung, verbeugte sich das Mädchen rasch errötend
gegen ihn, aber überaus freundlich, und fuhr in großer Bewegung, das Pferd
zum Galopp antreibend, davon.
umschloß.
Alles dieses machte einen wunderbaren Eindruck auf Strapinski; er
glaubte sich in einer anderen Welt zu befinden. Denn als er die Aufschriften
der Häuser las, dergleichen er noch nicht gesehen, war er der Meinung, sie
bezögen sich auf die besonderen Geheimnisse und Lebensweisen jedes
Hauses und es sehe hinter jeder Haustüre wirklich so aus, wie die
Überschrift angab, so daß er in eine Art moralisches Utopien hineingeraten
wäre. So war er geneigt zu glauben, die wunderliche Aufnahme, welche er
gefunden, hänge hiemit im Zusammenhang, so daß zum Beispiel das
Sinnbild der Wage, in welcher er wohnte, bedeute, daß dort das ungleiche
Schicksal abgewogen und ausgeglichen und zuweilen ein reisender
Schneider zum Grafen gemacht würde.
Er geriet auf seiner Wanderung auch vor das Tor, und wie er nun so über
das freie Feld hinblickte, meldete sich zum letzten Male der pflichtgemäße
Gedanke, seinen Weg unverweilt fortzusetzen. Die Sonne schien, die Straße
war schön, fest, nicht zu trocken und auch nicht naß, zum Wandern wie
gemacht. Reisegeld hatte er nun auch, so daß er angenehm einkehren
konnte, wo er Lust dazu verspürte, und kein Hindernis war zu erspähen.
Da stand er nun, gleich dem Jüngling am Scheidewege, auf einer
wirklichen Kreuzstraße; aus dem Lindenkranze, welcher die Stadt umgab,
stiegen gastliche Rauchsäulen, die goldenen Turmknöpfe funkelten lockend
aus den Baumwipfeln; Glück, Genuß und Verschuldung, ein
geheimnisvolles Schicksal winkten dort; von der Feldseite her aber glänzte
die freie Ferne; Arbeit, Entbehrung, Armut, Dunkelheit harrten dort, aber
auch ein gutes Gewissen und ein ruhiger Wandel; dieses fühlend, wollte er
denn auch entschlossen ins Feld abschwenken. Im gleichen Augenblicke
rollte ein rasches Fuhrwerk heran; es war das Fräulein von gestern, welches
mit wehendem, blauem Schleier ganz allein in einem schmucken leichten
Fuhrwerke saß, ein schönes Pferd regierte und nach der Stadt fuhr. Sobald
Strapinski nur an seine Mütze griff und dieselbe demütig vor seine Brust
nahm in seiner Überraschung, verbeugte sich das Mädchen rasch errötend
gegen ihn, aber überaus freundlich, und fuhr in großer Bewegung, das Pferd
zum Galopp antreibend, davon.
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Strapinski aber machte unwillkürlich ganze Wendung und kehrte getrost
nach der Stadt zurück. Noch an demselben Tage galoppierte er auf dem
besten Pferde der Stadt, an der Spitze einer ganzen Reitergesellschaft, durch
die Allee, welche um die grüne Ringmauer führte, und die fallenden Blätter
der Linden tanzten wie ein goldener Regen um sein verklärtes Haupt.
Nun war der Geist in ihn gefahren. Mit jedem Tage wandelte er sich,
gleich einem Regenbogen, der zusehends bunter wird an der vorbrechenden
Sonne. Er lernte in Stunden, in Augenblicken, was andere nicht in Jahren,
da es in ihm gesteckt hatte, wie das Farbenwesen im Regentropfen. Er
beachtete wohl die Sitten seiner Gastfreunde und bildete sie während des
Beobachtens zu einem Neuen und Fremdartigen um; besonders suchte er
abzulauschen, was sie sich eigentlich unter ihm dächten und was für ein
Bild sie sich von ihm gemacht. Dies Bild arbeitete er weiter aus nach
seinem eigenen Geschmacke, zur vergnüglichen Unterhaltung der einen,
welche gern etwas Neues sehen wollten, und zur Bewunderung der anderen,
besonders der Frauen, welche nach erbaulicher Anregung dürsteten. So
ward er rasch zum Helden eines artigen Romanes, an welchem er
gemeinsam mit der Stadt und liebevoll arbeitete, dessen Hauptbestandteil
aber immer noch das Geheimnis war.
Bei alledem verlebte Strapinski, was er in seiner Dunkelheit früher nie
gekannt, eine schlaflose Nacht um die andere, und es ist mit Tadel
hervorzuheben, daß es ebensoviel die Furcht vor der Schande, als armer
Schneider entdeckt zu werden und dazustehen als das ehrliche Gewissen
war, was ihm den Schlaf raubte. Sein angeborenes Bedürfnis, etwas
Zierliches und Außergewöhnliches vorzustellen, wenn auch nur in der Wahl
der Kleider, hatte ihn in diesen Konflikt geführt und brachte jetzt auch jene
Furcht hervor, und sein Gewissen war nur insoweit mächtig, daß er
beständig den Vorsatz nährte, bei guter Gelegenheit einen Grund zur
Abreise zu finden und dann durch Lotteriespiel und dergleichen die Mittel
zu gewinnen, aus geheimnisvoller Ferne zu vergüten, um was er die
gastfreundlichen Goldacher gebracht hatte. Er ließ sich auch schon aus allen
Städten, wo es Lotterien oder Agenten derselben gab, Lose kommen mit
mehr oder weniger bescheidenem Einsatze, und die daraus entstehende
Korrespondenz, der Empfang der Briefe wurde wiederum als ein Zeichen
wichtiger Beziehungen und Verhältnisse vermerkt.
nach der Stadt zurück. Noch an demselben Tage galoppierte er auf dem
besten Pferde der Stadt, an der Spitze einer ganzen Reitergesellschaft, durch
die Allee, welche um die grüne Ringmauer führte, und die fallenden Blätter
der Linden tanzten wie ein goldener Regen um sein verklärtes Haupt.
Nun war der Geist in ihn gefahren. Mit jedem Tage wandelte er sich,
gleich einem Regenbogen, der zusehends bunter wird an der vorbrechenden
Sonne. Er lernte in Stunden, in Augenblicken, was andere nicht in Jahren,
da es in ihm gesteckt hatte, wie das Farbenwesen im Regentropfen. Er
beachtete wohl die Sitten seiner Gastfreunde und bildete sie während des
Beobachtens zu einem Neuen und Fremdartigen um; besonders suchte er
abzulauschen, was sie sich eigentlich unter ihm dächten und was für ein
Bild sie sich von ihm gemacht. Dies Bild arbeitete er weiter aus nach
seinem eigenen Geschmacke, zur vergnüglichen Unterhaltung der einen,
welche gern etwas Neues sehen wollten, und zur Bewunderung der anderen,
besonders der Frauen, welche nach erbaulicher Anregung dürsteten. So
ward er rasch zum Helden eines artigen Romanes, an welchem er
gemeinsam mit der Stadt und liebevoll arbeitete, dessen Hauptbestandteil
aber immer noch das Geheimnis war.
Bei alledem verlebte Strapinski, was er in seiner Dunkelheit früher nie
gekannt, eine schlaflose Nacht um die andere, und es ist mit Tadel
hervorzuheben, daß es ebensoviel die Furcht vor der Schande, als armer
Schneider entdeckt zu werden und dazustehen als das ehrliche Gewissen
war, was ihm den Schlaf raubte. Sein angeborenes Bedürfnis, etwas
Zierliches und Außergewöhnliches vorzustellen, wenn auch nur in der Wahl
der Kleider, hatte ihn in diesen Konflikt geführt und brachte jetzt auch jene
Furcht hervor, und sein Gewissen war nur insoweit mächtig, daß er
beständig den Vorsatz nährte, bei guter Gelegenheit einen Grund zur
Abreise zu finden und dann durch Lotteriespiel und dergleichen die Mittel
zu gewinnen, aus geheimnisvoller Ferne zu vergüten, um was er die
gastfreundlichen Goldacher gebracht hatte. Er ließ sich auch schon aus allen
Städten, wo es Lotterien oder Agenten derselben gab, Lose kommen mit
mehr oder weniger bescheidenem Einsatze, und die daraus entstehende
Korrespondenz, der Empfang der Briefe wurde wiederum als ein Zeichen
wichtiger Beziehungen und Verhältnisse vermerkt.
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Schon hatte er mehr als einmal ein paar Gulden gewonnen und dieselben
sofort wieder zum Erwerb neuer Lose verwendet, als er eines Tages von
einem fremden Kollekteur, der sich aber Bankier nannte, eine namhafte
Summe empfing, welche hinreichte, jenen Rettungsgedanken auszuführen.
Er war bereits nicht mehr erstaunt über sein Glück, das sich von selbst zu
verstehen schien, fühlte sich aber doch erleichtert und besonders dem guten
Wagwirt gegenüber beruhigt, welchen er seines guten Essens wegen sehr
wohl leiden mochte. Anstatt aber kurz abzubinden, seine Schulden gradaus
zu bezahlen und abzureisen, gedachte er, wie er sich vorgenommen, eine
kurze Geschäftsreise vorzugeben, dann aber von irgend einer großen Stadt
aus zu melden, daß das unerbittliche Schicksal ihm verbiete, je
wiederzukehren; dabei wolle er seinen Verbindlichkeiten nachkommen, ein
gutes Andenken hinterlassen und seinem Schneiderberufe sich aufs neue
und mit mehr Umsicht und Glück widmen, oder auch sonst einen
anständigen Lebensweg erspähen. Am liebsten wäre er freilich auch als
Schneidermeister in Goldach geblieben und hätte jetzt die Mittel gehabt,
sich da ein bescheidenes Auskommen zu begründen; allein es war klar, daß
er hier nur als Graf leben konnte.
Wegen des sichtlichen Vorzuges und Wohlgefallens, dessen er sich bei
jeder Gelegenheit von Seite des schönen Nettchens zu erfreuen hatte, waren
schon manche Redensarten im Umlauf und er hatte sogar bemerkt, daß das
Fräulein hin und wieder die Gräfin genannt wurde. Wie konnte er diesem
Wesen nun eine solche Entwicklung bereiten? Wie konnte er das Schicksal,
das ihn gewaltsam so erhöht hatte, so frevelhaft Lügen strafen und sich
selbst beschämen?
Er hatte von seinem Lotteriemann, genannt Bankier, einen Wechsel
bekommen, welchen er bei einem Goldacher Haus einkassierte; diese
Verrichtung bestärkte abermals die günstigen Meinungen über seine Person
und Verhältnisse, da die soliden Handelsleute nicht im entferntesten an
einen Lotterieverkehr dachten. An demselben Tage nun begab sich
Strapinski auf einen stattlichen Ball, zu dem er geladen war. In tiefes,
einfaches Schwarz gekleidet erschien er und verkündete sogleich den ihn
Begrüßenden, daß er genötigt sei, zu verreisen.
In zehn Minuten war die Nachricht der ganzen Versammlung bekannt
und Nettchen, deren Anblick Strapinski suchte, schien, wie erstarrt, seinen
sofort wieder zum Erwerb neuer Lose verwendet, als er eines Tages von
einem fremden Kollekteur, der sich aber Bankier nannte, eine namhafte
Summe empfing, welche hinreichte, jenen Rettungsgedanken auszuführen.
Er war bereits nicht mehr erstaunt über sein Glück, das sich von selbst zu
verstehen schien, fühlte sich aber doch erleichtert und besonders dem guten
Wagwirt gegenüber beruhigt, welchen er seines guten Essens wegen sehr
wohl leiden mochte. Anstatt aber kurz abzubinden, seine Schulden gradaus
zu bezahlen und abzureisen, gedachte er, wie er sich vorgenommen, eine
kurze Geschäftsreise vorzugeben, dann aber von irgend einer großen Stadt
aus zu melden, daß das unerbittliche Schicksal ihm verbiete, je
wiederzukehren; dabei wolle er seinen Verbindlichkeiten nachkommen, ein
gutes Andenken hinterlassen und seinem Schneiderberufe sich aufs neue
und mit mehr Umsicht und Glück widmen, oder auch sonst einen
anständigen Lebensweg erspähen. Am liebsten wäre er freilich auch als
Schneidermeister in Goldach geblieben und hätte jetzt die Mittel gehabt,
sich da ein bescheidenes Auskommen zu begründen; allein es war klar, daß
er hier nur als Graf leben konnte.
Wegen des sichtlichen Vorzuges und Wohlgefallens, dessen er sich bei
jeder Gelegenheit von Seite des schönen Nettchens zu erfreuen hatte, waren
schon manche Redensarten im Umlauf und er hatte sogar bemerkt, daß das
Fräulein hin und wieder die Gräfin genannt wurde. Wie konnte er diesem
Wesen nun eine solche Entwicklung bereiten? Wie konnte er das Schicksal,
das ihn gewaltsam so erhöht hatte, so frevelhaft Lügen strafen und sich
selbst beschämen?
Er hatte von seinem Lotteriemann, genannt Bankier, einen Wechsel
bekommen, welchen er bei einem Goldacher Haus einkassierte; diese
Verrichtung bestärkte abermals die günstigen Meinungen über seine Person
und Verhältnisse, da die soliden Handelsleute nicht im entferntesten an
einen Lotterieverkehr dachten. An demselben Tage nun begab sich
Strapinski auf einen stattlichen Ball, zu dem er geladen war. In tiefes,
einfaches Schwarz gekleidet erschien er und verkündete sogleich den ihn
Begrüßenden, daß er genötigt sei, zu verreisen.
In zehn Minuten war die Nachricht der ganzen Versammlung bekannt
und Nettchen, deren Anblick Strapinski suchte, schien, wie erstarrt, seinen
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Blicken auszuweichen, bald rot, bald blaß werdend. Dann tanzte sie
mehrmals hintereinander mit jungen Herren, setzte sich zerstreut und
schnell atmend und schlug eine Einladung des Polen, der endlich
herangetreten war, mit einer kurzen Verbeugung aus, ohne ihn anzusehen.
Seltsam aufgeregt und bekümmert ging er hinweg, nahm seinen famosen
Mantel um und schritt mit wehenden Locken in einem Gartenwege auf und
nieder. Es wurde ihm nun klar, daß er eigentlich nur dieses Wesens halber
so lange dageblieben sei, daß die unbestimmte Hoffnung, doch wieder in
ihre Nähe zu kommen, ihn unbewußt belebte, daß aber der ganze Handel
eben eine Unmöglichkeit darstelle von der verzweifeltsten Art.
Wie er so dahin schritt, hörte er rasche Tritte hinter sich, leichte, doch
unruhig bewegte. Nettchen ging an ihm vorüber und schien, nach einigen
ausgerufenen Worten zu urteilen, nach ihrem Wagen zu suchen, obgleich
derselbe auf der andern Seite des Hauses stand und hier nur
Winterkohlköpfe und eingewickelte Rosenbäumchen den Schlaf der
Gerechten verträumten. Dann kam sie wieder zurück, und da er jetzt mit
klopfendem Herzen ihr im Wege stand und bittend die Hände nach ihr
ausstreckte, fiel sie ihm ohne weiteres um den Hals und fing jämmerlich an
zu weinen. Er bedeckte ihre glühenden Wangen mit seinen fein duftenden
dunklen Locken und sein Mantel umschlug die schlanke, stolze,
schneeweiße Gestalt des Mädchens wie mit schwarzen Adlersflügeln; es
war ein wahrhaft schönes Bild, das seine Berechtigung ganz allein in sich
selbst zu tragen schien.
Strapinski aber verlor in diesem Abenteuer seinen Verstand und gewann
das Glück, das öfter den Unverständigen hold ist. Nettchen eröffnete ihrem
Vater noch in selbiger Nacht beim Nachhausefahren, daß kein anderer als
der Graf der Ihrige sein werde; dieser erschien am Morgen in aller Frühe,
um bei dem Vater liebenswürdig, schüchtern und melancholisch wie immer,
um sie zu werben, und der Vater hielt folgende Rede: »So hat sich denn das
Schicksal und der Wille dieses törichten Mädchens erfüllt! Schon als
Schulkind behauptete sie fortwährend, nur einen Italiener oder einen Polen,
einen großen Pianisten oder einen Räuberhauptmann mit schönen Locken
heiraten zu wollen, und nun haben wir die Bescherung! Alle inländischen
wohlmeinenden Anträge hat sie ausgeschlagen, noch neulich mußte ich den
gescheiten und tüchtigen Melchior Böhni heimschicken, der noch große
mehrmals hintereinander mit jungen Herren, setzte sich zerstreut und
schnell atmend und schlug eine Einladung des Polen, der endlich
herangetreten war, mit einer kurzen Verbeugung aus, ohne ihn anzusehen.
Seltsam aufgeregt und bekümmert ging er hinweg, nahm seinen famosen
Mantel um und schritt mit wehenden Locken in einem Gartenwege auf und
nieder. Es wurde ihm nun klar, daß er eigentlich nur dieses Wesens halber
so lange dageblieben sei, daß die unbestimmte Hoffnung, doch wieder in
ihre Nähe zu kommen, ihn unbewußt belebte, daß aber der ganze Handel
eben eine Unmöglichkeit darstelle von der verzweifeltsten Art.
Wie er so dahin schritt, hörte er rasche Tritte hinter sich, leichte, doch
unruhig bewegte. Nettchen ging an ihm vorüber und schien, nach einigen
ausgerufenen Worten zu urteilen, nach ihrem Wagen zu suchen, obgleich
derselbe auf der andern Seite des Hauses stand und hier nur
Winterkohlköpfe und eingewickelte Rosenbäumchen den Schlaf der
Gerechten verträumten. Dann kam sie wieder zurück, und da er jetzt mit
klopfendem Herzen ihr im Wege stand und bittend die Hände nach ihr
ausstreckte, fiel sie ihm ohne weiteres um den Hals und fing jämmerlich an
zu weinen. Er bedeckte ihre glühenden Wangen mit seinen fein duftenden
dunklen Locken und sein Mantel umschlug die schlanke, stolze,
schneeweiße Gestalt des Mädchens wie mit schwarzen Adlersflügeln; es
war ein wahrhaft schönes Bild, das seine Berechtigung ganz allein in sich
selbst zu tragen schien.
Strapinski aber verlor in diesem Abenteuer seinen Verstand und gewann
das Glück, das öfter den Unverständigen hold ist. Nettchen eröffnete ihrem
Vater noch in selbiger Nacht beim Nachhausefahren, daß kein anderer als
der Graf der Ihrige sein werde; dieser erschien am Morgen in aller Frühe,
um bei dem Vater liebenswürdig, schüchtern und melancholisch wie immer,
um sie zu werben, und der Vater hielt folgende Rede: »So hat sich denn das
Schicksal und der Wille dieses törichten Mädchens erfüllt! Schon als
Schulkind behauptete sie fortwährend, nur einen Italiener oder einen Polen,
einen großen Pianisten oder einen Räuberhauptmann mit schönen Locken
heiraten zu wollen, und nun haben wir die Bescherung! Alle inländischen
wohlmeinenden Anträge hat sie ausgeschlagen, noch neulich mußte ich den
gescheiten und tüchtigen Melchior Böhni heimschicken, der noch große
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Geschäfte machen wird, und sie hat ihn noch schrecklich verhöhnt, weil er
nur ein rötliches Backenbärtchen trägt und aus einem silbernen Döschen
schnupft! Nun, Gott sei Dank, ist ein polnischer Graf da aus wildester
Ferne! Nehmen Sie die Gans, Herr Graf, und schicken Sie mir dieselbe
wieder, wenn sie in Ihrer Polackei friert und einst unglücklich wird und
heult! Ach, was würde die selige Mutter für ein Entzücken genießen, wenn
sie noch erlebt hätte, daß das verzogene Kind eine Gräfin geworden ist!«
Nun gab es große Bewegung; in wenig Tagen sollte rasch die Verlobung
gefeiert werden, denn der Amtsrat behauptete, daß der künftige
Schwiegersohn sich in seinen Geschäften und vorhabenden Reisen nicht
durch Heiratssachen dürfe aufhalten lassen, sondern diese durch die
Beförderung jener beschleunigen müsse.
Strapinski brachte zur Verlobung Brautgeschenke, welche ihn die Hälfte
seines zeitlichen Vermögens kosteten; die andere Hälfte verwandte er zu
einem Feste, das er seiner Braut geben wollte. Es war eben Fastnachtszeit
und bei hellem Himmel ein verspätetes glänzendes Winterwetter. Die
Landstraßen boten die prächtigste Schlittenbahn, wie sie nur selten entsteht
und sich hält, und Herr von Strapinski veranstaltete darum eine
Schlittenfahrt und einen Ball in dem für solche Feste beliebten stattlichen
Gasthause, welches auf einer Hochebene mit der schönsten Aussicht
gelegen war, etwa zwei gute Stunden entfernt und genau in der Mitte
zwischen Goldach und Seldwyla.
Um diese Zeit geschah es, daß Herr Melchior Böhni in der letzteren Stadt
Geschäfte zu besorgen hatte und daher einige Tage vor dem Winterfest in
einem leichten Schlitten dahin fuhr, seine beste Zigarre rauchend; und es
geschah ferner, daß die Seldwyler auf den gleichen Tag, wie die Goldacher,
auch eine Schlittenfahrt verabredeten, nach dem gleichen Orte, und zwar
eine kostümierte oder Maskenfahrt.
So fuhr denn der Goldacher Schlittenzug gegen die Mittagsstunde unter
Schellenklang, Posthorntönen und Peitschenknall durch die Straßen der
Stadt, daß die Sinnbilder der alten Häuser erstaunt herniedersahen, und zum
Tore hinaus. Im ersten Schlitten saß Strapinski mit seiner Braut, in einem
polnischen Überrock von grünem Sammet, mit Schnüren besetzt und
schwer mit Pelz verbrämt und gefüttert. Nettchen war ganz in weißes
nur ein rötliches Backenbärtchen trägt und aus einem silbernen Döschen
schnupft! Nun, Gott sei Dank, ist ein polnischer Graf da aus wildester
Ferne! Nehmen Sie die Gans, Herr Graf, und schicken Sie mir dieselbe
wieder, wenn sie in Ihrer Polackei friert und einst unglücklich wird und
heult! Ach, was würde die selige Mutter für ein Entzücken genießen, wenn
sie noch erlebt hätte, daß das verzogene Kind eine Gräfin geworden ist!«
Nun gab es große Bewegung; in wenig Tagen sollte rasch die Verlobung
gefeiert werden, denn der Amtsrat behauptete, daß der künftige
Schwiegersohn sich in seinen Geschäften und vorhabenden Reisen nicht
durch Heiratssachen dürfe aufhalten lassen, sondern diese durch die
Beförderung jener beschleunigen müsse.
Strapinski brachte zur Verlobung Brautgeschenke, welche ihn die Hälfte
seines zeitlichen Vermögens kosteten; die andere Hälfte verwandte er zu
einem Feste, das er seiner Braut geben wollte. Es war eben Fastnachtszeit
und bei hellem Himmel ein verspätetes glänzendes Winterwetter. Die
Landstraßen boten die prächtigste Schlittenbahn, wie sie nur selten entsteht
und sich hält, und Herr von Strapinski veranstaltete darum eine
Schlittenfahrt und einen Ball in dem für solche Feste beliebten stattlichen
Gasthause, welches auf einer Hochebene mit der schönsten Aussicht
gelegen war, etwa zwei gute Stunden entfernt und genau in der Mitte
zwischen Goldach und Seldwyla.
Um diese Zeit geschah es, daß Herr Melchior Böhni in der letzteren Stadt
Geschäfte zu besorgen hatte und daher einige Tage vor dem Winterfest in
einem leichten Schlitten dahin fuhr, seine beste Zigarre rauchend; und es
geschah ferner, daß die Seldwyler auf den gleichen Tag, wie die Goldacher,
auch eine Schlittenfahrt verabredeten, nach dem gleichen Orte, und zwar
eine kostümierte oder Maskenfahrt.
So fuhr denn der Goldacher Schlittenzug gegen die Mittagsstunde unter
Schellenklang, Posthorntönen und Peitschenknall durch die Straßen der
Stadt, daß die Sinnbilder der alten Häuser erstaunt herniedersahen, und zum
Tore hinaus. Im ersten Schlitten saß Strapinski mit seiner Braut, in einem
polnischen Überrock von grünem Sammet, mit Schnüren besetzt und
schwer mit Pelz verbrämt und gefüttert. Nettchen war ganz in weißes
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Pelzwerk gehüllt; blaue Schleier schützten ihr Gesicht gegen die frische
Luft und gegen den Schneeglanz. Der Amtsrat war durch irgend ein
plötzliches Ereignis verhindert worden, mitzufahren; doch war es sein
Gespann und sein Schlitten, in welchem sie fuhren, ein vergoldetes
Frauenbild als Schlittenzierat vor sich, die Fortuna vorstellend; denn die
Stadtwohnung des Amtsrates hieß zur Fortuna.
Ihnen folgten fünfzehn bis sechzehn Gefährte mit je einem Herren und
einer Dame, alle geputzt und lebensfroh, aber keines der Paare so schön und
stattlich, wie das Brautpaar. Die Schlitten trugen, wie die Meerschiffe ihre
Galions, immer das Sinnbild des Hauses, dem jeder angehörte, so daß das
Volk rief: »Seht, da kommt die Tapferkeit! wie schön ist die Tüchtigkeit!
Die Verbesserlichkeit scheint neu lackiert zu sein und die Sparsamkeit
frisch vergoldet! Ah, der Jakobsbrunnen und der Teich Bethesda!« Im
Teiche Bethesda, welcher als bescheidener Einspänner den Zug schloß,
kutschierte Melchior Böhni still und vergnügt. Als Galion seines
Fahrzeuges hatte er das Bild jenes jüdischen Männchens vor sich, welcher
an besagtem Teiche dreißig Jahre auf sein Heil gewartet. So segelte denn
das Geschwader im Sonnenscheine dahin und erschien bald auf der weithin
schimmernden Höhe, dem Ziele sich nahend. Da ertönte gleichzeitig von
der entgegengesetzten Seite lustige Musik.
Aus einem duftig bereiften Walde heraus brach ein Wirrwarr von bunten
Farben und Gestalten und entwickelte sich zu einem Schlittenzug, welcher
hoch am weißen Feldrande sich auf den blauen Himmel zeichnete und
ebenfalls nach der Mitte der Gegend hinglitt, von abenteuerlichem Anblick.
Es schienen meistens große bäuerliche Lastschlitten zu sein, je zwei
zusammengebunden, um absonderlichen Gebilden und Schaustellungen zur
Unterlage zu dienen. Auf dem vordersten Fuhrwerke ragte eine kolossale
Figur empor, die Göttin Fortuna vorstellend, welche in den Äther hinaus zu
fliegen schien. Es war eine riesenhafte Strohpuppe voll schimmernden
Flittergoldes, deren Gazegewänder in der Luft flatterten. Auf dem zweiten
Gefährte aber fuhr ein ebenso riesenmäßiger Ziegenbock einher, schwarz
und düster abstechend und mit gesenkten Hörnern der Fortuna nachjagend.
Hierauf folgte ein seltsames Gerüste, welches sich als ein fünfzehn Schuh
hohes Bügeleisen darstellte, dann eine gewaltig schnappende Schere,
welche mittels einer Schnur auf- und zugeklappt wurde und das
Himmelszelt für einen blauseidenen Westenstoff anzusehen schien. Andere
Luft und gegen den Schneeglanz. Der Amtsrat war durch irgend ein
plötzliches Ereignis verhindert worden, mitzufahren; doch war es sein
Gespann und sein Schlitten, in welchem sie fuhren, ein vergoldetes
Frauenbild als Schlittenzierat vor sich, die Fortuna vorstellend; denn die
Stadtwohnung des Amtsrates hieß zur Fortuna.
Ihnen folgten fünfzehn bis sechzehn Gefährte mit je einem Herren und
einer Dame, alle geputzt und lebensfroh, aber keines der Paare so schön und
stattlich, wie das Brautpaar. Die Schlitten trugen, wie die Meerschiffe ihre
Galions, immer das Sinnbild des Hauses, dem jeder angehörte, so daß das
Volk rief: »Seht, da kommt die Tapferkeit! wie schön ist die Tüchtigkeit!
Die Verbesserlichkeit scheint neu lackiert zu sein und die Sparsamkeit
frisch vergoldet! Ah, der Jakobsbrunnen und der Teich Bethesda!« Im
Teiche Bethesda, welcher als bescheidener Einspänner den Zug schloß,
kutschierte Melchior Böhni still und vergnügt. Als Galion seines
Fahrzeuges hatte er das Bild jenes jüdischen Männchens vor sich, welcher
an besagtem Teiche dreißig Jahre auf sein Heil gewartet. So segelte denn
das Geschwader im Sonnenscheine dahin und erschien bald auf der weithin
schimmernden Höhe, dem Ziele sich nahend. Da ertönte gleichzeitig von
der entgegengesetzten Seite lustige Musik.
Aus einem duftig bereiften Walde heraus brach ein Wirrwarr von bunten
Farben und Gestalten und entwickelte sich zu einem Schlittenzug, welcher
hoch am weißen Feldrande sich auf den blauen Himmel zeichnete und
ebenfalls nach der Mitte der Gegend hinglitt, von abenteuerlichem Anblick.
Es schienen meistens große bäuerliche Lastschlitten zu sein, je zwei
zusammengebunden, um absonderlichen Gebilden und Schaustellungen zur
Unterlage zu dienen. Auf dem vordersten Fuhrwerke ragte eine kolossale
Figur empor, die Göttin Fortuna vorstellend, welche in den Äther hinaus zu
fliegen schien. Es war eine riesenhafte Strohpuppe voll schimmernden
Flittergoldes, deren Gazegewänder in der Luft flatterten. Auf dem zweiten
Gefährte aber fuhr ein ebenso riesenmäßiger Ziegenbock einher, schwarz
und düster abstechend und mit gesenkten Hörnern der Fortuna nachjagend.
Hierauf folgte ein seltsames Gerüste, welches sich als ein fünfzehn Schuh
hohes Bügeleisen darstellte, dann eine gewaltig schnappende Schere,
welche mittels einer Schnur auf- und zugeklappt wurde und das
Himmelszelt für einen blauseidenen Westenstoff anzusehen schien. Andere
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solche landläufige Anspielungen auf das Schneiderwesen folgten noch, und
zu Füßen aller dieser Gebilde saß auf den geräumigen, je von vier Pferden
gezogenen Schlitten die Seldwyler Gesellschaft in buntester Tracht, mit
lautem Gelächter und Gesang.
Als beide Züge gleichzeitig auf dem Platze vor dem Gasthause auffuhren,
gab es demnach einen geräuschvollen Auftritt und ein großes Gedränge von
Menschen und Pferden. Die Herrschaften von Goldach waren überrascht
und erstaunt über die abenteuerliche Begegnung; die Seldwyler dagegen
stellten sich vorerst gemütlich und freundschaftlich bescheiden. Ihr
vorderster Schlitten mit der Fortuna trug die Inschrift »Leute machen
Kleider« und so ergab es sich denn, daß die ganze Gesellschaft lauter
Schneidersleute von allen Nationen und aus allen Zeitaltern darstellte. Es
war gewissermaßen ein historisch-ethnographischer Schneiderfestzug,
welcher mit der umgekehrten und ergänzenden Inschrift abschloß: »Kleider
machen Leute!« In dem letzten Schlitten mit dieser Überschrift saßen
nämlich, als das Werk der vorausgefahrenen heidnischen und christlichen
Nahtbeflissenen aller Art, ehrwürdige Kaiser und Könige, Ratsherren und
Stabsoffiziere, Prälaten und Stiftsdamen in höchster Gravität.
Diese Schneiderwelt wußte sich gewandt aus dem Wirrwarr zu ordnen
und ließ die Goldacher Herren und Damen, das Brautpaar an deren Spitze,
bescheiden ins Haus spazieren, um nachher die unteren Räume desselben,
welche für sie bestellt waren, zu besetzen, während jene die breite Treppe
empor nach dem großen Festsaale rauschten. Die Gesellschaft des Herren
Grafen fand dies Benehmen schicklich und ihre Überraschung verwandelte
sich in Heiterkeit und beifälliges Lächeln über die unverwüstliche Laune
der Seldwyler; nur der Graf selbst hegte gar dunkle Empfindungen, die ihm
nicht behagten, obgleich er in der jetzigen Voreingenommenheit seiner
Seele keinen bestimmten Argwohn verspürte und nicht einmal bemerkt
hatte, woher die Leute gekommen waren. Melchior Böhni, der seinen Teich
Bethesda sorglich bei Seite gebracht hatte und sich aufmerksam in der Nähe
Strapinskis befand, nannte laut, daß dieser es hören konnte, eine ganz andre
Ortschaft als den Ursprungsort des Maskenzuges.
Bald saßen beide Gesellschaften, jegliche auf ihrem Stockwerke, an den
gedeckten Tafeln und gaben sich fröhlichen Gesprächen und Scherzreden
hin, in Erwartung weiterer Freuden.
zu Füßen aller dieser Gebilde saß auf den geräumigen, je von vier Pferden
gezogenen Schlitten die Seldwyler Gesellschaft in buntester Tracht, mit
lautem Gelächter und Gesang.
Als beide Züge gleichzeitig auf dem Platze vor dem Gasthause auffuhren,
gab es demnach einen geräuschvollen Auftritt und ein großes Gedränge von
Menschen und Pferden. Die Herrschaften von Goldach waren überrascht
und erstaunt über die abenteuerliche Begegnung; die Seldwyler dagegen
stellten sich vorerst gemütlich und freundschaftlich bescheiden. Ihr
vorderster Schlitten mit der Fortuna trug die Inschrift »Leute machen
Kleider« und so ergab es sich denn, daß die ganze Gesellschaft lauter
Schneidersleute von allen Nationen und aus allen Zeitaltern darstellte. Es
war gewissermaßen ein historisch-ethnographischer Schneiderfestzug,
welcher mit der umgekehrten und ergänzenden Inschrift abschloß: »Kleider
machen Leute!« In dem letzten Schlitten mit dieser Überschrift saßen
nämlich, als das Werk der vorausgefahrenen heidnischen und christlichen
Nahtbeflissenen aller Art, ehrwürdige Kaiser und Könige, Ratsherren und
Stabsoffiziere, Prälaten und Stiftsdamen in höchster Gravität.
Diese Schneiderwelt wußte sich gewandt aus dem Wirrwarr zu ordnen
und ließ die Goldacher Herren und Damen, das Brautpaar an deren Spitze,
bescheiden ins Haus spazieren, um nachher die unteren Räume desselben,
welche für sie bestellt waren, zu besetzen, während jene die breite Treppe
empor nach dem großen Festsaale rauschten. Die Gesellschaft des Herren
Grafen fand dies Benehmen schicklich und ihre Überraschung verwandelte
sich in Heiterkeit und beifälliges Lächeln über die unverwüstliche Laune
der Seldwyler; nur der Graf selbst hegte gar dunkle Empfindungen, die ihm
nicht behagten, obgleich er in der jetzigen Voreingenommenheit seiner
Seele keinen bestimmten Argwohn verspürte und nicht einmal bemerkt
hatte, woher die Leute gekommen waren. Melchior Böhni, der seinen Teich
Bethesda sorglich bei Seite gebracht hatte und sich aufmerksam in der Nähe
Strapinskis befand, nannte laut, daß dieser es hören konnte, eine ganz andre
Ortschaft als den Ursprungsort des Maskenzuges.
Bald saßen beide Gesellschaften, jegliche auf ihrem Stockwerke, an den
gedeckten Tafeln und gaben sich fröhlichen Gesprächen und Scherzreden
hin, in Erwartung weiterer Freuden.
Page 35
Die kündigten sich denn auch für die Goldacher an, als sie paarweise in
den Tanzsaal hinüber schritten und dort die Musiker schon ihre Geigen
stimmten. Wie nun aber alles im Kreise stand und sich zum Reihen ordnen
wollte, erschien eine Gesandtschaft der Seldwyler, welche das
freundnachbarliche Gesuch und Anerbieten vortrug, den Herren und Frauen
von Goldach einen Besuch abstatten zu dürfen und ihnen zum Ergötzen
einen Schautanz aufzuführen. Dieses Anerbieten konnte nicht wohl
zurückgewiesen werden; auch versprach man sich von den lustigen
Seldwylern einen tüchtigen Spaß und setzte sich daher nach der Anordnung
der besagten Gesandtschaft in einem großen Halbring, in dessen Mitte
Strapinski und Nettchen glänzten gleich fürstlichen Sternen.
Nun traten allmählich jene besagten Schneidergruppen nacheinander ein.
Jede führte in zierlichem Gebärdenspiel den Satz »Leute machen Kleider«
und dessen Umkehrung durch, indem sie erst mit Emsigkeit irgend ein
stattliches Kleidungsstück, einen Fürstenmantel, Priestertalar und
dergleichen anzufertigen schien und sodann eine dürftige Person damit
bekleidete, welche urplötzlich umgewandelt sich in höchstem Ansehen
aufrichtete und nach dem Takte der Musik feierlich einherging. Auch die
Tierfabel wurde in diesem Sinne in Szene gesetzt, da eine gewaltige Krähe
erschien, die sich mit Pfauenfedern schmückte und quakend umherhüpfte,
ein Wolf, der sich einen Schafspelz zurecht schneiderte, schließlich ein
Esel, der eine furchtbare Löwenhaut von Werg trug und sich heroisch damit
drapierte, wie mit einem Karbonarimantel.
Alle, die so erschienen, traten nach vollbrachter Darstellung zurück und
machten allmählich so den Halbkreis der Goldacher zu einem weiten Ring
von Zuschauern, dessen innerer Raum endlich leer ward. In diesem
Augenblicke ging die Musik in eine wehmütig ernste Weise über und
zugleich beschritt eine letzte Erscheinung den Kreis, dessen Augen sämtlich
auf sie gerichtet waren. Es war ein schlanker junger Mann in dunklem
Mantel, dunkeln schönen Haaren und mit einer polnischen Mütze; es war
niemand anders als der Graf Strapinski, wie er an jenem Novembertag auf
der Straße gewandert und den verhängnisvollen Wagen bestiegen hatte.
Die ganze Versammlung blickte lautlos gespannt auf die Gestalt, welche
feierlich schwermütig einige Gänge nach dem Takte der Musik umher trat,
dann in die Mitte des Ringes sich begab, den Mantel auf den Boden
den Tanzsaal hinüber schritten und dort die Musiker schon ihre Geigen
stimmten. Wie nun aber alles im Kreise stand und sich zum Reihen ordnen
wollte, erschien eine Gesandtschaft der Seldwyler, welche das
freundnachbarliche Gesuch und Anerbieten vortrug, den Herren und Frauen
von Goldach einen Besuch abstatten zu dürfen und ihnen zum Ergötzen
einen Schautanz aufzuführen. Dieses Anerbieten konnte nicht wohl
zurückgewiesen werden; auch versprach man sich von den lustigen
Seldwylern einen tüchtigen Spaß und setzte sich daher nach der Anordnung
der besagten Gesandtschaft in einem großen Halbring, in dessen Mitte
Strapinski und Nettchen glänzten gleich fürstlichen Sternen.
Nun traten allmählich jene besagten Schneidergruppen nacheinander ein.
Jede führte in zierlichem Gebärdenspiel den Satz »Leute machen Kleider«
und dessen Umkehrung durch, indem sie erst mit Emsigkeit irgend ein
stattliches Kleidungsstück, einen Fürstenmantel, Priestertalar und
dergleichen anzufertigen schien und sodann eine dürftige Person damit
bekleidete, welche urplötzlich umgewandelt sich in höchstem Ansehen
aufrichtete und nach dem Takte der Musik feierlich einherging. Auch die
Tierfabel wurde in diesem Sinne in Szene gesetzt, da eine gewaltige Krähe
erschien, die sich mit Pfauenfedern schmückte und quakend umherhüpfte,
ein Wolf, der sich einen Schafspelz zurecht schneiderte, schließlich ein
Esel, der eine furchtbare Löwenhaut von Werg trug und sich heroisch damit
drapierte, wie mit einem Karbonarimantel.
Alle, die so erschienen, traten nach vollbrachter Darstellung zurück und
machten allmählich so den Halbkreis der Goldacher zu einem weiten Ring
von Zuschauern, dessen innerer Raum endlich leer ward. In diesem
Augenblicke ging die Musik in eine wehmütig ernste Weise über und
zugleich beschritt eine letzte Erscheinung den Kreis, dessen Augen sämtlich
auf sie gerichtet waren. Es war ein schlanker junger Mann in dunklem
Mantel, dunkeln schönen Haaren und mit einer polnischen Mütze; es war
niemand anders als der Graf Strapinski, wie er an jenem Novembertag auf
der Straße gewandert und den verhängnisvollen Wagen bestiegen hatte.
Die ganze Versammlung blickte lautlos gespannt auf die Gestalt, welche
feierlich schwermütig einige Gänge nach dem Takte der Musik umher trat,
dann in die Mitte des Ringes sich begab, den Mantel auf den Boden
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breitete, sich schneidermäßig darauf niedersetzte und anfing ein Bündel
auszupacken. Er zog einen beinahe fertigen Grafenrock hervor, ganz wie
ihn Strapinski in diesem Augenblicke trug, nähete mit großer Hast und
Geschicklichkeit Troddeln und Schnüre darauf und bügelte ihn schulgerecht
aus, indem er das scheinbar heiße Bügeleisen mit nassen Fingern prüfte.
Dann richtete er sich langsam auf, zog seinen fadenscheinigen Rock aus
und das Prachtkleid an, nahm ein Spiegelchen, kämmte sich und vollendete
seinen Anzug, daß er endlich als das leibhafte Ebenbild des Grafen dastand.
Unversehens ging die Musik in eine rasche, mutige Weise über, der Mann
wickelte seine Siebensachen in den alten Mantel und warf das Pack weit
über die Köpfe der Anwesenden hinweg in die Tiefe des Saales, als wollte
er sich ewig von seiner Vergangenheit trennen. Hierauf beging er als stolzer
Weltmann in stattlichen Tanzschritten den Kreis, hier und da sich vor den
Anwesenden huldreich verbeugend, bis er vor das Brautpaar gelangte.
Plötzlich faßte er den Polen, ungeheuer überrascht, fest ins Auge, stand als
eine Säule vor ihm still, während gleichzeitig wie auf Verabredung die
Musik aufhörte und eine fürchterliche Stille wie ein stummer Blitz einfiel.
»Ei ei ei ei!« rief er mit weithin vernehmlicher Stimme und reckte den
Arm gegen den Unglücklichen aus, »sieh da den Bruder Schlesier, den
Wasserpolacken! Der mir aus der Arbeit gelaufen ist, weil er wegen einer
kleinen Geschäftsschwankung glaubte, es sei zu Ende mit mir. Nun es freut
mich, daß es Ihnen so lustig geht und Sie hier so fröhliche Fastnacht halten!
Stehen Sie in Arbeit zu Goldach?«
Zugleich gab er dem bleich und lächelnd dasitzenden Grafensohn die
Hand, welche dieser willenlos ergriff wie eine feurige Eisenstange, während
der Doppelgänger rief: »Kommt, Freunde, seht hier unsern sanften
Schneidergesellen, der wie ein Raphael aussieht und unsern Dienstmägden,
auch der Pfarrerstochter so wohl gefiel, die freilich ein bißchen
übergeschnappt ist!«
Nun kamen die Seldwyler Leute alle herbei und drängten sich um
Strapinski und seinen ehemaligen Meister, indem sie ersterem treuherzig
die Hand schüttelten, daß er auf seinem Stuhle schwankte und zitterte.
Gleichzeitig setzte die Musik wieder ein mit einem lebhaften Marsch; die
Seldwyler, sowie sie an dem Brautpaar vorüber waren, ordneten sich zum
Abzuge und marschierten unter Absingung eines wohl einstudierten
auszupacken. Er zog einen beinahe fertigen Grafenrock hervor, ganz wie
ihn Strapinski in diesem Augenblicke trug, nähete mit großer Hast und
Geschicklichkeit Troddeln und Schnüre darauf und bügelte ihn schulgerecht
aus, indem er das scheinbar heiße Bügeleisen mit nassen Fingern prüfte.
Dann richtete er sich langsam auf, zog seinen fadenscheinigen Rock aus
und das Prachtkleid an, nahm ein Spiegelchen, kämmte sich und vollendete
seinen Anzug, daß er endlich als das leibhafte Ebenbild des Grafen dastand.
Unversehens ging die Musik in eine rasche, mutige Weise über, der Mann
wickelte seine Siebensachen in den alten Mantel und warf das Pack weit
über die Köpfe der Anwesenden hinweg in die Tiefe des Saales, als wollte
er sich ewig von seiner Vergangenheit trennen. Hierauf beging er als stolzer
Weltmann in stattlichen Tanzschritten den Kreis, hier und da sich vor den
Anwesenden huldreich verbeugend, bis er vor das Brautpaar gelangte.
Plötzlich faßte er den Polen, ungeheuer überrascht, fest ins Auge, stand als
eine Säule vor ihm still, während gleichzeitig wie auf Verabredung die
Musik aufhörte und eine fürchterliche Stille wie ein stummer Blitz einfiel.
»Ei ei ei ei!« rief er mit weithin vernehmlicher Stimme und reckte den
Arm gegen den Unglücklichen aus, »sieh da den Bruder Schlesier, den
Wasserpolacken! Der mir aus der Arbeit gelaufen ist, weil er wegen einer
kleinen Geschäftsschwankung glaubte, es sei zu Ende mit mir. Nun es freut
mich, daß es Ihnen so lustig geht und Sie hier so fröhliche Fastnacht halten!
Stehen Sie in Arbeit zu Goldach?«
Zugleich gab er dem bleich und lächelnd dasitzenden Grafensohn die
Hand, welche dieser willenlos ergriff wie eine feurige Eisenstange, während
der Doppelgänger rief: »Kommt, Freunde, seht hier unsern sanften
Schneidergesellen, der wie ein Raphael aussieht und unsern Dienstmägden,
auch der Pfarrerstochter so wohl gefiel, die freilich ein bißchen
übergeschnappt ist!«
Nun kamen die Seldwyler Leute alle herbei und drängten sich um
Strapinski und seinen ehemaligen Meister, indem sie ersterem treuherzig
die Hand schüttelten, daß er auf seinem Stuhle schwankte und zitterte.
Gleichzeitig setzte die Musik wieder ein mit einem lebhaften Marsch; die
Seldwyler, sowie sie an dem Brautpaar vorüber waren, ordneten sich zum
Abzuge und marschierten unter Absingung eines wohl einstudierten
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diabolischen Lachchores aus dem Saale, während die Goldacher, unter
welchen Böhni die Erklärung des Mirakels blitzschnell zu verbreiten
gewußt hatte, durcheinander liefen und sich mit den Seldwylern kreuzten,
so daß es einen großen Tumult gab.
Als dieser sich endlich legte, war auch der Saal beinahe leer; wenige
Leute standen an den Wänden und flüsterten verlegen untereinander; ein
paar junge Damen hielten sich in einiger Entfernung von Nettchen,
unschlüssig, ob sie sich derselben nähern sollten oder nicht.
Das Paar aber saß unbeweglich auf seinen Stühlen gleich einem
steinernen ägyptischen Königspaar, ganz still und einsam; man glaubte den
unabsehbaren glühenden Wüstensand zu fühlen.
Nettchen, weiß wie ein Marmor, wendete das Gesicht langsam nach
ihrem Bräutigam und sah ihn seltsam von der Seite an.
Da stand er langsam auf und ging mit schweren Schritten hinweg, die
Augen auf den Boden gerichtet, während große Tränen aus denselben
fielen.
Er ging durch die Goldacher und Seldwyler, welche die Treppen
bedeckten, hindurch wie ein Toter, der sich gespenstisch von einem
Jahrmarkt stiehlt, und sie ließen ihn seltsamerweise auch wie einen solchen
passieren, indem sie ihm still auswichen ohne zu lachen oder harte Worte
nachzurufen. Er ging auch zwischen den zur Abfahrt gerüsteten Schlitten
und Pferden von Goldach hindurch, indessen die Seldwyler sich in ihrem
Quartiere erst noch recht belustigten, und er wandelte halb unbewußt, nur in
der Meinung, nicht mehr nach Goldach zurückzukommen, dieselbe Straße
gegen Seldwyla hin, auf welcher er vor einigen Monaten hergewandert war.
Bald verschwand er in der Dunkelheit des Waldes, durch welchen sich die
Straße zog. Er war barhäuptig, denn seine Polenmütze war im
Fenstergesimse des Tanzsaales liegen geblieben nebst den Handschuhen,
und so schritt er denn gesenkten Hauptes und die frierenden Hände unter
die gekreuzten Arme bergend vorwärts, während seine Gedanken sich
allmählich sammelten und zu einigem Erkennen gelangten. Das erste
deutliche Gefühl, dessen er inne wurde, war dasjenige einer ungeheuren
Schande, gleich wie wenn er ein wirklicher Mann von Rang und Ansehen
gewesen und nun infam geworden wäre durch Hereinbrechen irgend eines
welchen Böhni die Erklärung des Mirakels blitzschnell zu verbreiten
gewußt hatte, durcheinander liefen und sich mit den Seldwylern kreuzten,
so daß es einen großen Tumult gab.
Als dieser sich endlich legte, war auch der Saal beinahe leer; wenige
Leute standen an den Wänden und flüsterten verlegen untereinander; ein
paar junge Damen hielten sich in einiger Entfernung von Nettchen,
unschlüssig, ob sie sich derselben nähern sollten oder nicht.
Das Paar aber saß unbeweglich auf seinen Stühlen gleich einem
steinernen ägyptischen Königspaar, ganz still und einsam; man glaubte den
unabsehbaren glühenden Wüstensand zu fühlen.
Nettchen, weiß wie ein Marmor, wendete das Gesicht langsam nach
ihrem Bräutigam und sah ihn seltsam von der Seite an.
Da stand er langsam auf und ging mit schweren Schritten hinweg, die
Augen auf den Boden gerichtet, während große Tränen aus denselben
fielen.
Er ging durch die Goldacher und Seldwyler, welche die Treppen
bedeckten, hindurch wie ein Toter, der sich gespenstisch von einem
Jahrmarkt stiehlt, und sie ließen ihn seltsamerweise auch wie einen solchen
passieren, indem sie ihm still auswichen ohne zu lachen oder harte Worte
nachzurufen. Er ging auch zwischen den zur Abfahrt gerüsteten Schlitten
und Pferden von Goldach hindurch, indessen die Seldwyler sich in ihrem
Quartiere erst noch recht belustigten, und er wandelte halb unbewußt, nur in
der Meinung, nicht mehr nach Goldach zurückzukommen, dieselbe Straße
gegen Seldwyla hin, auf welcher er vor einigen Monaten hergewandert war.
Bald verschwand er in der Dunkelheit des Waldes, durch welchen sich die
Straße zog. Er war barhäuptig, denn seine Polenmütze war im
Fenstergesimse des Tanzsaales liegen geblieben nebst den Handschuhen,
und so schritt er denn gesenkten Hauptes und die frierenden Hände unter
die gekreuzten Arme bergend vorwärts, während seine Gedanken sich
allmählich sammelten und zu einigem Erkennen gelangten. Das erste
deutliche Gefühl, dessen er inne wurde, war dasjenige einer ungeheuren
Schande, gleich wie wenn er ein wirklicher Mann von Rang und Ansehen
gewesen und nun infam geworden wäre durch Hereinbrechen irgend eines
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verhängnisvollen Unglückes. Dann löste sich dieses Gefühl aber auf in eine
Art Bewußtsein erlittenen Unrechtes; er hatte sich bis zu seinem glorreichen
Einzug in die verwünschte Stadt nie ein Vergehen zu Schulden kommen
lassen; soweit seine Gedanken in die Kindheit zurückreichten, war ihm
nicht erinnerlich, daß er je wegen einer Lüge oder einer Täuschung gestraft
oder gescholten worden wäre, und nun war er ein Betrüger geworden
dadurch, daß die Torheit der Welt ihn in einem unbewachten und sozusagen
wehrlosen Augenblicke überfallen und ihn zu ihrem Spielgesellen gemacht
hatte. Er kam sich wie ein Kind vor, welches ein anderes boshaftes Kind
überredet hat, von einem Altare den Kelch zu stehlen; er haßte und
verachtete sich jetzt, aber er weinte auch über sich und seine unglückliche
Verirrung.
Wenn ein Fürst Land und Leute nimmt, wenn ein Priester die Lehre
seiner Kirche ohne Überzeugung verkündet, aber die Güter seiner Pfründe
mit Würde verzehrt; wenn ein dünkelvoller Lehrer die Ehren und Vorteile
eines hohen Lehramtes inne hat und genießt, ohne von der Höhe seiner
Wissenschaft den mindesten Begriff zu haben und derselben auch nur den
kleinsten Vorschub zu leisten; wenn ein Künstler ohne Tugend, mit
leichtfertigem Tun und leerer Gaukelei sich in Mode bringt und Brot und
Ruhm der wahren Arbeit vorwegstiehlt; oder wenn ein Schwindler, der
einen großen Kaufmannsnamen geerbt oder erschlichen hat, durch seine
Torheiten und Gewissenlosigkeiten Tausende um ihre Ersparnisse und
Notpfennige bringt, so weinen alle diese nicht über sich, sondern erfreuen
sich ihres Wohlseins und bleiben nicht einen Abend ohne aufheiternde
Gesellschaft und gute Freunde.
Unser Schneider aber weinte bitterlich über sich, das heißt er fing solches
plötzlich an, als nun seine Gedanken an der schweren Kette, an der sie
hingen, unversehens zu der verlassenen Braut zurückkehrten und sich aus
Scham vor der Unsichtbaren zur Erde krümmten. Das Unglück und die
Erniedrigung zeigten ihm mit einem hellen Strahle das verlorene Glück und
machten aus dem unklar verliebten Irrgänger einen verstoßenen Liebenden.
Er streckte die Arme gegen die kalt glänzenden Sterne empor und taumelte
mehr als er ging, auf seiner Straße dahin, stand wieder still und schüttelte
den Kopf, als plötzlich ein roter Schein den Schnee um ihn her erreichte
und zugleich Schellenklang und Gelächter ertönte. Es waren die Seldwyler,
welche mit Fackeln nach Hause fuhren. Schon näherten sich ihm die ersten
Art Bewußtsein erlittenen Unrechtes; er hatte sich bis zu seinem glorreichen
Einzug in die verwünschte Stadt nie ein Vergehen zu Schulden kommen
lassen; soweit seine Gedanken in die Kindheit zurückreichten, war ihm
nicht erinnerlich, daß er je wegen einer Lüge oder einer Täuschung gestraft
oder gescholten worden wäre, und nun war er ein Betrüger geworden
dadurch, daß die Torheit der Welt ihn in einem unbewachten und sozusagen
wehrlosen Augenblicke überfallen und ihn zu ihrem Spielgesellen gemacht
hatte. Er kam sich wie ein Kind vor, welches ein anderes boshaftes Kind
überredet hat, von einem Altare den Kelch zu stehlen; er haßte und
verachtete sich jetzt, aber er weinte auch über sich und seine unglückliche
Verirrung.
Wenn ein Fürst Land und Leute nimmt, wenn ein Priester die Lehre
seiner Kirche ohne Überzeugung verkündet, aber die Güter seiner Pfründe
mit Würde verzehrt; wenn ein dünkelvoller Lehrer die Ehren und Vorteile
eines hohen Lehramtes inne hat und genießt, ohne von der Höhe seiner
Wissenschaft den mindesten Begriff zu haben und derselben auch nur den
kleinsten Vorschub zu leisten; wenn ein Künstler ohne Tugend, mit
leichtfertigem Tun und leerer Gaukelei sich in Mode bringt und Brot und
Ruhm der wahren Arbeit vorwegstiehlt; oder wenn ein Schwindler, der
einen großen Kaufmannsnamen geerbt oder erschlichen hat, durch seine
Torheiten und Gewissenlosigkeiten Tausende um ihre Ersparnisse und
Notpfennige bringt, so weinen alle diese nicht über sich, sondern erfreuen
sich ihres Wohlseins und bleiben nicht einen Abend ohne aufheiternde
Gesellschaft und gute Freunde.
Unser Schneider aber weinte bitterlich über sich, das heißt er fing solches
plötzlich an, als nun seine Gedanken an der schweren Kette, an der sie
hingen, unversehens zu der verlassenen Braut zurückkehrten und sich aus
Scham vor der Unsichtbaren zur Erde krümmten. Das Unglück und die
Erniedrigung zeigten ihm mit einem hellen Strahle das verlorene Glück und
machten aus dem unklar verliebten Irrgänger einen verstoßenen Liebenden.
Er streckte die Arme gegen die kalt glänzenden Sterne empor und taumelte
mehr als er ging, auf seiner Straße dahin, stand wieder still und schüttelte
den Kopf, als plötzlich ein roter Schein den Schnee um ihn her erreichte
und zugleich Schellenklang und Gelächter ertönte. Es waren die Seldwyler,
welche mit Fackeln nach Hause fuhren. Schon näherten sich ihm die ersten
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Pferde mit ihren Nasen; da raffte er sich auf, tat einen gewaltigen Sprung
über den Straßenrand und duckte sich unter die vordersten Stämme des
Waldes. Der tolle Zug fuhr vorbei und verhallte endlich in der dunklen
Ferne, ohne daß der Flüchtling bemerkt worden war; dieser aber, nachdem
er eine gute Weile reglos gelauscht hatte, von der Kälte wie von den erst
genossenen feurigen Getränken und seiner gramvollen Dummheit
übermannt, streckte unvermerkt seine Glieder aus und schlief ein auf dem
knisternden Schnee, während ein eiskalter Hauch von Osten heranzuwehen
begann.
Inzwischen erhob auch Nettchen sich von ihrem einsamen Sitze. Sie hatte
dem abziehenden Geliebten gewissermaßen aufmerksam nachgeschaut, saß
länger als eine Stunde unbeweglich da und stand dann auf, indem sie
bitterlich zu weinen begann und ratlos nach der Türe ging. Zwei
Freundinnen gesellten sich nun zu ihr mit zweifelhaft tröstenden Worten;
sie bat dieselben, ihr Mantel, Tücher, Hut und dergleichen zu verschaffen,
in welche Dinge sie sich sodann stumm verhüllte, die Augen mit dem
Schleier heftig trocknend. Da man aber, wenn man weint, fast immer
zugleich auch die Nase schneuzen muß, so sah sie sich doch genötigt, das
Taschentuch zu nehmen und tat einen tüchtigen Schneuz, worauf sie stolz
und zornig um sich blickte. In dieses Blicken hinein geriet Melchior Böhni,
der sich ihr freundlich, demütig und lächelnd näherte und ihr die
Notwendigkeit darstellte, nunmehr einen Führer und Begleiter nach dem
väterlichen Hause zurückzuhaben. Den Teich Bethesda, sagte er, werde er
hier im Gasthause zurücklassen und dafür die Fortuna mit der verehrten
Unglücklichen sicher nach Goldach hingeleiten.
Ohne zu antworten ging sie festen Schrittes voran nach dem Hofe, wo der
Schlitten mit den ungeduldigen wohlgefütterten Pferden bereit stand, einer
der letzten, welche dort waren. Sie nahm rasch darin Platz, ergriff das
Leitseil und die Peitsche, und während der achtlose Böhni, mit glücklicher
Geschäftigkeit sich gebärdend, dem Stallknecht, der die Pferde gehalten,
das Trinkgeld hervorsuchte, trieb sie unversehens die Pferde an und fuhr auf
die Landstraße hinaus in starken Sätzen, welche sich bald in einen
anhaltenden munteren Galopp verwandelten. Und zwar ging es nicht nach
der Heimat, sondern auf der Seldwyler Straße hin. Erst als das
leichtbeschwingte Fahrzeug schon dem Blicke entschwunden war,
entdeckte Herr Böhni das Ereignis und lief in der Richtung gegen Goldach
über den Straßenrand und duckte sich unter die vordersten Stämme des
Waldes. Der tolle Zug fuhr vorbei und verhallte endlich in der dunklen
Ferne, ohne daß der Flüchtling bemerkt worden war; dieser aber, nachdem
er eine gute Weile reglos gelauscht hatte, von der Kälte wie von den erst
genossenen feurigen Getränken und seiner gramvollen Dummheit
übermannt, streckte unvermerkt seine Glieder aus und schlief ein auf dem
knisternden Schnee, während ein eiskalter Hauch von Osten heranzuwehen
begann.
Inzwischen erhob auch Nettchen sich von ihrem einsamen Sitze. Sie hatte
dem abziehenden Geliebten gewissermaßen aufmerksam nachgeschaut, saß
länger als eine Stunde unbeweglich da und stand dann auf, indem sie
bitterlich zu weinen begann und ratlos nach der Türe ging. Zwei
Freundinnen gesellten sich nun zu ihr mit zweifelhaft tröstenden Worten;
sie bat dieselben, ihr Mantel, Tücher, Hut und dergleichen zu verschaffen,
in welche Dinge sie sich sodann stumm verhüllte, die Augen mit dem
Schleier heftig trocknend. Da man aber, wenn man weint, fast immer
zugleich auch die Nase schneuzen muß, so sah sie sich doch genötigt, das
Taschentuch zu nehmen und tat einen tüchtigen Schneuz, worauf sie stolz
und zornig um sich blickte. In dieses Blicken hinein geriet Melchior Böhni,
der sich ihr freundlich, demütig und lächelnd näherte und ihr die
Notwendigkeit darstellte, nunmehr einen Führer und Begleiter nach dem
väterlichen Hause zurückzuhaben. Den Teich Bethesda, sagte er, werde er
hier im Gasthause zurücklassen und dafür die Fortuna mit der verehrten
Unglücklichen sicher nach Goldach hingeleiten.
Ohne zu antworten ging sie festen Schrittes voran nach dem Hofe, wo der
Schlitten mit den ungeduldigen wohlgefütterten Pferden bereit stand, einer
der letzten, welche dort waren. Sie nahm rasch darin Platz, ergriff das
Leitseil und die Peitsche, und während der achtlose Böhni, mit glücklicher
Geschäftigkeit sich gebärdend, dem Stallknecht, der die Pferde gehalten,
das Trinkgeld hervorsuchte, trieb sie unversehens die Pferde an und fuhr auf
die Landstraße hinaus in starken Sätzen, welche sich bald in einen
anhaltenden munteren Galopp verwandelten. Und zwar ging es nicht nach
der Heimat, sondern auf der Seldwyler Straße hin. Erst als das
leichtbeschwingte Fahrzeug schon dem Blicke entschwunden war,
entdeckte Herr Böhni das Ereignis und lief in der Richtung gegen Goldach
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mit Ho ho! und Haltrufen, sprang dann zurück und jagte mit seinem eigenen
Schlitten der entflohenen oder nach seiner Meinung durch die Pferde
entführten Schönen nach, bis er am Tore der aufgeregten Stadt anlangte, in
welcher das Ärgernis bereits alle Zungen beschäftigte.
Warum Nettchen jenen Weg eingeschlagen, ob in der Verwirrung oder
mit Vorsatz, ist nicht sicher zu berichten. Zwei Umstände mögen hier ein
leises Licht gewähren. Einmal lagen sonderbarerweise die Pelzmütze und
die Handschuhe Strapinskis, welche auf dem Fenstersimse hinter dem Sitze
des Paares gelegen hatten, nun im Schlitten der Fortuna neben Nettchen;
wann und wie sie diese Gegenstände ergriffen, hatte niemand beachtet und
sie selbst wußte es nicht; es war wie im Schlafwandel geschehen. Sie wußte
jetzt noch nicht, daß Mütze und Handschuhe neben ihr lagen. Sodann sagte
sie mehr als einmal laut vor sich hin: »Ich muß noch zwei Worte mit ihm
sprechen, nur zwei Worte!«
Diese beiden Tatsachen scheinen zu beweisen, daß nicht ganz der Zufall
die feurigen Pferde lenkte. Auch war es seltsam, als die Fortuna in die
Waldstraße gelangte, in welche jetzt der helle Vollmond hineinschien, wie
Nettchen den Lauf der Pferde mäßigte und die Zügel fester anzog, so daß
dieselben beinahe nur im Schritt einhertanzten, während die Lenkerin die
traurigen aber dennoch scharfen Augen gespannt auf den Weg heftete, ohne
links und rechts den geringsten auffälligen Gegenstand außer acht zu lassen.
Und doch war gleichzeitig ihre Seele wie in tiefer, schwerer,
unglücklicher Vergessenheit befangen; was sind Glück und Leben! von was
hangen sie ab? Was sind wir selbst, daß wir wegen einer lächerlichen
Fastnachtslüge glücklich oder unglücklich werden? Was haben wir
verschuldet, wenn wir durch eine fröhliche gläubige Zuneigung Schmach
und Hoffnungslosigkeit einernten? Wer sendet uns solche einfältige
Truggestalten, die zerstörend in unser Schicksal eingreifen, während sie
sich selbst daran auflösen, wie schwache Seifenblasen?
Solche mehr geträumte als gedachte Fragen umfingen die Seele
Nettchens, als ihre Augen sich plötzlich auf einen länglichen dunklen
Gegenstand richteten, welcher zur Seite der Straße sich vom
mondbeglänzten Schnee abhob. Es war der langhingestreckte Wenzel,
Schlitten der entflohenen oder nach seiner Meinung durch die Pferde
entführten Schönen nach, bis er am Tore der aufgeregten Stadt anlangte, in
welcher das Ärgernis bereits alle Zungen beschäftigte.
Warum Nettchen jenen Weg eingeschlagen, ob in der Verwirrung oder
mit Vorsatz, ist nicht sicher zu berichten. Zwei Umstände mögen hier ein
leises Licht gewähren. Einmal lagen sonderbarerweise die Pelzmütze und
die Handschuhe Strapinskis, welche auf dem Fenstersimse hinter dem Sitze
des Paares gelegen hatten, nun im Schlitten der Fortuna neben Nettchen;
wann und wie sie diese Gegenstände ergriffen, hatte niemand beachtet und
sie selbst wußte es nicht; es war wie im Schlafwandel geschehen. Sie wußte
jetzt noch nicht, daß Mütze und Handschuhe neben ihr lagen. Sodann sagte
sie mehr als einmal laut vor sich hin: »Ich muß noch zwei Worte mit ihm
sprechen, nur zwei Worte!«
Diese beiden Tatsachen scheinen zu beweisen, daß nicht ganz der Zufall
die feurigen Pferde lenkte. Auch war es seltsam, als die Fortuna in die
Waldstraße gelangte, in welche jetzt der helle Vollmond hineinschien, wie
Nettchen den Lauf der Pferde mäßigte und die Zügel fester anzog, so daß
dieselben beinahe nur im Schritt einhertanzten, während die Lenkerin die
traurigen aber dennoch scharfen Augen gespannt auf den Weg heftete, ohne
links und rechts den geringsten auffälligen Gegenstand außer acht zu lassen.
Und doch war gleichzeitig ihre Seele wie in tiefer, schwerer,
unglücklicher Vergessenheit befangen; was sind Glück und Leben! von was
hangen sie ab? Was sind wir selbst, daß wir wegen einer lächerlichen
Fastnachtslüge glücklich oder unglücklich werden? Was haben wir
verschuldet, wenn wir durch eine fröhliche gläubige Zuneigung Schmach
und Hoffnungslosigkeit einernten? Wer sendet uns solche einfältige
Truggestalten, die zerstörend in unser Schicksal eingreifen, während sie
sich selbst daran auflösen, wie schwache Seifenblasen?
Solche mehr geträumte als gedachte Fragen umfingen die Seele
Nettchens, als ihre Augen sich plötzlich auf einen länglichen dunklen
Gegenstand richteten, welcher zur Seite der Straße sich vom
mondbeglänzten Schnee abhob. Es war der langhingestreckte Wenzel,
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dessen dunkles Haar sich mit dem Schatten der Bäume vermischte, während
sein schlanker Körper deutlich im Lichte lag.
Nettchen hielt unwillkürlich die Pferde an, womit eine tiefe Stille über
den Wald kam. Sie starrte unverwandt nach dem dunklen Körper, bis
derselbe sich ihrem hellsehenden Auge fast unverkennbar darstellte und sie
leise die Zügel festband, ausstieg, die Pferde einen Augenblick beruhigend
streichelte und sich hierauf der Erscheinung vorsichtig, lautlos näherte.
Ja, er war es. Der dunkelgrüne Sammet seines Rockes nahm sich selbst
auf dem nächtlichen Schnee schön und edel aus; der schlanke Leib und die
geschmeidigen Glieder, wohl geschnürt und bekleidet, alles sagte noch in
der Erstarrung, am Rande des Unterganges, im Verlorensein: Kleider
machen Leute!
Als sich die einsame Schöne näher über ihn hinbeugte und ihn ganz
sicher erkannte, sah sie auch sogleich die Gefahr, in der sein Leben
schwebte, und fürchtete, er möchte bereits erfroren sein. Sie ergriff daher
unbedenklich eine seiner Hände, die kalt und fühllos schien. Alles andere
vergessend rüttelte sie den Ärmsten und rief ihm seinen Taufnamen ins Ohr:
»Wenzel! Wenzel!« Umsonst, er rührte sich nicht, sondern atmete nur
schwach und traurig. Da fiel sie über ihn her, fuhr mit der Hand über sein
Gesicht, und gab ihm in der Beängstigung Nasenstüber auf die erbleichte
Nasenspitze. Dann nahm sie, hiedurch auf einen guten Gedanken gebracht,
Hände voll Schnee und rieb ihm die Nase und das Gesicht und auch die
Finger tüchtig, soviel sie vermochte und bis sich der glücklich Unglückliche
erholte, erwachte und langsam seine Gestalt in die Höhe richtete.
Er blickte um sich und sah die Retterin vor sich stehen. Sie hatte den
Schleier zurückgeschlagen; Wenzel erkannte jeden Zug in ihrem weißen
Gesicht, das ihn ansah mit großen Augen.
Er stürzte vor ihr nieder, küßte den Saum ihres Mantels und rief:
»Verzeih mir! Verzeih mir!«
»Komm, fremder Mensch!« sagte sie mit unterdrückter zitternder
Stimme, »ich werde mit dir sprechen und dich fortschaffen!«
Sie winkte ihm, in den Schlitten zu steigen, was er folgsam tat; sie gab
ihm Mütze und Handschuh, ebenso unwillkürlich, wie sie dieselben
sein schlanker Körper deutlich im Lichte lag.
Nettchen hielt unwillkürlich die Pferde an, womit eine tiefe Stille über
den Wald kam. Sie starrte unverwandt nach dem dunklen Körper, bis
derselbe sich ihrem hellsehenden Auge fast unverkennbar darstellte und sie
leise die Zügel festband, ausstieg, die Pferde einen Augenblick beruhigend
streichelte und sich hierauf der Erscheinung vorsichtig, lautlos näherte.
Ja, er war es. Der dunkelgrüne Sammet seines Rockes nahm sich selbst
auf dem nächtlichen Schnee schön und edel aus; der schlanke Leib und die
geschmeidigen Glieder, wohl geschnürt und bekleidet, alles sagte noch in
der Erstarrung, am Rande des Unterganges, im Verlorensein: Kleider
machen Leute!
Als sich die einsame Schöne näher über ihn hinbeugte und ihn ganz
sicher erkannte, sah sie auch sogleich die Gefahr, in der sein Leben
schwebte, und fürchtete, er möchte bereits erfroren sein. Sie ergriff daher
unbedenklich eine seiner Hände, die kalt und fühllos schien. Alles andere
vergessend rüttelte sie den Ärmsten und rief ihm seinen Taufnamen ins Ohr:
»Wenzel! Wenzel!« Umsonst, er rührte sich nicht, sondern atmete nur
schwach und traurig. Da fiel sie über ihn her, fuhr mit der Hand über sein
Gesicht, und gab ihm in der Beängstigung Nasenstüber auf die erbleichte
Nasenspitze. Dann nahm sie, hiedurch auf einen guten Gedanken gebracht,
Hände voll Schnee und rieb ihm die Nase und das Gesicht und auch die
Finger tüchtig, soviel sie vermochte und bis sich der glücklich Unglückliche
erholte, erwachte und langsam seine Gestalt in die Höhe richtete.
Er blickte um sich und sah die Retterin vor sich stehen. Sie hatte den
Schleier zurückgeschlagen; Wenzel erkannte jeden Zug in ihrem weißen
Gesicht, das ihn ansah mit großen Augen.
Er stürzte vor ihr nieder, küßte den Saum ihres Mantels und rief:
»Verzeih mir! Verzeih mir!«
»Komm, fremder Mensch!« sagte sie mit unterdrückter zitternder
Stimme, »ich werde mit dir sprechen und dich fortschaffen!«
Sie winkte ihm, in den Schlitten zu steigen, was er folgsam tat; sie gab
ihm Mütze und Handschuh, ebenso unwillkürlich, wie sie dieselben
Page 42
mitgenommen hatte, ergriff Zügel und Peitsche und fuhr vorwärts.
Jenseits des Waldes, unfern der Straße, lag ein Bauernhof, auf welchem
eine Bäuerin hauste, deren Mann unlängst gestorben. Nettchen war die
Patin eines ihrer Kinder, sowie der Vater Amtsrat ihr Zinsherr. Noch neulich
war die Frau bei ihnen gewesen, um der Tochter Glück zu wünschen und
allerlei Rat zu holen, konnte aber zu dieser Stunde noch nichts von dem
Wandel der Dinge wissen.
Nach diesem Hofe fuhr Nettchen jetzt, von der Straße ablenkend und mit
einem kräftigen Peitschenknallen vor dem Hause haltend. Es war noch
Licht hinter den kleinen Fenstern; denn die Bäuerin war wach und machte
sich zu schaffen, während Kinder und Gesinde längst schliefen. Sie öffnete
das Fenster und guckte verwundert heraus. »Ich bin’s nur, wir sind’s!« rief
Nettchen. »Wir haben uns verirrt wegen der neuen obern Straße, die ich
noch nie gefahren bin; macht uns einen Kaffee, Frau Gevatterin, und laßt
uns einen Augenblick hineinkommen, ehe wir weiter fahren!«
Gar vergnügt eilte die Bäuerin her, da sie Nettchen sofort erkannte, und
bezeigte sich entzückt und eingeschüchtert zugleich, auch das große Tier,
den fremden Grafen zu sehen. In ihren Augen waren Glück und Glanz
dieser Welt in diesen zwei Personen über ihre Schwelle getreten;
unbestimmte Hoffnungen, einen kleinen Teil daran, irgend einen
bescheidenen Nutzen für sich oder ihre Kinder zu gewinnen, belebten die
gute Frau und gaben ihr alle Behendigkeit, die jungen Herrschaftsleute zu
bedienen. Schnell hatte sie ein Knechtchen geweckt, die Pferde zu halten,
und bald hatte sie auch einen heißen Kaffee bereitet, welchen sie jetzt
hereinbrachte, wo Wenzel und Nettchen in der halbdunklen Stube einander
gegenüber saßen, ein schwach flackerndes Lämpchen zwischen sich auf
dem Tische.
Wenzel saß, den Kopf in die Hände gestützt, und wagte nicht
aufzublicken. Nettchen lehnte auf ihrem Stuhle zurück und hielt die Augen
fest verschlossen, aber ebenso den bitteren schönen Mund, woran man sah,
daß sie keineswegs schlief.
Als die Gevattersfrau den Trank auf den Tisch gesetzt hatte, erhob sich
Nettchen rasch und flüsterte ihr zu: »Laßt uns jetzt eine halbe Viertelstunde
Jenseits des Waldes, unfern der Straße, lag ein Bauernhof, auf welchem
eine Bäuerin hauste, deren Mann unlängst gestorben. Nettchen war die
Patin eines ihrer Kinder, sowie der Vater Amtsrat ihr Zinsherr. Noch neulich
war die Frau bei ihnen gewesen, um der Tochter Glück zu wünschen und
allerlei Rat zu holen, konnte aber zu dieser Stunde noch nichts von dem
Wandel der Dinge wissen.
Nach diesem Hofe fuhr Nettchen jetzt, von der Straße ablenkend und mit
einem kräftigen Peitschenknallen vor dem Hause haltend. Es war noch
Licht hinter den kleinen Fenstern; denn die Bäuerin war wach und machte
sich zu schaffen, während Kinder und Gesinde längst schliefen. Sie öffnete
das Fenster und guckte verwundert heraus. »Ich bin’s nur, wir sind’s!« rief
Nettchen. »Wir haben uns verirrt wegen der neuen obern Straße, die ich
noch nie gefahren bin; macht uns einen Kaffee, Frau Gevatterin, und laßt
uns einen Augenblick hineinkommen, ehe wir weiter fahren!«
Gar vergnügt eilte die Bäuerin her, da sie Nettchen sofort erkannte, und
bezeigte sich entzückt und eingeschüchtert zugleich, auch das große Tier,
den fremden Grafen zu sehen. In ihren Augen waren Glück und Glanz
dieser Welt in diesen zwei Personen über ihre Schwelle getreten;
unbestimmte Hoffnungen, einen kleinen Teil daran, irgend einen
bescheidenen Nutzen für sich oder ihre Kinder zu gewinnen, belebten die
gute Frau und gaben ihr alle Behendigkeit, die jungen Herrschaftsleute zu
bedienen. Schnell hatte sie ein Knechtchen geweckt, die Pferde zu halten,
und bald hatte sie auch einen heißen Kaffee bereitet, welchen sie jetzt
hereinbrachte, wo Wenzel und Nettchen in der halbdunklen Stube einander
gegenüber saßen, ein schwach flackerndes Lämpchen zwischen sich auf
dem Tische.
Wenzel saß, den Kopf in die Hände gestützt, und wagte nicht
aufzublicken. Nettchen lehnte auf ihrem Stuhle zurück und hielt die Augen
fest verschlossen, aber ebenso den bitteren schönen Mund, woran man sah,
daß sie keineswegs schlief.
Als die Gevattersfrau den Trank auf den Tisch gesetzt hatte, erhob sich
Nettchen rasch und flüsterte ihr zu: »Laßt uns jetzt eine halbe Viertelstunde
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allein, legt Euch aufs Bett, liebe Frau, wir haben uns ein bißchen gezankt
und müssen uns heute noch aussprechen, da hier gute Gelegenheit ist.«
»Ich verstehe schon, Ihr macht’s gut so!« sagte die Frau und ließ die zwei
bald allein.
»Trinken Sie dies,« sagte Nettchen, die sich wieder gesetzt hatte, »es
wird Ihnen gesund sein!« Sie selbst berührte nichts. Wenzel Strapinski, der
leise zitterte, richtete sich auf, nahm eine Tasse und trank sie aus, mehr weil
sie es gesagt hatte, als um sich zu erfrischen. Er blickte sie jetzt auch an und
als ihre Augen sich begegneten, und Nettchen forschend die seinigen
betrachtete, schüttelte sie das Haupt und sagte dann: »Wer sind Sie? Was
wollten Sie mit mir?«
»Ich bin nicht ganz so, wie ich scheine!« erwiderte er traurig, »ich bin ein
armer Narr, aber ich werde alles gut machen und Ihnen Genugtuung geben
und nicht lange mehr am Leben sein!« Solche Worte sagte er so überzeugt
und ohne allen gemachten Ausdruck, daß Nettchens Augen unmerklich
aufblitzen. Dennoch wiederholte sie: »Ich wünsche zu wissen, wer Sie
eigentlich seien und woher Sie kommen und wohin Sie wollen?«
»Es ist alles so gekommen, wie ich Ihnen jetzt der Wahrheit gemäß
erzählen will,« antwortete er und sagte ihr, wer er sei und wie es ihm bei
seinem Einzug in Goldach ergangen. Er beteuerte besonders, wie er
mehrmals habe fliehen wollen, schließlich aber durch ihr Erscheinen selbst
gehindert worden sei, wie in einem verhexten Traume.
Nettchen wurde mehrmals von einem Anflug von Lachen heimgesucht;
doch überwog der Ernst ihrer Angelegenheit zu sehr, als daß es zum
Ausbruch gekommen wäre. Sie fuhr vielmehr fort zu fragen: »Und wohin
gedachten Sie mit mir zu gehen, und was zu beginnen?« – »Ich weiß es
kaum,« erwiderte er; »ich hoffte auf weitere merkwürdige oder glückliche
Dinge; auch gedachte ich zuweilen des Todes in der Art, daß ich mir
denselben geben wolle, nachdem ich –«
Hier stockte Wenzel und sein bleiches Gesicht wurde ganz rot.
»Nun, fahren Sie fort!« sagte Nettchen, ihrerseits bleich werdend,
indessen ihr Herz wunderlich klopfte.
und müssen uns heute noch aussprechen, da hier gute Gelegenheit ist.«
»Ich verstehe schon, Ihr macht’s gut so!« sagte die Frau und ließ die zwei
bald allein.
»Trinken Sie dies,« sagte Nettchen, die sich wieder gesetzt hatte, »es
wird Ihnen gesund sein!« Sie selbst berührte nichts. Wenzel Strapinski, der
leise zitterte, richtete sich auf, nahm eine Tasse und trank sie aus, mehr weil
sie es gesagt hatte, als um sich zu erfrischen. Er blickte sie jetzt auch an und
als ihre Augen sich begegneten, und Nettchen forschend die seinigen
betrachtete, schüttelte sie das Haupt und sagte dann: »Wer sind Sie? Was
wollten Sie mit mir?«
»Ich bin nicht ganz so, wie ich scheine!« erwiderte er traurig, »ich bin ein
armer Narr, aber ich werde alles gut machen und Ihnen Genugtuung geben
und nicht lange mehr am Leben sein!« Solche Worte sagte er so überzeugt
und ohne allen gemachten Ausdruck, daß Nettchens Augen unmerklich
aufblitzen. Dennoch wiederholte sie: »Ich wünsche zu wissen, wer Sie
eigentlich seien und woher Sie kommen und wohin Sie wollen?«
»Es ist alles so gekommen, wie ich Ihnen jetzt der Wahrheit gemäß
erzählen will,« antwortete er und sagte ihr, wer er sei und wie es ihm bei
seinem Einzug in Goldach ergangen. Er beteuerte besonders, wie er
mehrmals habe fliehen wollen, schließlich aber durch ihr Erscheinen selbst
gehindert worden sei, wie in einem verhexten Traume.
Nettchen wurde mehrmals von einem Anflug von Lachen heimgesucht;
doch überwog der Ernst ihrer Angelegenheit zu sehr, als daß es zum
Ausbruch gekommen wäre. Sie fuhr vielmehr fort zu fragen: »Und wohin
gedachten Sie mit mir zu gehen, und was zu beginnen?« – »Ich weiß es
kaum,« erwiderte er; »ich hoffte auf weitere merkwürdige oder glückliche
Dinge; auch gedachte ich zuweilen des Todes in der Art, daß ich mir
denselben geben wolle, nachdem ich –«
Hier stockte Wenzel und sein bleiches Gesicht wurde ganz rot.
»Nun, fahren Sie fort!« sagte Nettchen, ihrerseits bleich werdend,
indessen ihr Herz wunderlich klopfte.
Page 44
Da flammten Wenzels Augen groß und süß auf und er rief: »Ja, jetzt ist es
mir klar und deutlich vor Augen, wie es gekommen wäre! Ich wäre mit dir
in die weite Welt gegangen und, nachdem ich einige kurze Tage des
Glückes mit dir gelebt, hätte ich dir den Betrug gestanden und mir
gleichzeitig den Tod gegeben. Du wärest zu deinem Vater zurückgekehrt,
wo du wohl aufgehoben gewesen wärest und mich leicht vergessen hättest.
Niemand brauchte darum zu wissen; ich wäre spurlos verschollen. – Anstatt
an der Sehnsucht nach einem würdigen Dasein, nach einem gütigen Herzen,
nach Liebe lebenslang zu kranken,« fuhr er wehmütig fort, »wäre ich einen
Augenblick lang groß und glücklich gewesen und hoch über allen, die
weder glücklich noch unglücklich sind und doch nie sterben wollen! O
hätten Sie mich liegen gelassen im kalten Schnee, ich wäre so ruhig
eingeschlafen!«
Er war wieder still geworden und schaute düster sinnend vor sich hin.
Nach einer Weile sagte Nettchen, die ihn still betrachtet, nachdem das
durch Wenzels Reden angefachte Schlagen ihres Herzens sich etwas gelegt
hatte: »Haben Sie dergleichen oder ähnliche Streiche früher schon
begangen und fremde Menschen angelogen, die Ihnen nichts zu leide
getan?«
»Das habe ich mich in dieser bitteren Nacht selbst schon gefragt und
mich nicht erinnert, daß ich je ein Lügner gewesen bin! Ein solches
Abenteuer habe ich noch gar nie gemacht oder erfahren! Ja, in jenen Tagen,
als der Hang in mir entstanden, etwas Ordentliches zu sein oder zu
scheinen, in halber Kindheit noch, habe ich mich selbst überwunden und
einem Glück entsagt, das mir beschieden schien!«
»Was ist dies?« fragte Nettchen.
»Meine Mutter war, ehe sie sich verheiratet hatte, in Diensten einer
benachbarten Gutsherrin und mit derselben auf Reisen und in großen
Städten gewesen. Davon hatte sie eine feinere Art bekommen, als die
anderen Weiber unseres Dorfes, und war wohl auch etwas eitel; denn sie
kleidete sich und mich, ihr einziges Kind, immer etwas zierlicher und
gesuchter, als es bei uns Sitte war. Der Vater, ein armer Schulmeister, starb
aber früh, und so blieb uns bei größter Armut keine Aussicht auf glückliche
Erlebnisse, von welchen die Mutter gerne zu träumen pflegte. Vielmehr
mir klar und deutlich vor Augen, wie es gekommen wäre! Ich wäre mit dir
in die weite Welt gegangen und, nachdem ich einige kurze Tage des
Glückes mit dir gelebt, hätte ich dir den Betrug gestanden und mir
gleichzeitig den Tod gegeben. Du wärest zu deinem Vater zurückgekehrt,
wo du wohl aufgehoben gewesen wärest und mich leicht vergessen hättest.
Niemand brauchte darum zu wissen; ich wäre spurlos verschollen. – Anstatt
an der Sehnsucht nach einem würdigen Dasein, nach einem gütigen Herzen,
nach Liebe lebenslang zu kranken,« fuhr er wehmütig fort, »wäre ich einen
Augenblick lang groß und glücklich gewesen und hoch über allen, die
weder glücklich noch unglücklich sind und doch nie sterben wollen! O
hätten Sie mich liegen gelassen im kalten Schnee, ich wäre so ruhig
eingeschlafen!«
Er war wieder still geworden und schaute düster sinnend vor sich hin.
Nach einer Weile sagte Nettchen, die ihn still betrachtet, nachdem das
durch Wenzels Reden angefachte Schlagen ihres Herzens sich etwas gelegt
hatte: »Haben Sie dergleichen oder ähnliche Streiche früher schon
begangen und fremde Menschen angelogen, die Ihnen nichts zu leide
getan?«
»Das habe ich mich in dieser bitteren Nacht selbst schon gefragt und
mich nicht erinnert, daß ich je ein Lügner gewesen bin! Ein solches
Abenteuer habe ich noch gar nie gemacht oder erfahren! Ja, in jenen Tagen,
als der Hang in mir entstanden, etwas Ordentliches zu sein oder zu
scheinen, in halber Kindheit noch, habe ich mich selbst überwunden und
einem Glück entsagt, das mir beschieden schien!«
»Was ist dies?« fragte Nettchen.
»Meine Mutter war, ehe sie sich verheiratet hatte, in Diensten einer
benachbarten Gutsherrin und mit derselben auf Reisen und in großen
Städten gewesen. Davon hatte sie eine feinere Art bekommen, als die
anderen Weiber unseres Dorfes, und war wohl auch etwas eitel; denn sie
kleidete sich und mich, ihr einziges Kind, immer etwas zierlicher und
gesuchter, als es bei uns Sitte war. Der Vater, ein armer Schulmeister, starb
aber früh, und so blieb uns bei größter Armut keine Aussicht auf glückliche
Erlebnisse, von welchen die Mutter gerne zu träumen pflegte. Vielmehr
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mußte sie sich harter Arbeit hingeben, um uns zu ernähren, und damit das
Liebste, was sie hatte, etwas bessere Haltung und Kleidung, aufopfern.
Unerwartet sagte nun jene neu verwitwete Gutsherrin, als ich etwa
sechszehn Jahre alt war, sie gehe mit ihrem Haushalt in die Residenz für
immer; die Mutter solle mich mitgeben, es sei schade für mich in dem
Dorfe ein Taglöhner oder Bauernknecht zu werden, sie wolle mich etwas
Feines lernen lassen, zu was ich Lust habe, während ich in ihrem Hause
leben und diese und jene leichtere Dienstleistungen tun könne. Das schien
nun das Herrlichste zu sein, was sich für uns ereignen mochte. Alles wurde
demgemäß verabredet und zubereitet, als die Mutter nachdenklich und
traurig wurde und mich eines Tages plötzlich mit vielen Tränen bat, sie
nicht zu verlassen, sondern mit ihr arm zu bleiben; sie werde nicht alt
werden, sagte sie, und ich würde gewiß noch zu etwas Gutem gelangen,
auch wenn sie tot sei. Die Gutsherrin, der ich das betrübt hinterbrachte, kam
her und machte meiner Mutter Vorstellungen; aber diese wurde jetzt ganz
aufgeregt und rief einmal um das andere, sie lasse sich ihr Kind nicht
rauben; wer es kenne –«
Hier stockte Wenzel Strapinski abermals und wußte sich nicht recht
fortzuhelfen.
Nettchen fragte: »Was sagte die Mutter, wer es kenne? Warum fahren Sie
nicht fort?«
Wenzel errötete und antwortete: »Sie sagte etwas Seltsames, was ich
nicht recht verstand und was ich jedenfalls seither nicht verspürt habe; sie
meinte, wer das Kind kenne, könne nicht mehr von ihm lassen, und wollte
wohl damit sagen, daß ich ein gutmütiger Junge gewesen sei oder etwas
dergleichen. Kurz, sie war so aufgeregt, daß ich trotz alles Zuredens jener
Dame entsagte und bei der Mutter blieb, wofür sie mich doppelt lieb hatte,
tausendmal mich um Verzeihung bittend, daß sie mir vor dem Glücke sei.
Als ich aber nun auch etwas verdienen lernen sollte, stellte es sich heraus,
daß nicht viel anderes zu tun war, als daß ich zu unserem Dorfschneider in
die Lehre ging. Ich wollte nicht, aber die Mutter weinte so sehr, daß ich
mich ergab. Dies ist die Geschichte.«
Auf Nettchens Frage, warum er denn doch von der Mutter fort sei und
wann? erwiderte Wenzel: »Der Militärdienst rief mich weg. Ich wurde unter
Liebste, was sie hatte, etwas bessere Haltung und Kleidung, aufopfern.
Unerwartet sagte nun jene neu verwitwete Gutsherrin, als ich etwa
sechszehn Jahre alt war, sie gehe mit ihrem Haushalt in die Residenz für
immer; die Mutter solle mich mitgeben, es sei schade für mich in dem
Dorfe ein Taglöhner oder Bauernknecht zu werden, sie wolle mich etwas
Feines lernen lassen, zu was ich Lust habe, während ich in ihrem Hause
leben und diese und jene leichtere Dienstleistungen tun könne. Das schien
nun das Herrlichste zu sein, was sich für uns ereignen mochte. Alles wurde
demgemäß verabredet und zubereitet, als die Mutter nachdenklich und
traurig wurde und mich eines Tages plötzlich mit vielen Tränen bat, sie
nicht zu verlassen, sondern mit ihr arm zu bleiben; sie werde nicht alt
werden, sagte sie, und ich würde gewiß noch zu etwas Gutem gelangen,
auch wenn sie tot sei. Die Gutsherrin, der ich das betrübt hinterbrachte, kam
her und machte meiner Mutter Vorstellungen; aber diese wurde jetzt ganz
aufgeregt und rief einmal um das andere, sie lasse sich ihr Kind nicht
rauben; wer es kenne –«
Hier stockte Wenzel Strapinski abermals und wußte sich nicht recht
fortzuhelfen.
Nettchen fragte: »Was sagte die Mutter, wer es kenne? Warum fahren Sie
nicht fort?«
Wenzel errötete und antwortete: »Sie sagte etwas Seltsames, was ich
nicht recht verstand und was ich jedenfalls seither nicht verspürt habe; sie
meinte, wer das Kind kenne, könne nicht mehr von ihm lassen, und wollte
wohl damit sagen, daß ich ein gutmütiger Junge gewesen sei oder etwas
dergleichen. Kurz, sie war so aufgeregt, daß ich trotz alles Zuredens jener
Dame entsagte und bei der Mutter blieb, wofür sie mich doppelt lieb hatte,
tausendmal mich um Verzeihung bittend, daß sie mir vor dem Glücke sei.
Als ich aber nun auch etwas verdienen lernen sollte, stellte es sich heraus,
daß nicht viel anderes zu tun war, als daß ich zu unserem Dorfschneider in
die Lehre ging. Ich wollte nicht, aber die Mutter weinte so sehr, daß ich
mich ergab. Dies ist die Geschichte.«
Auf Nettchens Frage, warum er denn doch von der Mutter fort sei und
wann? erwiderte Wenzel: »Der Militärdienst rief mich weg. Ich wurde unter
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die Husaren gesteckt und war ein ganz hübscher roter Husar, obwohl
vielleicht der dümmste im Regiment, jedenfalls der stillste. Nach einem
Jahr konnte ich endlich für ein paar Wochen Urlaub erhalten und eilte nach
Hause, meine gute Mutter zu sehen; aber sie war eben gestorben. Da bin ich
denn, als meine Zeit gekommen war, einsam in die Welt gereist und endlich
hier in mein Unglück geraten.«
Nettchen lächelte, als er dieses vor sich hin klagte und sie ihn dabei
aufmerksam betrachtete. Es war jetzt eine Zeitlang still in der Stube; auf
einmal schien ihr ein Gedanke aufzutauchen.
»Da Sie,« sagte sie plötzlich, aber dennoch mit zögerndem, spitzigen
Wesen, »stets so wertgeschätzt und liebenswürdig waren, so haben Sie ohne
Zweifel auch jederzeit Ihre gehörigen Liebschaften oder dergleichen gehabt
und wohl schon mehr als ein armes Frauenzimmer auf dem Gewissen – von
mir nicht zu reden?«
»Ach Gott,« erwiderte Wenzel, ganz rot werdend, »eh’ ich zu Ihnen kam,
habe ich niemals auch nur die Fingerspitzen eines Mädchens berührt,
ausgenommen –«
»Nun,« sagte Nettchen.
»Nun,« fuhr er fort, »das war eben jene Frau, die mich mitnehmen und
bilden lassen wollte, die hatte ein Kind, ein Mädchen von sieben oder acht
Jahren, ein seltsames heftiges Kind und doch gut wie Zucker und schön wie
ein Engel. Dem hatte ich vielfach den Diener und Beschützer machen
müssen und es hatte sich an mich gewöhnt. Ich mußte es regelmäßig nach
dem entfernten Pfarrhof bringen, wo es bei dem alten Pfarrer Unterricht
genoß, und es von da wieder abholen. Auch sonst mußte ich öfter mit ihm
ins Freie, wenn sonst niemand gerade mitgehen konnte. Dieses Kind nun,
als ich es zum letztenmal im Abendschein über das Feld nach Hause führte,
fing von der bevorstehenden Abreise zu reden an, erklärte mir, ich müßte
dennoch mitgehen und fragte, ob ich es tun wolle. Ich sagte, daß es nicht
sein könne. Das Kind fuhr aber fort, gar beweglich und dringlich zu bitten,
indem es mir am Arme hing und mich am Gehen hinderte, wie Kinder zu
tun pflegen, so daß ich mich bedachtlos wohl etwas unwirsch frei machte.
Da senkte das Mädchen sein Haupt und suchte beschämt und traurig die
Tränen zu unterdrücken, die jetzt hervorbrachen, und es vermochte kaum
vielleicht der dümmste im Regiment, jedenfalls der stillste. Nach einem
Jahr konnte ich endlich für ein paar Wochen Urlaub erhalten und eilte nach
Hause, meine gute Mutter zu sehen; aber sie war eben gestorben. Da bin ich
denn, als meine Zeit gekommen war, einsam in die Welt gereist und endlich
hier in mein Unglück geraten.«
Nettchen lächelte, als er dieses vor sich hin klagte und sie ihn dabei
aufmerksam betrachtete. Es war jetzt eine Zeitlang still in der Stube; auf
einmal schien ihr ein Gedanke aufzutauchen.
»Da Sie,« sagte sie plötzlich, aber dennoch mit zögerndem, spitzigen
Wesen, »stets so wertgeschätzt und liebenswürdig waren, so haben Sie ohne
Zweifel auch jederzeit Ihre gehörigen Liebschaften oder dergleichen gehabt
und wohl schon mehr als ein armes Frauenzimmer auf dem Gewissen – von
mir nicht zu reden?«
»Ach Gott,« erwiderte Wenzel, ganz rot werdend, »eh’ ich zu Ihnen kam,
habe ich niemals auch nur die Fingerspitzen eines Mädchens berührt,
ausgenommen –«
»Nun,« sagte Nettchen.
»Nun,« fuhr er fort, »das war eben jene Frau, die mich mitnehmen und
bilden lassen wollte, die hatte ein Kind, ein Mädchen von sieben oder acht
Jahren, ein seltsames heftiges Kind und doch gut wie Zucker und schön wie
ein Engel. Dem hatte ich vielfach den Diener und Beschützer machen
müssen und es hatte sich an mich gewöhnt. Ich mußte es regelmäßig nach
dem entfernten Pfarrhof bringen, wo es bei dem alten Pfarrer Unterricht
genoß, und es von da wieder abholen. Auch sonst mußte ich öfter mit ihm
ins Freie, wenn sonst niemand gerade mitgehen konnte. Dieses Kind nun,
als ich es zum letztenmal im Abendschein über das Feld nach Hause führte,
fing von der bevorstehenden Abreise zu reden an, erklärte mir, ich müßte
dennoch mitgehen und fragte, ob ich es tun wolle. Ich sagte, daß es nicht
sein könne. Das Kind fuhr aber fort, gar beweglich und dringlich zu bitten,
indem es mir am Arme hing und mich am Gehen hinderte, wie Kinder zu
tun pflegen, so daß ich mich bedachtlos wohl etwas unwirsch frei machte.
Da senkte das Mädchen sein Haupt und suchte beschämt und traurig die
Tränen zu unterdrücken, die jetzt hervorbrachen, und es vermochte kaum
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das Schluchzen zu bemeistern. Betroffen wollte ich das Kind begütigen,
allein nun wandte es sich zornig ab und entließ mich in Ungnaden. Seitdem
ist mir das schöne Kind immer im Sinne geblieben und mein Herz hat
immer an ihm gehangen, obgleich ich nie wieder von ihm gehört habe –«
Plötzlich hielt der Sprecher, der in eine sanfte Erregung geraten war, wie
erschreckt inne und starrte erbleichend seine Gefährtin an.
»Nun,« sagte Nettchen ihrerseits mit seltsamem Tone in gleicher Weise
etwas blaß geworden, »was sehen Sie mich so an?«
Wenzel aber streckte den Arm aus, zeigte mit dem Finger auf sie, wie
wenn er einen Geist sähe, und rief: »Dieses habe ich auch schon erblickt.
Wenn jenes Kind zornig war, so hoben sich ganz so, wie jetzt bei Ihnen, die
schönen Haare um Stirne und Schläfe ein wenig aufwärts, daß man sie sich
bewegen sah, und so war es auch zuletzt auf dem Felde in jenem
Abendglanze.«
In der Tat hatten sich die zunächst den Schläfen und über der Stirne
liegenden Locken Nettchens leise bewegt wie von einem ins Gesicht
wehenden Lufthauche.
Die allezeit etwas kokette Mutter Natur hatte hier eines ihrer
Geheimnisse angewendet, um den schwierigen Handel zu Ende zu führen.
Nach kurzem Schweigen, indem ihre Brust sich zu heben begann, stand
Nettchen auf, ging um den Tisch herum dem Manne entgegen und fiel ihm
um den Hals mit den Worten: »Ich will dich nicht verlassen! Du bist mein,
und ich will mit dir gehen trotz aller Welt!«
So feierte sie erst jetzt ihre rechte Verlobung aus tief entschlossener
Seele, indem sie in süßer Leidenschaft ein Schicksal auf sich nahm und
Treue hielt.
Doch war sie keineswegs so blöde, dieses Schicksal nicht selbst ein
wenig lenken zu wollen; vielmehr faßte sie rasch und keck neue
Entschlüsse. Denn sie sagte zu dem guten Wenzel, der in dem abermaligen
Glückeswechsel verloren träumte: »Nun wollen wir gerade nach Seldwyl
gehen und den Dortigen, die uns zu zerstören gedachten, zeigen, daß sie uns
erst recht vereinigt und glücklich gemacht haben!«
allein nun wandte es sich zornig ab und entließ mich in Ungnaden. Seitdem
ist mir das schöne Kind immer im Sinne geblieben und mein Herz hat
immer an ihm gehangen, obgleich ich nie wieder von ihm gehört habe –«
Plötzlich hielt der Sprecher, der in eine sanfte Erregung geraten war, wie
erschreckt inne und starrte erbleichend seine Gefährtin an.
»Nun,« sagte Nettchen ihrerseits mit seltsamem Tone in gleicher Weise
etwas blaß geworden, »was sehen Sie mich so an?«
Wenzel aber streckte den Arm aus, zeigte mit dem Finger auf sie, wie
wenn er einen Geist sähe, und rief: »Dieses habe ich auch schon erblickt.
Wenn jenes Kind zornig war, so hoben sich ganz so, wie jetzt bei Ihnen, die
schönen Haare um Stirne und Schläfe ein wenig aufwärts, daß man sie sich
bewegen sah, und so war es auch zuletzt auf dem Felde in jenem
Abendglanze.«
In der Tat hatten sich die zunächst den Schläfen und über der Stirne
liegenden Locken Nettchens leise bewegt wie von einem ins Gesicht
wehenden Lufthauche.
Die allezeit etwas kokette Mutter Natur hatte hier eines ihrer
Geheimnisse angewendet, um den schwierigen Handel zu Ende zu führen.
Nach kurzem Schweigen, indem ihre Brust sich zu heben begann, stand
Nettchen auf, ging um den Tisch herum dem Manne entgegen und fiel ihm
um den Hals mit den Worten: »Ich will dich nicht verlassen! Du bist mein,
und ich will mit dir gehen trotz aller Welt!«
So feierte sie erst jetzt ihre rechte Verlobung aus tief entschlossener
Seele, indem sie in süßer Leidenschaft ein Schicksal auf sich nahm und
Treue hielt.
Doch war sie keineswegs so blöde, dieses Schicksal nicht selbst ein
wenig lenken zu wollen; vielmehr faßte sie rasch und keck neue
Entschlüsse. Denn sie sagte zu dem guten Wenzel, der in dem abermaligen
Glückeswechsel verloren träumte: »Nun wollen wir gerade nach Seldwyl
gehen und den Dortigen, die uns zu zerstören gedachten, zeigen, daß sie uns
erst recht vereinigt und glücklich gemacht haben!«
Page 48
Dem wackern Wenzel wollte dies nicht einleuchten. Er wünschte
vielmehr in unbekannte Weiten zu ziehen und geheimnisvoll romantisch
dort zu leben in stillem Glücke, wie er sagte.
Allein Nettchen rief: »Keine Romane mehr! Wie du bist, ein armer
Wandersmann, will ich mich zu dir bekennen und in meiner Heimat allen
diesen Stolzen und Spöttern zum Trotze dein Weib sein. Wir wollen nach
Seldwyla gehen und dort durch Tätigkeit und Klugheit die Menschen, die
uns verhöhnt haben, von uns abhängig machen!«
Und wie gesagt, so getan! Nachdem die Bäuerin herbeigerufen und von
Wenzel, der anfing seine neue Stellung einzunehmen, beschenkt worden
war, fuhren sie ihres Weges weiter. Wenzel führte jetzt die Zügel. Nettchen
lehnte sich so zufrieden an ihn, als ob er eine Kirchensäule wäre. Denn des
Menschen Wille ist sein Himmelreich, und Nettchen war just vor drei Tagen
volljährig geworden und konnte dem ihrigen folgen.
In Seldwyla hielten sie vor dem Gasthause zum Regenbogen, wo noch
eine Zahl jener Schlittenfahrer beim Glase saß. Als das Paar im Wirtssaale
erschien, lief wie ein Feuer die Rede herum: »Ha, da haben wir eine
Entführung; wir haben eine köstliche Geschichte eingeleitet!«
Doch ging Wenzel ohne Umsehen hindurch mit seiner Braut, und
nachdem sie in ihren Gemächern verschwunden war, begab er sich in den
Wilden Mann, ein anderes gutes Gasthaus, und schritt stolz durch die dort
ebenfalls noch hausenden Seldwyler hindurch in ein Zimmer, das er
begehrte, und überließ sie ihren erstaunten Beratungen, über welchen sie
sich das grimmigste Kopfweh anzutrinken genötigt waren.
Auch in der Stadt Goldach lief um die gleiche Zeit schon das Wort
»Entführung!« herum.
In aller Frühe schon fuhr auch der Teich Bethesda nach Seldwyla, von
dem aufgeregten Böhni und Nettchens betroffenem Vater bestiegen. Fast
wären sie in ihrer Eile ohne Anhalt durch Seldwyla gefahren, als sie noch
rechtzeitig den Schlitten Fortuna wohlbehalten vor dem Gasthause stehen
sahen und zu ihrem Troste vermuteten, daß wenigstens die schönen Pferde
auch nicht weit sein würden. Sie ließen daher ausspannen, als sich die
vielmehr in unbekannte Weiten zu ziehen und geheimnisvoll romantisch
dort zu leben in stillem Glücke, wie er sagte.
Allein Nettchen rief: »Keine Romane mehr! Wie du bist, ein armer
Wandersmann, will ich mich zu dir bekennen und in meiner Heimat allen
diesen Stolzen und Spöttern zum Trotze dein Weib sein. Wir wollen nach
Seldwyla gehen und dort durch Tätigkeit und Klugheit die Menschen, die
uns verhöhnt haben, von uns abhängig machen!«
Und wie gesagt, so getan! Nachdem die Bäuerin herbeigerufen und von
Wenzel, der anfing seine neue Stellung einzunehmen, beschenkt worden
war, fuhren sie ihres Weges weiter. Wenzel führte jetzt die Zügel. Nettchen
lehnte sich so zufrieden an ihn, als ob er eine Kirchensäule wäre. Denn des
Menschen Wille ist sein Himmelreich, und Nettchen war just vor drei Tagen
volljährig geworden und konnte dem ihrigen folgen.
In Seldwyla hielten sie vor dem Gasthause zum Regenbogen, wo noch
eine Zahl jener Schlittenfahrer beim Glase saß. Als das Paar im Wirtssaale
erschien, lief wie ein Feuer die Rede herum: »Ha, da haben wir eine
Entführung; wir haben eine köstliche Geschichte eingeleitet!«
Doch ging Wenzel ohne Umsehen hindurch mit seiner Braut, und
nachdem sie in ihren Gemächern verschwunden war, begab er sich in den
Wilden Mann, ein anderes gutes Gasthaus, und schritt stolz durch die dort
ebenfalls noch hausenden Seldwyler hindurch in ein Zimmer, das er
begehrte, und überließ sie ihren erstaunten Beratungen, über welchen sie
sich das grimmigste Kopfweh anzutrinken genötigt waren.
Auch in der Stadt Goldach lief um die gleiche Zeit schon das Wort
»Entführung!« herum.
In aller Frühe schon fuhr auch der Teich Bethesda nach Seldwyla, von
dem aufgeregten Böhni und Nettchens betroffenem Vater bestiegen. Fast
wären sie in ihrer Eile ohne Anhalt durch Seldwyla gefahren, als sie noch
rechtzeitig den Schlitten Fortuna wohlbehalten vor dem Gasthause stehen
sahen und zu ihrem Troste vermuteten, daß wenigstens die schönen Pferde
auch nicht weit sein würden. Sie ließen daher ausspannen, als sich die
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Vermutung bestätigte und sie die Ankunft und den Aufenthalt Nettchens
vernahmen, und gingen gleichfalls in den Regenbogen hinein.
Es dauerte jedoch eine kleine Weile, bis Nettchen den Vater bitten ließ,
sie auf ihrem Zimmer zu besuchen und dort allein mit ihr zu sprechen. Auch
sagte man, sie habe bereits den besten Rechtsanwalt der Stadt rufen lassen,
welcher im Laufe des Vormittags erscheinen werde. Der Amtsrat ging etwas
schweren Herzens zu seiner Tochter hinauf, überlegend, auf welche Weise
er das desperate Kind am besten aus der Verirrung zurückführe, und war auf
ein verzweifeltes Gebaren gefaßt.
Allein mit Ruhe und sanfter Festigkeit trat ihm Nettchen entgegen. Sie
dankte ihrem Vater mit Rührung für alle ihr bewiesene Liebe und Güte und
erklärte sodann in bestimmten Sätzen: erstens sie wolle nach dem
Vorgefallenen nicht mehr in Goldach leben, wenigstens nicht die nächsten
Jahre; zweitens wünsche sie ihr bedeutendes mütterliches Erbe an sich zu
nehmen, welches der Vater ja schon lange für den Fall ihrer Verheiratung
bereit gehalten; drittens wolle sie den Wenzel Strapinski heiraten; woran
vor allem nichts zu ändern sei; viertens wolle sie mit ihm in Seldwyla
wohnen und ihm da ein tüchtiges Geschäft gründen helfen, und fünftens
und letztens werde alles gut werden; denn sie habe sich überzeugt, daß er
ein guter Mensch sei und sie glücklich machen werde.
Der Amtsrat begann seine Arbeit mit der Erinnerung, daß Nettchen ja
wisse, wie sehr er schon gewünscht habe, ihr Vermögen zur Begründung
ihres wahren Glückes je eher je lieber in ihre Hände legen zu können. Dann
aber schilderte er mit aller Bekümmernis, die ihn seit der ersten Kunde von
der schrecklichen Katastrophe erfüllte, das Unmögliche des Verhältnisses,
das sie festhalten wolle und schließlich zeigte er das große Mittel, durch
welches sich der schwere Konflikt allein würdig lösen lasse. Herr Melchior
Böhni sei es, der bereit sei, durch augenblickliches Einstehen mit seiner
Person den ganzen Handel niederzuschlagen und mit seinem unantastbaren
Namen ihre Ehre vor der Welt zu schützen und aufrecht zu halten.
Aber das Wort Ehre brachte nun doch die Tochter in größere Aufregung.
Sie rief, gerade die Ehre sei es, welche ihr gebiete, den Herrn Böhni nicht
zu heiraten, weil sie ihn nicht leiden könne, dagegen dem armen Fremden
vernahmen, und gingen gleichfalls in den Regenbogen hinein.
Es dauerte jedoch eine kleine Weile, bis Nettchen den Vater bitten ließ,
sie auf ihrem Zimmer zu besuchen und dort allein mit ihr zu sprechen. Auch
sagte man, sie habe bereits den besten Rechtsanwalt der Stadt rufen lassen,
welcher im Laufe des Vormittags erscheinen werde. Der Amtsrat ging etwas
schweren Herzens zu seiner Tochter hinauf, überlegend, auf welche Weise
er das desperate Kind am besten aus der Verirrung zurückführe, und war auf
ein verzweifeltes Gebaren gefaßt.
Allein mit Ruhe und sanfter Festigkeit trat ihm Nettchen entgegen. Sie
dankte ihrem Vater mit Rührung für alle ihr bewiesene Liebe und Güte und
erklärte sodann in bestimmten Sätzen: erstens sie wolle nach dem
Vorgefallenen nicht mehr in Goldach leben, wenigstens nicht die nächsten
Jahre; zweitens wünsche sie ihr bedeutendes mütterliches Erbe an sich zu
nehmen, welches der Vater ja schon lange für den Fall ihrer Verheiratung
bereit gehalten; drittens wolle sie den Wenzel Strapinski heiraten; woran
vor allem nichts zu ändern sei; viertens wolle sie mit ihm in Seldwyla
wohnen und ihm da ein tüchtiges Geschäft gründen helfen, und fünftens
und letztens werde alles gut werden; denn sie habe sich überzeugt, daß er
ein guter Mensch sei und sie glücklich machen werde.
Der Amtsrat begann seine Arbeit mit der Erinnerung, daß Nettchen ja
wisse, wie sehr er schon gewünscht habe, ihr Vermögen zur Begründung
ihres wahren Glückes je eher je lieber in ihre Hände legen zu können. Dann
aber schilderte er mit aller Bekümmernis, die ihn seit der ersten Kunde von
der schrecklichen Katastrophe erfüllte, das Unmögliche des Verhältnisses,
das sie festhalten wolle und schließlich zeigte er das große Mittel, durch
welches sich der schwere Konflikt allein würdig lösen lasse. Herr Melchior
Böhni sei es, der bereit sei, durch augenblickliches Einstehen mit seiner
Person den ganzen Handel niederzuschlagen und mit seinem unantastbaren
Namen ihre Ehre vor der Welt zu schützen und aufrecht zu halten.
Aber das Wort Ehre brachte nun doch die Tochter in größere Aufregung.
Sie rief, gerade die Ehre sei es, welche ihr gebiete, den Herrn Böhni nicht
zu heiraten, weil sie ihn nicht leiden könne, dagegen dem armen Fremden
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getreu zu bleiben, welchem sie ihr Wort gegeben habe, und den sie auch
leiden könne!
Es gab nun ein fruchtloses Hin- und Widerreden, welches die standhafte
Schöne endlich doch zum Tränenvergießen brachte.
Fast gleichzeitig drangen Wenzel und Böhni herein, welche auf der
Treppe zusammengetroffen, und es drohte eine große Verwirrung zu
entstehen, als auch der Rechtsanwalt erschien, ein dem Amtsrate
wohlbekannter Mann, und vor der Hand zur friedlichen Besonnenheit
mahnte. Als er in wenigen vorläufigen Worten vernahm, worum es sich
handle, ordnete er an, daß vor allem Wenzel sich in den Wilden Mann
zurückziehe und sich dort still halte, daß auch Herr Böhni sich nicht
einmische und fortgehe, daß Nettchen ihrerseits alle Formen des
bürgerlichen guten Tones wahre bis zum Austrag der Sache und der Vater
auf jede Ausübung von Zwang verzichte, da die Freiheit der Tochter
gesetzlich unbezweifelt sei.
So gab es denn einen Waffenstillstand und eine allgemeine Trennung für
einige Stunden.
In der Stadt, wo der Anwalt ein paar Worte verlauten ließ von einem
großen Vermögen, welches vielleicht nach Seldwyla käme durch diese
Geschichte, entstand nun ein großer Lärm. Die Stimmung der Seldwyler
schlug plötzlich um zu Gunsten des Schneiders und seiner Verlobten, und
sie beschlossen, die Liebenden zu schützen mit Gut und Blut und in ihrer
Stadt Recht und Freiheit der Person zu wahren. Als daher das Gerücht ging,
die Schöne von Goldach sollte mit Gewalt zurückgeführt werden, rotteten
sie sich zusammen, stellten bewaffnete Schutz- und Ehrenwachen vor den
Regenbogen und vor den Wilden Mann und begingen überhaupt mit
gewaltiger Lustbarkeit eines ihrer großen Abenteuer, als merkwürdige
Fortsetzung des gestrigen.
Der erschreckte und gereizte Amtsrat schickte seinen Böhni nach
Goldach um Hilfe. Der fuhr im Galopp hin, und am nächsten Tage fuhren
eine Anzahl Männer mit einer ansehnlichen Polizeimacht von dort herüber,
um dem Amtsrat beizustehen, und es gewann den Anschein, als ob
Seldwyla ein neues Troja werden sollte. Die Parteien standen sich drohend
gegenüber; der Stadttambour drehte bereits an seiner Spannschraube und tat
leiden könne!
Es gab nun ein fruchtloses Hin- und Widerreden, welches die standhafte
Schöne endlich doch zum Tränenvergießen brachte.
Fast gleichzeitig drangen Wenzel und Böhni herein, welche auf der
Treppe zusammengetroffen, und es drohte eine große Verwirrung zu
entstehen, als auch der Rechtsanwalt erschien, ein dem Amtsrate
wohlbekannter Mann, und vor der Hand zur friedlichen Besonnenheit
mahnte. Als er in wenigen vorläufigen Worten vernahm, worum es sich
handle, ordnete er an, daß vor allem Wenzel sich in den Wilden Mann
zurückziehe und sich dort still halte, daß auch Herr Böhni sich nicht
einmische und fortgehe, daß Nettchen ihrerseits alle Formen des
bürgerlichen guten Tones wahre bis zum Austrag der Sache und der Vater
auf jede Ausübung von Zwang verzichte, da die Freiheit der Tochter
gesetzlich unbezweifelt sei.
So gab es denn einen Waffenstillstand und eine allgemeine Trennung für
einige Stunden.
In der Stadt, wo der Anwalt ein paar Worte verlauten ließ von einem
großen Vermögen, welches vielleicht nach Seldwyla käme durch diese
Geschichte, entstand nun ein großer Lärm. Die Stimmung der Seldwyler
schlug plötzlich um zu Gunsten des Schneiders und seiner Verlobten, und
sie beschlossen, die Liebenden zu schützen mit Gut und Blut und in ihrer
Stadt Recht und Freiheit der Person zu wahren. Als daher das Gerücht ging,
die Schöne von Goldach sollte mit Gewalt zurückgeführt werden, rotteten
sie sich zusammen, stellten bewaffnete Schutz- und Ehrenwachen vor den
Regenbogen und vor den Wilden Mann und begingen überhaupt mit
gewaltiger Lustbarkeit eines ihrer großen Abenteuer, als merkwürdige
Fortsetzung des gestrigen.
Der erschreckte und gereizte Amtsrat schickte seinen Böhni nach
Goldach um Hilfe. Der fuhr im Galopp hin, und am nächsten Tage fuhren
eine Anzahl Männer mit einer ansehnlichen Polizeimacht von dort herüber,
um dem Amtsrat beizustehen, und es gewann den Anschein, als ob
Seldwyla ein neues Troja werden sollte. Die Parteien standen sich drohend
gegenüber; der Stadttambour drehte bereits an seiner Spannschraube und tat
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einzelne Schläge mit dem rechten Schlägel. Da kamen höhere
Amtspersonen, geistliche und weltliche Herren auf den Platz, und die
Unterhandlungen, welche allseitig gepflogen wurden, ergaben endlich, da
Nettchen fest blieb und Wenzel sich nicht einschüchtern ließ, aufgemuntert
durch die Seldwyler, daß das Aufgebot ihrer Ehe nach Sammlung aller
nötigen Schriften förmlich stattfinden und daß gewärtigt werden solle, ob
und welche gesetzliche Einsprachen während dieses Verfahrens dagegen
erhoben würden und mit welchem Erfolge.
Solche Einsprachen konnten bei der Volljährigkeit Nettchens einzig noch
erhoben werden wegen der zweifelhaften Person des falschen Grafen
Wenzel Strapinski.
Allein der Rechtsanwalt, der seine und Nettchens Sache nun führte,
ermittelte, daß den fremden jungen Mann weder in seiner Heimat noch auf
seinen bisherigen Fahrten auch nur der Schatten eines bösen Leumunds
getroffen habe und von überall her nur gute und wohlwollende Zeugnisse
für ihn einliefen.
Was die Ereignisse in Goldach betraf, so wies der Advokat nach, daß
Wenzel sich eigentlich gar nie selbst für einen Grafen ausgegeben, sondern
daß ihm dieser Rang von andern gewaltsam verliehen worden; daß er
schriftlich auf allen vorhandenen Belegstücken mit seinem wirklichen
Namen Wenzel Strapinski ohne jede Zutat sich unterzeichnet hatte und
somit kein anderes Vergehen vorlag, als daß er eine törichte
Gastfreundschaft genossen hatte, die ihm nicht gewährt worden wäre, wenn
er nicht in jenem Wagen angekommen wäre und jener Kutscher nicht jenen
schlechten Spaß gemacht hätte.
So endigte denn der Krieg mit einer Hochzeit, an welcher die Seldwyler
mit ihren sogenannten Katzenköpfen gewaltig schossen zum Verdrusse der
Goldacher, welche den Geschützdonner ganz gut hören konnten, da der
Westwind wehte. Der Amtsrat gab Nettchen ihr ganzes Gut heraus, und sie
sagte, Wenzel müsse nun ein großer Marchand-Tailleur und Tuchherr
werden in Seldwyla; denn da hieß der Tuchhändler noch Tuchherr, der
Eisenhändler Eisenherr und so weiter.
Das geschah denn auch, aber in ganz anderer Weise, als die Seldwyler
geträumt hatten. Er war bescheiden, sparsam und fleißig in seinem
Amtspersonen, geistliche und weltliche Herren auf den Platz, und die
Unterhandlungen, welche allseitig gepflogen wurden, ergaben endlich, da
Nettchen fest blieb und Wenzel sich nicht einschüchtern ließ, aufgemuntert
durch die Seldwyler, daß das Aufgebot ihrer Ehe nach Sammlung aller
nötigen Schriften förmlich stattfinden und daß gewärtigt werden solle, ob
und welche gesetzliche Einsprachen während dieses Verfahrens dagegen
erhoben würden und mit welchem Erfolge.
Solche Einsprachen konnten bei der Volljährigkeit Nettchens einzig noch
erhoben werden wegen der zweifelhaften Person des falschen Grafen
Wenzel Strapinski.
Allein der Rechtsanwalt, der seine und Nettchens Sache nun führte,
ermittelte, daß den fremden jungen Mann weder in seiner Heimat noch auf
seinen bisherigen Fahrten auch nur der Schatten eines bösen Leumunds
getroffen habe und von überall her nur gute und wohlwollende Zeugnisse
für ihn einliefen.
Was die Ereignisse in Goldach betraf, so wies der Advokat nach, daß
Wenzel sich eigentlich gar nie selbst für einen Grafen ausgegeben, sondern
daß ihm dieser Rang von andern gewaltsam verliehen worden; daß er
schriftlich auf allen vorhandenen Belegstücken mit seinem wirklichen
Namen Wenzel Strapinski ohne jede Zutat sich unterzeichnet hatte und
somit kein anderes Vergehen vorlag, als daß er eine törichte
Gastfreundschaft genossen hatte, die ihm nicht gewährt worden wäre, wenn
er nicht in jenem Wagen angekommen wäre und jener Kutscher nicht jenen
schlechten Spaß gemacht hätte.
So endigte denn der Krieg mit einer Hochzeit, an welcher die Seldwyler
mit ihren sogenannten Katzenköpfen gewaltig schossen zum Verdrusse der
Goldacher, welche den Geschützdonner ganz gut hören konnten, da der
Westwind wehte. Der Amtsrat gab Nettchen ihr ganzes Gut heraus, und sie
sagte, Wenzel müsse nun ein großer Marchand-Tailleur und Tuchherr
werden in Seldwyla; denn da hieß der Tuchhändler noch Tuchherr, der
Eisenhändler Eisenherr und so weiter.
Das geschah denn auch, aber in ganz anderer Weise, als die Seldwyler
geträumt hatten. Er war bescheiden, sparsam und fleißig in seinem
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Geschäfte, welchem er einen großen Umfang zu geben verstand. Er machte
ihnen ihre veilchenfarbigen oder weiß und blau gewürfelten
Sammetwesten; ihre Ballfräcke mit goldenen Knöpfen, ihre rot
ausgeschlagenen Mäntel, und alles waren sie ihm schuldig, aber nie zu
lange Zeit. Denn um neue, noch schönere Sachen zu erhalten, welche er
kommen oder anfertigen ließ, mußten sie ihm das frühere bezahlen, so daß
sie unter einander klagten, er presse ihnen das Blut unter den Nägeln
hervor.
Dabei wurde er rund und stattlich und sah beinahe gar nicht mehr
träumerisch aus; er wurde von Jahr zu Jahr geschäftserfahrener und
gewandter und wußte in Verbindung mit seinem bald versöhnten
Schwiegervater, dem Amtsrat, so gute Spekulationen zu machen, daß sich
sein Vermögen verdoppelte und er nach zehn oder zwölf Jahren mit ebenso
vielen Kindern, die inzwischen Nettchen, die Strapinska, geboren hatte, und
mit letzterer nach Goldach übersiedelte und daselbst ein angesehener Mann
ward.
Aber in Seldwyla ließ er nicht einen Stüber zurück, sei es aus Undank
oder aus Rache.
Der Schmied seines Glückes
John Kabys, ein artiger Mann von bald vierzig Jahren, führte den Spruch
im Munde, daß jeder der Schmied seines eigenen Glückes sein müsse, solle
und könne, und zwar ohne viel Gezappel und Geschrei.
Ruhig, mit nur wenigen Meisterschlägen schmiede der rechte Mann sein
Glück! war seine öftere Rede, womit er nicht etwa die Erreichung bloß des
Notwendigen, sondern überhaupt alles Wünschenswerten und
Überflüssigen verstand.
So hatte er denn als zarter Jüngling schon den ersten seiner
Meisterstreiche geführt und seinen Taufnamen Johannes in das englische
ihnen ihre veilchenfarbigen oder weiß und blau gewürfelten
Sammetwesten; ihre Ballfräcke mit goldenen Knöpfen, ihre rot
ausgeschlagenen Mäntel, und alles waren sie ihm schuldig, aber nie zu
lange Zeit. Denn um neue, noch schönere Sachen zu erhalten, welche er
kommen oder anfertigen ließ, mußten sie ihm das frühere bezahlen, so daß
sie unter einander klagten, er presse ihnen das Blut unter den Nägeln
hervor.
Dabei wurde er rund und stattlich und sah beinahe gar nicht mehr
träumerisch aus; er wurde von Jahr zu Jahr geschäftserfahrener und
gewandter und wußte in Verbindung mit seinem bald versöhnten
Schwiegervater, dem Amtsrat, so gute Spekulationen zu machen, daß sich
sein Vermögen verdoppelte und er nach zehn oder zwölf Jahren mit ebenso
vielen Kindern, die inzwischen Nettchen, die Strapinska, geboren hatte, und
mit letzterer nach Goldach übersiedelte und daselbst ein angesehener Mann
ward.
Aber in Seldwyla ließ er nicht einen Stüber zurück, sei es aus Undank
oder aus Rache.
Der Schmied seines Glückes
John Kabys, ein artiger Mann von bald vierzig Jahren, führte den Spruch
im Munde, daß jeder der Schmied seines eigenen Glückes sein müsse, solle
und könne, und zwar ohne viel Gezappel und Geschrei.
Ruhig, mit nur wenigen Meisterschlägen schmiede der rechte Mann sein
Glück! war seine öftere Rede, womit er nicht etwa die Erreichung bloß des
Notwendigen, sondern überhaupt alles Wünschenswerten und
Überflüssigen verstand.
So hatte er denn als zarter Jüngling schon den ersten seiner
Meisterstreiche geführt und seinen Taufnamen Johannes in das englische
Page 53
John umgewandelt, um sich von vornherein für das Ungewöhnliche und
Glückhafte zuzubereiten, da er dadurch von allen übrigen Hansen abstach
und überdies einen angelsächsisch unternehmenden Nimbus erhielt.
Darauf verharrte er einige Jährchen ruhig, ohne viel zu lernen oder zu
arbeiten, aber auch ohne über die Schnur zu hauen, sondern klug
abwartend.
Als jedoch das Glück auf den ausgeworfenen Köder nicht anbeißen
wollte, tat er den zweiten Meisterschlag und verwandelte das i in seinem
Familiennamen Kabis in ein y. Dadurch erhielt dies Wort (anderwärts auch
Kapes), welches Weißkohl bedeutet, einen edleren und fremdartigern
Anhauch, und John Kabys erwartete nun mit mehr Berechtigung, wie er
glaubte, das Glück.
Allein es vergingen abermals mehrere Jahre, ohne daß selbiges sich
einstellen wollte, und schon näherte er sich dem einunddreißigsten, als er
sein nicht bedeutendes Erbe mit aller Mäßigung und Einteilung endlich
doch aufgezehrt hatte. Jetzt begann er aber sich ernstlich zu regen und sann
auf ein Unternehmen, das nicht für den Spaß sein sollte. Schon oft hatte er
viele Seldwyler um ihre stattlichen Firmen beneidet, welche durch
Hinzufügen des Frauennamens entstanden. Diese Sitte war einst plötzlich
aufgekommen, man wußte nicht wie und woher; aber genug, sie schien den
Herren vortrefflich zu den roten Plüschwesten zu passen und auf einmal
erklang das ganze Städtchen an allen Ecken von pompösen Doppelnamen.
Große und kleine Firmatafeln, Haustüren, Glockenzüge, Kaffeetassen und
Teelöffel waren damit beschrieben und das Wochenblatt strotzte eine
Zeitlang von Anzeigen und Erklärungen, deren einziger Zweck das
Anbringen der Alliance-Unterschrift war. Insbesondere gehörte es zu den
ersten Freuden der Neuverheirateten, alsobald irgend ein Inserat vom Stapel
laufen zu lassen. Dabei gab es auch mancherlei Neid und Ärgernis; denn
wenn etwa ein schwärzlicher Schuster oder sonst für gering Geachteter
durch Führung solchen Doppelnamens an der allgemeinen Respektabilität
teilnehmen wollte, so wurde ihm das mit Naserümpfen übel vermerkt,
obgleich er im legitimsten Besitze der anderen Ehehälfte war. Immerhin
war es nicht ganz gleichgültig, ob ein oder mehrere Unbefugte durch dieses
Mittel in das allgemeine vergnügte Kreditwesen eindrangen, da
erfahrungsgemäß die geschlechterhafte Namensverlängerung zu den
Glückhafte zuzubereiten, da er dadurch von allen übrigen Hansen abstach
und überdies einen angelsächsisch unternehmenden Nimbus erhielt.
Darauf verharrte er einige Jährchen ruhig, ohne viel zu lernen oder zu
arbeiten, aber auch ohne über die Schnur zu hauen, sondern klug
abwartend.
Als jedoch das Glück auf den ausgeworfenen Köder nicht anbeißen
wollte, tat er den zweiten Meisterschlag und verwandelte das i in seinem
Familiennamen Kabis in ein y. Dadurch erhielt dies Wort (anderwärts auch
Kapes), welches Weißkohl bedeutet, einen edleren und fremdartigern
Anhauch, und John Kabys erwartete nun mit mehr Berechtigung, wie er
glaubte, das Glück.
Allein es vergingen abermals mehrere Jahre, ohne daß selbiges sich
einstellen wollte, und schon näherte er sich dem einunddreißigsten, als er
sein nicht bedeutendes Erbe mit aller Mäßigung und Einteilung endlich
doch aufgezehrt hatte. Jetzt begann er aber sich ernstlich zu regen und sann
auf ein Unternehmen, das nicht für den Spaß sein sollte. Schon oft hatte er
viele Seldwyler um ihre stattlichen Firmen beneidet, welche durch
Hinzufügen des Frauennamens entstanden. Diese Sitte war einst plötzlich
aufgekommen, man wußte nicht wie und woher; aber genug, sie schien den
Herren vortrefflich zu den roten Plüschwesten zu passen und auf einmal
erklang das ganze Städtchen an allen Ecken von pompösen Doppelnamen.
Große und kleine Firmatafeln, Haustüren, Glockenzüge, Kaffeetassen und
Teelöffel waren damit beschrieben und das Wochenblatt strotzte eine
Zeitlang von Anzeigen und Erklärungen, deren einziger Zweck das
Anbringen der Alliance-Unterschrift war. Insbesondere gehörte es zu den
ersten Freuden der Neuverheirateten, alsobald irgend ein Inserat vom Stapel
laufen zu lassen. Dabei gab es auch mancherlei Neid und Ärgernis; denn
wenn etwa ein schwärzlicher Schuster oder sonst für gering Geachteter
durch Führung solchen Doppelnamens an der allgemeinen Respektabilität
teilnehmen wollte, so wurde ihm das mit Naserümpfen übel vermerkt,
obgleich er im legitimsten Besitze der anderen Ehehälfte war. Immerhin
war es nicht ganz gleichgültig, ob ein oder mehrere Unbefugte durch dieses
Mittel in das allgemeine vergnügte Kreditwesen eindrangen, da
erfahrungsgemäß die geschlechterhafte Namensverlängerung zu den
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wirksameren, doch zartesten Maschinenteilchen jenes Kreditwesens
gehörte.
Für John Kabys aber konnte der Erfolg einer solchen Hauptveränderung
nicht zweifelhaft sein. Die Not war jetzt gerade groß genug, um diesen lang
aufgesparten Meisterstreich zur rechten Stunde zu führen, wie es einem
alten Schmied seines Glückes geziemt, der da nicht in den Tag hinein
hämmert, und John sah demgemäß nach einer Frau aus, still, aber
entschlossen. Und siehe! schon der Entschluß schien das Glück endlich
heraufzubeschwören; denn noch in derselben Woche langte an, wohnte in
Seldwyla mit einer mannbaren Tochter eine ältere Dame und nannte sich
Frau Oliva, die Tochter Fräulein Oliva. Kabys-Oliva! klang es sogleich in
Johns Ohren und wiederhallte es in seinem Gemüte! Mit einer solchen
Firma ein bescheidenes Geschäft begründet, mußte in wenig Jahren ein
großes Haus daraus werden. So machte er sich denn weislich an die Sache,
ausgerüstet mit allen seinen Attributen.
Diese bestanden in einer vergoldeten Brille, in drei emaillierten
Hemdeknöpfen, durch goldene Ketten unter sich verbunden, in einer langen
goldenen Uhrkette, welche eine geblümte Weste überkreuzte, mit allerlei
Anhängseln, in einer gewaltigen Busennadel, welche als Miniaturgemälde
eine Darstellung der Schlacht von Waterloo enthielt, ferner in drei oder vier
großen Ringen, einem großen Rohrstock, dessen Knopf ein kleiner
Operngucker bildete in Gestalt eines Perlmutterfäßchens. In den Taschen
trug, zog hervor und legte er vor sich hin, wenn er sich setzte: ein großes
Futteral aus Leder, in welchem eine Zigarrenspitze ruhte aus Meerschaum
geschnitzt, darstellend den aufs Pferd gebundenen Mazeppa; diese Gruppe
ragte ihm, wenn er rauchte, bis zwischen die Augenbrauen hinauf und war
ein Kabinettsstück; ferner eine rote Zigarrentasche mit vergoldetem Schloß,
in welcher schöne Zigarren lagen mit kirschrot und weiß getigertem
Deckblatt, ein abenteuerlich elegantes Feuerzeug, eine silberne Tabaksdose
und eine gestickte Schreibtafel. Auch führte er das komplizierteste und
zierlichste aller Geldtäschchen mit unendlich geheimnisvollen Abteilungen.
Diese sämtliche Ausrüstung war ihm die Idealausstattung eines Mannes
im Glücke; er hatte dieselbe, als kühn entworfenen Lebensrahmen, im
voraus angeschafft, als er noch an seinem kleinen Vermögen geknabbert,
aber nicht ohne einen tieferen Sinn. Denn solche Anhäufung war jetzt nicht
gehörte.
Für John Kabys aber konnte der Erfolg einer solchen Hauptveränderung
nicht zweifelhaft sein. Die Not war jetzt gerade groß genug, um diesen lang
aufgesparten Meisterstreich zur rechten Stunde zu führen, wie es einem
alten Schmied seines Glückes geziemt, der da nicht in den Tag hinein
hämmert, und John sah demgemäß nach einer Frau aus, still, aber
entschlossen. Und siehe! schon der Entschluß schien das Glück endlich
heraufzubeschwören; denn noch in derselben Woche langte an, wohnte in
Seldwyla mit einer mannbaren Tochter eine ältere Dame und nannte sich
Frau Oliva, die Tochter Fräulein Oliva. Kabys-Oliva! klang es sogleich in
Johns Ohren und wiederhallte es in seinem Gemüte! Mit einer solchen
Firma ein bescheidenes Geschäft begründet, mußte in wenig Jahren ein
großes Haus daraus werden. So machte er sich denn weislich an die Sache,
ausgerüstet mit allen seinen Attributen.
Diese bestanden in einer vergoldeten Brille, in drei emaillierten
Hemdeknöpfen, durch goldene Ketten unter sich verbunden, in einer langen
goldenen Uhrkette, welche eine geblümte Weste überkreuzte, mit allerlei
Anhängseln, in einer gewaltigen Busennadel, welche als Miniaturgemälde
eine Darstellung der Schlacht von Waterloo enthielt, ferner in drei oder vier
großen Ringen, einem großen Rohrstock, dessen Knopf ein kleiner
Operngucker bildete in Gestalt eines Perlmutterfäßchens. In den Taschen
trug, zog hervor und legte er vor sich hin, wenn er sich setzte: ein großes
Futteral aus Leder, in welchem eine Zigarrenspitze ruhte aus Meerschaum
geschnitzt, darstellend den aufs Pferd gebundenen Mazeppa; diese Gruppe
ragte ihm, wenn er rauchte, bis zwischen die Augenbrauen hinauf und war
ein Kabinettsstück; ferner eine rote Zigarrentasche mit vergoldetem Schloß,
in welcher schöne Zigarren lagen mit kirschrot und weiß getigertem
Deckblatt, ein abenteuerlich elegantes Feuerzeug, eine silberne Tabaksdose
und eine gestickte Schreibtafel. Auch führte er das komplizierteste und
zierlichste aller Geldtäschchen mit unendlich geheimnisvollen Abteilungen.
Diese sämtliche Ausrüstung war ihm die Idealausstattung eines Mannes
im Glücke; er hatte dieselbe, als kühn entworfenen Lebensrahmen, im
voraus angeschafft, als er noch an seinem kleinen Vermögen geknabbert,
aber nicht ohne einen tieferen Sinn. Denn solche Anhäufung war jetzt nicht
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sowohl das Behänge eines geschmacklosen eiteln Mannes, als vielmehr
eine Schule der Übung, der Ausdauer und des Trostes zur Zeit des Unsterns,
sowie eine würdige Bereithaltung für das endlich einkehrende Glück,
welches ja kommen konnte wie ein Dieb in der Nacht. Lieber wäre er
verhungert, als daß er das geringste seiner Zierstücke veräußert oder
versetzt hätte; so konnte er weder vor der Welt, noch vor sich selbst für
einen Bettler gelten und lernte das Äußerste erdulden, ohne an Glanz
einzubüßen. Ebenso war, um nichts zu verlieren, zu verderben, zu
zerbrechen oder in Unordnung zu bringen, eine fortwährend ruhige und
würdevolle Haltung geboten. Kein Räuschchen und keine andere Aufregung
durfte er sich gestatten, und wirklich besaß er seinen Mazeppa schon seit
zehn Jahren, ohne daß an dem Pferde ein Ohr oder der fliegende Schweif
abgebrochen wäre, und die Häkchen und Ringelchen an seinen Etuis und
Necessaires schlossen noch so gut als am Tage ihrer Schöpfung. Auch
mußte er zu all dem Schmucke Rock und Hut säuberlich schonen, sowie er
auch stets ein blankes Vorhemdchen zu besitzen wußte, um seine Knöpfe,
Kettchen und Nadeln auf weißem Grunde zu zeigen.
Freilich lag eigentlich mehr Mühe darin, als er in seinem Spruche von
den wenigen Meisterschlägen zugestehen wollte; allein man hat ja immer
die Werke des Genies fälschlich für mühelos ausgegeben.
Wenn nun die beiden Frauenzimmer das Glück waren, so ließ es sich
nicht ungern in dem ausgespannten Netze des Meisters fangen, ja er schien
ihnen mit seiner Ordentlichkeit und seinen vielen Kleinodien gerade der
Mann zu sein, den zu suchen sie ins Land gekommen waren. Sein
geregelter Müßiggang deutete auf einen behaglichen und sichern
Zinsleinpicker oder Rentier, der seine Werttitel gewiß in einem artigen
Kästchen aufbewahrte. Sie sprachen einiges von ihrem eigenen
wohlbestellten Wesen; als sie aber merkten, daß Herr Kabys nicht viel
Gewicht darauf zu legen schien, hielten sie klüglich inne und ihre
Persönlichkeit für das, was diesen guten Mann allein anziehe. Kurz, in
wenig Wochen war er mit dem Fräulein Oliva verlobt, und gleichzeitig
reiste er nach der Hauptstadt, um eine reich verzierte Adreßkarte mit dem
herrlichen Doppelnamen stechen zu lassen, anderseits ein prächtiges
Firmaschild zu bestellen und einige Handelsverbindungen mit Kredit für ein
Geschäft mit Ellenwaren zu eröffnen. Im Übermut kaufte er gleich noch
zwei oder drei Ellenstäbe von poliertem Pflaumenholz, einige Dutzend
eine Schule der Übung, der Ausdauer und des Trostes zur Zeit des Unsterns,
sowie eine würdige Bereithaltung für das endlich einkehrende Glück,
welches ja kommen konnte wie ein Dieb in der Nacht. Lieber wäre er
verhungert, als daß er das geringste seiner Zierstücke veräußert oder
versetzt hätte; so konnte er weder vor der Welt, noch vor sich selbst für
einen Bettler gelten und lernte das Äußerste erdulden, ohne an Glanz
einzubüßen. Ebenso war, um nichts zu verlieren, zu verderben, zu
zerbrechen oder in Unordnung zu bringen, eine fortwährend ruhige und
würdevolle Haltung geboten. Kein Räuschchen und keine andere Aufregung
durfte er sich gestatten, und wirklich besaß er seinen Mazeppa schon seit
zehn Jahren, ohne daß an dem Pferde ein Ohr oder der fliegende Schweif
abgebrochen wäre, und die Häkchen und Ringelchen an seinen Etuis und
Necessaires schlossen noch so gut als am Tage ihrer Schöpfung. Auch
mußte er zu all dem Schmucke Rock und Hut säuberlich schonen, sowie er
auch stets ein blankes Vorhemdchen zu besitzen wußte, um seine Knöpfe,
Kettchen und Nadeln auf weißem Grunde zu zeigen.
Freilich lag eigentlich mehr Mühe darin, als er in seinem Spruche von
den wenigen Meisterschlägen zugestehen wollte; allein man hat ja immer
die Werke des Genies fälschlich für mühelos ausgegeben.
Wenn nun die beiden Frauenzimmer das Glück waren, so ließ es sich
nicht ungern in dem ausgespannten Netze des Meisters fangen, ja er schien
ihnen mit seiner Ordentlichkeit und seinen vielen Kleinodien gerade der
Mann zu sein, den zu suchen sie ins Land gekommen waren. Sein
geregelter Müßiggang deutete auf einen behaglichen und sichern
Zinsleinpicker oder Rentier, der seine Werttitel gewiß in einem artigen
Kästchen aufbewahrte. Sie sprachen einiges von ihrem eigenen
wohlbestellten Wesen; als sie aber merkten, daß Herr Kabys nicht viel
Gewicht darauf zu legen schien, hielten sie klüglich inne und ihre
Persönlichkeit für das, was diesen guten Mann allein anziehe. Kurz, in
wenig Wochen war er mit dem Fräulein Oliva verlobt, und gleichzeitig
reiste er nach der Hauptstadt, um eine reich verzierte Adreßkarte mit dem
herrlichen Doppelnamen stechen zu lassen, anderseits ein prächtiges
Firmaschild zu bestellen und einige Handelsverbindungen mit Kredit für ein
Geschäft mit Ellenwaren zu eröffnen. Im Übermut kaufte er gleich noch
zwei oder drei Ellenstäbe von poliertem Pflaumenholz, einige Dutzend
Page 56
Wechselformulare mit vielen merkurialischen Emblemen, Preiszettel und
kleine Papierchen mit goldenem Rande zum Aufkleben, Handlungsbücher
und derartiges mehr.
Vergnügt eilte er wieder in seine Heimatstadt und zu seiner Braut, deren
einziger Fehler ein etwas unverhältnismäßig großer Kopf war. Freundlich,
zärtlich wurde er empfangen und seinem Reiseberichte die Eröffnung
entgegengesetzt, daß die Papiere der Braut, so für die Hochzeit erforderlich
waren, angekommen seien. Doch geschah diese Eröffnung mit einer
lächelnden Zurückhaltung, wie wenn er auf eine zwar unbedeutende, aber
immerhin nicht ganz ordnungsgemäße Nebensache müßte vorbereitet
werden. Alles dies ging endlich vorüber und es ergab sich, daß die Mutter
allerdings eine verwitwete Dame Oliva, die Tochter hingegen ein
außereheliches Kind von ihr war aus ihrer Jugendzeit und ihren eigenen
Familiennamen trug, wenn es sich um amtliche und zivilrechtliche Dinge
handelte. Dieser Name war: Häuptle! Die Braut hieß: Jungfer Häuptle, und
die künftige Firma also: »John Kabys-Häuptle«, zu deutsch: »Hans
Kohlköpfle.«
Sprachlos stand der Bräutigam eine gute Weile, die unselige Hälfte seines
neuesten Meisterwerkes betrachtend; endlich rief er: »Und mit einem
solchen Hauptkopfschädel kann man Häuptle heißen!« Erschrocken und
demütig senkte die Braut ihr Häuptlein, um das Gewitter vorübergehen zu
lassen; denn noch ahnte sie nicht, daß die Hauptsache an ihr für Kabyssen
jener schöne Name gewesen sei.
Herr Kabys schlechtweg aber ging ohne weiteres nach seiner Behausung,
um sich den Fall zu überlegen; allein schon auf dem Wege riefen ihm seine
lustigen Mitbürger Hans Kohlköpfle zu, da das Geheimnis bereits verraten
war. Drei Tage und drei Nächte suchte er das gefehlte Werk in tiefer
Einsamkeit umzuschmieden. Am vierten Tage hatte er seinen Entschluß
gefaßt, ging wieder dorthin und begehrte die Mutter statt der Tochter zur
Ehe. Allein die entrüstete Frau hatte nun ihrerseits in Erfahrung gebracht,
daß Herr Kabys gar kein Mahagonikästchen mit Werttiteln besitze, und wies
ihm schnöde die Türe, worauf sie mit ihrer Tochter um ein Städtchen weiter
zog.
kleine Papierchen mit goldenem Rande zum Aufkleben, Handlungsbücher
und derartiges mehr.
Vergnügt eilte er wieder in seine Heimatstadt und zu seiner Braut, deren
einziger Fehler ein etwas unverhältnismäßig großer Kopf war. Freundlich,
zärtlich wurde er empfangen und seinem Reiseberichte die Eröffnung
entgegengesetzt, daß die Papiere der Braut, so für die Hochzeit erforderlich
waren, angekommen seien. Doch geschah diese Eröffnung mit einer
lächelnden Zurückhaltung, wie wenn er auf eine zwar unbedeutende, aber
immerhin nicht ganz ordnungsgemäße Nebensache müßte vorbereitet
werden. Alles dies ging endlich vorüber und es ergab sich, daß die Mutter
allerdings eine verwitwete Dame Oliva, die Tochter hingegen ein
außereheliches Kind von ihr war aus ihrer Jugendzeit und ihren eigenen
Familiennamen trug, wenn es sich um amtliche und zivilrechtliche Dinge
handelte. Dieser Name war: Häuptle! Die Braut hieß: Jungfer Häuptle, und
die künftige Firma also: »John Kabys-Häuptle«, zu deutsch: »Hans
Kohlköpfle.«
Sprachlos stand der Bräutigam eine gute Weile, die unselige Hälfte seines
neuesten Meisterwerkes betrachtend; endlich rief er: »Und mit einem
solchen Hauptkopfschädel kann man Häuptle heißen!« Erschrocken und
demütig senkte die Braut ihr Häuptlein, um das Gewitter vorübergehen zu
lassen; denn noch ahnte sie nicht, daß die Hauptsache an ihr für Kabyssen
jener schöne Name gewesen sei.
Herr Kabys schlechtweg aber ging ohne weiteres nach seiner Behausung,
um sich den Fall zu überlegen; allein schon auf dem Wege riefen ihm seine
lustigen Mitbürger Hans Kohlköpfle zu, da das Geheimnis bereits verraten
war. Drei Tage und drei Nächte suchte er das gefehlte Werk in tiefer
Einsamkeit umzuschmieden. Am vierten Tage hatte er seinen Entschluß
gefaßt, ging wieder dorthin und begehrte die Mutter statt der Tochter zur
Ehe. Allein die entrüstete Frau hatte nun ihrerseits in Erfahrung gebracht,
daß Herr Kabys gar kein Mahagonikästchen mit Werttiteln besitze, und wies
ihm schnöde die Türe, worauf sie mit ihrer Tochter um ein Städtchen weiter
zog.
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So sah Herr John das glänzende Oliva entschwinden wie eine
schimmernde Seifenblase im Ätherblau, und höchst betreten hielt er seinen
Glücksschmiedehammer in der Hand. Seine letzte Barschaft war über
diesem Handel fortgegangen. Daher mußte er sich endlich entschließen,
etwas Wirkliches zu arbeiten oder wenigstens zur Grundlage seines Daseins
zu machen, und indem er sich so hin und her prüfte, konnte er gar nichts,
als vortrefflich rasieren, ebenso die Messer dazu im stande halten und
scharf machen. Nun stellte er sich auf mit einem Bartbecken und in einem
schmalen Stübchen zu ebener Erde, über dessen Türe er ein »John Kabys«
befestigte, welches er aus jener stattlichen Firmatafel eigenhändig
herausgesägt und von dem verlorenen Oliva wehmütig abgetrennt hatte.
Der Spitzname Kohlköpfle blieb ihm jedoch in der Stadt und führte ihm
manchen Kunden zu, so daß er mehrere Jahre lang ganz leidlich dahin lebte,
Gesichter schabend und Messer abziehend, und seinen übermütigen
Wahlspruch fast ganz zu vergessen schien.
Da sprach eines Tages ein Bürger bei ihm ein, der soeben von langen
Reisen zurückgekehrt war, und jetzt nachlässig, indem er sich zum
Einseifen setzte, hinwarf: »So gibt es, wie ich aus Ihrem Schilde ersehe,
doch noch Kabysse in Seldwyla?« »Ich bin der letzte meines Geschlechts,«
erwiderte der Barbier nicht ohne Würde, »doch warum frugen Sie das,
wenn ich fragen darf?« Der Fremde schwieg jedoch, bis er barbiert und
gesäubert, und erst als alles beendigt und der Ehrensold entrichtet war, fuhr
er fort: »In Augsburg kannte ich einen alten reichen Kauz, welcher öfter
versicherte, seine Großmutter sei eine geborene Kabis von Seldwyla in der
Schweiz gewesen, und es nehme ihn höchlich Wunder, ob da noch Leute
dieses Geschlechtes lebten?«
Hierauf entfernte sich der Mann.
Hans Kohlköpfle dachte nach und dachte nach und kam in eine große
Aufregung, als er sich endlich dunkel erinnerte, daß eine Vorfahrin von ihm
sich wirklich vor langen Jahren nach Deutschland verheiratet haben sollte,
die seither verschollen war. Ein rührendes Familiengefühl erwachte
plötzlich in ihm, ein romantisches Interesse für Stammbäume, und es ward
ihm bange, ob der Gereiste auch wiederkommen würde. Nach der Art seines
Bartwuchses mußte er in zwei Tagen wieder erscheinen. In der Tat kam der
Mann pünktlich um diese Zeit. John seifte ihn ein und schabte ihn beinahe
schimmernde Seifenblase im Ätherblau, und höchst betreten hielt er seinen
Glücksschmiedehammer in der Hand. Seine letzte Barschaft war über
diesem Handel fortgegangen. Daher mußte er sich endlich entschließen,
etwas Wirkliches zu arbeiten oder wenigstens zur Grundlage seines Daseins
zu machen, und indem er sich so hin und her prüfte, konnte er gar nichts,
als vortrefflich rasieren, ebenso die Messer dazu im stande halten und
scharf machen. Nun stellte er sich auf mit einem Bartbecken und in einem
schmalen Stübchen zu ebener Erde, über dessen Türe er ein »John Kabys«
befestigte, welches er aus jener stattlichen Firmatafel eigenhändig
herausgesägt und von dem verlorenen Oliva wehmütig abgetrennt hatte.
Der Spitzname Kohlköpfle blieb ihm jedoch in der Stadt und führte ihm
manchen Kunden zu, so daß er mehrere Jahre lang ganz leidlich dahin lebte,
Gesichter schabend und Messer abziehend, und seinen übermütigen
Wahlspruch fast ganz zu vergessen schien.
Da sprach eines Tages ein Bürger bei ihm ein, der soeben von langen
Reisen zurückgekehrt war, und jetzt nachlässig, indem er sich zum
Einseifen setzte, hinwarf: »So gibt es, wie ich aus Ihrem Schilde ersehe,
doch noch Kabysse in Seldwyla?« »Ich bin der letzte meines Geschlechts,«
erwiderte der Barbier nicht ohne Würde, »doch warum frugen Sie das,
wenn ich fragen darf?« Der Fremde schwieg jedoch, bis er barbiert und
gesäubert, und erst als alles beendigt und der Ehrensold entrichtet war, fuhr
er fort: »In Augsburg kannte ich einen alten reichen Kauz, welcher öfter
versicherte, seine Großmutter sei eine geborene Kabis von Seldwyla in der
Schweiz gewesen, und es nehme ihn höchlich Wunder, ob da noch Leute
dieses Geschlechtes lebten?«
Hierauf entfernte sich der Mann.
Hans Kohlköpfle dachte nach und dachte nach und kam in eine große
Aufregung, als er sich endlich dunkel erinnerte, daß eine Vorfahrin von ihm
sich wirklich vor langen Jahren nach Deutschland verheiratet haben sollte,
die seither verschollen war. Ein rührendes Familiengefühl erwachte
plötzlich in ihm, ein romantisches Interesse für Stammbäume, und es ward
ihm bange, ob der Gereiste auch wiederkommen würde. Nach der Art seines
Bartwuchses mußte er in zwei Tagen wieder erscheinen. In der Tat kam der
Mann pünktlich um diese Zeit. John seifte ihn ein und schabte ihn beinahe
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zitternd vor Neugierde. Als er fertig war, platzte er heraus und erkundigte
sich angelegentlich nach den näheren Umständen. Der Mann sagte: »Es ist
einfach ein Herr Adam Litumlei, hat eine Frau, aber keine Kinder, und
wohnt in der und der Straße zu Augsburg.«
John beschlief sich den Handel noch eine Nacht und faßte in derselben
den Mut, doch noch tüchtig glücklich zu werden. Am nächsten Morgen
schloß er seinen Ladenstreifen, packte seinen Sonntagsanzug in einen alten
Tornister und alle seine wohlerhaltenen Wahrzeichen in ein besonderes
Paketlein, und nachdem er sich mit hinlänglichen Ausweisschriften und
pfarrbücherlichen Auszügen versehen, trat er unverweilt die Reise nach
Augsburg an, still und unscheinbar, wie ein älterer Handwerksbursche.
Als er die Türme und die grünen Wälle der Stadt vor sich sah, überzählte
er seine Barschaft und fand, daß er sich sehr knapp halten müsse, wenn er
im ungünstigen Falle den Rückweg wieder bestehen wolle. Darum kehrte er
in der bescheidensten Herberge ein, welche er nach einigem Suchen
auffinden konnte; er trat in die Gaststube und sah verschiedene
Handwerkszeichen über den Tischen hangen, worunter auch dasjenige der
Schmiede. Unter dieses setzte er sich als ein Schmied seines Glückes, der
guten Vorbedeutung wegen, und stärkte sein Leibliches durch ein
Frühstück, da es noch zeitig am Tage. Dann ließ er sich ein eigenes
Kämmerchen geben, wo er sich umkleidete. Er stutzte sich auf jegliche
Weise auf und behing sich mit dem ganzen Zierat; auch schraubte er das
Perspektivfäßchen auf den Stock. So trat er aus der Kammer hervor, daß die
Wirtin erschrak ob all der Pracht.
Es dauerte ziemlich lang, eh er die Straße fand, nach der sein Herz
begehrte. Doch endlich sah er sich in einer weiten Gasse, worin mächtige
alte Häuser standen; aber kein lebendes Wesen war zu erblicken. Endlich
wollte doch ein Mägdlein mit einem blanken schäumenden Kännchen Bier
an ihm vorüberhuschen. Er hielt es fest und fragte nach Herrn Adam
Litumlei, und das Mädchen zeigte ihm das Haus, vor welchem er gerade
stand.
Neugierig schaute er daran hinauf. Über einem ansehnlichen Portale
türmten sich mehrere Stockwerke mit hohen Fenstern empor, deren starke
Gesimse und Profile ein senkrechtes Meer von kühnen Verkürzungen vor
sich angelegentlich nach den näheren Umständen. Der Mann sagte: »Es ist
einfach ein Herr Adam Litumlei, hat eine Frau, aber keine Kinder, und
wohnt in der und der Straße zu Augsburg.«
John beschlief sich den Handel noch eine Nacht und faßte in derselben
den Mut, doch noch tüchtig glücklich zu werden. Am nächsten Morgen
schloß er seinen Ladenstreifen, packte seinen Sonntagsanzug in einen alten
Tornister und alle seine wohlerhaltenen Wahrzeichen in ein besonderes
Paketlein, und nachdem er sich mit hinlänglichen Ausweisschriften und
pfarrbücherlichen Auszügen versehen, trat er unverweilt die Reise nach
Augsburg an, still und unscheinbar, wie ein älterer Handwerksbursche.
Als er die Türme und die grünen Wälle der Stadt vor sich sah, überzählte
er seine Barschaft und fand, daß er sich sehr knapp halten müsse, wenn er
im ungünstigen Falle den Rückweg wieder bestehen wolle. Darum kehrte er
in der bescheidensten Herberge ein, welche er nach einigem Suchen
auffinden konnte; er trat in die Gaststube und sah verschiedene
Handwerkszeichen über den Tischen hangen, worunter auch dasjenige der
Schmiede. Unter dieses setzte er sich als ein Schmied seines Glückes, der
guten Vorbedeutung wegen, und stärkte sein Leibliches durch ein
Frühstück, da es noch zeitig am Tage. Dann ließ er sich ein eigenes
Kämmerchen geben, wo er sich umkleidete. Er stutzte sich auf jegliche
Weise auf und behing sich mit dem ganzen Zierat; auch schraubte er das
Perspektivfäßchen auf den Stock. So trat er aus der Kammer hervor, daß die
Wirtin erschrak ob all der Pracht.
Es dauerte ziemlich lang, eh er die Straße fand, nach der sein Herz
begehrte. Doch endlich sah er sich in einer weiten Gasse, worin mächtige
alte Häuser standen; aber kein lebendes Wesen war zu erblicken. Endlich
wollte doch ein Mägdlein mit einem blanken schäumenden Kännchen Bier
an ihm vorüberhuschen. Er hielt es fest und fragte nach Herrn Adam
Litumlei, und das Mädchen zeigte ihm das Haus, vor welchem er gerade
stand.
Neugierig schaute er daran hinauf. Über einem ansehnlichen Portale
türmten sich mehrere Stockwerke mit hohen Fenstern empor, deren starke
Gesimse und Profile ein senkrechtes Meer von kühnen Verkürzungen vor
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dem Auge des armen Glücksuchers ausbreiteten, so daß es ihm fast
bänglich wurde und er befürchtete, eine zu großartige Sache unternommen
zu haben; denn er stand vor einem förmlichen Palast. Dennoch drückte er
sachte an dem schweren Torflügel, schlüpfte hinein und befand sich in
einem prächtigen Treppenhaus. Eine steinerne Doppeltreppe baute sich mit
breiten Absätzen in die Höhe, von einem reich geschmiedeten Geländer
eingefaßt. Unter der Treppe hindurch und durch die hintere offene Haustüre
sah man Sonnenschein und Blumenbeete. John ging leise dahin, um
vielleicht einen Dienstboten oder einen Gärtner zu finden, sah aber nichts
als einen großen altfränkischen Garten, der voll der schönsten Blumen war,
sowie einen steinernen Brunnen mit vielen Figuren.
Alles war wie ausgestorben; er ging wieder zurück und begann die
Treppe hinaufzusteigen. An den Wänden hingen große vergilbte
Landkarten, Pläne alter Reichsstädte mit ihren Festungswerken, mit
stattlichen allegorischen Darstellungen in den Ecken. Eine eichene Türe
unter mehreren war bloß angelehnt; der Eindringling öffnete sie zur Hälfte
und sah eine ziemlich hübsche Frau auf einem Ruhebette ausgestreckt,
welcher das Strickzeug entfallen war und die ein geruhiges Schläfchen tat,
obgleich es erst zehn Uhr Vormittags war. Mit klopfendem Herzen hielt
John Kabys, da das Zimmer sehr tief war, seinen Stock ans Auge und
betrachtete die Erscheinung durch das Perspektivchen von Perlmutter; das
seidene Kleid, die rundlichen Formen der Schläferin ließen ihm das Haus
immer mehr wie ein verzaubertes Schloß erscheinen, und höchst gespannt
zog er sich zurück und stieg weiter hinauf, sachte und vorsichtig.
Zu oberst war das Treppenhaus eine ordentliche Rüstkammer, da es
behangen war mit Rüstungen und Waffen aus allen Jahrhunderten; rostige
Panzerhemden, Eisenhüte, Galakürasse aus der Zopfzeit, Schlachtschwerter,
vergoldete Luntenstäbe, alles hing durcheinander, und in den Ecken standen
ziervolle kleine Geschütze, grün vor Alter. Kurz, es war das Treppenhaus
eines großen Patriziers und Herrn John wurde es feierlich zu Mute.
Da ließ sich plötzlich eine Art Geschrei vernehmen, ganz in der Nähe,
wie von einem größeren Kinde, und als es nicht aufhörte, benutzte John den
Anlaß, ihm nachzugehen und so zu Leuten zu kommen. Er öffnete die
nächste Türe und sah einen weitläufigen Ahnensaal, von unten bis oben mit
Bildnissen angefüllt. Der Boden bestand aus sechseckigen Fliesen
bänglich wurde und er befürchtete, eine zu großartige Sache unternommen
zu haben; denn er stand vor einem förmlichen Palast. Dennoch drückte er
sachte an dem schweren Torflügel, schlüpfte hinein und befand sich in
einem prächtigen Treppenhaus. Eine steinerne Doppeltreppe baute sich mit
breiten Absätzen in die Höhe, von einem reich geschmiedeten Geländer
eingefaßt. Unter der Treppe hindurch und durch die hintere offene Haustüre
sah man Sonnenschein und Blumenbeete. John ging leise dahin, um
vielleicht einen Dienstboten oder einen Gärtner zu finden, sah aber nichts
als einen großen altfränkischen Garten, der voll der schönsten Blumen war,
sowie einen steinernen Brunnen mit vielen Figuren.
Alles war wie ausgestorben; er ging wieder zurück und begann die
Treppe hinaufzusteigen. An den Wänden hingen große vergilbte
Landkarten, Pläne alter Reichsstädte mit ihren Festungswerken, mit
stattlichen allegorischen Darstellungen in den Ecken. Eine eichene Türe
unter mehreren war bloß angelehnt; der Eindringling öffnete sie zur Hälfte
und sah eine ziemlich hübsche Frau auf einem Ruhebette ausgestreckt,
welcher das Strickzeug entfallen war und die ein geruhiges Schläfchen tat,
obgleich es erst zehn Uhr Vormittags war. Mit klopfendem Herzen hielt
John Kabys, da das Zimmer sehr tief war, seinen Stock ans Auge und
betrachtete die Erscheinung durch das Perspektivchen von Perlmutter; das
seidene Kleid, die rundlichen Formen der Schläferin ließen ihm das Haus
immer mehr wie ein verzaubertes Schloß erscheinen, und höchst gespannt
zog er sich zurück und stieg weiter hinauf, sachte und vorsichtig.
Zu oberst war das Treppenhaus eine ordentliche Rüstkammer, da es
behangen war mit Rüstungen und Waffen aus allen Jahrhunderten; rostige
Panzerhemden, Eisenhüte, Galakürasse aus der Zopfzeit, Schlachtschwerter,
vergoldete Luntenstäbe, alles hing durcheinander, und in den Ecken standen
ziervolle kleine Geschütze, grün vor Alter. Kurz, es war das Treppenhaus
eines großen Patriziers und Herrn John wurde es feierlich zu Mute.
Da ließ sich plötzlich eine Art Geschrei vernehmen, ganz in der Nähe,
wie von einem größeren Kinde, und als es nicht aufhörte, benutzte John den
Anlaß, ihm nachzugehen und so zu Leuten zu kommen. Er öffnete die
nächste Türe und sah einen weitläufigen Ahnensaal, von unten bis oben mit
Bildnissen angefüllt. Der Boden bestand aus sechseckigen Fliesen
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verschiedener Farbe, die Decke aus Gipsstukkaturen mit lebensgroßen, fast
frei schwebenden Menschen- und Tiergestalten, Fruchtkränzen und
Wappen. Vor einem zehn Fuß hohen Kaminspiegel aber stand ein winziges
eisgraues Greischen, nicht schwerer als ein Zicklein, in einem Schlafrock
von scharlachrotem Sammet, mit eingeseiftem Gesicht. Das strampelte vor
Ungeduld, schrie weinerlich und rief: »Ich kann mich nicht mehr rasieren!
Ich kann mich nicht mehr rasieren! Mein Messer schneidt nicht! Niemand
hilft mir, o je, o je!« Als es im Spiegel den Fremden sah, schwieg es still,
kehrte sich um und sah mit dem Messer in der Hand verblüfft und
furchtsam auf Herrn John, welcher, den Hut in der Hand, mit vielen
Bücklingen vordrang, den Hut abstellte, lächelnd dem Männchen das
Messer aus der Hand nahm und dessen Schneide prüfte. Er zog sie einige
Male auf seinem Stiefel, dann auf dem Handballen ab, prüfte hierauf die
Seife und schlug einen dichtern Schaum, kurz er barbierte das Männchen in
weniger als drei Minuten aufs herrlichste.
»Verzeihen Sie, hochgeehrter Herr!« sagte hierauf Kabys, »die Freiheit,
die ich mir genommen habe! Allein da ich Sie in solcher Verlegenheit sah,
glaubte ich mich dergestalt auf die natürlichste Weise bei Ihnen
einzuführen, insofern ich etwa die Ehre habe, vor Herrn Adam Litumlei zu
stehen.«
Das Alterchen betrachtete noch immer erstaunt den Fremden; dann
schaute es in den Spiegel und fand sich sauber rasiert, wie lange nicht mehr,
worauf es, Wohlgefallen mit Mißtrauen vermischend, den Künstler
abermals besah und mit Zufriedenheit wahrnahm, daß es ein anständiger
Fremder sei. Doch fragte es mit immer noch unwirschem Stimmchen, wer
er sei und was er wolle?
John räusperte sich und versetzte: er sei ein gewisser Kabys aus
Seldwyla, und da er sich gerade auf Reisen befinde und hiesige Stadt
passiere, so habe er nicht versäumen wollen, die Nachkommen einer Ahne
seines Hauses aufzusuchen und zu begrüßen. Und er tat, als ob er von
Kindheit auf nur von Herrn Litumlei sprechen gehört hätte. Dieser war auf
einmal freudig überrascht und rief freundlich und wohlgemut: »Ha! so
blühet also das Geschlecht der Kabysse noch! Ist es zahlreich und
angesehen?«
frei schwebenden Menschen- und Tiergestalten, Fruchtkränzen und
Wappen. Vor einem zehn Fuß hohen Kaminspiegel aber stand ein winziges
eisgraues Greischen, nicht schwerer als ein Zicklein, in einem Schlafrock
von scharlachrotem Sammet, mit eingeseiftem Gesicht. Das strampelte vor
Ungeduld, schrie weinerlich und rief: »Ich kann mich nicht mehr rasieren!
