Abessinien_ das Alpenland unter den Tropen und seine Grenzländer (German) Richard Andree 781 downloads.pdf

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unter den Tropen und seine Grenzländer
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Title: Abessinien, das Alpenland unter den Tropen und seine
Grenzländer

Author: Richard Andree

Release date: January 7, 2010 [eBook #30883]

Language: German

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*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ABESSINIEN,
DAS ALPENLAND UNTER DEN TROPEN UND SEINE
GRENZLÄNDER ***

Page 4

Das

Buch der Reisen und Entdeckungen.
Afrika.

Abessinien,

das Alpenland unter den Tropen.

Malerische Feierstunden.

Das Buch der Reisen und Entdeckungen.
Neue illustrirte

Bibliothek der Länder- und Völkerkunde
zur

Page 5

Erweiterung der Kenntniß der Fremde.

Afrika.
Abessinien, das Alpenland unter den Tropen.

Bearbeitet

von

Dr. Richard Andree.

Mit 80 in den Text gedruckten Abbildungen, sechs Tonbildern, sowie einer
Uebersichtskarte von Abessinien

Leipzig.

Verlag von Otto Spamer.

1869.

Page 6

König Theodoros, Audienz ertheilend.
Originalzeichnung von H . L e u t e m a n n, nach Lejean.

Page 7

Abessinien,
das Alpenland unter den
Tro p e n
und

seine Grenzländer.

Schilderungen von Land und Volk vornehmlich unter

König Theodoros (1855–1868).

Nach den Berichten älterer und neuerer Reisender bearbeitet

von

Dr. Richard Andree.

Mit 80 Text-Abbildungen, 6 Tonbildern nach Originalzeichnungen
von E. Zander, R. Kretschmer, H. Leutemann u. A. nebst einer
Uebersichtskarte von Abessinien.

Leipzig.

Verlag von Otto Spamer.

1869.

Page 8

Verfasser und Verleger behalten sich das Recht der Uebersetzung vor.

Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig.

[pg V]

Vorwort.

Page 9

Ein afrikanisches Alpenland, überreich an Schönheiten und Wundern der
Natur, bewohnt von einem begabten Volke, das gleich uns zum
kaukasischen Stamme gehört und mit den Negern nichts zu schaffen hat,
eine an fesselnden Abenteuern reiche Folge von Reisen in dieses Land,
endlich der Feldzug Englands gegen den eisernen, blutigen T h e o d o r, der
mächtig über Abessinien geherrscht, wie noch kein dunkelfarbiger König
vor ihm – das ist es, was wir in diesem Bande des „Buches der Reisen und
Entdeckungen“ den Lesern vorführen wollen.

Abessinien hat von jeher der gebildeten Welt ein großes Interesse eingeflößt
und nicht etwa erst die neueste romantische Episode seiner Geschichte uns
diese „unter die Tropen gerückte Schweiz“ näher geführt. Dort, in der
muthmaßlichen Heimat des schwarzhäutigen der durch die Bibel
eingeführten heiligen drei Könige, besteht ja noch, abgeschieden und
vergessen von den abendländischen Glaubensgenossen, inmitten
heidnischer und muhamedanischer Völker, ein christliches Reich; dorthin
verlegte das Mittelalter auch den Staat des fabelhaften Erzpriesters
Johannes, dort entspannen sich Glaubenskämpfe gegen den Islam, die an
Heftigkeit und blutigen Greueln ihresgleichen suchen, dort mühten sich
endlich unsere Missionäre bis in die neueste Zeit erfolglos ab, die
Bevölkerung zu einem reineren Glauben zurückzuführen.
Staatsumwälzungen, Bürgerkriege folgen im bunten Wechsel einander.

So erhebt sich vor unserem geistigen Blicke auf dem farbenreichen
Hintergrund, den die Natur bietet, ein interessantes geschichtliches Bild,
beginnend mit der sagenhaften Königin von Saba, endigend mit dem
blutigen T h e o d o r, [pg VI]und fesselt unser Interesse an denselben
afrikanischen Boden, der, wenn man von Aegypten und den durch die
Araber begründeten Reichen absieht, im Grunde eine eigentliche
Geschichte nicht hat.

Nachdem der Verfasser die Erforschung Abessiniens von den ältesten
Zeiten bis auf unsere Tage herab geschildert hat, führt er in den ersten vier
Abschnitten Land und Leute in einem gedrängten Bilde vor, alles
Wesentliche zusammenfassend, was über Geologie und
Oberflächengestaltung, über die natürlichen Felsenfestungen und periodisch
anschwellenden Ströme, jene Grundursache der Nilüberschwemmungen,

Page 10

was über die klimatischen Verhältnisse und die Vegetationsgürtel, über die
Thierwelt jenes interessanten Gebietes gesagt werden kann. Dabei wandert
das Volk an uns vorüber mit seinen guten Anlagen und seinem tiefen
sittlichen Verfall, seinen verschiedenen Stämmen und Sprachen, Sitten und
Gebräuchen. Handel und Industrie finden gleichfalls gebührende
Berücksichtigung, nicht minder die religiösen Verhältnisse, das afrikanisch
gefärbte Christenthum des Landes mit seiner byzantinischen
Scheinrechtgläubigkeit und lasterhaften Priesterschaft. Die
Missionsgeschichte, reich an Enttäuschungen und arm an Erfolgen, wird
unparteiisch berichtet und dann mit einer Abhandlung über den Landbau
und die sozialen Verhältnisse des Landes der allgemeine Theil beschlossen.

Nachdem der Leser dergestalt orientirt ist, kann er an der Hand der neuesten
Reisenden das weite Land durchwandern; er lernt den Norden wie den
Süden kennen, die brennendheißen Küstenstriche und die fieberschwangere,
feuchte Kollaregion, hinauf bis zu den schneegekrönten, majestätischen
Alpengipfeln.

Geleitet von solchen Forschern, deren Schilderungen zu den
farbenprächtigsten gehören, die wir über jene fernen Gegenden besitzen,
gewinnt der Leser alsobald die vorgeführten Persönlichkeiten um so lieber,
je fesselnder deren oft überaus romantische Fahrten sind. Während die
älteren Reisenden bereits früher besprochen waren, bieten wir in diesem
Abschnitte einen Einblick in das verdienstvolle Wirken der neueren
Ländererforscher. Wir lernen den geistreichen und kühnen Franzosen
G u i l l a u m e L e j e a n kennen, durchstreifen an der Hand W e r n e r
M u n z i n g e r ’ s und der Gefährten des H e r z o g s E r n s t v o n
S a c h s e n - K o b u r g die nördlichen Grenzgebiete, die Länder der Bogos
und Kunama, begleiten den deutschen Fürsten selbst auf seinen
Pürschgängen und [pg VII]Elefantenjagden und werden schließlich durch
den englischen Major W . C o r n w a l l i s H a r r i s in die fast
märchenhaft erscheinende Welt von Schoa, diesen südlichen Theil
Abessiniens, eingeführt, wo in malerischen Einzelschilderungen das Hof-
und Kriegsleben des Negus S a h e l a S e l a s s i é an uns vorübergeht.

Naturgemäß gipfeln die Mittheilungen in der Darstellung des heutigen
Abessinien. Verfallen und zerrissen durch nimmer ruhende Bürgerkriege,

Page 11

zuckend und verblutend liegt es da. Wüst liegen die fruchtbaren Aecker und
das geplagte Volk verkommt: da scheint ein Hoffnungsstrahl
aufzudämmern! Gleich einem glänzenden Meteor steigt der mächtige
T h e o d o r, der Sohn einer armen Kussohändlerin, am abessinischen
Himmel auf. Noch einmal scheint es, als ob das altäthiopische Reich aus
seinen Trümmern, aus Schutt und Moder wieder erstehen wolle. Doch der
Glanz trügt, und nach Tagen blutiger Schrecken sinkt unter der überlegenen
Macht der „rothhaarigen Barbaren“ auch der afrikanische Napoleon dahin,
mit ihm sein Reich. Indessen nicht blos Schatten wirft die
Regierungsgeschichte dieses unzweifelhaft bedeutenden Mannes; es sind
Lichtpunkte genug in derselben zu finden, und der Verfasser hat sich
bemüht, Licht und Schatten in gerechter Würdigung der Schwierigkeiten,
die sich einem Reformator in der Eigenartigkeit von Land und Menschen
jener fernen Gegenden entgegenstellen, billig zu vertheilen.

Was die Quellen, aus denen das vorliegende Buch geschöpft, betrifft, so
wurde von H i o b L u d o l f an bis auf T h . v o n H e u g l i n, sowie die
Berichte der englischen Korrespondenten herab keine wichtige Publikation
übersehen. Außer den angeführten Reisenden, deren Berichte im Auszuge
wiedergegeben sind, wurden hauptsächlich J a m e s B r u c e, H e n r y
S a l t, E d u a r d R ü p p e l l, K a r l W i l h e l m I s e n b e r g, L u d w i g
K r a p f und (für den zoologischen Theil) A . E . B r e h m benutzt.

Als ganz besonders werthvoll müssen wir die Originalabhandlung über die
Agrikultur A b e s s i n i e n s von E d u a r d Z a n d e r hier
hervorheben. – Das Leben dieses deutschen Landsmannes haben wir im
Texte geschildert. Für die Erlaubniß zur Veröffentlichung der genannten
Arbeit ist der Herausgeber S r . H o h e i t d e m H e r z o g e L e o p o l d
F r i e d r i c h v o n A n h a l t, in dessen Besitze sich das Original-
Manuskript befindet, zu tiefgefühltem Danke verpflichtet. Die Kundgebung
dieser zu Magdala im Jahre 1859 verfaßten Arbeit erfolgt [pg VIII]hier, mit
Weglassung einer allgemeinen Einleitung, vollständig. Da jedoch unserm
wackern Landsmanne nach längerer Abwesenheit vom Heimatlande der
flüssige Gebrauch der deutschen Sprache abhanden gekommen war, so
erschienen stylistische Aenderungen in seiner Darstellung unerläßlich, wie
denn auch die Schreibart der Eigennamen mit der in vorliegendem Werke
befolgten in Uebereinstimmung gebracht werden mußte.

Page 12

In der Orthographie abessinischer Namen herrscht bekanntlich die größte
Anarchie, ganz entsprechend jener, welche das Land zerrüttet; um ihr
womöglich zu entgehen, schloß sich der Verfasser in seiner
Rechtschreibung an diejenigen deutschen Reisenden an, welche von allen
die meiste Uebereinstimmung zeigen und diesen Gegenstand am eifrigsten
ihrer Aufmerksamkeit gewürdigt haben, nämlich K . W . I s e n b e r g und
T h . v o n H e u g l i n.

Zur ganz besonderen Freude gereicht es uns, mittheilen zu können, daß der
bei Weitem größere Theil der Illustrationen dieses Werkes nach an Ort und
Stelle aufgenommenen Originalen gezeichnet ist. Zwei Künstler, die das
Land bereisten, haben dieselben geliefert: R o b e r t K r e t s c h m e r, der
den Herzog von Koburg als Maler begleitete, und E d u a r d Z a n d e r,
dessen werthvolle Federzeichnungen, weit über hundert an der Zahl, die
landschaftlichen, architektonischen und ethnographischen Verhältnisse
Abessiniens ungemein gut charakterisiren. Sie befinden sich gleichfalls im
Besitze Sr. Hoheit des Herzogs von Anhalt und werden hier, mit dessen
hoher Erlaubniß, als wesentlicher Schmuck unsres Buches, wiedergegeben.
Die übrigen Illustrationen, bei denen die Quelle stets angegeben ist, wurden
den Werken von H. Salt, E. Rüppell, W. C. Harris, Bernatz, G. Lejean u. a.
entlehnt. Schon in dem uns hier entgegentretenden Reichthum an
gelungenen Holzschnitten ist uns ein vollständiges Bild des afrikanischen
Alpenlandes geliefert, das in keinem hier in Betracht kommenden andern
Werke reicher illustrirt zur Anschauung kommen dürfte. Das am Schlusse
mitgetheilte Kärtchen endlich wird zur allgemeinen Orientirung über das
besprochene Gebiet willkommen geheißen werden.

L e i p z i g, im Juli 1868.
Die Redaktion des „Buches der Reisen und Entdeckungen“.

Page 13

[pg IX]

Inhaltsverzeichniß.

Seite
E i n l e i t u n g . Historischer Ueberblick und
Geschichte der Erforschung Abessiniens. Mit 11 1
Illustrationen
Aethiops (2). – Die Königin von Saba (3). – Menilek und die salomonische
Dynastie (3). Berührungen mit den Völkern des Alterthums (4). – Die
Königsstadt Axum und ihre Ruinen (5). – Einführung des Christenthums
(6). – Wechsel der Dynastie (8). – Die Invasion der Muhamedaner unter
Granje (10). – Portugiesen und Jesuiten in Abessinien (11). – Ihre
Vertreibung (12). – Zerfall des Reiches und Bürgerkriege (13). – Die
Verfassung (18). – Erforschungsgeschichte (19). – Portugiesische Reisende
(20). – Hiob Ludolf (21). – Bruce (22). – Salt und Pearce (23). – Hemprich
und Ehrenberg (23). – Rüppell (23). – Tamisier und Combes (26). – v.
Katte (26). – Schimper (26). – Aubert und Dufey (27). – Lefêbvre (27). –
Gebrüder d’Abbadie (27). – Rochet d’Héricourt (28). – Beke (29). – Zander
(30). – Sapeto (32). – Munzinger (32). – Lejean (33). – Die deutsche
Expedition (33).
Das Land, seine Pflanzen- und Thierwelt. Mit 14
35
Illustrationen
Begrenzung (35). – Das Hochland (36). – Geologie Abessiniens (36). – Der
versteinerte Wald (39). – Heiße Quellen (40). – Oberflächengestaltung (40).
– Natürliche Felsenfestungen (42). – Die Alpen Semiéns (42). – Charakter
der Flüsse (46). – Ihr Anschwellen (46). – Ursachen der
Nilüberschwemmungen (47). – Der Tanasee und der Abai (47). –
Klimatische Verhältnisse (50). – Die Vegetationsgürtel (51). – Kola (51). –
Woina Deka (56). – Deka (61). – Die niederen Thiere (62). – Vögel (65). –
Säugethiere. Ihre Lebensweise, Nutzanwendung, Jagd (71).

Page 14

Das Volk, seine Sitten und Gebräuche, Handel und
85
Industrie. Mit 9 Illustrationen
Physischer Charakter des Volks (85). – Die Juden oder Falaschas (86). –
Muhamedaner (87). – Gamanten (88). – Heidnische Ueberreste (90). –
Waito (90). – Die Sprachen Abessiniens (90). – Literatur und Malerei (93).
– Charakter und Sittenlosigkeit der Abessinier (94). – Blutrache (95). –
Justiz (96). – Aberglauben (97). – Das Verzehren von rohem Fleische (100).
– Nahrungsweise (102). – Kleidung (103). – Krankheiten und Aerzte (103).
– Industrie und Handel (106).
Religion, Kirche und Geistlichkeit. Das
111
Missionswesen. Mit 8 Illustrationen
Das Christenthum Abessiniens, dessen Lehren und Verwahrlosung (111). –
Der Abuna (114). – Art des Gottesdienstes (120). – Die lasterhafte
Geistlichkeit (122). – Mönche und Klöster (122). – Politische Asyle (123).
– Zeitrechnung (123). – Feste (123). – Taufe, Ehe, Begräbniß (124). – Die
Kirchen, ihre Einrichtung und Ausschmückung (126). – Die verschiedenen
Missionsversuche in Abessinien, deren Mißlingen und Urtheile darüber
(128).
Der Ackerbau und die Viehzucht Abessiniens. Mit 5
139
Illustrationen
Die Kulturfläche Abessiniens (139). – Die Getreidearten, ihre Anpflanzung
und Verwendung (141). – Gewürze, Gemüse, Wein, Baumwolle, Gescho
(144). – Ernteertrag (146). – Nuk (146). – Einfelderwirthschaft (146). –
Ackerwerkzeuge (147). – Regenzeit (148). – Bewässerung (148). – Soziale
Stellung der Landleute (149). – Die Viehzucht (150). – Aussicht für
europäische Ansiedelungen (153). – Die Regierung und der Grundbesitz
(153). – Das Frohnwesen (153). – Steuern (153). – Wiesen und Moorgrund
(154). – Bienenzucht (154). – Die Wohnungen der Landleute (155). – Die
Mühlen Abessiniens (157).
Massaua und die abessinische Küstenlandschaft. Mit
158
5 Illustrationen
Die Bedeutung des Rothen Meeres (158). – Der Dahlak-Archipel und die
Perlenfischerei (160). – Die Stadt Massaua und ihre Bewohner (162). –
Sklavenhandel (164). – Die Cisternen (166). – Der Markt (167). –
Karawanenhandel mit Abessinien (167). – Die Bai von Adulis (168). –
Schoho und Danakil (170). – Die Samhara (171). – Eine abessinische
Karawane (172). – Der Tarantapaß und Halai (174).

Page 15

G. Lejean’s Reise durch Abessinien. Mit 10
176
Illustrationen
Metemmé (177). – Der Markt Wochni (178). – Grenzwächter (178). – Eine
abessinische Festung (180). – Eine deutsche Familie (182). – Das Land am
Tanasee (182). – Schnapphähne (184). – Missionsstation Gafat (185). –
Gefangennahme Lejean’s durch König Theodor (187). – Theodor’s Löwen
(187). – Gondar und seine Bauten (188). – Wasserfall des Reb (192). – In
einem Kloster (194). – Besuch in Korata (195). – Binsenflöße (198). –
Besteigung des hohen Guna (200). – Fünf Frauengenerationen (200). –
Befreiung (202). – Hochebene Wogara (202). – Lamalmon-Paß (203). –
Reise durch Tigrié nach Massaua (204).
Reisen in den nördlichen und nordwestlichen
207
Grenzländern von Abessinien. Mit 4 Illustrationen
Das Land der Mensa und Bogos (207). – Reise des Herzogs Ernst (208). –
Monkullo (209). – Labathal (209). – Plateau von Mensa (210). – Das Volk
der Mensa (211). – Ausflug nach Keren (212). – Elephantenjagd (214). –
Rückkehr (216). – Munzinger über die Bogos (217). – Geschichtliches
(217). – Ein aristokratisches Volk (218). – Rechtsverhältnisse (218). –
Aberglauben (219). – Das Christenthum der Bogos (219). – Der Marebfluß
(221). – Die demokratischen Bazen und Barea (220).
Schoa und die britische Gesandtschaft unter Major
224
Harris. Mit 9 Illustrationen
Begrenzung (224). – Englische Gesandtschaft unter Harris (225). –
Tadschurra (225). – Zug durch die Adalwüste (226). – Salzsee (227). –
Mord im Thale Gungunté (228). – Versammlung der Eingeborenen (230). –
Sklavenkarawane (232). – Myrrhen (233). – Der Hawasch (234). – Der
Grenzdistrikt (234). – Alio Amba, ein Marktort (236). – Empfang beim
Könige Sahela Selassié (240). – Die Hauptstadt Ankober (242). – Debra
Berhan, die Sommerresidenz (245). – Sklavendepot (246). – Truppenrevue
(246). – Angollala (249). – Schlucht der Tschatscha (250). – Medoko, der
Rebell (252). – Das Gallavolk (252). – Kriegszug gegen dasselbe (258). –
Siegesfest (260). – Abschluß des Handelsvertrags (262). – Rückkehr (263).
Theodoros II., Negus von Aethiopien. Mit 6
264
Illustrationen
Bewegte Jugend (264). – Der Emporkömmling (265). – Schlacht von
Debela und Königskrönung (266). – Rebellenkriege (267). – Reformen
(272). – Abessinische Heere und Kriegspraxis (275). – Verwickelungen mit

Page 16

den Missionären (280). – Gefangennahme Cameron’s und Streitigkeiten
mit England (281). – Magdala (284). – Beginn der englischen Invasion
(287). – Erstürmung von Magdala und Tod Theodor’s (293). – Rückzug der
Engländer (297).

Die hierzu gehörigen Tonbilder sind einzuheften:
König Theodoros, Audienz ertheilend Titelbild.
Teiit, Partie von Totscha in Semién Seite 43
Charakter des Hochgebirges Awirr in Semién " 49
Herzog Ernst von Sachsen-Koburg-Gotha auf der Jagd in Mensa " 215
Im Lager des Negus. Priester und Krieger " 276
Innerer Theil der Bergfeste Magdala. Südliche Ansicht " 286

Page 17

[pg 1]

Obelisken von Axum. Nach Rüppell.

Page 18

Einleitung.

Historischer Ueberblick und Geschichte der
Erforschung Abessiniens.

Aethiops. – Die Königin von Saba. – Menilek und die salomonische Dynastie.
– Berührungen mit den Völkern des Alterthums. – Die Königsstadt Axum und
ihre Ruinen. – Einführung des Christenthums. – Wechsel der Dynastie. – Die
Invasion der Muhamedaner unter Granje. – Portugiesen und Jesuiten in
Abessinien. – Ihre Vertreibung. – Zerfall des Reiches und Bürgerkriege. – Die
Verfassung. – Erforschungsgeschichte. – Portugiesische Reisende. – Hiob
Ludolf. – Bruce. – Salt und Pearce. – Hemprich und Ehrenberg. – Rüppell. –
Tamisier und Combes. – v. Katte. – Schimper. – Aubert und Dufey. – Lefêbvre
– Gebrüder d’Abbadie. – Rochet d’Héricourt. – Beke. – Zander. – Sapeto. –
Munzinger. – Lejean. – Die deutsche Expedition.

„In den ersten Jahrhunderten unserer Aera stand Abessinien auf der Höhe der
damaligen Kultur; das Christenthum, das ununterbrochen von Aegypten den
Nil hinauf bis hierher reichte, schuf einen stetigen Verkehr mit dem
römischen Reiche. In Glauben, Sitte, Recht und Feinheit des Lebens war es
uns ähnlich; [pg 2]doch seit es von dem Abendlande durch die Fortschritte
des Islam abgeschnitten ist, blieb seine Entwicklung stehen, und wie, wer
steht, zurückgeht, so ist auch Abessinien zurückgegangen und ist verwildert,
wenn es auch jetzt noch Europa viel näher steht als dem nachbarlichen
Afrika. Es ist umringt von Feinden, wie die Rose von Dornen; im Norden,
wo das Hochland in Stufen abfällt und endlich in unabsehbare Tiefebenen
sich endet, wohnen muhamedanische Völker, meist rebellische Kinder des
Hochlandes, die hellfarbigen Habab, die Leute von Barka; ihnen folgen noch
nördlicher die altnomadischen fremdredenden Hadendoa. Im Westen
begrenzt Abessinien das Nilland, türkischer Herrschaft unterworfen, im
Süden das halb muhamedanische, halb teufelanbetende Volk der Galla. Wohl
brauchte es Jahrhunderte, das Hochland vor allen diesen Feinden dem

Page 19

Christenthume zu wahren. Doch jetzt steht Abessinien gegen außen
unabhängig da; es hat nur die inneren Feinde zu fürchten, die Anarchie, den
freiwilligen Verfall seiner Religion und Sitte, den Selbstmord.“

So charakterisirt einer der besten Kenner des Landes, Werner Munzinger, die
Lage der „afrikanischen Schweiz“, die von alters her das Interesse der
europäischen Völker wach zu halten wußte, schon wegen der Gleichartigkeit
der Religion, welche uns mit ihren Bewohnern verbindet. Dorthin verlegte
man den Sitz des schwarzen Erzpriesters Johannes, dorthin zogen
Glaubensboten und wissenschaftliche Forscher in großer Zahl und
übermittelten uns Kunde von den Wundern des so verschiedenartig
gestalteten Landes. Bald sind es die heißfeuchten Niederungen mit
tödtlichem Klima, tropischem Pflanzenwuchs und belebt von den Riesen der
Thierwelt, bald kahle, vom Winde gepeitschte Hochebenen, über denen die
gezackten, kuppel- und domförmigen Bergriesen bis in die Eisregion
hineinragen, dann wieder die verschiedenen Stämme des Landes,
ausgezeichnet vor ihren Nachbarn durch leibliche und geistige Vorzüge,
doch tief gesunken, die uns jene Berichte vorführen. Endlich aber ist es die
mehr als tausendjährige, wol anfangs in den Schleier der Sage gehüllte
Geschichte des Landes, die mit ihrem Dynastienwechsel, ihren blutigen
Bürgerkriegen und Religionskämpfen uns unwillkürlich anzieht. Ja,
G e s c h i c h t e a u f a f r i k a n i s c h e m B o d e n! Welche Anomalie!
Denn sehen wir ab von den muhamedanischen Staaten und den alten,
vorübergehenden Kulturreichen im Norden des schwarzen Erdtheils, so
bietet uns allein Abessinien eine Geschichte, ein Reich in Afrika dar.
Staatenbildungen, Historie bei den Negervölkern zu suchen, wäre
vergebliche Mühe; Abessinien aber hat beides, und der Grund dafür liegt in
der Abstammung, der Begabung seiner Bewohner, die gleich uns zur
kaukasischen Rasse gehören, denn sie sind äthiopische Semiten, Verwandte
der Araber, Phönizier, Juden.

Nach der Ueberlieferung der Abessinier kam K u s c h, ein Sohn Ham’s, in
ihr Land, ließ sich dort nieder, gründete die Stadt Axum und bevölkerte weit
und breit die Umgebung. Er hinterließ zwölf Söhne, unter welchen der
älteste, A e t h i o p s, dem ganzen Lande den Namen A e t h i o p i a gab. So
hieß es wenigstens bei den Griechen und heißt es heute noch offiziell. Der
allgemein übliche [pg 3]Ausdruck Abessinien jedoch ist aus dem arabischen
Habesch abgeleitet. Nach dieser dunklen Sage schweigt die Tradition wieder,

Page 20

und nur Erinnerungen an heidnische Gebräuche und Schlangenkultus füllen
den Zeitraum aus, bis die Geschichte Abessiniens – wenn auch immer noch
sagenhaft – mit derjenigen der schönen K ö n i g i n M a k e t a v o n
S c h e b a (Saba) zusammenfällt. Zu Axum hatte sie im 11. Jahrhundert vor
Christus ihren Thron aufgeschlagen; dort herrschte sie, ihr Volk beglückend,
voller Milde und Güte. Eines Tags erschienen Fremdlinge aus einem fernen
nördlichen Lande bei ihr, die viel von dem weisen Könige Salomo zu
Jerusalem berichteten, der alle übrigen Menschen an Klugheit weit übertraf.
Ihn zu sehen, reiste die Königin nach Kanaan, und kaum hatte der
Judenkönig sie erblickt, als er sich in sie verliebte und sie zur Frau nahm.
Nachdem die äthiopische Fürstin dem Könige einen Sohn Namens
M e n i l e k Ebn Hakim, der später den Königsnamen David I. empfing,
geboren hatte, riefen sie die Pflichten der Herrschaft wieder nach Abessinien
zurück, während der Sohn beim Vater blieb, um dort in allen Tugenden
erzogen zu werden. Er wuchs heran und nahm zu an Weisheit und Gnade,
sodaß aller Menschen Augen mit Wohlgefallen auf ihm ruhten. Eines
Nachts, berichtet die Tradition, erschien ihm der Herr im Traume, hieß ihn
wieder in die Heimat zurückkehren und dort den Gottesdienst nach jüdischer
Weise einrichten. Heimlich warb er zwölf Priester, unter denen Asarja
obenan steht, nahm in der Nacht die alte Bundeslade aus dem Tempel zu
Jerusalem und flüchtete mit ihr zu seiner Mutter nach Axum, wo das
angebliche Heiligthum noch jetzt gezeigt wird. Von seinem Vater Salomo
wurde Menilek lange Zeit verfolgt, allein Gottes Wundermacht schützte ihn
und sicherte ihn vor allen Nachstellungen, so daß er 29 Jahre über
Aethiopien regierte. Seit jener Zeit nun regiert nominell eine
s a l o m o n i s c h e D y n a s t i e in Abessinien, und der Glaube hieran ist
unter dem ganzen Volke vom Höchsten bis zum Niedrigsten so fest
gewurzelt und weit verbreitet, daß nichts sie von dieser Vorstellung
abzubringen vermag.

Page 21

Abessinische Münzen. Nach Rüppell.
1. Kupfermünze des Kaisers Armah (644 bis 658),
2. Goldmünze des Kaisers Aphidas (536 bis 542),
3. Goldmünze des Kaisers Gersemur (603 bis 614).

Die Bewohner Abessiniens scheinen in der vorchristlichen Zeit auf einer
sehr niedrigen Kulturstufe gestanden zu haben. Mit den durch die Aegypter
civilisirten Stämmen, welche in Aethiopien den Nilstrom entlang wohnten
und das Reich [pg 4]Meroë gegründet hatten, scheinen sie durchaus keinen
Verkehr gehabt zu haben, ja es ist ausgemacht, daß den alten Aegyptern das
Land erst durch die Kriegszüge Alexander’s d. Gr. und durch die von ihm an
die Küste verpflanzte Kolonie von Syrern (wahrscheinlich jüdischer
Religion) bekannt wurde. Die Ptolemäer, welche ihre Handelsverbindungen
mit dem Rothen Meere ausdehnten, errichteten Emporien und Stationen für
die Elephantenjagd längs der „Küste der Troglodyten“ und Aethiopier, und
der zweite Nachkomme des großen Soter gründete Adulis am Golf von Zula,
nahe dem heutigen Massaua. Seine Truppen drangen, nach der von Kosmas

Page 22

Indikopleustes im 6. Jahrhundert aufgefundenen sogenannten adulitischen
Inschrift, siegreich bis über den Takazziéfluß in die damals schon erwähnten
Schneegebirge Semién’s und verpflanzten griechische Sprache und
Gesittung in das Land. In Tigrié entstand das königliche Axum mit seinen
hohen Obelisken, Inschrifttafeln und Königsgräbern, und die äthiopischen
Fürsten schlugen Gold- und Kupfermünzen. – Doch griff diese Art hoher
Kultur, deren Blüte in das 4. bis 7. Jahrhundert fällt, erst nach der
Einführung des Christenthums um sich.

Laut predigen heute noch von der alten Herrlichkeit die Ruinen der einst
mächtig blühenden Königsstadt in der Provinz Tigrié. Sie sind, wenige
andere zerstreute Reste abgerechnet, das einzige, was an die alte Glanzzeit
Abessiniens erinnert und der Zielpunkt aller Reisenden, welche das
äthiopische Hochland aufsuchen. Noch zu Anfang des 16. Jahrhunderts, als
der Portugiese Alvarez sich dort aufhielt, müssen manche merkwürdige
Bauwerke daselbst vorhanden gewesen sein, die seitdem verschwunden sind.
In einer alten deutschen Uebersetzung seines Reiseberichtes heißt es:
„Chaxuma hat vieler schöner Wohnungen uff der Erde gebavet, da eine jede
seinen springenden Brunnen hat, und das Wasser den Lewen zum Rachen
herausspringet, welche aus gesprenkelten Marmelsteinen zierlich gemacht
sind.... Man findet auch an den Häusern viel alter seltzamer Figuren, in gar
reine und harte Steine gehawen, als Lewen, Hunde, Vogel u. s. w.“ Auch
jetzt enthält Axum noch sehenswerthe Monumente, Obelisken, Stelen,
Königsgräber, Opferaltäre, über die wir durch Salt, Rüppell und Heuglin
genaue Auskunft erhalten haben.

Der Anblick der in einer Niederung zwischen vulkanischen Hügeln
ausgebreiteten Stadt mit ihren zahlreichen Kirchen, Obelisken, Wachholder-
und Feigenbäumen ist überraschend schön. Noch ehe man das Thal betritt,
begegnet man von Osten kommend einem kleinen schlanken Obelisk, um
den mehrere ähnliche umgestürzt in Trümmern liegen; etwas weiter sind
Schutthügel mit Opfersteinen und einer 7 Fuß hohen Stele (Inschriftstein),
deren eine Seite eine äthiopische, die andere eine griechische Inschrift vom
Axumitenkönig Aizanas enthält. Von hier führt ein in den Fels gehauener
Weg oder Wasserleitung in die Stadt. Ueber den geräumigen Marktplatz
gehend, erreicht man bald ein niedriges Plateau mit einem riesigen
Feigenbaum, dessen Stamm an 50 Fuß Umfang hat. Hier ist das eigentliche
Obeliskenfeld. Einen sonderbaren Kontrast bilden diese schlanken, oft mit

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einfachen und zierlichen Ornamenten fast überladenen Mono[pg 5]lithe und
Stelen zur bescheidenen Bauart der meist runden, mit Stroh gedeckten
Steinhütten der heutigen Axumiten, die oft dicht gedrängt in einzelnen
ummauerten Gehöften zusammenstehen, beschattet von immergrünen
Wanzabäumen, deren dichtes Laubwerk Schneeflocken gleich mit Blüten
übersäet ist. Das heutige Axum hat eine Länge von etwa einer halben
Stunde, aber Häuser, Gehöfte und Gärten stehen nicht dicht beisammen und
sind zuweilen durch Felder und mit Trümmern bedeckte Plätze
unterbrochen. Die Einwohnerzahl veranschlagt Heuglin auf 2–3000. Sie
treiben Ackerbau und Viehzucht und leben in verhältnißmäßig glänzenden
Umständen, da die vielen kirchlichen Feste und Wallfahrten und namentlich
das politische Asyl – ein von Mauern umgebener Platz beim Markte –
zahlreiche Fremde nach Axum ziehen.

Der sogenannte Königssitz zu Axum. Nach Salt.

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Die Obelisken, etwa 60 an der Zahl, bedecken eine niedrige Terrasse fast
vollständig. Die meisten sind jetzt umgestürzt und alle scheinen aus in der
Nähe gebrochenen vulkanischen Gesteinen zu bestehen. Einzelne sind nur
rohe Steinmassen, die vollendetsten dagegen 60–70 Fuß hohe Monolithe, die
schon in der Form von ähnlichen ägyptischen Monumenten abweichen,
namentlich durch den oblongen Querschnitt, sowie durch Mangel der
Inschriften und ganz abweichende Ornamentik. Das Ganze scheint einen
(natürlich nicht hohlen) Thurm mit 8–10 Stockwerken darzustellen, an dem
Fenster und Thor angedeutet sind. Die vor den Obelisken liegenden Platten
umfassen dieselben theilweise; sie haben zwei Stufen, eine kleine Schwelle
und vier runde Vertiefungen (Opferschalen). An verschiedenen Stellen der
Stadt stößt man noch auf alte Baureste, [pg 6]namentlich auf kolossale
Quadersteine. Allerlei Töpfergeschirre, Amphoren, Schalen, Löwenköpfe,
die als Brunnenröhren dienten, sind in Trümmer zerstreut und es könnte hier
sicher noch durch Nachgrabungen manches historisch wichtige Monument
zu Tage gefördert werden. Der Eindruck, welchen die verschiedenen
Monumente auf einzelne Reisende hervorbrachten, war ein sehr ungleicher.
Während z. B. Rüppell, wol mit Recht, deren Kunstwerth nicht hoch schätzt,
ist Salt von den Obelisken ganz entzückt. Ja, von dem 60 Fuß hohen
Obelisk, der sich prächtig an dem alten Sykomorenbaum erhebt, sagt er
sogar: „Nach Vergleichung mit vielen Spitzsäulen von ägyptischer,
griechischer und römischer Arbeit scheint mir dieser Obelisk das
bewundernswürdigste und vollkommenste Werk, wozu man schwerlich ein
Gegenstück findet“.

Nahe bei dem Haupteingange der berühmten Kirche des Ortes stößt man auf
elf in einer Reihe dicht nebeneinander stehende A l t ä r e von
eigenthümlicher Bauart, deren einen Salt als „Königssitz“ abbildet. Jeder
derselben besteht aus drei sich auf den vier Seiten verkürzenden Stufen, von
welchen die unterste etwa neun Fuß im Quadrat hat. Auf der zweiten Stufe
befinden sich vier Würfel, die an den Eckkanten der dritten anliegen und von
welchen jeder eine achteckige Säule trägt, aller Wahrscheinlichkeit nach zur
Stütze der verschwundenen Deckplatte.

Eine Stunde nordöstlich von der Stadt liegen die sogenannten „Fuchslöcher“
oder Königsgräber auf einem Hügel mit herrlicher Aussicht. Auf dem
schmalen Gebirgsrücken bemerkt man ein aus großen Quadern und Säulen
bestehendes Fundament einer Art Grabkirche, in dessen Mitte ein Weg zum

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Eingange eines Felsengrabes führt, das wie sein einfaches Portal in den Fels
gearbeitet und nachher mit künstlicher Mauerung aus großen Blöcken
ausgekleidet worden ist. Aehnlich den Königsgräbern von Theben führt von
da aus dann ein Gang schräg abwärts; dieser mündet in drei Kammern, deren
mittlere mit einer Thür verschlossen werden konnte.

Erwähnen wir nun noch die aufgefundenen Münzen (eine kupferne des
Königs Armah, der von 644 bis 658 regierte, zwei goldene der Könige
Aphidas und Gersemur aus dem 6. und 7. Jahrhundert, theilt Rüppell mit), so
haben wir so ziemlich alles erwähnt, was von dem königlichen Axum übrig
blieb, das ums Jahr 1535 von dem muhamedanischen Stürmer Granje
eingeäschert wurde.

Die Blütezeit der Stadt fällt mit der Einführung des Christenthums
zusammen, das, lange bevor noch in Deutschland der heilige Bonifacius
(725) dem Evangelium Eingang verschaffte, durch einen Zufall an die
äthiopische Küste verpflanzt wurde. Ein christlicher Kaufmann,
M e r o p i u s mit Namen, machte nämlich mit seinen beiden Gehülfen
F r u m e n t i u s und A e d i s i u s im Jahre 330 eine Geschäftsreise längs den
Küsten des Rothen Meeres, landete in der Gegend des heutigen Massaua und
wurde hier nebst einem Theile seiner Schiffsmannschaft von den wilden
Eingeborenen erschlagen. Nur den beiden Jünglingen schenkte die wüthende
Bande das Leben. Man brachte sie an den königlichen Hof, [pg 7]wo sie
gute Aufnahme fanden und bald vom Könige Sara-Din mit wichtigen
Aemtern betraut wurden. Auf ihre Veranlassung kamen noch mehrere
christliche Kaufleute nach Abessinien, die nun eine kleine Gemeinde
bildeten und auch mehrere Einheimische bekehrten. Die beiden Jünglinge
reisten dann später in ihr Vaterland zurück, zur Zeit als Athanasius
Erzbischof von Alexandria war. Aedisius wurde Priester in Tyrus;
Frumentius aber wandte sich mit der dringenden Bitte an den Erzbischof, der
kleinen christlichen Gemeinde in Abessinien einen Hirten zu senden, damit
sie nicht verwaise. Athanasius wußte hierzu aber keinen bessern zu finden,
als den Bittsteller, gab dem ehemaligen Handlungsgehülfen die Weihe und
sandte ihn nach Abessinien zurück. Hier angelangt führte er den Namen
Abba Salama, Vater des Friedens, übersetzte das Neue Testament in die
äthiopische Sprache und breitete das Christenthum weit über das Land aus,
wenn auch noch ein großer Theil des Volkes bei der altheidnischen Religion
verharrte. Die fernere Geschichte Abessiniens ist sehr dunkel und nur durch

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lange Reihen von Königsnamen ausgefüllt, an welche sich nur hier und da
einzelne historische Thatsachen knüpfen.

Aus diesen entnehmen wir, daß zur Zeit des griechischen Kaisers Justinian
(um 522) eine heftige Christenverfolgung durch die Juden im südlichen
Arabien stattfand. Justinian wandte sich deshalb an den abessinischen König
K a l e b; dieser eilte mit einer Armee über das Rothe Meer, schlug die Juden
und unterwarf sich den größeren Theil des südlichen Arabiens, in dessen
Besitz die Abessinier auch blieben, bis sie kurz vor Muhamed’s Auftreten
durch die Blattern, die in ihrem Heere stark wütheten, gezwungen wurden,
sich wieder in ihr Land zurückzuziehen. Im übrigen ist aus der langen
Periode des äthiopischen Reiches bis ins 8. Jahrhundert nicht viel
Erwähnenswerthes überliefert; das Volk vergeudete seine Kräfte in
unfruchtbaren Religionsstreitigkeiten und kam mit seinen Nachbarn nicht
aus dem Kriegszustande heraus.

Unterdessen trat, den ganzen Orient erschütternd, Muhamed mit seiner
Lehre auf. Allein der Islam fand in Abessinien wenig Eingang, jedoch wurde
das damals noch blühende Reich Adal für diese neue Lehre gewonnen, und
dieses gab den zwischen beiden Ländern bestehenden Streitigkeiten
bedeutende Nahrung, indem zu den politischen nun noch religiöse Kämpfe
sich gesellten, welche das Land mit Blut überschwemmten. Doch bevor noch
diese muhamedanischen Invasionen erfolgten, hatte Abessinien eine
gewaltige Revolution durchzukämpfen und es war fraglich, ob die Juden
oder die Christen die Oberhand erhalten sollten. Die ersteren erhoben sich
nämlich unter dem Namen der F a l a s c h a s zu einer furchtbaren Macht.
Durch Heirathsverbindung zwischen der Familie ihrer Häuptlinge und der
abessinischen Königsfamilie brachten sie den Königsthron an sich und
suchten nun die salomonische Linie ganz auszurotten. Es sind jetzt etwa
1000 Jahre darüber hingegangen, daß der letzte salomonische König,
D e l n a o d, vom Throne seiner Väter gestoßen wurde, und zwar durch eine
Jüdin aus Lasta Agau, welche die ganze königliche Familie, einen Knaben
ausgenommen, der nach Schoa flüchtete, ermorden ließ. Sie hieß J u d i t h,
wie zu [pg 8]vermuthen steht, ein selbstbeigelegter Name mit dem
beabsichtigten Hinweis auf die alttestamentliche Heldin. Drei Jahrhunderte
später wurde die Judendynastie wieder durch einen christlichen Herrscher
aus dem Hause Sagué vertrieben, dessen Nachkommen bis zum Jahre 1268
regierten, also zur selben Zeit, als in Deutschland die Hohenstaufen kraftvoll

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das Scepter führten. Elf Könige soll das Haus Sagué (Zagyé) den
Abessiniern geliefert haben, die für das Christenthum eifrig wirkten, unter
denen der später heilig gesprochene L a l i b e l a durch die vielen kunstvoll
in Felsen ausgehauenen Kirchen, die ägyptische Werkmeister aufführten,
berühmt geworden ist.

Die meisten dieser Felsenkirchen sind zur Zeit der muhamedanischen
Invasion im 16. Jahrhundert zerstört worden, doch haben sich einzelne
derselben bis auf unsere Tage erhalten. Der englische Reisende Pearce
schildert uns die Felsenkirche Dschumada Mariam nördlich von den Quellen
des Takazzié, sein Landsmann Salt jene von Abba os Guma bei Schelicut, v.
Heuglin die Felsenkirche von Tenta in Wollo. Die seltsamste dürfte aber wol
jene sein, welche der Missionär Isenberg im Jahre 1838 bei dem Dorfe
Hauazién in der Provinz Tembién besuchte, als er gerade im Begriff war, das
Land nach dem Scheitern seines Missionswerkes zu verlassen. „Obgleich ich
aus leicht erklärlichen Gründen nicht aufgelegt war, die Kirche dieses Ortes
zu untersuchen, so konnte ich doch nicht umhin, ihre äußere Form
anzustaunen. Sie scheint aus einem einzigen Granitblock zu bestehen, der zu
dem Zwecke ausgehöhlt ist, kann aber, nach dem äußern Umfange des Steins
zu urtheilen, nur sehr wenig Raum im Innern haben. Auch die äußere Form
des Steines ist sehr auffallend. Er ist kaum 20 Fuß hoch und in der mittleren
Höhe, wo er am breitesten ist, da er die Form eines stehenden Kreuzes
anstrebt, mag er auch etwa 20 Fuß breit sein; seine Tiefe aber von vorn nach
hinten ist geringer. Er hat einen engen Eingang, in jedem Seitenflügel des
Kreuzes und über der Thüre eine Fensteröffnung; alles dieses in den Fels
gehauen.“ Gewiß ist zu beklagen, daß Isenberg diese interessante
Felsenkirche nicht auch im Innern untersuchte, da, wie es scheint, er der
einzige europäische Reisende war, welcher sie zu Gesicht bekam.

Zu Ende des 13. Jahrhunderts lebte in Schoa der achte Nachkomme jenes zur
Zeit der Judenherrschaft nach Schoa geflüchteten letzten Prinzen der
salomonischen Dynastie. Sein Name war Tesfa Jesus oder J e k u n o -
A m l a k. In Abessinien aber herrschte N a k w e t o l a a b, der Sagué. Als
eigentlicher Herrscher des Landes mußte aber der mächtige Abuna oder
Erzbischof T e k l a H a i m a n o t angesehen werden, heute noch der
berühmteste Heilige der abessinischen Kirche und Gründer des großen
Klosters Debra Libanos in Schoa, durch dessen Eifer und Beistand die
Wiedereinsetzung der alten Dynastie ermöglicht wurde. Aus freiem Willen,

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wenn auch auf dringendes Einreden dieses Erzbischofs, leistete Nakwetolaab
Verzicht auf die Krone und stieg vom Throne herab, um jenem
Nachkömmling der salomonischen Dynastie, nach abessinischer Vorstellung
dem legitimen Sprossen Menilek’s, Platz zu machen.

Zum Entgelt für sich und seine Leibeserben wurde Nakwetolaab zum [pg
9]Herrscher in der Provinz Waag unter der Lehensoberhoheit des Königs
bestellt und dazu der Vorbehalt ausbedungen, daß für den Fall des
Aussterbens der Linie Menilek’s die Krone an die Linie Nakwetolaab’s
zurückgelange, ein Uebereinkommen, welches solche Lebenskraft besitzt,
daß es bis in die jüngste Zeit zurückwirkt. – Von dieser Zeit an bietet die
politische Geschichte des Landes eine Reihe von kriegerischen Expeditionen
dar, welche ihre Könige, zum Theil ausgezeichnete Helden, gegen
auswärtige Völker unternahmen, während die muhamedanische Macht an
der Grenze sich immer drohender entwickelte.

Felsenkirche von Hauazién. Nach Isenberg.

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In dieser Noth fand eine nähere Verbindung zwischen Europa und
Abessinien statt, ja es war die Rede von einer Verschmelzung der
Landeskirche mit der römisch-katholischen, die durch Pilgerfahrten nach
Jerusalem angeregt worden war. Dort hatten die frommen abessinischen
Wallfahrer von dem aufstrebenden Glanze Portugals gehört, und die Berichte
derselben erregten in König J a k o b, der von 1421 bis 1470 regierte, den
Wunsch, mit dem abendländischen Reiche in Verbindung zu treten. Eine
Gesandtschaft wurde nach Lissabon geschickt, um dort vom Könige Alphons
Hülfe gegen die Ungläubigen zu erbitten. Diesem, der damals mit
kriegerischen Plänen gegen die Mauren Nordafrika’s umging, kam der
Wunsch Jakob’s sehr gelegen, obgleich damals der Weg ums Kap der guten
Hoffnung herum noch nicht entdeckt war; allein er konnte, ohne den
mächtigen Papst gefragt zu haben, auf die Allianz mit Abessinien nicht
eingehen, und dieser forderte als erste Bedingung eines Bündnisses die
unbedingte Unterwerfung der getrennten äthiopischen Kirche unter den
Stuhl Petri. Die abessinischen Gesandten mußten [pg 10]deshalb 1441 auf
dem Florentiner Konzil erscheinen, wo eine vorläufige Ausgleichung
zwischen beiden Kirchen stattfand. Schon im folgenden Jahre erschienen
neue Bevollmächtigte auf dem lateranischen Konzil zu Rom, um den
Ausgleich zu bestätigen und dringend aufs neue um Hülfe zu bitten. Diese
jedoch verzögerte sich und an ihre Stelle trat nach langem Briefwechsel
1490 eine von König Johann II. an König Eskander von Abessinien
geschickte Gesandtschaft, welche mit den größten Ehrenbezeugungen
aufgenommen wurde. Dabei blieb es aber vor der Hand und die
Muhamedaner rückten immer mehr gegen die Abessinier an. Im Jahre 1527
wurde der Hafenplatz Massaua von den Türken eingenommen und von
diesen mit dem an der Küste herrschenden Dankali-Könige M u h a m e d
G r a n j e, dem „Linkshändigen“, ein Bündniß abgeschlossen, welches den
Zweck hatte, Abessinien gänzlich zu unterwerfen und an die Stelle des
Evangeliums den Koran zu setzen. Granje, dessen Väter von den
abessinischen Königen mit dem Schwerte erschlagen worden waren, hatte
blutige Rache geschworen und fiel gleich einem reißenden Strome mit einem
zahlreichen Heere in das Land ein. Durch den gelben Sand der dürren
Adalebenen und die glühend heißen Gestadeländer ziehend, stieg er hinauf
in die kühleren, gesegneten Berglandschaften Schoa’s, alles vor sich
niederwerfend, sengend und brennend. Weit und breit dampfte das Land
vom Blute der Erschlagenen; nicht Weib noch Kind wurde geschont, die
Kirchen und Städte, darunter der Königssitz Axum, wurden niedergebrannt,

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die königliche Familie aus ihrer Felsenburg Endoto verjagt und flüchtig von
dannen getrieben. Damals war es, daß die nur mit Schwertern und Lanzen
bewaffneten Abessinier zum ersten male den Feuerwaffen der Muhamedaner
begegneten, vor deren ungewohntem Klange sie davoneilten, wie
gescheuchte Rehe des Waldes. Die Muhamedaner aber ergossen sich über
das wehrlose Land, verübten die größten Greuel und waren eben im
Begriffe, sich dauernd dort niederzulassen, als die längst erwartete Hülfe aus
Portugal eintraf.

Don C h r i s t o p h d a G a m a, ein Verwandter des berühmten Vasco da
Gama, kam mit einer kleinen portugiesischen Flotte in Massaua an und
landete mit 400 wohlgerüsteten Kriegern, mit denen er rasch nach Tigrié
eilte, sie dort mit den Resten der geschlagenen abessinischen Armee
vereinigte und nun muthig den Streitern des Islams entgegenführte. Das erste
größere Gefecht der Portugiesen gegen die Muhamedaner verlief
unglücklich. Da Gama wurde verwundet und flüchtete in eine Höhle, wo ihn
eine muhamedanische Sklavin von außerordentlicher Schönheit, welche er
als Dienerin mit sich führte, ihren Glaubensgenossen verrieth. Er wurde vor
Granje geführt, welcher ihm eigenhändig mit der linken Hand den Kopf
abschlug, der nach Konstantinopel gesandt wurde, während die Stücke des
geviertheilten Körpers nach verschiedenen Gegenden Arabiens wanderten.
Die Portugiesen, anfangs durch den Verlust ihres Feldherrn bestürzt
gemacht, rafften sich indessen von neuem auf, schlugen die Muhamedaner,
tödteten Muhamed Granje und setzten den rechtmäßigen König Claudius
(Galaudios) wieder in den Besitz seines Thrones.

[pg 11]
Nichts umsonst! So lautete damals schon der Wahlspruch, und die
Portugiesen, die ihr Blut nicht ohne Gewinn verspritzt haben wollten, traten
nun mit zwei Forderungen auf. Zunächst verlangten sie den dritten Theil des
Landes und dann unbedingte Unterwerfung der äthiopischen Kirche unter
den römischen Papst. Die Abessinier sahen ein, daß sie einen Feind
losgeworden, dafür aber einen andern, kaum minder schlimmen, aufs neue
sich zugezogen hatten. Claudius, welcher sich in seinem Glauben nicht irre
machen ließ, auch der Portugiesen jetzt nicht mehr zu bedürfen glaubte,
verweigerte beide Forderungen kurzweg und holte einen neuen Abuna
(Vorstand der äthiopischen Kirche) aus Alexandrien, während er den
römischen Geistlichen, an deren Spitze B e r m u d e z stand, befahl

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heimzukehren. Die Portugiesen waren aber weit davon entfernt, so ohne
weiteres die Früchte ihres Sieges aufzugeben. Im Jahre 1555 kam eine
Jesuitenmission in Abessinien an, welcher bald darauf eine zweite unter dem
Bischofe Orviedo folgte, aber alle ihre Anstrengungen waren vergeblich,
indem König Claudius selbst über Glaubenssachen mit Orviedo disputirte,
ihn zu widerlegen suchte und, als dieser darauf die ganze abessinische
Kirche in den Bann that, ihn mit seinen Genossen aus dem Lande verwies.
Nur mit Widerstreben gehorchten die Patres, die nach Japan versetzt wurden,
wo sie, anfangs zu Einfluß gelangend, auch später wieder, wegen ihrer
Einmischung in die Regierung des Landes, vertrieben wurden. Von Indien
aus versuchten es die Jünger Loyola’s nun zu wiederholten Malen, in
Abessinien festen Fuß zu fassen, bis es ihnen endlich zur Zeit der Regierung
des Königs S o s n e o s (Seltan Seggad) gelang, sich festzusetzen. Unter
diesem Könige, der außerordentlich viel auf eine Verbindung mit Portugal
gab, wurde auf Betreiben der Jesuiten die römische Kirche für die
alleinseligmachende erklärt, die bisherigen abweichenden Lehren und
Gebräuche abgeschafft und die Einführung des römischen Gottesdienstes
und Glaubens im ganzen Reiche eifrig betrieben. Vergeblich warnten den
König seine Freunde, flehten seine Geistlichen mit dem hundertjährigen
Abuna Simeon an der Spitze, den Eingebungen der Jesuiten nicht zu folgen
und treu am Glauben der Väter festzuhalten. Wer nicht wollte, mußte
gehorchen oder des königlichen Mißfallens und schwerer Strafen gewärtig
sein. Allein aufgestachelt von den Priestern ließ das Volk die
Glaubenstyrannei sich nicht gefallen und griff zu den Waffen, um die alte
Religion zu vertheidigen. Der König, durch die fanatischen Jesuiten immer
mehr angefeuert, schickte den Scheftas (Rebellen) ein mächtiges Heer unter
dem Oberbefehl seines Bruders entgegen, dem es auch bald gelang, die
Revolution blutig niederzuwerfen. Dieser Sieg veranlaßte das Einströmen
zahlreicher portugiesischer Geistlichen, die, den Erzbischof M e n d e z an
der Spitze, nun mit dem größten Eifer für Ausbreitung des Katholizismus in
Abessinien Sorge trugen. In einer feierlichen Versammlung wurde das
alexandrinische Bekenntniß für abgeschafft erklärt und jeder mit dem
Bannfluche belegt, der sich der neuen Ordnung nicht fügte.

Die Herrschaft der Jesuiten ruhte nun schwer auf dem Lande, und vor ihrem
Fanatismus blieben nicht einmal die Gräber verschont. Einer der
vornehmsten [pg 12]Priester, der sich der neuen Ordnung nicht gefügt hatte,
starb und wurde auf dem Kirchhofe begraben; auf Befehl des Erzbischofs

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Mendez grub man jedoch die Leiche aus und warf sie den Hyänen vor. Diese
und ähnliche Handlungen erweckten die Wuth des Volkes aufs neue, und
wiederum brach eine Empörung aus, diesmal mit dem Zwecke, M e l e a
C h r i s t o s, einen Vetter des Königs, auf den Thron Abessiniens zu erheben.
Die zahlreiche Armee des Sosneos wurde nun geschlagen und dieser zu einer
Vermittelung zwischen dem alten und neuen Glauben gezwungen.
Erzbischof Mendez gestattete, daß die alte Liturgie und die alten Festtage
wiedereingeführt, sowie die Feier des Sonnabends neben dem Sonntage
geduldet wurde. Mit Ausnahme der Einwohner der Provinz Lasta ergaben
sich alle Abessinier hierein; jene aber, die konservativsten unter allen, zogen
20,000 Mann stark den Königlichen entgegen, wurden aber namentlich
durch die aus Galla bestehende Reiterei des Sosneos geschlagen, sodaß 8000
tapfere Männer von Lasta mit ihren blutigen Leichen das weite Schlachtfeld
deckten. Gegenüber diesem Anblick, bei den verstümmelten Körpern ihrer
dahingeopferten Brüder, die für den alten Glauben gefallen waren, erweichte
das Herz der Sieger und, den Kronprinzen F a s i l i d e s an der Spitze, ging –
was wol einzig in der Kriegsgeschichte dastehen dürfte – der Sieger zu dem
Besiegten über, dessen Sache zur seinigen machend und den König Sosneos
zwingend, zur Religion der Väter zurückzukehren. Nach diesem Siege, der
zur Niederlage des Katholizismus wurde, durchzog ein Herold das Land,
welcher laut verkündigte: „Hört, hört! Früher haben wir euch den römischen
Glauben empfohlen, in der Meinung, daß er der wahre sei. Da aber große
Scharen unserer Unterthanen für den alten Glauben ihrer Väter das Leben
geopfert haben, so soll auch die freie Ausübung desselben wieder gestattet
sein. Eure Priester mögen ihre Kirchen wieder in Besitz nehmen und darin
dem Gott ihrer Väter dienen.“

Damit war der Untergang des Katholizismus besiegelt; laut jubelnd strömten
die Abessinier in die alten Gotteshäuser, und als im Jahre 1632, nach dem
Tode des Königs Sosneos, dessen Sohn Fasilides an die Regierung kam,
waren auch die Stunden der Jesuitenväter gezählt. Sie wurden zunächst in
das Kloster Mai Goga bei Adoa verbannt, flüchteten aber von hier vor den
Verfolgungen des Pöbels. Mendez selbst gerieth auf der Flucht zu Sauakin in
die Sklaverei und statt seiner nahm wieder ein Abuna aus Alexandrien den
höchsten Kirchensitz zu Gondar ein. Ist auch die Invasion der Portugiesen,
die Herrschaft der Jesuiten über das Land nicht ohne Einfluß in
kulturhistorischer Beziehung geblieben, so wurde doch ein guter Theil des
Volks und Reiches in den inneren Zwisten dem Ruin zugeführt.

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In der folgenden Periode regierten bis 1753 acht Könige, mehr oder minder
kräftig, die aber alle nicht hindern konnten, daß die Macht der Häuptlinge
wuchs, die Herrscherwürde im Ansehen immer mehr sank und das Reich
sich unaufhaltsam in seine Theile auflöste, sodaß allmälig die drei Staaten
A m h a r a in der Mitte, T i g r i é im Norden, S c h o a im Süden sich unter
eigenen [pg 13]Fürsten herausbildeten, die den ohnmächtigen König im
Palaste zu Gondar nur dem Scheine nach anerkannten. Unter König J o a s
(1753–1769) hatte der Statthalter von Tigrié, der furchtbare R a s
M i c h a e l, als eine Art von Major Domus die ganze Macht an sich gerissen,
den Kaiser umbringen lassen und dessen bejahrten Großoheim, Johannes,
gleich einer Puppe auf den Thron erhoben, und als dieser fünf Monate später
starb, dessen jungen Sohn Tekla Haimanot II. zu seinem Nachfolger ernannt.
Jene Zeiten, die uns Bruce mit großer Anschaulichkeit als Augenzeuge
schildert, bilden eines der blutigsten Blätter in der Geschichte Abessiniens.

Krieger von Schoa. Nach Harris.

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Sturz und Erhebung, Bürgerkrieg und Mord wechseln miteinander ab und
die Menge der auftretenden Namen, der unzufriedenen Häuptlinge, der
ermordeten Statthalter ist geradezu verwirrend. Durch stete Treulosigkeit
suchten sich die abessinischen Häuptlinge gegenseitig zu überlisten, wobei
ihnen meist eheliche Verbindungen als Deckmantel dienten, um das
unglückliche Land fortwährenden Verheerungskriegen preiszugeben, welche
stets nur zur Befriedigung des individuellen Ehrgeizes, niemals aber im
Interesse des Reiches geführt wurden. Durch so viele Veränderungen und
durch die beständigen Bürgerkriege war die Herrschermacht so in Verfall
gerathen, daß das Königthum [pg 14]nur noch in dem Palaste des jeweiligen
Königs zu Gondar thatsächlich bestand, außerhalb desselben aber so wenig,
daß die meisten der nominellen Unterthanen n i c h t e i n m a l d e n
N a m e n d e s H e r r s c h e r s k a n n t e n. Die Existenz des Königs war
nur eine Aegide für den R a s oder Protektor des Reiches, der nur durch
Erhebung eines Königs auf seinen Thron und durch Beschützung desselben
seine eigene Würde erhielt, sonst aber ganz nach seinem eigenen und seiner
Großen Gutdünken schaltete. Unter ihm standen die vielen Reichsvasallen,
die Provinzial-Gouverneure, deren Würde erblich ist, die aber ebenfalls so
viel Unabhängigkeit zu erstreben suchten, als sie nur konnten. Jeder
Gouverneur war verpflichtet, bei militärischen Expeditionen seinem Obern
mit so vielen Soldaten zu Hülfe zu eilen, als er selbst unterhalten konnte,
und sein bürgerlicher Rang im abessinischen Staatskörper wurde nach der
Stelle bestimmt, die ihm im Heere, d. h. im königlichen Lager und auf dem
Marsche angewiesen wurde.

Vorzüglich aber hatten diese Statthalter das Recht sich angemaßt,
Gegenkaiser zu ernennen und die ihnen mißfälligen Thronbesitzer zur
Abdankung zu zwingen. Da sie überdies noch die Tributzahlungen
einstellten, wurde das Ansehen und die Macht der Könige so
herabgewürdigt, daß sich das Einkommen derselben zu Anfang unseres
Jahrhunderts auf dreihundert Thaler belief. Welche Civilliste für einen
Herrscher Aethiopiens! Um sich aber von der Wandelbarkeit der
abessinischen Königswürde eine rechte Vorstellung machen zu können, sei
hier bemerkt, daß seit dem Abdanken des Königs Tekla Haimanot II. (1778)
bis zum Jahre 1833 vierzehn verschiedene Fürsten zweiundzwanzigmal als
Könige in Gondar auf dem Throne gesessen haben. Ein Nebenstück hierzu
finden wir allerdings in den sogenannten Republiken Südamerika’s, wo der
Präsidentenstuhl nicht minder häufig wechselt.

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Nachdem der erwähnte Ras Michael durch den Statthalter der Provinz Lasta,
W e n d B o w o s e n, am 4. Juni 1771 besiegt und gefangen worden war,
bemächtigte sich der Befehlshaber von Tembién, K e f l a J e s u s, der
Provinz Tigrié. Derselbe bat, um sich in seinem Besitzthum möglichst zu
befestigen, seinen Verbündeten, den Wend Bowosen, ihren
gemeinschaftlichen Gegner, den furchtbaren Ras Michael, der zu Dobuko
gefangen saß, aus der Welt zu schaffen; allein jener that das Gegentheil: er
setzte den Gefangenen in Freiheit und machte ihn mit dem Plane des Kefla
Jesus bekannt. Ergrimmt zog nun der alte tapfere Ras Michael mit wenigem
Gefolge nach Tigrié, und fast die ganze Armee seines Gegners Kefla Jesus
ging zu ihm, ihrem alten General, unter dem sie so oft gesiegt hatte, über.
Jener wurde hierauf gefangen und von Ras Michael 1772 aufs grausamste
ums Leben gebracht, der auch bis zu seinem 1779 erfolgten Tode über Tigrié
herrschte und seinen Sohn R a s W a l d a S e l a s s i é zum Nachfolger
erhielt; dieser Fürst, welcher aus den Erzählungen der englischen Reisenden
Salt und Pearce bekannt geworden ist, regierte, wiewol keineswegs
ungestört, bis zum Mai 1816 über Tigrié; nach seinem Tode war das Land
sechs Jahre in einem höchst anarchischen Zustande, indem nicht weniger als
vier Häuptlinge nacheinander um die Obergewalt kämpften. Im Jahre 1822
gelang [pg 15]es S a b a g a d i s, dem Statthalter der Provinz Agamié, sich in
der Obergewalt zu befestigen und über acht Jahre lang in Tigrié zu regieren.
Er soll damals den kühnen Gedanken gefaßt haben, sich die Alleinherrschaft
in Abessinien zu erringen, wozu er wahrscheinlich durch verschiedene bei
ihm befindliche Europäer veranlaßt wurde. Allein auch er theilte das
Schicksal seiner Vorgänger und erhielt in U b i é, einem talentvollen, kühnen
und grausamen Manne, einen noch weit bedeutenderen Nachfolger. Ubié
war der Schwiegersohn des Sabagadis und Detschasmatsch der gebirgigen
Provinz Semién; das hinderte aber den Schwiegervater nicht, gegen ihn,
dessen aufstrebende Macht er fürchtete, zu intriguiren. Vereinigt mit Ras
Maria, dem Befehlshaber der Provinzen Begemeder und Dembea, rückte nun
Ubié an den Takazzié, schlug dort am 15. Februar 1831 seinen
Schwiegervater Sabagadis vollständig und ließ ihn am folgenden Tage
hinrichten. Während nun Ubié von den Großen zu Axum als Herr Tigrié’s
ausgerufen wurde, kämpfte der ältere Sohn des Sabagadis, Walda Michael,
gegen ihn fort, doch ohne Erfolg; er wurde gleichfalls getödtet, und auch der
zweite Sohn, Kassai, mußte sich Ubié ergeben. Aber Kassai blieb nicht treu,
sondern versuchte abermals zu rebelliren. Um ihn fester an sich zu knüpfen,
schenkte ihm Ubié im Spätjahre 1836 seine siebenjährige Tochter zur Frau,

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sowie ein bedeutendes Gebiet in Tembién zur Mitgift und ließ sich dabei alle
Hauptanhänger Kassai’s nennen, die in Verwahrsam gebracht wurden. Als
darauf Kassai 1838 wieder rebellirte, zog Ubié mit einer bedeutenden Armee
gegen ihn, schlug ihn und setzte ihn in einer Bergveste gefangen, wo seine
Frau nicht von ihm wich. Dann befestigte sich seine Macht immer mehr und
erreichte ihren Gipfel durch den Fall Balgadaraia’s, eines mächtigen Fürsten
in Ost-Tigrié, der zeitweise die Abwesenheit Ubié’s zu raschen Verheerungs-
und Raubzügen bis nach Adoa und zum Takazzié benutzte. Im Jahre 1850
stellte sich Balgadaraia freiwillig dem Ubié und wurde von demselben mit
Ländereien belehnt.

Im centralen Staate Abessiniens, in Amhara, regierte unterdessen nicht
minder gewaltig, doch mit weniger Glück, R a s A l i, welcher die ganze
Herrlichkeit an sich gerissen hatte und den König oder Kaiser S a g l u
D e n g h e l noch mehr zur Unbedeutendheit herabdrückte, als dieses bisher
mit den Herrschern geschehen war. Für seinen Lebensunterhalt waren
diesem Herrscher über Abessinien nur 300 Maria-Theresia-Thaler jährlich
geblieben, welche die in Gondar wohnenden Muhamedaner als eine Art
Kopfsteuer zu entrichten hatten. Mit dieser unbedeutenden Summe und dem
Betrage einiger wenigen zufällig eingehenden Strafgelder mußte die ganze
Hofhaltung bestritten werden. Die hierdurch entstehende große finanzielle
Bedrängniß, bei welcher der Titularkönig des Reiches kaum die nöthigsten
Mittel zur Anschaffung seiner Nahrung hatte, war es wol, welche Saglu
Denghel auf den Gedanken brachte, daß, da in Abessinien der Herrscher
zugleich als das höchste Haupt der Landeskirche angesehen wird, er auch
das Recht haben müsse, diejenigen Schenkungen, welche seine Vorfahren in
glücklichen Zeiten der Kirche gemacht hatten, jetzt, da der Thron dieselbe
zu seinem eigenen Bestehen nothwendig habe, wenigstens theilweise
zurückzuverlangen. [pg 16]Er erklärte dieses im Anfange des Jahres 1833
den in Gondar anwesenden Geistlichen, brachte aber dadurch den ganzen
Klerus gegen sich auf – also genau so wie bei uns, wenn z. B. ein König von
Italien die Kirchengüter zum Besten des Landes einzieht, nur mit anderm
Erfolge. Daß Soldaten sich der Einkünfte vieler Kirchengüter bemeisterten,
hatte man freilich geschehen lassen müssen, weil es nicht verhindert werden
konnte; aber in die Schmälerung der kirchlichen Revenuen als etwas
Gesetzliches von freien Stücken einzuwilligen, dazu war die abessinische
Geistlichkeit ebenso wenig zu bewegen, wie irgend ein Klerus Europa’s.
Sämmtliche Geistliche von Gondar verfügten sich also zum Kaiser und

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protestirten energisch gegen die Neuerung, ja, sie fingen sogar an, die
Kirchen zu schließen und jegliche geistliche Funktion einzustellen, worüber
besonders die alten Frauen in Bestürzung geriethen. Am 19. Januar 1833
begab sich die ganze Geistlichkeit in feierlichem Aufzuge zum Protektor Ras
Ali nach Fangia und bat denselben dringend, dem Saglu Denghel die
Königswürde zu nehmen, weil er sich derselben durch die Einführung
ketzerischer Neuerungen in dem zwischen Staat und Kirche bestehenden
Verhältnisse unwürdig gemacht habe. Solche Versuche, fügten sie hinzu,
würden ohne allen Zweifel den Ruin des Reiches nach sich ziehen und von
jeher sei ja auch ein Angriff auf die geistlichen Rechte von allen Synoden als
verdammenswerth anerkannt worden. Indem wir diese uns von Rüppell, der
als Augenzeuge spricht, mitgetheilten Einzelheiten lesen, kommt es uns vor,
als sei hier etwa von Oesterreich und dem Jahre 1867 die Rede, wo beim
Streite über die Aufhebung des Konkordates der Klerus der Regierung
gegenüber die nämliche Sprache, die nämlichen Argumente gebrauchte. So
sehr gleicht sich die Geistlichkeit in allen Theilen unserer Erde.

Der Klerus erreichte seinen Zweck vollkommen, denn Ras Ali schickte
sogleich einen seiner Offiziere mit dem Befehle nach Gondar, daß der König
augenblicklich das Schloß verlasse und die Krone niederlege, für welche er
bei seiner Rückkehr von einem Kriegszuge einen Würdigeren ernennen
werde, und diesem Befehle wurde ohne die mindeste Widersetzlichkeit
Folge geleistet. So endete die nominelle Herrschaft Saglu Denghel’s nach
einer Dauer von nur vier und einem halben Monate und so gingen damals
die Protektoren mit dem „Könige“ um. Ras Ali wies dem abgesetzten
Herrscher ein kleines Dorf in der Nähe des Tanasees als zukünftigen
Wohnsitz und die geringen Einkünfte desselben zu seinem ferneren
Unterhalte an. Lange Zeit blieb der Thron unbesetzt, und die folgenden
Könige sind auch nur von chronologischem Interesse, da eine Bedeutung
ihnen nicht mehr zukam und das Land in der That aus drei gänzlich
getrennten Staaten, aus Schoa unter König Sahela Selassié, Amhara unter
Ras Ali und Tigrié unter Ubié bestand. Im Verfolge unseres Werkes werden
wir noch oft Gelegenheit haben, diese drei Theilfürsten zu erwähnen, von
welchen namentlich der erstere und der letztere unser Interesse um deswillen
in Anspruch nehmen, weil sie mit den Europäern in nahe Verbindungen
traten und von verschiedenen Reisenden aufgesucht wurden. Ubié, etwa im
Jahre 1800 geboren, war, nach Rüppell’s Bericht, ein Mann von hagerer
Statur und mittlerer Größe; in der [pg 17]Kopfform und Körperhaltung

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sprach sich ein gewisser Adel aus und seine schönen lebhaften Augen
verriethen Geist und Gewandtheit; seine Gesichtsfarbe war gelbbraun; sein
schöngelocktes Haar kurz verschnitten. Man rühmte ihm Tapferkeit,
Großmuth, Freigebigkeit und Gerechtigkeitsliebe nach. „Die Art, wie er den
Frieden in Tigrié herzustellen und zu befestigen suchte,“ sagt Rüppell, „giebt
eine offene und loyale Handlungsweise zu erkennen, wie sie die jetzigen
Abessinier leider nicht verdienen.“ Auch mit Hülfe der Geistlichkeit suchte
er seine Macht zu befestigen. Denn schon seit vierzehn Jahren war der Sitz
des Metropoliten von Abessinien verwaist, als Ubié im Jahre 1841 mehr aus
politischem als kirchlichem Interesse in A b b a S a l a m a einen neuen
Abuna (Erzbischof) aus Kairo holen ließ. Er hatte schon längst darauf
gesonnen, Ras Ali zu stürzen und durch Einsetzung eines neuen Königs auf
den Thron von Gondar sich selbst zum Ras oder Protektor des Reiches, also
zum obersten Machthaber des ganzen Landes, zu erheben. Der Abuna sollte
durch seinen Einfluß auf die Kirche seine Macht verstärken und wol auch
den neuen König salben, zu welchem der Prinz Tekla Georgis bestimmt war,
der jedoch bald starb.

Allein keiner von beiden Rivalen, weder Ubié noch Ras Ali, sollte auf den
alten Thron Abessiniens gelangen, – die Herrschaft fiel einem dritten zu, der,
vom Glücke begünstigt, mit Thatkraft ausgerüstet, wenigstens zeitweilig
dem grauenhaften Zustande ein Ende machte, welcher seit langem das Land
zerfleischte und Rüppell die Worte abdrängte: „Ich muß gestehen, daß bei
dem jetzigen gesetzlosen Zustande des ganzen Landes nicht der geringste
Hoffnungsstrahl einer sittlichen Regenerirung der Nation leuchtet und daß
der vollkommene Mangel einer kräftigen Regierung das Haupthinderniß
dabei ist und um so schwerer zu beseitigen sein wird, da gegenwärtig auch
nicht eine einzige Fraktion des Volkes an die Herstellung einer solchen
denkt. Der letzte Schatten eines gemeinsamen politischen Oberhauptes ist
mit der Absetzung des Kaisers Saglu Denghel geschwunden. Die Geschichte
der letzten sechzig Jahre zeigt eine vollkommene politische Auflösung des
Landes und dreht sich blos um die Häuptlinge, welche in den verschiedenen
Provinzen, als gleichsam voneinander unabhängigen Staaten, sich zu
unumschränkten Herrschern aufwarfen, durch List und Kühnheit ihre
Nebenbuhler verdrängten und dann meistens selber wieder durch
Treulosigkeit ihrer Verbündeten gestürzt wurden. So herrschen denn
fortwährend Bürgerkriege, welche in der Regel keinen andern Zweck haben,
als einen durch Versprechungen und Eidschwüre eingeschläferten Gegner zu

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verdrängen, und die Bewohner einiger Distrikte, die in einem kurzen Frieden
etwas Eigenthum erlangt haben, auszuplündern. Die nothwendige Folge
davon ist eine stets zunehmende Verarmung; das Grundeigenthum hat
beinahe gar keinen Werth mehr; der Ackerbau wird immer mehr
vernachlässigt; die Viehherden sind ungemein zusammengeschmolzen und
der Verkehr ist wegen der großen Unsicherheit oft ganz unterbrochen.“

Rüppell bezieht diese Worte auf das Jahr 1833; allein sie hatten noch
Geltung in der Mitte dieses Jahrhunderts; der traurige Zustand des armen [pg
18]Landes und Volkes, das nach Erlösung aus diesen Uebeln jammerte, war
bis dahin und ist auch noch heute derselbe.

Auf eine Hoffnung aber baute seit alten Zeiten jedermann in Abessinien.
Nach der Tradition sollte ein König T h e o d o r o s erscheinen, um dem
Lande den ewigen Frieden zu bringen. Dieser Theodoros regierte einst schon
im 15. Jahrhundert und ward heilig gesprochen; aber wie unser Barbarossa
wird er, so glaubt der Abessinier, wiederkehren zu seiner Zeit, um das Reich
des ewigen Friedens in Aethiopien einzuführen. An der Spitze seiner
Scharen wird er das heilige Grabmal den Händen der Ungläubigen entreißen,
die Türken aus Europa in ihre ursprüngliche asiatische Wildniß
zurücktreiben, Mekka und Medina zerstören und die ganze muhamedanische
Religion von der Erde vertilgen. Wo er hinkommt, weilt der Friede, und
Jerusalem wird der Hauptsitz der abessinischen Kirche, welche sich dann zu
Glanz und unerhörter Blüte entfalten wird. – –

Wohl kam der Held, der den Thron bestieg, allein der ersehnte Friede blieb
aus. Theodoros II., der Sohn einer armen Frau, vereinigte das Reich wieder
in seiner starken Hand und hob es zu einer Stellung, wie zuvor nie.

Ueber die Verfassung Abessiniens können wir kurz berichten. Der Herrscher
(Kaiser oder König) führt den Titel N e g u s oder N e g u s N a g a s t z a
A i t i o p i j a, d. h. König der Könige von Aethiopien. Die Residenz war in
der älteren Zeit zu Axum; gegen Ende des 13. Jahrhunderts, als die alte
salomonische Dynastie wieder zur Regierung kam, eine Zeit lang zu Tegulet
in Schoa, später zu Gondar, wenn auch das ehrwürdige Axum noch immer

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Krönungsort blieb. Allein der düstere Palast, den die Jesuiten zur Zeit des
Königs Fasilides in Gondar errichtet hatten, behagte den Herrschern nicht,
die lieber in ihrem rothen Zelte im freien Feldlager residirten und dort ihre
Einkünfte an Herden, Getreide, Gold, Zeugen in Empfang nahmen, während
sie die Zölle und Wegegelder den Verwaltern der Provinzen überließen. Im
Grunde aber war der Negus Herr des ganzen Landes; er konnte nach
Belieben jedem Verwalter seinen Grund und Boden nehmen, um denselben
einem andern zu schenken, und von dieser Macht haben die Könige auch
fortwährend reichlich Gebrauch gemacht. Ihre Macht war in der That
unumschränkt, und nur über gewisse, durch Jahrhunderte alte Sitten und
geheiligte Fundamentalordnungen wagten auch sie sich nicht wegzusetzen.
Ein Adel existirte dem Namen nach; doch nur die Mitglieder des königlichen
Geschlechtes erschienen bevorzugt, wenn auch die Brüder des Herrschers
bis ins vorige Jahrhundert hinein in Staatsgefängnissen gehalten wurden, um
keine Intriguen anzetteln zu können. Ein besonderes Ministerium gab es
nicht, wohl aber zahlreiche Hof- und Staatsämter. Welche Rolle die
Gouverneure und Majordomen (Ras) spielten, zu welchem Ansehen sie
gelangten und wie sie ihre Gewalt an Stelle der Königsmacht setzten, wurde
bereits gezeigt.

Nächst dem Ras war früher der mächtigste Gouverneur der von Tigrié, der
den Titel Lika Kahenat (Hoherpriester) und Nabr Id als Hüter der
Bundeslade [pg 19]in Axum führte. Der höchste Würdenträger ist
gegenwärtig der Herzog oder D e t s c h a s m a t s c h (Dadjazmatsch, Djeaz,
Djeatsch, Kasmati). Das Wort bedeutet eigentlich einen, „der an der Thüre
kämpft“, um anzudeuten, daß im königlichen Heerlager dieser Würdenträger
mit seinen Truppen die Stelle vor der Thüre des königlichen Zeltes hat und
sich an die Leibgarde des Herrschers anschließt. Auf den Detschasmatsch
folgt der F i t A u r i, der Führer der Avantgarde. Er zieht mit seinen Truppen
dem Heere rekognoscirend voran und lagert sich zwischen diesem und dem
Feinde oder, wenn kein Feind da ist, in der Vorhut des Lagers. Niedere
Würdenträger sind der Kanjasmatsch, der mit seinen Truppen zur Rechten
des königlichen Zeltes lagert, und der Gerasmatsch zur Linken desselben.
Neben diesen kriegerischen Würden gab es auch friedliche. Bei Hofe war
eine Anzahl gelehrter Männer, Lik geheißen, die zusammen eine Art
Gerichtshof bildeten und mit deren Hülfe schwierige Fälle entschieden
wurden. Die Justiz war von der Verwaltung nicht geschieden und das

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Gesetzbuch Feta Negust, d. h. Richtschnur der Könige, umfaßte das
weltliche und kanonische Recht.

König Salomo (abessinische Malerei). Nach Harris.

Dies ist in kurzen Umrissen die politische Geschichte Abessiniens, die zu
derjenigen der europäischen Staaten nicht in der geringsten Beziehung
stehen würde, wäre das Land nicht ein christliches Reich. Gerade aber dem
Christenthum verdankt es das Interesse, welches für dasselbe stets im
Abendlande wach war und welches eine Reihe ausgezeichneter Forscher und
Missionäre nach jenem bergigen Lande in Nordostafrika wallfahrten ließ,
um uns Kunde von seinen Wundern, seinen Naturschönheiten, seinen
Bewohnern und deren Religion zu bringen.

Sehen wir ab von der schon erwähnten Fahrt des K o s m a s
I n d i k o p l e u s t e s, eines christlichen Kaufherrn aus Alexandria, welcher
im 6. Jahrhundert die Bai von Adulis besuchte und dort eine wichtige

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Inschrift kopirte, die er in seiner „Topographia christiana“ veröffentlichte,
so treffen wir zunächst wieder im Dogenpalast zu Venedig in dem Weltbilde
des F r a M a u r o (15. Jahrhundert) auf ein Gemälde Abessiniens von
wunderbarer Treue. Nicht blos kennt der Venetianer den rechten Nebenfluß
des Nil, den Takazzié, unter seinem wahren Namen, sondern er zeigt uns
auch den spiralförmig gekrümmten Lauf des Blauen Nil, den er mit seinem
abessinischen Namen Abai bezeichnet. Mehrere [pg 20]abessinische
Landschaften, wie Gozan, Bagamidre (Begemeder), Hamara (Amhara) und
Saba (Schoa), kommen bereits bei ihm vor. Auch die Küstenstriche des
Osthorns von Afrika waren ihm wohlbekannt. In die Nähe der Bab el
Mandeb verlegt er die Sitze der Danakil, die Stadt Zeyla und den Landstrich
Adal. Er zeichnet uns dann den Lauf des Awasi (Hawasch), in dessen Nähe
er die Stadt Härrär setzt.

Im 13. Jahrhundert unterhielt man von Rom aus einen schriftlichen Verkehr
mit dem christlichen Abessinien und seit 1243 hören wir auch von
Missionen, die dorthin entsendet wurden. M a r i n o S a n u t o machte
deshalb zu Beginn des 14. Jahrhunderts die Christen Europa’s aufmerksam,
wie nützlich ein Bündniß mit den Glaubensgenossen in Nubien oder
Habesch bei einem Kreuzzuge gegen Aegypten sein müßte. Seit der Mitte
jenes Jahrhunderts wurde auch auf die abessinischen Könige der Titel des
E r z p r i e s t e r s J o h a n n e s übertragen und die Kunde von einem
angeblich mächtigen Christenreich im Morgenlande vom chinesischen
Himmelsgebirge plötzlich nach den Alpenländern am Blauen Nil verlegt.
Botschafter dieser Erzpriester erreichten nicht blos die römische Kurie,
sondern auch andere europäische Höfe, und die von ihnen eingezogene
Kunde wurde getreulich auf den Karten niedergelegt. Als daher die
Portugiesen unter P r i n z H e i n r i c h d e m S e e f a h r e r im 15.
Jahrhundert ihre afrikanischen Entdeckungsreisen antraten, war das ferne
christliche Reich, das die Geographen jener Zeit das „dritte Indien“ nannten,
das äußerste Ziel, welches sie anfänglich ins Auge faßten und auf dem Wege
des fabelhaften „Goldflusses“, der ganz Afrika der Quere nach durchströmen
sollte, zu erreichen hofften.

Später, als der Seeweg nach Ostindien gefunden war und die Portugiesen
sich dort festgesetzt hatten, beschifften sie auch das Rothe Meer und
gelangten am 16. April 1520 nach Massaua, dem Ausfuhrhafen der
Abessinier. Dort erreichten sie also das ursprüngliche Ziel des Infanten

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Heinrich, des Seefahrers, das Reich des afrikanischen Erzpriesters Johannes.
Statt einer mächtigen Herrschaft, wie sie erwartet hatten, fanden sie aber nur
ein beschränktes, in ihren Augen ärmliches Gebiet, rohe Bewohner und ein
verwahrlostes Christenthum.

Die bald darauf folgende portugiesische Invasion und die Bemühungen der
Jesuiten, die Abessinier zur katholischen Kirche zu bekehren, wurden bereits
oben erwähnt. Durch die Berichte der Jesuiten-Missionäre erhielt man dann
die erste ausführliche Kunde von den Glaubensbrüdern im Innern Afrika’s
und ihrem Lande. Viele wichtige Nachrichten gelangten namentlich durch
die Reise des A l v a r e z (1520–1526) zu uns, der ganz Aethiopien
durchpilgerte und südwärts in ferne, noch jetzt beinahe unerforschte
Gegenden vor mehr als 300 Jahren gedrungen ist. B e r m u d e z hat uns
einen kurzen Bericht über seine Gesandtschaftsreise (1555) hinterlassen;
ausführlicher sind die fast gleichzeitigen B a r r e t o und A . O r v i e d o,
ferner P a e z (1618), A m e i d a, M e n d e z (1625) und endlich P. L o b o,
der 1640 nach Europa zurückkehrte.

Nun sollten auch die Deutschen ihren Theil an der Erforschung oder
vielmehr Bekanntmachung Abessiniens haben. Im Jahre 1681 erschien zu
Frankfurt am [pg 21]Main ein glänzendes literarisches Meisterstück
deutscher Gelehrsamkeit, H i o b L e u t h o l f ’ s (Ludolf’s) klassische
„Historia aethiopica, sive brevis et succincta descriptio regni Habessinorum,
quod vulgo male Presbyteri Joannis vocatur“, welcher noch mehrere
Kommentare und Anhänge folgten. Die Natur des Landes und seine
Einwohner, die Geschichte, die Religion und kirchlichen Verhältnisse, die
Literatur Abessiniens werden darin ausführlich behandelt. Große Hülfe bei
der Ausarbeitung seiner Werke erhielt Leutholf von dem amharischen
Patriarchen A b b a G r e g o r i u s, der kurze Zeit am Hofe des Herzogs
Ernst von Sachsen-Gotha weilte und dessen Porträt in dem Kommentar
mitgetheilt ist. Die Kleidung der Einwohner, Abbildungen der Pflanzen und
Thiere, der Alterthümer des Landes sind in einer für die damalige Zeit sehr
treuen Wiedergabe in den Werken Leutholf’s enthalten, der uns auch die
Korrespondenz der abessinischen Könige mit den Königen Spaniens, ein
Verzeichniß äthiopischer Manuskripte, Gebete und Liturgien, den
abessinischen Kalender u. s. w. übermittelt hat und dessen Werk fast ein
Jahrhundert lang die vorzüglichste Quelle über Abessinien blieb. Kurz
darauf, nachdem Leutholf seine äthiopische Historie veröffentlicht hatte,

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durchzog 1698 der französische Arzt P o n c e t das ganze Land, indem er,
von Sennar ausgehend, über Amhara und Tigrié bis Massaua gelangte.
Gründlicher als alle seine Vorgänger förderte aber 70 Jahre später, durch
Leutholf’s Geschichte angeregt, der Schotte James Bruce unsere Kenntniß
des Landes durch Sammlung geschichtlicher Urkunden und Quellen, sowie
durch genaue astronomische Ortsbestimmungen.

Hiob Ludolf. Nach dem Kupferstiche in dessen „Historia aethiopica“.

[pg 22]
J a m e s B r u c e, geboren den 14. Dezember 1730 zu Kinnaird in
Schottland, wird für alle Zeiten als einer der bedeutendsten unter den
abessinischen Reisenden dastehen. In Algier, wo er 1763 als englischer

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Konsul angestellt worden war, beschäftigte er sich eifrig mit dem Studium
der morgenländischen Sprachen und machte von dort aus Reisen längs der
Küste des Mittelmeers, den Nil aufwärts bis Syene und nach Baalbek und
Palmyra in Asien, wo er die berühmten Alterthümer zeichnete. So vorbereitet
trat er im Jahre 1769 seine große Reise an, auf der er von Massaua unter
großen Mühen und Gefahren bis Gondar gelangte, wo er sich bei der hier
ausgebrochenen Blatternseuche durch Anwendung europäischer Heilmittel
sowol bei Hofe als im Volke großes Ansehen erwarb und Gelegenheit fand,
in alle Einzelheiten des Volkslebens einzudringen, sowie mit dem
furchtbaren Ras Michael freundlich zu verkehren. Er blieb über drei Jahre in
Abessinien, fand die Quelle des Abai oder Blauen Nil im Südwesten des
Tanasees und brachte ein ganzes Jahr damit zu, seine Reise nördlich durch
das Land der wilden Schankela oder Schangalla (Heiden) und Nubien nach
Alexandria fortzusetzen, das er im Mai 1773 glücklich erreichte. Seine
Reisebeschreibung (Travels into Abyssinia) gab er in fünf Bänden erst 1790
zu Edinburg heraus, worauf er bald (16. April 1794) durch einen Sturz von
der Treppe sein Leben endete. Er, der so vielen Gefahren getrotzt, so große
Mühen und Beschwerden muthig ertragen, endete auf diese Weise! Die
letzten vier Jahre seines Lebens waren ihm noch außerordentlich verbittert
worden. Als er sein umfangreiches Werk veröffentlichte, fand das Publikum
darin eine solche Menge von ungewöhnlichen Nachrichten, Uebertreibungen
und Ungeheuerlichkeiten, daß man den Reisenden kurzweg für einen Lügner
erklärte. Er wurde mit Zuschriften bestürmt, die weisen Kritiker behandelten
ihn unbarmherzig, und namentlich konnte man sich über die Angabe, daß die
Abessinier rohes Fleisch von lebenden Thieren genössen, nicht beruhigen,
eine Angabe, auf die wir ausführlich zurückkommen. Man nannte ihn Mr.
Mendax, Herr Lügner; aber die Zeit hat ihn gerechtfertigt, wenn er selbst
auch nicht die Genugthuung erlebte, die Zweifler bekehrt zu sehen.

Drei Jahrzehnte waren seit Veröffentlichung von Bruce’s so oft
angefochtener Beschreibung verflossen, als die englische Regierung den
ersten Entschluß faßte, mit dem merkwürdigen abessinischen Volke in
Verbindung zu treten. L o r d Va l e n t i a wurde zu Anfang dieses
Jahrhunderts beauftragt, eine Reise ums Kap der guten Hoffnung herum
nach dem Rothen Meere zu machen, die ganze ostafrikanische Küste
wissenschaftlich zu untersuchen, besonders die genauesten Nachrichten über
Abessinien einzuziehen und die geeigneten Schritte zu thun, eine
Verbindung mit diesem Lande anzuknüpfen. Diese Reise war von vielen

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wichtigen Resultaten für die genauere Bekanntschaft mit den
hervorragendsten Punkten an der ostafrikanischen Küste, sowie für die
Belebung des indischen Handels begleitet; jedoch hatte sie für Abessinien
nicht den Erfolg, den sie hätte haben können, wenn die Unterhandlungen
kräftiger betrieben worden wären. Valentia selbst blieb in Mocha an der
arabischen Küste, während er seinen [pg 23]wissenschaftlich gebildeten,
tüchtigen Sekretär H e n r y S a l t mit der Sendung nach Abessinien
betraute. Dieser machte die Reise über Massaua, Arkiko, Halai, Dixan nach
der Provinz Enderta, wo er, da er nicht zum Könige selbst in Gondar
gelangen konnte, mit dem Ras Walda Selassié unterhandelte. (Vergl. oben
S. 14.) Es gelang dem gewandten Salt durch die glänzenden Geschenke,
welche er dem Ras im Namen Georg’s III. von England überreichte,
denselben vom Wohlwollen der englischen Regierung zu überzeugen und
ihn zu einer Verbindung mit England zu bewegen. Er kehrte mit
ausführlichen Nachrichten über das Land und seine Bewohner und mit der
Ueberzeugung zurück, daß sich hier England für die Erweiterung seines
Handels als auch der Kultur ein weites und günstiges Feld eröffne. Einer von
Salt’s Begleitern, P e a r c e, blieb am Hofe des Ras zurück. Dieser ersten
Reise folgte bald darauf, gegen das Jahr 1814, nachdem Salt’s Gönner, Lord
Valentia, in den Pairsstand erhoben worden war, eine zweite Gesandtschaft
unter Salt’s eigener Führerschaft. Diese hatte den Erfolg, daß das gute
Vernehmen zwischen England und dem alten Ras gestärkt und durch
Pearce’s längeren Aufenthalt die Bekanntschaft mit Abessinien vermehrt
wurde. Wieder traten nun politische Wirren in Tigrié ein, welche England die
Lust benahmen, weiter in die Angelegenheiten des Landes einzugreifen, bis
im Jahre 1841 Kapitän H a r r i s nach Schoa ging und jene politische
Mission ausführte, von welcher wir eine ausführliche Schilderung weiter
unten nach dessen 1844 zu London erschienenem dreibändigen Werke „The
highlands of Aethiopia“ mittheilen.

Es konnte nicht fehlen, daß bei den merkwürdigen Sagen, die über
Abessinien umgingen, und bei der Unbekanntschaft, die über dessen Volk
und Natur noch herrschten, auch die Deutschen ihren Antheil an der näheren
Erschließung des Landes nahmen, nachdem Ludolf mit so gutem Beispiele,
wenn auch nur theoretisch, vorangegangen war. Den Reigen eröffneten zwei
der besten deutschen Naturforscher: W . F . H e m p r i c h und C . G .
E h r e n b e r g, welche schon früher Nubien durchzogen hatten und nun, von
der preußischen Regierung unterstützt, das Rothe Meer besuchten. Von

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Massaua aus durchwanderte Hemprich die Küstengebirge, während
Ehrenberg nach den heißen Quellen von Eilat zog. Nach Massaua
zurückgekehrt, traf ihn der harte Verlust, am 30. Juni 1825 seinen Begleiter
Hemprich dem Fieber erliegen zu sehen. Trotzdem war die
naturgeschichtliche Ausbeute der Expedition ungemein reich, da nicht nur
eine Menge ganz neuer Thierformen entdeckt, sondern auch in den
Oscillatorien, Wesen zwischen Thier und Pflanzen, die Farbe des Rothen
Meeres erkannt worden war.

Die bedeutendste und ergebnißreichste Reise in Abessinien führte nach
Bruce abermals ein Deutscher, E d u a r d R ü p p e l l, geboren 20.
November 1794 zu Frankfurt a. M., aus. Reich begütert und vortrefflich in
naturwissenschaftlicher wie astronomischer Beziehung vorbereitet, hatte er
nach einem kleineren Ausflug nach dem Orient, Nubien, Kordofan und das
Peträische Arabien 1823–1825 besucht und sich dann Abessinien als
Hauptziel seiner Forschungsthätigkeit erkoren. [pg 24]Am 17. September
1831 landete er auf Massaua an der abessinischen Küste, wo er den Rest des
Jahres und den nächsten Frühling zu Ausflügen in die Umgebung, nach
Arkiko, dem Thale Modat, den Dahalakinseln und nach den Ruinen von
Adulis benutzte. Am 29. April 1832 trat er dann den Marsch nach dem
inneren Hochlande an, welches vor ihm wissenschaftlich nur von Bruce und
Salt beschrieben worden war. Wurde auch die ganze Reise glücklich
zurückgelegt, so verlief sie doch nicht ohne große Gefahren, denn in Tigrié,
wo gerade Ubié ans Ruder gelangt war, wütheten noch die grausamsten
Bürgerkriege. Für diesen Herrscher hatte Rüppell ein sonderbares Geschenk,
nämlich eine schwere Kirchenglocke bestimmt, deren Transport auf dem
Rücken von Maulthieren viel Mühe verursachte, aber mit großer Freude
angenommen wurde, da Glocken in Abessinien sehr selten sind. Um sich
einen Schutz auf der Reise zu verschaffen, lieh Rüppell einem abessinischen
Großhändler 600 Maria-Theresia-Thaler und zog nun durch den Tarantapaß
auf Halai, die abessinische Grenzstation, zu. Schon hatte er sein Gepäck in
Massaua zur Ueberfahrt nach dem Festlande zurechtgelegt, als ihm von
einem betrunkenen türkischen Soldaten, der eine Pistole auf ihn abschoß,
fast das Leben geraubt und die große, wohl vorbereitete Reise verhindert
worden wäre. Von Halai wandte sich Rüppell in südlicher Richtung nach
Atigrat am Fuße des hohen Alequa, kreuzte am 20. Juli das tiefe Thal des
reißenden Bergstroms Takazzié und stieg hierauf in die hohen, oft von
Schnee bedeckten, kühn geformten Alpen der Provinz Semién, wo er den

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fast 12,000 Fuß hohen Paß am Selkiberge überschritt und auf den
Alpenwiesen in jener Region neben Ericabüschen jene seltsame, in ihrer
Form an die Palmen erinnernde Pflanze, die Dschibarra, entdeckte, welcher
Fresenius den Namen Rhynchopetalum montanum gegeben hat. Am 12.
Oktober hielt er seinen Einzug in die Königsstadt Gondar, wo er der
Absetzung des Königs Saglu Denghel beiwohnte und bis zum 18. Mai 1833
verweilte. Die Zwischenzeit benutzte er zu einem Ausfluge in die
heißfeuchte Niederung (Kolla) von Workemeder und Ermetschoho, nördlich
von Gondar, wo seine Elephantenjäger reichliche Beute fanden. Dann zog er
dem Ostufer des Tanasees entlang, dessen Höhe über dem Meere er zum
ersten male zu 5732 Fuß bestimmte. Weiterhin gelangte er dann zu der
Stelle, wo unfern der berühmten B r ü c k e v o n D e l d e i der Abai oder
Blaue Nil dem Tanasee entströmt.

Am 18. Mai 1833 brach Rüppell von Gondar auf, um über die alte
Krönungsstadt Axum, wo er eine wichtige altäthiopische Inschrift entdeckte,
und über Adoa, die Hauptstadt Tigrié’s, wieder nach Massaua
zurückzukehren, das er am 29. Juni glücklich erreichte. Seine Ausbeute, die
er von dieser Reise mit heimbrachte, war eine ungemein reiche, denn nicht
nur hatte er viele Orts- und Höhenbestimmungen vorgenommen, die der
Karte Abessiniens ein wesentlich anderes Gepräge geben, sondern auch
archäologische, historische und ethnographische Forschungen angestellt, vor
allem aber die zoologische Kenntniß des Landes bereichert, wie seine „Neue
Wirbelthiere zur Fauna Abyssiniens gehörig“ und seine „Uebersicht der
Vögel Nordostafrika’s“ beweisen.

[pg 25]

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Rhynchopetalum montanum. Im Hintergrunde der Bachit, im Vordergrunde Klippspringer.
Originalzeichnung von Robert Kretschmer.

[pg 26]

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Seine „Reise in Abyssinien“ erschien 1840 zu Frankfurt a. M. Für alle seine
Arbeiten wurde ihm denn auch die wohlverdiente Auszeichnung zu Theil,
daß ihm die Londoner geographische Gesellschaft die große goldene
Medaille verlieh. Seine reichen Sammlungen vermachte er seiner Vaterstadt
Frankfurt, wofür diese ihm eine lebenslängliche Pension aussetzte.

Auf Rüppell folgten 1835 zwei Franzosen, die Stiefbrüder T a m i s i e r und
C o m b e s, mit dem angeblichen Zwecke des einen, Menschenkenntnisse zu
sammeln, des andern, sich für die Poesie zu begeistern. Sie kamen unter
vielen Gefahren bis Schoa. Beide Herren waren Mitglieder der Sekte der
Saint-Simonisten und haben nach ihrer Rückkehr 1846 zu Paris vier starke
Bände („Voyage en Egypte, en Nubie etc.“) einer sehr romantischen und
wenig glaubhaften Erzählung ihrer Erlebnisse und Abenteuer veröffentlicht.
Mit nicht viel mehr Glück machte im Jahre 1836 Baron v o n K a t t e einen
kurzen Ausflug nach Adoa in Tigrié, kehrte jedoch bald wieder zurück und
beschenkte Deutschland mit einer Reiseschilderung, an deren Genauigkeit
der gewissenhafte Rüppell gar manches auszusetzen hat. („Reise in
Abyssinien im Jahre 1836“. Stuttgart und Tübingen 1838.)

Im Januar 1837 traf dann der deutsche Botaniker Schimper in Adoa, damals
der Hauptstadt Ubié’s, ein. W i l h e l m S c h i m p e r wurde im Jahre 1804
zu Mannheim geboren. Zuerst als Drechslerlehrling, dann als Unteroffizier,
fand er keine Befriedigung seines Wissensdranges, weshalb er sich nach
München wandte, um dort Botanik zu studiren. Nachdem er eine tüchtige
Ausbildung erlangt, trat er größere Reisen nach dem Orient an; er besuchte,
vom württembergischen Reiseverein unterstützt, Algerien, Aegypten, die
Sinaihalbinsel und Arabien, von wo er überall reiche Sammlungen nach
Hause brachte. Im Jahre 1835 ging er, um seine durch Fieber untergrabene
Gesundheit wiederherzustellen, über Massaua in die abessinischen
Hochlande, wo er bei Ubié in Adoa eine freundliche Aufnahme fand und
seinen wissenschaftlichen Sammlungen nachgehen konnte. Sein Einfluß bei
diesem Fürsten stieg immer mehr, sodaß Schimper als Statthalter zuerst
einen Distrikt an der Gallagrenze, dann den Distrikt Antitscho in Tigrié zu
verwalten hatte. Mit einem Worte, er wurde die rechte Hand Ubié’s, als
dessen Baumeister und Minister er sich unentbehrlich zu machen wußte.
Schimper war bereits früher in Rom zum Katholizismus übergetreten,
weshalb er die Lazaristenmissionen unter de Jacobis in Abessinien
unterstützte, was er um so leichter mit Einfluß auszuführen wußte, als er mit

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einer Tochter des Landes sich vermählt hatte. Auch begann er für Frankreich
zu wirken, von wo aus er Unterstützungsgelder bezog, um dafür seine
Sammlungen an den Jardin des plantes in Paris einzusenden. Nach dem
Sturze Ubié’s hatte Schimper anfangs viel Ungemach auszustehen, doch kam
er später bei Theodoros wieder in Gnade. Im Jahre 1861 schrieb Theodor
von Heuglin über ihn: „Mein alter Freund Schimper wird bald wieder im
Stande sein, seine botanischen und zoologischen Sammlungen fortzusetzen,
die in den letzten fünf bis sechs Jahren ausschließlich nach Frankreich
gegangen sind. Dr. Schimper zählt jetzt 57 Jahre, [pg 27]ist aber immer noch
der alte rüstige und bewegliche Mann, voll unverwüstlichen Humors, als den
ich ihn vor vielen Jahren hier kennen zu lernen das Vergnügen hatte.“

Bald nachdem Schimper in Abessinien sich niedergelassen hatte, beauftragte
die französische Regierung die Aerzte A u b e r t und D u f e y, wieder ein
gutes Vernehmen mit den Eingeborenen herzustellen, das durch das
Auftreten verschiedener französischer Abenteurer gestört worden war.
Leider waren diese beiden Gesandten keineswegs die einer solchen Aufgabe
gewachsenen Männer, denn durch eine Kette von Thorheiten und
Schlechtigkeiten setzten sie den europäischen Charakter in der Achtung des
Volks ganz herunter und vermehrten die Schwierigkeiten, die dem
europäischen Verkehr im Lande schon im Wege standen. Dr. Aubert kehrte
im Februar 1838 von Adoa nach Kairo zurück, während Dufey durch Schoa
nach der Küste des Rothen Meeres ging und als der erste Europäer die
gefährliche Straße von Ankober nach Tadschurra zurücklegte. Die Sendung
dieser beiden Männer wurde, da das französische Interesse an Abessinien
sich mehrte, die Vorläuferin einiger andern politischen und
wissenschaftlichen Expeditionen von Frankreich aus, die vom Jahre 1839 an
erfolgten. Zwei derselben waren 1839 und 1841 unter L e f ê b v r e ’ s, eine
1840 unter C o m b e s ’ Anführung (welcher zum zweiten male Abessinien
besuchte) nach Tigrié und auch nach Amhara gegangen. Ubié, der damals
noch in Tigrié herrschte, behandelte namentlich Lefêbvre sehr verächtlich,
musterte die ihm vom Könige Ludwig Philipp übersandten Geschenke und
sagte zu seinem Schatzmeister: „Nimm diesen Unrath in die Schatzkammer
hinüber.“ Der Gesandte wurde trotzdem aufgefordert, am Essen mit
theilzunehmen, wobei reichlich Honigwein kredenzt wurde, der den
Herrscher bald trunken machte. In diesem Zustande forderte er den Herrn
Gesandten auf, vor ihm zu tanzen, was nur durch das muthige Auftreten des
Dolmetschers verhindert werden konnte. In Verbindung mit den

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französischen Gesandtschaften stand auch die Reise des belgischen
Generalkonsuls in Kairo B l o d e l l, im Jahre 1841, die um deswillen zu
erwähnen ist, weil sie, von Massaua ausgehend, ganz Abessinien von Osten
nach Westen durchkreuzte, indem Blodell über Sennar und Chartum nach
Kairo zurückkehrte. Reiche wissenschaftliche Arbeiten lieferte um dieselbe
Zeit die Expedition des Franzosen G a l i n i e r nach Tigrié, Semién und
Amhara.

Combes war von Ubié gut aufgenommen worden, aber die
freundschaftlichen Verhandlungen wurden bald abgebrochen durch die
Ankunft der Gebrüder d ’ A b b a d i e, von denen der eine Ubié beleidigt
hatte durch seinen Antheil an einem Streifzuge gegen seine Truppen. Die
d’Abbadie’s wurden mit der Drohung verwiesen, daß, wenn sie je wieder
ihre Füße in Ubié’s Gebiet tragen sollten, dieselben ihnen abgehauen
würden. Ebenso mußten infolge dieses Vorfalles Combes und Lefêbvre das
Land verlassen. Abgesehen von ihren politischen Intriguen waren die
Gebrüder Anton und Michael d’Abbadie ausgezeichnete, mit tüchtigen
Kenntnissen versehene und reich begüterte Männer, die nicht unwesentlich
für die Erweiterung unserer Kunde Abessiniens thätig waren und sind, wenn
sie [pg 28]auch ihr Hauptaugenmerk auf die Verbreitung des Katholizismus
und auf die Förderung der Interessen Frankreichs gewandt haben mögen.
Nach langen Vorbereitungen und einigen mißglückten Versuchen gelang es
1842 Anton d’Abbadie, über Tigrié in das Binnenland einzudringen, wo er
sich mit der Erforschung Enarea’s, Kaffa’s und des Quellgebiets des Uma
beschäftigte. Nach zehnjähriger Abwesenheit kehrten beide Brüder 1848
nach Frankreich zurück, wo sie die Resultate ihrer Arbeiten in einzelnen
Abhandlungen veröffentlichten.

Politik und Religions- oder Missionsangelegenheiten begannen überhaupt
allmälig bei den abessinischen Reisenden die Hauptsache, die Wissenschaft
aber die Nebensache zu werden. Englische Reisende und protestantische
Missionäre wirkten im Interesse Großbritanniens, katholische Sendboten und
französische Reisende im Interesse Frankreichs. Kein Wunder also, daß die
abessinischen Fürsten, welche die Plane bald durchschauten, mißtrauisch
wurden und einzelne Reisende schlecht behandelten. Der abenteuerlichste
unter allen war wohl R o c h e t d ’ H é r i c o u r t, nach Isenberg’s Bericht
ein französischer Glücksritter, der sich mehrere Jahre hindurch in Kairo als
Chemiker und Mineralog aufhielt und beständig mit dem Plane umging,

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nach Abessinien zu reisen, um sich dort Geld zu machen. Nachdem ihm
mehrere Versuche mißlungen waren, setzte er endlich 1839 sein Vorhaben
ins Werk, indem er den deutschen Missionären nach Schoa folgte. Als er dort
jedoch nicht gleich zu großen Reichthümern gelangte, wurde er ungehalten
und von dem Könige für halb verrückt angesehen. Bald sollte sich die Sache
jedoch wenden und Rochet zu großem Ansehen gelangen. Da der König,
dessen erste Frage an jeden ankommenden Europäer gewöhnlich die war,
was er verstehe, Rochet’s chemische Fertigkeiten in Pulvermachen,
Seifensieden, Zuckerfabriziren und andern Dingen bemerkte, stieg letzterer
hoch in seiner Achtung. Außerdem versprach der Franzose, ihn von einer
gewissen heimlichen Krankheit zu heilen, und als diese Kur zu gelingen
schien, wurde er dem Könige unentbehrlich. Rochet benutzte nun, wie es die
Franzosen gewöhnlich thun, die steigende Gunst beim Könige, sich politisch
mächtig zu machen, indem er Schoa dem französischen Einflusse zu
eröffnen und den Engländern entgegenzuwirken suchte. Als er nach
neunmonatlichem Aufenthalte wieder in sein Vaterland zurückkehren wollte,
bestimmte er den Negus dahin, ihm einen Brief und Geschenke an den
König Ludwig Philipp von Frankreich mitzugeben und auf diese Weise eine
politische Verbindung zwischen Frankreich und Schoa einzuleiten. Dieses
einseitige Vorgehen suchten aber in Englands Interesse die deutschen
Missionäre, namentlich Krapf, zu verhindern, indem sie den König
bewogen, eine Botschaft nach Bombay zu senden, um einen Freundschafts-
und Handelsvertrag mit England abzuschließen. Als Erwiederung dieser
Botschaft erschien dann die glänzende Ambassade unter Kapitän Harris.

Inzwischen war Rochet in Paris angekommen und hatte die dortige
Regierung seinem Wunsche, mit Schoa in Verbindung zu treten, geneigt
gefunden. Nachdem er eine Beschreibung seiner Reise herausgegeben hatte
(„M. Rochet d’Héricourt, Voyage sur la côte occidentale de la Mer Rouge,
dans le pays [pg 29]d’Adel et le Royaume de Choa.“ Paris 1841), kehrte er
im Auftrage seiner Regierung und der Pariser Akademie der Wissenschaften
wieder nach Schoa zurück. Kaum an der Küste angelangt, wußte er es
durchzusetzen, daß der König von Schoa befahl, keinen andern Europäer, sei
er Franzose oder Engländer, außer ihm nach Schoa kommen zu lassen, bei
Verlust des Lebens. Infolge dessen mußten denn die deutschen Missionäre
Krapf, Isenberg und Mühleisen von Zeyla aus, wohin sie sich 1842 zu einer
zweiten Reise nach Schoa begeben hatten, unverrichteter Dinge umkehren.
Rochet bereiste nun weit und breit das Innere des Landes und gab uns in

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einem zweiten Werke („Second voyage“, Paris 1846) neue werthvolle
Nachrichten über Schoa.

Nach Isenberg erhielt Rochet nur durch ein listiges Vorgeben die Erlaubniß
des Königs, in das Innere von Schoa vorzudringen. Er behauptete nämlich,
nur dann den König heilen zu können, wenn er ein Präparat von einem
ungeborenen Hippopotamus mache, das er aus einem fernen See holen
müsse. Das nachtheiligste Licht auf Rochet’s Wahrheitsliebe und
Glaubwürdigkeit wirft indessen wol, was der deutsche Missionär Ludwig
Krapf über ihn berichtet. Beide befanden sich im November 1839 im
Kriegslager des Königs Sahela Selassié von Schoa, der auf einem Feldzuge
gegen die Galla begriffen war. Man war in der Nähe der Quellen des
Hawaschflusses, allein beide Europäer bekamen sie nicht zu Gesicht,
während Rochet sich in seinem Reisewerke für deren Entdecker ausgiebt.
Der biedere Krapf giebt uns den nöthigen Kommentar zu dieser
wissenschaftlichen Schwindelei. „Rochet“ so schreibt Krapf, „sagte zu mir
im Verlaufe des Feldzuges, daß wir angeben müßten, die Quellen des
Hawasch wirklich gesehen zu haben. Als ich ihm erwiederte, daß dieses ja
nicht der Fall gewesen, antwortete er lächelnd: Oh, wir müssen Philosophen
sein.“ – So erlauben sich gewissenlose Reisende Geographie zu machen oder
vielmehr zu fälschen.

Die Anzahl der Reisenden, welche Abessinien besuchten, beginnt sich nun
ungemein zu häufen, sodaß wir nur die wichtigsten unter ihnen hervorheben
können.

Dr. B e k e, früher englischer Konsul in Leipzig, reiste 1840 von London
nach Aden, unterstützt von den Freunden Afrika’s, um in Schoa und den
angrenzenden Ländern Nachrichten über das Innere und besonders über den
geistigen Zustand der dasselbe bewohnenden Völker einzusammeln.
Glücklich kam er über Tadschurra in Ankober an, wo der Missionär Krapf
ihm Hülfe leistete und sich in den Verhandlungen zwischen Beke und dem
Könige manche Beschwerden und Unannehmlichkeiten zuzog. Später, nach
Ankunft der englischen Gesandtschaft und von dieser unterstützt, reiste er
nach Godscham, von wo er durch die Provinzen Jedschau, Waag und
Enderta nach Antalo ziehend, Tigrié erreichte. Die Frucht seines langen
Aufenthalts waren verschiedene wissenschaftliche Werke; namentlich
widmete er sein Augenmerk der politischen Rivalität der Franzosen und

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Engländer im Rothen Meere, welche die großen Fragen des Suezkanals und
des ostindischen Ueberlandwegs einschließt und über welche er in seinem
Werke „The French and the English in the Red Sea“ seine Ansichten
niedergelegt hat.

[pg 30]

Eduard Zander. Nach einem Gemälde im Besitze Sr. Hoheit des Herzogs von Anhalt.

Mit Schimper’s Schicksal im engsten Zusammenhange steht ein anderer
deutscher Landsmann, dem wir bei Abfassung dieses Werkes zu ganz
besonderm Danke verpflichtet sind. C h r i s t o p h E d u a r d Z a n d e r,
von dem ein Theil der charakteristischen Illustrationen dieses Buches
herrührt, ward am 22. Oktober 1813 in der kleinen anhaltischen Stadt

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Radegast geboren. In seiner Heimat, wo er noch immer den besten Ruf
genießt, wird er als ein Mann von bescheidenem, anspruchslosem Wesen
und tief religiösem Charakter geschildert, der eine ganz besondere Fertigkeit
in den verschiedensten technischen Dingen besaß. Zander erlernte die
Landwirthschaft, wandte sich dann aber zur Malerei und hielt sich zu seiner
Ausbildung längere Zeit in München auf. Neben seiner Kunst interessirte er
sich aber auch lebhaft für das Artilleriewesen, eine Neigung, die ihm später
sehr zu statten kam. Da es ihm nicht gelang, als Maler und Zeichner seinen
Unterhalt hinreichend zu erwerben, ging er auf den Rath einiger Freunde zu
Dr. Schimper. Nach einer langen Fahrt durch das Rothe Meer, auf welcher er
von Krankheit und Hunger geplagt wurde, warf seine Barke am 12.
September 1847 bei Massaua Anker. Durch den Tarantapaß stieg er in das
abessinische Hochland hinauf und schrieb in Halai einen Brief an Schimper,
in welchem er diesen von seiner Ankunft in Kenntniß setzte. Trotz einer
niederschlagenden, ihn zurückweisenden Antwort beschloß er dennoch, nach
Antitscho, Schimper’s Distrikt, vorzudringen. Da aber ringsum das Land von
Rebellen verwüstet wurde, konnte dies nicht ohne Lebensgefahr geschehen;
doch gelangte er glücklich an sein Ziel, wo er von dem Landsmann gut
aufgenommen wurde. Als Gehülfe Schimper’s bei dessen
naturwissenschaftlichen Arbeiten durchstreifte er weit und breit das Land,
sammelnd und zeichnend, bis er endlich zum Oberhofbaumeister des
Regenten Ubié vorrückte, von diesem Ländereien und Vieh [pg 31]erhielt
und den Auftrag bekam, die Kirche von Debr Eskié in Semién zu bauen,
dieselbe, in welcher am 11. Februar 1855 Theodor II. vom Abuna zum
Herrscher über Gesammt-Abessinien gekrönt wurde. In Ubié’s Gunst immer
mehr steigend, wurde Zander in den Adel erhoben; auch verheirathete ihn
dieser Fürst mit einem schönen Gallamädchen. In der großen Schlacht von
Debela am 9. Februar 1855, in welcher der alte Ubié von dem
Emporkömmling Theodor besiegt wurde, kommandirte Zander die Artillerie
des ersteren. Als alles für Ubié verloren war, trat Zander in die Dienste
Theodor’s und wurde Befehlshaber der befestigten Insel Gorgora im
Tanasee, wo er die Schatzkammer und ein Zeughaus des Königs zu hüten
hatte. Dieser, der den tüchtigen, in allen technischen Dingen erfahrenen
Mann zu schätzen wußte, machte ihn zu seinem Vertrauten und höchsten
militärischen Würdenträger. Als solcher stand Zander auch noch 1868 an der
Seite Theodor’s. Seine werthvollen Arbeiten über Abessinien, die uns in
vieler Beziehung neue Gesichtspunkte eröffnen, sind in dem vorliegenden

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Buche benutzt worden und gereichen demselben als Originalbeiträge zur
besondern Zierde.

Werner Munzinger.

In jene Zeit, in welcher Abessinien gleichsam von europäischen Reisenden
durchschwärmt war und ein Missionsversuch dem andern folgte, fallen auch
die geographisch nicht unwichtigen Züge des italienischen Mönches
G i u s e p p e S a p e t o durch die nördlichen Grenzländer der Mensa, Bogos
und Habab. Begleitet von den Brüdern d’Abbadie landete er im Jahre 1838
in Massaua und erreichte am 3. März desselben Jahres Adoa. Er wußte sich
bei Ubié in Gunst zu setzen und gründete zu Adoa nach Vertreibung der
protestantischen Geistlichen (siehe darüber weiter unten) eine katholische
Mission, besuchte Gondar, sah sich aber nach fünfjährigem Aufenthalt – wie

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Isenberg angiebt, infolge liederlichen [pg 32]Lebens – durch Krankheit
genöthigt, nach Aegypten zurückzukehren; aber 1850 begab er sich aufs
neue nach Massaua, indem er längs der Westküste des Rothen Meeres
hinaufreiste und nun mit dem Missionär Stella in die Länder der Bogos,
Mensa und Habab vordrang, über die wir einen ausführlichen Bericht
mittheilen werden. Es war dies gleichsam eine neue Entdeckung, denn in der
That kannte man kaum den Namen der Habab, und die andern beiden Völker
existirten bis dahin für uns nicht. Sapeto’s Werk erschien erst 1857 zu Rom
und führt den Titel: „Viaggio e missione cattolica fra i Mensa, i Bogos e gli
Hahab.“

Das in Rede stehende Gebiet ist wegen seiner leichten Zugängigkeit dann
häufig das Ziel europäischer Reisenden geworden und uns nun fast so genau
bekannt wie ein Land Europa’s. Am 13. Juli 1857 brach ein österreichischer
Löwenjäger, G r a f L u d w i g T h ü r h e i m, nach Mensa auf, besuchte
Keren, wo die katholischen Missionäre sich niedergelassen hatten, und
gelangte glücklich durch Barka und Taka nach Chartum.

Die vorzüglichsten Nachrichten über jene Länder, werthvolle, bleibende
Schätze der geographischen Literatur, verdanken wir indessen dem
Schweizer W e r n e r M u n z i n g e r. Dieser gelehrte, unternehmende Mann
wurde 1832 zu Olten geboren. Er studirte in Bern und München Geschichte,
Naturwissenschaften und orientalische Sprachen; in den letzteren
vervollkommnete er seine Kenntnisse zu Paris. Schon im Jahre 1852, also im
Alter von zwanzig Jahren, begab er sich nach Kairo, trat dort später in ein
Handelsgeschäft, unternahm dann 1854 eine kaufmännische Reise nach dem
Rothen Meere und benutzte die günstige Gelegenheit zu einem Ausfluge
nach den Bogosländern. Es war schon damals sein Plan, sich dort
niederzulassen, und er führte denselben unverweilt aus. Im Jahre 1855 ging
er, mit Sämereien und Waffen wohl versehen, nach Keren, wo er dann
längere Zeit gewohnt hat. Dort verfaßte er auch sein 1859 zu Winterthur
erschienenes Werk „Ueber die Sitten und das Recht der Bogos“, dessen
Vorrede aus Keren vom 31. November 1858 datirt ist. Er lebte
wissenschaftlichen Forschungen, trieb dabei auch Handelsgeschäfte und
machte sich bei dem Volke so beliebt, daß er oft das Richteramt ausübte und
mit Regierungsgeschäften betraut wurde. Er fand aber auch Muße zur
Ausarbeitung seiner Studien und schrieb nicht nur eine Grammatik des
Belem, der Sprache der Bogos, sondern übersetzte in dieselbe einzelne

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Abschnitte der Bibel. Die inhaltreiche Arbeit über die Bogos war jedoch nur
die Vorläuferin eines größeren Werkes: „Ostafrikanische Studien“
(Schaffhausen 1864), in welchem auch das Land der Marea, der Kunama
oder Bazen und deren physikalische Verhältnisse in mustergiltiger Weise
geschildert werden. Auf beide Arbeiten kommen wir später zurück; ebenso
auf die Reise des H e r z o g s E r n s t v o n S a c h s e n - K o b u r g -
G o t h a in jenen solchergestalt erschlossenen Gegenden im Jahre 1862.

