Geschlecht und Charakter_ Eine prinzipielle Untersuchung (German) Otto Weininger 1510 downloads.pdf

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The Project Gutenberg eBook of Geschlecht und Charakter:
Eine prinzipielle Untersuchung
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Title: Geschlecht und Charakter: Eine prinzipielle Untersuchung

Author: Otto Weininger

Release date: February 14, 2016 [eBook #51221]
Most recently updated: October 23, 2024

Language: German

Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/51221

Credits: E-text prepared by Peter Becker, Jana Srna, Norbert H.
Langkau, and the Online Distributed Proofreading Team
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UND CHARAKTER: EINE PRINZIPIELLE UNTERSUCHUNG ***

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Weininger

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GESCHLECHT UND CHARAKTER
EINE PRINZIPIELLE UNTERSUCHUNG
VON

Dr. OTTO WEININGER

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WIEN UND LEIPZIG

WILHELM BRAUMÜLLER
K. u. K. HOF- U. UNIVERSITÄTS-BUCHHÄNDLER

1903

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GESCHLECHT UND CHARAKTER.

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GESCHLECHT
UND

CHARAKTER
EINE PRINZIPIELLE UNTERSUCHUNG
Von

Dr. OTTO WEININGER.

WIEN UND LEIPZIG.
WILHELM BRAUMÜLLER
K. U. K. HOF- UND UNIVERSITÄTS-BUCHHÄNDLER.
1903.

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ALLE RECHTE, INSBESONDERE DAS RECHT DER ÜBERSETZUNG
VORBEHALTEN.

DRUCK VON FRIEDRICH JASPER IN WIEN.

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VORWORT.
Dieses Buch unternimmt es, das Verhältnis der Geschlechter in ein
neues Licht zu rücken. Es sollen nicht möglichst viele einzelne
Charakterzüge aneinandergereiht, nicht die Ergebnisse der bisherigen
wissenschaftlichen Messungen und Experimente zusammengestellt,
sondern die Ableitung alles Gegensatzes von Mann und Weib aus e i n e m
einzigen Prinzipe versucht werden. Hiedurch unterscheidet es sich von allen
anderen Büchern dieser Art. Es verweilt nicht bei diesem oder jenem Idyll,
sondern dringt bis zu einem letzten Ziele vor; es häuft nicht Beobachtung
auf Beobachtung, sondern bringt die geistigen Differenzen der Geschlechter
in ein System; es gilt nicht den Frauen, sondern der Frau. Zwar nimmt es
stets das Alltäglichste und Oberflächlichste zu seinem Ausgangspunkt, aber
nur, um alle konkrete Einzelerfahrung zu d e u t e n. Das ist hier nicht
»induktive Metaphysik«, sondern schrittweise psychologische Vertiefung.
Die Untersuchung ist keine spezielle, sondern eine prinzipielle; sie
verachtet das Laboratorium nicht, wenn ihr auch seine Hülfsmittel dem
tieferen Probleme gegenüber beschränkt erscheinen vor dem Werke der
selbstbeobachtenden Analyse. Auch der Künstler, der ein weibliches Wesen
darstellt, kann Typisches geben, ohne sich vor einer experimentellen
Merkergilde durch Zahl und Serie legitimiert zu haben. Der Künstler
verschmäht nicht die Erfahrung, er betrachtet es im Gegenteile als seine
P f l i c h t, Erfahrung zu gewinnen; aber sie ist ihm nur der Ausgangspunkt
eines Versenkens in sich selbst, das in der Kunst wie ein Versenken in die
Welt erscheint.
Die Psychologie nun, welche hier der Darstellung dient, ist eine
durchaus philosophische, wenn auch ihre eigentümliche Methode, die allein
durch das eigentümliche Thema sich rechtfertigt, es bleibt, vom trivialsten
Erfahrungsbestande auszugehen. Der Philosoph aber hat nur eine der Form
nach vom Künstler verschiedene Aufgabe. Was diesem Symbol ist, wird
jenem Begriff. Wie Ausdruck und Inhalt, so verhalten sich Kunst und
Philosophie. Der Künstler hat die Welt eingeatmet, um sie auszuatmen; für
den Philosophen ist sie ausgeatmet, und er muß sie wieder einatmen.

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Indes hat alle Theorie notwendig immer etwas Prätentiöses; und so
kann derselbe Inhalt, der im Kunstwerk wie Natur erscheint, hier, im
philosophischen Systeme, als eng zusammengezogene Behauptung über ein
Allgemeines, als These, die dem Satz vom Grunde untersteht und den
Beweis antritt, viel schroffer, ja beleidigend wirken. Wo die Darstellung
antifeministisch ist — und das ist sie fast immer — dort werden auch die
Männer ihr nie gerne und mit voller Überzeugung zustimmen: ihr sexueller
Egoismus läßt sie das Weib immer lieber so sehen, wie sie es haben wollen,
wie sie es lieben wollen.
Und wie sollte ich nicht erst auf die Antwort gefaßt sein, welche die
Frauen für mein Urteil über ihr Geschlecht haben werden?
Daß die Untersuchung an ihrem Ende gegen den M a n n sich kehrt,
und, freilich in einem tieferen Sinne, als die Frauenrechtlerin ahnt, i h m die
größte Schuld zumißt, das wird ihrem Verfasser wenig fruchten, und ist von
einer Beschaffenheit, die ihn zu allerletzt beim w e i b l i c h e n Geschlechte
könnte rehabilitieren helfen.
Zum Schuldproblem aber gelangt die Analyse, weil sie von den
vordersten und nächstliegenden Phänomenen bis zu Punkten aufsteigt, von
denen nicht nur ein Einblick in das Wesen des Weibes und seine Bedeutung
im Weltganzen, sondern auch der Aspekt auf sein Verhältnis zur Menschheit
und zu deren letzten und höchsten Aufgaben sich öffnet, von wo zum
Kulturproblem eine Stellung gewonnen und die Leistung der Weiblichkeit
für das Ganze der ideellen Zwecke eingeschätzt werden kann. Dort also, wo
Kultur- und Menschheitsproblem zusammenfallen, wird nicht mehr bloß zu
erklären, sondern auch zu werten versucht; ja dort fallen Erklärung und
Wertung von selbst zusammen.
Zu solcher Höhe des Ausblickes gelangt die Untersuchung gleichsam
gezwungen, ohne von Anfang an auf sie loszusteuern. Auf dem empirisch-
psychologischen Boden selber ergibt sich ihr allmählich die
Unzulänglichkeit aller empirisch-psychologischen Philosophie. Ihr Respekt
vor der Erfahrung wird hievon nicht beeinträchtigt, denn stets wird vor
dieser die Ehrfurcht nur erhöht und nicht zerstört, wenn der Mensch in der
Erscheinung — freilich dem Einzigen, das er erlebt — jene Bestandteile
bemerkt, die es ihm zur Gewißheit machen, daß es nicht b l o ß Erscheinung
gibt, wenn er jene Zeichen in ihr wahrnimmt, die auf ein Höheres, ü b e r ihr

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Gelegenes weisen. Daß ein solcher Urquell ist, läßt sich feststellen, auch
wenn kein Lebender je zu ihm vordringen wird. Und bis in die Nähe dieses
Quells will auch dieses Buch leiten, und nicht eher rasten.
Innerhalb des Engpasses, in welchem die gegensätzlichen Meinungen
über die Frau und ihre Frage bis nun immer aufeinander gestoßen sind,
hätte es freilich nie gewagt werden dürfen, solch hohes Ziel anzustreben.
Aber das Problem ist eines, das mit allen tiefsten Rätseln des Daseins im
Zusammenhange steht. Nur unter der sicheren Führung einer
We l t a n s c h a u u n g kann es, praktisch und theoretisch, moralisch oder
metaphysisch aufgelöst werden.
Es sind nur Keime einer solchen Gesamtauffassung, die in diesem
Buche sichtbar werden, einer Auffassung, die den Weltanschauungen
P l a t o s, K a n t e n s und d e s C h r i s t e n t u m s am nächsten steht. Aber die
wissenschaftliche, psychologisch-philosophische, logisch-ethische
Grundlegung mußte ich mir zu einem großen Teile selbst schaffen. Vieles
zwar, dessen nähere Ausführung nicht möglich war, gedenke ich demnächst
eingehend zu begründen. Wenn ich dennoch gerade auf diese Partien des
Buches hier ausdrücklich verweise, so ist es, weil mir an der Beachtung
dessen, was über die tiefsten und allgemeinsten Probleme in ihm
ausgesprochen ist, noch mehr liegt, als an dem Beifall, welchen die
besondere Anwendung auf die Frauenfrage allenfalls erwarten könnte.
Sollte es den philosophischen Leser peinlich berühren, daß die
Behandlung der höchsten und letzten Fragen hier gleichsam i n d e n
D i e n s t eines Spezialproblemes von nicht übergroßer Dignität gestellt
scheint: so teile ich mit ihm das Unangenehme dieser Empfindung. Doch
darf ich sagen, daß durchaus das Einzelproblem des
Geschlechtsgegensatzes hier mehr den Ausgangspunkt als das Ziel des
tieferen Eindringens bildet. So erfloß reicher Gewinn aus seiner
Behandlung auch für das Problem der Genialität, des
Unsterblichkeitsbedürfnisses und des Judentumes. Daß die umfassenden
Auseinandersetzungen schließlich dem Spezialproblem zugute kommen,
weil es in um so mannigfachere Beziehungen tritt, je mehr das Gebiet sich
vergrößert, das ist natürlich. Und wenn sich in diesem weiteren
Zusammenhange herausstellt, wie gering die Hoffnungen sind, welche
Kultur an die Art des Weibes knüpfen kann, wenn die letzten Resultate eine
vollständige Entwertung, ja eine Negation der Weiblichkeit bedeuten: es

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wird durch sie nichts vernichtet, was i s t, nichts heruntergesetzt, was a n
s i c h einen Wert h a t. Müßte mich doch selbst ein gewisses Grauen vor der
eigenen Tat anwandeln, wäre ich hier wirklich nur Zerstörer, und bliebe
nichts auf dem Plan! Die Bejahungen des Buches sind vielleicht weniger
kräftig instrumentiert worden: wer hören kann, wird sie wohl aus allem zu
vernehmen wissen.
Die Arbeit zerfällt in zwei Teile: einen ersten, biologisch-
psychologischen, und einen zweiten, psychologisch-philosophischen.
Vielleicht wird mancher dafürhalten, daß ich aus dem Ganzen besser zwei
Bücher hätte machen sollen, ein rein naturwissenschaftliches und ein rein
introspektives. Allein ich mußte von der Biologie mich befreien, um ganz
Psychologe sein zu können. Der zweite Teil behandelt gewisse seelische
Probleme recht anders, als sie jeder Naturforscher heute wohl behandeln
würde, und ich bin mir bewußt, daß ich hiedurch auch die Aufnahme des
ersten Teiles bei einem großen Teile des Publikums gefährde; gleichwohl
erhebt dieser erste Teil in seiner Gänze den Anspruch auf eine Beachtung
und Beurteilung seitens der Naturwissenschaft, was der zweite, mehr der
inneren Erfahrung zugekehrte, nur an wenigen Stellen vermag. Weil dieser
zweite Teil aus einer nichtpositivistischen Weltanschauung hervorgegangen
ist, werden von manchen beide für unwissenschaftlich gehalten werden
(obwohl der Positivismus dortselbst eine strenge Widerlegung erfährt).
Hiemit muß ich mich einstweilen abfinden, in der Überzeugung, der
Biologie gegeben zu haben, was ihr gebührt, und einer nichtbiologischen,
nichtphysiologischen Psychologie das Recht gewahrt zu haben, welches ihr
für alle Zeiten bleiben wird.
Vielleicht wird man der Untersuchung an gewissen Punkten
vorwerfen, daß sie nicht genug der B e w e i s e bringe; allein eben dies
däucht mich ihre geringste Schwäche. Denn was könnte in diesem
Gegenstande »Beweisen« wohl heißen? Es ist nicht Mathematik und nicht
Erkenntnistheorie (die letztere nur an zwei Stellen), was hier abgehandelt
wird; es sind erfahrungswissenschaftliche Dinge, und da kann höchstens der
Finger gelegt werden auf das, was i s t; was man sonst hier b e w e i s e n
nennt, ist ein bloßes Zusammenstimmen der neuen Erfahrungen mit den
alten; und da bleibt es sich gleich, ob das neue Phänomen vom Menschen
experimentell erzeugt wird oder schon aus der Schöpferhand der Natur

Page 13

fertig vorliegt. Der letzteren Beweise aber bringt diese Schrift eine große
Zahl.
Das Buch ist endlich, soweit ich das zu beurteilen vermag, (in seinem
Hauptteile) nicht ein solches, das man nach einmaliger flüchtiger Lektüre
verstehen und in sich aufnehmen könnte; zur Orientierung des Lesers und
zum eigenen Schutze will ich selber diesen Umstand hier anmerken.
Je weniger ich in beiden Teilen (vornehmlich im zweiten) Altes, längst
Bekanntes wiederholt habe, desto mehr mußte ich dort, wo ich mit früher
Ausgesprochenem und allgemeiner Anerkanntem in Übereinstimmung mich
fand, auf alle Koinzidenzen hinweisen. Diesem Zwecke dienen die
Literaturnachweise des Anhanges. Ich habe mich bemüht, die Citate in
genauer und für Fachmänner wie für Laien brauchbarer Gestalt
wiederzugeben. Dieser größeren Ausführlichkeit wegen, und um die
Lektüre des Textes nicht ein fortwährendes Stolpern werden zu lassen, sind
sie an den Schluß des Buches verwiesen.
Dem Herrn Universitätsprofessor Dr. Laurenz M ü l l n e r statte ich
geziemenden Dank ab für die wirksame Förderung, welche er mir hat zuteil
werden lassen; Herrn Professor Dr. Friedrich J o d l für das freundliche
Interesse, welches er meinen Arbeiten von Anbeginn entgegenbrachte. Ganz
besonders fühle ich mich auch den Freunden verpflichtet, welche mich bei
der Korrektur des Buches unterstützten.

Page 14

INHALTSVERZEICHNIS.
Seite
Vorwort V–XI
XIII–
Inhaltsverzeichnis
XXII
Erster (vorbereitender) Teil: Die sexuelle Mannigfaltigkeit 1–93
Einleitung 3–6
Über Begriffsentwicklung im allgemeinen und im besonderen.
Mann und Weib. Widersprüche. Fließende Übergänge.
Anatomie und Begabung. Keine Sicherheit im
Morphologischen?
I. Kapitel: »Männer und Weiber« 7–13
Embryonale Undifferenziertheit. Rudimente beim
Erwachsenen. Grade des »Gonochorismus«. Prinzip der
Zwischenformen. M und W. Belege. Notwendigkeit der
Typisierung. Resumé. Älteste Ahnungen.
II. Kapitel: Arrhenoplasma und Thelyplasma 14–30
Sitz des Geschlechtes. S t e e n s t r u p s Ansicht befürwortet.
Sexualcharaktere. Innere Sekretion. Idioplasma —
Arrhenoplasma — Thelyplasma. Schwankungen. Beweise aus
erfolgloser Kastration. Transplantation und Transfusion.
Organotherapie. Individuelle Unterschiede zwischen den
einzelnen Zellen. Ursache der sexuellen Zwischenformen.
Gehirn. Knabenüberschuß der Geburten.
Geschlechtsbestimmung. Vergleichende Pathologie.
III. Kapitel: Gesetze der sexuellen Anziehung 31–52
Sexueller »Geschmack«. Wahrscheinlichkeit eines
Gesetzmäßigen. Erste Formel. Erste Deutung. Beweise.
Heterostylie. Interpretation derselben. Tierreich. Weitere
Gesetze. Zweite Formel. Chemotaxis? Analogien und
Differenzen. »Wahlverwandtschaften.« Ehebruch und Ehe.
Folgen für die Nachkommenschaft.

Page 15

IV. Kapitel: Homosexualität und Päderastie 53–62
Homosexuelle als sexuelle Zwischenformen. Angeboren oder
erworben, gesund oder krankhaft? Spezialfall des Gesetzes.
Alle Menschen mit der Anlage zur Homosexualität.
Freundschaft und Sexualität. Tiere. Vorschlag einer Therapie.
Homosexualität, Strafgesetz und Ethik. Distinktion zwischen
Homosexualität und Päderastie.
V. Kapitel: Anwendung auf die Charakterologie 63–78
Das Prinzip der sexuellen Zwischenformen als ein kardinaler
Grundsatz der Individualpsychologie. Simultaneität oder
Periodizität? Methode der psychologischen Untersuchung.
Beispiele. Individualisierende Erziehung. Gleichmacherei.
Morphologisch-charakterologischer Parallelismus. Die
Physiognomik und das Prinzip der Psychophysik. Methodik
der Varietätenlehre. Eine neue Fragestellung. Deduktive
Morphologie. Korrelation und Funktionsbegriff. Aussichten.
VI. Kapitel: Die emanzipierten Frauen 79–93
Frauenfrage. Emanzipationsbedürfnis und Männlichkeit.
Emanzipation und Homosexualität. Sexueller Geschmack der
emanzipierten Frauen. Physiognomisches über sie. Die
übrigbleibenden Berühmtheiten. W und die Emanzipation.
Praktische Regel. Männlichkeit alles Genies. Die
Frauenbewegung in der Geschichte. Periodizität. Biologie und
Geschichtsauffassung. Aussichten der Frauenbewegung. Ihr
Grundirrtum.
Zweiter oder Hauptteil: Die sexuellen Typen 95–461
I. Kapitel: Mann und Weib 97–105
Bisexualität und Unisexualität. Man ist Mann o d e r Weib. Das
Problematische in diesem Sein und die Hauptschwierigkeit der
Charakterologie. Das Experiment, die Empfindungsanalyse
und die Psychologie. D i l t h e y. Begriff des empirischen
Charakters. Ziel und Nicht-Ziel der Psychologie. Charakter
und Individualität. Problem der Charakterologie und Problem
der Geschlechter.
II. Kapitel: Männliche und weibliche Sexualität 106–116

Page 16

Problem einer weiblichen Psychologie. Der Mann als
Psychologe des Weibes. Unterschiede im »Geschlechtstrieb«.
Im »Kontrektations-« und »Detumeszenztrieb«. Intensität und
Aktivität. Sexuelle Irritabilität der Frau. Größere Breite des
Sexuallebens bei W. Geschlechtliche Unterschiede im
Empfinden der Geschlechtlichkeit. Örtliche und zeitliche
Abhebung der männlichen Sexualität. Unterschiede im
Bewußtseinsgrade der Sexualität.
III. Kapitel: Männliches und weibliches Bewußtsein 117–130
Empfindung und Gefühl. Ihr Verhältnis. Av e n a r i u s '
Einteilung in »Elemente« und »Charaktere«. Auf einem
frühesten Stadium noch nicht durchführbar. Verkehrtes
Verhältnis zwischen Distinktheit und Charakterisierung.
Prozeß der Klärung. Ahnungen. Grade des Verstehens.
Vergessen. Bahnung und Artikulation. Die Henide als das
einfachste psychische Datum. Geschlechtlicher Unterschied in
der Artikulation der Inhalte. Sensibilität. Urteilssicherheit. Das
entwickelte Bewußtsein als männlicher Geschlechtscharakter.
IV. Kapitel: Begabung und Genialität 131–144
Genie und Talent. Genial und geistreich. Methode. Verständnis
für mehr Menschen. Was es heißt: einen Menschen verstehen?
Größere Kompliziertheit des Genies. Perioden im psychischen
Leben. Keine Herabwürdigung der bedeutenden Menschen.
Verstehen und Bemerken. Innerer Zusammenhang von Licht
und Wachsein. Endgültige Feststellung der Bedingungen des
Verstehens. Allgemeinere Bewußtheit des Genies. Größte
Entfernung vom Henidenstadium; danach höherer Grad von
Männlichkeit. Nur Universalgenies. W ungenial und ohne
Heldenverehrung. Begabung und Geschlecht.
V. Kapitel: Begabung und Gedächtnis 145–181
Artikulation und Reproduzierbarkeit. Gedächtnis an Erlebnisse
als Kennzeichen der Begabung. Erinnerung und Apperzeption.
Anwendungen und Folgerungen. Fähigkeit des Vergleichens
und Beziehens. Gründe für die Männlichkeit der Musik.
Zeichnung und Farbe, Grade der Genialität; das Verhältnis des
Genius zum ungenialen Menschen. Selbstbiographie. Fixe
Ideen. Erinnerung an das Selbstgeschaffene.

Page 17

Kontinuierliches und diskontinuierliches
G e d ä c h t n i s . Einheit des biographischen Selbstbewußtseins
nur bei M. Charakter der weiblichen Erinnerungen. Kontinuität
und Pietät. Vergangenheit und Schicksal. Ve r g a n g e n h e i t
und Zukunft. Unsterblichkeitsbedürfnis.
Bisherige psychologische Erklärungsversuche. Wahre Wurzel.
Innere Entwicklung des Menschen bis zum Tode.
Ontogenetische Psychologie oder theoretische Biographie.
Die Frau ohne jedes
U n s t e r b l i c h k e i t s b e d ü r f n i s . — Fortschritt zu tieferer
Analyse des Zusammenhanges mit dem Gedächtnis.
G e d ä c h t n i s u n d Z e i t . Postulierung des Zeitlosen. D e r
We r t a l s d a s Z e i t l o s e . Erstes Gesetz der Werttheorie.
Nachweise. Individuation und Dauer als konstitutiv für den
Wert. W i l l e z u m We r t . Das Unsterblichkeitsbedürfnis als
S p e z i a l f a l l. Unsterblichkeitsbedürfnis des Genies,
zusammenfallend mit seiner Zeitlosigkeit durch sein
universales Gedächtnis und die ewige Dauer seiner Werke. Das
Genie und die Geschichte. Das Genie und die Nation. Das
Genie und die Sprache. Die »Männer der Tat« und die
»Männer der Wissenschaft« ohne Anrecht auf den Titel des
Genius; anders Philosoph (Religionsstifter) und Künstler.
VI. Kapitel: Gedächtnis, Logik, Ethik 182–196
Psychologie und Psychologismus. Würde des Gedächtnisses.
Theorien des Gedächtnisses. Übungs- und Associationslehren.
Verwechslung mit dem Wiedererkennen. Gedächtnis nur dem
Menschen eigen. Moralische Bedeutung. Lüge und
Zurechnung. Übergang zur Logik. Gedächtnis und
Identitätsprinzip. Gedächtnis und Satz vom Grunde. Die Frau
alogisch und amoralisch. Intellektuelles und sittliches
Gewissen: intelligibles Ich.
VII. Kapitel: Logik, Ethik und das Ich 197–211
Die Kritiker des Ich-Begriffes: H u m e, L i c h t e n b e r g,
M a c h. Das M a c hsche Ich und die Biologie. Individuation
und Individualität, Logik und Ethik als Zeugen für die
Existenz des Ich. — Erstens die Logik: die Sätze der Identität
und des Widerspruches. Die Frage ihres Nutzens und ihrer

Page 18

Bedeutung. Die logischen Axiome als identisch mit der
begrifflichen Funktion. Definition des logischen Begriffes als
Norm der Essenz. Die logischen Axiome als eben diese Norm
der E s s e n z, welche E x i s t e n z einer Funktion ist. Diese
Existenz als das absolute Sein oder das Sein des absoluten Ich.
K a n t und F i c h t e. Logizität als Norm. Denkfreiheit neben
Willensfreiheit. — Zweitens die Ethik. Zurechnung. Das
Verhältnis der Ethik zur Logik. Die Verschiedenheit der
Subjektsbeweise aus der Logik und der Ethik. Eine
Unterlassung K a n tens. Ihre sachlichen und ihre persönlichen
Gründe. Zur Psychologie der Kantischen Ethik. K a n t und
N i e t z s c h e.
VIII. Kapitel: Ich-Problem und Genialität 212–238
Die Charakterologie und der Glaube an das Ich. Das Ich-
Ereignis: J e a n P a u l, N o v a l i s, S c h e l l i n g. Ich-Ereignis
und Weltanschauung. Selbstbewußtsein und Anmaßung. Die
Ansicht des Genies höher zu werten als die der anderen
Menschen. Endgültige Feststellungen über den Begriff des
Genies. Die geniale Persönlichkeit als der vollbewußte
Mikrokosmus. Natürlich-synthetische und sinnerfüllende
Tätigkeit des Genies. Bedeutung und Symbolik. Definition des
Genies im Verhältnis zum gewöhnlichen Menschen.
Universalität als Freiheit. Sittlichkeit oder Unsittlichkeit des
Genies? Pflichten gegen sich und gegen andere. Was Pflicht
gegen andere ist. Kritik der Sympathiemoral und der sozialen
Ethik. Verständnis des Nebenmenschen als einzige Forderung
der Sittlichkeit wie der Erkenntnis". Ich und Du.
Individualismus und Universalismus. Sittlichkeit nur unter
Monaden. Der genialste Mensch als der sittlichste Mensch.
Warum der Mensch ζῷον πολιτικόν ist. Bewußtsein und
Moralität. Der »große Verbrecher.« Genialität als Pflicht und
Gehorsam. Genie und Verbrechen. Genie und Irrsinn. Der
Mensch als Schöpfer seiner selbst.
IX. Kapitel: Männliche und weibliche Psychologie 239–279
Seelenlosigkeit des Weibes. Geschichte dieser Erkenntnis. Das
Weib gänzlich ungenial. Keine männlichen Frauen im strengen
Sinne. Unbegriffliche Natur des Weibes, aus dem Mangel des

Page 19

Ich zu erklären. Korrektur der Henidentheorie. Weibliches
Denken. B e g r i f f u n d O b j e k t . B e g r i f f u n d U r t e i l .
We s e n d e s U r t e i l s . Das Weib und die Wahrheit als
Richtschnur des Denkens. D e r S a t z v o m G r u n d e u n d
s e i n Ve r h ä l t n i s z u m S a t z d e r I d e n t i t ä t .
A m o r a l i t ä t , n i c h t A n t i m o r a l i t ä t d e s We i b e s .
Das We i b und das Einsamkeitsproblem.
Verschmolzenheit, nicht Gesellschaft. Weibliches Mitleid und
weibliche Schamhaftigkeit. Das Ich der Frauen. Weibliche
Eitelkeit. Mangel an Eigenwert. Gedächtnis für Huldigungen.
Selbstbeobachtung und Reue. Gerechtigkeit und Neid. Name
und Eigentum. Beeinflußbarkeit. — Radikale Differenz
zwischen männlichem und weiblichem Geistesleben.
Psychologie ohne und mit Seele. Psychologie eine
Wissenschaft? Freiheit und Gesetzlichkeit. Die Grundbegriffe
der Psychologie transcendenter Natur. P s y c h e u n d
Psychologie. Die Hilflosigkeit der seelenlosen
Psychologie. Wo »Spaltungen der Persönlichkeit« allein
möglich sind. Psychophysischer Parallelismus und
Wechselwirkung. Problem der Wirkung psychischer
Sexualcharaktere des Mannes auf das Weib.
X. Kapitel: Mutterschaft und Prostitution 280–313
Spezielle weibliche Charakterologie. Mutter und Dirne. Anlage
zur Prostitution angeboren, aber nicht allein entscheidend.
Einfluß des Mannes. Versehen. Verhältnis beider Typen zum
Kinde. Die Frau polygam. Ehe und Treue. Sitte und Recht.
Analogien zwischen Mutterschaft und Sexualität. Mutter und
Gattungszweck. Die »alma« mater. Die Mutterliebe ethisch
indifferent. Die Dirne außerhalb des Gattungszweckes. Die
Prostituierte und die sozial anerkannte Moral. Die
Prostituierte, der Verbrecher und Eroberer. Nochmals der
»Willensmensch« und sein Verhältnis zum Genie. Hetäre und
Imperator. Motiv der Dirne. Koitus Selbstzweck. Koketterie.
Die Empfindungen des Weibes beim Koitus im Verhältnis zu
seinem sonstigen Leben. Mutterrecht und Vaterschaft.
Versehen und Infektionslehre. Die Dirne als Feindin. Bejahung
und Verneinung. Lebensfreundlichkeit und

Page 20

Lebensfeindlichkeit. Keine Prostitution bei den Tieren. Rätsel
im Ursprung.
XI. Kapitel: Erotik und Ästhetik 314–341
Weiber und Weiberhaß. Erotik und Sexualität. Platonische
Liebe und Sinnlichkeit. Problem einer I d e e der Liebe. — Die
Schönheit des Weibes. Ihr Verhältnis zum Sexualtrieb. Liebe
und Schönheit. Der Unterschied der Ästhetik von der Logik
und Ethik als Normwissenschaften. Wesen der Liebe.
Projektionsphänomen. Schönheit und Sittlichkeit. Schönheit
und Vollkommenheit. Natur und Ethik. N a t u r s c h ö n h e i t
u n d K u n s t s c h ö n h e i t . Naturgesetz und Kunstgesetz.
Naturzweckmäßigkeit und Kunstzweckmäßigkeit. Die
Einzelschönheit. Die Geschlechtsliebe als Schuld. Haß und
Liebe als Erleichterungen des moralischen Strebens. Die
Schöpfung des Teufels. Liebe und Mitleid. Liebe und
Schamhaftigkeit. Liebe und Eifersucht. Liebe und
Erlösungsbedürfnis. Das Weib in der Erotik Mittel zum
Zweck. Problem des Zusammenhanges von Kind und Liebe,
Kind und Sexualität. Grausamkeit nicht nur in der Lust,
sondern noch in der Liebe. Liebe und Mord. Liebe als
Feigheit, Unrecht, Irrtum. Der Madonnenkult. Die Madonna
eine gedankliche Konzeption des Mannes; ohne Grund in der
realen Weiblichkeit. Widerstreben gegen die Einsicht in das
wahre Weib. Die Liebe des Mannes zum Weibe als Spezialfall.
Das Weib nur sexuell, nicht erotisch. Der Schönheitssinn der
Frauen. Schön und hübsch. Liebe und Verliebtheit. Wodurch
der Mann auf die Frau wirkt. Das Fatum des Weibes.
Einordnung der neuen Erkenntnis unter die früheren. Die
Liebe als bezeichnend für das Wesen der Menschheit. Warum
der Mann das Weib liebt. Möglichkeiten.
XII. Kapitel: Das Wesen des Weibes und sein Sinn im Universum 342–402
Gleichheit oder Gleichstellung. P. J. M o e b i u s. Sinnlosigkeit
oder Bedeutung der Weiblichkeit. K u p p e l e i . Instinktiver
Drang. Der Mann und die Kuppelei. Welche Phänomene noch
weiter Kuppelei sind. Hochwertung des Koitus. Der eigene
Geschlechtstrieb ein Spezialfall. Mutter — Dirne. Das Wesen
des Weibes nur in der Kuppelei ausgesprochen. Kuppelei =

Page 21

Weiblichkeit = universale Sexualität. System von Einwänden
und Widersprüchen. Notwendigkeit der Auflösung.
Beeinflußbarkeit und Passivität. Unbewußte Verleugnung der
eigenen Natur als Folge. O r g a n i s c h e Ve r l o g e n h e i t des
Weibes. D i e H y s t e r i e . Psychologisches Schema für den
»Mechanismus« der Hysterie. Definition der letzteren. Zustand
der Hysterischen. E i g e n t ü m l i c h e s We c h s e l s p i e l :
die fremde Natur als die eigene, die eigene
a l s d i e f r e m d e . Der »Fremdkörper«. Zwang und Lüge.
Heteronomie der Hysterischen. Wille und Kraft zur Wahrheit.
Der hysterische Paroxysmus. Was abgewehrt wird. Die
hysterische Konstitution. M a g d u n d M e g ä r e . Die Megäre
als Gegenteil der Hysterika. Die Wahrheitsliebe der Hysterika
als i h r e Lüge. Die hysterische Keuschheit und Abneigung
gegen den Geschlechtsakt. Das hysterische Schuldbewußtsein
und die hysterische Selbstbeobachtung. Die Visionärin und
Seherin im Weibe. Die Hysterie und die Unfreiheit des Weibes.
Sein Schicksal und dessen Hoffnungslosigkeit. Notwendigkeit
der Zurückführung auf ein letztes Prinzip. Unterschiede
zwischen Mensch und Tier, zwischen Mann und Frau.
Übersichtstafel. Das zweite oder höhere L e b e n, das
metaphysische S e i n im Menschen. Analogien zum niederen
Leben. Nur im Manne ewiges Leben. Das Verhältnis beider
Leben und die Erbsünde. Geburt und Tod. Freiheit und Glück.
Das Glück und der Mann. Das Glück und die Frau. Die Frau
und das Problem des Lebens. N i c h t s e i n d e s We i b e s .
Hieraus zunächst die M ö g l i c h k e i t von Lüge und Kuppelei,
Amoralität und Alogizität erschlossen. Nochmals die
Kuppelei. Gemeinschaft und Sexualität. Männliche und
weibliche Freundschaft. Kuppelei wider Eifersucht. Kuppelei
identisch mit Weiblichkeit. Warum die Frauen Menschen sind.
Wesen des Geschlechtsgegensatzes. Gegensätze: S u b j e k t
— O b j e k t = F o r m — M a t e r i e = M a n n — We i b .
Kontrektation und Tastsinn. Deutung der Heniden. Non-Entität
der Frau; als Folge universelle Suszeptibilität. Formung und
Bildung der Frau durch den Mann. Trachten nach Existenz.
Geschlechtsdualität und Weltdualismus. Die Bedeutung des

Page 22

Weibes im Universum. Der Mann als das Etwas, die Frau als
das Nichts. Das psychologische Problem der Furcht vor dem
Weibe. Die Weiblichkeit und der Verbrecher. Das Nichts und
das Nicht. Die Schöpfung des Weibes durch den Verbrecher im
Manne. Das Weib als die bejahte Sexualität des Mannes. Das
Weib als die Schuld des Mannes. Die Liebe. Deduktion der
Weiblichkeit.
XIII. Kapitel: Das Judentum 403–441
Unterschiede unter den Männern. Zurückweisung der hierauf
gegründeten Einwände. Die Zwischenformen und die
Rassenanthropologie. Amphibolie der Weiblichkeit mit dem
Judentum. Das Jüdische als Idee. Der Antisemitismus. Richard
Wa g n e r. Keine Identität mit der Weiblichkeit;
Übereinstimmungen mit dieser: Eigentum, Staat, Gesellschaft,
Adel, M a n g e l a n P e r s ö n l i c h k e i t u n d E i g e n w e r t,
A m o r a l i t ä t o h n e A n t i m o r a l i t ä t, G a t t u n g s l e b e n,
Familie, K u p p e l e i. Einzige Art einer Lösung der Judenfrage.
Gottesbegriff des Juden. Seelenlosigkeit, kein
Unsterblichkeitsbedürfnis. Judentum in der
W i s s e n s c h a f t . Der Jude als Chemiker. Der Jude genielos.
S p i n o z a . Der Jude nicht monadenartig veranlagt. Der
Engländer und der Jude. Die Engländer in Philosophie, Musik,
Architektur. Unterschiede. Humorlosigkeit des Juden. We s e n
d e s H u m o r s . Humor und Satire. Die Jüdin. Nicht-Sein,
völlige Veränderungsfähigkeit, Mittelbarkeit beim Juden wie
beim Weibe. Größte Übereinstimmung und größte Differenz.
Aktivität und Begrifflichkeit des Juden. Tiefstes Wesen des
Judentums. Glaubenslosigkeit und innere Haltlosigkeit. Der
Jude nicht amystisch, sondern unfromm. Mangel an Ernst,
Begeisterungsfähigkeit und Eifer. Innerliche Vieldeutigkeit.
Keinerlei Einfalt des Glaubens. Innere Würdelosigkeit. Der
Jude als der Gegenpol des Helden. — Christentum und
Judentum. Ursprung des Christentums. Problem des
Religionsstifters. Der Religionsstifter als Vollzieher einer
eigenen Reinigung vom Verbrechen und von der Gottlosigkeit.
In ihm allein eine völlige Neugeburt verwirklicht. Er als der
Mensch mit dem tiefsten Schuldgefühl. Christus als

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Überwinder des Judentums i n sich. Christentum und Judentum
als letzte Gegensätze. Der Religionsstifter als der größte
Mensch. Überwindung alles Judentumes, eine Notwendigkeit
für jeden Religionsstifter. — Das Judentum und die heutige
Zeit. Judentum, Weiblichkeit; Kultur und Menschheit.
XIV. Kapitel: Das Weib und die Menschheit 442–461
Die Idee der Menschheit und die Frau als Kupplerin. Der
Goethe-Kult. Verweiblichung der Männer. Virginität und
Keuschheit. Männlicher Ursprung dieser Ideale. Das
Unverständnis der Frau für die Erotik. Ihr Verständnis der
Sexualität. Der Koitus und die Liebe. Die Frau als Gegnerin
der Emanzipation. Askese unsittlich. Der Geschlechtsverkehr
als Mißachtung des Nebenmenschen. Problem des Juden =
Problem des Weibes = Problem der Sklaverei. Was sittliches
Verhalten gegen die Frau ist. Der Mann als Gegner der
Frauenemanzipation. Ethische Postulate. Zwei Möglichkeiten.
Die Frauenfrage als die Menschheitsfrage. Untergang des
Weibes. — Enthaltsamkeit und Aussterben des
Menschengeschlechtes. Furcht vor der Einsamkeit. Die
eigentlichen Gründe der Unsittlichkeit des
Geschlechtsverkehres. Die irdische Vaterschaft. Forderung der
Aufnahme der Frauen unter die Menschheitsidee. Die Mutter
und die Erziehung des Menschengeschlechtes. Letzte Fragen.
Anhang: Zusätze und Nachweise 463–597

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ERSTER (VORBEREITENDER) TEIL.

DIE

SEXUELLE MANNIGFALTIGKEIT.

Page 25

Einleitung.
Alles Denken beginnt mit B e g r i f f e n v o n m i t t l e r e r
A l l g e m e i n h e i t und entwickelt sich von ihnen aus nach zwei Richtungen
hin: nach Begriffen von immer höherer Allgemeinheit, welche ein immer
mehr Dingen Gemeinsames erfassen und hiedurch ein immer weiteres
Gebiet der Wirklichkeit umspannen; und nach dem Kreuzungspunkte aller
Begriffslinien hin, dem konkreten Einzelkomplex, dem Individuum,
welchem wir denkend immer nur durch unendlich viele einschränkende
Bestimmungen beizukommen vermögen, das wir definieren durch
Hinzufügung unendlich vieler spezifischer differenzierter Momente zu
einem höchsten Allgemeinbegriff »Ding« oder »etwas«. Daß es eine
Tierklasse der Fische gibt, die von den Säugetieren, den Vögeln, den
Würmern unterschieden ist, war lange bekannt, bevor man einerseits unter
den Fischen selbst wieder Knorpel- und Knochenfische schied, anderseits
sie mit den Vögeln und Säugetieren durch den Begriff des Wirbeltieres
zusammenzufassen sich veranlaßt sah, und die Würmer dem hiedurch
geeinten größeren Komplexe gegenüberstellte.
Mit dem Kampf ums Dasein der Wesen untereinander hat man diese
Selbstbehauptung des Geistes gegenüber einer durch zahllose Ähnlichkeiten
und Unterschiede verwirrenden Wirklichkeit verglichen.[1] Wir e r w e h r e n
uns der Welt durch unsere Begriffe.[2] Nur langsam bringen wir sie in deren
Fassung, allmählich, wie man einen Tobsüchtigen zuerst über den ganzen
Körper fesselt, notdürftig, um ihn wenigstens nur auf beschränkterem Orte
gefährlich sein zu lassen; erst dann, wenn wir in der Hauptsache gesichert
sind, kommen die einzelnen Gliedmaßen an die Reihe und wir ergänzen die
Fesselung.
Es gibt zwei Begriffe, sie gehören zu den ältesten
der Menschheit, mit denen diese ihr geistiges Leben
s e i t A n b e g i n n z u r N o t g e f r i s t e t h a t . Freilich hat man oft und
oft kleine Korrekturen angebracht, sie wieder und wieder in die
Reparaturwerkstätte geschickt, notdürftig geflickt, wo die Reform an Haupt
und Gliedern not tat; weggenommen und angestückelt, Einschränkungen in

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besonderen Fällen gemacht und dann wieder Erweiterungen getroffen, wie
wenn jüngere Bedürfnisse sich nur nach und nach gegen ein altes, enges
Wahlgesetz durchsetzen, indem dieses einen Riemen nach dem anderen
aufschnallen muß: aber im ganzen und großen glauben wir doch noch mit
ihnen in der alten Weise auszukommen, mit diesen Begriffen, die ich hier
meine, den Begriffen M a n n u n d We i b.
Zwar sprechen wir von mageren, schmalen, flachen, muskelkräftigen,
energischen, genialen »Weibern«, von »Weibern« mit kurzem Haar und
tiefer Stimme, von bartlosen, geschwätzigen »Männern«. Wir erkennen
sogar an, daß es »unweibliche Weiber«, »Mannweiber« gibt und
»unmännliche«, »weibliche« »Männer«. Bloß auf eine Eigenschaft achtend,
nach welcher bei der Geburt die Geschlechtszugehörigkeit jedes Menschen
bestimmt wird, wagen wir es also sogar, Begriffen Bestimmungen
beizufügen, durch welche sie verneint werden. Ein solcher Zustand ist
logisch unhaltbar.
Wer hat nicht im Freundeskreis oder im Salon, in wissenschaftlicher
oder in öffentlicher Versammlung die heftigsten Diskussionen über
»Männer und Frauen«, über die »Befreiung des Weibes« angehört und
mitgemacht? Gespräche und Debatten, in denen mit trostloser
Regelmäßigkeit »die Männer« und »die Weiber« einander gegenübergestellt
wurden, als wie weiße und rote Kugeln, von denen die gleichfarbigen keine
Unterschiede mehr untereinander aufweisen! Nie wurde eine individuelle
Behandlung der Streitpunkte versucht; und da jeder nur individuelle
Erfahrungen hatte, war naturgemäß eine Einigung ausgeschlossen, wie
überall dort, wo verschiedene Dinge mit dem gleichen Worte bezeichnet
werden, Sprache und Begriffe sich nicht decken. Sollten wirklich alle
»Weiber« und alle »Männer« streng voneinander geschieden sein und doch
auf jeder Seite alle untereinander, Weiber einerseits, Männer anderseits sich
in einer Reihe von Punkten vollständig gleichen? Wie ja bei allen
Verhandlungen über Geschlechtsunterschiede, meist natürlich unbewußt,
vorausgesetzt wird. Nirgends in der Natur ist sonst eine so klaffende
Unstetigkeit; wir finden stetige Übergänge von Metallen zu Nichtmetallen,
von chemischen Verbindungen zu Mischungen; zwischen Tieren und
Pflanzen, zwischen Phanerogamen und Kryptogamen, zwischen
Säugetieren und Vögeln gibt es Vermittlungen. Zunächst nur aus
allgemeinstem praktischen Bedürfnis nach Übersicht teilen wir ab, halten

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gewaltsam Grenzen fest, hören Arien heraus aus der unendlichen Melodie
alles Natürlichen. Aber »Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage« gilt von den
alten Begriffen des Denkens wie von den ererbten Gesetzen des Verkehrs.
Wir werden es nach den angeführten Analogien auch hier von vornherein
für unwahrscheinlich halten dürfen, daß in der Natur ein S c h n i t t geführt
sei zwischen allen Masculinis einerseits und allen Femininis anderseits, und
ein lebendes Wesen in dieser Hinsicht einfach so beschreibbar, daß es
diesseits oder jenseits einer solchen Kluft sich aufhalte. Nicht einmal die
Grammatik ist so streng.
Man hat in dem Streite um die Frauenfrage vielfach d e n
A n a t o m e n als Schiedsrichter angerufen, um durch ihn die kontroverse
Abgrenzung der u n a b ä n d e r l i c h e n, weil a n g e b o r n e n, gegen die
e r w o r b e n e n Eigenschaften der männlichen und weiblichen Sinnesart
vornehmen zu lassen. (Sonderbar genug war es, von seinen Befunden die
Entscheidung abhängig zu machen in der Frage der natürlichen Begabung
von Mann und Weib: als ob, wenn w i r k l i c h alle andere Erfahrung hier
keinerlei Unterschied hätte feststellen können, zwölf Deka Hirn plus auf der
einen Seite ein solches Resultat zu widerlegen vermöchten.) Aber die
besonnenen Anatomen geben, um ausnahmslose Kriterien gefragt, in jedem
Falle, handle es sich nun um das Gehirn oder sonst um irgend ein Organ des
Körpers, zur Antwort: d u r c h g e h e n d e sexuelle Unterschiede zwischen
a l l e n Männern einerseits und a l l e n Frauen anderseits sind nicht
nachweisbar. Wohl sei auch das Handskelett der Mehrzahl der Männer ein
anderes als das der Mehrzahl der Frauen, doch sei mit Sicherheit weder aus
den skelettierten noch aus den mit Muskeln, Bändern, Sehnen, Haut, Blut
und Nerven aufbewahrten (isolierten) Bestandteilen das Geschlecht mit
Sicherheit bestimmbar. Ganz das Gleiche gelte vom Thorax, vom
Kreuzbein, vom Schädel. Und wie steht es mit dem Skeletteil, bei dem,
wenn überhaupt irgendwo, strenge geschlechtliche Unterschiede
hervortreten müßten, was ist's mit dem Becken? Das Becken ist doch der
allgemeinen Überzeugung nach im einen Fall dem Geburtsakt angepaßt, im
anderen nicht. Aber nicht einmal beim Becken ist mit Sicherheit ein
Maßstab anzulegen. Es gibt, wie jeder von der Straße her weiß — und die
Anatomen wissen da auch nicht mehr — genug »Weiber« mit männlichem
schmalen und genug »Männer« mit weiblichem breiten Becken. Also ist es
nichts mit den Geschlechtsunterschieden? Da wäre es ja fast geraten,
Männer und Weiber überhaupt nicht mehr zu unterscheiden?!

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Wie helfen wir uns aus der Frage? Das Alte ist ungenügend, und wir
können es doch gewiß nicht entbehren. Reichen die überkommenen
Begriffe nicht aus, so werden wir sie nur aufgeben, um zu versuchen, uns
neu und besser zu orientieren.