Ich kann mich nicht mehr rasieren! Mein Messer schneidt nicht! Niemand
hilft mir, o je, o je!« Als es im Spiegel den Fremden sah, schwieg es still,
kehrte sich um und sah mit dem Messer in der Hand verblüfft und
furchtsam auf Herrn John, welcher, den Hut in der Hand, mit vielen
Bücklingen vordrang, den Hut abstellte, lächelnd dem Männchen das
Messer aus der Hand nahm und dessen Schneide prüfte. Er zog sie einige
Male auf seinem Stiefel, dann auf dem Handballen ab, prüfte hierauf die
Seife und schlug einen dichtern Schaum, kurz er barbierte das Männchen in
weniger als drei Minuten aufs herrlichste.
»Verzeihen Sie, hochgeehrter Herr!« sagte hierauf Kabys, »die Freiheit,
die ich mir genommen habe! Allein da ich Sie in solcher Verlegenheit sah,
glaubte ich mich dergestalt auf die natürlichste Weise bei Ihnen
einzuführen, insofern ich etwa die Ehre habe, vor Herrn Adam Litumlei zu
stehen.«
Das Alterchen betrachtete noch immer erstaunt den Fremden; dann
schaute es in den Spiegel und fand sich sauber rasiert, wie lange nicht mehr,
worauf es, Wohlgefallen mit Mißtrauen vermischend, den Künstler
abermals besah und mit Zufriedenheit wahrnahm, daß es ein anständiger
Fremder sei. Doch fragte es mit immer noch unwirschem Stimmchen, wer
er sei und was er wolle?
John räusperte sich und versetzte: er sei ein gewisser Kabys aus
Seldwyla, und da er sich gerade auf Reisen befinde und hiesige Stadt
passiere, so habe er nicht versäumen wollen, die Nachkommen einer Ahne
seines Hauses aufzusuchen und zu begrüßen. Und er tat, als ob er von
Kindheit auf nur von Herrn Litumlei sprechen gehört hätte. Dieser war auf
einmal freudig überrascht und rief freundlich und wohlgemut: »Ha! so
blühet also das Geschlecht der Kabysse noch! Ist es zahlreich und
angesehen?«
Page 61
John hatte schon gleich einem Wandergesellen, der vor dem Torschreiber
steht, seine Schriften ausgepackt und vorgelegt. Indem er auf sie wies,
sprach er ernst: »Zahlreich ist es nicht mehr, denn ich bin der letzte des
Geschlechtes! Aber seine Ehre steht noch unbewegt!« Erstaunt und gerührt
ob solchen Reden bot ihm der Alte die Hand und hieß ihn willkommen. Die
beiden Herren verständigten sich schnell über den Grad ihrer
Verwandtschaft; abermals rief Litumlei: »So nahe berühren sich unsere
Lebenszweige! Kommen Sie, lieber Vetter, hier sehen Sie Ihre edle und
treffliche Urgroßtante, meine leibliche Großmama!« Und er führte ihn im
mächtigen Saale umher, bis sie vor einem schönen Frauenbilde standen in
der Tracht des vorigen Jahrhunderts. In der Tat bezeichnete ein
Papierbörtchen, welches in der Ecke des Rahmens befestigt war, die besagte
Dame, sowie auch eine Anzahl der andern Bildnisse mit solchen Zetteln
versehen war. Freilich zeigten die Gemälde selbst noch andere Inschriften
in lateinischer Sprache, welche mit den angehefteten Papierchen nicht
übereinstimmten. Aber John Kabys stand und stand und überlegte in seinem
Innern: »So hast du denn doch gut geschmiedet! Denn hier blickt auf dich
hernieder, hold und freundlich, die Ahnfrau deines Glückes im reichen
Rittersaal!«
Melodisch zu dieser Selbstansprache klangen die Worte des Herrn
Litumlei, welcher sagte, daß nun von einer Weiterreise keine Rede sein
dürfe, sondern der werteste Vetter zur Begründung eines engeren
Verhältnisses vorerst so lange, als dessen Zeit es erlaube, sein Gast sein
müsse. Denn das flunkernde Ziergeräte des Herrn Großneffen, welches ihm
schon in die Augen gefallen, versah trefflich seinen Dienst und erfüllte ihn
mit Vertrauen.
Darum zog er jetzt mit aller Macht an einer Glocke, worauf allmählich
einige Dienstboten herbeischlurften, um nach ihrem kleinen Gebieter zu
sehen, und endlich erschien auch die Dame, welche im ersten Stock
geschlafen hatte, noch gerötet von ihrem Schläfchen und mit halb offenen
Augen. Als ihr aber der angekommene Gast vorgestellt wurde, tat sie
dieselben ganz auf, neugierig und vergnüglich, wie es schien, über die
unerwartete Begebenheit. John wurde nun in andere Räume geführt und
mußte eine gehörige Erfrischung einnehmen, wobei ihm das Ehepaar so
eifrig half, wie Kinder, die zu jeder Stunde Eßlust haben. Dies gefiel dem
Gast über die Maßen, da er sah, daß es Leute waren, die sich nichts abgehen
steht, seine Schriften ausgepackt und vorgelegt. Indem er auf sie wies,
sprach er ernst: »Zahlreich ist es nicht mehr, denn ich bin der letzte des
Geschlechtes! Aber seine Ehre steht noch unbewegt!« Erstaunt und gerührt
ob solchen Reden bot ihm der Alte die Hand und hieß ihn willkommen. Die
beiden Herren verständigten sich schnell über den Grad ihrer
Verwandtschaft; abermals rief Litumlei: »So nahe berühren sich unsere
Lebenszweige! Kommen Sie, lieber Vetter, hier sehen Sie Ihre edle und
treffliche Urgroßtante, meine leibliche Großmama!« Und er führte ihn im
mächtigen Saale umher, bis sie vor einem schönen Frauenbilde standen in
der Tracht des vorigen Jahrhunderts. In der Tat bezeichnete ein
Papierbörtchen, welches in der Ecke des Rahmens befestigt war, die besagte
Dame, sowie auch eine Anzahl der andern Bildnisse mit solchen Zetteln
versehen war. Freilich zeigten die Gemälde selbst noch andere Inschriften
in lateinischer Sprache, welche mit den angehefteten Papierchen nicht
übereinstimmten. Aber John Kabys stand und stand und überlegte in seinem
Innern: »So hast du denn doch gut geschmiedet! Denn hier blickt auf dich
hernieder, hold und freundlich, die Ahnfrau deines Glückes im reichen
Rittersaal!«
Melodisch zu dieser Selbstansprache klangen die Worte des Herrn
Litumlei, welcher sagte, daß nun von einer Weiterreise keine Rede sein
dürfe, sondern der werteste Vetter zur Begründung eines engeren
Verhältnisses vorerst so lange, als dessen Zeit es erlaube, sein Gast sein
müsse. Denn das flunkernde Ziergeräte des Herrn Großneffen, welches ihm
schon in die Augen gefallen, versah trefflich seinen Dienst und erfüllte ihn
mit Vertrauen.
Darum zog er jetzt mit aller Macht an einer Glocke, worauf allmählich
einige Dienstboten herbeischlurften, um nach ihrem kleinen Gebieter zu
sehen, und endlich erschien auch die Dame, welche im ersten Stock
geschlafen hatte, noch gerötet von ihrem Schläfchen und mit halb offenen
Augen. Als ihr aber der angekommene Gast vorgestellt wurde, tat sie
dieselben ganz auf, neugierig und vergnüglich, wie es schien, über die
unerwartete Begebenheit. John wurde nun in andere Räume geführt und
mußte eine gehörige Erfrischung einnehmen, wobei ihm das Ehepaar so
eifrig half, wie Kinder, die zu jeder Stunde Eßlust haben. Dies gefiel dem
Gast über die Maßen, da er sah, daß es Leute waren, die sich nichts abgehen
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ließen und welche noch Freude an den guten Dingen hätten. Seinerseits
aber verfehlte er auch nicht, stündlich einen angenehmeren Eindruck zu
machen, ja schon beim bald folgenden Mittagessen stellte sich derselbe
entschieden fest, als jedes der beiden Leutchen seine eigenen Leibgerichte
auftragen ließ, und John Kabys von allem aß und alles trefflich fand und
seine angewöhnte ruhige Würde seinem Urteil einen noch höheren Wert
gab. Es wurde aufs rühmlichste gegessen und getrunken, und noch nie
genossen drei wackere Leute zusammen ein reichlicheres und zugleich
schuldloseres Dasein. Es war für John ein Paradies, in welchem kein
Sündenfall möglich schien.
Genug, es gab sich alles auf das beste. Bereits lebte er acht Tage in dem
ehrwürdigen Hause und kannte dasselbe schon in allen Ecken. Er vertrieb
dem Alten die Zeit auf tausenderlei Weise, ging mit ihm spazieren und
rasierte ihn so leicht wie ein Zephir, was dem Männchen vor allem aus
gefiel. John merkte, daß Herr Litumlei über irgend etwas nachzusinnen
begann und erschrak, wenn jener von seiner Abreise sprach, was er etwa in
ernsten Andeutungen tat. Da fand er, es sei Zeit, jetzt wieder einen kleinen
Meisterschlag zu wagen, und kündigte seinem Gönner am Ende des achten
Tages deutlicher seine demnächstige Abreise an, zum Grunde nehmend, daß
er durch längeres Zaudern den Abschied und die Gewöhnung an ein
einfacheres Leben nicht erschweren dürfe. Denn männlich wolle er sein
Schicksal ertragen, das Schicksal eines letzten seines Geschlechtes, der da
in strenger Arbeit und Zurückgezogenheit die Ehre des Hauses bis zum
Erlöschen zu wahren habe.
»Kommen Sie mit mir hinaus in den Rittersaal!« erwiderte Herr Adam
Litumlei; sie gingen; als dort der Alte einigemal feierlich auf und ab
gewandelt, begann er wieder: »Hören Sie meinen Entschluß und meinen
Vorschlag, lieber Großneffe! Sie sind der letzte Ihres Geschlechts, es ist
dies ein ernstes Schicksal! Allein ein nicht minder ernstes habe ich zu
tragen! Blicken Sie mich an, wohlan! Ich bin der erste des meinigen!«
Stolz richtete er sich auf, und John sah ihn an, konnte aber nicht
entdecken, was das heißen sollte. Aber jener fuhr fort: »Ich bin der erste des
meinigen will so viel heißen, als: Ich habe mich entschlossen, ein solch
großes und rühmliches Geschlecht zu gründen, wie Sie hier an den Wänden
dieses Saales gemalt sehen! Dieses sind nämlich nicht meine Ahnen,
aber verfehlte er auch nicht, stündlich einen angenehmeren Eindruck zu
machen, ja schon beim bald folgenden Mittagessen stellte sich derselbe
entschieden fest, als jedes der beiden Leutchen seine eigenen Leibgerichte
auftragen ließ, und John Kabys von allem aß und alles trefflich fand und
seine angewöhnte ruhige Würde seinem Urteil einen noch höheren Wert
gab. Es wurde aufs rühmlichste gegessen und getrunken, und noch nie
genossen drei wackere Leute zusammen ein reichlicheres und zugleich
schuldloseres Dasein. Es war für John ein Paradies, in welchem kein
Sündenfall möglich schien.
Genug, es gab sich alles auf das beste. Bereits lebte er acht Tage in dem
ehrwürdigen Hause und kannte dasselbe schon in allen Ecken. Er vertrieb
dem Alten die Zeit auf tausenderlei Weise, ging mit ihm spazieren und
rasierte ihn so leicht wie ein Zephir, was dem Männchen vor allem aus
gefiel. John merkte, daß Herr Litumlei über irgend etwas nachzusinnen
begann und erschrak, wenn jener von seiner Abreise sprach, was er etwa in
ernsten Andeutungen tat. Da fand er, es sei Zeit, jetzt wieder einen kleinen
Meisterschlag zu wagen, und kündigte seinem Gönner am Ende des achten
Tages deutlicher seine demnächstige Abreise an, zum Grunde nehmend, daß
er durch längeres Zaudern den Abschied und die Gewöhnung an ein
einfacheres Leben nicht erschweren dürfe. Denn männlich wolle er sein
Schicksal ertragen, das Schicksal eines letzten seines Geschlechtes, der da
in strenger Arbeit und Zurückgezogenheit die Ehre des Hauses bis zum
Erlöschen zu wahren habe.
»Kommen Sie mit mir hinaus in den Rittersaal!« erwiderte Herr Adam
Litumlei; sie gingen; als dort der Alte einigemal feierlich auf und ab
gewandelt, begann er wieder: »Hören Sie meinen Entschluß und meinen
Vorschlag, lieber Großneffe! Sie sind der letzte Ihres Geschlechts, es ist
dies ein ernstes Schicksal! Allein ein nicht minder ernstes habe ich zu
tragen! Blicken Sie mich an, wohlan! Ich bin der erste des meinigen!«
Stolz richtete er sich auf, und John sah ihn an, konnte aber nicht
entdecken, was das heißen sollte. Aber jener fuhr fort: »Ich bin der erste des
meinigen will so viel heißen, als: Ich habe mich entschlossen, ein solch
großes und rühmliches Geschlecht zu gründen, wie Sie hier an den Wänden
dieses Saales gemalt sehen! Dieses sind nämlich nicht meine Ahnen,
Page 63
sondern die Glieder eines ausgestorbenen Patriziergeschlechtes dieser Stadt.
Als ich vor dreißig Jahren hier einwanderte, war das Haus mit all seinem
Inhalt und seinen Denkmälern eben käuflich und ich erstand sogleich den
ganzen Apparat als Grundlage zur Verwirklichung meines
Lieblingsgedankens. Denn ich besaß ein großes Vermögen, aber keinen
Namen, keine Vorfahren, und ich kenne nicht einmal den Taufnamen
meines Großvaters, welcher eine Kabis geheiratet hat. Ich entschädigte
mich anfänglich damit, die hier gemalten Herren und Frauen als meine
Vorfahren zu erklären und einige zu Litumleis, andere zu Kabissen zu
machen mittels solcher Zettel, wie Sie sehen; doch meine
Familienerinnerungen reichten nur für sechs oder sieben Personen aus, die
übrige Menge dieser Bilder, das Ergebnis von vier Jahrhunderten, spottete
meiner Bestrebungen. Umso dringender war ich an die Zukunft gewiesen,
an die Notwendigkeit, selbst ein lang andauerndes Geschlecht zu stiften,
dessen gefeierter Stammvater ich bin. Mein Bild habe ich längst anfertigen
lassen, sowie einen Stammbaum, an dessen Wurzel mein Name steht. Aber
ein hartnäckiger Unstern verfolgt mich! Schon habe ich die dritte Frau und
noch hat mir keine ein Mädchen, geschweige denn einen Sohn und
Stammhalter geschenkt. Die beiden früheren Weiber, von denen ich mich
scheiden ließ, haben seither mit andern Männern aus Bosheit verschiedene
Kinder gehabt, und die Gegenwärtige, welche ich auch schon sieben Jahre
besitze, würde es gewißlich gerade so machen, wenn ich sie laufen ließe.
»Ihre Erscheinung, teurer Großneffe! hat mir nun eine Idee eingegeben,
diejenige einer künstlichen Nachhilfe, wie sie in der Geschichte, in großen
und kleinen Dynastien vielfach gebraucht wurde. Was sagen Sie hiezu: Sie
leben bei uns wie das Kind im Hause, ich setze Sie gerichtlich zu meinem
Erben ein! Dagegen haben Sie zu leisten: Sie opfern äußerlich Ihre eigene
Familienüberlieferung (sind Sie ja doch der letzte Ihres Geschlechtes) und
nehmen nach meinem Tode, das heißt bei Antritt des Erbes, meinen Namen
an! Ich verbreite unter der Hand das Gerücht, daß Sie ein natürlicher Sohn
von mir seien, die Frucht eines tollen Jugendstreiches; Sie nehmen diese
Auffassung an, widersprechen ihr nicht! Vielleicht läßt sich in der Folge
eine schriftliche Kundgebung darüber aufsetzen, eine Memoire, ein kleiner
Roman, eine denkwürdige Liebesgeschichte, worin ich eine feurige, wenn
auch unbesonnene Figur mache, Unheil anrichte, das ich im Alter wieder
gut mache. Endlich verpflichten Sie sich, diejenige Gattin von meiner Hand
Als ich vor dreißig Jahren hier einwanderte, war das Haus mit all seinem
Inhalt und seinen Denkmälern eben käuflich und ich erstand sogleich den
ganzen Apparat als Grundlage zur Verwirklichung meines
Lieblingsgedankens. Denn ich besaß ein großes Vermögen, aber keinen
Namen, keine Vorfahren, und ich kenne nicht einmal den Taufnamen
meines Großvaters, welcher eine Kabis geheiratet hat. Ich entschädigte
mich anfänglich damit, die hier gemalten Herren und Frauen als meine
Vorfahren zu erklären und einige zu Litumleis, andere zu Kabissen zu
machen mittels solcher Zettel, wie Sie sehen; doch meine
Familienerinnerungen reichten nur für sechs oder sieben Personen aus, die
übrige Menge dieser Bilder, das Ergebnis von vier Jahrhunderten, spottete
meiner Bestrebungen. Umso dringender war ich an die Zukunft gewiesen,
an die Notwendigkeit, selbst ein lang andauerndes Geschlecht zu stiften,
dessen gefeierter Stammvater ich bin. Mein Bild habe ich längst anfertigen
lassen, sowie einen Stammbaum, an dessen Wurzel mein Name steht. Aber
ein hartnäckiger Unstern verfolgt mich! Schon habe ich die dritte Frau und
noch hat mir keine ein Mädchen, geschweige denn einen Sohn und
Stammhalter geschenkt. Die beiden früheren Weiber, von denen ich mich
scheiden ließ, haben seither mit andern Männern aus Bosheit verschiedene
Kinder gehabt, und die Gegenwärtige, welche ich auch schon sieben Jahre
besitze, würde es gewißlich gerade so machen, wenn ich sie laufen ließe.
»Ihre Erscheinung, teurer Großneffe! hat mir nun eine Idee eingegeben,
diejenige einer künstlichen Nachhilfe, wie sie in der Geschichte, in großen
und kleinen Dynastien vielfach gebraucht wurde. Was sagen Sie hiezu: Sie
leben bei uns wie das Kind im Hause, ich setze Sie gerichtlich zu meinem
Erben ein! Dagegen haben Sie zu leisten: Sie opfern äußerlich Ihre eigene
Familienüberlieferung (sind Sie ja doch der letzte Ihres Geschlechtes) und
nehmen nach meinem Tode, das heißt bei Antritt des Erbes, meinen Namen
an! Ich verbreite unter der Hand das Gerücht, daß Sie ein natürlicher Sohn
von mir seien, die Frucht eines tollen Jugendstreiches; Sie nehmen diese
Auffassung an, widersprechen ihr nicht! Vielleicht läßt sich in der Folge
eine schriftliche Kundgebung darüber aufsetzen, eine Memoire, ein kleiner
Roman, eine denkwürdige Liebesgeschichte, worin ich eine feurige, wenn
auch unbesonnene Figur mache, Unheil anrichte, das ich im Alter wieder
gut mache. Endlich verpflichten Sie sich, diejenige Gattin von meiner Hand
Page 64
anzunehmen, die ich unter den angesehenen Töchtern der Stadt für Sie
aussuchen werde, zur weiteren Verfolgung meines Zieles. Das ist im ganzen
und im besondern mein Vorschlag!«
John war während dieser Rede abwechselnd rot und bleich geworden,
aber nicht aus Scham und Schreck, sondern vor Freude und Erstaunen über
das endlich eingetroffene Glück und über seine eigene Weisheit, welche
dasselbe herbeigeführt habe. Aber mit nichten ließ er sich davon
überrumpeln, sondern er tat, als ob er sich nur schwer entschließen könnte
wegen der Aufopferung seines ehrbaren Familiennamens und seiner
ehelichen Geburt. Er nahm sich eine Bedenkzeit von vierundzwanzig
Stunden, in höflichen und wohlgesetzten Worten, und fing darnach an, in
dem schönen Garten höchst nachdenklich auf und ab zu spazieren. Die
lieblichen Blumen, die Levkoyen, Nelken und Rosen, die Kaiserkronen und
Lilien, die Geranienbeete und Jasminlauben, die Myrten- und
Oleanderbäumchen, alle äugelten ihn höflich an und huldigten ihm als
ihrem Herrn.
Als er eine halbe Stunde lang den Duft und Sonnenschein, den Schatten
und die Frische des Brunnens genossen, ging er ernsthaft hinaus auf die
Straße, um die Ecke, und trat in einen Gebäckladen, wo er drei warme
Pastetchen samt zwei Spitzgläsern feinen Weines zu sich nahm. Hierauf
kehrte er in den Garten zurück und spazierte abermals eine halbe Stunde,
doch diesmal eine Zigarre dazu rauchend. Da entdeckte er ein Beet voll
kleiner, zarter Radieschen. Er zog ein Büschel davon aus der Erde, reinigte
sie am Brunnen, dessen steinerne Tritonen ihn mit den Augen ergebenst
anzwinkerten, und begab sich damit in ein kühles Bräuhaus, wo er einen
Krug schäumendes Bier dazu trank. Er unterhielt sich vortrefflich mit den
Bürgern und versuchte schon seinen Heimatdialekt in das weichere
Schwäbische umzuwandeln, da er voraussichtlich unter diesen Leuten einen
hervorragenden Mann abgeben würde.
Absichtlich versäumte er die Mittagsstunde und verspätete sich beim
Essen. Um dort eine kritische Appetitlosigkeit durchzuführen, aß er vorher
noch drei Münchner Weißwürste und trank einen zweiten Krug Bier, der
ihm noch besser schmeckte, als der erste. Endlich runzelte er doch seine
Stirn und begab sich mit derselben zum Essen, wo er die Suppe anstarrte.
aussuchen werde, zur weiteren Verfolgung meines Zieles. Das ist im ganzen
und im besondern mein Vorschlag!«
John war während dieser Rede abwechselnd rot und bleich geworden,
aber nicht aus Scham und Schreck, sondern vor Freude und Erstaunen über
das endlich eingetroffene Glück und über seine eigene Weisheit, welche
dasselbe herbeigeführt habe. Aber mit nichten ließ er sich davon
überrumpeln, sondern er tat, als ob er sich nur schwer entschließen könnte
wegen der Aufopferung seines ehrbaren Familiennamens und seiner
ehelichen Geburt. Er nahm sich eine Bedenkzeit von vierundzwanzig
Stunden, in höflichen und wohlgesetzten Worten, und fing darnach an, in
dem schönen Garten höchst nachdenklich auf und ab zu spazieren. Die
lieblichen Blumen, die Levkoyen, Nelken und Rosen, die Kaiserkronen und
Lilien, die Geranienbeete und Jasminlauben, die Myrten- und
Oleanderbäumchen, alle äugelten ihn höflich an und huldigten ihm als
ihrem Herrn.
Als er eine halbe Stunde lang den Duft und Sonnenschein, den Schatten
und die Frische des Brunnens genossen, ging er ernsthaft hinaus auf die
Straße, um die Ecke, und trat in einen Gebäckladen, wo er drei warme
Pastetchen samt zwei Spitzgläsern feinen Weines zu sich nahm. Hierauf
kehrte er in den Garten zurück und spazierte abermals eine halbe Stunde,
doch diesmal eine Zigarre dazu rauchend. Da entdeckte er ein Beet voll
kleiner, zarter Radieschen. Er zog ein Büschel davon aus der Erde, reinigte
sie am Brunnen, dessen steinerne Tritonen ihn mit den Augen ergebenst
anzwinkerten, und begab sich damit in ein kühles Bräuhaus, wo er einen
Krug schäumendes Bier dazu trank. Er unterhielt sich vortrefflich mit den
Bürgern und versuchte schon seinen Heimatdialekt in das weichere
Schwäbische umzuwandeln, da er voraussichtlich unter diesen Leuten einen
hervorragenden Mann abgeben würde.
Absichtlich versäumte er die Mittagsstunde und verspätete sich beim
Essen. Um dort eine kritische Appetitlosigkeit durchzuführen, aß er vorher
noch drei Münchner Weißwürste und trank einen zweiten Krug Bier, der
ihm noch besser schmeckte, als der erste. Endlich runzelte er doch seine
Stirn und begab sich mit derselben zum Essen, wo er die Suppe anstarrte.
Page 65
Das Männchen Litumlei, welches durch unerwartete Hindernisse einem
leidenschaftlichen Eigensinn zu verfallen pflegte und keinen Widerspruch
ertragen konnte, empfand schon zornige Angst, daß seine letzte Hoffnung,
ein Geschlecht zu gründen, zu Wasser werde, und beobachtete den
unbestechlichen Gast mit mißtrauischen Blicken. Endlich ertrug er die
Ungewißheit, ob er ein Stammvater sein solle oder keiner, nicht länger,
sondern forderte den Bedenkzeitler auf, jene vierundzwanzig Stunden
abzukürzen und seinen Entschluß sogleich zu fassen. Denn er fürchtete, die
strenge Tugend seines Vetters möchte mit jeder Stunde wachsen. Er holte
eigenhändig eine uralte Flasche Rheinwein aus dem Keller, von welchem
John noch keine Ahnung gehabt. Als die entfesselten Sonnengeister
unsichtbar über den Kristallgläsern dufteten, die gar fein erklangen, und mit
jedem Tropfen des flüssigen Goldes, das man auf die Zunge brachte, schnell
ein Blumengärtlein unter die Nase zu wachsen schien, da erweichte endlich
der rauhe Sinn John Kabyssens und er gab sein Jawort. Schnell wurde der
Notar geholt und bei einem herrlichen Kaffee ein rechtsgültiges Testament
aufgesetzt. Schließlich umarmten sich der künstlich-natürliche Sohn und
der geschlechtergründende Erzvater; aber es war nicht wie eine warme
Umarmung von Fleisch und Blut, sondern weit feierlicher, eher wie das
Zusammenstoßen von zwei großen Grundsätzen, die auf ihren Wurfbahnen
sich treffen.
Nun saß John im Glücke. Er hatte jetzt weiter nichts zu tun, als seiner
angenehmen Bestimmung inne zu sein, etwas rücksichtsvoll sich gegen
seinen Herrn Vater zu benehmen und ein reichliches Taschengeld auf die
Art zu verzehren, die ihm am meisten zusagte. Dies geschah alles auf die
anständigste und ruhigste Weise, und er kleidete sich dabei wie ein Baron.
Von Wertgegenständen brauchte er nicht einen einzigen mehr anzuschaffen;
es zeigte sich jetzt sein Genie, indem die vor Jahren erworbenen auch jetzt
noch gerade ausreichten und einem genau entworfenen Schema glichen,
welches durch die Fülle des Glückes nun vollkommen gedeckt wurde. Die
Schlacht von Waterloo blitzte und donnerte auf einer zufriedenen Brust;
Ketten und Klunkern schaukelten sich auf einem wohlgefüllten Magen,
durch die goldene Brille guckte ein vergnügtes und stolzes Auge, der Stock
zierte mehr einen klugen Mann, als er ihn stützte, und die schöne
Zigarrentasche war mit guten Stengeln angefüllt, welche er aus dem
Mazepparöhrchen mit Verstand rauchte. Das wilde Pferd war schon
leidenschaftlichen Eigensinn zu verfallen pflegte und keinen Widerspruch
ertragen konnte, empfand schon zornige Angst, daß seine letzte Hoffnung,
ein Geschlecht zu gründen, zu Wasser werde, und beobachtete den
unbestechlichen Gast mit mißtrauischen Blicken. Endlich ertrug er die
Ungewißheit, ob er ein Stammvater sein solle oder keiner, nicht länger,
sondern forderte den Bedenkzeitler auf, jene vierundzwanzig Stunden
abzukürzen und seinen Entschluß sogleich zu fassen. Denn er fürchtete, die
strenge Tugend seines Vetters möchte mit jeder Stunde wachsen. Er holte
eigenhändig eine uralte Flasche Rheinwein aus dem Keller, von welchem
John noch keine Ahnung gehabt. Als die entfesselten Sonnengeister
unsichtbar über den Kristallgläsern dufteten, die gar fein erklangen, und mit
jedem Tropfen des flüssigen Goldes, das man auf die Zunge brachte, schnell
ein Blumengärtlein unter die Nase zu wachsen schien, da erweichte endlich
der rauhe Sinn John Kabyssens und er gab sein Jawort. Schnell wurde der
Notar geholt und bei einem herrlichen Kaffee ein rechtsgültiges Testament
aufgesetzt. Schließlich umarmten sich der künstlich-natürliche Sohn und
der geschlechtergründende Erzvater; aber es war nicht wie eine warme
Umarmung von Fleisch und Blut, sondern weit feierlicher, eher wie das
Zusammenstoßen von zwei großen Grundsätzen, die auf ihren Wurfbahnen
sich treffen.
Nun saß John im Glücke. Er hatte jetzt weiter nichts zu tun, als seiner
angenehmen Bestimmung inne zu sein, etwas rücksichtsvoll sich gegen
seinen Herrn Vater zu benehmen und ein reichliches Taschengeld auf die
Art zu verzehren, die ihm am meisten zusagte. Dies geschah alles auf die
anständigste und ruhigste Weise, und er kleidete sich dabei wie ein Baron.
Von Wertgegenständen brauchte er nicht einen einzigen mehr anzuschaffen;
es zeigte sich jetzt sein Genie, indem die vor Jahren erworbenen auch jetzt
noch gerade ausreichten und einem genau entworfenen Schema glichen,
welches durch die Fülle des Glückes nun vollkommen gedeckt wurde. Die
Schlacht von Waterloo blitzte und donnerte auf einer zufriedenen Brust;
Ketten und Klunkern schaukelten sich auf einem wohlgefüllten Magen,
durch die goldene Brille guckte ein vergnügtes und stolzes Auge, der Stock
zierte mehr einen klugen Mann, als er ihn stützte, und die schöne
Zigarrentasche war mit guten Stengeln angefüllt, welche er aus dem
Mazepparöhrchen mit Verstand rauchte. Das wilde Pferd war schon
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glänzend braun, der Mazeppa darauf aber erst hell rötlich, beinahe
fleischfarbig, so daß das doppelte Kunstwerk des Schnitzers und des
Rauchers die rechte Bewunderung der Sachverständigen erregte. Auch Papa
Litumlei wurde höchlich davon eingenommen und lernte bei seinem
Pflegesöhnchen eifrig Meerschäume anrauchen. Es wurde eine ganze
Sammlung solcher Pfeifen angeschafft; doch der Alte war zu unruhig und
ungeduldig in der edlen Kunst. Der Junge mußte überall nachhelfen und gut
machen, was jenem wiederum Achtung und Zutrauen einflößte.
Jedoch fand sich bald eine noch wichtigere Tätigkeit für die beiden
Männer vor, als der Papa darauf drang, nun gemeinschaftlich jenen Roman
zu erfinden und aufzuschreiben, durch welchen John zu seinem natürlichen
Sohn erhoben wurde. Es sollte ein geheimes Familiendokument werden in
der Form fragmentarischer Denkwürdigkeiten. Um Eifersucht und Unruhe
der Frau Litumlei zu verhüten, mußte es in geheimen Sitzungen abgefaßt
und sollte ganz im stillen in das zu gründende Familienarchiv verschlossen
werden, um erst in künftigen Zeiten, wenn das Geschlecht in Blüte stände,
an das Tageslicht zu treten und von der Geschichte des Litumleiblutes zu
reden.
John hatte sich schon vorgenommen, nach dem Absterben des Alten sich
nicht schlechtweg Litumlei, sondern Kabys de Litumley zu nennen, da er
für seinen eigenen Namen, den er so zierlich geschmiedet, eine verzeihliche
Vorliebe hegte; ebenso nahm er sich vor, das zu errichtende Schriftstück,
wodurch er um seine eheliche Geburt und zu einer liederlichen Mutter
kommen sollte, dereinst ohne weiteres zu verbrennen. Aber dennoch mußte
er jetzt daran mitarbeiten, was eine leise Trübung seines Wohlseins
verursachte. Doch schickte er sich weislich in die Sache und schloß sich
eines Morgens mit dem Alten in einem Gartenzimmer ein, um das Werk zu
beginnen. Da saßen sie nun an einem Tische sich gegenüber und entdeckten
plötzlich, daß ihr Vorhaben schwieriger war, als sie gedacht, indem keiner
von ihnen je hundert Zeilen nacheinander geschrieben hatte. Sie konnten
durchaus keinen Anfang finden, und je näher sie die Köpfe
zusammensteckten, desto weniger wollte ihnen etwas einfallen. Endlich
besann sich der Sohn, daß sie eigentlich zuerst ein Buch starkes und
schönes Papier haben müßten, um ein dauerhaftes Schriftstück zu errichten.
Das leuchtete ein; sie machten sich sogleich auf, ein solches zu kaufen, und
durchstreiften einträchtig die Stadt. Als sie gefunden, was sie suchten, rieten
fleischfarbig, so daß das doppelte Kunstwerk des Schnitzers und des
Rauchers die rechte Bewunderung der Sachverständigen erregte. Auch Papa
Litumlei wurde höchlich davon eingenommen und lernte bei seinem
Pflegesöhnchen eifrig Meerschäume anrauchen. Es wurde eine ganze
Sammlung solcher Pfeifen angeschafft; doch der Alte war zu unruhig und
ungeduldig in der edlen Kunst. Der Junge mußte überall nachhelfen und gut
machen, was jenem wiederum Achtung und Zutrauen einflößte.
Jedoch fand sich bald eine noch wichtigere Tätigkeit für die beiden
Männer vor, als der Papa darauf drang, nun gemeinschaftlich jenen Roman
zu erfinden und aufzuschreiben, durch welchen John zu seinem natürlichen
Sohn erhoben wurde. Es sollte ein geheimes Familiendokument werden in
der Form fragmentarischer Denkwürdigkeiten. Um Eifersucht und Unruhe
der Frau Litumlei zu verhüten, mußte es in geheimen Sitzungen abgefaßt
und sollte ganz im stillen in das zu gründende Familienarchiv verschlossen
werden, um erst in künftigen Zeiten, wenn das Geschlecht in Blüte stände,
an das Tageslicht zu treten und von der Geschichte des Litumleiblutes zu
reden.
John hatte sich schon vorgenommen, nach dem Absterben des Alten sich
nicht schlechtweg Litumlei, sondern Kabys de Litumley zu nennen, da er
für seinen eigenen Namen, den er so zierlich geschmiedet, eine verzeihliche
Vorliebe hegte; ebenso nahm er sich vor, das zu errichtende Schriftstück,
wodurch er um seine eheliche Geburt und zu einer liederlichen Mutter
kommen sollte, dereinst ohne weiteres zu verbrennen. Aber dennoch mußte
er jetzt daran mitarbeiten, was eine leise Trübung seines Wohlseins
verursachte. Doch schickte er sich weislich in die Sache und schloß sich
eines Morgens mit dem Alten in einem Gartenzimmer ein, um das Werk zu
beginnen. Da saßen sie nun an einem Tische sich gegenüber und entdeckten
plötzlich, daß ihr Vorhaben schwieriger war, als sie gedacht, indem keiner
von ihnen je hundert Zeilen nacheinander geschrieben hatte. Sie konnten
durchaus keinen Anfang finden, und je näher sie die Köpfe
zusammensteckten, desto weniger wollte ihnen etwas einfallen. Endlich
besann sich der Sohn, daß sie eigentlich zuerst ein Buch starkes und
schönes Papier haben müßten, um ein dauerhaftes Schriftstück zu errichten.
Das leuchtete ein; sie machten sich sogleich auf, ein solches zu kaufen, und
durchstreiften einträchtig die Stadt. Als sie gefunden, was sie suchten, rieten
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sie einander, da es ein warmer Tag war, in ein Schenkhaus zu gehen und
sich allda zu erfrischen und zu sammeln. Vergnügt tranken sie mehrere
Kännchen und aßen Nüsse, Brot, Würstchen, bis John plötzlich sagte, er
hätte jetzt den Anfang der Geschichte erfunden und wolle stracks nach
Hause laufen, um ihn aufzuschreiben, damit er ihn nicht wieder verliere.
»So lauf nur schnell,« sagte der Alte, »ich will unterdessen hier die
Fortsetzung erfinden, ich merke, daß sie mir schon auf dem Weg ist!«
John eilte wirklich mit dem Buch Papier nach jenem Zimmer und
schrieb: »Es war im Jahr 17.., als es ein gesegnetes Jahr war. Der Eimer
Wein kostete sieben Gulden, der Eimer Apfelmost einen halben Gulden und
die Maß Kirschbranntwein vier Batzen. Ein zweipfündiges Weißbrot einen
Batzen, ein ditto Roggenbrot einen halben Batzen und ein Sack Erdäpfel
acht Batzen. Auch war das Heu gut geraten und der Scheffel Haber kostete
zwei Gulden. Auch waren die Erbsen und Bohnen gut geraten und der
Flachs und Hanf waren nicht gut geraten, dagegen wieder die Ölfrüchte und
der Talg oder Unschlitt, so daß alles in allem die merkwürdige Sachlage
stattfand, daß die bürgerliche Gesellschaft gut genährt und getränkt,
notdürftig gekleidet und wiederum wohl beleuchtet war. So ging das Jahr
ohne weiteres zu Ende, wo nun jedermann mit Recht neugierig war zu
erleben, wie sich das neue Jahr anlassen würde. Der Winter bezeigte sich
als ein gehöriger und regelrechter Winter, kalt und klar; eine warme
Schneedecke lag auf den Feldern und schützte die junge Saat. Aber dennoch
ereignete sich zuletzt etwas Seltsames. Es schneite, taute und fror wieder
während des Monats Hornung in so häufigem Wechsel, daß nicht nur viele
Menschen krank wurden, sondern auch eine solche Menge Eiszapfen
entstand, daß das ganze Land aussah wie ein großes Glasmagazin und
jedermann ein kleines Brett auf dem Kopfe trug, um von den fallenden
Spitzen nicht angestochen zu werden. Im übrigen behaupteten sich die
Preise der Lebensmittel noch immer, wie oben bemerkt und schwankten
endlich einem merkwürdigen Frühling entgegen.«
Hier kam der kleine Alte eifrig hergerannt, nahm den Bogen an sich, und
ohne das bisher Geschriebene zu lesen oder etwas zu sagen, schrieb er
weiter: »Nun kam Er und hieß Adam Litumlei. Er verstand keinen Spaß und
war geboren anno 17... Er kam dahergestürmt wie ein Frühlingswetter. Er
war einer von denjenigen. Er trug einen roten Sammetrock, einen Federhut
und einen Degen. Er trug eine goldene Weste mit dem Wahlspruch: Jugend
sich allda zu erfrischen und zu sammeln. Vergnügt tranken sie mehrere
Kännchen und aßen Nüsse, Brot, Würstchen, bis John plötzlich sagte, er
hätte jetzt den Anfang der Geschichte erfunden und wolle stracks nach
Hause laufen, um ihn aufzuschreiben, damit er ihn nicht wieder verliere.
»So lauf nur schnell,« sagte der Alte, »ich will unterdessen hier die
Fortsetzung erfinden, ich merke, daß sie mir schon auf dem Weg ist!«
John eilte wirklich mit dem Buch Papier nach jenem Zimmer und
schrieb: »Es war im Jahr 17.., als es ein gesegnetes Jahr war. Der Eimer
Wein kostete sieben Gulden, der Eimer Apfelmost einen halben Gulden und
die Maß Kirschbranntwein vier Batzen. Ein zweipfündiges Weißbrot einen
Batzen, ein ditto Roggenbrot einen halben Batzen und ein Sack Erdäpfel
acht Batzen. Auch war das Heu gut geraten und der Scheffel Haber kostete
zwei Gulden. Auch waren die Erbsen und Bohnen gut geraten und der
Flachs und Hanf waren nicht gut geraten, dagegen wieder die Ölfrüchte und
der Talg oder Unschlitt, so daß alles in allem die merkwürdige Sachlage
stattfand, daß die bürgerliche Gesellschaft gut genährt und getränkt,
notdürftig gekleidet und wiederum wohl beleuchtet war. So ging das Jahr
ohne weiteres zu Ende, wo nun jedermann mit Recht neugierig war zu
erleben, wie sich das neue Jahr anlassen würde. Der Winter bezeigte sich
als ein gehöriger und regelrechter Winter, kalt und klar; eine warme
Schneedecke lag auf den Feldern und schützte die junge Saat. Aber dennoch
ereignete sich zuletzt etwas Seltsames. Es schneite, taute und fror wieder
während des Monats Hornung in so häufigem Wechsel, daß nicht nur viele
Menschen krank wurden, sondern auch eine solche Menge Eiszapfen
entstand, daß das ganze Land aussah wie ein großes Glasmagazin und
jedermann ein kleines Brett auf dem Kopfe trug, um von den fallenden
Spitzen nicht angestochen zu werden. Im übrigen behaupteten sich die
Preise der Lebensmittel noch immer, wie oben bemerkt und schwankten
endlich einem merkwürdigen Frühling entgegen.«
Hier kam der kleine Alte eifrig hergerannt, nahm den Bogen an sich, und
ohne das bisher Geschriebene zu lesen oder etwas zu sagen, schrieb er
weiter: »Nun kam Er und hieß Adam Litumlei. Er verstand keinen Spaß und
war geboren anno 17... Er kam dahergestürmt wie ein Frühlingswetter. Er
war einer von denjenigen. Er trug einen roten Sammetrock, einen Federhut
und einen Degen. Er trug eine goldene Weste mit dem Wahlspruch: Jugend
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hat keine Tugend! Er trug goldene Sporen und ritt auf einem weißen
Hengst; er stellte denselben in den ersten Gasthof und rief: Ich kümmere
mich den Teufel darum, denn es ist Frühling und Jugend muß austoben! Er
zahlte alles bar und alles wunderte sich über ihn. Er trank den Wein, er aß
den Braten, er sagte: das taugt mir alles nichts! Ferner sagte er: Komm, du
holdes Liebchen, du taugst mir besser als Wein und Braten, als Silber und
Gold! Was kümmere ich mich darum? Denke was du willst, was sein muß,
muß sein!«
Hier blieb er plötzlich stecken und konnte durchaus nicht weiter. Sie
lasen zusammen das Geschriebene, fanden es nicht übel und sammelten
sich wieder während acht Tagen, wobei sie ein lockeres Leben führten;
denn sie gingen öfter ins Bierhaus, um einen neuen Anlauf zu gewinnen;
allein das Glück lachte nicht alle Tage. Endlich erwischte John wieder einen
Zipfel, lief nach Hause und fuhr fort: »Diese Worte richtete der junge
Litumlei nämlich an eine gewisse Jungfrau Liselein Federspiel, welche in
den äußersten Häusern der Stadt wohnte, wo die Gärten sind und bald ein
Wäldchen oder Hölzchen kommt. Diese war eine der reizendsten
Schönheiten, welche die Stadt je hervorgebracht hat, mit blauen Augen und
kleinen Füßen. Sie war so schön gewachsen, daß sie kein Korsett brauchte
und aus dieser Ersparnis, denn sie war arm, allmählich ein violettes
Seidenkleid kaufen konnte. Aber alles dies war verklärt durch eine
allgemeine Traurigkeit, welche nicht nur über die lieblichen Gesichtszüge,
sondern über die ganze Gliederharmonie des Fräulein Federspiel zitterte,
daß man in aller Windstille die wehmütigen Akkorde einer Äolsharfe zu
hören glaubte. Denn es war jetzt ein gar denkwürdiger Maimonat
angebrochen, in welchem sich alle vier Jahreszeiten zusammenzudrängen
schienen. Es gab im Anfang noch einen Schnee, daß die Nachtigallen mit
Schneeflocken auf dem Kopfe sangen, als ob sie weiße Zipfelmützchen
trügen; dann trat eine solche Wärme ein, daß die Kinder im Freien badeten
und die Kirschen reiften, und die Chronik bewahrt davon den Reim auf:
Hengst; er stellte denselben in den ersten Gasthof und rief: Ich kümmere
mich den Teufel darum, denn es ist Frühling und Jugend muß austoben! Er
zahlte alles bar und alles wunderte sich über ihn. Er trank den Wein, er aß
den Braten, er sagte: das taugt mir alles nichts! Ferner sagte er: Komm, du
holdes Liebchen, du taugst mir besser als Wein und Braten, als Silber und
Gold! Was kümmere ich mich darum? Denke was du willst, was sein muß,
muß sein!«
Hier blieb er plötzlich stecken und konnte durchaus nicht weiter. Sie
lasen zusammen das Geschriebene, fanden es nicht übel und sammelten
sich wieder während acht Tagen, wobei sie ein lockeres Leben führten;
denn sie gingen öfter ins Bierhaus, um einen neuen Anlauf zu gewinnen;
allein das Glück lachte nicht alle Tage. Endlich erwischte John wieder einen
Zipfel, lief nach Hause und fuhr fort: »Diese Worte richtete der junge
Litumlei nämlich an eine gewisse Jungfrau Liselein Federspiel, welche in
den äußersten Häusern der Stadt wohnte, wo die Gärten sind und bald ein
Wäldchen oder Hölzchen kommt. Diese war eine der reizendsten
Schönheiten, welche die Stadt je hervorgebracht hat, mit blauen Augen und
kleinen Füßen. Sie war so schön gewachsen, daß sie kein Korsett brauchte
und aus dieser Ersparnis, denn sie war arm, allmählich ein violettes
Seidenkleid kaufen konnte. Aber alles dies war verklärt durch eine
allgemeine Traurigkeit, welche nicht nur über die lieblichen Gesichtszüge,
sondern über die ganze Gliederharmonie des Fräulein Federspiel zitterte,
daß man in aller Windstille die wehmütigen Akkorde einer Äolsharfe zu
hören glaubte. Denn es war jetzt ein gar denkwürdiger Maimonat
angebrochen, in welchem sich alle vier Jahreszeiten zusammenzudrängen
schienen. Es gab im Anfang noch einen Schnee, daß die Nachtigallen mit
Schneeflocken auf dem Kopfe sangen, als ob sie weiße Zipfelmützchen
trügen; dann trat eine solche Wärme ein, daß die Kinder im Freien badeten
und die Kirschen reiften, und die Chronik bewahrt davon den Reim auf:
Page 69
Eis und Schnee,
Buben baden im See,
Reife Kirschen und blühender Wein
Mocht’ alles in einem Maimond sein.
»Diese Naturerscheinungen machten die Menschen nachdenklich und
wirkten auf verschiedene Weise. Die Jungfer Liselein Federspiel, welche
besonders tiefsinnig war, grübelte auch nach und ward zum erstenmal inne,
daß sie ihr Wohl und Wehe, ihre Tugend und ihren Fall in der eigenen Hand
trage, und indem sie nun die Wage hielt und diese verantwortliche Freiheit
erwog, ward sie ebenso traurig darüber. Wie sie nun dastand, kam jener
verwegene Rotrock und sagte unverweilt: Federspiel, ich liebe dich!
Worüber sie durch eine sonderbare Fügung plötzlich ihren vorigen
Gedankengang änderte und in ein helles Gelächter ausbrach.«
»Jetzt laß mich fortfahren!« rief der Alte, welcher erhitzt nachgelaufen
kam und dem Jungen über die Schulter las, »es paßt mir nun eben recht!«
und setzte die Geschichte fort: »Da ist nichts zu lachen! sagte jener, denn
ich verstehe keinen Spaß! Kurz, es kam, wie es kommen mußte; wo das
Wäldchen auf der Höhe stand, saß mein Federspiel im Grünen und lachte
noch immer; aber schon sprang der Ritter auf seinen Schimmel und flog so
schnell in die Ferne, daß er durch die platzgreifende Luftperspektive in
wenig Augenblicken ganz bläulich aussah. Er verschwand, kehrte nicht
mehr zurück; denn er war ein Teufelsbraten!«
»Ha, nun ist’s geschehen!« schrie Litumlei und warf die Feder hin, »nun
habe ich das meinige getan, führe du nun den Schluß herbei, ich bin ganz
erschöpft von diesen höllischen Erfindungen! Beim Styx! Es nimmt mich
nicht wunder, daß man die Ahnherren großer Häuser so hoch hält und in
Lebensgröße malt, da ich spüre, welche Mühe mich die Gründung des
meinigen kostet! Aber habe ich das Ding nicht kühn behandelt?«
John schrieb nun weiter: »Die arme Jungfer Federspiel empfand eine
große Unzufriedenheit, als sie plötzlich vermerkte, daß der verführerische
Jüngling entschwunden war, fast gleichzeitig mit dem denkwürdigen
Maimonat. Doch hatte sie die Geistesgegenwart, schnell das Vorgefallene in
ihrem Innern für ungeschehen zu erklären, um so den früheren Zustand
Buben baden im See,
Reife Kirschen und blühender Wein
Mocht’ alles in einem Maimond sein.
»Diese Naturerscheinungen machten die Menschen nachdenklich und
wirkten auf verschiedene Weise. Die Jungfer Liselein Federspiel, welche
besonders tiefsinnig war, grübelte auch nach und ward zum erstenmal inne,
daß sie ihr Wohl und Wehe, ihre Tugend und ihren Fall in der eigenen Hand
trage, und indem sie nun die Wage hielt und diese verantwortliche Freiheit
erwog, ward sie ebenso traurig darüber. Wie sie nun dastand, kam jener
verwegene Rotrock und sagte unverweilt: Federspiel, ich liebe dich!
Worüber sie durch eine sonderbare Fügung plötzlich ihren vorigen
Gedankengang änderte und in ein helles Gelächter ausbrach.«
»Jetzt laß mich fortfahren!« rief der Alte, welcher erhitzt nachgelaufen
kam und dem Jungen über die Schulter las, »es paßt mir nun eben recht!«
und setzte die Geschichte fort: »Da ist nichts zu lachen! sagte jener, denn
ich verstehe keinen Spaß! Kurz, es kam, wie es kommen mußte; wo das
Wäldchen auf der Höhe stand, saß mein Federspiel im Grünen und lachte
noch immer; aber schon sprang der Ritter auf seinen Schimmel und flog so
schnell in die Ferne, daß er durch die platzgreifende Luftperspektive in
wenig Augenblicken ganz bläulich aussah. Er verschwand, kehrte nicht
mehr zurück; denn er war ein Teufelsbraten!«
»Ha, nun ist’s geschehen!« schrie Litumlei und warf die Feder hin, »nun
habe ich das meinige getan, führe du nun den Schluß herbei, ich bin ganz
erschöpft von diesen höllischen Erfindungen! Beim Styx! Es nimmt mich
nicht wunder, daß man die Ahnherren großer Häuser so hoch hält und in
Lebensgröße malt, da ich spüre, welche Mühe mich die Gründung des
meinigen kostet! Aber habe ich das Ding nicht kühn behandelt?«
John schrieb nun weiter: »Die arme Jungfer Federspiel empfand eine
große Unzufriedenheit, als sie plötzlich vermerkte, daß der verführerische
Jüngling entschwunden war, fast gleichzeitig mit dem denkwürdigen
Maimonat. Doch hatte sie die Geistesgegenwart, schnell das Vorgefallene in
ihrem Innern für ungeschehen zu erklären, um so den früheren Zustand
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einer gleichschwebenden Wage wieder herzustellen. Aber sie genoß dieses
Nachspiel der Unschuld nur kurze Zeit. Der Sommer kam, man schnitt das
Korn; es ward einem gelb vor den Augen, wohin man blickte, vor all’ dem
goldenen Segen; die Preise gingen wieder bedeutend herunter, Liselein
Federspiel stand auf jenem Hügel und schaute allem zu; aber sie sah nichts
vor lauter Verdruß und Reue. Es kam der Herbst, jeder Weinstock war ein
fließender Brunnen, vom Fallen der Äpfel und Birnen trommelte es
fortwährend auf der Erde: man trank, man sang, kaufte und verkaufte. Jeder
versorgte sich, das ganze Land war ein Jahrmarkt, und so reichlich und
wohlfeil alles war, so wurde doch das Überflüssige noch gelobt und
gehätschelt und dankbar angenommen. Nur allein der Segen, den Liselein
brachte, sollte nichts gelten und keiner Nachfrage wert sein, als ob der im
Überfluß schwimmende Menschenhaufen nicht ein einziges Mäulchen mehr
brauchen könnte. Da hüllte sie sich in ihre Tugend und gebar, einen Monat
zu früh, ein munteres Knäblein, welches so recht darauf angewiesen war,
der Schmied seines eigenen Glückes zu werden.
»Dieser Sohn führte sich auch so wacker durch ein vielbewegtes Leben,
daß er, durch wunderbare Schicksale endlich mit seinem Vater vereinigt,
von demselben zu Ehren gezogen und in seine Rechte eingesetzt wurde,
und ist dies der zweite bekannte Stammherr des Geschlechtes der
Litumlei.«
Unter dieses Dokument schrieb der Alte: »Eingesehen und bestätigt,
Johann Polykarpus Adam Litumlei.« Und John unterschrieb ebenfalls. Dann
drückte Herr Litumlei noch sein Siegel bei, dessen Wappenschild drei halbe
goldene Fischangeln im blauen Felde und sieben weiß und rot quadrierte
Bachstelzen auf einem schräglaufenden grünen Balken zeigte.
Sie wunderten sich aber, daß das Schriftstück nicht größer geworden;
denn sie hatten kaum einen Bogen von dem Buch Papier beschrieben.
Nichtsdestoweniger legten sie es in das Archiv, wozu sie einstweilen eine
alte eiserne Kiste bestimmten, und waren zufrieden und guter Dinge.
Unter solchen und anderen Beschäftigungen verging die Zeit auf das
angenehmste; es wurde dem glückhaften John beinahe unheimlich, daß es
auch gar nichts mehr zu hoffen und zu fürchten, zu schmieden und zu
spekulieren gab. Indem er sich so nach neuer Tätigkeit umsah, wollte es ihn
Nachspiel der Unschuld nur kurze Zeit. Der Sommer kam, man schnitt das
Korn; es ward einem gelb vor den Augen, wohin man blickte, vor all’ dem
goldenen Segen; die Preise gingen wieder bedeutend herunter, Liselein
Federspiel stand auf jenem Hügel und schaute allem zu; aber sie sah nichts
vor lauter Verdruß und Reue. Es kam der Herbst, jeder Weinstock war ein
fließender Brunnen, vom Fallen der Äpfel und Birnen trommelte es
fortwährend auf der Erde: man trank, man sang, kaufte und verkaufte. Jeder
versorgte sich, das ganze Land war ein Jahrmarkt, und so reichlich und
wohlfeil alles war, so wurde doch das Überflüssige noch gelobt und
gehätschelt und dankbar angenommen. Nur allein der Segen, den Liselein
brachte, sollte nichts gelten und keiner Nachfrage wert sein, als ob der im
Überfluß schwimmende Menschenhaufen nicht ein einziges Mäulchen mehr
brauchen könnte. Da hüllte sie sich in ihre Tugend und gebar, einen Monat
zu früh, ein munteres Knäblein, welches so recht darauf angewiesen war,
der Schmied seines eigenen Glückes zu werden.
»Dieser Sohn führte sich auch so wacker durch ein vielbewegtes Leben,
daß er, durch wunderbare Schicksale endlich mit seinem Vater vereinigt,
von demselben zu Ehren gezogen und in seine Rechte eingesetzt wurde,
und ist dies der zweite bekannte Stammherr des Geschlechtes der
Litumlei.«
Unter dieses Dokument schrieb der Alte: »Eingesehen und bestätigt,
Johann Polykarpus Adam Litumlei.« Und John unterschrieb ebenfalls. Dann
drückte Herr Litumlei noch sein Siegel bei, dessen Wappenschild drei halbe
goldene Fischangeln im blauen Felde und sieben weiß und rot quadrierte
Bachstelzen auf einem schräglaufenden grünen Balken zeigte.
Sie wunderten sich aber, daß das Schriftstück nicht größer geworden;
denn sie hatten kaum einen Bogen von dem Buch Papier beschrieben.
Nichtsdestoweniger legten sie es in das Archiv, wozu sie einstweilen eine
alte eiserne Kiste bestimmten, und waren zufrieden und guter Dinge.
Unter solchen und anderen Beschäftigungen verging die Zeit auf das
angenehmste; es wurde dem glückhaften John beinahe unheimlich, daß es
auch gar nichts mehr zu hoffen und zu fürchten, zu schmieden und zu
spekulieren gab. Indem er sich so nach neuer Tätigkeit umsah, wollte es ihn
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bedünken, daß die Gemahlin des Hausherrn ein etwas unzufriedenes und
verdächtiges Gesicht gegen ihn zeige; es dünkte ihn nur, bestimmt konnte er
es nicht behaupten. Er hatte diese Frau, welche fast immer schlief, oder
wenn sie wachte, etwas Gutes aß, über seinen anderweitigen Bestrebungen
wenig beachtet, da sie sich in nichts mischte und mit allem zufrieden
schien, wenn ihre Ruhe nicht gestört wurde. Jetzt fürchtete er plötzlich, sie
könnte ihm irgend eine nachteilige Wandlung der Dinge bereiten, ihren
Mann umstimmen und dergleichen.
Er legte den Finger an die Nase und sagte: »Halt! Hier dürfte es geraten
sein, dem Werke noch die letzte Feile zu geben! Wie konnte ich nur diese
wichtige Partie so lange aus den Augen setzen! Gut ist gut, aber besser ist
besser!«
Der Alte war eben fort, um im stillen an der Ausmittelung einer
zweckmäßigen Gattin für seinen Stammhalter tätig zu sein, wovon er selbst
diesem nichts verriet. John beschloß unverweilt, sich zu der Dame zu
begeben mit der unbestimmten Vorstellung, ihr auf irgend eine Weise den
Hof zu machen, und sich bei ihr einzuschmeicheln, um das Versäumte
nachzuholen. Er säuselte ehrbarlich die Treppe hinunter bis zu dem
Gemach, wo sie sich aufzuhalten pflegte, und fand wie gewöhnlich die Türe
halb offen stehen; denn sie war bei aller Trägheit neugierig und liebte,
immer gleich zu hören, was vorging.
Er trat vorsichtig hinein und sah sie wieder schlummernd daliegen, ein
halb aufgegessenes Himbeertörtchen in der Hand. Ohne recht zu wissen,
was eigentlich beginnen, ging er endlich auf den Zehen hin, ergriff ihre
runde Hand und küßte sie ehrerbietig. Sie regte sich nicht im mindesten;
doch öffnete sie die Augen zur Hälfte und sah ihn, ohne den Mund zu
verziehen, mit einem höchst seltsamen Blick an, so lang er dastand.
Verblüfft und stotternd zog er sich endlich zurück und lief in sein Zimmer.
Dort setzte er sich in eine Ecke, jenen Blick aus schmaler
Augenzwinkerung immer vor sich. Er eilte wieder hinunter, die Frau
verhielt sich unbeweglich wie vorhin, und wie er näher trat, taten sich die
Augen wieder halb auf. Wiederum zog er sich zurück, wiederum saß er in
der Ecke seiner Kammer, zum drittenmal fuhr er in die Höhe, stieg die
Treppe hinunter, huschte hinein und blieb nun dort, bis der Patriarch nach
Hause kehrte.
verdächtiges Gesicht gegen ihn zeige; es dünkte ihn nur, bestimmt konnte er
es nicht behaupten. Er hatte diese Frau, welche fast immer schlief, oder
wenn sie wachte, etwas Gutes aß, über seinen anderweitigen Bestrebungen
wenig beachtet, da sie sich in nichts mischte und mit allem zufrieden
schien, wenn ihre Ruhe nicht gestört wurde. Jetzt fürchtete er plötzlich, sie
könnte ihm irgend eine nachteilige Wandlung der Dinge bereiten, ihren
Mann umstimmen und dergleichen.
Er legte den Finger an die Nase und sagte: »Halt! Hier dürfte es geraten
sein, dem Werke noch die letzte Feile zu geben! Wie konnte ich nur diese
wichtige Partie so lange aus den Augen setzen! Gut ist gut, aber besser ist
besser!«
Der Alte war eben fort, um im stillen an der Ausmittelung einer
zweckmäßigen Gattin für seinen Stammhalter tätig zu sein, wovon er selbst
diesem nichts verriet. John beschloß unverweilt, sich zu der Dame zu
begeben mit der unbestimmten Vorstellung, ihr auf irgend eine Weise den
Hof zu machen, und sich bei ihr einzuschmeicheln, um das Versäumte
nachzuholen. Er säuselte ehrbarlich die Treppe hinunter bis zu dem
Gemach, wo sie sich aufzuhalten pflegte, und fand wie gewöhnlich die Türe
halb offen stehen; denn sie war bei aller Trägheit neugierig und liebte,
immer gleich zu hören, was vorging.
Er trat vorsichtig hinein und sah sie wieder schlummernd daliegen, ein
halb aufgegessenes Himbeertörtchen in der Hand. Ohne recht zu wissen,
was eigentlich beginnen, ging er endlich auf den Zehen hin, ergriff ihre
runde Hand und küßte sie ehrerbietig. Sie regte sich nicht im mindesten;
doch öffnete sie die Augen zur Hälfte und sah ihn, ohne den Mund zu
verziehen, mit einem höchst seltsamen Blick an, so lang er dastand.
Verblüfft und stotternd zog er sich endlich zurück und lief in sein Zimmer.
Dort setzte er sich in eine Ecke, jenen Blick aus schmaler
Augenzwinkerung immer vor sich. Er eilte wieder hinunter, die Frau
verhielt sich unbeweglich wie vorhin, und wie er näher trat, taten sich die
Augen wieder halb auf. Wiederum zog er sich zurück, wiederum saß er in
der Ecke seiner Kammer, zum drittenmal fuhr er in die Höhe, stieg die
Treppe hinunter, huschte hinein und blieb nun dort, bis der Patriarch nach
Hause kehrte.
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Es verging nun kaum ein Tag, wo die zwei Leute sich nicht
zusammenzutun und den Alten zu hintergehen wußten, daß es eine Art
hatte. Die schläfrige Frau wurde auf einmal munter in ihrer Weise; John
aber ergab sich dem leidenschaftlichsten Undank gegen seinen Wohltäter,
immer in der Absicht, seine Stellung zu befestigen und das Glück recht an
die Wand zu nageln.
Beide Sünder taten indessen nur umso freundlicher und ergebener gegen
den betrogenen Litumlei, der dabei sich ganz behaglich fühlte und sein
Haus auf das beste bestellt zu haben glaubte, so daß man nicht
unterscheiden konnte, welcher von beiden Herren mehr mit sich zufrieden
war. Eines Morgens schien jedoch der Alte den Sieg davonzutragen infolge
einer vertraulichen Unterredung, welche seine Frau mit ihm gepflogen;
denn er ging ganz sonderbar herum, stand keinen Augenblick still und
suchte fortwährend allerlei Sätzchen zu pfeifen, was aber wegen Mangels
an Zähnen nicht gelang. Er schien um mehrere Zoll gewachsen zu sein über
Nacht, kurz, er war der Inbegriff der Selbstzufriedenheit. Aber denselben
Tag noch neigte sich der Sieg wieder auf die Seite des Jüngeren, als ihn der
Alte unversehens frug, ob er nicht Lust habe, eine tüchtige Reise zu
machen, um auch noch die Welt ein wenig kennen zu lernen und besonders
auch, indem er sich selber bilde, die verschiedenen Arten der
Jugenderziehung in den Ländern in Betracht zu nehmen und sich über die
diesfalls herrschenden Grundsätze zu unterrichten, namentlich mit Bezug
auf die vornehmeren Stände?
Nichts konnte ihm willkommener sein, als solch herrlicher Antrag, und
freudig genehmigte er denselben. Er wurde schnell für die Reise ausgerüstet
und mit Wechseln versehen, und er fuhr in höchster Gloria davon. Zuerst
bereiste er Wien, Dresden, Berlin und Hamburg; dann wagte er sich nach
Paris, und überall führte er ein prächtiges und weises Leben. Er
patrouillierte alle Vergnügungsorte, Sommertheater und Spektakelplätze ab,
lief durch die Raritätenkammern der Schlösser und stand allmittags in der
Sonnenhitze auf den Paradeplätzen, um die Musik zu hören und die
Offiziere anzugaffen, eh’ er zur Tafel ging. Wenn er all die Herrlichkeiten
unter tausend anderen Menschen mit ansah, so wurde er ganz stolz und
schrieb sich von allem Glanz und Getön das alleinige Verdienst zu, jeden
für einen unwissenden Tropf haltend, der nicht dabei war. Mit dem
behenden Genießen verband er aber die größte Weisheit, um seinem
zusammenzutun und den Alten zu hintergehen wußten, daß es eine Art
hatte. Die schläfrige Frau wurde auf einmal munter in ihrer Weise; John
aber ergab sich dem leidenschaftlichsten Undank gegen seinen Wohltäter,
immer in der Absicht, seine Stellung zu befestigen und das Glück recht an
die Wand zu nageln.
Beide Sünder taten indessen nur umso freundlicher und ergebener gegen
den betrogenen Litumlei, der dabei sich ganz behaglich fühlte und sein
Haus auf das beste bestellt zu haben glaubte, so daß man nicht
unterscheiden konnte, welcher von beiden Herren mehr mit sich zufrieden
war. Eines Morgens schien jedoch der Alte den Sieg davonzutragen infolge
einer vertraulichen Unterredung, welche seine Frau mit ihm gepflogen;
denn er ging ganz sonderbar herum, stand keinen Augenblick still und
suchte fortwährend allerlei Sätzchen zu pfeifen, was aber wegen Mangels
an Zähnen nicht gelang. Er schien um mehrere Zoll gewachsen zu sein über
Nacht, kurz, er war der Inbegriff der Selbstzufriedenheit. Aber denselben
Tag noch neigte sich der Sieg wieder auf die Seite des Jüngeren, als ihn der
Alte unversehens frug, ob er nicht Lust habe, eine tüchtige Reise zu
machen, um auch noch die Welt ein wenig kennen zu lernen und besonders
auch, indem er sich selber bilde, die verschiedenen Arten der
Jugenderziehung in den Ländern in Betracht zu nehmen und sich über die
diesfalls herrschenden Grundsätze zu unterrichten, namentlich mit Bezug
auf die vornehmeren Stände?
Nichts konnte ihm willkommener sein, als solch herrlicher Antrag, und
freudig genehmigte er denselben. Er wurde schnell für die Reise ausgerüstet
und mit Wechseln versehen, und er fuhr in höchster Gloria davon. Zuerst
bereiste er Wien, Dresden, Berlin und Hamburg; dann wagte er sich nach
Paris, und überall führte er ein prächtiges und weises Leben. Er
patrouillierte alle Vergnügungsorte, Sommertheater und Spektakelplätze ab,
lief durch die Raritätenkammern der Schlösser und stand allmittags in der
Sonnenhitze auf den Paradeplätzen, um die Musik zu hören und die
Offiziere anzugaffen, eh’ er zur Tafel ging. Wenn er all die Herrlichkeiten
unter tausend anderen Menschen mit ansah, so wurde er ganz stolz und
schrieb sich von allem Glanz und Getön das alleinige Verdienst zu, jeden
für einen unwissenden Tropf haltend, der nicht dabei war. Mit dem
behenden Genießen verband er aber die größte Weisheit, um seinem
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Wohltäter zu zeigen, daß er keinen Hasen auf Reisen geschickt habe.
Keinem Bettler gab er etwas, keinem armen Kinde kaufte er je etwas ab,
den Dienstbaren in den Gasthäusern wußte er beharrlich mit dem
Trinkgelde durchzugehen, ohne Schaden zu leiden, und um jeden Dienst
feilschte er lange, ehe er ihn annahm. Am meisten Spaß machte ihm das
Vexieren und Foppen der verlorenen Wesen, mit denen er sich im Vereine
mit zwei oder drei Gleichgesinnten auf den öffentlichen Bällen unterhielt.
Mit einem Wort: er lebte so sicher und vergnügt, wie ein alter
Weinreisender.
Zum Schlusse konnte er sich nicht versagen, einen Abstecher nach seiner
Heimat Seldwyla zu machen. Dort logierte er im ersten Gasthof, saß
geheimnisvoll und einsilbig an der Mittagstafel und ließ seine Mitbürger
sich die Köpfe darüber zerbrechen, was aus ihm geworden sei. Sie waren
überzeugt, daß nicht viel hinter der Sache stecke, und doch lebte er zur Zeit
unzweifelhaft im Wohlstand, so daß sie einstweilen ihren Spott
zurückhielten und mit krausen Nasenflügeln nach dem Golde blinzelten,
das er sehen ließ. Er aber regalierte sie nicht mit einer einzigen Flasche
Wein, obgleich er vor ihren Augen vom besten trank und sann, wie er ihnen
noch weiteres antun könne.
Da gedachte er, am Ende seiner Reise, plötzlich des Auftrages, der ihm
zur Erforschung des Erziehungswesens in den durchreisten Ländern
geworden, um die Grundsätze festzustellen, nach welchen die Kinder des
von Litumlei gegründeten und von Kabys fortzupflanzenden Geschlechtes
erzogen werden sollten. Diese Aufgabe in Seldwyla zu lösen, kam ihm nun
trefflich zu statten, da er in den Mantel einer höheren Mission gehüllt, als
eine Art Edukationsrat auftreten und die Seldwyler noch mehr foppen
konnte. Er kam auch gerade vor die rechte Schmiede. Denn seit einiger Zeit
schon waren sie auf einen herrlichen Erwerbszweig geraten, indem sie alle
ihre Mädchen zu Erzieherinnen machten und versandten. Kluge und
unkluge, gesunde und kränkliche Kinder wurden in dieser Weise zubereitet
in eigenen Anstalten und für alle Bedürfnisse. Wie man Forellen
verschiedentlich behandelt, sie blau absiedet oder bäckt oder spickt und so
weiter, so wurden die guten Mädchen entweder mehr positiv christlich oder
mehr weltlich, mehr für die Sprachen oder mehr für die Musik, für
vornehme Häuser oder für mehr bürgerliche Familien zugerichtet, je nach
der Weltgegend, für welche sie bestimmt waren und von wo die Nachfrage
Keinem Bettler gab er etwas, keinem armen Kinde kaufte er je etwas ab,
den Dienstbaren in den Gasthäusern wußte er beharrlich mit dem
Trinkgelde durchzugehen, ohne Schaden zu leiden, und um jeden Dienst
feilschte er lange, ehe er ihn annahm. Am meisten Spaß machte ihm das
Vexieren und Foppen der verlorenen Wesen, mit denen er sich im Vereine
mit zwei oder drei Gleichgesinnten auf den öffentlichen Bällen unterhielt.
Mit einem Wort: er lebte so sicher und vergnügt, wie ein alter
Weinreisender.
Zum Schlusse konnte er sich nicht versagen, einen Abstecher nach seiner
Heimat Seldwyla zu machen. Dort logierte er im ersten Gasthof, saß
geheimnisvoll und einsilbig an der Mittagstafel und ließ seine Mitbürger
sich die Köpfe darüber zerbrechen, was aus ihm geworden sei. Sie waren
überzeugt, daß nicht viel hinter der Sache stecke, und doch lebte er zur Zeit
unzweifelhaft im Wohlstand, so daß sie einstweilen ihren Spott
zurückhielten und mit krausen Nasenflügeln nach dem Golde blinzelten,
das er sehen ließ. Er aber regalierte sie nicht mit einer einzigen Flasche
Wein, obgleich er vor ihren Augen vom besten trank und sann, wie er ihnen
noch weiteres antun könne.
Da gedachte er, am Ende seiner Reise, plötzlich des Auftrages, der ihm
zur Erforschung des Erziehungswesens in den durchreisten Ländern
geworden, um die Grundsätze festzustellen, nach welchen die Kinder des
von Litumlei gegründeten und von Kabys fortzupflanzenden Geschlechtes
erzogen werden sollten. Diese Aufgabe in Seldwyla zu lösen, kam ihm nun
trefflich zu statten, da er in den Mantel einer höheren Mission gehüllt, als
eine Art Edukationsrat auftreten und die Seldwyler noch mehr foppen
konnte. Er kam auch gerade vor die rechte Schmiede. Denn seit einiger Zeit
schon waren sie auf einen herrlichen Erwerbszweig geraten, indem sie alle
ihre Mädchen zu Erzieherinnen machten und versandten. Kluge und
unkluge, gesunde und kränkliche Kinder wurden in dieser Weise zubereitet
in eigenen Anstalten und für alle Bedürfnisse. Wie man Forellen
verschiedentlich behandelt, sie blau absiedet oder bäckt oder spickt und so
weiter, so wurden die guten Mädchen entweder mehr positiv christlich oder
mehr weltlich, mehr für die Sprachen oder mehr für die Musik, für
vornehme Häuser oder für mehr bürgerliche Familien zugerichtet, je nach
der Weltgegend, für welche sie bestimmt waren und von wo die Nachfrage
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kam. Das Seltsame dabei war, daß die Seldwyler für alle diese
verschiedenen Zweckbestimmungen sich vollkommen neutral und
gleichgültig verhielten und auch von den betreffenden Lebenskreisen
durchaus keine Kenntnis besaßen, und der gute Absatz ließ sich nur dadurch
erklären, daß die Abnehmer des Exportartikels ebenso gleichgültig und
kenntnislos waren. Ein Seldwyler, der den unversöhnlichsten Kirchenfeind
spielte, konnte seine nach England bestimmten Kinder auf Gebet und
Sonntagsheiligung einüben lassen; ein anderer, der in öffentlichen Reden
von der edlen Stauffacherin, der Zierde des freien Schweizerhauses
schwärmte, hatte seine fünf oder sechs Töchter nach den russischen Steppen
oder in andere unwirtliche Gegenden verbannt, wo sie in ferner
Trostlosigkeit schmachteten.
Die Hauptsache war, daß die wackeren Bürger die armen Wesen so bald
als möglich mit einem Reisepaß und Regenschirm versehen hinausjagen
und mit dem heimgesandten Erwerbe derselben sich gütlich tun konnten.
Aus alledem war aber bald eine gewisse Überlieferung und
Geschicklichkeit für die äußerliche Zurichtung der Mädchen entstanden und
John Kabys hatte vollauf zu tun, die kuriosen Grundsätze, die hierin
walteten, mit noch kurioserer Auffassungsgabe einzusammeln und sich zu
notieren. Er ging in den verschiedenen Fabriklein herum, wo die Mädchen
zubereitet wurden, befragte Vorsteherinnen und Lehrer und suchte sich
vorzüglich ein Bild davon zu entwerfen, wie die Erziehung eines
Knäbchens in einem großen Hause von Anfang an standesmäßig betrieben
würde und zwar so recht auf Kosten der hiefür bezahlten Leute und ohne
Mühsal noch Verdruß der Eltern.
Hierüber fertigte er ein merkwürdiges Memorandum an, welches in
einigen Tagen, dank seinen fleißigen Notizen, zu mehreren Bogen
anschwoll, und mit dem er sich Aufsehen erregend beschäftigte. Er
verwahrte die Schrift zusammengerollt in einer runden Blechkapsel und
trug dieselbe an einem Lederriemchen beständig an der Hüfte. Als aber die
Seldwyler das bemerkten, glaubten sie, er sei abgesandt, ihnen das
Geheimnis ihrer Industrie abzustehlen und in das Ausland zu verpflanzen.
Sie erbosten sich über ihn und trieben ihn drohend und scheltend davon.
verschiedenen Zweckbestimmungen sich vollkommen neutral und
gleichgültig verhielten und auch von den betreffenden Lebenskreisen
durchaus keine Kenntnis besaßen, und der gute Absatz ließ sich nur dadurch
erklären, daß die Abnehmer des Exportartikels ebenso gleichgültig und
kenntnislos waren. Ein Seldwyler, der den unversöhnlichsten Kirchenfeind
spielte, konnte seine nach England bestimmten Kinder auf Gebet und
Sonntagsheiligung einüben lassen; ein anderer, der in öffentlichen Reden
von der edlen Stauffacherin, der Zierde des freien Schweizerhauses
schwärmte, hatte seine fünf oder sechs Töchter nach den russischen Steppen
oder in andere unwirtliche Gegenden verbannt, wo sie in ferner
Trostlosigkeit schmachteten.
Die Hauptsache war, daß die wackeren Bürger die armen Wesen so bald
als möglich mit einem Reisepaß und Regenschirm versehen hinausjagen
und mit dem heimgesandten Erwerbe derselben sich gütlich tun konnten.
Aus alledem war aber bald eine gewisse Überlieferung und
Geschicklichkeit für die äußerliche Zurichtung der Mädchen entstanden und
John Kabys hatte vollauf zu tun, die kuriosen Grundsätze, die hierin
walteten, mit noch kurioserer Auffassungsgabe einzusammeln und sich zu
notieren. Er ging in den verschiedenen Fabriklein herum, wo die Mädchen
zubereitet wurden, befragte Vorsteherinnen und Lehrer und suchte sich
vorzüglich ein Bild davon zu entwerfen, wie die Erziehung eines
Knäbchens in einem großen Hause von Anfang an standesmäßig betrieben
würde und zwar so recht auf Kosten der hiefür bezahlten Leute und ohne
Mühsal noch Verdruß der Eltern.
Hierüber fertigte er ein merkwürdiges Memorandum an, welches in
einigen Tagen, dank seinen fleißigen Notizen, zu mehreren Bogen
anschwoll, und mit dem er sich Aufsehen erregend beschäftigte. Er
verwahrte die Schrift zusammengerollt in einer runden Blechkapsel und
trug dieselbe an einem Lederriemchen beständig an der Hüfte. Als aber die
Seldwyler das bemerkten, glaubten sie, er sei abgesandt, ihnen das
Geheimnis ihrer Industrie abzustehlen und in das Ausland zu verpflanzen.
Sie erbosten sich über ihn und trieben ihn drohend und scheltend davon.
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Erfreut, daß er sie habe ärgern können, reiste er ab und langte endlich in
Augsburg an, gesund und fröhlich, wie ein junger Hecht. Er trat wohlgemut
ins Haus und fand dasselbe ebenso froh belebt. Eine muntere schöne
Landfrau mit hohem Busen war das erste, was er antraf; sie trug eine
Schüssel mit warmem Wasser und er hielt sie für eine neue Köchin und
betrachtete sie vorläufig nicht ohne Wohlgefallen. Doch drängte es ihn, die
Hausfrau schnell zu begrüßen; allein sie war nicht zu sprechen und lag im
Bett, obgleich das Haus von einem seltsamen Geräusch widerhallte. Dieses
rührte vom alten Litumlei her, welcher herumrannte, sang, rief, lachte und
krakeelte und endlich zum Vorschein kam, blasend, pustend, die Augen
rollend und ganz rot vor Freude, Stolz und Hochmut. Ausgelassen und
würdeatmend zugleich hieß er seinen Günstling willkommen und eilte
wieder davon, um etwas anderes zu verrichten; denn er schien alle Hände
voll zu tun zu haben.
Zwischendurch ließ sich von einer Gegend her wiederholt ein gedämpftes
Quieken vernehmen, wie von einem Kreuzertrompetchen; die vollbusige
Bäuerin ging wieder über die Szene mit einer Handvoll weißer Tüchelchen
und rief aus ihrer weißen Kehle: »Gleich, mein Schätzchen! gleich, mein
Bübchen!«
»Daß dich!« sagte John, »was ist das für ein leckerer Bissen!«
Aber er horchte wieder auf jenes Quieken, das sich fort und fort
vernehmen ließ.
»Nun?« rief Litumlei, der wieder hergeträppelt kam, »singt der Vogel
nicht schön? Was sagst du dazu, mein Bursche?«
»Welcher Vogel?« fragte John.
»Ei, Herr Jesus! Du weißt am Ende noch gar nichts?« rief der Alte; »ein
Sohn ist uns allendlich geboren, ein Stammhalter, so munter wie ein Ferkel,
liegt uns in der Wiege! Alle meine Wünsche, meine alten Pläne sind
erfüllt!«
Der Schmied seines Glückes stand wie eine Bildsäule, ohne jedoch die
Folgen des Ereignisses schon zu übersehen, so einfach sie auch sein
mochten; er fühlte nur, daß es ihm höchst widerstrebend zu Mute war,
Augsburg an, gesund und fröhlich, wie ein junger Hecht. Er trat wohlgemut
ins Haus und fand dasselbe ebenso froh belebt. Eine muntere schöne
Landfrau mit hohem Busen war das erste, was er antraf; sie trug eine
Schüssel mit warmem Wasser und er hielt sie für eine neue Köchin und
betrachtete sie vorläufig nicht ohne Wohlgefallen. Doch drängte es ihn, die
Hausfrau schnell zu begrüßen; allein sie war nicht zu sprechen und lag im
Bett, obgleich das Haus von einem seltsamen Geräusch widerhallte. Dieses
rührte vom alten Litumlei her, welcher herumrannte, sang, rief, lachte und
krakeelte und endlich zum Vorschein kam, blasend, pustend, die Augen
rollend und ganz rot vor Freude, Stolz und Hochmut. Ausgelassen und
würdeatmend zugleich hieß er seinen Günstling willkommen und eilte
wieder davon, um etwas anderes zu verrichten; denn er schien alle Hände
voll zu tun zu haben.
Zwischendurch ließ sich von einer Gegend her wiederholt ein gedämpftes
Quieken vernehmen, wie von einem Kreuzertrompetchen; die vollbusige
Bäuerin ging wieder über die Szene mit einer Handvoll weißer Tüchelchen
und rief aus ihrer weißen Kehle: »Gleich, mein Schätzchen! gleich, mein
Bübchen!«
»Daß dich!« sagte John, »was ist das für ein leckerer Bissen!«
Aber er horchte wieder auf jenes Quieken, das sich fort und fort
vernehmen ließ.
»Nun?« rief Litumlei, der wieder hergeträppelt kam, »singt der Vogel
nicht schön? Was sagst du dazu, mein Bursche?«
»Welcher Vogel?« fragte John.
»Ei, Herr Jesus! Du weißt am Ende noch gar nichts?« rief der Alte; »ein
Sohn ist uns allendlich geboren, ein Stammhalter, so munter wie ein Ferkel,
liegt uns in der Wiege! Alle meine Wünsche, meine alten Pläne sind
erfüllt!«
Der Schmied seines Glückes stand wie eine Bildsäule, ohne jedoch die
Folgen des Ereignisses schon zu übersehen, so einfach sie auch sein
mochten; er fühlte nur, daß es ihm höchst widerstrebend zu Mute war,
Page 76
machte ganz runde Augen und spitzte den Mund, wie wenn er einen Igel
küssen müßte.
»Nun,« fuhr der vergnügte Alte fort, »sei nur nicht zu verdrießlich! Etwas
verändert wird allerdings unser Verhältnis, habe auch bereits das Testament
umgestoßen und verbrannt, sowie jenen lustigen Roman, dessen wir nun
nicht mehr bedürfen! Du aber bleibst im Hause, du sollst bei der Erziehung
meines Sohnes die Oberleitung übernehmen, du sollst mein Rat sein und
mein Helfer in allen Dingen, und es soll dir nichts abgehen, so lang ich
lebe. Nun ruh dich aus, ich muß dem kleinen Kreuzkerl einen rechten
Namen zusammensuchen! Schon dreimal hab’ ich den Kalender
durchgesehen, will jetzt noch eine alte Chronik durchstöbern, dort gibt’s so
alte Stammbäume mit ganz merkwürdigen Taufnamen!«
John begab sich endlich auf sein Zimmer und setzte sich in jene Ecke; die
Blechkapsel mit der Erziehungsdenkschrift hatte er noch umhängen und er
hielt sie unbewußt zwischen den Knieen. Er sah die Sachlage ein, er
verwünschte die böse Frau, welche ihm diesen Streich gespielt und einen
Erben untergeschoben; er verwünschte den Alten, der da glaubte, er hätte
einen rechtmäßigen Sohn; nur sich selbst verwünschte er nicht, der doch der
wirkliche und alleinige Urheber des kleinen Schreiers war und sich so selbst
enterbt hatte. Er zappelte in einem unzerreißlichen Netze, rannte aber
wieder nach dem Alten, um ihm törichterweise die Augen zu öffnen.
»Glauben Sie denn wirklich,« sagte er mit gedämpfter Stimme zu ihm,
»daß das Kind das Ihrige sei?«
»Wie, was?« sagte Herr Litumlei und sah von seiner Chronik auf.
John fuhr fort, in abgebrochenen Redensarten ihm zu verstehen zu geben,
daß er selbst ja nie im stande gewesen sei, Vater zu werden, daß seine Frau
wahrscheinlich sich eine Untreue habe zu Schulden kommen lassen und so
fort.
Sobald ihn das kleine Männchen ganz verstand, fuhr es wie besessen in
die Höhe, stampfte auf den Boden, schnaubte und schrie endlich: »Aus den
Augen mir, undankbares Scheusal, verleumderischer Schuft! Warum sollte
ich nicht im stande sein, einen Sohn zu haben? Sprich, Elender! Ist das der
Dank für meine Wohltaten, daß du die Ehre meines Weibes und meine
küssen müßte.
»Nun,« fuhr der vergnügte Alte fort, »sei nur nicht zu verdrießlich! Etwas
verändert wird allerdings unser Verhältnis, habe auch bereits das Testament
umgestoßen und verbrannt, sowie jenen lustigen Roman, dessen wir nun
nicht mehr bedürfen! Du aber bleibst im Hause, du sollst bei der Erziehung
meines Sohnes die Oberleitung übernehmen, du sollst mein Rat sein und
mein Helfer in allen Dingen, und es soll dir nichts abgehen, so lang ich
lebe. Nun ruh dich aus, ich muß dem kleinen Kreuzkerl einen rechten
Namen zusammensuchen! Schon dreimal hab’ ich den Kalender
durchgesehen, will jetzt noch eine alte Chronik durchstöbern, dort gibt’s so
alte Stammbäume mit ganz merkwürdigen Taufnamen!«
John begab sich endlich auf sein Zimmer und setzte sich in jene Ecke; die
Blechkapsel mit der Erziehungsdenkschrift hatte er noch umhängen und er
hielt sie unbewußt zwischen den Knieen. Er sah die Sachlage ein, er
verwünschte die böse Frau, welche ihm diesen Streich gespielt und einen
Erben untergeschoben; er verwünschte den Alten, der da glaubte, er hätte
einen rechtmäßigen Sohn; nur sich selbst verwünschte er nicht, der doch der
wirkliche und alleinige Urheber des kleinen Schreiers war und sich so selbst
enterbt hatte. Er zappelte in einem unzerreißlichen Netze, rannte aber
wieder nach dem Alten, um ihm törichterweise die Augen zu öffnen.
»Glauben Sie denn wirklich,« sagte er mit gedämpfter Stimme zu ihm,
»daß das Kind das Ihrige sei?«
»Wie, was?« sagte Herr Litumlei und sah von seiner Chronik auf.
John fuhr fort, in abgebrochenen Redensarten ihm zu verstehen zu geben,
daß er selbst ja nie im stande gewesen sei, Vater zu werden, daß seine Frau
wahrscheinlich sich eine Untreue habe zu Schulden kommen lassen und so
fort.
Sobald ihn das kleine Männchen ganz verstand, fuhr es wie besessen in
die Höhe, stampfte auf den Boden, schnaubte und schrie endlich: »Aus den
Augen mir, undankbares Scheusal, verleumderischer Schuft! Warum sollte
ich nicht im stande sein, einen Sohn zu haben? Sprich, Elender! Ist das der
Dank für meine Wohltaten, daß du die Ehre meines Weibes und meine
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eigene Ehre begeiferst mit deiner niederträchtigen Zunge? Welch ein Glück,
daß ich noch rechtzeitig erkenne, welch eine Schlange ich an meinem
Busen genährt habe! Wie werden doch solche große Stammhäuser gleich in
der Wiege schon vom Neid und von der Selbstsucht attackiert! Fort! aus
dem Hause mit dir von Stund’ an!«
Er lief zitternd vor Wut nach seinem Schreibtische, nahm eine Handvoll
Goldstücke, wickelte sie in ein Papier und warf es dem Unglücklichen vor
die Füße.
»Hier ist noch ein Zehrpfennig und damit fort auf immer!« Hiemit
entfernte er sich, immer zischend wie eine Schlange.
John hob das Päcklein auf, ging aber nicht aus dem Hause, sondern
schlich auf seine Kammer, mehr tot als lebendig, zog sich aus bis auf das
Hemd, obschon es noch nicht Abend war, und legte sich ins Bett,
schlotternd und erbärmlich stöhnend. In allem Jammer zählte er, da er
keinen Schlaf finden konnte, das erhaltene Geld und das, welches er auf der
Reise in oben beschriebener Weise erspart. »Unnütz!« sagte er, »ich denke
nicht daran fortzugehen, ich will und muß hier bleiben!«
Da klopften zwei Polizeimänner an die Türe, traten herein und hießen ihn
aufstehen und sich anziehen. Voll Angst und Schrecken tat er es; sie
befahlen ihm, seine Sachen zusammenzupacken; es war aber alles noch auf
das schönste beisammen, da er seine Reisekoffer noch gar nicht geöffnet
hatte. Darauf führten sie ihn aus dem Hause; ein Knecht trug die Sachen
nach, setzte sie auf die Straße und schloß die Türe vor seiner Nase zu.
Hierauf lasen ihm die Männer von einem Papier ein Verbot vor, bei Strafe
nicht mehr das Haus zu betreten. Dann gingen sie fort; er aber blickte
nochmals an das Haus seines verlorenen Glückes hinauf, als eben einer der
hohen Fensterflügel sich ein wenig öffnete, jene hübsche Amme eine in
ländlicher Weise dort getrocknete Windel hereinlangte und gleichzeitig das
Stimmchen des Kindes sich wieder vernehmen ließ.
Da floh er endlich mit seiner Habe in einen Gasthof, zog sich dort
wiederum aus und legte sich nun ungestört ins Bett.
Am andern Tage lief er aus Verzweiflung noch zu einem Advokaten, um
zu erfahren, ob denn gar nichts mehr zu machen sei? Sobald der aber seine
daß ich noch rechtzeitig erkenne, welch eine Schlange ich an meinem
Busen genährt habe! Wie werden doch solche große Stammhäuser gleich in
der Wiege schon vom Neid und von der Selbstsucht attackiert! Fort! aus
dem Hause mit dir von Stund’ an!«
Er lief zitternd vor Wut nach seinem Schreibtische, nahm eine Handvoll
Goldstücke, wickelte sie in ein Papier und warf es dem Unglücklichen vor
die Füße.
»Hier ist noch ein Zehrpfennig und damit fort auf immer!« Hiemit
entfernte er sich, immer zischend wie eine Schlange.
John hob das Päcklein auf, ging aber nicht aus dem Hause, sondern
schlich auf seine Kammer, mehr tot als lebendig, zog sich aus bis auf das
Hemd, obschon es noch nicht Abend war, und legte sich ins Bett,
schlotternd und erbärmlich stöhnend. In allem Jammer zählte er, da er
keinen Schlaf finden konnte, das erhaltene Geld und das, welches er auf der
Reise in oben beschriebener Weise erspart. »Unnütz!« sagte er, »ich denke
nicht daran fortzugehen, ich will und muß hier bleiben!«
Da klopften zwei Polizeimänner an die Türe, traten herein und hießen ihn
aufstehen und sich anziehen. Voll Angst und Schrecken tat er es; sie
befahlen ihm, seine Sachen zusammenzupacken; es war aber alles noch auf
das schönste beisammen, da er seine Reisekoffer noch gar nicht geöffnet
hatte. Darauf führten sie ihn aus dem Hause; ein Knecht trug die Sachen
nach, setzte sie auf die Straße und schloß die Türe vor seiner Nase zu.
Hierauf lasen ihm die Männer von einem Papier ein Verbot vor, bei Strafe
nicht mehr das Haus zu betreten. Dann gingen sie fort; er aber blickte
nochmals an das Haus seines verlorenen Glückes hinauf, als eben einer der
hohen Fensterflügel sich ein wenig öffnete, jene hübsche Amme eine in
ländlicher Weise dort getrocknete Windel hereinlangte und gleichzeitig das
Stimmchen des Kindes sich wieder vernehmen ließ.
Da floh er endlich mit seiner Habe in einen Gasthof, zog sich dort
wiederum aus und legte sich nun ungestört ins Bett.
Am andern Tage lief er aus Verzweiflung noch zu einem Advokaten, um
zu erfahren, ob denn gar nichts mehr zu machen sei? Sobald der aber seine
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Rede halb angehört, rief er zornig: »Machen Sie, daß Sie fortkommen, Sie
Esel, mit Ihrer einfältigen Erbschleicherei, oder ich lasse Sie verhaften!«
Ganz verstürmt reiste er allendlich nach seinem guten Seldwyla, wo er
erst vor einigen Tagen gewesen war. Er setzte sich wieder in den Gasthof
und zehrte einige Zeit nachdenklich von seiner Barschaft, und je mehr sie
sich verminderte, desto kleinlauter wurde er. Humoristisch gesellten sich
die Seldwyler zu ihm, und als sie, da er nun zugänglicher geworden, sein
Schicksal so ziemlich erforscht hatten und ihn im Besitze seines
abnehmenden kleinen Vermögens sahen, verkauften sie ihm eine kleine alte
Nagelschmiede vor dem Tore, die gerade feil stand und, wie sie sagten,
ihren Mann nährte. Er mußte aber, um den Kaufschilling voll zu machen,
alle seine Attribute und Kleinode veräußern, was er umso leichter tat, als er
nun keine Hoffnung mehr auf diese Dinge setzte; sie hatten ihn ja immer
betrogen und er mochte nicht mehr um sie Sorge tragen.
Mit der Nagelschmiede, in der zwei oder drei Arten einfacher Nägel
gemacht wurden, ging ein alter Geselle in den Kauf, von dem der neue
Inhaber die Hantierung selbst ohne viel Mühe erlernte und dabei noch ein
wackerer Nagelschmied wurde, der erst in leidlicher, dann in ganzer
Zufriedenheit so dahin hämmerte, als er das Glück einfacher und
unverdrossener Arbeit spät kennen lernte, das ihn wahrhaft aller Sorge
enthob und von seinen schlimmen Leidenschaften reinigte.
Dankbarlich ließ er schöne Kürbisstauden und Winden an dem niedrigen
schwärzlichen Häuschen emporranken, das außerdem von einem großen
Holunderbaum überschattet war und dessen Esse immer ein freundliches
Feuerlein hegte.
Nur in stillen Nächten bedachte er etwa noch sein Schicksal, und einige
Mal, wenn der Jahrestag wiederkehrte, wo er die Dame Litumlei bei dem
Himbeertörtchen gefunden hatte, stieß der Schmied seines Glückes den
Kopf gegen die Esse, aus Reue über die unzweckmäßige Nachhilfe, welche
er seinem Glück hatte geben wollen.
Allein auch diese Anwandlungen verloren sich allmählich, je besser die
Nägel gerieten, welche er schmiedete.
Esel, mit Ihrer einfältigen Erbschleicherei, oder ich lasse Sie verhaften!«
Ganz verstürmt reiste er allendlich nach seinem guten Seldwyla, wo er
erst vor einigen Tagen gewesen war. Er setzte sich wieder in den Gasthof
und zehrte einige Zeit nachdenklich von seiner Barschaft, und je mehr sie
sich verminderte, desto kleinlauter wurde er. Humoristisch gesellten sich
die Seldwyler zu ihm, und als sie, da er nun zugänglicher geworden, sein
Schicksal so ziemlich erforscht hatten und ihn im Besitze seines
abnehmenden kleinen Vermögens sahen, verkauften sie ihm eine kleine alte
Nagelschmiede vor dem Tore, die gerade feil stand und, wie sie sagten,
ihren Mann nährte. Er mußte aber, um den Kaufschilling voll zu machen,
alle seine Attribute und Kleinode veräußern, was er umso leichter tat, als er
nun keine Hoffnung mehr auf diese Dinge setzte; sie hatten ihn ja immer
betrogen und er mochte nicht mehr um sie Sorge tragen.
Mit der Nagelschmiede, in der zwei oder drei Arten einfacher Nägel
gemacht wurden, ging ein alter Geselle in den Kauf, von dem der neue
Inhaber die Hantierung selbst ohne viel Mühe erlernte und dabei noch ein
wackerer Nagelschmied wurde, der erst in leidlicher, dann in ganzer
Zufriedenheit so dahin hämmerte, als er das Glück einfacher und
unverdrossener Arbeit spät kennen lernte, das ihn wahrhaft aller Sorge
enthob und von seinen schlimmen Leidenschaften reinigte.
Dankbarlich ließ er schöne Kürbisstauden und Winden an dem niedrigen
schwärzlichen Häuschen emporranken, das außerdem von einem großen
Holunderbaum überschattet war und dessen Esse immer ein freundliches
Feuerlein hegte.
Nur in stillen Nächten bedachte er etwa noch sein Schicksal, und einige
Mal, wenn der Jahrestag wiederkehrte, wo er die Dame Litumlei bei dem
Himbeertörtchen gefunden hatte, stieß der Schmied seines Glückes den
Kopf gegen die Esse, aus Reue über die unzweckmäßige Nachhilfe, welche
er seinem Glück hatte geben wollen.
Allein auch diese Anwandlungen verloren sich allmählich, je besser die
Nägel gerieten, welche er schmiedete.
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Die mißbrauchten Liebesbriefe
Viktor Störteler, von den Seldwylern nur Viggi Störteler genannt, lebte
in behaglichen und ordentlichen Umständen, da er ein einträgliches
Speditions- und Warengeschäft betrieb und ein hübsches, gesundes und
gutmütiges Weibchen besaß. Dieses hatte ihm außer der sehr angenehmen
Person ein ziemliches Vermögen gebracht, welches Gritli von auswärts
zugefallen war, und sie lebte zutulich und still bei ihrem Manne. Ihr Geld
aber war ihm sehr förderlich zur Ausbreitung seiner Geschäfte, welchen er
mit Fleiß und Umsicht oblag, daß sie trefflich gediehen. Hierbei schützte
ihn eine Eigenschaft, welche, sonst nicht landesüblich, ihm einstweilen
wohl zu statten kam. Er hatte seine Lehrzeit und einige Jahre darüber
nämlich in einer größeren Stadt bestanden und war dort Mitglied eines
Vereines junger Kontoristen gewesen, welcher sich wissenschaftliche und
ästhetische Ausbildung zur Aufgabe gestellt hatte. Da die jungen Leute ganz
sich selbst überlassen waren, so übernahmen sie sich und machten allerhand
Dummheiten. Sie lasen die schwersten Bücher und führten eine verworrene
Unterhaltung darüber; sie spielten aus ihrem Theater den Faust und den
Wallenstein, den Hamlet, den Lear und den Nathan; sie machten schwierige
Konzerte und lasen sich schreckbare Aufsätze vor, kurz, es gab nichts, an
das sie sich nicht wagten.
Hiervon brachte Viggi Störteler die Liebe für Bildung und Belesenheit
nach Seldwyla zurück; vermöge dieser Neigung aber fühlte er sich zu gut,
die Sitten und Gebräuche seiner Mitbürger zu teilen; vielmehr schaffte er
sich Bücher an, abonnierte in allen Leihbibliotheken und Lesezirkeln der
Hauptstadt, hielt sich die »Gartenlaube« und unterschrieb auf alles, was in
Lieferungen erschien, da hier ein fortlaufendes, schön verteiltes Studium
geboten wurde. Damit hielt er sich in seiner Häuslichkeit und zugleich seine
Umstände vor Schaden bewahrt. Wenn er seine Tagesgeschäfte munter und
vorsichtig durchgeführt, so zündete er seine Pfeife an, verlängerte die Nase
und setzte sich hinter seinen Lesestoff, in welchem er mit großer
Gewandtheit herumfuhr. Aber er ging noch weiter. Bald schrieb er
verschiedene Abhandlungen, welche er seiner Gattin als »Essays«
Viktor Störteler, von den Seldwylern nur Viggi Störteler genannt, lebte
in behaglichen und ordentlichen Umständen, da er ein einträgliches
Speditions- und Warengeschäft betrieb und ein hübsches, gesundes und
gutmütiges Weibchen besaß. Dieses hatte ihm außer der sehr angenehmen
Person ein ziemliches Vermögen gebracht, welches Gritli von auswärts
zugefallen war, und sie lebte zutulich und still bei ihrem Manne. Ihr Geld
aber war ihm sehr förderlich zur Ausbreitung seiner Geschäfte, welchen er
mit Fleiß und Umsicht oblag, daß sie trefflich gediehen. Hierbei schützte
ihn eine Eigenschaft, welche, sonst nicht landesüblich, ihm einstweilen
wohl zu statten kam. Er hatte seine Lehrzeit und einige Jahre darüber
nämlich in einer größeren Stadt bestanden und war dort Mitglied eines
Vereines junger Kontoristen gewesen, welcher sich wissenschaftliche und
ästhetische Ausbildung zur Aufgabe gestellt hatte. Da die jungen Leute ganz
sich selbst überlassen waren, so übernahmen sie sich und machten allerhand
Dummheiten. Sie lasen die schwersten Bücher und führten eine verworrene
Unterhaltung darüber; sie spielten aus ihrem Theater den Faust und den
Wallenstein, den Hamlet, den Lear und den Nathan; sie machten schwierige
Konzerte und lasen sich schreckbare Aufsätze vor, kurz, es gab nichts, an
das sie sich nicht wagten.
Hiervon brachte Viggi Störteler die Liebe für Bildung und Belesenheit
nach Seldwyla zurück; vermöge dieser Neigung aber fühlte er sich zu gut,
die Sitten und Gebräuche seiner Mitbürger zu teilen; vielmehr schaffte er
sich Bücher an, abonnierte in allen Leihbibliotheken und Lesezirkeln der
Hauptstadt, hielt sich die »Gartenlaube« und unterschrieb auf alles, was in
Lieferungen erschien, da hier ein fortlaufendes, schön verteiltes Studium
geboten wurde. Damit hielt er sich in seiner Häuslichkeit und zugleich seine
Umstände vor Schaden bewahrt. Wenn er seine Tagesgeschäfte munter und
vorsichtig durchgeführt, so zündete er seine Pfeife an, verlängerte die Nase
und setzte sich hinter seinen Lesestoff, in welchem er mit großer
Gewandtheit herumfuhr. Aber er ging noch weiter. Bald schrieb er
verschiedene Abhandlungen, welche er seiner Gattin als »Essays«
Page 80
bezeichnete, und er sagte öfter, er glaube, er sei seiner Anlage nach ein
Essayist. Als jedoch seine Essays von den Zeitschriften, an welche er sie
sandte, nicht abgedruckt wurden, begann er Novellen zu schreiben, die er
unter dem Namen »Kurt vom Walde« nach allen möglichen
Sonntagsblättchen instradierte. Hier ging es ihm besser, die Sachen
erschienen wirklich feierlich unter dem herrlichen Schriftstellernamen in
den verschiedensten Gegenden des Deutschen Reiches, und bald begann
hier ein Roderich vom Tale, dort ein Hugo von der Insel und wieder dort ein
Gänserich von der Wiese einen stechenden Schmerz zu empfinden über den
neuen Eindringling. Auch konkurrierte er heimlich bei allen
ausgeschriebenen Preisnovellen und vermehrte hierdurch nicht wenig die
angenehme Bewegtheit seines eingezogenen Lebens. Neuen Aufschwung
gewann er stets auf seinen kürzeren oder längeren Geschäftsreisen, wo er
dann in den Gasthöfen manchen Gesinnungsverwandten traf, mit dem sich
ein gebildetes Wort sprechen ließ; auch der Besuch der befreundeten
Redaktionsstübchen in den verschiedenen Provinzen gewährte neben den
Handelsgeschäften eine gebildete Erholung, obgleich diese hier und da eine
Flasche Wein kostete.
Ein Haupterlebnis feierte er eines Tages an der abendlichen Wirtstafel in
einer mittleren deutschen Stadt, an welcher nebst einigen alten
Stammgästen des Ortes mehrere junge Reisende saßen. Die würdigen alten
Herren mit weißen Haaren führten ein gemächliches Gespräch über allerlei
Schreiberei, sprachen von Cervantes, von Rabelais, Sterne und Jean Paul,
sowie von Goethe und Tieck, und priesen den Reiz, welchen das Verfolgen
der Kompositionsgeheimnisse und des Stiles gewähre, ohne daß die Freude
an dem Vorgetragenen selbst beeinträchtigt werde. Sie stellten einläßliche
Vergleichungen an und suchten den roten Faden, der durch all’ dergleichen
hindurchgehe; bald lachten sie einträchtig über irgend eine Erinnerung, bald
erfreuten sie sich mit ernstem Gesicht über eine neu gefundene Schönheit,
alles ohne Geräusch und Erhitzung, und endlich, nachdem der eine seinen
Tee ausgetrunken, der andere sein Schöppchen geleert, klopften sie die
langen Tonpfeifen aus und begaben sich auf etwas gichtischen Füßen zu
ihrer Nachtruhe. Nur einer setzte sich unbeachtet in eine Ecke, um noch die
Zeitung zu lesen und ein Glas Punsch zu trinken.
Nun aber entwickelte sich unter den jüngeren Gästen, welche bislang
horchend dagesessen hatten, das Gespräch. Einer fing an mit einer
Essayist. Als jedoch seine Essays von den Zeitschriften, an welche er sie
sandte, nicht abgedruckt wurden, begann er Novellen zu schreiben, die er
unter dem Namen »Kurt vom Walde« nach allen möglichen
Sonntagsblättchen instradierte. Hier ging es ihm besser, die Sachen
erschienen wirklich feierlich unter dem herrlichen Schriftstellernamen in
den verschiedensten Gegenden des Deutschen Reiches, und bald begann
hier ein Roderich vom Tale, dort ein Hugo von der Insel und wieder dort ein
Gänserich von der Wiese einen stechenden Schmerz zu empfinden über den
neuen Eindringling. Auch konkurrierte er heimlich bei allen
ausgeschriebenen Preisnovellen und vermehrte hierdurch nicht wenig die
angenehme Bewegtheit seines eingezogenen Lebens. Neuen Aufschwung
gewann er stets auf seinen kürzeren oder längeren Geschäftsreisen, wo er
dann in den Gasthöfen manchen Gesinnungsverwandten traf, mit dem sich
ein gebildetes Wort sprechen ließ; auch der Besuch der befreundeten
Redaktionsstübchen in den verschiedenen Provinzen gewährte neben den
Handelsgeschäften eine gebildete Erholung, obgleich diese hier und da eine
Flasche Wein kostete.
Ein Haupterlebnis feierte er eines Tages an der abendlichen Wirtstafel in
einer mittleren deutschen Stadt, an welcher nebst einigen alten
Stammgästen des Ortes mehrere junge Reisende saßen. Die würdigen alten
Herren mit weißen Haaren führten ein gemächliches Gespräch über allerlei
Schreiberei, sprachen von Cervantes, von Rabelais, Sterne und Jean Paul,
sowie von Goethe und Tieck, und priesen den Reiz, welchen das Verfolgen
der Kompositionsgeheimnisse und des Stiles gewähre, ohne daß die Freude
an dem Vorgetragenen selbst beeinträchtigt werde. Sie stellten einläßliche
Vergleichungen an und suchten den roten Faden, der durch all’ dergleichen
hindurchgehe; bald lachten sie einträchtig über irgend eine Erinnerung, bald
erfreuten sie sich mit ernstem Gesicht über eine neu gefundene Schönheit,
alles ohne Geräusch und Erhitzung, und endlich, nachdem der eine seinen
Tee ausgetrunken, der andere sein Schöppchen geleert, klopften sie die
langen Tonpfeifen aus und begaben sich auf etwas gichtischen Füßen zu
ihrer Nachtruhe. Nur einer setzte sich unbeachtet in eine Ecke, um noch die
Zeitung zu lesen und ein Glas Punsch zu trinken.
Nun aber entwickelte sich unter den jüngeren Gästen, welche bislang
horchend dagesessen hatten, das Gespräch. Einer fing an mit einer
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spöttischen Bemerkung über die altväterische Unterhaltung dieser Alten,
welche gewiß vor vierzig Jahren einmal die Schöngeister dieses Nestes
gespielt hätten. Diese Bemerkung wurde lebhaft aufgenommen, und indem
ein Wort das andere gab, entwickelte sich abermals ein Gespräch
belletristischer Natur, aber von ganz andrer Art. Von den verjährten
Gegenständen jener Alten wußten sie nicht viel zu berichten, als das und
jenes vergriffene Schlagwort aus schlechten Literargeschichten; dagegen
entwickelte sich die ausgebreitetste und genaueste Kenntnis in den täglich
auftauchenden Erscheinungen leichterer Art und aller der Personen und
Persönchen, welche sich auf den tausend grauen Blättern stündlich unter
wunderbaren Namen herumtummeln. Es zeigte sich bald, daß dies nicht
solche Ignoranten von alten Gerichtsräten und Privatgelehrten, sondern
Leute vom Handwerk waren. Denn es dauerte nicht lange, so hörte man nur
noch die Worte Honorar, Verleger, Clique, Koterie und was noch mehr den
Zorn solchen Volkes reizt und seine Phantasie beschäftigt. Schon tönte und
schwirrte es, als ob zwanzig Personen sprächen, die tückischen Äuglein
blinkerten und eine allgemeine glorreiche Erkennung konnte nicht länger
ausbleiben. Da entlarvte sich dieser als Guido von Strahlheim, jener als
Oskar Nordstern, ein dritter als Kunibert vom Meere. Da zögerte auch Viggi
nicht länger, der bisher wenig gesprochen, und wußte es mit einiger
Schüchternheit einzuleiten, daß er als Kurt vom Walde erkannt wurde. Er
war von allen gekannt, sowie er ebenso alle kannte, denn diese Herren,
welche ein gutes Buch jahrzehntelang ungelesen ließen, verschlangen alles,
was von ihresgleichen kam, auf der Stelle, es in allen Kaffeebuden
zusammensuchend, und zwar nicht aus Teilnahme, sondern aus einer
sonderbaren Wachsamkeit.
Sie sind Kurt vom Walde? hieß es dröhnend, ha! willkommen! Und nun
wurden mehrere Flaschen eines unechten wohlfeilen und sauren Weines
bestellt, der billigste unter Siegel, der im Hause war, und es hob erst ein
energisches Leben an. Nun galt es zu zeigen, daß man Haare auf den
Zähnen habe! Alle Männer, die es zu irgend einem Erfolge gebracht und in
diesem Augenblicke Hunderte von Meilen entfernt vielleicht schon den
Schlaf der Gerechten schliefen, wurden auf das gründlichste demoliert;
jeder wollte die genauesten Nachrichten von ihrem Tun und Lassen haben,
keine Schandtat gab es, die ihnen nicht zugeschrieben wurde, und der
welche gewiß vor vierzig Jahren einmal die Schöngeister dieses Nestes
gespielt hätten. Diese Bemerkung wurde lebhaft aufgenommen, und indem
ein Wort das andere gab, entwickelte sich abermals ein Gespräch
belletristischer Natur, aber von ganz andrer Art. Von den verjährten
Gegenständen jener Alten wußten sie nicht viel zu berichten, als das und
jenes vergriffene Schlagwort aus schlechten Literargeschichten; dagegen
entwickelte sich die ausgebreitetste und genaueste Kenntnis in den täglich
auftauchenden Erscheinungen leichterer Art und aller der Personen und
Persönchen, welche sich auf den tausend grauen Blättern stündlich unter
wunderbaren Namen herumtummeln. Es zeigte sich bald, daß dies nicht
solche Ignoranten von alten Gerichtsräten und Privatgelehrten, sondern
Leute vom Handwerk waren. Denn es dauerte nicht lange, so hörte man nur
noch die Worte Honorar, Verleger, Clique, Koterie und was noch mehr den
Zorn solchen Volkes reizt und seine Phantasie beschäftigt. Schon tönte und
schwirrte es, als ob zwanzig Personen sprächen, die tückischen Äuglein
blinkerten und eine allgemeine glorreiche Erkennung konnte nicht länger
ausbleiben. Da entlarvte sich dieser als Guido von Strahlheim, jener als
Oskar Nordstern, ein dritter als Kunibert vom Meere. Da zögerte auch Viggi
nicht länger, der bisher wenig gesprochen, und wußte es mit einiger
Schüchternheit einzuleiten, daß er als Kurt vom Walde erkannt wurde. Er
war von allen gekannt, sowie er ebenso alle kannte, denn diese Herren,
welche ein gutes Buch jahrzehntelang ungelesen ließen, verschlangen alles,
was von ihresgleichen kam, auf der Stelle, es in allen Kaffeebuden
zusammensuchend, und zwar nicht aus Teilnahme, sondern aus einer
sonderbaren Wachsamkeit.
Sie sind Kurt vom Walde? hieß es dröhnend, ha! willkommen! Und nun
wurden mehrere Flaschen eines unechten wohlfeilen und sauren Weines
bestellt, der billigste unter Siegel, der im Hause war, und es hob erst ein
energisches Leben an. Nun galt es zu zeigen, daß man Haare auf den
Zähnen habe! Alle Männer, die es zu irgend einem Erfolge gebracht und in
diesem Augenblicke Hunderte von Meilen entfernt vielleicht schon den
Schlaf der Gerechten schliefen, wurden auf das gründlichste demoliert;
jeder wollte die genauesten Nachrichten von ihrem Tun und Lassen haben,
keine Schandtat gab es, die ihnen nicht zugeschrieben wurde, und der
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Refrain bei jedem war schließlich ein trocken sein sollendes: Er ist übrigens
Jude! Worauf es im Chor ebenso trocken hieß: Ja, er soll ein Jude sein!
Viggi Störteler rieb sich entzückt die Hände und dachte: »Da bist du
einmal vor die rechte Mühle gekommen! Ein Schriftsteller unter
Schriftstellern! Ei! was das für geriebene Geister sind! Welches Verständnis
und welch sittlicher Zorn!«
In dieser Nacht und bei diesem Schwefelwein ward nun, um der
schlechten Welt vom Amte zu helfen und ein neues Morgenrot
herbeizuführen, die förmliche und feierliche Stiftung einer »neuen Sturm-
und Drangperiode« beschlossen, und zwar mit planvoller Absicht und
Ausführung, um diejenige Gärung künstlich zu erzeugen, aus welcher allein
die Klassiker der neuen Zeit hervorgehen würden.
Als sie jedoch diese gewaltige Abrede getroffen, konnten sie nicht weiter,
sondern senkten alsbald ihre Häupter und mußten das Lager suchen; denn
diese Propheten ertrugen nicht einmal guten, geschweige denn schlechten
Wein und büßten jede kleine Ausschreitung mit großer Abschwächung und
Übelkeit.
Als sie abgezogen waren, fragte der alte Herr, welcher zurückgeblieben
war und sich höchlich an dem Treiben ergötzt hatte, den Kellner, was das
für Leute wären? »Zwei davon,« sagte dieser, »sind Geschäftsreisende, ein
Herr Störteler und ein Herr Huberl; der dritte heißt Herr Stralauer, doch nur
den vierten kenn’ ich näher, der nennt sich Doktor Mewes und hat sich
vergangenen Winter einige Wochen hier aufgehalten. Er gab im Tanzsaal
beim Blauen Hecht, wo ich damals war, Vorlesungen über deutsche
Literatur, welche er wörtlich abschrieb aus einem Buche. Dasselbe mußte
aus irgend einer Bibliothek gestohlen worden sein, dem Einbande nach zu
urteilen, und war ganz voll Eselsohren, Tinten- und Ölflecke. Außer diesem
Buche besaß er noch einen zerzausten Leitfaden zur französischen
Konversation und ein Kartenspiel mit obszönen Bildern darin, wenn man es
gegen das Licht hielt. Er pflegte jenes Buch im Bett auszuschreiben, um die
Heizung zu sparen; da verschüttete er schließlich das Tintenfaß über
Steppdecke und Leintuch, und als man ihm eine billige Entschädigung in
die Rechnung setzte, drohte er, den Blauen Hecht in seinen Schriften und
‘Feuilletons’ in Verruf zu bringen. Da er sonst allerlei häßliche
Jude! Worauf es im Chor ebenso trocken hieß: Ja, er soll ein Jude sein!
Viggi Störteler rieb sich entzückt die Hände und dachte: »Da bist du
einmal vor die rechte Mühle gekommen! Ein Schriftsteller unter
Schriftstellern! Ei! was das für geriebene Geister sind! Welches Verständnis
und welch sittlicher Zorn!«
In dieser Nacht und bei diesem Schwefelwein ward nun, um der
schlechten Welt vom Amte zu helfen und ein neues Morgenrot
herbeizuführen, die förmliche und feierliche Stiftung einer »neuen Sturm-
und Drangperiode« beschlossen, und zwar mit planvoller Absicht und
Ausführung, um diejenige Gärung künstlich zu erzeugen, aus welcher allein
die Klassiker der neuen Zeit hervorgehen würden.
Als sie jedoch diese gewaltige Abrede getroffen, konnten sie nicht weiter,
sondern senkten alsbald ihre Häupter und mußten das Lager suchen; denn
diese Propheten ertrugen nicht einmal guten, geschweige denn schlechten
Wein und büßten jede kleine Ausschreitung mit großer Abschwächung und
Übelkeit.
Als sie abgezogen waren, fragte der alte Herr, welcher zurückgeblieben
war und sich höchlich an dem Treiben ergötzt hatte, den Kellner, was das
für Leute wären? »Zwei davon,« sagte dieser, »sind Geschäftsreisende, ein
Herr Störteler und ein Herr Huberl; der dritte heißt Herr Stralauer, doch nur
den vierten kenn’ ich näher, der nennt sich Doktor Mewes und hat sich
vergangenen Winter einige Wochen hier aufgehalten. Er gab im Tanzsaal
beim Blauen Hecht, wo ich damals war, Vorlesungen über deutsche
Literatur, welche er wörtlich abschrieb aus einem Buche. Dasselbe mußte
aus irgend einer Bibliothek gestohlen worden sein, dem Einbande nach zu
urteilen, und war ganz voll Eselsohren, Tinten- und Ölflecke. Außer diesem
Buche besaß er noch einen zerzausten Leitfaden zur französischen
Konversation und ein Kartenspiel mit obszönen Bildern darin, wenn man es
gegen das Licht hielt. Er pflegte jenes Buch im Bett auszuschreiben, um die
Heizung zu sparen; da verschüttete er schließlich das Tintenfaß über
Steppdecke und Leintuch, und als man ihm eine billige Entschädigung in
die Rechnung setzte, drohte er, den Blauen Hecht in seinen Schriften und
‘Feuilletons’ in Verruf zu bringen. Da er sonst allerlei häßliche
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Gewohnheiten an sich hatte, wurde er endlich aus dem Hause getan. Er
schreibt übrigens unter dem Namen Kunibert vom Meere allerhand süßliche
und nachgeahmte Sachen.«
»Was Teufel!« sagte der Alte, »Ihr wißt ja wie ein Mann vom Handwerk
über diese Dinge zu reden, Meister Georg!« Der Kellner errötete, stockte
ein wenig und sagte dann: »Ich will nur gestehen, daß ich selbst anderthalb
Jahre Schriftsteller gewesen bin!« – »Ei der Tausend!« rief der Alte, »und
was habt Ihr denn geschrieben?« – »Das weiß ich kaum gründlich zu
berichten,« fuhr jener fort, »ich war Aufwärter in einem Kaffeehaus, wo
sich eine Anzahl Leute von der Gattung unserer heutigen Gäste beinahe den
ganzen Tag aufhielt. Das lag herum, flanierte, räsonierte, durchstöberte die
Zeitungen, ärgerte sich über fremdes Glück, freute sich über fremdes
Unglück und lief gelegentlich nach Hause, um im größten Leichtsinn
schnell ein Dutzend Seiten zu schmieren; denn da man nichts gelernt hatte,
so besaß man auch keinen Begriff von irgend einer Verantwortlichkeit. Ich
wurde bald ein Vertrauter dieser Herren, ihr Leben schien mir meiner
dienstbaren Stellung weit vorzuziehen und ich wurde ebenfalls ein
Schriftsteller. Auf meiner Schlafkammer verbarg ich einen Pack zerlesene
Nummern von französischen Zeitungen, die ich in den verschiedenen
Wirtschaften gesammelt, wo ich früher gedient hatte, ursprünglich, um
mich darin ein wenig in die Sprache hineinzubuchstabieren, wie es einem
jungen Kellner geziemt. Aus diesen verschollenen Blättern übersetzte ich
einen Mischmasch von Geschichtchen und Geschwätz aller Art, auch über
Persönlichkeiten, die ich nicht im mindesten kannte. Aus Unkenntnis der
deutschen Sprache behielt ich nicht nur öfter die französische Wort- und
Satzstellung, sondern auch alle möglichen Gallizismen bei, und die
Salbadereien, welche ich aus meinem eigenen Gehirne hinzufügte, schrieb
ich dann ebenfalls in diesem Kauderwelsch, welches ich für echt
schriftstellerisch hielt. Als ich ein Buch Papier auf solche Weise
überschmiert hatte, anvertraute ich es als ein Originalwerk meinen Herren
und Freunden, und siehe, sie nahmen es mit aller Aufmunterung entgegen
und wußten es sogleich zum Druck zu befördern. Es ist etwas
Eigentümliches um die schlechten Skribenten. Obgleich sie die
unverträglichsten und gehässigsten Leute von der Welt sind, so haben sie
doch eine unüberwindliche Neigung, sich zusammenzutun und ins
Massenhafte zu vermehren, gewissermaßen um so einen mechanischen
schreibt übrigens unter dem Namen Kunibert vom Meere allerhand süßliche
und nachgeahmte Sachen.«
»Was Teufel!« sagte der Alte, »Ihr wißt ja wie ein Mann vom Handwerk
über diese Dinge zu reden, Meister Georg!« Der Kellner errötete, stockte
ein wenig und sagte dann: »Ich will nur gestehen, daß ich selbst anderthalb
Jahre Schriftsteller gewesen bin!« – »Ei der Tausend!« rief der Alte, »und
was habt Ihr denn geschrieben?« – »Das weiß ich kaum gründlich zu
berichten,« fuhr jener fort, »ich war Aufwärter in einem Kaffeehaus, wo
sich eine Anzahl Leute von der Gattung unserer heutigen Gäste beinahe den
ganzen Tag aufhielt. Das lag herum, flanierte, räsonierte, durchstöberte die
Zeitungen, ärgerte sich über fremdes Glück, freute sich über fremdes
Unglück und lief gelegentlich nach Hause, um im größten Leichtsinn
schnell ein Dutzend Seiten zu schmieren; denn da man nichts gelernt hatte,
so besaß man auch keinen Begriff von irgend einer Verantwortlichkeit. Ich
wurde bald ein Vertrauter dieser Herren, ihr Leben schien mir meiner
dienstbaren Stellung weit vorzuziehen und ich wurde ebenfalls ein
Schriftsteller. Auf meiner Schlafkammer verbarg ich einen Pack zerlesene
Nummern von französischen Zeitungen, die ich in den verschiedenen
Wirtschaften gesammelt, wo ich früher gedient hatte, ursprünglich, um
mich darin ein wenig in die Sprache hineinzubuchstabieren, wie es einem
jungen Kellner geziemt. Aus diesen verschollenen Blättern übersetzte ich
einen Mischmasch von Geschichtchen und Geschwätz aller Art, auch über
Persönlichkeiten, die ich nicht im mindesten kannte. Aus Unkenntnis der
deutschen Sprache behielt ich nicht nur öfter die französische Wort- und
Satzstellung, sondern auch alle möglichen Gallizismen bei, und die
Salbadereien, welche ich aus meinem eigenen Gehirne hinzufügte, schrieb
ich dann ebenfalls in diesem Kauderwelsch, welches ich für echt
schriftstellerisch hielt. Als ich ein Buch Papier auf solche Weise
überschmiert hatte, anvertraute ich es als ein Originalwerk meinen Herren
und Freunden, und siehe, sie nahmen es mit aller Aufmunterung entgegen
und wußten es sogleich zum Druck zu befördern. Es ist etwas
Eigentümliches um die schlechten Skribenten. Obgleich sie die
unverträglichsten und gehässigsten Leute von der Welt sind, so haben sie
doch eine unüberwindliche Neigung, sich zusammenzutun und ins
Massenhafte zu vermehren, gewissermaßen um so einen mechanischen
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Druck nach der oberen Schicht auszuüben. Mein Büchlein wurde sofort als
das sehr zu beachtende Erstlingswerk eines geistreichen jungen Autors
verkündet, welcher deutsche Schärfe des Urteils mit französischer Eleganz
verbinde, was wohl von dessen mehrjährigem Aufenthalt in Paris herrühre.
Ich war nämlich in der Tat ein halbes Jahr in dieser Stadt bei einem
deutschen Gastwirt gewesen. Da unter dem übersetzten Zeuge mehrere
pikante, aber vergessene Anekdoten waren, so zirkulierten diese, unter
Anführung meines Buches, alsbald durch eine Menge von Blättern. Ich
hatte mich auf dem Titel George d’Esan, welches eine Umkehrung meines
ehrlichen Namens Georg Nase ist, genannt. Nun hieß es überall: George
Desan in seinem interessanten Buche erzählt folgenden Zug von dem oder
von jenem, und ich wurde dadurch so aufgeblasen und keck, daß ich auf der
betretenen Bahn ohne weiteren Aufenthalt fortrannte, wie eine
abgeschossene Kanonenkugel.«
»Aber zum Teufel!« sagte jetzt der Alte, »was hattet Ihr denn nur für
Schreibestoff? Ihr konntet doch nicht immer von Eurem Pack alter
Zeitungen zehren?«
»Nein! Ich hatte eben keinen Stoff als sozusagen das Schreiben selbst.
Indem ich Tinte in die Feder nahm, schrieb ich über diese Tinte. Ich schrieb,
kaum daß ich mich zum Schriftsteller ernannt sah, über die Würde, die
Pflichten, Rechte und Bedürfnisse des Schriftstellerstandes, über die
Notwendigkeit seines Zusammenhaltens gegenüber den andern Ständen, ich
schrieb über das Wort Schriftsteller selbst, unwissend, daß es ein echt
deutsches und altes Wort ist, und trug auf dessen Abschaffung an, indem ich
andere, wie ich meinte, viel geistreichere und richtigere Benennungen
ausheckte und zur Erwägung vorschlug, wie zum Beispiel Schriftner,
Dinterich, Schriftmann, Buchner, Federkünstler, Buchmeister und so fort.
Auch drang ich auf Vereinigung aller Schreibenden, um die Gewährleistung
eines schönen und sicheren Auskommens für jeden Teilnehmer zu erzielen,
kurz ich regte mit allen diesen Dummheiten einen erheblichen Staub auf
und galt eine Zeitlang für einen Teufelskerl unter den übrigen
Schmierpetern. Alles und jedes bezogen wir auf unsere Frage und kehrten
immer wieder zu den ‘Interessen’ der Schriftstellerei zurück. Ich schrieb,
obgleich ich der unbelesenste Gesell von der Welt war, ausschließlich nur
über Schriftsteller, ohne deren Charakter aus eigener Anschauung zu
kennen, komponierte ‘ein Stündchen bei X.’, oder ‘ein Besuch bei N.’, oder
das sehr zu beachtende Erstlingswerk eines geistreichen jungen Autors
verkündet, welcher deutsche Schärfe des Urteils mit französischer Eleganz
verbinde, was wohl von dessen mehrjährigem Aufenthalt in Paris herrühre.
Ich war nämlich in der Tat ein halbes Jahr in dieser Stadt bei einem
deutschen Gastwirt gewesen. Da unter dem übersetzten Zeuge mehrere
pikante, aber vergessene Anekdoten waren, so zirkulierten diese, unter
Anführung meines Buches, alsbald durch eine Menge von Blättern. Ich
hatte mich auf dem Titel George d’Esan, welches eine Umkehrung meines
ehrlichen Namens Georg Nase ist, genannt. Nun hieß es überall: George
Desan in seinem interessanten Buche erzählt folgenden Zug von dem oder
von jenem, und ich wurde dadurch so aufgeblasen und keck, daß ich auf der
betretenen Bahn ohne weiteren Aufenthalt fortrannte, wie eine
abgeschossene Kanonenkugel.«
»Aber zum Teufel!« sagte jetzt der Alte, »was hattet Ihr denn nur für
Schreibestoff? Ihr konntet doch nicht immer von Eurem Pack alter
Zeitungen zehren?«
»Nein! Ich hatte eben keinen Stoff als sozusagen das Schreiben selbst.
Indem ich Tinte in die Feder nahm, schrieb ich über diese Tinte. Ich schrieb,
kaum daß ich mich zum Schriftsteller ernannt sah, über die Würde, die
Pflichten, Rechte und Bedürfnisse des Schriftstellerstandes, über die
Notwendigkeit seines Zusammenhaltens gegenüber den andern Ständen, ich
schrieb über das Wort Schriftsteller selbst, unwissend, daß es ein echt
deutsches und altes Wort ist, und trug auf dessen Abschaffung an, indem ich
andere, wie ich meinte, viel geistreichere und richtigere Benennungen
ausheckte und zur Erwägung vorschlug, wie zum Beispiel Schriftner,
Dinterich, Schriftmann, Buchner, Federkünstler, Buchmeister und so fort.
Auch drang ich auf Vereinigung aller Schreibenden, um die Gewährleistung
eines schönen und sicheren Auskommens für jeden Teilnehmer zu erzielen,
kurz ich regte mit allen diesen Dummheiten einen erheblichen Staub auf
und galt eine Zeitlang für einen Teufelskerl unter den übrigen
Schmierpetern. Alles und jedes bezogen wir auf unsere Frage und kehrten
immer wieder zu den ‘Interessen’ der Schriftstellerei zurück. Ich schrieb,
obgleich ich der unbelesenste Gesell von der Welt war, ausschließlich nur
über Schriftsteller, ohne deren Charakter aus eigener Anschauung zu
kennen, komponierte ‘ein Stündchen bei X.’, oder ‘ein Besuch bei N.’, oder
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‘eine Begegnung mit P.’, oder ‘ein Abend bei der Q.’ und dergleichen mehr,
was ich alles mit unsäglicher Naseweisheit, Frechheit und Kinderei
ausstattete. Überdies betrieb ich eine rührige Industrie mit sogenannten
‘Mitgeteilts’ nach allen Ecken und Enden hin, indem ich allerlei
Neuigkeitskram und Klatsch verbreitete. Wenn gerade nichts aus der
Gegenwart vorhanden war, so übersetzte ich die Sesenheimer Idylle wohl
zum zwanzigsten Male aus Goethes schöner Sprache in meinen gemeinen
Jargon und sandte sie als neue Forschung in irgend ein Winkelblättchen.
Auch zog ich aus bekannten Autoren solche Stellen, über welche man in
letzter Zeit wenig gesprochen hatte, wenigstens nicht meines Wissens, und
ließ sie mit einigen albernen Bemerkungen als Entdeckung herumgehen.
Oder ich schrieb wohl aus einem eben herausgekommenen Bande einen
Brief, ein Gedicht aus und setzte es als handschriftliche Mitteilung in
Umlauf, und ich hatte immer die Genugtuung, das Ding munter durch die
ganze Presse zirkulieren zu sehen. Insbesondere gewährte mir der Dichter
Heine die fetteste Nahrung; ich gedieh an seinem Krankenbette förmlich
wie die Rübe im Mistbeete.«
»Aber Ihr seid ja ein ausgemachter Halunke gewesen!« rief der alte Herr
mit Erstaunen, und Meister Georg versetzte: »Ich war kein Halunke,
sondern eben ein armer Tropf, welcher seine Kellnergewohnheiten in eine
Tätigkeit übertrug und in Verhältnisse, von denen er weder einen sittlichen
noch einen unsittlichen, sondern gar keinen Begriff hatte. Überdies brachte
mein Verfahren niemandem einen wirklichen Schaden.«
»Und wie seid Ihr denn von dem schönen Leben wieder abgekommen?«
fragte der Alte.
»Ebenso kurz und einfach, wie ich dazu gekommen!« antwortete der
Exschriftner, »ich befand mich trotz alles Glanzes doch nicht behaglich
dabei und vermißte besonders die bessere Nahrung und die guten
Weinrestchen meines frühern Standes. Auch ging ich ziemlich schäbig
gekleidet, indem ich einen ganz abgetragenen Aufwärterfrack unter einem
dünnen Überzieher Sommer und Winter trug. Unversehens fiel mir aus der
Heimat eine kleine Geldsumme zu, und da ich von früher her noch eine alte
Sehnsucht nährte, ordentlich gekleidet zu sein, so bestellte ich mir sofort
einen feinen neuen Frack, eine gute Weste und kaufte ein gutvergoldetes
Uhrkettchen, sowie ein feines Hemd mit einem Jabot. Als ich mich aber,
was ich alles mit unsäglicher Naseweisheit, Frechheit und Kinderei
ausstattete. Überdies betrieb ich eine rührige Industrie mit sogenannten
‘Mitgeteilts’ nach allen Ecken und Enden hin, indem ich allerlei
Neuigkeitskram und Klatsch verbreitete. Wenn gerade nichts aus der
Gegenwart vorhanden war, so übersetzte ich die Sesenheimer Idylle wohl
zum zwanzigsten Male aus Goethes schöner Sprache in meinen gemeinen
Jargon und sandte sie als neue Forschung in irgend ein Winkelblättchen.
Auch zog ich aus bekannten Autoren solche Stellen, über welche man in
letzter Zeit wenig gesprochen hatte, wenigstens nicht meines Wissens, und
ließ sie mit einigen albernen Bemerkungen als Entdeckung herumgehen.
Oder ich schrieb wohl aus einem eben herausgekommenen Bande einen
Brief, ein Gedicht aus und setzte es als handschriftliche Mitteilung in
Umlauf, und ich hatte immer die Genugtuung, das Ding munter durch die
ganze Presse zirkulieren zu sehen. Insbesondere gewährte mir der Dichter
Heine die fetteste Nahrung; ich gedieh an seinem Krankenbette förmlich
wie die Rübe im Mistbeete.«
»Aber Ihr seid ja ein ausgemachter Halunke gewesen!« rief der alte Herr
mit Erstaunen, und Meister Georg versetzte: »Ich war kein Halunke,
sondern eben ein armer Tropf, welcher seine Kellnergewohnheiten in eine
Tätigkeit übertrug und in Verhältnisse, von denen er weder einen sittlichen
noch einen unsittlichen, sondern gar keinen Begriff hatte. Überdies brachte
mein Verfahren niemandem einen wirklichen Schaden.«
»Und wie seid Ihr denn von dem schönen Leben wieder abgekommen?«
fragte der Alte.
»Ebenso kurz und einfach, wie ich dazu gekommen!« antwortete der
Exschriftner, »ich befand mich trotz alles Glanzes doch nicht behaglich
dabei und vermißte besonders die bessere Nahrung und die guten
Weinrestchen meines frühern Standes. Auch ging ich ziemlich schäbig
gekleidet, indem ich einen ganz abgetragenen Aufwärterfrack unter einem
dünnen Überzieher Sommer und Winter trug. Unversehens fiel mir aus der
Heimat eine kleine Geldsumme zu, und da ich von früher her noch eine alte
Sehnsucht nährte, ordentlich gekleidet zu sein, so bestellte ich mir sofort
einen feinen neuen Frack, eine gute Weste und kaufte ein gutvergoldetes
Uhrkettchen, sowie ein feines Hemd mit einem Jabot. Als ich mich aber,
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dergestalt ausgeputzt, im Spiegel besah, fiel es mir wie Schuppen von den
Augen; ich fand mich plötzlich zu gut für einen Schriftsteller, dagegen reif
genug für einen Oberkellner in einem Mittelgasthofe und suchte demgemäß
eine Anstellung.«
»Aber wie kommt es,« fragte der Gast noch, »daß Ihr nun so einsichtig
und ordentlich über jenes Treiben zu urteilen wißt?«
»Das mag daher kommen,« erwiderte Georg Nase lächelnd, »daß ich
mich erst jetzt in meinen Mußestunden zu unterrichten suche, aber bloß zu
meinem Privatvergnügen!«
Worauf der Alte endlich seine Zeche bezahlte und sich entfernte,
nachdem er den Aufwärter eingeladen, in Zukunft doch an den Gesprächen
der Gäste teilzunehmen und ja nicht zu versäumen, von seinen lustigen
Taten und Erlebnissen so viel mitzuteilen, als er immer wüßte. So fügte es
sich, daß in diesem Gasthofe die täglichen Stammgäste samt dem Kellner
mehr Bildung und Schule besaßen, als der kleine Schriftstellerkongreß, der
zur Stunde unter dem gleichen Dache schlummerte.
Am nächsten Tage zerstreuten sich die Herren nach allen Winden, nicht
ohne nochmals die zu gründende Sturm- und Drangperiode kräftiglichst
besprochen zu haben. Indem sie vorläufig schon einige Rollen verteilten,
wurde es als eine glückliche Fügung gepriesen, daß in Viggi Störteler die
schweizerischen Beziehungen trefflich angebahnt seien, und er übernahm
es, einstweilen Bodmer und Lavater zusammen darzustellen, um die
reisenden neuen Klopstocks, Wieland und Goethe zu empfangen und
aufzumuntern.
So kehrte er ganz aufgebläht von Aussichten und Entwürfen in seine
Heimat zurück. Er ließ die Haare lang wachsen, strich sie hinter die Ohren,
setzte eine Brille von lauterem Fensterglas auf und trug ein kleines
Spitzbärtchen, um sein Äußeres dem bedeutenden Inhalte entsprechen zu
lassen, den er durch seine neuen Bekanntschaften mit einem Schlage
gewonnen. Seiner Sendung gemäß, die er übernommen, begann er sich
mehr unter seinen Mitbürgern umzutun und suchte Anhänger. Wo er wußte,
daß einer ein Histörchen in den Kalender geschickt oder einige spöttische
Knittelverse verfaßt hatte, die einzige Literatur, so in Seldwyla betrieben
wurde, da strebte er ein Mitglied für die Sturm- und Drangperiode zu
Augen; ich fand mich plötzlich zu gut für einen Schriftsteller, dagegen reif
genug für einen Oberkellner in einem Mittelgasthofe und suchte demgemäß
eine Anstellung.«
»Aber wie kommt es,« fragte der Gast noch, »daß Ihr nun so einsichtig
und ordentlich über jenes Treiben zu urteilen wißt?«
»Das mag daher kommen,« erwiderte Georg Nase lächelnd, »daß ich
mich erst jetzt in meinen Mußestunden zu unterrichten suche, aber bloß zu
meinem Privatvergnügen!«
Worauf der Alte endlich seine Zeche bezahlte und sich entfernte,
nachdem er den Aufwärter eingeladen, in Zukunft doch an den Gesprächen
der Gäste teilzunehmen und ja nicht zu versäumen, von seinen lustigen
Taten und Erlebnissen so viel mitzuteilen, als er immer wüßte. So fügte es
sich, daß in diesem Gasthofe die täglichen Stammgäste samt dem Kellner
mehr Bildung und Schule besaßen, als der kleine Schriftstellerkongreß, der
zur Stunde unter dem gleichen Dache schlummerte.
Am nächsten Tage zerstreuten sich die Herren nach allen Winden, nicht
ohne nochmals die zu gründende Sturm- und Drangperiode kräftiglichst
besprochen zu haben. Indem sie vorläufig schon einige Rollen verteilten,
wurde es als eine glückliche Fügung gepriesen, daß in Viggi Störteler die
schweizerischen Beziehungen trefflich angebahnt seien, und er übernahm
es, einstweilen Bodmer und Lavater zusammen darzustellen, um die
reisenden neuen Klopstocks, Wieland und Goethe zu empfangen und
aufzumuntern.
So kehrte er ganz aufgebläht von Aussichten und Entwürfen in seine
Heimat zurück. Er ließ die Haare lang wachsen, strich sie hinter die Ohren,
setzte eine Brille von lauterem Fensterglas auf und trug ein kleines
Spitzbärtchen, um sein Äußeres dem bedeutenden Inhalte entsprechen zu
lassen, den er durch seine neuen Bekanntschaften mit einem Schlage
gewonnen. Seiner Sendung gemäß, die er übernommen, begann er sich
mehr unter seinen Mitbürgern umzutun und suchte Anhänger. Wo er wußte,
daß einer ein Histörchen in den Kalender geschickt oder einige spöttische
Knittelverse verfaßt hatte, die einzige Literatur, so in Seldwyla betrieben
wurde, da strebte er ein Mitglied für die Sturm- und Drangperiode zu
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erwerben. Allein sobald die wackeren Leute seine Absichten merkten und
seine wunderlichen Aufforderungen verstanden, machten sie ihn zum
Gegenstande ihres Gelächters und neuer Knittelverse, welche zu seinem
Verdruß in den Wirtschaften verlesen wurden. Als er vollends an einem
Bürgermahle den Stadtschreiber verblümt fragte, was er von »Kurt vom
Walde« für eine Meinung hege, und jener erwiderte: »Kurt vom Walde? was
ist das für ein Kalb?« da hatte er für einmal genug und spann sich wieder in
seine Häuslichkeit ein.
Dort betrachtete er sein Weib, und da er sah, wie anmutig Gritli in ihrem
Häubchen am Spinnrädchen saß, mit rosigem Munde, mit stillbewegtem
Busen und mit zierlichem Fuße, da ging ihm ein Licht auf; er beschloß, sie
zu erhöhen und zu seiner Muse zu machen. Von Stund an hieß er sie das mit
beinernen Ringen und Glöckchen kunstreich gezierte Spinnrad zur Seite
stellen und das grüne Band vom seidigen Flachse wickeln. Dafür gab er ihr
eine alte Anthropologie in die Hand und befahl ihr, darin zu lesen, während
er in seinem Kontor arbeite, damit die große Angelegenheit in der Zeit nicht
brach liege. Hierauf ging er an seine Geschäfte, sehr zufrieden mit seinem
Einfall. Als er aber zum Essen kam und begierig war auf die erste geistige
Rücksprache mit seiner Muse, da schüttelte sie den Kopf und wußte nichts
zu sagen.
»Ich muß zartere Saiten aufziehen für den Anfang!« dachte er und gab ihr
nach Tisch einen Band »Frühlingsbriefe von einer Einsamen«, darin sollte
sie lesen bis zum Abend. Dann ging er in sein Magazin, einen Haufen
Farbhölzer wegführen zu lassen, dann in den Wald, um einer Steigerung
von Eichenrinde beizuwohnen. Dort machte er einen guten Handel und,
vergnügt darüber, noch einen Spaziergang, aber nicht ohne abermaligen
Nutzen. Er steckte das geschäftliche Notizbuch beiseite und zog ein
kleineres hervor mit einem Stahlschlößchen.
Damit stellte er sich vor den ersten besten Baum, besah ihn genau und
schrieb: »Ein Buchenstamm. Hellgrau mit noch helleren Flecken und
Querstreifen. Zweierlei Moos bekleidet ihn, ein fast schwärzliches und dann
ein sammetähnliches glänzend grünes. Außerdem gelbliche, rötliche und
weiße Flechten, welche öfter ineinander spielen. Eine Efeuranke steigt an
der einen Seite hinauf. Die Beleuchtung ist ein andermal zu studieren, da
der Baum im Schatten steht. Vielleicht in Räuberszenen anzuwenden.«
seine wunderlichen Aufforderungen verstanden, machten sie ihn zum
Gegenstande ihres Gelächters und neuer Knittelverse, welche zu seinem
Verdruß in den Wirtschaften verlesen wurden. Als er vollends an einem
Bürgermahle den Stadtschreiber verblümt fragte, was er von »Kurt vom
Walde« für eine Meinung hege, und jener erwiderte: »Kurt vom Walde? was
ist das für ein Kalb?« da hatte er für einmal genug und spann sich wieder in
seine Häuslichkeit ein.
Dort betrachtete er sein Weib, und da er sah, wie anmutig Gritli in ihrem
Häubchen am Spinnrädchen saß, mit rosigem Munde, mit stillbewegtem
Busen und mit zierlichem Fuße, da ging ihm ein Licht auf; er beschloß, sie
zu erhöhen und zu seiner Muse zu machen. Von Stund an hieß er sie das mit
beinernen Ringen und Glöckchen kunstreich gezierte Spinnrad zur Seite
stellen und das grüne Band vom seidigen Flachse wickeln. Dafür gab er ihr
eine alte Anthropologie in die Hand und befahl ihr, darin zu lesen, während
er in seinem Kontor arbeite, damit die große Angelegenheit in der Zeit nicht
brach liege. Hierauf ging er an seine Geschäfte, sehr zufrieden mit seinem
Einfall. Als er aber zum Essen kam und begierig war auf die erste geistige
Rücksprache mit seiner Muse, da schüttelte sie den Kopf und wußte nichts
zu sagen.
»Ich muß zartere Saiten aufziehen für den Anfang!« dachte er und gab ihr
nach Tisch einen Band »Frühlingsbriefe von einer Einsamen«, darin sollte
sie lesen bis zum Abend. Dann ging er in sein Magazin, einen Haufen
Farbhölzer wegführen zu lassen, dann in den Wald, um einer Steigerung
von Eichenrinde beizuwohnen. Dort machte er einen guten Handel und,
vergnügt darüber, noch einen Spaziergang, aber nicht ohne abermaligen
Nutzen. Er steckte das geschäftliche Notizbuch beiseite und zog ein
kleineres hervor mit einem Stahlschlößchen.
Damit stellte er sich vor den ersten besten Baum, besah ihn genau und
schrieb: »Ein Buchenstamm. Hellgrau mit noch helleren Flecken und
Querstreifen. Zweierlei Moos bekleidet ihn, ein fast schwärzliches und dann
ein sammetähnliches glänzend grünes. Außerdem gelbliche, rötliche und
weiße Flechten, welche öfter ineinander spielen. Eine Efeuranke steigt an
der einen Seite hinauf. Die Beleuchtung ist ein andermal zu studieren, da
der Baum im Schatten steht. Vielleicht in Räuberszenen anzuwenden.«
Page 88
Dann blieb er vor einem eingerammten Pflock stehen, auf welchen irgend
ein Kind eine tote Blindschleiche gehängt hatte. Er schrieb: »Interessantes
Detail. Kleiner Stab in Erde gesteckt. Leiche von silbergrauer Schlange
darum gewunden, gebrochen im Starrkrampf des Todes. Ameisen kommen
aus dem hohlen Innern hervor oder gehen hinein, Leben in die tragische
Szene bringend. Die Schlagschatten von einigen schwanken Gräsern, deren
Spitzen mit rötlichen Ähren versehen sind, spielen über das Ganze. Ist
Merkur tot und hat seinen Stab mit toten Schlangen hier stecken lassen?
Letztere Anspielung mehr für Handelsnovelle tauglich. NB. Der Stab oder
Pflock ist alt und verwittert, von der gleichen Farbe wie die Schlange; wo
ihn die Sonne bescheint, ist er wie mit silbergrauen Härchen besetzt. (Die
letztere Beobachtung dürfte neu sein.)«
Auch vor einem Karrengeleise stellte er sich auf und schrieb: »Motiv für
Dorfgeschichte: Wagenfurche halb mit Wasser gefüllt, in welchem kleine
Wassertierchen schwimmen. Hohlweg. Erde feucht, dunkelbraun. Auch die
Fußstapfen sind mit Wasser gefüllt, welches rötlich, eisenhaltig. Großer
Stein im Wege, zum Teil mit frischen Beschädigungen, wie von
Wagenrädern. Hieran ließe sich Exposition knüpfen von umgeworfenen
Wagen, Streit und Gewalttat.«
Weiter gehend, stieß er auf eine arme Landdirne, hielt sie an, gab ihr
einige Münzen und bat sie, fünf Minuten still zu stehen, worauf er, sie vom
Kopf zu Füßen beschauend, niederschrieb: »Derbe Gestalt, barfuß, bis über
die Knöchel voll Straßenstaub; blaugestreifter Kittel, schwarzes Mieder,
Rest von Nationaltracht, Kopf in rotes Tuch gehüllt, weiß gewürfelt –«
allein urplötzlich rannte die Dirne davon und warf die Beine aus, als ob ihr
der böse Feind im Nacken säße. Viktor, ihr begierig nachsehend, schrieb
eifrig: »Köstlich! dämonisch-populäre Gestalt, elementarisches Wesen.«
Erst in weiter Entfernung stand sie still und schaute zurück; da sie ihn
immer noch schreiben sah, kehrte sie ihm den Rücken zu und klopfte sich
mit der flachen Hand mehrere Male hinter die Hüften, worauf sie im Walde
verschwand.
So kehrte er heimwärts, beladen wie eine Biene mit seiner Ausbeute.
»Nun, liebes Muschen!« rief er seine Frau an, »hast du dein Buch gelesen?
Mir ist es sehr gut gegangen, ich bringe treffliche Studien nach Hause, über
deren Benutzung wir heute noch plaudern wollen!« Allein sie wußte
ein Kind eine tote Blindschleiche gehängt hatte. Er schrieb: »Interessantes
Detail. Kleiner Stab in Erde gesteckt. Leiche von silbergrauer Schlange
darum gewunden, gebrochen im Starrkrampf des Todes. Ameisen kommen
aus dem hohlen Innern hervor oder gehen hinein, Leben in die tragische
Szene bringend. Die Schlagschatten von einigen schwanken Gräsern, deren
Spitzen mit rötlichen Ähren versehen sind, spielen über das Ganze. Ist
Merkur tot und hat seinen Stab mit toten Schlangen hier stecken lassen?
Letztere Anspielung mehr für Handelsnovelle tauglich. NB. Der Stab oder
Pflock ist alt und verwittert, von der gleichen Farbe wie die Schlange; wo
ihn die Sonne bescheint, ist er wie mit silbergrauen Härchen besetzt. (Die
letztere Beobachtung dürfte neu sein.)«
Auch vor einem Karrengeleise stellte er sich auf und schrieb: »Motiv für
Dorfgeschichte: Wagenfurche halb mit Wasser gefüllt, in welchem kleine
Wassertierchen schwimmen. Hohlweg. Erde feucht, dunkelbraun. Auch die
Fußstapfen sind mit Wasser gefüllt, welches rötlich, eisenhaltig. Großer
Stein im Wege, zum Teil mit frischen Beschädigungen, wie von
Wagenrädern. Hieran ließe sich Exposition knüpfen von umgeworfenen
Wagen, Streit und Gewalttat.«
Weiter gehend, stieß er auf eine arme Landdirne, hielt sie an, gab ihr
einige Münzen und bat sie, fünf Minuten still zu stehen, worauf er, sie vom
Kopf zu Füßen beschauend, niederschrieb: »Derbe Gestalt, barfuß, bis über
die Knöchel voll Straßenstaub; blaugestreifter Kittel, schwarzes Mieder,
Rest von Nationaltracht, Kopf in rotes Tuch gehüllt, weiß gewürfelt –«
allein urplötzlich rannte die Dirne davon und warf die Beine aus, als ob ihr
der böse Feind im Nacken säße. Viktor, ihr begierig nachsehend, schrieb
eifrig: »Köstlich! dämonisch-populäre Gestalt, elementarisches Wesen.«
Erst in weiter Entfernung stand sie still und schaute zurück; da sie ihn
immer noch schreiben sah, kehrte sie ihm den Rücken zu und klopfte sich
mit der flachen Hand mehrere Male hinter die Hüften, worauf sie im Walde
verschwand.
So kehrte er heimwärts, beladen wie eine Biene mit seiner Ausbeute.
»Nun, liebes Muschen!« rief er seine Frau an, »hast du dein Buch gelesen?
Mir ist es sehr gut gegangen, ich bringe treffliche Studien nach Hause, über
deren Benutzung wir heute noch plaudern wollen!« Allein sie wußte
Page 89
abermals nichts zu sagen, weil sie den ganzen Nachmittag im Garten
gesessen und mit großer Behaglichkeit grüne Erbsen ausgehülst hatte.
Diesmal schüttelte er seinerseits den Kopf und dachte: »Seltsam! Vielleicht
ist es besser, gleich mit der Praxis zu beginnen und sich auf den weiblichen
Scharfsinn zu verlassen!« Demgemäß las er ihr beim Nachtessen seine
heutigen Notizen vor, entwickelte ein Gespräch über den Nutzen solcher
Beobachtungen, und indem er ihr riet, sich ebenfalls dergleichen
Wahrnehmungen aufzuzeichnen und ihm das Gesammelte mitzuteilen,
forderte er sie auf, ihre Meinung über alles dies zu sagen. »Ich verstehe dies
alles nicht!« war ihre ganze Antwort. Sich zur Geduld zwingend, sagte er:
»So wollen wir gleich ein Ganzes vornehmen, welches dir vielleicht klarer
sein wird, und worin du vielleicht die Verfechtung solcher Teile, so
kunstreich sie auch ist, wahrnehmen magst!«
Also nahm er seine neueste Handschrift hervor und begann sie
vorzulesen, oft unterbrochen durch die Störungen, welche die allerorts
durchstrichene und verbesserte Schreiberei veranlaßte, sowie durch das
Hin- und Herrücken der Brille, welche ihn blendete. Dennoch gewahrte er
erst nach einem halben Stündchen, daß seine Gattin eingeschlummert war.
Da klingelte er mit dem Messer gegen den metallenen Leuchter und
sagte, als sich Gritli zusammenraffte, ernst und mißfällig: »Das kann so
nicht gehen, liebe Frau! Du siehst, wie ich mir alle Mühe gebe, dich zu mir
heranzubilden, und du kommst mir dennoch nicht entgegen! Du weißt, daß
ich die dornenvolle Laufbahn eines Dichters betreten habe, daß ich des
Verständnisses, der begeisterten Anregung, des liebevollen Mitempfindens
eines weiblichen Wesens, einer gleichgestimmten Gattin bedarf, und du
lässest mich im Stich, du schläfst ein!«
»Ei, mein lieber Mann!« erwiderte Frau Gritli, indem sie über diese
Reden errötete, »mich dünkt, ein rechter Dichter soll seine Kunst verstehen
ohne eine solche Einbläserin!«
»Gut!« rief Viggi, »verhöhne mich nur noch, statt mich zu erheben und
aufzurichten! Gut! Ich werde in Gottes Namen meinen Weg allein
wandeln!«
Und er legte sich kummervoll schmollend zu Bett und sein Weib legte
sich neben ihn in Sorgen, daß es um seinen Verstand übel stehen möchte. Er
gesessen und mit großer Behaglichkeit grüne Erbsen ausgehülst hatte.
Diesmal schüttelte er seinerseits den Kopf und dachte: »Seltsam! Vielleicht
ist es besser, gleich mit der Praxis zu beginnen und sich auf den weiblichen
Scharfsinn zu verlassen!« Demgemäß las er ihr beim Nachtessen seine
heutigen Notizen vor, entwickelte ein Gespräch über den Nutzen solcher
Beobachtungen, und indem er ihr riet, sich ebenfalls dergleichen
Wahrnehmungen aufzuzeichnen und ihm das Gesammelte mitzuteilen,
forderte er sie auf, ihre Meinung über alles dies zu sagen. »Ich verstehe dies
alles nicht!« war ihre ganze Antwort. Sich zur Geduld zwingend, sagte er:
»So wollen wir gleich ein Ganzes vornehmen, welches dir vielleicht klarer
sein wird, und worin du vielleicht die Verfechtung solcher Teile, so
kunstreich sie auch ist, wahrnehmen magst!«
Also nahm er seine neueste Handschrift hervor und begann sie
vorzulesen, oft unterbrochen durch die Störungen, welche die allerorts
durchstrichene und verbesserte Schreiberei veranlaßte, sowie durch das
Hin- und Herrücken der Brille, welche ihn blendete. Dennoch gewahrte er
erst nach einem halben Stündchen, daß seine Gattin eingeschlummert war.
Da klingelte er mit dem Messer gegen den metallenen Leuchter und
sagte, als sich Gritli zusammenraffte, ernst und mißfällig: »Das kann so
nicht gehen, liebe Frau! Du siehst, wie ich mir alle Mühe gebe, dich zu mir
heranzubilden, und du kommst mir dennoch nicht entgegen! Du weißt, daß
ich die dornenvolle Laufbahn eines Dichters betreten habe, daß ich des
Verständnisses, der begeisterten Anregung, des liebevollen Mitempfindens
eines weiblichen Wesens, einer gleichgestimmten Gattin bedarf, und du
lässest mich im Stich, du schläfst ein!«
»Ei, mein lieber Mann!« erwiderte Frau Gritli, indem sie über diese
Reden errötete, »mich dünkt, ein rechter Dichter soll seine Kunst verstehen
ohne eine solche Einbläserin!«
»Gut!« rief Viggi, »verhöhne mich nur noch, statt mich zu erheben und
aufzurichten! Gut! Ich werde in Gottes Namen meinen Weg allein
wandeln!«
Und er legte sich kummervoll schmollend zu Bett und sein Weib legte
sich neben ihn in Sorgen, daß es um seinen Verstand übel stehen möchte. Er
Page 90
schmollte nun mehrere Tage und wandelte seinen Weg allein; doch hielt er
das nicht aus, sondern beschloß, nunmehr mit männlicher Strenge seinen
Willen durchzusetzen und die Gattin zu dem zu zwingen, wofür sie ihm
einst danken würde. Er machte schnell einen Erziehungsplan, legte eine
Anzahl Bücher zurecht, trat fest vor die Frau hin und wies sie an, unfehlbar
zu lesen und zu lernen, was er ihr vorlege. Dadurch geriet sie in große Not;
sie sah, daß der Friede Gefahr lief, gänzlich zerstört zu werden; auch
getraute sie sich nirgends Rats zu holen, um ihren Mann nicht zu verraten
und dem Spotte der Leute auszusetzen, welchen diese Geschichte ein
»gefundenes Fressen« wäre. Sie fügte sich also, obgleich mit zornigem
Herzen, und tat wie er verlangte, indem sie die Bücher in die Hand nahm
und so aufmerksam als möglich darin zu lesen suchte; auch hörte sie seinen
Reden und Vorträgen fleißig zu, nahm sich vor dem Einschlafen in acht und
stellte sich sogar, als ob ihr das Verständnis für manches ausginge, weil sie
glaubte, dadurch dem Unglück bälder zu entrinnen. Heimlich aber vergoß
sie bittere Tränen; sie schämte sich vor sich selber in dieser törichten und
schimpflichen Lage und schleuderte die Bücher oft in eine Ecke oder trat
sie unter die Füße. Denn der Teufel ritt ihren Mann, daß er ihr alles in die
Hand gab, was er von langweiliger und herzloser Ziererei und Schöntuerei
nur zusammenschleppen konnte.
Anfänglich war er nicht übel zufrieden mit ihrer Fügsamkeit; als er aber
nach einigen Wochen bemerkte, daß sie immer noch keine begeisternde
Anregung von sich ausgehen ließ, sagte er eines Morgens: »Das führt uns
vorderhand nicht weiter! Darum frisch nun das Leben selbst, die schöne
Leidenschaft zu Hilfe gerufen! Eine längere Reise werde ich heute antreten,
da ich das Herbstgeschäft einleiten muß. Wohlan, wir werden einen
Briefwechsel führen, der sich einst darf sehen lassen! Nun gilt es, mein
liebes Weibchen, deine Empfindungen und Gedanken in Fluß zu bringen!
Ich werde dir gleich von der nächsten Stadt aus den ersten Brief schreiben;
diesen beantwortest du im gleichen Sinne. Daß du mir ja nicht schreibst,
das Sauerkraut sei bereits geschnitten, und du habest mir neue
Nachthemden bestellt, und du wollest mich am Ohrläppchen zupfen, wenn
ich nach Hause komme, und du habest neulich in meiner Nachtmütze
geschlafen und es am Morgen nicht mehr gewußt, sondern darin
gefrühstückt, und was dergleichen Trivialitäten mehr sind, die du sonst zu
schreiben pflegst! Nein doch! Ermanne dich, oder vielmehr erweibe dich
das nicht aus, sondern beschloß, nunmehr mit männlicher Strenge seinen
Willen durchzusetzen und die Gattin zu dem zu zwingen, wofür sie ihm
einst danken würde. Er machte schnell einen Erziehungsplan, legte eine
Anzahl Bücher zurecht, trat fest vor die Frau hin und wies sie an, unfehlbar
zu lesen und zu lernen, was er ihr vorlege. Dadurch geriet sie in große Not;
sie sah, daß der Friede Gefahr lief, gänzlich zerstört zu werden; auch
getraute sie sich nirgends Rats zu holen, um ihren Mann nicht zu verraten
und dem Spotte der Leute auszusetzen, welchen diese Geschichte ein
»gefundenes Fressen« wäre. Sie fügte sich also, obgleich mit zornigem
Herzen, und tat wie er verlangte, indem sie die Bücher in die Hand nahm
und so aufmerksam als möglich darin zu lesen suchte; auch hörte sie seinen
Reden und Vorträgen fleißig zu, nahm sich vor dem Einschlafen in acht und
stellte sich sogar, als ob ihr das Verständnis für manches ausginge, weil sie
glaubte, dadurch dem Unglück bälder zu entrinnen. Heimlich aber vergoß
sie bittere Tränen; sie schämte sich vor sich selber in dieser törichten und
schimpflichen Lage und schleuderte die Bücher oft in eine Ecke oder trat
sie unter die Füße. Denn der Teufel ritt ihren Mann, daß er ihr alles in die
Hand gab, was er von langweiliger und herzloser Ziererei und Schöntuerei
nur zusammenschleppen konnte.
Anfänglich war er nicht übel zufrieden mit ihrer Fügsamkeit; als er aber
nach einigen Wochen bemerkte, daß sie immer noch keine begeisternde
Anregung von sich ausgehen ließ, sagte er eines Morgens: »Das führt uns
vorderhand nicht weiter! Darum frisch nun das Leben selbst, die schöne
Leidenschaft zu Hilfe gerufen! Eine längere Reise werde ich heute antreten,
da ich das Herbstgeschäft einleiten muß. Wohlan, wir werden einen
Briefwechsel führen, der sich einst darf sehen lassen! Nun gilt es, mein
liebes Weibchen, deine Empfindungen und Gedanken in Fluß zu bringen!
Ich werde dir gleich von der nächsten Stadt aus den ersten Brief schreiben;
diesen beantwortest du im gleichen Sinne. Daß du mir ja nicht schreibst,
das Sauerkraut sei bereits geschnitten, und du habest mir neue
Nachthemden bestellt, und du wollest mich am Ohrläppchen zupfen, wenn
ich nach Hause komme, und du habest neulich in meiner Nachtmütze
geschlafen und es am Morgen nicht mehr gewußt, sondern darin
gefrühstückt, und was dergleichen Trivialitäten mehr sind, die du sonst zu
schreiben pflegst! Nein doch! Ermanne dich, oder vielmehr erweibe dich
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einmal! möchte ich beinahe sagen, das heißt kehre deine höhere
Weiblichkeit hervor, lasse voll und rein die Harmonien ertönen, die in dir
schlafen müssen, so gewiß als in einem schönen Leibe eine schöne Seele
wohnt! Kurz, merke auf den Ton und Hauch in meinen Briefen und richte
dich danach, mehr sag’ ich nicht!«
Als er wirklich reisefertig in der Stube stand, überraschte ihn Gritli mit
einem allerliebsten Handköfferchen aus buntem Korbgeflecht, in welchem
ein gebratenes Huhn, einige Brötchen, zwei Kristallfläschchen mit altem
Wein und Likör, ein silbernes Becherchen, ein Besteck und zwei kleine
Servietten auf das bequemste und appetitlichste zusammengepackt waren.
Das hatte sie alles nach ihrer Angabe herrichten lassen, weil er sich schon
oft über den Hunger und Durst beklagt, welchen man auf den endlosen
Eisenbahnen erleiden müsse. Er nahm es, von seinen Ideen eingenommen,
zerstreut entgegen, sagte aber beim Abschiede noch kalt und streng:
»Wende deine Gedanken nun von dergleichen materiellen Dingen ab und
sinne an das, was ich dir gesagt! Bedenke, daß von dieser letzten Probe der
Frieden und das Glück unserer Zukunft abhangen!«
Hiemit entfernte er sich und öffnete, eh’ noch zwei Stunden vergangen
waren, das Körbchen, eine leckere Mahlzeit zu halten und die
Reisegefährten zu reizen. Das Huhn war vortrefflich zerschnitten und
kunstreich wieder zusammengefügt, die Brötchen besonders wohlgebacken;
nur war er unschlüssig, ob er von dem alten Sherry oder von dem feinen
Kirschbranntwein trinken solle; nahm aber zuletzt von beidem. So lebte er
lecker und fröhlich und zündete sich dann eine Zigarre an aus dem reichen
Täschchen, das ihm seine Frau gestickt.
Diese saß indessen nicht in der besten Gemütsverfassung zu Hause; das
Herz war ihr recht schwer; denn als ein sehr eingefleischter Narr hatte Herr
Viggi Störteler einen herrlichen Ausweg gefunden, sie auch aus der Ferne
zu quälen, und anstatt daß durch seine Abreise ein Alp von ihr genommen
wurde, welcher Gedanke ihr auch neu und verwirrend war, hatte sie nun in
dem Postboten ein neues Schreckgespenst zu erwarten. Und daß die ganze
Geschichte bedenklich wurde, bewiesen seine letzten Worte. So harrte sie
denn voll Bangigkeit der Dinge, die da kommen sollten, und nahm sich vor,
wenn immer möglich, die Briefe ihres Mannes zu beantworten nach ihren
Weiblichkeit hervor, lasse voll und rein die Harmonien ertönen, die in dir
schlafen müssen, so gewiß als in einem schönen Leibe eine schöne Seele
wohnt! Kurz, merke auf den Ton und Hauch in meinen Briefen und richte
dich danach, mehr sag’ ich nicht!«
Als er wirklich reisefertig in der Stube stand, überraschte ihn Gritli mit
einem allerliebsten Handköfferchen aus buntem Korbgeflecht, in welchem
ein gebratenes Huhn, einige Brötchen, zwei Kristallfläschchen mit altem
Wein und Likör, ein silbernes Becherchen, ein Besteck und zwei kleine
Servietten auf das bequemste und appetitlichste zusammengepackt waren.
Das hatte sie alles nach ihrer Angabe herrichten lassen, weil er sich schon
oft über den Hunger und Durst beklagt, welchen man auf den endlosen
Eisenbahnen erleiden müsse. Er nahm es, von seinen Ideen eingenommen,
zerstreut entgegen, sagte aber beim Abschiede noch kalt und streng:
»Wende deine Gedanken nun von dergleichen materiellen Dingen ab und
sinne an das, was ich dir gesagt! Bedenke, daß von dieser letzten Probe der
Frieden und das Glück unserer Zukunft abhangen!«
Hiemit entfernte er sich und öffnete, eh’ noch zwei Stunden vergangen
waren, das Körbchen, eine leckere Mahlzeit zu halten und die
Reisegefährten zu reizen. Das Huhn war vortrefflich zerschnitten und
kunstreich wieder zusammengefügt, die Brötchen besonders wohlgebacken;
nur war er unschlüssig, ob er von dem alten Sherry oder von dem feinen
Kirschbranntwein trinken solle; nahm aber zuletzt von beidem. So lebte er
lecker und fröhlich und zündete sich dann eine Zigarre an aus dem reichen
Täschchen, das ihm seine Frau gestickt.