Nicht unerwähnt darf hier bleiben, was die verschiedenen Missionäre,
namentlich I s e n b e r g und K r a p f, für unsere Kenntniß Abessiniens
gethan haben, deren Wirken bei der Schilderung der Missionsversuche die
gebührende Würdigung erhält, während die Reise des vortrefflichen
Franzosen W i l h e l m [pg 33]L e j e a n im Jahre 1863, der in die
Gefangenschaft des Königs Theodoros II. gerieth, gleich so vielen andern
Europäern, in einem besondern Kapitel besprochen wird.

Hier soll nur noch die d e u t s c h e E x p e d i t i o n, oder wenigstens der
Theil derselben, welche unter v. Heuglin und Steudner bis Etschebed in
Dschama-Gala vordrang, als würdiger Schluß dieser Aufzählung der Reisen
in Abessinien, ihre Erwähnung finden. Es handelte sich bekanntlich darum,
das Schicksal des in Afrika verschollenen deutschen Reisenden Eduard
Vogel aus Leipzig aufzuhellen, von dem man glaubte, daß ihn der Sultan von
Wadaï zu Wara in Gefangenschaft halte. Zu dem Ende trat auf Anregung des
Dr. August Petermann in Gotha ein Comité zusammen, welches in ganz
Deutschland Sammlungen veranstaltete, eine Instruktion entwarf und mit der
Leitung der Expedition T h e o d o r v . H e u g l i n betraute. Ihm wurden
als Botaniker beigegeben Dr. H e r m a n n S t e u d n e r, geboren 1832 zu
Greiffenberg in Schlesien, der Mechaniker K i n z e l b a c h aus Stuttgart,
welcher Positionsbestimmungen vornehmen sollte, M . L . H a n s a l, ein
mit den Gegenden am oberen Weißen Nil schon vertrauter Mann, und
endlich W e r n e r M u n z i n g e r, der sich in Massaua an die Expedition
anschließen sollte.

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Theodor v. Heuglin, einer der bedeutendsten Reisenden der Gegenwart,
geboren den 20. März 1824 zu Hirschlanden in Württemberg, unternahm
bereits im Jahre 1850 eine Reise längs dem Rothen Meere, durchzog dann
1853 mit [pg 34]dem österreichischen Konsul Dr. Reitz von Galabat aus
einen bedeutenden Theil Abessiniens, worüber er in seinen „Reisen in
Nordostafrika“ (Gotha 1857) berichtete. Er wurde österreichischer Konsul in
Chartum, erforschte die Somaliküste, sowie abermals das Rothe Meer, und
trat schließlich an die Spitze der deutschen Expedition, die sich Glück zu
wünschen hatte, einen so umsichtigen, thätigen und mit den Verhältnissen
des Landes vertrauten Führer zu erhalten.

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Am 17. Juni 1861 landeten die Mitglieder glücklich in Massaua, von wo sie
sich nach Mensa und Keren in Bogos begaben, um sich auf die große Reise
gehörig vorzubereiten. Mit Anfang Oktober, nachdem die eigentliche
Sommerregenzeit zu Ende war, rüstete man sich zum Aufbruch, zog durch
die bergige Provinz Hamasién und trennte sich zu Mai Scheka in Serawié.
Munzinger und Kinzelbach reisten von hier aus am 11. November längs dem
Mareb weiter nach Westen, um Nachrichten über Eduard Vogel einzuziehen,
während Heuglin und Steudner einen höchst beschwerlichen, an Abenteuern,
aber auch an Ausbeute reichen Zug nach Süden unternahmen, der sie bis ins
Gallaland und das Feldlager des Königs Theodoros II. führte. Die Reisenden
besuchten in Adoa den greisen Botaniker Schimper, machten mit ihm einen
Ausflug nach den Ruinen von Axum, kreuzten den Takazzié, überstiegen die
Alpen von Semién und zogen am 23. Januar 1862 in der Hauptstadt Gondar
ein. Ihre Absicht, in westlicher Richtung weiter nach Westen vordringen zu
dürfen, wurde vereitelt, denn aufs strengste hatte der Negus Befehl ertheilt,
die Reisenden vor sich zu führen. Geleitet von deutschen Missionären
begaben sie sich nun, am Nordufer des Tanasees hin, über Gafat und
Magdala, das 15,000 Fuß hohe Kollogebirge durchziehend, in das Feldlager
des Königs zu Etschebed im Lande der Dschama-Gala. Der Empfang war
ein außerordentlich gnädiger, und reich beschenkt durften die Reisenden am
25. April den Rückweg antreten, auf welchem sie das 13,000 Fuß hohe
Gunagebirge passirten, bei Wochni die abessinische Grenze erreichten und
über Metéme und Gedaref nach Chartum gelangten, dessen Moschee ihnen
am 7. Juli 1862 entgegenleuchtete. Die großen Reisen Heuglin’s und
Steudner’s auf dem Weißen Nil und dem Gazellenfluß in Gemeinschaft mit
den Damen Tinné, wobei Steudner im Dschurdorfe Wau am 10. April 1863
dem Klimafieber erlag, gehören nicht hierher. Außer in geographischer
Beziehung war das Ergebniß der deutschen Expedition, welche allerdings
das ursprüngliche Ziel, die Aufsuchung Eduard Vogel’s, aus den Augen
verlor, namentlich für die Botanik und Zoologie von großem Werthe.
Nachdem die Berichte derselben einzeln in den „Geographischen
Mittheilungen“ und der Berliner „Zeitschrift für Erdkunde“ erfolgt, faßte sie
Heuglin nochmals in seiner „Reise nach Abessinien“ (Jena 1868) zusammen.

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[pg 35]

Debra Damo in Tigrié. Nach einer Originalzeichnung von Zander.

Das Land, seine Pflanzen- und Thierwelt.

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Begrenzung. – Das Hochland. – Geologie Abessiniens. – Der versteinerte
Wald. – Heiße Quellen. – Oberflächengestaltung. – Natürliche
Felsenfestungen. – Die Alpen Semiéns. – Charakter der Flüsse. – Ihr
Anschwellen. – Ursachen der Nilüberschwemmungen. – Der Tanasee und der
Abai. – Klimatische Verhältnisse. – Die Vegetationsgürtel. – Kola. – Woina
Deka. – Deka. – Die niederen Thiere. – Vögel. – Säugethiere. Ihre
Lebensweise, Nutzanwendung, Jagd.

Am südlichen Ende des Rothen Meeres, schroff gegen dessen Gestade
abstürzend, aber langsam und allmälig gegen Ost-Sudan sich abstufend, liegt
zwischen dem 16. und 8. Grade nördlicher Breite das afrikanische Alpenland
Abessinien. Ringsum dehnen sich weite, ungesunde und glühende
Sandwüsten aus, natürliche Grenzen, die den Verkehr erschweren und die
ungeheure Bergfeste gegen feindliche Angriffe von außen zu schützen
scheinen. Im Norden sind die [pg 36]Hochlande von Mensa, Bogos und die
von den Beni-Amer am Barka bewohnten Gegenden die Grenze; im Westen
das Gebiet der heidnischen Bazen, die wild- und steppenreichen, vom Setit
und Salam durchflossenen Theile Ost-Sudans, der Neger-Freistaat Galabat
und ein Gürtel von größtentheils unbewohnten, feuchten, mit Bambus und
Waldregion bedeckten neutralen Gebiets, das sich gegen Ost-Senaar
ausdehnt; im Süden bildet eine Strecke weit der Blaue Nil die Grenze, dann
aber fast unbekannte, von den Gala bewohnte Distrikte; endlich im Osten,
wo die Gebirgsmauern Abessiniens am steilsten abfallen, sind es die
wasserlosen, von räuberischen muhamedanischen Hirtenvölkern bewohnten
Küstenlandschaften, welche die Grenze ausmachen.

Ganz Abessinien ist im wesentlichen ein Hochland, das von allen Seiten mit
steilen Rändern aus dem Flachlande aufsteigt. Wenn der Reisende diesen
jähen Rand mühsam erklommen hat, während seine Füße von den scharfen
Steinen geritzt, seine Kleider von den Stacheln der Mimosen zerrissen
wurden, sieht er ein zweites und bald ein drittes Plateau vor sich, ebenso jäh
wie das erste, ebenso rauh und zerklüftet. Wie an ein zerstörtes Titanenwerk
erinnernd, drängen sich die Berge in den wunderbarsten Formen
durcheinander. Hier Tafelberge gleich zertrümmerten Mauern, dort runde
Massen in Gestalt von Domen, hier gerade oder geneigte, oder umgestürzte
Kegel, spitz wie Kirchthürme, dort Säulenreihen in Gestalt ungeheurer
Orgeln. In der Ferne verschmelzen sie mit Wolken und Himmel, und in der

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Dämmerung meint man ein aufgeregtes Meer vor sich zu sehen. Aber dieses
Felsenmeer ist in seinem Innern keineswegs so starr und öde, als es der
äußere Anblick erwarten läßt. Obgleich sich seine Berge in weiten Flächen
oft zu einer Höhe von 10,000 Fuß erheben und ihre höchsten, sich in die
Wolken verlierenden Gipfel über 15,000 Fuß hoch aufragen, birgt sich doch
in seinen Thälern und Klüften manche Abwechselung, manche Landschaft
voll tropischer Fülle.

Der g e o l o g i s c h e C h a r a k t e r Abessiniens ist ziemlich einförmig und
zeigt keineswegs große Abwechselung bezüglich der vorkommenden
Formationen. Zander, der sich sehr eingehend mit der Bodenbeschaffenheit
des Landes abgab, nimmt an, daß nur zwei allgemeine vulkanische
Revolutionen und Hebungen des Landes stattfanden, daß dagegen partielle
geologische Oberflächenveränderungen nicht vorhanden sind. Er bemerkt
hierüber in dem erwähnten Manuskripte: „Die Uroberfläche des Landes war
fast überall eben, und nur hier und da wurde dieselbe von Hügelketten
durchzogen, deren höchste Spitzen bis zu 6000 Fuß über dem Meere
anstiegen. Die allgemein herrschende Gebirgsart in jener Periode war
Trachyt, dessen größte Mächtigkeit zwischen 6000 und 7000 Fuß beträgt
und der oft von mächtigen Basalten durchsetzt ist, so in den Ländern Daunt,
Woadla und Wollo, wo wir 70–100 Fuß mächtige Basalte antreffen.

„Diese „Uroberfläche“ Abessiniens wurde durch zwei nacheinander
folgende vulkanische Revolutionen zerrissen, zerklüftet, zerspalten; es
entstanden jene unzähligen größeren und kleineren Risse, von denen manche
jetzt noch eine Tiefe von 4000–5000 Fuß haben, andere dagegen im Laufe
der Zeit durch Erdbeben [pg 37]und Zersetzungen aller Art wieder
verschüttet oder in sanfte Thäler umgewandelt wurden.

„Die e r s t e dieser großen Umwälzungen hob das Land allgemein, nur
waren ihre Wirkungen in den verschiedenen Theilen des Landes bald stärker,
bald schwächer. Die höchsten Hebungen fanden statt in Semién, Woggera,
Begemeder, Daunt, Woadla, Lasta, Talanta, Wollo und Schoa, während in
Godscham die Hebungen bereits im Abnehmen sind, um sich in der Nähe
des Nil ganz zu verlieren. Alle obengenannten Länder stehen in einem
innigen Zusammenhange und zeigen durchweg den kräftigsten Verlauf der
Hebung von Südost nach Nordwest. Zwischen der Wasserscheide des
Rothen Meeres und des Nilgebietes im Osten und den Hochlanden von

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Semién im Westen war ein großes Becken entstanden, das die heutigen
Länder Hamasién, Tigrié und Enderta umschloß. Hier, eingerahmt von den
Hochlanden, breitete sich ein großer Süßwassersee aus, als dessen
Ablagerungsprodukte und Zeugen seines einstigen Vorhandenseins der rothe
Eisenthon, der Sandstein und die Grauwacke gelten müssen, welche hier in
der ruhigen Periode zwischen der ersten und zweiten vulkanischen
Umwälzung abgesetzt wurden. Neben diesen Flötzformationen treten als
eigentliche Bildner des Landes folgende drei Gebirgsarten in Abessinien auf:
zu oberst T r a c h y t, unter diesem U r t h o n s c h i e f e r von verschiedener,
bis zu 1500 Fuß ansteigender Mächtigkeit, und zu unterst G r a n i t, welcher
oft mit Porphyr und Syenit wechselt.

„Die Wirkungen und Bewegungen der z w e i t e n U m w ä l z u n g waren
jenen der ersten ziemlich gleich. Die bedeutendsten Hebungen fanden jetzt
auf der heutigen Wasserscheide des Rothen Meeres und Nilgebietes statt; die
niedrigsten in den Ländern Semién, Woggera, Begemeder, Lasta und Wollo.
Der große Süßwassersee im heutigen Tigrié verschwand, und sein horizontal
gelagerter Absatz, das Eisenthongebirge und der Sandstein, erhielt eine
sanfte Schrägung nach Westen hin, infolge der allgemeinen und überall
gleichmäßigen Hebung; und in der That gewahren wir, wie heute d a s
r o t h e E i s e n t h o n p l a t e a u sich ununterbrochen und allmälig in
westlicher Richtung bis Semién und von da noch nördlich bis Woggera und
Wolkait absenkt. Die Gesammtsenkung beträgt ungefähr 2000 Fuß, denn die
Eisenthone liegen an der Wasserscheide zwischen dem Rothen Meere und
Nilgebiete 8000, an der Grenze von Wolkait und Semién dagegen nur 6000
Fuß hoch. So weit ausgebreitet dieses Eisenthonplateau auch ist, so wenig
mächtig erscheint seine Lagerung; denn während es an der östlichen Grenze
nur einige Zoll stark auftritt und im Innern Tigrié’s, seinem Centrum, eine
Mächtigkeit von nahe an 12 Fuß erreicht, nimmt es am Fuße der Länder
Semién, Woggera und Wolkait wieder bis zu 1 oder 2 Fuß Mächtigkeit ab.

„Unter diesem rothen Eisenthone folgt der S a n d s t e i n, dessen Oberfläche
gleichfalls eben wie jene der Eisenthone verläuft, dessen Mächtigkeit aber
von der Gestaltung der Urthonschiefer abhängig ist, welche seine Unterlage
bilden. Risse und Spalten, welche die Eisenthone wie die Sandsteine (oder
Grauwacke) durchziehen, zeigen einen äußerst wilden und romantischen
Charakter, der selbst im Laufe der Jahrtausende, welche seit ihrer Bildung
verflossen, nicht zerstört wurde.

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[pg 38]
„Auch durch die zweite gewaltsame Umwälzung entstanden viele neue
größere und kleinere Risse, aus denen sich, wie bei der ersten Revolution,
große L a v a s t r ö m e auf die Oberfläche des Landes ergossen, namentlich
auf der dem Rothen Meere zugekehrten Seite des östlichen Gebirgsabfalles.
Wenn der Reisende von Massaua aus den Weg nach Halai einschlägt, so
bieten sich seinem Auge am Fuße des Tarantagebirges und noch bis zur
Hälfte an diesem hinauf in Rissen und Spalten große Lavaströme dar. So
mündet ungefähr zwei Stunden oberhalb Hamhamo (im Tarantapaß) linker
Hand ein Spalt in das große Thal, aus welchem sich ein etwa 40 Fuß hoher,
gut erhaltener Lavastrom herabstürzt, und in vielen Spalten desselben Thales
sind die Felswände noch hier und da mit Lava überzogen. Die hier stets
herrschende heiße trockene Luft, die geringe Regenmenge waren der
Erhaltung dieser Lavamassen besonders günstig, was vom Innern
Abessiniens nicht behauptet werden kann, wo fortwährend starke Regen und
feuchte Luft die Zersetzung der Laven begünstigen. Im Innern fanden
überhaupt auch weniger Lavaergießungen statt und sind deren Spuren
überhaupt äußerst selten. Einen merkwürdigen Lavaüberrest aus der Zeit der
ersten Revolution fand ich am Flusse Mareb unterhalb der Ortschaft Gundet
am Wege nach Hamasién. Er bildete die Spitze eines abgeplatteten Hügels,
war fest auf den Trachyt gelagert, 2½–3 Fuß mächtig und bestand aus lauter
Röhren von ½–1½ Zoll Durchmesser, die theils hohl, theils mit
schmuziggelbem Eisenocker ausgefüllt waren.“

So viel berichtet Zander über die geologischen Verhältnisse des Landes. Zur
weiteren Erläuterung fügen wir hier noch Rüppell’s kurze Bemerkungen bei:
„Jenseit des flachen Meeresufers und in geringer Entfernung von der Küste
erhebt sich ein mit diesem ziemlich paralleler Gebirgszug von imposanter
Höhe, welcher zehn Stunden landeinwärts bereits durchschnittlich 8–9000
Fuß über die Fläche des Arabischen Busens hervorragt. Er besteht
durchgehends aus Schiefer- und Gneisfelsen; an seiner östlichen Basis aber
erblickt man mehrere Trachyt-Lava-Ströme; isolirte vulkanische Kegel
tauchen aus der aufgeschwemmten Uferfläche des Annesleygolfs bei Afté
und Zula hervor und das von Salt beobachtete Vorkommen des Obsidians zu
Amphila ist ein Beweis für die Verbreitung einer früheren vulkanischen
Thätigkeit längs der ganzen Küste hin. Westlich von dieser
Küstengebirgskette bildet durchaus das nämliche Schiefergebilde den Kern
der ganzen Landschaft und wird namentlich in allen tief eingewühlten

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Strombetten beobachtet. Diese Schieferformation ist mit einem
weitverbreiteten, horizontal geschichteten Sandsteinplateau überdeckt, das
aber durch spätere vulkanische Thätigkeit auf eine merkwürdige Weise theils
senkrecht gespalten und verschoben, theils verschiedentlich emporgehoben
wurde. An mehreren Orten, z. B. vermittelst der beiden Berge Alequa in den
Provinzen Ategerat (Atigrat) und Schirié, durchbrach die Lavamasse die
bereits sehr zerarbeitete Sandsteindecke und erhob sich, isolirte zugespitzte
Kegelberge bildend, über dieselbe; anderwärts, wie in der Umgebung von
Axum, entstanden durch diese Lavaergießungen zusammenhängende
vulkanische Hügelzüge; stellenweise endlich senkte sich eine [pg 39]weite
Strecke entlang die ganze Sandsteinformation und bildete die auf ihrer einen
Seite durch steile Felswände begrenzte Verflachung der Landschaften von
Geralta und Tembién, deren mittlere Erhebung über die Meeresfläche auf
sechstausend Fuß anzuschlagen ist. Diese allgemeine Einförmigkeit in dem
geognostischen Charakter des ganzen östlichen Abessinien sah ich nur durch
zwei andere Gebirgsformationen unterbrochen. Die eine derselben sind die
aus Kreide und Kalkmergel bestehenden Höhen, welche zu Sanafé (in
Agamié) zu Tage kommen und die ich außerdem noch auf dem Wege von
Adoa nach Halai zu Agometen und Gantuftufié sah. Die andere Ausnahme
bilden die Granitmassen, welche theils als stark verwitterte kolossale
Blöcke, theils als plumpe Massen etwas südlich von Amba Zion und unfern
des Städtchens Magab sichtbar sind und die ich in Schirié, unter einem fast
gleichen Breitengrade, als die Seitenwände der von dem Kamelo
durchflossenen Thalausflötzung wiederfand.“

Spätere Reisende, namentlich Heuglin, haben dann noch einzelne andere
geologische Gebilde angetroffen. So tertiäre Gesteine in Hamazién, und
nach demselben Forscher zeigt sich dolomitischer Kalk überall lose in der
Dammerde; dann, an einzelnen Stellen, wie in Dembea, Gyps und Mergel.
Als Zersetzungsprodukte von Laven und Basalt erscheinen Thone und fette
Dammerde von schwarzer und rother Farbe. Sehr beträchtliche
B r a u n k o h l e n l a g e r, die jedoch nicht ausgebeutet werden, finden sich
im Goangthal zwischen Dembea und Tschelga; ebensowenig benutzt man
andere mineralische Artikel, mit Ausnahme von Schwefel und Salz.
Besonders hervorzuheben in geologischer Beziehung ist noch die
Entdeckung einer Menge von v e r s t e i n e r t e n B a u m s t ä m m e n bei
Tenta, zwischen dem Kollogebirge und dem Beschlofluß durch Steudner und
v. Heuglin. Sie sind verkieselt und zeigen deutlich die Jahresringe, Spuren

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von Rinde und Gänge von Insektenlarven. Offenbar sind diese Stämme
durch den Einfluß heißer, kieselerdehaltiger Quellen versteinert worden; sie
sollen sich auch auf den Hochebenen von Woadla, Talanta und im Galaland
finden. Nach Professor Unger, welcher dieses Holz Nicolia aegyptiaca
nannte, besteht der sogenannte „versteinerte Wald“ bei Kairo aus derselben
Spezies; die ihn bildenden Stämme wurden durch Hochwasser aus den
oberen Nilgebieten nach ihrer jetzigen Lagerstätte geführt und unter
Verhältnissen begraben, die ihre Konservirung zur Folge hatten.

Trotz der großen vulkanischen Thätigkeit, welche in Abessinien geherrscht,
zeigt keine der höheren Gebirgskuppen Spuren eines Kraters. Doch ganz
unten im Schoadathale, sowie an einigen Stellen in der Fläche von Woggera
und in Telemt, erheben sich einige isolirte Kegel mit deutlicher
kraterförmiger Vertiefung, welche sicherlich Spätlinge der vulkanischen
Thätigkeit waren. Jedenfalls sind in historischer Zeit nur vereinzelte
Vulkanausbrüche bekannt geworden, zuletzt im Jahre 1861, als der Vulkan
von Ed an der Danakilküste des Rothen Meeres zwei heftige Eruptionen
hatte. Auch führt Rüppell nach den Landeschroniken einen heftigen
Aschenregen an, der für ganz Abessinien ein unerhörtes Ereigniß war.
Erdbeben sind dagegen ziemlich häufig.

[pg 40]
Bei der vulkanischen Natur des Landes kann es nicht Wunder nehmen, daß
h e i ß e Q u e l l e n in demselben keineswegs selten vorkommen. Die
berühmtesten Quellen sind in Begemeder, bei Ailat (Eilet) in der Nähe
Massaua’s im Küstenlande und zu Filamba im nördlichen Schoa. Letztere,
fünf an der Zahl, in einer lieblichen Gegend der Provinz Giddem gelegen,
umgeben von prächtigen Bäumen, sind der Zufluchtsort aller Kranken und
Siechen von weit und breit, die hier Heilung von den verschiedensten
Uebeln suchen. Die heilkräftigste dieser Quellen führt den Namen Aragawi
nach einem der neun griechischen Sendboten, welche das Christenthum in
Abessinien ausbreiten halfen. Nahe dabei liegt der Quell „Heilige
Dreieinigkeit“, dessen Temperatur 48° C. beträgt. Die Zulassung zu den
Bädern muß mit einem Stück Salz im Werthe von etwa 2½ Groschen erkauft
werden. Der Geschmack des klaren Wassers ist leicht nach
Schwefelwasserstoffgas.

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Oberflächengestaltung. Betrachten wir nun die
Oberflächengestaltung des Landes und seine Gebirgsbildungen. Schroff
gegen die Gestade des Rothen Meeres abstürzend, nur durch wenige Pässe
durchbrochen, zieht sich an der ganzen Westgrenze des Landes eine lange
Bergkette hin, die sich durchschnittlich 8000 bis 9000 Fuß über dem Meere
erhebt. Westlich von dieser treffen wir im Herzen Tigrié’s auf theils isolirte,
theils zusammenhängende Berge, die, namentlich in der Umgebung der
Hauptstadt Adoa, unter dem Namen der A u k e r k e t t e zusammengefaßt
werden. Alle die vielen Gipfel derselben gehen wenig über 9000 Fuß hinauf;
die meisten erheben sich nur zwischen 7000 und 8000 Fuß. Der höchste
unter ihnen, der Semajata im Osten Adoa’s, steigt bis zu 9518 Fuß. Von
diesem Systeme verzweigt sich durch die Provinzen Agamié und Haramat
eine andere Reihe von Gebirgen, die in Bezug auf groteske Formen alles
hinter sich zurücklassen, was wir in den Alpen, den Cordilleren Amerika’s
oder in den malerischen Gebilden der Sächsischen Schweiz zu sehen
gewohnt sind, und die in der That einzig auf unsrer Erde dazustehen
scheinen als Ausgeburten einer seltsamen Laune der Natur. Ihre höchste
Erhebung finden sie in dem Tatsén oder Alequa bei Adigrat mit 10,390, und
im Sanafé mit 10,242 Fuß. Die Reisenden, welche diese Gegenden
durchwanderten, werden nicht müde, die seltsamsten Vergleiche
heranzuziehen, um dem Leser einen Begriff von diesen wunderbaren
Formen zu machen. Alle übrigen Berggestaltungen unsrer Erde, die
verschiedensten Bauformen – Rüppell spricht sogar von ägyptischen
Tempeln – werden angeführt, doch ist das geschriebene Wort nur wenig dazu
geeignet, in uns eine lebhafte Vorstellung zu erwecken. Hier tritt der Griffel
des Künstlers in sein volles Recht, und die Abbildungen, die wir
glücklicherweise in dieser Beziehung vorführen können, sind vollkommen
geeignet, eine klare Anschauung der betreffenden Gebirgsformationen
herzustellen. Isenberg, der von Adoa aus einen Theil Haramats auf seinem
Zuge in das Lager Ubié’s 1838 berührte, ist ganz entzückt über jene
herrlichen Gestalten und schildert eine dieser A m b e n – so nennt man jene
Bergformen – folgendermaßen: „Wir gelangten in ein Thal, ringsum von
hohen steilen Felsen eingeschlossen, an dessen östlichem Ende auf [pg
41]der Spitze eines Granitfelsens – aus welchem überhaupt meistens diese
Berge bestehen – über einem Engpasse ein Kloster Namens Debra Berberi
(Pfefferberg) liegt. Dieses Thal durchschritten wir und bestiegen dann ein
wellenförmiges Plateau, welches links von einer majestätischen von Norden
nach Süden ziehenden Felswand begrenzt ist, welche einen

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unbeschreiblichen Eindruck auf mich machte. Dieser Amba oder Berg zieht
sich mit meist senkrechten mächtigen Wänden fünf oder sechs Stunden weit
hin und gleicht einem ungeheuren gothischen Naturgebäude in kolossalster
Form und Vollendung.

Amba Zion in Haramat. Originalzeichnung von Eduard Zander.

Die in regelmäßigen Dimensionen voneinander stehenden zahlreichen
Säulen, womit die ganze ungeheure Wand besetzt ist, vermehren bedeutend
den Anblick eines Kunstwerkes, und nicht minder einige fensterähnliche
Oeffnungen, durch welche man, weil an diesen Stellen der Fels sehr dünn
ist, hindurchschauen kann. Dieser Berg heißt A m b a S a n e ï t i. An seinem

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südlichen Ende steht ein großer isolirter konischer Fels, der einer höchst
kolossalen alten Ritterburg ähnlich ist.

[pg 42]
Diese und ähnliche Berge, an welchen besonders Agamié so reich ist, dienen
häufig, da sie in der Regel von den meisten Stellen unzugänglich, und sehr
häufig oben, wo sie meist platt sind, Wasser haben, Empörern und überhaupt
kriegführenden Haufen als n a t ü r l i c h e F e s t u n g e n, wo sie, wenn sie
sonst Vorräthe an Lebensmitteln haben, sich lange gegen den belagernden
Feind vertheidigen und leicht Ausfälle auf ihn machen können.“ Prachtvoll
ist auch der Anblick der A m b a Z i o n, welche sich südlich von Atigrat in
der Landschaft Haramat bis zu 9269 Fuß erhebt. Rüppell zog durch
wiesenreiche Gründe am 1. Juni 1832 an dieser märchenhaften Felswand
hin. „Die Sandsteinterrasse bildete zur Rechten unsres heutigen Weges ein
schroffes Vorgebirge, das sich bei 1200 Fuß über die Thalebene erhob und
einen ausgezeichneten Punkt zur geographischen Orientirung darbot; sein
Name ist Amba Zion. Der Boden der Landschaft fing nun an, ziemlich eben
zu werden (nach Süden zu) und bestand in einer nackten, unfruchtbaren und
stellenweise mehrere Fuß breit auseinandergerissenen Sandsteinmasse, deren
Spalten durchaus von emporgehobener Lava ausgefüllt waren.“

Von all den eben angeführten Gebirgen werden die noch höheren und
majestätischeren Berge Semién’s durch den Takazziéstrom, eine der
Hauptwasseradern Abessiniens, getrennt. Der Reisende, welcher auf dem
hohen Plateau, das sich im Osten des Takazzié in Tigrié ausdehnt, dem
Lande S e m i é n zuschreitet, erblickt bald vor sich ein wunderbares
Panorama. Die Thäler von Telemt und Semién liegen noch in Frühnebel
eingehüllt, auf den dunkle Purpurschatten fallen. Wie ein Meer breiten sich
die obern Flächen der Dünste horizontal und leicht vom Winde bewegt über
dem tiefen Bette des Takazzié und andern unzähligen Rissen und Thälern
aus, daraus ragen im Morgensonnengolde Zacken und Kegel wie Inseln und
Burgen aus einem blauen Ozean und dahinter als hohe Mauer der hoch zum
Himmel aufstrebende Gebirgsstock von Semién mit weit vorgeschobenen,
Tausende von Fuß senkrecht abfallenden Massen. Diese Gebirge sind
durchaus vulkanischer Natur, aber längs ihrer vom Takazzié bespülten Basis
findet sich dieselbe Formation wie auf dem östlichen Ufer dieses Stromes,
Schiefer in der Tiefe mit horizontalem Sandstein überdeckt und vulkanische
Lavakegel, die den letztern durchbrochen haben. Die höchsten Spitzen von

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Semién reichen bis in die Eisregion und sind namentlich während der
Regenzeit zuweilen auf mehrere tausend Fuß herab mit hagel- oder
firnartigem, sehr körnigem S c h n e e bedeckt, der jedoch schnell schmilzt,
und nur auf der Nordseite sieht man an sehr vor der Sonne geschützten
Felsbänken und in Schluchten fast das ganze Jahr über Eis, d. h. gefrorene,
in den Bergen entspringende Wasser, oft in ansehnlichen Massen, theilweise
allerdings auch von etwas derber Textur; von Gletschern und ewigem
Schnee kann aber hier nicht die Rede sein.

In der Tigriésprache heißt der Schnee Berit. Bruce, welcher nur über die
niedrige Kette des Lamalmon in Semién gekommen war, glaubte nicht, daß
jemals Schnee auf den Bergen gesehen werde, obgleich die Thatsache in der
frühesten Nachricht vom Lande, in der adulitanischen Inschrift des Kosmas
[pg 43]Indikopleustes, und später von den am besten unterrichteten Jesuiten,
welche in Abessinien reisten, erwähnt wird. Rüppell fand im Juni das obere
Viertheil der ganzen Gebirgskette mit Schnee bedeckt, eine Erscheinung, die
im Kontrast mit dem dunklen Lazur des Himmels und den üppig grünen
Pflanzen des Vordergrundes etwas in Afrika höchst Fremdartiges an sich
hatte. Der durchaus aus vulkanischer Felsmasse bestehende schroffe
Gebirgskamm, welcher die Provinz Semién von Ostsüdost nach
Westnordwest zu begrenzt, umzieht in seinem weiteren Verlaufe in
gewissermaßen ellipsoidischer Form den ganzen ungeheuren Dembeasee
wie ein weiter Kesselrand, und der B u a h a t (Bachit), welcher die ganze
Gruppe überragt, krönt gleichsam den Gebirgskreis mit seiner erhabenen
Kuppe. Hier ist die echte „afrikanische Schweiz“, die unter die Tropen
gerückte Alpenwelt, wie Munzinger in Erinnerung an seine Heimat
Abessinien getauft hat. Und in der That, der Alpencharakter springt jedem,
der es sah, in die Augen. „Unser Marsch am 26. Juni“, schreibt Rüppell,
„brachte uns in eine Landschaft, welche ganz den Charakter der schöneren
europäischen Hochgebirgspartien hatte. Coulissenartig springen auf den
Seiten die Höhen mit Nebenthälern hervor, welche theils beholzt, theils mit
einem grünen Teppich der schönsten Gerstensaat besäet sind. Das Ganze
aber umgiebt amphitheatralisch ein Kranz von hohen Bergen, deren
schneeige Gipfel über fette Alpenweiden emporragen. Bald erweitert sich
das Hauptthal etwas nach Südwesten zu, und nun zeigt sich in pittoresker
Gestalt der weit herab mit Eis bedeckte Berg A b b a J a r e t, einer der
höchsten der ganzen Kette. Wasserreiche Kaskaden umgeben auf beiden
Seiten den Ataba, um ihm den Tribut der Berge zu bringen, und hier und da

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schmückt eine ehrwürdige Baumgruppe die grasreichen Ufer desselben.
Ueber der ganzen Landschaft aber schwebte das herrliche, ganz reine
Lasurgewölbe des Himmels tropischer Hochgebirgsregionen. Kurz, alles
vergegenwärtigt hier den Charakter der Hochalpen Europa’s, und es fehlten
nur die malerisch gelegenen Sennhütten.“

Teiit, Partie vom Totscha in Semién. Originalzeichnung von E. Zander.

Der Ataba ist ein sehr wasserreicher, dem Takazzié zuströmender
Gebirgsfluß, dessen Bett mit Felsblöcken gleichsam durchsäet ist. An seinem
Ufer erhebt sich der 11,500 Fuß hohe D s c h i n u f r a, dessen trachytische,
mit Mandelsteinen und Basalten durchsetzte Gebirgsmassen hier 3000 Fuß
jäh abfallen und namentlich in seinem W o i k a l l genannten Zweige von
Süden her einen imposanten Anblick gewähren. Ueberreich ist Semién an
ähnlichen grotesken Fels- und Berggestaltungen, sodaß es schwer hält, aus
der großen Zahl der herrlichen Partien nur einige der schönsten

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auszuwählen, um sie dem Leser vorzuführen. Da ist der A w i r r, der sich
nach Norden zu mit dem hohen S e l k i verbindet und der nach Osten zu ins
Takazziéthal abfällt, während sich sein Westabhang ins Appenathal senkt;
ferner treffen wir hier auf die malerische Felspartie T e i i t, ein Theil des
Totscha.

Unsere schwindelerregenden Alpenpässe mit ihren grausigen Schlünden, sie
reichen in ihrer Gefährlichkeit nicht an die Berge Semiéns hinan. Der Weg
windet sich oft an einer senkrechten Felswand neben furchtbaren Abgründen
hin, [pg 44]sodaß auf ihm kaum ein unbeladenes Maulthier sicher
hindurchkommen kann. An mehreren Stellen würde es sogar für Menschen
unmöglich sein, vorbeizuklettern, wenn nicht an der ganz lothrechten
Felsmasse auf künstlich angelegten Baumstämmen ein Pfad geschaffen
wäre; aber auch dies ist mit so wenig Geschick gemacht, daß man oft in
großer Lebensgefahr schwebt. Dazu gesellt sich das dornige Gesträuch,
welches aus jedem Felsspalt dieser vulkanischen Massen wildwuchernd
hervorstarrt und das Beschwerliche des Marsches im hohen Grade vermehrt.
Diese Gefahren werden besonders von Heuglin in seiner Ueberschreitung
des Amba-Ras in anschaulicher Weise geschildert. „Der Pfad, den kein
Maulthier zu erklimmen im Stande ist, führt über zwei sehr enge, tiefe
Schluchten hinweg von einem Felsgrat zum andern, übrigens häufig durch
üppigen Baumschlag und grünes Gebüsch, an Quellen mit moosigem
Gestein und blumigen Rasenplätzen hin, steiler und immer steiler aufwärts.
Ueber schwindelnder Kluft liegt ein halbmorscher Baumstamm als Brücke,
links erhebt sich eine starre Felswand; rechts herabzublicken in den Abgrund
wagt keiner, ehe er die verhängnißvolle Passage hinter sich hat. An steilen
Geländen windet man sich immer höher, zuweilen über weite Eisstrecken
weg. Da scheint der höchste senkrechte Abfall des Amba-Ras wirklich jedes
weitere Vordringen unmöglich zu machen, doch es öffnet sich eine
Felsspalte von nur zwei bis drei Fuß Weite, wie in einem Schornstein klettert
man vorsichtig, damit kein Stein lose wird, in alle möglichen Situationen
übergehend, von Vorsprung zu Vorsprung und kommt zuletzt mit wunden
Köpfen, Händen und Füßen auf der Plattform zwischen Bachit und Amba-
Ras wieder zu Tage.“ So sind die Wege in Semién beschaffen und doch
haben sie Armeen, aber abessinische Armeen, durchzogen und entscheidende
Schlachten auf den Eisfeldern des Landes geliefert. Die meisten der
angeführten Bergriesen Semiéns, außer denen wir hier noch den Walia-Kant,
den Jotes-Saret, Barotschuha, Taffalesser und Ras-Tetschen nennen,

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erreichen eine Höhe von mehr als 14,000 Fuß über dem Meere und werden
nur noch durch das Kollogebirge in den Galaländern übertroffen.

Südwestlich von Semién setzen sich die Gebirge in der H o c h f l ä c h e
v o n W o g g e r a fort, einer Art von gestaffelter Terrasse, die in ihrer
höchsten Ebene bis zu 9500 Fuß emporragt, sich allmälig aber nach
Südosten verflacht, unfern von Gondar aber immer noch ziemlich steil nach
dem kesselförmig von Höhen umgebenen großen Becken des T a n a s e e s
abfällt. Woggera und alle Bergzüge in der Umgebung dieses großen
Binnensees bestehen ganz aus vulkanischen Felsmassen und der durch ihre
Zersetzung höchst fruchtbar gewordene Boden bildet eine herrliche
Weidelandschaft. Von Gondar aus wendet sich, an die Abfälle Woggera’s
anschließend, ein schmaler Gebirgszug ohne Unterbrechung nach Südosten,
der die Verbindung mit dem Hochlande Begemeder herstellt und bei Derita
seine größte Höhe zwischen 9000 und 10,000 Fuß erreicht. In Begemeder
selbst treffen wir auf das hohe, von Heuglin erstiegene G u n a g e b i r g e
(13,000 Fuß). Die Gipfel bestehen aus kahlen Trachytmassen, die ein
milchweißes, feldspathartiges Gestein einschließen; an einzelnen Stellen der
Gehänge sieht man Wacken [pg 45]und Thone und der ganze Gebirgsstock
hat einen ansehnlichen Umfang. Nach Süden und Osten fällt er steiler ab und
verläuft nach Westen nach und nach gegen den Blauen Nil und den Tanasee.
Nach Osten zu schließen sich wieder, zum Theil mit dem Beschlostrome
parallel laufend, hohe Gebirge an die Guna an, deren eines sich unmittelbar
mit den Hochebenen der Länder Woadla, Talanta, Daunt, Jedschu und Lasta
verbindet.

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Südansicht des Woikall, eines Zweiges des Dschinufra, vom Hai aus gesehen.
Originalzeichnung von Eduard Zander.

Die Plateaux der zuerst genannten Länder steigen bis 9000 Fuß über das
Meer an, während die höchsten Spitzen von Lasta wieder in die Eisregion
hineinragen. Jenseit des Beschlo aber, im Lande der Wollo-Gala, steigt
Abessiniens höchstes Gebirge, die K o l l o, bis über 15,000 Fuß an, und auch
in dem benachbarten, nach Westen zu gelegenen Gischem treffen wir auf
10,000 Fuß hohe Gipfel.

[pg 46]

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Jenseit des Nil aber begegnen wir der durchschnittlich 8000 Fuß hohen
Berglandschaft Godscham, die im Talbawaha mit 11,000 Fuß ihre größte
Erhebung findet. Endlich im Süden steigen kühn und malerisch wie die
Gebirge Semiéns die Felsmassen von Schoa auf, die in der „Mutter der
Gnade“, dem M a m r a t (13,000 Fuß), einen würdigen Abschluß finden.

F l ü s s e . Die nach Westen und Nordwesten geneigten Hochflächen
Abessiniens werden von zahlreichen Bächen und Strömen durchschnitten,
die nach kurzem Laufe auf dem Plateau plötzlich in tiefeingeschnittene
Thäler fallen, in welchen sie oft sehr schnell eine Tiefe von 3000 bis 4000
Fuß unter der Fläche des Tafellandes erreichen. So behauptet das Hochland
von Semién in seinem ziemlich gleichförmigen Rande eine Höhe von 10,000
Fuß. Aber das Bett des Bellegas im Schoadathale liegt nur etwa 5400 Fuß,
das des Takazzié an der Nordostgrenze gar nur 3000 Fuß über dem Meere.
Die größeren Flußthäler, z. B. des Takazzié und des Abai im Süden, sind
ziemlich weit; das letztere hat eine Breite von wenigstens fünf deutschen
Meilen. Deshalb stellen die Abessinier ihr Tafelland stets als eine aus dem
umgebenden Tieflande emporragende Insel dar. Die Thäler sind
außerordentlich wild und unregelmäßig, im ganzen aber von ziemlich
übereinstimmendem Charakter. Die obere Hälfte des Abfalls ist immer
ungemein steil, oft aus vielfach zerrissenen horizontalen Bänken von Lava,
Trachyt und Basalttuff gebildet; dann folgen terrassenförmig übereinander
liegende Plateaux mit sanfteren Abfällen, oft aus fest zusammengebackenen
Brocken vulkanischer Gesteine der Nachbarschaft und Dammerde
bestehend. Auf der Thalsohle dagegen erscheinen wieder die vulkanischen
Massen in ihrer Urgestalt, und die dort hausenden Hochwasser haben sich in
denselben tiefe, rinnenartige Betten mit meist senkrechten Wänden
eingerissen. In der trockenen Jahreszeit sind die Ströme in diesen Thälern
theilweise ohne Wasser, kaum schlammigen Bächen ähnlich; in der
Regenzeit überfluten sie das ganze Flachland. Da, wo die Flüsse das
Flachland verlassen, bilden sie meistens Katarakte von bedeutender Höhe,
und in solchen Wasserfällen und Stromschnellen senkt sich ihr Bett auf eine
Strecke von wenigen Meilen um mehrere tausend Fuß.

Prächtig hat vor allen andern Werner Munzinger dieses Anschwellen der
abessinischen Ströme geschildert. Er führt uns in die tiefe Thalschlucht, in
der es fast den ganzen Tag über dunkel ist, denn nur wenige Mittagsstunden
dringt die Sonne in die schauerliche Tiefe. „Hier wird selbst der Vogel scheu

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und stumm und die am spärlichen Wasser sich labende Gazelle lauscht
ängstlich auf bei jedem Geräusch in der fluchtwehrenden Enge. Da ist fast
ewige Stille, nur unterbrochen von dem Murmeln des sich ins Freie
drängenden Baches, selten gestört von dem Geheul der an den jähen
Abgrund sich klammernden Affen.

„Weh dem, der hier weilt in der Regenzeit! Von langer Fahrt müde bettet
sich der Wanderer in dem Thal. Er ist von der Hitze so erschöpft, selbst diese
finstern Gründe laden ihn zur Ruhe. Im heißesten Mittag wiegt er sich in
süße Träume; seiner harret das freundliche Heim – da dröhnt es dumpf im
Hochgebirge; ein Schuß, ein zweiter, dann der schreckliche, den ganzen
Himmel durchrasende Donner.

[pg 47]
„Doch fürchtet er noch nichts, das Gewitter ist ja so fern. Er weilt und
träumt, er sei schon bei den Lieben. Da erhebt sich von oben ein Rauschen,
wie wenn der Wind durch die Blätter führe. Es wird lauter, gewaltiger, es
zischt, es prasselt, es toset, es brüllt, als wenn die bösen Geister anführen –
nun naht es, mauergleich, sich schäumend und überstürzend – e s i s t d e r
W a l d s t r o m. Der Bach, vom Regen angeschwollen, ist ein mächtiger
Strom geworden, doch seines kurzen Lebens gedenk stürzt er wild und
feurig in das Thal hinab. Die tiefgewurzelten Sykomoren sinken unter seiner
Wucht und die grasige Ebene wird von Schutt überrollt; das Wasser füllt das
ganze Thal und langt hoch an die Felsen hinauf. Wehe dir, du armer Mann!
Wo solltest du hin entfliehen? Hast du die Flügel des Adlers, hast du die
Krallen des Affen, der über dir schwebend deiner Noth höhnt? Bist du im
Bunde mit den Geistern, daß sie dich forttrügen? Hier ist sie nicht dein
Knecht die Natur, sie ist dein dich vernichtender Feind. Es sind wenige Jahre
her, daß ein ganzes Zeltlager, in einem breiten, trockenen Strombette
gelagert, die Beduinen mit ihren Herden und Zelten von dem ungeahnten
Waldstrom überfallen und fortgerissen wurden. Hundert Menschen,
Tausende von Ziegen wurden seine Beute.“

Tritt hier der abessinische Strom vernichtend auf, so erfüllt er andererseits
eine hohe Aufgabe. Unser Landsmann Eduard Rüppell war der erste,
welcher 1832 darauf hinwies, daß d i e s e S t r ö m e d i e B i l d n e r d e s
fruchtbaren Erdreichs in Aegypten und die Ursache
d e r N i l ü b e r s c h w e m m u n g e n sind. „Die aufgelösten vulkanischen

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Massen Abessiniens“, sagt er, „sind, indem sie von den zur Regenzeit
anschwellenden Flüssen fortgeflößt werden, die Elemente jener
befruchtenden Erdablagerungen, welche der Nilstrom längs seinem ganzen
Laufe seit Jahrtausenden alljährlich absetzt. Bedenkt man die ungeheure
Erstreckung des von diesem Flusse angeschwemmten Landes in Nubien und
Aegypten, so wird man mit Erstaunen erfüllt über die Masse der nach und
nach durch die Verwitterung zerstörten Vulkane Abessiniens.“ (Reise in
Abyssinien, II, 319.)

Erst volle dreißig Jahre später widmete der Engländer Baker dieser
Thätigkeit der abessinischen Ströme sein Augenmerk; ein ganzes Jahr lang
zog er im Gebiete derselben umher und hielt sich dann schließlich für den
Entdecker der schon früher von Rüppell aufgestellten Thatsache, die
allerdings von ihm in vielen Stücken erläutert wurde. Der A t b a r a, der
T a k a z z i é oder S e t i t, der S a l a m, A n g r a b, R a h a d, D e n d e r und
der A b a i oder B l a u e N i l sind die großen Entwässerungskanäle
Abessiniens; sie haben alle einen gleichförmigen Lauf von Südost nach
Nordwest und treffen den Hauptnil in zwei Mündungen, durch den Blauen
Nil bei Chartum und durch den Atbara.

Alle die genannten Ströme gehören zum Gebiete des Nil. Als Hauptquelland
des Abai (Blauer Fluß, Bahr el Asrek) muß das Becken des T a n a s e e s
(Zana, Tsana) betrachtet werden. In einem ungeheuren, vom Hochland
umlagerten Becken sammeln sich ungefähr im Mittelpunkte von Amhara die
meisten Gewässer von Godscham, Begemeder und Dembea und bilden in
einer Meeres[pg 48]höhe von 5732 Fuß einen herrlichen Alpensee mit
zahlreichen Inseln, eingesäumt von grünen Matten und reichen
Kulturebenen, durch welche in Schlangenwindungen zahlreiche Bergwasser
rinnen. Der Tanasee, welcher in elliptischer Form einen Raum von etwa
einhundertfünfzig Quadratstunden einnimmt, war einst wol um die Hälfte
größer, aber im Laufe der Jahrtausende haben die fortwährenden
Schlammniederschläge von zersetzter Lava, welche die Gewässer während
der Regenzeit von den vulkanischen Höhen abspülen, eine wagerechte
Bodenfläche an vielen Stellen seiner Ufer gebildet und so nach und nach
seinen Umkreis verengt. In einer mehr als 60 Fuß tiefen Felsschlucht, deren
senkrecht abstürzende Seitenwände an mehreren Stellen kaum zwei Klaftern
weit voneinander entfernt sind, rauscht der Nil in einer ununterbrochenen
Reihe von Kaskaden aus dem See hervor. Während der Regenzeit ist nicht

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allein dieser ganze Felsenspalt mit Wasser ausgefüllt, sondern der Strom
überflutet dann auch eine beträchtliche Strecke des südlichen Ufers, welche
mit stark abgeschwemmten vulkanischen Geröllen von kolossaler Größe
bedeckt ist. Hier wölbt sich über ihn die B r ü c k e v o n D e l d e i, welche
aus acht Bogen besteht, die alle untereinander von ungleicher Größe sind
und von denen der nördlichste, über die Felsenschlucht selbst gesprengte
und somit allein immer vom Strom durchflossene, bei weitem der größte von
allen ist. Die Länge der Brücke beträgt neunzig Schritt und ihre Breite
fünfzehn Fuß. Sie bildet in ihrer Längenerstreckung keine gerade Linie,
indem sie an den drei nördlichen Bogen sich etwas nach Westen wendet. Die
Wölbung der Bogen ist aus kleinen behauenen Sandsteinen erbaut, das
Uebrige aber aus Lavafels. In der Mitte der Brücke befindet sich eine
Quermauer mit einem Thore und an ihrem Nordende ist eine Art von
Vertheidigungsthurm, der aber jetzt in Trümmern liegt. Von hier aus umfließt
der Blaue Nil in spiralförmigem Laufe, sich den Grenzen Schoa’s nähernd,
Godscham und Damot und nimmt erst in Fasogl und den Ebenen von Sennar
nordwestlichen Lauf an, welchen er beibehält bis zu seiner Vereinigung mit
dem Weißen Nil bei Chartum. Der Abai erhält noch reichliche Zuflüsse von
Osten und Süden her, namentlich den B e s c h l o und die D s c h a m a, und
endlich in Sennar den Dinder und Rahad, welche den westlichen Rand von
Abessinien zum Quellgebiet haben. Der Blaue Nil ist während der trockenen
Jahreszeit so klein, daß er nicht Wasser genug für kleinere Fahrzeuge hat, die
mit dem Transporte von Produkten von Sennar nach Chartum beschäftigt
sind. In dieser Zeit ist das Wasser schön hell, und da es den wolkenlosen
Himmel reflektirt, hat seine Farbe zu dem wohlbekannten Namen Bahr el
Asrek oder Blauer Fluß Anlaß gegeben. Es giebt kein köstlicheres Wasser als
das des Blauen Nil; es sticht ganz ab gegen das des Weißen Flusses, welches
nie hell ist und einen unangenehmen Vegetationsgeschmack hat. Diese
Verschiedenheit in der Beschaffenheit des Wassers ist ein unterscheidendes
Merkmal der beiden Flüsse; der eine, der Blaue Nil, ist ein reißender
Gebirgsstrom, der mit großer Schnelligkeit steigt und fällt; der andere
entspringt im Mwutan Nzige und fließt durch ungeheure Marschen. Der
Lauf des Blauen Nil geht durch fruchtbaren Boden; er erleidet daher nur
einen geringen Verlust durch Absorption, [pg 49]und während der starken
Regen liefern seine Wasser einen mächtigen Beitrag erdigen Stoffs von
rother Farbe zu dem allgemein befruchtenden Niederschlag des Nil in
Unterägypten.

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Charakter des Hochgebirges Awirr in Semién. Nach Originalzeichnung von E. Zander.

Der A t b a r a entspringt ganz nahe am Nordrande des Tanasees in Dembea
und ist, obgleich in der Regenzeit ein so bedeutender Strom, doch mehrere
Monate des Jahres hindurch vollkommen trocken oder auf wenige Pfützen
beschränkt, in welche sich Krokodile, Fische, Schildkröten und Flußpferde
zusammendrängen, bis sie der Beginn der Regenzeit wieder in Freiheit setzt,
indem eine frische Wassermasse dem Flusse zuströmt. Die Regenzeit
beginnt in Abessinien im Juni; von da an bis zur Mitte des September sind
die Gewitter furchtbar; jede Schlucht wird ein tobender Gießbach; Bäume
werden von den über ihre Ufer geschwollenen Bergströmen entwurzelt, der
Atbara wird ein ungeheurer Fluß, der mit einer alles überwältigenden
Strömung den ganzen Ablauf von fünf großen Flüssen (des Takazzié, Salam,
Dinder und Angrab nebst seiner eigenen ursprünglichen Wassermasse)
herabbringt. Seine Fluten sind getrübt vom Erdreich, das von den
fruchtbarsten Ländereien weit von seinem Vereinigungspunkte mit dem Nil
abgewaschen wurde. Massen von Treibholz nebst großen Bäumen und
häufig die Leichen von Elephanten und Büffeln werden von seinen

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schlammigen Wassern in wilder Verwirrung fortgeschleudert und bringen
den an seinen Ufern wohnenden Arabern eine reiche Ernte an Brenn- und
Nutzholz.

Der Blaue Nil und der Atbara, die fast den ganzen Wasserabfluß Abessiniens
aufnehmen, ergießen ihre Hochwasser in der Mitte des Juni gleichzeitig in
den Hauptnil. In dieser Zeit hat auch der Weiße Nil einen beträchtlich hohen,
obwol nicht seinen höchsten Stand, und der plötzliche Wassersturz, der von
Abessinien in den Hauptkanal herabkommt, welcher schon durch den
Weißen Nil auf einen bedeutenden Stand gebracht worden ist, verursacht die
jährliche Ueberschwemmung in Unterägypten.

Als Haupt- und Charakterstrom Abessiniens kann der T a k a z z i é gelten,
wenngleich er nur ein Nebenfluß des Atbara ist. Er entspringt östlich vom
Tanasee zwischen Begemeder und Lasta aus drei kleinen Quellen, die bei
den Eingeborenen Aïn (das Auge des) Takazzié heißen. Diese ergießen sich
in einen Behälter, aus welchem das Wasser zuerst in einem vereinigten
Bache herausfließt. Der Strom, die große Scheide zwischen den Landen
Amhara in seinem Westen und Tigrié in seinem Osten, geht erst in nördlicher
Richtung weiter und rauscht dann in schäumenden Kaskaden an den Alpen
Semién’s am Awirr hin, durch welche er sich sein mit steilen Wänden
eingefaßtes Bett wühlt. Hier, in diesem tiefen, nur 3000 Fuß über dem Meere
liegenden Thale, neben dem sich die Berge bis in die Eisregion erheben,
herrscht eine heiße ungesunde Luft und wohnen wenig Menschen. Selbst die
Thiere meiden diesen Aufenthalt, und nur die unförmigen Köpfe der
Nilpferde erscheinen über dem Spiegel des in Stromschnellen über
Kiesgrund dahinschießenden Flusses. Von Semién an nimmt der Takazzié
eine westliche Richtung an und tritt durch das heiße Land Wolkait auf
ägyptisches Gebiet über, wo er den Rojan auf- und den Namen S e t i t
annimmt. [pg 50]Durch das Land der Homranaraber und eine überaus
wildreiche Gegend, das Paradies der Jagdfreunde, wälzt er endlich seine
Wasser, die nie ganz austrocknen, dem Atbara zu. Als ein weiterer Zufluß
desselben kann der in Hamasién entspringende, die Provinz Serawié in
einem Bogen umfließende M a r e b betrachtet werden, welcher durch das
Land der wilden Kunama zieht, in der ägyptischen Provinz Taka den Namen
C h o r e l G a s c h erhält und jenseit Kassala entweder versandet oder bei
Hochwasser den Atbara erreicht.

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Die Wasser der nördlichen Grenzländer Abessiniens endlich sammelt der
B a r k a, die er bei Tokar südlich von Sauakin dem Rothen Meere zuführt.
Aber alle diese Flüsse, so große Gaben sie sonst für das Land sind, verlieren
dadurch bedeutend an Werth, daß sie nicht als Kommunikationsmittel dienen
können. Es fehlen die Ströme, die sich schiffbar in das Rothe Meer ergießen;
es fehlen auch, um diesen Mangel zu ersetzen, die allmälig nach Osten
sinkenden Ebenen, die, gegen die Küste auslaufend, den Kameeltransport
ermöglichen. Mehr noch als das: die Flüsse verhindern sogar in der
Regenzeit allen Verkehr, denn Brücken baut der Abessinier nicht und die
alten, von den Portugiesen hergestellten zerfallen.

Schoa schließlich, der südliche Theil Abessiniens, sendet seine nach Westen
gehenden Ströme dem Abai zu, im Osten zieht sich dagegen der aus Guragué
kommende H a w a s c h um das Land, allein er erreicht das Rothe Meer nicht
und versandet in den Salzebenen und Lagunen der Danakilküste.

K l i m a t i s c h e Ve r h ä l t n i s s e . Unter den Tropen gelegen, von der
Meeresküste bis zu 15,000 Fuß Höhe an die Grenze der Eisregion
hinaufragend, die südliche Hitze und nordische Kälte vereinigend, bietet
Abessinien auf seinem verhältnißmäßig beschränkten Raume alle
Erscheinungen der ostafrikanischen Pflanzenwelt von der Flora der Wüste
bis zu jener der Hochlande in seltener Fülle und unendlichem Reichthum
dar. Aus dieser so verschiedenen Höhenlage ergiebt sich auch ein
bedeutender Wechsel des K l i m a s, und in der That kann man an einigen
Orten binnen wenigen Stunden aus der Region der Palmen bis auf die
eisigen Hochebenen gelangen, wo die Vegetation ein Ende nimmt. Schließt
man die heißen Küstenstriche, die tiefgelegenen Niederungen und die nicht
minder tief in das Land eingerissenen Thäler, wie jenes des Takazzié, aus, so
kann das Hochland als ein klimatisch sehr begünstigtes bezeichnet werden.
Nach Rüppell sind die täglichen Abwechselungen in der Lufttemperatur von
wenig Belang; starke Stürme sind eine große Seltenheit; die Feuchtigkeit der
Regenzeit hat gar keinen nachtheiligen Einfluß auf die Gesundheit, ja
während dieser Zeit ist sogar am Vormittag fast stets der Himmel heiter und
nur zwischen zwei bis sechs Uhr bricht ein starkes Gewitter aus, welchem
gewöhnlich eine bewölkte Nacht folgt. Die Witterung der Sommerzeit, d. h.

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der Monate November bis Juni, ist im westlichen Abessinien die
angenehmste, die man sich denken kann, [pg 51]da in der Regel alle acht
Tage ein leichter Regenschauer fällt und die Wärme der sonst heiteren Luft
wegen der relativen Höhe des Landes nichts weniger als drückend ist.
Welchen Gegensatz bietet dieses Klima zu demjenigen des größeren Theils
von Afrika, das so viele Opfer fordert!

In dem uns zu Gebote stehenden Manuskripte Zander’s finden sich über den
Wechsel der Temperatur in Abessinien von den höchsten Berggipfeln bis zu
den tiefsten Thälern des Landes herab, also zwischen 14,000 und 3000 Fuß,
folgende mittlere Werthe in Graden nach Réaumur angeführt. Zwischen
14,000 und 13,000 Fuß: früh und Abends im Sommer + 1 bis 3°; in den
Wintermonaten zu derselben Zeit − 3 bis − 6°; des Mittags + 3 bis 4°.

Zwischen 13,000 und 12,000 Fuß: früh und Nachts 0° in den
Wintermonaten; im November, Dezember, Januar, Februar − 1 bis 3°;
Mittags + 5 bis 7°.

Zwischen 12,000 und 10,000 Fuß: Morgens und Nachts + 5 bis 7°; Mittags
10 bis 12°.

Zwischen 10,000 und 8000 Fuß: Morgens und Abends + 7 bis 9°; Mittags 12
bis 15°.

Zwischen 8000 und 6000 Fuß: früh und Abends + 14 bis 18°; Mittags 20 bis
23°.

Zwischen 5000 und 3000 Fuß: früh und Abends + 24 bis 28°; Mittags 30 bis
32°.

Nach v. Heuglin unterscheidet der Abessinier in seinem in klimatischer
Beziehung so viele Abwechselung darbietenden Vaterlande zwei
Hauptregionen oder Vegetationsgürtel, die Kola oder Kwola und die Deka,
nebst einem vermittelnden Gliede für beide, Woina-Deka genannt. Hiernach
läßt sich, wenn auch begreiflicherweise diese Regionen ineinander
übergehen, die F l o r a d e s L a n d e s in drei Abtheilungen zerlegen.

D i e K o l a . Kola heißt das Tiefland unter 5500 Fuß. Seine Vegetation
zeichnet sich nach dem genannten Forscher dadurch aus, daß sie im

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Allgemeinen zur heißen Jahreszeit abfallendes Laub hat. Zu dieser Region
gehören die Provinzen Wochni, Saragao, Ermetschoho, Walkait, Kola-
Wogara, das Takazzié-, Mareb-, Hawasch-, Dschida- und Beschlothal. „Im
September und Oktober herrschen in diesen Flußthälern äußerst gefährliche,
meist todbringende Fieber. Zu dieser Zeit sind die Lüfte verpestet, theils
durch die äußerst üppige Vegetation, welche dann abstirbt und abfault, theils
durch die stagnirenden Gewässer, die nach der Regenzeit in Lachen und
unzähligen Vertiefungen ohne Abfluß verdunsten müssen und in denen sich
oft ungeheure Massen von zusammengeflutetem Laub, Gras und Reisig in
hohen Schichten finden. Viele hundert Abessinier erliegen jährlich dieser
Krankheit, die auch zugleich ansteckend ist, und oft ereignet es sich, daß der
Getreidewächter, welcher dort unten krank wurde, sich in sein hoch und
gesund gelegenes Heimatsdorf zurückbegiebt, wo er das Fieber den
Bewohnern mittheilt, das sich nun von da über die nächsten Ortschaften
weiter verbreitet. So kommt es denn manchmal vor, daß ganze Dörfer rein
aussterben. [pg 52]Die beste Zeit in diesen tiefen Ländern fällt in die Monate
Dezember, Januar, Februar; aber auch dann ist es dort nicht immer geheuer.“
(Zander’s Manuskript.)

Gern meidet der Europäer diese fieberschwangern Thäler und Niederungen,
oder er eilt, wenn er sie auf seiner Reise unumgänglich berühren muß, wie
z. B. das Takazziéthal, schnell hindurch, und nur wenige Forscher sind in die
Kola eingedrungen, um dort längere Zeit zu weilen; so Munzinger in jene
am Mareb, Rüppell in die von Eremetschoho. Letzterer brach von Gondar
aus am 27. Dezember 1832 nach Norden hin auf und gelangte in einer Höhe
von 8200 Fuß auf die Wasserscheide, welche die nach dem Tanasee und
nach dem Atbara fließenden Gewässer trennt. Hier breitete sich vor seinen
Blicken nach Nord und Nordost zu ein weites Amphitheater aus, gebildet
durch wild zerrissene Berge, isolirte vulkanische Kegel und schroff
aufgethürmte pyramidalische Felsmassen. Die ganze nach Norden zu
gelegene Gegend erniedrigt sich allmälig und wird von mehreren
beträchtlichen Gewässern durchflossen, welche sich insgesammt in einen
Hauptstrom, den Angrab, vereinigen, welcher die Gefilde der Provinz
Walkait durchschlängelt und sich in den Salam (Nebenfluß des Atbara)
ergießt. In der Thalniederung angelangt, marschirte er über eine
wellenförmige, mit schönen Baumgruppen bestandene Ebene, oft überragt
von zehn Fuß hohem, schilfartigem Rohr. Hier war der Tummelplatz der
wilden Thiere. Zahlreiche Herden furchtbarer Büffel, kleine Familien von

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Elephanten, einige menschenscheue Rhinozeros, blutdürstige Löwen und
Leoparden, verschiedene Affen und Antilopen tummeln sich hier auf den
großen gemeinschaftlichen Weideplätzen herum. Fast alle zehn Schritt
finden sich die vertrockneten Spuren von Elephantenfußtritten, aber diese
weite Thalniederung wird wegen ihrer verderblichen Luft von den Menschen
gänzlich gemieden. Wenn während der Regenzeit bei abwechselnd heiterm
Himmel in diesem Bereich einer üppig vegetirenden Pflanzenwelt die
Feuchtigkeit von der Sonne etwas verdunstet wird, so verhindert das
Rohrdickicht und die ganze Form der Gegend den Luftzug und somit die
Zertheilung der Dünste, und schon derjenige, welcher nur durch die
Landschaft flüchtigen Fußes dahineilt, wird vom bösartigen Fieber ergriffen.
Eine Nacht daselbst zuzubringen, dazu ist in keiner Jahreszeit Jemand von
den Anwohnern zu vermögen. Die in Rede stehende Kola schätzt Rüppell
auf 4700 Fuß Höhe über dem Meeresspiegel.

Betrachten wir nun die einzelnen Repräsentanten der Pflanzenwelt in diesen
Niederungen und den sich ihnen anschließenden bergigen Gegenden bis zur
Höhe von 5500 Fuß. Aus dem heißen ungesunden Tieflande aufwärts
steigend, gewahren wir große gewaltige Bäume nur in den Tiefen des
Thales. Die Wände sind zwar üppig begrünt, doch nur von kleinen Bäumen
bestanden; namentlich wuchert die A k a z i e empor und nur an den
günstigsten Stellen treten andere Bäume zwischen sie hinein; im Thalgrunde
dagegen erheben sich die T a m a r i n d e n mit ihren blaugrünlich
schimmernden Kronen; die K i g e l i e n mit dem herrlichen Laubgewölbe,
aus welchem die großen, wurstförmigen, an langen, elastischen Stielen
hängenden Früchte hervorschauen; der B a o b a b (Adansonia digitata), die
Mimosen, welche hier zu hohen schönen Bäumen geworden sind, [pg
53]und viele andere herrliche Gewächse. Blumen aller Art, Gräser, Cacteen
und Euphorbien, schmarotzende Loranthusarten und Parasiten ohne Zahl
bemächtigen sich des von den Bäumen selbst nicht in Besitz genommenen
Erdreichs und verleihen den Wänden auf große Strecken hin schmückende
Farben. Je höher man im Thale aufwärts steigt, um so kräftiger und reicher
erscheint die Pflanzenwelt. Von etwa 4000 Fuß über dem Meere an tritt die
Sykomore, bald darauf der Oelbaum und mit ihm die prächtige
Kronleuchter-Euphorbie auf. Gleich diesen tragen die O e l b ä u m e
wesentlich dazu bei, diesem Gürtel einen gewissen Charakter zu verleihen;
doch kommen letztere an und für sich langweilige Pflanzen nie so zur
Herrschaft, daß ihr Anblick unangenehm werden könnte. Ihr ungewisses

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Graugrün sticht prächtig ab von den auf große Strecken hin durch die
blühende Aloë rothgelb erscheinenden Felspartien, von den Blättern und
Blüten mancher Schlingpflanzen oder dem dunklen Laube anderer Bäume.
Mit dem Wachholder und der Eibe bildet der Woira oder Oelbaum zwischen
5000 und 5500 Fuß den vorzüglichsten Waldbaum Abessiniens; ein ganz
anderer Gesell, als sein kleiner südeuropäischer Verwandter, erreicht er eine
durchschnittliche Höhe von sechzig bis achtzig Fuß und einen Durchmesser
von vier Fuß. Die erbsengroßen fleischlosen Früchte werden nicht benutzt,
dagegen liefert der Stamm ausgezeichnetes Zimmer- und Brennholz. Die
Tamarinde (T. indica) erreicht eine majestätische Größe, wird aber von den
Eingeborenen wenig beachtet; verschiedene Senna-Arten kommen vor. In
den wüsten, sandigen und vulkanischen Grenzdistrikten werden die Akazien
(A. eburnea, planifrons u. s. w.) und andere Kameeldornbäume von großer
Wichtigkeit, da in ihrem Schatten sich Menschen und Vieh sammeln können.
Einige liefern Gummi arabicum und die dornigen Zweige dienen den
Kameelen als Futter.

Eine sehr eigenthümliche Erscheinung in der Kolaregion ist die
papierrindige B o s w e l l i a (B. papyrifera). Sie ist ein stattlicher Baum mit
großen ahornartigen Blättern und kleinen rothen Blütenbüscheln.
Unmittelbar nach der Regenzeit zeigt der Stamm eine blaßgrüne glatte
Rinde, die in der Trockenheit bald springt und sich in großen papierdünnen
Blättern ablöst. Wo ein Einschnitt gemacht wird, entquillt in reichlicher
Menge ein klebriger Milchsaft, der bald an der Luft erhärtet und klare
Bernsteinfarbe annimmt.

Neben den genannten Pflanzen sind noch die Gattungen Zizyphus, Balanites,
Dahlbergia, Sterculia, Salvadora, das stachelige Pterolobium und die
langfrüchtige Baum-Cassia in der Kola vorzugsweise vertreten. Der
graublätterige Uscher (Calotropis procera) überrascht durch seine
ballonartigen, mit atlasglänzender Wolle gefüllten Früchte.

Mehrere Euphorbia-Arten kommen in außerordentlicher Größe vor. Unter
denselben zeichnet sich als Charakterpflanze die schöne, armleuchterartige,
oft bis vierzig Fuß hohe K r o n l e u c h t e r - E u p h o r b i e (E. abessinica),
der K o l q u a l, besonders aus. Er gleicht einem Cactus, der zum Baum
geworden ist, aber seine Regelmäßigkeit, sein eigenthümliches Wesen, die
Fülle seiner Blätter, die gleichartige Verzweigung derselben beibehalten hat.

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[pg 54]

Baobab mit Schlingpflanzen, im Vordergrunde Agaseen-Antilopen. Zeichnung von Robert
Kretschmer.

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[pg 55]

Landschaft mit Kronleuchter-Euphorbien und Mimosen. Zeichnung von Robert Kretschmer.

[pg 56]

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Licht hebt er sich ab von dem dunklen Gelände und verleiht der Landschaft
einen wunderbaren Schmuck. An dem Milchsafte dieser Pflanze ist schon
mancher erblindet, während er andererseits als Arznei gegen
Hautkrankheiten u. s. w. gebraucht wird. Das Holz des Kolqual wird zum
Hausbau benutzt, um Querbalken zu belegen; aus der Kohle desselben
fabrizirt man Schießpulver. Der Kolqual erreicht seine größte Verbreitung
zwischen 4500 und 5000 Fuß Meereshöhe, allein er kommt selbst bis 11,000
Fuß Höhe vor. In den tiefer liegenden Gegenden ist die S y k o m o r e sein
Begleiter, der ihn aber bald verläßt. Diese Feigenart, welche von den
Abessiniern Worka, die Goldene, genannt wird, steht bei den heidnischen
Gallas in großer Verehrung. Oft hainartig gruppirt ragen die Sykomoren mit
mächtigem Laubdach über ihre Umgebung hervor. Rüppell sah ein
Exemplar, dessen Stamm einen Durchmesser von dreizehn Fuß hatte. Andere
Exemplare von vielleicht tausendjährigem Alter und einer Größe, daß eine
ganze Reisegesellschaft mit Thieren, Zelten und Gepäck in ihrem Schatten
bequem ruhen können, sind gerade keine Seltenheit. Neben ihnen sieht man
Sykomoren, die, eine ganze Welt für sich bildend, so von
Schmarotzerpflanzen überdeckt sind, daß man nur Wände von diesen, selten
aber ein Stückchen Stamm erblicken kann; so wandeln die Schlinger die von
ihnen in Besitz genommenen Bäume in Lauben um, welche der Kunst jedes
Gärtners zu spotten scheinen.

Die Botaniker haben gezeigt, daß k r y p t o g a m i s c h e P f l a n z e n in
vielen ihrer Unterabtheilungen über die ganze Erde mit denselben Arten
vertreten sind. Unter gleichen Umständen bedeckt dieselbe Flechte die
Felsen in Europa wie in Abessinien, und derselbe Schwamm ist dort wie hier
auf den Baumrinden zu entdecken. Auch in den heißeren, tiefer gelegenen
Gegenden wundert man sich, daß selbst die ödesten, ärmsten Stellen des
Gebirges begrünt und belebt sind; man begreift kaum, wie in dieser
Sonnenglut, ungeachtet der Regen, eine ziemlich reichhaltige Flechtenwelt
sich auf den Gesteinen festsetzen kann. Jede parasitische Pflanze wird von
den Abessiniern mit einer Art von Mißtrauen betrachtet, namentlich die
Gefäß-Kryptogamen, welche den Zauberern ihre hauptsächlichen
Wundermittel liefern. Doch Pilze und Boviste werden für giftig angesehen
und gemieden. Wo das Klima sehr feucht ist, erscheint der Schimmel,
bekanntlich auch eine kryptogamische Pflanze, als eine wahre Landplage,
die große Zerstörungen unter den Vorräthen anrichtet. Der Feuerschwamm,
die phantastisch gleich Gewinden von den Bäumen herabhängende

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Bartflechte (Parmelia) sind in Abessinien häufig; selten dagegen die Moose.
Unter den F a r r n k r ä u t e r n finden wir allerdings keine baumartigen, aber
viele Gattungen, wie Aspidium, Polypodium, Asplenium, Adiantum,
Scolopendrium, Ophioglossum und Pteris, die auch in Deutschland ihre
Vertreter haben.

Die W o i n a - D e k a oder vermittelnde Region, die von 5500 bis 7500 Fuß
hinaufreicht, führt ihren Namen nach dem Weinstock. In ihr gedeihen die
hauptsächlichsten Kulturpflanzen, die in einem besondern Abschnitte
besprochen werden sollen. Die W e i n r e b e anlangend, so fand Rüppell
noch 1832 eine große Menge Trauben zu äußerst billigen Preisen auf dem
Markte bei der Kirche von [pg 57]Bada, südlich von der Hauptstadt Gondar.
Man erhielt etwa zehn Pfund derselben für ein Stück Salz oder dritthalb
Centner für einen Maria-Theresia-Thaler. Die großbeerigen, blauen und sehr
süßen Trauben (Woin saf) wurden in den Distrikten Wochni und Wascha
schon seit uralten Zeiten gezogen. Vermuthlich kam nämlich der Weinstock
schon zur Zeit der axumitischen Könige aus Arabien nach Abessinien, wo
ihm allerdings keine besondere Kultur zu Theil wurde. Von einer Veredelung
und besondern Pflege der Pflanze beim Anbau weiß man nichts. Der größte
Theil der Trauben wird frisch gegessen, und nur wenig verwendet man zur
Gewinnung eines Weins, welcher feurig und kräftig ist. Durch Heuglin
wissen wir, daß im Beginn der fünfziger Jahre diese Weinstöcke durch eine
Traubenkrankheit alle zu Grunde gegangen sind.

Somit kann der Weinstock, obgleich er den Namen für diese Region hergab,
keineswegs als Charakterpflanze für die Woina-Deka gelten. Statt seiner
übernimmt diese Rolle eine Menge anderer Gewächse, die an Zahl,
Ueppigkeit und Reichthum der Entfaltung selbst jene der Kola übertreffen.
Dahin gehört zunächst der W a n z a b a u m (Cordia abessinica), der das
beliebteste Bauholz liefert. Der Wanza wird ein großer, starker Baum, dessen
Stamm oft vier Fuß im Durchmesser erreicht. Seine Früchte stehen in
Büscheln und nehmen zur Zeit der Reife eine hochgelbe durchsichtige Farbe
an. Der Geschmack derselben ist sehr süß und oft sind sie die einzige
Nahrung der Armen, wenn Hungersnoth eintritt.

Der K u a r a f (Gunnera spec.), eine Artocarpee, gewinnt während der
Fastenzeit an Bedeutung, weil dann die geschälten Blattrippen, die ähnlich
unserm Sauerampher schmecken, gegessen werden. Er wächst in Sümpfen

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und an Bächen, ist eine jährige Pflanze, die aus einer perennirenden Wurzel
entspringt und einen laublosen Stengel mit einem Büschel kleiner Blüten
trägt. Auch die häufig bis zu fünf Fuß hoch werdende Nessel wird in der
Fastenzeit als Gemüse verspeist. An diese Pflanzen schließen sich an die
reich vertretenen Polygonum-Arten, ein Ampher (Rumex arifolius), dessen
fleischige Wurzel zum Rothfärben der Butter benutzt wird. Als eine
Nutzpflanze dieser Region muß hier ein uns allen bekanntes Gewächs
besonders hervorgehoben werden.

Nach der Tradition sollen die südabessinischen Landschaften Enarea und
Kaffa die Urheimat des K a f f e e s sein, wie denn auch der Name desselben
mit dem letztgenannten Distrikte sicher in Zusammenhang steht. In Schoa
war der Anbau und Genuß des Kaffees untersagt, weil er das
Lieblingsgetränk der Muhamedaner ist, und auch in Amhara trinken die
Christen denselben in der Regel nicht, wenn er auch bei Korata (Kiratza) am
Tanasee gebaut wird und dort auf basaltischem Boden und gewissermaßen
ohne Pflege gedeiht. Allein dort ist er fast nur Handelswaare. In Kaffa und
Enarea dagegen wächst er wie Unkraut weit und breit im Lande, dessen
Bewohner ihn als Lieblingsgetränk betrachten und fast nur einen nominellen
Preis für ihn zahlen; nur dem Mangel an Verbindungswegen ist es
zuzuschreiben, daß er von dort aus nicht ganz Europa überschwemmt und
alle übrigen Sorten dort durch Güte und Billigkeit [pg 58]vom Markte
verdrängt. Der kurz vor der Regenzeit gepflanzte Samen erscheint bald als
Setzling über der Erde, wird verpflanzt, bewässert und mit Schafmist
gedüngt, um nach sechs Jahren als erwachsenes Bäumchen während der
Monate März und April dreißig bis vierzig Pfund Kaffee zu liefern.
Namentlich auf zersetztem vulkanischen Gestein, in geschützten Thallagen
gedeiht der acht bis zehn Fuß hohe, mit dunkelglänzendem Laube und
fruchtbeladenen Zweigen versehene Baum vortrefflich. Die dunkelgrünen
Beeren werden zur Reifezeit roth und umschließen mit milchweißem
Fleische die Samen. Nachdem sie geschüttelt und gesammelt sind, werden
sie in der Sonne getrocknet, worauf der Wind das Geschäft des Reinigens
von den dürren Schalen übernimmt, das gewöhnlich im Laufe eines Monats
vollendet ist. Diejenigen Samen jedoch, welche zur Fortpflanzung dienen
sollen, behalten ihre Schale. Theuer wird das Produkt nur durch den weiten
Transport, die schlechte Beschaffenheit und Unsicherheit der Straßen, die
nach dem Meere führen, und durch die Abgaben, welche an alle kleinen
Häuptlinge im Danakillande gezahlt werden müssen, ehe die Karawane die

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Seehäfen Zeyla oder Tadschurra erreicht. Was den Geschmack des
südabessinischen Kaffees anbelangt, so versichern Kenner, daß er dem
feinsten arabischen, selbst dem edlen Mocha, noch vorzuziehen sei. Aber so
wie die Lage Abessiniens jetzt ist und namentlich wegen der Unsicherheit
der Karawanenstraßen ist so leicht nicht daran zu denken, daß Kaffa-Kaffee
die arabischen, ostasiatischen und amerikanischen Produkte auf unsern
Märkten verdrängen wird.

Die L i l i e n, welche weite Gebirgswiesen mit einem lieblichen
Blütenschmuck überziehen, gelten als vorzügliche Charakterpflanzen
Abessiniens. Aber nur die eßbaren Arten werden kultivirt, da Ziergärten den
Eingeborenen ein unbekanntes Ding sind. Während die Spargelarten und die
Aloë trockene, wüste Stellen aufsuchen, erfreuen auf sumpfigen Wiesen
Commelina africana und Tradescentia das Auge, deren „Vogeleier“
genannte Knollen von den Abessiniern gegessen werden. An sie schließen
sich Ixia-, Haemanthus-, Amaryllis- und Gloriosa-Arten an. Mit saftigen,
hellgrünen Blättern und schöngestalteten Blütenähren leuchtet aus den
grünen Wiesen Obitus abessinica hervor, während unter den Spargeln der
kletternde Asparagus retrofractus Erwähnung verdient, dessen in das Haar
des Vorderhauptes gesteckte Zweige anzeigen, daß der Träger ein wildes
Thier erfolgreich bekämpft hat.

O r c h i d e e n giebt es nur wenige in Abessinien; ihr hauptsächlichster
Vertreter ist das auf der Rinde des wilden Oelbaums schmarotzende
Epidendrum capense. Aus der Gruppe der P i s a n g e sind die gemeine
Banane (Musa paradisica) und die kultivirte Ensete, sowie zwei Urania-
Arten zu erwähnen, aus deren Fasern Seile und Matten bereitet werden. Die
P a l m e n haben in Abessinien keinen Boden; sie kommen nur in den
Küstenlandschaften des Danakil und Adal vor und auch dort in keineswegs
besonderer Ausdehnung. Vertreter dieser Familie sind namentlich die
Dattel-, Dum- und Fächerpalme.

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Obitus abessinica. Nach Lejean.

Die Teich- oder Seerosen sind spärlich vertreten; ebenso die Aristolochien,
von denen A. bracteata gegen die Wunden vergifteter Pfeile angewandt
wird. [pg 59]Reichlich auftretend bilden die N a d e l h ö l z e r den Stolz der
abessinischen Wälder; in den nördlichen Hochlanden gedeiht die
Cederfichte, während weiter landeinwärts schöne D e d - oder
W a c h h o l d e r b ä u m e (Juniperus excelsa) die Kirchen und Friedhöfe mit
ihren düstern, aber hochaufstrebenden Kronen beschatten. Kaum einem
Gotteshaus im ganzen Lande fehlt der Schmuck dieser bis zu 100 Fuß hohen

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Bäume, deren Stamm am Fußende vier bis fünf Schuh im Durchmesser
erreicht. Fast in der Form einer Pyramide wachsend, wirft dieser Baum stets
die unteren Aeste ab, die im rechten Winkel vom Stamme [pg 60]ausgehen,
sodaß etwa zwei Drittel desselben des grünen Schmuckes beraubt sind; die
Krone ist immer pyramidenförmig, wenn auch nie dicht. Das Holz, wenn
auch keineswegs gut und dauerhaft, wird doch zu Balken bei Kirchenbauten
und in Ermangelung anderer Holzarten als Brennholz gebraucht. Das Harz
wird nicht benutzt; mit den Zweigen schmückt man jedoch die Leichen,
bevor sie in die Gruft gesenkt werden.

Die niedrige, in den Hochgebirgslandschaften herrschende Temperatur
verhindert keineswegs die kräftige Entwicklung der F e i g e n a r t e n, die in
ihrem ganzen Habitus den strengsten Gegensatz zu den Nadelhölzern bilden.
Der S c h o a l a, eine Art von Banyane mit breiten, eiförmigen, zugespitzten
und gesägten Blättern, mit Fruchttrauben, die nur am Stamme und den
Hauptästen sitzen, erreicht oft einen Durchmesser von sieben Fuß, bei einer
Höhe von 40 Fuß. Seine Wurzeln ragen über den Boden empor; doch fehlen
ihm alle Zweigwurzeln. Da er bei seiner Ausdehnung keinen geringen Raum
einnimmt, steht er gewöhnlich allein oder am Rande der Wälder, in seinem
tiefen Schatten alle andern Gewächse erdrückend. Die braunen,
taubeneigroßen Früchte werden vom Volke in Zeiten der Noth gegessen.

Unter den polypetalen Gymnoblasten, in welchen das Pflanzenreich in
Gestalt und Farbe den höchsten Grad seiner Vollkommenheit erreicht hat,
fehlen gerade einige der wichtigsten Familien in der abessinischen Flora.
Aepfel, Birnen, Mandeln – überhaupt die Pomaceen und Amygdaleen sind
so schwach vertreten, daß man in der That einen höchst auffallenden Mangel
an Fruchtbäumen, wilden und kultivirten, dort empfindet. Die Berberitze
liefert gelben Farbstoff zu Trauerkleidern; das Hirtentäschchen (Thlaspi
bursa pastoris), dieses kosmopolitische Unkraut, folgt der Agrikultur in
Abessinien so gut wie in Europa; der schwarze Senf wächst wild und dient
als Zusatz zu den ohnehin scharfen Pfeffersaucen; Kürbisse, welche
Flaschen liefern, afrikanische Gurken und Koloquinten wachsen an dürren
Stellen, letztere namentlich in der Samhara und der heißen Küstenzone. Die
Samen der Phytolacca abessinica (Septe oder Endott) dienen statt der Seife,
und die getrockneten Blätter der Callanchoë verna werden von
Schwindsüchtigen statt des Tabaks geraucht.

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Wir fügen hier die Citronen an, die in den königlichen Fruchtgärten gebaut
werden oder in den tieferen Lagen wild wachsen; die Brombeeren (Rubus
pinnatus), welche die besten aller wildwachsenden Früchte liefern, und die
gleichfalls als Nahrung dienende Hagebutte (Rosa abessinica).

Während der schwarze Pfeffer, die unentbehrliche Zuthat zu allen
abessinischen Speisen, eingeführt und theuer bezahlt wird, kultivirt man den
allerdings botanisch ihm fernstehenden rothen Pfeffer (Capsicum frutescens)
in den Tieflanden sehr sorgfältig. Von den übrigen Solaneen wird der Tabak
eingeführt; vom Umboistrauch (Solanum marginatum) benutzt man die
Samen, um damit die Fische zu betäuben, welche nichtsdestoweniger eßbar
bleiben; der rothe Saft einer Tollkirsche (Atropa arborea) dient zum Färben
der Nägel bei den abessinischen Damen, und die narkotischen Eigenschaften
des Stechapfels (Datura [pg 61]Strammonium) sind den Zauberern und
Diebsentdeckern wohlbekannt, da sie durch Verbrennen des Laubes die
Leute betäuben. Gefährlich für kleine Thiere ist eine giftige Asclepiadee
(Kannahia laniflora), die an den Ufern der meisten abessinischen Gewässer
vorkommt, nur mit dem Unterschiede, daß sie, je nach den verschiedenen
Distrikten, in ganz entgegengesetzter Jahreszeit blüht. In den Küstenthälern
unfern Massaua findet die Entwicklungsperiode ihrer vortrefflich duftenden
Blume im Mai statt; bei Gondar dagegen blüht die Pflanze im Oktober.
Merkwürdig ist die tödtlich-betäubende Eigenschaft, welche ihr
verführerischer Geruch oder süßer Nektarsaft auf verschiedene Insekten
ausübt; denn nur ihm kann man es zuschreiben, daß in dem Kelche der
meisten Blüten sich todte Wespen, Käfer u. s. w. finden.

Durch zahlreiche Repräsentanten sind die Familien der Kontorten,
Rubiaceen und Ligustrineen vertreten. Am hervorragendsten sind eine
Aasblume (Stapelia pulvinata) und Calotropis gigantea. Die erstere hat
einen fleischigen, viereckigen und zwei Fuß hohen Stengel, dem man, wenn
er seine Blüten entfaltet, wegen des üblen Geruches jedoch nicht zu nahen
vermag; die letztere liefert gute Kohle zu Schießpulver.

D i e D e k a nimmt ihrer Ausdehnung nach den größten Theil Abessiniens
ein. Sie reicht von 7500 Fuß bis zur Vegetationsgrenze bei 13,000 Fuß. Bis
zu 12,000 Fuß Höhe gedeihen noch mehrere Getreidearten und bis 11,000
Fuß findet man den K u s s o b a u m (Brayera anthelmintica), der als
Wahrzeichen des Landes gelten kann. Wegen der Schönheit seines Wuchses

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und seiner Brauchbarkeit wird er allgemein geschätzt; denn infolge des
rohen Fleischgenusses sind die Abessinier sehr stark von
Eingeweidewürmern (Taenia und Strongilus) geplagt, gegen welche sie sich
regelmäßig und zwar meist allmonatlich einer Abkochung der Kussoblüten
bedienen. Drei Loth der getrockneten Blüten mit Wasser gekocht und
getrunken, reinigen den Körper auf eine merkwürdig schnelle und sichere
Weise von den gefräßigen Schmarotzern; indessen ist die dadurch bewirkte
Befreiung nur eine vorübergehende und keine Heilung des Uebels. Der
Kussobaum erreicht eine Höhe von fünfzig bis sechzig Fuß und verleiht mit
seinen weitausgedehnten und dichtbelaubten Zweigen dem Wanderer kühlen
Schatten; jedoch soll es gefährlich sein, zur Blütezeit unter ihm zu schlafen;
so berichtet wenigstens Isenberg.

In Schoa wird unter Kusso die Hagenia abessinica verstanden, die
gleichfalls wurmtreibend wirkt. Als eine abessinische Charakterpflanze
verdient die s t a c h e l i g e K u g e l d i s t e l (Echinops horridus), die bis zu
zehn Fuß Höhe erreicht, hervorgehoben zu werden. Es ist eine stattliche
Staude mit straff aufstehenden Stengeln, dornig gezähnten Blättern und
runden Blütenköpfen, aus denen Dornen hervorragen. Neben ihr finden wir
eine andere nicht minder auffällige Art, die riesige Kugeldistel (Echinops
giganteus), deren kopfgroße Blüten auf 15 Fuß hohem Stengel stehen; beide
Arten steigen bis zu 13,000 Fuß an.

Wir sind nun allmälig hinaufgelangt in die höchsten Regionen der Deka. Die
Hochbäume erscheinen immer spärlicher und finden sich vorzüglich noch
längs [pg 62]den Ufern der Wildbäche und Schluchten, die dornigen Akazien
und Pterolobien sind verschwunden. Vor uns liegen Alpenmatten mit
tausenden von kleinen, schön blühenden Alpenpflanzen bedeckt, unter denen
sich blaublühende Salbeiarten besonders auszeichnen. Daneben stehen
Senecionen und der fiebervertreibende Celastrus obscurus, die Primula
semiensis. Ueber diesen erheben sich Sträucher, besonders Hypericum und
Cytisus. Den europäischen Eindruck, welchen diese Pflanzen etwa
hervorbringen können, vertreiben die b a u m a r t i g e n E r i k e n oder
Zachdi (Erica arborea), die bis zu 30 Fuß heranwachsen und einen 1½ Fuß
im Durchmesser haltenden Stamm besitzen, dessen Holz eine vorzügliche
Schmiedekohle liefert, während die reiche weiße Blütenfülle den süßesten
Honigseim den Bienen darbietet. Jetzt aber entwickelt sich vor unsern
erstaunten Blicken in der Höhe von 12,000 Fuß ein neues, überraschendes

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Bild, eine Pflanze tritt auf, die für den Charakter ihres Bereichs bestimmend
ist, die D s c h i b a r r a (Rhynchopetalum montanum). Diese Lobeliacee
überrascht den Wanderer in den kalten Hochgebirgen an der äußersten
Grenze der Vegetation mit einer dort gewiß von ihm nicht gesuchten Form:
nämlich der der Palme. Auf einem hohlen, etwa acht bis zehn Fuß hohen
benarbten und armdicken Markstengel mit einer Krone von großen,
überhängenden, lanzettförmigen Blättern erhebt sich eine fünf Fuß lange
Blütenähre, deren einzelne bläuliche Knospen der Blüte des Löwenmauls
ähneln. Für Feuerung oder sonstigen technischen Gebrauch untauglich, dient
der lange hohle Markstengel der Jugend zur Anfertigung von Schalmeien.
Sobald die Dschibarra abgeblüht hat, knickt der Stengel um und die Pflanze
stirbt. Auf ihren Blütenschossen wiegt sich paarweise die einzige
Glanzdrossel (Oligomydrus tenuirostris), die in diesen Gegenden lebt und
die feinen Dschibarrasamen allen übrigen vorzuziehen scheint. Drei bis vier
Stunden Marsch führen uns aus dem tropischen Walde auf diese mit
Dschibarra bewachsenen Alpenflächen, über denen nur noch wenige kahle
Felsgipfel auf etwa 1000 Fuß relative Höhe in die Wolken ragen; drunten
haust die flüchtige Gazelle, Meerkatzen necken sich in den Hochbäumen;
hier aber setzt kühn der Springbock (Oreotragus saltatrix) über die Felsen,
grast friedlich der Steinbock (Ibex Walia) und warnt durch einen gellenden
Ruf seine Herde vor der herannahenden Gefahr; Alpenkrähen umschwärmen
geschwätzig und in rauschendem Fluge die höchsten Felsen und drüber
schwebt in weiten Kreisen der König der Alpen, der Lämmergeier. Auch die
gefleckte Hyäne steigt bis in diese Höhen, seltener der Leopard und ein
Fuchs (Canis semiensis), der ausschließlich von den äußerst zahlreich hier
hausenden Ratten und Mäusen lebt. Auch Tauben (Columba albitorques)
schwärmen in großen Flügen in diesen höchsten abessinischen
Alpengegenden umher.

D i e F a u n a A b e s s i n i e n s . Fast noch reicheren Stoff als die
Pflanzenwelt bietet dem Beobachter die T h i e r w e l t Abessiniens dar.
Nicht genügend erforscht sind die niederen Thierklassen, unter denen auch
wenige Mitglieder ein allgemeines Interesse in Anspruch nehmen. Von der
Plage der Eingeweidewürmer und ihrer Vertreibung durch Kusso war bereits
die Rede; die höher [pg 63]stehenden Insekten treten im Hochlande nur in
der wärmeren Jahreszeit in großen Mengen auf, werden aber durch die
kalten Regen wieder in die tiefer liegenden Gegenden getrieben. Die

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H e u s c h r e c k e n, amharisch Anbasa, richten oft großen Schaden an, wie
in den andern Nilländern auch.

Die riesige Kugeldistel. Originalzeichnung von E. Zander.

Ihr plötzliches Verschwinden wird in der Regel der gnädigen Fürsprache der
Heiligen zugeschrieben und diesen daher ein Dankopfer gebracht. Die
Wanderheuschrecke dehnt ihre Züge bis hoch in die Gebirgsgegenden aus.
Rüppell fand das [pg 64]Land am Takazzié von Myriaden dieser Thiere

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geradezu abgefressen. Der Boden der ganzen Gegend war buchstäblich von
ihnen bedeckt. Er fügt hinzu: „Wenn übrigens manche Reisende von einer
Verdunkelung des Sonnenglanzes durch Heuschreckenzüge reden, so ist
diese Erscheinung lediglich auf die gleichzeitige dunstige und staubige
Atmosphäre zu beziehen und nicht der vermeintlich so ungeheuren Menge
von Heuschrecken zuzuschreiben, deren Wandern allein durch schwülen
südlichen Luftzug veranlaßt wird. Der ganze Boden schien mit diesen
Thieren überdeckt zu sein, bei genauem Zählen aber fanden sich nur etwa 12
bis 30 Heuschrecken in dem Raume eines Quadratfußes“. Die christlichen
Abessinier essen die Heuschrecken nicht; sie betrachten sie als verbotene
Speise und unter den Muhamedanern bequemen sich nur arme Leute zu
dieser Nahrung. Ein nützliches, allgemein gepflegtes und in Bienenkörben
gezüchtetes Insekt ist die ä g y p t i s c h e H o n i g b i e n e, von der große
Mengen des süßen Seims gewonnen und zu dem landesüblichen Meth
benutzt werden. Es giebt auch eine kleinere wilde Biene, die in Erdlöchern
ihre Baue aufschlägt und einen Dasma genannten Honig liefert, der als
Medikament sehr geschätzt ist. Diese Dasma wirkt leicht abführend, hat eine
röthlichere Farbe als gewöhnlicher Honig und einen bittern Nachgeschmack.
In Gegenden, wo die Bienen viel Honig von Kronleuchtereuphorbien und
andern giftigen Pflanzen sammeln, wirkt derselbe selbst im Meth sehr
nachtheilig auf die Gesundheit, er erzeugt Schwindel, Kopfschmerzen,
Erbrechen und andere Symptome einer leichten Vergiftung. Fliegen und
Moskitos kommen wol in den kühlern Hochlanden vor, werden jedoch nicht
zur Landplage, in der Weise wie die Flöhe. Die schwarze Ameise, welche
sich wasserdichte Wohnungen gegen den Regen baut, wird dem Menschen
oft lästig, während die Termiten nur selten in die Häuser dringen und meist
unter losen Steinen ihre kleinen Kolonien anlegen. K ä f e r, amharisch
Densissa, sind in großer Menge vorhanden, besonders die Koth- und
Pillenkäfer, die man auch in Aegypten antrifft. S p i n n e n und
S k o r p i o n e werden als unrein gemieden und vernichtet.

F i s c h e sind im Hochlande Abessiniens nicht allzu häufig, um genügende
Fastenspeise liefern zu können. Der Takazzié allein ist besonders reich an
großschuppigen, olivengrauen Karpfenarten mit lebhaft wachsgelben
Flossen und enthält einen Heterobranchus von enormer Größe, welcher mit
der Angel gefangen oder mit abessinischem Fischgift betäubt wird. In Atbara
kommt ein Wels vor, der schöne Hausenblase liefert, welche jedoch nicht
eingesammelt wird.

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Die A m p h i b i e n sind Gegenstände des Abscheus und des Aberglaubens.
Die Schlangen der Hochlande sind klein und nicht giftig, doch sehr
gefürchtet; in der Kola, sowie in den Küstengegenden fehlen jedoch große
Pythonarten und giftige Exemplare keineswegs. In den Niederungen werden
auch Schildkröten gefunden, unter denen die große Geochelone senegalensis
hervorragt; im Anseba-Gebiet und in Schoa kommt eine Cinixys in vielen
Sümpfen und Bächen vor, und die Pentonyx Gehafie steigt überall aus dem
Tieflande bis zu 8000 Fuß empor. Neben diesen gepanzerten Amphibien sind
die Krokodile (Aso) namentlich in der Kola sehr häufig; im Setit, Atbara und
Mareb werden sie von den [pg 65]Eingeborenen harpunirt und ihr
moschusduftendes Fleisch verzehrt. Fälschlich jedoch hat man ihr
Vorkommen im Tanasee behauptet. Sonst sind unter den Sauriern noch zu
nennen der Skink (Scincus officinalis), das Chamäleon, der Gekko und
Stellio cyanogaster als Gesellschafter der Klippdachse. Die Warneidechse
(Varanus niloticus) ist auch in Abessinien häufig und hat hier ihren
einheimischen Namen, Angoba, auf viele Flüsse übertragen.

Schwer hält es, bei dem großen Reichthum der verschiedenen Arten
abessinischer V ö g e l, welche sich dem Auge des Forschers zeigen, einen
Ueberblick nur der wichtigsten zu geben und eine Auswahl aus der Menge
dieser prachtvoll gefärbten, eigenthümlich gestalteten und hinsichtlich ihrer
Lebensweise merkwürdigen Geschöpfe zu treffen. Aber gerade auf dem
Gebiete der Ornithologie Abessiniens ist von Rüppell, Heuglin, Brehm
Vorzügliches geleistet worden, sodaß man wohl behaupten darf, besser als
das Pflanzenreich und die übrigen Klassen des Thierreichs sei die Vogelwelt
der „afrikanischen Schweiz“ durchforscht.

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Wanderheuschrecke.

Es giebt wol kein zweites Land, das so reich an T a g - R a u b v ö g e l n ist
wie Abessinien. Vermöge der höhern Lage der Plateaux bieten sich in den
Felspartien günstige Lebensbedingungen für Adler, Geier und Falken, die
hier ihre Horst- und Zufluchtsstätten finden. Die Vegetation prangt in
außerordentlicher Fülle; in allen Thälern und Schluchten sprudeln
Gebirgswasser; im dichten Gestrüpp und in den Gräsern hausen Reptilien in
Menge, von der Pythonschlange und Naja bis zur kleinsten Baumschlange
herab; Schildkröten weiden gemüthlich an Hecken und Teichen; an
Säugethieren von der Größe der Feldmaus aufwärts ist Ueberfluß vorhanden,
während schattige, fast undurchdringliche Waldpartien, abgelegene
Schluchten, die selten eines Menschen Fuß betritt, und fast unersteigliche
Felsen und kolossale Hochbäume den Raubvögeln jeden Schutz und Schirm
gewähren. Da horstet denn der mächtige Gyps Rüppellii, der gemeine
ostabessinische Mönchsgeier (Neophron pileatus), der Schmuzgeier (N.
percnopterus), der Bartgeier (Gypaëtos meridionalis) und Schlangenadler
(Gypogeranus serpentarius), die viele Schlangen verzehren und mäßig
starke Wüstenschildkröten mit einem Schlag ihrer starken Fänge
zerschmettern. Zahlreiche Weihen, Milane, Falken und Sperber machen den
Beschluß der Tagraubvögel. Der unreinliche Mensch giebt den
Schmuzgeiern tagtäglich neue Nahrung und damit neue Beschäftigung;
deshalb vermißt man diese wohlthätigen Vögel an keinem Orte. Sie folgen
den Herden wie den Handelszügen, umschweben die Dörfer und
Schlachtplätze und räumen schnell allen Unrath auf. [pg 66]Der große, von
Brehm zuerst genau beschriebene Rüppell’sche Aasgeier erscheint erst dann,
wenn irgend ein Aas ihn heranlockt. In ungemessenen Höhen, wohin ihm
des Menschen Auge nicht zu folgen vermag, zieht er dahin; aber sein Auge
beherrscht ein weites Gebiet und die mächtigen Schwingen tragen ihn
schnell nach dem Orte, wo ein Stück Wild verendet oder einem Schaf die
Kehle durchschnitten wird. Kaum fließt das Blut, so ist auch der Aasgeier
da; reiche Beute aber wird ihm zu Theil, wenn das Land weit und breit mit
Menschenleichen übersäet ist, wenn die grausamen Bürgerkriege wüthen
und den Zug der Heere gefallene Rinder und Schafe bezeichnen. Wo er
erscheint, da fehlen auch selten seine kleineren Verwandten, der Schopf- und
der Ohrengeier (Vultur occipitalis und V. auricularis). Unter den Adlern
begleitet der Augur, ein naher Verwandter unsers Bussards, den Zug der

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Reisenden, während der „H i m m e l s a f f e“ oder Gaukler (Helotarsus
ecaudatus) sowol durch die Kühnheit seines Fluges, als durch die Schönheit
seines Gefieders jeden Beschauer in Entzücken versetzt. Unter allen
Raubvögeln ist er der stolzeste Flieger: er jagt förmlich durch die Luft. Nur
während des Fluges zeigt er seine volle Schönheit. Sitzend bläht er die
Federn auf, sträubt Kopffedern und Halskrause und gestaltet sich in einen
Federklumpen um. Eine der häufigsten Erscheinungen ist der Schmarotzer-
Milan (Milvus parasiticus), dessen scharfem Auge nichts entgeht und der
durch seine Allgegenwart an den Schlachtplätzen, wo kein Stückchen
Fleisch vor ihm sicher ist, sich lästig macht oder durch die größte Frechheit,
mit welcher er dem Menschen das Fleisch fast unter den Händen wegzieht,
diese in Erstaunen versetzt. Auch der Singhabicht (Melierax polyzonus)
kommt südlich vom 17. Grade in allen Steppenwaldungen häufig vor; er
verweilt am liebsten auf einzelnstehenden Bäumen, hat jedoch keinen
besonders schönen Flug und giebt ein langgezogenes, eintöniges Pfeifen,
keineswegs aber einen melodischen Gesang von sich. Seine Hauptnahrung
besteht in Insekten, vorzugsweise aber in Heuschrecken, an denen
Abessinien eben nicht arm ist. Unsere Weihen vertritt der in Nordostafrika
häufige Steppenweih (Circus pallidus); er meidet jedoch das Gebirge und
zieht die breiten Niederungen mit kurzem Gestrüpp vor, aus welchem er auf
kluge Weise das kleine Geflügel aufscheucht.

Unter den E u l e n finden wir unsere Schleiereule und den Kauz, die
kurzöhrige Eule (Otus brachyotus) und die Zwergohreule (Ephialtes Scops).
Im Gebirge haust ein Uhu (Bubo cinerascens), der zu den gemeinsten Eulen
gehört. Dieser Uhu horstet am liebsten auf Bäumen und wird nicht wie
unsere europäische Art von kleinern Vögeln verfolgt. In den Steppen wie im
Gebirge trifft man auf die Ziegenmelker (Caprimulgusarten), jene
unheimlichen Vögel mit leisem Fluge und eigenthümlichem Nachtgesange.
Gleich großen Nachtfaltern umschweben sie die Wipfel der Bäume und die
Dächer der Häuser, um ihrer Kerbthierjagd nachzugehen.

Reich vertreten sind die s c h w a l b e n a r t i g e n V ö g e l (Hirundo,
Cypselus). Die meisten derselben sind auch hier Zugvögel und kommen vor
Beginn der Regenzeit, im Mai und Juni, um zu brüten.

[pg 67]

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Abessinische Vögel. Originalzeichnung von Robert Kretschmer.
Hornvogel. Ohrengeier. Webervögel.
Schmuzgeier. Eisvogel.
Hornrabe. Schlangenadler. Schattenvogel.

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[pg 68]
Die Hausschwalbe ist Hirundo oder Cecrops rufifrons; sie erscheint kurz vor
den Sommerregen und beginnt, sobald diese letzteren die Erde etwas
erweicht haben, aus Lehm ein sehr solides, rundes Nest zu bauen, das sie mit
der Basis auf Dachsparren aufsetzt, nicht seitwärts anklebt wie unsere
Schwalbe. Sie macht zwei bis drei Bruten und verläßt die Höhen erst im
Dezember. – Durch schönen Flug zeichnet sich der abessinische Segler
(Cypselus abessinicus) aus, der in den Bäumen nistet; er ist ein
ausgezeichneter Flieger, wie alle seines Geschlechtes. An manchen Stellen
vertritt ihn die Felsenschwalbe (Cotyle obsoleta), die ihr Nest in den Ritzen
und Spalten der Felsen baut, doch nur an solchen Orten, wo die räuberischen
Affen nicht hingelangen können.

Prächtig gefärbte Bewohner Abessiniens sind neben der Mandelkrähe
(Coracias abessinicus) und dem Eisvogel (Ispidina cyanotis) vor allen
andern die B i e n e n f r e s s e r (Merops Lafrenayi) und die Narina (Trogon
Narina), die lautlos über den Mimosenbüschen dahinschwebt, die
Schmetterlinge oder andere Insekten fängt und durch ihr glänzendes
Gefieder das Auge des Beobachters erfreut. Ihnen schließt sich der
Wiedehopf (Upupa) an, der neben den Aasgeiern fleißig allen Unrath
wegräumt und mit Recht in keinem guten Geruche steht. Seine Verwandten
sind die Baumwiedehopfe (Promerops erythrorhynchus), die in
Gesellschaften gleich Spechten auf den Bäumen umherklettern, die Ameisen
aufsuchen und von dieser Nahrung einen durchdringenden Geruch
annehmen. Den Kolibri vertreten in Abessinien die metallglänzenden
H o n i g s a u g e r (Nectarinia metallica, abessinica, affinis), welche von den
Arabern „Abu Risch“, Federträger, genannt werden und als die ersten
Tropenvögel in Nordostafrika auftreten, auf welche man, aus kälteren
Gegenden kommend, stößt. Die reizenden Vögelchen leben meist paarweise
auf den Mimosen und ziehen im brennenden Sonnenstrahle von Blüte zu
Blüte, um dort Insekten zu fangen, zu singen, die Federn zu sträuben, den
Schwanz zu heben und das glänzende Gefieder im Sonnenlichte glänzen zu
lassen.

Keineswegs fehlt es Abessinien an Sang und Klang in der Vogelwelt; neben
dem glänzenden Gefieder findet auch der melodische Schmelz der Töne
seine Vertretung. Im Rohre schmettert fröhlich der Buschschlüpfer
(Drymoica rufifrons) oder die Caricola (C. cisticola), an welche sich die

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abessinische Baumnachtigall (Aedon minor) anschließt, die schon dem
Wanderer entgegenschlägt, wenn er, vom Rothen Meere kommend, bei
Massaua seinen Fuß ans Gestade setzt. An Steinschmätzern (Saxicola-
Arten), Vertretern unserer Drosseln (Thamnolaea), Bachstelzen (Motacilla
alba und flava) ist kein Mangel. Zu letztern, uns aus der Heimat bekannten
Arten gesellen sich die verwandten Schafstelzen (Budytes), niedliche Vögel,
welche in großer Zahl den Herden folgen, deren treueste Begleiter sind und
diesen das Ungeziefer ablesen. Im Hochgebirge, namentlich in Semién, lebt
eine Drossel (Turdus simensis), welche unsrer Singdrossel sehr ähnelt, neben
der als regelmäßige Wintergäste die Steindrosseln (Petrocincla saxatilis)
erscheinen. Als guter Sänger wird der von Lichtenstein entdeckte Droßling
(Picnonotus Arsinoë) bald der Liebling aller Reisenden, vor denen er [pg
69]sich durchaus nicht scheut. Anschließend hieran erwähnen wir aus der
Familie der Fliegenfänger den Paradiesfänger (Tchitrea melanogastra), den
Würgerschnäpper (Dicrourus), die zahlreich vertretenen Würger (Lanius)
und unsre Nebelkrähe, die als Wintergast nach Abessinien kommt. Diese
trifft als Verwandte hier den Wüstenraben (Corax umbrinus), ein Mittelglied
zwischen Rabe und Krähe, der aber nicht blos in der Wüste vorkommt,
sondern auch die Flecken und Dörfer besucht, wo er den Hunden und Geiern
das Aas streitig macht, während er draußen nach Früchten, am Strande nach
Muscheln sucht und eben Alles verschlingt, was sich ihm darbietet. Ein
echter Gebirgsvogel ist der kurzschwänzige Rabe (Corvus affinis), der bis zu
11,000 Fuß aufsteigt und dort in großen Scharen weilt. Durch seinen kurzen
Schwanz macht er sich vor allen Verwandten leicht kenntlich; er vertritt in
Abessinien unsern Kolkraben, lebt nur paarweise und bedeckt Abends, wenn
er zur Rast geht, oft große Felsblöcke. Die Staare sind durch mehrere
Geschlechter, die dohlenartigen Felsenstaare (Ptilonorhynchus),
Glanzdrosseln (Lamprocolius) und Glanzelstern (Lamprotornis) vertreten.
Bei Weitem der interessanteste Vogel aus dieser Familie ist aber der
afrikanische M a d e n h a c k e r (Buphaga erythrorhyncha), der von der
Südspitze Afrika’s an bis nach Abessinien hinein vorkommt und der treueste
Begleiter der Herden ist, sodaß es scheint, als könnten Rinder, Kameele,
Pferde kaum ohne ihn leben. Da wo diese wunde Stellen haben, in welche
die Fliegen ihre Eier legen, aus denen die Maden entstehen, erscheint auch
die Buphaga, klettert an dem Thiere herum, wie ein Specht am Baume und
sucht ihm die Maden ab. Das Thier kennt seinen Wohlthäter recht gut, aber
die Abessinier hassen den Madenhacker, weil sie glauben, daß er durch sein
Picken die aufgeriebenen Stellen reize.

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Die f i n k e n a r t i g e n V ö g e l kommen gleichfalls in großer Menge vor.
Reichlich treffen wir vorzüglich Amadina, Vidua, Estrelda, Serinus, alles
gute Sänger, während der W e b e r (Textor alecto) nur einen drosselartigen
Ruf und unschönes Gezwitscher ertönen läßt. Dafür baut er aber ein
zusammenhängendes Nest, in dem ganze Gesellschaften brüten. Es besteht
aus dürrem Reisig, von dem eine große Masse, oft von 5 bis 8 Fuß Länge
und 3 bis 5 Fuß Breite und Höhe, zwischen tauglichen Astgabeln der
Baobab-Bäume aufgehäuft wird. In einem solchen sind 3 bis 8 Nester tief im
Innern angelegt und diese mit feinem Gras und Federn ausgefüttert. Die
Farbe der Eier wechselt zwischen rein weiß, roth, grün, braun mit allen
möglichen Zeichnungen, sodaß man glaubt, Eier verschiedener Arten vor
sich zu haben. Der Eingang zu dem unordentlichen Neste ist im Anfange so
groß, daß man bequem mit der Faust eindringen kann, verengert sich aber
und geht in einen Kanal über, gerade für den Vogel passend. Durch
prachtvollen Federschmuck sind die Witwen (Viduae) ausgezeichnet, und
leicht unterscheidet man das Männchen durch seine langen, am Fluge
hindernden Schwanzfedern von dem Weibchen. Hat es aber im Winter das
prächtige Gefieder abgelegt, dann fliegt es leicht dahin, ähnlich wie unsere
Ammern. Als Haussperling tritt, unserm Spatz das Recht streitig machend, in
Nordostafrika [pg 70]der rothrückige Sperling (Passer rufidorsalis) auf,
dessen Sitten und Lebensweise ganz die unseres Haussperlings sind, nur ist
er schöner gefärbt. Gemein, wie bei uns, ist auch in Abessinien die
Haubenlerche (Galerita abessinica), welcher sich als Verwandte die
seltenere Wüstenammerlerche (Ammomanes deserti) anschließt.

Haben wir bisher viele, unsern europäischen Arten verwandte Vögel
gefunden, so treffen wir in der folgenden Familie, jener der Pisangfresser,
durchaus auf fremdartige Gestalten. Da sind zunächst die Mäusevögel
(Colius), die in dichten Büschen leben, durch die schmalsten Oeffnungen der
Verzweigungen sich zwängen und im Klettern eine große Geschicklichkeit
entwickeln. Der von Rüppell entdeckte Helmvogel (Corythaix leucotis) tritt
erst da auf, wo die Kronleuchter-Euphorbie beginnt; er ist ein prächtiger,
rastloser, unsern Hehern im Betragen ähnlicher Geselle, der die Sykomoren,
Tamarinden und Aloëpflanzen gern besucht und auf diesen sich in großer
Anzahl sammelt. Der eigentliche Pisangfresser (Schizorhis zonurus), der sich
durch ein affenartiges Geschrei auszeichnet, hat Vieles mit seinen
Verwandten, den Nashornvögeln überein, von denen mehrere kleine Arten
(Tockus erythrorhynchus und nasutus) häufige Bewohner der Steppen und

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des Urwaldes sind. Je mehr man in das Gebirge kommt, desto häufiger
werden sie, desto öfter vernimmt man ihren charakteristischen Ruf. Weit
größer als die nur anderthalb Fuß langen Nashornvögel, aber auch seltener
sind die kräftigen, fast 4 Fuß langen, sehr scheuen Hornraben (Bucorax
abessinicus).

Wenig ist aus der Ordnung der Klettervögel zu berichten. Die Papageien
finden im abessinischen Gebirge keineswegs, wie in ganz Afrika, ergiebigen
Boden, obgleich einige Arten von ihnen vorkommen. So liebt der
Zwergpapagei (Psittacula Tarantae) die Kolkwal-Euphorbie, auf welcher er
häufig anzutreffen ist, der Halsbandpapagei (Palaeornis torquatus) aber
dichte Wälder, in welchen er in großen Familien und Flügen gewöhnlich mit
den Affen zusammen erscheint. Die Bartvögel (Pogonias Saltii) kommen nur
einzeln im dichtesten Gebüsche vor und sind still, bis auf den Perlvogel
(Trachyphonus margaritatus), welcher im Verein mit dem Weibchen einen
lustigen Gesang vorträgt und die Gärten der Dörfer belebt. Die Spechte
treten nur als kleine Baumspechte (Dendropicus Hemprichii) auf.

Unter den K u k u k s a r t e n spielt der H o n i g v o g e l eine große Rolle in
der Ornithologie der Abessinier; obgleich selten vorkommend, kennt ihn
Jedermann, und schon die ältesten Nachrichten über das Land (so Ludolf in
seiner „Historia aethiopica“) erwähnen der Eigenschaft dieses
unscheinbaren Thierchens, den Menschen zu den Bienenstöcken zu führen.
Die Honigvögel (Indicator) halten sich vorzüglich an baumreichen
Bachufern auf, flattern von einem Baume zum andern und lassen dabei ihre
starke, wohlklingende Stimme hören. Daß sie so rufend häufig zu
Bienenschwärmen führen, weiß jeder Eingeborene Afrika’s vom Kap bis
zum Senegal und von der Westküste bis nach Abessinien herüber, doch führt
der Indicator den ihm folgenden Menschen ebenso häufig auf gefallene
Thiere, die voller Insektenlarven sind; er verfolgt mit seinem Geschrei den
Löwen und Leoparden, kurz Alles, was ihm auffällt; auch ist er dem
Menschen gegenüber [pg 71]nichts weniger als scheu und trotz der
unscheinbaren Größe und Färbung sind alle Arten an der eigenthümlichen
Weise des Flugs leicht zu erkennen. In Nordostafrika giebt es vier Arten von
Honigvögeln, von denen jedoch nur zwei (Indicator minor und albirostris)
in Abessinien vorkommen.

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Ueberall wo man in Abessinien Vögel findet, wird man auch T a u b e n
wahrnehmen in den verschiedenartigsten schön gestalteten und gefärbten
Formen. Die abessinische Taube (Treron abessinica) bewohnt in kleinen
Familien die tieferen Gebirgsthäler, wo sie die Mimosen, Kizelien und
Sykomoren sich zum schattigen Ruhesitz aussuchen, um ihre Liebesspiele zu
treiben und gleich dem Papagei durch das Laub zu klettern. Unsere
Felsentaube vertritt die blaurückige Taube (Columba glauconotos), als
eigentliche Waldtaube tritt die Guineataube (Stictoenas guinea) auf; auch die
Turteltaube (Turtur auritus), die Lachtaube (T. risorius) finden sich;
eigenthümlich ist aber die Erscheinung der Erdtaube (Chalcopelia afra), die
nicht über den 16. Grad nördlicher Breite hinaufgeht und friedlich das
dichtverschlungenste Gebüsch an der Erde bewohnt, auf welcher sie auch,
ihren Verwandten unähnlich, ihr Nest baut.

Von Hühnern tritt in zahlloser Menge das lautschreiende Perlhuhn (Numida
ptilorhyncha), die Wachtel als Wintergast und an Stelle unserer Rebhühner
die verschiedenen, schön gezeichneten und in Einweibigkeit lebenden
Frankoline (Francolinus rubricollis, Erkelii u. s. w.) auf; auch die
Flughühner (Pterocles) sind vertreten und die Laufvögel beginnen mit der in
den Steppen häufigen Trappe (Otis arabs), die nicht die Größe unserer
großen Trappe erreicht, aber weniger scheu ist und besonders von Insekten
lebt. Kommt der S t r a u ß (Struthio Camelus) auch nirgends im
abessinischen Hochland vor, so umzieht er dasselbe doch ringsum in den
Steppen und Wüsten.

Unter den Regenpfeifern und Kiebitzen fällt nur der Dickfuß (Oedicnemus
affinis) wegen seiner nächtlichen, eulenartigen Lebensweise auf; an
feuchten, fischreichen Stellen wimmelt es oft von Reihern, Storcharten,
Schattenvögeln und Störchen und an den Küsten des Rothen Meeres sind
Möven, Pelikane, Seeschwalben und Tölpel im Ueberfluß vorhanden. Reich
an Wassergeflügel ist auch der Tanasee, dessen breite, mit Inseln
durchzogene Fläche demselben einen günstigen Aufenthaltsort gewährt. Dort
wimmelt es von Seeschwalben, Enten (Anas clypeata, sparsa u. s. w.),
Strandläufern, Kiebitzen, Regenpfeifern; da stehen unbeweglich der
Riesenreiher und der schwarzkehlige Fischreiher (Ardea Goliath und A.
atricollis), auf Reptilien lauernd, da plätschern Wasserhühner, Gänse und
Spornschwäne in der Flut.