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I. Kapitel.
„Männer“ und „Weiber“.
Mit der allgemeinsten Klassifikation der meisten Lebewesen, ihrer
Kennzeichnung schlechtweg als Männchen oder Weibchen, Mann oder
Weib, kommen wir den Tatsachen gegenüber nicht länger aus. Die
Mangelhaftigkeit dieser Begriffe wird von vielen mehr oder weniger klar
gefühlt. Hier ins Reine zu kommen, ist zunächst das Ziel dieser Arbeit.
Ich schließe mich anderen Autoren, welche in jüngster Zeit über zu
diesem Thema gehörige Erscheinungen geschrieben haben, an, wenn ich
zum Ausgangspunkt der Betrachtung die von der Entwicklungsgeschichte
(Embryologie) festgestellte Tatsache d e r geschlechtlichen
U n d i f f e r e n z i e r t h e i t d e r e r s t e n e m b r y o n a l e n A n l a g e des
Menschen, der Pflanzen und der Tiere wähle.
Einem menschlichen Embryo beispielsweise kann man, wenn er jünger
als fünf Wochen ist, das Geschlecht nicht ankennen, zu dem er sich später
entwickeln wird. Erst in der fünften Fötalwoche beginnen hier jene
Prozesse, welche gegen Ende des dritten Monates der Schwangerschaft zur
Entwicklung einer ursprünglich beiden Geschlechtern gemeinsamen
Genitalanlage nach einer Seite hin und weiter zur Gestaltung des ganzen
Individuums als eines sexuell g e n a u d e f i n i e r t e n führen.[3] Die
Einzelheiten dieser Vorgänge sollen hier nicht näher beschrieben werden.
Zu jener b i s e x u e l l e n A n l a g e eines jeden, auch des höchsten
Organismus, läßt sich sehr gut das a u s n a h m s l o s e B e h a r r e n, der
Mangel eines völligen Verschwindens der Charaktere des anderen
Geschlechtes b e i m n o c h s o e i n g e s c h l e c h t l i c h e n t w i c k e l t e n
pflanzlichen, tierischen und menschlichen Individuum in Beziehung
bringen. Die geschlechtliche Differenzierung ist nämlich nie eine
vollständige. A l l e E i g e n t ü m l i c h k e i t e n d e s m ä n n l i c h e n
Geschlechtes sind irgendwie, wenn auch noch so
schwach entwickelt, auch beim weiblichen Geschlechte
nachzuweisen; und ebenso die Geschlechtscharaktere

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d e s We i b e s a u c h b e i m M a n n e s ä m t l i c h i r g e n d w i e
vorhanden, wenn auch noch so zurückgeblieben in ihrer
A u s b i l d u n g . Man sagt, sie seien »rudimentär« vorhanden. So, um gleich
den Menschen, der uns weiterhin fast ausschließlich interessieren wird, als
Beispiel anzuführen, hat auch die weiblichste Frau einen feinen Flaum von
unpigmentierten Wollhaaren, »Lanugo« genannt, an den Stellen des
männlichen Bartes, auch der männlichste Mann in der Entwicklung stehen
gebliebene Drüsenkomplexe unter einer Brustwarze. Im einzelnen
nachgegangen ist man diesen Dingen vor allem in der Gegend der
Geschlechtsorgane und ihrer Ausführwege, im eigentlichen »Tractus
urogenitalis«, und hat bei jedem Geschlechte alle Anlagen des anderen im
rudimentären Zustande in lückenlosem Parallelismus nachweisen können.
Diese Feststellungen der Embryologen können, mit anderen
zusammengehalten, in einen systematischen Zusammenhang gebracht
werden. Bezeichnet man nach H ä c k e l die Trennung der Geschlechter als
»G o n o c h o r i s m u s«, so wird man zunächst bei verschiedenen Klassen
und Arten verschiedene G r a d e dieses Gonochorismus zu unterscheiden
haben. Nicht nur die verschiedenen Arten der Pflanzen, sondern auch die
Tierspezies werden sich durch die g r ö ß e r e o d e r g e r i n g e r e L a t e n z
der Charaktere des zweiten Geschlechtes voneinander abheben. Der
extremste Fall der Geschlechtsdifferenzierung, also stärkster
Gonochorismus, liegt für dieses erweiterte Blickfeld im
G e s c h l e c h t s d i m o r p h i s m u s vor, jener Eigentümlichkeit z. B.
mancher Asselarten, daß Männchen und Weibchen innerhalb der nämlichen
Spezies sich äußerlich voneinander nicht weniger, ja oft mehr
unterscheiden, als selbst Mitglieder zweier differenter Familien und
Gattungen. Bei Wirbeltieren kommt danach nie so ausgeprägter
Gonochorismus vor, als ihn z. B. Krustaceen oder Insekten aufweisen
können. Es gibt unter ihnen nirgends eine so vollständige Scheidung von
Männchen und Weibchen, wie sie im sexuellen Dimorphismus vollzogen
ist, vielmehr überall unzählige Mischformen der Geschlechter, selbst
sogenannten »abnormen Hermaphroditismus«, ja bei den Fischen sogar
Familien mit ausschließlichem Zwittertum, mit »normalem
Hermaphroditismus«.
Es ist nun von vornherein anzunehmen, daß es nicht nur extreme
Männchen mit geringsten Resten der Weiblichkeit und auf der anderen Seite

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extreme Weibchen mit ganz reduzierter Männlichkeit und in der Mitte
zwischen beiden gedrängt jene Zwitterformen, zwischen jenen drei Punkten
aber nur leere Strecken geben werde. Uns beschäftigt speziell der Mensch.
Doch ist fast alles, was hier über ihn zu sagen ist, mit größeren oder
geringeren Modifikationen auch auf die meisten anderen Lebewesen mit
geschlechtlicher Fortpflanzung anwendbar.
Vom Menschen aber gilt ohne jeden Zweifel folgendes:
E s g i b t unzählige Abstufungen z w i s c h e n M a n n u n d We i b,
»s e x u e l l e Z w i s c h e n f o r m e n«. W i e d i e P h y s i k v o n i d e a l e n
G a s e n s p r i c h t, d. h. solchen, die genau dem B o y l e - G a y -
L u s s a cschen Gesetze folgen (in Wirklichkeit gehorcht ihm kein einziges),
und von diesem Gesetze ausgeht, um im konkreten Falle die Abweichungen
von ihm zu konstatieren: s o k ö n n e n w i r e i n e n i d e a l e n M a n n M
u n d e i n i d e a l e s We i b W, d i e e s i n d e r W i r k l i c h k e i t
n i c h t g i b t , a u f s t e l l e n a l s s e x u e l l e Ty p e n. Diese Typen
k ö n n e n nicht nur, sie m ü s s e n konstruiert werden. N i c h t a l l e i n d a s
» O b j e k t d e r K u n s t « , a u c h d a s d e r Wi s s e n s c h a f t i s t d e r
Ty p u s , d i e p l a t o n i s c h e I d e e . Die wissenschaftliche Physik
erforscht das Verhalten des v o l l k o m m e n starren und des
v o l l k o m m e n elastischen Körpers, wohl bewußt, daß die Wirklichkeit
weder den einen noch den anderen ihr je zur Bestätigung darbieten wird;
die empirisch gegebenen Vermittlungen zwischen beiden dienen ihr nur als
Ausgangspunkt für diese Aufsuchung der typischen Verhaltungsweisen und
werden bei der Rückkehr aus der Theorie zur Praxis als Mischfälle
behandelt und erschöpfend dargestellt. U n d e b e n s o g i b t e s n u r
alle möglichen vermittelnden Stufen zwischen dem
v o l l k o m m e n e n M a n n e u n d d e m v o l l k o m m e n e n We i b e,
Annäherungen an beide, die selbst nie von der Anschauung erreicht werden.
Man achte wohl: hier ist nicht bloß von bisexueller A n l a g e die Rede,
sondern von d a u e r n d e r Doppelgeschlechtlichkeit. Und auch nicht bloß
von den sexuellen M i t t e lstufen, (körperlichen oder psychischen) Zwittern,
auf die bis heute aus naheliegenden Gründen alle ähnlichen Betrachtungen
beschränkt sind. In dieser Form ist also der Gedanke durchaus neu. Bis
heute bezeichnet man als »sexuelle Zwischenstufen« nur die sexuellen
M i t t e lstufen: als ob dort, mathematisch gesprochen, eine
H ä u f u n g s s t e l l e wäre, m e h r w ä r e a l s e i n e k l e i n e S t r e c k e

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a u f d e r ü b e r a l l g l e i c h d i c h t b e s e t z t e n Ve r b i n d u n g s l i n i e
z w e i e r E x t r e m e!
Also Mann und Weib sind wie zwei Substanzen, die in verschiedenem
Mischungsverhältnis, ohne daß je der Koeffizient einer Substanz Null wird,
auf die lebenden Individuen verteilt sind. E s g i b t i n d e r E r f a h r u n g
n i c h t M a n n n o c h We i b könnte man sagen, s o n d e r n n u r
m ä n n l i c h u n d w e i b l i c h. Ein Individuum A oder ein Individuum B
darf man darum nicht mehr schlechthin als »Mann« oder »Weib«
bezeichnen, sondern ein jedes ist nach den Bruchteilen zu beschreiben, die
es von b e i d e n hat, etwa:
α M β W
A{ B{
α' W β' M
wobei stets
0 < α < 1, 0 < β < 1,
0 < α' < 1, 0 < β' < 1.
Die genaueren Belege für diese Auffassung — einiges Allgemeinste
wurde vorbereitend in der Einleitung angedeutet — sind zahllos. Es sei
erinnert an alle »Männer« mit weiblichem Becken und weiblichen Brüsten,
fehlendem oder spärlichem Bartwuchs, mit ausgesprochener Taille,
überlangem Kopfhaar, an alle »Weiber« mit schmalen Hüften[4] und flachen
Brüsten, mageren Nates und Femurfettpolstern, tiefer rauher Stimme und
einem Schnurrbart (zu dem die Anlage viel öfter ausgiebig vorhanden ist,
als man sie gemeiniglich bemerkt, weil er natürlich nie belassen wird; vom
Barte, der so vielen Frauen nach dem Klimakterium wächst, ist hier nicht
die Rede) etc. etc. Alle diese Dinge, d i e s i c h b e z e i c h n e n d e r w e i s e
f a s t i m m e r a m g l e i c h e n M e n s c h e n b e i s a m m e n f i n d e n,
sind jedem Kliniker und praktischen Anatomen aus eigener Anschauung
bekannt, nur noch nirgends zusammengefaßt.
Den umfassendsten Beweis für die hier verfochtene Anschauung liefert
aber die große Schwankungsbreite der Zahlen für geschlechtliche
Unterschiede, die innerhalb der einzelnen Arbeiten wie zwischen den
verschiedenen anthropologischen und anatomischen Unternehmungen zur
Messung derselben ohne Ausnahme anzutreffen ist, die Tatsache, daß die
Zahlen für das weibliche Geschlecht nie dort anfangen, wo jene für das

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männliche aufhören, sondern stets in der Mitte ein Gebiet liegt, in welchem
Männer und Frauen vertreten sind. So sehr diese Unsicherheit der Theorie
von den sexuellen Zwischenstufen zugute kommt, so aufrichtig muß man
sie im Interesse wahrer Wissenschaft bedauern. Die Anatomen und
Anthropologen von Fach haben eben eine wissenschaftliche Darstellung des
sexuellen Typus noch gar nicht angestrebt, sondern wollten immer nur
allgemein in gleichem Ausmaße gültige Merkmale haben, und hieran
wurden sie durch die Überzahl der Ausnahmen immer verhindert. So erklärt
sich die Unbestimmtheit und Weite aller hieher gehörigen Resultate der
Messung.
Gar sehr hat der Zug zur Statistik, der unser industrielles Zeitalter vor
allen früheren auszeichnet, in dem es — offenbar der schüchternen
Verwandtschaft mit der Mathematik wegen — seine Wissenschaftlichkeit
besonders betont glaubt, auch hier den Fortschritt der Erkenntnis gehemmt.
Den D u r c h s c h n i t t wollte man gewinnen, nicht den Ty p u s. Man begriff
gar nicht, daß es im Systeme reiner (nicht angewandter) Wissenschaft nur
auf diesen ankommt. Darum lassen denjenigen, welchem es um die Typen
zu tun ist, die bestehende Morphologie und Physiologie mit ihren Angaben
gänzlich im Stich. Es wären da alle Messungen wie auch alle übrigen
Detailforschungen erst auszuführen. Was existiert, ist für eine Wissenschaft
auch in laxerem (nicht erst in Kantischem) Sinne völlig unverwendbar.
Alles kommt auf die Kenntnis von M und W, auf die richtige
Feststellung des idealen Mannes und des idealen Weibes an (ideal im Sinne
von typisch, ohne jede Bewertung).
Wird es gelungen sein, diese Typen zu erkennen und zu konstruieren,
so wird die Anwendung auf den einzelnen Fall, seine Darstellung durch ein
quantitatives Mischungsverhältnis, ebenso unschwer wie fruchtbar sein.
Ich resumiere den Inhalt dieses Kapitels: es gibt keine kurzweg als ein-
und bestimmt-geschlechtlich zu bezeichnenden Lebewesen. Vielmehr zeigt
die Wirklichkeit ein Schwanken zwischen zwei Punkten, auf denen selbst
kein empirisches Individuum mehr anzutreffen ist, z w i s c h e n denen
i r g e n d w o jedes Individuum sich aufhält. Aufgabe der Wissenschaft ist es,
die Stellung jedes Einzelwesens zwischen jenen zwei Bauplänen
festzustellen; diesen Bauplänen ist keineswegs eine metaphysische Existenz
neben oder über der Erfahrungswelt zuzuschreiben, sondern ihre

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Konstruktion ist notwendig aus dem heuristischen Motive einer möglichst
vollkommenen Abbildung der Wirklichkeit. — —
Die Ahnung dieser Bisexualität alles Lebenden (durch die nie ganz
vollständige sexuelle Differenzierung) ist uralt. Vielleicht ist sie
chinesischen Mythen nicht fremd gewesen; jedenfalls war sie im
Griechentum äußerst lebendig. Hiefür zeugen die Personifikation des
Hermaphroditos als einer mythischen Gestalt; die Erzählung des
Aristophanes im platonischen Gastmahl; ja noch in später Zeit galt der
gnostischen Sekte der Ophiten der Urmensch als mannweiblich,
ἀρσενόθηλυς.

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II. Kapitel.
Arrhenoplasma und Thelyplasma.
Die nächste Erwartung, welche eine Arbeit zu befriedigen hätte, in
deren Plan eine universelle Revision aller einschlägigen Tatsachen gelegen
wäre, würde sich auf eine neue und vollständige Darstellung der
anatomischen und physiologischen Eigenschaften der sexuellen Typen
richten. Da ich aber selbständige Untersuchungen zum Zwecke einer
Lösung dieser umfassenden Aufgabe nicht angestellt habe, und eine
Beantwortung jener Fragen für die l e t z t e n Ziele dieses Buches mir nicht
notwendig erscheint, so muß ich auf dieses Unternehmen von vornherein
Verzicht leisten — ganz abgesehen davon, ob es die Kräfte eines einzelnen
nicht bei weitem übersteigt. Eine Kompilation der in der Literatur
niedergelegten Ergebnisse wäre überflüssig, denn eine solche ist in
vorzüglicher Weise von H a v e l o c k E l l i s besorgt worden. Aus den von
ihm gesammelten Resultaten die sexuellen Typen auf dem Wege
wahrscheinlicher Schlußfolgerungen zu gewinnen, bliebe hypothetisch und
würde der Wissenschaft nicht eine einzige Neuarbeit zu ersparen vermögen.
Die Erörterungen dieses Kapitels sind darum mehr formaler und
allgemeiner Natur, sie gehen auf die biologischen Prinzipien, zum Teil
wollen sie auch jener notwendigen Arbeit der Zukunft die Berücksichtigung
bestimmter einzelner Punkte ans Herz legen und so derselben förderlich zu
werden versuchen. Der biologische Laie kann diesen Abschnitt
überschlagen, ohne das Verständnis der übrigen hiedurch sehr zu
beeinträchtigen.
Es wurde die Lehre von den verschiedenen Graden der Männlichkeit
und Weiblichkeit vorderhand rein anatomisch entwickelt. Die Anatomie
wird aber nicht nur nach den Formen fragen, in denen, sondern auch nach
den Orten, an denen sich Männlichkeit und Weiblichkeit ausprägt. Daß die
Sexualität nicht bloß auf die Begattungswerkzeuge und die Keimdrüsen
beschränkt ist, geht schon aus den früher als Beispielen sexueller
Unterschiedenheit erwähnten Körperteilen hervor. Aber wo ist hier die
Grenze zu ziehen, mit anderen Worten, wo steckt das Geschlecht und wo

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steckt es nicht? Ist es bloß auf die »primären« und »sekundären«
Sexualcharaktere beschränkt? Oder reicht sein Umfang nicht viel weiter?
Es scheint nun eine große Anzahl in den letzten Jahrzehnten
aufgefundener Tatsachen zur Wiederaufnahme einer Lehre zu zwingen,
welche in den vierziger Jahren des XIX. Jahrhunderts aufgestellt wurde,
aber wenig Anhänger fand, da ihre Konsequenzen dem Begründer der
Theorie selbst ebenso wie ihren Bestreitern einer Reihe von
Forschungsergebnissen zu widersprechen schienen, die zwar nicht jenem,
aber diesen als unumstößlich galten. Ich meine unter dieser Anschauung,
welche, mit einer Modifikation, die Erfahrung uns gebieterisch abermals
aufnötigt, die Lehre des Kopenhagener Zoologen Joh. Japetus Sm.
S t e e n s t r u p, der behauptet hatte, d a s G e s c h l e c h t s t e c k e ü b e r a l l
i m K ö r p e r.
Ellis hat zahlreiche Untersuchungen über fast alle Gewebe des
Organismus excerpiert, die überall Unterschiede der Sexualität nachweisen
konnten. Ich will erwähnen, daß der typisch männliche und der typisch
weibliche »Teint« sehr voneinander verschieden sind; dies berechtigt zur
Annahme sexueller Differenzen in den Zellen der Cutis und der Blutgefäße.
Aber auch in der Menge des Blutfarbstoffes, in der Zahl der roten
Blutkörperchen im Kubikcentimeter der Flüssigkeit sind solche gesichert.
B i s c h o f f und R ü d i n g e r haben im Gehirne Abweichungen der
Geschlechter voneinander festgestellt, und Justus und Alice G a u l e in der
jüngsten Zeit solche auch in vegetativen Organen (Leber, Lunge, Milz)
aufgefunden. Tatsächlich wirkt auch a l l e s am Weibe, wenn auch gewisse
Zonen stärker und andere schwächer, »e r o g e n« auf den Mann, und ebenso
a l l e s am Manne sexuell anziehend und erregend auf das Weib.
Wir können so zu der vom formal-logischen Standpunkt
hypothetischen, aber durch die Summe der Tatsachen fast zur Gewißheit
erhobenen Anschauung fortschreiten: j e d e Z e l l e d e s O r g a n i s m u s
ist (wie wir vorläufig sagen wollen) geschlechtlich
charakterisiert, oder hat eine bestimmte sexuelle
B e t o n u n g. Unserem Prinzipe der Allgemeinheit der sexuellen
Zwischenformen gemäß werden wir gleich hinzufügen, d a ß d i e s e
sexuelle Charakteristik verschieden hohe Grade haben
k a n n. Diese sofort zu machende Annahme einer verschieden starken
Ausprägung der sexuellen Charakteristik ließe uns auch den Pseudo- und

Page 37

sogar den echten Hermaphroditismus (dessen Vorkommen für viele Tiere,
wenn auch nicht mit Sicherheit für den Menschen, seit S t e e n s t r u p s Zeit
über allen Zweifel erhoben worden ist) unserem Systeme leicht eingliedern.
S t e e n s t r u p sagte: »Wenn das Geschlecht eines Tieres wirklich seinen
Sitz allein in den Geschlechtswerkzeugen hätte, so könnte man sich noch
zwei Geschlechter in einem Tiere gesammelt, zwei solche
Geschlechtswerkzeuge an die Seite voneinander gestellt denken. Aber das
Geschlecht ist nicht etwas, welches seinen Sitz in einer gegebenen Stelle
hat, oder welches sich nur durch ein angegebenes Werkzeug äußert; es wirkt
durch das ganze Wesen, und hat sich in jedem Punkte davon entwickelt. In
einem männlichen Geschöpfe ist jeder, auch der kleinste Teil männlich, mag
er dem entsprechenden Teile von einem weiblichen Geschöpfe noch so
ähnlich sein, und in diesem ist ebenso der allerkleinste Teil nur weiblich.
Eine Vereinigung von beiden Geschlechtswerkzeugen in einem Geschöpfe
würde deshalb dieses erst zweigeschlechtlich machen, wenn die Naturen
beider Geschlechter durch den ganzen Körper herrschen und sich auf jeden
einzelnen Punkt davon geltend machen könnten — etwas, das sich infolge
des Gegensatzes beider Geschlechter nur als eine gegenseitige Aufhebung
voneinander, als ein Verschwinden alles Geschlechtes in einem solchen
Geschöpfe äußern könnte.« Wenn jedoch, und hiezu scheinen alle
empirischen Tatsachen zu zwingen, d a s P r i n z i p d e r u n z ä h l i g e n
sexuellen Übergangsstufen zwischen M und W auf alle
Z e l l e n d e s O r g a n i s m u s a u s g e d e h n t w i r d, so entfällt die
Schwierigkeit, an der S t e e n s t r u p Anstoß nahm, und das Zwittertum ist
keine Naturwidrigkeit mehr. Von der völligen Männlichkeit an in allen
Vermittlungen bis zu deren gänzlichem Fehlen, welches mit dem
Vorhandensein der absoluten Weiblichkeit zusammenfiele, sind danach
u n z ä h l i g e v e r s c h i e d e n e s e x u e l l e C h a r a k t e r i s t i k e n jeder
einzelnen Zelle denkbar. Ob diese Graduierung in einer Skala von
Differenzialien wirklich unter dem Bilde z w e i e r r e a l e r, jeweils in
anderem Verhältnis zusammentretender Substanzen zu denken ist, oder ein
e i n h e i t l i c h e s Protoplasma in unendlich vielen Modifikationen (etwa
räumlich verschiedenen Anordnungen der Atome in großen Molekülen)
anzunehmen ist, darüber tut man gut, sich jeder Vermutung zu enthalten.
Die erste Annahme wird physiologisch nicht gut verwendbar sein — man
denke an eine männliche oder weibliche Körperbewegung und die dann
notwendige Duplizität in den bestimmenden Verhältnissen ihrer realen,

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physiologisch doch immer einheitlichen Erscheinungsform; die zweite
erinnert zu sehr an wenig geglückte Spekulationen über die Vererbung.
Vielleicht sind beide gleich weit von der Wahrheit entfernt.
Worin die Männlichkeit (Maskulität) oder Weiblichkeit (Muliebrität)
einer Zelle eigentlich bestehen mag, welche histologischen, molekular-
physikalischen oder gar chemischen Unterschiede jede Zelle von W trennen
mögen von jeder Zelle von M, darüber ist eine Aussage auch auf dem Wege
der Wahrscheinlichkeit heute empirisch nicht zu begründen. Ohne also
irgend einer späteren Untersuchung vorzugreifen (die wohl die
Unableitbarkeit des spezifisch Biologischen aus Physik und Chemie zur
Genüge eingesehen haben wird), läßt sich die Annahme v e r s c h i e d e n
starker sexueller Betonungen auch für alle E i n z e l z e l l e n, nicht bloß für
den g a n z e n Organismus als ihre Summe, mit guten Gründen verteidigen.
Weibliche Männer haben meist auch eine insgesamt weiblichere Haut, die
Zellen der männlichen Organe haben bei ihnen schwächere Tendenzen zur
Teilung, worauf das geringere Wachstum makroskopischer
Sexualcharaktere unbedingt zurückweist, u. s. w.
Nach dem verschiedenen Grade der makroskopischen Ausprägung der
sexuellen Charakteristik ist auch die Einteilung der Sexualcharaktere zu
treffen; ihre Anordnung fällt im großen zusammen mit der Stärke ihrer
erogenen Wirkung auf das andere Geschlecht (wenigstens im Tierreiche).
Um nicht von der allgemein angenommenen J o h n H u n t e rschen
Nomenklatur abzuweichen und jede Verwirrung zu vermeiden, nenne ich
p r i m o r d i a l e S e x u a l c h a r a k t e r e die männliche und die weibliche
Keimdrüse (Testis, Epididymis, Ovarium, Epoophoron); p r i m ä r e die
inneren Adnexe der Keimdrüsen (Samenstränge, Samenbläschen, Tuba,
Uterus, die ihrer sexuellen Charakteristik nach erfahrungsgemäß von jener
der Keimdrüsen zuweilen weit differieren) u n d die »äußeren
Geschlechtsteile«, nach welchen allein die Geschlechtsbestimmung des
Menschen bei der Geburt vollzogen und damit in gewisser Weise über sein
Lebensschicksal (wie sich zeigen wird, nicht selten unrichtig) entschieden
wird. Alle Geschlechtscharaktere n a c h den primären haben das
Gemeinsame, daß sie für die Zwecke der Begattung nicht unmittelbar mehr
erforderlich sind. Als s e k u n d ä r e G e s c h l e c h t s c h a r a k t e r e sind
zunächst am besten scharf zu umgrenzen diejenigen, welche erst z u r Z e i t
d e r G e s c h l e c h t s r e i f e äußerlich sichtbar auftreten und nach einer fast

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zur Gewißheit erhobenen Anschauung ohne eine »innere Sekretion«
bestimmter Stoffe aus den Keimdrüsen in das Blut sich nicht entwickeln
können (Wuchs des männlichen Bartes und des weiblichen Kopfhaares,
Brüsteentwicklung, Stimmwechsel u. s. w.).
P r a k t i s c h e Gründe mehr als theoretische empfehlen die weitere
Bezeichnung erst auf Grund von Äußerungen oder Handlungen zu
erschließender angeborener Eigenschaften, wie Muskelkraft,
Eigenwilligkeit beim Manne, als t e r t i ä r e r S e x u a l c h a r a k t e r e. Durch
relativ zufällige Sitte, Gewöhnung, Beschäftigung hinzugekommen sind
endlich die accessorischen oder q u a r t ä r e n Sexualcharaktere, wie
Rauchen und Trinken des Mannes, Handarbeit des Weibes; auch diese
ermangeln nicht, gelegentlich ihre erogene Wirkung auszuüben, und schon
dies deutet darauf hin, daß sie viel öfter, als man vielleicht glaubt, auf die
tertiären zurückzuführen sind und möglicherweise bisweilen tief noch mit
den primordialen zusammenhängen. Mit dieser Klassifikation der
Sexualcharaktere soll nichts für eine w e s e n t l i c h e Reihenfolge
präjudiziert und gar nichts darüber entschieden sein, ob die geistigen
Eigenschaften im Vergleiche zu den körperlichen primär oder von ihnen
bedingt und erst im Laufe einer langen Kausalkette aus ihnen abzuleiten
sind; sondern nur die Stärke der anziehenden Wirkung auf das andere
Geschlecht[5], die zeitliche Reihenfolge, in welcher sie diesem auffallen und
die Rangordnung der Sicherheit, mit der sie von ihm erschlossen werden,
dürfte hiemit für die meisten Fälle getroffen sein.
Die »sekundären Geschlechtscharaktere« führten zur Erwähnung der
inneren Sekretion von Keimstoffen in den Kreislauf. Die Wirkungen dieses
Einflusses wie seines durch Kastration künstlich erzeugten Mangels hat
man nämlich vor allem an der Entwicklung oder dem Ausbleiben der
s e k u n d ä r e n Geschlechtscharaktere studiert. Die »innere Sekretion« übt
aber zweifellos einen Einfluß auf a l l e Zellen des Körpers. Dies beweisen
die Veränderungen, welche zur Zeit der Pubertät im g a n z e n Organismus
und nicht bloß an den durch sekundäre Geschlechtscharaktere
ausgezeichneten Partien erfolgen. Auch kann man von vornherein die
innere Sekretion aller Drüsen nicht gut anders auffassen, als auf alle
Gewebe g l e i c h m ä ß i g sich erstreckend.
Die innere Sekretion der Keimdrüsen komplettiert
a l s o e r s t d i e G e s c h l e c h t l i c h k e i t d e s I n d i v i d u u m s . Es ist

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demgemäß in jeder Zelle eine o r i g i n ä r e s e x u e l l e C h a r a k t e r i s t i k
a n z u n e h m e n, zu der jedoch die innere Sekretion der Keimdrüsen i n
einem gewissen Ausmaße als ergänzende
Komplementärbedingung hinzukommen muß, um ein
bestimmt qualifiziertes, fertiges Masculinum oder
F e m i n i n u m h e r v o r z u b r i n g e n.
Die Keimdrüse ist das Organ, in welchem die sexuelle Charakteristik
des Individuums a m s i c h t b a r s t e n hervortritt, und in dessen
morphologischen Elementareinheiten sie am leichtesten nachweisbar ist.
Ebenso muß man aber annehmen, daß die Gattungs-, Art-,
Familieneigenschaften eines Organismus in den Keimdrüsen am
vollzähligsten vertreten sind. Gleichwie anderseits S t e e n s t r u p mit Recht
gelehrt hat, daß das Geschlecht überall im Körper verbreitet und nicht bloß
in spezifischen »Geschlechtsteilen« lokalisiert sei, so haben N a e g e l i, d e
Vr i e s, O s c a r H e r t w i g u. a. die ungemein aufklärende Theorie
entwickelt und mit wichtigen Argumenten sehr sicher begründet, daß j e d e
Zelle eines vielzelligen Organismus Träger der g e s a m t e n
A r teigenschaften ist, und diese in den Keimzellen nur in einer besonderen
ausgezeichneten Weise zusammengefaßt erscheinen — was vielleicht
einmal allen Forschern selbstverständlich vorkommen wird angesichts der
Tatsache, daß jedes Lebewesen durch Furchung und Teilung aus e i n e r
einzigen Zelle entsteht.
Wie nun die genannten Forscher auf Grund vieler Phänomene, die
seitdem durch zahlreiche Erfahrungen über Regeneration aus beliebigen
Teilen und Feststellungen chemischer Differenzen in den homologen
Geweben verschiedener Spezies vermehrt worden sind, die Existenz des
I d i o p l a s m a als der G e s a m t h e i t der spezifischen Arteigenschaften
auch in allen jenen Zellen eines Metazoons anzunehmen berechtigt waren,
die nicht mehr unmittelbar für die Fortpflanzung verwertet werden — so
können und müssen auch h i e r die Begriffe eines A r r h e n o p l a s m a und
eines T h e l y p l a s m a geschaffen werden, a l s der zwei
Modifikationen, in denen jedes Idioplasma bei
g e s c h l e c h t l i c h d i f f e r e n z i e r t e n We s e n a u f t r e t e n k a n n, und
zwar nach den hier grundsätzlich vertretenen Ansichten wieder nur als
I d e a l f ä l l e, als Grenzen, z w i s c h e n denen die empirische Realität liegt.
Es geht demnach das wirklich existierende Protoplasma, vom idealen

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Arrhenoplasma sich immer mehr entfernend, durch einen (realen oder
gedachten) Indifferenzpunkt (= Hermaphroditismus verus) in ein
Protoplasma über, das bereits dem Thelyplasma näher liegt, um sich diesem
bis auf ein Differenziale zu nähern. Dies ist aus der Summe des
Vorausgeschickten nur die konsequente Folgerung, und ich bitte die neuen
Namen zu entschuldigen; sie sind nicht dazu erfunden, um die Neuheit der
Sache zu steigern.
Der Nachweis, daß j e d e s einzelne Organ und weiter j e d e
e i n z e l n e Z e l l e eine Sexualität besitzt, die auf irgend einem Punkte
zwischen Arrhenoplasma und Thelyplasma anzutreffen sein wird, daß also
jeder Elementarteil ursprünglich in bestimmter Weise und bestimmtem
Ausmaß sexuell charakterisiert ist, dieser Nachweis läßt sich auch durch die
Tatsache leicht führen, daß selbst im g l e i c h e n Organismus die
verschiedenen Zellen nicht immer die gleiche und sehr oft nicht eine gleich
s t a r k e sexuelle Charakteristik besitzen. Es liegt nämlich durchaus nicht in
allen Zellen eines Körpers der gleiche Gehalt an M oder W, die gleiche
Annäherung an Arrhenoplasma oder Thelyplasma, ja es können Zellen des
gleichen Körpers auf verschiedenen Seiten des Indifferenzpunktes zwischen
diesen Polen sich befinden. Wenn wir, statt Maskulität und Muliebrität
immer auszuschreiben, verschiedene Vorzeichen für beide wählen und,
noch ohne tückische tiefere Hintergedanken, dem Männlichen ein positives,
dem Weiblichen ein negatives Vorzeichen geben, so heißt jener Satz in
anderer Ausdrucksform: in den Zellen des nämlichen Organismus kann die
Sexualität der verschiedenen Zellen nicht nur eine verschiedene absolute
Größe, sondern auch ein verschiedenes Vorzeichen haben. Es gibt s o n s t
ziemlich wohlcharakterisierte Masculina mit nur ganz schwachem Bart und
ganz schwacher Muskulatur; oder fast typische Feminina mit schwachen
Brüsten. Und anderseits recht weibische Männer mit starkem Bartwuchs,
Weiber, die bei abnorm kurzem Haar und deutlich sichtbarem Bartwuchs
gut entwickelte Brüste und ein geräumiges Becken aufweisen. Mir sind
ferner Menschen bekannt mit weiblichem Ober- und männlichem
Unterschenkel, mit rechter weiblicher und linker männlicher Hüfte.
Überhaupt werden von der lokalen Verschiedenheit der sexuellen
Charakteristik am häufigsten die beiden, auch sonst nur im idealen Falle
symmetrischen Körperhälften rechts und links von der Medianebene
betroffen; hier findet man in dem Grade der Ausprägung der
Sexualcharaktere, z. B. des Bartwuchses, eine Unzahl von Asymmetrien.

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Auf eine ungleichmäßige innere Sekretion läßt sich aber dieser Mangel an
Konformität (und eine absolute Konformität gibt es in der sexuellen
Charakteristik nie), wie schon gesagt, kaum schieben; das Blut muß zwar
nicht in gleicher Menge, aber doch in gleicher Mischung zu allen Organen
gelangen, in nichtpathologischen Fällen stets in einer den Bedingungen der
Erhaltung angemessenen Qualität und Quantität.
Wäre also nicht eine ursprüngliche, vom Anfang der embryonalen
Entwicklung an feststehende, in jeder einzelnen Zelle im allgemeinen
verschiedene sexuelle Charakteristik als die Ursache dieser Variationen
anzunehmen, so müßte ein Individuum einfach durch eine Angabe darüber,
wie gut beispielsweise seine Keimdrüsen dem Typus des Geschlechtes sich
annähern, vollauf sexuell beschrieben werden können, und die Sache läge
viel einfacher, als sie in Wirklichkeit ist. Die Sexualität ist aber nicht in
einem fiktiven Normalmaß gleichsam ausgegossen über das ganze
Individuum, so daß mit der sexuellen Bestimmung e i n e r Zelle auch alle
anderen erledigt wären. Wenn auch w e i t e Abstände in der sexuellen
Charakteristik zwischen verschiedenen Zellen oder Organen d e s s e l b e n
Lebewesens eine Seltenheit bilden werden: als den a l l g e m e i n e n Fall
muß man die S p e z i f i t ä t derselben für jede einzelne Zelle ansehen; man
wird aber dabei immerhin daran festhalten können, daß sich viel häufiger
Annäherungen an eine vollkommene Einförmigkeit der sexuellen
Charakteristik (durch den ganzen Körper hindurch) finden, als ein
Auseinandertreten zu beträchtlichen graduellen Differenzen zwischen den
einzelnen Organen, geschweige denn zwischen den einzelnen Zellen
vorzukommen scheint. Das Maximum der hier möglichen
Schwankungsbreite müßte erst durch eine Untersuchung im einzelnen
festgestellt werden.
Träte, wie dies die populäre, auf A r i s t o t e l e s zurückgehende
Ansicht und auch die Anschauung vieler Mediziner und Zoologen ist, mit
der K a s t r a t i o n eines Tieres regelmäßig ein Umschlag nach dem
entgegengesetzten Geschlechte hin ein, wäre z. B. mit der Entmannung
eines Tieres auch schon eo ipso als Folge seine völlige Verweiblichung
gesetzt, so wäre das Bestehen eines von den Keimdrüsen unabhängigen
primordialen Sexualcharakters jeder Zelle wieder in Frage gestellt. Aber die
jüngsten experimentellen Untersuchungen von S e l l h e i m und F o g e s
haben gezeigt, daß es einen vom weiblichen durchaus verschiedenen Typus

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des Kastraten gibt, daß Entmannung nicht ohne weiters identisch ist mit
Verweiblichung. Freilich wird man gut tun, auch in dieser Richtung zu
weitgehende, radikale Folgerungen zu vermeiden, man darf keinesfalls die
Möglichkeit ausschließen, daß eine zweite, latent gebliebene Keimdrüse des
anderen Geschlechtes nach Beseitigung oder Atrophie einer ersten
Keimdrüse sozusagen die Herrschaft über einen in seiner sexuellen
Charakteristik in gewissem Maße schwankenden Organismus gewinne. Die
häufigen, freilich wohl allgemein etwas zu kühn (als durchgängige
Annahme männlicher Charaktere) interpretierten Fälle, in denen, nach der
Involution der weiblichen Geschlechtsorgane im Klimakterium, an einem
weiblichen Organismus äußere sekundäre Sexualcharaktere des
Masculinums sichtbar werden, wären das bekannteste Beispiel hiefür: der
»Bart« der menschlichen »Großmütter«, alte Ricken, die bisweilen einen
kurzen Stirnzapfen erhalten, die »Hahnenfedrigkeit« alter Hennen u. s. w.
Aber selbst ganz ohne senile Rückbildungen oder operative äußere
Eingriffe scheinen derartige Verwandlungen vorzukommen. Sichergestellt
als die n o r m a l e Entwicklung sind sie für einige Vertreter der Gattungen
Cymothoa, Anilocra, Nerocila aus den zur Gruppe der Cymothoideen
gehörigen, auf Fischen schmarotzenden Asseln. Diese Tiere sind
Hermaphroditen eigentümlicher Art: an ihnen sind männliche und weibliche
Keimdrüse dauernd gleichzeitig vorhanden, aber nicht gleichzeitig
funktionsfähig. Es besteht eine Art »Protandrie«: jedes Individuum fungiert
zuerst als Männchen, später als Weibchen. Zur Zeit ihrer
Funktionstüchtigkeit als Männchen besitzen sie durchwegs männliche
Begattungsorgane, die nachher abgeworfen werden, wenn die weiblichen
Ausfuhrwege und Brutlamellen sich entwickelt und geöffnet haben. Daß es
aber auch beim Menschen solche Dinge gibt, scheinen jene äußerst
merkwürdigen Fälle von »Eviratio« und »Effeminatio« zu beweisen, von
welchen die sexuelle Psychopathologie aus dem erwachsenen Alter reifer
Männer erzählt. Man wird also um so weniger das tatsächliche Vorkommen
der Verweiblichung in gänzliche Abrede stellen dürfen, wenn für diese eine
so günstige Bedingung wie die Exstirpation der männlichen Keimdrüse
geschaffen wird.[6] Daß aber der Zusammenhang kein allgemeiner und
notwendiger ist, daß Kastration ein Individuum durchaus nicht m i t
S i c h e r h e i t zum Angehörigen des anderen Geschlechtes macht — dies ist
wieder ein Beweis, wie notwendig die allgemeine Annahme ursprünglich

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arrhenoplasmatischer und thelyplasmatischer Zellen für den ganzen Körper
ist.
Das Bestehen der originären sexuellen Charakteristik jeder Zelle und
die Ohnmacht der auf sich allein angewiesenen Keimdrüsensekrete wird
weiter erwiesen durch die gänzliche Erfolglosigkeit von Transplantationen
männlicher Keimdrüsen auf weibliche Tiere. Zur strikten Beweiskraft dieser
letzteren Versuche wäre es freilich vonnöten, daß die exstirpierten Testikel
einem möglichst nahe verwandten weiblichen Tier, womöglich einer
Schwester des kastrierten Männchens, eingepflanzt würden: das
I d i o p l a s m a dürfte nicht a u c h n o c h ein zu verschiedenes sein. Es
würde nämlich hier wie sonst viel darauf ankommen, die Bedingungen des
Erfolges in möglichst reiner Isolation wirken zu lassen, um ein möglichst
eindeutiges Resultat zu erhalten. Versuche auf der C h r o b a kschen Klinik
in Wien haben gezeigt, daß zwischen zwei (wahllos ausgemusterten)
weiblichen Tieren beliebig vertauschte Ovarien in der Mehrzahl der Fälle
atrophieren und nie die Verkümmerung der sekundären Charaktere (z. B.
der Milchdrüsen) aufzuhalten vermögen: während bei Entfernung der
eigenen Keimdrüse von ihrem natürlichen Lager und ihrer Implantation an
einem davon verschiedenen Orte im s e l b e n Tiere (das somit sein eigenes
Gewebe behält) im Idealfalle die v ö l l i g e Entwicklung der sekundären
Geschlechtscharaktere e b e n s o möglich ist, wie wenn gar kein Eingriff
erfolgt. Das Mißlingen der Transplantation auf kastrierte
Geschlechtsgenossen ist vielleicht hauptsächlich in der mangelnden
Familienverwandtschaft begründet: das idioplasmatische Moment müßte in
erster Linie beachtet werden.
Diese Dinge erinnern sehr an die Erfahrungen bei der T r a n s f u s i o n
heterologen Blutes. Es ist eine praktische Regel der Chirurgen, daß man
verlorenes Blut (bei Gefahr schwerer Störungen) nicht nur durch das Blut
der gleichen Spezies und einer verwandten Familie, sondern auch durch das
Blut eines gleichgeschlechtlichen Wesens ersetzen muß. Die Parallele mit
den Transplantationsversuchen springt in die Augen. Sollten aber die hier
vertretenen Ansichten sich behaupten, so werden die Chirurgen, soweit sie
überhaupt transfundieren und nicht Kochsalzinfusionen bevorzugen,
vielleicht nicht bloß darauf achten müssen, ob das Ersatzblut einem
möglichst stammverwandten Tiere entnommen ist. Es fragt sich, ob dann

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die Forderung zu weit ginge, daß nur das Blut eines Wesens von möglichst
gleichem Grade der Maskulität oder Muliebrität Verwendung finden dürfte.
Wie diese Verhältnisse bei der Transfusion ein Beweis für die eigene
sexuelle Charakteristik der Blutkörperchen, so liefert, wie erwähnt, der
gänzliche Mißerfolg aller Überpflanzungen männlicher Keimdrüsen auf
Weibchen oder weiblicher Keimdrüsen auf Männchen noch einen Beweis
dafür, daß die innere Sekretion n u r a u f e i n i h r a d ä q u a t e s
A r r h e n o p l a s m a o d e r T h e l y p l a s m a w i r k s a m i s t.
In Anknüpfung hieran soll schließlich noch des organotherapeutischen
Heilverfahrens mit einem Worte gedacht werden. Es ist nach dem obigen
klar, daß und warum, wenn die Transplantation möglichst geschonter
ganzer Keimdrüsen auf andersgeschlechtliche Individuen keinen Erfolg
hatte, auch ebenso z. B. die Injektion von Ovarialsubstanz in das Blut eines
Masculinums höchstens Schaden anrichten konnte. Aber anderseits
erledigen sich ebenso eine Menge von Einwürfen g e g e n das P r i n z i p der
Organotherapie damit, daß Organpräparate von N i c h t-Artgenossen
naturgemäß nicht immer eine volle Wirkung ausüben können. Durch die
Nichtbeachtung eines biologischen Prinzipes von solcher Wichtigkeit wie
die Idioplasmalehre haben sich die ärztlichen Vertreter der Organotherapie
vielleicht manchen Heilerfolg verscherzt.
Die Idioplasmalehre, die auch jenen Geweben und Zellen den
spezifischen Artcharakter zuschreibt, welche die reproduktive Fähigkeit
verloren haben, ist allerdings noch nicht allgemein anerkannt. Aber daß
zumindest in den Keimdrüsen die Arteigenschaften versammelt sind, wird
jedermann einsehen müssen, und damit auch zugeben, daß gerade bei
Präparaten aus den Keimdrüsen die möglichst geringe verwandtschaftliche
Entfernung erstes Postulat ist, sofern diese Methode mehr erstrebt, als ein
gutes Tonikum zu liefern. Parallelversuche zwischen Transplantation von
Keimdrüsen und Injektionen ihrer Extrakte, etwa ein Vergleich zwischen
dem Einfluß des ihm selbst oder einem nahe verwandten Individuum
entnommenen und auf einen Hahn irgendwo, z. B. in seinen Peritonealraum
transplantierten Hodens m i t dem Einfluß intravenöser Injektionen von
Testikularextrakt in einen anderen kastrierten Hahn, wobei dieser Extrakt
ebenfalls aus den Hoden verwandter Individuen gewonnen sein müßte —
solche Parallelversuche wären hier vielleicht mit Nutzen auszuführen. Sie
könnten möglicherweise auch noch lehrreiche Aufschlüsse bringen über die

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passendste Darstellung und Menge der Organpräparate und der einzelnen
Injektionen. Es wäre auch t h e o r e t i s c h eine Feststellung darüber
erwünscht, ob die inneren Keimdrüsensekrete mit Stoffen in der Zelle eine
chemische Verbindung eingehen, oder ob ihre Wirkung bloß eine
katalytische, von der Menge eigentlich doch unabhängige ist. Die letztere
Annahme kann nach den bisher vorliegenden Untersuchungen noch nicht
ausgeschlossen werden.
Die Grenzen des Einflusses der inneren Sekretion auf die Gestaltung
des definitiven geschlechtlichen Charakters waren zu ziehen, um die
gemachte Annahme einer originären, i m a l l g e m e i n e n für jede Zelle
graduell verschiedenen, von Anfang an bestimmten sexuellen Charakteristik
gegen Einwände zu sichern.[7] Wenn diese Charakteristiken auch in der
überwiegenden Mehrzahl der Fälle für die verschiedenen Zellen und
Gewebe desselben Individuums nicht sonderlich dem Grade nach
verschieden sein dürften, so gibt es doch eklatante Ausnahmen, die uns die
Möglichkeit großer Amplituden vor Augen rücken. Auch die einzelnen
Eizellen und die einzelnen Spermatozoiden, nicht nur verschiedener
Organismen, auch in den Follikeln und in der Spermamasse e i n e s
Individuums, zur selben Zeit und mehr noch zu verschiedenen Zeiten,
werden Unterschiede in dem Grade ihrer Muliebrität und Maskulität zeigen,
z. B. die Samenfäden verschieden schlank, verschieden schnell sein.
Freilich sind wir über diese Unterschiede bis jetzt sehr wenig unterrichtet,
aber wohl nur, weil niemand bisher diese Dinge in gleicher Absicht
untersucht hat.
Doch hat man — und dies ist eben das Interessante — in den Hoden
von Amphibien neben den normalen Entwicklungsstufen der
Spermatogenese regelrechte und wohlentwickelte E i e r, nicht ein einziger
einmal, sondern verschiedene Beobachter zu öfteren Malen, gefunden.
Diese Deutung der Befunde wurde zwar bestritten und von einer Seite nur
die Existenz abnorm großer Zellen in den Samenkanälchen als feststehend
zugegeben, aber der Sachverhalt wurde später unzweifelhaft festgestellt.
Allerdings sind Zwitterbildungen gerade bei den betreffenden Amphibien
ungemein häufig; dennoch ist diese eine Tatsache genug Beweis für die
Notwendigkeit, mit der Annahme annähernder Konformität des
Arrhenoplasma oder Thelyplasma in e i n e m Körper v o r s i c h t i g zu sein.
Es scheint entlegen und gehört doch ganz in die gleiche Kategorie von

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Übereilung, wenn ein menschliches Individuum, bloß weil es bei der
Geburt ein, wenn auch noch so kurzes, etwa gar epi- oder hypospadisches
männliches Glied zeigt, ja selbst noch bei doppelseitigem Kryptorchismus
als »Knabe« bezeichnet und ohne weiters als solcher angesehen wird,
obwohl es in den übrigen Körperpartien, z. B. cerebral, weit näher dem
Thelyplasma als dem Arrhenoplasma steht. Man wird es da wohl noch
einmal zu lernen trachten müssen, selbst feinere Abstufungen der
Geschlechtlichkeit schon bei der Geburt zu diagnostizieren.
Als Resultat dieser längeren Induktionen und Deduktionen können wir
nun wohl die Sicherung der originären sexuellen Charakteristik, die a priori
nicht für alle Zellen auch desselben Körpers gleich oder auch nur ungefähr
gleich gesetzt werden darf, betrachten. Jede Zelle, jeder Zellkomplex, jedes
Organ hat einen bestimmten Index, der seine Stellung zwischen
Arrhenoplasma und Thelyplasma anzeigt. Im großen und ganzen freilich
wird e i n Index für den g a n z e n Körper geringen Ansprüchen an Exaktheit
genügen. Wir würden indes verhängnisvolle Irrtümer im Theoretischen,
schwere Sünden im Praktischen auf uns laden, wenn wir hier mit solcher
inkorrekter Beschreibung auch im Einzelfalle ernstlich alles getan zu haben
glaubten.
Die verschiedenen Grade der ursprünglichen
s e x u e l l e n C h a r a k t e r i s t i k z u s a m m e n m i t d e r (bei den
einzelnen Individuen wahrscheinlich qualitativ und quantitativ)
variierenden inneren Sekretion bedingen das Auftreten
d e r s e x u e l l e n Z w i s c h e n f o r m e n.
Arrhenoplasma und Thelyplasma, in ihren unzähligen Abstufungen,
sind die m i k r oskopischen Agentien, die im Vereine mit der »inneren
Sekretion« jene m a k r oskopischen Differenzen schaffen, von denen das
vorige Kapitel ausschließlich handelte.
Unter Voraussetzung der Richtigkeit der bisherigen Darlegungen ergibt
sich die Notwendigkeit einer ganzen Reihe von anatomischen,
physiologischen, histologischen und histochemischen Untersuchungen über
die Unterschiede zwischen den Ty p e n M und W in Bau und Funktion
a l l e r einzelnen Organe, über die Art, wie Arrhenoplasma und Thelyplasma
sich in den verschiedenen Geweben und Organen besonders differenzieren.
Die Durchschnittskenntnisse, die wir bis jetzt über all das haben, genügen

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selbst dem modernen Statistiker kaum mehr. Wissenschaftlich ist ihr Wert
ganz gering. Daß z. B. alle Untersuchungen über sexuelle Unterschiede im
Gehirn so wenig Wertvolles zu Tage fördern konnten, dafür ist auch dies ein
Grund, daß man nicht den t y p i s c h e n Verhältnissen nachgegangen ist,
sondern sich mit dem, was der Taufschein oder der oberflächlichste Aspekt
der Leiche über das Geschlecht sagte, zufrieden gab und so jeden Hans und
jede Grete als vollwertige Repräsentanten der Männlichkeit oder
Weiblichkeit gelten ließ. Man hätte, wenn man schon psychologischer
Daten nicht zu bedürfen glaubte, doch wenigstens, da Harmonie in der
sexuellen Charakteristik der verschiedenen Körperteile häufiger ist als
große Sprünge derselben zwischen den einzelnen Organen, sich einiger
Tatsachen bezüglich der übrigen Körperbeschaffenheit versichern sollen,
die für Männlichkeit und Weiblichkeit in Betracht kommen, wie der Distanz
der großen Trochanteren, der Spinae iliacae ant. sup. etc. etc.
Dieselbe Fehlerquelle — das unbedenkliche Passierenlassen sexueller
Zwischenstufen als maßgebender Individuen — ist übrigens auch bei
anderen Untersuchungen nicht verstopft worden; und diese Sorglosigkeit
kann das Gewinnen haltbarer und beweisbarer Resultate auf lange Zeit
hintanhalten. Schon wer z. B. den Ursachen des K n a b e n ü b e r s c h u s s e s
b e i d e n G e b u r t e n nachspekuliert, dürfte diese Verhältnisse nicht ganz
außer Acht lassen. Namentlich wird sich aber ihre Nichtberücksichtigung an
jedermann rächen, der das Problem der
g e s c h l e c h t s b e s t i m m e n d e n U r s a c h e n lösen zu wollen sich
unterfängt. Bevor er nicht jedes zur Welt gekommene Lebewesen, das ihm
zum Objekt der Untersuchung wird, auch auf seine Stellung zwischen M
und W geprüft hat, wird man seinen Hypothesen oder gar seinen
Beeinflussungsmethoden zu trauen sich hüten dürfen. Wenn er nämlich die
sexuellen Zwischenstufen einerseits bloß in der bisherigen äußerlichen
Weise unter die männlichen oder unter die weiblichen Geburten einreiht, so
wird er Fälle f ü r sich in Anspruch nehmen, die bei tieferer Betrachtung
g e g e n ihn zeugen würden, und andere Fälle als Gegeninstanzen
betrachten, die es tatsächlich nicht sind: ohne den idealen Mann und das
ideale Weib entbehrt er eben eines festen Maßstabes, den er an die
Wirklichkeit anlegen könnte, und tappt im ungewissen, oberflächlichen
Schein. M a u p a s z. B., dem die experimentelle Geschlechtsbestimmung
bei Hydatina senta, einem Rädertierchen, gelungen ist, hat noch immer 3–
5% an abweichenden Resultaten erzielt. Bei niedrigerer Temperatur wurde

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die Geburt von Weibchen erwartet, und doch ergab sich dieser Satz von
Männchen; entsprechend kamen bei hoher Temperatur gegen die Regel
etwa ebensoviel Weibchen heraus. Es ist anzunehmen, daß dies sexuelle
Zwischenstufen waren, sehr arrhenoide Weibchen bei hoher, sehr thelyide
Männchen bei tiefer Temperatur. Wo das Problem viel komplizierter liegt,
z. B. beim Rinde, um vom Menschen zu schweigen, wird der Prozentsatz
der übereinstimmenden Resultate kaum je so groß sein wie hier und deshalb
die richtige Deutung durch von den sexuellen Zwischenstufen herrührende
Störungen viel schwerer beeinträchtigt werden.
Wie Morphologie, Physiologie und Entwicklungsmechanik, so ist auch
eine vergleichende P a t h o l o g i e der sexuellen Ty p e n vorderhand ein
Desiderat. Freilich wird man hier wie dort aus der Statistik gewisse
Schlüsse ziehen dürfen. Wenn diese erweist, daß eine Krankheit beim
»weiblichen Geschlechte« sehr erheblich häufiger sich findet als beim
»männlichen«, so wird man hienach im allgemeinen die Annahme wagen
dürfen, sie sei eine dem Thelyplasma eigentümliche, »idiopathische«
Affektion. So dürfte z. B. Myxödem eine Krankheit von W sein; Hydrokele
ist naturgemäß eine Krankheit von M.
Doch können selbst die am lautesten sprechenden Zahlen der Statistik
hier so lange vor theoretischen Irrtümern nicht mit Sicherheit bewahren, als
nicht von dem Charakter irgend eines Leidens gezeigt ist, daß es in
unauflöslicher, funktioneller Beziehung an die Männlichkeit oder an die
Weiblichkeit geknüpft ist. Die T h e o r i e der betreffenden Krankheiten wird
auch darüber Rechenschaft zu geben haben, w a r u m sie »fast
ausschließlich bei einem Geschlechte auftreten«, d. h. (in der hier
begründeten Fassung) warum sie entweder M oder W zugehören.