Diese saß indessen nicht in der besten Gemütsverfassung zu Hause; das
Herz war ihr recht schwer; denn als ein sehr eingefleischter Narr hatte Herr
Viggi Störteler einen herrlichen Ausweg gefunden, sie auch aus der Ferne
zu quälen, und anstatt daß durch seine Abreise ein Alp von ihr genommen
wurde, welcher Gedanke ihr auch neu und verwirrend war, hatte sie nun in
dem Postboten ein neues Schreckgespenst zu erwarten. Und daß die ganze
Geschichte bedenklich wurde, bewiesen seine letzten Worte. So harrte sie
denn voll Bangigkeit der Dinge, die da kommen sollten, und nahm sich vor,
wenn immer möglich, die Briefe ihres Mannes zu beantworten nach ihren
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besten Kräften. Richtig erschien noch vor Ablauf von sechzig Stunden
folgender Brief:
»Teuerste Freundin meiner Seele!
Wenn sich zwei Sterne küssen, so gehen zwei Welten unter! Vier rosige
Lippen erstarren, zwischen deren Kuß ein Giftropfen fällt! Aber dieses
Erstarren und jener Untergang sind Seligkeit und ihr Augenblick wiegt
Ewigkeiten auf! Wohl hab’ ich’s bedacht und hab’ es bedacht und finde
meines Denkens kein Ende: – Warum ist Trennung? –? – Nur e i n e s weiß
ich dieser furchtbaren Frage entgegenzusetzen und schleudere das Wort in
die Wagschale: Die Glut meines Liebeswillens ist stärker als Trennung, und
wäre diese die Urverneinung selbst – – so lange dies Herz schlägt, ist das
Universum noch nicht um die Urbejahung gekommen!! Geliebte! fern von
Dir umfängt mich Dunkelheit – ich bin herzlich müde! Einsam such’ ich
mein Lager – – schlaf’ wohl! – –«
Bei diesem Briefe lag noch ein Zettel des Inhalts:
»P. S. Ich habe absichtlich, liebe Frau! diesen ersten Brief kurz gehalten,
daß der Anfang Dir nicht zu schwierig erscheinen möge! Du siehst, daß es
sich in diesen Zeilen nur um ein einziges Motiv handelt, um den Begriff der
Trennung. Äußere nun hierüber Deine Gefühle und füge eine neue
Anregung hinzu, welche zu finden nun eben die Sache Deines Herzens und
Deines guten Willens sein wird. Heut schlaf’ ich zum erstenmal in einem
Bette seit meiner Abreise; wenn’s nur keine Wanzen hat! Der junge Müller
an der Burggasse, welchen ich angetroffen, hat mich um vierzig Franken
angepumpt in Gegenwart von andern Reisenden und ganz en passant, so
daß ich es in der Eile nicht abschlagen konnte. Da ich weiß, daß seine
Eltern noch eine Partie Ölsamen haben, so soll unser Kommis gleich
hingehen und den Ölsamen kaufen und auf Rechnung setzen. Es muß aber
gleich geschehen, ehe sie wissen, daß der Junge mir Geld schuldig ist, sonst
bekommen wir weder Ölsamen noch Geld.
NB. Wir wollen die geschäftlichen und häuslichen Angelegenheiten auf
solche Extrazettel setzen, damit man sie nachher absondern kann. In
Erwartung Deiner baldigen Antwort, Dein Gatte und Freund Viktor.«
folgender Brief:
»Teuerste Freundin meiner Seele!
Wenn sich zwei Sterne küssen, so gehen zwei Welten unter! Vier rosige
Lippen erstarren, zwischen deren Kuß ein Giftropfen fällt! Aber dieses
Erstarren und jener Untergang sind Seligkeit und ihr Augenblick wiegt
Ewigkeiten auf! Wohl hab’ ich’s bedacht und hab’ es bedacht und finde
meines Denkens kein Ende: – Warum ist Trennung? –? – Nur e i n e s weiß
ich dieser furchtbaren Frage entgegenzusetzen und schleudere das Wort in
die Wagschale: Die Glut meines Liebeswillens ist stärker als Trennung, und
wäre diese die Urverneinung selbst – – so lange dies Herz schlägt, ist das
Universum noch nicht um die Urbejahung gekommen!! Geliebte! fern von
Dir umfängt mich Dunkelheit – ich bin herzlich müde! Einsam such’ ich
mein Lager – – schlaf’ wohl! – –«
Bei diesem Briefe lag noch ein Zettel des Inhalts:
»P. S. Ich habe absichtlich, liebe Frau! diesen ersten Brief kurz gehalten,
daß der Anfang Dir nicht zu schwierig erscheinen möge! Du siehst, daß es
sich in diesen Zeilen nur um ein einziges Motiv handelt, um den Begriff der
Trennung. Äußere nun hierüber Deine Gefühle und füge eine neue
Anregung hinzu, welche zu finden nun eben die Sache Deines Herzens und
Deines guten Willens sein wird. Heut schlaf’ ich zum erstenmal in einem
Bette seit meiner Abreise; wenn’s nur keine Wanzen hat! Der junge Müller
an der Burggasse, welchen ich angetroffen, hat mich um vierzig Franken
angepumpt in Gegenwart von andern Reisenden und ganz en passant, so
daß ich es in der Eile nicht abschlagen konnte. Da ich weiß, daß seine
Eltern noch eine Partie Ölsamen haben, so soll unser Kommis gleich
hingehen und den Ölsamen kaufen und auf Rechnung setzen. Es muß aber
gleich geschehen, ehe sie wissen, daß der Junge mir Geld schuldig ist, sonst
bekommen wir weder Ölsamen noch Geld.
NB. Wir wollen die geschäftlichen und häuslichen Angelegenheiten auf
solche Extrazettel setzen, damit man sie nachher absondern kann. In
Erwartung Deiner baldigen Antwort, Dein Gatte und Freund Viktor.«
Page 93
Mit diesem Briefe in der Hand saß sie nun da und las und wußte nichts
darauf zu antworten. Wenn sie sich auch über die Grausamkeit oder
Nützlichkeit der Trennung einige hausbackene Gedanken zurecht
gezimmert, so fehlte ihr für die neue Anregung, die sie hinzufügen sollte,
jeder Einfall, oder wenn sich einer einstellen wollte, so blieb er weit hinter
den küssenden Sternen und hinter der Urbejahung zurück, und darüber
verbleichten auch wieder ihre Trennungsbetrachtungen, welche sich doch
nur um die Notwendigkeit und Einträglichkeit einer Geschäftsreise drehten,
da ihr sonst kein anderer Grund bekannt war.
Sie ging mit dem Briefe auch in den Garten und ging auf und nieder, in
immer größerer Angst befangen; da sah sie den Handlungsdiener ihres
Mannes und geriet auf den Einfall, ihn ins Vertrauen zu ziehen, ihm ihre
Not zu klagen und ihn zur Mithilfe zu veranlassen. Allein sie gab diesen
Gedanken sofort auf, um den Respekt gegen ihren Mann nicht zu
untergraben. Da fiel ihr Blick auf das Gärtchen eines Nachbarhauses,
welches von ihrem Garten nur durch eine grüne Hecke getrennt war, und
plötzlich verfiel ihre Frauenlist auf den wunderlichsten Ausweg, welchen
sie auch, ohne sich lange zu besinnen und wie von einem höheren Licht
erleuchtet, alsobald betrat.
In dem Nachbarhäuschen wohnte ein armer Unterlehrer der Stadt,
namens Wilhelm, ein junger, für unklug oder beschränkt geltender Mensch,
mit etwas schwärmerischen und dunkeln Augen. Derselbe sah für sein
Leben gern die Frauen, war aber außerordentlich still und schüchtern und
durfte überdies seiner beschränkten und ärmlichen Stellung wegen nicht
daran denken, sich zu verheiraten oder sonst dem schönen Geschlechte den
Hof zu machen. Er begnügte sich daher, die Schönheit mehr aus der Ferne
zu bewundern, und da es für sein Verlangen gleich erfolglos war, ob er eine
Frau oder ein Mädchen zum Gegenstande seiner Bewunderung machte, so
wechselte er in aller Ehrbarkeit und wählte bald diese, bald jene zum Ziel
seiner Gedanken. So lebte er in seinem Herzen wie ein Pascha, und alles
Schöne, was Kaffee trank und Strümpfe strickte oder auch müßig ging,
gehörte ihm. Dies doch einigermaßen leichtfertige Wesen wissenschaftlich
zu begründen oder zu beschönigen, war der gute Wilhelm auch vom
Christentum abgefallen und, obgleich er des Sonntags in der Kinderlehre
vorsingen mußte, wo er immer aufs neue den Katechismus erläutern hörte,
einer wahrhaft heidnischen Philosophie zugesteuert. Alle Götter und
darauf zu antworten. Wenn sie sich auch über die Grausamkeit oder
Nützlichkeit der Trennung einige hausbackene Gedanken zurecht
gezimmert, so fehlte ihr für die neue Anregung, die sie hinzufügen sollte,
jeder Einfall, oder wenn sich einer einstellen wollte, so blieb er weit hinter
den küssenden Sternen und hinter der Urbejahung zurück, und darüber
verbleichten auch wieder ihre Trennungsbetrachtungen, welche sich doch
nur um die Notwendigkeit und Einträglichkeit einer Geschäftsreise drehten,
da ihr sonst kein anderer Grund bekannt war.
Sie ging mit dem Briefe auch in den Garten und ging auf und nieder, in
immer größerer Angst befangen; da sah sie den Handlungsdiener ihres
Mannes und geriet auf den Einfall, ihn ins Vertrauen zu ziehen, ihm ihre
Not zu klagen und ihn zur Mithilfe zu veranlassen. Allein sie gab diesen
Gedanken sofort auf, um den Respekt gegen ihren Mann nicht zu
untergraben. Da fiel ihr Blick auf das Gärtchen eines Nachbarhauses,
welches von ihrem Garten nur durch eine grüne Hecke getrennt war, und
plötzlich verfiel ihre Frauenlist auf den wunderlichsten Ausweg, welchen
sie auch, ohne sich lange zu besinnen und wie von einem höheren Licht
erleuchtet, alsobald betrat.
In dem Nachbarhäuschen wohnte ein armer Unterlehrer der Stadt,
namens Wilhelm, ein junger, für unklug oder beschränkt geltender Mensch,
mit etwas schwärmerischen und dunkeln Augen. Derselbe sah für sein
Leben gern die Frauen, war aber außerordentlich still und schüchtern und
durfte überdies seiner beschränkten und ärmlichen Stellung wegen nicht
daran denken, sich zu verheiraten oder sonst dem schönen Geschlechte den
Hof zu machen. Er begnügte sich daher, die Schönheit mehr aus der Ferne
zu bewundern, und da es für sein Verlangen gleich erfolglos war, ob er eine
Frau oder ein Mädchen zum Gegenstande seiner Bewunderung machte, so
wechselte er in aller Ehrbarkeit und wählte bald diese, bald jene zum Ziel
seiner Gedanken. So lebte er in seinem Herzen wie ein Pascha, und alles
Schöne, was Kaffee trank und Strümpfe strickte oder auch müßig ging,
gehörte ihm. Dies doch einigermaßen leichtfertige Wesen wissenschaftlich
zu begründen oder zu beschönigen, war der gute Wilhelm auch vom
Christentum abgefallen und, obgleich er des Sonntags in der Kinderlehre
vorsingen mußte, wo er immer aufs neue den Katechismus erläutern hörte,
einer wahrhaft heidnischen Philosophie zugesteuert. Alle Götter und
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Göttinnen der Mythologien, welche er gelesen, rief er ins Leben zurück und
bevölkerte damit sich zur Kurzweil die Landschaft; je nach der Stimmung
des Himmels, der über Seldwyla hing, war er entweder Germane, Grieche
oder Indier, und behandelte seine Weiber heimlich nach der Art dieser
Landsleute. Nur wenn das Wetter gar zu graulich, sein Brot gar zu knapp
und nirgends ein freundliches Frauenauge zu erblicken war, blies er
zuweilen alle diese Götter auseinander und behauptete bei sich selbst, zu
einem solchen Leben brauche man gar keinen Gott.
Diesen jungen Schulmeister wählte sich die schöne Frau zu ihrem Retter,
sobald er ihr in den Sinn kam. Daß er sie gern sah, wußte sie seit einiger
Zeit, und daß er ein ganz stiller und schüchterner Mensch war, ebenso, weil
er errötete und die Augen niederschlug, wenn er ihr begegnete, und er
schien ihr gerade von der rechten Art zu sein, um ein Geheimnis zu
verschweigen. Sie ging also hin und schrieb den Brief ihres Mannes ab und
zwar dergestalt, daß sie einige Worte veränderte, oder hinzusetzte, als ob
eine Frau an einen Mann schreiben würde. Dann faltete sie das Papier
zierlich zusammen und versiegelte es, ohne aber eine Adresse darauf zu
setzen.
Dann ging sie zur Abendzeit wieder in den Garten, als Wilhelm eben
seine paar Blümchen begoß, nahe der Hecke. Sie trat so dicht davor, als sie
konnte, und rief ihn leise beim Namen. Zitternd und verstohlen zeigte sie
ihm das Briefchen, als er aufblickte, und fragte, indem sie einen ganz
seltsam sonnigen Blick hinüber schoß: Ob er schweigsam sein könne?
Diesmal vergaß er, die Augen niederzuschlagen, lachte sie unbewußt
vielmehr an, wie ein halbjähriges Kind, welchem man ein glänzendes Ding
zeigt, und war im Begriff, indem er die Gießkanne fallen ließ, mit den
Händen nach ihrem Kopf zu fahren, um ihn auch nach dem Munde zu
führen, wie es die Kinder machen, die den Raum noch nicht zu beurteilen
wissen. Doch antwortete er nicht, bis sie ihn nochmals gefragt hatte, worauf
er ernsthaft nickte. »So nehmt das Briefchen hier, wenn es niemand sieht,
und legt mir eine hübsche und passende Antwort dafür hin! es handelt sich
um einen Scherz und Ihr sollt nicht im Schaden bleiben!« sagte sie, steckte
die Epistel durch das Laub des Hages und eilte davon, wie von einer
Schlange gebissen, sich auf ihrem Stübchen verbergend.
bevölkerte damit sich zur Kurzweil die Landschaft; je nach der Stimmung
des Himmels, der über Seldwyla hing, war er entweder Germane, Grieche
oder Indier, und behandelte seine Weiber heimlich nach der Art dieser
Landsleute. Nur wenn das Wetter gar zu graulich, sein Brot gar zu knapp
und nirgends ein freundliches Frauenauge zu erblicken war, blies er
zuweilen alle diese Götter auseinander und behauptete bei sich selbst, zu
einem solchen Leben brauche man gar keinen Gott.
Diesen jungen Schulmeister wählte sich die schöne Frau zu ihrem Retter,
sobald er ihr in den Sinn kam. Daß er sie gern sah, wußte sie seit einiger
Zeit, und daß er ein ganz stiller und schüchterner Mensch war, ebenso, weil
er errötete und die Augen niederschlug, wenn er ihr begegnete, und er
schien ihr gerade von der rechten Art zu sein, um ein Geheimnis zu
verschweigen. Sie ging also hin und schrieb den Brief ihres Mannes ab und
zwar dergestalt, daß sie einige Worte veränderte, oder hinzusetzte, als ob
eine Frau an einen Mann schreiben würde. Dann faltete sie das Papier
zierlich zusammen und versiegelte es, ohne aber eine Adresse darauf zu
setzen.
Dann ging sie zur Abendzeit wieder in den Garten, als Wilhelm eben
seine paar Blümchen begoß, nahe der Hecke. Sie trat so dicht davor, als sie
konnte, und rief ihn leise beim Namen. Zitternd und verstohlen zeigte sie
ihm das Briefchen, als er aufblickte, und fragte, indem sie einen ganz
seltsam sonnigen Blick hinüber schoß: Ob er schweigsam sein könne?
Diesmal vergaß er, die Augen niederzuschlagen, lachte sie unbewußt
vielmehr an, wie ein halbjähriges Kind, welchem man ein glänzendes Ding
zeigt, und war im Begriff, indem er die Gießkanne fallen ließ, mit den
Händen nach ihrem Kopf zu fahren, um ihn auch nach dem Munde zu
führen, wie es die Kinder machen, die den Raum noch nicht zu beurteilen
wissen. Doch antwortete er nicht, bis sie ihn nochmals gefragt hatte, worauf
er ernsthaft nickte. »So nehmt das Briefchen hier, wenn es niemand sieht,
und legt mir eine hübsche und passende Antwort dafür hin! es handelt sich
um einen Scherz und Ihr sollt nicht im Schaden bleiben!« sagte sie, steckte
die Epistel durch das Laub des Hages und eilte davon, wie von einer
Schlange gebissen, sich auf ihrem Stübchen verbergend.
Page 95
Wilhelm schaute ihr nach, wie einer, der eine Erscheinung sah; dann
nahm er den Brief sachte aus dem Weißdorn, machte einen Umweg, so groß
ihn das kleine Grüngärtchen erlaubte, und schlüpfte dann in sein kleines
Gemach, welches unmittelbar am Gärtchen lag. Dort las er hastig den Brief,
einmal, zweimal und rief, indem ihm das Herz übermächtig zu schlagen
anfing: »O Herr Jesus! Das ist wahrhaftig ein Liebesbrief!« Sogleich
zerküßte er das Papier, dann stutzte er wieder, erinnerte sich jedoch des
Blickes, welchen sie ihm zugeworfen und hielt sich für geliebt. Er sah sich
um in seinem Stübchen. Dichte Winden mit blauen und roten Blumen
verhüllten fast ganz die niederen Fenster, doch drang die Abendsonne
hindurch und streute einige goldene Lichter an die Wand, über sein
ärmliches Bett und seine drei oder vier Götterlehren und das Schreibzeug.
Der erste Gedanke, der sein dankbares Gemüt durchblitzte, war der liebe
Gott, und zwar der alleinige und christlich anständige. »Versteht sich!« rief
er auf- und niedergehend, den Brief in der Hand, wie eine Depesche,
»versteht sich, gibt es einen Gott! Versteht sich, natürlich!« Und er fühlte
sich ganz glückseliglich, daß er auf so angenehme Weise seinen Frieden mit
dem Schöpfer schließen konnte, der die schönen Frauen geschaffen. Aber
aufs neue stutzte er. »Was Teufel tue ich mit ihr? Sie hat ja einen Mann! –
Aber halt! das ist ihre Sache! Was sie befiehlt, das tu’ ich! Will sie’s, so
sprech’ ich nie ein Wort zu ihr, verlangt sie’s, so kriech’ ich mit ihr in die
Erde hinein, und begehrt sie’s, so tue ich’s allein!« Nun setzte er sich auf
das Bett und ergab sich einem entzückten Träumen; endlich überlas er in
der späten Dämmerung nochmals das Briefchen; es schien ihm doch etwas
kurios und töricht geschrieben zu sein. »Ach!« sagte er lächelnd vor sich
hin, »auch bei einem geschenkten Herzen heißt es: dem geschenkten Gaul
sieh nicht ins Maul! Ich will die Antwort in ihrer Weise schreiben, da sie es
so liebt und versteht!«
Also zündete er ein Lichtstümpfchen an, suchte ein Blatt Papier hervor
und schrieb darauf eine Antwort auf Viggis Brief, wie sie dieser nur
wünschen konnte, nicht ohne Geist, aber dazu noch mit aller herzlichen
Glut durchwärmt, welche er in diesem Augenblicke empfand. Er faltete das
Blatt zusammen und trug es hinaus in die Hecke. Sodann ging er zurück
und zu seiner Wirtin, um seine Abendsuppe zu essen; aber siehe da! er war
ganz erstaunt, daß er nur wenige Löffel hinunter brachte, so gesättigt fühlte
er sich von allen guten Dingen, während er sonst bei seinen geträumten
nahm er den Brief sachte aus dem Weißdorn, machte einen Umweg, so groß
ihn das kleine Grüngärtchen erlaubte, und schlüpfte dann in sein kleines
Gemach, welches unmittelbar am Gärtchen lag. Dort las er hastig den Brief,
einmal, zweimal und rief, indem ihm das Herz übermächtig zu schlagen
anfing: »O Herr Jesus! Das ist wahrhaftig ein Liebesbrief!« Sogleich
zerküßte er das Papier, dann stutzte er wieder, erinnerte sich jedoch des
Blickes, welchen sie ihm zugeworfen und hielt sich für geliebt. Er sah sich
um in seinem Stübchen. Dichte Winden mit blauen und roten Blumen
verhüllten fast ganz die niederen Fenster, doch drang die Abendsonne
hindurch und streute einige goldene Lichter an die Wand, über sein
ärmliches Bett und seine drei oder vier Götterlehren und das Schreibzeug.
Der erste Gedanke, der sein dankbares Gemüt durchblitzte, war der liebe
Gott, und zwar der alleinige und christlich anständige. »Versteht sich!« rief
er auf- und niedergehend, den Brief in der Hand, wie eine Depesche,
»versteht sich, gibt es einen Gott! Versteht sich, natürlich!« Und er fühlte
sich ganz glückseliglich, daß er auf so angenehme Weise seinen Frieden mit
dem Schöpfer schließen konnte, der die schönen Frauen geschaffen. Aber
aufs neue stutzte er. »Was Teufel tue ich mit ihr? Sie hat ja einen Mann! –
Aber halt! das ist ihre Sache! Was sie befiehlt, das tu’ ich! Will sie’s, so
sprech’ ich nie ein Wort zu ihr, verlangt sie’s, so kriech’ ich mit ihr in die
Erde hinein, und begehrt sie’s, so tue ich’s allein!« Nun setzte er sich auf
das Bett und ergab sich einem entzückten Träumen; endlich überlas er in
der späten Dämmerung nochmals das Briefchen; es schien ihm doch etwas
kurios und töricht geschrieben zu sein. »Ach!« sagte er lächelnd vor sich
hin, »auch bei einem geschenkten Herzen heißt es: dem geschenkten Gaul
sieh nicht ins Maul! Ich will die Antwort in ihrer Weise schreiben, da sie es
so liebt und versteht!«
Also zündete er ein Lichtstümpfchen an, suchte ein Blatt Papier hervor
und schrieb darauf eine Antwort auf Viggis Brief, wie sie dieser nur
wünschen konnte, nicht ohne Geist, aber dazu noch mit aller herzlichen
Glut durchwärmt, welche er in diesem Augenblicke empfand. Er faltete das
Blatt zusammen und trug es hinaus in die Hecke. Sodann ging er zurück
und zu seiner Wirtin, um seine Abendsuppe zu essen; aber siehe da! er war
ganz erstaunt, daß er nur wenige Löffel hinunter brachte, so gesättigt fühlte
er sich von allen guten Dingen, während er sonst bei seinen geträumten
Page 96
Liebesverhältnissen allzeit die größte Eßlust empfunden hatte. Darum legte
er sich ungesäumt zu Bett und war nur begierig, ob er auch von seiner
Geliebten träumen würde; denn ohne das schienen ihm die langen Stunden
des Schlafes ein unverantwortlicher Zeit- und Sachverlust zu sein. Kaum
lag er im Bette, so fing er, seit geraumer Zeit zum ersten Male, ganz von
selbst an zu beten und begann dem lieben Herrgott inniglich und
angelegentlich zu danken für die gute Gabe einer Liebsten, die er so
unerwartet gewonnen; aber mitten im Gebet brach er kleinlaut ab, da ihm
einfiel, daß der Handel doch nicht ganz zum Beten eingerichtet sei, und er
bedauerte fast, daß er so unvorsichtig den christlichen Gott seiner Kindheit
wieder eingesetzt hatte, der nicht so lustig mit sich umspringen ließ, wie die
Alphabetgötter aus seinen Wörterbüchern. Und doch war es ein schönes
Leben, was ihn beseelte; denn in den schlimmsten Tagen hatte er nie um ein
Stück Brot gebetet. So dachte er denn auch, gewissermaßen hinterrücks, an
die schöne Frau, bis der Morgen anbrach und er fest einschlief. Da hatte er
einen Traum. Ihm träumte, er sitze und mahle ein Pfund duftig gerösteten
Kaffee, und die Kaffeemühle spielte eine süße himmlisch klingende Musik,
daß ihm ganz selig zu Mute ward, und doch träumte er nicht von Frau
Gritli.
Diese hatte inzwischen seinen Brief richtig gesucht und gefunden und
noch während der Nacht abgeschrieben mit den nötigen Veränderungen.
Hierbei begegneten ihr zwei Dinge; erstens klopfte ihr das Herz ziemlich
bang und ungestüm, als sie gar wohl die Wärme fühlte, welche in Wilhelms
Worten glühte, und sie dieselben so bedächtig abschrieb; zweitens aber fiel
es ihr diesmal im Traume nicht ein, in der befohlenen geschäftlichen
Nachschrift oder auch im Briefe selbst eine jener muntern Redensarten von
Zupfen am Ohrläppchen oder von der Nachtmütze einfließen zu lassen, und
das Verbot ihres Mannes erwies sich als ganz überflüssig. Aber auf beide
Dinge gab sie nicht weiter acht, da die Sorge, ihren Mann zufrieden zu
stellen, sie zu sehr beschäftigte. Ihre Nachschrift aber lautete: »Unser
Schreiber ist heute gleich zu Müllers an der Burggasse gegangen und hat
den Ölsamen gekauft; aber kaum zwei Minuten nachher, noch ehe wir ihn
herbringen konnten, ließen sie für den Betrag hundert blaue Wetzsteine
holen. Derweil müssen sie die Nachricht von ihrem Sohne bekommen
haben, daß er von Dir vierzig Franken entlehnt; denn als man hierauf den
Ölsamen holen wollte, ließen sie sich entschuldigen, die Frau habe ohne
er sich ungesäumt zu Bett und war nur begierig, ob er auch von seiner
Geliebten träumen würde; denn ohne das schienen ihm die langen Stunden
des Schlafes ein unverantwortlicher Zeit- und Sachverlust zu sein. Kaum
lag er im Bette, so fing er, seit geraumer Zeit zum ersten Male, ganz von
selbst an zu beten und begann dem lieben Herrgott inniglich und
angelegentlich zu danken für die gute Gabe einer Liebsten, die er so
unerwartet gewonnen; aber mitten im Gebet brach er kleinlaut ab, da ihm
einfiel, daß der Handel doch nicht ganz zum Beten eingerichtet sei, und er
bedauerte fast, daß er so unvorsichtig den christlichen Gott seiner Kindheit
wieder eingesetzt hatte, der nicht so lustig mit sich umspringen ließ, wie die
Alphabetgötter aus seinen Wörterbüchern. Und doch war es ein schönes
Leben, was ihn beseelte; denn in den schlimmsten Tagen hatte er nie um ein
Stück Brot gebetet. So dachte er denn auch, gewissermaßen hinterrücks, an
die schöne Frau, bis der Morgen anbrach und er fest einschlief. Da hatte er
einen Traum. Ihm träumte, er sitze und mahle ein Pfund duftig gerösteten
Kaffee, und die Kaffeemühle spielte eine süße himmlisch klingende Musik,
daß ihm ganz selig zu Mute ward, und doch träumte er nicht von Frau
Gritli.
Diese hatte inzwischen seinen Brief richtig gesucht und gefunden und
noch während der Nacht abgeschrieben mit den nötigen Veränderungen.
Hierbei begegneten ihr zwei Dinge; erstens klopfte ihr das Herz ziemlich
bang und ungestüm, als sie gar wohl die Wärme fühlte, welche in Wilhelms
Worten glühte, und sie dieselben so bedächtig abschrieb; zweitens aber fiel
es ihr diesmal im Traume nicht ein, in der befohlenen geschäftlichen
Nachschrift oder auch im Briefe selbst eine jener muntern Redensarten von
Zupfen am Ohrläppchen oder von der Nachtmütze einfließen zu lassen, und
das Verbot ihres Mannes erwies sich als ganz überflüssig. Aber auf beide
Dinge gab sie nicht weiter acht, da die Sorge, ihren Mann zufrieden zu
stellen, sie zu sehr beschäftigte. Ihre Nachschrift aber lautete: »Unser
Schreiber ist heute gleich zu Müllers an der Burggasse gegangen und hat
den Ölsamen gekauft; aber kaum zwei Minuten nachher, noch ehe wir ihn
herbringen konnten, ließen sie für den Betrag hundert blaue Wetzsteine
holen. Derweil müssen sie die Nachricht von ihrem Sohne bekommen
haben, daß er von Dir vierzig Franken entlehnt; denn als man hierauf den
Ölsamen holen wollte, ließen sie sich entschuldigen, die Frau habe ohne
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Wissen des Mannes denselben schon vor zwei Tagen an einen Bauer
verhandelt. So haben sie nun die vierzig Franken und die Wetzsteine dazu.
Gebe Gott, daß Dir mein Brief nicht gänzlich mißfallen möge; er hat mich
ziemlich Anstrengung gekostet, jedoch nicht allzu große, und ich merke,
daß das Ding schon gehen kann.«
Mit der ersten Post versandte sie den Brief und erhielt schon nach zwei
Tagen eine Antwort von vier Seiten mit folgendem Beizettel: »Hier wäre
der zweite Brief von mir, liebe Frau! Ich bin ordentlich stolz darauf, daß ich
nun endlich das richtige Verfahren eingeschlagen; denn, ohne Schmeichelei,
Du hast Dich vortrefflich gehalten! Aber nun nicht locker gelassen! Du
siehst, daß ich schon tüchtig ins Zeug mit Dir gehe und vier Seiten mit
lauter energischen Gedanken und Bildern angefüllt habe. Ich sage abermals
nichts weiter, als: mach’ Dich dahinter! Die Müllers soll der Teufel holen,
wenn ich nach Hause komme! Es hat mich gekränkt, was sie taten, und mir
einen schönen Tag verbittert, wo ich die interessantesten Bekanntschaften
gemacht! Ich habe vergessen, den ersten Brief zu unterzeichnen, schreibe
doch darunter, aber genau: Kurt v. W. Oder laß es lieber bleiben, ich werde
doch die ganze Sammlung nachher durchgehen.«
Während der letzten zwei Tage hatte Gritli sich die Sache ernstlicher
überlegt und beschlossen, mit Wilhelm abzubrechen. Sie wollte ihm noch
zur rechten Zeit sagen, daß es sich um einen Scherz gehandelt habe, den sie
ihm auf irgend eine Weise schon noch zu erklären gedenke; auch hatte sie
durch das Abschreiben der beiden Briefe etwas Mut geschöpft und hoffte,
am Ende allein zurechtzukommen. Als sie aber das neue Geschreibsel in
Händen hielt, ward es ihr rot und blau vor den Augen, und wenn sie
bedachte, daß das nun fortschreitend immer toller werde, so gab sie jede
Hoffnung auf und beeilte sich in ihrer erneuten Angst, die vier Seiten nur
wieder abzuschreiben und an den bewußten Ort zu tun.
Wilhelm, welcher zwei schlimme Tage zugebracht hatte, weil er von
seiner Dame nichts hörte oder sah, stürzte sich wie ein Habicht auf die
Beute und stellte in weniger als einer Stunde eine Antwort her, welche an
Schwung und Zärtlichkeit Viggis Kunstwerk weit hinter sich ließ. Als Gritli
dies abschrieb, fühlte sie sich tief bewegt und es fielen ihr sogar einige
Tränen auf das Papier, denn dergleichen hatte ihr noch niemand gesagt. Fast
wollte es sie bedünken, wenn sie an einen Menschen wie Wilhelm zu
verhandelt. So haben sie nun die vierzig Franken und die Wetzsteine dazu.
Gebe Gott, daß Dir mein Brief nicht gänzlich mißfallen möge; er hat mich
ziemlich Anstrengung gekostet, jedoch nicht allzu große, und ich merke,
daß das Ding schon gehen kann.«
Mit der ersten Post versandte sie den Brief und erhielt schon nach zwei
Tagen eine Antwort von vier Seiten mit folgendem Beizettel: »Hier wäre
der zweite Brief von mir, liebe Frau! Ich bin ordentlich stolz darauf, daß ich
nun endlich das richtige Verfahren eingeschlagen; denn, ohne Schmeichelei,
Du hast Dich vortrefflich gehalten! Aber nun nicht locker gelassen! Du
siehst, daß ich schon tüchtig ins Zeug mit Dir gehe und vier Seiten mit
lauter energischen Gedanken und Bildern angefüllt habe. Ich sage abermals
nichts weiter, als: mach’ Dich dahinter! Die Müllers soll der Teufel holen,
wenn ich nach Hause komme! Es hat mich gekränkt, was sie taten, und mir
einen schönen Tag verbittert, wo ich die interessantesten Bekanntschaften
gemacht! Ich habe vergessen, den ersten Brief zu unterzeichnen, schreibe
doch darunter, aber genau: Kurt v. W. Oder laß es lieber bleiben, ich werde
doch die ganze Sammlung nachher durchgehen.«
Während der letzten zwei Tage hatte Gritli sich die Sache ernstlicher
überlegt und beschlossen, mit Wilhelm abzubrechen. Sie wollte ihm noch
zur rechten Zeit sagen, daß es sich um einen Scherz gehandelt habe, den sie
ihm auf irgend eine Weise schon noch zu erklären gedenke; auch hatte sie
durch das Abschreiben der beiden Briefe etwas Mut geschöpft und hoffte,
am Ende allein zurechtzukommen. Als sie aber das neue Geschreibsel in
Händen hielt, ward es ihr rot und blau vor den Augen, und wenn sie
bedachte, daß das nun fortschreitend immer toller werde, so gab sie jede
Hoffnung auf und beeilte sich in ihrer erneuten Angst, die vier Seiten nur
wieder abzuschreiben und an den bewußten Ort zu tun.
Wilhelm, welcher zwei schlimme Tage zugebracht hatte, weil er von
seiner Dame nichts hörte oder sah, stürzte sich wie ein Habicht auf die
Beute und stellte in weniger als einer Stunde eine Antwort her, welche an
Schwung und Zärtlichkeit Viggis Kunstwerk weit hinter sich ließ. Als Gritli
dies abschrieb, fühlte sie sich tief bewegt und es fielen ihr sogar einige
Tränen auf das Papier, denn dergleichen hatte ihr noch niemand gesagt. Fast
wollte es sie bedünken, wenn sie an einen Menschen wie Wilhelm zu
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schreiben hätte, so würde ihr das Werk leichter, aber an Viggi? sie gab nun
jeden Gedanken auf, den Briefwechsel allein zu führen und ließ den Dingen
ihren Lauf, auf ihre List vertrauend, welche in der Not schon einen neuen
Ausweg finden sollte. Diesmal fügte sie folgende Nachschrift hinzu:
»Neues weiß ich von hier nichts zu melden, als eine kleine närrische
Geschichte, welche ich nicht in den Hauptbrief zu setzen wagte. Der arme
Schorenhans an dem Tore, welcher, wie Du weißt, mehr Witze macht als er
Fleisch zu sehen kriegt, sollte jüngsten Sonntag einen schweren Zins nach
der Hauptstadt tragen. Weil er fast nichts übrig behielt, um dort einzukehren
und etwas zu genießen, so sagte er zu seiner Frau: ‘Ich werde mich früh um
4 Uhr auf die Beine machen und streng laufen, denn es sind sieben Stunden,
so werde ich bis zum Mittagessen eintreffen und wohl einen Teller Suppe
und vielleicht auch ein Glas Wein vom Zinsherrn bekommen.’ So tat er
denn auch und lief mit seinem Gelde wie besessen. Um 10 Uhr ungefähr
verspürte er einen solchen Hunger, daß er kaum glaubte, hinzugelangen,
und fragte daher die Leute, welche des Weges kamen, wie weit es noch sei?
‘Wenn Ihr gut lauft,’ hieß es, ‘so habt Ihr noch eine Stunde!’ Und wann man
denn dort Mittag esse? fragte er noch ängstlich. ‘Am Sonntag um 11 Uhr!’
sagten die Leute. So lief der arme Kerl aus allen Leibeskräften, denn es
handelte sich um den langen Rückweg und er trug nicht einen eigenen
Batzen in der Tasche. Endlich langte er an, als es eben 11 Uhr läutete, und
drang atemlos gleich hinter der anmeldenden Dienstmagd in die Stube, mit
seinem Geldsäckchen ein Geräusch erregend. Die Familie saß schon am
Tische und die Suppe wurde eben weggetragen. Etwas ungehalten über das
Eindringen sagte der Zinsherr: ‘Gut, lieber Mann! setzt Euch nur dort auf
die Ofenbank und geduldet Euch eine Weile!’ So setzte er sich erschöpft
und wehmütig auf die Bank und sah der Herrschaft zu, wie sie aß und trank,
und hörte die Kinder plaudern und lachen und roch den mächtigen Braten,
der jetzt herein gebracht wurde. Niemand gedachte seiner, bis zufällig der
Herr sich zu ihm wandte und sagte: ‘Und was gibt es Neues bei Euch
draußen, guter Freund?’
‘Nichts Apartes!’ erwiderte der Schorenhans schnell besonnen, ‘als daß
merkwürdigerweise diese Woche eine Sau dreizehn Ferkel geworfen hat!’
Auf diese Worte schlug die Zinsfrau erbarmungsvoll die Hände über dem
Kopf zusammen und rief: ‘O du lieber Gott! Was machen sie doch aus
deiner Weltordnung! Ein Mutterschwein hat ja nur zwölf Zitzchen, wo soll
jeden Gedanken auf, den Briefwechsel allein zu führen und ließ den Dingen
ihren Lauf, auf ihre List vertrauend, welche in der Not schon einen neuen
Ausweg finden sollte. Diesmal fügte sie folgende Nachschrift hinzu:
»Neues weiß ich von hier nichts zu melden, als eine kleine närrische
Geschichte, welche ich nicht in den Hauptbrief zu setzen wagte. Der arme
Schorenhans an dem Tore, welcher, wie Du weißt, mehr Witze macht als er
Fleisch zu sehen kriegt, sollte jüngsten Sonntag einen schweren Zins nach
der Hauptstadt tragen. Weil er fast nichts übrig behielt, um dort einzukehren
und etwas zu genießen, so sagte er zu seiner Frau: ‘Ich werde mich früh um
4 Uhr auf die Beine machen und streng laufen, denn es sind sieben Stunden,
so werde ich bis zum Mittagessen eintreffen und wohl einen Teller Suppe
und vielleicht auch ein Glas Wein vom Zinsherrn bekommen.’ So tat er
denn auch und lief mit seinem Gelde wie besessen. Um 10 Uhr ungefähr
verspürte er einen solchen Hunger, daß er kaum glaubte, hinzugelangen,
und fragte daher die Leute, welche des Weges kamen, wie weit es noch sei?
‘Wenn Ihr gut lauft,’ hieß es, ‘so habt Ihr noch eine Stunde!’ Und wann man
denn dort Mittag esse? fragte er noch ängstlich. ‘Am Sonntag um 11 Uhr!’
sagten die Leute. So lief der arme Kerl aus allen Leibeskräften, denn es
handelte sich um den langen Rückweg und er trug nicht einen eigenen
Batzen in der Tasche. Endlich langte er an, als es eben 11 Uhr läutete, und
drang atemlos gleich hinter der anmeldenden Dienstmagd in die Stube, mit
seinem Geldsäckchen ein Geräusch erregend. Die Familie saß schon am
Tische und die Suppe wurde eben weggetragen. Etwas ungehalten über das
Eindringen sagte der Zinsherr: ‘Gut, lieber Mann! setzt Euch nur dort auf
die Ofenbank und geduldet Euch eine Weile!’ So setzte er sich erschöpft
und wehmütig auf die Bank und sah der Herrschaft zu, wie sie aß und trank,
und hörte die Kinder plaudern und lachen und roch den mächtigen Braten,
der jetzt herein gebracht wurde. Niemand gedachte seiner, bis zufällig der
Herr sich zu ihm wandte und sagte: ‘Und was gibt es Neues bei Euch
draußen, guter Freund?’
‘Nichts Apartes!’ erwiderte der Schorenhans schnell besonnen, ‘als daß
merkwürdigerweise diese Woche eine Sau dreizehn Ferkel geworfen hat!’
Auf diese Worte schlug die Zinsfrau erbarmungsvoll die Hände über dem
Kopf zusammen und rief: ‘O du lieber Gott! Was machen sie doch aus
deiner Weltordnung! Ein Mutterschwein hat ja nur zwölf Zitzchen, wo soll
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denn das dreizehnte Säulein saugen!’ Schorenhans zuckte lächelnd die
Achsel und erwiderte: ‘Es hat’s eben wie ich, es muß zusehen!’ Darüber
lachte der Hausherr und rief: ‘Frau, laß dem Bauer einen Teller bringen, und
gib ihm zu essen von allem, was wir gehabt haben!’ So geschah es, er
bekam Suppe, Braten und alles Gute und der Herr schenkte ihm von dem
alten Weine in das Glas und gab ihm ein gutes Trinkgeld, als er fortging. Ich
teile dir, lieber Mann! diesen Spaß nur deswegen mit, weil mir etwas dabei
eingefallen ist. Ich wünschte nämlich, da du so viele Verbindungen hast,
daß du die kleine Geschichte als einen artigen Beitrag für eines deiner
Unterhaltungsblätter abfassen oder aufsetzen und ein bißchen
ausschmücken möchtest, bis sie beträchtlich genug ist. Dann würdest du,
indem du ja den Zweck angeben könntest, ein kleines Honorar, etwa zehn
Franken, dafür verlangen, und diese gäben wir dem Schorenhans, der gewiß
eine komische Freude hätte über diesen unverhofften Ertrag seines
Einfalls!«
Auf diesen Brief erfolgte von Viggis Seiten ein noch größerer mit
folgender Beilage: »Die Sache geht gut, liebes Gritli! Wir können nun keck
ausschreiten und wollen uns täglich schreiben, hörst Du, täglich! Vielleicht
in einiger Zeit zweimal des Tages, um die Dauer meiner Abwesenheit gut
zu benutzen und eine ansehnliche Sammlung zu stande zu bringen. Ich
denke auch schon auf einen idealen Namen für Dich; denn Deinen
prosaischen Hausnamen können wir hier nicht brauchen. Wie gefällt Dir
Isidora oder Alwine? Mit Deiner Geschichte vom Schorenhans hast Du
nichts erreicht, als daß sie mir die doppelte Brieftaxe verursachte; denn
erstens ist aus diesem albernen Witze nichts zu machen, und wenn es wäre,
so kannst Du doch nicht verlangen, daß ich meine Muse mit dergleichen
kleinlichen Angelegenheiten beschäftige! Für eine öffentliche wohltätige
Unternehmung ließe sich das eher hören; ich bin auch schon bei einigen
solchen ehrenvollen Missionen engagiert. Wenn Du jedoch den Leuten ein
paar Franken aus der Tasche magst zukommen lassen, so habe ich nichts
dagegen; denn ich möchte Deinem mildtätigen Sinne nicht gerade
hinderlich sein. Ich wünschte, daß Du Dich für den Namen Alwine
entscheidest.«
Nun ging also die seltsame Briefpost tagtäglich und nach einiger Zeit in
der Tat zweimal des Tages. Gritli hatte nun alle Tage vier lange Briefe
abzuschreiben, weshalb ihre feinen rosigen Finger fast immer mit Tinte
Achsel und erwiderte: ‘Es hat’s eben wie ich, es muß zusehen!’ Darüber
lachte der Hausherr und rief: ‘Frau, laß dem Bauer einen Teller bringen, und
gib ihm zu essen von allem, was wir gehabt haben!’ So geschah es, er
bekam Suppe, Braten und alles Gute und der Herr schenkte ihm von dem
alten Weine in das Glas und gab ihm ein gutes Trinkgeld, als er fortging. Ich
teile dir, lieber Mann! diesen Spaß nur deswegen mit, weil mir etwas dabei
eingefallen ist. Ich wünschte nämlich, da du so viele Verbindungen hast,
daß du die kleine Geschichte als einen artigen Beitrag für eines deiner
Unterhaltungsblätter abfassen oder aufsetzen und ein bißchen
ausschmücken möchtest, bis sie beträchtlich genug ist. Dann würdest du,
indem du ja den Zweck angeben könntest, ein kleines Honorar, etwa zehn
Franken, dafür verlangen, und diese gäben wir dem Schorenhans, der gewiß
eine komische Freude hätte über diesen unverhofften Ertrag seines
Einfalls!«
Auf diesen Brief erfolgte von Viggis Seiten ein noch größerer mit
folgender Beilage: »Die Sache geht gut, liebes Gritli! Wir können nun keck
ausschreiten und wollen uns täglich schreiben, hörst Du, täglich! Vielleicht
in einiger Zeit zweimal des Tages, um die Dauer meiner Abwesenheit gut
zu benutzen und eine ansehnliche Sammlung zu stande zu bringen. Ich
denke auch schon auf einen idealen Namen für Dich; denn Deinen
prosaischen Hausnamen können wir hier nicht brauchen. Wie gefällt Dir
Isidora oder Alwine? Mit Deiner Geschichte vom Schorenhans hast Du
nichts erreicht, als daß sie mir die doppelte Brieftaxe verursachte; denn
erstens ist aus diesem albernen Witze nichts zu machen, und wenn es wäre,
so kannst Du doch nicht verlangen, daß ich meine Muse mit dergleichen
kleinlichen Angelegenheiten beschäftige! Für eine öffentliche wohltätige
Unternehmung ließe sich das eher hören; ich bin auch schon bei einigen
solchen ehrenvollen Missionen engagiert. Wenn Du jedoch den Leuten ein
paar Franken aus der Tasche magst zukommen lassen, so habe ich nichts
dagegen; denn ich möchte Deinem mildtätigen Sinne nicht gerade
hinderlich sein. Ich wünschte, daß Du Dich für den Namen Alwine
entscheidest.«
Nun ging also die seltsame Briefpost tagtäglich und nach einiger Zeit in
der Tat zweimal des Tages. Gritli hatte nun alle Tage vier lange Briefe
abzuschreiben, weshalb ihre feinen rosigen Finger fast immer mit Tinte
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befleckt waren. Sie seufzte reichlich bei diesem ungewohnten Tun, mußte
bald lachen, bald weinen über die Einfälle und Mitteilungen der beiden
Briefsteller, die durch ihre Hand gingen, und sie unterschrieb die Briefe an
Viggi mit Alwine, diejenigen an Wilhelm mit Gritli, wobei sie dachte: der
ist wenigstens zufrieden mit meinem armen Namen! Seit einiger Zeit hatte
sie bemerkt, daß Wilhelm nicht zum besten mit Papier versehen war, indem
er immer andere Farben und Abschnitzel verwandte. Sie kaufte daher ein
Paket schönes Briefpapier und legte es ihm hin mit der Anweisung: »Es
muß jetzt täglich zweimal geschrieben werden! Fragt nicht warum, kennt
mich nicht, seht nicht nach mir! Das Geheimnis wird sich aufklären!«
Sie rechnete fest auf seine Gutherzigkeit, Einfalt und stille Ergebenheit,
welche, wenn auch eines Tages enttäuscht, dennoch das Geheimnis
bewahren würde, froh darüber, ein solches zu besitzen. So ging denn der
Verkehr wie besessen, und an drei Orten häufte sich ein Stoß gewaltiger
Liebesbriefe an. Viggi sammelte die vermeintlichen Briefe seiner Frau
sorgfältig auf, Gritli verwahrte die Originale von beiden Seiten und
Wilhelm bewahrte Gritlis feine Abschriften in einer dicken Brieftasche auf
seiner Brust, während er sich um seine eigenen Erzeugnisse nicht mehr
kümmerte.
In einer Nachschrift bemerkte Viggi: »Ich habe mit Vergnügen gesehen,
daß Spuren von vergossenen Tränen zwischen Deinen Zeilen zu sehen sind
(wenn Du nicht etwa einen Schnupfen hattest!). Aber gleichviel, ich trage
mich jetzt mit dem Gedanken, ob solche Tränen zwischen den Zeilen bei
einer allfälligen Herausgabe im Druck nicht durch einen zarten Tondruck
könnten angedeutet werden? Freilich, fällt mir ein, müßte dann wohl die
ganze Sammlung faksimiliert werden, was sich indessen überlegen läßt.«
Wilhelm schrieb dagegen in einem Briefe: »O liebes Herz, es ist doch
traurig, so unerbittlich getrennt zu sein und immer mit der schwarzen Tinte
zu sprechen, wo man das rote Blut möchte reden lassen! Ich habe heute
schon zweimal einen frischen Bogen nehmen müssen, weil mir Tränen
darauf gefallen sind, und soeben konnte ich einen dritten nur dadurch retten,
daß ich schnell die Hand darauf legte. Wenn Du mich nur ein wenig liebst,
so verachtest Du mich nicht wegen dieser Schwachheit!«
Solche Stellen, welche sie nach ihrer Meinung besonders angingen,
merzte sie sorgfältig aus in der Abschrift; dafür verwechselte sie manchmal
bald lachen, bald weinen über die Einfälle und Mitteilungen der beiden
Briefsteller, die durch ihre Hand gingen, und sie unterschrieb die Briefe an
Viggi mit Alwine, diejenigen an Wilhelm mit Gritli, wobei sie dachte: der
ist wenigstens zufrieden mit meinem armen Namen! Seit einiger Zeit hatte
sie bemerkt, daß Wilhelm nicht zum besten mit Papier versehen war, indem
er immer andere Farben und Abschnitzel verwandte. Sie kaufte daher ein
Paket schönes Briefpapier und legte es ihm hin mit der Anweisung: »Es
muß jetzt täglich zweimal geschrieben werden! Fragt nicht warum, kennt
mich nicht, seht nicht nach mir! Das Geheimnis wird sich aufklären!«
Sie rechnete fest auf seine Gutherzigkeit, Einfalt und stille Ergebenheit,
welche, wenn auch eines Tages enttäuscht, dennoch das Geheimnis
bewahren würde, froh darüber, ein solches zu besitzen. So ging denn der
Verkehr wie besessen, und an drei Orten häufte sich ein Stoß gewaltiger
Liebesbriefe an. Viggi sammelte die vermeintlichen Briefe seiner Frau
sorgfältig auf, Gritli verwahrte die Originale von beiden Seiten und
Wilhelm bewahrte Gritlis feine Abschriften in einer dicken Brieftasche auf
seiner Brust, während er sich um seine eigenen Erzeugnisse nicht mehr
kümmerte.
In einer Nachschrift bemerkte Viggi: »Ich habe mit Vergnügen gesehen,
daß Spuren von vergossenen Tränen zwischen Deinen Zeilen zu sehen sind
(wenn Du nicht etwa einen Schnupfen hattest!). Aber gleichviel, ich trage
mich jetzt mit dem Gedanken, ob solche Tränen zwischen den Zeilen bei
einer allfälligen Herausgabe im Druck nicht durch einen zarten Tondruck
könnten angedeutet werden? Freilich, fällt mir ein, müßte dann wohl die
ganze Sammlung faksimiliert werden, was sich indessen überlegen läßt.«
Wilhelm schrieb dagegen in einem Briefe: »O liebes Herz, es ist doch
traurig, so unerbittlich getrennt zu sein und immer mit der schwarzen Tinte
zu sprechen, wo man das rote Blut möchte reden lassen! Ich habe heute
schon zweimal einen frischen Bogen nehmen müssen, weil mir Tränen
darauf gefallen sind, und soeben konnte ich einen dritten nur dadurch retten,
daß ich schnell die Hand darauf legte. Wenn Du mich nur ein wenig liebst,
so verachtest Du mich nicht wegen dieser Schwachheit!«
Solche Stellen, welche sie nach ihrer Meinung besonders angingen,
merzte sie sorgfältig aus in der Abschrift; dafür verwechselte sie manchmal
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die hochtrabenden Anreden: »Teurer Freund meiner Seele!« und
dergleichen in den Sendungen an Wilhelm mit vertraulichen Benennungen,
wie »mein liebes Männchen« oder »mein gutes Kind«, was sie dann wieder
in Reu’ und Sorgen setzte, während sie die großen, hohlen Worte in den
Briefen an den Mann großartig stehen ließ. Kurz, sie wünschte endlich
sehnlich die Heimkehr ihres Eheherrn, damit alle Gefährde ein Ende
nehmen und zum Schluß gebracht werden möchte. Da schrieb er
unversehens, seine Geschäfte jeder Art seien nun zu Ende. Allein der
Briefwechsel sei nun in einen so glücklichen Zug geraten, daß er noch
vierzehn Tage fortbleiben wolle, damit diese Angelegenheit, an welcher ihm
sehr viel liege, recht ausgebildet und zur glücklichen Vollendung geführt
werden könne. Er werde sich diese zwei Wochen noch ausschließlich damit
beschäftigen und ermahne auch sie, getreulich auszuhalten und das Ziel,
welches ihr auf immer eine Stelle in den Reihen ausgezeichneter Frauen
sichere, bis ans Ende zu verfolgen.
Daher wurde aufs neue geschrieben und geschrieben, daß die Federn
flogen. Gritli wurde bleich und angegriffen, denn sie mußte schreiben wie
ein Kanzlist; und der Schulmeister magerte ganz ab und wußte nicht mehr
wo ihm der Kopf stand, da er dazu noch in voller Leidenschaftlichkeit
schrieb und nicht mehr aus alledem klug wurde. Gritli wagte nicht mehr
sich im Garten aufzuhalten, um ihn nicht zu sehen, und wenn sie ihn auf der
Straße etwa traf, wagte er seinerseits nicht sie anzusehen, wie wenn er der
Übeltäter wäre.
Viggi indessen, so viel er auch schrieb, ließ sich wohl sein und lebte in
allen Stücken wie ein echter Weltfahrer, da er überhaupt gewohnt war, nach
der Art mancher Leute, seine Geschäftsreisen als Ausnahmezustand zu
betrachten und sich von aller häuslichen Ordnung zu erholen. Jeden Abend
führte er eine andere Schöne ins Theater oder auf die öffentlichen Bälle,
wobei er die Sucht hatte, sich von jeder die Geschichte ihres Schicksals
erzählen und tüchtig anlügen zu lassen. Gegen das Ende wurde er dann
regelmäßig gefühlvoll, fand alles höchst bedeutsam, fing an zu notieren und
wurde hinter dem Rücken verspottet, während man seinen Champagner
trank. Zuletzt jedoch begab er sich auf den Heimweg, nachdem er noch
Gelegenheit gefunden, einen guten Handel in Strohwaren abzuschließen.
dergleichen in den Sendungen an Wilhelm mit vertraulichen Benennungen,
wie »mein liebes Männchen« oder »mein gutes Kind«, was sie dann wieder
in Reu’ und Sorgen setzte, während sie die großen, hohlen Worte in den
Briefen an den Mann großartig stehen ließ. Kurz, sie wünschte endlich
sehnlich die Heimkehr ihres Eheherrn, damit alle Gefährde ein Ende
nehmen und zum Schluß gebracht werden möchte. Da schrieb er
unversehens, seine Geschäfte jeder Art seien nun zu Ende. Allein der
Briefwechsel sei nun in einen so glücklichen Zug geraten, daß er noch
vierzehn Tage fortbleiben wolle, damit diese Angelegenheit, an welcher ihm
sehr viel liege, recht ausgebildet und zur glücklichen Vollendung geführt
werden könne. Er werde sich diese zwei Wochen noch ausschließlich damit
beschäftigen und ermahne auch sie, getreulich auszuhalten und das Ziel,
welches ihr auf immer eine Stelle in den Reihen ausgezeichneter Frauen
sichere, bis ans Ende zu verfolgen.
Daher wurde aufs neue geschrieben und geschrieben, daß die Federn
flogen. Gritli wurde bleich und angegriffen, denn sie mußte schreiben wie
ein Kanzlist; und der Schulmeister magerte ganz ab und wußte nicht mehr
wo ihm der Kopf stand, da er dazu noch in voller Leidenschaftlichkeit
schrieb und nicht mehr aus alledem klug wurde. Gritli wagte nicht mehr
sich im Garten aufzuhalten, um ihn nicht zu sehen, und wenn sie ihn auf der
Straße etwa traf, wagte er seinerseits nicht sie anzusehen, wie wenn er der
Übeltäter wäre.
Viggi indessen, so viel er auch schrieb, ließ sich wohl sein und lebte in
allen Stücken wie ein echter Weltfahrer, da er überhaupt gewohnt war, nach
der Art mancher Leute, seine Geschäftsreisen als Ausnahmezustand zu
betrachten und sich von aller häuslichen Ordnung zu erholen. Jeden Abend
führte er eine andere Schöne ins Theater oder auf die öffentlichen Bälle,
wobei er die Sucht hatte, sich von jeder die Geschichte ihres Schicksals
erzählen und tüchtig anlügen zu lassen. Gegen das Ende wurde er dann
regelmäßig gefühlvoll, fand alles höchst bedeutsam, fing an zu notieren und
wurde hinter dem Rücken verspottet, während man seinen Champagner
trank. Zuletzt jedoch begab er sich auf den Heimweg, nachdem er noch
Gelegenheit gefunden, einen guten Handel in Strohwaren abzuschließen.
Page 102
Auf der letzten Station stieg er aus; da es ein schöner Herbsttag war,
wollte er zu Fuß Seldwyla erreichen, das Notizbüchlein in der Hand, um
eine »Wanderers Heimkehr« zu studieren und in der goldenen Abendluft
einen recht famosen Titel für den Briefwechsel auszudenken. Er war
zufrieden mit sich, mit der Welt, mit seiner Frau, mit dem Himmel, und trug
ein höchst wunderbares Hütchen auf dem Kopf, halb von Stroh, halb von
Seide, dessen Band ihm auf den Rücken fiel. »Im Grunde,« sagte er,
»braucht es da keinen besonders künstlichen Titel! Das Einfachste wird das
Beste sein, etwa die beiden Namen zusammengezogen, gibt ein famos
klingendes Wort: Kurtalwino, Briefe zweier Zeitgenossen! Das ist gut, ganz
gut!« Und übermütig froh fing er in dem Gehölz, durch das er ging,
plötzlich an zu singen in der Melodie des Rinaldiniliedes: Kurtalwino, rief
sie schmeichelnd, Kurtalwino wache auf! Deine Leute sind schon munter,
längst ging schon die Sonne auf und so fort. Mit diesem verrückten
Gesange weckte er einen schlanken jungen Mann auf, welcher unter einer
Tanne saß und den Kopf auf die Hand gestützt in tiefen Gedanken in das Tal
schaute. Es war Wilhelm, welcher sich auf den ersten Ton von Herrn
Störtelers Gesang erhob und davoneilte. Dafür setzte sich dieser an seinen
Platz, als er eine dicke Brieftasche dort liegen sah, die jener offenbar
vergessen. »Was hat,« sagte er, »dieser Hungerschlucker im Freien zu tun,
anstatt seine Schulhefte zu mustern? Was Kuckucks hat er hier für ein
Archiv bei sich gehabt?« Und ohne weiteres öffnete er das Bündel und fand
die Unzahl Briefe Gritlis, welche, obschon auf feines Postpapier
geschrieben, doch kaum zusammenzuhalten waren. Er machte sogleich den
ersten auf; denn, dachte er, wer weiß, welch interessantes Geheimnis,
welche gute Studie hier zu erbeuten ist!
Der Brief fing an »wenn sich zwei Sterne küssen« und so fort. Er besah
die Handschrift genauer, es war die seiner Frau. Er tat den zweiten Brief
auf, den dritten, es waren seine Briefe, er fing von hinten an und stieß genau
auf den letzten, welchen er geschrieben, alle waren zierlich abgeschrieben
und an den Schulmeister adressiert. Er sprang in die Höhe und rief: »Was
Kreuz Millionenhagel ist denn das? Bin ich konfus oder nicht?«
Einige Minuten stand er wie verstört; dann stieß er die Brieftasche mit
den Papieren kunterbunt in das Reisetäschchen, das er umgehängt hatte,
schwang seinen Stab, drückte sein Hütchen in die Augen, daß das arme
Ding knitterte und sich verbog, und schritt gestrengen Schrittes vollends
wollte er zu Fuß Seldwyla erreichen, das Notizbüchlein in der Hand, um
eine »Wanderers Heimkehr« zu studieren und in der goldenen Abendluft
einen recht famosen Titel für den Briefwechsel auszudenken. Er war
zufrieden mit sich, mit der Welt, mit seiner Frau, mit dem Himmel, und trug
ein höchst wunderbares Hütchen auf dem Kopf, halb von Stroh, halb von
Seide, dessen Band ihm auf den Rücken fiel. »Im Grunde,« sagte er,
»braucht es da keinen besonders künstlichen Titel! Das Einfachste wird das
Beste sein, etwa die beiden Namen zusammengezogen, gibt ein famos
klingendes Wort: Kurtalwino, Briefe zweier Zeitgenossen! Das ist gut, ganz
gut!« Und übermütig froh fing er in dem Gehölz, durch das er ging,
plötzlich an zu singen in der Melodie des Rinaldiniliedes: Kurtalwino, rief
sie schmeichelnd, Kurtalwino wache auf! Deine Leute sind schon munter,
längst ging schon die Sonne auf und so fort. Mit diesem verrückten
Gesange weckte er einen schlanken jungen Mann auf, welcher unter einer
Tanne saß und den Kopf auf die Hand gestützt in tiefen Gedanken in das Tal
schaute. Es war Wilhelm, welcher sich auf den ersten Ton von Herrn
Störtelers Gesang erhob und davoneilte. Dafür setzte sich dieser an seinen
Platz, als er eine dicke Brieftasche dort liegen sah, die jener offenbar
vergessen. »Was hat,« sagte er, »dieser Hungerschlucker im Freien zu tun,
anstatt seine Schulhefte zu mustern? Was Kuckucks hat er hier für ein
Archiv bei sich gehabt?« Und ohne weiteres öffnete er das Bündel und fand
die Unzahl Briefe Gritlis, welche, obschon auf feines Postpapier
geschrieben, doch kaum zusammenzuhalten waren. Er machte sogleich den
ersten auf; denn, dachte er, wer weiß, welch interessantes Geheimnis,
welche gute Studie hier zu erbeuten ist!
Der Brief fing an »wenn sich zwei Sterne küssen« und so fort. Er besah
die Handschrift genauer, es war die seiner Frau. Er tat den zweiten Brief
auf, den dritten, es waren seine Briefe, er fing von hinten an und stieß genau
auf den letzten, welchen er geschrieben, alle waren zierlich abgeschrieben
und an den Schulmeister adressiert. Er sprang in die Höhe und rief: »Was
Kreuz Millionenhagel ist denn das? Bin ich konfus oder nicht?«
Einige Minuten stand er wie verstört; dann stieß er die Brieftasche mit
den Papieren kunterbunt in das Reisetäschchen, das er umgehängt hatte,
schwang seinen Stab, drückte sein Hütchen in die Augen, daß das arme
Ding knitterte und sich verbog, und schritt gestrengen Schrittes vollends
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heimwärts. Auf dem Weg lief der Schulmeister ängstlich und hastig an ihm
vorüber wieder zurück, offenbar seine Briefe zu suchen. Viggi tat als sähe
er ihn nicht und ging vorwärts.
Als er durch die Stadt zog, waren die Seldwyler verwundert über seine
starre Haltung und daß er niemand grüßte. Viggi Störteler ist zurück! hieß
es: jeder Zoll ein Mann! Potz Tausend, da geht er hin! Er aber drang
unaufhaltsam vor und in sein Haus. Dort sah er die Kellertür offen stehen,
ging hinein und sah sein Weib einige Äpfel auswählen, das Licht in der
Hand. Unversehens trat er vor sie hin, daß sie leicht erschrak und noch
etwas blasser wurde. Er bemerkte dies und betrachtete sie einen
Augenblick, sie sah ihn auch an und keines sagte ein Wort. Plötzlich nahm
er ihr das Licht aus der Hand, riß ihr den Schlüsselbund von der Seite, ging
hinaus, schloß die Kellertür zu und steckte den Schlüssel zu sich. Darauf
ging er in die Wohnstube hinauf, wo ihr Schreibtischchen stand, ein
zerbrechliches kleines Ziermöbel, ihr einst zum Namenstage geschenkt und
nicht geeignet gefährliche Geheimnisse zu beherbergen. Daher brauchte er
auch den Schlüsselbund nicht und die Behältnisse öffneten sich von selbst,
wie man sie nur recht berührte. In einem Schubkästchen fand er denn auch
seine eigenen Briefe und zu seinem neuen Erstaunen im andern die
Originale zu den Briefen seiner Frau, von fremder Hand, ja mit der
Unterschrift des Schulmeisters. Er besah einen nach dem andern, machte sie
auf und wieder zu und wieder auf und warf alle auf einen runden Tisch, der
im Zimmer stand. Dann zog er auch die Briefe aus seiner Reisetasche
hervor, beschaute sie auch nochmals und warf sie ebenfalls auf den Tisch;
es gab einen ganz artigen Haufen.
Dann ging er mit halb irrem Blick um den Tisch herum, hier und da mit
seinem Stock auf die Papiermasse schlagend, daß die Briefe emporflogen.
Endlich erschnappte er etwas Luft und sagte: »Kurtalwino! Kurtalwino;
fahre wohl, du schöner Traum!«
Als er noch einige Mal um den Tisch herumgegangen, stand er still,
reckte den Arm mit dem Stocke aus und fuhr fort: »Eine Buhlerin mit
glattem Gesicht und hohlem Kopfe, zu dumm, ihre Schande in Worte zu
setzen, zu unwissend, um den Buhlen mit dem kleinsten Liebesbrieflein
kitzeln zu können, und doch schlau genug zum himmelschreiendsten
Betrug, den die Sonne je gesehen! Sie nimmt die treuen, ehrlichen Ergüsse,
vorüber wieder zurück, offenbar seine Briefe zu suchen. Viggi tat als sähe
er ihn nicht und ging vorwärts.
Als er durch die Stadt zog, waren die Seldwyler verwundert über seine
starre Haltung und daß er niemand grüßte. Viggi Störteler ist zurück! hieß
es: jeder Zoll ein Mann! Potz Tausend, da geht er hin! Er aber drang
unaufhaltsam vor und in sein Haus. Dort sah er die Kellertür offen stehen,
ging hinein und sah sein Weib einige Äpfel auswählen, das Licht in der
Hand. Unversehens trat er vor sie hin, daß sie leicht erschrak und noch
etwas blasser wurde. Er bemerkte dies und betrachtete sie einen
Augenblick, sie sah ihn auch an und keines sagte ein Wort. Plötzlich nahm
er ihr das Licht aus der Hand, riß ihr den Schlüsselbund von der Seite, ging
hinaus, schloß die Kellertür zu und steckte den Schlüssel zu sich. Darauf
ging er in die Wohnstube hinauf, wo ihr Schreibtischchen stand, ein
zerbrechliches kleines Ziermöbel, ihr einst zum Namenstage geschenkt und
nicht geeignet gefährliche Geheimnisse zu beherbergen. Daher brauchte er
auch den Schlüsselbund nicht und die Behältnisse öffneten sich von selbst,
wie man sie nur recht berührte. In einem Schubkästchen fand er denn auch
seine eigenen Briefe und zu seinem neuen Erstaunen im andern die
Originale zu den Briefen seiner Frau, von fremder Hand, ja mit der
Unterschrift des Schulmeisters. Er besah einen nach dem andern, machte sie
auf und wieder zu und wieder auf und warf alle auf einen runden Tisch, der
im Zimmer stand. Dann zog er auch die Briefe aus seiner Reisetasche
hervor, beschaute sie auch nochmals und warf sie ebenfalls auf den Tisch;
es gab einen ganz artigen Haufen.
Dann ging er mit halb irrem Blick um den Tisch herum, hier und da mit
seinem Stock auf die Papiermasse schlagend, daß die Briefe emporflogen.
Endlich erschnappte er etwas Luft und sagte: »Kurtalwino! Kurtalwino;
fahre wohl, du schöner Traum!«
Als er noch einige Mal um den Tisch herumgegangen, stand er still,
reckte den Arm mit dem Stocke aus und fuhr fort: »Eine Buhlerin mit
glattem Gesicht und hohlem Kopfe, zu dumm, ihre Schande in Worte zu
setzen, zu unwissend, um den Buhlen mit dem kleinsten Liebesbrieflein
kitzeln zu können, und doch schlau genug zum himmelschreiendsten
Betrug, den die Sonne je gesehen! Sie nimmt die treuen, ehrlichen Ergüsse,
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die Briefe des Gatten, verrenkt das Geschlecht und verdreht die Namen und
traktiert damit, prunkend mit gestohlenen Federn, den betörten Genossen
ihrer Sünde! So entlockt sie ihm ähnliche Ergüsse, die in sündiger Glut
brennen, schwelgt darin, ihre Armut zehrt wie ein Vampyr am fremden
Reichtum; doch nicht genug! Sie dreht dem Geschlechte abermals das
Genick um, verwechselt abermals die Namen und betrügt mit tückischer
Seele den arglosen Gemahl mit den neuen erschlichenen Liebesbriefen, das
hohle und doch so verschmitzte Haupt abermals mit fremden Federn
schmückend! So äffen sich zwei unbekannte Männer, der echte Gatte und
der verführte Buhle, in der Luft fechtend, mit ihrem niedergeschriebenen
Herzblut; einer übertrifft den andern und wird wiederum überboten an Kraft
und Leidenschaft; jeder wähnt sich an ein holdes Weib zu richten, während
die unwissende, aber lüsterne Teufelin unsichtbar in der Mitte sitzt und ihr
höllisches Spiel treibt! O ich begreife es ganz, aber ich fasse es nicht! – Wer
jetzt als ein Fremder, Unbeteiligter diese schöne Geschichte betrachten
könnte, wahrhaftig, ich glaube, er könnte sagen, er habe einen guten Stoff
gefunden für –«
Hier brach er ab und schüttelte sich, da eine Ahnung in ihm aufging, daß
er nun selbst der Gegenstand einer förmlichen Geschichte geworden sei,
und das wollte er nicht, er wollte ein ruhiges und unangefochtenes Leben
führen. – »Wo ist meine Ruhe, meine Fröhlichkeit,« sagte er, »nur bewegt
von leichten Geschäftssorgen, die ich spielend beherrschte? Dies Weib
zerstört mir das Leben, nach wie vor; ich hielt sie für eine Gans; sie ist auch
eine, aber eine Gans mit Geierkrallen!«
Er lachte und rief: »Eine Gans mit Geierkrallen! das ist gut gesagt!
Warum fallen mir dergleichen Dinge nicht ein, wenn ich schreibe? Ich
werde noch verrückt, es muß ein Ende nehmen!«
Damit ging er hinaus, schloß das Zimmer ab und begab sich aus dem
Hause. Auf der Treppe stieß er das Dienstmädchen zur Seite, welches
verwundert und ratlos die Herrschaft suchte.
Voll von Ärger und Kummer über die verletzte Eitelkeit und Eigenliebe
ging er durch die dunkeln Straßen. Die Hauptsache, die verlorene Liebe
seiner Frau, schien ihm nicht viel Beschwerde zu machen; wenigstens aß er
ein großes Stück trefflicher Lachsforelle aus der Rathausstube, wohin er
traktiert damit, prunkend mit gestohlenen Federn, den betörten Genossen
ihrer Sünde! So entlockt sie ihm ähnliche Ergüsse, die in sündiger Glut
brennen, schwelgt darin, ihre Armut zehrt wie ein Vampyr am fremden
Reichtum; doch nicht genug! Sie dreht dem Geschlechte abermals das
Genick um, verwechselt abermals die Namen und betrügt mit tückischer
Seele den arglosen Gemahl mit den neuen erschlichenen Liebesbriefen, das
hohle und doch so verschmitzte Haupt abermals mit fremden Federn
schmückend! So äffen sich zwei unbekannte Männer, der echte Gatte und
der verführte Buhle, in der Luft fechtend, mit ihrem niedergeschriebenen
Herzblut; einer übertrifft den andern und wird wiederum überboten an Kraft
und Leidenschaft; jeder wähnt sich an ein holdes Weib zu richten, während
die unwissende, aber lüsterne Teufelin unsichtbar in der Mitte sitzt und ihr
höllisches Spiel treibt! O ich begreife es ganz, aber ich fasse es nicht! – Wer
jetzt als ein Fremder, Unbeteiligter diese schöne Geschichte betrachten
könnte, wahrhaftig, ich glaube, er könnte sagen, er habe einen guten Stoff
gefunden für –«
Hier brach er ab und schüttelte sich, da eine Ahnung in ihm aufging, daß
er nun selbst der Gegenstand einer förmlichen Geschichte geworden sei,
und das wollte er nicht, er wollte ein ruhiges und unangefochtenes Leben
führen. – »Wo ist meine Ruhe, meine Fröhlichkeit,« sagte er, »nur bewegt
von leichten Geschäftssorgen, die ich spielend beherrschte? Dies Weib
zerstört mir das Leben, nach wie vor; ich hielt sie für eine Gans; sie ist auch
eine, aber eine Gans mit Geierkrallen!«
Er lachte und rief: »Eine Gans mit Geierkrallen! das ist gut gesagt!
Warum fallen mir dergleichen Dinge nicht ein, wenn ich schreibe? Ich
werde noch verrückt, es muß ein Ende nehmen!«
Damit ging er hinaus, schloß das Zimmer ab und begab sich aus dem
Hause. Auf der Treppe stieß er das Dienstmädchen zur Seite, welches
verwundert und ratlos die Herrschaft suchte.
Voll von Ärger und Kummer über die verletzte Eitelkeit und Eigenliebe
ging er durch die dunkeln Straßen. Die Hauptsache, die verlorene Liebe
seiner Frau, schien ihm nicht viel Beschwerde zu machen; wenigstens aß er
ein großes Stück trefflicher Lachsforelle aus der Rathausstube, wohin er
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sich begab und wo die Angesehenen den Samstagabend zuzubringen und
die Nacht durchzuzechen pflegten. Dort saß er einsilbig und verwirrt, oder
er mischte sich hastig mit fremden Gegenständen ins Gespräch, und beides
zog ihm bald Sticheleien zu, da er eine ungewohnte Erscheinung war und
die Gesellschaft störte. Er trug immer noch sein neuestes Modehütchen auf
dem Kopfe, welches den Herren nicht genehm war. Denn wenn sie auch
jede Mode, sobald sie im Zuge war, alsobald mitmachten, so konnten sie
die verfrühten Erstlinge derselben nie leiden und hüteten sich überhaupt vor
dem Allzuzierlichen und Närrischen. Nun hatte jüngst einer von Paris den
Witz heimgebracht, den hohen runden Männerhut Hornbüchse (boîte à
cornes) zu nennen, welchen Ausdruck sie mit Jubel aufgriffen. Seither
sagten sie statt Deckel, Angströhre, Ofenrohr, Schlosser, Läusepfanne,
Grützmaß noli me tangere, Kübel, Witzschale, Filz und dergleichen für
jede Art Hut nur Hornbüchse, und sie benannten Viggis Kopfbedeckung
demgemäß ein artiges Hornbüchschen und meinten, seine Hörnchen müßten
noch ganz jung, zart und klein sein, ansonst er eine festere Büchse brauchte.
Er glaubte, sein Unglück sei also stadtbekannt und sie zielten schnurstracks
auf das, was ihn dermal bewege; er spitzte die Ohren, stichelte wieder, um
sie zu mehrerem Schwatzen zu verleiten, und hielt mehrere Stunden einen
peinlichen Krieg aus, ganz allein gegen die ganze Ratsstube, ohne daß
etwas Mehreres herauskam, als daß er sich im Zorne betrank und höchst
unglückselig wurde. Als er kein anderes Ziel erreichte, gab er ihnen endlich
klar zu verstehen, daß er sie samt und sonders für Lumpenkerle halte,
worauf sie ihn, nun selber höchlich aufgebracht, hinausfuhrwerkten. Er
rückte sich sein armes mißhandeltes Hütchen zurecht und torkelte bitterlich
weinend nach seinem Hause, legte sich zu Bett und schlief wie ein
Murmeltier, bis es zur Kirche läutete, und er würde noch lange geschlafen
haben, wenn ihn nicht Knecht und Magd geweckt hätten mit der Frage und
Klage nach der Hausfrau. Da stellten sich ihm alle Erfahrungen des letzten
Tages plötzlich dar, verzerrt und vergrößert durch die Verwirrung seines
Kopfes; in fürchterlichem Zorn und mit wilden Gebärden raffte er sich auf,
rieb sich aber dann die Stirn und besann sich, bis ihm der Kellerschlüssel
einfiel. Es war ihm zu Mut, als ob er seine Frau schon seit Wochen
eingesperrt hätte, so sehr war er aus dem Häuschen; aber das dünkte ihn nur
desto wichtiger und großartiger, und er eilte mit rollenden Augen, das
Gericht zu Ende zu bringen. Er öffnete den Keller, in welchem Gritli
totenblaß und erfroren auf einem alten Schemel saß. Sie hatte sich bisher
die Nacht durchzuzechen pflegten. Dort saß er einsilbig und verwirrt, oder
er mischte sich hastig mit fremden Gegenständen ins Gespräch, und beides
zog ihm bald Sticheleien zu, da er eine ungewohnte Erscheinung war und
die Gesellschaft störte. Er trug immer noch sein neuestes Modehütchen auf
dem Kopfe, welches den Herren nicht genehm war. Denn wenn sie auch
jede Mode, sobald sie im Zuge war, alsobald mitmachten, so konnten sie
die verfrühten Erstlinge derselben nie leiden und hüteten sich überhaupt vor
dem Allzuzierlichen und Närrischen. Nun hatte jüngst einer von Paris den
Witz heimgebracht, den hohen runden Männerhut Hornbüchse (boîte à
cornes) zu nennen, welchen Ausdruck sie mit Jubel aufgriffen. Seither
sagten sie statt Deckel, Angströhre, Ofenrohr, Schlosser, Läusepfanne,
Grützmaß noli me tangere, Kübel, Witzschale, Filz und dergleichen für
jede Art Hut nur Hornbüchse, und sie benannten Viggis Kopfbedeckung
demgemäß ein artiges Hornbüchschen und meinten, seine Hörnchen müßten
noch ganz jung, zart und klein sein, ansonst er eine festere Büchse brauchte.
Er glaubte, sein Unglück sei also stadtbekannt und sie zielten schnurstracks
auf das, was ihn dermal bewege; er spitzte die Ohren, stichelte wieder, um
sie zu mehrerem Schwatzen zu verleiten, und hielt mehrere Stunden einen
peinlichen Krieg aus, ganz allein gegen die ganze Ratsstube, ohne daß
etwas Mehreres herauskam, als daß er sich im Zorne betrank und höchst
unglückselig wurde. Als er kein anderes Ziel erreichte, gab er ihnen endlich
klar zu verstehen, daß er sie samt und sonders für Lumpenkerle halte,
worauf sie ihn, nun selber höchlich aufgebracht, hinausfuhrwerkten. Er
rückte sich sein armes mißhandeltes Hütchen zurecht und torkelte bitterlich
weinend nach seinem Hause, legte sich zu Bett und schlief wie ein
Murmeltier, bis es zur Kirche läutete, und er würde noch lange geschlafen
haben, wenn ihn nicht Knecht und Magd geweckt hätten mit der Frage und
Klage nach der Hausfrau. Da stellten sich ihm alle Erfahrungen des letzten
Tages plötzlich dar, verzerrt und vergrößert durch die Verwirrung seines
Kopfes; in fürchterlichem Zorn und mit wilden Gebärden raffte er sich auf,
rieb sich aber dann die Stirn und besann sich, bis ihm der Kellerschlüssel
einfiel. Es war ihm zu Mut, als ob er seine Frau schon seit Wochen
eingesperrt hätte, so sehr war er aus dem Häuschen; aber das dünkte ihn nur
desto wichtiger und großartiger, und er eilte mit rollenden Augen, das
Gericht zu Ende zu bringen. Er öffnete den Keller, in welchem Gritli
totenblaß und erfroren auf einem alten Schemel saß. Sie hatte sich bisher
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ruhig und still verhalten in der Hoffnung, der Mann werde ohne Zeugen
kommen und aufmachen, und sie könne alsdann mit ihm reden; denn bei
seinem ersten unerwarteten Anblicke hatte sie gefühlt, daß er ihres
Mißgriffs mit den Briefen bereits inne geworden, ohne daß sie erraten
konnte, auf welchem Wege. Wie sie seiner daher nun ansichtig wurde, stand
sie auf, ergriff seine Hand und wollte ihn beschwören, nur einige Minuten
zuzuhören; doch da sie sah, daß die Dienstboten hinter ihm standen, konnte
sie nichts sagen, und überdies nahm er sie sofort beim Arme und führte sie
unsanft mit den Worten auf die Gasse hinaus: »Hiermit verstoße und
verjage ich dich, verbrecherisches Weib! und nie mehr wirst du diese
Schwelle betreten!«
Worauf er die Haustür zuschlug und seine Leute barsch an ihre Geschäfte
wies.
Hierauf begab er sich, da seine Munterkeit bereits erschöpft war, wieder
ins Bett und schlief abermals wie ein Ratz bis in den Nachmittag hinein.
Vor dem Hause hatte sich schon seit einer Stunde ein Häufchen
Nachbarweiber gesammelt, welche die Ausgestoßene neugierig umgaben
und mit Lamentieren auf jedem Schritte begleiteten. Sie glaubte vor
Erschöpfung, Scham und Verwirrung in die Erde zu sinken, wagte nicht
aufzusehen und wandte sich unschlüssig bald auf diese, bald auf jene Seite;
denn sie hatte keine Eltern oder Verwandte mehr zu Seldwyla,
ausgenommen eine alte Base, welche ihr endlich einfiel. Sie schlug den
Weg nach der Wohnung derselben ein und erreichte sie, ohne die vielen
Kirchgänger zu sehen, durch welche sie hindurch mußte; es herrschte bei
einem Teil der Einwohner gerade wieder eine stärkere religiöse Strömung,
welche jedoch nicht hinderte, daß nicht einige vom Wege zum Tempel
Gottes abschweiften und mit dem Kirchenbuche in der Hand der irrenden
Frau nachliefen.
Gritli wurde übrigens von der Alten gut und sorglich aufgenommen.
Nachdem sie sich etwas erholt, fing sie heftig an zu schluchzen, und als
auch dies vorüber war, schwur sie, nie mehr in das Haus Viggi Störtelers
zurückzukehren, und die Base, schnell beraten, ließ noch am gleichen Tage
Gritlis notwendigste Sachen bei ihm abholen.
kommen und aufmachen, und sie könne alsdann mit ihm reden; denn bei
seinem ersten unerwarteten Anblicke hatte sie gefühlt, daß er ihres
Mißgriffs mit den Briefen bereits inne geworden, ohne daß sie erraten
konnte, auf welchem Wege. Wie sie seiner daher nun ansichtig wurde, stand
sie auf, ergriff seine Hand und wollte ihn beschwören, nur einige Minuten
zuzuhören; doch da sie sah, daß die Dienstboten hinter ihm standen, konnte
sie nichts sagen, und überdies nahm er sie sofort beim Arme und führte sie
unsanft mit den Worten auf die Gasse hinaus: »Hiermit verstoße und
verjage ich dich, verbrecherisches Weib! und nie mehr wirst du diese
Schwelle betreten!«
Worauf er die Haustür zuschlug und seine Leute barsch an ihre Geschäfte
wies.
Hierauf begab er sich, da seine Munterkeit bereits erschöpft war, wieder
ins Bett und schlief abermals wie ein Ratz bis in den Nachmittag hinein.
Vor dem Hause hatte sich schon seit einer Stunde ein Häufchen
Nachbarweiber gesammelt, welche die Ausgestoßene neugierig umgaben
und mit Lamentieren auf jedem Schritte begleiteten. Sie glaubte vor
Erschöpfung, Scham und Verwirrung in die Erde zu sinken, wagte nicht
aufzusehen und wandte sich unschlüssig bald auf diese, bald auf jene Seite;
denn sie hatte keine Eltern oder Verwandte mehr zu Seldwyla,
ausgenommen eine alte Base, welche ihr endlich einfiel. Sie schlug den
Weg nach der Wohnung derselben ein und erreichte sie, ohne die vielen
Kirchgänger zu sehen, durch welche sie hindurch mußte; es herrschte bei
einem Teil der Einwohner gerade wieder eine stärkere religiöse Strömung,
welche jedoch nicht hinderte, daß nicht einige vom Wege zum Tempel
Gottes abschweiften und mit dem Kirchenbuche in der Hand der irrenden
Frau nachliefen.
Gritli wurde übrigens von der Alten gut und sorglich aufgenommen.
Nachdem sie sich etwas erholt, fing sie heftig an zu schluchzen, und als
auch dies vorüber war, schwur sie, nie mehr in das Haus Viggi Störtelers
zurückzukehren, und die Base, schnell beraten, ließ noch am gleichen Tage
Gritlis notwendigste Sachen bei ihm abholen.
Page 107
Als er endlich ausgeschlafen hatte, fühlte er einen gewaltigen Hunger
und wollte sich stracks zu Tisch setzen; doch die ratlose Magd hielt nichts
bereit und statt mit dem Essen war der Tisch noch mit dem Briefwechsel
zweier Zeitgenossen gedeckt. Er tobte aufs neue, befahl sogleich zu kochen,
was das Haus vermöchte, und verschloß die Briefe bis auf weiteres in sein
Pult. Nachdem er gegessen, war er endlich etwas beruhigt und begann
seiner Einsamkeit inne zu werden, und erst jetzt wurde es ihm unheimlich;
denn nach den Vorfällen der letzten Nacht konnte er nicht einmal Zuflucht
in der Gesellschaft seiner Mitbürger suchen. Als vollends eine Person kam
und er das lieblich duftende Zeug seiner Frau aus den Schränken
herausgeben mußte, liefen ihm die Augen über, und er wünschte beinahe,
daß sie noch da wäre, und überlegte, ob sich die Übeltat nicht vielleicht
verzeihen ließe nach genauerer Prüfung.
Er wartete daher zwei Tage, ob sie nichts von sich hören ließe, und als sie
das nicht tat, begab er sich zum Stadtpfarrer, um die Scheidung anhängig zu
machen. Über den Versöhnungsversuchen, welche der geistlichen Behörde
oblagen, dachte er, werde sich das Ding vielleicht aufklären. Er war aber
sehr verwundert, als er vernahm, daß Gritli in gleicher Sache soeben
dagewesen sei, und als ihm der Pfarrer bereits mitteilen konnte, wie es mit
den Briefen zugegangen sei, wie Gritli ihren Fehlgriff einsehe, denselben
aber für abgebüßt halte und wegen des Überschusses an Strafe und
sonstiger unvernünftiger Behandlung sich von ihm zu trennen wünsche.
Er hielt diese Erzählung für Flausen und gedachte die Sünderin schon
noch herumzubringen, ließ also der Sache ihren Lauf. Als er nach Hause
kam, fand er einen Brief vor von einer Dame namens Kätter Ambach. Es
war dies ein Fräulein von sechs- bis achtunddreißig Jahren, welche seit
ihrem vierzehnten Jahre auf allen Liebhaberbühnen zu Seldwyla, so oft
deren errichtet worden, die erste Liebhaberin gespielt hatte, und zwar nicht
wegen ihrer schönen Gestalt, sondern wegen ihres höhern Geistes und ihrer
kecken Vordringlichkeit. Denn was ihre Gestalt betraf, so besaß sie einen
sehr langen hohen Rumpf, der auf zwei der allerkürzesten Beinen
einherging, so daß ihre Taille nur um ein Drittel der ganzen Gestalt über der
Erde schwebte. Ferner hatte sie einen unverhältnismäßigen Unterkiefer, mit
welchem sie beträchtliche Gaben von Fleisch und Brot zermalmen konnte,
der aber ihr Gesicht zum größten Teile in Kinn verwandelte, so daß dieses
wie ein ungeheurer Sockel aussah, auf welchem ein ganz kleines Häuschen
und wollte sich stracks zu Tisch setzen; doch die ratlose Magd hielt nichts
bereit und statt mit dem Essen war der Tisch noch mit dem Briefwechsel
zweier Zeitgenossen gedeckt. Er tobte aufs neue, befahl sogleich zu kochen,
was das Haus vermöchte, und verschloß die Briefe bis auf weiteres in sein
Pult. Nachdem er gegessen, war er endlich etwas beruhigt und begann
seiner Einsamkeit inne zu werden, und erst jetzt wurde es ihm unheimlich;
denn nach den Vorfällen der letzten Nacht konnte er nicht einmal Zuflucht
in der Gesellschaft seiner Mitbürger suchen. Als vollends eine Person kam
und er das lieblich duftende Zeug seiner Frau aus den Schränken
herausgeben mußte, liefen ihm die Augen über, und er wünschte beinahe,
daß sie noch da wäre, und überlegte, ob sich die Übeltat nicht vielleicht
verzeihen ließe nach genauerer Prüfung.
Er wartete daher zwei Tage, ob sie nichts von sich hören ließe, und als sie
das nicht tat, begab er sich zum Stadtpfarrer, um die Scheidung anhängig zu
machen. Über den Versöhnungsversuchen, welche der geistlichen Behörde
oblagen, dachte er, werde sich das Ding vielleicht aufklären. Er war aber
sehr verwundert, als er vernahm, daß Gritli in gleicher Sache soeben
dagewesen sei, und als ihm der Pfarrer bereits mitteilen konnte, wie es mit
den Briefen zugegangen sei, wie Gritli ihren Fehlgriff einsehe, denselben
aber für abgebüßt halte und wegen des Überschusses an Strafe und
sonstiger unvernünftiger Behandlung sich von ihm zu trennen wünsche.
Er hielt diese Erzählung für Flausen und gedachte die Sünderin schon
noch herumzubringen, ließ also der Sache ihren Lauf. Als er nach Hause
kam, fand er einen Brief vor von einer Dame namens Kätter Ambach. Es
war dies ein Fräulein von sechs- bis achtunddreißig Jahren, welche seit
ihrem vierzehnten Jahre auf allen Liebhaberbühnen zu Seldwyla, so oft
deren errichtet worden, die erste Liebhaberin gespielt hatte, und zwar nicht
wegen ihrer schönen Gestalt, sondern wegen ihres höhern Geistes und ihrer
kecken Vordringlichkeit. Denn was ihre Gestalt betraf, so besaß sie einen
sehr langen hohen Rumpf, der auf zwei der allerkürzesten Beinen
einherging, so daß ihre Taille nur um ein Drittel der ganzen Gestalt über der
Erde schwebte. Ferner hatte sie einen unverhältnismäßigen Unterkiefer, mit
welchem sie beträchtliche Gaben von Fleisch und Brot zermalmen konnte,
der aber ihr Gesicht zum größten Teile in Kinn verwandelte, so daß dieses
wie ein ungeheurer Sockel aussah, auf welchem ein ganz kleines Häuschen
Page 108
ruhte mit einer engen Kuppel und einem winzigen Erkerlein, nämlich der
Nase, welche sich vor der vorherrschenden Kinnmasse wie zerschmettert
zurückzog. Auf jeder Seite des Gesichts hing eine lange einzelne Locke
weit herunter, während am Hinterhaupte ein dünnes Rattenschwänzchen
sich ringelte und mit seiner äußersten Spitze stets dem Kamme und der
Nadel zu entfliehen trachtete. Denn steckte man eine Nadel hindurch, so
ging es auseinander und spaltete sich in eine Schlangenzunge, und zwischen
den engsten Kammzähnen schlüpfte es hindurch, hast du nicht gesehen!
Was ihren Geist betrifft, so war er, wie schon gesagt, ein höherer, was
man alsobald aus ihrem Schreiben ersehen wird, welches Viggi zu Hause
fand:
»Edler Mann!
Es gibt Lagen, welche uns die Rücksichten der beschränkten Alltagswelt
vergessen lassen und selbst dem zarteren Weibe den Mut geben, ja die
Pflicht auferlegen, aus sich herauszutreten und seine edelste Teilnahme
offen dahin zu wenden, wo verkannte und mißhandelte Männergröße sich in
unverdienten Leiden verzehrt. In einer solchen Lage scheine ich
Endesunterzogene mich zu befinden, und über alle kleinlichen Bedenken
erhaben durch meine Weltkenntnis wie durch meine Bildung, wage ich es
daher, mich in der edelsten Absicht Ihnen zu nähern, geehrter Herr! und
Ihnen freimütig diejenigen Dienste anzubieten, welche Ihr Unglück
vielleicht hindern können! Längst habe ich die Blüten Ihres Geisteslebens
im stillen bewundert und umso inniger in mich aufgenommen, als ich
darüber trauerte, daß ein Mann wie Sie so unverstanden und einsam in
dieser barbarischen Gegend bleiben muß. Umso vertrauter und glücklicher,
dachte ich, muß er im Allerheiligsten seiner Häuslichkeit, an der Seite einer
seelenvollen Gattin sich fühlen! Nun steht auch Ihr Haus verödet, eine
peinliche Kunde durchschweift unsere Stadt – verzeihen Sie, wenn ich hier
den Schleier edler Weiblichkeit vorziehe! Um es kurz zu sagen: sollten Sie
in ihrer jetzigen Verlassenheit der Teilnahme eines mitfühlenden Herzens,
des ordnenden Rates und der Tat einer sorglichen weiblichen Hand
irgendwie bedürfen, so würde ich Sie bitten, mir die Freude zu machen und
ganz ungeniert über meine Zeit und meine Kräfte zu verfügen; denn ich bin
durchaus unabhängig in der Verwendung meiner Muße und könnte täglich
leicht das ein und andere Stündchen ihren Angelegenheiten widmen.
Nase, welche sich vor der vorherrschenden Kinnmasse wie zerschmettert
zurückzog. Auf jeder Seite des Gesichts hing eine lange einzelne Locke
weit herunter, während am Hinterhaupte ein dünnes Rattenschwänzchen
sich ringelte und mit seiner äußersten Spitze stets dem Kamme und der
Nadel zu entfliehen trachtete. Denn steckte man eine Nadel hindurch, so
ging es auseinander und spaltete sich in eine Schlangenzunge, und zwischen
den engsten Kammzähnen schlüpfte es hindurch, hast du nicht gesehen!
Was ihren Geist betrifft, so war er, wie schon gesagt, ein höherer, was
man alsobald aus ihrem Schreiben ersehen wird, welches Viggi zu Hause
fand:
»Edler Mann!
Es gibt Lagen, welche uns die Rücksichten der beschränkten Alltagswelt
vergessen lassen und selbst dem zarteren Weibe den Mut geben, ja die
Pflicht auferlegen, aus sich herauszutreten und seine edelste Teilnahme
offen dahin zu wenden, wo verkannte und mißhandelte Männergröße sich in
unverdienten Leiden verzehrt. In einer solchen Lage scheine ich
Endesunterzogene mich zu befinden, und über alle kleinlichen Bedenken
erhaben durch meine Weltkenntnis wie durch meine Bildung, wage ich es
daher, mich in der edelsten Absicht Ihnen zu nähern, geehrter Herr! und
Ihnen freimütig diejenigen Dienste anzubieten, welche Ihr Unglück
vielleicht hindern können! Längst habe ich die Blüten Ihres Geisteslebens
im stillen bewundert und umso inniger in mich aufgenommen, als ich
darüber trauerte, daß ein Mann wie Sie so unverstanden und einsam in
dieser barbarischen Gegend bleiben muß. Umso vertrauter und glücklicher,
dachte ich, muß er im Allerheiligsten seiner Häuslichkeit, an der Seite einer
seelenvollen Gattin sich fühlen! Nun steht auch Ihr Haus verödet, eine
peinliche Kunde durchschweift unsere Stadt – verzeihen Sie, wenn ich hier
den Schleier edler Weiblichkeit vorziehe! Um es kurz zu sagen: sollten Sie
in ihrer jetzigen Verlassenheit der Teilnahme eines mitfühlenden Herzens,
des ordnenden Rates und der Tat einer sorglichen weiblichen Hand
irgendwie bedürfen, so würde ich Sie bitten, mir die Freude zu machen und
ganz ungeniert über meine Zeit und meine Kräfte zu verfügen; denn ich bin
durchaus unabhängig in der Verwendung meiner Muße und könnte täglich
leicht das ein und andere Stündchen ihren Angelegenheiten widmen.
Page 109
Gewiß, wenn auch Ihr starker Geist keiner erleichternden Mitteilung bedarf,
so ist dafür Ihr Haushalt dann und wann der vorsorgenden Aufsicht umso
bedürftiger; das weiß der sichere Takt gebildeter Frauen noch besser, als der
rohe Instinkt jener platten Weiber es ahnt, und so werde ich mir es nicht
nehmen lassen, heute oder morgen persönlich an Ihrem verwaisten Herde
zu erscheinen, um Ihre etwaigen Wünsche und Bedürfnisse
entgegenzunehmen. Sobald Ihre Verhältnisse wieder glücklicher geordnet
sind, werde ich mich mit der edelsten Uneigennützigkeit sogleich
zurückziehen in die geweihte Stille meines Arbeitszimmers.
Genehmigen Sie die herzlichste Versicherung der aufrichtigsten
Hochachtung, womit ich mich zeichne
Ihre ergebenste Käthchen
Ambach.«
Als Viggi diesen Brief gelesen, beschlich ihn eine sehr gemischte
Empfindung. Er war wie alle Welt gewohnt gewesen, über die Kätter zu
lachen, und hegte nicht die angenehmsten Vorstellungen von ihrem Äußern.
Und doch war es ihm, als ob er schon lange nur auf einen solchen Brief
gewartet habe, als ob hier eine Stimme aus einer besseren Welt sich hören
ließe, als ob hier ein verständnisvolles Gemüt sich vor ihm enthülle. Indem
er so darüber brütete, erschien Kätter selbst.
Sie trug ein Kleid von schwarzem Baumwollsammet, einen roten Schal
und ein rundes graues Hütchen mit einer Feder. Diese Erscheinung bestach
ihn plötzlich, und als sie nun ihm schweigend die Hand gab und ihn mit
einem wehmütig tröstenden Blick ansah, da vergaß er vollends, daß er
jemals über diese Person gelacht; vielmehr fand er sich sogleich trefflich in
die Weise hinein.
Die Unterredung, welche zwischen diesen beiden Geistern nun erfolgte,
ist nicht zu beschreiben; genug, als sie zu Ende war, fühlte Viggi sich
getröstet und durchaus für Kätter eingenommen. Am meisten hatte sie ihn
gerührt, als er ihr die Geschichte mit den Briefen erzählte und den ganzen
Haufen vorwies. Sie hatte kein Wort erwidert, sondern nur geseufzt und
einige stille Tränen vergossen, und zwar ziemlich aufrichtig, weil sie
bedachte, wie viel weiser und geschickter sie für eine solch’ glückliche
so ist dafür Ihr Haushalt dann und wann der vorsorgenden Aufsicht umso
bedürftiger; das weiß der sichere Takt gebildeter Frauen noch besser, als der
rohe Instinkt jener platten Weiber es ahnt, und so werde ich mir es nicht
nehmen lassen, heute oder morgen persönlich an Ihrem verwaisten Herde
zu erscheinen, um Ihre etwaigen Wünsche und Bedürfnisse
entgegenzunehmen. Sobald Ihre Verhältnisse wieder glücklicher geordnet
sind, werde ich mich mit der edelsten Uneigennützigkeit sogleich
zurückziehen in die geweihte Stille meines Arbeitszimmers.
Genehmigen Sie die herzlichste Versicherung der aufrichtigsten
Hochachtung, womit ich mich zeichne
Ihre ergebenste Käthchen
Ambach.«
Als Viggi diesen Brief gelesen, beschlich ihn eine sehr gemischte
Empfindung. Er war wie alle Welt gewohnt gewesen, über die Kätter zu
lachen, und hegte nicht die angenehmsten Vorstellungen von ihrem Äußern.
Und doch war es ihm, als ob er schon lange nur auf einen solchen Brief
gewartet habe, als ob hier eine Stimme aus einer besseren Welt sich hören
ließe, als ob hier ein verständnisvolles Gemüt sich vor ihm enthülle. Indem
er so darüber brütete, erschien Kätter selbst.
Sie trug ein Kleid von schwarzem Baumwollsammet, einen roten Schal
und ein rundes graues Hütchen mit einer Feder. Diese Erscheinung bestach
ihn plötzlich, und als sie nun ihm schweigend die Hand gab und ihn mit
einem wehmütig tröstenden Blick ansah, da vergaß er vollends, daß er
jemals über diese Person gelacht; vielmehr fand er sich sogleich trefflich in
die Weise hinein.
Die Unterredung, welche zwischen diesen beiden Geistern nun erfolgte,
ist nicht zu beschreiben; genug, als sie zu Ende war, fühlte Viggi sich
getröstet und durchaus für Kätter eingenommen. Am meisten hatte sie ihn
gerührt, als er ihr die Geschichte mit den Briefen erzählte und den ganzen
Haufen vorwies. Sie hatte kein Wort erwidert, sondern nur geseufzt und
einige stille Tränen vergossen, und zwar ziemlich aufrichtig, weil sie
bedachte, wie viel weiser und geschickter sie für eine solch’ glückliche
Page 110
Stellung eingerichtet gewesen wäre: denn sie schrieb für ihr Leben gern
Briefe.
Zum Schlusse stellte sie mit der Magd ein Verhör an, besichtigte die
Küche, gab einige überflüssige Anweisungen und stieg endlich, das Kleid
aufnehmend, mit großen Umständen und laut sprechend die geräumige
Treppe hinunter, welche ihr, verglichen mit ihrer Hühnerstiege zu Hause,
ausnehmend wohl gefiel. Der angehende Witwer begleitete sie bis auf die
Straße, und es fand ein gespreizter und ansehnlicher Abschied statt.
»Berg und Tal kommen nicht zusammen, aber die Leut’!« sagte ein
Seldwyler, der eben vorbeiging und den stattlichen Auftritt besah.
Der Unglücklichste von allen war Wilhelm, der Schulmeister. Er hatte
sich halbwegs ein Herz gefaßt und gesucht, mit Frau Gritli zu sprechen;
allein es mißlang ihm gänzlich, da sie sich nirgends blicken und nichts von
sich hören ließ. Da schrieb er einen Brief an sie, in welchem er den Hergang
mit seiner Brieftasche erzählte und sie um Aufschluß bat, wie er sich zu
ihrem Besten zu verhalten habe? Weiter wagte er nichts mehr zu schreiben,
als daß er alles tun wolle, was sie für gut erachte. Diesen Brief trug er
mehrere Stunden weit auf die Post und erhielt darauf nur wenige Zeilen zur
Antwort, des Inhalts: Er solle sich ganz ruhig verhalten, bis er gerichtlich
befragt würde; dann solle er sagen, was er wüßte, nicht mehr und nicht
weniger, nämlich er habe auf ihren Wunsch die Antworten auf die ihm
mitgeteilten Briefe geschrieben.
So sich selbst überlassen, von allerlei Gerüchten gequält und in voller
Ungewißheit, was alles das zu bedeuten habe, getraute er sich nicht einmal
mehr vor seine Türe hinaus, um sein Gärtchen zu besorgen, und der rüstige
Briefsteller empfand nun eine nicht unverdiente Furcht vor allem, was in
dem Hause des Nachbar Viggi lebte und webte.
Während so die beschuldigten Sündersleute sich niemals sahen, lebten
Störteler und die Kätter bald im vertrautesten Umgange. Sie besuchte
täglich zweimal sein Haus und gab sich in der ganzen Stadt das Ansehen,
als ob sie aus reiner Aufopferung den Mann aus den traurigsten Zuständen,
wenigstens aus dem Gröbsten, erretten müßte. Dabei schilderte sie, wo sie
hinkam, die von Gritli hinterlassene Ordnung als die schlimmste, kehrte
auch richtig in Viggis Hause das Unterste zu oberst, indem sie alle Möbeln
Briefe.
Zum Schlusse stellte sie mit der Magd ein Verhör an, besichtigte die
Küche, gab einige überflüssige Anweisungen und stieg endlich, das Kleid
aufnehmend, mit großen Umständen und laut sprechend die geräumige
Treppe hinunter, welche ihr, verglichen mit ihrer Hühnerstiege zu Hause,
ausnehmend wohl gefiel. Der angehende Witwer begleitete sie bis auf die
Straße, und es fand ein gespreizter und ansehnlicher Abschied statt.
»Berg und Tal kommen nicht zusammen, aber die Leut’!« sagte ein
Seldwyler, der eben vorbeiging und den stattlichen Auftritt besah.
Der Unglücklichste von allen war Wilhelm, der Schulmeister. Er hatte
sich halbwegs ein Herz gefaßt und gesucht, mit Frau Gritli zu sprechen;
allein es mißlang ihm gänzlich, da sie sich nirgends blicken und nichts von
sich hören ließ. Da schrieb er einen Brief an sie, in welchem er den Hergang
mit seiner Brieftasche erzählte und sie um Aufschluß bat, wie er sich zu
ihrem Besten zu verhalten habe? Weiter wagte er nichts mehr zu schreiben,
als daß er alles tun wolle, was sie für gut erachte. Diesen Brief trug er
mehrere Stunden weit auf die Post und erhielt darauf nur wenige Zeilen zur
Antwort, des Inhalts: Er solle sich ganz ruhig verhalten, bis er gerichtlich
befragt würde; dann solle er sagen, was er wüßte, nicht mehr und nicht
weniger, nämlich er habe auf ihren Wunsch die Antworten auf die ihm
mitgeteilten Briefe geschrieben.
So sich selbst überlassen, von allerlei Gerüchten gequält und in voller
Ungewißheit, was alles das zu bedeuten habe, getraute er sich nicht einmal
mehr vor seine Türe hinaus, um sein Gärtchen zu besorgen, und der rüstige
Briefsteller empfand nun eine nicht unverdiente Furcht vor allem, was in
dem Hause des Nachbar Viggi lebte und webte.
Während so die beschuldigten Sündersleute sich niemals sahen, lebten
Störteler und die Kätter bald im vertrautesten Umgange. Sie besuchte
täglich zweimal sein Haus und gab sich in der ganzen Stadt das Ansehen,
als ob sie aus reiner Aufopferung den Mann aus den traurigsten Zuständen,
wenigstens aus dem Gröbsten, erretten müßte. Dabei schilderte sie, wo sie
hinkam, die von Gritli hinterlassene Ordnung als die schlimmste, kehrte
auch richtig in Viggis Hause das Unterste zu oberst, indem sie alle Möbeln
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anders stellte, in alle Ecken Efeuranken anbrachte, die schönen Vorhänge
zerschnitt und wunderliche gezackte Fähnchen daraus machte. Unter dem
Vorwande des Ordnungschaffens leerte sie alle Schränke aus und wühlte
besonders in Gritlis stattlicher Aussteuer herum, die noch im Hause war.
Auch kommandierte sie die Küche; Viggi war erstaunt und erfreut, immer
frisches Fleisch zu genießen und nie aufgewärmtes Gemüse zu sehen; denn
Kätter aß in der Küche das kalte Fleisch mit großen Stücken Brot, und
wenn nichts anderes da war, so tat sie die Fettscheiben von der Bratenbrühe
auf das Brot. Ebenso aß sie halbe Schüsseln voll kalter Bohnen, Kohlrabi
und Kartoffeln, und sechs große Töpfe, welche Gritli noch mit
eingemachten Früchten gefüllt, hatte sie in weniger als vier Wochen
ausgehöhlt, aber auch vollkommen. Nach diesen Taten setzte sie sich auf
ein Stündchen zu Viggi, tröstete ihn, las mit ihm seine Arbeiten durch,
schwärmte mit ihm und wußte ihn gegen seine Frau aufzustacheln, ohne
den Anschein zu haben, und endlich packte sie noch sein neuestes
Schriftstellerwerk ein, um es die Nacht durchzustudieren. Überdies
schleppte sie lernbegierig von seinen Büchern nach Hause, was sie unter
den Arm fassen konnte, las aber dort nur die kurzweiligsten Sachen daraus,
wie Kinder, welche die Rosinen aus dem Kuchen klauben.
Unter diesen Umständen war es nicht zu verwundern, wenn die
Schlichtungsversuche der Behörden keinen Erfolg hatten und der
Endprozeß der Scheidung endlich heranrückte. Frau Gritli wurde nicht im
mindesten geschont, indem eine ziemliche Anzahl Zeugen, deren
Auffindung Kätter Ambach betrieben hatte, vernommen wurden. Auch
Wilhelm wurde wiederholt verhört, aber alles dies ergab nichts, was die
beiden Übeltäter belästigen konnte. Nur ein Kind hatte mehrmals die Briefe
in die Hecke tun oder daraus nehmen sehen; aber dieser briefliche Verkehr
wurde von Gritli und Wilhelm selbst eingestanden.
So erschien denn der große Gerichtstag, und Viggi hielt eine strenge und
beredte Anklage. Er schilderte auf das anmutigste sein edles, geistiges
Streben, wie er mit heiliger Mühe gesucht habe, seine Gattin an demselben
teilnehmen zu lassen und jene Harmonie in der Gesinnung zu erringen,
ohne welche ein glückliches Ehebündnis unmöglich sei; wie sie aber erst
durch eigensinniges Verharren in der Unwissenheit und Geistesträgheit ihm
das Leben verbittert, dann durch schlaue Verstellung ihn getäuscht und
endlich wegen seiner mühevollen Geschäftsreisen, die er sich durch einen
zerschnitt und wunderliche gezackte Fähnchen daraus machte. Unter dem
Vorwande des Ordnungschaffens leerte sie alle Schränke aus und wühlte
besonders in Gritlis stattlicher Aussteuer herum, die noch im Hause war.
Auch kommandierte sie die Küche; Viggi war erstaunt und erfreut, immer
frisches Fleisch zu genießen und nie aufgewärmtes Gemüse zu sehen; denn
Kätter aß in der Küche das kalte Fleisch mit großen Stücken Brot, und
wenn nichts anderes da war, so tat sie die Fettscheiben von der Bratenbrühe
auf das Brot. Ebenso aß sie halbe Schüsseln voll kalter Bohnen, Kohlrabi
und Kartoffeln, und sechs große Töpfe, welche Gritli noch mit
eingemachten Früchten gefüllt, hatte sie in weniger als vier Wochen
ausgehöhlt, aber auch vollkommen. Nach diesen Taten setzte sie sich auf
ein Stündchen zu Viggi, tröstete ihn, las mit ihm seine Arbeiten durch,
schwärmte mit ihm und wußte ihn gegen seine Frau aufzustacheln, ohne
den Anschein zu haben, und endlich packte sie noch sein neuestes
Schriftstellerwerk ein, um es die Nacht durchzustudieren. Überdies
schleppte sie lernbegierig von seinen Büchern nach Hause, was sie unter
den Arm fassen konnte, las aber dort nur die kurzweiligsten Sachen daraus,
wie Kinder, welche die Rosinen aus dem Kuchen klauben.
Unter diesen Umständen war es nicht zu verwundern, wenn die
Schlichtungsversuche der Behörden keinen Erfolg hatten und der
Endprozeß der Scheidung endlich heranrückte. Frau Gritli wurde nicht im
mindesten geschont, indem eine ziemliche Anzahl Zeugen, deren
Auffindung Kätter Ambach betrieben hatte, vernommen wurden. Auch
Wilhelm wurde wiederholt verhört, aber alles dies ergab nichts, was die
beiden Übeltäter belästigen konnte. Nur ein Kind hatte mehrmals die Briefe
in die Hecke tun oder daraus nehmen sehen; aber dieser briefliche Verkehr
wurde von Gritli und Wilhelm selbst eingestanden.
So erschien denn der große Gerichtstag, und Viggi hielt eine strenge und
beredte Anklage. Er schilderte auf das anmutigste sein edles, geistiges
Streben, wie er mit heiliger Mühe gesucht habe, seine Gattin an demselben
teilnehmen zu lassen und jene Harmonie in der Gesinnung zu erringen,
ohne welche ein glückliches Ehebündnis unmöglich sei; wie sie aber erst
durch eigensinniges Verharren in der Unwissenheit und Geistesträgheit ihm
das Leben verbittert, dann durch schlaue Verstellung ihn getäuscht und
endlich wegen seiner mühevollen Geschäftsreisen, die er sich durch einen
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innigen und gebildeten Briefwechsel mit der Gattin habe erleichtern und
erheitern wollen, zum förmlichsten Treubruch geschritten sei und die
empörendste Komödie mit dem vertrauensseligen Gatten gespielt habe! Er
überlasse zutrauensvoll den Richtern, zu beurteilen, ob das fernere
Zusammenleben mit einer solchen mit Geierkrallen bewaffneten Gans
möglich sei!
Mit diesem schimpflichen Trumpf, den er sich nicht versagen konnte,
schloß er seinen Vortrag. Ein allgemeines leises Gelächter erfolgte darauf;
die gekränkte Frau verhüllte ihr Gesicht einige Augenblicke und weinte.
Doch dann erhob sie sich und verteidigte sich mit einer Entrüstung und mit
einer Beredsamkeit, welche ihren eiteln Mann sogleich in Erstaunen setzte
und in die größte Beschämung.
»Ob sie roh und unwissend sei, könne sie selbst nicht beurteilen,« sagte
sie, »aber noch seien die Lehrer und die Geistlichen alle am Leben, welche
sie erzogen, denn es sei noch nicht so lange her, daß sie ein Kind gewesen.
Ihr Mann habe sie als ein einfaches Bürgermädchen geehelicht und sie ihn
als einen Kaufmann und nicht als einen Gelehrten und Schöngeist. Nicht sie
habe ihren Charakter geändert, sondern er, und bis dahin habe sie treulich
und zufrieden mit ihm gelebt und er scheinbar mit ihr. Selbst als er seine
neuen Künste angefangen, wie jedermann bekannt sei, habe sie nicht mit
den Leuten darüber gelacht, sondern als sie gesehen, daß es sich um den
häuslichen Frieden handle, sei sie ehrlich beflissen gewesen, in seine Weise
einzugehen, so lange nur immer möglich, ungeachtet der peinlichen und
wenig rühmlichen Lage, in welche sie dadurch geraten. Zuletzt aber habe er
das Unmögliche von ihr verlangt, nämlich ihre Frauengefühle in einer
geschraubten und unnatürlichen Sprache und in langen Briefen für die
Öffentlichkeit aufzuschreiben, und statt ihrem häuslichen Leben
nachzugehen, die schöne Zeit mit einer ihr fremden und widerwärtigen,
nutzlosen Tätigkeit zu verbringen. Nicht sie habe sich der Verstellung
hingegeben, sondern gerade er, indem er, bei trockenen und durchaus nicht
begeisterten Gewohnheiten, sich selbst und sie damit gezwungen habe, eine
höchst lächerliche Komödie in Briefen zu spielen. Dennoch habe sie, von
ihm geängstigt und in der Hoffnung, diese ganze Störung werde umso eher
vorübergehen, ihn zufriedenzustellen gesucht, allerdings auf einem in der
Not und Verwirrung falsch gewählten Wege, wie sie unverhohlen bekenne.
erheitern wollen, zum förmlichsten Treubruch geschritten sei und die
empörendste Komödie mit dem vertrauensseligen Gatten gespielt habe! Er
überlasse zutrauensvoll den Richtern, zu beurteilen, ob das fernere
Zusammenleben mit einer solchen mit Geierkrallen bewaffneten Gans
möglich sei!
Mit diesem schimpflichen Trumpf, den er sich nicht versagen konnte,
schloß er seinen Vortrag. Ein allgemeines leises Gelächter erfolgte darauf;
die gekränkte Frau verhüllte ihr Gesicht einige Augenblicke und weinte.
Doch dann erhob sie sich und verteidigte sich mit einer Entrüstung und mit
einer Beredsamkeit, welche ihren eiteln Mann sogleich in Erstaunen setzte
und in die größte Beschämung.
»Ob sie roh und unwissend sei, könne sie selbst nicht beurteilen,« sagte
sie, »aber noch seien die Lehrer und die Geistlichen alle am Leben, welche
sie erzogen, denn es sei noch nicht so lange her, daß sie ein Kind gewesen.
Ihr Mann habe sie als ein einfaches Bürgermädchen geehelicht und sie ihn
als einen Kaufmann und nicht als einen Gelehrten und Schöngeist. Nicht sie
habe ihren Charakter geändert, sondern er, und bis dahin habe sie treulich
und zufrieden mit ihm gelebt und er scheinbar mit ihr. Selbst als er seine
neuen Künste angefangen, wie jedermann bekannt sei, habe sie nicht mit
den Leuten darüber gelacht, sondern als sie gesehen, daß es sich um den
häuslichen Frieden handle, sei sie ehrlich beflissen gewesen, in seine Weise
einzugehen, so lange nur immer möglich, ungeachtet der peinlichen und
wenig rühmlichen Lage, in welche sie dadurch geraten. Zuletzt aber habe er
das Unmögliche von ihr verlangt, nämlich ihre Frauengefühle in einer
geschraubten und unnatürlichen Sprache und in langen Briefen für die
Öffentlichkeit aufzuschreiben, und statt ihrem häuslichen Leben
nachzugehen, die schöne Zeit mit einer ihr fremden und widerwärtigen,
nutzlosen Tätigkeit zu verbringen. Nicht sie habe sich der Verstellung
hingegeben, sondern gerade er, indem er, bei trockenen und durchaus nicht
begeisterten Gewohnheiten, sich selbst und sie damit gezwungen habe, eine
höchst lächerliche Komödie in Briefen zu spielen. Dennoch habe sie, von
ihm geängstigt und in der Hoffnung, diese ganze Störung werde umso eher
vorübergehen, ihn zufriedenzustellen gesucht, allerdings auf einem in der
Not und Verwirrung falsch gewählten Wege, wie sie unverhohlen bekenne.
Page 113
»Jede Frau in Seldwyla wisse, daß der junge Lehrer Wilhelm ein ebenso
verliebter als bescheidener, schüchterner und ehrbarer Mensch sei, mit
welchem man zur Not einen unschuldigen Scherz ausführen könne, ohne in
eine bedenkliche Stellung zu geraten. Umso eher habe sie geglaubt, eine
harmlose List gebrauchen und ihm die Beantwortung der Briefe ihres
Mannes aufgeben, ja förmlich bestellen zu können, wie man öfter
schriftliche Arbeiten und namentlich auch Liebesbriefe durch Schullehrer
anfertigen lasse; sie berufe sich hierin auf manch wackeres Dienstmädchen.
Nicht sie habe die zu beantwortenden Briefe verfaßt, sondern Störteler, und
hiermit sei wohl die Anklage der Untreue kurz abgeschnitten. Der Handel
gehöre nach ihrer Meinung und nach ihren schwachen Begriffen vor ein
literarisches Gericht und nicht vor ein Ehegericht. Dennoch habe sie sich
dem letzteren unterzogen, weil das Geschehene ein unvermutetes Licht über
den innern Zustand dieser Ehe aufgesteckt habe. Sie empfinde keine
Zuneigung mehr für Herrn Störteler, für sie Grund genug, da die Dinge
einmal so weit gediehen, ebenfalls auf gänzlicher Trennung zu bestehen.«
Obgleich das Gericht, da sich der Treubruch als ein bloßes äußerliches
Fehlgreifen herausstellte, wenigstens für ein streng altväterisches
Ehegericht, nun die Scheidung nicht hätte aussprechen müssen, so machte
es den Herren und der ganzen Stadt zu viel Spaß, den armen Viggi seiner
schmucken und feinen Frau zu berauben und ihn mit der komischen Kätter
zusammenrennen zu lassen, als daß sie die Scheidung nicht ausgesprochen
hätten. Sie ward also erkannt auf Grund unvereinbarer Neigungen und
Gewohnheiten, roher Mißhandlung von Seite des Mannes, wie Einsperrung
in den Keller und rücksichtslose Ausstoßung auf die Straße, und
leichtsinniger Fehlgriffe der Frau, wie der Briefverkehr mit dem Lehrer.
Doch solle die Frau als unbescholten und unverdächtig gelten, jeder Teil in
seinem Vermögen bleiben und zu keinerlei Leistung verpflichtet sein, so
daß Störteler das Vermögen Gritlis, das sie zugebracht, von Stund’ an
herauszugeben oder sicherzustellen habe.
Viggi ging mehr niedergeschlagen als fröhlich nach Hause und wunderte
sich selbst darüber, da er doch nun frei war von der bedrückenden Last
einer geistesträgen und nichtsnutzigen Hausfrau. Allein es fehlte ihm nicht
an Aufklärungen und Erläuterungen; denn schon unter der Tür des
Gerichtshauses riefen ihm einige Herumsteher zu: »O du Erznarr! Du mußt
Tinte gesoffen haben, daß du ein solches Weibchen kannst fahren lassen!
verliebter als bescheidener, schüchterner und ehrbarer Mensch sei, mit
welchem man zur Not einen unschuldigen Scherz ausführen könne, ohne in
eine bedenkliche Stellung zu geraten. Umso eher habe sie geglaubt, eine
harmlose List gebrauchen und ihm die Beantwortung der Briefe ihres
Mannes aufgeben, ja förmlich bestellen zu können, wie man öfter
schriftliche Arbeiten und namentlich auch Liebesbriefe durch Schullehrer
anfertigen lasse; sie berufe sich hierin auf manch wackeres Dienstmädchen.
Nicht sie habe die zu beantwortenden Briefe verfaßt, sondern Störteler, und
hiermit sei wohl die Anklage der Untreue kurz abgeschnitten. Der Handel
gehöre nach ihrer Meinung und nach ihren schwachen Begriffen vor ein
literarisches Gericht und nicht vor ein Ehegericht. Dennoch habe sie sich
dem letzteren unterzogen, weil das Geschehene ein unvermutetes Licht über
den innern Zustand dieser Ehe aufgesteckt habe. Sie empfinde keine
Zuneigung mehr für Herrn Störteler, für sie Grund genug, da die Dinge
einmal so weit gediehen, ebenfalls auf gänzlicher Trennung zu bestehen.«
Obgleich das Gericht, da sich der Treubruch als ein bloßes äußerliches
Fehlgreifen herausstellte, wenigstens für ein streng altväterisches
Ehegericht, nun die Scheidung nicht hätte aussprechen müssen, so machte
es den Herren und der ganzen Stadt zu viel Spaß, den armen Viggi seiner
schmucken und feinen Frau zu berauben und ihn mit der komischen Kätter
zusammenrennen zu lassen, als daß sie die Scheidung nicht ausgesprochen
hätten. Sie ward also erkannt auf Grund unvereinbarer Neigungen und
Gewohnheiten, roher Mißhandlung von Seite des Mannes, wie Einsperrung
in den Keller und rücksichtslose Ausstoßung auf die Straße, und
leichtsinniger Fehlgriffe der Frau, wie der Briefverkehr mit dem Lehrer.
Doch solle die Frau als unbescholten und unverdächtig gelten, jeder Teil in
seinem Vermögen bleiben und zu keinerlei Leistung verpflichtet sein, so
daß Störteler das Vermögen Gritlis, das sie zugebracht, von Stund’ an
herauszugeben oder sicherzustellen habe.
Viggi ging mehr niedergeschlagen als fröhlich nach Hause und wunderte
sich selbst darüber, da er doch nun frei war von der bedrückenden Last
einer geistesträgen und nichtsnutzigen Hausfrau. Allein es fehlte ihm nicht
an Aufklärungen und Erläuterungen; denn schon unter der Tür des
Gerichtshauses riefen ihm einige Herumsteher zu: »O du Erznarr! Du mußt
Tinte gesoffen haben, daß du ein solches Weibchen kannst fahren lassen!
Page 114
Und das artige Vermögen, die runden Schultern, der treffliche Anstand!
Hast du gesehen,« sagte einer zum andern, »wie auf allen Seiten glänzende
Locken unter ihrem Hute hervorrollten?« »Ja,« erwiderte der, »und hast du
gesehen den allerliebsten Zorn, das sanfte Feuer, das noch in ihren
lachenden Augen brannte? Wahrlich, wenn ich die hätte, ich machte sie alle
Tage bös, nur um sie in ihrem Zorne dann abküssen zu können! Nun, Gott
sei Dank, die wird jetzt schon noch an einen Kenner geraten!«
Auf dem Wege rief jemand: »Da geht einer, der wirft Aprikosen aus dem
Fenster und ißt Holzäpfel!« – »Wohl bekomm’s ihm!« antwortete es von
der andern Seite. Ein Schuster rief: »Der gibt dem Quark eine Ohrfeig’ und
meint, er sei ein Fechtmeister!« Und ein Knopfmacher: »Laßt ihn, er ist halt
ein Grübler, es gibt aber verschiedene Grübler, es gibt auch Mistgrübler.«
Der Kupferschmied endlich, der mit dem Werg in einer verzinnten Pfanne
herumfuhr, setzte hinzu: »Er hat’s wie der Teufel; ich muß mich verändern!
sagte der, nahm eine Kohle unter den Schwanz und setzte sich auf ein
Pulverfaß.«
Diese Reden kränkten und betrübten den Viggi über die Maßen; er trat
recht mutlos in seine Stube und verfiel in große Traurigkeit. Allein bald
zerstreuten sich diese Wolken vor der Sonne, die ihm aufging. Kätter
Ambach trat herein in flottem Taffetkleide, geschmückt mit einem
dünnschaligen, brüchigen, goldenen Ührchen, das seit fünfzehn Jahren nie
aufgezogen war, weil es längst keine Feder mehr in sich barg. Sie warf das
Tuch ab und setzte sich, seine Hand teilnehmend ergreifend, neben Viggi
auf das Sofa; sie bestrickte ihn völlig und das treffliche Paar wurde stracks
einig, sich zu heiraten und das Musterbild einer Ehe im Geist und schöner
Leidenschaft darzustellen. So hatte sich die lustige Kätter glücklich zur
Braut gemacht; sie blieb gleich zum Essen da und sie trieben ein solches
Karessieren, daß die Magd, welche der früheren Frau anhing, sich schämte.
Sie bespitzten sich leicht in Viggis bestem Weine und zogen am
Nachmittage Arm in Arm durch die Straßen, bis sie endlich in Kätters
Wohnung einmündeten, einige Bekannte zusammenriefen und die
Verlobung feierten. Das beste war, daß Kätters alte Mutter bei dieser
Gelegenheit reichliches Essen und Trinken herbeischleppen sah und sich
seit langen Jahren einmal sattessen konnte; denn sie hatte seit dreißig Jahren
nur besorgt sein müssen, die heißhungrige Tochter zu füttern und derselben
mehr zugesehen, als selbst gegessen. Doch da Kätter endlich noch einen
Hast du gesehen,« sagte einer zum andern, »wie auf allen Seiten glänzende
Locken unter ihrem Hute hervorrollten?« »Ja,« erwiderte der, »und hast du
gesehen den allerliebsten Zorn, das sanfte Feuer, das noch in ihren
lachenden Augen brannte? Wahrlich, wenn ich die hätte, ich machte sie alle
Tage bös, nur um sie in ihrem Zorne dann abküssen zu können! Nun, Gott
sei Dank, die wird jetzt schon noch an einen Kenner geraten!«
Auf dem Wege rief jemand: »Da geht einer, der wirft Aprikosen aus dem
Fenster und ißt Holzäpfel!« – »Wohl bekomm’s ihm!« antwortete es von
der andern Seite. Ein Schuster rief: »Der gibt dem Quark eine Ohrfeig’ und
meint, er sei ein Fechtmeister!« Und ein Knopfmacher: »Laßt ihn, er ist halt
ein Grübler, es gibt aber verschiedene Grübler, es gibt auch Mistgrübler.«
Der Kupferschmied endlich, der mit dem Werg in einer verzinnten Pfanne
herumfuhr, setzte hinzu: »Er hat’s wie der Teufel; ich muß mich verändern!
sagte der, nahm eine Kohle unter den Schwanz und setzte sich auf ein
Pulverfaß.«
Diese Reden kränkten und betrübten den Viggi über die Maßen; er trat
recht mutlos in seine Stube und verfiel in große Traurigkeit. Allein bald
zerstreuten sich diese Wolken vor der Sonne, die ihm aufging. Kätter
Ambach trat herein in flottem Taffetkleide, geschmückt mit einem
dünnschaligen, brüchigen, goldenen Ührchen, das seit fünfzehn Jahren nie
aufgezogen war, weil es längst keine Feder mehr in sich barg. Sie warf das
Tuch ab und setzte sich, seine Hand teilnehmend ergreifend, neben Viggi
auf das Sofa; sie bestrickte ihn völlig und das treffliche Paar wurde stracks
einig, sich zu heiraten und das Musterbild einer Ehe im Geist und schöner
Leidenschaft darzustellen. So hatte sich die lustige Kätter glücklich zur
Braut gemacht; sie blieb gleich zum Essen da und sie trieben ein solches
Karessieren, daß die Magd, welche der früheren Frau anhing, sich schämte.
Sie bespitzten sich leicht in Viggis bestem Weine und zogen am
Nachmittage Arm in Arm durch die Straßen, bis sie endlich in Kätters
Wohnung einmündeten, einige Bekannte zusammenriefen und die
Verlobung feierten. Das beste war, daß Kätters alte Mutter bei dieser
Gelegenheit reichliches Essen und Trinken herbeischleppen sah und sich
seit langen Jahren einmal sattessen konnte; denn sie hatte seit dreißig Jahren
nur besorgt sein müssen, die heißhungrige Tochter zu füttern und derselben
mehr zugesehen, als selbst gegessen. Doch da Kätter endlich noch einen
Page 115
wohlhabenden Schwiegersohn ins Haus führte, dachte sie nun gern zu
sterben, weil die Tochter, die nichts zu arbeiten wußte, nicht verlassen und
hilflos in der Welt zurückblieb. So ist jedes Unwesen noch mit einem
goldenen Bändchen an die Menschlichkeit gebunden.
Die Hochzeit wurde so bald als möglich gehalten, glänzend, reichlich
und geräuschvoll; denn Kätter wollte diese Aktion in allen Einzelheiten
recht durchgenießen und sich als den holden Mittelpunkt eines großen
Festes sehen, und Viggi benutzte die Gelegenheit, indem er eine Menge
Menschen einlud, sich mit den gut bewirteten Mitbürgern wieder auf einen
bessern Fuß zu stellen. Die neue Frau Störteler war nicht gesonnen, ein
stilles und beschauliches Leben zu führen, sondern veranlaßte ihren Mann,
die Lustbarkeit, welche mit der Hochzeit begonnen, fortzusetzen, alle
Gesellschaften mit ihr zu besuchen, sein eigenes Haus aufzusperren und im
vollen Galopp zu fahren.
Er befand sich übrigens herrlich dabei und lebte zufrieden mit ihr in
solchem Trubel; denn überall gab sie ihn für ein Genie aus und machte ihn
allerorten zum Gegenstande des Gesprächs, bezog alles auf ihn und nannte
ihn nur Kurt.
»Mein Kurt hat dies gesagt und jenes geäußert,« sagte sie alle
Augenblicke; »wie hast du dich doch neulich ausgedrückt, lieber Kurt, es
war zu köstlich! Ich muß dich nur bewundern, bester Kurt, daß du nicht
gänzlich abgespannt bist bei deinen Arbeiten und Studien! Ach! ich fühle
recht die schwere Pflicht und was eine Gattin einem solchen Manne sein
könnte und sollte! Wollen wir auch nicht lieber nach Hause gehen, guter
Kurt? Du scheinst mir doch müde; wickle ja deinen Plaid recht um dich,
mein Kind! Heute darfst du mir aber nicht mehr schreiben, wenn wir
heimkommen, das sage ich dir schon jetzt!«
Alles dies schwatzte sie vor vielen Leuten, und Viggi schlürfte es ein wie
Honig, nannte seine Frau dafür »mein kühnes Weib« oder »trautes Weib«
und stellte sich leidend oder feurig, je nach den Reden seiner kurzbeinigen
Fama.
Den Seldwylern aber schmeckte alles das noch besser als Austern und
Hummersalat, ja ein gebratener Fasan hätte sie schwerlich weggelockt, wo
Viggi und Kätter sich aufspielten. Für Jahre waren sie mit neuem Lachstoff
sterben, weil die Tochter, die nichts zu arbeiten wußte, nicht verlassen und
hilflos in der Welt zurückblieb. So ist jedes Unwesen noch mit einem
goldenen Bändchen an die Menschlichkeit gebunden.
Die Hochzeit wurde so bald als möglich gehalten, glänzend, reichlich
und geräuschvoll; denn Kätter wollte diese Aktion in allen Einzelheiten
recht durchgenießen und sich als den holden Mittelpunkt eines großen
Festes sehen, und Viggi benutzte die Gelegenheit, indem er eine Menge
Menschen einlud, sich mit den gut bewirteten Mitbürgern wieder auf einen
bessern Fuß zu stellen. Die neue Frau Störteler war nicht gesonnen, ein
stilles und beschauliches Leben zu führen, sondern veranlaßte ihren Mann,
die Lustbarkeit, welche mit der Hochzeit begonnen, fortzusetzen, alle
Gesellschaften mit ihr zu besuchen, sein eigenes Haus aufzusperren und im
vollen Galopp zu fahren.
Er befand sich übrigens herrlich dabei und lebte zufrieden mit ihr in
solchem Trubel; denn überall gab sie ihn für ein Genie aus und machte ihn
allerorten zum Gegenstande des Gesprächs, bezog alles auf ihn und nannte
ihn nur Kurt.
»Mein Kurt hat dies gesagt und jenes geäußert,« sagte sie alle
Augenblicke; »wie hast du dich doch neulich ausgedrückt, lieber Kurt, es
war zu köstlich! Ich muß dich nur bewundern, bester Kurt, daß du nicht
gänzlich abgespannt bist bei deinen Arbeiten und Studien! Ach! ich fühle
recht die schwere Pflicht und was eine Gattin einem solchen Manne sein
könnte und sollte! Wollen wir auch nicht lieber nach Hause gehen, guter
Kurt? Du scheinst mir doch müde; wickle ja deinen Plaid recht um dich,
mein Kind! Heute darfst du mir aber nicht mehr schreiben, wenn wir
heimkommen, das sage ich dir schon jetzt!«
Alles dies schwatzte sie vor vielen Leuten, und Viggi schlürfte es ein wie
Honig, nannte seine Frau dafür »mein kühnes Weib« oder »trautes Weib«
und stellte sich leidend oder feurig, je nach den Reden seiner kurzbeinigen
Fama.
Den Seldwylern aber schmeckte alles das noch besser als Austern und
Hummersalat, ja ein gebratener Fasan hätte sie schwerlich weggelockt, wo
Viggi und Kätter sich aufspielten. Für Jahre waren sie mit neuem Lachstoff
Page 116
versehen; doch benahmen sich die abgefeimten Schlingel mit der äußersten
Vorsicht, um das Vergnügen zu verlängern, und es entstand daraus eine neue
Übung, nämlich einen tollen Witz vorzuschieben und scheinbar über diesen
zu lachen, wenn die Mundwinkel nicht mehr gehorchen wollten. Es wurde
stets ein Vorrat solcher Schwänke in Bereitschaft gehalten, vermehrt und
verbessert und gedieh zuletzt zu einer Sammlung von selbständigem Werte.
Es gab Seldwyler, Handwerker und Beamte, welche Tage, ja Wochen über
der Erfindung und Ausfeilung eines neuen Geschichtchens zubringen
konnten. Schien der Schwank gehörig durchdacht und abgerundet, so wurde
er erst in einem Kneipchen probiert, ob die Pointe die rechte Wirkung täte,
und je nach Befund, oft unter Zuziehung von Sachverständigen, nochmals
verbessert, nach allen Regeln eines künstlerischen Verfahrens.
Wiederholungen, Längen und Übertreibungen waren strenge verpönt oder
nur statthaft, wenn eine besondere Absicht zu Grunde lag.
Von diesem gewissenhaften Fleiße besaß Viggi keine Ahnung. Mit
bedauerndem Hochmut saß er in der Gesellschaft, wenn dergleichen
vorgetragen wurde und das Gelächter von ihm ablenkte. »Wie glücklich ist
man doch zu preisen,« sagte er zu seiner Gemahlin, »wenn man über solche
Kindereien hinweg ist und etwas Höheres kennt!«
Auf diesem Höheren fuhr er nun mit vollen Segeln dahin, aufgeblasen
durch den gewaltigen Odem seiner Frau. Und er fuhr so trefflich, daß er
binnen Jahr und Tag mit Kätters Hilfe da landete, wo es den meisten
Seldwylern zu landen bestimmt ist, besonders da sein Kapital mit Gritlis
Vermögen aus dem Geschäfte geschieden war. Statt diesem obzuliegen,
trieb er mit einer Handvoll ähnlicher Käuze, die er im Lande aufgegabelt,
eine wilde und schülerhafte Literatur, welche so neben der vernünftigen
Welt herlief und sich mit ewigen Wiederholungen als etwas Nagelneues und
Unerhörtes ausgab, obgleich sie nur an weggeworfenen Abschnitzeln kaute
oder reinen Unsinn hervorbrachte. Gegen jeden, der sich nicht auf ihren
zudringlichen Ruf stellte, wurde der Spieß gedreht und der einzelne als
bösartige und feindliche Clique bezeichnet. Sie selbst verachteten sich
gegenseitig unter der Hand, und Viggi, der sonst ein so einfaches und
sorgloses Leben geführt, war jetzt nicht nur von Sorgen und Verwicklungen,
sondern auch von törichten Leidenschaften und den Qualen des gehänselten
und ohnmächtigen Ehrgeizes geplagt. Bereits machte es ihm Beschwerde,
das Postgeld zu erlegen für all’ die inhaltlosen Briefe, für die gedruckten
Vorsicht, um das Vergnügen zu verlängern, und es entstand daraus eine neue
Übung, nämlich einen tollen Witz vorzuschieben und scheinbar über diesen
zu lachen, wenn die Mundwinkel nicht mehr gehorchen wollten. Es wurde
stets ein Vorrat solcher Schwänke in Bereitschaft gehalten, vermehrt und
verbessert und gedieh zuletzt zu einer Sammlung von selbständigem Werte.
Es gab Seldwyler, Handwerker und Beamte, welche Tage, ja Wochen über
der Erfindung und Ausfeilung eines neuen Geschichtchens zubringen
konnten. Schien der Schwank gehörig durchdacht und abgerundet, so wurde
er erst in einem Kneipchen probiert, ob die Pointe die rechte Wirkung täte,
und je nach Befund, oft unter Zuziehung von Sachverständigen, nochmals
verbessert, nach allen Regeln eines künstlerischen Verfahrens.
Wiederholungen, Längen und Übertreibungen waren strenge verpönt oder
nur statthaft, wenn eine besondere Absicht zu Grunde lag.
Von diesem gewissenhaften Fleiße besaß Viggi keine Ahnung. Mit
bedauerndem Hochmut saß er in der Gesellschaft, wenn dergleichen
vorgetragen wurde und das Gelächter von ihm ablenkte. »Wie glücklich ist
man doch zu preisen,« sagte er zu seiner Gemahlin, »wenn man über solche
Kindereien hinweg ist und etwas Höheres kennt!«
Auf diesem Höheren fuhr er nun mit vollen Segeln dahin, aufgeblasen
durch den gewaltigen Odem seiner Frau. Und er fuhr so trefflich, daß er
binnen Jahr und Tag mit Kätters Hilfe da landete, wo es den meisten
Seldwylern zu landen bestimmt ist, besonders da sein Kapital mit Gritlis
Vermögen aus dem Geschäfte geschieden war. Statt diesem obzuliegen,
trieb er mit einer Handvoll ähnlicher Käuze, die er im Lande aufgegabelt,
eine wilde und schülerhafte Literatur, welche so neben der vernünftigen
Welt herlief und sich mit ewigen Wiederholungen als etwas Nagelneues und
Unerhörtes ausgab, obgleich sie nur an weggeworfenen Abschnitzeln kaute
oder reinen Unsinn hervorbrachte. Gegen jeden, der sich nicht auf ihren
zudringlichen Ruf stellte, wurde der Spieß gedreht und der einzelne als
bösartige und feindliche Clique bezeichnet. Sie selbst verachteten sich
gegenseitig unter der Hand, und Viggi, der sonst ein so einfaches und
sorgloses Leben geführt, war jetzt nicht nur von Sorgen und Verwicklungen,
sondern auch von törichten Leidenschaften und den Qualen des gehänselten
und ohnmächtigen Ehrgeizes geplagt. Bereits machte es ihm Beschwerde,
das Postgeld zu erlegen für all’ die inhaltlosen Briefe, für die gedruckten
Page 117
oder lithographierten Sendungen, Aufrufe und Prospekte, die täglich hin
und her flogen und weniger als nichts wert waren. Seufzend schnitt er schon
die Frankomarken von den immer kürzer werdenden Riemchen, während
die soliden, einträglichen und frankierten Geschäftsbriefe immer seltener
wurden. Endlich hatte er überhaupt keine Marken mehr im Hause und
Kätter ging gemäß ihrer Mission mit den Sachen auf die Post, um sie dort
zu frankieren; aber sie warf die Briefe in den Kasten und vernaschte das
Geld. War es Vormittag, so ging sie in den Wurstladen und aß einen
Schweinsfuß; nach Tische dagegen besuchte sie den Zuckerbäcker und aß
eine Apfeltorte. Dafür bekam Viggi dann von den rachsüchtigen
Korrespondenten doppelt so viele unfrankierte Zusendungen mit »Gruß und
Handschlag« und heimlichen Verwünschungen.
Während dieser Zeit war Gritli wie von der Erde verschwunden. Man sah
sie nirgends und hörte nichts von ihr, so eingezogen lebte sie. Wenn sie
ausging, so trat sie aus der Hintertür ihres Hauses, welches an der
Stadtmauer lag, ins Freie und machte einsame Spaziergänge; auch war sie
öfters abwesend, manchmal monatelang, wo sie sich dann an andern Orten
bescheidentlich erholen und ihrer Freiheit freuen mochte. In Seldwyla war
sie für keinen Freier zu sprechen; doch hieß es mehrmals, sie habe sich
auswärts von neuem verlobt, ohne daß jemand etwas Näheres wußte. Daß
sie sich auch nichts um Wilhelm zu kümmern schien und ihn niemals sah,
wunderte niemand; denn niemand glaubte, daß sie ernstlich dem armen
jungen Menschen zugetan gewesen sei.
Desto schlimmer erging es ihm. Von ihm zweifelte keiner, daß er nicht
bis über die Ohren in Gritli verliebt sei, und Männer wie Frauen nahmen es
ihm äußerst übel, die Augen auf sie gerichtet zu haben, während er zugleich
wegen seiner leichtgläubigen Briefstellerei verhöhnt wurde. Sogar die
Mädchen am Brunnen sangen, wenn er vorüberging:
Schulmeisterlein, Schulmeisterlein,
Des Nachbars Äpfel sind nicht dein!
Er schämte sich auch gewaltig und zwar nicht so sehr vor den Leuten als
vor sich selbst. Die Art, wie ihn Gritli vor Gericht hingestellt hatte, war ihm
als ein Stich ins Herz gegangen, öffnete ihm, wie er meinte, die Augen über
sich und die Weiber, und er stieß die ganze Schar von nun an aus seinen
und her flogen und weniger als nichts wert waren. Seufzend schnitt er schon
die Frankomarken von den immer kürzer werdenden Riemchen, während
die soliden, einträglichen und frankierten Geschäftsbriefe immer seltener
wurden. Endlich hatte er überhaupt keine Marken mehr im Hause und
Kätter ging gemäß ihrer Mission mit den Sachen auf die Post, um sie dort
zu frankieren; aber sie warf die Briefe in den Kasten und vernaschte das
Geld. War es Vormittag, so ging sie in den Wurstladen und aß einen
Schweinsfuß; nach Tische dagegen besuchte sie den Zuckerbäcker und aß
eine Apfeltorte. Dafür bekam Viggi dann von den rachsüchtigen
Korrespondenten doppelt so viele unfrankierte Zusendungen mit »Gruß und
Handschlag« und heimlichen Verwünschungen.
Während dieser Zeit war Gritli wie von der Erde verschwunden. Man sah
sie nirgends und hörte nichts von ihr, so eingezogen lebte sie. Wenn sie
ausging, so trat sie aus der Hintertür ihres Hauses, welches an der
Stadtmauer lag, ins Freie und machte einsame Spaziergänge; auch war sie
öfters abwesend, manchmal monatelang, wo sie sich dann an andern Orten
bescheidentlich erholen und ihrer Freiheit freuen mochte. In Seldwyla war
sie für keinen Freier zu sprechen; doch hieß es mehrmals, sie habe sich
auswärts von neuem verlobt, ohne daß jemand etwas Näheres wußte. Daß
sie sich auch nichts um Wilhelm zu kümmern schien und ihn niemals sah,
wunderte niemand; denn niemand glaubte, daß sie ernstlich dem armen
jungen Menschen zugetan gewesen sei.
Desto schlimmer erging es ihm. Von ihm zweifelte keiner, daß er nicht
bis über die Ohren in Gritli verliebt sei, und Männer wie Frauen nahmen es
ihm äußerst übel, die Augen auf sie gerichtet zu haben, während er zugleich
wegen seiner leichtgläubigen Briefstellerei verhöhnt wurde. Sogar die
Mädchen am Brunnen sangen, wenn er vorüberging:
Schulmeisterlein, Schulmeisterlein,
Des Nachbars Äpfel sind nicht dein!
Er schämte sich auch gewaltig und zwar nicht so sehr vor den Leuten als
vor sich selbst. Die Art, wie ihn Gritli vor Gericht hingestellt hatte, war ihm
als ein Stich ins Herz gegangen, öffnete ihm, wie er meinte, die Augen über
sich und die Weiber, und er stieß die ganze Schar von nun an aus seinen
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Gedanken. Also ging er in sich, ließ alle Narrheit fahren und wandte sich
mit Fleiß und Liebe seinen Schulkindern zu. Aber im besten Zuge ging just
seine Amtsdauer zu Ende, da er nur Verweser und nicht fest angestellt war.
Wie er nun aufs neue gewählt werden sollte, wußte der Stadtpfarrer als
Vorstand der Schulpflege seine Bestätigung bei den Behörden zu
hintertreiben, indem er Bericht erstattete von Wilhelms Verwicklung in
einem bedenklichen Ehehandel und den jungen Sünder einer heilsamen
Bestrafung empfahl. Er haßte den Schulmeister wegen seines Unglaubens
und seiner mythologischen Hantierungen; denn er wußte nicht, daß
Wilhelm sich zum alleinigen und wahren Gott bekehrt hatte, sobald er sich
geliebt glaubte. So wurde er für zwei Jahre außer Amts gesetzt und stand
brot- und erwerblos da.
Er schnürte darum sein Bündel, um anderwärts ein Unterkommen zu
suchen, und zwar entschloß er sich in seinem Reumut, sich in die
Dunkelheit zu begeben und als ein armer Feldarbeiter bei den Bauern sein
Brot zu verdienen; denn als der Sohn einer verschwundenen Bauernfamilie
aus der Umgegend kannte er die ländlichen Arbeiten, denen er sich von
Kindesbeinen auf hatte unterziehen müssen. In dieser Absicht wanderte er
an einem trüben Märzmorgen über den Berg; als er aber auf die Höhe
gekommen, verwandelte sich der feuchte Nebel in einen heftigen Regen;
Wilhelm sah sich nach einem Obdach um, da er hoffte, der Regen würde
bald vorübergehen. Er bemerkte in einiger Entfernung ein Rebhäuschen,
welches zu oberst in einem großen Weinberge stand, am Rande des
Gehölzes. Das Vordach dieses Winzerhäuschens gewährte guten Schutz,
und er ging hin, sich auf die steinerne Treppe darunter zu setzen. Es war ein
malerisches altes Häuslein mit einer Wetterfahne und runden
Fensterscheiben. Das Vordach ruhte auf zwei hölzernen Säulen, die Treppe
war mit einem eisernen Geländer versehen und bildete zugleich einen
Balkon, von welchem man, wenn es schön war, weit ins Land hinein sah,
nach Süden und Westen in die Schneeberge. Das Holzwerk und die
Fensterläden waren bunt bemalt, alles jedoch etwas verwittert und
verwaschen.
Wie er so da saß, regte sich’s in der kleinen Stube, die Tür tat sich auf
und der Eigentümer des Weinberges trat heraus und lud Wilhelm ein, ins
Innere zu kommen und mit ihm gemeinschaftlich den Regen abzuwarten.
Es stand eine Flasche mit Kirschgeist auf dem Tisch; der Mann holte noch
mit Fleiß und Liebe seinen Schulkindern zu. Aber im besten Zuge ging just
seine Amtsdauer zu Ende, da er nur Verweser und nicht fest angestellt war.
Wie er nun aufs neue gewählt werden sollte, wußte der Stadtpfarrer als
Vorstand der Schulpflege seine Bestätigung bei den Behörden zu
hintertreiben, indem er Bericht erstattete von Wilhelms Verwicklung in
einem bedenklichen Ehehandel und den jungen Sünder einer heilsamen
Bestrafung empfahl. Er haßte den Schulmeister wegen seines Unglaubens
und seiner mythologischen Hantierungen; denn er wußte nicht, daß
Wilhelm sich zum alleinigen und wahren Gott bekehrt hatte, sobald er sich
geliebt glaubte. So wurde er für zwei Jahre außer Amts gesetzt und stand
brot- und erwerblos da.
Er schnürte darum sein Bündel, um anderwärts ein Unterkommen zu
suchen, und zwar entschloß er sich in seinem Reumut, sich in die
Dunkelheit zu begeben und als ein armer Feldarbeiter bei den Bauern sein
Brot zu verdienen; denn als der Sohn einer verschwundenen Bauernfamilie
aus der Umgegend kannte er die ländlichen Arbeiten, denen er sich von
Kindesbeinen auf hatte unterziehen müssen. In dieser Absicht wanderte er
an einem trüben Märzmorgen über den Berg; als er aber auf die Höhe
gekommen, verwandelte sich der feuchte Nebel in einen heftigen Regen;
Wilhelm sah sich nach einem Obdach um, da er hoffte, der Regen würde
bald vorübergehen. Er bemerkte in einiger Entfernung ein Rebhäuschen,
welches zu oberst in einem großen Weinberge stand, am Rande des
Gehölzes. Das Vordach dieses Winzerhäuschens gewährte guten Schutz,
und er ging hin, sich auf die steinerne Treppe darunter zu setzen. Es war ein
malerisches altes Häuslein mit einer Wetterfahne und runden
Fensterscheiben. Das Vordach ruhte auf zwei hölzernen Säulen, die Treppe
war mit einem eisernen Geländer versehen und bildete zugleich einen
Balkon, von welchem man, wenn es schön war, weit ins Land hinein sah,
nach Süden und Westen in die Schneeberge. Das Holzwerk und die
Fensterläden waren bunt bemalt, alles jedoch etwas verwittert und
verwaschen.
Wie er so da saß, regte sich’s in der kleinen Stube, die Tür tat sich auf
und der Eigentümer des Weinberges trat heraus und lud Wilhelm ein, ins
Innere zu kommen und mit ihm gemeinschaftlich den Regen abzuwarten.
Es stand eine Flasche mit Kirschgeist auf dem Tisch; der Mann holte noch
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ein Gläschen aus einem Wandschränkchen und füllte es für seinen Gast.
»Brot habe ich keines hier oben,« sagte er, »doch wollen wir eine Pfeife
zusammen rauchen!« Er holte also aus dem Schränklein zwei neue lange
Tonpfeifen nebst gutem Knaster; denn es war bei den Männern von
Seldwyla, da ihnen die Zigarren verleidet waren, soeben Mode geworden,
wieder würdevoll aus altertümlichen Tonpfeifen zu rauchen, wie
holländische Kaufherren.
Dieser Seldwyler, obgleich er ein Tuchscherer war, hatte den Einfall
bekommen, Landwirtschaft zu treiben, weil deren Erzeugnisse hoch im
Preise standen und die Betreibung zahlreiche Spaziergänge veranlaßte. Der
Weinberg bildete mit mehreren großen Wiesen und einigen Bergäckern eine
ehemalige Staatsdomäne, welche der Tuchscherer gekauft, und er war jetzt
hinaufgestiegen, um den Zustand der Reben zu untersuchen, weil die
Frühlingsarbeit in demselben beginnen sollte. Er fragte Wilhelm, wo er hin
wolle, was er im Sinne habe; denn er wußte noch nichts von seiner
Absetzung. Wilhelm sagte, daß er bei Landleuten sein Auskommen suchen
wolle, indem er ihnen in allem an die Hand gehe, was zu tun sei; da er nicht
viel bedürfe, so hoffe er, sich im stillen durchzubringen. Der Tuchscherer
wunderte sich hierüber und drang weiter in ihn, bis er die Ursache von des
Schulmeisterleins Auszug erfahren. »Das ist,« sagte er, »ein recht
hämischer Streich von dem Pfaffen, der eine Kinderei nicht von einer
Schlechtigkeit unterscheiden kann. Wir wollen ihm übrigens sein ewiges
Gehätschel und Getätschel mit seinen Unterweisungsschülerinnen auch
einmal abschaffen; die Hübschen und die Feinen hält er sich allfort dicht in
der Nähe, die Buckligen aber, die Einäugigen und die Armseligen setzt er in
den Hintergrund und spricht kaum mit ihnen, und das ist ärgerlicher als
Eure ganze Briefschreiberei. Wenn diese Stilübungen ihm übel angebracht
schienen, so ist uns sein Schönheitssinn noch weniger am rechten Ort! Aber
verstehen Sie denn etwas von der Feldarbeit und den ländlichen Dingen
überhaupt?«
»O ja, ziemlich!« antwortete Wilhelm, »ich habe während der Krankheit
meiner verstorbenen Eltern alles gemacht und bin erst im achtzehnten Jahre,
als sie gestorben und unser Gut verkauft wurde, mit dem kleinen
Vermögensreste ins Lehrerseminar gegangen; es sind erst fünf Jahre seither,
und im Seminar mußten wir auch Feldarbeit betreiben.« »Und warum
wollen Sie nicht lieber Ihre Kenntnisse benutzen und eine bessere Tätigkeit
»Brot habe ich keines hier oben,« sagte er, »doch wollen wir eine Pfeife
zusammen rauchen!« Er holte also aus dem Schränklein zwei neue lange
Tonpfeifen nebst gutem Knaster; denn es war bei den Männern von
Seldwyla, da ihnen die Zigarren verleidet waren, soeben Mode geworden,
wieder würdevoll aus altertümlichen Tonpfeifen zu rauchen, wie
holländische Kaufherren.
Dieser Seldwyler, obgleich er ein Tuchscherer war, hatte den Einfall
bekommen, Landwirtschaft zu treiben, weil deren Erzeugnisse hoch im
Preise standen und die Betreibung zahlreiche Spaziergänge veranlaßte. Der
Weinberg bildete mit mehreren großen Wiesen und einigen Bergäckern eine
ehemalige Staatsdomäne, welche der Tuchscherer gekauft, und er war jetzt
hinaufgestiegen, um den Zustand der Reben zu untersuchen, weil die
Frühlingsarbeit in demselben beginnen sollte. Er fragte Wilhelm, wo er hin
wolle, was er im Sinne habe; denn er wußte noch nichts von seiner
Absetzung. Wilhelm sagte, daß er bei Landleuten sein Auskommen suchen
wolle, indem er ihnen in allem an die Hand gehe, was zu tun sei; da er nicht
viel bedürfe, so hoffe er, sich im stillen durchzubringen. Der Tuchscherer
wunderte sich hierüber und drang weiter in ihn, bis er die Ursache von des
Schulmeisterleins Auszug erfahren. »Das ist,« sagte er, »ein recht
hämischer Streich von dem Pfaffen, der eine Kinderei nicht von einer
Schlechtigkeit unterscheiden kann. Wir wollen ihm übrigens sein ewiges
Gehätschel und Getätschel mit seinen Unterweisungsschülerinnen auch
einmal abschaffen; die Hübschen und die Feinen hält er sich allfort dicht in
der Nähe, die Buckligen aber, die Einäugigen und die Armseligen setzt er in
den Hintergrund und spricht kaum mit ihnen, und das ist ärgerlicher als
Eure ganze Briefschreiberei. Wenn diese Stilübungen ihm übel angebracht
schienen, so ist uns sein Schönheitssinn noch weniger am rechten Ort! Aber
verstehen Sie denn etwas von der Feldarbeit und den ländlichen Dingen
überhaupt?«
»O ja, ziemlich!« antwortete Wilhelm, »ich habe während der Krankheit
meiner verstorbenen Eltern alles gemacht und bin erst im achtzehnten Jahre,
als sie gestorben und unser Gut verkauft wurde, mit dem kleinen
Vermögensreste ins Lehrerseminar gegangen; es sind erst fünf Jahre seither,
und im Seminar mußten wir auch Feldarbeit betreiben.« »Und warum
wollen Sie nicht lieber Ihre Kenntnisse benutzen und eine bessere Tätigkeit
Page 120
suchen, als den Bauern zu dienen?« fragte jener; allein Wilhelm hatte
seinen Entschluß gefaßt und war nicht aufgelegt, sich mit dem Manne
weiter über seine Lage einzulassen.
Indessen hatte sich der Regen wirklich gelegt und die Sonne beschien
sogar die weite Gegend. Der Eigentümer schickte sich an, den Weinberg zu
besehen und forderte Wilhelm auf, ihm noch eine Stunde Gesellschaft zu
leisten, weil er für heute noch weit genug kommen würde.
In den Reben sah der Seldwyler, daß Wilhelm in diesen Dingen eben so
sichere Kenntnis als guten Verstand besaß, und als er hier und da eine Rebe
schnitt und aufband, um seine Meinung zu zeigen, erwies sich auch eine
geübte Hand. Er ging daher mit ihm auch in die Matten und Äcker und
befragte ihn dort um seine Meinung. Wilhelm riet ihm kurzweg, die Äcker
ebenfalls wieder in Matten umzuschaffen, was sie früher auch gewesen
seien; denn was an Ackerfrüchten hier oben gedeihe, sei nicht der Rede
wert, während vom Walde her genug Feuchtigkeit da sei, die Wiesen zu
tränken. Dadurch würde ein Viehstand erhalten, der an Milch und
verkäuflichen Tieren schönen Vorteil verspräche; schon die Herbstweide
allein sei reiner Gewinn. Das leuchtete dem Tuchscherer ein; er besann sich
kurze Zeit, worauf er dem Lehrer antrug, in seinen Dienst zu treten. Er solle
arbeiten, was er leicht möge, und im übrigen das Gut in Ordnung halten und
alles beaufsichtigen. Was er irgend zu verdienen gedächte, das wolle er ihm
auch geben und ihn darüber hinaus noch mit Rücksicht behandeln. Wilhelm
bedachte sich auch einige Minuten und schlug dann ein, aber unter der
Bedingung, daß er in dem Rebhäuschen auf dem Berge wohnen dürfe und
nicht in der Stadt zu verkehren brauche. Das war jenem sogar lieb, und so
hatte der Flüchtling schon am Beginne seiner Wanderschaft ein Obdach
gefunden.
Der Tuchscherer ließ noch denselben Tag ein Bett hinaufbringen und
etwas Lebensmittel, welche von Zeit zu Zeit erneuert werden sollten. Eine
kleine Küche war vorhanden, um zur Zeit der Weinlese sieden und braten
zu können; ebenso enthielt das Erdgeschoß einen Vorratsraum, und unter
der Treppe war mit wenig Mühe ein Ziegenstall hergestellt für eine solche
Milchträgerin. So ward Wilhelm plötzlich zu einem einsiedlerischen
Arbeitsmanne und fügte sich mit Geschick und Fleiß in seine Lage. Er ließ
die Äcker von den Tagelöhnern, welche der Tuchscherer anstellte, sorgfältig
seinen Entschluß gefaßt und war nicht aufgelegt, sich mit dem Manne
weiter über seine Lage einzulassen.
Indessen hatte sich der Regen wirklich gelegt und die Sonne beschien
sogar die weite Gegend. Der Eigentümer schickte sich an, den Weinberg zu
besehen und forderte Wilhelm auf, ihm noch eine Stunde Gesellschaft zu
leisten, weil er für heute noch weit genug kommen würde.
In den Reben sah der Seldwyler, daß Wilhelm in diesen Dingen eben so
sichere Kenntnis als guten Verstand besaß, und als er hier und da eine Rebe
schnitt und aufband, um seine Meinung zu zeigen, erwies sich auch eine
geübte Hand. Er ging daher mit ihm auch in die Matten und Äcker und
befragte ihn dort um seine Meinung. Wilhelm riet ihm kurzweg, die Äcker
ebenfalls wieder in Matten umzuschaffen, was sie früher auch gewesen
seien; denn was an Ackerfrüchten hier oben gedeihe, sei nicht der Rede
wert, während vom Walde her genug Feuchtigkeit da sei, die Wiesen zu
tränken. Dadurch würde ein Viehstand erhalten, der an Milch und
verkäuflichen Tieren schönen Vorteil verspräche; schon die Herbstweide
allein sei reiner Gewinn. Das leuchtete dem Tuchscherer ein; er besann sich
kurze Zeit, worauf er dem Lehrer antrug, in seinen Dienst zu treten. Er solle
arbeiten, was er leicht möge, und im übrigen das Gut in Ordnung halten und
alles beaufsichtigen. Was er irgend zu verdienen gedächte, das wolle er ihm
auch geben und ihn darüber hinaus noch mit Rücksicht behandeln. Wilhelm
bedachte sich auch einige Minuten und schlug dann ein, aber unter der
Bedingung, daß er in dem Rebhäuschen auf dem Berge wohnen dürfe und
nicht in der Stadt zu verkehren brauche. Das war jenem sogar lieb, und so
hatte der Flüchtling schon am Beginne seiner Wanderschaft ein Obdach
gefunden.
Der Tuchscherer ließ noch denselben Tag ein Bett hinaufbringen und
etwas Lebensmittel, welche von Zeit zu Zeit erneuert werden sollten. Eine
kleine Küche war vorhanden, um zur Zeit der Weinlese sieden und braten
zu können; ebenso enthielt das Erdgeschoß einen Vorratsraum, und unter
der Treppe war mit wenig Mühe ein Ziegenstall hergestellt für eine solche
Milchträgerin. So ward Wilhelm plötzlich zu einem einsiedlerischen
Arbeitsmanne und fügte sich mit Geschick und Fleiß in seine Lage. Er ließ
die Äcker von den Tagelöhnern, welche der Tuchscherer anstellte, sorgfältig
Page 121
zubereiten und besonders die Steine hinaustragen und besäete sie mit
Heusamen. Die Reben bearbeitete er fast ganz allein und kam damit zu
Ende, ehe man es gedacht; wie es denn öfter vorkommt, daß solche, die
ausnahmsweise oder nach langer Unterbrechung ein Werk beginnen, im
ersten Eifer mehr vor sich bringen, als die immer dabei sind. In wenigen
Wochen gewann er Zeit, sich zunächst dem Häuschen ein Gemüsegärtchen
anzulegen, um etwas Kohl und Rüben mit dem Fleische kochen zu können,
welches man ihm wöchentlich zweimal schickte. In einer dunkeln Nacht
holte er sich sogar in der Stadt Schößlinge von seinen Nelken und Levkojen
und setzte sie, wo sich ein Raum bot; um das Gärtchen her zog er eine
Hecke von wilden Rosen, an Geländer und Säulen empor ließ er Geißblatt
ranken, und als der Sommer da war, sah das Ganze aus fast so bunt und
zierlich wie ein Albumblatt.
Noch ehe die Sonne im Osten heraufstieg, war er täglich auf den Füßen
und suchte seinen Frieden in rastloser Bewegung, bis der letzte
Rosenschimmer im Hochgebirge verblichen war. Dadurch wurde seine Zeit
ausgiebig und reichlich, daß er frei wurde in der Verwendung der Stunden,
ohne seine Pflicht zu vernachlässigen. Um sich seinen Holzbedarf zu
sammeln, machte er weite Rundgänge durch den Wald, aus welchen sich
eine Bürde fast von selbst zusammenfand. Er benutzte dazu die heiße
Tageszeit, um im Schatten zu sein und zugleich für die Erdschwere der
Handarbeit ein erbauliches Gegengewicht zu suchen. Denn der Wald war
jetzt seine Schulstube und sein Studiersaal, wenn auch nicht in großer
Gelehrsamkeit, so doch in beschaulicher Anwendung des Wenigen, was er
wußte. Er belauschte das Treiben der Vögel und der andern Tiere, und nie
kehrte er zurück, ohne Gaben der Natur in seinem Reisigbündel
wohlverwahrt heimzutragen, sei es eine schöne Moosart, ein kunstreiches,
verlassenes Vogelnest, ein wunderlicher Stein, oder eine auffallende
Mißbildung an Bäumen und Sträuchern. Aus einem verfallenen Steinbruche
klopfte er manches Stück mit uralten Resten heraus von Kräutern und
Tieren. Auch legte er eine vollständige Sammlung an von den Rinden aller
Waldbäume in den verschiedenen Lebensaltern, indem er schöne viereckige
Stücke davon, mit Moosen und Flechten bewachsen, herausschnitt oder
sinnig zusammensetzte, die Nadelhölzer sogar mit den glänzenden
Harztropfen, so daß jedes Stück ein artiges Bild abgab. Mit alledem
schmückte er in Ermanglung anderen Raumes die Wände und die Decke
Heusamen. Die Reben bearbeitete er fast ganz allein und kam damit zu
Ende, ehe man es gedacht; wie es denn öfter vorkommt, daß solche, die
ausnahmsweise oder nach langer Unterbrechung ein Werk beginnen, im
ersten Eifer mehr vor sich bringen, als die immer dabei sind. In wenigen
Wochen gewann er Zeit, sich zunächst dem Häuschen ein Gemüsegärtchen
anzulegen, um etwas Kohl und Rüben mit dem Fleische kochen zu können,
welches man ihm wöchentlich zweimal schickte. In einer dunkeln Nacht
holte er sich sogar in der Stadt Schößlinge von seinen Nelken und Levkojen
und setzte sie, wo sich ein Raum bot; um das Gärtchen her zog er eine
Hecke von wilden Rosen, an Geländer und Säulen empor ließ er Geißblatt
ranken, und als der Sommer da war, sah das Ganze aus fast so bunt und
zierlich wie ein Albumblatt.
Noch ehe die Sonne im Osten heraufstieg, war er täglich auf den Füßen
und suchte seinen Frieden in rastloser Bewegung, bis der letzte
Rosenschimmer im Hochgebirge verblichen war. Dadurch wurde seine Zeit
ausgiebig und reichlich, daß er frei wurde in der Verwendung der Stunden,
ohne seine Pflicht zu vernachlässigen. Um sich seinen Holzbedarf zu
sammeln, machte er weite Rundgänge durch den Wald, aus welchen sich
eine Bürde fast von selbst zusammenfand. Er benutzte dazu die heiße
Tageszeit, um im Schatten zu sein und zugleich für die Erdschwere der
Handarbeit ein erbauliches Gegengewicht zu suchen. Denn der Wald war
jetzt seine Schulstube und sein Studiersaal, wenn auch nicht in großer
Gelehrsamkeit, so doch in beschaulicher Anwendung des Wenigen, was er
wußte. Er belauschte das Treiben der Vögel und der andern Tiere, und nie
kehrte er zurück, ohne Gaben der Natur in seinem Reisigbündel
wohlverwahrt heimzutragen, sei es eine schöne Moosart, ein kunstreiches,
verlassenes Vogelnest, ein wunderlicher Stein, oder eine auffallende
Mißbildung an Bäumen und Sträuchern. Aus einem verfallenen Steinbruche
klopfte er manches Stück mit uralten Resten heraus von Kräutern und
Tieren. Auch legte er eine vollständige Sammlung an von den Rinden aller
Waldbäume in den verschiedenen Lebensaltern, indem er schöne viereckige
Stücke davon, mit Moosen und Flechten bewachsen, herausschnitt oder
sinnig zusammensetzte, die Nadelhölzer sogar mit den glänzenden
Harztropfen, so daß jedes Stück ein artiges Bild abgab. Mit alledem
schmückte er in Ermanglung anderen Raumes die Wände und die Decke
Page 122
seines Stübchens. Nur nichts Lebendiges heimste er ein; je schöner und
seltener ein Schmetterling war, den er flattern sah, und es gab auf diesen
Höhen deren mehrere Arten, desto andächtiger ließ er ihn fliegen. Denn,
sagte er sich, weiß ich, ob der arme Kerl sich schon vermählt hat? Und
wenn das nicht wäre, wie abscheulich, die Stammtafel eines so schönen,
unschuldigen Tieres, welches eine Zierde des Landes ist und eine Freude
den Augen, mit einem Zuge auszulöschen! Abzutun, ab und tot, das
Geschlecht einer zarten fliegenden Blume, die sich durch so viele
Jahrtausende hindurch von Anbeginn erhalten hat und welche vielleicht die
letzte ihres Geschlechtes in der ganzen Gegend sein könnte! Denn wer zählt
die Feinde und Gefahren, die ihr auflauern?