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Weil mehr mit dem Menschen im Verkehr und ihn als Raub-, Jagd- oder
Hausthier meist näher angehend, fesselt auch das Reich der Säugethiere
mehr unser Interesse als jenes der Vögel.

Abessinien mit seinen Grenzländern kennt etwa sechs bis acht
A f f e n a r t e n. Ruhig und gemüthlich verfließt das Leben der graugrünen
M e e r k a t z e (Cercopithecus griseo-viridis), eines echten Baumaffen, der
in starken Banden gesellig zusammenlebt und von der Höhe seines
Aufenthaltes selten auf den Boden [pg 72]herabkommt, gleichviel ob er dort
in Dornen der Mimosen oder im Laub der Sykomore sitzt. Seine
Behendigkeit ist unglaublich groß und mit Hülfe des steuernden Schwanzes
führt er die kühnsten Sprünge aus. Als unumschränkter Herr und Gebieter
steht der lustigen Herde ein altes, geprüftes Männchen vor, das alle jungen
Nebenbuhler von den seiner Obhut unterstehenden Damen fernhält. Diese
zeigen gegen ihre häßlichen Sprößlinge eine außerordentliche Mutterliebe,
welche sie durch fortwährendes Reinigen und Liebkosen des Kindchens
bethätigen. Nur nebenbei verzehrt diese Meerkatze Heuschrecken und
andere Insekten; Früchte, Knospen und Getreide sind ihre Lieblingsgerichte
und wehe dem Durrah- oder Maisfelde, in das die verschmitzte Bande
lüstern eindringt! Das Wenigste wird nur verzehrt, das Meiste unbarmherzig
verwüstet und dann auf der Stätte des Diebstahls ein Tummelplatz freudiger
Spiele für Alt und Jung bereitet. Vor Menschen weniger, wohl aber vor
Hunden, Schlangen, Fröschen und ihrem besondern Feinde, dem
Habichtsadler, fürchtet sich die Meerkatze sehr. Weit würdevoller als die
Meerkatzen treten die Paviane auf, unter denen der S i l b e r p a v i a n oder
H a m a d r y a s (Cynocephalus Hamadryas) der häufigste ist. Dieses
merkwürdige Geschöpf, dem schon die alten Aegypter Achtung zollten und
das man auf ihren Denkmalen abgebildet findet, lebt zwischen 1000 und
7000 Fuß Meereshöhe und findet sich um so häufiger, je pflanzenreicher das
Gebirge ist. Jede Bande behauptet im Gebirge ein bestimmtes Gebiet und
zählt etwa fünfzehn bis zwanzig erwachsene und kampftüchtige Männchen,
wahre Ungeheuer mit einem Gebiß, welches fast mit dem eines Löwen
wetteifern kann, dasjenige des Leoparden jedoch übertrifft. Schon von
Weitem unterscheidet man die Männchen an ihrem langen graugrünlichen
Mantel und der hervorragenden Gestalt von den bräunlicher gefärbten
Weibchen, die vollauf mit ihren übermüthigen Jungen zu thun haben. Greift
auch der Pavian so leicht einen Mann nicht an, so ist er doch den Frauen ein
Gegenstand des Entsetzens, von welchen eine größere Anzahl von Pavianen

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als von Löwen und Leoparden umgebracht wird. Der ärgste Feind des
Silberpavians ist der Leopard, der ihm Tag und Nacht nachschleicht und sich
ebenso listig wie kühn auf jedes von der Herde isolirte Thier stürzt.

Auch mit ihren Verwandten leben diese Paviane nicht immer auf gutem
Fuße, namentlich mit den T s c h e l a d a s (Cercopithecus Gelada), gegen
welche sie in Semién oft förmliche Schlachten liefern. Letzterer
Mantelpavian bewohnt einen Höhengürtel von 7–11,000 Fuß über dem
Meere, während der Hamadryas mehr die Tiefen-Gegenden liebt; jedoch
steigen die Tscheladas von ihren Bergen herab, um die unten liegenden
Felder zu plündern, wobei dann die Schlachten mit den Silberpavianen
stattfinden.

Der s c h w a r z e P a v i a n (Cercopithecus obscurus) wurde erst 1862 von
Heuglin entdeckt. Dieser stattliche Affe lebt in großen Rudeln auf 6 bis
10,000 Fuß Höhe meist an felsigen Schluchten. Man sieht ihn selten auf
Bäumen, gewöhnlich auf Weideplätzen oder Felsen, von denen herab er
nicht selten gegen seine Verfolger Steine schleudert. Die Nacht verbringt er
in Gesellschaft in Klüften und Höhlen, steigt in der Morgensonne auf Hügel,
wo er zusammen[pg 73]gekauert sich erwärmt und zieht dann in die Thäler
nach Nahrung, die aus Blättern zu bestehen scheint. Gewöhnlich führen zwei
bis sechs alte Männchen gravitätischen Schrittes eine Herde von 20 bis 30
Weibchen und Jungen an, welche theils spielend um den Trupp sich
tummeln, theils von den Müttern getragen und zuweilen tüchtig geohrfeigt
werden. Naht Gefahr, so flüchtet auf ein leises Bellen des Warners die ganze
Gesellschaft in Felsenschluchten. Der schönste Affe Abessiniens ist der von
Rüppell entdeckte Colobus Gueraza, dessen durch den starken Kontrast von
schwarz und weiß ausgezeichnetes Fell ein beliebtes Pelzwerk und eine
Zierath für die Kriegsschilder liefert. Er lebt in der Waldregion der Kola auf
den höchsten Bäumen.

Während Afrika im Allgemeinen reich an Flatterthieren ist, kommen
dieselben in dem hier in Rede stehenden Gebiete weniger vor. Die Ursache
davon hat Heuglin ergründet. Namentlich in den nördlichen Grenzländern
Abessiniens, in Bogos u. s. w. wird starke Viehzucht getrieben, und die
Herden kommen, wenn in ferneren Gegenden bessere Weide und mehr
Trinkwasser sich finden, oft monatelang nicht zu den Wohnungen der
Besitzer zurück. Die Rinder sind gewöhnlich mit Myriaden Fliegen bedeckt,

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die ihnen nachfolgen und wiederum die F l e d e r m ä u s e, welche von
letzteren leben, veranlassen, gleichfalls eine Wanderung zu unternehmen.
Mit der letzten Rinderherde verschwinden auch die Fledermäuse spurlos, um
mit dem Einrücken derselben in ihre alten Standquartiere auch wieder zu
erscheinen. Die gemeinste Art der in Ostabessinien, namentlich um Massaua
vorkommenden Fledermäuse ist der kleine von Rüppell entdeckte
Nyctinomus pumilus. Auch häßliche Glattnasen (Phyllorina-Arten) kommen
vor, die nicht nur in der Dämmerzeit, sondern die ganze Nacht hindurch
fliegen. Der große Pteropus schoensis zeigt sich auch am Tage und lebt von
den Früchten der Feigen und Bananen.

Abessinien beherbergt mehrere Mitglieder der Katzenfamilie: die
kleinpfotige Katze, welche von Einigen für die Stammutter unsrer Hauskatze
gehalten wird, den G e p a r d (Cynailurus guttatus), den L e o p a r d e n
(Felis Leopardus) und den L ö w e n (Felis Leo), doch verdienen nur die
beiden letzteren hier eingehendere Beachtung. Gehen sie auch in die
Berglandschaften hinauf, so ist doch ihr Lieblingsaufenthalt in den tieferen
Gegenden, in der Kola, den nördlichen Grenzländern, der Samhara. Der
Löwe (amharisch Anbasa) ist gerade nicht selten, der Leopard geradezu
gemein und oft genug hört man des Nachts die Stimme des Königs der
Thiere erschallen. Doch fürchtet man ihn verhältnißmäßig wenig, denn sein
Jagdgebiet ist so reich, daß ihn nur selten der Hunger treibt, sich am
Menschen zu vergreifen. Es kommt häufig vor, daß junge, noch säugende
Löwen von den Abessiniern gefangen und aufgezogen werden; doch
verkaufen und verschenken diese die allmälig kostspielig werdenden Thiere
bald an reiche Leute, und aus solcher Quelle stammen auch die berühmten
Löwen des Königs Theodoros. Das Fell eines erlegten Löwen gehört dem
Könige, der tapfere Krieger wird mit einem breiten Streifen davon
beschenkt, der seinen Schild ziert. Weit häufiger und auch gefährlicher als
der Löwe ist der [pg 74]L e o p a r d (Nemr auf amharisch), den man nächst
der Hyäne und dem Schakal als das gemeinste Raubthier Abessiniens
ansehen kann. Von der Ebene an bis hoch in das Gebirge hinein, bei Tag und
bei Nacht, überall ist dieser freche Raubmörder zu finden. Er scheut den
Menschen gar nicht und kaum das allen Raubthieren so entsetzliche Feuer;
frech dringt er in die Hütten der Eingeborenen, raubt ein Kind und zieht sich
mit seiner Beute in das Dickicht zurück. Von der Antilope bis zur Maus
bewältigt er alle Säugethiere. Brehm erzählt, daß im Dorfe Mensa ein
einziger Leopard während eines Vierteljahrs nicht weniger als 8 Kinder,

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ungefähr 20 Ziegen und 4 Hunde wegschleppte. In ganz Abessinien kann
man Hunde und Hühner kaum vor ihm sichern. Mit dem Feuergewehr jagen
die Abessinier das ihnen so verhaßte Raubthier ebenso wenig wie den
Löwen; bei Weitem die meisten Leoparden, welche man erlegt, werden erst
in Fallen gelockt und in diesen gewöhnlich durch Lanzenstiche getödtet.
Diese Fallen sind ganz nach dem Grundsatze starker Mausefallen gebaut,
d. h. sie bestehen aus einem Pfahlgitterwerk mit Fallthür; ein lebendiges
Thier, ein Stück Fleisch sind der Köder, mit dem der Leopard angelockt
wird; häufig bringt man auch eine lebende, kläglich meckernde Ziege in die
Falle. Mit großer Vorsicht umgeht der Räuber oft zwei oder drei Nächte lang
den Käfig, bis er endlich sich hineinwagt und gefangen ist. Von der
Meeresküste geht dieser kühne Räuber bis zu 12,000 Fuß Höhe an die
Eisgrenze hinauf. Der G e p a r d findet sich ausschließlich in der Samhara
und nicht im Gebirge; er ist ein Tagräuber und keine gemeine Katze; denn er
ist nicht blutgierig und raubt niemals mehr als er zu seinem Unterhalte
bedarf. Draußen in der freien Steppe betreibt er seine Jagd auf Antilopen,
Hasen, Mäuse, Perlhühner. Gegen den Menschen vertheidigt er sich nicht,
doch macht dieser meist auf ihn Jagd, um das bunte Fell zu verwerthen, das
nur selten im Handel vorkommt. Aber zur Jagd wird er in Abessinien nicht
abgerichtet, wenn auch einzelne gezähmte Thiere hier und da gehalten
werden.

Bis zu den höchsten Spitzen der Berge Semiéns in die Region der Dschibarra
streift der W a l g i e (Canis simensis), um den Ratten nachzustellen. Er ist
eine häufige Erscheinung unter den hundeartigen Raubthieren; dagegen ist
der W o l f s h u n d (Canis Anthus) ziemlich selten, desto gemeiner aber
wieder der S c h a k a l (Canis mesomelas), der nicht mit dem weiter nördlich
vorkommenden eigentlichen Schakal verwechselt werden darf. Der
abessinische, schwarzrückige Schakal ist etwas größer als sein Verwandter
und in der Samhara wie im Gebirge in jedem größeren Dickicht anzutreffen.
Seine eigentliche Jagdzeit auf Hasen, Hühner, Perlhühner, Ziegen, ja selbst
Mäuse und Heuschrecken ist in der Nacht; dann ist er ein frecher,
regelmäßiger Gast in den Dörfern oder am Lagerplatz der Karawane,
welcher er ohne Scheu, selbst wenn das Feuer hell lodert, sich nähert. Auch
wo gefallene Thiere liegen, stellt er sich heulend ein und an solchen Plätzen
trifft er mit der g e f l e c k t e n H y ä n e (Hyaena crocuta, amharisch
Dschib) zusammen, einem der gemeinsten Raubthiere Abessiniens. Durch
langgezogene Klagetöne kündigt sie ihren Wunsch nach irgendwelcher

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Nahrung an, [pg 75]um den ewig verlangenden Magen zu befriedigen. Auch
sie wird von den Eingeborenen arg gehaßt, obgleich sie ihnen nicht gerade
erheblichen Schaden zufügt, sondern als Landreiniger, Aas- und
Auswurfvertilgerin eher nützlich wird. Die Eingeborenen fangen die Hyäne
in Gruben, die in einem von Dorngebüsch umgebenen Gange ausgegraben
werden, an dessen Ende ein blöckendes Zicklein angebracht wird. Die
heißhungerige Bestie bricht, indem sie auf ihre Beute zueilt, in die mit
Reisig und Sand sorgfältig überdeckte Grube ein, in welcher man sie
möglichst bald tödten muß, weil sie sonst sich einen Ausweg wühlt. Es
gelingt nicht leicht, in derselben Grube mehr als eine Hyäne zu fangen, da
die Thiere durch ihr feines Geruchsorgan die Gefahr erkennen. Neben ihr
kommt noch ein anderes hyänenartiges Raubthier, der „g e m a l t e H u n d“
(Lycaon pictus) truppweise vor; er überfällt die Herden und richtet unter
ihnen große Verheerungen an. Die Steppenlandschaften sind die eigentliche
Heimat dieses geselligen, rauf- und mordlustigen Geschöpfes, das niemals
allein jagt. Seinen Namen führt es von den großen, dunkeln, auf dem hellen
Felle stehenden Flecken, an denen es schon weithin leicht zu unterscheiden
ist.

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Gemalter Hund (Lycaon pictus).

Von kleineren Raubthieren beherbergt Abessinien die g e s t r e i f t e
M a n g u s t e, einen weit verbreiteten, schlanken Mörder, der kleinen
Säugethieren und Vögeln nachstellt, und den H o n i g d a c h s oder das
R a t e l (Ratelus capensis), ein in jeder Hinsicht merkwürdiges Thier,
welches die Bienenstände plündert, Aas liebt und der kleinen Jagd mit Eifer
obliegt, unangegriffen ruhig seine [pg 76]Straße zieht, angegriffen aber aus
seinen Stinkdrüsen einen ekelhaften knoblauchartigen Gestank verbreitet,
der weit und breit die Luft verpestet. Das Thier bewohnt Baue, welche es
sich mit seinen gewaltigen Klauen leicht gräbt und in denen es den Tag über
verborgen liegt, um Abends seiner Beute nachzugehen.

Die nordöstlich vom Tanasee gelegene Stadt Emfras, in welcher der König
einen sogenannten Palast besitzt, ist nicht nur als Hauptsklavenmarkt,
sondern auch wegen der Zucht von Z i b e t h k a t z e n (Viverra Civetta)
berühmt. Poncet berichtet, daß dort von diesen Thieren eine so große Menge
vorhanden ist, daß manche Kaufleute deren mehr als 300 im Hause halten.
Die Thiere werfen einen nicht geringen Nutzen ab. Die Zibethkatze
bekommt als Futter dreimal in der Woche rohes Rindfleisch und viermal
einen Milchbrei; sie wird dann und wann mit Wohlgerüchen beräuchert und
in jeder Woche kratzt man ihr mit hölzernen Löffeln einmal eine salbenartige
Materie ab, das Zibeth, welches in wohlverwahrte Ochsenhörner gethan wird
und einen einträglichen Handelsartikel bildet. Ihr heimischer Name ist
Dering. Ein dem Hausgeflügel, den Mäusen und Ratten sehr gefährliches
Raubthier ist die G e n e t t k a t z e (Viverra abessinica), ein schlankes,
elegantes Thier mit langem Ringelschwanz. Sowol anatomisch, als durch
den Mangel der Rückenmähne und andere Schwanzzeichnung unterscheidet
sie sich von der vorigen, mit der sie sonst viel Aehnlichkeit hat. Auch ein
F i s c h o t t e r (Lutra inunguis) kommt, wiewol selten, in den abessinischen
Gewässern vor. Derselbe ist so groß wie unsere Art und schön kaffeebraun.

Unter den Nagethieren ist zunächst zu erwähnen das b u n t e E i c h h o r n
(Sciurus multicolor), ein keineswegs munteres Thierchen, vielmehr ein
langweiliges scheues Geschöpf, das sich einzeln versteckt in den hohen
Baumwipfeln aufhält und niemals kühne Sprünge wagt, sondern immer an
den Aesten klebt. Viel häßlicher, aber anziehender und unterhaltender ist sein

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Verwandter, das r o t h e E r d h ö r n c h e n (Xerus rutilus), das Schillu der
Abessinier. Leicht und beweglich treibt es sich nur auf der Erde, nie auf
Bäumen umher, bald hier, bald da aus seiner Höhle hervorschauend, oder
sich possirlich auf die Spitze eines Hügels setzend. Unter allen Nagethieren
ist keines, selbst der Hamster nicht ausgenommen, welches im Verhältniß zu
seiner Größe solchen Muth entwickelte, ja es wehrt sich sogar knurrend und
fauchend gegen Hunde. Gleich ihm lebt auch das F i l f i l (Bathyergus
splendens), das zu den Ratten gerechnet wird, in maulwurfsähnlichen
Erdhöhlen, die es im dichten Gebüsch anlegt, während die Baue des
S t a c h e l s c h w e i n s (Hystrix cristata), das bis zu 6000 Fuß Höhe
hinaufgeht, meist in sandigen Ebenen stehen. Bei Tage verläßt das
Stachelschwein seine Höhle nie, Abends jedoch zieht es in die Waldungen
und Felder. Jedenfalls verdient unter den Nagethieren der a b e s s i n i s c h e
H a s e (Lepus aethiopicus) die meiste Beachtung, da er sich von unserm
gewöhnlichen Hasen vielfach unterscheidet und im Hochgebirge wie in der
Niederung zu den gewöhnlichsten Erscheinungen gehört.

Da der christliche Abessinier so gut wie der Muhamedaner ihn wegen der
gespaltenen Klauen zu den unreinen Thieren rechnet, so wird er nicht
verfolgt, [pg 77]und da er dieses weiß, so fällt es ihm gar nicht ein, vor dem
Menschen zu flüchten, wie unser Lampe, von dem ihn schon das dunklere,
schwarz, weiß, grau und ockerfarbig gefleckte Fell unterscheidet.

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Erdferkel. Nach Wood.

Aus der Ordnung der zahnlosen Thiere ist das E r d f e r k e l (Orycteropus
aethiopicus) zu erwähnen, das vom Tiefland bis in die Woina-Deka
vorkommt. Das scheue Thier, mit seinem Geruch und Gehör, haust in
selbstgegrabenen Höhlen, zeichnet sich durch lebhafte Sprünge und eine
känguruartige Stellung aus, wobei es durch den kräftigen Schwanz
unterstützt wird. Es geht häufig nur auf den Hinterfüßen und beschnuppert
mit der langen, in steter Bewegung befindlichen, einem Schweinerüssel

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gleichenden Nase die Erde, um nach Ameisen zu suchen. Hat es eine solche
Stelle entdeckt, so beginnt es sehr gewandt und kräftig mit den Vorderfüßen
zu graben und die aufgewühlte Erde mit den [pg 78]Hinterfüßen
zurückzustoßen. Ist der Ameisenbau erbrochen, so geht es hastig an die
Mahlzeit; nach v. Heuglin fängt es die Ameisen mit den Lippen und diese
fallen in Menge über den Ruhestörer her, dessen dicke Haut keineswegs vor
den Bissen schützt. Für Urin und Mist gräbt das Erdferkel eine kleine Grube,
die dann wieder sorgfältig verdeckt wird. Im Bau selbst schläft es
zusammengerollt auf der Seite liegend. Verfolgt eilt es in raschen Sätzen
davon und gräbt sich rasch ein, die Röhre hinter sich schließend. Das Fleisch
ist fein, weiß und saftig.

Ueber Pferde, Maulthiere und Esel Abessiniens berichten wir später. Das
K a m e e l, in den Küstengegenden reichlich als Lastthier vertreten, spielt im
Hochgebirge eine traurige, unnütze Rolle, da sein Wirkungskreis die Wüste
ist. Ebenso ist die G i r a f f e nur Bewohnerin der Tieflandsteppen, dort aber,
in den Niederungen zwischen Setit und Atbara, auch in großer Menge
vertreten und wegen des saftigen Fleisches der jungen Thiere als edles
Wildpret hoch angesehen.

Am meisten Interesse unter den abessinischen Thieren flößen uns die
Wiederkäuer ein. Antilopen, Ziegen, Schafe, Rinder sind da vertreten und
alle in ihren schönsten Repräsentanten, namentlich sind die Antilopen
herrliche Thiere, bei denen man nicht weiß, welcher man den Preis der
Schönheit und Zierlichkeit zuerkennen soll. Die T e d a l - A n t i l o p e
(Antilope Sömmeringii) lebt namentlich in den breiten Niederungen und in
der Samhara, kommt von da wol noch ins Hügelland, nie aber ins
Hochgebirge hinauf. Nur am Tage zieht sie in kleinen Trupps umher, ruht
des Mittags wiederkäuend im Schatten und ist gegen den Menschen sehr
mißtrauisch. – Die Art, wie sie in der Samhara eingefangen werden, wird
von Rüppell folgendermaßen geschildert. In der Mitte der Ebene, in einem
Bezirk, wo diese Thiere regelmäßig gegen Sonnenuntergang ihren Wechsel
haben, legen die Jäger viele an Pfähle befestigte Schlingen. Sobald nun die
Antilopen kommen, laufen von verschiedenen Verstecken her einzelne Leute
herbei, von denen Jeder eine Menge kleiner, mit einem Büschel
Straußenfedern versehener Stöcke hat; diese werden mit großer Schnelligkeit
so in die Erde gesteckt, daß sie lange nach der Gegend der Schlingen
gerichtete Linien bilden; der Antilopen ganze Aufmerksamkeit wird von den

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im Winde wehenden Federn in Anspruch genommen, die sie mit scheuem
Blick fixiren. Nun beginnt das Treibjagen; das Wild sieht zum Entkommen
keine freie Strecke, als die Gegend, wo die Fallstricke liegen, und eilt dahin;
gewöhnlich bleiben mehrere darin hängen und hier schlagen ihnen die Jäger
mit Knüppeln die Beine entzwei, um sie dann zu schlachten. Auf dieselbe
Weise werden auch die Strauße gejagt. Noch häufiger als der Tedal ist die
G a z e l l e (Antilope Dorcas), die da, wo Mimosen stehen, von denen sie äst,
fast nie in der Samhara fehlt. Sehr oft einzeln, meist aber in Trupps von drei
bis acht Stück beieinander zieht sie nur am Tage in der Ebene, wie im
Gebirge umher. Zur Tränke geht die Gazelle nicht, denn ihr genügt der
Nachtthau auf den Blättern der Bäume, die sie alle Morgen eifrig ableckt,
und diese Genügsamkeit macht sie zum echten Wüstenthier. Als die
lebhafteste, behendeste und anmuthigste der Antilopen vermag sie Sätze von
[pg 79]vier bis sechs Fuß Höhe auszuführen und ein flüchtiges Rudel
gewährt einen wahrhaft prachtvollen Anblick.

Während die Gazelle alle dicht bewaldeten Stellen ängstlich meidet, sucht
das „Judenkind“ oder die Z w e r g - A n t i l o p e (A. Hemprichiana) gerade
die verschlungensten und undurchdringlichsten Gebüsche zu ihrem
Wohnsitze auf. Nur paarweise in zärtlicher Ehe und nicht wie die übrigen
Antilopen es den Türken oder Mormonen gleich thuend, findet man die
Zwerg-Antilope von der Küste bis zu 2000 Fuß Höhe im Gebirge sehr
häufig.

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Agaseen- oder Kudu-Antilopen.

Die Färbung des weichen schönen Haars stimmt mit dem Blätterdunkel des
niedern Gebüsches so vollkommen überein, daß es schwer hält, die zarte,
kleine Gestalt inmitten des Gebüsches wahrzunehmen. Beim geringsten
verdächtigen Geräusch erhebt sich der Bock vom Boden, stellt sich, nach der
verdächtigen Gegend hin gerichtet, starr wie eine Bildsäule auf, wendet die
Ohren vorwärts und lauscht nun regungslos. Der Lauf, welcher erhoben
wurde, bleibt erhoben, Auge und Ohr haften an derselben Stelle und nur der
Haarschopf zwischen den Hörnern deutet durch sein Senken oder Heben an,
daß in dem Geschöpf Leben wohnt. Das Wildpret der Zwerg-Antilope ist
nicht besonders zu empfehlen; es hat immer einen moschusartigen
Geschmack und ist außerdem sehr zähe.

[pg 80]

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Sind Sömmerings-Antilope und Gazelle echte Wüstenthiere, so sucht der
K l i p p s p r i n g e r oder S a s s a (Oreotragus saltatrix) nur felsige
Gegenden auf. (Abbildung siehe S. 25.) Rüppell war der erste, der nachwies,
daß diese vom Kap schon lange bekannte Antilope auch in Abessinien in den
buschigen, felsigen Bergen lebe. Wie eine Gemse steht das schöne Thier mit
zusammengehaltenen Hufen auf einem steilen Felsgrat, oft stundenlang in
das Land hineinschauend. Auch der Klippspringer lebt paarweise, am
gewöhnlichsten in einer Meereshöhe von 2000 bis zu 12,000 Fuß. Bei
heiterem Wetter zieht er mehr in die Berge; bei Regen, Nebel, Kälte steigt er
in die Thäler hinab. Die Bezeichnung „afrikanische Gemse“ ist für ihn gut
gewählt, denn an den steilsten Felswänden entlang, neben Abgründen
vorüber, welche jeden Fehltritt mit dem Tode bezahlen würden, eilt er mit
Leichtigkeit und Zierlichkeit dahin, als ginge er auf ebenem Boden. Die
geringste Unebenheit genügt ihm, um festen Fuß zu fassen; jeder Sprung
schnellt ihn hoch in die Luft; bald zeigt er sich ganz frei den Blicken, bald ist
er im Gebüsch verschwunden, und wenige Minuten genügen, ihn allen
Verfolgungen zu entziehen. Die stolzeste und größte Antilope Abessiniens ist
der A g a s e e n (Antilope strepsiceros), welcher die Gebirge in einer Höhe
von 2000 bis 7000 Fuß bewohnt. Dieses stattliche, an unsern Edelhirsch
erinnernde Thier, welches durch ein Paar 3 Fuß lange, prächtig gewundene
Hörner ausgezeichnet ist, gehört einem großen Theil Mittel- und Südafrika’s
an und ist am Kap unter dem Namen Kudu bekannt. Es lebt einzeln oder in
kleinen Trupps, die, ungestört, majestätisch und langsam an den Bergwänden
hinschreiten, aufgescheucht aber, unter Schnauben und Blöken davoneilen.
Die Araber in den Steppen nördlich von Abessinien hetzen den Agaseen mit
Pferden und tödten ihn mit Lanzenstichen, während er im Hochlande nur
von denen verfolgt wird, die Flinten besitzen. Sein Fleisch ist vorzüglich,
dem des Hirsches im Geschmack ähnlich und aus den großen gewundenen
Hörnern verfertigen die Eingeborenen Füllhörner zum Aufbewahren des
Salzes und Honigs. Auch die in Südafrika häufigere O r y x - A n t i l o p e
(Antilope Beisa) findet sich in den das Land umgebenden Steppen und
Niederungen. Stets trägt sie ihre schnurgeraden Hörner aufrecht, die von der
Seite gesehen wegen ihres nahen Beieinanderstehens wie ein einziges
aussehen und zu der Sage vom Einhorn Veranlassung gegeben haben
können. Es würde uns zu weit führen, wollten wir alle Antilopen hier
aufzählen, die in den Hochlanden oder den diese umgebenden Steppen
leben. Nur noch zu erwähnen sind die große Marif-Antilope (Hippotragus
Bakeri), die Defassa (Antilope defassa), der Bohor (A. redunca), Bubalis

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mauritanica, Antilope montana, madoqua, decula, leptoceros u. s. w. Die
meisten dieser Thiere gehen bis zu 9000 Fuß Höhe in die Gebirge.

Das ist der Reichthum Abessiniens an Antilopen; weniger zahlreich sind die
Ziegen vertreten, aber unter ihnen finden wir im Hochgebirge zunächst den
stolzen S t e i n b o c k (Ibex Walia). Rüppell entdeckte dieses Thier auf den
höchsten Bergen Semiéns, nachdem ihm die Eingeborenen eine wunderbare
Geschichte über dasselbe aufgetischt hatten. Dieser Walié, so erzählten sie,
ist [pg 81]im höchsten Grade scheu, hat sehr lange und krumme Hörner und
einen Bart am Kinn, stellt sich oft auf zwei Beine und ist wegen der
Erziehungsweise seiner Jungen sehr merkwürdig. Die Mutter hat nämlich, so
fabeln die Abessinier, unter dem Bauch einen nach hinten zu geöffneten
Sack, in welchem das Junge eine Zeit lang lebt und sich dadurch nährt, daß
es von Zeit zu Zeit den Kopf aus dem Beutel heraussteckt und auf der Erde
grast; doch ist es sehr scheu und zieht sich bei dem geringsten Geräusch in
seinen Behälter zurück. So lebt es wochenlang, bis es zu groß geworden und
in seinem lebendigen Kerker keinen Platz mehr findet; es springt heraus,
läuft davon und sieht seine Mutter nie wieder. Europäische Reisende haben
gefunden, daß der abessinische Steinbock in Lebensweise und
Körperbildung nicht im mindesten von dem allgemeinen Charakter der
Gattung abweicht. Von der Ziege (Hircus aethiopicus) wird in dem
Abschnitte über die Viehzucht die Rede sein. Sie ist kleiner als unsere Ziege
und kennzeichnet sich durch kurze Beine, lange, rückwärts niedergedrückte
Hörner und sehr langen Bart. Ziegenherden sind durch das ganze Land in
großer Zahl verbreitet und namentlich in der Steppe begegnet man ihnen an
allen Brunnen. In Bezug auf Behendigkeit und Schnelligkeit steht die
abessinische Ziege kaum der Gazelle nach. Von S c h a f e n werden
verschiedene Arten gezüchtet. An den Küsten und in den heißen Steppen
findet man das arabische F e t t s c h w a n z s c h a f, mit schwarzem Kopf,
ausgezeichnet durch den Mangel der Hörner und Wolle und einen dicken
Fettklumpen statt des Schwanzes; das gemeine Schaf der Hochlande (Beg)
hat bräunliche oder schwarze Wolle; die Galla züchten eine mit langen
weißen Haaren versehene Art, deren schwarzgefärbte Felle eine
Lieblingskleidung ihrer Häuptlinge ausmachen. Das Rind Abessiniens ist der
a f r i k a n i s c h e B u c k e l o c h s e (Bos africanus), ausgezeichnet durch
schlanken Bau und den kleinen Höcker. Der Berié, wie er in Amhara heißt,
ist ein äußerst geschicktes, gewandtes und bewegliches, dabei gutmüthiges
und lenksames Thier; er bildet den Reichthum des Hirten, dient als Pack-

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oder Reitthier, zieht den einfachen Pflug, drischt durch Austreten das
Getreide und wird zum Danke für alle Liebesdienste schließlich oft bei
lebendigem Leibe verzehrt, worüber weiter unten mehr gesagt wird. In
einigen südlichen Provinzen lebt der S a n g a, eine besondere Art, die sich
durch gewaltige, weit geschwungene Hörner auszeichnet, aber von nur
wenigen Reisenden beobachtet wurde. Die Hörner kommen in den Handel
und gelten auch als schätzbares Geschenk. Salt erhielt drei dieser Thiere
geschenkt, allein sie waren so wild, daß er sie erschießen lassen mußte. Das
längste Horn hatte beinahe 4 Fuß und sein Umfang an der Basis betrug 21
Zoll. Stier und Kuh, beide tragen diesen Schmuck, sind aber trotz des
kolossalen Gehörns nicht größer als anderes Rindvieh. In der Kolla haust der
w i l d e B ü f f e l (Bos Pegasus und Caffer), der Gosch der Abessinier, ein
unzähmbarer, gefürchteter Geselle, dessen Jagd zu den gefährlichsten
Beschäftigungen der Eingeborenen zählt. Seine Haut wird blos zur Bereitung
von Schildern benutzt; ist das Thier bereits ausgewachsen und seine Haut
durch Speere nicht sehr zerfetzt, so können aus einer Haut vier Schilde
gemacht werden, welche einen Preis von [pg 82]je zwei bis drei Thalern
haben. Aus den enormen Hörnern dieses Büffels verfertigt man Trinkbecher.

Aus der Ordnung der Dickhäuter oder Vielhufer haben wir ein
R h i n o z e r o s (Rh. africanus), das Worsisa, anzuführen, welches die
Eigenschaften der asiatischen und afrikanischen Art, die Platten und Falten
des ersteren mit den zwei Hörnern des letzteren vereinigt und aus den
Sümpfen der Kolla bis in die Berge 8000 Fuß hoch aufsteigt. Der
H i p p o p o t a m u s fehlt weder in den Seen, noch in den größeren Flüssen
des Landes. Im Allgemeinen meiden die Abessinier dieses für unrein
gehaltene Thier, nur die am Tanasee angesiedelten heidnischen Waito
beschäftigen sich mit der Jagd dieses „Gomari“, indem sie die Thiere mit
hölzernen Lanzen zu verwunden suchen, deren Spitzen mit einem
Pflanzengift bestrichen sind, durch welches jene gewöhnlich nach zwölf
Stunden sterben. Das Fleisch trocknen sie großentheils, um es
aufzubewahren, und aus der Haut verfertigen sie kleine Reitpeitschen. Eine
wahre Landplage ist in Abessinien das häßliche, mit großen Hauern
versehene W a r z e n s c h w e i n (Phacochoerus africanus), das die mit
Gebüsch und Gras bewachsenen Ebenen bewohnt, kommt aber auch bis zu
9000 Fuß im Gebirge vor. Es lebt ähnlich wie unser europäisches
Schwarzwild und geht seiner Nahrung erst nach Sonnenuntergang nach. Die

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Eingeborenen halten es natürlich für unrein und geben sich nicht mit der
Jagd des Thieres ab, dessen Fleisch einen vortrefflichen Geschmack hat.

Abessinien beherbergt auch ein eigenthümliches N a c h t s c h w e i n
(Nyctochoerus Hassama), das nach Aussage der Eingeborenen sich
vorzüglich gern von Aas nährt. Es hat die Größe unsrer Wildschweine, ist
aber gedrungener von Figur, lebt in dichtem Gebüsch und Felsen in einem
großen Theile des Landes von 4000 bis 9000 Fuß Meereshöhe, ist scheu, soll
sich angegriffen wüthend zur Wehre setzen, ruht den Tag über in
undurchdringlichen Verstecken und fällt Nachts verheerend in die Felder ein.

Jedenfalls ist unter den Vielhufern der kleinste der interessanteste, nämlich
der K l i p p s c h l i e f e r oder Klippdachs (Hyrax abessinicus). Schon Bruce
erwähnt, daß dieser Aschkoko unmittelbar in der Nähe der Städte geeignete
Felswände bewohnt und vor den Augen der Menschen sein possirliches, an
Kaninchen und Murmelthiere erinnerndes Wesen treibt. Seine Bewegungen
sind ungemein mannichfaltig und graziös; er versteht ausgezeichnet zu
klettern, mit dem Kopfe nach oben und unten. Große Sanftmuth und
Aengstlichkeit zeichnen ihn aus, und seine Feinde sind nur im Thierreich zu
suchen, da er vom Menschen, der ihn gleichfalls für unrein hält, nicht
verfolgt wird. Sie selbst sind sehr gefräßig und nähren sich von Gräsern,
Kräutern und Tamarindenzweigen. Wahrscheinlich kommen zwei
verschiedene Arten vor, die vom Tiefland bis zu 12,000 Fuß Meereshöhe
aufsteigen.

Heuglin war der erste, welcher die Bemerkung machte, daß der
Klippschliefer in bestem Einvernehmen mit einer Ichneumon-Art (Herpestes
Zebra) und einer Eidechse (Stellio cyanogaster) auf seinen Felsen
zusammen lebt. Nähert man sich einem solchen Felsen, so erblickt man
zuerst einzeln oder gruppenweise [pg 83]vertheilt die munteren und
possirlichen Klippschliefer auf Spitzen und Absätzen sich gemüthlich
sonnend oder mit den zierlichen Pfötchen den Bart kratzend; dazwischen
sitzt oder läuft ein behender Ichneumon und am steilen Gestein klettern oft
fußlange Stellionen. Wird ein Feind der Gesellschaft von dem auf dem
erhabensten Punkte des Felsbaues als Schildwache aufgestellten Klippdachs
bemerkt, so richtet sich dieser auf und verwendet keinen Blick mehr von
dem fremden Gegenstand, aller Augen richten sich nach und nach dahin,
dann erfolgt plötzlich ein gellender Pfiff der Wache, und im Nu ist die ganze

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Gesellschaft in den Spalten des Gesteins verschwunden. Untersucht man
letzteres genauer, so findet man Klippschliefer und Eidechsen vollständig in
die tiefsten Ritzen zurückgezogen, der Ichneumon dagegen setzt sich in
Vertheidigungszustand und kläfft zornig den Feind an. Hat dieser sich
entfernt, so rekognoszirt zunächst die Eidechse das Terrain, ob Alles sicher
sei, dann erscheint der Ichneumon und zuletzt, vorsichtig den Kopf
hervorstreckend, der Klippschliefer. Der Ichneumon, obgleich ein arger
Räuber, verkehrt mit ihm in der größten Eintracht; dagegen ist der Leopard
sein Hauptfeind, der trotz aller Vorsicht dann und wann einen Klippschliefer
fängt und mit Ausnahme von Wolle und Magen verspeist. Uebrigens werden
diese Thiere durch Raben gewarnt, die unablässig schreiend auf den
Leoparden stoßen, sobald sie seiner ansichtig werden.

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Klippschliefer (Hyrax abessinicus).

Den Beschluß unter den Säugethieren macht der Riese unter denselben, der
E l e p h a n t (amharisch Sochen). Aus den heißfeuchten Niederungen steigt
er auf seinen Wanderungen regelmäßig bis hoch ins Gebirge hinauf;
Steilungen, welche einem Pferde unersteiglich sind, werden von ihm ohne
Mühe überwunden; denn wie ein berechnender Straßenbaumeister geht er zu
Werke, bedächtig und [pg 84]verständig wählt er den Weg. Vor allem in den
nördlichen Grenzländern, in Kunama, Bogos, Mensa ist er häufig; dort jagt
ihn der wilde Schankalla, indem er ihm die Flechsen der Hinterbeine
durchsäbelt; aber Bogos und Mensa, welche das Feuergewehr noch nicht
besitzen, lassen ihn ungestört seine Wanderungen machen. Die reiche Natur
bietet ihm Alles, was er bedarf, in Fülle, und wenn oben in der Höhe die
Nahrung knapp wird, wenn die Wasser sich unter der Thalsohle bergen und
der zweimal im Jahre eintretende Frühling, d. h. die Regenzeit, noch fern ist,
zieht sich das gewaltige Thier nach den wasserreichen Niederungen zurück.
Wie der Elephant in Nordabessinien häufig den Feldern schädlich wird, so
verwüstet er im Süden die Zuckerrohrpflanzungen; da er selten gejagt wird,
so steht seiner Vermehrung nichts im Wege und der Handel Abessiniens mit
Elfenbein ist gering.

Nach von Heuglin lebt im Tanasee auch ein manatiartiges Thier, über das wir
jedoch noch keine nähere Kunde haben.

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Afrikanische Büffel.

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[pg 85]

Landschaft in der Provinz Wochni (Westabessinien). Nach v. Heuglin.

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Das Volk, seine Sitten und Gebräuche, Handel
und Industrie.

Physischer Charakter des Volks. – Die Juden oder Falaschas. – Muhamedaner.
– Gamanten. – Heidnische Ueberreste. – Waito. – Die Sprachen Abessiniens. –
Literatur und Malerei. – Charakter und Sittenlosigkeit der Abessinier. –
Blutrache. – Justiz. – Aberglauben. – Das Verzehren von rohem Fleische. –
Nahrungsweise. – Krankheiten und Aerzte. – Kleidung. – Industrie und
Handel.

Abessinien, von der Natur zur Bühne eines einheitlichen Lebens geschaffen,
durch seine Felsenwälle streng abgeschieden von den Nachbarländern, ist
dennoch der Sitz verschiedener Völkerstämme und Nationalitäten, die
keineswegs immer miteinander harmoniren und auch sprachlich voneinander
geschieden sind. Einzelne versprengte, angesessene oder später
eingedrungene Stämme abgerechnet, gehören die Abessinier dem
äthiopischen Zweig der semitischen Rasse an. Die Mehrzahl der
Bevölkerung ist ein schöngeformter, mittelgroßer Menschenschlag von
hellbräunlicher bis dunkelschwarzbrauner Farbe. Das Charakteristische
seines Aeußern besteht hauptsächlich in einem ovalen Gesicht, einer fein
zugeschärften [pg 86]Nase, einem wohlproportionirten Munde mit
regelmäßigen, nicht im geringsten aufgeworfenen Lippen, lebhaften
schwarzen Augen, schön gestellten Zähnen, etwas gelocktem oder auch
glattem Haupthaar und einem schwachen krausen Barte. Das weibliche
Geschlecht zeichnet sich nicht selten durch reizende Gesichtszüge,
schlanken Bau und äußerst zierliche und elegante Hände sowie Füße aus.
Negerphysiognomien gewahrt man nur an den eingeführten Sklaven und
deren Nachkommen.

Ehe wir uns jedoch zu dem eigentlichen, sich zum Christenthum
bekennenden Hauptvolke wenden, müssen wir die verschiedenen, theils
durch die Religion, theils auch durch ihre Nationalität von ihm
abweichenden Völkersplitter des Landes betrachten.

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Eine gewiß auffällige Erscheinung in Abessinien sind die dortigen Juden
oder F a l a s c h a s, d. h. Wanderer oder Verbannte, die früher eine
bedeutende Rolle spielten, aber von ihrer einstigen Höhe sehr herabgesunken
sind. Fast alle Reisenden beschäftigten sich mit ihnen, und namentlich waren
es die protestantischen Missionäre, die ihnen ihre Aufmerksamkeit
zuwandten. Gobat gab zunächst einige Nachrichten von diesem Volke, doch
bemerkt er, daß die Falaschas so von den Christen abgesondert lebten, daß
letztere weder von ihrem Glauben noch von ihren Gebräuchen etwas
wüßten. Sie haben sich hauptsächlich in der Gegend von Gondar, Tschelga
und auf der nordwestlichen Seite des Tanasees niedergelassen. Die Falaschas
behaupten, ihre Stammväter seien schon zur Zeit Salomo’s mit König
Menilek, dem Sohne der Königin von Saba, ins Land eingewandert; andere
unter ihnen meinen, sie seien erst nach dem Sturze Jerusalems von den
Römern in die abessinischen Gebirge verjagt worden. Doch unterscheiden
sie sich von den übrigen Juden durch ihre Unbekanntschaft mit der
hebräischen Sprache und dadurch, daß die endliche Erscheinung des Messias
für sie keinerlei Reiz hat; denn fragt man sie hierüber, so erwidern sie kalt,
daß sie ihn in der Person eines Eroberers, Theodor genannt, dem auch die
abessinischen Christen entgegenblicken, in kurzer Zeit erwarteten. Dieser
Theodor war nun freilich gekommen, aber mit ihm kein Messias für die
Juden. Alle reden die amharische Sprache, unter sich jedoch gebrauchen sie
eine eigene Mundart (den Koara-Dialekt), welche vom Hebräischen und
Abessinischen gleich weit entfernt ist. Gobat bemerkt: „In ihre Wohnungen
kann kein Christ, ausgenommen mit Gewalt, hineintreten; auch haben die
Christen nicht große Lust dazu, weil sie alle als Zauberer gefürchtet sind. Sie
selbst tragen keine Waffen und bedienen sich derselben nicht einmal zur
Vertheidigung. Für ihre Armen wird von ihnen gesorgt und diese dürfen nie
betteln gehen.“

Der Missionär Stern, ein Hesse von Geburt und zum Christenthum
übergetretener Israelit, versuchte mit seinem Collegen Rosenthal, die
Falaschas zu bekehren, machte jedoch wenig Proselyten, veröffentlichte aber
ein Buch („Wanderings among the Falashas“), in welchem wir die besten
Nachrichten über das seltsame Volk finden. Nach ihm rühmen sich die
Falaschas, unmittelbar von Abraham, Isaak und Jakob abzustammen und ihr
altjüdisches Blut rein erhalten [pg 87]zu haben. Mischheirathen mit andern
Stämmen sind durchaus verboten; ja es gilt schon für Sünde, das Haus eines
Andersgläubigen zu betreten. Wer eine solche Sünde begeht, muß sich einer

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Reinigung unterwerfen und ganz frische Kleider anziehen; dann erst darf er
wieder in seine Wohnung gehen. Diese Ausschließlichkeit hat übrigens gute
Folgen gehabt, denn sie bewahrte die Falaschas vor der Ausschweifung und
Sittenlosigkeit, welche sonst in Abessinien allgemein sind. Jedermann
gesteht ein, daß die Falaschas, Frauen wie Männer, die zehn Gebote streng
befolgen. Heirathen in früher Jugend sind bei ihnen nicht gestattet, da
Männer erst zwischen dem zwanzigsten und dreißigsten, Mädchen zwischen
dem fünfzehnten und zwanzigsten Jahre sich vermählen. Ehescheidungen
kommen nicht vor; Vielweiberei, wie bei den abessinischen Christen, ist
nicht erlaubt; Frauen und Mädchen gehen unverschleiert frei umher. Die
Tempel haben wie die christlichen Kirchen drei Abtheilungen; der Eingang
liegt nach Osten, und auf der Spitze des kegelförmigen Daches ist allemal
ein rother Topf angebracht.

Barbarisch ist eine Sitte, welche mit den überstrengen Begriffen von
Reinigung zusammenhängt. Neben jedem Falaschadorfe befindet sich eine
„unreine Hütte“. Dorthin schafft man die Kranken, deren Tod für
unabwendbar gilt und läßt sie verlassen liegen; kein Verwandter darf bei
ihnen sein und nur Menschen, welche für unrein gelten, dürfen sich um sie
kümmern. Merkwürdig erscheint die Thatsache, daß diese abessinischen
Juden d e m H a n d e l ä u ß e r s t a b g e n e i g t s i n d und ihn geradezu
verachten. Stern schreibt: „Diese Falaschas sind von exemplarischer
Sittlichkeit, ungemein sauber, sehr andächtig und glaubensstreng und dabei
sehr fleißig und thätig. Sie treiben Ackerbau und Viehzucht und auch einige
Handwerke: man findet z. B. unter ihnen Weber, Töpfer und Schmiede. Der
Handel gilt ihnen für unverträglich mit dem mosaischen Glauben, und man
findet unter dieser Viertelmillion Menschen nicht einen einzigen
Kaufmann.“ Es kann bei Leuten, welche so abgeschlossen leben, nicht
befremden, daß sie alle andern Religionen verabscheuen; ohnehin sind sie
zumeist von Götzendienern umgeben, und auch die christlich-abessinische
Kirche hat in ihrem Verfall nichts Anlockendes. Im Aeußern und seinem
Typus nach unterscheidet sich der Falaschas übrigens von den andern
Abessiniern keineswegs.

Was die oft verfolgten M u h a m e d a n e r Abessiniens betrifft, so stehen sie
in den meisten Beziehungen über den einheimischen Christen. Bei dem
niedrigen Charakter der christlichen Abessinier ist die Regierung oft
genöthigt gewesen, die verschiedenen Aemter, deren Verwaltung, Treue und

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Redlichkeit erfordert, namentlich Zollämter, durch Muhamedaner zu
besetzen. Dieselben wohnen theils zerstreut, theils in ganzen Ortschaften
angesessen. So besteht der Flecken Takeragiro in der Landschaft Tembién
nur aus Muhamedanern, deren Frauen sich mit Landwirthschaft und
Baumwollenspinnen beschäftigen. Die Männer sind meist Kaufleute, die im
Lande umherziehen und eine gewisse praktische Gewandtheit erlangen.
Arbeitsamkeit zeichnet alle aus und einen weiteren Vorzug vor den Christen
haben sie dadurch, daß jeder Muhamedaner seine Söhne lesen und schreiben
lernen läßt, während jene dieses nur dann lernen, wenn sie sich dem
geistlichen [pg 88]Stande widmen wollen. Der Muhamedanismus nimmt
fortwährend zu, was bei dem versunkenen Zustande des abessinischen
Christenthums keineswegs zu verwundern ist. Muhamedaner und Christen
leben auf gutem Fuße miteinander, wenn auch keine der beiden Parteien
animalische Speise von der andern nimmt, weil die Muhamedaner beim
Schlachten des Viehs sich der Formel bedienen: „Im Namen Gottes, des
Allbarmherzigen“, die Christen aber: „Im Namen des Vaters, des Sohnes und
des Heiligen Geistes“. Früher wohl, zu Muhamed Granje’s Zeiten, stürmten
die Bekenner des Korans mit Waffengewalt gegen das christliche Abessinien
und wurden zurückgeschlagen; jetzt aber breitet sich der Islam
stillschweigend aus, da er den christlichen Abessiniern überlegen ist. „Er
benutzt“, sagt Munzinger, „die Schwächen seines uneinigen Gegners, er
erringt nur vereinzelte Erfolge und dennoch darf man nicht verschweigen,
daß er einer steten Zunahme sich erfreut. Während er schon halb Afrika
beherrscht und immer südlicher dringt, hat er sich wol den dritten Theil der
Bevölkerung des eigentlichen Abessinien schon unterworfen und die
Grenzen gegen alle Weltgegenden sind dem Christenthum jedenfalls für
immer verloren. Die Galla werden in kurzer Zeit alle muhamedanisch sein,
die Grenzvölker im Norden, die Habab und die Marea, sind erst in unserer
Zeit dem Kreuz abtrünnig geworden und die Bogos selbst sind kaum zu
retten.“

Außer den Muhamedanern und Juden giebt es in Abessinien noch besondere
religiöse Sekten. Zu diesen gehören die G a m a n t e n, die sich über mehrere
Provinzen des südlichen und westlichen Abessinien und selbst über Schoa
ausgebreitet haben und als Heiden verachtet werden. Sie glauben nur an
einen Gott und die Unsterblichkeit; Moses ist ihr von Gott inspirirter
Prophet, doch erkennen sie kein Religionsbuch an, haben keine Festtage,
ruhen aber am Sonnabend vom Ackerbau aus. Nach Krapf und Isenberg

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verrichten sie ihre Religionsübungen im dichtesten Gebüsche, welches kein
Sonnenstrahl durchdringt. Eine besondere Verehrung zollen sie
verschiedenen Pflanzen, die zu beschädigen sie ängstlich vermeiden. Unter
diesen nimmt die Aloë die erste Stelle ein und zwar deshalb, weil sie
dieselbe als von einer menschlichen Seele belebt denken und für den
Stammvater des menschlichen Geschlechtes halten. Da die Gamanten keine
Fasten halten und das auf jede Art geschlachtete Fleisch essen, werden sie
schon um deswillen von den Juden verachtet. Trotz der Verfolgungen, denen
sie ausgesetzt sind, leben sie als ruhige, fleißige und bescheidene
Ackerbauer, von ihren andersgläubigen Nachbarn durch mancherlei Sitten
geschieden. So durchbohren z. B. die Frauen nach ihrer ersten Niederkunft
das Ohr und zwängen in die Oeffnung nach und nach immer größere
Holzpfropfen, die schließlich einen Durchmesser von drei Zoll und mehr
erlangen, sodaß das Ohrläppchen oder jetzt der Ohrlappen bis auf die
Schulter herabhängt, wie dies ähnlich bei südamerikanischen Völkern
gefunden wird. Die Sprache der Gamanten, das Koara, ist mit jener der
einheimischen Juden übereinstimmend, aus denen sie hervorgegangen sein
sollen. Aeußerlich zeichnen sie sich durch hohen Wuchs, schlanken ovalen
Kopf, eine etwas aufwärts gekrümmte Nase und einen kleinen Mund aus.
[pg 90]Sie haben schöngelockte, etwas gekräuselte Haare und große lebhafte
Augen. Die Hauptsitze der Gamanten sind in der Umgebung Gondars, dann
in Tschelga, Koara und bei Wochni, wo sie speziell die Pflicht haben, die
Bergpässe zu hüten. Ackerbau und Viehzucht sind ihre liebste
Beschäftigung, gelegentlich auch Straßenräuberei.

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Schangalla vom Mareb, Zither spielend, und Raucher aus Tigrié. Originalzeichnung von Eduard
Zander.

Spuren vom ehemaligen H e i d e n t h u m lassen sich bei den abessinischen
Christen immer noch erkennen. Rüppell sah z. B., wie im Thale Saheta, in
der Provinz Haramat, die Frauen der Umgegend sich in großer Anzahl an
eine wasserreiche Quelle, welche unter einer schönen Baumgruppe
hervorsprudelt, begaben, dort Hände und Füße wuschen und sich dann vor
einem grobbehauenen, mit zwei eiförmigen Vertiefungen versehenen
Sandsteinwürfel einige Mal auf die Erde niederwarfen. Rüppell hielt den
Stein für einen Opferaltar, konnte jedoch über den Kultus nichts Näheres
erfahren, obgleich seine Begleiter erklärten, es handle sich hier um einen
Rest heidnischer Abgötterei.

Eine besondere Sekte, welche den allgemeinen Namen W a i t o führt und als
heidnisch verschrieen ist, wohnt rings um den Tanasee. Von den Gamanten
unterscheiden sie sich dadurch, daß sie keinerlei religiöse Ceremonie haben.

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Auch essen sie Wasservögel, Nilpferdfleisch, wilde Schweine u. s. w., was
alles ihren Nachbarn als Gräuel erscheint. Sie haben keine eigene Sprache,
sondern reden das Amharische, wie sie sich denn auch weder durch
Gesichtszüge, noch durch andere körperliche Eigenschaften von den übrigen
Abessiniern unterscheiden.

Als heidnisch ist noch die S c h l a n g e n v e r e h r u n g zu nennen, die
Pearce in der Provinz Enderta zu beobachten Gelegenheit hatte, und auch
Bruce berichtet, daß die A g o w s (im westlichen Abessinien) in ihren Hütten
zahme Schlangen aufziehen, denen sie göttliche Verehrung zollen. Ein
Fremder bemerkt zwischen diesen eigenthümlichen Menschen und den
echten Abessiniern keinen großen Unterschied, außer daß die Agows im
ganzen vielleicht ein stärkerer, aber nicht so ruhiger Menschenschlag sind
als jene. Ihre Sprache jedoch, wie bei den Falaschas und Gamanten das
Koara, ist durchaus verschieden und klingt sanfter und weniger kräftig als
die von Tigrié. Die Agows in der Provinz Avergale werden unter der
Benennung der Tschertz unterschieden, und das Land, welches sie
bewohnen, erstreckt sich von Lasta bis an die Grenzen von Schirié. Nach der
Sage waren die Agows einst Verehrer des Nil, aber im 17. Jahrhundert
wurden sie zur christlichen Religion bekehrt. Die Agows hegen eine sehr
hohe Meinung von ihrer ehemaligen Wichtigkeit und behaupten, nur von den
Bewohnern Tigrié’s, sonst niemals, unterjocht worden zu sein. Es ist leicht
möglich, daß dieses Volk einen Theil der Urbevölkerung Abessiniens
ausmacht.

Hier muß der Ausdruck S c h a n g a l l a oder S c h a n k e l a erwähnt werden,
unter dem man sich fälschlicherweise einen besondern Volksstamm im
Nordwesten Abessiniens vorstellte und worunter man namentlich die Bazen
oder Kunama verstand. Allein es ist nur ein generischer Name, welcher auf
die heidnischen, außerhalb Abessinien wohnenden Völker, namentlich die
Neger und Negersklaven, angewandt wird.

Abessinien besitzt gegenwärtig z w e i H a u p t s p r a c h e n, die sich wieder
in [pg 91]mehrere zum semitischen Stamme gehörige Dialekte trennen. Als
ausgestorbene (seit wann ist unbekannt) Ursprache gilt die ä t h i o p i s c h e
oder das Geéz, das zur Zeit der Einführung des Christenthums geredet und in
welchem alle Bücher abgefaßt wurden. Ueber dieselbe hat Hiob Ludolf, der
sich um die ältere Kunde Aethiopiens die größten Verdienste erwarb, im

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Jahre 1691 eine noch heute vielfach mustergiltige Grammatik verfaßt.
Denkmäler der alten äthiopischen Sprache, in Stein eingegraben, sind an
verschiedenen Orten des Landes aufgefunden und entziffert worden;
besonders aber in der alten Königsstadt Axum in Tigrié. Auf einem
Schutthaufen daselbst entdeckte Rüppell drei gleichgroße Kalksteinplatten,
jede über vier Fuß lang und mit ziemlich wohl erhaltenen äthiopischen
Lettern bedeckt. Ein abessinischer Geistlicher entzifferte später diese
Inschriften, und die von ihm veranstaltete Uebersetzung stimmt ziemlich mit
jener des Professors Rödiger in Halle überein. Wir geben, um die
altäthiopischen Schriftzeichen zu zeigen, hier den Anfang der einen Tafel
wieder, welche von dem Kriegszuge des Königs La San nach Magasa
handelt, von wo er mit großer Beute heimkehrte:

Die Uebersetzung lautet:

1. La San, Sohn des Siegreichen, des Gottbefreundeten

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2. Halen König von Axum und von Hamara
3. und von Raidan, und von Saba, und von Sala-
4. hen, und von Tiamo, und von Bega und von Kas.
5. Der Sohn des Ungläubigen bisher unbesiegt
6. bekämpfte als Feind; ihr Oberhaupt ward
7. verjagt, das uns ungünstig war, und ihre Tapfern erschlagen;
8. Darauf ergriffen sie die Flucht. Vorher
9. schickten sie aber das Heer; ihr Anführer, der Tapfere
10. zog aus mit Gezelt und dem Anführer der Vornehmsten.

Das Geéz hat 26 einfache Buchstaben, denen 6 Vokalzeichen angehängt
werden, wozu noch vier Doppellaute kommen. Man liest von links nach
rechts und jedes Wort wurde vom nächstfolgenden früher durch einen
vertikalen Strich, jetzt durch zwei übereinanderstehende Punkte getrennt.
Wie bemerkt, ist die Sprache jetzt ausgestorben, doch gilt sie noch als
Kirchensprache und wird von der Geistlichkeit aufrecht erhalten, welche die
von Isenberg eingeführten, in die modernen Sprachen übersetzten Bibeln als
Ketzerwerke erklärten. An die Stelle des ausgestorbenen Geéz traten zwei
lebende Sprachen, das A m h a r i s c h e und T i g r i s c h e, von denen das
erstere in den vom Takazzié südlich und westlich, das letztere in den von
diesem Flusse östlich gelegenen Landschaften geredet wird. Das
Amharische, das am meisten gesprochen wird, obgleich ein Dialekt des
Aethiopischen und also semitischen Charakters, hat doch mehr Fremdartiges
als seine Mutter- oder seine Schwestersprache, das Tigrische, angenommen,
welches die größte Aehnlichkeit mit dem alten Geéz behalten hat. Das
Tigrische ist reich an kräftigen Gutturalen und hat eine Abart in dem
Dialekte von Guragué, einer südabessinischen Landschaft; das Amharische
dagegen, zur Regierungssprache erhoben, hat in der Sprache von Härrär,
östlich vom Hawaschflusse, eine Tochter.

Während die tigrische Sprache nicht geschrieben wird, hat die amharische
sogar noch 6 Zeichen mehr als das Geéz mit sechserlei denselben
angehängten Vokalzeichen, wozu noch 4 Diphthongformen kommen. Die
Charaktere sind wie das ganze Alphabet syllabarisch, nämlich Schaat lautet
in der Form [Äthiopisch: sha] scha. [Äthiopisch: shu] ist = schu u. s. w.
Ebenso wird aus Tjawi in der Form [Äthiopisch: ca] (tja) durch Hinzufügung
eines kleinen Zeichens in der Mitte rechts [Äthiopisch: cu] tju, [Äthiopisch:
ci] ist tji, [Äthiopisch: caa] tjâ, [Äthiopisch: cee] tje u. s. w. Die andern fünf

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dem Amharischen eigenthümlichen Charaktere sind: Gnahas [Äthiopisch:
nya] (gna; es ist also [Äthiopisch: nyu] gnu und [Äthiopisch: nyee] gne
auszusprechen); Chaf [Äthiopisch: xwa], cha; Jai [Äthiopisch: zha], ja
(französisch auszusprechen); Djent [Äthiopisch: ja], dja und Tschait
[Äthiopisch: cha], tscha. Das Aethiopische und Amharische wird von der
Linken zur Rechten gelesen. Wenn sakaja, anklagen, geschrieben wird
[Äthiopisch: sa][Äthiopisch: xwa][Äthiopisch: ya], so bezeichnet also das
dem großen P im Lateinischen gleichende Zeichen die Silbe ja und man
wird sofort einsehen, daß [Äthiopisch: yu] wieder ju, [Äthiopisch: yaa] jâ ist.

Als untergeordnete Dialekte müssen noch erwähnt werden, das Baze-Tigré
(nicht zu verwechseln mit dem Tigrischen oder Tigrenja), die in der Samhara
und weiter nördlich herrschende Sprache, das erwähnte Idiom der Falascha
oder Juden, der Gamanten und Agows, die den Koara-Dialekt (Hauaraza)
sprechen, [pg 93]und die Sprache der Gallastämme im Süden von Habesch,
über die weiter unten mehr gesagt wird.

Soviel über die Sprachen des Landes. Von einer L i t e r a t u r, welche das
ganze Volk durchdringt, kann keine Rede sein, zumal Lesen und Schreiben
ein Privilegium der höher gestellten Klassen, namentlich der Geistlichkeit
ist. In früheren Zeiten war die geistige Regsamkeit in Abessinien eine
ungleich rührigere als heutzutage, und aus jenen Perioden stammen auch die
meisten Bücher, Chroniken und Bibelabschriften, von denen aber viel im
Laufe der Kriege verloren gegangen ist. Alle abessinischen Manuskripte sind
auf Pergament geschrieben und zwar meistentheils recht sauber und elegant.
Die Linien laufen ganz symmetrisch miteinander parallel und auf der ersten
Seite, sowie am Anfange jedes Kapitels sind immer die Zeilen abwechselnd
mit rother und schwarzer Tinte geschrieben. Zum Schreiben bedient man
sich eines zugespitzten Rohrhalmes. Häufig sind kolorirte Vignetten in den
Text angebracht, die in älterer Zeit weit schöner als jetzt gemalt wurden. Viel
Sorgfalt verwendet man auf die Ledereinbände, in welche man mit heißen
Eisen zierliche Arabesken einbrennt. Die Art und Weise, wie die
Geistlichkeit mit den seltensten alten Werken umgeht, ist geradezu
barbarisch; sie verschleudert sie oft um einen Spottpreis oder läßt sie
verschimmeln. Durch die Bemühungen der deutschen Missionäre,
namentlich des wackeren Isenberg, sind in London auch mehrere Bücher in
amharischer Sprache gedruckt worden, darunter eine vollständige
Bibelübersetzung, eine kleine Geographie und ein Abriß der Weltgeschichte.

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Obgleich man diese zu Tausenden verbreitet hat, so haben sie dennoch
keinen Nutzen gestiftet, da die den Missionären feindlich gesinnte
abessinische Geistlichkeit den Gebrauch hinderte und die Werke vernichtete.
So liegen sie da als ein Werk deutschen Fleißes, ohne lebendige Anwendung
zu finden.

St. Georg (aus einem abessinischen Manuskripte). Nach Harris.

Nach Krapf umfaßt die ganze abessinische Literatur 130 bis 150 Werke, von
denen viele nur Uebersetzungen der griechischen Kirchenväter sind. Die
sämmtlichen Bücher werden in vier Sektionen oder Gabaioch getheilt, deren
erste das Alte, deren zweite das Neue Testament allein ausmacht. Die dritte
enthält juristische Schriften, wie das Gesetzbuch, den Chrysostomus u. s. w.,

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die vierte endlich besteht aus Mönchsschriften und dem Leben der Heiligen.
Die großen Sammlungen von äthiopischen und amharischen Schriften,
welche die Gebrüder d’Abbadie nach Frankreich, Rüppell nach Frankfurt,
Krapf nach Tübingen brachten, lassen uns jetzt einen tiefen Einblick in das
Schriftthum jenes abgelegenen christlichen Volks thun. Da finden wir „den
Glauben der Väter“ (Haimanot Abau), eine Dogmensammlung der
abessinischen Kirche, das Leben des [pg 94]Königs Lalibela (Gadela
Lalibela), der im 13. Jahrhundert nach dem Untergange der Judendynastie
lebte, die Biographie Tekla Haimanot’s, eine Menge wichtiger Chroniken
u. s. w.

Die Art und Weise, wie die Abessinier ihre Gemälde entwerfen, die oft auch
die Pergamentmanuskripte schmücken, beschreibt Salt. Der Maler machte
zunächst einen genauen Entwurf seiner Zeichnung mit Kohle und überzog
denselben dann mit Tusche. Der Gegenstand stellte zwei abessinische Reiter
im Kampfe mit den Galla dar; die Kleider der Krieger, das Geschirr der
Pferde, der Gesichtscharakter waren getreu nachgeahmt. Die Abessinier
vergrößern in ihren Gemälden auf eine besondere Art das Auge und zeichnen
die Figuren en face; nur Juden, Teufel u. s. w. werden im Profil gemalt. Die
Farben sind äußerst grell: Grün, Roth, Blau und Gelb herrschen vor.

Wenden wir uns nun zur Betrachtung des C h a r a k t e r s d e r
A b e s s i n i e r, so treffen wir hier auf sehr widersprechende Urtheile, doch
kann im allgemeinen behauptet werden, daß derselbe nach unsern
europäischen Begriffen ein keineswegs vorzüglicher ist. Während z. B.
Munzinger und Heuglin dem Volke mehr Gerechtigkeit widerfahren lassen,
sind die Urtheile von Bruce, Rüppell, Krapf, Isenberg sehr herbe, und auch
im eigenen Lande giebt es Leute genug, welche in die Verdammung
einstimmen. Dahin gehörten vor allem der König Theodoros II. selbst und
der im Jahre 1867 gestorbene Abuna (Erzbischof). Einzelne vorzügliche,
durch Liebenswürdigkeit, edlen Charakter und Gelehrsamkeit
ausgezeichnete Persönlichkeiten hat es jedoch immer gegeben und sie
beweisen, daß in dem befähigten Volke noch nicht alle besseren
Eigenschaften eingeschlummert sind. Der höchste Kirchenfürst des Landes,
allerdings ein Ausländer, von dem selbst kein sehr erfreuliches Bild

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entworfen wird, schrieb 1843 an Isenberg: „Die Abessinier sind ein Volk, das
weder nach Erkenntniß verlangt, noch Liebe zum Lernen zeigt, noch auch
begreifen kann, daß Sie sein Bestes suchen. Was es will, ist, daß Sie ihm von
Ihrer Habe mittheilen, nichts anderes. Wie kurz oder wie lange Sie sich auch
in Abessinien aufgehalten haben mögen – können Sie immer noch glauben,
daß die Abessinier seien wie andere Menschen, welche lernbegierig sind und
nach Erkenntniß verlangen?“ Isenberg selbst ist von dem Volke keineswegs
erbaut und hatte bei der ihm widerfahrenen Behandlung auch wenig Ursache
hierzu. Rüppell, ein sehr nüchterner Beobachter, faßt sein Urtheil
folgendermaßen zusammen: „Die Hauptzüge des moralischen Charakters der
Abessinier sind: Indolenz, Trunkenheit, Leichtsinn, ein hoher Grad von
Ausschweifung, Treulosigkeit, Hang zum Diebstahl, Aberglaube,
dummstolze Selbstsucht, große Gewandtheit im Verstellen, Undankbarkeit,
Unverschämtheit im Fordern von Geschenken und eine des sprüchwörtlichen
Gebrauches würdige Lügenhaftigkeit.“ Mildernd setzt er hinzu: „In der
Regel ist ihnen übrigens ein leutseliges, ungezwungenes Betragen eigen,
weshalb eine oberflächliche Beurtheilung zu ihren Gunsten ausfällt.“ Dann
weiter: „Zur Erregung eines bessern moralischen [pg 95]Gefühls trägt gar
nichts in ihrem Leben bei, und ich muß durchaus dem beistimmen, was der
Missionär S. Gobat als das Resultat eines beinahe einjährigen Aufenthalts in
Gondar über den sittlichen Zustand dieser Stadt ausspricht, nämlich: „Alle
Abessinier, wenn sie keine Regierungsgewalt zu fürchten haben, treiben das
Räuberhandwerk. Ich kenne die Abessinier zu gut, als daß ich einen großen
Werth auf ihre süßen Worte legen sollte. Ich bin traurig und
niedergeschlagen, weil es mir vorkommt, als sei jeder Rettungsversuch
vergeblich.““ Rüppell führt eine Menge diese Aussprüche charakterisirende
Einzelheiten an, welche allerdings schlagende Illustrationen bilden; allen
Ständen schreibt er gleich große Rohheit zu. Auch die Trägheit der
Abessinier ist unglaublich. Jeder Ackerbautreibende bestellt nicht mehr Feld,
als für den Bedarf seiner Familie nöthig ist, und an ein Aufspeichern von
Vorräthen ist nicht zu denken. Jede Art von Handarbeit halten sie für etwas
Entehrendes, und daher kommt es denn, daß fast die ganze Industrie des
Landes in den Händen der Muhamedaner und Juden ist. Betrug im Handel,
Verfälschung der Waaren sind gang und gäbe.

Alledem gegenüber klingt als Lobrede, was Werner Munzinger, allerdings
einer der ersten Kenner des Landes und Volkes, sagt: „Ueber dieses Land
darf ich wohl reden, denn auch sein Mensch steht uns kaum so fern. Er

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denkt, er träumt, er liebt und haßt ja auch; er fühlt wie wir, nur roher und oft
viel natürlicher und freimüthiger. Soll denn das schwarze Gesicht immer ein
schwarzes Herz bergen? Auch dort findest du mitleidige Herzen! Wenn der
schneidende Abendwind dichte Nebel auf die Hochebene hinabregnet, da
kann der Wegfahrer getrost anklopfen und auch des erfrorenen Bettlers harrt
ein freundlicher Gruß, ein fröhlich loderndes Feuer und ein warmes, in
Milch eingebrocktes Brot. Auch dort giebt es Ritter, Beschützer der Frauen
und Schwachen. Der Mißhandelte findet seinen Advokaten. Auch Freunde
kannst du erwerben, wenn auch nicht schnell, die am Tage der Gefahr dich
beschirmen. Treue Liebe, glückliche Gatten sind nicht selten, und wie oft
folgt die trauernde Gattin ihrem Herrn freiwillig in den frühen Tod! Du
siehst in Hungersnöthen die Mutter mit hohlen Wangen, die Kinder frisch
und munter, denn das letzte Brot spart sie für ihre Lieben auf. Unermüdet
wacht die Gattin bei ihrem kranken Manne. Brave Söhne opfern jahrelange
Arbeit, um ihrem alten Vater sorgenfreie Tage zu bereiten, Gefühl fehlt nicht
und auch nicht Muth und Frohsinn; sie singen und tanzen die sternenhelle
Nacht durch; Rhapsodien loben den Helden, den Löwentödter, den
Menschenbezwinger. Freude und Leid wird ausgesungen; das Lied dient
auch der Klage, es begleitet die Arbeit, es bejubelt die Hochzeit.“ Im grellen
Gegensatz steht – gegenüber fast allen andern Berichten – was Munzinger
hier über die ehelichen Verhältnisse bemerkt, und es scheint uns fast, als sei
wenigstens hier ein rosiger Schimmer über seine Darstellungen ausgebreitet.

Hier muß erwähnt werden, daß die B l u t r a c h e in ganz Abessinien
allgemein herrscht und daß eine ausgebreitete und mächtige Verwandtschaft
daher als ein sehr bedeutendes Schutzmittel gilt. Zu Isenberg kam einst eine
Frau in der größten Angst gelaufen mit der Bitte, er möge für ihren Mann
beten, der am [pg 96]Morgen ohne Begleitung und ohne Waffen
ausgegangen sei; dies habe sein ihm feindlicher Vetter benutzt, um ihm
bewaffnet zu folgen. „Wir erfuhren, daß diese Feindschaft zwischen den
beiden Vettern von ihren Vätern herrührt, die einander in tödtlicher
Feindschaft umgebracht haben sollen. Auch die Vettern haben in ihren
Streitigkeiten schon zehn ihrer Leute verloren.“ Salt lernte einen jungen
Häuptling (Schum) Namens Schelika Negusta kennen, der einen Feind im
Zweikampfe erschlagen hatte. Mehrere mächtige Verwandte des
Gebliebenen bemächtigten sich seiner Person und führten ihn vor den Ras,
welcher ihn nach dem Gesetze zum Tode verdammte und zwar wurde er
nach mosaischem Gebrauch den Verwandten des Ermordeten übergeben,

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damit diese nach Gefallen mit ihm umgehen möchten. Gewöhnlich wird bei
solchen Gelegenheiten der Thäter nach dem Markte geführt und dort zu Tode
gespeert, und so sollte es auch dem Schelika Negusta ergehen, als die
Osoro’s (Prinzessinnen), von seiner Schönheit gerührt, sich hinter die
Geistlichkeit steckten und durch deren Banndrohungen es vermochten, daß
der der Blutrache Geweihte gegen eine hohe Geldsumme freigegeben wurde.

Die J u s t i z wird in Abessinien ungemein willkürlich gehandhabt. Ein
oberster Gerichtshof hatte in der Residenz seinen Sitz und entschied in
weltlichen Angelegenheiten als letzte Instanz. Bezüglich der Todesurtheile
steht dem Könige die Entscheidung zu. Dieser hält wöchentlich mehrere Mal
öffentliche Audienz in seinem Palaste, wobei Jedermann Zutritt hat. Hier
läßt er sich Klagen und Vertheidigung vortragen, verhört die vorgeladenen
Zeugen und giebt nach Berathung mit den Gerichtsbeisitzern seinen Spruch
ab, dem jedoch die ausübende Kraft fehlt und der daher mehr als Gutachten
angesehen werden muß. Ist der König verreist, so wählen sich die Parteien
selbst ihren Schiedsrichter. In den Provinzen entscheidet der Gouverneur und
zwar gleichfalls öffentlich, in der Regel auf einem Hügel in der Nähe der
Stadt. Rüppell wohnte einer solchen Gerichtssitzung zu Angetkat in Semién
bei. Der Gouverneur saß auf einem Flechtstuhle und ringsumher lagen die
Zuhörer im feuchten Grase. Es handelte sich um eine Ehescheidung, bei der
sowol Mann wie Frau ihre Sache persönlich vortrugen und zwar beide mit
vieler natürlicher Beredsamkeit. Die Umstehenden sprachen fortwährend
laut dazwischen und machten ihre Bemerkungen über den Gang der
Unterhandlungen. Endlich ward Ruhe geboten und der Gouverneur
verkündigte das Urtheil, worauf er beide Parteien mit einem „Marsch!“
entließ.

Bei diesen Verhandlungen wird das geschriebene Gesetzbuch Abessiniens,
das F e t a N e g u s t (die Richtschnur des Königs) nur selten angewandt, da
man es meist nur bei verwickelten Rechtsfällen zu Rathe zieht. Es soll
angeblich unter Konstantin dem Großen durch die auf dem Konzil zu Nicäa
versammelten Kirchenväter zusammengestellt worden sein. Das Feta Negust
besteht aus zwei Abtheilungen, von welchen die eine das kanonische, die
andere das bürgerliche Recht behandelt; beide zusammen haben 51
Unterabtheilungen. Die 22 Paragraphen des kanonischen Rechts handeln von
der Rechtgläubigkeit, der Geistlichkeit, der Kirche, der Verwaltung von
deren Eigenthum, vom Gottesdienst, den Feiertagen, der Ketzerei u. s. w.;

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die 29 Paragraphen des bürgerlichen Rechtes von der [pg 97]Dienstbarkeit,
der Ehe, dem Wucher, Erbschaft, Kauf, Zeugnissen, gefundenen Sachen,
Grundeigenthum, Todtschlag, Diebstahl, Strafen u. s. w. Interessant ist die
von Rüppell nicht ohne Grund ausgesprochene Ansicht, daß als Verfasser
dieses Gesetzbuches vielleicht der protestantische deutsche Missionär
P a t e r H e y l i n g v o n L ü b e c k anzusehen sei, der im Jahre 1634 nach
Abessinien kam.

Alle Gesetze jedoch, so gut sie sein mögen, hindern das Volk nicht in seinem
faulen, zügellosen und namentlich in geschlechtlicher Beziehung
außerordentlich liederlichen Lebenswandel fortzufahren, und die zahlreiche
Geistlichkeit thut nicht das Geringste, um dem wüsten Treiben Einhalt zu
thun, ja sie geht mit schlechtem Beispiel voran. Da kann es denn, wo für
Aufklärung und Schulen so gut wie gar nicht gesorgt wird, nicht Wunder
nehmen, daß unter diesen Christen die abenteuerlichsten Vorstellungen und
der seltsamste Aberglaube im Schwunge ist.

Nach den abergläubigen Ansichten der Abessinier hat jeder Mönch, jeder
Einsiedler, jeder Zwerg die Fähigkeit, in die Zukunft schauen und weissagen
zu können. Geschriebene T a l i s m a n e werden unter die Saat gemischt,
damit sie gut keime, und kein Abessinier besteigt sein Maulthier, ohne sich
vorher mit einer solchen Papierrüstung versehen zu haben, die ihn angeblich
stich- und kugelfest machen soll. Amulete spielen derart eine große Rolle
und schützen den Inhaber gegen jede vorhergesehene oder unvorhergesehene
Gefahr. Der T u l s i m, ein Gürtel, an dem kleine Ledertäschchen hängen,
enthält diese schützenden Papierschnitzel, welche Männer, Weiber, Kinder
tragen und die selbst der König für unentbehrlich hält. Auch übt der Einfluß
des bösen Auges eine große Macht auf alle Abessinier aus; böse Geister
durchschwärmen nach ihrer Vorstellung die Erde und das Wasser. Häufig
wendet man das B e s a oder Krankenopfer an, indem man unter Singen und
Schreien um das Lager des Patienten einen Ochsen treibt und denselben
dann vor dem Hause schlachtet. Kein Abessinier wird an einem Sonnabend
oder Sonntag eine Schlange zu tödten wagen, weil an diesen Tagen jene
Thiere als ein glückverheißendes Omen erscheinen. Uebereinstimmend mit
den heidnischen Galla bringen die Christen im Juni dem S a r (bösen Geiste)
Dankopfer dar, obgleich dieser Götzendienst durch Verordnungen aufs
strengste untersagt ist. Drei Männer und eine Frau, die mit dem Bösen in
Verbindung stehen, versammeln sich dann, um in einem frisch ausgekehrten

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Hause die Ceremonie vorzunehmen; eine ingwerfarbige Henne, eine
röthliche Gais oder ein Ziegenbock mit weißem Halsringe werden geopfert
und das Blut der Thiere, mit Fett und Butter gemischt, während der Nacht
auf einen engen Pfad gesprengt, damit alle Darübergehenden das Uebel des
Kranken an sich nehmen, zu dessen Gunsten das Opfer dem Sar dargebracht
wurde.

Das Aechzen der Wassernixen hört der abergläubige Abessinier in jedem
Wasserfall, und der Unglückliche, welcher im plötzlich angeschwollenen
Wildbache ertrinkt, wird als Speise der bösen Wassergeister angesehen.
Verschiedene Pflanzen und Kräuter besitzen zauberische Eigenschaften, so
ein Gras (Fegain), das, heimlich auf den Gegner geworfen, diesem Krankheit
und schleunigen Tod bringt. Zauberer und Sterndeuter, durchaus keine
seltenen Erscheinungen in Abessinien, [pg 98]erreichen nach der
Volksmeinung das anständige Alter von vier- oder fünfhundert Jahren; sie
fliegen mit der Windsbraut durch das ganze Land, erscheinen plötzlich und
ungesehen in der schmausenden Gesellschaft und nehmen ihr die leckersten
Fleischbissen vor der Nase weg.

Vor dem sterblichen Auge verborgen liegt irgendwo im Lande das
zauberhafte Dorf D u k a S t e p h a n o s, ein Paradies auf Erden, das, alle
irdischen und himmlischen Freuden in sich vereinigend, die Sehnsucht des
wunderliebenden Volkes im hohen Grade erregt. Seine grasigen Auen und
prächtigen Wälder laden zum süßen Schlummer ein, und am heitern Ufer des
Nil, der seine blauen Fluten durch die prächtige Landschaft rollt, wandern
die schönsten Weiber. Dort fließen die köstlichsten Getränke in nimmer
versiechendem Strome, und die Erde bringt saftige Früchte in unendlicher
Fülle ohne Arbeit hervor. Doch in zauberische Nebel verhüllt, öffnet dieses
Elysium seine Pforten nur Menschen von untadelhaft schönem Aeußern, die
das Wohlgefallen der Bewohner von Duka Stephanos erregten.

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Eine Lima-Galla, Baumwolle schnellend. Zeichnung von E. Zander.

Z w e r g e werden mit einem gewissen Respekt behandelt und sind
Gegenstände der Furcht; viele unter ihnen sind gerade die gelehrtesten Leute
des Landes. So war der Beichtvater Sahela Selassié’s, des Königs von Schoa,
ein wahrer Asmodeus in seiner Erscheinung, doch dabei ein liebenswürdiger
und ungemein weiser Mann, der sich vor seinen Landsleuten in geistiger
Beziehung bedeutend auszeichnete. Auch die Großen des Landes wählen
sich gern mißgestaltete und zwerghafte Leute zu Sekretären.

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Ganz besonders mit übernatürlichen Kräften ausgestattet erscheint aber der
[pg 99]G r o b s c h m i e d o d e r B u d a k, da er sich nach Belieben in
einen Wolf oder eine Hyäne zu verwandeln und Menschenfleisch zu fressen
vermag. Dem bösen Blicke eines Schmiedes wird gewöhnlich Krankheit und
Unglück zugeschrieben. Hailo, der Vater Ubié’s, des früheren Herrschers
von Tigrié, gab einst Befehl, alle Schmiede, die in seinem Reiche wohnten,
niederzumachen, um weiteres Unglück zu verhüten. Ueberall bluteten die
unschuldigen Opfer, dem Manne aber, der dieses abergläubige Werk
vollbracht, jubelten dankbar die Herzen des Volkes zu, das sich von einem
Alp befreit glaubte. Nicht weniger als 1300 der nützlichen Eisenarbeiter
sollen damals (zu Anfang dieses Jahrhunderts) ihr Leben auf diese grausame
Art verloren haben. So berichtet wenigstens Harris, dem wir hier gefolgt
sind. Indessen genügt die Gegenwart irgend eines christlichen Emblems oder
der Heiligen Schrift, um die üblen Wirkungen der Schmiede zu neutralisiren.
Kein Metall kann in Gegenwart des Kreuzes geschweißt werden. Als die
britische Gesandtschaft in Schoa war, mühten sich ein paar eingeborene
Schmiede mit ihren kleinen Blasebälgen vergeblich ab, einen Reifen um das
Rad einer Kanonenlaffete zu schmieden. Sie erklärten nun, daß die
Gegenwart irgend eines Theils der Heiligen Schrift ihrem Geschäfte
hinderlich sei. Schnell warfen alle Anwesenden ihre Amulete weg; die
Blasebälge arbeiteten von Neuem, aber das Metall war nicht in Fluß zu
bringen. Nun wurden englische Blasebälge gebracht, und als die Funken vor
der Windröhre davon sprühten, war das Eisen in fünf Minuten weißglühend
und der Reif aufgeschweißt. Die einheimischen Magier baten aber,
dergleichen Proben in Zukunft zu unterlassen, da sonst ihr Ansehen verloren
ginge!

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Abessinierin, Baumwolle spinnend. Zeichnung von E. Zander.

[pg 100]
Da der Handel großentheils in den Händen der Muhamedaner, die
Gewerbthätigkeit meistens bei den Juden ist, so bleiben für den christlichen
Abessinier das Kriegshandwerk, die Geistlichkeit, Jagd, Ackerbau und
Viehzucht als Erwerbszweige übrig.

In der wildreichen Kola, die mit ihren grasreichen Niederungen den
Elephanten, Büffeln und Antilopen ein willkommener Aufenthalt ist, tritt uns
der Eingeborene oft als kühner J ä g e r entgegen. In den meisten Hütten der

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Kola von Eremetschoho fand Rüppell getrocknete Elephantenrüssel oder die
Schweife von Büffeln, welche als Zeichen des persönlichen Muthes
aufbewahrt wurden. Als einzige Waffe dient den Riesen der Wildniß
gegenüber der Speer. Doch ist im Allgemeinen die Jagd nur ein
nebensächlicher Erwerbszweig.

Der Abessinier der Hochlande dagegen ist vorzugsweise A c k e r b a u e r
und V i e h z ü c h t e r, und nach den Produkten dieser Thätigkeit richtet sich
auch seine Nahrungsweise. Die Nachricht, daß die Abessinier große Freunde
rohen Fleisches (B r u n d o) seien, drang zuerst durch Bruce nach Europa.
Man glaubte ihm jedoch nicht, bis dann spätere Reisende Alles bestätigten,
was er erzählt hatte. Bruce berichtete, daß, wenn die Gesellschaft zum Essen
versammelt gewesen sei, man eine Kuh oder einen Ochsen vor die Hütte
geführt habe. Man bindet dem Thiere die Füße, macht unten am Halse in die
Haut einen Einschnitt bis an das Fett und läßt fünf bis sechs Tropfen Blut auf
die Erde fallen. Dieses geschieht, um das Gesetz zu beobachten. Dann fallen
einige Leute über das Thier her, ziehen ihm die Haut vom Körper bis in die
Mitte der Rippen ab und schneiden aus den Hintervierteln dicke viereckige
Stücke Fleisch heraus. Das schreckliche Gebrüll des unglücklichen Thieres
ist ein Zeichen für die Gesellschaft, sich zu Tische zu setzen. Statt der Teller
legt man jedem Gaste runde Tiéfkuchen vor, die als Zuspeise und Serviette
zugleich dienen. Herein treten zwei oder drei Diener mit viereckigen
Stücken Rindfleisch, welches sie in den bloßen Händen tragen; sie legen
dasselbe auf Tiéfkuchen; der Tisch ist ohne Tafeltuch. Die Gäste halten
schon ihre Messer bereit. Jeder Mann schneidet mit seinem krummen
Säbelmesser kleine Stücken Fleisch herunter, in welchen man noch die
Bewegung der Fasern, das Leben, wahrnimmt. In Abessinien speist sich kein
Mann selbst und rührt seine Kost nicht an. Die Frauenzimmer nehmen diese
Stücken und schneiden sie erst in Streifen von der Dicke eines kleinen
Fingers und dann in Würfel. Diese legt man auf ein Stück Tiéfbrot, das stark
mit Pfeffer und Salz bestreut ist und wie eine Rolle zusammengewickelt
wird. Dann steckt der Mann sein Messer ein, setzt beide Hände auf die
Kniee seiner Nachbarinnen und wendet sich mit vorgebeugtem Leibe,
gesenktem Kopfe und aufgesperrtem Maule zu derjenigen Nachbarin,
welche die Rolle zuerst fertig hat. Diese stopft ihm das ganze Stück in den
Mund, der davon so voll wird, daß der Mann in Gefahr geräth zu ersticken.
Je vornehmer der Mann, um so größer ist das Stück, und es wird für sehr
fein gehalten, wenn er beim Essen recht stark schmatzt.

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Wie gesagt, dieses Verzehren von rohem Beefsteak erregte in England
allgemeines Aufsehen und Bruce stand als Lügner gebrandmarkt da. Hören
wir [pg 101]nun, was spätere Reisende über diesen Gegenstand berichten.
S a l t, der mehr als dreißig Jahre später in Abessinien war, bezüchtigte Bruce
der Unwahrheit, indem er erzähle, es sei G e w o h n h e i t bei den
Abessiniern, sich am Fleische noch lebender Thiere nach Art des Polyphem
zu ergötzen; doch stellt er keineswegs in Abrede, daß rohes Fleisch, je
frischer, je lieber, ihr größter Leckerbissen sei. Rüppell (1832) berichtet an
mehr als einer Stelle seines Reisewerkes, wie er gesehen habe, daß die Leute
n o c h z u c k e n d e s Fleisch genossen hätten. Er sagt: „Dasjenige Fleisch,
welches noch seine natürliche Wärme hat und bei dem die Muskelfasern
noch unter dem Messerschnitte zucken, gilt für einen besondern
Leckerbissen. Das Fleisch wird von den Abessiniern meistens roh verzehrt,
wiewol in den von mir bereisten Provinzen jetzt nie anders, als nachdem das
geschlachtete Thier ausgeblutet hat. Der barbarische Gebrauch, Stücke
Fleisch von einem noch lebenden Thiere herauszuschneiden, welchen Bruce
beschrieben hat, mag zur Zeit seines Aufenthaltes in Gondar stattgefunden
haben, ist aber sicherlich dort in neuerer Zeit nicht mehr etwas
Gewöhnliches. Daß derselbe indessen in andern Gegenden Abessiniens auch
jetzt noch zuweilen vorkommt, behaupte ich trotz des Widerspruchs Salt’s
und der ganz grundlosen Kritiken, welche die Franzosen Combes und
Tamisier über Bruce veröffentlichten.“ Der Missionär Isenberg (1843)
bezweifelt dagegen wieder die allgemeine Richtigkeit der Angabe von Bruce
und stellt jene Thatsache als Aushülfe in Nothfällen hin, „wo z. B. auf einem
Marsche befindliche Soldaten in gewisser Entfernung von ihrem Lagerplatz,
wenn sie der Hunger ereile, dem Vieh, welches sie vor sich hertreiben, ein
Stück Fleisch aus dem Hinterviertel herausschneiden und verzehren, die
leere Stelle mit Heu oder anderm Material ausfüllen, die abgelöste Haut
wieder darüberziehen und dann das Thier bis zu ihrem Lagerplatz treiben,
wo seinem Leben ein Ende gemacht werde.“ Entscheidend möchte jedoch
Folgendes sein.

Als der Reisende A p e l im Januar 1865 zu Wochni gefangen genommen
und nach Gondar geschleppt wurde, setzte man ihn auf ein Pferd, das
vermittels eines Seiles von etwa 3 Ellen Länge an dasjenige eines
ungeheuren Abessiniers befestigt war. „Auf diesem Ritt von Wochni nach
Gondar habe ich mit eigenen Augen das gesehen, was von Bruce so
standhaft behauptet und von der ungläubigen Civilisation bestritten wurde, –

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nämlich das H e r a u s s c h n e i d e n d e s F l e i s c h e s v o n n o c h
l e b e n d e n T h i e r e n und das Genießen desselben, während das Thier
noch im Todeskampfe liegt. Es wurden ihm von den Christen die Füße
gebunden, es fiel auf die Seite, und alsbald schnitt man ihm Stücke Fleisches
aus dem Rumpfe, welche, noch zuckend von der Muskelbewegung, gierig
von den Christen verschlungen wurden. Das Thier verblutete und blieb dann
eine Beute der Schakale. Mir wurde ein blutiges zuckendes Stück Fleisch
zugeworfen und ich habe, so widerwärtig mir das Ganze auch war, doch den
größten Theil desselben verzehrt, so arg hatte mich der Hunger
mitgenommen, denn seit zwei Tagen hatte ich nichts genossen. Dieselbe
Kost wurde mir während der ganzen Reise angeboten.“ Krapf endlich sah in
Schoa, wie Soldaten einem [pg 102]lebendigen Schafe ein Bein abschnitten,
das Thier nicht tödteten und das rohe Fleisch vom Knochen sogleich
abnagten!

Nicht viel weniger widerwärtig ist die Art und Weise, wie die Abessinier ihr
übriges Fleisch zubereiten und überhaupt ihre Nahrung zu sich nehmen,
sodaß man bei ihnen wol vom „Fressen“ sprechen kann.

Schafe und Ziegen werden in Gegenwart der Gäste geschlachtet und
abgehäutet, dann die noch zuckenden Glieder etwa fünf Minuten über ein
Flammenfeuer gehalten und die äußerste Lage Fleisch, die kaum durchröstet
ist, mit Brotkuchen und reichlicher Pfeffersauce genossen. Salz wird in
langen, gewundenen Antilopenhörnern umhergereicht. Während des Essens
selbst wird nicht getrunken, unmittelbar nach demselben gehen jedoch
Glasflaschen, sogenannte Berille, mit gegohrenem Honigwasser herum. Der
Ueberbringer desselben gießt dabei, indem er eine Flasche darreicht, eine
Kleinigkeit davon in die hohle Hand und trinkt sie vor dem Gaste aus, um
demselben damit zu zeigen, daß der Trank nicht vergiftet sei. Auch die
zubereiteten Speisen erscheinen für einen Europäer sehr widerlich, denn bei
vielen wird ein Oel aus den Samenkörnern der Nukpflanze von sehr
unangenehmem Geschmack zugesetzt.

Die Abessinier können ganz unglaubliche Portionen verschlingen und die
Gefahr, dabei zu ersticken, welche Bruce scheinbar übertreibend anführt,
wird auch von Rüppell hervorgehoben. Eine Hauptsache beim Essen ist
jedoch, daß sie die Kauwerkzeuge unter lautem Geschmatze und Geschnalze
bewegen müssen. Ländlich, sittlich! und diese „Sitte“ gilt nicht nur in den

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niederen Klassen, sondern auch bei Hofe, selbst in unsern Tagen bei
Theodoros II. Dieser hatte den Missionär Stern zur Tafel geladen; die
Mahlzeit bestand, da gerade Fasttag war, einfach aus Tiéfkuchen und
Honigwasser. „Da machte ich“, erzählt Stern, „einen Verstoß gegen die
Sitten des vornehmen Lebens. Nach abessinischen Begriffen muß jeder
Mann aus der Aristokratie beim Essen schmatzen wie ein Schwein. Davon
wußte ich leider nichts; ich aß so, wie wir in Europa es für schicklich halten,
aber das trug mir den Tadel der Gesellschaft ein; die Leute raunten sich
allerlei ins Ohr. Endlich fiel mir die Sache auf, und ich fragte den Engländer
Bell, ob ich etwas Unangemessenes gethan habe. Bell entgegnete: Gewiß
haben Sie das. Ihr Betragen ist so ungentlemanly, daß alle Gäste glauben
müssen, Sie seien ein Mensch ohne alle Erziehung und Bildung und gar
nicht gewohnt, sich in anständiger Gesellschaft zu bewegen. – Nun, wodurch
habe ich denn eine so schmeichelhafte Meinung verdient? – Einfach durch
die Art und Weise wie Sie essen. Wenn Sie ein Gentleman wären, so würden
Sie das bei Tafel beweisen; Sie müssen recht laut und derb schmatzen und
Keiner wird bezweifeln, daß Sie ein Mann von Stande seien. Da Sie aber
nicht schmatzen und die Speisen lautlos kauen, so glaubt hier Jeder, daß Sie
ein armer Tropf sind. – Ich erklärte dann den abessinischen Aristokraten, daß
bei mir zu Lande, in Europa, eine andere Sitte herrsche, und damit brachte
ich die Dinge wieder in richtigen Zug.“ –

[pg 103]

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Ein schneidernder Abessinier in Gondar. Nach Lejean.

In der K l e i d u n g der Abessinier walten selbstgesponnene und gewebte
Baumwollenstoffe vor. Wie im Orient noch immer, so spinnen auch die
Frauen die gereinigte Baumwolle mit der Spindel aus freier Hand; mit dem
Weben beschäftigen sich jedoch vorzugsweise die Muhamedaner. Die
Kleidung der M ä n n e r besteht aus weiten Unterhosen, einem langen, um
die Brust und den Leib geschlungenen Gürtel, der eine Ausdehnung von
zuweilen 100 Ellen hat, und einem weiten faltigen Mantelüberwurf, welcher
aus einem großen Stücke Zeug besteht, das bei Vornehmen mit einem

Page 154

faltigen Rande versehen ist. Mehr ist von der w e i b l i c h e n K l e i d u n g
zu berichten. Sie besteht aus einem großen Hemde mit weiten, jedoch an der
Handwurzel eng zulaufenden Aermeln. Darüber tragen sie den
Umschlagmantel gleich den Männern. Außer einigen Seidenstickereien am
Hemde zeichnet noch der Putz die abessinischen Schönen aus. Ohrringe oder
Rosetten, welche eine Goldblume vorstellen, sind ein sehr beliebtes
Schmuckmittel, desgleichen silberne Halsketten und dicke Ringe an den
Fußknöcheln, beide öfter mit kleinen Silberglöckchen behängt. Das
Haupthaar der Frauen ist gewöhnlich kurz abgeschnitten [pg 104]oder es
wird, wenn es in seinem natürlichen Zustande bleibt, mit Anwendung von
vieler Butter in dünne anliegende Zöpfchen geflochten. Auch hier ruft, wie
bei unseren Damen, die Mode sehr häufig Aenderungen der Haartracht
hervor, die genau befolgt werden. Stirnbänder oder Schuhe von rothem
Leder kommen nur ausnahmsweise vor. Luxusartikel der männlichen
Kleidung sind Arm- und Stirnbänder als Ehrendekorationen. Die blaue
Schnur von Seide oder Baumwolle, welche als Zeichen des Christenthums
gilt, wird allgemein getragen.

Diese allgemeine Tracht erleidet natürlich vielerlei Ausnahmen. In den
Grenzländern findet man fast ganz nackte Leute, die nur den Leibschurz
tragen; in Schoa hatte allein der König das Recht, sich mit goldenen Dingen
zu schmücken. In Foggera, östlich vom Tanasee, tragen Frauen und
Mädchen große gegerbte Lederhäute, welche zugleich Nachts als
Schlafmatratze dienen. Beim Gehen verursacht dieser lederne Leibrock ein
sonderbares Geräusch. In den hohen Alpengegenden der Provinz Semién
schützen sich die Bewohner gegen das harte Klima durch eine Art von
ambulantem, aus Rohrdecken zusammengeflochtenem Schutzdache (Gassa),
welches sie beständig mit sich herumtragen, um ihre durch dürftige Lumpen
nur zum Theil bedeckten Körper gegen plötzliche Regengüsse und
Schneegestöber zu verwahren; ein anderes Schutzmittel gegen die
schneidende Luft in den Hochlanden sind Kappen von Ziegenhaar, die bis
über die Ohren gehen. Als Zeichen der Ehrerbietung zieht der Abessinier bei
Begegnungen den die Schultern bedeckenden Theil seines Kleides (Schama)
herab und vor dem Landesherrn erscheint er nur gegürtet, d. h. er schlägt die
den Oberkörper bedeckenden Theile des Kleides über dem Gürtel um den
Leib, während ein Hochgestellter in Gegenwart untergeordneter Personen
sich das Gesicht vom Kinn bis über den Mund verhüllt.

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S a u b e r k e i t ist keine Tugend der Abessinier, und ihre Wohnungen wie
ihre Körper zeigen oft den höchsten Grad von Schmuz. Merkwürdig ist, daß
in ganz Abessinien das Waschen der Kleidungsstücke Sache der Männer und
nicht der Frauen ist. Statt der Seife bedienen sie sich der getrockneten
Samenkapseln des Septestrauches (Phytolacca abessinica), welche zwischen
Steinen zu Mehl gerieben und dann auf einem Leder mit Wasser gemischt
werden; das zu waschende Tuch wird hierauf in dieser Mischung mit den
Füßen gestampft, worauf es, nachdem die Operation einige Male wiederholt
wurde, von jedem Schmuze befreit ist. Die Bewohner der Küstengegend bei
Massaua, wo es keine Septe giebt, bedienen sich statt der Seife beim
Waschen getrockneten Kameelmistes.

Das sehr ungeregelte Leben der Abessinier ist auch die Ursache vieler
K r a n k h e i t e n, die große Verheerungen unter ihnen anrichten.
Geschlechtliche Vergehen und Krankheiten sind allgemein verbreitet, ebenso
Krätze und die arabische Gliederkrankheit; bei letzterer schnurrt die Haut an
den Finger- oder Zehengelenken zusammen, das Glied stirbt nach und nach
ab und löst sich endlich ganz vom Körper. So verliert der Kranke ein Glied
der Finger und der Zehen nach dem andern, bis der nackte Stumpf der vier
Gliedmaßen allein übrig geblieben [pg 105]ist und der sonst scheinbar
gesunde Mensch zum hülflosen Geschöpf wird. Der Verlauf und die
Unheilbarkeit dieser erblichen Krankheit ist in Abessinien sehr wohl
bekannt, und den Kranken überfällt, wenn er die ersten Anzeichen spürt,
natürlicherweise Schwermuth. Die F i l a r i a oder der Medinawurm kommt
ziemlich häufig vor, ist aber meistens nur eingeschleppt. Der Keim dieses
Schmarotzers dringt in das Wadenfleisch der Menschen ein, bildet sich dort
aus und verursacht die größten Schmerzen, gegen welche man mit Glück
Zibethmoschus anwendet; Kröpfe und Kretinismus finden sich in einigen
Gegenden; die Blattern richten periodisch große Verwüstungen an;
Schwindsucht und Augenentzündungen sind häufig. Die einheimischen
A e r z t e (Tabib) können nur als Charlatans angesehen werden. Es existiren
auch medizinische Werke, darunter eins mit dem Titel „El Falasfa“, dessen
mitunter höchst lächerliche Vorschriften sympathetischer und mystischer Art
sind. Auch die Geistlichkeit verlegt sich auf das Kuriren, und Rüppell sah,
wie ein Knabe, der über und über mit Brandwunden bedeckt war, mit Honig

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und dem Blute eines schwarzen Huhns von einem Priester bestrichen wurde.
Nach vier Stunden gab derselbe seinen Geist auf. Die „bösen Geister“
werden von den Priestern gleichfalls vertrieben, wie Isenberg selbst zu
beobachten Gelegenheit hatte. Der Geistliche ließ sich einen Topf mit
Wasser geben, las darauf schnell einige Gebete aus dem Buche Haimanot
(Glaube) und spuckte dann mehrere Male in das Wasser. Isenberg machte
ihm Vorwürfe hierüber, allein der Priester ließ sich nicht aus der Fassung
bringen und besprengte mit der Flüssigkeit das Haus, welches solchergestalt
von allen Unholden befreit wurde. Freilich ist dieses Verfahren von dem bei
uns immer noch geübten Exorzismus nicht weit entfernt, und es steht uns
daher wenig an, darüber viele Worte zu verlieren, so lange wir selbst nicht
frei von ähnlichen Thorheiten sind.

Auch das Heilverfahren der abessinischen Wundärzte erinnert an die „gute
alte Zeit“. Ein Zahn wird mittels Zange und Hammer von einem Schmiede
ausgezogen, d. h. mit denselben Instrumenten, mit denen er sein Metall zu
bearbeiten pflegt. Aderlaß wird mit einem Rasirmesser, Schröpfen mit einem
Ziegenhorn vollzogen, dessen Luftinhalt durch Erhitzen verdünnt wurde.
Schlecht geheilte Knochenbrüche, die verkürzte Glieder hinterließen,
werden einfach nochmals gebrochen und so zu kuriren versucht. Indessen
Amulete stehen in weit höherem Ansehen, als der B a l a m e d a n i t oder
Meister der Arzneien. Wahnsinn, Epilepsie, Delirium, Veitstanz und ähnliche
oft unheilbare Uebel, für welche man keine Heilmittel kennt, werden einfach
dem Einflusse von Dämonen zugeschrieben und der Patient hiernach
behandelt. Blaue Papierstreifen sollen gegen Kopfweh helfen; gewisse
Pflanzensamen, in Säckchen bei sich getragen, schützen gegen den Biß toller
Hunde und gegen Unglück auf Reisen. Doch müssen diese Sämereien mit
der linken Hand gepflückt werden zu einer günstigen Zeit, wenn die Sterne
dem Pflückenden hold sind – sonst hilft das Mittel zu nichts. Wie wir schon
aus Bruce wissen, verwüsten die Pocken oft das Land und fordern ihre
Opfer. Eine Art Impfung, wobei die Lymphe mit Honig vermischt wird,
findet dann von den m e n s c h l i c h e n Pusteln statt, in deren Folge oft viele
Leute [pg 106]sterben. In allen Fällen wendet man sich indessen, dem
Aberglauben huldigend, lieber an den Priester als an den Quacksalber, was
im Grunde genommen einerlei ist, da beide von der Medizin nach unsern
Begriffen nichts verstehen.

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Wenngleich es den Abessiniern nicht an der nöthigen Fähigkeit und
Geschicklichkeit fehlt, so ist doch bei der allgemein herrschenden Indolenz
die I n d u s t r i e und Gewerbthätigkeit sehr gering entwickelt, ja, sie erhebt
sich kaum über den allgemein afrikanischen Standpunkt, und manche
Gewerbzweige werden in derselben primitiven Weise wie bei den
benachbarten Negervölkern betrieben. Ein großer Theil der industriellen
Thätigkeit liegt in den Händen der fleißigeren Juden und Muhamedaner.

Von den Schmieden war schon die Rede; das Verfahren, wie das Metall aus
dem rothen Eisenthon in Tigrié bereitet wird, ist genau dasselbe wie es in
Madagascar, am Zambesi oder in Westafrika stattfindet. Feinere
Metallarbeiten liefern eingewanderte Armenier und Indier. Die
Holzschnitzereien sind zum Theil prachtvoller Art. In der Kirche Lalibela in
Gondar z. B. sind Flachreliefs an Thüren und Fenstern angebracht und
theilweise bemalt. Außer den Arabesken, deren freie Erfindung und schöne
Harmonie einen vorzüglichen Eindruck hervorbringt, sieht man
Darstellungen aus dem Leben der Heiligen oder fabelhafte Ungeheuer, wie
den S e b e t a t, der halb Mensch, halb Löwe ist. Sein Schwanz bestand aus
zwei Schlangen; seine Waffen waren Pfeil und Bogen. Doch diese schützten
ihn nicht gegen den Stier Meskitt, welcher ein silbernes und ein goldenes
Horn trug und den Sebetat tödtete. Eine andere Holzschnitzerei zeigt uns den
Kaiser Konstantin; dann – figürlich ausgedrückt – dessen Gewalt und
schließlich die Fürstin Menene, die Mutter des Ras Ali und Erbauerin der
Kirche.

Bei der oft herrschenden großen Kälte werden die sonst wenig industriösen
Abessinier wenigstens mit Gewalt zur Weberei gezwungen. Die rohe
Baumwolle, welche ungemein billig und ausgezeichnet im Lande ist, wird
gegen einige Salzstücke eingehandelt und auf der einfachen, urthümlichen
Spindel gesponnen. Zeit ist in Abessinien kein Geld, und so kommt es denn
gar nicht darauf an, daß die Frauen recht lange mit dem Spinnen einer
kleinen Partie Baumwolle zubringen. Das Garn kommt dann auf einen ganz
gewöhnlichen, einfachen Webstuhl und wird mit Hülfe des Schiffchens in
einen warmen, dauerhaften Mantel (Schama) umgewandelt. (Siehe die
Abbildungen S. 98 und 99.)

Auch Schaf- und Ziegenwolle wird verwebt. Lederfabrikation zu Sattelzeug,
Schilden, Riemen, Schuhen für die Priester ist ein weitverbreitetes Gewerbe.

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Töpferei und Pfeifenfabrikation treiben die Falaschas. Drechsler liefern aus
den Hörnern des Sanga-Ochsen oder des Rhinozeros geschnitzte Becher
(Wantscha). Zierliche Körbchen und Sonnenschirme aus Rohr, Binsen oder
Stroh flechten die Frauen; Schneider giebt es dagegen nicht, da jeder
Abessinier selbst für seinen Kleiderbedarf sorgt; ebenso mangeln Bäcker
und Müller, und von größeren In[pg 107]dustriezweigen, die an einem
Export ihrer Erzeugnisse arbeiteten, ist gar nicht die Rede, da nur
Rohprodukte zur Ausfuhr gelangen.

Der H a n d e l Abessiniens kann nach keiner Richtung hin ein bedeutender
genannt werden, wenn er auch durch Massaua mit dem Rothen Meere in
Verbindung steht. Die hohen, steil abfallenden Gebirgsketten mit den schwer
zugängigen Pässen erschweren die Kommunikation ganz bedeutend, und die
sämmtlichen Flüsse des Landes sind für die Schiffahrt nicht im geringsten
geeignet. Dazu kommt vor Allem die geringe eigene Produktion von
Handelswaaren, sodaß schließlich für den abessinischen Handel – von den
Sklaven abgesehen – nur die aus den südwestlichen Ländern kommenden
Erzeugnisse, wie Gold, Elfenbein u. s. w. als Durchgangswaaren in Betracht
kommen. Hierdurch erklärt sich auch das geringe Interesse, welches man –
Missionsfragen ausgenommen – in Europa an Abessinien vom praktischen
Gesichtspunkte hatte und das erst durch König Theodoros und die
Gefangenhaltung der Engländer wieder aufgefrischt wurde.

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Sebetat, ein fabelhaftes Ungeheuer. Holzschnitzerei in der Kirche Lalibela. Originalzeichnung von E.
Zander.

Für den Großhandel haben die Abessinier wenig Sinn, dem kleinen Schacher
ist aber jeder zugethan und sucht auf alle mögliche Weise sein Geschäftchen
zu machen. Auf den Messen und Märkten, die sich meist an die Kirchen
knüpfen, geht es lebhaft zu, und große Menschenmengen sind dann
versammelt. [pg 108]So traf Rüppell zu Ende Februar 1832 bei der Kirche
von Bada, östlich vom Tanasee, gegen 10,000 Marktbesucher beisammen,
von denen allerdings viele nur des Zuschauens wegen gekommen waren.

Der europäische Handel hat sich in Abessinien noch verhältnißmäßig wenig
Einfluß verschaffen können. Die beständigen Kriege, die schlechten
Kommunikationsmittel und Wege, endlich die Zollplackereien lassen ihn
nicht recht aufkommen. Die Produktion des Landes selbst, Getreide,
Hülsenfrüchte, Tabak, Kaffee, ist verhältnißmäßig viel zu gering, während
doch alle Nutzpflanzen der Tropen und der gemäßigten Zone prächtig

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gedeihen würden. Dagegen werden Häute, Maulthiere und gute
Gebirgspferde in großer Menge exportirt.

H o n i g und Wachs werden in sehr großer Menge ausgeführt. Der erstere,
Mar genannt, wird in Töpfen zugleich mit dem Wachs feilgeboten, weil er
nur so zur Bereitung des Honigwassers dienlich ist, wozu er beinahe
ausschließlich verbraucht wird. Die betrügerischen Abessinier wenden ihre
ganze Verschlagenheit beim Verkauf des Honigs an, indem sie die untern
Schichten der Töpfe mit Mehl, Wachs oder andern Stoffen ausfüllen. Neben
dem Honig kommt auch Butter (Tesmi) in pfundschweren Kugeln auf den
Markt. Unter den M a n u f a k t u r e n spielen die Baumwollenwaaren
(Schama) eine große Rolle; sie werden zu Leibbinden, Umschlagtüchern,
Beinkleidern u. s. w. verarbeitet und sind entweder rein weiß oder mit blauen
und rothen Seitenstreifen versehen; ganz blaue und ganz rothe Kattune
kommen aus Indien über Massaua; die blaue Farbe hat in den meisten Fällen
den Vorzug, und namentlich sind es blaue Seidenschnüre (Mareb), die sich
stets eines großen Absatzes erfreuen. Jede Schnur muß ziemlich dick und
fünf Fuß lang sein, sodaß sie bequem um den Hals getragen werden kann.
Da kein abessinischer Christ ohne eine solche geht, so sind sie eine stets
begehrte Handelswaare, die auch immer hoch im Preise steht. Andere
gangbare, meist eingeführte Handelsartikel sind: Spießglanz, zum Färben der
Augenlider, Weihrauch, zum Räuchern beim Gottesdienst, Zibethmoschus,
um die als Pomade benutzte Butter damit zu parfumiren, „Tombak“
(indischer Tabak), entweder um Schnupftabak daraus zu machen, oder um
ihn in Wasserpfeifen zu rauchen, schwarzer Pfeffer (Berberi), der auch zu
Zollzahlungen dient; Nähnadeln mit großem Oehr; Glasperlen,
Kaurimuscheln, Sandelholz zum Räuchern. Ein Handelsartikel, nach dem
namentlich die abessinischen Frauen greifen, sind dünne silberne Ringe, die
am kleinen, und Hornringe, die am Mittelfinger getragen werden. G u m m i,
das in großer Menge gewonnen werden könnte, kommt nicht auf die
abessinischen Märkte, obwol es in Massaua gut bezahlt werden würde.

Bei der Schilderung des genannten Hafenortes werden wir sehen, wie
bedeutend selbst heute noch dort die Ausfuhr von abessinischen S k l a v e n
ist, die in der That noch immer, trotz aller zeitweiligen Verbote gegen den
Sklavenhandel, einen wichtigen Artikel ausmachen. Adoa, Gondar und
Massaua sind die großen abessinischen Sklavenmärkte, zu denen die lebende
Waare von den verschiedensten Gegenden hergeschleppt wird. Die

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eingeborenen freien Abessinier können nur [pg 109]durch
Kriegsgefangenschaft oder Raub in die Sklaverei gerathen; diese bilden den
kleineren Theil, die meisten Sklaven stammen aus den Grenzlanden, sowol
im Norden als im Süden; entweder sind es Schangalla vom Setit, Galla aus
den Ländern südlich vom Blauen Nil, oder eigentliche Neger, die von den
Aegyptern aus Fazogl oder Sennaar eingeführt werden. Da die C h r i s t e n
sich eigentlich mit dem Sklavenhandel nicht befassen sollen, so umgehen sie
dieses dadurch, daß sie den Kauf oder Verkauf scheinbar durch
Muhamedaner abschließen lassen. Die Behandlung der Sklaven ist in der
Regel eine milde und ihr Verhältniß zu dem Herrn dem des freigeborenen
Dieners gleich; die Züchtigungen sind selten hart und bestehen nur in
vorübergehender Fesselung. „Wenn sich Völker auch bekämpfen“, schreibt
Munzinger, „so sind die Opfer doch nur die Soldaten und die Güter; Weib
und Kind sind respektirt. Kein freier Abessinier wird von seinem Mitbürger
in die Sklaverei verkauft. Die Leibeigenschaft erstreckt sich nur auf die von
außen eingeführten Schwarzen, die nur den kleinsten Theil der Bevölkerung
ausmachen. Der Sklavenhandel ist den Christen (durch Theodor) bei
Todesstrafe verboten. Die Frau ist unverletzlich und hat ihre bestimmten
großen Rechte.“

W e r t h m e s s e r in Abessinien sind das Salz und der österreichische Maria-
Theresia-Thaler. Das S a l z kommt aus den am Meeresufer liegenden
natürlichen Seewasserlagunen und wird durch Austrocknung durch die
Sonnenhitze gewonnen; man bringt es dann ins Gebirge, um es dort an
bestimmten Plätzen gegen Getreide umzutauschen. Alles Salz, welches im
nordöstlichen Abessinien verbraucht wird, ist solches Seesalz, während in
den übrigen Theilen des Landes eine Art Steinsalz aus der östlich von der
Provinz Agamié gelegenen Ebene Taltal benutzt wird. Viele Gesellschaften
ärmerer Leute, von denen jeder nur über ein Kapital von einigen Thalern zu
verfügen hat, ziehen regelmäßig mit ein paar Eseln aus dem Innern nach den
östlichen Provinzen, um dort Salz einzukaufen, und machen dabei einen
Gewinn, der zu ihrer und ihrer Familie Unterhaltung ausreicht. Verliert ein
solcher Händler sein Kapital durch Plünderung, so muß er für
wohlhabendere Leute die Reise machen und sich mit geringerem Gewinn
begnügen. Das Salz wird in Taltal in regelmäßige Stücken von der Gestalt
eines Wetzsteins ausgehauen, die dann als S c h e i d e m ü n z e in ganz
Abessinien cirkuliren. Sie sind etwa 8⅛ Zoll lang, 1½ Zoll dick, an beiden
Enden abgestutzt und wiegen durchschnittlich vierzig Loth. Ihr Verhältniß zu

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den Speziesthalern ist sehr verschieden und hängt theils von der Entfernung
eines Ortes von der Salzebene, theils von den ruhigen oder unruhigen
Zuständen der Gegenden ab, durch welche diese Stücken transportirt werden
müssen. Sie schwanken also genau so wie unsere europäischen Werthpapiere
je nach den politischen Verhältnissen, haben jedoch vor diesen den Vorzug,
stets einen reellen Werth zu repräsentiren. In der Amharasprache heißt das
Salz überhaupt Schau; als Scheidemünze in der beschriebenen Form benennt
man es jedoch Amole oder Galep. Rüppell fand den Werth eines M a r i a -
T h e r e s i a - T h a l e r s in Gondar je nach den politischen Zuständen
zwischen 20 und 32 Salzstücken [pg 110]schwankend, oder, dem Gewichte
nach ausgedrückt, man erhielt etwa 27 bis 41 Pfund Salz für den Thaler.
Dieser letztere selbst schwankt nicht etwa nach dem Silbergehalt, sondern
nach dem Gepräge bedeutend im Werthe und ist der Agiotage unterworfen.
Nach dem in ganz Ostsudan und Abessinien herrschenden Vorurtheile sind
die mit dem Bilde der Kaiserin Maria Theresia versehenen Thaler die besten
und allen übrigen Münzen vorzuziehen, und zwar muß bei ihnen das Diadem
im Haare sieben wohlausgedrückte Perlen zeigen, der Schleier am Haupte
sich deutlich abheben, der Stern auf der Schulter groß und der Avers mit den
Münzbuchstaben S. F. deutlich versehen sein. Ohne diese Zeichen und die
Jahreszahl 1780 sinkt der Thaler gleich bedeutend im Werthe, und selbst
wenn der Kopf der Kaiserin unglücklicherweise Locken statt des Schleiers
zeigt, ist es schwer, ein solches Münzstück anzubringen. Dieselben
Vorurtheile herrschen in ganz Nordostafrika, wo ein der obigen
Münzprägung entsprechender Maria-Theresia-Thaler dafür jedoch zum
„Abu gnuchte“, zum „Vater der Zufriedenheit“ wird. Durchlöcherte Thaler
oder solche, die mit dem Bilde des Kaisers Franz versehen sind, haben
geringeren Werth und sind nur mit Verlust anzubringen; desgleichen
spanische Säulenpiaster (Colonnaten) oder andere harte Silbermünzen. Noch
für lange Zeit hinaus wird der Maria-Theresia-Thaler Werthmesser in
Nordostafrika bleiben und das sonst an Silbergeld arme Oesterreich prägt für
diesen afrikanischen Handel noch Jahr aus Jahr ein Thaler mit dem alten
Stempel, ja es hat sich sogar in der Münzübereinkunft mit Frankreich (1867)
vorbehalten, fortwährend Maria-Theresia-Thaler prägen zu dürfen.

Noch ist zu erwähnen, daß in der Umgebung von Adoa das dort gefertigte
Baumwollenzeug an Zahlungsstatt gegeben wird. Es besteht aus Grans oder
Stücken von 8 Ellen Länge und 1 Elle Breite, deren Werth sehr schwankend
ist. Dieser Stoff dient blos zur Verfertigung von Beinkleidern, welche in

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Tigrié von Jedermann getragen werden. Einkäufe von geringem Betrag
berichtigt man mit Getreide.

Maria-Theresia-Thaler.

[pg 111]

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Die Kirche zu Axum in Tigrié. Nach H. Salt.

Religion, Kirche und Geistlichkeit
Abessiniens. Das Missionswesen.

Das Christenthum Abessiniens, dessen Lehren und Verwahrlosung. – Der
Abuna. – Art des Gottesdienstes. – Die lasterhafte Geistlichkeit. – Mönche
und Klöster. – Politische Asyle. – Zeitrechnung. – Feste. – Taufe, Ehe,
Begräbniß. – Die Kirchen, ihre Einrichtung und Ausschmückung. – Die

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verschiedenen Missionsversuche in Abessinien, deren Mißlingen und Urtheile
darüber.