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III. Kapitel.
Gesetze der sexuellen Anziehung.
C a r m e n:
»L'amour est un oiseau rebelle,
Que nul ne peut apprivoiser:
Et c'est bien en vain qu'on l'appelle,
S'il lui convient de refuser.
Rien n'y fait; menace ou prière:
L'un parle, l'autre se tait;
Et c'est l'autre que je prefère;
Il n'a rien dit, mais il me plaît.
.............
L'amour est enfant de Bohême
Il n'a jamais connu de loi.«
?
In den alten Begriffen ausgedrückt, besteht bei sämtlichen
geschlechtlich differenzierten Lebewesen eine auf Begattung gerichtete
Anziehung zwischen Männchen und Weibchen, Mann und Weib. Da Mann
und Weib aber nur Typen sind, die in der Realität nirgends rein sich
vertreten finden, so werden wir hievon nicht mehr so sprechen können, daß
die geschlechtliche Anziehung ein Masculinum schlechtweg und ein
Femininum schlechtweg einander zu nähern suche. Über die Tatsachen der
sexuellen Wirkungen muß aber auch die hier vertretene Theorie, wenn sie
vollständig sein soll, Rechenschaft geben können, ja es muß auch ihr
Erscheinungsgebiet sich mit den neuen Mitteln besser darstellen lassen als
mit den bisherigen, wenn jene vor diesen ihren Vorzug behaupten sollen.
Wirklich hat mich die Erkenntnis, daß M und W in allen v e r s c h i e d e n e n
Verhältnissen sich auf die Lebewesen v e r t e i l e n, zur Entdeckung eines
ungekannten, bloß von einem Philosophen einmal geahnten
N a t u r g e s e t z e s geführt, eines G e s e t z e s der sexuellen
A n z i e h u n g. Beobachtungen des Menschen ließen es mich gewinnen, und
ich will daher von diesem hier ausgehen.

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Jeder Mensch hat, was das andere Geschlecht anlangt, einen
bestimmten, ihm eigentümlichen »Geschmack«. Wenn wir etwa die
Bildnisse der Frauen vergleichen, die irgend ein berühmter Mann der
Geschichte nachweislich geliebt hat, so finden wir fast immer, daß alle eine
beinahe durchgängige Übereinstimmung aufweisen, die äußerlich am
ehesten hervortreten wird in ihrer G e s t a l t (im engeren Sinne des
W u c h s e s) oder in ihrem G e s i c h t e, aber sich bei näherem Zusehen bis
in die kleinsten Züge — ad unguem, bis auf die Nägel der Finger —
erstrecken wird. Ganz ebenso verhält es sich aber auch sonst. Daher die
Erscheinung, daß jedes Mädchen, von welchem eine starke Anziehung auf
den Mann ausgeht, auch sofort die Erinnerung an jene Mädchen wachruft,
die schon früher ähnlich auf ihn gewirkt haben. Jeder hat ferner zahlreiche
Bekannte, deren Geschmack, das andere Geschlecht betreffend, ihm schon
den Ausruf abgenötigt hat: »Wie einem die gefallen kann, verstehe ich
nicht!« Eine Menge Tatsachen, welche den bestimmten besonderen
Geschmack jedes Einzelwesens auch für die Tiere außer allen Zweifel
setzen, hat D a r w i n gesammelt (in seiner »Abstammung des Menschen«).
Daß Analoga zu dieser Tatsache des bestimmten Geschmackes aber selbst
bei den Pflanzen sich deutlich ausgeprägt finden, wird bald besprochen
werden.
Die sexuelle Anziehung ist fast ausnahmslos nicht anders als bei der
Gravitation eine gegenseitige; wo diese Regel Ausnahmen zu erleiden
scheint, lassen sich beinahe immer differenziertere Momente nachweisen,
welche es zu verhindern wissen, daß dem u n m i t t e l b a r e n Geschmacke,
der fast stets ein wechselseitiger ist, Folge gegeben werde; oder ein
Begehren erzeugen, wenn dieser unmittelbare erste Eindruck nicht
dagewesen ist.
Auch der Sprachgebrauch redet vom »Kommen des Richtigen«, vom
»Nichtzueinanderpassen« zweier Leute. Er beweist so eine gewisse dunkle
Ahnung der Ta t s a c h e , d a ß i n j e d e m M e n s c h e n g e w i s s e
Eigenschaften liegen, die es nicht ganz gleichgültig
erscheinen lassen, welches Individuum des anderen
G e s c h l e c h t e s m i t i h m e i n e s e x u e l l e Ve r e i n i g u n g
einzugehen geeignet ist; daß nicht jeder »Mann« für
j e d e n a n d e r e n » M a n n « , n i c h t j e d e s » We i b « f ü r j e d e s

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a n d e r e » We i b « , o h n e d a ß e s e i n e n U n t e r s c h i e d m a c h t ,
e i n t r e t e n k a n n.
Jedermann weiß ferner aus eigener Erfahrung, daß gewisse Personen
des anderen Geschlechtes auf ihn sogar eine direkt a b s t o ß e n d e Wirkung
ausüben können, andere ihn kalt lassen, noch andere ihn reizen, bis endlich
(vielleicht nicht immer) ein Individuum erscheint, mit dem vereinigt zu sein
in dem Maße sein Verlangen wird, daß die ganze Welt d a n e b e n für ihn
eventuell wertlos wird und verschwindet. Welches Individuum ist das?
Welche Eigenschaften muß es besitzen? Hat wirklich — und es ist so —
jeder Typus unter den Männern einen ihm entsprechenden Typus unter den
Weibern zum Korrelate, der auf ihn sexuell wirkt, und umgekehrt, so
scheint zumindest hier ein gewisses Gesetz zu walten. Was ist das für ein
Gesetz? Wie lautet es? »Gegensätze ziehen sich an«, so hörte ich es
formulieren, als ich, bereits im Besitze der eigenen Antwort auf meine
Frage, bei verschiedenen Menschen hartnäckig auf das Aussprechen eines
solchen drang und ihrer Abstraktionskraft durch Beispiele zu Hilfe kam.
Auch dies ist in gewissem Sinne und für einen kleineren Teil der Fälle
zuzugeben. Aber es ist doch zu allgemein, zerfließt unter den Händen, die
Anschauliches erfassen wollen, und läßt keinerlei mathematische
Formulierung zu.
Diese Schrift nun vermißt sich nicht, s ä m t l i c h e Gesetze der
sexuellen Anziehung — es gibt ihrer nämlich mehrere — aufdecken zu
wollen, und erhebt somit keineswegs den Anspruch, jedem Individuum
bereits sichere Auskunft über dasjenige Individuum des anderen
Geschlechtes geben zu können, das seinem Geschmack am besten
entsprechen werde, wie dies eine vollständige Kenntnis der in Betracht
kommenden Gesetze allerdings ermöglichen würde. Nur ein einziges von
diesen Gesetzen soll in diesem Kapitel besprochen werden, da es in
organischem Zusammenhange mit den übrigen Erörterungen des Buches
steht. Einer Anzahl weiterer Gesetze bin ich auf der Spur, doch war dieses
das erste, auf das ich aufmerksam wurde, und das, was ich darüber zu sagen
habe, ist relativ am fertigsten. Die Unvollkommenheiten im Beweismaterial
möge man in Erwägung der Neuheit und Schwierigkeit der Sache mit
Nachsicht beurteilen.
Die Tatsachen, aus denen ich dieses Gesetz der sexuellen Affinität
ursprünglich gewonnen, und die große Anzahl jener, die es mir bestätigt

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haben, hier anzuführen, ist jedoch glücklicherweise in gewissem Sinne
überflüssig. Ein jeder ist gebeten, es zunächst an sich selbst zu prüfen, und
dann Umschau zu halten im Kreise seiner Bekannten; besonders empfehle
ich eben jene Fälle der Erinnerung und Beachtung, wo er ihren Geschmack
nicht verstanden oder ihnen gar einmal allen »Geschmack« abgesprochen
hat, oder wo ihm dasselbe von ihrer Seite widerfahren ist. Jenes
Mindestmaß von Kenntnis der äußeren Formen des menschlichen Körpers,
welches zu dieser Kontrolle nötig ist, besitzt jeder Mensch.
Auch ich bin zu dem Gesetze, das ich nun formulieren will, auf eben
dem Wege gelangt, auf welchen ich hier zunächst habe verweisen müssen.
Das Gesetz lautet: »Z u r s e x u e l l e n Ve r e i n i g u n g t r a c h t e n
i m m e r e i n g a n z e r M a n n ( M ) u n d e i n g a n z e s We i b ( W )
zusammen zu kommen, wenn auch auf die zwei
verschiedenen Individuen in jedem einzelnen Fall in
v e r s c h i e d e n e m Ve r h ä l t n i s s e v e r t e i l t .«
Anders ausgedrückt: Wenn mμ das Männliche, wμ das Weibliche ist in
irgend einem von der gewöhnlichen Auffassung einfach als »Mann«
bezeichneten Individuum μ und wω das Weibliche, mω das Männliche dem
Grade nach ausdrückt in irgend einer sonst oberflächlich schlechtweg als
»Weib« gekennzeichneten Person ω, so ist bei jeder v o l l k o m m e n e n
A f f i n i t ä t, d. h. im Falle der s t ä r k s t e n sexuellen Attraktion:
(Ia) mμ + mω = C(onstans)1 = M = dem idealen Manne
und darum natürlich gleichzeitig auch
(Ib) wμ + wω = C2 = W = dem idealen Weibe.
Man mißverstehe diese Formulierung nicht. Es ist e i n Fall, e i n e
e i n z i g e sexuelle Relation, für die beide Formeln Geltung haben, von
denen aber die zweite aus der ersten unmittelbar folgt und nichts Neues zu
ihr hinzufügt; denn wir operieren ja unter der Voraussetzung, daß jedes
Individuum so viel Weibliches hat, als ihm Männliches gebricht. Ist es
g a n z männlich, so wird es ein g a n z weibliches Gegenglied verlangen; ist
es ganz weiblich, ein ganz männliches. Ist in ihm aber ein bestimmter
größerer Bruchteil vom Manne u n d ein keineswegs zu vernachlässigender
anderer Bruchteil vom Weibe, so wird es zur Ergänzung ein Individuum

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fordern, das seinen Bruchteil an Männlichkeit zum Ganzen, zur Einheit
komplettiert; damit wird aber z u g l e i c h auch sein weiblicher Anteil in
ebensolcher Weise vervollständigt. Es habe z. B. ein Individuum
¾ M,
als
μ{
o
¼ W.
Dann wird sein bestes sexuelles Komplement nach diesem Gesetze jenes
Individuum ω sein, welches sexuell folgendermaßen zu definieren ist:
¼ M,
als
ω{
o
¾ W.
Man erkennt bereits in dieser Fassung den Wert größerer
Allgemeinheit vor der gewöhnlichen Anschauung. Daß Mann und Weib, als
sexuelle Typen, einander anziehen, ist hierin eben nur als S p e z i a l f a l l
enthalten, als jener Fall, in welchem ein imaginäres Individuum X { 1 . M
0.W
sein Komplement in einem ebenso imaginären Y { 0 . M findet.
1.W
Niemand wird zögern, die Tatsache des bestimmten sexuellen
Geschmackes zuzugeben; damit ist aber auch die Berechtigung der Frage
nach den G e s e t z e n dieses Geschmackes anerkannt, nach dem
Funktionalzusammenhang, in welchem die sexuelle Vorliebe mit den
übrigen körperlichen und psychischen Qualitäten eines Wesens steht. Das
Gesetz, welches hier aufgestellt wurde, hat von vornherein nicht das
geringste U nwahrscheinliche an sich: es steht ihm weder in der
gewöhnlichen noch in der wissenschaftlich geeichten Erfahrung das
geringste e n t g e g e n. Aber es ist an und für sich auch gewiß nicht
»selbstverständlich«. Es könnte ja — d e n k b a r wäre es, da das Gesetz
selbst bis jetzt nicht weiter ableitbar ist — auch lauten: mμ - m{ω} = Const.,
d. h. die D i f f e r e n z im Gehalte an M eine konstante Größe sein, nicht die
Summe, also der männlichste Mann von s e i n e m Komplemente, welches
dann gerade in der Mitte zwischen M und W läge, ebensoweit entfernt

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stehen wie der weiblichste Mann von dem seinen, das wir in diesem Falle in
der extremen Weiblichkeit zu erblicken hätten. D e n k b a r wäre das, wie
gesagt, doch ist es darum nicht in der Realität verwirklicht. Folgen wir also,
in der Erkenntnis, daß wir ein empirisches Gesetz vor uns haben, dem
wissenschaftlichen Gebote der Bescheidung, so werden wir vorderhand
nicht von einer »Kraft« sprechen, welche die zwei Individuen wie zwei
Hampelmännchen gegeneinander laufen läßt, sondern in dem Gesetze nur
den Ausdruck eines Verhältnisses erblicken, das in jeder stärksten sexuellen
Anziehung in ganz gleicher Weise zu konstatieren ist; es kann nur eine
»Invariante« (O s t w a l d), eine »Multiponible« (Av e n a r i u s) aufzeigen,
und das ist in diesem Falle die stets gleich bleibende Summe des
Männlichen wie die des Weiblichen in den beiden einander mit größter
Stärke anziehenden Lebewesen.
Vom »ästhetischen«, vom »Schönheits«-Moment muß h i e r ganz
abgesehen werden. Denn wie oft kommt es vor, daß der eine von einer
bestimmten Frau ganz entzückt ist, ganz außer sich über deren
»außerordentliche«, »berückende« Schönheit, und der andere »gern wissen
möchte«, was an der Betreffenden »denn nur gefunden werden könne«, da
sie eben nicht auch s e i n sexuelles Komplement ist. Ohne hier den
Standpunkt irgend einer normativen Ästhetik einnehmen oder für einen
Relativismus der Wertungen Beispiele sammeln zu wollen, kann man es
aussprechen, daß sicherlich nicht nur vom rein ästhetischen Standpunkte
I n d i f f e r e n t e s, sondern selbst U n s c h ö n e s vom verliebten Menschen
schön gefunden wird, wobei unter »rein-ästhetisch« nicht ein Absolut-
Schönes, sondern nur d a s S c h ö n e, d. h. das nach Abzug aller »sexuellen
Apperzeptionen« ä s t h e t i s c h G e f a l l e n d e verstanden werden soll.
Das Gesetz selbst habe ich in mehreren hundert Fällen (um die
niederste Zahl zu nennen) bestätigt gefunden, und alle Ausnahmen erwiesen
sich als scheinbare. Fast ein jedes Liebespaar, dem man auf der Straße
begegnet, liefert eine neue Bestätigung. Die Ausnahmen waren insoferne
lehrreich, als sie die Spur der anderen Gesetze der Sexualität verstärkten
und zu deren Erforschung aufforderten. Übrigens habe ich auch selbst eine
Anzahl von Versuchen in folgender Weise angestellt, daß ich mit einer
Kollektion von Photographien rein-ästhetisch untadeliger Frauen, deren
jede einem bestimmten Gehalte an W entsprach, eine Enquête veranstaltete,
indem ich sie einer Reihe von Bekannten, »zur Auswahl der Schönsten«,

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wie ich hinterlistig sagte, vorlegte. Die Antwort, die ich bekam, war
regelmäßig dieselbe, die ich im voraus erwartete. Von anderen, die bereits
wußten, worum es sich handelte, habe ich mich in der Weise prüfen lassen,
daß sie mir Bilder vorlegten, und ich aus diesen die für sie Schönste
herausfinden mußte. Dies ist mir immer gelungen. Anderen habe ich, ohne
daß sie mir vorher unfreiwillige Stichproben davon geliefert hatten, ihr
Ideal vom anderen Geschlechte zuweilen mit annähernder Vollständigkeit
beschreiben können, jedenfalls oft viel genauer, als sie selbst es anzugeben
vermochten; manchmal wurden sie jedoch auch auf das, was ihnen m i ßfiel
— was die Menschen im allgemeinen viel eher kennen als das, was ihnen
gefällt — erst aufmerksam, als ich es ihnen sagte.
Ich glaube, daß der Leser bei einiger Übung es bald zu der gleichen
Fertigkeit wird bringen können, die einige Bekannte aus einem engeren
wissenschaftlichen Freundeskreis, von den hier vertretenen Ideen angeregt,
bereits erlangt haben. Freilich wäre hiezu eine Erkenntnis der anderen
Gesetze der sexuellen Anziehung sehr erwünscht. Als Proben auf das
Verhältnis wirklicher komplementärer Ergänzung ließen sich eine Menge
spezieller Konstanten namhaft machen. Man könnte z. B. auf den Gedanken
geraten, die Summe der Haarlängen zweier Verliebter sei immer gleich
groß. Doch wird dies schon aus den im zweiten Kapitel erörterten Gründen
nicht immer zutreffen, indem nicht alle Organe eines und desselben Wesens
gleich männlich oder gleich weiblich sind. Überdem würden solche
heuristische Regeln bald sich vermehren und dann schnell zu der Kategorie
der schlechten Witze herabsinken, weshalb ich hier von ihrer Anführung
lieber absehen mag.
Ich verhehle mir nicht, daß die Art, wie dieses Gesetz hier eingeführt
wurde, etwas Dogmatisches hat, das ihm bei dem Mangel einer exakten
Begründung um so schlechter ansteht. Mir konnte aber auch hier weniger
daran liegen, mit fertigen Ergebnissen hervorzutreten, als zur Gewinnung
solcher anzuregen, nachdem die Mittel, die mir zur genauen Überprüfung
jener Sätze nach naturwissenschaftlicher Methode zur Verfügung standen,
äußerst beschränkte waren. Wenn also auch im einzelnen vieles
hypothetisch bleibt, so hoffe ich doch im folgenden mit Hinweisen auf
merkwürdige Analogien, die bisher keine Beachtung gefunden haben, die
einzelnen Balken des Gebäudes noch durcheinander stützen zu können:

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einer »rückwirkenden Verfestigung« vermögen vielleicht selbst die
Prinzipien der analytischen Mechanik nicht zu entbehren.
Eine höchst auffällige Bestätigung erfährt das aufgestellte Gesetz
zunächst durch eine Gruppe von Tatsachen aus dem Pflanzenreiche, die
man bisher in völliger Isolation betrachtet hat und denen demgemäß der
Charakter der Seltsamkeit in hohem Grade anzuhaften schien. Wie jeder
Botaniker sofort erraten haben wird, meine ich die von P e r s o o n
entdeckte, von D a r w i n zuerst beschriebene, von H i l d e b r a n d benannte
Erscheinung der U n g l e i c h g r i f f e l i g k e i t oder H e t e r o s t y l i e. Sie
besteht in folgendem: Viele dikotyle (und eine einzige monokotyle)
Pflanzenspezies, z. B. Primulaceen und Geraniaceen, besonders aber viele
Rubiaceen, lauter Pflanzen, auf deren Blüte sowohl Pollen als Narbe
funktionsfähig sind, aber nur für Produkte fremder Blüten, die also in
morphologischer Beziehung androgyn, in physiologischer Hinsicht jedoch
diözisch erscheinen — diese alle haben die Eigentümlichkeit, i h r e
Narben und Staubbeutel auf verschiedenen Individuen
z u v e r s c h i e d e n e r H ö h e z u e n t w i c k e l n. Das eine Exemplar
bildet ausschließlich Blüten mit langem Griffel, daher hochstehender Narbe
und niedrigen Antheren (Staubbeuteln): es ist nach meiner Auffassung das
weiblichere. Das andere Exemplar hingegen bringt nur Blüten hervor mit
tiefstehender Narbe und hochstehenden Antheren (weil langen Staubfäden):
das männlichere. Neben diesen »dimorphen« Arten gibt es aber auch
»trimorphe«, wie Lythrum salicaria, mit dreierlei Längenverhältnissen der
Geschlechtsorgane: außer der Blütenform mit langgriffeligen und der mit
kurzgriffeligen findet sich hier noch eine mit »mesostylen« Blüten, d. i.
mittellangen Griffeln. Obwohl nur dimorphe und trimorphe Heterostylie
den Weg in die Kompendien gefunden haben, ist auch damit die
Mannigfaltigkeit nicht erschöpft. D a r w i n deutet an, daß, »wenn kleinere
Verschiedenheiten berücksichtigt werden, f ü n f verschiedene Sitze von
männlichen Organen zu unterscheiden seien«. Es besteht also auch die hier
unleugbar vorkommende D i skontinuität, die Trennung der verschiedenen
Grade von Maskulität und Muliebrität in verschiedene Stockwerke nicht
a l l g e m e i n zu Recht, auch in diesem Falle haben wir hie und da
k o n t i n u i e r l i c h e r e s e x u e l l e Z w i s c h e n f o r m e n vor uns.
Anderseits ist auch dieses diskrete Fächerwerk nicht ohne frappante
Analogien im Tierreich, wo die betreffenden Erscheinungen als ebenso
vereinzelt und wunderbar angesehen wurden, weil man sich der

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Heterostylie gar nicht e n t s a n n. Bei mehreren Insektengattungen, nämlich
bei Forficuliden (Ohrwürmern) und Lamellicornien (und zwar bei Lucanus
cervus, dem Hirschkäfer, bei Dynastes hercules und Xylotrupes gideon) gibt
es einerseits viele Männchen, welche den sekundären
Geschlechtscharakter, der sie von den Weibchen am sichtbarsten scheidet,
die Fühlhörner zu sehr großer Länge entwickeln; die a n d e r e Hauptgruppe
der Männchen hat nur relativ wenig entwickelte Hörner. B a t e s o n, von
dem die ausführlichere Beschreibung dieser Verhältnisse herrührt,
unterscheidet darum unter ihnen »high males« und »low males«. Zwar sind
diese beiden Typen durch kontinuierliche Übergänge miteinander
verbunden, aber die zwischen ihnen vermittelnden Stufen sind selten, die
meisten Exemplare stehen an der einen oder der anderen Grenze. Leider ist
es B a t e s o n nicht darum zu tun gewesen, die sexuellen Beziehungen dieser
beiden Gruppen zu den Weibchen zu erforschen, da er die Fälle nur als
Beispiele diskontinuierlicher Variation anführt; und so ist nicht bekannt, ob
es zwei Gruppen auch unter den Weibchen der betreffenden Arten gibt, die
eine verschiedene sexuelle Affinität zu den verschiedenen Formen der
Männchen besitzen. Darum lassen sich auch diese Beobachtungen nur als
eine morphologische Parallele zur Heterostylie, nicht als physiologische
Instanzen für das Gesetz der sexuellen Anziehung verwenden, f ü r d a s
d i e H e t e r o s t y l i e i n d e r Ta t s i c h v e r w e r t e n l ä ß t.
Denn in den heterostylen Pflanzen liegt vielleicht eine völlige
Bestätigung der Ansicht von der allgemeinen Gültigkeit jener Formel
innerhalb aller Lebewesen vor. Es ist von D a r w i n nachgewiesen und
seither von vielen Beobachtern in gleicher Weise konstatiert worden, daß
bei den heterostylen Pflanzen Befruchtung fast nur dann Aussicht auf guten
Erfolg hat, ja oft nur in dem Falle möglich ist, wenn der P o l l e n d e r
m a k r o s t y l e n B l ü t e, d. i. derjenige von den niedrigeren Antheren, auf
die m i k r o s t y l e N a r b e eines anderen Individuums, welches sodann
lange Staubfäden hat, übertragen wird, oder der aus hochstehenden
Staubbeuteln stammende P o l l e n e i n e r m i k r o s t y l e n B l ü t e auf die
makrostyle Narbe einer anderen Pflanze (mit kurzen Filamenten). So lang
also in der einen Blüte der Griffel, d. h. so gut weiblich in ihr das weibliche
Organ entwickelt ist, so lang muß in der anderen, von der sie mit Erfolg
empfangen soll, das männliche, der Staubfaden sein, und umso kürzer in
der letzteren der Griffel, dessen Länge den Grad der Weiblichkeit mißt. Wo
dreierlei Griffellängen vorhanden sind, da fällt die Befruchtung nach

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derselben erweiterten Regel am besten aus, wenn der Pollen auf diejenige
Narbe übertragen wird, die auf einer anderen Blüte in derselben Höhe steht
wie der Staubbeutel, aus welchem der Pollen stammt. Wird dies nicht
eingehalten, sondern etwa künstliche Befruchtung mit nicht-adäquatem
Pollen herbeigeführt, so entstehen, wenn diese Prozedur überhaupt von
Erfolg begleitet ist, fast immer nur kränkliche und kümmerliche, zwerghafte
und durchaus unfruchtbare Sprößlinge, die den Hybriden aus verschiedenen
Spezies äußerst ähneln.
Den Autoren, welche die Heterostylie besprochen haben, merkt man es
insgesamt an, daß sie mit der gewöhnlichen Erklärung dieses
verschiedenartigen Verhaltens bei der Befruchtung nicht zufrieden sind.
Diese besagt nämlich, daß die Insekten beim Blütenbesuch gleich hoch
gestellte Sexualorgane mit der gleichen Körperstelle berühren und so den
merkwürdigen Effekt herbeiführen. D a r w i n gesteht jedoch selbst, daß die
Bienen alle Arten von Pollen an jeder Körperstelle mit sich tragen; es bleibt
also das e l e k t i v e Verfahren der weiblichen Organe bei Bestäubung mit
doppelt und dreifach verschiedenen Pollen nach wie vor aufzuhellen. Auch
scheint jene Begründung, so ansprechend und zauberkräftig sie sich
ausnimmt, doch etwas oberflächlich, wenn eben mit ihr verständlich
gemacht werden soll, warum künstlicher Bestäubung mit inadäquatem
Pollen, sogenannter »i l l e g i t i m e r B e f r u c h t u n g«, so schlechter Erfolg
beschieden ist. Jene ausschließliche Berührung mit »legitimem« Pollen
müßte dann die Narben d u r c h G e w ö h n u n g nur für den Blütenstaub
dieser einen Provenienz aufnahmsfähig haben werden lassen; aber es
konnte soeben D a r w i n selbst als Zeuge dafür einvernommen werden, daß
diese Unberührtheit durch anderen Pollen vollkommen illusorisch ist,
indem die Insekten, welche als Ehevermittler hiebei in Anspruch
genommen werden, tatsächlich viel eher eine u n t e r s c h i e d s l o s e
K r e u z u n g begünstigen.
Es scheint also die Hypothese viel plausibler, daß der Grund dieses
eigentümlich auswählenden Verhaltens ein anderer, tieferer, in den Blüten
selbst ursprünglich gelegener ist. Es dürfte sich hier wie beim Menschen
darum handeln, daß die sexuelle Anziehung zwischen jenen Individuen am
größten ist, d e r e n e i n e s e b e n s o v i e l v o n M b e s i t z t w i e d a s
a n d e r e v o n W, was ja wieder nur ein anderer Ausdruck der obigen
Formel ist. Die Wahrscheinlichkeit dieser Deutung wird ungemein erhöht

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dadurch, daß in der männlicheren, kurzgriffeligen Blüte die Pollenkörner in
den hier höher stehenden Staubbeuteln auch stets größer, die
Narbenpapillen kleiner sind als die homologen Teile in der langgriffeligen
weiblicheren. Man sieht hieraus, daß es sich kaum um etwas anderes
handeln kann als um verschiedene Grade der Männlichkeit und
Weiblichkeit. Und unter dieser Voraussetzung erfährt hier das aufgestellte
Gesetz der sexuellen Affinität eine glänzende Verifikation, indem eben im
Tier- und im Pflanzenreiche — an späterem Orte wird hierauf
zurückzukommen sein — Befruchtung s t e t s d o r t den besten Erfolg
aufweist, w o d i e E l t e r n d i e g r ö ß t e s e x u e l l e A f f i n i t ä t
z u e i n a n d e r g e h a b t h a b e n.[8]
Daß im T i e r r e i c h das Gesetz in voller Geltung besteht, wird erst bei
der Besprechung des »konträren Sexualtriebes« zu großer
Wahrscheinlichkeit erhoben werden können. Einstweilen möchte ich hier
nur darauf aufmerksam machen, wie interessant Untersuchungen darüber
wären, ob nicht auch die größeren, schwerer beweglichen Eizellen die
flinkeren und schlankeren unter den Spermatozoiden stärker anziehen als
die kleineren, dotterreichen und zugleich weniger trägen Eier, und diese
nicht gerade die langsameren, voluminöseren unter den Zoospermien an
sich locken. Vielleicht ergibt sich hier wirklich, wie L. We i l l in einer
kleinen Spekulation über die geschlechtsbestimmenden Faktoren vermutet
hat, eine Korrelation zwischen den Bewegungsgrößen oder den kinetischen
Energien der beiden Konjugationszellen. Es ist ja noch nicht einmal
festgestellt — freilich auch sehr schwierig festzustellen — ob die beiden
Generationszellen, nach Abzug der Reibung und Strömung im flüssigen
Medium, eine Beschleunigung gegeneinander aufweisen oder sich mit
gleichförmiger Geschwindigkeit bewegen würden. So viel und noch einiges
mehr könnte man da fragen.
Wie schon mehrfach hervorgehoben wurde, ist das bisher besprochene
Gesetz der sexuellen Anziehung beim Menschen (und wohl auch bei den
Tieren) nicht das einzige. Wäre es das, so müßte es ganz unbegreiflich
scheinen, daß es nicht schon längst gefunden wurde. Gerade weil sehr viele
Faktoren mitspielen, weil noch eine, vielleicht beträchtliche, Anzahl anderer
Gesetze erfüllt sein muß[9], darum sind Fälle von u n a u f h a l t s a m e r
sexueller Anziehung so s e l t e n. Da die bezüglichen Forschungen noch
nicht abgeschlossen sind, will ich von jenen Gesetzen hier nicht sprechen

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und bloß der Illustration halber noch auf einen weiteren, mathematisch
wohl nicht leicht faßbaren der in Betracht kommenden Faktoren hinweisen.
Die Erscheinungen, auf die ich anspiele, sind im einzelnen ziemlich
allgemein bekannt. Ganz jung, noch nicht 20 Jahre alt, wird man meist
durch ältere Frauen (von über 35 Jahren) angezogen, während man mit
zunehmendem Alter immer jüngere liebt; ebenso ziehen aber auch
(Gegenseitigkeit!) die ganz jungen Mädchen, der »Backfisch«, ältere
Männer oft jüngeren vor, um später wieder mit ganz jungen Bürschlein
nicht selten die Ehe zu brechen. Das ganze Phänomen dürfte viel tiefer
wurzeln, als es nach der anekdotenhaften Art aussehen möchte, in der man
meist von ihm Notiz nimmt.
Trotz der notwendigen Beschränkung dieser Arbeit auf das eine Gesetz
wird es im Interesse der Korrektheit liegen, wenn nun eine bessere
mathematische Formulierung, die keine unwahre Einfachheit vortäuscht,
versucht wird. Auch ohne alle mitspielenden Faktoren und in Frage
kommenden anderen Gesetze als selbständige Größen einzuführen,
erreichen wir diese äußerliche Genauigkeit durch Hinzufügung eines
Proportionalitätsfaktors.
Die erste Formel war mir eine »ökonomische« Zusammenfassung des
G l e i c h f ö r m i g e n aller Fälle sexueller Anziehung von i d e a l e r Stärke,
soweit das geschlechtliche Verhältnis durch das Gesetz überhaupt bestimmt
wird. Nun wollen wir einen Ausdruck herschreiben für die S t ä r k e d e r
s e x u e l l e n A f f i n i t ä t in jedem denkbaren Falle, einen Ausdruck
übrigens, der, seiner unbestimmten Form wegen, z u g l e i c h d i e
a l l g e m e i n s t e B e s c h r e i b u n g d e s Ve r h ä l t n i s s e s z w e i e r
Lebewesen überhaupt, selbst von verschiedener Art und
v o n g l e i c h e m G e s c h l e c h t e, abgeben könnte.
Wenn
α M β W
X{ und Y {
α' W β' M
wobei wieder

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α
β
0< <1
α'
β'
irgend zwei beliebige Lebewesen sexuell definieren, so ist die Stärke der
Anziehung zwischen beiden
k
A= . f(t) (II)
α-β
worin f(t) irgend eine empirische oder analytische Funktion der Zeit
bedeutet, während welcher es den Individuen möglich ist, aufeinander zu
wirken, der »R e a k t i o n s z e i t«, wie wir sie nennen könnten; indes k jener
Proportionalitätsfaktor ist, in den wir alle bekannten und unbekannten
Gesetze der sexuellen Affinität hineinstecken, und der außerdem noch von
dem Grade der Art-, Rassen- und Familienverwandtschaft, sowie von
Gesundheit und dem Mangel an Deformationen in beiden Individuen
abhängt, schließlich mit ihrer größeren räumlichen Entfernung voneinander
kleiner wird, der also noch in jedem Falle besonders festzustellen ist.
Wird in dieser Formel α = β, so wird A = ∞; das ist der extremste Fall:
es ist die sexuelle Anziehung als Elementargewalt, wie sie mit unheimlicher
Meisterschaft in der Novelle »Im Postwagen« von Ly n k e u s geschildert
ist. Die sexuelle Anziehung ist etwas genau so Naturgesetzliches wie das
Wachstum der Wurzel gegen den Erdmittelpunkt, die Wanderung der
Bakterien zum Sauerstoff am Rande des Objektträgers; man wird sich an
eine solche Auffassung der Sache freilich erst gewöhnen müssen. Ich
komme übrigens gleich auf diesen Punkt zurück.
Erreicht α - β seinen Maximalwert
lim (α - β) = Max. = 1,
so wird lim A = k . f(t). Es ergeben sich also hier als ein bestimmter
G r e n z f a l l alle sympathischen und antipathischen Beziehungen zwischen
Menschen überhaupt (die aber mit den s o z i a l e n Beziehungen im engsten
Sinne, als konstituierend für gesellschaftliche Rechtsordnung, nichts zu tun
haben), soweit sie nicht durch u n s e r Gesetz der sexuellen Affinität
geregelt sind. Indem k mit der Stärke der verwandtschaftlichen

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Beziehungen im allgemeinen wächst, hat A unter Volksgenossen z. B. einen
größeren Wert als unter Fremdnationalen. Wie f(t) hier seinen guten Sinn
behält, kann man am Verhältnis zweier zusammenlebender Haustiere von
ungleicher Spezies sehr wohl beobachten: die erste Regung ist oft erbitterte
Feindschaft, oft Furcht vor einander (A bekommt ein n e g a t i v e s
Vorzeichen), später tritt oft ein freundschaftliches Verhältnis an deren
Stelle, sie suchen einander auf.
k . f(t)
Setze ich ferner in A = k = 0, so wird A = 0, d. h. zwischen
α-β
zwei lebenden Individuen von allzu verschiedener Abstammung findet auch
keinerlei merkliche Anziehung mehr statt.
Da der Sodomieparagraph in den Strafgesetzbüchern nicht für nichts
und wieder nichts enthalten sein dürfte, da sexuelle Akte sogar zwischen
Mensch und Henne schon zur Beobachtung gelangt sind, sieht man, daß k
innerhalb sehr w e i t e r Grenzen größer als Null bleibt. Wir dürfen also die
beiden fraglichen Individuen nicht auf dieselbe Art, ja nicht einmal auf die
gleiche Klasse beschränken.
Daß alles Zusammentreffen männlicher und weiblicher Organismen
nicht Zufallssache ist, sondern unter der Herrschaft bestimmter Gesetze
steht, ist eine neue Anschauung, und das Befremdliche in ihr — es wurde
vorhin daran gerührt — zwingt zu einer Erörterung der tiefen Frage nach
der geheimnisvollen Natur dieser sexuellen Anziehung.
Bekannte Versuche von Wilhelm P f e f f e r haben gezeigt, daß die
Spermatozoiden verschiedener Kryptogamen nicht bloß durch die
weiblichen Archegonien in natura, sondern ebenso durch Stoffe angezogen
werden, die entweder von diesen auch unter gewöhnlichen Verhältnissen
wirklich ausgeschieden werden, oder künstlich hergestellt sind, und oft
sogar durch solche Stoffe, die mit den Samenfäden sonst nie in Berührung
zu treten Gelegenheit hätten, wenn nicht die eigentümliche Versuchsanlage
dies vermittelte, weil sie in der Natur gar nicht vorkommen. So werden die
Spermatozoiden der Farne durch die aus den Archegonien ausgeschiedene
Äpfelsäure, aber auch durch synthetisch dargestellte Äpfelsäure, ja sogar
durch Maleinsäure, die der Laubmoose durch Rohrzucker angezogen. Das
Spermatozoon, das, wir wissen nicht wie, durch Unterschiede in der
Konzentration der Lösung beeinflußt wird, bewegt sich nach der Richtung

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der stärkeren Konzentration hin. P f e f f e r hat diese Bewegungen
c h e m o t a k t i s c h e genannt und für jene ganzen Erscheinungen wie für
andere Fälle asexueller Reizbewegungen den Begriff des
C h e m o t r o p i s m u s geschaffen. Vieles spräche nun dafür, daß die
Anziehung, welche das Weibchen, beim Tiere vom Männchen durch die
Sinnesorgane aus der Ferne perzipiert, auf das Männchen ausübt (und vice
versa), als eine der chemotaktischen in gewissen Punkten analoge zu
betrachten sei.
Sehr wahrscheinlich ist ein Chemotropismus die Ursache jener
energischen und hartnäckigen Bewegung, welche die Samenfäden auch der
Säugetiere, e n t g e g e n der Richtung der von innen nach außen, vom
Körper gegen den Hals der Gebärmutter zu flimmernden Wimpern der
Uterusschleimhaut, ganze Tage hindurch ohne jede äußere Unterstützung
selbständig verfolgen. Mit unglaublicher, fast rätselhafter Sicherheit weiß
allen mechanischen und sonstigen Hindernissen zum Trotz das
Spermatozoon die Eizelle aufzufinden. Am eigentümlichsten berühren in
dieser Hinsicht die ungeheuren Wanderungen so mancher Fische; die
Lachse wandern viele Monate lang, ohne Nahrung zu sich zu nehmen, aus
dem Meere gegen die Wogen des Rheins stromaufwärts, um nahe seinem
Ursprung an sicherer, nahrungsreicher Stätte zu laichen.
Anderseits sei an die hübsche Schilderung erinnert, die P.
F a l k e n b e r g von dem Befruchtungsvorgang bei einigen niederen Algen
des mittelländischen Meeres entwirft. Wenn wir von den Linien der Kraft
sprechen, die zwei ungleichnamige Magnetpole gegeneinander bewegt, so
haben wir es hier nicht minder mit einer solchen Naturkraft zu tun, die mit
unwiderstehlicher Gewalt das Spermatozoon gegen das Ei treibt. Der
Unterschied wird hauptsächlich darin liegen, daß die Bewegungen der
l e b l o s e n Materie Verschiebungen in den Spannungszuständen
u m g e b e n d e r M e d i e n voraussetzen, während die Kräfte der
l e b e n d e n Materie in den Organismen selbst, als wahren K r a f t z e n t r e n,
lokalisiert sind. Nach F a l k e n b e r g s Beobachtungen überwanden die
Spermatozoiden bei ihrer Bewegung nach der Eizelle hin selbst die Kraft,
die sie sonst dem einfallenden Lichte entgegengeführt hätte. Stärker als die
p h o t o t a k t i s c h e wäre also die c h e m o t a k t i s c h e W i r k u n g ,
G e s c h l e c h t s t r i e b g e n a n n t.

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Wenn zwei nach unseren Formeln schlecht zusammenpassende
Individuen eine Verbindung eingehen und später das wirkliche Komplement
des einen erscheint, so stellt sich die Neigung, den früheren notdürftigen
Behelf zu verlassen, auf der Stelle mit naturgesetzlicher Notwendigkeit ein.
D e r E h e b r u c h i s t d a: als Elementarereignis, als Naturphänomen, wie
wenn FeSO4 mit 2 KOH zusammengebracht wird und die SO4-Ionen nun
sofort die Fe-Ionen verlassen und zu den K-Ionen übergehen. Wer
moralisch billigen oder verwerfen wollte, wenn in der N a t u r ein Ausgleich
von Potentialdifferenzen zu erfolgen droht, würde vielen eine lächerliche
Figur zu spielen scheinen.
Dies ist ja auch der Grundgedanke der G o e t h eschen
»Wahlverwandtschaften«, wie er dort als tändelndes Präludium, voll
ungeahnter Zukunftsbedeutung, im vierten Kapitel des ersten Teiles von
denen entwickelt wird, die seine tiefe schicksalsschwere Wahrheit nachher
an sich selbst erfahren sollen; und diese Darlegung ist nicht wenig stolz
darauf, die erste zu sein, welche jenen Gedanken wieder aufnimmt.
Dennoch will sie, so wenig es Goethe wollte, den Ehebruch verteidigen, ihn
vielmehr nur begreiflich machen. Es gibt i m M e n s c h e n Motive, die dem
Ehebruch erfolgreich entgegenwirken und ihn verhindern können. Hierüber
wird im zweiten Teile noch zu handeln sein. Daß auch die niedere
Sexualsphäre beim Menschen nicht so streng in den Kreis der
Naturgesetzlichkeit gebannt ist wie die der übrigen Organismen, dafür ist
immerhin schon dies ein Anzeichen, daß der Mensch in a l l e n Jahreszeiten
sexuell ist und bei ihm die Reste einer besonderen Brunstzeit im Frühjahr
viel schwächer sind als selbst bei den Haustieren.
Das Gesetz der sexuellen Affinität zeigt weiter, freilich neben
radikalen Unterschieden, noch Analogien zu einem bekannten Gesetze der
theoretischen Chemie. Zu den vom »Massenwirkungsgesetz« geregelten
Vorgängen ist nämlich unsere Regel insofern analog, als z. B. eine stärkere
Säure sich vornehmlich mit der stärkeren Base ebenso verbindet wie das
männlichere mit dem weiblicheren Lebewesen. Doch besteht hier mehr als
ein Novum gegenüber dem toten Chemismus. Der lebendige Organismus ist
vor allem keine homogene und isotrope, in beliebig viele, qualitativ gleiche
Teile spaltbare Substanz: das »principium individuationis«, die Tatsache,
daß alles, was lebt, als Individuum lebt, i s t i d e n t i s c h m i t d e r
Ta t s a c h e d e r S t r u k t u r. Es kann also hier nicht wie dort ein größerer

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Teil die eine, ein kleinerer die andere Verbindung eingehen und ein
Nebenprodukt liefern. Der Chemot r o p i s m u s kann ferner auch ein
n e g a t i v e r sein. Von einer gewissen Größe der Differenz α - β an in der
Formel II erhalten wir eine negative, d. h. entgegengesetzt gerichtete
Anziehung, das Vorzeichen hat zu wechseln: s e x u e l l e A b s t o ß u n g
l i e g t v o r. Zwar kann auch beim toten Chemismus d i e s e l b e Reaktion
mit v e r s c h i e d e n e r G e s c h w i n d i g k e i t erfolgen. Nie aber kann, nach
den neuesten Anschauungen wenigstens, etwa durch einen Katalysator statt
des absoluten Fehlens (in unserem Falle sozusagen des Gegenteils) einer
Reaktion diese selbe Reaktion in längerer oder kürzerer Zeit bewirkt
werden; sehr wohl dagegen eine Verbindung, die sich von einer gewissen
Temperatur an bildet, bei einer höheren sich wieder zersetzt und umgekehrt.
Ist hier die R i c h t u n g der Reaktion eine Funktion der Temperatur, so dort
oft eine solche der Zeit.
In der Bedeutung des Faktors t, der »Reaktionszeit«, liegt nun aber
wohl die letzte Analogie der sexuellen Anziehung zum Chemismus, wenn
man solche Vergleiche zu ziehen nicht von vornherein allzu schroff ablehnt.
Man könnte auch hier an eine Formel für die
R e a k t i o n s g e s c h w i n d i g k e i t, die verschiedenen Grade der
Schnelligkeit, mit denen die sexuelle Reaktion zwischen zwei Individuen
sich entwickelt, denken und etwa gar A nach t zu differenzieren versuchen.
Doch soll die Eitelkeit auf das »mathematische Gepränge« (K a n t) niemand
verleiten, an so komplizierte und schwierige Verhältnisse, an Funktionen,
deren Stetigkeit eben sehr fraglich ist, schon mit einem
Differentialquotienten heranzurücken. Was gemeint ist, leuchtet wohl auch
so ein: sinnliches Verlangen kann zwischen zwei Individuen, die längere
Zeit beisammen, besser noch: m i t e i n a n d e r e i n g e s p e r r t sind, sich
auch entwickeln, wo vorher keines oder gar Abstoßung vorlag, ähnlich
einem chemischen Prozesse, der sehr viel Zeit in Anspruch nimmt, ehe
merklich wird, daß er vor sich geht. Zum Teil hierauf beruht ja wohl auch
der Trost, den man ohne Liebe Heiratenden mitzugeben pflegt: Das stelle
sich »schon später« ein; es komme »m i t d e r Z e i t«.
Man sieht: viel Wert ist auf die Analogie mit der Affinität im toten
Chemismus nicht zu legen. Es schien mir aber a u f k l ä r e n d, derartige
Betrachtungen anzustellen. Selbst ob die sexuelle Anziehung unter die
Tropismen zu subsumieren ist, bleibt noch unentschieden, und keineswegs

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ist, auch wenn es für die S e x u a l i t ä t f e s t s t ä n d e, damit auch schon
i m p l i c i t e etwas über die E r o t i k ausgemacht. Das Phänomen der Liebe
bedarf noch einer anderen Behandlung, die ihm der zweite Teil zu geben
versuchen soll. Dennoch bestehen zwischen den Formen, in denen
leidenschaftlichste Anziehung selbst unter Menschen auftritt, und jenen
Chemotropismen noch unleugbare Analogien; ich verweise auf die
Schilderung des Verhältnisses zwischen Eduard und Ottilie eben in den
»Wahlverwandtschaften«.
Mit der Nennung dieses Romanes war bereits einmal ein kurzes
Eingehen auf das Problem der Ehe gegeben, und einige Nutzanwendungen,
welche aus dem Theoretischen dieses Kapitels für die Praxis folgen, sollen
ebenfalls zunächst an das Problem der Ehe geknüpft werden. Das für die
sexuelle Anziehung aufgestellte eine Gesetz, dem die anderen sehr ähnlich
gebaut zu sein scheinen, lehrt nämlich, daß, weil unzählige sexuelle
Zwischenstufen existieren, es auch immer z w e i Wesen geben wird, die a m
b e s t e n zueinander passen. I n s o f e r n ist also die Ehe gerechtfertigt und
»freie Liebe«, von diesem biologischen Standpunkte aus zu verwerfen.
Freilich wird die Frage der Monogamie durch andere Verhältnisse, z. B.
durch später zu erwähnende Periodizitäten wie auch durch die besprochene
Veränderung des Geschmackes mit zunehmendem Alter, wieder bedeutend
kompliziert und die Leichtigkeit einer Lösung vermindert.
Eine zweite Folgerung ergibt sich, wenn wir uns der Heterostylie
erinnern, insbesondere der Tatsache, daß aus der »illegitimen Befruchtung«
fast lauter entwicklungsunfähige Keime hervorgehen. Dies legt bereits den
Gedanken nahe, daß auch bei den anderen Lebewesen die stärkste und
gesündeste Nachkommenschaft aus Verbindungen hervorgehen werde, in
denen wechselseitige geschlechtliche Anziehung in hohem Ausmaße
besteht. So spricht auch das Volk längst von den »Kindern der Liebe« in
ganz besonderer Weise, und glaubt, daß diese schönere, bessere, prächtigere
Menschen werden. Aus diesem Grunde wird, selbst wer keinen speziellen
Beruf zum Menschenzüchter in sich fühlt, schon um der Hygiene willen die
bloße Geldheirat, die sich von Verstandesehe noch erheblich unterscheiden
kann, mißbilligen.
Ferner dürfte auf die Tierzucht, wie ich nebenbei bemerken will, die
Beachtung der Gesetze sexueller Anziehung vielleicht einen ziemlichen
Einfluß gewinnen. Man wird zunächst den sekundären

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Geschlechtscharakteren, und dem Grade ihrer Ausbildung in den beiden zu
kopulierenden Individuen mehr Aufmerksamkeit als bisher schenken. Die
künstlichen Prozeduren, die man vornimmt, um Weibchen durch männliche
Zuchttiere auch dann belegen zu lassen, wenn diese an jenen wenig
Gefallen gefunden haben, verfehlen gewiß im einzelnen ihren Zweck
keineswegs, sie sind aber im allgemeinen stets von irgend welchen üblen
Folgen begleitet; die ungeheuere Nervosität beispielsweise der durch
Unterschiebung falscher Stuten gezeugten Hengste, die man, trotz jedem
modernen jungen Mann, mit Brom und anderen Medikamenten füttern muß,
geht sicherlich in letzter Linie hierauf zurück, ähnlich wie an der
körperlichen Degeneration des modernen Judentums nicht zum wenigsten
der Umstand beteiligt sein mag, daß bei den Juden viel häufiger als irgend
sonstwo auf der Welt die Ehen der Heiratsvermittler und nicht die Liebe
zustande bringt.
D a r w i n hat in seinen auch hierfür grundlegenden Arbeiten durch sehr
ausgedehnte Experimente und Beobachtungen festgestellt, was seither
allgemein bestätigt worden ist: daß sowohl ganz nahe verwandte Individuen
als auch anderseits solche von allzu ungleichem Artcharakter einander
sexuell weniger anziehen als gewisse »unbedeutend verschiedene«, und
daß, wenn es trotzdem dort zur Befruchtung kommt, der Keim entweder in
den Vorstadien der Entwicklung abstirbt oder ein schwächliches, selbst
meist nicht mehr reproduktionsfähiges Produkt entsteht, wie eben auch bei
den heterostylen Pflanzen »l e g i t i m e Befruchtung« m e h r und
b e s s e r e n Samen liefert als alle anderen Kombinationen.
Es gedeihen also stets am besten diejenigen Keime,
deren Eltern die größte sexuelle Affinität gezeigt
haben.
Aus dieser Regel, die wohl als allgemein gültig zu betrachten ist, folgt
die Richtigkeit des bereits aus dem Früheren gezogenen Schlusses: Wenn
schon geheiratet wird und Kinder gezeugt werden, dann sollen diese
wenigstens nicht aus der Überwindung einer sexuellen Abstoßung
hervorgegangen sein, die nicht ohne eine Versündigung an der körperlichen
und geistigen Konstitution des Kindes geschehen könnte. Sicherlich bilden
einen großen Teil der unfruchtbaren Ehen die Ehen ohne Liebe. Die alte
Erfahrung, nach der beiderseitige sexuelle Erregung beim Geschlechtsakte
die Aussichten der Konzeption erhöhen soll, gehört wohl auch teilweise in

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diese Sphäre und wird aus der von Anfang an größeren Intensität des
Sexualtriebes zwischen zwei einander wohl ergänzenden Individuen
leichter verständlich.