Für diesen frommen Sinn wurde er von einem untergegangenen
Geschlechte belohnt, indem eine Erderhöhung mitten im Forste, welche ihm
verdächtig erschien und die er ausgrub, das Grab eines keltischen
Kriegsmannes enthüllte. Ein langes Gerippe mit Schmuck und Waffen
zeigte sich vor seinen Blicken. Aber er baute das Grab sorgfältig wieder auf,
ohne jemand davon zu sagen, weil er nicht aus seiner Verborgenheit treten
mochte. Indessen durchforschte er den Wald aufmerksam, entdeckte noch
mehrere solche Erhöhungen mit darauf zerstreuten Steinen und behielt sich
vor, in späterer Zeit davon Anzeige zu machen. Die gefundenen Schmuck-
und Waffensachen fügte er den Merkwürdigkeiten seiner Einsiedelei bei.
Auf diese Weise erfuhr er, wie das grüne Erdreich Trost und Kurzweil hat
für den Verlassenen und die Einsamkeit eine gesegnete Schule ist für jeden,
der nicht ganz roh und leer.
Umso schneller machte er sich unsichtbar, wenn der Tuchscherer etwa
mit großer Gesellschaft heraufkam, um sie in dem lustigen Winzerhäuschen
zu bewirten und auf den Matten herumspringen zu lassen. Insbesondere die
lustigen Damen suchten neugierig des einsiedlerischen Jünglings ansichtig
zu werden, der sich so gut anschickte und in Freiheit, Sonne und Bergluft
ein hübscher brauner Gesell geworden. Es schien auf einmal der Mühe
wert, den Flüchtling nicht zu unabhängig von der Macht ihrer Augen
werden zu lassen. Auch einzeln dehnte dann und wann eine Vorwitzige ihre
Spaziergänge bis zu dieser Höhe aus und spukte wie von ungefähr um das
Häuschen herum. Allein Wilhelm war wie umgewandelt. Anstatt die Augen
niederzuschlagen und heimlich verliebt zu sein, blickte er die
seltener ein Schmetterling war, den er flattern sah, und es gab auf diesen
Höhen deren mehrere Arten, desto andächtiger ließ er ihn fliegen. Denn,
sagte er sich, weiß ich, ob der arme Kerl sich schon vermählt hat? Und
wenn das nicht wäre, wie abscheulich, die Stammtafel eines so schönen,
unschuldigen Tieres, welches eine Zierde des Landes ist und eine Freude
den Augen, mit einem Zuge auszulöschen! Abzutun, ab und tot, das
Geschlecht einer zarten fliegenden Blume, die sich durch so viele
Jahrtausende hindurch von Anbeginn erhalten hat und welche vielleicht die
letzte ihres Geschlechtes in der ganzen Gegend sein könnte! Denn wer zählt
die Feinde und Gefahren, die ihr auflauern?
Für diesen frommen Sinn wurde er von einem untergegangenen
Geschlechte belohnt, indem eine Erderhöhung mitten im Forste, welche ihm
verdächtig erschien und die er ausgrub, das Grab eines keltischen
Kriegsmannes enthüllte. Ein langes Gerippe mit Schmuck und Waffen
zeigte sich vor seinen Blicken. Aber er baute das Grab sorgfältig wieder auf,
ohne jemand davon zu sagen, weil er nicht aus seiner Verborgenheit treten
mochte. Indessen durchforschte er den Wald aufmerksam, entdeckte noch
mehrere solche Erhöhungen mit darauf zerstreuten Steinen und behielt sich
vor, in späterer Zeit davon Anzeige zu machen. Die gefundenen Schmuck-
und Waffensachen fügte er den Merkwürdigkeiten seiner Einsiedelei bei.
Auf diese Weise erfuhr er, wie das grüne Erdreich Trost und Kurzweil hat
für den Verlassenen und die Einsamkeit eine gesegnete Schule ist für jeden,
der nicht ganz roh und leer.
Umso schneller machte er sich unsichtbar, wenn der Tuchscherer etwa
mit großer Gesellschaft heraufkam, um sie in dem lustigen Winzerhäuschen
zu bewirten und auf den Matten herumspringen zu lassen. Insbesondere die
lustigen Damen suchten neugierig des einsiedlerischen Jünglings ansichtig
zu werden, der sich so gut anschickte und in Freiheit, Sonne und Bergluft
ein hübscher brauner Gesell geworden. Es schien auf einmal der Mühe
wert, den Flüchtling nicht zu unabhängig von der Macht ihrer Augen
werden zu lassen. Auch einzeln dehnte dann und wann eine Vorwitzige ihre
Spaziergänge bis zu dieser Höhe aus und spukte wie von ungefähr um das
Häuschen herum. Allein Wilhelm war wie umgewandelt. Anstatt die Augen
niederzuschlagen und heimlich verliebt zu sein, blickte er die
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Streifzüglerinnen ruhig und halb spöttisch an und ging seiner Wege ohne
alle Anfechtung. Das war ein neues Wunder und vermehrte das Gerede über
ihn in der Stadt.
Der Tuchscherer war zufrieden über seinen Besitz. In der Ebene, wo er
auch ein Stück Land besaß, hatte er eine geräumige Stallung und eine
Scheune gebaut. Dort stand das Vieh, dessen Zucht und Verkauf Wilhelm
mit gutem Verstande beriet. Die zweimalige Heuernte brachte er ebenfalls
glücklich unter Dach, und die Weinlese, welche darauf folgte, zeigte, daß
der Berg trefflich besorgt war.
Als der Tuchscherer nun seine Rechnung machte, fand er, daß er für die
Zukunft wohl bestehen würde, wenn es so fortginge, und statt nur seinen
vorübergehenden Spaß an der Sache zu haben, wie es am Orte Sitte war,
entschloß er sich, mit Ernst dabei auszuharren und zu trachten, daß er ein
gutes Ende gewänne. Obgleich er auch ein lustiger Tuchscherer war, barg er
doch eine gute Anlage in sich von irgend einem Äderchen her, weshalb er
durch die frische Arbeitslust, Verständigkeit und Ausdauer Wilhelms
aufmerksam wurde, besonders da er sah, daß der träumende und verliebte
Schulmeister ganz plötzlich diese Tugenden hervorgekehrt, als wenn er sie
auf der Straße gefunden hätte. Was ein anderer könne, dachte er, das werde
er auch im stande sein; und so wurde er in ehrgeiziger Laune ein
sorgfältiger und wachsamer Mann. Er stand früh auf und nahm seine
Geschäfte der Ordnung nach an die Hand. Statt in seiner Tuchschererei alles
den Arbeitern zu überlassen, sah er selbst dazu und förderte die Arbeit, daß
sie gut getan wurde und rasch vor sich ging, und er gewann noch
hinlängliche Zeit für seine Landwirtschaft. Den Aufenthalt in den
Versammlungen und Wirtshäusern, wo die Spottvögel saßen, kürzte er
immer mehr ab und gewöhnte sich, zu jeder beliebigen Zeit auszubrechen
und sich loszureißen, ohne gerade ein sogenannter Leimsieder zu werden.
Er bemerkte, daß die rechte Lustigkeit erst nach getaner Arbeit entsteht, und
daß Leute, welche immer in derselben Wirtshausluft, bei denselben
Manieren sitzen, zur schönsten Krähwinkelei gedeihen; daß der liederliche
Spießbürger um kein Haar geistreicher ist, als der solide, und daß überhaupt
Männer, die sich immerwährend und täglich mehrmals sehen, einander
zuletzt dumm schwatzen. Dennoch stieß seine Bekehrung auf große
Schwierigkeiten und er mußte die tapfersten Anstrengungen machen, um
nicht zurückzufallen. Aber wenn die Verlockung und das Geräusch zu stark
alle Anfechtung. Das war ein neues Wunder und vermehrte das Gerede über
ihn in der Stadt.
Der Tuchscherer war zufrieden über seinen Besitz. In der Ebene, wo er
auch ein Stück Land besaß, hatte er eine geräumige Stallung und eine
Scheune gebaut. Dort stand das Vieh, dessen Zucht und Verkauf Wilhelm
mit gutem Verstande beriet. Die zweimalige Heuernte brachte er ebenfalls
glücklich unter Dach, und die Weinlese, welche darauf folgte, zeigte, daß
der Berg trefflich besorgt war.
Als der Tuchscherer nun seine Rechnung machte, fand er, daß er für die
Zukunft wohl bestehen würde, wenn es so fortginge, und statt nur seinen
vorübergehenden Spaß an der Sache zu haben, wie es am Orte Sitte war,
entschloß er sich, mit Ernst dabei auszuharren und zu trachten, daß er ein
gutes Ende gewänne. Obgleich er auch ein lustiger Tuchscherer war, barg er
doch eine gute Anlage in sich von irgend einem Äderchen her, weshalb er
durch die frische Arbeitslust, Verständigkeit und Ausdauer Wilhelms
aufmerksam wurde, besonders da er sah, daß der träumende und verliebte
Schulmeister ganz plötzlich diese Tugenden hervorgekehrt, als wenn er sie
auf der Straße gefunden hätte. Was ein anderer könne, dachte er, das werde
er auch im stande sein; und so wurde er in ehrgeiziger Laune ein
sorgfältiger und wachsamer Mann. Er stand früh auf und nahm seine
Geschäfte der Ordnung nach an die Hand. Statt in seiner Tuchschererei alles
den Arbeitern zu überlassen, sah er selbst dazu und förderte die Arbeit, daß
sie gut getan wurde und rasch vor sich ging, und er gewann noch
hinlängliche Zeit für seine Landwirtschaft. Den Aufenthalt in den
Versammlungen und Wirtshäusern, wo die Spottvögel saßen, kürzte er
immer mehr ab und gewöhnte sich, zu jeder beliebigen Zeit auszubrechen
und sich loszureißen, ohne gerade ein sogenannter Leimsieder zu werden.
Er bemerkte, daß die rechte Lustigkeit erst nach getaner Arbeit entsteht, und
daß Leute, welche immer in derselben Wirtshausluft, bei denselben
Manieren sitzen, zur schönsten Krähwinkelei gedeihen; daß der liederliche
Spießbürger um kein Haar geistreicher ist, als der solide, und daß überhaupt
Männer, die sich immerwährend und täglich mehrmals sehen, einander
zuletzt dumm schwatzen. Dennoch stieß seine Bekehrung auf große
Schwierigkeiten und er mußte die tapfersten Anstrengungen machen, um
nicht zurückzufallen. Aber wenn die Verlockung und das Geräusch zu stark
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wurden, verließ er die Stadt und floh zu Wilhelm hinauf, den er
liebgewonnen und zu seinem Vertrauten machte. Hierdurch wurde dieser
wiederum angefeuert, daß er in seinem löblichen Wesen nicht mürbe wurde.
Allein der Teufel suchte abermals Unkraut zu säen, indem des Tuchscherers
Frau nicht von der alten Weise lassen wollte und den Verkehr mit den
Müßigen und Lustigmachern stets erneuerte. Der Mann klagte dem
Einsiedler seine Not; Wilhelm dachte nach und riet ihm dann, der Frau das
Haar dicht am Kopfe wegzuschneiden, damit sie ein Jahr lang nicht
ausgehen könne. Denn er hielt sich für einen Weiberfeind und freute sich,
einer eine Buße anzutun. Doch der Tuchscherer sagte, das ginge nicht an,
das Haar seiner Frau sei zu schön und, da sie sonst nicht viel tauge, ein
Hauptstück seines Inventars. Da besann sich Wilhelm aufs neue und riet
ihm dann, der Frau den Milchverkauf zu übergeben und ihr einen Teil des
Gewinns zu lassen. Dadurch würde ihre Habsucht gereizt, sie werde nicht
verfehlen, Wasser unter die Milch zu mischen, sich deshalb mit der ganzen
Stadt verfeinden und in eine wohltätige Isolierung geraten. Dieser Plan
ward nicht übel befunden und bewährte sich auch so ziemlich. Die Frau
fand Freude an dem Gewinn und war, besonders des Abends, ans Haus
gebunden, um das Melken der Kühe zu überwachen und zu sehen, daß sie
nicht zu kurz käme.
Inzwischen war der Herbst gekommen und für Wilhelm nichts weiter zu
tun, als das Vieh zu hüten, welches jetzt auf die Weide getrieben wurde. Er
ließ sich das demütige Amt nicht nehmen und wollte wenigstens einen
Herbst entlang mit den schönen Tieren allein auf der Weide sein. Allein
gerade diese Übertreibung, da er den Dienst eines kleinen Hirtenbuben
verrichtete, bekam ihm übel und beraubte ihn plötzlich wieder der Freiheit
und Gemütsruhe, welche er sich erarbeitet hatte. Denn als er so da saß auf
den sonnigen Hügeln, beim Getön der Herdenglocken und die Stadt im
goldenen Herbstrauch liegen sah, tauchte die Gestalt Gritlis immer
deutlicher wieder empor, fast nach dem Sprichworte: Müßiggang ist aller
Laster Anfang! Im Grunde war es eine von den unfertigen und
abgebrochenen Geschichten, welche wie ein abgeschossenes Bein mit der
Veränderung der Jahreszeiten und des Wetters sich immer bemerklich
machen. Jedes zurückgebliebene Restchen von Hoffnung auf ein verlorenes
Glück erneut tausend Schmerzen, sobald die Seele müßig wird und die
Sonne durchscheinen läßt.
liebgewonnen und zu seinem Vertrauten machte. Hierdurch wurde dieser
wiederum angefeuert, daß er in seinem löblichen Wesen nicht mürbe wurde.
Allein der Teufel suchte abermals Unkraut zu säen, indem des Tuchscherers
Frau nicht von der alten Weise lassen wollte und den Verkehr mit den
Müßigen und Lustigmachern stets erneuerte. Der Mann klagte dem
Einsiedler seine Not; Wilhelm dachte nach und riet ihm dann, der Frau das
Haar dicht am Kopfe wegzuschneiden, damit sie ein Jahr lang nicht
ausgehen könne. Denn er hielt sich für einen Weiberfeind und freute sich,
einer eine Buße anzutun. Doch der Tuchscherer sagte, das ginge nicht an,
das Haar seiner Frau sei zu schön und, da sie sonst nicht viel tauge, ein
Hauptstück seines Inventars. Da besann sich Wilhelm aufs neue und riet
ihm dann, der Frau den Milchverkauf zu übergeben und ihr einen Teil des
Gewinns zu lassen. Dadurch würde ihre Habsucht gereizt, sie werde nicht
verfehlen, Wasser unter die Milch zu mischen, sich deshalb mit der ganzen
Stadt verfeinden und in eine wohltätige Isolierung geraten. Dieser Plan
ward nicht übel befunden und bewährte sich auch so ziemlich. Die Frau
fand Freude an dem Gewinn und war, besonders des Abends, ans Haus
gebunden, um das Melken der Kühe zu überwachen und zu sehen, daß sie
nicht zu kurz käme.
Inzwischen war der Herbst gekommen und für Wilhelm nichts weiter zu
tun, als das Vieh zu hüten, welches jetzt auf die Weide getrieben wurde. Er
ließ sich das demütige Amt nicht nehmen und wollte wenigstens einen
Herbst entlang mit den schönen Tieren allein auf der Weide sein. Allein
gerade diese Übertreibung, da er den Dienst eines kleinen Hirtenbuben
verrichtete, bekam ihm übel und beraubte ihn plötzlich wieder der Freiheit
und Gemütsruhe, welche er sich erarbeitet hatte. Denn als er so da saß auf
den sonnigen Hügeln, beim Getön der Herdenglocken und die Stadt im
goldenen Herbstrauch liegen sah, tauchte die Gestalt Gritlis immer
deutlicher wieder empor, fast nach dem Sprichworte: Müßiggang ist aller
Laster Anfang! Im Grunde war es eine von den unfertigen und
abgebrochenen Geschichten, welche wie ein abgeschossenes Bein mit der
Veränderung der Jahreszeiten und des Wetters sich immer bemerklich
machen. Jedes zurückgebliebene Restchen von Hoffnung auf ein verlorenes
Glück erneut tausend Schmerzen, sobald die Seele müßig wird und die
Sonne durchscheinen läßt.
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Als er eines Tages, da es in den Tälern Mittag läutete, nach seinem
Häuschen ging, um sein einfaches Essen zu bereiten, entdeckte er plötzlich
eine zierliche Frau, welche unter dem Vordache stand und in die Ferne
hinaussah. Er war kaum noch zweihundert Schritte entfernt und glaubte
Gritli zu erkennen. Heftig erschreckend stand er still und sagte: Was will sie
hier? was sucht sie da?
Er verbarg sich hinter einem wilden Birnbaum und wagte wohl fünf
Minuten lang nicht mehr hinzusehen. Als er es aber endlich tat, hatte sich
die Erscheinung umgekehrt, guckte durch das Fenster in das Innere des
Winzerhäuschens und schien die kleine Stube aufmerksam zu betrachten,
darauf setzte sie sich auf die oberste Treppenstufe, zog, wie es schien, ein
Brötchen oder dergleichen aus der Tasche und fing an es zu essen, und es
war keine Aussicht, daß die Dame so bald wieder abziehen wolle. Wilhelm
machte Kehrtum und ging ohne Umsehen und ohne gegessen zu haben, zu
seiner Herde zurück, da er seine Behausung solchergestalt bewacht fand. In
großer Aufregung blieb er bis zum Abend fort, aber endlich trieb ihn der
Hunger wieder hin; vorsichtig näherte er sich seiner Klause und fand den
Platz geräumt. Der Engel mit dem feurigen Schwert war abgezogen vor der
Pforte. Wilhelm betrachtete alles wohl, das Fenster und die Treppe, und
fand alles, wie es gewesen, still und unverfänglich. Doch seine Ruhe war
dahin, wenngleich er nicht einmal bestimmt wußte, ob es Gritli gewesen
sei.
Ohne es sich gestehen zu wollen, kleidete er sich von dem Tage an
sorgfältiger, daß er für einen Rinderhirten fast zu gut aussah, und näherte
sich nicht selten behutsam dem Häuschen; aber die Erscheinung kehrte
nicht wieder. Dafür bevölkerte sich der ganze Berg mit ihrem Bilde, auf
Weg und Steg trat es ihm entgegen und guckte ihm durch die runden
Scheiben; es schien ihm unerträglich, so nahe bei ihr zu wohnen, und doch
hätte er nicht wegziehen mögen; denn der Umstand, daß sie jetzt frei und
einsam war, vermehrte die Unordnung seiner Gedanken. Doch zuletzt
wurde er nochmals Meister über dies Wesen und stellte sich wieder steif auf
die Beine.
Als der erste Schnee fiel, war es mit dem Hirtenleben vorbei; der
Tuchscherer wollte Wilhelm nun zu sich ins Haus nehmen. Der aber
sträubte sich dagegen und bat, ihn auf dem Berge zu lassen; jener mochte
Häuschen ging, um sein einfaches Essen zu bereiten, entdeckte er plötzlich
eine zierliche Frau, welche unter dem Vordache stand und in die Ferne
hinaussah. Er war kaum noch zweihundert Schritte entfernt und glaubte
Gritli zu erkennen. Heftig erschreckend stand er still und sagte: Was will sie
hier? was sucht sie da?
Er verbarg sich hinter einem wilden Birnbaum und wagte wohl fünf
Minuten lang nicht mehr hinzusehen. Als er es aber endlich tat, hatte sich
die Erscheinung umgekehrt, guckte durch das Fenster in das Innere des
Winzerhäuschens und schien die kleine Stube aufmerksam zu betrachten,
darauf setzte sie sich auf die oberste Treppenstufe, zog, wie es schien, ein
Brötchen oder dergleichen aus der Tasche und fing an es zu essen, und es
war keine Aussicht, daß die Dame so bald wieder abziehen wolle. Wilhelm
machte Kehrtum und ging ohne Umsehen und ohne gegessen zu haben, zu
seiner Herde zurück, da er seine Behausung solchergestalt bewacht fand. In
großer Aufregung blieb er bis zum Abend fort, aber endlich trieb ihn der
Hunger wieder hin; vorsichtig näherte er sich seiner Klause und fand den
Platz geräumt. Der Engel mit dem feurigen Schwert war abgezogen vor der
Pforte. Wilhelm betrachtete alles wohl, das Fenster und die Treppe, und
fand alles, wie es gewesen, still und unverfänglich. Doch seine Ruhe war
dahin, wenngleich er nicht einmal bestimmt wußte, ob es Gritli gewesen
sei.
Ohne es sich gestehen zu wollen, kleidete er sich von dem Tage an
sorgfältiger, daß er für einen Rinderhirten fast zu gut aussah, und näherte
sich nicht selten behutsam dem Häuschen; aber die Erscheinung kehrte
nicht wieder. Dafür bevölkerte sich der ganze Berg mit ihrem Bilde, auf
Weg und Steg trat es ihm entgegen und guckte ihm durch die runden
Scheiben; es schien ihm unerträglich, so nahe bei ihr zu wohnen, und doch
hätte er nicht wegziehen mögen; denn der Umstand, daß sie jetzt frei und
einsam war, vermehrte die Unordnung seiner Gedanken. Doch zuletzt
wurde er nochmals Meister über dies Wesen und stellte sich wieder steif auf
die Beine.
Als der erste Schnee fiel, war es mit dem Hirtenleben vorbei; der
Tuchscherer wollte Wilhelm nun zu sich ins Haus nehmen. Der aber
sträubte sich dagegen und bat, ihn auf dem Berge zu lassen; jener mochte
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ihn in seiner Laune nicht hindern, schaffte ihm einen kleinen Ofen hinauf
und versah ihn mit allerhand Arbeit von sich und andern. Auch kaufte sich
Wilhelm für den Lohn, den er erhielt, einige Bücher, die ihm der
Tuchscherer besorgte, damit er der Pflege seiner Geisteskräften obliegen
könne, und so wurde er bald eingeschneit und sah sich einsamer als je.
Eigentlich nur so einsam, als ein rechter Einsiedel sein kann, denn ein
solcher hat noch allerlei Zuspruch. So bekam auch Wilhelm jetzt eine
wunderliche Kundschaft. Die Bauern der Umgegend, mehrere Stunden in
die Runde, sprachen von ihm als von einem halben Weisen und Propheten,
was hauptsächlich von seinem Treiben im Walde und der seltsamen
Ausstaffierung seiner Wohnung herrührte. Sobald die Bauern einen solchen
Heiligen aufspüren, der von Reue über irgend einen geheimnisvollen
Fehltritt ergriffen, sich auf außerordentlichem Wege zu helfen sucht, in die
Einsamkeit geht und ein ungewöhnliches Leben führt, so wird alsobald ihre
Phantasie aufgeregt und sie schreiben dem Sonderling besondere Einsichten
und Kräfte zu, welche zu nutznießen sie eine unüberwindliche Lust
verspüren, im Gegensatze zu den Städtern und Aufgeklärten, so ihren Rat
bei denen holen, die niemals von der goldenen Mittelstraße abweichen und
nie über die Schnur gehauen haben.
Zuerst kam eine bedrängte Witwe mit einem ungeratenen Kinde, welches
in der Schule nichts lernen wollte und sonst allerlei Streiche verübte, und
bat ihn um Rat, indem sie vor dem Kinde ihre bittere Klage vorbrachte.
Wilhelm sprach freundlich mit dem Sünder, fragte, warum es dies und jenes
tue und nicht tue, und ermahnte es zum Guten, indem es sich besser dabei
befinden werde. Der weite Gang, die feierliche Klage der Mutter, die
abenteuerliche Einrichtung des Propheten und dessen freundlich-ernste
Worte machten einen solchen Eindruck auf das Kind, daß es sich in der Tat
besserte, und die Witwe verbreitete den Ruhm Wilhelms.
Bald darauf kam eine andere Frau, welche über eine böse Nachbarin
klagte; dann kam ein alter Bauer, der sich das Schnupfen abgewöhnen
wollte, weil er es für Sünde hielt; Wilhelm sagte, er solle nur fortschnupfen,
es sei keine Sünde, und dieser lobte und pries den Ratgeber, wo er hinkam.
Endlich verging kaum ein Tag, wo er nicht solchen Besuch empfing, und
alle möglichen moralischen und häuslichen Gebrechen enthüllten sich vor
ihm. Am meisten besuchten ihn Mädchen und Weiber, um geheime Briefe
und versah ihn mit allerhand Arbeit von sich und andern. Auch kaufte sich
Wilhelm für den Lohn, den er erhielt, einige Bücher, die ihm der
Tuchscherer besorgte, damit er der Pflege seiner Geisteskräften obliegen
könne, und so wurde er bald eingeschneit und sah sich einsamer als je.
Eigentlich nur so einsam, als ein rechter Einsiedel sein kann, denn ein
solcher hat noch allerlei Zuspruch. So bekam auch Wilhelm jetzt eine
wunderliche Kundschaft. Die Bauern der Umgegend, mehrere Stunden in
die Runde, sprachen von ihm als von einem halben Weisen und Propheten,
was hauptsächlich von seinem Treiben im Walde und der seltsamen
Ausstaffierung seiner Wohnung herrührte. Sobald die Bauern einen solchen
Heiligen aufspüren, der von Reue über irgend einen geheimnisvollen
Fehltritt ergriffen, sich auf außerordentlichem Wege zu helfen sucht, in die
Einsamkeit geht und ein ungewöhnliches Leben führt, so wird alsobald ihre
Phantasie aufgeregt und sie schreiben dem Sonderling besondere Einsichten
und Kräfte zu, welche zu nutznießen sie eine unüberwindliche Lust
verspüren, im Gegensatze zu den Städtern und Aufgeklärten, so ihren Rat
bei denen holen, die niemals von der goldenen Mittelstraße abweichen und
nie über die Schnur gehauen haben.
Zuerst kam eine bedrängte Witwe mit einem ungeratenen Kinde, welches
in der Schule nichts lernen wollte und sonst allerlei Streiche verübte, und
bat ihn um Rat, indem sie vor dem Kinde ihre bittere Klage vorbrachte.
Wilhelm sprach freundlich mit dem Sünder, fragte, warum es dies und jenes
tue und nicht tue, und ermahnte es zum Guten, indem es sich besser dabei
befinden werde. Der weite Gang, die feierliche Klage der Mutter, die
abenteuerliche Einrichtung des Propheten und dessen freundlich-ernste
Worte machten einen solchen Eindruck auf das Kind, daß es sich in der Tat
besserte, und die Witwe verbreitete den Ruhm Wilhelms.
Bald darauf kam eine andere Frau, welche über eine böse Nachbarin
klagte; dann kam ein alter Bauer, der sich das Schnupfen abgewöhnen
wollte, weil er es für Sünde hielt; Wilhelm sagte, er solle nur fortschnupfen,
es sei keine Sünde, und dieser lobte und pries den Ratgeber, wo er hinkam.
Endlich verging kaum ein Tag, wo er nicht solchen Besuch empfing, und
alle möglichen moralischen und häuslichen Gebrechen enthüllten sich vor
ihm. Am meisten besuchten ihn Mädchen und Weiber, um geheime Briefe
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von ihm schreiben zu lassen, welchen sie eine besondere Wirkung
zutrauten, und sogar abergläubische Leute kamen, denen er gestohlene oder
verlorene Sachen wieder verschaffen oder geheimnisvolle Mittel gegen
körperliche Übel oder am Ende gar weissagen sollte. Das wurde ihm denn
doch lästig und bedenklich, und er suchte die Bittsteller mit Scherzen oder
barschen Worten abzuweisen. Allein nun hieß es erst recht, er habe seine
Mucken und stehe nicht jedem Rede, woran er ganz recht tue. Am liebsten
verkehrte er mit Kindern, die in der Schule nicht fortkamen und deren man
ihm häufig brachte, so daß sie nachher allein kommen konnten. Mit diesen
gab er sich liebevoll ab und war froh, öfter eines oder mehrere um sich zu
haben. Er brachte fast alle ins Geleise und erwarb sich dadurch Dank und
Ansehen und unter den Kleinen eine große Anhängerschaft, die ihn an
schönen Sonntagen manchmal in ganzen Scharen besuchte und ihm
kindliche Geschenke brachte, zum Beispiel jedes einen schönen Apfel, so
daß alle zusammen ein Körbchen voll gaben, oder jedes zehn Nüsse, so daß
sich eine Lade damit füllte. Sie mußten dann singen und er geleitete sie eine
Strecke weit heimwärts.
Von diesen Taten hörte Frau Gritli häufig erzählen und sie nahm
lebendigen Anteil, ohne es merken zu lassen. Sie war sehr neugierig und
wünschte eifrig, seine Wirtschaft selbst einmal zu sehen und ihn sprechen
zu hören. Als eine auswärtige vertraute Freundin sie für einige Zeit
besuchte, um ihr die Tage verbringen zu helfen, beschlossen die beiden zu
dem Einsiedel zu gehen. Sie verkleideten sich in junge Bäuerinnen, färbten
ihre Gesichter mit vieler Kunst und verhüllten überdies die Köpfe mit
großen Tüchern. So machten sie sich an einem hellen Wintermorgen auf
den Weg und bestiegen den Berg, der in seiner weißen Decke blendend vom
blauen Himmel abstach. Als sie vor dem Rebhäuschen anlangten, standen
sie still und betrachteten es neugierig und mit erstaunten Blicken. Denn es
glitzerte und leuchtete wie lauter Kristall und Silber. Vom Dache hingen
ringsherum große Eiszacken nieder mit feinen Spitzen, manche beinahe bis
auf den Boden. Die Wetterfahne, die eisernen Verzierungen des Geländers,
noch aus der Zopfzeit, und die Geißblattranken waren mit Reif besetzt, und
das alles wurde von der Sonne mit siebenfarbigen Strahlen umsäumt. Unter
dem Vordache auf den Steinplatten wimmelte es von größern und kleinern
Waldvögeln, die da ihr Futter pickten und lustig durcheinander hüpften; sie
waren so zahm, daß sie kaum Platz machten vor den Füßen der Pilgerinnen
zutrauten, und sogar abergläubische Leute kamen, denen er gestohlene oder
verlorene Sachen wieder verschaffen oder geheimnisvolle Mittel gegen
körperliche Übel oder am Ende gar weissagen sollte. Das wurde ihm denn
doch lästig und bedenklich, und er suchte die Bittsteller mit Scherzen oder
barschen Worten abzuweisen. Allein nun hieß es erst recht, er habe seine
Mucken und stehe nicht jedem Rede, woran er ganz recht tue. Am liebsten
verkehrte er mit Kindern, die in der Schule nicht fortkamen und deren man
ihm häufig brachte, so daß sie nachher allein kommen konnten. Mit diesen
gab er sich liebevoll ab und war froh, öfter eines oder mehrere um sich zu
haben. Er brachte fast alle ins Geleise und erwarb sich dadurch Dank und
Ansehen und unter den Kleinen eine große Anhängerschaft, die ihn an
schönen Sonntagen manchmal in ganzen Scharen besuchte und ihm
kindliche Geschenke brachte, zum Beispiel jedes einen schönen Apfel, so
daß alle zusammen ein Körbchen voll gaben, oder jedes zehn Nüsse, so daß
sich eine Lade damit füllte. Sie mußten dann singen und er geleitete sie eine
Strecke weit heimwärts.
Von diesen Taten hörte Frau Gritli häufig erzählen und sie nahm
lebendigen Anteil, ohne es merken zu lassen. Sie war sehr neugierig und
wünschte eifrig, seine Wirtschaft selbst einmal zu sehen und ihn sprechen
zu hören. Als eine auswärtige vertraute Freundin sie für einige Zeit
besuchte, um ihr die Tage verbringen zu helfen, beschlossen die beiden zu
dem Einsiedel zu gehen. Sie verkleideten sich in junge Bäuerinnen, färbten
ihre Gesichter mit vieler Kunst und verhüllten überdies die Köpfe mit
großen Tüchern. So machten sie sich an einem hellen Wintermorgen auf
den Weg und bestiegen den Berg, der in seiner weißen Decke blendend vom
blauen Himmel abstach. Als sie vor dem Rebhäuschen anlangten, standen
sie still und betrachteten es neugierig und mit erstaunten Blicken. Denn es
glitzerte und leuchtete wie lauter Kristall und Silber. Vom Dache hingen
ringsherum große Eiszacken nieder mit feinen Spitzen, manche beinahe bis
auf den Boden. Die Wetterfahne, die eisernen Verzierungen des Geländers,
noch aus der Zopfzeit, und die Geißblattranken waren mit Reif besetzt, und
das alles wurde von der Sonne mit siebenfarbigen Strahlen umsäumt. Unter
dem Vordache auf den Steinplatten wimmelte es von größern und kleinern
Waldvögeln, die da ihr Futter pickten und lustig durcheinander hüpften; sie
waren so zahm, daß sie kaum Platz machten vor den Füßen der Pilgerinnen
Page 128
und sich der Reihe nach auf das Geländer und vor das Fenster setzten. Jede
der Frauen stieß die andere an, daß sie anklopfen sollte; die eine hustete, die
andere kicherte, aber keine wollte klopfen. Doch wagte es endlich die
Freundin, pochte nun so stark wie ein Bauer, und öffnete zugleich die Tür,
mit patzigen Schritten eintretend.
Wilhelm saß über einem großen Buche mit Pflanzenbildern; er war nicht
sehr erfreut über die frühe Störung, zumal er zwei junge frische Weibsbilder
ankommen sah. Aber Ännchen, die Freundin, begann sogleich ein
geläufiges Kauderwelsch, in welchem sie eine Anzahl Fragen und Anliegen
bunt durcheinander vorbrachte. Sie wollte eine Rechnung über verkauftes
Stroh berichtigt haben, gegen welches sie eine Zeitkuh eingetauscht, zog
ein Papier voll gegossenen Bleies hervor und forderte die Erklärung
desselben; dann sollte er aus ihrer Hand wahrsagen, Auskunft geben, wann
es am besten Hafer zu säen sei, ob man im gleichen Jahre zweimal die Ehe
versprechen dürfe, ob er nicht eine verhexte Kaffeemühle herstellen könne,
in welcher ein Kobold sitze; ferner brachte sie ein dickes Bündel Hühner-,
Enten- und Gänsefedern zu Tage und bat ihn, dieselben zu schneiden für
Geld und gute Worte, sie wolle sie dann schon gelegentlich abholen; denn
sie schreibe für ihr Leben gern, habe aber keine Federn; und endlich
verlangte sie zu wissen, ob das neue Jahr gedeihlich zum Heiraten sein
würde für eine ehrbare junge Bäuerin. Dies alles, Stroh, Zeitkuh, Hafer,
Blei, Kaffeemühle, Kobold, Federn und Heirat, warf sie so behend und
verworren untereinander, daß kein Mensch darauf antworten konnte, und
wenn Wilhelm den Mund auftat, unterbrach sie ihn sogleich, widersprach
ihm, sie habe nicht das, sondern jenes gemeint, und machte den
ergötzlichsten Auftritt. In der Zeit stand Gritli da, die Hände unter der
Schürze, und rührte sich nicht, aus Furcht, sich zu verraten. Sie beschaute
sich eifrig Wilhelms sonderliche Behausung, welche inwendig noch
märchenhafter aussah als von außen. Die Wände waren mit bemooster
Baumrinde, mit Ammonshörnern, Vogelnestern, glänzenden Quarzen ganz
bekleidet, die Decke mit wunderbar gewachsenen Baumästen und Wurzeln,
und allerhand Waldfrüchte, Tannzapfen, blaue und rote Beerenbüschel
hingen dazwischen. Die Fenster waren herrlich gefroren; jedes der runden
Gläser zeigte ein anderes Bild, eine Landschaft, eine Blume, eine schlanke
Baumgruppe, einen Stern oder ein silbernes Damastgewebe; es waren wohl
hundert solcher Scheiben, und keine glich der andern, gleich dem Werk
der Frauen stieß die andere an, daß sie anklopfen sollte; die eine hustete, die
andere kicherte, aber keine wollte klopfen. Doch wagte es endlich die
Freundin, pochte nun so stark wie ein Bauer, und öffnete zugleich die Tür,
mit patzigen Schritten eintretend.
Wilhelm saß über einem großen Buche mit Pflanzenbildern; er war nicht
sehr erfreut über die frühe Störung, zumal er zwei junge frische Weibsbilder
ankommen sah. Aber Ännchen, die Freundin, begann sogleich ein
geläufiges Kauderwelsch, in welchem sie eine Anzahl Fragen und Anliegen
bunt durcheinander vorbrachte. Sie wollte eine Rechnung über verkauftes
Stroh berichtigt haben, gegen welches sie eine Zeitkuh eingetauscht, zog
ein Papier voll gegossenen Bleies hervor und forderte die Erklärung
desselben; dann sollte er aus ihrer Hand wahrsagen, Auskunft geben, wann
es am besten Hafer zu säen sei, ob man im gleichen Jahre zweimal die Ehe
versprechen dürfe, ob er nicht eine verhexte Kaffeemühle herstellen könne,
in welcher ein Kobold sitze; ferner brachte sie ein dickes Bündel Hühner-,
Enten- und Gänsefedern zu Tage und bat ihn, dieselben zu schneiden für
Geld und gute Worte, sie wolle sie dann schon gelegentlich abholen; denn
sie schreibe für ihr Leben gern, habe aber keine Federn; und endlich
verlangte sie zu wissen, ob das neue Jahr gedeihlich zum Heiraten sein
würde für eine ehrbare junge Bäuerin. Dies alles, Stroh, Zeitkuh, Hafer,
Blei, Kaffeemühle, Kobold, Federn und Heirat, warf sie so behend und
verworren untereinander, daß kein Mensch darauf antworten konnte, und
wenn Wilhelm den Mund auftat, unterbrach sie ihn sogleich, widersprach
ihm, sie habe nicht das, sondern jenes gemeint, und machte den
ergötzlichsten Auftritt. In der Zeit stand Gritli da, die Hände unter der
Schürze, und rührte sich nicht, aus Furcht, sich zu verraten. Sie beschaute
sich eifrig Wilhelms sonderliche Behausung, welche inwendig noch
märchenhafter aussah als von außen. Die Wände waren mit bemooster
Baumrinde, mit Ammonshörnern, Vogelnestern, glänzenden Quarzen ganz
bekleidet, die Decke mit wunderbar gewachsenen Baumästen und Wurzeln,
und allerhand Waldfrüchte, Tannzapfen, blaue und rote Beerenbüschel
hingen dazwischen. Die Fenster waren herrlich gefroren; jedes der runden
Gläser zeigte ein anderes Bild, eine Landschaft, eine Blume, eine schlanke
Baumgruppe, einen Stern oder ein silbernes Damastgewebe; es waren wohl
hundert solcher Scheiben, und keine glich der andern, gleich dem Werk
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eines gotischen Baumeisters, der einen Kreuzgang baut und für die hundert
Spitzbogen immer neues Maßwerk erfindet.
Das alles gefiel der Frau, welche von Viggi und seiner Kätter als eine
platte und prosaische Natur verschrieen wurde, über die Maßen wohl; doch
ließ sie zuweilen auch einen Blick über den Bewohner dieses Raumes
gleiten, und derselbe gefiel ihr nicht minder. Er war in einen rötlichen
Fuchspelz gehüllt, den ihm der Tuchscherer für den Winter gegeben; sein
dunkles Haar war dicht und lang gewachsen, ein dunkles Bärtchen war auf
seiner Oberlippe erstanden, und der ganze Gesell hatte an selbstbewußter
und freier Haltung gewonnen. Ein langes rotes Tuch, welches er lose um
den Hals geschlungen trug, vermehrte noch die kecke Wirkung seines
Aussehens, welche freilich kaum so keck gewesen wäre, wenn er gewußt
hätte, wen er vor sich habe.
Ännchen machte aber ihre Sache so gut, daß er keinen Verdacht schöpfte
und ein tolles Weibsstück zu sehen glaubte, begleitet von einer blöden und
schüchternen Person. Als ihm der Handel endlich zu bunt wurde, unterbrach
er die Schwätzerin gewaltsam und sagte: »Eure Rechnung über Stroh und
Kuh beträgt so und so viel, alles übrige ist dummes Zeug, das Ihr
anderwärts anbringen mögt, liebe Frau!«
»So!« sagte Ännchen in köstlichem Tone, und Wilhelm: »Ja, so! Geht in
Gottes Namen und laßt mich in Ruhe!«
»Auf die Weise!« erwiderte Ännchen, »aha! So so! Nun, so habt denn
Dank, Herr Hexenmeister! und nichts für ungut! Behüt’ Euch Gott wohl und
zürnet nicht! Komm, Frau Barbel!«
Doch als sie bereits unter der Tür war, kehrte sie nochmals um und rief:
»Ei, so hätte ich bald vergessen, Euch den Gruß auszurichten! Oder hab’
ich’s schon getan?« »Nein! von wem?« »Ei, von einer gar feinen und
hübschen Frau, Ihr werdet sie besser kennen als ich, denn ich weiß ihren
Namen nicht zu sagen!« »Ich weiß nicht, ich kenne keine solche Frau!«
»He, so besinnt Euch nur, sie wohnt an der Stadtmauer, ist nicht gar groß,
aber ebenmäßig gewachsen und trägt den Kopf voll brauner Haarlocken wie
ein Pudel! Da, die Barbel und ich haben ihr Eier gebracht, wir sagten, daß
wir da hinaufgehen wollten, um uns wahrsagen zu lassen, und da war’s, daß
sie uns den Gruß bestellte!«
Spitzbogen immer neues Maßwerk erfindet.
Das alles gefiel der Frau, welche von Viggi und seiner Kätter als eine
platte und prosaische Natur verschrieen wurde, über die Maßen wohl; doch
ließ sie zuweilen auch einen Blick über den Bewohner dieses Raumes
gleiten, und derselbe gefiel ihr nicht minder. Er war in einen rötlichen
Fuchspelz gehüllt, den ihm der Tuchscherer für den Winter gegeben; sein
dunkles Haar war dicht und lang gewachsen, ein dunkles Bärtchen war auf
seiner Oberlippe erstanden, und der ganze Gesell hatte an selbstbewußter
und freier Haltung gewonnen. Ein langes rotes Tuch, welches er lose um
den Hals geschlungen trug, vermehrte noch die kecke Wirkung seines
Aussehens, welche freilich kaum so keck gewesen wäre, wenn er gewußt
hätte, wen er vor sich habe.
Ännchen machte aber ihre Sache so gut, daß er keinen Verdacht schöpfte
und ein tolles Weibsstück zu sehen glaubte, begleitet von einer blöden und
schüchternen Person. Als ihm der Handel endlich zu bunt wurde, unterbrach
er die Schwätzerin gewaltsam und sagte: »Eure Rechnung über Stroh und
Kuh beträgt so und so viel, alles übrige ist dummes Zeug, das Ihr
anderwärts anbringen mögt, liebe Frau!«
»So!« sagte Ännchen in köstlichem Tone, und Wilhelm: »Ja, so! Geht in
Gottes Namen und laßt mich in Ruhe!«
»Auf die Weise!« erwiderte Ännchen, »aha! So so! Nun, so habt denn
Dank, Herr Hexenmeister! und nichts für ungut! Behüt’ Euch Gott wohl und
zürnet nicht! Komm, Frau Barbel!«
Doch als sie bereits unter der Tür war, kehrte sie nochmals um und rief:
»Ei, so hätte ich bald vergessen, Euch den Gruß auszurichten! Oder hab’
ich’s schon getan?« »Nein! von wem?« »Ei, von einer gar feinen und
hübschen Frau, Ihr werdet sie besser kennen als ich, denn ich weiß ihren
Namen nicht zu sagen!« »Ich weiß nicht, ich kenne keine solche Frau!«
»He, so besinnt Euch nur, sie wohnt an der Stadtmauer, ist nicht gar groß,
aber ebenmäßig gewachsen und trägt den Kopf voll brauner Haarlocken wie
ein Pudel! Da, die Barbel und ich haben ihr Eier gebracht, wir sagten, daß
wir da hinaufgehen wollten, um uns wahrsagen zu lassen, und da war’s, daß
sie uns den Gruß bestellte!«
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Wilhelm wurde hochrot, rief hastig: »Ich weiß nicht, wen Ihr meint!« und
wandte sich stracks zu seinem Buche, ohne die Frauen weiter eines Blickes
zu würdigen. So trollten sich diese davon und polterten in ihren schweren
Schuhen mutwillig die Stufen hinunter.
Kaum waren sie außer dem Bereiche des Häusleins, so sagte Ännchen:
»Höre, wenn ich nicht schon einen Mann hätte, so würde ich dir den
wegfangen! Dies ist ja ein netter Kerl, obgleich er ein grober Lümmel ist!«
»Ach, er gefällt mir nur gar zu wohl,« seufzte Gritli, »aber ich trau’ ihm
nicht! Er könnte trotz der soliden Manier, die er angenommen hat, leicht
wieder ein verliebter Zeisig werden oder noch sein, der sich in alle Welt
vergafft, und dann käme ich vom Regen in die Traufe. Man müßte ihn auf
irgend eine Art auf die Probe stellen!«
»Nun, das kann man ja tun!« sagte die Freundin; sie berieten sich über
den Weg, den sie einschlagen wollten, und Ännchen versprach, die Sache
auszuführen, sobald der Winter vorüber sei. Da seufzte Gritli abermals und
meinte: »Ach, das ist noch lange hin und im Frühling sollte es schon getan
sein!«
Lachend erwiderte Ännchen: »Da kann ich nicht helfen, meine Liebe! Ich
muß jetzt wieder zu meinem Mann; auch habe ich doch nicht Lust, durch
diesen Schnee öfter in die Wildemannshütte zu klettern, so hübsch
eingefroren sie auch ist! Also Geduld! sobald die Veilchen blühen, werde
ich wieder kommen und deine Bergamsel probieren, aber auf deine Gefahr
hin!«
Gritli fügte sich darein; sie verbrachte den Rest des Winters in größter
Stille; aber der Schnee schien ihr nicht weichen zu wollen und sie
schwankte manchmal, ob sie die Probe überhaupt anstellen und nicht lieber
die Sache gleich zu Ende führen wolle. Da kam endlich der gewaltige
Südwind und goß seine warmen Regenfluten schief über Berg und Tal hin.
In eilender Flucht schmolzen die Schneemassen und Wasser sprangen von
allen Abhängen, lachend, redend und singend mit tausend Zungen. Gritli
lauschte dem Klingen, als ob es ein Hochzeitsgeläute wäre. Sobald die
nächste Wiese trocken war, lief sie hinaus, um nach den Veilchen zu sehen;
sie fand keines, dafür aber einige Schneeglöckchen, und als sie zurückkam,
wandte sich stracks zu seinem Buche, ohne die Frauen weiter eines Blickes
zu würdigen. So trollten sich diese davon und polterten in ihren schweren
Schuhen mutwillig die Stufen hinunter.
Kaum waren sie außer dem Bereiche des Häusleins, so sagte Ännchen:
»Höre, wenn ich nicht schon einen Mann hätte, so würde ich dir den
wegfangen! Dies ist ja ein netter Kerl, obgleich er ein grober Lümmel ist!«
»Ach, er gefällt mir nur gar zu wohl,« seufzte Gritli, »aber ich trau’ ihm
nicht! Er könnte trotz der soliden Manier, die er angenommen hat, leicht
wieder ein verliebter Zeisig werden oder noch sein, der sich in alle Welt
vergafft, und dann käme ich vom Regen in die Traufe. Man müßte ihn auf
irgend eine Art auf die Probe stellen!«
»Nun, das kann man ja tun!« sagte die Freundin; sie berieten sich über
den Weg, den sie einschlagen wollten, und Ännchen versprach, die Sache
auszuführen, sobald der Winter vorüber sei. Da seufzte Gritli abermals und
meinte: »Ach, das ist noch lange hin und im Frühling sollte es schon getan
sein!«
Lachend erwiderte Ännchen: »Da kann ich nicht helfen, meine Liebe! Ich
muß jetzt wieder zu meinem Mann; auch habe ich doch nicht Lust, durch
diesen Schnee öfter in die Wildemannshütte zu klettern, so hübsch
eingefroren sie auch ist! Also Geduld! sobald die Veilchen blühen, werde
ich wieder kommen und deine Bergamsel probieren, aber auf deine Gefahr
hin!«
Gritli fügte sich darein; sie verbrachte den Rest des Winters in größter
Stille; aber der Schnee schien ihr nicht weichen zu wollen und sie
schwankte manchmal, ob sie die Probe überhaupt anstellen und nicht lieber
die Sache gleich zu Ende führen wolle. Da kam endlich der gewaltige
Südwind und goß seine warmen Regenfluten schief über Berg und Tal hin.
In eilender Flucht schmolzen die Schneemassen und Wasser sprangen von
allen Abhängen, lachend, redend und singend mit tausend Zungen. Gritli
lauschte dem Klingen, als ob es ein Hochzeitsgeläute wäre. Sobald die
nächste Wiese trocken war, lief sie hinaus, um nach den Veilchen zu sehen;
sie fand keines, dafür aber einige Schneeglöckchen, und als sie zurückkam,
Page 131
war dennoch die Freundin angekommen mit einem großen Koffer, worin sie
das nötige Handwerkszeug für ihr Vorhaben mitbrachte.
Es war die vollständige stattliche Sonntagstracht einer Landfrau mit
mehreren Stücken zum Wechseln, alles neu und zierlich, beinahe köstlich
gemacht. Am ersten Sonntag in aller Frühe kleidete sich Ännchen mit
Gritlis Hilfe sorgfältig darein und ließ ihrer Schönheit, die nicht gering war,
mit übermütiger Berechnung den Zügel schießen. Über eine kurze
Scharlachjuppe wurde eine genau so lange schwarze angezogen, so daß der
Scharlach nur bei einer raschen Bewegung sichtbar wurde und das
blendende Weiß der Strümpfe umso reizender erscheinen ließ. Rücken,
Schultern und die runden Arme zeichnete eine knappe, braune, seidene
Jacke vortrefflich und ließ die Brust frei, welche dafür mit einem Brustlatz
von schwarzem Sammet bedeckt und mit dergleichen Bändern eingeschnürt
war, die durch silberne Haken gingen. Über der Stirn wurden einige kokette
bäuerliche Löcklein gebrannt; das übrige Haar hing in dicken Zöpfen fast
bis auf die Erde und endigte in breiten, mit Spitzen besetzten
Sammetbändern. Mit jedem Stück, das sie der lachenden Freundin nesteln
half, wurde Frau Gritli ernsthafter und besorgter, und als endlich die
Übermütige ganz geschmückt war und sich in bewußter Schönheit
spiegelte, bereute jene die ganze Erfindung und erhob allerlei
Bedenklichkeiten. Doch sie wurde nur ausgelacht und Ännchen rief: »Was
man tun will, das soll man recht tun! Willst du deinen Waldbruder mit einer
Vogelscheuche versuchen? Dergleichen Heilige hatten von je einen
besseren Geschmack!«
Da meinte Gritli, sie sollte wenigstens die weißen Strümpfe mit
schwarzen wollenen vertauschen, es sei noch kühl und feucht! »Dafür hab’
ich starke Schuhe,« sagte Ännchen, »die Waden erkältet keine Frau, das
weißt du wohl, mein Schatz!« »Jedenfalls mußt du den Hals besser
verwahren!« bat die Besorgte noch kläglich, und die Unverbesserliche
antwortete: »Da hast du recht! gib mir jenes seidene Tüchlein, ich kann es
nachher in die Tasche stecken, sobald ich an die warme Sonne komme!«
Dann öffnete sie das Fenster und guckte in die Sonntagsfrühe hinaus; es
war noch alles still und die Zeit schien günstig, rasch hinweg zu huschen.
Allein Gritli hielt sie mit dem Frühstück so lange als möglich auf und
brockte ihr alle möglichen Lieblingsbissen vor, um den Augenblick
das nötige Handwerkszeug für ihr Vorhaben mitbrachte.
Es war die vollständige stattliche Sonntagstracht einer Landfrau mit
mehreren Stücken zum Wechseln, alles neu und zierlich, beinahe köstlich
gemacht. Am ersten Sonntag in aller Frühe kleidete sich Ännchen mit
Gritlis Hilfe sorgfältig darein und ließ ihrer Schönheit, die nicht gering war,
mit übermütiger Berechnung den Zügel schießen. Über eine kurze
Scharlachjuppe wurde eine genau so lange schwarze angezogen, so daß der
Scharlach nur bei einer raschen Bewegung sichtbar wurde und das
blendende Weiß der Strümpfe umso reizender erscheinen ließ. Rücken,
Schultern und die runden Arme zeichnete eine knappe, braune, seidene
Jacke vortrefflich und ließ die Brust frei, welche dafür mit einem Brustlatz
von schwarzem Sammet bedeckt und mit dergleichen Bändern eingeschnürt
war, die durch silberne Haken gingen. Über der Stirn wurden einige kokette
bäuerliche Löcklein gebrannt; das übrige Haar hing in dicken Zöpfen fast
bis auf die Erde und endigte in breiten, mit Spitzen besetzten
Sammetbändern. Mit jedem Stück, das sie der lachenden Freundin nesteln
half, wurde Frau Gritli ernsthafter und besorgter, und als endlich die
Übermütige ganz geschmückt war und sich in bewußter Schönheit
spiegelte, bereute jene die ganze Erfindung und erhob allerlei
Bedenklichkeiten. Doch sie wurde nur ausgelacht und Ännchen rief: »Was
man tun will, das soll man recht tun! Willst du deinen Waldbruder mit einer
Vogelscheuche versuchen? Dergleichen Heilige hatten von je einen
besseren Geschmack!«
Da meinte Gritli, sie sollte wenigstens die weißen Strümpfe mit
schwarzen wollenen vertauschen, es sei noch kühl und feucht! »Dafür hab’
ich starke Schuhe,« sagte Ännchen, »die Waden erkältet keine Frau, das
weißt du wohl, mein Schatz!« »Jedenfalls mußt du den Hals besser
verwahren!« bat die Besorgte noch kläglich, und die Unverbesserliche
antwortete: »Da hast du recht! gib mir jenes seidene Tüchlein, ich kann es
nachher in die Tasche stecken, sobald ich an die warme Sonne komme!«
Dann öffnete sie das Fenster und guckte in die Sonntagsfrühe hinaus; es
war noch alles still und die Zeit schien günstig, rasch hinweg zu huschen.
Allein Gritli hielt sie mit dem Frühstück so lange als möglich auf und
brockte ihr alle möglichen Lieblingsbissen vor, um den Augenblick
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hinauszuschieben; dennoch erschien er, und als Ännchen nun ging, brach
die Bekümmerte in Tränen aus. Da kehrte jene mit großen Augen um und
sagte ernsthaft: »Nun, du närrisches Ding! wenn du wirklich meinst, es sei
nicht zu trauen, so lassen wir’s einfach bleiben! Entscheide dich! Ich bin
bald wieder umgekleidet!«
Gritli weinte heftiger, aber sie kämpfte mit sich und rief dann
entschlossen: »Nein: geh nur und tu, was du für gut findest! Es muß ja
sein!«
Frau Ännchen ging also wohlgemut durch das Frühlingsland und badete
unternehmungslustig ihre Gestalt in der glänzenden Luft. Ihre Röcke
schwangen sich hin und wieder, daß der rote Scharlachsaum bei jedem
Schritt aufleuchtete; im Arme trug sie einen frisch gebackenen Eierzopf und
eine Schiefertafel in ein weiß und blau gewürfeltes Tuch gewickelt.
Dergestalt erreichte sie das Rebhäuschen; diesmal klopfte sie nur
mittelmäßig stark an die Tür und trat mit gutem Anstande in die Stube.
Wilhelm erkannte sie nicht sogleich, war aber betroffen über die anmutvolle
Erscheinung. Er kochte eben seinen Sonntagskaffee, welcher angenehm
durch den Raum duftete. Ännchen machte einen zierlichen Knicks und
sagte: »Da komme ich gerade recht! Habt Ihr meine Federn geschnitten,
Herr Hexenmeister? Ich will sie abholen; und hier habt Ihr auch eine kleine
Gabe für Eure Mühe, nur um den guten Willen zu zeigen!« Damit
entwickelte sie das Gebäck, das sie trug, und legte es auf den Tisch. »So
könnt Ihr das Geschenk wieder mitnehmen,« erwiderte Wilhelm, »denn
Eure Federn sind nicht zum Schreiben und ich habe sie weggeworfen!«
»So? nun, da muß ich mir Federn in der Stadt kaufen; aber das tut nichts,
ich lasse den Zopf dennoch hier und esse selbst einen Zipfel davon, wenn
Ihr mir eine Tasse Kaffee dazu gebt! Das tut Ihr doch, nicht wahr?« Sie
setzte sich ohne Umstände zum Tische und fing an, das feine Brot zu
schneiden. Wilhelm wußte nicht, was er daraus machen sollte, es war ihm
zu Mute, wie wenn da ein gefährlicher Geist durch sein stilles Häuschen
wehte, und die Frühlingssonne funkelte gar seltsam durch die klaren Fenster
und über die schöne Bäuerin her. Doch fügte er sich, holte eine von des
Tuchscherers Porzellantassen, welche dieser hier aufbewahrte, und teilte
seinen Kaffee ehrlich mit dem Eindringling.
die Bekümmerte in Tränen aus. Da kehrte jene mit großen Augen um und
sagte ernsthaft: »Nun, du närrisches Ding! wenn du wirklich meinst, es sei
nicht zu trauen, so lassen wir’s einfach bleiben! Entscheide dich! Ich bin
bald wieder umgekleidet!«
Gritli weinte heftiger, aber sie kämpfte mit sich und rief dann
entschlossen: »Nein: geh nur und tu, was du für gut findest! Es muß ja
sein!«
Frau Ännchen ging also wohlgemut durch das Frühlingsland und badete
unternehmungslustig ihre Gestalt in der glänzenden Luft. Ihre Röcke
schwangen sich hin und wieder, daß der rote Scharlachsaum bei jedem
Schritt aufleuchtete; im Arme trug sie einen frisch gebackenen Eierzopf und
eine Schiefertafel in ein weiß und blau gewürfeltes Tuch gewickelt.
Dergestalt erreichte sie das Rebhäuschen; diesmal klopfte sie nur
mittelmäßig stark an die Tür und trat mit gutem Anstande in die Stube.
Wilhelm erkannte sie nicht sogleich, war aber betroffen über die anmutvolle
Erscheinung. Er kochte eben seinen Sonntagskaffee, welcher angenehm
durch den Raum duftete. Ännchen machte einen zierlichen Knicks und
sagte: »Da komme ich gerade recht! Habt Ihr meine Federn geschnitten,
Herr Hexenmeister? Ich will sie abholen; und hier habt Ihr auch eine kleine
Gabe für Eure Mühe, nur um den guten Willen zu zeigen!« Damit
entwickelte sie das Gebäck, das sie trug, und legte es auf den Tisch. »So
könnt Ihr das Geschenk wieder mitnehmen,« erwiderte Wilhelm, »denn
Eure Federn sind nicht zum Schreiben und ich habe sie weggeworfen!«
»So? nun, da muß ich mir Federn in der Stadt kaufen; aber das tut nichts,
ich lasse den Zopf dennoch hier und esse selbst einen Zipfel davon, wenn
Ihr mir eine Tasse Kaffee dazu gebt! Das tut Ihr doch, nicht wahr?« Sie
setzte sich ohne Umstände zum Tische und fing an, das feine Brot zu
schneiden. Wilhelm wußte nicht, was er daraus machen sollte, es war ihm
zu Mute, wie wenn da ein gefährlicher Geist durch sein stilles Häuschen
wehte, und die Frühlingssonne funkelte gar seltsam durch die klaren Fenster
und über die schöne Bäuerin her. Doch fügte er sich, holte eine von des
Tuchscherers Porzellantassen, welche dieser hier aufbewahrte, und teilte
seinen Kaffee ehrlich mit dem Eindringling.
Page 133
»Ihr könnt wahrlich guten Kaffee machen, Herr Hexenmeister,« sagte sie,
»wo habt Ihr’s nur gelernt?« »Freut mich, wenn er Euch schmeckt!« sagte
Wilhelm, »doch bitte ich Euch, mich nicht immer Hexenmeister zu nennen;
denn ich kann leider nicht hexen!« »Nicht? ich hab’s geglaubt!« sagte sie
lächelnd, indem sie einen glänzenden Blick zu ihm hinüberschoß,
»wenigstens habt Ihr mir es schon ein weniges angetan, obgleich Ihr nicht
der höflichste seid! Aber ein hübscher Mensch seid Ihr! ist es Euch nicht
langweilig so ganz allein?« »Es scheint nicht so!« erwiderte Wilhelm
errötend, »sonst würde ich wohl unter die Leute gehen; Ihr scheint aber gut
aufgelegt, schöne Frau!«
»Schöne Frau? Ei seht, das tönt schon besser! Ihr solltet noch ein wenig
in die Schule gehen, ich glaube, es könnte doch noch gut mit Euch
kommen! Aber leider muß ich selbst in die Schule gehen. Da habe ich noch
ein Anliegen, daß ich es nicht vergesse, das ist die Hauptsache, warum ich
gekommen bin, wenn’s erlaubt ist! Die Rechnung, die Ihr mir neulich so
schnell gemacht, daß ich es nicht einmal merkte, hat mir guten Dienst
geleistet. Ich habe aber einen großen Hof und kein Mann ist da, der das
Wesen in Ordnung hält und rechnet; ich selbst habe als Schulkind niemals
aufgemerkt und nichts gelernt, wie ich denn auch sonst nicht viel taugte.
Nun muß ich es erst büßen und bereuen, denn ich weiß nie, wie ich stehe
und ob ich betrogen werde oder nicht? Gut! dacht’ ich, du bist noch nicht zu
alt zum Lernen, ein Jahr fünf- oder sechsundzwanzig, du gehst also zum
Hexenmeister und bittest ihn, daß er dir zeige, wie man dies und jenes
ausrechnet. Für guten Lohn wird er’s gewiß tun, ein Sack Erdäpfel oder
eine halbe Speckseite sollen mich nicht reuen, wenn er’s zurecht bringt, daß
ich mit den verwünschten Zahlen umgehen kann. Seht, da habe ich schon
eine Tafel mitgebracht und auch eine Kreide, nun, wo hab’ ich die Kreide?«
Sie legte die Tafel auf den Tisch, fuhr mit der Hand in die Rocktasche
und klapperte ungeduldig darin. Dann zog sie eine Handvoll Zeug heraus
und warf es auf den Tisch, ein geringes Taschenmesser, einen eisernen
Fingerhut, einige Geldstücke, Brotkrumen, eine Hundepfeife, eine gedörrte
Birne und ein kleines Stück Kreide. Die Birne steckte sie schnell in den
Mund und rief kauend: »Da ist die Teufelskreide! Jetzt fangt nur an!«
Zugleich rückte sie mit ihrem Stuhle ihm dicht zur Seite und schaute ihm
erwartungsvoll ins Gesicht.
»wo habt Ihr’s nur gelernt?« »Freut mich, wenn er Euch schmeckt!« sagte
Wilhelm, »doch bitte ich Euch, mich nicht immer Hexenmeister zu nennen;
denn ich kann leider nicht hexen!« »Nicht? ich hab’s geglaubt!« sagte sie
lächelnd, indem sie einen glänzenden Blick zu ihm hinüberschoß,
»wenigstens habt Ihr mir es schon ein weniges angetan, obgleich Ihr nicht
der höflichste seid! Aber ein hübscher Mensch seid Ihr! ist es Euch nicht
langweilig so ganz allein?« »Es scheint nicht so!« erwiderte Wilhelm
errötend, »sonst würde ich wohl unter die Leute gehen; Ihr scheint aber gut
aufgelegt, schöne Frau!«
»Schöne Frau? Ei seht, das tönt schon besser! Ihr solltet noch ein wenig
in die Schule gehen, ich glaube, es könnte doch noch gut mit Euch
kommen! Aber leider muß ich selbst in die Schule gehen. Da habe ich noch
ein Anliegen, daß ich es nicht vergesse, das ist die Hauptsache, warum ich
gekommen bin, wenn’s erlaubt ist! Die Rechnung, die Ihr mir neulich so
schnell gemacht, daß ich es nicht einmal merkte, hat mir guten Dienst
geleistet. Ich habe aber einen großen Hof und kein Mann ist da, der das
Wesen in Ordnung hält und rechnet; ich selbst habe als Schulkind niemals
aufgemerkt und nichts gelernt, wie ich denn auch sonst nicht viel taugte.
Nun muß ich es erst büßen und bereuen, denn ich weiß nie, wie ich stehe
und ob ich betrogen werde oder nicht? Gut! dacht’ ich, du bist noch nicht zu
alt zum Lernen, ein Jahr fünf- oder sechsundzwanzig, du gehst also zum
Hexenmeister und bittest ihn, daß er dir zeige, wie man dies und jenes
ausrechnet. Für guten Lohn wird er’s gewiß tun, ein Sack Erdäpfel oder
eine halbe Speckseite sollen mich nicht reuen, wenn er’s zurecht bringt, daß
ich mit den verwünschten Zahlen umgehen kann. Seht, da habe ich schon
eine Tafel mitgebracht und auch eine Kreide, nun, wo hab’ ich die Kreide?«
Sie legte die Tafel auf den Tisch, fuhr mit der Hand in die Rocktasche
und klapperte ungeduldig darin. Dann zog sie eine Handvoll Zeug heraus
und warf es auf den Tisch, ein geringes Taschenmesser, einen eisernen
Fingerhut, einige Geldstücke, Brotkrumen, eine Hundepfeife, eine gedörrte
Birne und ein kleines Stück Kreide. Die Birne steckte sie schnell in den
Mund und rief kauend: »Da ist die Teufelskreide! Jetzt fangt nur an!«
Zugleich rückte sie mit ihrem Stuhle ihm dicht zur Seite und schaute ihm
erwartungsvoll ins Gesicht.
Page 134
»So große Schülerinnen bin ich eigentlich nicht gewohnt,« sagte Wilhelm
verlegen und rückte ein bißchen zur Seite, »doch wenn Ihr gut aufmerken
wollt, so will ich wohl sehen, was zu machen ist!« Hierauf begann er, der
Frau die vier Spezies vorzumachen, und sie stellte sich, als ob sie nagelneue
Dinge hörte. Sie rückte ihm wieder näher, nahm ihm alle Augenblicke die
Kreide aus der Hand, verdarb die Rechnung und trieb tausend schnackische
Dinge, über welchen sie zuweilen plötzlich die Augen voll zu ihm
aufschlug. Er sah sie dann verwundert und nicht ohne Wohlgefallen an,
ohne jedoch aus der Fassung zu geraten, und auch wenn sie auf die Tafel
blickte, betrachtete er ruhig den hübschen Kopf, wie man etwa ein edles
Gewächs betrachtet. Indessen wurde er dabei still und vergaß ein paarmal
zu antworten. Unversehens stand sie auf und sagte: »Für heute muß es gut
sein, sonst werde ich zu gelehrt! Übermorgen auf den Abend komm’ ich
wieder, wenn Ihr dann Zeit habt; behüt’ Euch Gott, Herr!«
Womit sie, ohne seine Antwort abzuwarten, sich entfernte, so unerwartet
als sie gekommen war.
Wilhelm sah ihr nach, ohne von seinem Stuhle aufzustehen. Dann
grübelte er etwas in seinen Gedanken herum und sagte schließlich: »Am
Ende werde ich hier auch fortgetrieben; es scheint mir mit dieser Person
nicht ganz richtig zu sein!«
Frau Ännchen gefiel sich so gut in der ländlichen Tracht, daß sie auf
einsamen Feldwegen herumspazierte, bis es Mittag läutete. Sie betrachtete
gedankenvoll bald die junge Saat, bald den emsigen Lauf eines Bächleins;
doch sie bedachte weder die Saat noch das Wasser, sondern erwog, wie weit
sie die Probe mit dem jungen Manne treiben wolle; sie glaubte den Erfolg
in ihrer Gewalt zu haben und war nur unschlüssig, ob sie denselben erst ein
wenig zu ihrer eigenen Lustbarkeit lenken oder ob sie als ehrliche Frau und
Freundin handeln solle. Denn der Einsiedler schien ihr wie geschaffen zu
einer ersprießlichen Zerstreuung und zu einem Lustspiel für eigene
Rechnung. Wenn Wilhelm sich verlocken ließ, so war ja ihrer Freundin von
einem unbeständigen Mann geholfen und trefflich gedient und er selbst
wurde durch einen lustigen Betrug gehörig bestraft. Sie stand eben vor einer
stillen Ansammlung eines Wässerleins und beschaute darin ihr Spiegelbild.
Sie kam sich fast zu schön vor für ihren eigenen teilnahmslosen Mann; auf
der andern Seite aber schien das Abenteuer doch bedenklich und konnte ihr
verlegen und rückte ein bißchen zur Seite, »doch wenn Ihr gut aufmerken
wollt, so will ich wohl sehen, was zu machen ist!« Hierauf begann er, der
Frau die vier Spezies vorzumachen, und sie stellte sich, als ob sie nagelneue
Dinge hörte. Sie rückte ihm wieder näher, nahm ihm alle Augenblicke die
Kreide aus der Hand, verdarb die Rechnung und trieb tausend schnackische
Dinge, über welchen sie zuweilen plötzlich die Augen voll zu ihm
aufschlug. Er sah sie dann verwundert und nicht ohne Wohlgefallen an,
ohne jedoch aus der Fassung zu geraten, und auch wenn sie auf die Tafel
blickte, betrachtete er ruhig den hübschen Kopf, wie man etwa ein edles
Gewächs betrachtet. Indessen wurde er dabei still und vergaß ein paarmal
zu antworten. Unversehens stand sie auf und sagte: »Für heute muß es gut
sein, sonst werde ich zu gelehrt! Übermorgen auf den Abend komm’ ich
wieder, wenn Ihr dann Zeit habt; behüt’ Euch Gott, Herr!«
Womit sie, ohne seine Antwort abzuwarten, sich entfernte, so unerwartet
als sie gekommen war.
Wilhelm sah ihr nach, ohne von seinem Stuhle aufzustehen. Dann
grübelte er etwas in seinen Gedanken herum und sagte schließlich: »Am
Ende werde ich hier auch fortgetrieben; es scheint mir mit dieser Person
nicht ganz richtig zu sein!«
Frau Ännchen gefiel sich so gut in der ländlichen Tracht, daß sie auf
einsamen Feldwegen herumspazierte, bis es Mittag läutete. Sie betrachtete
gedankenvoll bald die junge Saat, bald den emsigen Lauf eines Bächleins;
doch sie bedachte weder die Saat noch das Wasser, sondern erwog, wie weit
sie die Probe mit dem jungen Manne treiben wolle; sie glaubte den Erfolg
in ihrer Gewalt zu haben und war nur unschlüssig, ob sie denselben erst ein
wenig zu ihrer eigenen Lustbarkeit lenken oder ob sie als ehrliche Frau und
Freundin handeln solle. Denn der Einsiedler schien ihr wie geschaffen zu
einer ersprießlichen Zerstreuung und zu einem Lustspiel für eigene
Rechnung. Wenn Wilhelm sich verlocken ließ, so war ja ihrer Freundin von
einem unbeständigen Mann geholfen und trefflich gedient und er selbst
wurde durch einen lustigen Betrug gehörig bestraft. Sie stand eben vor einer
stillen Ansammlung eines Wässerleins und beschaute darin ihr Spiegelbild.
Sie kam sich fast zu schön vor für ihren eigenen teilnahmslosen Mann; auf
der andern Seite aber schien das Abenteuer doch bedenklich und konnte ihr
Page 135
zuletzt übel bekommen und ihre behagliche Ruhe in die Luft sprengen;
auch war der Freundin ein freundliches Los zu gönnen und sie wußte wohl,
daß Gritli den Vogel festhalten würde, wenn sie ihn nur erst unversehrt in
der Hand hielte. So schwebten ihre ernsten Erwägungen im Gleichgewicht;
sie stellte die Entscheidung endlich auf ein welkes Blatt, das in der
Wasserstille langsam kreiste und einen Ausweg suchte. Legte es sich ans
rechte Bord, so wollte sie der Freundin dienen, wenn ans linke, für sich
selbst sorgen. Allein das Blatt schwamm plötzlich abwärts und ins Weite,
und sie beschloß, der Sache den Lauf zu lassen, wie es gehen möge. Da
erklang die Mittagsglocke und Ännchen schritt, von keinem menschlichen
Auge gesehen, nach der Hintertür in der Stadtmauer; denn es war die Zeit,
da in der alten Welt der große Pan schlief und in der neuen die Seldwyler
mit Kind und Kegel so vollzählig um den Sonntagsbraten saßen, daß die
Straßen stiller waren als in dunkler Mitternacht.
Mit ängstlicher Erwartung verschlangen Gritlis Augen die mutwillige
Freundin, als sie lachend in die Stube trat. Diese umarmte und küßte sie
sogleich, indem sie rief: »Komm, es ist mir ganz küsserlich zu Mute
geworden bei deinem Schatz!« »O! sei nicht so häßlich!« rief jene
vorwurfsvoll, »du hast doch nicht so tolles Zeug getrieben! Wie ist es
gegangen? Wie hat er sich gehalten?« »Sei ruhig, wie ein Stück Holz hat er
sich gehalten!« sagte Ännchen, und Gritli rief: »Gott sei Dank! so wollen
wir es denn dabei bewenden lassen!« »Bewenden lassen? das wäre eine
schöne Geschichte!« fuhr Ännchen dazwischen, »da wüßten wir erst recht
nichts! Er war wie ein Stück Holz, aber nun kommt erst die Hauptsache, wo
er sich immer noch zum Schlimmen wenden kann, freilich auch zum
Guten! Nun, wie er sich bettet, so wird er liegen!«
Da ermannte sich Gretchen abermals und sagte: »Ja! es muß
durchgeführt sein! Wenn er deinen Teufeleien entrinnt, so hat er sich
gründlich gebessert und wird umso preiswürdiger sein!«
Also machte sich die Versucherin am zweiten Tage wieder auf den Weg
und zwar in der Abenddämmerung. Sie trug dieselbe Tracht, nur mit einiger
Abwechslung und größerer Einfachheit, wie eine Bäuerin etwa während der
Woche zu tragen pflegt, wenn sie über Land geht. Sie trug aber Sorge, daß
nichtsdestoweniger alles gut und reizend saß. Die Haare waren
merkwürdigerweise städtisch geflochten und mit einem Tuche bedeckt.
auch war der Freundin ein freundliches Los zu gönnen und sie wußte wohl,
daß Gritli den Vogel festhalten würde, wenn sie ihn nur erst unversehrt in
der Hand hielte. So schwebten ihre ernsten Erwägungen im Gleichgewicht;
sie stellte die Entscheidung endlich auf ein welkes Blatt, das in der
Wasserstille langsam kreiste und einen Ausweg suchte. Legte es sich ans
rechte Bord, so wollte sie der Freundin dienen, wenn ans linke, für sich
selbst sorgen. Allein das Blatt schwamm plötzlich abwärts und ins Weite,
und sie beschloß, der Sache den Lauf zu lassen, wie es gehen möge. Da
erklang die Mittagsglocke und Ännchen schritt, von keinem menschlichen
Auge gesehen, nach der Hintertür in der Stadtmauer; denn es war die Zeit,
da in der alten Welt der große Pan schlief und in der neuen die Seldwyler
mit Kind und Kegel so vollzählig um den Sonntagsbraten saßen, daß die
Straßen stiller waren als in dunkler Mitternacht.
Mit ängstlicher Erwartung verschlangen Gritlis Augen die mutwillige
Freundin, als sie lachend in die Stube trat. Diese umarmte und küßte sie
sogleich, indem sie rief: »Komm, es ist mir ganz küsserlich zu Mute
geworden bei deinem Schatz!« »O! sei nicht so häßlich!« rief jene
vorwurfsvoll, »du hast doch nicht so tolles Zeug getrieben! Wie ist es
gegangen? Wie hat er sich gehalten?« »Sei ruhig, wie ein Stück Holz hat er
sich gehalten!« sagte Ännchen, und Gritli rief: »Gott sei Dank! so wollen
wir es denn dabei bewenden lassen!« »Bewenden lassen? das wäre eine
schöne Geschichte!« fuhr Ännchen dazwischen, »da wüßten wir erst recht
nichts! Er war wie ein Stück Holz, aber nun kommt erst die Hauptsache, wo
er sich immer noch zum Schlimmen wenden kann, freilich auch zum
Guten! Nun, wie er sich bettet, so wird er liegen!«
Da ermannte sich Gretchen abermals und sagte: »Ja! es muß
durchgeführt sein! Wenn er deinen Teufeleien entrinnt, so hat er sich
gründlich gebessert und wird umso preiswürdiger sein!«
Also machte sich die Versucherin am zweiten Tage wieder auf den Weg
und zwar in der Abenddämmerung. Sie trug dieselbe Tracht, nur mit einiger
Abwechslung und größerer Einfachheit, wie eine Bäuerin etwa während der
Woche zu tragen pflegt, wenn sie über Land geht. Sie trug aber Sorge, daß
nichtsdestoweniger alles gut und reizend saß. Die Haare waren
merkwürdigerweise städtisch geflochten und mit einem Tuche bedeckt.
Page 136
Wilhelm war absichtlich weggegangen und dachte, die sonderbare
Schöne, wenn sie wirklich wiederkommen sollte, einen vergeblichen Gang
tun zu lassen. Als es aber dunkelte, beschleunigte er mehr als notwendig
seine Schritte, die Wohnung zu erreichen, sei es aus Neugier oder aus dem
Bedürfnisse, sich an der scherzhaften Dame zu erheitern. Er traf richtig mit
ihr an der Tür zusammen, als sie eben vergeblich gepocht hatte. »Ach, da
kommt Ihr!« sagte sie sanft, »ich habe schon geglaubt, Ihr hättet mich im
Stich gelassen! Nun, da bin ich wieder, wenn’s erlaubt ist, ich konnte den
Tag über nicht abkommen.« Er zündete das Licht an und sagte: »Wie
steht’s? Habt Ihr noch was behalten vom neulichen Unterricht oder habt
Ihr’s schon wieder vergessen?« »Ich weiß es selber kaum,« erwiderte sie
bescheidentlich und schien überhaupt in einer weichen Stimmung zu sein,
so daß der Lehrer wieder nicht aus ihr klug wurde.
Als sie zu rechnen begannen, war die Frau still und zerstreut und in der
Zerstreuung machte sie nicht nur keinen Fehler, sondern rechnete die
Aufgaben wie aus Versehen rasch und richtig zu Ende und machte von
selbst die Proben dazu. Sie konnte plötzlich so gut rechnen wie der
Schulmeister selbst, schien es aber durchaus nicht zu wissen. Er sah ihr eine
geraume Weile zu, während es ihm pricklig im Gemüt wurde. Da fiel es ihm
endlich auf, welch weiße Hand die Bauersfrau besaß, und ihr künstlich
geflochtenes Haar duftete nicht weit von seiner Nase. Einesmal sagte er:
»Sie sind keine Bäuerin! Woher kommen Sie? Was wollen Sie hier?«
Sie legte erschrocken die Kreide hin, sah ihn furchtsam an und dann vor
sich nieder, indem sie die Hände ineinander legte. Es herrschte eine große
Stille. Endlich begann sie mit einem leichten Seufzer und leise: »Ich bin
eine junge Witfrau, die aus langer Weile schon mehr als eine Torheit
begonnen hat. Neulich wurde ich mit einer Freundin einig, den weisen
Einsiedler zu beschauen, der so viel von sich reden macht. Sie haben
gesehen, wie wir unsern Vorsatz ausführten; aber die Neugierde ist mir
nicht gut bekommen!«
»Und warum nicht?« fragte Wilhelm lachend, obgleich es ihm anfing,
schwül zu werden. Da sagte sie noch leiser: »Ich habe mich leider in Sie
verliebt!« und zugleich schlug sie lächelnd die Augen zu ihm empor. Es war
freilich kein echter und ursprünglicher Blick, sondern einer aus der Fabrik,
ein böhmischer Brillant, das fühlte Wilhelm wohl; dennoch war er feurig
Schöne, wenn sie wirklich wiederkommen sollte, einen vergeblichen Gang
tun zu lassen. Als es aber dunkelte, beschleunigte er mehr als notwendig
seine Schritte, die Wohnung zu erreichen, sei es aus Neugier oder aus dem
Bedürfnisse, sich an der scherzhaften Dame zu erheitern. Er traf richtig mit
ihr an der Tür zusammen, als sie eben vergeblich gepocht hatte. »Ach, da
kommt Ihr!« sagte sie sanft, »ich habe schon geglaubt, Ihr hättet mich im
Stich gelassen! Nun, da bin ich wieder, wenn’s erlaubt ist, ich konnte den
Tag über nicht abkommen.« Er zündete das Licht an und sagte: »Wie
steht’s? Habt Ihr noch was behalten vom neulichen Unterricht oder habt
Ihr’s schon wieder vergessen?« »Ich weiß es selber kaum,« erwiderte sie
bescheidentlich und schien überhaupt in einer weichen Stimmung zu sein,
so daß der Lehrer wieder nicht aus ihr klug wurde.
Als sie zu rechnen begannen, war die Frau still und zerstreut und in der
Zerstreuung machte sie nicht nur keinen Fehler, sondern rechnete die
Aufgaben wie aus Versehen rasch und richtig zu Ende und machte von
selbst die Proben dazu. Sie konnte plötzlich so gut rechnen wie der
Schulmeister selbst, schien es aber durchaus nicht zu wissen. Er sah ihr eine
geraume Weile zu, während es ihm pricklig im Gemüt wurde. Da fiel es ihm
endlich auf, welch weiße Hand die Bauersfrau besaß, und ihr künstlich
geflochtenes Haar duftete nicht weit von seiner Nase. Einesmal sagte er:
»Sie sind keine Bäuerin! Woher kommen Sie? Was wollen Sie hier?«
Sie legte erschrocken die Kreide hin, sah ihn furchtsam an und dann vor
sich nieder, indem sie die Hände ineinander legte. Es herrschte eine große
Stille. Endlich begann sie mit einem leichten Seufzer und leise: »Ich bin
eine junge Witfrau, die aus langer Weile schon mehr als eine Torheit
begonnen hat. Neulich wurde ich mit einer Freundin einig, den weisen
Einsiedler zu beschauen, der so viel von sich reden macht. Sie haben
gesehen, wie wir unsern Vorsatz ausführten; aber die Neugierde ist mir
nicht gut bekommen!«
»Und warum nicht?« fragte Wilhelm lachend, obgleich es ihm anfing,
schwül zu werden. Da sagte sie noch leiser: »Ich habe mich leider in Sie
verliebt!« und zugleich schlug sie lächelnd die Augen zu ihm empor. Es war
freilich kein echter und ursprünglicher Blick, sondern einer aus der Fabrik,
ein böhmischer Brillant, das fühlte Wilhelm wohl; dennoch war er feurig
Page 137
genug, in ihm eine Reihe von Gefühlen und Gedanken zu erwecken, welche
sich schnell wie der Blitz aneinander entzündeten.
»Man muß am Ende die Weiber nehmen wie die Skorpione, den Stich des
einen heilt man mit dem Safte, den man dem andern ausquetscht! Was nützt
es, die Süßigkeit der Frauen zu verschmähen, weil sie schwach und
betrüglich sind? Pflücke die Rosen vorsichtig oben weg, und lasse den
Stock unberührt, so wirst du nicht gestochen! Trinke den Wein und stelle
den Becher dahin, so wirst du in Frieden leben! Wer durch die Wüste
wandelt, der trinke vom Brunnen der Gelegenheit, und wer einsam ist, der
locke die Amsel! Sieh! die eine geht, die andere kommt, die ist braun und
jene golden; gut ist nur die, so dich küßt!«
Nicht diese ausführlichen Worte, aber deren frevelhafter Sinn drängte
sich in Wilhelms Empfindung zusammen, als er Ännchens Hand ergriff und
sie unschlüssig, aber lächelnd ansah. Freilich waren seine Handlungen viel
zaghafter als seine Gedanken, und so kam es, daß nach einer Minute nicht
er die Schöne, sondern sie ihn im Arme hielt und ihm eben einen Kuß
aufdrücken wollte, als abermals eine Reihe von Gedanken und
Vorstellungen sich in dem Augenblick und in Wilhelms Gemüte
zusammendrängte.
»Das ist also,« dachte er ungefähr, »das vielgewünschte Glück in
Frauenarmen! Nun, schön genug ist’s und gar nicht unangenehm! Gott sei
Dank, daß ich mal eine dicht bei mir habe! Was würde wohl Gritli dazu
sagen, wenn sie mich so sähe?«
Zugleich sah er Gritli im Geiste auf der Treppe vor dem Häuschen stehen
und dann sitzen. »Wie,« dachte er, »wenn sie dich gesucht, wenn sie dich
doch lieb hätte?« Ein großes Mitleiden mit ihr ergriff ihn, er erschrak
ordentlich über seine Hartherzigkeit; kurz, zerstreut und in Gedanken
verloren fuhr er zurück und entzog damit plötzlich und unerwartet seinen
Mund dem Kusse, den Ännchen eben darauf absetzen wollte. Er starrte ins
Blaue hinaus und sah immer deutlicher Frau Gritlis vermeinte Gestalt, wie
sie still vor seiner Tür saß und auf ihn zu warten schien. Dann besann er
sich und sagte unversehens zu Ännchen: »Was hatte es denn für eine
Bewandtnis mit dem Gruße, den Sie mir das erste Mal, da Sie hier waren,
von jener Frau gebracht haben? Und was macht sie, wie geht es ihr?«
sich schnell wie der Blitz aneinander entzündeten.
»Man muß am Ende die Weiber nehmen wie die Skorpione, den Stich des
einen heilt man mit dem Safte, den man dem andern ausquetscht! Was nützt
es, die Süßigkeit der Frauen zu verschmähen, weil sie schwach und
betrüglich sind? Pflücke die Rosen vorsichtig oben weg, und lasse den
Stock unberührt, so wirst du nicht gestochen! Trinke den Wein und stelle
den Becher dahin, so wirst du in Frieden leben! Wer durch die Wüste
wandelt, der trinke vom Brunnen der Gelegenheit, und wer einsam ist, der
locke die Amsel! Sieh! die eine geht, die andere kommt, die ist braun und
jene golden; gut ist nur die, so dich küßt!«
Nicht diese ausführlichen Worte, aber deren frevelhafter Sinn drängte
sich in Wilhelms Empfindung zusammen, als er Ännchens Hand ergriff und
sie unschlüssig, aber lächelnd ansah. Freilich waren seine Handlungen viel
zaghafter als seine Gedanken, und so kam es, daß nach einer Minute nicht
er die Schöne, sondern sie ihn im Arme hielt und ihm eben einen Kuß
aufdrücken wollte, als abermals eine Reihe von Gedanken und
Vorstellungen sich in dem Augenblick und in Wilhelms Gemüte
zusammendrängte.
»Das ist also,« dachte er ungefähr, »das vielgewünschte Glück in
Frauenarmen! Nun, schön genug ist’s und gar nicht unangenehm! Gott sei
Dank, daß ich mal eine dicht bei mir habe! Was würde wohl Gritli dazu
sagen, wenn sie mich so sähe?«
Zugleich sah er Gritli im Geiste auf der Treppe vor dem Häuschen stehen
und dann sitzen. »Wie,« dachte er, »wenn sie dich gesucht, wenn sie dich
doch lieb hätte?« Ein großes Mitleiden mit ihr ergriff ihn, er erschrak
ordentlich über seine Hartherzigkeit; kurz, zerstreut und in Gedanken
verloren fuhr er zurück und entzog damit plötzlich und unerwartet seinen
Mund dem Kusse, den Ännchen eben darauf absetzen wollte. Er starrte ins
Blaue hinaus und sah immer deutlicher Frau Gritlis vermeinte Gestalt, wie
sie still vor seiner Tür saß und auf ihn zu warten schien. Dann besann er
sich und sagte unversehens zu Ännchen: »Was hatte es denn für eine
Bewandtnis mit dem Gruße, den Sie mir das erste Mal, da Sie hier waren,
von jener Frau gebracht haben? Und was macht sie, wie geht es ihr?«
Page 138
»Welche Frau, welcher Gruß?« fragte sie etwas betroffen und verlegen,
und als er sich genauer erklärt, sagte sie kalt: »Ach, das war nur eine
Neckerei von mir! Ich kenne die Frau gar nicht!« Diese schnöde und kühle
Antwort gefiel ihm nicht und kränkte ihn; unwillkürlich machte er sich frei
und trat ans Fenster, öffnete es und guckte verstimmt hinaus in die Nacht.
Der gestirnte Himmel spannte sich über das Tal, in welchem die Lichter
von Seldwyla in einem dichten Haufen glänzten; darüber vergaß er, was in
der Stube war, seine Gedanken irrten um die dunkle Stadtmauer in der
Tiefe, und eben tat er einen ordentlichen Seufzer, als dicht unter seinem
Fenster eine weibliche Gestalt vorüberging mit den Worten: »Gute Nacht,
Herr Hexenmeister!« Es war Frau Ännchen, welche unbemerkt aus dem
Häuschen gehuscht war und lachend den Berg hinuntersprang. Er machte
eine Bewegung und eine Stimme rief in ihm: Laß sie nicht entwischen!
Aber dennoch wich er nicht von der Stelle und seine Sehnsucht flog über
die spukhafte Bäuerin hinweg in das Tal, wo Gritli war. Alle Geister der
Leidenschaft waren nun aufgeweckt und taumelten wie trunken in seinem
Herzen umher, und er verbrachte die Nacht schlaflos und aufgeregt.
»Dem wollen wir abhelfen!« rief er, als die Sonne schon hoch am
Himmel stand und er aus dem unruhigen Morgenschlaf erwachte, »ich will
für einige Zeit den Platz räumen, und andere Luft suchen!« Gesagt, getan!
Er hing zum zweitenmal die Reisetasche um, ergriff einen Stecken, schloß
Fensterladen und Tür und machte sich auf den Weg, dem Tuchscherer den
Schlüssel zu bringen und sich bei ihm zu beurlauben.
Ein leichter und rascher Schritt weckte ihn aus dem Brüten, in dem er
alles getan hatte. Er kannte den Schritt und lauschte ihm einige
Augenblicke, eh’ er aufzuschauen wagte. Schon warf die Morgensonne den
leichten Schatten eines Schleiers auf den glänzenden Weg, dicht unter seine
Augen; der Florschatten umflatterte ein paar rund gezeichnete Schultern.
Wilhelm war plötzlich wie in ein Fegefeuer gesteckt und bemerkte dennoch
in aller Verwirrung, daß der wohlklingende Schritt fast unmerklich zögerte.
Endlich blickte er in die Höhe und sah Frau Gritli nahe vor sich, welche
ihrerseits errötete und verlegen lächelnd vor sich hinsah. Beide Personen
beschleunigten in der Verwirrung ihren Gang und eilten sich vorüber,
wahrscheinlich um sich nie wieder zu treffen. Da zog Wilhelm doch noch
seinen Hut und Gritli erwiderte den Gruß mit einer raschen Verbeugung.
und als er sich genauer erklärt, sagte sie kalt: »Ach, das war nur eine
Neckerei von mir! Ich kenne die Frau gar nicht!« Diese schnöde und kühle
Antwort gefiel ihm nicht und kränkte ihn; unwillkürlich machte er sich frei
und trat ans Fenster, öffnete es und guckte verstimmt hinaus in die Nacht.
Der gestirnte Himmel spannte sich über das Tal, in welchem die Lichter
von Seldwyla in einem dichten Haufen glänzten; darüber vergaß er, was in
der Stube war, seine Gedanken irrten um die dunkle Stadtmauer in der
Tiefe, und eben tat er einen ordentlichen Seufzer, als dicht unter seinem
Fenster eine weibliche Gestalt vorüberging mit den Worten: »Gute Nacht,
Herr Hexenmeister!« Es war Frau Ännchen, welche unbemerkt aus dem
Häuschen gehuscht war und lachend den Berg hinuntersprang. Er machte
eine Bewegung und eine Stimme rief in ihm: Laß sie nicht entwischen!
Aber dennoch wich er nicht von der Stelle und seine Sehnsucht flog über
die spukhafte Bäuerin hinweg in das Tal, wo Gritli war. Alle Geister der
Leidenschaft waren nun aufgeweckt und taumelten wie trunken in seinem
Herzen umher, und er verbrachte die Nacht schlaflos und aufgeregt.
»Dem wollen wir abhelfen!« rief er, als die Sonne schon hoch am
Himmel stand und er aus dem unruhigen Morgenschlaf erwachte, »ich will
für einige Zeit den Platz räumen, und andere Luft suchen!« Gesagt, getan!
Er hing zum zweitenmal die Reisetasche um, ergriff einen Stecken, schloß
Fensterladen und Tür und machte sich auf den Weg, dem Tuchscherer den
Schlüssel zu bringen und sich bei ihm zu beurlauben.
Ein leichter und rascher Schritt weckte ihn aus dem Brüten, in dem er
alles getan hatte. Er kannte den Schritt und lauschte ihm einige
Augenblicke, eh’ er aufzuschauen wagte. Schon warf die Morgensonne den
leichten Schatten eines Schleiers auf den glänzenden Weg, dicht unter seine
Augen; der Florschatten umflatterte ein paar rund gezeichnete Schultern.
Wilhelm war plötzlich wie in ein Fegefeuer gesteckt und bemerkte dennoch
in aller Verwirrung, daß der wohlklingende Schritt fast unmerklich zögerte.
Endlich blickte er in die Höhe und sah Frau Gritli nahe vor sich, welche
ihrerseits errötete und verlegen lächelnd vor sich hinsah. Beide Personen
beschleunigten in der Verwirrung ihren Gang und eilten sich vorüber,
wahrscheinlich um sich nie wieder zu treffen. Da zog Wilhelm doch noch
seinen Hut und Gritli erwiderte den Gruß mit einer raschen Verbeugung.
Page 139
Wie an einem Drahte gezogen sah jedes zurück, stand still und wendete sich
mit mehr oder weniger langsamer Bewegung; endlich schossen sie
zusammen wie zwei Hölzchen, die auf einem Wasserspiegel dahintreiben,
und stehenden Fußes gingen sie eilig nebeneinander fort. »Sie wollen doch
nicht verreisen, weil Sie Tasche und Stab tragen?« sagte Gritli. Wilhelm
erwiderte, er wolle allerdings fortgehen, und als sie fragte, warum und
wohin? erzählte er von Geschäften, von schönem Wetter, von diesem und
jenem, und Gritli flocht ebenso inhaltlose Dinge dazwischen, aber alles in
tiefster Bewegung. Sie gingen rasch, atmeten schnell und sahen sich
abwechselnd an; so waren sie, ohne es zu sehen, auf einen Waldpfad
geraten und gingen schon tief in den Bäumen, als Gritli endlich rief: »Wo
sind wir denn hingekommen? Ist das Ihr Weg?« »Meiner?« sagte Wilhelm
ernsthaft, »nein!« »Nun, das ist gut!« meinte sie lachend, »so müssen wir
nur sehen, daß wir bald wieder hinauskommen!« Er sagte: »Da wollen wir
hier quer durchgehen!« und wanderte auf einem schmalen Seitenpfade
voran durch den Forst. Nach einer Weile kamen sie auf eine kleine
Lichtung, die von hohen Föhren eingeschlossen war, deren Kronen sich
ineinander bauten. Unter den Föhren lagen große rötliche Steine
übereinander, denn es war das Grab des keltischen Mannes, und rings
herum war der Platz von den weißen Sternen der Anemonen bedeckt.
»Hier ist’s schön!« rief Gritli, »hier muß ich ein wenig ausruhen, ich bin
müde geworden!« Sie setzte sich auf die Steine und Wilhelm blieb vor ihr
stehen. »Machen Sie nicht, daß der aufwacht, der da unten liegt!« sagte er;
erschreckt fragte sie, was er meine, und er erzählte ihr die Geschichte von
dem Grabe. Nach einer Weile bemerkte sie: »Wo mag wohl seine Frau
liegen? Gewiß nicht weit!« »Das kann man freilich nicht wissen!«
antwortete Wilhelm lachend, »vielleicht liegt sie auf einem Schlachtfelde in
Gallien, vielleicht auf einem andern Berge in dieser Gegend, vielleicht hier
ganz in der Nähe, und vielleicht hat er gar keine gehabt!«
Hierauf trat eine Stille zwischen die zwei Leute und jedes schien in
eigentümliche Gedanken vertieft. Gritli hatte ihren Hut abgelegt und zeigte
plötzlich statt der Locken, die dem Schulmeister sonst in die Augen
gestochen, ein glänzend glattgekämmtes Haar, einen schlichten runden
Kopf. Das verblüffte und verblendete ihn gänzlich, denn durch die
ungewohnte Veränderung erschien sie ihm schöner als je. Auch war sie
außerordentlich fein und anmutig gekleidet, obschon einfach, aber alles
mit mehr oder weniger langsamer Bewegung; endlich schossen sie
zusammen wie zwei Hölzchen, die auf einem Wasserspiegel dahintreiben,
und stehenden Fußes gingen sie eilig nebeneinander fort. »Sie wollen doch
nicht verreisen, weil Sie Tasche und Stab tragen?« sagte Gritli. Wilhelm
erwiderte, er wolle allerdings fortgehen, und als sie fragte, warum und
wohin? erzählte er von Geschäften, von schönem Wetter, von diesem und
jenem, und Gritli flocht ebenso inhaltlose Dinge dazwischen, aber alles in
tiefster Bewegung. Sie gingen rasch, atmeten schnell und sahen sich
abwechselnd an; so waren sie, ohne es zu sehen, auf einen Waldpfad
geraten und gingen schon tief in den Bäumen, als Gritli endlich rief: »Wo
sind wir denn hingekommen? Ist das Ihr Weg?« »Meiner?« sagte Wilhelm
ernsthaft, »nein!« »Nun, das ist gut!« meinte sie lachend, »so müssen wir
nur sehen, daß wir bald wieder hinauskommen!« Er sagte: »Da wollen wir
hier quer durchgehen!« und wanderte auf einem schmalen Seitenpfade
voran durch den Forst. Nach einer Weile kamen sie auf eine kleine
Lichtung, die von hohen Föhren eingeschlossen war, deren Kronen sich
ineinander bauten. Unter den Föhren lagen große rötliche Steine
übereinander, denn es war das Grab des keltischen Mannes, und rings
herum war der Platz von den weißen Sternen der Anemonen bedeckt.
»Hier ist’s schön!« rief Gritli, »hier muß ich ein wenig ausruhen, ich bin
müde geworden!« Sie setzte sich auf die Steine und Wilhelm blieb vor ihr
stehen. »Machen Sie nicht, daß der aufwacht, der da unten liegt!« sagte er;
erschreckt fragte sie, was er meine, und er erzählte ihr die Geschichte von
dem Grabe. Nach einer Weile bemerkte sie: »Wo mag wohl seine Frau
liegen? Gewiß nicht weit!« »Das kann man freilich nicht wissen!«
antwortete Wilhelm lachend, »vielleicht liegt sie auf einem Schlachtfelde in
Gallien, vielleicht auf einem andern Berge in dieser Gegend, vielleicht hier
ganz in der Nähe, und vielleicht hat er gar keine gehabt!«
Hierauf trat eine Stille zwischen die zwei Leute und jedes schien in
eigentümliche Gedanken vertieft. Gritli hatte ihren Hut abgelegt und zeigte
plötzlich statt der Locken, die dem Schulmeister sonst in die Augen
gestochen, ein glänzend glattgekämmtes Haar, einen schlichten runden
Kopf. Das verblüffte und verblendete ihn gänzlich, denn durch die
ungewohnte Veränderung erschien sie ihm schöner als je. Auch war sie
außerordentlich fein und anmutig gekleidet, obschon einfach, aber alles
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frisch und wohlgemacht; nichts Einzelnes fiel auf und doch machte alles
einen angenehmen Eindruck, der sich wieder der Herrschaft des schlichten
blühenden Kopfes durchaus unterordnete. Diese Frau war in ihren Kleidern
und bei sich selbst zu Hause, und wer da einkehrte, befand sich in keiner
Marktbude. Das alles versetzte Wilhelm in tiefe Melancholie und er sah die
schöne Frau vor sich, wie man in die frühlingsblaue Ferne sieht, in die man
nicht hinein kann.
Als die tiefe Stille einige Minuten gedauert, während Gritlis Busen
unruhig wallte, rief der Kuckuck aus der Tiefe des Waldes, und zwar nur ein
einziges Mal, aber hell und widerhallend. Beide sahen sich an, und ohne
weitere Zeit zu verlieren, sagte Gritli mit einem freundlichen Lächeln: »Es
ist mir lieb, Sie noch getroffen zu haben; denn halb und halb hatte ich die
Absicht, Sie in Ihrem Häuschen aufzusuchen!«
Wilhelm sah sie mit großen Augen an; diese Worte weckten ihn aus
seiner Vergessenheit und machten ihm das Verhältnis gegenwärtig, in
welchem er eigentlich zu der Frau stand. Er brachte deswegen nur ein
mißtrauisches und kurzes »Warum?« hervor und glaubte sich mit heißen
Wangen einer neuen Komödie ausgesetzt. Sie aber sagte: »Ich wollte Sie
gern fragen, ob Sie mir noch zürnen wegen der Geschichte mit den
Liebesbriefen?«
»Ich habe Ihnen nie gezürnt,« erwiderte er, »sondern nur mir selbst;
dennoch war das, was Sie vor Gericht von mir sagten, nicht gut und auch
undankbar; denn ich habe Ihre Schönheit und Lieblichkeit so hoch gehalten,
daß ich mir nicht anders zu helfen wußte, als an einen Gott zu glauben, der
Sie geschaffen und mir geschenkt habe, was freilich ein eitler und
eigennütziger Gedanke war!«
Eine prächtige Röte überflog Gritlis Gesicht. »Ich war nicht undankbar!«
sagte sie, indem sie die Handschuhe auszog und ihre Fingerspitzen
betrachtete, »als ich jene Worte sprach, dachte ich –« sie stockte, und
Wilhelm sagte mit fast tonloser Stimme: »Nun, was dachten Sie?« »Ich
dachte,« flüsterte sie, die Augen niederschlagend, »nun, ich dachte in
meinem Herzen, daß dafür meine Person, wie sie ist, Ihnen für immer
angehören solle, wenn die Zeit gekommen sei! Und da bin ich nun!«
einen angenehmen Eindruck, der sich wieder der Herrschaft des schlichten
blühenden Kopfes durchaus unterordnete. Diese Frau war in ihren Kleidern
und bei sich selbst zu Hause, und wer da einkehrte, befand sich in keiner
Marktbude. Das alles versetzte Wilhelm in tiefe Melancholie und er sah die
schöne Frau vor sich, wie man in die frühlingsblaue Ferne sieht, in die man
nicht hinein kann.
Als die tiefe Stille einige Minuten gedauert, während Gritlis Busen
unruhig wallte, rief der Kuckuck aus der Tiefe des Waldes, und zwar nur ein
einziges Mal, aber hell und widerhallend. Beide sahen sich an, und ohne
weitere Zeit zu verlieren, sagte Gritli mit einem freundlichen Lächeln: »Es
ist mir lieb, Sie noch getroffen zu haben; denn halb und halb hatte ich die
Absicht, Sie in Ihrem Häuschen aufzusuchen!«
Wilhelm sah sie mit großen Augen an; diese Worte weckten ihn aus
seiner Vergessenheit und machten ihm das Verhältnis gegenwärtig, in
welchem er eigentlich zu der Frau stand. Er brachte deswegen nur ein
mißtrauisches und kurzes »Warum?« hervor und glaubte sich mit heißen
Wangen einer neuen Komödie ausgesetzt. Sie aber sagte: »Ich wollte Sie
gern fragen, ob Sie mir noch zürnen wegen der Geschichte mit den
Liebesbriefen?«
»Ich habe Ihnen nie gezürnt,« erwiderte er, »sondern nur mir selbst;
dennoch war das, was Sie vor Gericht von mir sagten, nicht gut und auch
undankbar; denn ich habe Ihre Schönheit und Lieblichkeit so hoch gehalten,
daß ich mir nicht anders zu helfen wußte, als an einen Gott zu glauben, der
Sie geschaffen und mir geschenkt habe, was freilich ein eitler und
eigennütziger Gedanke war!«
Eine prächtige Röte überflog Gritlis Gesicht. »Ich war nicht undankbar!«
sagte sie, indem sie die Handschuhe auszog und ihre Fingerspitzen
betrachtete, »als ich jene Worte sprach, dachte ich –« sie stockte, und
Wilhelm sagte mit fast tonloser Stimme: »Nun, was dachten Sie?« »Ich
dachte,« flüsterte sie, die Augen niederschlagend, »nun, ich dachte in
meinem Herzen, daß dafür meine Person, wie sie ist, Ihnen für immer
angehören solle, wenn die Zeit gekommen sei! Und da bin ich nun!«
Page 141
Zugleich reichte sie beide Hände hin und schlug die Augen zu ihm auf.
Es war kein so blitzender Blick, wie sie ihm einst über die Hecke
zugeworfen, aber doch viel tiefer und klarer. Er ergriff ihre Hände, sie stand
auf; doch wußte der gute Pascha, der in seinen Gedanken eine ganze Stadt
voll Weiber beherrscht hatte, mit dieser einzigen sogleich nichts
anzufangen, als daß er wie betäubt mit ihr auf der Lichtung hin und her ging
und sie anlachte, ohne ihre Hand loszulassen. Endlich setzten sie den Weg
wieder fort, Wilhelm ging voraus, sah sich aber von Zeit zu Zeit wieder um,
ob sie ihm auch folge auf dem schmalen Pfade, und immer war sie lächelnd
hinter ihm. Da trat sie einsmals hinter eine dicke Buche und verbarg sich
dort, und als er wieder rückwärts blickte, fand er sie nicht mehr. Ungewiß
und erschrocken stand er still, und als er nichts mehr von ihr hörte und sah,
ging er langsam etwa zwanzig Schritte zurück, und mit jedem Schritte stieg
schwärzer der betrübte Verdacht in ihm auf, daß er abermals der
Gegenstand einer Posse geworden sei, so abenteuerlich das auch gewesen
wäre; denn er konnte sich kaum in seine Stellung als beglückter Liebhaber
finden. Da hustete es schalkhaft hinter der Buche, und als er näher trat,
breitete die Vermißte die Arme nach ihm aus. Jetzt endlich umschlang er
sie, bedeckte sie mit Küssen, die mit jeder Sekunde besser gelangen, und sie
hielt ihm schweigend still und fand, daß sie bis jetzt auch nicht viel von
Liebe gewußt habe.
Nachdem Wilhelm sich fürs erste in etwas beruhigt, ließ er sich mit der
Geliebten auf eine mächtige bemooste Wurzel der Buche nieder, streichelte
ihr die Wangen und fragte, ob sie nicht einmal eines Mittags im Herbste
schon vor seinem Häuschen gewesen sei? »Hast du mich also doch
gesehen?« erwiderte sie und bejahte seine Frage. Er erzählte ihr das
Abenteuer und offenherzig auch dasjenige mit der Frau Ännchen und wie
nur die Erinnerung an jenen Anblick, da Gritli auf seiner Treppe gesessen,
ihn vor dem Abfalle bewahrt habe.
Gritli streichelte ihn hinwieder, küßte ihn und sagte: »So bist du also
einer von den Rechten, bei denen keine Mühe verloren ist!«
Als der Mai gekommen, hielten sie unter blühenden Bäumen eine
fröhliche Hochzeit. Während sie die Reise machten, suchte der Tuchscherer
in der Gegend für sie ein beträchtliches Landgut, welches sie nach ihrer
Rückkehr kauften und bezogen. Wilhelm baute den Besitz mit Fleiß und
Es war kein so blitzender Blick, wie sie ihm einst über die Hecke
zugeworfen, aber doch viel tiefer und klarer. Er ergriff ihre Hände, sie stand
auf; doch wußte der gute Pascha, der in seinen Gedanken eine ganze Stadt
voll Weiber beherrscht hatte, mit dieser einzigen sogleich nichts
anzufangen, als daß er wie betäubt mit ihr auf der Lichtung hin und her ging
und sie anlachte, ohne ihre Hand loszulassen. Endlich setzten sie den Weg
wieder fort, Wilhelm ging voraus, sah sich aber von Zeit zu Zeit wieder um,
ob sie ihm auch folge auf dem schmalen Pfade, und immer war sie lächelnd
hinter ihm. Da trat sie einsmals hinter eine dicke Buche und verbarg sich
dort, und als er wieder rückwärts blickte, fand er sie nicht mehr. Ungewiß
und erschrocken stand er still, und als er nichts mehr von ihr hörte und sah,
ging er langsam etwa zwanzig Schritte zurück, und mit jedem Schritte stieg
schwärzer der betrübte Verdacht in ihm auf, daß er abermals der
Gegenstand einer Posse geworden sei, so abenteuerlich das auch gewesen
wäre; denn er konnte sich kaum in seine Stellung als beglückter Liebhaber
finden. Da hustete es schalkhaft hinter der Buche, und als er näher trat,
breitete die Vermißte die Arme nach ihm aus. Jetzt endlich umschlang er
sie, bedeckte sie mit Küssen, die mit jeder Sekunde besser gelangen, und sie
hielt ihm schweigend still und fand, daß sie bis jetzt auch nicht viel von
Liebe gewußt habe.
Nachdem Wilhelm sich fürs erste in etwas beruhigt, ließ er sich mit der
Geliebten auf eine mächtige bemooste Wurzel der Buche nieder, streichelte
ihr die Wangen und fragte, ob sie nicht einmal eines Mittags im Herbste
schon vor seinem Häuschen gewesen sei? »Hast du mich also doch
gesehen?« erwiderte sie und bejahte seine Frage. Er erzählte ihr das
Abenteuer und offenherzig auch dasjenige mit der Frau Ännchen und wie
nur die Erinnerung an jenen Anblick, da Gritli auf seiner Treppe gesessen,
ihn vor dem Abfalle bewahrt habe.
Gritli streichelte ihn hinwieder, küßte ihn und sagte: »So bist du also
einer von den Rechten, bei denen keine Mühe verloren ist!«
Als der Mai gekommen, hielten sie unter blühenden Bäumen eine
fröhliche Hochzeit. Während sie die Reise machten, suchte der Tuchscherer
in der Gegend für sie ein beträchtliches Landgut, welches sie nach ihrer
Rückkehr kauften und bezogen. Wilhelm baute den Besitz mit Fleiß und
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Umsicht und mehrte ihn, so daß er ein angesehener und wohlberatener
Mann wurde, während seine Frau in gesegneter Anmut sich immer gleich
blieb. Wenn ein Schatten des Unmutes über ihren Mann kam oder ein
kleiner Streit entstand, so entrollte sie ihre Locken, und wenn deren Macht
nicht mehr vorhalten wollte, so strich sie dieselben wieder hinter die Ohren,
worauf Wilhelm aufs neue geschlagen war. Sie hatten wohlerzogene Kinder,
welche sich, als sie erwachsen waren, andere Wohlerzogene zur Ehe
herbeiholten. Auch der Tuchscherer blieb in der Freundschaft und erhielt
sich als ein geborgener Mann, so daß nach und nach eine kleine Kolonie
von Gutbestehenden anwuchs, welche, ohne einem heitern Lebensgenusse
zu entsagen, dennoch Maß hielten und gediehen. Sie wurden von den
Seldwylern ironisch »die halblustigen Gutbestehenden« oder die
»Schlauköpfe« genannt, waren aber wohl gelitten, weil sie in manchen
Dingen nützlich waren und dem Orte zum Ansehen gereichten.
Viktor Störteler aber und seine Kätter waren samt jenen Liebesbriefen,
welche sie aus Hunger und Not doch wieder hergestellt, auf sich bezogen
und unter vielem Gezänke vermehrt hatten, längst vergessen und
verschollen.
Mann wurde, während seine Frau in gesegneter Anmut sich immer gleich
blieb. Wenn ein Schatten des Unmutes über ihren Mann kam oder ein
kleiner Streit entstand, so entrollte sie ihre Locken, und wenn deren Macht
nicht mehr vorhalten wollte, so strich sie dieselben wieder hinter die Ohren,
worauf Wilhelm aufs neue geschlagen war. Sie hatten wohlerzogene Kinder,
welche sich, als sie erwachsen waren, andere Wohlerzogene zur Ehe
herbeiholten. Auch der Tuchscherer blieb in der Freundschaft und erhielt
sich als ein geborgener Mann, so daß nach und nach eine kleine Kolonie
von Gutbestehenden anwuchs, welche, ohne einem heitern Lebensgenusse
zu entsagen, dennoch Maß hielten und gediehen. Sie wurden von den
Seldwylern ironisch »die halblustigen Gutbestehenden« oder die
»Schlauköpfe« genannt, waren aber wohl gelitten, weil sie in manchen
Dingen nützlich waren und dem Orte zum Ansehen gereichten.
Viktor Störteler aber und seine Kätter waren samt jenen Liebesbriefen,
welche sie aus Hunger und Not doch wieder hergestellt, auf sich bezogen
und unter vielem Gezänke vermehrt hatten, längst vergessen und
verschollen.
Page 143
Dietegen
An den Nordabhängen jener Hügel und Wälder, an welchen südlich
Seldwyla liegt, florierte noch gegen das Ende des fünfzehnten Jahrhunderts
die Stadt Ruechenstein im kühlen Schatten. Grau und finster war das
gedrängte Korpus ihrer Mauern und Türme, schlecht und recht die Rät und
Burger der Stadt, aber streng und mürrisch, und ihre Nationalbeschäftigung
bestand in Ausübung der obrigkeitlichen Autorität, in Handhabung von
Recht und Gesetz, Mandat und Verordnung, in Erlaß und Vollzug. Ihr
höchster Stolz war der Besitz eines eigenen Blutbannes, groß und dick, den
sie im Verlauf der Zeiten aus verschiedenen zerstreuten Blutgerichten von
Kaiser und Reich so eifrig und opferfreudig an sich gebracht und
abgerundet hatten, wie andere Städte ihre Seelenfreiheit und irdisches Gut.
Auf den Felsvorsprüngen rings um die Stadt ragten Galgen, Räder und
Richtstätten mannigfacher Art, das Rathaus hing voll eiserner Ketten mit
Halsringen, eiserne Käfige hingen auf den Türmen, und hölzerne
Drehmaschinen, worin die Weiber gedrillt wurden, gab es an allen
Straßenecken. Selbst an dem dunkelblauen Flusse, der die Stadt bespülte,
waren verschiedene Stationen errichtet, wo die Übeltäter ertränkt oder
geschwemmt wurden, mit zusammengebundenen Füßen oder in Säcken, je
nach der feineren Unterscheidung des Urteils.
Die Ruechensteiner waren nun nicht etwa eiserne, robuste und
schreckhafte Gestalten, wie man aus ihren Neigungen hätte schließen
können; sondern es war ein Schlag Leute von ganz gewöhnlichem,
philisterhaftem Aussehen, mit runden Bäuchen und dünnen Beinen, nur daß
sie durchweg lange gelbe Nasen zeigten, eben dieselben, mit denen sie sich
gegenseitig das Jahr hindurch beschnarchten und anherrschten. Niemand
hätte ihrem kümmelspalterischen Leiblichen, wie es erschien, so derbe
Nerven zugetraut, als zum Anschau’n der unaufhörlichen
Hochnotpeinlichkeit erforderlich waren. Allein sie hatten’s in sich
verborgen.
So hielten sie ihre Gerichtsbarkeit über ihrem Weichbilde ausgespannt
gleich einem Netz, immer auf einen Fang begierig; und in der Tat gab es
An den Nordabhängen jener Hügel und Wälder, an welchen südlich
Seldwyla liegt, florierte noch gegen das Ende des fünfzehnten Jahrhunderts
die Stadt Ruechenstein im kühlen Schatten. Grau und finster war das
gedrängte Korpus ihrer Mauern und Türme, schlecht und recht die Rät und
Burger der Stadt, aber streng und mürrisch, und ihre Nationalbeschäftigung
bestand in Ausübung der obrigkeitlichen Autorität, in Handhabung von
Recht und Gesetz, Mandat und Verordnung, in Erlaß und Vollzug. Ihr
höchster Stolz war der Besitz eines eigenen Blutbannes, groß und dick, den
sie im Verlauf der Zeiten aus verschiedenen zerstreuten Blutgerichten von
Kaiser und Reich so eifrig und opferfreudig an sich gebracht und
abgerundet hatten, wie andere Städte ihre Seelenfreiheit und irdisches Gut.
Auf den Felsvorsprüngen rings um die Stadt ragten Galgen, Räder und
Richtstätten mannigfacher Art, das Rathaus hing voll eiserner Ketten mit
Halsringen, eiserne Käfige hingen auf den Türmen, und hölzerne
Drehmaschinen, worin die Weiber gedrillt wurden, gab es an allen
Straßenecken. Selbst an dem dunkelblauen Flusse, der die Stadt bespülte,
waren verschiedene Stationen errichtet, wo die Übeltäter ertränkt oder
geschwemmt wurden, mit zusammengebundenen Füßen oder in Säcken, je
nach der feineren Unterscheidung des Urteils.
Die Ruechensteiner waren nun nicht etwa eiserne, robuste und
schreckhafte Gestalten, wie man aus ihren Neigungen hätte schließen
können; sondern es war ein Schlag Leute von ganz gewöhnlichem,
philisterhaftem Aussehen, mit runden Bäuchen und dünnen Beinen, nur daß
sie durchweg lange gelbe Nasen zeigten, eben dieselben, mit denen sie sich
gegenseitig das Jahr hindurch beschnarchten und anherrschten. Niemand
hätte ihrem kümmelspalterischen Leiblichen, wie es erschien, so derbe
Nerven zugetraut, als zum Anschau’n der unaufhörlichen
Hochnotpeinlichkeit erforderlich waren. Allein sie hatten’s in sich
verborgen.
So hielten sie ihre Gerichtsbarkeit über ihrem Weichbilde ausgespannt
gleich einem Netz, immer auf einen Fang begierig; und in der Tat gab es
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nirgends so originelle und seltsame Verbrechen zu strafen, wie zu
Ruechenstein. Ihre unerschöpfliche Erfindungsgabe in neuen Strafen schien
diejenige der Sünder ordentlich zu reizen und zum Wetteifer anzuspornen;
aber wenn dennoch ein Mangel an Übeltätern eintrat, so waren sie darum
nicht verlegen, sondern fingen und bestraften die Schelmen anderer Städte;
und es mußte einer ein gutes Gewissen haben, wenn er über ihr Gebiet
gehen wollte. Denn sobald sie von irgend einem Verbrechen, in weiter
Ferne begangen, hörten, so fingen sie den ersten besten Landläufer und
spannten ihn auf die Folter, bis er bekannte, oder bis es sich zufällig erwies,
daß jenes Verbrechen gar nicht verübt worden. Sie lagen wegen ihren
Kompetenzkonflikten auch immer im Streit mit dem Bunde und den Orten
und mußten öfter zurechtgewiesen werden.
Zu ihren Hinrichtungen, Verbrennungen und Schwemmungen liebten sie
ein windstilles, freundliches Wetter, daher an recht schönen Sommertagen
immer etwas vorging. Der Wanderer im fernen Felde sah dann in dem
grauen Felsennest nicht selten das Aufblitzen eines Richtschwertes, die
Rauchsäule eines Scheiterhaufens, oder im Flusse wie das glänzende
Springen eines Fisches, wenn etwa eine geschwemmte Hexe sich
emporschnellte. Das Wort Gottes hätte ihnen übel geschmeckt ohne
mindestens ein Liebespärchen mit Strohkränzen vor dem Altar und ohne
Verlesen geschärfter Sittenmandate. Sonstige Freuden, Festlichkeiten und
Aufzüge gab es nicht, denn alles war verboten in unzähligen Mandaten.
Man kann sich leicht denken, daß diese Stadt keine widerwärtigeren
Nachbaren haben konnte, als die Leute von Seldwyla; auch saßen sie diesen
hinter dem Walde im Nacken, wie das böse Gewissen. Jeder Seldwyler, der
sich auf Ruechensteiner Boden betreten ließ, wurde gefangen und auf den
zuletzt gerade vorgefallenen Frevel inquiriert. Dafür packten die Seldwyler
jeden Ruechensteiner, der sich bei ihnen erwischen ließ, und gaben ihm auf
dem Markt ohne weitere Untersuchung, bloß weil er ein Ruechensteiner
war, sechs Rutenstreiche auf den Hintern. Dies war das einzige Birkenreis,
was sie gebrauchten, da sie sich selbst untereinander nicht weh zu tun
liebten. Dann färbten sie ihm mit einer höllischen Farbe die lange Nase
schwarz und ließen ihn unter schallendem Jubelgelächter nach Hause
laufen. Deshalb sah man zu Ruechenstein immer einige besonders
mürrische Leute mit geschwärzten, nur langsam verbleichenden Nasen
herumgehen, welche wortkarg nach Armensünderblut schnupperten.
Ruechenstein. Ihre unerschöpfliche Erfindungsgabe in neuen Strafen schien
diejenige der Sünder ordentlich zu reizen und zum Wetteifer anzuspornen;
aber wenn dennoch ein Mangel an Übeltätern eintrat, so waren sie darum
nicht verlegen, sondern fingen und bestraften die Schelmen anderer Städte;
und es mußte einer ein gutes Gewissen haben, wenn er über ihr Gebiet
gehen wollte. Denn sobald sie von irgend einem Verbrechen, in weiter
Ferne begangen, hörten, so fingen sie den ersten besten Landläufer und
spannten ihn auf die Folter, bis er bekannte, oder bis es sich zufällig erwies,
daß jenes Verbrechen gar nicht verübt worden. Sie lagen wegen ihren
Kompetenzkonflikten auch immer im Streit mit dem Bunde und den Orten
und mußten öfter zurechtgewiesen werden.
Zu ihren Hinrichtungen, Verbrennungen und Schwemmungen liebten sie
ein windstilles, freundliches Wetter, daher an recht schönen Sommertagen
immer etwas vorging. Der Wanderer im fernen Felde sah dann in dem
grauen Felsennest nicht selten das Aufblitzen eines Richtschwertes, die
Rauchsäule eines Scheiterhaufens, oder im Flusse wie das glänzende
Springen eines Fisches, wenn etwa eine geschwemmte Hexe sich
emporschnellte. Das Wort Gottes hätte ihnen übel geschmeckt ohne
mindestens ein Liebespärchen mit Strohkränzen vor dem Altar und ohne
Verlesen geschärfter Sittenmandate. Sonstige Freuden, Festlichkeiten und
Aufzüge gab es nicht, denn alles war verboten in unzähligen Mandaten.
Man kann sich leicht denken, daß diese Stadt keine widerwärtigeren
Nachbaren haben konnte, als die Leute von Seldwyla; auch saßen sie diesen
hinter dem Walde im Nacken, wie das böse Gewissen. Jeder Seldwyler, der
sich auf Ruechensteiner Boden betreten ließ, wurde gefangen und auf den
zuletzt gerade vorgefallenen Frevel inquiriert. Dafür packten die Seldwyler
jeden Ruechensteiner, der sich bei ihnen erwischen ließ, und gaben ihm auf
dem Markt ohne weitere Untersuchung, bloß weil er ein Ruechensteiner
war, sechs Rutenstreiche auf den Hintern. Dies war das einzige Birkenreis,
was sie gebrauchten, da sie sich selbst untereinander nicht weh zu tun
liebten. Dann färbten sie ihm mit einer höllischen Farbe die lange Nase
schwarz und ließen ihn unter schallendem Jubelgelächter nach Hause
laufen. Deshalb sah man zu Ruechenstein immer einige besonders
mürrische Leute mit geschwärzten, nur langsam verbleichenden Nasen
herumgehen, welche wortkarg nach Armensünderblut schnupperten.
Page 145
Die Seldwyler aber hielten jene Farbtunke stets bereit in einem eisernen
Topfe, auf welchen das Ruechensteiner Stadtwappen gemalt war und
welchen sie »den freundlichen Nachbar« benannten und samt dem Pinsel
im Bogen des nach Ruechenstein führenden Tores aufhingen. War die Beize
ausgetrocknet oder verbraucht, so wurde sie unter närrischem Aufzug und
Gelage erneuert zum Schabernack der armen Nachbaren. Hierüber wurden
diese einmal so ergrimmt, daß sie mit dem Banner auszogen, die Seldwyler
zu züchtigen. Diese, noch rechtzeitig unterrichtet, zogen ihnen entgegen
und griffen sie unerschrocken an. Allein die Ruechensteiner hatten ein
Dutzend graubärtige verwitterte Stadtknechte, welche neue Stricke an den
Schwertgehängen trugen, ins Vordertreffen gestellt, worüber die Seldwyler
eine solche Scheu ergriff, daß sie zurückwichen und fast verloren waren,
wenn nicht ein guter Einfall sie gerettet hätte; denn sie führten Spaßes
halber den »freundlichen Nachbar« mit sich und statt des Banners einen
langen ungeheuren Pinsel. Diesen tauchte der Träger voll Geistesgegenwart
in die schwarze Wichse, sprang mutig den vordersten Feinden entgegen und
bestrich blitzschnell ihre Gesichter, also daß alle, die zunächst von der
verabscheuten Schwärze bedroht waren, Reißaus nahmen und keiner mehr
der Vorderste sein wollte. Darüber geriet ihre Schar ins Schwanken; ein
unbestimmter Schreck ergriff die Hintern, während die Seldwyler ermutigt
wieder vordrangen unter wildem Gelächter und die Ruechensteiner gegen
ihre Stadt zurückdrängten. Wo diese sich zur Wehre setzten, rückte der
gefürchtete Pinsel herbei an seinem langen Stiele, wobei es keineswegs
ohne ernsthaften Heldenmut zuging; schon zweimal waren die verwegenen
Pinselträger von Pfeilen durchbohrt gefallen, und jedesmal hatte ein anderer
die seltsame Waffe ergriffen und von neuem in den Feind getragen.
Am Ende aber wurden die Ruechensteiner gänzlich zurückgeschlagen
und flohen mit ihrem Banner in hellem Haufen durch den Wald zurück, die
Seldwyler auf den Fersen. Sie konnten sich mit Not in die Stadt retten und
das Tor schließen, welches ihre Verfolger samt der Zugbrücke so lange mit
dem verwünschten Pinsel schwarz beklecksten, bis jene sich etwas
gesammelt und die lärmenden Maler mit Kalktöpfen bewarfen.
Weil nun einige angesehene Seldwyler in der Hitze des Andranges in die
Stadt geraten und dort abgeschlossen, dafür aber auch ein Dutzend
Ruechensteiner von den Siegern gefangen worden waren, so verglich man
sich nach einigen Tagen zur Auswechslung dieser Gefangenen und hieraus
Topfe, auf welchen das Ruechensteiner Stadtwappen gemalt war und
welchen sie »den freundlichen Nachbar« benannten und samt dem Pinsel
im Bogen des nach Ruechenstein führenden Tores aufhingen. War die Beize
ausgetrocknet oder verbraucht, so wurde sie unter närrischem Aufzug und
Gelage erneuert zum Schabernack der armen Nachbaren. Hierüber wurden
diese einmal so ergrimmt, daß sie mit dem Banner auszogen, die Seldwyler
zu züchtigen. Diese, noch rechtzeitig unterrichtet, zogen ihnen entgegen
und griffen sie unerschrocken an. Allein die Ruechensteiner hatten ein
Dutzend graubärtige verwitterte Stadtknechte, welche neue Stricke an den
Schwertgehängen trugen, ins Vordertreffen gestellt, worüber die Seldwyler
eine solche Scheu ergriff, daß sie zurückwichen und fast verloren waren,
wenn nicht ein guter Einfall sie gerettet hätte; denn sie führten Spaßes
halber den »freundlichen Nachbar« mit sich und statt des Banners einen
langen ungeheuren Pinsel. Diesen tauchte der Träger voll Geistesgegenwart
in die schwarze Wichse, sprang mutig den vordersten Feinden entgegen und
bestrich blitzschnell ihre Gesichter, also daß alle, die zunächst von der
verabscheuten Schwärze bedroht waren, Reißaus nahmen und keiner mehr
der Vorderste sein wollte. Darüber geriet ihre Schar ins Schwanken; ein
unbestimmter Schreck ergriff die Hintern, während die Seldwyler ermutigt
wieder vordrangen unter wildem Gelächter und die Ruechensteiner gegen
ihre Stadt zurückdrängten. Wo diese sich zur Wehre setzten, rückte der
gefürchtete Pinsel herbei an seinem langen Stiele, wobei es keineswegs
ohne ernsthaften Heldenmut zuging; schon zweimal waren die verwegenen
Pinselträger von Pfeilen durchbohrt gefallen, und jedesmal hatte ein anderer
die seltsame Waffe ergriffen und von neuem in den Feind getragen.
Am Ende aber wurden die Ruechensteiner gänzlich zurückgeschlagen
und flohen mit ihrem Banner in hellem Haufen durch den Wald zurück, die
Seldwyler auf den Fersen. Sie konnten sich mit Not in die Stadt retten und
das Tor schließen, welches ihre Verfolger samt der Zugbrücke so lange mit
dem verwünschten Pinsel schwarz beklecksten, bis jene sich etwas
gesammelt und die lärmenden Maler mit Kalktöpfen bewarfen.
Weil nun einige angesehene Seldwyler in der Hitze des Andranges in die
Stadt geraten und dort abgeschlossen, dafür aber auch ein Dutzend
Ruechensteiner von den Siegern gefangen worden waren, so verglich man
sich nach einigen Tagen zur Auswechslung dieser Gefangenen und hieraus
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entstand ein förmlicher Friedensschluß, so gut es gehen wollte. Man hatte
sich beiderseitig etwas ausgetobt und empfand ein Bedürfnis ruhiger
Nachbarschaft. So wurde ein freundnachbarliches Benehmen verheißen;
zum Beginn desselben versprachen die Seldwyler, den eisernen Topf
auszuliefern und für immer abzuschaffen, und die Ruechensteiner sollten
dagegen auf jedes eigenmächtige Strafverfahren gegen spazierende
Seldwyler feierlich Verzicht leisten, sowie die diesfälligen Rechte
überhaupt sorgfältig ausgeschieden werden.
Zur Bestätigung solchen Übereinkommens wurde ein Tag angesetzt und
die Berglichtung zur Zusammenkunft gewählt, auf welcher das
Haupttreffen stattgefunden hatte. Von Ruechenstein fanden sich einige
jüngere Ratsherren ein; denn die Alten brachten es nicht über sich, in Minne
mit den Leuten von Seldwyla zu verkehren. Diese erschienen auch wirklich
in zahlreicher Abordnung, brachten den »freundlichen Nachbar« mit
lustigem Aufwand und führten ein Fäßchen ihres ältesten Stadtweines mit
nebst einigen schönen silbernen und vergoldeten Ehrengeschirren. Damit
betörten sie denn die jungen Ruechensteiner Herren, denen ein
ungewohnter Sonnenblick aufging, so glücklich, daß sie sich verleiten
ließen, statt unverweilt heimzukehren, mit den Verführern nach Seldwyla zu
gehen. Dort wurden sie auf das Rathaus geleitet, wo ein gehöriger Schmaus
bereit war; schöne Frauen und Jungfrauen fanden sich ein, immer mehrere
Stäufe, Köpfe, Schalen und Becher wurden aufgesetzt, so daß über all dem
Glänzen der feurigen Augen und des edlen Metalles die armen
Ruechensteiner sich selbst vergaßen und ganz guter Dinge wurden. Sie
sangen, da sie nichts anderes konnten, einen lateinischen Psalm um den
anderen zwischen die Zechlieder der Seldwyler und endeten höchst
leichtsinnig damit, daß sie diese dringend einluden, ihrer Stadt mit ihren
Frauen und Töchtern einen Gegenbesuch zu machen, und ihnen den
freundlichsten Empfang versprachen. Hierauf erfolgte die einmütige
Zusage, hierauf neuer Jubel, kurz die Geschäftsherren von Ruechenstein
verabschiedeten sich in vollständiger Seligkeit und hielten sich,
Schnippchen schlagend, dazu noch für glückliche Eroberer, als die
lachenden Damen ihnen bis zum Tore das Geleit gaben.
Freilich verzog sich das liebliche Antlitz der Sache, als die fröhlichen
Herren am andern Tage in ihrer finstern Stadt erwachten und nun Bericht
erstatten mußten über den ganzen Hergang. Wenig fehlte, als sie zum
sich beiderseitig etwas ausgetobt und empfand ein Bedürfnis ruhiger
Nachbarschaft. So wurde ein freundnachbarliches Benehmen verheißen;
zum Beginn desselben versprachen die Seldwyler, den eisernen Topf
auszuliefern und für immer abzuschaffen, und die Ruechensteiner sollten
dagegen auf jedes eigenmächtige Strafverfahren gegen spazierende
Seldwyler feierlich Verzicht leisten, sowie die diesfälligen Rechte
überhaupt sorgfältig ausgeschieden werden.
Zur Bestätigung solchen Übereinkommens wurde ein Tag angesetzt und
die Berglichtung zur Zusammenkunft gewählt, auf welcher das
Haupttreffen stattgefunden hatte. Von Ruechenstein fanden sich einige
jüngere Ratsherren ein; denn die Alten brachten es nicht über sich, in Minne
mit den Leuten von Seldwyla zu verkehren. Diese erschienen auch wirklich
in zahlreicher Abordnung, brachten den »freundlichen Nachbar« mit
lustigem Aufwand und führten ein Fäßchen ihres ältesten Stadtweines mit
nebst einigen schönen silbernen und vergoldeten Ehrengeschirren. Damit
betörten sie denn die jungen Ruechensteiner Herren, denen ein
ungewohnter Sonnenblick aufging, so glücklich, daß sie sich verleiten
ließen, statt unverweilt heimzukehren, mit den Verführern nach Seldwyla zu
gehen. Dort wurden sie auf das Rathaus geleitet, wo ein gehöriger Schmaus
bereit war; schöne Frauen und Jungfrauen fanden sich ein, immer mehrere
Stäufe, Köpfe, Schalen und Becher wurden aufgesetzt, so daß über all dem
Glänzen der feurigen Augen und des edlen Metalles die armen
Ruechensteiner sich selbst vergaßen und ganz guter Dinge wurden. Sie
sangen, da sie nichts anderes konnten, einen lateinischen Psalm um den
anderen zwischen die Zechlieder der Seldwyler und endeten höchst
leichtsinnig damit, daß sie diese dringend einluden, ihrer Stadt mit ihren
Frauen und Töchtern einen Gegenbesuch zu machen, und ihnen den
freundlichsten Empfang versprachen. Hierauf erfolgte die einmütige
Zusage, hierauf neuer Jubel, kurz die Geschäftsherren von Ruechenstein
verabschiedeten sich in vollständiger Seligkeit und hielten sich,
Schnippchen schlagend, dazu noch für glückliche Eroberer, als die
lachenden Damen ihnen bis zum Tore das Geleit gaben.
Freilich verzog sich das liebliche Antlitz der Sache, als die fröhlichen
Herren am andern Tage in ihrer finstern Stadt erwachten und nun Bericht
erstatten mußten über den ganzen Hergang. Wenig fehlte, als sie zum
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Punkte der Einladung gediehen, daß sie nicht als Behexte inhaftiert und
untersucht wurden. Indessen fühlten sie auch obrigkeitliches Blut in ihren
Adern, und obgleich sie das Ding selbst schon gereute, so blieben sie doch
fest bei der Stange, ihr gegebenes Wort zu lösen, und stellten den Alten vor,
wie die Ehre der Stadt es schlechterdings erfordere, die Seldwyler gut zu
empfangen. Sie gewannen einen Anhang unter der Bürgerschaft, vorzüglich
durch ihre Beschreibung des reichen Stadtgerätes, womit die Seldwyler so
herausfordernd geprahlt hätten, sowie durch das Herausstreichen ihrer
Frauen und deren zierlicher Kleidung. Die Männer fanden, das dürfe man
sich nicht bieten lassen, man müsse den eigenen Reichtum dagegen
auftischen, der in den eisernen Schränken funkle, und die Frauen juckte es,
die strengen Kleidermandate zu umgehen und unter dem Deckmantel der
Politik sich einmal tüchtig zu schmücken und zu putzen. Denn das Zeug
dazu hatten sie alle in den Truhen liegen, sonst wären ihnen die strengen
Verordnungen längst unerträglich gewesen und durch ihre Macht gestürzt
worden. Der Empfang der neuen Freunde und alten Widersacher ward also
durchgesetzt, zum großen Verdruß der Bejahrteren. Auch beschlossen diese
sogleich, den ärgerlichen Tag durch eine vorzunehmende Hinrichtung zu
feiern und damit eine zu lebhafte Fröhlichkeit heilsam und würdig zu
dämpfen. Während die jüngeren Herren mit den Zurichtungen zum Feste
betätigt waren, trafen jene in aller Stille ihre Anstalten und nahmen einen
ganz jungen, unmündigen armen Sünder beim Kragen, der gerade im Netze
zappelte. Es war ein bildschöner Knabe von elf Jahren, dessen Eltern in
kriegerischen Zeitläuften verschollen waren und der von der Stadt erzogen
wurde. Das heißt, er war einem niederträchtigen und bösen Bettelvogt in die
Kost gegeben, welcher das schlanke, wohlgebildete und kraftvolle Kind fast
wie ein Haustier hielt und dabei an seiner Frau eine wackere Helferin fand.
Der Knabe wurde Dietegen genannt, und dieser Taufname war sein ganzes
Hab und Gut, sein Morgen- und Abendsegen und sein Reisegeld in die
Zukunft. Er war erbärmlich gekleidet, hatte nie ein Sonntagsgewand
besessen und würde an den Feiertagen, wo alles besser gekleidet ging, in
seinem Jammerhabitchen wie eine Vogelscheuche ausgesehen haben, wenn
er nicht so schön gewesen wäre. Er mußte scheuern und fegen und lauter
solche Mägdearbeiten verrichten, und wenn die Bettelvögtin nichts
Schnödes für ihn zu tun hatte, so lieh sie ihn den Nachbarsweibern aus
gegen Mietsgeld, um ihnen alle Lumpereien zu tun, die sie begehrten. Sie
hielten ihn trotz seiner Anstelligkeit für einen dummen Kerl, weil er sich
untersucht wurden. Indessen fühlten sie auch obrigkeitliches Blut in ihren
Adern, und obgleich sie das Ding selbst schon gereute, so blieben sie doch
fest bei der Stange, ihr gegebenes Wort zu lösen, und stellten den Alten vor,
wie die Ehre der Stadt es schlechterdings erfordere, die Seldwyler gut zu
empfangen. Sie gewannen einen Anhang unter der Bürgerschaft, vorzüglich
durch ihre Beschreibung des reichen Stadtgerätes, womit die Seldwyler so
herausfordernd geprahlt hätten, sowie durch das Herausstreichen ihrer
Frauen und deren zierlicher Kleidung. Die Männer fanden, das dürfe man
sich nicht bieten lassen, man müsse den eigenen Reichtum dagegen
auftischen, der in den eisernen Schränken funkle, und die Frauen juckte es,
die strengen Kleidermandate zu umgehen und unter dem Deckmantel der
Politik sich einmal tüchtig zu schmücken und zu putzen. Denn das Zeug
dazu hatten sie alle in den Truhen liegen, sonst wären ihnen die strengen
Verordnungen längst unerträglich gewesen und durch ihre Macht gestürzt
worden. Der Empfang der neuen Freunde und alten Widersacher ward also
durchgesetzt, zum großen Verdruß der Bejahrteren. Auch beschlossen diese
sogleich, den ärgerlichen Tag durch eine vorzunehmende Hinrichtung zu
feiern und damit eine zu lebhafte Fröhlichkeit heilsam und würdig zu
dämpfen. Während die jüngeren Herren mit den Zurichtungen zum Feste
betätigt waren, trafen jene in aller Stille ihre Anstalten und nahmen einen
ganz jungen, unmündigen armen Sünder beim Kragen, der gerade im Netze
zappelte. Es war ein bildschöner Knabe von elf Jahren, dessen Eltern in
kriegerischen Zeitläuften verschollen waren und der von der Stadt erzogen
wurde. Das heißt, er war einem niederträchtigen und bösen Bettelvogt in die
Kost gegeben, welcher das schlanke, wohlgebildete und kraftvolle Kind fast
wie ein Haustier hielt und dabei an seiner Frau eine wackere Helferin fand.
Der Knabe wurde Dietegen genannt, und dieser Taufname war sein ganzes
Hab und Gut, sein Morgen- und Abendsegen und sein Reisegeld in die
Zukunft. Er war erbärmlich gekleidet, hatte nie ein Sonntagsgewand
besessen und würde an den Feiertagen, wo alles besser gekleidet ging, in
seinem Jammerhabitchen wie eine Vogelscheuche ausgesehen haben, wenn
er nicht so schön gewesen wäre. Er mußte scheuern und fegen und lauter
solche Mägdearbeiten verrichten, und wenn die Bettelvögtin nichts
Schnödes für ihn zu tun hatte, so lieh sie ihn den Nachbarsweibern aus
gegen Mietsgeld, um ihnen alle Lumpereien zu tun, die sie begehrten. Sie
hielten ihn trotz seiner Anstelligkeit für einen dummen Kerl, weil er sich
Page 148
stillschweigend allem unterzog und nie Widerstand leistete; und dennoch
vermochten sie nicht lang ihm in die feurigen Augen zu blicken, wenn er in
unbewußter Kühnheit blitzend umhersah.
Vor mehreren Tagen nun war Dietegen gegen Abend zum Küfer
geschickt worden, um Essig zu holen, da es seine Pflegeeltern nach einem
Salat gelüstete. Der Essig wurde seit alter Zeit in einem kleinen Kännchen
gehalten, welches, schwarz angelaufen, wie es war, für schlechtes Blech
angesehen wurde und schon von der Mutter der Bettelvögtin einst für einige
Pfennige nebst anderem Gerümpel gekauft worden, das aber in der Tat von
gutem Silber war. Der Küfer, der den Essig machte, wohnte in einer
einsamen Gegend hinter der Stadtmauer. Wie nun der Knabe mit seinem
Kännchen so daherkam, schlich ein alter Jude mit seinem Sack vorbei,
welcher schnell einen Blick auf das zierlich gearbeitete, obwohl schmutzige
Gefäß warf, und es dem Burschen mit schmeichlerischen Worten zur
näheren Betrachtung abforderte. Dietegen gab es hin, der Jude schürfte
heimlich mit seinem großen Daumnagel daran und bot dem Erstaunten
sogleich eine hübsch aussehende Armbrust dafür zum Tausch an, welche er
aus dem Sacke zog, nebst einigen Bolzen in einer Tasche von zerfressenem
Otterfell. Begierig griff der Junge nach der Waffe und spannte sie sogleich
mit geschickter und kräftiger Hand, während der Hebräer sachte seines
Weges ging, ohne daß jener sich weiter um ihn kümmerte. Im Gegenteil
fing er alsobald an, nach der Türe eines kleinen Turmes zu schießen, der
dort an die Mauer gebaut war, und ohne von jemand gestört zu werden,
setzte er, die ganze Welt vergessend, das Spiel fort, bis es dunkelte, und
schoß immer fort im Scheine des aufgegangenen Mondes.
Unterdessen hatte der Bettelvogt auch noch einen Gang um die Stadt
gemacht und den Juden gefangen, welcher eben aus dem Tore schlüpfen
wollte. Als der Sack des Juden untersucht wurde, erkannte der Vogt
verwundert sein Essigkrüglein, das er soeben dem Pflegling selbst in die
Hand gegeben. Der Jud, in der Angst um seinen Hals, gestand sogleich, daß
es von Silber sei, und gab vor, ein junger Mensch habe es ihm mit Gewalt
für eine herrliche Armbrust aufgedrängt, die gleichwohl nicht so viel wert
sein möge. Jetzt lief der Bettelvogt und holte einen Goldschmied; der prüfte
das Kännchen und bestätigte, daß es ein altes feines Ding von Silber sei und
von trefflicher Arbeit. Da gerieten der Bettelvogt und sein Weib, das
mittlerweile auch herbeigelaufen, in die größte Aufregung und Wut, erstens,
vermochten sie nicht lang ihm in die feurigen Augen zu blicken, wenn er in
unbewußter Kühnheit blitzend umhersah.
Vor mehreren Tagen nun war Dietegen gegen Abend zum Küfer
geschickt worden, um Essig zu holen, da es seine Pflegeeltern nach einem
Salat gelüstete. Der Essig wurde seit alter Zeit in einem kleinen Kännchen
gehalten, welches, schwarz angelaufen, wie es war, für schlechtes Blech
angesehen wurde und schon von der Mutter der Bettelvögtin einst für einige
Pfennige nebst anderem Gerümpel gekauft worden, das aber in der Tat von
gutem Silber war. Der Küfer, der den Essig machte, wohnte in einer
einsamen Gegend hinter der Stadtmauer. Wie nun der Knabe mit seinem
Kännchen so daherkam, schlich ein alter Jude mit seinem Sack vorbei,
welcher schnell einen Blick auf das zierlich gearbeitete, obwohl schmutzige
Gefäß warf, und es dem Burschen mit schmeichlerischen Worten zur
näheren Betrachtung abforderte. Dietegen gab es hin, der Jude schürfte
heimlich mit seinem großen Daumnagel daran und bot dem Erstaunten
sogleich eine hübsch aussehende Armbrust dafür zum Tausch an, welche er
aus dem Sacke zog, nebst einigen Bolzen in einer Tasche von zerfressenem
Otterfell. Begierig griff der Junge nach der Waffe und spannte sie sogleich
mit geschickter und kräftiger Hand, während der Hebräer sachte seines
Weges ging, ohne daß jener sich weiter um ihn kümmerte. Im Gegenteil
fing er alsobald an, nach der Türe eines kleinen Turmes zu schießen, der
dort an die Mauer gebaut war, und ohne von jemand gestört zu werden,
setzte er, die ganze Welt vergessend, das Spiel fort, bis es dunkelte, und
schoß immer fort im Scheine des aufgegangenen Mondes.
Unterdessen hatte der Bettelvogt auch noch einen Gang um die Stadt
gemacht und den Juden gefangen, welcher eben aus dem Tore schlüpfen
wollte. Als der Sack des Juden untersucht wurde, erkannte der Vogt
verwundert sein Essigkrüglein, das er soeben dem Pflegling selbst in die
Hand gegeben. Der Jud, in der Angst um seinen Hals, gestand sogleich, daß
es von Silber sei, und gab vor, ein junger Mensch habe es ihm mit Gewalt
für eine herrliche Armbrust aufgedrängt, die gleichwohl nicht so viel wert
sein möge. Jetzt lief der Bettelvogt und holte einen Goldschmied; der prüfte
das Kännchen und bestätigte, daß es ein altes feines Ding von Silber sei und
von trefflicher Arbeit. Da gerieten der Bettelvogt und sein Weib, das
mittlerweile auch herbeigelaufen, in die größte Aufregung und Wut, erstens,
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weil sie, ohne es zu wissen, ein so kostbares Essighäfelchen besaßen, und
zweitens, weil sie fast darum gekommen wären. Die Welt schien ihnen voll
des ungeheuersten Unrechtes zu gären, das Kind erschien ihnen als der
Erbfeind, der ihre ewige Seligkeit, den Lohn unendlicher Duldungen und
Verdienste, beinahe entführt hätte. Sie stellten sich plötzlich, als ob sie von
je gewußt hätten, daß die Kanne von Silber sei und als ob sie immer in
ihrem Hause dafür gegolten. Mit den tollsten Verwünschungen klagten sie
den Knaben des schweren Diebstahls an, und während der Arglose noch
immer mit seinen Pfeilen beschäftigt war und mit jedem Schusse das Ziel
besser traf, zogen schon zwei Haufen von Häschern aus, den Entflohenen
zu suchen; an der Spitze des einen zog der Bettelvogt einher, vor dem
andern die Frau, die es sich nicht nehmen ließ. So stießen sie von
verschiedenen Seiten bald auf den Schützen, welcher rüstig im Mondlicht
hantierte und wie aus einem Traum erwachte, als er unversehens umringt
war. Nun fiel ihm erst seine Versäumnis ein und zugleich der Mangel des
Kännchens. Aber er glaubte, einen guten Handel gemacht zu haben, reichte
auch lächelnd dem Bettelvogt die Armbrust hin, um ihn zu begütigen.
Nichtsdestoweniger wurde er auf der Stelle gebunden, ins Gefängnis
geschleppt, verhört und er gab den ganzen Hergang zu, ohne sich im
mindesten verteidigen zu können.
Dies arme Kind wurde nun zum Galgen verurteilt und die Hinrichtung
auf den Tag verlegt, da die Seldwyler zum Besuch kommen wollten.
Sie erschienen denn auch in stattlichem Zuge, in leuchtenden Farben und
ihre Stadttrompeter an der Spitze; übrigens waren sie alle mit guten
Schwertern und Dolchen bewaffnet, führten aber nichtsdestominder ein
Dutzend ihrer kecksten jungen Frauen, reich geschmückt, in der Mitte, und
sogar einige Kinder in den Stadtfarben, welche Geschenke trugen. Die
jungen Ratsherren von Ruechenstein, ihre Freunde, ritten ihnen eine Strecke
vor das Tor entgegen, bewillkommten sie und führten sie etwas kleinmütig
in die Stadt. Das Tor war möglichst abgekratzt, frisch übertüncht und mit
etwas magerem Kranzwerk behangen. Innerhalb des Tores aber standen die
sämtlichen Stadtknechte aufgestellt in voller Rüstung, welche rasselnd und
klirrend den Zug durch die schattig dunklen Straßen begleiteten. Die Leute
guckten stumm, aber neugierig aus den Fenstern, wie wenn ein
Meerwunder sich durch die Gasse gewälzt hätte, und wo ein Seldwyler
lustig hinaufsah und grüßte, da fuhren die Weiber scheu mit den Köpfen
zweitens, weil sie fast darum gekommen wären. Die Welt schien ihnen voll
des ungeheuersten Unrechtes zu gären, das Kind erschien ihnen als der
Erbfeind, der ihre ewige Seligkeit, den Lohn unendlicher Duldungen und
Verdienste, beinahe entführt hätte. Sie stellten sich plötzlich, als ob sie von
je gewußt hätten, daß die Kanne von Silber sei und als ob sie immer in
ihrem Hause dafür gegolten. Mit den tollsten Verwünschungen klagten sie
den Knaben des schweren Diebstahls an, und während der Arglose noch
immer mit seinen Pfeilen beschäftigt war und mit jedem Schusse das Ziel
besser traf, zogen schon zwei Haufen von Häschern aus, den Entflohenen
zu suchen; an der Spitze des einen zog der Bettelvogt einher, vor dem
andern die Frau, die es sich nicht nehmen ließ. So stießen sie von
verschiedenen Seiten bald auf den Schützen, welcher rüstig im Mondlicht
hantierte und wie aus einem Traum erwachte, als er unversehens umringt
war. Nun fiel ihm erst seine Versäumnis ein und zugleich der Mangel des
Kännchens. Aber er glaubte, einen guten Handel gemacht zu haben, reichte
auch lächelnd dem Bettelvogt die Armbrust hin, um ihn zu begütigen.
Nichtsdestoweniger wurde er auf der Stelle gebunden, ins Gefängnis
geschleppt, verhört und er gab den ganzen Hergang zu, ohne sich im
mindesten verteidigen zu können.
Dies arme Kind wurde nun zum Galgen verurteilt und die Hinrichtung
auf den Tag verlegt, da die Seldwyler zum Besuch kommen wollten.
Sie erschienen denn auch in stattlichem Zuge, in leuchtenden Farben und
ihre Stadttrompeter an der Spitze; übrigens waren sie alle mit guten
Schwertern und Dolchen bewaffnet, führten aber nichtsdestominder ein
Dutzend ihrer kecksten jungen Frauen, reich geschmückt, in der Mitte, und
sogar einige Kinder in den Stadtfarben, welche Geschenke trugen. Die
jungen Ratsherren von Ruechenstein, ihre Freunde, ritten ihnen eine Strecke
vor das Tor entgegen, bewillkommten sie und führten sie etwas kleinmütig
in die Stadt. Das Tor war möglichst abgekratzt, frisch übertüncht und mit
etwas magerem Kranzwerk behangen. Innerhalb des Tores aber standen die
sämtlichen Stadtknechte aufgestellt in voller Rüstung, welche rasselnd und
klirrend den Zug durch die schattig dunklen Straßen begleiteten. Die Leute
guckten stumm, aber neugierig aus den Fenstern, wie wenn ein
Meerwunder sich durch die Gasse gewälzt hätte, und wo ein Seldwyler
lustig hinaufsah und grüßte, da fuhren die Weiber scheu mit den Köpfen
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zurück. Ihre Männer hingegen drückten sich seltsam die Nasenspitzen an
den grünlichen Glasscheiben platt, um die ungewohnte Erscheinung bloßer
Frauenhälse zu beobachten.
Also erreichte der Zug die große Ratsstube. Die war reich, aber düster
anzusehen, Wände und Decke ganz mit schwarz gefärbtem Eichenholz
getäfert mit etwas Vergoldung. Eine lange Tafel war mit gewirktem
Linnenzeug gedeckt, worein Laubwerk mit Hirschen, Jägern und Hunden
mit grüner Seide und Goldfäden gewoben war. Darüber lagen noch feine
Tüchlein von ganz weißem Damast, welche bei näherem Hinsehen ein gar
kunstreiches Bildwerk von sehr fröhlichen Göttergeschichten zeigte, wie
man sie in diesem gravitätischen Saale am wenigsten vermutet hätte. Auf
diesem prächtigen Gedecke stand nun alles bereit, was zu einer öffentlichen
Mahlzeit gehörte, und darunter besonders eine große Zahl köstlicher
Geschirre, welche wiederum in getriebener Arbeit, bald halb erhaben, bald
rund, eine glänzende Welt bewegter Nymphen, Najaden und anderer
Halbgötter zur Schau trugen; sogar das Hauptstück, ein hoch aufgetakeltes
silbernes Kriegsschiff, sonst ganz ehrbar und staatsmäßig, zeigte als Galion
eine Galatea von den verwegensten Formen.
Längs dieser Tafel ging eine Anzahl von Ratsfrauen auf und ab, in starre
schwarze oder blutrote Seidengewänder gekleidet, von steifem
Spitzenschmuck bis an das Kinn verhüllt. Sie trugen vielfache goldene
Ketten, Gürtel und Hauben, und über den Handschuhen eine Menge Ringe
an allen Fingern. Diese Frauen waren nicht häßlich, sondern eher hübsch zu
nennen; wenigstens waren fast alle mit einer zarten durchsichtigen
Gesichtsfarbe und zierlichen roten Wänglein begabt; aber sie sahen so
unfreundlich, streng und sauer aus, daß man zweifelte, ob sie je in ihrem
Leben gelacht, wenn nicht höchstens einmal in dunkler Nacht, wenn sie
dem Mann die erste Nachtmütze aufgeschwatzt hatten.
Die Begrüßung war denn auch befangen genug und man war allerseits
froh, bald am Tische zu sitzen und die Verlegenheit mit Essen und Trinken
zu vertreiben. Die Seldwyler fanden zuerst ihre natürliche Heiterkeit wieder
und zwar durch die Bewunderung des reichen Tafelzeuges. Dies gefiel den
Ruechensteinern nicht übel und sie schickten sich eben an, ein steifes
Gespräch zu führen, als die Sache eine Wendung nahm, die sie sich nie
geträumt hätten. Denn die Seldwyler, welche ihre Augen gebrauchten,
den grünlichen Glasscheiben platt, um die ungewohnte Erscheinung bloßer
Frauenhälse zu beobachten.
Also erreichte der Zug die große Ratsstube. Die war reich, aber düster
anzusehen, Wände und Decke ganz mit schwarz gefärbtem Eichenholz
getäfert mit etwas Vergoldung. Eine lange Tafel war mit gewirktem
Linnenzeug gedeckt, worein Laubwerk mit Hirschen, Jägern und Hunden
mit grüner Seide und Goldfäden gewoben war. Darüber lagen noch feine
Tüchlein von ganz weißem Damast, welche bei näherem Hinsehen ein gar
kunstreiches Bildwerk von sehr fröhlichen Göttergeschichten zeigte, wie
man sie in diesem gravitätischen Saale am wenigsten vermutet hätte. Auf
diesem prächtigen Gedecke stand nun alles bereit, was zu einer öffentlichen
Mahlzeit gehörte, und darunter besonders eine große Zahl köstlicher
Geschirre, welche wiederum in getriebener Arbeit, bald halb erhaben, bald
rund, eine glänzende Welt bewegter Nymphen, Najaden und anderer
Halbgötter zur Schau trugen; sogar das Hauptstück, ein hoch aufgetakeltes
silbernes Kriegsschiff, sonst ganz ehrbar und staatsmäßig, zeigte als Galion
eine Galatea von den verwegensten Formen.
Längs dieser Tafel ging eine Anzahl von Ratsfrauen auf und ab, in starre
schwarze oder blutrote Seidengewänder gekleidet, von steifem
Spitzenschmuck bis an das Kinn verhüllt. Sie trugen vielfache goldene
Ketten, Gürtel und Hauben, und über den Handschuhen eine Menge Ringe
an allen Fingern. Diese Frauen waren nicht häßlich, sondern eher hübsch zu
nennen; wenigstens waren fast alle mit einer zarten durchsichtigen
Gesichtsfarbe und zierlichen roten Wänglein begabt; aber sie sahen so
unfreundlich, streng und sauer aus, daß man zweifelte, ob sie je in ihrem
Leben gelacht, wenn nicht höchstens einmal in dunkler Nacht, wenn sie
dem Mann die erste Nachtmütze aufgeschwatzt hatten.
Die Begrüßung war denn auch befangen genug und man war allerseits
froh, bald am Tische zu sitzen und die Verlegenheit mit Essen und Trinken
zu vertreiben. Die Seldwyler fanden zuerst ihre natürliche Heiterkeit wieder
und zwar durch die Bewunderung des reichen Tafelzeuges. Dies gefiel den
Ruechensteinern nicht übel und sie schickten sich eben an, ein steifes
Gespräch zu führen, als die Sache eine Wendung nahm, die sie sich nie
geträumt hätten. Denn die Seldwyler, welche ihre Augen gebrauchten,
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entdeckten alsobald die heitern und anmutigen Darstellungen der gewirkten
Decken sowohl, wie der Trinkgeschirre, ließen die Blicke voll lachenden
Vergnügens über die freien und üppigen Szenen schweifen, machten sich
gegenseitig aufmerksam und wußten scherzend und zierlich das
Dargestellte zu deuten und zu benennen, und die Damen hielten sich so
wenig zurück, als die Herren. Dies dünkte die Wirte und Wirtinnen doch
etwas kindisch und sie sahen jetzt auch näher zu, was denn da so lustig zu
betrachten wäre. Wie vom Himmel gefallen, erstarrten sie mit offenem
Munde! Sie hatten in ihrem beschränkten Sinne all die Herrlichkeit noch
gar nie genauer beschaut und Zierat schlechtweg für Zierat genommen, der
seinen Dienst zu tun habe, ohne daß ernsthafte Leute ihn eines schärferen
Blickes würdigen. Nun sahen sie mit Entsetzen, welch eine heidnische
Greuelwelt sie dicht unter ihren ehrbaren Augen hatten. Aber sie waren
empört über die neugierige und ungezogene Art, mit welcher die Seldwyler
den unbedeutenden Tand ans Licht zogen, anstatt gesetzt und würdig
darüber wegzusehen und nur die Kostbarkeit der Stoffe zu bewundern. Die
Herren lächelten sauer und mißvergnügt, wenn hier eine Leda und dort eine
Europa entdeckt wurde; die Frauen aber erröteten und wurden blaß vor
Zorn, und sie waren eben daran, entrüstet aufzubrechen, als der traurige
Klang einer Glocke sie plötzlich beruhigte. Es war das
Armensünderglöckchen von Ruechenstein; ein dumpfes Geräusch auf der
Straße verkündete, daß der junge Dietegen jetzt zum Galgen hinausgeführt
werde. Die ganze Tischgesellschaft erhob sich und eilte an die Fenster,
wobei die Ruechensteiner ihren aufgeräumten Gästen mit hämischem
Lächeln den Platz frei ließen.
Ein Pfaffe, ein Henker mit seinem Knecht, einige Gerichtspersonen und
Scharwächter zogen vorbei und an ihrer Spitze ging der gute Dietegen
barfuß und nur mit einem weißen, schwarzgesäumten Armensünderhemde
bekleidet, die Hände auf den Rücken gebunden und vom Henker an einem
Stricke geführt. Das schöne Haar fiel ihm auf den glänzenden bloßen
Nacken, verwirrt und flehend sah er, wie Hilfe und Erbarmen suchend, an
die Häuser hinauf. Unter dem Portale des Rathauses standen die festlich
geputzten Knaben und Mädchen der Seldwyler, welche nach Kinderart vom
Tische gesprungen und ins Freie geeilt waren. Als der arme Sünder diese
hübschen und glücklichen Kinder erblickte, dergleichen er noch nie
gesehen, wollte er vor ihnen stehen bleiben und die Tränen liefen ihm heiß
Decken sowohl, wie der Trinkgeschirre, ließen die Blicke voll lachenden
Vergnügens über die freien und üppigen Szenen schweifen, machten sich
gegenseitig aufmerksam und wußten scherzend und zierlich das
Dargestellte zu deuten und zu benennen, und die Damen hielten sich so
wenig zurück, als die Herren. Dies dünkte die Wirte und Wirtinnen doch
etwas kindisch und sie sahen jetzt auch näher zu, was denn da so lustig zu
betrachten wäre. Wie vom Himmel gefallen, erstarrten sie mit offenem
Munde! Sie hatten in ihrem beschränkten Sinne all die Herrlichkeit noch
gar nie genauer beschaut und Zierat schlechtweg für Zierat genommen, der
seinen Dienst zu tun habe, ohne daß ernsthafte Leute ihn eines schärferen
Blickes würdigen. Nun sahen sie mit Entsetzen, welch eine heidnische
Greuelwelt sie dicht unter ihren ehrbaren Augen hatten. Aber sie waren
empört über die neugierige und ungezogene Art, mit welcher die Seldwyler
den unbedeutenden Tand ans Licht zogen, anstatt gesetzt und würdig
darüber wegzusehen und nur die Kostbarkeit der Stoffe zu bewundern. Die
Herren lächelten sauer und mißvergnügt, wenn hier eine Leda und dort eine
Europa entdeckt wurde; die Frauen aber erröteten und wurden blaß vor
Zorn, und sie waren eben daran, entrüstet aufzubrechen, als der traurige
Klang einer Glocke sie plötzlich beruhigte. Es war das
Armensünderglöckchen von Ruechenstein; ein dumpfes Geräusch auf der
Straße verkündete, daß der junge Dietegen jetzt zum Galgen hinausgeführt
werde. Die ganze Tischgesellschaft erhob sich und eilte an die Fenster,
wobei die Ruechensteiner ihren aufgeräumten Gästen mit hämischem
Lächeln den Platz frei ließen.
Ein Pfaffe, ein Henker mit seinem Knecht, einige Gerichtspersonen und
Scharwächter zogen vorbei und an ihrer Spitze ging der gute Dietegen
barfuß und nur mit einem weißen, schwarzgesäumten Armensünderhemde
bekleidet, die Hände auf den Rücken gebunden und vom Henker an einem
Stricke geführt. Das schöne Haar fiel ihm auf den glänzenden bloßen
Nacken, verwirrt und flehend sah er, wie Hilfe und Erbarmen suchend, an
die Häuser hinauf. Unter dem Portale des Rathauses standen die festlich
geputzten Knaben und Mädchen der Seldwyler, welche nach Kinderart vom
Tische gesprungen und ins Freie geeilt waren. Als der arme Sünder diese
hübschen und glücklichen Kinder erblickte, dergleichen er noch nie
gesehen, wollte er vor ihnen stehen bleiben und die Tränen liefen ihm heiß
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über die Wangen; doch der Henker stieß ihn vorwärts, daß der Zug
vorüberging und bald verschwand. Die Seldwylerinnen oben erblaßten und
auch ihre Männer faßte ein tiefes Grauen, da sie überhaupt nicht Liebhaber
von dergleichen Vorgängen waren. Es ward ihnen unheimlich bei diesen
Menschen, so daß sie dem Drängen ihrer Frauen, welche fort wollten,
nachgaben, und sich, so höflich sie konnten, beurlaubten. Die
Ruechensteiner dagegen waren mit dem Trumpf, welchen sie ausgespielt,
zufrieden und fast heiter geworden; sie führten daher ihre werten Gäste, wie
sie sagten, guter Dinge wieder zum Tore hinaus, galant und gesprächig.
Vor dem Tore stieß der Zug auf die zurückkehrenden Richtmenschen,
welche mürrisch vorbeigingen. Gleich darauf folgte ein einzelner Knecht,
der einen Karren vor sich her stieß, auf welchem der Gerichtete in einem
schlechten Sarge lag. Scheu und ehrerbietig hielt der arme Teufel an und
stellte sich zur Seite, um die glänzenden Leute vorüberziehen zu lassen, und
er rückte den losen Sargdeckel zurecht, welcher stets herabzufallen und den
Gehängten zu enthüllen drohte. Nun war unter den Kindern der Seldwyler
ein siebenjähriges Mädchen, keck, schön und lockig, das hatte nicht
aufgehört zu weinen, seit es den Knaben hatte dahinführen sehen, und
konnte nicht getröstet werden. Wie der Zug jetzt an dem Karren vorbeiging,
sprang das Kind wie ein Blitz hinzu, stieg auf das Rad und warf den Deckel
hinunter, so daß der leblose Dietegen vor aller Augen lag. In demselben
Augenblicke schlug er die Augen auf und tat einen leisen Atemzug; denn er
war in der Zerstreuung des Tages schlecht gehenkt und zu früh vom Galgen
genommen worden, weil die Beamteten noch etwas von der Mahlzeit zu
erschnappen gedachten. Das heftige Mädchen schrie laut auf und rief: »Er
lebt noch! er lebt noch!« Sogleich drängten sich die Frauen von Seldwyla
um den Sarg, und als sie den schönen erbleichten Knaben sich regen sahen,
bemächtigten sie sich seiner, nahmen ihn vom Karren und riefen ihn
vollends ins Leben zurück, indem sie ihn rieben, mit Wasser besprengten,
ihm Wein einflößten und ihn auf jede Weise pflegten. Die Männer
unterstützten sie dabei, während die Herren Ruechensteiner ganz betroffen
umherstanden und nicht wußten, was sie tun sollten. Als der Knabe endlich
wieder auf den Füßen stand und sich umschaute, wie wenn er im Paradies
erwacht wäre, erblickt’ er plötzlich den Henkersknecht, der ihm den Strick
umgelegt hatte, und entsetzt, daß auch dieser, wie er meinte, mit in den
Himmel gekommen sei, flüchtete und drängte er sich aufs neue in die
vorüberging und bald verschwand. Die Seldwylerinnen oben erblaßten und
auch ihre Männer faßte ein tiefes Grauen, da sie überhaupt nicht Liebhaber
von dergleichen Vorgängen waren. Es ward ihnen unheimlich bei diesen
Menschen, so daß sie dem Drängen ihrer Frauen, welche fort wollten,
nachgaben, und sich, so höflich sie konnten, beurlaubten. Die
Ruechensteiner dagegen waren mit dem Trumpf, welchen sie ausgespielt,
zufrieden und fast heiter geworden; sie führten daher ihre werten Gäste, wie
sie sagten, guter Dinge wieder zum Tore hinaus, galant und gesprächig.