Unter den Sonderkirchen des Morgenlandes, die durch das Dogma der
Dreieinigkeit mit der allgemein christlichen zusammenhängen, aber nach
zwei verschiedenen Richtungen hin von ihr infolge der Bestimmungen sich
lösten, denen im fünften Jahrhundert die Vorstellung von der Gottheit und
Menschheit Christi unterworfen wurde, giebt es zwei Volkskirchen, die beide
fast monophysitisch sind, beide von selbständigen Sprachen, Stiftungen und
Ueberlieferungen getragen werden, die beide tief verfallen und entartet sind:
die armenische und abessinische Kirche. Die letztere, die entlegenste,
abgesperrteste, ist auch die entartetste, die am meisten von Heidenthum,
Judenthum und Muhamedanismus durchsetzte und [pg 112]überhaupt dem
Christenthum am fernsten stehende. Byzantinische Scheinrechtgläubigkeit
hat diese Kirche in den Fanatismus der Formel versetzt, und die Waffen des
Geistes werden vor dem priesterlichen Bann gestreckt; das Leben dieser
Kirche basirt auf dem Anblasen und Handauflegen des Abuna, des obersten
Bischofs, und leere Ceremonien gelten für Gottesverehrung. Dazu gesellt
sich, daß die Träger dieser Kirche, vom höchsten Kirchenfürsten an bis zum
niedrigsten Mönche herab, durch eine grenzenlose Sittenlosigkeit dem
ganzen Volke mit üblem Beispiel vorangehen und daß sie die bedeutende
Macht, welche sie ausüben, meistentheils zum eigenen Nutzen verwenden.
Selbst die große Versunkenheit, in welche die europäische Geistlichkeit im
Mittelalter zum Theil verfallen war, reicht noch lange nicht an jene der
abessinischen Priester heran.

Von der Einführung des Christenthums war bereits die Rede, sehen wir nun,
wie dasselbe heute beschaffen ist. Die Abessinier sind koptische Christen.
Sie glauben an eine göttliche Offenbarung in der Heiligen Schrift, doch hat
die kirchliche Tradition genau dieselbe Geltung wie die Bibel. Nach dem
Missionär Isenberg haben sich bei ihnen die Hauptlehren des Christenthums
von dem Dreieinigen Gott, dessen Wesen, Eigenschaften und Werken, von
der Schöpfung der Welt, von den Engeln, von der Schöpfung, dem Fall, der
Erlösungsbedürftigkeit des Menschen, von der Erlösung durch Christum,
von dem Heiligen Geiste, der christlichen Kirche, den Sakramenten, von der
Auferstehung und dem letzten Gericht erhalten; aber zum Theil durch
allerlei Zuthaten so verändert, daß nur noch mit Mühe ein biblisches

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Moment darin zu erkennen ist. Den Heiligen Geist lassen sie nur vom Vater
ausgehen, leugnen jedoch nicht, daß er nur durch Christus vermittelt ist. In
Christus nehmen sie mit den übrigen M o n o p h y s i t e n nur eine Natur an,
sind jedoch über die Art der Vereinigung des Göttlichen und Menschlichen
in ihm verschiedener Meinung. Ihre Lehre von der Schöpfung und
Regierung der Welt, sowie ihre Engellehre ist voll von heidnischen,
jüdischen und muhamedanischen Vorstellungen. Sie glauben an das durch
Christus vollbrachte Heilswerk, beschränken dasselbe jedoch durch
Pelagianismus, d. h. sie leugnen die Verderbniß der menschlichen Natur
durch die Folgen der Sünde Adam’s und erklären die natürlichen Anlagen
und Kräfte des Menschen für hinreichend zur Erlangung der Seligkeit. Die
Jungfrau Maria genießt unter den Abessiniern eine ganz besondere
Verehrung; allgemein ist der Glaube unter ihnen verbreitet, daß sie für die
Sünden der Welt starb und 144,000 Seelen dadurch errettete. Aus diesem
Grunde sagte dem Volke auch die Lehre der katholischen Missionäre weit
mehr zu als diejenige der Protestanten.

Viel zu schaffen machte den Abessiniern vor etwa 70 Jahren die Lehre von
den d r e i G e b u r t e n C h r i s t i, ein Dogma, das von einem Mönche in
Gondar aufgebracht wurde. Hiernach war Christus vor allem Weltanfang
schon aus dem Vater hervorgegangen (erste Geburt), dann Mensch aus der
Jungfrau Maria geworden (zweite Geburt) und durch die Taufe im Jordan
durch den Heiligen Geist zum dritten Male geboren. Nach einem langen
Kampfe mit der Gegenpartei, die nur zwei Geburten annahm, wurde 1840
durch Befehl Sahela [pg 113]Selassié’s, des Königs von Schoa, der Glaube
an die drei Geburten als allein rechtgläubig durchgesetzt und die Anhänger
der zwei Geburten mußten das Feld räumen. Sie flohen zum Abuna in
Gondar, der sie in seinen Schutz nahm und vom Könige verlangte, daß er die
Vertriebenen wieder aufnehme, da ihr Glaube, als mit demjenigen des
heiligen Markus übereinstimmend, der einzig rechte sei. Als Sahela Selassié
sich nicht fügen wollte, bedrohte ihn der Abuna mit Krieg, der jedoch erst
1856 unter König Theodoros gegen Sahela’s Sohn zur Ausführung kam.
Dieser unterwarf Schoa und führte die Lehre von den zwei Geburten wieder
ein, die nun allein herrschend ist, nichtsdestoweniger aber als „Karra-
Haimanot“, d. h. Messer-Glauben bezeichnet wird, da sie die dritte Geburt
Christi gleichsam „abschnitt“.

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Sündentilgungsmittel der Abessinier sind strenge Fasten, Almosengeben,
Kasteiungen, Mönchthum und Einsiedlerleben, nebst Lesen und Abbeten
größerer oder kleinerer Abschnitte aus der Heiligen Schrift und andern
Büchern. Der Priesterstand übernimmt für Geld ebenso wie in der
katholischen Kirche diese Verrichtungen, daher A b l a ß und eine Art von
Seelenmessen auch hier stattfinden. Die Abessinier fasten in jeder Woche
des Jahres, mit Ausnahme der Zeit zwischen Ostern und Pfingsten, zwei
Tage, und zwar, gleichwie es in alten Zeiten bei den Juden Gebrauch war,
am Mittwoch und Freitag. Außerdem enthalten sie sich noch an folgenden
Tagen des Essens: an den drei letzten Tagen des Monats Ter, zum Andenken
der Buße von Ninive’s Bewohnern; während der 55 Tage, die unmittelbar
dem Osterfeste vorangehen, wovon 41 Tage dem Andenken an die Fasten
Christi in der Wüste, 7 der Passionswoche und 7 andern Erinnerungen
geweiht sind; die Fasten der Apostel sind von verschiedener Länge, je
nachdem Pfingsten früher oder später fällt; die Fasten zu Ehren der Jungfrau
Maria, wozu 15 Tage des August bestimmt sind, von ihrem Sterbetage bis zu
ihrer Himmelfahrt; vierzigtägiges Fasten zur Vorbereitung auf das Fest der
Geburt Christi vor Weihnachten. Man sieht aus diesem Verzeichniß der
Fastenzeiten, von welchen die letzten beiden nicht von allen christlichen
Abessiniern gehalten werden, daß ein diesen Enthaltungsvorschriften
nachlebender Christ im Laufe des Jahres beiläufig 192 Tage, d. h. weit über
die Hälfte des Jahres zu fasten hat. Rechnet man hierzu noch einzelne
Straffasten, so kommt d r e i v i e r t e l j ä h r i g e s F a s t e n heraus! Daß
dieses nicht streng gehalten werden kann, liegt auf der Hand, aber vor
Ostern, sowie den Mittwoch und Freitag, beobachtet man die Regeln
unweigerlich. Aehnlich wie die Juden verachten die Abessinier das Nilpferd,
den Hasen, die Gänse und Enten und meistens auch das Schwein als unreine
Thiere.

Was den Heiligen Geist angeht, so kennt der Abessinier nur die
Wunderkräfte, mit denen er Propheten und andere Heilige ausrüstete; auch
glauben sie an eine Mittheilung des Heiligen Geistes durch die Taufe. Was
die Kirche betrifft, so gelten hier die alten Ueberlieferungen von einer
Ve r l o s u n g d e r b e w o h n t e n W e l t u n t e r d i e A p o s t e l, sie
können aber nicht nachweisen, welchen Theil gerade jeder Apostel
bekommen habe. Daß Petrus und Paulus Rom und [pg 114]Europa, Johannes
Antiochien, Kleinasien und Syrien, Marcus Aegypten bekommen habe, steht
ihnen fest; daher halten sie diese drei Kirchen für einander gleichstehend.

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Sie erkennen dem Papste als Nachfolger Petri einen gewissen Vorzug als
dem Ersten unter Gleichgestellten zu. Ihre Kirchenverfassung ist episkopal.
Der zu Kairo residirende koptische Patriarch von Alexandrien ist das
Oberhaupt der abessinischen Kirche und von ihm erhalten sie ihren Bischof,
den sie vorzugsweise A b u n a, unser Vater, nennen. Als einziger Bischof des
Landes, und zugleich in der Hauptstadt residirend, ist er zugleich
Metropolitan. Seit Abuna Tekla Haimanot, der im 13. Jahrhundert die
sogenannte salomonische Dynastie wieder herstellte, besteht die
Verordnung, daß k e i n A b e s s i n i e r mehr zu dieser Würde gelangen
darf, sondern immer nur ein Kopte dieselbe bekleiden kann, um der
Hoffnung Raum zu geben, immer einen neuen Zufluß theologischer
Anregung von außen zu bekommen, da jener Heilige selbst, der letzte Abuna
aus abessinischem Stamm, daran verzweifelte, tüchtiges theologisches
Leben in der Geistlichkeit seines Landes zu erhalten. Dieser Tekla Haimanot
(ums Jahr 1284) setzte ein Drittel des Bodens des ganzen Landes für
kirchliches Einkommen fest, von welchem er den bedeutendsten Theil für
seine Person erhielt. Der Abuna allein hat das Recht, Könige zu salben und
Priester und Diakonen zu ordiniren; in andern theologischen und kirchlichen
Angelegenheiten entscheidet er gemeinschaftlich mit dem E t s c h e g é, dem
Oberhaupte der Mönche.

Beim Amtsantritt des Abuna muß die abessinische Regierung dem
Patriarchen ein Geschenk von 7000 Thalern einhändigen. Lejean erzählt, daß
die stolze Fürstin Menene über den letzten im Herbste 1867 gestorbenen
A b u n a A b b a S a l a m a geäußert habe: „Dieser Sklav, den wir aus
unserm Beutel bezahlt haben, benimmt sich sehr hochmüthig.“ Das kam dem
Oberpriester zu Ohren und er antwortete: „Allerdings bin ich ein Sklave,
aber einer, der viel werth ist. Hat man doch 7000 Thaler für mich gezahlt!
Mit der Fürstin Menene verhält es sich freilich anders. Man könnte sie auf
dem Markte zu Wochni ausstellen und bekäme nicht zehn Thaler für sie.“
Auf jenem Markte werden nämlich sehr schlechte Maulthiere feilgeboten. –
Andraos (Abba Salama oder Frumentius ist sein Bischofname) war etwa
1815 geboren und kam 1841 unter Ubié zu seiner Stellung. Dem Kaiser
Theodor gegenüber hatte er eine eigenthümliche wandelbare Stellung. Beide
beobachteten einander, legten sich gegenseitig Hindernisse in den Weg,
haßten und fürchteten sich und stellten sich doch, als ob sie gute Freunde
seien. Sehr oft machte Theodoros gar keine Umstände mit dem Seelenhirten;
er sperrte ihn in eine Feste und legte ihn in Ketten, worauf ihm Leute vom

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Hofgesinde auf den Knieen Speise reichen und die Füße küssen mußten.
Salama, ein geborener Aegypter, galt für einen Freund der Engländer. Als er
sich früher in Kairo der Studien halber aufhielt, besuchte er die
protestantisch-englische Schule des deutschen Missionärs Lieder, der im
Auftrage der anglikanischen Missionsgesellschaft arbeitete. Diese glaubte an
ihm einen Proselyten gemacht zu haben, sah sich aber arg getäuscht, denn
der Abuna erklärte später die Protestanten für Ketzer. Als er einmal auf das
Aeußerste [pg 115]gebracht war, drohte er Theodor in den Bann zu thun,
dieser aber ließ eine Hütte aus dürren Zweigen errichten, worin der Abuna
verbrannt werden sollte. Dies that er, um sich nicht in „blutiger“ Weise an
dem Gesalbten vergreifen zu müssen. Schleunig hob jedoch nach solchem
Vorgange der Abuna den Bann auf.

Debteras vor dem Abuna singend und tanzend. Nach Lefêbvre.

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[pg 116]
Bald nachdem Theodoros zur Macht gelangt war, fand sich David (Daud),
der Patriarch von Alexandria, im Auftrage des ägyptischen Vizekönigs in
Abessinien ein und benahm sich dort sehr hochfahrend, gleichsam als Herr
und Gebieter. Theodoros seinerseits begegnete ihm mit Spott und Hohn und
jener schleuderte ihm dafür mündlich den Bann ins Gesicht. Theodor blieb
ruhig, spannte eine geladene Pistole, schlug auf den Patriarchen an und bat
ganz sanft: „Bester Vater, gieb mir deinen Segen!“ David fiel auf die Kniee,
stand wieder auf und ertheilte mit zitternden Händen den Segen.

Der Reisende A p e l schildert den Abuna Salama folgendermaßen: „Er ist
ein trauriges Bild des lasterhaften, ignoranten Zustandes der ganzen
abessinischen Kirche. Stolz, unwissend, grausam, intrigant, sucht er auf jede
Weise sich Gewalt und Reichthum zu erwerben. Er treibt sogar
Sklavenhandel und nimmt nicht einmal Anstand, sich die Kirchengefäße
anzueignen, sie nach Aegypten zu senden und dort zu verkaufen. Er ist der
geschworene Feind aller Europäer.“ Der Empfang, welchen der Reisende bei
diesem „Kirchenfürsten“ fand, war nichts weniger als erbaulich. Als er
gefangen in Gondar eingebracht wurde, empfing ihn dort mit finsterer Miene
ein Mann, der ihn italienisch anredete. Es war der Abuna. „Bist du wieder“,
so begann er seine Schimpfrede, „einer von diesen vermaledeiten Ketzern,
welche unsere Religion, die wir von den Heiligen Frumentius und Aedilius
selbst empfangen haben, umstürzen wollen?“ Apel antwortete, daß er sich
keineswegs hiermit befasse, und wurde nun weiter gefragt: „Hast du keine
Bibel mitgebracht, das Volk irre zu führen und unsere heilige Kirche zu
untergraben?“ Als nun der Fremdling sagte, er sei Arzt und kein Geistlicher,
bemerkte der Abuna: „Ihr seid aber alle Räuber und Lügner, ihr Engländer!
Ihr kommt zu uns als Werkleute verkleidet, gebt vor, euch mit der Arbeit zu
beschäftigen, unterrichtet aber das ganze Volk und führt es zum Verderben.“
Schimpfreden gegen die Missionäre beschlossen den Sermon des
Kirchenfürsten.

Günstiger urtheilt Heuglin von dem Manne, den er 1862 besuchte: „Er mag
45 Jahre alt sein, ist ein schöner Mann von kräftiger Statur, jedoch viel
leidend und in Folge eines Katarakts auf dem linken Auge erblindet. Sein
Schicksal, für Lebzeiten an dieses Land gebannt zu sein, trägt der Abuna mit
mehr Humor als christlicher Ergebung. Auf die abessinische Geistlichkeit ist
der Bischof sehr schlecht zu sprechen, er hält dieselbe für vollkommen

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unverbesserlich, auch spricht er sich unumwunden über die vielen Mängel
und angestammten Krebsschäden der hiesigen Kirche aus; trotzdem ist er
aber den europäischen Missionären höchst abhold und erklärt, er halte sich
unter den obwaltenden Umständen für verpflichtet, jede Art von Propaganda
zu unterdrücken.“ Abba Salama, der 27 Jahre über Abessinien als
Kirchenfürst regierte, starb am 25. Oktober 1867.

So traurig steht es heute um den höchsten Kirchenfürsten Abessiniens, und
ihn übertreffen die übrigen niedrigeren Geistlichen an Schlechtigkeit und
Unwissenheit noch bedeutend. Diese sind an Rang und Würde zwar
untereinander verschieden, allein außer dem Abuna hat keiner das Recht, zu
ordiniren. Außer [pg 117]den Priestern und Diakonen besteht noch das Amt
des kirchlichen Thürhüters und Brotbäckers. Jede Kirche hat noch ihren
Aleka, dessen Geschäft darin besteht, die Geistlichen anzustellen, zu
beaufsichtigen und zu besolden und die Verbindung zwischen Kirche und
Staat zu vermitteln.

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Erzbischöfliche Würdezeichen des Abuna. Nach Lefêbvre.

Die Kirche hat ferner diejenigen, welche sich ihrem Dienste widmen wollen,
zu unterrichten. Zum Diakonenamte wird jeder ordinirt, der sich dazu
meldet, wenn er nur lesen kann. Will sich darauf einer dem Priesterstande
ganz widmen, so heirathet er in der Regel vorher, weil es ihm später nicht
mehr erlaubt ist. [pg 118]Die Ordination ist sehr einfach: der Diakon sagt
das Nicäische Glaubensbekenntniß her, bezahlt zwei Salzstücke an den

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Abuna, der ihm das Kruzifix entgegenhält und den Segen über ihn spricht.
Unter dem Abuna Kyrillos, der vor etwa dreißig bis vierzig Jahren lebte,
sollen Priester aus Kaffa nach Gondar gekommen sein und einen Ledersack
mitgebracht haben, in welchen der Abuna Luft hauchen sollte, um mittels
derselben diejenigen ihrer fernen Landsleute zu ordiniren, die sich dem
Dienste der Kirche weihen wollten!

Die Thätigkeit der Priester besteht in täglichem drei- bis viermaligen
Gottesdienst bei Tag und Nacht, wobei des Morgens früh die Priesterschaft
mit Mönchen und Schülern zum Genusse des Abendmahls
zusammenkommt. Außerdem fallen Taufen, Trauungen, Messelesen,
Beichtehören in ihr Bereich. Der K i r c h e n g e s a n g ist, obgleich höchst
unerbaulich, doch sehr künstlich und mit Mimik verbunden; das Studium
desselben, sowie das Einlernen der langen Liturgie kostet den angehenden
Priestern viele Jahre Zeit. Lächerlich erscheint uns auch die Art und Weise,
wie die Priester aus ihren heiligen Büchern lesen, denn das Lesen an und für
sich gilt schon als verdienstlich. Das Wort, mit dem sie dasselbe benennen,
entspricht unserm „plappern“ und paßt daher gut, um das gedankenlose,
überaus schnelle Lesen zu bezeichnen. Ein Priester, der seine oft ungemein
lange Liturgie schnell zu Ende bringen will, liest oft mit solcher
Behendigkeit, daß das Ohr in seinem Lesen die Artikulation der Stimme
kaum besser unterscheiden kann, als das Auge die einzelnen Speichen eines
schnell kreisenden Rades. – Was die Zahl der S a k r a m e n t e betrifft, so
scheinen sie nur zwei, Taufe und Abendmahl, anzunehmen. Zum letzteren
bedienen sie sich gesäuerten Weizenbrotes, das von bestimmten Personen
gebacken sein muß, und des Saftes ausgepreßter Weintrauben. Dieses wird
im Abendmahlskelch zusammengemischt, etwas Wasser zugegossen, das
Ganze geweiht und mit einem Löffel den Abendmahlsgenossen gegeben.
Ihre Beichte übertrifft alles, was in dieser Art anderweitig noch vorkommt.
Nach einem vorgeschriebenen Formulare (Nusasié) fragt der Priester den
Beichtenden, ob er gewisse Sünden, die in einer ungeheuren Schandliste alle
auseinandergesetzt sind, nicht begangen habe. Auf jeder Sünde steht nun
eine vorgeschriebene kirchliche Strafe, die durch Fasten oder Bezahlung
abgebüßt wird.

Diese Bezahlungen und andere zusammengebettelte Summen dienen dem
Priester dazu, über Massaua und Kairo eine Wallfahrt nach Jerusalem zu
machen, die überhaupt das höchste Ziel der Wünsche eines Abessiniers zu

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sein scheint, weil er dadurch nach seiner Rückkehr gleichsam das Recht
erhält, seine wohlhabenderen Landsleute auf die unverschämteste Art um
Geschenke zu bestürmen. Der Einfluß, welchen sich die Priester auf die
Bevölkerung zu verschaffen wissen, ist trotz ihres offenbaren unsittlichen
Lebenswandels ein außerordentlich großer. Wenn in der Hauptstadt Gondar
eine Frau einem Priester ihrer Bekanntschaft auf der Straße begegnet, so
küßt sie demselben ehrfurchtsvoll die innere Seite der Hand; Männer thun
dies wohl auch, aber doch nicht in der Regel. Zwei sich begegnende Priester
küssen zur Begrüßung einander gegenseitig [pg 119]die rechte Schulter.
Schon durch die T r a c h t unterscheidet sich der Priester vor seinen
Mitmenschen. Sie, sowie diejenigen, welche sich zur gebildeten Klasse
zählen, tragen am Kinn einen kurzen Bart, rasiren sich das Haupt und
umwinden es turbanartig mit einem weißen Tuche. Den Oberkörper deckt
eine weiße Weste mit weiten Aermeln; außerdem haben sie weiße, weite
Beinkleider, eine schmale Leibbinde und ein großes weißes Umschlagetuch
mit farbigem Randstreifen. Große Schnabelschuhe vollenden den Anzug.
Selten fehlt dem Priester ein Kruzifix, das die ihm begegnenden frommen
Personen küssen, und ein bunter, aus Haaren verfertigter Fliegenwedel. Um
den Hals tragen sie außer einer blauen Seidenschnur, ohne welche man nie
einen abessinischen Christen sieht, meistens [pg 120]einen Rosenkranz, der
aus Jerusalem stammt. Die Priester jeder Kirche (die normale Zahl derselben
an einer Hauptkirche beträgt nicht weniger als e i n u n d z w a n z i g!)
wohnen immer in kleinen Häusern, die sich innerhalb der Mauer befinden,
welche die Kirche sammt den sie umschattenden Baumgruppen gewöhnlich
umfaßt. Dieser abgeschlossene Raum wird oder wurde als ein heiliger Ort
betrachtet, der gegen Plünderungen gesichert ist.

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Abessinischer Klostergeistlicher und Student der Theologie aus Schoa.
Originalzeichnung von Eduard Zander.

Auch den B a n n f l u c h kennt die abessinische Kirche. Als Isenberg mit
seinem Mitarbeiter 1843 nach Adoa kam, mußte er vor der versammelten
Geistlichkeit der Stadt ein förmliches Examen über seinen Glauben ablegen.
Man fragte ihn: ob er das Kreuz und die Kirche küsse? ob er an eine
Verwandlung von Brot und Wein in den Leib und das Blut Christi beim

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Abendmahl glaube? und ob er glaube, daß die Jungfrau Maria und die
Heiligen uns mit ihrer Fürbitte bei Christo vertreten? Vom protestantischen
Standpunkt setzte er nun seine Ansichten lang und weitläufig auseinander,
allein dieses genügte, um ihn als Ketzer erscheinen zu lassen. Kaum hatte er
daher mit seinem Genossen der Versammlung den Rücken gewandt, als ein
Priester feierlich über beide den Bannfluch aussprach, indem er ihre Seelen
dem Satan, ihre Leiber den Hyänen, ihr Eigenthum den Dieben übergab und
jeden, der ihnen nahe kommen oder sie bedienen würde, gleichfalls
exkommunizirte.

Eine besondere Stellung in der abessinischen Kirche nehmen noch die
D e b t e r a s ein. Debtera ist allgemeiner Gelehrtentitel, den Alle erhalten,
die sich hauptsächlich mit Büchern beschäftigen, sobald sie eine gewisse
Bekanntschaft mit denselben erhalten haben. Die eigentliche Bedeutung des
Wortes ist nach Isenberg Zelt; es wird gebraucht von der Stiftshütte, und der
zu Grunde liegende Gedanke dieses Titels ist wahrscheinlich der, daß die
Gelehrten ebenso das Heilige in ihrem Lande einschließen sollen, wie es die
Stiftshütte that. Ein Debtera wird nicht ordinirt; seine Beschäftigung besteht
im Unterrichtertheilen, im Kopiren der heiligen Bücher auf Pergament und –
wenn es nothwendig ist – im Assistiren in der Kirche. Unordinirt sind auch
die A l e k a s, die Kirchensuperintendenten, die das Eigenthum der Kirche
verwalten und die Vermittelung zwischen Geistlichkeit und Staat herstellen.
Schon sehr frühzeitig widmen sich die Abessinier dem geistlichen Stande;
die Kenntnisse, welche diese Studenten der Theologie zu erlangen haben,
sind gering. Sie lernen die Kirchensprache, einige Geéz-Wörter, die
Geheimnisse des abessinischen Gesanges und Tanzes. Das Anhauchen des
Abuna und die Zahlung von zwei Salzstücken an denselben macht sie dann
zu fertigen Priestern. Unsre Abbildung (S. 119) zeigt einen Studenten der
Theologie aus Schoa, der in Schafpelz gekleidet ist und den Bettelstab und
Bettelkorb – seine einzigen Lebensstützen – bei sich führt. Neben ihm sitzt
ein Bursche aus Gondar mit einem Sonnenschirm aus Grasgeflecht (Eipras).

Die Art und Weise, wie der Gottesdienst, zumal bei großen Festen,
abgehalten wird, erinnert in vieler Beziehung mehr an das heidnische
Schamanenthum, als an christliche Ceremonien. Als Rüppell die Kirche von
K o s k a m, etwa anderthalb Stunden nordwestlich von der Hauptstadt
Gondar, besuchte, [pg 121]um dort dem Feste zum Andenken der Rückkehr
Christi aus Aegypten beizuwohnen, fand er dieselbe außerordentlich mit

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Menschen angefüllt, sodaß er nur sehr schwierig einen Platz in derselben
erhalten konnte. Vor dem Gebäude hatte man große Tücher von fußbreiten
blauen, weißen und rothen Streifen aufgespannt, um der Menschenmenge
Schutz gegen die Sonne zu gewähren. Die Aufmerksamkeit der Anwesenden
war auf eine im Vordergrunde befindliche Gruppe von Priestern gerichtet,
welche unter schrecklichem Geheul konvulsivische Bewegungen mit dem
ganzen Körper machten und mitunter auch abwechselnd wild in die Höhe
sprangen. Jeder Priester hatte in der einen Hand eine Rassel (Sanasel), in der
andern einen langen krückenartigen Stab. Die Rassel hat die Form einer
zweizinkigen Gabel, welche durch Querstäbchen oben geschlossen ist, und
in ihr befinden sich mehrere Metallringe, welche hin und her bewegt durch
ihren rasselnden Ton den singenden und tanzenden Priestern zum
Taktschlagen dienen. Dieser Gebrauch muß ein sehr alter sein, denn schon
unser Landsmann Christoph Fuhrer berichtet in seiner 1646 zu Nürnberg
gedruckten „Reisbeschreibung in Egypten“: „Gegenüber unter den
Armeniern haben die Abyssinier ihren Ort, welche gar seltsame Ceremonien
halten. Wann sie Meß singen, brauchen sie wunderbarliche Instrumenta, als
zwei Trummel, wie die Heerpauke, darauf sie unter dem Singen schlagen;
einer hat ein Schlötterlein, welches voll Schellen hängt, daran er mit der
andern Hand schlägt, daß es klingelt: ein andrer hat ein Instrument, wie es
die Moren gebrauchen, einer halben Trummel gleich, auch mit Schellen
behängt, die stehen beieinander, hüpfen und tanzen zugleich miteinander,
singen viel Alleluja, welches lächerlich zuzusehen und zu hören ist, seynd
aber dabei fromme und gottesfürchtige Leute.“ – Inmitten der Gruppe sich
verzerrender Priester saß einer auf dem Boden und schlug eine große, von
Silberblech gearbeitete türkische Trommel. Nachdem diese religiöse
Belustigung einige Zeit gedauert hatte, hielten sämmtliche Priester innerhalb
der Kirche singend einen Umzug um das die Bundeslade enthaltende
Heiligthum. Zwei von ihnen trugen auf dem Kopfe sehr große Helme von
Goldblech, mit getriebener Arbeit reich verziert. Dies waren die beiden
Kronen, welche einst der Kaiser Joas und sein Vater, der Kaiser Jasu, bei
großen Feierlichkeiten zu tragen pflegten und die später der Kirche [pg
122]geschenkt worden waren. Diese Kronen, welche von einem Griechen
aus Smyrna gefertigt wurden, sind von Gold- und Silberblechen in
getriebener Arbeit gemacht und mit farbigen Steinen oder Stücken Glasfluß
verziert. Einige der Priester hatten eine Art Meßgewand von Brokat an, das
jedoch sehr verschabt war; andere trugen Stäbe mit Bronzekreuzen und über
dem vornehmsten wurde ein blauer, mit Goldfranzen besetzter

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Sammetschirm getragen. Die ganze Feierlichkeit entbehrte aller Ordnung
und erregte in Rüppell mehr Neigung zum Lachen als religiöse Empfindung.

Krone des Kaisers Jasu.
Nach Rüppell.

Neben dieser Weltgeistlichkeit, die sich mit sehr geringen Ausnahmen durch
Hochmuth, Unwissenheit und lasterhaftes Leben wenig vortheilhaft
auszeichnet, steht noch eine große Schar von Mönchen und Nonnen in

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Abessinien, die nach den uralten Regeln des Pachomius zusammen leben.
Dieser, ein Schüler des heiligen Antonius, war der erste, der die Einsiedler
ums Jahr 340 auf der Nilinsel Tabenna im Kloster zusammenführte und auch
später das erste Nonnenkloster gründete. Seine keineswegs strengen Regeln
eignen sich für die immer noch lebenslustigen abessinischen Mönche und
Nonnen am besten, die aber oft genug dieselben überschreiten.

Abessinien ist überfüllt mit Mönchen und Einsiedlern, die sich in gelbe
Gewänder, das Zeichen der Armuth, oder in gegerbte Antilopenfelle hüllen.
Gewöhnlich führen diese Leute einen unsittlichen Lebenswandel,
schwärmen durch das ganze Land und sind die Pest und Plage der Gegend,
welche sie heimsuchen. Die Männer können in jeder Periode Mönche
werden; die, welche mit schweren Krankheiten behaftet sind, thun das
Gelübde, nach ihrer Heilung ins Kloster zu gehen, und vermachen diesem
ihre ganze Habe. Reiche übergeben ihr Vermögen den Kindern, werden
Mönch und lassen sich dann von ihren Erben bis ans Lebensende
unterhalten; arme Mönche dagegen leben von der Gnade des Königs und der
Gemeinde. Viele dieser Klostergeistlichen sehen aber niemals ihre Zellen,
sondern leben gemüthlich mit Weib und Kind zu Hause und betteln auf
Grund ihres gelben Gewandes oder der Agaseenhaut, die mit dem
ungewaschenen Aeußern zusammen an die Legende von ihrem großen
Ordensstifter Eustathius erinnert, welcher sich rühmte, niemals seinen
Körper gewaschen zu haben, und wunderbarlich auf dem fettigen Mantel
über die Fluten des Jordan schwamm, ohne daß ihn ein Tropfen Wasser
feindlich, d. h. reinigend, berührte.

Eins der berühmtesten Klöster befindet sich auf dem D e b r a D a m o in
Tigrié, vier Stunden nordöstlich von Ade Pascha. (Siehe S. 35.) Dort oben
leben gegen 300 Mönche in kleinen Hüttchen zusammen. Nach Zander’s
Bericht führt kein Weg hinauf und Menschen wie Nahrung werden an der
Nordseite des Felsens mit Seilen hinaufgezogen. Das Kloster ist stets auf
viele Jahre hinaus mit Lebensmitteln versehen und gilt in unruhigen Zeiten
als ein besonders sicherer Zufluchtsort. Oben findet man eine Quelle, die das
ganze Jahr hindurch vorzügliches Trinkwasser liefert und niemals versiecht.
An Handschriften und Büchern, die noch keinem europäischen Reisenden
zugängig waren, ist es sehr reich. Der senkrechte Fels besteht aus
Grauwacke und Sandstein, die Grundlage desselben [pg 123]ist
Urthonschiefer, die Höhe über dem Meere 6800 Fuß. In früheren Zeiten galt

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Debra Damo als Gefängniß der jüngeren Zweige des herrschenden
Geschlechts. Diese Sitte soll im Jahre 1260 durch den König Jakuno Amlak
eingeführt und bis ins vorige Jahrhundert beobachtet worden sein. In Schoa
vertrat die Festung Godscho dieselbe Stelle bis auf unsere Tage herab.

Zahlreiche Klosteranstalten finden sich auch in Walduba; berühmt sind noch
die Klöster von Axum und Debra Libanos, wo der erwähnte Abuna Tekla
Haimanot geboren wurde. Nie darf ein Frauenzimmer ein Mönchskloster
betreten, allein das hält die Insassen keineswegs ab, einen liederlichen
Lebenswandel zu führen. Die Nonnen zeichnen sich durch ein
schwefelgelbes baumwollenes Hemd und ein Käppchen von derselben Farbe
aus; sie haben alle das Keuschheitsgelübde abgelegt, befinden sich jedoch
meist in vorgerückten Jahren. Wichtig werden die Klöster namentlich
dadurch, daß viele derselben als p o l i t i s c h e s A s y l gelten, nach dem
zur Zeit der Bürgerkriege viele Flüchtlinge sich retten. Dieser Umstand
führte zu großen Mißbräuchen und gestaltete die Aufenthaltsorte der
Mönche zu ewigen Sitzen der Unruhe um, zumal die Unantastbarkeit der
Freistätte meistens streng eingehalten wurde, bis König Theodoros auch hier
einen gewaltigen Schritt that und mit kühner Hand seine Feinde selbst aus
den Asylen hervorholte.

Neben der Unsittlichkeit der Geistlichen, der frechen Simonie, der
übermäßigen Bilderverehrung, dem Glauben an Weissagereien und
Vorbedeutungen, der Auslegung von Träumen, Furcht vor Hexerei und bösen
Künsten muß andererseits hervorgehoben werden, daß jedenfalls im Lande
kein Unglauben und keine Gottesverachtung herrscht. Der Formengeist, der
allen Semiten eigen ist, klebt auch den Abessiniern an, jene Wichtigmachung
von Gebräuchen und äußern Werken, die Unterscheidung zwischen Rein und
Unrein, die Beschneidung, das Hängen am Buchstaben. Für das Hauptübel
Abessiniens aber erklärt Munzinger den Stolz, der, von dem kleinsten Erfolg
aufgeblasen, sich überheilig und überweise wähnt und nur ungern von
Fremden sich Raths erholt. Der Stolz, von dem kein Abessinier frei ist und
eigentlich kein Semite, hat eine andere gefährliche Seite; der Messias ist ihm
immer ebenso gut wie den Aposteln ein weltlicher Herr; die Herrschsucht
der Eingeborenen wird dem fremden Missionär sehr gefährlich, da sie ihn,
ohne daß er es ahnt, in die Landespolitik hineinzieht.

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Die a b e s s i n i s c h e Z e i t r e c h n u n g ist eine keineswegs christliche,
da sie von der Erschaffung der Welt und nicht von der Geburt Christi an
rechnen. Nach ihnen ist das Jahr 1868 das
siebentausenddreihunderteinundsechzigste. Der Jahresanfang fällt auf den
10. September. Sie theilen das Jahr in zwölf Monate von je dreißig Tagen
und zur Ausgleichung fügen sie denselben am Jahresschluß noch einen
verkrüppelten dreizehnten Monat bei, der in drei Jahren fünf, in dem vierten
aber sechs Tage hat. Im gewöhnlichen Leben und auch in ihren historischen
Annalen werden die vier Jahre nach den Namen der Evangelisten bezeichnet
und zwar in folgender Reihe: Johannes, Matthäus, Marcus und Lucas, [pg
124]letzteres hat am Schluß den eingeschalteten sechsten Tag des
dreizehnten Monats. Es heißt oft in den Landeschroniken schlechtweg:
Dieses ereignete sich in dem Jahre des Evangelisten Matthäus oder Lucas
u. s. w. Die Namen der dreizehn Monate sind: Maskarem, Tekemt, Hedar,
Tachsas, Ter, Jacatit, Magabit, Mijazia, Ginbot, Sene, Hamle, Nahasse,
Paguemen. Kein einziger fällt natürlich ganz mit einem unserer Monate
zusammen; so reicht der Maskarem vom 10. September bis 9. Oktober und
so fort, bis endlich der verkrüppelte dreizehnte Monat, der Paguemen, vom
5. bis 10. September reicht. Die Abessinier setzen die Geburt Christi in das
Jahr der Welt 5500; aber von dieser Periode bis zu unserer Zeit rechnen sie 7
Jahre und 122 Tage weniger als wir Europäer; die Ursache dieses
Unterschieds ist die von den alexandrinischen Bischöfen befolgte
Chronologie des Julius Africanus und später durch den Bischof Anatolius
von Laodicea daran gemachte zehnjährige Abänderung.

Am 10. September, dem Neujahrstage, machen sich die Bewohner der
Hauptstadt wie bei uns Gratulationsbesuche und die Frauen überreichen
ihren Bekannten Blumensträuße, wobei sie ausrufen: „Glück bringe dir das
neue Jahr“. Auch finden Tänze mit Gesang und Schmausereien statt. Das
größte Fest in Abessinien feiert man jedoch am 16. Maskarem (26.
September) zum Andenken an die infolge eines Traumgesichts der heiligen
Helena stattgefundene Entdeckung des Kreuzes Christi. Um die Kunde
dieses Ereignisses möglichst schnell nach Konstantinopel zu bringen,
bediente man sich der Feuersignale, und die Versinnlichung dieses
Ereignisses ist der Hauptzweck der Ceremonien des M a s k a l f e s t e s. Am
Vorabend lodern Freudenfeuer auf den Hügeln, Männer mit Rohrfackeln
ziehen in Prozessionen auf und kriegerische Tänze werden abgehalten. Der
Anblick der bronzefarbigen, halbnackten Gestalten, die in dunkler Nacht,

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vom Scheine der Brandfackeln beleuchtet, sich taktmäßig hin und her
bewegen, ist ungemein malerisch. Die Hauptprozession findet jedoch erst
am folgenden Tage statt. Dann ziehen alle waffenfähigen Männer zu Fuß
oder zu Pferde nach einem nahen Hügel, auf welchem bei Sonnenaufgang
ein Feuer angezündet wird. Dem Zuge voran gehen Musikanten mit Hörnern
und Pauken; nachdem die Menge an dem Scheiterhaufen sich gewärmt,
kehrt sie zurück, um mit Reiterspielen und kriegerischen Tänzen die
Feierlichkeit zu beschließen. Der Gouverneur hält offene Tafel und
ungeheuere Portionen rohen Fleisches werden verschlungen. Andere Feste
sind Ledat (Weihnachten), Domkat (Taufe Christi), Fasaga (Ostern) und die
verschiedenen Heiligenfeste.

Die T a u f e n finden in der Kirche statt und zwar bei den Knaben 40 Tage,
bei den Mädchen 80 Tage nach der Geburt, weil nach der Tradition der
Abessinier Adam erst 40 Tage nach der Schöpfung in das irdische Paradies
eingeführt wurde und Eva ihm dahin 40 Tage später nachfolgte. Die
Ceremonie selbst ist von der bei uns üblichen in vieler Hinsicht abweichend.
Jedes Kind hat seinen Pathen; als Taufstein gilt eine thönerne Schüssel,
deren Wasser erst beräuchert und dann mit dem Fuße des Geistlichen berührt
wird, worauf dieses für geweiht gilt; Loblieder zu Ehren der Jungfrau Maria
und das schnelle [pg 125]Ablesen eines Kapitels aus dem Evangelium
Johannes vollenden die Vorbereitungen; dann werden die Täuflinge nach
allen vier Himmelsgegenden geneigt und bis über den Kopf ins Wasser
getaucht; schließlich wird dem Täuflinge eine in geweihtes Oel getauchte
Schnur um den Hals gebunden und die Ceremonie ist vorüber. Vorher aber
sind die Kinder beiderlei Geschlechts beschnitten worden.

Die E h e ist in Abessinien, wo allgemeine Sittenlosigkeit und die allergrößte
Freiheit im Umgang der Geschlechter herrscht, eine rein äußerliche und sehr
lose. Die Trauungen werden nur selten kirchlich geschlossen, was einfach
dadurch geschieht, daß die Brautleute das Abendmahl zusammen nehmen.
Werden die Gatten einander untreu, so trennen sie sich einfach und haben
dann das Recht, noch zweimal sich kirchlich trauen zu lassen. Da jedoch die
meisten Ehen wild sind, so betrachtet man die kirchliche Trauung als
Nebensache. Wie entsetzlich die Zustände in dieser Beziehung sind, geht aus
der Bemerkung Isenberg’s hervor, daß er während der ganzen Zeit seines
Aufenthaltes in Abessinien unter einer sehr großen Zahl kirchlich getrauter
Leute k e i n e i n z i g e s Paar kennen lernte, daß einander treu blieb. Das

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Gesetz, daß man sich nur dreimal trauen lassen darf, gilt jedoch nur in der
Theorie. Rüppell traf zu Ategerat ein hübsches, erst s i e b z e h n j ä h r i g e s
Frauenzimmer, welche bereits von s i e b e n mit ihr ehelich vermählten
Männern geschieden war und im Begriffe war, sich zum a c h t e n M a l e
z u v e r m ä h l e n! Ehescheidungen sind bloße Privatangelegenheiten,
welche nur dann vor die Behörden gebracht werden, wenn man in Betreff
der Vermögenstheilung sich nicht miteinander verständigen kann. Sonst hat
die Obrigkeit damit gar nichts zu thun, und die Ehe besteht nur so lange, als
beide Theile damit zufrieden sind. Eifersucht ist in Abessinien ein
unbekanntes Ding und eheliche Untreue das Gewöhnliche, besonders noch
dadurch begünstigt, daß die Zahl der Frauen überwiegt. Dies mag auch ein
Grund dafür sein, daß unter jenen Christen die V i e l w e i b e r e i geduldet
ist; aber nur die Reichen pflegen an dem nämlichen Orte mehrere Frauen zu
haben, von denen jede einzelne in einem besonderen Hause wohnt.
Diejenigen Abessinier, welche sich ihrer Geschäfte halber an verschiedenen
Orten aufhalten, haben gewöhnlich an jedem derselben eine Frau. Im
Allgemeinen benimmt sich die Frau sehr aufmerksam, dienstwillig und
selbst demüthig unterwürfig gegen ihren Mann. Sie darf ihn nur als ihren
Herrn und im Plural anreden, während der Gatte gegen sie das „Du“
gebraucht; sie muß ihm, wenn er es verlangt, die Füße waschen und ihm bei
Tische häufig die Speisen in den Mund stopfen! Jenes Betragen der
abessinischen Frauen geht jedoch nicht aus Liebe hervor, sondern ist
berechnete Schmeichelei. Liebe in reinerem Sinne kennt man in jenem durch
die größte Sittenverderbniß ausgezeichneten Lande gar nicht. Zum Heirathen
genügt schon ein Vermögen von wenigen Thalern, ein baumwollenes Hemd
für die Braut, etwas Geld für die Eltern sind die Geschenke bei Armen. Bei
reichen Leuten werden große Gelage gehalten, welche mehrere Tage dauern.
Gegen Ende derselben führt der Bräutigam, auf einem Maulthier reitend, die
Braut scheinbar aus dem älterlichen Hause in das seinige. Die Mädchen
werden in der Regel [pg 126]noch ungemein jung, zuweilen schon in ihrem
neunten Jahre verheirathet; so erzählt Pearce, daß ein mehr als
siebenzigjähriger Landesfürst die noch nicht zehnjährige Tochter des Kaisers
heirathete!

Sieht ein Abessinier seine Todesstunde herannahen, so läßt er den
Geistlichen rufen, dem er eine Beichte ablegt, um die Absolution zu
empfangen. Der würdige Priester benutzt dann gewöhnlich diese
Gelegenheit, um möglichst viel von dem weltlichen Gute des Sterbenden für

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sich und die Kirche zu erlangen, während er für das B e g r ä b n i ß selbst
keinen Heller nimmt. Dieses findet meistens noch am Todestage statt. Der
Körper wird mit gekreuzten Armen in ein baumwollenes Tuch geschlagen,
dann mit einer Lederhaut umwickelt, in der Kirche eingesegnet und in einer
kleinen Grube bestattet. Nach der Beerdigung versammeln sich Freunde und
Verwandte im Sterbehause, wo das Klagegeheul angestimmt und dann ein
großes Mahl gehalten wird. Um tiefe Trauer wegen des Todes eines
Verwandten auszudrücken, pflegt man sich das Haupthaar abzuscheren, den
Kopf mit Asche zu bestreuen und die Schläfen zu zerkratzen, bis Blut fließt.
Alles dieses ist jedoch blos äußerliche Heuchelei und fern von tiefgefühlter
Betrübniß, denn grenzenloser Leichtsinn ist ein Hauptcharakterzug der
Abessinier.

Abessinien ist reich an K i r c h e n, doch sind dieselben meistentheils nur
klein. Viele stehen als Wallfahrtsorte in hohem Ansehen und werden von
großen Scharen frommer Pilger besucht, die, oft aus weiter Ferne
herziehend, häufig zugleich den bei der Kirche aufgeschlagenen Markt zu
Einkäufen benutzen. So knüpfen sich auch hier die Messen an die Kirchen,
wie in den meisten anderen Ländern der Erde gleichfalls. Gewöhnlich sind
die Kirchen im Grundrisse rund und 20–24 Fuß hoch; viereckige gehören zu
den seltenen Ausnahmen. Beinahe jede abessinische Kirche oder Kapelle hat
an ihrer Façade zwei gleich große, dicht nebeneinander stehende Thüren und
im Innern eine Art von großem hölzernen Sessel oder Thron, der die
Bundeslade der Israeliten vorstellt. Dieser Sessel, auf welchem Brot und
Wein für das Abendmahl eingesegnet werden, führt den Namen Manwer
oder Tabot und ist überall in Abessinien der Gegenstand der größten
Verehrung. Glocken befinden sich nur in wenigen Kirchen der größeren
Städte; statt ihrer behelfen sich die Priester mit dünnen Steinplatten, die
schwebend aufgehängt sind und durch deren Anschlagen die Gläubigen
zusammenberufen werden. Die gewöhnlichen Kirchen auf dem Lande
bestehen aus zwei Gemächern, deren Inneres beinahe ganz dunkel ist und
welche durch eine Flügelthüre miteinander in Verbindung stehen. Sie sind
mit einem gemeinschaftlichen kegelförmigen Strohdache überdeckt und fast
immer von schönen Bäumen umgeben, welche den um die Kirche
herumliegenden Friedhof beschatten, der jedoch keinerlei Grabsteine
aufweist. Einige dabei befindliche kleine Hütten beherbergen die den
Kirchendienst versehenden Priester. Das Ganze ist durch eine niedrige
Mauer umschlossen. Wer Schuhe oder Sandalen trägt – übrigens eine

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Seltenheit in Abessinien – zieht dieselben beim Eingange des Kirchhofes
aus. In der vorderen Abtheilung, der eigentlichen Kirche, versammeln [pg
127]sich die Leute, nachdem sie beim Eingange die mit schreckhaften
kolossalen Engelsfiguren bemalten Thüren ehrfurchtsvoll geküßt haben.
G e m a l t e Bilder werden in Abessinien verehrt, keineswegs jedoch
g e f o r m t e, und deshalb zeigt das abessinische Kreuz auch keinen
Christusleib, weil dies nach Auffassung jener Kirche gegen das zweite Gebot
verstoßen würde. Das Küssen der Kirche ist als Zeichen der Gottesverehrung
üblich, sodaß der Ausdruck „die Kirche küssen“ gleichbedeutend mit
unserem „in die Kirche gehen“ ist. Ueberhaupt werden alle für heilig
gehaltenen Gegenstände, Kirchen, Kreuz, Bilder und Bücher geküßt. Die
Eingetretenen setzen sich oder knieen auf den Boden hin. Durch die offene
Flügelthür erblickt man im zweiten Gemache den Tabot, um den Priester in
zerlumpten seidenen Kitteln umherstehen, jeder von ihnen hält eine
brennende Wachskerze in der Hand, außerdem Schelle und Rauchfaß, die sie
beim Heulen der Psalmen schwingen. Zuweilen liest einer eine kurze Phrase
aus einem auf der Bundeslade liegenden Buche oder reicht den Anwesenden
das Kreuz zum Küssen dar – von einer christlichen Erbauung gewahrt man
jedoch bei diesen keine Spur; sie plappern zwar fortwährend mit den Lippen
Gebete her, aber ihren Blicken nach zu urtheilen sind ihre Gedanken bei
ganz anderen Gegenständen.

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Grundriß der Kirche Lalibela.
Nach E. Zander.

Besser sind die Kirchen in den großen Städten beschaffen, namentlich zu
Gondar, wo es allein gegen fünfzig giebt. Die größte ist die B a d a -
K i r c h e, welche Kaiser Tekla Haimanot um das Jahr 1775 erbauen ließ.
Mit ihrem hohen konischen Dache überragt sie alle anderen Gebäude der
Stadt und zeichnet sich außerdem durch ein großes griechisches Kreuz von
Messing auf dem Giebel aus. In ihr, sowie in anderen Kirchen Gondars zeigt
man mehrere etwa fünf Fuß lange Kisten aus Sykomorenholz, welche
ringsum mit Heiligenbildern und auf dem Deckel mit der Figur eines in ein
Leichentuch gehüllten Menschen bemalt sind. Sie enthalten die Gebeine von
Personen, welche in ganz besonderem Ansehen standen. Diese müssen
jedoch erst herkömmlicher Weise fünfzig Jahre lang in der Erde geruht
haben, ehe sie zu der Ehre gelangen, auf diese Art aufbewahrt zu werden.
Die übrigen Kirchen sind gewöhnlich von Bogengängen umgeben, von
denen aus mehrere große Thüren in das Innere führen. Wände, Thüren und
Querbalken des Gebäudes sind mit Malereien bedeckt und die innere Seite

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der Thürgesimse mit kleinen Porzellanplatten ausgekleidet; Teppiche decken
den Boden; doch Lampen sind eine seltene Erscheinung.

Vorzüglich schöne und geschmackvolle Holzschnitzereien, die, was die
Arabesken betrifft, auch einem europäischen Künstler Ehre machen würden,
enthält die K i r c h e L a l i b e l a zu Gondar, ein Bauwerk der Fürstin
Menene. Ihr Grundriß ist rund, das Dach, wie allgemein üblich, konisch und
an der Spitze mit dem Kreuz geziert. Ihr Inneres besteht aus drei
konzentrischen Abtheilungen. Der äußere, von Säulen getragene Kreis, ist
der allgemeine Raum [pg 128]für die Kirchgänger; der zweite, mittlere
Raum ist für die Abendmahlempfänger bestimmt; der innerste, viereckige,
enthält die Bundeslade. Die erwähnten reichen Holzschnitzereien sind
flachrelief an Thüren und Fenstern angebracht.

Wohl die berühmteste Kirche in ganz Abessinien ist jene zu A x u m in
Tigrié, in der ehemaligen Hauptstadt des den Griechen und Römern
bekannten axumitischen Reiches. Sie liegt inmitten des politischen Asyls
und wurde, wie schon ihre Bauart zeigt, unter portugiesischem Einfluß 1657
an der Stelle der 1535 von Muhamed Granjé zerstörten alten Kirche erbaut.
Durch Größe, Reichthum und Heiligkeit übertrifft sie alle anderen Kirchen
Tigrié’s. Auf einer mit Stufen versehenen, aus gut behauenen Quadern
erbauten Terrasse schreitet man zu ihr hinauf. Vier dicke Pfeiler bilden eine
Art Porticus, von welchem man durch drei Thüren in den inneren Raum
gelangt. Dieser ist durch zwei Reihen plumper Pfeiler in drei Schiffe von
gleicher Höhe abgetheilt, welche durch einige kleine und sehr schmale
Fenster ein sehr spärliches Licht erhalten; die Decken bilden horizontal
liegende Balken; die Wände sind mit geschmacklosen, stark beschädigten
Malereien beklext, der Boden mit Teppichen belegt. (Rüppell fand ihn voller
Schmuz.) Ein kleiner Thurm enthält eine Treppe, die zu dem flachen, mit
Zinnen gekrönten Dache führt. Salt, welcher die Kirche gemessen hat, giebt
ihre Länge zu 111, ihre Breite zu 51 Fuß an. In der Nähe steht ein kleines
niedriges Haus, in welchem zwei sehr roh in Abessinien selbst gegossene
Glocken hängen, und in einem anderen Gebäude werden die Pretiosen der
Kirche, die Metallkronen, Kreuze und Manuskripte aufbewahrt. Nach der
Ansicht der Abessinier ist die hier aufbewahrte Bundeslade die echte
jüdische aus der Zeit des Königs Salomo, welche Menilek, der Sohn der
Königin von Saba, in Jerusalem stahl und hierher brachte (vergl. S. 3). Der
Name der Kirche ist Hedar Sion und ihr Hüter, der Gouverneur von Tigrié,

Page 188

führt den Titel Nabr Id (Hüter der Bundeslade). Die Abbildung zeigt unsere
Anfangsvignette.

Die Missionen in Abessinien.

Schon bald nach Entstehung der englischen „Missionsgesellschaft für Afrika
und den Osten“ wandte diese ihre Aufmerksamkeit auf Abessinien, in der
Absicht, dem dortigen Christenthume frische Anregungen zuzuführen und
dasselbe aus seiner Versunkenheit herauszuziehen, sowie vor dem
Untergange im Muhamedanismus zu bewahren. Zu diesem Zwecke wurden
nun Missionsstationen in Malta, Kairo, Smyrna u. s. w. angelegt, von denen
aus man allmälig bis Abessinien vordringen wollte, und durch einen
abessinischen, nach Jerusalem gepilgerten Mönch die ganze Bibel in die
amharische Sprache übersetzt, welche die verbreitetste unter den
abessinischen Mundarten ist. Die ersten Missionäre, welche nach Ategerat
(Adigrat) in Tigrié im Jahre 1830 vordrangen, waren die beiden Deutschen
G o b a t und K u g l e r. Der Detschasmatsch Sabagadis empfing sie
freundlich, indessen die politischen Verhältnisse, die immerwährenden
Kriege zwischen Sabagadis und Ubié um die Herrschaft Tigrié (vergl.
S. 107) waren ihrem Werke nicht günstig. Trotzdem drang Gobat bis nach
der Hauptstadt Gondar [pg 129]vor, während Kugler in Tigrié zurückblieb,
um bald an den Folgen einer Verwundung, welche er sich auf der Jagd
zugezogen, zu sterben. Als nun zu derselben Zeit Sabagadis von Ubié
geschlagen und getödtet wurde, brach auch für den wackern Gobat eine Zeit
der Verfolgungen herein. Längere Zeit hielt er sich in den politischen
Asylen, namentlich im Kloster Debra Damo, verborgen, mußte schließlich
aber nach Aegypten fliehen. Die Erfahrungen, die er bezüglich seines
Missionswerkes gemacht hatte, waren jedoch nur trauriger Art; er fand, „daß
der Leichtsinn dieses Volkes nicht leicht die Wahrheit des Evangeliums auf
Herz und Leben wirken läßt“. D e r e r s t e m i ß l u n g e n e Ve r s u c h .

Page 189

Gefangennahme des Missionärs Krapf durch Adara Bille. Nach Krapf’s Reisewerk.

In Karl Wilhelm I s e n b e r g aus Barmen erhielt 1834 der zurückgekehrte
Gobat einen treuen Freund und Unterstützer, der mit neuem Eifer das
schwierige Geschäft anzugreifen begann. Nach langer Fahrt durch das Rothe
Meer und dreimonatlichem Aufenthalte in Massaua kamen beide im April,
begleitet von ihren Frauen, in Tigrié an, wo die Bürgerkriege immer noch
fortwütheten. Ubié sicherte indessen den Missionären seinen Schutz zu, die
nun mit der Verbreitung von Bibeln begannen. Gobat jedoch war infolge von
Krankheit genöthigt, schon 1836 zurückzukehren und gegen den bleibenden
Isenberg richtete sich nun der Haß der abessinischen Geistlichkeit, die ihren
Einfluß durch seine [pg 130]Anwesenheit bedroht sah. Indessen Isenberg
hielt wacker aus und fand in dem Deutschen C . H . B l u m h a r d t einen
Unterstützer in seiner aufreibenden Arbeit. Um auf die Jugend, die man
zunächst im Auge hatte, besser wirken zu können, begann man mit dem

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Schulunterricht und baute ein großes Missionshaus in Adoa, das jedoch bald
die Eifersucht und den Verdacht des Kirchenvorstehers wie des Herrschers
Ubié erregte, da es für eine Festung angesehen wurde, von welcher
unterirdische Gänge zum Waffen- und Truppentransport bis Massaua führen
sollten! Als mit Ende des Jahres 1837 auch Ludwig K r a p f aus
Württemberg zu der kleinen Mission stieß, fand er schon große
Schwierigkeiten, um zugelassen zu werden, und bereits im Sommer 1838
erhielten die Missionäre den Befehl, das Land wieder zu verlassen. Wie
Isenberg bemerkt, geschah dieses nicht ohne Zuthun der mittlerweile
gleichfalls nach Abessinien gekommenen katholischen Missionäre,
namentlich Sapeto’s, dessen wir bereits oben S. 31 gedachten. D e r
z w e i t e m i ß l u n g e n e Ve r s u c h .

Nachdem so im Norden Abessiniens keine Aussichten mehr für eine
gedeihliche Wirksamkeit vorhanden schienen, beschloß man mit zäher
Ausdauer im Süden, in Schoa, das Werk fortzusetzen.

Schon im Jahre 1837 kam zu den deutschen Missionären in Adoa ein Bote
des Königs von Schoa, welcher einen in deutscher Sprache geschriebenen
Brief überbrachte, der von Martin Bretzka, dem ehemaligen Jäger Rüppell’s,
herrührte. Durch diesen ließ Sahela Selassié die Missionäre um Arznei und
einen tüchtigen Mechaniker bitten, ja er verlangte, daß die Missionäre
womöglich selbst zu ihm kommen möchten. Arznei wurde sofort nebst
einem langen Briefe von Isenberg überschickt, ein Mechaniker aber war
nicht vorhanden. In dem Schreiben fragte der Missionär, ob der König ihm
sein Missionswerk in Schoa gestatten wolle. Wenn er diese Frage bejahe,
würde er sammt seinem Kollegen Blumhardt kommen, sei dieses aber nicht
der Fall, so müsse er von der Reise nach Schoa absehen. Da Blumhardt
jedoch auf eine indische Station gesandt wurde, machten sich 1839 Krapf
und Isenberg auf den Weg nach Schoa und kamen nach einer höchst
beschwerlichen Reise auf einem bis dahin unbekannten Wege über
Tadschurra und das Adal-Land am 6. Juni in Ankober beim Könige Sahela
Selassié an, der sie mit der größten Freundschaft aufnahm und behandelte.
„Hier nun gelang es unter sehr günstigen Umständen einen guten Anfang mit
der Verkündigung des Evangeliums und dem Schulunterrichte zu machen.“
Da es jedoch an Büchern und Lehrmitteln fehlte, kehrte Isenberg nach
freundlichem Abschiede im November 1839 nach Europa zurück, um das
zur Fortführung der übernommenen Aufgabe Nöthige zu holen.

Page 191

Krapf blieb nun längere Zeit allein in Schoa, fühlte sich aber wohl sehr
einsam und beschloß, ehe er sein Werk weiter fortführte, seine Braut
heimzuführen. Am 11. März 1842 unternahm er die äußerst gefahrvolle
Reise von Ankober nach Massaua. Er hatte seine Richtung durch das
nördliche Schoa und das Land der muhamedanischen Wollo-Galla
genommen. Er wollte über Gondar gehen und dort die Bekanntschaft des
neuen, erst ein Jahr vorher berufenen Abuna machen.

[pg 131]

Ludwig Krapf. Nach dem Stahlstich in dessen Reisewerk.

Vom Könige Sahela Selassié mit einem silbernen Schwerte beschenkt,
welches ihm den Rang eines Gouverneurs ertheilte, und wohl versehen mit
amharischen Bibeln, machte sich der muthige Glaubensbote, nachdem er
vom Könige und der damals in Schoa weilenden britischen Gesandtschaft
Abschied genommen, auf den gefahrvollen Weg. In Sella Dengai stattete er
noch der einflußreichen Mutter des Königs, welche beinahe halb Schoa

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unabhängig beherrschte, einen Besuch ab. Sie empfing ihn, auf ihrem Lager
sitzend und umgeben von Dienerinnen, sehr friedlich, ließ sich einen bunten
Schal, einige Scheren, sowie ein Neues Testament in äthiopischer Sprache
schenken, und entließ darauf unseren Landsmann, der in die hohen kalten
Berge hinaufstieg, die sich an der Grenze der Provinzen Mans und Tegulet
hinziehen. Mans ist die größte Provinz Schoa’s und wird als Gut der
Königin-Witwe betrachtet; doch leben die Eingeborenen unabhängig und mit
allen Nachbarn im ewigen Kampfe. Auch gegen Krapf waren sie höchst
unfreundlich, der sich freute, ihr kaltes Land bald verlassen zu können. Er
passirte verschiedene nach Westen fließende kleine Zuflüsse des Nil und
stieg dann von den Höhen beim Dorfe Amad-Wascha in das Thal des Flusses
Katscheni hinab, der die Grenze gegen die von den Wollo-Galla bewohnte
Provinz Gesche ausmacht. Der Häuptling der Galla, Adara Bille, residirte
damals im Distrikte Lagga Gora und stand mit Schoa in friedlichen
Beziehungen; er empfing den Gast freundschaftlich und entließ ihn am
nächsten Tage mit einem Führer versehen.

Am 23. März gelangte der Reisende an das Ufer des Flusses Beschlo und
erstieg die Hochebene von Talanta. Hier kamen ihm zahlreiche Flüchtlinge
[pg 132]entgegen, die mit Weib und Kind vor der Invasion eines Galla-
Stammes davon flohen und auch Krapf veranlaßten, zu dem anscheinend
freundlichen Adara Bille umzukehren, der auch noch immer die alten
Sympathien für den Reisenden zu hegen schien. Als jedoch nach Verlauf von
zwei Tagen das Land sich einigermaßen beruhigt hatte und Krapf seine Reise
fortsetzen wollte, erklärte ihm Adara Bille, daß er ihn nach Schoa
zurücksenden müsse, da er nur für e i n m a l die Erlaubniß erhalten hätte, das
Land zu verlassen. Vergebens war alles Protestiren. Man suchte Gold bei
ihm, nahm ihm seine Maulthiere und Pferde und ließ ihn durch Soldaten
bewachen. Als er nun trotzdem seine übrig gebliebene Habe
zusammenpackte und aufzubrechen versuchte, wurde er ergriffen und in ein
kleines Gemach abgeführt, wo man ihm, unter Androhung der Todesstrafe,
sein ganzes Gut, sogar seinen Mantel wegnahm. Selbst die Taschen kehrte
man ihm um und raubte ihm die letzten Kleinigkeiten. In diesem Zustande
hielt man ihn mehrere Tage gefangen, und auf vieles Bitten gelang es ihm
endlich sein Tagebuch, 3 Thaler und das schlechteste Maulthier wieder zu
bekommen. Dagegen waren fünf Maulthiere, 140 Thaler, die Pistolen und
Flinten, der Kompaß, die Uhr und viele andere werthvolle Dinge
unwiderbringlich verloren. Gott war der einzige Trost des frommen Mannes

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in diesen Leiden, der nun, von sechs Soldaten begleitet, über die Grenze
transportirt wurde.1

Bettelnd gelangte er in das schöne, vom Dscherado durchströmte Thal
Totola, in dem ein lebhafter, aus allen Theilen Abessiniens besuchter Markt
abgehalten wird. Zu beiden Seiten desselben erheben sich hohe mit Dörfern,
Weilern und Wachholderbäumen bestandene Bergketten, die den gebeugten
Krapf durch ihre wunderbare Schönheit entzückten. Allein die rohen
Soldaten trieben ihn mit den Worten fort: „Du bist unser Vieh, wir können
mit dir anfangen, was uns beliebt.“ Am Ufer des Flusses Berkona, der dem
Hawasch zufließt, traf man auf einen Kaufmann, der nicht wenig erstaunt
war, einen weißen Mann auf diese Art durch das Land geführt zu sehen.
Dieser, in dessen Brust wol Mitleid rege wurde, ertheilte Krapf den Rath, er
solle laut schreien, wenn er viele Leute in den Feldern bemerke; diese
würden alsbald herbeieilen und ihn zum Gouverneur Amadié führen, der auf
einem hohen Berge zu Mofa, in der Nähe des Sees Haik, residire. Krapf
befolgte diese Weisung und sah sich bald von Landleuten umringt, die ihn
trotz des Sträubens der Soldaten befreiten und zu Amadié führten, dem
Häuptlinge der Tehulladarié-Galla. Dieser schickte die Soldaten Adara
Bille’s augenblicklich zurück und ließ den geprüften Mann ruhig seine
Straße ziehen. Auf mühevollem Wege wanderte Krapf nun von Station zu
Station durch wilde ungastliche Völker von dem [pg 133]See Haik an der
nordöstlichen Grenze von Schoa über Jedschau, Angot, Wafila, Lasta,
Enderta und das östliche und nordöstliche Tigrié bettelnd bis Massaua, wo
der französische Konsul de Goutin ihm die Heimreise möglich machte, die
er am 4. Mai antrat. In Schoa aber befand sich keine Mission mehr. D e r
d r i t t e m i ß l u n g e n e Ve r s u c h .

Wer jedoch glauben würde, die eifrigen Missionäre hätten sich durch solchen
betrübenden Ausgang abhalten lassen, weiter zu wirken, würde arg irren. Mit
einer Menge Lehrmittel, Bibelübersetzungen und Wörterbüchern versehen,
preiswürdigen Zeugnissen echt deutschen Fleißes, gingen 1842 Isenberg,
Krapf und Mühleisen abermals nach der Somaliküste, um über Zeyla nach
Schoa vorzudringen, wo immer noch die britische Gesandtschaft unter
Kapitän Harris weilte. Schon an der Küste stellten sich die größten
Schwierigkeiten einem weiteren Vordringen nach Schoa entgegen und man
traf auf Intriguen aller Art. Auch soll der französische Reisende Rochet

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seinen ganzen Einfluß bei Sahela Selassié angewandt haben, um den
deutschen Männern den Eingang nach Schoa zu verschließen. (Vergl. S. 29.)

Krapf hatte einen Brief an Sahela Selassié geschrieben und angezeigt, daß er
nach Ankober gehen würde. Nach der Ankunft des Schreibens wurden
Versammlungen in allen Kirchen der Hauptstadt gehalten, und Deputationen
der Geistlichkeit, Priester und Mönche verfügten sich geraden Weges zum
Palaste, um den König anzuflehen, daß weder Krapf noch Isenberg
zugelassen werden möchten. „Ihre Werke sind nicht die unserigen und ihr
heiliges Buch ist verschieden von dem, was in unserem Lande als das wahre
betrachtet worden ist. Erlaubt man ihnen zurückzukehren, so wird das Volk
vom Glauben seiner Väter abfallen.“ Dergestalt gedrängt, entschied Sahela
Selassié gegen Kapitän Harris, welcher sich für die Missionäre verwandte:
„Isenberg und Krapf können nicht wieder in mein Land kommen, mein Volk
will es ihnen nicht erlauben. Ich habe lange darüber nachgedacht und es ist
besser, wenn sie wegbleiben; ich will keinem wieder erlauben, je wieder
über den Hawasch zu kommen.“ Und dabei blieb es, die Missionäre zogen
betrübt ab. Man kann sich vorstellen, wie dieses abermalige Scheitern aller
Hoffnungen auf die glaubenseifrigen Priester zurückwirken mußte, welche
durch ein Schreiben des Kapitän Harris von diesen Vorgängen in Schoa in
Kenntniß gesetzt wurden. „Gern hätten wir unseren Augen und Ohren und
ebenso dem Zeugnisse dieses Briefes nicht getraut, gern uns die Sache
anders gedeutet und dargestellt; dazu fehlte uns aber alles Material, und wir
mußten bei der ersten Thatsache stehen bleiben: die Mission in Schoa ist
aufgehoben, sie ist nicht mehr.“ D e r v i e r t e m i ß l u n g e n e
Ve r s u c h .

Waren dergestalt alle Aussichten im Süden benommen, so wollte man
abermals das alte Feld im Norden, in Tigrié, aufsuchen und sehen, ob sich
hier die Verhältnisse seit 1838 nicht etwa günstiger gestaltet hätten. Im April
1843 brachen Isenberg und Mühleisen, fortwährend große Massen von
Bibeln verbreitend, von Massaua aus, die Provinz Hamasién durchziehend,
nach Adoa, der [pg 134]Hauptstadt Tigrié’s, auf, wo sie ihr altes Haus zum
Theil verwüstet fanden. Gleich nach ihrer Ankunft wurde die Priesterschaft
und das Volk gegen sie aufgehetzt und ihre Lage gestaltete sich von allem
Anfange an noch schwieriger als zuvor. Die Missionäre hatten ein
förmliches theologisches Examen vor den abessinischen Geistlichen zu
bestehen und wurden, als dieses nicht nach dem Wunsche der letzteren

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ausfiel, in Bann gethan. Auch soll der katholische Bischof de Jacobis,
welcher damals in Adoa eine Mission leitete, gegen sie intriguirt haben.
Isenberg reiste nun selbst in das Feldlager des Herrschers Ubié, wurde aber
von diesem nicht vorgelassen, sondern mit dem Bescheid abgewiesen: „er
habe die Abessinier lange genug durch Abendmahlhalten, Taufen, Trauen,
Begraben in seinem Hause beleidigt, deshalb sei er früher aus dem Lande
gewiesen; jetzt sei er wiedergekommen und verharre in seiner
Hartnäckigkeit; er habe die Jungfrau Maria gelästert, ja, er sei soweit
gegangen, daß er in den Schriften der Apostel unterrichten wolle. Er solle
also in sein Land zurückkehren, denn in Tigrié dürfe er nicht bleiben.“ So
mußten die Missionäre also auch jetzt wieder umkehren, und nun schien der
letzte Hoffnungsstrahl vernichtet. Isenberg tröstete sich dann über das
Scheitern seines Missionswerkes folgendermaßen: „Durch das ganze Land
hindurch hat sich ein bestimmter Eindruck von dem Zwecke unserer Mission
verbreitet, und was noch weit mehr ist, sie haben mehr als 8000 Exemplare
verschiedener Theile der Heiligen Schrift in amharischer und äthiopischer
Sprache, unter welchen sich eine Anzahl amharischer ganzer Bibeln
befindet, erhalten, welche nun auch nicht müßig liegen, sondern gewiß eine
stille Wirksamkeit auf manche ihrer Besitzer und Leser ausüben werden. Die
Abessinier haben sich durch gleichgiltige Vernachlässigung und ungläubige
Verachtung des Evangeliums, durch ihr starres Anhangen an ihren
eingewurzelten Thorheiten und Sünden, durch ihre allgemeine Trägheit und
Habsucht einer längeren Fortdauer der evangelischen Mission in ihrem
Lande für unwerth erklärt, und dem Herrn hat es in seinem Wunderrathe
gefallen, sie für die nächste Zukunft aufzuheben.“ D e r f ü n f t e
m i ß l u n g e n e Ve r s u c h .

Ehe wir die ferneren Anstrengungen der protestantischen Missionäre hier
schildern, die trotz Allem keineswegs gewillt waren, das unfruchtbare Feld
aufzugeben, müssen wir hier die Thätigkeit der kaum minder eifrigen
katholischen Glaubensboten anführen, die aber fast ebenso wenig Erfolge
aufzuweisen haben, wie jene. Es ist eine betrübende Thatsache, daß überall
katholische und protestantische Missionäre einander befeinden. Kaum ist ein
Katholik auf irgendeinem neuen Gebiete erschienen, um für seinen Glauben
Propaganda zu machen, so folgt ihm ein Protestant, macht ihm das Feld
streitig und beginnt unter den braunen, schwarzen, gelben oder rothen
Menschen für seine Sache zu wirken. Oder umgekehrt. Leicht wäre es,
hierfür viele Beispiele anzuführen, denn in Afrika, Nordamerika, auf

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Madagascar, in der Südsee, überall wiederholt sich dasselbe Schauspiel, und
die Eingeborenen sollen schließlich Richter sein zwischen den Lehren des
Protestantismus und Katholizismus. Daß auf diese Weise die Sache nicht
gefördert wird, ist nur zu natürlich. Jeder Theil schiebt indessen [pg 135]die
Schuld auf den andern, und dem Unparteiischen fällt es schwer, anders zu
entscheiden, als daß b e i d e gefehlt. So auch in Abessinien.

Die katholische Kirche betrachtete das Land seit der Verjagung der Jesuiten
im 17. Jahrhundert immer nur wie eine abgefallene, aber wieder zu
erobernde Provinz und beschloß, auch diese Eroberung zu beginnen, kurz
nachdem die Protestanten sich in Tigrié niedergelassen hatten. Der Anfang
damit wurde im März 1838 gemacht, als der italienische Priester
G i u s e p p e S a p e t o zugleich mit dem Reisenden M . A b b a d i e in
Adoa ankam. Bei Ubié stellte er sich als Eins mit den Abessiniern in der
Religion dar und gewann bald Einfluß, den er, eingestandenermaßen, gegen
die Ketzer Isenberg und Krapf verwandte, sodaß diese mit Recht seinem
Einflusse ihre Verjagung aus Adoa zuschreiben. Sapeto besuchte nun die
abessinischen Kirchen, schloß sich dem Gottesdienst an und geberdete sich
in Allem als abessinischer Christ und arbeitete nicht ohne Erfolg. Er machte
22 Proselyten, die jedoch später wieder zu ihrer Landeskirche zurücktraten.
Ehe er Abessinien verließ, bewog er den Etschegé, das Oberhaupt der
abessinischen Mönche, einen Brief an den Papst zu schreiben, dessen Primat
als Nachfolger Petri die Abessinier im Allgemeinen anerkennen, ohne ihm
jedoch eine Macht über ihre Kirche einzuräumen. Die verschiedenen
Sendungen der französischen Regierung trugen ohnehin dazu bei, das Werk
der römischen Mission in Adoa zu fördern, und so entschloß sich denn der
Papst, mit noch größerem Nachdrucke aufzutreten. Der Pater de Jacobis, ein
Piemontese von Geburt und früher Beichtvater der Königin von Neapel, ein
durch große Kenntnisse und geistige Gaben ausgezeichneter Mann, ging mit
sechs Gefährten nach Adoa, wo er bei Ubié zu bedeutendem Einflusse
gelangte und von diesem mit der Gesandtschaft betraut wurde, welche 1841
den neuen Abuna Abba Salama abholen sollte. Während de Jacobis weiter
nach Rom ging, wo er einige junge Abessinier als „Gesandte des Königs von
Aethiopien an den Papst“ vorstellte, agitirte der junge Abuna hinter seinem
Rücken und griff zu allen möglichen Mitteln, um die katholischen
Proselyten wieder zur Landeskirche zurückzubringen, was ihm auch gelang,
sodaß Jacobis nach seiner Rückkehr in Adoa sich darauf beschränken mußte,
seiner zahlreichen Dienerschaft im Missionshause Gottesdienst zu halten.

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Wie der Abuna über den katholischen Missionär dachte, sieht man aus einem
Schreiben, welches er 1843 an Isenberg kurz vor dessen Abgang richtete und
in welchem es heißt: „Wenn Sie selbst den „Jakob“ vertreiben können u n d
d a n n i n R u h e h i e r b l e i b e n, so wird Alles gut gehen; wenn Sie das
aber nicht können, so werde ich auch ihm nicht erlauben, in unserm Lande
zu bleiben. Wenn ich ihn aber vertreibe, so werden wir verhaßt werden, und
man wird sagen, ich sei ein Freund der Engländer. Wenn Sie mir aber sagen,
ich solle ihn vertreiben, so will ich ihn vertreiben.“ Die Katholiken hatten
eine lange Zeit in Abessinien wirken können, denn erst im Frühjahr 1855, als
Theodor über seinen Gegner Ubié siegte, wurden sie von ersterem, dem es
an der Einheit der Staatskirche lag, verjagt. Justin de Jacobis sollte Anfangs
getödtet werden, allein Theodoros ließ sich durch den Abuna bestimmen, ihn
einfach über die [pg 136]Grenze zu weisen und mit 100 Stockstreichen zu
bedrohen, wenn er wieder nach Habesch kommen sollte. Theodoros hielt
sich zu diesem Schritte berechtigt, so lange der Papst in Rom anders
lehrende Priester in seinem Gebiete und seiner Kirche nicht dulde und weil
er neben seinem eigenen Papste (dem Abuna) einen fremden nicht zulassen
könne. Die Anhänger der römisch-katholischen Kirche mußten zum
abessinischen Glauben zurückkehren, und so war die siebzehnjährige
Thätigkeit derselben mit einem Schlage vernichtet. Jacobis zog sich nach
dem Grenzorte Halai zurück, wo er am 31. Juli 1860 starb. Indessen sollen
noch mehrere Gemeinden in Okulekusai und das Hirtenvolk der Irop zu den
eifrigen Anhängern der katholischen Mission zählen. Auch in der Provinz
Agamié und Bogos (zu Keren) waren Jesuiten angesessen, und mehr als 30
eingeborene Priester, die für das Land sehr gebildet sind, breiteten den
Glauben um so eifriger aus, da sie als Landeskinder nicht das Mißtrauen, das
jeden Fremden empfängt, zu bekämpfen hatten. Die Kirchen wurden
fleißiger besucht, die Ehen regelmäßiger geschlossen und das Volk darum
schon eher für den Katholizismus gewonnen, weil die Jesuiten namentlich
den Mariendienst stark kultivirten, der den Abessiniern zusagt. Allein gegen
die Feindschaft Theodor’s und des Abuna konnten auch die Katholiken nicht
aufkommen, und ihre Mission hatte ein Ende. D e r s e c h s t e
m i ß l u n g e n e Ve r s u c h .

Zu derselben Zeit nun, als die Katholiken aus Abessinien vertrieben wurden
und dort die großen politischen Umwälzungen stattfanden, welche Theodor
ans Ruder brachten, beschloß Bischof Gobat die protestantische Mission, die
in Tigrié seit 1838 unterbrochen war, abermals zu erneuern und sandte zu

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diesem Zwecke Ludwig Krapf, den unermüdlichen Kämpfer, und M a r t i n
F l a d, gleich jenem ein Württemberger, im Dezember 1854 nach
Abessinien. Die Sendboten landeten am 20. Februar 1855 zu Massaua. Hier
traf nun bald der flüchtige de Jacobis ein, dessen Stelle zu besetzen die
protestantischen Missionäre sich schleunig anschickten. Alles stand für sie
günstig; sie brachen ins Innere auf und fanden den König im Lager in der
Nähe von Debra Tabor, der sich ungemein freundlich gegen die Missionäre
benahm. Daß er die Protestanten schützen, die Katholiken aber keineswegs
dulden wolle, war eine angenehme Nachricht für Krapf, der sofort seine
Geschenke auspackte. Diese bestanden in einem ägyptischen Teppich, einem
Revolver, einem silbernen Becher, einem Taschentuch, auf dem eine
Flaggenkarte abgedruckt war, und aus einer Bibel in amharischer Sprache.
Das Taschentuch freute den König sehr, und als er bemerkte, daß die Flagge
von Jerusalem nicht in der Mitte stehe, fragte er nach der Ursache. Krapf
theilte nun dem Könige mit, daß Bischof Gobat ihm eine Anzahl christlicher
Handwerker, Büchsenmacher, Schmiede u. s. w. schicken wolle. Dieser Plan
fand günstige Aufnahme, um so mehr als der König bereits die Absicht hatte,
nach Deutschland, England und Frankreich zu schreiben, um sich von dort
Arbeiter kommen zu lassen. Die Freiheit der Religion wurde diesen Leuten
ausdrücklich gewährleistet, eine Missionsthätigkeit unter den christlichen
Abessiniern ihnen jedoch nicht gestattet. Krapf und Flad zogen hierauf über
Wochni, Metemmé [pg 137]und Sennar, den Nil abwärts nach Europa, wo
sie Bericht über ihre Reise erstatteten. Schon im April 1856 gingen denn
unter Flad’s Leitung mehrere Laienbrüder aus dem Chrischona-Institute bei
Basel nach Abessinien. Sie wurden Anfangs gut aufgenommen und zu
Dschenda bei Gondar und Gafat bei Debra Tabor angesiedelt. Ihre spätere
Wirksamkeit fällt indessen mit der politischen Geschichte des Königs
Theodoros zusammen, weshalb wir hier darauf verzichten, sie zu schildern.
Wohl waren sie als Handwerker thätig, indessen konnten sie für die
Ausbreitung des Protestantismus so gut wie gar nichts thun, und ihre
Anwesenheit in Abessinien bezeichnet den s i e b e n t e n m i ß l u n g e n e n
M i s s i o n s v e r s u c h. Gleich ihnen waren auch die etwas später
eintreffenden Judenmissionäre S t e r n und R o s e n t h a l unglücklich, deren
Beginnen als der a c h t e m i ß g l ü c k t e Ve r s u c h hier angeführt
werden muß.

Page 199

Wohl ist das Missionswerk ein preiswürdiges, wohl verdienen jene Männer
wegen ihres Eifers, ihrer unermüdlichen Ausdauer unser Lob. Allein von
Mißgriffen waren die wenigsten frei und das stete Einmischen in die
politischen Verhältnisse des Landes ein arger Fehler. Auch ist ihr Blick
selten vorurtheilsfrei den gegebenen Verhältnissen gegenüber gewesen und
leere Hoffnungen traten stets an die Stelle wirklicher Erfolge. Reisende, die
ungetrübten Blickes Land und Leute kennen lernten, waren deshalb auch
ferne von den gleichen argen Täuschungen und stellten mit seltener
Einmüthigkeit das Erfolglose der Missionsbestrebungen in Abessinien dar.
Allein ihre klaren, für uns unumstößlichen Anschauungen und Beweise
haben für die Missionäre nicht die geringste Geltung, die beim Buchstaben
der Schrift stehen bleiben. Doch halten wir mit dem eigenen Urtheile zurück
und lassen wir die Aussprüche einiger der bewährtesten Reisenden über die
Missionen in Abessinien folgen.

W e r n e r M u n z i n g e r ist mit der Handwerkermission, insofern dieselbe
einfach Bildung verbreiten hilft, einverstanden. „Abessinien aber
protestantisch machen zu wollen, fährt er fort, das wäre ein Beginnen, so
radikal allem Hergebrachten ins Gesicht schlagend, daß die Leute, denen
man plötzlich ihren frommen Glauben und besonders die Verehrung der
Mutter Gottes rauben wollte, von allem Christenthum abwendig würden.
Das rücksichtslose Abreißen würde sie so stutzig und verwirrt machen, daß
sie das Kind mit dem Bade ausschütten und den Glauben allen zusammen,
sogar an Gott, wegwerfen würden, und mit der Verkündigung einer Religion,
die keine Verwandtschaft mit dem hat, was bis jetzt für schönes goldenes
Christenthum galt, wird allein ein krasser, gedankenloser Unglaube
gepflanzt, der dem Volke den moralischen Halt nimmt, den ihm sein alter
Glaube verliehen hatte. Wo aber ein Volk einmal den Glauben der Apostel
rein bewahrt zu haben glaubt, da darf man des Systemes halber nicht in ein
Extrem fallen; man muß nur das Mögliche versuchen, nur das Mögliche ist
gut.“

Weit unumwundener spricht sich A l f r e d B r e h m aus. Er schreibt: „Die
[pg 138]Bemühungen der Missionäre sind zeitweilig von großen Erfolgen
gekrönt gewesen. Zeitweilig, sage ich, das heißt, so lange die Mission
Geschenke der verschiedensten Art, namentlich Schnaps und Wein, zu
verabreichen hatte. Je mehr aber der Vorrath an diesen beliebten Getränken
abnahm, um so lauer wurden auch die Christen, und in den Zeiten der Dürre

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benahmen sie sich regelmäßig so, als wären sie niemals Christen gewesen.
Es geht hier eben wie fast überall, wo christliche Missionäre wirken: sie
gewinnen in kurzer Zeit eine Menge Leute, welche sich dazu verstehen,
einige Gebräuche des Christenthums nachzuäffen! Daß man sich in der
Lehre, wie in der Ausübung auf Aeußerlichkeiten beschränkt, versteht sich
ganz von selbst. – – Es verdient endlich einmal gesagt zu werden, daß die
christlichen Missionen in Afrika in Glaubenssachen eben nichts anderes
bewirken, als überspannten oder glaubenskranken Europäern eine gewisse
Genugthuung zu geben.“

Der klar blickende B a k e r, welcher in Galabat mit ein paar von den
Chrischona-Missionären zusammentraf, unter denen sich ein Grobschmied
befand, machte ihnen bemerklich, daß daheim in Europa ein sehr großes
Feld für die Missionsthätigkeit offen liege und daß es sicherer und besser
sei, dieses zu bebauen. „Ich konnte aber den Grobschmied, dessen Kopf so
hart wie sein Amboß war, nicht überzeugen. Er hatte sich vollständig
eingeredet, daß das Wort Gottes der Hammer sei, mit dem er, seinem
Handwerk entsprechend, seine Ansichten von der Wahrheit den Leuten in die
dicken Schädel treiben müsse. Ich rieth ihm wieder zu seinem Handwerk zu
greifen, das ihm mehr Respekt verschaffen werde als sein Predigen. Er
antwortete, das Wort Gottes müsse in allen Ländern gepredigt werden; der
Apostel Paulus sei auch Gefahren und Schwierigkeiten begegnet, aber er
habe nichtsdestoweniger gepredigt und die Heiden bekehrt. So oft ich einem
übermäßig unwissenden Missionär begegnet bin, hat er sich immer mit dem
Apostel Paulus verglichen.“

Endlich urtheilt der fromme und religiöse Z a n d e r, hart aber wahr,
folgendermaßen: „Alle abessinischen Missionen, die bisher hier waren,
haben ihre Aufgabe durchaus falsch angegriffen, indem sie sich an die
Erwachsenen wandten. Das Volk könnte nur einzig und allein dadurch
gehoben werden, daß man sich der Kinder von früh auf sorgfältig annähme
und sie gut erzöge. Eine Mission, die sich ungehindert dieser Aufgabe
hingeben würde, könnte unendlichen Segen und Nutzen stiften, allerdings
nicht für die Gegenwart, wohl aber für die Zukunft. Doch die bisherigen
Leiter aller Missionen sammt ihren Gehülfen waren rein unfähig, eine solche
Aufgabe zu vollführen, und die Missionshäupter wurden stets von Eitelkeit,
Hochmuth und grenzenloser Selbstsucht regiert. Sie schütteten stets das
Kind mit dem Bade aus.“

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Diese vorurtheilsfreien Stimmen, neben welchen leicht noch viele ähnlich
lautende Aussprüche angeführt werden könnten, mögen zur Bildung eines
Urtheils über das abessinische Missionswesen genügen.

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[pg 139]

Abessinierin, Getreide reinigend. Originalzeichnung von Eduard Zander.

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Der Ackerbau und die Viehzucht Abessiniens.

Von Eduard Zander.

Die Kulturfläche Abessiniens. – Die Getreidearten, ihre Anpflanzung und
Verwendung. – Gewürze, Gemüse, Wein, Baumwolle, Gescho. – Ernteertrag.
– Nuk. – Einfelderwirthschaft. – Ackerwerkzeuge. – Regenzeit. –
Bewässerung. – Soziale Stellung der Landleute. – Die Viehzucht. – Die
Regierung und der Grundbesitz. – Das Frohnwesen. – Steuern. – Wiesen und
Moorgrund. – Bienenzucht. – Aussicht für europäische Ansiedelungen. – Die
Wohnungen der Landleute. – Die Mühlen Abessiniens.

Abessinien besitzt sehr viel Land, welches sich vortrefflich zum Anbau
eignet; jedoch kann man mit Sicherheit annehmen, daß von allem
kultivirbaren Boden kaum die Hälfte benutzt wird, sodaß ungefähr von der
gesammten Bodenoberfläche kaum ein Drittel bebaut erscheint.

[pg 140]
Die zwischen 8000 und 10,000 Fuß über dem Meere gelegenen Hochländer,
wie Semién, die Wasserscheide des Rothen Meeres und Nilgebietes,
Begemeder, das Innere von Godscham, namentlich die Gebirge um die
Quellen des Blauen Nil, Sebit, Woadla, Daunt, Talanta, Lasta, Jedschu Wollo
und Schoa sind meist eben und abwechselnd mit sanften Hügeln und Höhen
bedeckt, die eine zwei bis acht Fuß mächtige, sich nie erschöpfende
Humusdecke tragen. In allen diesen Ländern wird, manchmal bis zu 11,000
Fuß hinaufreichend, die vierreihige Gerste kultivirt, während die zweireihige
nur zwischen 7000 und 8000 Fuß Meereshöhe angebaut wird. Die
verschiedenen Arten des Weizens, unter denen die Eidscha genannte die
vorzüglichste ist, gedeihen nur zwischen 8000 und 9000 Fuß; in derselben
Höhe kommt der Flachs am besten fort, obwol er bis zu 6000 Fuß hinabgeht.
Die Flachsbereitung zu Webereien kennt der Abessinier nicht; er baut das
nützliche Gewächs nur, um aus den Samen zur Fastenzeit ein
Lieblingsgericht herzustellen. Die Bereitung desselben ist sehr einfach. Man
röstet zunächst die Samen in einem flachen Tiegel über Feuer, doch nicht zu

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stark, und zerstößt sie hierauf in einem hölzernen Mörser sehr fein. So
zubereitet läßt sich die gestoßene Masse in Kugeln formen und für lange Zeit
aufbewahren. Um aus diesen ein Leingericht herzustellen, werden einige
Kugeln in Wasser zu einer dicken Suppe zerrührt, und in diese taucht der
Abessinier seine gesäuerten, dünn gebackenen Brote. Für weitere Reisen ist
diese Speise außerordentlich praktisch, ja fast unschätzbar; ich selbst habe
mich derselben häufig bedient und kann nur sagen, daß sie eine
wohlschmeckende ist. Linsen und Saubohnen gehen bis zu einer Höhe von
mehr als 9000 Fuß. Als Gemüse werden in dieser Höhe angebaut: Kohl, Senf
und Knoblauch.

Zwischen 6000 und 8000 Fuß Meereshöhe finden wir auch ganz
vortreffliche zum Ackerbau geeignete Landschaften: Hamasién und Serawié
mit durchgängig urbarem Boden, liegen 7000–7500 Fuß über dem Meere;
die Distrikte Dixan, Adigrat, Schumnesanié, Hausién, Faresmai, Adoa,
Okulekusai, Adiarwate, Schirié, Tembién, Axum, Auker, Enderta u. s. w., die
zu Tigrié gerechnet werden, und von Amhara: Bellesa, das niedere Woggera,
ganz Dembea, das niedere Begemeder, Dakussa, Halefa, das niedere Lasta
u. s. w. In den genannten Ländern auf einer Höhe von 7000 bis herab zu
5500 Fuß gedeihen vorzüglich folgende Getreidearten: Tiéf, das werthvollste
und wohlschmeckendste Korn, von dem viele Abarten gebaut werden; Mais
oder Maschilla, der gleichfalls in verschiedenen Varietäten vorkommt;
Dakuscha, die besonders zur Bierbereitung dient; Nuk, dessen Samen ein
vortreffliches Speiseöl liefert und der in großer Menge angebaut wird.
Schimbera, eine Wickenart; Erbsenarten; Saubohnen; als Gemüse gelten:
viele Melonensorten, spanischer Pfeffer, Zwiebeln, Kohl u. s. w.

Von 5000 Fuß bis zu 3000 Fuß über dem Meere werden noch besonders
Mais und Dakuscha gebaut, die dort vorzüglich gedeihen. Dann Schimbera,
spanischer Pfeffer und besonders Melonen. Auch kommt die Baumwolle gut
fort.

[pg 141]
Nach diesem flüchtigen Umriß, der nur dazu dient, die Kulturpflanzen nach
der Höhe ihres Standpunktes und Vorkommens über dem Meere anzuführen,
gehe ich ausführlicher auf deren Nutzbarkeit und Anwendung, deren Ertrag
und Preis, sowie auf Saatzeit und Ernte einer jeden ein.

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G e r s t e kommt zwei- und vierzeilig vor; letztere wird zwischen 8000 und
11,000 Fuß angebaut; da sie gegen Kälte und rauhe Witterung nicht so
empfindlich ist wie die erstere, läßt sich ihre Kultur mit mehr Gewinn
betreiben. Allein sie hat sehr dicke Hülsen und deshalb geben die Körner
nicht viel Mehl, nämlich 16 Metzen Gerste nur 10 Metzen Mehl. Wenn, wie
gewöhnlich, im März und April einiger Regen gefallen ist, findet die Aussaat
statt. Ende Juni folgt dann eine – meist mißrathende – Nachsaat. Jedoch ist
die Aussaat nicht überall gleichzeitig. So säet man im Hochlande von Wollo
die Gerste fast zu jeder Zeit. Gewöhnlich fällt die Ernte Mitte Oktober bis
Ende November; auf den Höhen über 11,000 Fuß aber in den Dezember.
Unregelmäßige Aussaaten und Ernten sind von der Lage und Höhe des
Feldes abhängig. Die gewonnene Gerste wird zur Bierbereitung und zum
Brotbacken benutzt. Die G e r s t e n b r o t e sind 2–3 Linien dicke,
anderthalb Fuß im Durchmesser haltende runde Kuchen. Der Teig zu
denselben wird sehr dünnflüssig angestellt, einer zwölfstündigen Gährung
überlassen und ist dann sofort zum Backen geeignet. Die flüssige Masse
wird in eine flache, thönerne Schüssel gegossen, mit der Hand gleichmäßig
vertheilt, mit einem gewölbten Deckel überdeckt und in einer Minute über
freiem Feuer gar gebacken. Diese Art der Bereitung von gesäuertem Brote
wird bei allen Getreidearten ohne Ausnahme angewandt.

Zur B i e r b r a u e r e i wird die Gerste ohne vorheriges Malzen schwach
braun geröstet, dann grob gemahlen, das erhaltene Mehl in einen großen
thönernen Krug geschüttet und unter stetem Umarbeiten so viel Wasser
zugegossen, bis das Ganze in einen nicht zu dicken Brei verwandelt worden
ist. Nun wird auf folgende Art die eigentliche Würze bereitet. Man quellt
Gerste in einem Thonkruge 24 Stunden lang, schüttet das Wasser davon ab
und schichtet das gequollene Getreide in einem spitzen Haufen auf, den man
mit Gras oder Laub dicht zudeckt und mit Steinen beschwert. Dieser bleibt
so lange in Ruhe, bis die Gerste 2–3 Zoll lange Keime getrieben hat; dann
trocknet man diese schnell und bewahrt sie auf. Dieses Malz wird zur
Bierbereitung nun auf folgende Art verwendet. Man nimmt auf 32 Metzen
geröstetes Gerstenmehl ½ Metze Malz, das vorher zu Mehl zerrieben und,
mit 3 Metzen geröstetem Gerstenmehl vermischt, zu Teig angerührt ist.
Diese Masse läßt man kurze Zeit gähren und bäckt aus dem so erhaltenen
Teige dünne brotartige Kuchen, die am Feuer hart getrocknet und in kleine
Stückchen zerbröckelt werden. Die Quantität derselben und das geröstete
Gerstenmehl stehen in einem genauen Verhältnisse. Die gemischte Masse

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wird in ein trichterförmiges Pferdehaarsieb, das auf einem Thonkruge steht,
gestellt, dann Wasser darüber gegossen und nun unter fortwährendem
Wasserzugießen so lange durchgerührt, bis aller Mehlstoff, mit
Zurücklassung der Hülsen, in den Krug geflossen ist. Nach [pg 142]vier bis
sechs Stunden tritt in dem mit Wasser noch verdünnten Inhalte des Kruges
Gährung ein und das Bier ist zum Trinken fertig. Biere von anderen
Getreidearten, wie Dakuscha oder Mais, werden auf dieselbe Weise bereitet.
In Thonkrügen, deren Deckel mit Lehm und frischem Kuhmist verstrichen
sind, hält sich das Gebräu oft geraume Zeit.

Der W e i z e n wird zwischen 7000 und 9000 Fuß über dem Meere angebaut.
Die Saatzeit fällt mit jener der Gerste zusammen; die Ernte ist etwas später.
Wie schon bemerkt wurde, kultivirt man verschiedene Sorten. Die
gewöhnliche Benutzung des Weizens ist zur Bereitung von Hampascha-Brot,
dessen Teig mit Bierhefe angestellt, dick und steif ausgewirkt und zu Broten
von 1½ Zoll Dicke, aber beliebiger Größe, verbacken wird.

D a k u s c h a (Eleusine) wird zwischen 3500 und 6500 Fuß gebaut, ist aber
besonders in den Höhen zwischen 4000 und 5000 Fuß sehr ergiebig. Dieses
Getreide dient vorzüglich zur Bier-, weniger zur Brotbereitung; verbäckt
man es jedoch, so sind die warmen Kuchen sehr wohlschmeckend und
nährend. Die Saatzeit fällt Anfang März; die Ernte in den November und
Dezember. Es giebt schwarze und weiße Dakuscha.

T i é f oder Tef (Eragrostis), zwischen 5500 und 7500 Fuß gebaut, ist das
beliebteste, in einer Menge Arten vorkommende Getreide Abessiniens und
das aus diesem bereitete Brot das allerwohlschmeckendste im Lande,
besonders das rein weiße. Die Saatzeit richtet sich nach den verschiedenen
Sorten. Sie fällt von April bis Mitte Juni und danach die Ernte von Ende
September bis Anfang November.

M a i s oder Maschilla, in verschiedenen Sorten gebaut zwischen 3000 und
7000 Fuß, gedeiht am besten zwischen 3000 und 5000 Fuß, wo er oft zwei-
und dreihundertfältigen Ertrag liefert. Man verwendet ihn zum Brotbacken
und zur Bierbereitung. Die Aussaat beginnt im April, die Ernte fällt – je nach
Sorte und Standort – in den November und Dezember; in Woro Haimano gar
schon zu Anfang Oktober.

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S c h i m b e r a (Lathyrus), eine Wickenart, zwischen 4000 und 7000 Fuß
angebaut, wird vorzüglich zu Schiro, einem Lieblingsgerichte der
Abessinier, verwendet. Man röstet hierzu die Samen, enthülst sie auf der
Mühle, setzt spanischen Pfeffer, geröstete Zwiebeln und Salz zu und mahlt
die ganze Masse zu Pulver. In siedendes Wasser nach und nach eingerührt,
mit Schmalzbutter oder Oel gefettet, bildet es ein gutes Gericht. Auch backt
man aus dem Mehle ungesäuerte Kuchen, die als Reiseprovision geschätzt
sind. Die Saat beginnt gleich nach der Regenzeit – da die Pflanze trockene
Luft und Sonne liebt – also Anfang September. Wo die Felder naß und
sumpfig sind, beginnt die Aussaat erst im Oktober oder gar im November.
Die Ernte erfolgt drei Monate später. Man unterscheidet eine weiße und eine
gelbe Schimbera.

Zwei Arten S a u b o h n e n und eine E r b s e werden wie die vorige
verwendet. Man baut sie zwischen 6000 und 9000 Fuß, sät zu Anfang Juli
und erntet im Oktober.

[pg 143]

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Henset-Bananenpflanzung (Musa Ensete). Nach v. Heuglin (Natur 1861).

[pg 144]
Die L i n s e kultivirt man zwischen 6000 und 9500 Fuß. Die Saat derselben
erfolgt Anfang Juli, die Ernte Anfang Oktober. Gewöhnlich enthülst man die
Linsen auf der Mühle, kocht sie, würzt sie mit Pfeffer, Salz und Butter und
genießt sie auf diese Weise. Wo sie aber, wie in Woadla und Daunt, viel
gebaut wird, bäckt man auch gesäuertes Brot daraus, das allerdings nicht
sonderlich gut ist. E i w i s c h, eine Bohnen- oder Kleeart, zwischen 6000
und 7000 Fuß, wird im August gesät und im Dezember geerntet. Die
abgekochten und fein zerriebenen, dann so lange umgerührten Samen, bis sie
einen kleisterartigen Brei liefern, der mit Knoblauch und Pfeffer gewürzt
wird, sind die beliebteste Fastendelikatesse der Abessinier. A t u n k e r e,
eine Schlingbohne, zwischen 5000 und 6500 Fuß gebaut, im April gesät,
Anfang November geerntet, wird wie die Linsen gegessen.

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Der rothe oder s p a n i s c h e P f e f f e r ist das hauptsächlichste und
beliebteste Gewürz der Abessinier, das diesen so unentbehrlich geworden ist,
daß sie es handvollweise den Speisen beimischen. Die abgekochten, aber
fortwährend feuchtgehaltenen Früchte werden auf der Mühle zu feinem
Pulver zerrieben, dann eine gleiche Quantität gerösteter, feingemahlener
Zwiebeln zugesetzt, einige wohlriechende, pulverisirte Pflanzen und Salz
beigemischt und die so bereitete Würze aufbewahrt. Manchmal reibt man
den Pfeffer auch nur mit Salz und Wasser ab. Man baut den Pfeffer zwischen
4000 und 6500 Fuß und bewässert ihn wohl; in Dembea wird er ohne
Bewässerung gezogen und Ende Oktober geerntet. Andere Gewürze sind
Sinjewil, eine beliebte, dem Pfeffer beigemischte Kalmuswurzel; gleich
dieser benutzt man noch Adees, eine Rubiacee, die Samen der Awoseda,
einer Umbellifere, und Schenadam, eine Labiate. Die Samen des Föto,
welches unserer Gartenkresse gleicht, werden gleichfalls gegessen; jene des
Schuf, einer Compositee, wie Schiro zubereitet. Dinnitsch ist ein
Convolvulus, dessen den Kartoffeln ähnliche Wurzelknollen eine
wohlschmeckende Speise liefern.

Zu den G e m ü s e n übergehend, erwähne ich zunächst zwei sehr beliebte,
wie unser Raps aussehende Kohlarten, deren Blätter wie Spinat gekocht
werden. Im Tiefland gedeiht der Kohl nur in der Regenzeit bis zu Anfang
Oktober; im Hochland aber bis zu 10,000 Fuß grünt er das ganze Jahr
hindurch. Der reichliche, ölige Samen wird nur zur Aussaat und zum
Einreiben der Backschüsseln benutzt, damit sich das Brot gut löse. Das
einzige Gemüse, auf dessen Anbau die Abessinier neben dem rothen Pfeffer
noch Fleiß verwenden, sind verschiedene Melonenarten, die nicht roh, wohl
aber gekocht genossen werden. Die Samen legt man Anfang April; fehlen
dann die Regen, so müssen die jungen Pflänzchen bis zum Eintritt der
Regenzeit bewässert werden. Die Früchte beginnen Anfang September zu
reifen. In einigen Gegenden baut man auch vortreffliche Gurken
(Wuschisch). Das Gewürz Bello, eine Solanumart, dessen Samen ähnlich
wie der rothe Pfeffer benutzt werden, kultivirt man besonders in Walduba bis
zu 6000 Fuß Höhe. Man bedient sich seiner namentlich in den 60tägigen
Osterfasten.

[pg 145]
In der gleichen Zeit bildet auch der Knoblauch, der zwischen 7000 und 8500
Fuß häufig gebaut wird, einen beträchtlichen Handelsartikel. Er wird dann

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stark gegessen, und man sieht sehr oft, wie der Abessinier ganze Hände voll
der rohen Zwiebeln hinabwürgt. Es kann nichts Unangenehmeres geben als
die Berührung mit einem Knoblauchsfresser, dessen stinkender Athem
unerträglich ist. Die Reife des Knoblauchs beginnt im Januar und Februar.
Mit dem Ausgange der Regenzeit pflanzt man eine kleine, rothe, längliche
Zwiebel; sie wird bewässert und reift zugleich mit dem Knoblauch. Ihre
Verbreitungsregion ist zwischen 5500 und 8000 Fuß; der Handel damit sehr
bedeutend.

Die B a n a n e oder Mus (Musa paradisiaca) wird zwischen 5000 und 6500
Fuß kultivirt. Höher hinauf bis zu 7500 Fuß kommt eine zweite ihr ganz
ähnliche Art, die H e n s e t, vor. Ihre kleinen Früchte sind aber nicht eßbar,
dagegen liefern der fleischige Stamm und die starken Blattrippen im
gekochten Zustande eine nahrhafte, wohlschmeckende, den Kartoffeln
ähnliche Speise. Diese Riesenpflanze liefert in manchen Gegenden die
Hauptnahrung der Bewohner. Sie wird angebaut von 5500 bis zu 8000 Fuß
über dem Meere.

Der W e i n kommt zwischen 5000 und 7500 Fuß über dem Meere vor, ist
aber nur sehr wenig in Abessinien verbreitet, doch von ganz vortrefflichem
Geschmack; ja, ich kann behaupten, daß, wenn man denselben mit
europäischer Umsicht, Geschicklichkeit und Pflege behandelte, er seines
Gleichen nicht finden würde. Doch der Abessinier kennt weder Pflege noch
Wartung des edlen Gewächses, dessen Verschneiden ihm ein unbekanntes
Ding ist; er überläßt die Rebe ganz sich selbst. Aber es giebt ungemein viel
Strecken im Lande, die unter verständigen Händen sich ganz vorzüglich zur
Weinkultur eignen würden. Man baut nur eine Sorte mit großen,
blaubeerigen Trauben, die je nach Stand und Ort von Anfang März bis Mitte
April reifen. (Vergl. S. 57.)

Citronen, Pomeranzen, Pfirsiche gedeihen im verwilderten Zustande sehr
gut, sind aber wenig verbreitet. Eine Citronensorte, Trunki genannt, erreicht
die Größe eines Menschenkopfes; ihr angenehm schmeckendes Fleisch ist
sehr beliebt. Hier und da finden sich auch saure Granatäpfel.

Die B a u m w o l l e wird nicht in dem Maße gebaut, um die Bedürfnisse des
Volkes decken zu können. Abermals ein trauriger Beweis von der
Unbetriebsamkeit und dem Unfleiße der Abessinier! Und doch fehlt es nicht

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an geeigneten Ländereien. Man könnte sehr leicht den achten Theil
Abessiniens mit der nützlichen Pflanze bestellen – leider überläßt man
denselben lieber den wilden Bestien als Tummelplatz. Zwischen 3000 und
5000 Fuß gedeiht eine vorzügliche Qualität, und dabei bezieht man
Baumwolle aus fremden Ländern!

Rauchtabak wird im Lande selbst gebaut und fabrizirt; Schnupftabak
dagegen, den man nicht zu bereiten versteht, von Massaua bezogen. Die
Summe, welche jährlich aus Abessinien nach Massaua wandert, ist sehr
groß, und welchen Ersatz hat das Land für das viele ihm entgehende Geld?
Antwort: keinen.

Die Blätter des G e s c h o b a u m e s, die einen nicht unbeträchtlichen
Handelsartikel bilden, vertreten in Abessinien die Stelle des Hopfens und
werden [pg 146]beim Bierbrauen und bei der Herstellung des
H o n i g w e i n e s benutzt. Letzteren bereitet man auf folgende Art. Auf ein
Maß Honig giebt man fünf Maß Wasser, spült das Wachs aus und gießt die
dünne Honigflüssigkeit in einen wohlgereinigten, sechs Maß fassenden
Krug. Man fügt eine Hand voll Geschoblätter hinzu und läßt das Ganze bei
mäßiger Wärme vier bis fünf Tage gähren. Nun ist der Wein fertig – allein
trinken darf ihn nicht Jedermann, da er königliches Monopol ist und der
Herrscher den Genuß desselben nur seinen vorzüglichsten Dienern und den
Fremden gestattet.

Da der Abessinier weder Lust noch Liebe zur Arbeit und Thätigkeit hat, so
läßt er all den genannten Kulturpflanzen nur wenig Pflege und Wartung
angedeihen; seine Felder, seine Anpflanzungen gleichen fast immer einer
Wildniß. Liebe, Sinn für die Natur und ihre Schönheiten sind ihm
unbekannt; wie sein Feld, so ist auch sein Sinn und Herz stets eine Wildniß.

Folgendes sind die d u r c h s c h n i t t l i c h e n Ernteergebnisse, jedoch ist
dabei zu bemerken, daß der Ertrag der Mais- und Dakuscha-Arten in den
tiefer gelegenen Ländern am Mareb, Takazzié und Nil nicht als Norm
anzunehmen ist, da hier der Ertrag, je nach der Bodengüte, oft drei- und
vierhundertfältig ausfällt. Je e i n Scheffel Tiéf giebt 30, Mais 150, Weizen
10, Dakuscha 20, Lein 24, Gerste 12, Linsen 6, Saubohnen 10, Schimbera 8
und Nuk 40 Scheffel Ernteerträgniß im Durchschnitt.

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Nur eine einzige Oelfrucht, N u k (Guizotia olifera) wird zwischen 5000 und
7000 Fuß angebaut. Die Aussaat beginnt mit dem Eintritte der Regenzeit zu
Anfang Juli und 1 Scheffel liefert 30–40 Scheffel Ertrag. Das Nuköl ist sehr
wohlschmeckend und dient in der Fastenzeit statt der dann verbotenen
Butter. Um das Oel zu gewinnen, werden die Samen zuerst schwach
geröstet, fein gestampft und unter Wasserzusatz bei stetem Umrühren unter
Beibehaltung einer Wärme von etwa 50° R. über dem Feuer erhalten.
Alsdann scheidet sich das Oel aus, von dem die Samen etwa 35 Prozent
enthalten.

Der Abessinier hat durchschnittlich eine E i n f e l d e r w i r t h s c h a f t und
nur hier und da Zweifelderwirthschaft. Er düngt nicht, obgleich er den
Nutzen der Felderdüngung sehr gut kennt. Allein seine Unlust zur Arbeit und
sonstigen Thätigkeit, seine Stellung zur Regierung sind für ihn Hindernisse,
die er niemals zu überwinden vermag. Diese Indolenz wird vorzüglich durch
die Größe und durch den Reichthum seines Landbesitzes genährt, denn
schon wenn der vierte Theil der Felder bestellt ist, sind die
Lebensbedürfnisse des Besitzers gesichert. Gewöhnlich liegt der dritte Theil
brach; wo der Boden sehr humusreich ist, bestellt man jedoch nur die Hälfte.
Man muß die traurigen Zustände mit eigenen Augen gesehen haben, um
einen Begriff von Brachfeldern zu erhalten, die drei Jahre, ohne vom Pfluge
berührt zu werden, wüst liegen!

Ein solches „Ackerfeld“ gleicht gewissermaßen einer gut aufkeimenden
Waldung, denn die wilde Vegetation wuchert in Abessinien ungemein
schnell; [pg 147]man scheut auch das Ausroden der Strünke und Wurzeln
und begnügt sich damit, die Baumstämme 1–2 Fuß über dem Boden
abzuhauen. So sieht man die Felder mit großen und kleinen, oft Jahrhunderte
alten Stämmen und Wurzeln bedeckt. Und nun erst die Steine, die groß und
klein, oft so dicht, daß man kaum den Boden erkennt, über den Acker
zerstreut liegen! Nicht einmal den kleinsten Stein entschließt sich der
Abessinier auf die Seite zu schaffen. Wie viel gutes Ackerfeld geht also auch
hierdurch verloren!

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Naht die Zeit heran, daß diese Ackerwüste bestellt werden soll, so sendet der
Eigenthümer oder Bauer seinen Knecht dorthin; hat er Lust dazu, so geht er
auch wol selbst auf das Feld. Dort angelangt, besteht die einzige Arbeit
darin, das aufgewucherte Gestrüpp, Strauchwerk und Holz niederzuhauen.
Dies geschieht gewöhnlich gleich nach der Ernte im November, Dezember,
Januar, und von dieser Periode bis zur Bestellzeit hat das abgehauene Reisig
Zeit auszutrocknen; alsdann wird es in Brand gesetzt. Leicht und oft ereignet
es sich nun hierbei, daß auch die benachbarten Wildnisse Feuer fangen und
ein großer Brand über viele Meilen Landes sich verwüstend erstreckt. Die
von dem verbrannten Holzwerk zurückgebliebene Asche macht die einzige
Düngung des Landes aus. Stellen sich dann die ersten Regengüsse ein, so
wird der Pflug angesetzt und der Boden hintereinander zweimal umgepflügt,
einmal der Länge und einmal der Breite nach. Die Saat wird schon vorher
ausgestreut und mit untergepflügt; eine nachherige Aussaat kennt der
Abessinier nur bei Tiéf und Dakuscha, bei welchen die Hände der Weiber
und Kinder dann das Geschäft des Eggens besorgen. Da, wo bei
herrschender Zweifelderwirthschaft die Felder von Holz und Gestrüpp frei
sind, werden dieselben zweimal gepflügt; einmal gleich nach der Regenzeit
und das zweite Mal bei der Aussaat. In den Hochländern, wo Holzwuchs und
Gestrüpp seltener, ja in vielen Gegenden gar nicht anzutreffen ist, hat der
Bauer leichteres Spiel, namentlich beim Gerstenbau.

Das einzige Ackerwerkzeug ist der P f l u g, aber was für ein Pflug! Ist die
Umackerung und Einsaat vollendet, so gleicht die ehemalige Wüste einem
Felde, das von einer Herde Schweine durchwühlt wurde. Lange Furchen
zieht der Abessinier nicht; schon nach 20–30 Schritten lenkt er wieder um,
vollendet so ein gewisses Stück und beginnt da, wo er abgesetzt, von
Neuem. Man stelle sich vor, wie viel von dem bereits fertig gepflügten
Lande von den Zugthieren wieder zertreten wird. Letztere sind Ochsen, die
in einem gemeinschaftlichen Joche gehen und nur durch die Stimme oder
Peitsche des Pflügers gelenkt werden. Da sie zügellos sind, so wenden sie
sich bald rechts, bald links und ziehen demgemäß krumme Furchen.2 Egge
und Walze sind in Abessinien unbekannte Dinge. Tritt nun die eigentliche
Regenzeit ein, dann grünt das Feld lustig von Unkräutern und
Schmarotzerungethümen, die von den Frauen und Kindern ausgejätet
werden müssen.

[pg 148]

Page 214

Im Hochlande, namentlich auf den Plateaux, trifft man dagegen, weil auf
diesen Punkten das Gestrüpp mangelt, ungeachtet des unbehülflichen
Pfluges trefflich kultivirte und gereinigte Felder an.

Tritt die Erntezeit ein, so wird alles Getreide mit gezähnten Sicheln
geschnitten und zwar nur eine Spanne lang unter der Aehre. Sensen sind in
Abessinien unbekannt. Der Strohverlust kümmert den Abessinier nicht; er
bindet das Getreide auch nicht in Garben, sondern wirft es auf Haufen, die
an Ort und Stelle mit langen Stöcken ausgedroschen oder von Ochsen
ausgetreten werden. Nachdem das meiste Stroh entfernt, reinigt man das
Getreide durch Emporwerfen mittels hölzerner Gabeln; der Wind vertritt
Wurfschippe und Sieb, doch bedient man sich in einzelnen Gegenden auch
hölzerner Schaufeln. Um die mühsame Reinigung von 6–8 Scheffeln
Getreide zu vollenden, braucht ein Mann einen ganzen Tag. Scheunen giebt
es nicht und selbige sind auch weniger nothwendig, da nach Schluß der
Regenzeit kein Regen mehr eintritt.

Die eigentliche R e g e n z e i t beginnt nach europäischer Zeitrechnung am
24. Juni, nach abessinischer am 1. Juli und endigt mit dem 8. September.
Während dieser Periode regnet es alltäglich im Tieflande. Vormittags
herrscht meistens Sonnenschein, Nachmittags treten starke Regengüsse,
begleitet von heftigen Gewittern unter Donner und Blitz ein; die Nächte sind
heiter. Im Hochlande dagegen sind die Regen feiner, wie unsere Landregen,
und ihr Eintreten ist sehr unregelmäßig. Bald regnet es früh, bald Mittags,
bald Abends, oft die ganze Nacht oder den ganzen Tag ohne Aufhören
hindurch. Gewitter sind im Juli selten, im August häufiger, besonders zu
Ausgang der Regenzeit. Auf den Höhen zwischen 12,000 und 14,000 Fuß
fällt gewöhnlich ein feiner Hagel; allein, wenn die Sonne einige Vormittage
geschienen, so verschwindet derselbe bald wieder. Stellt sich, was
gewöhnlich der Fall ist, in den Monaten Dezember, Januar, Februar einiger
Regen ein, so schneit es im Hochlande. Auch das Tiefland kennt in der
Regenzeit starken Hagel und ich sah daselbst Schloßen von der Größe eines
Taubeneies.

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Ist eine Ackerwüste nur einigermaßen fruchtbar, so erzielt man von Tiéf in
zwei Jahren zwei Ernten, da dieses Getreide mit geringem Boden vorlieb
nimmt. Außer der Regenzeit wendet man beim Getreidebau auch die
F e l d e r b e w ä s s e r u n g an, doch sind nur wenige und mangelhafte
Wasserleitungen vorhanden. Würden durch vaterländischen Fleiß,
Geschicklichkeit und Verstand diese Wasserleitungen vermehrt und
verbessert, was ohne bedeutende Kosten leicht geschehen könnte, welch
unberechenbarer Nutzen ließe sich alsdann erzielen! Die Höhen zwischen
8000 und 11,000 Fuß eignen sich indessen für die Bewässerung nicht, da die
Nächte in den Monaten Dezember bis März so kalt sind, daß das Wasser
gefriert.

[pg 149]

Ackerpflug. Zeichnung von Robert Kretschmer.

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Die Hauptursache der Unlust und Unthätigkeit der Abessinier zu jeder
ackerbautreibenden Beschäftigung liegt in ihrer Stellung zur Regierung.
Diese läßt es sich auch nicht im Geringsten angelegen sein, den Bauer zur
Arbeit aufzumuntern, anzutreiben oder zu unterstützen. Der Regierung ist es
vollkommen [pg 150]gleichgiltig, ob die Leute Ackerbau treiben und wie sie
denselben treiben. Das Regiment war stets ein despotisches; erzielt der
Bauer viel, so nimmt die Regierung viel, erntet er wenig, so nimmt sie
trotzdem auch viel. Hierzu gesellen sich andere Lasten: stete Einquartierung
und F r o h n d i e n s t e aller Art. In einer unbestimmten, willkürlichen
Anzahl von Frohntagen muß der Landmann die Aecker der Regierung und
der hohen Beamten bestellen; er muß Baufrohnen leisten, wenn ein hoher
Herr bauen will, und dazu das nöthige Holz oft viele Tagereisen weit auf
dem Rücken herbeischleppen. Es kommt vor, daß hundert Menschen an
einem einzigen großen Balken tragen müssen. Man bedenke dabei aber,
welche Wege zu überschreiten, welche Abgründe zu passiren, welche Höhen
zu erklimmen sind! Gestrüpp, Dornen, Steine, Alles hindert den Transport.
Gebahnte Wege und Straßen besitzt das Land nicht. Außer dem Holze muß
der Bauer noch Steine, Stroh, Mörtel, Wasser und was sonst von Nöthen zum
Bau herbeischaffen.