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IV. Kapitel.
Homosexualität und Päderastie.
In dem besprochenen Gesetze der sexuellen Anziehung ist zugleich die
— langgesuchte — Theorie der konträren Sexualempfindung, d. i. der
sexuellen Hinneigung zum eigenen (nicht oder nicht nur zum anderen)
Geschlechte enthalten. Von einer Distinktion abgesehen, die später zu
treffen sein wird, läßt sich kühnlich behaupten, daß jeder Konträrsexuelle
auch anatomisch die Charaktere des anderen Geschlechtes aufweist. Einen
rein »psychosexuellen Hermaphroditismus« gibt es nicht; Männer, die sich
sexuell von Männern angezogen fühlen, sind auch ihrem äußeren Habitus
nach weibliche Männer, und ebenso zeigen jene Frauen körperlich
männliche Charaktere, die andere Frauen sinnlich begehren. Diese
Anschauung ist vom Standpunkte eines strengen Parallelismus zwischen
Physischem und Psychischem s e l b s t v e r s t ä n d l i c h; ihre Durchführung
fordert jedoch Beachtung der im zweiten Kapitel erwähnten Tatsache, daß
nicht alle Teile d e s s e l b e n Organismus die gleiche Stellung zwischen M
und W einnehmen, sondern verschiedene Organe verschieden männlich
oder verschieden stark weiblich sein können. E s f e h l t a l s o b e i m
sexuell Invertierten nie eine anatomische Annäherung
an das andere Geschlecht.
Schon dies würde genügen, um die Meinung derer zu widerlegen,
welche den konträren Sexualtrieb als eine Eigenschaft betrachten, die von
den betreffenden Individuen im Laufe des Lebens erworben wird und das
normale Geschlechtsgefühl überdeckt. An eine solche Erwerbung durch
äußere Anlässe im Laufe des individuellen Lebens glauben angesehene
Forscher, S c h r e n c k - N o t z i n g, K r a e p e l i n, F é r é; als solche Anlässe
betrachten sie Abstinenz vom »normalen« Verkehr und besonders
»Verführung«. Was ist es aber dann mit dem ersten Verführer? Wurde dieser
vom Gotte Hermaphroditos unterwiesen? Mir ist diese ganze Meinung nie
anders vorgekommen, als wenn jemand die »normale« sexuelle Hinneigung
des typischen Mannes zur typischen Frau als künstlich erworben ansehen
wollte, und sich zur Behauptung verstiege, diese gehe stets auf Belehrung

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älterer Genossen zurück, die z u f ä l l i g einmal die Annehmlichkeit des
Geschlechtsverkehres entdeckt hätten. So wie der »Normale« ganz von
selbst darauf kommt, »was ein Weib ist«, so stellt sich wohl auch beim
»Konträren« die sexuelle Anziehung, welche Personen des eigenen
Geschlechtes auf ihn ausüben, im Laufe seiner individuellen Entwicklung
durch Vermittlung jener ontogenetischen Prozesse, die über die Geburt
hinaus das ganze Leben hindurch fortdauern, von selbst ein. Natürlich wird
eine G e l e g e n h e i t hinzukommen müssen, welche die Begierde nach der
Ausübung homosexueller Akte hervortreten läßt, a b e r d i e s e k a n n n u r
a k t u e l l m a c h e n, was in den Individuen in größerem oder geringerem
Grade bereits längst vorhanden ist und nur der Auslösung harrt. D a ß b e i
s e x u e l l e r A b s t i n e n z (um den zweiten angeblichen Grund konträrer
Sexualempfindung nicht zu übergehen) e b e n n o c h z u e t w a s
anderem gegriffen werden kann als zur Masturbation,
das ist es, was die Erwerbungstheoretiker erklären
m ü ß t e n; aber daß h o m o s e x u e l l e Akte angestrebt und ausgeführt
werden, muß in der Naturanlage bereits begründet sein. Auch die
heterosexuelle Anziehung könnte man ja »erworben« nennen, wenn man es
einer ausdrücklichen Konstatierung bedürftig fände, daß z. B. der
heterosexuelle Mann irgend einmal ein Weib oder zumindest ein weibliches
Bildnis gesehen haben muß, um sich zu verlieben. Aber wer das konträre
Geschlechtsgefühl acquiriert sein läßt, gleicht gar einem Manne, der hierauf
ausschließlich reflektierte und die ganze Anlage des Individuums, in Bezug
auf die allein doch ein bestimmter Anlaß seine bestimmte Wirkung entfalten
kann, ausschaltete, um ein an sich nebensächliches Ereignis des äußeren
Lebens, eine letzte »Komplementärbedingung« oder »Teilursache« zum
alleinigen Faktor des ganzen Resultates zu machen.
Ebensowenig als die konträre Sexualempfindung erworben ist,
ebensowenig ist sie von den Eltern oder Großeltern e r e r b t. Dies hat man
wohl auch kaum behauptet — denn dem widerspräche alle Erfahrung auf
den ersten Blick —, sondern nur eine durchaus neuropathische Konstitution
als ihre Bedingung hinstellen wollen, eine allgemeine hereditäre Belastung,
die sich im Nachkommen eben auch durch Verkehrung der geschlechtlichen
Instinkte äußere. Man rechnete die ganze Erscheinung zum Gebiete der
Psychopathologie, betrachtete sie als ein Symptom der Degeneration, die
von ihr Betroffenen als Kranke. Obwohl diese Auffassung nun viel weniger
Anhänger zählt als noch vor etlichen Jahren, seitdem ihr früherer

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Hauptvertreter v. K r a f f t - E b i n g in den späteren Auflagen seiner
»Psychopathia sexualis« sie selbst stillschweigend hat fallen lassen, so ist
doch noch immer die Bemerkung nicht unangebracht, daß die Menschen
mit sexueller Inversion in allem übrigen ganz gesund sein können und sich,
accessorische soziale Momente abgerechnet, nicht weniger wohl fühlen wie
alle anderen gesunden Menschen. Fragt man sie, ob sie sich überhaupt
wünschen, in dieser Beziehung anders zu sein, als sie sind, so erhält man
gar oft eine verneinende Antwort.
Daß man die Homosexualität gänzlich isolierte und nicht in
Verbindung mit anderen Tatsachen zu bringen suchte, ist schuld an all
diesen verfehlten Erklärungsversuchen. Wer die »sexuellen Inversionen« als
etwas Pathologisches oder als eine scheußlich-monströse geistige
Bildungsanomalie betrachtet (die letztere ist die vom Philister sanktionierte
Anschauungsweise) oder sie gar als ein angewöhntes Laster, als das
Resultat einer fluchwürdigen Verführung auffaßt, der bedenke doch, d a ß
unendlich viele Übergänge führen vom männlichsten
Masculinum über den weiblichen Mann und schließlich
über den Konträrsexuellen hinweg zum
Hermaphroditismus spurius und genuinus und von da
ü b e r d i e T r i b a d e , w e i t e r ü b e r d i e Vi r a g o h i n w e g z u r
weiblichen Vi r g o . Die K o n t r ä r s e x u e l l e n (»beiderlei
Geschlechtes«) s i n d i m S i n n e d e r h i e r v e r t r e t e n e n
Anschauung als Individuen zu definieren, bei denen der
B r u c h α u m 0 · 5 h e r u m s c h w a n k t, also sich von α' (vgl. S. 10)
nicht weit unterscheidet, die also ungefähr ebensoviel vom Manne als vom
Weibe haben, ja öfters mehr vom Weibe, obwohl sie als Männer, und
vielleicht auch mehr vom Manne, obwohl sie als Weiber gelten.
Entsprechend der nicht immer gleichmäßigen Verteilung der sexuellen
Charakteristik über den ganzen Körper ist es nämlich sicher, daß häufig
genug Individuen bloß auf Grund eines primären männlichen
Geschlechtscharakters, auch wenn der Descensus testiculorum erst später
erfolgt, oder Epi- oder Hypospadie da ist, oder später Azoospermie sich
einstellt, oder auch wenn (beim weiblichen Geschlechte) Atresia vaginae
bemerkt wird, unbedenklich in das eine Geschlecht eingereiht werden,
welches jener Charakter angibt, z. B. eine männliche Erziehung genießen,
zum Militärdienst u. s. w. herangezogen werden, o b w o h l b e i i h n e n
α < 0 · 5 , α ' > 0 · 5 ist. Das sexuelle Komplement solcher Individuen

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wird demgemäß scheinbar auf der diesseitigen Hälfte sich befinden, auf der
nämlichen, auf der sie selbst sich jedoch nur aufzuhalten s c h e i n e n, indes
sie tatsächlich bereits auf der jenseitigen stehen. Übrigens — dies kommt
meiner Auffassung zu Hilfe und wird anderseits erst durch sie erklärt — es
gibt keinen Invertierten, der b l o ß konträrsexuell wäre. Alle sind von
Anfang an nur b i s e x u e l l, d. h. es ist ihnen sowohl der
Geschlechtsverkehr mit Männern als mit Frauen möglich. Es kann aber
sein, daß sie selbst später aktiv ihre einseitige Ausbildung zu einem
Geschlechte begünstigen, einen Einfluß auf sich in der Richtung der
Unisexualität nehmen, und so schließlich die Hetero- oder die
Homosexualität in sich zum Überwiegen bringen oder durch äußere
Einwirkungen in einem solchen Sinne sich beeinflussen lassen; obwohl die
Bisexualität hiedurch nie erlischt, vielmehr immer wieder ihr nur zeitweilig
zurückgedrängtes Dasein zu erkennen gibt.
Daß ein Zusammenhang der homosexuellen Erscheinungen mit der
bisexuellen Anlage jedes tierischen und pflanzlichen Embryo besteht, hat
man mehrfach, und in jüngster Zeit mit steigender Häufigkeit eingesehen.
Das Neue in d i e s e r Darstellung ist, daß für sie die Homosexualität nicht
einen Rückschlag oder eine unvollendete Entwicklung, eine mangelhafte
Differenzierung des Geschlechtes bedeutet wie für jene Untersuchungen,
daß ihr die Homosexualität überhaupt keine Anomalie mehr ist, die nur
vereinzelt dastünde und als Rest einer früheren Undifferenziertheit in die
sonst völlig vollzogene Sonderung der Geschlechter hereinragte. S i e
reiht vielmehr die Homosexualität als die
Geschlechtlichkeit der sexuellen Mittelstufen ein in
den kontinuierlichen Zusammenhang der sexuellen
Z w i s c h e n f o r m e n, die ihr als einzig real gelten, indes die Extreme ihr
nur Idealfälle sind. Ebenso wie nach ihr alle Wesen auch h e t e r o s e x u e l l
sind, so sind ihr darum a l l e a u c h h o m o s e x u e l l.
Daß in j e d e m menschlichen Wesen, entsprechend dem m e h r oder
m i n d e r rudimentär gewordenen a n d e r e n Geschlecht, auch die Anlage
zur Homosexualität, wenn auch noch schwach, vorhanden ist, wird
besonders klar erwiesen durch die Tatsache, daß im Alter v o r der Pubertät,
wo noch eine verhältnismäßige Undifferenziertheit herrscht, wo noch nicht
die innere Sekretion der Keimdrüsen vollends über den Grad der einseitigen
sexuellen Ausprägung entschieden hat, jene schwärmerischen

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»Jugendfreundschaften« die Regel sind, die nie eines sinnlichen Charakters
ganz entbehren, und zwar sowohl beim männlichen wie beim weiblichen
Geschlecht.
Wer freilich über jenes Alter h i n a u s noch sehr von »Freundschaft«
mit dem eigenen Geschlecht übermäßig schwärmt, hat schon einen starken
Einschlag vom anderen in sich; eine noch weit vorgerücktere Zwischenstufe
markieren aber jene, die von Kollegialität zwischen den »beiden
Geschlechtern« begeistert sind, mit dem anderen Geschlecht, das ja doch
nur das ihrige ist, ohne über die eigenen Gefühle wachen zu müssen,
kameradschaftlich verkehren können, von ihm zu Vertrauten gemacht
werden, und ein derartiges »ideales«, »reines« Verhältnis auch anderen
aufdrängen wollen, die es weniger leicht haben, rein zu bleiben.
Es gibt auch keine Freundschaft zwischen Männern, die ganz eines
Elementes von Sexualität entbehrte, so wenig damit das Wesen der
Freundschaft bezeichnet, so p e i n l i c h sie vielmehr gerade dem Gedanken
an die Freundschaft, so e n t g e g e n s e t z t sie der I d e e der Freundschaft ist.
Schon daß keine Freundschaft zwischen Männern werden kann, wenn die
äußere Erscheinung gar keine Sympathie zwischen beiden geweckt hat,
weil sie dann eben einander nie näher treten werden, ist Beweis genug für
die Richtigkeit des Gesagten. Sehr viel »Beliebtheit«, Protektion,
Nepotismus zwischen Männern geht auf solche oft unbewußt
geschlechtliche Verhältnisse zurück.
Der sexuellen Jugendfreundschaft entspricht vielleicht ein analoges
Phänomen bei älteren Männern: dann nämlich, wenn mit einer
greisenhaften Rückbildung der im Mannesalter einseitig entwickelten
Geschlechtscharaktere die latente Amphisexualität wieder zu Tage tritt. Daß
so viele Männer von 50 Jahren aufwärts wegen verübter
»Unsittlichkeitsdelikte« gerichtlich belangt werden, hat möglicherweise
dies zur Ursache.
Endlich sind homosexuelle Akte in nicht geringer Zahl auch bei Tieren
beobachtet worden. Die Fälle (nicht alle) hat aus der Literatur in
verdienstvoller Weise F. K a r s c h zusammengestellt. Leider geben die
Beobachter kaum je etwas über die Grade der »Maskulität« und
»Muliebrität« bei diesen Tieren an. Dennoch kann kein Zweifel sein, daß
wir es hier mit einem Beweise der Gültigkeit unseres Gesetzes auch für die

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T i e r w e l t zu tun haben. Wenn man Stiere längere Zeit in einem Raume
eingesperrt hält, ohne sie zu einer Kuh zuzulassen, so kann man mit der Zeit
konträrsexuelle Akte zwischen ihnen wahrnehmen; die einen, die
weiblicheren, verfallen früher, die anderen später darauf, manche vielleicht
auch nie. (Gerade beim Rinde ist die große Zahl sexueller Zwischenstufen
bereits festgestellt.) Dies beweist, daß eben die Anlage in ihnen vorhanden
ist, sie nur vorher ihr Bedürfnis besser befriedigen konnten. Die gefangen
gehaltenen Stiere benehmen sich eben nicht anders, als es so oft in den
Gefängnissen der Menschen, in Internaten und Konvikten, hergeht. Daß die
Tiere ebenfalls nicht nur die Onanie (die bei ihnen so wie beim Menschen
vorkommt), sondern auch die Homosexualität kennen, darin erblicke ich,
nachdem es auch unter ihnen sexuelle Zwischenformen gibt, eine der
stärksten Bestätigungen des aufgestellten Gesetzes der sexuellen
Anziehung.
Das konträre Geschlechtsgefühl wird so für diese
Theorie keine Ausnahme von dem Naturgesetze,
s o n d e r n n u r e i n S p e z i a l f a l l d e s s e l b e n . Ein Individuum, das
ungefähr zur Hälfte Mann, zur Hälfte Weib ist, verlangt eben nach dem
Gesetze zu seiner Ergänzung ein anderes, das ebenfalls von beiden
Geschlechtern etwa gleiche Anteile hat. Dies ist der Grund der ja ebenfalls
eine Erklärung verlangenden Erscheinung, daß die »Konträren« fast immer
nur u n t e r e i n a n d e r ihre Art von Sexualität ausüben, und nur höchst
selten jemand in ihren Kreis gerät, der nicht die gleiche Form der
Befriedigung sucht wie sie — die sexuelle Anziehung ist wechselseitig —
und s i e ist der mächtige Faktor, der es bewirkt, daß die Homosexuellen
einander immer sofort erkennen. So kommt es aber auch, daß die
»Normalen« im allgemeinen von der ungeheueren Verbreitung der
Homosexualität keine Ahnung haben, und, wenn er plötzlich von einem
solchen Akte hört, der ärgste »normalgeschlechtliche« Wüstling zur
Verurteilung »solcher Ungeheuerlichkeiten« ein volles Recht zu besitzen
glaubt. Ein Professor der Psychiatrie an einer deutschen Universität hat
noch im Jahre 1900 ernstlich vorgeschlagen, man möge die Homosexuellen
einfach kastrieren.
Das therapeutische Verfahren, mit welchem man heute die sexuelle
Inversion zu bekämpfen sucht (wo man überhaupt einen solchen Versuch
unternimmt), ist zwar minder radikal als jener Rat, aber es offenbart auf

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dem Wege der Praxis die völlige Unzulänglichkeit so mancher theoretischer
Vorstellungen über die Natur der Homosexualität. Heute behandelt man
nämlich — wie begreiflich, geschieht dies hauptsächlich von Seite der
Erwerbungstheoretiker — die betreffenden Menschen hypnotisch: man
sucht ihnen die Vorstellung des Weibes und des »normalen« aktiven Koitus
mit demselben auf suggestivem Wege beizubringen und sie daran zu
gewöhnen. Der Erfolg ist eingestandenermaßen ein minimaler.
Das ist von unserem Standpunkt aus auch selbstverständlich. Der
Hypnotiseur entwirft dem zu Behandelnden das t y p i s c h e (!!) Bild des
Weibes, das diesem seiner ganzen, angeborenen, gerade seiner unbewußten,
durch Suggestion schwer angreifbaren Natur nach ein Greuel ist. Denn
nicht W ist sein Komplement, und nicht zum ersten besten Freimädchen,
das ihm nur um Geld zu Gefallen ist, darf ihn der Arzt schicken, um so
diese Kur, welche den Abscheu vor dem »normalen« Koitus im
Behandelten im allgemeinen noch vermehrt haben wird, angemessen zu
krönen. Fragen wir unsere Formel nach dem Komplemente des
Konträrsexuellen, so erhalten wir vielmehr gerade das allermännlichste
Weib, die Lesbierin, die Tribade. Ta t s ä c h l i c h i s t d i e s e a u c h
n a h e z u d a s e i n z i g e We i b , w e l c h e s d e n K o n t r ä r s e x u e l l e n
a n z i e h t , d a s e i n z i g e , d e m e r g e f ä l l t . Wenn also eine
»Therapie« der konträren Sexualempfindung unbedingt sein muß und auf
ihre Ausarbeitung nicht verzichtet werden kann, so ergibt diese Theorie den
Vorschlag, den Konträren an die Konträre, den Homosexuellen an die
Tribade zu weisen. Der Sinn dieser Empfehlung kann aber nur der sein,
b e i d e n die Befolgung der (in England, Deutschland, Österreich) noch in
Kraft stehenden Gesetze gegen homosexuelle Akte, die eine Lächerlichkeit
sind und zu deren Abschaffung diese Zeilen ebenfalls beitragen wollen,
möglichst leicht zu machen. Der zweite Teil dieser Arbeit wird es
verständlich werden lassen, w a r u m die aktive Prostituierung eines Mannes
durch einen mit ihm vollzogenen Sexualakt wie die passive Selbsthingabe
des anderen Mannes zu einem solchen so viel intensiver als eine Schmach
empfunden wird, als der sexuelle Verkehr des Mannes mit der Frau beide zu
entwürdigen scheint. A n u n d f ü r s i c h b e s t e h t a b e r e t h i s c h g a r
k e i n e D i f f e r e n z z w i s c h e n b e i d e n . Trotz all dem heute beliebten
Geschwätze von dem verschiedenen Rechte für verschiedene
Persönlichkeiten gibt es nur eine, für alles, was Menschenantlitz trägt,
gleiche allgemeine Ethik, so wie es nur eine Logik und nicht mehrere

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Logiken gibt. Ganz verwerflich hingegen und auch mit den Prinzipien des
Strafrechtes, das nur das Verbrechen, nicht die Sünde ahndet, völlig
u n v e r e i n b a r ist es, dem Homosexuellen seine Art des
Geschlechtsverkehres zu verbieten und dem Heterosexuellen die seine zu
gestatten, wenn beide mit der gleichen Vermeidung des »öffentlichen
Ärgernisses« sich abspielen. L o g i s c h wäre einzig und allein (vom
Standpunkte einer reinen Humanität und eines Strafrechtes als nicht bloß
»abschreckenden« sozialpädagogischen Zwecksystems sehe ich in dieser
Betrachtung überhaupt ab), die »Konträren« Befriedigung dort finden zu
lassen, wo sie sie suchen: untereinander.
Diese ganze Theorie scheint völlig widerspruchslos und in sich
geschlossen zu sein und eine völlig befriedigende Erklärung aller
Phänomene zu ermöglichen. Nun muß aber die Darstellung mit Tatsachen
herausrücken, die jener sicher werden entgegengehalten werden, und auch
wirklich die ganze Subsumtion dieser sexuellen »Perversion« unter die
sexuellen Zwischenformen und das Gesetz ihres Geschlechtsverkehres
umzustoßen scheinen. Es gibt nämlich wirklich und ohne allen Zweifel,
während für die invertierten Frauen die obige Darlegung vielleicht
ausreicht, Männer, die sehr wenig weiblich sind und auf die doch Personen
des eigenen Geschlechtes eine sehr starke Wirkung ausüben, eine stärkere
als auf andere Männer, die vielleicht viel weiblicher sind als sie, eine
Wirkung ferner, die auch vom männlichen Manne auf sie ausgehen kann,
eine Wirkung endlich, die oft stärker sein kann als der Eindruck, den irgend
eine Frau auf jene Männer auszuüben imstande ist. Albert M o l l sagt mit
Recht: »Es gibt psychosexuelle Hermaphroditen, die sich zu beiden
Geschlechtern hingezogen fühlen, die aber bei jedem Geschlechte nur die
typischen Eigenschaften dieses Geschlechtes lieben, und anderseits gibt es
psychosexuelle [?] Hermaphroditen, die nicht beim einzelnen Geschlechte
die typischen Eigenschaften dieses Geschlechtes lieben, sondern denen
diese Eigenschaften gleichgültig, zum Teile sogar abstoßend sind.« Auf
diesen Unterschied bezieht sich nun die in der Überschrift dieses Kapitels
getroffene D i s t i n k t i o n z w i s c h e n H o m o s e x u a l i t ä t u n d
P ä d e r a s t i e. Die Trennung beider läßt sich wohl begründen; als
homosexuell ist derjenige Typus von »Perversen« bezeichnet, welcher sehr
thelyide Männer u n d sehr arrhenoide Weiber bevorzugt, nach dem
besprochenen Gesetze; der P ä d e r a s t h i n g e g e n k a n n s e h r
m ä n n l i c h e M ä n n e r, a b e r e b e n s o w o h l s e h r w e i b l i c h e

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F r a u e n l i e b e n, das letztere, s o w e i t e r n i c h t P ä d e r a s t i s t .
Dennoch wird die Neigung zum männlichen Geschlechte
bei ihm stärker sein und tiefer gehen als die zum
w e i b l i c h e n . Die Frage nach dem Grunde der Päderastie bildet ein
Problem für sich und bleibt für diese Untersuchung gänzlich unerledigt.

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V. Kapitel.
Anwendung auf die Charakterologie.
Vermöge der Tatsache, daß zwischen Physischem und Psychischem
eine wie immer geartete Korrespondenz besteht, ist von vornherein zu
erwarten, daß dem weiten Umfange, in welchem unter morphologischen
und physiologischen Verhältnissen das Prinzip der sexuellen
Zwischenstufen sich nachweisen ließ, psychologisch eine mindestens
ebenso reiche Ausbeute entsprechen werde. Sicherlich gibt es auch einen
psychischen Typus des Weibes und des Mannes (wenigstens stellen die
bisherigen Ergebnisse die Aufsuchung solcher Typen zur Aufgabe), Typen,
die von der Wirklichkeit nie erreicht werden, da diese von der reichen Folge
der sexuellen Zwischenformen im Geistigen ebenso erfüllt ist wie im
Körperlichen. Das Prinzip hat also die größte Aussicht, sich den
g e i s t i g e n Eigenschaften gegenüber zu bewähren und das verworrene
Dunkel etwas zu lichten, in welches die psychologischen Unterschiede
z w i s c h e n d e n e i n z e l n e n M e n s c h e n für die Wissenschaft noch
immer gehüllt sind. Denn es ist hiemit ein Schritt vorwärts gemacht im
Sinne einer differenzierten Auffassung auch des geistigen Habitus jedes
Menschen, man wird auch von dem C h a r a k t e r einer Person
wissenschaftlich nicht mehr sagen, er sei m ä n n l i c h oder er sei
w e i b l i c h s c h l e c h t h i n, sondern darauf achten und danach fragen:
w i e v i e l M a n n, w i e v i e l We i b ist in einem Menschen. Hat e r oder hat
s i e in dem betreffenden Individuum dies oder jenes getan, gesagt, gedacht?
Eine i n d i v i d u a l i s i e r e n d e Beschreibung aller Menschen und alles
Menschlichen ist hiedurch erleichtert, und so liegt die neue Methode in der
eingangs dargelegten Entwicklungsrichtung aller Forschung: alle
Erkenntnis hat seit jeher, von Begriffen mittlerer Allgemeinheit ausgehend,
nach zwei divergierenden Richtungen auseinandergestrebt, dem allem
Einzelnen gemeinschaftlichen Allgemeinsten nicht allein entgegen, sondern
ebenso der allereinzelnsten, individuellsten Erscheinung zu. Darum ist die
Hoffnung wohl begründet, welche von dem Prinzip der sexuellen
Zwischenformen die stärkste Förderung für die noch ungelöste
wissenschaftliche Aufgabe einer Charakterologie erwartet, und der Versuch

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berechtigt, es methodisch zu dem Range eines h e u r i s t i s c h e n
G r u n d s a t z e s in der »Psychologie der individuellen Differenzen« oder
»differentiellen Psychologie« zu erheben. Und seine Anwendung auf das
Unternehmen einer Charakterologie, dieses bisher fast ausschließlich von
Literaten bepflügten, wissenschaftlich noch recht verwahrlosten Feldes, ist
vielleicht um so freudiger zu begrüßen, als es unmittelbar aller quantitativen
Abstufungen fähig ist, indem man sozusagen den Prozentgehalt an M und
W, den ein Individuum besitzt, auch im Psychischen aufzusuchen sich nicht
wird scheuen dürfen. Daß diese Aufgabe mit einer a n a t o m i s c h e n
Beantwortung der Frage nach der sexuellen Stellung eines Organismus
zwischen Mann und Weib noch nicht gelöst ist, sondern i m
a l l g e m e i n e n noch eine besondere Behandlung erfordert, selbst wenn i m
s p e z i e l l e n hier viel öfter Kongruenz als Inkongruenz sich nachweisen
ließe, ist bereits mit den Ausführungen des zweiten Kapitels über die
Ungleichmäßigkeiten gegeben, welche selbst zwischen den einzelnen
k ö r p e r l i c h e n Teilen und Qualitäten des nämlichen Individuums
untereinander betreffs des G r a d e s ihrer Männlichkeit oder Weiblichkeit
bestehen.
Das Nebeneinander von Männlichem und Weiblichem im gleichen
Menschen ist hiebei nicht als völlige oder annähernde S i m u l t a n e i t ä t zu
verstehen. Die wichtige neue Hinzufügung, welche an dieser Stelle
notwendig wird, ist nicht nur eine erläuternde Anweisung zur richtigen
psychologischen Verwertung des Prinzipes, sondern auch eine
bedeutungsvolle Ergänzung der früheren Ausführungen. E s s c h w a n k t
oder oszilliert nämlich jeder Mensch zwischen dem
M a n n e u n d d e m We i b e i n i h m h i n u n d h e r; wenn auch diese
Oszillationen bei dem einen abnorm groß, bei dem anderen klein bis zur
Unmerklichkeit sein können, s i e s i n d i m m e r d a und offenbaren sich,
wenn sie von einiger Erheblichkeit sind, auch durch ein wechselndes
körperliches Aussehen der von ihnen Betroffenen. Diese
S c h w a n k u n g e n d e r s e x u e l l e n C h a r a k t e r i s t i k zerfallen, den
Schwankungen des Erdmagnetismus vergleichbar, in regelmäßige und
unregelmäßige. Die regelmäßigen sind entweder kleine Oszillationen: z. B.
fühlen manche Menschen am Abend männlicher als am Morgen; oder sie
gehören in das Reich der größeren und großen P e r i o d e n des organischen
Lebens, auf die man kaum erst aufmerksam zu werden begonnen hat, und
deren Erforschung Licht auf eine noch gar nicht absehbare Menge von

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Phänomenen werfen zu sollen scheint. Die unregelmäßigen Schwankungen
werden wahrscheinlich durch äußere Anlässe, vor allem durch den
sexuellen Charakter des Nebenmenschen, hervorgerufen. Sie bedingen
gewiß zum Teile jene merkwürdigen Phänomene der E i n s t e l l u n g,
welche in der Psychologie einer M e n g e die größte Rolle spielen, wenn sie
auch bis jetzt kaum die gebührende Beachtung gefunden haben. Kurz, die
B i s e x u a l i t ä t wird sich nicht in einem einzigen Augenblicke, sondern
kann sich psychologisch nur im N a c h e i n a n d e r offenbaren, ob nun diese
Differenz der sexuellen Charakteristik in der Zeit dem Gesetze einer
Periodizität gehorche oder nicht, ob die Schwingung nach der Seite des
einen Geschlechtes hin eine andere Amplitude habe als die Schwingung
nach dem anderen Geschlechte hin, oder ob der männliche dem weiblichen
Schwingungsbauche gleich sei (was durchaus nicht der Fall zu sein braucht,
im Gegenteile nur ein Fall unter unzähligen gleich möglichen ist).
Man dürfte also wohl bereits prinzipiell, noch vor der Erprobung durch
den ausgeführten Versuch, zuzugeben geneigt sein, daß das Prinzip der
sexuellen Zwischenformen eine bessere charakterologische Beschreibung
der Individuen ermöglicht, indem es das Mischungsverhältnis zu suchen
auffordert, in dem Männliches und Weibliches in jedem einzelnen
zusammentreten, und die Elongation der Oszillationen zu bestimmen
gebietet, deren ein Individuum nach beiden Seiten hin fähig ist. Wir geraten
aber nun vor eine Frage, bezüglich welcher die Darstellung sich h i e r
entscheiden muß, indem von ihrer Beantwortung der Gang der weiteren
Untersuchung fast ausschließlich abhängt. Es handelt sich darum, ob diese
zuerst das unendlich reiche Gebiet der sexuellen Zwischenstufen, d i e
s e x u e l l e M a n n i g f a l t i g k e i t i m G e i s t i g e n, durchmessen und an
besonders geeigneten Punkten zu möglichst getreuen Aufnahmen der
Verhältnisse zu gelangen suchen soll, oder ob sie damit zu beginnen hat,
d i e s e x u e l l e n Ty p e n festzulegen, die psychologische Konstruktion
des »idealen Mannes« und des »idealen Weibes« vorzunehmen und zu
vollenden, bevor sie die verschiedenen Möglichkeiten ihrer empirischen
Vereinigung in concreto untersucht und prüft, wie weit die auf deduktivem
Wege gewonnenen Bilder sich mit der Wirklichkeit decken. Der erste Weg
entspricht der Entwicklung, welche die Gedanken nach der allgemeinen
Anschauung psychologisch immer nehmen, indem die Ideen aus der
Wirklichkeit, die sexuellen Typen nur aus der allein realen sexuellen
Mannigfaltigkeit geschöpft werden können: er wäre induktiv und

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analytisch. Der zweite würde vor dem ersten den Vorzug der formal
logischen Strenge haben: er wäre deduktiv-synthetisch.
Diesen anderen Weg habe ich aus dem Grunde nicht einschlagen
wollen, weil die Anwendung zweier bereits wohl definierter Typen auf die
konkrete Wirklichkeit jedermann leicht in voller Selbständigkeit machen
kann, indem sie nur die (für jeden Fall ohnedies stets neu und besonders zu
gewinnende) Kenntnis des M i s c h u n g s v e r h ä l t n i s s e s beider
voraussetzt, um schon die Möglichkeit zu gestatten, Theorie und Praxis zur
Deckung zu bringen; sodann weil (gesetzt auch, es würde die außerhalb der
Kompetenz des Verfassers liegende Form historisch-biographischer
Untersuchung gewählt) Gesagtes immerfort zu wiederholen wäre, und dem
Interesse an den Einzelpersonen aller, der Theorie kein Gewinn mehr aus
dieser Verzweigung ins Detail erwüchse. Der erste, der induktive Weg ist
darum nicht gangbar, weil in diesem Falle die Menge der Wiederholungen
auf den Teil entfiele, welcher die Tafel der Gegensätze der sexuellen Typen
entrollen würde, und zudem das vorhergehende Studium der sexuellen
Zwischenstufen und die es begleitende Präparation der Typen langwierig,
zeitraubend und ohne Nutzen für den Leser wäre.
Eine andere Erwägung mußte also die Einteilung bestimmen.
Da die morphologische und physiologische Erforschung der sexuellen
Extreme nicht meine Sache war, wurde nur das Prinzip der
Zwischenformen, dieses aber nach allen Seiten hin, denen es Aufklärung
bringen zu können schien, also auch vom biologischen Standpunkte aus
behandelt. So bekam das Ganze der vorliegenden Arbeit seine Gestalt. Die
eben erwähnte Betrachtung der Zwischenstufen bildet ihren ersten Teil,
während der zweite die rein p s y c h o l o g i s c h e A n a l y s e v o n M u n d
W in Angriff nehmen und so weit und tief als möglich fortzuführen trachten
wird. Die konkreten Fälle wird sich, in Anwendung der eventuell daselbst
zu gewinnenden Erkenntnisse, ein jeder selbsttätig immer zusammensetzen
und sie mit den dort zu gewinnenden Anschauungen und Begriffen leicht
abbilden können. Dieser zweite Teil wird sich auf die bekannten und
gangbaren Meinungen über die geistigen Unterschiede zwischen den
Geschlechtern nur sehr wenig stützen können. Hier jedoch will ich, bloß der
Vollständigkeit halber und ohne der Sache eine besondere Wichtigkeit
beizumessen, die sexuellen Zwischenstufen des psychischen Lebens in aller
Kürze an einigen Punkten auftreten lassen, Punkten, die nur ein paar

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insgemein bekannte Eigentümlichkeiten, welche hier noch keiner näheren
Analyse unterzogen werden sollen, in einigen Modifikationen sichtbar
werden lassen.
Weibliche Männer haben oft ein ungemein starkes Bedürfnis zu
heiraten, mögen sie (was ich erwähne, um Mißverständnissen vorzubeugen)
materiell noch so glänzend gestellt sein. Sie sind es auch, die, wenn sie
können, fast immer sehr jung in die Ehe treten. Es wird ihnen oft besonders
schmeicheln, eine berühmte Frau, eine Dichterin oder Malerin, die aber
auch eine Sängerin oder Schauspielerin sein kann, zur Gattin zu haben.
Weibliche Männer sind ihrer Weiblichkeit gemäß auch körperlich eitler
als die anderen unter den Männern. Es gibt auch »Männer«, die auf die
Promenade gehen, um ihr Gesicht, welches, als Weibergesicht, die Absicht
seines Trägers meist hinreichend verrät, bewundert zu fühlen und dann
befriedigt nach Hause zu gehen. Das Urbild des Narciß ist ein solcher
»Mann« gewesen. Dieselben Personen sind natürlich auch, was Frisur,
Kleidung, Schuhwerk, Wäsche anlangt, ungemein sorgfältig, ihrer
momentanen Körperhaltung und ihres Aussehens an jedem bestimmten
Tage, der kleinsten Einzelheiten ihrer Toilette, des vorübergehendsten
Blickes, der von anderer Menschen Augen auf sie fällt, sich fast ebenso
bewußt, wie W es stets ist, ja in Gang und Geberde oft geradezu kokett. Bei
den Viragines hingegen nimmt man oft grobe Vernachlässigung der Toilette
und Mangel an Körperpflege wahr; sie sind mit dem Ankleiden oft viel
schneller fertig als mancher weibliche Mann. Das ganze »Gecken«- oder
»Gigerl«tum geht, ebenso wie zum Teile die Frauenemanzipation, auf die
jetzige Vermehrung dieser Zwittergeschöpfe zurück; das ist alles mehr als
»bloße Mode«. Es fragt sich eben immer, w a r u m etwas zur Mode werden
kann, und es gibt wohl überhaupt weniger »bloße Mode«, als der
oberflächlich k r i t i s i e r e n d e Zuschauer wähnt.
Je mehr von W eine Frau hat, desto weniger wird sie den Mann
v e r s t e h e n, umso stärker jedoch wird er in seiner
g e s c h l e c h t l i c h e n E i g e n t ü m l i c h k e i t auf sie w i r k e n, um so mehr
Eindruck als Mann auf sie machen. Dies ist nicht nur aus dem bereits
erläuterten Gesetze der sexuellen Anziehung zu verstehen, sondern geht
darauf zurück, daß eine Frau um so eher ihr Gegenteil aufzufassen in der
Lage sein wird, je reiner weiblich sie ist. Umgekehrt wird einer, je mehr
von M er hat, desto weniger W zu v e r s t e h e n in der Lage sein, desto

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e i n d r i n g l i c h e r jedoch werden die Frauen ihrem ganzen ä u ß e r e n
Wesen nach, in ihrer Weiblichkeit, sich ihm d a r s t e l l e n. Die sogenannten
»Frauenkenner«, d. h. solche, die nichts mehr sind als nur »Frauenkenner«,
sind darum alle zum guten Teile selbst Weiber. Die weiblicheren Männer
wissen denn auch oft die Frauen viel besser zu behandeln als Vollmänner,
die das erst nach langen Erfahrungen und, von ganz bestimmten
Ausnahmen abgesehen, wohl überhaupt nie völlig erlernen.
An diese paar Illustrationen, welche die Verwendbarkeit des Prinzipes
an Beispielen veranschaulichen sollen, die absichtlich der t r i v i a l s t e n
Sphäre der tertiären Geschlechtscharaktere entnommen wurden, möchte ich
die naheliegenden Anwendungen schließen, die sich mir aus ihm für die
Pädagogik zu ergeben scheinen. E i n e Wirkung nämlich erhoffe ich vor
allem von einer allgemeinen Anerkennung des Gemeinschaftlichen, das
diesen und den früheren Tatsachen wie so vielen anderen noch zu Grunde
liegt: e i n e m e h r i n d i v i d u a l i s i e r e n d e E r z i e h u n g. Jeder
Schuster, der den Füßen das Maß nimmt, muß das Individualisieren besser
verstehen als die heutigen Erzieher in Schule und Haus, die nicht zum
lebendigen Bewußtsein einer solchen moralischen Verpflichtung zu bringen
sind! Denn bis jetzt erzieht man die sexuellen Zwischenformen
(insbesondere unter den Frauen) im Sinne einer möglichst extremen
Annäherung an ein Mannes- oder Frauenideal von konventioneller Geltung,
man übt eine geistige Orthopädie in der vollsten Bedeutung einer Tortur.
Dadurch schafft man nicht nur sehr viel Abwechslung aus der Welt, sondern
unterdrückt vieles, was keimhaft da ist und Wurzel fassen könnte, verrenkt
anderes zu unnatürlicher Lage, züchtet Künstlichkeit und Verstellung.
Die längste Zeit hat unsere Erziehung uniformierend gewirkt auf alles,
was mit einer männlichen, und auf alles, was mit einer weiblichen
Geschlechtsregion zur Welt kommt. Gar bald werden »Knaben« und
»Mädchen« in verschiedene Gewänder gesteckt, lernen verschiedene Spiele
spielen, schon der Elementarunterricht ist gänzlich getrennt, die »Mädchen«
lernen unterschiedslos Handarbeiten etc. etc. D i e Z w i s c h e n s t u f e n
k o m m e n d a a l l e z u k u r z . Wie mächtig aber die Instinkte, die
»Determinanten« ihrer Naturanlage, in derartig mißhandelten Menschen
sein können, das zeigt sich oft schon v o r der Pubertät: Buben, die am
liebsten mit Puppen spielen, sich von ihrem Schwesterlein häkeln und
stricken lehren lassen, mit Vorliebe Mädchenkleidung anlegen und sich sehr

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gerne mit weiblichem Vornamen rufen hören; Mädchen, die sich unter die
Knaben mischen, an deren wilderen Spielen teilnehmen wollen und oft auch
von diesen ganz als ihresgleichen, »kollegial« behandelt werden. Immer
aber kommt eine durch Erziehung von außen unterdrückte Natur n a c h der
Pubertät zum Vorschein: männliche Weiber scheren sich die Haare kurz,
bevorzugen frackartige Gewänder, studieren, trinken, rauchen, klettern auf
die Berge, werden passionierte Jägerinnen; weibliche Männer lassen das
Haupthaar lang wachsen, sie tragen Mieder, zeigen viel Verständnis für die
Toilettesorgen der Weiber, mit denen sie vom gleichen Interesse getragene
kameradschaftliche Gespräche zu führen imstande sind; ja sie schwärmen
denn auch oft aufrichtig von freundschaftlichem Verkehr zwischen den
beiden Geschlechtern, weibische Studenten z. B. von »kollegialem
Verhältnis« zu den Studentinnen u. s. w.
Unter der schraubstockartigen Pressung in eine gleichmachende
Erziehung haben Mädchen und Knaben gleich viel, die letzteren später
mehr unter ihrer Subsumtion unter das gleiche G e s e t z, die ersteren mehr
unter der Schablonisierung durch die gleiche S i t t e zu leiden. Die hier
erhobene Forderung wird darum, fürchte ich, was die Mädchen betrifft,
mehr passivem Widerstand in den K ö p f e n begegnen als für die Knaben.
Hier gilt es vor allem, sich von der gänzlichen Falschheit der weit
verbreiteten, von Autoritäten des Tages weitergegebenen und immer
wiederholten Meinung von der G l e i c h h e i t a l l e r » We i b e r « (»es gibt
keine Unterschiede, keine Individuen unter den Weibern; wer eine kennt,
kennt alle«) gründlich zu überzeugen. E s g i b t u n t e r d e n j e n i g e n
I n d i v i d u e n , d i e W n ä h e r s t e h e n a l s M (den »Frauen«), z w a r
bei weitem nicht so viele Unterschiede und
M ö g l i c h k e i t e n w i e u n t e r d e n ü b r i g e n — die größere
Variabilität der »Männchen« ist nicht nur für den Menschen, sondern im
Bereiche der ganzen Zoologie eine allgemeine Tatsache, die insbesondere
von D a r w i n eingehend gewürdigt worden ist — a b e r n o c h i m m e r
D i f f e r e n z e n g e n u g. Die psychologische Genese jener so weit
verbreiteten irrigen Meinung ist zum großen Teile die, daß (vgl. Kapitel III)
jeder Mann in seinem Leben nur e i n e ganz bestimmte Gruppe von Frauen
i n t i m e r kennen lernt, die n a t u r g e s e t z l i c h alle untereinander viel
Gemeinsames haben. Man hört ja auch von Weibern öfters, aus der gleichen
Ursache und mit noch weniger Grund: »die Männer sind einer wie der
andere«. So erklären sich auch manche, gelinde gesagt, g e w a g t e