Vor dem Tore stieß der Zug auf die zurückkehrenden Richtmenschen,
welche mürrisch vorbeigingen. Gleich darauf folgte ein einzelner Knecht,
der einen Karren vor sich her stieß, auf welchem der Gerichtete in einem
schlechten Sarge lag. Scheu und ehrerbietig hielt der arme Teufel an und
stellte sich zur Seite, um die glänzenden Leute vorüberziehen zu lassen, und
er rückte den losen Sargdeckel zurecht, welcher stets herabzufallen und den
Gehängten zu enthüllen drohte. Nun war unter den Kindern der Seldwyler
ein siebenjähriges Mädchen, keck, schön und lockig, das hatte nicht
aufgehört zu weinen, seit es den Knaben hatte dahinführen sehen, und
konnte nicht getröstet werden. Wie der Zug jetzt an dem Karren vorbeiging,
sprang das Kind wie ein Blitz hinzu, stieg auf das Rad und warf den Deckel
hinunter, so daß der leblose Dietegen vor aller Augen lag. In demselben
Augenblicke schlug er die Augen auf und tat einen leisen Atemzug; denn er
war in der Zerstreuung des Tages schlecht gehenkt und zu früh vom Galgen
genommen worden, weil die Beamteten noch etwas von der Mahlzeit zu
erschnappen gedachten. Das heftige Mädchen schrie laut auf und rief: »Er
lebt noch! er lebt noch!« Sogleich drängten sich die Frauen von Seldwyla
um den Sarg, und als sie den schönen erbleichten Knaben sich regen sahen,
bemächtigten sie sich seiner, nahmen ihn vom Karren und riefen ihn
vollends ins Leben zurück, indem sie ihn rieben, mit Wasser besprengten,
ihm Wein einflößten und ihn auf jede Weise pflegten. Die Männer
unterstützten sie dabei, während die Herren Ruechensteiner ganz betroffen
umherstanden und nicht wußten, was sie tun sollten. Als der Knabe endlich
wieder auf den Füßen stand und sich umschaute, wie wenn er im Paradies
erwacht wäre, erblickt’ er plötzlich den Henkersknecht, der ihm den Strick
umgelegt hatte, und entsetzt, daß auch dieser, wie er meinte, mit in den
Himmel gekommen sei, flüchtete und drängte er sich aufs neue in die
Page 153
Frauen hinein. Gerührt baten diese die gestrengen Nachbarn, daß sie ihnen
den Buben schenken möchten, zum Zeichen guter Freundschaft; die
Männer stimmten ihnen bei und die Ruechensteiner, nachdem sie eine
Weile geratschlagt, erklärten, daß sie nichts dagegen einzuwenden hätten,
wenn sie den kleinen Sünder mitnähmen, und daß er ihnen, wie er da wäre,
geschenkt sein solle samt seinem Leben. Da waren die hübschen Frauen
und ihre Kinder voll Freuden, und Dietegen zog, wie er war, in seinem
Armensünderhemde mit ihnen davon. Es war aber ein schöner
Sommerabend, weswegen, als die Seldwyler auf der Höhe des Berges und
auf ihrem Gebiete angekommen waren, sie beschlossen, sich hier in dem
abendlichen Sommerwalde auf eigene Rechnung zu belustigen und von
dem gehabten Schrecken zu erholen, zumal ihnen aus ihrer Stadt noch ein
ansehnlicher Zuzug entgegenkam, voll Neugierde, wie es ihnen ergangen
sei. So mußten denn die Musikanten wieder aufspielen und die mitgeführten
Becher kreisten erst jetzt in voller Fröhlichkeit.
Dietegen blickte so glückselig, neugierig und harmlos umher, daß man
von weitem sah, daß das ein unschuldiges Kind war, was seine Erzählung
auch bestätigte. Die Seldwylerinnen konnten sich nicht satt an ihm sehen,
flochten ihm einen Kranz von Laub und Waldblumen auf den Kopf, daß er
in seinem langen weiten Hemde gar lieblich aussah, und endlich küßten sie
ihn der Reihe nach, und wenn ihn die letzte aus den Armen ließ, nahm ihn
die erste wieder beim Kopf.
Aber jenes kleine Mädchen, welches den Dietegen eigentlich gerettet
hatte, trat jetzt plötzlich aus der Menge hervor und stellte sich zornig
zwischen den Knaben und die Frau, welche ihn eben küssen wollte; es
nahm ihn eifrig bei der Hand, um ihn in den Kreis der Kinder zu führen, so
daß die Gesellschaft in neue Heiterkeit ausbrach und rief: »So ist es recht!
die kleine Küngolt hält ihre Eroberung fest! und Geschmack hat sie auch,
seht nur, wie gut das Männchen zu ihr paßt!« Küngolts Vater aber, der
Forstmeister der Stadt, sagte: »Der Bub gefällt mir wohl, er hat sehr gute
Augen! Wenn es den Herren recht ist, so nehme ich ihn einstweilen bei mir
auf, da ich doch nur ein Kind habe, und will sehen, daß ich einen ehrlichen
Weidmann aus ihm mache!«
Dieser Vorschlag erhielt den Beifall der Seldwyler, und so ließ Küngolt,
wohl zufrieden, ihren Dietegen nicht mehr von der Hand, sondern hielt ihn
den Buben schenken möchten, zum Zeichen guter Freundschaft; die
Männer stimmten ihnen bei und die Ruechensteiner, nachdem sie eine
Weile geratschlagt, erklärten, daß sie nichts dagegen einzuwenden hätten,
wenn sie den kleinen Sünder mitnähmen, und daß er ihnen, wie er da wäre,
geschenkt sein solle samt seinem Leben. Da waren die hübschen Frauen
und ihre Kinder voll Freuden, und Dietegen zog, wie er war, in seinem
Armensünderhemde mit ihnen davon. Es war aber ein schöner
Sommerabend, weswegen, als die Seldwyler auf der Höhe des Berges und
auf ihrem Gebiete angekommen waren, sie beschlossen, sich hier in dem
abendlichen Sommerwalde auf eigene Rechnung zu belustigen und von
dem gehabten Schrecken zu erholen, zumal ihnen aus ihrer Stadt noch ein
ansehnlicher Zuzug entgegenkam, voll Neugierde, wie es ihnen ergangen
sei. So mußten denn die Musikanten wieder aufspielen und die mitgeführten
Becher kreisten erst jetzt in voller Fröhlichkeit.
Dietegen blickte so glückselig, neugierig und harmlos umher, daß man
von weitem sah, daß das ein unschuldiges Kind war, was seine Erzählung
auch bestätigte. Die Seldwylerinnen konnten sich nicht satt an ihm sehen,
flochten ihm einen Kranz von Laub und Waldblumen auf den Kopf, daß er
in seinem langen weiten Hemde gar lieblich aussah, und endlich küßten sie
ihn der Reihe nach, und wenn ihn die letzte aus den Armen ließ, nahm ihn
die erste wieder beim Kopf.
Aber jenes kleine Mädchen, welches den Dietegen eigentlich gerettet
hatte, trat jetzt plötzlich aus der Menge hervor und stellte sich zornig
zwischen den Knaben und die Frau, welche ihn eben küssen wollte; es
nahm ihn eifrig bei der Hand, um ihn in den Kreis der Kinder zu führen, so
daß die Gesellschaft in neue Heiterkeit ausbrach und rief: »So ist es recht!
die kleine Küngolt hält ihre Eroberung fest! und Geschmack hat sie auch,
seht nur, wie gut das Männchen zu ihr paßt!« Küngolts Vater aber, der
Forstmeister der Stadt, sagte: »Der Bub gefällt mir wohl, er hat sehr gute
Augen! Wenn es den Herren recht ist, so nehme ich ihn einstweilen bei mir
auf, da ich doch nur ein Kind habe, und will sehen, daß ich einen ehrlichen
Weidmann aus ihm mache!«
Dieser Vorschlag erhielt den Beifall der Seldwyler, und so ließ Küngolt,
wohl zufrieden, ihren Dietegen nicht mehr von der Hand, sondern hielt ihn
Page 154
fest bei sich. Das Pärchen nahm sich in der Tat höchst anmutig aus; auch
das Mädchen trug einen üppigen Kranz auf dem Köpfchen und war in Grün
und Rot gekleidet. Deshalb gingen sie wie ein Bild aus alter Märchenzeit
vor dem fröhlichen Volke her, als dieses endlich beim glühenden Abendrot
berghinunter heimwärts zog. Bald jedoch trennte sich der Forstmeister von
dem Zuge und ging mit den Kindern seitwärts nach seinem Forsthause,
welches unweit der Stadt im Walde lag. Ein dunkler Baumgang führte zu
dem Hause, in welchem die stille Frau des Försters saß und mit Erstaunen
die Kinder eintreten sah. Sogleich sammelte sich auch das Gesinde, und
während die Frau den müden Kindern zu essen gab, erzählte der Mann das
Abenteuer mit dem Knaben. Der war aber jetzt gänzlich erschöpft, auch fror
es ihn in seiner allzuleichten Tracht; daher wurde herumgefragt, wer den
Ankömmling für die erste Nacht in seinem Bette aufnehmen wolle? Aber
die Knechte, sowie die Magd wichen scheu zurück und hüteten sich, ein
Kind zu berühren, das soeben am Galgen gehangen hatte. Da rief Küngolt
eifrig: »Er soll in meinem Bettchen schlafen, es ist groß genug für uns
beide!« Als hierüber alles lachte, sagte die Forstmeisterin freundlich: »Das
soll er, mein Kind!« Und den Jungen liebevoll betrachtend, setzte sie hinzu:
»Gleich als der arme Schelm hereintrat, befiel mich eine sonderbare
Ahnung, als ob ein guter Engel erschiene, der uns noch zum Heil gereichen
würde. Soviel ist sicher nach meinem Gefühle: Unheil wird er uns nicht
bringen!«
Damit führte sie die Kinder in das Kämmerchen neben der großen Stube
und beförderte sie zu Bette. Dietegen, welcher kaum mehr sah und hörte,
was um ihn vorging, machte die gewohnten Bewegungen, um sich zu
entkleiden; da er aber sozusagen schon im Hemde war, so machten seine
schlaftrunkenen vergeblichen Versuche einen so komischen Eindruck auf
das Mädchen, welches inzwischen schon unter die Decke geschlüpft war,
daß es vor Vergnügen laut auflachte und rief: »O seht mir den
Hemdlemann! Er will sich immer ausziehen und hat doch weder Wämschen
noch Stiefelchen an!« Auch die Mutter mußte lächeln und sagte: »Geh in
Gottes Namen nur in deinem Armensünderhemdchen zu Bett, du lieber
Schelm! Es ist ja ganz neu und dazu von guter Leinwand! Wahrlich, die
bösen Leute zu Ruechenstein betreiben ihre Greuel wenigstens mit einem
gewissen Aufwand!«
das Mädchen trug einen üppigen Kranz auf dem Köpfchen und war in Grün
und Rot gekleidet. Deshalb gingen sie wie ein Bild aus alter Märchenzeit
vor dem fröhlichen Volke her, als dieses endlich beim glühenden Abendrot
berghinunter heimwärts zog. Bald jedoch trennte sich der Forstmeister von
dem Zuge und ging mit den Kindern seitwärts nach seinem Forsthause,
welches unweit der Stadt im Walde lag. Ein dunkler Baumgang führte zu
dem Hause, in welchem die stille Frau des Försters saß und mit Erstaunen
die Kinder eintreten sah. Sogleich sammelte sich auch das Gesinde, und
während die Frau den müden Kindern zu essen gab, erzählte der Mann das
Abenteuer mit dem Knaben. Der war aber jetzt gänzlich erschöpft, auch fror
es ihn in seiner allzuleichten Tracht; daher wurde herumgefragt, wer den
Ankömmling für die erste Nacht in seinem Bette aufnehmen wolle? Aber
die Knechte, sowie die Magd wichen scheu zurück und hüteten sich, ein
Kind zu berühren, das soeben am Galgen gehangen hatte. Da rief Küngolt
eifrig: »Er soll in meinem Bettchen schlafen, es ist groß genug für uns
beide!« Als hierüber alles lachte, sagte die Forstmeisterin freundlich: »Das
soll er, mein Kind!« Und den Jungen liebevoll betrachtend, setzte sie hinzu:
»Gleich als der arme Schelm hereintrat, befiel mich eine sonderbare
Ahnung, als ob ein guter Engel erschiene, der uns noch zum Heil gereichen
würde. Soviel ist sicher nach meinem Gefühle: Unheil wird er uns nicht
bringen!«
Damit führte sie die Kinder in das Kämmerchen neben der großen Stube
und beförderte sie zu Bette. Dietegen, welcher kaum mehr sah und hörte,
was um ihn vorging, machte die gewohnten Bewegungen, um sich zu
entkleiden; da er aber sozusagen schon im Hemde war, so machten seine
schlaftrunkenen vergeblichen Versuche einen so komischen Eindruck auf
das Mädchen, welches inzwischen schon unter die Decke geschlüpft war,
daß es vor Vergnügen laut auflachte und rief: »O seht mir den
Hemdlemann! Er will sich immer ausziehen und hat doch weder Wämschen
noch Stiefelchen an!« Auch die Mutter mußte lächeln und sagte: »Geh in
Gottes Namen nur in deinem Armensünderhemdchen zu Bett, du lieber
Schelm! Es ist ja ganz neu und dazu von guter Leinwand! Wahrlich, die
bösen Leute zu Ruechenstein betreiben ihre Greuel wenigstens mit einem
gewissen Aufwand!«
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Damit deckte sie die Kinder behaglich zu und konnte sich nicht
enthalten, beide zu küssen, so daß nun Dietegen herrlicher aufgehoben war,
als er es sich noch am Morgen oder je in seinem Leben geträumt hätte. Aber
seine Augen waren schon geschlossen und seine Seele in tiefem Schlafe.
»Nun hat er aber gar nicht gebetet!« sagte Küngolt halblaut und
bekümmert, worauf die Mutter erwiderte: »So bete du auch für ihn, mein
Kindchen!« und in die Stube zurückging. In der Tat sprach das Mädchen
nun zwei Vaterunser, eines für sich und eines für seinen Schlafkameraden,
worauf es still wurde im dunklen Kämmerlein.
Geraume Zeit nach Mitternacht erwachte Dietegen, weil nun erst ihn sein
Hals zu schmerzen begann von dem unfreundlichen Strick. Das Gemach
war ganz hell vom Mondschein, aber er konnte sich durchaus nicht
entsinnen, wo er war und was aus ihm geworden sei. Nur das erkannte er,
daß es ihm, vom Halsweh abgesehen, unendlich wohl ergehe. Das Fenster
stand offen, ein Brunnen klang lieblich herein, die silberne Nacht webte
flüsternd in den Waldbäumen, über welchen der Mond schwebte: alles dies
schien ihm unbegreiflich und wunderbar, da er noch nie den Wald, weder
bei Tag noch bei Nacht, gesehen hatte. Er schaute, er horchte, endlich
richtete er sich auf und sah neben sich Küngoltchen liegen, welcher der
Mond gerade ins Gesicht schien. Sie lag still, aber ganz wach, weil sie vor
Freude und Aufregung nicht schlafen konnte. Deshalb glänzten ihre Augen
weit geöffnet und ihr Mund lächelte, als ihr der nahe Dietegen ins Gesicht
schaute und sich nun besann. »Warum schläfst du nicht? Du mußt
schlafen!« sagte das Mädchen; allein er klagte nun, daß ihm der Hals weh
täte. Sogleich schlang Küngolt ihre zarten Ärmchen um seinen Hals und
schmiegte mitleidig ihre Wangen an die seinigen, und wirklich glaubte er
bald nichts mehr von dem Schmerze zu verspüren, so heilsam schien ihm
dieser Verband. Nun plauderten sie halblaut; Dietegen mußte von sich
erzählen; allein er war einsilbig, weil er nicht viel zu sagen wußte, was ihn
freute, und vom erlebten Elend konnte er keine Darstellung machen, weil er
noch keinen Gegensatz davon kannte, den heutigen Abend ausgenommen.
Doch fiel ihm plötzlich sein Vergnügen mit der Armbrust ein, das er seither
ganz vergessen, und er erzählte von dem alten Juden, wie der ihn in die
Tinte gebracht, wie er aber herrlich geschossen habe länger als eine Stunde,
und wie er sich nur wieder eine solche Armbrust wünsche. »Armbrüste und
Schießzeug hat mein Vater genug, da kannst du gleich morgen anfangen zu
enthalten, beide zu küssen, so daß nun Dietegen herrlicher aufgehoben war,
als er es sich noch am Morgen oder je in seinem Leben geträumt hätte. Aber
seine Augen waren schon geschlossen und seine Seele in tiefem Schlafe.
»Nun hat er aber gar nicht gebetet!« sagte Küngolt halblaut und
bekümmert, worauf die Mutter erwiderte: »So bete du auch für ihn, mein
Kindchen!« und in die Stube zurückging. In der Tat sprach das Mädchen
nun zwei Vaterunser, eines für sich und eines für seinen Schlafkameraden,
worauf es still wurde im dunklen Kämmerlein.
Geraume Zeit nach Mitternacht erwachte Dietegen, weil nun erst ihn sein
Hals zu schmerzen begann von dem unfreundlichen Strick. Das Gemach
war ganz hell vom Mondschein, aber er konnte sich durchaus nicht
entsinnen, wo er war und was aus ihm geworden sei. Nur das erkannte er,
daß es ihm, vom Halsweh abgesehen, unendlich wohl ergehe. Das Fenster
stand offen, ein Brunnen klang lieblich herein, die silberne Nacht webte
flüsternd in den Waldbäumen, über welchen der Mond schwebte: alles dies
schien ihm unbegreiflich und wunderbar, da er noch nie den Wald, weder
bei Tag noch bei Nacht, gesehen hatte. Er schaute, er horchte, endlich
richtete er sich auf und sah neben sich Küngoltchen liegen, welcher der
Mond gerade ins Gesicht schien. Sie lag still, aber ganz wach, weil sie vor
Freude und Aufregung nicht schlafen konnte. Deshalb glänzten ihre Augen
weit geöffnet und ihr Mund lächelte, als ihr der nahe Dietegen ins Gesicht
schaute und sich nun besann. »Warum schläfst du nicht? Du mußt
schlafen!« sagte das Mädchen; allein er klagte nun, daß ihm der Hals weh
täte. Sogleich schlang Küngolt ihre zarten Ärmchen um seinen Hals und
schmiegte mitleidig ihre Wangen an die seinigen, und wirklich glaubte er
bald nichts mehr von dem Schmerze zu verspüren, so heilsam schien ihm
dieser Verband. Nun plauderten sie halblaut; Dietegen mußte von sich
erzählen; allein er war einsilbig, weil er nicht viel zu sagen wußte, was ihn
freute, und vom erlebten Elend konnte er keine Darstellung machen, weil er
noch keinen Gegensatz davon kannte, den heutigen Abend ausgenommen.
Doch fiel ihm plötzlich sein Vergnügen mit der Armbrust ein, das er seither
ganz vergessen, und er erzählte von dem alten Juden, wie der ihn in die
Tinte gebracht, wie er aber herrlich geschossen habe länger als eine Stunde,
und wie er sich nur wieder eine solche Armbrust wünsche. »Armbrüste und
Schießzeug hat mein Vater genug, da kannst du gleich morgen anfangen zu
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schießen, so viel du willst!« sagte Küngoltchen, und nun fing sie an
herzuzählen, was alles für gute Dinge und schöne Sachen im Hause seien,
was sie selbst für Hauptsachen in einer kleinen Truhe besitze, zwei goldene
Regenbogenschüsselchen, ein Halsband von Bernstein, ein
Legendenbüchlein mit bunten Heiligen und auch einen schönen Schnecken,
in welchem eine kleine Muttergottes sitze in Gold und roter Seide, mit
einem Glasscheibchen bedeckt. Auch gehöre ihr ein vergoldeter silberner
Löffel mit einem gewundenen Stiel, mit dem dürfe sie aber erst essen, wenn
sie einst groß sei und einen Mann habe; dann bekomme sie zur Hochzeit
den Brautschmuck ihrer Mutter und deren blaues Brokatkleid, welches ganz
allein aufrecht stehen könne, ohne daß jemand drin stecke. Hierauf schwieg
sie ein Weilchen; dann ihren Schlafgesellen fester an sich schließend, sagte
sie leiser: »Du, Dietegen!« »Was?« fragte er, und sie erwiderte: »Du mußt
mein Mann werden, wenn wir groß sind, du gehörst mein! Willst du
freiwillig?« »Ja freilich,« sagte er. »So gib mir die Hand darauf!« meinte
die Heiratslustige; er tat es, und nach diesem Eheversprechen schliefen sie
endlich ein und erwachten nicht, bis die Sonne schon hoch am Himmel
stand. Denn die gute Mutter hatte absichtlich, um dem Knaben seine
Erholung zu gönnen, auch ihr Kind nicht geweckt.
Jetzt aber trat sie sorglich in die Kammer, ein vollständiges
Knabengewand auf dem Arme tragend. Vor zwei Jahren war ihr von einer
gefällten Eiche ein Sohn erschlagen worden, dessen Kleider, obgleich er ein
Jahr älter gewesen als Dietegen, diesem recht sein mochten, da er
vollkommen die Größe jenes verlorenen Kindes besaß. Es war das
Feiertagskleid, welches sie mit Leid und Weh aufbewahrt; darum war sie
mit der Sonne aufgestanden, um einige bunte Bänder davon abzutrennen,
welche dasselbe zierten, und die Schlitze zuzunähen, die das seidene
Unterfutter durchschimmern ließen. Ihre Tränen waren über dieser Arbeit
wieder geflossen, als sie die rote Seide, welche wie ein verlorener Frühling
hervorglänzte, allmählich hinter dem schwarzen Tuche des Wämschens und
der kleinen Pumphose verschwinden sah. Aber ein süßer Trost beschlich
sie, da ihr das Schicksal jetzt ein so schönes, dem Tod abgejagtes
Menschenkind zusandte, welches sie mit der dunklen Hülle ihres eigenen
Kindes bekleiden konnte, und sie ließ nicht nur aus Eile, sondern
absichtlich die helle Seide darunter, wie das verborgene Feuer ihres eigenen
Herzens; denn sie meinte es viel besser und lieblicher mit allen Wesen, als
herzuzählen, was alles für gute Dinge und schöne Sachen im Hause seien,
was sie selbst für Hauptsachen in einer kleinen Truhe besitze, zwei goldene
Regenbogenschüsselchen, ein Halsband von Bernstein, ein
Legendenbüchlein mit bunten Heiligen und auch einen schönen Schnecken,
in welchem eine kleine Muttergottes sitze in Gold und roter Seide, mit
einem Glasscheibchen bedeckt. Auch gehöre ihr ein vergoldeter silberner
Löffel mit einem gewundenen Stiel, mit dem dürfe sie aber erst essen, wenn
sie einst groß sei und einen Mann habe; dann bekomme sie zur Hochzeit
den Brautschmuck ihrer Mutter und deren blaues Brokatkleid, welches ganz
allein aufrecht stehen könne, ohne daß jemand drin stecke. Hierauf schwieg
sie ein Weilchen; dann ihren Schlafgesellen fester an sich schließend, sagte
sie leiser: »Du, Dietegen!« »Was?« fragte er, und sie erwiderte: »Du mußt
mein Mann werden, wenn wir groß sind, du gehörst mein! Willst du
freiwillig?« »Ja freilich,« sagte er. »So gib mir die Hand darauf!« meinte
die Heiratslustige; er tat es, und nach diesem Eheversprechen schliefen sie
endlich ein und erwachten nicht, bis die Sonne schon hoch am Himmel
stand. Denn die gute Mutter hatte absichtlich, um dem Knaben seine
Erholung zu gönnen, auch ihr Kind nicht geweckt.
Jetzt aber trat sie sorglich in die Kammer, ein vollständiges
Knabengewand auf dem Arme tragend. Vor zwei Jahren war ihr von einer
gefällten Eiche ein Sohn erschlagen worden, dessen Kleider, obgleich er ein
Jahr älter gewesen als Dietegen, diesem recht sein mochten, da er
vollkommen die Größe jenes verlorenen Kindes besaß. Es war das
Feiertagskleid, welches sie mit Leid und Weh aufbewahrt; darum war sie
mit der Sonne aufgestanden, um einige bunte Bänder davon abzutrennen,
welche dasselbe zierten, und die Schlitze zuzunähen, die das seidene
Unterfutter durchschimmern ließen. Ihre Tränen waren über dieser Arbeit
wieder geflossen, als sie die rote Seide, welche wie ein verlorener Frühling
hervorglänzte, allmählich hinter dem schwarzen Tuche des Wämschens und
der kleinen Pumphose verschwinden sah. Aber ein süßer Trost beschlich
sie, da ihr das Schicksal jetzt ein so schönes, dem Tod abgejagtes
Menschenkind zusandte, welches sie mit der dunklen Hülle ihres eigenen
Kindes bekleiden konnte, und sie ließ nicht nur aus Eile, sondern
absichtlich die helle Seide darunter, wie das verborgene Feuer ihres eigenen
Herzens; denn sie meinte es viel besser und lieblicher mit allen Wesen, als
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sie in ihrer Stille zu zeigen vermochte. Wenn der Junge sich gut anließ, so
wollte sie die Schlitze wieder auftrennen; er sollte das Kleid ohnehin nur
einige Tage für die Woche tragen, bis ein handfesteres Werkelkleid
gezimmert war. Während sie aber dem Knaben Anleitung angab, das
ungewohnte Staatskleid sich anzuziehen, war Küngoltchen längst aus dem
Bette und hatte unversehens das abgelegte Galgenhemd erwischt und aus
Mutwillen sich über den Kopf gezogen, so daß sie jetzt darin
herumspazierte und es auf dem Boden nachschleppte. Dazu trug sie die
Hände auf dem Rücken, wie wenn sie gebunden wären, und sang: »Ich bin
ein armes Sünderlein und habe keinen Strumpf am Bein!« Darüber erschrak
die Frau Forstmeisterin tödlich und erbleichte. »Um Christi willen,« sagte
sie dennoch sanft und leise, »wer lehrt dich nur solche schlimmen Späße!«
und sie nahm dem vergnügten Kind das böse Hemd. Dietegen aber ergriff
es voll Zorn und zerriß es mit wenig Zügen in zwanzig Stücke.
Nun die Kinder angekleidet waren, ging es endlich zum Frühstück in die
Stube. Es war in der Frühe Brot gebacken worden, daher gab es frische
Kümmelkuchen zu der Milchsuppe, und statt des kleinen Extrabrötchens,
das sonst für Küngolt sorglich gebildet und gebacken werden mußte, daß es
in seiner Gestalt den großen Broten gleich sah, waren heute zwei gemacht
worden, und das Mädchen ruhte nicht, bis Dietegen das vollkommenere
gewählt hatte. Er aß ohne Schüchternheit alles, was man ihm gab, wie wenn
er von fremden bösen Leuten in das Vaterhaus zurückgekommen wäre.
Aber er war ganz still dabei und besah sich fortwährend die freundliche
milde Frau, die helle Stube und die stattlichen Geräte; als er gegessen,
setzte er diese Betrachtungen fort, denn die Wände waren mit Tannenholz
getäfert und mit buntem Blumenwerk übermalt und in den Fenstern
glänzten zwei gemalte Scheiben mit den Wappen des Mannes und der Frau.
Als er auch das Büfett mit dem blanken Zinngeschirr aufmerksam beschaut,
erinnerte er sich plötzlich des schmutzigen Silberkännchens, das ihn ins
Unglück gebracht, und der unfreundlichen Bettelvogtswohnung, und in der
Meinung, er müsse wieder dahin zurückkehren, sagte er ängstlich: »Muß
ich jetzt wieder nach Haus gehen? Ich weiß den Weg nicht!«
»Den brauchst du auch nicht zu wissen,« sagte die Mutter gerührt und
streichelte ihm das Kinn; »hast du noch nicht gemerkt, daß du bei uns
bleiben mußt? Geh jetzt mit ihm herum, Küngoltchen, und zeig ihm das
Haus und den Wald und alles, aber geht nicht zu weit!«
wollte sie die Schlitze wieder auftrennen; er sollte das Kleid ohnehin nur
einige Tage für die Woche tragen, bis ein handfesteres Werkelkleid
gezimmert war. Während sie aber dem Knaben Anleitung angab, das
ungewohnte Staatskleid sich anzuziehen, war Küngoltchen längst aus dem
Bette und hatte unversehens das abgelegte Galgenhemd erwischt und aus
Mutwillen sich über den Kopf gezogen, so daß sie jetzt darin
herumspazierte und es auf dem Boden nachschleppte. Dazu trug sie die
Hände auf dem Rücken, wie wenn sie gebunden wären, und sang: »Ich bin
ein armes Sünderlein und habe keinen Strumpf am Bein!« Darüber erschrak
die Frau Forstmeisterin tödlich und erbleichte. »Um Christi willen,« sagte
sie dennoch sanft und leise, »wer lehrt dich nur solche schlimmen Späße!«
und sie nahm dem vergnügten Kind das böse Hemd. Dietegen aber ergriff
es voll Zorn und zerriß es mit wenig Zügen in zwanzig Stücke.
Nun die Kinder angekleidet waren, ging es endlich zum Frühstück in die
Stube. Es war in der Frühe Brot gebacken worden, daher gab es frische
Kümmelkuchen zu der Milchsuppe, und statt des kleinen Extrabrötchens,
das sonst für Küngolt sorglich gebildet und gebacken werden mußte, daß es
in seiner Gestalt den großen Broten gleich sah, waren heute zwei gemacht
worden, und das Mädchen ruhte nicht, bis Dietegen das vollkommenere
gewählt hatte. Er aß ohne Schüchternheit alles, was man ihm gab, wie wenn
er von fremden bösen Leuten in das Vaterhaus zurückgekommen wäre.
Aber er war ganz still dabei und besah sich fortwährend die freundliche
milde Frau, die helle Stube und die stattlichen Geräte; als er gegessen,
setzte er diese Betrachtungen fort, denn die Wände waren mit Tannenholz
getäfert und mit buntem Blumenwerk übermalt und in den Fenstern
glänzten zwei gemalte Scheiben mit den Wappen des Mannes und der Frau.
Als er auch das Büfett mit dem blanken Zinngeschirr aufmerksam beschaut,
erinnerte er sich plötzlich des schmutzigen Silberkännchens, das ihn ins
Unglück gebracht, und der unfreundlichen Bettelvogtswohnung, und in der
Meinung, er müsse wieder dahin zurückkehren, sagte er ängstlich: »Muß
ich jetzt wieder nach Haus gehen? Ich weiß den Weg nicht!«
»Den brauchst du auch nicht zu wissen,« sagte die Mutter gerührt und
streichelte ihm das Kinn; »hast du noch nicht gemerkt, daß du bei uns
bleiben mußt? Geh jetzt mit ihm herum, Küngoltchen, und zeig ihm das
Haus und den Wald und alles, aber geht nicht zu weit!«
Page 158
Da nahm ihn Küngoltchen bei der Hand und führte ihn in des
Forstmeisters Kammer, wo er seine Waffen bewahrte. Sechs oder sieben
schöne Armbrüste hingen dort, ferner Jagdspieße, Hirschfänger,
Weidmesser und Dolche; auch des Forstmeisters langes Schwert stand in
einer Ecke. Dietegen beschaute alles, ohne ein Wort zu sprechen, aber mit
glänzenden Augen; Küngolt stieg auf einen Stuhl, um ihm die Armbrüste
herunter zu reichen, von denen einige mit eingelegter Arbeit künstlich
verziert waren. Er bewunderte alles mit ehrerbietigen Blicken, wie etwa ein
talentvoller Junge sich in der Werkstatt eines großen Malers umsieht,
während dieser nicht zu Hause ist. Küngolts Versprechen, eine
Schießbelustigung anzustellen, konnte freilich nicht ausgeführt werden,
weil die Bolzen in einem Kasten verschlossen waren; dafür gab sie ihm
einen schönen kurzen Spieß in die Hand, damit er eine Waffe trage, und
führte ihn nun in den Forst hinaus. Zunächst kamen sie durch einen
eingehegten Wildgarten, in welchem die Stadt zahmes Rotwild pflegen ließ,
damit es ja nie an einem guten Braten fehle zu ihren öffentlichen
Schmausereien. Das Mädchen lockte einen Hirsch herbei und einige Rehe;
solche Tiere hatte Dietegen bisher nur tot gesehen; er stand deshalb ganz
verzückt mit seinem Spieß auf der Schulter und konnte sich nicht satt
schauen an dem Stehen und Gehen des schönen Wildes. Begierig streckte er
die Hand aus nach dem stolzen Hirsch, um ihn zu streicheln, und als
derselbe mit einem Satze seitwärts sprang und lässig davontrabte, lief er
ihm aufjubelnd und jauchzend nach und sprang mit ihm in die Wette im
weiten Kreise herum. Es war vielleicht das erste Mal in seinem Leben, daß
er auf diese Weise seine Glieder brauchte und seiner Lebenslust inne ward,
und der Hirsch, voll Anmut und Kraft, schien den behenden Knaben zu
seinem Vergnügen zu verlocken und, indem er vor ihm floh, seine
schönsten Sprünge zu üben.
Doch Dietegen wurde wieder still und beschaulich, als sie den Hochwald
betraten, in welchem die Tannen und die Eichen, die Fichten und die
Buchen, der Ahorn und die Linde dicht ineinander zum Himmel wuchsen.
Das Eichhörnchen blitzte rötlich von Stamm zu Stamm, die Spechte
hämmerten, hoch in der Luft schrieen die Raubvögel und tausend
Geheimnisse rauschten unsichtbar in den Laubkronen und im dichten
Gestäude. Küngolt lachte wie närrisch, weil der arme Dietegen nichts von
allem verstand und kannte, obgleich er in einem Berg- und Waldstädtchen
Forstmeisters Kammer, wo er seine Waffen bewahrte. Sechs oder sieben
schöne Armbrüste hingen dort, ferner Jagdspieße, Hirschfänger,
Weidmesser und Dolche; auch des Forstmeisters langes Schwert stand in
einer Ecke. Dietegen beschaute alles, ohne ein Wort zu sprechen, aber mit
glänzenden Augen; Küngolt stieg auf einen Stuhl, um ihm die Armbrüste
herunter zu reichen, von denen einige mit eingelegter Arbeit künstlich
verziert waren. Er bewunderte alles mit ehrerbietigen Blicken, wie etwa ein
talentvoller Junge sich in der Werkstatt eines großen Malers umsieht,
während dieser nicht zu Hause ist. Küngolts Versprechen, eine
Schießbelustigung anzustellen, konnte freilich nicht ausgeführt werden,
weil die Bolzen in einem Kasten verschlossen waren; dafür gab sie ihm
einen schönen kurzen Spieß in die Hand, damit er eine Waffe trage, und
führte ihn nun in den Forst hinaus. Zunächst kamen sie durch einen
eingehegten Wildgarten, in welchem die Stadt zahmes Rotwild pflegen ließ,
damit es ja nie an einem guten Braten fehle zu ihren öffentlichen
Schmausereien. Das Mädchen lockte einen Hirsch herbei und einige Rehe;
solche Tiere hatte Dietegen bisher nur tot gesehen; er stand deshalb ganz
verzückt mit seinem Spieß auf der Schulter und konnte sich nicht satt
schauen an dem Stehen und Gehen des schönen Wildes. Begierig streckte er
die Hand aus nach dem stolzen Hirsch, um ihn zu streicheln, und als
derselbe mit einem Satze seitwärts sprang und lässig davontrabte, lief er
ihm aufjubelnd und jauchzend nach und sprang mit ihm in die Wette im
weiten Kreise herum. Es war vielleicht das erste Mal in seinem Leben, daß
er auf diese Weise seine Glieder brauchte und seiner Lebenslust inne ward,
und der Hirsch, voll Anmut und Kraft, schien den behenden Knaben zu
seinem Vergnügen zu verlocken und, indem er vor ihm floh, seine
schönsten Sprünge zu üben.
Doch Dietegen wurde wieder still und beschaulich, als sie den Hochwald
betraten, in welchem die Tannen und die Eichen, die Fichten und die
Buchen, der Ahorn und die Linde dicht ineinander zum Himmel wuchsen.
Das Eichhörnchen blitzte rötlich von Stamm zu Stamm, die Spechte
hämmerten, hoch in der Luft schrieen die Raubvögel und tausend
Geheimnisse rauschten unsichtbar in den Laubkronen und im dichten
Gestäude. Küngolt lachte wie närrisch, weil der arme Dietegen nichts von
allem verstand und kannte, obgleich er in einem Berg- und Waldstädtchen
Page 159
aufgewachsen, und sie wußte ihm alles geläufig zu weisen und zu
benennen. Sie zeigte ihm den Häher, der hoch in den Zweigen saß, und den
bunten Specht, der eben um einen Stamm herumkletterte, und über alles
wunderte er sich höchlich, und daß die Bäume und Sträucher so viele
Namen hatten. Nicht einmal die Haselnuß und die Brombeersträucher hatte
er gekannt. Sie kamen an einen rauschenden Bach, in welchen, von ihren
Füßen aufgescheucht, eben eine Schlange schlüpfte und davonschwamm
oder sich in den Steinen verkroch. Schnell riß sie ihm den Spieß aus der
Hand und wollte damit in dem Wasser herumstechen, um die Schlange
aufzustöbern. Aber als Dietegen sah, daß sie die blankgeschliffene schöne
Waffe mißhandeln wollte, nahm er ihr dieselbe stracks wieder aus den
Händen und machte sie aufmerksam, wie sie die glänzende scharfe Spitze
an den Steinen verderben würde. »Das ist wohlgetan von dir, du wirst gut
zu brauchen sein!« sagte plötzlich der Forstmeister, der mit einem Knechte
hinter den Kindern stand. Sie hatten ihn wegen des Bachgeräusches nicht
kommen hören. Der Knecht trug einen geschossenen Auerhahn an der
Hand, denn sie waren in der Morgenfrühe schon ausgezogen. Dietegen
durfte den prächtigen Vogel an seinen Spieß hängen und über der Schulter
vorantragen, daß die entfächerten Flügel seine schlanken Hüften verhüllten,
und der Forstmeister betrachtete voll Wohlgefallen den schönen Knaben
und verhieß, einen rechten Gesellen aus ihm zu machen.
Vorderhand jedoch sollte er nur notdürftig etwas lesen und schreiben
lernen und mußte zu diesem Ende hin jeden Tag mit Küngoltchen zur Stadt
gehen, wo in einem Nonnen- und in einem Mönchskloster für die
Bürgerkinder einiger Unterricht erteilt wurde. Aber die Hauptunterweisung
erhielt Dietegen auf dem Hin- und Herwege, auf welchem das Mädchen
ihm die Welt auftat und ihm Auskunft gab über alles, was am Wege stand
oder darüber lief. Hierbei befolgte die kleine Lehrjungfer eine
Erziehungsart von eigentümlicher Erfindung. Sie neckte, hänselte und belog
den unwissenden und leichtgläubigen Knaben erst über alle Dinge, indem
sie ihm die dicksten Bären und Erfindungen aufband, und wenn er dann ihre
Lügen und Märchen gutmütig glaubte und sich darüber verwunderte, so
beschämte sie ihn mit der Erklärung, daß alles nicht wahr sei; nachdem sie
ihm dann seinen blinden Glauben spottend verwiesen, verkündigte sie ihm
mit großer Weisheit den wahren Bestand der Welt, so weit er ihrem
Kinderköpfchen bekannt war, und er befliß sich errötend eines größeren
benennen. Sie zeigte ihm den Häher, der hoch in den Zweigen saß, und den
bunten Specht, der eben um einen Stamm herumkletterte, und über alles
wunderte er sich höchlich, und daß die Bäume und Sträucher so viele
Namen hatten. Nicht einmal die Haselnuß und die Brombeersträucher hatte
er gekannt. Sie kamen an einen rauschenden Bach, in welchen, von ihren
Füßen aufgescheucht, eben eine Schlange schlüpfte und davonschwamm
oder sich in den Steinen verkroch. Schnell riß sie ihm den Spieß aus der
Hand und wollte damit in dem Wasser herumstechen, um die Schlange
aufzustöbern. Aber als Dietegen sah, daß sie die blankgeschliffene schöne
Waffe mißhandeln wollte, nahm er ihr dieselbe stracks wieder aus den
Händen und machte sie aufmerksam, wie sie die glänzende scharfe Spitze
an den Steinen verderben würde. »Das ist wohlgetan von dir, du wirst gut
zu brauchen sein!« sagte plötzlich der Forstmeister, der mit einem Knechte
hinter den Kindern stand. Sie hatten ihn wegen des Bachgeräusches nicht
kommen hören. Der Knecht trug einen geschossenen Auerhahn an der
Hand, denn sie waren in der Morgenfrühe schon ausgezogen. Dietegen
durfte den prächtigen Vogel an seinen Spieß hängen und über der Schulter
vorantragen, daß die entfächerten Flügel seine schlanken Hüften verhüllten,
und der Forstmeister betrachtete voll Wohlgefallen den schönen Knaben
und verhieß, einen rechten Gesellen aus ihm zu machen.
Vorderhand jedoch sollte er nur notdürftig etwas lesen und schreiben
lernen und mußte zu diesem Ende hin jeden Tag mit Küngoltchen zur Stadt
gehen, wo in einem Nonnen- und in einem Mönchskloster für die
Bürgerkinder einiger Unterricht erteilt wurde. Aber die Hauptunterweisung
erhielt Dietegen auf dem Hin- und Herwege, auf welchem das Mädchen
ihm die Welt auftat und ihm Auskunft gab über alles, was am Wege stand
oder darüber lief. Hierbei befolgte die kleine Lehrjungfer eine
Erziehungsart von eigentümlicher Erfindung. Sie neckte, hänselte und belog
den unwissenden und leichtgläubigen Knaben erst über alle Dinge, indem
sie ihm die dicksten Bären und Erfindungen aufband, und wenn er dann ihre
Lügen und Märchen gutmütig glaubte und sich darüber verwunderte, so
beschämte sie ihn mit der Erklärung, daß alles nicht wahr sei; nachdem sie
ihm dann seinen blinden Glauben spottend verwiesen, verkündigte sie ihm
mit großer Weisheit den wahren Bestand der Welt, so weit er ihrem
Kinderköpfchen bekannt war, und er befliß sich errötend eines größeren
Page 160
Scharfsinnes, bis sie ihm eine neue Falle stellte. Nach und nach aber wurde
er dadurch gewitzigt, den Weltlauf besser zu verstehen, was ein anderer
Junge zu seinem Schrecken erfahren mußte; denn als dieser es dem
Mädchen nachtun wollte und den Dietegen mit einem frechen Aufschnitt
bewirtete, schlug der ihn unverweilt ins Gesicht. Küngolt, hierüber
verblüfft, war neugierig, ob sich ein solcher Zorn auch gegen sie wenden
könnte, und probierte den Schüler auf der Stelle, aber sachte, mit neuen
Lügen. Von ihr jedoch nahm er alles an, und sie setzte ihren wunderlichen
Unterricht kecklich fort, bis sie entdeckte, daß er gutmütig mit ihren Lügen
zu spielen anfing und einen zierlichen Gegenunterricht begann, indem er
ihre mutwilligen Erfindungen mit nicht unwitzigen Querzügen
durchkreuzte, so daß sie manchmal auf ein glattes Eis gesetzt wurde. Da
fand sie, daß es Zeit sei, ihn aus dieser Schule zu entlassen und einen
Schritt weiter zu führen. Sie begann ihn jetzt zu tyrannisieren, daß er fast in
ärgere Dienstbarkeit verfiel, als er einst bei dem Bettelvogt erduldet hatte.
Alles gab sie ihm zu tragen, zu heben, zu holen und zu verrichten; jeden
Augenblick mußte er um sie sein, ihr das Wasser schöpfen, die Bäume
schütteln, die Nüsse aufklopfen, das Körbchen halten und die Schuhe
binden; und selbst ihr das Haar zu strählen und zu flechten, wollte sie ihn
abrichten; aber das schlug er ab. Da schmollte und zankte sie mit ihm, und
als ihn die Mutter unterstützte und sie zur Ruhe verwies, wurde sie sogar
gegen diese ungebärdig.
Doch Dietegen erwiderte ihre Unart nicht, gab ihr kein böses Wort und
war immer gleich geduldig und anhänglich. Das sah die Forstmeisterin mit
großem Wohlgefallen, und um ihn dafür zu belohnen, erzog sie den Knaben
wie ihr eigenes Kind, indem sie ihm alle jene zarteren und feineren
Zurechtweisungen und unmerklichen Leitungen gab, welche man sonst nur
dem eigenen Blute zukommen läßt und durch welche man ihm die schöne
Farbe herkömmlicher guter Sitte verleiht. Freilich hatte sie davon den
Gewinn, daß sie in dem Pflegling einen kleinen Sittenspiegel für das
mutwillige Mädchen schuf, und es war drollig anzusehen, wie die unruhige
Küngolt bald beschämt ihrem besseren Vorbild nachzuleben trachtete, bald
eifersüchtig und zornig auf dasselbe wurde. Einmal war sie so gereizt, daß
sie mit einer Schere leidenschaftlich nach ihm stach; Dietegen fing rasch
und still ihr Handgelenk, und ohne ihr weh zu tun, ohne einen bösen Blick
wand er die Schere sanft aber sicher aus ihrer Hand. Dieser Auftritt,
er dadurch gewitzigt, den Weltlauf besser zu verstehen, was ein anderer
Junge zu seinem Schrecken erfahren mußte; denn als dieser es dem
Mädchen nachtun wollte und den Dietegen mit einem frechen Aufschnitt
bewirtete, schlug der ihn unverweilt ins Gesicht. Küngolt, hierüber
verblüfft, war neugierig, ob sich ein solcher Zorn auch gegen sie wenden
könnte, und probierte den Schüler auf der Stelle, aber sachte, mit neuen
Lügen. Von ihr jedoch nahm er alles an, und sie setzte ihren wunderlichen
Unterricht kecklich fort, bis sie entdeckte, daß er gutmütig mit ihren Lügen
zu spielen anfing und einen zierlichen Gegenunterricht begann, indem er
ihre mutwilligen Erfindungen mit nicht unwitzigen Querzügen
durchkreuzte, so daß sie manchmal auf ein glattes Eis gesetzt wurde. Da
fand sie, daß es Zeit sei, ihn aus dieser Schule zu entlassen und einen
Schritt weiter zu führen. Sie begann ihn jetzt zu tyrannisieren, daß er fast in
ärgere Dienstbarkeit verfiel, als er einst bei dem Bettelvogt erduldet hatte.
Alles gab sie ihm zu tragen, zu heben, zu holen und zu verrichten; jeden
Augenblick mußte er um sie sein, ihr das Wasser schöpfen, die Bäume
schütteln, die Nüsse aufklopfen, das Körbchen halten und die Schuhe
binden; und selbst ihr das Haar zu strählen und zu flechten, wollte sie ihn
abrichten; aber das schlug er ab. Da schmollte und zankte sie mit ihm, und
als ihn die Mutter unterstützte und sie zur Ruhe verwies, wurde sie sogar
gegen diese ungebärdig.
Doch Dietegen erwiderte ihre Unart nicht, gab ihr kein böses Wort und
war immer gleich geduldig und anhänglich. Das sah die Forstmeisterin mit
großem Wohlgefallen, und um ihn dafür zu belohnen, erzog sie den Knaben
wie ihr eigenes Kind, indem sie ihm alle jene zarteren und feineren
Zurechtweisungen und unmerklichen Leitungen gab, welche man sonst nur
dem eigenen Blute zukommen läßt und durch welche man ihm die schöne
Farbe herkömmlicher guter Sitte verleiht. Freilich hatte sie davon den
Gewinn, daß sie in dem Pflegling einen kleinen Sittenspiegel für das
mutwillige Mädchen schuf, und es war drollig anzusehen, wie die unruhige
Küngolt bald beschämt ihrem besseren Vorbild nachzuleben trachtete, bald
eifersüchtig und zornig auf dasselbe wurde. Einmal war sie so gereizt, daß
sie mit einer Schere leidenschaftlich nach ihm stach; Dietegen fing rasch
und still ihr Handgelenk, und ohne ihr weh zu tun, ohne einen bösen Blick
wand er die Schere sanft aber sicher aus ihrer Hand. Dieser Auftritt,
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welchem die Mutter im verborgenen zugesehen, bewegte sie so heftig, daß
sie hervortrat, den Knaben in die Arme schloß und liebevoll küßte. Still und
bleich vor Aufregung ging das Mädchen hinaus. »Geh, versöhne dich mit
ihr und mach den Trotzkopf wieder gut!« sagte die Mutter; »du bist ihr
guter Engel!«
Dietegen suchte sie und fand sie hinter dem Hause unter einem
Holunderbaum; sie weinte wild und krampfhaft, zerriß ihre Halsschnur,
indem sie dieselbe zusammenzog, als ob sie sich erdrosseln wollte, und
zerstampfte die zerstreuten Glasperlen auf dem Boden. Als Dietegen sich
ihr näherte und ihre Hände ergreifen wollte, rief sie schluchzend: »Niemand
darf dich küssen, als ich! denn du gehörst mir allein, du bist mein
Eigentum, ich allein habe dich aus dem Sarge befreit, in dem du auf ewig
geblieben wärest!«
Da der Knabe gar stattlich heranwuchs, erklärte der Forstmeister eines
Tages, daß es nun Zeit für ihn sei, mit in den Wald zu gehen und die
Jägerkunst zu lernen. So wurde er von Küngolts Seite genommen und war
die meisten Tage vom Morgengrauen bis zur sinkenden Nacht mit den
Männern in den Wäldern, auf Moor und Heide. Erst jetzt reckten sich seine
Glieder aus, daß es eine Freude war; rasch und gelenksam wie ein Hirsch
gehorchte er auf den Wink und lief zur Stelle, wohin man ihn schickte.
Schweigsam und gelehrig war er überall zur Hand, trug die Geräte, half die
Netze stellen, sprang über Halden und Gräben und erspähte den Stand des
Wildes. Bald kannte er die Fährten aller Tiere, wußte den Lockruf der
Vögel nachzuahmen, und ehe man sich’s versah, ließ er ein junges
Schwarzwild auf den Sauspieß rennen. Nun gab ihm der Forstmeister auch
eine Armbrust. Mit derselben übte er sich zu jeder Stunde nach der Scheibe
sowohl wie nach lebendigen Zielen, kurz, als Dietegen sechzehn Jahre
zählte, war er bereits ein junger Weidmann, den man überall hinstellen
durfte, und der Forstmeister sandte ihn schon etwa allein hinaus, die
Knechte anzuführen und die Stadtforste zu überwachen.
Dietegen war daher nicht nur mit der Armbrust auf dem Rücken, sondern
auch mit dem Schreibzeug im Gürtel auf den Bergen zu sehen, und er
sie hervortrat, den Knaben in die Arme schloß und liebevoll küßte. Still und
bleich vor Aufregung ging das Mädchen hinaus. »Geh, versöhne dich mit
ihr und mach den Trotzkopf wieder gut!« sagte die Mutter; »du bist ihr
guter Engel!«
Dietegen suchte sie und fand sie hinter dem Hause unter einem
Holunderbaum; sie weinte wild und krampfhaft, zerriß ihre Halsschnur,
indem sie dieselbe zusammenzog, als ob sie sich erdrosseln wollte, und
zerstampfte die zerstreuten Glasperlen auf dem Boden. Als Dietegen sich
ihr näherte und ihre Hände ergreifen wollte, rief sie schluchzend: »Niemand
darf dich küssen, als ich! denn du gehörst mir allein, du bist mein
Eigentum, ich allein habe dich aus dem Sarge befreit, in dem du auf ewig
geblieben wärest!«
Da der Knabe gar stattlich heranwuchs, erklärte der Forstmeister eines
Tages, daß es nun Zeit für ihn sei, mit in den Wald zu gehen und die
Jägerkunst zu lernen. So wurde er von Küngolts Seite genommen und war
die meisten Tage vom Morgengrauen bis zur sinkenden Nacht mit den
Männern in den Wäldern, auf Moor und Heide. Erst jetzt reckten sich seine
Glieder aus, daß es eine Freude war; rasch und gelenksam wie ein Hirsch
gehorchte er auf den Wink und lief zur Stelle, wohin man ihn schickte.
Schweigsam und gelehrig war er überall zur Hand, trug die Geräte, half die
Netze stellen, sprang über Halden und Gräben und erspähte den Stand des
Wildes. Bald kannte er die Fährten aller Tiere, wußte den Lockruf der
Vögel nachzuahmen, und ehe man sich’s versah, ließ er ein junges
Schwarzwild auf den Sauspieß rennen. Nun gab ihm der Forstmeister auch
eine Armbrust. Mit derselben übte er sich zu jeder Stunde nach der Scheibe
sowohl wie nach lebendigen Zielen, kurz, als Dietegen sechzehn Jahre
zählte, war er bereits ein junger Weidmann, den man überall hinstellen
durfte, und der Forstmeister sandte ihn schon etwa allein hinaus, die
Knechte anzuführen und die Stadtforste zu überwachen.
Dietegen war daher nicht nur mit der Armbrust auf dem Rücken, sondern
auch mit dem Schreibzeug im Gürtel auf den Bergen zu sehen, und er
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gereichte mit seinen wachsamen Augen, mit seinem frischen Gedächtnis
seinem Pflegvater zu guter Aushilfe. Da er sich nun so gut anließ, gewann
ihn der Forstmeister täglich lieber und sagte, er müsse ihm gänzlich ein ehr-
und wehrbarer Stadtmann werden.
Es war begreiflich, daß Dietegen dem Forstmeister mit Leib und Seele
anhing; denn nichts gleicht der Neigung eines Jünglings zu dem Manne,
von welchem er weiß, daß er ihm sein Bestes zuwenden und lehren will und
den er für sein untrügliches Vorbild hält.
Der Forstmeister war ein Mann von etwa vierzig Jahren, groß und fest,
von breiten Schultern und schönen Ansehens. Sein goldblondes Haar war
bereits von einem Silberschimmer überflogen, dagegen die Gesichtsfarbe
frisch gerötet und die blauen Augen groß, offen und voll Feuer. In seiner
Jugend war er denn auch der lustigste und wildeste der Seldwyler gewesen,
der stets die wunderlichsten Streiche angegeben; als er aber seine junge
Frau heimgeführt, änderte er sich augenblicklich und blieb seit der Zeit der
gesetzteste und ruhigste Mann von der Welt. Denn die Frau war von äußerst
zarter Beschaffenheit, von einer wehrlosen Herzensgüte, und obgleich nicht
unwitzig, hätte sie doch mit keinem scharfen Worte einer Unbilde zu
widerstehen vermocht. Eine rüstig Streitbare würde den lebhaften Mann
wahrscheinlich zu weiterem Tun gereizt haben; gegen die anmutige
Schwäche der zarten Frau aber benahm er sich wie die wahre Stärke; er
hütete sie wie seinen Augapfel, tat was ihr Freude gewährte und blieb nach
vollbrachtem Tagwerk ruhig an seinem Herde.
Nur bei den wichtigsten Festlichkeiten der Stadt, des Jahres etwa drei-
oder viermal, ging er unter die Rät’ und Bürger, führte dort mit frischer
Kraft den Reigen, und nachdem er die Alltagszecher einen um den andern
unter den Tisch getrunken, ging er als der letzte aufrecht von der Ratsstube
und stieg fröhlich in den Wald hinauf.
Aber die Hauptlustbarkeit ergab sich jedesmal am andern Tag, wenn ihm
dann doch der Kopf gelinde summte und der Mann mit einer halb
verdrießlichen, halb heitern Löwenlaune erwachte, welche sich in der Tat zu
dem kleinen Katzenjammer der heutigen verhielt, wie der Löwe zur Katze.
Zeitig in der hellen Morgensonne erschien er beim Frühstück, und das
Unwohlsein bezwingend, eröffnete er dasselbe mit einem mürrischen
seinem Pflegvater zu guter Aushilfe. Da er sich nun so gut anließ, gewann
ihn der Forstmeister täglich lieber und sagte, er müsse ihm gänzlich ein ehr-
und wehrbarer Stadtmann werden.
Es war begreiflich, daß Dietegen dem Forstmeister mit Leib und Seele
anhing; denn nichts gleicht der Neigung eines Jünglings zu dem Manne,
von welchem er weiß, daß er ihm sein Bestes zuwenden und lehren will und
den er für sein untrügliches Vorbild hält.
Der Forstmeister war ein Mann von etwa vierzig Jahren, groß und fest,
von breiten Schultern und schönen Ansehens. Sein goldblondes Haar war
bereits von einem Silberschimmer überflogen, dagegen die Gesichtsfarbe
frisch gerötet und die blauen Augen groß, offen und voll Feuer. In seiner
Jugend war er denn auch der lustigste und wildeste der Seldwyler gewesen,
der stets die wunderlichsten Streiche angegeben; als er aber seine junge
Frau heimgeführt, änderte er sich augenblicklich und blieb seit der Zeit der
gesetzteste und ruhigste Mann von der Welt. Denn die Frau war von äußerst
zarter Beschaffenheit, von einer wehrlosen Herzensgüte, und obgleich nicht
unwitzig, hätte sie doch mit keinem scharfen Worte einer Unbilde zu
widerstehen vermocht. Eine rüstig Streitbare würde den lebhaften Mann
wahrscheinlich zu weiterem Tun gereizt haben; gegen die anmutige
Schwäche der zarten Frau aber benahm er sich wie die wahre Stärke; er
hütete sie wie seinen Augapfel, tat was ihr Freude gewährte und blieb nach
vollbrachtem Tagwerk ruhig an seinem Herde.
Nur bei den wichtigsten Festlichkeiten der Stadt, des Jahres etwa drei-
oder viermal, ging er unter die Rät’ und Bürger, führte dort mit frischer
Kraft den Reigen, und nachdem er die Alltagszecher einen um den andern
unter den Tisch getrunken, ging er als der letzte aufrecht von der Ratsstube
und stieg fröhlich in den Wald hinauf.
Aber die Hauptlustbarkeit ergab sich jedesmal am andern Tag, wenn ihm
dann doch der Kopf gelinde summte und der Mann mit einer halb
verdrießlichen, halb heitern Löwenlaune erwachte, welche sich in der Tat zu
dem kleinen Katzenjammer der heutigen verhielt, wie der Löwe zur Katze.
Zeitig in der hellen Morgensonne erschien er beim Frühstück, und das
Unwohlsein bezwingend, eröffnete er dasselbe mit einem mürrischen
Page 163
Scherzworte, einem drolligen Einfall. Seine Frau, welche stets hungrig nach
den Witzen ihres sonst schweigsamen Mannes war, lachte sogleich mit so
hellem Geklingel, wie man hinter dem sanften Wesen nie gesucht hätte; es
lachten die Kinder, die Jäger und das Gesinde. Auf diese Art ging es fort;
unter allgemeinem Gelächter wurden die Geschäfte getan, der Forstmeister
immer voran, die Axt schwingend oder Lasten hebend. An einem solchen
Tage war einst Feuer in der Stadt ausgebrochen; über brennenden Dächern
ragte ein unzugängliches hölzernes Fachwerk, in welchem eine vergessene
alte Frau jammerte und auf deren Schulter ein zahmer Star sich kläglich und
drollig gebärdete. Niemand wußte ihr beizukommen, als der Forstmeister
zur Stelle kam. Der erklomm einen Absatz an einer gegenüberstehenden
hohen Mauer, zog mit gewaltiger Kraft eine Leiter nach sich, schwenkte sie
in der Luft und legte sie nach dem Fenster der Verlassenen hinüber. Auf
dieser Schwindelbrücke ging er hin und schritt wieder herüber, das Weib
auf den Armen, den Vogel auf dem Kopfe und das leckende Feuer unter
sich. Alles dies tat er wie zum Scherze, mit launigen Ausdrücken und
Bewegungen.
War dann ein tüchtiges Stück Arbeit getan, so bewirtete er sein Haus auf
das beste und hielt eine lustige Nachfeier mit den Seinen. Dabei war er
ungewöhnlich zärtlich gegen seine Frau, nahm sie wohl auf die Kniee, zum
großen Vergnügen der Kinder, und nannte sie sein Weißkehlchen und seine
Schwalbe, und sie, die Arme übereinandergelegt in selbstvergessener
Behaglichkeit, verwandte lachend kein Auge von ihm.
An einem solchen Tage war es auch, daß er einen Tanz veranstaltet, da es
gerade der erste Mai war. Er ließ einen Spielmann holen und einige junge
Leutchen aus der Stadt dazu laden. So wurde denn auf dem glatten Rasen
unter den blühenden Bäumen zunächst des Hauses zierlich getanzt, und der
Forstmeister eröffnete den Reigen mit seiner Frau, die sich bescheiden
geschmückt hatte, aber ihre feine Gestalt lächelnd herumdrehte. Da sah
auch Dietegen, welcher sich die letzten Jahre eifrig zu den Männern
gehalten, daß Küngolt ein schönes Weib zu werden begann. Ihr Gesicht,
von zarten und lieblichen Zügen, erinnerte an die Mutter; der Wuchs aber
artete dem Vater nach; denn sie schoß wie eine junge Tanne in die Höhe, die
Brustknochen waren so kühn gewölbt, daß sie trotz ihrer vierzehn Jahre fast
vollbusig schien; goldgelbes Ringelhaar fiel üppig über den Rücken und
verhüllte die noch eckigen aber schön und festgeformten Schulterblätter.
den Witzen ihres sonst schweigsamen Mannes war, lachte sogleich mit so
hellem Geklingel, wie man hinter dem sanften Wesen nie gesucht hätte; es
lachten die Kinder, die Jäger und das Gesinde. Auf diese Art ging es fort;
unter allgemeinem Gelächter wurden die Geschäfte getan, der Forstmeister
immer voran, die Axt schwingend oder Lasten hebend. An einem solchen
Tage war einst Feuer in der Stadt ausgebrochen; über brennenden Dächern
ragte ein unzugängliches hölzernes Fachwerk, in welchem eine vergessene
alte Frau jammerte und auf deren Schulter ein zahmer Star sich kläglich und
drollig gebärdete. Niemand wußte ihr beizukommen, als der Forstmeister
zur Stelle kam. Der erklomm einen Absatz an einer gegenüberstehenden
hohen Mauer, zog mit gewaltiger Kraft eine Leiter nach sich, schwenkte sie
in der Luft und legte sie nach dem Fenster der Verlassenen hinüber. Auf
dieser Schwindelbrücke ging er hin und schritt wieder herüber, das Weib
auf den Armen, den Vogel auf dem Kopfe und das leckende Feuer unter
sich. Alles dies tat er wie zum Scherze, mit launigen Ausdrücken und
Bewegungen.
War dann ein tüchtiges Stück Arbeit getan, so bewirtete er sein Haus auf
das beste und hielt eine lustige Nachfeier mit den Seinen. Dabei war er
ungewöhnlich zärtlich gegen seine Frau, nahm sie wohl auf die Kniee, zum
großen Vergnügen der Kinder, und nannte sie sein Weißkehlchen und seine
Schwalbe, und sie, die Arme übereinandergelegt in selbstvergessener
Behaglichkeit, verwandte lachend kein Auge von ihm.
An einem solchen Tage war es auch, daß er einen Tanz veranstaltet, da es
gerade der erste Mai war. Er ließ einen Spielmann holen und einige junge
Leutchen aus der Stadt dazu laden. So wurde denn auf dem glatten Rasen
unter den blühenden Bäumen zunächst des Hauses zierlich getanzt, und der
Forstmeister eröffnete den Reigen mit seiner Frau, die sich bescheiden
geschmückt hatte, aber ihre feine Gestalt lächelnd herumdrehte. Da sah
auch Dietegen, welcher sich die letzten Jahre eifrig zu den Männern
gehalten, daß Küngolt ein schönes Weib zu werden begann. Ihr Gesicht,
von zarten und lieblichen Zügen, erinnerte an die Mutter; der Wuchs aber
artete dem Vater nach; denn sie schoß wie eine junge Tanne in die Höhe, die
Brustknochen waren so kühn gewölbt, daß sie trotz ihrer vierzehn Jahre fast
vollbusig schien; goldgelbes Ringelhaar fiel üppig über den Rücken und
verhüllte die noch eckigen aber schön und festgeformten Schulterblätter.
Page 164
Sie ging grün gekleidet, trug um den bloßen Hals ihr Bernsteinband und auf
dem Haupte, gleich den andern Mädchen, nach damaliger Sitte ein
Rosenkränzchen. Ihre Augen leuchteten offen und freundlich umher; aber
unversehens blitzten sie einmal mutwillig auf und streiften wie Pfeile über
die Jünglinge hin, bis sie einen Augenblick auf Dietegen ruhten und dann
wieder weiter fuhren. Dietegen sah unverwandt hin, sie flüchtig noch
einmal zurück, worauf er den Blick errötend niederschlug und Küngolt sich
an ihrem Haar zu schaffen machte. Das war das erste Mal, daß sie sich nicht
mehr unbefangen ansahen; aber bald darauf waren sie wieder in der Nähe
und fanden sich Hand in Hand in einem Ringreihen. Ein neues süßes Gefühl
durchströmte ihn und verließ ihn auch nicht mehr, als der Ring sich wieder
löste. Küngolt aber ging von ihm wie von einer Sache, die einem zu eigen
gehört und deren man sicher ist; nur zuweilen warf sie einen Blick über ihn,
und wenn er etwa in die Nähe anderer Mädchen geriet, war sie unversehens
da und stand dazwischen.
Dergestalt herrschte ein glückseliges Leben bis in die Nacht; die Jungen
wurden so munter und flügge wie die jungen Holztauben und taten es bald
dem lustigen Forstmeister zuvor, und dieser spiegelte sich wohlgemut in
dem fröhlichen Nachwuchs, gab aber vor allen seiner Frau die Ehre, deren
Wohlgefallen ihn höchlich zu erquicken schien, besonders da sie nun
anfing, ihm auch allerlei lustige Spitznamen anzuhängen. So ehrbar nun all
die Lustbarkeit war, so hätte sie doch der Bürger einer andern Stadt
vielleicht um ein kleines Maß zu warm befunden; der Würzwein, welchen
die Leutchen tranken, war untadelhaft gemischt, aber in ihnen selbst war ein
klein bißchen zu viel Zucker und in ihrer Freude um ein weniges zu viel
Süßigkeit. Die Hände der jungen Mädchen lagen fortwährend auf den
Schultern der Jünglinge und das Völkchen nahm sich auf den Schoß und
küßte sich gelegentlich, ohne ein Pfänderspiel vorzuschützen, wie die
heutigen Philister. Kurz, es fehlte ihnen das Glas und der Kristall einer
gewissen Sprödigkeit, mit welcher Dietegen dafür zu reichlich gesegnet war
als ein Abkömmling von Ruechenstein. Denn obgleich er bereits verliebt
war, floh er das Liebkosen, welches ziemlich allgemein begonnen hatte, wie
das Feuer und hielt sich vorsichtig außerhalb der gefährlichen Linie. Desto
kecker und zutulicher wurde Küngolt, welche in kindlicher Unwissenheit,
nach Art unerwachsener Mädchen, sich nicht beherrschte, sondern den
spröden Knaben aufsuchte, der im Schatten dunkler Bäume saß, und sich
dem Haupte, gleich den andern Mädchen, nach damaliger Sitte ein
Rosenkränzchen. Ihre Augen leuchteten offen und freundlich umher; aber
unversehens blitzten sie einmal mutwillig auf und streiften wie Pfeile über
die Jünglinge hin, bis sie einen Augenblick auf Dietegen ruhten und dann
wieder weiter fuhren. Dietegen sah unverwandt hin, sie flüchtig noch
einmal zurück, worauf er den Blick errötend niederschlug und Küngolt sich
an ihrem Haar zu schaffen machte. Das war das erste Mal, daß sie sich nicht
mehr unbefangen ansahen; aber bald darauf waren sie wieder in der Nähe
und fanden sich Hand in Hand in einem Ringreihen. Ein neues süßes Gefühl
durchströmte ihn und verließ ihn auch nicht mehr, als der Ring sich wieder
löste. Küngolt aber ging von ihm wie von einer Sache, die einem zu eigen
gehört und deren man sicher ist; nur zuweilen warf sie einen Blick über ihn,
und wenn er etwa in die Nähe anderer Mädchen geriet, war sie unversehens
da und stand dazwischen.
Dergestalt herrschte ein glückseliges Leben bis in die Nacht; die Jungen
wurden so munter und flügge wie die jungen Holztauben und taten es bald
dem lustigen Forstmeister zuvor, und dieser spiegelte sich wohlgemut in
dem fröhlichen Nachwuchs, gab aber vor allen seiner Frau die Ehre, deren
Wohlgefallen ihn höchlich zu erquicken schien, besonders da sie nun
anfing, ihm auch allerlei lustige Spitznamen anzuhängen. So ehrbar nun all
die Lustbarkeit war, so hätte sie doch der Bürger einer andern Stadt
vielleicht um ein kleines Maß zu warm befunden; der Würzwein, welchen
die Leutchen tranken, war untadelhaft gemischt, aber in ihnen selbst war ein
klein bißchen zu viel Zucker und in ihrer Freude um ein weniges zu viel
Süßigkeit. Die Hände der jungen Mädchen lagen fortwährend auf den
Schultern der Jünglinge und das Völkchen nahm sich auf den Schoß und
küßte sich gelegentlich, ohne ein Pfänderspiel vorzuschützen, wie die
heutigen Philister. Kurz, es fehlte ihnen das Glas und der Kristall einer
gewissen Sprödigkeit, mit welcher Dietegen dafür zu reichlich gesegnet war
als ein Abkömmling von Ruechenstein. Denn obgleich er bereits verliebt
war, floh er das Liebkosen, welches ziemlich allgemein begonnen hatte, wie
das Feuer und hielt sich vorsichtig außerhalb der gefährlichen Linie. Desto
kecker und zutulicher wurde Küngolt, welche in kindlicher Unwissenheit,
nach Art unerwachsener Mädchen, sich nicht beherrschte, sondern den
spröden Knaben aufsuchte, der im Schatten dunkler Bäume saß, und sich
Page 165
neben ihn setzte, seine Hand ergreifend und halb kindlich mit seinen
Fingern spielend. Als er dies geschehen ließ und ihr mit der Hand
gönnerhaft und sanft, fast wie wenn er ihr Pate wäre, durch das Ringelhaar
fuhr, legte sie sogleich den Arm um seinen Hals und liebkoste ihn mit der
Unbefangenheit, aber auch mit all’ dem rückhaltlosen Ungestüm eines
Kindes, während es doch schon die Jungfrau in ihr war, die sie bewegte.
Dietegen, der kein Kind mehr war, wollte für beide Verstand brauchen und
war ängstlich beflissen, sich aus ihren Armen loszumachen, als die fröhlich
erregte Forstmeisterin herbeikam und mit Vergnügen die Kinder beisammen
sah.
»Das ist recht, daß ihr auch zusammenhaltet,« sagte sie, indem sie beide
zumal in die Arme schloß, »sei nur dem Dietegen recht gut, mein Kind! er
verdient es, daß er eine Heimat nicht nur in unserem Hause, sondern auch in
deinem Herzchen behält; und du, Dietegen! sei meinem Küngoltchen
allezeit ein treuer Wächter und Beschützer und laß es nie aus deinen Augen,
denen ich alles Gute zutraue!«
»Er gehört niemand als mir, und das schon lange!« sagte Küngolt fast
trotzig und küßte ihn keck und leichthin auf die Wange, halb wie einen
Bräutigam und halb wie ein Kind ein junges Kätzchen küßt. Jetzt ward dem
armen Burschen zu heiß und unheimlich zwischen Tochter und Mutter; er
machte sich ziemlich unsanft von ihnen los und trat einige Schritte weit
hinweg, Küngolt verfolgte ihn mutwillig, und als er fliehend wieder in die
Nähe der hübschen Mutter kam, fing ihn diese scherzend auf, hielt ihn fest
und rief: »Hier hast du ihn, mein Töchterchen! Komm und halt’ ihn fest!«
Als er aufs neue so gefangen war, klopfte ihm das Herz vor großer
Aufregung, und indem er sich so wohl geborgen sah, empfand er erst recht
seine Einsamkeit in der Welt. Er kam sich vor wie eine vom Baume des
Lebens geschüttelte verlorene Seele, welche, von weichen Händen
aufgehoben und gepflegt, nun für immer des eigenen freien Daseins beraubt
wäre. Deshalb, wie nun das Gefühl der persönlichen Freiheit mit der
zärtlichen Zuneigung in ihm rang, stand er zitternd und schweigend, halb in
Empörung gegen die eigenmächtige Zutulichkeit der Frauen, halb in
Versuchung, das Mädchen ungestüm an sich zu ziehen und beim Kopf zu
nehmen. Er liebte die Mutter mit der treuesten und dankbarsten
Anhänglichkeit, aber ihre unbefangene Aufmunterung zum Kosen machte
Fingern spielend. Als er dies geschehen ließ und ihr mit der Hand
gönnerhaft und sanft, fast wie wenn er ihr Pate wäre, durch das Ringelhaar
fuhr, legte sie sogleich den Arm um seinen Hals und liebkoste ihn mit der
Unbefangenheit, aber auch mit all’ dem rückhaltlosen Ungestüm eines
Kindes, während es doch schon die Jungfrau in ihr war, die sie bewegte.
Dietegen, der kein Kind mehr war, wollte für beide Verstand brauchen und
war ängstlich beflissen, sich aus ihren Armen loszumachen, als die fröhlich
erregte Forstmeisterin herbeikam und mit Vergnügen die Kinder beisammen
sah.
»Das ist recht, daß ihr auch zusammenhaltet,« sagte sie, indem sie beide
zumal in die Arme schloß, »sei nur dem Dietegen recht gut, mein Kind! er
verdient es, daß er eine Heimat nicht nur in unserem Hause, sondern auch in
deinem Herzchen behält; und du, Dietegen! sei meinem Küngoltchen
allezeit ein treuer Wächter und Beschützer und laß es nie aus deinen Augen,
denen ich alles Gute zutraue!«
»Er gehört niemand als mir, und das schon lange!« sagte Küngolt fast
trotzig und küßte ihn keck und leichthin auf die Wange, halb wie einen
Bräutigam und halb wie ein Kind ein junges Kätzchen küßt. Jetzt ward dem
armen Burschen zu heiß und unheimlich zwischen Tochter und Mutter; er
machte sich ziemlich unsanft von ihnen los und trat einige Schritte weit
hinweg, Küngolt verfolgte ihn mutwillig, und als er fliehend wieder in die
Nähe der hübschen Mutter kam, fing ihn diese scherzend auf, hielt ihn fest
und rief: »Hier hast du ihn, mein Töchterchen! Komm und halt’ ihn fest!«
Als er aufs neue so gefangen war, klopfte ihm das Herz vor großer
Aufregung, und indem er sich so wohl geborgen sah, empfand er erst recht
seine Einsamkeit in der Welt. Er kam sich vor wie eine vom Baume des
Lebens geschüttelte verlorene Seele, welche, von weichen Händen
aufgehoben und gepflegt, nun für immer des eigenen freien Daseins beraubt
wäre. Deshalb, wie nun das Gefühl der persönlichen Freiheit mit der
zärtlichen Zuneigung in ihm rang, stand er zitternd und schweigend, halb in
Empörung gegen die eigenmächtige Zutulichkeit der Frauen, halb in
Versuchung, das Mädchen ungestüm an sich zu ziehen und beim Kopf zu
nehmen. Er liebte die Mutter mit der treuesten und dankbarsten
Anhänglichkeit, aber ihre unbefangene Aufmunterung zum Kosen machte
Page 166
ihm wunderlich und schwül zu Mute; er betrachtete sich als dem
Töchterchen ganz zu eigen gehörig; aber höchst ernsthaft war er um ihre
gute Sitte besorgt, und als ihn Küngolt nun heftig auf den Mund küssen
wollte, hielt er plötzlich die Hand dazwischen und sagte wohlwollend aber
mit dem Tone eines alten Schulmeisters: »Du bist noch zu jung zu diesem!
Das schickt sich nicht für dich!«
Das Mädchen wurde blaß vor Unmut und Beschämung; plötzlich ging sie
hinweg und mischte sich wieder unter die Gesellschaft, wo sie mit zorniger
Ausgelassenheit einigemal herumsprang und sich dann finster zur Seite
setzte. Die Forstmeisterin streichelte dem jungen Sittenprediger lächelnd
die Wange und sagte: »Ei du bist ja ein gar gestrenger Gespan! Aber umso
treuer wirst du um mein Kind sorgen! Versprich mir, es nie zu verlassen!
Sieh, wir sind alle ein lustiges Völklein und es mag sein, daß wir zu wenig
an die Zukunft denken!«
Dietegen gab ihr mit nassen Augen die Hand und sie führte ihn ebenfalls
zu den Leuten zurück. Doch Küngolt kehrte ihm schnöde den Rücken und
schaute mit wirklichem Kummer und Zorn in die Mainacht hinaus.
Wunderbar! Nun war das Kind auf einmal groß genug, dem spröden
Jünglinge Liebessorge zu machen; denn traurig und betreten stand er auch
zur Seite und war noch mehr beschämt als das Mädchen. »Was ist das? Was
gibt’s da zu grämen?« sagte der vergnügte Forstmeister, als er es bemerkte,
und leidenschaftlich fing Küngolt an zu weinen und rief vor aller Welt: »Er
ist mir geschenkt worden von den Richtern, da er nichts als ein Leichnam
war, den ich zum Leben erweckt habe! Drum hat nicht er über mich zu
richten, sondern ich allein über ihn, und er muß tun alles, was ich will, und
wenn ich ihn gern küsse, so habe ich es allein zu verantworten und er hat
nur still zu halten!«
Alles lachte über diese wunderliche Äußerung; die Forstmeisterin aber
nahm den Dietegen bei der Hand, führte ihn zu dem Kinde hin und sagte:
»Komm! versöhne dich mit ihr und laß dich diesmal noch küssen! Nachher
sollst du auch deinen Willen haben und ihr Vorgesetzter sein in solchen
Sachen!« Errötend wegen der vielen Zuschauer bot Dietegen dem Mädchen
halbwegs den Mund hin; sie ergriff ihn herrisch bei den Locken, küßte ihn,
und nachdem sie noch einen Blick voll Zorn auf ihn geworfen, ging sie so
Töchterchen ganz zu eigen gehörig; aber höchst ernsthaft war er um ihre
gute Sitte besorgt, und als ihn Küngolt nun heftig auf den Mund küssen
wollte, hielt er plötzlich die Hand dazwischen und sagte wohlwollend aber
mit dem Tone eines alten Schulmeisters: »Du bist noch zu jung zu diesem!
Das schickt sich nicht für dich!«
Das Mädchen wurde blaß vor Unmut und Beschämung; plötzlich ging sie
hinweg und mischte sich wieder unter die Gesellschaft, wo sie mit zorniger
Ausgelassenheit einigemal herumsprang und sich dann finster zur Seite
setzte. Die Forstmeisterin streichelte dem jungen Sittenprediger lächelnd
die Wange und sagte: »Ei du bist ja ein gar gestrenger Gespan! Aber umso
treuer wirst du um mein Kind sorgen! Versprich mir, es nie zu verlassen!
Sieh, wir sind alle ein lustiges Völklein und es mag sein, daß wir zu wenig
an die Zukunft denken!«
Dietegen gab ihr mit nassen Augen die Hand und sie führte ihn ebenfalls
zu den Leuten zurück. Doch Küngolt kehrte ihm schnöde den Rücken und
schaute mit wirklichem Kummer und Zorn in die Mainacht hinaus.
Wunderbar! Nun war das Kind auf einmal groß genug, dem spröden
Jünglinge Liebessorge zu machen; denn traurig und betreten stand er auch
zur Seite und war noch mehr beschämt als das Mädchen. »Was ist das? Was
gibt’s da zu grämen?« sagte der vergnügte Forstmeister, als er es bemerkte,
und leidenschaftlich fing Küngolt an zu weinen und rief vor aller Welt: »Er
ist mir geschenkt worden von den Richtern, da er nichts als ein Leichnam
war, den ich zum Leben erweckt habe! Drum hat nicht er über mich zu
richten, sondern ich allein über ihn, und er muß tun alles, was ich will, und
wenn ich ihn gern küsse, so habe ich es allein zu verantworten und er hat
nur still zu halten!«
Alles lachte über diese wunderliche Äußerung; die Forstmeisterin aber
nahm den Dietegen bei der Hand, führte ihn zu dem Kinde hin und sagte:
»Komm! versöhne dich mit ihr und laß dich diesmal noch küssen! Nachher
sollst du auch deinen Willen haben und ihr Vorgesetzter sein in solchen
Sachen!« Errötend wegen der vielen Zuschauer bot Dietegen dem Mädchen
halbwegs den Mund hin; sie ergriff ihn herrisch bei den Locken, küßte ihn,
und nachdem sie noch einen Blick voll Zorn auf ihn geworfen, ging sie so
Page 167
rasch und trotzig hinweg, daß der goldene Flug ihres Ringelhaares in der
Nachtluft wehte und Dietegens Gesicht im Vorübergehen streifte. Jetzt
glühte auch in ihm ein leidenschaftliches Wesen an; er verließ bald nach ihr
den Kreis und suchte die wilde Küngolt schnell und schneller, bis er sie auf
der andern Seite des Hauses fand, wie sie träumerisch am Brunnen saß und
mit der Bernsteinkette an ihrem Halse spielte. Dort ergriff er ihre beiden
Hände, preßte sie in seine rechte Hand, faßte mit der linken ihre Schulter,
daß das glänzende, noch unvollkommene Gebilde unter seiner festen Hand
zusammenzuckte, und sagte hastig: »Höre, du Kind! Ich lasse nicht mit mir
spielen! Von heut an bist du so gut mein Eigentum, wie ich das deinige, und
kein anderer Mann soll dich lebendig bekommen! Daran denke, wenn du
einst groß genug bist!«
»O du großer und alter Mann!« sagte Küngolt leise lächelnd, indem sie
etwas erblaßte, »du bist mein und nicht ich dein! Aber das hat dich nicht zu
kümmern; denn ich werde dich wohl niemals fahren lassen!«
Damit stand sie auf und ging, ohne den Gespielen weiter anzusehen, um
das Haus herum.
Die gute Forstmeisterin aber erkältete sich in der kühlen Mainacht und
trug eine tödliche Krankheit davon, welcher sie in wenigen Monaten erlag.
Auf dem Totbette war sie sehr bekümmert um ihren Mann und um das
Kind; auch suchte sie hartnäckig die Ursache der Krankheit zu leugnen;
denn sie fühlte wohl, daß das nicht die rechte Todesart für eine Hausmutter
sei, die von Unvorsichtigkeit in der Freude herrührt.
Weil sie nun tot im Hause lag, waren alle sehr traurig und die ganze Stadt
bedauerte sie, da sie keinen einzigen Feind hatte. Der Forstmeister selbst
weinte des Nachts in seinem Bette; des Tages sprach er kein Wort und ging
nur ab und zu vor den Sarg und besah sich die stille Leiche, worauf er
kopfschüttelnd wieder wegging.
Er ließ einen schweren Kranz von jungem Tannengrün binden und legte
ihn auf den Sarg; Küngolt häufte noch ein Gebirge von Waldblumen darauf,
und dergestalt wurde die Leiche von der Höhe hinunter zur Kirche getragen,
gefolgt von den Verwandten und Freunden und den Jägerknechten.
Nachtluft wehte und Dietegens Gesicht im Vorübergehen streifte. Jetzt
glühte auch in ihm ein leidenschaftliches Wesen an; er verließ bald nach ihr
den Kreis und suchte die wilde Küngolt schnell und schneller, bis er sie auf
der andern Seite des Hauses fand, wie sie träumerisch am Brunnen saß und
mit der Bernsteinkette an ihrem Halse spielte. Dort ergriff er ihre beiden
Hände, preßte sie in seine rechte Hand, faßte mit der linken ihre Schulter,
daß das glänzende, noch unvollkommene Gebilde unter seiner festen Hand
zusammenzuckte, und sagte hastig: »Höre, du Kind! Ich lasse nicht mit mir
spielen! Von heut an bist du so gut mein Eigentum, wie ich das deinige, und
kein anderer Mann soll dich lebendig bekommen! Daran denke, wenn du
einst groß genug bist!«
»O du großer und alter Mann!« sagte Küngolt leise lächelnd, indem sie
etwas erblaßte, »du bist mein und nicht ich dein! Aber das hat dich nicht zu
kümmern; denn ich werde dich wohl niemals fahren lassen!«
Damit stand sie auf und ging, ohne den Gespielen weiter anzusehen, um
das Haus herum.
Die gute Forstmeisterin aber erkältete sich in der kühlen Mainacht und
trug eine tödliche Krankheit davon, welcher sie in wenigen Monaten erlag.
Auf dem Totbette war sie sehr bekümmert um ihren Mann und um das
Kind; auch suchte sie hartnäckig die Ursache der Krankheit zu leugnen;
denn sie fühlte wohl, daß das nicht die rechte Todesart für eine Hausmutter
sei, die von Unvorsichtigkeit in der Freude herrührt.
Weil sie nun tot im Hause lag, waren alle sehr traurig und die ganze Stadt
bedauerte sie, da sie keinen einzigen Feind hatte. Der Forstmeister selbst
weinte des Nachts in seinem Bette; des Tages sprach er kein Wort und ging
nur ab und zu vor den Sarg und besah sich die stille Leiche, worauf er
kopfschüttelnd wieder wegging.
Er ließ einen schweren Kranz von jungem Tannengrün binden und legte
ihn auf den Sarg; Küngolt häufte noch ein Gebirge von Waldblumen darauf,
und dergestalt wurde die Leiche von der Höhe hinunter zur Kirche getragen,
gefolgt von den Verwandten und Freunden und den Jägerknechten.
Page 168
Als sie in der kühlen Erde lag, führte der Forstmeister das Leichenbegleit
in die Herberge, wo er ein reichliches Totenmahl hatte anrichten lassen. Das
Wildbret dazu, einen Rehbock und zwei prächtige Auerhähne, hatte er
eigenhändig geschossen, voll Schmerz über seinen Verlust, und als die
schön gefiederten Vögel nun auf dem Tische prangten, gedachte er
abermals des hohen Bergwaldes, in welchem sie gesessen und welchen er in
den jungen Jahren seiner Liebe so oft durchstreift hatte, das Bild der Toten
im Sinne tragend. Doch durfte der Forstmeister nicht lange solchen
Gedanken nachhängen; denn als der Claret und der Malvasier nun kredenzt
und die Tafel mit einem großen Korbe voll vermischten Zuckerwerkes
überschüttet wurde, belebten sich die Gäste und der Traueranlaß war bald
von einem Taufmahle nicht mehr zu unterscheiden.
Der Forstmeister saß zwischen Küngolt und Dietegen, die sich wegen
seiner großen Gestalt nicht sehen konnten, ohne sich vornüberzubeugen
oder hinter ihm durch, und dies mochten sie nicht tun, da sie allein in der
erwachenden Fröhlichkeit traurig und ernst blieben. Ihm gegenüber saß eine
Person von vielleicht bald dreißig Jahren, eine Base des Forstmeisters
Namens Violande. Diese Dame fiel auf wegen ihrer ausgesuchten,
sonderbaren Kleidung, welches nicht die Kleidung einer Zufriedenen und
Glücklichen, sondern eher einer Unruhigen und Hohlherzigen zu sein
schien. Sie war schön und wußte anmutig zu blicken, wenn nicht gerade
etwas unselig Verlogenes und Selbstsüchtiges über ihr Wesen zuckte.
Als vierzehnjähriges Mädchen schon war sie in den nachmaligen
Forstmeister verliebt gewesen, weil er just der größte und schönste junge
Mann war unter denen, die ihr zu Gesicht kamen. Er merkte aber nichts von
dieser frühen Leidenschaft, da er überhaupt auf das kleine Bäschen nicht
achtete und seinen Sinn mehr auf erwachsene Personen richtete, die ihm
gefielen. Voll Neid und Eifersucht und ebenso schon voll Ränke wußte das
junge Wesen nun zwei oder drei Liebesverhältnisse des Forstmeisters zu
zerstören, indem es durch fast unbemerkbare Zwischenträgereien die Dinge
entstellte und verwirrte. Wenn er eine Schöne zu gewinnen im Begriffe war,
so erfand und verbreitete das verschlagene Kind unter der Hand ganz
unbefangen Züge und Tatsachen, woraus hervorzugehen schien, daß er
eigentlich die in Rede stehende Person gar nicht leiden könne, vielmehr
eine andere im Auge habe und überhaupt ein hinterlistiger und verstellter
Mensch sei. So wußte er wiederholt nicht, wie es kam, daß die, welche er
in die Herberge, wo er ein reichliches Totenmahl hatte anrichten lassen. Das
Wildbret dazu, einen Rehbock und zwei prächtige Auerhähne, hatte er
eigenhändig geschossen, voll Schmerz über seinen Verlust, und als die
schön gefiederten Vögel nun auf dem Tische prangten, gedachte er
abermals des hohen Bergwaldes, in welchem sie gesessen und welchen er in
den jungen Jahren seiner Liebe so oft durchstreift hatte, das Bild der Toten
im Sinne tragend. Doch durfte der Forstmeister nicht lange solchen
Gedanken nachhängen; denn als der Claret und der Malvasier nun kredenzt
und die Tafel mit einem großen Korbe voll vermischten Zuckerwerkes
überschüttet wurde, belebten sich die Gäste und der Traueranlaß war bald
von einem Taufmahle nicht mehr zu unterscheiden.
Der Forstmeister saß zwischen Küngolt und Dietegen, die sich wegen
seiner großen Gestalt nicht sehen konnten, ohne sich vornüberzubeugen
oder hinter ihm durch, und dies mochten sie nicht tun, da sie allein in der
erwachenden Fröhlichkeit traurig und ernst blieben. Ihm gegenüber saß eine
Person von vielleicht bald dreißig Jahren, eine Base des Forstmeisters
Namens Violande. Diese Dame fiel auf wegen ihrer ausgesuchten,
sonderbaren Kleidung, welches nicht die Kleidung einer Zufriedenen und
Glücklichen, sondern eher einer Unruhigen und Hohlherzigen zu sein
schien. Sie war schön und wußte anmutig zu blicken, wenn nicht gerade
etwas unselig Verlogenes und Selbstsüchtiges über ihr Wesen zuckte.
Als vierzehnjähriges Mädchen schon war sie in den nachmaligen
Forstmeister verliebt gewesen, weil er just der größte und schönste junge
Mann war unter denen, die ihr zu Gesicht kamen. Er merkte aber nichts von
dieser frühen Leidenschaft, da er überhaupt auf das kleine Bäschen nicht
achtete und seinen Sinn mehr auf erwachsene Personen richtete, die ihm
gefielen. Voll Neid und Eifersucht und ebenso schon voll Ränke wußte das
junge Wesen nun zwei oder drei Liebesverhältnisse des Forstmeisters zu
zerstören, indem es durch fast unbemerkbare Zwischenträgereien die Dinge
entstellte und verwirrte. Wenn er eine Schöne zu gewinnen im Begriffe war,
so erfand und verbreitete das verschlagene Kind unter der Hand ganz
unbefangen Züge und Tatsachen, woraus hervorzugehen schien, daß er
eigentlich die in Rede stehende Person gar nicht leiden könne, vielmehr
eine andere im Auge habe und überhaupt ein hinterlistiger und verstellter
Mensch sei. So wußte er wiederholt nicht, wie es kam, daß die, welche er
Page 169
liebte, sich plötzlich und mißtrauisch von ihm abwandte, während eine
andere, an die er nie gedacht, ihn unversehens mit ihrer Gunst beehrte und,
einmal im Zuge, nicht mehr nachließ, bis er mit ihr im Gerücht war. Dann
pflanzte er in Ungeduld und Verwirrung die eine wie die andere hin und
ergab sich auf kurze Zeit der Freiheit. Auf diese Weise verdarb ihm,
obgleich er ein schöner und tüchtiger Gesell war, alles, bis er an die nun
verstorbene Forstmeisterin geriet. Diese hielt ihn fest, da sie so ehrlich war
wie er selbst und alle Künste der kleinen Hexe waren vergeblich, ja sie
bemerkte dieselben nicht einmal, weil sie nur auf die Augen des Geliebten
sah. Hiefür war er ihr auch dankbar und treu geblieben und hielt sie für eine
teure Errungenschaft, so lang sie lebte.
Violande dagegen, als sie den Mann endlich versorgt sah, übte die
erworbenen Geschicklichkeiten, um sie nicht brach liegen zu lassen, nun
auch anderwärts aus, und je älter sie wurde, mit desto mehr Einsicht und
Erfolg, aber ohne Glück für sie selber; denn sie blieb unverheiratet und die
Männer, welche sie ihren Freundinnen abspenstig machte, wendeten sich
deswegen nicht zu ihr, da sie eher Haß und Verachtung für sie empfanden.
Da wandte sie sich dem Himmel zu und sagte, sie wolle eine Nonne
werden; doch überlegte sie sich das Ding noch in der letzten Stunde und trat
statt in ein Kloster in ein solches Ordenshaus, aus welchem sie allenfalls
wieder herausgehen, und sogar noch heiraten konnte. Sie verschwand nun
aus den Augen der Leute, da sie von einem Haus ins andere in
verschiedenen Städten herumzog und nirgends Ruhe fand. Plötzlich, als die
Forstmeisterin auf dem Krankenbette lag, erschien sie wieder in weltlicher
Tracht zu Seldwyla, und so fügte es sich, daß sie am Totenmahle dem
trauernden Witwer gegenübersaß.
Sie bezwang ihre Unruhe und sah manche Augenblicke bescheiden und
kindlich aus, und als die Frauen sich erhoben und unter sich umhergingen,
während die zechenden Männer am Tisch blieben, ging sie auf Küngolt zu,
küßte sie und schloß Freundschaft mit ihr. Das Mädchen fühlte sich geehrt
durch diese Annäherung einer halbgeistlichen Frau, die weit
herumgekommen war und voll Weltkenntnis schien; sie führten sogleich ein
langes und vertrautes Gespräch, als ob sie seit Jahren bekannt wären, und
beim allgemeinen Aufbruch bat Küngolt ihren Vater, er möchte Violanden
in sein Haus berufen, dasselbe zu besorgen, denn sie selbst fühle sich noch
zu jung und unerfahren dazu. Der Forstmeister, dessen Stimmung jetzt aus
andere, an die er nie gedacht, ihn unversehens mit ihrer Gunst beehrte und,
einmal im Zuge, nicht mehr nachließ, bis er mit ihr im Gerücht war. Dann
pflanzte er in Ungeduld und Verwirrung die eine wie die andere hin und
ergab sich auf kurze Zeit der Freiheit. Auf diese Weise verdarb ihm,
obgleich er ein schöner und tüchtiger Gesell war, alles, bis er an die nun
verstorbene Forstmeisterin geriet. Diese hielt ihn fest, da sie so ehrlich war
wie er selbst und alle Künste der kleinen Hexe waren vergeblich, ja sie
bemerkte dieselben nicht einmal, weil sie nur auf die Augen des Geliebten
sah. Hiefür war er ihr auch dankbar und treu geblieben und hielt sie für eine
teure Errungenschaft, so lang sie lebte.
Violande dagegen, als sie den Mann endlich versorgt sah, übte die
erworbenen Geschicklichkeiten, um sie nicht brach liegen zu lassen, nun
auch anderwärts aus, und je älter sie wurde, mit desto mehr Einsicht und
Erfolg, aber ohne Glück für sie selber; denn sie blieb unverheiratet und die
Männer, welche sie ihren Freundinnen abspenstig machte, wendeten sich
deswegen nicht zu ihr, da sie eher Haß und Verachtung für sie empfanden.
Da wandte sie sich dem Himmel zu und sagte, sie wolle eine Nonne
werden; doch überlegte sie sich das Ding noch in der letzten Stunde und trat
statt in ein Kloster in ein solches Ordenshaus, aus welchem sie allenfalls
wieder herausgehen, und sogar noch heiraten konnte. Sie verschwand nun
aus den Augen der Leute, da sie von einem Haus ins andere in
verschiedenen Städten herumzog und nirgends Ruhe fand. Plötzlich, als die
Forstmeisterin auf dem Krankenbette lag, erschien sie wieder in weltlicher
Tracht zu Seldwyla, und so fügte es sich, daß sie am Totenmahle dem
trauernden Witwer gegenübersaß.
Sie bezwang ihre Unruhe und sah manche Augenblicke bescheiden und
kindlich aus, und als die Frauen sich erhoben und unter sich umhergingen,
während die zechenden Männer am Tisch blieben, ging sie auf Küngolt zu,
küßte sie und schloß Freundschaft mit ihr. Das Mädchen fühlte sich geehrt
durch diese Annäherung einer halbgeistlichen Frau, die weit
herumgekommen war und voll Weltkenntnis schien; sie führten sogleich ein
langes und vertrautes Gespräch, als ob sie seit Jahren bekannt wären, und
beim allgemeinen Aufbruch bat Küngolt ihren Vater, er möchte Violanden
in sein Haus berufen, dasselbe zu besorgen, denn sie selbst fühle sich noch
zu jung und unerfahren dazu. Der Forstmeister, dessen Stimmung jetzt aus
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einer wunderbaren Mischung von Trauer und Weinlaune bestand und dessen
Gedanken weit abwesend bei der Toten waren, gab ohne weiteres
Nachdenken seine Zustimmung, obgleich er sich nicht viel aus der Base
machte und sie für eine schnurrige Person hielt.
Sie zog also in den nächsten Tagen ins Forsthaus und stellte sich mit
gutem Anstand und nicht ohne Rührung an dessen Herd, an welchem ihr
endlich, nach langem Irrsal, die Wünsche ihrer frühsten Jugend in ruhige
Erfüllung zu gehen schienen. Sie öffnete bescheiden die Schränke ihrer
Vorgängerin und sah das Linnen und die Vorräte wohlgeordnet und im
tiefen Frieden liegen; zierlich gereiht sah sie die Töpfe und die Kessel, die
Krüge und die Büchsen und lauschig hingen die Flachsbüschel unter dem
Dache. In diesem Frieden ließ sie alles ein paar Wochen bestehen; dann
aber begann sie allmählich die kleinen Töpfe zwischen die großen zu
stellen, die Leinwand durcheinander zu werfen, den Flachs zu zerzausen,
und bis sie damit zu Ende war, hatte sie auch die menschlichen Dinge im
Hause in beginnende Unordnung gebracht.
Da sie beabsichtigte, endlich doch noch des Forstmeisters Frau zu
werden, um sich wenigstens zu versorgen, so galt es vor allem, sein Kind
und den jungen Dietegen, deren Lage sie bald inne geworden, auseinander
zu bringen und für immer zu trennen. Denn sie dachte richtig, daß Dietegen,
wenn er das Mädchen zur Frau bekäme, als des Forstmeisters Nachfolger
im Hause bleiben und dieser, bei seiner Anhänglichkeit an seine tote Frau,
dann nicht mehr heiraten würde, was dagegen leichter geschehen dürfte,
wenn beide Kinder fort kämen und er sich in seinem Hause vereinsamt
sähe.
Wie nun Küngolt mit jedem Tage zusehends sich entwickelte und schöner
wurde, weckte sie in ihr das frühzeitige Bewußtsein dieser Schönheit und
den Geist einer wenn auch noch kindischen Buhlsucht, indem sie, ohne daß
es jemand merkte, das Mädchen mit wenigen Worten zu allen jungen
Leuten in ein befangenes Verhältnis zu bringen wußte, so daß das Kind
jeden drum ansehen lernte, ob er seine Schönheit auch fühle und anerkenne,
und hinwieder jeder vermeinte, er sei dem jungen hübschen Mädchen
besonders ins Auge gefallen.
Gedanken weit abwesend bei der Toten waren, gab ohne weiteres
Nachdenken seine Zustimmung, obgleich er sich nicht viel aus der Base
machte und sie für eine schnurrige Person hielt.
Sie zog also in den nächsten Tagen ins Forsthaus und stellte sich mit
gutem Anstand und nicht ohne Rührung an dessen Herd, an welchem ihr
endlich, nach langem Irrsal, die Wünsche ihrer frühsten Jugend in ruhige
Erfüllung zu gehen schienen. Sie öffnete bescheiden die Schränke ihrer
Vorgängerin und sah das Linnen und die Vorräte wohlgeordnet und im
tiefen Frieden liegen; zierlich gereiht sah sie die Töpfe und die Kessel, die
Krüge und die Büchsen und lauschig hingen die Flachsbüschel unter dem
Dache. In diesem Frieden ließ sie alles ein paar Wochen bestehen; dann
aber begann sie allmählich die kleinen Töpfe zwischen die großen zu
stellen, die Leinwand durcheinander zu werfen, den Flachs zu zerzausen,
und bis sie damit zu Ende war, hatte sie auch die menschlichen Dinge im
Hause in beginnende Unordnung gebracht.
Da sie beabsichtigte, endlich doch noch des Forstmeisters Frau zu
werden, um sich wenigstens zu versorgen, so galt es vor allem, sein Kind
und den jungen Dietegen, deren Lage sie bald inne geworden, auseinander
zu bringen und für immer zu trennen. Denn sie dachte richtig, daß Dietegen,
wenn er das Mädchen zur Frau bekäme, als des Forstmeisters Nachfolger
im Hause bleiben und dieser, bei seiner Anhänglichkeit an seine tote Frau,
dann nicht mehr heiraten würde, was dagegen leichter geschehen dürfte,
wenn beide Kinder fort kämen und er sich in seinem Hause vereinsamt
sähe.
Wie nun Küngolt mit jedem Tage zusehends sich entwickelte und schöner
wurde, weckte sie in ihr das frühzeitige Bewußtsein dieser Schönheit und
den Geist einer wenn auch noch kindischen Buhlsucht, indem sie, ohne daß
es jemand merkte, das Mädchen mit wenigen Worten zu allen jungen
Leuten in ein befangenes Verhältnis zu bringen wußte, so daß das Kind
jeden drum ansehen lernte, ob er seine Schönheit auch fühle und anerkenne,
und hinwieder jeder vermeinte, er sei dem jungen hübschen Mädchen
besonders ins Auge gefallen.
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Dann zog Violande noch andere junge Frauenzimmer herbei, daß da öfter
gute Kompanie beisammen war und unter ihrer Führung immer gelinde
courtoisiert wurde.
So kam es, daß Küngolt, noch ehe sie völlig sechzehn Jahre zählte, schon
einen Kreis unruhiger Gemüter um sich versammelt sah.
Es gab allerlei kleine und größere Festlichkeiten, Geschichtchen,
Streitigkeiten, Geräusch und Gesang, und wie es zu gehen pflegt, machten
sich vorwitzige oder törichte Leutchen unangenehm und wurden dabei am
ehesten gelitten.
Hierüber wurde Dietegen nicht glücklich. Im Anfang sah er mit einer
gewissen scheuen Wehmut zu, welche heranwachsenden Jünglingen nicht
sonderlich geschickt ansteht; als aber die Gesellschaft davon eher belustigt
als gerührt schien und Küngolt selbst es kalt beachtete, wollte er sich gegen
solche Unlust mit linkischem Schmollen und Trotz erwehren. Allein das
brachte ihn noch weniger auf einen grünen Zweig und endigte damit, daß er
eines Tages zu bemerken glaubte, wie Küngolt allein in einem Kreise von
spöttisch aussehenden Jünglingen saß und mit Wohlgefallen die Mißreden
mit anhörte, die sie offenbar über ihn führten.
Da wendete er sich ab und mied von nun an schweigend die Gesellschaft.
Er war ohnehin in das Alter getreten, in welchem die kräftigeren Knaben
sich wehrbar zu machen begannen. Auf dem Grundstücke der Försterei
ruhte von alters her die Verpflichtung zum Bereithalten von drei oder vier
Mannsrüstungen, und der Forstmeister hatte immer darauf gesehen, eigene
Leute dazu stellen zu können. Mit Wohlgefallen fand er, daß Dietegen,
schlank und wohlgebaut aufwachsend, bald in einen zierlichen Harnisch
taugen würde, in dem er einst seinen eigenen Sohn zu erblicken gehofft
hatte.
So ging denn Dietegen mit andern jungen Knechten an den langen
Winterabenden in die Fechtschule, wo er die kürzeren Waffen führen lernte
nach heimischer Kriegsart; und im Frühjahr, den Sommer hindurch, weilte
er manchen Sonn- und Feiertag auf dem weiten Felde oder in
Waldlichtungen, wenn die Jünglinge sich im behenden Marsch und im
festgeschlossenen Vordrange übten, an ihren langen Spießen über breite
gute Kompanie beisammen war und unter ihrer Führung immer gelinde
courtoisiert wurde.
So kam es, daß Küngolt, noch ehe sie völlig sechzehn Jahre zählte, schon
einen Kreis unruhiger Gemüter um sich versammelt sah.
Es gab allerlei kleine und größere Festlichkeiten, Geschichtchen,
Streitigkeiten, Geräusch und Gesang, und wie es zu gehen pflegt, machten
sich vorwitzige oder törichte Leutchen unangenehm und wurden dabei am
ehesten gelitten.
Hierüber wurde Dietegen nicht glücklich. Im Anfang sah er mit einer
gewissen scheuen Wehmut zu, welche heranwachsenden Jünglingen nicht
sonderlich geschickt ansteht; als aber die Gesellschaft davon eher belustigt
als gerührt schien und Küngolt selbst es kalt beachtete, wollte er sich gegen
solche Unlust mit linkischem Schmollen und Trotz erwehren. Allein das
brachte ihn noch weniger auf einen grünen Zweig und endigte damit, daß er
eines Tages zu bemerken glaubte, wie Küngolt allein in einem Kreise von
spöttisch aussehenden Jünglingen saß und mit Wohlgefallen die Mißreden
mit anhörte, die sie offenbar über ihn führten.
Da wendete er sich ab und mied von nun an schweigend die Gesellschaft.
Er war ohnehin in das Alter getreten, in welchem die kräftigeren Knaben
sich wehrbar zu machen begannen. Auf dem Grundstücke der Försterei
ruhte von alters her die Verpflichtung zum Bereithalten von drei oder vier
Mannsrüstungen, und der Forstmeister hatte immer darauf gesehen, eigene
Leute dazu stellen zu können. Mit Wohlgefallen fand er, daß Dietegen,
schlank und wohlgebaut aufwachsend, bald in einen zierlichen Harnisch
taugen würde, in dem er einst seinen eigenen Sohn zu erblicken gehofft
hatte.
So ging denn Dietegen mit andern jungen Knechten an den langen
Winterabenden in die Fechtschule, wo er die kürzeren Waffen führen lernte
nach heimischer Kriegsart; und im Frühjahr, den Sommer hindurch, weilte
er manchen Sonn- und Feiertag auf dem weiten Felde oder in
Waldlichtungen, wenn die Jünglinge sich im behenden Marsch und im
festgeschlossenen Vordrange übten, an ihren langen Spießen über breite
Page 172
Gräben setzten und die Körper in jeder Weise sich dienstbar machten, oder
endlich der Kunst der Büchsenschützen oblagen.
Da durch alles dies das Leben im Hause sich änderte und besonders das
weibliche Treiben ihn störte, ohne daß er recht beachtete, wie es eigentlich
damit beschaffen war, so nahm seinerseits der Forstmeister öfter, als zu
Lebzeiten seiner Frau geschehen, den Weg in die Trinkstuben seiner
Stadtgenossen. Fern von der kindischen Torheit des Hauses lag er der
reiferen Torheit der Männer ob und trug sein Haupt zuweilen beladen, aber
immer aufrecht den Forst hinan, wenn die Mitternachtsglocke verhallte.
So gingen die Dinge ihre verschiedenen Wege und die Zeit vorüber, bis
an einem sonnenhellen Johannistage allerlei Geschicke sich zu erfüllen
begannen.
Der Forstmeister ging in die Stadt auf seine Zunft, welche ihr Hauptgebot
mit großem Jahresschmaus abhielt, und er gedachte, bis in die Nacht zu
zechen.
Dietegen ging zeitig ins Schützenhaus, da er einmal einen langen
Sommertag hindurch nach Herzenslust schießen wollte. Die übrigen
Knechte gingen auch ihres Weges, der eine über Land zu den Seinigen, der
andere zum Tanz mit seinem Schatz, der dritte auf einen Markt, um sich
Tuch für Gewand zu erstehen, oder ein paar neue Schuhe.
So saßen nun die Frauen allein im Forsthause, einerseits wenig erbaut
über die schnöde Art, wie die Männer an diesem Freudentage alle
davongegangen, ohne sich zu kümmern, wie jene ihre Zeit vertreiben
sollten, anderseits aber äugelten sie in das webende Sonnenlicht hinaus und
spähten, wie sie sich auch eine Lustbarkeit schaffen möchten.
Zunächst fingen sie an, Kuchen zu backen und allerhand Süßwerk zu
bereiten; auch brauten sie einen großen, gewürzten Wein für alle Fälle und
um den heimkehrenden Männern einen Nachttrunk bieten zu können, wie
sie meinten. Dann kleideten sie sich feiertäglich und schmückten sich mit
Blumen, während andere Jungfräulein, die sie zu einer Frauenlust hatten
entbieten lassen, eins nach dem andern ebenso geschmückt herankamen,
und auch das letzte Dienstmägdlein im Hause geputzt und fröhlich dreinsah.
endlich der Kunst der Büchsenschützen oblagen.
Da durch alles dies das Leben im Hause sich änderte und besonders das
weibliche Treiben ihn störte, ohne daß er recht beachtete, wie es eigentlich
damit beschaffen war, so nahm seinerseits der Forstmeister öfter, als zu
Lebzeiten seiner Frau geschehen, den Weg in die Trinkstuben seiner
Stadtgenossen. Fern von der kindischen Torheit des Hauses lag er der
reiferen Torheit der Männer ob und trug sein Haupt zuweilen beladen, aber
immer aufrecht den Forst hinan, wenn die Mitternachtsglocke verhallte.
So gingen die Dinge ihre verschiedenen Wege und die Zeit vorüber, bis
an einem sonnenhellen Johannistage allerlei Geschicke sich zu erfüllen
begannen.
Der Forstmeister ging in die Stadt auf seine Zunft, welche ihr Hauptgebot
mit großem Jahresschmaus abhielt, und er gedachte, bis in die Nacht zu
zechen.
Dietegen ging zeitig ins Schützenhaus, da er einmal einen langen
Sommertag hindurch nach Herzenslust schießen wollte. Die übrigen
Knechte gingen auch ihres Weges, der eine über Land zu den Seinigen, der
andere zum Tanz mit seinem Schatz, der dritte auf einen Markt, um sich
Tuch für Gewand zu erstehen, oder ein paar neue Schuhe.
So saßen nun die Frauen allein im Forsthause, einerseits wenig erbaut
über die schnöde Art, wie die Männer an diesem Freudentage alle
davongegangen, ohne sich zu kümmern, wie jene ihre Zeit vertreiben
sollten, anderseits aber äugelten sie in das webende Sonnenlicht hinaus und
spähten, wie sie sich auch eine Lustbarkeit schaffen möchten.
Zunächst fingen sie an, Kuchen zu backen und allerhand Süßwerk zu
bereiten; auch brauten sie einen großen, gewürzten Wein für alle Fälle und
um den heimkehrenden Männern einen Nachttrunk bieten zu können, wie
sie meinten. Dann kleideten sie sich feiertäglich und schmückten sich mit
Blumen, während andere Jungfräulein, die sie zu einer Frauenlust hatten
entbieten lassen, eins nach dem andern ebenso geschmückt herankamen,
und auch das letzte Dienstmägdlein im Hause geputzt und fröhlich dreinsah.
Page 173
Unter schönen Lindenbäumen, die vor dem Forsthause standen, war der
Tisch gedeckt, als der Abend nahte und goldenes Licht über der Stadt und
dem Tale ruhte.
Da saßen nun die Frauen um den Tisch gereiht, taten sich gütlich und
sangen bald mit wohlklingenden Stimmen vielstrophige Lieder mit
sehnsüchtigem Ton, von Liebesglück und Herzeleid, von den zwei
Königskindern oder »Es spielt ein Ritter mit einer Maid« und dergleichen.
Der Gesang tönte lockend ins Land hinaus; die Vögel in den Linden und im
nahen Walde, die erst ein wenig zugehört, sangen wetteifernd mit. Aber
bald ließ sich noch ein dritter Chor vernehmen, indem vom Berge her
Geigen und Pfeifen erklangen, vermischt mit Männerstimmen. Ein Trupp
Jünglinge war von Ruechenstein herübergekommen, trat jetzt aus dem
Holze hervor und beschritt den Weg, der mitten durch die Försterei in das
Tal führte, ein paar Spielleute an der Spitze. Es war der Sohn des
Schultheißen von Ruechenstein, ein halbwegs fröhlicher Gesell, der aus der
Art schlug; von der Schule nach Hause gekehrt, hatte der einige wilde
Studenten mitgebracht, worunter ein paar geistliche Schüler und dabei auch
ein junger Mönch, sowie Hans Schafürli, der Ratsschreiber von
Ruechenstein, eine buckelige, gebogene Gestalt mit einem langen Degen,
der letzte im Zuge, da sie wegen der Schmalheit des Weges einer hinter dem
andern daherkamen.
Als sie jedoch der sangbaren Frauen ansichtig wurden, stellten sie die
eigene Musik ein und schienen das Ende des Liedes abwarten zu wollen,
welches jene sangen. Indessen verstummten die Frauen ebenfalls; sie waren
überrascht und lächelten zugleich erwartungsvoll den Dingen entgegen, die
jetzt geschehen würden. Violande zeigte sich nicht betroffen, sondern trat
auf den Schultheißensohn zu, welcher sie höflich begrüßte und erklärte, wie
er mit seinen Freunden einen kurzweiligen Besuch in der fröhlichen
Nachbarstadt habe machen wollen, um den Johannistag nicht allzu trostlos
zu verleben, wie nun aber hier noch ein schönerer Aufenthalt winke, sofern
es gestattet sei, den Jungfrauen einen ehrbaren Tanz anzubieten.
In weniger als drei Minuten war die Angelegenheit geordnet, und sie
tanzten alle auf dem großen Flur des Forsthauses, Küngolt mit dem
Schultheißensohn, Violande mit dem Mönch und die übrigen mit den
Schülern; aber am gewandtsten und leidenschaftlichsten tummelte sich der
Tisch gedeckt, als der Abend nahte und goldenes Licht über der Stadt und
dem Tale ruhte.
Da saßen nun die Frauen um den Tisch gereiht, taten sich gütlich und
sangen bald mit wohlklingenden Stimmen vielstrophige Lieder mit
sehnsüchtigem Ton, von Liebesglück und Herzeleid, von den zwei
Königskindern oder »Es spielt ein Ritter mit einer Maid« und dergleichen.
Der Gesang tönte lockend ins Land hinaus; die Vögel in den Linden und im
nahen Walde, die erst ein wenig zugehört, sangen wetteifernd mit. Aber
bald ließ sich noch ein dritter Chor vernehmen, indem vom Berge her
Geigen und Pfeifen erklangen, vermischt mit Männerstimmen. Ein Trupp
Jünglinge war von Ruechenstein herübergekommen, trat jetzt aus dem
Holze hervor und beschritt den Weg, der mitten durch die Försterei in das
Tal führte, ein paar Spielleute an der Spitze. Es war der Sohn des
Schultheißen von Ruechenstein, ein halbwegs fröhlicher Gesell, der aus der
Art schlug; von der Schule nach Hause gekehrt, hatte der einige wilde
Studenten mitgebracht, worunter ein paar geistliche Schüler und dabei auch
ein junger Mönch, sowie Hans Schafürli, der Ratsschreiber von
Ruechenstein, eine buckelige, gebogene Gestalt mit einem langen Degen,
der letzte im Zuge, da sie wegen der Schmalheit des Weges einer hinter dem
andern daherkamen.
Als sie jedoch der sangbaren Frauen ansichtig wurden, stellten sie die
eigene Musik ein und schienen das Ende des Liedes abwarten zu wollen,
welches jene sangen. Indessen verstummten die Frauen ebenfalls; sie waren
überrascht und lächelten zugleich erwartungsvoll den Dingen entgegen, die
jetzt geschehen würden. Violande zeigte sich nicht betroffen, sondern trat
auf den Schultheißensohn zu, welcher sie höflich begrüßte und erklärte, wie
er mit seinen Freunden einen kurzweiligen Besuch in der fröhlichen
Nachbarstadt habe machen wollen, um den Johannistag nicht allzu trostlos
zu verleben, wie nun aber hier noch ein schönerer Aufenthalt winke, sofern
es gestattet sei, den Jungfrauen einen ehrbaren Tanz anzubieten.
In weniger als drei Minuten war die Angelegenheit geordnet, und sie
tanzten alle auf dem großen Flur des Forsthauses, Küngolt mit dem
Schultheißensohn, Violande mit dem Mönch und die übrigen mit den
Schülern; aber am gewandtsten und leidenschaftlichsten tummelte sich der
Page 174
Ratsschreiber herum, der trotz seines Buckels mit seinen Beinen weiter
ausgriff als alle andern, da sie gleich unter dem Kinn schon sich zu spalten
schienen.
Küngolt war nicht froh und wußte nicht, was ihr fehlte. Als daher
Violande ihr zuflüsterte, sie sollte es auf das Schultheißenkind absehen,
damit sie Schultheißin von Ruechenstein würde, blieb sie kalt und
teilnahmlos, bis sie plötzlich den Buckligen mit seinem gewaltigen Tanzen
sah und hoch auflachte. Sie begehrte sofort mit ihm zu tanzen, und es sah
aus wie ein Märchen, als ihre schöne Gestalt in grünem Kleide und das
Haupt mit dunkelroten Rosen geschmückt am Arme des spukhaften
Schreibers dahinflog, der seinen Höcker in Scharlach gehüllt trug.
Doch unversehens änderte sie ihre Laune und sie geriet an den Mönch,
von diesem an einen der Studenten, und eh’ eine halbe Stunde vergangen,
hatte sie mit allen anwesenden jungen Männern sich gedreht, so daß alle
seltsam aufgeregt die Blicke an ihr haften ließen, indessen die übrigen
Frauen allmählich auch wieder zu den Ihrigen zu kommen suchten. Damit
das geschehe, rief Violande die Gesellschaft zum Tische unter den Linden,
um sich dort auszuruhen und zu erquicken, indem je ein Jüngling neben
eine Jungfer zu sitzen kam und Küngolt zu dem Schultheißensohn.
Küngolt aber war von einer Sehnsucht gequält, alle diese Jünglinge sich
unterworfen zu sehen. Sie rief, sie wolle die Schenkin sein, und eilte ins
Haus, noch mehr Wein zu holen. Dort schlich sie schnell in Violandes
Kammer und suchte etwas in deren Kleidertruhe. Violande hatte ihr einst im
geheimen ein kleines Fläschchen gezeigt und anvertraut, das sei ein
Philtrum oder Liebestrank, »Gang mir nach« genannt; wer es von der Hand
einer Weibsperson zu trinken bekomme, der sei derselbigen ohne Gnade
verfallen und müsse ihr nachgehen. Es sei in dem Fläschlein zwar nicht das
starke und gefährlichere Gift Hippomanes, aus dem Stirngewächs eines
erstgebornen Füllens gebraut, sondern das Tränklein sei aus den Gebeinlein
eines grünen Frosches gemacht, welcher in einen Ameisenhaufen gelegt
und von diesen zernagt und zierlich präpariert worden sei. Aber es sei
immerhin noch stark genug, um einem halben Dutzend unbotmäßiger
Männer die Köpfe zu verdrehen. Sie habe das Fläschlein von einer Nonne
geschenkt bekommen, deren Geliebter vor der Anwendung plötzlich an der
Pest gestorben, so daß sie entsagend ins Kloster gegangen sei. Violande
ausgriff als alle andern, da sie gleich unter dem Kinn schon sich zu spalten
schienen.
Küngolt war nicht froh und wußte nicht, was ihr fehlte. Als daher
Violande ihr zuflüsterte, sie sollte es auf das Schultheißenkind absehen,
damit sie Schultheißin von Ruechenstein würde, blieb sie kalt und
teilnahmlos, bis sie plötzlich den Buckligen mit seinem gewaltigen Tanzen
sah und hoch auflachte. Sie begehrte sofort mit ihm zu tanzen, und es sah
aus wie ein Märchen, als ihre schöne Gestalt in grünem Kleide und das
Haupt mit dunkelroten Rosen geschmückt am Arme des spukhaften
Schreibers dahinflog, der seinen Höcker in Scharlach gehüllt trug.
Doch unversehens änderte sie ihre Laune und sie geriet an den Mönch,
von diesem an einen der Studenten, und eh’ eine halbe Stunde vergangen,
hatte sie mit allen anwesenden jungen Männern sich gedreht, so daß alle
seltsam aufgeregt die Blicke an ihr haften ließen, indessen die übrigen
Frauen allmählich auch wieder zu den Ihrigen zu kommen suchten. Damit
das geschehe, rief Violande die Gesellschaft zum Tische unter den Linden,
um sich dort auszuruhen und zu erquicken, indem je ein Jüngling neben
eine Jungfer zu sitzen kam und Küngolt zu dem Schultheißensohn.
Küngolt aber war von einer Sehnsucht gequält, alle diese Jünglinge sich
unterworfen zu sehen. Sie rief, sie wolle die Schenkin sein, und eilte ins
Haus, noch mehr Wein zu holen. Dort schlich sie schnell in Violandes
Kammer und suchte etwas in deren Kleidertruhe. Violande hatte ihr einst im
geheimen ein kleines Fläschchen gezeigt und anvertraut, das sei ein
Philtrum oder Liebestrank, »Gang mir nach« genannt; wer es von der Hand
einer Weibsperson zu trinken bekomme, der sei derselbigen ohne Gnade
verfallen und müsse ihr nachgehen. Es sei in dem Fläschlein zwar nicht das
starke und gefährlichere Gift Hippomanes, aus dem Stirngewächs eines
erstgebornen Füllens gebraut, sondern das Tränklein sei aus den Gebeinlein
eines grünen Frosches gemacht, welcher in einen Ameisenhaufen gelegt
und von diesen zernagt und zierlich präpariert worden sei. Aber es sei
immerhin noch stark genug, um einem halben Dutzend unbotmäßiger
Männer die Köpfe zu verdrehen. Sie habe das Fläschlein von einer Nonne
geschenkt bekommen, deren Geliebter vor der Anwendung plötzlich an der
Pest gestorben, so daß sie entsagend ins Kloster gegangen sei. Violande
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selbst getraue sich weder dasselbe zu gebrauchen, noch es wegzuwerfen,
weil hieraus ein unbekanntes Unheil entstehen könnte.
Dieses Fläschchen fand Küngolt und goß seinen Inhalt schnell und
verstohlen in eine frische Kanne Wein, mit welcher sie klopfenden Herzens
hinauseilte. Sie hieß die Jünglinge alle ihre Gläser leeren, weil sie ihnen
einen neuen süßen Trunk einschenken wolle, und sie wußte es so
einzurichten, daß in dem Kruge nichts übrig blieb, nachdem sie alle Gläser
der Männer gefüllt und jedem nachträglich etwas zugegossen hatte,
während sie ihn wie ein Wetterleuchten süß und schalkhaft anblickte.
In diesen gleichmäßig und unparteiisch verteilten Blicken lag das
Zaubergift, welches nebst dem starken Wein jetzt die Knaben betörte, daß
alle voll Verblendung und Leidenschaft das glänzende Mädchen umwarben
mit jener Selbstsucht, welche sich allaugenblicklich stets dahin wendet, wo
sie ein von anderen gewünschtes oder allgemein erstrebtes Gut locken sieht.
Alle ließen die übrigen Frauen stehen, welche blaß aus Ärger vor sich
niedersahen oder ihre Verlegenheit unter lautem Geplauder zu verbergen
suchten. Selbst der Mönch ließ plötzlich ein braunes Dienstmägdlein
fahren, das er soeben kosend umfangen hatte, und Schafürli, der
Ratsschreiber, drängte sich mit einem langen Schritte vor den
Schultheißensohn, der die Küngolt sponsierend an der Hand hielt.
Diese aber ließ keinen auskommen; kalt wie Eis gegen jeden einzelnen in
ihrem Herzen, wußte sie wie eine Schlange sich unter ihnen umzutun, und
als sie sah, daß sie alle umstrickt hielt, selbst die anderen Frauen wieder
freundlich zu machen und herbeizulocken.
Es war nun dunkel geworden. Die Sterne funkelten am Himmel und die
Mondsichel stand über dem Walde, erbleichte jedoch bald hinter einem
hellen Johannisfeuer, das von einer Anhöhe aufflammte, vom jungen
Landvolke angezündet.
»Laßt uns zum Feuer gehen!« rief Küngolt, »der Weg ist kurz und
lieblich durch den Wald! Aber wie es sich geziemt, die Frauen voran und
die Knaben hinten drein!« So geschah es und sie zogen mit angezündeten
Kienfackeln durch den Wald mit lautem Gesange.
weil hieraus ein unbekanntes Unheil entstehen könnte.
Dieses Fläschchen fand Küngolt und goß seinen Inhalt schnell und
verstohlen in eine frische Kanne Wein, mit welcher sie klopfenden Herzens
hinauseilte. Sie hieß die Jünglinge alle ihre Gläser leeren, weil sie ihnen
einen neuen süßen Trunk einschenken wolle, und sie wußte es so
einzurichten, daß in dem Kruge nichts übrig blieb, nachdem sie alle Gläser
der Männer gefüllt und jedem nachträglich etwas zugegossen hatte,
während sie ihn wie ein Wetterleuchten süß und schalkhaft anblickte.
In diesen gleichmäßig und unparteiisch verteilten Blicken lag das
Zaubergift, welches nebst dem starken Wein jetzt die Knaben betörte, daß
alle voll Verblendung und Leidenschaft das glänzende Mädchen umwarben
mit jener Selbstsucht, welche sich allaugenblicklich stets dahin wendet, wo
sie ein von anderen gewünschtes oder allgemein erstrebtes Gut locken sieht.
Alle ließen die übrigen Frauen stehen, welche blaß aus Ärger vor sich
niedersahen oder ihre Verlegenheit unter lautem Geplauder zu verbergen
suchten. Selbst der Mönch ließ plötzlich ein braunes Dienstmägdlein
fahren, das er soeben kosend umfangen hatte, und Schafürli, der
Ratsschreiber, drängte sich mit einem langen Schritte vor den
Schultheißensohn, der die Küngolt sponsierend an der Hand hielt.
Diese aber ließ keinen auskommen; kalt wie Eis gegen jeden einzelnen in
ihrem Herzen, wußte sie wie eine Schlange sich unter ihnen umzutun, und
als sie sah, daß sie alle umstrickt hielt, selbst die anderen Frauen wieder
freundlich zu machen und herbeizulocken.
Es war nun dunkel geworden. Die Sterne funkelten am Himmel und die
Mondsichel stand über dem Walde, erbleichte jedoch bald hinter einem
hellen Johannisfeuer, das von einer Anhöhe aufflammte, vom jungen
Landvolke angezündet.
»Laßt uns zum Feuer gehen!« rief Küngolt, »der Weg ist kurz und
lieblich durch den Wald! Aber wie es sich geziemt, die Frauen voran und
die Knaben hinten drein!« So geschah es und sie zogen mit angezündeten
Kienfackeln durch den Wald mit lautem Gesange.
Page 176
Nur Violande blieb zurück, das Haus zu hüten und den Forstmeister zu
erwarten; denn auch sie gedachte heute ihren Fang zu tun. Es dauerte auch
nicht lange, bis er ankam, in starker Stimmung und mit umflorten Sinnen.
Als er die Tische unter den Linden sah, setzte er sich hin und verlangte
wohlgelaunt einen Schlaftrunk von Violanden, die ihm denselben
davoneilend zu bereiten ging.
Aber auch sie schlüpfte vorher schnell in ihre Kammer hinauf, das lang
gehütete Fläschlein mit dem »Gang mir nach« zu holen, und sie fand es
nicht. Sie konnte es auch auf dem Wege nicht finden, den sie verlegen und
sinnend zurückkam; denn dort wo es Küngolt hastig und achtlos
hingeworfen, hatte es bereits das vom Mönche zur Seite gestellte Mägdlein
aufgehoben, das sich grollend ins Haus zurückgezogen.
Doch Violande besann sich nicht lange. Sie machte den Trank umso
süßer und stärker und gesellte sich, als er ihn trank, nahe zum Forstmeister.
Es strömte ein zärtlich-trautes Wesen von ihr aus; auch trug sie ein
blaßgelbes Kleid, das überall rot eingefaßt war und ihr untadelig weißes
Fell, wie man damals sagte, am Halse wohl sehen ließ. Die Blumen hatte
sie aus dem Haar getan, um nicht kindisch zu erscheinen, und sie wand ihre
starken dunkeln Zöpfe frisch um den Kopf.
»Ei Base,« sagte der Forstmeister, als er sie über den Becher weg von
ungefähr erblickt hatte, ganz nah bei ihm, »wie seht Ihr gut aus!«
Da lächelte sie wie selig und sah ihn mit süß funkelnden Augen
unverhohlen an, indem sie sagte: »Gefall’ ich Euch endlich und so spät?
Wenn Ihr wüßtet, wie gern ich Euch schon gesehen habe, als ich noch ein
Kind war!«
Das ging dem guten Mann ein, stärker als ein Liebestrank von
Froschbeinchen; wunderliche Vorstellungen, eine dunkle Erinnerung an ein
schönes Mädchenkind zogen durch seine Sinne, während das Kind jetzt als
lange schön bleibende Weibesgestalt in Lebensreife bei ihm war, wie aus
weiter Ferne unversehens herangetreten. Sein großmütiges Herz stieg in das
aufgeregte Hirn empor und schaffte dort in aller Eile an allerlei Bildwerk
herum. Violande erschien ihm plötzlich als eine durch Leiden und viele
Erfahrung höchst wertvoll gewordene Person, mit der man ein bedeutendes
und geheimnisreiches Stück Leben in die Arme schlösse und welcher
erwarten; denn auch sie gedachte heute ihren Fang zu tun. Es dauerte auch
nicht lange, bis er ankam, in starker Stimmung und mit umflorten Sinnen.
Als er die Tische unter den Linden sah, setzte er sich hin und verlangte
wohlgelaunt einen Schlaftrunk von Violanden, die ihm denselben
davoneilend zu bereiten ging.
Aber auch sie schlüpfte vorher schnell in ihre Kammer hinauf, das lang
gehütete Fläschlein mit dem »Gang mir nach« zu holen, und sie fand es
nicht. Sie konnte es auch auf dem Wege nicht finden, den sie verlegen und
sinnend zurückkam; denn dort wo es Küngolt hastig und achtlos
hingeworfen, hatte es bereits das vom Mönche zur Seite gestellte Mägdlein
aufgehoben, das sich grollend ins Haus zurückgezogen.
Doch Violande besann sich nicht lange. Sie machte den Trank umso
süßer und stärker und gesellte sich, als er ihn trank, nahe zum Forstmeister.
Es strömte ein zärtlich-trautes Wesen von ihr aus; auch trug sie ein
blaßgelbes Kleid, das überall rot eingefaßt war und ihr untadelig weißes
Fell, wie man damals sagte, am Halse wohl sehen ließ. Die Blumen hatte
sie aus dem Haar getan, um nicht kindisch zu erscheinen, und sie wand ihre
starken dunkeln Zöpfe frisch um den Kopf.
»Ei Base,« sagte der Forstmeister, als er sie über den Becher weg von
ungefähr erblickt hatte, ganz nah bei ihm, »wie seht Ihr gut aus!«
Da lächelte sie wie selig und sah ihn mit süß funkelnden Augen
unverhohlen an, indem sie sagte: »Gefall’ ich Euch endlich und so spät?
Wenn Ihr wüßtet, wie gern ich Euch schon gesehen habe, als ich noch ein
Kind war!«
Das ging dem guten Mann ein, stärker als ein Liebestrank von
Froschbeinchen; wunderliche Vorstellungen, eine dunkle Erinnerung an ein
schönes Mädchenkind zogen durch seine Sinne, während das Kind jetzt als
lange schön bleibende Weibesgestalt in Lebensreife bei ihm war, wie aus
weiter Ferne unversehens herangetreten. Sein großmütiges Herz stieg in das
aufgeregte Hirn empor und schaffte dort in aller Eile an allerlei Bildwerk
herum. Violande erschien ihm plötzlich als eine durch Leiden und viele
Erfahrung höchst wertvoll gewordene Person, mit der man ein bedeutendes
und geheimnisreiches Stück Leben in die Arme schlösse und welcher
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Heimat und Ruhe zu geben dem Schenker selbst ein goldenes Gut verleihen
würde.
Er nahm ihre Hand, streichelte ihr die Wangen und sagte: »Wir sind nicht
alt, Violande, liebe Base! Wollt Ihr noch meine Frau werden?« Und da sie
ihm die Hand ließ und sich näher zu ihm neigte, von wirklicher
Glückesgüte erglänzend, machte er den Brautring seiner ersten Frau, den er
seit ihrem Tode an einer Verzierung seines Dolchgriffes trug, los und steckte
das Kleinod an Violandes Finger. Sie drückte ihr Gesicht in sein breites
blondgraues Löwenantlitz, sie umfingen und küßten sich zärtlich unter den
rauschenden Nachtlinden, und der kluge Mann glaubte den Stein der
Weisen gefunden zu haben.
In diesem Augenblicke kam Dietegen mit seinen Waffen nach Hause. Da
er quer über den Rasen daherging, hörten ihn die Kosenden nicht und er
schaute in höchster Betroffenheit, was er da vor sich sah. Beschämt und
errötend zog er sich so still als möglich zurück und umging das Haus, um
die hintere Tür zu gewinnen. Dort aber hörte er mit einemmal vom Walde
her ein lautes Schreien und Rufen, wie wenn Menschen in Streit oder
Gefahr wären. Ohne Zögern ging Dietegen dem Lärmen nach. Bald fand er
die so fröhlich ausgezogene Gesellschaft in schrecklichem Zustande. Von
Wein und allgemeiner Eifersucht toll geworden, waren die jungen Männer
auf dem Rückwege vom Johannisfeuer, als sie mit den Weibern vermischt
gingen, hintereinander geraten und hatten sich mit ihren Dolchen
angegriffen, so daß mehr als einer blutete. Gerade aber, als Dietegen ankam,
hatte der krumme Ratsschreiber wütend den jungen Schultheißen mit
seinem Degen niedergestochen, der, gleichfalls das Schwert in der Hand, im
grünen Kraute lag und eben den Geist aufgab, während die übrigen sich
schön paarweise noch an den Gurgeln gepackt hielten und die Weiber
entsetzt um Hilfe schrieen, mit Ausnahme Küngolts, die totenblaß aber
neugierig und mit offenem Munde in das schreckhafte Schauspiel starrte.
»Küngolt, was ist das?« sagte Dietegen zu ihr, als er sie rasch erblickt; es
war das erste Wort, das er seit langem an sie gerichtet. Sie zuckte
zusammen, sah ihn aber wie erleichtert an. Doch sprang er jetzt ohne
Aufenthalt unter die Streitenden und es gelang ihm mit einigen kräftigen
Anstrengungen, die tollen Jünglinge auseinander zu bringen und ihnen den
Toten zu zeigen, worauf sie stracks die Arme sinken ließen und ganz
würde.
Er nahm ihre Hand, streichelte ihr die Wangen und sagte: »Wir sind nicht
alt, Violande, liebe Base! Wollt Ihr noch meine Frau werden?« Und da sie
ihm die Hand ließ und sich näher zu ihm neigte, von wirklicher
Glückesgüte erglänzend, machte er den Brautring seiner ersten Frau, den er
seit ihrem Tode an einer Verzierung seines Dolchgriffes trug, los und steckte
das Kleinod an Violandes Finger. Sie drückte ihr Gesicht in sein breites
blondgraues Löwenantlitz, sie umfingen und küßten sich zärtlich unter den
rauschenden Nachtlinden, und der kluge Mann glaubte den Stein der
Weisen gefunden zu haben.
In diesem Augenblicke kam Dietegen mit seinen Waffen nach Hause. Da
er quer über den Rasen daherging, hörten ihn die Kosenden nicht und er
schaute in höchster Betroffenheit, was er da vor sich sah. Beschämt und
errötend zog er sich so still als möglich zurück und umging das Haus, um
die hintere Tür zu gewinnen. Dort aber hörte er mit einemmal vom Walde
her ein lautes Schreien und Rufen, wie wenn Menschen in Streit oder
Gefahr wären. Ohne Zögern ging Dietegen dem Lärmen nach. Bald fand er
die so fröhlich ausgezogene Gesellschaft in schrecklichem Zustande. Von
Wein und allgemeiner Eifersucht toll geworden, waren die jungen Männer
auf dem Rückwege vom Johannisfeuer, als sie mit den Weibern vermischt
gingen, hintereinander geraten und hatten sich mit ihren Dolchen
angegriffen, so daß mehr als einer blutete. Gerade aber, als Dietegen ankam,
hatte der krumme Ratsschreiber wütend den jungen Schultheißen mit
seinem Degen niedergestochen, der, gleichfalls das Schwert in der Hand, im
grünen Kraute lag und eben den Geist aufgab, während die übrigen sich
schön paarweise noch an den Gurgeln gepackt hielten und die Weiber
entsetzt um Hilfe schrieen, mit Ausnahme Küngolts, die totenblaß aber
neugierig und mit offenem Munde in das schreckhafte Schauspiel starrte.
»Küngolt, was ist das?« sagte Dietegen zu ihr, als er sie rasch erblickt; es
war das erste Wort, das er seit langem an sie gerichtet. Sie zuckte
zusammen, sah ihn aber wie erleichtert an. Doch sprang er jetzt ohne
Aufenthalt unter die Streitenden und es gelang ihm mit einigen kräftigen
Anstrengungen, die tollen Jünglinge auseinander zu bringen und ihnen den
Toten zu zeigen, worauf sie stracks die Arme sinken ließen und ganz
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vernichtet bald auf die Leiche, bald auf den grimmigen Schafürli schauten,
der wie wahnsinnig um sich stierte.
Inzwischen waren Bauern und auch die heimkehrenden Knechte
herbeigekommen, welche die Ruechensteiner einstweilen gefangen nahmen
und den Schafürli banden.
Das war nun ein schlimmer Morgen, der darauf folgte. Der Forstmeister
war mit der bösen Violande verlobt, sein Kopf summte sehr unleidig, ein
toter Ruechensteiner lag im Hause, die andern waren eingetürmt, und eh’ es
Mittag war, erschien eine Abordnung aus Ruechenstein mit dem alten
Schultheißen selbst, um nach dem Unglücke und dessen Entstehung zu
fragen und alle Rechenschaft zu fordern.
Aber schon hatte im Turm der gefangene Ratsschreiber, der wußte, daß es
ihm als Mörder des Schultheißensohnes an den Kragen ging, grimmige
Klage gegen die Weiber von Seldwyla und hauptsächlich gegen Küngolt
erhoben, die er der Zauberei und Behexung beschuldigte.
Jenes grollende Mägdlein hatte dem Mönch, dem es nun verzieh, das
Fläschlein mit einigen Worten zuzustecken gewußt und dieser es dem
Schafürli gegeben.
Zum Schrecken der Seldwyler drehte sich der Handel noch am gleichen
Tage gegen das Kind des Forstmeisters und gegen dessen Haus; denn
jedermann, in Seldwyla sowohl als in Ruechenstein, glaubte an die Wirkung
der Zaubertränke, und die anwesenden Ruechensteiner traten so drohend
auf, daß das Ansehen und die Beliebtheit des Forstmeisters die
Gefangensetzung der Küngolt nicht abwenden konnten, zumal er sich in
seinen Gedanken wie gelähmt fühlte.
Sie gestand die Tatsache alsobald ein, halb bewußtlos vor Schrecken, und
der Schafürli mit seinen Gesellen wurde freigelassen. Die Ruechensteiner
verlangten nun, die Zauberhexe, welche ihre Angehörigen geschädigt und
den Tod eines ihrer Bürger verursacht habe, solle ihnen zur Bestrafung
ausgeliefert werden. Dies wurde nicht gewährt und jene zogen grollend mit
der Leiche des Schultheißensohnes von dannen. Als sie aber nachher
vernahmen, daß die Seldwyler das Mädchen nur zu einer einjährigen milden
Gefängnisstrafe verurteilt hätten, erwachte die alte Feindschaft wieder,
der wie wahnsinnig um sich stierte.
Inzwischen waren Bauern und auch die heimkehrenden Knechte
herbeigekommen, welche die Ruechensteiner einstweilen gefangen nahmen
und den Schafürli banden.
Das war nun ein schlimmer Morgen, der darauf folgte. Der Forstmeister
war mit der bösen Violande verlobt, sein Kopf summte sehr unleidig, ein
toter Ruechensteiner lag im Hause, die andern waren eingetürmt, und eh’ es
Mittag war, erschien eine Abordnung aus Ruechenstein mit dem alten
Schultheißen selbst, um nach dem Unglücke und dessen Entstehung zu
fragen und alle Rechenschaft zu fordern.
Aber schon hatte im Turm der gefangene Ratsschreiber, der wußte, daß es
ihm als Mörder des Schultheißensohnes an den Kragen ging, grimmige
Klage gegen die Weiber von Seldwyla und hauptsächlich gegen Küngolt
erhoben, die er der Zauberei und Behexung beschuldigte.
Jenes grollende Mägdlein hatte dem Mönch, dem es nun verzieh, das
Fläschlein mit einigen Worten zuzustecken gewußt und dieser es dem
Schafürli gegeben.
Zum Schrecken der Seldwyler drehte sich der Handel noch am gleichen
Tage gegen das Kind des Forstmeisters und gegen dessen Haus; denn
jedermann, in Seldwyla sowohl als in Ruechenstein, glaubte an die Wirkung
der Zaubertränke, und die anwesenden Ruechensteiner traten so drohend
auf, daß das Ansehen und die Beliebtheit des Forstmeisters die
Gefangensetzung der Küngolt nicht abwenden konnten, zumal er sich in
seinen Gedanken wie gelähmt fühlte.
Sie gestand die Tatsache alsobald ein, halb bewußtlos vor Schrecken, und
der Schafürli mit seinen Gesellen wurde freigelassen. Die Ruechensteiner
verlangten nun, die Zauberhexe, welche ihre Angehörigen geschädigt und
den Tod eines ihrer Bürger verursacht habe, solle ihnen zur Bestrafung
ausgeliefert werden. Dies wurde nicht gewährt und jene zogen grollend mit
der Leiche des Schultheißensohnes von dannen. Als sie aber nachher
vernahmen, daß die Seldwyler das Mädchen nur zu einer einjährigen milden
Gefängnisstrafe verurteilt hätten, erwachte die alte Feindschaft wieder,
Page 179
welche eine Reihe von Jahren geschlafen, und es wurde für jeden Seldwyler
gefährlich, ihren Bann zu betreten.
Die Stadt Seldwyla hielt nun für Vergehen, die sie nach ihrer
Lebensanschauung zu den leichteren zählte und nach Umständen mit
Nachsicht behandeln wollte, kein Gefängnis, sondern verdingte die
Verurteilten, besonders wenn es sich um Frauen und jugendliche Personen
handelte, an irgend eine Haushaltung zur Haft und Pflege. So sollte denn
die arme Küngolt auf die Ratstube gebracht und dort zu einer öffentlichen
Steigerung ausgestellt werden.
Der Forstmeister, dessen Fröhlichkeit dahin war, sagte seufzend zu
Dietegen, es sei ein saurer Gang für ihn, aufs Rathaus zu gehen und bei dem
Kind zu wachen; denn es müsse jemand von den Seinigen bei ihm sein
während dieser bittern Stunde. Da erwiderte Dietegen: »Ich will es schon
tun, wenn ich Euch gut genug dazu bin!« Der Forstmeister gab ihm die
Hand. »Tu’s,« sagte er, »du sollst Dank dafür haben!«
Dietegen ging hin, wo die Abgeordneten des Rats saßen und einige
Steigerungslustige, sowie ein Häuflein Neugieriger sich sammelten. Er
hatte sein Schwert umgetan und sah mannhaft und düster blickend aus.
Als nun Küngolt hereingeführt wurde, blaß und bekümmert, und sie vor
dem Tische stehen sollte, zog Dietegen rasch einen Stuhl herbei und ließ sie
darauf sitzen, indem er sich hinter den Stuhl stellte und die Hand auf dessen
Lehne stützte. Sie hatte ihn überrascht angeblickt und sah noch mit einem
schmerzlichen Lächeln nach ihm zurück; allein er schaute scheinbar ruhig
und streng über sie hinweg.
Der erste, welcher ein Angebot auf ihre Gefangenhaltung tat, war der
Stadtpfeifer, ein vertrunkener Mann, der von seiner Frau hergeschickt war,
um mit dem Erwerbe die zerrütteten Umstände etwas zu verbessern,
insonderlich weil zu hoffen war, daß der Gefangenen aus ihrem elterlichen
Hause offen oder heimlich allerhand Gutes zufließen würde, dessen man
sich bemächtigen oder wenigstens teilhaftig machen könnte.
»Willst du zum Stadtpfeifer?« fragte Dietegen die Küngolt kurz, und sie
sagte »nein!« nachdem sie den beduselten und rotnasigen Musikus
angesehen. Der rief lachend: »Ist mir auch recht!« und schwankte ab.
gefährlich, ihren Bann zu betreten.
Die Stadt Seldwyla hielt nun für Vergehen, die sie nach ihrer
Lebensanschauung zu den leichteren zählte und nach Umständen mit
Nachsicht behandeln wollte, kein Gefängnis, sondern verdingte die
Verurteilten, besonders wenn es sich um Frauen und jugendliche Personen
handelte, an irgend eine Haushaltung zur Haft und Pflege. So sollte denn
die arme Küngolt auf die Ratstube gebracht und dort zu einer öffentlichen
Steigerung ausgestellt werden.
Der Forstmeister, dessen Fröhlichkeit dahin war, sagte seufzend zu
Dietegen, es sei ein saurer Gang für ihn, aufs Rathaus zu gehen und bei dem
Kind zu wachen; denn es müsse jemand von den Seinigen bei ihm sein
während dieser bittern Stunde. Da erwiderte Dietegen: »Ich will es schon
tun, wenn ich Euch gut genug dazu bin!« Der Forstmeister gab ihm die
Hand. »Tu’s,« sagte er, »du sollst Dank dafür haben!«
Dietegen ging hin, wo die Abgeordneten des Rats saßen und einige
Steigerungslustige, sowie ein Häuflein Neugieriger sich sammelten. Er
hatte sein Schwert umgetan und sah mannhaft und düster blickend aus.
Als nun Küngolt hereingeführt wurde, blaß und bekümmert, und sie vor
dem Tische stehen sollte, zog Dietegen rasch einen Stuhl herbei und ließ sie
darauf sitzen, indem er sich hinter den Stuhl stellte und die Hand auf dessen
Lehne stützte. Sie hatte ihn überrascht angeblickt und sah noch mit einem
schmerzlichen Lächeln nach ihm zurück; allein er schaute scheinbar ruhig
und streng über sie hinweg.
Der erste, welcher ein Angebot auf ihre Gefangenhaltung tat, war der
Stadtpfeifer, ein vertrunkener Mann, der von seiner Frau hergeschickt war,
um mit dem Erwerbe die zerrütteten Umstände etwas zu verbessern,
insonderlich weil zu hoffen war, daß der Gefangenen aus ihrem elterlichen
Hause offen oder heimlich allerhand Gutes zufließen würde, dessen man
sich bemächtigen oder wenigstens teilhaftig machen könnte.
»Willst du zum Stadtpfeifer?« fragte Dietegen die Küngolt kurz, und sie
sagte »nein!« nachdem sie den beduselten und rotnasigen Musikus
angesehen. Der rief lachend: »Ist mir auch recht!« und schwankte ab.
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Hierauf bot ein alter Seckler und Pelzkappenmacher auf Küngolt,
welcher sie tapfer zum Nähen anzuhalten gedachte, um einen schönen
Nutzen aus ihr zu ziehen. Er hatte aber einen offenen Schaden am Bein,
welchen er den ganzen Tag salbte und pflasterte, und auf dem Kopf ein
Gewächs wie ein Hühnerei, welches Küngolt als Kind schon gefürchtet
hatte, wenn sie in die Schule und an seiner Werkstatt vorbeigegangen. Als
daher Dietegen fragte, ob sie zu diesem wolle, sagte sie wiederum nein, und
er zog keifend davon.
Nunmehr trat ein Geldwechsler hervor, der einerseits wegen seines
wucherischen und häßlichen Geizes und anderseits wegen seiner
widerwärtigen Lüsternheit verrufen war. Kaum hatte der aber seine roten
Augen auf Küngolt gerichtet und den schiefen Mund zum Angebote
geöffnet, so winkte ihm Dietegen, ihn drohend anblickend, mit der Hand
hinweg, ohne das erschrockene Mädchen zu befragen.
Jetzt kamen nur noch einige ordentliche Leute, gegen welche nicht wohl
etwas einzuwenden war, und diese wurden nun zur eigentlichen
Versteigerung oder Gant zugelassen. Am mindesten forderte für ihre
Aufnahme und Ernährung der Totengräber an der Stadtkirche, ein stiller,
ehrbarer Mann, welcher eine brave Frau und auch, nach seiner Meinung,
ein geeignetes Lokal besaß und schon einige Sträflinge dieser Art
beherbergt hatte.
Diesem wurde Küngolt von der Ratsabordnung zugeschlagen und sofort
in sein Haus geführt, das zwischen dem Kirchhof und einer Seitengasse
gelegen war. Dietegen ging mit, um zu sehen, wo sie untergebracht würde.
Das war in einer offenen kleinen Vorhalle des Hauses, welche unmittelbar
an den Totengarten grenzte und von demselben durch ein eisernes Gitter
abgeschlossen war. Dort pflegte nämlich der Totengräber in der wärmeren
Jahreszeit seine Gefangenen einzusperren, während er sie über den Winter
einfach in die Stube nahm und mit einer leichten eisernen Kette an einen
Fuß des Ofens band.
Als aber Küngolt in ihrem Gefängnis war und sich nur durch ein
Eisengitter von den Gräbern der Toten getrennt sah, überdies in nächster
Nachbarschaft das alte Beinhaus bemerkte, das mit Schädeln und andern
Gebeinen angefüllt war, fing sie an zu zittern und bat flehentlich, man
welcher sie tapfer zum Nähen anzuhalten gedachte, um einen schönen
Nutzen aus ihr zu ziehen. Er hatte aber einen offenen Schaden am Bein,
welchen er den ganzen Tag salbte und pflasterte, und auf dem Kopf ein
Gewächs wie ein Hühnerei, welches Küngolt als Kind schon gefürchtet
hatte, wenn sie in die Schule und an seiner Werkstatt vorbeigegangen. Als
daher Dietegen fragte, ob sie zu diesem wolle, sagte sie wiederum nein, und
er zog keifend davon.
Nunmehr trat ein Geldwechsler hervor, der einerseits wegen seines
wucherischen und häßlichen Geizes und anderseits wegen seiner
widerwärtigen Lüsternheit verrufen war. Kaum hatte der aber seine roten
Augen auf Küngolt gerichtet und den schiefen Mund zum Angebote
geöffnet, so winkte ihm Dietegen, ihn drohend anblickend, mit der Hand
hinweg, ohne das erschrockene Mädchen zu befragen.
Jetzt kamen nur noch einige ordentliche Leute, gegen welche nicht wohl
etwas einzuwenden war, und diese wurden nun zur eigentlichen
Versteigerung oder Gant zugelassen. Am mindesten forderte für ihre
Aufnahme und Ernährung der Totengräber an der Stadtkirche, ein stiller,
ehrbarer Mann, welcher eine brave Frau und auch, nach seiner Meinung,
ein geeignetes Lokal besaß und schon einige Sträflinge dieser Art
beherbergt hatte.
Diesem wurde Küngolt von der Ratsabordnung zugeschlagen und sofort
in sein Haus geführt, das zwischen dem Kirchhof und einer Seitengasse
gelegen war. Dietegen ging mit, um zu sehen, wo sie untergebracht würde.
Das war in einer offenen kleinen Vorhalle des Hauses, welche unmittelbar
an den Totengarten grenzte und von demselben durch ein eisernes Gitter
abgeschlossen war. Dort pflegte nämlich der Totengräber in der wärmeren
Jahreszeit seine Gefangenen einzusperren, während er sie über den Winter
einfach in die Stube nahm und mit einer leichten eisernen Kette an einen
Fuß des Ofens band.
Als aber Küngolt in ihrem Gefängnis war und sich nur durch ein
Eisengitter von den Gräbern der Toten getrennt sah, überdies in nächster
Nachbarschaft das alte Beinhaus bemerkte, das mit Schädeln und andern
Gebeinen angefüllt war, fing sie an zu zittern und bat flehentlich, man
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möchte sie nicht da lassen, wenn es Nacht werde. Die Frau des
Totengräbers dagegen, welche eben einen Strohsack und eine Decke
herbeischleppte, auch eine Art Vorhang an dem Gitter anbrachte, sagte, das
könne nicht sein und der ernste Aufenthalt gereiche ihr nur zur wohltätigen
Buße für ihren sündigen Sinn.
Da sagte Dietegen: »Sei ruhig, ich fürchte mich nicht vor den Toten und
Gespenstern und will des Nachts so lange hieher kommen und vor dem
Gitter wachen, bis du dich auch daran gewöhnt hast!«
Das sagte er aber so zu ihr, daß die Frau es nicht hören konnte, und begab
sich hierauf nach Hause. Dort fand er den traurigen Forstmeister, wie er
sich eben mit Violanden verständigt hatte, daß sie ihre Hochzeit erst halten
wollten, wenn Küngolts Strafzeit vorüber und die schlimme Sache
einigermaßen ausgeglichen wäre. Violande hielt sich dabei mäuschenstill,
zufrieden, daß sie als die eigentliche Urheberin der unglücklichen Hexerei
und ihrer Folgen so gut davongekommen war. Bei dem strengen Verhör,
dem sie auch unterworfen gewesen, hat man ihrer Aussage, daß sie jenen
Liebestrank nur verwahrt, damit er nicht in unrechte Hände gerate, zur Not
geglaubt und sie entlassen.
Als nun die Dämmerung vorüber und die Mitternacht im Anzuge war,
machte sich Dietegen ungesehen auf, nahm sein Schwert und ein kleines
Fläschchen mit gutem Wein und stieg wieder in die Stadt hinunter, wo er
unverweilt sich über die Kirchhofmauer schwang und furchtlos über die
Gräber hin vor Küngolts unheimliche Wohnstätte ging. Sie saß lautlos auf
ihrem Strohsack zusammengekauert hinter dem Vorhang und lauschte
zitternd jedem Geräusche; denn sie hatte, ehe die Geisterstunde gekommen,
schon einige Schrecknisse erlebt. Im Beinhause war eine Katze über die
Knochen weggestrichen, so daß dieselben sachte etwas geklappert hatten.
Dann wurden vom Nachtwind die Sträucher über den Gräbern bewegt, daß
sie leise rauschten, und der Hahn auf dem Dachreiter der Kirche gedreht,
welches einen seltsamen Ton gab, den man im Tagesgeräusch nie vernahm.
Als daher Küngolt die nahenden Schritte hörte, erschrak sie von neuem
und fuhr zusammen; als er aber durch das Gitter griff und den Vorhang
zurückschob, daß der Vollmond den Raum erhellte, und sie leise anrief, da
Totengräbers dagegen, welche eben einen Strohsack und eine Decke
herbeischleppte, auch eine Art Vorhang an dem Gitter anbrachte, sagte, das
könne nicht sein und der ernste Aufenthalt gereiche ihr nur zur wohltätigen
Buße für ihren sündigen Sinn.
Da sagte Dietegen: »Sei ruhig, ich fürchte mich nicht vor den Toten und
Gespenstern und will des Nachts so lange hieher kommen und vor dem
Gitter wachen, bis du dich auch daran gewöhnt hast!«
Das sagte er aber so zu ihr, daß die Frau es nicht hören konnte, und begab
sich hierauf nach Hause. Dort fand er den traurigen Forstmeister, wie er
sich eben mit Violanden verständigt hatte, daß sie ihre Hochzeit erst halten
wollten, wenn Küngolts Strafzeit vorüber und die schlimme Sache
einigermaßen ausgeglichen wäre. Violande hielt sich dabei mäuschenstill,
zufrieden, daß sie als die eigentliche Urheberin der unglücklichen Hexerei
und ihrer Folgen so gut davongekommen war. Bei dem strengen Verhör,
dem sie auch unterworfen gewesen, hat man ihrer Aussage, daß sie jenen
Liebestrank nur verwahrt, damit er nicht in unrechte Hände gerate, zur Not
geglaubt und sie entlassen.
Als nun die Dämmerung vorüber und die Mitternacht im Anzuge war,
machte sich Dietegen ungesehen auf, nahm sein Schwert und ein kleines
Fläschchen mit gutem Wein und stieg wieder in die Stadt hinunter, wo er
unverweilt sich über die Kirchhofmauer schwang und furchtlos über die
Gräber hin vor Küngolts unheimliche Wohnstätte ging. Sie saß lautlos auf
ihrem Strohsack zusammengekauert hinter dem Vorhang und lauschte
zitternd jedem Geräusche; denn sie hatte, ehe die Geisterstunde gekommen,
schon einige Schrecknisse erlebt. Im Beinhause war eine Katze über die
Knochen weggestrichen, so daß dieselben sachte etwas geklappert hatten.
Dann wurden vom Nachtwind die Sträucher über den Gräbern bewegt, daß
sie leise rauschten, und der Hahn auf dem Dachreiter der Kirche gedreht,
welches einen seltsamen Ton gab, den man im Tagesgeräusch nie vernahm.
Als daher Küngolt die nahenden Schritte hörte, erschrak sie von neuem
und fuhr zusammen; als er aber durch das Gitter griff und den Vorhang
zurückschob, daß der Vollmond den Raum erhellte, und sie leise anrief, da
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stand sie eilig auf, lief ihm entgegen und streckte beide Hände durch das
Gitter.
»Dietegen!« rief sie und brach in Tränen aus, die ersten, die sie seit dem
Unglückstag vergießen konnte; denn sie hatte bis jetzt wie in einer starren
Betäubung gelebt.
Dietegen gab ihr aber die Hand nicht, sondern das Weinfläschchen und
sagte: »Nimm einen Schluck Wein, es wird dir gut tun.« Sie trank und nahm
auch von dem guten Brot ihres Vaterhauses, das er ihr gebracht. So wurde
es ihr besser zu Mut, und als sie sah, daß er nicht weiter mit ihr sprechen
wollte, zog sie sich schweigend auf ihr Lager zurück und weinte leise, bis
sie in einen ruhigen Schlaf versank.
Dietegen aber hielt sie nach seinen jugendlich spröden Begriffen und in
seiner Unerfahrenheit für ein bös gewordenes Wesen, das nicht recht tun
könne, und er wachte bei ihr, indem er sich auf einen an der Wand
lehnenden alten Grabstein setzte, ihrer toten Mutter zuliebe und weil er ihr
selbst sein Leben verdankte.
Küngolt schlief, bis die Sonne aufging, und als sie erwachte, sah sie, daß
Dietegen still weggegangen war.
Dergestalt kam er eine Nacht um die andere, bei ihr zu wachen; denn er
hielt nach seinem Glauben den Ort für in der Tat gefährlich für jemand, der
kein gutes Gewissen habe und voll Furcht sei. Jedesmal brachte er ihr etwas
zur Labung mit und frug sie etwa, was sie sich wünschte, und er brachte ihr
alles, was ihm recht schien. Er kam auch, wenn es regnete und stürmte und
versäumte keine Nacht, und wenn es nach damaligem Volksglauben in
Ansehung der Toten und ihres Treibens besonders verrufene Nächte waren,
so erschien er umso pünktlicher.
Küngolt ihrerseits richtete sich unvermerkt so ein, daß sie während des
Tages ihren Vorhang zog, um sich vor den Neugierigen zu verbergen, wie
sie sagte, wenn Leute auf den Kirchhof kämen, in der Tat aber, um zu
schlafen; denn sie liebte es, während der Nacht munter zu sein, kein Auge
von der dunkeln Gestalt ihres Wächters zu verwenden, und über ihn und
sich und wie alles gekommen sei, nachzudenken, während er sie schlafend
wähnte.
Gitter.
»Dietegen!« rief sie und brach in Tränen aus, die ersten, die sie seit dem
Unglückstag vergießen konnte; denn sie hatte bis jetzt wie in einer starren
Betäubung gelebt.
Dietegen gab ihr aber die Hand nicht, sondern das Weinfläschchen und
sagte: »Nimm einen Schluck Wein, es wird dir gut tun.« Sie trank und nahm
auch von dem guten Brot ihres Vaterhauses, das er ihr gebracht. So wurde
es ihr besser zu Mut, und als sie sah, daß er nicht weiter mit ihr sprechen
wollte, zog sie sich schweigend auf ihr Lager zurück und weinte leise, bis
sie in einen ruhigen Schlaf versank.
Dietegen aber hielt sie nach seinen jugendlich spröden Begriffen und in
seiner Unerfahrenheit für ein bös gewordenes Wesen, das nicht recht tun
könne, und er wachte bei ihr, indem er sich auf einen an der Wand
lehnenden alten Grabstein setzte, ihrer toten Mutter zuliebe und weil er ihr
selbst sein Leben verdankte.
Küngolt schlief, bis die Sonne aufging, und als sie erwachte, sah sie, daß
Dietegen still weggegangen war.
Dergestalt kam er eine Nacht um die andere, bei ihr zu wachen; denn er
hielt nach seinem Glauben den Ort für in der Tat gefährlich für jemand, der
kein gutes Gewissen habe und voll Furcht sei. Jedesmal brachte er ihr etwas
zur Labung mit und frug sie etwa, was sie sich wünschte, und er brachte ihr
alles, was ihm recht schien. Er kam auch, wenn es regnete und stürmte und
versäumte keine Nacht, und wenn es nach damaligem Volksglauben in
Ansehung der Toten und ihres Treibens besonders verrufene Nächte waren,
so erschien er umso pünktlicher.
Küngolt ihrerseits richtete sich unvermerkt so ein, daß sie während des
Tages ihren Vorhang zog, um sich vor den Neugierigen zu verbergen, wie
sie sagte, wenn Leute auf den Kirchhof kämen, in der Tat aber, um zu
schlafen; denn sie liebte es, während der Nacht munter zu sein, kein Auge
von der dunkeln Gestalt ihres Wächters zu verwenden, und über ihn und
sich und wie alles gekommen sei, nachzudenken, während er sie schlafend
wähnte.
Page 183
Sie fühlte sich von einem neuen, ungeahnten Glücke umflossen, sobald
er kam und sie ihren Gedanken in seiner Gegenwart still und stumm
nachhängen konnte. Sein hartes Urteil ahnte sie nicht und hoffte ihr Anrecht
an ihn wieder erringen zu können, da er sich so treu erwies. Nicht so dachte
ihr Vater, der sie jede Woche einmal besuchte; wenn sie dann fast jedesmal
schüchtern auf irgend eine Weise Dietegens Namen nannte und er wohl
merkte, daß sie sich ihm wieder zugewendet, seufzte er innerlich, weil er
wohl wünschte, daß das halb verlorene Kind durch den braven Pflegesohn
gerettet werden möchte, aber fürchtete, der werde schwerlich eine
angehende und schon eingesperrt gewesene Hexe erwerben wollen.
Mittlerweile hatte sich auch noch anderer Besuch bei Küngolt eingestellt.
Der Ratsschreiber von Ruechenstein, der gewalttätige Krummbuckel
Schafürli, konnte das schöne Wesen nicht vergessen und fühlte sein stark
durch die Krümmungen des Körpers strömendes Blut von ihrem Bilde
bewohnt und befahren, nach seinem Glauben wie von einer Hexe, welche
nächtlich einsam auf einem Strome in dunklem Kahne dahinschieße.
Er gedachte daher, da er ein verwegener Kerl war, statt bei den
Kapuzinern, bei der Urheberin selbst seine Heilung und Befreiung zu
versuchen und wanderte in dunkler Nacht über den Berg und bis auf den
Kirchhof, wo sie gefangen saß. Da es noch nicht die Zeit war, um welche
Dietegen zu erscheinen pflegte und auch seine Schritte fremd klangen, so
erschrak Küngolt und duckte sich hinter ihren Vorhang. Schafürli aber
zündete ein kleines Licht an, das er mitgenommen, riß das Tuch zurück und
leuchtete in den vergitterten Raum hinein, bis er sie entdeckte.
»Komm heran, Hexenmädchen!« flüsterte er heftig und halblaut, »und
gib mir beide Hände und deinen Mund, denn du mußt mir heilen, was du
verdorben hast!«
Sie erkannte ihn an seiner Gestalt, und die Erinnerung an all das
geschehene Unheil, sowie die Gegenwart des Mannes erfüllten sie mit
solcher Angst, daß sie, ohne einen Laut zu geben, zitterte wie Espenlaub.
Da begann der Ratschreiber an dem Gitter zu rütteln, und weil es
keineswegs besonders fest war, vielmehr nur für schwächere Gefangene zu
dienen hatte, schickte er sich an, es mit Gewalt aus den Angeln zu heben. In
demselben Augenblicke kam aber Dietegen, sah den Vorgang und packte
er kam und sie ihren Gedanken in seiner Gegenwart still und stumm
nachhängen konnte. Sein hartes Urteil ahnte sie nicht und hoffte ihr Anrecht
an ihn wieder erringen zu können, da er sich so treu erwies. Nicht so dachte
ihr Vater, der sie jede Woche einmal besuchte; wenn sie dann fast jedesmal
schüchtern auf irgend eine Weise Dietegens Namen nannte und er wohl
merkte, daß sie sich ihm wieder zugewendet, seufzte er innerlich, weil er
wohl wünschte, daß das halb verlorene Kind durch den braven Pflegesohn
gerettet werden möchte, aber fürchtete, der werde schwerlich eine
angehende und schon eingesperrt gewesene Hexe erwerben wollen.