Eine Hauptlast, die schwer auf dem Volke drückt, ist der A d e l. Es giebt
einen niederen, Mosseso, und einen höheren, Mokunnen, genannt. An sie
schließen sich drückend an die Dienerschaft des Regenten, die Heerführer,
alle aus der Adelsklasse, endlich die Räthe und Minister. Alle diese
Menschen sind nicht von der Regierung besoldet. Der Herrscher giebt ihnen,
je nach Rang und Stellung, Ländereien, von denen sie gesetzliche
S t e u e r n zu beziehen haben; allein sie alle, groß und klein, erlauben sich
Ausschreitungen und Bedrückungen, gegen die der Bauer wol klagt, doch
die Klagen gelangen nicht an den Thron. Oft wird der Landmann von diesen
liebenswürdigen Leuten bis auf die Haut ausgeplündert. Derjenige, welcher
vom Herrscher mit einem Lande belehnt wird, ist unbeschränkter Herr über
alle Bewohner desselben und die Gerichtsbarkeit liegt ganz in seinen
Händen; diese weiß er vortrefflich in seinem Nutzen auszubeuten, und nur in
halsnothpeinlichen Sachen ist der Regent Richter. Willkürlich darf der
Lehnsherr keine Steuern erheben, von denen der Regent übrigens ein
Drittheil zu beziehen hat. Erhebt nun der Regent seine Steuerquote, so kann
jener in demselben Maße die seinigen einziehen. Sie bestehen in Geld,

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Getreide, Baumwollenzeug, Vieh, Butter, Honig, Pfeffer, Salz und Zwiebeln.
Auch außerordentliche Steuern kennt Abessinien.

Werfen wir noch einen Blick auf die innere Wirthschaft des Abessiniers, die
der äußeren vollkommen gleicht und Sorglosigkeit sowie Faulheit erkennen
läßt. Betrachten wir zunächst den V i e h s t a n d. Man züchtet Pferde,
Maulthiere, Esel, Rindvieh, Ziegen, Schafe, Hühner. Die P f e r d e und
Maulthiere sind die einzigen Thiere, welche sich einiger Pflege zu erfreuen
haben. Erstere sind kurz und gedrungen, doch meist von gut proportionirter
Gestalt, kräftig und feurig. Der Preis eines guten Pferdes beträgt 40–50
Maria-Theresia-Thaler. Die M a u l t h i e r e sind stark, gedrungen,
ausdauernd und in dem wildzerklüfteten, weg- und steglosen Lande für den
Reisenden von sehr großem Nutzen; auch weiß der Abessinier die Vorzüge
des Maulthieres vor dem Pferde wohl zu schätzen. Der Preis eines sehr guten
Exemplares steigt oft bis zu [pg 151]100 Maria-Theresia-Thalern, während
man geringere mit 10–25 Thalern bezahlt. Die Pferde werden eigentlich nur
für die Kavallerie verwendet.

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Rinderhirt. Zeichnung von Robert Kretschmer.

Der E s e l gilt dem Abessinier als unreines Thier. Er erfreut sich weder der
Pflege noch der Zucht und doch ist sein Nutzen als Lastträger ein
ausgedehnter und bedeutender. Das Los des armen Geschöpfes ist ein recht
beklagenswerthes, namentlich jenes der Kaufmanns-Esel, die oft 20
Tagereisen weit [pg 152]ohne Unterbrechung von früh bis Abends schwere

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Lasten schleppen müssen. Abends hat das Thier dann noch selbst für seine
Nahrung zu sorgen. Der Preis ist gering, nämlich nur 2–3 Thaler.

R i n d v i e h kommt in großer Menge vor. Die Ochsen werden im
gemeinsamen Joche vor dem Pfluge in den steinigen Feldern abgequält und
erhalten für die mühsame Arbeit keinerlei Dank. Futterkräuter baut der
Abessinier nicht, die Thiere sind gleich dem Esel gezwungen, selbst ihre
Nahrung zu suchen, oder in der langen, trockenen Jahreszeit allein auf Stroh
angewiesen. Im Allgemeinen geben die Kühe durch ihre Milch wenig
Nutzen. Nur während der Regenzeit, wo Nahrung in Hülle und Fülle
emporkeimt, fließt diese Quelle reichlicher; aber vom März bis oft in den
Juni ist der Milchertrag äußerst gering, zumal die abessinische Kuh
überhaupt keine gute Milchkuh ist. Und doch eignet sich das Land ganz
vortrefflich zum Anbau der Futterkräuter, die dort nicht den schädlichen
Witterungseinflüssen ausgesetzt sind wie in meinem Vaterlande. Der
Abessinier besitzt weder die nöthigen Kenntnisse noch die nöthigen Gefäße,
um sein unvollkommenes M o l k e n w e s e n verbessern zu können; die
Käsebereitung ist ihm ganz fremd. Indem man die Kälber ein ganzes Jahr
und darüber säugen läßt, wird auch viele Milch nutzlos vergeudet; um aber
das Kalb nach vier- oder sechswöchentlichem Säugen absetzen zu können,
fehlt es wieder an Nahrung für dasselbe. Zur Sonnenzeit, in den Monaten
November bis Juni, ist das Vieh von früh bis Abend den glühenden Strahlen
ausgesetzt und leidet darunter sehr; auch das trägt dazu bei, die
Rindviehzucht auf einer niedrigen Stufe zu erhalten. Trotzdem sind die
Preise der Thiere nach unseren Begriffen niedrig. Ein guter Zugochse gilt 3
Maria-Theresia-Thaler; eine neumilchende Kuh nebst Kalb 3–4 Maria-
Theresia-Thaler; eine Kuh zum Schlachten, je nachdem sie fett oder mager,
2–3 Maria-Theresia-Thaler. Das Rindvieh wird jeden Tag von früh bis
Abend auf die Weide getrieben und dort meist von kleinen Knaben gehütet,
die durchaus nicht darauf Acht geben, ob eine Kuh besprungen wird; so
ereignet es sich häufig, daß trächtige Kühe geschlachtet werden; ja, ich habe
gesehen, daß man Kühe geschlachtet hat, die nach zwei oder drei Tagen
geworfen haben würden.

Von Z i e g e n und S c h a f e n haben die Abessinier nur den Nutzen, welchen
deren Fleisch und Felle liefern. Nur in den Hochländern kommt das Schaf
gut fort, es gedeiht in den tiefen und heißen Gegenden nicht. Auf den
Plateaux dagegen finden sich Tagereisen lange Hutungen, die einzig zur

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Schafzucht benutzt werden können. Die Wolle des abessinischen Schafes ist
noch gröber als jene der lüneburger Heidschnucken; sie ist meistens
schwarz, wird in einigen Gegenden gesponnen, gewebt und zu
Kleidungsstücken verwendet. Nicht im Geringsten kümmert sich der
Abessinier um die Veredelung der Schafzucht, er wählt keine Böcke und
Mütter aus und läßt diese, nebst den Lämmern stets beisammen. Das
Hämmeln der Böcke ist unbekannt; Pferde, außer den Gestüthengsten,
Bullen und Ziegenböcke werden dagegen verschnitten. Wie die Schafe wild
beisammen leben, so auch die Esel, das Rindvieh, die Ziegen. Der Preis der
[pg 153]Schafe, je nach Größe und Qualität, beträgt für 6–8 Stück 1 Maria-
Theresia-Thaler. Ihr Fleisch ist wohlschmeckend. Ziegen erhält man für
denselben Preis nur 4–6 Stück, und zwei große und fette, verschnittene
Ziegenböcke kosten auch 1 Maria-Theresia-Thaler. Aus ihren Häuten
bereitet man Getreidesäcke ohne Naht, auch Pergament, das jedoch meist
aus Schafleder gemacht wird. Rauh gegerbt dienen letztere auch als
Kleidungsstücke.

Die Zucht der ä g y p t i s c h e n H ü h n e r ist sehr im Schwange. Ein Huhn
brütet jährlich fünf- bis sechsmal 15–17, also im günstigsten Falle 100 Eier
aus. Anderes Geflügel, wie Gänse, Enten, Tauben u. s. w. ist unbekannt.
Brächte man sie jedoch hierher, so würden sie besser gedeihen als in meinem
Vaterlande. Der Preis für drei bis vier Hühner ist 1 Stück Salz oder für 90–
100 Stück 1 Maria-Theresia-Thaler. Das Kapaunen der Hähne, wiewol von
einigen Abessiniern verstanden, wird selten ausgeübt.

Der Abessinier ist f e s t e r G r u n d b e s i t z e r, und die Regierung kann
über den Grundbesitz ihrer Unterthanen nicht willkürlich verfügen oder
denselben nach Gutdünken an sich ziehen, es sei denn durch rechtskräftigen
Spruch. Dieser letztere kann nur dann eintreten, wenn der Eigenthümer
kinderlos oder ohne Verwandte, nähere oder fernere, stirbt. Dann zieht die
Regierung die Ländereien des Verstorbenen für ewige Zeiten an sich.
Zeitweilig wird die Regierung Besitzerin eines Grundstückes, wenn dessen
Eigenthümer die darauf lastenden Abgaben und Steuern nicht zu entrichten
vermag. Sie behält dieselben so lange, bis diese bezahlt sind, oder übergiebt
sie unterdessen einem anderen Wirthschafter, der die schuldige Summe

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vorstreckt, doch nur so lange, bis der rechtmäßige Eigenthümer wieder
zahlungsfähig ist und die vollständigen Steuern entrichtet. Oft übernimmt
die Gemeinde dieses Geschäft; Verkauf der Ländereien findet selten statt.

Hier wäre wohl der Ort, einige Worte über A n s i e d e l u n g e n vom
Vaterlande aus nach Abessinien einzuschalten. Unter der gegenwärtigen
Regierung können dieselben niemals stattfinden. Der Auswanderer, er
komme woher er wolle, kann wol hier in Abessinien Grundstücke käuflich
erwerben, doch vermag er niemals sichere Garantie für deren dauernden
Besitz zu erhalten, denn alle Regierungen des Landes waren bis zum
heutigen Tage Willkürherrschaften. Beim Regierungswechsel ist der
Ansiedler sicher zu Grunde gerichtet, am gewissesten dann, wenn er das
Land von einem Einwohner kaufte, dessen Verwandte ihm seinen Erwerb bei
der neuen Regierung streitig machen können. Dann stellt sich gewöhnlich
heraus, daß der Verkäufer nur zeitweiliger Besitzer der Ländereien war, und
das abessinische Recht giebt unter solchen Umständen den Verwandten das
Land zurück. Etwas besser ist der Ansiedler daran, wenn er von der
Regierung ein Grundstück erwirbt und den Kaufabschluß unter Zuziehung
von Zeugen in das Kirchenbuch eintragen läßt. Aber wie lange ihm das Land
gesichert bleibt, weiß Gott allein!

[pg 154]
Gesetz und Gerechtigkeit waren in Abessinien nur dem Namen nach
vorhanden. D o c h d i e g e g e n w ä r t i g e R e g i e r u n g d e s
vortrefflichen Kaisers Theodoros läßt schöne
Hoffnungen in meinem Herzen wach werden. Der
liebe Gott wolle stets über meinem Kaiser, welchen
ich von ganzer Seele lieb habe, seinen reichen
Segen und Frieden walten lassen. Amen!

Zum Schluß noch einige Worte über W i e s e n u n d M o o r g r u n d
Abessiniens. Besonders die Hochländer Semién und Woggera zeichnen sich
durch schönen und reichen Wiesengrund aus. Dembea, ein Tiefland, hat am
Tana-See unübersehbare Wiesenflächen, Begemeder im Hoch- und
Tieflande; Sebit besteht ganz aus Wiesen; ähnlich verhält es sich mit
Woadla, Daunt und Talanta. Am Fuße des Kollogebirges in Wollo ziehen
sich gleichfalls große Wiesenflächen hin. Schoa, Lasta und Godscham sind
stellenweise reich daran. Vergleichsweise mit diesen Hochländern sind die

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Tiefländer arm an Wiesenwuchs; doch ist ihr Gras nahrhafter und saftiger.
Das Heumachen ist ein den Abessiniern unbekanntes Ding, auch besitzen sie
keinerlei Werkzeuge zum Mähen der Wiesen. Steht im September das Gras
hoch, so wird alles Hausvieh auf die Weide getrieben, die meistens zertreten
wird und höchstens zwei Monate ausreicht. Sind so die reichen Weiden
zerstört, so tritt bittere Noth und Hunger für den Viehstand ein, ohne daß die
Menschen dadurch zum Nachdenken veranlaßt würden.

Auf fast allen Wiesen findet sich viel Moorgrund und Sumpf, die durch
vaterländischen Fleiß und Geschicklichkeit leicht in Reisgefilde
umgeschaffen werden könnten. Jetzt liegen sie alle wüst und nutzlos da. Vor
allem wären die Moorgründe am Tanasee hierzu passend; sie könnten eine
Quelle des Reichthums für das Land sein. Auch eine gute und verständige
B i e n e n z u c h t würde bedeutenden Nutzen abwerfen, denn kein Land
eignet sich so vortrefflich zu derselben als Abessinien. Die Art und Weise,
wie sie bisher von den Eingeborenen betrieben wird, gleicht genau dem
liederlichen Verfahren im Ackerbau; trotzdem wird viel Honig und Wachs
gewonnen; letzteres wird meist ausgeführt, ersterer zu Honigwein benutzt.
Die abessinische Biene ist kleiner als unsere europäische Art. Schwärmt ein
Stock, oder wird der junge Schwarm ausgetrieben, so fliegt dieser oft drei
bis vier Tage weit, bis die Königin in einem hohlen Baume oder einer
Felsenhöhle einen passenden Ort zur Niederlassung ausfindig gemacht hat.

Hat der Zug seine Auswanderungsreise angetreten, so geht derselbe viele
Stunden weit rasch vorwärts, bis Müdigkeit der Königin eintritt, die sich an
irgendeiner Stelle niederläßt, welche dann als Rastepunkt der Schar bis zum
nächsten Tage gilt, wo die Reise fortgesetzt wird, bis eine Behausung
gefunden ist. Will der Abessinier einen solchen Schwarm in einen Stock oder
Korb einschlagen, so muß er zunächst der Königin die Flügel verschneiden;
unterläßt er dieses, so geht der Schwarm gewöhnlich wieder fort. Ich habe
selbst den Versuch gemacht und einen solchen Schwarm dreimal eingesetzt;
allein nach ein- bis [pg 155]dreitägigem Aufenthalte ging er stets wieder
fort, weil ich der Königin die Flügel nicht verschnitten hatte. Die Form der
Bienenstöcke ist walzenförmig; sie werden aus Rohrstäben
zusammengesetzt, die man äußerlich mit frischem Kuhmist, dem etwas
Lehm zugesetzt ist, einen halben Zoll dick überzieht. Häufig hängt man
diese Körbe in große Bäume, doch halten die meisten Abessinier dieselben
bei ihren Häusern. Die Bienenzucht wird in einer Meereshöhe von 5000–

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9000 Fuß betrieben. Der Preis für 50 Pfund Honig ist 1 Maria-Theresia-
Thaler.

Vermöge der Verschiedenartigkeit seines Klimas dürfte sich Abessinien zum
Anbau aller europäischen Kulturpflanzen eignen, die unter vaterländischer
Geschicklichkeit herrlich gedeihen würden. Reis ist unbekannt, Kaffee wird
so gut wie gar nicht und noch dazu recht ungeschickt angebaut; stark
kultivirt wird er in den Gallaländern Limu, Enarea und Kaffa, und die von
dort stammenden Sorten sind besser als der arabische Kaffee aus Mocha. 40
Pfund Kaffee gelten in Abessinien 1 Maria-Theresia-Thaler. Schwarzer
Pfeffer, Baumwolle, Indigo könnten vorzüglich gebaut werden; einige Arten
Indigo wachsen wild. Für Zuckerrohr und Runkelrüben findet sich
geeigneter Boden. Ich selbst habe in Tigrié Runkelrüben kultivirt, die eine
bedeutende Größe erreichten und viel zuckerhaltiger als die vaterländischen
waren. Alle Gewürze der Gewürzinseln und die verschiedensten Oelpflanzen
würden gedeihen; Oelgewinnung und die dazu nothwendigen Geräthe sind
hier unbekannt. Desgleichen fehlt guter Hanf und Flachs zum Spinnen und
Weben. Beeren, Früchte, Wein – sie alle finden hier zusagenden Boden.

Doch mit Schmerz muß ich bekennen, daß alles dieses, so lange der
gegenwärtige Zustand des Landes dauert, so lange nicht eine radikal
veränderte Regierungsweise eintritt, eitler Wunsch bleiben wird. Denn erst,
wenn die Regierung eine unbeschränkte Kultivirung des Landes durch
Deutsche, Engländer, Franzosen u. s. w. zuläßt und unterstützt, kann aus
diesem etwas werden. Durch die Abessinier selbst kann eine nutzbringende
Kultur niemals geschaffen werden, denn sie sind bitter arm; es fehlen ihnen
alle Instrumente, welche den Anbau fördern könnten, oder die Arbeiter, die
sie zu verfertigen verständen. Auch ist ihr geistiges Besitzthum arm, dürftig,
auf niederer Stufe stehend; sie sind entblößt von allen guten Eigenschaften,
Liebe und Lust zur Arbeit, Sinn für die Natur.

Ließe sich das Vaterland den gegenwärtigen Zustand Abessiniens angelegen
sein, setzte dasselbe kräftige, wirksame und heilsame Hebel an den
gegenwärtig verwahrlosten Agrikulturzustand Abessiniens, so würde reicher
Segen seine Mühen und Opfer lohnen. Doch wie Hebel anlegen, daß sie
nicht brechen? Oder will das Vaterland feste Gerechtsame in Abessinien
erwerben, so können diese nur durch Waffengewalt aufrecht erhalten
werden.

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Wie der Zustand der Felder und des Viehstandes, so ist auch die
B e h a u s u n g d e s A b e s s i n i e r s und deren Umgebung beschaffen. In
und außer seinem Hause oder vielmehr seiner Strohhütte, ist alles voller
Schmuz und Unrath. [pg 156]In der Regenzeit gleichen die Wohnungen
einer Kloake, der man sich nicht nähern kann, ohne Gefahr zu laufen, in
diesen Mistsümpfen zu versinken. Um eine Wohnung zu errichten, haut der
Eingeborene krumme und gerade, dünne und dicke Holzstangen ab, die er in
einem Kreise in den Boden pflanzt und wobei er einen schmalen Raum für
die Eingangsthür freiläßt. Die Stangen werden nun mit Bast und dünnen
Ruthen gleichwie mit Faßreifen umwunden und die Zwischenräume mit
Reisig ausgefüllt. Im Innern wird diese Ringwand dann mit etwas Erdmörtel
überzogen. Hierauf wird das Ganze mit einem pyramidenförmigen Dache,
das gleichfalls aus Stangen, Reisig und Bast zusammengesetzt ist, gekrönt
und mit einer 3 Fuß langen holzigen Grasart belegt. Nun ist die Wohnung
vollendet und der Einzug kann stattfinden. Alle Familienmitglieder, nebst
Knechten und Mägden, wohnen und schlafen hier beisammen; die Kühe, die
Mühle, das Maulthier, falls ein solches vorhanden, die Hühner – sie alle
finden hier ihren Platz. Auch das Getreide hat hier in großen aufrecht
stehenden Erdtonnen oder wohl verdeckten Gruben seine Stelle. Der
Hausherr ruht auf seiner Alga (oder Arat), einem hölzernen Bettgestell mit
vier 2 Fuß hohen Beinen, über das schmale Riemen von ungegerbter
Rindshaut gezogen sind. Die übrigen Bewohner legen Rindshäute auf den
Boden, die ihnen zur gemeinschaftlichen Schlafstätte dienen. Selten wird
eine solche Behausung ausgekehrt und unzählige Flöhe, Läuse und Wanzen
sind die regelmäßigen Insassen, um welche der Bewohner sich wenig oder
gar nicht kümmert. Der Küchenrauch, Asche, Staub und Unrath aller Art
häufen sich im Verlaufe eines Jahres dermaßen an, daß man das Innere mit
einem Schornstein vergleichen kann.

Uebrigens wendet man in Abessinien verschiedene Bauarten an. Oft
bestehen die Wände aus Steinen, die mit Mörtel verbunden oder ohne diesen
aneinander gefügt sind. Steinhäuser finden sich fast durchgängig im
Hochlande, und da es hier in der Nacht sehr kalt ist, so findet auch Vieh aller
Art in denselben seine Schlafstätte. Da, wo gute passende Erde vorkommt,
baut man auch quadratische Häuser mit plattem Dache. Dieses ist
namentlich in Tigrié häufig der Fall. Diese Decke wird dann durch starke
Baumstämme und Balken getragen, die mit einer 1 Fuß dicken Lage Erde
überdeckt sind, welche zur Regenzeit kein Wasser durchläßt. Hier sieht man

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auch oft große, auf diese Weise überdachte Säulenhallen aus rohen
Baumstämmen, unter denen das Vieh zur Regenzeit Schutz und Obdach
findet. Ueberhaupt herrscht im Lande Tigrié mehr Fleiß und Ordnung als in
anderen Gegenden Abessiniens.

Das hier von den Wohnungen Gesagte gilt nur von den Behausungen des
ackerbautreibenden Theiles der Bevölkerung. Die H ä u s e r d e r
R e i c h e n und Großen des Landes sind besser gestaltet. Sie sind
gewöhnlich gut mit Erdmörtel aufgeführt und auch die innere Wand mit
Mörtel überzogen. Das Innere besteht oft aus Abtheilungen, von denen eine
für Pferde und Maulthiere, eine als Speicher, eine dritte als
Empfangszimmer, eine vierte für den Hausherrn und seine Familie bestimmt
ist. Ist das Haus klein, so wird das [pg 157]Empfangszimmer besonders
angebaut. Das Dach ist im Innern häufig schön mit zusammengesetzten
Rohrstäben verziert, ja manchmal mit farbigen Baumwollstoffen künstlich
dekorirt, die Eingänge mit Breterthüren, der Hof mit einer Mauer versehen.
Doch herrscht im Innern derselbe Schmuz und das Ungeziefer wie bei den
Landleuten.

Die M ü h l e n der Abessinier bestehen aus einem einzigen Stein, der 1 Fuß
breit und 1¾ Fuß lang ist. Das Material besteht aus grobem Sandstein oder
Trachyt; enthält der letztere viele kleine Blasenräume, so wird er sehr
geschätzt. Die Mühle wird durch Klopfen mit einem harten kleinen Steine
geschärft. Der Läufer, mit dem das Getreide zerrieben wird, ist ein ¾ Fuß
langer, 4 Zoll breiter Stein. Das Mahlgeschäft wird nur von den Frauen
besorgt. Eine Person zerreibt täglich etwa 6 Metzen (Berliner Maß). Das
Mahlsieb besteht aus Grasgeflecht. Weizen und Gerste werden, bevor sie auf
die Mühle kommen, enthülst; dieses geschieht in ausgehöhlten
Baumstämmen, welche die Mörser vertreten; der Stößel ist ein 3 Fuß langer,
2–3 Zoll im Durchmesser haltender Knittel aus wildem Olivenholz. Die
einzigen Instrumente, welche sonst noch bei der Agrikultur in Abessinien
Dienste leisten, sind eine Axt, eine Erdhaue, eine gezähnte Sichel und ein
Messer. In Schoa wurde unter der Regierung des Königs Sahela Selassié von
einem Europäer eine Wassermühle errichtet, doch als diese anfing zu
mahlen, empörte sich die Geistlichkeit gegen das Teufelswerk und bedrohte
den König mit dem Bannfluche, wenn das Mahlen nicht eingestellt würde.
Die Mühle ist heute gänzlich zerfallen.

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1. Mühle (a. Läufer, b. Bodenstein). 2. Erdhacke. 3. Sichel. 4. Messer.
5. Axt der Abessinier. Originalzeichnung von E. Zander.

[pg 158]

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Ansicht von Suez.

Massaua und die abessinische
Küstenlandschaft.

Die Bedeutung des Rothen Meeres. – Der Dahlak-Archipel und die
Perlenfischerei. – Die Stadt Massaua und ihre Bewohner. – Sklavenhandel. –
Die Cisternen. – Der Markt. – Karawanenhandel mit Abessinien. – Die Bai

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von Adulis. – Schohos und Danakil. – Die Samhara. – Eine abessinische
Karawane. – Der Tarantapaß und Halai.

Das Rothe Meer, lange Zeit für den großen Verkehr fast ohne Bedeutung, ist
in unsern Tagen aus seiner Abgeschiedenheit hervorgetreten und nimmt
lebhaften Antheil am Welthandel. In einer Länge von fast vierhundert Meilen
erstreckt es sich gleich einem Arm von Suez bis zur Bab-el-Mandeb
zwischen dem nordöstlichen Afrika und der westlichen Küste Arabiens.
Regelmäßig wie bei uns die Eisenbahnen wird es fast tagtäglich von
Riesendampfern seiner ganzen [pg 159]Länge nach durchkreuzt;
Telegraphendrähte sind an seinen korallenreichen Gestaden hingelegt, und
der Post- wie Handelsverkehr von Europa nach Indien nimmt jetzt seinen
Weg zumeist über diese Straße. Noch größere Bedeutung wird das Rothe
Meer jedoch erlangen, wenn einst der Suezkanal vollendet sein sollte,
obgleich schon auf der von Alexandrien über Kairo nach Suez führenden
Eisenbahn alljährlich viele Tausende von Vergnügungsreisenden zu ihm
hingezogen kommen. Nach allen Seiten führen von seinen Küsten wichtige
Handelsbahnen in die umliegenden Länder, die zum Theil, wie das Innere
Ostafrika’s, ungemein produktenreich sind: Gummi und Straußenfedern,
Droguen und Elfenbein, Wachs und Honig, nicht minder aber Sklaven
werden in allen Hafenplätzen feil gehalten und finden regelmäßigen Absatz
gegen europäische Produkte.

Sowie aber die kommerzielle Bedeutung des Rothen Meeres sich gehoben
hat, ist auch nicht minder jetzt die politische in den Vordergrund gelangt, und
wie in so vielen andern Weltgegenden sind auch hier England und
Frankreich als eifersüchtige Rivalen aufgetreten, die einander den Rang
streitig zu machen suchen. Beide wissen, daß im Rothen Meere der
Schlüssel zu Indien liegt, und wenn auch Frankreich ein geringeres Interesse
als England daran zeigt, denselben mit in Händen zu haben, so ist es doch
schon des Wettbewerbes wegen bestrebt gewesen, es in Besitzergreifungen
den Engländern gleichzuthun. Der Suezkanal, ein französisches
Unternehmen, hat mindestens in demselben Grade politische Bedeutung, wie
kommerzielle; denn wie die Engländer Aden und die Insel Perim am
südöstlichen Ende des Rothen Meeres besetzten und so die Bab-el-Mandeb
beherrschen, trachten die Franzosen danach, ihre Herrschaft am
nordwestlichen Ausgang der Handelsstraße zu errichten. Und auch noch

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andere Küstenplätze sind nach und nach in die Hände der beiden Rivalen
gefallen: die Briten haben sich auf der Insel Kamaran an der arabischen
Seite, die Franzosen auf Dessi vor der wichtigen Bai von Adulis und zu
Oboc niedergelassen. Von hier aus überwachen sie den Handel und spinnen
Intriguen mit den unzufriedenen Elementen der Bevölkerung, um bei guter
Gelegenheit sich überall in die Landesangelegenheiten mischen zu können.
Europäische Konsularagenten haben in den meisten Hafenplätzen schon
ihren Sitz, und mit dem arabischen oder banianischen (indischen)
Handelsmann theilen sich jetzt europäische Kaufherren in den Gewinn des
Handels am Rothen Meere. Eine Abschließung desselben ist jetzt nicht mehr
denkbar, es wird mit allen seinen Gestadeländern – mag es wollen oder nicht
– immer mehr in unsere Beziehungen hineingezwungen.

Freilich ein Hinderniß hat die Natur selbst geschaffen, welches die
Bedeutung dieses Meerarmes für den Verkehr bedeutend abschwächt. Das
Rothe Meer ist für Segelschiffe bei den jetzigen Anforderungen an die
Schnelligkeit des Verkehrs fast so gut wie unbefahrbar, da ziemlich das halbe
Jahr hindurch Windstille herrscht und Mangel an guten Häfen ist. Zudem
machen die Korallenklippen die Fahrt äußerst gefährlich, und auch die
Versorgung der Schiffe mit Wasser, Kohlen oder Lebensmitteln ist eine
äußerst mangelhafte. Nur der Dampfer, der seine Kohlen in Suez oder Aden
liegen hat, beherrscht diesen Meeresarm voll[pg 160]ständig und in vier bis
fünf Tagen durchfahren sie denselben von einem Ende bis zum andern, um
dann weiter die Fahrt nach Indien anzutreten.

Während die großen Dampfer der indischen Linie direkt das Rothe Meer
durchkreuzen und nur selten den einen oder andern Hafenplatz an demselben
besuchen, sind für letztere besondere Seitenlinien eingerichtet, die meist von
einer türkischen Gesellschaft schlecht versehen werden. Von S u e z, wo die
Eisenbahn mündet, steuern wir zunächst nach K o s s e ï r, von wo eine
Karawanenstraße nach Keneh am Nil führt, der in dieser Gegend einen
weiten Bogen nach Osten macht und sich dem Rothen Meere nähert. Von
Kosseïr fahren wir in südöstlicher Richtung nach der arabischen Küste
hinüber und landen in J e m b o, dem Eingangsthor der heiligen Stadt,
nämlich Medina, für welches dieser Platz den Hafen bildet. Weiter an
demselben Gestade fortsteuernd erreicht der Dampfer D s c h i d d a, „die
Ebene ohne Wasser“. Aber dieser Hafenplatz, das Seethor für Mekka, ist in
vieler Beziehung wichtig und namentlich zur Zeit der Pilgerwanderungen

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sehr belebt. Wir verlassen auch diesen Ort, der schon Millionen Wallfahrer
landen sah, und durchkreuzen abermals nach Südwesten hin das Rothe Meer,
um S a u a k i n an der afrikanischen Küste zu erreichen, von wo aus die
große Karawanenstraße nach dem östlichen Sudan und Chartum an der
Vereinigung des Weißen und Blauen Nil führt.

Und nun geht nochmals der Anker in die Höhe, nach Süden ist der Bug des
Dampfers gerichtet, die afrikanische Küste, das Land der nomadisirenden
Beni-Amer und Habab bleibt zur Rechten liegen und die D a h l a k -
I n s e l n kommen in Sicht. Auf diesem Archipel erhalten wir durch die
Sprache der Bewohner schon einen Vorgeschmack Abessiniens, vor dessen
Küste, gegenüber dem Hafenplatze Massaua, die Gruppe liegt. Die drei
Hauptinseln sind Groß-Dahlak, Nureh und Nakala. Die
Großhandelsfahrzeuge legen dort nicht an, obwol das erste der genannten
Eilande einen sehr guten Hafen hat. Viele Spuren, namentlich Ruinen,
deuten darauf hin, daß einst die Abessinier und im 16. Jahrhundert die
Portugiesen eine Niederlassung auf demselben hatten. Dahlak hat nur etwa
1600 Einwohner, auf die andern beiden bewohnten Inseln kommen
zusammen nur 200 Köpfe. Alle sind Muhamedaner, friedliche Menschen, die
unter einem Scheich stehen; dieser erhält seine Belehnung von dem
ägyptischen Gouverneur in Massaua, welchem er jährlich 1000 Maria-
Theresia-Thaler zahlt. Wasserläufe giebt es auf den Inseln nicht, aber das
Brunnenwasser ist gesund.

Ueberaus reich ist hier das Meer an Fischen und Fischfang daher eine
Hauptbeschäftigung der Bewohner. Doch noch andere Schätze bietet die
salzige Flut, welchen die Dahlak-Inseln vorzüglich ihre Berühmtheit
verdanken. Namentlich kommt die P e r l e n a u s t e r (Pintatina) in großer
Menge, förmliche Bänke bildend, hier vor, und sie ist es, die vom Mai bis in
den August eine große Anzahl der Bewohner mit Tauchen beschäftigt. Jeder
kann sich an der Perlenfischerei nach Belieben betheiligen; Abgaben werden
nicht erhoben und nicht selten kommen auch Taucher und Fischer von der
gegenüberliegenden arabischen Küste. [pg 161]Man bedient sich zum Fange
der gewöhnlichen Barken, der sogenannten Sambuks, welche gerudert
werden und auch Mattensegel haben. Von den zwölf bis vierzehn Köpfen der
Mannschaft sind sechs bis sieben Taucher. Mit einem Bismillah! (Im Namen
Gottes!) stürzt der Mann in die Tiefe, wo er nicht viel länger als eine Minute
bleibt, so viel Austern, als er kann, in einen Korb zusammenrafft und diesen

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durch die Gefährten an einem Seil in die Barke ziehen läßt. Mehr als dreißig,
höchstens vierzig Mal kann er an einem und demselben Tage nicht
untertauchen. Eine mit guten, recht erfahrenen Tauchern bemannte Barke
wird im Laufe eines Tages bis 3500 Perlenaustern und etwa 500
Perlmutteraustern erbeuten. Die Muschel, welche man bei den Dahlak-Inseln
fischt, ist im allgemeinen nur klein und beinahe rund; der Durchmesser
beträgt 5 bis 6 Centimeter. Unter 20 bis 30 Austern hat immer nur eine
einzige eine kleine Perle, die man als Samen bezeichnet. Es scheint als ob
eigentliche, völlig ausgebildete Perlen nur in ganz ausgewachsenen
Muscheln gefunden werden. Die Insulaner bezeichnen die Perlenauster als
Bebela oder Bereber. Ihr Fleisch ist weiß und genießbar; man trocknet es an
der Sonne und zieht es auf Fäden, worauf es dann einen Theil des Jahres
hindurch die Hauptnahrung der Leute bildet.

Alljährlich bringen die Fischer ihre Ausbeute an Perlen und Perlmutter nach
dem Dorfe Debeolo, wo vierzehn Tage lang Markt gehalten wird. Dort legen
sie die Erzeugnisse des Meeres zum Verkauf aus. Regelmäßig finden sich
fremde Kaufleute, besonders indische Banianen ein, die gegen Silber oder
Tauschwaaren, Lebensmittel, Holz, Baumwollenstoffe die Perlen zu
ziemlich niedrigem Preise einhandeln. Man schätzt diese nach ihrer Größe,
Gestalt und Reinheit ab. Erstere wird durch ein Haarsieb ermittelt, das
Oeffnungen von verschiedener Größe hat. Je nach den verschiedenen
Gattungen wird der Preis bestimmt. Der Umsatz auf dem Markte von
Debeolo beträgt im Durchschnitt an Geldwerth 50,000 bis 60,000 Thaler, ist
also immerhin bedeutend. Zu den Ausfuhrgegenständen der Dahlak-Inseln
gehört ferner das feine Schildpatt (Baga); das der Schildkrötenweibchen ist
durchgehends schwerer und dicker als das der Männchen, und ein zwei Fuß
langes Rückenschild des ersteren giebt zwei Pfund Schildpatt. Auch die
Kauris oder Geldmuscheln, die in Afrika als Scheidemünze gelten, werden
auf den Dahlak-Inseln in großer Menge gefischt. Seltener aber ist ein höchst
interessantes Meersäugethier, der D u g o n g (Halicore Dugong), das wegen
seiner starken Haut und perlmutterglänzenden Zähne sehr geschätzt war und
ist. Es kommt auch an den arabischen und afrikanischen Küsten vor, an
welcher letzteren es von den Danakil gefangen wird. Die Thiere leben
paarweise und weiden auf den untermeerischen Tangwiesen, die ihre einzige
Nahrung bilden. Das Land besuchen sie selten, meist schwimmen sie wie
Meerjungfern mit erhobenem Oberkörper in der See. Sie sind über 12 Fuß
lang und schwer mit Harpunen zu erreichen. Die dem Walroß ähnlichen

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Stoßzähne wurden früher als Handelsartikel gesucht und zu Rosenkränzen
verarbeitet, während die marklosen Knochen Dolch- und Messergriffe von
großer Dauerhaftigkeit liefern. Aus der Haut bereitet man Sandalen.
Merkwürdig erscheint uns der Dugong noch [pg 162]dadurch, daß er
dasjenige Thier ist, aus welchem die alten Juden den Ueberzug ihrer
Bundeslade gemacht haben sollen.

Unsere Fahrt durch das Rothe Meer ist nun beendigt; von Dahlak wendet
sich der Dampfer nach Westen, der abessinischen Küste zu, von der aus die
kühnen und gewaltigen Bergmassen von Hamasién uns entgegenstarren. Wir
nähern uns der Insel M a s s a u a, deren Bucht, von Vorgebirgen
eingeschlossen, nun in Sicht kommt.

Ansicht von Massaua. Im Vordergrund Fischerknabe. Originalzeichnung von Robert Kretschmer.

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Gleich darauf werden das kleine Vorwerk, die weißgetünchten
Doppelthürme der Moschee, die türkischen Wachtschiffe und fremden hier
ankernden Fahrzeuge sichtbar. Schon ehe man landet, erblickt man weit
draußen auf der See eigenthümlich gestaltete F i s c h e r f l ö ß e, die aus fünf
zusammengebundenen Baumstämmen bestehen. In der Mitte sitzt ein Knabe,
der mit einer beiderseits schaufelförmigen Ruderstange geschickt und
schnell seine Fähre regiert. Auf diesem gebrechlichen Dinge angelt er an
Klippen und Bänken, fängt eine große Anzahl Fische und tödtet sie jedesmal
sogleich durch einen Nagelstich in den Kopf. Die Stadt M a s s a u a oder
Mesaueh ist der Hauptort für das Aegypten untergeordnete abessinische
Küstenland nebst den Inseln des perlenreichen Dahlak-Archipels, Sitz eines
Kaimakan, der einige Soldaten zur Verfügung hat. Außerdem [pg
163]residiren hier ägyptische Zollbeamte und verschiedene europäische
Konsuln, denn Massaua ist die Pforte des Handels für fast ganz Abessinien
und von größter politischer Wichtigkeit durch seine Lage gegenüber dem
letztgenannten Reiche, wie durch seinen in jeder Beziehung vorzüglichen
Hafen, der sich auch dadurch vor andern Häfen am Rothen Meere
auszeichnet, daß man sich hier leicht mit Schiffsprovisionen, Wasser, Holz,
Schlachtvieh u. s. w. versehen kann.

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Wasserträgerin an den Cisternen. Derwisch von Massaua. Originalzeichnung von Robert Kretschmer.

Der Golf von Arkiko, in welchem die Inselstadt Massaua liegt, ist mit
verschiedenen kleinen Koralleneilanden bedeckt. Auf einem derselben
befindet sich der christliche Friedhof und hier ist es, wo auch die Leiche
unseres Landsmannes, des Reisenden Hemprich, ruht, den am 30. Juni 1825
der Tod ereilte. Auf einem andern Koralleneilande liegt ein Heiliger, Seid
Scheik, begraben, der seinerzeit Massaua verlassen und diese kleine Insel
bezogen haben soll, weil er glaubte, daß der Lebenswandel seiner Mitbürger
allzu irreligiös sei. Vom Festlande sowol als von Massaua machen zahlreiche
Gesellschaften nächtliche Ausflüge nach dem Grabe dieses Heiligen, wobei
weniger religiöse Absichten die Pilger leiten sollen, als der Schmuggel mit
Sklaven. Die Insel Massaua selbst hat eine halbe Meile Länge und beinahe
eine Viertelmeile Breite. Die westliche Hälfte trägt die Stadt, die östliche
halb verfallene, alte Cisternen aus besserer [pg 164]Zeit und ein kleines,

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schlecht armirtes Fort. Die Anlage der Stadt ist eine ganz unregelmäßige,
wenig ältere Gebäude bestehen aus Stein, die meisten sind Strohhütten, die
auf Pfählen im seichten Meerwasser ruhen. Unter ersteren zeichnen sich das
Gouvernementsgebäude, eine zweikuppelige Moschee (Diamet Scheik
Hamal) und das Zollhaus aus.

Im Ganzen hat Massaua etwa ein Dutzend religiöser Gebäude; darunter jene
bemerkenswerthe Moschee, die früher eine christliche Kirche gewesen war
und in welcher die Portugiesen 1520 Messe lasen, nachdem sie „Matzua“, so
nannten sie die Stadt, den Muhamedanern abgenommen hatten. Was den
Namen des heutigen Ortes betrifft, der auch Masua, Massawa geschrieben
wird, so leitet ihn Munzinger aus der Tigriésprache ab, in welcher Mesaua
den Raum bedeutet, über welchen hin man den Ruf einer Menschenstimme
hören könne, und das trifft hier allerdings für die Meeresbreite zwischen
Insel und Festland zu. Aber in der Landessprache der Eingeborenen heißt
Stadt und Insel gar nicht Massaua, sondern Basé.

Die Bevölkerung ist fast ganz muhamedanisch; die Ureinwohner gehören
der äthiopischen Rasse an und sprechen eine semitische Sprache. Die
übrigen Bewohner, mit Ausnahme der türkischen Beamten und der
Besatzung, sind Kaufleute aus Arabien, dann Somali, Danakil, Galla,
Abessinier und Banianen (Indier). Die Massauaner selbst sind Fischer,
Schiffsleute und Lastträger, welche das Trinkwasser herbeischleppen. Außer
etwas Weberei, Gerberei und Schiffsbau werden wenig Gewerbe getrieben.
Die Stärke der Bevölkerung schätzte Rüppell 1832 auf 1500, Heuglin 1857
auf 5000 Seelen, einschließlich des Militärs. Die Einkünfte der Provinz,
meist aus den Zollabgaben des abessinischen Handels bezogen, betrugen
nach beiden Reisenden 40,000–50,000 Thaler.

Die Massauaner sind ein in der Jugend durchweg sehr schöner
Menschenschlag und haben eine kupferfarbige Haut, die mehr oder weniger
dunkel ist. Die Mädchen zeichnen sich durch schlanken Wuchs, regelmäßige
Züge des ovalen Gesichts, große, lebhafte Augen und feinen Mund mit
schönen Zähnen aus. Wenn sich zwei Bewohner nach längerer Zeit wieder
begegnen, küssen sie sich gegenseitig die Hände und erkundigen sich mit
vielen Schmeichelworten nach dem Befinden. Was den Charakter der
Massauaner anbetrifft, so lauten die Urtheile darüber sehr ungünstig. Dem
bloßen Schacher ergeben, üben sie alle möglichen Verstellungskünste und

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erfüllen selbst die heiligsten Versprechungen nicht. Dazu kommt, daß der
fortwährende Sklavenhandel ihre moralischen Sitten untergraben und ihr
Herz gegen jede edlere Empfindung verstockt machen mußte. Diebereien
und Einbruch sind gewöhnliche Verbrechen und gelten nicht als Schimpf.
Die Anzahl der Bettler ist groß und die meisten derselben kommen durch
Hunger und Elend ums Leben. Dankbarkeit ist den Massauanern nur dem
Namen nach bekannt, und als Rüppell einst einen Mann von einer
gefährlichen Schußwunde geheilt hatte, drückte dieser seine Freude darüber
folgendermaßen aus: „Gott ist groß und wunderbar! Hat er doch diesen
H u n d v o n U n g l ä u b i g e n hierhergeschickt, um mich zu heilen!“

[pg 165]
Eine Eigenthümlichkeit der Massauaner besteht darin, daß sie
Familiennamen haben, was bekanntlich sonst bei Muhamedanern nicht der
Fall ist. So heißen einige Adulai, und diese stammen aus Adulis; andere
Dankeli, Farsi (aus Persien), Yemeni (aus Yemen in Arabien). Unter den
Kaufleuten spielen die B a n i a n e n eine wichtige Rolle. Diese Indier haben
einen großen Theil des Verkehrs auf dem Rothen Meere in ihren Händen und
bewohnen in Massaua ein eigenes Quartier. Dort sitzen die wohlbeleibten
Männer nur halb bekleidet, mit geschorenem Kopfe, kleinem Schnauzbart
und prächtigen schwarzen Augen in dem gelben, etwas weibischen Gesichte.
Wer sie so sieht, glaubt sich in einen Bazar nach Delhi oder Bombay
versetzt. Der Baniane trägt auf der Straße einen rothen, mit Gold oder gelber
Seide verbrämten Turban und eine silberne Kette um den Leib. Diese Inder
essen kein Fleisch und mögen solches nicht einmal anrühren. Beklagten sie
sich doch einmal, wie Lejean berichtet, ernstlich darüber, daß die Hunde der
katholischen Mission einmal in der Nähe ihrer, der Banianen, Cisterne
Knochen abgenagt hätten! Dadurch könne das Wasser verunreinigt werden.
Die Zahl der Europäer ist in Massaua nie beträchtlich gewesen und besteht
nur aus ein paar Konsularagenten, einigen Kaufleuten und Missionären.
Unter den Konsularagenten war der englische, vor wenigen Jahren erst
verstorbene R a f f a e l e B a r r o n i den Türken besonders verhaßt, weil er
den Muth hatte, eine unablässige Fehde gegen die Sklavenhändler zu führen.
Um recht mit Nachdruck auftreten zu können, hatte er sich sogar eine eigene
Polizei eingerichtet. Er wußte allemal, wieviel Sklaven eine im Küstenland
aus Abessinien ankommende Kaflé (Karawane) mit sich führe, zog ihr an der
Spitze seiner wohlbewaffneten Dienerschaft entgegen, nahm, wenn nöthig,
mit offener Gewalt ihr alle Sklaven ab und verschaffte denselben die

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Freiheit. Die Kaufleute haßten ihn, sein Leben war oftmals bedroht, aber er
hatte seine Vorkehrungen getroffen und sich eine Art von fester Burg gebaut,
von welcher aus er mit seinen Kanonen und Büchsen die Umgegend
bestreichen konnte. Im Nachlasse dieses muthigen Mannes fand der
Reisende Lejean folgende Aufzeichnung: „Ich habe Sklaven befreit,
nachdem der Konsul Plowden von hier abgereist war, im Jahre 1855: 2 Galla
von Tehuladare, 1 aus Mensa, 158 aus Magatul, 1 von Atti Letta; 160, die
man nach Dschidda schicken wollte, habe ich zurückgehalten. Im Jahre
1856: 240. Ich hielt eine ganze Karawane auf ottomanischem Gebiete an und
schickte sie nach Abessinien zurück. Im Jahre 1857 befreit: 2 von Schoa, 2
von Mensa, 4 von mir unbekannter Herkunft“ u. s. w. Eine andere Notiz
lautet: „Die Bewohner dieser Stadt und namentlich die Sklavenhändler sind
hocherfreut, daß Abdul-Aziz den Thron bestiegen hat; sie hoffen unter ihm
eine Wiederbelebung des Sklavenhandels im Rothen Meere.“ Wie die
Engländer es übrigens mit der Unterdrückung des Sklavenhandels nicht
immer ernst nehmen, dafür bringt Lejean ein Beispiel bei. Barroni stand
unter dem Oberbefehl des englischen Residenten in Aden. Dieser wandte
allerdings gegen das, was Barroni that, nichts ein, gab ihm aber zu bedenken,
daß man es mit dem Einschreiten gegen den Sklavenhandel unter türkischer
Flagge nicht zu ernsthaft nehmen dürfe [pg 166]„damit diese befreundete
Flagge im Rothen Meere in ihrem Ansehen nicht geschwächt werde“.

Was Lejean sonst noch über einzelne Einwohner Massaua’s berichtet, ist zu
charakteristisch für die dortigen Zustände, als daß wir es nicht hierher setzen
sollten. Die türkische Regierung benahm sich gegen die Kapuziner, welche
sich in Monkullo niederlassen wollten, sehr barsch. Ein Mönch machte aber
dem Gouverneur zu schaffen und forderte ihn sogar zum Zweikampf auf
Säbel; dann erklärte er, er werde den Gouverneur aus dem Fenster werfen
und selbst regieren. Zuletzt wurde er Kaufmann und dann in Florenz
Zeitungsredakteur.

Im Jahre 1854 war ein gewisser Ibrahim Pascha Kaimakan von Massaua.
Dieser Würdenträger war stets durch Hanfrauchen benebelt und schwelgte in
den wildesten Phantasien. Nach Konstantinopel berichtete er, daß er alles
Land bis zu den Mondgebirgen erobert habe, während doch wenige Stunden
landeinwärts seine Macht ein Ende hatte. Er wollte die Einwohner am
Festlande besteuern, worauf diese aber keine Lebensmittel mehr nach der
Insel brachten, sodaß in Massaua sich Hungersnoth einstellte. Gegen die

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Europäer erlaubte er sich allerlei Grobheiten; dieselben führten Klage,
infolge deren er 1855 von der Pforte kassirt wurde. Er nahm seine Absetzung
gleichmüthig auf, schloß sich in seinen Harem ein und erhing sich an einer
Säbelschnur.

Was das Klima Massaua’s anbetrifft, so ist es nicht ungesunder als das der
andern Hafenplätze am Rothen Meere. Das Sprüchwort sagt, es sei eine
Hölle, wie Pondichery ein heißes Bad und Aden ein Backofen. Am
empfindlichsten macht sich der Mangel an Trinkwasser auf der Insel selbst
bemerkbar. Die C i s t e r n e n auf der Ostseite der Insel nehmen etwa ein
Drittel dieser letzteren ein. Der Ueberlieferung zufolge sind sie von den
Farsi (Persern) gebaut worden und das kann richtig sein, denn es ist
wahrscheinlich, daß einige Zeit, bevor Muhamed seine Lehre verkündigte,
der persische König Chosroes diese Küstengegend des Rothen Meeres
beherrschte. Uebrigens bezeichnet man in Massaua alles, was nicht
muselmännisch oder abessinisch ist, als „Farsi“, und so auch die Cisternen.
Sie sind vortrefflich gearbeitet und haben eine Art gewölbten Deckel, der aus
wunderbar fest gekitteten Korallenstücken besteht. Die inneren Wände der
Cisternen sind meistens vollkommen glatt und von rosenrother Farbe.

Die ägyptische Regierung thut nichts, um diese so höchst nothwendigen und
nützlichen Cisternen in gutem Zustande zu erhalten; was einfällt wird nicht
ausgebessert. Die Türken bekommen ihr Wasser von Monkullo oder Arkiko,
und ob die armen Leute Trinkwasser haben, ist ihnen ganz einerlei. Massaua
selbst hat gar kein eigenes Trinkwasser, wenn nicht etwa einige dieser
Cisternen Regenwasser enthalten. Alltäglich geht dagegen ein
Regierungsschiff nach Arkiko, das viele Brunnen besitzt, deren Wasser
indessen nicht besonders gut ist. Dasselbe wird dort in lederne, stark
gethrante Schläuche gefüllt, dann mittels Lastthieren oder Trägern zum
Gestade gebracht und nach der Stadt verschifft. Im August und September
fallen nicht selten Regen, welche die Brunnen speisen. Das schon erwähnte
Arkiko, das früher Dogen hieß, scheint wenigstens [pg 167]so alt wie
Massaua zu sein, obgleich es keinen Hafen besitzt. Es ist von freundlichen
Gärten umgeben und dient als Militärstation.

Seine Wichtigkeit verdankt Massaua dem abessinischen Zwischenhandel.
Alle dort wohnenden Nationalitäten sind an demselben betheiligt. Es
kommen bei günstigen politischen Verhältnissen im Innern gewöhnlich

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zweimal im Jahre große Karawanen (Kaflé) aus den Gallaländern und ganz
Abessinien nach der Küste; der Gesammtwerth der durch sie abgesetzten
Waaren wird von Heuglin auf eine Million Thaler, von Andern jedoch weit
höher angegeben. Eine solche Karawane sammelt sich bei günstiger
Jahreszeit und bewegt sich, von bewaffneter Macht eskortirt und immer
wachsend an Mitgliedern, über Adoa dem Meere zu. Sie steht unter dem
Befehle eines Schech el Kaflé und transportirt die Waaren auf Maulthieren
und Eseln bis an den Abfall der Hochgebirge, wo dann die benachbarten
Hirtenvölker, die viele Kameele zu diesem Zwecke halten, die
Weiterbeförderung übernehmen und die Waaren bis zum Meere bringen. Der
größte Theil der Verkaufsgeschäfte ist schon vor Ankunft der Karawane in
Massaua durch Unterhändler abgeschlossen; die Hauptartikel sind Kaffee
aus der Umgebung des Tanasees, Godscham und den Gallaländern,
Elfenbein von den Galla- und Kolaländern, Nashorn, Moschus, Gold von
Damot, Fazogl, Galla u. s. w., Wachs, Honig, Butter, Schlachtvieh, Häute,
Maulthiere, Tabak, Straußenfedern und Sklaven. Der Schiffahrtsverkehr mit
den Häfen am Rothen Meere, sowie mit Aden und Bombay, ist sehr lebhaft.
Noch 1860 schrieb Moritz v. Beurmann: „Unter den von Massaua
ausgeführten Handelsartikeln nehmen die Sklaven noch immer einen
bedeutenden Posten ein, obgleich in der letzten Zeit auch dieser Handel
bedeutend nachgelassen hat und die jährliche Ausfuhr in den letzten Jahren
wol kaum auf 1000 Köpfe kommen möchte. Es war deshalb auch zu der
Zeit, als ich in Massaua war, die Stimmung gegen die Europäer
eingenommen, da man wohl weiß, einen wie schädlichen Einfluß dieselben
auf diesen ergiebigen Handel haben.“ Nach Rüppell führte man 1838 etwa
2000 Sklaven beiderlei Geschlechts aus, zu einem Durchschnittspreis von je
60 Speziesthalern. M a r k t wird täglich in der Stadt abgehalten. Außer den
gewöhnlichen Handelswaaren werden auch Lebensbedürfnisse, Fleisch,
Brot, Holz und Trinkwasser, feilgeboten. Die beiden zuletzt genannten
Bedürfnisse machen die Erwerbsquelle für die armen Landleute aus. Mit
dem thönernen Topfe auf dem Haupte kommen die Wasserträgerinnen heran;
schon am frühen Morgen stellen sich Hirten ein, welche kleine, mit Milch
gefüllte Körbchen zum Verkauf bringen; diese Milch schmeckt sehr
unangenehm, indem sie gleich nach dem Melken stark geräuchert wird, was,
um das Gerinnen zu verhüten, unumgänglich nöthig sein soll. Andere
Landleute bringen in der Winterjahreszeit Nabakfrüchte (Rhamnus Nabac)
und kleine Citronen, die aus den verwilderten Klostergärten stammen, sowie
frische Hennablätter (Lawsonia inermis), welche den Schönen der Stadt zum

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Rothfärben der Nägel und Handfläche unentbehrlich sind. Fischerknaben
bringen die reiche Ausbeute des Meeres, und im Frühling verkauft man die
Blütenstengel einer spargelähnlich schmeckenden Aloëart. Fast die ganze
männliche Bevölkerung Massaua’s [pg 168]treibt sich den Tag über
faullenzend unter den Marktbuden umher, wo neben dem feinen Stutzer der
zerlumpte Derwisch und der halbnackte Hirt einherzieht.

Massaua, sowie Sauakin, gehörten einst zum abessinischen Reiche. Die
Stadt wurde 1557 durch eine türkische Flotte erobert und mit einer
bosnischen Besatzung versehen. Unter Mehemed Ali gehörte sie zu
Aegypten, kam jedoch 1850 wieder unter türkische Oberhoheit und wurde
1865 abermals, nebst der ganzen Westküste des Rothen Meeres an Aegypten
abgetreten.

Wendet man sich von Massaua gerade nach Süden, nach dem bis zu 5000
Fuß ansteigenden Gedemgebirge, so übersieht man von diesem den ganzen
M e e r b u s e n v o n A n n e s l e y oder die B a i v o n A d u l i s (jetzt bei
den Eingeborenen Gubet Kafr genannt). Während im Westen das Vorgebirge
Gedem die Bai abschließt, wird diese im Osten von der meist kahlen
Halbinsel Buri begrenzt. Das Westufer, flach und durch Anschwemmungen
entstanden, trägt eine üppige Vegetation von Schorabäumen, zwischen deren
Wurzelgewirr Heuglin hier einen seltsamen Fisch (Periophthalmus
Koehlreuteri) entdeckte, der, froschlarvenartig aussehend, im Schlamme,
zwischen Steinen und sogar im Grase lebte und verfolgt in großen Sprüngen
sich ins Wasser rettete. Die Bucht hat eine Länge von 20, bei einer Breite
von 8 Meilen, ist tief genug, um selbst die größten Seeschiffe aufzunehmen,
und besitzt den Vorzug, Trinkwasser wie auch Brennholz liefern zu können.
Den Schluß der Bai bildet die den Franzosen gehörige I n s e l D e s s i,
welche ohne große Kosten leicht befestigt werden könnte, doch haben die
Franzosen es bei der einfachen Besitzergreifung bewenden lassen. Sie hat
gleichfalls gutes Wasser und Weide für etwa 600 Stück Rindvieh, die drei
Rheden gewähren guten Schutz und können in vortreffliche Häfen
umgeschaffen werden. Im Jahre 1859, als Agau Negussi Gebieter Tigrié’s
und von den Franzosen als „Empereur“ anerkannt war, gab er die Insel dem
französischen Agenten Russel und bot ihm außerdem noch die ganze Bai

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von Adulis an. Dagegen that die ottomanische Pforte Einsprache, da sie das
ganze Küstenland für sich in Anspruch nimmt; indessen wurde darauf keine
Rücksicht genommen, und der französische Konsul schloß auf der Halbinsel
Buri mit den Häuptlingen der Hasorta, welchen Dessi gehörte, einen Vertrag.
Die Schums (Häuptlinge) erklärten, daß sie nie der Pforte, sondern nur der
abessinischen Krone unterthan gewesen seien. So ward Dessi französisch
und bestimmt, der von den Engländern besetzten Insel Perim in der Bab-el-
Mandeb Konkurrenz zu machen.

Am westlichen Ufer, doch eine Stunde vom Meere entfernt, liegen an einem
breiten, trockenen Strombette die Ruinen der berühmten Stadt A d u l i s,
Adule, Z u l a oder Asule. Sie wurde unter Ptolemäus Euergetes gegründet
und war zur Zeit der Ptolemäer ein blühendes Emporium, dessen Bewohner
lebhaften Handel, besonders mit Elfenbein, Rhinozeros, Schildpatt, mit
Affen und Sklaven trieben. Eine zweite Blütezeit erlebte Adulis unter den
Königen von Axum, für deren Staat es Hafenplatz bildete.

[pg 169]

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Hirt mit Fettschwanzschafen. Zeichnung von Robert Kretschmer.

Als im 6. Jahrhundert hier der Indienfahrer Kosmas landete, fand er das
Monumentum adulitanum, dessen Inschriften über die alte Geographie jener
Gegenden wichtige Auskunft geben. Jetzt sind von der Stadt nur elende
Ruinen noch übrig, die zwei Meilen im Umfang haben. Schutthaufen von
Wohnungen, die alle von kleinen unbehauenen Lavasteinen erbaut waren, in
der Mitte die Trümmer einer ganz zerfallenen Kirche, dabei Säulenreste und

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Kapitäle, alles ziemlich plump aus Lava gearbeitet und mit Buschwerk
überwachsen – das ist, [pg 170]was von Adulis übrig blieb. Keine Inschrift,
kein Relief ist mehr zu sehen, aber die Begräbnißplätze der Muhamedaner
haben sich zwischen diesen alten christlichen Resten angesiedelt, bei denen
der Mangel größerer Gebäude nicht auffallen kann, wenn man bedenkt, daß
Adulis einst dieselbe Rolle spielte, wie heute Massaua, in dem auch alle
großen Gebäude fehlen.

Hier ist der Ort, einen kurzen Blick auf die Bewohner des Küstenlandes zu
werfen. Diejenigen der Samhara, des schönen Thales von Modat, in
welchem die heißen Mineralquellen von Ailet liegen, nennt man
zusammenfassend B e d u a n. Sie sind gleich den Abessiniern Semiten und
reden die Tigrésprache. Alle bekennen sich zum Islam, doch vor einem
Menschenalter waren sie noch Christen, wie es ihre nächsten Nachbarn im
Nordwesten, die Mensa und Bogos, noch heute – wenigstens dem Namen
nach – sind. Sie sind alle Nomaden, die besonders Viehzucht treiben und
Kameele, Rindvieh, Ziegen und Schafe halten. Letztere sind verschieden von
den eigentlichen abessinischen Schafen; sie kommen vielmehr überein mit
dem arabischen oder persischen F e t t s c h w a n z s c h a f e und zeichnen
sich durch einen schwarzen Kopf aus.

In der Umgebung des Golfs von Adulis bis zur eigentlichen Grenze
Abessiniens wohnen Hirtenvölker, die Heuglin unter dem Namen S c h o h o
zusammenfaßt und zu denen er auch die H a s o r t a oder Saorto rechnet. Sie
reden eine eigene Sprache, haben eine eigenthümliche Gesichtsbildung, sind
blos wilde Hirten, haben keine festen Wohnsitze und treiben keinen
Ackerbau. Sie bekennen sich der Form nach allerdings zur
muhamedanischen Religion, kümmern sich im Grunde genommen jedoch
wenig darum. Ihre Lebensweise ist einfach, ja dürftig, ihr Charakter
leidenschaftlich. Rüppell sah in Arkiko Schoho, die sich durch einige
Eigenthümlichkeiten auszeichneten. Ihr Kopfhaar stand rund um den Kopf
nach allen Seiten hin sechs Zoll weit steif ab und hatte durch die Menge des
eingekneteten Hammelfettes eine graugelbe Farbe erhalten; mehrere bejahrte
Männer hatten ihre grauen Bärte ziegelroth gefärbt; andere rochen bis in
weite Ferne nach Zibethmoschus; dabei gingen sie in ganz zerlumpten
Kleidern. Von den ihr Gebiet durchziehenden Fremden versuchen die
Schohos auf alle mögliche Art Geld zu erpressen. So suchten sie Rüppell
mehrere Schafe und Milch aufzudrängen; glücklicherweise hatten ihn aber

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seine Reisegefährten gewarnt, von ihnen anders als gegen bestimmte
Zahlung etwas zu nehmen, da solche Schenkungen nur ein Kunstgriff seien,
um den zehnfachen Werth dafür zu erzwingen. Uneingedenk dieser Warnung
kostete er von einer freundlich dargebotenen Schale Milch, wofür er einen
halben Maria-Theresia-Thaler zahlen mußte!

Die Begrüßungsart der Schoho ist das Darreichen der Hand; wenn sie
ausruhen, nehmen sie eine Stellung an, die man unter den ostafrikanischen
Negern (z. B. bei den Bari am Weißen Nil, bei den Leuten im Mondlande
u. s. w.) wiederfindet. Sie setzen nämlich die linke Fußsohle an das rechte
Knie, biegen dann, indem sie sich mit der Achselhöhle der rechten Schulter
auf einen Stab stützen, den Körper auf die rechte Seite und stehen so oft
Viertelstunden lang unbeweglich still, apathisch denselben Gegenstand
anstarrend.

[pg 171]
Folgt man in südöstlicher Richtung der Küste des Rothen Meeres, so trifft
man abermals auf ein anderes Volk, auf die ohne ein gesetzliches Band, in
kleinen Familien, ohne politisches Oberhaupt lebenden D a n a k i l (in der
Einzahl Dankali), welche bei den Arabern Tehmi oder Hetem heißen. Sie
sind in den Küstenplätzen am Rothen Meere ansässige Fischer und Schiffer,
die auch mit der gegenüberliegenden arabischen Küste Handel treiben.
Obgleich sie nur kleine offene Schiffe haben, die hinten und vorn in einen
Schnabel auslaufen und gewöhnlich nur durch ein viereckiges, aus Matten
verfertigtes Segel in Bewegung gesetzt werden, so wagten sie sich doch von
je muthig weit in die See hinaus und waren früher auch zuweilen kühne
Seeräuber. In vieler Beziehung gleichen sie den Ostabessiniern, doch sind sie
noch kräftiger und heller als diese, tragen aber deren rothgerändertes
Umhängetuch und verhüllen sich beim Sprechen damit den Mund; andere
bekleiden sich mit der dicken abessinischen Leibbinde, die so breit ist, daß
sie bis fast unter die Arme reicht. Sie tragen lange, krause, von Fett triefende
Haare, gehen stets bewaffnet mit Lanzen, runden Schilden aus Antilopenfell
und einem zweischneidigen Säbelmesser, das aus indischem Eisen
geschmiedet und in einer ledernen Scheide an der rechten Seite getragen
wird. Die Danakil bekennen sich zum Muhamedanismus; sie werden
übrigens von Heuglin, der sie in der Umgebung Ed’s kennen lernte, als
feiges, diebisches Gesindel voll des schamlosesten Eigennutzes, dabei faul
und mißtrauisch im höchsten Grade, beschrieben. In ihrer Sprache heißen sie

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Afer. Seit alten Zeiten bewohnen sie Ostafrika und beherrschten sogar einige
Jahrzehnte hindurch unter dem Eroberer Muhamed Granjé ganz Abessinien.
Jetzt sind die Danakil auf ein verhältnißmäßig kleines Terrain
zurückgedrängt, von der Halbinsel Buri im Osten der Bai von Adulis bis
Gubbet-Harab im Süden (11° 30′ nördl. Br.). Ihre Westgrenze bildet der
Abfall der abessinischen Hochlande und ein Salzwüstenland, das sich längs
deren Fuß von Norden nach Süden erstreckt und mit der Samhara oder
Samher theilweise zusammenfällt.

Diese S a m h a r a, wie der Araber den schmalen Streifen nennt, welcher
östlich von den abessinischen Gebirgen zwischen diesen und dem Meere
verläuft, ist ein höchst interessantes Wüstenland. Dem Gesetze zufolge, daß
die Wüste überall da, wo es regnet, Wüste zu sein aufhört und Steppe zu
werden anfängt, sollte auch die Ebene zwischen dem Gebirgswall
Abessiniens und dem Rothen Meere Steppe sein, weil es dort regnet – allein
dies ist nicht der Fall. Gerade da, wo man glauben könnte, daß das Wasser
seinen ewigen Kreislauf ununterbrochen ausführen könne, an diesen Küsten
nämlich, zeigt sich diese Samhara als Ausnahme, die höchstens als
Mittelglied zwischen Steppe und Wüste angesehen werden kann. Auf große
Strecken erinnert sie noch durchaus an die Wüste, nur in wenigen Thälern
ähnelt sie der Steppe und blos da, wo das Wasser so recht eigentlich waltet,
beweist sie, daß sie innerhalb des Regengürtels liegt. Aber nicht die Lage
macht die Samhara zu dem, was sie ist, sondern die Beschaffenheit. Sie ist
blos eine Fortsetzung des Gebirgsstockes selbst, obgleich sie, die Ebene, nur
von wenigen und niederen Hügeln unterbrochen wird.

[pg 172]
Sie gleicht gewissermaßen, wie Brehm treffend bemerkt, dem Schlackenfeld
am Fuße eines gewaltigen Vulkans. Eine Menge konischer Hügel, zum guten
Theil aus Lava bestehend, wechselt hier mit schmäleren oder breiteren
Thälern ab und bildet ein Wirrsal von Niederungen, welche, dem Faden
eines Netzes vergleichbar, zwischen den Hügeln und Bergen verlaufen. So
niedrig diese Hügel auch sind, so schroff erheben sie sich, und deshalb
verliert auf ihnen das Wasser seine Bedeutung; denn so schnell es
gekommen, rauscht es wieder zur Tiefe hernieder und nur in der Mitte des
Thales gewinnt es Zeit, das Erdreich zu tränken und ihm die Feuchtigkeit zu
gewähren, welche zum Gedeihen der unter einer scheitelrecht strahlenden
Sonne so wasserbedürftigen Pflanzen unerläßlich ist. Hier nun macht sich

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auch gleich ein reiches Leben bemerkbar. An den schwarzen Bergen klettern
die Mimosen, so zu sagen, mühsam empor; an den schroffen Wänden finden
sie kaum Nahrung genug zu ihrem Bestehen und können sich deshalb nur zu
dürftigen Gesträuchen entwickeln. Nur in wenigen Niederungen, die
zeitweilig von Regenbächen durchströmt sind, findet man dunkelgrüne
Euphorbienbüsche, zu denen sich in noch besseren Lagen Tamarisken,
Christusdorn, Balsamsträuche, Asklepiasbüsche, Capparis, Stapelien,
Ricinus gesellen, während der Cissus überall an den Sträuchern
umherklettert und reiche Guirlanden bildet. Hier erhält man einen
Vorgeschmack jener reichen Natur, die im Gebirge herrscht, wo die Pracht
der Tropen mit den Schönheiten der Bergwelt sich vereinigt, wo immer neue
Zauberbilder vor dem Auge auftauchen und sich das Schatzkästlein ganz
Afrika’s eröffnet. Dort im Westen winkt uns der hohe Gebirgswall des
afrikanischen Alpenlandes, nach dem wir nun unsere Schritte lenken.

Massaua ist für die weißen Europäer die natürliche Eingangspforte nach
Abessinien. Gewöhnlich schließen sie sich einer heimkehrenden K a f l é an,
die immer mehr Sicherheit darbietet, als wenn der Reisende allein oder nur
mit geringer Begleitung in das Innere einzudringen versucht. Bei den
gesetzlosen Zuständen des Landes, den fast stets stattfindenden
Bürgerkriegen, der Plünderung und Verheerung, ist ein Reisen in Abessinien
außerordentlich gefährlich, und nur die Karawanen gewähren einige
Sicherheit, wenn sie auch starken Erpressungen, Zollabgaben und den
verschiedensten Plackereien ausgesetzt sind.

Als Lastthiere werden auf den steilen und schwer zugänglichen Wegen
vorzüglich Maulthiere verwendet. Das Verpacken der Effekten nimmt viel
Zeit in Anspruch, da selbige in gleich große und wo möglich gleich schwere
Ballen zusammengeschnürt werden müssen. Eine große Anzahl Diener und
Treiber ist deshalb nöthig, um das Gras für die Thiere, Holz und Wasser für
die Reisenden herbeizuschaffen, ferner um das Gepäck jedesmal durch
gehöriges Zusammenlegen gegen den Regen zu schützen und des Nachts
gegen die Räuber und Raubthiere Wache zu halten. Die Karawane z. B., mit
welcher Rüppell reiste, bestand aus 40 Kameelen, ebenso viel Maulthieren
und über 200 Menschen. Man stelle sich vor, was diese allein an Wasser und
Lebensmitteln in den unwegsamen Gebirgen brauchten, und man wird die
Schwierigkeit, nach Abessinien einzudringen, schon hiernach beurtheilen
können.

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[pg 173]

Landschaftscharakter am Abfall der ostabessinischen Gebirge. Zeichnung von Robert Kretschmer.

[pg 174]
Nur die angesehensten Reisemitglieder reiten; alle anderen gehen zu Fuß.
Jedes Mitglied der Gesellschaft ist bewaffnet; entweder mit einem langen
krummen Säbelmesser, das stets an der rechten Seite getragen wird, oder mit
einem Speer und runden Schilde. In neuerer Zeit sind die Gewehre mehr in
Aufnahme gekommen. Viele tragen außerdem noch kleine, aus Rohr
geflochtene Sonnenschirme, die äußerst nützlich sind, wenn man nach
abessinischer Sitte keine Kopfbedeckung trägt. Am Abend macht die
Karawane gewöhnlich unter einigen Bäumen in der Nähe von Brunnen Halt.
Es ist kein leichtes Stück Arbeit, nach Abessinien einzudringen, wer es aber
erreicht, der findet in der Natur auch Belohnung für seine Mühe, wenn auch

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die Menschen, welche jenes Paradies bewohnen, ihm desselben nicht werth
erscheinen. Steigen auch wir nun hinauf in die Hochlande.

Hinter uns liegt der ungesunde Küstensaum und die Samhara, die wir in
wenigen Tagemärschen durchschritten, vor uns aber, am westlichen Rande
derselben, steigt jäh in einer Höhe von durchschnittlich 8000 Fuß das
T a r a n t a - G e b i r g e, der natürliche östliche Grenzwall Abessiniens an,
über dem zackige Gipfel in die Höhe starren. Im Lichte der südlichen Sonne
spielt es in den prächtigsten Farben, die uns in Entzücken versetzen; ein
ewiger Wechsel von Licht und Schatten, Helle und Dunkel ist bemerkbar. Es
wird Einem wohler in der Seele, wenn man dem Gebirge näher und näher
kommt; man treibt das Maulthier zu schnellerem Laufe an, um bald die Luft
der Gebirgsthäler genießen zu können. Die Pässe und Saumwege sind häufig
so eng, daß nur ein Lastthier hinter dem andern zu gehen vermag; stürzt
eines, so versperrt es den Weg und die Karawane muß Halt machen. Der am
meisten begangene Paß ist jener von Halai, durch den zur Regenzeit ein wild
angeschwollenes Gebirgswasser dem Rothen Meere zustürzt. Schroffe
Bergmassen, welche aus senkrechten Schichten von Schiefer bestehen,
begrenzen den Weg. Das Ganze macht den Eindruck einer wilden Einöde:
Bergwände mit fast ganz nacktem Gestein ohne frischen Graswuchs erheben
sich zu beiden Seiten, während die Thalniederung nur hier und da
Baumgruppen zeigt. In Zickzacklinien führt der Weg weiter; es treten nun
verschiedene Pflanzen auf: man bemerkt die ersten Tamarisken, dann die
Kronleuchter-Euphorbien (Kolqual), die mit der Höhe des Gebirges an
Häufigkeit zunehmen und äußerst charakteristisch sind; vorherrschend ist
jedoch die Mimose. Jetzt sind wir oben in der erfrischenden Bergeshöhe; in
der Nacht ist kalter Tau gefallen und der kühle Wind streicht über die Gipfel,
von denen wir noch einen Blick rückwärts auf das Rothe Meer – gleichsam
zum Abschied – werfen. Der nächste Fluß senkt sich schon westlich ab – er
gehört zum Gebiete des Nil. Abessiniens Grenze, die allerdings nicht so
scharf gezogen erscheint, wie die Grenze eines europäischen Staates, ist
überschritten und das Dorf H a l a i, das erste des Landes, ist erreicht. Es
schmiegt sich terrassenförmig erbaut an die Kuppe eines Hügels an; die
Wohnungen sind kaum mannshoch und mit flachen Dächern versehen. Diese
haben einen bodenlosen Topf in der Mitte, durch welchen das Tageslicht in
die Hütte dringt und der Rauch hinauszieht.

[pg 175]

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Diese Töpfe – Schornsteine kann man sie nicht nennen – werden mit einem
Steine bedeckt, wodurch dann, da die Hütte außer einer kleinen Thür keine
andere Oeffnung hat, das Innere derselben ganz finster wird. Wir treten ein,
um einen Vorgeschmack abessinischer Behausungen zu erhalten. Um ein nie
verlöschendes Feuer gekauert, dessen Rauch nur mühsam Abzug findet und
die Wände mit dickem Ruß überzieht, lagern die halbnackten Insassen, zu
denen sich Ziegen, Schafe und Esel gesellt haben, welche in einer Ecke des
Gemachs Unterkunft fanden. Ermüdet werfen wir uns auf eine der mit
Ledergeflecht überzogenen Ruhebänke, reiben die thränenden Augen,
welche von dem beißenden Qualm zu leiden haben, und gedenken uns durch
einen Schlaf von der anstrengenden Gebirgswanderung zu erholen – aber
auch dieser wird uns verleidet, denn aus den Rohrmatten, die auf der
Ruhebank liegen, stürzen blutgierig Hunderte von Flöhen über uns her,
denen europäisches Blut ein ganz besonderer Genuß zu sein scheint. Wir
möchten hinaus ins Freie – aber auch das ist uns benommen, denn
strömender Regen gießt auf die Erde herab, und wir sind gezwungen, in dem
ekelhaften Quartier auszuhalten.

So gestaltet sich das Vordringen nach Abessinien von der Seite des Rothen
Meeres her. Anders und mit noch größeren Schwierigkeiten gelangt man
längs dem Nil oder längs dessen Zuflüssen in die Hochlande. Hier ist der
Reisende genöthigt, bis nach der Metropole des östlichen Sudan, Chartum
am Zusammenflusse des Weißen und Blauen Nil, vorzudringen. Von hier aus
kann er entweder am Blauen Fluß stromaufwärts bis nach der zerfallenen
Stadt Sennar reisen und dann nach dem östlich liegenden Sklaven- und
Gummimarkte E l G e d a r e f ziehen, oder er verläßt den Blauen Nil schon
früher bei Abu-Haras und gelangt durch das Gebiet der Schukerié-Araber
nach dem genannten Marktplatze. Von hier aus geht nun in südöstlicher
Richtung die vielbesuchte Karawanenstraße am Elephantengebirge oder Ras
el Fil vorbei in die Negerrepublik G a l a b a t. Dieser merkwürdige
Grenzstaat, der von sehr fleißigen Schwarzen – Takruri – bewohnt wird, die
aus Darfur und Wadaï stammen und auf den Mekka-Wallfahrten hier sitzen
blieben, hat sich unter einem Oberhaupte – Schum – eine Art von
Selbständigkeit zu bewahren gewußt, die er allerdings durch gleichzeitige
Abgaben an Aegypten und Abessinien theuer erkauft. Die Hauptstadt
Metemmé ist ein bedeutender Marktort, unfern vom Atbara. Auch haben die
Baseler Missionäre hier eine Station errichtet, die indessen ganz erfolglos
blieb.

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Metemmé, nur wenige Meilen von der abessinischen Grenze gelegen, ist in
der letzten Zeit ungemein häufig von europäischen Reisenden besucht
worden, so von Baker, Schweinfurth, Graf Krockow, v. Heuglin. Das
Hinaufsteigen in die Hochlande ist hier nicht sehr schwierig, keinenfalls so
mühevoll wie von Massaua aus. Auch wir wollen hier in das Land
eindringen und zwar unter der Führung G . L e j e a n ’ s, eines französischen
Reisenden, der sich um die Wissenschaft schon bedeutende Verdienste
erworben hat.

[pg 176]

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G. Lejean.

G. Lejean’s Reise durch Abessinien.

Metemmé. – Der Markt Wochni. – Grenzwächter. – Eine abessinische
Festung. – Eine deutsche Familie. – Das Land am Tanasee. – Schnapphähne. –
Missionsstation Gafat. – Gefangennahme Lejean’s durch König Theodor. –
Theodors Löwen. – Gondar und seine Bauten. – Wasserfall des Reb. – In
einem Kloster. – Besuch in Korata. – Binsenflöße. – Der Tanasee. –
Besteigung des hohen Guna. – Fünf Frauengenerationen. – Befreiung. –
Hochebene Woggara. – Lamalmonpaß. – Reise durch Tigrié nach Massaua.

Guillaume Lejean ist ein vortrefflicher Mann. Er verbindet mit der
Leichtigkeit und Liebenswürdigkeit echt französischen Wesens eine
deutsche Gründlichkeit. Dabei ist er kühn, praktisch und vor keiner Gefahr
zurückschreckend. Diese hervorragenden Eigenschaften machten ihn zum
Forschungsreisenden besonders geeignet, wozu noch sein offizieller
Charakter als französischer Konsul ihm mancherlei Erleichterungen
verschaffte. Bekannter wurde er zuerst durch eine Abhandlung über die
verwickelte Ethnographie der europäischen Türkei, die er nach allen Seiten
hin bereist hatte. Als die große Zeit der Nilquellenentdeckungen war und
Speke, Grant, Baker ihre Erfolge errangen, beschloß auch Lejean sein Theil
zur Lösung des Problems beizutragen; er ging den Weißen Nil hinauf,
untersuchte dessen Nebenfluß, den Gazellenstrom, und kam bis Gondokoro.
Hier warf ihn jedoch das klimatische Fieber dergestalt nieder, daß er
umkehren mußte. Nun wandte er sich nach Nubien, besuchte Kassala, eine
der bedeutendsten Städte [pg 177]im östlichen Sudan, und durchstreifte die
Bogosländer. Von der französischen Regierung zum Konsul in Massaua
ernannt und mit einer Mission an den König Theodor von Abessinien
betraut, ging er abermals nach dem Sudan. Im Dezember 1862 finden wir
ihn dann zu Metemmé in Galabat, um weiter nach Abessinien vorzudringen.

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Von hier ab lassen wir ihn seine an persönlichen Abenteuern reiche Reise
auszugsweise selbst erzählen.

Von dem deutschen Missionär E p e r l e i n, einem Badenser, wurde ich sehr
freundlich aufgenommen. Bei ihm befand sich ein junger Engländer,
Namens D u f t o n, der, gleichfalls vom Missionseifer getrieben, aus freien
Stücken sich hierher begeben hatte, um ein Noviziat durchzumachen und
dann als Glaubensbote weiter zu ziehen. Er war ein gutes Exemplar jenes
frostigen Enthusiasmus, welcher seine Landsleute in religiösen Dingen
auszeichnet und zu so originellen Thaten treibt. Obgleich er als der Sohn
eines reichen Fabrikanten in Leeds gemüthlich zu Hause hätte leben können,
beschloß er dennoch, gleich Krapf oder Livingstone Missionsreisen
anzutreten. Nur mit acht Guineen in der Tasche wanderte er nach Schwaben,
wo ihm Krapf anrieth, die Galla zum Christenthum zu bekehren. Er ging
dann nach Aegypten, den Nil aufwärts nach Chartum, lud dort sein winziges
Gepäck auf einen Esel, den er vor sich hertrieb, erlitt in Gedaref einen
heftigen Fieberanfall und langte mit drei Thalern in der Tasche in Metemmé
an. Ich schlug ihm vor, sich meiner kleinen Karawane anzuschließen; er
würde so als mein Sekretär angesehen werden und ohne Schwierigkeit die
abessinische Grenze passiren können. Gern ging er auf meinen Vorschlag
ein, und ich gewann einen tüchtigen, sehr gebildeten Reisegefährten,
welcher sich in schwierigen Lagen voller Muthes erzeigte.

Auf dem wohlversorgten Markte von Metemmé kaufte ich zwei abessinische
Maulesel, zu 9 Thaler das Stück, und miethete außerdem ein Kameel,
welches mein Gepäck bis Wochni bringen sollte, wo die steilen Bergabfälle
beginnen und Lastesel an die Stelle des Schiffs der Wüste treten. Nach
viertägigem Aufenthalt in Metemmé sagten wir endlich dem braven Eperlein
Lebewohl, traten die Reise nach Abessinien an und gelangten zunächst in
einen dichten Wald, der sich drei Tagereisen weit bis an den Fluß
G a n d o v a (Nebenfluß des Atbara) hin erstreckt. Dies ist der Grenzstreifen
oder Border, wie man in Schottland sagen würde, der von den Aegyptern
und Abessiniern als neutrales Land betrachtet wird, den aber beide Theile
schon häufig mit ihrem Blute getränkt haben. Am dritten Tage passirte ich
die noch stark angeschwollene Gandova, an der Stelle, wo die kleine Insel
K a o k i b den Karawanen den Durchgang erleichtert; mitten auf derselben
erhebt sich ein prachtvoller Tamarindenbaum, welcher die Reisenden zur
Rast in seinem kühlen Schatten auffordert.

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Gegen Abend gelangten wir an die erste jener stufenförmigen Terrassen,
welche ringsum fast ganz Abessinien begrenzen. Wir erklommen sie mit
einiger Schwierigkeit und fanden auf dem Gipfel ein schönes Plateau, auf
welchem man gerade das dürre Gras und Kraut behufs der Bestellung der
Felder abbrannte. Hier wurde das Nachtlager aufgeschlagen, das Gepäck
abgeladen, schnell zu [pg 178]Abend gegessen und der müde Körper auf
dem Boden zum Schlafe ausgestreckt. Wir hatten nur kurze Zeit geruht, als
sich ein wüster Lärm erhob; die Maulthiere begannen auszuschlagen und
eins derselben riß sich los. Unser Diener schoß aufs Gerathewohl in die
Finsterniß hinein. Wahrscheinlich hatte eine freche Hyäne einen Ueberfall
versucht, war dabei aber gestört worden. Das freigewordene Maulthier lief
nach Metemmé zurück, wo es mit einem tiefen Biß in der Weiche bei
Eperlein ankam.

Schnell erhoben wir uns beim Morgengrauen von diesem unangenehmen
Orte und gelangten nach vierstündigem Marsche in W o c h n i, dem ersten
abessinischen Orte an, der wegen seines Wochenmarktes, wo die Baumwolle
von Gallabat und Sennar verkauft wird, berühmt ist. (Abbildung siehe
S. 85.) Ein für allemal muß ich hier bemerken, daß wir wegen unserer
europäischen Kleidung oder wegen unseres fremdartigen Aussehens von den
Eingeborenen keineswegs belästigt wurden.

Wochni liegt tief in einem dunklen feuchten Walde. Hierher kommen die
südlichen Gallastämme und Leute aus Tigrié, um Goldstaub und Elfenbein
gegen Pulver, Tuch und Leinen einzutauschen; die Beduinen aus Ostsudan
bringen ihre Pferde und aus Chartum langt Salz an, das in dem Reiche des
Negus als Geld unentbehrlich ist. Die Wohnungen bestehen aus runden
Hütten mit kegelförmigem Dache; außer Teppichen und Decken, welche als
Divan dienen, sind darin keine Möbeln vorhanden.

Wir lagerten uns unter einem Baum, und unser Führer ging, um den
N a g a d r a s oder Zollwächter aufzusuchen. Unterdessen blätterte ich in
einem illustrirten Buche, während Dufton die hohe steile Basaltterrasse des
Maschelagebirges zeichnete, die sich nördlich von Wochni mit senkrechten
Rändern 1800 Fuß hoch erhebt. Neugierig, doch ohne uns gerade zu
belästigen, kamen die Leute des Ortes heran. Ein junges Mädchen fragte
mich, ob ich ein Christ sei, und als ich ihre Frage bejahte, zeigte sie mir ihre
blaue seidene Halsschnur und forschte dann weiter, ob ich auch die Denghel

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Mariam verehre? „Ja wohl, die J u n g f r a u M a r i a, die Mutter Christi!“
lautete meine Antwort. Nichts kommt der Verehrung gleich, mit welcher die
Abessinier der Mutter Maria ergeben sind; hierin liegt einer der zahlreichen
Punkte, in welchen die Religion der Abessinier mit jener der romanischen
Völker übereinstimmt. Die deutschen und englischen Missionäre mit ihrer
kalten und schwerfälligen Logik haben ungeschickterweise gegen dieses
Nationalgefühl, eine der schönsten Formen des Frauenkultus, geeifert und
aus diesem Grunde, glaube ich, sind auch alle ihre Missionsbestrebungen
erfolglos geblieben.

Der Nagadras kam an. Nach einigem Wortwechsel bedeutete er uns, daß er
über unsere Zulassung in das Reich erst mit dem B e l - A m b a - R a s
G i l m o, dem Markgrafen oder Grenzwächter der vier Grenzprovinzen
Tschelga, Sarago, Dagossa und Ermetschoho unterhandeln müsse. Bel-
Amba-Ras Gilmo bestellte uns nach seinem Aufenthaltsort, dem Dorfe
Kamauchela, welches auf dem Gipfel eines steilen, fast unzugänglichen
Berges liegt, einer Amba, wie derselbe [pg 179]in Abessinien genannt wird.
Vier Tage brachten wir noch in Wochni zu, worauf wir dann auf Gilmo’s
Befehl, geführt von einem Diener des Zollwächters, nach Tschelga
aufbrachen.

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O e n a n t h u s m u l t i f l o r u s. Nach Lejean.

Der Weg führt durch das Bel-Wocha-Thal, das der Kolla Abessiniens
angehört. An einzelnen Stellen zeigt dasselbe einen breiten Bambusgürtel,
der über die Hügel sich hinzieht und fast alle übrige Baum- und
Strauchvegetation erdrückt hat. Andere Stellen zeigen prächtigen
Blumenflor. Weiße Schwertwurz (Gladiolus) und Asphodelusarten, Muscari,
Arum und düster erscheinende Takka; im Grase steht häufig die Kämpferia,

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deren breite gelbe Blüte sich mitten zwischen vier großen, platt auf der Erde
liegenden, hellgrünen, rothgesäumten Blättern, die in einigen Gegenden als
Salat genossen [pg 180]werden, erhebt. Dazu gesellen sich Orchideen,
großblütige Amaryllis und Haemanthus mit scharlachrothen Blütenknöpfen.
Prächtig leuchtet vor allen andern Pflanzen der Oenanthus multiflorus uns
entgegen. Ueber Gestrüpp und Gestein führt in Zickzacklinien an steilem
Gehänge fort durch enge Tiefthäler der Weg aufwärts; dann folgt eine Ebene,
von der man zum ersten Male einen weiten Blick in das gesegnete Land
Abessinien hat. Von hier aus genießt man eine herrliche Aussicht auf die
Ebene von Tschelga und Dembea, auf den weiten Spiegel des Tanasees mit
seinen Inseln und die hohen Berge jenseit desselben, die Guna und
südöstlich auf die Alpen Godschams.

Unter strömendem Regen langten wir in T s c h e l g a an, und dort wollten
die ungastlichen Eingeborenen, da wir keinen M u r s a l oder Paß besaßen,
uns zwingen, unter einem Baume zu kampiren, bis unsere Angelegenheit
geordnet sei. Ich miethete jedoch zu dem mäßigen Preise von einem Stück
Salz täglich ein Haus, das zu beziehen unser Führer, der Diener des
Nagadras, uns jedoch verhindern wollte. Dufton, hierüber aufgebracht,
stellte sich in nationale Boxerposition und schrie den Diener an: „Also du
willst uns auch ein trockenes Obdach verwehren? Piff, paff, da hast du eins!“
Nun drehte sich der Diener im Kreise, aber ein baumstarker Abessinier hielt
Dufton fest, und die Lokalpolizei intervenirte. Nach langem Streiten
erreichten wir dennoch unsern Zweck fürs erste: ein schützendes Gemach.

Ich will die Leser nicht damit langweilen, wie der Bel-Amba-Ras uns volle
19 Tage in Tschelga aufhielt, unter dem Vorwande, erst Befehle vom Negus
Theodor einholen zu müssen. Ich argwöhne nur, daß er mich für einen
Missionär hielt und auspressen wollte. Zuletzt ungeduldig geworden,
beschloß ich, ihn in seiner luftigen Felsenfestung aufzusuchen. Gefolgt von
Dufton, einem Takruri-Dolmetscher und einem Soldaten, der uns als Wache
beigegeben war, machte ich mich nach der Amba auf den Weg, die
nordnordöstlich von Tschelga liegt. Am ersten Abend schliefen wir, vier
Stunden von der Stadt entfernt, in einem muhamedanischen Dorfe, dessen
Einwohner in dem christlichen Abessinien dieselbe gedrückte Stellung
einnehmen, wie die Christen in der muhamedanischen Türkei. Mit dem
Morgengrauen brachen wir wieder auf und erklommen eine Terrasse, von
der aus wir den ersten Blick auf die Amba werfen konnten. Vor

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Verwunderung über das herrliche Naturgebilde standen wir beide ganz
überrascht still. Man stelle sich am Ende einer mit grünenden Hügeln
überzogenen Terrasse einen jäh und steil abfallenden Felsenberg von 700 bis
800 Fuß Höhe vor, also doppelt so hoch als unsere höchsten Thürme und fast
ebenso gerade aufschießend wie diese, begrenzt von den bewaldeten
Thälern, die sich nach dem Goang, wie man hier den Atbara nennt,
hinziehen. Ein Felsen, der in eine Plattform endigt, etwa von der Größe der
Place de la Concorde in Paris, und der weit und breit die umliegende Ebene
beherrscht, verbindet sich wie eine Art von Vorwerk mit der Festung. Ein
Felsgrat, so eng, daß zwei Personen nebeneinander ihn nicht passiren
können, führt zu dieser, und der Fußgänger, welcher auf ihm hingeht, hat
keinerlei Schutz zur Seite, [pg 181]welcher seinen Fall in den gähnenden
Schlund rechts oder links verhinderte. In diesem wilden Gibraltar wohnte
der abessinische Feudalherr, dessen kleiner pomphafter Hof lebhaft an die
merovingischen Herzöge zur Zeit Gregor’s von Tours erinnert. Doch war es
hier nicht das erste Mal, daß ich jene Sitten noch in voller Ausübung fand,
welche in meinem Vaterlande vor acht oder zehn Jahrhunderten herrschten,
und manche dunklen Verhältnisse unsrer Geschichte wurden mir erst durch
den Augenschein im heutigen Abessinien klar vor Augen geführt.

Wir schritten ohne Zögern die schwindlige Brücke entlang, die jener gleicht,
welche in den muhamedanischen Legenden aus dem Paradiese in die Hölle
führt, und nachdem wir ein Thor erreicht hatten, das von halb entblößten
Lanzenträgern bewacht war, kletterten wir langsam einen abschüssigen
Abhang hinan, passirten ein zweites Thor und standen nun auf einer
Plattform, wo uns Gilmo’s Leute in eine Art Wartesaal führten, indem sie
uns bedeuteten, daß der Bel-Amba-Ras gerade mit einem Botschafter des
Negus verhandle, daß wir aber nach dessen Abfertigung sofort eingelassen
werden sollten.

Nach Verlauf von zwei Stunden führte man uns in einen weiten, mit Dienern,
Vasallen und Leibwächtern angefüllten Raum, in welchem der
Festungskommandant auf einer Alga ruhte. Seine dunkeln Gesichtszüge
zeigten zur Genüge an, daß er von Ursprung ein Gamante (vergl. S. 88) sei,
welches Volk in diesen Grenzprovinzen sehr zahlreich wohnt und die großen
Sykomoren verehrt. Er hielt eine „Berille“, weitbauchige Flasche von antiker
Form mit langem Halse in der Hand und war schon angetrunken. Uns
zutrinkend wünschte er nichts sehnlicher, als uns in den gleichen Zustand

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versetzt zu sehen. Ich trug ihm meine Bitte vor, das Weihnachtsfest bei
meinen „europäischen Brüdern“ in Dschenda zubringen zu dürfen. So nannte
ich nämlich die dort wohnenden Missionäre, von denen ich in der Folge
manche Unterstützung zu erhalten hoffte, und mit großer Genugthuung
vernahm ich alsdann seinen Ausspruch: „Etsche! Ich willige ein“. Durch
diesen guten Anfang kühner gemacht, bat ich ihn um die Erlaubniß, seine
Festung abzeichnen zu dürfen, die ich für ein Weltwunder erklärte. Er wurde
ernst und sagte: „Hast du in unserm Lande etwas verloren? Hat man dich
bestohlen? Sprich, und ich will dir Gerechtigkeit widerfahren lassen!“ Nichts
dergleichen, antwortete ich. „Dann“, nahm er das Wort, „hast du auch nichts
zu verlangen, und aus welchem Grunde willst du diesen Ort „abschreiben“,
um dich später seiner zu erinnern?“ Sein Mißtrauen lag klar auf der Hand,
ich schwieg weislich still und nahm dankend Abschied. Kaum in mein
Quartier zurückgekehrt, erhielt ich vom Bel-Amba-Ras einen Hammel, einen
Krug mit Honigwein, sowie Brot zugeschickt und hielt mit Dufton eine
köstliche Mahlzeit. So war die Audienz gut abgelaufen und wir kehrten nach
Tschelga zurück, um uns zur Abreise vorzubereiten.

Vor uns leuchtete der herrliche T a n a s e e, wie ein von Smaragden
eingefaßter Saphir. Er ist ein großes vulkanisches Becken von
außerordentlicher Tiefe, auf dem die Stürme heftig hausen. Zwanzig Ströme
und Bäche speisen [pg 182]ihn, führen aber auch zur Zeit der
Sommerregengüsse ihm große Mengen von Schlamm zu und ändern dadurch
stets seine Grenzen. Reizende Inseln, auf welchen Kirchen und Klöster sich
im Grün der Bäume verstecken, unterbrechen anmuthig seine Fläche und
verleihen dem lieblichen Bilde Abwechselung.

Die Reise von Tschelga nach Dschenda wurde in drei Stunden ohne
bemerkenswerthen Vorfall zurückgelegt. Eine halbe Stunde hinter Tschelga
passirten wir den G o a n g, welcher an seiner nahen Quelle, dem Gesetze
aller abessinischen Ströme folgend, eine Spirale um den Berg Anker
herumzieht. Die Braunkohlen, auf welche 1855 bereits Krapf aufmerksam
machte, wurden auch von mir in dieser Gegend gesehen. Später ließ König
Theodor diese Lager durchforschen, um seine Werkstätten in Gafat damit
versehen zu können. In D s c h e n d a wurde ich von einem großen jungen
Manne empfangen, der mit der abessinischen Schama, türkischen Pantoffeln
und einer europäischen Mütze bekleidet erschien. Es war der deutsche
Missionär M a r t i n F l a d, welcher sich mit der Bekehrung der in dieser

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Gegend sehr zahlreichen Juden befassen darf. Er stellte uns seine Frau vor,
welche Diakonissin im Institute des Bischofs Gobat zu Jerusalem gewesen
war. Diese deutsche Familie erschien mir in jeder Beziehung musterhaft und
außerordentlich gastfrei, ein Lob, das ihr alle jene Reisenden ertheilen
müssen, welche auf dem Wege über Dschenda nach Abessinien eindrangen.
Ich blieb vier Tage in Dschenda und unterhielt mich mit Flad viel über den
König Theodor II., der ihm große Gunst bezeugte und ihn ganz anders
behandelte als seine Kollegen Stern und Rosenthal (Flad gehörte jedoch
sammt seiner Frau auch zu den Gefangenen in Magdala). Er erzählte mir,
daß vor der Thronbesteigung Theodor’s in Dschenda kein Markttag verging,
ohne daß einige Mordthaten vorkamen, daß aber unter der neuen kräftigen
Regierung dieselben fast ganz aufgehört hätten.

Am 1. Januar 1863, nachdem ich meinem liebenswürdigen Wirthe ein
glückliches neues Jahr gewünscht, verließ ich ihn und seine drei Kollegen
Steiger, Brandeis und Cornelius, um nach Debra Tabor zum Negus
Theodorus II. zu reisen. Wir durchzogen eine weite, fruchtbare, von vielen
Bächen durchschnittene Ebene, in der zahlreiche Dorfschaften zwischen
Getreidefeldern und Gärten mit rothem Pfeffer zerstreut lagen. Hier ist das
Eden Abessiniens, die Provinz Dembea mit der Hauptstadt Gondar, der
reichste und am besten bebaute Boden des ganzen Kaiserstaates. Ich passirte
die Nordostecke des Tana-Sees und gelangte in die schöne Ebene A r n o -
G a r n o, wie sie nach dem vorzüglichsten, sie durchschneidenden Flusse
heißt. Mir zur Rechten lag der glänzende Spiegel des Sees, zur Linken eine
hohe Reihe Berge, die in der Amba Mariam, dem Marienberge, bei Emfras
ihren malerischesten Gipfel zeigten. Anderthalb Meilen von Emfras erhebt
sich auf einem Hügel am Ufer des Arno ein unter der Regierung des Negus
Fasilides von den Portugiesen erbautes Schloß Q u s a r a G i o r g i s, dessen
malerische Ruinen in diesem Lande der Strohhütten plötzlich eine ganz
europäische Staffage hervorzaubern, sodaß man eine alte Burg am Rhein vor
sich zu sehen glaubt.

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Der Tanasee bei Sturm. Zeichnung von Lejean.

[pg 184]
Zwei tüchtige Stunden jenseit des Arno führt der Weg durch das wilde und
meist unfruchtbare Hügelland von T i s b a, das nichtsdestoweniger stark
bevölkert ist; jetzt sind die Einwohner friedliche Leute, vor nicht zu langer
Zeit waren sie jedoch räuberisches Gesindel; aber König Theodor II. hat
ihnen die Lust zum Straßenraube benommen. Als er 1855 den Thron bestieg,
erließ er eine Proklamation, in welcher er sagte, daß Jedermann wieder zu
der Beschäftigung seiner Väter zurückkehren möge; der Soldat zum Pflug,
der Kaufmann zu seinen Waarenballen. Die Leute von Tisba, welchen dieser
Befehl mißfiel, kamen remonstrirend und bis an die Zähne bewaffnet in das
Lager des Königs. „Lang lebe Se. Majestät! riefen sie aus. Wir erscheinen
hier nur, um besondere Erlaubniß zu erhalten, zum Geschäfte unserer Väter
zurückkehren zu dürfen!“

„Und was war dies für ein Geschäft?“

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„Schnapphähne und Straßenräuber waren alle, Väter und Kinder.“

„Wollt ihr nicht lieber“, antwortete ihnen der Negus, „friedliche Bürger
werden? Ich will euch die Mittel dazu an die Hand geben. Das Vergangene
ist euch verziehen; ihr erhaltet Grund und Boden, das nöthige Vieh und
Ackerpflüge. Nehmt ihr dieses an?“

„Niemals! Wir berufen uns auf das Edikt...“

„Das ist euer letztes Wort?“

„Ja wohl!“

„Gut; kehrt heim.“

Vergnügt reisten die Schnapphähne nach Tisba zurück, indem sie den Negus
eingeschüchtert zu haben glaubten. Doch sie kannten diesen Mann noch
nicht. Kaum waren sie zurückgekehrt, als ein berittenes Corps in Tisba
anlangte, dessen Kommandant folgendermaßen zu ihnen sprach: „Meine
Lieben! Es ist möglich, daß euch der Kaiser Lalibela die Erlaubniß gab,
Straßenraub zu treiben, aber Kaiser Claudius, der gleichfalls heilig
gesprochen wurde, hat die Gensdarmerie (Neftenja) autorisirt, alle
Strauchdiebe niederzumachen. Neftenjas, gebt Feuer!“

Die Ueberlebenden nahmen sich die ihnen ertheilte Lektion aufrichtig zu
Herzen, und die Leute von Tisba, die heutzutage die Felder bebauen, sind
ganz brave Menschen geworden.

Von Tisba an steigt der Pfad längs den östlichen Vorbergen an und wird dann
eben bis zu dem Marktflecken E i f a g an der Kirche B a d a oder Bata (d. h.
Empfängniß). Jene ganze Gegend war einst berühmt wegen der vor Alters
eingeführten Weinkultur, die allerdings jetzt gänzlich darniederliegt. Eifag
ist keine eigentliche Stadt, sondern besteht aus vielen zerstreuten Dörfern
und Kirchen. Um die Kirche Bada zieht sich ein prächtiger Juniperus-Hain.
Der Marktplatz ist sehr ausgedehnt; der Nagadras (Zollbeamte) erhebt von
jeder Waare hier eine gewisse Abgabe. An jedem Mittwoch versammeln sich
an diesem wichtigen Stapelplatze, von dem aus der Handel zwischen dem
Süden und Norden Abessiniens von Godscham bis Massaua vermittelt wird,
die Händler [pg 185]von weit und breit mit Vieh, Tabak, Kaffee, Baumwolle,

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Baumwollenstoffen, Glasperlen, Wachs, Salz, Honig, Häuten,
Hülsenfrüchten, Getreide, Butter, Schwefel, Salpeter, Honigwein und Bier.

In Eifag hatte ich eine herrliche Aussicht auf die schöne Ebene von Fogara,
welche sich bis an den Berg Dungurs erstreckt. Der östliche Theil derselben
ist durchaus flach und wird vom Hirtenvolke der Sellan durchschweift. Im
Westen dagegen steigt das Terrain an, dort erheben sich, bewaldet, mit
Dörfern und Kirchen besäet, die Berge von Begemeder. Nach dreistündigem
Marsche langen wir am F l u s s e R e b an, den wir auf einer immer mehr
zerfallenden Brücke von sieben Bogen passiren, deren Bau noch unter dem
Kaiser Fasilides vor mehr als 200 Jahren stattfand. Die Pfeiler haben dem
Zahne der Zeit gut widerstanden, allein die Bogen werden bald von der
wüthenden Flut hinweggerissen werden, da der Reb in der Regenzeit große
Massen von Schlamm mit sich führt, immer mehr sein Bett erhöht und so der
Wassermenge nur ein geringer Ausweg bleibt. Der Reb, welchen ich im
April vollkommen ausgetrocknet sah, ist zwei Monate später ein prächtiger
Strom, größer als die Seine bei Paris. Die Abessinier, obwol sie vortreffliche
Schwimmer sind, hüten sich dann, ihn zu passiren, da sie fürchten, daß
gewisse Wassergeister sie in den Abgrund ziehen könnten. Unter den
Pflanzen, die ich in dieser Ebene bemerkte, nenne ich die schöne Methonica
superba, welche von den Abessiniern Marienkelch genannt wird. Sie gehört
zu den Lilien und gleicht in ihrer Farbenpracht einer Flamme im dunklen
Laubgrün.

Die Nacht brachten wir in einem Dorfe in der Nähe der Brücke zu; am
Morgen brachen wir dann nach Debra Tabor auf. Rechts von uns blieb ein
einzelner, steiler und kahler Felsen, Amora Gedel, d. h. Geierfelsen, liegen,
dessen Spitze ganz mit Raubvögeln bedeckt ist. Durch einen malerischen
Schlund und sumpfige Wiesen führt ein Fußpfad zu dem Plateau von Debra
Tabor hinauf. Als wir oben angelangt waren, blieben wir vor Verwunderung
stehen. Vor uns lag ein leicht wellenförmiges Land, dicht besäet mit Dörfern,
zwischen lachenden Kulturflächen und Weiden, auf denen zahlloses Vieh
sich befand. Als Franzose wurde ich an die Bourgogne erinnert, während
Dufton eine Landschaft Yorkshire’s vor sich zu sehen glaubte, und
unwillkürlich rief ich aus: „Hier ist gut Hütten bauen!“ Rechts von uns blieb
der Hügel von D e b r a T a b o r mit seinen 500 oder 600 Häusern und dem
königlichen Lager liegen. Denn Theodor II. hat hier große Getreidemagazine
errichtet, die seine Armee in Kriegszeiten, d. h. so ziemlich immer, zu

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versorgen haben. Gondar, „die Stadt der Pfaffen und Schauspieler“, wie der
König sich ausdrückt, ist ihm zuwider. Endlich erreichte ich den Hügel von
G a f a t, nordöstlich von Debra Tabor, das provisorische Ziel meiner Reise.
Der deutsche Missionär Waldmeier, an den ich empfohlen war, nahm mich
sehr freundlich auf; auch seine Kollegen, fast lauter Badenser und
Württemberger kamen herbei. Der einzige Franzose der kleinen Kolonie,
Franz Bourgaud aus Saint-Etienne, ist der Waffenschmied des Negus und bei
diesem sehr beliebt. Er giebt vor, sich recht unglücklich zu [pg
186]befinden, und verlangte schon mehrere Male in seine Heimat
zurückkehren zu dürfen, aber Theodor antwortete ihm auf sein Gesuch:
„Mein Sohn Bourgaud, deine Kinder sind noch zu jung, um die weite Reise
überstehen zu können; bleib noch ein paar Jahre hier.“ Und Bourgaud blieb.
Seine Kinder sprechen vorzüglich die Amharasprache, er selbst und seine
Frau haben sich ein Mischmasch aus dieser und der französischen zurecht
gemacht, das nur ihnen verständlich ist. Eigenthümer Gafats ist ein alter
General außer Dienst von noblem Aussehen. Um sein Haus herum haben
sich die Deutschen Waldmeier, Kinzle, Bender, Mayer, Salmüller und Hall
angesiedelt. Alle haben Abessinierinnen heirathen müssen; Bender eine
Tochter Schimper’s. Am zurückhaltendsten war der junge, hübsche
Salmüller, welcher schließlich eine Tochter des Irländers Bell nahm. (Von
letzterem wird weiter unten ausführlich die Rede sein).

Noch hatte ich den Negus nicht gesehen, als am 25. Januar plötzlich
Waldmeier auf mich zukam und ausrief: „Dort kommt Se. Majestät!“ Ich
ging mit ihm vorwärts und traf bald auf ein großes Gefolge hoher Offiziere,
welche alle den Margef, die bordirte weiße Tunica, trugen. Mitten unter
ihnen stand ein Mann, barhaupt und barfuß, in eine gemeine Soldatenschama
gekleidet, welche keineswegs noch ganz weiß war; in der Hand hielt er eine
Lanze, an der Seite hatte er einen gekrümmten Säbel. Wer mit den
abessinischen Gebräuchen vertraut war, mußte sofort den Rang dieser
Persönlichkeit erkennen; es war der einzige, welcher beide Schultern
bedeckt hatte, und Niemand anders als K ö n i g T h e o d o r I I .

Gut gelaunt redete er mich mit „Na deratscho (Wie geht es dir?)“ an. Die
Etikette erfordert, daß man hierauf nicht antwortet und sich nur tief verneigt.
So that auch ich. Theodor zog sich darauf zurück, setzte sich auf einen
Teppich und fing an, mit dem kleinen Bourgaud zu spielen. Dieser
sonderbare Mensch, dessen Leben so blutig verlief, beschäftigte sich gern

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mit Kindern, für die er eine große Zuneigung besaß. Nachdem er dann einige
Höflichkeitsworte gewechselt, fragte er mich sehr verbindlich, wann ich
offiziell empfangen sein wollte? Ich erwiederte, daß ich ganz zu seinen
Befehlen stehe, worauf er den nächsten Tag zur Audienz in Debra Tabor
bestimmte. Ich ward abermals gut von ihm aufgenommen, machte den
ganzen Feldzug in Godscham mit, der nicht besonders glücklich ausfiel, und
kehrte dann mit ihm in das Lager von Debra Mai in Mietscha zurück.
Unterdessen waren verschiedene Umstände vorgekommen, welche meine
Anwesenheit auf dem Konsulatsposten dringend erforderten; ich begab mich
deshalb in voller Uniform zum Negus, um ihn um eine Abschiedsaudienz zu
bitten. Er ließ drei Europäer herbeirufen, welche die Amharasprache redeten,
und fragte dann, was ich wolle. Ich antwortete: „Ich wünsche, dringender
Angelegenheiten wegen, nach Massaua abzureisen, und dann will ich von
dort zwei Kisten mit Geschenken für Ew. Majestät von meinem Souverän
abholen, welche bereits angelangt sein dürften. Ich möchte auch gern gleich
abreisen, damit ich vor Eintritt der Regenzeit wieder zurück sein kann.“

Um zu verstehen, was nun folgt, muß man wissen, daß Theodor durch [pg
187]den unglücklichen Feldzug in Godscham gedemüthigt war, daß die
Aegypter damals gerade die Grenzprovinz Galabat besetzt hielten und daß er
infolge des Genusses von schlechtem Cognac betrunken war. Kaum hatten
die Dolmetscher ausgeredet, als der Negus in höchster Wuth rief: „Ich
behalte ihn auf jeden Fall zurück. Nehmt ihn, legt ihn in Ketten, und wenn er
entweichen will, so tödtet ihn!“

Der Oberst, welcher zunächst stand, winkte ein halbes Bataillon herbei.

„Wozu das, fragte Theodor, 500 Mann, um einen Menschen zu fesseln?“

„Ew. Majestät sehen, erwiderte der Oberst, daß er ein merkwürdig
funkelndes Ding unter dem Arme trägt – es war mein goldbesetzter
Konsulatshut –, das vielleicht eine Höllenmaschine ist, die uns alle tödten
kann.“

„Donkoro, Dummkopf! Glaubst du nicht auch, daß er dich mit seinen
Augenbrauen tödten kann. Sechs Mann her und nicht mehr.“

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Nun wurde ich, wie mein treuer Diener Achmed, an Händen und Füßen
gefesselt, obgleich ich in großer Uniform war, und in mein Zelt
zurückgeführt, wo ich streng bewacht wurde. Indessen schrieb ich, auf einen
Umschlag der Gemüthsverfassung des Königs bauend, an ihn einen
englischen kurzen Brief, in welchem ich um Erklärungen bat. Am 3. März
schon erschienen die Europäer wieder, welche mir anzeigten, daß ich frei
sei, unter der Bedingung, daß ich in Gafat internirt bliebe. Ich zögerte
anfangs, doch ging ich auf Kinzle’s Zureden, der meinte, es sei besser in
Gafat als in Eisen weilen, auf diesen Vorschlag ein. Ueber den Negus selbst
will ich hier nur wenige Worte sagen.

In den Audienzen, welche er gab, entfaltete er allen möglichen barbarischen
Pomp. So liebte er es, dabei von vier zahmen Löwen umgeben zu sein, die
sehr wild und grimmig drein schauten. Ich hatte Gelegenheit, mit denselben
nähere Bekanntschaft zu machen. An einem hohen Festtage wurden sie von
ihren Wärtern in mein Zimmer geführt, um ihre Aufwartung zu machen. Ein
paar blanke Thaler verfehlten die Wirkung nicht, und ich konnte meine
Gäste ruhig abzeichnen, wobei ich nur durch deren aufdringliche
Zutraulichkeit gestört wurde. Der eine Löwe war von dem genannten
Salmüller abgerichtet und dann an den Kaiser verkauft worden. Alle vier
Löwen hatten ihre Namen; der Liebling des Kaisers hieß Kuara (der
Stürmische). Dieses Halten und Züchten von Löwen steht übrigens bei den
abessinischen Herrschern keineswegs als eine Ausnahme da und kam auch
früher vor, wol deshalb, weil der Löwe als Sinnbild Aethiopiens angesehen
wird. Als Salt 1810 beim Ras Wolda Selassié in Antalo eine Abschiedsvisite
machte, bot dieser ihm zwei Löwen als Geschenk für den König von
England an; „allein der weite Weg machte es unmöglich, sie fortzubringen.
Eins dieser Thiere ward von seinem Wärter bisweilen in das Zimmer
gebracht, wo wir saßen: aber während meines Aufenthaltes wurde es so wild
und unlenkbar, daß man es einsperren mußte.“

Da mir der Negus Gafat zum Aufenthaltsorte angewiesen hatte, mit der
Erlaubniß, im Innern des Reiches Ausflüge nach Belieben machen zu
können, so zögerte ich nicht, dieses auszuführen, und stattete zunächst der
H a u p t s t a d t [pg 188]G o n d a r meinen Besuch ab. Von Gafat bis Ferka
reiste ich zunächst den Weg, welchen ich auf meiner ersten Tour bereits
beschrieb. Im genannten Orte trennt sich die Straße; links führt sie nach
Tschelga, rechts nach Gondar. Ungeachtet des königlichen Befehls, daß ich

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in den Dörfern, wo ich übernachtete, gut beherbergt werden sollte, hatte ich
mancherlei Verdrießlichkeiten zu bestehen, ja man bedrohte mich einmal
sogar, und meine Leute flüchteten in Angst davon. Auf einer von den
Portugiesen erbauten Brücke passirte ich den Fluß Magetsch, ohne welche
zur Regenzeit die Verbindung zwischen Nord- und Südabessinien auf
mehrere Monate im Jahre vollkommen gestört sein würde.

An Juniperusbäumen vorbei gelangte ich auf einen Hügel, der verschiedene
Häusergruppen trug, zwischen denen sich wüste Plätze hinzogen. Ich war
jetzt schon mitten in Gondar, ohne daß ich eigentlich die Stadt bemerkt
hätte, und war nicht wenig verwundert über diese Kapitale der Kaiser
Sosneos und Fasilides, von der ich mir eine durchaus andere Vorstellung
gemacht hatte. Von welcher Seite aus man sich auch der Stadt nähert, fallen
die vielen hohen Warten und Thürme, Zinnen und Mauern des in
mittelalterlich-portugiesischem Styl erbauten Königspalastes und einzelne
Kirchen mit großen kegelförmigen Dächern unter malerischen Baumgruppen
zuerst in die Augen: ein heimisches Bild für den Wanderer, der sich plötzlich
dem Innern des tropischen Afrika entrückt und in eine mitteleuropäische
Landschaft versetzt glaubt. Ueber üppigen Wiesengrund an
schmalblätterigen Weidenbäumen mit überhängender Krone hin rauschen
klare Gebirgsbäche zu Thal und schlängeln sich, Silberfaden gleich, in der
Ferne durch das grüne, flache Dembra, dem Tanasee zu. Das nördlichste
Quartier der Stadt ist das Abun-Bed mit der Wohnung des Bischofs. Ein nach
Westen fließendes Bächlein, kahle Flächen und Ruinenfelder trennen es von
der politischen Freistelle, dem Etschege-Bed, mit dem Sitze des Vorstandes
der Mönche, Etschege genannt. Auf einem freien, erhabenen Punkt, östlich
von beiden, steht von einer runden Mauer umgeben, unter herrlichen
Baumgruppen eine Kirche mit zwei von den Holländern dem Kaiser Jasu
geschenkten Glocken. Südlich und östlich davon ist der Stadtbezirk Debra
Berhan, Kirche des Lichts, mit gleichnamiger Kirche; westlich daran
schließt sich der Gempscha-Bed oder Schloßbezirk. Von einer weitläufigen,
unregelmäßigen Mauer, mit Zinnen und Wartthürmen und mit verwilderten
Gärten und Kiosken umgeben, erhebt sich der große, leider mehr und mehr
zerfallende G e m p oder das Schloß selbst, das neben den armseligen, mit
Stroh gedeckten Häusern einen wahrhaft großartigen Eindruck macht durch
seine massive Bauart, seine vielen Thürme, hohen Bogenfenster und weiten
Höfe. Die Façade des Hauptgebäudes ist gegen Westen gekehrt und drei
Thürme mit großen Thorbogen bilden die Eingänge zu dem einst

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gepflasterten, jetzt halb in Schutt und Gestrüpp begrabenen Vorhof. Der
Hauptbau ist viereckig, zweistockig, mit flachem Dach und steinerner
Brustwehr; auf jeder Ecke erhebt sich ein Thurm mit Cement-Kuppel, ein
höherer viereckiger steht in der Mitte. Das Material ist ziemlich roher Basalt,
die Einfassungen der Thore und Fenster bestehen aus rothem Sandstein. [pg
190]An das Hauptgebäude lehnen sich noch verschiedene Hallen, Galerien,
Säle, Kapellen, Brücken und Thorwege an, Alles jetzt mehr oder weniger
zerfallen und mit Schlingpflanzen überwuchert.

Nordfront des Gemp in Gondar. Originalzeichnung von Eduard Zander.

Südwestlich vom Gempscha-Bed breitet sich, von verschiedenen Quartieren
umgeben, der große Marktplatz aus. Am Abhange und Fuße des Hügels liegt
das Quartier der Muhamedaner, Islam-Bed, und südwestlich, jenseit des
Kacha-Flusses, die Judenvorstadt, Falascha-Bed. Die Straßen Gondars sind
eng und krumm, theils mit natürlichen Basaltplatten gedeckt, theils durch

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Schmuz und Schutt unwegsam gemacht. Die Einwohnerzahl dürfte 6000–
7000 nicht übersteigen; doch war die Stadt einst volkreicher. König Theodor
vernachlässigt sie „als Pfaffenstadt“ gänzlich, ja er hat einmal zur Strafe sein
Heer gegen sie losgelassen, ihr enorme Geldbußen auferlegt und das
Quartier der Muhamedaner zerstören lassen. Nicht weniger als 44 Kirchen,
darunter sehr prächtige, bestehen in Gondar, und die Zahl der darin
angestellten Geistlichen beträgt 1200, mithin ist jeder sechste Mensch ein
Priester.

Nach außen hin ist Gondar offen, nur die Freistätte und verschiedene
Kirchen sind mit größeren, halb verfallenen Mauern umgeben. An
Trinkwasser ist großer Mangel, sodaß man in der trockenen Jahreszeit sich
oft genöthigt sieht, aus dem Angrab- oder K a c h a f l u s s e das nöthige
Wasser zu holen und das Vieh zur Tränke dahin zu führen. Ueber den
letzteren Fluß führt nicht weit vor der Stadt eine alte, sehr malerische
Brücke, die noch aus der Zeit der Portugiesen stammt, jetzt aber sehr im
Verfalle begriffen ist. Am östlichen Ufer des genannten Flusses liegt
nordwestlich von der Stadt auf einer grünen Wiesenfläche die K i r c h e
F a s i l i d e s inmitten eines herrlichen Juniperuswaldes und umgeben von
niedrigen Mauern mit runden Wartthürmen und Zinnen. Die viereckige
steinerne Kirche ruht auf Schwebebogen in einem tiefen Bassin, über
welches eine mit Eckthürmen befestigte Brücke führt. Eine großartige
steinerne Wasserleitung auf hochgesprengten Rundbogen an der Westseite
des Haines versorgte den Platz mit Wasser, das wahrscheinlich in ein
Reservoir im südwestlichen Eckthurme geleitet wurde und dort Wasserwerke
speisen mußte. Seines Zweckes wegen ist ein dicht bei dieser Kirche
gelegener Tempel mit runder Kuppel merkwürdig. Es ist das Grabmal eines
königlichen Streitrosses, man sagt von Negus Kaleb. Auch an Bädern mit
Wasserleitungen und Nischen, sowie an anderen Zeugen einer ehemals
regeren Baukunst und Baulust ist in der Nachbarschaft kein Mangel; doch
die geringe Sorgfalt, die jetzt auf die verschiedenen Werke gewandt wird,
droht sie dem gänzlichen Ruin zuzuführen.