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Behauptungen vieler Frauenrechtlerinnen über den Mann und die angeblich
unwahre Überlegenheit desselben: daraus nämlich, w a s f ü r Männer
gerade s i e in der Regel näher kennen lernen.
In dem verschieden-abgestuften Beisammensein von
M und W, in dem wir ein H a u p t p r i n z i p aller
w i s s e n s c h a f t l i c h e n C h a r a k t e r o l o g i e erkannt haben, sehen wir
somit auch eine von der speziellen Pädagogik zu beherzigende Tatsache vor
uns.
Die Charakterologie verhält sich zu jener Psychologie, welche eine
»Aktualitätstheorie« des Psychischen eigentlich allein gelten lassen dürfte,
wie Anatomie zur Physiologie. Da sie stets ein theoretisches und
praktisches Bedürfnis bleiben wird, ist es notwendig, unabhängig von ihrer
erkenntnistheoretischen Grundlegung und Abgrenzung gegenüber dem
Gegenstande der allgemeinen Psychologie, Psychologie der individuellen
Differenzen treiben zu dürfen. Wer der Theorie vom psychophysischen
Parallelismus huldigt, wird mit den prinzipiellen Gesichtspunkten der
bisherigen Behandlung insoferne einverstanden sein, als für ihn, ebenso wie
ihm Psychologie im engeren Sinne und Physiologie (des
Zentralnervensystems) Parallelwissenschaften sind, C h a r a k t e r o l o g i e
z u r S c h w e s t e r d i e M o r p h o l o g i e h a b e n m u ß. In der Tat, von
der Verbindung von Anatomie und Charakterologie und der wechselseitigen
Anregung, die sie voneinander empfangen können, ist für die Zukunft noch
Großes zu hoffen. Zugleich würde durch ein solches Bündnis der
psychologischen D i a g n o s t i k, welche Voraussetzung jeder
i n d i v i d u a l i s i e r e n d e n P ä d a g o g i k ist, ein unschätzbares Hilfsmittel
an die Hand gegeben. Das Prinzip der sexuellen Zwischenformen, und mehr
noch die Methode des m o r p h o l o g i s c h - c h a r a k t e r o l o g i s c h e n
P a r a l l e l i s m u s in ihrer w e i t e r e n Anwendung gewähren uns nämlich
den Ausblick auf eine Zeit, wo jene Aufgabe, welche die hervorragendsten
Geister stets so mächtig angezogen und immer wieder zurückgeworfen hat,
wo die P h y s i o g n o m i k zu den Ehren einer wissenschaftlichen Disziplin
endlich gelangen könnte.
Das Problem der Physiognomik ist das Problem einer konstanten
Zuordnung des r u h e n d e n Psychischen zum r u h e n d e n Körperlichen,
wie das Problem der physiologischen Psychologie das einer gesetzmäßigen
Zuordnung des b e w e g t e n Psychischen zum b e w e g t e n Körperlichen

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(womit keiner speziellen M e c h a n i k der Nervenprozesse das Wort geredet
ist). Das eine ist gewissermaßen s t a t i s c h, das andere eher rein
d y n a m i s c h; prinzipielle Berechtigung aber hat das eine Unternehmen
ebensoviel oder ebensowenig wie das andere. Es ist also methodisch wie
sachlich ein großes Unrecht, die Beschäftigung mit der Physiognomik, ihrer
enormen Schwierigkeiten halber, für etwas so U n s o l i d e s zu halten, wie
das heute, mehr unbewußt als bewußt, in den wissenschaftlichen Kreisen
der Fall ist und gelegentlich, z. B. gegenüber den von M o e b i u s erneuerten
Versuchen G a l l s, die Physiognomie des geborenen Mathematikers
aufzufinden, zu Tage tritt. Wenn es möglich ist, nach dem Äußeren eines
Menschen, den man nie gekannt hat, sehr viel Richtiges über seinen
Charakter aus einer unmittelbaren Empfindung heraus, nicht auf Grund
eines Schatzes bewußter oder unbewußter Erfahrungen, zu sagen — und es
gibt Menschen, die diese Fähigkeit in hohem Maße besitzen — so kann es
auch kein Ding der Unmöglichkeit sein, zu einem wissenschaftlichen
System dieser Dinge zu gelangen. Es handelt sich nur um die begriffliche
Klärung gewisser starker Gefühle, um die Legung des Kabels nach dem
Sprachzentrum (um mich sehr grob auszudrücken): eine Aufgabe, die
allerdings oft ungemein schwierig ist.
Im übrigen: es wird noch lange dauern, bis die offizielle Wissenschaft
die Beschäftigung mit der Physiognomik nicht mehr als etwas höchst
U n m o r a l i s c h e s betrachten wird. Man wird auf den psychophysischen
Parallelismus genau so eingeschworen bleiben wie bisher und doch zu
gleicher Zeit die Physiognomiker als Verlorene betrachten, als Charlatane,
wie bis vor kurzem die Forscher auf hypnotischem Gebiete; trotzdem es
keinen Menschen gibt, der nicht unbewußt, keinen hervorragenden
Menschen, der nicht bewußt Physiognomiker wäre. Der Redensart: »Das
sieht man ihm an der Nase an« bedienen sich auch Leute, die von der
Physiognomik als einer Wissenschaft nichts halten, und das Bild eines
bedeutenden Menschen wie das eines Raubmörders interessiert gar sehr
auch alle jene, die gar nie das Wort »Physiognomik« gehört haben.
In dieser Zeit der hochflutenden Literatur über das Verhältnis des
Physischen zum Psychischen, da der Ruf: »Hie Wechselwirkung!« von
einer kleinen, aber mutigen und sich mehrenden Schar dem anderen Ruf
einer kompakten Majorität: »Hie psychologischer Parallelismus!«
entgegengesetzt wird, wäre es von Nutzen gewesen, auf diese Verhältnisse

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zu reflektieren. Man hätte sich dann freilich die Frage vorlegen müssen, o b
nicht die Setzung einer wie immer gearteten
Korrespondenz zwischen Physischem und Psychischem
eine bisher übersehene, apriorische, synthetische
F u n k t i o n u n s e r e s D e n k e n s i s t, was mir wenigstens dadurch sicher
verbürgt scheint, daß eben jeder Mensch die Physiognomik a n e r k e n n t,
insoferne jeder, u n a b h ä n g i g von der E r f a h r u n g, Physiognomik
t r e i b t. So wenig K a n t diese Tatsache bemerkt hat, so gibt sie doch seiner
Auffassung recht, daß über das Verhältnis des Körperlichen zum Geistigen
sich w e i t e r wissenschaftlich nichts beweisen noch ausmachen läßt. Das
Prinzip einer gesetzmäßigen Relation zwischen Psychischem und
Materiellem muß daher als Forschungsgrundsatz
h e u r i s t i s c h a c c e p t i e r t w e r d e n, und es bleibt der Metaphysik und
Religion vorbehalten, über die Art dieses Zusammenhanges, d e s s e n
Ta t s ä c h l i c h k e i t a p r i o r i f ü r j e d e n M e n s c h e n f e s t s t e h t,
noch nähere Bestimmungen zu treffen.
Ob nun Charakterologie in einer Verbindung mit Morphologie gehalten
werde oder nicht, für sie allein wie für das Resultat des koordinierten
Betriebes beider, für die Physiognomik, dürfte es Geltung haben, daß die
beinahe gänzliche Erfolglosigkeit der bisherigen Versuche zur Begründung
solcher Wissenschaften zwar auch sonst tief genug in der Natur des
schwierigen Unternehmens wurzelt, daß aber immerhin dem Mangel an
einer adäquaten Methode nicht zum geringsten Teile dieses Mißlingen
zugeschrieben werden muß. Dem Vorschlag, den ich im folgenden an Stelle
einer solchen entwickle, verdanke ich die sichere Leitung durch manches
Labyrinth; ich glaube daher nicht zögern zu sollen, ihn einer allgemeinen
Beurteilung zu unterbreiten.
Die einen unter den Menschen haben die Hunde gern und können die
Katzen nicht ausstehen, die anderen sehen nur gerne dem Spiel der
Kätzchen zu, und der Hund ist ihnen ein widerliches Tier. Man ist in
solchen Fällen, und mit vielem Rechte, stets sehr stolz darauf gewesen, zu
fragen: Wa r u m zieht der eine die Katze vor, der andere den Hund?
Warum? Warum?
Diese Fragestellung scheint jedoch gerade hier nicht sehr fruchtbar. Ich
glaube nicht, daß H u m e, und besonders M a c h recht haben, wenn sie
keinen besonderen Unterschied zwischen s i m u l t a n e r und s u c c e d a n e r

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Kausalität machen. Gewisse zweifellose formale Analogien werden da recht
gewaltsam übertrieben, um den schwanken Bau des Systems zu stützen.
Das Verhältnis zweier Erscheinungen, die in der Zeit regelmäßig
aufeinanderf o l g e n, mit einer regelmäßigen Funktionalbeziehung
verschiedener g l e i c h z e i t i g e r Elemente zu identifizieren, geht nicht an:
Nichts berechtigt in Wirklichkeit, von Zeite m p f i n d u n g e n zu sprechen,
und gar nichts, einen den anderen Sinnen koordinierten Zeitsinn
anzunehmen; und wer wirklich das Zeitproblem erledigt glaubt, wenn er die
Zeit und den Stundenwinkel der Erde nur eine und dieselbe Tatsache sein
läßt, der übersieht zum wenigsten dies, daß, sogar im Falle als die Erde
plötzlich mit ungleichförmiger Geschwindigkeit um ihre Achse sich zu
drehen anfinge, wir doch nach wie vor die eben apriorische Voraussetzung
eines gleichförmigen Zeitablaufes machen würden. Die Unterscheidung der
Zeit von den materialen Erlebnissen, auf welcher die Trennung der
succedanen von der simultanen Abhängigkeit beruht, und damit die Frage
nach der U r s a c h e von Ve r ä n d e r u n g e n, die Frage nach dem Wa r u m
sind wohlberechtigt und fruchtbringend, wo Bedingendes und Bedingtes in
z e i t l i c h e r Abfolge n a c h e i n a n d e r auftreten. In dem oben als Beispiel
individualpsychologischer Fragestellung angeführten Falle jedoch sollte
man in der empirischen Wissenschaft, welche als solche das regelmäßige
Zusammensein einzelner Züge in einem Komplexe keineswegs durch die
metaphysische Annahme einer S u b s t a n z e r k l ä r t, nicht sowohl nach
dem Warum forschen, sondern zunächst untersuchen: Wo d u r c h
u n t e r s c h e i d e n s i c h K a t z e n - u n d H u n d e l i e b h a b e r noch?
Die Gewöhnung, stets diese Frage nach den korrespondierenden
a n d e r e n Unterschieden zu stellen, wo zwischen Ruhendem e i n
Unterschied bemerkt worden ist, wird nicht nur der Charakterologie, wie
ich glaube, von großem Nutzen sein können, sondern auch der reinen
Morphologie und somit naturgemäß die Methode ihrer Verbindung, der
Physiognomik, werden. A r i s t o t e l e s ist es bereits aufgefallen, daß viele
Merkmale bei den Tieren nie unabhängig voneinander variieren. Später
haben, zuerst bekanntlich C u v i e r, sodann G e o f f r o y St. H i l a i r e und
D a r w i n diese Erscheinungen der »Korrelation« zum Gegenstande
eingehenden Studiums gemacht. Das Bestehen konstanter Beziehungen
kann hie und da leicht aus einem einheitlichen Zwecke verstanden werden:
so wird man es teleologisch geradezu erwarten, daß, wo der
Verdauungskanal für Fleischnahrung adaptiert ist, auch Kauapparate und

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Organe für das Ergreifen von Beute vorhanden sein müssen. Warum aber
alle Wiederkäuer auch Zweihufer und im männlichen Geschlechte
Hörnerträger sind, warum Immunität gegen gewisse Gifte bei manchen
Tieren stets mit einer bestimmten Haarfarbe einhergeht, warum unter den
Tauben die Spielarten mit kurzem Schnabel kleine, die mit langem
Schnabel große Füße haben, oder gar, warum weiße Katzen mit blauen
Augen immer taub sind, solche Regelmäßigkeiten des Nebeneinander sind
weder aus einem einzigen offenbaren Grunde noch auch unter dem
Gesichtspunkte eines einheitlichen Zweckes zu begreifen. Damit ist
natürlich nicht gesagt, daß die Forschung nun prinzipiell in alle Ewigkeit
mit der bloßen Konstatierung eines steten Beisammenseins sich zu
begnügen habe. Das wäre ja so, als würde jemand zum ersten Male
wissenschaftlich vorzugehen behaupten, indem er sich darauf
b e s c h r ä n k e , v o r z u f i n d e n: »Wenn ich in einen Automaten ein
Geldstück werfe, so kommt eine Schachtel Zündhölzer heraus«; was
darüber gehe, sei Metaphysik und von Übel, das Kriterium des echten
Forschers sei Resignation. Probleme der Art, woher es komme, daß langes
Kopfhaar und zwei normale Ovarien sich fast ausnahmslos in denselben
Menschen vereinigt finden, sind von der größten Bedeutung; aber sie fallen
eben nicht in den Bereich der M o r p h o l o g i e, sondern in den der
P h y s i o l o g i e. Vielleicht ist ein Z i e l einer i d e a l e n M o r p h o l o g i e
mit der Anschauung gut bezeichnet, daß diese i n e i n e m d e d u k t i v -
s y n t h e t i s c h e n Te i l e nicht jeder einzeln existierenden Art und Spielart
nachkriechen solle in Erdlöcher und nachtauchen auf den Meeresgrund —
das ist die Wissenschaftlichkeit des Briefmarkensammlers — sondern aus
einer v o r g e g e b e n e n A n z a h l qualitativ und quantitativ genau
bestimmter Stücke in der Lage sein werde, den g a n z e n Organismus zu
konstruieren, nicht auf Grund einer Intuition, wie dies ein C u v i e r
vermochte, sondern in strengem Beweisverfahren. Ein Organismus nämlich,
von dem man ihr irgend eine Eigenschaft genau bekanntgegeben hätte,
müßte für diese Wissenschaft der Zukunft bereits noch durch eine andere,
nun nicht mehr willkürliche, sondern damit in ebensolcher Genauigkeit
bereits bestimmbare Eigenschaft beschränkt sein. In der Sprache der
Thermodynamik unserer Tage ließe sich das ebensogut durch die Forderung
ausdrücken, daß für eine solche d e d u k t i v e Morphologie der Organismus
nur eine endliche Zahl von »Freiheitsgraden« besitzen dürfte. Oder man
könnte, eine lehrreiche Ausführung M a c h s benützend, verlangen, daß auch

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die organische Welt, sofern sie wissenschaftlich begreifbar und darstellbar,
eine solche sei, in der zwischen n Variablen eine Zahl von Gleichungen
bestehe, die kleiner sei als n (und zwar gleich n-1, wenn sie durch ein
wissenschaftliches System e i n d e u t i g bestimmbar sein soll; die
Gleichungen würden bei geringerer Zahl zu unbestimmten Gleichungen
werden, und bei einer größeren Zahl könnte der durch eine Gleichung
ausgesagten Abhängigkeit von einer zweiten ohne weiters widersprochen
werden).
Dies ist die logische Bedeutung des Korrelationsprinzipes in der
Biologie: es enthüllt sich als die Anwendung des F u n k t i o n s b e g r i f f e s
auf das Lebendige, und darum liegt in der Möglichkeit s e i n e r Ausbreitung
und Vertiefung die Hoffnung auf eine theoretische Morphologie
hauptsächlich begründet. Die kausale Forschung ist damit nicht
ausgeschlossen, sondern erst auf ihr eigenstes Gebiet verwiesen. Im
I d i o p l a s m a wird sie wohl die Gründe jener Tatsachen aufzufinden
trachten müssen, die dem Korrelationsprinzipe zu Grunde liegen.
Die Möglichkeit einer p s y c h o l o g i s c h e n Anwendung des Prinzipes
der korrelativen Abänderung liegt nun in der »differentiellen Psychologie«,
in der p s y c h o l o g i s c h e n Va r i e t ä t e n l e h r e, vor. Und die eindeutige
Zuordnung von anatomischem Habitus und geistigem Charakter wird zur
Aufgabe der s t a t i s c h e n P s y c h o p h y s i k o d e r P h y s i o g n o m i k.
Die Forschungsregel aller drei Disziplinen wird aber die Frage zu sein
haben, worin sich zwei Lebewesen, die in einer Beziehung ein differentes
Verhalten gezeigt haben, n o c h unterscheiden. Die hier geforderte Art der
Fragestellung scheint mir der einzig denkbare »Methodus inveniendi«,
gleichsam die »Ars magna« jener Wissenschaften, und geeignet, die ganze
Technik des Betriebes derselben zu durchdringen. Man wird nun, um einen
charakterologischen Typus zu ergründen, nicht mehr bloß durch die nur
bohrende Frage nach dem Warum, unter möglichst hermetischer
Absperrung, in einem Loche hartes Erdreich aufzugraben sich mühen, nicht
wie jene stereotropischen Würmer J a c q u e s L o e b s an einem Dreikant
immer von neuem sich verbluten, nicht durch Scheuklappen die Aussicht
auf das erreichbare Daneben sich versperren, um geradeaus in der
Tiefendimension dem aller nur e m p i r i s c h e n Wissenschaft
unerforschlichen Grunde nachzuschnaufen. Wenn jedesmal, ohne irgend
welche Nachlässigkeit oder Rücksicht auf Bequemlichkeit, beim

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Sichtbarwerden e i n e r Differenz der Vorsatz gefaßt wird, auf die a n d e r e n
Differenzen zu achten, die nach dem Prinzipe unausweichlich n o c h da sein
müssen; wenn jedesmal den unbekannten Eigenschaften, welche mit der zur
Abhebung gelangten in Funktionalzusammenhang stehen, »ein Aufpasser
im Intellekte bestellt« wird, dann ist die Aussicht, die neuen Korrelationen
zu entdecken, bedeutend vermehrt: ist nur die Frage gestellt, so wird sich
die Antwort, je nach der Ausdauer und Wachsamkeit des Beobachters und
der Gunst des ihm zur Prüfung beschiedenen Materials, früher oder später
einstellen.
Jedenfalls wird man, im bewußten Gebrauche dieses Prinzipes, nicht
mehr lediglich darauf angewiesen sein zu warten, bis endlich einem
Menschen durch die glückliche Laune einer gedanklichen Konstellation das
konstante Beisammensein zweier Dinge im selben Individuum a u f f ä l l t,
sondern man wird lernen, immer s o f o r t nach dem ebenfalls vorhandenen
z w e i t e n Ding zu f r a g e n. Denn wie sehr ist nicht bisher alle Entdeckung
auf den Zufall einer günstigen Konjunktur der Vorstellungen in dem Geiste
eines Menschen beschränkt gewesen! Welch große Rolle spielt hier nicht
die Willkür der Umstände, die zwei heterogene Gedankengruppen im
geeigneten Moment zu jener gegenseitigen Kreuzung zu führen vermögen,
aus der das Kind, die neue Einsicht und Anschauung, einzig geboren
werden kann! Diese Rolle zu vermindern, scheint die neue Fragestellung
und der Wille, sie in jedem Einzelfalle zu befolgen, außerordentlich
befähigt. Bei der Succession der Wirkung auf die Ursache ist die
psychologische Veranlassung zur Frage aus dem Grunde eher da, weil jede
Verletzung der Stabilität und Kontinuität in einem vorhandenen
psychischen Bestande unmittelbar beunruhigend wirkt, eine »Vitaldifferenz
setzt« (Av e n a r i u s). Wo g l e i c h z e i t i g e A b h ä n g i g k e i t b e s t e h t ,
f ä l l t a b e r d i e s e T r i e b k r a f t w e g . Darum könnte diese Methode
dem Forscher selbst inmitten seiner Tätigkeit die größten Dienste leisten, ja
den Fortschritt der Wissenschaft insgesamt beschleunigen; die Erkenntnis
von der heuristischen Anwendbarkeit des Korrelationsprinzipes es wäre
eine Einsicht, die fortzeugend immer neue Einsicht könnte gebären helfen.

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VI. Kapitel.
Die emanzipierten Frauen.
Im unmittelbaren Anschluß an die differentiell-psychologische
Verwertung des Prinzipes der sexuellen Zwischenformen muß zum ersten
Male auf jene Frage eingegangen werden, deren theoretischer und
praktischer Lösung dieses Buch recht eigentlich gewidmet ist, soweit sie
nicht theoretisch eine Frage der Ethnologie und Nationalökonomie, also der
Sozialwissenschaft im weitesten Sinne, praktisch eine Frage der Rechts-
und Wirtschaftsordnung, der sozialen Politik ist: auf die F r a u e n f r a g e.
Die Antwort, welche dieses Kapitel auf die Frauenfrage geben soll, ist indes
nicht eine, mit der für das Ganze der Untersuchung das Problem erledigt
wäre. Sie ist vielmehr bloß eine vorläufige, da sie nicht mehr geben kann,
als aus den bisherigen Prinzipien ableitbar ist. Sie bewegt sich gänzlich in
den Niederungen der Einzelerfahrung, von der sie nicht zu allgemeinen
Grundsätzen von tieferer Bedeutung sich zu erheben trachtet; die
praktischen Anweisungen, die sie gibt, sind keine Maximen eines sittlichen
Verhaltens, das künftige Erfahrung regulieren sollte oder könnte, sondern
nur aus vergangener Erfahrung abstrahierte technische Regeln zu einem
sozialdiätetischen Gebrauche. Der Grund ist, daß hier noch keineswegs an
die Erfassung des männlichen und weiblichen Typus geschritten wird, die
Sache des zweiten Teiles verbleibt. Diese provisorische Betrachtung soll
nur diejenigen charakterologischen E r g e b n i s s e d e s P r i n z i p e s d e r
Zwischenformen bringen, welche für die Frauenfrage
v o n B e d e u t u n g s i n d.
Wie diese Anwendung ausfallen wird, liegt nach dem Bisherigen
ziemlich offen zu Tage. Sie gipfelt darin, daß
Emanzipationsbedürfnis und Emanzipationsfähigkeit
einer Frau nur in dem Anteile an M begründet liegt,
d e n s i e h a t. Der Begriff der Emanzipation ist aber ein v i e l d e u t i g e r,
und seine Unklarheit zu steigern lag im Interesse aller jener mit dem Worte
oft verfolgten praktischen Absichten, die theoretische Einsichten zu
vertragen nicht vermochten. Unter der Emanzipiertheit einer Frau verstehe

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ich weder die Tatsache, daß in ihrem Hause sie das Regiment führt und der
Gatte keinen Widerspruch mehr wagt, noch den Mut, ohne schützenden
Begleiter zur Nachtzeit unsichere Gegenden zu passieren; weder ein
Hinwegsetzen über konventionelle gesellschaftliche Formen, welche der
Frau das Alleinleben fast verbieten, es nicht dulden, daß sie einem Manne
einen Besuch abstatte, und die Berührung sexueller Themen durch sie selbst
oder durch andere in ihrer Gegenwart verpönen; noch schließlich die Suche
nach einem selbständigen Erwerb, sei als Mittel zu diesem nun die
Handelsschule oder das Universitätsstudium, das Konservatorium oder die
Lehrerinnenbildungsanstalt gewählt. Vielleicht gibt es noch weitere Dinge,
die samt und sonders unter dem großen Schilde der
Emanzipationsbewegung sich bergen, doch soll auf diese vorderhand nicht
eingegangen werden. Die Emanzipation, die ich im Sinne habe, ist auch
nicht der Wunsch nach der äußerlichen Gleichs t e l l u n g mit dem Manne,
sondern p r o b l e m a t i s c h ist dem hier vorliegenden Versuche, zur Klarheit
in der Frauenfrage zu gelangen, der W i l l e eines We i b e s, dem Manne
i n n e r l i c h g l e i c h z u w e r d e n, zu seiner geistigen und moralischen
Freiheit, zu seinen Interessen und seiner Schaffenskraft zu gelangen. Und
was nun behauptet wird, ist dies, d a ß W g a r k e i n B e d ü r f n i s u n d
dementsprechend auch keine Fähigkeit zu dieser
Emanzipation hat. Alle wirklich nach Emanzipation
strebenden, alle mit einem gewissen Recht berühmten
und geistig irgendwie hervorragenden Frauen weisen
stets zahlreiche männliche Züge auf, und es sind an
ihnen dem schärferen Blicke auch immer anatomisch-
männliche Charaktere, ein körperlich dem Manne
angenähertes Aussehen, e r k e n n b a r. Nur den
v o r g e r ü c k t e r e n sexuellen Zwischenformen, man könnte beinahe schon
sagen jenen sexuellen Mittelstufen, die gerade noch den »Weibern«
beigezählt werden, entstammen jene Frauen der Vergangenheit wie der
Gegenwart, die von männlichen und weiblichen Vorkämpfern der
Emanzipationsbestrebungen zum Beweise für die großen Leistungen von
F r a u e n immer mit Namen angeführt werden. Gleich die erste der
geschichtlichen Abfolge nach, gleich S a p p h o ist k o n t r ä rsexuell, ja von
ihr schreibt sich die Bezeichnung eines geschlechtlichen Verhältnisses
zwischen Frauen mit dem Namen der sapphischen oder lesbischen Liebe
her. Hier sehen wir, wie uns die Erörterungen des dritten und vierten

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Kapitels zugute kommen für eine Entscheidung in der Frauenfrage. Das
charakterologische Material, welches uns über die sogenannten
»bedeutenden Frauen«, also über die de facto Emanzipierten, zu Gebote
steht, ist zu dürftig, seine Interpretation zu vielem Widerspruche ausgesetzt,
als daß wir uns seiner mit der Hoffnung bedienen könnten, eine
z u f r i e d e n s t e l l e n d e Lösung zu geben. Wir bedurften eines Prinzipes,
welches die Stellung eines Menschen zwischen M und W unzweideutig
festzustellen gestattete. Ein solches Prinzip wurde gefunden in dem Gesetze
der sexuellen Anziehung zwischen Mann und Weib. Seine Anwendung auf
das Problem der Homosexualität ergab, daß die zur Frau sexuell
hingezogene Frau eben ein halber Mann ist. Damit ist aber für den
historischen Einzelnachweis der These, daß der Grad der Emanzipiertheit
einer Frau mit dem Grade ihrer Männlichkeit identisch ist, so ziemlich alles
gewonnen, dessen wir bedürfen. Denn Sappho l e i t e t die Reihe jener
Frauen, die auf der Liste weiblicher Berühmtheiten stehen und die zugleich
homo- oder mindestens bisexuell empfanden, n u r e i n. Man hat Sappho
von philologischer Seite sehr eifrig von dem Verdachte zu reinigen gesucht,
daß sie wirkliche, das bloß Freundschaftliche übersteigende
Liebesverhältnisse mit Frauen unterhalten habe, als ob dieser Vorwurf,
wenn er gerechtfertigt wäre, eine Frau sittlich sehr stark herabwürdigen
müßte. Daß dem keineswegs so ist, daß eine unsinnliche homosexuelle
Liebe gerade das Weib mehr ehrt als das heterosexuelle Verhältnis, das wird
aus dem zweiten Teile noch klar hervorgehen. Hier genüge die Bemerkung,
daß die Neigung zu lesbischer Liebe in einer Frau eben A u s f l u ß i h r e r
Männlichkeit, diese aber Bedingung ihres Höherstehens
i s t. K a t h a r i n a I I . v o n R u ß l a n d und die Königin C h r i s t i n e v o n
S c h w e d e n, nach einer Angabe die hochbegabte taubstummblinde L a u r a
B r i d g m a n, sowie sicherlich die G e o r g e S a n d sind zum Teil bisexuell,
zum Teil ausschließlich homosexuell, ebenso wie alle Frauen und Mädchen
von auch nur einigermaßen in Betracht kommender Begabung, die ich
selbst kennen zu lernen Gelegenheit hatte.
Was nun aber jene große Zahl emanzipierter Weiber betrifft, über die
keine Zeugnisse lesbischen Empfindens vorliegen, so verfügen wir hier fast
immer über andere Indizien, welche beweisen, daß es keine willkürliche
Behauptung und auch kein engherziger, für das männliche Geschlecht eben
a l l e s zu reklamieren gieriger, habsüchtiger Egoismus ist, wenn ich von der
Männlichkeit aller Frauen spreche, die man sonst mit einigem Rechte für

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die höhere Befähigung des Weibes anführt. Denn wie die bisexuellen
Frauen entweder mit männlichen Weibern oder mit weiblichen Männern in
geschlechtlichem Verkehre stehen, so werden auch die heterosexuellen
Frauen ihren Gehalt an Männlichkeit noch immer dadurch offenbaren, daß
ihr sexuelles Komplement auf Seite der Männer nie ein echter Mann sein
wird. Die berühmtesten unter den vielen »Verhältnissen« der G e o r g e
S a n d sind das mit M u s s e t, dem weibischesten Lyriker, den die
Geschichte kennt, und mit C h o p i n, den man sogar als den einzigen
weiblichen Musiker bezeichnen könnte — so weibisch ist er.[10] Vi t t o r i a
C o l o n n a ist weniger berühmt durch ihre eigene dichterische Produktion
geworden als durch die Verehrung, die M i c h e l A n g e l o für sie gehegt
hat, der sonst nur zu Männern in erotischem Verhältnis gestanden ist. Die
Schriftstellerin D a n i e l S t e r n war die Geliebte desselben F r a n z L i s z t,
dessen Leben und Lebenswerk durchaus immer etwas Weibliches an sich
hat, dessen Freundschaft für den auch nicht vollkommen männlichen und
jedenfalls etwas päderastisch veranlagten Wa g n e r fast ebensoviel
Homosexualität in sich schloß, wie die schwärmerische Verehrung, die dem
letzteren von König L u d w i g II. von B a y e r n entgegengebracht wurde.
Von Mme. d e S t a e l, deren Schrift über Deutschland vielleicht als das
bedeutendste Buch von Frauenhand angesehen werden muß, ist es
wahrscheinlich, daß sie in sexuellen Beziehungen zu dem homosexuellen
Hauslehrer ihrer Kinder, zu A u g u s t W i l h e l m S c h l e g e l, gestanden
ist. K l a r a S c h u m a n n s Gatten würde man bloß dem Gesichte nach zu
gewissen Zeiten seines Lebens eher für ein Weib halten, denn für einen
Mann, und auch in seiner Musik ist viel, wenn auch nicht immer gleich viel,
Weiblichkeit.
Wo alle Angaben über die Menschen fehlen, zu welchen eine sexuelle
Beziehung bestand, oder solche Personen überhaupt nicht genannt werden,
da ist oft reichlich Ersatz in kleinen Mitteilungen, die über das Äußere
berühmter Frauen auf uns gelangt sind: sie zeigen, wie die Männlichkeit
jener Frauen auch physiognomisch in Antlitz und Gestalt zum Ausdruck
kommt und bestätigen auf diese Weise, ebenso wie die von jenen Frauen
erhaltenen Porträts, die Richtigkeit der hier vertretenen Anschauung. Es ist
die Rede von G e o r g e E l i o t s breiter, mächtiger Stirn: »ihre Bewegungen
wie ihr Mienenspiel waren scharf und bestimmt, es fehlte ihnen aber die
anmutige weibliche Weichheit«; von dem »s c h a r f e n, geistvollen Gesicht
L a v i n i a F o n t a n a s, das uns seltsam anmutet«. Die Züge der R a c h e l

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R u y s c h »tragen einen Charakter von fast männlicher Bestimmtheit an
sich«. Der Biograph der originellsten Dichterin, der A n n e t t e v o n
D r o s t e - H ü l s h o f f, berichtet von ihrer »elfenhaft schlanken, zarten
Gestalt«; und das Gesicht dieser Künstlerin ist von einem Ausdruck
strenger Männlichkeit, der ganz entfernt an D a n t e s Züge erinnert. Die
Schriftstellerin und Mathematikerin S o n j a K o w a l e w s k a hatte, ebenso
wie schon Sappho, einen abnorm geringen Haarwuchs des Kopfes, einen
geringeren noch, als die Dichterinnen und Studentinnen von heutzutage ihn
gewöhnlich haben, die sich regelmäßig, wenn die Frage nach den geistigen
Leistungen des Weibes aufgeworfen wird, zuerst auf sie berufen. Und wer
im Gesichte der hervorragendsten Malerin, der R o s a B o n h e u r, auch nur
e i n e n weiblichen Zug wahrzunehmen behauptete, der wäre durch den
Klang des Namens in die Irre geführt. Sehr männlich von Ansehen ist auch
die berühmte H e l e n e P e t r o w n a B l a v a t s k y. Von den noch lebenden
produktiven und emanzipierten Frauen habe ich mit Absicht keine erwähnt,
sondern geschwiegen, obwohl s i e mir, wie den Anreiz zu manchen der
ausgesprochenen Gedanken, so auch die allgemeinste Bestätigung meiner
Ansicht geliefert haben, daß das echte Weib, daß W mit der »Emanzipation
des Weibes« nichts zu schaffen hat. Die historische Nachforschung muß
dem Volksmund recht geben, der ihr Resultat längst vorweggenommen hat:
»Je länger das Haar, desto kürzer der Verstand«. Dieses Wort trifft zu mit
der im zweiten Kapitel gemachten Einschränkung.
Und was die emanzipierten Frauen anlangt: N u r d e r M a n n i n
ihnen ist es, der sich emanzipieren will.
Es hat einen tieferen Grund, als man glaubt, warum die
schriftstellernden Frauen so oft einen Männernamen annehmen: sie fühlen
sich eben beinahe als Mann, und bei Personen wie G e o r g e S a n d
entspricht dies völlig ihrer Neigung zu männlicher Kleidung und
männlicher Beschäftigung. Das Motiv zur Wahl eines männlichen
Pseudonyms muß in dem Gefühle liegen, daß nur ein solches der eigenen
Natur korrespondiert; es kann nicht in dem Wunsche nach größerer
Beachtung und Anerkennung von Seite der Öffentlichkeit wurzeln. Denn
was Frauen produzieren, hat seit jeher, infolge der damit verbundenen
geschlechtlichen Pikanterie, mehr Aufmerksamkeit erregt als, ceteris
paribus, die Schöpfungen von Männern, und ist, wegen der von Anfang an
immer tiefer gestimmten Ansprüche, stets nachsichtiger behandelt, wenn es

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gut war, stets unvergleichlich höher gepriesen worden, als was Männer
gleich Gutes geleistet hatten. So ist das besonders heutzutage, und es
gelangen noch fortwährend Frauen durch Produkte zu großem Ansehen,
von denen man kaum Notiz nehmen würde, wenn sie männlichen
Ursprunges wären. Es ist Zeit, hier zu sondern und auszuscheiden. Man
nehme nur zum Vergleiche die männlichen Schöpfungen, welche die
Literatur-, Philosophie-, Wissenschafts- und Kunstgeschichte gelten lassen
und gebrauche diese als Maßstab: und man wird die immerhin nicht
unbeträchtliche Zahl jener Frauen, die als bedeutende Geister immer wieder
angeführt werden, gleich auf den ersten Schlag kläglich
zusammenschrumpfen sehen. In der Tat gehört sehr viel Milde und Laxheit
dazu, um Frauen wie A n g e l i k a K a u f f m a n n oder M m e . L e b r u n,
F e r n a n C a b a l l e r o oder H r o s w i t h a v o n G a n d e r s h e i m, M a r y
S o m e r v i l l e oder G e o r g e E g e r t o n, E l i z a b e t h B a r r e t t
B r o w n i n g oder S o p h i e G e r m a i n, A n n a M a r i a S c h u r m a n n
oder S i b y l l a M e r i a n auch nur ein Titelchen von B e d e u t u n g
beizulegen. Ich will davon nicht reden, wie sehr auch die früheren, als
Beispiele der Viraginität genannten Frauen im einzelnen überschätzt
werden; ich will auch das Maß des Ruhmes nicht kritisieren, den die
lebenden weiblichen Künstlerinnen geerntet haben. Es genüge die
allgemeine Feststellung, daß keine einzige unter a l l e n Frauen der
Geistesgeschichte auch nur mit männlichen Genien fünften und sechsten
Ranges, wie ihn, um Beispiele anzuführen, etwa R ü c k e r t unter den
Dichtern, v a n D y c k unter den Malern, S c h l e i e r m a c h e r unter den
Philosophen einnehmen, in concreto wahrhaft verglichen werden kann.
Scheiden wir die hysterischen Visionärinnen, wie d i e S i b y l l e n, die
P y t h i e n v o n D e l p h i, die B o u r i g n o n und die K l e t t e n b e r g,
J e a n n e d e l a M o t t e G u y o n, J o h a n n a S o u t h c o t t, B e a t e
S t u r m i n, oder die h e i l i g e T h e r e s e vorderhand aus, so bleiben nun
noch Fälle wie die der M a r i e B a s h k i r t s e f f. Diese ist (soweit ich es
nach der Erinnerung an ihr Bild zu sagen vermag) allerdings von
ausgesprochen weiblichem Körperbau gewesen, bis auf die Stirn, die mir
einen etwas männlichen Eindruck gemacht hat. Aber wer in der Salle des
Étrangers im Pariser Luxembourg ihre Bilder neben denen des von ihr
geliebten B a s t i e n - L e p a g e hat hängen sehen, der weiß, daß sie den Stil
desselben nicht anders und nicht minder vollkommen angenommen hat als
Ottilie die Handschrift Eduards in Goethes »Wahlverwandtschaften«.

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Den langen Rest bilden jene zahlreichen Fälle, wo ein allen
Mitgliedern einer Familie eigentümliches Ta l e n t zufällig in einem
w e i b l i c h e n Mitgliede am stärksten hervortritt, ohne daß dieses im
geringsten genial zu sein braucht. Denn nur das Talent wird vererbt, nicht
das Genie. M a r g a r e t h a v a n E y c k und S a b i n e v o n S t e i n b a c h
geben hier nur das Paradigma ab für eine lange Reihe jener Künstlerinnen,
von denen nach Ernst G u h l, einem den kunstübenden Frauen
außerordentlich gewogenen Autor, »uns ausdrücklich überliefert wird, daß
sie durch Vater, Mutter oder Bruder zur Kunst angeleitet worden sind, oder
daß sie, mit anderen Worten, den Anlaß zum Künstlerberuf in der eigenen
Familie gefunden haben. Es sind deren zweihundert bis dreihundert, und
wieviele Hunderte mögen noch außerdem durch ganz ähnliche Einflüsse zu
Künstlerinnen geworden sein, ohne daß die Geschichte deren Erwähnung
tun konnte!« Um die Bedeutung dieser Zahlenangaben zu würdigen, muß
man in Betracht ziehen, daß G u h l kurz vorher »von den beiläufig tausend
Namen, die uns von weiblichen Künstlern bekannt sind«, spricht.
Hiemit sei die historische Revue über die emanzipierten Frauen zum
Abschluß gebracht. Sie hat der Behauptung, daß echtes
Emanzipationsbedürfnis und wahres Emanzipationsvermögen in der Frau
Männlichkeit voraussetzt, r e c h t gegeben. Denn die ungeheuere Überzahl
jener Frauen, die sicherlich nicht im geringsten der Kunst oder dem Wissen
g e l e b t haben, bei denen diese Beschäftigung vielmehr an die Stelle der
üblichen »Handarbeit« tritt und in dem ungestörten Idyll ihres Lebens nur
einen Z e i t v e r t r e i b bedeutet — und alle jene, denen gedankliche wie
künstlerische Tätigkeit nur eine ungeheuer angespannte K o k e t t e r i e vor
mehr oder weniger bestimmten Personen männlichen Geschlechtes ist —
diese beiden großen Gruppen durfte und mußte eine reinliche Betrachtung
ausscheiden. Die übrig bleibenden erweisen sich dem näheren Zusehen
insgesamt als sexuelle Zwischenformen.
Zeigt sich aber das Bedürfnis nach Befreiung und Gleichstellung mit
dem Manne nur bei männlichen Frauen, so ist der Schluß per inductionem
g e r e c h t f e r t i g t, daß W k e i n e r l e i B e d ü r f n i s n a c h d e r
E m a n z i p a t i o n e m p f i n d e t, auch wenn einstweilen diese Folgerung,
so wie es hier ausschließlich geschehen ist, nur aus der geschichtlichen
Einzelbetrachtung und nicht aus einer Untersuchung der psychischen
Eigenschaften von W selbst abgeleitet wird.

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Stellen wir uns demnach auf den hygienischen (nicht ethischen)
Standpunkt einer der natürlichen Anlage angemessensten Praxis, so würde
sich das Urteil über die »Emanzipation des Weibes« so gestalten. Der
U n s i n n der Emanzipationsbestrebungen liegt in der B e w e g u n g, in der
A g i t a t i o n. Durch diese vor allem verleitet, fangen, wenn von Motiven
der Eitelkeit, des Männerfanges abgesehen wird, bei der großen
imitatorischen Veranlagung der Frauen auch solche zu studieren, zu
schreiben u. s. w. an, die nie ein originäres Verlangen danach gehabt haben;
denn da es eine große Anzahl von Frauen wirklich zu geben scheint, die aus
einem gewissen inneren Bedürfnis heraus eine Emanzipation suchen, wird
von diesen auf jene das Bildungsstreben i n d u z i e r t und so das
Frauenstudium zur M o d e, und eine lächerliche Agitation der Frauen unter
sich läßt schließlich a l l e an die Echtheit dessen glauben, was der guten
Hausfrau so oft nur Mittel zu Demonstrationszwecken gegen den Mann, der
Tochter so oft nur eine ostentative Kundgebung gegen die mütterliche
Gewalt ist. Das praktische Verhalten in der ganzen Frage hätte demnach,
ohne daß diese Regel (schon ihres fließenden Charakters halber) zur
Grundlage einer Gesetzgebung gemacht werden könnte und dürfte,
folgendes zu sein: F r e i e n Z u l a ß z u a l l e m , k e i n H i n d e r n i s i n
den We g derjenigen, deren wahre psychische
Bedürfnisse sie, stets in Gemäßheit ihrer körperlichen
B e s c h a f f e n h e i t , z u m ä n n l i c h e r B e s c h ä f t i g u n g t r e i b e n, für
die Frauen mit m ä n n l i c h e n Zügen. A b e r w e g m i t d e r
Parteibildung, weg mit der unwahren
R e v o l u t i o n i e r u n g , w e g m i t d e r g a n z e n F r a u e n b e w e g u n g,
die in so vielen widernatürliches und künstliches, im Grunde verlogenes
Streben schafft.
Und w e g auch mit der abgeschmackten Phrase von der »völligen
Gleichheit«! Selbst das männlichste Femininum hat wohl kaum je mehr als
50 Prozent an M und d i e s e m F e i n g e h a l t e dankt sie ja doch ihre
ganze Bedeutung oder besser all das, was sie eventuell bedeuten k ö n n t e.
Man darf keineswegs, wie dies nicht wenige intellektuelle Frauen zu tun
scheinen, aus manchen (wie schon bemerkt, ohnedies nicht typischen)
Einzelerfahrungen über den Mann, die sie zu sammeln Gelegenheit hatten,
und aus denen ja nicht die Parität, sondern gar die Superiorität des
weiblichen Geschlechtes hervorginge; allgemeine Folgerungen ziehen,
sondern muß, wie D a r w i n dies vorschlug, die Spitzen hier und die Spitzen

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dort miteinander vergleichen. Aber »wenn je ein Verzeichnis der
bedeutendsten Männer und Frauen auf dem Gebiete der Dichtkunst,
Malerei, Bildhauerei, Musik, Geschichte, Naturwissenschaft und
Philosophie hergestellt und unter jedem Gegenstand ein halbes Dutzend
Namen verzeichnet würden, so könnten beide Listen nicht den Vergleich
miteinander bestehen«. Erwägt man nun noch, daß die Personen auf der
weiblichen Liste, genau besehen, auch nur wieder für die M ä n n l i c h k e i t
d e s G e n i e s Zeugnis ablegen würden, so ist zu erwarten, daß die Lust der
Frauenrechtlerinnen, die Zusammenstellung eines solchen Verzeichnisses
zu wagen, noch geringer werden dürfte, als sie bisher es gewesen ist.
Der übliche Einwurf, der auch jetzt erhoben werden wird, lautet dahin,
daß die Geschichte nichts beweise, da die Bewegung erst Raum schaffen
müsse für eine ungehemmte, volle geistige Entwicklung der Frau. Dieser
Einwand verkennt, daß es emanzipierte Frauen, eine Frauenfrage, eine
Frauenbewegung zu a l l e n Zeiten gegeben hat, wenn auch in den
verschiedenen Epochen mit verschiedener Lebhaftigkeit; er übertreibt
immens die Schwierigkeiten, welche den nach geistiger Bildung strebenden
Frauen von Seite des Mannes irgendwann gemacht wurden, und auch
angeblich gerade jetzt wieder bereitet werden[11]; er übersieht schließlich
wiederum, daß auch heute nicht das wirkliche Weib die Forderung der
Emanzipation erhebt, sondern daß dies durchwegs nur männlichere Frauen
tun, die ihre eigene Natur mißdeuten und die Motive ihres Handelns nicht
einsehen, wenn sie im Namen des Weibes zu sprechen glauben.
Wie jede andere Bewegung der Geschichte, so war auch die
Frauenbewegung überzeugt, daß sie erstmalig, neu, noch nie dagewesen
war; ihre Vorkämpferinnen lehrten, daß bislang das Weib in Finsternis
geschmachtet habe und in Fesseln gelegen sei, während es nun erst sein
natürliches Recht zu begreifen und zu beanspruchen beginne. Wie für jede
andere geschichtliche Bewegung, so hat man aber auch für die
Frauenbewegung Analogien weiter und weiter zurückverfolgen können;
nicht nur in s o z i a l e r Beziehung gab es im Altertum und im Mittelalter
eine Frauenfrage, sondern auch für die g e i s t i g e Emanzipation waren zu
längst entschwundenen Zeiten produktive Frauen durch ihre Leistungen
selbst wie männliche und weibliche Apologeten des weiblichen
Geschlechtes durch theoretische Darlegungen tätig. So ist denn jener
Glaube ganz irrig, der dem Kampfe der Frauenrechtlerinnen so viel Eifer

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und Frische verliehen hat, daß bis auf die letzten Jahre die Frauen noch nie
Gelegenheit zur ungestörten Entfaltung ihrer geistigen
Entwicklungsmöglichkeiten gehabt hätten. Jakob B u r c k h a r d t erzählt von
der Renaissance: »Das Ruhmvollste, was damals von den großen
Italienerinnen gesagt wird, ist, daß sie einen männlichen Geist, ein
männliches Gemüt hätten. Man braucht nur die völlig männliche Haltung
der meisten Weiber in den Heldengedichten, zumal bei Bojardo und
Ariosto, zu beachten, um zu wissen, daß es sich hier um ein bestimmtes
Ideal handelt. Der Titel einer »Virago«, den unser Jahrhundert für ein sehr
zweideutiges Kompliment hält, war damals reiner Ruhm.« Im XVI.
Jahrhundert wurde den Frauen die Bühne freigegeben, es sah die ersten
Schauspielerinnen. »Zu jener Zeit wurde die Frau für fähig gehalten, gleich
den Männern das höchste Maß von Bildung zu erreichen.« Es ist die Zeit,
da ein Panegyrikus nach dem anderen auf das weibliche Geschlecht
erscheint, Thomas M o r u s seine völlige Gleichstellung mit dem
männlichen verlangt, und A g r i p p a v o n N e t t e s h e i m die Frauen sogar
hoch über die Männer erhebt. Und jene großen Erfolge des weiblichen
Geschlechtes wurden wieder verloren, die ganze Zeit tauchte unter in eine
Vergessenheit, aus der sie erst das XIX. Jahrhundert wieder hervorholte.
Ist es nicht sehr auffallend, daß die Frauenemanzipationsbestrebungen
in der Weltgeschichte in konstanten Intervallen, in gewissen sich gleich
bleibenden zeitlichen Abständen aufzutreten scheinen?
Im X. Jahrhundert, im XV. und XVI. und jetzt wieder im XIX. und
XX. hat es allem Ermessen nach viel mehr emanzipierte Weiber und eine
stärkere Frauenbewegung gegeben als in den dazwischen liegenden Zeiten.
Es wäre voreilig, hierauf schon eine Hypothese zu gründen, doch muß man
immerhin die Möglichkeit ins Auge fassen, daß hier eine gewaltige
Periodizität vorliegt, vermöge deren in regelmäßigen Phasen mehr
Zwittergeburten, mehr Zwischenformen auf die Welt kommen als in den
Intervallen. Bei Tieren sind solche Perioden in verwandten Dingen
beobachtet worden.
Es wären das unserer Anschauung gemäß Zeiten von minderem
Gonochorismus; und es würde die Tatsache, daß zu gewissen Zeiten mehr
männliche Weiber geboren werden als sonst, als Pendant auf der Gegenseite
verlangen, daß in der gleichen Zeit auch mehr weibliche Männer auf die
Welt gebracht werden. Und dies sehen wir in überraschendem Maße

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ebenfalls zutreffen. Der ganze »sezessionistische Geschmack«, der den
großen, schlanken Frauen mit flachen Brüsten und schmalen Hüften den
Preis der Schönheit zuerkennt, ist vielleicht hierauf zurückzuführen. Die
ungeheuere Vermehrung des Stutzertums wie der Homosexualität in den
letzten Jahren kann ihren Grund nur in einer größeren Weiblichkeit der
jetzigen Ära haben. Und nicht ohne tiefere Ursache sucht der ästhetische
wie der sexuelle Geschmack dieses Zeitalters Anlehnung bei dem der
Präraphaeliten.
Wenn es im organischen Leben solche Perioden gibt, die den
Oszillationen im Leben des einzelnen gleichen, aber sich über mehrere
Generationen hinweg erstrecken, so eröffnet uns dies eine weitere Aussicht
auf das Verständnis so mancher dunkler Punkte auch in der menschlichen
Geschichte, als es die prätentiösen »Geschichtsauffassungen«, die sich in
der jüngsten Zeit so gehäuft haben, insbesondere die ökonomisch-
materialistische Ansicht, anzubahnen vermocht haben. Sicherlich ist von
einer b i o l o g i s c h e n Betrachtung auch der menschlichen G e s c h i c h t e
noch unendlich viel Aufschluß in der Zukunft zu erwarten. Hier soll nur die
Nutzanwendung auf den vorliegenden Fall gesucht werden.
Wenn es richtig ist, daß zu gewissen Zeiten mehr, zu anderen weniger
hermaphroditische Menschen geboren werden, so wäre als die F o l g e
dessen vorauszusehen, daß die Frauenbewegung größtenteils v o n s e l b s t
s i c h w i e d e r v e r l a u f e n und nach längerer Zeit erst wieder zum
Vorschein kommen würde, um wieder unter- und emporzutauchen in einem
Rhythmus ohne Ende. Es würden eben die Frauen, die sich selbst
emanzipieren w o l l t e n, bald in größerer, bald in weit geringerer Anzahl
g e b o r e n werden.
Von den ökonomischen Verhältnissen, welche auch die sehr weibliche
Frau des kinderreichen Proletariers in die Fabrik oder zur Bauarbeit
drängen können, ist hier natürlich nicht die Rede. Der Zusammenhang der
industriellen und gewerblichen Entwicklung mit der Frauenfrage ist viel
lockerer, als er, besonders von sozialdemokratischen Theoretikern,
gewöhnlich hingestellt wird, und noch viel weniger besteht ein enger
ursächlicher Konnex zwischen den Bestrebungen, die auf die geistige, und
jenen, die auf die wirtschaftliche Konkurrenzfähigkeit gerichtet sind. In
Frankreich z. B. ist es, obwohl es drei der hervorragendsten Frauen
hervorgebracht hat, niemals einer Frauenb e w e g u n g recht eigentlich

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gelungen, Wurzel zu fassen, und doch sind in keinem Lande Europas so
viele Frauen selbständig geschäftlich tätig als eben dort. Der Kampf um das
materielle Auskommen hat also mit dem Kampfe um einen geistigen
Lebensinhalt, wenn wirklich von Seite einer Gruppe von Frauen ein solcher
geführt wird, nichts zu tun und ist scharf von ihm zu scheiden.
Die Prognose, welche dieser letzteren Bewegung, der auf dem
geistigen Gebiete, gestellt wurde, war keine erfreuliche; sie ist wohl noch
trostloser als die Aussicht, die man ihr auf den Weg mitgeben könnte, wenn
mit einigen Autoren eine f o r t s c h r e i t e n d e Entwicklung des
Menschengeschlechtes zu v ö l l i g e r sexueller D i f f e r e n z i e r u n g, also
einem ausgesprochenen Geschlechts-Dimorphismus entgegen, anzunehmen
wäre.
Die letztere Meinung scheint mir aus dem Grunde unhaltbar, weil im
Tierreich durchaus nicht eine mit der höheren systematischen Stellung
z unehmende Geschlechtertrennung sich verfolgen läßt. Gewisse Gephyreen
und Rotatorien, viele Vögel, ja selbst unter den Affen noch der Mandrill tun
einen viel stärkeren Gonochorismus kund, als er beim Menschen, vom
morphologischen Standpunkte aus, sich beobachten läßt. Während aber
diese Vermutung eine Zeit voraussagt, wo wenigstens das B e d ü r f n i s
nach der Emanzipation f ü r i m m e r erloschen sein und es nur mehr
komplette Masculina und komplette Feminina geben würde, verurteilt die
Annahme einer periodischen Wiederkehr der Frauenbewegung das ganze
Streben der Frauenrechtlerinnen in grausamster Weise zu einer
schmerzlichen Ohnmacht, es läßt ihr gesamtes Tun unter dem Aspekte einer
Danaidenarbeit erscheinen, deren Erfolge mit der fortschreitenden Zeit
wieder von selbst in das gleiche Nichts zerrinnen.
Dieses trübe Los könnte der Emanzipation der Frauen gefallen sein,
wenn diese immer weiter ihre Ziele nur im S o z i a l e n, in der historischen
Zukunft der G a t t u n g suchte und ihre Feinde blind unter den Männern und
in den von Männern geschaffenen rechtlichen Institutionen wähnte. Dann
freilich müßte das Korps der Amazonen formiert werden, und es wäre nie
ein Dauerndes gewonnen, wenn jenes geraume Zeit nach seiner Bildung
immer wieder sich auflöste. Insoferne bietet die Renaissance und ihr
spurloses Verschwinden den Frauenrechtlerinnen eine Lehre. Die wahre
Befreiung des Geistes kann nicht von einem noch so großen und noch so
wilden Heere gesucht werden, um sie muß das einzelne Individuum für sich

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allein kämpfen. Gegen wen? Gegen das, was im eigenen Gemüte sich
dawiderstemmt. D e r g r ö ß t e , d e r e i n z i g e F e i n d d e r
Emanzipation der Frau ist die Frau.
Dies zu beweisen, ist Aufgabe des zweiten Teiles.