Mittlerweile hatte sich auch noch anderer Besuch bei Küngolt eingestellt.
Der Ratsschreiber von Ruechenstein, der gewalttätige Krummbuckel
Schafürli, konnte das schöne Wesen nicht vergessen und fühlte sein stark
durch die Krümmungen des Körpers strömendes Blut von ihrem Bilde
bewohnt und befahren, nach seinem Glauben wie von einer Hexe, welche
nächtlich einsam auf einem Strome in dunklem Kahne dahinschieße.
Er gedachte daher, da er ein verwegener Kerl war, statt bei den
Kapuzinern, bei der Urheberin selbst seine Heilung und Befreiung zu
versuchen und wanderte in dunkler Nacht über den Berg und bis auf den
Kirchhof, wo sie gefangen saß. Da es noch nicht die Zeit war, um welche
Dietegen zu erscheinen pflegte und auch seine Schritte fremd klangen, so
erschrak Küngolt und duckte sich hinter ihren Vorhang. Schafürli aber
zündete ein kleines Licht an, das er mitgenommen, riß das Tuch zurück und
leuchtete in den vergitterten Raum hinein, bis er sie entdeckte.
»Komm heran, Hexenmädchen!« flüsterte er heftig und halblaut, »und
gib mir beide Hände und deinen Mund, denn du mußt mir heilen, was du
verdorben hast!«
Sie erkannte ihn an seiner Gestalt, und die Erinnerung an all das
geschehene Unheil, sowie die Gegenwart des Mannes erfüllten sie mit
solcher Angst, daß sie, ohne einen Laut zu geben, zitterte wie Espenlaub.
Da begann der Ratschreiber an dem Gitter zu rütteln, und weil es
keineswegs besonders fest war, vielmehr nur für schwächere Gefangene zu
dienen hatte, schickte er sich an, es mit Gewalt aus den Angeln zu heben. In
demselben Augenblicke kam aber Dietegen, sah den Vorgang und packte
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den Schafürli an der Schulter. Der schrie wild auf und wollte seinen Dolch
ziehen. Doch Dietegen hielt ihm die Hände fest und rang mit ihm, bis er ihn
bezwungen hatte. Er besann sich, ob er ihn gefangen nehmen und anzeigen,
oder ob er ihn bloß verjagen solle, und weil er den Zusammenhang des
Vorfalls noch nicht kannte, und nicht eine neue Verwicklung für Küngolt
herbeiführen wollte, ließ er den krummen Mann laufen, indem er ihm bei
Sicherheit seines Lebens verbot, je wieder an den Ort zu kommen. Zugleich
aber ging er in das Haus hinein und veranlaßte den Totengräber, die
Gefangene nunmehr in die Stube zu nehmen, da ja ohnehin der Herbst vor
der Tür sei und die Nächte zu kühl würden für den bisherigen Aufenthalt.
Küngolt wurde also noch in dieser Nacht mit der herkömmlichen leichten
Kette am Fuße an den Ofen gefesselt. Es war das ein schlankes Gebäude
von grünen Kacheln, welche in erhabener Arbeit die Geschichte der
Erschaffung des Menschen und des Sündenfalls darstellten; an den vier
Ecken des Ofens standen die vier großen Propheten auf vorstehenden
gewundenen Säulchen, und das Ganze bildete ein nicht unzierlich
gegliedertes Monument, an welches hingeschmiegt nun Küngolt auf der
Ofenbank saß.
Sie freute sich der geschützteren Lage und der Rettung, welche sie dem
Dietegen dankte, und schrieb alles seiner treuen Gesinnung für sie zu,
obgleich er in dieser Nacht kein Wort mit ihr gesprochen und sich nach
getaner Sache ohne weiteres hinwegbegeben hatte.
Als nun aber die gute Küngolt dergestalt installiert war, fand sich ein
neuer Liebhaber ihrer Schönheit ein in der Person eines Kaplans, welcher
allerhand kleine Priestergeschäfte an der Kirche besorgte und auch den
geistlichen Beistand bei den Siechen und Gefangenen auszuüben hatte.
Dieses Pfäfflein kam nun, da Küngolt in der warmen Stube saß, fleißig zu
ihr, um ihr Zusprache zu halten, ihr die Neigung zur Zauberei und
Spendierung von Liebestränken auszutreiben und sich dabei ihres schönen
Anblickes und lieblichen Wesens zu erfreuen. Denn seit der Zeit ihres
Leidens war eine neue Art von Schönheit über sie gekommen; sie war ein
reifes, schlankes, obgleich blasses Frauenbild geworden, dessen Augen in
sanftem und lieblichem Feuer strahlten, von einem Trauerschatten
umgeben. Sie wurde, vom Anbinden abgesehen, wie ein Glied des Hauses
gehalten, in dem auch einige Kinder sich befanden, und wenn der Kaplan
ziehen. Doch Dietegen hielt ihm die Hände fest und rang mit ihm, bis er ihn
bezwungen hatte. Er besann sich, ob er ihn gefangen nehmen und anzeigen,
oder ob er ihn bloß verjagen solle, und weil er den Zusammenhang des
Vorfalls noch nicht kannte, und nicht eine neue Verwicklung für Küngolt
herbeiführen wollte, ließ er den krummen Mann laufen, indem er ihm bei
Sicherheit seines Lebens verbot, je wieder an den Ort zu kommen. Zugleich
aber ging er in das Haus hinein und veranlaßte den Totengräber, die
Gefangene nunmehr in die Stube zu nehmen, da ja ohnehin der Herbst vor
der Tür sei und die Nächte zu kühl würden für den bisherigen Aufenthalt.
Küngolt wurde also noch in dieser Nacht mit der herkömmlichen leichten
Kette am Fuße an den Ofen gefesselt. Es war das ein schlankes Gebäude
von grünen Kacheln, welche in erhabener Arbeit die Geschichte der
Erschaffung des Menschen und des Sündenfalls darstellten; an den vier
Ecken des Ofens standen die vier großen Propheten auf vorstehenden
gewundenen Säulchen, und das Ganze bildete ein nicht unzierlich
gegliedertes Monument, an welches hingeschmiegt nun Küngolt auf der
Ofenbank saß.
Sie freute sich der geschützteren Lage und der Rettung, welche sie dem
Dietegen dankte, und schrieb alles seiner treuen Gesinnung für sie zu,
obgleich er in dieser Nacht kein Wort mit ihr gesprochen und sich nach
getaner Sache ohne weiteres hinwegbegeben hatte.
Als nun aber die gute Küngolt dergestalt installiert war, fand sich ein
neuer Liebhaber ihrer Schönheit ein in der Person eines Kaplans, welcher
allerhand kleine Priestergeschäfte an der Kirche besorgte und auch den
geistlichen Beistand bei den Siechen und Gefangenen auszuüben hatte.
Dieses Pfäfflein kam nun, da Küngolt in der warmen Stube saß, fleißig zu
ihr, um ihr Zusprache zu halten, ihr die Neigung zur Zauberei und
Spendierung von Liebestränken auszutreiben und sich dabei ihres schönen
Anblickes und lieblichen Wesens zu erfreuen. Denn seit der Zeit ihres
Leidens war eine neue Art von Schönheit über sie gekommen; sie war ein
reifes, schlankes, obgleich blasses Frauenbild geworden, dessen Augen in
sanftem und lieblichem Feuer strahlten, von einem Trauerschatten
umgeben. Sie wurde, vom Anbinden abgesehen, wie ein Glied des Hauses
gehalten, in dem auch einige Kinder sich befanden, und wenn der Kaplan
Page 185
kam, so wurde er mit einem Glase Wein oder Bier bewirtet, für welches der
Forstmeister etwa sorgte. Wenn nun der Geistliche sein Sprüchlein getan
hatte, seine Erfrischung zu sich nahm und ersichtlich nur noch blieb, um die
getröstete Sünderin ein bißchen anzugucken und etwa bescheidentlich ihre
Hand zu streicheln, so überließ sich Küngolt einer aufwachenden, kleinen
anmutigen Heiterkeit, indem sie bedachte, welch einen prächtigen
Liebhaber sie, nach ihrer Meinung, diesem Pfäfflein gegenüber in Dietegen
besaß.
So kam es, daß das Mädchen in seiner bescheidenen Fröhlichkeit,
nachdem sie den Tag über von der besseren Zukunft geträumt hatte, des
Abends der Liebling der Totengräbersleute war und sie den Tisch zu ihr an
den Ofen rückten. Auch in der Neujahrsnacht, die nun gekommen, ging es
so, und der Priester gesellte sich hinzu, so daß der Totengräber, seine Frau
und Kinder und der Kaplan bei der angebundenen Küngolt um den Tisch
herumsaßen, mit Nüssen spielten und Küngolt eben laut über etwas lachte,
was der Pfaffe gesagt hatte, während er ihre Hand hielt, als Dietegen
hereintrat, um seinem Schützling und Kind seines Herrn einige gute Sachen
von Hause zu bringen. Ein unbewußter Zug des Herzens, das
eingeschlafene Heimweh nach ihr hatte ihn doch den Vorsatz fassen lassen,
etwa eine Stunde dort zu verweilen, damit Küngolt, welche die erste
Neujahrsnacht ihres jungen Lebens außer dem Hause zubrachte, jemand
von den Ihrigen bei sich hätte.
Als er aber den fröhlichen Auftritt und den Priester sah, der die Hand der
lachenden Küngolt streichelte, ergriff ihn eine eisige Kälte, daß ihm das
Blut beinahe erstarrte, und er ging, nachdem er dem Mädchen die Sachen
mit zwei Worten als Sendung des Vaters übergeben, ohne weiteren
Aufenthalt wieder fort, während zwischen seinen Zähnen sich die Worte
lösten: »hin ist hin!« Jetzt ahnte Küngolt plötzlich den Inhalt dieses
Augenblickes und auch ihr trat alles Blut zum Herzen zurück. Sie sank
erbleichend an den Ofen hin und die Leutchen gingen betreten auseinander:
das Licht in der Totengräberwohnung erlosch, noch eh’ die erste Stunde des
neuen Jahres angebrochen war.
Küngolt blieb nun fast wie vergessen von den Ihrigen, zumal in diesen
Tagen die Eidgenossenschaft immer lauter von Kriegslärm ertönte und jene
Ereignisse sich folgten, welche man den Burgunderkrieg nennt. Als das
Forstmeister etwa sorgte. Wenn nun der Geistliche sein Sprüchlein getan
hatte, seine Erfrischung zu sich nahm und ersichtlich nur noch blieb, um die
getröstete Sünderin ein bißchen anzugucken und etwa bescheidentlich ihre
Hand zu streicheln, so überließ sich Küngolt einer aufwachenden, kleinen
anmutigen Heiterkeit, indem sie bedachte, welch einen prächtigen
Liebhaber sie, nach ihrer Meinung, diesem Pfäfflein gegenüber in Dietegen
besaß.
So kam es, daß das Mädchen in seiner bescheidenen Fröhlichkeit,
nachdem sie den Tag über von der besseren Zukunft geträumt hatte, des
Abends der Liebling der Totengräbersleute war und sie den Tisch zu ihr an
den Ofen rückten. Auch in der Neujahrsnacht, die nun gekommen, ging es
so, und der Priester gesellte sich hinzu, so daß der Totengräber, seine Frau
und Kinder und der Kaplan bei der angebundenen Küngolt um den Tisch
herumsaßen, mit Nüssen spielten und Küngolt eben laut über etwas lachte,
was der Pfaffe gesagt hatte, während er ihre Hand hielt, als Dietegen
hereintrat, um seinem Schützling und Kind seines Herrn einige gute Sachen
von Hause zu bringen. Ein unbewußter Zug des Herzens, das
eingeschlafene Heimweh nach ihr hatte ihn doch den Vorsatz fassen lassen,
etwa eine Stunde dort zu verweilen, damit Küngolt, welche die erste
Neujahrsnacht ihres jungen Lebens außer dem Hause zubrachte, jemand
von den Ihrigen bei sich hätte.
Als er aber den fröhlichen Auftritt und den Priester sah, der die Hand der
lachenden Küngolt streichelte, ergriff ihn eine eisige Kälte, daß ihm das
Blut beinahe erstarrte, und er ging, nachdem er dem Mädchen die Sachen
mit zwei Worten als Sendung des Vaters übergeben, ohne weiteren
Aufenthalt wieder fort, während zwischen seinen Zähnen sich die Worte
lösten: »hin ist hin!« Jetzt ahnte Küngolt plötzlich den Inhalt dieses
Augenblickes und auch ihr trat alles Blut zum Herzen zurück. Sie sank
erbleichend an den Ofen hin und die Leutchen gingen betreten auseinander:
das Licht in der Totengräberwohnung erlosch, noch eh’ die erste Stunde des
neuen Jahres angebrochen war.
Küngolt blieb nun fast wie vergessen von den Ihrigen, zumal in diesen
Tagen die Eidgenossenschaft immer lauter von Kriegslärm ertönte und jene
Ereignisse sich folgten, welche man den Burgunderkrieg nennt. Als das
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Frühjahr da war, und der Tag von Grandson nahte, zogen auch die Städte
Seldwyla und Ruechenstein, wie andere ihrer Nachbarorte, mit ihren
Fähnlein in das Feld, und es war für den Forstmeister sowie für Dietegen
eine Erlösung, aus dem gestörten Hause hinauszutreten und die frische
rauhe Kriegesluft zu atmen.
Festen Schrittes gingen sie mit ihrem Banner, obwohl schweigsamer als
die anderen, und stießen mit den übrigen herbeieilenden Scharen zu dem
Gewalthaufen der Eidgenossen, welcher den schon im Streite Stehenden zu
Hilfe kam.
Wie ein eiserner Garten stand das lange Viereck geordnet und in seiner
Mitte wehten die Fahnen der Länder und Städte. Mann an Mann standen die
Tausende, jeder in Zuverlässigkeit und Furchtlosigkeit wieder eine Welt für
sich, und alle zusammen doch nur ein Häuflein Menschenkinder.
Da harrte der Leichtsinnige und der Verschwender neben dem Geizigen
und dem Sorgenfreund seiner Stunde; der Zanksüchtige und der
Friedliebende hielten mit gleicher Geduld ihre Kraft bereit; wer schweren
Herzens war, hielt sich so still, wie der Prahler und der Redselige; der Arme
und Verlassene stand ruhig und stolz neben dem Reichen und Gebietenden.
Ganze Gassen sonst im Streite liegender Nachbarn standen gedrängt; aber
Neid und Mißgunst hielten den Spieß oder die Hellebarde so fest, wie die
Großmut und Leutseligkeit, und der Ungerechte richtete wie der Gerechte
sein Auge auf die nächste Pflicht. Wer mit seinem Leben abgeschlossen und
einen Rest seiner Kraft unbeweint zu opfern hatte, galt nicht mehr oder
weniger als der aufblühende Knabe, auf dessen Auge die Hoffnung der
Mutter und einer ganzen Zukunft stand. Der düster Gesinnte ertrug ohne
Murren die halblauten Einfälle des Possenmachers und dieser wiederum
ohne Gelächter die kleinen heimlichen Vorkehrungen des Spießbürgers, der
neben ihm stand.
Neben dem Banner von Seldwyla ragte dasjenige von Ruechenstein, so
daß die Reihen der grollenden Nachbarstädte sich dicht berührten und der
Forstmeister, der einen Teil seiner Mitbürger führte und ihren Eckstein
bildete, der Nachbar des Ratschreibers von Ruechenstein war, welcher am
Ende einer Rotte der Seinigen stand; allein keiner von ihnen schien dessen
zu gedenken, was vorgefallen. Dietegen ging mit den Schützen und
Seldwyla und Ruechenstein, wie andere ihrer Nachbarorte, mit ihren
Fähnlein in das Feld, und es war für den Forstmeister sowie für Dietegen
eine Erlösung, aus dem gestörten Hause hinauszutreten und die frische
rauhe Kriegesluft zu atmen.
Festen Schrittes gingen sie mit ihrem Banner, obwohl schweigsamer als
die anderen, und stießen mit den übrigen herbeieilenden Scharen zu dem
Gewalthaufen der Eidgenossen, welcher den schon im Streite Stehenden zu
Hilfe kam.
Wie ein eiserner Garten stand das lange Viereck geordnet und in seiner
Mitte wehten die Fahnen der Länder und Städte. Mann an Mann standen die
Tausende, jeder in Zuverlässigkeit und Furchtlosigkeit wieder eine Welt für
sich, und alle zusammen doch nur ein Häuflein Menschenkinder.
Da harrte der Leichtsinnige und der Verschwender neben dem Geizigen
und dem Sorgenfreund seiner Stunde; der Zanksüchtige und der
Friedliebende hielten mit gleicher Geduld ihre Kraft bereit; wer schweren
Herzens war, hielt sich so still, wie der Prahler und der Redselige; der Arme
und Verlassene stand ruhig und stolz neben dem Reichen und Gebietenden.
Ganze Gassen sonst im Streite liegender Nachbarn standen gedrängt; aber
Neid und Mißgunst hielten den Spieß oder die Hellebarde so fest, wie die
Großmut und Leutseligkeit, und der Ungerechte richtete wie der Gerechte
sein Auge auf die nächste Pflicht. Wer mit seinem Leben abgeschlossen und
einen Rest seiner Kraft unbeweint zu opfern hatte, galt nicht mehr oder
weniger als der aufblühende Knabe, auf dessen Auge die Hoffnung der
Mutter und einer ganzen Zukunft stand. Der düster Gesinnte ertrug ohne
Murren die halblauten Einfälle des Possenmachers und dieser wiederum
ohne Gelächter die kleinen heimlichen Vorkehrungen des Spießbürgers, der
neben ihm stand.
Neben dem Banner von Seldwyla ragte dasjenige von Ruechenstein, so
daß die Reihen der grollenden Nachbarstädte sich dicht berührten und der
Forstmeister, der einen Teil seiner Mitbürger führte und ihren Eckstein
bildete, der Nachbar des Ratschreibers von Ruechenstein war, welcher am
Ende einer Rotte der Seinigen stand; allein keiner von ihnen schien dessen
zu gedenken, was vorgefallen. Dietegen ging mit den Schützen und
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verlorenen Knaben außerhalb des Gewalthaufens und lebte schon mitten im
furchtbaren Getümmel, als dieser sich jetzt plötzlich in Bewegung setzte
und in die Schlacht ging, um einen der ersten Kriegsfürsten mit seinem in
Glanz und Üppigkeit strahlenden Heerzuge wie einen Fabelkönig in die
Flucht zu schlagen.
Im Drange des harten Streites war der Forstmeister mit einigen seiner
Knechte durch burgundische Reiterei von seinem Banner getrennt worden
und schlug sich durch die Reiter hindurch, aber nur, um einsam unter
feindliches Fußvolk zu geraten; in diesem arbeitete er sich getreulich ein
Kämmerlein aus, wie ein fleißiger Bergmann; aber eben, als er sich auch ein
Pförtlein in dasselbe gebrochen hatte, kam durch diese Öffnung eine
verspätete verirrte Stückkugel Karls des Kühnen und zerschlug ihm die
breite Brust, also daß er in einem kurzen Augenblick im Frieden der ewigen
Ruhe dalag und nichts ihn mehr beschwerte.
Als Dietegen frisch und gesund aus dem Kampfe und von der Verfolgung
der fliehenden Burgunder zurückkam und nach kurzer Nachfrage den
gefallenen Freund und Vater fand, begrub er ihn samt seinem Schwerte
selbst zwischen die Wurzelarme einer mächtigen Eiche, welche unweit des
Schlachtfeldes am Rande eines Haines stand.
Dann zog er mit dem Heere nach Hause und wurde von der Stadt wegen
seiner Tapferkeit und Tüchtigkeit für einstweilen in das Forsthaus gesetzt,
um dort die Aufsicht zu führen. Mit dem Tode des Forstmeisters war dessen
Hausstand aufgelöst. Sein Gut war in den letzten Jahren wegen
Unachtsamkeit geschwunden, und Küngolt hatte nichts mehr auf dieser
Welt, als sich selbst und die Vorsorge Dietegens, soweit er etwa sorgen
konnte, da er selbst ein armes Blut war.
Sie saß unbewegt an ihrem Ofen, die Wangen an die rauhen Bildwerke
desselben gelehnt, welche den Verlust des Paradieses darstellten in vier oder
fünf Bildern, die sich um den ganzen Ofen herum immer wiederholten; die
Erschaffung Adams, diejenige der Eva, der Baum der Erkenntnis und die
Verstoßung aus dem Garten. Wenn das Gesicht sie von dem Drucke
schmerzte, so löste sie es ab und kehrte es gegen die harten Darstellungen,
dieselben immer wieder von neuem betrachtend, indessen ihr Tränen
entfielen, wenn sich hiezu etwa wieder so viel Kraft gesammelt hatte. Ja,
furchtbaren Getümmel, als dieser sich jetzt plötzlich in Bewegung setzte
und in die Schlacht ging, um einen der ersten Kriegsfürsten mit seinem in
Glanz und Üppigkeit strahlenden Heerzuge wie einen Fabelkönig in die
Flucht zu schlagen.
Im Drange des harten Streites war der Forstmeister mit einigen seiner
Knechte durch burgundische Reiterei von seinem Banner getrennt worden
und schlug sich durch die Reiter hindurch, aber nur, um einsam unter
feindliches Fußvolk zu geraten; in diesem arbeitete er sich getreulich ein
Kämmerlein aus, wie ein fleißiger Bergmann; aber eben, als er sich auch ein
Pförtlein in dasselbe gebrochen hatte, kam durch diese Öffnung eine
verspätete verirrte Stückkugel Karls des Kühnen und zerschlug ihm die
breite Brust, also daß er in einem kurzen Augenblick im Frieden der ewigen
Ruhe dalag und nichts ihn mehr beschwerte.
Als Dietegen frisch und gesund aus dem Kampfe und von der Verfolgung
der fliehenden Burgunder zurückkam und nach kurzer Nachfrage den
gefallenen Freund und Vater fand, begrub er ihn samt seinem Schwerte
selbst zwischen die Wurzelarme einer mächtigen Eiche, welche unweit des
Schlachtfeldes am Rande eines Haines stand.
Dann zog er mit dem Heere nach Hause und wurde von der Stadt wegen
seiner Tapferkeit und Tüchtigkeit für einstweilen in das Forsthaus gesetzt,
um dort die Aufsicht zu führen. Mit dem Tode des Forstmeisters war dessen
Hausstand aufgelöst. Sein Gut war in den letzten Jahren wegen
Unachtsamkeit geschwunden, und Küngolt hatte nichts mehr auf dieser
Welt, als sich selbst und die Vorsorge Dietegens, soweit er etwa sorgen
konnte, da er selbst ein armes Blut war.
Sie saß unbewegt an ihrem Ofen, die Wangen an die rauhen Bildwerke
desselben gelehnt, welche den Verlust des Paradieses darstellten in vier oder
fünf Bildern, die sich um den ganzen Ofen herum immer wiederholten; die
Erschaffung Adams, diejenige der Eva, der Baum der Erkenntnis und die
Verstoßung aus dem Garten. Wenn das Gesicht sie von dem Drucke
schmerzte, so löste sie es ab und kehrte es gegen die harten Darstellungen,
dieselben immer wieder von neuem betrachtend, indessen ihr Tränen
entfielen, wenn sich hiezu etwa wieder so viel Kraft gesammelt hatte. Ja,
Page 188
wenn sie zuweilen zu demjenigen Bildwerke kam, welches die Verstoßung
aus dem Garten vorstellte, so empfand sie sogar einen Lachreiz. Denn durch
die Unaufmerksamkeit des Töpfers oder Bildners hatte auf dieser Platte
Adam statt eines vertieften Nabels ein erhabenes rundes Knöpfchen auf
dem Bauche, welches regelmäßig auf jeder Verstoßung wiederkehrte.
Wenn dann aber Küngolt lachen sollte über diese harmlose Erscheinung,
so schnürte ihr dagegen das Elend das Herz und die Kehle zusammen, so
daß ein erbärmliches Ringen und ein körperlicher Schmerz daraus entstand
für einen Augenblick, bis ihr die Augen übergingen und sie das Gesicht
verzog, wie jemand, der niesen sollte und nicht kann. Sie vermied daher
zuletzt, dieses Bild anzuschauen.
Indessen war auch die Schlacht von Murten geschlagen worden und um
die gleiche Zeit die Strafdauer Küngolts zu Ende. Dietegen hatte
angeordnet, daß sie in das Forsthaus kommen solle, um dort mit Violanden
vorderhand zu hausen, welche jetzt bescheiden, traurig und ziemlich
ordentlich geworden war; denn sie hatte in der späten Verlobung mit dem
Forstmeister und seinem Tode doch noch etwas Rechtes erlebt und einigen
Halt daran genommen. Dietegen selbst aber kam nicht nach Hause, sondern
tummelte sich bis ans Ende jener Kriegszüge im Felde herum.
Damit aber auch er nicht ohne Fehl und Tadel aus diesen
Schicksalsläufen hervorgehe, hatten die Gewohnheiten des Krieges,
verbunden mit dem stummen Schmerze wegen des Verlorenen, eine gewisse
Wildheit in ihn gebracht. Er schloß sich jenen rauhen jungen Gesellen an,
welche unter dem Namen des törichten Lebens sich aufgemacht hatten, um
die der Stadt Genf im Friedensvertrage auferlegte und von ihr hinterhaltene
Brandschatzung auf eigene Faust einzutreiben. Aus burgundischen
Beutestücken, die ihm zugefallen, hatte er sich Prunkkleider machen lassen;
er trug, hinter der tollen Eberfahne herziehend, Gewand von blaßrotem
Burgunderdamast; das eidgenössische Kreuz auf Brust und Rücken war von
Silberstoff und mit Perlen besetzt. Den Hut überragte rings eine breite Last
von wogenden Straußfedern, den in eroberten Lagern zerstreuten
Ritterhüten entnommen. Dolch und Schwert trug er reich an kostbarem
Wehrgehänge und neben der Feuerbüchse einen langen Speer, an welchem
seine tannenschlanke breitschulterige Gestalt sich lässig lehnte und wiegte,
wenn er drohend unter seinem Hute hervorschaute, um einen feigen
aus dem Garten vorstellte, so empfand sie sogar einen Lachreiz. Denn durch
die Unaufmerksamkeit des Töpfers oder Bildners hatte auf dieser Platte
Adam statt eines vertieften Nabels ein erhabenes rundes Knöpfchen auf
dem Bauche, welches regelmäßig auf jeder Verstoßung wiederkehrte.
Wenn dann aber Küngolt lachen sollte über diese harmlose Erscheinung,
so schnürte ihr dagegen das Elend das Herz und die Kehle zusammen, so
daß ein erbärmliches Ringen und ein körperlicher Schmerz daraus entstand
für einen Augenblick, bis ihr die Augen übergingen und sie das Gesicht
verzog, wie jemand, der niesen sollte und nicht kann. Sie vermied daher
zuletzt, dieses Bild anzuschauen.
Indessen war auch die Schlacht von Murten geschlagen worden und um
die gleiche Zeit die Strafdauer Küngolts zu Ende. Dietegen hatte
angeordnet, daß sie in das Forsthaus kommen solle, um dort mit Violanden
vorderhand zu hausen, welche jetzt bescheiden, traurig und ziemlich
ordentlich geworden war; denn sie hatte in der späten Verlobung mit dem
Forstmeister und seinem Tode doch noch etwas Rechtes erlebt und einigen
Halt daran genommen. Dietegen selbst aber kam nicht nach Hause, sondern
tummelte sich bis ans Ende jener Kriegszüge im Felde herum.
Damit aber auch er nicht ohne Fehl und Tadel aus diesen
Schicksalsläufen hervorgehe, hatten die Gewohnheiten des Krieges,
verbunden mit dem stummen Schmerze wegen des Verlorenen, eine gewisse
Wildheit in ihn gebracht. Er schloß sich jenen rauhen jungen Gesellen an,
welche unter dem Namen des törichten Lebens sich aufgemacht hatten, um
die der Stadt Genf im Friedensvertrage auferlegte und von ihr hinterhaltene
Brandschatzung auf eigene Faust einzutreiben. Aus burgundischen
Beutestücken, die ihm zugefallen, hatte er sich Prunkkleider machen lassen;
er trug, hinter der tollen Eberfahne herziehend, Gewand von blaßrotem
Burgunderdamast; das eidgenössische Kreuz auf Brust und Rücken war von
Silberstoff und mit Perlen besetzt. Den Hut überragte rings eine breite Last
von wogenden Straußfedern, den in eroberten Lagern zerstreuten
Ritterhüten entnommen. Dolch und Schwert trug er reich an kostbarem
Wehrgehänge und neben der Feuerbüchse einen langen Speer, an welchem
seine tannenschlanke breitschulterige Gestalt sich lässig lehnte und wiegte,
wenn er drohend unter seinem Hute hervorschaute, um einen feigen
Page 189
Lärmmacher oder eine Dirne zu schrecken. Er liebte es, etwa eine
schreiende Magd bei den Zöpfen zu packen, ihr einen Augenblick forschend
ins Gesicht zu sehen und die Erschrockene oder auch Lachende dann
wieder laufen zu lassen.
In solcher Tracht war er, ehe er sich zu dem Zuge des törichten Lebens
gesellt hatte, auch einen Augenblick auf dem Försterhofe zu Seldwyla
erschienen, einem Abkömmling aus uraltem, reinem Volksstamme
gleichend, so kühn, sicher, stark und zugleich gelenk bewegte er sich.
Als Küngolt ihn so sah, der er im Vorübergehen ein kaltes wildes Lächeln
zugeworfen, wie er es sich im Felde angewöhnt, waren ihre Augen wie
geblendet. Während er nun in Welschland lag, war es ihr einziges Tun, über
die Vergangenheit zu grübeln und in den glücklichen Tagen der verlorenen
Kindheit zu leben. Besonders verweilte ihr Sinnen fast zu jeder Stunde auf
jener Waldhöhe, wo die Seldwyler Frauen das vom Tode errettete Kind
Dietegen einst in seinem Armensünderhemde gekost und mit Blumen
geschmückt hatten, und sie eilte, so oft sie konnte, hinauf und schaute voll
Sehnsucht nach dem fernen Südwesten, wo man sagte, daß die drohende
Schar der unbezwinglichen Jünglinge sich gelagert habe.
Aber in der gleichen Berggegend, welche vom Ruechensteiner
Grenzbanne durchschnitten war, kreiste der Ratsschreiber Schafürli herum,
der stetsfort nach Heilung des ihm angetanen Schadens oder aber nach
Rache dürstete; denn es waltete in Ruechenstein trotz der vermeintlichen
Hexerei wegen der Tötung des Schultheißensohnes doch ein offener und
geheimer Haß gegen ihn, den er durch den Tod der von den Seldwylern
nach Ruechensteiner Ansicht unbestraft gelassenen Küngolt zu sühnen
hoffte. Als daher eines Tages die arme Küngolt achtlos gerade auf einem
Grenzsteine saß, und zwar so, daß ihre Füße auf dem Ruechensteiner Boden
ruhten, trat Schafürli unversehens mit einem Ratsknechte aus den Bäumen
hervor, nahm sie gefangen und führte sie gebunden nach seiner Stadt, wo
ihr wegen des durch ihre Zauberei herbeigeführten ungesühnten Todes des
Schultheißensohnes sofort von neuem der Prozeß gemacht wurde.
In Seldwyla war, zumal in diesen aufgeregten Zeitläufen, niemand mehr,
der sich ihrer angenommen hätte, auch wenn ein Erfolg in Aussicht
gewesen wäre. Es hieß daher bald, ihr Leben werde wohl dahin sein. Nun
schreiende Magd bei den Zöpfen zu packen, ihr einen Augenblick forschend
ins Gesicht zu sehen und die Erschrockene oder auch Lachende dann
wieder laufen zu lassen.
In solcher Tracht war er, ehe er sich zu dem Zuge des törichten Lebens
gesellt hatte, auch einen Augenblick auf dem Försterhofe zu Seldwyla
erschienen, einem Abkömmling aus uraltem, reinem Volksstamme
gleichend, so kühn, sicher, stark und zugleich gelenk bewegte er sich.
Als Küngolt ihn so sah, der er im Vorübergehen ein kaltes wildes Lächeln
zugeworfen, wie er es sich im Felde angewöhnt, waren ihre Augen wie
geblendet. Während er nun in Welschland lag, war es ihr einziges Tun, über
die Vergangenheit zu grübeln und in den glücklichen Tagen der verlorenen
Kindheit zu leben. Besonders verweilte ihr Sinnen fast zu jeder Stunde auf
jener Waldhöhe, wo die Seldwyler Frauen das vom Tode errettete Kind
Dietegen einst in seinem Armensünderhemde gekost und mit Blumen
geschmückt hatten, und sie eilte, so oft sie konnte, hinauf und schaute voll
Sehnsucht nach dem fernen Südwesten, wo man sagte, daß die drohende
Schar der unbezwinglichen Jünglinge sich gelagert habe.
Aber in der gleichen Berggegend, welche vom Ruechensteiner
Grenzbanne durchschnitten war, kreiste der Ratsschreiber Schafürli herum,
der stetsfort nach Heilung des ihm angetanen Schadens oder aber nach
Rache dürstete; denn es waltete in Ruechenstein trotz der vermeintlichen
Hexerei wegen der Tötung des Schultheißensohnes doch ein offener und
geheimer Haß gegen ihn, den er durch den Tod der von den Seldwylern
nach Ruechensteiner Ansicht unbestraft gelassenen Küngolt zu sühnen
hoffte. Als daher eines Tages die arme Küngolt achtlos gerade auf einem
Grenzsteine saß, und zwar so, daß ihre Füße auf dem Ruechensteiner Boden
ruhten, trat Schafürli unversehens mit einem Ratsknechte aus den Bäumen
hervor, nahm sie gefangen und führte sie gebunden nach seiner Stadt, wo
ihr wegen des durch ihre Zauberei herbeigeführten ungesühnten Todes des
Schultheißensohnes sofort von neuem der Prozeß gemacht wurde.
In Seldwyla war, zumal in diesen aufgeregten Zeitläufen, niemand mehr,
der sich ihrer angenommen hätte, auch wenn ein Erfolg in Aussicht
gewesen wäre. Es hieß daher bald, ihr Leben werde wohl dahin sein. Nun
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war es die einst so schlimme Violande, welche, von Reue und Mitleid
erschüttert, sich aufraffte und die einzige Hilfe aufsuchte, die ihr denkbar
schien. Sie machte sich auf und wanderte Tag und Nacht gegen Westen, um
die Bande des tollen Lebens und Dietegen zu finden. Das Gerücht von dem
Treiben der verwegenen Schar leitete sie auch bald auf den rechten Weg
und sie fand den Gesuchten, wie er eben mit einigen Gefährten in einer
Schenke gleichgültig um Geld würfelte.
Sie gab ihm Kunde von dem neuen Unglücke Küngolts und er hörte ihr
wider Erwarten aufmerksam zu, sagte aber dann: »Hier kann ich nichts
machen! Das ist eine Rechtssache und da die Seldwyler selbst nichts tun, so
würde ich keine zehn Gesellen finden, die mir folgen würden, um das Kind
zu befreien!«
Violande aber, welche von ihrem früheren Wesen und Treiben her alle
möglichen Heiratsfälle im Gedächtnisse hatte, erwiderte: »Gewalt ist auch
nicht nötig. Die Ruechensteiner haben seit altem her die Satzung, daß ein
zum Tode verurteiltes Weib von jedem Manne gerettet werden kann und
demselben übergeben wird, der sie zu ehelichen begehrt und sich auf der
Stelle mit ihr trauen läßt!«
Dietegen schaute der Sprecherin verwundert und wunderlich ins Gesicht,
nicht ohne sein spöttisches Soldatenlächeln.
»Ich soll also eine Art Dirne zur Frau nehmen, meint Ihr?« sagte er,
indem er seinen hervorsprossenden Schnurrbart drehte und sich sehr
ungläubig anstellte, obgleich es ihm durch das Antlitz zuckte. »Sag nicht
Dirne,« antwortete Violande, »sie ist es nicht!«
Und plötzlich in Tränen ausbrechend, ergriff sie Dietegens Hände und
fuhr fort: »Was sie gefehlt hat, ist meine Schuld, laß es mich bekennen;
denn ich wollte euch trennen und beide aus dem Hause bringen, um den
Vater zu bekommen! Darum habe ich das Kind zu allen seinen Torheiten
verleitet!«
»Sie hätte sich nicht sollen verleiten lassen,« rief Dietegen, »ihre Eltern
sind von guter Art gewesen; aber sie ist nicht geraten!«
»Und ich schwöre dir bei meiner Seligkeit,« rief Violande, »es ist alles
wie vom Feuer weggebrannt, was sie verunziert hat; sie ist gut und sanft
erschüttert, sich aufraffte und die einzige Hilfe aufsuchte, die ihr denkbar
schien. Sie machte sich auf und wanderte Tag und Nacht gegen Westen, um
die Bande des tollen Lebens und Dietegen zu finden. Das Gerücht von dem
Treiben der verwegenen Schar leitete sie auch bald auf den rechten Weg
und sie fand den Gesuchten, wie er eben mit einigen Gefährten in einer
Schenke gleichgültig um Geld würfelte.
Sie gab ihm Kunde von dem neuen Unglücke Küngolts und er hörte ihr
wider Erwarten aufmerksam zu, sagte aber dann: »Hier kann ich nichts
machen! Das ist eine Rechtssache und da die Seldwyler selbst nichts tun, so
würde ich keine zehn Gesellen finden, die mir folgen würden, um das Kind
zu befreien!«
Violande aber, welche von ihrem früheren Wesen und Treiben her alle
möglichen Heiratsfälle im Gedächtnisse hatte, erwiderte: »Gewalt ist auch
nicht nötig. Die Ruechensteiner haben seit altem her die Satzung, daß ein
zum Tode verurteiltes Weib von jedem Manne gerettet werden kann und
demselben übergeben wird, der sie zu ehelichen begehrt und sich auf der
Stelle mit ihr trauen läßt!«
Dietegen schaute der Sprecherin verwundert und wunderlich ins Gesicht,
nicht ohne sein spöttisches Soldatenlächeln.
»Ich soll also eine Art Dirne zur Frau nehmen, meint Ihr?« sagte er,
indem er seinen hervorsprossenden Schnurrbart drehte und sich sehr
ungläubig anstellte, obgleich es ihm durch das Antlitz zuckte. »Sag nicht
Dirne,« antwortete Violande, »sie ist es nicht!«
Und plötzlich in Tränen ausbrechend, ergriff sie Dietegens Hände und
fuhr fort: »Was sie gefehlt hat, ist meine Schuld, laß es mich bekennen;
denn ich wollte euch trennen und beide aus dem Hause bringen, um den
Vater zu bekommen! Darum habe ich das Kind zu allen seinen Torheiten
verleitet!«
»Sie hätte sich nicht sollen verleiten lassen,« rief Dietegen, »ihre Eltern
sind von guter Art gewesen; aber sie ist nicht geraten!«
»Und ich schwöre dir bei meiner Seligkeit,« rief Violande, »es ist alles
wie vom Feuer weggebrannt, was sie verunziert hat; sie ist gut und sanft
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und liebt dich so, daß sie schon längst sich ein Leid angetan hätte, wenn du
nicht in der Welt zurückbleiben würdest. Übrigens gedenke doch dessen,
was du ihr schuldest! Würdest du jetzt in deiner Kraft und Schönheit
dastehen, wenn sie dich nicht aus dem Sarge des Henkers genommen hätte?
Und gedenke auch der Mutter Küngolts und ihres braven Vaters, die dich
erzogen haben, wie ihr eigenes Kind. Und bist denn du der einzige Richter
über den Fehl eines schwachen Kindes? Hast du selbst noch nie unrecht
getan? Hast du keinen Mann erschlagen in deinen Kriegen, dessen Tod
nicht gerade nötig gewesen wäre? Hast du keine Hütten von Armen und
Wehrlosen verbrannt? Und wenn du auch dies nicht getan, hast du immer
Barmherzigkeit geübt, wo du es gekonnt hättest?«
Dietegen errötete und sagte: »Ich will nichts geschenkt haben und
niemandem etwas schuldig bleiben! Wenn es sich verhält, wie Ihr sagt, mit
dem Ruechensteinischen Rechtsbrauche, so will ich hingehen und das Kind
zu mir nehmen! Möge Gott mir und ihr dann weiter helfen, wenn sie nicht
mehr recht tun kann!«
Sogleich gab er der gänzlich erschöpften Frau, die ihm nicht hätte folgen
können, einiges Geld, womit sie sich etwas pflegen und zur Rückreise
stärken sollte. Er selbst ging augenblicklich, seine Waffen ergreifend, auf
und davon, quer durch das Land, und ruhte nicht, bis er die finstere Stadt
Ruechenstein erblickte.
Dort hatten sie nicht lange Spaß gemacht, sondern nach wenig Tagen die
Küngolt, die im alten Turme saß, zum Tode verurteilt, und zwar wegen
ihres unbescholtenen Vaters, der für das Vaterland gefallen sei, aus
besonderer Milde zum Tode durch Enthauptung, statt durch Feuer oder Rad
oder eine andere ihrer üblichen Praktiken.
Sie wurde demgemäß zum Tore hinausgeführt nach dem Richtplatze,
barfüßig und mit nichts als dem Armensünderhemde bekleidet, Nacken und
Rücken von dem schweren flatternden Haare bedeckt. Schritt für Schritt
ging sie ihren Todespfad, inmitten ihrer Peiniger, zuweilen strauchelnd, aber
gefaßten Mutes, da sie sich ergeben und aller weiteren Lebens- und
Glückeshoffnung entschlagen hatte. »So kann es einem ergehen!« dachte
sie mit einem fast merklichen Lächeln, und erst als sie plötzlich wieder an
Dietegen dachte, entfielen ihren Augen süße Tränen; denn sie bedachte
nicht in der Welt zurückbleiben würdest. Übrigens gedenke doch dessen,
was du ihr schuldest! Würdest du jetzt in deiner Kraft und Schönheit
dastehen, wenn sie dich nicht aus dem Sarge des Henkers genommen hätte?
Und gedenke auch der Mutter Küngolts und ihres braven Vaters, die dich
erzogen haben, wie ihr eigenes Kind. Und bist denn du der einzige Richter
über den Fehl eines schwachen Kindes? Hast du selbst noch nie unrecht
getan? Hast du keinen Mann erschlagen in deinen Kriegen, dessen Tod
nicht gerade nötig gewesen wäre? Hast du keine Hütten von Armen und
Wehrlosen verbrannt? Und wenn du auch dies nicht getan, hast du immer
Barmherzigkeit geübt, wo du es gekonnt hättest?«
Dietegen errötete und sagte: »Ich will nichts geschenkt haben und
niemandem etwas schuldig bleiben! Wenn es sich verhält, wie Ihr sagt, mit
dem Ruechensteinischen Rechtsbrauche, so will ich hingehen und das Kind
zu mir nehmen! Möge Gott mir und ihr dann weiter helfen, wenn sie nicht
mehr recht tun kann!«
Sogleich gab er der gänzlich erschöpften Frau, die ihm nicht hätte folgen
können, einiges Geld, womit sie sich etwas pflegen und zur Rückreise
stärken sollte. Er selbst ging augenblicklich, seine Waffen ergreifend, auf
und davon, quer durch das Land, und ruhte nicht, bis er die finstere Stadt
Ruechenstein erblickte.
Dort hatten sie nicht lange Spaß gemacht, sondern nach wenig Tagen die
Küngolt, die im alten Turme saß, zum Tode verurteilt, und zwar wegen
ihres unbescholtenen Vaters, der für das Vaterland gefallen sei, aus
besonderer Milde zum Tode durch Enthauptung, statt durch Feuer oder Rad
oder eine andere ihrer üblichen Praktiken.
Sie wurde demgemäß zum Tore hinausgeführt nach dem Richtplatze,
barfüßig und mit nichts als dem Armensünderhemde bekleidet, Nacken und
Rücken von dem schweren flatternden Haare bedeckt. Schritt für Schritt
ging sie ihren Todespfad, inmitten ihrer Peiniger, zuweilen strauchelnd, aber
gefaßten Mutes, da sie sich ergeben und aller weiteren Lebens- und
Glückeshoffnung entschlagen hatte. »So kann es einem ergehen!« dachte
sie mit einem fast merklichen Lächeln, und erst als sie plötzlich wieder an
Dietegen dachte, entfielen ihren Augen süße Tränen; denn sie bedachte
Page 192
auch, daß er ihr sein blühendes Leben danke, und sie fühlte sich durch
dieses Erinnern getröstet, so selbstlos und gut war ihr Herz geworden.
Schon saß sie auf dem Stuhle und war gewissermaßen froh, daß sie nur
sitzen und ausruhen konnte von dem mühseligen Gang. Sie schaute zum
letzten Male über das Land hin und in den blauen Schmelz der Ferne. Da
verband ihr der Henker die Augen und schickte sich an, ihr das reiche Haar
abzunehmen, soweit es unter der Binde hervorquoll, als Dietegen in einiger
Entfernung zum Vorschein kam und mächtig rufend seinen Hut und seinen
Spieß schwenkte. Gleichzeitig aber, um die Handlung aufzuhalten, riß er
seine Büchse von der Schulter und sandte eine Kugel über den Kopf des
Henkers weg. Überrascht und erschreckt hielten die Richter inne und alles
griff zu den Waffen, als der reisige Jüngling in weiten Sätzen heran und auf
das Blutgerüst sprang, daß dasselbe von der Wucht seines Sprunges beinahe
zusammenbrach. Die sitzende Küngolt bei der Schulter fassend, da ihre
Hände auf den Rücken gebunden waren, suchte er eine Weile nach Atem,
eh’ er sprechen konnte. Die Ruechensteiner, als sie sahen, daß er allein war
und kein weiterer Überfall erfolgte, harrten der Dinge, die da kommen
sollten, und als er endlich sein Begehren erklären konnte, traten sie zur
Beratung der Angelegenheit zusammen.
Sowohl ihre Art, an den einmal herrschenden Rechtsgewohnheiten
unverbrüchlich festzuhalten, als das Ansehen, welches Dietegen in diesen
kriegerischen Tagen und mit seiner ganzen Erscheinung behauptete, ließen
den Handel ohne Schwierigkeit beilegen, nachdem der grämliche Verdruß
über die ungewöhnliche Störung einmal überwunden war. Selbst der
Ratsschreiber, der sich nicht versagt hatte, sein Amt in dieser Sache selbst
zu versehen und sich von dem Untergange der Hexe zu überzeugen, verbarg
sich, so gut er konnte, um den wilden Kriegsmann, dessen Hand er trotz
seines Mutes fürchtete, nicht auf sich aufmerksam zu machen.
Der gleiche Priester, der vorher mit der Verurteilten gebetet hatte, mußte
nun stehenden Fußes die Trauung auf dem Gerüste vornehmen. Küngolt
wurde losgebunden, auf die schwankenden Füße gestellt und befragt, ob sie
diesem Manne, der sie zu ehelichen begehre, als seine rechte Ehefrau folgen
und ihm ihre Hand geben wolle.
dieses Erinnern getröstet, so selbstlos und gut war ihr Herz geworden.
Schon saß sie auf dem Stuhle und war gewissermaßen froh, daß sie nur
sitzen und ausruhen konnte von dem mühseligen Gang. Sie schaute zum
letzten Male über das Land hin und in den blauen Schmelz der Ferne. Da
verband ihr der Henker die Augen und schickte sich an, ihr das reiche Haar
abzunehmen, soweit es unter der Binde hervorquoll, als Dietegen in einiger
Entfernung zum Vorschein kam und mächtig rufend seinen Hut und seinen
Spieß schwenkte. Gleichzeitig aber, um die Handlung aufzuhalten, riß er
seine Büchse von der Schulter und sandte eine Kugel über den Kopf des
Henkers weg. Überrascht und erschreckt hielten die Richter inne und alles
griff zu den Waffen, als der reisige Jüngling in weiten Sätzen heran und auf
das Blutgerüst sprang, daß dasselbe von der Wucht seines Sprunges beinahe
zusammenbrach. Die sitzende Küngolt bei der Schulter fassend, da ihre
Hände auf den Rücken gebunden waren, suchte er eine Weile nach Atem,
eh’ er sprechen konnte. Die Ruechensteiner, als sie sahen, daß er allein war
und kein weiterer Überfall erfolgte, harrten der Dinge, die da kommen
sollten, und als er endlich sein Begehren erklären konnte, traten sie zur
Beratung der Angelegenheit zusammen.
Sowohl ihre Art, an den einmal herrschenden Rechtsgewohnheiten
unverbrüchlich festzuhalten, als das Ansehen, welches Dietegen in diesen
kriegerischen Tagen und mit seiner ganzen Erscheinung behauptete, ließen
den Handel ohne Schwierigkeit beilegen, nachdem der grämliche Verdruß
über die ungewöhnliche Störung einmal überwunden war. Selbst der
Ratsschreiber, der sich nicht versagt hatte, sein Amt in dieser Sache selbst
zu versehen und sich von dem Untergange der Hexe zu überzeugen, verbarg
sich, so gut er konnte, um den wilden Kriegsmann, dessen Hand er trotz
seines Mutes fürchtete, nicht auf sich aufmerksam zu machen.
Der gleiche Priester, der vorher mit der Verurteilten gebetet hatte, mußte
nun stehenden Fußes die Trauung auf dem Gerüste vornehmen. Küngolt
wurde losgebunden, auf die schwankenden Füße gestellt und befragt, ob sie
diesem Manne, der sie zu ehelichen begehre, als seine rechte Ehefrau folgen
und ihm ihre Hand geben wolle.
Page 193
Stumm blickte sie zu ihm auf, der das erste war, was sie nach
abgenommener Augenbinde von der Welt wieder sah, und sie blickte wie in
einen Traum hinein; doch um, auch wenn es ein solcher wäre, nichts zu
verfehlen, nickte sie, da sie nicht reden konnte, mit Geistesgegenwart und
geisterhaft drei- oder viermal, und gleich darauf noch ein paarmal, so daß
selbst die düsteren Ratsmänner gerührt wurden und die Zitternde stützten,
als sie hierauf in aller Form mit dem Manne verbunden wurde.
Erst jetzt wurde sie ihm mit Leib und Leben, wie sie stand und ging,
ohne Nachwähr noch irgend einigen Anspruch auf Gut oder Schadenersatz,
übergeben, gegen Erlegung der Gebühr für den Trauschein dem Pfaffen und
Bezahlung von zehn Kopf Weins für den Scharfrichter und seine Knechte,
als Hochzeitgabe, auch drei Pfund Heller für ein neues Wams dem
Scharfrichter.
Als er alles bezahlt hatte, nahm Dietegen sein Weib bei der Hand und
verließ mit ihr den Richtplatz. Weil er sie aber nehmen mußte, wie sie stand
und ging, und sie barfuß und mit nichts als dem Totenhemde bekleidet, auch
die Jahreszeit noch früh und kühl war, so befand sie sich nicht gut und
konnte nicht wohl neben dem Manne fortkommen. Er hob sie daher vom
Boden auf den Arm, schob seinen Hut über die Schultern zurück, sie
schlang sogleich ihre Arme um seinen Nacken, legte ihr Haupt auf das
seinige und schlief nach wenigen Schritten ein, die er mit dem Speer in der
andern Hand zurücklegte. So wandelte er rüstig weiter auf einsamer Höhe
und fühlte, wie sie im Schlafe leise weinte und ihr Atem in süßer Erlösung
freier wurde, und als ihre Tränen seine Stirne benetzten, da wurde es ihm zu
Mute, als ob er vom seligen Glücke selbst getauft würde, und dem rauhen
starken Gesellen rollten die eigenen Tränen über die Wangen. Sein war das
Leben, das er trug, und er hielt es, als ob er die reiche Welt Gottes trüge.
Als sie auf der Stelle anlangten, wo er selbst als Kind im
Sünderhemdchen unter den Frauen gesessen und kürzlich Küngolt gefangen
worden war, schien die Märzensonne so hell und warm, daß ein kurzes
Ausruhen erlaubt schien. Dietegen setzte sich auf den Grenzstein und ließ
seine reiche Last sachte auf seine Kniee nieder; der erste Blick, den die
Erwachende ihm gab, und die ersten armen Wörtchen, die sie nun endlich
stammelte, bestätigten ihm, daß er nicht sowohl eine Pflicht treu erfüllt, als
abgenommener Augenbinde von der Welt wieder sah, und sie blickte wie in
einen Traum hinein; doch um, auch wenn es ein solcher wäre, nichts zu
verfehlen, nickte sie, da sie nicht reden konnte, mit Geistesgegenwart und
geisterhaft drei- oder viermal, und gleich darauf noch ein paarmal, so daß
selbst die düsteren Ratsmänner gerührt wurden und die Zitternde stützten,
als sie hierauf in aller Form mit dem Manne verbunden wurde.
Erst jetzt wurde sie ihm mit Leib und Leben, wie sie stand und ging,
ohne Nachwähr noch irgend einigen Anspruch auf Gut oder Schadenersatz,
übergeben, gegen Erlegung der Gebühr für den Trauschein dem Pfaffen und
Bezahlung von zehn Kopf Weins für den Scharfrichter und seine Knechte,
als Hochzeitgabe, auch drei Pfund Heller für ein neues Wams dem
Scharfrichter.
Als er alles bezahlt hatte, nahm Dietegen sein Weib bei der Hand und
verließ mit ihr den Richtplatz. Weil er sie aber nehmen mußte, wie sie stand
und ging, und sie barfuß und mit nichts als dem Totenhemde bekleidet, auch
die Jahreszeit noch früh und kühl war, so befand sie sich nicht gut und
konnte nicht wohl neben dem Manne fortkommen. Er hob sie daher vom
Boden auf den Arm, schob seinen Hut über die Schultern zurück, sie
schlang sogleich ihre Arme um seinen Nacken, legte ihr Haupt auf das
seinige und schlief nach wenigen Schritten ein, die er mit dem Speer in der
andern Hand zurücklegte. So wandelte er rüstig weiter auf einsamer Höhe
und fühlte, wie sie im Schlafe leise weinte und ihr Atem in süßer Erlösung
freier wurde, und als ihre Tränen seine Stirne benetzten, da wurde es ihm zu
Mute, als ob er vom seligen Glücke selbst getauft würde, und dem rauhen
starken Gesellen rollten die eigenen Tränen über die Wangen. Sein war das
Leben, das er trug, und er hielt es, als ob er die reiche Welt Gottes trüge.
Als sie auf der Stelle anlangten, wo er selbst als Kind im
Sünderhemdchen unter den Frauen gesessen und kürzlich Küngolt gefangen
worden war, schien die Märzensonne so hell und warm, daß ein kurzes
Ausruhen erlaubt schien. Dietegen setzte sich auf den Grenzstein und ließ
seine reiche Last sachte auf seine Kniee nieder; der erste Blick, den die
Erwachende ihm gab, und die ersten armen Wörtchen, die sie nun endlich
stammelte, bestätigten ihm, daß er nicht sowohl eine Pflicht treu erfüllt, als
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eine neue eingegangen habe, nämlich diejenige, so gut und wacker zu
werden, daß er des Glückes, das ihn jetzt beseelte, auch allezeit wert sei.
Der Boden um den Markstein her war schon mit Maßliebchen und andern
frühen Blumen besät, der Himmel weit herum blau, und kein Ton
unterbrach die Nachmittagsstille, als der Gesang der Buchfinken in den
Wäldern.
Weiter sprachen sie nun nichts, sondern atmeten einträchtiglich in die
laue Luft hinaus; endlich aber erhoben sie sich, und weil der Weg nur noch
über weichen Moosboden durch die Buchenwaldung abwärts führte nach
dem Forsthause, so gingen sie nun nebeneinander hin.
Unversehens griff Küngolt an ihr Goldhaar, welches sie erst jetzt
abgeschnitten glaubte, und da sie es noch fand, wie es gewesen, stand sie
still und sagte zu Dietegen, indem sie ihn treuherzig ansah: »Kann ich nicht
noch ein Brautkränzchen bekommen?«
Er sah sich um und gewahrte eine glänzend grüne Stechpalme. Rasch
schnitt er einen starken Zweig vom Strauche, machte einen Kranz daraus
und setzte ihr denselben sorgsam aufs Haupt mit den Worten: »Es ist ein
rauher Brautkranz, aber wehrhaft, wie unsere Ehre es jederzeit sein soll!
Wer sie mit Wort oder Tat beleidigen will, wird die Strafe fühlen!«
Er küßte sie hierauf ein einziges Mal fest unter ihrem Kranze und sie
ging zufrieden weiter mit ihm.
Das Forsthaus stand leer und verlassen, als sie es erreichten. Das Gesinde
hatte sich wegen der vermeintlichen Hinrichtung teils aus Trauer, teils aus
ungetreuem Leichtsinn verlaufen und niemand kehrte an diesem Tage mehr
zurück. Umso traulicher wurde das rasch auflebende junge Weib mit jedem
Augenblick. Sie eilte von Schrank zu Schrank, von Kammer zu Kammer,
und bald erschien sie in dem köstlichen Brautkleid ihrer Mutter, von
welchem sie ihrem jetzigen Manne in jener Nacht erzählt, als sie zusammen
im gleichen Kinderbettchen gelegen. Dann deckte sie den Tisch mit
festlichen Linnen und trug auf, was sie an Speise und Wein hatte finden und
bereiten können.
In tiefer Stille und Einsamkeit saßen sie nun nebeneinander, sie in ihrem
Kranze und er mit abgelegten Waffen, und nachdem sie ihr einfaches Mahl
werden, daß er des Glückes, das ihn jetzt beseelte, auch allezeit wert sei.
Der Boden um den Markstein her war schon mit Maßliebchen und andern
frühen Blumen besät, der Himmel weit herum blau, und kein Ton
unterbrach die Nachmittagsstille, als der Gesang der Buchfinken in den
Wäldern.
Weiter sprachen sie nun nichts, sondern atmeten einträchtiglich in die
laue Luft hinaus; endlich aber erhoben sie sich, und weil der Weg nur noch
über weichen Moosboden durch die Buchenwaldung abwärts führte nach
dem Forsthause, so gingen sie nun nebeneinander hin.
Unversehens griff Küngolt an ihr Goldhaar, welches sie erst jetzt
abgeschnitten glaubte, und da sie es noch fand, wie es gewesen, stand sie
still und sagte zu Dietegen, indem sie ihn treuherzig ansah: »Kann ich nicht
noch ein Brautkränzchen bekommen?«
Er sah sich um und gewahrte eine glänzend grüne Stechpalme. Rasch
schnitt er einen starken Zweig vom Strauche, machte einen Kranz daraus
und setzte ihr denselben sorgsam aufs Haupt mit den Worten: »Es ist ein
rauher Brautkranz, aber wehrhaft, wie unsere Ehre es jederzeit sein soll!
Wer sie mit Wort oder Tat beleidigen will, wird die Strafe fühlen!«
Er küßte sie hierauf ein einziges Mal fest unter ihrem Kranze und sie
ging zufrieden weiter mit ihm.
Das Forsthaus stand leer und verlassen, als sie es erreichten. Das Gesinde
hatte sich wegen der vermeintlichen Hinrichtung teils aus Trauer, teils aus
ungetreuem Leichtsinn verlaufen und niemand kehrte an diesem Tage mehr
zurück. Umso traulicher wurde das rasch auflebende junge Weib mit jedem
Augenblick. Sie eilte von Schrank zu Schrank, von Kammer zu Kammer,
und bald erschien sie in dem köstlichen Brautkleid ihrer Mutter, von
welchem sie ihrem jetzigen Manne in jener Nacht erzählt, als sie zusammen
im gleichen Kinderbettchen gelegen. Dann deckte sie den Tisch mit
festlichen Linnen und trug auf, was sie an Speise und Wein hatte finden und
bereiten können.
In tiefer Stille und Einsamkeit saßen sie nun nebeneinander, sie in ihrem
Kranze und er mit abgelegten Waffen, und nachdem sie ihr einfaches Mahl
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genossen, gingen sie zur Ruhe. »So kann es einem ergehen!« sagte Küngolt
heute zum zweiten Male und mit leichterem Herzen leise vor sich hin, als
sie zufrieden an der Seite ihres Mannes lag; denn es blieb immer ein
Restchen von Schalkheit in ihr.
Dietegen wurde ein angesehener Mann durch das Kriegswesen, nicht
besser als andere jener Zeit, vielmehr den gleichen Fehlern unterworfen. Er
wurde ein Feldhauptmann, der für oder wider die fremden Herren Partei
nahm, Söldner warb, Gold und Beute raffte und so von Krieg zu Krieg sein
Wesen trieb, gleich den Ersten seines Landes, so daß er emporkam und
einen oft gewalttätigen Einfluß übte. Allein mit seiner Frau lebte er in
ununterbrochener Eintracht und Ehre und gründete mit ihr ein zahlreiches
Geschlecht, das jetzt noch in Blüte steht in verschiedenen Ländern, wohin
der kriegerische Zug der Zeiten die Vorfahren einst getrieben.
Violande ihrerseits war bald nach der Hochzeit Dietegens und Küngolts,
die ihr zum Troste gereicht hatte, in ein wirkliches Kloster gegangen und
eine wirkliche Nonne geworden, welche den Kindern Küngolts zuweilen
allerlei Backwerk und Näschereien sandte. Auch gefiel sie sich darin, wenn
Herr Dietegen auf der Höhe seines Ansehens etwa große Gasterei hielt und
mit langem Bart und goldener Ritterkette dasaß, als geistliche Frau auf
Besuch zugegen zu sein und mit einem goldenen Kreuze auf der Brust, und
intrigante höfliche Reden mit den Kriegsherren zu wechseln.
Wie Küngolt im Anfange des sechzehnten Jahrhunderts ausgesehen, ist
noch aus dem Bilde eines guten Malers zu entnehmen, welches in einer
bekannten Galerie hängt und laut Inschrift ihr Bildnis ist. Man sieht da eine
schlanke feine Patrizierfrau, deren schöne Gesichtszüge einen gewissen
tiefen Ernst verkünden, durchblüht aber von sanfter kluger Laune.
Auch sie starb noch in guten Jahren an einer Erkältung, gleich ihrer
Mutter, der Forstmeisterin, als nämlich ihr Mann in einem der Mailänder
Feldzüge endlich ums Leben kam und auf dem Friedhofe eines
lombardischen Kirchleins begraben wurde. Sie eilte hin, in der Absicht, ihm
ein Grabmal zu errichten, in der Tat aber, um ungesehen eine lange
Regennacht hindurch auf seinem Grabe zu sitzen, so daß ein Fieber sie in
zwei Tagen dahinraffte und sie an der Seite Dietegens ihre Ruhestatt fand.
heute zum zweiten Male und mit leichterem Herzen leise vor sich hin, als
sie zufrieden an der Seite ihres Mannes lag; denn es blieb immer ein
Restchen von Schalkheit in ihr.
Dietegen wurde ein angesehener Mann durch das Kriegswesen, nicht
besser als andere jener Zeit, vielmehr den gleichen Fehlern unterworfen. Er
wurde ein Feldhauptmann, der für oder wider die fremden Herren Partei
nahm, Söldner warb, Gold und Beute raffte und so von Krieg zu Krieg sein
Wesen trieb, gleich den Ersten seines Landes, so daß er emporkam und
einen oft gewalttätigen Einfluß übte. Allein mit seiner Frau lebte er in
ununterbrochener Eintracht und Ehre und gründete mit ihr ein zahlreiches
Geschlecht, das jetzt noch in Blüte steht in verschiedenen Ländern, wohin
der kriegerische Zug der Zeiten die Vorfahren einst getrieben.
Violande ihrerseits war bald nach der Hochzeit Dietegens und Küngolts,
die ihr zum Troste gereicht hatte, in ein wirkliches Kloster gegangen und
eine wirkliche Nonne geworden, welche den Kindern Küngolts zuweilen
allerlei Backwerk und Näschereien sandte. Auch gefiel sie sich darin, wenn
Herr Dietegen auf der Höhe seines Ansehens etwa große Gasterei hielt und
mit langem Bart und goldener Ritterkette dasaß, als geistliche Frau auf
Besuch zugegen zu sein und mit einem goldenen Kreuze auf der Brust, und
intrigante höfliche Reden mit den Kriegsherren zu wechseln.
Wie Küngolt im Anfange des sechzehnten Jahrhunderts ausgesehen, ist
noch aus dem Bilde eines guten Malers zu entnehmen, welches in einer
bekannten Galerie hängt und laut Inschrift ihr Bildnis ist. Man sieht da eine
schlanke feine Patrizierfrau, deren schöne Gesichtszüge einen gewissen
tiefen Ernst verkünden, durchblüht aber von sanfter kluger Laune.
Auch sie starb noch in guten Jahren an einer Erkältung, gleich ihrer
Mutter, der Forstmeisterin, als nämlich ihr Mann in einem der Mailänder
Feldzüge endlich ums Leben kam und auf dem Friedhofe eines
lombardischen Kirchleins begraben wurde. Sie eilte hin, in der Absicht, ihm
ein Grabmal zu errichten, in der Tat aber, um ungesehen eine lange
Regennacht hindurch auf seinem Grabe zu sitzen, so daß ein Fieber sie in
zwei Tagen dahinraffte und sie an der Seite Dietegens ihre Ruhestatt fand.
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Das verlorene Lachen
Erstes Kapitel
Drei Ellen gute Bannerseide,
Ein Häuflein Volkes ehrenwert,
Mit klarem Aug’, im Sonntagskleide,
Ist alles, was mein Herz begehrt!
So end’ ich mit der Morgenhelle
Der Sommernacht beschränkte Ruh’
Und wand’re rasch dem frischen Quelle
Der vaterländ’schen Freuden zu.
Die Schiffe fahren und die Wagen,
Bekränzt, auf allen Pfaden her;
Die luft’ge Halle seh’ ich ragen,
Von Steinen nicht noch Sorgen schwer;
Vom Rednersimse schimmert lieblich
Des Festpokales Silberhort:
Heil uns, noch ist bei Freien üblich
Ein leidenschaftlich freies Wort!
Und Wort und Lied, von Mund zu Munde,
Von Herz zu Herzen hallt es hin;
So blüht des Festes Rosenstunde
Und muß mit goldner Wende flieh’n!
Und jede Pflicht hat sie erneuet,
Und jede Kraft hat sie gestählt,
Und eine Körnersaat gestreuet,
Die niemals ihre Frucht verhehlt.
Drum weilet, wo im Feierkleide
Ein rüstig Volk zum Feste geht
Und leis die feine Bannerseide
Erstes Kapitel
Drei Ellen gute Bannerseide,
Ein Häuflein Volkes ehrenwert,
Mit klarem Aug’, im Sonntagskleide,
Ist alles, was mein Herz begehrt!
So end’ ich mit der Morgenhelle
Der Sommernacht beschränkte Ruh’
Und wand’re rasch dem frischen Quelle
Der vaterländ’schen Freuden zu.
Die Schiffe fahren und die Wagen,
Bekränzt, auf allen Pfaden her;
Die luft’ge Halle seh’ ich ragen,
Von Steinen nicht noch Sorgen schwer;
Vom Rednersimse schimmert lieblich
Des Festpokales Silberhort:
Heil uns, noch ist bei Freien üblich
Ein leidenschaftlich freies Wort!
Und Wort und Lied, von Mund zu Munde,
Von Herz zu Herzen hallt es hin;
So blüht des Festes Rosenstunde
Und muß mit goldner Wende flieh’n!
Und jede Pflicht hat sie erneuet,
Und jede Kraft hat sie gestählt,
Und eine Körnersaat gestreuet,
Die niemals ihre Frucht verhehlt.
Drum weilet, wo im Feierkleide
Ein rüstig Volk zum Feste geht
Und leis die feine Bannerseide
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Hoch über ihm zum Himmel weht!
In Vaterlandes Saus und Brause,
Da ist die Freude sündenrein,
Und kehr’ nicht besser ich nach Hause,
So werd’ ich auch nicht schlechter sein!
Dieses Lied sang der Fahnenträger des Seldwyler Männerchors, welcher
an einem prachtvollen Sommermorgen zum Sängerfeste wanderte.
Nachdem die Herren am Abend vorher aufgebrochen und einen Teil des
Weges auf der Schienenbahn befördert worden waren, hatten sie
beschlossen, den Rest in der Morgenkühle zu Fuß zu machen, da es nur
noch durch schöne Waldungen ging.
Schon breitete sich der glänzende See vor ihnen aus mit der bunt
beflaggten Stadt am Ufer, als die sechzig bis siebzig jüngeren und älteren
Männer des Vereines in zerstreuten Gruppen durch einen herrlichen
Buchenwald hinabstiegen und das hinter den großen Stämmen wohnende
Echo mit Jauchzen und einzelnen Liederstrophen widerhallen ließen, auch
etwa einem weiterhin niedersteigenden Fähnlein antworteten.
Nur der allen vorausziehende Fahnenträger, ein schlank gewachsener
junger Mann mit bildschönem Antlitz, sang sein Lied vollständig durch mit
freudeheller und doch gemäßigter Baritonstimme. Geschmückt mit breiter
reichgestickter Schärpe und stattlichem Federhut, trug er die ebenso reiche,
schwere Seidenfahne, halb zusammengefaltet, über die Schulter gelegt, und
deren goldene Spitze funkelte hin und wieder im grünen Schatten, wo die
Strahlen der Morgensonne durch die Laubgewölbe drangen.
Als er nun sein Lied geendet, schaute er lächelnd zurück und man sah das
schöne Gesicht in vollem Glücke strahlen, das ihm jeder gönnte, da ein
eigentümlich angenehmes Lachen, wenn es sich zeigte, jeden für ihn
gewann.
»Unser Jukundi,« sagten die hinter ihm Gehenden zueinander, »wird
wohl der schönste Fähnrich am Feste sein.« Er führte nämlich den heiter
klingenden Namen Jukundus Meyenthal und wurde mit allgemeiner
Zärtlichkeit schlechtweg der Jukundi genannt. Es erwahrte sich auch die
In Vaterlandes Saus und Brause,
Da ist die Freude sündenrein,
Und kehr’ nicht besser ich nach Hause,
So werd’ ich auch nicht schlechter sein!
Dieses Lied sang der Fahnenträger des Seldwyler Männerchors, welcher
an einem prachtvollen Sommermorgen zum Sängerfeste wanderte.
Nachdem die Herren am Abend vorher aufgebrochen und einen Teil des
Weges auf der Schienenbahn befördert worden waren, hatten sie
beschlossen, den Rest in der Morgenkühle zu Fuß zu machen, da es nur
noch durch schöne Waldungen ging.
Schon breitete sich der glänzende See vor ihnen aus mit der bunt
beflaggten Stadt am Ufer, als die sechzig bis siebzig jüngeren und älteren
Männer des Vereines in zerstreuten Gruppen durch einen herrlichen
Buchenwald hinabstiegen und das hinter den großen Stämmen wohnende
Echo mit Jauchzen und einzelnen Liederstrophen widerhallen ließen, auch
etwa einem weiterhin niedersteigenden Fähnlein antworteten.
Nur der allen vorausziehende Fahnenträger, ein schlank gewachsener
junger Mann mit bildschönem Antlitz, sang sein Lied vollständig durch mit
freudeheller und doch gemäßigter Baritonstimme. Geschmückt mit breiter
reichgestickter Schärpe und stattlichem Federhut, trug er die ebenso reiche,
schwere Seidenfahne, halb zusammengefaltet, über die Schulter gelegt, und
deren goldene Spitze funkelte hin und wieder im grünen Schatten, wo die
Strahlen der Morgensonne durch die Laubgewölbe drangen.
Als er nun sein Lied geendet, schaute er lächelnd zurück und man sah das
schöne Gesicht in vollem Glücke strahlen, das ihm jeder gönnte, da ein
eigentümlich angenehmes Lachen, wenn es sich zeigte, jeden für ihn
gewann.
»Unser Jukundi,« sagten die hinter ihm Gehenden zueinander, »wird
wohl der schönste Fähnrich am Feste sein.« Er führte nämlich den heiter
klingenden Namen Jukundus Meyenthal und wurde mit allgemeiner
Zärtlichkeit schlechtweg der Jukundi genannt. Es erwahrte sich auch die
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Hoffnung; denn als die Seldwyler, am Orte angekommen, sich zum Einzuge
unter die langen Sängerscharen reihten, erregte seine Erscheinung, wo sie
durchzogen, überall großes Wohlgefallen.
Denjenigen, welche schon mehrere Feste gesehen hatten, war er auch
schon auf das vorteilhafteste bekannt als eine mustergültige
Festerscheinung. Von steter Fröhlichkeit und Ausdauer vom ersten bis zum
letzten Augenblicke, war Jukundi dennoch die Ruhe und Gelassenheit
selbst; immer sah man ihn teilnehmend an jeder allgemeinen Freude und an
jeder besondern Ausführung, ausharrend und hilfreich, nie überlaut oder gar
betrunken. Den schreienden Possenmacher wußte er zu ertragen, wie den
übellaunischen Festgast, der sich übernommen und die Freude verdorben
hatte, und beide verstand er voll Duldung und Freundlichkeit aus allerlei
Fährlichkeiten zu erlösen, wenn die allgemeine Geduld zu brechen drohte,
und sie aus beschämendem Schiffbruche zu erretten. Selbst den
bewußtlosen Jähzornigen führte er, alle Schmähungen überhörend, mit
stillem Geschicke aus dem Gedränge und erwarb sich Dank und
Anhänglichkeit des Nüchterngewordenen.
In dieser Übung konnte er übrigens nur als eine Darstellung aller
Seldwyler gelten, wenn sie zu Feste zogen. So ungeregelt und müßig sie
sonst lebten, so sehr hielten sie auf Ordnung, Fleiß und gute Haltung bei
solchen Anlässen. Rühmlich zogen sie auf und wieder ab, eine gut
gemusterte, einige Schar, so lange die Lustbarkeit dauerte, und sich im
voraus auf die zwanglose Erholung freuend, welche zu Hause nach so
ernster Anstrengung sich langehin zu gönnen sein werde.
In dieser Weise hatten sie auch den Gesang, mit welchem sie am
Sängertage um den Preis zu ringen gedachten, trefflich eingeübt und
schonten ihre Stimmen mit großer Entbehrung. Sie hatten eine Tondichtung
gewählt, welche »Veilchens Erwachen!« betitelt und auf irgend ein
nichtssagendes Liedchen aufgebaut, aber so künstlich und schwer
auszuführen war, daß es schon Monate vorher ein großes Gerede gab an
allen Orten, als ob die Seldwyler zu viel unternommen und sich dem
Untergang ausgesetzt hätten.
Als aber der Tag der Wettgesänge vorgerückt war und in der mächtigen
weiten Halle Tausende von Hörern vor fast so viel tausend Sängern saßen
unter die langen Sängerscharen reihten, erregte seine Erscheinung, wo sie
durchzogen, überall großes Wohlgefallen.
Denjenigen, welche schon mehrere Feste gesehen hatten, war er auch
schon auf das vorteilhafteste bekannt als eine mustergültige
Festerscheinung. Von steter Fröhlichkeit und Ausdauer vom ersten bis zum
letzten Augenblicke, war Jukundi dennoch die Ruhe und Gelassenheit
selbst; immer sah man ihn teilnehmend an jeder allgemeinen Freude und an
jeder besondern Ausführung, ausharrend und hilfreich, nie überlaut oder gar
betrunken. Den schreienden Possenmacher wußte er zu ertragen, wie den
übellaunischen Festgast, der sich übernommen und die Freude verdorben
hatte, und beide verstand er voll Duldung und Freundlichkeit aus allerlei
Fährlichkeiten zu erlösen, wenn die allgemeine Geduld zu brechen drohte,
und sie aus beschämendem Schiffbruche zu erretten. Selbst den
bewußtlosen Jähzornigen führte er, alle Schmähungen überhörend, mit
stillem Geschicke aus dem Gedränge und erwarb sich Dank und
Anhänglichkeit des Nüchterngewordenen.
In dieser Übung konnte er übrigens nur als eine Darstellung aller
Seldwyler gelten, wenn sie zu Feste zogen. So ungeregelt und müßig sie
sonst lebten, so sehr hielten sie auf Ordnung, Fleiß und gute Haltung bei
solchen Anlässen. Rühmlich zogen sie auf und wieder ab, eine gut
gemusterte, einige Schar, so lange die Lustbarkeit dauerte, und sich im
voraus auf die zwanglose Erholung freuend, welche zu Hause nach so
ernster Anstrengung sich langehin zu gönnen sein werde.
In dieser Weise hatten sie auch den Gesang, mit welchem sie am
Sängertage um den Preis zu ringen gedachten, trefflich eingeübt und
schonten ihre Stimmen mit großer Entbehrung. Sie hatten eine Tondichtung
gewählt, welche »Veilchens Erwachen!« betitelt und auf irgend ein
nichtssagendes Liedchen aufgebaut, aber so künstlich und schwer
auszuführen war, daß es schon Monate vorher ein großes Gerede gab an
allen Orten, als ob die Seldwyler zu viel unternommen und sich dem
Untergang ausgesetzt hätten.
Als aber der Tag der Wettgesänge vorgerückt war und in der mächtigen
weiten Halle Tausende von Hörern vor fast so viel tausend Sängern saßen
Page 199
und das Häuflein der Seldwyler, da ihre Stunde gekommen, mit dem
Banner einsam vortrat in dem Menschenmeere, da hielten sie den ebenso
zarten als schweren Gesang durch alle schwierigen Harmonien und
Verwicklungen hindurch aufrecht ohne Wanken, und ließen ihn so weich
und rein verhauchen, daß man das blaue Veilchenknöspchen glaubte leise
aufplatzen und das erste Düftlein durch die Halle schweben zu hören.
Rauschend, tosend brach der Beifall nach der atemlosen Stille los, die
erhabenen Kampfrichter nickten vor allem Volke sichtbar mit den Häuptern
und sahen sich an, die goldenen Dosen ergreifend, Ehrengeschenke
entlegen wohnender Fürsten und Völker, und sich gegenseitig Prisen
anbietend; denn es befanden sich von den ersten Kapellmeistern darunter.
Die Seldwyler selbst traten mit ruhiger Haltung zurück und wußten ohne
Aufsehen aus der Schlachtordnung sich hinauszuwinden, um in einem
schattigen Garten ein mäßiges Champagnerfrühstück einzunehmen. Keiner
begehrte mehr als seine drei Gläser zu trinken, niemand merkte, wo sie
gewesen seien, als sie wieder in der Halle sich einfanden.
Dergestalt würdig verhielten sie sich während der Dauer des ganzen
Festes, bis die Stunde der Preiserteilung kam. Das Gold der
Nachmittagssonne durchwebte den bis zum letzten Platz angefüllten
Festbau, welcher mit rotem Tuch und Grün ausgeschlagen, mit vielen
Fahnen geschmückt, in feierlichem Glanze wie zu schwimmen schien. Auf
erhöhter Stelle, wo die zu Preisen und Festgeschenken bestimmten Schalen
und Hörner in Gold und Silber leuchteten, saßen einige Jungfrauen,
auserwählt, die Kränze an die gekrönten Sängerfahnen zu binden.
Oder vielmehr dienten sie der schönsten und größten unter ihnen zum
Geleit, der schönen Justine Glor von Schwanau, welche sich mit vieler
Mühe hatte erbitten lassen, das Anbinden der Kränze zu übernehmen. Sie
sah auch aus wie eine Muse; in reichgelocktem braunem Haar trug sie einen
frischen Rosenkranz und das weiße Gewand rot gegürtet.
Aller Augen hafteten an ihr, als sie sich erhob und den ersten Kranz
ergriff, welcher soeben den Seldwylern unter Trompeten- und Paukenschall
zugesprochen worden war. Zugleich sah man aber auch den Jukundus, der
unversehens mit seiner Fahne vor ihr stand und in frohem Glücke lachte. Da
strahlte wie ein Widerschein das gleiche schöne Lachen, wie es ihm eigen,
Banner einsam vortrat in dem Menschenmeere, da hielten sie den ebenso
zarten als schweren Gesang durch alle schwierigen Harmonien und
Verwicklungen hindurch aufrecht ohne Wanken, und ließen ihn so weich
und rein verhauchen, daß man das blaue Veilchenknöspchen glaubte leise
aufplatzen und das erste Düftlein durch die Halle schweben zu hören.
Rauschend, tosend brach der Beifall nach der atemlosen Stille los, die
erhabenen Kampfrichter nickten vor allem Volke sichtbar mit den Häuptern
und sahen sich an, die goldenen Dosen ergreifend, Ehrengeschenke
entlegen wohnender Fürsten und Völker, und sich gegenseitig Prisen
anbietend; denn es befanden sich von den ersten Kapellmeistern darunter.
Die Seldwyler selbst traten mit ruhiger Haltung zurück und wußten ohne
Aufsehen aus der Schlachtordnung sich hinauszuwinden, um in einem
schattigen Garten ein mäßiges Champagnerfrühstück einzunehmen. Keiner
begehrte mehr als seine drei Gläser zu trinken, niemand merkte, wo sie
gewesen seien, als sie wieder in der Halle sich einfanden.
Dergestalt würdig verhielten sie sich während der Dauer des ganzen
Festes, bis die Stunde der Preiserteilung kam. Das Gold der
Nachmittagssonne durchwebte den bis zum letzten Platz angefüllten
Festbau, welcher mit rotem Tuch und Grün ausgeschlagen, mit vielen
Fahnen geschmückt, in feierlichem Glanze wie zu schwimmen schien. Auf
erhöhter Stelle, wo die zu Preisen und Festgeschenken bestimmten Schalen
und Hörner in Gold und Silber leuchteten, saßen einige Jungfrauen,
auserwählt, die Kränze an die gekrönten Sängerfahnen zu binden.
Oder vielmehr dienten sie der schönsten und größten unter ihnen zum
Geleit, der schönen Justine Glor von Schwanau, welche sich mit vieler
Mühe hatte erbitten lassen, das Anbinden der Kränze zu übernehmen. Sie
sah auch aus wie eine Muse; in reichgelocktem braunem Haar trug sie einen
frischen Rosenkranz und das weiße Gewand rot gegürtet.
Aller Augen hafteten an ihr, als sie sich erhob und den ersten Kranz
ergriff, welcher soeben den Seldwylern unter Trompeten- und Paukenschall
zugesprochen worden war. Zugleich sah man aber auch den Jukundus, der
unversehens mit seiner Fahne vor ihr stand und in frohem Glücke lachte. Da
strahlte wie ein Widerschein das gleiche schöne Lachen, wie es ihm eigen,
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vom Gesichte der Kranzspenderin, und es zeigte sich, daß beide Wesen aus
der gleichen Heimat stammten, aus welcher die mit diesem Lachen
begabten kommen. Da jedes von ihnen sich seiner Eigenschaft wohl mehr
oder weniger bewußt war und sie nun am anderen sah, auch das Volk umher
die Erscheinung überrascht wahrnahm, so erröteten beide, nicht ohne sich
wiederholt anzublicken, während der Kranz angeheftet wurde.
Eine Stunde später ordnete sich der letzte und rauschendste Zug durch
die Feststadt, unter den unzähligen Wimpeln und Kränzen und durch das
wogende Volk hindurch, indem die gewonnenen Festgeschenke und die
gekrönten Fahnen umhergetragen wurden. Da sahen sich die beiden wieder,
als Justine von der Gartenzinne ihrer Gastfreunde aus den Zug anschaute
und Jukundus vorüberziehend seine Fahne schwenkte; und am Abend
ereignete es sich, da das gute Glück heute besonders fleißig war, daß
Jukundus während des Schlußbankettes der Schönen am gleichen Tische
gegenüber zu sitzen kam, so daß sie um Mitternacht schon in aller
Fröhlichkeit und Freundlichkeit aneinander gewöhnt waren.
Sie trafen sich auch am nächsten Morgen als gute Bekannte auf einem
großen beflaggten Dampfboote, welches die Festregierung mit einer Zahl
eingeladener Verdienst- und Ehrenpersonen und auswärtiger Freunde zu
einer Lustfahrt den See entlang tragen sollte. Ein wolkenloser Himmel
breitete sich über Wasser, Land und Gebirge und öffnete die letzten Quellen
edler Freude, welche noch verschlossen sein konnten. Das Schiff
durchfurchte das tiefgrüne kristallene Wasser, bald von den Klängen guter
Musik getragen, bald von Liedern umtönt. Von den blühenden Ortschaften
an den weithin sich ziehenden Ufern rechts und links schallten Grüße und
winkten Fahnen herüber, und mit Stolz wies man den Gästen das
wohlbekannte Land, die reichen Wohnsitze und Ortschaften. Ein stattlicher
Kranz von Frauen saß auf erhöhtem Platze des Schiffes, unter ihnen Justine
Glor in schöner einfacher Modekleidung, den Sonnenschirm in der Hand,
so daß Jukundus, als er in seiner Fahnenträgertracht grüßend vor sie trat,
überrascht von ihrem veränderten und fast noch feineren Aussehen, beinahe
befangen wurde. Sie wechselten jedoch nur wenige Worte, wie zu
geschehen pflegt, wenn ein reichlich langer Sommertag zu Gebote steht.
Als eine Weile später Jukundus wieder in ihre Nähe kam, winkte sie ihm
und teilte ihm mit, daß ihre Eltern in Schwanau, welches am oberen Teile
der gleichen Heimat stammten, aus welcher die mit diesem Lachen
begabten kommen. Da jedes von ihnen sich seiner Eigenschaft wohl mehr
oder weniger bewußt war und sie nun am anderen sah, auch das Volk umher
die Erscheinung überrascht wahrnahm, so erröteten beide, nicht ohne sich
wiederholt anzublicken, während der Kranz angeheftet wurde.
Eine Stunde später ordnete sich der letzte und rauschendste Zug durch
die Feststadt, unter den unzähligen Wimpeln und Kränzen und durch das
wogende Volk hindurch, indem die gewonnenen Festgeschenke und die
gekrönten Fahnen umhergetragen wurden. Da sahen sich die beiden wieder,
als Justine von der Gartenzinne ihrer Gastfreunde aus den Zug anschaute
und Jukundus vorüberziehend seine Fahne schwenkte; und am Abend
ereignete es sich, da das gute Glück heute besonders fleißig war, daß
Jukundus während des Schlußbankettes der Schönen am gleichen Tische
gegenüber zu sitzen kam, so daß sie um Mitternacht schon in aller
Fröhlichkeit und Freundlichkeit aneinander gewöhnt waren.
Sie trafen sich auch am nächsten Morgen als gute Bekannte auf einem
großen beflaggten Dampfboote, welches die Festregierung mit einer Zahl
eingeladener Verdienst- und Ehrenpersonen und auswärtiger Freunde zu
einer Lustfahrt den See entlang tragen sollte. Ein wolkenloser Himmel
breitete sich über Wasser, Land und Gebirge und öffnete die letzten Quellen
edler Freude, welche noch verschlossen sein konnten. Das Schiff
durchfurchte das tiefgrüne kristallene Wasser, bald von den Klängen guter
Musik getragen, bald von Liedern umtönt. Von den blühenden Ortschaften
an den weithin sich ziehenden Ufern rechts und links schallten Grüße und
winkten Fahnen herüber, und mit Stolz wies man den Gästen das
wohlbekannte Land, die reichen Wohnsitze und Ortschaften. Ein stattlicher
Kranz von Frauen saß auf erhöhtem Platze des Schiffes, unter ihnen Justine
Glor in schöner einfacher Modekleidung, den Sonnenschirm in der Hand,
so daß Jukundus, als er in seiner Fahnenträgertracht grüßend vor sie trat,
überrascht von ihrem veränderten und fast noch feineren Aussehen, beinahe
befangen wurde. Sie wechselten jedoch nur wenige Worte, wie zu
geschehen pflegt, wenn ein reichlich langer Sommertag zu Gebote steht.
Als eine Weile später Jukundus wieder in ihre Nähe kam, winkte sie ihm
und teilte ihm mit, daß ihre Eltern in Schwanau, welches am oberen Teile
Page 201
des Sees lag, die ganze Gesellschaft auf den Abend in ihre Gärten einladen,
daß das Schiff dort vor Anker gehen würde, und daß sie hoffe, er werde
auch so lange dabei bleiben. Diese vertrauliche Mitteilung, von der nur
noch wenige wußten, trug ihm sofort Anspielungen und Glückwünsche der
Umstehenden ein, die er bescheidentlich ablehnte, aber gerne vernahm.
In der Tat wurde es bald kund, daß das Schiff gegen Abend in Schwanau
anhalten würde und daß alle gebeten seien, die letzte Erfrischung im
Besitztume der Familie Glor einzunehmen. Dieselbe tat das der Tochter zu
Ehren, um zu zeigen, daß sie wo zu Hause sei und eigentlich nicht nötig
habe, an fremden Festtafeln zu sitzen, sondern selbst ein Fest geben könne.
Denn es waren Leute, die auf ihre Besitztümer, als selbsterworbene, etwas
viel hielten.
Um also den vielverheißenden Abend unverkürzt zu genießen, wurden
die Aufenthalte an den übrigen Uferorten, wo das Schiff erwartet wurde,
genau abgemessen und innegehalten, und das tönende und singende Schiff
fuhr rechtzeitig quer über den funkelnden See, von Kanonenschlägen
begrüßt, nach Schwanau hinüber und legte an, wo die hohen Bäume der
Glorschen Gärten sich im Wasser spiegelten und darüber weg von den
Terrassen und Hügeln ihre Häuser glänzten.
Während das Sängervolk sich unter den Bäumen ausbreitete, verschwand
Justine im Hause, um den Ihrigen Handreichung zu tun, wogegen der Vater
und die Brüder sich um die zahlreichen Gäste und deren Begrüßung
bemühten. In Lauben und Veranden waren Niederlassungen für die Frauen
mit den entsprechenden Erfrischungen bereitet; in einer frischgemähten
Wiese, unter Fruchtbäumen, lange Tische für die Männer gedeckt. Es
dauerte aber nicht lange, so waren auch alle Frauen auf der Wiese,
angelockt von den Scherzen, Possen und Neckereien, welche die junge
Männerwelt unter sich trieb, um ein Aufsehen zu erregen. Und es gab genug
zu schauen und zu lachen, da Laune und Geschicklichkeit der einzelnen
hundert kleine artige Erfindungen und Stücklein hervorbrachten, wobei das
Naivste, mit guter Art entstanden, in der allgemeinen glücklichen Stimmung
den herzlichsten Beifall weckte. Selbst ein unvermutet geschlagener
Purzelbaum fand seine Gönner und sogar der unglückliche Virtuose,
welcher auf seinem Frisierkamm allen Ernstes eine gefühlvolle Weise hatte
blasen wollen und daran scheiterte, freute sich über die ungetrübte
daß das Schiff dort vor Anker gehen würde, und daß sie hoffe, er werde
auch so lange dabei bleiben. Diese vertrauliche Mitteilung, von der nur
noch wenige wußten, trug ihm sofort Anspielungen und Glückwünsche der
Umstehenden ein, die er bescheidentlich ablehnte, aber gerne vernahm.
In der Tat wurde es bald kund, daß das Schiff gegen Abend in Schwanau
anhalten würde und daß alle gebeten seien, die letzte Erfrischung im
Besitztume der Familie Glor einzunehmen. Dieselbe tat das der Tochter zu
Ehren, um zu zeigen, daß sie wo zu Hause sei und eigentlich nicht nötig
habe, an fremden Festtafeln zu sitzen, sondern selbst ein Fest geben könne.
Denn es waren Leute, die auf ihre Besitztümer, als selbsterworbene, etwas
viel hielten.
Um also den vielverheißenden Abend unverkürzt zu genießen, wurden
die Aufenthalte an den übrigen Uferorten, wo das Schiff erwartet wurde,
genau abgemessen und innegehalten, und das tönende und singende Schiff
fuhr rechtzeitig quer über den funkelnden See, von Kanonenschlägen
begrüßt, nach Schwanau hinüber und legte an, wo die hohen Bäume der
Glorschen Gärten sich im Wasser spiegelten und darüber weg von den
Terrassen und Hügeln ihre Häuser glänzten.
Während das Sängervolk sich unter den Bäumen ausbreitete, verschwand
Justine im Hause, um den Ihrigen Handreichung zu tun, wogegen der Vater
und die Brüder sich um die zahlreichen Gäste und deren Begrüßung
bemühten. In Lauben und Veranden waren Niederlassungen für die Frauen
mit den entsprechenden Erfrischungen bereitet; in einer frischgemähten
Wiese, unter Fruchtbäumen, lange Tische für die Männer gedeckt. Es
dauerte aber nicht lange, so waren auch alle Frauen auf der Wiese,
angelockt von den Scherzen, Possen und Neckereien, welche die junge
Männerwelt unter sich trieb, um ein Aufsehen zu erregen. Und es gab genug
zu schauen und zu lachen, da Laune und Geschicklichkeit der einzelnen
hundert kleine artige Erfindungen und Stücklein hervorbrachten, wobei das
Naivste, mit guter Art entstanden, in der allgemeinen glücklichen Stimmung
den herzlichsten Beifall weckte. Selbst ein unvermutet geschlagener
Purzelbaum fand seine Gönner und sogar der unglückliche Virtuose,
welcher auf seinem Frisierkamm allen Ernstes eine gefühlvolle Weise hatte
blasen wollen und daran scheiterte, freute sich über die ungetrübte
Page 202
Heiterkeit, die er erweckt, und tat den ihm aufgesetzten Strohkranz nicht
mehr vom Kopfe.
Nur Jukundus fühlte sich etwas vereinsamt in dem Treiben, weil er
Justinen gar zu lange nicht mehr erblickte, an die er schon ein kleines
Anrecht zu haben glaubte, wenigstens für diesen letzten Tag. Indessen fand
sich eine holde Erlösung, da unversehens die Jungfrau dicht bei ihm stand,
ohne daß er wußte, wo sie her kam, und ihn dem Vater und den Brüdern
vorstellte als den Bannerherrn des erstgekrönten Vereines. Er wurde von
den Männern höflich und auch freundlich gegrüßt und willkommen
geheißen, aber nicht ohne jene feste kühle Haltung, welche so reiche
Arbeitsherren einem nichts oder wenig besitzenden Seldwyler gegenüber
bewahren mußten, insofern er etwa Mehreres vorzustellen gedächte, als
einen stattlichen Festbesucher.
Der gutmütige Sänger fühlte das doch augenblicklich und wurde etwas
verlegen, so auch Justine, welche ihn darum zur Entschädigung weiter
führte, als die Herren weggegangen, und ihm das Gut zu zeigen vorschlug.
Zwei gleichgebaute, villenartige Häuser neuesten Stiles, welche zunächst
dem See in den schattigen Anlagen standen, bezeichnete sie ihm als die
Wohnungen der beiden Brüder, wovon jeder schon seine eigene Familie
gegründet hatte, ohne deswegen aus der Gesamtfamilie auszuscheiden.
Dann stieg sie mit ihm Wege und Treppen empor, bis wo über den Wipfeln
der unteren Bäume die Wohnung der Eltern stand, worin sie selber lebte,
von etwas älterer Bauart, aber immerhin ein stattliches Herrenhaus,
umgeben von Wirtschaftsgebäuden und Ställen; weiterhin sah man lange
hohe Gewerbshäuser mit zahllosen Fenstern, welche an die staubige
Landstraße grenzten, die hier vorüberführte. Jenseits der Straße aber, an
dem ansteigenden Bergabhang, dehnten sich Äcker, Weinberge und Wiesen
mit Wäldern von Obstbäumen und hoch über allem diesem zeigte ihm
Justine das Haus der Großeltern als den Stammsitz der Ihrigen, in der
Abendsonne weit über das Land hin schimmernd, ein weitläufiges
vornehmes Bauernhaus von altertümlicher Bauart, mit hellen Fensterreihen,
weißem Mauerwerk und buntbemaltem Holzwerk an Dach und Scheunen,
mit steinernen Vortreppen und künstlich geschmiedeten eisernen Geländern.
Hier hausten der Großvater und die Großmutter mit ihrem Gesinde, beide
achtzigjährige Landleute, beide noch täglich und stündlich schaffend und
mehr vom Kopfe.
Nur Jukundus fühlte sich etwas vereinsamt in dem Treiben, weil er
Justinen gar zu lange nicht mehr erblickte, an die er schon ein kleines
Anrecht zu haben glaubte, wenigstens für diesen letzten Tag. Indessen fand
sich eine holde Erlösung, da unversehens die Jungfrau dicht bei ihm stand,
ohne daß er wußte, wo sie her kam, und ihn dem Vater und den Brüdern
vorstellte als den Bannerherrn des erstgekrönten Vereines. Er wurde von
den Männern höflich und auch freundlich gegrüßt und willkommen
geheißen, aber nicht ohne jene feste kühle Haltung, welche so reiche
Arbeitsherren einem nichts oder wenig besitzenden Seldwyler gegenüber
bewahren mußten, insofern er etwa Mehreres vorzustellen gedächte, als
einen stattlichen Festbesucher.
Der gutmütige Sänger fühlte das doch augenblicklich und wurde etwas
verlegen, so auch Justine, welche ihn darum zur Entschädigung weiter
führte, als die Herren weggegangen, und ihm das Gut zu zeigen vorschlug.
Zwei gleichgebaute, villenartige Häuser neuesten Stiles, welche zunächst
dem See in den schattigen Anlagen standen, bezeichnete sie ihm als die
Wohnungen der beiden Brüder, wovon jeder schon seine eigene Familie
gegründet hatte, ohne deswegen aus der Gesamtfamilie auszuscheiden.
Dann stieg sie mit ihm Wege und Treppen empor, bis wo über den Wipfeln
der unteren Bäume die Wohnung der Eltern stand, worin sie selber lebte,
von etwas älterer Bauart, aber immerhin ein stattliches Herrenhaus,
umgeben von Wirtschaftsgebäuden und Ställen; weiterhin sah man lange
hohe Gewerbshäuser mit zahllosen Fenstern, welche an die staubige
Landstraße grenzten, die hier vorüberführte. Jenseits der Straße aber, an
dem ansteigenden Bergabhang, dehnten sich Äcker, Weinberge und Wiesen
mit Wäldern von Obstbäumen und hoch über allem diesem zeigte ihm
Justine das Haus der Großeltern als den Stammsitz der Ihrigen, in der
Abendsonne weit über das Land hin schimmernd, ein weitläufiges
vornehmes Bauernhaus von altertümlicher Bauart, mit hellen Fensterreihen,
weißem Mauerwerk und buntbemaltem Holzwerk an Dach und Scheunen,
mit steinernen Vortreppen und künstlich geschmiedeten eisernen Geländern.
Hier hausten der Großvater und die Großmutter mit ihrem Gesinde, beide
achtzigjährige Landleute, beide noch täglich und stündlich schaffend und
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befehlende, zähe und gestrenge alte Personen von einfachster Lebensweise
und stets fertig mit ihrem Urteil über alle Jüngeren, wie Justine ihrem
Begleiter sie schilderte. »Wollen wir noch schnell hinaufgehen und sie
grüßen, da sie es verschmähen, von ihrer Höhe herunter zu steigen und
unsere Lustbarkeit anzusehen? Es ist eine herrliche Aussicht dort oben!« so
sagte das Mädchen. Aber Jukundus empfand eine Art Scheu vor den Alten
und dankte höflich für weitere Bemühung seiner Führerin, da ihn überdies
all das ausgedehnte Wesen eher ängstigte als erfreute.
Sie kehrten daher wieder zurück und mischten sich unter die
Festgenossen, die je länger je lustiger wurden, bis im Osten der Vollmond
aufging und nach dem Niedergang der Sonne hinüberschaute, so daß Rosen
und Silber sich in den Lüften und auf den Wassern vermengten und das
Schiff zur Abfahrt bereitet, auch bald bestiegen wurde.
Es gab ein Gedränge hiebei, da jeder den Wirten, die am Ufer standen,
die Hand geben wollte, während die Schiffleute zur Eile mahnten. So kam
es, daß Jukundus Meyenthal von seinem Vorhaben, von der schönen Justine
Abschied zu nehmen, abgedrängt wurde und dem Strome folgen mußte, da
sie nicht am Wege stand. Freilich schüttelten auch ihm Vater und Brüder die
Hand, flüchtig sprechend: »Es hat uns gefreut;« aber der eine nannte ihn
Herr Thalmeyer, der andere Meienberg, der dritte gar Herr Meierheim, und
keiner sagte: »Auf Wiedersehen!«
Als das Schiff in den Abendglanz hinausfuhr, sah er sie auch nicht mehr,
da sie mit den anderen Frauen im dunkelnden Schatten der Bäume stand.
Zu Hause lebte Jukundus bei seiner Mutter, deren einziger Sohn und
Jukundi er war und deren große Hoffnung. Weil der Vater früh gestorben, so
hatte er das von auswärts zugebrachte Vermögen der Frau nur halb
aufbrauchen und sie mit der anderen Hälfte den Sohn aufziehen können;
und es war auch jetzt noch etwas da, obschon er noch keinen entschiedenen
Anlauf gemacht und noch wenig erworben hatte. Aber es war von ihm auch
noch nichts verschwendet worden, weil er der Mutter, von welcher er seine
und stets fertig mit ihrem Urteil über alle Jüngeren, wie Justine ihrem
Begleiter sie schilderte. »Wollen wir noch schnell hinaufgehen und sie
grüßen, da sie es verschmähen, von ihrer Höhe herunter zu steigen und
unsere Lustbarkeit anzusehen? Es ist eine herrliche Aussicht dort oben!« so
sagte das Mädchen. Aber Jukundus empfand eine Art Scheu vor den Alten
und dankte höflich für weitere Bemühung seiner Führerin, da ihn überdies
all das ausgedehnte Wesen eher ängstigte als erfreute.
Sie kehrten daher wieder zurück und mischten sich unter die
Festgenossen, die je länger je lustiger wurden, bis im Osten der Vollmond
aufging und nach dem Niedergang der Sonne hinüberschaute, so daß Rosen
und Silber sich in den Lüften und auf den Wassern vermengten und das
Schiff zur Abfahrt bereitet, auch bald bestiegen wurde.
Es gab ein Gedränge hiebei, da jeder den Wirten, die am Ufer standen,
die Hand geben wollte, während die Schiffleute zur Eile mahnten. So kam
es, daß Jukundus Meyenthal von seinem Vorhaben, von der schönen Justine
Abschied zu nehmen, abgedrängt wurde und dem Strome folgen mußte, da
sie nicht am Wege stand. Freilich schüttelten auch ihm Vater und Brüder die
Hand, flüchtig sprechend: »Es hat uns gefreut;« aber der eine nannte ihn
Herr Thalmeyer, der andere Meienberg, der dritte gar Herr Meierheim, und
keiner sagte: »Auf Wiedersehen!«
Als das Schiff in den Abendglanz hinausfuhr, sah er sie auch nicht mehr,
da sie mit den anderen Frauen im dunkelnden Schatten der Bäume stand.
Zu Hause lebte Jukundus bei seiner Mutter, deren einziger Sohn und
Jukundi er war und deren große Hoffnung. Weil der Vater früh gestorben, so
hatte er das von auswärts zugebrachte Vermögen der Frau nur halb
aufbrauchen und sie mit der anderen Hälfte den Sohn aufziehen können;
und es war auch jetzt noch etwas da, obschon er noch keinen entschiedenen
Anlauf gemacht und noch wenig erworben hatte. Aber es war von ihm auch
noch nichts verschwendet worden, weil er der Mutter, von welcher er seine
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Schönheit und Gesundheit besaß und die ihn mit Freundlichkeit liebte,
leidlich gehorchte und sich von ihr leiten ließ.
Bei einem bestimmten Berufe war er noch nicht geblieben. Zuerst hatte
es geschienen, daß er für technisches Wesen Neigung zeige, und er war
deshalb eine Zeitlang auf die Bureaus eines Ingenieurs gegangen. Dann
änderte sich aber diese Stimmung zu Gunsten des Kaufmannsstandes, und
er trat in ein Geschäft ein, welches bald darauf aus Mißgeschick sich
auflöste, ohne daß er viel einbüßte; jetzt war er gerade in der Richtung, sich
dem Militärwesen zu widmen, indem er sich zu einem Unterrichts- und
Stabsoffizier ausbildete. Da er hiebei den größten Teil des Jahres auf den
Waffenplätzen zuzubringen hatte und Sold empfing, so gewährte das für
einstweilen ein stattliches Dasein, ohne daß es bei seiner mäßigen
Lebensweise großen Zuschuß eigener Mittel erforderte.
Als er nun nach dem Feste in schmuckem Kriegsgewand und den Säbel
an der Seite zu Pferde saß, beschaute ihn seine Mutter mit Wohlgefallen und
bemerkte dabei, daß sein anmutiges Lächeln eine kleine Beimischung von
Melancholie oder dergleichen gewonnen hatte. Er schien auszusehen wie
einer, der irgend ein Heimweh oder eine Sehnsucht aufgelesen hat. Sie
dachte darüber nach und stellte auch einige vorsichtige Forschungen an,
und als sie von dem Abenteuer mit der Kranzjungfrau hörte und wie er etwa
von den andern damit geneckt wurde, ging ihr ein Licht auf, bei dessen
Scheine sie sofort still an die Arbeit ging, um ein Glück zu schaffen, wohl
angemessen und gut genäht.
Nachdem sie mehr aus den Mienen als aus den wenigen Äußerungen
Jukundis gemerkt hatte, daß sich dem also verhielte, wie sie meinte, daß er
aber als ein bescheidener und die Verhältnisse wohl durchschauender
Mensch kaum große Unternehmungslust verspürte, sagte sie vorderhand
nichts mehr. Als aber der Sommer vorgerückt war, verkündigte sie, zum
ersten Male in ihrem Leben, daß sie in ihren Jahren doch anfangen müsse,
etwas für die Gesundheit zu tun und für einige Wochen einen schönen
Kurort zu besuchen Lust habe, wenn Jukundus die Kosten nachher mit ihr
gemeinschaftlich durch Sparsamkeit wieder einbringen wolle. Er erklärte
sich sofort dazu bereit und sie reiste vergnügt hierüber und in bester
Gesundheit ab, mit ihrem schönsten Staate beladen.
leidlich gehorchte und sich von ihr leiten ließ.
Bei einem bestimmten Berufe war er noch nicht geblieben. Zuerst hatte
es geschienen, daß er für technisches Wesen Neigung zeige, und er war
deshalb eine Zeitlang auf die Bureaus eines Ingenieurs gegangen. Dann
änderte sich aber diese Stimmung zu Gunsten des Kaufmannsstandes, und
er trat in ein Geschäft ein, welches bald darauf aus Mißgeschick sich
auflöste, ohne daß er viel einbüßte; jetzt war er gerade in der Richtung, sich
dem Militärwesen zu widmen, indem er sich zu einem Unterrichts- und
Stabsoffizier ausbildete. Da er hiebei den größten Teil des Jahres auf den
Waffenplätzen zuzubringen hatte und Sold empfing, so gewährte das für
einstweilen ein stattliches Dasein, ohne daß es bei seiner mäßigen
Lebensweise großen Zuschuß eigener Mittel erforderte.
Als er nun nach dem Feste in schmuckem Kriegsgewand und den Säbel
an der Seite zu Pferde saß, beschaute ihn seine Mutter mit Wohlgefallen und
bemerkte dabei, daß sein anmutiges Lächeln eine kleine Beimischung von
Melancholie oder dergleichen gewonnen hatte. Er schien auszusehen wie
einer, der irgend ein Heimweh oder eine Sehnsucht aufgelesen hat. Sie
dachte darüber nach und stellte auch einige vorsichtige Forschungen an,
und als sie von dem Abenteuer mit der Kranzjungfrau hörte und wie er etwa
von den andern damit geneckt wurde, ging ihr ein Licht auf, bei dessen
Scheine sie sofort still an die Arbeit ging, um ein Glück zu schaffen, wohl
angemessen und gut genäht.
Nachdem sie mehr aus den Mienen als aus den wenigen Äußerungen
Jukundis gemerkt hatte, daß sich dem also verhielte, wie sie meinte, daß er
aber als ein bescheidener und die Verhältnisse wohl durchschauender
Mensch kaum große Unternehmungslust verspürte, sagte sie vorderhand
nichts mehr. Als aber der Sommer vorgerückt war, verkündigte sie, zum
ersten Male in ihrem Leben, daß sie in ihren Jahren doch anfangen müsse,
etwas für die Gesundheit zu tun und für einige Wochen einen schönen
Kurort zu besuchen Lust habe, wenn Jukundus die Kosten nachher mit ihr
gemeinschaftlich durch Sparsamkeit wieder einbringen wolle. Er erklärte
sich sofort dazu bereit und sie reiste vergnügt hierüber und in bester
Gesundheit ab, mit ihrem schönsten Staate beladen.
Page 205
Sie gab ihrem Sohne die Weisung, dannzumal, wenn sie ihn
benachrichtigen würde, sie heimzuholen, und es aber so einzurichten, daß er
auch noch einige Tage an jenem Orte verweilen könne.
Bald darauf tauchte sie in der nicht unberühmten und herrlich in einer
Gebirgsgegend gelegenen Kuranstalt auf und setzte sich wohlgeputzt, aber
mit unbefangener Haltung unten an die Tafel, an welcher oben die reiche
und hochangesehene Frau Gertrud Glor von Schwanau mit ihrer schönen
Tochter Justine saß und die Gelegenheit beherrschte. Sie war ebenso hoch
gewachsen wie die Mutter Jukundi, aber bedeutend fester, mit weisen und
etwas strengen Blicken, und gab gern zu verstehen, daß man sie nicht nur
im Kreise der Ihrigen, sondern auch in der Gemeinde, ja wohl noch in
weiteren Bezirken, eine »Stauffacherin« nenne, wahrscheinlich weil sie
auch Gertrud heiße, wie die rat- und tugendreiche Ehewirtin in Schillers
berühmtem Schauspiele Wilhelm Tell.
Sie ließ sich aber etwan belehren, daß man gar wohl wisse, was der
Name zu bedeuten habe, und daß er das Ideal einer klugen und starken
Schweizerfrau bezeichne, einen Stern und Schmuck des Hauses und Trost
des Vaterlandes.
Frau Meyenthal hörte das am ersten halben Tage, den sie am Orte
zubrachte, hielt sich aber ganz still und zurückgezogen, und erst gegen
Ende des zweiten Tages, als Frau Gertrud nicht mehr dulden konnte, daß ein
weiblicher Ankömmling von ihr ungekannt sei, ließ die Mutter Jukundi sich
von ihr abfangen und in ein höfliches, kurzes Gespräch verwickeln. Doch
fand sie im Verlaufe desselben rasch die Gelegenheit, die Hand der festen
Dame zu ergreifen und in herzlichem Tone mitzuteilen, sie fühle sich
gedrängt, ihre Freude darüber zu äußern, daß sie eine solche wahrhafte
Stauffacherinnengestalt kennen gelernt habe! Man erwarte jeden
Augenblick, sie aus einem wappen- und spruchgezierten Schwyzerhause
hervortreten zu sehen und wie sie die trostreiche Hand auf die Schulter des
sorgenvollen Eheherrn lege!
Während Frau Glor von Schwanau wohlgefällig errötete, erschrak
ihrerseits Frau Meyenthal, als während ihrer Rede ihre Augen die schöne
Tochter Justine überflogen, die dabei stand; sie sah deren holdes Lächeln,
benachrichtigen würde, sie heimzuholen, und es aber so einzurichten, daß er
auch noch einige Tage an jenem Orte verweilen könne.
Bald darauf tauchte sie in der nicht unberühmten und herrlich in einer
Gebirgsgegend gelegenen Kuranstalt auf und setzte sich wohlgeputzt, aber
mit unbefangener Haltung unten an die Tafel, an welcher oben die reiche
und hochangesehene Frau Gertrud Glor von Schwanau mit ihrer schönen
Tochter Justine saß und die Gelegenheit beherrschte. Sie war ebenso hoch
gewachsen wie die Mutter Jukundi, aber bedeutend fester, mit weisen und
etwas strengen Blicken, und gab gern zu verstehen, daß man sie nicht nur
im Kreise der Ihrigen, sondern auch in der Gemeinde, ja wohl noch in
weiteren Bezirken, eine »Stauffacherin« nenne, wahrscheinlich weil sie
auch Gertrud heiße, wie die rat- und tugendreiche Ehewirtin in Schillers
berühmtem Schauspiele Wilhelm Tell.
Sie ließ sich aber etwan belehren, daß man gar wohl wisse, was der
Name zu bedeuten habe, und daß er das Ideal einer klugen und starken
Schweizerfrau bezeichne, einen Stern und Schmuck des Hauses und Trost
des Vaterlandes.
Frau Meyenthal hörte das am ersten halben Tage, den sie am Orte
zubrachte, hielt sich aber ganz still und zurückgezogen, und erst gegen
Ende des zweiten Tages, als Frau Gertrud nicht mehr dulden konnte, daß ein
weiblicher Ankömmling von ihr ungekannt sei, ließ die Mutter Jukundi sich
von ihr abfangen und in ein höfliches, kurzes Gespräch verwickeln. Doch
fand sie im Verlaufe desselben rasch die Gelegenheit, die Hand der festen
Dame zu ergreifen und in herzlichem Tone mitzuteilen, sie fühle sich
gedrängt, ihre Freude darüber zu äußern, daß sie eine solche wahrhafte
Stauffacherinnengestalt kennen gelernt habe! Man erwarte jeden
Augenblick, sie aus einem wappen- und spruchgezierten Schwyzerhause
hervortreten zu sehen und wie sie die trostreiche Hand auf die Schulter des
sorgenvollen Eheherrn lege!
Während Frau Glor von Schwanau wohlgefällig errötete, erschrak
ihrerseits Frau Meyenthal, als während ihrer Rede ihre Augen die schöne
Tochter Justine überflogen, die dabei stand; sie sah deren holdes Lächeln,
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welches dasjenige ihres Sohnes war, genau mit dem gleichen Schatten einer
leisen Sehnsucht gemischt, wie das seinige.
Frau Meyenthal erschrak über dieses wundervolle Naturspiel, diese
unverkennbare Willensäußerung des Schicksals und diese offenbare
Tatsache überhaupt, zumal Justine, welcher das Gesicht der Mutter des
Fahnenträgers bekannt und vertraut erschienen war, keinen Augenblick
zweifelte, wen sie vor sich habe, als sie ihren Namen und Herkunft hörte,
und daher ein kurzes unbewachtes Weilchen eben mit jenem Lächeln erfreut
an ihren Augen hing.
Als die Sonne niederging, beglänzte sie die drei hohen Frauengestalten,
welche seltsam bewegt von der Liebe zu sich selbst oder von der Liebe und
Sorge für andere, auf der Bergeshöhe beisammenstanden und einigermaßen
verwirrt auseinander zu schweben schienen.
Die Mutter Jukundi faßte sich jedenfalls am schnellsten, indem sie noch
am gleichen Abend ihrem Sohne schrieb, er solle in etwa einer Woche sie
besuchen, um nach einigen Tagen Aufenthalt mit ihr heimreisen zu können.
Gegen die Frauen von Schwanau tat sie hierauf, als ob sie keine Ahnung
von der Begegnung auf der Sängerfahrt hätte, und die Frau Gertrud
erinnerte sich der Sache auch kaum und hatte den hübschen Fahnenträger
zu jener Zeit gar nicht gesehen, da sie wegen der Bewirtung meist im
Innern eines Gartenhauses geblieben war.
Nur Justine war befangen und in Unruhe; sie wagte nicht, die neue
Bekannte nach dem Sohne zu fragen, und doch glaubte sie auch nicht gerne,
daß er so gar nichts von dem Festerlebnisse und von ihr zu Hause erzählt
haben sollte. Frau Meyenthal wollte aber, daß die jungen Leute sich ganz
unerwartet und unverhofft wiedersähen und hielt sich daher zurück, ohne
die Gelegenheit indessen zu versäumen, bei der alten Stauffacherin mehr als
einen Stein im Brett zu erobern durch kluges Benehmen. Denn man konnte
jene insofern schon die alte Stauffacherin nennen, als die schöne, gute
Justine in ihrer vollsten Lebensblüte stand und ihr nichts mehr fehlte zur
Würde und Übung eigenen Stauffachertums, als ein für die Geschicke des
Landes in Sorgen stehender Gemahl.
Daß ein solcher nicht schon vorhanden war, lag in den seltsamen
Geschicken, welche gerade ausgezeichnete Jungfrauen so oft zu Jahren
leisen Sehnsucht gemischt, wie das seinige.
Frau Meyenthal erschrak über dieses wundervolle Naturspiel, diese
unverkennbare Willensäußerung des Schicksals und diese offenbare
Tatsache überhaupt, zumal Justine, welcher das Gesicht der Mutter des
Fahnenträgers bekannt und vertraut erschienen war, keinen Augenblick
zweifelte, wen sie vor sich habe, als sie ihren Namen und Herkunft hörte,
und daher ein kurzes unbewachtes Weilchen eben mit jenem Lächeln erfreut
an ihren Augen hing.
Als die Sonne niederging, beglänzte sie die drei hohen Frauengestalten,
welche seltsam bewegt von der Liebe zu sich selbst oder von der Liebe und
Sorge für andere, auf der Bergeshöhe beisammenstanden und einigermaßen
verwirrt auseinander zu schweben schienen.
Die Mutter Jukundi faßte sich jedenfalls am schnellsten, indem sie noch
am gleichen Abend ihrem Sohne schrieb, er solle in etwa einer Woche sie
besuchen, um nach einigen Tagen Aufenthalt mit ihr heimreisen zu können.
Gegen die Frauen von Schwanau tat sie hierauf, als ob sie keine Ahnung
von der Begegnung auf der Sängerfahrt hätte, und die Frau Gertrud
erinnerte sich der Sache auch kaum und hatte den hübschen Fahnenträger
zu jener Zeit gar nicht gesehen, da sie wegen der Bewirtung meist im
Innern eines Gartenhauses geblieben war.
Nur Justine war befangen und in Unruhe; sie wagte nicht, die neue
Bekannte nach dem Sohne zu fragen, und doch glaubte sie auch nicht gerne,
daß er so gar nichts von dem Festerlebnisse und von ihr zu Hause erzählt
haben sollte. Frau Meyenthal wollte aber, daß die jungen Leute sich ganz
unerwartet und unverhofft wiedersähen und hielt sich daher zurück, ohne
die Gelegenheit indessen zu versäumen, bei der alten Stauffacherin mehr als
einen Stein im Brett zu erobern durch kluges Benehmen. Denn man konnte
jene insofern schon die alte Stauffacherin nennen, als die schöne, gute
Justine in ihrer vollsten Lebensblüte stand und ihr nichts mehr fehlte zur
Würde und Übung eigenen Stauffachertums, als ein für die Geschicke des
Landes in Sorgen stehender Gemahl.
Daß ein solcher nicht schon vorhanden war, lag in den seltsamen
Geschicken, welche gerade ausgezeichnete Jungfrauen so oft zu Jahren
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kommen lassen wegen der scheinbaren Kälte, für welche ihre edle Ruhe
gehalten wird, wegen der eifersüchtigen Hut, deren sie sich seitens der
Ihrigen erfreuen, und vor allem auch durch Wahrung des größeren Rechtes,
das sie besitzen, nur auf die Stimme des Herzens zu achten.
Endlich kam aber ein schöner Abend über das Gebirge und mit ihm
langte Jukundus an, und zwar, da er aus einem Feldlager kam und nur
wieder in ein anderes gehen mußte, in militärischer Tracht, mit etwas Rot
und mit etwas Gold am dunkeln Kleide. Nachdem er sich erfrischt und
genugsam mit der Mutter geplaudert hatte, ging er ahnungslos mit ihr
spazieren und sie lenkte den Weg dahin, wo sie die beiden
Schwanauerinnen wußte, durch das Gehölz auf einen einsamen
Felsvorsprung, der mit Sitzen und Geländern versehen war, hoch über einer
blauenden Taltiefe.
Die plötzliche Glückseligkeit der beiden jungen Personen, die sich beim
unverhofften Wiedersehen auf ihren Gesichtern zeigte, die Gleichartigkeit
derselben und das eigentümliche kindliche Lächeln, das sie begleitete,
gingen so über alle Vorstellung und Erwartung selbst der Mutter Meyenthal,
daß von Kunst und Durchspielen einer Rolle bei ihr keine Rede mehr sein
konnte und sie nur froh war, so ruhig und besonnen als möglich den Dingen
zuzusehen.
Frau Gertrud aber wendete ganz erstaunt kein Auge von den Kindern und
lenkte ihre Blicke immer von einem Gesichte auf das andere. Zuletzt legten
sich aber die sanften Wellen der allgemeinen unversehenen Aufregung und
es entspann sich ein höchst angenehmes Geschwätz und Gezwitscher, über
welchem der Mond aufging, der in der Tiefe der Täler verborgen gewesene
Bäche und Weiher beglänzte, daß sie wie goldene Sterne heraufleuchteten.
Frau Gertrud Glor empfand eine Art von Wonne, wie wenn sie ein
eigenes verschollenes Jugendglück neu erlebte, und nahm die Mama
Meyenthal an den Arm, als auf dem Wege zum Kurhause die Kinder
nebeneinander vorangingen und abwechselnd plauderten oder schwiegen.
Frau Meyenthal ihrerseits war gerührt und betroffen von der Wichtigkeit der
Tatsache und in beide Kinder gleichmäßig verliebt und zugleich in Sorgen,
wie das nun enden würde.
gehalten wird, wegen der eifersüchtigen Hut, deren sie sich seitens der
Ihrigen erfreuen, und vor allem auch durch Wahrung des größeren Rechtes,
das sie besitzen, nur auf die Stimme des Herzens zu achten.
Endlich kam aber ein schöner Abend über das Gebirge und mit ihm
langte Jukundus an, und zwar, da er aus einem Feldlager kam und nur
wieder in ein anderes gehen mußte, in militärischer Tracht, mit etwas Rot
und mit etwas Gold am dunkeln Kleide. Nachdem er sich erfrischt und
genugsam mit der Mutter geplaudert hatte, ging er ahnungslos mit ihr
spazieren und sie lenkte den Weg dahin, wo sie die beiden
Schwanauerinnen wußte, durch das Gehölz auf einen einsamen
Felsvorsprung, der mit Sitzen und Geländern versehen war, hoch über einer
blauenden Taltiefe.
Die plötzliche Glückseligkeit der beiden jungen Personen, die sich beim
unverhofften Wiedersehen auf ihren Gesichtern zeigte, die Gleichartigkeit
derselben und das eigentümliche kindliche Lächeln, das sie begleitete,
gingen so über alle Vorstellung und Erwartung selbst der Mutter Meyenthal,
daß von Kunst und Durchspielen einer Rolle bei ihr keine Rede mehr sein
konnte und sie nur froh war, so ruhig und besonnen als möglich den Dingen
zuzusehen.
Frau Gertrud aber wendete ganz erstaunt kein Auge von den Kindern und
lenkte ihre Blicke immer von einem Gesichte auf das andere. Zuletzt legten
sich aber die sanften Wellen der allgemeinen unversehenen Aufregung und
es entspann sich ein höchst angenehmes Geschwätz und Gezwitscher, über
welchem der Mond aufging, der in der Tiefe der Täler verborgen gewesene
Bäche und Weiher beglänzte, daß sie wie goldene Sterne heraufleuchteten.
Frau Gertrud Glor empfand eine Art von Wonne, wie wenn sie ein
eigenes verschollenes Jugendglück neu erlebte, und nahm die Mama
Meyenthal an den Arm, als auf dem Wege zum Kurhause die Kinder
nebeneinander vorangingen und abwechselnd plauderten oder schwiegen.
Frau Meyenthal ihrerseits war gerührt und betroffen von der Wichtigkeit der
Tatsache und in beide Kinder gleichmäßig verliebt und zugleich in Sorgen,
wie das nun enden würde.
Page 208
Bei der Abendtafel erhöhte sich die glückliche Stimmung womöglich,
wie es zu geschehen pflegt, wenn eine eingekehrte schöne Hoffnung die
Beteiligten und Mitwissenden belebt und sie reizt, das Geheimnis
ungefährdet an der allgemeinen Fröhlichkeit zu sonnen.
Frau Gertrud Glor trank ein kleines Spitzchen mit Jukundus aus lauter
Wohlgefallen an seiner guten und schönen Haltung, und als beim
Schlafengehen die Tochter sie umhalste und einige schwere Tränen in der
Mutter Halskrause niederlegte, wie einen sauer ersparten Zinsgroschen, da
war sie gar nicht verwundert, sondern streichelte dem Kind teilnahmvoll die
Wangen.
Aber kaum war das Spitzchen notdürftig ausgeschlafen, was schon bald
nach Mitternacht getan war, da es nur klein gewesen, wie es einer
Stauffacherin geziemt, so wachte sie sorgenvoll auf und besah sich den
Schaden die übrige Nacht hindurch, während Justine auch nicht schlief und
wohl merkte, daß die Mutter wachte. Aber sie hielt sich mäuschenstill und
war nur glücklich, daß sie keine Zeit mit Schlafen verlor und unaufhörlich
an die Sache denken konnte.
Der Mutter indessen wurde es mit der zunehmenden Morgendämmerung
immer deutlicher, daß ja unmöglich ein Mann aus Seldwyla in die Familie
heiraten dürfe, aus dem Orte, in welchem noch nie einer auf einen grünen
Zweig gekommen sei und wo niemand etwas besitze. Sie wachte daher mit
Sorge, aber auch mit Entschlossenheit dem Morgen entgegen, um das
entstehende Übel im Werden zu ersticken, das ihr umso größer erschien,
wenn sie noch der strengen Gesinnung der Männer ihres Hauses in diesem
Punkte gedachte.
Bestärkt wurde sie noch in diesen Vorsätzen, als um die Zeit des
Sonnenaufganges ein später Schlafgänger, offenbar angetrunken, die
Treppen heranstieg und von einem Hausbediensteten an den verschiedenen
Zimmertüren vorbeigeleitet wurde, nicht ohne vor derjenigen der Glorschen
Frauen über deren Schuhe zu stolpern und dieselben mit dem Fuße
wegzuschleudern. Die Schuhe der Mama fuhren, der eine überzwerch, der
andere mit dem Hinterteil voran, den ganzen Korridor entlang; die
Stiefelchen der Tochter aber reisten infolge eines rückwärts scharrenden
wie es zu geschehen pflegt, wenn eine eingekehrte schöne Hoffnung die
Beteiligten und Mitwissenden belebt und sie reizt, das Geheimnis
ungefährdet an der allgemeinen Fröhlichkeit zu sonnen.
Frau Gertrud Glor trank ein kleines Spitzchen mit Jukundus aus lauter
Wohlgefallen an seiner guten und schönen Haltung, und als beim
Schlafengehen die Tochter sie umhalste und einige schwere Tränen in der
Mutter Halskrause niederlegte, wie einen sauer ersparten Zinsgroschen, da
war sie gar nicht verwundert, sondern streichelte dem Kind teilnahmvoll die
Wangen.
Aber kaum war das Spitzchen notdürftig ausgeschlafen, was schon bald
nach Mitternacht getan war, da es nur klein gewesen, wie es einer
Stauffacherin geziemt, so wachte sie sorgenvoll auf und besah sich den
Schaden die übrige Nacht hindurch, während Justine auch nicht schlief und
wohl merkte, daß die Mutter wachte. Aber sie hielt sich mäuschenstill und
war nur glücklich, daß sie keine Zeit mit Schlafen verlor und unaufhörlich
an die Sache denken konnte.
Der Mutter indessen wurde es mit der zunehmenden Morgendämmerung
immer deutlicher, daß ja unmöglich ein Mann aus Seldwyla in die Familie
heiraten dürfe, aus dem Orte, in welchem noch nie einer auf einen grünen
Zweig gekommen sei und wo niemand etwas besitze. Sie wachte daher mit
Sorge, aber auch mit Entschlossenheit dem Morgen entgegen, um das
entstehende Übel im Werden zu ersticken, das ihr umso größer erschien,
wenn sie noch der strengen Gesinnung der Männer ihres Hauses in diesem
Punkte gedachte.
Bestärkt wurde sie noch in diesen Vorsätzen, als um die Zeit des
Sonnenaufganges ein später Schlafgänger, offenbar angetrunken, die
Treppen heranstieg und von einem Hausbediensteten an den verschiedenen
Zimmertüren vorbeigeleitet wurde, nicht ohne vor derjenigen der Glorschen
Frauen über deren Schuhe zu stolpern und dieselben mit dem Fuße
wegzuschleudern. Die Schuhe der Mama fuhren, der eine überzwerch, der
andere mit dem Hinterteil voran, den ganzen Korridor entlang; die
Stiefelchen der Tochter aber reisten infolge eines rückwärts scharrenden
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Stoßes wie zwei wettfahrende Schifflein der Treppe zu und über dieselbe
hinunter.
»Aha!« rief drinnen die wachsame Frau, »da haben wir den Seldwyler!«
Und das Herz wurde ihr schon leichter über diesen rechtzeitigen
Enthüllungen.
Justine saß aber auch schon aufrecht in ihrem Bette und lauschte mit
angstvoller Spannung; als sie noch ein paar Worte des draußen
Hinwandelnden gehört, rief sie ihrerseits erleichtert, ja mit sündlicher
Freude:
»Es ist nicht der Hauptmann! Es ist ja unser Rudolf, der Stimme nach zu
urteilen!«
Die Mutter sah sich überrascht nach der Tochter um und sagte fast erbost:
»Bist du bei Verstand? Wie soll unser Rudolf hieher kommen und zu dieser
Stunde? Und seit wann stolpert der betrunken in den Gasthäusern herum?
Und ist er nicht eben jetzt weit weg bei einer Militärübung?«
Es war aber dennoch der jüngere Sohn und Augapfel der Frau Gertrud,
der soeben zu Bett gegangen auf diesem hohen Berge.
Er war spät in der Nacht noch eilig mit einem Führer angekommen,
erschöpft und anscheinend mit einem Kummer belastet. Auch er trug den
Soldatenrock und kam soeben von seinem Waffenplatze hergeflüchtet, wo
er von einem andern Offizier, den er beleidigt hatte, gefordert worden war.
Da er sich mehr auf die Buchführung und die Kurszettel verstand, als auf
Duellangelegenheiten, und eine junge Frau mit zwei kleinen Kindlein besaß
und sich beklemmt fühlte, so hatte er Bedenkzeit genommen und war
schnell hieher gelaufen, um seine Mutter zu Rate zu ziehen, wie er sich
verhalten solle.
Im Speisesaal hatte er noch den Jukundus getroffen, welcher, keine
Schlaflust verspürend, in angenehmer Träumerei noch ein Stündchen allein
verwachte.
Der gemeinsame Kriegspfad, auf dem sie wandelten, zwang die beiden
Herren, sich zu begrüßen und eine Unterhaltung zu eröffnen, als der
hinunter.
»Aha!« rief drinnen die wachsame Frau, »da haben wir den Seldwyler!«
Und das Herz wurde ihr schon leichter über diesen rechtzeitigen
Enthüllungen.
Justine saß aber auch schon aufrecht in ihrem Bette und lauschte mit
angstvoller Spannung; als sie noch ein paar Worte des draußen
Hinwandelnden gehört, rief sie ihrerseits erleichtert, ja mit sündlicher
Freude:
»Es ist nicht der Hauptmann! Es ist ja unser Rudolf, der Stimme nach zu
urteilen!«
Die Mutter sah sich überrascht nach der Tochter um und sagte fast erbost:
»Bist du bei Verstand? Wie soll unser Rudolf hieher kommen und zu dieser
Stunde? Und seit wann stolpert der betrunken in den Gasthäusern herum?
Und ist er nicht eben jetzt weit weg bei einer Militärübung?«
Es war aber dennoch der jüngere Sohn und Augapfel der Frau Gertrud,
der soeben zu Bett gegangen auf diesem hohen Berge.
Er war spät in der Nacht noch eilig mit einem Führer angekommen,
erschöpft und anscheinend mit einem Kummer belastet. Auch er trug den
Soldatenrock und kam soeben von seinem Waffenplatze hergeflüchtet, wo
er von einem andern Offizier, den er beleidigt hatte, gefordert worden war.
Da er sich mehr auf die Buchführung und die Kurszettel verstand, als auf
Duellangelegenheiten, und eine junge Frau mit zwei kleinen Kindlein besaß
und sich beklemmt fühlte, so hatte er Bedenkzeit genommen und war
schnell hieher gelaufen, um seine Mutter zu Rate zu ziehen, wie er sich
verhalten solle.
Im Speisesaal hatte er noch den Jukundus getroffen, welcher, keine
Schlaflust verspürend, in angenehmer Träumerei noch ein Stündchen allein
verwachte.
Der gemeinsame Kriegspfad, auf dem sie wandelten, zwang die beiden
Herren, sich zu begrüßen und eine Unterhaltung zu eröffnen, als der
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Leutnant Glor sich an den Tisch setzte, um noch ein Nachtessen
einzunehmen. Weil er kürzlich von dem guten Ansehen vernommen, in
welchem der Hauptmann Meyenthal in militärischen Kreisen bereits stand,
erneuerte er jetzt gern dessen Bekanntschaft und fühlte sich gleich
vertrauensvoll zu ihm hingezogen. Von einigen Gläsern Weines, die er in
seiner Aufregung rasch getrunken, hingerissen, erzählte er dem Jukundus
bald seinen Handel und wie er nun hergekommen sei, seine Mutter, welche
nämlich eine wahre Stauffacherin genannt werden müsse und für alles einen
Rat besitze, um ihre Meinung zu befragen.
Jukundus gab ihm aber den Rat, das nicht zu tun, wenn er den Handel
nicht verschlimmern wolle. Er setzte ihm auseinander, wie nach der einmal
herrschenden Anschauung in solchen Sachen er Gefahr laufe, als Offizier
unmöglich zu werden, sobald es ruchbar würde, daß er seine
Duellangelegenheiten der Mutter anvertraue und ihre Weisungen befolge.
Da versank Herr Rudolf in neue Kümmernis, denn es wollte ihm
vernünftigermaßen durchaus nicht einleuchten, warum er wegen solcher
Dummheiten von Frau und Kindern wegsterben solle.
Jukundus befragte ihn jetzt um die eigentliche Natur des Streites, und
was denn vorgefallen sei?
Rudolf hatte mit drei andern Kriegern eine Partie Karten gespielt. Nach
Beendigung einer Tour, in welcher sein Partner nicht nach Rudolfs Wunsch
ausgespielt hatte, ward der Verlauf, während die Karten neu gegeben
wurden, kritisiert und zwar mit den Konjugationen der gegenwärtigen Zeit.
Ich spiele also dies, hieß es und du jenes; nun muß er so spielen und nicht
so, und ich werde hierauf zu ihm halten und das spielen, worauf du wieder
jenes spielen wirst, das ist doch klar, wenn wir gewinnen wollen. Nein, das
ist nicht klar, hatte Rudolfs Partner erwidert, sondern ich steche zunächst
den Trumpf ab und spiele dann jenes.
»Dann spielst du wie ein Esel!« hatte Rudolf gerufen, worauf dann
sogleich allgemeiner Aufbruch und am andern Morgen die Forderung
erfolgt war in so feierlicher und barscher Form, daß der gute junge Mann
gar nicht hatte dazu kommen können, sich in genugtuender Weise zu
erklären.
einzunehmen. Weil er kürzlich von dem guten Ansehen vernommen, in
welchem der Hauptmann Meyenthal in militärischen Kreisen bereits stand,
erneuerte er jetzt gern dessen Bekanntschaft und fühlte sich gleich
vertrauensvoll zu ihm hingezogen. Von einigen Gläsern Weines, die er in
seiner Aufregung rasch getrunken, hingerissen, erzählte er dem Jukundus
bald seinen Handel und wie er nun hergekommen sei, seine Mutter, welche
nämlich eine wahre Stauffacherin genannt werden müsse und für alles einen
Rat besitze, um ihre Meinung zu befragen.
Jukundus gab ihm aber den Rat, das nicht zu tun, wenn er den Handel
nicht verschlimmern wolle. Er setzte ihm auseinander, wie nach der einmal
herrschenden Anschauung in solchen Sachen er Gefahr laufe, als Offizier
unmöglich zu werden, sobald es ruchbar würde, daß er seine
Duellangelegenheiten der Mutter anvertraue und ihre Weisungen befolge.
Da versank Herr Rudolf in neue Kümmernis, denn es wollte ihm
vernünftigermaßen durchaus nicht einleuchten, warum er wegen solcher
Dummheiten von Frau und Kindern wegsterben solle.
Jukundus befragte ihn jetzt um die eigentliche Natur des Streites, und
was denn vorgefallen sei?
Rudolf hatte mit drei andern Kriegern eine Partie Karten gespielt. Nach
Beendigung einer Tour, in welcher sein Partner nicht nach Rudolfs Wunsch
ausgespielt hatte, ward der Verlauf, während die Karten neu gegeben
wurden, kritisiert und zwar mit den Konjugationen der gegenwärtigen Zeit.
Ich spiele also dies, hieß es und du jenes; nun muß er so spielen und nicht
so, und ich werde hierauf zu ihm halten und das spielen, worauf du wieder
jenes spielen wirst, das ist doch klar, wenn wir gewinnen wollen. Nein, das
ist nicht klar, hatte Rudolfs Partner erwidert, sondern ich steche zunächst
den Trumpf ab und spiele dann jenes.
»Dann spielst du wie ein Esel!« hatte Rudolf gerufen, worauf dann
sogleich allgemeiner Aufbruch und am andern Morgen die Forderung
erfolgt war in so feierlicher und barscher Form, daß der gute junge Mann
gar nicht hatte dazu kommen können, sich in genugtuender Weise zu
erklären.
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Als Jukundus über diese Geschichte lächelte und noch den Namen des
Forderers erfuhr, sagte er: »So, der! Nun der muß in Gottes Namen alle Jahr
eine Forderung vom Stapel lassen, damit seine Ehre nicht schimmelig wird!
Die Ihrige aber, Herr Leutnant, erfordert allerdings, daß Sie wegen dieses
Vorfalls Ihr Leben nicht aufs Spiel setzen und also dem Gegner einfach
erklären, daß er nicht wie ein Esel gespielt haben würde, sondern in jeder
beliebigen andern Eigenschaft, welche er vorzöge! Sie können daraus
immerhin die Lehre ziehen, daß man sich in Uniform stets einer etwas
gemessenen Sprache bedienen sollte, auch in den Stunden der Erholung.
Nun darf es aber durchaus nicht den Anschein haben, als ob Ihre Erklärung
das Ergebnis einer Unterredung mit der Mutter wäre, wenn Sie, wie ich
schon gesagt, nicht noch schlimmere Folgen herbeiführen wollen. Wenn
Ihnen daher damit gedient ist, will ich als Ihr Ratgeber und Helfer auftreten
und dem Herrn gleich jetzt mit drei Zeilen schreiben, daß Sie mit mir
gesprochen und jene genugtuende Erklärung abgegeben haben und zwar auf
meinen Rat! Morgen früh wird der Brief abgehen und die Sache wird damit
zu aller Zufriedenheit abgetan sein, dafür kann ich Ihnen bürgen!«
Jetzt war von dem Herzen des jungen Kriegers ein großer Stein gefallen,
und um seine Dankbarkeit zu beweisen und zugleich sich für die
ausgestandene Sorge zu entschädigen, hatte er in gewaltsamer Weise vieles
und gutes Getränke kommen lassen und den hilfreichen Freund bis zum
anbrechenden Morgen festgehalten. Der war auch gern bei ihm sitzen
geblieben und hatte gar willig dem frohen Geplauder des jungen Mannes
zugehört, der Justines Bruder war. Allein der Wein verzischte unschädlich
in der Tiefe seiner warmen Neigung und er ging still mit guten Sinnen zu
Bette, während jener so geräuschvoll sein Lager suchte.
So hatten sich nun für die Stauffacherin, während sie über das Übel mit
der aufgehenden Sonne zu triumphieren glaubte, die Dinge nur schlimmer
gestaltet; denn nicht nur war es ihr eigenes Blut, welches so angeheitert
dahin gewallt, sondern in demselben auch ein guter Parteigänger für den
Feind erstanden.
Justine hatte durch die halbgeöffnete Türe eine Magd herbeizurufen
gewußt und von derselben vernommen, daß in der Tat ihr Herr Bruder
angekommen und die Nacht hindurch in guter Gesellschaft mit dem Herrn
Forderers erfuhr, sagte er: »So, der! Nun der muß in Gottes Namen alle Jahr
eine Forderung vom Stapel lassen, damit seine Ehre nicht schimmelig wird!
Die Ihrige aber, Herr Leutnant, erfordert allerdings, daß Sie wegen dieses
Vorfalls Ihr Leben nicht aufs Spiel setzen und also dem Gegner einfach
erklären, daß er nicht wie ein Esel gespielt haben würde, sondern in jeder
beliebigen andern Eigenschaft, welche er vorzöge! Sie können daraus
immerhin die Lehre ziehen, daß man sich in Uniform stets einer etwas
gemessenen Sprache bedienen sollte, auch in den Stunden der Erholung.
Nun darf es aber durchaus nicht den Anschein haben, als ob Ihre Erklärung
das Ergebnis einer Unterredung mit der Mutter wäre, wenn Sie, wie ich
schon gesagt, nicht noch schlimmere Folgen herbeiführen wollen. Wenn
Ihnen daher damit gedient ist, will ich als Ihr Ratgeber und Helfer auftreten
und dem Herrn gleich jetzt mit drei Zeilen schreiben, daß Sie mit mir
gesprochen und jene genugtuende Erklärung abgegeben haben und zwar auf
meinen Rat! Morgen früh wird der Brief abgehen und die Sache wird damit
zu aller Zufriedenheit abgetan sein, dafür kann ich Ihnen bürgen!«
Jetzt war von dem Herzen des jungen Kriegers ein großer Stein gefallen,
und um seine Dankbarkeit zu beweisen und zugleich sich für die
ausgestandene Sorge zu entschädigen, hatte er in gewaltsamer Weise vieles
und gutes Getränke kommen lassen und den hilfreichen Freund bis zum
anbrechenden Morgen festgehalten. Der war auch gern bei ihm sitzen
geblieben und hatte gar willig dem frohen Geplauder des jungen Mannes
zugehört, der Justines Bruder war. Allein der Wein verzischte unschädlich
in der Tiefe seiner warmen Neigung und er ging still mit guten Sinnen zu
Bette, während jener so geräuschvoll sein Lager suchte.
So hatten sich nun für die Stauffacherin, während sie über das Übel mit
der aufgehenden Sonne zu triumphieren glaubte, die Dinge nur schlimmer
gestaltet; denn nicht nur war es ihr eigenes Blut, welches so angeheitert
dahin gewallt, sondern in demselben auch ein guter Parteigänger für den
Feind erstanden.
Justine hatte durch die halbgeöffnete Türe eine Magd herbeizurufen
gewußt und von derselben vernommen, daß in der Tat ihr Herr Bruder
angekommen und die Nacht hindurch in guter Gesellschaft mit dem Herrn
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Hauptmann geblieben sei. Darauf war sie wieder ins Bett geschlüpft und
endlich vergnügt eingeschlafen.
Jukundus schlief auch ziemlich lang und Rudolf war bis tief in den
Vormittag hinein nicht zu erwecken, bis die Mutter mit Gewalt in sein
Zimmer drang und ihn zur Rede stellte. Weil er nun den Ehrenhandel für
abgetan erachten konnte, so vertraute er die Sache doch noch seiner Mutter
an und erzählte ihr, wie der gute Rat und die Tat des Seldwyler Hauptmanns
die Schwierigkeit gelöst und sein Leben, man könne wohl sagen, erhalten
habe; denn er könne sich gar nicht vorstellen, wie er mit einer wirklichen
Pistolenkugel auf einen gesunden Menschen hätte schießen sollen, während
er diesem dann doch hätte stillhalten müssen. Und er pries in seiner immer
noch aufgeregten Redseligkeit die Weisheit und Bravheit des Seldwylers so
gewaltig an, daß sie von Betroffenheit und Ärger verwirrt in ihr Zimmer
eilte und sich vorderhand dort einschloß.
Sie war überdies eifersüchtig auf ihren Stauffacherruhm und auf ihr
mütterliches Ansehen und Recht ganz erbost, wieso ihr Rat dem Sohne
übler hätte bekommen sollen, als derjenige eines jungen Seldwylers. Sie
stürmte daher bald wieder aus ihrem Versteck hervor, um dem unberufenen
Ratgeber selbst den Kopf zu waschen und damit zugleich nützliche Händel
mit ihm anzufangen, welche die Freundschaft aufhöben. Allein sie fand die
ganze Gesellschaft in fröhlicher Eintracht in einer Laube beisammensitzen,
jedes mit einem verspäteten Frühstück eigener Erfindung versehen und alle
untereinander damit Tauschhandel treibend. Kaum hatte sie das junge Paar
wieder so schön und glücklich nebeneinander erblickt, so war auch schon
jeder Vorsatz vergessen und sie half sogleich für den Nachmittag einen
schönen Ausflug beraten und festsetzen; denn sie war eine fröhliche Frau,
wie alle Stauffacherinnen, wenn gerade keine Gewitterwolken über den
Männern schweben, die sie zerstreuen sollen.
Wie nun gar während des Tags sie den Jukundus, den sie doch zur Rede
stellte, mit höflichen und klugen Worten die Duellsache auseinandersetzen
hörte, sah sie wohl ein, daß er recht und ihrem Sohne einen guten Dienst
geleistet habe, was sie mit einem dankbaren Gefühl und Zutrauen erfüllte.
Sie machte sich daher gleichen Tages auch an die Mutter des Jukundi und
stellte auch diese zur Rede mit allerlei ausholenden Sprüchen und
endlich vergnügt eingeschlafen.
Jukundus schlief auch ziemlich lang und Rudolf war bis tief in den
Vormittag hinein nicht zu erwecken, bis die Mutter mit Gewalt in sein
Zimmer drang und ihn zur Rede stellte. Weil er nun den Ehrenhandel für
abgetan erachten konnte, so vertraute er die Sache doch noch seiner Mutter
an und erzählte ihr, wie der gute Rat und die Tat des Seldwyler Hauptmanns
die Schwierigkeit gelöst und sein Leben, man könne wohl sagen, erhalten
habe; denn er könne sich gar nicht vorstellen, wie er mit einer wirklichen
Pistolenkugel auf einen gesunden Menschen hätte schießen sollen, während
er diesem dann doch hätte stillhalten müssen. Und er pries in seiner immer
noch aufgeregten Redseligkeit die Weisheit und Bravheit des Seldwylers so
gewaltig an, daß sie von Betroffenheit und Ärger verwirrt in ihr Zimmer
eilte und sich vorderhand dort einschloß.
Sie war überdies eifersüchtig auf ihren Stauffacherruhm und auf ihr
mütterliches Ansehen und Recht ganz erbost, wieso ihr Rat dem Sohne
übler hätte bekommen sollen, als derjenige eines jungen Seldwylers. Sie
stürmte daher bald wieder aus ihrem Versteck hervor, um dem unberufenen
Ratgeber selbst den Kopf zu waschen und damit zugleich nützliche Händel
mit ihm anzufangen, welche die Freundschaft aufhöben. Allein sie fand die
ganze Gesellschaft in fröhlicher Eintracht in einer Laube beisammensitzen,
jedes mit einem verspäteten Frühstück eigener Erfindung versehen und alle
untereinander damit Tauschhandel treibend. Kaum hatte sie das junge Paar
wieder so schön und glücklich nebeneinander erblickt, so war auch schon
jeder Vorsatz vergessen und sie half sogleich für den Nachmittag einen
schönen Ausflug beraten und festsetzen; denn sie war eine fröhliche Frau,
wie alle Stauffacherinnen, wenn gerade keine Gewitterwolken über den
Männern schweben, die sie zerstreuen sollen.
Wie nun gar während des Tags sie den Jukundus, den sie doch zur Rede
stellte, mit höflichen und klugen Worten die Duellsache auseinandersetzen
hörte, sah sie wohl ein, daß er recht und ihrem Sohne einen guten Dienst
geleistet habe, was sie mit einem dankbaren Gefühl und Zutrauen erfüllte.
Sie machte sich daher gleichen Tages auch an die Mutter des Jukundi und
stellte auch diese zur Rede mit allerlei ausholenden Sprüchen und
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Anschraubungen von wegen der zwei Kinder.
Frau Meyenthal fing das Garn ihrer Rede auch sofort ein und wickelte es
behende auf ein Spülchen, welches sie der Gegnerin mit dem Trumpfe
zurückgab, daß sie das Übel von Seldwyla gar wohl kenne. Allein es
komme alles auf die Umstände an. Auch sie habe von außen her sich da
angeheiratet und sei eine gute Partie geheißen worden, und es sei,
abgesehen von dem frühen Hinscheiden des seligen Mannes, nicht übel
gegangen, so daß, wie sie glaube, der Sohn, Gott sei Dank, gut geraten und
für ein gutes und ehrbares Leben empfänglich sei, was Frau Glor auch
glaubte.
Hiemit war die maßgebende Geheimverhandlung durchgeführt und was
mächtige Naturstimmen wünschten, im Lauf. Die beim übrigen Teil der
Schwanauer Familie noch harrenden Schwierigkeiten wurden still und
anständig überwunden und in wenig Monaten Jukundus und Justine als
Verlobte ausgerufen.
Es erschien das allgemein als ein so hübsches und gerechtes Ereignis,
daß keine Mißrede zu vernehmen war. Die Verlobten erhielten nicht einen
einzigen anonymen Schmäh- oder Warnungsbrief, wie das sonst so zu
geschehen pflegt, wenn ein großer Neid erregt wird. Der klarste
Morgenhimmel lachte über ihrem Brautstande und die Hochzeit selbst ward
zu einem sonnigen und klangvollen Feste mit Fahnen und Gesängen,
welches das teilnehmende Volk wie ein altes schönes Lied anmutete.
Zweites Kapitel
Die jungen Eheleute wohnten im elterlichen Hause zu Seldwyla. Es war
das ein ziemlich großes Gebäude mit hohen Zimmern und Sälen, im
vorigen Jahrhundert von einem Bürger erbaut, der im Auslande reich
geworden und sein Gut in der Vaterstadt prächtig hatte ausbreiten wollen.
Ehe es aber wohnlich eingerichtet und ausgestattet war, hatte der Mann sein
ganzes Vermögen in den eingetretenen Revolutions- und Kriegsjahren
wieder verloren, so daß er statt das Haus zu beziehen, wieder fortgezogen
war, um dort, wo er die früheren Glücksgüter gefunden, nachzusehen, ob
Frau Meyenthal fing das Garn ihrer Rede auch sofort ein und wickelte es
behende auf ein Spülchen, welches sie der Gegnerin mit dem Trumpfe
zurückgab, daß sie das Übel von Seldwyla gar wohl kenne. Allein es
komme alles auf die Umstände an. Auch sie habe von außen her sich da
angeheiratet und sei eine gute Partie geheißen worden, und es sei,
abgesehen von dem frühen Hinscheiden des seligen Mannes, nicht übel
gegangen, so daß, wie sie glaube, der Sohn, Gott sei Dank, gut geraten und
für ein gutes und ehrbares Leben empfänglich sei, was Frau Glor auch
glaubte.
Hiemit war die maßgebende Geheimverhandlung durchgeführt und was
mächtige Naturstimmen wünschten, im Lauf. Die beim übrigen Teil der
Schwanauer Familie noch harrenden Schwierigkeiten wurden still und
anständig überwunden und in wenig Monaten Jukundus und Justine als
Verlobte ausgerufen.
Es erschien das allgemein als ein so hübsches und gerechtes Ereignis,
daß keine Mißrede zu vernehmen war. Die Verlobten erhielten nicht einen
einzigen anonymen Schmäh- oder Warnungsbrief, wie das sonst so zu
geschehen pflegt, wenn ein großer Neid erregt wird. Der klarste
Morgenhimmel lachte über ihrem Brautstande und die Hochzeit selbst ward
zu einem sonnigen und klangvollen Feste mit Fahnen und Gesängen,
welches das teilnehmende Volk wie ein altes schönes Lied anmutete.
Zweites Kapitel
Die jungen Eheleute wohnten im elterlichen Hause zu Seldwyla. Es war
das ein ziemlich großes Gebäude mit hohen Zimmern und Sälen, im
vorigen Jahrhundert von einem Bürger erbaut, der im Auslande reich
geworden und sein Gut in der Vaterstadt prächtig hatte ausbreiten wollen.
Ehe es aber wohnlich eingerichtet und ausgestattet war, hatte der Mann sein
ganzes Vermögen in den eingetretenen Revolutions- und Kriegsjahren
wieder verloren, so daß er statt das Haus zu beziehen, wieder fortgezogen
war, um dort, wo er die früheren Glücksgüter gefunden, nachzusehen, ob
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nicht solche von neuem zu erhaschen wären. Das Haus aber war seither von
Hand zu Hand gegangen in der Art, daß immer derjenige Seldwyler, der am
meisten Lust und Mittel zu einem herrschaftlichen Dasein verspürte,
dasselbe übernahm und eine Zeitlang bewohnte, ohne daß es jedoch im
Innern jemals ganz fertig wurde.
Am längsten hatten es jetzt die Meyenthal besessen und im Verlaufe der
Zeit hier eine Tapete, dort einen Anstrich aufgewendet; vor der Hochzeit
hatte Jukundus noch die Außenseiten des Hauses auffrischen und den
Garten in gute Ordnung bringen lassen, und als nun Justine mit einer
gewaltigen Aussteuer an fahrender Habe aller Art eingezogen und diese in
den stattlichen Räumen auf das schönste verteilt und untergebracht war,
schien das geschmiedete, oder in diesem Falle das genähte Glück endlich
für eine gute Dauer in dem Hause zu wohnen. Auch residierte die Urheberin
desselben, die Meyenthal, zufrieden und stolz in ihrer Abteilung, besonders
da sie sah, daß die schöne Justine einen festen und klaren Sinn für den
Besitz und dessen Erhaltung zeigte und Jukundus seine gutgeartete
Lenksamkeit auch der jungen Gattin gegenüber nicht zu verlieren Miene
machte.
Mit der Verheiratung hatte er verabredetermaßen die militärische
Laufbahn als Berufssache wieder aufgegeben wegen der fortwährenden
Abwesenheit, die sie mit sich brachte. Um sich aber dafür einen ehrbaren
Erwerb und eine geordnete Tätigkeit zu sichern, hatte er ein
Handelsgeschäft errichtet, welches sich auf den Holzreichtum der
Stadtgemeinde und der umgebenden Landschaft gründete. Zu den großen
Allmenden, die von der alemannischen Bodenteilung herrührten, waren
später noch die Waldungen von Burg und Stift gekommen, an deren Mauern
die Stadt sich angebaut hatte.
Diese hatte bisher die Quellen ihrer Behaglichkeit geschont und auch aus
bürgerlichem Stolz erhalten, wie sie ihre reichen Trinkgeschirre und den
alten Wein im Stadtkeller sorgfältig erhielt. Allein durch irgend eine Spalte
war die Verlockung und die Gewinnsucht endlich hereingeschlüpft und es
wandelte ungesehen schon der Tod durch die weiten Waldeshallen, schlich
längs den Waldsäumen hin und klopfte mit seinen Knochenfingern an die
glatten Stämme. Als daher eben um diese Zeit Jukundus auftrat, um das
Bau- und Brennholz anzukaufen und auszuführen, kam sein Geschäft
Hand zu Hand gegangen in der Art, daß immer derjenige Seldwyler, der am
meisten Lust und Mittel zu einem herrschaftlichen Dasein verspürte,
dasselbe übernahm und eine Zeitlang bewohnte, ohne daß es jedoch im
Innern jemals ganz fertig wurde.
Am längsten hatten es jetzt die Meyenthal besessen und im Verlaufe der
Zeit hier eine Tapete, dort einen Anstrich aufgewendet; vor der Hochzeit
hatte Jukundus noch die Außenseiten des Hauses auffrischen und den
Garten in gute Ordnung bringen lassen, und als nun Justine mit einer
gewaltigen Aussteuer an fahrender Habe aller Art eingezogen und diese in
den stattlichen Räumen auf das schönste verteilt und untergebracht war,
schien das geschmiedete, oder in diesem Falle das genähte Glück endlich
für eine gute Dauer in dem Hause zu wohnen. Auch residierte die Urheberin
desselben, die Meyenthal, zufrieden und stolz in ihrer Abteilung, besonders
da sie sah, daß die schöne Justine einen festen und klaren Sinn für den
Besitz und dessen Erhaltung zeigte und Jukundus seine gutgeartete
Lenksamkeit auch der jungen Gattin gegenüber nicht zu verlieren Miene
machte.
Mit der Verheiratung hatte er verabredetermaßen die militärische
Laufbahn als Berufssache wieder aufgegeben wegen der fortwährenden
Abwesenheit, die sie mit sich brachte. Um sich aber dafür einen ehrbaren
Erwerb und eine geordnete Tätigkeit zu sichern, hatte er ein
Handelsgeschäft errichtet, welches sich auf den Holzreichtum der
Stadtgemeinde und der umgebenden Landschaft gründete. Zu den großen
Allmenden, die von der alemannischen Bodenteilung herrührten, waren
später noch die Waldungen von Burg und Stift gekommen, an deren Mauern
die Stadt sich angebaut hatte.
Diese hatte bisher die Quellen ihrer Behaglichkeit geschont und auch aus
bürgerlichem Stolz erhalten, wie sie ihre reichen Trinkgeschirre und den
alten Wein im Stadtkeller sorgfältig erhielt. Allein durch irgend eine Spalte
war die Verlockung und die Gewinnsucht endlich hereingeschlüpft und es
wandelte ungesehen schon der Tod durch die weiten Waldeshallen, schlich
längs den Waldsäumen hin und klopfte mit seinen Knochenfingern an die
glatten Stämme. Als daher eben um diese Zeit Jukundus auftrat, um das
Bau- und Brennholz anzukaufen und auszuführen, kam sein Geschäft
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alsobald in Schwung; denn die Seldwyler zogen die Vermittlung des ihnen
wohlbekannten ehrlichen Mitbürgers dem Andringen der fremden Händler,
durch die das Unheil eingeschlichen, vor.
Jetzt begannen die hundertjährigen Hochwaldbestände zu fallen und auch
sofort dem Strich der Hagelwetter den Durchlaß auf die Weinberge und
Fluren zu öffnen. Allein sie waren auch einmal jung und niedrig gewesen
oder schon mehrmals vielleicht, und sie konnten wieder alt und hoch
werden. Doch als die Axt auch an die jüngeren Wälder geriet, für das
zuströmende Geld immer schönere Zwecke erfunden und die Berghänge
dafür immer kahler wurden, fing es den Jukundus innerlich an zu frieren, da
er von Jugend auf ein großer Freund und Liebhaber des Waldes gewesen.
Während er an dem Handel einen ordentlichen Gewinn machte, begann er
sich desselben mehr und mehr zu schämen; er erschien sich als ein Feind
und Verwüster aller grünen Zier und Freude, wurde unlustig und oft traurig
und vertraute sich seiner Frau an, da sie sein frohes Lächeln, das zu dem
ihrigen wie ein Zwillingsgeschwister war, fast seltener werden sah und ihn
ängstlich befragte. Sie dachte aber, die Dinge würden mit oder ohne den
Mann ihren Lauf gehen und wahrscheinlich nur noch schlimmer, und sie
war nur darauf bedacht, ihn bald aus eigenen Kräften wohlhabend und
unabhängig zu wissen, um auch von dieser Seite her stolz auf ihn sein zu
können. Sie bestärkte daher den Mann nicht in seiner Unlust, sondern
ermunterte ihn vielmehr zum Ausharren und er fuhr dann so fort.
Da wurde an einer schief und spitz sich hinziehenden Berglehne, welche
der Wolfhartsgeeren hieß, ein schönes Stück Mittelwald geschlagen. Aus
demselben hatte von jeher eine gewaltige Laubkuppel geragt, welche eine
wohl tausendjährige Eiche war, die Wolfhartsgeereneiche genannt. In
älteren Urkunden aber besaß sie als Merk- und Wahrzeichen noch andere
Namen, die darauf hinwiesen, daß einst ihr junger Wipfel noch in
germanischen Morgenlüften gebadet hatte. Wie nun der Wald um sie her
niedergelegt war, weil man den mächtigen Baum für den besondern Verkauf
aufsparte, stellte die Eiche ein Monument dar, wie kein Fürst der Erde und
kein Volk es mit allen Schätzen hätte errichten oder auch nur versetzen
können. Wohl zehn Fuß im Durchmesser betrug der untere Stamm und die
wagrecht liegenden Verästungen, welche in weiter Ferne wie zartes Reisig
auf den Äther gezeichnet schienen, waren in der Nähe selbst gleich
wohlbekannten ehrlichen Mitbürgers dem Andringen der fremden Händler,
durch die das Unheil eingeschlichen, vor.
Jetzt begannen die hundertjährigen Hochwaldbestände zu fallen und auch
sofort dem Strich der Hagelwetter den Durchlaß auf die Weinberge und
Fluren zu öffnen. Allein sie waren auch einmal jung und niedrig gewesen
oder schon mehrmals vielleicht, und sie konnten wieder alt und hoch
werden. Doch als die Axt auch an die jüngeren Wälder geriet, für das
zuströmende Geld immer schönere Zwecke erfunden und die Berghänge
dafür immer kahler wurden, fing es den Jukundus innerlich an zu frieren, da
er von Jugend auf ein großer Freund und Liebhaber des Waldes gewesen.
Während er an dem Handel einen ordentlichen Gewinn machte, begann er
sich desselben mehr und mehr zu schämen; er erschien sich als ein Feind
und Verwüster aller grünen Zier und Freude, wurde unlustig und oft traurig
und vertraute sich seiner Frau an, da sie sein frohes Lächeln, das zu dem
ihrigen wie ein Zwillingsgeschwister war, fast seltener werden sah und ihn
ängstlich befragte. Sie dachte aber, die Dinge würden mit oder ohne den
Mann ihren Lauf gehen und wahrscheinlich nur noch schlimmer, und sie
war nur darauf bedacht, ihn bald aus eigenen Kräften wohlhabend und
unabhängig zu wissen, um auch von dieser Seite her stolz auf ihn sein zu
können. Sie bestärkte daher den Mann nicht in seiner Unlust, sondern
ermunterte ihn vielmehr zum Ausharren und er fuhr dann so fort.
Da wurde an einer schief und spitz sich hinziehenden Berglehne, welche
der Wolfhartsgeeren hieß, ein schönes Stück Mittelwald geschlagen. Aus
demselben hatte von jeher eine gewaltige Laubkuppel geragt, welche eine
wohl tausendjährige Eiche war, die Wolfhartsgeereneiche genannt. In
älteren Urkunden aber besaß sie als Merk- und Wahrzeichen noch andere
Namen, die darauf hinwiesen, daß einst ihr junger Wipfel noch in
germanischen Morgenlüften gebadet hatte. Wie nun der Wald um sie her
niedergelegt war, weil man den mächtigen Baum für den besondern Verkauf
aufsparte, stellte die Eiche ein Monument dar, wie kein Fürst der Erde und
kein Volk es mit allen Schätzen hätte errichten oder auch nur versetzen
können. Wohl zehn Fuß im Durchmesser betrug der untere Stamm und die
wagrecht liegenden Verästungen, welche in weiter Ferne wie zartes Reisig
auf den Äther gezeichnet schienen, waren in der Nähe selbst gleich
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mächtigen Bäumen. Meilenweit erblickte man das schöne Baumdenkmal
und viele kamen herbei, es in der Nähe zu sehen.
Als man nun gewärtigte, welcher Käufer den höchsten Preis dafür bieten
würde, erbarmte sich Jukundus des Baumes und suchte ihn zu retten. Er
stellte vor, wie gut es dem Gemeinwesen anstehen würde, solche Zeugen
der Vergangenheit als Landesschmuck bestehen zu lassen und ihnen auf
allgemeine Kosten Luft und Tau und die Spanne Erdreich ferner zu gönnen;
wie die verhältnismäßig kleine Summe des Erlöses nicht in Betracht
kommen könne gegenüber dem unersetzlichen inneren Wert einer solchen
Zierde. Allein er fand kein Gehör; gerade die Gesundheit des alten Riesen
sollte ihn sein Leben kosten, weil es hieß, jetzt sei die rechte Zeit, den
höchsten Ertrag zu erzielen; wenn der Stamm einmal erkrankt sei, sinke der
Wert sofort um vieles. Jukundus wandte sich an die Regierung, indem er die
Erhaltung einzelner schöner Bäume, wo solche sich finden mögen, als einen
allgemeinen Grundsatz belieben wollte. Es wurde erwidert, der Staat besitze
wohl für Millionen Waldungen und könne diese nach Gutdünken
vermehren, allein er besitze nicht einen Taler und nicht die kleinste
Befugnis, einen schlagfähigen Baum auf Gemeindeboden anzukaufen und
stehen zu lassen.
Er sah wohl, daß man überall nicht zugänglich war für seinen Gedanken
und daß er sich nur als Geschäftsmann bloßstellte und heimlich belächelt
wurde. Da kaufte er selbst die Eiche und das Stück Boden, auf welchem sie
stund, säuberte den Boden und stellte eine Bank unter den Baum, unter dem
es eine schöne Fernsicht gab, und jedermann lobte ihn nun für seine Tat und
ließ sich den Anblick gefallen. Aber von diesem Augenblicke an suchte
auch jedermann, ihn zu benutzen und zu übervorteilen, wie einen großen
Herrn, der keiner Schonung bedürfe.
Aus Widerwillen gegen die Baumschlächterei änderte Jukundus nach und
nach, aber so rasch als möglich, sein Geschäft, indem er den Holzhandel
verließ und dafür sich auf den Verkehr mit jenen Schätzen warf, welche aus
dem Schoße der Erde kommen und das Holz ersetzen. Er errichtete
Magazine von Stein- und Braunkohlen, führte Ton- und Eisenrohre ein, um
die hölzernen Wasserleitungen zu verdrängen, Backsteine zu leichteren
Baulichkeiten, die man sonst von Holz zu erstellen pflegte, Zement für
allerlei Behälter, und verleitete einen reichen Bauer, sich ein gewaltiges
und viele kamen herbei, es in der Nähe zu sehen.
Als man nun gewärtigte, welcher Käufer den höchsten Preis dafür bieten
würde, erbarmte sich Jukundus des Baumes und suchte ihn zu retten. Er
stellte vor, wie gut es dem Gemeinwesen anstehen würde, solche Zeugen
der Vergangenheit als Landesschmuck bestehen zu lassen und ihnen auf
allgemeine Kosten Luft und Tau und die Spanne Erdreich ferner zu gönnen;
wie die verhältnismäßig kleine Summe des Erlöses nicht in Betracht
kommen könne gegenüber dem unersetzlichen inneren Wert einer solchen
Zierde. Allein er fand kein Gehör; gerade die Gesundheit des alten Riesen
sollte ihn sein Leben kosten, weil es hieß, jetzt sei die rechte Zeit, den
höchsten Ertrag zu erzielen; wenn der Stamm einmal erkrankt sei, sinke der
Wert sofort um vieles. Jukundus wandte sich an die Regierung, indem er die
Erhaltung einzelner schöner Bäume, wo solche sich finden mögen, als einen
allgemeinen Grundsatz belieben wollte. Es wurde erwidert, der Staat besitze
wohl für Millionen Waldungen und könne diese nach Gutdünken
vermehren, allein er besitze nicht einen Taler und nicht die kleinste
Befugnis, einen schlagfähigen Baum auf Gemeindeboden anzukaufen und
stehen zu lassen.