Geht man von der Kacha weiter westwärts, so gelangt man in ein Seitenthal,
in welchem an einem Bergabhange die malerischen R u i n e n v o n
K o s k a m liegen. Ziemlich gut erhalten ist noch das dortige Lustschloß mit
zwei Thürmen, deren einer ein Kuppeldach trägt, während das des anderen
einem niedrigen, umgelegten halben Cylinder gleicht. Zwischen beiden führt

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ein hohes Bogenthor in eine lange steinerne Halle mit großen Bogenfenstern
und Thüren; das Dach fehlt; Balken zeigen noch die Spuren von Altanen
oder Galerien. [pg 191]Das ganze Gebäude besteht wie der Gemp aus
ziemlich rohen Basaltsteinen, die Thür- und Fensterpfeiler aber aus gut
gearbeitetem rothen Sandstein. Zwischen reizenden Baumgruppen ragen die
Reste eines anderen Prachtgebäudes, in dem, wie es scheint, eine Halle mit
schön gearbeiteten Säulen hinführte, Alles ist aber verfallen und mit
Gestrüpp und Schlingpflanzen überwachsen.

Brücke über die Kacha. Originalzeichnung von Eduard Zander.

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Noch weiter westlich, von hohen Mauern mit Zinnen und Thürmen
umschlossen, ist die Kirche, eine Rotunde mit Strohdach und vielen
Wandgemälden, die namentlich Reiterfiguren darstellen.

So ist das heutige Gondar und seine Umgebung beschaffen; überall auf
Schritt und Tritt begegnet dem Reisenden Verfall, und doch könnte diese
Stadt bei ihrer prächtigen Lage in der gesunden, fruchtbaren Gegend im
Mittelpunkte Amhara’s zu einer großen Blüte gelangen – wenn nur ihre
Bewohner anders beschaffen wären.

[pg 192]
Man hatte mir viel von der kleinen Kirche T o w a r i erzählt, die eine Stunde
von meinem Aufenthaltsorte entfernt liegt, in welcher man die abessinische
Malerei am besten studiren könne. Ich begab mich dorthin und fand auch
dieses Gotteshaus, wie alle Landeskirchen, in einem dichten Hain von
Juniperusbäumen versteckt. Die Gemälde, so berühmt in Abessinien,
machten auf mich, der ich sie mit europäischen Augen ansah, im
allgemeinen einen schauderhaften Eindruck. Indessen fesselte ein Bild des
Abendmahls doch sehr meine Aufmerksamkeit, da auf demselben der
Künstler hieratische Traditionen, byzantinische Malerei und Details des
abessinischen Lebens merkwürdig miteinander verschmolzen hatte. Christus,
die Jungfrau und die Abendmahlsgenossen sind nach der Tradition gekleidet
und mit großem Kunstverständniß rings um einen Tisch gruppirt, der nach
der feinsten abessinischen Art gedeckt ist. Vor jeder Person liegen Tiéfbrote,
die zugleich die Schüsseln vertreten, zur Seite derselben die Messer zum
Zerschneiden des Brundo (rohes Fleisch). Ein Major Domus, offenbar aus
guter Familie, bietet zu trinken an; außerdem gehen Jünglinge mit
Honigweinkrügen umher. Ein Theil der Jünger wendet die Gesichter gegen
Christus, ein anderer gegen Maria. Die Züge dieser Hauptpersonen aber sind
verfehlt; namentlich die der Maria. Abgesehen hiervon verdient das Bild
jedoch alles Lob.

Als Begleiter auf meinen Ausflügen in die Umgebung Gafats diente mir ein
junger Priester, der einige Zeit in der Propaganda zu Rom gewesen, dort aber
nicht allzuviel gelernt hatte. Heimgekehrt, wollte er sich die Stelle eines
Aleka bei einer reichen Kirche unrechtmäßig anmaßen; allein König
Theodor nahm die Sache krumm und verurtheilte Michael, so hieß der
civilisirte Geistliche, zu drei Jahren Kettenstrafe. Mir gegenüber wollte er

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sich nun als Glaubensmärtyrer darstellen, was mir ziemlich einerlei war;
dagegen war er mir unschätzbar wegen seiner vortrefflichen
Landeskenntniß.

Als er jedoch einige Monate später einen Salzdiebstahl beging, mußte ich
ihn vor die Thüre setzen; anfänglich ging es ihm nun schlecht – dann
begegnete er mir wohlgenährt und gut gekleidet wieder. Gott weiß, wie er zu
Gelde gekommen sein mag; indessen dieser Art von Leuten geht es in
Abessinien wie in Europa: sie fallen wie die Katzen stets wieder auf die
Füße.

Eine meiner Exkursionen führte mich zur Fafatié oder dem W a s s e r f a l l
d e s R e b f l u s s e s, der seine Quelle am Abhange des hohen Gunagebirges
hat. Ich bestieg mein Maulthier, wandte mich nach Südosten und ließ zur
Linken die große und fruchtbare Ebene von Gafat mit ihrem ausgetrockneten
Strome liegen. Mit einiger Schwierigkeit wand ich mich durch das
bewaldete Thal des Davezout und kam dann, einem schattigen Fußsteige
folgend, zum Reb, der leise über ein mit dunkelblauen Steinen besäetes Bett
dahinfloß. Der Wasserfall war nur fünf Schritt von mir entfernt: ich sah ihn
nicht, aber ein schauderhafter Schlund und ein betäubendes Brüllen zeigten
mir seine Gegenwart zur Genüge an. Um ihn von vorne zu erblicken, mußte
ich auf einem Zickzackstege den Felsen hinabsteigen, der mit Buschwerk
überzogen und von Affen belebt war. [pg 194]Unten angelangt, stand ich vor
einem hübschen grünen See, in den von steiler Felswand eine senkrechte
Wassersäule von 24 Fuß Höhe herabfiel. Ringsum zeigen sich die
entzückendsten Landschaftsbilder, welche jeden Maler begeistern können.

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Wasserfall des Reb. Nach Lejean.

Vier Monate später gewahrte ich dann den Wasserfall wieder zur Zeit seines
höchsten Glanzes, als die Fluten hoch geschwollen waren. Er übertraf so die
herrlichsten Kaskaden der Schweiz bedeutend. Die d r e i t a u s e n d o d e r

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v i e r t a u s e n d W a s s e r f ä l l e A b e s s i n i e n s sind die schönsten, die
man sich denken kann, und ihnen fehlt weiter nichts als der Ruf, den andere
Kaskaden durch Künstler und Touristen sich erringen. Ich habe den zehnten
Theil davon, etwa 300 oder 400 selbst gesehen und etwa zwanzig
abgezeichnet – alle prächtige Naturerscheinungen, von denen eine einzige
hinreichte, eine Gegend in Europa berühmt und zum Ziele der
Touristenschwärme zu machen.

Ich riß mich von den Wundern dieser Fafatié los, um meinen Fuß in östlicher
Richtung weiter zu setzen über eine Ebene, die ganz mit Mimosen bestanden
war. Diese an und für sich langweiligen Bäume erhielten durch die reichlich
von ihnen herabhängenden Schlingpflanzen ein ungemein malerisches
Ansehen; namentlich zeichnete sich ein Loranthus mit schönen
orangefarbenen und rothen Kelchblüten aus. Bald gelangte ich in das
malerische Thal des Makar, eines Nebenflusses des Reb, in dem ich bis zu
den A t k a n a f e l s e n vordrang, deren trapezoidale Form man von allen
hochliegenden Punkten des Distrikts Debra Tabor aus zu übersehen vermag.
Dieser Felsen ist eine wirkliche Amba, welche in Kriegszeiten oft genug als
Zufluchtsort gedient hat. Am Fuße derselben fand ich zum ersten Male die
Henset-Banane (vergl. S. 45) mit ihren kolossalen Blättern und rothen
Rippen. Samen der nützlichen Pflanze habe ich der Akklimatisations-
Gesellschaft in Paris überbracht; die Schößlinge, welche ich gleichfalls
eingepackt hatte, wurden mir jedoch in Massaua kurz vor meiner Rückkehr
von den Hühnern vernichtet. Hinter dem Atkana traf ich in wundervoller
Gegend auf das K l o s t e r G u r e f, das mir durch seine romantische Lage
deutlich sagte, wie die Mönche es in Abessinien gleichwie in Europa
verstanden, die schönsten Orte zur Anlage ihrer Klöster auszuwählen. Nach
der Regel des heiligen Tekla Haimanot leben in prächtiger Einsamkeit diese
Mönche inmitten eines schönen Haines, den der klare Waldbach durchfließt.
Freilich der Anblick einer europäischen Abtei und derjenigen des
abessinischen Klosters sind grundverschieden. Man stelle sich einen weiten
Raum, von einer lebendigen Hecke umschlossen, vor, der wiederum durch
Hecken in 12–15 kleinere Abtheilungen geschieden ist, deren jede eine
Mönchshütte enthält und die durch ein Labyrinth von Straßen verbunden
sind, welche schließlich im Mittelpunkte nach der spitzdachigen runden
Kirche führen – und das abessinische Kloster ist fertig. Dazwischen liegen
grüne freundliche Gärtchen, ringsum ein lachender Hain. Ich fand sogleich
den Abt – wenn ich so sagen darf –, einen ernsten, mageren Mann von 45

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Jahren, der die weiße Tunica und darüber eine Art von gelbem Pallium, das
Zeichen seiner Würde, trug. Gastfreundschaft wurde mir im vollsten Maße
zu Theil, allein mein Maulthier mußte ich außerhalb des Klosters [pg
195]lassen – w e i l e s e i n e S t u t e w a r, wobei ich mich der
lächerlichen Sitte erinnerte, daß auch in die griechischen Klöster auf dem
Berge Athos kein weibliches Thier hinein darf. Ich wohnte dann bei den
guten Mönchen und aß mit ihnen die einfache, aus Hülsenfrüchten
bestehende Mahlzeit. In der Nacht erweckte mich Psalmengesang, jene
Melodie, welche der alte Portugiese Alvarez „eine erbärmliche Harmonie“
nennt; indessen muß ich gestehen, daß dieser abessinische Gesang
mindestens so gut klang, wie das Singen in unseren Landkirchen. Im Gedem
oder geheiligten Asyle stand außerhalb des Klosters die Gemeindekirche,
welche für beide Geschlechter zugänglich war; ihr Gründer war Ras Ali, der
sie jedoch nicht vollenden konnte, da er von Theodor II. gestürzt wurde.
Dieser that nichts weniger als Kirchen bauen; im Gegentheil er zerstörte und
beraubte noch ein- oder zweihundert und zeigte sich als der echte
abessinische „Pfaffenfeind“. Nach dem Besuche dieser Kirche kehrte ich
nach Gafat zurück.

Um gute Samen der Henset-Banane zu erhalten, wollte ich einen Ausflug
nach der Stadt K o r a t a machen, welche Rüppell fälschlich Kiratza nennt.
Es ist eine kleine Stadt am südöstlichen Ufer des Tanasees, die wegen ihres
starken Handels und der zahlreichen Geistlichkeit berühmt geworden ist. Da
die Regen erst im Beginnen waren, so konnte ich darauf rechnen, daß der
Fluß Gomara noch durch irgendeine Furt zu passiren sei, und ich beschloß
deshalb in gerader Linie, an den heißen Quellen von Wanzagié vorbei, nach
Korata vorzudringen. Debra Tabor blieb zur Linken liegen. Das niedrige
Hügelland, durch das mein Weg ging, war im Jahre 1841 der Schauplatz
einer Schlacht zwischen dem Detschas Ubié von Tigrié und dem Ras Ali.
Letzterer wurde glänzend geschlagen und einige seiner Offiziere begaben
sich, um sich zu unterwerfen, zu dem Sieger Ubié, der, in seinem Zelte
sitzend, ruhig sich in Honigwein betrank. Als Ubié die Feinde erblickte,
wurde er ängstlich, da er keine seiner eigenen Soldaten bei sich hatte; erstere
aber benutzten diesen Umstand, banden Ubié und machten ihn zum
Gefangenen. Auf diese Nachricht kehrte der geschlagene Ras Ali zurück;
doch mußte er Ubié, um der Volksstimme zu genügen, wieder freigeben. Die
Vegetation auf dem einst blutigen Schlachtfelde war eine prächtige;
namentlich fielen mir weiße Lilien (Amaryllis vittata) von lieblicher Form

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auf, welche die daran gewöhnten Abessinier gar nicht beachteten, während
ich jede dieser Blumen bedauerte, welche mein Maulthier niedertrat.

Am Ufer eines frischen Baches wurde Mittagsrast gemacht. Was mich hier
am meisten überraschte, war eine lange, in Ruinen liegende Mauer von
europäischer Konstruktion. Ich folgte derselben und fand, daß sie einst als
Einschließung eines Parkes gedient hatte, welcher der Lieblingsaufenthalt
verschiedener Kaiser gewesen sein soll. Man nannte den Ort A r e n g o.
Seine Lage ist reizend – aber da, wo einst die Erben der Königin von Saba
thronten, findet man nun Ruinen, zwischen denen lärmende Affen hausen.
Theodor II., welcher seine Vorgänger im Kaiseramte gründlich verachtet und
sie „Schauspieler“ nennt, behauptet, daß die jetzigen Gäste in Arengo, eben
jene Affen, mehr werth sind als die alten, die Kaiser! Vor 170 Jahren, zur
Zeit des [pg 196]Reisenden Poncet, war das Schloß noch nicht zerstört, ja
nach dem Hörensagen sollte es größer als der Gemp in Gondar sein! Sicher
hatten die Abessinier dem Franzosen gegenüber aufgeschnitten, denn sie
verstehen dieses Geschäft so gut wie die Yankees. Ein abessinischer
Gesandter, welcher 1860 in Paris war und dort sich überall umgesehen hatte,
antwortete seinen Landsleuten, die ihn nach jener Stadt fragten: „P a r i s
ist etwa so groß wie Gondar; vielleicht ein klein
w e n i g g r ö ß e r .“

Im Dorfe Schumagina wurde meiner Reise plötzlich ein Ziel gesetzt.

Die reichen und stark bevölkerten Distrikte Wanzagié, Fogara Dera, Korata
bildeten das Land, welches ich zu durchreisen hatte. In einem dieser
Distrikte hatten sich Rebellen aus Godscham zu verbergen gewußt, indem
sie die Wachsamkeit der am Abaï aufgestellten Leute Theodor’s zu täuschen
wußten. Für dieses Vergehen, an dem doch die ganze Einwohnerschaft der
vier Distrikte keineswegs schuld war, wurden dieselben von Theodor der
Armee zur Plünderung überwiesen, worauf die ruinirten Bauern mit ihrer
Habe in die Berge und Wälder flüchteten. Als der Negus dies sah, verordnete
er, daß nur die Schuldigen bestraft werden, die übrigen aber frei ausgehen
sollten. Kaum hatten die letzteren, den Worten vertrauend, sich wieder in
ihre Quartiere begeben, als ein General hinterlistig über sie herfiel und ihnen
Alles raubte. Die Nachricht von dieser That gelangte nach Schumagina,
gerade als ich von dort aufbrechen wollte, um in die beraubten Gegenden
vorzudringen. Unter so bewandten Umständen weigerten sich meine Leute

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ganz entschieden weiter vorzugehen, da auch sie fürchteten, jenem braven
General in die Hände zu fallen. So blieb mir nichts übrig als umzukehren;
doch hielt ich mich keineswegs für besiegt, und als nach einiger Zeit der
Lärm verstummt war, brach ich in den ersten Tagen des Juli 1863 abermals
nach Korata auf. Die Gomara, welche jetzt hoch angeschwollen war, mußte
hier an einer Stelle überschritten werden, wo sie sich in drei Arme trennt. An
demselben Abend erreichte ich noch Madera Mariam, d. h. Ruheplatz der
Maria, eine hübsche kleine Stadt, die ähnlich wie Emfras an einem Hügel
liegt. Derselbe fällt nach drei Seiten hin senkrecht ab, ist aber von der
vierten leicht zugänglich. Das nächste Nachtquartier war das Dorf Wanzagié,
welches seinen Namen von den hier stehenden schönen Wanzabäumen führt;
dann wurde die G o a n t a erreicht. Diesen Fluß in einer Furt zu durchwaten,
war ganz unmöglich, und ich mußte deshalb in einem abessinischen Mittel –
ich sage nicht Fahrzeug – der H o k u m a d a übersetzen. Dies ist eine an den
Rändern in Nachenform aufwärts gekrümmte steife Ochsenhaut; ein Mann
durchschwimmt den Fluß mit einem Seile, dessen eines Ende an der
Hokumada, dessen anderes am jenseitigen Ufer befestigt ist. Der Passagier
setzt sich in den Lederschlauch, kauert sich zusammen und hütet sich wohl,
nach der einen oder andern Seite sich überzubeugen. So wird er, während
noch ein Schwimmer die Hokumada schiebt, am Seile an das jenseitige Ufer
hinübergezogen. So kam auch ich über die Goanta, um bald an der
geschwollenen G o m a r a auf ein neues Hinderniß zu stoßen, das dieses Mal
mittels einer Tankoa überwunden wurde.

[pg 198]

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Lejean passirt in der Hokumada die Goanta. Zeichnung nach Lejean.

Die T a n k o a ist ein rechteckiges Floß, welches sechs bis acht Personen
tragen kann und aus einer Reihenfolge von dicht aufeinander gelegten Stroh-
oder Binsenschichten besteht, die fest miteinander verbunden sind. Das

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Binsen- oder Rohrfloß taucht ziemlich tief unter und kann niemals
untergehen, desto leichter jedoch umschlagen. Da aber die Abessinier fast
alle sehr gute Schwimmer sind, so entstehen selten Unglücksfälle. Das
Gepäck, Kleider, Waffen, ein Ledersack, welcher Mehl enthält, liegen
hinten; vorn sitzt der Lenker des Ganzen, welcher mit einem Ruderstock
versehen ist, denn die Tiefe des Wassers gestattet nicht, das Floß mit einer
Stange durch Stoßen auf den Grund fortzubringen. Die Tankoa ist das
sprechendste Zeichen, wie starr die Abessinier an ihren Gebräuchen hangen.
Dieses Volk mit offenem und hellem Verstande hat nach Verlauf von
Jahrhunderten noch nicht einmal zu schließen gelernt, daß, wenn ein simpler
Stock, durch den Widerstand, welchen seine Oberfläche dem Wasser
darbietet, ein Floß fortzubewegen vermag, eine an das Stockende
angebrachte Schaufel eine vermehrte, zehnfache Oberfläche darbieten und
also auch die Fortbewegungs-Geschwindigkeit verzehnfachen muß, denn der
Abessinier besitzt nicht einmal die Ruderschaufel, welche den Wilden am
Weißen Flusse wohlbekannt ist.

Uebrigens ist nichts ermüdender als eine Reise per Tankoa. Die Maulthiere
wurden ins Wasser gestoßen und von einem Schwimmer durch die reißenden
Fluten gelenkt. So kamen wir wohlbehalten zu einem kleinen, von
Wanderhirten bewohnten Weiler, wo wir übernachteten, um am nächsten
Morgen, quer über die Hügel und das Flüßchen Izuri hinweg, unsere Reise
nach Korata anzutreten, dessen herrlichen Anblick wir bald genießen sollten.
Es ist die hübscheste Stadt Abessiniens und war das äußerste Ziel meiner
Reise.

K o r a t a liegt auf einem basaltischen Landrücken, welcher sich in den
Tanasee vorschiebt. Die spitzdachigen Häuser liegen zerstreut um die Kirche
gruppirt, und bei jedem befindet sich ein baumreicher Garten, der von der
Wohlhabenheit der Bewohner Zeugniß ablegt. Es war gerade Markt, welcher
dicht bei der Stadt abgehalten wird. Besonders wird hier viel rohe oder zu
Zeugen verarbeitete Baumwolle verkauft; letztere kommen sämmtlich aus
der westabessinischen Provinz Koara, woher sie theils auf Eseln, theils auf
dem See gebracht werden. Die rohe Baumwolle wird mit den Samenkörnern
verkauft, meistens gegen das gleiche Gewicht Salz. Das Ausscheiden der
Samenkörner mittels eines eisernen Stäbchens, welches auf einem flachen
Steine mit den Händen hin- und hergerollt wird, ist eine langsame und
ermüdende Arbeit; zum Aufschlagen derselben bedient man sich eines

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elastischen Bogens und zum Spinnen der Handspindel. Eine fleißige Frau
kann so viel Gespinnst fertigen, als für zwölf vollständige Umhängetücher
erforderlich ist. Auf dem Marktplatze selbst erregte meine Erscheinung
keinerlei Aufmerksamkeit; etwas Anderes war es jedoch an einer nur 50
Schritte weiter entfernten Stelle. Ein großer Baum breitete dort seine
gigantischen Aeste über den Weg, unter dem in weißen Gewändern, mit [pg
199]riesigen Turbanen auf dem Haupte, den heiligen Fliegenwedel in der
Hand, die Geistlichkeit von Korata saß. Als ich mich ihnen näherte, stießen
sie ein unwilliges Geschrei aus und verlangten, daß ich vom Maulthiere
absteigen solle. Ich weigerte mich, und nun entstand auf dem Markte eine
allgemeine, gegen meine Person gerichtete Bewegung, der ich durch
Absteigen auszuweichen mich gemüßigt fand. Hierauf konnte ich
ungehindert zu Fuß in die Stadt gehen. Später erfuhr ich, daß die
Pfaffenstadt Korata das Privilegium besitzt, Niemand zu Pferd oder zu
Maulthier durch ihre Straßen reiten zu lassen.

Nachdem ich mich in der unteren Stadt einquartiert und dem Ortsvorstand
den üblichen Besuch abgestattet, fing ich an, die Straßen oder vielmehr die
Alleen zu durchwandern. Diese Straßen sind in der That nur von Hecken
eingefaßte Fußpfade, hinter denen sich hübsche Gärten hinziehen. Blumen
sieht man in diesen selten, dagegen prächtige Granatbäume, Pfirsiche,
Kaffeesträucher, Bananen, Citronen, aus denen die Strohdächer der Hütten
hervorlugen. Von dem funkelnden Spiegel des Tanasees herüber wehte ein
kühlendes Lüftchen, das mir den Spaziergang in den Straßen zu einer
wahren Erquickung machte. Wie schon der Markt zeigt, ist Korata ein
bedeutendes Handelscentrum. Seine Kaufleute, lauter Christen, stehen mit
Basso in Godscham, mit Gondar und Massaua in Verbindung. Ich habe
Korata nur den Vorwurf zu machen, daß die Küche dort schlecht bestellt ist,
denn während meines viertägigen Aufenthaltes bekam ich nicht 1 Loth
Fleisch zu Gesicht, obgleich in der Umgebung zahlreiche Herden weiden.
Die Einwohner leben von Brot und rother Pfeffersauce, der sie zuweilen
einen welsartigen Fisch aus dem Tanasee beigesellen.

Die Aussicht auf dieses Binnengewässer ist von Korata aus eine prächtige.
Weit in der Ferne, im Norden sieht man die blauen Vorgebirge von Gorgora,
die südlich von Tschelga und Gondar liegen; rechts zieht sich der Bergabfall
von Begemeder hin, während mitten im Seespiegel die dunkle Masse der
Inseln Dek und Daka auftaucht. Eine Eigenthümlichkeit des Sees aber sind

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ein Dutzend winziger Eilande, wie Bet-Manso, Kibran, Metraha u. s. w., die,
vom Festland aus betrachtet, gleich schwimmenden Blumenkörbchen auf der
Flut erscheinen. In der Nähe betrachtet, sind diese Blumenkörbchen jedoch
bewaldete Inseln, die in ihrem Innern eine Kirche oder ein Kloster bergen.

Auch eine Flotte besitzt die Seestadt Korata, die aus einer großen Anzahl
von Tankoa besteht, welche am Ufer trocknen und die Verbindung zwischen
der Stadt und den südlichen und westlichen Ufern, namentlich mit Zegrié,
unterhalten. Sie sind schmäler als die oben beschriebene Tankoa, bis 15 Fuß
lang und führen Mattensegel. Ich wollte ein solches Fahrzeug miethen, um
nach Zegrié überzufahren, allein da dieses in der Gewalt der Rebellen von
Godscham war, wurde mir die Erlaubniß verweigert. – Bei Korata wohnen
viele Waito, jene eigenthümlichen Menschen, die sich mit der Flußpferdjagd
beschäftigen (vergl. S. 90). Während dieser Dickhäuter sehr häufig im See
ist, fehlen darin Krokodile gänzlich; dagegen verhält es sich mit dem Abai,
dem Abfluß des Sees, umgekehrt.

[pg 200]
Das Flußpferd heißt im Amharaschen Gomari, und hiervon stammen wol
auch die vielen ähnlich klingenden Flußnamen Gomara u. s. w. Nach
viertägigem Aufenthalte verließ ich Korata wieder und kehrte in mein altes
Standquartier Gafat zurück.

Die letzte größere Exkursion, welche ich in der Umgebung meines
Aufenthaltsortes unternahm, war eine Besteigung der 13,000 Fuß hohen
G u n a. Ich folgte erst dem Reb, kam dann in das schöne Makarthal und
stieg bis zu einem kleinen Dorfe empor, dessen Name lieblich in mein
französisches Ohr tönte. Es heißt Maginta. Hier verbrachte ich die Nacht; als
ich am nächsten Morgen weiter aufbrechen wollte, kamen zwei Reiter im
vollsten Galopp zu mir, mit der Botschaft, daß der Negus mich in Gafat
erwarte. Schon am Nachmittage langte ich wieder in meiner Wohnung an,
wo ich Waldmeier fragte, was vorgefallen sei. Er antwortete ausweichend.
Kurz darauf langte ein Brief in amharischer Sprache vom Könige bei mir an,
welchen mir Kinzle übersetzte. Der Negus befand sich in seinem Lager zu
Isti, drei Tagereisen von Gafat. Da ich bemerkt hatte, daß er guter Laune
war, so wollte ich diese benutzen und bat um seine Erlaubniß zur Heimkehr
nach Massaua. Bei Empfang meines Briefes gerieth er indessen in solche
Wuth, daß zwei Tage lang Niemand mit ihm zu reden wagte. Sofort ließ er

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mir einen heftigen Brief schreiben, aus dem ich Folgendes hervorhebe: „Als
du hierher kamst, hast du dich mir als Freund vorgestellt; oder bist du etwa
gekommen, um mit den Scheftas (Rebellen) gegen mich zu konspiriren?
Sind deine Gefühle aber loyal, so schreibe mir; bist du mein Feind, so
schreibe mir auch, damit ich weiß woran ich bin.“ Sogleich antwortete ich in
einem kurzen, aber respektvollen Schreiben, welches die gefährliche
Korrespondenz zu einem guten Ende führte, denn die schleunig darauf
erfolgende Antwort lautete: „Habe nur einige Geduld und durch die Gnade
der Dreieinigkeit wird Alles gut ablaufen. Ich habe dich aus wichtigen
Gründen zurückbehalten müssen; allein wenn mein Agent wieder heimkehrt,
will ich dich mit allen gebührenden Ehren entlassen.“ Ich folgte dem mir
ertheilten weisen Rath, verhielt mich geduldig und nahm zunächst meinen
unterbrochenen Ausflug nach der Guna wieder auf.

In Maginta war ich an die Familie des Irländers Bell empfohlen, der einst
eine große Rolle bei Theodor II. gespielt und für diesen sein Leben gelassen
hatte. Hier traf ich auf ein Beispiel der abessinischen Langlebigkeit, nämlich
auf f ü n f F r a u e n g e n e r a t i o n e n beieinander: die abessinische Witwe
Bell’s, deren Mutter, Großmutter, Tochter (die Frau Waldmeier’s) und
Enkelin! Die Urgroßmutter war die einzige, welche man als Greisin
bezeichnen konnte; denn die Großmutter, eine feine Frau von 55 Jahren war
noch sehr lebhaft und thätig in der Hauswirthschaft; die Mutter, Bell’s
Witwe, war 35 Jahre alt, zierlich und hübsch; deren Tochter war an den
Missionär Waldmeier verheirathet, welchen sie wieder mit einem
Töchterchen beschenkt hatte.

Maginta liegt bereits im Gebirge. Von da aus hatte ich, von Plateau zu
Plateau ansteigend, nur vier Stunden bis zum Gipfel zurückzulegen.

[pg 202]

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Ein Binsenfloß oder Tankoa. Zeichnung von R. Kretschmer nach Lejean.

Der Weg führte vorbei an Kosso- und Ericabäumen, Hypericumstämmen,
prächtigen aloeartigen Lilien bis zur Region der seltsamen Dschibarra
(Rhynchopetalum).

Letztere gedeiht hier bis zu einer Höhe von fünfzehn Fuß. Der Gipfel der
Guna, Ras-Guna genannt, besteht aus Trachyt. Von da aus umfaßte mein
Auge eine prachtvolle Rundsicht. Zur Rechten brach der Reb aus einem
tiefen Thale hervor; vor mir lag das pittoreske Massiv des Zoramba und
weiter hin die Kollo, das mächtigste abessinische Gebirge. Zur Linken
endlich Plateau an Plateau, durchrieselt von Bächen, die sich zum Tanasee
hinzogen, auf dem die Inseln gleich dunklen Punkten zu schwimmen
schienen.

Als ich wieder in Gafat angelangt war, fand ich eine Einladung des Negus
vor, ihn in Gondar, wohin er sich begeben hatte, zu besuchen. Sofort brach

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ich auf. Dort angekommen, hatte ich noch einige Schwierigkeiten, empfing
aber am 30. September 1863 den Befehl, Abessinien auf dem kürzesten
Wege zu verlassen. Mit mir ging Dr. Lagarde, der den Aufenthalt in
Abessinien satt bekommen hatte. Nach der feierlichen Abschiedsaudienz bei
Theodor nahmen wir ein Frühstück bei dem englischen Konsul C a m e r o n
ein, das von dessen Koch, einem Elsässer Kind, sehr gut zubereitet war.
Dieser, früher ein französischer Kürassier, hatte sich die Gunst des Königs
zu erwerben gewußt. Als die Missionäre einst einen Wagen für Theodor
hergestellt, fragte dieser den Elsässer, wie ihm die Maschine gefiele. „Pfui!
sagte der Rheinländer, bei uns in Mühlhausen fährt man in solchen Dingen
den Mist aufs Feld!“ (Den berühmten blau angestrichenen Wagen erwähnen
auch Heuglin und Steudner.) Beim Frühstück war auch der Judenmissionär
Dr. S t e r n zugegen, welcher zuerst Photographien in Abessinien aufnahm
und in seinem Werke „Wanderungen unter den Falaschas“ veröffentlichte.
Einst schenkte dieser dem Negus einen Stereoskopenkasten mit einer
Ansicht Jerusalems.

„Was ist das für ein Gebäude?“ fragte Theodor.

„Die Moschee Omar’s“, antwortete Stern. – Sogleich warf der König den
Apparat auf die Erde, indem er wüthend ausrief: „Und dieses Europa, das
vorgiebt christlich zu sein, duldet eine Moschee beim heiligen Grabe!“

Als endlich die Stunde schlug, um Gondar den Rücken zu kehren, kam
Achmed, mein Diener, mit der Nachricht zu mir, daß alle meine Leute sich
heimlich entfernt hätten, aus Furcht, von mir in Massaua als Sklaven
verkauft zu werden!

Mir blieb nichts anderes übrig, als neue Diener und Lastthiere zu miethen,
wobei sich Salmüller besonders gefällig erwies. Ich überschritt den Angerab,
wandte mich dem Magetsch zu, erstieg die Hochebene von Wogara, auf der
Straße, die vor mir Bruce, Lefêbvre, Ferret und Galinier, Rüppell, Krapf, v.
Heuglin u. a. gewandert waren, und gelangte in vier Tagemärschen bis
Dobarek.

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Am ersten Tage bivouakirten wir in K o s s o g i é, einem Dorfe, welches von
den hier häufigen Kossobäumen seinen Namen führt; durch gut bebaute
Ebenen gelangte ich am zweiten Tage nach Isak-Dews, dem Isakberge,
welcher Ort [pg 203]1420 vom Kaiser Isak zur Erinnerung an einen hier
über die Juden (Falaschas) erfochtenen Sieg gegründet wurde. Die dritte
Station Dokoa war ein reizender Flecken auf einer Anhöhe mit einer dem
Heiligen Kitane Machrit geweihten großen steinernen Kirche, die vom
Kaiser von Jasu im portugiesischen Stile erbaut ist. Hier theilt sich die
Straße; rechts, nach Osten zu, führt sie ins Alpenland von Semién. Links, in
nördlicher Richtung über den Lamalmon-Paß, und die Kolla von Wogara
nach Adoa. Am nächsten Morgen, als ich nach Dobarek aufbrach, zeigte man
mir zur Rechten, schon in Semién gelegen, das Dorf D e b r - E s k i é, in
dessen Nähe am 9. Februar 1855 das Schicksal Abessiniens entschieden und
Theodor Sieger über Ubié wurde. Als ich den Abhang erstieg, an welchem
D o b a r e k erbaut ist, wurde meine Aufmerksamkeit durch eine traurige
Erscheinung gefesselt; der Boden war ringsum mit gebleichten
Menschenschädeln besät, die unter den Füßen meines Maulthiers dahin
rollten. Ein Schlachtfeld konnte hier nicht gewesen sein, denn andere
Knochen als eben nur Schädel waren nicht vorhanden. Aber was war hier
geschehen? Eine entsetzliche Katastrophe. Vor gerade drei Jahren (1860)
hatte Theodor über seinen rebellischen Neffen Garet bei Tschober einen Sieg
erfochten und etwa 1700 Gefangene hierher abgeführt. Man enthauptete sie
und warf ihre Schädel aufs Feld.

Am nächsten Tage begann ich den L a m a l m o n hinabzusteigen. Sein
südlicher Abfall ist eine schöne, kaum wellenförmige Ebene; sein nördlicher
dagegen eine steile, einige tausend Fuß hohe Lehne, von welcher ein steiler
Zickzackfußpfad hinabführt, den wir nicht ohne Lebensgefahr passirten. Auf
einer kleinen Terrasse, die alle Karawanen als Ruhepunkt benutzen, machte
auch ich Halt. Vor mir lag, wie auf einer Reliefkarte ausgebreitet, die Kolla
bis zum Takazzié – eine Aussicht, die sich über dreißig Meilen erstreckte.
Von allen Seiten sah ich die Flüsse durch die grünen Wälder und gesägten
Berge brechen, um sich dem Takazzié zuzuwälzen, hinter dem, eingehüllt in
Nebeldämpfe, das Hochland von Schirié emporstieg. Ich nahm meinen Weg
nach der Z a r i m a, einem Nebenflusse des Takazzié, zu, nicht ohne von
meinen Leuten vor dem Rebellen Terso Gobazye gewarnt zu sein, der diese
Gegend unsicher machte. Wie ich später erfuhr, war die Rebellion dieses
Mannes mein Glück, denn Theodor hatte plötzlich drei Tage nach meiner

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Abreise aus Gondar eine Kavallerieabtheilung hinter mir hergeschickt,
welche mich zurückbringen sollte. Kurz nach meinem Aufbruche von
Dobarek kam sie dort an, wagte sich aber aus Furcht vor dem Rebellen nicht
weiter und kehrte, ohne ihren Auftrag erfüllt zu haben, zurück. Der Negus
wurde wüthend und rief aus: „W e l c h e s U n g l ü c k ! D e r e r s t e
Mensch, der von hier abreiste, ohne genau zu
w i s s e n , o b i c h s e i n F r e u n d o d e r F e i n d b i n !“

Sire! Sie täuschen sich. Ich bin unterrichtet! Aber, ohne Sie zu beleidigen,
füge ich hinzu, daß ich mich lieber Ihrer Gunst in Paris als in Gondar
erfreue!

Meine erste Station jenseit der Zarima war T s c h o b e r, wo Theodor gegen
die Gebrüder Garet focht und sein Liebling, der Irländer Bell, getödtet
wurde, worauf die Katastrophe folgte, die ich bei Dobarek schilderte. Ich
befand mich nun so recht mitten im abessinischen Kirchenlande, in
W a l d u b b a, das förmlich [pg 204]von Mönchen strotzt. Auch die
Menschen waren hier schon andere; die jungen Mädchen sangen in einer
Sprache, welche ich noch nicht gehört hatte und die weit gutturaler als das
Amhara klang. Auch vernahm ich, daß ich mich schon im Gebiete des Volks
von T i g r i é befand. Wie die Amharas ernst, schweigsam und würdig
auftreten, so erscheinen im Gegensatz die Leute von Tigrié fröhlich, lustig,
mit einem Worte als „gute Kinder“. Frankreich stand in den Bürgerkriegen
1856–1860 auf Seiten der letzteren; England begünstigte die Amharas, und
ohne gesuchten Vergleich kann man sagen, daß diese Sympathien dem
beiderseitigen Nationalcharakter entsprachen.

Drei Tage später gelangte ich an das Ufer des Takazzié, den ich bei
niedrigem Wasserstande traf. Sein dunkles, vom abgefallenen Laube
getrübtes Wasser rollte zwischen dicken Wäldern dahin, die an die Urwälder
Südamerika’s erinnerten. Hier war echte, tiefe Kollaregion. Am jenseitigen
Ufer, wo das Land wieder bergig wurde, gelangte ich in die Deka der reichen
und wohlbevölkerten Provinz Schirié, die sich nach dem Mareb hin
erstreckt. Ich verließ nun die nördliche Richtung und wandte mich mehr
nach Nordosten, einer schönen sumpfigen Prärie zu, welche links von
bizarren Bergen begrenzt wurde. Da, wo sie endigt, liegt A x u m, die alte
heilige Stadt Abessiniens, die jedoch bereits so oft von den verschiedensten

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Reisenden geschildert worden ist, daß ich die Leser mit Aufzählung ihrer
Alterthümer hier nicht ermüden will. (Vergl. oben S. 4.)

In vier und einer halben Stunde gelangte ich weiter nach der gegenwärtigen
Hauptstadt Tigrié’s, A d o a. Die Stadt liegt zwischen dem südlichen Fuße
des Scholada am linken Ufer eines kleinen Baches, der sich mit dem Asam
vereinigt. Die südlichen, weniger zusammenhängenden Quartiere sind über
mehrere Anhöhen zerstreut und theilweise sehr im Verfall begriffen. Viele
Kirchen, wie gewöhnlich in kleinen Hainen, erheben sich in und um Adoa,
unter denen sich die von Metchimialem auszeichnet. Sie ist von Detschas
Sabagadis erbaut, der eine große Glocke hierher stiftete. Die Straßen sind
eng, krumm und schmuzig, die Häuser meist aus Stein gebaut; viele haben
Dächer von Thonschieferplatten, andere von Stroh; auch solche von zwei
Stockwerken sind keine Seltenheit. Der Hofraum ist immer mit einer hohen
Feldsteinmauer umgeben, in welcher sich Gärtchen hinziehen und
Cordiabäume stehen. An der nordöstlichen Ecke auf einer steinigen Ebene
am Bach ist der Marktplatz, wo an mehreren Tagen der Woche Markt
gehalten und geschlachtet wird. Seit Jahrhunderten und namentlich seit dem
Verfall von Axum ist Adoa die Haupt- und erste Handelsstadt Tigrié’s, deren
Einwohnerzahl, fast lauter Christen, etwa 6000 Seelen beträgt. Die
industriellen Produkte sind von geringer Bedeutung.

Da meine in Gondar gemietheten Leute nicht weiter gehen wollten, mußte
ich hier frische Diener miethen. Dies hielt mich 14 Tage in Adoa auf, und
diese Zeit benutzte ich zu Exkursionen in die Umgegend. Leider versäumte
ich, die Ruinen der J e s u i t e n r e s i d e n z F r e m o n a bei Mai Goga in
der Nähe zu besuchen. Bruce, der sie gesehen hat, giebt an, daß zu seiner
Zeit die Mauern noch 27 Fuß hoch gewesen seien, ein von Thürmen
flankirtes Viereck, das als [pg 205]Festung gedient hatte. Doch das
verhinderte die Vertreibung der Patres nicht, die vor zwei Jahrhunderten eine
fürchterliche Qual Abessiniens waren. Man erzählte mir, daß die Ruinen
heute ein Gegenstand der Furcht bei den Landleuten seien, welche das alte
Gemäuer von bösen Geistern bevölkert glauben.

Am 29. Oktober 1863 verließ ich mit fünf Lastträgern, die ich bis Massaua
zu dem billigen Preise von anderthalb Thaler pro Mann gemiethet hatte,
Adoa. Am Abend kampirte ich schon in dem äußerst ungesunden Hamedo-
Tieflande am Mareb. Diese granitische Ebene bildet für den Botaniker und

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Zoologen ein wahres Paradies, sie ist aber, wenige Monate im Jahre
ausgenommen, furchtbar ungesund, ja geradezu tödtlich. Hier mußte auch
mein Landsmann Dr. D i l l o n, der Freund Lefêbvre’s, nach der Regenzeit
sein Leben lassen, als er, ungeachtet der Warnungen seiner Leute in die
Kolla hinabstieg. „Vorwärts, ihr Feiglinge“, rief er ihnen unklugerweise zu.
Die Abessinier zauderten, sagten aber dann: „Dieser Fremdling geht in den
gewissen Tod und wir auch, wenn wir ihm folgen. Ist es aber recht,
denjenigen zu verlassen, dessen Brot wir so lange gegessen? Vorwärts denn
mit Gott!“

Bauer aus Antitscho. Nach Lejean.

Fünf Tage darauf war Dillon todt und fünf seiner Diener gleichfalls. Ich
könnte noch viele ähnliche Thatsachen anführen. Habe ich nun recht, wenn
ich die Abessinier ein edles Volk nenne? (Man sieht, wie sehr sich die

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Urtheile gegenüber stehen, allein dieser eine edelmüthige Zug möchte doch
das lasterhafte Volk nicht rein waschen). Was man jedoch noch weniger
verneinen kann, ist die äußere Schönheit der Abessinier, Beweis dessen ich
hier auf gut Glück das Porträt eines Landmanns aus dem Distrikt Antitscho
in Tigrié hersetze.

Die ungesunde Ebene von Hamedo lag nun hinter mir und ich passirte den
M a r e b in einer Furth. Zu meinem Erstaunen fand ich ein sehr klares breites
Wasser, das jedoch nur einen Fuß Tiefe hatte und zwischen belaubten
Abhängen, wie zwischen zwei Hecken hinfloß. Jenseit desselben stiegen
wieder Berge an, auf denen der Marktflecken Gundet liegt und die gesunde
Deka beginnt.

Meine nächste Station war Asmara, die gegenwärtige Residenz des Bahar[pg
206]negasch oder Beherrscher der Meeresküste. Diesen stolzen Titel führte
ein einfacher Schum (Ortsvorstand), der vom Statthalter der Provinz
Hamasién eingesetzt wird. Der Mann empfing mich mit vieler
Freundlichkeit und schenkte meinen ausgehungerten Leuten einen Hammel,
ohne etwas dagegen zu verlangen. Er war ein vollendeter Gentleman,
welcher bei meiner Abreise mich merken ließ, daß es ihm an Zündhütchen
fehle. Da ich leider keine bei mir hatte, schickte ich ihm nach meiner
Ankunft in Massaua eine größere Partie. Asmara ist keineswegs die
Hauptstadt von Hamasién; als solche galt in alter Zeit Debaroa und heute
T z a z e g a, wo der Detschas Hailu, ein Liebling Theodor’s II., residirte. Der
Ort liegt malerisch zerstreut auf einem Hügel und zählt etwa 2000
Einwohner, die etwas Handel und namentlich Maulthierzucht treiben.

Das Gebiet des Nils lag schon hinter mir und ich befand mich hier in
demjenigen des A n s e b a, der durch den Barka seine Wasser dem Rothen
Meere zusendet. Bald war auch die Grenze Abessiniens erreicht und die
Terrassen lagen vor mir, die sich nach der kahlen, brennend heißen Samhara
hinabsenken. Erst jetzt fühlte mein Herz eine Erleichterung; das
Damoklesschwert hing nicht mehr über meinem Haupte, ich war der Gewalt
Theodor’s gänzlich entrückt.

Schnell war auch das Küstenland durchzogen, und in Massaua begrüßten
mich nach langer Irrfahrt zuerst wieder die Spuren europäischer Civilisation.

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Ansicht des Gemp in Gondar. Nach Rüppell.

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[pg 207]

Inneres einer Mensahütte. Originalzeichnung von Robert Kretschmer.

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Reisen in den nördlichen und nordwestlichen
Grenzländern Abessiniens.

Das Land der Mensa und Bogos. – Reise des Herzogs Ernst. – Monkullo. –
Labathal. – Plateau von Mensa. – Das Volk der Mensa. – Ausflug nach Keren.
– Elephantenjagd. – Rückkehr. – Munzinger über die Bogos. –
Geschichtliches. – Ein aristokratisches Volk. – Rechtsverhältnisse. –
Aberglauben. – Das Christenthum der Bogos. – Der Marebfluß. – Die
demokratischen Bazen und Barea.

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1. Reise des Herzogs von Koburg nach Mensa und
Bogos.

Da, wo die Terrassen des nördlichsten Distrikts von Abessinien, der Provinz
Hamasién, die natürliche geographische und politische Grenze des Landes
ausmachen, hören die vulkanischen Wackengebilde, die rothen Eisenthone
und [pg 208]ebenen Basaltplateaux auf und die Urgebirge, die Granite,
Gneise, Glimmerschiefer erhalten die Herrschaft. Sie bilden ein Gebirge,
das, nach Osten hin zum Rothen Meere, nach Westen gegen das Tiefland des
Barka abfallend, von zahllosen Wasserrinnen durchflossen ist, welche
während der heißen Jahreszeit vertrocknen. Der namhafteste dieser
Gebirgsbäche ist der Anseba, welcher sich mit dem Barka vereinigt. Noch
vor zwanzig Jahren war dieses Gebiet den Geographen fast gänzlich
unbekannt – jetzt gehört es zu einem derjenigen Theile Afrika’s, dessen
Kenntniß am meisten gefördert ist. Die Völkerschaften, die dort wohnen, die
Bogos mit den Mensa, die Bedschuk, Takul und Marea sind theilweise
Christen, werden aber in nicht allzuferner Zeit dem Islam anheimfallen.
Auch in ihrer Sprache unterscheiden sich die Bogos und Bedschuk von ihren
Nachbarn; erstere ist ein Agau-(Agow)Dialekt, welcher aber mehr und mehr
dem Tigré Platz macht. (Vergl. S. 92.)

Vor Allem aber hat die Natur dies „Alpenland unter den Tropen“ mit dem
herrlichsten landschaftlichen Charakter gesegnet, mit vielfach gegliederten
Hochebenen und kühnen Felsgestalten. Zur Regenzeit entwickelt sich dort
eine höchst mannichfaltige und reiche Vegetation, und das Thierreich ist so
überaus wohl vertreten, daß Bogos sammt Mensa dem Waidmann als ein
Paradies erscheinen müssen.

Die Berichte, welche die deutsche Expedition unter von Heuglin über diese
gesegneten Landstriche in die Heimat sandte, das Interesse welches sie an
und für sich erwecken mußten, endlich die vergleichsweise leichte
Zugänglichkeit, die nahe Lage an der Küste – man kann von Triest aus,
wenn Alles ineinander greift, jetzt in ungefähr vierzehn Tagen nach Mensa

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gelangen – machten auch in einem deutschen Souverän den Wunsch rege,
jene Gegenden zu besuchen, um dort der edlen Jagd obzuliegen. In
Schottlands Hochbergen hatte H e r z o g E r n s t I I . v o n S a c h s e n -
K o b u r g - G o t h a schon den Edelhirsch gejagt, er hatte Gemsen am Fuße
der Alpengletscher erlegt und nun entschied er sich auch dahin, auf
Elephanten, Löwen, Leoparden, Gazellen und Antilopen in ihrer tropischen
Heimat zu pürschen. Doch die Wissenschaft sollte bei diesem Unternehmen
keineswegs leer ausgehen, und so versah sich der Herzog mit einem Stabe
tüchtiger Männer, die vollkommen geeignet waren, das Erlebte und
Gesehene in Wort und Zeichnung aufzubewahren.

Die Reisegesellschaft bestand aus dem Herzoge und seiner Gemahlin, dem
Fürsten Hermann Hohenlohe und dem Prinzen Eduard Leiningen, dem
Major von Reuter nebst Frau, dem Arzte Dr. Hassenstein, dem Maler Robert
Kretschmer – dem wir einen Theil der prächtigen, naturwahren Illustrationen
zu diesem Werke verdanken – dem Naturforscher Dr. Brehm, Friedrich
Gerstäcker und einigen Anderen. Dr. Brehm, der Afrika aus eigener
Anschauung bereits kannte, wurde als Pionier vorausgesandt, um die besten
Wege ins Mensagebirge zu erforschen, und am 28. Februar 1862 verließ die
Expedition selbst Triest. Nach sechstägiger Fahrt wurde Alexandrien
erreicht, Kairo besucht und den Nil stromaufwärts bis zu den Ruinen von
Luxor gedampft, endlich mit einem Extrazug [pg 209]durch die Wüste nach
Suez gefahren, wo die hohen Herrschaften nebst ihrem Gefolge sich am 24.
März einschifften. Fünf Tage dauerte die Fahrt durch das Rothe Meer, und
am 29. warf der Dampfer bei M a s s a u a Anker, wo eine englische Fregatte
bereit lag, um der herzoglichen Expedition während ihres Aufenthalts an der
entlegenen Küste Schutz angedeihen zu lassen.

Jener wichtige Hafenplatz wurde der Ausgangspunkt zur Reise in das
Hochland, welche die Frau Herzogin jedoch nicht mitzumachen gedachte.
Sie blieb vielmehr in dem westlich von Massaua gelegenen Dorfe
M o n k u l l o (Umkullu, M’Kullu) zurück, das man als eine Art Vorstadt von
Massaua bezeichnen kann, weil viele Massauer Familien hier ihre Hütten
und die meisten Geschäftsleute eine Frau mit Kindern und Sklavinnen
wohnen haben, von denen sie täglich Milch und Holz sich bringen lassen.
Ein besonderer Vorzug des Ortes sind seine Brunnen mit klarem süßen
Wasser, das bis Massaua geführt wird. Monkullo wird von mehreren Hügeln
überragt, von deren Hochfläche man einen Blick auf das Rothe Meer hat.

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Man sieht zwei lange Streifen, welche sich von dem blauen Gewässer
abheben; der längere, zur Hälfte gelb, zur anderen grün, ist die Insel Tan-el-
hut, wo Hemprich begraben liegt; der andere Streifen ist Massaua. Die gelbe
Farbe rührt von Korallen, die grüne von einem dichten Gebüsch her, dessen
immergrüne, fettglänzende Blätter denen des Kirschlorbers ähnlich sind;
diese Pflanze, der S c h o r a w u r z e l t r ä g e r (Avicennia tomentosa), heißt
zu Massaua Sackerib und wächst nur an solchen Stellen, welche täglich bei
der Flut vom Meereswasser bespült werden. Aus der Ferne gesehen,
gewähren die Wurzelträger einen anmuthigen Eindruck; ihr sanftes Grün
thut dem Auge wohl; sie strecken ihre ziemlich dünnen Aeste in das Meer,
und das Ganze lockt fast unwiderstehlich an, weil es zu dem nackten gelben
Strande einen angenehmen Gegensatz bildet. Aber die Atmosphäre ist hier
feucht, man kann wohl sagen giftig, und die Hitze oft so arg, daß es
gewissermaßen als eine Erquickung erscheint, wenn man aus solch einem
Avicenniengewirr heraustritt und wieder von den glühenden Strahlen der
äthiopischen Sonne beschienen wird.

Schnell eilten die Mitglieder der Gesellschaft aus der ungesunden
Küstenlandschaft dem Innern zu. Im Anfang war die Gegend der Samhara,
welche sie durchritten, sehr öde und arm; die sandigen, aus grobkörnigem
Kies bestehenden Berge glichen ganz jenen der Wüste. Das thierische Leben
der Samhara wird zuerst bei den Regenströmen bemerklich, die nach kurzem
Lauf hier dem Rothen Meere zueilen. Großartig wird die Natur erst da, wo
das L a b a t h a l mit frisch sprudelndem Flüßchen aus dem Gebirge
hervortritt. Im hellsten Grün prangten die Gehänge des Thals bis hoch zu
den Bergen hinauf; alle Bäume standen im Blätterschmuck, viele von ihnen
waren gerade mit den köstlichsten Blüten bedeckt und leuchteten von den
Felswänden herunter. Gesicht, Gehör, Geruch schwelgten zu gleicher Zeit.
Der Farbenreichthum blendete das Auge, Wohlgeruch erfüllte das Thal und
wie ein Gruß tönte der Flötenruf des äthiopischen Würgers den Fremdlingen
ins Ohr. Auf den Zweigen wiegten sich Vögel aller Art von den kleinsten
Honigsaugern (Nectarinia) bis zum riesigen [pg 210]Ohrengeier. Auch sah
man Leoparden, Gazellen, Antilopen, Rudel von Affen, namentlich
Hamadryaspaviane eilten mit lautem Geschrei die Abhänge hinauf und
muntere Klippschliefer belebten die Felsen, die sogar Spuren des riesigen
Elephanten trugen, der bis in die hohen Berge hinaufsteigt.

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Ganz oben verwandelte sich das Thal in eine enge Felsschlucht, und unter
unsagbaren Mühen wurde am 7. April die Hochebene erklommen, welche
wiederum von riesigen Alpen umgeben die Hüttengruppen des Hirtenvolkes
der M e n s a trägt. Das Gebirge selbst besteht aus einem sehr grobkörnigen
Granit, welcher jedoch nur an den höchsten Spitzen durchbricht, und aus
Thon- und Glimmerschiefer, der sich wie ein Mantel um den innern
Granitkern gelegt hat. In den tiefern Thälern finden sich steile Wände,
welche jedoch fast überall zugänglich sind und es noch viel leichter sein
würden, wenn nicht die Pflanzenwelt dies verhinderte. Alle Felsen sind grün
bis oben hinauf, und wo nur ein geeignetes Plätzchen sich findet, da hat die
Pflanzenwelt sicher Fuß gefaßt. Doch bestimmt die Armuth an Dammerde
das Gepräge der Vegetation. Große gewaltige Bäume giebt es nur im Thale,
und hier zeigen sich am Bache die charakteristischen Gewächse der
Kollaregion: schirmförmige Mimosen, prächtige Tamarinden, Kigelien mit
ihren großen Früchten, Adansonien, Akazien, Oelbäume, die Kronleuchter-
Euphorbie und eine niedrige Palme.

Der stattliche Gebirgszug, in dessen Gipfel das Plateau von Mensa
gleichsam eingekeilt liegt, mag sich in den Theilen, welche von der
herzoglichen Expedition berührt wurden, zu einer Höhe von 8000 bis 9000
Fuß erheben. Die Hochebene selbst soll gegen 6000 Fuß über der
Meeresfläche liegen und wird durch einen niedrigen Hügelrücken in zwei
Theile geschieden. Der eine bildet eine wilde, mit Büschen bewachsene,
sandige Fläche, die oft von Schluchten durchzogen ist. Der andere zeigt
besseren Boden und wird bebaut.

Das Dorf M e n s a bildet zwei Gruppen von Niederlassungen mit zusammen
etwa 100 Hütten, die sich an die beiden Ränder der Hochebene anlehnen.
Dicht hinter denselben steigen die bewaldeten Felsgehänge noch kühn
empor und tritt zwischen riesigen Granitblöcken ein klarer Quell hervor, und
ringsum entfaltet das Gebirge seine ganze Pracht. Die Stelle war zu
Ausflügen gut gewählt, aber leider wurde die Freude theuer bezahlt, denn
ein großer Theil der Gesellschaft wurde vom Fieber gepackt. Die Gesunden
ließen sich jedoch dadurch nicht abhalten, tüchtig der ergiebigen Jagd
nachzuspüren und die Sitten der Eingeborenen zu studiren.

Nirgends wol in Afrika trifft man auf so elende Behausungen als in Mensa.
Die H ü t t e n bestehen aus Stangen oder Zweigen, über die man einfach

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Reisig wirft, das nicht einmal gegen den strömenden Regen gedichtet wird.
Eine kleine niedrige Thür führt in das Innere des hohlen Reiserhaufens. Dort
gewahrt man dieselbe Unfertigkeit: einige aneinander gereihte Stäbe, welche
auf Querhölzern ruhen und von gegabelten Pfählen getragen werden, bilden
den Schlafplatz. Diese Bettstätte ist außerdem mit einem laubenähnlichen
Bau überdacht, der immer noch den Regen durchläßt. Außer einigen irdenen
Töpfen, dem [pg 211]unentbehrlichen Reibstein, auf dem das Getreide
zerkleinert wird, einem Topfe, in dem man das Korn aufbewahrt, und
einigen Schläuchen sieht man keine Geräthschaften im Innern. Eine
Dornumzäunung schließt die Wohnung ein, und innerhalb derselben liegt der
kleine Tabakgarten, denn das starke Kraut wird von den Männern
leidenschaftlich aus großen Wasserpfeifen geraucht, deren Wasserbehälter
durch einen Kürbiß gebildet wird.

Die Mensa sind schöne, wohlgebaute Menschen von gelblicher bis
dunkelbrauner Hautfarbe. Ihre Sprache ist das Tigré. Das Haar ist
eigenthümlich frisirt, wie es die Abbildungen zeigen, und mit einer Nadel
versehen, welche die Ruhe unter den lästigen Insassen herzustellen hat.
Kurze baumwollene Hosen und weite Umschlagmäntel machen die Kleidung
der Männer aus; eine lederne, in viele Streifen zerspaltene Schürze bildet die
einzige Bekleidung der unverheiratheten Mädchen, welche am Tage der
Verheirathung mit einem Umschlagetuche vertauscht wird. Das Leben des
Volkes hängt von den Herden ab; Getreidebau wird wenig betrieben. Die
Erhaltung und Vermehrung der Herden macht die ganze Wissenschaft ihres
Lebens aus. Der Mensa hält sich um so verständiger, je besser er mit dem
Vieh umzugehen versteht, und er achtet sich um so glücklicher, je
zahlreicher seine Herde von Buckelrindern ist. Manche von den Leuten,
welche in einer der beschriebenen erbärmlichen Hütten leben, nennen 5000
bis 6000 Rinder ihr Eigenthum. Um überall die Weide gut ausnutzen zu
können, wandern die Mensa zweimal im Jahre von der Höhe ihres Gebirges
zur Tiefe der Samhara hinab, wenn dort die Regengüsse ein frisches Grün
hervorgezaubert haben. Die Milch der Kühe ist ihr vornehmstes
Nahrungsmittel, und bei festlichen Gelegenheiten wird ein Ochse
geschlachtet, dessen halbgeröstetes Fleisch gierig verschlungen wird. Als
geistiges Getränk dient der Honigwein. Ganz so schlimm wie die Abessinier
sind die Mensa beim Einnehmen ihrer Nahrung nicht, allein auch nicht sehr
verschieden von diesen.

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Das C h r i s t e n t h u m der Mensa ist genau so, wie wir es bei ihren Vettern,
den Bogos, weiter unten schildern. Das häusliche und eheliche Leben
unterscheidet sich kaum von dem der Abessinier. Mit Sonnenuntergang
sammeln sich die Mädchen auf den öffentlichen Plätzen und beginnen zu
tanzen, wobei die Zuschauer laut brüllen. Dieses Vergnügen währt bis tief in
die Nacht, jedoch nur wenn der Mond scheint und die Raubthiere nicht zu
fürchten sind. An Festtagen hört man noch eine andere Musik, dann geben
die Flötenbläser ihre Künste zum besten. Die abessinischen Flöten sind
hohle Röhren mit verschiedenen kleinen Schallöchern, welche nach Art der
Mundharmonika geblasen werden. Einzelne Künstler verstehen auch eine
Art Geige zu spielen, d. h. eine Fiedel im Urzustande mit einer Saite von
Pferdehaaren, die mit einem einfachen Bogen gestrichen wird. Eine
Handtrommel mit Schellen unterstützt gewöhnlich dieses Konzert aufs
wirksamste.

Eigenthümlich sind die G r a b h ü g e l der Mensa. In weitem Kreise um das
Grab herum baut man eine senkrechte Ringmauer auf; den von ihr
umschlossenen Raum füllt man alsdann mit großen und kleinen Steinen aus.
[pg 212]Die Steine schichtet man in einem Haufen hoch auf und überlegt sie
endlich mit blendenden Quarzstücken, welche weit und breit
zusammengetragen werden. Die tropische Erzeugungsfähigkeit sorgt bald
für grüne Umrankung und Umlaubung, und dann heben sich diese Gräber
um so heller von dem dunklen Hintergrunde ab.

Hier nun, unter diesem Volke, schlug man die Zelte auf und verweilte einige
Zeit. Als die Gewitterregen nachgelassen, trat der Herzog, von seinen beiden
Neffen begleitet, einen Ausflug nach K e r e n im Bogoslande an. Am 12.
April setzte sich der Zug in Bewegung, durcheilte in nordwestlicher
Richtung die Mensa-Hochebenen und gelangte am nächsten Tage bereits in
eine sehr veränderte Gegend. Die reiche Vegetation des Mensathales war fast
ganz verschwunden, die Bergrücken waren kahl und nur an den Abhängen
zeigten sich Mimosen und verkrüppelte Oelbäume. In den tiefern
Thaleinschnitten wuchsen riesige Adansonien und Euphorbien. Nach einem
Ritt von mehreren Stunden wurde das Dorf Gabei Alabu auf einem felsigen
Plateau erreicht, wo die Einwohner nach einigem Parlamentiren Milch und
eine Kuh zum Geschenke brachten. „In keiner Weise konnten wir,“ erzählt
Herzog Ernst, „auf der ganzen Reise zwischen diesen Völkerschaften auch
nur über die geringste Unbill klagen, und ich muß lobend erwähnen, daß uns

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überall mit aufrichtiger Freundlichkeit und Gastfreundschaft begegnet
wurde.“ Nachdem man zwei Stunden weiter geritten, gelangte man an das
malerische Ufer des A n s e b a (Ainsaba). Der Strom hielt noch dritthalb Fuß
Wasser und floß silberhell und reißend dahin. In unendlichen Windungen
sendet er seine klaren Fluten, die unfern von Tzazega in Hamasién
entspringen, durch das Gebirgsland und erquickt mit seinen zweimal im
Jahre austretenden Gewässern die durstige Ebene. Soweit dies der Fall ist,
zeigt auch der Boden die ganze Fülle der Tropenvegetation; wunderbar
geformte Bäume, dicht mit Lianen überzogen, wechseln malerisch mit
haushohem Schilf. Tausende von Vögeln aller Art bevölkern diesen
schmalen Streifen Erde, der gleich einer Oase meilenweit den Strom
begrenzt, welcher später seine Wasser mit denen des Barka vereinigt, also
nicht dem Gebiete des Nil, wol aber jenem des Rothen Meeres angehört.

Die gehoffte Jagd fand leider hier nicht statt, dafür stattete man dem jenseit
des Flusses liegenden Dorfe K e r e n, dem Hauptorte von Bogos, einen
Besuch ab. Der Herzog schildert Keren als ein elendes, auf einer Hochebene
gelegenes Dorf, das außer den Hütten der Eingeborenen nur zwei größere
Gebäude, die Wohnung des weit und breit bekannten Missionärs S t e l l a,
aufweist. „Stella ist ein kleiner untersetzter Mann mit stechenden klugen
Augen, aber sonst wohlwollenden Zügen. Er gehört zum Orden der
Lazaristen. Unstreitig ist er, nach Allem, was ich über ihn gehört und
gelesen, zu den wenigen intelligenten Europäern zu rechnen, welche seit
einer Reihe von Jahren das Innere Afrika’s bewohnten. Durch seinen
Charakter, seinen Muth und sein kluges Benehmen ist er zu einer
bedeutenden Person geworden. Er ist nicht nur bei den Bogos höchst
angesehen, sondern steht auch in einer gewissen Verbindung mit dem Kaiser
Theodor und den ganzen politischen Verhältnissen Abessiniens. [pg 214]Die
Ausbreitung der katholischen Religion scheint ihm hier nicht allein am
Herzen zu liegen. Er schien vorzugsweise Rathgeber und Vermittler
zwischen obwaltenden Streitigkeiten der Stämme zu sein. Ein Gehalt, der
ihm regelmäßig ausgezahlt wird, und eine ausgesuchte Herde machen ihm
bei geringen Bedürfnissen ein angenehmes Leben möglich.“

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Eingeborene von Mensa vor ihren Hütten. Originalzeichnung von Robert Kretschmer.

Der Boden bei Keren, das 4469 Fuß über dem Meere liegt, ist fruchtbar, aber
nur ab und zu mit Durrah, etwas Tabak und dem gewöhnlichen Seifenkraut
bepflanzt. Nach Osten und Süden steigen rauhe Gebirge in die Höhe,
während sich die im Norden liegenden Ketten mehr und mehr abflachen.
Nach Westen zu sieht man den Bergen deutlich an, daß sie aus einer Ebene
emporsteigen, denn unmittelbar hinter ihnen beginnt die unabsehbare Barka-
Steppe. Wasser enthält die Hochebene so gut wie gar nicht.

Keren war der fernste Punkt, bis zu welchem der hohe Reisende gelangte. Er
zog nach kurzem Aufenthalte von da nach Mensa zurück, wo er am 16. April
wieder anlangte. Schon am zweiten Tage darauf fand eine glückliche
Elephantenjagd statt, und mit nicht geringer Anstrengung gelang es, auf den
8000 Fuß hohen Felsenhöhen des Beit-Schakhan einen alten und einen
jungen Elephanten zu erlegen.

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Mit folgenden Worten schildert der Herzog das Abenteuer selbst: „Es
mochte wol zwischen 2 und 3 Uhr sein, als ein für uns kaum hörbarer Ton
das Ohr des uns begleitenden jungen Eingeborenen traf. Wie eine Schlange
schnellte die schwarze nackte Gestalt aus dem Grase empor, und die
heftigste sich in den wunderlichsten Gesten kundgebende Aufregung bewies
uns, daß ein Zeichen von unten gegeben sei. Wie durch einen Zauberschlag
berührt, sprangen wir jetzt auf die Füße und griffen zu unseren Büchsen. Die
reizende Aussicht war, wie Müdigkeit für uns verschwunden, die
Sonnenstrahlen erschienen nicht mehr heiß, und ohne weiter zu überlegen,
was eigentlich das Zeichen bedeute, trabte die ganze Gesellschaft über
Steinblöcke durch Dick und Dünn der Tiefe zu, aus der in abwechselnden
Zwischenräumen das schon vorher erwähnte Zeichen wiederholt wurde.

„Der junge Mensaner mit Schild und Speer an der Spitze, führte den Zug,
und da ihn weder Kleidung noch Korpulenz am Laufen hinderten, so fiel er
in ein wahrhaft gefährliches Tempo, für das nur die jüngsten Beine
geschaffen schienen. Erst nach anderthalb Stunden trafen wir die beiden
Elephantenjäger. Nur einige hundert Schritt folgten wir ihnen und sahen
schon zum allgemeinen Entzücken, auf der gegenüberliegenden Bergwand,
zwischen dem Gestrüpp und alten Euphorbienbäumen, Elephanten ruhig ihr
Diner verspeisen.

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Herzog Ernst von Sachsen-Koburg-Gotha auf der Jagd in Mensa.
(Originalzeichnung von R. Kretschmer.)

„Hier hätte nun ein Kriegsrath gehalten werden müssen, um, wie vorher
verabredet, die Jagd zu besprechen. Hierzu ließen uns die aufgeregten

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Eingeborenen aber keine Zeit. Sagudo ergriff mich beim Arm, schüttelte
mich, als ob es gälte, Aepfel von einem Baume zu schütteln, wies mit
grimmigen Geberden auf die unten äsenden Elephanten und riß mich mit
sich fort. Vorwärts ging es nun wieder in vollem Laufe durch Aloë, Cactus
und Mimosen. Bald [pg 215]waren die ohnehin defekten Hemden und
Beinkleider zerrissen, und die glühende Sonnenhitze badete uns im Schweiß.
Mit einem Male hielt der Jäger an, schnitt mir ein wüthendes Gesicht und
klopfte mit dem Laufe seiner riesigen Muskete auf meine Schuhe. Sein
Wunsch war augenscheinlich der, daß ich von jetzt ab die Pürsche barfuß –
wie er ging – fortsetzen solle. Aus meinen ebenso grimmigen Mienen und
bezeichnenden Gestikulationen mochte er jedoch wol entnehmen, daß die
Sohlen unserer Füße nicht, wie die seinen, für Dornen und scharfe Steine
geschaffen seien, und weiter ging es, eine Lehne hinab, durch einen
ausgetrockneten Sturzbach hindurch und drüben einen steilen Graben hinauf.
Wir folgten genau in dem sonst undurchdringlichen Dickicht den Windungen
der kleinen Pfade, welche die Ungethüme, sich vor uns äsend, erst im
Augenblicke getreten hatten. Noch eine Weile und wiederum ging es einen
Strand hinab, und in langen Sätzen wollten wir eben die Felsen eines
zweiten Sturzbaches überschreiten, als wir auf 50 Schritt vier Elephanten
unter uns denselben Bach kreuzen sahen.

„Athemlos hielt Alles still. Ich riß meine Büchse an den Backen und wollte
eben den größten Elephanten aufs Korn nehmen. Da fiel mir der Jäger in den
Arm und machte solche furchtbare Grimassen, daß ich nicht anders glauben
konnte, als er halte es noch für zu weit. Die Elephanten, welche schlecht
äugen, gingen unter uns vorüber. Kaum waren sie aber auf der
entgegengesetzten Wand verschwunden, als das Rennen unmittelbar auf
ihrer Fährte wieder begann. Hiernach schien es die Absicht des Jägers zu
sein, die Thiere einzuholen und mit den letztern auf wenige Schritte
zusammen zu kommen.

„Die Leidenschaft hatte uns alle erfaßt und jeglicher Ueberlegung der
drohenden Gefahr, in der wir uns befanden, beraubt. Kaum mögen acht
Minuten vergangen gewesen sein, als wir, der vermeintlichen abwärts
führenden Spur in langen Sprüngen von Fels zu Fels folgend, mit dem
vordersten der Elephanten auf drei Schritte zusammentrafen. Die Thiere
hatten einen auf uns zurückführenden Pfad eingeschlagen. Noch einen

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Schritt weiter und wir wären sämmtlich verloren und zu Brei getreten
gewesen.

„Mit kühner Geistesgegenwart erfaßte der Jäger den Augenblick, und indem
er einen gellenden Schrei ausstieß, stürzte er sich – gleichwie der
Schwimmer von einem Springbret in das Wasser – von dem erhöhten
Standpunkte etwa zehn Fuß tief in ein wildes Cactusdickicht hinein. Zum
Besinnen hatten wir auch keine Zeit und ahmten, fast instinktmäßig, den
sicheren Tod vor Augen, das Manöver nach. Auf das furchtbarste
zugerichtet, drückten wir uns, wie ein Kitt Hühner unter eine Krautstaude,
hinter einen Granitblock. Die Elephanten hatten, durch die wunderbare
Erscheinung erschreckt, selber eine Bewegung halb rechts gemacht,
dergestalt, daß sie uns schräg abwärts in einer Entfernung von vielleicht 10
bis 15 Schritt, jedoch ohne im geringsten flüchtig zu sein, die Flanken
zeigten.

„Der Augenblick zum Handeln war gekommen. Der Jäger, Hermann (Fürst
Hohenlohe) und ich waren mit einem Sprunge beinahe zu gleicher Zeit auf
dem Felsen, der uns gerettet, die Büchsen flogen in die Höhe und vier
Spitz[pg 216]kugeln bohrten sich hinter das riesige Gehör des Ungethüms.
Der Elephant war tödtlich getroffen. Er hielt an und stieß jenen durch
Gordon Cumming so wohl beschriebenen Schmerzenston aus, und wäre
unsere Lage nicht so mißlich gewesen, so hätten wir ruhig sein Verenden
abwarten können. Hier galt es aber augenblickliche Vernichtung und mit
Büchsen à la Lefaucheux bewaffnet, ward es uns eine Leichtigkeit, in
wenigen Minuten gegen vierzehn Kugeln dem schon wankenden Koloß
hinter Blatt und Gehör zu senden. Ein zweiter Elephant, durch das Schießen
beunruhigt, kreuzte den Verwundeten. Auch er erhielt von Hermann eine
Kugel auf das Blatt, welche ihm jedenfalls jenen Schmerzensschrei
entlockte, aber nur dazu zu dienen schien, seine Flucht zu beschleunigen.
Unser erstes Opfer schwankte noch einige Male, indem es sich langsam
umdrehte, hin und her. Da erhielt er aus der Muskete unsers Jägers den
letzten Gnadenschuß durchs Herz. Das Thier stürzte mit einem furchtbaren
Getöse und rollte, wie ein Hase auf einem gefrorenen Abhang, die Bergwand
wol 500 Schritt hinunter, Bäume und Felsen vor sich her wälzend. Die
Straße, die sein Körper beschrieben hatte, glich einem jener Lawinenstreifen,
die man so oft im Hochgebirge auf der Gemsjagd antrifft. Mit einem
Freudengeschrei jagten wir dem verendeten riesigen Thiere in den Abgrund

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nach, wo wir es tief unten, zwischen zwei Granitblöcken eingeklemmt, noch
gewaltig mit seinen Füßen arbeitend, liegen sahen.“

Noch ein zweiter junger Elephant, der gleichsam um die Mutter zu rächen,
wüthend herbeigeschnaubt kam, wurde erlegt, die Jagd war vollendet, und
beleuchtet von den Strahlen der glühend untergehenden Sonne standen die
Sieger auf den kolossalen Leichen ihrer Jagdbeute. Die Landschaft, in
welcher die gefahrvolle Jagd stattfand, schildert der Herzog
folgendermaßen: „Ein Panorama lag vor uns, wie ich es nur an wenigen
Orten Tyrols und der Schweiz getroffen habe. Ein unabsehbares Meer grüner
und brauner Berge, hier in den schönsten und reichsten Formen gelagert,
dort wieder scharfgezeichnete Felsspitzen in pittoresken Gestalten
vorstreckend, bot sich unsern Blicken. In weiter Ferne bezeichnete ein
goldener Streif die Fluten des Rothen Meeres, nach allen übrigen
Himmelsgegenden reihten sich Gebirge an Gebirge. Das schwierige
Besteigen jener Alpen wäre schon hinreichend durch die unbeschreibliche
Aussicht belohnt gewesen, deren wir uns hier zu erfreuen hatten. Die Sonne
war glühend, dennoch erfrischte uns ein kühler Luftzug und ausgestreckt im
hohen Grase schwelgten wir in den Genüssen der Natur.“

Bald darauf brach, nach verschiedenen neuen Jagdabenteuern, die
Gesellschaft auf und langte am 23. April in Monkullu, bei der Frau Herzogin
wieder an. Ueber ihren Aufenthalt daselbst schrieb die hohe Dame folgende
Worte in ihr Tagebuch: „Die Tage, welche wir hier verlebten, waren keine
Idylle in der Weise der lieben Heimat, es war für uns verwöhnte
Kulturkinder Manches recht schwer zu überwinden; aber es war doch ein
Stilleben voll von großen Eindrücken, und die Erinnerung daran möchte
wohl keiner von uns missen. Wer einmal im Schein der tropischen Sonne auf
Himmel, Land und Meer geblickt [pg 217]hat, der wird die Farbenpracht der
Natur und die gehobene Stimmung, welche sie dem Menschen verleiht, nie
mehr vergessen. Was Licht heißt und glühende Farbenschönheit, das erfährt
man erst im Süden. Und die Einwirkung dieser Fülle von Licht und Farbe,
die großen Gegensätze, welche ohne Dämmerung, ohne das Nebelgrau der
Heimat, wie unvermittelt nebeneinander stehen und doch Bilder von der
wundervollen Schönheit geben, werden immer mächtiger, je länger man
weilt, und umgeben das Leben des Tages mit einer Poesie, die märchenhaft
und fast bewältigend ist. Und in diesem Zauberlichte glänzt eine fremde
Erdenwelt, denn Menschen, Thiere, Pflanzenformen, jeder Gegenstand, der

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an den Reisenden herantritt, trägt dazu bei, die Stimmung, welche die
Landschaft hervorruft, zu erhöhen. Ungeachtet der Unsicherheit, welche der
Europäer in dieser Wildniß empfindet, ist die Grundstimmung, welche dieses
tropische Leben verleiht, doch eine erhebende Ruhe. Alles sieht großartiger
und einfacher aus, und ohne Mühe kann man sich hier um Jahrtausende
zurückdenken, in denen dasselbe Hirten- und Wanderleben war, dasselbe
Geschrei der Thiere, dieselben Pflanzen an derselben Stelle, dasselbe
Leuchten der Farben, ebenso der Sand mit den Steintrümmern und dem
weißen Gebein der gefallenen Thiere. Der Mensch vermag in der
großartigen Beständigkeit dieser Welt nur wenig.“

Am 26. April sagte endlich die Reisegesellschaft dem abessinischen Gestade
Lebewohl und trat die Fahrt durch das Rothe Meer nach Suez an. Leider
hielten gefährliche Fieber die Reisenden einige Zeit in Kairo zurück, und
erst am 30. Mai wurde in Triest wieder der europäische Boden betreten. Die
fürstliche Reise war auch für die Wissenschaft nicht ohne Ergebnisse, denn
abgesehen von dem Werke des Dr. Brehm, der die zoologischen Resultate
verarbeitete, veröffentlichte der Herzog selbst einen Reisebericht, der mit
den herrlichsten Abbildungen in Farbendruck von Robert Kretschmer’s
Meisterhand geschmückt wurde.

Der Aufenthalt des Herzogs im Bogoslande war jedoch viel zu flüchtig
gewesen, als daß derselbe unsere Kenntnisse von den Bewohnern desselben
hätte eingehend fördern können. Diese aber, durch Sitten, Abkunft und
Rechtsverhältnisse ein höchst interessantes Volk, lernen wir am besten durch
W e r n e r M u n z i n g e r kennen, der sich viele Jahre unter ihnen aufhielt
und gleich Stella eine bedeutende Stellung einnahm.

Ueber das Bogosland sind viele Stürme hinweggebraust. Die ganze
Nordgrenze Abessiniens von Massaua bis zum Mareb war, der Sage zufolge,
in alten Tagen von den R o m bewohnt, einem riesenhaften,
übermenschlichen Geschlechte. Der letzte desselben verfeindete sich mit
Gott, schleuderte eine Lanze gen Himmel und zur Strafe zerfraß ihm ein von
Gott gesandter Adler den Kopf. Die Rom werden noch in Liedern besungen
und spitzige Steinhaufen für ihre Gräber ausgegeben. Nach den Rom kamen

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die Kelau, ein äthiopischer Stamm aus Abessinien, von dem nur wenig Reste
blieben; dann wanderten die Barea von Hamasién her ein und schließlich die
Bogos.

[pg 218]
Ihr Stammvater G e b r e T e r k e ist vom Volke der Lasta-Agows (vgl.
S. 90). Aus Furcht vor der Blutrache verließ er seine Heimat, stieg hinab in
die Kolla und baute zu Mogarech im Bogoslande die Giorgiskirche; das mag
1530 gewesen sein, zur Zeit der muhamedanischen Kämpfe gegen das
christliche Abessinien. Vor dem zu Aschra befindlichen Grabsteine des
Stammvaters geht auch heute noch kein Bogos vorüber, ohne ihn zu küssen.

Bei den Bogos ist das Stammverhältniß stark ausgeprägt und die einzelnen
Abtheilungen sind derart durch Heirathen verschwägert, daß innere Fehden
zur Unmöglichkeit werden. Früher standen sie direkt unter Abessinien und
sandten alljährlich 60 Ochsen als Tribut an den König in Gondar. Sie
bildeten eine A r i s t o k r a t i e, die sich selbst nach eigenem Rechte regierte,
eine gewisse Kultur besaß, jedoch durch Kriege und Berührungen mit den
Nachbarn allmälig in Barbarei versank. Abessinier sowol als die Aegypter
von Ostsudan aus machten Verheerungszüge in das Bogosland und es kam
1854 so weit, daß die Bogos endlich um Frieden flehten und den Aegyptern
versprachen, den Islam anzunehmen. Da erschien bei ihnen der erwähnte
Missionär Johannes S t e l l a und sammelte die Leute wieder, und der
englische Konsul P l o w d e n erwirkte im Namen Großbritanniens, daß das
christliche Gebiet für unverletzlich erklärt wurde. Doch noch immer nicht
hatten die Bogos Ruhe. Neue Raubzüge fanden gegen sie statt, man führte
viele in die Sklaverei. Wie wir aus Graf Krockow’s Reise wissen, erschien
im November 1864 Pater Stella, begleitet von Werner Munzinger, in
Kassala, um beim ägyptischen Gouverneur darüber Klage zu führen, daß die
Barea außer vielem Vieh 104 Weiber und Kinder aus dem Bogoslande
entführt hätten.

Noch immer zahlen die Bogos an Abessinien Tribut. Ihre Gesammtzahl
beträgt etwa 8000 Köpfe, von welchen zwei Drittel Unterthanen, sogenannte
T i g r é s sind, und ein Drittel aus S c h m a g i l l i s oder wirklichen Bogos
besteht. Das Gesammtvolk hat nach Munzinger 2100 Häuser und etwa
10,000 Stück Rindvieh. Von höchstem Interesse sind die durch den
genannten Forscher uns bekannt gewordenen R e c h t s v e r h ä l t n i s s e des

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Völkchens. Das Recht ist ein patriarchalisch-aristokratisches. Die Familie ist
Staat, Souverän und Gesetzgeber, hat Recht über Leben und Tod der
einzelnen Glieder. Wer nicht Schmagilli, echter Bogos ist, wählt sich einen
Schutzherrn und wird nun dessen Dienstmann, Tigré. Eigentlich gilt jeder
Fremde als Feind. Der Patriarch (S i m) ist geheiligt; er ist gleichsam König
ohne Königsgewalt. Stirbt der Sim, so folgt ihm der Erstgeborene, nachdem
er sich den ganzen Leib mit dem Wasser gewaschen, in welchem die Leiche
des Vaters gewaschen wurde. Mit verhülltem Kopfe fastet er nun drei Tage;
dann wird er, immer noch mit verbundenen Augen, vor die Hütte geführt und
ihm Kuhdünger, Dornen und Sand vorgelegt. Greift er nach den Dornen, so
bedeutet dies Krieg; Sand läßt auf gesegnete Ernten hoffen, Kuhdünger auf
Gedeihen der Heerden.

Für die kleinere Familie ist der Vater Richter; zweite Instanz bildet der
öffentlich versammelte Dorfrath (Mohäber). Trotz des Christenthums
herrscht [pg 219]unter den Bogos noch viel Barbarei. Niemand kann lesen
und schreiben; ein uneheliches Kind wird erstickt, und die eigenen Kinder
verkaufte man früher oft für weniger als einen Thaler. Unter den vielen
eigenthümlichen Sitten und Bräuchen heben wir folgende hervor. Kein Weib
wird melken oder Getreide schneiden. Kein Schwiegersohn sieht das Antlitz
seiner Schwiegermutter an. Die Frau steht im Allgemeinen niedrig; sie kann
jeden Tag fortgejagt werden und besitzt kein Klagerecht. Es kommt nicht
gerade selten vor, daß ein Mann nach dem Ableben des Vaters die
Stiefmutter heirathet, und Munzinger kennt ein Beispiel, daß ein Mann die
Frau seines gestorbenen Sohnes zum Weibe nahm. Scheidungen sind häufig,
die Vielweiberei ist jedoch ziemlich selten, wenn auch erlaubt.

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Hirtenfrau auf der Wanderung. Zeichnung von R. Kretschmer.

Früher bauten die Bogos Häuser aus Stein – jetzt Zweighütten wie die
Mensa. Das Innere trennt man durch eine Matte in zwei Hälften. Auch in den
häuslichen Einrichtungen herrscht allerlei Aberglauben. So wird z. B. Feuer
und Wasser nach Sonnenuntergang niemals aus dem Hause gegeben und um
diese Zeit kein verliehenes Beil zurückgenommen. So lange eine Leiche sich
im Hause befindet, wird kein Feuer angezündet, und frische Butter zu essen,
gilt für eine Schande.

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[pg 220]
Die Bogos haben schöne, regelmäßige Gesichtszüge und nicht das leiseste
Negergepräge. Die Hautfarbe wechselt zwischen Gelb und Schwarz. Die
Augen sind lebendig, schwarz und braun, der Haarwuchs weich und
vollständig, doch grob.

Die Bogos sind mehr Hirten als Ackerbauer. Die Herden ziehen fast das
ganze Jahr hindurch im Freien umher, und wol ein Drittel der Bewohner
wandelt nomadisch mit denselben. Weib und Kind, das nöthige Gepäck wird
aufgeladen und der Weideplatz ausgesucht. Dann wohnt Alles unter
Palmenmatten, die bei einer Platzveränderung leicht abgebrochen und auf
Ochsen geladen werden. Milch ist die beliebteste Nahrung, und jede Kuh hat
ihren Namen. Der Hirt lenkt seine Herde mit guten Worten, ohne Hunde.

Unter diesem Volke gilt, wie im eigentlichen Abessinien, das B l u t r e c h t.
Die Nachkommen eines Vaters bis auf sieben Grade bilden die
Blutsverwandtschaft. Dieselbe wird des Bluts theilhaftig, wenn ein
Familienmitglied einen Mord begangen hat, und ist solch ein Glied getödtet
worden, so hat jene gesammte Verwandtschaft das Recht und die Pflicht der
Blutrache (Merbat). So lange die im Blut stehenden Familien sich
eigenmächtig untereinander der Rache hingeben, hat das Recht nichts zu
sagen; der Zwist wird den Blutfeinden überlassen. Sobald dieselben aber zur
Versöhnung bereit sind, wenden sie sich an einen Mittelsmann, welcher jeder
ihr Recht giebt; die Parteien zählen ihre Todten, und der Ueberschuß wird
mit dem Blutpreis gesühnt.

Munzinger schildert, wie es mit dem Christenthum stand, als er und der
Lazarist Stella 1855 in das Land kamen. Die Bogos nannten sich K o s t a n,
Christen; zum Beweise, daß sie es seien, berührten sie niemals Fleisch, das
ein Muhamedaner geschlachtet hatte, und aßen weder Elephanten, noch
Hasen oder Strauße. Der Sonntag hieß großer Sabbath, allein die
Sabbathruhe wurde am Sonnabend beobachtet. Die Bogos haben zwei
Kirchen; bei denselben sind eingeborene erbliche Priester angestellt. Ihr Amt
besteht darin, an den Hauptfesten die Schiefersteine, welche die Glocken
vorstellen, anzuschlagen. Von Priesterweihe oder irgend einer religiösen
Kenntniß ist bei ihnen keine Rede. Munzinger kann nicht einmal dafür
einstehen, ob die 1858 lebenden Priester getauft waren. „Der alte
Stammpriester von Keren ist ein vermögender Mann, der sich nie

Page 310

niedersetzt, ohne die heilige Dreieinigkeit anzurufen, aber er kennt nicht
einmal das Vaterunser.“ Von der Bedeutung der Festtage hat man keine
Vorstellung. Gott, Petrus, Dreieinigkeit sind gleichbedeutende Ausdrücke für
die Gottheit, aber über den besondern Sinn der Wörter ist man sich nicht
klar. Die heilige Jungfrau genießt die größte Verehrung, aber daß sie Mutter
des Heilandes sei, weiß Niemand. „Im Ganzen ist das Christenthum ein
Name, erhalten durch die Anhänglichkeit dieser Völker an das
Althergebrachte. Ueberhaupt ist den Landeskindern Religion die letzte
Sorge, und der Aberglauben überwuchert.“ Daß Munzinger die Befürchtung
ausspricht, der Islam werde auch dieses Völkchen erobern, wurde früher
schon hervorgehoben. Allein was ist an einem solchen Christenthum, das
noch unter jenem Abessiniens steht, gelegen?

[pg 221]

Page 311

2. Werner Munzinger bei den Barea und Kunama.

Es wurde früher bei Erwähnung der deutschen Expedition gesagt, daß W.
Munzinger sich in Mai Scheka von Heuglin trennte und eine mehr westliche
Route einschlug, während Heuglin nach Süden in das eigentliche Abessinien
eindrang. Die Reise des ersteren, welche in die Tage vom 16. November bis
22. Dezember 1861 fällt, führte ihn längs des Marebflusses in Regionen und
zu Völkern, die bisher noch kein Europäer kennen zu lernen Gelegenheit
hatte. Das in Rede stehende Gebiet liegt jenseit des Barkaflusses im
Südwesten des Bogoslandes an der abessinischen Grenze und wird vom
Mareb durchströmt.

Dieser Strom ist vermöge seines Charakters einer der eigenthümlichsten der
ganzen Erde. Seine Quelle liegt oberhalb des Dorfes Ad Gebrai in Hamasién,
dann bildet er, südlich fließend, eine Spirale, die von Gundet ab nach Westen
sich wendet und in die Kolla von Serawié eintritt. Bis hierher gehörte er zu
Abessinien, jetzt aber, wo er sich dem Lande der Kunama nähert, verändert
er seinen Gebirgscharakter; er sucht das Niederland und heißt nun S o n a.
Hier ist er kein Waldstrom mehr und auch kein T o r r e n t. Wo nämlich der
Boden das Wasser nicht an der Oberfläche halten kann, wo es durchsickernd
erst später auf einer festen Schicht Widerstand findet, da zeigt sich der Strom
als Torrent, d. h. es erscheint ein Sandbett, welches nur zur Regenzeit
überflutet wird und das ganze übrige Jahr scheinbar trocken daliegt, weil der
Wasserstrom u n t e r i r d i s c h sich fortzieht. Der Mareb nun erscheint als
Mittelding zwischen Fluß und Torrent und verliert diesen Charakter erst im
Unterlauf. In der Regenzeit, Juli bis September, wird er regelmäßiger Fluß;
in den übrigen Monaten zeigt er sich als Torrent, aber so, daß sein Sandbett
hier und da von Teichen unterbrochen wird, wo das Wasser für kurze Zeit an
die Oberfläche hervortritt. In der Ebene von Takka, bei der Stadt Kassala,
heißt der Fluß G a s c h oder Chor el Gasch. Hier, im Gebiete der Hadendoa-
Araber, wird er zur Bewässerung des Landes benutzt und hat eine Menge
künstlicher Stromwehren, vermittelst deren man ihn aufstaut und die Felder
überschwemmt. So verliert er sich meistens, aber in Jahren, wo sehr viel

Page 312

Regen fällt, wird es ihm möglich, sich bis zum Atbara Bahn zu brechen, den
er dann bei Gasch-Da, d. h. Mund des Gasch, erreicht.

Die Völker nun, am unmittelbaren Lauf des Stromes, unterscheiden sich von
den Bogos, einem aristokratischen Volke, durch ihr ganz
d e m o k r a t i s c h e s Wesen. „Die Natur,“ sagt Munzinger, „ist hier
einförmig, kein Berg ragt empor, keine scharfe Form zeichnet sich aus, kein
entschiedener Gebirgszug und keine großartige Ebene giebt dem Ganzen
Charakter und Einheit; selbst der Baumwuchs ist nur mittelmäßig; Gesträuch
ist vorherrschend – und so der Mensch und seine Verfassung; nichts strebt,
nichts beherrscht; lose zusammengeworfene Gemeinden entbehren der
staatlichen Einheit und der bürgerlichen Verschiedenheiten.“

Die K u n a m a oder B a z e n und die B a r e a, welche hier wohnen, sind sich
ihrer Sprache und Tradition nach durchaus nicht verwandt und dennoch
stimmen [pg 222]ihre Rechtsbegriffe miteinander überein. Die Bazen
bewohnten früher Tigrié, bis sie von den Geézvölkern hinausgedrängt
wurden. Die Barea entsinnen sich nicht ihres Ursprungs, doch ist das Land
der Bogos voller Zeugnisse ihrer früheren Anwesenheit. Die R e l i g i o n
beider Völker ist ein gleichgiltiger Deismus, eine Idee von Gott, aber ohne
Kultus oder christliche Reminiscenz. Wochen und Tage verlaufen ohne
Festtage; religiös ist die Sorgfalt, die man auf die Gräber wendet, die aus
Höhlen bestehen, in welche der Leichnam beigesetzt wird; religiös die
unbegrenzte Ehrfurcht vor dem Alter, das allein regiert. Aberglauben hat das
erbliche Amt des Regenmachers gestiftet, des Alfai, der allein wohnt, Regen
bringt und, fehlt dieser, hingerichtet wird. Beschneidung war von jeher
üblich, und der Islam hat unter ihnen große Fortschritte gemacht.

Beide Völker charakterisirt die radikale G l e i c h h e i t der
I n d i v i d u e n, die Abwesenheit des Staates; so leben die Dörfer zusammen
friedlich und ruhig, Verbrechen sind selten. Dem Auslande gegenüber aber
fehlt der staatliche Zusammenhang, die gegenseitige Hülfe. Beiden
eigenthümlich ist die Bevorzugung des Schwestersohnes, der Blut und Habe
von seinem Onkel erbt mit Ausschluß der Kinder; e i n e F a m i l i e i n
u n s e r e m S i n n e e x i s t i r t a l s o n i c h t, der Begriff von Vater und
Sohn fehlt, dagegen hängen Neffe und mütterlicher Onkel eng zusammen.
Recht sprechen die Aeltesten des Dorfes, und keine Aristokratie lehnt sich

Page 313

gegen die Beschlüsse der Gemeinde auf. Selbst der Fremde wird nach
kurzem Aufenthalt den alten Insassen gleich.

Die Leute leben von heute auf morgen und dafür genügt der Ackerbau, den
sie fleißig treiben. Grund und Boden kann bei der Ausdehnung des Landes
nur wenig Werth haben, eine konsequente Viehzucht verbietet das Klima.
B l u t r a c h e ist natürlich überall nothwendig, wo der Staat sie nicht
besorgt, doch hat sie bei den Barea und Bazen nicht den ausgebildeten
Charakter, wie bei den Abessiniern. Der Mörder muß sich dem Tode durch
ein mehrjähriges freiwilliges Exil entziehen, wonach er um ein geringes
Blutgeld ausgesöhnt wird.

Das Land der Bazen ist reich an wildem Honig, den sie stark genießen,
während die Barea sich vorzugsweise von Bier nähren. Dieser Lebensweise
schreibt Munzinger es zu, daß die Bazen volle muskulöse Gestalten haben,
während die Barea klein und hager sind. Die Wohnungen beider Völker sind
runde, glockenförmige, bis zum Boden mit Stroh sehr zierlich bedeckte
Hütten; ihre Kleidung ist der Lederschurz, der erst allmälig den eingeführten
Baumwollenzeugen Platz macht. Das Haupthaar tragen sie wie alle uns
schon bekannten Völker von Nordabessinien; der Bart ist meist sehr dünn.
Die Nase haben sie selten sehr stumpf, oft aber, besonders bei den Barea,
adlerartig gebogen. Der Mund ist groß, jedoch nicht aufgeworfen. Was die
Farbe anbelangt, so findet man alle Abstufungen von Gelb bis Schwarz,
doch herrscht die dunkle Farbe vor.

Die Bazen und die Barea unterscheiden sich im Temperament; die ersteren
sind ruhig, gesetzt und reden leise; die letzteren sind lebhaft lärmend, schnell
aufbrausend. Die Eheverhältnisse bei den Bazen scheinen sehr lose zu sein,
während [pg 223]die Bareafrauen wegen ihrer Treue auch im Auslande
berühmt sind. Beide Völker sind zu Hause sehr friedfertig, während mit dem
Auslande ein ewiger Krieg geführt wird. Barea und Bazen stehen nicht in
völkerrechtlicher Verbindung und heirathen selten untereinander.

Die Bazen müssen ein sehr zahlreiches Volk sein. Ihre Hauptsitze ziehen
sich den großen Strömen Mareb und Takazzié nach; ersterer heißt bei ihnen
Sona, letzterer Dika. Alle treiben Ackerbau mit dem Pflug und nur theilweise
Viehzucht. Ihre Waffe ist die Lanze. Als Typus kann der Zither spielende

Page 314

„Schangalla“ vom Mareb nach Zander’s Zeichnung angesehen werden
(S. 89).

Die Wohnsitze der Barea liegen im Norden der Bazen. Die Thäler, welche
sie bewohnen, gehören schon dem Hochlande des Barka an, wie ihre Wasser
und ihre Vegetation; die sie begleitenden Berge sind die letzten Ausläufer
des Hochlandes der Bazen und werden zur Weide benutzt, Fieber sind häufig
und die Regen fallen dort meist in der Nacht.

So sind die Völker beschaffen, welche die nördlichen Vorlande Abessiniens
bewohnen. Aber auch im Süden, zwischen Amhara und Schoa und wieder
über Schoa hinaus, treffen wir auf ein eigenes höchst interessantes Volk, das
der G a l l a. Mit ihm werden wir uns im folgenden Abschnitte beschäftigen,
der uns das Königreich Schoa vorführt, welches von Amhara sich seit
langem unabhängig zu machen wünscht und nur zeitweilig mit ihm
zusammenfiel; schon daß der Herrscher daselbst den Titel „Negus“ führt,
deutet darauf hin, daß wir es hier mit einem besonderen Staate zu thun
haben.

Page 315

[pg 224]

Dullul an der Bucht von Tadschurra. Nach M. Bernatz.

Schoa und die britische Gesandtschaft unter
Major Harris.

Page 316

Begrenzung. – Englische Gesandtschaft unter Harris. – Tadschurra. – Zug
durch die Adalwüste. – Salzsee. – Mord im Thale Gungunté. – Versammlung
der Eingeborenen. – Sklavenkarawane. – Myrrhen. – Der Hawasch. – Der
Grenzdistrikt. – Alio Amba, ein Marktort. – Empfang beim Könige Sahela
Selassié. – Die Hauptstadt Ankober. – Debra Berhan, die Sommerresidenz. –
Sklavendepot. – Truppenrevue. – Angollala. – Schlucht der Tschatscha. –
Medoko, der Rebell. – Das Gallavolk. – Kriegszug gegen dasselbe. –
Siegesfest. – Abschluß des Handelsvertrags. – Rückkehr.

Schoa im weiteren Sinne umfaßt den Theil der abessinischen Hochlande,
welcher im Osten von der Adalwüste, im Süden vom Hawaschflusse und im
Westen vom Abai oder Blauen Nil begrenzt wird. Die unbestimmte
Nordgrenze machen muhamedanische Gallastämme aus. Im engeren Sinne
versteht man darunter jedoch nur den westlichen Theil dieser Hochlande,
nämlich die Distrikte Tegulet, Schoa Meda, Morabiétié, Mans und Gesche.
Die östliche, im allgemeinen als Ifat bezeichnete Abtheilung des Berglandes
umfaßt dagegen die Provinzen Bulga, Fatigar, Mentschar im Süden, Argobba
im Osten und Efra im Norden. [pg 225]Beide Theile sind infolge des
fruchtbaren Bodens ziemlich stark bevölkert, wozu noch das gesunde Klima
und eine vergleichsweise politische Ruhe beigetragen haben. Krapf schätzt
die Bevölkerung mit Einschluß der im Süden unterjochten Galla auf eine
Million Seelen. Quellen, Bäche, Flüsse und Seen sind zahlreich im Lande
vorhanden, das in Bezug auf seine Bodenbeschaffenheit mit dem
übereinstimmt, was wir im allgemeinen über Abessinien bemerkten.

In der Zeit, die wir in diesem Abschnitte schildern wollen, herrschte
S a h e l a S e l a s s i é als Negus über Schoa. Er hatte den protestantischen
Missionär Krapf wie dessen Mitarbeiter Isenberg freundlich aufgenommen
und von Beiden viel über Englands Macht und Größe gehört, wodurch sich
in ihm der Wunsch regte, zunächst mit der Ostindischen Compagnie in ein
Freundschaftsverhältniß zu treten, so daß er schon am 6. Juli 1840 einen
Brief an den englischen Gouverneur in Aden sandte, in welchem er um die
Absendung einer Gesandtschaft an seinen Hof bat. Infolge dessen entschloß
sich die ostindische Regierung, seinem Wunsche zu willfahren und eine
ständige Gesandtschaft an ihn zu schicken, an deren Spitze Kapitän W .

Page 317

C o r n w a l l i s H a r r i s stand, ein vorzüglicher Offizier, der sich bereits
durch seine Reisen in Südafrika, wo er bis in das Reich des Mosilikatse
vorgedrungen war, einen Namen gemacht hatte. Als erster Stellvertreter
wurde ihm Kapitän Graham, als Arzt Dr. Kirk, als Naturforscher Dr. Roth,
als Maler der Deutsche Martin Bernatz, außerdem fünf andere Europäer,
zwei Apotheker, ein Zimmermann, ein Schmied, zwei Sergeanten und
fünfzehn freiwillige Soldaten beigegeben. Mit reichen Geschenken für
König Sahela Selassié versehen, worunter sich auch eine Kanone und 300
Flinten befanden, verließ die zahlreiche Gesandtschaft am 27. April 1841
Bombay, besuchte zunächst Aden, das Gibraltar des Ostens, in Arabien, und
schiffte dann nach der afrikanischen Küste hinüber, um in der Bucht von
T a d s c h u r r a Anker zu werfen. Die Bucht, in welcher die Schiffe lagen,
wurde ihrer Ruhe und Sicherheit wegen Bar el Banatin, der See der zwei
Nymphen, genannt. Sie reicht tief ins Land hinein, ist ziemlich eng und von
hohen Bergen umgeben, die ihr vulkanisches Gepräge deutlich zur Schau
tragen. Zugleich hat diese Bucht ethnographische Bedeutung als Scheide der
Danakil und Somalvölkerschaften. Am 18. Mai landete die Gesandtschaft
und empfing sofort den Besuch des Sultans der Stadt, des alten Muhamed
Ibn Muhamed. Eine häßlichere Erscheinung als diesen alten, magern,
schmuzigen Fürsten kann man sich kaum vorstellen; der Reihe nach bot er
einem Jeden seine mit ekelhaften Klauen versehenen Hände und ließ sich
dann zum Gespräch nieder. Er war in einen groben Baumwollenmantel, der
einmal blau gewesen war, eingehüllt, trug an einem Riemen den Koran um
die Schulter gebunden und war außerdem mit einem Säbel gegen seine
leiblichen und mit Amuleten gegen seine überirdischen Feinde versehen.
Sein braunes, durchfurchtes Gesicht zeigte eine Politur gleich Ebenholz und
war von einem weißen Bart umrahmt. Von ihm wurde zunächst die
Erlaubniß erlangt, nach Schoa vordringen zu dürfen, eine Erlaubniß, die
gegenüber den Kanonen der britischen Kriegsschiffe nicht gut verweigert
werden konnte.

[pg 226]
Der elende Ort Tadschurra war einige Jahre lang in den Händen der Türken,
nachdem diese Massaua (1527) erobert hatten, und aus ihrer Zeit stammt
auch noch eine zerfallene Moschee am Meeresstrande. Jetzt ist es eine
selbständige Stadt unter einem Sultan, der zeitweilig von den Sultanen der
gegenüberliegenden arabischen Küste abhängig ist. Fanatische
Muhamedaner, meist Danakil, bewohnen den Platz, welcher nur als

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Sklavenmarkt einige Bedeutung hat. Ackerbau besteht nirgends in der
Umgegend; jedermann ist Krämer oder Händler und wird mit der Zeit durch
den Sklavenhandel wohlhabend. Der bedeutendste Handel findet mit
Südabessinien statt, wohin jahraus jahrein die Karawanen ziehen. Indische
und arabische Manufakturen, Zink, Kupfer und Messingdraht, Perlen und
namentlich viel Salz werden dort gegen Sklaven, Korn, Elfenbein und einige
andere Erzeugnisse ausgetauscht; allein Menschen und Salz bilden die
Hauptartikel. Als Werthmesser gilt auch hier der Maria-Theresia-Thaler vom
Jahre 1780, als Scheidemünze Lederstreifen, die zu Sandalen benutzt werden
können. Außerdem nimmt man im Handel Schnupf- und Rauchtabak, leere
Flaschen, Spiegel, Knöpfe und Perlen als Scheidegeld an.

Die gewöhnliche Klage der afrikanischen Reisenden, daß bei ihren
Unternehmungen die Abreise das Schwierigste sei, sollte sich auch bei der
britischen Expedition nach Schoa wieder als wahr zeigen. Das Verpacken
der Geschenke für den König, das Engagiren von Kameeltreibern, endlich
aber die Hindernisse, welche der Sultan von Tadschurra in den Weg legte,
waren schwer zu beseitigen und zeitraubend. Als dies jedoch Alles mühselig
überwunden, war das Jahr so vorgeschritten, daß man die Wüste gerade
durchreisen mußte, als in den Monaten Juni und Juli der feurige und
ungesunde Wind über die wasserlose Ebene von Südwesten her den
Reisenden entgegenblies. Unterdessen herrschte im Lager von D u l l u l, wo
die Gesandtschaft ihre Zelte am sandigen Seegestade aufgeschlagen hatte,
große Regsamkeit, um Alles vorzubereiten und das Gepäck zu ordnen und zu
vertheilen. Endlich waren 170 Kameele, welche die Karawane bildeten,
beisammen; Wasserschläuche und Maulthiere wurden für die Europäer
gekauft, und mit den Gefühlen, mit denen man eine Räuberhöhle verläßt,
setzte sich der Zug in Bewegung, um Tadschurra den Rücken zu kehren,
dessen Bewohner Harris die abscheulichsten und niederträchtigsten
Menschen nennt, welche die Erde bewohnen. Als Ras el Kafila oder
Karawanenführer fungirte Isaak, ein Bruder des Sultans von Tadschurra, der
sich aber keineswegs als zuverlässiger und tüchtiger Mann bewies. Der Zug
ging anfangs längs dem Meere bei Dullul hin durch das schroffe, zerrissene
und wilde Gebirge, welches die Bucht auf der Nordwestseite umgiebt. Der
gähnende P a ß d e r I s a war zunächst zu durchschreiten, welcher seinen
Namen von dem räuberischen Somalstamme der Isa empfangen hat, die in
seinen Tiefen manchen Mord ausführten. Ein Zickzackriß, hervorgebracht
durch die plutonischen Aeußerungen des Erdinnern, windet sich hier gleich

Page 319

einem mythologischen Drachenleib durch die Eingeweide der Erde.
Ungeheure schwarze oder braune, vegetationslose Basaltklippen stehen
senkrecht zu beiden Seiten wie Mauern in die Höhe, bei deren Bau die [pg
227]Cyklopen thätig waren, und durch diese wilde Scenerie eilte nun in
wolkenloser heller Mondscheinnacht die Karawane hindurch. Kein Ton
außer den Zurufen der Kameeltreiber war zu hören; schauerliches Dunkel
lag auf dem Abgrund und nur die Lanzenspitzen der Eingeborenen, die den
Zug begleiteten, glitzerten hier und da im Scheine des fahlen Mondlichtes –
geisterhaft bewegte sich die Karawane dahin; Schauder lag auf allen
Gemüthern, und erst als die Frühlichtstrahlen die gebrochenen Felsklippen
vergoldeten, wich die Pein von den bangen Gemüthern.

Weiter ging der Zug durch einsame Thäler, deren Boden mit zertrümmertem
basaltischen Gestein bedeckt war und die durch tiefe Schluchten und Spalten
die Gewalt der vulkanischen Kräfte bezeugten, welche hier einst sich
äußerten. Dann kam man zum A s s a l s e e, dessen Ufer eine tänzelnde Fata
Morgana umgab. Der erste Blick auf dieses seltsame Phänomen war
keineswegs angenehm. Das elliptische Becken von etwa zwei deutschen
Meilen Länge war zur Hälfte mit ruhigem, tiefblauem Wasser, zur andern
Hälfte mit einer blendendweißen, glitzernden Salzkruste bedeckt, die durch
Verdampfung entstanden war. Von drei Seiten umgürteten hohe,
brennendheiße Berge dieses Seebecken, während auf der vierten
Lavatrümmer und tiefe Schlünde sich hinzogen. Alles Pflanzen- und
Thierlebens beraubt, war die Erscheinung dieser Wildniß von Land und
stagnirendem Wasser, über dem ein dumpfes Schweigen ruhte, ganz dazu
geeignet, das Gemüth niederzudrücken. Nicht ein Laut tönte an das Ohr,
keine Welle spielte auf der Wasserfläche, nur die brennendheiße Sonne setzte
am wolkenlosen Himmel ihren Lauf fort und sandte glühende Strahlen auf
das todte vulkanische Land hernieder, über dem kein kühlendes Lüftchen
wehte.

In diesem höllischen Schlunde hatten Mensch und Thier in gleicher Weise zu
leiden. Nicht ein Tropfen Trinkwasser war weit und breit zu entdecken,
während das Thermometer selbst im Schatten der Mäntel und Schirme eine
Temperatur von 126 Grad Fahrenheit, d. i. 52 Grad Celsius oder 42 Grad
Réaumur zeigte! Fünfhundert und siebzig Fuß liegt das Becken des
Assalsees unter dem Spiegel des Meeres; kein Lüftchen weht dort, kein
Obdach ist zu entdecken, nur der weiße Widerschein der Salzkruste blendet

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das Auge. Die lechzende Zunge hängt am Gaumen und empfängt keinerlei
Labung von dem warmen Wasser, das die Schläuche darbieten, jeder Schritt
vorwärts ermüdet Mensch und Thier noch mehr und zwölf lange Stunden
dauert die Reise durch das Seebecken – sie müssen zurückgelegt werden,
wenn nicht der Tod über den Wanderer kommen soll.

In einer Bucht des Sees waren Salzgräber damit beschäftigt, ihre Kameele
für die Märkte in Aussa und Abessinien zu beladen, wo das Salz einen
bedeutenden Tauschartikel ausmacht. Die Danakil betrachten die
Ausbeutung dieses Salzlagers als ihr unbestrittenes Monopol und verwehren
jedem andern Volke den Eingriff in dasselbe. In lange, schmale Säcke aus
Dattelpalmblättern verpackt, wird das Salz von hier nach Abessinien
gebracht.

Nachdem die traurige Einöde am Assal durchzogen war, überstieg man [pg
228]einen aus Gyps bestehenden Hügelzug und gelangte in ein Thal, in dem
man sich in eine ganz andere Welt versetzt fühlte. Allerdings fehlte hier noch
Pflanzen- und Thierleben, aber ein kleiner Bach mit klarem Wasser ließ
diesen Ort wie ein Paradies erscheinen, und mit dankbarem Herzen ruhten
die ermüdeten Wanderer unter überhängenden Basaltklippen aus, die ihnen
Schatten spendeten. Hier am Flüßchen G u n g u n t é endigte der erste
Abschnitt der Wüstenreise. Der Zug durch die Einöde ist im Stande, die
Gesundheit des kräftigsten Europäers zu untergraben; von der herrschenden
Hitze bekommt man jedoch einen Begriff, wenn man hört, daß 50 Pfund gut
verpackte Stearinkerzen auf der kurzen Reise von Tadschurra bis Gungunté
so vollständig aus der sie bergenden Büchse herausgeschmolzen waren, daß
sich in derselben schließlich nur noch Dochte vorfanden! Selbst die Danakil,
welche doch von Jugend auf diese Gegenden kennen und an die
brennendheiße Lava dieser Tehama-Wüste gewohnt sind, bezeichnen die
Gegend am Assal-Salzsee nur als „Feuer“.

Jetzt nahten andere Gefahren, denn man war in dem Gebiete der über alle
Begriffe nichtswürdigen, mörderischen und räuberischen Stämme der Isa
und Mudaïto, deren ganzes Sinnen nur auf Mord und Plünderung geht. So
vorsichtig man auch das Nachtlager im Thale Gungunté eingerichtet hatte,
ein M o r d durch jene Scheusale in Menschengestalt konnte nicht verhindert
werden. Eine Stunde vor Mitternacht stellte sich plötzlich ein heftiger
Wüstenwind ein, der Alles mit Sand und Staub überdeckte. Einige schwere

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Regentropfen fielen, dann aber war wieder Alles still. Diese Ruhe sollte
jedoch nicht lange anhalten. Ein wilder Schrei ertönte vom äußersten Ende
des Lagers her, panischer Schrecken ergriff die gesammte Mannschaft und in
wilder Flucht stürzten die Männer, die sonst keine Furcht kannten, durch das
Thal nach der Stelle hin, wo die Gesandten schliefen. Nur mit Mühe gelang
es, alle zu sammeln und dann nach der Ursache des Schreckens zu forschen.
Ein trauriger Anblick bot sich nun den Suchenden dar. Ein Sergeant und ein
Korporal von der indischen Armee, welche die Expedition begleiteten,
wälzten sich in Todeszuckungen in ihrem Blute. Dem einen war die
Halspulsader durchschnitten, dem anderen ein Stich in das Herz versetzt
worden, während nicht fern von ihnen ein Portugiese lag, der eine
fürchterliche Wunde quer über den Leib hatte, sodaß die Eingeweide
hervorquollen. Im Augenblick als der Alarm entstanden war, hatte man im
hellen Mondlichte zwei dunkle Gestalten an den das Thal einschließenden
Bergen in die Höhe klimmen und verschwinden sehen; trotz der Verfolgung
konnte man ihrer nicht mehr habhaft werden. Wahrscheinlich waren dieses
Isa-Somal, die das satanische Verbrechen aus reiner Mordlust begangen
hatten. Denn jedes Schlachtopfer, das wachend oder schlafend in die Hände
dieser Teufel in Menschengestalt fällt, giebt diesen das Recht, als
Ehrenzeichen eine weiße Straußenfeder in den fettigen schwarzen Haaren,
einen Kupferring am Arm und einen neuen Silberknopf am Heft des
Säbelmessers zu tragen. Jeder Mord ruft nach dem Gesetze der Blutrache
wieder einen Mord hervor, und so nimmt das Blutvergießen unter den
Stämmen der Danakil und Somal kein Ende.

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Schlucht von Gungunté. Nach M. Bernatz.

[pg 230]
Am nächsten Morgen bestattete man unter Gebet und Flintensalven die
Opfer dieses schändlichen Mordes und zog dann auf der gefährlichen Straße

Page 323

weiter. Drei Jahre lang war schon dieser Weg von Abessinien nach der
Seeküste durch solche Schurken förmlich geschlossen, die jeden
Durchziehenden kaltblütig abschlachteten, bis der junge Häuptling der
Debeni die Banditen ausrottete und die Straße wieder öffnete; jedoch ist es
nicht zu verhindern, daß einzelne Gegenden immer noch unsicher bleiben.
Viele Leute, welche die Karawane begleiteten, zeigten an ihrem Körper
Spuren großer, von den Wegelagerern empfangener Wunden.

Von nun an befestigte man das Lager des Nachts und stellte zahlreiche
Posten aus, die alle Herannahenden zurückweisen mußten. Im Thale Alluli
schien man den vorhergehenden Stationen gegenüber in ein Paradies gelangt
zu sein, denn hier traf man Bäume, Gazellen, Tauben und Ziegenhirten. Die
ersten menschlichen Wohnungen fand man jedoch erst weiter südwestlich in
Suggadera, das zum Lande der Debeni-Danakil gehört. Diese Leute sind
Hirtennomaden, die von Palmwein und der Milch ihrer zahlreichen Ziegen-
und Schafherden leben oder Kameele züchten und mit diesen Salz vom
Assalsee nach Aussa, der Stadt der Mudaïto, führen. Große Architekten sind
sie freilich nicht, aber die auf einer Basis von unbehauenen Steinen aus
Dattelpalmblättern erbauten Hütten erfreuten dennoch das Auge der
Wanderer als die ersten Wohnstätten, die sie seit ihrer Abreise sahen.

Wegen der großen Hitze zog man in der Nacht weiter, immer über schwarze
Lavafelder oder gelbe Sandflächen – ein trauriger Anblick, der noch
melancholischer durch die vielen zerstreuten Steinhügel wird, die über den
kaltblütig ermordeten Opfern der Isa von den Vorüberziehenden aufgethürmt
werden. Tamarisken, Kappersträuche und anderes mit Schmarotzerpflanzen
überzogenes Gestrüpp, in dem Vögel nisteten, unterbrach hier und da die
Einöde; auch Strauße ließen sich sehen; dann kamen Grasflächen,
Wasserplätze, Herden und Hirten, darauf Lavafelder, Bergzüge,
ausgetrocknete Thäler, Herden wilder Esel (Equus Onager),
Schwefelquellen als Zeugen der vulkanischen Thätigkeit des Bodens.

Im Thale A m a d u machte die Karawane bei einem großen
Regenwassersumpfe Halt, dessen grünes, von einer Legion Esel, Ziegen,
Schafe und Rindvieh verunreinigtes Wasser nichtsdestoweniger recht
trinkbar erschien. Hier hatten Leute vom Mudaïtostamme ihr Lager
aufgeschlagen – ganz nichtswürdige Schurken. Mit finstern Blicken
schauten sie die weißen Eindringlinge an und trieben ihre Fettschwanzschafe

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in die kühlende Flut, in der die jungen Damen der Horde, nachdem sie sich
selbst gewaschen, ihre alten Lederschläuche reinigten, während eine alte
magere Hexe ihrem Hunde den Pelz in der Flut wusch. Alle diese Hirten
gingen mit Speer und Schild bewaffnet und kamen zum Zelte der
Gesandtschaft heran, wo sie versuchten, dies oder jenes Ding sich
zuzueignen. Durch ihre Ueberzahl kühn gemacht, begannen sie, den
Karawanenführer Isaak zu fragen, mit welchem Rechte er die Fremdlinge
durch dieses Land führe, wo sie „Herren des Bodens“ seien – doch als sie
sahen, wie auf 250 Ellen Entfernung ein Stein von einer Flintenkugel
zersplittert wurde, fingen sie an, bescheiden zu werden.

Versammlung der Somal-Krieger.

[pg 232]
Ueber ein steiniges Tafelland, das mit nie enden wollenden Basaltblöcken
überstreut und mit Rissen durchzogen war, die Wasserpfützen bargen, zog

Page 325

man weiter ins Land der Woéma, eines Danakilstammes. Wo Wasserläufe die
Einöde unterbrachen, zeigte sich der Klippschliefer (Hyrax) und ein Baum,
in der Form der Casuarina ähnlich. Im Killulluthale war der halbe Weg von
der Küste bis nach Abessinien zurückgelegt. Bewaffnete Eingeborene der
verschiedensten Stämme waren hier versammelt, um Berathung darüber zu
halten, ob man einer so großen Anzahl fremder Leute gestatten dürfe, bis
nach Abessinien vorzudringen, und die Mehrzahl war der Meinung, daß man
sie entweder zurückjagen oder umbringen müsse. Zugleich wurde die
Gelegenheit ergriffen, um über alte Streitigkeiten und Fehden zu
unterhandeln. Hunderte dieser Schurken saßen so von Sonnenaufgang bis
zum Untergang und wieder die liebe lange Nacht hindurch in größeren und
kleineren Kreisen beisammen, um zu berathschlagen. Während der langen
Unterhandlungen hockten sie bewaffnet mit aufrecht gehaltenen Speeren da,
senkten diese gemeinsam, wenn ein Entschluß gefaßt war, und schlossen,
nachdem ein Spruch aus dem Koran gebetet war, mit einem Amen die
Versammlung. Noch lebhafter gestaltete sich das Bild durch die Ankunft
einer S k l a v e n k a r a w a n e aus Schoa. Es waren einige hundert Kinder
von verschiedenem Alter, die unter den dünnbelaubten Bäumen oder unter
Felsvorsprüngen Schutz vor den brennenden Strahlen der Sonne suchten.
Jedes hatte eine thönerne Wasserflasche bei sich und obgleich sie meist bei
guter Laune waren, konnten doch die Europäer, welche die heiße Wüste jetzt
durchzogen hatten, sich eine Vorstellung von den Qualen machen, welche
die armen Geschöpfe auf dem vor ihnen liegenden Wege auszustehen hatten.
Da jedoch die Behandlung in ihrer eigenen Heimat eine keineswegs bessere
war, so fanden die Sklaven ihre Lage ganz erträglich und begannen,
nachdem sie sich etwas von der Reise erholt, zu tanzen und zu singen. Die
meisten waren Christenkinder aus Guragué, von wo die so hoch gepriesenen
„rothen Aethiopier“ nach Arabien geliefert werden. Fast alle hatten bereits,
wenigstens der Form nach, den muhamedanischen Glauben angenommen
und schwuren beim Propheten.