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ZWEITER ODER HAUPTTEIL.
DIE SEXUELLEN TYPEN.

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I. Kapitel.
Mann und Weib.
»All that a man does is physiognomical of him.«
Carlyle.

Freie Bahn für die Erforschung alles wirklichen
Geschlechtsgegensatzes ist durch die Erkenntnis geschaffen, daß Mann und
Weib nur als Typen zu erfassen sind und die verwirrende Wirklichkeit,
welche den bekannten Kontroversen immer neue Nahrung bieten wird,
allein durch ein Mischungsverhältnis aus jenen zwei Typen sich nachbilden
läßt. Die einzig realen sexuellen Zwischenformen hat der erste Teil dieser
Untersuchung behandelt, und zwar, wie nun hervorgehoben werden muß,
nach einem etwas schematisierenden Verfahren. Die Rücksichtnahme auf
die allgemein biologische Geltung der entwickelten Prinzipien führte das
dort mit sich. Jetzt, da, noch viel ausschließlicher als bisher, d e r M e n s c h
das Objekt der Betrachtung werden soll und die psychophysiologischen
Zuordnungen der introspektiven Analyse zu weichen sich anschicken,
bedarf der universelle Anspruch des Prinzipes der sexuellen Zwischenstufen
einer gewichtigen Restriktion.
Bei Pflanzen und Tieren ist das Vorkommen des echten
Hermaphroditismus eine gegen jeden Zweifel erhärtete Tatsache. Aber
selbst bei den Tieren scheint oft das Zwittertum mehr eine Juxtaposition der
männlichen und weiblichen Keimdrüse in einem Individuum als ein
Ausgeglichensein beider Geschlechter in demselben, eher ein
Zusammensein beider Extreme denn einen gänzlich neutralen Zustand in
der Mitte zwischen denselben zu bedeuten. Vom M e n s c h e n jedoch läßt
sich p s y c h o l o g i s c h mit vollster Bestimmtheit behaupten, daß er,
zunächst wenigstens in einer und derselben Zeit, n o t w e n d i g
e n t w e d e r M a n n o d e r We i b s e i n m u ß. Damit steht nicht nur im
Einklang, daß fast alles, was sich für ein Masculinum oder Femininum
schlechtweg hält, auch sein Komplement für »d a s Weib« oder »d e n
Mann« schlechthin ansieht.[12] Es wird jene Unisexualität am stärksten

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erwiesen durch die in ihrer theoretischen Wichtigkeit k a u m z u
ü b e r s c h ä t z e n d e Tatsache, daß auch im Verhältnisse zweier
homosexueller Menschen zueinander immer der eine die körperliche und
psychische Rolle des Mannes übernimmt, im Falle längeren Verkehres auch
seinen männlichen Vornamen behält oder einen solchen annimmt, während
der andere die des Weibes spielt, seinen weiblichen Vornamen entweder
bewahrt oder einen solchen sich gibt oder noch öfter — dies ist
bezeichnend genug — ihn vom anderen erhält.
Also es füllt in den sexuellen Relationen zweier Lesbierinnen oder
zweier Urninge immer die eine Person die männliche, die zweite die
weibliche Funktion aus, und dies ist von größter Bedeutung. Das Verhältnis
Mann-Weib erweist sich hier als f u n d a m e n t a l an der
e n t s c h e i d e n d e n Stelle, als etwas, worüber nicht hinauszukommen ist.
Tr o t z a l l e n s e x u e l l e n Z w i s c h e n f o r m e n i s t d e r
Mensch am Ende doch eines von beiden, entweder
M a n n o d e r We i b . Auch in dieser ältesten empirischen Dualität steckt
(nicht bloß anatomisch und keineswegs im konkreten Falle in regelmäßiger
genauer Übereinstimmung mit dem morphologischen Befunde) eine tiefe
Wahrheit, die sich nicht ungestraft vernachlässigen läßt.
Hiemit scheint nun ein Schritt gemacht, der von der größten Tragweite
ist, und allem Ferneren so segensreich wie verhängnisvoll werden kann. Es
ist mit einer solchen Anschauung ein S e i n statuiert. Die B e d e u t u n g
dieses S e i n s zu erforschen ist freilich eben die Aufgabe, welche der
ganzen folgenden Untersuchung anheimfällt. Da aber mit diesem
problematischen S e i n an die Hauptschwierigkeit der Charakterologie
unmittelbar gerührt ist, wird es gut sein, ehe daß eine solche Arbeit in
naiver Kühnheit begonnen werde, über dieses heikelste Problem, an dessen
Schwelle aller Wagemut bereits stockt, eine kurze Orientierung zu
versuchen.
Die Hemmnisse, mit denen jedes charakterologische Unternehmen zu
kämpfen hat, sind allein schon wegen der Kompliziertheit des Stoffes
enorme. Oft und oft ereignet es sich, daß der Weg, den man durch das
Waldesdickicht bereits gefunden zu haben glaubt, sich verliert im
undurchdringlichen Gestrüppe, der Faden nicht mehr herauszulösen ist aus
der unendlichen Verfilzung. Das schlimmste aber ist, daß betreffs der

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Methode einer systematischen Darstellung des wirklich entwundenen
Stoffes, anläßlich der prinzipiellen Deutung auch erfolgreicher Anfänge,
sich wieder und wieder die ernstesten Bedenken erheben und gerade der
Typisierung sich entgegentürmen. In dem Falle des Geschlechtsgegensatzes
z. B. erwies sich bis jetzt die Annahme einer Art Polarität der Extreme und
unzähliger Abstufungen zwischen denselben als die einzig brauchbare. Es
scheint so auch in den meisten übrigen charakterologischen Dingen — auf
einige komme ich selbst noch zu sprechen — etwas wie Polarität zu geben
(was schon der Pythagoreer A l k m a i o n v o n K r o t o n geahnt hat); und
vielleicht wird auf diesem Gebiete die S c h e l l i n gsche Naturphilosophie
noch ganz andere Genugtuungen erleben als die Auferstehung, welche ein
physikalischer Chemiker unserer Tage ihr bereitet zu haben vermeint.
Aber ist die Hoffnung berechtigt, durch die Festlegung des
Individuums auf einem bestimmten Punkte in den Verbindungslinien je
zweier Extreme, ja durch unendliche Häufung dieser Verbindungslinien,
durch ein unendlich viele Dimensionen zählendes Koordinatensystem das
Individuum selbst je zu erschöpfen? Verfallen wir nicht, nur auf einem
konkreteren Gebiet, bereits in die dogmatische Skepsis der M a c h-
H u m eschen Ich-Analyse zurück, wenn wir die vollständige Beschreibung
des menschlichen Individuums in Form eines R e z e p t e s erwarten? Und
führt uns da nicht eine Art We i s m a n nscher Determinanten-Atomistik zu
einer Mosaik-Psychognomik, nachdem wir uns von der »Mosaik-
Psychologie« eben erst zu erholen beginnen?
In neuer Fassung stehen wir hier vor dem alten und, wie sich zeigt,
noch immer lebendig zähen Grundproblem: Gibt es ein einheitliches und
einfaches Sein im Menschen, und wie verhält es sich zu der zweifellos
neben ihm bestehenden Vielheit? Gibt es eine Psyche? Und wie verhält sich
die Psyche zu den psychischen Erscheinungen? Man begreift nun, warum es
noch immer keine Charakterologie gibt: Das Objekt dieser Wissenschaft,
der Charakter, ist seiner Existenz nach selbst problematisch. Das Problem
aller Metaphysik und Erkenntnistheorie, die höchste Prinzipienfrage der
Psychologie, ist auch das Problem der Charakterologie, das Problem »vor
aller Charakterologie, die als Wissenschaft wird auftreten können«.
Wenigstens aller erkenntniskritisch über ihre Voraussetzungen, Ansprüche
und Ziele unterrichteten und aller über Unterschiede im We s e n der
Menschen Belehrung erstrebenden Charakterologie.

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Diese, sei's drum, unbescheidene Charakterologie will mehr sein als
jene »Psychologie der individuellen Differenzen«, deren erneute
Aufstellung als eines Zieles der psychologischen Wissenschaft durch L.
William S t e r n darum doch eine sehr verdienstvolle Tat war; sie will mehr
bieten als ein Nationale der motorischen und sensorischen Reaktionen eines
Individuums, und darum soll sie nicht gleich zu dem Tiefstand der übrigen
modernen psychologischen Experimentalforschung herabsinken, als welche
sie ja nur eine sonderbare Kombination von statistischem Seminar und
physikalischem Praktikum vorstellt. So hofft sie mit der reichen seelischen
Wirklichkeit, aus deren völligem Vergessen das Selbstbewußtsein der
Hebel- und Schraubenpsychologie einzig erklärt werden kann, in einem
herzlichen Kontakte zu bleiben und fürchtet nicht, die Erwartungen des
nach Aufklärung über sich selbst dürstenden Studenten der Psychologie
durch Untersuchungen über das Lernen einsilbiger Worte und den Einfluß
kleiner Kaffeedosen auf das Addieren befriedigen zu müssen. So traurig es
als Zeichen der übrigens allgemein dumpf empfundenen prinzipiellen
Unzulänglichkeit der modernen psychologischen Arbeit ist, so begreiflich
ist es doch, wenn angesehene Gelehrte, die sich unter einer Psychologie
mehr vorgestellt haben als eine Empfindungs- und Assoziationslehre, vor
der herrschenden Öde zu der Überzeugung gelangen, Probleme wie das
Heldentum oder die Selbstaufopferung, den Wahnsinn oder das Verbrechen
müsse die reflektierende Wissenschaft auf ewig der Kunst, als dem einzigen
Organe ihres Verständnisses, überlassen und jede Hoffnung aufgeben, nicht
sie besser zu verstehen als jene (das wäre anmaßend einem S h a k e s p e a r e
oder D o s t o j e w s k i j gegenüber), wohl aber, sie ihrerseits auch nur
systematisch zu begreifen.
Keine Wissenschaft muß, wenn sie unphilosophisch wird, so schnell
verflachen wie die Psychologie. Die Emanzipation von der Philosophie ist
der wahre Grund des Verfalles der Psychologie. Gewiß nicht in ihren
Voraussetzungen, aber in ihren Endabsichten hätte die Psychologie
philosophisch bleiben sollen. Sie wäre dann zunächst zu der Einsicht
gelangt, d a ß d i e L e h r e v o n d e n S i n n e s e m p f i n d u n g e n m i t
d e r P s y c h o l o g i e d i r e k t ü b e r h a u p t n i c h t s z u t u n h a t. Die
empirischen Psychologien von heutzutage gehen von den Tast- und
Gemeinempfindungen aus, um mit der »Entwicklung eines sittlichen
Charakters« zu endigen. Die Analyse der Empfindungen gehört aber zur
Physiologie der Sinne, jeder Versuch, ihre Spezialprobleme in eine tiefere

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Beziehung zu dem übrigen Inhalte der Psychologie zu bringen, muß
mißlingen.
Es ist das Unglück der wissenschaftlichen Psychologie gewesen, daß
sie von zwei Physikern, von F e c h n e r und von H e l m h o l t z, am
nachhaltigsten sich hat beeinflussen lassen und so verkennen konnte, d a ß
sich zwar die äußere, aber nicht so auch die innere
We l t a u s b a r e n E m p f i n d u n g e n z u s a m m e n s e t z t. Die zwei
feinsinnigsten unter den empirischen Psychologen der letzten Jahrzehnte,
William J a m e s und Richard Av e n a r i u s, sind denn auch die beiden
einzigen, die wenigstens instinktiv gefühlt haben, daß man die Psychologie
nicht mit dem Hautsinn und Muskelsinn anfangen dürfe, während alle
übrige moderne Psychologie mehr oder minder Empfindungskleister ist.
H i e r liegt der von D i l t h e y nicht scharf genug bezeichnete Grund dafür,
daß die heutige Psychologie zu den Problemen, die man als eminent
psychologische sonst zu bezeichnen gewohnt ist, zur Analyse des Mordes,
der Freundschaft, der Einsamkeit u. s. w., g a r n i c h t g e l a n g t, ja — hier
verfängt nicht die alte Berufung auf ihre große Jugend — zu ihnen gar nicht
gelangen k a n n, da sie in einer ganz anderen Richtung sich bewegt, als in
einer, die sie am Ende doch dahin führen könnte. Darum hat die Losung des
Kampfes um eine p s y c h o l o g i s c h e P s y c h o l o g i e in erster Linie zu
sein: H i n a u s mit der Empfindungslehre aus der
Psychologie!
Das Unternehmen einer Charakterologie in dem oben bezeichneten
weiteren und tieferen Sinne involviert vor allem den Begriff des
C h a r a k t e r s selbst, als den Begriff eines konstanten einheitlichen Seins.
Wie die schon im 5. Kapitel des I. Teiles zum Vergleich herangezogene
Morphologie die bei allem physiologischen Wechsel gleich bleibende
F o r m des Organischen behandelt, so setzt die Charakterologie als ihren
Gegenstand ein Gleichbleibendes im psychischen Leben voraus, das in
jeder seelischen Lebensäußerung in analoger Weise nachweisbar sein muß,
und ist so vor allem jener »Aktualitätstheorie« vom Psychischen
entgegengesetzt, die ein Bleibendes schon darum nicht anerkennen mag,
weil sie auf jener empfindungsatomistischen Grundanschauung beruht.
Der Charakter ist danach nicht etwas hinter dem Denken und Fühlen
des Individuums Thronendes, s o n d e r n e t w a s , d a s s i c h i n j e d e m
G e d a n k e n u n d j e d e m G e f ü h l e d e s s e l b e n o f f e n b a r t. »Alles,

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was ein Mensch tut, ist physiognomisch für ihn.« Wie j e d e Zelle die
Eigenschaften des g a n z e n Individuums in sich birgt, so enthält j e d e
psychische Regung eines Menschen, nicht bloß einzelne wenige
»Charakterzüge«, s e i n g a n z e s We s e n, von dem nur im einen
Momente diese, im anderen jene Eigentümlichkeit mehr hervortritt.
Wie es weiter gar keine isolierte Empfindung gibt, sondern stets ein
Blickf e l d und ein Empfindungsganzes da ist, als das dem Subjekte
gegenüberstehende Objekt, als die We l t des Ichs, von welcher nur einmal
der eine, ein anderes Mal der andere Gegenstand sich deutlicher abhebt: s o
steckt in jedem Augenblicke des psychischen Lebens
d e r g a n z e M e n s c h, und es fällt nur in jeder Zeiteinheit der Accent auf
einen anderen Punkt seines Wesens. D i e s e s ü b e r a l l i n d e m
psychischen Zustande jedes Augenblickes nachweisbare
S e i n i s t d a s O b j e k t d e r C h a r a k t e r o l o g i e . So würde diese erst
die notwendige Ergänzung der bisherigen empirischen Psychologie bilden,
die, in merkwürdigem Gegensatze zu ihrem Namen einer P s y c h o l o g i e,
bisher fast ausschließlich den Wechsel im Empfindungsfelde, die Buntheit
der We l t, in Betracht gezogen und den Reichtum des Ich ganz
vernachlässigt hat. Damit könnte sie auf die allgemeine Psychologie als die
Lehre von dem Ganzen, das aus der Kompliziertheit des Subjektes und der
Kompliziertheit des Objektes resultiert (die beide aus diesem Ganzen nur
durch eine eigentümliche Abstraktion isoliert werden konnten), befruchtend
und regenerierend wirken. So manche Streitfragen der Psychologie —
vielleicht sind es gerade die prinzipiellsten Fragen — vermag überhaupt nur
eine charakterologische Betrachtung zur Entscheidung zu bringen, indem
sie zeigt, w a r u m der eine diese, der andere jene Meinung verficht, darlegt,
weshalb sie differieren, wenn sie über das gleiche Thema sprechen: daß sie
über denselben Vorgang und denselben psychischen Prozeß aus keinem
anderen Grunde verschiedener Ansicht sind, als weil dieser bei jedem die
individuelle Färbung, die N o t e seines Charakters erhalten hat. So
ermöglicht gerade die psychologische D i f f e r e n z e nlehre erst die
E i n i g u n g auf dem Gebiete der A l l g e m e i npsychologie.
Das formale Ich wäre das letzte Problem der dynamischen, das
material erfüllte Ich das letzte Problem der statischen Psychologie. Indessen
wird ja bezweifelt, daß es überhaupt Charakter gibt; oder wenigstens sollte
das vom konsequenten Positivismus im Sinne von H u m e, M a c h,

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Av e n a r i u s geleugnet werden. Es ist danach leicht begreiflich, warum es
noch keine Charakterologie gibt als Lehre vom bestimmten Charakter.
Die Verquickung der Charakterologie mit der Seelenlehre ist aber ihre
schlimmste Schädigung gewesen. Daß die Charakterologie h i s t o r i s c h
mit dem Schicksal des Ichbegriffs verknüpft worden ist, gibt allein noch
kein Recht, sie s a c h l i c h an dasselbe zu binden. Und nur wer dogmatisch
sich auf den Standpunkt des absoluten Phänomenalismus stellt und glaubt,
dieser allein enthebe aller Beweislasten, die, schon mit seiner Betretung,
von selbst allen anderen Standpunkten aufgebürdet seien, der wird das
S e i n, das die Charakterologie behauptet, und das noch durchaus nicht mit
einer metaphysischen E s s e n z identisch ist, ohne weiteres abweisen.
Die Charakterologie hat sich gegen zwei schlimme Feinde zu halten.
Der eine nimmt den Charakter als gegeben und leugnet, daß, ebenso wie die
künstlerische Darstellung, die Wissenschaft sich seiner bemächtigen könne.
Der andere nimmt die Empfindungen als das allein Wirkliche an, Realität
und Empfindung sind ihm eins geworden, die Empfindung ist ihm der
Baustein der Welt wie des Ich, und für diesen gibt es keinen Charakter. Was
soll nun die Charakterologie, die Wissenschaft vom Charakter? »De
individuo nulla scientia«, »Individuum est ineffabile«, so tönt es ihr von der
einen Seite entgegen, die am Individuum festhält; von der anderen, die auf
der Wissenschaftlichkeit allein besteht und nicht »die Kunst als Organ des
Lebensverständnisses« sich gerettet hat, muß sie es wieder und wieder
vernehmen, daß die Wissenschaft nichts wisse vom Charakter.
Zwischen solchem Kreuzfeuer hätte die Charakterologie sich zu
behaupten. Wen wandelt da nicht die Furcht an, daß sie das Los ihrer
Schwestern teilen, eine ewig unerfüllte Verheißung bleiben werde wie die
Physiognomik, eine divinatorische Kunst wie die Graphologie?
Auch diese Frage ist eine, welche die späteren Kapitel zu beantworten
werden suchen müssen. Das Sein, welches die Charakterologie behauptet,
ist seiner einfachen oder mehrfachen Bedeutung nach von ihnen zu
untersuchen. Warum diese Frage ganz allgemein gerade mit der Frage nach
dem psychischen Unterschiede der G e s c h l e c h t e r so innig sich berührt,
das wird freilich erst aus ihren letzten Resultaten hervorgehen.

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II. Kapitel.
Männliche und weibliche Sexualität.
»Die Frau verrät ihr Geheimnis nicht.«
Kant.

»Mulier taceat de muliere.«
Nietzsche.

Unter Psychologie überhaupt ist gewöhnlich die Psychologie der
Psychologen zu verstehen, und die Psychologen sind ausschließlich
Männer: noch hat man, seit Menschen Geschichte aufzeichnen, nicht von
einem w e i b l i c h e n Psychologen gehört. Aus diesem Grunde bildet die
Psychologie des Weibes ein Kapitel, welches der Allgemeinpsychologie
nicht anders angehängt wird als die Psychologie des Kindes. Und da die
Psychologie von Männern in regelmäßiger, aber wohl kaum bewußter
ausschließlicher Berücksichtigung des Mannes geschrieben wird, ist die
Allgemeinpsychologie Psychologie der »Männer« geworden, und wird das
Problem einer Psychologie der Geschlechter immer dann erst aufgeworfen,
wenn der Gedanke an eine Psychologie des Weibes auftaucht. So sagt
K a n t: »In der Anthropologie ist die weibliche Eigentümlichkeit mehr als
die männliche ein Studium für den Philosophen.« Die Psychologie der
Geschlechter wird sich immer decken mit der Psychologie von W.
Die Psychologie von W jedoch wird ebenfalls nur von Männern
geschrieben. Man kann also mit Leichtigkeit sich auf den Standpunkt
stellen, daß sie wirklich zu schreiben ein Ding der Unmöglichkeit sei, da sie
Behauptungen über fremde Menschen aufstellen müsse, die keine
Verifikation durch deren eigene Beobachtung ihrer selbst erhalten haben.
Gesetzt, W könnte sich selbst je mit der erforderlichen Schärfe beschreiben,
so ist damit noch nicht ausgemacht, ob sie den Dingen, die uns
hauptsächlich interessieren, d a s s e l b e Interesse entgegenbrächte; ja, und
wenn sie selbst noch so genau sich erkennen könnte und wollte — setzen
wir den Fall — so fragt sich's noch immer, ob sie je ü b e r sich zu reden zu

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bringen sein würde. Es wird sich im Laufe der Untersuchung herausstellen,
daß diese drei Unwahrscheinlichkeiten auf eine gemeinsame Quelle in der
Natur des Weibes zurückweisen.
Diese Untersuchung kann nur in dem Anspruch unternommen werden,
daß jemand, ohne selbst Weib zu sein, über das Weib richtige Aussagen zu
machen imstande sei. Es bleibt also jener erste Einwand einstweilen
bestehen, und da seine Widerlegung erst viel später erfolgen kann, hilft es
nichts, wir müssen uns über ihn hinwegsetzen. Nur so viel will ich
bemerken. Noch hat nie — ist auch dies nur eine Folge der Unterdrückung
durch den Mann? — beispielsweise eine schwangere Frau ihre
Empfindungen und Gefühle irgendwie, sei es in einem Gedichte, sei es in
Memoiren, sei es in einer gynäkologischen Abhandlung, zum Ausdruck
gebracht; und Folge einer übergroßen Schamhaftigkeit kann das nicht sein,
denn — S c h o p e n h a u e r hat hierauf mit Recht hingewiesen — es gibt
nichts, was einer schwangeren Frau so fern läge wie die Scham über ihren
Zustand. Außerdem bestünde ja an sich die Möglichkeit, nach dem Ende der
Schwangerschaft aus der Erinnerung über das psychische Leben zu jener
Zeit zu beichten; wenn dennoch das Schamgefühl damals von Mitteilung
zurückgehalten hätte, so entfiele ja nachher dieses Motiv, und das Interesse,
das solchen Eröffnungen von vielen Seiten entgegengebracht würde, wäre
für viele wohl sonst Grund genug, das Schweigen zu brechen. Aber nichts
von alledem! Wie wir sonst nur Männern wirklich wertvolle Enthüllungen
über die psychischen Vorgänge im Weibe danken, so haben auch hier bloß
Männer die Empfindungen der schwangeren Frau geschildert. Wie
vermochten sie das?
Wenn auch in jüngster Zeit die Aussagen von Dreiviertel- und
Halbweibern über ihr psychisches Leben sich mehren, so erzählen diese
doch mehr von dem Manne als von dem eigentlichen Weibe in ihnen. Wir
bleiben demnach nur auf eines angewiesen: a u f d a s , w a s i n d e n
M ä n n e r n s e l b s t We i b l i c h e s i s t. Das Prinzip der sexuellen
Zwischenformen erweist sich hier in gewissem Sinne als die Voraussetzung
jedes wahren Urteils eines Mannes über die Frau. Doch wird sich später die
Notwendigkeit einer Beschränkung und Ergänzung dieser Bedeutung des
Prinzipes ergeben. Denn es ohne weiteres anwenden, müßte dazu führen,
daß der weiblichste Mann das Weib am besten zu beschreiben in der Lage
sei, und konsequent würde daraus weiter folgen, daß das echte Weib sich

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selbst am besten durchschauen könne, was ja eben sehr in Zweifel gezogen
wurde. Wir werden also schon hier darauf aufmerksam, daß ein Mann
Weibliches in bestimmtem Maße in sich haben kann, ohne darum in
gleichem Grade schon eine sexuelle Zwischenform darzustellen. Umso
merkwürdiger erscheint es, daß der Mann gültige Feststellungen über die
Natur des Weibes solle machen können; ja, da wir diese Fähigkeit, bei der
außerordentlichen Männlichkeit vieler offenbar ausgezeichneter Beurteiler
der Frauen, selbst M nicht absprechen zu können scheinen, bleibt das Recht
des Mannes, über die Frau[13] mitzusprechen, ein desto merkwürdigeres
Problem, und wir werden uns der Auflösung des prinzipiellen methodischen
Zweifels an diesem Rechte später um so weniger entziehen können.
Einstweilen betrachten wir jedoch, wie gesagt, den Einwurf als nicht
gemacht und schreiten an die Untersuchung der Sache selbst. Wo r i n
liegt der wesentliche psychologische Unterschied
z w i s c h e n M a n n u n d We i b ? so fragen wir drauf los.
Man hat in der größeren Intensität des Geschlechtstriebes beim Manne
diesen Urunterschied zwischen den Geschlechtern erblicken wollen, aus
dem sich alle anderen ableiten ließen. Ganz abgesehen, ob die Behauptung
richtig, ob mit dem Worte »Geschlechtstrieb« ein Eindeutiges und wirklich
Meßbares bezeichnet ist, so steht doch die prinzipielle Berechtigung einer
solchen Ableitung wohl noch sehr in Frage. Zwar dürfte an allen jenen
antiken und mittelalterlichen Theorien über den Einfluß der »unbefriedigten
Gebärmutter« beim Weibe und des »semen retentum« beim Manne ein
Wahres sein, und es hat da nicht erst der heute so beliebten Phrase bedurft,
daß »alles« nur »sublimierter Geschlechtstrieb« sei. Aber auf die Ahnung so
vager Zusammenhänge läßt sich keine systematische Darstellung gründen.
Daß mit größerer oder geringerer Stärke des Geschlechtstriebes andere
Qualitäten ihrem Grade nach bestimmt sind, ist in keiner Weise
sicherzustellen versucht worden.
Indessen die Behauptung, daß die Intensität des Geschlechtstriebes bei
M größer sei als bei W, ist a n s i c h f a l s c h. Man hat ja auch wirklich das
Gegenteil ebenso behauptet: es ist e b e n s o f a l s c h. In Wahrheit bleibt die
Stärke des Bedürfnisses nach dem Sexualakt unter Männern selbst gleich
starker Männlichkeit noch immer verschieden, ebenso, wenigstens dem
Anscheine nach, unter Frauen mit dem gleichen Gehalte an W. Hier spielen
gerade unter den Männern ganz andere Einteilungsgründe mit, die es mir

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zum Teil gelungen ist aufzufinden und über die vielleicht eine andere
Publikation ausführlich handeln wird.
Also in der größeren Heftigkeit des Begattungstriebes liegt, entgegen
vielen populären Meinungen, k e i n Unterschied der Geschlechter. Dagegen
werden wir einen solchen gewahr, wenn wir jene zwei analytischen
Momente, die Albert M o l l aus dem Begriffe des Geschlechtstriebes
herausgehoben hat, einzeln auf Mann und Weib anwenden: den
D e t u m e s c e n z - und den K o n t r e k t a t i o n s t r i e b. Der erste resultiert
aus den Unlustgefühlen durch in größerer Menge angesammelte reife
Keimzellen, der zweite ist das Bedürfnis nach körperlicher Berührung eines
zu sexueller Ergänzung in Anspruch genommenen Individuums. Während
nämlich M beides besitzt, Detumescenz- wie Kontrektationstrieb, ist bei W
ein eigentlicher Detumescenztrieb gar nicht vorhanden. Dies ist schon
damit gegeben, daß im Sexualakte nicht W an M, sondern nur M an W
etwas abgibt: W b e h ä l t die männlichen wie die weiblichen Sekrete. Im
anatomischen Bau kommt dies ebenfalls zum Ausdruck in der Prominenz
der männlichen Genitalien, die dem Körper des Mannes den Charakter
eines Gefäßes so völlig nimmt. Wenigstens kann man die Männlichkeit des
Detumescenztriebes in dieser morphologischen Tatsache angedeutet finden,
ohne daran sofort eine naturphilosophische Folgerung zu knüpfen. Daß W
der Detumescenztrieb fehlt, wird auch durch die Tatsache bewiesen, daß die
meisten Menschen, die über ⅔ M enthalten, ohne Ausnahme in der Jugend
der Onanie auf längere oder kürzere Zeit verfallen, einem Laster, dem unter
den Frauen nur die mannähnlichsten huldigen. W selbst ist die Masturbation
fremd. Ich weiß, daß ich hiemit eine Behauptung aufstelle, der schroffe
gegenteilige Versicherungen gegenüberstehen. Doch werden sich die
scheinbar widersprechenden Erfahrungen sofort befriedigend erklären.
Zuvor jedoch harrt noch der Kontrektationstrieb von W der
Besprechung. Dieser spielt beim Weibe die größte, weil eine alleinige Rolle.
Aber auch von ihm läßt sich nicht behaupten, daß er beim einen
Geschlechte größer sei als beim anderen. Im Begriffe des
Kontrektationstriebes liegt ja nicht die Aktivität in der Berührung, sondern
nur das Bedürfnis nach dem körperlichen Kontakte mit dem
Nebenmenschen überhaupt, ohne daß schon etwas darüber ausgesagt wäre,
wer der berührende und wer der berührte Teil ist. Die Konfusion in diesen
Dingen, indem immer I n t e n s i t ä t d e s W u n s c h e s mit dem W u n s c h

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n a c h A k t i v i t ä t zusammengeworfen wird, rührt von der Tatsache her,
daß M in der ganzen Tierwelt W gegenüber, ebenso mikrokosmisch jeder
tierische und pflanzliche Samenfaden der Eizelle gegenüber stets der
a u f s u c h e n d e und a g g r e s s i v e Teil ist, und der Irrtum nahe liegt, ein
u n t e r n e h m e n d e s Ve r h a l t e n behufs Erreichung eines Zweckes und
den W u n s c h nach dessen Erreichung aus einander regelmäßig und in einer
konstanten Proportion folgen zu lassen, und auf eine Abwesenheit des
Bedürfnisses zu schließen, wo sich keine deutlichen motorischen
Bestrebungen zeigen, dieses zu befriedigen. So ist man dazu gekommen,
den Kontrektationstrieb für speziell männlich anzusehen und gerade ihn
dem Weibe abzusprechen. Man versteht aber, daß hier noch sehr wohl
i n n e r h a l b des Kontrektationstriebes eine Unterscheidung getroffen
werden muß. Es wird sich fernerhin noch ergeben, daß M in sexueller
Beziehung das Bedürfnis hat, a n z u g r e i f e n (im wörtlichen u n d im
übertragenen Sinne), W das Bedürfnis, a n g e g r i f f e n z u w e r d e n, und
es ist klar, daß das weibliche Bedürfnis, bloß weil es nach Passivität geht,
darum kein geringeres zu sein braucht als das männliche nach der Aktivität.
Diese Distinktionen täten den häufigen Debatten not, welche immer wieder
die Frage aufwerfen, bei welchem Geschlechte der Trieb nach dem anderen
wohl größer sein möge.
Was man bei der Frau als Masturbation bezeichnet hat, entspringt aus
einer anderen Ursache als aus dem Detumescenztriebe. W ist, und damit
kommen wir auf einen wirklichen Unterschied zum ersten Male zu
sprechen, s e x u e l l v i e l e r r e g b a r e r a l s d e r M a n n; seine
p h y s i o l o g i s c h e I r r i t a b i l i t ä t (nicht Sensibilität) ist, was die
Sexualsphäre anlangt, eine viel stärkere. Die Tatsache dieser leichten
sexuellen Erregbarkeit kann sich bei der Frau entweder im W u n s c h e nach
der sexuellen Erregung offenbaren oder in einer eigentümlichen, sehr
reizbaren, ihrer selbst, wie es scheint, keineswegs sicheren und darum
unruhigen und heftigen S c h e u vor der Erregung durch Berührung. Der
Wunsch nach der sexuellen Excitation ist insoferne ein wirkliches Zeichen
der leichten Erregbarkeit, als dieser Wunsch nicht etwa einer jener Wünsche
ist, welchen das in der Natur eines Menschen selbst gegründete
S c h i c k s a l nie Erfüllung gewähren kann, sondern im Gegenteile die hohe
Leichtigkeit und Willigkeit der Gesamtanlage bedeutet, in den Zustand der
sexuellen Erregtheit überzugehen, der vom Weibe möglichst intensiv und
möglichst perpetuierlich ersehnt wird und nicht, wie beim Manne, mit der

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in der Kontrektation erreichten Detumescenz ein natürliches Ende findet.
Was man für Onanie des Weibes ausgegeben hat, sind nicht wie beim
Manne Akte mit der immanierenden Tendenz, den Zustand der sexuellen
Erregtheit aufzuheben; es sind vielmehr lauter Versuche, ihn
herbeizuführen, zu steigern und zu prolongieren. — Aus der Scheu vor der
sexuellen Erregung, einer Scheu, deren Analyse einer Psychologie der Frau
eine keineswegs leichte, vielleicht sogar die schwierigste Aufgabe stellt,
läßt sich desgleichen mit Sicherheit auf eine große Schwäche in dieser
Beziehung schließen.
Der Zustand der sexuellen Erregtheit bedeutet für die Frau nur die
höchste Steigerung ihres Gesamtdaseins. D i e s e s i s t i m m e r u n d
durchaus sexuell. W geht im Geschlechtsleben, in der
Sphäre der Begattung und Fortpflanzung, d. i. im
Ve r h ä l t n i s s e z u m M a n n e u n d z u m K i n d e , v o l l s t ä n d i g
a u f, sie wird von diesen Dingen in ihrer Existenz vollkommen ausgefüllt,
während M n i c h t n u r sexuell ist. Hier liegt also in Wirklichkeit jener
Unterschied, den man in der verschiedenen I n t e n s i t ä t des Sexualtriebes
zu finden suchte. Man hüte sich also vor einer Verwechslung der
H e f t i g k e i t des sexuellen Begehrens und der Stärke der sexuellen Affekte
mit der B r e i t e, in welcher geschlechtliche Wünsche und Besorgnisse den
männlichen oder weiblichen Menschen ausfüllen. B l o ß d i e g r ö ß e r e
Ausdehnung der Sexualsphäre über den ganzen
M e n s c h e n b e i W bildet einen spezifischen Unterschied von der
schwersten Bedeutung zwischen den geschlechtlichen Extremen.
Während also W von der Geschlechtlichkeit gänzlich ausgefüllt und
eingenommen ist, kennt M noch ein Dutzend anderer Dinge: Kampf und
Spiel, Geselligkeit und Gelage, Diskussion und Wissenschaft, Geschäft und
Politik, Religion und Kunst. Ich rede nicht davon, ob es einmal anders war;
das soll uns wenig bekümmern; damit ist es wie mit der Judenfrage: man
sagt, die Juden seien erst das geworden, was sie sind und einmal ganz
anders gewesen. Mag sein: doch das wissen wir hier nicht. Wer der
Entwicklung so viel zutraut, mag immerhin daran glauben; bewiesen ist von
jenen Dingen nichts, gegen die eine historische Überlieferung steht da
immer gleich eine andere. Aber wie heute die Frauen sind, darauf kommt es
an. Und stoßen wir auf Dinge, die unmöglich von außen in ein Wesen
können hineinverpflanzt worden sein, so werden wir getrost annehmen, daß

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dieses sich von jeher gleich geblieben ist. Heute nun zumindest ist eines
sicher richtig: W befaßt sich, eine scheinbare Ausnahme (Kapitel 12)
abgerechnet, mit außergeschlechtlichen Dingen nur für den Mann, den sie
liebt, oder um des Mannes willen, von dem sie geliebt sein möchte. Ein
Interesse für diese Dinge a n s i c h fehlt ihr vollständig. Es kommt vor, daß
eine echte Frau die lateinische Sprache lernt; dann ist es aber nur, um etwa
ihren Sohn, der das Gymnasium besucht, auch hierin noch unterstützen und
überwachen zu können. Lust aber an einer Sache und Talent zu ihr, das
Interesse für sie und die Leichtigkeit ihrer Aneignung sind einander stets
proportional. Wer keine Muskeln hat, hat auch keine Lust zum Hanteln und
Stemmen; nur wer Talent zur Mathematik hat, wird sich ihrem Studium
zuwenden. Also scheint selbst das Ta l e n t im echten Weibe seltener oder
weniger intensiv zu sein (obwohl hierauf wenig ankommt: die
Geschlechtlichkeit wäre ja auch im gegenteiligen Falle zu stark, um andere
ernstgemeinte Beschäftigung zuzulassen); und darum mangelt es wohl auch
beim Weibe an den Bedingungen zur Bildung interessanter Kombinationen,
die beim Manne eine Individualität wohl nicht ausmachen, aber modellieren
können.
Dem entsprechend sind es ausschließlich weiblichere Männer, die in
einem fort hinter den Frauenzimmern her sind und an nichts Interesse
finden als an Liebschaften und an geschlechtlichem Verkehre. Doch soll
hiemit keineswegs das Don Juan-Problem erledigt, oder auch nur ernstlich
berührt sein.
W ist nichts als Sexualität, M ist sexuell und noch
e t w a s d a r ü b e r. Dies zeigt sich besonders deutlich in der so gänzlich
verschiedenen Art, wie Mann und Weib ihren Eintritt in die Periode der
Geschlechtsr e i f e erleben. Beim Manne ist die Zeit der Pubertät immer
krisenhaft, er fühlt, daß ein Fremdes in sein Dasein tritt, etwas, das zu
seinem bisherigen Denken und Fühlen hinzukommt, ohne daß er es
g e w o l l t hat. Es ist die physiologische Erektion, über die der Wille keine
Gewalt hat; und die erste Erektion wird darum von jedem Manne rätselhaft
und beunruhigend empfunden, sehr viele Männer erinnern sich ihrer
Umstände ihr ganzes Leben lang mit größter Genauigkeit. Das Weib aber
findet sich nicht nur leicht in die Pubertät, es fühlt sein Dasein von da ab
sozusagen potenziert, seine eigene Wichtigkeit unendlich erhöht. Der Mann
hat als Knabe gar kein Bedürfnis nach der s e x u e l l e n Reife; die Frau

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erwartet bereits als ganz junges Mädchen von dieser Zeit a l l e s. Der Mann
begleitet die Symptome seiner körperlichen Reife mit unangenehmen, ja
feindlichen und unruhigen Gefühlen, die Frau verfolgt in höchster
Gespanntheit, mit der fieberhaftesten, ungeduldigsten Erwartung ihre
somatische Entwicklung während der Pubertät. Dies beweist, daß die
Geschlechtlichkeit des Mannes nicht auf der geraden Linie seiner
Entwicklung liegt, während bei der Frau nur eine ungeheuere Steigerung
ihrer b i s h e r i g e n Daseinsart eintritt. Es gibt wenig Knaben dieses Alters,
welche den Gedanken, daß sie sich verlieben oder heiraten würden (heiraten
überhaupt, nicht im Hinblick auf ein bestimmtes Mädchen), nicht höchst
lächerlich finden und indigniert zurückweisen; indes die kleinsten Mädchen
bereits auf die Liebe und die Heirat überhaupt wie auf die Vollendung ihres
Daseins erpicht zu sein scheinen. Darum wertet die Frau bei sich selbst und
bei anderen Frauen nur die Zeit der Geschlechtsreife positiv; zur Kindheit
wie zum Alter hat sie kein rechtes Verhältnis. Der Gedanke an ihre Kindheit
ist ihr später nur ein Gedanke an ihre Dummheit, der Aspekt, unter dem sich
ihr das eigene Alter im voraus darstellt, ist Angst und Abscheu. Aus der
Kindheit werden durch eine positive Bewertung von ihrem Gedächtnis nur
die sexuellen Momente herausgehoben, und auch diese sind im Nachteile
gegenüber den späteren unvergleichlich höheren Intensifikationen ihres
Lebens — welches eben ein Sexualleben ist. Die Brautnacht endlich, der
Moment der Defloration, ist der wichtigste, ich möchte sagen, der
Halbierungspunkt des ganzen Lebens der Frau. Im Leben des Mannes spielt
der erste Koitus im Verhältnis zu der Bedeutung, die er beim anderen
Geschlechte besitzt, überhaupt keine Rolle.
Die Frau ist n u r sexuell, der Mann ist a u c h sexuell: sowohl räumlich
wie zeitlich läßt sich diese Differenz noch weiter ausspinnen. Die Punkte
seines Körpers, von denen aus der Mann geschlechtlich erregt werden kann,
sind gering an Zahl und streng lokalisiert. Beim Weibe ist die Sexualität
diffus ausgebreitet über den ganzen Körper, jede Berührung, an welcher
Stelle immer, erregt sie sexuell. Wenn also im zweiten Kapitel des ersten
Teiles die bestimmte sexuelle Charakteristik des g a n z e n männlichen wie
des g a n z e n weiblichen Körpers behauptet wurde, so ist dies nicht so zu
verstehen, als bestünde von jedem Punkte aus die Möglichkeit
gleichmäßiger sexueller Reizung beim Manne ebenso wie beim Weibe.
Freilich gibt es auch bei der Frau lokale Unterschiede in der Erregbarkeit,

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aber es sind hier nicht wie beim Manne alle übrigen körperlichen Partien
gegen den Genitaltrakt scharf geschieden.
Die morphologische Abhebung der männlichen Genitalien vom Körper
des Mannes könnte abermals als symbolisch für dieses Verhältnis
angesehen werden.
Wie die Sexualität des Mannes ö r t l i c h gegen Asexuelles in ihm
hervortritt, so findet sich dieselbe Ungleichheit auch in seinem Verhalten zu
verschiedenen Z e i t e n ausgeprägt. Das Weib ist f o r t w ä h r e n d, der Mann
nur i n t e r m i t t i e r e n d sexuell. Der Geschlechtstrieb ist beim Weibe
immer vorhanden (über jene scheinbaren Ausnahmen, welche man gegen
die Geschlechtlichkeit des Weibes stets ins Feld führt, wird noch sehr
ausführlich zu handeln sein), beim Manne r u h t er immer längere oder
kürzere Zeit. Daraus erklärt sich nun auch der e r u p t i v e Charakter des
männlichen Geschlechtstriebes, der diesen so viel auffallender erscheinen
läßt als den weiblichen und zu der Verbreitung des Irrtumes beigetragen hat,
daß der Geschlechtstrieb des Mannes intensiver sei als der des Weibes. Der
wahre Unterschied liegt hier darin, daß für M der Begattungstrieb
sozusagen ein pausierendes Jucken, für W ein unaufhörlicher Kitzel ist.
Die ausschließliche und kontinuierliche Sexualität des Weibes in
körperlicher und psychischer Hinsicht hat nun aber noch weiterreichende
Folgen. Daß die Sexualität nämlich beim Manne nur einen Appendix und
nicht alles ausmacht, ermöglicht dem Manne auch ihre p s y c h o l o g i s c h e
Abhebung von einem Hintergrunde und somit ihr B e w u ß t w e r d e n. So
kann sich der Mann seiner Sexualität gegenüberstellen und sie losgelöst von
anderem in Betracht ziehen. Beim Weibe kann sich die Sexualität nicht
durch eine zeitliche Begrenzung ihrer Ausbrüche noch durch e i n
anatomisches Organ, in dem sie äußerlich sichtbar lokalisiert ist, a bheben
von einer n i c h tsexuellen Sphäre. Darum w e i ß der Mann um seine
Sexualität, während die Frau sich ihrer Sexualität schon darum gar nicht
bewußt werden und sie somit in gutem Glauben in Abrede stellen kann,
weil sie nichts ist als Sexualität, weil sie die
S e x u a l i t ä t s e l b s t i s t, wie in Antizipation späterer Darlegungen gleich
hinzugefügt werden mag. Es fehlt den F r a u e n, weil sie n u r sexuell sind,
die zum B e m e r k e n der Sexualität wie zu allem Bemerken notwendige
Z w e i h e i t; indessen sich beim stets mehr als bloß sexuellen M a n n e die
Sexualität nicht nur anatomisch, sondern auch p s y c h o l o g i s c h von allem

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anderen abhebt. Darum besitzt er die Fähigkeit, zur Sexualität selbständig
in ein Verhältnis zu treten; er kann sie, wenn er sich mit ihr
auseinandersetzt, in Schranken weisen oder ihr eine größere Ausdehnung
einräumen, er kann sie negieren oder bejahen: zum Don Juan wie zum
Heiligen sind die Möglichkeiten in ihm vorhanden, er kann die eine oder
die andere von beiden ergreifen. Grob ausgedrückt: der Mann hat den Penis,
aber die Vagina hat die Frau.
Es ist hiemit als wahrscheinlich deduziert, daß der Mann seiner
Sexualität sich bewußt werde und ihr selbständig gegenübertrete, während
der Frau die Möglichkeit dazu abzugehen scheint; und zwar beruft sich
diese Begründung auf eine größere Differenziertheit im Manne, in dem
Sexuelles u n d Asexuelles auseinandergetreten sind. Die Möglichkeit oder
Unmöglichkeit, einen bestimmten einzelnen Gegenstand zu ergreifen, liegt
aber nicht in dem Begriffe, den man mit dem Worte Bewußtsein
gewöhnlich verbindet. Dieser scheint vielmehr zu inkludieren, daß, w e n n
ein Wesen Bewußtsein hat, es j e d e s Objekt zu dessen Inhalt machen
könne. Es erhebt sich also hier die Frage nach der N a t u r d e s
w e i b l i c h e n B e w u ß t s e i n s ü b e r h a u p t, und die Erörterungen über
dieses Thema werden uns erst auf einem langen Umweg zu jenem hier so
flüchtig gestreiften Punkte wieder zurückführen.