Er sah wohl, daß man überall nicht zugänglich war für seinen Gedanken
und daß er sich nur als Geschäftsmann bloßstellte und heimlich belächelt
wurde. Da kaufte er selbst die Eiche und das Stück Boden, auf welchem sie
stund, säuberte den Boden und stellte eine Bank unter den Baum, unter dem
es eine schöne Fernsicht gab, und jedermann lobte ihn nun für seine Tat und
ließ sich den Anblick gefallen. Aber von diesem Augenblicke an suchte
auch jedermann, ihn zu benutzen und zu übervorteilen, wie einen großen
Herrn, der keiner Schonung bedürfe.
Aus Widerwillen gegen die Baumschlächterei änderte Jukundus nach und
nach, aber so rasch als möglich, sein Geschäft, indem er den Holzhandel
verließ und dafür sich auf den Verkehr mit jenen Schätzen warf, welche aus
dem Schoße der Erde kommen und das Holz ersetzen. Er errichtete
Magazine von Stein- und Braunkohlen, führte Ton- und Eisenrohre ein, um
die hölzernen Wasserleitungen zu verdrängen, Backsteine zu leichteren
Baulichkeiten, die man sonst von Holz zu erstellen pflegte, Zement für
allerlei Behälter, und verleitete einen reichen Bauer, sich ein gewaltiges
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festes und kühles Mostfaß aus Zement errichten zu lassen. Als dies gelang,
sah er im Geiste schon statt der hölzernen Fässer in jedem Keller solche
Vorratsgefäße, gleich den großen in der Erde ruhenden Weinkrügen der
Alten, und das gute Eichenholz gespart. Auch kaufte er Massen von
ausgedienten Eisenbahnschienen, welche in hundert Fällen einen
Holzbalken vertreten.
Natürlich ging die Holzausfuhr ohne ihn und über ihn hinweg nach den
alles aufzehrenden Städten; allein er war nun mit seinem Gewissen im
reinen, ohne welchen stillen Gesellschafter er sich als Handelsherr nicht
glücklich fühlte. Auch wären die neuen Geschäfte an sich nicht ohne
Gewinn geblieben, wenn nicht bei jener Geschäftsänderung eine gewisse
Störung stattgefunden und, seit er den Baum als Pensionär an seine Kost
genommen, sich das Gebaren der Geschäftsfreunde verändert hätte, so daß
diese nun das wahre Gesicht zeigten.
Jukundus sagte immer die Wahrheit und glaubte dafür auch alles, was
man ihm sagte. Er eröffnete stets im Anfang seine ganze Meinung und was
er tun und halten konnte und nahm als richtig an, was ihm der andere von
seinen Kaufs- und Verkaufsbedingungen und von der Beschaffenheit der
Ware mitteilte, erst in der Meinung, daß jener schon sich bemühen werde,
der Sache näher auf den Grund zu kommen, später, als das nicht geschah,
gleich mit dem kecken Vorsatz der Täuschung. Und alle Erfahrung half hier
nichts und jede Ermahnung der Frauen, nicht so leichtgläubig zu sein, war
fruchtlos. Denn gleich das nächste Mal glaubte er wieder, weil er nicht
anders konnte, oder es war ihm zu widerwärtig und verächtlich, lange zu
zanken und zu feilschen. Dazu kam, daß er nichts weniger als ein
geschickter Finanzmann war, der Geld und Kredit zu wenden wußte, und so
fügte es sich, daß eines Tages seine Mittel erschöpft waren und das Ende
herangekommen. Es geschah dies plötzlich, weil er nicht lange von einem
Nagel an den andern gehängt und keinen Scheinverkehr getrieben hatte.
Er überlegte, ob er sich zuerst der Mutter oder der Gattin oder beiden
gleichzeitig anvertrauen und mitteilen solle, daß der Wohlstand dahin sei
und von unten auf wieder angefangen werden müsse, was und wo, wisse er
noch nicht. Er entschied sich für die Frau. Als er nun mit ihr allein in seiner
Handelsstube stand und schweren Herzens von seiner Lage zu erzählen
begann, trat sie ganz nahe zu ihm hin, strich ihm mit der Hand über die
sah er im Geiste schon statt der hölzernen Fässer in jedem Keller solche
Vorratsgefäße, gleich den großen in der Erde ruhenden Weinkrügen der
Alten, und das gute Eichenholz gespart. Auch kaufte er Massen von
ausgedienten Eisenbahnschienen, welche in hundert Fällen einen
Holzbalken vertreten.
Natürlich ging die Holzausfuhr ohne ihn und über ihn hinweg nach den
alles aufzehrenden Städten; allein er war nun mit seinem Gewissen im
reinen, ohne welchen stillen Gesellschafter er sich als Handelsherr nicht
glücklich fühlte. Auch wären die neuen Geschäfte an sich nicht ohne
Gewinn geblieben, wenn nicht bei jener Geschäftsänderung eine gewisse
Störung stattgefunden und, seit er den Baum als Pensionär an seine Kost
genommen, sich das Gebaren der Geschäftsfreunde verändert hätte, so daß
diese nun das wahre Gesicht zeigten.
Jukundus sagte immer die Wahrheit und glaubte dafür auch alles, was
man ihm sagte. Er eröffnete stets im Anfang seine ganze Meinung und was
er tun und halten konnte und nahm als richtig an, was ihm der andere von
seinen Kaufs- und Verkaufsbedingungen und von der Beschaffenheit der
Ware mitteilte, erst in der Meinung, daß jener schon sich bemühen werde,
der Sache näher auf den Grund zu kommen, später, als das nicht geschah,
gleich mit dem kecken Vorsatz der Täuschung. Und alle Erfahrung half hier
nichts und jede Ermahnung der Frauen, nicht so leichtgläubig zu sein, war
fruchtlos. Denn gleich das nächste Mal glaubte er wieder, weil er nicht
anders konnte, oder es war ihm zu widerwärtig und verächtlich, lange zu
zanken und zu feilschen. Dazu kam, daß er nichts weniger als ein
geschickter Finanzmann war, der Geld und Kredit zu wenden wußte, und so
fügte es sich, daß eines Tages seine Mittel erschöpft waren und das Ende
herangekommen. Es geschah dies plötzlich, weil er nicht lange von einem
Nagel an den andern gehängt und keinen Scheinverkehr getrieben hatte.
Er überlegte, ob er sich zuerst der Mutter oder der Gattin oder beiden
gleichzeitig anvertrauen und mitteilen solle, daß der Wohlstand dahin sei
und von unten auf wieder angefangen werden müsse, was und wo, wisse er
noch nicht. Er entschied sich für die Frau. Als er nun mit ihr allein in seiner
Handelsstube stand und schweren Herzens von seiner Lage zu erzählen
begann, trat sie ganz nahe zu ihm hin, strich ihm mit der Hand über die
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sorgenvolle Stirne und unterbrach ihn mit der Frage, ob seine Bücher richtig
und vollständig geführt seien? Als er die Frage bejahte, lachte sie ihn so
schön an, daß ihm das Herz aufging, und sagte, in diesem Falle kenne sie
den Sachbestand schon, da sie neugierig gewesen sei und neulich in seiner
Abwesenheit seine oder vielmehr ihre gemeinschaftlichen Angelegenheiten
studiert habe.
In der Tat hatte sie, da sie inne geworden, daß er Kummer verbarg, eines
stillen Sonntags, als er verreisen mußte und, wie gewohnt, die Schlüssel auf
ihr Arbeitstischchen legte, diese genommen und sich auf seiner
Schreibstube eingeschlossen; dort hatte sie seine Bücher und Papiere
untersucht, was sie gar wohl verstand. Es war alles klar und durchsichtig
und jede Zahl an ihrem Platze. Sie sah, daß es nicht lange mehr gehen
könne, jedoch die Gefahr eines schimpflichen Vorganges nicht vorhanden
sei, wenn zur rechten Zeit der Strich unter die Rechnung gemacht werde.
Bei seiner Offenheit gewiß, daß seine Beichte nicht lange auf sich warten
lassen werde, hatte sie seither bereits gehandelt und ihre Eltern ins
Vertrauen gezogen. Schon bei der Einwilligung zu der Heirat war in dem
stolzen Sinne der reichen Leute der Fall vorausgesehen und im Geheimen
festgesetzt worden, daß die jungen Leute nach Schwanau kommen sollten,
wenn es, wie wahrscheinlich wäre, in Seldwyla nicht ginge. So war denn
Justine über ihre Entdeckung nicht eben sehr erschrocken, sondern empfand
fast eher eine geheime Freude, daß sie den lieben, schönen, guten Mann in
ihr Vaterhaus ziehen und dort mit aller Vorsorge einspinnen und in Seide
wickeln könne, wie ein zerbrechliches Glasmännchen.
Wie sie ihm diese Pläne nun aber mitteilte und eröffnete, daß man nur
eine rasche, stille Abwicklung der Geschäftslage in Seldwyla vorzunehmen
und nach Schwanau überzusiedeln brauche, wo Jukundus sich schon werde
nützlich machen können, erblaßte er und sagte: »Da würde meine Freiheit
und mein Selbstbewußtsein dahin sein! Lieber will ich Holz hacken!«
»Nun, da kann ich auch dabei sein!« erwiderte Justine, »da helfe ich dir
sägen, und wenn wir alsdann so im Regenwetter auf der Straße sind und
beide an der Säge hin und her ziehen, zanken wir miteinander, daß die
Leute stillstehen, wie wir es auf unserer Hochzeitsreise in jener großen
Stadt gesehen haben!«
und vollständig geführt seien? Als er die Frage bejahte, lachte sie ihn so
schön an, daß ihm das Herz aufging, und sagte, in diesem Falle kenne sie
den Sachbestand schon, da sie neugierig gewesen sei und neulich in seiner
Abwesenheit seine oder vielmehr ihre gemeinschaftlichen Angelegenheiten
studiert habe.
In der Tat hatte sie, da sie inne geworden, daß er Kummer verbarg, eines
stillen Sonntags, als er verreisen mußte und, wie gewohnt, die Schlüssel auf
ihr Arbeitstischchen legte, diese genommen und sich auf seiner
Schreibstube eingeschlossen; dort hatte sie seine Bücher und Papiere
untersucht, was sie gar wohl verstand. Es war alles klar und durchsichtig
und jede Zahl an ihrem Platze. Sie sah, daß es nicht lange mehr gehen
könne, jedoch die Gefahr eines schimpflichen Vorganges nicht vorhanden
sei, wenn zur rechten Zeit der Strich unter die Rechnung gemacht werde.
Bei seiner Offenheit gewiß, daß seine Beichte nicht lange auf sich warten
lassen werde, hatte sie seither bereits gehandelt und ihre Eltern ins
Vertrauen gezogen. Schon bei der Einwilligung zu der Heirat war in dem
stolzen Sinne der reichen Leute der Fall vorausgesehen und im Geheimen
festgesetzt worden, daß die jungen Leute nach Schwanau kommen sollten,
wenn es, wie wahrscheinlich wäre, in Seldwyla nicht ginge. So war denn
Justine über ihre Entdeckung nicht eben sehr erschrocken, sondern empfand
fast eher eine geheime Freude, daß sie den lieben, schönen, guten Mann in
ihr Vaterhaus ziehen und dort mit aller Vorsorge einspinnen und in Seide
wickeln könne, wie ein zerbrechliches Glasmännchen.
Wie sie ihm diese Pläne nun aber mitteilte und eröffnete, daß man nur
eine rasche, stille Abwicklung der Geschäftslage in Seldwyla vorzunehmen
und nach Schwanau überzusiedeln brauche, wo Jukundus sich schon werde
nützlich machen können, erblaßte er und sagte: »Da würde meine Freiheit
und mein Selbstbewußtsein dahin sein! Lieber will ich Holz hacken!«
»Nun, da kann ich auch dabei sein!« erwiderte Justine, »da helfe ich dir
sägen, und wenn wir alsdann so im Regenwetter auf der Straße sind und
beide an der Säge hin und her ziehen, zanken wir miteinander, daß die
Leute stillstehen, wie wir es auf unserer Hochzeitsreise in jener großen
Stadt gesehen haben!«
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Sie setzte sich und fuhr fort: »Erinnerst du dich noch, welch einen
seltsamen Eindruck es auf uns machte? Das regnete, regnete unaufhörlich,
das Holz war naß und die Säge war naß und der Mann und die Frau waren
durchnäßt und sie rissen die Säge unablässig hin und her und zankten
bitterlich mit harten Worten! Weißt du, warum? Sie stritten um die Not, um
das Elend, um die Sorge, und schämten sich nicht im geringsten vor den
Leuten, die zuhörten –«
»Schweig,« rief Jukundus, »wie kannst du mein Wort so ausmalen und
ausbeuten, da du wohl weißt, wie es zu nehmen ist!«
»Es kann alles darin liegen, was ich gesagt habe!« antwortete Justine.
»Komm,« sagte sie und legte den Arm um seine Schultern, »alles liebt dich
und alles hilft dir, du bist ein ganzer Mann, wenn du nur erst einen
vernünftigen Boden unter den Füßen hast! Aber hier gedeihen wir nicht!«
Jukundus brach die Unterredung ab, um sich zu sammeln; denn er war
verwirrt und gestört, weil er die Sache nicht so trost- und mutlos angesehen
hatte wie seine Frau, und er fühlte sich gekränkt. Er ging zu seiner Mutter;
die fing aber sogleich an zu weinen, als sie von der Lage Kenntnis erhielt.
Alles schien ihr verloren, wenn der Sohn sich nicht an die Frau und deren
Haus hielte, und sie beschwor ihn, sein und der Seinigen Glück nicht zu
Grunde zu richten.
Die gute Mutter hatte sich gegen die Armut nun so lange zu wehren und
derselben durch ihre kluge Verheiratung des Sohnes, wie sie glaubte, für
immer zu entgehen gewußt, und sie fürchtete die Armut wie ein
geschliffenes Schwert.
Justine dagegen haßte und verachtete die Armut wie etwas an sich Böses
und Verächtliches, wenn es sich nicht etwa um fremde arme Leute handelte,
denen man gemächlich Gutes tun kann. Sie übte sogar eine eifrige und
geordnete Mildtätigkeit, ging in die Hütten der Armen und suchte sie auf.
Aber wo die Armut in ihre engeren Lebenskreise der Blutsverwandtschaft
oder Freundschaft eindringen wollte, empfand sie einen harten Abscheu,
wie gegen die Pest, und floh ordentlich davor. Es half daher nichts, daß
Jukundus wieder zu ihr ging und ihr vorstellte, sie könne ja das ungewisse
Schicksal immer ein wenig mit ihm versuchen und ertragen, da ihr ja
schließlich die elterliche Zuflucht und ihr reiches Erbe gesichert sei. Nicht
seltsamen Eindruck es auf uns machte? Das regnete, regnete unaufhörlich,
das Holz war naß und die Säge war naß und der Mann und die Frau waren
durchnäßt und sie rissen die Säge unablässig hin und her und zankten
bitterlich mit harten Worten! Weißt du, warum? Sie stritten um die Not, um
das Elend, um die Sorge, und schämten sich nicht im geringsten vor den
Leuten, die zuhörten –«
»Schweig,« rief Jukundus, »wie kannst du mein Wort so ausmalen und
ausbeuten, da du wohl weißt, wie es zu nehmen ist!«
»Es kann alles darin liegen, was ich gesagt habe!« antwortete Justine.
»Komm,« sagte sie und legte den Arm um seine Schultern, »alles liebt dich
und alles hilft dir, du bist ein ganzer Mann, wenn du nur erst einen
vernünftigen Boden unter den Füßen hast! Aber hier gedeihen wir nicht!«
Jukundus brach die Unterredung ab, um sich zu sammeln; denn er war
verwirrt und gestört, weil er die Sache nicht so trost- und mutlos angesehen
hatte wie seine Frau, und er fühlte sich gekränkt. Er ging zu seiner Mutter;
die fing aber sogleich an zu weinen, als sie von der Lage Kenntnis erhielt.
Alles schien ihr verloren, wenn der Sohn sich nicht an die Frau und deren
Haus hielte, und sie beschwor ihn, sein und der Seinigen Glück nicht zu
Grunde zu richten.
Die gute Mutter hatte sich gegen die Armut nun so lange zu wehren und
derselben durch ihre kluge Verheiratung des Sohnes, wie sie glaubte, für
immer zu entgehen gewußt, und sie fürchtete die Armut wie ein
geschliffenes Schwert.
Justine dagegen haßte und verachtete die Armut wie etwas an sich Böses
und Verächtliches, wenn es sich nicht etwa um fremde arme Leute handelte,
denen man gemächlich Gutes tun kann. Sie übte sogar eine eifrige und
geordnete Mildtätigkeit, ging in die Hütten der Armen und suchte sie auf.
Aber wo die Armut in ihre engeren Lebenskreise der Blutsverwandtschaft
oder Freundschaft eindringen wollte, empfand sie einen harten Abscheu,
wie gegen die Pest, und floh ordentlich davor. Es half daher nichts, daß
Jukundus wieder zu ihr ging und ihr vorstellte, sie könne ja das ungewisse
Schicksal immer ein wenig mit ihm versuchen und ertragen, da ihr ja
schließlich die elterliche Zuflucht und ihr reiches Erbe gesichert sei. Nicht
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einen Tag wollte sie ihn und sich der Not und der Erniedrigung ausgesetzt
sehen, und als ihr Vater kam und ihm freundlich zuredete, als zu einer
Sache, die ja selbstverständlich sei und sich für alle aufs beste ordnen lasse,
mußte er sich ergeben.
Die Arbeitsleute Jukundis wurden ausbezahlt und verabschiedet, der
Grundbesitz verkauft, weil die Mutter, welche noch teil daran hatte, nicht
allein in Seldwyla bleiben wollte, und alle Verbindlichkeiten gelöst.
Jukundus behielt hierauf nicht einen Taler mehr in der Hand für den
Augenblick, was ihm eine höchst seltsame Empfindung verursachte. Justine
indessen betrieb guten Mutes und voll Munterkeit das Einpacken der
fahrenden Habe und die Übersiedlungsanstalten; bald war sie in Schwanau,
um dort die Wohnung einzurichten, bald wieder in Seldwyla, um hier die
Dinge zu besorgen, war reichlich mit Geldmitteln versehen und vergaß in
ihrem frohen Eifer gänzlich, daran zu denken, ob auch Jukundus noch etwas
bedürfe oder in der Hand habe.
Da wurde es ihm zu Mute, wie wenn er ohne einen Zehrpfennig in ein
fernes Land unter wildfremde Menschen wandern müßte, deren Sprache er
nicht verstehe, und er sah sich besorgt um, wo er noch wenigstens ein Stück
eigenes Handgeld erraffen könne für alle Fälle. Es war noch der große
Eichbaum vergessen worden, den er gerettet und erhalten hatte. Mit
wehmütigem Lächeln verkaufte er den alten Riesen nun doch samt dem
Boden, auf dem er stand, und erhielt einige tausend Franken, welche er
sorgfältig aufbewahrte.
Der Käufer des Baumes stellte sogleich ein Dutzend Männer ein, welche
dessen Wurzeln frei machten und untergruben und volle acht Tage damit zu
schaffen hatten. Als man endlich so weit war, daß der Baum umgezerrt
werden konnte, strömte ganz Seldwyla auf die Berghalde hinaus, um den
Fall mit anzusehen, und Tausende von Menschen waren rings herum
gelagert, mit Speise und Trank wohl versehen.
Starke Taue wurden in der Krone befestigt, lange Reihen von Männern
daran gestellt, welche auf den Befehlsruf zu ziehen begannen; die Eiche
schwankte aber nur ein weniges und es mußte stundenlang wieder gelöst
und gesägt werden in den mächtigen Wurzeln. Das Volk aß und trank
sehen, und als ihr Vater kam und ihm freundlich zuredete, als zu einer
Sache, die ja selbstverständlich sei und sich für alle aufs beste ordnen lasse,
mußte er sich ergeben.
Die Arbeitsleute Jukundis wurden ausbezahlt und verabschiedet, der
Grundbesitz verkauft, weil die Mutter, welche noch teil daran hatte, nicht
allein in Seldwyla bleiben wollte, und alle Verbindlichkeiten gelöst.
Jukundus behielt hierauf nicht einen Taler mehr in der Hand für den
Augenblick, was ihm eine höchst seltsame Empfindung verursachte. Justine
indessen betrieb guten Mutes und voll Munterkeit das Einpacken der
fahrenden Habe und die Übersiedlungsanstalten; bald war sie in Schwanau,
um dort die Wohnung einzurichten, bald wieder in Seldwyla, um hier die
Dinge zu besorgen, war reichlich mit Geldmitteln versehen und vergaß in
ihrem frohen Eifer gänzlich, daran zu denken, ob auch Jukundus noch etwas
bedürfe oder in der Hand habe.
Da wurde es ihm zu Mute, wie wenn er ohne einen Zehrpfennig in ein
fernes Land unter wildfremde Menschen wandern müßte, deren Sprache er
nicht verstehe, und er sah sich besorgt um, wo er noch wenigstens ein Stück
eigenes Handgeld erraffen könne für alle Fälle. Es war noch der große
Eichbaum vergessen worden, den er gerettet und erhalten hatte. Mit
wehmütigem Lächeln verkaufte er den alten Riesen nun doch samt dem
Boden, auf dem er stand, und erhielt einige tausend Franken, welche er
sorgfältig aufbewahrte.
Der Käufer des Baumes stellte sogleich ein Dutzend Männer ein, welche
dessen Wurzeln frei machten und untergruben und volle acht Tage damit zu
schaffen hatten. Als man endlich so weit war, daß der Baum umgezerrt
werden konnte, strömte ganz Seldwyla auf die Berghalde hinaus, um den
Fall mit anzusehen, und Tausende von Menschen waren rings herum
gelagert, mit Speise und Trank wohl versehen.
Starke Taue wurden in der Krone befestigt, lange Reihen von Männern
daran gestellt, welche auf den Befehlsruf zu ziehen begannen; die Eiche
schwankte aber nur ein weniges und es mußte stundenlang wieder gelöst
und gesägt werden in den mächtigen Wurzeln. Das Volk aß und trank
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unterdessen und machte sich einen guten Tag, aber nicht ohne gespannte
Erwartung und erregtes Gefühl.
Endlich wurde der Platz wieder weithin geräumt, das Tauwerk wieder
angezogen und nach einem minutenlangen starken Wanken, während einer
wahren Totenstille, stürzte die Eiche auf ihr Antlitz hin mit gebrochenen
Ästen, daß das weiße Holz hervorstarrte. Nach dem ersten allgemeinen
Aufschrei wimmelte es augenblicklich um den ungeheuren Stamm herum.
Hunderte kletterten an ihm hinauf und in das grüne Gehölz der Krone
hinein, die im Staube lag. Andere krochen in der Standgrube herum und
durchsuchten das Erdreich. Sie fanden aber nichts, als ein kleines Stück
gegossenen dicken Glases aus der Römerzeit, das vor Alter wie Perlmutter
glänzte, und eine von Rost zerfressene Pfeilspitze.
Auf einer fernen Berghöhe, über welche eben Jukundus mit den Seinigen
langsam hinwegfuhr, riefen arbeitende Landleute plötzlich, nach dem
Horizont hinweisend: »Seht doch, wie die alte Wolfhartsgeereneiche
schwankt, weht denn dort ein Sturmwind?« Denn sie konnten die Leute
nicht sehen, die daran zogen. Jukundus blickte auch hin und sah, wie sie
plötzlich nicht mehr dort und nur der leere Himmel an der Stelle war.
Da ging es ihm durchs Herz, wie wenn er allein Schuld wäre und das
Gewissen des Landes in sich tragen müßte.
Die Seldwyler aber lebten an jenem Abend eher betrübt als lustig, da der
Baum und der Jukundi nicht mehr da waren.
Im Beginn seines Aufenthaltes zu Schwanau verbrachte Jukundus seine
meiste Zeit bei den Großeltern auf dem Berge, die er einst wegen ihres
scheinbar unfreundlichen, herben und rastlosen Wesens beinah gefürchtet
hatte. Im Verlaufe der Zeit war er aber auf einen guten Fuß mit ihnen
geraten und sogar der Liebling der Alten geworden, wie denn öfter
geschieht, daß solche Landleute in ihrer uralten Sicherheit gern etwas
Müßiges und ihnen Ungleiches um sich leiden mögen, das ihre Heiterkeit
weckt. In dem jungen Manne sahen sie etwas fremdartig Unpraktisches,
aber Liebenswürdiges, das vermutlich keinen guten Stern haben würde und
Erwartung und erregtes Gefühl.
Endlich wurde der Platz wieder weithin geräumt, das Tauwerk wieder
angezogen und nach einem minutenlangen starken Wanken, während einer
wahren Totenstille, stürzte die Eiche auf ihr Antlitz hin mit gebrochenen
Ästen, daß das weiße Holz hervorstarrte. Nach dem ersten allgemeinen
Aufschrei wimmelte es augenblicklich um den ungeheuren Stamm herum.
Hunderte kletterten an ihm hinauf und in das grüne Gehölz der Krone
hinein, die im Staube lag. Andere krochen in der Standgrube herum und
durchsuchten das Erdreich. Sie fanden aber nichts, als ein kleines Stück
gegossenen dicken Glases aus der Römerzeit, das vor Alter wie Perlmutter
glänzte, und eine von Rost zerfressene Pfeilspitze.
Auf einer fernen Berghöhe, über welche eben Jukundus mit den Seinigen
langsam hinwegfuhr, riefen arbeitende Landleute plötzlich, nach dem
Horizont hinweisend: »Seht doch, wie die alte Wolfhartsgeereneiche
schwankt, weht denn dort ein Sturmwind?« Denn sie konnten die Leute
nicht sehen, die daran zogen. Jukundus blickte auch hin und sah, wie sie
plötzlich nicht mehr dort und nur der leere Himmel an der Stelle war.
Da ging es ihm durchs Herz, wie wenn er allein Schuld wäre und das
Gewissen des Landes in sich tragen müßte.
Die Seldwyler aber lebten an jenem Abend eher betrübt als lustig, da der
Baum und der Jukundi nicht mehr da waren.
Im Beginn seines Aufenthaltes zu Schwanau verbrachte Jukundus seine
meiste Zeit bei den Großeltern auf dem Berge, die er einst wegen ihres
scheinbar unfreundlichen, herben und rastlosen Wesens beinah gefürchtet
hatte. Im Verlaufe der Zeit war er aber auf einen guten Fuß mit ihnen
geraten und sogar der Liebling der Alten geworden, wie denn öfter
geschieht, daß solche Landleute in ihrer uralten Sicherheit gern etwas
Müßiges und ihnen Ungleiches um sich leiden mögen, das ihre Heiterkeit
weckt. In dem jungen Manne sahen sie etwas fremdartig Unpraktisches,
aber Liebenswürdiges, das vermutlich keinen guten Stern haben würde und
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daher Mitleid und Teilnahme verdiene. So dachten die Ehgaumers, wie sie
im Volke noch hießen von dem verschollenen Ehegaumeramte her, das der
Großvater vor einem halben Jahrhundert einst bekleidet hatte und eine Art
Sitten- und Eherichteramt gewesen war. So alt wie dieser Titel war auch der
Schnitt der weißen Haube und des großen weißen Halstuches, womit die
Ehegaumerin sich schmückte, und alles stammte noch aus jener Zeit, da
schon Goethe bei einem Besuch in dieser Gegend schrieb, der Ort gebe von
der schönsten und höchsten Kultur einen reizenden und idealen Begriff, die
Gebäude stehen weit auseinander, Weinberge, Felder, Gärten, Obstanlagen
breiten sich zwischen ihnen aus und so weiter, und: was man von
Ökonomen wünschen höre, den höchsten Grad von Kultur mit einer
gewissen mäßigen Wohlhabenheit, das sehe man hier vor Augen.
Dieser Zustand war nun auf diesem Hochsitz noch der nämliche bis auf
das Wohnhaus, das Nußbaumgeräte in der Stube und das Geschirr in den
Schränken, während die neue Zeit mit ihrem veränderten Angesicht und
ihren gesteigerten Verhältnissen sich gegen das Ufer hinab lagerte.
Jukundus erfreute sich der reinen Luft auf der Höhe und half den Alten und
ihren Dienstleuten so eifrig bei ihren Arbeiten, daß er bald aller Dinge
kundig und ein Offizier wurde bei den Patriarchen, den sie nicht wieder
entlassen wollten.
Justine freute sich des guten Ansehens, das ihr Mann sich bei den
Großeltern erwarb, und kam öfter vergnügt auf den Berg gestiegen, um ihn
Abends herunterzuholen, oder sie freute sich auch, oben ein Gewitter zu
erleben während der Heuernte, das die jungen Leute zwang, dort die Nacht
zuzubringen. Dann zog sie ihr modisches Oberkleid aus, schlug eines der
weißen Halstücher der Großmutter um, die Zipfel auf dem Rücken
verbunden, und kochte die gebrannte Mehlsuppe, buk den duftenden
Eierkuchen oder briet die leckere Fettwurst, die sie eigenmächtig zum
Nachtmahl aus der Vorratskammer geraubt. Wenn sie dann mit gerötetem
Gesicht gar fröhlich und lieblich dreinschaute und vollends die glänzende
Zinnkanne mit klarem, leichtem Weine regierte, so bezeugten die Alten, daß
sie erst jetzt wie eine rechte alte Landjungfer aussehe, und es gab etwa noch
eine kleine Mummerei, indem die Großmutter ihren verjährten
Granatschmuck, sowie Sonntagshäubchen und seidene Jacken
herbeibrachte, die sie vor sechzig Jahren in blühender Jugend getragen.
Damit kleidete sich die Enkelin zum allgemeinen Wohlgefallen; aber anstatt
im Volke noch hießen von dem verschollenen Ehegaumeramte her, das der
Großvater vor einem halben Jahrhundert einst bekleidet hatte und eine Art
Sitten- und Eherichteramt gewesen war. So alt wie dieser Titel war auch der
Schnitt der weißen Haube und des großen weißen Halstuches, womit die
Ehegaumerin sich schmückte, und alles stammte noch aus jener Zeit, da
schon Goethe bei einem Besuch in dieser Gegend schrieb, der Ort gebe von
der schönsten und höchsten Kultur einen reizenden und idealen Begriff, die
Gebäude stehen weit auseinander, Weinberge, Felder, Gärten, Obstanlagen
breiten sich zwischen ihnen aus und so weiter, und: was man von
Ökonomen wünschen höre, den höchsten Grad von Kultur mit einer
gewissen mäßigen Wohlhabenheit, das sehe man hier vor Augen.
Dieser Zustand war nun auf diesem Hochsitz noch der nämliche bis auf
das Wohnhaus, das Nußbaumgeräte in der Stube und das Geschirr in den
Schränken, während die neue Zeit mit ihrem veränderten Angesicht und
ihren gesteigerten Verhältnissen sich gegen das Ufer hinab lagerte.
Jukundus erfreute sich der reinen Luft auf der Höhe und half den Alten und
ihren Dienstleuten so eifrig bei ihren Arbeiten, daß er bald aller Dinge
kundig und ein Offizier wurde bei den Patriarchen, den sie nicht wieder
entlassen wollten.
Justine freute sich des guten Ansehens, das ihr Mann sich bei den
Großeltern erwarb, und kam öfter vergnügt auf den Berg gestiegen, um ihn
Abends herunterzuholen, oder sie freute sich auch, oben ein Gewitter zu
erleben während der Heuernte, das die jungen Leute zwang, dort die Nacht
zuzubringen. Dann zog sie ihr modisches Oberkleid aus, schlug eines der
weißen Halstücher der Großmutter um, die Zipfel auf dem Rücken
verbunden, und kochte die gebrannte Mehlsuppe, buk den duftenden
Eierkuchen oder briet die leckere Fettwurst, die sie eigenmächtig zum
Nachtmahl aus der Vorratskammer geraubt. Wenn sie dann mit gerötetem
Gesicht gar fröhlich und lieblich dreinschaute und vollends die glänzende
Zinnkanne mit klarem, leichtem Weine regierte, so bezeugten die Alten, daß
sie erst jetzt wie eine rechte alte Landjungfer aussehe, und es gab etwa noch
eine kleine Mummerei, indem die Großmutter ihren verjährten
Granatschmuck, sowie Sonntagshäubchen und seidene Jacken
herbeibrachte, die sie vor sechzig Jahren in blühender Jugend getragen.
Damit kleidete sich die Enkelin zum allgemeinen Wohlgefallen; aber anstatt
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in den Spiegel schaute Justine dann mit ihrem glückseligen Lachen dem
Jukundus ins Gesicht, das die wie aus weiter Zeitferne herüberleuchtende
Erscheinung anstaunte.
Auch an Sonntagen ging er meistens in den Berg hinauf, da es ihm dort
wohler zu Mut war, als in dem lauten, aber eintönigen Gesellschaftslärm,
welchen die viel sprechenden Leute bei ihren Zusammenkünften unten
erhoben.
An Feiertagen lag auf dem Berge immer die Bibel geöffnet auf dem
Tische, damit die Ehgaumerin die langen Stunden hindurch bequem ab und
zu darin lesen konnte, wenn es ihr einfiel, wie man einen Krug Wein, eine
Schüssel mit Kirschen oder andern Näschereien an solchen Ruhetagen zur
Erquickung bereitstehen läßt.
Hatte sie ihren Rosmarinzweig und ihre Brille dann auf das Buch gelegt,
wenn sie des Lesens müde war, so pflegte Jukundus gern sich hinter die
Bibel zu setzen und darin zu lesen, weil ihm das Buch sonst selten zur Hand
war, wie es so geht, wo man stets Neueres und Notwendigeres lesen soll
oder dann jenes Alte in der Zwangszeit der Schuljahre sich genugsam
angeeignet zu haben meint. Er betrachtete die schwülen Gewittergründe des
Alten Testamentes, die leidenschaftlichen Gestalten darin, oder entdeckte
die hamletartige Szene im Johannesevangelium, wo Jesus nachdenklich mit
dem Finger etwas auf den Boden schreibt, ehe er sagt, wer ohne Sünde sei,
möge den ersten Stein auf die Sünderin werfen, wo er dann wieder schreibt
und, als er aufsieht, alle Ankläger hinweggegangen sind und das Weib
einsam vor ihm steht im still gewordenen Tempel.
Die Großmutter sah das sehr gern; denn sie war ganz alt- und
rechtgläubig und überzeugt, daß das Lesen in der Bibel jedem ohne
weiteres gedeihlich sei. Justine hatte ihn, um sein unkirchliches Wesen zu
beschönigen, bei den Alten für einen Philosophen ausgegeben; denn sie
selbst hing der unbestimmten Zeitreligion an und war darin umso eifriger, je
gestaltloser ihre Vorstellungen waren.
Einst setzte sich die Alte traulich zu ihm, als er wieder las; die fein
gefälteten Spitzenflügel ihrer Haube streiften seine Wange und sie
streichelte ihm die Hand, indem sie sagte: »Nun, Herr Philosoph, ich glaube
immer, du hast doch ein klein wenig Gottesfurcht!«
Jukundus ins Gesicht, das die wie aus weiter Zeitferne herüberleuchtende
Erscheinung anstaunte.
Auch an Sonntagen ging er meistens in den Berg hinauf, da es ihm dort
wohler zu Mut war, als in dem lauten, aber eintönigen Gesellschaftslärm,
welchen die viel sprechenden Leute bei ihren Zusammenkünften unten
erhoben.
An Feiertagen lag auf dem Berge immer die Bibel geöffnet auf dem
Tische, damit die Ehgaumerin die langen Stunden hindurch bequem ab und
zu darin lesen konnte, wenn es ihr einfiel, wie man einen Krug Wein, eine
Schüssel mit Kirschen oder andern Näschereien an solchen Ruhetagen zur
Erquickung bereitstehen läßt.
Hatte sie ihren Rosmarinzweig und ihre Brille dann auf das Buch gelegt,
wenn sie des Lesens müde war, so pflegte Jukundus gern sich hinter die
Bibel zu setzen und darin zu lesen, weil ihm das Buch sonst selten zur Hand
war, wie es so geht, wo man stets Neueres und Notwendigeres lesen soll
oder dann jenes Alte in der Zwangszeit der Schuljahre sich genugsam
angeeignet zu haben meint. Er betrachtete die schwülen Gewittergründe des
Alten Testamentes, die leidenschaftlichen Gestalten darin, oder entdeckte
die hamletartige Szene im Johannesevangelium, wo Jesus nachdenklich mit
dem Finger etwas auf den Boden schreibt, ehe er sagt, wer ohne Sünde sei,
möge den ersten Stein auf die Sünderin werfen, wo er dann wieder schreibt
und, als er aufsieht, alle Ankläger hinweggegangen sind und das Weib
einsam vor ihm steht im still gewordenen Tempel.
Die Großmutter sah das sehr gern; denn sie war ganz alt- und
rechtgläubig und überzeugt, daß das Lesen in der Bibel jedem ohne
weiteres gedeihlich sei. Justine hatte ihn, um sein unkirchliches Wesen zu
beschönigen, bei den Alten für einen Philosophen ausgegeben; denn sie
selbst hing der unbestimmten Zeitreligion an und war darin umso eifriger, je
gestaltloser ihre Vorstellungen waren.
Einst setzte sich die Alte traulich zu ihm, als er wieder las; die fein
gefälteten Spitzenflügel ihrer Haube streiften seine Wange und sie
streichelte ihm die Hand, indem sie sagte: »Nun, Herr Philosoph, ich glaube
immer, du hast doch ein klein wenig Gottesfurcht!«
Page 224
Jukundus war von dieser Frage überrascht und dachte darüber nach. Es
dünkte ihn, er könnte wohl antworten; allein sollte er der alten Frau das
anvertrauen, was ihn seine eigene Frau eigentlich noch nie gefragt hatte,
wenn er es recht überlegte? Und wie sollte diese auch nach dem fragen, was
sie nicht kannte? Denn sie besaß warmes religiöses Gefühl, aber sie war in
Hinsicht auf göttliche Dinge viel zu neugierig und indiskret und hatte auch
ein zu großes persönliches Sicherheitsgefühl, um das haben zu können, was
man in reinerem Sinne sonst unter Gottesfurcht verstanden hat. Daß es mit
dem lieben Gott selbst nun kritisch beschaffen war, hatte sie schon von den
gesuchtesten Kanzelrednern vernommen, deren Vorträgen sie nachreiste.
Für Christum aber, den schönsten und vollkommensten Menschen, wie ihn
diese Priester nannten, hegte sie mehr die Gesinnung schwesterlicher
Verehrung oder schwärmerischer Freundschaft; ihm hätte sie das schönste
Sofakissen und die herrlichsten Pantoffeln sticken können, seinem Haupt
und seinen Füßen zur würdigen Ruhe! Ja, die tiefste Rührung hatte sie einst
ergriffen, als sie auf Reisen jenes berühmte Bild Correggios gesehen,
welches das Antlitz Christi auf dem Schweißtuch der Veronika mit
magischer Wirkung darstellt. In den Anblick des träumerisch starren
Ausdruckes des höchsten Leidens versunken, hatte sie tief aufgeseufzt und
alsbald Mitgefühl suchend ihren Mann angelächelt, der ihr zur Seite stand,
und noch jetzt gehörte jener Augenblick zu ihren liebsten Erinnerungen;
aber alles dies glich nicht der Gottesfurcht.
Als die Alte indessen auf einer Antwort bestand, sagte Jukundus
bedächtig: »Ich glaube, der Sache nach habe ich wohl etwas wie
Gottesfurcht, indem ich Schicksal und Leben gegenüber keine Frechheit zu
äußern fähig bin. Ich glaube nicht verlangen zu können, daß es überall und
selbstverständlich gut gehe, sondern fürchte, daß es hie und da schlimm
ablaufen könne, und hoffe, daß es sich dann doch zum Bessern wenden
werde. Zugleich ist mir bei allem, was ich auch ungesehen und von andern
unbewußt tue und denke, das ganze der Welt gegenwärtig, das Gefühl, als
ob zuletzt alle um alles wüßten und kein Mensch über eine wirkliche
Verborgenheit seiner Gedanken und Handlungen verfügen oder seine
Torheiten und Fehler nach Belieben tot schweigen könnte. Das ist einem
Teil von uns angeboren, dem anderen nicht, ganz abgesehen von allen
Lehren der Religion. Ja, die stärksten Glaubenseiferer und Fanatiker haben
dünkte ihn, er könnte wohl antworten; allein sollte er der alten Frau das
anvertrauen, was ihn seine eigene Frau eigentlich noch nie gefragt hatte,
wenn er es recht überlegte? Und wie sollte diese auch nach dem fragen, was
sie nicht kannte? Denn sie besaß warmes religiöses Gefühl, aber sie war in
Hinsicht auf göttliche Dinge viel zu neugierig und indiskret und hatte auch
ein zu großes persönliches Sicherheitsgefühl, um das haben zu können, was
man in reinerem Sinne sonst unter Gottesfurcht verstanden hat. Daß es mit
dem lieben Gott selbst nun kritisch beschaffen war, hatte sie schon von den
gesuchtesten Kanzelrednern vernommen, deren Vorträgen sie nachreiste.
Für Christum aber, den schönsten und vollkommensten Menschen, wie ihn
diese Priester nannten, hegte sie mehr die Gesinnung schwesterlicher
Verehrung oder schwärmerischer Freundschaft; ihm hätte sie das schönste
Sofakissen und die herrlichsten Pantoffeln sticken können, seinem Haupt
und seinen Füßen zur würdigen Ruhe! Ja, die tiefste Rührung hatte sie einst
ergriffen, als sie auf Reisen jenes berühmte Bild Correggios gesehen,
welches das Antlitz Christi auf dem Schweißtuch der Veronika mit
magischer Wirkung darstellt. In den Anblick des träumerisch starren
Ausdruckes des höchsten Leidens versunken, hatte sie tief aufgeseufzt und
alsbald Mitgefühl suchend ihren Mann angelächelt, der ihr zur Seite stand,
und noch jetzt gehörte jener Augenblick zu ihren liebsten Erinnerungen;
aber alles dies glich nicht der Gottesfurcht.
Als die Alte indessen auf einer Antwort bestand, sagte Jukundus
bedächtig: »Ich glaube, der Sache nach habe ich wohl etwas wie
Gottesfurcht, indem ich Schicksal und Leben gegenüber keine Frechheit zu
äußern fähig bin. Ich glaube nicht verlangen zu können, daß es überall und
selbstverständlich gut gehe, sondern fürchte, daß es hie und da schlimm
ablaufen könne, und hoffe, daß es sich dann doch zum Bessern wenden
werde. Zugleich ist mir bei allem, was ich auch ungesehen und von andern
unbewußt tue und denke, das ganze der Welt gegenwärtig, das Gefühl, als
ob zuletzt alle um alles wüßten und kein Mensch über eine wirkliche
Verborgenheit seiner Gedanken und Handlungen verfügen oder seine
Torheiten und Fehler nach Belieben tot schweigen könnte. Das ist einem
Teil von uns angeboren, dem anderen nicht, ganz abgesehen von allen
Lehren der Religion. Ja, die stärksten Glaubenseiferer und Fanatiker haben
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gewöhnlich gar keine Gottesfurcht, sonst würden sie nicht so leben und
handeln, wie sie wirklich tun.
Wie nun dieses Wissen aller um alles möglich und beschaffen ist, weiß
ich nicht; aber ich glaube, es handelt sich um eine ungeheure Republik des
Universums, welche nach einem einzigen und ewigen Gesetze lebt und in
welcher schließlich alles gemeinsam gewußt wird. Unsere heutigen kurzen
Einblicke lassen eine solche Möglichkeit mehr ahnen als je; denn noch nie
ist die innere Wahrheit des Wortes so fühlbar gewesen, das in diesem Buch
hier steht: In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen!«
»Amen!« sagte die Alte, die aufmerksam zugehört hatte; »das ist doch
etwas und besser als gar nichts, was du da predigst. Lies nur fleißig in
meiner Bibel, da wirst du für deine Republik schon noch einen
Bürgermeister bekommen!«
»Wohl möglich,« erwiderte Jukundus lachend, »daß zuweilen ein solcher
gewählt wird und somit der Herrgott eine Art Wahlkönig ist!«
Die Alte lachte auch über diese Idee, indem sie rief: »So ein ordentlich
angesehener Herr Weltammann! Wie sie da drüben Landammänner haben!«
Sie deutete hiebei durch das offene Fenster nach dem Gebirge hinüber, wo
in den alten Landrepubliken die obersten Amtleute so genannt wurden.
Sie lachte immer mehr darüber; denn da sie in ihrem hohen Alter allezeit
an Gott und die Ewigkeit zu denken liebte, so war ihr auch das unschuldige
Spiel mit dem Namen Gottes willkommen, um ihn zur Hand zu haben.
Wie beide nun in ihrem nicht gerade schulgerechten Religionsgespräche
sich vergnügten und lachten, schaute Justine durch die Nelkenstöcke herein,
die vor dem Fenster standen, und ihr Gesicht glühte trotz den Nelken, da sie
den Berg erstiegen hatte, um ihren Mann herunter zu holen. Ihr schönes
Gesicht überglühte aber fast noch die roten Nelken, als die Großmutter
lustig rief: »Komm schnell herein, Kind! Eine Neuigkeit! Dein Mann hier
hat ein bißchen ganz ordentliche Gottesfurcht, er hat es soeben mir selber
gestanden!«
Es ergriff sie augenblicklich eine seltsame Eifersucht, daß die
Großmutter mehr von den Gedanken Jukundis wissen sollte, als sie, seine
handeln, wie sie wirklich tun.
Wie nun dieses Wissen aller um alles möglich und beschaffen ist, weiß
ich nicht; aber ich glaube, es handelt sich um eine ungeheure Republik des
Universums, welche nach einem einzigen und ewigen Gesetze lebt und in
welcher schließlich alles gemeinsam gewußt wird. Unsere heutigen kurzen
Einblicke lassen eine solche Möglichkeit mehr ahnen als je; denn noch nie
ist die innere Wahrheit des Wortes so fühlbar gewesen, das in diesem Buch
hier steht: In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen!«
»Amen!« sagte die Alte, die aufmerksam zugehört hatte; »das ist doch
etwas und besser als gar nichts, was du da predigst. Lies nur fleißig in
meiner Bibel, da wirst du für deine Republik schon noch einen
Bürgermeister bekommen!«
»Wohl möglich,« erwiderte Jukundus lachend, »daß zuweilen ein solcher
gewählt wird und somit der Herrgott eine Art Wahlkönig ist!«
Die Alte lachte auch über diese Idee, indem sie rief: »So ein ordentlich
angesehener Herr Weltammann! Wie sie da drüben Landammänner haben!«
Sie deutete hiebei durch das offene Fenster nach dem Gebirge hinüber, wo
in den alten Landrepubliken die obersten Amtleute so genannt wurden.
Sie lachte immer mehr darüber; denn da sie in ihrem hohen Alter allezeit
an Gott und die Ewigkeit zu denken liebte, so war ihr auch das unschuldige
Spiel mit dem Namen Gottes willkommen, um ihn zur Hand zu haben.
Wie beide nun in ihrem nicht gerade schulgerechten Religionsgespräche
sich vergnügten und lachten, schaute Justine durch die Nelkenstöcke herein,
die vor dem Fenster standen, und ihr Gesicht glühte trotz den Nelken, da sie
den Berg erstiegen hatte, um ihren Mann herunter zu holen. Ihr schönes
Gesicht überglühte aber fast noch die roten Nelken, als die Großmutter
lustig rief: »Komm schnell herein, Kind! Eine Neuigkeit! Dein Mann hier
hat ein bißchen ganz ordentliche Gottesfurcht, er hat es soeben mir selber
gestanden!«
Es ergriff sie augenblicklich eine seltsame Eifersucht, daß die
Großmutter mehr von den Gedanken Jukundis wissen sollte, als sie, seine
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Frau, und sie sagte: »Wahrscheinlich tut er mir darum kein einziges Mal die
Ehre an, mit mir zur Kirche zu gehen!«
»Sei still!« sagte Jukundus, »zanke nicht! Wir zanken ja auch nicht ums
klare Wasser, das jedes trinkt, wann und wo es will!«
Dieses Wort nahm Justine wieder auf, als sie am Arme ihres Mannes die
abendliche Höhe entlang wandelte, um auf einem entfernteren Wege
hinunter zu gehen.
»Wir zanken nicht ums Wasser! Aber wir müssen sorgen, daß wir auch
nie ums liebe Brot streiten müssen, weder unter uns, noch mit andern!«
sagte sie und erzählte ihm, wie die Familie und sie selbst wünschen, daß er
nun sich in fester Weise in dem großen Gewerbs- und Handelsgeschäfte des
Hauses betätigen und Stellung nehmen möchte. Die ländliche
Beschäftigung bei den Alten auf dem Berge passe auf die Dauer nicht recht
für ihn und führe zu nichts, während unten alle bereit seien, ihn in die
Geschäfte einzuführen und Arbeit wie Gewinn redlich mit ihm zu teilen.
Jukundus fühlte die Meinung wohl, die es hiebei hatte; man wollte
niemand in der Familie dulden, der nicht reich zu werden fähig und willig
war, und da er im Grunde keine bessere Meinung verlangen konnte, so
ergab er sich ohne weiteres Zögern darein, obgleich mit geheimem
Mißtrauen gegen sich selbst. Er sagte also der Justine, er werde gleich am
nächsten Morgen, da es Montag sei, anfangen und einen vollen Wochenlohn
zu verdienen suchen.
So wurde er denn früh am andern Tage in die Schreibstuben und
Arbeitsräume des Hauses eingeführt, um der Reihe nach die verschiedenen
Zweige des Geschäftes kennen zu lernen und derselben Herr zu werden.
Das Haus Glor betrieb seit mehr als dreißig Jahren die Seidenweberei,
welches Geschäft mit der Zeit zu bedeutendem Umfange gediehen war. In
hundert ländlichen Wohnungen an den sonnigen Berglehnen, hinter klaren
Fenstern, standen die Webstühle der Mädchen und jüngeren Frauen der
Bevölkerung, welche die glänzenden Stoffstücke mit leichter fleißiger Hand
webten und so selber allwärts den Grund zu einem kleineren Wohlstande
legten. Auf allen Wegen eilten die rüstigen Gestalten mit den Weberbäumen
auf der Schulter heran, um das fertige Stück abzugeben und die Seide für
ein neues Stück zu holen. In großen Sälen waren aber auch Maschinen
Ehre an, mit mir zur Kirche zu gehen!«
»Sei still!« sagte Jukundus, »zanke nicht! Wir zanken ja auch nicht ums
klare Wasser, das jedes trinkt, wann und wo es will!«
Dieses Wort nahm Justine wieder auf, als sie am Arme ihres Mannes die
abendliche Höhe entlang wandelte, um auf einem entfernteren Wege
hinunter zu gehen.
»Wir zanken nicht ums Wasser! Aber wir müssen sorgen, daß wir auch
nie ums liebe Brot streiten müssen, weder unter uns, noch mit andern!«
sagte sie und erzählte ihm, wie die Familie und sie selbst wünschen, daß er
nun sich in fester Weise in dem großen Gewerbs- und Handelsgeschäfte des
Hauses betätigen und Stellung nehmen möchte. Die ländliche
Beschäftigung bei den Alten auf dem Berge passe auf die Dauer nicht recht
für ihn und führe zu nichts, während unten alle bereit seien, ihn in die
Geschäfte einzuführen und Arbeit wie Gewinn redlich mit ihm zu teilen.
Jukundus fühlte die Meinung wohl, die es hiebei hatte; man wollte
niemand in der Familie dulden, der nicht reich zu werden fähig und willig
war, und da er im Grunde keine bessere Meinung verlangen konnte, so
ergab er sich ohne weiteres Zögern darein, obgleich mit geheimem
Mißtrauen gegen sich selbst. Er sagte also der Justine, er werde gleich am
nächsten Morgen, da es Montag sei, anfangen und einen vollen Wochenlohn
zu verdienen suchen.
So wurde er denn früh am andern Tage in die Schreibstuben und
Arbeitsräume des Hauses eingeführt, um der Reihe nach die verschiedenen
Zweige des Geschäftes kennen zu lernen und derselben Herr zu werden.
Das Haus Glor betrieb seit mehr als dreißig Jahren die Seidenweberei,
welches Geschäft mit der Zeit zu bedeutendem Umfange gediehen war. In
hundert ländlichen Wohnungen an den sonnigen Berglehnen, hinter klaren
Fenstern, standen die Webstühle der Mädchen und jüngeren Frauen der
Bevölkerung, welche die glänzenden Stoffstücke mit leichter fleißiger Hand
webten und so selber allwärts den Grund zu einem kleineren Wohlstande
legten. Auf allen Wegen eilten die rüstigen Gestalten mit den Weberbäumen
auf der Schulter heran, um das fertige Stück abzugeben und die Seide für
ein neues Stück zu holen. In großen Sälen waren aber auch Maschinen
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aufgestellt, an welchen schwerere und reichere Stoffe verfertigt und
männliche Arbeiter beschäftigt wurden.
Der Ankauf der rohen Seide, die Vorbereitung derselben durch die
verschiedenen Stadien, die Beaufsichtigung und Beurteilung der Arbeit, der
Verkauf der gehäuften Vorräte, der Ausblick in den allgemeinen Verkehr
und die Berechnung des richtigen Augenblickes für jede
Geschäftshandlung, endlich die vorteilhaftere Verwendung der eingehenden
Wertsummen, alles dies bedingte eine unaufhörliche, rasch laufende
Tätigkeit und eine Reihe ineinandergreifender Erfahrungen.
Der Verkehr mit den zuströmenden Mäklern, welche die aus
verschiedenen Weltteilen herkommenden Würmergespinste anboten,
derjenige mit den Männern, welche die Ausfuhr der fertigen Gewebe nach
anderen Weltteilen vermittelten und hiebei wieder eigenen Reichtum zu
gewinnen trachteten, erheischte fortwährende Gewandtheit und rasche
Überlegung. Die täglich sich mehrende Konkurrenz forderte ein peinliches
Zuratehalten der aufzuwendenden Mittel und zugleich die genaueste
Prüfung der gelieferten Arbeit in Bezug auf ihre Güte und Reinheit,
während die gleichen arbeitenden Hände, die man so streng überwachen
mußte, von anderer Seite eifrig gesucht und abwendig gemacht wurden,
wenn die Unternehmungslust im Schwange war; ging sie aber zurück, so
mußten dieselben auf die besseren Tage hin mit Opfern in Tätigkeit erhalten
bleiben.
Wiederum mußte der Wechsel des Geschmacks und der Bedürfnisse
unter den verschiedensten Himmelsstrichen aufmerksam verfolgt werden.
Hier mußte das gefällige und dauerhafte Seidenkleid der Bürgersfrau alt
geordneter Gesellschaftsländer geliefert werden; dort handelte es sich um
das billige Prunkkleid, das die Weiber der kalifornischen oder australischen
Abenteurer einige Jubeltage hindurch schmückte, um nachher weggeworfen
zu werden. Je nach der Bestimmung mußte die Kunst der großen Färbereien
in Anspruch genommen und der Krieg mit denselben geführt werden um die
schönsten und dauerhaftesten Farben für das Kennerauge der echten
Hausfrau oder um den trügerischen Schein für die farbigen Schönheiten im
entlegensten Westen.
männliche Arbeiter beschäftigt wurden.
Der Ankauf der rohen Seide, die Vorbereitung derselben durch die
verschiedenen Stadien, die Beaufsichtigung und Beurteilung der Arbeit, der
Verkauf der gehäuften Vorräte, der Ausblick in den allgemeinen Verkehr
und die Berechnung des richtigen Augenblickes für jede
Geschäftshandlung, endlich die vorteilhaftere Verwendung der eingehenden
Wertsummen, alles dies bedingte eine unaufhörliche, rasch laufende
Tätigkeit und eine Reihe ineinandergreifender Erfahrungen.
Der Verkehr mit den zuströmenden Mäklern, welche die aus
verschiedenen Weltteilen herkommenden Würmergespinste anboten,
derjenige mit den Männern, welche die Ausfuhr der fertigen Gewebe nach
anderen Weltteilen vermittelten und hiebei wieder eigenen Reichtum zu
gewinnen trachteten, erheischte fortwährende Gewandtheit und rasche
Überlegung. Die täglich sich mehrende Konkurrenz forderte ein peinliches
Zuratehalten der aufzuwendenden Mittel und zugleich die genaueste
Prüfung der gelieferten Arbeit in Bezug auf ihre Güte und Reinheit,
während die gleichen arbeitenden Hände, die man so streng überwachen
mußte, von anderer Seite eifrig gesucht und abwendig gemacht wurden,
wenn die Unternehmungslust im Schwange war; ging sie aber zurück, so
mußten dieselben auf die besseren Tage hin mit Opfern in Tätigkeit erhalten
bleiben.
Wiederum mußte der Wechsel des Geschmacks und der Bedürfnisse
unter den verschiedensten Himmelsstrichen aufmerksam verfolgt werden.
Hier mußte das gefällige und dauerhafte Seidenkleid der Bürgersfrau alt
geordneter Gesellschaftsländer geliefert werden; dort handelte es sich um
das billige Prunkkleid, das die Weiber der kalifornischen oder australischen
Abenteurer einige Jubeltage hindurch schmückte, um nachher weggeworfen
zu werden. Je nach der Bestimmung mußte die Kunst der großen Färbereien
in Anspruch genommen und der Krieg mit denselben geführt werden um die
schönsten und dauerhaftesten Farben für das Kennerauge der echten
Hausfrau oder um den trügerischen Schein für die farbigen Schönheiten im
entlegensten Westen.
Page 228
In dies verwickelte Getriebe war nun Jukundus hineingestellt, um darin
schwimmen zu lernen, und er bestand die Probe nicht gut. Im Anfang, bei
den einzelnen einfacheren Hantierungen, ging es ordentlich, weil er
aufmerksam und sorgfältig arbeitete. Allein man klagte bald über
Langsamkeit, da die Beweglichkeit und der leichte Sinn der ersten Jugend
vorüber war, und es hieß, er käme nicht recht von der Stelle. Um ihn nun
mit Gewalt schwimmen zu lehren, wurde er köpflings in den Strudel
gestürzt, und er trieb sich auch mit gezwungener Lustigkeit oder vielmehr
mit einer gewissen Angst hastig in demselben herum, daß ihm Hören und
Sehen verging. Arbeiter betrogen ihn um die anvertraute Seide, indem sie
das Gewebe zu leicht und locker machten und ihn über die Ursache
belogen. Andere wußten ihm Geschäftsgeheimnisse abzuschwatzen, um auf
eigene Faust eine schädliche Konkurrenz zu eröffnen. Den Mäklern und
Zwischenhändlern glaubte er gegen alle gefaßten Vorsätze immer wieder
aufs Wort und genehmigte alle ihre Angebote schon, wenn die anderen erst
begannen, ihnen halbwegs zuzuhören und Antwort zu geben. In diese
Ungeschicklichkeit arbeitete er sich recht eigentlich noch hinein, mehr als
es in seinem Wesen bedingt war; eine Art unnatürlicher Dummheit legte
sich auf seine Seele und umschleierte seine Gedanken, sobald es sich um
Geschäfte handelte, und ehe ein halbes Jahr vorüber war, hatte er wie ein
verborgener Marder einen merklichen Schaden in Gestalt eines
Mindergewinns angerichtet, welchem nachgespürt wurde.
Als Justine bemerkte, daß die fremden Leute und Angestellten des
Hauses ihren Mann bereits nicht mehr für ein Kirchenlicht hielten und ihn
mitleidig belächelten, weinte sie heimlich vor Aufregung und Bekümmernis
und verfiel in eine beklemmende Angst, daß sie werde anfangen müssen,
ihn für einen unglücklichen beschränkten Menschen zu halten. Die
Aussprüche des Vaters und der Brüder, wenn die Angelegenheit geheim
beraten wurde, waren auch nicht angetan, ihren Mut und ihr Selbstgefühl zu
erhöhen, und selbst die Trostworte der alten Stauffacherin, daß man in
einem solchen Hause wohl vermöge, einen blinden Passagier mitreisen zu
lassen, wenn er sonst gesittet sei, vermochten nicht, sie aufzurichten.
Ging sie aber zu Jukundis Mutter, um zu fragen und zu klagen, so weinte
diese mit ihr und beschwor sie, nur auszuharren, Jukundus sei gewiß kein
dummer Kerl, er werde sich schon noch bewähren und so weiter.
schwimmen zu lernen, und er bestand die Probe nicht gut. Im Anfang, bei
den einzelnen einfacheren Hantierungen, ging es ordentlich, weil er
aufmerksam und sorgfältig arbeitete. Allein man klagte bald über
Langsamkeit, da die Beweglichkeit und der leichte Sinn der ersten Jugend
vorüber war, und es hieß, er käme nicht recht von der Stelle. Um ihn nun
mit Gewalt schwimmen zu lehren, wurde er köpflings in den Strudel
gestürzt, und er trieb sich auch mit gezwungener Lustigkeit oder vielmehr
mit einer gewissen Angst hastig in demselben herum, daß ihm Hören und
Sehen verging. Arbeiter betrogen ihn um die anvertraute Seide, indem sie
das Gewebe zu leicht und locker machten und ihn über die Ursache
belogen. Andere wußten ihm Geschäftsgeheimnisse abzuschwatzen, um auf
eigene Faust eine schädliche Konkurrenz zu eröffnen. Den Mäklern und
Zwischenhändlern glaubte er gegen alle gefaßten Vorsätze immer wieder
aufs Wort und genehmigte alle ihre Angebote schon, wenn die anderen erst
begannen, ihnen halbwegs zuzuhören und Antwort zu geben. In diese
Ungeschicklichkeit arbeitete er sich recht eigentlich noch hinein, mehr als
es in seinem Wesen bedingt war; eine Art unnatürlicher Dummheit legte
sich auf seine Seele und umschleierte seine Gedanken, sobald es sich um
Geschäfte handelte, und ehe ein halbes Jahr vorüber war, hatte er wie ein
verborgener Marder einen merklichen Schaden in Gestalt eines
Mindergewinns angerichtet, welchem nachgespürt wurde.
Als Justine bemerkte, daß die fremden Leute und Angestellten des
Hauses ihren Mann bereits nicht mehr für ein Kirchenlicht hielten und ihn
mitleidig belächelten, weinte sie heimlich vor Aufregung und Bekümmernis
und verfiel in eine beklemmende Angst, daß sie werde anfangen müssen,
ihn für einen unglücklichen beschränkten Menschen zu halten. Die
Aussprüche des Vaters und der Brüder, wenn die Angelegenheit geheim
beraten wurde, waren auch nicht angetan, ihren Mut und ihr Selbstgefühl zu
erhöhen, und selbst die Trostworte der alten Stauffacherin, daß man in
einem solchen Hause wohl vermöge, einen blinden Passagier mitreisen zu
lassen, wenn er sonst gesittet sei, vermochten nicht, sie aufzurichten.
Ging sie aber zu Jukundis Mutter, um zu fragen und zu klagen, so weinte
diese mit ihr und beschwor sie, nur auszuharren, Jukundus sei gewiß kein
dummer Kerl, er werde sich schon noch bewähren und so weiter.
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Jukundus hatte keine Ahnung, wie es um ihn her tönte, und doch war ihm
keineswegs wohl bei der Sache. Da jeder überzeugt war, daß es nicht lange
so gehen und ohnehin eine Aufklärung eintreten werde, so wollte niemand
zuerst mit ihm reden und niemand ihm zuerst weh tun; allein es verbreitete
sich doch ein leichter Nebel um ihn her, welcher die Augen der
Umstehenden zu verhüllen und den Ton ihrer Stimmen zu dämpfen schien.
Als er aber eines Tages wieder einen Vorrat roher Seide gekauft hatte zu
einem Preise, der noch vor zwölf Stunden gegolten, jetzt aber schon etwas
gefallen war, und er gebeten wurde, diesen Teil der Geschäfte lieber lassen
zu wollen, und als diese Bitte sich in einigen Tagen auch auf einem anderen
Gebiete wiederholte, hörte er, etwas betreten, ganz auf. Erst als niemand ihn
um die Ursache seiner genommenen Muße fragte und alles seinen Weg
fortging, als ob nichts geschehen wäre, erkannte Jukundus endlich seine
Lage und seine völlige Vereinsamung.
Am gleichen Tage wurde ihm auch seine Erkenntnis bestätigt.
Justine war auf den Abend ins Pfarrhaus eingeladen, wo der Pfarrherr
eine Abhandlung über die zeitgemäße Wiederbelebung und Erneuerung der
Kirche durch die Künste vorlesen wollte, ein Thema, welches sie sehr
ansprach und auch nach Maßgabe der kleinen Verhältnisse schon
beschäftigte. Jukundus seinerseits verhielt sich kühl in dieser Sache und
liebte, so wenig als möglich in der Sprechweite des Geistlichen zu weilen.
Doch hatte er, da es ein dunkler Herbsttag war, versprochen, die Gattin
abzuholen.
Der Pfarrer stand auf der äußersten Linie der Streiter für die zu
reformierende Kirche, die religiöse Gemeinde der Zukunft. Die Jugendjahre
hindurch hatte er im allgemeinen freisinnig und schön gepredigt, so daß die
Herden, die er gehütet, sehr erbaut, wenn auch nicht durchaus klar waren,
auf welchem Boden sie eigentlich standen. Unter dem Schutze der
weltlichen Macht und nach dem Beispiel altbewährter Führer hatte das
jüngere Geschlecht die freiere Weltbetrachtung auf der Kanzel, sowie die
freiere Bewegung im Leben errungen. Die strenggläubige Richtung war
keineswegs wohl bei der Sache. Da jeder überzeugt war, daß es nicht lange
so gehen und ohnehin eine Aufklärung eintreten werde, so wollte niemand
zuerst mit ihm reden und niemand ihm zuerst weh tun; allein es verbreitete
sich doch ein leichter Nebel um ihn her, welcher die Augen der
Umstehenden zu verhüllen und den Ton ihrer Stimmen zu dämpfen schien.
Als er aber eines Tages wieder einen Vorrat roher Seide gekauft hatte zu
einem Preise, der noch vor zwölf Stunden gegolten, jetzt aber schon etwas
gefallen war, und er gebeten wurde, diesen Teil der Geschäfte lieber lassen
zu wollen, und als diese Bitte sich in einigen Tagen auch auf einem anderen
Gebiete wiederholte, hörte er, etwas betreten, ganz auf. Erst als niemand ihn
um die Ursache seiner genommenen Muße fragte und alles seinen Weg
fortging, als ob nichts geschehen wäre, erkannte Jukundus endlich seine
Lage und seine völlige Vereinsamung.
Am gleichen Tage wurde ihm auch seine Erkenntnis bestätigt.
Justine war auf den Abend ins Pfarrhaus eingeladen, wo der Pfarrherr
eine Abhandlung über die zeitgemäße Wiederbelebung und Erneuerung der
Kirche durch die Künste vorlesen wollte, ein Thema, welches sie sehr
ansprach und auch nach Maßgabe der kleinen Verhältnisse schon
beschäftigte. Jukundus seinerseits verhielt sich kühl in dieser Sache und
liebte, so wenig als möglich in der Sprechweite des Geistlichen zu weilen.
Doch hatte er, da es ein dunkler Herbsttag war, versprochen, die Gattin
abzuholen.
Der Pfarrer stand auf der äußersten Linie der Streiter für die zu
reformierende Kirche, die religiöse Gemeinde der Zukunft. Die Jugendjahre
hindurch hatte er im allgemeinen freisinnig und schön gepredigt, so daß die
Herden, die er gehütet, sehr erbaut, wenn auch nicht durchaus klar waren,
auf welchem Boden sie eigentlich standen. Unter dem Schutze der
weltlichen Macht und nach dem Beispiel altbewährter Führer hatte das
jüngere Geschlecht die freiere Weltbetrachtung auf der Kanzel, sowie die
freiere Bewegung im Leben errungen. Die strenggläubige Richtung war
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unvermerkt zur bloßen Verteidigung ihres Daseins hinübergedrängt worden,
ohne daß von alledem an der äußeren Form des Gottesdienstes viel zu
merken war. Die alten Lieder, die alten Gebetformen, die alten Bibeltexte
herrschten, und nur bei gegebenem Anlasse wurde das Übermenschliche
menschlich behandelt; im übrigen blieb Christus der Erlöser und Herr und
an der Einheit und Persönlichkeit der Weltordnung, sowie an der
Unsterblichkeit der Seele durfte nicht gerüttelt werden. Die Theologie galt
noch für eine geschlossene Wissenschaft, auch wo ihre Träger längst im
stillen allen möglichen zweifelhaften Anschauungen nachhingen und den
lieben Gott einen guten Mann sein ließen, auch mit geheimen Seufzern das
mögliche Ende ihres Selbstbewußtseins bedachten.
Dabei wurde mit Geringschätzung auf die früheren Aufklärer und
Rationalisten herabgesehen, welche mit ihrer trockenen Tapferkeit doch die
jetzige Zeit vorbereitet hatten, und die philiströsen Wundererklärer wurden
selbstzufrieden belächelt, während man selbst immer das eine oder andere
Wunder ausnahm und dasselbe halb natürlich, halb übernatürlich geschehen
ließ.
Allein diese glückliche Zeit, wo alles so behaglich und rühmlich verlief
für jeden, der gewandt in der Rede war und dem es nicht an Keckheit
mangelte, verwandelte sich, wie alles in der Welt.
Gerade durch die wachsende Ausbreitung und Macht der freien Richtung
wurde die Lust zur festeren Vereinigung und Gestaltung und der Wunsch
nach der Herrschaft genährt, was zugleich ein deutlicheres Aussprechen
dessen mit sich brachte, was man eigentlich bekannte und meinte.
Nun war aber gerade wieder die Zeit, wo die Physiker eine Reihe
merkwürdiger Erfahrungen und Entdeckungen machten und die Neigung,
das Sehen mit dem Begreifen zu verwechseln, überhand nahm und
naturgemäß vom Stückweisen auf das Ganze geschlossen wurde, öfter aber
nur da nicht, wo es am nötigsten war.
Auch verbreiteten neue Philosophen, welche ihre Stichwörter wie alte
Hüte von einem Nagel zum andern hingen, böse, verwegene Redensarten,
und es geschah ein großer Zwang in nachgesagten Meinungen und
Sprüchen.
ohne daß von alledem an der äußeren Form des Gottesdienstes viel zu
merken war. Die alten Lieder, die alten Gebetformen, die alten Bibeltexte
herrschten, und nur bei gegebenem Anlasse wurde das Übermenschliche
menschlich behandelt; im übrigen blieb Christus der Erlöser und Herr und
an der Einheit und Persönlichkeit der Weltordnung, sowie an der
Unsterblichkeit der Seele durfte nicht gerüttelt werden. Die Theologie galt
noch für eine geschlossene Wissenschaft, auch wo ihre Träger längst im
stillen allen möglichen zweifelhaften Anschauungen nachhingen und den
lieben Gott einen guten Mann sein ließen, auch mit geheimen Seufzern das
mögliche Ende ihres Selbstbewußtseins bedachten.
Dabei wurde mit Geringschätzung auf die früheren Aufklärer und
Rationalisten herabgesehen, welche mit ihrer trockenen Tapferkeit doch die
jetzige Zeit vorbereitet hatten, und die philiströsen Wundererklärer wurden
selbstzufrieden belächelt, während man selbst immer das eine oder andere
Wunder ausnahm und dasselbe halb natürlich, halb übernatürlich geschehen
ließ.
Allein diese glückliche Zeit, wo alles so behaglich und rühmlich verlief
für jeden, der gewandt in der Rede war und dem es nicht an Keckheit
mangelte, verwandelte sich, wie alles in der Welt.
Gerade durch die wachsende Ausbreitung und Macht der freien Richtung
wurde die Lust zur festeren Vereinigung und Gestaltung und der Wunsch
nach der Herrschaft genährt, was zugleich ein deutlicheres Aussprechen
dessen mit sich brachte, was man eigentlich bekannte und meinte.
Nun war aber gerade wieder die Zeit, wo die Physiker eine Reihe
merkwürdiger Erfahrungen und Entdeckungen machten und die Neigung,
das Sehen mit dem Begreifen zu verwechseln, überhand nahm und
naturgemäß vom Stückweisen auf das Ganze geschlossen wurde, öfter aber
nur da nicht, wo es am nötigsten war.
Auch verbreiteten neue Philosophen, welche ihre Stichwörter wie alte
Hüte von einem Nagel zum andern hingen, böse, verwegene Redensarten,
und es geschah ein großer Zwang in nachgesagten Meinungen und
Sprüchen.
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Wer nun unter den Priestern ruhiger und bescheiden war, dachte, es
komme auf ein gewisses Maß des Mehr oder Weniger in der Unklarheit
nicht gerade an, und verhielt sich klüglicherweise friedlich auf dem
gewonnenen Standort, streitbar nur gegen die alten Feinde und
Unterdrücker. Andere dagegen wollten um keinen Preis den Anschein
haben, als ob sie hinter irgend einer Sache zurückblieben, nicht alles
wüßten und nicht an der Spitze der Dinge ständen. Diese rüsteten sich mit
schweren Waffen und setzten sich auf die äußersten Zweige des Baumes
hinaus, von wo sie einst mit großem Klirren herabfallen werden.
Der Pfarrer von Schwanau hatte sich zu dieser Schar gesellt, weil auch
ihm es nicht möglich war, im Widerspruche mit dem Geiste und der
Bildung der Zeit zu leben, wie er sie verstand.
Er lehrte daher, es sei der Wissenschaft zuzugeben, daß ein persönlicher
Lenker der Welt und hierüber eine Theologie nicht mehr bestehen könne.
Aber da wo die Wissenschaft aufhöre, fange das Glauben und Ahnen des
Unerklärten und Unbestimmten an, welches allein das Gemüt ausfüllen
könne, und diese Ausfüllung sei eben die Religion, die nach wie vor
verwaltet werden müsse, und die Verwaltung dieses Gebietes sei jetzt
Theologie, Priester- und Kirchentum. Das göttliche Wort sei demnach
unsterblich und heilig und seine Verwaltung heilig und weihevoll. Nach wie
vor stehe der Tabernakel aufgerichtet, um welchen alle sich scharen sollen,
die nicht an trostloser Leere des Herzens zu Grunde gehen wollen. Ja, das
geheimnisvolle Ausfüllsel des Tabernakels bedürfe mehr als je der
weihenden und räuchernden Priester, als Lenker der hilflosen Herde. Keiner
dürfe hinter dem Tabernakel herumgehen, sondern jeder müsse sich
vertrauensvoll an dessen Verwalter wenden; dafür dürfen die Priester nichts
menschlichem mehr fern bleiben, das sie immer noch am besten verständen,
und sie seien erbötig, überall nach wie vor zu helfen und beizustehen, daß
die Wurst am rechten Zipfel angeschnitten würde. Nur verlangen sie dafür
Heilighaltung des Tabernakels des Unbekannten und allgemeine
Aufmerksamkeit bei Verkündung und Beschreibung desselben.
Hiebei beklagte der Pfarrer in ergreifender Weise die Unwahrhaftigkeit
auf der Kanzel, welche die Dinge nicht beim rechten Namen nenne und
dem Volke keinen reinen Wein einzuschenken wage, als ob es denselben
nicht vertragen könnte, und er beschrieb die Unwahrhaftigkeit und Kunst
komme auf ein gewisses Maß des Mehr oder Weniger in der Unklarheit
nicht gerade an, und verhielt sich klüglicherweise friedlich auf dem
gewonnenen Standort, streitbar nur gegen die alten Feinde und
Unterdrücker. Andere dagegen wollten um keinen Preis den Anschein
haben, als ob sie hinter irgend einer Sache zurückblieben, nicht alles
wüßten und nicht an der Spitze der Dinge ständen. Diese rüsteten sich mit
schweren Waffen und setzten sich auf die äußersten Zweige des Baumes
hinaus, von wo sie einst mit großem Klirren herabfallen werden.
Der Pfarrer von Schwanau hatte sich zu dieser Schar gesellt, weil auch
ihm es nicht möglich war, im Widerspruche mit dem Geiste und der
Bildung der Zeit zu leben, wie er sie verstand.
Er lehrte daher, es sei der Wissenschaft zuzugeben, daß ein persönlicher
Lenker der Welt und hierüber eine Theologie nicht mehr bestehen könne.
Aber da wo die Wissenschaft aufhöre, fange das Glauben und Ahnen des
Unerklärten und Unbestimmten an, welches allein das Gemüt ausfüllen
könne, und diese Ausfüllung sei eben die Religion, die nach wie vor
verwaltet werden müsse, und die Verwaltung dieses Gebietes sei jetzt
Theologie, Priester- und Kirchentum. Das göttliche Wort sei demnach
unsterblich und heilig und seine Verwaltung heilig und weihevoll. Nach wie
vor stehe der Tabernakel aufgerichtet, um welchen alle sich scharen sollen,
die nicht an trostloser Leere des Herzens zu Grunde gehen wollen. Ja, das
geheimnisvolle Ausfüllsel des Tabernakels bedürfe mehr als je der
weihenden und räuchernden Priester, als Lenker der hilflosen Herde. Keiner
dürfe hinter dem Tabernakel herumgehen, sondern jeder müsse sich
vertrauensvoll an dessen Verwalter wenden; dafür dürfen die Priester nichts
menschlichem mehr fern bleiben, das sie immer noch am besten verständen,
und sie seien erbötig, überall nach wie vor zu helfen und beizustehen, daß
die Wurst am rechten Zipfel angeschnitten würde. Nur verlangen sie dafür
Heilighaltung des Tabernakels des Unbekannten und allgemeine
Aufmerksamkeit bei Verkündung und Beschreibung desselben.
Hiebei beklagte der Pfarrer in ergreifender Weise die Unwahrhaftigkeit
auf der Kanzel, welche die Dinge nicht beim rechten Namen nenne und
dem Volke keinen reinen Wein einzuschenken wage, als ob es denselben
nicht vertragen könnte, und er beschrieb die Unwahrhaftigkeit und Kunst
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des Verwischens so trefflich, daß die zuhörende Gemeinde von neuem
hingerissen ausrief: Wie schön, wie wahr und tief hat er das wieder gesagt!
Dann aber forderte er die Versammlungen wiederum auf, alle Schlacken
auszuwerfen und sich zu weihen für den Gedanken der Unsterblichkeit
durch die Heiligung alles Tuns. Zwar sei der Wissenschaft zuzugeben, daß
die persönliche Fortdauer der Seele ein Traum der Vergangenheit sein
dürfte. Wolle und müsse inzwischen einer doch darauf hoffen, so sei ihm
das unbenommen; im übrigen aber sei die Unsterblichkeit jetzt schon und in
jedem Augenblicke da. Sie bestehe in den unaufhörlichen Wirkungen, die
aus jedem Atemzug in den andern folgen und in denen die Gewähr ewiger
Fortdauer liege. Seinen Schilderungen konnte dann die unvermählt
gebliebene Greisin entnehmen, daß wir in unsern Kindern und Enkeln
fortleben; der Arme im Geiste getröstete sich der unsterblichen Fortwirkung
seiner Gedanken und Werke; der durch haushälterischen und sparsamen
Sinn oft Geplagte freute sich, daß nicht ein Atom seines Leiblichen wirklich
verloren gehe, sondern in dem Haushalte der Natur in ewig wechselnder
Gestaltung zu Ehren gezogen bleiben und verschwenderisch zur
Hervorbringung von tausend neuen Keimen beitragen werde. Der
Mühselige und Beladene endlich durfte auf ein durchgreifendes Ausruhen
von aller Beschwerde hoffen.
Das Gebäude seiner Rede tapezierte er schließlich mit tausend Verslein
und Bildern aus den Dichtern aller Zeiten und Völker auf das schönste aus,
wie nie zuvor gesehen worden; es war wie in dem Stübchen eines
Zolleinnehmers, der die Armut seiner vier Wände mit Bildausschnitten und
Fragmenten, mit Briefköpfen und Wechselvignetten aus allen Ecken der
Welt überklebt und vor dem Fenster ein Kapuzinerchen stehen hat, das die
Kapuze auf und ab tut.
Es galt aber nicht nur, den Tempel des gesprochenen Wortes also
auszuschmücken, sondern auch der wirkliche gemauerte Tempel mußte der
neuen Zeit entsprechend wieder hergestellt werden. Die Kirche zu
Schwanau war noch ein paar Jahrhunderte vor der Reformation erbaut
worden und jetzt in dem schmucklosen Zustande, wie der Bildersturm und
die strenggeistige Gesinnung sie gelassen. Seit Jahrhunderten war das
altertümliche graue Bauwerk außen mit Efeu und wilden Reben
übersponnen, innen aber hell geweißt, und durch die hellen Fenster, die
hingerissen ausrief: Wie schön, wie wahr und tief hat er das wieder gesagt!
Dann aber forderte er die Versammlungen wiederum auf, alle Schlacken
auszuwerfen und sich zu weihen für den Gedanken der Unsterblichkeit
durch die Heiligung alles Tuns. Zwar sei der Wissenschaft zuzugeben, daß
die persönliche Fortdauer der Seele ein Traum der Vergangenheit sein
dürfte. Wolle und müsse inzwischen einer doch darauf hoffen, so sei ihm
das unbenommen; im übrigen aber sei die Unsterblichkeit jetzt schon und in
jedem Augenblicke da. Sie bestehe in den unaufhörlichen Wirkungen, die
aus jedem Atemzug in den andern folgen und in denen die Gewähr ewiger
Fortdauer liege. Seinen Schilderungen konnte dann die unvermählt
gebliebene Greisin entnehmen, daß wir in unsern Kindern und Enkeln
fortleben; der Arme im Geiste getröstete sich der unsterblichen Fortwirkung
seiner Gedanken und Werke; der durch haushälterischen und sparsamen
Sinn oft Geplagte freute sich, daß nicht ein Atom seines Leiblichen wirklich
verloren gehe, sondern in dem Haushalte der Natur in ewig wechselnder
Gestaltung zu Ehren gezogen bleiben und verschwenderisch zur
Hervorbringung von tausend neuen Keimen beitragen werde. Der
Mühselige und Beladene endlich durfte auf ein durchgreifendes Ausruhen
von aller Beschwerde hoffen.
Das Gebäude seiner Rede tapezierte er schließlich mit tausend Verslein
und Bildern aus den Dichtern aller Zeiten und Völker auf das schönste aus,
wie nie zuvor gesehen worden; es war wie in dem Stübchen eines
Zolleinnehmers, der die Armut seiner vier Wände mit Bildausschnitten und
Fragmenten, mit Briefköpfen und Wechselvignetten aus allen Ecken der
Welt überklebt und vor dem Fenster ein Kapuzinerchen stehen hat, das die
Kapuze auf und ab tut.
Es galt aber nicht nur, den Tempel des gesprochenen Wortes also
auszuschmücken, sondern auch der wirkliche gemauerte Tempel mußte der
neuen Zeit entsprechend wieder hergestellt werden. Die Kirche zu
Schwanau war noch ein paar Jahrhunderte vor der Reformation erbaut
worden und jetzt in dem schmucklosen Zustande, wie der Bildersturm und
die strenggeistige Gesinnung sie gelassen. Seit Jahrhunderten war das
altertümliche graue Bauwerk außen mit Efeu und wilden Reben
übersponnen, innen aber hell geweißt, und durch die hellen Fenster, die
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immer klar gehalten wurden, flutete das Licht des Himmels ungehindert
über die Gemeinde hin. Kein Bildwerk war mehr zu sehen, als etwa die
eingemauerten Grabsteine früherer Geschlechter, und das Wort des
Predigers allein waltete ohne alle sinnliche Beihilfe in dem hellen,
einfachen und doch ehrwürdigen Raume. Die Gemeinde hatte sich seit drei
Jahrhunderten für stark genug gehalten, allen äußeren Sinnenschmuck zu
verschmähen, um das innere geistige Bildwerk der Erlösungsgeschichte
umso eifriger anbeten zu können. Jetzt, da auch dieses gefallen vor dem
rauhen Wehen der Zeit, mußte der äußere Schmuck wieder herbei, um den
Tabernakel des Unbestimmten zieren zu helfen.
Hiefür war vorzüglich Justine gewonnen worden, welche, um den lauen
Sinn ihres Mannes so viel als möglich gut zu machen, dem wunderlichen
Reformwerke doppelt zugetan war und sowohl mit eigenen reichen Gaben,
als mit dem eifrigen Sammeln fremder Spenden voranging und kräftig
eingriff.
Das sonnige, vom Sommergrün und den hereinnickenden Blumen
eingefaßte Weiß der Wände hatte zuerst einem bunten Anstrich gotischer
Verzierung von dazu unkundiger Hand weichen müssen. Die Gewölbefelder
der Decke wurden blau bemalt und mit goldenen Sternen besät. Dann
wurde für gemalte Fenster gesammelt, und bald waren die lichten Bogen
mit schwächlichen Evangelisten- und Apostelgestalten ausgefüllt, welche
mit ihren großen schwachgefärbten modernen Flächen keine tiefe Glut,
sondern nur einen kränklichen Dunstschein hervorzubringen vermochten.
Dann mußte wieder ein gedeckter Altartisch und ein Altarbild her, damit
der unmerkliche Kreislauf des Bilderdienstes wieder beginnen könne mit
dem »ästhetischen Reizmittel«, um unfehlbar dereinst bei dem
wundertätigen blut- oder tränenschwitzenden Figurenwerk, ja bei dem
Götzenbild schlechtweg zu endigen, um künftige Reformen nicht ohne
Gegenstand zu lassen.
Endlich wurden die Abendmahlkelche von weißem Ahornholze, die
weißen reinlichen Brotteller und die zinnernen Weinkannen verbannt und
silberne Kelche, Platten und Schenkkrüge vergabt bei jedem
Familienereignis in reichen Häusern, auf Justines Betreibung hin, deren
reichstolzes Gemüt sich an dem Glanze erfreute, nicht fühlend, daß sie der
über die Gemeinde hin. Kein Bildwerk war mehr zu sehen, als etwa die
eingemauerten Grabsteine früherer Geschlechter, und das Wort des
Predigers allein waltete ohne alle sinnliche Beihilfe in dem hellen,
einfachen und doch ehrwürdigen Raume. Die Gemeinde hatte sich seit drei
Jahrhunderten für stark genug gehalten, allen äußeren Sinnenschmuck zu
verschmähen, um das innere geistige Bildwerk der Erlösungsgeschichte
umso eifriger anbeten zu können. Jetzt, da auch dieses gefallen vor dem
rauhen Wehen der Zeit, mußte der äußere Schmuck wieder herbei, um den
Tabernakel des Unbestimmten zieren zu helfen.
Hiefür war vorzüglich Justine gewonnen worden, welche, um den lauen
Sinn ihres Mannes so viel als möglich gut zu machen, dem wunderlichen
Reformwerke doppelt zugetan war und sowohl mit eigenen reichen Gaben,
als mit dem eifrigen Sammeln fremder Spenden voranging und kräftig
eingriff.
Das sonnige, vom Sommergrün und den hereinnickenden Blumen
eingefaßte Weiß der Wände hatte zuerst einem bunten Anstrich gotischer
Verzierung von dazu unkundiger Hand weichen müssen. Die Gewölbefelder
der Decke wurden blau bemalt und mit goldenen Sternen besät. Dann
wurde für gemalte Fenster gesammelt, und bald waren die lichten Bogen
mit schwächlichen Evangelisten- und Apostelgestalten ausgefüllt, welche
mit ihren großen schwachgefärbten modernen Flächen keine tiefe Glut,
sondern nur einen kränklichen Dunstschein hervorzubringen vermochten.
Dann mußte wieder ein gedeckter Altartisch und ein Altarbild her, damit
der unmerkliche Kreislauf des Bilderdienstes wieder beginnen könne mit
dem »ästhetischen Reizmittel«, um unfehlbar dereinst bei dem
wundertätigen blut- oder tränenschwitzenden Figurenwerk, ja bei dem
Götzenbild schlechtweg zu endigen, um künftige Reformen nicht ohne
Gegenstand zu lassen.
Endlich wurden die Abendmahlkelche von weißem Ahornholze, die
weißen reinlichen Brotteller und die zinnernen Weinkannen verbannt und
silberne Kelche, Platten und Schenkkrüge vergabt bei jedem
Familienereignis in reichen Häusern, auf Justines Betreibung hin, deren
reichstolzes Gemüt sich an dem Glanze erfreute, nicht fühlend, daß sie der
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neuen Kirche zur Grundlage eines artigen alten Kirchenschatzes verhalf,
der sich ja jeden Tag still aber beharrlich vermehren und auch den Äckern
und Weinbergen und dem Zehnten von jeder Hand Arbeit wieder locken
konnte, zumal ein leerer Tabernakel noch mehr Platz hat, als ein besetzter.
Schon waren alle Künste, selbst die Bildhauerei mit einigen übermalten
Gipsfiguren, vertreten, ausgenommen die Musik, welche daher eiligst
herbeigeholt wurde. Weil zu einem Orgelwerk die Mittel noch nicht
beisammen waren, stiftete einer einen trompetentönigen Quiekkasten; ein
gemischter Chor studierte kurzerhand alte katholische Meßstücke ein, die
man der erhöhten Feierlichkeit wegen und weil niemand den Text verstehen
konnte, lateinisch sang. Dieser Chor spaltete sich in verschiedene
Abteilungen; Kindergruppen wurden zugezogen und eingeübt, und unter
dem Namen einer den Gottesdienst neubelebenden Liturgie wurde, nur
versuchsweise, ein wackeres kleines Dramolet in Szene gesetzt, aus
welchem sich mit der Zeit wieder die pomphafte Darstellung eines
Weltmysteriums gestalten konnte.
Alles Geschaffene wäre aber salzlos gewesen ohne die Übung heilsamer
Zucht. Um das erneuerte Tempelhaus zu füllen, duldete der Pfarrer keinen,
der nicht hineingehen wollte. Er kehrte also den Spieß vor allem gegen
diejenigen, welche sich draußen hielten und sich vermaßen, das, was er
verkündige, selbst schon zu wissen.
»Nicht die Jesuiten und Abergläubigen,« rief er von der Kanzel mit lauter
Stimme, »sind jetzt die gefährlichsten Feinde der Kirche, sondern jene
Gleichgültigen und Kalten, welche in dünkelhafter Überhebung, in trauriger
Halbwisserei unserer Kirche und religiösen Gemeinschaft glauben entraten
zu können und unsere Lehren verachten, indem sie in schnödem Weltsinne
nur der Welt und ihren materiellen Interessen und Genüssen nachjagen.
Warum sehen wir diesen und jenen nicht unter uns, wenn wir in unserem
Tempel vereinigt und über das Zeitliche zu erheben und das Göttliche,
Unvergängliche zu finden trachten? Weil er glaubt, nachdem wir in
hundertjährigem Kampfe die Kirche befreit vom starren Dogmenpanzer, er
habe jetzt nichts mehr zu glauben, nichts mehr zu fürchten, nichts mehr zu
hoffen, was er sich nicht selbst besser sagen könne, als jeder Priester! Weil
er nicht weiß, daß alles vergangene und gegenwärtige Glauben und Wissen
von göttlichen Dingen nur eine zusammenhängende, große und tiefe
der sich ja jeden Tag still aber beharrlich vermehren und auch den Äckern
und Weinbergen und dem Zehnten von jeder Hand Arbeit wieder locken
konnte, zumal ein leerer Tabernakel noch mehr Platz hat, als ein besetzter.
Schon waren alle Künste, selbst die Bildhauerei mit einigen übermalten
Gipsfiguren, vertreten, ausgenommen die Musik, welche daher eiligst
herbeigeholt wurde. Weil zu einem Orgelwerk die Mittel noch nicht
beisammen waren, stiftete einer einen trompetentönigen Quiekkasten; ein
gemischter Chor studierte kurzerhand alte katholische Meßstücke ein, die
man der erhöhten Feierlichkeit wegen und weil niemand den Text verstehen
konnte, lateinisch sang. Dieser Chor spaltete sich in verschiedene
Abteilungen; Kindergruppen wurden zugezogen und eingeübt, und unter
dem Namen einer den Gottesdienst neubelebenden Liturgie wurde, nur
versuchsweise, ein wackeres kleines Dramolet in Szene gesetzt, aus
welchem sich mit der Zeit wieder die pomphafte Darstellung eines
Weltmysteriums gestalten konnte.
Alles Geschaffene wäre aber salzlos gewesen ohne die Übung heilsamer
Zucht. Um das erneuerte Tempelhaus zu füllen, duldete der Pfarrer keinen,
der nicht hineingehen wollte. Er kehrte also den Spieß vor allem gegen
diejenigen, welche sich draußen hielten und sich vermaßen, das, was er
verkündige, selbst schon zu wissen.
»Nicht die Jesuiten und Abergläubigen,« rief er von der Kanzel mit lauter
Stimme, »sind jetzt die gefährlichsten Feinde der Kirche, sondern jene
Gleichgültigen und Kalten, welche in dünkelhafter Überhebung, in trauriger
Halbwisserei unserer Kirche und religiösen Gemeinschaft glauben entraten
zu können und unsere Lehren verachten, indem sie in schnödem Weltsinne
nur der Welt und ihren materiellen Interessen und Genüssen nachjagen.
Warum sehen wir diesen und jenen nicht unter uns, wenn wir in unserem
Tempel vereinigt und über das Zeitliche zu erheben und das Göttliche,
Unvergängliche zu finden trachten? Weil er glaubt, nachdem wir in
hundertjährigem Kampfe die Kirche befreit vom starren Dogmenpanzer, er
habe jetzt nichts mehr zu glauben, nichts mehr zu fürchten, nichts mehr zu
hoffen, was er sich nicht selbst besser sagen könne, als jeder Priester! Weil
er nicht weiß, daß alles vergangene und gegenwärtige Glauben und Wissen
von göttlichen Dingen nur eine zusammenhängende, große und tiefe
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Wissenschaft bildet, die fortlebt und verwaltet werden muß von denen, die
es gelernt haben und verstehen. Weil er endlich nicht weiß, daß er in der
bitteren Stunde seines Todes nach unserem Beistande schmachten und des
geheimnisvollen Trostes des Tabernakels bedürftig sein wird!
es gelernt haben und verstehen. Weil er endlich nicht weiß, daß er in der
bitteren Stunde seines Todes nach unserem Beistande schmachten und des
geheimnisvollen Trostes des Tabernakels bedürftig sein wird!
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Aber jetzt ist er noch in Selbstsucht und Dünkel befangen. Weil er frei
und ungehindert ist durch u n s e r Verdienst, so verschmäht er es voll
Undank, an unserem Zusammenhalte gegen die Gewalt der Finsternis und
der Lüge teilzunehmen, den Kampf des Lebens gemeinschaftlich mit uns zu
kämpfen, unsere Freude zu der seinigen zu machen und, indem er sich
einen Christen nennt, den Altar mit uns zu zieren! Da geht er denn nun so
hin, der dieser und jener, der Gleichgültling, der Indifferent ist, der
Stölzling. Freilich weiß er nicht, wie dürftig und betrübt er uns vorkommt
in seiner Sicherheit, die wir ihm freilich nicht mehr nehmen können oder
wollen, obgleich er sie nur von uns hat! Freilich weiß er nicht, wie dürr der
Pfad ist, auf dem er so dahinwandelt, an welchem keine Sonntagsglocken
läuten, auf dem keine Ostern und keine Auferstehung blüht, nicht die
Auferstehung des Fleisches meine ich, sondern die Auferstehung des
Geistes, die ewigen Ostern des Herzens! Es geht ihm auch darnach! Kein
Segen begleitet ihn, sein Gemüt verbittert sich und grollt mit uns, die wir
uns unserer Errungenschaften und des Werkes unseres Herrn Jesu Christi
erfreuen und das Osterlamm genießen jetzt und alle Tage. Wenn dann Strom
und Bäche vom Eise befreit sind und selig und jubelvoll ‘bis zum Sinken
überladen entfernt sich unser letzter Kahn’, dann wird er traurig am Ufer
stehen und uns trotzig nachschauen, ein Selbstausgeschlossener und
Selbstverurteilter! denn w i r verurteilen niemanden und verdammen
keinen. Nein, wir lassen jedem seine Freiheit, eingedenk des allerdings
furchtbar doppelsinnigen Wortes: ‘Vor dem Sklaven, wenn er die Kette
bricht, vor dem freien Menschen erzittert nicht!’
Du aber laß ihn nicht entrinnen aus den diamantenen Ketten deiner
ewigen Sittengesetze, die du gegründet hast, o allliebender Schöpfer und
Herr, Urheber der Grundfesten des Landes und der gürtenden Flut des
Meeres, o du Spanner des ewigen Himmelszeltes! Führe ihn zurück in dein
schützendes Heiligtum, das wir dir errichtet nach deinem Gebote, das du
uns verkündet durch den Mund Mose:
und ungehindert ist durch u n s e r Verdienst, so verschmäht er es voll
Undank, an unserem Zusammenhalte gegen die Gewalt der Finsternis und
der Lüge teilzunehmen, den Kampf des Lebens gemeinschaftlich mit uns zu
kämpfen, unsere Freude zu der seinigen zu machen und, indem er sich
einen Christen nennt, den Altar mit uns zu zieren! Da geht er denn nun so
hin, der dieser und jener, der Gleichgültling, der Indifferent ist, der
Stölzling. Freilich weiß er nicht, wie dürftig und betrübt er uns vorkommt
in seiner Sicherheit, die wir ihm freilich nicht mehr nehmen können oder
wollen, obgleich er sie nur von uns hat! Freilich weiß er nicht, wie dürr der
Pfad ist, auf dem er so dahinwandelt, an welchem keine Sonntagsglocken
läuten, auf dem keine Ostern und keine Auferstehung blüht, nicht die
Auferstehung des Fleisches meine ich, sondern die Auferstehung des
Geistes, die ewigen Ostern des Herzens! Es geht ihm auch darnach! Kein
Segen begleitet ihn, sein Gemüt verbittert sich und grollt mit uns, die wir
uns unserer Errungenschaften und des Werkes unseres Herrn Jesu Christi
erfreuen und das Osterlamm genießen jetzt und alle Tage. Wenn dann Strom
und Bäche vom Eise befreit sind und selig und jubelvoll ‘bis zum Sinken
überladen entfernt sich unser letzter Kahn’, dann wird er traurig am Ufer
stehen und uns trotzig nachschauen, ein Selbstausgeschlossener und
Selbstverurteilter! denn w i r verurteilen niemanden und verdammen
keinen. Nein, wir lassen jedem seine Freiheit, eingedenk des allerdings
furchtbar doppelsinnigen Wortes: ‘Vor dem Sklaven, wenn er die Kette
bricht, vor dem freien Menschen erzittert nicht!’
Du aber laß ihn nicht entrinnen aus den diamantenen Ketten deiner
ewigen Sittengesetze, die du gegründet hast, o allliebender Schöpfer und
Herr, Urheber der Grundfesten des Landes und der gürtenden Flut des
Meeres, o du Spanner des ewigen Himmelszeltes! Führe ihn zurück in dein
schützendes Heiligtum, das wir dir errichtet nach deinem Gebote, das du
uns verkündet durch den Mund Mose:
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‘Und wer unter euch verständig ist, der komme und mache, was
der Herr geboten hat:
Nämlich die Wohnung mit ihrer Hütte und Decke, Rengen,
Brettern, Nägeln, Säulen und Füßen;
die Lade mit ihren Stangen, den Gnadenstuhl und Vorhang;
den Tisch mit seinen Stangen und allem seinem Geräte, und die
Schaubrote;
den Leuchter zu leuchten und sein Geräte und seine Lampen, und
das Öl zum Licht;
den Räuchaltar mit seinen Stangen, die Salbe und Spezerei zum
Räuchwerke, das Tuch vor der Wohnung Tür;
das Handfaß mit seinem Fuße;
die Kleider des Amtes zum Dienst im Heiligen, die heiligen
Kleider Aarons, des Priesters, mit den Kleidern seiner Söhne,
zum Priestertum.’
Bringe ihn herein in deine Wohnung, daß er mit uns bete:
Geist der Liebe, Weltenseele, Vaterohr, das keine
Stimme überhöret der dich lobenden Gemeine!
Eine Reihe Dankgebetes, Lobgesangs ein Faden,
Zieht sich hin vom Duft des Morgens zu des Abends Scheine
Eine Reihe Lobgesanges, Dankgebets ein Faden,
Zieht sich hin vom Duft des Abends zu des Morgens Scheine,
Gieb, daß diese Seele auch durch der Gebetesflammen
Schürung dir die innere Lebendigkeit bescheine!
Gib, daß er das Land der Unvergänglichkeit suche mit der Sehnsucht der
Goetheschen Priesterjungfrau, die da sagte:
Und an dem Ufer steh’ ich lange Tage,
Das Land der Griechen mit der Seele suchend!
daß er einst mit der sterbenden Blume des Dichters singe:
Ew’ges Flammenherz der Welt,
Laß verglimmen mich an dir!
Himmel, spann’ dein blaues Zelt,
Mein vergrüntes sinket hier.
der Herr geboten hat:
Nämlich die Wohnung mit ihrer Hütte und Decke, Rengen,
Brettern, Nägeln, Säulen und Füßen;
die Lade mit ihren Stangen, den Gnadenstuhl und Vorhang;
den Tisch mit seinen Stangen und allem seinem Geräte, und die
Schaubrote;
den Leuchter zu leuchten und sein Geräte und seine Lampen, und
das Öl zum Licht;
den Räuchaltar mit seinen Stangen, die Salbe und Spezerei zum
Räuchwerke, das Tuch vor der Wohnung Tür;
das Handfaß mit seinem Fuße;
die Kleider des Amtes zum Dienst im Heiligen, die heiligen
Kleider Aarons, des Priesters, mit den Kleidern seiner Söhne,
zum Priestertum.’
Bringe ihn herein in deine Wohnung, daß er mit uns bete:
Geist der Liebe, Weltenseele, Vaterohr, das keine
Stimme überhöret der dich lobenden Gemeine!
Eine Reihe Dankgebetes, Lobgesangs ein Faden,
Zieht sich hin vom Duft des Morgens zu des Abends Scheine
Eine Reihe Lobgesanges, Dankgebets ein Faden,
Zieht sich hin vom Duft des Abends zu des Morgens Scheine,
Gieb, daß diese Seele auch durch der Gebetesflammen
Schürung dir die innere Lebendigkeit bescheine!
Gib, daß er das Land der Unvergänglichkeit suche mit der Sehnsucht der
Goetheschen Priesterjungfrau, die da sagte:
Und an dem Ufer steh’ ich lange Tage,
Das Land der Griechen mit der Seele suchend!
daß er einst mit der sterbenden Blume des Dichters singe:
Ew’ges Flammenherz der Welt,
Laß verglimmen mich an dir!
Himmel, spann’ dein blaues Zelt,
Mein vergrüntes sinket hier.
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Heil, o Frühling, deinem Schein!
Morgenluft, Heil deinem Weh’n!
Ohne Kummer schlaf ich ein,
Ohne Hoffnung aufzusteh’n.
und ihm die Antwort werde:
O bescheidenes Gemüt,
Tröste dich, beschieden ist
Samen allem, was da blüht.
Laß den Sturm des Todes doch
Deinen Lebensstaub verstreu’n,
Aus dem Staube wirst du noch
Hundertmal dich selbst erneu’n.
Amen!«
Hatte er dermaßen wohlklingend und nicht selten mit wirklich feuchten
Augen, von seinem Galimathias selbst aufgeregt, geendet, so geschah es
häufig, daß auf dem Kirchwege die Zuhörer herbeieilten und ihm dankend
die Hände drückten, und an den wohlbesetzten Mittagstafeln wurde er aus
schönem Munde gefühlsbedürftig gepriesen, von klugen Männern gelobt,
daß man jetzt auch wieder einmal kirchlich und christlich sein könne, ohne
sich dem Verdachte der Beschränktheit und des Zurückbleibens
auszusetzen.
Zu den also bescholtenen Gleichgültigen und Indifferenten gehörte auch
Jukundus. Er war der neuen Kirche nicht feindlich gesinnt und wünschte ihr
nichts in den Weg zu legen, wohl wissend, daß alle Dinge in der Welt ihren
Verlauf haben müssen. Allein mit seiner naiven Wahrheitsliebe war es ihm
unmöglich, den Schein einer solchen wenigstens für gedankengeübte
Männer unwahren Kirchlichkeit mit zu tragen, und machte von dem Rechte
seiner persönlichen Freiheit ohne Geräusch und Prahlen Gebrauch. Er tat
dies umso hartnäckiger, als dieses Gebiet fast das einzige war, auf welchem
er seine volle Unabhängigkeit von der Sorge wie von der Liebe noch
bewahrte.
Morgenluft, Heil deinem Weh’n!
Ohne Kummer schlaf ich ein,
Ohne Hoffnung aufzusteh’n.
und ihm die Antwort werde:
O bescheidenes Gemüt,
Tröste dich, beschieden ist
Samen allem, was da blüht.
Laß den Sturm des Todes doch
Deinen Lebensstaub verstreu’n,
Aus dem Staube wirst du noch
Hundertmal dich selbst erneu’n.
Amen!«
Hatte er dermaßen wohlklingend und nicht selten mit wirklich feuchten
Augen, von seinem Galimathias selbst aufgeregt, geendet, so geschah es
häufig, daß auf dem Kirchwege die Zuhörer herbeieilten und ihm dankend
die Hände drückten, und an den wohlbesetzten Mittagstafeln wurde er aus
schönem Munde gefühlsbedürftig gepriesen, von klugen Männern gelobt,
daß man jetzt auch wieder einmal kirchlich und christlich sein könne, ohne
sich dem Verdachte der Beschränktheit und des Zurückbleibens
auszusetzen.
Zu den also bescholtenen Gleichgültigen und Indifferenten gehörte auch
Jukundus. Er war der neuen Kirche nicht feindlich gesinnt und wünschte ihr
nichts in den Weg zu legen, wohl wissend, daß alle Dinge in der Welt ihren
Verlauf haben müssen. Allein mit seiner naiven Wahrheitsliebe war es ihm
unmöglich, den Schein einer solchen wenigstens für gedankengeübte
Männer unwahren Kirchlichkeit mit zu tragen, und machte von dem Rechte
seiner persönlichen Freiheit ohne Geräusch und Prahlen Gebrauch. Er tat
dies umso hartnäckiger, als dieses Gebiet fast das einzige war, auf welchem
er seine volle Unabhängigkeit von der Sorge wie von der Liebe noch
bewahrte.
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Der Pfarrer aber, welcher die Frau Justine zu seinen Hauptstützen zählte,
da sie mit ihrem Ansehen fast für einen Kirchenältesten gelten konnte,
mochte nicht gerne leiden, daß deren Mann die Sache durch sein Fernstehen
nicht zu billigen und so über derselben stehen zu wollen schien. Er empfand
alles solches Fernstehen als einen stillen Vorwurf gegen sich selbst und eine
schweigende Kritik seines Tuns, und er hatte daher einen Groll gegen
Jukundus gefaßt und predigte gegen ihn. Denn auch diese Untugend hatten
einige der neuen Priester von den alten herübergenommen, daß sie auf der
Kanzel, wo sie allein das Wort führten und niemand erwidern durfte,
aussprachen, was sie irgend persönlich bedrückte, und nach Gutdünken
anklagten und anzeigten. Jener wußte aber hievon nichts, weil er nicht viel
achtgab auf der Leute Reden und dem Sinne undeutlicher Anspielungen
nicht nachfragte.
Als Jukundus am späteren Abend also auf den Pfarrhof kam, um seine
Frau versprochenermaßen abzuholen, hatte der Pfarrer seinen Vortrag über
die gegenseitige Verjüngung der Kirche und der schönen Künste vor einigen
Freunden eben beendigt. Jukundus mußte noch ein wenig Platz nehmen.
»Wenn Sie mir gegönnt hätten, meine kleine Arbeit mit Ihrem
Mitanhören zu beehren,« sagte der Pfarrherr, »so würden Sie vielleicht
einen Ausgleichspunkt gefunden haben in dem Gedanken, daß jetzt die Zeit
da ist, wo die Kunst ihr Dasein der Religion danken und der guten reichen
und doch jetzt so armen Mutter vergelten kann! Sie würden vielleicht selbst
einige Befriedigung in der Aussicht finden, wenigstens in einem
bedeutenden Tonwerk etwa einst in Gemeinschaft mit uns Ihr Herz
aussingen zu können, möchten Sie auch dabei denken, was Sie wollten, und
uns überlassen, das gleiche zu tun!«
Justine schaute bei diesen Worten ihren Mann hoffnungsvoll an. Es war
ihre schönste Erinnerung, in dem ersten Jahre ihrer Ehe mit ihm in einer
größeren Stadt an einem musikalischen Feste mitgewirkt zu haben. Bei der
Aufführung eines mächtigen biblischen Oratoriums hatten sie sich, jedes bei
seiner Stimme, so nahe gestanden, daß sie in den Pausen einander die Hand
geben konnten. Am Abend hatte Jukundus seine Frau zärtlich in die Arme
geschlossen und ihr gestanden, daß er trotz allem Erlebten noch nie so
glücklich gewesen sei wie heute, da er in dem wohltönigen Sturme der
da sie mit ihrem Ansehen fast für einen Kirchenältesten gelten konnte,
mochte nicht gerne leiden, daß deren Mann die Sache durch sein Fernstehen
nicht zu billigen und so über derselben stehen zu wollen schien. Er empfand
alles solches Fernstehen als einen stillen Vorwurf gegen sich selbst und eine
schweigende Kritik seines Tuns, und er hatte daher einen Groll gegen
Jukundus gefaßt und predigte gegen ihn. Denn auch diese Untugend hatten
einige der neuen Priester von den alten herübergenommen, daß sie auf der
Kanzel, wo sie allein das Wort führten und niemand erwidern durfte,
aussprachen, was sie irgend persönlich bedrückte, und nach Gutdünken
anklagten und anzeigten. Jener wußte aber hievon nichts, weil er nicht viel
achtgab auf der Leute Reden und dem Sinne undeutlicher Anspielungen
nicht nachfragte.
Als Jukundus am späteren Abend also auf den Pfarrhof kam, um seine
Frau versprochenermaßen abzuholen, hatte der Pfarrer seinen Vortrag über
die gegenseitige Verjüngung der Kirche und der schönen Künste vor einigen
Freunden eben beendigt. Jukundus mußte noch ein wenig Platz nehmen.
»Wenn Sie mir gegönnt hätten, meine kleine Arbeit mit Ihrem
Mitanhören zu beehren,« sagte der Pfarrherr, »so würden Sie vielleicht
einen Ausgleichspunkt gefunden haben in dem Gedanken, daß jetzt die Zeit
da ist, wo die Kunst ihr Dasein der Religion danken und der guten reichen
und doch jetzt so armen Mutter vergelten kann! Sie würden vielleicht selbst
einige Befriedigung in der Aussicht finden, wenigstens in einem
bedeutenden Tonwerk etwa einst in Gemeinschaft mit uns Ihr Herz
aussingen zu können, möchten Sie auch dabei denken, was Sie wollten, und
uns überlassen, das gleiche zu tun!«
Justine schaute bei diesen Worten ihren Mann hoffnungsvoll an. Es war
ihre schönste Erinnerung, in dem ersten Jahre ihrer Ehe mit ihm in einer
größeren Stadt an einem musikalischen Feste mitgewirkt zu haben. Bei der
Aufführung eines mächtigen biblischen Oratoriums hatten sie sich, jedes bei
seiner Stimme, so nahe gestanden, daß sie in den Pausen einander die Hand
geben konnten. Am Abend hatte Jukundus seine Frau zärtlich in die Arme
geschlossen und ihr gestanden, daß er trotz allem Erlebten noch nie so
glücklich gewesen sei wie heute, da er in dem wohltönigen Sturme der
Page 240
Musik und des Gesanges mitgesungen und dabei neben sich noch ihre liebe
Stimme mitgehört habe.
Allein jetzt erwiderte er dem Geistlichen, schon in trüber Stimmung
gekommen und durch dessen Gewaltsamkeit nicht aufgeheitert, etwas
trocken: »Ich bin nicht Ihrer Ansicht, daß die Religion die Kunst
hervorgebracht habe. Ich glaube vielmehr, daß die Kunst für sich allein da
ist von jeher und daß sie es ist, welche die Religion auf ihrem Wege
mitgenommen und eine Strecke weit geführt hat!«
Der Pfarrer wurde ganz rot; er ertrug im Kreise seiner engsten Gemeinde
solchen Widerspruch nicht leicht und sagte: »Nun, wir wollen die Sache
nicht weiter verfolgen; Sie sind wohl in mehr als einer Beziehung ein Laie,
sonst würde Ihnen bekannt sein, daß wir Theologen heutzutage manche
Kreise des Wissens in unsere theologische Wissenschaft hereingezogen
haben, die ihr sonst nicht verpflichtet waren und deren Übersicht Ihnen in
Ihrer Lebensstellung fehlt!«
Jukundus versetzte etwas hart: »Dieses Bedürfnis mögt Ihr Theologen
fühlen; ich glaube aber nicht, daß Eure Theologie dadurch den Charakter
einer lebendigen Wissenschaft wiedergewinnt, so wenig als die ehemalige
Kabbalistik, die Alchimie oder die Astrologie noch eine solche genannt
werden könnte!«
Hierdurch in seinem Innersten getroffen und beleidigt, rief der Geistliche:
»Ihr Haß gegen uns macht Sie blind und töricht! Aber es ist genug, wir
stehen über Ihnen und Ihresgleichen, und Ihr werdet in Eurem verblendeten
Dünkel die Köpfe an unserem festen Bau einrennen!«
»Immer gleich das Gefährlichste!« sagte Jukundus, der inzwischen ganz
ruhig geworden war; »wir rennen gegen keine Wand! Auch handelt es sich
nicht um Haß und nicht um Zorn! Es handelt sich einfach darum, daß wir
nicht immer von neuem anfangen dürfen, Lehrämter über das zu errichten,
was keiner den anderen lehren kann, wenn er ehrlich und wahr sein will,
und diese Ämter denen zu übertragen, welche die Hände danach
ausstrecken. Ich als einzelner halte es vorläufig so und wünsche Euch
indessen alles Wohlergehen; nur bitte ich, mich vollkommen in Ruhe zu
lassen; denn hierin verstehe ich keinen Scherz!«
Stimme mitgehört habe.
Allein jetzt erwiderte er dem Geistlichen, schon in trüber Stimmung
gekommen und durch dessen Gewaltsamkeit nicht aufgeheitert, etwas
trocken: »Ich bin nicht Ihrer Ansicht, daß die Religion die Kunst
hervorgebracht habe. Ich glaube vielmehr, daß die Kunst für sich allein da
ist von jeher und daß sie es ist, welche die Religion auf ihrem Wege
mitgenommen und eine Strecke weit geführt hat!«
Der Pfarrer wurde ganz rot; er ertrug im Kreise seiner engsten Gemeinde
solchen Widerspruch nicht leicht und sagte: »Nun, wir wollen die Sache
nicht weiter verfolgen; Sie sind wohl in mehr als einer Beziehung ein Laie,
sonst würde Ihnen bekannt sein, daß wir Theologen heutzutage manche
Kreise des Wissens in unsere theologische Wissenschaft hereingezogen
haben, die ihr sonst nicht verpflichtet waren und deren Übersicht Ihnen in
Ihrer Lebensstellung fehlt!«
Jukundus versetzte etwas hart: »Dieses Bedürfnis mögt Ihr Theologen
fühlen; ich glaube aber nicht, daß Eure Theologie dadurch den Charakter
einer lebendigen Wissenschaft wiedergewinnt, so wenig als die ehemalige
Kabbalistik, die Alchimie oder die Astrologie noch eine solche genannt
werden könnte!«
Hierdurch in seinem Innersten getroffen und beleidigt, rief der Geistliche:
»Ihr Haß gegen uns macht Sie blind und töricht! Aber es ist genug, wir
stehen über Ihnen und Ihresgleichen, und Ihr werdet in Eurem verblendeten
Dünkel die Köpfe an unserem festen Bau einrennen!«
»Immer gleich das Gefährlichste!« sagte Jukundus, der inzwischen ganz
ruhig geworden war; »wir rennen gegen keine Wand! Auch handelt es sich
nicht um Haß und nicht um Zorn! Es handelt sich einfach darum, daß wir
nicht immer von neuem anfangen dürfen, Lehrämter über das zu errichten,
was keiner den anderen lehren kann, wenn er ehrlich und wahr sein will,
und diese Ämter denen zu übertragen, welche die Hände danach
ausstrecken. Ich als einzelner halte es vorläufig so und wünsche Euch
indessen alles Wohlergehen; nur bitte ich, mich vollkommen in Ruhe zu
lassen; denn hierin verstehe ich keinen Scherz!«
Page 241
Er hatte diese letzten Worte mit fester Stimme gesprochen, und diese
Stimme zerriß seiner Frau, die seinen Arm zum Weggehen ergriffen hatte,
das Herz. Sie hatte in der neuen Kirchenkultur, die ihr so freisinnig, so
gebildet, so billig schien, zuletzt fast den einzigen Halt gegen den geheimen
Kummer gefunden, der sie drückte; nun war ihr Mann in offener
Auflehnung dagegen ausgebrochen. Denn sie hielt ihn dem Pfarrer
gegenüber für unwissend und unzulänglich, für einen Unglücklichen! Das
Unheil eines Glaubenszwiespaltes in Verbindung mit einem beginnenden
häuslichen Unglück war plötzlich da, mitten in der so erleuchteten und
wohlredenden Kirchenwelt.
Kaum auf die Straße gekommen, ließ Justine den Arm ihres Mannes
fahren und ging wie taumelnd neben ihm her, leise weinend. Da es
herbstlich stürmte und regnete, so glaubte Jukundus, sie wolle bequemer
allein gehen und achtete nicht auf ihren Zustand. Bis sie zu Hause
angekommen, hatte sie sich äußerlich gefaßt; inwendig aber zitterte sie vor
Aufregung und Entrüstung.
Jukundus, den Vorfall schnell vergessend und von anderen Sorgen erfüllt,
wollte mit ihr jetzt die gemeinsame Lage besprechen und ihr darstellen, wie
er glaube, daß sein rechter Platz nicht in diesem Hause sei, daß er doch
versuchen müsse, auf eigenen Füßen zu stehen, wozu wohl noch schöne
Zeit sei; daß sie ihm in die Hauptstadt folgen sollte, wo er gute
Verbindungen und Freunde habe. Wenn sie einige Mittel von den Eltern
mitnehmen könnte für den Anfang, nur so viel, als sie etwa für den
Kirchenkultus und die anderen Lieblingssachen schon ausgegeben habe, so
wäre ihm für die Zukunft nicht bange.
Er berührte diesen letzteren Punkt nur kleinlaut, weil er für sich nichts zu
bedürfen glaubte und nur die Scheu Justines vor aller Mittellosigkeit ins
Auge faßte.
Kaum war er aber hier angelangt, so schwieg sie nicht länger; die rauhe
Ursprünglichkeit der emporgekommenen Volksfamilie, welche die Männer
zuweilen überfiel, brach mit aller Herbigkeit auch bei ihr unversehens zu
Tage. Leidenschaftlich und rücksichtslos und ebenso unbesonnen rief sie, er
möge gehen, wohin er wolle, sie werde ihm nicht folgen, wenn er in ihrem
Hause nicht zu gedeihen vermöge, wo es ihm an nichts und an keinem
Stimme zerriß seiner Frau, die seinen Arm zum Weggehen ergriffen hatte,
das Herz. Sie hatte in der neuen Kirchenkultur, die ihr so freisinnig, so
gebildet, so billig schien, zuletzt fast den einzigen Halt gegen den geheimen
Kummer gefunden, der sie drückte; nun war ihr Mann in offener
Auflehnung dagegen ausgebrochen. Denn sie hielt ihn dem Pfarrer
gegenüber für unwissend und unzulänglich, für einen Unglücklichen! Das
Unheil eines Glaubenszwiespaltes in Verbindung mit einem beginnenden
häuslichen Unglück war plötzlich da, mitten in der so erleuchteten und
wohlredenden Kirchenwelt.
Kaum auf die Straße gekommen, ließ Justine den Arm ihres Mannes
fahren und ging wie taumelnd neben ihm her, leise weinend. Da es
herbstlich stürmte und regnete, so glaubte Jukundus, sie wolle bequemer
allein gehen und achtete nicht auf ihren Zustand. Bis sie zu Hause
angekommen, hatte sie sich äußerlich gefaßt; inwendig aber zitterte sie vor
Aufregung und Entrüstung.
Jukundus, den Vorfall schnell vergessend und von anderen Sorgen erfüllt,
wollte mit ihr jetzt die gemeinsame Lage besprechen und ihr darstellen, wie
er glaube, daß sein rechter Platz nicht in diesem Hause sei, daß er doch
versuchen müsse, auf eigenen Füßen zu stehen, wozu wohl noch schöne
Zeit sei; daß sie ihm in die Hauptstadt folgen sollte, wo er gute
Verbindungen und Freunde habe. Wenn sie einige Mittel von den Eltern
mitnehmen könnte für den Anfang, nur so viel, als sie etwa für den
Kirchenkultus und die anderen Lieblingssachen schon ausgegeben habe, so
wäre ihm für die Zukunft nicht bange.
Er berührte diesen letzteren Punkt nur kleinlaut, weil er für sich nichts zu
bedürfen glaubte und nur die Scheu Justines vor aller Mittellosigkeit ins
Auge faßte.
Kaum war er aber hier angelangt, so schwieg sie nicht länger; die rauhe
Ursprünglichkeit der emporgekommenen Volksfamilie, welche die Männer
zuweilen überfiel, brach mit aller Herbigkeit auch bei ihr unversehens zu
Tage. Leidenschaftlich und rücksichtslos und ebenso unbesonnen rief sie, er
möge gehen, wohin er wolle, sie werde ihm nicht folgen, wenn er in ihrem
Hause nicht zu gedeihen vermöge, wo es ihm an nichts und an keinem
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Entgegenkommen gemangelt habe. Weder den Ihrigen noch ihr selbst fiele
es ein, noch das geringste Opfer an ein solch verlorenes Leben zu wagen
und das Geld einem solchen ... nachzuwerfen.
Sie brauchte dabei einen Ausdruck, den sie kaum je im Munde geführt,
und welchen, ohne daß es gerade ein eigentliches Schimpfwort war, doch
kein rechter Mann von seiten seiner Frau erträgt.
Kaum war das Wort ihrem Munde entflohen, so erblaßte Justine, und sie
schaute ihren Mann mit großen Augen an, der schon vorher erbleicht war
und jetzt schweigend hinausging.
Justine eilte, ihre Mutter zu suchen; die war aber noch im Hause eines
der Brüder, und jene ging daher dorthin, um Rat und Zuflucht zu finden.
Jukundus aber weckte seine eigene Mutter, welche ermüdet schon zu
Bette gegangen war, hieß sie sich ankleiden, packte dann das Notwendigste
zusammen, holte in der Nacht selbst einen Mietwagen herbei und fuhr
unbemerkt in der stürmischen Regennacht mit seiner Mutter davon,
versehen mit dem wenigen Gelde, das er noch von dem Verkaufe jenes alten
Eichbaums übrig behalten und aufbewahrt hatte.
Von diesem Augenblicke an war aus dem Gesichte der beiden Ehegatten
jenes anmutige und glückliche Lachen verschwunden, so vollständig, als ob
es niemals darin gewohnt hätte.
In dem dunkeln Wagen, neben der alternden Mutter, die in Ergebung und
Schlaftrunkenheit wieder eingeschlummert war, sah Jukundus das schöne
Gesicht Justines vor sich, wie es ihn zum ersten Male angelacht hatte.
Dieses Lächeln, sagte er sich bitter, sind die Künste eines Muskels, der
gerade so und nicht anders gebildet ist; durchschneidet ihn mit einem
kleinen leichten Schnitt und alles ist vorbei für immer!
In der Morgendämmerung stand Justine, die nicht zu Bette gegangen war,
vor einem Spiegel und sah ihre starren, bleichen Lippen; sie versuchte
schmerzlich zu lächeln über den schönen, schlimmen Traum des
entschwundenen Glückes. Allein ihr Mund und beide Wangen waren starr
und unbeweglich wie Marmor, der Mund blieb von nun an verschlossen,
und vom Morgen bis zum Abend und einen Tag wie den andern.
es ein, noch das geringste Opfer an ein solch verlorenes Leben zu wagen
und das Geld einem solchen ... nachzuwerfen.
Sie brauchte dabei einen Ausdruck, den sie kaum je im Munde geführt,
und welchen, ohne daß es gerade ein eigentliches Schimpfwort war, doch
kein rechter Mann von seiten seiner Frau erträgt.
Kaum war das Wort ihrem Munde entflohen, so erblaßte Justine, und sie
schaute ihren Mann mit großen Augen an, der schon vorher erbleicht war
und jetzt schweigend hinausging.
Justine eilte, ihre Mutter zu suchen; die war aber noch im Hause eines
der Brüder, und jene ging daher dorthin, um Rat und Zuflucht zu finden.
Jukundus aber weckte seine eigene Mutter, welche ermüdet schon zu
Bette gegangen war, hieß sie sich ankleiden, packte dann das Notwendigste
zusammen, holte in der Nacht selbst einen Mietwagen herbei und fuhr
unbemerkt in der stürmischen Regennacht mit seiner Mutter davon,
versehen mit dem wenigen Gelde, das er noch von dem Verkaufe jenes alten
Eichbaums übrig behalten und aufbewahrt hatte.
Von diesem Augenblicke an war aus dem Gesichte der beiden Ehegatten
jenes anmutige und glückliche Lachen verschwunden, so vollständig, als ob
es niemals darin gewohnt hätte.
In dem dunkeln Wagen, neben der alternden Mutter, die in Ergebung und
Schlaftrunkenheit wieder eingeschlummert war, sah Jukundus das schöne
Gesicht Justines vor sich, wie es ihn zum ersten Male angelacht hatte.
Dieses Lächeln, sagte er sich bitter, sind die Künste eines Muskels, der
gerade so und nicht anders gebildet ist; durchschneidet ihn mit einem
kleinen leichten Schnitt und alles ist vorbei für immer!
In der Morgendämmerung stand Justine, die nicht zu Bette gegangen war,
vor einem Spiegel und sah ihre starren, bleichen Lippen; sie versuchte
schmerzlich zu lächeln über den schönen, schlimmen Traum des
entschwundenen Glückes. Allein ihr Mund und beide Wangen waren starr
und unbeweglich wie Marmor, der Mund blieb von nun an verschlossen,
und vom Morgen bis zum Abend und einen Tag wie den andern.
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Drittes Kapitel
Jukundus hatte sich nach der Landeshauptstadt begeben, wo es seine
erste Sorge war, die vor Schreck und Kummer erkrankte Mutter zu pflegen
und zu begraben; denn sie erholte sich nicht mehr, weil sie keine Hoffnung
mehr barg, daß es dem Sohne noch wohlgehen und das, was sie nicht
gesponnen und gewebt, vorhalten könne.
Auf dem Rückwege von ihrem Grabe begegnete er einem militärischen
Vorgesetzten, der ihn wohl kannte, aber lang nicht gesehen hatte. Der fragte
ihn nach seinen jetzigen Umständen, und als er dieselben, soweit sie
mitteilbar waren, kennen gelernt, sagte er zu Jukundus, er wäre gerade der
Mann, den er suche, um in seinem ausgebreiteten Handels- und
Unternehmungswesen eine bestimmte Lücke auszufüllen. Er suche einen
zuverlässigen ruhigen Mann, von dem er wisse, daß er seine Obliegenheiten
kurzweg und pünktlich erfülle, nicht nach rechts oder links schaue, ohne die
Wachsamkeit zu verlieren, und hauptsächlich keine eigenen Spekulationen
betreibe.
Jukundus verband sich mit dem Manne und übernahm sofort die ihm
zugedachte Stelle, und es ging vom erstem Augenblicke an gut. Die ihm
angewiesene Tätigkeit war der Art, daß er weder selbst zu täuschen und zu
lügen, noch die Lügen anderer zu glauben brauchte. Er hatte nicht nötig zu
überfordern oder zu unterbieten, zu feilschen oder zu überlisten und
Überlistungen abzuwehren. Was darüber hinaus an Menschenkenntnis und
deren Anwendung erfordert wurde, ward ihm geläufig, wie ehedem, da ihm
mit der verschwundenen Befangenheit es wie Schuppen von den Augen fiel.
So flossen seine Tage ernst und still dahin, und nicht die kleinste Freude
erhellte seine Augen. Mit Justine lebte er ohne jede Verbindung; er
erwartete vergeblich ein Zeichen von ihr, daß sie die geschehene
Beleidigung bereue und zurückzunehmen wünsche, während sie hieran von
den Ihrigen verhindert wurde, welche fanden, es sei besser, die Dinge
einstweilen liegen zu lassen, wie sie lägen, und das weitere Glück des
Jukundus abzuwarten, ob dasselbe auch Bestand habe. Sie hatten nicht
unrecht, es ein Glück zu nennen; denn das Finden seiner selbst in dunkeln
Jukundus hatte sich nach der Landeshauptstadt begeben, wo es seine
erste Sorge war, die vor Schreck und Kummer erkrankte Mutter zu pflegen
und zu begraben; denn sie erholte sich nicht mehr, weil sie keine Hoffnung
mehr barg, daß es dem Sohne noch wohlgehen und das, was sie nicht
gesponnen und gewebt, vorhalten könne.
Auf dem Rückwege von ihrem Grabe begegnete er einem militärischen
Vorgesetzten, der ihn wohl kannte, aber lang nicht gesehen hatte. Der fragte
ihn nach seinen jetzigen Umständen, und als er dieselben, soweit sie
mitteilbar waren, kennen gelernt, sagte er zu Jukundus, er wäre gerade der
Mann, den er suche, um in seinem ausgebreiteten Handels- und
Unternehmungswesen eine bestimmte Lücke auszufüllen. Er suche einen
zuverlässigen ruhigen Mann, von dem er wisse, daß er seine Obliegenheiten
kurzweg und pünktlich erfülle, nicht nach rechts oder links schaue, ohne die
Wachsamkeit zu verlieren, und hauptsächlich keine eigenen Spekulationen
betreibe.
Jukundus verband sich mit dem Manne und übernahm sofort die ihm
zugedachte Stelle, und es ging vom erstem Augenblicke an gut. Die ihm
angewiesene Tätigkeit war der Art, daß er weder selbst zu täuschen und zu
lügen, noch die Lügen anderer zu glauben brauchte. Er hatte nicht nötig zu
überfordern oder zu unterbieten, zu feilschen oder zu überlisten und
Überlistungen abzuwehren. Was darüber hinaus an Menschenkenntnis und
deren Anwendung erfordert wurde, ward ihm geläufig, wie ehedem, da ihm
mit der verschwundenen Befangenheit es wie Schuppen von den Augen fiel.
So flossen seine Tage ernst und still dahin, und nicht die kleinste Freude
erhellte seine Augen. Mit Justine lebte er ohne jede Verbindung; er
erwartete vergeblich ein Zeichen von ihr, daß sie die geschehene
Beleidigung bereue und zurückzunehmen wünsche, während sie hieran von
den Ihrigen verhindert wurde, welche fanden, es sei besser, die Dinge
einstweilen liegen zu lassen, wie sie lägen, und das weitere Glück des
Jukundus abzuwarten, ob dasselbe auch Bestand habe. Sie hatten nicht
unrecht, es ein Glück zu nennen; denn das Finden seiner selbst in dunkeln
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Tagen ist meistens mehr Glückssache, als die Menschen gewöhnlich
eingestehen wollen, und hier hatte es vielleicht einzig von der zufälligen
Begegnung mit dem erfahrenen und einsichtigen fremden Manne
abgehangen.
Jukundus’ kalte und bittere Ruhe dauerte aber nicht lange. Während er in
seiner Geschäftsstellung sich täglich brauchbarer erwies und bald über die
anfänglich angewiesene Stufe hinausgehoben wurde, fast ohne jemandes
Zutun, so daß der früher so schwer erreichbar erschienene reichere Erwerb
und die gegründete Aussicht auf Besitz sich wie von selbst einstellten, trat
im öffentlichen Leben eine Bewegung ein, in welche er mehr seiner
verbitterten Gemütsstimmung als eigentlicher Neigung gemäß
leidenschaftlich hineingezogen wurde.
In der Republik waren seit der letzten jener politischen Umgestaltungen,
durch welche das Volk sich verlorene Rechte erneuert oder vorhandene
erweitert, vierzig Jahre verflossen, und es war im jüngeren Geschlechte der
Wille einer neueren Zeit reif geworden, ohne daß die noch herrschenden
Träger der früheren Gestaltung denselben kannten oder anerkennen wollten.
Sie hielten die Welt und den Staat, wie sie gerade jetzt bestanden, für fertig
und gut und wiesen ihre Mitwirkung zu jeder erheblichen Änderung mit
einem beharrlichen Nein von sich, indem sie sich auf eine ununterbrochene
Tätigkeit in der mählichen Ausbildung des Bestehenden, einst so
Gepriesenen zurückzogen. Durch diesen Widerstand erwarben sie sich das
Aussehen von Stehenbleibenden, ja Feinden des Fortschrittes, und
erweckten eine je länger je heftiger gereizte Stimmung gegen sich. Da sie
aber die Geschäfte sachlich und redlich besorgten und alle Mühe auf allerlei
Dinge verwendeten, welche an sich keineswegs wie Rückschritt aussahen,
so war der Anfang zu einer großen Aktion schwer zu finden. Denn wenn
das Volk hiebei nicht den Anstoß zu gewaltsamen Ereignissen gewinnt,
woraus an einem Tage von selbst das Gewünschte sich gestaltet, so bedarf
es einer ungeheuren moralischen Aufregung, um auf dem Wege der
gesetzlichen Ordnung zu seinem Ziele zu gelangen und eine selbstgegebene
Verfassung, selbstgewählte Vertreter zu beseitigen und an deren Stelle das
Neue zu setzen.
Diese Aufregung, welche bei der gewaltsamen Umwälzung durch einige
Tropfen rauchenden Blutes hervorgebracht wird, erreicht das Volk auf dem
eingestehen wollen, und hier hatte es vielleicht einzig von der zufälligen
Begegnung mit dem erfahrenen und einsichtigen fremden Manne
abgehangen.
Jukundus’ kalte und bittere Ruhe dauerte aber nicht lange. Während er in
seiner Geschäftsstellung sich täglich brauchbarer erwies und bald über die
anfänglich angewiesene Stufe hinausgehoben wurde, fast ohne jemandes
Zutun, so daß der früher so schwer erreichbar erschienene reichere Erwerb
und die gegründete Aussicht auf Besitz sich wie von selbst einstellten, trat
im öffentlichen Leben eine Bewegung ein, in welche er mehr seiner
verbitterten Gemütsstimmung als eigentlicher Neigung gemäß
leidenschaftlich hineingezogen wurde.
In der Republik waren seit der letzten jener politischen Umgestaltungen,
durch welche das Volk sich verlorene Rechte erneuert oder vorhandene
erweitert, vierzig Jahre verflossen, und es war im jüngeren Geschlechte der
Wille einer neueren Zeit reif geworden, ohne daß die noch herrschenden
Träger der früheren Gestaltung denselben kannten oder anerkennen wollten.
Sie hielten die Welt und den Staat, wie sie gerade jetzt bestanden, für fertig
und gut und wiesen ihre Mitwirkung zu jeder erheblichen Änderung mit
einem beharrlichen Nein von sich, indem sie sich auf eine ununterbrochene
Tätigkeit in der mählichen Ausbildung des Bestehenden, einst so
Gepriesenen zurückzogen. Durch diesen Widerstand erwarben sie sich das
Aussehen von Stehenbleibenden, ja Feinden des Fortschrittes, und
erweckten eine je länger je heftiger gereizte Stimmung gegen sich. Da sie
aber die Geschäfte sachlich und redlich besorgten und alle Mühe auf allerlei
Dinge verwendeten, welche an sich keineswegs wie Rückschritt aussahen,
so war der Anfang zu einer großen Aktion schwer zu finden. Denn wenn
das Volk hiebei nicht den Anstoß zu gewaltsamen Ereignissen gewinnt,
woraus an einem Tage von selbst das Gewünschte sich gestaltet, so bedarf
es einer ungeheuren moralischen Aufregung, um auf dem Wege der
gesetzlichen Ordnung zu seinem Ziele zu gelangen und eine selbstgegebene
Verfassung, selbstgewählte Vertreter zu beseitigen und an deren Stelle das
Neue zu setzen.
Diese Aufregung, welche bei der gewaltsamen Umwälzung durch einige
Tropfen rauchenden Blutes hervorgebracht wird, erreicht das Volk auf dem
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anderen Wege, um schlüssig zu werden, nur dadurch, daß es das erste
Unrecht begeht mittels einer falschen Anschuldigung und sodann getreu
dem Satze, daß der Unrechttuende den leidenden Teil mit wachsendem
Hasse verfolgt, nicht mehr ruht, bis der Stein des Anstoßes hinweggeräumt
und der neue Rechtsboden, den es will, errungen ist.
Aber auch zu einer vollen runden Hauptanschuldigung, welche für solch
eine allgemein um sich greifende Gemütsbewegung ausgereicht hätte, fand
sich keine rechte Handhabe vor. Jedes einzelne der unerfüllten Begehren
war nicht eine Frage der Unehrlichkeit oder des Volksbetruges, sondern nur
eine Frage der Zweckmäßigkeit, welche bestritten war.
Da aber ein Volk oder eine Republik, wenn sie durchaus Händel suchen
mit ihren Führern und Verwaltern, nicht auf die Dauer wegen des Anfanges
verlegen sind und immer neue Mittel erfinden, so stellte man sich zuletzt
einfach vor die Personen hin und sagte: Euere Gesichter gefallen uns nicht
mehr.
Dies geschah mittels einer dämonisch seltsamen Bewegung, welche mehr
Schrecken und Verfolgungsqualen in sich barg, als manche blutige
Revolution, obgleich nicht ein Haar gekrümmt wurde und kein einziger
Backenstreich fiel.
Es entstand zuerst ein Ausspotten einiger nicht bedeutender Personen an
irgend einem Punkte, dann ein Verhöhnen einiger anderer, die schon mehr
Bedeutung hatten, wegen halb lächerlicher, halb unzukömmlicher,
immerhin entstellter Eigenschaften. Eine spott- und verfolgungslustige
Laune verbreitete sich mehr und mehr, es bildeten sich Anführer und
Virtuosen im Hohn und der Entstellung aus, und bald verwandelte sich der
lustige Spott in grimmige Verleumdung, welche umherraste, die Häuser
ihrer Opfer bezeichnete und das persönliche Leben auf das Straßenpflaster
hinausschleifte.
Nachdem diese Opfer in einen Teig von Lächerlichkeit, bestehend aus
erfundenen körperlichen Gebrechen und Gewohnheiten, meist nur etwa
linkischen Gebärden, eingeknetet waren und so herumgestoßen wurden,
legte man ihnen plötzlich längst begangene geheime Verbrechen, einen
abscheulichen Lebenswandel, eine Niedrigkeit der Denk- und
Handlungsweise zur Last, welche durch das Ansehen, das sie bisher
Unrecht begeht mittels einer falschen Anschuldigung und sodann getreu
dem Satze, daß der Unrechttuende den leidenden Teil mit wachsendem
Hasse verfolgt, nicht mehr ruht, bis der Stein des Anstoßes hinweggeräumt
und der neue Rechtsboden, den es will, errungen ist.
Aber auch zu einer vollen runden Hauptanschuldigung, welche für solch
eine allgemein um sich greifende Gemütsbewegung ausgereicht hätte, fand
sich keine rechte Handhabe vor. Jedes einzelne der unerfüllten Begehren
war nicht eine Frage der Unehrlichkeit oder des Volksbetruges, sondern nur
eine Frage der Zweckmäßigkeit, welche bestritten war.
Da aber ein Volk oder eine Republik, wenn sie durchaus Händel suchen
mit ihren Führern und Verwaltern, nicht auf die Dauer wegen des Anfanges
verlegen sind und immer neue Mittel erfinden, so stellte man sich zuletzt
einfach vor die Personen hin und sagte: Euere Gesichter gefallen uns nicht
mehr.
Dies geschah mittels einer dämonisch seltsamen Bewegung, welche mehr
Schrecken und Verfolgungsqualen in sich barg, als manche blutige
Revolution, obgleich nicht ein Haar gekrümmt wurde und kein einziger
Backenstreich fiel.
Es entstand zuerst ein Ausspotten einiger nicht bedeutender Personen an
irgend einem Punkte, dann ein Verhöhnen einiger anderer, die schon mehr
Bedeutung hatten, wegen halb lächerlicher, halb unzukömmlicher,
immerhin entstellter Eigenschaften. Eine spott- und verfolgungslustige
Laune verbreitete sich mehr und mehr, es bildeten sich Anführer und
Virtuosen im Hohn und der Entstellung aus, und bald verwandelte sich der
lustige Spott in grimmige Verleumdung, welche umherraste, die Häuser
ihrer Opfer bezeichnete und das persönliche Leben auf das Straßenpflaster
hinausschleifte.
Nachdem diese Opfer in einen Teig von Lächerlichkeit, bestehend aus
erfundenen körperlichen Gebrechen und Gewohnheiten, meist nur etwa
linkischen Gebärden, eingeknetet waren und so herumgestoßen wurden,
legte man ihnen plötzlich längst begangene geheime Verbrechen, einen
abscheulichen Lebenswandel, eine Niedrigkeit der Denk- und
Handlungsweise zur Last, welche durch das Ansehen, das sie bisher
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genossen, nur umso greller und unerträglicher hervorgehoben wurden. Zwar
wurden die Anschuldigungen bestimmter Übeltaten, welche sofort einem
Kriminalverfahren nach allen Seiten hin rufen mußten, beim ersten
Aufschrei der Betroffenen lächelnd fallen gelassen. Allein der Abscheu
blieb an den Personen haften und aller übrige gestaltlose Unfug wurde
festgehalten durch die Ratlosigkeit der Verfolgten, und bei dem allgemeinen
Schrecken und Widerwillen entstand eine förmliche Straflosigkeit, zumal
jede Prozeßverhandlung zu einem Feste für die Verfolger zu werden begann
und mit den schwersten Drohungen begrüßt wurde.
So eilten denn aus allen Ritzen und Schlupfwinkeln die Teilnehmer an
dem allgemeinen Reichstage der Verleumdung und der Beschimpfung
herbei. Personen, deren eigene physiognomische Beschaffenheit,
Lebensarten und Taten sie selbst zum Gegenstande der Schilderung, des
Unwillens und des Spottes zu machen geeignet waren, stellten sich gerade
in die vorderste Reihe und erhuben als rechte Herzoge der Schmähsucht
und der Verleumdung ihre Stimme, und je lauter der grimmige Lärm war,
desto stiller und kleinlauter wurden die Geschmähten. Ein für die
Betroffenen furchtbarer Gemeinplatz wurde von den gedankenlosen Gaffern
ausgesprochen. Wenn nur der hundertste Teil der Anschuldigungen wahr
wäre, so würde das mehr als genug sein! hieß es, und sie bedachten hiebei
nicht, daß ja jeder von ihnen einen solchen hundertsten Teil auf den
Schultern trüge, wenn gerecht gemessen würde.
Neben den Angesehenen und Bekannten im Lande wurde wohl auch etwa
in irgend einem Winkel ein armer Unbekannter vernichtet, daß es
anzuhören war wie das Schreien eines Hühnchens, das ein Marder
nächtlicherweise einsam erwürgt. Oder es fielen ein paar der Herzoge unter
den reißenden Tieren einander selbst an auf irgend einem besonderen
Wechselplatz, kehrten aber mit zerbissenen und blutigen Schnauzen zum
allgemeinen Reichstage zurück, ohne daß es ihnen dort etwas geschadet
hätte. Sie beleckten sich die zerzausten Bälge und nahmen frech wieder das
Wort.
Die ganze Erscheinung war so neuer und eigentümlicher Art, daß der
Geschichtsfreund sie mit keiner vorangegangenen zu vergleichen wußte, wo
doch auch mehr als einmal aus einem ungerechten Anlaß oder unwahren
wurden die Anschuldigungen bestimmter Übeltaten, welche sofort einem
Kriminalverfahren nach allen Seiten hin rufen mußten, beim ersten
Aufschrei der Betroffenen lächelnd fallen gelassen. Allein der Abscheu
blieb an den Personen haften und aller übrige gestaltlose Unfug wurde
festgehalten durch die Ratlosigkeit der Verfolgten, und bei dem allgemeinen
Schrecken und Widerwillen entstand eine förmliche Straflosigkeit, zumal
jede Prozeßverhandlung zu einem Feste für die Verfolger zu werden begann
und mit den schwersten Drohungen begrüßt wurde.
So eilten denn aus allen Ritzen und Schlupfwinkeln die Teilnehmer an
dem allgemeinen Reichstage der Verleumdung und der Beschimpfung
herbei. Personen, deren eigene physiognomische Beschaffenheit,
Lebensarten und Taten sie selbst zum Gegenstande der Schilderung, des
Unwillens und des Spottes zu machen geeignet waren, stellten sich gerade
in die vorderste Reihe und erhuben als rechte Herzoge der Schmähsucht
und der Verleumdung ihre Stimme, und je lauter der grimmige Lärm war,
desto stiller und kleinlauter wurden die Geschmähten. Ein für die
Betroffenen furchtbarer Gemeinplatz wurde von den gedankenlosen Gaffern
ausgesprochen. Wenn nur der hundertste Teil der Anschuldigungen wahr
wäre, so würde das mehr als genug sein! hieß es, und sie bedachten hiebei
nicht, daß ja jeder von ihnen einen solchen hundertsten Teil auf den
Schultern trüge, wenn gerecht gemessen würde.
Neben den Angesehenen und Bekannten im Lande wurde wohl auch etwa
in irgend einem Winkel ein armer Unbekannter vernichtet, daß es
anzuhören war wie das Schreien eines Hühnchens, das ein Marder
nächtlicherweise einsam erwürgt. Oder es fielen ein paar der Herzoge unter
den reißenden Tieren einander selbst an auf irgend einem besonderen
Wechselplatz, kehrten aber mit zerbissenen und blutigen Schnauzen zum
allgemeinen Reichstage zurück, ohne daß es ihnen dort etwas geschadet
hätte. Sie beleckten sich die zerzausten Bälge und nahmen frech wieder das
Wort.
Die ganze Erscheinung war so neuer und eigentümlicher Art, daß der
Geschichtsfreund sie mit keiner vorangegangenen zu vergleichen wußte, wo
doch auch mehr als einmal aus einem ungerechten Anlaß oder unwahren
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Vorwand die Staatsveränderung und die Erweiterung der Freiheit
hervorgegangen war.
Männer, die in ihrer entstellten Gestalt mitten in der Not und Verfolgung
standen, in der doch kein Tropfen Blut floß und kein Arm berührt wurde,
sahen sich von alten Freunden verlassen, die unentschlossen ihren
Unschuldsbeteurungen zuhörten und für sich selber darum nicht umso
besser fuhren.
Andere, die ein entscheidendes Wort des Mutes hätten sprechen können,
schwiegen still, um nicht vor der Braut oder der Gattin eine infame
Beschmutzung erleiden zu müssen, und wiederum andere schwiegen aus
Sorge für den Frieden und die Unschuld ihrer unmündigen Kinder. Mancher
dankte nur Gott, daß er bis jetzt verschont geblieben, wenn er bedachte, daß
diese oder jene menschliche Schwäche, die ihn vielleicht schon
angewandelt, dem Unheil einen Angriffspunkt bieten könnte, und er hielt
sich mäuschenstille. Dicht dabei stand ein offenkundiger Bösewicht ebenso
stille, der doch zu notorisch war, um sich zu den Verfolgern gesellen zu
können, und nun mit stechenden Augen gewärtigte, was an ihn kommen
wolle. Auch der blieb verschont, nicht nur, weil er als gefährlicher
Bösewicht von den Verleumdern gefürchtet war, sondern weil die
merkwürdige Bewegung bei aller scheinbaren Maßlosigkeit ein gewisses
Gesetz der Ökonomie innehielt und keine Opfer verlangte, die ihr nicht
gerade im Wege standen.
Übrigens war nicht zu verkennen, daß das Bewußtsein, es sei eigentlich
nur ein großer, etwas grober Spaß, nicht fehlte. Denn während die Menge
kein Bedenken trug, das Land als von der Schlechtigkeit unterfressen,
angefüllt und beherrscht vor aller Welt darzustellen, blieb die wirkliche
unterirdische Schicht der Niedertracht, die in keinem Lande fehlt,
unangefochten in ihrer Ruhe, wo sie nicht freiwillig ans Licht emporstieg,
um auch an den Reichstag zu kommen und die verhaßte Ehrbarkeit
ausplündern zu helfen. Der aktive Lügnerhaufen glich der volkstümlichen
Dorfklätscherin, welche in ihrem Humor es für selbstverständlich hält, daß
jeder zusehe, was er glauben wolle, und daß jeder Angeschwärzte ihr den
Spaß nicht allzu übelnehme.
hervorgegangen war.
Männer, die in ihrer entstellten Gestalt mitten in der Not und Verfolgung
standen, in der doch kein Tropfen Blut floß und kein Arm berührt wurde,
sahen sich von alten Freunden verlassen, die unentschlossen ihren
Unschuldsbeteurungen zuhörten und für sich selber darum nicht umso
besser fuhren.
Andere, die ein entscheidendes Wort des Mutes hätten sprechen können,
schwiegen still, um nicht vor der Braut oder der Gattin eine infame
Beschmutzung erleiden zu müssen, und wiederum andere schwiegen aus
Sorge für den Frieden und die Unschuld ihrer unmündigen Kinder. Mancher
dankte nur Gott, daß er bis jetzt verschont geblieben, wenn er bedachte, daß
diese oder jene menschliche Schwäche, die ihn vielleicht schon
angewandelt, dem Unheil einen Angriffspunkt bieten könnte, und er hielt
sich mäuschenstille. Dicht dabei stand ein offenkundiger Bösewicht ebenso
stille, der doch zu notorisch war, um sich zu den Verfolgern gesellen zu
können, und nun mit stechenden Augen gewärtigte, was an ihn kommen
wolle. Auch der blieb verschont, nicht nur, weil er als gefährlicher
Bösewicht von den Verleumdern gefürchtet war, sondern weil die
merkwürdige Bewegung bei aller scheinbaren Maßlosigkeit ein gewisses
Gesetz der Ökonomie innehielt und keine Opfer verlangte, die ihr nicht
gerade im Wege standen.
Übrigens war nicht zu verkennen, daß das Bewußtsein, es sei eigentlich
nur ein großer, etwas grober Spaß, nicht fehlte. Denn während die Menge
kein Bedenken trug, das Land als von der Schlechtigkeit unterfressen,
angefüllt und beherrscht vor aller Welt darzustellen, blieb die wirkliche
unterirdische Schicht der Niedertracht, die in keinem Lande fehlt,
unangefochten in ihrer Ruhe, wo sie nicht freiwillig ans Licht emporstieg,
um auch an den Reichstag zu kommen und die verhaßte Ehrbarkeit
ausplündern zu helfen. Der aktive Lügnerhaufen glich der volkstümlichen
Dorfklätscherin, welche in ihrem Humor es für selbstverständlich hält, daß
jeder zusehe, was er glauben wolle, und daß jeder Angeschwärzte ihr den
Spaß nicht allzu übelnehme.
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Von diesem Humor war nun Jukundus nicht. In der Verfassung, in der er
sich befand, war er doppelt aufgelegt, alles zu glauben, wenn er auch nicht
sonst schon durch seine einfache Natur darauf angelegt gewesen wäre.
Während er im Geschäftsleben schon vorsichtiger geworden war, wurde er
von dieser Bewegung überrascht wie ein Kind und glaubte jede
Schändlichkeit, die man vorbrachte, wie ein Evangelium, über die Maßen
erstaunt, wie es also habe zugehen können und was in einer Republik
möglich sei.
Seine besonderen Mitbürger, die Seldwyler, hatten von Anfang an diese
Ereignisse wie ein goldenes Zeitalter begrüßt. Nichts Lustigeres konnte es
für sie geben als das Auslachen und Heruntermachen so vieler betrübter
langer Gesichter, die so lange besser hatten sein wollen als andere Leute.
Sie taten sich nicht gerade hervor in der Erfindung von Abscheulichkeiten,
waren aber umso tätiger im Aufbringen von Lächerlichkeiten. Immer
kamen einige oder ganze Gesellschaften von ihnen nach der Hauptstadt, um
zu sehen, was es Neues gäbe, und an der täglich höher gehenden Bewegung
teilzunehmen. Weil Jukundus die beste Gestalt unter ihnen war, so machten
sie ihn zu ihrem Häuptling, und er ging im tiefsten Ernste vor der lachenden
und stets zechenden Zunft der Seldwyler her, traurig und bekümmert, aber
auch entrüstet und straflustig.
Denn er hatte die Welt noch nie in diesem Lichte gesehen; es war ihm zu
Mut, als ob der Frühling aus derselben entflohen und eine graue, heiße,
trostlose Sandwüste zurückgeblieben wäre, an deren fernem, verschleiertem
Saume der Schatten seiner Frau einsam entschwinde. Wenn er in den Klubs
und Versammlungen neben handfesten und bekannten Agitatoren allerlei
aus dunkeln Löchern hervorgekrochene Gesellen sah, die langjährigen
Unstern in der allgemeinen Sündflut mit schmutzigen Händen zu ersäufen
suchten oder die obere Schicht wie mit Feuerhaken zu sich
herunterzureißen bestrebt waren, so sah er wohl, daß es keine
Oberkirchenräte waren, die ihm die Hand drückten. Aber er empfand jetzt
eher ein tiefes Mitleid mit solchen Heiligen, die er als die Opfer einer Welt
betrachtete, von der er auch ein Lied singen zu können glaubte. Wie die
heilige Elisabeth eine Vorliebe für unreinliche Kranke und Elende bezeigte
und sich sogar in das Bett eines Aussätzigen legte, so hegte auch Jukundus
eine wahre Zärtlichkeit für seine Räudigen und ging täglich mit Leuten, die
sich befand, war er doppelt aufgelegt, alles zu glauben, wenn er auch nicht
sonst schon durch seine einfache Natur darauf angelegt gewesen wäre.
Während er im Geschäftsleben schon vorsichtiger geworden war, wurde er
von dieser Bewegung überrascht wie ein Kind und glaubte jede
Schändlichkeit, die man vorbrachte, wie ein Evangelium, über die Maßen
erstaunt, wie es also habe zugehen können und was in einer Republik
möglich sei.
Seine besonderen Mitbürger, die Seldwyler, hatten von Anfang an diese
Ereignisse wie ein goldenes Zeitalter begrüßt. Nichts Lustigeres konnte es
für sie geben als das Auslachen und Heruntermachen so vieler betrübter
langer Gesichter, die so lange besser hatten sein wollen als andere Leute.
Sie taten sich nicht gerade hervor in der Erfindung von Abscheulichkeiten,
waren aber umso tätiger im Aufbringen von Lächerlichkeiten. Immer
kamen einige oder ganze Gesellschaften von ihnen nach der Hauptstadt, um
zu sehen, was es Neues gäbe, und an der täglich höher gehenden Bewegung
teilzunehmen. Weil Jukundus die beste Gestalt unter ihnen war, so machten
sie ihn zu ihrem Häuptling, und er ging im tiefsten Ernste vor der lachenden
und stets zechenden Zunft der Seldwyler her, traurig und bekümmert, aber
auch entrüstet und straflustig.
Denn er hatte die Welt noch nie in diesem Lichte gesehen; es war ihm zu
Mut, als ob der Frühling aus derselben entflohen und eine graue, heiße,
trostlose Sandwüste zurückgeblieben wäre, an deren fernem, verschleiertem
Saume der Schatten seiner Frau einsam entschwinde. Wenn er in den Klubs
und Versammlungen neben handfesten und bekannten Agitatoren allerlei
aus dunkeln Löchern hervorgekrochene Gesellen sah, die langjährigen
Unstern in der allgemeinen Sündflut mit schmutzigen Händen zu ersäufen
suchten oder die obere Schicht wie mit Feuerhaken zu sich
herunterzureißen bestrebt waren, so sah er wohl, daß es keine
Oberkirchenräte waren, die ihm die Hand drückten. Aber er empfand jetzt
eher ein tiefes Mitleid mit solchen Heiligen, die er als die Opfer einer Welt
betrachtete, von der er auch ein Lied singen zu können glaubte. Wie die
heilige Elisabeth eine Vorliebe für unreinliche Kranke und Elende bezeigte
und sich sogar in das Bett eines Aussätzigen legte, so hegte auch Jukundus
eine wahre Zärtlichkeit für seine Räudigen und ging täglich mit Leuten, die
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er früher, wie man zu sagen pflegt, nicht mit einem Stecklein hätte anrühren
mögen.
Er tat dies, während die Volksbewegung schon über den Anfangsstrudel
hinaus war und das Volk, auf seine Ziele zusteuernd, jene Schattengestalten
laufen ließ und seine neuen Rechte feststellte, wie man glänzende Farben
und Wohlgerüche aus dunklen Stoffen und Schmutz hervorbringt und
diesen wegwirft. Er merkte kaum, daß er mit dem verlorenen Haufen schon
seitwärts der Heerstraße stand, und als er es einzusehen begann, überfiel ihn
neues Mitleiden mit den armen Propheten, die wiederum betrogen sein
sollten. Es half nichts, daß einige klügere Seldwyler ihm zuraunten, die
Verleumder und Ehrenfeinde seien bereits nicht mehr Mode, man halte sich
jetzt an das rein Politische und Staatsmäßige, und er solle sich nicht
bloßstellen; man brauche eben auch wieder einen Staat mit Einrichtungen
und Ehrbarkeiten, wo man mit Lügnern und Schubiaken nicht kutschieren
könne. Er glaubte den Armen und Verstoßenen, und nicht jenen Warnern.
Um seinen Mut offenkundig zu bewähren und zu zeigen, daß er sie
beschütze, lud er eines Tages eine schöne Auswahl seiner Freunde zu einem
Festmahle ein, das er ihnen in einem Gasthause gab, und bewirtete sie so
reichlich, daß sie in die allerbeste Laune versetzt wurden.
Verkommene Winkeladvokaten, ungetreue und bestrafte kleine
Amtsleute, betrügerische Agenten, müßiggängerische Kaufleute und
Bankerottierer, verkannte Witzlinge und Sandführer verschiedener Art
saßen um ihn geschart und jubelten und sangen, als ob das tausendjährige
Reich da wäre. Aber je lustiger sie wurden, desto ernster sah Jukundus aus,
und nicht das leiseste Lächeln überflog sein trauriges Gesicht; er gedachte
der Tage, wo er auch froh gewesen und harmlos sich des Lebens gefreut,
und alles war dahin! Als nun der Wein den fröhlichen Gesellen immer mehr
die Zungen löste und die Besonnenheit ersterben ließ, fingen sie an, ihre
Schicksale und Taten zu besprechen und das Unrecht zu erzählen, das sie
erduldet. Es erhob sich jedoch da oder dort ein Widerspruch des einen
gegen den andern, oder die Auflehnung eines dritten, die Einsprache eines
vierten, die nähere Erläuterung eines fünften, woraus ein wirrer Lärm
gegenseitiger Vorwürfe und Anschuldigungen wurde und für den
unbefangenen Zuhörer sich ergab, daß es sich um ein ziemlich
ausgebreitetes und verknotetes Gewebe von geringen wenig rühmlichen
mögen.
Er tat dies, während die Volksbewegung schon über den Anfangsstrudel
hinaus war und das Volk, auf seine Ziele zusteuernd, jene Schattengestalten
laufen ließ und seine neuen Rechte feststellte, wie man glänzende Farben
und Wohlgerüche aus dunklen Stoffen und Schmutz hervorbringt und
diesen wegwirft. Er merkte kaum, daß er mit dem verlorenen Haufen schon
seitwärts der Heerstraße stand, und als er es einzusehen begann, überfiel ihn
neues Mitleiden mit den armen Propheten, die wiederum betrogen sein
sollten. Es half nichts, daß einige klügere Seldwyler ihm zuraunten, die
Verleumder und Ehrenfeinde seien bereits nicht mehr Mode, man halte sich
jetzt an das rein Politische und Staatsmäßige, und er solle sich nicht
bloßstellen; man brauche eben auch wieder einen Staat mit Einrichtungen
und Ehrbarkeiten, wo man mit Lügnern und Schubiaken nicht kutschieren
könne. Er glaubte den Armen und Verstoßenen, und nicht jenen Warnern.
Um seinen Mut offenkundig zu bewähren und zu zeigen, daß er sie
beschütze, lud er eines Tages eine schöne Auswahl seiner Freunde zu einem
Festmahle ein, das er ihnen in einem Gasthause gab, und bewirtete sie so
reichlich, daß sie in die allerbeste Laune versetzt wurden.
Verkommene Winkeladvokaten, ungetreue und bestrafte kleine
Amtsleute, betrügerische Agenten, müßiggängerische Kaufleute und
Bankerottierer, verkannte Witzlinge und Sandführer verschiedener Art
saßen um ihn geschart und jubelten und sangen, als ob das tausendjährige
Reich da wäre. Aber je lustiger sie wurden, desto ernster sah Jukundus aus,
und nicht das leiseste Lächeln überflog sein trauriges Gesicht; er gedachte
der Tage, wo er auch froh gewesen und harmlos sich des Lebens gefreut,
und alles war dahin! Als nun der Wein den fröhlichen Gesellen immer mehr
die Zungen löste und die Besonnenheit ersterben ließ, fingen sie an, ihre
Schicksale und Taten zu besprechen und das Unrecht zu erzählen, das sie
erduldet. Es erhob sich jedoch da oder dort ein Widerspruch des einen
gegen den andern, oder die Auflehnung eines dritten, die Einsprache eines
vierten, die nähere Erläuterung eines fünften, woraus ein wirrer Lärm
gegenseitiger Vorwürfe und Anschuldigungen wurde und für den
unbefangenen Zuhörer sich ergab, daß es sich um ein ziemlich
ausgebreitetes und verknotetes Gewebe von geringen wenig rühmlichen
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Verrichtungen handelte, wegen welcher alle sich gegenseitig die
ausgezeichnetsten Spitzbuben schalten, und zwar in einer so künstlichen
Durch- und Überkreuzung, daß wenn man, etwa nach Art der Chladnischen
Klangfiguren, ein sichtbares Bild davon hätte machen können, dieses die
schönste Brüsseler Spitzenarbeit dargestellt hätte, oder das zierlichste
Genueser Silberfiligran, so wunderbar und mannigfaltig sind Gottes Werke.
Jukundus bemühte sich, zuerst aus Liebe, dann von Verwunderung
bewegt, das Gewebe zu verstehen und zu entwirren, und sein Gesicht wurde
immer ernsthafter, je deutlicher und gewisser ihm seine abermalige
Leichtgläubigkeit wurde. Als das bedenkliche Kreuzgespräch immer lauter
und drohender wurde und an verschiedenen Punkten in Tätlichkeiten
überging, so daß mehrere Paare sich schon an den Kehlen gepackt hielten
oder sich an den Bärten zerrten, immer hinter dem Tische sitzend, schritt
der kundige Wirt mit einem sichern Mittel ein, den ausbrechenden Sturm zu
beschwören. Er besetzte hurtig den Tisch mit einem bereit gehaltenen
zweiten Essen, welches aus groben, aber reichlichen Salatspeisen bestand,
gemacht von Ochsenfüßen, von Bohnen, Kartoffeln, Zwiebeln, Heringen
und Käse. Kaum erblickten die Streitenden diese Erquickungen, so
beruhigten sie sich und setzten sich in tiefstem Schweigen, welches nicht
eher gebrochen wurde, als bis alles aufgezehrt war.
Dann aber erfolgte eine feierliche allgemeine Versöhnung, wie nach
einem geistlichen Liebesmahl, und alle beklagten die Torheit, sich
dergestalt einander selbst angefallen zu haben, während Eintracht so nottue.
Viel besser und zweckmäßiger wäre, hieß es, wieder einmal über einen
Volksfeind und Unterdrücker Gericht zu halten und eine lustige Jagd nach
einem solchen einzuleiten. Noch mancher laufe ungebeugt und trotzig
herum oder halte sich geduckt, in der Meinung, daß das Wetter an ihm
vorübergehe. Allein Zeit sei es, ihn jetzt hervorzuziehen, und Zeit sei es,
den Schrecken zu erneuern.
Ein solches Vorgehen wurde im Grundsatz beschlossen und sodann zur
Benennung der einzelnen Opfer geschritten, welche um Glück und Ehre
gebracht werden sollten. Es waren bald zwei oder drei Namen solcher
Personen gekürt, welche diesem oder jenem aus der Gesellschaft irgend
einmal in den Weg getreten und deshalb von ihm gehaßt waren. Wie man
ausgezeichnetsten Spitzbuben schalten, und zwar in einer so künstlichen
Durch- und Überkreuzung, daß wenn man, etwa nach Art der Chladnischen
Klangfiguren, ein sichtbares Bild davon hätte machen können, dieses die
schönste Brüsseler Spitzenarbeit dargestellt hätte, oder das zierlichste
Genueser Silberfiligran, so wunderbar und mannigfaltig sind Gottes Werke.
Jukundus bemühte sich, zuerst aus Liebe, dann von Verwunderung
bewegt, das Gewebe zu verstehen und zu entwirren, und sein Gesicht wurde
immer ernsthafter, je deutlicher und gewisser ihm seine abermalige
Leichtgläubigkeit wurde. Als das bedenkliche Kreuzgespräch immer lauter
und drohender wurde und an verschiedenen Punkten in Tätlichkeiten
überging, so daß mehrere Paare sich schon an den Kehlen gepackt hielten
oder sich an den Bärten zerrten, immer hinter dem Tische sitzend, schritt
der kundige Wirt mit einem sichern Mittel ein, den ausbrechenden Sturm zu
beschwören. Er besetzte hurtig den Tisch mit einem bereit gehaltenen
zweiten Essen, welches aus groben, aber reichlichen Salatspeisen bestand,
gemacht von Ochsenfüßen, von Bohnen, Kartoffeln, Zwiebeln, Heringen
und Käse. Kaum erblickten die Streitenden diese Erquickungen, so
beruhigten sie sich und setzten sich in tiefstem Schweigen, welches nicht
eher gebrochen wurde, als bis alles aufgezehrt war.
Dann aber erfolgte eine feierliche allgemeine Versöhnung, wie nach
einem geistlichen Liebesmahl, und alle beklagten die Torheit, sich
dergestalt einander selbst angefallen zu haben, während Eintracht so nottue.
Viel besser und zweckmäßiger wäre, hieß es, wieder einmal über einen
Volksfeind und Unterdrücker Gericht zu halten und eine lustige Jagd nach
einem solchen einzuleiten. Noch mancher laufe ungebeugt und trotzig
herum oder halte sich geduckt, in der Meinung, daß das Wetter an ihm
vorübergehe. Allein Zeit sei es, ihn jetzt hervorzuziehen, und Zeit sei es,
den Schrecken zu erneuern.