Während der Zeit, daß die Expedition hier einen unfreiwilligen Aufenthalt
hatte, stand das Thermometer auf 112 Grad Fahrenheit (35½° R.) und die
zudringlichen, nach ranzigem Fett riechenden Eingeborenen drängten sich
mit großer Unverschämtheit in das Zelt der Gesandten, um dort die Luft
noch unerträglicher zu machen. Muhamedaner von der bigottesten Sorte,
verschmähten sie jedoch weder den Zwieback, noch den Kaffee der
„Christenhunde“ und bettelten bald um diese, bald um jene Kleinigkeit.

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Unter den verschiedenen Stämmen, die an diesem vielbesuchten
Wasserplatze versammelt waren, befanden sich die A d â l mit breitspitzigem
Speer und uralten Schilden, die K ü s t e n - S o m a l mit leichter Lanze und
Buckelschild, nicht viel größer als ein Schiffszwieback, ihre gefürchteten
Stammesbrüder, die mörderischen I s a, mit langem starken Bogen von
antiker Form und versehen mit einem Köcher voll vergifteter Pfeile. Sie
waren unter allen die malerischsten Gestalten; kühn hatten sie den wallenden
[pg 233]Mantel umgeworfen und lange rabenschwarze Locken wallten auf
die Schulter herab. Sie können als ein Räuber- und Jägervolk bezeichnet
werden. Viele unter ihnen besitzen gezähmte Strauße, die mit den Herden
zusammen weiden und des Nachts an den Lenden gefesselt werden. Diese
gigantischen Vögel werden mit viel Erfolg bei der Jagd auf wilde Thiere
benutzt; auch reiten die Isa auf Eseln, von denen der Jäger seine mit
Euphorbiasaft vergifteten Pfeile abschießt. Die Schilde, welche die Danakil
tragen, werden von den Isa aus dem Fell der Oryx-Antilope verfertigt; auch
handeln sie mit Straußenfedern. Die Art und Weise, wie sie die erlegten
Vögel zubereiten, ist sehr originell; sie schneiden dem Vogel die Füße ab,
wickeln dann das ganze Thier sammt Eingeweiden und Federn in feuchten
Thon und backen diesen in heißem Feuer; nachdem die Thondecke entfernt
ist, bleibt der saftige Braten zurück.

Nicht ohne große Mühe und Gefahr konnte nach einwöchentlichem
Aufenthalt die Gesandtschaft sich von den barbarischen Nomaden und dem
traurigen Orte losmachen, um ihren Weg fortzusetzen. Ueber kahle, steinige,
von Schluchten zerrissene Berge ging der Weg in südwestlicher Richtung
weiter. Lange Züge von Kameelen, Hornvieh, Schafen und Ziegen
begegneten ihnen. Alle Bürde trugen die Weiber und Kinder der
herumziehenden Stämme, während der faule Ehemann nur leicht mit Speer
und Schild bewaffnet dahinschritt. Der M y r r h e n b a u m (Balsamodendron
Myrrha) kam in der Nähe der bienenkorbförmigen Hütten, auf die man jetzt
öfter traf, häufig vor; seine aromatischen Zweige liefern den Eingeborenen
Zahnbürsten, welche sie in der Säbelscheide tragen. Häufige Regen traten in
der Nacht ein und durchweichten die Reisenden bis auf die Haut; dann
brausten wieder Wüstenwinde daher, waren wasserlose Flächen oder mit
vulkanischem, scharfem Gestein übersäete Ebenen zu durchziehen – mit
einem Worte, der Weg war aufreibend, mühsam und beschwerlich im
höchsten Grade. Selten nur unterbrach eine Oase die Einöde, um dann gleich
wieder vulkanischen Gebilden Platz zu machen. Bei Saltelli traf man auf ein

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Feld e r l o s c h e n e r V u l k a n e, die, umgeben von Lavafeldern, in
kegelförmiger Gestalt hier aus den Eingeweiden der Erde hervorgebrochen
waren. Einer dieser alten Vulkane, der über 3000 Fuß hohe Aiullo, gilt als
die alte Landesgrenze des nun zerfallenen äthiopischen Reichs. Wüst und
traurig war die todte Umgebung dieser Berge – aber eine freudige
Ueberraschung wurde den Reisenden hier doch zu Theil, denn zum ersten
Male erblickten sie an diesem Orte in weiter, nebelhafter Ferne die blauen
Gebirgsketten Abessiniens. Ihren Weg verfolgend trafen die Gesandten
immer mehr auf M y r r h e n b ä u m e, und zwar auf zwei Arten. Diejenige,
welche das beste Harz liefert, ist ein zwerghafter Strauch mit dunklen,
krausen, sägeförmigen Blättern, während die andere, welche ein mehr
balsamartiges Produkt liefert, zehn Fuß hoch wird und helle, glänzende
Blätter hat. Nach der geringsten Verletzung fließt der milchige Saft in reicher
Menge heraus und erstarrt an der Oberfläche; wenn die Masse oft vom
Stamme entfernt wird, kann man im Januar und wieder im März große
Mengen von einer Pflanze gewinnen. Mehrere Loth der feinsten Myrrhe
erhält man auf diese Art im Vorbeipassiren leicht; [pg 234]dieselbe wird von
den Vorübergehenden in einer Höhlung im Schilde aufbewahrt und an den
ersten besten Sklavenhändler gegen Tabak vertauscht. Die Danakil geben die
Myrrhe auch als Arznei ihren Pferden ein, wenn diese infolge der Hitze an
Erschöpfung leiden. In der europäischen Medizin findet sie heutzutage nur
noch geringe Anwendung; ihr Ruf aber ist groß und alt; befand sich doch die
Myrrhe unter den Geschenken, welche die Weisen aus dem Morgenlande
dem Christkinde brachten!

Von dem Gipfel eines Hügels herab hatten die Reisenden endlich den
freudigen Anblick des H a w a s c h, des abessinischen Grenzflusses, dessen
Lauf durch einen dichten Baumgürtel bezeichnet wurde. Jenseit desselben
ragten kühn die Hochgebirge von Schoa in die Luft, und nach langen Leiden
winkte nun das Ziel. Das Schlimmste war überwunden.

Der Hawasch ist der zweitgrößte Strom Abessiniens. Er entspringt im
Herzen des Landes in einer Höhe von 8000 Fuß, wird von einer großen
Anzahl kleiner Ströme gespeist und fließt gleich einer belebenden Ader grün
und längs seiner Ufer bewaldet durch die brennend heißen Adâl-Ebenen, bis
er in den Lagunen von Aussa sein Ende findet und versandet. Je näher man
dem Strome kam, desto kräftiger wurde die Vegetation.
Gummiausschwitzende Akazien, Tamarisken zeigten sich und laut

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schreiende Perlhühner stoben bei dem Heranziehen der Karawane
auseinander; man mußte sich schließlich durch das Dickicht förmlich
durchwinden und stand nun, nachdem man so lange durch wilde Einöden
gezogen, vor einem großen, mächtig dahinrauschenden Strome, der seine
vom Regen getrübten Wasser wild dahinwälzte.

Die Stelle, an welcher die Reisenden den Fluß zu überschreiten hatten, liegt
mehr als 2000 Fuß über dem Ozean. Nach Art einer fliegenden Brücke
wurden zehn Flöße zusammengefügt und auf diesen die Kameele, das große
Gepäck und die zahlreichen Menschen übergesetzt. – Man war nun im
Königreich Schoa, doch immer noch im Lande wilder Muhamedaner, da die
christliche Bevölkerung erst weiter westlich beginnt.

Weil das Wasser des Stromes dick und schlammig aussah, begab man sich
zur Tränke nach einem nahegelegenen Weiher, der von hohen Bäumen
umgeben war. Inmitten desselben trieben Nilpferde ihr unheimliches Wesen;
eins derselben steckte seinen ungeheuren Kopf aus dem Wasser, sperrte den
mächtigen Rachen auf und brüllte, daß man es auf eine halbe Stunde Wegs
hören konnte; zum Lohn wurde ihm eine vier Loth schwere Kugel in den
Kopf gejagt, deren Einschlagen in den Schädel man deutlich vernahm. Das
Thier sank unter, wurde jedoch erst am nächsten Tage aufgefunden und von
den benachbarten Nomaden zerstückelt und verzehrt.

Mit leichtem Herzen sagte man den trüben Fluten des Hawasch Lebewohl
und zog der Hauptstadt entgegen. Diesseit des Flusses war das einzige
vorkommende Schaf das fettschwänzige, wolllose, nur mit Haaren bedeckte
Thier gewesen. Statt dessen traten nun die großen, fetten abessinischen
Schafe auf. Ziegen mit langen gewundenen Hörnern zeigten sich, von
kleinen fuchsartigen [pg 235]Hunden bewacht, in großen Herden. Große
Flüge von Heuschrecken, welche das Land kahl gefressen hatten, nahmen
ihre Richtung gegen Abessinien zu. Sie verdunkelten förmlich den Himmel
und zogen gleich einer finstern Wolke mit großer Schnelligkeit durch die
Lüfte hin. In den Wäldern waren Perl- und Rebhühner häufig, zusammen mit
der Zwergantilope, und die langentbehrte Jagd brachte in die Küche und die
Lebensweise der Europäer einige Abwechselung. Am Abend des zweiten
Tages, nachdem der Hawasch überschritten war, kam ein Reiter in das Lager
der Gesandtschaft, sah sich überall genau um, sprach dabei kein Wort und
verschwand wieder wie er gekommen. Es war ein Spion des Grenzhüters der

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Provinz Ifat, der seinem Herrn Nachricht über die Fremdlinge bringen sollte.
Diese Erscheinung versetzte die begleitenden mißtrauischen Danakil in
Aufregung, denn sie argwöhnten sofort, der Herrscher von Schoa werde die
Europäer nicht empfangen.

Rachen des Nilpferdes.

Ungeachtet ihres Abmahnens setzte man den Weg fort. Der M a m r a t, „die
Mutter der Gnade“, mit seinem kuppelförmigen mächtigen Berghaupte, das
weit über die Wolken emporragte, erhob sich gleich einem gigantischen
Schlosse aus der Ebene und galt als Ziel, auf das man lossteuerte. Man
befand sich jetzt schon 3000 Fuß über dem Meere und stand am Eingange
des hauptsächlichsten, nach Südabessinien führenden Passes. Eine

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erfrischende Brise wehte den Engländern entgegen, der Himmel war mit
Wolken bedeckt und das Klima so beschaffen, daß sie sich eher in der
Heimat als unter die Tropen versetzt glaubten. Berg über Berg, bedeckt mit
herrlicher, üppiger Vegetation erhob sich vor ihnen. Einer thürmte sich
unordentlich über dem andern empor; bis schließlich die letzten, mit einem
glänzend weißen Schneemantel bedeckten Spitzen sich in den azurblauen
Lüften zu verlieren schienen. Dörfer und Weiler schauten aus den grünen
Baumgruppen hervor; reiche Saatfelder erglänzten in der Sonne und zeugten
von dem Fleiße eines Theils der Bewohner.

Später erfuhr man, daß der Negus angeordnet hatte, eine Ehrenwache von
dreihundert Luntengewehrträgern solle die Gäste am westlichen Ufer des
Hawasch empfangen, allein der W u l a s m a M u h a m e d, d. h. der höchste
dem Grenzdistrikte vorstehende muhamedanische Beamte, der sich so gut
wie der König selbst dünkte, hatte die Garde zurückgeschickt, da ja die Ehre
Ungläubigen erwiesen werden sollte. Auch sonst legte dieser Beamte den
Fremdlingen allerlei Schwierigkeiten [pg 236]in den Weg, um sie vom
Vordringen abzuhalten, konnte schließlich jedoch bei der Festigkeit, mit
welcher man gegen ihn auftrat, nichts erreichen. Zum letzten Male waren die
Kameele beladen, um am 16. Juli 1842 in F a r r i, der Grenzstadt der Provinz
Ifat, einzuziehen. Haufen kegelförmig gedeckter Häuser, welche auf zwei
Hügeln zerstreut lagen, zwischen denen die Zollgebühren erhoben wurden,
waren die ersten permanenten Wohnstätten, welche die Wanderer seit ihrem
Abmarsch von der Küste als ein Zeichen des Fortschrittes begrüßten, denn
bisher waren sie nur auf Nomadenhütten getroffen. Sowol wegen der nun
beginnenden Hochlande, als wegen des kühleren Klimas wird hier das
„Schiff der Wüste“, das für die brennendheißen wasserlosen Ebenen
geschaffen ist, als Lastthier vollkommen unnütz und muß zurückgelassen
werden. Damit lag aber auch die Wüste nun zugleich hinter den Reisenden,
und als die Danakil, welche sie bisher begleitet, umgekehrt waren, waren
auch die Leiden und Schrecken des durchzogenen Terrains verschwunden.
Menschen, Klima, Boden, Thiere, Pflanzen – Alles war anders. Wie wenn
ein Zauberer seine Ruthe ausgestreckt und die Landschaft mit einem Schlage
verändert hätte, so sah man die Hochlande Abessiniens jetzt, überall nur
Kultur bedeckte Flächen statt der brennenden Wüsteneien. Jede fruchtbare
Bodenerhebung war mit einem friedlichen Weiler gekrönt, durch jedes Thal
strömte rauschend ein krystallheller Bach, schwärmten Herden. Die
kühlenden Bergwinde wehten den aromatischen Geruch von Jasminen und

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wilden Rosen herab, und im schwellenden Rasen blühten Tausendschönchen
und Butterblumen. Das Gepäck schleppten jetzt 600 kräftige Muhamedaner,
die auf königlichen Befehl von den benachbarten Dörfern gestellt worden
waren. Der König, so vernahm man, war vor Ungeduld außer sich, die
Gesandtschaft zu empfangen und die schönen Geschenke zu besichtigen,
welche sie mitbrachte.

Am Morgen des 17. Juli begann der Marsch in den Hochlanden. Frischer,
kühlender Wind wehte von den Bergen herab, die, nur zehn Grade vom
Aequator entfernt, dennoch eine Vegetation tragen, welche an nordische
Klimate erinnert. Steil führte der steinige Pfad bergan über Schlünde, Thäler
und Gipfel, eingefaßt von Farrnkraut, Hagebutten und Geisblatt; am
Abhange der Berge zogen sich Terrassen hin, die mit gut bebauten Feldern
bedeckt waren, und auf jedem Vorsprung stand ein Dörfchen, dessen
Bewohner herbeigestürzt kamen, um die neue Prozession, die Gäste des
Königs zu sehen, denen Freudenrufe entgegentönten. Die Frauen waren hier
in rothe Baumwollmäntel gehüllt, die einen angenehmen Gegensatz zu den
ledernen Schurzfellen der Damen in der Wüste darboten. In der 3000 Fuß
über dem Grenzorte Farri oder 5200 Fuß über dem Meeresspiegel gelegenen
Marktstadt A l i o A m b a, die auf einem scharfen Bergrücken sich erhebt,
mußte wieder ein längerer Halt gemacht werden. Der Ort besteht aus 250
Häusern mit 1000 muhamedanischen Einwohnern, die sich aus sehr
verschiedenen Völkerschaften rekrutirt haben. Der Berg, auf welchem Alio
Amba liegt, ist nur einer von den vielen tausend jähen Erhebungen, in
welche das ganze Gebirge nach der Seite der Ebene hin zerbrochen ist.
Gleich schmalen Silberfäden strömen durch die Schluchten zwischen grünen
Gesträuchen [pg 237]und Feldern die Bäche hin, und wo ein Fleckchen dem
Pflug einzugreifen erlaubt, da stehen Weizen, Gerste, Mais, Bohnen, Erbsen,
Baumwollen- und Oelpflanzen angebaut, ringsum liebliche Weiler, die hoch
in die Berge hinaufragen und sich allmälig am Mamrat, „der Mutter der
Gnade“, verlieren. Dieser die Gegend beherrschende Pik, der noch in
Wolken verborgen war, als unten schon Alles in Sonnenschein lag, ist mit
einem dichten Walde von Nutzholz bedeckt und erhebt sich bis gegen 13,000
Fuß über dem Meeresspiegel. Der interessanteste Punkt in dieser Landschaft
ist jedoch ein kegelförmiger Berg, der mit dunklen Wachholderbäumen
bestanden ist und ganz vereinsamt sich erhebt. Auf ihm steht die Feste
G o n t s c h o, die Residenz des Wulasma Muhamed, in welcher die drei

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jüngern Brüder des christlichen Königs – Opfer eines barbarischen Gesetzes
– zeitlebens gefangen gehalten wurden.

Die Gesandten waren gezwungen, in Alio Amba einen längeren Aufenthalt
zu nehmen, da der Negus verreist war; doch kam ein sehr liebenswürdiger
Brief von demselben an, welcher verhieß, die Fremden bald zu empfangen.
Unterdessen hatten die Europäer Zeit, den Ort und sein reges Marktleben
kennen zu lernen. An einem bestimmten Tage strömten schon kurz vor
Tagesanbruch scharenweise die Landleute in die Stadt, um Honig,
Baumwolle, Korn und Lebensmittel der verschiedensten Art zum Verkauf
oder Tausch zu bringen. Die Dankali-Kaufleute stellen Perlen, Metalle,
gefärbte Garne und Glaswaaren aus. Der wilde Galla kauert neben den
Erzeugnissen seiner Herde, während der muhamedanische Händler aus dem
Innern Straußenfedern oder andere Artikel bringt, die aus weit entfernten
Gegenden stammen. Baumwollen- und Zeugballen, Kaffeesäcke von Kaffa
und Enarea liegen überall umher. Zahlreiche Pferde und Maulthiere
vermehren das Getümmel der verschiedenen Völkerschaften, die hier
durcheinander wogen. Fettig und in ein schmuziges Baumwollengewand
gleich einer ägyptischen Mumie eingehüllt schreitet der Bauer aus der
Umgegend zu dem Marktbeamten hin und bezahlt sein Marktgeld, das in die
königliche Kasse fließt. Hier geht lässig ein Luntengewehrmann von der
königlichen Garde umher; doch die Eifersucht des Monarchen verbietet ihm,
die primitive Waffe mit sich zu führen und sie wo anders als in der
königlichen Gegenwart zu tragen. Der Adal, der Räuber aus den
Küstenstrichen, tritt in die niedrige Hütte des Sklavenhändlers aus dem
Sudan, um dort die zum Verkaufe ausgebotenen Frauen und Mädchen
anzusehen; im rabenschwarzen Haare wogt die weiße Straußenfeder, das
Zeichen eines begangenen Mordes, und das Volk staunt das gekrümmte
Säbelmesser des Mannes an, der so kühn ist, keine sklavische Verehrung für
den großen Monarchen von Schoa zu zeigen. Mit Eiern und Geflügel drängt
sich ein Christenweib durch die Menge. Die Häßlichkeit ihres Antlitzes wird
durch das Ausreißen der Augenbraunen und das fetttriefende Haar noch
gehoben. Die freie, stattliche Miene der Orientalin, wie deren leichtes
graziöses Gewand fehlen ihr gänzlich, denn die Natur scheint sie absichtlich
vernachlässigt zu haben. Die Männer der abessinischen Grenzprovinzen
Argobba und Ifat, Muhamedaner dem Glauben nach, unterscheiden sich
durch verschiedene Sprache von [pg 238]den echten Abessiniern, denen sie
im Aeußern sonst gleichen, während ihre Frauen wie arabische

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Zigeunerinnen aussehen; sie sind schöner, schlanker als ihre christlichen
Schwestern aus den Berggegenden und weniger fettig. Die Menge stäubt
auseinander vor einem christlichen Gouverneur, der, umgeben von
zahlreicher Dienerschaft, barfuß durch den dicken Straßenschmuz
dahinschreitet. Der dicke Bauch und das silberbeschlagene Schwert zeigen
zur Genüge seine Würde an, die durch den weißen, mit karminrothen
Streifen eingefaßten Baumwollenmantel überdies kenntlich ist. Die
Anordnung seines Haares hat den ganzen Morgen in Anspruch genommen
und der üble Geruch der ranzigen Butter, welche aus all den kleinen
Löckchen hervorglitzert, verpestet ringsum die Luft. Bis über das Kinn
verhüllt, sieht man nur seine Nase und die blutunterlaufenen, von
nächtlichen Orgien zeugenden Augen, aus denen er einen verwunderten
Blick auf die weißen Ankömmlinge richtet. Im blauen Gewande, mit
fliegenden Locken kommt endlich auf ziegendürrem Klepper der wilde
Galla zu Markte; er bringt Honig und Butter aus den grasreichen Ebenen
seiner Heimat in die wild zerklüfteten Berge.

Der Schrecken und der Abscheu, welchen die Abessinier vor den von
Mördern heimgesuchten Küstenstrichen haben, sind die Ursache, daß fast
der ganze Handel von Alio Amba in den Händen der Danakil liegt, die vom
Könige mit aller möglichen Nachsicht behandelt werden. In jedem Monate
langen Karawanen von Aussa und Tadschurra an, die den Handel unterhalten
und gute Geschäfte machen – namentlich auch in Menschenfleisch, denn
auch hier im Süden des christlichen Reiches blüht der Sklavenhandel so gut
wie im Norden, und die Ausfuhr über Tadschurra ist noch bedeutender als
jene über Massaua.

Vierzehn Tage lang mußte die Gesandtschaft in Alio Amba zubringen, dann
war die Erscheinung des Oberkommandanten der königlichen Leibgarde das
erste Zeichen, daß sie weiter vordringen durfte. Die Zusammenkunft mit
dem Könige sollte an einem der nächsten Tage stattfinden, wenn die Kusso-
oder Bandwurmkur Seiner Majestät vorüber sein würde. Denn da gleich
allen Abessiniern auch der König ein Liebhaber von rohem Fleisch war, so
litt er infolge dessen stark an Eingeweidewürmern, von denen er sich durch
regelmäßig wiederholte Kusso-Kuren zu befreien suchte.

Nachdem das zahlreiche Gepäck auf die Träger vertheilt war, konnte man
der Marktstadt den Rücken wenden und die Reise im Hochlande fortsetzen.

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Die gütige Natur hatte in verschwenderischer Fülle und Mannichfaltigkeit
ihre Gaben über das Land zerstreut und dadurch den lässigen Bewohnern die
meiste Arbeit abgenommen. Reiche Kornfelder längs des Weges wechselten
mit stillen Dörfern, blumigen Kleewiesen und krystallklaren, in Kaskaden
herabschießenden Bächen.

Das südliche Abessinien beginnt mit dem Distrikte Ifat am Fuße der ersten
Hügelkette, welche allmälig an Fruchtbarkeit und Höhe zunimmt. Heftige
Gewitterstürme, welche in der Regenzeit daherbrausen, werden in diesen
Gegenden oft zur Landplage; doch selbst unter den mächtigen Wasserfluten
lächelt noch [pg 239]das Land, und so entschieden steht es im Gegensatz zu
dem klimatischen und allgemeinen Charakter der heißen Zone, daß der
entzückte Wanderer sich in seine nördliche Heimat versetzt fühlen kann.

Langsam zogen die Reisenden fürbaß, der königlichen Sommerresidenz
M a t s c h a l - w a n s zu, wo der Herrscher sie empfangen wollte. An einer
Stelle, wo der Weg eine Biegung machte, schoß die begleitende Garde
plötzlich ihre Luntenflinten ab, deren Donner ein freudiges Echo in den
Zurufen der erwartungsvoll zusammengeeilten, unten im Thale stehenden
Menge fand. Als der Pulverdampf sich verzog, fiel der Blick der Reisenden
auf die lieblich gelegene königliche Residenz, deren kegelförmige weiße
Dächer ihnen aus dunklen Cypressen und Wachholderbäumen
entgegenleuchteten.

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Sahela Selassié, König von Schoa. Nach Harris.

Durch grüne, blumenbedeckte Auen rauschte ein angeschwollener Strom,
während die majestätischen Bergriesen mit nebelumhüllten Gipfeln den
Hintergrund des prächtigen Bildes ausmachten. Vereinzelte Bauernhäuser
waren über die grüne Landschaft zerstreut, reiche Felder glänzten im reifen
Korn und donnernd, kleine Wasserfälle bildend, stürzten die geschwollenen
Wildbäche von den Felsen herab. Nach Verlauf einer Stunde war Matschal-
wans erreicht, wo eine zahlreiche Menschenmenge die Gäste erwartete. Wild
und ungestüm drängten sie sich heran, Alles war ihnen neu, und gleich
Menageriethieren starrten sie die weißen Leute an, die weit über das Meer
hergekommen waren, um dem großen Könige von Schoa Geschenke
darzubringen. Nachdem noch einige Förmlichkeiten erledigt waren, konnte
die Vorstellung stattfinden.

[pg 240]
Endlich stand die britische Gesandtschaft auf der Schwelle des königlichen
Palastes und vor ihr öffnete sich die Empfangshalle. Rund in der Form und
ohne den gewöhnlichen abessinischen Pfeiler in der Mitte erhoben sich die

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hohen, massiven Lehmwände des Gemaches, überdeckt mit Silberzierathen,
Doppelgewehren, runden Schilden und Luntenflinten. Persische Teppiche
von den verschiedensten Größen, Farben und Mustern deckten die Flur und
Scharen von Höflingen, Beamten und hohen Würdenträgern standen, bis
zum Gürtel entblößt, in respektvoller Haltung und Feiertagskleidung
ringsumher. In der Wand waren zwei Nischen angebracht: in der einen
loderte ein Feuer, während in der andern auf einer geblümten Atlasottomane,
umgeben von alten Eunuchen und jugendlichen Pagen, gestützt auf
hellfarbige Sammetpolster, Seine christlich-äthiopische Majestät Sahela
Selassié hingelagert war. Der Thürhüter (zugleich Zeremonienmeister) stand
mit einem Büschel Binsen in der Hand vor dem Könige, um damit die
genaue Entfernung anzudeuten, bis zu welcher man sich der Majestät nahen
durfte. Die Gesandtschaft trat ein, machte ihre Verbeugungen vor dem
Throne und ließ sich auf eben hereingebrachten Stühlen nieder.

Der König war mit einer grünseidenen arabischen Brokatweste bekleidet, die
zum Theil von einem weiten, faltigen abessinischen Baumwollmantel mit
karminrothen Streifen bedeckt war. Vierzig Jahre, von denen
achtundzwanzig unter den Sorgen der Regierung verlebt waren, hatten seine
dunkle Stirn leicht gefurcht und das in hohe Löckchen frisirte reiche Haar
etwas ergrauen gemacht. Obgleich durch den Verlust des einen Auges etwas
entstellt, war der Ausdruck seiner männlichen Gesichtszüge doch offen,
angenehm und gebietend; aus dem ganzen Gesichte leuchtete jedoch jene
weit und breit anerkannte Unparteilichkeit des Herrschers hervor, die ihm
selbst unter den Danakil den Beinamen der „feinen Goldwage“ eingebracht
hatte.

Der Gesandte überreichte nun, in Goldbrokat und Musselin eingewickelt,
sein Beglaubigungsschreiben, worauf, nachdem dieses gelesen und
anerkannt war, die reichen Geschenke der britischen Regierung eines nach
dem anderen hereingetragen und vor dem Könige und den erstaunten
Blicken der Höflinge ausgebreitet wurden. Der schöne Brüsseler Teppich,
der die ganze Empfangshalle deckte, die Kaschmirschals und buntfarbigen
gestickten indischen Schärpen erregten allgemeine Bewunderung und
wurden von den Eunuchen dem König zur näheren Beschauung in den
Alkoven gereicht. Allgemeine Heiterkeit entstand bei der Produzirung einer
Gruppe tanzender chinesischer Figuren, und als dann die europäische
Eskorte in voller Uniform mit einem Sergeanten an der Spitze in der Halle

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aufmarschirte, sich vor den Thron stellte, dort ihre Handgriffe machte und
die Musikdosen „God save the Queen“ spielten, erreichte die Freude und das
Erstaunen des Königs ihren Höhepunkt und er erklärte, nicht Worte finden
zu können, um seine Dankbarkeit auszudrücken. Hell leuchtete dann sein
Gesicht, als ihm dreihundert mit blitzenden Bajonneten versehene Flinten
überreicht wurden. Vor Verwunderung überfließend sagte er nur: „Euch wird
Gott belohnen – ich kann es nicht.“

[pg 241]
Noch waren die Ueberraschungen jedoch nicht zu Ende. Auf einem freien
Platze am Fuße eines Hügels wurde eine große Scheibe aufgestellt und nach
dieser eine der mitgebrachten kleinen Kanonen gerichtet. Das grüne Thal
hallte von dem ungewohnten Artillerie-Kommandorufe wieder, und als nun
der Donner erschallte, als Vollkugeln und Kartätschen die Scheibe und die
Felsen zersplitterten, da brach lauter Jubelruf aus dem Munde des Königs
und tosendes Geschrei aus der Brust der gaffenden Menge hervor.

Schöne Komplimente von Seiten des Königs, Beglückwünschungen durch
die Höflinge und Beamten beschlossen an diesem Abend das ungewohnte
Schauspiel. Eine riesige, starkgepfefferte Fleischpastete, begleitet von dem
Wunsche, daß „des Königs Kinder es sich wohl sein lassen möchten“, war
der nächste Dank. Unerhört große Ehre geschah der Gesandtschaft jedoch
durch einen Besuch des königlichen Beichtvaters, eines Zwerges, so klein,
daß er ohne Schwierigkeit in der Pastete sich hätte verbergen können. In
faltige Gewandung und einen Turban eingehüllt, mit dem silbernen Kreuze
geschmückt, ließ sich der zwerghafte Priester, dessen ganzes Leben darin
bestanden, seinen Nächsten Gutes zu erweisen, in einem Sessel nieder und
hob an folgendermaßen zu reden: „Vierzig Jahre sind verflossen, daß Asfa
Wusen, der Großvater unsres geliebten Monarchen – sein Andenken ruhe in
Frieden – in einem Traume sah, wie rothe Männer aus Ländern von jenseit
der See gar merkwürdige und schöne Dinge in dieses Königreich brachten.
Die Astrologen, denen man befahl, diesen Traum zu deuten, erklärten
einstimmig, daß Fremdlinge aus dem Lande Aegypten während der
erhabenen Regierung Seiner Majestät nach Abessinien kommen würden und
daß noch mächtigere Fremdlinge zur Zeit der Regierung seines Enkels
folgen würden. Gott sei Preis und Dank, die Traumdeutung ist in Erfüllung
gegangen. Meine alten Augen haben nie solche Wunder als am heutigen

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Tage geschaut, und während Schoa von sieben Königen regiert wurde, sind
niemals solche Mirakel in das Land gebracht worden.“

Der König verbrachte den größten Theil der folgenden Nacht inmitten seiner
Schätze, die so unerwartet sich vor ihm aufgehäuft hatten. Jeder neue
Gegenstand wurde mit der Wißbegierde eines Kindes untersucht und die
königlichen Schreiber hatten vollauf damit zu thun, auf Pergament ein
Verzeichniß all der schönen Dinge aufzunehmen, das dann im Staatsarchiv
aufbewahrt wurde. Die Gewehre, Munition und Kanonen wurden in das
große Arsenal geschafft, die Teppiche und Kuriositäten mit Inschriften
versehen, auf denen für künftige Geschlechter verzeichnet stand, daß diese
Schätze ein Geschenk rother Männer seien, die man „Gyptzis“ nannte und
die „von ferne“ gekommen seien. Am frühen Morgen erschien ein Hofpage,
um nachzufragen, wie die Gäste geruht hätten. Die Etikette erforderte zu
sagen, daß sie sehr gut geruht hätten; allein leider war das Gegentheil der
Fall, denn der Regen war in Strömen durch das Zeltdach gedrungen und
hatte die Schläfer arg belästigt. Noch schlimmer hatten die 600 requirirten
Lastträger geruht. Ohne Nahrung und Obdach war der nasse, durchweichte
Boden ihre Lagerstätte gewesen. Als der Morgen graute, schrieen [pg
242]sie laut nach Speise und sofort wurden ihnen einige Ochsen überliefert.
In wenigen Minuten waren die Thiere geschlachtet und abgeledert; die
Messer der wilden Menge wühlten in dem blutigen Fleische, das Streifen auf
Streifen verschwand, um nach echt abessinischer Art roh verschlungen zu
werden. Selbst die Eingeweide wurden nicht vergessen, und in einer
Viertelstunde war außer Hörnern, Hufen und Knochen von den Ochsen
nichts mehr übrig, sodaß selbst die Geier nicht einmal mehr einen Bissen
fanden.

Hierauf brach die Gesandtschaft auf, um nach der nahen Hauptstadt Ankober
zu reisen. Zuvor jedoch fand noch eine Audienz beim Könige statt. „Meine
Kinder“, sagte Seine Majestät, „alle meine Flintenträger sollen euch
begleiten, damit ihr in Sicherheit von dannen zieht. Was euer Herz nur
wünschen mag, sollt ihr erhalten; mich ausgenommen habt ihr keinen
Freund in diesem weiten Lande und ihr seid meinetwegen weit gereist. Doch
will ich euch geben, soviel ich kann. Aber auf mein Volk hört nicht, denn das
ist schlecht.“

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Froh verließ man das feuchte Lager und zog, von den Soldaten begleitet,
durch lachende Kulturlandschaften dem nur anderthalb Stunden entfernten
Ankober zu. Auf die Felder und Wiesen folgte ein Wald von alten Bäumen,
voller Wachholder, die schon Jahrhunderte gesehen und deren düstere,
cedernartige Kronen mystisch im Winde rauschten. Wie in Europa, so
verstanden es auch die Abessinier, die schönsten Plätze zur Anlage von
Klöstern auszuwählen, und so traf man denn auch hier auf ein dem heiligen
Tekla Haimanot (13. Jahrh.) gewidmetes Kloster. Dreimal im Jahre, an
seinem Geburts-, Sterbe- und Himmelfahrtstage werden hier große
Festlichkeiten unterhalten.

Nachdem der Wald durchschritten war, erblickte man, auf einem grünen
Hügel erbaut, die 8200 Fuß über dem Meere gelegene Hauptstadt Schoa’s.
Unregelmäßig, bald groß, bald klein, wie Heuschober oder wie Scheunen
gestaltet, von grünen Einfassungen oder Staketen umgeben, zogen sich die
Häuser auf dem Scheitel oder am Abhange und in den Spalten des Hügels
hin. Diese Wohnungen beherbergten nach Harris’ Schätzung 12,000–15,000
Menschen. Auf dem höchsten, abgesonderten Theile des Hügels liegt der
unschöne, mit vielen thönernen Schornsteinen versehene und von Palissaden
umgebene Palast des Königs. An ihn schließen sich zahlreiche Hütten für die
Sklaven, Küchen, Keller, Vorrathshäuser und Kornmagazine. Bäume,
Büsche und zerklüftete Felspartien bildeten den Hintergrund, aus dem unter
Wachholderbäumen das Bronzekreuz der Kirche „Unsrer lieben Frau“
hervorleuchtete.

A n k o war eine Königin des Gallavolkes, welche diese Berggegenden nach
dem Einfall Granje’s bevölkerte und ihren Namen dem engen gewundenen
Pfade hinterließ, welcher das „B e r“ oder Thor zu den Vorstädten bildet.
Daher bedeutet A n k o b e r „ T h o r d e r A n k o “. Am Abgrunde
hinziehend und kaum breit genug für den Fuß des Maulthiers, kann man
diesen Paß nur mit dem Gefühle der Unsicherheit passiren, und wenige
Stunden würden genügen, um ihn zu verrammeln und die Stadt für jeden
Feind unzugängig zu machen. Laute Jubelrufe des versammelten Volkes
begrüßten die Gäste, denen nun ein [pg 243]sehr elendes Haus, das eher
einem Heuschober als einer Wohnung für Europäer glich, als Aufenthaltsort
angewiesen wurde. Der Fußboden war so, wie ihn Mutter Natur geschaffen
und vom Regen durchweicht, und es bedurfte erst vieler Arbeit, um die
Hütte, über der man stolz die Flagge Großbritanniens aufzog, bewohnbar zu

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machen. Als man die Thüre mit einem Teppich verhangen hatte und die
Nacht hereinbrach, regierte Finsterniß in dem Raume: die Lichter waren
unterwegs zerschmolzen und so bildeten denn die sparsam aus den
königlichen Vorräthen dargereichten, mit Wachs getränkten Dochte das
einzige Beleuchtungsmaterial der Gäste. Und diese elenden Kerzen waren
ein Handelsmonopol des Fürsten, gleich so vielen anderen guten Dingen.
Um den Aufenthalt recht ungemüthlich zu machen, stürzten Tausende von
blutdürstigen Flöhen über die Reisenden, die jetzt, nachdem sie die
Schönheit der Natur bewundert und vom Könige freundlich empfangen
worden waren, auch die Schattenseiten des Lebens in Schoa kennen lernen
sollten.

In der Nacht brach unter Donner, Blitz und strömendem Regen ein
gewaltiger Sturm über Ankober los, der die Erde mit einer wahren Sündflut
überschüttete; jeder Fluß stieg, jede Gasse wurde zu einem rauschenden
Bache und tausendfältig hallte der Donner von den nahen Bergen wieder. Als
am nächsten Morgen die Sonne ihre Strahlen auf die Erde niedersandte,
entwickelte sich ein seltsames Schauspiel vor den Augen der Europäer. Tief
unten lag, wie ein Schneeschleier, eine undurchdringliche Dampfwolke in
den Thälern. Man stand über diesen Wasserdämpfen, aus denen nur die
Bergspitzen gleich schwimmenden Inseln hervorragten. Als diese Nebelbank
in die Höhe stieg, bedeckte sie Alles mit Feuchtigkeit und drang durch
Kleider und Mauern hindurch.

Abgesehen von den Unannehmlichkeiten, denen jeder sich aussetzen muß,
der in afrikanischen Landen reist, trafen die Gesandtschaft noch manche
speziell abessinische Uebelstände. Die nothwendigsten Lebensmittel waren
trotz der Fruchtbarkeit des Bodens nur schwierig zu erlangen; die
gemietheten Dienstboten taugten nichts, da jeder, der nur irgend kann, sich
Sklaven hält; Maulthiere waren gleichfalls kaum gegen die höchsten Preise
zu miethen, und für das kleinste Geschäft mußte eine Menge kostbarer Zeit
vergeudet werden, da diese selbst für die Abessinier keinerlei Werth hat. Mit
der Zeit wurde den aus Indien mitgebrachten muhamedanischen Dienern der
Aufenthalt zu langweilig; sie nahmen ihre Entlassung und kehrten durch das
heiße Küstenland nach Tadschurra zurück, wobei die Hälfte von ihnen das
Leben verlor. Die statt ihrer angenommenen Abessinier zeichneten sich nur
dadurch aus, daß sie unermeßliche Portionen rohen Fleisches (Brundo)
verschlangen und alle Monate einen Tag frei verlangten, um mittels Kusso

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ihre Bandwurmkuren vollführen zu können. Außerdem war ein besonderer
Afero oder Janitschar ernannt worden, welcher alle Schritte und Tritte der
Fremden ausspioniren und darüber an den Hof berichten mußte. Am
gefährlichsten wurde den Gästen jedoch die Feindschaft der unduldsamen
Geistlichkeit, die mit eiserner Hand das Volk knechtete und die Briten
schlimmer als die Heiden ansah, zumal weil sie die langen und strengen
Fasten nicht hielten. [pg 244]Der Bischof von Schoa zeigte diese
Feindschaft ganz offen. Er sprengte das Gerücht aus, die Engländer seien als
Spione einer großen, jenseit des Meeres wohnenden Frau gekommen,
welche ihre Soldaten nach Schoa schicken wolle, um das Königreich zu
erobern und den abessinischen Glauben zu zerstören.

Während alle Klassen des Volks in Erinnerung an die Himmelfahrt der
Jungfrau Maria die strengen Fasten hielten, blieb inzwischen der König in
seiner Residenz Matschal-wans. Dort verzehrte er rohe Fische, die mit
Pflanzenöl und Pfeffer zubereitet waren, als Fastenspeise. Der Palast in
Ankober dagegen wurde von ihm zur Regenzeit gemieden, weil wegen
dessen hoher isolirter Lage die Blitze dort leicht einschlagen. Kamen die
Engländer mit Sr. Majestät zusammen, so pflegte er zu sagen: „Es giebt in
meinem Lande sehr schöne Dinge, welche in dem eurigen nicht sind, und
wieder umgekehrt habt ihr Dinge, welche wir nicht besitzen.“ Fortwährend
waren die Fremden mit allerlei Aufträgen des Königs beschäftigt: bald
mußten sie Luntenflinten repariren, Spieldosen ausbessern, bald
Kleidungsstücke oder Staatsregenschirme wieder herstellen, und das Alles
wurde zur Zufriedenheit des Hofes ausgeführt. Auch als der König einmal
unwohl war, wurden die Gesandten zu ihm berufen; er erhielt Medizin, doch
mußte diese zuvor in seiner Gegenwart gekostet werden, da er in beständiger
Angst vor Vergiftung schwebte. Obgleich er sich niemals ohne Waffen zeigte
und stets solche unter seinen Kleidern verborgen trug, fürchtete er sich doch
keineswegs vor seinen Gästen, die selbst mit geladenen Flinten in seiner
Nähe stehen durften, auch wenn keine Diener bei ihm waren; bei diesen
Zusammenkünften ließ er Porträts zeichnen, Pläne zu Bauten entwerfen und
Vorbereitungen zu Affenjagden machen. Magazine wurden mit
Granatschüssen in die Luft gesprengt, siebenläufige Pistolen zuerst bei Hofe
eingeführt und ihm ein großer Respekt vor den Windbüchsen eingeflößt,
deren Wirkung er für das Merkwürdigste erklärte, was er all sein Lebtag
gesehen hatte.

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Wieder einmal waren die Engländer zum König beschieden, der mit ihnen
über einen Feldzug gegen die wilden Galla sprechen wollte. Schmiede und
Silberarbeiter saßen unter der Veranda der Residenz, Künstler malten
Miniaturen in die auf Pergament geschriebenen Psalmen, Sättel und allerlei
Kriegsgeräth wurden unter den Augen des Fürsten reparirt, Speere und
Flinten gereinigt – doch alle diese Handwerker wurden vom Könige
schleunig entlassen, um mit Harris einen Kriegsplan verabreden zu können,
der schließlich nicht ausgeführt wurde. So schlich der traurige Winter hin.
Unterdessen begannen die Händler, welche sich durch die Ankunft der
Engländer beeinträchtigt glaubten, gegen diese zu konspiriren. Allerlei
abenteuerliche Gerüchte gingen um. Die Gyptzis, so hieß es, verzehrten
Schlangen, Mäuse, Spinnen und ähnliche Thiere, und wären im Begriff,
durch magische Mittel das Land zu erobern. Die astronomischen Instrumente
erregten gleichfalls Argwohn; doch der König hörte nicht auf diese
Verdächtigungen, ja er drohte, den Verleumdern die Zungen ausreißen zu
lassen, und kümmerte sich auch nicht darum, als die Geistlichkeit ihn mit
dem Banne bedrohte. Die Zauberer Schoa’s glaubten dem gegenüber im
vollsten [pg 245]Rechte zu sein, wenn sie verkündigten, Sahela Selassié
würde wegen seiner Freundschaft gegen die Fremden noch Thron und Leben
verlieren.

Als der Winter vorüber war, brach der König nach D e b r a B e r h a n auf,
einer Sommerresidenz, die jenseit der Bergkette im Westen liegt. Dorthin
folgte ihm auch die Gesandtschaft nach. Es war eine herrliche Gegend, die
man wieder durchzog, voller Sturzbäche, Klippen und schöner Bäume. An
einem Flüßchen traf man das einzige Maschinenwerk des Königreichs – eine
rohe Wassermühle, die ein durchreisender Albanese erbaut hatte; doch die
Priester erklärten dieselbe für ein Werk des Teufels, und nachdem die Mühle
drei Tage gegangen, wurde der Betrieb untersagt. So verfiel denn die
Teufelsmühle. (Vergl. S. 157.) Hinter derselben wurde der Weg rauher und
steiler; man gelangte auf den Kamm der Tschakaberge, welche die Zuflüsse
des Nil von jenen des Hawasch, das Stromgebiet des Mittelmeers und des
Indischen Ozeans trennen. Noch volle drei- bis viertausend Fuß ragte der
hohe M a m r a t über diese Wasserscheide empor; doch Schnee lag auf
seinem 13,000 Fuß hohen Gipfel nicht, wie denn ein Wort für denselben
südlich von den kalten Bergen Semiéns in der Sprache der Eingeborenen
fehlt. Wie verschieden ist doch das Schicksal der Gewässer, die von dieser
Bergkette nach Osten und nach Westen zu eilen! Der Regentropfen, welcher

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auf die nach Ankober zu gelegene Seite fällt, wendet sich nach kurzem
Laufe dem Hawasch zu, um mit ihm durch die durstige Adalwüste der
Aussalagune zuzurinnen. Ganz anders dagegen gestaltet sich die Pilgerschaft
der Gewässer im Westen. Dort finden viele kleine Bäche ihren Weg zur
Dschumma, die sich in den Abai, den Blauen Nil, ergießt, der, durch den
Goldsand von Fazogl ziehend, bei Chartum sich mit dem Weißen Flusse
vereinigt, bei Meroë, Theben und den stattlichen Pyramiden vorüberfließt
und seinen Beitrag zur Bewässerung Aegyptens oder der blauen Fluten des
Mittelmeers liefert!

Wiesen, auf denen Vieh weidete, kleine Ströme, über deren einen eine rohe
Steinbrücke, das hochgepriesene Werk eines Armeniers führte, folgten nun;
dann kam man in eine unwirthliche Gegend, eine Hochebene, die einst von
Galla bewohnt war. Nicht ein Baum oder Strauch, selten als Ausnahme ein
Kusso, war zu erblicken; doch sind spärliche christliche Ansiedelungen hier
entstanden, die von Hirten bewohnt werden. Dann ging es bergab, die
Gegend wurde wieder etwas freundlicher, und zwischen einigen grünen
Bäumen leuchteten die weißen Gebäude von Debra Berhan hervor.
„Willkommen meine Kinder, wie geht’s euch? Habt ihr eine sichere Reise
gehabt?“ so lautete der Empfangsgruß, und am Abend erquickte Brot,
Honigwasser und saures Bier die Gäste. Beim Schein der Lichter fand
Abends Gesang und Tanz statt, und mancher hohe Beamte legte sich
berauscht zur Nachtruhe nieder.

Keine andere fürstliche Residenz kann in jämmerlicherem Zustande sich
befinden als Debra Berhan, „der Hügel des Ruhms“. Es besteht aus elenden
Gebäuden, deren ohne Mörtel zusammengefügte Mauern einzustürzen
drohen. Palissaden umgeben das Ganze und schließen den mit Rasen
überzogenen Audienzraum ein, der jedoch auch zugleich einigem Vieh zum
Aufenthalt dient. Hier hat [pg 246]der König eins seiner bedeutendsten
S k l a v e n d e p o t s, in welchem dem Besucher ein wahres Babel von
verschiedenen Sprachen entgegenklingt; auch die Gesichtszüge deuten auf
verschiedene Rassen, und nur die abessinische Kleidung ist allen
gemeinsam. Da geht der riesige heidnische Neger mit aufgeworfenen Lippen
und blutunterlaufenen Augen gleich einem schwarzen Herkules umher. Stark
wie drei Gäule, trägt er eine ungeheure Holzlast, welche zwei Abessinier nur
mit Mühe bewältigen könnten. Fünfzehn Maria-Theresia-Thaler hat der
König für dies ausgezeichnete Exemplar gezahlt, das fern vom Nil hierher

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verhandelt wurde. Er hat hier ein ganz gemächliches Leben, vollauf zu essen
und dient als Holzhauer im Walde; in seine Lage hat er sich stumpfsinnig
gefunden. Anders der feurige Galla, der ihm folgt und in dessen Gemüth
noch nicht der Geist der Unabhängigkeit erloschen ist. Seine schlanke Figur
und gekrümmten Beine verrathen den wilden Reiter der grasigen Ebene.
Schwermüthig, mit gebeugtem Sinn, schleppt er seine Bürde und denkt an
die Savannen am Hawasch, seine Heimat. Unter der Aufsicht eines alten
Eunuchen nimmt eine Schar brauner Sklavinnen ihren Weg zum Flusse. Sie
tragen schwere irdene Wasserkrüge auf dem Rücken und singen leise ein
trauriges Lied, das wol von der Heimat erzählt, von Guragué. Es sind
Christinnen, alles schöne, schlanke Mädchen, weit schöner als ihre
Tyrannen, das rabenschwarze Haar ist mit gelben Blumen geschmückt und
in den langen Augenwimpern hängt eine Thräne der Wehmuth. – Hinter
ihnen folgen einige bevorzugte Damen, in Staatsgewändern mit rothem
Rande – sie haben längst das Andenken an ihr Land und ihre Verwandtschaft
vergessen. Das sind die königlichen B r a u g e s e l l e n; silberne Knöpfe in
den Ohren, zu ungeheurem Umfang auffrisirte Haare zeichnen sie aus; sie
können plappern und schwatzen soviel sie wollen, aber über einen gewissen
Raum dürfen sie nicht hinaus, das verbietet ihnen der begleitende Eunuch.
Der eine traurig, der andere froh – so leben die Menschen im Sklavenraume
des Königs. –

Ein Monat war in dem kühlen, aber angenehmen Klima zu Debra Berhan
verflossen, als der König beschloß, seine jährliche
T r u p p e n m u s t e r u n g abzuhalten, und zwar am Maskalfeste, dessen
Bedeutung wir schon kennen lernten. (Siehe S. 124.) Viehherden, vor Kälte
sich schüttelnde Kameele, die in das ihnen ungewohnte Bergland versetzt
waren, lange Sklavenzüge waren zusammengetrieben worden, um theils zur
Nahrung, theils zur Bedienung verwendet zu werden. Am Vorabend rückten
mit Fackeln in den Händen die königlichen Garden vor das Zelt Sr. Majestät,
um dort zu Ehren der Gesandtschaft einen Kriegstanz aufzuführen. Prächtig
nahmen sich die mit reichem silberbeschlagenen Reitzeug versehenen Rosse
der Offiziere unter den dunklen wilden Kriegern aus, die den amharischen
Kriegsgesang anstimmten und sich dann zur Ruhe begaben. Sehr
unköniglich war das Aussehen des Palastes beim Tagesanbruch und höchst
unfürstlich die bei Hofe herrschende Verwirrung. Unsauberkeit und
knöcheltiefer Schmuz herrschte ringsum; der Thürhüter zerschlug einen
Stock nach dem andern auf den Köpfen des herbeidrängenden heftigen

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Volkes, das nicht einmal still wurde, als Seine Majestät sich in der Thür des
Banketsaales niederließ. [pg 248]Vor dem Throne verrichtete ein Schmied
seine Arbeit weiter, ohne darauf zu achten, daß ein Hagel von Staub und
Kohlenasche auf den König niederfiel. Zwanzig bleiche Eunuchen, die als
Zeremonienmeister wirkten, führten die Scharen der Vasallen, der Priester,
Mönche, Weiber, Sklaven und Ackerbauer zum Fürsten, der von jedem ein
Geschenk empfing, sodaß Honig, Butter, Perlen u. s. w. bald in großer
Menge aufgestapelt waren. Die Scenen der Unordnung wichen der höher
steigenden Sonne und vor dem Erscheinen der britischen Gesandtschaft, die
in voller Uniform vor dem Könige aufzog, der in Staatskleidung, von den
Generalen der Reiterei, der Leibgarde und der höheren Geistlichkeit
umgeben, auf einem beweglichen Thronsessel dasaß. Zunächst rückten nun
dreihundert Mann auf den Schauplatz, die hoch über ihrem Haupte Bündel
abgeschälter und mit Binsen zusammengebundener Ruthen trugen. Sie
begrüßten die Rückkehr der Blütenzeit, „wenn die Flöhe wiederkommen und
die Fliegen erscheinen“, mit Gesang, der lauter und lauter zum Kriegsrufe
anschwoll. Die Bündel wurden dann auf einen Haufen vor dem Throne
niedergelegt, während die in Thierfelle gekleideten Führer dieser Truppe
einen Kriegstanz begannen, ihre Leute zum Gefecht aufforderten und mit
einem schrecklichen Geheul diese Exerzitien schlossen.

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Truppenmusterung des Königs von Schoa. Nach M. Bernatz.

Hierauf wurden die englischen Gäste zu einem mit bunten Teppichen
ausgekleideten Pavillon geführt, von dem aus der König mit seinen
Würdenträgern der Revue beiwohnen wollte. Im Hintergrunde standen
dichte Reitermassen, während in einer Entfernung von etwa 100 Schritten
ein großer Scheiterhaufen blattloser Weidenruthen auf dem grünen Rasen
aufgestapelt lag. Um denselben hockten unter ihren Schilden, gleich
Schildkröten unter ihrer Schale, lange Reihen Krieger; je drei hatten große
Feldschlangen von ungewöhnlichen Dimensionen mit Zündkraut und Lunte
zu bedienen. Nun begann die R e v u e mit dem Aufmarsch der Leibgarde zu
Fuß, von der drei Viertel mit den geschenkten englischen Musketen
bewaffnet war. In vier Compagnien marschirte sie unter dem Gebrüll des
Kriegsgesanges auf, nicht wenig stolz auf die blitzenden, bisher in
Abessinien unbekannten Bajonette. Nachdem sie das Feld durchmessen,
kauerten die Krieger auf dem Grunde nieder, als wären sie in Bereitschaft,
anrückende Reiterei zu empfangen, während ein grauköpfiger Veteran

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tanzend vor der Front ein Geheul zum Besten gab, das aus einer
Wolfsschlucht zu stammen schien und mit einer Salve beantwortet wurde.

Nachdem diese Truppe abgetreten war, rückte die glänzende Schwadron der
berittenen Lanzenträger, die Blüte der schoanischen Kavallerie, heran. Kühn
sprengte an der Spitze, auf schönem Roß, mit einem rothen Fell über der
Schulter, der Führer und hinter ihm, in einer Linie von fast einer
Viertelstunde Breite, die Schwadron. Nachdem er eine Anrede gehalten,
sprengten die stattlichen Reiter im Galopp vorüber nach dem Scheiterhaufen
zu, wo die großen Kesselpauken ertönten und die Feldschlangen losgebrannt
wurden. Jetzt aber wandte sich das Erstaunen der Versammlung den
Engländern zu, deren Artilleristen den bronzenen Dreipfünder, welcher von
Ochsen hierhergeschleppt worden war, bedienten. Als der Donner desselben
erschallte und weiße Rauchwolken in die Luft [pg 249]stiegen, wie man sie
bisher nur von brennenden Dörfern gesehen – da kannte die Verwunderung
der wilden, hier versammelten Galla keine Grenzen. Dreizehn in Löwen-
oder Leopardenfelle gekleidete Gouverneure führten nach und nach ihre
Truppen vor. Dann war die Revue beendigt und die ausgehungerten
Offiziere, Edlen, Höflinge und Geistlichen begannen mit wahrer Wuth über
das rohe Ochsenfleisch herzufallen und es in unglaublichen Mengen zu
vertilgen.

Acht- bis zehntausend Reiter waren versammelt gewesen, und das
Schauspiel, das von Morgens 9 Uhr bis Nachmittags 5 Uhr währte, hinterließ
einen wilden und ungewöhnlichen Eindruck. Die Bewaffnung und das
Reiten der Leute war vorzüglich und unter guter Führung von ihnen
Tüchtiges zu erwarten. Als dann die Nacht herniedersank, da wurde dem
Könige wie dem Volke von Seiten der Engländer noch ein Schauspiel
geboten, von dem jene sich nichts träumen ließen. Prächtige Raketen stiegen
zum tiefschwarzen Himmel empor und zerplatzten, Leuchtkugeln
entsendend, mit herrlichem Lichte. Menschen und Thiere, Alles wurde
rebellisch, und die Achtung vor den Gästen, welche Kometen an den
Himmel zaubern konnten, wuchs mehr und mehr. Schließlich wurde der
Scheiterhaufen aus Weidenruthen angezündet, und die Fackelträger führten
zu Ehren der Auffindung des heiligen Kreuzes einen Tanz auf.

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A n g o l l a l a, an der Gallagrenze, wurde etwa im Jahre 1830 gegründet und
vom Könige zur Hauptstadt des westlichen Theils von Schoa erhoben.
Hierhin begab man sich, nachdem das Maskalfest vorbei war, und 3000
Reiter bildeten das Geleit des Negus, der auf einem reich gezäumten
Maulthiere ritt. Vier- bis fünfhundert runde Hütten mit rohen Steinmauern
und Strohdächern bedecken die Abhänge einer Anzahl flacher Hügel, die ein
großes Viereck einfassen. Auf der Spitze des höchsten Hügels steht der von
sechs Reihen Palissaden beschützte königliche Palast, aus dessen Mitte ein
zweistöckiges, finstres Gebäude hervorragt, das ein Albanese erbaute und
welches trotz seiner Mangelhaftigkeit in Bezug auf Architektur alle übrigen
Gebäude Schoa’s überragt. Doch hat es von Erdbeben gelitten, und
„Erdbeben“, so meinte Se. Majestät, „sind ein übles Ding, denn sie werfen
Häuser und Menschen um“.

Vor dem Palaste, zu welchem ein steiler Weg hinaufführte, begrüßte eine
dichtgedrängte Menschenmenge den König und seine Gäste mit lautem
Jubelgeschrei. Küchen, Vorrathshäuser und Brauereien lagen rings um das
Gebäude, das mit dem langen Banketsaale, der Audienzhalle, den
Frauengemächern und einzelnen Zellen ein merkwürdiges, aber keineswegs
imponirendes Ganze ausmachte. Der Despot führte seine Gäste in den ersten
Stock, zu welchem man auf einer Leiter gelangte. Auf dem Fußboden, der
mit frischem Gras bestreut war, brannte in einem eisernen Ofen ein Feuer, an
welchem sich behaglich mehrere Katzen wärmten, die in keinem königlichen
Palaste fehlen. Im Alkoven befand sich ein schmuziges Lager, und wenige
Flinten machten den einzigen Schmuck der kahlen, weißgetünchten Wände
aus. „Ich habe euch“, hub der König an, „hier[pg 250]hergeführt, um euch
zu zeigen, was mir fehlt. Diese Gemächer müssen ausgeschmückt werden,
und ich wünsche, daß euer Maler (Herr Bernatz) sie mit Elephanten,
Soldaten und sonderbaren Darstellungen aus eurem Lande verziere. Jetzt
können meine Kinder sich entfernen.“

Die Nächte, welche die Gesandten hier verbrachten, waren keineswegs
angenehm; sie froren ungemein und wußten sich kaum vor der Kälte zu
schützen; in der Frühe hatte regelmäßig weißer Reif die Wiesen überzogen.
Auch am Tage bot sich ihren Augen gerade kein liebliches Bild. Rings um
den Palast lag Schmuz, Asche und Kehricht knöcheltief oder in großen
Haufen. Halbwilde Hunde fallen am Tage die Menschen an und lassen in der
Nacht wegen ihres grauenhaften Gebells Niemand schlafen. Kurz vor

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Sonnenaufgang weckt das Gekräh von tausend Hähnen die dennoch etwa
sich im Schlummer Wiegenden, und wer trotzdem noch nicht erwacht sein
sollte, wird durch das Gebrüll des um alle möglichen Dinge petitionirenden
Volkes aufgestört, welches unter dem Rufe „Abiet! Abiet! Meister! Meister!“
mit dem Frühgrauen sich zum Palaste drängt. Lernten Harris und seine
Gefährten auch in Angollala manches Interessante kennen, so war der
Aufenthalt daselbst doch keineswegs angenehm zu nennen.

In der Umgebung Angollala’s befindet sich das Naturwunder Schoa’s, die
S c h l u c h t d e r T s c h a t s c h a, zu welcher der König eines Tags seine
Gäste hinführte, doch war der Monarch an diesem Tage gerade schlechter
Laune, da sein Lieblingsroß, das er in der Schlacht einem mächtigen Galla-
Häuptling abgenommen hatte und das seinen Stall in der königlichen
Bettkammer hatte, durch die Unvorsichtigkeit eines Pagen umgekommen
war. „Was denkt ihr von meinem Galla-Graben? Habt ihr etwas Aehnliches
in eurem Lande?“ so redete der Herrscher seine Gäste an, als er sie an Ort
und Stelle geführt hatte, und in der That ließ sich schwerlich eine
großartigere und schauerlichere Naturscenerie denken, als sie die Schlucht
der Tschatscha zeigte. Die grünen Wiesen des Distriktes Daggi sind hier auf
eine seltsame Weise durch niedrige, kahle Hügelketten durchsetzt, zwischen
denen kleine Bäche dem tief unten gähnenden Erdriß zuströmen, welcher
den Boden gleich einem gewaltigen Spalt durchzieht. Felsig, zerrissen und
scharfkantig sinkt dieser Schlund plötzlich 1000 bis 1500 Fuß tief und über
eine Viertelstunde breit urplötzlich in der Ebene nieder. Seine aus felsigem
Gestein bestehenden Seitenwände sind dünn mit zartem Moose und
süßduftendem Thymian überzogen, und nur wenige armselige Hütten sind
auf einzelnen vorspringenden Terrassen der Wände angebracht, die sonst in
ihren düstern Höhlen den Wölfen und Hyänen Schlupfwinkel darbieten,
während hoch oben über dem gähnenden Abgrunde Geier und Adler ihre
Kreise in weiten Bogen ziehen. Der Aberglaube des Volks bevölkert aber den
Spalt mit allerlei Unholden, während der König nicht mit Unrecht in ihm die
beste Schutzwehr gegen die jenseit desselben wohnenden Galla sieht. Tief
unten auf dem Boden, nur mit Schwindeln anzusehen, murmelt in tausend
kleinen Wasserfällen gleich einem Silberfaden die Tschatscha hin, um ihren
Tribut dem mächtigen Nil darzubringen. Da, wo die Schlucht sich etwas
erweitert, liegen die königlichen Eisenwerke von Gurejo. [pg 252]Hier wird
auf rohe, echt afrikanische Art durch ein einfaches Ausschmelzen ein
ziemlich gutes Eisen gewonnen.

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Empfang des Negus beim Einzuge in Angollala. Nach M. Bernatz.

In einen dunkelgrünen Wachholderhain eingehüllt, erhebt sich auf einem
Hügel am jenseitigen Ufer das stille Städtchen T s c h e r k o s, dessen
Einwohner einst alle, Mann, Weib und Kind, über tausend an der Zahl, in
einer einzigen Nacht von den wilden heidnischen Galla unter Führung des
Rebellen M e d o k o hingeschlachtet wurden, zur Rache für eine ihm am
Hofe zu Ankober widerfahrene Beleidigung. Der stolze schöne Mann, auf
den alle Frauen des Landes mit nicht geringer Bewunderung schauten, trat
einst vor den König hin, brachte ihm 10 herrliche Streitrosse, 500 Ochsen,
20 Sklaven und zwei große Körbe voll Silberthaler, die gnädig angenommen
wurden. Aber die Hand der Prinzessin Worka Ferri, um die er darauf bat,
wurde ihm abgeschlagen und er selbst schnöde mißhandelt; der Beichtvater
des Königs trat ihm in das Gesicht, daß das Blut herunterlief, und die
Staatsfestung Gontscho nahm ihn auf. Wie durch ein Wunder entkam er
wieder zu seinen Galla, die, seinem Rufe folgend, in hellen Haufen
herbeieilten und Tscherkos nebst seinen Einwohnern verbrannten. Unter der

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Führung ihres Königs rückten nun die Schoaner aus, und bei Angollala kam
es zur blutigen, lange schwankenden Schlacht. Medoko unterlag und floh in
die geheiligten Asylräume des Klosters Affaf Woira, wo er sich sicher
wähnte. Da erschien dort eine feierliche Prozession, welche dem Rebellen
die Verzeihung des Königs überbrachte und ihn wieder zu Hofe kommen
hieß. Medoko folgte der Stimme zu seinem Unglück. Neuer Verrath wurde
gegen ihn gesponnen, und eines Nachts traten sechs Verschworene an sein
Lager, um ihn mit ihren Schwertern zu durchbohren. Noch einmal sprang der
verwundete, riesenkräftige Löwe auf, ein Blutbad unter seinen Mördern
anrichtend, dann sank er zusammen. Seinem Volke, das um ihn lange Jahre
trauerte, erschien er aber als Heros und Märtyrer, und die Fehden zwischen
Abessiniern und Galla nahmen mit erneuter Wuth ihren Fortgang.

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Die Galla.

Die Galla sind ein schöner Menschenschlag, dessen Physiognomie
kaukasisch ist. Ihre Sprache weicht bedeutend von den echt semitischen
Sprachen ab, aber in Konjugation, den Fürwörtern und vielen anderen
Wörtern verräth sie doch einen semitischen Charakter und bildet mit den
Sprachen der Danakil und Somalen eine eigene Familie des semitischen
Sprachstammes. Von ihren zahlreichen Unterabtheilungen haben Krapf und
Isenberg über fünfzig herausgefunden, welche fast alle voneinander
unabhängig sind, hier und da in Feindschaft miteinander leben, aber dieselbe
Sprache reden und ursprünglich dieselbe heidnische Religion hatten. Ueber
ihre Herkunft bestehen verschiedene Sagen. Die Muhamedaner aus Argobba,
östlich von Schoa, wollen sie aus Arabien herleiten; doch ist dies sehr
unwahrscheinlich. Dagegen bemerkt eine abessinische Schrift, welche Krapf
in Schoa zu sehen bekam, Folgendes: „Eine königliche Prinzessin von
Abessinien heirathete zur Zeit Nebla Denjel’s im 14. Jahrhundert, als die [pg
253]Königsfamilie noch auf dem Berge Endoto residirte, einen Sklaven, der
ein Hirte war aus dem Süden von Guragué, und gebar ihm sieben Söhne, die
alle das Geschäft ihres Vaters trieben und dessen Sprache redeten. Als sie
erwachsen waren, sammelten sie viel Volks um sich und gaben sich der
Raub- und Plünderungssucht hin, sodaß sie zuletzt die Abessinier
beunruhigten.“ Von einer Schlacht, die sie den letzteren in Guragué am
Flusse Galla lieferten, sollen sie den Namen erhalten haben, mit dem die
Abessinier und andere umwohnende Völker sie benennen. Sie selbst aber
heißen sich Ilmorma, Menschenkinder. Später, nachdem Granje mit seinen
muhamedanischen Horden Abessinien verwüstet hatte, ließen sich mehrere
Stämme von ihnen in Schoa nieder. Späterhin wiesen die neuen Könige von
Schoa den Wollo-Stämmen, die entweder damals schon den
Muhamedanismus angenommen hatten oder dasselbe später thaten, die
Nordgrenze von Schoa an, wo sie bis 1856 eine Schranke bildeten, welche
die Verbindung zwischen diesem Lande und Abessinien erschwerte, bis
König Theodoros II. Schoa und mit ihm die Wollo-Galla unterwarf. Diese
nördlichen Galla sind fanatische Muhamedaner geworden, während es den

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christlichen Abessiniern nicht gelungen ist, unter ihnen viel Proselyten zu
machen. Auch diesen heidnischen Galla gegenüber bewährt sich wieder die
afrikanische Regel: Der Islam siegt über das Kreuz.

Die ursprüngliche Religion der Galla ist eine Naturreligion. Sie verehren ein
höchstes, unsichtbares Wesen, welches sie W a k (Himmel) nennen. Ihn
betrachten sie als den Urheber aller Dinge und Geber aller Gaben, daher
richten sie ihre Gebete hauptsächlich an ihn. Obgleich sie keine bestimmte
Idee von ihm haben, so schreiben sie ihm doch Persönlichkeit zu und
glauben, daß er sich ihren Priestern im Traume offenbare, daß er zu ihnen
rede im rollenden Donner, sich ihnen zeige im leuchtenden Blitze, daß er
über Krieg und Frieden, Fruchtbarkeit und Theuerung entscheide. Jedoch
steht Wak nicht allein, sondern hat zwei Untergottheiten zu Gehülfen, deren
eine O g l i a, männlich, deren andere A t e t e, weiblich ist. Letzteren beiden
feiern sie gewisse Feste im Jahre, an welchen sie ihnen Opferthiere, Ziegen
und Hühner schlachten, sich ihre Gunst erbitten und ihren Willen durch
Besichtigung der Eingeweide der Opferthiere zu erfahren suchen. Die Feste
des Oglia werden im Januar und April, das der Atete im September gefeiert.
Dem Wak ist jeder Sonntag geweiht, den sie großen Sabbat nennen, zum
Unterschiede vom Sonnabend, welchen sie den kleinen Sabbat heißen.
Gewisse Bäume sind den Galla heilig; unter diesen opfern sie und verehren
ihre Götter. In besonders großer Achtung steht ein großer
Maulbeerfeigenbaum an den Ufern des Hawasch im südlichen Schoa. Hier
versammeln sich jährlich ihre Priester und Großen von mehreren Stämmen,
um Wak zu verehren und ihre Bitten an ihn zu richten. Dieser Baum heißt
Wadanabe und ist Sammlungsort der Galla von den verschiedensten
Stämmen; nur Weiber dürfen ihm nicht nahen. Ein anderer Baum, unter
welchem dem Wak jährliche Opfer gebracht werden, heißt Riltu. Während
sie opfern beten sie: „O Wak, gieb uns Tabak, Schafe und Ochsen, hilf uns,
unsere Feinde zu tödten. O Wak, führe uns zu dir, führe uns zum Paradiese
und führe uns nicht zum Satan“. [pg 254]Auch der Ahorn und der
Wanzabaum werden für heilig gehalten. Die Besichtigung der Eingeweide
der Opferthiere wird namentlich zur Entscheidung von Krieg und Frieden
angewandt. Sie nehmen das Fett aus der Bauchhöhle, legen es auseinander
und bestimmen die eine Seite für die Galla, die andere für ihre Feinde; die
Seite nun, auf welcher das meiste Blut in den Adern sich befindet, erhält den
Sieg. Die beiden Untergottheiten Oglia und Atete gebieten wieder über eine
Menge unsichtbarer Wesen, die sie Zaren nennen und denen sie gute und

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böse Eigenschaften zuschreiben; daher werden auch diesen Verehrung und
Opfer dargebracht. Zur Ausübung des Dienstes haben sie Priester (Kalitscha)
und Zauberer (Luba). Der Priester hat die Leitung der Gottesverehrung, die
Wahrsagung, Segen und Fluch u. s. w. zu besorgen. Er trocknet die zum
Wahrsagen gebrauchten Eingeweide, legt sich dieselben um den Hals und
zieht damit im Lande herum. Merkwürdig ist, daß ein ganzer Stamm der
Galla für heilig gehalten wird, und zwar sind dieses die Watos, die überall
frei umhergehen, segnen oder fluchen dürfen, ohne daß ihnen Jemand ein
Hinderniß in den Weg legte. Dieser Stamm behauptet im Besitze
ursprünglich reiner Galla-Natur zu sein, und seine Angehörigen heirathen
nur unter sich. Sie kennen kein anderes Geschäft als Segnen und Fluchen,
und weil Alles in dem Glauben steht, daß, was sie sagen, eintreffen müsse,
so sind diese Leute sehr respektirt. Kein Galla läßt einen Wato zu sich ins
Haus kommen, aber Lebensmittel in Menge werden ihnen, wo sie sich
zeigen, vor die Häuser gebracht, weil man im Unterlassungsfalle ihren Fluch
fürchtet. Sie lieben, wie die Waitos (vergl. S. 90), das Fleisch des
Flußpferdes, welches in großer Menge im Hawasch vorkommt.

Ueber den Ursprung der Menschheit haben die Galla einen dunklen
entstellten Begriff, jedoch scheinen sie nicht zu glauben, „daß alle von
einem Blute herkommen“. Sie sagen, ihr erster Stammvater habe Wolab
geheißen; Wak habe ihn aus Thon gebildet, ihm dann eine lebende Seele
gegeben und ihn am Hawasch angesiedelt. Ihre Eidschwüre verrichten die
Galla auf eine sonderbare Weise. Eine tiefe, enge Grube wird in den
Erdboden gegraben und in dieselbe steckt man einige Lanzen. Dann wird sie
mit einer Thierhaut bedeckt, und die Betheiligten schwören nun, daß, falls
sie ihr Versprechen nicht hielten, sie in eine solche Grube stürzen, ihre
Leiber mit Lanzen durchbohrt werden und ungerächt und unbegraben liegen
bleiben mögen. Einmal geschlossene Freundschaft soll heilig gehalten
werden, wenn sie auch unter den verschiedenen Stämmen selten zu sein
scheint, da diese sich stets untereinander befehden. Heirathet ein Galla, so
bekommt die Frau ihre Mitgift vom Vater; scheidet sie sich aber von ihrem
Manne, so behält der Mann das Heirathsgeschenk. Gewöhnlich heirathen sie
drei Frauen. Stirbt der Mann, so ist sein Bruder verpflichtet, die Witwe oder
Witwen zu heirathen. Die Sanktion der Heirathen erfolgt allemal durch den
Abadula oder Vorgesetzten mehrerer Dörfer. Tödtet ein Galla einen
Fremden, der nicht von seiner Nation ist, so erwirbt er sich dadurch viel
Ruhm, tödtet er einen Stammverwandten, so hat er, ist der Getödtete ein

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Mann, 100 Ochsen, ist es eine Frau, 50 Ochsen zu bezahlen. Da abessinische
Christen nebst [pg 255]den sie umgebenden Muhamedanern keine Mühe,
keine Schlechtigkeiten scheuen, Galla-Söhne und Töchter als profitable
Menschenwaare in den abscheulichen Sklavenhandel zu ziehen, so ist’s
natürlich, daß sie alle Fremden als Feinde betrachten. Abessinische Fürsten
wollten ihnen das elende Christenthum, welches sie selbst hatten, mit dem
Schwerte aufdringen; abessinische Mönche wagten ihr Leben selbst daran,
ihnen den Genuß des Kaffees und Tabaks nebst anderen, von den
Abessiniern für unrein gehaltenen Speisen und Getränken, abzuschneiden,
und dafür nicht das Evangelium, sondern strenge Fastengesetze und andere
Observanzen aufzubürden; kein Wunder, daß sie sich gegen Beides mit aller
Macht wehrten. Sie haben die Idee, daß sie sicher bald sterben müssen, wenn
sie Christen werden, und daher sehen sie auch die ihnen vorgesetzten
Christen mit Abscheu an. Tritt ein solcher Gouverneur seine Stellung an,
dann ruft das Volk einstimmig: „Möge er bald sterben, möge er bald
sterben.“

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Eine Galla (die Frau Eduard Zander’s).
Originalzeichnung von E. Zander.

Die Kriege zwischen Abessiniern und Galla haben eigentlich nie recht
aufgehört. So oft auch letztere unterlagen, so erhoben sie sich doch immer
wieder. Zu Tausenden verkaufen dann die biederen Christen die armen
Heiden und füllen sich die Taschen mit blanken Maria-Theresia-Thalern,
welche sie für die Menschenwaare erhalten.

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Ein Hauptsklavenmarkt ist Metemmé, die Hauptstadt des Gebietes Gallabat,
an der Grenze zwischen Abessinien und dem ägyptischen Sudan. Baker
besuchte dort 1862 die Sklavenhändler. Sie wohnten in großen Mattenzelten
und besaßen viele junge Mädchen von außerordentlicher Schönheit, deren
Alter [pg 256]zwischen neun und siebzehn Jahren wechselte. Diese
liebenswürdigen Gefangenen mit einer schönen braunen Farbe, zart
geformten Zügen und Gazellenaugen waren Gallamädchen, welche aus
ihrem Vaterlande an den abessinischen Grenzen von abessinischen Händlern
hierher geführt wurden, um in die türkischen Harems verkauft zu werden. So
schön diese Mädchen sind, taugen sie zu keiner schweren Arbeit und
kränkeln und sterben bald, wenn man sie nicht freundlich behandelt. Man
sieht mehr als eine Venus unter ihnen, und nicht genug, daß ihr Gesicht und
ihr Wuchs vollendet schön sind, beweisen sie denen, welche sie gut
behandeln, die größte Anhänglichkeit und werden sehr brave und treue
Frauen. Es liegt etwas eigenthümlich Gewinnendes in der natürlichen
Anmuth und Milde dieser jungen Schönheiten, deren Herz jenen tieferen
Liebesgefühlen, welche unter rohen und rauhen Stämmen selten bekannt
sind, eine rasche Antwort geben. Ihre Formen sind auffallend elegant und
anmuthig, die Hände und Füße namentlich außerordentlich zart. Die Nase ist
gewöhnlich leicht gebogen und mit großen und schöngeformten Oeffnungen
versehen. Das schwarze und glänzende, aber ziemlich grobe Haar, reicht
etwa bis zum halben Nacken hinunter. Obgleich diese Mädchen aus den
Gallaländern sind, bezeichnen sie sich stets als Abessinierinnen und sind
unter diesem Namen allgemein bekannt. Sie sind außerordentlich stolz und
hochgesinnt und lernen merkwürdig schnell. In Chartum haben sich mehrere
der angesehensten Europäer mit solchen reizenden Damen verheirathet,
welche ihren Männern ohne Ausnahme große Liebe und Ergebenheit
bewahren. In Gallabat betrug der Preis für eine dieser Schönheiten zwischen
25 und 40 Thalern. Einige Jahre nach Baker’s Aufenthalt (März 1865)
scheint aber der Handel mit Gallamädchen in Metemmé fast erloschen zu
sein und der schlechteren Waare vom Weißen Flusse Platz gemacht zu
haben, denn Graf Krockow, welcher damals dort war, bemerkt: „Die in
früheren Zeiten massenhaft für die Harems der Reichen exportirten jungen,
feurigen, abessinischen Mädchen kommen jetzt nur selten auf den Markt,
denn in ihrer Heimat hat das abscheuliche Treiben fast ganz aufgehört“ (?).

Jedenfalls stehen die Gallamädchen weit über den lasterhaften
Abessinierinnen und vermögen nach Umständen wohl auch einen Europäer

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zu beglücken. Lassen wir darüber einen Brief Eduard Zander’s vom 27. Juni
1854 reden: „Seit einem Jahre und einem Monat bin ich auf Befehl des
Regenten Ubié verheirathet, und vor zwei Monaten ist mir unter Gottes
Beistand auch ein Töchterlein geboren worden. Es ist ganz deutschen
Charakters, weiß und blond, sehr wohlgestaltet und schön und erhielt in der
Taufe nach abessinischem Ritus die Namen Maria Sophia. – Zwanzig
Monate sind jetzt verflossen, da veranstaltete Ubié eine großartige
Schmauserei, zu der an einem Tage nicht weniger als 300 Kühe
abgeschlachtet wurden; Alles war guter Dinge und der Honigwein floß in
Strömen. Auch ich war besonders von Ubié eingeladen worden; bei ihm
angelangt, befahl er sofort, daß ich mich neben ihn auf seine Alga setzen
sollte. Das Weilen auf diesem Platze gilt für die größte Auszeichnung bei
Hofe, welche nur den Mitgliedern des höchsten Adels zu Theil wird. Ubié
hatte mich im Laufe der [pg 257]Zeit genau kennen gelernt und sehr lieb
gewonnen, sodaß ich schon vor zwei Jahren in den hohen Adel erhoben
wurde und zu jeder Zeit ungehinderten Eintritt bei ihm hatte. An diesem
Tage war er ganz besonders heiterer Laune, er sprach viel mit mir und fragte
mich nach allen möglichen Dingen, unter anderm, warum ich nicht
verheirathet sei? Offen und rund heraus erklärte ich ihm denn, daß die
Töchter seines Landes mir keineswegs gefielen, da ihnen das, was wir an
den Frauen vor Allem schätzten, fehle, nämlich Ehrbarkeit und Tugend. Du
hast Recht, entgegnete mir Ubié, sie taugen alle nicht für dich, denn du bist
ein ordentlicher Mann. Ich werde selbst für dich sorgen und dir eine
passende Frau aussuchen. Kaum waren fünf Monate vergangen, so erfüllte
Ubié bereits sein Wort. Während dieser Zeit hatte er nach allen Richtungen
des Landes Boten ausgesandt, die für mich eine geeignete Frau suchen
sollten; keiner aber hatte eine schickliche gefunden. Da langten eines Tages
muhamedanische Kaufleute hier an, unter denen sich ein Sklavenhändler
befand, welcher sieben schöne Sklavinnen feil hatte. Ubié ließ sich die
Mädchen vorführen und suchte unter allen sieben die schönste aus, um sie
mir zum Weibe zu schenken. Das Vaterland meiner Frau ist Lima; die
Bewohner sind Galla, der Regent oder Oberhäuptling des Landes heißt
Ababokiwo. Meine Frau zählt jetzt 16 Jahre. Sie hat mich lieb gewonnen, ist
mir treu ergeben und von Charakter sanft, ihr Verstand ist scharf und hell.
Was sie aber besonders auszeichnet, ist Sittsamkeit und Tugend.“

In seiner Heimat, wo das Schwert des abessinischen Eroberers noch nicht
eindrang, ist der Galla ein freier, unabhängiger Mann, dem nur der

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Distriktsvorsteher oder Abadula und der oberste Häuptling oder Heiu zu
befehlen hat. Der Heiu regiert nur acht Jahre, alsdann tritt er ins Privatleben
zurück, weil dann ein anderer Heiu, ein Mann von kriegerischem Muthe und
Talent, gewählt wird. Sein Geschäft besteht darin, daß er durch den ganzen
Stamm zieht, alle Hauptangelegenheiten seines Staates schlichtet und
unterstützt und namentlich über Krieg und Frieden entscheidet. Dabei ist der
Ort, in welchem er sich gerade aufhält, verpflichtet, ihn zu unterhalten.

Stirbt ein Galla, so erhebt sich, wie fast im ganzen Oriente, allgemeine
bittere Klage. Ist der Verstorbene ein Hausvater, so rasiren sich, zum Zeichen
der Trauer, die Kinder am ganzen Leibe. Der Todte wird anständig begraben,
das Grab mit schönen Steinen bedeckt und eine Aloe darauf gepflanzt; dann
wird eine Kuh geschlachtet und von den Verwandten verzehrt. Sobald die
Aloe ausschlägt, glauben sie, die Seele des Verstorbenen sei zu Wak ins
Paradies gekommen. Jedoch meinen sie, daß auch in jener Welt alle
Nationen und Religionen ebenso geschieden sein werden wie hier. Galla,
Muhamedaner und Christen kommen jede Partei an ihren besonderen Ort,
um die guten oder üblen Folgen ihres Verhaltens in dieser Welt zu genießen.
Die Lüge scheint bei ihnen verpönter zu sein als bei ihren abessinischen
Nachbarn. Wird ein Galla als Lügner ertappt, so verliert er Sitz und Stimme
in den öffentlichen Versammlungen und wird der Verachtung preisgegeben.

[pg 258]
Was im Vorstehenden über die Galla mitgetheilt wurde, ist vorzugsweise den
Berichten Krapf’s und Isenberg’s entlehnt. Das Volk erscheint uns nach
diesen Mittheilungen weit liebenswürdiger und besser als seine
abessinischen Bedrücker. Ueber die Art und Weise, wie die letzteren gegen
die Galla verfahren, wie sie Land und Volk dieses Stammes auf das
Schmählichste verwüsten, darüber können wir uns am besten unterrichten,
wenn wir abermals der Erzählung des Major Harris folgen.

Wie die meisten anderen afrikanischen Potentaten, unternahm auch Sahela
Selassié keinen Krieg wegen des nationalen Ruhmes oder wegen der
öffentlichen Wohlfahrt; seine Kriege waren entweder Raubzüge oder auf die
Unterdrückung von Rebellen gerichtet, und das war auch jetzt wieder der
Fall, als er gegen die Galla auszog, wobei er den dringenden Wunsch
aussprach, von der Gesandtschaft begleitet zu werden; die Gegenwart
derselben sollte ihm Kraft, seinen Völkern neuen Muth verleihen. Nur für 20

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Tage wurde die Armee mit Lebensmitteln versehen, woraus man schließen
wollte, daß das Ziel des Feldzuges kein allzufernes war. Angollala war in
großer Aufregung und alle Handwerker damit beschäftigt, die Waffen in
Stand zu richten, während im königlichen Arsenale Tag und Nacht große
Thätigkeit herrschte. Bei dem abergläubischen Charakter der Abessinier war
vorauszusehen, daß erst das Schicksal befragt und nach guten oder bösen
Vorzeichen geforscht werden müßte. Priester und Mönche hatten in dieser
Beziehung alle Hände voll zu thun. Das Herabfallen eines Schildes vom
Sattelknopf, die Erscheinung eines weißen Falken sind ungünstige Zeichen,
während ein paar Raben Glück verheißen. Auch das Heulen der Hunde
während der Nacht wurde beobachtet, um daraus Schlüsse zu ziehen.
Endlich brach man auf und zwar in der größten Unordnung, um aber bald
wieder Halt zu machen, damit die zahlreichen Nachzügler sich sammeln
konnten. Vor der Armee wurde unter einem Baldachin von Scharlachtuch die
Bibel und die Bundeslade aus der Michael-Kathedrale in Ankober auf dem
Rücken eines Maulthieres vorangetragen, welche den sicheren Sieg gegen
den heidnischen Feind verleihen sollten; dann folgte auf reich gezäumtem
Maulthiere der König, umgeben von seinen Luntengewehrträgern und den
Musikanten mit Kesselpauken und Trompeten. An ihn schlossen sich an
Gouverneure, Offiziere, Mönche, Priester und zuletzt – das Sonderbarste von
allen: 40 Frauen und Fräulein, welche die königliche Küche zu versorgen
hatten. Soweit das königliche Gefolge, dem sich unter einer ungeheuren
Staubwolke, soweit das Auge reichte, Reiter, Krieger zu Fuße, Saumrosse,
Esel, Maulthiere, mit Zelten und Lebensmitteln beladen, sowie große
Scharen Weiber anschlossen, die mächtige Töpfe mit Bier und Honigwein
auf dem Rücken trugen. Alles in Unordnung malerisch durcheinander. Wenn
diese Masse sich niederließ, nahm das Lager einen Raum von anderthalb
Stunden im Durchmesser ein, in dessen Mitte das königliche Zelt und dabei
die Küche stand. Von Vorposten oder sonstigen Sicherheitsmaßregeln war
aber, selbst als man schon des Feindes Land betreten hatte, gar keine Rede.
Nicht wenig Aufsehen erregten die Bajonnetflinten, die bei diesem Zuge
zum ersten Male in praktischen [pg 259]Gebrauch kommen sollten, und die
Raketen, welche auf des Königs Wunsch die Engländer allabendlich steigen
ließen, um die Galla durch den Feuerregen derselben zu schrecken.

Früh am Morgen erschallten die N u g a r i t s oder Trommeln, um die
Mannschaften in den Sattel zu rufen, und in einer halben Stunde war die
Armee, die mittlerweile auf 15,000 Mann angeschwollen war, wieder auf

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den Beinen. Das militärische System Schoa’s ist ein rein feudales, da jeder
Gouverneur des Reiches im Verhältniß zu dem ihm unterstehenden Lande
ein Kontingent zu stellen gezwungen ist. Außer den Pferden, Waffen und
Lebensmitteln erhalten die Soldaten nichts und nur 400 Garden des Königs
bekommen Zahlung, nämlich 8 Amolen (Salzstücken) im Jahre, etwa 18
Groschen im Werthe, außer der Beköstigung, wie sie jeder königliche Sklave
auch erhält. Daß in einer so zusammengesetzten Armee wenig Disziplin
herrscht, läßt sich denken. Ohne Rücksicht für die der Reife
entgegengehende Ernte, die niedergetreten wurde, wälzte sich die Schar,
einem Heuschreckenschwarme gleich, Alles vor sich aufzehrend, in
südwestlicher Richtung weiter, ohne daß die Einzelnen wußten, wohin der
Raubzug eigentlich gehe, denn der König bewahrte das Geheimniß seines
Zieles so streng, daß nicht einmal seine höheren Offiziere davon unterrichtet
waren.

Nichts konnte einförmiger sein als der Landstrich, den man zuerst durchzog.
Weite, grasige, wellenförmige, mit Feldern durchsetzte Ebenen, ohne einen
einzigen Baum dehnten sich vor dem Heere aus. Verschiedene kleine Bäche
und Flüsse, die dem Nile zuströmen, wurden überschritten, und Se. Maj.,
dem es zu viel wurde, immer zu reiten, wollte zur Abwechselung einmal
gehen, stieg ab und ließ sich ein paar Pantoffeln reichen, die aber bald im
Kothe stecken blieben, sodaß der König schließlich vorzog, gleich seinen
Unterthanen barfuß einherzuschreiten. In der weiten, von Hügeln
umschlossenen Ebene Abai Deggar wurde plötzlich der Befehl ertheilt, das
Lager aufzuschlagen und die Umgebung auszuplündern. Sogleich rückten im
vollen Galopp die Reiterbanden nach allen Richtungen aus, brannten die
Dörfer nieder, zertraten das Getreide und trieben das Vieh ins Lager.
Fortwährend herrschte die größte Unordnung im Heere, das nur in losen
Haufen, weit zerstreut marschirte, und so eher den Anblick einer
geschlagenen als einer vordringenden Armee darbot. In ihren kurzen, weiten
Beinkleidern, den Leib mit der langen Binde umwickelt, mit dem
Leoparden- oder Löwenfell auf der Schulter, mit Speer und Schild
bewaffnet, setzten die Reiter durch den schlammigen Boden, der auch des
Nachts ihr einziges Lager war; viele blieben aber liegen und gingen an den
Strapazen zu Grunde, da es in der Nacht gewöhnlich fror.

An der 1200 Fuß hohen Gebirgskette G a r r a G o r f u war endlich das Ziel
erreicht. Langsam zog die Armee zum Rücken der Berge hinauf, während

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rechts und links Scharen abschwenkten, um den Feind zu umgehen. In einer
Breite von vier bis fünf und einer Länge von etwa zwölf Stunden bilden die
mit Feldern bestandenen Garra-Gorfu-Berge eine Wasserscheide zwischen
Nil [pg 260]und Hawasch; an ihnen wohnen die S e r t i e - G a l l a, die sich
seit langer Zeit schon in offenem Aufstande gegen den König befanden, d. h.
sie hatten die verlangten Steuern nicht bezahlt und sogar eine zur
Eintreibung derselben abgesandte Reiterschar von 800 Mann erschlagen.
Jetzt nahte der Tag der Rache für den verweigerten Gehorsam.

Gleich einem angeschwollenen Strome ergoß sich das Heer über die
friedliche Landschaft, deren Bewohner nichts Böses ahnten, und nun rückten
15,000 blutgierige Barbaren gegen sie heran. Ruhig bestellte noch der
friedliche Landmann sein Feld, die Weiber gingen ihrer Beschäftigung nach
und auf den blumigen Wiesen weidete das Vieh. „Möge der Gott, welcher
der Gott meiner Väter ist, uns stärken und verzeihen!“ sprach
wuthfunkelnden Blickes der christliche König und gab damit das Zeichen
zur Verwüstung. Dorf auf Dorf wurde niedergebrannt, bis die Luft durch den
Rauch verfinstert war, der Speer des Kriegers durchsuchte jeden Busch nach
Flüchtigen. Weiber und Kinder wurden in hoffnungslose Sklaverei
abgeführt; alte und junge Männer erbarmungslos erschlagen und die Herden
weggetrieben. Jeder Krieger wollte es dem andern an Blutdurst und
Grausamkeit noch zuvorthun. Ganze Familien wurden umringt und
niedergespeert; Unglückliche, die auf die offene Ebene sich flüchteten,
gleich einem Wild verfolgt und zusammengehauen; drei- oder vierjährige
Kinder, welche auf Bäume geklettert waren, herabgeschossen, wie man
Vögel vom Baume schießt. Nach Verlauf von zwei Stunden verließ das Heer
wieder, mit Beute beladen, das verwüstete Thal. Da, wo die Stätte eines
friedlichen Ackerbaus gewesen, wo glückliche Menschen gewohnt, hörte
man nur das Knistern der zusammenbrechenden, niedergebrannten Balken
und das Schreien der Geier, die, vom Leichengeruch angelockt, aus weiter
Ferne herbeigezogen kamen. Das ist der abessinische Krieg, so war er einst,
so war er bis heute unter Theodoros: Ueberfall, Mord, Raub, Schlächterei –
selten eine offene Feldschlacht kennzeichnen ihn.

Das Nachtlager der siegreichen Armee bot einen teuflischen Anblick dar.
Ueberall flammten die Feuer, bluteten die geschlachteten Schafe, wieherten
laut die Rosse, brüllten siegestrunken die Krieger oder weinten leise die
gefangenen Gallamädchen. Die Speere und Schilde der grimmigen Krieger,

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welche ihre Hände in das Blut unschuldiger Kinder getaucht hatten,
funkelten durch die Nacht; erst allmälig erstarb der wüste Lärm, und die
Nacht deckte ihren dunklen Schleier über die barbarischen Scenen des
Tages.

Nach dieser blutigen Fehde hielt der König seinen triumphirenden Einzug
erst in Angollala, dann später in der Landeshauptstadt Ankober, welche er
seit der Ankunft der britischen Gesandtschaft in Schoa nicht besucht hatte.
Erwartet von der gesammten Priesterschaft und den Einwohnern, von den
königlichen Pauken und den Staats-Sonnenschirmen, seinen Kriegern,
Generalen und der britischen Gesandtschaft geleitet, zog er in die jubelnde
Stadt ein, deren Dächer, Palissadenzäune und Straßen mit einer dichten
Menschenmasse erfüllt waren. Der Lärm und die Musik dauerten so lange
an, bis der König und sein Gefolge [pg 261]den steilen, gewundenen Pfad
zum Palaste hinaufgestiegen, die neun Thorwege passirt und im innersten
Hofraume Platz genommen hatte. Hier ließ sich Se. Maj. in einem erhöhten
Alkoven, seinem Throne, nieder; dann ertönte wieder die große Pauke und
dreihundert im Hofe sitzende Kebsweiber begannen in die Hände zu
klatschen, während eine Tänzerin vor dem Herrscher ihre Sprünge machte
und ein selbst gedichtetes Lied zu dessen Lobe sang. Wenn sie einen Vers
geendigt und z. B. gesagt, daß der Fürst, der stets über seine Feinde
triumphirt hatte, niemals seine königliche Stirn mit einem schöneren
Siegeskranze geschmückt hätte als gerade jetzt, wandte sie sich nach der
Menge um. Mit lautem Geschrei fiel diese als Chorus in ihren Vers ein. Die
Krieger heulten dann laut vor Freuden, die Großen des Reichs, die
Häuptlinge, Gouverneure und Generale klatschten in die Hände und die vor
dem Palaste versammelte Menge erwiderte mit lautem Jubelgeschrei diesen
Siegesjubel, während, um die Freude voll zu machen, die britischen
Artilleristen ihr Geschütz abbrannten.

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Siegesfest in Ankober. Nach M. Bernatz.

Am Tage des Erzengels Michael, dessen Kirche unmittelbar neben dem
Palaste steht, nahm um Mitternacht Sahela Selassié das heilige Abendmahl
und stattete Gott ein Dankgebet für den errungenen Sieg ab. Die Bundeslade,
die ihm im Kriege Glück gebracht, wurde wieder in feierlicher Prozession an
ihre [pg 262]alte Stelle in der Michaelskirche gesetzt und den Armen
reichlich Almosen gespendet. So schloß das Siegesfest.

Mit Erlaubniß des Königs unternahm die britische Gesandtschaft
verschiedene Streifzüge durch das Land, namentlich in die nördlichen
Galladistrikte. Heimgekehrt nach Angollala kam sie ihrem Ziele, dem
A b s c h l u s s e e i n e s H a n d e l s v e r t r a g e s mit Schoa, immer näher,
gegen den der König sich anfangs sehr gesträubt hatte. Die Artikel wurden
sauber auf Pergament aufgesetzt und ein Tag zu dessen Unterzeichnung
bestimmt.

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Zur bestimmten Stunde lagerte Se. Maj. im Alkoven, umgeben von den
Würdenträgern seines Reiches. Das künstlerisch ausgestattete Dokument,
auf dem die heilige Dreieinigkeit als Schoa’s Wappen und das königlich
englische Siegel angebracht waren, wurde vor Sahela Selassié in englischer
und amharischer Sprache verlesen. Unter den 16 Artikeln befanden sich auch
solche, welche eine förmliche Umwälzung in vielen der bisher in Schoa
geltenden Anschauungen hervorbrachten. So wurde das Recht der Krone,
das Eigenthum fremder im Lande verstorbener Personen ohne Weiteres sich
aneignen zu können, aufgehoben, viele Monopole beseitigt und den Fremden
gestattet, wieder nach dem Besuche des Landes in ihre Heimat zurückkehren
zu dürfen, was vorher nicht der Fall war. Tekla Mariam, der königliche
Notar, kniete mit dem aufgerollten Dokumente vor dem Lager Sahela
Selassié’s, dem er die Feder zum Unterschreiben der Stelle darreichte,
welche lautet: „So geschehen und beschlossen zu Angollala, der Galla-
Hauptstadt Schoa’s, zum Zeichen dessen wir unsere Unterschrift und Siegel
hier beisetzen, Sahela Selassié, Negus von Schoa, Ifat und der Galla.“ In
Gegenwart hoher Beamten drückte dann der Schreiber noch das königliche
Siegel – ein Kreuz, um welches das Wort Jesus geschrieben ist – unter den
Handelsvertrag, der dem Kapitän Harris vom Könige mit folgenden Worten
eingehändigt wurde: „Ihr habt mich mit köstlichen Geschenken erfreut. Das
Gewand, welches ich trage, der Thron, auf dem ich sitze, die vielen
Merkwürdigkeiten in meinen Magazinen, die Flinten, welche in der großen
Halle hängen, sie stammen alle aus eurem Lande. Was kann ich euch
dagegen bieten? Mein Königreich ist so viel wie Nichts.“

Kurze Zeit darauf wurde der König, dessen Lebenswandel nicht der solideste
war, wieder einmal sehr krank und ließ die englischen Aerzte rufen, um ihn
zu kuriren. Jammer und Elend mochten sein Herz erweichen und er faßte,
gleichsam um die Vorsehung mit sich zu versöhnen, den Entschluß, alle
seine männlichen Verwandten, die er bisher im Staatsgefängniß zu Gontscho
bei Ankober gefangen hielt, zu befreien und auf diese Weise einen Damm zu
durchbrechen, den eine barbarische Sitte seiner Vorfahren um den Thron
errichtet hatte. Die Könige von Schoa nämlich hatten, nach erlangter
Unabhängigkeit von den übrigen Abessiniern, es zur Gewohnheit gemacht,
daß Jeder von ihnen bei seiner Thronbesteigung alle seine Brüder in ein
Staatsgefängniß einsperrte, und nur die Schwestern, von denen keine
Mitbewerbung um den Thron zu fürchten war, behielten ihre Freiheit. Daß in
einem despotischen Staate wie [pg 263]Schoa sich allerdings eine solche

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Maßregel empfehlen konnte, geht aus der früheren Regierungsgeschichte des
Königs Sahela Selassié hervor, da einer seiner Brüder, der die Freiheit
behalten und sich dem Klosterleben gewidmet hatte, selbst das
Mönchsgewand dazu benutzte, um hier und da im Lande Revolutionen
anzustiften. Die Könige von Schoa nahmen bei jener barbarischen Sitte nur
das Verfahren der sogenannten salomonischen Dynastie in Abessinien im
Allgemeinen sich zum Muster, und erst im vorigen Jahrhundert wurde diese
Sitte in Amhara und Tigrié abgeschafft. S e i t d e m h e r r s c h t e a b e r
dort auch beständiger Bürgerkrieg.

Das war das letzte bemerkenswerthe Ereigniß, welches die britische
Gesandtschaft während ihres Aufenthaltes in Schoa niederzuschreiben hatte,
denn bald darauf erfolgte ihre Abberufung.

Durch einen in England eingetretenen Ministerwechsel war die
Gesandtschaft in Schoa unfreundlich berührt worden, indem die neue Tory-
Regierung einer Fortsetzung der Verbindung mit Schoa ungünstig war und
die Gesandtschaft zurückberief. Kapitän Harris hatte jedoch sich gegen die
Zurückberufung gesträubt und sich angeboten, ohne seinen Gehalt als
Gesandter mit seiner bloßen Pension als Kapitän der Artillerie in Ankober zu
bleiben. Da keine Antwort hierauf eintraf und die Gesandtschaft an allen
Mitteln Mangel litt, mußte Kapitän Harris sich endlich im Februar 1843,
nachdem er 18 Monate in Schoa verweilt, zur Umkehr entschließen. Erst in
der Grenzstation Farri erhielt er von der Regierung in Bombay Gegenbefehl;
allein es war nun zu spät, da keiner außer Harris selbst Lust zur Umkehr
spürte. In Erwiederung auf jene glänzenden Gaben, die der König von Schoa
von England erhalten, schickte dieser nun der Königin Viktoria ein hübsches
Maulthier, einige naturhistorische Merkwürdigkeiten und einige Gold- und
Silberarbeiten als Industrieerzeugnisse seines Landes zu Gegengeschenken.
Auf Verlangen der Gesandtschaft hatte Sahela Selassié derselben auch zwei
seiner Soldaten als Boten mitgegeben, um die freundschaftlichen
Gesinnungen, die man von ihm erwartete, der britischen Regierung
auszudrücken.

Noch einige Jahre lebte Sahela Selassié, dessen Ruf durch verschiedene
Reisende durch ganz Europa drang; dann segnete er das Zeitliche und erhielt
in Hailu Melekot einen weit weniger energischen Nachfolger. Nicht allein,
daß die Galla gegen diesen mit erneuerter Macht auftraten und seinen Thron

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erschütterten – sondern die Selbständigkeit Schoa’s ging unter ihm
zeitweilig verloren, indem im Jahre 1856 die neu aufgegangene Sonne,
Theodoros II., den Staat mit Gesammtabessinien vereinigte. Erst als dieser in
den Krieg mit England verwickelt wurde, gelang es dem Enkel Sahela
Selassié’s, dem jungen Menilek, seine Krone wieder zu erlangen. Der
folgende Abschnitt, welcher die so merkwürdige neueste Geschichtsepoche
Abessiniens behandelt, giebt darüber Auskunft.

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[pg 264]

Südwestfront des Gemp in Gondar. Nach einer Originalzeichnung von E. Zander.

Theodoros II., Negus von Aethiopien.

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Bewegte Jugend. – Der Emporkömmling. – Schlacht von Debela und
Königskrönung. – Rebellenkriege. – Reformen. – Abessinische Heere und
Kriegspraxis. – Verwicklungen mit den Missionären. – Gefangennahme
Cameron’s und Streitigkeiten mit England. – Magdala. – Beginn der
englischen Invasion. – Erstürmung von Magdala und Tod Theodor’s. –
Rückzug der Engländer.

Im äußersten Westen Abessiniens, angrenzend an das den Aegyptern
unterthane Gebiet, liegt die Provinz K o a r a, bekannt durch die besondere
Sprache, welche, abweichend von derjenigen des übrigen Landes, ihre
Bewohner reden. Dort sowol als in dem benachbarten Fürstenthum Sana
regierte seit alten Zeiten eine adlige Familie, die im Beginn dieses
Jahrhunderts durch den Detschas Hailu Mariam repräsentirt wurde. Seine
Frau, die sich rühmen konnte, aus noch vornehmerem Geschlechte
abzustammen, da sie mit der „salomonischen Dynastie“ verwandt war, gebar
ihm im Jahre 1820 einen Sohn, der K a s a genannt wurde. Gewiß war es
dem Knaben, der später den Namen Theodor II. führte, [pg 265]nicht an der
Wiege gesungen, daß er einst über ganz Aethiopien als Negus herrschen und
seine Widersacher niederwerfen werde; denn obgleich aus herzoglichem
Geschlecht, bezeichneten seine frühesten Jahre doch das Elend und die Noth.
Beim Tode seines Vaters theilten die Verwandten das Erbtheil Kasa’s unter
sich und zwangen die aus königlichem Blute entsprossene Mutter, sich durch
den Verkauf von Heiltränkchen und Kusso (dem Mittel gegen den
Bandwurm) zu ernähren. Der Knabe aber fand im Kloster Tschankar am
Tanasee, südlich von Gondar, Aufnahme, um sich dort zum Debtera
heranzubilden. Daß er dort den Studien fleißig obgelegen und erlernt hatte,
was man in Abessinien erlernen kann, dafür zeugt seine spätere Laufbahn, in
welche der arme Student der Gottesgelahrtheit durch einen Zufall
hineingeführt wurde. Es war zu Anfang der vierziger Jahre, als wieder
einmal ein Rebell die Provinz Dembea heimsuchte und sengend und
brennend von Ort zu Ort zog. Auch das Kloster Tschankar wurde überfallen
und dort ein Blutbad angerichtet, dem der junge Kasa nur mit Mühe entkam.
Mit einem Haufen Abenteurer durch das Land ziehend, führte er ein
Räuberleben und schwang sich bald zum Befehlshaber derselben empor.
Durch glückliche Erfolge kühn gemacht, beschloß er, sich eine Provinz zu
erobern, und fiel zunächst über Dembea her, wo damals die kluge und
grausame Fürstin M e n e n e, die Mutter des Ras Ali, herrschte. An der

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Spitze ihrer Truppen stellte sich die beherzte Frau dem jungen Rebellen
entgegen; doch das Schicksal entschied gegen sie. Geschlagen wußte sie
doch dem Unheil noch die beste Seite abzugewinnen und den Kasa an sich
zu fesseln, indem sie ihm ihre Enkelin T s u b e d s c h e, die Tochter des Ras
Ali, zur Frau gab. Dem Muthigen hilft das Glück! dachte Kasa, in dessen
Kopf nun großartige Pläne sich zu entwickeln begannen; die Aegypter hatten
Galabat erobert und gegen die Hauptstadt dieser Provinz, Metemmé, richtete
er nun seinen ersten Angriff. Es war gerade Markttag, als er heranrückte und
mit seinen Gefährten den Ort überfiel, ausplünderte und mit großer Beute
sich zurückzog. Indessen die Rache folgte auf dem Fuße. Kasa gerieth am
Flusse Rahad zwischen zwei Compagnien regulärer ägyptischer Infanterie
und wurde gründlich geschlagen. Seine Bande zerstreute sich und er selbst
flüchtete mit einer Kugel in der Schulter in das Innere des Landes. Von Allen
verlassen, hülflos und ohne die geringsten Mittel wandte er sich nun an die
Fürstin Menene; allein diese wies ihn spöttisch zurück und ihr General, der
Detschas Underad, wagte es sogar, ihn wegen seiner Herkunft als Sohn einer
Kussoverkäuferin zu verspotten. Da ergrimmte Kasa, sammelte Anhänger
und schlug Menene sammt ihrem General, die gefangen wurden. Als man sie
vor ihn führte, redete er sie folgendermaßen an: „Liebe Leute! Wie ihr ganz
richtig bemerkt habt, bin ich der Sohn einer Kussoverkäuferin und ihr
erinnert mich, daß meine Mutter heute noch Nichts abgesetzt hat. Macht
diesen Fehler gut und trinkt gefälligst diese Flasche aus.“ Und damit zwang
er sie, das abscheulich schmeckende, kräftig wirkende Abführungsmittel zu
verschlucken.

Nun war Kasa Herr von Dembea und Gondar, wo sein Einfluß von Tag zu
Tag wuchs. Als darauf, um ihn niederzuwerfen, sein eigener Schwiegervater,
[pg 266]Ras Ali, gegen ihn auszog, wurde auch dieser besiegt und mußte
1852 nach Debra Tabor, später zu den Galla fliehen. Kaum war dieser aus
dem Felde geschlagen, so rückte der Detschasmatsch G o s c h u aus
Godscham gegen Kasa vor, um den Emporkömmling zu züchtigen. Wieder
wandte sich das Geschick und Kasa, an den Ufern des Tanasees geschlagen,
flüchtete in ein Maisfeld. Ihm nach sprengte Goschu, laut ausrufend: „Wer
fängt mir diesen Vagabunden ein?“ Kaum hatte er die Worte gesprochen, als
ein wohlgezielter Schuß Kasa’s ihn niederstreckte, der nun, aus seinem
Verstecke hervorspringend, Goschu’s Truppen zurief: „Schaut, euer Fürst ist
hin, und ihr seid Hunde, was wollt ihr machen?“ Entmuthigt durch den Tod
ihres Führers streckten die meisten die Waffen und der Rest fiel unter dem

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Schwerte der wieder gesammelten Truppen Kasa’s. Mit dem Falle dieses
letzten Häuptlings hatte Kasa das ganze centrale Abessinien sich
unterworfen und nur noch Schoa und Tigrié waren unbesiegt. In ersterem
Staate herrschte unabhängig H a i l u M e l e k o t, der Sohn Sahela
Selassié’s, in letzterem der alte U b i é. Der nächste, welchen das Schicksal
betreffen sollte, war Ubié, doch mußte Kasa mit diesem alten schlauen
Greise anders zu Werke gehen, als mit den übrigen Gegnern. In Adoa, Ubié’s
Hauptstadt, spielten damals die katholischen Missionäre, namentlich de
Jacobis, eine große Rolle, welche den alten Ubié ganz für sich eingenommen
hatten und ihm Frankreichs Schutz zusagten, während sie den Abuna Abba
Salama zu verdrängen suchten. Hierauf baute Kasa seinen Plan. Um den
Kirchenfürsten, der durch die Katholiken seine Macht immer mehr
geschmälert sah, auf seiner Seite zu haben, ließ er ihn von Adoa nach
Gondar kommen und versprach ihm, wenn er ihn zum Könige krönen wolle,
die Katholiken zu vertreiben. Der Vertrag wurde geschlossen, die Katholiken
zuerst aus Amhara verjagt und Ubié aufgefordert, sich zu unterwerfen und
Tribut zu bezahlen. Allein dieser, der 25 Jahre lang im Schoße des Glücks
gesessen und an sein Ende nicht glauben mochte, ließ es auf eine
Entscheidung durch die Waffen ankommen.

Groß und bedeutend waren die Vorbereitungen, die von beiden Seiten zum
Feldzuge getroffen wurden, denn der Tag, welcher über Abessiniens Zukunft
entscheiden sollte, war gekommen.

Ueber die Hochebene von Woggara rückte im Januar 1855 das Heer des
Emporkömmlings nach Semién vor; ihm entgegen zog von der Enderta her
der alte Ubié. Immer höher winden sich die Truppen in die Alpenpässe
hinauf, immer schneidender wird die Luft dort oben und der Schnee läßt
seine weißen Flocken auf die braunen, leichtgekleideten Krieger
herniederfallen, die in gedeckter Stellung am Fuße des mächtigen Bachit
sich treffen und zögernd einander beobachten. Hier das Alter, die Erfahrung
und eine erprobte Macht; dort die Jugend, die Thatkraft und die
Siegesgewißheit, welche rasche Erfolge und Glück verliehen haben. Schon
zaudert man wochenlang – da bricht mit einem Male – es war am 9. Februar
– Ubié mit seiner gesammten Streitmacht auf. Beim Dorfe D e b e l a kommt
es zur entscheidenden Schlacht, in der Ubié’s Heer vernichtet, er selbst
gefangen, einer seiner Söhne getödtet wurde. 7000 Flinten [pg 267]und zwei
vom Könige Ludwig Philipp geschenkte Kanonen nebst einem Schatz von

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60,000 Thalern fielen mit der kurz darauf folgenden Einnahme der Festung
Amba Hai in die Hände des glücklichen Kasa, der nun am Ziele seiner
Wünsche angelangt war.

Nicht fern von der Wahlstatt steht die von unserm Landsmann Eduard
Zander erbaute Kirche D e b r E s k i é. Dorthin begab sich schon zwei Tage
nach der Schlacht, umringt von seinen Generalen und geführt vom Abuna,
der siegreiche Sohn der armen Kussohändlerin. Sein Stern war glänzend
aufgegangen und dem glücklichen Krieger fuhr der Gedanke durch die
Seele, daß er berufen sei, das große äthiopische Reich wieder aufzurichten.
Er glaubte sich zu hohen Dingen auserkoren. Ging doch unter den
abessinischen Christen die alte Sage, es werde einst ein Kaiser T a d r o s
(Theodoros) erstehen, um den Glanz Aethiopiens wieder herzustellen, das
Land groß, das Volk frei und glücklich zu machen; er sei vom Himmel dazu
bestimmt, die Muhamedaner zu überwältigen und Mekka sammt Medina zu
zerstören. Daran anknüpfend, ließ sich nun Kasa vom Abuna Salama in der
Kirche zu Debr Eskié am 11. Februar 1855 zum Negus über Aethiopien
krönen, wobei er den Thronnamen Theodor II. annahm. De Jacobis und die
Katholiken mußten nun unter Androhung der Todesstrafe schleunig das Land
räumen.

Nachdem Theodor nothdürftig durch Einsetzung eines Statthalters sein
Ansehen in dem noch keineswegs ganz unterworfenen Tigrié hergestellt,
beschloß er, zunächst Schoa zu unterjochen, wozu theologische
Spitzfindigkeiten, nämlich die Frage von den zwei oder drei Geburten
Christi (vergl. S. 112) den Vorwand hergeben mußten. Durch Wollo-Galla
zog er auf Schoa zu, dessen schwacher König, H a i l u M e l e k o t, an
einem entscheidenden Tage die Krone verlor und bald darauf starb.
Nachdem noch die Provinz Godscham von Rebellen gesäubert war, hielt der
siegreiche Fürst im Mai 1856 seinen feierlichen Einzug in die alte
Kaiserburg zu Gondar. Nominell reichte jetzt sein Land, das den Kern des
alten äthiopischen Reichs umfaßte, vom Hawaschflusse bis zur Samhara.
Aber es hätte nicht Abessinien heißen müssen, um Ruhe zu haben: von allen
Seiten regte es sich, um den König wieder niederzuwerfen, und der
Bürgerkrieg brach mit seiner ganzen Wuth von Neuem in Tigrié aus.

Ein Neffe des entthronten Ubié, A g a u N e g u s i, setzte sich im
nordwestlichen Tigrié fest und vertrieb den Statthalter Theodor’s. Negusi

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war ein gutmüthiger, löwenherziger Jüngling, dem es nur an festem Willen
fehlte. Fünf Jahre lang war er Herrscher über Tigrié an der Spitze einer
glänzenden Armee, weil Theodor von Ahmed Beschir, der sich an die Spitze
der räuberischen Galla gestellt, nicht loskommen konnte. Unterdessen
knüpfte Negusi mit Frankreich Verbindungen an, stand in nächster
Beziehung zu den französischen Agenten in Massaua und zu dem Bischof de
Jacobis, welchem, wie wir gesehen haben, das Betreten des abessinischen
Territoriums bei Todesstrafe verboten war. Ein Brief Negusi’s an Herrn von
Lesseps, in welchem er anbietet, sich Frankreich unterwerfen zu wollen,
wurde in Massaua verfaßt, und Negusi soll kaum soviel [pg 268]Kunde
davon gehabt haben, als von der Abschickung einer Gesandtschaft nach
Frankreich, durch welche den Franzosen unter der Bedingung, daß sie ihn
beim Umsturz der jetzigen Dynastie begünstigen wollten, die Bai von Adulis
und die Insel Dessi geschenkt wurden. Ein Kapitän Russel mit einigem
Gefolge wurde sofort von Paris nach Massaua geschickt, um mit dem
„Empereur Negousi“ zu verhandeln, der stündlich auf die versprochenen
französischen Hülfstruppen sammt Waffen wartete. Diese erschienen jedoch
nicht. Nachdem Russel’s Ankunft bekannt geworden, ging er nach Halai,
dem Grenzorte zwischen Abessinien und dem Küstenlande, wo Jacobis seit
seiner Vertreibung wohnte. Allein die Anhänger Theodor’s setzten ihn, da
mittlerweile Negusi geschlagen war, gefangen, und nur auf Jacobis’ Garantie
wurde er freigelassen, allein unter der Bedingung, daß er dessen Haus nicht
verlasse. Doch Russel entfloh in der Nacht des 5. Februar 1860, wodurch
Jacobis in große Verlegenheiten gerieth. Dieser blieb einen Monat in
schmählicher Gefangenschaft, mußte ein Lösegeld bezahlen und starb kurz
nach seiner Rückkehr nach Massaua infolge der Strapazen. Damit hatte die
glänzende französische Intervention ihr Ende.

Der Untergang und Fall Negusi’s selbst war ein höchst tragischer. Als
Theodoros Zeit fand, nach Tigrié zurückzukehren, entzog sich Anfangs
Negusi durch eine kühn ausgeführte Bewegung seiner Verfolgung; er nahm
den Rückzug, weil er wußte, daß seine Soldaten sich nie gegen Theodoros
schlagen würden. Im folgenden Jahre, 1861, kam der König abermals über
den Takazzié und diesmal erwartete ihn Negusi mit einem an Tüchtigkeit
überlegenen Heere; er erklärte als ein guter Ritter auf seinem Rosse siegen
oder sterben zu wollen. Aber sein Heer, das fünf Jahre mit ihm gezecht hatte,
ließ ihn im Stich. Ein panischer Schrecken ging durch das Lager; Theodor
erließ eine Proklamation, worin er jedem Soldaten Pardon anbot. Auf dieses

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hin zerstreute sich das Heer und Negusi wurde sammt seinem Bruder
Tesama auf der Flucht gefangen genommen. Theodoros ließ sie vorführen
und beiden die linke Hand und den rechten Fuß abhauen, und um die
Schmerzen noch qualvoller zu machen, verbot er, ihren brennenden Durst zu
löschen. Tesama starb noch an demselben Tage. Negusi lebte bis zum dritten
Tage und man machte seinen Leiden durch einen Lanzenstich ein Ende. Die
Kirchen strömten vom Blute der Hingerichteten und als eine Deputation der
Geistlichen in Axum vor Theodor erschien, äußerte dieser: „Ich habe einen
Bund mit Gott abgeschlossen, er hat versprochen mich auf Erden nicht zu
schlagen; ich dagegen habe gelobt, nicht in den Himmel zu steigen und ihn
zu bekämpfen!“

Nachfolger Negusi’s als Gegenkönig und Rebell wurde ein gewisser M a r i t,
der jedoch im Oktober 1861 durch den alter ego des Kaisers Theodor, den
Detschas Salu von Tigrié gefangen und in Ketten gelegt wurde. Die Waffen
erhielten diese Rebellen durch einige Oesterreicher über Aegypten und
Massaua.

Doch diese ganze Empörung ist ein gewöhnliches Stück abessinischer
Geschichte, wobei nur die dem Negusi zugeschriebene Bedeutung auffällt,
während dieses doch nicht der Mann war, um einem Theodor, dessen Namen
allein ein [pg 269]Heer in die Flucht jagte, gegenüber gestellt werden zu
dürfen. Von großer Wichtigkeit und erheblichen Folgen wurden jedoch
einige Episoden dieses Empörungskrieges, der Theodor seiner besten
europäischen Freunde beraubte.

Kurz vor dem Emporkommen Theodor’s errichtete die britische Regierung
ein Konsulat in Massaua, und um den Verkehr mit Abessinien in
regelrechten Gang zu bringen, knüpfte der Konsul W a l t h e r P l o w d e n
freundschaftliche Beziehungen mit dem mittlerweile ans Ruder gelangten
Theodoros an, wodurch er hoch in des neuen Herrschers Gunst stieg. Er
begab sich an seinen Hof und trug dazu bei, Theodor’s Vorliebe für
europäische Sitten und europäisch aussehende Reformen zu nähren. Auf
vielen seiner zahllosen Kriegszüge begleitete ihn der englische Konsul
ebenso getreu, wie auf seinen Jagdzügen und bewies sich, sehr verschieden
von der reservirten Haltung britischer Diplomaten an anderen Höfen, als der
wärmste und thätigste Parteigänger des Königs. Fünf Jahre lang war er der
intimste Freund Theodor’s, bis ihn, zum Schmerze des Fürsten, im Beginne

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des Jahres 1860 die Kugel eines aufständischen Soldaten, der dem
Rebellencorps der Gebrüder Garet angehörte, niederstreckte. Noch näher
ging dem Könige der Tod des Irländers J o h n B e l l, der ein Jägerleben am
Blauen Nil geführt und eine schwärmerische Zuneigung zu Theodor gefaßt
hatte, sodaß er gleich einem Hunde des Nachts vor dessen Zeltthür schlief.
Gern hörte ihn der Fürst über das Finanzwesen und die Regierungsform der
verschiedenen europäischen Staaten sprechen, um Lehren für sich daraus zu
ziehen. Bell wurde zum Likamankuas, d. h. zum Träger des königlichen
Kleides in der Schlacht gemacht, eine Ehre, die nur vier Offizieren
widerfährt, die sich ganz wie der König kleiden müssen, damit der Feind den
wirklichen König nicht unterscheiden könne. Bei der Verfolgung der
Rebellen, welche Plowden ermordet hatten, befand sich auch Bell an der
Seite Theodor’s, der die feindlichen Gebrüder Garet in der Nähe von
D o b a r e k, da, wo die Hochebenen von Wogara sich an Semién
anschließen, einholte.