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III. Kapitel.
Männliches und weibliches Bewußtsein.
Bevor auf einen Hauptunterschied des psychischen Lebens der
Geschlechter, soweit dieses die Dinge der Welt zu seinen Inhalten macht,
näher eingegangen werden kann, müssen einige psychologische
Sondierungen vorgenommen und einige Begriffe festgelegt werden. Da die
Anschauungen und Prinzipien der herrschenden Psychologie ohne
Rücksicht auf dieses spezielle Thema sich entwickelt haben, so wäre es ja
nur zu verwundern, wenn ihre Theorien ohne weiteres auf dessen Gebiet
sich anwenden ließen. Zudem gibt es heute noch keine P s y c h o l o g i e,
sondern bis jetzt nur P s y c h o l o g i e n; und der Anschluß an eine bestimmte
Schule, um, nur unter Zugrundelegung ihrer Lehrmeinungen, das ganze
Thema zu behandeln, trüge wohl viel mehr den Charakter der Willkür an
sich als das hier einzuschlagende Verfahren, welches, in möglichstem
Anschluß an bisherige Errungenschaften, doch die Dinge, soweit als nötig,
von neuem in Selbständigkeit ergründen will.
Die Bestrebungen nach einer vereinheitlichenden Betrachtung des
ganzen Seelenlebens, nach seiner Zurückführung auf einen einzigen
Grundprozeß haben in der empirischen Psychologie vor allem in dem
Verhältnis sich geoffenbart, das von den einzelnen Forschern zwischen
E m p f i n d u n g e n und G e f ü h l e n angenommen wurde. H e r b a r t hat die
Gefühle aus den Vorstellungen abgeleitet, H o r w i c z hingegen aus den
Gefühlen erst die Empfindungen sich entwickeln lassen. Die führenden
modernen Psychologen haben die Aussichtslosigkeit dieser monistischen
Bemühungen hervorgehoben. Dennoch lag diesen ein Wahres zu Grunde.
Man muß, um dieses Wahre zu finden, eine Unterscheidung zu treffen
nicht unterlassen, welche, so nahe sie zu liegen scheint, in der heutigen
Psychologie merkwürdigerweise gänzlich vermißt wird. Man muß das
erstmalige Empfinden einer Empfindung, das erste Denken eines
Gedankens, das erste Fühlen eines Gefühles selbst auseinanderhalten von
den späteren Wiederholungen desselben Vorganges, bei welchen schon ein
Wiedererkennen erfolgen kann. Für eine Anzahl von Problemen scheint

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diese Distinktion, obgleich sie in der heutigen Psychologie leider nicht
gemacht wird, von bedeutender Wichtigkeit.
Jeder deutlichen, klaren, plastischen E m p f i n d u n g läuft
ursprünglich, ebenso jedem scharfen, distinkten Gedanken, bevor er z u m
e r s t e n M a l e in Worte gefaßt wird, ein, freilich oft äußerst k u r z e s ,
S t a d i u m d e r U n k l a r h e i t v o r a n. Desgleichen geht jeder noch nicht
geläufigen A s s o z i a t i o n eine mehr oder minder verkürzte Spanne Zeit
vorher, wo bloß ein dunkles Richtungsgefühl nach dem zu Assoziierenden
hin, eine allgemeine Assoziationsahnung, eine Empfindung von
Zugehörigkeit zu etwas anderem vorhanden ist. Verwandte Vorgänge haben
besonders L e i b n i z sicherlich beschäftigt und gaben, mehr oder weniger
gut beschrieben, Anlaß zu den erwähnten Theorien von Herbart und
Horwicz.
Da man als einfache Grundformen der G e f ü h l e insgemein nur Lust
und Unlust, eventuell noch mit W u n d t Lösung und Spannung, Beruhigung
und Erregung ansieht, ist die Einteilung der psychischen Phänomene in
Empfindungen und Gefühle für die Erscheinungen, die in das Gebiet jener
Vorstadien der Klarheit fallen, wie sich bald deutlicher zeigen wird, zu eng
und darum zu ihrer Beschreibung nicht verwendbar. Ich will daher, um hier
scharf zu umgrenzen, die allgemeinste Klassifikation der psychischen
Phänomene benützen, die wohl getroffen werden konnte: es ist die von
Av e n a r i u s in »Elemente« und »Charaktere« (der »Charakter« hat in
dieser Bedeutung nichts mit dem O b j e k t e d e r C h a r a k t e r o l o g i e
gemein).
Av e n a r i u s hat den Gebrauch seiner Theorien weniger durch seine,
bekanntlich vollständig neue, Terminologie erschwert (die sogar viel
Vorzügliches enthält und für gewisse Dinge, die er zuerst bemerkt und
bezeichnet hat, kaum entbehrlich ist); was der Annahme mancher seiner
Ergebnisse am meisten im Wege steht, ist seine unglückliche Sucht, die
Psychologie aus einem gehirnphysiologischen Systeme abzuleiten, d a s e r
s e l b s t n u r a u s d e n p s y c h o l o g i s c h e n Ta t s a c h e n d e r
i n n e r e n E r f a h r u n g (unter äußerlicher Zuziehung der allgemeinsten
biologischen Kenntnisse über das Gleichgewicht zwischen Ernährung und
Arbeit) g e w o n n e n h a t t e. Der psychologische zweite Teil seiner »Kritik
der reinen Erfahrung« war die Basis, auf der sich in ihm selbst die
Hypothesen des physiologischen ersten Teiles aufgebaut hatten; in der

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Darstellung kehrte sich das Verhältnis um, und so mutet dieser erste Teil
den Leser an wie eine Reisebeschreibung von Atlantis. Um dieser
Schwierigkeiten willen muß ich den Sinn der Avenariusschen Einteilung,
die für meinen Zweck sich am geeignetsten erwiesen hat, hier kurz
darlegen.
»E l e m e n t« ist für Avenarius das, was in der Schulpsychologie
»Empfindung«, »Empfindungsinhalt« oder »Inhalt« schlechtweg heißt (und
zwar sowohl bei der »Perzeption« als bei der »Reproduktion«), bei
Schopenhauer »Vorstellung«, bei den Engländern sowohl die »impression«
als die »idea«, im gewöhnlichen Leben »Ding, Sache, Gegenstand«:
gleichviel, ob äußere Erregung eines Sinnesorganes
v o r h a n d e n i s t o d e r n i c h t , w a s s e h r w i c h t i g u n d n e u w a r.
Dabei ist es, für seine wie für unsere Zwecke, recht nebensächlich, wo man
mit der sogenannten Analyse Halt macht, ob man den g a n z e n Baum als
»Empfindung« betrachtet oder nur das einzelne Blatt, den einzelnen
Stengel, oder (wobei meistens stehen geblieben wird) gar nur deren Farbe,
Größe, Konsistenz, Geruch, Temperatur als wirklich »Einfaches« gelten
lassen will. Denn man könnte ja auf diesem Wege noch weiter gehen, sagen,
das Grün des Blattes sei schon Komplex, nämlich Resultante aus seiner
Qualität, Intensität, Helligkeit, Sättigung und Ausdehnung, und brauchte
erst diese als Elemente gelten zu lassen; ähnlich wie es den Atomen oft
geht: schon einmal mußten sie den »Ameren« weichen, jetzt wieder den
»Elektronen«.
Seien also »grün«, »blau«, »kalt«, »warm«, »hart«, »weich«, »süß«,
»sauer« E l e m e n t e, so ist C h a r a k t e r nach Avenarius jederlei
»Färbung«, »G e f ü h l s t o n«, mit dem jene auftreten; u n d z w a r n i c h t
n u r »angenehm«, »schön«, »wohltuend« und ihre Gegenteile, sondern
auch, was Avenarius zuerst als psychologisch hieher gehörend erkannt hat,
»befremdend«, »zuverlässig«, »unheimlich«, »beständig«, »anders«,
»sicher«, »bekannt«, »tatsächlich«, »zweifelhaft« etc. etc. Wa s ich z. B.
vermute, glaube, weiß, ist »E l e m e n t«; d a ß es just v e r m u t e t wird, nicht
g e g l a u b t, nicht g e w u ß t, ist p s y c h o l o g i s c h (nicht logisch) ein
»C h a r a k t e r«, i n welchem das »Element« gesetzt ist.
Nun gibt es aber ein Stadium im Seelenleben, auf welchem auch diese
umfassendste Einteilung der psychischen Phänomene n o c h n i c h t
durchführbar ist, z u f r ü h k o m m t. E s e r s c h e i n e n n ä m l i c h i n

Page 127

ihren Anfängen alle »Elemente« wie in einem
v e r s c h w o m m e n e n H i n t e r g r u n d e, als eine »rudis indigestaque
moles«, w ä h r e n d C h a r a k t e r i s i e r u n g ( u n g e f ä h r a l s o =
Gefühlsbetonung) zu dieser Zeit das Ganze lebhaft
u m w o g t. Es gleicht dies dem Prozesse, der vor sich geht, wenn man
einem Umgebungsbestandteil, einem Strauch, einem Holzstoß aus weiter
Ferne sich nähert: den ursprünglichen Eindruck, den man von ihm
empfängt, diesen ersten Augenblick, in dem man noch lange nicht weiß,
was »e s« eigentlich ist, diesen Moment der ersten stärksten Unklarheit und
Unsicherheit bitte ich zum Verständnis des Folgenden vor allem
festzuhalten.
In diesem Augenblicke nun sind »Element« und
» C h a r a k t e r « a b s o l u t u n u n t e r s c h e i d b a r (u n t r e n n b a r sind sie
stets, nach der sicherlich zu befürwortenden Modifikation, die P e t z o l d t
an Av e n a r i u s ' Darstellung vorgenommen hat). In einem dichten
Menschengedränge nehme ich z. B. ein Gesicht wahr, dessen Anblick mir
durch die dazwischen wogenden Massen s o f o r t wieder entzogen wird. Ich
habe keine Ahnung, wie dieses Gesicht aussieht, wäre völlig unfähig, es zu
beschreiben oder auch nur e i n Kennzeichen desselben anzugeben; und
doch hat es mich in die lebhafteste Aufregung versetzt, und ich frage in
angstvoll-gieriger Unruhe: wo hab' ich dieses Gesicht nur schon gesehen?
Erblickt ein Mensch einen Frauenkopf, der auf ihn einen sehr starken
sinnlichen Eindruck macht, für einen »Augenblick«, so vermag er oft sich
selbst gar nicht zu sagen, was er eigentlich gesehen hat, es kann
vorkommen, daß er nicht einmal an die Haarfarbe genau sich zu erinnern
weiß. Bedingung ist immer, daß die Netzhaut dem Objekte, um mich ganz
photographisch auszudrücken, genügend k u r z e Zeit, B r u c h t e i l e einer
Sekunde lang, e x p o n i e r t war.
Wenn man sich irgend einem Gegenstande aus weiter Ferne nähert, hat
man stets zuerst nur ganz vage Umrisse von ihm unterschieden; dabei aber
überaus lebhafte Gefühle empfunden, die in dem Maße zurücktreten, als
man eben näher kommt und die Einzelheiten schärfer ausnimmt. (Von
»Erwartungsgefühlen« ist, wie noch ausdrücklich bemerkt werden soll, hier
nicht die Rede.) Man denke an Beispiele, wie an den ersten Anblick eines
aus seinen Nähten gelösten menschlichen Keilbeins; oder an den mancher
Bilder und Gemälde, sowie man einen halben Meter inner- oder außerhalb

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der richtigen Distanz Fuß gefaßt hat; ich erinnere mich speziell an den
Eindruck, den mir Passagen mit Zweiunddreißigsteln aus Beethovenschen
Klavierauszügen und eine Abhandlung mit lauter dreifachen Integralen
gemacht haben, ehe ich noch die Noten kannte und vom Integrieren einen
Begriff hatte. Dies eben haben Av e n a r i u s und P e t z o l d t ü b e r s e h e n:
daß alles H e r v o r t r e t e n d e r E l e m e n t e von e i n e r g e w i s s e n
A b s o n d e r u n g d e r C h a r a k t e r i s i e r u n g (der Gefühlsbetonung)
b e g l e i t e t i s t.
Auch einige von der experimentellen Psychologie festgestellte
Tatsachen kann man zu diesen Ergebnissen der Selbstbeobachtung in
Beziehung bringen. Läßt man im Dunkelzimmer auf ein im Zustande der
Dunkeladaptation befindliches Auge einen momentanen oder äußerst kurze
Zeit währenden f a r b i g e n Reiz einwirken, so hat der Beobachter nur den
Eindruck schlechtweg der Erhellung, ohne daß er die nähere Farbenqualität
des Lichtreizes anzugeben vermag; es wird ein »Etwas« empfunden ohne
irgend welche genauere Bestimmtheit, ein »Lichteindruck überhaupt«
ausgesagt; und die präzise Angabe der Farbenqualität ist selbst noch dann
nicht leicht möglich, wenn die Dauer des Reizes (natürlich nicht über ein
gewisses Maß) verlängert wird.
Ebenso geht aber jeder wissenschaftlichen Entdeckung, jeder
technischen Erfindung, jeder künstlerischen Schöpfung ein verwandtes
Stadium der Dunkelheit voran, einer Dunkelheit wie jener, aus welcher
Z a r a t h u s t r a seine Wiederkunftslehre an das Licht ruft: »Herauf,
abgründlicher Gedanke, aus meiner Tiefe! Ich bin dein Hahn und
Morgengrauen, verschlafener Wurm: auf, auf! meine Stimme soll dich
schon wachkrähen!« — Der Prozeß in seiner Gänze, von der völligen
Wirrnis bis zur strahlenden Helle, ist in seinem Verlaufe vergleichbar mit
der Folge der Bilder, die man passiv empfängt, wenn von irgend einer
plastischen Gruppe, einem Relief die feuchten Tücher, die es in großer
Anzahl eingehüllt haben, eines nach dem anderen weggenommen werden;
bei einer Denkmalsenthüllung erlebt der Zuschauer ähnliches. Aber auch,
wenn ich mich an etwas erinnere, z. B. an irgend eine einmal gehörte
Melodie, wird dieser Prozeß w i e d e r durchgemacht; freilich oft in äußerst
verkürzter Gestalt und darum schwer zu bemerken. J e d e m neuen
Gedanken geht ein solches Stadium des »Vo r g e d a n k e n s«, wie ich es
nennen möchte, vorher, wo fließende geometrische Gebilde, visuelle

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Phantasmen, Nebelbilder auftauchen und zergehen, »schwankende
Gestalten«, verschleierte Bilder, geheimnisvoll lockende Masken sich
zeigen; Anfang und Ende des ganzen Herganges, den ich in seiner
Vollständigkeit kurz den Prozeß der »K l ä r u n g« nenne, verhalten sich in
gewisser Beziehung wie die Eindrücke, die ein stark Kurzsichtiger von weit
entfernten Gegenständen erhält mit und ohne die korrigierenden Linsen.
Und wie im Leben des einzelnen (der vielleicht stirbt, ehe er den
ganzen Prozeß durchlaufen hat), so gehen auch in der Geschichte der
Forschung die »A h n u n g e n« stets den klaren Erkenntnissen voran. Es ist
derselbe Prozeß der Klärung, a u f G e n e r a t i o n e n v e r t e i l t. Man denke
z. B. an die zahlreichen griechischen und neuzeitlichen Antizipationen der
L a m a r c kschen und D a r w i nschen Theorien, derentwegen die
»Vorläufer« heute bis zum Überdruß belobt werden, an die vielen
Vorgänger von R o b e r t M a y e r und H e l m h o l t z, an all die Punkte, wo
G o e t h e und L i o n a r d o d a Vi n c i, freilich vielleicht die vielseitigsten
Menschen, den späteren Fortschritt der Wissenschaft vorweggenommen
haben u. s. w., u. s. w. Um solche Vorstadien handelt es sich regelmäßig,
wenn entdeckt wird, dieser oder jener Gedanke sei gar nicht neu, er stehe ja
schon bei dem und dem. — Auch bei allen Kunststilen, in der Malerei wie
in der Musik, ist ein ähnlicher Entwicklungsprozeß zu beobachten: vom
unsicheren Tasten und vorsichtigen Balancieren bis zu großen Siegen. —
Ebenso beruht der gedankliche Fortschritt der Menschheit auch in der
Wissenschaft fast allein auf einer besseren und immer besseren
Beschreibung und Erkenntnis d e r s e l b e n Dinge, es ist der Prozeß der
Klärung, über die ganze menschliche Geschichte
a u s g e d e h n t. Was wir neues bemerken, es kommt d a n e b e n nicht
eigentlich sehr in Betracht.
Wie viele Grade der Deutlichkeit und Differenziertheit ein
Vorstellungsinhalt durchlaufen kann bis zum völlig distinkten, von keinerlei
Nebel in den Konturen mehr getrübten Gedanken, das kann man stets
beobachten, wenn man einen schwierigen neuen Gegenstand, z. B. die
Theorie der elliptischen Funktionen, durch das Studium sich anzueignen
sucht. Wie viele G r a d e d e s Ve r s t e h e n s macht man da nicht an sich
selbst durch (insbesondere in Mathematik und Mechanik), bis alles vor
einem daliegt, in schöner Ordnung, in vollständiger Disposition, in
ungestörter und vollkommener Harmonie der Teile zum Ganzen, offen dem

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mühelosen Ergreifen durch die Aufmerksamkeit! Diese Grade entsprechen
den einzelnen Etappen auf dem Wege der Klärung.
Der Prozeß der Klärung kann auch r e t r o g r a d verlaufen: von der
völligen Distinktheit bis zur größten Verschwommenheit. Diese
U m k e h r u n g des Klärungsverlaufes ist nichts anderes als der Prozeß des
Ve r g e s s e n s, der nur in der Regel über eine längere Zeit ausgedehnt ist
und meist bloß durch Zufall auf dem einen oder anderen Punkte seines
Fortschreitens bemerkt wird. Es verfallen gleichsam ehedem wohlgebahnte
Straßen, für deren Pflege nichts durch »Reproduktion« geschehen ist; wie
aus dem jugendlichen »Vorgedanken« der in größter Intensität aufblitzende
»Gedanke«, so wird aus dem »Gedanken« der altersschwache
»Nachgedanke«: und wie auf einem lange nicht begangenen Waldweg von
rechts und links Gräser, Kräuter, Stauden hereinzuwuchern beginnen, so
verwischt sich Tag für Tag die deutliche Prägung des Gedankens, der nicht
mehr gedacht wird. Hieraus wird auch eine praktische Regel verständlich,
die ein Freund[14] sehr oft bestätigt gefunden hat: wer irgend etwas
e r l e r n e n will, sei es ein Musikstück oder ein Abschnitt aus der
Geschichte der Philosophie, wird im allgemeinen nicht ohne Unterbrechung
sich dieser Aneignungsarbeit widmen können, und jede einzelne Partie des
Stoffes wiederholt durchnehmen müssen. Da fragt es sich nun, wie groß
sind am zweckmäßigsten die Pausen, zwischen dem einen Male und dem
nächsten zu wählen? Es hat sich nun herausgestellt — und es dürfte
allgemein so sein — daß mit einer Wiederholung begonnen werden muß,
solange man sich n o c h n i c h t w i e d e r für die Arbeit i n t e r e s s i e r t, so
lange man sein Pensum noch halbwegs z u b e h e r r s c h e n g l a u b t.
Sowie es einem nämlich genugsam entschwunden ist, um wieder zu
interessieren, neugierig oder wißbegierig zu machen, sind die Resultate der
ersten Einübung schon zurückgegangen und kann die zweite die erste nicht
gleich verstärken, sondern muß einen guten Teil der Klärungsarbeit von
frischem auf sich nehmen.
Vielleicht ist im Sinne der Siegmund E x n e rschen Lehre von der
»Bahnung« einer sehr populären Anschauung gemäß, wirklich als der
physiologische Parallelprozeß der Klärung, anzunehmen, daß die
Nervenfasern, eventuell ihre Fibrillen, erst durch (entweder länger
anhaltende oder häufig wiederholte) Affektion für die Reizleitung
w e g s a m gemacht werden müssen. Ebenso würde natürlich im Falle des

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Vergessens das Resultat dieser »Bahnung« rückgängig gemacht, die durch
sie herausgebildeten morphologischen Strukturelemente im einzelnen
Neuron infolge mangelnden Geübtwerdens atrophieren. Die
Av e n a r i u ssche Theorie den obigen verwandter Erscheinungen —
Av e n a r i u s würde Unterschiede der »Artikulation« oder »Gliederung« in
den Gehirnprozessen (den »unabhängigen Schwankungen des Systems C«)
zur Erklärung dieser Dinge angenommen haben — überträgt denn doch
wohl zu einfach und wörtlich Eigenschaften der »abhängigen Reihe« (d. i.
des Psychischen) auf die »unabhängige« (physische), als daß sie speziell
der Frage der psychophysischen Zuordnung irgendwie für förderlich gelten
könnte. Dagegen erscheint der Ausdruck »artikuliert«, »gegliedert« zur
Beschreibung des Grades der Distinktheit, mit welchem die einzelnen
psychischen Data gegeben sind, wohl geeignet, und sei hiemit seine spätere
Verwendung für diesen Zweck vorbehalten.
Der Prozeß der Klärung mußte hier in seinem ganzen Verlauf verfolgt
werden, um Umfang und Inhalt des neuen Begriffes kennen zu lernen; doch
ist für das jetzt Folgende nur das Initialstadium, der Ausgangspunkt der
Klärung, von Wichtigkeit. An den Inhalten, die weiterhin den Prozeß der
Klärung durchmachen, ist, so hieß es, im allerersten Momente, in dem sie
sich präsentieren, auch die Av e n a r i u ssche Unterscheidung von
»Element« und »Charakter« n o c h n i c h t d u r c h f ü h r b a r. Es wird also
derjenige, welcher diese Einteilung für alle Data der e n t w i c k e l t e n
Psyche acceptiert, für die Inhalte in jenem Stadium, w o e i n e s o l c h e
Z w e i h e i t a n i h n e n n o c h n i c h t u n t e r s c h e i d b a r i s t, einen
eigenen Namen einzuführen haben. Es sei, ohne alle über den Rahmen
dieser Arbeit hinausgehenden Ansprüche, für psychische Data auf jenem
primitivsten Zustande ihrer Kindheit das Wort »H e n i d e« vorgeschlagen
(von ἕν, weil sie noch nicht Empfindung und Gefühl als z w e i für die
Abstraktion isolierbare analytische Momente, noch keinerlei Zweiheit
erkennen lassen).
Die absolute Henide ist hiebei nur als ein
G r e n z b e g r i f f z u b e t r a c h t e n . Wie oft w i r k l i c h e psychische
Erlebnisse im e r w a c h s e n e n Alter des Menschen einen Grad von
Undifferenziertheit erreichen, der ihnen diesen Namen mit Recht eintrüge,
läßt sich so rasch nicht mit Sicherheit ausmachen; aber die Theorie an sich
wird hiedurch nicht berührt. Eine Henide wird es im allgemeinen genannt

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werden dürfen, was, bei verschiedenen Menschen verschieden häufig, im
Gespräche zu passieren pflegt: man hat ein ganz bestimmtes Gefühl, wollte
eben etwas ganz Bestimmtes s a g e n; da bemerkt z. B. der andere etwas,
und »es« ist nun weg, nicht mehr zu erhaschen. Später wird aber durch eine
Assoziation plötzlich etwas reproduziert, von dem man sofort ganz genau
weiß, daß es d a s s e l b e ist, was man früher nicht beim Zipfel fassen
konnte: ein Beweis, daß es d e r s e l b e Inhalt war, nur in anderer F o r m,
a u f e i n e m a n d e r e n S t a d i u m d e r E n t w i c k l u n g. Die Klärung
erfolgt also nicht nur im Laufe des ganzen individuellen Lebens nach dieser
Richtung hin, sie muß auch für jeden Inhalt wieder von neuem
durchgemacht werden.
Ich besorge, daß jemand eine nähere Beschreibung dessen verlangen
möchte, was ich mit der Henide eigentlich meine. Wie sehe eine Henide
aus? Das wäre ein völliges Mißverständnis. Es liegt im Begriffe der Henide,
daß sie sich nicht näher beschreiben läßt, als ein dumpfes Eines; d a ß
später die Identifikation mit dem völlig artikulierten
I n h a l t e e r f o l g t , i s t e b e n s o s i c h e r, w i e d a ß d i e H e n i d e
d i e s e r a r t i k u l i e r t e I n h a l t s e l b s t n o c h n i c h t g a n z i s t, sich
von ihm irgendwie, durch den Grad der Bewußtheit, durch den Mangel an
Reliefierung, durch das Verschmolzensein von Folie und Hauptsache, durch
den Mangel eines »Blickpunktes« im »Blickfelde« unterscheidet.
Also einzelne Heniden kann man nicht beobachten und nicht
beschreiben: m a n k a n n n u r K e n n t n i s n e h m e n v o n i h r e m
D a g e w e s e n s e i n.
Es läßt sich übrigens p r i n z i p i e l l in Heniden genau so gut denken,
leben wie in Elementen und Charakteren; jede Henide ist ein Individuum
und unterscheidet sich sehr wohl von jeder anderen. Aus später zu
erörternden Gründen ist anzunehmen, daß die Erlebnisse der ersten
Kindheit (und zwar dürfte dies für die ersten 14 Monate ausnahmslos für
das Leben a l l e r Menschen zutreffen) Heniden sind, wenn auch vielleicht
nicht in der absoluten Bedeutung. Doch rücken die psychischen
Geschehnisse der ersten Kindheit wenigstens nie weit aus der Nähe des
Henidenstadiums heraus; für den Erwachsenen indessen gibt es stets eine
Entwicklung vieler Inhalte über jene Stufe empor. Dagegen ist in der
Henide offenbar die Form des Empfindungslebens der niedersten Bionten,
und vielleicht sehr vieler Pflanzen und Tiere zu sehen. Von der Henide ist

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d e m M e n s c h e n die Entwicklung nach einem vollständig differenzierten,
plastischen Empfinden und Denken hin möglich, wenn auch dieses nur ein
nie ganz ihm erreichbares Ideal darstellt. Während die absolute Henide die
Sprache überhaupt noch nicht gestattet, indem die Gliederung der Rede nur
aus der des Gedankens folgt, gibt es auch auf der höchsten dem Menschen
möglichen Stufe des Intellektes noch Unklares und darum
Unaussprechliches.
Im ganzen also will die Henidentheorie den zwischen Empfindung und
Gefühl um die Würde des höheren Alters geführten Streit schlichten helfen,
und an Stelle der von Av e n a r i u s und P e t z o l d t aus der Mitte des
Klärungsverlaufes herausgegriffenen Notionen »Element« und »Charakter«
eine e n t w i c k l u n g s g e s c h i c h t l i c h e Beschreibung des Sachverhaltes
versuchen: auf Grund der fundamentalen Beobachtung, daß erst mit dem
Heraustreten der »Elemente« diese von den »Charakteren« unterscheidbar
werden. Darum ist man zu »Stimmungen« und zu allen »Sentimentalitäten«
nur disponiert, wenn die Dinge sich nicht in scharfen Konturen darstellen,
und ihnen eher ausgesetzt in der Nacht als am Tage. Wenn die Nacht dem
Lichte weicht, wird auch die Denkart der Menschen eine andere.
In welcher Beziehung steht nun aber diese Untersuchung zur
Psychologie der Geschlechter? Wie unterscheiden sich — denn offenbar
wurde zu solchem Zwecke diese längere Grundlegung gewagt — M und W
mit Rücksicht auf die verschiedenen Stadien der Klärung?
Darauf ist folgende Antwort zu geben:
Der Mann hat die gleichen psychischen Inhalte wie
d a s We i b i n a r t i k u l i e r t e r e r F o r m ; w o s i e m e h r o d e r
minder in Heniden denkt, dort denkt er bereits in
klaren, distinkten Vo r s t e l l u n g e n , an die sich
ausgesprochene und stets die Absonderung von den
Dingen gestattende Gefühle knüpfen. Bei W sind
»Denken« und »Fühlen« eins, ungeschieden, für M sind
sie auseinanderzuhalten. W hat also viele Erlebnisse
noch in Henidenform, wenn bei M längst Klärung
e i n g e t r e t e n i s t .[15] Darum ist W sentimental, und kennt das Weib nur
die Rührung, nicht die Erschütterung.

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Der größeren Artikulation der psychischen Data im Manne entspricht
auch die größere Schärfe seines Körperbaues und seiner Gesichtszüge
gegenüber der Weichheit, Rundung, Unentschiedenheit in der echten
weiblichen Gestalt und Physiognomie. Ferner stimmen mit dieser
Anschauung die Ergebnisse der die Geschlechter vergleichenden
Sensibilitätsmessungen überein, die, entgegen der populären Meinung, bei
den M ä n n e r n eine durchgängig größere Sinnesempfindlichkeit schon am
D u r c h s c h n i t t ergeben haben und solche Differenzen sicherlich in noch
viel höherem Maße hätten hervortreten lassen, wenn die Ty p e n in Betracht
gezogen worden wären. Die einzige Ausnahme bildet der Tastsinn: die
taktile Empfindlichkeit der Frauen ist feiner als die der Männer. Das
Faktum ist interessant genug, um zur Auslegung aufzufordern, und eine
solche wird auch später versucht werden. Zu bemerken ist hier noch, daß
hingegen die Schmerzsensibilität des Mannes eine unvergleichlich größere
ist als die der Frau, was für die physiologischen Untersuchungen über den
»Schmerzsinn« und seine Scheidung vom »Hautsinn« von Wichtigkeit ist.
Schwache Sensibilität wird das Verbleiben der Inhalte in der Nähe des
Henidenstadiums sicherlich begünstigen; geringere Klärung kann aber nicht
als ihre unbedingte Folge dargetan werden, sondern läßt sich mit ihr nur in
einen sehr wahrscheinlichen Zusammenhang bringen. Ein zuverlässigerer
Beweis für die geringere Artikulation des weiblichen Vorstellens liegt in der
größeren E n t s c h i e d e n h e i t i m U r t e i l des Mannes, ohne daß diese
a l l e i n aus der geringeren Distinktheit des Denkens beim Weibe sich schon
völlig a b l e i t e n ließe (vielleicht weisen beide auf eine gemeinsame tiefere
Wurzel zurück). Doch ist wenigstens dies eine sicher, daß wir, so lange wir
dem Henidenstadium nahe sind, meist nur genau wissen, wie sich eine
Sache n i c h t verhält, und das wissen wir immer schon lange, bevor wir
wissen, w i e sie sich verhält: hierauf, auf einem Besitzen von Inhalten in
Henidenform, beruht wohl auch das, was M a c h »instinktive Erfahrung«
nennt. Nahe dem Henidenstadium reden wir noch immer um die Sache
herum, korrigieren uns bei jedem Versuche sie zu bezeichnen und sagen:
»Das ist auch noch nicht das richtige Wort.« Damit ist naturgemäß
Unsicherheit im Urteilen von selbst gegeben. Erst mit vollendeter Klärung
wird auch unser Urteil bestimmt und sicher; d e r U r t e i l s a k t s e l b s t
setzt eine gewisse Entfernung vom Henidenstadium
v o r a u s, selbst wenn durch ihn ein analytisches Urteil, das den geistigen
Besitzstand des Menschen nicht vermehrt, ausgesprochen werden soll.

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Der entscheidende Beweis aber für die Richtigkeit der Anschauung,
welche die Henide W, den differenzierten Inhalt M zuschreibt und hier
einen fundamentalen Gegensatz beider erblickt, liegt darin, daß, wo immer
ein neues Urteil zu fällen und nicht ein schon lange fertiges einmal mehr in
Satzform auszusprechen ist, d a ß i n s o l c h e m F a l l e s t e t s W v o n
M d i e K l ä r u n g i h r e r d u n k l e n Vo r s t e l l u n g e n , d i e
D e u t u n g d e r H e n i d e n e r w a r t e t. Es wird die in der Rede des
Mannes sichtbar werdende Gliederung seiner Gedanken dort, wo die Frau
ohne helle Bewußtheit vorgestellt hat, a l s e i n ( t e r t i ä r e r )
männlicher Geschlechtscharakter von ihr geradezu
erwartet, gewünscht und beansprucht, und wirkt auf sie
w i e e i n s o l c h e r. H i e r a u f bezieht es sich, wenn so viele Mädchen
sagen, sie wünschten nur einen solchen Mann zu heiraten, oder könnten
zumindest nur jenen Mann l i e b e n, d e r g e s c h e i t e r s e i a l s s i e; daß
es sie befremden, ja sexuell a b s t o ß e n kann, wenn der Mann dem, was sie
sagen, einfach recht gibt und es nicht gleich besser sagt als sie; kurz und
gut, warum eine Frau es eben als K r i t e r i u m d e r M ä n n l i c h k e i t
fühlt, daß der Mann ihr auch geistig überlegen sei, von dem Manne mächtig
angezogen wird, dessen Denken ihr imponiert, und damit, ohne es zu
wissen, das entscheidende Votum gegen alle Gleichheitstheorien abgibt.
M l e b t b e w u ß t , W l e b t u n b e w u ß t . Zu diesem Schlusse für
die Extreme sind wir nun berechtigt. W e m p f ä n g t i h r B e w u ß t s e i n
v o n M: die Funktion, das Unbewußte bewußt zu machen, ist die sexuelle
Funktion des typischen Mannes gegenüber dem typischen Weibe, das zu
ihm im Verhältnis idealer Ergänzung steht.
Hiemit ist die Darstellung beim P r o b l e m d e r B e g a b u n g
angelangt: der ganze theoretische Streit in der Frauenfrage geht heute fast
nur darum, wer geistig höher veranlagt sei, »die Männer« oder »die
Frauen«. Die populäre Fragestellung erfolgt ohne Typisierung; hier wurden
über die Typen Anschauungen entwickelt, die auf die Beantwortung jener
Frage nicht ohne Einfluß bleiben können. Die Art dieses Zusammenhanges
bedarf jetzt der Erörterung.

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IV. Kapitel.
Begabung und Genialität.
Da über das Wesen der genialen Veranlagung sehr vielerlei an vielen
Orten zu lesen ist, wird es Mißverständnisse verhüten, wenn noch vor allem
Eingehen auf die Sache einige Feststellungen getroffen werden.
Da handelt es sich zunächst um die Abgrenzung gegen den Begriff des
Talentes. Die populäre Anschauung bringt Genie und Talent fast immer so
in Verbindung, als wäre das erste ein höherer oder höchster Grad des
letzteren, durch stärkste Potenzierung oder Häufung verschiedener Talente
in einem Menschen aus jenem abzuleiten, als gäbe es zumindest
vermittelnde Übergänge zwischen beiden. Diese Ansicht ist vollständig
verkehrt. Wenn es auch vielerlei Grade und verschieden hohe Steigerungen
der Genialität sicherlich gibt, so haben diese Stufen doch gar nichts zu tun
mit dem sogenannten »Talent«. Ein Talent, z. B. das mathematische Talent,
mag jemand von Geburt in außerordentlichem Grade besitzen; er wird dann
die schwierigsten Kapitel dieser Wissenschaft mit leichter Mühe sich
anzueignen imstande sein; aber von Genialität, was dasselbe ist wie
Originalität, Individualität und Bedingung eigener Produktivität, braucht er
darum noch nichts zu besitzen. Umgekehrt gibt es hochgeniale Menschen,
die kein spezielles Talent in besonders hohem Grade entwickelt haben. Man
denke an N o v a l i s oder an J e a n P a u l. Das Genie ist also keineswegs ein
höchster Superlativ des Talentes, es ist etwas von ihm durch eine ganze
Welt Geschiedenes, beide durchaus heterogener Natur, nicht aneinander zu
messen und nicht miteinander zu vergleichen. Das Talent ist vererbbar, es
kann Gemeingut einer Familie sein (die B a c h s); das Genie ist nicht
übertragbar, es ist nie generell, sondern stets individuell (J o h a n n
S e b a s t i a n).
Vielen leicht zu blendenden mittelmäßigen Köpfen, insbesondere aber
den F r a u e n, gilt im allgemeinen geistreich und genial als dasselbe. Die
Frauen haben, wenn auch der äußere Schein für das Gegenteil sprechen
mag, in Wahrheit gar keinen Sinn für das Genie, ihnen gilt jede Extravaganz
der Natur, die einen Mann aus Reih und Glied der anderen sichtbar

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hervortreten läßt, zur Befriedigung ihres sexuellen Ehrgeizes gleich; sie
verwechseln den Dramatiker mit dem Schauspieler, und machen keinen
Unterschied zwischen Virtuos und Künstler. So gilt ihnen denn auch der
geistreiche Mensch als der geniale, N i e t z s c h e als der Typus des Genies.
Und doch hat, was mit seinen Einfällen bloß jongliert, alles Franzosentum
des Geistes, mit wahrer geistiger Höhe nicht die entfernteste
Verwandtschaft. Menschen, die nichts sind als eben geistreich, sind
unfromme Menschen; es sind solche, die, von den Dingen nicht wirklich
erfüllt, an ihnen nie ein aufrichtiges und tiefes Interesse nehmen, in denen
nicht lang und schwer etwas der Geburt entgegenstrebt. Es ist ihnen nur
daran gelegen, daß ihr Gedanke glitzere und funkle wie eine prächtig
zugeschliffene Raute, nicht, daß er auch etwas beleuchte! Und das kommt
daher, weil ihr Sinnen vor allem die Absicht auf das behält, was die anderen
zu eben diesen Gedanken wohl »sagen« werden — eine Rücksicht, die
durchaus nicht immer »rücksichtsvoll« ist. Es gibt Männer, die imstande
sind, eine Frau, die sie in keiner Weise anzieht, zu heiraten — bloß weil sie
d e n a n d e r e n gefällt. Und solche Ehen findet man auch zwischen so
manchen Menschen und ihren Gedanken. Ich denke z. B. an eines lebenden
Autors boshafte, anflegelnde, beleidigende Schreibweise: er glaubt zu
brüllen und bellt doch nur. Leider scheint auch Friedrich N i e t z s c h e, in
seinen späteren Schriften (so erhaben er sonst über den Vergleich mit jenem
ist), an seinen Einfällen manchmal vor allem das interessiert zu haben, was
seinem Vermuten nach die Leute recht chokieren mußte. Er i s t oft gerade
dort am eitelsten, wo er am rücksichtslosesten s c h e i n t. Es ist die Eitelkeit
des Spiegels selbst, der von dem Gespiegelten brünstig Anerkennung
erfleht: Sieh, wie gut, wie r ü c k s i c h t s l o s ich spiegle! — In der Jugend,
so lange man selbst noch nicht gefestigt ist, sucht ja wohl ein jeder sich
dadurch zu festigen, daß er den anderen anrempelt; aber leidenschaftlich-
aggressiv sind ganz große Männer doch immer nur aus Not. Nicht sie
gleichen dem jungen Fuchs auf der Suche nach seiner Mensur, nicht sie
dem jungen Mädchen, das die neue Toilette vor allem darum so entzückt,
weil ihre »Freundinnen« sich so darüber ärgern werden.
Genie! Genialität! Was hat dieses Phänomen nicht bei der Mehrzahl
der Menschen für Unruhe und geistiges Unbehagen, für Haß und Neid, für
Mißgunst und Verkleinerungssucht hervorgerufen, wieviel Unverständnis
und — wieviel Nachahmungstrieb hat es nicht ans Licht treten lassen! »Wie
er sich räuspert und wie er spuckt ...«

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Leicht trennen wir uns von den Imitationen des Genius, um uns ihm
selbst und seinen echten Verkörperungen zuzuwenden. Aber wahrlich! Wo
hier auch die Betrachtung den Anfang nehmen möge, bei der unendlichen,
ineinanderfließenden Fülle wird immer nur ihre Willkür den Ausgangspunkt
wählen können. Alle Qualitäten, die man als geniale bezeichnen muß,
hängen so innig miteinander zusammen, daß eine vereinzelte Betrachtung
ihrer, die nur allmählich zu höherer Allgemeinheit aufzusteigen plant, zur
denkbar schwierigsten Sache wird: indem die Darstellung stets zu
vorzeitiger Abrundung des Ganzen verführt zu werden fürchten muß, und
sich in der isolierenden Methode nicht behaupten zu können droht. Alle
bisherigen Erörterungen über das Wesen des Genius sind entweder
biologisch-klinischer Natur und erklären mit lächerlicher Anmaßung das
bißchen Wissen auf diesem Gebiete zur Beantwortung der schwierigsten
und tiefsten psychologischen Fragen für hinreichend. Oder sie steigen von
der Höhe eines metaphysischen Standpunktes h e r a b, um die Genialität in
ihr System a u f z u n e h m e n. Wenn der Weg, der hier eingeschlagen werden
soll, nicht zu allen Zielen a u f e i n m a l führt, so liegt dies eben an seiner
Natur eines Weges.
Denken wir daran, um wieviel besser der große Dichter in die
Menschen sich hineinversetzen kann als der Durchschnittsmensch. Man
ermesse die außerordentliche Anzahl der Charaktere, die S h a k e s p e a r e,
die E u r i p i d e s geschildert haben; oder denke an die ungeheuere
Mannigfaltigkeit der Personen, die in den Romanen Z o l a s auftreten.
H e i n r i c h v o n K l e i s t hat nach der Penthesilea ihr vollendetes
Gegenteil, das Käthchen von Heilbronn geschaffen, M i c h e l A n g e l o die
Leda und die delphische Sibylle aus seiner Phantasie heraus verkörpert. Es
gibt wohl wenige Menschen, die so wenig darstellende Künstler waren wie
Immanuel K a n t und Joseph S c h e l l i n g, und doch sind sie es, die über die
Kunst das Tiefste und Wahrste geschrieben haben.
Um nun einen Menschen zu erkennen oder darzustellen, muß man ihn
v e r s t e h e n. Um aber einen Menschen zu verstehen, muß man mit ihm
Ähnlichkeit haben, man muß so sein wie er, um seine Handlungen
nachzubilden und würdigen zu können, muß man die psychologischen
Voraussetzungen, die sie in ihm hatten, in sich selbst nachzuerzeugen
vermögen: e i n e n M e n s c h e n v e r s t e h e n , h e i ß t i h n i n s i c h
h a b e n. Man muß dem Geist gleichen, den man begreifen will. Darum

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versteht ein Gauner nur immer gut den anderen Gauner, ein gänzlich
harmloser Mensch wieder vermag nie jenen, stets nur eine ihm ebenbürtige
Gutmütigkeit zu fassen; ein Poseur erklärt sich die Handlungen des anderen
Menschen fast immer als Posen und vermag einen zweiten Poseur rascher
zu durchschauen als der einfache Mensch, an den der Poseur seinerseits nie
recht zu glauben imstande ist. E i n e n M e n s c h e n v e r s t e h e n h e i ß t
also: er selbst sein.
Danach müßte aber jeder Mensch sich selbst am besten verstehen, und
das ist gewiß nicht richtig. Kein Mensch kann sich selbst je verstehen, denn
dazu müßte er aus sich selbst herausgehen, dazu müßte das Subjekt des
Erkennens und Wollens Objekt werden können: ganz wie, um das
Universum zu verstehen, ein Standpunkt noch außerhalb des Universums
erforderlich wäre, und einen solchen zu gewinnen, ist nach dem Begriffe
eines Universums nicht möglich. Wer sich selbst verstehen könnte, der
könnte die Welt verstehen. Daß dieser Satz nicht nur vergleichsweise gilt,
sondern ihm eine sehr tiefe Bedeutung innewohnt, wird sich aus der
Darstellung allmählich ergeben. Für den Augenblick ist sicher, daß man
sein tiefstes eigenstes Wesen nicht selbst verstehen kann. Und es gilt auch
wirklich: man wird, wenn man überhaupt verstanden wird, immer nur von
anderen, nie von sich selbst verstanden. Der andere nämlich, der mit dem
ersten eine Ähnlichkeit hat und ihm in anderer Beziehung doch gar nicht
gleich ist, dem kann diese Ähnlichkeit zum Gegenstande der Betrachtung
werden, er kann sich im anderen, oder den anderen in sich e r k e n n e n,
darstellen, v e r s t e h e n. E i n e n M e n s c h e n v e r s t e h e n h e i ß t a l s o :
auch er sein.
Der geniale Mensch aber offenbarte sich an jenen Beispielen eben als
der Mensch, welcher ungleich mehr Wesen versteht als der mittelmäßige.
G o e t h e soll von sich gesagt haben, es gebe kein Laster und kein
Verbrechen, zu dem er nicht die Anlage in sich verspürt, das er nicht in
irgend einem Zeitpunkte seines Lebens vollauf verstanden habe. Der
geniale Mensch ist also komplizierter, zusammengesetzter, reicher; u n d
ein Mensch ist um so genialer zu nennen, je mehr
M e n s c h e n e r i n s i c h v e r e i n i g t, und zwar, wie hinzugefügt werden
muß, j e l e b e n d i g e r, mit je größerer I n t e n s i t ä t er die anderen
Menschen in sich hat. Wenn das Verständnis des Nebenmenschen nur wie
ein schwaches Stümpchen in ihm brennte, dann wäre er nicht imstande, als

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großer Dichter in seinen Helden das Leben einer mächtigen Flamme gleich
zu entzünden, seine Figuren wären ohne Mark und Kraft. Das Ideal gerade
von einem künstlerischen Genius ist es, in allen Menschen zu leben, an alle
sich zu verlieren, in die Vielheit zu e m a n i e r e n; indes der Philosoph alle
anderen i n s i c h wiederfinden, sie zu einer Einheit, die eben immer nur
s e i n e Einheit sein wird, zu r e s o r b i e r e n die Aufgabe hat.
Diese Proteus-Natur des Genies ist, ebensowenig wie früher die
Bisexualität, als Simultaneität aufzufassen; auch dem größten Genius ist es
nicht gegeben, zu gleicher Zeit, etwa an einem und demselben Tage, das
Wesen aller Menschen zu verstehen. Die umfassendere und inhaltsvollere
Anlage, welche ein Mensch geistig besitzt, kann nur nach und nach, in
allmählicher Entfaltung seines ganzen Wesens sich offenbaren. Es hat den
Anschein, daß auch sie in einem bestimmten Ablauf gesetzmäßiger
P e r i o d e n zum Vorschein kommt. Diese Perioden wiederholen sich aber
im Laufe des Lebens nicht in der gleichen Weise, als wäre jede nur die
gewöhnliche Wiederholung der vorhergegangenen, sondern sozusagen in
immer höherer Sphäre; es gibt nicht zwei Momente des individuellen
Lebens, die einander ganz gleichen; und es existiert zwischen den späteren
und den früheren Perioden nur die Ähnlichkeit der Punkte der höheren mit
den homologen der niederen Spiralwindung. Daher kommt es, daß
hervorragende Menschen so oft in ihrer Jugend den Plan zu einem Werke
fassen, nach langer Pause im Mannesalter das Jahre hindurch nicht
vorgenommene Konzept einer Bearbeitung unterziehen und erst im
Greisenalter nach abermaligem Zurückstellen es vollenden: es sind die
verschiedenen Perioden, in die sie abwechselnd treten und die sie stets mit
anderen Gegenständen erfüllen. Diese Perioden existieren bei jedem
Menschen, nur in verschiedener Stärke, mit verschiedener »Amplitüde«. Da
das Genie die meisten Menschen mit der g r ö ß t e n Lebendigkeit in sich
hat, w i r d die Amplitüde der Perioden um so
ausgesprochener sein, je bedeutender ein Mensch in
g e i s t i g e r B e z i e h u n g i s t. Hochstehende Menschen hören daher meist
von Jugend auf von Seiten ihrer Erzieher den Vorwurf, daß sie fortwährend
»von einem Extrem ins andere« fielen. Als ob sie sich dabei besonders wohl
befinden würden! Gerade beim hervorragenden Menschen nehmen solche
Übergänge in der Regel einen ausgesprochen krisenhaften Charakter an.
G o e t h e hat einmal von der »wiederholten Pubertät« der Künstler
gesprochen. Was er gemeint hat, hängt innig mit diesem Gegenstande