Ein solches Vorgehen wurde im Grundsatz beschlossen und sodann zur
Benennung der einzelnen Opfer geschritten, welche um Glück und Ehre
gebracht werden sollten. Es waren bald zwei oder drei Namen solcher
Personen gekürt, welche diesem oder jenem aus der Gesellschaft irgend
einmal in den Weg getreten und deshalb von ihm gehaßt waren. Wie man
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aber die Art und Weise des Angriffes und die anzugreifenden Schwächen
und Vergehen der Betreffenden festsetzen wollte, wußte die Versammlung
sich nicht zu helfen, entweder weil die Erfindungsgabe nicht mehr lebendig
genug war oder weil die natürliche Klugheit der Ratschlagenden in der
späten Nachtstunde etwas Not gelitten hatte. Nachdem manches
Vergebliche und Gehaltlose vorgeschlagen und verworfen worden, rief
endlich einer: da muß das Ölweib wieder helfen, es geht nicht anders!
Jukundus, der immer aufmerksamer wurde, fragte, wer oder was das
Ölweib sei? Das sei eine alte Frau, wurde ihm erklärt, die man so nenne
nach der biblischen Witwe mit dem unerschöpflichen Ölkrüglein, weil ihr
der gute Ratschlag und die üble Nachrede so wenig ausgehe, wie jener das
Öl. Wenn man glaube, es sei gar nichts mehr über einen Menschen
vorzubringen und nachzureden, so wisse diese Frau, die in einer entlegenen
Hütte wohne, immer noch ein Tröpflein fetten Öles hervorzupressen,
denselben zu beschmutzen, und sie verstehe es, in wenig Tagen das Land
mit einem Gerüchte anzufüllen.
Jukundus anerbot sich, die Mission zu übernehmen und zu dem alten
Ölweib zu gehen, was ihm fröhlich gewährt wurde. Er ließ sich die Namen
der Opfer, welche fallen sollten, deutlich vorsagen. Es betraf, soviel ihm
bewußt war, rechtliche Leute, die noch nicht viel von sich reden gemacht,
und er schrieb sie genau und sorgfältig in sein Taschenbuch.
Hierauf bestellte er eine neue Ladung guten Wein, um die Gesellschaft zu
weiterer Redseligkeit anzufeuern, und lehnte sich seufzend zurück, um
zuzuhören.
Allein die Herren waren jetzt der ernsteren Arbeit müde und wieder mehr
zum Singen geneigt, und sie sangen mit hoher Stimme die ersten Verse aller
ihnen bekannten Lieder.
Der Saal, in welchem sie sich befanden, war groß, aber sehr niedrig und
mehr dunkel als hell, und seltsam verziert. Denn der Wirt hatte aus einem
größeren Hause eine abgelegte Tapete gekauft und seinen Saal damit
austapeziert.
Dieselbe stellte eine großmächtige und zusammenhängende
Schweizerlandschaft vor, welche um sämtliche vier Wände herumlief und
und Vergehen der Betreffenden festsetzen wollte, wußte die Versammlung
sich nicht zu helfen, entweder weil die Erfindungsgabe nicht mehr lebendig
genug war oder weil die natürliche Klugheit der Ratschlagenden in der
späten Nachtstunde etwas Not gelitten hatte. Nachdem manches
Vergebliche und Gehaltlose vorgeschlagen und verworfen worden, rief
endlich einer: da muß das Ölweib wieder helfen, es geht nicht anders!
Jukundus, der immer aufmerksamer wurde, fragte, wer oder was das
Ölweib sei? Das sei eine alte Frau, wurde ihm erklärt, die man so nenne
nach der biblischen Witwe mit dem unerschöpflichen Ölkrüglein, weil ihr
der gute Ratschlag und die üble Nachrede so wenig ausgehe, wie jener das
Öl. Wenn man glaube, es sei gar nichts mehr über einen Menschen
vorzubringen und nachzureden, so wisse diese Frau, die in einer entlegenen
Hütte wohne, immer noch ein Tröpflein fetten Öles hervorzupressen,
denselben zu beschmutzen, und sie verstehe es, in wenig Tagen das Land
mit einem Gerüchte anzufüllen.
Jukundus anerbot sich, die Mission zu übernehmen und zu dem alten
Ölweib zu gehen, was ihm fröhlich gewährt wurde. Er ließ sich die Namen
der Opfer, welche fallen sollten, deutlich vorsagen. Es betraf, soviel ihm
bewußt war, rechtliche Leute, die noch nicht viel von sich reden gemacht,
und er schrieb sie genau und sorgfältig in sein Taschenbuch.
Hierauf bestellte er eine neue Ladung guten Wein, um die Gesellschaft zu
weiterer Redseligkeit anzufeuern, und lehnte sich seufzend zurück, um
zuzuhören.
Allein die Herren waren jetzt der ernsteren Arbeit müde und wieder mehr
zum Singen geneigt, und sie sangen mit hoher Stimme die ersten Verse aller
ihnen bekannten Lieder.
Der Saal, in welchem sie sich befanden, war groß, aber sehr niedrig und
mehr dunkel als hell, und seltsam verziert. Denn der Wirt hatte aus einem
größeren Hause eine abgelegte Tapete gekauft und seinen Saal damit
austapeziert.
Dieselbe stellte eine großmächtige und zusammenhängende
Schweizerlandschaft vor, welche um sämtliche vier Wände herumlief und
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die Gebirgswelt darstellte mit Schneespitzen, Alpen, Wasserfällen und Seen.
Da aber der Saal, für welchen dieses prächtige Tapetenwerk früher
bestimmt gewesen, um die Hälfte höher war, als der Raum, in welchen es
jetzt verpflanzt worden, so hatte zugleich die Decke damit bekleidet werden
können, also daß die gewaltigen Bergriesen, nämlich die Jungfrau, der
Mönch, der Eiger und das Wetterhorn, das Schreck- und das Finsterarhorn,
sich in ihrer halben Höhe umbogen und ihre schneeigen Häupter in der
Mitte der niedrigen Zimmerdecke zusammenstießen, wo sie jedoch von
Dunst und Lampenruß etwas verdüstert waren. An der Wand hingegen
thronten die grünen Alpen mit roten und weißen Kühen besäet, weiter unten
leuchteten die blauen Seen, Schiffe fuhren darauf mit bunten Wimpeln, auf
Gasthofterrassen sah man Herren und Damen spazieren in blauen Fräcken
und gelben Röcken und mit altmodischen hohen Hüten. Auch standen
Soldaten gereiht mit weißen Hosen und schönen Tschakos; bei einer ganzen
schnurgeraden Reihe war das linke rote Wänglein ein wenig neben die
gehörige Stelle abgesetzt oder gedruckt durch den Tapetendrucker, was der
kommandierende Oberst mit seinem großen Bogenhut und ausgestrecktem
Arm eben zu mißbilligen schien; denn die halbwegs neben den leeren
Backen stehenden roten Scheibchen waren anzusehen, wie der aus der
Mondscheibe tretende Erdschatten bei einer Mondfinsternis.
Auf dem ganzen gemalten Lande herum ging jedoch in der Höhe eines
sitzenden Mannes eine dunkle Beschmutzung von den fettigen Köpfen der
Stammgäste, die sich im Verlaufe der Zeit schon daran gerieben hatten.
Plötzlich entdeckte ein bleicher Genosse, der vorzugsweise als der
Idealist bezeichnet wurde, das gemalte nächtliche Tapetenvaterland und
benutzte es sofort zu einem feurigen Trinkspruche auf das herrliche, teure,
das schöne Vaterland, das den Verein wackerer Eidgenossen hier so recht
als engere Heimat umschließe. Und da auch diese Armen im Geiste und an
Glück das Vaterland liebten, so fand er einen lauten Wiederhall und es
wurden alle bekannten Vaterlandslieder angestimmt. Nur einige ungerührte
Gesellen machten sich nichts daraus und schleuderten, da sie eben Heringe
aßen, die Heringsseelen geschickt an die ewigen Eisfirnen empor, die über
ihren Häuptern hingen, daß jene dort kleben blieben.
Hierüber murrten die andern und der ideale Redner verwies den
Übeltätern ihre gemeine Gesinnung und rief, sie hätten ihre eigenen
Da aber der Saal, für welchen dieses prächtige Tapetenwerk früher
bestimmt gewesen, um die Hälfte höher war, als der Raum, in welchen es
jetzt verpflanzt worden, so hatte zugleich die Decke damit bekleidet werden
können, also daß die gewaltigen Bergriesen, nämlich die Jungfrau, der
Mönch, der Eiger und das Wetterhorn, das Schreck- und das Finsterarhorn,
sich in ihrer halben Höhe umbogen und ihre schneeigen Häupter in der
Mitte der niedrigen Zimmerdecke zusammenstießen, wo sie jedoch von
Dunst und Lampenruß etwas verdüstert waren. An der Wand hingegen
thronten die grünen Alpen mit roten und weißen Kühen besäet, weiter unten
leuchteten die blauen Seen, Schiffe fuhren darauf mit bunten Wimpeln, auf
Gasthofterrassen sah man Herren und Damen spazieren in blauen Fräcken
und gelben Röcken und mit altmodischen hohen Hüten. Auch standen
Soldaten gereiht mit weißen Hosen und schönen Tschakos; bei einer ganzen
schnurgeraden Reihe war das linke rote Wänglein ein wenig neben die
gehörige Stelle abgesetzt oder gedruckt durch den Tapetendrucker, was der
kommandierende Oberst mit seinem großen Bogenhut und ausgestrecktem
Arm eben zu mißbilligen schien; denn die halbwegs neben den leeren
Backen stehenden roten Scheibchen waren anzusehen, wie der aus der
Mondscheibe tretende Erdschatten bei einer Mondfinsternis.
Auf dem ganzen gemalten Lande herum ging jedoch in der Höhe eines
sitzenden Mannes eine dunkle Beschmutzung von den fettigen Köpfen der
Stammgäste, die sich im Verlaufe der Zeit schon daran gerieben hatten.
Plötzlich entdeckte ein bleicher Genosse, der vorzugsweise als der
Idealist bezeichnet wurde, das gemalte nächtliche Tapetenvaterland und
benutzte es sofort zu einem feurigen Trinkspruche auf das herrliche, teure,
das schöne Vaterland, das den Verein wackerer Eidgenossen hier so recht
als engere Heimat umschließe. Und da auch diese Armen im Geiste und an
Glück das Vaterland liebten, so fand er einen lauten Wiederhall und es
wurden alle bekannten Vaterlandslieder angestimmt. Nur einige ungerührte
Gesellen machten sich nichts daraus und schleuderten, da sie eben Heringe
aßen, die Heringsseelen geschickt an die ewigen Eisfirnen empor, die über
ihren Häuptern hingen, daß jene dort kleben blieben.
Hierüber murrten die andern und der ideale Redner verwies den
Übeltätern ihre gemeine Gesinnung und rief, sie hätten ihre eigenen
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Heringsseelen dem Vaterlande ins Angesicht geschleudert und die reinen
Alpenfirnen beschmutzt. Doch jene lachten nur und riefen: »Selbst
Heringsseelen!« so daß es abermals Streit und Lärmen gab.
Jukundus legte die Arme auf den Tisch und den Kopf darauf und seufzte
tief.
Jetzt ertönte mitten in dem Tumulte die dünne Fistelstimme eines
gewesenen Gemeindesäckelmeisters, der vergeblich jenes Lied zu singen
suchte, welches Jukundus auf dem Wege zum Gesangfeste durch den Wald
gesungen hatte; endlich besann sich der Sänger auf die Schlußworte und
kreischte in schrillem Tone:
In Vaterlandes Saus und Brause,
Da ist die Freude sündenrein,
Und kehr’ ich besser nicht nach Hause,
So werd’ ich auch nicht schlechter sein!
Da erinnerte sich Jukundus des schönen und glücklichen Tages, an dem
er Justinen zum ersten Male gesehen hatte, und verbarg sein Gesicht noch
tiefer, indem er mit Mühe bittere Tränen zurückhielt.
Inzwischen gedachte auch Justine mit größerer Sehnsucht der Tage, wo
sie dem Jukundus zuerst begegnet war, und sie hätte ihn gern aufgesucht
und ihr Unrecht gut gemacht, wenn nicht immer die Verhältnisse
dazwischen getreten wären. Vorerst war sein Anschluß an die
Volksbewegung und sein besonderer Umgang mit dem verlorenen Häuflein
das Hindernis, weil ihre ganze Familie und Freundschaft auf der anderen
Seite stand und man dort nur die düstersten Anschauungen von der Sache
hegte.
Sie hatte sich daher, um ihre Gedanken zu beschäftigen und ihr Gemüt zu
befriedigen, mit erneutem Eifer dem Pfarrer und der kirchenpflegerischen
Tätigkeit hingegeben und ihr Wirken auch auf weltliche Dinge ausgedehnt.
Sie wurde Vorsteherin nach allen möglichen Richtungen hin und brauchte
jetzt viele und gute Schuhe, die sie sich stärker als früher anfertigen ließ, da
Alpenfirnen beschmutzt. Doch jene lachten nur und riefen: »Selbst
Heringsseelen!« so daß es abermals Streit und Lärmen gab.
Jukundus legte die Arme auf den Tisch und den Kopf darauf und seufzte
tief.
Jetzt ertönte mitten in dem Tumulte die dünne Fistelstimme eines
gewesenen Gemeindesäckelmeisters, der vergeblich jenes Lied zu singen
suchte, welches Jukundus auf dem Wege zum Gesangfeste durch den Wald
gesungen hatte; endlich besann sich der Sänger auf die Schlußworte und
kreischte in schrillem Tone:
In Vaterlandes Saus und Brause,
Da ist die Freude sündenrein,
Und kehr’ ich besser nicht nach Hause,
So werd’ ich auch nicht schlechter sein!
Da erinnerte sich Jukundus des schönen und glücklichen Tages, an dem
er Justinen zum ersten Male gesehen hatte, und verbarg sein Gesicht noch
tiefer, indem er mit Mühe bittere Tränen zurückhielt.
Inzwischen gedachte auch Justine mit größerer Sehnsucht der Tage, wo
sie dem Jukundus zuerst begegnet war, und sie hätte ihn gern aufgesucht
und ihr Unrecht gut gemacht, wenn nicht immer die Verhältnisse
dazwischen getreten wären. Vorerst war sein Anschluß an die
Volksbewegung und sein besonderer Umgang mit dem verlorenen Häuflein
das Hindernis, weil ihre ganze Familie und Freundschaft auf der anderen
Seite stand und man dort nur die düstersten Anschauungen von der Sache
hegte.
Sie hatte sich daher, um ihre Gedanken zu beschäftigen und ihr Gemüt zu
befriedigen, mit erneutem Eifer dem Pfarrer und der kirchenpflegerischen
Tätigkeit hingegeben und ihr Wirken auch auf weltliche Dinge ausgedehnt.
Sie wurde Vorsteherin nach allen möglichen Richtungen hin und brauchte
jetzt viele und gute Schuhe, die sie sich stärker als früher anfertigen ließ, da
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sie stets auf der Straße zu sehen war von Schule zu Schule, von Haus zu
Haus, von Sitzung zu Sitzung. Bei allen Zeremonien und Verhandlungen,
öffentlichen Vorträgen und Festlichkeiten saß sie auf den vordersten
Bänken, aber ohne daß sie Ruhe gefunden hätte oder das leiseste Lächeln
auf ihr blasses Gesicht zurückgekehrt wäre. Die Unruhe trieb sie selbst
wieder in einen musikalischen Verein, den sie seit lange verlassen, und sie
sang ernsten Gesichtes und mit wohltönender Stimme, ohne jedoch die
mindeste Fröhlichkeit zu erreichen. Der Arzt wurde sogar bedenklich und
sagte aus, der melodisch vibrierende Klang ihrer Stimme lasse auf
beginnende Brustkrankheit schließen und man müsse zusehen, daß sie sich
schone.
Alle fühlten wohl, was ihr fehle, wußten ihr aber nicht zu helfen und
wurden unversehens selber hilfsbedürftig; denn es brach eine jener
grimmigen Krisen von jenseits des Ozeans über die ganze Handelswelt
herein und erschütterte auch das Glorsche Haus, welches so fest zu stehen
schien, mit so plötzlicher Wut, daß es beinahe vernichtet wurde und nur mit
großer Not stehen blieb. Schlag auf Schlag fielen die Unglücksberichte
innerhalb weniger Wochen und machten den stolzen Menschen die Nächte
schlaflos, den Morgen zum Schrecken und die langen Tage zur
unausgesetzten Prüfung. Große Warenmassen lagen jenseits der Meere
entwertet, alle Forderungen waren so gut wie verloren und das
angesammelte Vermögen schwand von Stunde zu Stunde mit den
hochprozentigen Papieren, in welchen es angelegt war, so daß zuletzt nur
noch der Grundbesitz und einiges in alten Landestiteln bestehende
Stammvermögen vorhanden war. Aber auch dieses sollte dahingeopfert
werden, um die eigenen Verbindlichkeiten zu erfüllen, welche im
Augenblicke des Sturmes bei dem großen Verkehre gerade bestanden.
Die Männer rechneten und sprachen miteinander bleich und still Tage
und Nächte lang, und die Hausordnung schien erstarrt zu sein. Die
Dienstboten arbeiteten ohne Befehl und bereiteten das Essen, aber niemand
aß oder wußte, was er aß. Die Uhren liefen ab und wurden kummervoll
aufgezogen, nachdem sie tagelang still gestanden. Die Zeit mußte dann
zusammengesucht werden, wie man in der Finsternis ein Lichtlein am
andern anzündet, um sehen zu können. Einige junge Kätzchen, welche bis
zum Tage des Unglücks der Zeitvertreib und das Spiel von alt und jung
gewesen waren, wurden plötzlich gar nicht mehr gesehen und zogen sich
Haus, von Sitzung zu Sitzung. Bei allen Zeremonien und Verhandlungen,
öffentlichen Vorträgen und Festlichkeiten saß sie auf den vordersten
Bänken, aber ohne daß sie Ruhe gefunden hätte oder das leiseste Lächeln
auf ihr blasses Gesicht zurückgekehrt wäre. Die Unruhe trieb sie selbst
wieder in einen musikalischen Verein, den sie seit lange verlassen, und sie
sang ernsten Gesichtes und mit wohltönender Stimme, ohne jedoch die
mindeste Fröhlichkeit zu erreichen. Der Arzt wurde sogar bedenklich und
sagte aus, der melodisch vibrierende Klang ihrer Stimme lasse auf
beginnende Brustkrankheit schließen und man müsse zusehen, daß sie sich
schone.
Alle fühlten wohl, was ihr fehle, wußten ihr aber nicht zu helfen und
wurden unversehens selber hilfsbedürftig; denn es brach eine jener
grimmigen Krisen von jenseits des Ozeans über die ganze Handelswelt
herein und erschütterte auch das Glorsche Haus, welches so fest zu stehen
schien, mit so plötzlicher Wut, daß es beinahe vernichtet wurde und nur mit
großer Not stehen blieb. Schlag auf Schlag fielen die Unglücksberichte
innerhalb weniger Wochen und machten den stolzen Menschen die Nächte
schlaflos, den Morgen zum Schrecken und die langen Tage zur
unausgesetzten Prüfung. Große Warenmassen lagen jenseits der Meere
entwertet, alle Forderungen waren so gut wie verloren und das
angesammelte Vermögen schwand von Stunde zu Stunde mit den
hochprozentigen Papieren, in welchen es angelegt war, so daß zuletzt nur
noch der Grundbesitz und einiges in alten Landestiteln bestehende
Stammvermögen vorhanden war. Aber auch dieses sollte dahingeopfert
werden, um die eigenen Verbindlichkeiten zu erfüllen, welche im
Augenblicke des Sturmes bei dem großen Verkehre gerade bestanden.
Die Männer rechneten und sprachen miteinander bleich und still Tage
und Nächte lang, und die Hausordnung schien erstarrt zu sein. Die
Dienstboten arbeiteten ohne Befehl und bereiteten das Essen, aber niemand
aß oder wußte, was er aß. Die Uhren liefen ab und wurden kummervoll
aufgezogen, nachdem sie tagelang still gestanden. Die Zeit mußte dann
zusammengesucht werden, wie man in der Finsternis ein Lichtlein am
andern anzündet, um sehen zu können. Einige junge Kätzchen, welche bis
zum Tage des Unglücks der Zeitvertreib und das Spiel von alt und jung
gewesen waren, wurden plötzlich gar nicht mehr gesehen und zogen sich
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mit ihren kleinen Sprüngen schüchtern in einen Winkel zurück, und als
nach geraumer Zeit einige Seelenruhe wieder in das Haus gekommen war,
wunderten sich alle, daß die Katzen unter ihren Augen auf einmal groß
geworden seien.
Als es hieß, daß, wenn die Ehre des Hauses gerettet und alle Schulden
bezahlt sein werden, nicht eines Talers Wert mehr im Besitze der Familie
bleibe und sie, gänzlich verarmt, von neuem anfangen müßten, stand die
Frau Gertrud, die Stauffacherin, und schlotterte an ihrem ganzen Leibe; sie
mußte niedersitzen.
Justine dagegen, Schreck und Furcht vor der Armut im Herzen, faßte
sogleich Gedanken der Selbsthilfe. Sie wollte mit ihren Kenntnissen
augenblicklich in die Welt hinaus und nicht nur sich selbst, sondern auch
Vater und Mutter erhalten, und sie entwarf abenteuerliche Pläne mit
fiebriger Hast.
Allein nun trat die Mutter wiederum auf und erklärte, daß sie einen guten
Teil des Vermögens als Weibergut beanspruche, um das Haus zu retten und
ein ferneres Bestehen möglich zu machen. Die Männer sollen mit den
Gläubigern ein Abkommen treffen, wie das fast an allen Orten jetzt
geschehe.
Die Männer schüttelten finster die Köpfe und sagten, das könnten und
wollten sie nicht tun; lieber wollen sie arm werden und auswandern und in
anderm Lande Tag und Nacht arbeiten, um wieder zu etwas zu kommen.
Doch die Stauffacherin hatte jetzt ihre Kraft und Beredsamkeit wieder
gewonnen; sie bestand auf ihrer Meinung und zeigte an mehreren
Beispielen, wie durch solch ein besonnenes Verfahren der Sturm
überstanden, die Zukunft gerettet und später auch jede billige Verpflichtung
noch gelöst und zu Ehren gezogen worden sei.
Alles dieses war gewissermaßen noch das Geheimnis des Hauses. Die
vielen Arbeiter kamen nach wie vor mit ihren Geweben und Gespinsten und
erhielten ihren Lohn und neue Arbeit, weil jede Entschließung angstvoll
hinausgeschoben wurde. Mit jedem Tage längerer Zögerung wankten die
Männer mehr in ihrem Vorsatze strenger Pflichterfüllung, bei welcher sie
als wahrhaft Freie vor niemandem die Augen niederzuschlagen brauchten.
nach geraumer Zeit einige Seelenruhe wieder in das Haus gekommen war,
wunderten sich alle, daß die Katzen unter ihren Augen auf einmal groß
geworden seien.
Als es hieß, daß, wenn die Ehre des Hauses gerettet und alle Schulden
bezahlt sein werden, nicht eines Talers Wert mehr im Besitze der Familie
bleibe und sie, gänzlich verarmt, von neuem anfangen müßten, stand die
Frau Gertrud, die Stauffacherin, und schlotterte an ihrem ganzen Leibe; sie
mußte niedersitzen.
Justine dagegen, Schreck und Furcht vor der Armut im Herzen, faßte
sogleich Gedanken der Selbsthilfe. Sie wollte mit ihren Kenntnissen
augenblicklich in die Welt hinaus und nicht nur sich selbst, sondern auch
Vater und Mutter erhalten, und sie entwarf abenteuerliche Pläne mit
fiebriger Hast.
Allein nun trat die Mutter wiederum auf und erklärte, daß sie einen guten
Teil des Vermögens als Weibergut beanspruche, um das Haus zu retten und
ein ferneres Bestehen möglich zu machen. Die Männer sollen mit den
Gläubigern ein Abkommen treffen, wie das fast an allen Orten jetzt
geschehe.
Die Männer schüttelten finster die Köpfe und sagten, das könnten und
wollten sie nicht tun; lieber wollen sie arm werden und auswandern und in
anderm Lande Tag und Nacht arbeiten, um wieder zu etwas zu kommen.
Doch die Stauffacherin hatte jetzt ihre Kraft und Beredsamkeit wieder
gewonnen; sie bestand auf ihrer Meinung und zeigte an mehreren
Beispielen, wie durch solch ein besonnenes Verfahren der Sturm
überstanden, die Zukunft gerettet und später auch jede billige Verpflichtung
noch gelöst und zu Ehren gezogen worden sei.
Alles dieses war gewissermaßen noch das Geheimnis des Hauses. Die
vielen Arbeiter kamen nach wie vor mit ihren Geweben und Gespinsten und
erhielten ihren Lohn und neue Arbeit, weil jede Entschließung angstvoll
hinausgeschoben wurde. Mit jedem Tage längerer Zögerung wankten die
Männer mehr in ihrem Vorsatze strenger Pflichterfüllung, bei welcher sie
als wahrhaft Freie vor niemandem die Augen niederzuschlagen brauchten.
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Schon war die Stauffacherin im Begriffe, obzusiegen und in der festen
Überzeugung, daß sie nur im besten Rechte handle, denn sie besaß ein
Weibergut; da stiegen aber die Alten vom Berge herunter, der Ehgaumer
und seine Frau, um gegen die Machenschaft aufzutreten und sie zu
verhindern. Der Alte konnte nicht sprechen, weil er von dem den Kindern
widerfahrenen Unheil, selber stark am Besitze hängend, angegriffen war. Er
setzte sich hustend auf einen Stuhl und hieß die Alte reden.
Diese legte ein Bündel vergilbter Pfandbriefe auf den Tisch und sagte, da
brächten sie, die Alten, was sie erhauset, um den guten Namen retten zu
helfen; aber es müßten alle Schulden bezahlt werden und keine
Machenschaft mit dem Frauenvermögen dürfe stattfinden. Sie sprach mit so
beredten und starken Worten, daß sie in ihrer weißen Zipfelhaube die wahre
Stauffacherin zu sein schien und die letztere sich weinend ans Fenster
stellte.
Solcher Kleinmut wurde ihr von der Alten verwiesen, die aber
gleichzeitig bemerkte, daß in dem wohleingerichteten Zimmer, wo die
ganze Familie sich eben befand, das Klavier und die Spiegeltische mit
Staub bedeckt waren; und unverweilt begann sie, denselben mit ihrem
Schnupftuche abzuwischen.
Die Familie entschloß sich zu der strengen, gegen sich selbst harten
Handlungsweise und blieb in Frieden und Ansehen. Der freie Grundbesitz
wurde verpfändet und der Geschäftsverkehr nicht unterbrochen; allein zur
Zeit waren alle Glieder des Hauses arm, wie die Kirchenmäuse, und keines
hatte einen Franken für etwas Unnötiges oder für eine Liebhaberei
auszugeben.
So fiel auch die Vorsteherschaft und der Glanz Justinens in Kirche und
Gesellschaft dahin und sie hielt sich still und beschämt im verborgenen. Sie
ertrug aber diese gänzliche Mittellosigkeit nicht und verschaffte sich im
geheimen, nach Art verarmter Frauen aus der oberen Schicht, allerlei feine
weibliche Handarbeit, um einiges Taschengeld zu verdienen. Sie wußte
dabei nicht, daß sie der ganz hilflosen Witwe, der verlassenen Waise, die
sich auf gleiche Weise kümmerlich nährte, das Brot vor dem Munde
wegnahm, um ihrem Triebe nach Besitz genug zu tun. Je merklicher sich
die bescheidenen Geldsümmchen vermehrten, welche sie so erwarb, desto
Überzeugung, daß sie nur im besten Rechte handle, denn sie besaß ein
Weibergut; da stiegen aber die Alten vom Berge herunter, der Ehgaumer
und seine Frau, um gegen die Machenschaft aufzutreten und sie zu
verhindern. Der Alte konnte nicht sprechen, weil er von dem den Kindern
widerfahrenen Unheil, selber stark am Besitze hängend, angegriffen war. Er
setzte sich hustend auf einen Stuhl und hieß die Alte reden.
Diese legte ein Bündel vergilbter Pfandbriefe auf den Tisch und sagte, da
brächten sie, die Alten, was sie erhauset, um den guten Namen retten zu
helfen; aber es müßten alle Schulden bezahlt werden und keine
Machenschaft mit dem Frauenvermögen dürfe stattfinden. Sie sprach mit so
beredten und starken Worten, daß sie in ihrer weißen Zipfelhaube die wahre
Stauffacherin zu sein schien und die letztere sich weinend ans Fenster
stellte.
Solcher Kleinmut wurde ihr von der Alten verwiesen, die aber
gleichzeitig bemerkte, daß in dem wohleingerichteten Zimmer, wo die
ganze Familie sich eben befand, das Klavier und die Spiegeltische mit
Staub bedeckt waren; und unverweilt begann sie, denselben mit ihrem
Schnupftuche abzuwischen.
Die Familie entschloß sich zu der strengen, gegen sich selbst harten
Handlungsweise und blieb in Frieden und Ansehen. Der freie Grundbesitz
wurde verpfändet und der Geschäftsverkehr nicht unterbrochen; allein zur
Zeit waren alle Glieder des Hauses arm, wie die Kirchenmäuse, und keines
hatte einen Franken für etwas Unnötiges oder für eine Liebhaberei
auszugeben.
So fiel auch die Vorsteherschaft und der Glanz Justinens in Kirche und
Gesellschaft dahin und sie hielt sich still und beschämt im verborgenen. Sie
ertrug aber diese gänzliche Mittellosigkeit nicht und verschaffte sich im
geheimen, nach Art verarmter Frauen aus der oberen Schicht, allerlei feine
weibliche Handarbeit, um einiges Taschengeld zu verdienen. Sie wußte
dabei nicht, daß sie der ganz hilflosen Witwe, der verlassenen Waise, die
sich auf gleiche Weise kümmerlich nährte, das Brot vor dem Munde
wegnahm, um ihrem Triebe nach Besitz genug zu tun. Je merklicher sich
die bescheidenen Geldsümmchen vermehrten, welche sie so erwarb, desto
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eifriger und fleißiger war sie bei der Arbeit, die sie mit ihrer Energie und
Geschicklichkeit in beträchtlicher Menge an sich zog und bewältigte, also
daß die Leute, welche die Ware bestellten und verkauften, ihr von derselben
kaum genug zuwenden konnten und sie anderen entziehen mußten.
Die unausgesetzte Beschäftigung war ihr umso lieber, als sie während der
Arbeit ihren schweren Gedanken entweder nachhängen oder dieselben
zerstreuen, die schwachen Hoffnungen auf ein wiederkehrendes Glück
erwägen konnte. Die Mutter war mit im Geheimnis; sie hatte in ihrem
Stolze zuerst dagegen angekämpft; doch als sie in Justinens Erwerb für sich
selbst auch die Mittel fand, manche Nebenausgabe zu bestreiten, für die sie
die Kasse der ängstlich und verdrossen arbeitenden Männer nicht mehr
anzusprechen wagte, fügte sie sich leicht dem Sinne der Tochter.
Allein Vater und Brüder wurden endlich aufmerksam; sie wunderten sich,
wo die vielen Stickereien und Strickarbeiten eigentlich blieben, die
unaufhörlich zu stande kamen und gerieten schließlich hinter das
Geheimnis. Nun wollten sie aber, während sie sich alle Entbehrungen
auferlegten und ihre Wagen, Luxuspferde und dergleichen alles verkauft
hatten, doch nicht für Leute gelten, die nicht mehr vermöchten, ein paar
Weiber zu erhalten, und fanden es ungehörig, daß diese selber um
Handarbeit ausgingen, indessen arme Arbeiterinnen solche im Hause
suchten und fanden.
Die Sache wurde daher mit Entschiedenheit unterdrückt, Justine
angewiesen, für ihre Bedürfnisse, wie früher, das Nötige zu verlangen und
sich keinen Zwang anzutun; denn sie wisse ja, daß sie um diesen Preis nicht
feil sei. Justine jedoch konnte in ihrem gefangenen Sinn nicht über die
Frage hinwegkommen. Sie verfiel immer mehr in die kranke Sucht nach
Selbständigkeit, welche die Frauen dieser Zeit durchfiebert wegen der
etwelchen Unsicherheit, in welcher die Männer die Welt halten. Sie grübelte
und brütete und entwarf zuletzt den Plan, anderwärts als Lehrerin ein
Unterkommen zu suchen. Wenn sie dabei an die Hauptstadt mit ihren
zahlreichen Schulanstalten dachte, so wirkte die stille Hoffnung mit, dort
eher ihrem Manne wieder begegnen zu können als im Elternhause, wo jetzt
härter über ihn geurteilt wurde als früher, obwohl bekannt war, daß es ihm
nun gut gehe.
Geschicklichkeit in beträchtlicher Menge an sich zog und bewältigte, also
daß die Leute, welche die Ware bestellten und verkauften, ihr von derselben
kaum genug zuwenden konnten und sie anderen entziehen mußten.
Die unausgesetzte Beschäftigung war ihr umso lieber, als sie während der
Arbeit ihren schweren Gedanken entweder nachhängen oder dieselben
zerstreuen, die schwachen Hoffnungen auf ein wiederkehrendes Glück
erwägen konnte. Die Mutter war mit im Geheimnis; sie hatte in ihrem
Stolze zuerst dagegen angekämpft; doch als sie in Justinens Erwerb für sich
selbst auch die Mittel fand, manche Nebenausgabe zu bestreiten, für die sie
die Kasse der ängstlich und verdrossen arbeitenden Männer nicht mehr
anzusprechen wagte, fügte sie sich leicht dem Sinne der Tochter.
Allein Vater und Brüder wurden endlich aufmerksam; sie wunderten sich,
wo die vielen Stickereien und Strickarbeiten eigentlich blieben, die
unaufhörlich zu stande kamen und gerieten schließlich hinter das
Geheimnis. Nun wollten sie aber, während sie sich alle Entbehrungen
auferlegten und ihre Wagen, Luxuspferde und dergleichen alles verkauft
hatten, doch nicht für Leute gelten, die nicht mehr vermöchten, ein paar
Weiber zu erhalten, und fanden es ungehörig, daß diese selber um
Handarbeit ausgingen, indessen arme Arbeiterinnen solche im Hause
suchten und fanden.
Die Sache wurde daher mit Entschiedenheit unterdrückt, Justine
angewiesen, für ihre Bedürfnisse, wie früher, das Nötige zu verlangen und
sich keinen Zwang anzutun; denn sie wisse ja, daß sie um diesen Preis nicht
feil sei. Justine jedoch konnte in ihrem gefangenen Sinn nicht über die
Frage hinwegkommen. Sie verfiel immer mehr in die kranke Sucht nach
Selbständigkeit, welche die Frauen dieser Zeit durchfiebert wegen der
etwelchen Unsicherheit, in welcher die Männer die Welt halten. Sie grübelte
und brütete und entwarf zuletzt den Plan, anderwärts als Lehrerin ein
Unterkommen zu suchen. Wenn sie dabei an die Hauptstadt mit ihren
zahlreichen Schulanstalten dachte, so wirkte die stille Hoffnung mit, dort
eher ihrem Manne wieder begegnen zu können als im Elternhause, wo jetzt
härter über ihn geurteilt wurde als früher, obwohl bekannt war, daß es ihm
nun gut gehe.
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Kaum war dieser Entschluß gefaßt, so zögerte sie nicht, ihn auszuführen,
und begab sich zu dem Pfarrer, um dessen Rat und Vermittlung zu finden.
Erst auf dem Wege nach dem Pfarrhof fiel ihr ein und auf, daß der geistliche
Herr, der sonst ein Freund des Hauses gewesen, seit dem Unfall, der es
betroffen, nie mehr in demselben erschienen war, daß er auch niemandem
gemangelt und niemand daran gedacht hatte, sich ihm mitzuteilen und
seinen Trost zu hören.
Eine fröstelnde Empfindung durchschauerte sie, als sie ferner plötzlich
bedachte, daß sie selber seit mehreren Monaten nicht mehr in der von ihr
geschmückten Kirche gewesen sei. Sie stand still und suchte sich den
seltsamen Zustand zurechtzulegen, aber es gelang ihr nicht in der
Schnelligkeit. Umso rascher eilte sie wieder vorwärts, wie um Licht zu
gewinnen.
Im Pfarrgarten traf sie die Gattin des Geistlichen, eine unbeachtete Frau,
welche gelassen Petersilie pflückte, und vernahm von ihr, daß er soeben
vom Besuche eines Sterbenden zurückgekehrt sei und etwas unwohl
scheine. Doch möge Justine nur hinaufgehen, ihr Besuch werde ihn gewiß
freuen. Unverweilt eilte sie nach seinem Studierzimmer und trat, wie sie
gewohnt war, nach kräftigem Klopfen rasch ein.
Er saß erschöpft und bleich in seinem Lehnstuhl und stützte den Kopf auf
die Hand. Als er sich wandte und aufstand, schien er ihr auch abgemagert
und leidend zu sein.
»Sie sehen,« sagte der Pfarrherr, nachdem er Justinen begrüßt, »daß ich
auch nicht in guten Schuhen stecke, und das mag Ihnen erklären, warum ich
mich so lange nicht habe blicken lassen. Ich bin in der Tat, mehr als Sie
denken, im gleichen Spitale krank, wie Sie und die Ihrigen!«
Als Justine sich verwundert eine deutlichere Auskunft erbat, fuhr er fort:
»Ich habe reich werden wollen und habe daher im Umgange mit den
Ihrigen, in Ihrem Hause, gelauscht und mir gemerkt, auf welcherlei Weise
die Vermögenssummen dort verwendet werden; ich habe mir die
Handelspapiere aufgeschrieben, von welchen der größte Gewinn erwartet
wurde, und ich habe die Operationen, die ich machen sah, im geheimen
nachgeäfft mit dem mäßigen Vermögen meiner Frau, und als ich ahnte, daß
das Haus Glor erschüttert war, wußte ich zugleich, daß ich selbst alles
und begab sich zu dem Pfarrer, um dessen Rat und Vermittlung zu finden.
Erst auf dem Wege nach dem Pfarrhof fiel ihr ein und auf, daß der geistliche
Herr, der sonst ein Freund des Hauses gewesen, seit dem Unfall, der es
betroffen, nie mehr in demselben erschienen war, daß er auch niemandem
gemangelt und niemand daran gedacht hatte, sich ihm mitzuteilen und
seinen Trost zu hören.
Eine fröstelnde Empfindung durchschauerte sie, als sie ferner plötzlich
bedachte, daß sie selber seit mehreren Monaten nicht mehr in der von ihr
geschmückten Kirche gewesen sei. Sie stand still und suchte sich den
seltsamen Zustand zurechtzulegen, aber es gelang ihr nicht in der
Schnelligkeit. Umso rascher eilte sie wieder vorwärts, wie um Licht zu
gewinnen.
Im Pfarrgarten traf sie die Gattin des Geistlichen, eine unbeachtete Frau,
welche gelassen Petersilie pflückte, und vernahm von ihr, daß er soeben
vom Besuche eines Sterbenden zurückgekehrt sei und etwas unwohl
scheine. Doch möge Justine nur hinaufgehen, ihr Besuch werde ihn gewiß
freuen. Unverweilt eilte sie nach seinem Studierzimmer und trat, wie sie
gewohnt war, nach kräftigem Klopfen rasch ein.
Er saß erschöpft und bleich in seinem Lehnstuhl und stützte den Kopf auf
die Hand. Als er sich wandte und aufstand, schien er ihr auch abgemagert
und leidend zu sein.
»Sie sehen,« sagte der Pfarrherr, nachdem er Justinen begrüßt, »daß ich
auch nicht in guten Schuhen stecke, und das mag Ihnen erklären, warum ich
mich so lange nicht habe blicken lassen. Ich bin in der Tat, mehr als Sie
denken, im gleichen Spitale krank, wie Sie und die Ihrigen!«
Als Justine sich verwundert eine deutlichere Auskunft erbat, fuhr er fort:
»Ich habe reich werden wollen und habe daher im Umgange mit den
Ihrigen, in Ihrem Hause, gelauscht und mir gemerkt, auf welcherlei Weise
die Vermögenssummen dort verwendet werden; ich habe mir die
Handelspapiere aufgeschrieben, von welchen der größte Gewinn erwartet
wurde, und ich habe die Operationen, die ich machen sah, im geheimen
nachgeäfft mit dem mäßigen Vermögen meiner Frau, und als ich ahnte, daß
das Haus Glor erschüttert war, wußte ich zugleich, daß ich selbst alles
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verloren und das Erbe meiner Gattin und ihrer Kinder vergeudet und
verspielt hatte. Sie weiß es noch nicht und ich darf es niemandem sagen,
wenn ich nicht meinen Stand verunehren will. Aber Ihnen gegenüber, da Sie
mir so unversehens erscheinen, drängt es mich zur Offenheit!«
Justine war erschrocken; dieser neue Verlust machte ihr aufrichtigen
Ärger und Verdruß, und sie sagte daher etwas unwillig: »Aber was in aller
Welt hat Sie denn gezwungen, in Handelsgeschäften zu wagen, da Sie ein
Pfarramt und Einkommen besitzen?«
»Ich habe Ihnen gesagt,« erwiderte der Pfarrer mit Traurigkeit, »daß ich
meinen Stand nicht bloßstellen dürfe durch das Eingestehen meiner
lasterhaften Torheit, und ich gehöre diesem Stande innerlich nicht einmal
mehr an, ich habe ihn verlassen und darum reich werden wollen, um
unabhängig leben zu können! Nach jenem Unglücksabend, an welchem ich
hier mit Ihrem Manne gestritten hatte, war mir ein Stachel im Herzen
geblieben, den ich vergeblich hinausreden und wegtrotzen wollte. Ich sah,
wie Jukundus bei allem Un- und Mißgeschick religiös so unbeirrt und
unbescholten dahin wandelte, und ich konnte nicht umhin, alles zu
überdenken und zu prüfen, was ich leider mit Beziehung auf die sittliche
Seite der Sache in Ansehung des eigenen Herzens seit Jahren nicht mehr
getan hatte. Ich fand, daß ich nicht religiös oder christlich mehr lebe und
kein Priester mehr sei!
»Ich mußte mir gestehen, daß ich jahraus, jahrein, sobald ich allein war,
nicht den leisesten Trieb fühlte, des gekreuzigten Mannes zu gedenken,
dessen Namen mein Lebensberuf trug und der mich ernährte, daß mein
Herz und alle meine Sinne nur an der Welt und ihren Annehmlichkeiten,
wenn Sie wollen, auch an ihren Mühen und Pflichten hing, aber ohne daß
der leiseste Schauer eigener persönlicher Andacht, die geringste Furcht vor
dem, den wir handwerksmäßig als unsern Herren und Erlöser verkündeten,
an mich herantrat, sei es Tag oder Nacht gewesen.
»Ja, wenn ich zuweilen noch, ohne vom Berufe dazu veranlaßt zu sein,
der von mir für so geheiligt ausgegebenen Person Christi in der Einsamkeit
gedachte, so geschah es mehr mit dem hochmütigen Sinn eines
Schutzherrn, der sich etwa eines armen Teufels annimmt und ihm im
Vertrauen sagt: »Lieber, du machst mir viele Mühe!«
verspielt hatte. Sie weiß es noch nicht und ich darf es niemandem sagen,
wenn ich nicht meinen Stand verunehren will. Aber Ihnen gegenüber, da Sie
mir so unversehens erscheinen, drängt es mich zur Offenheit!«
Justine war erschrocken; dieser neue Verlust machte ihr aufrichtigen
Ärger und Verdruß, und sie sagte daher etwas unwillig: »Aber was in aller
Welt hat Sie denn gezwungen, in Handelsgeschäften zu wagen, da Sie ein
Pfarramt und Einkommen besitzen?«
»Ich habe Ihnen gesagt,« erwiderte der Pfarrer mit Traurigkeit, »daß ich
meinen Stand nicht bloßstellen dürfe durch das Eingestehen meiner
lasterhaften Torheit, und ich gehöre diesem Stande innerlich nicht einmal
mehr an, ich habe ihn verlassen und darum reich werden wollen, um
unabhängig leben zu können! Nach jenem Unglücksabend, an welchem ich
hier mit Ihrem Manne gestritten hatte, war mir ein Stachel im Herzen
geblieben, den ich vergeblich hinausreden und wegtrotzen wollte. Ich sah,
wie Jukundus bei allem Un- und Mißgeschick religiös so unbeirrt und
unbescholten dahin wandelte, und ich konnte nicht umhin, alles zu
überdenken und zu prüfen, was ich leider mit Beziehung auf die sittliche
Seite der Sache in Ansehung des eigenen Herzens seit Jahren nicht mehr
getan hatte. Ich fand, daß ich nicht religiös oder christlich mehr lebe und
kein Priester mehr sei!
»Ich mußte mir gestehen, daß ich jahraus, jahrein, sobald ich allein war,
nicht den leisesten Trieb fühlte, des gekreuzigten Mannes zu gedenken,
dessen Namen mein Lebensberuf trug und der mich ernährte, daß mein
Herz und alle meine Sinne nur an der Welt und ihren Annehmlichkeiten,
wenn Sie wollen, auch an ihren Mühen und Pflichten hing, aber ohne daß
der leiseste Schauer eigener persönlicher Andacht, die geringste Furcht vor
dem, den wir handwerksmäßig als unsern Herren und Erlöser verkündeten,
an mich herantrat, sei es Tag oder Nacht gewesen.
»Ja, wenn ich zuweilen noch, ohne vom Berufe dazu veranlaßt zu sein,
der von mir für so geheiligt ausgegebenen Person Christi in der Einsamkeit
gedachte, so geschah es mehr mit dem hochmütigen Sinn eines
Schutzherrn, der sich etwa eines armen Teufels annimmt und ihm im
Vertrauen sagt: »Lieber, du machst mir viele Mühe!«
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»Ich empfand endlich, daß ich ein beifallsdurstiger Wohlredner und
Schwätzer geworden sei, ohne es zu merken; daß ich, wenn ich nicht den
goldenen Schlüssel eines wirklichen jenseitigen Gotteswortes besaß, vom
Geheimnis meines Nebenmenschen nicht mehr verstand und nicht mehr
Gewalt über sein Gemüt hatte, als ein Kind, ja, daß ich wegen der
Halbwahrheit und des Doppelsinns meiner Worte auch einem Kinde
gegenüber in schlimmer Lage war.
»Ich fing an, mich des gedankenlosen Beifalls zu schämen, der mir
entgegengetragen wurde; dazu war es mir des Handwerks wegen
unmöglich, meine Gedanken für mein stilles Inneres, für den eigenen
Frieden zu ordnen, weil sich das mit der lauten Gewaltsamkeit und den
Anforderungen des Standes nicht vertrug, und darum wollte ich ihn
verlassen und meinen fadenscheinigen Reformatorenrock an den Nagel
hängen.
»Das ist mir nun unmöglich geworden, wenigstens für jetzt, weil ich
mich, indem ich auf dem Wege des Reichtums fliehen wollte, sogar der
Mittel beraubt habe, eine nährende Existenz mit einiger Sicherheit zu
gründen.«
Justine saß wie versteinert; sie war gekommen, Rat und Beistand zu
holen, und sah wieder eine Stütze, einen Lebensinhalt dahinsinken; denn
wie ein Blitz leuchtete es in sie hinein, wie es mit diesen Dingen stand und
warum sie selbst im Unglück ihre bunte Kirche nicht gesucht hatte. Eine
bittere Qual stieg in ihrer arbeitenden Brust auf; aber sie konnte derselben
nicht nachgeben, weil ein noch stärkeres Mitgefühl jetzt gefordert wurde,
als der Geistliche in Tränen ausbrach und sagte:
»Heute ist mir nun das Äußerste widerfahren, ich bin von einem
Sterbebette hinweggewiesen worden! Eine zähe Greisin ringt seit vielen
Stunden mit dem Tode, welche eigensinnig alle ihre Kinder wiederzusehen
hofft, besonders ihren im Elend gestorbenen ältesten Sohn. Ich komme hin,
voll Sorgen und zerstreut, und halte, indem ich mich anschicke, meine
selbstverfaßten, wie Sie wissen, etwas pantheistisch klingenden
Sterbegebete zu verrichten, auf ihre an mich gerichteten Fragen nach der
Gewißheit des ewigen Lebens haltlose, unsichere Reden, so daß die
Sterbende mir den Rücken kehrt und die Umstehenden, vom Arzte
Schwätzer geworden sei, ohne es zu merken; daß ich, wenn ich nicht den
goldenen Schlüssel eines wirklichen jenseitigen Gotteswortes besaß, vom
Geheimnis meines Nebenmenschen nicht mehr verstand und nicht mehr
Gewalt über sein Gemüt hatte, als ein Kind, ja, daß ich wegen der
Halbwahrheit und des Doppelsinns meiner Worte auch einem Kinde
gegenüber in schlimmer Lage war.
»Ich fing an, mich des gedankenlosen Beifalls zu schämen, der mir
entgegengetragen wurde; dazu war es mir des Handwerks wegen
unmöglich, meine Gedanken für mein stilles Inneres, für den eigenen
Frieden zu ordnen, weil sich das mit der lauten Gewaltsamkeit und den
Anforderungen des Standes nicht vertrug, und darum wollte ich ihn
verlassen und meinen fadenscheinigen Reformatorenrock an den Nagel
hängen.
»Das ist mir nun unmöglich geworden, wenigstens für jetzt, weil ich
mich, indem ich auf dem Wege des Reichtums fliehen wollte, sogar der
Mittel beraubt habe, eine nährende Existenz mit einiger Sicherheit zu
gründen.«
Justine saß wie versteinert; sie war gekommen, Rat und Beistand zu
holen, und sah wieder eine Stütze, einen Lebensinhalt dahinsinken; denn
wie ein Blitz leuchtete es in sie hinein, wie es mit diesen Dingen stand und
warum sie selbst im Unglück ihre bunte Kirche nicht gesucht hatte. Eine
bittere Qual stieg in ihrer arbeitenden Brust auf; aber sie konnte derselben
nicht nachgeben, weil ein noch stärkeres Mitgefühl jetzt gefordert wurde,
als der Geistliche in Tränen ausbrach und sagte:
»Heute ist mir nun das Äußerste widerfahren, ich bin von einem
Sterbebette hinweggewiesen worden! Eine zähe Greisin ringt seit vielen
Stunden mit dem Tode, welche eigensinnig alle ihre Kinder wiederzusehen
hofft, besonders ihren im Elend gestorbenen ältesten Sohn. Ich komme hin,
voll Sorgen und zerstreut, und halte, indem ich mich anschicke, meine
selbstverfaßten, wie Sie wissen, etwas pantheistisch klingenden
Sterbegebete zu verrichten, auf ihre an mich gerichteten Fragen nach der
Gewißheit des ewigen Lebens haltlose, unsichere Reden, so daß die
Sterbende mir den Rücken kehrt und die Umstehenden, vom Arzte
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unterstützt, mich zur Seite führen und leise ersuchen, meine seelsorgerische
Funktion hier einzustellen.«
Diesen Vorgang erzählte der Pfarrer mit abgebrochenen Worten und
bedeckte am Schlusse das Gesicht mit seinem Taschentuche. Er war so
erschüttert, weil keiner auch von einer unbeliebten Berufsart sich gerne
nachsagen läßt, daß er sie nicht nach den Regeln der Kunst auszuüben
verstehe.
Auf die entsetzte Justine machte die Szene einen Eindruck, als ob sie
einen Berg einstürzen sähe. Was ihr einen felsenfesten Bestand zu haben
schien, sah sie wanken und vergehen mit dem Selbstvertrauen dieses
Priesters und beim Anblick seiner Tempelflucht. Sie empfand wohl die
drückende Wucht, welche in dem unscheinbaren, noch verborgenen
Vorgang lag, der da, dort, an hundert Punkten vielleicht bald sich
wiederholte, aber sie verstand dessen allgemeine Bedeutung nicht und
fühlte nur den schmerzlichen Druck.
Verwirrt, ratlos ging sie fort, ohne ihr Anliegen, das sie hergeführt,
vorzubringen oder den Pfarrer mit Trostreden beruhigen zu wollen. Erst auf
der Straße, je mehr sie die Äußerungen des Geistlichen überdachte und mit
frühern vereinzelten Worten und Vorfallenheiten zusammenhielt, fing es sie
recht an zu frieren. Sie ward inne, daß sie zunächst keine Kirche mehr hatte,
und in ihrem Frauensinne, durch die Macht der Gewohnheit wurde es ihr zu
Mut wie einer verirrten Biene, welche in der kalten Herbstnacht über
endlosen Meereswellen schwebt. Vom Manne verlassen, das Gut verloren,
und nun auch noch ohne kirchliche Gemeinschaft: das alles zusammen
schien ihr einer fast ehrlos machenden Ächtung gleich zu kommen.
Die Kirchenlosigkeit, so äußerlich ihre Kirchlichkeit gewesen, schien ihr
alle übrige Mißwende einzuschließen und zu besiegeln, und
merkwürdigerweise glaubte sie jetzt dem Pfarrer aufs erste Wort, daß nichts
in seinem Tabernakel sei, während sie ihres Mannes Anschauungen nie
hatte annehmen wollen, eben weil er keine geistliche Autorität für sie besaß.
Sie wandelte lautlos nach Hause, nahm dort, um die nächste Stunde
zuzubringen und auszufüllen, ein Strickzeug und setzte sich damit an ein
Gartentor dicht an die Straße, wie um zu zeigen, daß sie noch da sei und
sich nicht zu scheuen brauche. Aber sie sprach mit niemandem und sah
Funktion hier einzustellen.«
Diesen Vorgang erzählte der Pfarrer mit abgebrochenen Worten und
bedeckte am Schlusse das Gesicht mit seinem Taschentuche. Er war so
erschüttert, weil keiner auch von einer unbeliebten Berufsart sich gerne
nachsagen läßt, daß er sie nicht nach den Regeln der Kunst auszuüben
verstehe.
Auf die entsetzte Justine machte die Szene einen Eindruck, als ob sie
einen Berg einstürzen sähe. Was ihr einen felsenfesten Bestand zu haben
schien, sah sie wanken und vergehen mit dem Selbstvertrauen dieses
Priesters und beim Anblick seiner Tempelflucht. Sie empfand wohl die
drückende Wucht, welche in dem unscheinbaren, noch verborgenen
Vorgang lag, der da, dort, an hundert Punkten vielleicht bald sich
wiederholte, aber sie verstand dessen allgemeine Bedeutung nicht und
fühlte nur den schmerzlichen Druck.
Verwirrt, ratlos ging sie fort, ohne ihr Anliegen, das sie hergeführt,
vorzubringen oder den Pfarrer mit Trostreden beruhigen zu wollen. Erst auf
der Straße, je mehr sie die Äußerungen des Geistlichen überdachte und mit
frühern vereinzelten Worten und Vorfallenheiten zusammenhielt, fing es sie
recht an zu frieren. Sie ward inne, daß sie zunächst keine Kirche mehr hatte,
und in ihrem Frauensinne, durch die Macht der Gewohnheit wurde es ihr zu
Mut wie einer verirrten Biene, welche in der kalten Herbstnacht über
endlosen Meereswellen schwebt. Vom Manne verlassen, das Gut verloren,
und nun auch noch ohne kirchliche Gemeinschaft: das alles zusammen
schien ihr einer fast ehrlos machenden Ächtung gleich zu kommen.
Die Kirchenlosigkeit, so äußerlich ihre Kirchlichkeit gewesen, schien ihr
alle übrige Mißwende einzuschließen und zu besiegeln, und
merkwürdigerweise glaubte sie jetzt dem Pfarrer aufs erste Wort, daß nichts
in seinem Tabernakel sei, während sie ihres Mannes Anschauungen nie
hatte annehmen wollen, eben weil er keine geistliche Autorität für sie besaß.
Sie wandelte lautlos nach Hause, nahm dort, um die nächste Stunde
zuzubringen und auszufüllen, ein Strickzeug und setzte sich damit an ein
Gartentor dicht an die Straße, wie um zu zeigen, daß sie noch da sei und
sich nicht zu scheuen brauche. Aber sie sprach mit niemandem und sah
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bleich auf ihre Arbeit, während ihre Lippen mechanisch die Strickmaschen
zählten.
Der Abend nahte heran, auf dem still glänzenden See fuhren Schiffe
heimwärts und auf der Straße wanderten Arbeitsleute vorüber, ohne daß
Justine aufblickte, bis ein steinaltes Weiblein, welches mühselig daher
gepilgert kam, vor ihr stillstand, um auszuruhen und Atem zu holen. Das
Wesen trug einen hohen gelben Strohhut auf dem Kopfe, einen kurzen roten
Rock und solche Strümpfe, auf dem gekrümmten Rücken ein weißes
Säcklein und in der Hand einen Stab und stellte sich so als eine Pilgerin dar,
die aus ferner Gegend kommend nach dem berühmten Wallfahrtsorte
wanderte, der wenige Stunden weiter im Gebirge gelegen war.
Als Justine sah, daß das Mütterchen kaum mehr stehen konnte, hieß sie
dasselbe zu ihr auf die Bank sitzen. »Das will ich gern tun, wenn Ihr’s
erlaubt, schöne Frau!« sagte die Pilgerin und säumte nicht, sich neben ihr
niederzulassen. Auch kramte sie sogleich in ihrem Reisesack und zog ein
Stück Brot hervor, indem sie sich nach einem Brunnen umsah, der ihr einen
Trunk Wasser dazu böte. Justine holte aber ein Glas guten alten Weines im
Hause und gab es ihr, und sie labte sich vergnüglich daran.
»Warum geht Ihr in Eurem Alter so allein auf der heißen, harten Straße,
während alle andern Wallfahrer auf der Eisenbahn und den Dampfschiffen
reisen und bequemlich beieinander sitzen?« fragte Justine.
»Ei, das wäre ja kein Verdienst und kein Opfer für mich arme Sünderin!«
antwortete die Pilgerin; »die andern, die reisen heutzutage mehr zur Lust
und aus Vorwitz und verrichten allenfalls am Gnadenort ein nützliches
Gebet. Ich aber wandere auf meinen alten Füßen zur allerseligsten Maria
Mutter Gottes, und da bin ich nicht nur vor ihrem heiligen Altare bei ihr,
sondern auf dem ganzen langen Wege begleitet sie mich auf jedem Schritt
und Tritt und hält mich aufrecht, wenn ich sinken will, wie eine gute
Tochter ihre alte schwache Mutter! Eben jetzt hat sie mir durch Eure weiße
Hand diesen stärkenden Trunk gereicht! Wenn Ihr wüßtet, wie süß und lieb
sie ist, wie schön, wie glänzend! Und welche Macht besitzt sie, welche
Klugheit! Für alles weiß sie Rat und alles kann sie!«
Während solcher Lobpreisung ließ das Mütterchen seinen Rosenkranz
nicht einen Augenblick aus der Hand. Neugierig sah ihr Justine zu, wie sie
zählten.
Der Abend nahte heran, auf dem still glänzenden See fuhren Schiffe
heimwärts und auf der Straße wanderten Arbeitsleute vorüber, ohne daß
Justine aufblickte, bis ein steinaltes Weiblein, welches mühselig daher
gepilgert kam, vor ihr stillstand, um auszuruhen und Atem zu holen. Das
Wesen trug einen hohen gelben Strohhut auf dem Kopfe, einen kurzen roten
Rock und solche Strümpfe, auf dem gekrümmten Rücken ein weißes
Säcklein und in der Hand einen Stab und stellte sich so als eine Pilgerin dar,
die aus ferner Gegend kommend nach dem berühmten Wallfahrtsorte
wanderte, der wenige Stunden weiter im Gebirge gelegen war.
Als Justine sah, daß das Mütterchen kaum mehr stehen konnte, hieß sie
dasselbe zu ihr auf die Bank sitzen. »Das will ich gern tun, wenn Ihr’s
erlaubt, schöne Frau!« sagte die Pilgerin und säumte nicht, sich neben ihr
niederzulassen. Auch kramte sie sogleich in ihrem Reisesack und zog ein
Stück Brot hervor, indem sie sich nach einem Brunnen umsah, der ihr einen
Trunk Wasser dazu böte. Justine holte aber ein Glas guten alten Weines im
Hause und gab es ihr, und sie labte sich vergnüglich daran.
»Warum geht Ihr in Eurem Alter so allein auf der heißen, harten Straße,
während alle andern Wallfahrer auf der Eisenbahn und den Dampfschiffen
reisen und bequemlich beieinander sitzen?« fragte Justine.
»Ei, das wäre ja kein Verdienst und kein Opfer für mich arme Sünderin!«
antwortete die Pilgerin; »die andern, die reisen heutzutage mehr zur Lust
und aus Vorwitz und verrichten allenfalls am Gnadenort ein nützliches
Gebet. Ich aber wandere auf meinen alten Füßen zur allerseligsten Maria
Mutter Gottes, und da bin ich nicht nur vor ihrem heiligen Altare bei ihr,
sondern auf dem ganzen langen Wege begleitet sie mich auf jedem Schritt
und Tritt und hält mich aufrecht, wenn ich sinken will, wie eine gute
Tochter ihre alte schwache Mutter! Eben jetzt hat sie mir durch Eure weiße
Hand diesen stärkenden Trunk gereicht! Wenn Ihr wüßtet, wie süß und lieb
sie ist, wie schön, wie glänzend! Und welche Macht besitzt sie, welche
Klugheit! Für alles weiß sie Rat und alles kann sie!«
Während solcher Lobpreisung ließ das Mütterchen seinen Rosenkranz
nicht einen Augenblick aus der Hand. Neugierig sah ihr Justine zu, wie sie
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fortwährend mit den Kugeln spielte, und verlangte zu wissen, in welcher
Weise man ihn gebrauche und um die Hand wickle. Die Alte zeigte es ihr
sogleich und wand ihr die ärmliche Kugelschnur um die Hände. Justine
hielt diese einige Augenblicke nachdenklich gefaltet und schaute so in
Gedanken verloren vor sich hin; dann schüttelte sie aber langsam den Kopf
und gab der Pilgersfrau ihren Rosenkranz zurück, ohne ein Wort zu sagen.
Das Pilgerweiblein wollte nun nicht länger ruhen, sondern noch ein gutes
Stündlein weiter gehen, ehe es die Herberge aufsuchte, und so bedankte es
sich, versprach für die gute schöne Frau ein Gebet zu verrichten, ob sie es
wolle oder nicht, und wanderte auf den schwachen Füßen in den
dämmernden Abend hinaus, so wohlgemut und sicher, wie wenn es zu
Hause in seiner Stube herumginge.
Justine lehnte sich zurück und sah der roten, schwankenden Gestalt nach,
bis sie in dem blauen Schatten des Abends verschwand.
»Katholisch!« rief sie, sich selbst vergessend, und versank wieder in tiefe
suchende Gedanken; und sie schüttelte abermals das Haupt.
Aber ihre obdachlose Frauenseele suchte fort und fort; sie ging
ungegessen zu ihrem Lager und brachte schlaflos die Nacht zu. Sie konnte
jetzt nicht einmal mehr sagen, sie sei arm wie eine Kirchenmaus, da sie nur
mehr eine wilde Feldmaus war. In dieser Not erinnerte sie sich einer kleinen
armen Arbeiterfamilie, einer Witwe mit ihrer Tochter, welche im Rufe einer
ganz eigentümlichen Frömmigkeit standen und unter den armseligsten
Umständen einer vollkommenen Zufriedenheit und Seelenruhe genossen, so
daß der Pfarrer selbst, obgleich sie einer wie er sagte törichten und
unwissenden Sekte angehörten, von ihnen geurteilt hatte, sie könnten ganz
gut einen Begriff von den Urchristen der ersten Zeit geben. Die beiden
Personen hatten früher in Schwanau gelebt und die Tochter hatte in den
Glorschen Fabriksälen gearbeitet. Justine, welche eine gewisse Zuneigung
zu den Leutchen empfunden, war zu verschiedenen Malen von dem
Vorsatze, dieselben zu bekehren und für ihre artig eingerichtete und
verständige Kirche zu gewinnen, unwillkürlich abgestanden, sobald sie an
die Ausführung hatte gehen wollen; dann waren Mutter und Tochter aus der
Gegend weg und in die Nähe der Hauptstadt gezogen, und jetzt beschloß
die schlaflose Justine, sie aufzusuchen und das Geheimnis ihres Friedens
Weise man ihn gebrauche und um die Hand wickle. Die Alte zeigte es ihr
sogleich und wand ihr die ärmliche Kugelschnur um die Hände. Justine
hielt diese einige Augenblicke nachdenklich gefaltet und schaute so in
Gedanken verloren vor sich hin; dann schüttelte sie aber langsam den Kopf
und gab der Pilgersfrau ihren Rosenkranz zurück, ohne ein Wort zu sagen.
Das Pilgerweiblein wollte nun nicht länger ruhen, sondern noch ein gutes
Stündlein weiter gehen, ehe es die Herberge aufsuchte, und so bedankte es
sich, versprach für die gute schöne Frau ein Gebet zu verrichten, ob sie es
wolle oder nicht, und wanderte auf den schwachen Füßen in den
dämmernden Abend hinaus, so wohlgemut und sicher, wie wenn es zu
Hause in seiner Stube herumginge.
Justine lehnte sich zurück und sah der roten, schwankenden Gestalt nach,
bis sie in dem blauen Schatten des Abends verschwand.
»Katholisch!« rief sie, sich selbst vergessend, und versank wieder in tiefe
suchende Gedanken; und sie schüttelte abermals das Haupt.
Aber ihre obdachlose Frauenseele suchte fort und fort; sie ging
ungegessen zu ihrem Lager und brachte schlaflos die Nacht zu. Sie konnte
jetzt nicht einmal mehr sagen, sie sei arm wie eine Kirchenmaus, da sie nur
mehr eine wilde Feldmaus war. In dieser Not erinnerte sie sich einer kleinen
armen Arbeiterfamilie, einer Witwe mit ihrer Tochter, welche im Rufe einer
ganz eigentümlichen Frömmigkeit standen und unter den armseligsten
Umständen einer vollkommenen Zufriedenheit und Seelenruhe genossen, so
daß der Pfarrer selbst, obgleich sie einer wie er sagte törichten und
unwissenden Sekte angehörten, von ihnen geurteilt hatte, sie könnten ganz
gut einen Begriff von den Urchristen der ersten Zeit geben. Die beiden
Personen hatten früher in Schwanau gelebt und die Tochter hatte in den
Glorschen Fabriksälen gearbeitet. Justine, welche eine gewisse Zuneigung
zu den Leutchen empfunden, war zu verschiedenen Malen von dem
Vorsatze, dieselben zu bekehren und für ihre artig eingerichtete und
verständige Kirche zu gewinnen, unwillkürlich abgestanden, sobald sie an
die Ausführung hatte gehen wollen; dann waren Mutter und Tochter aus der
Gegend weg und in die Nähe der Hauptstadt gezogen, und jetzt beschloß
die schlaflose Justine, sie aufzusuchen und das Geheimnis ihres Friedens
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und ihres Glaubens zu erforschen und ihrer Glückseligkeit teilhaftig zu
werden, wenn es möglich wäre. Sie beschloß auch, das schon am nächsten
Tage ins Werk zu setzen.
Viertes Kapitel
Am Morgen, der einen schönen Tag ansagte, stand Justine denn auch in
aller Frühe auf und rüstete sich zum Wandern; denn sie wollte, obschon sie
beinahe drei Stunden weit zu gehen hatte, demütig zu Fuß pilgern, angeregt
ohne Zweifel von dem wallfahrenden Mütterchen und weil sie so am
ehesten ihren Gedanken überlassen war. Sie zog ein Paar ihrer ehemaligen
starken Vorsteherinnenschuhe an, welche ihr jetzt trefflich zu statten kamen,
und belud sich auch mit einem Korbe, in welchem sie für die guten
Urchristen eine Gabe barg, eine Flasche guter reiner Sahne, ein frisches
Weizenbrot, ein Dütchen Schnupftabak für die Mutter, welche, wie sie
wußte, trotz ihrer Weltentsagung gerne ein Prischen nahm, wenn sie es
haben konnte und für die Tochter ein Paar gute neue Strümpfe. So schürzte
sie ihr Kleid und begab sich auf den Weg, statt des Pilgerstabs freilich einen
Sonnenschirm in der Hand, der ihr nebst dem breitrandigen Strohhut
genugsam Schatten gab.
Sie überlegte sich während des Gehens noch alles, was sie von den
Frauen wußte, und befreundete sich immer mehr mit dem gefaßten
Vorsatze.
Die Mutter Ursula war als arme Dienstmagd in die Gegend gekommen
und hatte still und brav ihrer Pflicht gelebt. Allein sie liebte damals, wie sie
sagte, die Welt und gab einem Sohn wohlhabender Landleute, gerührt von
seiner Gutmütigkeit und Herzenseinfalt, Gehör, also daß sie sich
zusammentaten, arm wie die Tierlein des Feldes, und ein Paar wurden.
Denn der Mann wurde sofort von den Seinigen verstoßen und verlassen,
und sie gaben ihm nicht einmal einen leeren Holzkorb mit. Sie lebten nun
kümmerlich als Tagelöhner in einer elenden entlegenen Hütte und waren
verlassener, als alle Robinsone auf ihren Inseln. Sie lenkten mit ihrer Einfalt
und Geduld alle Hartherzigkeit der Menschen auf sich, mitten in einer
reichen und christlich milden Landschaft, wie der Magnet das Eisen; alles,
werden, wenn es möglich wäre. Sie beschloß auch, das schon am nächsten
Tage ins Werk zu setzen.
Viertes Kapitel
Am Morgen, der einen schönen Tag ansagte, stand Justine denn auch in
aller Frühe auf und rüstete sich zum Wandern; denn sie wollte, obschon sie
beinahe drei Stunden weit zu gehen hatte, demütig zu Fuß pilgern, angeregt
ohne Zweifel von dem wallfahrenden Mütterchen und weil sie so am
ehesten ihren Gedanken überlassen war. Sie zog ein Paar ihrer ehemaligen
starken Vorsteherinnenschuhe an, welche ihr jetzt trefflich zu statten kamen,
und belud sich auch mit einem Korbe, in welchem sie für die guten
Urchristen eine Gabe barg, eine Flasche guter reiner Sahne, ein frisches
Weizenbrot, ein Dütchen Schnupftabak für die Mutter, welche, wie sie
wußte, trotz ihrer Weltentsagung gerne ein Prischen nahm, wenn sie es
haben konnte und für die Tochter ein Paar gute neue Strümpfe. So schürzte
sie ihr Kleid und begab sich auf den Weg, statt des Pilgerstabs freilich einen
Sonnenschirm in der Hand, der ihr nebst dem breitrandigen Strohhut
genugsam Schatten gab.
Sie überlegte sich während des Gehens noch alles, was sie von den
Frauen wußte, und befreundete sich immer mehr mit dem gefaßten
Vorsatze.
Die Mutter Ursula war als arme Dienstmagd in die Gegend gekommen
und hatte still und brav ihrer Pflicht gelebt. Allein sie liebte damals, wie sie
sagte, die Welt und gab einem Sohn wohlhabender Landleute, gerührt von
seiner Gutmütigkeit und Herzenseinfalt, Gehör, also daß sie sich
zusammentaten, arm wie die Tierlein des Feldes, und ein Paar wurden.
Denn der Mann wurde sofort von den Seinigen verstoßen und verlassen,
und sie gaben ihm nicht einmal einen leeren Holzkorb mit. Sie lebten nun
kümmerlich als Tagelöhner in einer elenden entlegenen Hütte und waren
verlassener, als alle Robinsone auf ihren Inseln. Sie lenkten mit ihrer Einfalt
und Geduld alle Hartherzigkeit der Menschen auf sich, mitten in einer
reichen und christlich milden Landschaft, wie der Magnet das Eisen; alles,
Page 265
was von hochmütigem Mißverstand ringsum vorhanden war, schien sich
vereinigt gegen die Armen zu richten, so daß einer den andern am Helfen
hinderte und sie noch dazu lachten; und niemand wußte warum, wie es in
der Welt so gehen kann.
Das Frauchen war aber immer noch von Weltlust erfüllt. Sie lockte eine
dicke Bauernkatze, die in der Nähe der Hütte im Felde schlich, zog ihr das
Pelzröcklein aus und sott sie im Wasser, um den schwarzen Hunger zu
stillen; auch nahm sie sorglich das Fett ab zum Kochen einiger
Wassersuppen für den Fall, daß ein wenig Mehl oder Brot ins Haus käme.
Allein diese Gewalttat wurde entdeckt und die Geldbuße, welche der Frau
dafür auferlegt wurde, nahm den Lohn eines ganzen Monats hinweg,
welchen der Mann endlich nach langem Suchen bei einem Straßenbau hatte
erwerben können. Deshalb trank derselbe in seiner gutmütigen Einfalt, auf
den Rat anderer, vom nächsten Lohn sogleich einen Rausch, ehe man ihm
das Geld nehmen konnte, und wurde dabei von einer unterhöhlten Erdlast
erschlagen, da er nicht rechtzeitig vor dem Sturze floh. Damit war aber
auch die Zeit der Sünde und der Weltlust für die Frau Ursula vorüber.
Um jene Zeit waren ärmliche namenlose Prediger erschienen, welche
unter dem geringen Volke für irgend eine Sekte Anhänger suchten und die
bekehrten Leute tauften. Sie lehrten das reine ursprüngliche Christentum,
wie es nach ihrer Meinung ohne jede Gelehrsamkeit in der Bibel zu finden
war, wenn man nur jedes Wort ganz buchstäblich und zwar in der deutschen
Übersetzung, die ihnen zu Gebote stand, auffaßte. Die Hauptsache war, daß
in Tat und Wahrheit ein neues geheiligtes Leben geführt werden müsse zu
jeder Stunde des Tages und an jedem Orte, und daß ferner die Gläubigen
unter sich einen festen Verband der Liebe und der gegenseitigen
Anhänglichkeit bilden, um sich für die große Stunde des verheißenen
Weltgerichtes, das bald kommen werde, zu stärken und bereit zu halten.
Diese Prediger sammelten bald eine Gemeinde um sich, bestehend aus
hilfsbedürftigen dunklen Seelen, aus natürlichen Kopfhängern, aus
schwachen Hochmütigen, welche selbst an ihrem geringen Orte einen
Standpunkt suchten, von welchem aus sie besser sein konnten, als der
Nachbar, aus guten Herzen, die ihre Liebe trieb, aus Unglücklichen, die
einen Trost zu finden hofften, der ihnen anderwärts nirgends blühte. Einige
von ihnen, wenn sie katholisch gewesen wären, hätten sich einfach in ein
vereinigt gegen die Armen zu richten, so daß einer den andern am Helfen
hinderte und sie noch dazu lachten; und niemand wußte warum, wie es in
der Welt so gehen kann.
Das Frauchen war aber immer noch von Weltlust erfüllt. Sie lockte eine
dicke Bauernkatze, die in der Nähe der Hütte im Felde schlich, zog ihr das
Pelzröcklein aus und sott sie im Wasser, um den schwarzen Hunger zu
stillen; auch nahm sie sorglich das Fett ab zum Kochen einiger
Wassersuppen für den Fall, daß ein wenig Mehl oder Brot ins Haus käme.
Allein diese Gewalttat wurde entdeckt und die Geldbuße, welche der Frau
dafür auferlegt wurde, nahm den Lohn eines ganzen Monats hinweg,
welchen der Mann endlich nach langem Suchen bei einem Straßenbau hatte
erwerben können. Deshalb trank derselbe in seiner gutmütigen Einfalt, auf
den Rat anderer, vom nächsten Lohn sogleich einen Rausch, ehe man ihm
das Geld nehmen konnte, und wurde dabei von einer unterhöhlten Erdlast
erschlagen, da er nicht rechtzeitig vor dem Sturze floh. Damit war aber
auch die Zeit der Sünde und der Weltlust für die Frau Ursula vorüber.
Um jene Zeit waren ärmliche namenlose Prediger erschienen, welche
unter dem geringen Volke für irgend eine Sekte Anhänger suchten und die
bekehrten Leute tauften. Sie lehrten das reine ursprüngliche Christentum,
wie es nach ihrer Meinung ohne jede Gelehrsamkeit in der Bibel zu finden
war, wenn man nur jedes Wort ganz buchstäblich und zwar in der deutschen
Übersetzung, die ihnen zu Gebote stand, auffaßte. Die Hauptsache war, daß
in Tat und Wahrheit ein neues geheiligtes Leben geführt werden müsse zu
jeder Stunde des Tages und an jedem Orte, und daß ferner die Gläubigen
unter sich einen festen Verband der Liebe und der gegenseitigen
Anhänglichkeit bilden, um sich für die große Stunde des verheißenen
Weltgerichtes, das bald kommen werde, zu stärken und bereit zu halten.
Diese Prediger sammelten bald eine Gemeinde um sich, bestehend aus
hilfsbedürftigen dunklen Seelen, aus natürlichen Kopfhängern, aus
schwachen Hochmütigen, welche selbst an ihrem geringen Orte einen
Standpunkt suchten, von welchem aus sie besser sein konnten, als der
Nachbar, aus guten Herzen, die ihre Liebe trieb, aus Unglücklichen, die
einen Trost zu finden hofften, der ihnen anderwärts nirgends blühte. Einige
von ihnen, wenn sie katholisch gewesen wären, hätten sich einfach in ein
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Kloster gemacht, andere, wenn es ihre Lebensverhältnisse mit sich gebracht
hätten, wären Freimaurer geworden, wiederum andere, wenn sie bemittelt
und gebildet gewesen wären, hätten sich irgend einem gemeinnützigen oder
wohltätigen Verein oder einer gelehrten, oder einer musikalischen
Gesellschaft angeschlossen, um sich aus dem Staube des gemeinen Lebens
zu erheben. Alles dies ersetzte ihnen nun die stille gläubige Genossenschaft;
da fanden sie nicht nur die Heiligkeit und das ewige Leben, sondern auch
Kurzweil und Unterhaltung zur Genüge in fortwährendem Reden, Lehren,
Disputieren, Beten und Singen.
Allein sie waren keineswegs geschätzt und beliebt, sondern von allen
Seiten verfolgt und verlacht, von der Kirche, von den Freien, von den
Orthodoxen, von den vornehmeren Frommen, vom Volke, von den
Behörden. Besonders auf dem Lande wurden ihre Zusammenkünfte gestört
und auseinandersprengt, und die Unduldsamkeit, welche sich bei ihnen
selbst frühzeitig einnistete, wurde auch reichlich gegen sie geübt.
Am Orte, in welchem die arme Witwe wohnte, waren die Sektierer
besonders heftig verfolgt worden, und sie durften nicht mehr im
Gemeindebann sich versammeln. Sie hielten ihren Gottesdienst daher in
einer Wildnis, in dem abgelegenen Gemäuer einer zerstörten Zwingburg,
welche man die Teufelsküche nannte. Sie kehrten sich nicht an den neuen
Spott, der hiedurch gereizt wurde, und predigten und sangen gar andächtig
zwischen dem Gebüsch und Unkraut.
Ursula hörte in ihrer verfallenen Hütte eines Sonntag Abends die
frommen Lieder durch die stille Luft herübertönen, just von daher, wo die
goldenen Wolken über dem Walde standen. Es zog sie gar tröstlich, dem
Glanz und dem Tone nachzugehen; sie nahm also ihr zweijähriges
Töchterchen, das Agathchen, auf den Arm und ging, bis sie die verborgene
Versammlung fand, setzte sich bescheiden auf ein Trümmerstück im
Hintergrunde der Teufelsküche, das Kind auf dem Schoße in den Armen
haltend, und lauschte aufmerksam auf jedes Wort, das gesprochen wurde.
Verschiedene Prediger standen auf, welche neben der Verwaltung der
Heilslehre jeder ein schlichtes Handwerk trieben und das Wort selbst auch
ganz schlicht handhabten; denn noch kannten sie nicht einmal den
theologischen Unterschied zwischen Peter und Paul, und niemand wußte
hätten, wären Freimaurer geworden, wiederum andere, wenn sie bemittelt
und gebildet gewesen wären, hätten sich irgend einem gemeinnützigen oder
wohltätigen Verein oder einer gelehrten, oder einer musikalischen
Gesellschaft angeschlossen, um sich aus dem Staube des gemeinen Lebens
zu erheben. Alles dies ersetzte ihnen nun die stille gläubige Genossenschaft;
da fanden sie nicht nur die Heiligkeit und das ewige Leben, sondern auch
Kurzweil und Unterhaltung zur Genüge in fortwährendem Reden, Lehren,
Disputieren, Beten und Singen.
Allein sie waren keineswegs geschätzt und beliebt, sondern von allen
Seiten verfolgt und verlacht, von der Kirche, von den Freien, von den
Orthodoxen, von den vornehmeren Frommen, vom Volke, von den
Behörden. Besonders auf dem Lande wurden ihre Zusammenkünfte gestört
und auseinandersprengt, und die Unduldsamkeit, welche sich bei ihnen
selbst frühzeitig einnistete, wurde auch reichlich gegen sie geübt.
Am Orte, in welchem die arme Witwe wohnte, waren die Sektierer
besonders heftig verfolgt worden, und sie durften nicht mehr im
Gemeindebann sich versammeln. Sie hielten ihren Gottesdienst daher in
einer Wildnis, in dem abgelegenen Gemäuer einer zerstörten Zwingburg,
welche man die Teufelsküche nannte. Sie kehrten sich nicht an den neuen
Spott, der hiedurch gereizt wurde, und predigten und sangen gar andächtig
zwischen dem Gebüsch und Unkraut.
Ursula hörte in ihrer verfallenen Hütte eines Sonntag Abends die
frommen Lieder durch die stille Luft herübertönen, just von daher, wo die
goldenen Wolken über dem Walde standen. Es zog sie gar tröstlich, dem
Glanz und dem Tone nachzugehen; sie nahm also ihr zweijähriges
Töchterchen, das Agathchen, auf den Arm und ging, bis sie die verborgene
Versammlung fand, setzte sich bescheiden auf ein Trümmerstück im
Hintergrunde der Teufelsküche, das Kind auf dem Schoße in den Armen
haltend, und lauschte aufmerksam auf jedes Wort, das gesprochen wurde.
Verschiedene Prediger standen auf, welche neben der Verwaltung der
Heilslehre jeder ein schlichtes Handwerk trieben und das Wort selbst auch
ganz schlicht handhabten; denn noch kannten sie nicht einmal den
theologischen Unterschied zwischen Peter und Paul, und niemand wußte
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hier so recht, wer eigentlich die Römer gewesen seien, deren Soldaten den
Heiland gekreuzigt haben.
Im Anfang war die arme Witwe vom Schatten einer Haselstaude bedeckt;
doch wie die Sonne tiefer sank, überstreute sie die Witwe und das Kind mit
spielenden Lichtern, und zuletzt leuchtete das Bild ganz übergüldet aus dem
feurigen Grün heraus. Dadurch fiel es dem Manne in die Augen, der eben
predigte. Er unterbrach sich, als er die still aufhorchende Frau sah, und hieß
sie mit lauter Stimme näher kommen und in dem Kreise der Gläubigen
Platz nehmen, also daß die ganze Gemeinde den Kopf wandte und die
Fremde wahrnahm.
Diese rührte sich aber nicht und blieb schüchtern sitzen, bis von einer
Reihe von fünf oder sechs älteren Waschfrauen, die an hervorragender
Stelle feierlich auf einem Baumstamme saßen, wie ebensoviel Bischöfe,
eine sich erhob und das verlorene Schäflein mit seinem Jungen abholte und
an der Hand herbeiführte.
So war sie nun in die Gemeinde aufgenommen und wuchs mit ihrem
Kinde zu einem angesehenen Mitgliede derselben heran, eigentümlich und
verschieden von allen andern, wie aus dem gleichen Erdreiche je nach ihrer
Art die verschiedensten Pflanzen wachsen.
Die Waschfrauen zunächst einverleibten sie ihrem Verbande und
verschafften ihr genügende Arbeit, so daß sie eine Wäscherin im Herren
wurde, welche in den Häusern vierzig Jahre lang ohne Aufhören schaffte
und sich abmühte Tag und Nacht, bis ihre Kräfte mehr als erschöpft waren.
Während dieser Zeit hatte die Gemeinde sich längst Duldung errungen und
zu einer gewissen Stattlichkeit entwickelt; die Glieder waren alle, durch
gegenseitige Hilfe und geordnetes Leben emporgehalten, in einem
behaglichen Zustande; die Prediger stellten sich schon mehr als Geistliche
mit einiger Gelehrsamkeit dar und trugen bessere Röcke; die
Versammlungen fanden in einem hellen freundlichen Betsaale statt, auch
wurde der Landeskirche sowohl als andern sich ausbreitenden Sekten
gegenüber schon eine kleine Kirchenpolitik getrieben.
Ursula aber und Agathchen, ihre Tochter, blieben sich immer gleich,
verharrten in der Einfalt der ersten Zeit und wurden ohne ihr Wissen
Musterbilder menschlicher Frömmigkeit. Die Tochter war schwach und
Heiland gekreuzigt haben.
Im Anfang war die arme Witwe vom Schatten einer Haselstaude bedeckt;
doch wie die Sonne tiefer sank, überstreute sie die Witwe und das Kind mit
spielenden Lichtern, und zuletzt leuchtete das Bild ganz übergüldet aus dem
feurigen Grün heraus. Dadurch fiel es dem Manne in die Augen, der eben
predigte. Er unterbrach sich, als er die still aufhorchende Frau sah, und hieß
sie mit lauter Stimme näher kommen und in dem Kreise der Gläubigen
Platz nehmen, also daß die ganze Gemeinde den Kopf wandte und die
Fremde wahrnahm.
Diese rührte sich aber nicht und blieb schüchtern sitzen, bis von einer
Reihe von fünf oder sechs älteren Waschfrauen, die an hervorragender
Stelle feierlich auf einem Baumstamme saßen, wie ebensoviel Bischöfe,
eine sich erhob und das verlorene Schäflein mit seinem Jungen abholte und
an der Hand herbeiführte.
So war sie nun in die Gemeinde aufgenommen und wuchs mit ihrem
Kinde zu einem angesehenen Mitgliede derselben heran, eigentümlich und
verschieden von allen andern, wie aus dem gleichen Erdreiche je nach ihrer
Art die verschiedensten Pflanzen wachsen.
Die Waschfrauen zunächst einverleibten sie ihrem Verbande und
verschafften ihr genügende Arbeit, so daß sie eine Wäscherin im Herren
wurde, welche in den Häusern vierzig Jahre lang ohne Aufhören schaffte
und sich abmühte Tag und Nacht, bis ihre Kräfte mehr als erschöpft waren.
Während dieser Zeit hatte die Gemeinde sich längst Duldung errungen und
zu einer gewissen Stattlichkeit entwickelt; die Glieder waren alle, durch
gegenseitige Hilfe und geordnetes Leben emporgehalten, in einem
behaglichen Zustande; die Prediger stellten sich schon mehr als Geistliche
mit einiger Gelehrsamkeit dar und trugen bessere Röcke; die
Versammlungen fanden in einem hellen freundlichen Betsaale statt, auch
wurde der Landeskirche sowohl als andern sich ausbreitenden Sekten
gegenüber schon eine kleine Kirchenpolitik getrieben.
Ursula aber und Agathchen, ihre Tochter, blieben sich immer gleich,
verharrten in der Einfalt der ersten Zeit und wurden ohne ihr Wissen
Musterbilder menschlicher Frömmigkeit. Die Tochter war schwach und
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kränklich von Körper; sie haspelte lange Jahre Seide in den Arbeitsräumen
des Glorschen Hauses und lebte so mit ihrer Mutter zusammen, welche
wusch. So lange sie so fortarbeiten konnten, erwarben sie zur Genüge,
wessen sie bedurften, konnten ihren Religionsgenossen helfen und
beisteuern, wo es not tat, und ließen sich nicht suchen; und darüber hinaus
hatten sie immer noch kleine Mittel, sich freundlich und dankbar zu
erweisen gegenüber der Welt, für jeden kleinen Dienst, für jede
Freundlichkeit, die ihnen erwiesen wurden. Sie verstanden ohne Absicht die
Kunst, in der Armut reich zu sein, allein durch die unaufhörliche Arbeit und
die eigene Genügsamkeit und Zufriedenheit. Der einzige Krieg, welchen sie
unter sich führten, bestand in dem gegenseitigen Wetteifer mit eben solchen
Freundlichkeiten und Wohltaten, wie sie den Fremden erwiesen, weil jedes,
sobald es empfangen sollte, sich dagegen wehrte und behauptete, das sei
unnötig und übertrieben.
Sonst lebten sie im tiefsten Frieden mit aller Welt. Jede Kränkung
verziehen sie im Augenblicke der Tat und erwiderten nie ein rauhes Wort im
gleichen Tone, da sie aus ihrer Frömmigkeit eine Selbstbeherrschung
schöpften, welche sonst nur durch Geburt und Erziehung erworben wird. In
gleichem Sinne unterdrückten sie ohne Anstrengung unbescheidene
Neugierde und Tadelsucht und wie alle die kleinen Gesellschaftslaster
heißen, und gegen die Ungläubigen und Weltkinder waren sie umso
wohlwollender und duldsamer, je sicherer sie zu wissen glaubten, daß
dieselben tief unglücklich, wohl gar verloren seien.
Das Unrecht nahmen sie hin, ohne sich seiner gerade zu erfreuen, aber
auch ohne es zu bestreiten. Brüder des verstorbenen Mannes und Vaters
hatten sich emporgeschwungen und lebten scheinbar in Wohlhabenheit und
Ansehen, ohne das kleine Erbe, das dem Kinde und seiner Mutter zukam,
jemals herauszugeben oder ihnen auch nur einige Zinsen davon zu gönnen.
Die Hochfahrenden waren eben stets in Geldsachen gedrückt und mochten
die mäßigsten Summen nicht entbehren, das aber nicht eingestehen und
stellten sich daher, als anerkennten sie das Recht nicht, so klar es war. Es
hätte die zwei Frauen nur ein Wort gekostet, jene dazu zu zwingen und ihr
öffentliches Ansehen bloßzustellen; allein sie waren selbst von ihren
Glaubensgenossen nicht dazu zu bewegen und blieben, so lange sie lebten,
die armen geduldigen Gläubiger der hochfahrenden ungerechten
des Glorschen Hauses und lebte so mit ihrer Mutter zusammen, welche
wusch. So lange sie so fortarbeiten konnten, erwarben sie zur Genüge,
wessen sie bedurften, konnten ihren Religionsgenossen helfen und
beisteuern, wo es not tat, und ließen sich nicht suchen; und darüber hinaus
hatten sie immer noch kleine Mittel, sich freundlich und dankbar zu
erweisen gegenüber der Welt, für jeden kleinen Dienst, für jede
Freundlichkeit, die ihnen erwiesen wurden. Sie verstanden ohne Absicht die
Kunst, in der Armut reich zu sein, allein durch die unaufhörliche Arbeit und
die eigene Genügsamkeit und Zufriedenheit. Der einzige Krieg, welchen sie
unter sich führten, bestand in dem gegenseitigen Wetteifer mit eben solchen
Freundlichkeiten und Wohltaten, wie sie den Fremden erwiesen, weil jedes,
sobald es empfangen sollte, sich dagegen wehrte und behauptete, das sei
unnötig und übertrieben.
Sonst lebten sie im tiefsten Frieden mit aller Welt. Jede Kränkung
verziehen sie im Augenblicke der Tat und erwiderten nie ein rauhes Wort im
gleichen Tone, da sie aus ihrer Frömmigkeit eine Selbstbeherrschung
schöpften, welche sonst nur durch Geburt und Erziehung erworben wird. In
gleichem Sinne unterdrückten sie ohne Anstrengung unbescheidene
Neugierde und Tadelsucht und wie alle die kleinen Gesellschaftslaster
heißen, und gegen die Ungläubigen und Weltkinder waren sie umso
wohlwollender und duldsamer, je sicherer sie zu wissen glaubten, daß
dieselben tief unglücklich, wohl gar verloren seien.
Das Unrecht nahmen sie hin, ohne sich seiner gerade zu erfreuen, aber
auch ohne es zu bestreiten. Brüder des verstorbenen Mannes und Vaters
hatten sich emporgeschwungen und lebten scheinbar in Wohlhabenheit und
Ansehen, ohne das kleine Erbe, das dem Kinde und seiner Mutter zukam,
jemals herauszugeben oder ihnen auch nur einige Zinsen davon zu gönnen.
Die Hochfahrenden waren eben stets in Geldsachen gedrückt und mochten
die mäßigsten Summen nicht entbehren, das aber nicht eingestehen und
stellten sich daher, als anerkennten sie das Recht nicht, so klar es war. Es
hätte die zwei Frauen nur ein Wort gekostet, jene dazu zu zwingen und ihr
öffentliches Ansehen bloßzustellen; allein sie waren selbst von ihren
Glaubensgenossen nicht dazu zu bewegen und blieben, so lange sie lebten,
die armen geduldigen Gläubiger der hochfahrenden ungerechten
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Verwandten, so daß in Wahrheit man sie die Reichen und diese die Armen
nennen konnte.
Mit der Zeit nun waren sie älter und alt geworden; die Arbeit fing an
ihnen beschwerlich, ein tägliches Leiden zu werden, ohne daß sie sich
derselben entschlagen wollten, und die kränkliche Tochter strengte sich
doppelt und dreifach an, um der Mutter wenigstens die nötigste
Erleichterung verschaffen zu können, und bei alledem blieben sie heiter und
gefaßt und gewährten eher immer noch anderen Trost und kleine
Hilfsleistungen, als daß sie solche beanspruchten.
Um diese Zeit kam das große Unglück über das Haus Glor, wo die
zahlreichen Arbeiter über Bedürfnis und Vermögen hinaus fort beschäftigt
wurden. Während nun manche solcher Arbeiter, die Haus und Hof besaßen
und von der Sachlage wohl stille Kenntnis hatten, ihren Verdienst ruhig
weiter bezogen und die Ärmeren vollends ihr Auskommen wie eine
Schuldigkeit nach wie vor forderten, machte sich das arme schwache
Agathchen allein ein Gewissen daraus.
Sie und ihre Mutter sagten sich, daß die verunglückten Herren mit jedem
Tagelohn, den sie weiter auszahlten, ein gezwungenes Opfer brächten,
welches sie nicht annehmen dürften oder wollten; sie beschlossen, ohne alle
Überhebung, sondern aus reiner Güte, diesem Opfer aus dem Wege zu
gehen, und zogen wirklich aus der Gegend hinweg. Agathchen, das alternde
Mädchen, hatte freilich dabei noch den geheimen Plan, die Mutter ihrer
Kundschaft zu entführen, bei deren Bedienung sie anfing
zusammenzubrechen, wenn die großen Waschfeldzüge eines Morgens um
drei Uhr begannen und drei Tage hindurch dauerten. Sie dachte, ein Haspel-
oder Windewerk ins Haus zu bekommen, wo sie dann die ruhende Mutter
den ganzen Tag pflegen und zugleich für beide arbeiten könnte.
Sie fanden in der Nähe der Hauptstadt das gesuchte Unterkommen in
einem kleinen Häuschen, welches ihnen der Seidenherr zum Wohnen gab.
Dieses Gebäudchen befand sich in einem entlegenen Baumgarten und
enthielt zwei kleine Gemächer in der Art, daß das eine nach dem
Baumgarten hinausging und nur zu erreichen war durch das andere, welches
an der Landstraße lag. Jenes war ein sonniger, freundlicher Aufenthalt im
Grünen, da die Wiese mit den Bäumen dicht am Fenster lag. Dieses
nennen konnte.
Mit der Zeit nun waren sie älter und alt geworden; die Arbeit fing an
ihnen beschwerlich, ein tägliches Leiden zu werden, ohne daß sie sich
derselben entschlagen wollten, und die kränkliche Tochter strengte sich
doppelt und dreifach an, um der Mutter wenigstens die nötigste
Erleichterung verschaffen zu können, und bei alledem blieben sie heiter und
gefaßt und gewährten eher immer noch anderen Trost und kleine
Hilfsleistungen, als daß sie solche beanspruchten.
Um diese Zeit kam das große Unglück über das Haus Glor, wo die
zahlreichen Arbeiter über Bedürfnis und Vermögen hinaus fort beschäftigt
wurden. Während nun manche solcher Arbeiter, die Haus und Hof besaßen
und von der Sachlage wohl stille Kenntnis hatten, ihren Verdienst ruhig
weiter bezogen und die Ärmeren vollends ihr Auskommen wie eine
Schuldigkeit nach wie vor forderten, machte sich das arme schwache
Agathchen allein ein Gewissen daraus.
Sie und ihre Mutter sagten sich, daß die verunglückten Herren mit jedem
Tagelohn, den sie weiter auszahlten, ein gezwungenes Opfer brächten,
welches sie nicht annehmen dürften oder wollten; sie beschlossen, ohne alle
Überhebung, sondern aus reiner Güte, diesem Opfer aus dem Wege zu
gehen, und zogen wirklich aus der Gegend hinweg. Agathchen, das alternde
Mädchen, hatte freilich dabei noch den geheimen Plan, die Mutter ihrer
Kundschaft zu entführen, bei deren Bedienung sie anfing
zusammenzubrechen, wenn die großen Waschfeldzüge eines Morgens um
drei Uhr begannen und drei Tage hindurch dauerten. Sie dachte, ein Haspel-
oder Windewerk ins Haus zu bekommen, wo sie dann die ruhende Mutter
den ganzen Tag pflegen und zugleich für beide arbeiten könnte.
Sie fanden in der Nähe der Hauptstadt das gesuchte Unterkommen in
einem kleinen Häuschen, welches ihnen der Seidenherr zum Wohnen gab.
Dieses Gebäudchen befand sich in einem entlegenen Baumgarten und
enthielt zwei kleine Gemächer in der Art, daß das eine nach dem
Baumgarten hinausging und nur zu erreichen war durch das andere, welches
an der Landstraße lag. Jenes war ein sonniger, freundlicher Aufenthalt im
Grünen, da die Wiese mit den Bäumen dicht am Fenster lag. Dieses
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dagegen war ein dunkles unfreundliches Gelaß, dessen Eingang zugleich
die Haustüre bildete und auf die staubige Landstraße ging. Neben der Türe
gab es als Fenster nur noch ein kleines vergittertes Loch in der Mauer.
In diesem finstern Aufenthalt saß ein unzufriedenes und häßliches altes
Weib, welches denselben hätte räumen sollen, aber auf Bitten der frommen
Frauen dort gelassen worden war. Sie selbst wohnten in dem freundlichern
Gemach. Zwar hatten sie dasselbe schon einmal mit dem dunkeln Loch
vertauscht, als die böse Alte sich darüber beklagte und zankte, und diese in
das helle Stübchen sitzen lassen; allein hier hatte sie wiederum nicht
bleiben wollen, weil sie den Eingang nicht bewachen und nicht sehen
konnte, was auf der Straße vorging. Die beiden Geduldüberinnen hatten
also doch wieder nach hinten ziehen müssen, und sie wohnte wiederum im
Loch, wo sie unaufhörlich schalt und drohte und die Ein- und Ausgehenden
belauerte, ausfragte und gegen die guten Leutchen einzunehmen versuchte.
Denn sie hatten allerlei Zuspruch von Freunden und solchen, welche eines
friedlichen Wortes bedürftig waren. Sie teilten auch alle kleinen
Liebesgaben, die sie etwa erhielten und mit aufrichtigem Danke annahmen,
sogleich mit dem Ungetüm, das die Teilung jedoch unwirsch abmaß und
grob zurückwies, wenn sie ihm nicht rasch und pünktlich genug schien.
Sie fürchteten aber das Unwesen keineswegs und lebten in dessen Nähe,
wie etwa fromme Einsiedler in der Nachbarschaft eines wilden Tieres oder
eines schreckhaften Dämons.
Dies Weib war nun jene Sibylle der Verleumdung, welche man das
Ölweib hieß, und die Jukundus Meyenthal aufsuchen wollte, um dem
Unheil auf den Grund zu kommen, das er in der fröhlichen Nacht entdeckt
hatte.
Als Justine das Häuschen erfragt und jetzt hergewandert kam, saß das
Ölweib vor der Türe an der Straße und scheuerte mürrisch ein Pfännchen.
Die Sage erzählt, daß zur Zeit, als Attila mit seinen Hunnen erschien, in
der Nähe von Augsburg eine wegen ihrer abscheulichen Häßlichkeit
verbannte Hexe wohnte, welche dem zahllosen Heere, als es über den Lech
setzen wollte, ganz allein und nackt auf einem abgemagerten schmutzigen
Pferde entgegengeritten sei und »Pack dich, Attila!« geschrieen habe, also
daß Attila mit dem ganzen Heere voll Schrecken sich stracks gewendet und
die Haustüre bildete und auf die staubige Landstraße ging. Neben der Türe
gab es als Fenster nur noch ein kleines vergittertes Loch in der Mauer.
In diesem finstern Aufenthalt saß ein unzufriedenes und häßliches altes
Weib, welches denselben hätte räumen sollen, aber auf Bitten der frommen
Frauen dort gelassen worden war. Sie selbst wohnten in dem freundlichern
Gemach. Zwar hatten sie dasselbe schon einmal mit dem dunkeln Loch
vertauscht, als die böse Alte sich darüber beklagte und zankte, und diese in
das helle Stübchen sitzen lassen; allein hier hatte sie wiederum nicht
bleiben wollen, weil sie den Eingang nicht bewachen und nicht sehen
konnte, was auf der Straße vorging. Die beiden Geduldüberinnen hatten
also doch wieder nach hinten ziehen müssen, und sie wohnte wiederum im
Loch, wo sie unaufhörlich schalt und drohte und die Ein- und Ausgehenden
belauerte, ausfragte und gegen die guten Leutchen einzunehmen versuchte.
Denn sie hatten allerlei Zuspruch von Freunden und solchen, welche eines
friedlichen Wortes bedürftig waren. Sie teilten auch alle kleinen
Liebesgaben, die sie etwa erhielten und mit aufrichtigem Danke annahmen,
sogleich mit dem Ungetüm, das die Teilung jedoch unwirsch abmaß und
grob zurückwies, wenn sie ihm nicht rasch und pünktlich genug schien.
Sie fürchteten aber das Unwesen keineswegs und lebten in dessen Nähe,
wie etwa fromme Einsiedler in der Nachbarschaft eines wilden Tieres oder
eines schreckhaften Dämons.
Dies Weib war nun jene Sibylle der Verleumdung, welche man das
Ölweib hieß, und die Jukundus Meyenthal aufsuchen wollte, um dem
Unheil auf den Grund zu kommen, das er in der fröhlichen Nacht entdeckt
hatte.
Als Justine das Häuschen erfragt und jetzt hergewandert kam, saß das
Ölweib vor der Türe an der Straße und scheuerte mürrisch ein Pfännchen.
Die Sage erzählt, daß zur Zeit, als Attila mit seinen Hunnen erschien, in
der Nähe von Augsburg eine wegen ihrer abscheulichen Häßlichkeit
verbannte Hexe wohnte, welche dem zahllosen Heere, als es über den Lech
setzen wollte, ganz allein und nackt auf einem abgemagerten schmutzigen
Pferde entgegengeritten sei und »Pack dich, Attila!« geschrieen habe, also
daß Attila mit dem ganzen Heere voll Schrecken sich stracks gewendet und
Page 271
eine andere Richtung eingeschlagen habe, und so die Stadt von der
verstoßenen Hexe gerettet und diese mit einem guten neuen Hemde belohnt
worden sei. Aber diese Hexe hier verdiente um ihr Vaterland schwerlich ein
neues Hemd.
Auch Justine wäre beinahe umgekehrt und entflohen, als sie das Ölweib
vor der Türe sitzen sah mit dem großen viereckigen, gelblichen Gesicht, in
welchem Neid, Rachsucht und Schadenfreude über gebrochener Eitelkeit
gelagert waren, wie Zigeuner auf einer Heide um ein erloschenes Feuer.
Die Unholdin zischte die schöne und stattliche Justine an und fragte sie,
indem sie sich aufrichtete, wohin sie wolle, was sie bei den Leuten zu tun
habe; aber Justine faßte Mut und drang bei ihr vorbei durch die Finsternis
und stand plötzlich bei den friedlichen Frauen im Sonnenschein, das frische
Grün vor den Augen.
»Ei wie schön ist es hier!« rief sie, indem sie Korb und anderes abstellte,
den Hut weglegte und sich setzte. Ursula und Agathe hingegen gerieten
vom Erstaunen über die Überraschung in die herzlichste Freude hinein.
Ursula saß gichtbrüchig in einem Lehnstuhle und konnte sich nicht erheben;
Agathchen aber ließ ihr halbes Dutzend Haspelchen, die sich mit glänzend
roter Seide in der Sonne drehten, stille stehen. Eine vornehme gelassene
Herzlichkeit verklärte das bleiche Gesicht der Tochter, die doch keine
vornehme Erziehung genossen hatte. Justine bemerkte, daß auch sie nicht
ganz sicher auf den Füßen stand; Agathchen erklärte lächelnd, daß diese sie
freilich etwas zu schmerzen anfingen und zuweilen ein bißchen
geschwollen würden. Aber sie klagte, so wenig wie die Mutter, mit einem
einzigen Wörtchen. Vielmehr beschrieben sie mit unschuldiger Heiterkeit
die schnurrige Hexe vor der Türe, als Justine nach der unheimlichen
Erscheinung fragte, und wie man Geduld mit der armen Kreatur haben
müsse, welche von bösen Geistern bewohnt und gewiß leidend genug sei.
Wie erstaunten sie aber, als Justine ihre einfachen Geschenke
hervorholte. Die Strümpfe hätten dem Agathchen nicht willkommener sein
können; denn es gestand, daß es doch fast keine Zeit mehr finde zum
Stricken, besonders seit die Augen des Nachts beim Lämpchen nicht mehr
recht sehen wollten. Ihrerseits hatte die Mutter das Päcklein frischen
Schnupftabak schon geöffnet und mit einer beinahe zu lebhaften
verstoßenen Hexe gerettet und diese mit einem guten neuen Hemde belohnt
worden sei. Aber diese Hexe hier verdiente um ihr Vaterland schwerlich ein
neues Hemd.
Auch Justine wäre beinahe umgekehrt und entflohen, als sie das Ölweib
vor der Türe sitzen sah mit dem großen viereckigen, gelblichen Gesicht, in
welchem Neid, Rachsucht und Schadenfreude über gebrochener Eitelkeit
gelagert waren, wie Zigeuner auf einer Heide um ein erloschenes Feuer.
Die Unholdin zischte die schöne und stattliche Justine an und fragte sie,
indem sie sich aufrichtete, wohin sie wolle, was sie bei den Leuten zu tun
habe; aber Justine faßte Mut und drang bei ihr vorbei durch die Finsternis
und stand plötzlich bei den friedlichen Frauen im Sonnenschein, das frische
Grün vor den Augen.
»Ei wie schön ist es hier!« rief sie, indem sie Korb und anderes abstellte,
den Hut weglegte und sich setzte. Ursula und Agathe hingegen gerieten
vom Erstaunen über die Überraschung in die herzlichste Freude hinein.
Ursula saß gichtbrüchig in einem Lehnstuhle und konnte sich nicht erheben;
Agathchen aber ließ ihr halbes Dutzend Haspelchen, die sich mit glänzend
roter Seide in der Sonne drehten, stille stehen. Eine vornehme gelassene
Herzlichkeit verklärte das bleiche Gesicht der Tochter, die doch keine
vornehme Erziehung genossen hatte. Justine bemerkte, daß auch sie nicht
ganz sicher auf den Füßen stand; Agathchen erklärte lächelnd, daß diese sie
freilich etwas zu schmerzen anfingen und zuweilen ein bißchen
geschwollen würden. Aber sie klagte, so wenig wie die Mutter, mit einem
einzigen Wörtchen. Vielmehr beschrieben sie mit unschuldiger Heiterkeit
die schnurrige Hexe vor der Türe, als Justine nach der unheimlichen
Erscheinung fragte, und wie man Geduld mit der armen Kreatur haben
müsse, welche von bösen Geistern bewohnt und gewiß leidend genug sei.
Wie erstaunten sie aber, als Justine ihre einfachen Geschenke
hervorholte. Die Strümpfe hätten dem Agathchen nicht willkommener sein
können; denn es gestand, daß es doch fast keine Zeit mehr finde zum
Stricken, besonders seit die Augen des Nachts beim Lämpchen nicht mehr
recht sehen wollten. Ihrerseits hatte die Mutter das Päcklein frischen
Schnupftabak schon geöffnet und mit einer beinahe zu lebhaften
Page 272
Befriedigung ihr kleines Horndöschen damit gefüllt. Hier war der einzige
Punkt, wo das Kind die Mutter ein wenig beherrschte, indem es ihr nicht
ganz so viel von der schwärzlichen Weltlust zukommen ließ, wie sie
vielleicht, im Rückfall in ihre Jugendsünden, zu verbrauchen im stande
gewesen wäre. Doch lächelte jetzt Agathchen selbst gegen Justine hin, als
die Mutter die frische Prise so fröhlich zu sich nahm.
Von der Sahne aber füllte Agathchen sogleich eine Schale und schnitt ein
Stück von dem weißen duftigen Brot, um es dem armen Weib draußen zu
bringen. »Nicht so rasch!« sagte die Mutter leise, »damit sie nicht
überrumpelt wird, wenn sie wieder an der Türe horcht! Tritt ein bißchen
laut auf mit den Füßen!«
»Ach, sie tun mir ja zu weh, wenn ich damit stampfe!« erwiderte die
Tochter und lachte selbst zu dem harmlosen Betrug, welchen sie spielen
sollte. Doch hustete sie, ehe sie die Türe aufmachte, ein weniges, und
richtig sah man draußen in der Dämmerung des Vorraumes die unförmliche
Gestalt des Weibes hinhuschen, behender als man von ihr erwartete.
Als es nun wieder stille war, wollten Mutter und Tochter doch wissen, auf
welche Weise die junge Herrenfrau hieher gekommen sei und wohin des
Weges sie gehe; denn sie bildeten sich nicht ein, daß sie nur zu ihnen allein
so weit her habe kommen wollen.
Die Sonnenlichter, mit den Schatten der schwankenden Baumzweige
vermischt, spielten auf dem Boden und an den Wänden des kleinen
Stübchens; vor den offenen Fenstern summten die Bienen und ein grünes
Eidechschen war von der Wiese heraufgeklettert und guckte neugierig in
das Gemach; ein zweites gesellte sich dazu und beide schienen der Dinge
gewärtig, die da kommen sollten. Justine sah alles und fühlte diesen
Frieden; aber sie fand keinen rechten Mut, die Stille zu unterbrechen, bis sie
zu weinen anfing und nun bedrängt und beklemmt den Frauen anvertraute
und erzählte, daß sie religionslos geworden sei und bei ihnen Rat und
Aufschluß suche, worin ihr Glück bestehe und woher ihr Seelenfrieden
komme. Sie hoffte ein Neues, noch nicht Erfahrenes, Übermächtiges zu
erleben, dem sie sich ohne weiteres Grübeln hingeben könne. Sogleich tat
die Ursula ihr Tabaksdöschen weg und Agathe legte nieder, was sie eben in
den Händen hatte; beide sahen sich erschrocken an, falteten unwillkürlich
Punkt, wo das Kind die Mutter ein wenig beherrschte, indem es ihr nicht
ganz so viel von der schwärzlichen Weltlust zukommen ließ, wie sie
vielleicht, im Rückfall in ihre Jugendsünden, zu verbrauchen im stande
gewesen wäre. Doch lächelte jetzt Agathchen selbst gegen Justine hin, als
die Mutter die frische Prise so fröhlich zu sich nahm.
Von der Sahne aber füllte Agathchen sogleich eine Schale und schnitt ein
Stück von dem weißen duftigen Brot, um es dem armen Weib draußen zu
bringen. »Nicht so rasch!« sagte die Mutter leise, »damit sie nicht
überrumpelt wird, wenn sie wieder an der Türe horcht! Tritt ein bißchen
laut auf mit den Füßen!«
»Ach, sie tun mir ja zu weh, wenn ich damit stampfe!« erwiderte die
Tochter und lachte selbst zu dem harmlosen Betrug, welchen sie spielen
sollte. Doch hustete sie, ehe sie die Türe aufmachte, ein weniges, und
richtig sah man draußen in der Dämmerung des Vorraumes die unförmliche
Gestalt des Weibes hinhuschen, behender als man von ihr erwartete.
Als es nun wieder stille war, wollten Mutter und Tochter doch wissen, auf
welche Weise die junge Herrenfrau hieher gekommen sei und wohin des
Weges sie gehe; denn sie bildeten sich nicht ein, daß sie nur zu ihnen allein
so weit her habe kommen wollen.
Die Sonnenlichter, mit den Schatten der schwankenden Baumzweige
vermischt, spielten auf dem Boden und an den Wänden des kleinen
Stübchens; vor den offenen Fenstern summten die Bienen und ein grünes
Eidechschen war von der Wiese heraufgeklettert und guckte neugierig in
das Gemach; ein zweites gesellte sich dazu und beide schienen der Dinge
gewärtig, die da kommen sollten. Justine sah alles und fühlte diesen
Frieden; aber sie fand keinen rechten Mut, die Stille zu unterbrechen, bis sie
zu weinen anfing und nun bedrängt und beklemmt den Frauen anvertraute
und erzählte, daß sie religionslos geworden sei und bei ihnen Rat und
Aufschluß suche, worin ihr Glück bestehe und woher ihr Seelenfrieden
komme. Sie hoffte ein Neues, noch nicht Erfahrenes, Übermächtiges zu
erleben, dem sie sich ohne weiteres Grübeln hingeben könne. Sogleich tat
die Ursula ihr Tabaksdöschen weg und Agathe legte nieder, was sie eben in
den Händen hatte; beide sahen sich erschrocken an, falteten unwillkürlich
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die Hände und Justine sah, wie jedes für sich leise betete und die Lippen
bewegte, Agathchen mit rinnenden Tränen, die Mutter aber mit der
ruhigeren Fassung des Alters. Keines getraute sich, ein Wort zu sagen; sie
waren ganz erschüttert von der an sie herangetretenen Forderung, eine
gelehrte und glänzende Person für das Heil zu gewinnen, und doch war die
himmlische Fügung nicht zu verkennen und anzuzweifeln.
Ursula fing zuerst langsam an, einige Worte zu sprechen, während
Agathchen einen Schemel zu Justinen hinschob, sich zu ihren Füßen setzte
und ihre Hände ergriff und streichelte. Denn Justine war längst ihre
geheime Liebe und der vornehmste Gegenstand all ihres Wohlwollens und
ihrer Bewunderung gewesen.
Indessen kam die Sache in den gesuchten Gang, die Zungen lösten sich,
und nun wetteiferten die beiden Wesen, dem Weltkinde die große
Angelegenheit darzutun und einander das Wort abzunehmen und zu
ergänzen, wie zwei Kinder, welche einem dritten das soeben von der
Großmutter gehörte Märchen erzählen.
Aber es war nichts Neues und Unerhörtes, was sie vorbrachten, sondern
die alte harte und dürre Geschichte vom Sündenfall, von der Versöhnung
Gottes durch das Blut seines Sohnes, der demnächst kommen werde, zu
richten die Lebendigen und die Toten, von der Auferstehung des Fleisches
und der Gebeine, von der Hölle und der ewigen Verdammnis und von dem
unbedingten Glauben an alle diese Dinge. Das alles erzählten sie wie etwas,
das niemand so recht und gut wisse, wie sie und ihre Gemeinde, und sie
brachten es vor nicht mit der menschlich schönen Anmut, die ihnen sonst
innewohnte bei allem, was sie taten und sagten, sondern mit einer hastigen
Trockenheit, eintönig und farblos, wie ein Auswendiggelerntes. Bei keinem
Punkte wurden die Worte weicher und milder, nirgends die Augen wärmer
und belebter, selbst das Leiden und Sterben Jesu behandelten sie wie einen
Lehrgegenstand und nicht wie eine Gemüts- oder Gefühlssache. Es war eine
wesenlose Welt für sich, von der sie sprachen, und sie selbst mit ihrem
übrigen Wesen waren wieder eine andere Welt.
Dazu redeten sie, in einfältiger Nachahmung ihrer Prediger, unbeholfen
und ungefällig, ja befehlshaberisch in Hinsicht auf das bei jedem zweiten
Wort wieder geforderte Glauben.
bewegte, Agathchen mit rinnenden Tränen, die Mutter aber mit der
ruhigeren Fassung des Alters. Keines getraute sich, ein Wort zu sagen; sie
waren ganz erschüttert von der an sie herangetretenen Forderung, eine
gelehrte und glänzende Person für das Heil zu gewinnen, und doch war die
himmlische Fügung nicht zu verkennen und anzuzweifeln.
Ursula fing zuerst langsam an, einige Worte zu sprechen, während
Agathchen einen Schemel zu Justinen hinschob, sich zu ihren Füßen setzte
und ihre Hände ergriff und streichelte. Denn Justine war längst ihre
geheime Liebe und der vornehmste Gegenstand all ihres Wohlwollens und
ihrer Bewunderung gewesen.
Indessen kam die Sache in den gesuchten Gang, die Zungen lösten sich,
und nun wetteiferten die beiden Wesen, dem Weltkinde die große
Angelegenheit darzutun und einander das Wort abzunehmen und zu
ergänzen, wie zwei Kinder, welche einem dritten das soeben von der
Großmutter gehörte Märchen erzählen.
Aber es war nichts Neues und Unerhörtes, was sie vorbrachten, sondern
die alte harte und dürre Geschichte vom Sündenfall, von der Versöhnung
Gottes durch das Blut seines Sohnes, der demnächst kommen werde, zu
richten die Lebendigen und die Toten, von der Auferstehung des Fleisches
und der Gebeine, von der Hölle und der ewigen Verdammnis und von dem
unbedingten Glauben an alle diese Dinge. Das alles erzählten sie wie etwas,
das niemand so recht und gut wisse, wie sie und ihre Gemeinde, und sie
brachten es vor nicht mit der menschlich schönen Anmut, die ihnen sonst
innewohnte bei allem, was sie taten und sagten, sondern mit einer hastigen
Trockenheit, eintönig und farblos, wie ein Auswendiggelerntes. Bei keinem
Punkte wurden die Worte weicher und milder, nirgends die Augen wärmer
und belebter, selbst das Leiden und Sterben Jesu behandelten sie wie einen
Lehrgegenstand und nicht wie eine Gemüts- oder Gefühlssache. Es war eine
wesenlose Welt für sich, von der sie sprachen, und sie selbst mit ihrem
übrigen Wesen waren wieder eine andere Welt.
Dazu redeten sie, in einfältiger Nachahmung ihrer Prediger, unbeholfen
und ungefällig, ja befehlshaberisch in Hinsicht auf das bei jedem zweiten
Wort wieder geforderte Glauben.
Page 274
Da sah Justine, daß die guten Frauen ihren Frieden wo anders her hatten,
als aus ihrer Kirchenlehre, und ihn nicht mit dieser verschenken konnten;
oder daß vielmehr nur sie mit ihrer besonderen Einrichtung auf diesem
dürren Erdreich hatten wachsen können, weil sie die Nahrung aus den
freien Himmelslüften zogen. Sie war vergeblich hergekommen; das Herz
zog sich ihr zusammen, daß es beinahe still zu stehen drohte, und sie lehnte
sich auf ihrem hölzernen Stuhle zurück, um sich zu erholen, während die
Predigerinnen immer noch fortsprachen. Sie erholte sich auch nach und
nach, war aber immer noch weiß, wie die getünchte Wand ringsumher, und
suchte sich zu besinnen, wie sie, ohne die Frauen zu kränken, die Sache
beendigen und fortkommen könne.
Plötzlich ertönte vor der Türe ein häßlicher Schrei, wie wenn einer Katze
auf den Schwanz getreten würde. Erschreckt eilte Agathchen hin und
öffnete die Türe, daß das volle Licht in die dunkle Vorkammer drang, und
man sah einen schlanken hochgewachsenen Mann, welcher das Ölweib an
der Kehle festhielt und ein weniges an die Wand drückte. Beschämt und
verlegen ließ er die Hexe aber sogleich wieder frei, als das Licht auf die
Szene fiel, und auch aus Ekel, weil sie ihm in der Angst und Wut auf die
Hand geiferte, die er nun abwischte. Jetzt ließ sich aber ein wohltönender
Ausruf hören von Seite Justinens her, welche in dem Manne den Herrn
Jukundus Meyenthal erkannte; der kehrte sich zu ihr und sofort fielen sich
beide Gatten um den Hals und hielten sich lange umfaßt. Dann betrachteten
sie sich aufmerksam und sorglich die ernsten traurigen Gesichter und
gingen endlich vorderhand in das Stübchen der Frauen hinein an das
Sonnenlicht.
Jukundus war, während Justine ihren Glaubensunterricht empfing, zur
guten Stunde in die Höhle der Hexe gekommen. Sie hatte zuerst boshaft
und zufrieden gelächelt, weil sie glaubte, der hübsche Mann und die schöne
Frau hätten ein verbotenes Stelldichein bei den frommen Weibern, und
diese böten endlich ihre schwache Seite dar und ein ganzer Krug voll
Rosenöl werde aus diesem Abenteuer zu gewinnen sein.
Als aber Jukundus sein Verzeichnis anzuschwärzender Biederleute
hervorzog, ihr sagte, um was es sich handle, in wessen Namen und Auftrag
er gekommen, und sie ziemlich trocken und kurz zu fragen begann, was sie
von jedem wisse oder was sich tun lasse, um denselben als Bösewicht in
als aus ihrer Kirchenlehre, und ihn nicht mit dieser verschenken konnten;
oder daß vielmehr nur sie mit ihrer besonderen Einrichtung auf diesem
dürren Erdreich hatten wachsen können, weil sie die Nahrung aus den
freien Himmelslüften zogen. Sie war vergeblich hergekommen; das Herz
zog sich ihr zusammen, daß es beinahe still zu stehen drohte, und sie lehnte
sich auf ihrem hölzernen Stuhle zurück, um sich zu erholen, während die
Predigerinnen immer noch fortsprachen. Sie erholte sich auch nach und
nach, war aber immer noch weiß, wie die getünchte Wand ringsumher, und
suchte sich zu besinnen, wie sie, ohne die Frauen zu kränken, die Sache
beendigen und fortkommen könne.
Plötzlich ertönte vor der Türe ein häßlicher Schrei, wie wenn einer Katze
auf den Schwanz getreten würde. Erschreckt eilte Agathchen hin und
öffnete die Türe, daß das volle Licht in die dunkle Vorkammer drang, und
man sah einen schlanken hochgewachsenen Mann, welcher das Ölweib an
der Kehle festhielt und ein weniges an die Wand drückte. Beschämt und
verlegen ließ er die Hexe aber sogleich wieder frei, als das Licht auf die
Szene fiel, und auch aus Ekel, weil sie ihm in der Angst und Wut auf die
Hand geiferte, die er nun abwischte. Jetzt ließ sich aber ein wohltönender
Ausruf hören von Seite Justinens her, welche in dem Manne den Herrn
Jukundus Meyenthal erkannte; der kehrte sich zu ihr und sofort fielen sich
beide Gatten um den Hals und hielten sich lange umfaßt. Dann betrachteten
sie sich aufmerksam und sorglich die ernsten traurigen Gesichter und
gingen endlich vorderhand in das Stübchen der Frauen hinein an das
Sonnenlicht.
Jukundus war, während Justine ihren Glaubensunterricht empfing, zur
guten Stunde in die Höhle der Hexe gekommen. Sie hatte zuerst boshaft
und zufrieden gelächelt, weil sie glaubte, der hübsche Mann und die schöne
Frau hätten ein verbotenes Stelldichein bei den frommen Weibern, und
diese böten endlich ihre schwache Seite dar und ein ganzer Krug voll
Rosenöl werde aus diesem Abenteuer zu gewinnen sein.
Als aber Jukundus sein Verzeichnis anzuschwärzender Biederleute
hervorzog, ihr sagte, um was es sich handle, in wessen Namen und Auftrag
er gekommen, und sie ziemlich trocken und kurz zu fragen begann, was sie
von jedem wisse oder was sich tun lasse, um denselben als Bösewicht in
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das verdiente Gerücht zu bringen und zur Strafe zu ziehen, sagte sie
mürrisch: »Den kenne ich nicht! Die haben mir nichts getan!«
Dieses Tier hat doch wenigstens den Instinkt, nur diejenigen zu beißen,
die es berührt oder gestoßen haben! dachte Jukundus und fragte, was ihr
denn dieser oder jener von den früher Angefallenen getan habe?
Sie lachte sogleich heiser, als sie die Namen jener Opfer hörte und sich
des gewichtigen Anteils erinnerte, welcher ihr an der lustigen Hetzjagd
vergönnt gewesen. Jedoch gab sie keine Antwort auf die Frage, sondern
begann mit schwerfälliger Beredsamkeit zu schildern, wie sie bei dem
Aufbringen und Ausbreiten der bösen Nachreden und Anschuldigungen
verfahren sei. Da brauche es zuerst nur eine bestimmte, an sich unschuldige
Eigenschaft, einen Zustand, ein Kennzeichen des Betreffenden, einen
Vorfall, das Zusammenkommen zweier Umstände oder Zufälle, irgend
etwas, das an sich wahr und unbezweifelt sei und für die zu machende
Erfindung einen Kern von Wirklichkeit abgebe. Auch seien nicht nur
Erfindungen zu verwenden, sondern man könne auch mit Vorteil die von
dem einen verübten Vergehen und Abscheulichkeiten auf den andern
übertragen mittelst jener äußeren wirklichen Zufälligkeiten, oder das, was
man selbst zu tun immer Lust verspüre oder vielleicht schon ein bißchen
getan habe, einem andern anhängen. Auf solche Weise das oft unbillige
Schicksal auszugleichen und zu verbessern, gewähre ein gewissermaßen
göttliches Vergnügen, wie zum Beispiel wenn man von zwei Menschen den
einen wohl leiden möge, den andern hasse, der erste aber ein armer, böser
mißlungener Schwerenöter, der letztere ein unerträglicher Rechttuer sei, der
nichts an sich kommen lasse. Da fühle man sich dann so recht wie eine
Vorsehung, wenn man die Unreinlichkeiten und Gebrechen des guten
Freundes und Dulders diesem abzunehmen und dem widerwärtigen
Rechthaber aufzubürden verstehe. Ja, es sei etwas Großes, mit einem
ausgestreuten Wörtlein ein stolzes Haus in Schmach und Ungemach zu
stürzen, größer, als wenn ein Zauberer einen Sturm erregen und Schiffe auf
dem Meer untergehen lassen könne.
Bei diesen Reden verriet das Weib weit mehr Welt- und
Personenkenntnis, als ihr ungefüges Äußere und die ärmliche Lage hätten
erwarten lassen; aber alle diese Kenntnis war verkümmert und verkrüppelt
und wucherte nur um die Oberfläche der Dinge herum, wie ein
mürrisch: »Den kenne ich nicht! Die haben mir nichts getan!«
Dieses Tier hat doch wenigstens den Instinkt, nur diejenigen zu beißen,
die es berührt oder gestoßen haben! dachte Jukundus und fragte, was ihr
denn dieser oder jener von den früher Angefallenen getan habe?
Sie lachte sogleich heiser, als sie die Namen jener Opfer hörte und sich
des gewichtigen Anteils erinnerte, welcher ihr an der lustigen Hetzjagd
vergönnt gewesen. Jedoch gab sie keine Antwort auf die Frage, sondern
begann mit schwerfälliger Beredsamkeit zu schildern, wie sie bei dem
Aufbringen und Ausbreiten der bösen Nachreden und Anschuldigungen
verfahren sei. Da brauche es zuerst nur eine bestimmte, an sich unschuldige
Eigenschaft, einen Zustand, ein Kennzeichen des Betreffenden, einen
Vorfall, das Zusammenkommen zweier Umstände oder Zufälle, irgend
etwas, das an sich wahr und unbezweifelt sei und für die zu machende
Erfindung einen Kern von Wirklichkeit abgebe. Auch seien nicht nur
Erfindungen zu verwenden, sondern man könne auch mit Vorteil die von
dem einen verübten Vergehen und Abscheulichkeiten auf den andern
übertragen mittelst jener äußeren wirklichen Zufälligkeiten, oder das, was
man selbst zu tun immer Lust verspüre oder vielleicht schon ein bißchen
getan habe, einem andern anhängen. Auf solche Weise das oft unbillige
Schicksal auszugleichen und zu verbessern, gewähre ein gewissermaßen
göttliches Vergnügen, wie zum Beispiel wenn man von zwei Menschen den
einen wohl leiden möge, den andern hasse, der erste aber ein armer, böser
mißlungener Schwerenöter, der letztere ein unerträglicher Rechttuer sei, der
nichts an sich kommen lasse. Da fühle man sich dann so recht wie eine
Vorsehung, wenn man die Unreinlichkeiten und Gebrechen des guten
Freundes und Dulders diesem abzunehmen und dem widerwärtigen
Rechthaber aufzubürden verstehe. Ja, es sei etwas Großes, mit einem
ausgestreuten Wörtlein ein stolzes Haus in Schmach und Ungemach zu
stürzen, größer, als wenn ein Zauberer einen Sturm erregen und Schiffe auf
dem Meer untergehen lassen könne.
Bei diesen Reden verriet das Weib weit mehr Welt- und
Personenkenntnis, als ihr ungefüges Äußere und die ärmliche Lage hätten
erwarten lassen; aber alle diese Kenntnis war verkümmert und verkrüppelt
und wucherte nur um die Oberfläche der Dinge herum, wie ein
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Moosgeflecht. Auch glich sie trotz ihrer Verschmitztheit zuweilen einem
Kinde, welches in Unwissenheit mit dem Feuer spielt und dabei eine Stadt
anzündet.
Den oft verworrenen Worten und Anspielungen war mit Mühe zu
entnehmen, daß das Weib den eigenen Eltern oder Großeltern vorwarf, eine
vornehme Herkunft verläppert und sie dem Elend und der Dunkelheit
ausgesetzt zu haben, daß sie einst mit einem Schuster verheiratet gewesen,
der lang mit ihr gerungen, sie aber zuletzt besiegt und fortgejagt hatte, und
daß sie sich jetzt mit Hausieren ernährte, indem sie bald diese, bald jene
Ware ausfindig machte, mit welcher sie, wenn sie aufgelegt war, in allen
Gassen herumstreichen, von Haus zu Haus schleichen und ihrem finstern
Treiben obliegen konnte.
Plötzlich unterbrach sich die Hexe in ihrer Rede und verlangte nochmals
die Namen derjenigen zu sehen, die neuerdings verleumdet werden sollten,
denn sie hatte über ihrem Reden unversehens Lust bekommen, wieder zu
handeln und Vorsehung zu spielen.
Jukundus gab ihr den Zettel in die Hände, um zum letzten Überfluß noch
zu sehen, wie sie im einzelnen zu Werke ging, nachdem er sich im
allgemeinen schon überzeugt hatte, auf welcher Grundlage die große
öffentliche Verfolgung aufgebaut sei.
Gleich beim ersten Namen, der einem ehrlichen Bürgersmann angehörte,
rief sie: »Halt, den kenne ich doch! Wie konnte ich den übersehen? Das ist
ja der saubere Herr, der mich einmal aus dem Hause gewiesen hat, als ich in
seiner Küche mit den Dienstboten sprach! Der hat rasch hintereinander
mehrere Erbschaften gemacht und ist reich geworden, während arme
Verwandte am Hungertuch nagen! Der wird ein artiger Erbschleicher sein,
wenn man die Sache näher untersucht und in einen vernünftigen
Zusammenhang bringt. Denn ein paar alte Basen von ihm, die er beerbt
hatte, sind unvermutet gestorben, ja, was sage ich? Sein eigener Vater ist
vor ein paar Jahren gestorben, ohne daß er sehr alt oder krank war, höchst
wunderlich!«
Jetzt erschrak aber Jukundus über die Folgen seines Tuns und er entriß
der Alten den Zettel, indem er rief: »Schweigt still, abscheuliche Ölhexe!
Kinde, welches in Unwissenheit mit dem Feuer spielt und dabei eine Stadt
anzündet.
Den oft verworrenen Worten und Anspielungen war mit Mühe zu
entnehmen, daß das Weib den eigenen Eltern oder Großeltern vorwarf, eine
vornehme Herkunft verläppert und sie dem Elend und der Dunkelheit
ausgesetzt zu haben, daß sie einst mit einem Schuster verheiratet gewesen,
der lang mit ihr gerungen, sie aber zuletzt besiegt und fortgejagt hatte, und
daß sie sich jetzt mit Hausieren ernährte, indem sie bald diese, bald jene
Ware ausfindig machte, mit welcher sie, wenn sie aufgelegt war, in allen
Gassen herumstreichen, von Haus zu Haus schleichen und ihrem finstern
Treiben obliegen konnte.
Plötzlich unterbrach sich die Hexe in ihrer Rede und verlangte nochmals
die Namen derjenigen zu sehen, die neuerdings verleumdet werden sollten,
denn sie hatte über ihrem Reden unversehens Lust bekommen, wieder zu
handeln und Vorsehung zu spielen.
Jukundus gab ihr den Zettel in die Hände, um zum letzten Überfluß noch
zu sehen, wie sie im einzelnen zu Werke ging, nachdem er sich im
allgemeinen schon überzeugt hatte, auf welcher Grundlage die große
öffentliche Verfolgung aufgebaut sei.
Gleich beim ersten Namen, der einem ehrlichen Bürgersmann angehörte,
rief sie: »Halt, den kenne ich doch! Wie konnte ich den übersehen? Das ist
ja der saubere Herr, der mich einmal aus dem Hause gewiesen hat, als ich in
seiner Küche mit den Dienstboten sprach! Der hat rasch hintereinander
mehrere Erbschaften gemacht und ist reich geworden, während arme
Verwandte am Hungertuch nagen! Der wird ein artiger Erbschleicher sein,
wenn man die Sache näher untersucht und in einen vernünftigen
Zusammenhang bringt. Denn ein paar alte Basen von ihm, die er beerbt
hatte, sind unvermutet gestorben, ja, was sage ich? Sein eigener Vater ist
vor ein paar Jahren gestorben, ohne daß er sehr alt oder krank war, höchst
wunderlich!«
Jetzt erschrak aber Jukundus über die Folgen seines Tuns und er entriß
der Alten den Zettel, indem er rief: »Schweigt still, abscheuliche Ölhexe!
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und untersteht Euch nicht, ein einziges Wort von alledem zu wiederholen,
was Ihr da lügt, oder Ihr habt es mit mir zu tun!«
»Mit Euch?« erwiderte die Unholdin, die ihn plötzlich mit aufgerissenen
Augen anglotzte und dann zischte: »Was ist’s mit Euch? was willst du
eigentlich von mir, du Hund? Du verfluchter Spion? Willst du mich
bestechen und zu Schlechtigkeiten mißbrauchen? Wart, dich wollen wir
schön in die Mache nehmen! Man kennt dich schon! Man kennt dich schon,
du erzschlechter Kerl!«
Von der häßlichen Wut des Weibes und dem ungeheuerlichen Gesicht,
das sie zeigte, gereizt, packte Jukundus, der sich schon zum Gehen gewandt
hatte, sie einen Augenblick, sich vergessend, am Kragen und entlockte ihr
eben dadurch den Schrei, welcher das Wiedersehen mit Justinen
herbeiführte, so daß er die Verletzung des morgenländischen Gebotes:
Mit einer Blume nur zu schlagen
Ein Frauenbild, nicht sollst du wagen!
welches ihm nachher einfiel, schließlich doch nicht bereute.
Ursula und ihre Tochter waren von dem Zusammentreffen der getrennten
Gatten in ihrer Wohnung gerührt und erfreut; sie betrachteten es als eine
weitere Fügung Gottes, wobei ihnen zweifelhaft erschien, ob die begonnene
Glaubenslehre ihren Fortgang haben werde; denn sie trauten dem Herrn
Meyenthal nicht ganz. Sie stellten daher die Sache einem Höheren anheim
und schwiegen jetzt bescheiden von derselben; sogleich nahm auch Ursula
ihr Tabaksdöschen wieder zur Hand.
Jukundus und Justine sprachen indessen nicht viel und trachteten, ins
Freie zu kommen. Nachdem sie über ihr Zusammentreffen an diesem Orte
das Nötigste sich erklärt hatten, verabschiedeten sie sich von den guten
Christinnen, die Jukundus noch wohl kannte, und versprachen ihnen weitere
Nachricht und Teilnahme. Als sie durch das Gelaß des Ölweibes gingen,
war dieses nicht zu sehen und mußte sich versteckt haben. Doch kaum
waren sie auf der Straße, so erschien ihr Gesicht unter dem
was Ihr da lügt, oder Ihr habt es mit mir zu tun!«
»Mit Euch?« erwiderte die Unholdin, die ihn plötzlich mit aufgerissenen
Augen anglotzte und dann zischte: »Was ist’s mit Euch? was willst du
eigentlich von mir, du Hund? Du verfluchter Spion? Willst du mich
bestechen und zu Schlechtigkeiten mißbrauchen? Wart, dich wollen wir
schön in die Mache nehmen! Man kennt dich schon! Man kennt dich schon,
du erzschlechter Kerl!«
Von der häßlichen Wut des Weibes und dem ungeheuerlichen Gesicht,
das sie zeigte, gereizt, packte Jukundus, der sich schon zum Gehen gewandt
hatte, sie einen Augenblick, sich vergessend, am Kragen und entlockte ihr
eben dadurch den Schrei, welcher das Wiedersehen mit Justinen
herbeiführte, so daß er die Verletzung des morgenländischen Gebotes:
Mit einer Blume nur zu schlagen
Ein Frauenbild, nicht sollst du wagen!
welches ihm nachher einfiel, schließlich doch nicht bereute.
Ursula und ihre Tochter waren von dem Zusammentreffen der getrennten
Gatten in ihrer Wohnung gerührt und erfreut; sie betrachteten es als eine
weitere Fügung Gottes, wobei ihnen zweifelhaft erschien, ob die begonnene
Glaubenslehre ihren Fortgang haben werde; denn sie trauten dem Herrn
Meyenthal nicht ganz. Sie stellten daher die Sache einem Höheren anheim
und schwiegen jetzt bescheiden von derselben; sogleich nahm auch Ursula
ihr Tabaksdöschen wieder zur Hand.
Jukundus und Justine sprachen indessen nicht viel und trachteten, ins
Freie zu kommen. Nachdem sie über ihr Zusammentreffen an diesem Orte
das Nötigste sich erklärt hatten, verabschiedeten sie sich von den guten
Christinnen, die Jukundus noch wohl kannte, und versprachen ihnen weitere
Nachricht und Teilnahme. Als sie durch das Gelaß des Ölweibes gingen,
war dieses nicht zu sehen und mußte sich versteckt haben. Doch kaum
waren sie auf der Straße, so erschien ihr Gesicht unter dem
Page 278
Gitterfensterchen, wo sie ihnen greuliche Schimpf- und Drohworte
nachrief. Doch sie hörten nichts davon, da sie genügsam mit sich selber
beschäftigt waren und mit einem neuartigen Glücksgefühl, doch immerfort
in tiefem Ernste, nebeneinander hingingen.
Jukundus hatte in einem Gasthause ein Pferd stehen, auf welchem er die
ziemlich weite Strecke hergeritten war; Justine hatte mit einem Bruder
verabredet, auf einem aus der Stadt kommenden Dampfboote an der
nächsten Landungsstelle zur gemeinsamen Rückfahrt zusammenzutreffen.
Sie verabredeten daher, sich am nächsten Morgen wieder zu sehen und zwar
bei den Großeltern auf dem Berge bei Schwanau, wohin Jukundus sich in
aller Frühe aufmachen sollte. Dort wollten sie den ganzen Tag zubringen
und sich aussprechen. So gingen sie für heute voneinander und blickten sich
dabei treuherzig und innig in die Augen, aber immer im tiefsten Ernste.
Der folgende Tag war ein Sonntag, der mit dem schönsten Junimorgen
aufging. Justine war mit der Sonne wach; sie rüstete und schmückte sich,
als ob es zu einem Feste ginge, indem sie gegen ihre letzte Gewohnheit das
Haar in reiche Locken ordnete, ein duftiges helles Sommerkleid anzog,
auch den Hals mit etwelchem feinen Schmucke bedachte. So ging sie,
ungesehen von den noch schlafenden Ihrigen, den Weg nach der Höhe, das
Gesicht leicht gerötet und rüstigen Schrittes. Die Großmutter war über ihre
jugendliche und reizende Erscheinung ganz verwundert und auch zufrieden
mit der Wendung, welche das Schicksal zu nehmen schien. Sie zwang, da
sie beim Frühstück saß, die Enkelin, die noch nichts genossen hatte, eine
Schale Kaffee zu trinken. Doch ruhte Justine nicht lange, sondern brach
wieder auf, um auf dem Bergwege, auf welchem Jukundus kommen mußte,
ihm entgegen zu gehen. So wandelte sie in bänglich froher Erwartung in die
Sonntagsmorgenstille hinein. Die Erde war überall, wo man hinsah, mit
Blumen bedeckt, von den eben verblühenden Bäumen wehten die Blüten
hinweg, wenn ein Lufthauch sich erhob. Jetzt begannen die Kirchenglocken
in der Nähe und in der Ferne zu läuten, rings um den langhin gedehnten
See, in den weißschimmernden Ortschaften; die tiefen vollen Töne der
mächtigen Glocken flossen zusammen und erfüllten weit und breit die Luft
wie ein unendliches Klangmeer, welches an das klopfende Herz Justines
hinanschwoll und es in seine Tiefe zurückzuziehen drohte. Allein sie kehrte
nicht zurück, sondern eilte, getragen von den tönenden Wogen, dem Manne
entgegen, der jetzt im Scheine der Morgensonne raschen Schrittes
nachrief. Doch sie hörten nichts davon, da sie genügsam mit sich selber
beschäftigt waren und mit einem neuartigen Glücksgefühl, doch immerfort
in tiefem Ernste, nebeneinander hingingen.
Jukundus hatte in einem Gasthause ein Pferd stehen, auf welchem er die
ziemlich weite Strecke hergeritten war; Justine hatte mit einem Bruder
verabredet, auf einem aus der Stadt kommenden Dampfboote an der
nächsten Landungsstelle zur gemeinsamen Rückfahrt zusammenzutreffen.
Sie verabredeten daher, sich am nächsten Morgen wieder zu sehen und zwar
bei den Großeltern auf dem Berge bei Schwanau, wohin Jukundus sich in
aller Frühe aufmachen sollte. Dort wollten sie den ganzen Tag zubringen
und sich aussprechen. So gingen sie für heute voneinander und blickten sich
dabei treuherzig und innig in die Augen, aber immer im tiefsten Ernste.
Der folgende Tag war ein Sonntag, der mit dem schönsten Junimorgen
aufging. Justine war mit der Sonne wach; sie rüstete und schmückte sich,
als ob es zu einem Feste ginge, indem sie gegen ihre letzte Gewohnheit das
Haar in reiche Locken ordnete, ein duftiges helles Sommerkleid anzog,
auch den Hals mit etwelchem feinen Schmucke bedachte. So ging sie,
ungesehen von den noch schlafenden Ihrigen, den Weg nach der Höhe, das
Gesicht leicht gerötet und rüstigen Schrittes. Die Großmutter war über ihre
jugendliche und reizende Erscheinung ganz verwundert und auch zufrieden
mit der Wendung, welche das Schicksal zu nehmen schien. Sie zwang, da
sie beim Frühstück saß, die Enkelin, die noch nichts genossen hatte, eine
Schale Kaffee zu trinken. Doch ruhte Justine nicht lange, sondern brach
wieder auf, um auf dem Bergwege, auf welchem Jukundus kommen mußte,
ihm entgegen zu gehen. So wandelte sie in bänglich froher Erwartung in die
Sonntagsmorgenstille hinein. Die Erde war überall, wo man hinsah, mit
Blumen bedeckt, von den eben verblühenden Bäumen wehten die Blüten
hinweg, wenn ein Lufthauch sich erhob. Jetzt begannen die Kirchenglocken
in der Nähe und in der Ferne zu läuten, rings um den langhin gedehnten
See, in den weißschimmernden Ortschaften; die tiefen vollen Töne der
mächtigen Glocken flossen zusammen und erfüllten weit und breit die Luft
wie ein unendliches Klangmeer, welches an das klopfende Herz Justines
hinanschwoll und es in seine Tiefe zurückzuziehen drohte. Allein sie kehrte
nicht zurück, sondern eilte, getragen von den tönenden Wogen, dem Manne
entgegen, der jetzt im Scheine der Morgensonne raschen Schrittes
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herankam. Sobald sie einander gewahrten, kehrte das verloren gewesene
Lachen in ihre Gesichter zurück, und sie umarmten und küßten sich
herzlich.
Ohne darauf zu achten, wohin sie gingen, gerieten sie auf einen Waldpfad
und bestiegen Arm in Arm die oberste Höhe des Berges, während sie in
gegenseitigem Geplauder sich alles erzählten, was ihnen widerfahren und
was sie gelebt und gedacht über die Zeit ihrer Trennung. Das
Glockengeläute verlor sich indessen allmählich durch die hinter ihnen
liegenden Waldungen, sowie durch das endliche Aufhören, und als der
letzte Ton mit einem einzelnen Nachschlag verhallte, wurden sie doch der
tiefen Stille inne, welche jetzt eintrat. Sie befanden sich am Rande einer
geräumigen Waldlichtung, die eine schön gepflegte Baumschule umfaßte.
In wohlgeordneten Reihen standen Tausende und wieder Tausende von
winzigen Weißtännchen, Rottännchen, Fichtchen, Lärchlein, kaum drei bis
vier Zoll hoch, die ihre hellgrünen Köpfchen emporstreckten und einer
festlichen Versammlung vieler Kleinkinderschulen glichen. Dann standen
die gereihten Scharen kniehoher, dann brusthoher Bäumchen, wie wackere
Knabenschulen, bis ein Heer mannshoher Buchen-, Eichen- und
Ahornjünglinge folgte und im Rücken derselben die schützende Gemeinde
der alten Hochwaldbäume die Versammlung abschloß. Die ganze
Pflanzschule war so sorgfältig und zierlich gehalten wie der Garten eines
großen Herren, obwohl sie nur einer bäuerlichen Genossenschaft gehörte;
die feierliche Stille erhöhte den überraschenden Eindruck, welchen der
Anblick einer liebevollen Sorge hervorbrachte, die nicht mehr für das
eigene Leben, sondern für ein kommendes Jahrhundert, für die Enkel und
Urenkel waltete.
Im durchsichtigen Schatten junger Ahornstämmchen war von den
Forstleuten eine Ruhebank angebracht worden, auf welche Jukundus und
Justine sich niederließen, den tröstlichen Anblick schweigend und ruhevoll
genießend.
»Siehst du,« sagte endlich Jukundus, indem er Justinens Hände ergriff,
»so wie wir uns nur wieder gefunden haben, sehen wir gleich, daß die Welt
überhaupt nicht so schlimm ist, als sie sich gerne stellen möchte. Alle diese
hastigen und harten Selbstsüchtigen geben sich eigentlich doch alle ihre
Lachen in ihre Gesichter zurück, und sie umarmten und küßten sich
herzlich.
Ohne darauf zu achten, wohin sie gingen, gerieten sie auf einen Waldpfad
und bestiegen Arm in Arm die oberste Höhe des Berges, während sie in
gegenseitigem Geplauder sich alles erzählten, was ihnen widerfahren und
was sie gelebt und gedacht über die Zeit ihrer Trennung. Das
Glockengeläute verlor sich indessen allmählich durch die hinter ihnen
liegenden Waldungen, sowie durch das endliche Aufhören, und als der
letzte Ton mit einem einzelnen Nachschlag verhallte, wurden sie doch der
tiefen Stille inne, welche jetzt eintrat. Sie befanden sich am Rande einer
geräumigen Waldlichtung, die eine schön gepflegte Baumschule umfaßte.
In wohlgeordneten Reihen standen Tausende und wieder Tausende von
winzigen Weißtännchen, Rottännchen, Fichtchen, Lärchlein, kaum drei bis
vier Zoll hoch, die ihre hellgrünen Köpfchen emporstreckten und einer
festlichen Versammlung vieler Kleinkinderschulen glichen. Dann standen
die gereihten Scharen kniehoher, dann brusthoher Bäumchen, wie wackere
Knabenschulen, bis ein Heer mannshoher Buchen-, Eichen- und
Ahornjünglinge folgte und im Rücken derselben die schützende Gemeinde
der alten Hochwaldbäume die Versammlung abschloß. Die ganze
Pflanzschule war so sorgfältig und zierlich gehalten wie der Garten eines
großen Herren, obwohl sie nur einer bäuerlichen Genossenschaft gehörte;
die feierliche Stille erhöhte den überraschenden Eindruck, welchen der
Anblick einer liebevollen Sorge hervorbrachte, die nicht mehr für das
eigene Leben, sondern für ein kommendes Jahrhundert, für die Enkel und
Urenkel waltete.
Im durchsichtigen Schatten junger Ahornstämmchen war von den
Forstleuten eine Ruhebank angebracht worden, auf welche Jukundus und
Justine sich niederließen, den tröstlichen Anblick schweigend und ruhevoll
genießend.
»Siehst du,« sagte endlich Jukundus, indem er Justinens Hände ergriff,
»so wie wir uns nur wieder gefunden haben, sehen wir gleich, daß die Welt
überhaupt nicht so schlimm ist, als sie sich gerne stellen möchte. Alle diese
hastigen und harten Selbstsüchtigen geben sich eigentlich doch alle ihre
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Mühe nur für ihre Kinder und erfüllen sogar Pflichten der Vorsorge für die
ihnen unbekannten künftigen Geschlechter!«
»Hast du mich auch noch ein bißchen lieb?« erwiderte Justine, welche in
diesem Augenblicke nur für sich sorgen mochte. Jukundus blickte in die
Ferne und sah durch ein paar Tannenwipfel hindurch eine Spanne des
blauen Horizontes mit einem länglichen weißen Gebäude schimmern, das
mehr zu ahnen als zu erkennen war.
»Kannst du jenes weißglänzende Ding sehen?« sagte er, »es ist einst ein
Kloster gewesen, das vor siebenhundert Jahren ein Rittersmann zum
Gedächtnis seiner Frau gestiftet hat, als sie ihm gestorben war. Er selbst
ging in das Haus hinein und verließ es in seinem Leben nicht wieder. So
lieb bist du mir wie dem seine Frau war, obgleich ich in kein Kloster gehen
würde, wenn ich dich verlöre. Aber der ganze glänzende und stille Weltsaal
wäre für mich das Gotteshaus deines Gedächtnisses, deine Grabkirche!
Doch laß uns nun den kleinen Ehrenhandel schlichten, der noch zwischen
uns schwebt. Zur Buße und Sühnung sollst du mir jenes grobe Wort noch
einmal sagen, das uns entzweit hat, du gröbliches Liebchen, aber mit
lachendem Munde, damit es seinen bösen Sinn verliert! Schnell also, wie
hieß es?«
Er legte hiebei den Arm um ihre Schultern und hielt mit der andern Hand
ihr Kinn fest. Sie schüttelte aber den Kopf und verschloß, so dicht sie
konnte, den Mund. Da klopfte er ihr sachte auf die Wangen, suchte ihr den
Mund aufzumachen und sagte immer: »Schnell! heraus mit der Sprache,
rühre dein Zünglein!« bis sie voll Zärtlichkeit und Scherz das Wort rasch,
aber fast unhörbar hersagte: Lumpazi! worauf Jukundus sie küßte.
Wie sie nun so sich umfaßt hielten und eine Weile schwiegen, sagte
Justine unversehens: »Jukundus, was wollen wir nun mit der Religion oder
mit der Kirche machen?«
»Nichts,« antwortete er. Nach einigem Sinnen fuhr er fort: »Wenn sich
das Ewige und Unendliche immer so stillhält und verbirgt, warum sollten
wir uns nicht auch einmal eine Zeit ganz vergnügt und friedlich stillhalten
können? Ich bin des aufdringlichen Wesens und der Plattheiten aller dieser
Unberufenen müde, die auch nichts wissen und mich doch immer behirten
wollen. Wenn die persönlichen Gestalten aus einer Religion hinweggezogen
ihnen unbekannten künftigen Geschlechter!«
»Hast du mich auch noch ein bißchen lieb?« erwiderte Justine, welche in
diesem Augenblicke nur für sich sorgen mochte. Jukundus blickte in die
Ferne und sah durch ein paar Tannenwipfel hindurch eine Spanne des
blauen Horizontes mit einem länglichen weißen Gebäude schimmern, das
mehr zu ahnen als zu erkennen war.
»Kannst du jenes weißglänzende Ding sehen?« sagte er, »es ist einst ein
Kloster gewesen, das vor siebenhundert Jahren ein Rittersmann zum
Gedächtnis seiner Frau gestiftet hat, als sie ihm gestorben war. Er selbst
ging in das Haus hinein und verließ es in seinem Leben nicht wieder. So
lieb bist du mir wie dem seine Frau war, obgleich ich in kein Kloster gehen
würde, wenn ich dich verlöre. Aber der ganze glänzende und stille Weltsaal
wäre für mich das Gotteshaus deines Gedächtnisses, deine Grabkirche!
Doch laß uns nun den kleinen Ehrenhandel schlichten, der noch zwischen
uns schwebt. Zur Buße und Sühnung sollst du mir jenes grobe Wort noch
einmal sagen, das uns entzweit hat, du gröbliches Liebchen, aber mit
lachendem Munde, damit es seinen bösen Sinn verliert! Schnell also, wie
hieß es?«
Er legte hiebei den Arm um ihre Schultern und hielt mit der andern Hand
ihr Kinn fest. Sie schüttelte aber den Kopf und verschloß, so dicht sie
konnte, den Mund. Da klopfte er ihr sachte auf die Wangen, suchte ihr den
Mund aufzumachen und sagte immer: »Schnell! heraus mit der Sprache,
rühre dein Zünglein!« bis sie voll Zärtlichkeit und Scherz das Wort rasch,
aber fast unhörbar hersagte: Lumpazi! worauf Jukundus sie küßte.
Wie sie nun so sich umfaßt hielten und eine Weile schwiegen, sagte
Justine unversehens: »Jukundus, was wollen wir nun mit der Religion oder
mit der Kirche machen?«
»Nichts,« antwortete er. Nach einigem Sinnen fuhr er fort: »Wenn sich
das Ewige und Unendliche immer so stillhält und verbirgt, warum sollten
wir uns nicht auch einmal eine Zeit ganz vergnügt und friedlich stillhalten
können? Ich bin des aufdringlichen Wesens und der Plattheiten aller dieser
Unberufenen müde, die auch nichts wissen und mich doch immer behirten
wollen. Wenn die persönlichen Gestalten aus einer Religion hinweggezogen
Page 281
sind, so verfallen ihre Tempel und der Rest ist Schweigen. Aber die
gewonnene Stille und Ruhe ist nicht der Tod, sondern das Leben, das
fortblüht und leuchtet, wie dieser Sonntagsmorgen, und guten Gewissens
wandeln wir hindurch, der Dinge gewärtig, die kommen oder nicht kommen
werden. Guten Gewissens und ungeteilt schreiten wir fort; nicht Kopf und
Herz oder Wissen und Gemüt lassen wir uns durch den bekannten elenden
Gemeinplatz auseinanderreißen; denn wir müssen als ganze unteilbare
Leute in das Gericht, das jeden ereilt!«
Justine schaute ihren Mann während dieser Reden unverwandt an und
mit errötendem Gesicht, weil sie empfand, daß sie ihn längst so offen hätte
zu ihr sprechen hören können, wenn sie sich eher ihm anvertraut hätte, als
einem Kirchenmanne.
Mochten nun Jukundus’ Worte weise oder töricht sein, so gefielen sie ihr
jedenfalls über die Maßen wohl, zum Beweise, daß sie jetzt ganz ihm
angehörte.
»Amen!« sagte Jukundus, »ich glaube fast, ich fange auch an zu
predigen!«
»Nicht Amen!« rief Justine, »fahre fort und sprich weiter! Denke, diese
Baumschule sei deine Gemeinde und predige ihr, wie jener Heilige den
Steinen oder ein anderer den Fischen!«
»Nein, die Kirche ist aus! hörst du das Zeichen?« antwortete Jukundus
lachend, als wirklich in der Ferne hier und dort die Glocken die Beendigung
des Gottesdienstes verkündeten.
Sie erhoben sich und gingen langsam nach der Wohnung der Großeltern,
so daß es Mittag wurde, bis sie dort anlangten. Die Alten hatten aber, um
ein rechtes Versöhnungsfest bei sich zu sehen, die ganze Familie aus
Schwanau heraufbeschieden und ein einfach kräftiges Mahl nach ländlicher
Art bereitet. Alles war versammelt, als das versöhnte schöne Paar kam. Es
herrschte aber zuerst einige Spannung und Befangenheit; doch als man sah,
daß das verlorene Lachen wiedergekehrt war, verbreitete sich der
Sonnenschein des alten Glückes im ganzen Hause. Die Stauffacherin
glänzte wie ein Stern und ergriff fest wieder das Steuer, um das
wiederhergestellte Glücksschiff zu lenken.
gewonnene Stille und Ruhe ist nicht der Tod, sondern das Leben, das
fortblüht und leuchtet, wie dieser Sonntagsmorgen, und guten Gewissens
wandeln wir hindurch, der Dinge gewärtig, die kommen oder nicht kommen
werden. Guten Gewissens und ungeteilt schreiten wir fort; nicht Kopf und
Herz oder Wissen und Gemüt lassen wir uns durch den bekannten elenden
Gemeinplatz auseinanderreißen; denn wir müssen als ganze unteilbare
Leute in das Gericht, das jeden ereilt!«
Justine schaute ihren Mann während dieser Reden unverwandt an und
mit errötendem Gesicht, weil sie empfand, daß sie ihn längst so offen hätte
zu ihr sprechen hören können, wenn sie sich eher ihm anvertraut hätte, als
einem Kirchenmanne.
Mochten nun Jukundus’ Worte weise oder töricht sein, so gefielen sie ihr
jedenfalls über die Maßen wohl, zum Beweise, daß sie jetzt ganz ihm
angehörte.
»Amen!« sagte Jukundus, »ich glaube fast, ich fange auch an zu
predigen!«
»Nicht Amen!« rief Justine, »fahre fort und sprich weiter! Denke, diese
Baumschule sei deine Gemeinde und predige ihr, wie jener Heilige den
Steinen oder ein anderer den Fischen!«
»Nein, die Kirche ist aus! hörst du das Zeichen?« antwortete Jukundus
lachend, als wirklich in der Ferne hier und dort die Glocken die Beendigung
des Gottesdienstes verkündeten.
Sie erhoben sich und gingen langsam nach der Wohnung der Großeltern,
so daß es Mittag wurde, bis sie dort anlangten. Die Alten hatten aber, um
ein rechtes Versöhnungsfest bei sich zu sehen, die ganze Familie aus
Schwanau heraufbeschieden und ein einfach kräftiges Mahl nach ländlicher
Art bereitet. Alles war versammelt, als das versöhnte schöne Paar kam. Es
herrschte aber zuerst einige Spannung und Befangenheit; doch als man sah,
daß das verlorene Lachen wiedergekehrt war, verbreitete sich der
Sonnenschein des alten Glückes im ganzen Hause. Die Stauffacherin
glänzte wie ein Stern und ergriff fest wieder das Steuer, um das
wiederhergestellte Glücksschiff zu lenken.
Page 282
Justine zog nun zu ihrem Mann nach der Stadt, wo er ohne
Unterbrechung wohl gedieh und seine Leichtgläubigkeit in Geschäfts- und
Verkehrssachen verlor, ohne deswegen selbst unwahr und trügerisch zu
werden.
Sie bekamen einen Sohn und eine Tochter, welche sie Justus und Jukunde
nannten und die blühende, lachende Schönheit weiter vererben werden.
Sie besuchten öfter die frommen Frauen Ursula und Agathchen, wenn sie
einen Spaziergang machten, und ließen es ihnen an nichts fehlen. Das
Ölweib war fortgezogen, da es die vollkommene Unschuld und Güte nicht
vertrug.
Der Pfarrer, dessen schwache Stunde Justine gesehen hatte, kam
zuweilen auch wieder herbei und vertraute sich dem Paare gerne an. Er
führte mit schwerem Herzen noch eine Zeitlang seinen bedenklichen Tanz
auf dem schwanken Seile aus und war dann froh, durch Jukundis
Vermittlung in ein weltliches Geschäft treten zu können, in welchem er sich
viel geriebener und brauchbarer erwies, als Jukundus selber einst in
Seldwyla und Schwanau getan hatte; denn er, der Pfarrer, glaubte nicht
leicht, was ihm einer vorgab.
Druck der
Union Deutsche Verlagsgesellschaft
in Stuttgart
Anmerkungen zur Transkription:
Auflistung aller gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen:
Unterbrechung wohl gedieh und seine Leichtgläubigkeit in Geschäfts- und
Verkehrssachen verlor, ohne deswegen selbst unwahr und trügerisch zu
werden.
Sie bekamen einen Sohn und eine Tochter, welche sie Justus und Jukunde
nannten und die blühende, lachende Schönheit weiter vererben werden.
Sie besuchten öfter die frommen Frauen Ursula und Agathchen, wenn sie
einen Spaziergang machten, und ließen es ihnen an nichts fehlen. Das
Ölweib war fortgezogen, da es die vollkommene Unschuld und Güte nicht
vertrug.
Der Pfarrer, dessen schwache Stunde Justine gesehen hatte, kam
zuweilen auch wieder herbei und vertraute sich dem Paare gerne an. Er
führte mit schwerem Herzen noch eine Zeitlang seinen bedenklichen Tanz
auf dem schwanken Seile aus und war dann froh, durch Jukundis
Vermittlung in ein weltliches Geschäft treten zu können, in welchem er sich
viel geriebener und brauchbarer erwies, als Jukundus selber einst in
Seldwyla und Schwanau getan hatte; denn er, der Pfarrer, glaubte nicht
leicht, was ihm einer vorgab.
Druck der
Union Deutsche Verlagsgesellschaft
in Stuttgart
Anmerkungen zur Transkription:
Auflistung aller gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen:
Page 283
S. 11 nichts, als einen Fingerhut --> nichts als einen Fingerhut
(Komma nach ‘nichts’ entfernt)
S. 79 nachzusinnnen --> nachzusinnen (‘n’ entfernt)
S. 126 zurechtzukommen, Als --> zurechtzukommen. Als (Komma
durch Punkt ersetzt)
Wenn die wörtliche Rede mehrere Absätze lang ist, werden neue Absätze, in
denen die wörtliche Rede fortgeführt wird, im Original jeweils mit
Anführungszeichen eingeleitet. Diese Anführungszeichen wurden in der
Transkription entfernt.
(Komma nach ‘nichts’ entfernt)
S. 79 nachzusinnnen --> nachzusinnen (‘n’ entfernt)
S. 126 zurechtzukommen, Als --> zurechtzukommen. Als (Komma
durch Punkt ersetzt)
Wenn die wörtliche Rede mehrere Absätze lang ist, werden neue Absätze, in
denen die wörtliche Rede fortgeführt wird, im Original jeweils mit
Anführungszeichen eingeleitet. Diese Anführungszeichen wurden in der
Transkription entfernt.
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*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE LEUTE VON
SELDWYLA — BAND 2 ***
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(3) educational corporation organized under the laws of the state of
Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service.
The Foundation’s EIN or federal tax identification number is 64-6221541.
Contributions to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation are tax
deductible to the full extent permitted by U.S. federal laws and your state’s
laws.
The Foundation’s business office is located at 41 Watchung Plaza #516,
Montclair NJ 07042, USA, +1 (862) 621-9288. Email contact links and up
to date contact information can be found at the Foundation’s website and
official page at www.gutenberg.org/contact
Section 4. Information about Donations to the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation
Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without widespread
public support and donations to carry out its mission of increasing the
number of public domain and licensed works that can be freely distributed
in machine-readable form accessible by the widest array of equipment
life.
Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance
they need are critical to reaching Project Gutenberg’s goals and ensuring
that the Project Gutenberg collection will remain freely available for
generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation was created to provide a secure and permanent future for
Project Gutenberg and future generations. To learn more about the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations
can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
www.gutenberg.org.
Section 3. Information about the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation
The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit 501(c)
(3) educational corporation organized under the laws of the state of
Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service.
The Foundation’s EIN or federal tax identification number is 64-6221541.
Contributions to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation are tax
deductible to the full extent permitted by U.S. federal laws and your state’s
laws.
The Foundation’s business office is located at 41 Watchung Plaza #516,
Montclair NJ 07042, USA, +1 (862) 621-9288. Email contact links and up
to date contact information can be found at the Foundation’s website and
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Section 4. Information about Donations to the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation
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in machine-readable form accessible by the widest array of equipment
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including outdated equipment. Many small donations ($1 to $5,000) are
particularly important to maintaining tax exempt status with the IRS.
The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United States.
Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable effort,
much paperwork and many fees to meet and keep up with these
requirements. We do not solicit donations in locations where we have not
received written confirmation of compliance. To SEND DONATIONS or
determine the status of compliance for any particular state visit
www.gutenberg.org/donate.
While we cannot and do not solicit contributions from states where we have
not met the solicitation requirements, we know of no prohibition against
accepting unsolicited donations from donors in such states who approach us
with offers to donate.
International donations are gratefully accepted, but we cannot make any
statements concerning tax treatment of donations received from outside the
United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
Please check the Project Gutenberg web pages for current donation methods
and addresses. Donations are accepted in a number of other ways including
checks, online payments and credit card donations. To donate, please visit:
www.gutenberg.org/donate.
Section 5. General Information About Project Gutenberg
electronic works
Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg
concept of a library of electronic works that could be freely shared with
anyone. For forty years, he produced and distributed Project Gutenberg
eBooks with only a loose network of volunteer support.
Project Gutenberg eBooks are often created from several printed editions,
all of which are confirmed as not protected by copyright in the U.S. unless a
particularly important to maintaining tax exempt status with the IRS.
The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United States.
Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable effort,
much paperwork and many fees to meet and keep up with these
requirements. We do not solicit donations in locations where we have not
received written confirmation of compliance. To SEND DONATIONS or
determine the status of compliance for any particular state visit
www.gutenberg.org/donate.
While we cannot and do not solicit contributions from states where we have
not met the solicitation requirements, we know of no prohibition against
accepting unsolicited donations from donors in such states who approach us
with offers to donate.
International donations are gratefully accepted, but we cannot make any
statements concerning tax treatment of donations received from outside the
United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
Please check the Project Gutenberg web pages for current donation methods
and addresses. Donations are accepted in a number of other ways including
checks, online payments and credit card donations. To donate, please visit:
www.gutenberg.org/donate.
Section 5. General Information About Project Gutenberg
electronic works
Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg
concept of a library of electronic works that could be freely shared with
anyone. For forty years, he produced and distributed Project Gutenberg
eBooks with only a loose network of volunteer support.
Project Gutenberg eBooks are often created from several printed editions,
all of which are confirmed as not protected by copyright in the U.S. unless a
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copyright notice is included. Thus, we do not necessarily keep eBooks in
compliance with any particular paper edition.
Most people start at our website which has the main PG search facility:
www.gutenberg.org.
This website includes information about Project Gutenberg, including how
to make donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation,
how to help produce our new eBooks, and how to subscribe to our email
newsletter to hear about new eBooks.
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