Garet, der sich auf keine andere Weise zu retten wußte, rief seinen Bruder
und einige Begleiter zu sich und ritt in gestrecktem Galopp auf Theodor zu,
der von Bell und einigen Offizieren umgeben, der Truppe vorausgeeilt war.
Als Garet sich in Schußweite befand, hielt er an, zielte und feuerte. Der
Negus wurde unbedeutend an der Schulter verwundet. In diesem Augenblick
gab Bell Feuer und jagte dem verwegenen Garet eine Kugel durch den Kopf,
erhielt aber gleichzeitig einen Lanzenstich durch die Lunge, infolge dessen
er todt zusammenbrach. Nun gab auch Theodor Feuer und streckte den
jüngeren Garet nieder. Die Wuth und der Schmerz des Königs über den
Verlust seines getreuen Dieners überstieg alle Grenzen und Garet’s ganzes
gegen 1700 Mann starkes Corps, das sofort die Waffen streckte, wurde
enthauptet. Der Reisende, der heute über die Ebene von Wogara bei Dobarek
zieht, sieht dort das Feld noch weit und breit mit Menschengebeinen übersät,
den Zeugnissen der schauderhaften Rache, welche Theodor an den Mördern
seines Lieblings genommen (vergl. oben S. 203). Und doch war dieser Akt
noch weit weniger grausam, als [pg 270]die früher übliche Bestrafung der
Kriegsgefangenen, die man entmannte. Hochverräther wurden nach
Isenberg’s Zeugniß früher öffentlich bei lebendem Leibe geschunden, das
Fleisch dann in kleine Stücken zerhackt und den Hunden vorgeworfen; die
Haut aber gerbte man und machte Trommelfelle daraus. Alle diese
barbarischen Strafen schaffte Theodoros Anfangs ab, aber die fortwährenden

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Unruhen zwangen ihn, später wieder darauf zurückzukommen, und das Blut
floß auch unter Theodor in Strömen.

Die inneren Feinde waren so allmälig niedergeworfen, dafür trat jedoch von
außen ein weit mächtigerer Widersacher, E n g l a n d, auf. Ehe wir jedoch
hierzu übergehen, ist es nothwendig, noch einen Blick auf Charakter und
Persönlichkeit, wie auf die reformatorischen Bestrebungen des Negus zu
werfen, der jedenfalls e i n g a n z b e d e u t e n d e r M e n s c h in seiner
Weise war, eine seltene und großartige Erscheinung in Abessinien, die
allerdings mit europäischem Maßstabe nicht gemessen werden darf.

„Theodoros“, so schrieb 1862 Lejean, „mag etwa 46 Jahre alt sein. Er ist von
mittlerem Wuchs und wohlgestaltet, hat einen offenen sympathischen
Gesichtsausdruck, gut entwickelte Stirn, kleine, lebhafte Augen und eine fast
schwarze Gesichtsfarbe. Nase und Kinn erinnern an den jüdischen Typus. Er
ist aus Koara gebürtig und ich halte ihn für einen Agow oder Gamanten; für
einen Aethiopier von reinem Blute ist Theodoros zu dunkelfarbig. Seine
äußere Erscheinung imponirt, sie zeigt, daß er in der That ein Mann von
großer geistiger Regsamkeit und unermüdlicher Kraftentwicklung ist, und er
bildet sich auch hierauf etwas ein. Er vertreibt sich gern die Zeit damit, an
steilen Hügeln herab- und heraufzuklimmen und dann erfordert die Etikette,
daß seine Umgebung ein Gleiches thue. Auf dem Pferde bewegt er sich wie
ein argentinischer Gaucho und seine Rosse zittern buchstäblich, wenn sie ihn
kommen sehen. Sein Kriegsruf ist wie bei allen abessinischen Häuptlingen:
Abba Senghia, d. h. Vater der Pferde. Für gewöhnlich trägt er sich höchst
nachlässig; als tüchtiger Soldat verachtet er ein geschniegeltes Wesen,
kleidet sich wie ein gewöhnlicher Offizier, Kopf und Füße sind unbedeckt.
Aber auf einen Schmuck der Krieger legt er Werth; er läßt das Haar in drei
lange Flechten legen, welche auf die Schulter herabfallen, und trägt ein
weißes Stirnband.“ Ausgenommen seine erste Frau, Tsubedsche, hat nie ein
Weib Einfluß auf sein Leben gehabt. Diese aber, die Tochter seines
Widersachers Ras Ali, liebte er leidenschaftlich, und als er sie im Jahre 1858
verlor, war er kaum zu trösten. Ganz anders ging es seiner zweiten Frau,
T o r o n e s c h, einer Tochter Ubié’s, die er geheirathet, um sich mit der
Familie dieses einst mächtigen Fürsten auszusöhnen. Er verstieß sie einmal,
und Bell, der interveniren wollte, um Skandal zu verhüten, erhielt eine
gehörige Ohrfeige. Der Fortbestand seiner Dynastie lag dem König
Theodoros nicht minder am Herzen als einem europäischen Fürsten, und er

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behauptete, daß wenigstens einer seiner Söhne ans Ruder kommen müsse,
„denn die Propheten hätten nicht gelogen“. Sein älterer Sohn, von der
Tsubedsche, war ein durchaus verkommener, mißrathener Mensch, den der
Vater eines [pg 271]schönen Tages in einen Eselstall sperren ließ, damit er
dort „en famille“ sei. Der zweite jedoch, Detschas M a s c h e s c h a, wurde
1862 zum Gouverneur von Dembea ernannt, wo er sich durch sein mildes
Wesen so beliebt machte, daß Theodor es für gerathen hielt, ihn
abzuberufen. „Was soll dies Buhlen um die Volksgunst? fragte er ihn. Willst
du die Rolle des Absalon spielen und den Vater vom Throne verdrängen?“

Das Auftreten Theodor’s war meist theatralisch oder, wie die Abessinier
sagen, fakerer, d. h. ruhmredig. Gesten und Stimme waren berechnet und
Niemand wußte besser als er den Präsidentensitz bei einer Versammlung
auszufüllen. Seine brillante Beredtsamkeit verfehlte selten ihr Ziel und seine
Briefe sind Muster der amharischen Sprache. Die halb klösterliche
Erziehung, die er in Tschankar erhalten, hatte noch Spuren hinterlassen, und
so galt der König für einen sehr gebildeten Mann. Er war in der
Nationalliteratur bewandert und kannte die europäischen Zustände. Als
Probe seines Stils möge folgende von ihm eigenhändig niedergeschriebene
Proklamation gelten: „Von Menilek bis auf die jüngste Zeit herab sind alle
Negus dieses Landes nur Histrionen gewesen, welche Gott weder um Geist
noch um Beistand baten, das Reich wieder aufzurichten. Als Gott mich,
seinen Diener, zum Könige erwählte, sagten meine Landsleute: Der Fluß ist
ausgetrocknet, es giebt kein Wasser mehr in seinem Bett. Und sie beleidigten
mich, weil meine Mutter arm war und nannten mich ein Bettlerkind. Aber
den Ruhm meines Vaters, den kennen die Türken, da er sie von den
Landesgrenzen bis in ihre Städte zurückgejagt. Mein Vater und meine Mutter
stammen von David und Salomo, ja von Abraham, dem Knechte Gottes, ab.
Diejenigen aber, welche mich Bettlerkind schimpften, sie betteln heute selbst
um ihr tägliches Brot. Ohne den Willen Gottes können weder Kraft noch
Weisheit vor dem Untergange schützen. Viele Große dieser Erde haben
Bomben und Kanonen im Ueberflusse und sind doch unterlegen. Napoleon
hatte tausende und er ist besiegt worden. Nikolaus, der Negus der
Moskowiter, ist von Franzosen und Türken besiegt worden; er starb, ohne
daß seines Herzens Wunsch in Erfüllung ging.“

Von der europäischen Civilisation hatte Theodor eine hohe Meinung, von der
Moral der Europäer jedoch nur eine sehr geringe, was auch nicht gut anders

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der Fall sein konnte, da die meisten Europäer, mit denen er zu verkehren
hatte, verdorbenes, hochmüthiges Gesindel waren. So wild der König auch
im Kriege war, an sanfteren Regungen fehlte es ihm keineswegs. Er nahm
sich der Waisen an, sorgte für sie durchs ganze Leben, verheirathete sie und
ließ sie niemals aus dem Auge. Er liebte die Kinder außerordentlich und
kehrte sich, wie er sagte, von den falschen Höflingen ab, um sich an der
Unschuld jener zu weiden. Dabei war er freigebig im höchsten Grade,
großmüthig und gerecht, aber auch unerbittlich streng, wo es darauf ankam.
„Ich selbst war Zeuge,“ schreibt Krapf 1856, „wie schon Nachts 2 Uhr
Scharen von Beschwerde führenden Leuten aus allen Theilen Abessiniens
das königliche Lager umstanden und Dschan hoi! (o Majestät) riefen. Ich
glaube kein König in der Welt thut es [pg 272]ihm in dieser Beziehung
gleich, und mußte mich nur wundern, wenn er es bei einer solchen
angestrengten Thätigkeit bei Tag und Nacht, in Sachen des Kriegs sowol,
wie des Friedens aushalten kann. Die Abessinier haben ihn aber auch bereits
so lieb, daß sie ihn mit dem König David im alten Bunde vergleichen, und
sie glauben, daß die alte Weissagung, wonach ein König Theodorus kommen
und Abessinien groß und glücklich machen, auch Mekka und Medina
zerstören werde, sich zu erfüllen anfange.“

Obgleich der Negus sein eigenes Volk verachtete und dessen Fehler recht
wohl kannte, so hat er nichtsdestoweniger redlich an der Verbesserung der
Lage desselben zu arbeiten versucht und, soweit den eingewurzelten
Mißbräuchen gegenüber seine Kraft reichte, eine reformatorische Thätigkeit
entwickelt, die allerdings durch die fortdauernden Rebellionen auf große
Hindernisse stoßen mußte. Durch die lange Anarchie waren alle Gesetze nur
todte Buchstaben geworden und die Kirche in die größten Mißbräuche
gerathen. Alle üblen Folgen der todten Hand lasteten auf den Bauern und
Besitzern der Kirchengüter. Gegen diese Mißbräuche trat nun Theodor mit
eisernem Willen auf; er erklärte die todte Hand als ein nationales Uebel und
annektirte alle Kirchengüter der Krone, indem er der Geistlichkeit ein
gewisses Einkommen und den Klöstern genug Land ließ, um sich zu
ernähren. Auf die Einheit der Kirche hielt er dabei große Stücke; doch war er
Fanatiker und befahl allen Muhamedanern in seinem Reiche, binnen zwei
Jahren Christen zu werden. Mit den Missionären, protestantischen wie
katholischen, die sich doch in die politischen Verhältnisse mischten, wollte
er nichts zu thun haben – er untersagte ihnen jegliche Thätigkeit. Den
Handel zu heben, hatte Theodor gleich nach seinem Regierungsantritte alle

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die unzähligen Zollstätten von Gondar bis nach Halai aufgehoben, zwei
Plätze ausgenommen. Auch der Sklavenhandel und die Vielweiberei wurden
verboten, freilich ohne großen praktischen Erfolg. Sein Hauptplan war aber
immer, das große äthiopische Reich phönixartig aus der modernden Asche
wieder erstehen zu lassen. Hierzu brauchte er die Hülfe der Europäer, und
darum verlangte er nach jenen Handwerkern, die ihm auch durch Krapf’s
Vermittlung zugeschickt wurden. Jedenfalls war überall ein Fortschritt, auch
in der Justiz zu erkennen, sodaß 1862 Heuglin aus Abessinien in die Heimat
schreiben konnte:

„Die Zustände in Abessinien im Allgemeinen lassen Manches zu wünschen
übrig. Der König stößt auf tausend Schwierigkeiten bei Einführung seiner
Reformen und muß mit eiserner Strenge verfahren, um nur einigermaßen
Ordnung erhalten zu können, doch ist trotzdem, daß ihm seine Kriegszüge
keine Zeit lassen, viel für Administration zu thun, auch manches sehr
Erfreuliche hier geschehen. Namentlich ist für bessere Kommunikation
wirklich mit Erfolg an Straßenbauten gearbeitet und dem Schreiber- und
Pfaffenunwesen mit einer Kraft Einhalt gethan worden, an der sich mancher
andere Herrscher ein Exempel nehmen dürfte.“

Soviel wie Theodor hatte vor ihm kein abessinischer Herrscher für Land und
Volk gethan, keiner war aber auch mit so außerordentlichen Gaben des [pg
273]Geistes ausgerüstet, wie dieser bedeutende Mann, an dem andererseits
Jähzorn und Trunksucht sehr zu beklagen sind, da beide ihn oft zu
gewaltsamen, unüberlegten Handlungen hinrissen. Wild und grausam blieb
er auch in seinem Lager- und Kriegsleben, das wir am besten kennen lernen,
wenn wir mit dem deutschen Reisenden S t e u d n e r, dem Begleiter
Heuglin’s, einen Besuch im Lager des Königs abstatten, der sich auf einem
Feldzuge gegen die Galla im Lande jenseit des hohen Kollogebirges befand.

Spät am Abend des 4. April 1862 erschien ein Bote bei Herrn von Heuglin,
um diesen einzuladen, beim Könige zu erscheinen. Der Geladene warf sich
in eine große Uniform und wanderte, von Steudner begleitet, unter
Fackelschein über Sturzäcker zu dem kaiserlichen Zelte. In dem mit Wachen
umstellten engeren Lagerbezirke wurden die Reisenden aufgehalten, da im
Zelte des Negus erst eine längere Berathung darüber stattfand, ob Heuglin
auch mit dem Säbel an der Seite eintreten dürfe. Nachdem dies bewilligt
war, wurden die Fremden feierlich in das Zelt eingeführt, in welchem sie

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Seine schwärzliche Majestät mit halb untergeschlagenen Beinen auf einem
alten auf der Erde ausgebreiteten Teppich sitzend fanden; neben ihm kauerte
sein Beichtvater, der Etschegé. Se. Majestät trug ein weißes abessinisches
Gewand, dem man die Spuren langen Lagerlebens deutlich ansah; er grüßte
sehr artig, besonders Herrn von Heuglin, fand es jedoch nicht für nöthig,
sich zu erheben; dann lud er die Gäste ein, neben ihm Platz zu nehmen. Das
Zelt war von großen Würdenträgern und Eunuchen überfüllt; zur Linken des
Königs saß dessen Sohn Maschescha, und der Sohn des gestürzten Königs
von Schoa, der zugleich mit Maschescha erzogen wurde, der zweite Ras des
Landes, Ras Engeda, und der Lagerkommandant Bascha Negusi. Vor ihnen
stand ein mit rothem Tuch bedeckter Meseb oder Eßkorb, aus welchem sie
mit unvergleichlichem Appetite die Fastenspeise verzehrten. Se. Majestät
ließ durch seinen Af sich erkundigen, was die Reisenden essen wollten,
Brundo (rohes Fleisch), Teps (halbgeröstetes) oder Fastenspeise. Der Af,
d. h. der Mund, ist eine vertraute Person des Königs, zu welcher dieser
spricht, um die Worte den Fremden zu wiederholen, selbst wenn derjenige,
an den sie gerichtet sind, sie vernimmt. Man stellte es der Weisheit
Theodor’s anheim, mit was er seine Gäste bedienen wolle, und auf ein
Zeichen erschien ein Meseb mit schönem Tiéfbrot gefüllt, um den die beiden
Europäer sich lagerten, während zwei hohe Würdenträger beordert wurden,
sie zu füttern, d. h. abgerissene Stücke Tiéfbrot in die rothe Pfeffersauce zu
tauchen und ihnen diese in den Mund zu praktiziren. Die Leute entledigten
sich dieser Pflicht in höchst liebenswürdiger Weise, indem sie möglichst
große Brotballen mit möglichst viel brennender rother Pfeffersauce den
Gästen in den Mund steckten, welche das abessinische Gericht krampfhaft
hinabwürgten. Nach der Mahlzeit bediente sich Se. Maj. nicht mehr des Af,
sondern wandte sich unmittelbar an die Fremden und zwar in arabischer
Sprache. Während der Unterhaltung wurde Honigwein in schönen
Punschgläsern aus einer Bowle servirt, die vom Gouverneur von Indien
geschenkt war.

[pg 274]
Theodor war damals sehr mit Regierungsgeschäften überhäuft und ließ sich
mehrmals entschuldigen, daß er die Reisenden nicht gleich offiziell
empfangen könne. Schon vor Sonnenaufgang begann vor dem königlichen
Zelte das Dschan-hoi-Geschrei derjenigen, die Streitsachen vortragen und
Gerechtigkeit erflehen wollten. Hierauf folgten von Sonnenaufgang an die
Gerichtssitzungen, wobei das klatschende Geräusch der großen Knuten und

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Stöcke das Ergebniß verkündigte, welches nicht selten in die frische
Morgenluft hinein hallte. Mehre Tage hindurch war der Negus damit
beschäftigt, die im Lager mitgeführten Herden zu zählen. Nachdem dieses
königliche Geschäft, wobei 20,000 Rinder die Revue binnen zwei Tagen
passirten, vollendet war, erhielten die beiden Reisenden eine feierliche
Audienz zur Uebergabe der mitgebrachten Geschenke. Der Negus empfing
sie am Abhange eines Hügels, welcher das Centrum des Lagers bildete. Er
saß auf einer Alga, die mit einem prachtvollen, sehr großen Kaschmir
bedeckt war; darüber lag noch ein mit indischer Goldstickerei überladener
Teppich ausgebreitet. Auf der Sonnenseite, sowie hinter dem Könige standen
zwei Schirmträger, welche beide ungeheuer große bunte Schirme auf 10 Fuß
hohen Stäben über dem Haupte des Erlauchten hielten. Der Negus selbst war
in einen sehr feinen Margef gehüllt und lehnte nachlässig auf der Alga, vor
welcher für die beiden Europäer gute Teppiche zum Niedersitzen
ausgebreitet waren. Diese befanden sich allein mit dem Fürsten und seinen
schirmtragenden Kammerherren, während im Umkreise von 30 Schritt
Halbmesser andere dienstthuende Hofchargen standen, z. B. die
Peitschenträger mit langen Stöcken in der Hand, um das neugierige
Publikum abzuhalten.

Nachdem Se. Maj. sehr bereitwillig Erlaubniß zur Ueberreichung der
Geschenke ertheilt, wurden die Diener der beiden Reisenden herangerufen,
die mit gänzlich entblößtem Oberkörper, die Gewänder um den Leib
gegürtet, mit den Gegenständen erschienen. Jedes einzelne Stück mußte dem
Negus gezeigt und dann vor ihm auf den Boden niedergelegt werden. Die
Geschenke bestanden aus mehreren Sammetteppichen, einem
Revolvergewehr, einem sehr schönen Revolver nach abessinischem
Geschmack mit recht großem Kaliber, zwei sehr guten langen gezogenen
Pistolen, welche man mit angeschraubtem Kolben auch als Pürschbüchsen
benutzen konnte, einem Hirschfänger mit vergoldetem und einem andern mit
silbernem Griffe, einigen schön gearbeiteten Dolchen mit vergoldeten
Scheiden u. s. w. Se. Maj. geruhten hierauf sich dankend über die Geschenke
auszusprechen. Im Laufe der Unterhaltung sprach er seine Verwunderung
darüber aus, daß die Türkei bisher noch nicht von den christlichen Mächten
erobert sei, ja daß einige derselben sie sogar gegen eine andere christliche
Macht geschützt hätten, wobei er bemerkte: „ein Reich, das sich nicht selbst
regieren könne, habe keinen Anspruch darauf, selbständig zu existiren“.
Uebrigens erschien der König sehr ermüdet, war es doch der dritte Tag, an

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welchem er sich mit dem anstrengenden Rinderzählen beschäftigt hatte, kein
Wunder also, daß seine Nerven angegriffen waren. Abgesehen von dieser
Mattigkeit erschien König Theodor, ein Mann von etwa 40 Jahren, kräftig,
schlank, wenn auch nicht groß. Seine [pg 275]Gesichtszüge waren frei; in
der Tracht unterschied er sich kaum von seinen Unterthanen; wie diese ging
er barhaupt und barfuß in dieselbe Schama gekleidet. Das Haar trug er als
Krieger in mehrere, dicht am Kopfe anliegende Zöpfe geflochten.

So war der Mann beschaffen, der als Mittelpunkt des ganzen Lagers dastand,
welches sehr leicht aufgeschlagen wird. Will der Negus, der stets an der
Spitze seines Heeres marschirt, Halt machen, so läßt er an einem passenden
Platze ein kleines scharlachrothes Zelt aufstellen, welches dann als
Mittelpunkt für das ganze Lager dient. Dicht vor diesem, auf dem höchsten
Punkte wird das Kirchenzelt, welches niemals fehlen darf, errichtet. In
einiger Entfernung von diesem und stets – angeblich aus Demuth – tiefer
stehend, wird das sehr große, aus dickem dunkelbraunem Mack bestehende
Zelt des Negus aufgebaut; zu beiden Seiten desselben standen zwei ähnliche
für die beiden Königinnen; auf dem linken Flügel dann ein sehr großes Zelt
für den königlichen Marstall und die vier zahmen Löwen, diesem
entsprechend auf dem rechten Flügel gleichfalls ein großes Zelt für die
königliche Küche, dann das Zelt des Abuna Salama, durch eine stets vor der
Zeltthür errichtete Windwand kenntlich. Die Zelte der Anführer sind aus
weißem Baumwollenstoff in verschiedenen Formen gearbeitet; um diese
herum bildet sich ein weiter Kreis kleiner Hütten, G o t s c h o, in welchen
die Leute eng zusammengepreßt liegen, um sich gegenseitig zu erwärmen.
Eine bestimmte und sehr praktische Form haben die Zelte der Schoaner; sie
sind aus starkem braunem Mack gefertigt, haben ein Rechteck zur Basis und
zwei Zeltstangen halten das Ganze an den beiden schmalen Ecken, während
kurze Schlingen am unteren Rande des Zeltes dazu dienen, die Pflöcke
einzuschlagen. Auf diese Weise halten sie sich sehr gut, ohne daß sie die
wegen der vielen herumlaufenden Thiere höchst unangenehmen Zeltstricke
nöthig haben; auch im Innern bieten sie vielen Raum. Ueberall vor den
Zelten lodern Feuer, an denen die Frauen der Soldaten beschäftigt sind, für
diese Tiéfbrote oder rothe Pfefferbrühe zu kochen; zu anderen Zeiten sieht
man die Zeltstricke dicht mit großen Mengen in lange dünne Streifen
geschnittenen Fleisches behangen, welches an der Luft und der Sonne
trocknen soll. Reihen von Mägden und Dienern durchziehen von der
königlichen Küche aus nach allen Richtungen das Lager, um große, mit

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rothem Tuch überdeckte Meseb oder Körbe voller Tiéfbrot und mächtige
Krüge voll Honigwein nach den verschiedenen Zelten der Großen zu
bringen, die aus den königlichen Vorräthen mit Trank und Speise versehen
werden.

Noch bunter und lebendiger gestaltet sich das Bild, wenn das Lager
aufbricht. Zunächst werden die kleinen Gras- und Reisighütten (Gotscho)
niedergebrannt, und hoch zum Himmel auf strebt der Rauch, die Stätte des
abgebrochenen Lagers bezeichnend. In den meisten Fällen führt der Negus,
von Kavallerie umgeben, den Zug an, dem in mehreren Heersäulen das Gros
der Armee folgt. Lange Reihen von schwer beladenen Pferden, Maulthieren
und Eseln, die in dem futterarmen Hochlande Tag und Nacht der Kälte und
Nässe ausgesetzt sind, ziehen, zu Skeletten abgemagert, dahin. Ohne die
geringste Ordnung schreiten [pg 276]Leute einher, die vorsichtigerweise
während des Tagemarsches eine Last Holz mitschleppen, um sich damit am
Abend ein wärmendes Feuer machen zu können; ihnen folgen Krieger in der
einst weißen, jetzt schmuzigen Schama mit rothem Randstreifen und
umwickelt mit dem dicken abessinischen Leibgurt, in welchem der Schotel,
d. h. der große krumme abessinische Säbel mit Nashorngriff in rother
Scheide steckt; in der Hand führen sie die scharfgeschliffene Lanze oder ein
Luntenflintengewehr mit viereckigem Kolben. Dann ziehen munter
plaudernd, an dem Kochlöffel erkenntlich, mit dem flachen Gilgit oder
Proviantkorbe auf dem Rücken, die Köchinnen, echte Löffelgarde, einher.
Die königlichen Küchendamen sind an dem Messingknopfe kenntlich, der
auf dem Kopfwirbel in das Haar mit eingeflochten ist. Neben ihnen traben
Esel, unter der Last von Grasbündeln völlig begraben. An jedes der langen
Ohren dieser philosophischen Geschöpfe ist eine Ziege oder ein Schaf
vorgespannt, damit das interessante Kleeblatt beisammen bleibe.

Von einer Anzahl Pfaffen mit großen Turbanen umgeben, reitet auf schönem
Maulthiere im violetten Gewande der höchste Kirchenfürst, Abuna Abba
Salama auch im Zuge mit. Neben ihm und seiner wohlgenährten in Gott
vergnügten Schar schleppt sich mühsam auf skelettartig abgemagertem
Maulthiere ein früherer Häuptling hin, dem mit oder ohne Ursache eine
Hand und ein Fuß abgehauen ist. Er hat den Stumpf seines Fußes in ein
Trinkgefäß aus Horn gesteckt, den verstümmelten unbrauchbaren Arm trägt
er im faltigen Gewande verborgen. Dann folgen Gefangene in schweren
Ketten, jeder mit seinem Führer zusammengeschlossen, den der

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Unglückliche noch für diese Gefälligkeit ernähren und bezahlen muß. Viele
dieser Gefangenen tragen, um das Entweichen zu verhindern, den fünf bis
sieben Fuß langen Monkos am Halse, dessen dicke Gabel durch ein
Querholz geschlossen ist und der dem Gefangenen selbst beim Schlafen
nicht abgenommen wird. Kaum ein Lumpen deckt diese Unglücklichen.
Nicht weit von ihnen trifft der Blick wieder auf ein anderes Bild, und zwar
auf ein heiliges, das mit allem Aufwande von abessinischem Prunk
angezogen kommt. Es ist der Etschegé, das Oberhaupt der Mönche, zugleich
Beichtvater des Königs, dem er als steter Begleiter und Rathgeber allüberall
hinfolgt. Er reitet ein prachtvolles Maulthier und schützt sein theures, mit
einem ungeheuren weißen Turban umhülltes Haupt durch einen großen
buntseidenen Regenschirm, dessen abwechselnd goldgelbe und violette
Fächerfelder weithin sichtbar sind. Ihm folgt eine große Anzahl schmuziger
Mönche in einstens weiß gewesene Gewänder gehüllt oder in gelbes Leder
gekleidet; alle tragen das Zeichen ihres Standes, den Fliegenwedel oder
Kuhschwanz. Unter ihren weißen oder gelben Kappen erblickt man die
niederträchtigsten Gaunerphysiognomien, sowie die ausdrucklosesten
Gesichter, die Abessinien erzeugen kann. Plötzlich scheut das Maulthier des
Etschegé und springt zur Seite: es ist ein aller Kleider beraubter Todter, der,
auf der Straße liegend, das Thier beunruhigt. Dem Etschegé mit seinen
frommen Begleitern folgt eine Reihe Tabots, für deren wunderthätigsten ein
mit rothen Lappen und Lumpen bedeckter Armsessel aus lackirtem, mit
bunten Blumen bemaltem Holz bestimmt ist. [pg 277]Diese Tabots, deren oft
zehn oder zwanzig aufeinander folgen, sind Holztafeln mit den zehn
Geboten oder frommen Sprüchen beschrieben. Jede dieser Platten ist
sorgfältig mit rothem Baumwollstoff bedeckt und alle werden in einer
langen Reihe hintereinander getragen. Dem ganzen kirchlichen Prachtzuge
geht ein schmuziger Mönch voran, welcher fortwährend eine Glocke
schwingt, damit Jeder, der da sitzen sollte, vor den Heiligthümern aufstehe
und ihnen seine Ehrfurcht bezeuge.

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Im Lager des Negus. Priester und Krieger. Zeichnung von H. Leutemann.

Im vollen Galopp auf guten Maulthieren, die mit klingelnden Glöckchen
behängt sind, kommt ein Trupp Schoaner angesprengt; es sind lauter kräftige
Gestalten, in dunkelbraunen Mack gekleidet, mit dem kurzen, stark
gekrümmten Messer im dicken, die Brust bedeckenden Gürtel und mit der
schön gearbeiteten Lanze auf der Schulter. Wieder andere Bilder! Hier
Lastthiere, schwer bepackt mit Lederschläuchen; dort Weiber, die das
Doppelte ihres eigenen Volumens an leeren oder gefüllten Kürbisschalen
(Gerra) schleppen, welche zum Transport von Butter, Honig, rothem Pfeffer
u. s. w. dienen. Alle schreien und schwatzen, dazwischen klappern die vielen
getrockneten Kürbisschalen. Keiner dieser Schönen fehlt indessen das
nöthige hölzerne Kopfkissen in der Form eines fünf bis sechs Zoll hohen
Leuchters mit einem ausgehöhlten Holzbügel zum Hineinlegen des Nackens
beim Schlafen. Der Fuß dieses Instrumentes ist oft hübsch gedrechselt.

Neben dieser bunten Gesellschaft reitet eine der zwei Königinnen, denn zu
jener Zeit hatte der christliche Monarch zwei Damen zu Ehegemahlinnen.

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Die eine rechtmäßig mit dem Negus verbundene war die schon erwähnte
Tochter des entthronten Detschasmatsch Ubié von Tigrié; die zweite ein
Fräulein aus dem Jedschu-Galla-Lande. Beide jedoch sind gleich gekleidet
in blaue Mäntel, die mit Gold- und Silberglöckchen behangen sind. Beide
haben, wie alle großen Damen, ihr Gesicht verhüllt, nur die schwarzen
Augensterne funkeln und leuchten bei beiden gleichmäßig aus der weißen
Umhüllung. Das einzige Unterscheidungszeichen zwischen beiden war nur
stets ein in Silber gestickter türkischer Halbmond mit daranstehendem
Venusgestirn, das auf dem Gewande der einen Königin auf dem untersten
Theile ihres Rückens erglänzte. Diese jetzt die schlanken Formen zweier
Königinnen umhüllenden Mäntel waren wol einst Schabracken eines
ägyptischen Marstalls gewesen. Beide Majestäten sind von einigen
Bewaffneten und Eunuchen begleitet und reiten stets in der Entfernung einer
halben Stunde voneinander, um etwa möglichen Konflikten vorzubeugen,
sowie sie auch zwei gänzlich getrennte Hofhaltungen in zwei verschiedenen
Zelten zu beiden Seiten des königlichen Zeltes haben.

Oft sitzt oder liegt mitten in dem durch die Hufe der zahlreichen Thiere
aufgewühlten Schmuze ein nur wenige Monate oder ein bis zwei Jahre altes
Kind schreiend im Wege, jeden Augenblick in Gefahr, durch Reit- oder
Lastthiere zertreten zu werden, die sich oft dicht zusammendrängen, um
einer Leiche aus dem Wege zu gehen. Todte Thiere, halbverweste Pferde,
Maulthiere, Esel, Schafe und Ziegen bezeichnen zu tausenden die Straße,
welche das Heer zieht. Dort wird ein Kranker getragen, es muß ein
Vornehmer sein, denn man trägt [pg 278]ihn behutsam auf bequemer
Tragbahre, über welcher aus weißer Schama ein leichtes Zelt errichtet ist;
wäre es nur ein armer Mann, so hätte man ihn einfach auf zwei lange
Holzstücke gebunden.

Nahe bei dem Kranken sehen wir einen anderen Zug: eine ganz weiß
gekleidete Dame, die Frau eines Großen, reitet dicht verhüllt dahin; ihr
Maulthier wird sorglich von einem Diener geführt. Gestern erst hat sie die
Welt mit einem neuen Bürger beschenkt, der schreiend und quiekend in
einem weiß bedeckten Brotkorbe von einem Diener auf dem Kopfe
nachgetragen wird. Der kaum einige Tage ältere Sprößling einer anderen
Frau giebt ebenfalls durch Schreien Zeichen einer gesunden, kräftigen
Lunge, sein Lager aber ist nicht so sorgsam gegen Sonne und Kälte
geschützt. Mit Riemen ist er völlig nackt zwischen Körbe und

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Kürbisflaschen auf den Rücken oder die Hüfte seiner schwer tragenden
Mutter geschnürt oder auf das Gepäck eines magern Pferdes gebunden.
Kleine Kinder von drei bis fünf Jahren, völlig nackt oder nur mit einem
Stückchen Schaf- oder Ziegenfell über den Schultern, laufen neben ihren
schwer bepackten Müttern, ja sie tragen selbst einen Theil von den
Kürbisflaschen, Eisenblechen zum Brotbacken, hölzernen Schüsseln zum
Anrühren des Brotteiges u. s. w. Andere Weiber rauchen gemüthlich aus
einer großen Tabakspfeife, deren Abguß aus einem kleinen wassergefüllten
Kürbis besteht; neben ihnen schleppen sich einige unbepackte Maulthiere
hin, deren aufgedrückter Rücken eine einzige Wundfläche bildet. Am Wege
sitzt ein Künstler von Fach auf einem Bunde Stroh, aus welchem er sich am
Abend einen Gotscho zu bauen gedenkt, und singt zu dem eintönigen
Geklimper seiner Kirra, der abessinischen Lyra, mit scharfer näselnder
Stimme, packt dann Stroh und Lyra auf den Kopf und wandelt als zweiter
Apollo seinen kothigen Weg. Zwischen diesen Scharen bepackter Menschen
und Thiere ziehen brüllend Herden schöner Rinder, Schafe und Ziegen; auch
bricht, Geschrei und Unordnung verursachend, gelegentlich ein kräftiger
Stier durch die Massen.

Die vier z a h m e n L ö w e n des Negus (vergl. S. 187), schöne, große
Thiere, laufen völlig frei mitten im Troß, ohne auch nur am Stricke geführt
zu werden. Steudner bemerkte zu seinem Erstaunen, daß in unmittelbarer
Nähe der Löwen das Vieh, Kühe, Schafe, Ziegen, Maulthiere, ruhig graste,
ohne die geringste Furcht vor dem Könige der Wildniß zu haben. Wie Hunde
liefen sie mitten im Gewühl und gehorchten der Stimme ihres Begleiters,
hinter welchem sie oft in geschlossener Phalanx dicht auf den Fersen
hermarschirten.

Mitten zwischen dem Troß reitet ein Großer des Landes stolz durch all das
Gedränge. Vor ihm her schreitet sein Speerträger, ein Diener mit langer,
haarscharfspitziger Lanze, deren von Schoanern gearbeitete Eisenspitze in
rothledernem Futteral geborgen ist. Sein mit Gold und Silber beschlagenes
Büffelhautschild, sein Gewehr und seinen in rothlederner Scheide
steckenden Säbel mit Rhinozerosgriff tragen andere Diener vor und neben
ihm. Vor ihm führt sein Lieblingsknappe ein Staatsmaulthier, auf welchem
der gleich dem Schilde mit Gold- und Silberplatten und Filigranarbeit
bedeckte Staatssattel liegt. Wie der Sattel ist auch das übrige Geschirr und
Zaumzeug des Maulthiers mit Gold und Silber [pg 279]überladen. All dieser

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Schmuck aber ist mit rothen Lumpen bedeckt. Unbekümmert reitet der
Häuptling barhaupt durch das Troßgedränge an den Leichen von Menschen
und Thieren oder verwüsteten Saatfeldern vorüber. Seine Thiere sind gegen
den „bösen Blick“ durch Dutzende um den Hals hängender Amulete
geschützt. Männer mit aus Stroh geflochtenen Regendächern aus
Begemeder, Sklaven, die oft nur die Schultern mit einem kleinen
ungegerbten Schaffell bedeckt haben, gehen ihm demüthig aus dem Wege,
wenn er, mit dem Sonnenschirme das Haupt schützend, stolz dahinreitet.
Nicht weit von ihm zieht eine andere Gruppe schwer bepackter Männer.
Landleute, zu diesem Frohndienste gepreßt, tragen den in seine Theile
zerlegten Erntewagen, welchen die Missionäre in Gafat gebaut – weil der
Weg zum Fahren nicht geeignet ist. Andere schleppen die Laffeten schwerer
Geschütze und die dazu gehörigen Vollkugeln – allein die Geschützrohre hat
man in Magdala gelassen! Soldaten, mit den Sätteln ihrer gefallenen Pferde
auf dem Kopfe, mit Speer und Sonnenschirm in der Hand, hoffen bei der
nächsten Plünderung eines Dorfes neue Thiere zu ihren Sätteln zu
bekommen. Das Wiehern der Pferde, das Geschrei und Gebrüll der übrigen
Thiere [pg 280]wird nur manchmal von der dröhnenden, donnerähnlichen
Baßstimme des einen oder andern Löwen unterbrochen.

Ansicht von Gafat. Nach Lejean.

So wechseln die bunten Bilder, die ein abessinischer Heereszug dicht
nebeneinander gedrängt erkennen läßt – Bilder zum Weinen und Bilder zum

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Lachen. Neben dem Kirraspieler, der lustige Weisen singt, sehen wir den
Tod: zahlreiche Leichen, aufgedunsen und von Raubthieren angefressen,
Sterbende und von Müttern verlassene Kinder – neben fröhlich lachenden,
aber gefühllos vorüberziehenden Menschen.

In jene Zeit, als Theodor so verwüstend, Tod und Verderben verbreitend mit
seinem Heere durch das Land zog, fällt auch der Beginn jener
Mißhelligkeiten, die schließlich zum Kriege mit England führten. Wer sich
auf einen vorurtheilsfreien Standpunkt stellt und nicht durch die trübe,
befangene Brille anmaßender Judenmissionäre schaut, dem wird in diesem
Falle das Auftreten des Königs von Abessinien nicht so gar schrecklich
erscheinen, zumal wenn man – was ungerecht wäre – diesen nicht mit
europäischem Maßstabe mißt.

Die deutschen Handwerker und Missionäre (vergl. S. 136) fingen an, im
Lande Straßen zu bauen; sie besorgten die Reparaturen des königlichen
Zeughausmaterials, fertigten Mörser und konstruirten einen Wagen. Letztere
beiden Gegenstände machten dem Könige viel Spaß, namentlich der blau
angestrichene Wagen, der, in Stücke zerlegt, auf den Schultern von
Lastträgern weiter transportirt werden mußte, da es an einer fahrbaren Straße
fehlte. Reibereien und Zerwürfnisse mit den Distriktsbeamten hatten zur
Folge, daß die Handwerker 1861 in G a f a t, drei Viertelstunden von Debra
Tabor auf einem isolirten Hügel, unter Aufsicht eines Offiziers internirt
wurden. Der König berief einen oder den andern an sein Hoflager und
behandelte sie nach wie vor gut. Sie erhielten Ackerland und vom
Gouverneur in Debra Tabor Getreide, Vieh, Honig. „Diese Europäer“,
schreibt v. Heuglin, „wollen sich in manchen Verhältnissen über gewisse
Formen und Landessitten wegsetzen, was zu vielen Unannehmlichkeiten
Anlaß gegeben hat.“ Daß man aber dergleichen in Abessinien so wenig
duldet, wie in Europa, ist vollkommen in der Ordnung. Noch mehr Anlaß zur
Unzufriedenheit gaben die beiden zum Protestantismus übergetretenen Juden
H e i n r i c h S t e r n und R o s e n t h a l. Beide waren nur unter der
Bedingung zugelassen worden, sich mit der Bekehrung der Falaschas
abgeben zu wollen, allein sie begannen amharische Bibeln unter den
Christen zu vertheilen und diese zum Abfall von der abessinischen Kirche
aufzufordern. Wüthend hierüber ließ der Negus Stern vor sich schleppen, der
sich in ziemlich freier Weise vertheidigte und dabei nachdenklich in den
Daumen biß. Diese unschuldige Geste bedeutet jedoch in Abessinien, daß

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man ewige Rache gegen die Person schwört, in deren Gegenwart man sich
befindet. Anfangs fiel dies dem Könige nicht auf, als aber Stern, um sich
über eine Mißhandlung zu beklagen, aufs neue zum Negus kam, die Wachen
mit einem Revolver bedrohend bei Seite schob und den Herrscher aus dem
Schlafe störend, mit Reiterstiefeln und Hetzpeitsche zu diesem eindrang,
erinnerte sich Theodor jener Geste und ließ den Eindringling aufs
grausamste [pg 281]in Ketten werfen und nur mit rohem Fleisch traktiren.
Rosenthal hatte sich schon früher durch das Geschenk eines Teppichs
mißliebig gemacht, auf dem der Löwenjäger Jules Gérard, mit einem Fez auf
dem Kopfe, dargestellt ist, wie er einen Löwen erschießt. Theodor sah in
dem feztragenden Jäger einen Aegypter, in dem Löwen aber das Sinnbild
Abessiniens und wähnte sich verspottet. Als man dann noch Papiere bei
Rosenthal fand, in denen das Stückchen von der Kussohändlerin, der Mutter
des Königs, wieder aufgetischt war, wurde auch Rosenthal in den Kerker
geworfen und seine Frau, die ihn vertheidigen wollte, ihm beigesellt. Der
Gerichtshof sprach über sie wegen Hochverraths das Todesurtheil, das von
Theodor jedoch in lebenslänglichen Kerker verändert wurde. Die
Hauptsache aber blieb, daß, gegen die ausdrückliche Verabredung, jene
Missionäre versucht hatten, Proselyten zu machen.

Als diese aufregenden Scenen sich ereigneten, befand sich der englische
Konsul C a m e r o n in Gondar beim Könige; er war nur für Massaua
beglaubigt, keineswegs aber für Abessinien, da seit Plowden’s Tode kein
Konsul dort anerkannt wurde. Cameron sollte sich in keiner Weise, wie
Plowden, in die Landesfehden mit einlassen, sondern nur
Handelsbeziehungen anbahnen und über die politische Lage Bericht
erstatten. In Gondar angelangt, nahm ihn Theodor sehr freundlich und mit
großen Ehren auf. Der englischen Allianz glaubte sich Theodor gerade gegen
den Feind, welchen er am meisten fürchtete, gegen Aegypten, bedienen zu
können. Denn dieses blieb seit dem Kampfe, den er am Rahadflusse – als er
noch Kasa hieß – gekämpft, sein Schreckgespenst und ein Feldzug gegen
Aegypten, sowie die Eroberung des Küstenlandes bei Massaua seine
Lebensaufgabe. Denn die Oberherrschaft, welche der Pascha sich über die
Grenzlande, namentlich Galabat, anmaßt, war der größte Dorn in Theodor’s
Augen.

Durch Plowden’s warme Freundschaft verwöhnt, konnte der König sich in
Cameron’s kalte Neutralität nicht finden und wurde um so mißtrauischer

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gegen diesen, als er sich erlaubte, zu Gunsten Stern’s und Rosenthal’s
auftreten zu wollen. Die nach europäischem Muster begonnenen Reformen
wurden nun eingestellt und in jedem Europäer ein Spion gewittert. So haben
wir gesehen, daß auch Lejean unter jenem Mißtrauen zu leiden hatte. Als
dieser endlich wieder entlassen wurde, ging er zu seinem Kollegen, dem
Konsul Cameron, zum Frühstück. Unterwegs fanden die beiden Europäer in
einer der engen Gassen Gondar’s einen todten Esel liegen. „Sehen Sie, da
liegt ein krepirter Konsul“, sagte Cameron und schritt über das todte Thier
hinweg. Dieser starke Ausdruck, welcher Lejean Anfangs unverständlich
schien, fand durch Folgendes seine Aufklärung. Kaiser Theodor hatte vor
einigen Tagen in sehr übler Laune gesagt: „Ich weiß nicht, weshalb mir
meine lieben Vettern Napoleon und Victoria solche Leute geschickt haben.
Der Franzose ist ein Narr und der Engländer ein Esel.“ Ganz Unrecht hatte
der Fürst nicht und sein Grimm stieg. Entscheidend wurde jedoch erst ein
anderer Umstand.

Oft schon hatte Theodor sich geäußert, daß ein Handelsvertrag mit England
in Kraft treten müsse, und demgemäß schrieb er gegen Ende 1862 einen [pg
282]eigenhändigen Brief an die Königin Victoria. Ein gleichzeitiges
Schreiben an den Kaiser Napoleon, mit ähnlichen Anträgen, wurde höflich
erwidert, jedoch der Abschluß eines Handelsvertrags abgelehnt. Von
England aber, wo das Schreiben im Auswärtigen Amte verlegt wurde – man
ist nie klar darüber geworden, was mit demselben geschah – kam keine
Antwort. In ganz Abessinien machte der Vorfall großes Aufsehen, da der
König sich der Hoffnung hingegeben hatte, die britische Regierung würde es
sich angelegen sein lassen, die angeknüpften Beziehungen zu fördern,
angesichts seiner Freundschaft gegen Plowden, der guten Aufnahme, welche
Krapf gefunden, und wegen der Abschaffung des Sklavenhandels. Doch
keine Antwort kam. Sicherlich fühlte sich der stolze Halbbarbar durch diese
Nichtbeachtung verletzt; ein europäischer Hof würde dasselbe gethan haben,
und dann rächte er sich eben wie ein Barbar. Cameron mußte zunächst
seinen Zorn fühlen und wurde gefangen gesetzt. Hatte die Königin von
England seinen höflichen Brief, in welchem er seinen Wunsch ausdrückte,
mit ihr und ihren Unterthanen in freundschaftlichem Verkehr zu stehen,
unbeantwortet gelassen, so brauchte er auch, seiner Meinung nach, den
Bevollmächtigten einer so unhöflichen europäischen Monarchin nicht weiter
zu respektiren. Er ließ Cameron mit einem abessinischen Soldaten an einer
und derselben Kette befestigen. Dabei glaubte er, daß die Engländer ihm in

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seinem Lande so leicht durch Waffengewalt nicht beikommen würden und
ließ sich deshalb nicht gern auf Unterhandlungen ein.

Schließlich sandte man am 15. Oktober 1865 den Konsularagenten
R a s s a m, einen Armenier, von Massaua, reich mit Geschenken versehen,
zum König Theodoros. Im Januar des folgenden Jahres fand die
Zusammenkunft statt und Rassam wurde freundlich aufgenommen, sodaß
der König schon wenige Stunden nach der ersten Besprechung die
Freilassung aller gefangenen Europäer befahl; er schickte sofort einen
Kammerherrn nach Magdala und ließ ihnen die Ketten abnehmen.
Unterdessen ging Rassam mit dem König und dessen Heere von Daunt nach
Korata. Dann wurde am 29. Januar der Befehl zur Freilassung ertheilt, aber
nicht vor dem 24. Februar 1866 ausgeführt. Am 12. März langten die
Freigelassenen in Korata an, alle gesund, mit Ausnahme des Konsuls
Cameron, der sich indessen auch bald erholte. Ihre Zahl betrug 18 Köpfe,
und Rassam bekam Erlaubniß, sie nach Aegypten oder nach Aden führen zu
dürfen. Theodor behandelte den Agenten mit großer Aufmerksamkeit und
wollte nicht einmal gestatten, daß Hofleute von demselben Geschenke
annahmen. Die Diener des Negus mußten Rassam königliche Ehren
erweisen, weil er Vertreter der englischen Königin sei; sie mußten vor ihm
knieen und den Boden mit der Stirn berühren. Als er in Korata ankam, wurde
er von 60 Priestern empfangen, die in vollem Ornate dastanden und Psalmen
sangen. Die Freigelassenen wurden noch einmal verhört, gestanden ein, daß
sie Unrecht gethan, und baten, daß der König Theodor als Christ ihnen, den
Christen, vergeben möge. Der König hatte an Rassam geschrieben: „Wenn
ich ihnen Unrecht gethan habe, so lasse es mich wissen, und ich will es
wieder gut machen; findest du aber, daß sie [pg 283]im Unrechte sind, dann
will ich ihnen verzeihen.“ Rassam, dem daran lag, den König bei guter
Laune zu erhalten, hütete sich wohl, dem mächtigen Manne Anlaß zur
Unzufriedenheit zu geben. Dieser ließ dann das Schreiben verlesen, welches
Königin Viktoria an ihn gerichtet hatte. Ein Gleiches geschah mit der
Antwort. In dieser sagte er: „In meiner Niedrigkeit bin ich nicht würdig, Ew.
Majestät anzureden, aber erlauchte Fürsten und der tiefe Ozean können Alles
vertragen. Ich, ein unwissender Aethiopier, hoffe, daß Ew. Majestät mir
meine Fehler nachsehen und meine Vergehen verzeihen werde.“ Der Schluß
lautet: „Rathe mir, aber tadle mich nicht, o Königin, deren Majestät Gott
verherrlicht hat und der er Weisheit im Ueberfluß gegeben.“

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Plötzlich trat nun ein Umschlag in dem unberechenbaren Gemüthe des
Herrschers ein. Rassam’s Plan war, nach dem abessinischen Osterfeste mit
den Freigelassenen abzureisen. Da fiel es dem König auf einmal ein, sie alle,
dieses Mal Rassam mit einbegriffen, wieder in das Gefängniß zu werfen. Er
war so grimmig, daß er sie ohne Ausnahme hinrichten wollte. Dieses
geschah allerdings nicht, dagegen führte man die Europäer wieder nach der
Bergfeste Magdala. Es ist ein Räthsel geblieben, was den König Theodor
bewog, die schon befreiten Gefangenen wieder einzusperren. In der
veröffentlichten amtlichen Korrespondenz betreffs der abessinischen
Angelegenheiten findet sich die Andeutung, daß Theodor’s böser Geist ein
Franzose Namens Bardel gewesen sei, der, früher Sekretär Cameron’s, aus
Rache gegen letzteren den mißtrauischen Theodor gegen alle Europäer
einzunehmen wußte und ihm den Verdacht einflößte: die englische
Regierung stehe im Begriff mit Aegypten ein Bündniß abzuschließen. Die
Zahl der Gefangenen war nach und nach auf 18, darunter 10 Deutsche
angewachsen. Die Beschuldigungen, welche Theodor gegen sie erhob,
waren folgende: Cameron sei zu seinen Feinden, den Türken, gegangen und
habe mit ihnen unterhandelt; ferner habe er auf den Brief an die Königin von
England keine Antwort gebracht; Stern, Rosenthal und Cameron’s Diener
hätten sich durch Verspottung und Verläumdung der Majestätsbeleidigung
schuldig gemacht und die andern hätten mit ihnen konspirirt.

Nochmals wurde von Seiten Englands ein gütlicher Versuch gemacht, um
den König zur Nachgiebigkeit zu veranlassen, dabei jedoch wieder in sehr
ungeschickter Weise vorgegangen. Theodor hatte den Wunsch geäußert,
gewisse Maschinen und einige Arbeiter von England zu erhalten. Diese
wurden mit andern Geschenken nach Massaua geschickt, um die angestrebte
Befreiung der Gefangenen zu unterstützen. Unser Landsmann F l a d, von
dem früher die Rede war (S. 136, 182), hatte die Unterhandlungen mit dem
Könige übernommen. In einem eigenhändigen Briefe, den er überbrachte,
kündigte die Königin Victoria an, daß die Arbeiter und die Geschenke dem
König zugeschickt werden würden. Dies geschah jedoch nicht. Lord Stanley,
der englische Minister des Auswärtigen, hatte später entschieden, daß die
Geschenke sowol als die Arbeiter, obgleich die letzteren willig waren, sofort
nach Abessinien weiter zu gehen, in Massaua zurückgehalten und erst dann
ausgeliefert werden sollten, wenn [pg 284]Theodor die Gefangenen durch
eine Eskorte nach Massaua geleitet und zur Verfügung des englischen
Agenten, Oberst Merewether’s, gestellt haben würde. Wie zum Hohn

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schickte dieser anstatt der erwarteten, von Theodor erbetenen und von der
Königin versprochenen Geschenke, deren Anschaffung dem englischen
Staatsschatz gegen 4000 Pfund Sterling gekostet, ein Teleskop durch Herrn
Flad. König Theodor, der Beherrscher eines Reiches und der Befehlshaber
einer Armee von mindestens 60,000 Mann, der durch ein Fernrohr besänftigt
werden sollte, sagte: „Dieser Mann, welcher mir das Teleskop sendet,
wünscht mich nur zu verhöhnen. Er will mir sagen: Obgleich du ein König
bist und ich dir ein treffliches Teleskop schicke, so vermagst du doch nichts
dadurch zu sehen.“ Das Ausbleiben der versprochenen Geschenke bestärkte
den mißtrauischen König von Abessinien in dem lange gehegten Verdacht,
daß es die Engländer darauf abgesehen, ihn zu betrügen und zu verrathen.
Nachdem Herr Flad Lord Stanley’s Verfügung in Betreff der Geschenke
mitgetheilt, antwortete Theodor: „Ich bat sie um ein Zeichen der
Freundschaft, welches mir verweigert wird. W e n n s i e k o m m e n u n d
fechten wollen, laßt sie kommen; bei dem
allmächtigen Gott, ich werde ihnen nicht
a u s w e i c h e n u n d n e n n e m i c h e i n We i b , w e n n i c h s i e
n i c h t s c h l a g e !“

Und nach weiteren Erörterungen des Herrn Flad: „Ich habe keine Furcht, ich
vertraue auf Gott, der sagt, daß du Berge versetzen kannst, wenn du den
Glauben eines Senfkornes hast. Ihr könnt nicht Alles. Ich weiß, daß, wenn
ich Herrn Rassam nicht in Ketten geschlossen hätte, die Arbeiter mir nie
geschickt worden wären. Nicht nur zur Zeit des Kapitäns Cameron, als sie
keine Antwort auf meinen Brief gaben, in dem ich um ihre Freundschaft bat,
fand ich heraus, daß sie nicht meine aufrichtigen Freunde sein, sondern ich
sah es sogar schon zur Zeit von Plowden und Bell – diese waren meine
Freunde – und aus Freundschaft für sie behandelte ich ihre Landsleute gut.
Ich überlasse es dem Herrn und er soll unterscheiden zwischen uns, wenn
wir uns auf dem Schlachtfelde gegenüberstehen.“ Es ist also klar, daß ein
tiefes Mißtrauen gegen die Pläne Englands, dessen Agenten er im Bunde mit
seinen rebellischen Vasallen und mit seinen auswärtigen Feinden,
namentlich den Aegyptern wähnte, die eigentliche Ursache war, weshalb
Theodor alle Engländer und ihre Schutzbefohlenen, auf die er seine Hand
legen konnte, einkerkern ließ, und daß das Zurückhalten der Geschenke ihn
in diesem Mißtrauen nur bestärkte und die Krisis herbeiführte.

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Die vielgenannte Bergfeste M a g d a l a liegt an der Grenze von Wollo-Galla
im Süden des reißenden Beschlo-Flusses, der seine Wasser mit dem Blauen
Nil vereinigt. Sie ist in neuer Zeit (1862) von Heuglin und Steudner auf
ihrem Wege nach Etschebed ins Lager des Königs Theodor besucht und sehr
gut geschildert worden. Von der Hochebene Talanta’s her kommend und
nach Süden vorschreitend, gelangten die Reisenden an den steilen Absturz
zum Beschlo. Die Aussicht von da auf die jenseitigen Galla-Länder ist
großartig. Zu ihren Füßen schlängelte sich das über 3000 Fuß tiefe Thal des
Flusses, als natürliche Grenze zwischen Abessinien und Galla.

[pg 285]

Vordringen der Engländer auf Magdala.

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Zur Linken, nach Osten, mündete eine steile Schlucht, und darüber hinaus
lagen die steilen Kuppen der Bergfeste Kahit, dahinter die berühmte Festung
Amba Geschen, die im November 1856 von Theodor erobert wurde. Im
Süden tritt, vom Hochlande Woro-Haimano und Amara Seint durch einen
langen Felsgrat getrennt, die Bergfeste Magdala zwischen tiefen, aber
anmuthig grünen Thälern weit nach Norden vor; links davon die Berge von
Tenta, dahinter die kegelförmigen Schwesterberge Dschifa und etwas mehr
im Süden steigt der majestätische Kollo, ganz mit blendend weißem Firn
bedeckt, hoch in den blauen Aether. Das Strombett des Beschlo ist an der
Furt 150 Schritt breit und nimmt so ziemlich die ganze, mit vulkanischem
Geschiebe erfüllte Sohle der tiefen Schlucht ein, die einen reichen
Pflanzenwuchs zeigt. Dieses Thal verließen die Reisenden nach
anderthalbstündigem Marsche und stiegen an einer ziemlich hohen und
steilen Terrasse hinauf, die sich am nordwestlichen Fuße von Magdala
ausbreitet. Kleine Dörfer mit niedlichen Gärtchen und Kaffeeplantagen
lagen zerstreut umher.

[pg 286]
Ein ziemlich steiler Pfad führt in 1¼ Stunde an buschigen Gehängen und
kahlen Felsen hinan zu dem schmalen Plateau, das die eigentliche Festung
Magdala von einer weiter nach Norden vorspringenden, natürlichen
Bergfestung trennt, die etwas niedriger ist als erstere. Herden von
Erdpavianen bewohnen die steilen Wände des Vorwerks. Das erwähnte
Plateau ist ganz kahl, Gruppen von Hütten befinden sich an der Südostseite,
die, wie der Platz selbst, I s l a m G i e (Muhamedaner-Dorf) heißen. Hier ist
zugleich der Marktplatz für die Festung.

Die eigentliche Festung Magdala, einst im Besitze der Galla, kann als
Hauptstadt der Provinz Woro-Haimano angesehen werden. Das Land
südwärts bis Schoa war früher von amharischen Christen bewohnt, kam aber
nach und nach in Besitz der sich immer mehr nach Norden ausbreitenden
muhamedanischen Galla, welche von hier aus beständige Einfälle in
Abessinien machten, bis Negus Theodor Land und Festung wieder eroberte.
Magdala selbst nimmt einen Flächenraum von 2 englischen Meilen ein, ragt
100–200 Fuß über das Plateau von Islam Gie hinaus, hängt im Süden mit der
nahen Hochebene zusammen durch einen niedrigen, langen und scharfen
Felsgrat; im Osten und Westen fallen natürliche, mauerartige, senkrechte
Bastionen viele hundert Fuß tief in die Seitenthäler ab, gegen Norden und

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Süden führen Felsspalten als natürliche Thore herab, die mit Ausfallthoren
versehen sind. Auch Wasser findet sich auf der Amba und einiger Raum zum
Feldbau. Der Negus, der die Wichtigkeit der Amba wegen seinen
Beziehungen zu Schoa und weil die Galla von hier aus leicht im Zaum
gehalten werden können, wohl erkannte, ließ Magdala restauriren, einige
Geschütze hinaufschaffen, ein wohlversehenes Zeughaus errichten und
weitläufige Getreidemagazine bauen.

So war die Festung beschaffen, nach der Theodor die Gefangenen hatte
schleppen lassen und auf der sich sein Schicksal erfüllen sollte. Als die
letzten Friedensaussichten geschwunden waren, fing man in England an sich
zum Kriege vorzubereiten, dessen offizieller Zweck die Befreiung der
Gefangenen war. Das Parlament wurde zu einer Extrasitzung
zusammenberufen und am 18. November 1867 von der Königin mit einer
Thronrede eröffnet, in welcher es heißt: „Der Herrscher Abessiniens fährt
fort, allen internationalen Rechten Hohn sprechend, mehrere Meiner
Unterthanen in Gefangenschaft zu halten, von welchen einige von Mir
besonders accreditirt waren, und seine hartnäckige Mißachtung gütlicher
Vorstellungen hat Mir keine andere Wahl gelassen, als die Freilassung
Meiner Unterthanen durch eine peremptorische Aufforderung zu verlangen,
die zugleich durch eine entsprechende Truppenmacht unterstützt wird. Ich
habe demgemäß die Absendung einer Expedition zu diesem ausschließlichen
Zweck angeordnet, und ich verlasse Mich voll Vertrauen auf die
Unterstützung und Mitwirkung meines Parlaments in Meinem Bemühen,
unsere Landsleute aus einer ungerechten Gefangenschaft zu befreien und
gleichzeitig die Ehre Meiner Krone zu wahren.“

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Innerer Theil der Bergfeste Magdala. Südliche Ansicht. Originalzeichnung von E. Zander.

Nach einigem Zögern bewilligte das Parlament die nöthigen Gelder, und [pg
287]die indische Armee erhielt den Auftrag, den Krieg zu beginnen. Am 4.
Oktober war bereits ein Pioniercorps bei Zula in der Bay von Adulis
(Annesley, S. 169) gelandet. Dieses schlug an der öden, wasserlosen Küste
ein Lager auf und begann eine Straße nach dem Innern zu bauen, ohne dabei
belästigt zu werden. Die Gesammtstärke der aus Indien nach Abessinien
beorderten Truppen betrug 12,000 Mann, darunter 4000 Europäer. Die
Infanterie war mit Hinterladern bewaffnet. Außer diesem Armeecorps folgte
ein Troß von 8000 Mann, 35,000 Lastthiere, worunter 24,000 Maulesel und
40 Elephanten, welche letztere zum Tragen der Armstrong-Geschütze
bestimmt waren. Zum Kommandanten der Armee wurde General R o b e r t
N a p i e r ernannt. Auch ein ganzer Stab von Gelehrten, Künstlern und
Zeitungsberichterstattern schloß sich der Expedition an. Unter den ersteren
sind zu nennen Werner Munzinger, Ludwig Krapf, der Nilquellentdecker
Grant und – im Auftrage des Königs von Preußen – der berühmte

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Afrikareisende Gerhard Rohlfs. Die beste Stütze der Armee war jedoch eine
ungeheure Summe von Maria-Theresia-Thalern, die man in Wien hatte
prägen lassen.

Ohne Schwierigkeiten war das Eindringen in das Innere keineswegs;
namentlich verursachte der Wassermangel große Gefahren für Menschen
und Thiere, und nur mit den bedeutendsten Kosten konnte man diesem durch
destillirtes Wasser abhelfen. Die Truppe war gesund, verlor aber ziemlich
viele Kameele und Maulthiere, minder durch die Ungunst des Klimas als
durch die schlechte Pflege ihrer Wärter. Dieselben waren ein aus Persien,
Arabien und Indien zusammengelaufenes Gesindel, das nicht arbeiten
wollte, unterwegs nicht selten, um rascher fortzukommen, die Fracht
wegwarf und auf der Straße liegenließ, die Thiere nicht fütterte und tränkte,
sodaß diese erhitzt und halb verdurstet zu den Tränkrinnen kamen, dann
übermäßig tranken und erkrankten. Fällt ein solches Thier, so verursacht die
Wegschaffung des Aases, das man im heißen Klima aus Furcht vor
Ansteckung nicht im Freien liegen lassen kann, neue Schwierigkeiten, und
man konnte sich nur dadurch helfen, daß die Aeser mit dürrem Gesträuche
bedeckt und verbrannt wurden. Oberst Merewether war des langen Liegens
an der Küste, des destillirten Wassers und der Langeweile müde geworden
und hatte die Truppe gegen die Hochplatte von Abessinien, wo er Nahrung
und Wasser zu finden gegründete Hoffnung hatte, vorgeschoben. Drei Wege
standen ihm offen, alle drei durch die trockenen Bette von Bergströmen
gekennzeichnet, denn wie zur Zeit der Völkerwanderung sind in diesem
halbwilden Lande heute noch Bäche und Flüsse die Wegweiser für Wanderer
und Völkerschwärme. Die kürzeste der drei Routen war wol die mittlere,
vom Flusse Hadasch gebildete, aber sie bot die meiste Schwierigkeit, daher
wurde die mehr links liegende, durch den Fluß Kamoyle gebildete Straße
gewählt. Unter den Einwohnern wurde eine Proklamation des
kommandirenden Generals verbreitet, des Inhalts: daß die Engländer nur
gekommen seien, die widerrechtlich gefangen gehaltenen Landsleute zu
befreien; Freiheit und Glaube des Volks werden ebenso wie Eigenthum und
Vermögen der Individuen geschützt und [pg 288]geachtet werden. Am 2.
Dezember setzte sich die Kolonne in Bewegung. Anfangs ging es durch eine
sandige, nur spärlich von Akazien und Steppengewächsen bedeckte Ebene,
dann stieg der Weg langsam auf. Nirgends waren Menschen, nur hier und da
das Gerippe verlassener Hütten zu sehen, bis man Kamoyle erreicht hatte,
das im Bergkessel liegt, wo man sich wieder an dem Genusse frischen

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Quellwassers labte und einen Wegzeiger mit der Aufschrift: „Route nach
Abessinien“ aufstellte. Jetzt gelangte man ins Gebirge, wo Felsenmassen den
Weg zu sperren schienen, aber stets öffnete bei jeder Krümmung sich ein
Ausweg, oft unter überhangendem Gestein hinweg, oft an steiler Bergwand
entlang; nur vom Regen herabgeschwemmtes Gestein hemmte den Pfad bis
Ober-Suru, das, 2000 Fuß über der Meeresfläche liegend, freundlich ins Thal
hinabschaut. Hier wurde gerastet; Nacht und Morgen waren kühl; gestärkt
von der frischen Luft stieg die Truppe das Plateau hinauf.

Die Wirkungen der englischen Invasion waren zunächst an der Bai von
Adulis zu bemerken. Zwei Landungsbrücken, Docks und Magazine, eine
mehrere Meilen lange Eisenbahn von der Bai nach dem Lager in Zula, ein
für das schwerste Fuhrwerk fahrbarer Weg von Zula bis zum Fuße des
Senafe-Berges, Stationen auf diesem Wege, um den Transportdienst durch
Relais zu beschleunigen, Telegraphen erhoben sich sofort als Zeugen
englischer Thatkraft.

In Senafe, 7500 Fuß über dem Meere, wurde das erste größere Lager
aufgeschlagen und ein förmlicher Stationsplatz errichtet. Die gesammte
Zufuhr, die durch fabelhafte Preise jedoch dorthin gelockt wurde, war nicht
genügend, ein einziges Regiment zu ernähren. Daher mußte Alles durch eine
bedeutende Transportschiffflotte erst in die Annesleybai geschafft und dann
durch Maulthiere und Kameele weiter gebracht werden. Täglich verließen
20,000 Rationen Zula, von denen aber nur die Hälfte nach Senafe gelangte,
da der andere Theil von den Lastträgern und Treibern verzehrt wurde.
30,000 bis 40,000 Gallonen Wasser wurden täglich auf den Schiffen
kondensirt und dieser Prozeß kostete allein täglich über 1000 Thaler.

Ehe wir den staunenswerthen Marsch der Engländer in südlicher Richtung
weiter verfolgen, müssen wir uns nach ihrem Gegner und dessen Lage
umsehen. Die drohende Invasion und der den Abessiniern innewohnende
revolutionäre Trieb, die Eifersüchteleien der kleinen Häuptlinge und die
Sucht derselben, sich unabhängig zu machen, war mit erneuter Stärke
ausgebrochen, in je größere Verlegenheiten König Theodor gerieth. Ueberall,
im Norden wie im Süden, entbrannte die Revolution, und mit Schluß des
Jahres 1867 befand sich Abessinien wieder in der Lage, in der es war, ehe
König Theodor seinen ehrgeizigen Traum träumte, ehe er die zerstreuten
Theile zusammenfassen konnte. Ihm blieb schließlich nur der Landstrich

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vom Tanasee bis Magdala unterthan, ja zeitweilig nicht einmal dieser, und
seine Macht beschränkte sich nur auf sein Lager, das meistens in Debra
Tabor sich befand. Magdala aber, seine für uneinnehmbar geltende Feste,
hütete er wie seinen Augapfel. Die Gefangenen befanden sich dort ziemlich
wohl und waren so wenig streng bewacht, daß sie mit der größten [pg
289]Leichtigkeit mit den Engländern korrespondiren und diese von allen
Vorgängen im Lager des Negus in Kenntniß setzen konnten.

Das Reich, das Theodor gebildet hatte, war wieder in eine Anzahl
unabhängiger Fürstenthümer zerfallen, und nicht das ganze stolze
Aethiopien – nein, nur ein einzelner Herzog, der sich noch immer Negus
nannte – stand gegen England im Felde. Das große Reich Tigrié, das unter
Ubié einst selbständig war, hatte unter dem Detschasmatsch Kassai, einem
Sohne Ubié’s, seine Unabhängigkeit wieder erlangt, und dieser Fürst,
welcher fürchtete, daß Theodor ihn doch einst vertreiben könne, schloß
sofort mit den Engländern Freundschaft und empfing Gesandte in seiner
Hauptstadt Adoa. In Lasta und den angrenzenden Distrikten hatte sich
Gobazye, der Schum von Wag, kurzweg der Wagschum genannt, ein tapferer
Krieger und einst einer der besten Generäle Theodor’s, unabhängig gemacht.
Kassai und Gobazye befehdeten einander, doch nicht minder stark war die
Feindschaft beider gegen Theodor, ihren gemeinschaftlichen Gegner.

Mehr als der Abfall dieser Fürsten schmerzte Theodor aber der Verrath des
jungen Menilek. Dieser, der Sohn des 1856 von Theodor besiegten Königs
Hailu Melekot von Schoa, war Theodor’s Schwiegersohn geworden; aber
weder die junge Frau, noch die Gnade des Königs vermochten ihn zu
fesseln; er trachtete nur danach, wieder in den Besitz seines Erbes zu
gelangen. Unterstützt von der Gallafürstin Workit entfloh er mit
Zurücklassung seiner Frau nach Ankober, wo ihn die Schoaner jubelnd als
Negus anerkannten. Theodor selbst wurde durch diesen Abfall und das
Mißtrauen, welches er gegen die Europäer hegte, zur schrecklichsten Wuth
getrieben, die sich in blutigen Greueln äußerte. Der Kerker zu Debra Tabor
war, wie wir aus den Berichten eines Augenzeugen, des deutschen
Naturaliensammlers Karl Schiller, selbst erfuhren, fortwährend mit
Unglücklichen überfüllt, die entweder zum Hungertode oder zur Hinrichtung
durch Abschneiden der Hände und Füße verdammt waren. Dreihundert
Soldaten, die im Verdachte standen, desertiren zu wollen, wurden zum
Hungertode verurtheilt. Gefesselt und bewacht, mit langen Holzgabeln am

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Halse, saßen sie zusammengekauert ohne die geringste Bekleidung im
Freien. Des Nachts fror fingerdickes Eis oder strömte der Regen auf die
Elenden hernieder, während am Tage die brennenden Strahlen der tropischen
Sonne die nackten Körper trafen. Nach Verlauf von zwei Wochen starb der
letzte; er hatte mit dem Regen, der seine verdorrenden Lippen netzte, mit
dem Grase, auf dem er saß, sein jammervolles Dasein so lange gefristet.
Solche Greuel aber ereigneten sich fast täglich! Blitzschnell zog Theodor im
Lande herum, und wehe der Gegend, in die sein raublustiges Heer einfiel.
Das Volk der Waito wagte zuerst, dem Gewaltigen Widerstand zu leisten, ja
es war so glücklich, Anfangs einen Theil seines Heeres zu schlagen. Da
beschloß Theodor, mit ihnen kehraus zu machen. Wie der Habicht vom
hohen Thurme herniederfährt zwischen das scheue Geflügel, so stürzte er
von Debra Tabor auf die Waito. Was nicht sogleich vor dem Schwerte der
Krieger fiel, wurde in die Häuser getrieben, und als diese mit Männern,
Weibern, Kindern gefüllt waren, da befahl Theodor, Feuer an die [pg
290]Strohdächer zu legen, und Hunderte von Unschuldigen fanden ihren
qualvollen Tod in den Flammen.

In Gafat, später in Debra Tabor, herrschte währenddem eine große
industrielle Thätigkeit. Dort hatte man Flammenöfen gebaut, dort hämmerte,
schmiedete und formte man Tag und Nacht unter der Leitung der deutschen
Handwerker, an deren Spitze jetzt Dr. Schimper und Eduard Zander standen.
Mit geringen Mitteln war mitten in der abessinischen Wildniß ein ziemlich
bedeutendes industrielles Etablissement entstanden, eine Oase in der Wüste,
in welcher fast nur deutsche Laute wiederklangen. Die erste Kanone, welche
8 Fuß lang war und eine 6 Zoll weite Seele besaß, wurde von dem über den
Guß hocherfreuten Könige „Theodor“ getauft, während ein 80 Centner
schwerer Riesenmörser mit anderthalbfußweiter Oeffnung den stolzen
Namen „Sebastopol“ erhielt.

Als die Gegend um Debra Tabor im Spätsommer vollständig ausgeplündert
war und die Raubzüge in der Umgegend kein Vieh und Getreide mehr
einbrachten, beschloß Theodor, nach Magdala aufzubrechen. Debra Tabor
wurde, damit es keinem Feinde in die Hände fiel, in Brand gesteckt und
dann der Marsch mit einem Heere von etwa 50,000 Menschen angetreten,
worunter sich jedoch höchstens 10,000 Krieger befanden, denn
Hinrichtungen und Desertionen hatten die Armee stark reduzirt. Ueber
Hochlande, die theilweise 11,000 Fuß über dem Meere liegen, durch

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zerrissene Tiefebenen und vom Regen angeschwollene Ströme führte der
Marsch über Tschetscheho nach Woadla. Mitten im Zuge schritten gebunden
die fünf Deutschen: Steiger, Brandeis, Schiller, Eßler, Makerer, während
Cameron, Rassam, Stern, Rosenthal u. s. w. bereits auf Magdala
schmachteten.

Am 31. Oktober 1867 stand das Heer bei dem Flecken Biedehor, der etwa
10,000 Fuß hoch über dem Meere liegt. Von dort hat man einen weiten Blick
in das Land nach Süden, nach Magdala und dem hohen, schneebedeckten
Kollogebirge. Südlich von Biedehor aber durchsetzt eine jener grausigen
Thalschluchten das Land, an denen Abessinien so reich ist. Hier fließt
zwischen senkrechten, fast 3000 Fuß hohen Felsen die rauschende Dschidda
hin. Nur einige Terrassen unterbrechen die jähen mauerartigen Wände. In
diesen Schlund mußte die ganze Armee hinabsteigen und, nachdem sie das
Flußbett überschritten, am jenseitigen Ufer wieder einen ebenso steilen
Felsenwall über nacktes, vulkanisches Gestein nach der fruchtbaren Ebene
von Talanta hinaufklimmen. Dorthinab mußten auch die Kanonen und der
Riesenmörser „Sebastopol“ geschleppt werden. Der letztere wurde auf
einem ungeheuren Wagen von Hunderten von Menschen fortgezogen, so wie
die alten Aegypter einst ihre Kolosse fortbewegten. Aber auf den
gewöhnlichen Maulthierpfaden konnte der Mörser unmöglich durch die
Dschiddaschlucht gelangen, und rasch entschlossen befahl Theodor den
deutschen Arbeitern, die ihn begleiteten, eine Straße zu bauen. Dieses
geschah, während die Engländer schon im Anmarsch waren, und mit
Erstaunen vernahm Theodor, was er für unmöglich gehalten, daß jene in
Zula gelandet seien. Zwei Monate nahm der Bau der Straße in Anspruch,
denn erst am 15. Januar 1868 war die Dschidda glücklich überschritten und
die Talanta-Ebene erreicht.

[pg 291]
Wohlgefälligen Auges schaute der König auf die fruchtbare Ebene. Die
Weizen- und Gerstenfelder standen in der üppigsten Pracht, überall
wimmelte es von fleißigen Menschen, die den Boden bestellten, von fröhlich
singenden Kindern, denn ein Owatsch (Herold) des Königs war
umhergezogen und hatte in ganz Talanta verkündigt: „Kehrt heim ihr Bauern
zu eurer Arbeit, bestellt die Aecker und flüchtet euch nicht. Der König bringt
den Frieden, kein Haar wird euch gekrümmt, euer Eigenthum ist geachtet.“
Und friedlich kehrten die, welche schon auf der Flucht waren, in ihre Dörfer

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zur gewohnten Beschäftigung zurück. Aber Theodor hielt sein Wort nicht; er
brauchte Proviant für seine Festung Magdala, fiel über die schmählich
betrogenen Leute von Talanta her und zog dann über den Beschlo in seine
Felsenburg ein.

Unterdessen rückten die Engländer mit großer Geschwindigkeit nach Süden
vor. Ihr Marsch war kein leichter. Besonders muß man bedenken, daß eine
Verbindungslinie von 400 englischen Meilen zwischen dem Meere und
Magdala offen zu halten und durch eine Postenkette zum Schutze des
Proviants und der Munition zu befestigen war. Letzteres war um so mehr
erforderlich, als man auf freundschaftliche Gesinnung der Eingeborenen nur
so lange mit Gewißheit rechnen konnte, als Gewalt und Glück auf Seite der
Europäer stand.

Dabei bewegte sich die Truppe mit ihrem riesigen Troß, ihren Elephanten
und Kanonen auf Gebirgen, die unsere höchsten Alpenpässe bei Weitem
überragen, wie aus der folgenden, in Petermann’s Mittheilungen (1868,
S. 180) angegebenen Höhenlage der hauptsächlichsten Stationen hervorgeht.
Senafe, besetzt am 6. Dezember 1867, liegt 7464 Fuß über dem Meere;
Adigerat (Ategerat), besetzt 31. Januar 1868, 8291 Fuß; Tschelikut 6279
Fuß; Antalo (besetzt 15. Februar) 7935 Fuß; Aladschin-Paß 9630 Fuß;
Aschangi-See 7264 Fuß; Lat (besetzt 31. März) 8478 Fuß; Dasat-Berg 9502
Fuß; Quelle des Takazzié 7700 Fuß; Abdikom 10,000 Fuß; Talanta (4. April)
10,700 Fuß; Magdala (erstürmt am 13. April) etwa 11,000 Fuß. In diesem
Verzeichniß ist zugleich die Marschroute des Heeres kurz angegeben, über
die wir hier noch Einiges nachtragen wollen.

Von Senafe zog das Heer über ein hohes, offenes, grasbedecktes Plateau mit
einer reizenden Aussicht auf Gebirgsmassen von allen nur denkbaren
Formen, nach A d i g e r a t zu. Die zwischen den Bergen sich hinwindenden
Schluchten, denen nur Bäche und Wälder zur Vollendung der Schönheit
mangeln, schienen sehr fruchtbar zu sein, sodaß man die schwache Zufuhr
an Getreide von Seite der Eingeborenen kaum begreifen konnte, und selbst
die beschränkten Zufuhren erschöpften die Gegend immer schnell, da keine
Idee von Großhandel herrschte und jeder nur das zu Markte brachte, was er
von seinen eigenen Vorräthen erübrigen konnte. Adigerat selbst, das man am
31. Januar 1868 besetzte, war allen bisher gesehenen abessinischen Städten
überlegen, da außer den gewöhnlichen schmuzigen Hütten und einer

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hübschen Kirche noch ein Palast und ein befestigter Thurm sich dort
befanden. Hinter diesem Hauptorte der Provinz Haramat führt ein gangbarer
Weg nach M a i W i h i s, durch weite, offene, gras[pg 292]bewachsene
Ebenen, die häufig von Dörfern unterbrochen und ziemlich kultivirt waren.
Für den kriegerischen Charakter der Bevölkerung zeugten genugsam die
vielen auf fast unerreichbaren Felsspitzen erbauten Festungen, die selbst
europäischer Artillerie zu trotzen vermögen. So namentlich A m b a Z i o n
(siehe Abbildung S. 41), das ehemalige Staatsgefängniß Theodor’s, welches
jetzt leer stand, da bei dem Abfall Kassai’s auch der mit der Beaufsichtigung
dieser Festung betraute Häuptling revoltirte und die Gefangenen in Freiheit
setzte. A d A b a g i n, 7849 Fuß über dem Meeresspiegel, war die nächste
Station. Hier waren die Nächte so kalt, daß man kaum schlafen konnte, wozu
sich die lieblichen Töne eines Schakal- und Hyänen-Konzerts gesellten.
Allein die Thiere waren weniger gefährlich, als man denken sollte, da sie
sich genügend an den todten Maulthieren sättigen konnten. Bei Agala, 6300
Fuß über dem Meere, zeigte sich eine merkliche Veränderung der
Vegetation. Duftende Kräuter versüßten die Luft, die Straße war wunderbar
gut und nur auf eine kurze Strecke abschüssig. Hier in dieser Gegend erhielt
man wieder Briefe von den Gefangenen in Magdala, woraus hervorging, daß
sie sich Alle wohl befanden und daß Theodor im Januar Magdala noch nicht
erreicht hatte, aber entschlossen sei, es mit den Engländern aufzunehmen.
Da man die Abessinier für keine zu verachtenden Feinde hielt, wurde die
Straße, die nach Magdala führt, durch mehrere Positionen befestigt. So
erhielt Adigerat Wall und Graben, die von 200 Mann und einigen
Armstrongkanonen vertheidigt wurden. Die Flüsse, welche man auf dem
ferneren Wege nach A n t a l o zu traf, eilen der Geba, einem Nebenflusse des
Takazzié, zu und senden durch diesen Kanal ihren Tribut zum Anschwellen
des Nil. Die Armee hatte daher über eine Reihe von Wasserscheiden im
rauhen Gebirgslande zu setzen. Hier traf man auch auf die Salzkarawanen,
welche, von Taltal kommend, die Salzstücke in das Innere des Landes
verführen.

Während die Armee solchergestalt vordrang, suchte der Oberbefehlshaber
sich mit den Häuptlingen des Landes in freundschaftliches Einvernehmen zu
setzen und begann mit einem Besuche Kassai’s, des Fürsten von Tigrié. Als
Ort der Zusammenkunft diente eine Stelle am Flüßchen Diab, unweit der
herrlichen Amba Zion; als Tag war der 25. Februar bestimmt. Kassai
erschien mit 4000 Mann am Ufer des Baches. Sir Robert Napier ritt auf

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einem Elephanten, gefolgt von seinem ganzen Stabe, ihm entgegen, verließ
aber seinen hohen Sitz auf dem Rüsselträger, damit der Anblick des Thieres
unter der Kavallerie der Abessinier keine Verwirrung anrichte. Nun öffneten
sich auch die Reihen der Abessinier und mitten durch sie kam der etwa 35
Jahre alte Kassai auf einem weißen Maulthiere angeritten. Die Briten
empfingen ihn mit allen militärischen Ehren, ihr Oberkommandant schüttelte
ihm die Hand und führte ihn ins Zelt, wo Kassai reich beschenkt wurde und
ein Freundschaftsbündniß mit England schloß. Er bewunderte vorzüglich die
Waffen der Europäer und lud hierauf Napier ein, seine eigenen Truppen zu
inspiziren. Mit wenigen Ausnahmen trugen diese alle Feuerwaffen. Der
größte Theil von ihnen besaß doppelläufige Perkussionsgewehre englischen
oder belgischen Fabrikats. Viele führten Pistolen und kein [pg 293]einziger
fand sich, der nicht das lange krumme Schwert an der rechten Seite getragen
hätte. Die wenigen, die ohne Gewehre erschienen, waren mit Speer, Schwert
und Schild bewaffnet. Die Mannszucht schien gut, ihre Manövrirfähigkeit
war nicht zu verachten. Gleichfalls beschenkt mit silbernen Armringen, einer
Löwenhaut, dem Abzeichen tapferer Krieger, mit Speer und Schild, kehrte
der englische Oberkommandant in sein Lager zurück. Er hatte nun im
Rücken nichts mehr zu besorgen, und der Vormarsch auf Antalo begann auf
schwierigen Wegen.

Das Land zeigte überall Spuren der vielen Kämpfe, denen es durch seine
unruhigen Häuptlinge ausgesetzt war. Die Dörfer lagen verwüstet, die
Unsicherheit der Zustände hinderte eine geregelte Bodenkultur und statt den
Engländern für die Verbesserung der Straßen und Wegbarmachung der Pässe
zu danken, grollten ihnen die Eingeborenen, weil hierdurch den Häuptlingen
der Nachbarländer später feindliche Einfälle erleichtert würden.

A n t a l o unterschied sich nicht von Adigerat als Stadt, war aber bedeutend
als Marktplatz. Brot, Mehl, Butter, Honig, Schlachtvieh wurden in reichem
Maße zugeführt, doch stellte sich eine Schwierigkeit ein: Napier hatte einen
Augenblick lang Ebbe in der Kasse, denn Gold nahmen die Eingeborenen
nicht und Maria-Theresia-Thaler waren in ungenügender Menge zugeführt
worden. In ihren Thalern hatten die Engländer das beste Mittel, die Allianz
der Einwohner zu erzielen; aber ihre Kopfzahl erschien diesen immer noch
zu gering, um den fürchterlichen Theodor anzugreifen, welcher sich, den
angelangten Nachrichten zufolge, auf der Hochebene von Talanta, zwischen
den Strömen Dschidda und Beschlo befestigte.

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Der Zug der Engländer ging nunmehr durch Wodscherat und D o b a zum
A s c h a n g i - S e e, der östlich liegen blieb, und durch Wofila nach dem
8478 Fuß hoch gelegenen L a t, wo das ganze Expeditionscorps in zwei
Divisionen getheilt wurde, von denen die erste unter General Stavely, 4600
Mann und 600 Pioniere zählend, zum aktiven Vorgehen, die zweite unter
General Malcolm zur Reserve und Besatzung der Zwischenstationen
bestimmt war. Alles unnöthige Gepäck blieb zurück; für je 12 Offiziere
wurde nur ein Zelt und für 20 Gemeine eins bewilligt, die ersteren durften
nur 30 Pfund, die letzteren nur 25 Pfund Gepäck mitführen.

Nachdem der 10,662 Fuß hohe Emano-Amba-Paß durchschritten war, stieg
die Armee hernieder zu den Quellen des Takazziéstromes. Dann wurde die
Ebene von Woadla (Wadela) durchschritten, und am 30. März standen die
Engländer in Biedehor am höchsten Rande des D s c h i d d a - T h a l s,
10,000 Fuß über dem Meere, auf der Kunststraße, die Theodoros mühsam
durch die Deutschen hatte herstellen lassen. Durch den Bau dieser Straße
hatte der Negus den Engländern ein gutes Theil an Zeit und Mühe erspart,
allein es blieben noch Hindernisse genug übrig. Der Uebergang über die
Dschidda, welcher am 4. April bewerkstelligt wurde, war nicht das geringste
derselben. Die abschüssigen, felsigen Ufer hinab und wieder hinauf zu
steigen, war kein leichtes Unternehmen; die Lastthiere rutschten die ganze
Strecke hinunter und mehrere erlagen [pg 294]den Strapazen. Das
Aufsteigen auf der anderen Seite war womöglich noch schwieriger für
Menschen und Thiere, die sich mit leerem Magen und unter schwerem
Gepäck hinaufzuwinden hatten. Hier wurde es allmälig zur Gewißheit, daß
Theodor sich auch von der Hochebene Talanta, die man jetzt betrat,
zurückgezogen und nach Magdala geworfen habe, daß man ihn daher hinter
dem Beschlo aufsuchen müsse. Die vorausgeschickten
Rekognoszirungstruppen hatten bereits die Nachhut von Theodor’s Heer
erblickt, und nun war es klar, daß in den nächsten Tagen ein Zusammenstoß
stattfinden könne. Was die Einwohner von Talanta betraf, so bezeigten sie
sich den Engländern freundlich, da sie kurz vorher von Theodor’s Truppen
nach Maßgabe der altabessinischen Praxis ausgeplündert waren und nun in
den Fremdlingen ihre Rächer erblickten. Gefährlich schien für die Engländer
einen Augenblick das Auftreten des Rebellen Wolda Jesus in ihrem Rücken,
der die Transporte, welche durch Lasta gingen, zu stören versuchte, aber von
dem ihnen verbündeten Kassai von Tigrié zur Ruhe verwiesen wurde. Von

Page 408

den Gefangenen hatte man die Nachricht, daß sie sich wohl befänden und
milder als früher behandelt würden.

Ueber das Verhalten Theodor’s kurz vor dem Zusammentreffen mit den
Engländern giebt ein Brief des gefangenen Gesandten Rassam interessante
Auskunft. Hiernach hatte sich der König schon am 18. März über den
Beschlo zurückgezogen und an diesem Tage einen Brief an Rassam
geschickt, in welchem er bedauerte, daß dieser in Fesseln gelegt worden sei,
denn ohne sein Wissen hätten dieses die Behörden gethan; gleichzeitig gab
er den Befehl, Rassam die Ketten abzunehmen, was auch geschah.

Am 27. März zog Theodor mit seinen sehr zusammengeschmolzenen
Getreuen in Magdala ein, wo die größte Verwirrung herrschte. Ein hoher
militärischer Würdenträger war desertirt und zwei andere Häuptlinge wurden
angeklagt, Menilek, den König von Schoa, eingeladen zu haben, die Festung
in Besitz zu nehmen. Dieses Alles setzte den stolzen Herrscher, der bisher
nur die unbedingteste Unterwerfung unter seinen Willen gekannt, derart in
Wuth, daß er zuerst beschloß, die alte Garnison aus der Festung zu entfernen
und durch eine neue zu ersetzen; am nächsten Tage jedoch gab er
Gegenbefehl, beschränkte sich darauf, den Kommandanten abzusetzen und
die Besatzung durch 1000 Mann zu verstärken. Am 29. März schickte
Theodor zu Rassam, den er in einem seidenen Zelt empfing. Er theilte ihm
höflich und in seiner unberechenbaren Weise mit, daß er ihn nur darum übel
behandelt habe, weil er wünschte, die Engländer möchten gegen ihn zu
Felde ziehen. Darauf drückte er den Wunsch aus, er möge Rassam in der
englischen Uniform sehen, was dieser natürlich zugestehen mußte. Umgeben
von 400 Offizieren und den deutschen Handwerkern empfing er den
ehemaligen Abgesandten der Königin Victoria, welcher die Ehre hatte, dem
königlichen Prinzen vorgestellt zu werden. Alles schien dem Könige daran
gelegen, den Gefangenen möglichst zu imponiren, und um diesen Zweck zu
erreichen, wurde der berühmte Riesenmörser Theodor’s herbeigeschleppt,
den dieser „Sebastopol“ getauft hatte. Freudenschüsse begleiteten die
Ankunft des Ungethüms, das sich [pg 295]später als sehr ungefährlich
erwies. Theodor selbst beaufsichtigte die Befestigungs- und Wegarbeiten
und war darüber, daß er Magdala vor den Engländern erreicht, so erfreut,
daß er sämmtlichen Gefangenen die Fesseln abnehmen ließ. Nachdem alle
Kanonen und Mörser an Ort und Stelle waren, erkundigte er sich bei Rassam
aufs genaueste nach der Zahl der gegen ihn ausgesandten englischen

Page 409

Truppen. Letzterer erwiderte: man spreche von 10,000 Mann; er glaube aber
nicht, daß mehr denn 6000 bis Magdala kommen würden. Darauf hin setzte
der Negus auseinander: wenn er noch so mächtig wäre, wie ehedem, hätte er
die Engländer bei ihrer Landung erwartet und sie gefragt, was sie denn
eigentlich wollten; aber jetzt habe er mit Ausnahme Magdala’s das ganze
Land verloren und müsse sich damit begnügen, sie hier zu erwarten. Dann
befahl er, die Gefangenen in seiner unmittelbaren Nähe zu halten, während
er von seiner luftigen Burg unablässig mit dem Fernrohr nach Norden hin
schaute, von wo der Feind kommen mußte. Endlich am 7. April sah Theodor
die ersten Engländer am Beschlo anlangen.

Am 10. April überschritt auch Sir Robert Napier diesen Fluß und hatte nun
die Feste Magdala in ihrer ganzen Fürchterlichkeit vor sich liegen. Kühn
ragten die steilen Felsen gen Himmel, und oben befand sich Theodor mit
seinem Heere. Obgleich die Engländer keineswegs die Absicht hatten,
sogleich zum Angriff überzugehen, sondern außerhalb Schußweite von Fala,
einer Vorburg Magdala’s, kampiren wollten, so wurden die Truppen
Theodor’s doch durch die englischen leichten Reiter, welche nahe an die
Festung heranritten, hervorgelockt. Theodor, der selbst in Fala bei seinen
großen Kanonen sich aufhielt, gab Befehl, diese dreisten Leute gefangen zu
nehmen. Aber er hatte nicht gewußt, daß inzwischen die ganze Brigade unter
Sir Stavely auf einem verdeckten Wege ebenso nahe war. Die leichten Reiter
zogen sich, als etwa 1200 Fußgänger von der Amba herunterkamen, so
schnell sie konnten, zurück. Statt ihrer rückten nun ein Regiment
Beludschen, ein englisches Infanterieregiment, eine Batterie Berggeschütze
und eine Raketenbatterie vor. Theodor that aus seinem schweren Geschütze
in Fala einige gutgezielte Schüsse und seine Leute liefen in Unordnung, aber
tapfer vor, bis sie auf 150 Schritt an die Engländer herangekommen waren.
Dann aber hatte es ein Ende: Die Wirkung der Geschütze und das auf die
Abessinier einströmende Feuer der Raketen machte, daß an keinen Halt
mehr zu denken war; Hunderte deckten, mit dem Anführer (Fit Auri, S. 19)
an der Spitze, die Wahlstatt; der Rest stob auseinander und flüchtete nach der
Burg zurück.

Theodor, welcher seines Sieges sicher war, hatte unterdessen geschickt eine
andere Abtheilung in den Rücken der englischen Bagage gesandt; aber auch
dieser ging es schlecht. Von einer Bergbatterie unterstützt, richtete die
Bagagemannschaft ein entsetzliches Blutbad unter den Abessiniern an, die

Page 410

immer in dem Glauben gelebt hatten, wehrlose Leute vor sich zu haben. Von
diesen 600 Mann kehrte keiner in die Amba heim; die Ueberlebenden
konnten nicht in die Burg zurück, da ihnen der Rückzug abgeschnitten war,
und, ins Land fliehend, wurden sie ein Opfer der erbitterten Bevölkerung.
Der Kampf dauerte bis 6½ Uhr [pg 296]Abends, wo Dunkelheit und Regen
die Engländer nöthigten, die Verfolgung, die bis an die Felsenwälle
Magdala’s selbst führte, einzustellen. Während des ganzen Gefechts, das die
Engländer als „Schlacht von Arodsche“ bezeichnen, fand ein furchtbares
Gewitter statt, sodaß Donner und Kanonengebrüll sich miteinander
mischten. Die Zahl der abessinischen Todten betrug viele hundert, die
Engländer dagegen hatten keinen Todten und nur zwanzig Verwundete.

Auffindung der Leiche des Königs Theodoros. Nach englischen Zeichnungen.

Page 411

Theodor war über den Mißerfolg seiner Waffen außer sich. Zum ersten Male,
seit er die Krone trug, war er ordentlich geschlagen worden, und zwar von
den verachteten „rothen Barbaren“. Seine Wuth kannte keine Grenzen, und
das Damoklesschwert schwebte fortwährend über dem Haupte der
europäischen Gefangenen. Indessen kühlte er seinen Zorn nur an den
abessinischen Gefangenen, von denen er über 300 vor den Augen der
Europäer hinrichten und über die Felswälle Magdala’s hinabstürzen ließ.
Aber soviel sah er ein, daß er auf die Dauer den Engländern nicht zu
widerstehen vermöge. Am nächsten Morgen sandte er daher den Missionär
Flad, von zwei abessinischen Häuptlingen begleitet, in das englische Lager,
um zu unterhandeln. Die einzige Antwort, die [pg 297]Sir Robert Napier
durch diese dem König geben konnte, war: bedingungslose Kapitulation.

Noch einmal schickte Theodor die Parlamentäre ins Lager, doch Sir Robert
Napier gab ihnen dieselbe Antwort, und traurig waren sie im Begriff, in die
Gefangenschaft zurückzukehren, als sie auf dem Wege die plötzlich
freigegebenen Europäer Cameron, Rassam und einige der Handwerker
antrafen. Am nächsten Morgen wurden alle übrigen Gefangenen
freigelassen, der Franzose Bardel, den man für den schlechten Rathgeber
Theodor’s hielt, ausgenommen. Bardel fanden die Truppen später, bei der
Einnahme von Islam-Gie, hinter einem Felsen liegend, krank vor Hunger
und Fieber. Theodor hatte ihn aus Magdala hinausgejagt. Dieser selbst aber
war entschlossen, sich nicht zu unterwerfen und bis zum letzten Augenblicke
auszuhalten. Lieber wollte er muthig untergehen, als feige sich ergeben. So
blieb denn den Engländern nichts übrig, als zum Sturm auf Magdala zu
schreiten, welches immer noch von einigen tausend Mann besetzt war.

Die Festung, von steilen Felsen beschützt, so erzählt ein englischer Bericht,
bot nur zwei Zugänge, an der Nord- und der Südseite, die so enge waren,
daß nur ein Maulthier sie jedesmal passiren konnte, und die jeder zu einem
stark verrammelten Thore führten. Das nördliche Thor war es, durch welches
der Eingang erzwungen wurde. Gegen halb drei Uhr Nachmittags am 13.
April, dem Ostermontag, begann das Bombardement, und nach einer
zweistündigen Kanonade wurde der Befehl zum Sturm gegeben. Die
Truppen erkletterten den zum Thore führenden Pfad, fanden aber dieses, wie
das umgebende Pfahlwerk, von den Kugeln nur wenig verletzt. Die
Palissaden mußten daher mit Hülfe einer Strickleiter überstiegen werden, um
das Festungsthor von beiden Seiten angreifen und die Vertheidiger

Page 412

zurücktreiben zu können. Den Zugang bildeten zwei etwa zehn Fuß
voneinander entfernte Thore; der Raum zwischen denselben war mit
schweren Steinen angefüllt. Hatte die Kanonade auch keinen direkten
Vortheil erzielt, so trieb sie doch die Vertheidiger zurück. Nur sechs
Offiziere stellten sich mit Todesverachtung den Angreifern entgegen, doch
waren ihrer zu wenige, um die Position halten zu können.

Als die Engländer über die Leichen dieser Tapferen vordrangen, fanden sie
auf einer etwas entfernten Anhöhe den entseelten Körper des Königs
Theodoros liegen – er hatte die Schande nicht überstehen können und sich,
um einer schmachvollen Gefangenschaft zu entgehen, durch den Mund
erschossen, und zwar mit einem jener Revolver, welche ihm „die Königin
Victoria zum Zeichen ihrer Dankbarkeit für die Güte geschenkt hatte, die er
ihrem Diener Plowden erwiesen.“ So sagte die Inschrift des sechsläufigen
Revolvers. Theodor’s Waffenträger gab die Einzelheiten an über das
Verhalten seines Herrn in den letzten Stunden während des Angriffs der
Engländer, gegen welchen der sonst so gefürchtete Tyrann nur mit wenigen
Getreuen Stand hielt. Zweimal brach unter den hervorragendsten
Häuptlingen und deren Gefolge Meuterei aus. Sie weigerten sich, an seiner
Seite zu kämpfen, und beschlossen, ihn dem Feind auszuliefern, [pg
298]doch hatten sie noch immer nicht genug Muth, ihr Vorhaben
auszuführen. Als so Alles verloren war, erschoß sich Theodor selbst,
gleichsam um seine Feinde dadurch zu beschämen, daß er wie ein König
sterbe. Das Gesicht des Todten ließ allerdings nicht auf seine früheren Züge
schließen, zumal da das Auge das Feuer und den Ausdruck verloren, die als
sein Charakteristicum bezeichnet wurden. Die Stirn zeugte von Intelligenz,
der Mund von Entschlossenheit und Grausamkeit. Eine Anzahl englischer
Truppen hielt bei dem königlichen Leichnam Wache, bis er, am Abend des
14. April, in der Kirche von Magdala begraben wurde.

Page 413

Königskrone Theodor’s.

Der englische Oberbefehlshaber bot das eroberte Magdala dem Gobazye,
Schum von Waag, an; dieser lehnte jedoch das Geschenk ab, weil er es nicht
gegen die Angriffe der Wollo-Galla vertheidigen könne und es überdies noch
jedem, der dort geherrscht, den Untergang bereitet habe. Deshalb beschloß
Napier, Magdala zu zerstören. Am Nachmittag des 17. April wurde der Ort
in Brand gesteckt, die hochaufwirbelnden Feuer- und Rauchsäulen
verkündeten den erstaunten Eingeborenen, daß Theodor gefallen, seine
Zwingburg zerstört sei. Mit der Kirche, die man vor den Flammen nicht
retten konnte, verbrannte auch der Leichnam des Königs. Damit war jedoch
nur der Ort Magdala vernichtet, die natürliche Felsenfeste aber war
unzerstörbar. Die Stadt an und für sich war uninteressant, sie bestand aus den
gewöhnlichen Hütten mit kegelförmigen Strohdächern. Nur die keineswegs
schöne Kirche und die Wohnung Theodor’s stachen von den übrigen
Häusern ab. Letztere bestand aus zwei Stockwerken und war mit einem
flachen Dache gedeckt. In ihr fand sich eine Anzahl europäischer
Luxusartikel vor, Klaviere, Harmoniums, Spieldosen, Patronen für
Hinterlader und ein Gemenge anderer Gegenstände. Sonst fanden sich
Zeichen der Civilisation nur in den Werkstätten der von Theodor gefangen

Page 414

gehaltenen Handwerker. Einige Kronen, Becher, die Mörser Theodor’s,
Speere, Säbel, Kreuze, amharische Bibeln u. s. w. wurden als Trophäen mit
nach England genommen. Unter den Gefangenen befand sich auch ein Sohn
Theodor’s, welchen der Obergeneral mit nach England zu nehmen beschloß.
Auch die beiden Königinnen fielen den Engländern in die Hände. Die
rechtmäßige Gattin Toronesch, die Tochter Ubié’s, erschien als eine vornehm
aussehende Frau von [pg 299]26 Jahren, mit heller Hautfarbe, lebhaften
Augen, hübscher Hand und wunderschönem Haar, das in dichten Locken auf
die Schultern herabfiel. Sie vermochte das Ende ihres Gemahles nicht zu
überleben und starb auf dem Wege nach der Küste.

Sofort begannen die Engländer den Rückmarsch; um den Besitz der kahlen
Felsenwände Magdala’s, das zur Berühmtheit geworden, stritten sich nun
wieder die Galla – für die Abessinier war das Land am Kollogebirge,
welches sie von ihren Stammesgenossen in Schoa trennt, verloren, und der
muhamedanische Keil, den einst Theodor beseitigt, war wieder zwischen die
christlichen Reiche eingeschoben. Auf der Talanta-Hochebene sammelte Sir
R. Napier sein kleines tapferes Heer, hielt über dasselbe Revue und dankte
ihm für die bewiesene Aufopferung. Dann wurde die Dschidda überschritten
und auf demselben Wege, den man gekommen, die Heimkehr vollzogen.

Die befreiten Gefangenen und die Beute brachten die Engländer
triumphirend nach Zula, von wo sie nach England eingeschifft wurden. Auch
die deutschen Handwerker kehrten heim und nur Schimper und Zander
zogen es vor, sich nach Adoa in Tigrié zu begeben, wo sie ihre Tage
beschließen wollen. Die Expedition selbst war ein großer Erfolg, für den
England aber theuer bezahlen mußte. Wenn der Brief, den Theodor Ende
1862 an die Königin Victoria schrieb, im Auswärtigen Amte nicht vergessen
und nicht unbeantwortet geblieben wäre, so würde kein Grund vorhanden
gewesen sein, die Expedition überhaupt zu unternehmen, 6 Millionen Pfund
Sterling zu opfern und einige Tausend schlecht bewaffneter Abessinier mit
Armstrongkanonen und Hinterladern niederzuschießen.

Selten wurde wol ein Kriegszug mit solchem Widerstreben unternommen,
mit solcher Genauigkeit entworfen und so rasch und vollständig ausgeführt,

Page 415

wie die englische Expedition gegen Abessinien. Sir Robert Napier konnte
mit Cäsar schreiben: Veni, vidi, vici! Der König todt, Magdala erstürmt, die
Gefangenen frei! Das waren die nächsten Resultate. Die Schnelligkeit und
Entschiedenheit des Erfolges, die vollständige Vernichtung Theodor’s und
seiner Macht kann uns kaum Wunder nehmen. Der Kampf zwischen einem
englischen Heere mit englischen Waffen und einer Streitmacht wenig
geschulter, wenn auch tapferer Abessinier war für letztere von vornherein ein
hoffnungsloser. Das eigenthümliche Verdienst der Engländer bestand aber
nicht darin, daß sie die Abessinier, sondern daß sie das Land besiegten. Die
Natur kämpfte gegen sie, aber die Wissenschaft und die Organisation
überwanden diesen gefährlichsten der Gegner. Napier mußte sich fast Zoll
für Zoll erst den Weg bahnen, und dieser mühsame und gefahrvolle Marsch
ging über jäh abstürzende Klippen und an schwindelnden Abgründen vorbei;
dazu gesellte sich die Kälte auf den Alpenhöhen von 12,000 Fuß über der
Meeresfläche. Man begreift die ängstliche Spannung der englischen Armee,
indem sie sich Magdala näherte, Theodor möchte sich zurückziehen und [pg
300]sie in endloser Verfolgung seiner Person und seiner Gefangenen zu
ermüden suchen – aber der Negus hatte geschworen: „wenn auch alle seine
Truppen flöhen, allein den Briten Stand zu halten“. Und er hat Wort
gehalten, und in der That kann man im Hinblick auf die früheren Großthaten
und die letzte Stunde sein Mitgefühl dem Manne nicht versagen, der selbst
die Engländer zwang, ihn zu zermalmen. Er war aus dem Stoffe vieler
orientalischer Eroberer gemacht, ein willensstarker, bedeutender Mensch,
aber ohne Selbstbeherrschung und unfähig, die Kraft einer der seinigen
überlegenen Civilisation zu begreifen. Selbst die Engländer ließen dem
überwundenen Feinde schließlich Gerechtigkeit widerfahren und eines ihrer
Blätter ruft aus: „Schade um den Mann! Der wahnsinnige Barbar, das feige
Ungeheuer, als welchen ihn die schreibseligen Judenmissionäre in ihren
Episteln aus der Gefangenschaft schilderten, war vielleicht der einzige
wirkliche Held in diesem romantischen Drama. Schade um den Mann! Ein
Mann von wilder Genialität, durchdringendem Scharfsinn und eiserner
Willenskraft, mit all den Eigenschaften ausgerüstet, welche nöthig sind, um
Afrikanern zu imponiren und Barbaren für die Civilisation zu gewinnen, so
erschien er unsern Kriegern und er hat ihr Urtheil durch sein Herzblut
besiegelt.“

In Abessinien sind von Zeit zu Zeit große Männer aufgetreten, welche ihr
daniederliegendes Vaterland aus dem Staube zu heben suchten – der Abuna

Page 416

Tekla Haimanot stellte zu Ende des 13. Jahrhunderts das Reich unter der
salomonischen Dynastie wieder her; Kaiser Fasilides verjagte die Jesuiten
und unterwarf alle Rebellen – aber größer und gewaltiger erscheint der Sohn
der armen Kussohändlerin aus Koara, Theodor II. – Und Abessinien? wird
man fragen. Ohne kräftige Regierung steht es wieder da, zerklüftet und
zerfallen, als das Land, das es von je gewesen, „das Land der Verwirrung“.

Siegel des Königs Theodor. Nach Lejean.

Ende.

Page 417

[pg 301]

Page 418

Page 419

Uebersichtskarte von Abessinien.

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Inhalt: I. Die kleinen Buchstaben. II. Die großen Buchstaben und Ergänzung der kleinen. III.
Lesebuch. IV. A-B-C-Bilder-Reime. V. Kinderspiele. VI. Rechenbuch. VII. Gebetbuch.

Ein namhafter Pädagog spricht sich über die vorstehenden Bändchen in folgender Weise aus: „Wir
können nicht anders als mit Freuden anerkennen, daß es dem Autor gelungen ist, den rechten Stoff
und für denselben die rechte Form, d. h. die rechte Sprache für die Kinder-Erzählungen getroffen zu
haben. Die Geschichtchen sind höchst einfach und natürlich in der Sprechweise der Kinder gegeben,
ohne jedoch etwa einen kindischen oder gar läppischen Ton anzuschlagen. Man siehts diesen
Büchelchen deutlich an, daß ein innig liebendes Vaterherz, geleitet von einem klaren pädagogischen
Sinne, sie zunächst für sein Theuerstes auf Erden, für seine eigenen Kinder erfunden und erzählt hat.
Sie sind den Kleinen aus der Seele gelesen und darum echte Mosaikstücke aus einem wahren und
wirklichen Kindesleben. Mit vielem Glück hat der Verfasser in diesen Erzählungen alles Gekünstelte
und Sentimentale, alles Ueberschwengliche und Unnatürliche à la Struwelpeter, sowie besonders
auch trocknes und langathmiges Moralisiren fern gehalten.“

Noch sei bemerkt, daß diese Geschichtchen so einfach und kunstlos sind, um von jeder Mutter und
Erzieherin jemalig nach dem Bedürfniß und der Anschauungsweise ihrer Pfleglinge leicht
umgeändert oder auch als Themata zu verschiedenen Variationen benutzt werden zu können.

Wo und wann ein Lehrer von M ü t t e r n oder von E r z i e h e r i n n e n nach lobenswerthen und
zweckdienlichen Erzählungen für kleine Kinder befragt wird, da kann derselbe mit gutem Gewissen
die Geschichtchen von Ernst Lausch ihnen aufs Wärmste empfehlen.

Gleiches Lob verdient das n e u e s t e Bändchen desselben Verfassers unter dem Titel:

Die Schule der Artigkeit.

Goldenes A-B-C der guten Sitten in Lehr- und Beispiel, Mahnung
und Warnung. Auserwählte Fabeln, Sprüche und Sprüchwörter f ü r d i e
K i n d e r s t u b e. Herausgegeben von Ernst Lausch. Mit einem Titelbilde,
sowie 60 Text-Abbildungen von F. Flinzer, O. Rostosky und Fr. Waibler.
Elegant geheftet 22½ Sgr. = 1 Fl. 21 Kr. rhein. In prächtig ausgestattetem
Umschlag gebunden 25 Sgr. = 1 Fl. 30 Kr. rhein.

Page 425

(Diesem Bändchen schließt sich im nächsten Jahre eine Sammlung der vorzüglichsten deutschen
„Märchen und Sagen“ an.)

Die kleinen Tierfreunde.

Fünfzig Unterhaltungen über die Thierwelt. Ein lustiges Büchlein,
für die liebe Jugend bearbeitet von Dr. Karl Pilz, Lehrer an der Dritten
Bürgerschule zu Leipzig. Z w e i t e, gänzlich umgearbeitete, vermehrte
Auflage. Mit 60 Text-Abbildungen und einem Titelbilde. Geheftet 20 Sgr. =
1 Fl. 12 Kr. rhein. Elegant cartonnirt 25 Sgr. = 1 Fl. 30 Kr. rhein.

Kinderschriften von Hermann Wagner.

Illustrirtes Spielbuch für Knaben. 1001 unterhaltende und anregende
Belustigungen, Spiele und Beschäftigungen für Körper und Geist, im Freien
sowie im Zimmer. Herausgegeben von Hermann Wagner. Z w e i t e
unveränderte Auflage. Ein Band von 400 Seiten in buntem Umschlag, mit
mehr als 500 in den Text gedruckten Abbildungen, sowie einem Titelbilde.
Elegant geheftet Preis 1-1/3 Thlr. = 2 Fl. 24 Kr. rhein. In geschmackvollem
Cartonnage-Einband 1½ Thlr. = 2 Fl. 42 Kr. rh.

Der gelehrte Spielkamerad oder der kleine Naturforscher,
Thierfreund und Sammler. Anleitung für kleine Physiker, Chemiker,
Botaniker und Naturfreunde zum Experimentiren, zur Anlage von
Pflanzen-, Stein-, Muschel-, Insekten-, Schmetterling-, Vogel-,
Briefmarkensammlungen etc., sowie zur Pflege der Hausthiere und des
Hausgartens. Ein Supplement zum „Spielbuch für Knaben“. Herausgegeben
von Hermann Wagner. Mit über 200 Text-Abbildungen, sechs
Abtheilungs-Frontispicen sowie einem Titelbilde. Eleg. geheftet 1-1/3 Thlr.
= 2 Fl. 24 Kr. rh. In geschmackvollem Cartonnage-Einband 1½ Thlr. = 2 Fl.
42 Kr. rhein.

Bestens empfohlen.] Für Knaben und Mädchen. [Zweite Auflage.

Page 426

Entdeckungsreisen in Haus und Hof. Mit seinen jungen Freunden
unternommen von Hermann Wagner. Mit 100 Abbildungen, Titel- und
Tonbildern. Eleg. geh. 15 Sgr. = 54 Kr. rhein. Eleg. cartonnirt 20 Sgr. = 1
Fl. 12 Kr. rhein.

Entdeckungsreisen in der Wohnstube. Mit seinen jungen Freunden
unternommen von Hermann Wagner. Mit über 100 Abbildungen, Titel-
und Tonbildern etc. Eleg. geh. 15 Sgr. = 54 Kr. rh. Eleg. cartonnirt 20 Sgr. =
1 Fl. 12 Kr. rh.

Entdeckungsreisen im Wald und auf der Heide. Mit seinen jungen
Freunden unternommen von Hermann Wagner. Mit 130 in den Text
gedruckten Abbildungen, zwei Buntdruck- und drei Tonbildern und einer
Extrabeilage von getrockneten Moosarten. Eleg. geh. 20 Sgr. = 1 Fl. 12 Kr.
rhein. Eleg. cartonnirt 25 Sgr. = 1 Fl. 30 Kr. rhein.

Entdeckungsreisen in Feld und Flur. Mit seinen jungen Freunden
unternommen von Hermann Wagner. Mit 110 in den Text gedruckten
Abbildungen, zwei Buntdruck- und drei Tonbildern, einem Titelbilde etc.
Eleg. geh. 20 Sgr. = 1 Fl. 12 Kr. Eleg. cartonnirt 25 Sgr. = 1 Fl. 30 Kr. rhein.

Entdeckungsreisen in der Heimat. I. Im Süden. Eine A l p e n r e i s e
mit seinen lieben jungen Freunden unternommen von Hermann Wagner.
Mit 100 in den Text gedruckten Abbildungen, Tonbildern etc. Eleg. geh. 20
Sgr. = 1 Fl. 12 Kr. Eleg. cartonnirt 25 Sgr. = 1 Fl. 30 Kr. rhein.

Entdeckungsreisen in der Heimat. II. Im Flachlande von
Mitteldeutschland. Streifereien mit seinen lieben jungen Freunden
unternommen von Hermann Wagner. Mit 100 in den Text gedruckten
Abbildungen, Tonbildern etc. Eleg. geheftet 20 Sgr. = 1 Fl. 12 Kr. Eleg.
cartonnirt 25 Sgr. = 1 Fl. 30 Kr. rhein.

Im Grünen oder die kleinen Pflanzenfreunde. Erzählungen aus
dem Pflanzenreich von Hermann Wagner. D r i t t e vermehrte

Page 427

A u f l a g e . Mit 80 Abbildungen und kolor. Titelbilde. In prachtvollem
Umschlage eleg. carton. 25 Sgr.

Verlag von Otto Spamer in Leipzig.

Fußnoten

1. Adara Bille, der Peiniger Krapf’s, ließ sich 1863 in eine
Verschwörung gegen den König Theodoros ein, die jedoch
verrathen wurde, infolge dessen jener das Leben verlor.
2. Die beigefügte Abbildung stellt einen pflügenden Mensa dar.
Zugochsen und Pflug, ebenso das Joch des Ochsen, sind ganz
genau so wie im eigentlichen Abessinien gestaltet.

Page 428

Bemerkungen zur Textgestalt

Die Fußnoten wurden an das Ende des Textes gesetzt.

Die Werbeseiten wurden am Ende des Textes zusammengefaßt.

Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. Antiqua ist in der
elektronischen Fassung durch Kursivierung ersetzt (bis auf römische
Zahlen und den Titel „Dr.“), Sperrung übernommen.

„etc.“ ist im Original mit der Tironischen Note für et geschrieben.

Korrektur offensichtlicher Druckfehler:

Seite 1: „Lefebvre“ in „Lefêbvre“ geändert
Seite 16: „Sanglu“ in „Saglu“ geändert
Seite 19: „Indiko,pleustes“ in „Indikopleustes“ geändert,
„kopirte-“ in „kopirte,“
Seite 26: „würtembergischen“ in „württembergischen“
geändert
Seite 51: „Allgemeine-n“ in „Allgemeinen“ geändert
Seite 57: „Mohamedaner“ in „Muhamedaner“ geändert
Seite 67: „lezteren“ in „letzteren“ geändert
Seite 95: zweites Anführungszeichen hinter „vergeblich“
ergänzt
Seite 136: „Metemme“ in „Metemmé“ geändert
Seite 144: „brereitete“ in „bereitete“ geändert
Seite 146: „Waizen“ in „Weizen“ geändert
Seite 153: „Einwoher“ in „Einwohner“ geändert
Seite 172: „Rüppel“ in „Rüppell“ geändert
Seite 175: „Raum“ in „Rauch“ geändert
Seite 185: „Reb,“ in „Reb“ geändert
Seite 199: „Woito“ in „Waito“ geändert
Seite 203: „Lalmalmon“ in „Lamalmon“ geändert
Seite 218: „Schutzherrrn“ in „Schutzherrn“ geändert

Page 429

Seite 221: „Regeu“ in „Regen“ geändert
Seite 230: „Assasee“ in „Assalsee“ geändert
Seite 236: „Meeresspiel“ in „Meeresspiegel“ geändert
Seite 237: „vernachläßigt“ in „vernachlässigt“
Seite 246: „Banketsales“ in „Banketsaales“ geändert
Seite 250: „Agollala’s“ in „Angollala’s“ geändert
Seite 253: „Garagué“ in „Guragué“ geändert
Seite 253: überflüssiges Anführungszeichen vor „Satan“
entfernt
Seite 287: „Ungust“ in „Ungunst“ geändert

Nicht vereinheitlicht wurden (außer in Fällen einzelner, als
Druckfehler anzusehender Abweichungen) verschiedene
Schreibvarianten wie „Augenbrauen“ und „Augenbraunen“,
„Bajonnet“ und „Bajonett“, „danieder“ und „darnieder“, „erwidern“
und „erwiedern“, „Galla“ und „Gala“, „Kusso“ und „Kosso“, „male“
und „Male“, „Tanasee“ und „Tana-See“, „Victoria“ und „Viktoria“,
„Wag“ und „Waag“, „wol“ und „wohl“ oder unterschiedliche
Verwendung von Akzenten. Das Original verwendet durchgehend die
Schreibungen „Schmuz“, „schmuzig“, „jenseit“.

Page 430

*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ABESSINIEN, DAS
ALPENLAND UNTER DEN TROPEN UND SEINE GRENZLÄNDER
***

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modification, or additions or deletions to any Project Gutenberg work,
and (c) any Defect you cause.

Section 2. Information about the Mission of Project
Gutenberg

Project Gutenberg is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of
computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg’s goals
and ensuring that the Project Gutenberg collection will remain freely
available for generations to come. In 2001, the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation was created to provide a secure and
permanent future for Project Gutenberg and future generations. To
learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 and
the Foundation information page at www.gutenberg.org.

Section 3. Information about the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state
of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue
Service. The Foundation’s EIN or federal tax identification number is
64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation are tax deductible to the full extent permitted by U.S.
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The Foundation’s business office is located at 41 Watchung Plaza
#516, Montclair NJ 07042, USA, +1 (862) 621-9288. Email contact

Page 438

links and up to date contact information can be found at the
Foundation’s website and official page at www.gutenberg.org/contact

Section 4. Information about Donations to the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation

Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without
widespread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine-readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small
donations ($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax
exempt status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United States.
Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable
effort, much paperwork and many fees to meet and keep up with these
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not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
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While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
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Section 5. General Information About Project Gutenberg
electronic works

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone. For forty years, he produced and distributed Project
Gutenberg eBooks with only a loose network of volunteer support.

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