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zusammen. Denn gerade die starke Periodizität des Genies bringt es mit
sich, daß bei ihm immer erst auf sterile Jahre die fruchtbaren und auf sehr
produktive Zeiten immer wieder sehr unfruchtbare folgen — Zeiten, in
denen er von sich nichts hält, ja von sich p s y c h o l o g i s c h (nicht logisch)
weniger hält a l s v o n j e d e m a n d e r e n M e n s c h e n: quält ihn doch
die Erinnerung an die Schaffensperiode, und vor allem — wie f r e i sieht er
sie, die von solchen Erinnerungen nicht Belästigten, herumgehen! Wie seine
Ekstasen gewaltiger sind als die der anderen, so sind auch seine
Depressionen fürchterlicher. Bei jedem hervorragenden Menschen gibt es
solche Zeiten, kürzere und längere; Zeiten, wo er in völliger Verzweiflung
an sich selbst sein, wo es bei ihm zu Selbstmordgedanken kommen kann,
Zeiten, wo zwar auch eine Menge Dinge ihm auffallen können, und vor
allem eine Menge Dinge sich ansetzen werden für eine spätere Ernte; wo
aber nichts mit dem gewaltigen Tonus der produktiven Periode erscheint,
wo, mit anderen Worten, d e r S t u r m s i c h n i c h t e i n s t e l l t; Zeiten, in
denen wohl über solche, die trotzdem fortzuschaffen versuchen, gesagt
wird: »Wie der jetzt herunterkommt!« »Wie der sich völlig ausgegeben
hat!« »Wie der sich selbst kopiert!« etc. etc.
Auch seine anderen Eigenschaften, nicht bloß ob er überhaupt, sondern
auch der Stoff, in welchem, der Geist, aus welchem heraus er produziert,
sind im genialen Menschen einem Wechsel und einer starken Periodizität
unterworfen. Er ist das eine Mal eher reflektierend und wissenschaftlich,
das andere Mal mehr zu künstlerischer Darstellung disponiert (G o e t h e);
zuerst konzentriert sich sein Interesse auf die menschliche Kultur und
Geschichte, dann wieder auf die Natur (man halte N i e t z s c h e s
»Unzeitgemäße Betrachtungen« neben seinen »Zarathustra«); er ist jetzt
mystisch, nachher naiv (solche Beispiele haben in jüngster Zeit B j ö r n s o n
und M a u r i c e M a e t e r l i n c k gegeben). Ja, so groß ist im
hervorragenden Menschen die »Amplitüde« der Perioden, in denen die
verschiedenen Seiten seines Wesens, die vielen Menschen, die in ihm
intensiv leben, aufeinander succedieren, daß diese Periodizität auch
physiognomisch sich deutlich offenbart. Hieraus möchte ich die auffallende
Erscheinung erklären, daß bei begabteren Menschen der Ausdruck des
Antlitzes viel öfter wechselt als bei Unbegabten, ja daß sie zu
verschiedenen Zeiten oft unglaublich verschiedene Gesichter haben können;
man vergleiche nur die von G o e t h e, von B e e t h o v e n, von K a n t, von
S c h o p e n h a u e r aus den verschiedenen Epochen ihres Lebens erhaltenen

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Bilder! M a n k a n n d i e Z a h l d e r G e s i c h t e r , d i e e i n M e n s c h
hat, geradezu als ein physiognomisches Kriterium
s e i n e r B e g a b u n g a n s e h e n . Menschen, die stets ein und dasselbe
Gesicht v ö l l i g unverändert aufweisen, stehen auch intellektuell sehr tief.
Hingegen wird es den Physiognomiker nicht wundern, daß begabtere
Menschen, die auch im Verkehr und Gespräch immer neue Seiten ihres
Wesens offenbaren, über die darum das Nachdenken nicht so bald ein
fertiges Urteil gewinnt, diese Eigenschaft auch durch ihr Aussehen
bewahrheiten.
Man wird vielleicht mit Entrüstung die hier entwickelte v o r l ä u f i g e
Vorstellung vom Genie zurückweisen, weil sie als notwendig postuliere,
daß ein S h a k e s p e a r e auch die ganze Gemeinheit eines Falstaff, die
ganze Schurkenhaftigkeit eines Jago, die ganze Rohheit eines Caliban in
sich gehabt habe, somit die großen Menschen moralisch erniedrige, indem
sie ihnen das intimste Verständnis auch für alles Verächtliche und
Unbedeutende imputiere. Und es muß zugegeben werden, daß nach dieser
Auffassung die genialen Menschen von den zahlreichsten und heftigsten
Leidenschaften erfüllt und selbst von den widerlichsten Trieben nicht
verschont sind (was übrigens durch ihre Biographien überall bestätigt wird).
Aber jener Einwurf ist trotzdem unberechtigt. Dies wird aus der
späteren Vertiefung des Problems noch hervorgehen; einstweilen sei darauf
hingewiesen, daß nur eine oberflächliche Schlußweise ihn als die
notwendige Folgerung aus den bis jetzt dargelegten Prämissen betrachten
kann, die vielmehr allein schon sein Gegenteil mehr als wahrscheinlich zu
machen genügen. Z o l a, der den Impuls zum Lustmord so gut kennt, hätte
trotzdem nie einen Lustmord begangen, und zwar darum, w e i l i n i h m
s e l b e r e b e n s o v i e l a n d e r e s n o c h i s t. Der wirkliche Lustmörder
ist die Beute seines Antriebes; in seinem Dichter wirkt der ganze Reichtum
seiner vielfältigen Anlage dem Reize entgegen. Er bewirkt, daß Z o l a den
Lustmörder viel besser als jeder wirkliche Lustmörder sich selbst k e n n e n,
daß er aber eben damit ihn e r k e n n e n wird, wenn die Versuchung wirklich
an ihn herantreten sollte; und damit steht er ihr bereits gegenüber, Aug' in
Auge, und kann sich ihrer erwehren. Auf diese Weise wird der
verbrecherische Trieb im großen Menschen v e r g e i s t i g t, zum
Künstlermotiv wie bei Z o l a, oder zur philosophischen Konzeption des

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»Radikal-Bösen« wie bei K a n t, darum führt er ihn nicht zur
verbrecherischen Ta t.
Aus der Fülle von Möglichkeiten, die in jedem bedeutenden Menschen
vorhanden sind, ergeben sich nun wichtige Konsequenzen, welche zur
Theorie der Heniden, wie sie im vorigen Kapitel entwickelt wurde,
zurückleiten. Wa s m a n i n s i c h h a t , b e m e r k t m a n e h e r , a l s
w a s m a n n i c h t v e r s t e h t (wäre dem anders, so gäb' es keine
Möglichkeit, daß die Menschen miteinander verkehren könnten — sie
wissen meistens gar nicht, wie o f t s i e einander mißverstehen); dem
Genie, das so viel mehr v e r s t e h t als der Dutzendmensch, wird also auch
mehr a u f f a l l e n als diesem. Der Intrigant wird es leicht bemerken, wenn
ein anderer ihm gleicht; der leidenschaftliche Spieler sofort wahrnehmen,
wenn ein zweiter große Lust zum Spiele verrät, während dies den anderen,
die anders sind, in den meisten Fällen lange entgeht: »der Art ja versiehst
du dich besser«, heißt es in Wa g n e r s »Siegfried«. Vom komplizierteren
Menschen aber galt, daß er jeden Menschen besser verstehen könne als
dieser sich selber, vorausgesetzt, daß er dieser Mensch ist und zugleich
noch etwas mehr, g e n a u e r , w e n n e r d i e s e n M e n s c h e n u n d
dessen Gegenteil, alle beide, in sich hat. Die Zweiheit
ist stets die Bedingung des Bemerkens und des
B e g r e i f e n s; fragen wir die Psychologie nach der kardinalsten Bedingung
des Bewußtwerdens, der »Abhebung«, so erhalten wir zur Antwort, daß
hiefür die notwendige Voraussetzung der K o n t r a s t sei. Gäbe es nur ein
einförmiges Grau, so hätte niemand ein Bewußtsein, geschweige denn einen
Begriff von Farbe; absolute E i ntönigkeit eines Geräusches führt beim
Menschen raschen Schlaf herbei: Z w e i h e i t ( d a s L i c h t , d a s d i e
Dinge scheidet und unterscheidet) ist die Ursache des
wachen Bewußtseins.
Darum kann niemand sich selbst verstehen, wenn er auch sein ganzes
Leben ununterbrochen über sich nachdächte, und immer nur einen anderen,
dem er zwar ähnlich, aber der er nicht ganz ist, sondern von dessen
Gegenteil er ebensoviel in sich hat wie von ihm selbst. Denn in dieser
Verteilung liegen die Verhältnisse für das Verstehen am günstigsten: der
früher erwähnte Fall K l e i s t e n s. E n d g ü l t i g b e d e u t e t a l s o e i n e n
Menschen verstehen soviel als: ihn und sein Gegenteil
in sich haben.

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Daß sich ganz allgemein stets Gegensatzp a a r e im selben Menschen
zusammenfinden müssen, um ihm das Bewußtwerden auch nur e i n e s
Gliedes von jedem Paare zu gestatten, dafür liefert die Lehre vom
Farbensinn des Auges mehrere physiologische Beweise, von denen ich nur
die bekannte Erscheinung erwähne, daß die Farbenblindheit sich immer auf
b e i d e Komplementärfarben erstreckt; der Rotblinde ist auch grünblind,
und es gibt nur Blaugelbblinde und keinen Menschen, der blau empfinden
könnte, wenn er für gelb unempfänglich wäre. Dieses Gesetz gilt im
Geistigen überall, es ist das Grundgesetz alles Bewußtwerdens. Zum
Beispiel wird, wer immer sehr zum Frohmut, auch zum Umschlag in
Trübsinn eher veranlagt sein als ein stets gleichmäßig Gestimmter; und wer
für jederlei Feinheit und Subtilität so viel Sinn hat wie S h a k e s p e a r e,
auch die ungeschlachteste Derbheit, weil gleichsam als seine Gefahr, am
sichersten empfinden und auffassen.
Je mehr menschliche Typen und deren Gegensätze ein Mensch in
seiner Person vereinigt, desto weniger wird ihm, da aus dem Verstehen auch
das Bemerken folgt, e n t g e h e n, was die Menschen treiben und lassen,
desto eher wird er d u r c h s c h a u e n, was sie fühlen, denken und eigentlich
wollen. E s g i b t k e i n e n g e n i a l e n M e n s c h e n , d e r n i c h t e i n
g r o ß e r M e n s c h e n k e n n e r w ä r e; der bedeutende Mensch blickt
einfacheren Menschen oft im ersten Augenblick bis auf den Grund, und ist
nicht selten imstande, sie sofort völlig zu charakterisieren.
Nun hat aber unter den meisten Menschen der eine für dies, der andere
für jenes einen nur mehr oder minder einseitig entwickelten Sinn. Dieser
kennt alle Vögel und unterscheidet ihre Stimmen aufs feinste, jener hat von
früh auf einen liebevollen und sicheren Blick für die Pflanzen; der eine
fühlt sich von den übereinandergeschichteten tellurischen Sedimenten
erschüttert (G o e t h e), der andere erschauert unter der Kälte des nächtigen
Fixsternhimmels (K a n t); manch einer findet das Gebirge tot und fühlt sich
gewaltig nur vom ewig bewegten Meere angesprochen (B ö c k l i n), ein
zweiter kann zu dessen immerwährender Unruhe kein Verhältnis gewinnen
und kehrt unter die erhabene Macht der Berge zurück (N i e t z s c h e). So hat
jeder Mensch, auch der einfachste, etwas in der Natur, zu dem es ihn
hinzieht, und für das seine Sinne schärfer werden denn für alles übrige. Wie
sollte nun der genialste Mensch, der, im idealen Falle, diese Menschen alle
in sich hat, mit ihrem Innenleben nicht auch ihre Beziehungen und

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Liebesneigungen zur Außenwelt in sich versammeln? So wächst in ihn die
Allgemeinheit nicht nur alles Menschlichen, sondern auch alles Natürlichen
hinein; e r i s t d e r M e n s c h , d e r z u d e n m e i s t e n D i n g e n i m
i n t i m s t e n R a p p o r t e s t e h t, dem das meiste auffällt, das wenigste
entgeht; der das meiste versteht, und es am tiefsten versteht schon darum,
weil er es mit den vielfältigsten Dingen zu vergleichen und von den
zahlreichsten zu unterscheiden in der Lage ist, am besten zu messen und am
besten zu begrenzen weiß. D e m g e n i a l e n M e n s c h e n w i r d d a s
m e i s t e u n d a l l d i e s a m s t ä r k s t e n b e w u ß t . Darum wird
zweifellos auch seine Sensibilität die feinste sein; dies darf man aber nicht,
wie es, in offenbar einseitigem Hinblick auf den Künstler, geschehen ist,
bloß zu Gunsten einer verfeinerten Sinnesempfindung, größerer Sehschärfe
beim Maler (oder beim Dichter), größerer Hörschärfe beim Komponisten
(M o z a r t) auslegen: das Maß der Genialität ist weniger in der
Unterschiedsempfindlichkeit der Sinne, als in der des Geistes zu suchen;
anderseits wird jene Empfindlichkeit oft auch mehr nach innen gekehrt sein.
So ist das geniale Bewußtsein am w e i t e s t e n entfernt vom
Henidenstadium; es hat vielmehr die größte, grellste Klarheit und Helle.
Genialität offenbart sich hier bereits als eine Art
höherer Männlichkeit; und darum kann W nicht genial
s e i n . Dies ist die folgerechte Anwendung des im vorigen Kapitel
gewonnenen Ergebnisses, daß M bewußter lebe als W, auf den eigentlichen
Ertrag des jetzigen Kapitels: dieses gipfelt in dem Satze, daß G e n i a l i t ä t
identisch ist mit h ö h e r e r, weil allgemeinerer
B e w u ß t h e i t. Jenes intensivere Bewußtsein von allem wird aber selbst
erst ermöglicht durch die enorme Zahl von Gegensätzen, die im
hervorragenden Menschen beisammen sind.
Darum ist zugleich Universalität das Kennzeichen
d e s G e n i e s . Es gibt keine Spezialgenies, keine »mathematischen« und
keine »musikalischen Genies«, auch keine »Schachgenies«, s o n d e r n e s
gibt nur Universalgenies. Der geniale Mensch läßt sich
definieren als derjenige, der alles weiß, ohne es
g e l e r n t z u h a b e n . Unter diesem »Alleswissen« sind selbstverständlich
nicht die Theorien und Systematisierungen gemeint, welche die
Wissenschaft an den Tatsachen vorgenommen hat, nicht die Geschichte des
spanischen Erbfolgekrieges, und nicht die Experimente über

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Diamagnetismus. Aber nicht erst aus dem Studium der Optik erwächst dem
Künstler die Kenntnis der Farben des Wassers bei trübem und heiterem
Himmel, und es bedarf keiner Vertiefung in eine Charakterologie, um
Menschen einheitlich zu gestalten. Denn je begabter ein Mensch ist, über
desto mehr h a t er immer s e l b s t ä n d i g nachgedacht, zu desto mehr
Dingen hat er ein persönliches Verhältnis.
Die Lehre von den Spezialgenies, die es gestattet, z. B. vom
»Musikgenie« zu reden, das »in allen anderen Beziehungen
unzurechnungsfähig« sei, verwechselt abermals Talent und Genie. Der
Musiker kann, wenn er wahrhaft groß ist, in der Sprache, auf die ihn die
Richtung seines besonderen Talentes weist, genau so universell sein, genau
so die ganze innere und äußere Welt durchmessen wie der Dichter oder der
Philosoph; solch ein Genie war B e e t h o v e n. Und er kann in ebenso
beschränkter Sphäre sich bewegen wie ein mittelmäßiger wissenschaftlicher
oder künstlerischer Kopf; solch ein Geist war J o h a n n S t r a u ß, den es
merkwürdig berührt, ein Genie nennen zu hören, so schöne Blüten eine
lebhafte, aber sehr eng begrenzte Einbildungskraft in ihm auch getrieben
hat. E s g i b t, um nochmals darauf zurückzukommen, v i e l e r l e i
Ta l e n t e , a b e r e s g i b t n u r e i n e G e n i a l i t ä t, die ein beliebiges
Talent wählen und ergreifen mag, um in ihm sich zu betätigen. Es gibt
etwas, das allen genialen Menschen als g e n i a l e n gemeinsam ist, so sehr
auch der große Philosoph vom großen Maler, der große Musiker vom
großen Bildhauer, der große Dichter vom großen Religionsstifter sich sonst
unterscheiden mögen. Das Talent, durch dessen Medium die eigentliche
Geistesanlage eines Menschen sich offenbart, ist viel mehr Nebensache, als
man gewöhnlich glaubt, und wird aus der großen Nähe, aus welcher
kunstphilosophische Betrachtung leider so oft erfolgt, in seiner Wichtigkeit
meist weit überschätzt. Nicht nur die Unterschiede in der Begabung, auch
die Gemütsart und Weltanschauung kehren sich wenig an die Grenzen der
Künste voneinander, diese werden übersprungen, und so ergeben sich dem
vorurteilsloseren Blick oft überraschende Ähnlichkeiten; er wird dann, statt
i n n e r h a l b der Musikgeschichte, respektive der Geschichte der Kunst, der
Literatur und Philosophie nach Analogien zu blättern, lieber ungescheut
z. B. B a c h mit K a n t vergleichen, Karl Maria v. We b e r neben
E i c h e n d o r f f stellen, und B ö c k l i n mit H o m e r zusammenhalten; und
wenn so die Betrachtung reiche Anregung und große Fruchtbarkeit
gewinnen kann, so wird das auch dem psychologischen Tiefblick

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schließlich zugute kommen, an dessen Mangel alle Geschichtsschreibung
von Kunst wie von Philosophie am empfindlichsten krankt. Welche
organischen und psychologischen Bedingungen es übrigens sind, die ein
Genie entweder zum mystischen Visionär oder etwa zum großen Zeichner
werden lassen, das muß als unwesentlich für die Zwecke d i e s e r Schrift
beiseite bleiben.
Vo n j e n e r G e n i a l i t ä t a b e r, die, bei allen oft sehr tief gehenden
Unterschieden zwischen den einzelnen Genies, eine und dieselbe bleibt und,
nach dem hier aufgestellten Begriffe, überall manifestiert werden kann, i s t
d a s We i b a u s g e s c h l o s s e n. Wenn auch die Frage, ob es rein
wissenschaftliche, und ob es bloß handelnde, nicht nur künstlerische und
philosophische Genies geben könne, erst in einem späteren Abschnitt zur
Entscheidung gebracht werden soll: man hat allen Grund, vorsichtiger zu
verfahren mit der Verleihung des Prädikates genial, als man dies bisher
gewesen ist. Es wird sich noch deutlich zeigen: will man überhaupt vom
Wesen der Genialität eine Vorstellung sich bilden und zu einem Begriffe
derselben zu gelangen suchen, so m u ß die Frau als ungenial bezeichnet
werden; und trotzdem wird niemand der Darstellung nachsagen dürfen, sie
hätte im Hinblick auf das weibliche Geschlecht irgend einen willkürlichen
Begriff erst konstruiert und ihn nachträglich als das Wesen der Genialität
hingestellt, um nur den Frauen keinen Platz i n n e r h a l b derselben gönnen
zu müssen.
Hier kann auf die anfänglichen Betrachtungen des Kapitels
zurückgegriffen werden. Während die Frau der Genialität kein Verständnis
entgegenbringt, außer einem, das sich eventuell an die Persönlichkeit eines
noch lebenden Trägers knüpfte, hat der Mann jenes tiefe Verhältnis zu
dieser Erscheinung an sich, das C a r l y l e in seinem noch immer so wenig
verstandenen Buche Hero-Worship, Heldenverehrung, genannt und so
schön und hinreißend ausgemalt hat. In der Heldenverehrung des Mannes
kommt abermals zum Ausdruck, daß G e n i a l i t ä t a n d i e
Männlichkeit geknüpft ist, daß sie eine ideale,
p o t e n z i e r t e M ä n n l i c h k e i t v o r s t e l l t[16]; denn das Weib hat kein
originelles, sondern ein ihr vom Manne verliehenes Bewußtsein, sie lebt
unbewußt, der Mann bewußt: am bewußtesten aber der Genius.

Page 148

V. Kapitel.
Begabung und Gedächtnis.
Um von der Heniden-Theorie auszugehen, sei folgende Beobachtung
erzählt. Ich notierte gerade, h a l b mechanisch, die Seitenzahl einer Stelle
aus einer botanischen Abhandlung, die ich später zu exzerpieren
beabsichtigte, als ich etwas in Henidenform dachte. Aber was ich da dachte,
wie ich es dachte, was da an die Tür der Bewußtheit klopfte, dessen konnte
ich mich schon im nächsten Augenblick trotz aller Anstrengung nicht
entsinnen. Aber gerade darum ist dieser Fall — er ist typisch — besonders
lehrreich.
Je p l a s t i s c h e r, je geformter ein
Empfindungskomplex ist, desto eher ist er
r e p r o d u z i e r b a r. Deutlichkeit des Bewußtseins ist erste Bedingung der
Erinnerung, der I n t e n s i t ä t der Bewußtseinserregung ist das
G e d ä c h t n i s an die Erregung proportional. »Das wird mir unvergeßlich
bleiben«, »daran werde ich mein Lebtag denken«, »das kann mir nie mehr
entschwinden« sagt ja der Mensch von Ereignissen, die ihn heftig aufgeregt
haben, von Augenblicken, aus denen er um eine Einsicht klüger, um eine
wichtige Erfahrung reicher geworden ist. Steht also die Reproduzierbarkeit
der Bewußtseinsinhalte im geraden Verhältnis zu ihrer Gliederung, so ist
klar, d a ß a n d i e a b s o l u t e H e n i d e ü b e r h a u p t k e i n e
E r i n n e r u n g m ö g l i c h s e i n w i r d.
Da nun die Begabung[17] eines Menschen mit der Artikulation seiner
gesamten Erlebnisse wächst, so wird einer, j e b e g a b t e r e r i s t , d e s t o
e h e r a n s e i n e g a n z e Ve r g a n g e n h e i t , a n a l l e s , w a s e r j e
gedacht und getan, gesehen und gehört, empfunden und
g e f ü h l t h a t , s i c h e r i n n e r n k ö n n e n, mit desto größerer Sicherheit
und Lebhaftigkeit wird er alles aus seinem Leben reproduzieren. D a s
universelle Gedächtnis an alles Erlebte ist darum das
sicherste, allgemeinste, am leichtesten zu ergründende
K e n n z e i c h e n d e s G e n i e s . Es ist zwar eine verbreitete und besonders
unter allen Kaffeehausliteraten beliebte Lehre, daß p r o d u k t i v e

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Menschen (weil sie N e u e s schüfen) kein Gedächtnis hätten: aber offenbar
nur, weil darin die einzige Bedingung der Produktivität liegt, die bei ihnen
erfüllt ist.
Freilich darf man diese große Ausdehnung und Lebendigkeit des
Gedächtnisses beim genialen Menschen, die ich zunächst als eine
Folgerung aus dem Systeme ganz dogmatisch einführe, ohne sie aus der
Erfahrung neu zu begründen, nicht mit dem raschen Vergessen des
gesamten gymnasialen Geschichtsstoffes oder der unregelmäßigen Verba
des Griechischen widerlegen wollen. E s h a n d e l t s i c h u m d a s
Gedächtnis für das Erlebte, nicht um die Erinnerung an
d a s E r l e r n t e; was zu Prüfungszwecken studiert wird, davon wird immer
nur der kleinste Teil behalten, jener Teil, welcher dem speziellen Talente des
Schülers entspricht. So kann ein Zimmermaler ein besseres Gedächtnis für
Farben haben als der größte Philosoph, der beschränkteste Philologe ein
besseres Gedächtnis für die vor Jahren auswendig gelernten Aoriste als sein
Kollege, der vielleicht ein genialer Dichter ist. Es verrät die ganze
Jämmerlichkeit und Hilflosigkeit der experimentellen Richtung in der
Psychologie (noch mehr aber die Unfähigkeit so vieler Leute, die, mit
einem Arsenal von elektrischen Batterien und Sphygmographiontrommeln
im Rücken, gestützt auf die »Exaktheit« ihrer langweiligen Versuchsreihen,
nun in rebus psychologicis vor allen anderen gehört zu werden
beanspruchen), daß sie das Gedächtnis der Menschen durch Aufgaben, wie
das Erlernen von Buchstaben, mehrzifferigen Zahlen, zusammenhanglosen
Worten prüfen zu können glaubt. An das eigentliche Gedächtnis des
Menschen, jenes Gedächtnis, welches in Betracht kommt, wenn ein Mensch
die Summe seines Lebens zieht, reichen diese Versuche so wenig heran, daß
man sich unwillkürlich zu der Frage gedrängt sieht, ob jene fleißigen
Experimentatoren von der Existenz dieses anderen Gedächtnisses, ja eines
psychischen L e b e n s überhaupt, etwas wissen. Jene Untersuchungen
stellen die verschiedensten Menschen unter ganz uniformierende
Bedingungen, denen gegenüber nie I n d i v i d u a l i t ä t sich äußern kann, sie
a b s t r a h i e r e n wie geflissentlich gerade vom Kern des Individuums, und
behandeln es einfach als guten oder schlechten Registrierapparat. Es liegt
ein großer Tiefblick darin, daß im Deutschen »bemerken« und »merken«
aus der nämlichen Wurzel gebildet ist. Nur was a u f f ä l l t, von selbst,
infolge angeborner Beschaffenheit, wird b e h a l t e n. Wessen man sich
erinnert, dafür muß ein ursprüngliches Interesse vorhanden sein, und wenn

Page 150

etwas vergessen wird, dann war die Anteilnahme an ihm nicht stark genug.
Dem religiösen Menschen werden darum religiöse Lehren, dem Dichter
Verse, dem Zahlenmystiker Zahlen am sichersten und längsten haften
bleiben.
Und hier kann auf das vorige Kapitel in anderer Weise zurückgegriffen
und die besondere Treue des Gedächtnisses bei hervorragenden Menschen
noch auf einem zweiten Wege d e d u z i e r t werden. Denn je bedeutender
ein Mensch ist, desto mehr Menschen, desto mehr Interessen sind in ihm
zusammengekommen, desto umfassender also muß sein Gedächtnis
werden. Die Menschen haben im allgemeinen durchaus g l e i c h viel äußere
Gelegenheit zu »perzipieren«, aber die meisten »apperzipieren« von der
unendlichen Menge nur einen unendlich kleinen Teil. Das Ideal von einem
Genie müßte ein Wesen sein, dessen sämtliche »Perzeptionen« ebensoviele
»Apperzeptionen« wären. Ein solches Wesen gibt es nicht. Es ist aber auch
kein Mensch, der nie a pperzipiert, sondern immer bloß perzipiert hätte.
Schon darum muß es alle möglichen G r a d e der Genialität geben[18];
zumindest ist k e i n m ä n n l i c h e s Wesen ganz ungenial. Aber auch
vollkommene Genialität bleibt ein Ideal: e s e x i s t i e r t k e i n M e n s c h
ohne alle und kein Mensch mit universaler
A p p e r z e p t i o n (als welche man das vollkommene Genie weiter
bestimmen könnte). Der Apperzeption als der Aneignung ist das Gedächtnis
als der Besitz, seinem Umfang wie seiner Festigkeit nach, proportioniert. So
führt denn auch eine ununterbrochene Stufenfolge vom ganz
diskontinuierlichen, bloß von Augenblick zu Augenblick lebenden
Menschen, dem kein Erlebnis etwas b e d e u t e n könnte, weil es auf kein
früheres sich würde beziehen lassen — einen solchen Menschen gibt es
aber nicht — bis zum völlig kontinuierlich Lebenden, dem a l l e s
u n v e r g e ß l i c h bleibt (so intensiv wirkt es auf ihn ein und wird von ihm
aufgefaßt), u n d d e n e s e b e n s o w e n i g g i b t: selbst das höchste Genie
ist nicht in jedem Augenblicke seines Lebens »genial«.
Eine erste Bestätigung dieser Anschauung von dem Zusammenhange
zwischen Gedächtnis und Genialität, wie der Deduktion dieses
Zusammenhanges, die hier versucht wurde, liegt in dem außerordentlichen,
die Besitzer oft selbst verblüffenden G e d ä c h t n i s f ü r s c h e i n b a r
n e b e n s ä c h l i c h e U m s t ä n d e , f ü r K l e i n i g k e i t e n, das begabtere
Menschen auszeichnet. Bei der Universalität ihrer Veranlagung hat nämlich

Page 151

alles eine, ihnen selbst oft lange unbewußte, B e d e u t u n g für sie; und so
bleiben sie hartnäckig an ihrem Gedächtnisse kleben, prägen sich diesem
ganz von selbst unverlöschbar ein, ohne daß im allgemeinen die geringste
Mühe an die spezielle Erinnerung gewendet oder die Aufmerksamkeit in
den Dienst dieses Gedächtnisses noch besonders gestellt würde. Darum
könnte man, in einem erst später zu erhellenden tieferen Sinne, bereits jetzt
den genialen Menschen als denjenigen bestimmen, der die Redensart nicht
kennt, und weder sich selbst noch anderen gegenüber zu gebrauchen
vermöchte, dies oder jenes Ereignis aus entlegener Zeit sei »gar nicht mehr
wahr«. Es gibt vielmehr für ihn n i c h t s, das ihm nicht mehr wahr wäre,
auch wenn, ja vielleicht gerade w e i l er für alles, was im Laufe der Zeit
anders geworden ist, ein deutlicheres Gefühl hat als alle anderen Menschen.
Als das beste Mittel zur objektiven Prüfung der Begabung, der
geistigen Bedeutung eines Menschen läßt sich darum dies empfehlen: man
sei längere Zeit mit ihm nicht beisammen gewesen und fange nun von dem
letzten Zusammensein zu sprechen an, knüpfe das neue Gespräch an die
Gegenstände des letzten. Man wird gleich zu Beginn gewahr werden, wie
lebhaft er dieses aufgenommen, wie nachhaltig es in ihm fortgewirkt hat,
und sehr bald sehen, wie treu er die Einzelheiten bewahrt hat. Wie vieles
unbegabte Menschen aus ihrem Leben vergessen, das kann, wer Lust hat, zu
seiner Überraschung und seinem Entsetzen nachprüfen. Es kommt vor, daß
man mit ihnen vor wenigen Wochen stundenlang beisammen war: es ist
ihnen nun entschwunden. Man kann Menschen finden, mit denen man vor
einigen Jahren acht oder vierzehn Tage lang, zufällig oder in bestimmten
Angelegenheiten, sehr viel zu tun hatte, und die nach Ablauf dieser Zeit a n
n i c h t s m e h r sich zu erinnern vermögen. Freilich, wenn man ihnen durch
genaue Darstellung alles dessen, worum es sich handelte, durch
Wiederbelebung der Situation in allen ihren Details, zu Hilfe kommt, so
gelingt es immer, falls diese Bemühung lange genug fortgesetzt wird, zuerst
ein schwaches Aufleuchten des fast völlig Erloschenen und allmählich eine
Erinnerung herbeizuführen. Solche Erfahrungen haben es mir sehr
wahrscheinlich gemacht, daß die theoretisch immer zu machende Annahme,
es gebe kein völliges Vergessen, sich auch empirisch, und zwar nicht bloß
durch die Hypnose, nachweisen lassen dürfte, wenn man nur dem Befragten
mit den richtigen Vorstellungen an die Hand zu gehen weiß.

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Es kommt also darauf an, daß man einem Menschen
aus seinem Leben, aus dem, was er gesagt oder gehört,
gesehen oder gefühlt, getan oder erlitten hat, möglichst
w e n i g e r z ä h l e n k ö n n e , d a s e r n i c h t s e l b s t w e i ß . Hiemit ist
zum ersten Male ein Kriterium der Begabung gefunden, welches leichter
Überprüfung von seiten anderer zugänglich ist, o h n e d a ß s c h o n
schöpferische Leistungen des Menschen vorliegen
m ü s s e n. Wie vielfacher Anwendung in der Erziehung es entgegengeht,
mag unerörtert bleiben. Für Eltern und Lehrer dürfte es gleich wichtig sein.
Vom Gedächtnisse der Menschen hängt, wie natürlich, auch das Maß
ab, in welchem sie in der Lage sein werden, sowohl Unterschiede als
Ähnlichkeiten zu bemerken. Am meisten wird diese Fähigkeit bei jenen
entwickelt sein, in deren Leben immer die ganze Vergangenheit in die
Gegenwart hineinreicht, bei denen alle Einzelmomente des Lebens zur
Einheit zusammenfließen und aneinander verglichen werden. So kommen
gerade sie am vornehmlichsten in die Gelegenheit, G l e i c h n i s s e zu
gebrauchen, u n d zwar gerade mit dem Te r t i u m
c o m p a r a t i o n i s , a u f d a s e s g e r a d e a n k o m m t; denn sie werden
aus dem Vergangenen immer dasjenige herausgreifen, was die stärkste
Übereinstimmung mit dem Gegenwärtigen aufweist, indem beide
Erlebnisse, das neue und das zum Vergleiche herangezogene ältere, bei
ihnen a r t i k u l i e r t genug dazu sind, um keine Ähnlichkeit und keinen
Unterschied vor ihrem Auge zu verbergen; und darum eben auch, was
längst vorbei ist, gegen den Einfluß der Jahre hier sich behaupten konnte.
Nicht umsonst hat man daher die längste Zeit in dem Reichtum eines
Dichters an schönen und vollkommenen Gleichnissen und Bildern einen
besonderen Vorzug seiner Gattung erblickt, seine Lieblingsgleichnisse aus
dem Homer, aus Shakespeare und Klopstock immer wieder aufgeschlagen
oder bei der Lektüre mit Ungeduld erwartet. Heute, da Deutschland seit 150
Jahren zum ersten Mal ohne großen Künstler und ohne großen Denker ist,
indes dafür bald niemand mehr aufzutreiben sein wird, der nicht
»geschrieben« hätte, heute scheint das ganz vorüber; man sucht nach
derartigem nicht, man würde auch nichts finden. Eine Zeit, die in vagen,
undeutlich schillernden Stimmungen ihr Wesen am besten ausgesprochen
sieht, deren Philosophie in mehr als einem Sinne das Unbewußte geworden
ist, zeigt zu offensichtlich, daß nicht ein wahrhaft Großer in ihr lebt; denn
Größe ist Bewußtsein, vor dem der Nebel des Unbewußten schwindet wie

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vor den Strahlen der Sonne. Gäbe ein einziger dieser Zeit ein Bewußtsein,
wie gerne würde sie all ihre Stimmungskunst, deren sie sich heute noch
berühmt, dahingeben! — Erst im vollen Bewußtsein, in welchem in das
Erlebnis der Gegenwart alle Erlebnisse der Vergangenheit in größter
Intensität hineinspielen, findet Phantasie, die Bedingung des
philosophischen wie des künstlerischen Schaffens, eine Stelle. Demgemäß
ist es auch gar nicht wahr, daß die Frauen mehr Phantasie haben als die
Männer. Die Erfahrungen, auf Grund deren man dem Weibe eine lebhaftere
Einbildungskraft hat zusprechen wollen, entstammen sämtlich dem
sexuellen Phantasieleben der Frauen; und die Folgerungen, die allein mit
Recht hieraus gezogen werden könnten, gestatten eine Behandlung in
diesem Zusammenhange noch nicht.
Die absolute Bedeutungslosigkeit der Frauen in der
M u s i k g e s c h i c h t e läßt sich wohl noch auf weit tiefere Gründe
zurückführen: doch beweist sie zunächst den Mangel des Weibes an
Phantasie. Denn zur musikalischen Produktivität gehört unendlich viel mehr
Phantasie als selbst das männlichste Weib besitzt: viel mehr als zu sonstiger
künstlerischer oder wissenschaftlicher Tätigkeit. Nichts Wirkliches in der
Natur, nichts Gegebenes in der sinnlichen Empirie entspricht einem
Tonbilde. Die Musik ist wie ohne Beziehungen zur Erfahrungswelt: es gibt
keine Klänge, keine Accorde, keine Melodien in der Natur, sondern hier hat
erst der Mensch auch die letzten Elemente noch selbständig zu erzeugen.
Jede andere Kunst hat deutlichere Beziehungen zur empirischen Realität als
sie, ja die ihr, was man auch dagegen sagen mag, v e r w a n d t e Architektur
betätigt sich bis zuletzt an einem Stoffe; obwohl sie mit der Musik die
Eigenschaft teilt, daß sie (vielleicht sogar mehr noch als diese) von
sinnlicher N a c h a h m u n g frei ist. Darum ist auch Baukunst eine durchaus
männliche Sache, der weibliche Baumeister eine fast nur Mitleid weckende
Vorstellung.
Desgleichen rührt die »verdummende« Wirkung der Musik auf
schaffende und ausübende Musiker, von der man öfter sprechen hört
(besonders kommt hier die reine Instrumentalmusik in Betracht), nur davon
her, daß noch der Geruchssinn dem Menschen mehr zur Orientierung in der
Erfahrungswelt dienen kann als der Inhalt eines musikalischen Werkes. Und
eben diese gänzliche Abwesenheit aller Beziehungen zur Welt, die wir
sehen, tasten, riechen können, macht die Musik nicht besonders geeignet für

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Äußerungen weiblichen Wesens. Zugleich erklärt diese Eigenart seiner
Kunst, warum der schöpferische Musiker der Phantasie im allerhöchsten
Grade bedarf und warum der Mensch, welchem Melodien einfallen (ja
vielleicht gegen sein Sträuben zuströmen), noch viel mehr Gegenstand des
Staunens seitens der anderen Menschen wird als der Dichter oder der
Bildhauer. Die »weibliche Phantasie« muß wohl eine von der männlichen
gänzlich verschiedene sein, wenn es ihrer ungeachtet keine Musikerin gibt,
welche für die Musikgeschichte auch nur so weit in Betracht käme, wie
etwa A n g e l i k a K a u f f m a n n für die Malerei.
Wo irgend es deutlich auf kraftvolle Formung ankommt, haben die
Frauen nicht die kleinste Leistung aufzuweisen: nicht in der Musik und
nicht in der Architektur, nicht in der Plastik und nicht in der Philosophie.
Wo in vagen und weichen Übergängen des Sentiments noch ein wenig
Wirkung erzielt werden kann, wie in Malerei und Dichtung, wie in einer
gewissen verschwommenen Pseudo-Mystik und Theosophie, dort haben sie
noch am ehesten ein Feld ihrer Betätigung gesucht und gefunden. — Der
Mangel an Produktivität auf jenen Gebieten hängt also auch zusammen mit
der Undifferenziertheit des psychischen Lebens im Weibe. Namentlich in
der Musik kommt es auf das denkbar artikulierteste Empfinden an. Es gibt
nichts Bestimmteres, nichts Charakteristischeres, nichts
E i n d r i n g l i c h e r e s als eine M e l o d i e, nichts, was unter jeder
Verwischung stärker litte. Deshalb e r i n n e r t man sich an Gesungenes um
so viel leichter als an Gesprochenes, an die Arien immer besser als an die
Rezitativen, und kostet der Sprechgesang dem Wagnersänger so viel
Studium.
Hier mußte darum länger verweilt werden, weil in der Musik nicht wie
anderswo die Ausrede der Frauenrechtler und -Rechtlerinnen gilt: der
Zugang zu ihr sei den Frauen zu kurze Zeit erst freigegeben, als daß man
schon reife Früchte von ihnen fordern dürfe. Sängerinnen und Virtuosinnen
hat es immer, bereits im klassischen Altertum, gegeben. Und doch ......
Auch die schon früher häufige Übung, Frauen malen und zeichnen zu
lassen, hat bereits seit etwa 200 Jahren in erheblichem Maße sich gesteigert.
Man weiß, wie viele Mädchen ohne Not heute zeichnen und malen lernen.
Also auch hier ist lange schon kein engherziger Ausschluß mehr
wahrzunehmen, ä u ß e r e Möglichkeiten wären reichlich vorhanden. Wenn
trotzdem so wenige Malerinnen für eine Geschichte der Kunst ernsthaft in

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Betracht kommen, so dürfte es an den i n n e r e n Bedingungen gebrechen.
Die weibliche Malerei und Kupferstecherei kann eben für die Frauen nur
eine Art eleganterer, luxuriöser H a n d a r b e i t bedeuten. Dabei scheint
ihnen das sinnliche, körperliche Element der Farbe eher erreichbar als das
geistige, formale der Linie; und dies ist ohne Zweifel der Grund, daß zwar
einige Malerinnen, aber noch keine Zeichnerin von Ansehen bekannt
geworden ist. Die Fähigkeit, einem Chaos Form geben zu können, ist eben
die Fähigkeit des Menschen, dem die allgemeinste Apperzeption das
allgemeinste Gedächtnis verschafft, sie ist die Eigenschaft des männlichen
Genies.
Ich beklage es, daß ich mit diesem Worte »Genie«, »genial« immerfort
operieren muß, welches, wie erst von einem bestimmten jährlichen
Einkommen ab an den Staat eine gewisse Steuer zu zahlen ist, »die Genies«
als eine bestimmte Kaste streng abgrenzt von jenen, die es gar nicht sein
sollen. Die Bezeichnung »Genie« hat vielleicht gerade ein Mann erfunden,
der sie selbst nur in recht geringem Maße verdiente; den größeren wird das
»Genie-Sein« wohl zu selbstverständlich vorgekommen sein; sie werden
wahrscheinlich lang genug gebraucht haben, um einzusehen, daß man
überhaupt auch nicht »genial« sein könne. Wie denn P a s c a l
außerordentlich treffend bemerkt: Je origineller ein Mensch sei, für desto
origineller halte er auch die anderen; womit man G o e t h e s Wort
vergleiche: Vielleicht vermag nur der Genius den Genius ganz zu verstehen.
Es gibt vielleicht nur sehr wenige Menschen, die gar nie in ihrem
Leben »genial« gewesen sind. Wenn doch, so hat es ihnen vielleicht nur an
der Gelegenheit gemangelt: an der großen Leidenschaft, an dem großen
Schmerz. Sie hätten nur einmal etwas intensiv genug zu erleben brauchen
— allerdings ist die Fähigkeit des Erlebens etwas zunächst subjektiv
Bestimmtes — und sie wären damit, wenigstens vorübergehend, genial
gewesen. Das Dichten während der ersten Liebe gehört z. B. ganz hieher.
Und wahre Liebe ist völlig Zufallssache.
Man darf schließlich auch nicht verkennen, daß ganz einfache
Menschen in großer Erregung, im Zorn über irgend eine Niedertracht,
Worte finden, die man ihnen nie zugetraut hätte. Der größte Teil dessen,
was man gemeinhin »A u s d r u c k« nennt, in Kunst wie in prosaischer
Rede, beruht aber (wenn man sich des früher über den Prozeß der Klärung
Bemerkten erinnert) darauf, daß ein Individuum, das begabtere, Inhalte

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geklärt, gegliedert aufweist zu einer Zeit, wo das andere, minder hoch
veranlagte, sie noch im Henidenstadium oder in einem sich nahe
daranschließenden besitzt. Der Verlauf der Klärung wird durch den
Ausdruck, welcher einem zweiten Menschen gelungen ist, ungemein
a b g e k ü r z t, und daher das Lustvolle, auch wenn wir a n d e r e einen
»guten Ausdruck« finden sehen. Erleben zwei ungleich Begabte dasselbe,
so wird bei dem Begabteren die Intensität groß genug sein, daß etwa die
»Sprechschwelle«[19] erreicht wird. Im anderen aber wird der
Klärungsprozeß hiedurch nur erleichtert.
Wäre wirklich, wie die populäre Ansicht glaubt, das Genie vom
nichtgenialen Menschen durch eine dicke Wand getrennt, die keinen Ton
aus einem Reiche in das andere dringen ließe, so müßte jedes Verständnis
der Leistungen des Genies dem nichtgenialen Menschen v ö l l i g
verschlossen sein, und dessen Werke könnten auf ihn auch nicht den
leisesten Eindruck hervorbringen. A l l e Kulturhoffnungen
vermögen demnach nur auf die Forderung sich zu
g r ü n d e n , d a ß d e m n i c h t s o s e i . Und es ist auch nicht so. D e r
Unterschied liegt in der geringeren Intensität des
Bewußtseins, er ist ein q u a n t i t a t i v e r, kein
[20]
p r i n z i p i e l l e r , q u a l i t a t i v e r.
Umgekehrt aber hat es recht wenig Sinn, jüngeren Leuten die
Äußerung einer Meinung darum zu verweisen und ihr Wort darum geringer
zu werten, weil sie weniger Erfahrung hätten als ältere Personen. Es gibt
Menschen, die wohl tausend Jahre und darüber leben könnten, ohne eine
einzige E r f a h r u n g gemacht zu haben. Nur unter Gleichbegabten hätte
jene Rede einen guten Sinn und eine volle Berechtigung.
Denn während der geniale Mensch schon als Kind ein intensiveres
Leben führt als alle anderen Kinder, während ihm, je bedeutender er ist, an
eine desto frühere Jugend auch ein Entsinnen möglich ist, ja in extremen
Fällen schon vom dritten Jahre seiner Kindheit angefangen ihm die
vollständige Erinnerung von seinem ganzen Leben stets gegenwärtig bleibt,
datieren die anderen Menschen ihre erste Jugenderinnerung erst von einem
viel späteren Zeitpunkt; ich kenne welche, deren früheste Reminiszenz
überhaupt in ihr achtes Lebensjahr fällt, d i e v o n i h r e m g a n z e n
vorherigen Leben nichts wissen, als was ihnen erzählt
w u r d e; und es gibt sicherlich viele, bei denen dieses erste intensive

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Erlebnis noch weit später anzusetzen ist. Ich will nicht behaupten und
glaube es auch gar nicht, daß man die Begabungen zweier Menschen ganz
ausnahmslos danach allein bereits gegeneinander abschätzen könne, wenn
dieser vom fünften, jener erst vom zwölften Jahre an sich an alles erinnert,
die früheste Jugenderinnerung des einen in den vierzehnten Monat nach
seiner Geburt fällt, die des zweiten erst in sein drittes Lebensjahr. Aber im
allgemeinen und außerhalb zu enger Grenzen wird man die angegebene
Regel wohl immer zutreffen sehen.
Vom Zeitpunkt der ersten Jugenderinnerung verfließt gewiß auch beim
hervorragenden Menschen noch immer eine längere oder kürzere Strecke
bis zu jenem Moment, von dem an er an a l l e s sich erinnert, jenem Tage,
von dem an er eben endgültig zum Genie geworden ist. Die meisten
Menschen hingegen haben den größten Teil ihres Lebens einfach vergessen;
ja viele wissen oft nur, d a ß k e i n a n d e r e r M e n s c h f ü r s i e
g e l e b t h a t d i e g a n z e Z e i t h i n d u r c h: aus ihrem ganzen Leben
sind ihnen nur bestimmte Augenblicke, einzelne feste Punkte, markante
Stationen gegenwärtig. Wenn man sie sonst um etwas fragt, so wissen sie
nur, d. h. sie rechnen es sich in der Geschwindigkeit aus, daß in dem und
dem Monat sie so alt waren, diese oder jene Stellung bekleideten, da oder
dort wohnten und so und so viel Einkommen hatten. Hat man vor Jahren
zusammen mit ihnen etwas erlebt, so kann es nun unendliche Mühe kosten,
das Vergangene in ihnen zur Auferstehung zu bringen. Man mag in solchem
Falle einen Menschen mit Sicherheit für unbegabt erklären, man ist
zumindest befugt, ihn nicht für hervorragend zu halten.
Die Aufforderung zu einer Selbstbiographie brächte die ungeheuere
Mehrzahl der Menschen in die peinlichste Verlegenheit: können doch schon
die wenigsten Rede stehen, wenn man sie fragt, was sie gestern getan
haben. Das Gedächtnis der meisten ist eben ein bloß sprungweises,
gelegentlich assoziatives. Im genialen Menschen d a u e r t ein Eindruck, den
er empfangen hat; ja eigentlich s t e h t n u r e r ü b e r h a u p t u n t e r
E i n d r ü c k e n. Damit hängt zusammen, daß wohl alle hervorragenden
Menschen, wenigstens zeitweise, a n f i x e n I d e e n l e i d e n. Der
psychische Bestand der Menschen mit einem System von eng einander
benachbarten Glocken verglichen, so gilt für den gewöhnlichen Menschen,
daß jede nur klingt, wenn die andere an sie mit ihren Schwingungen stößt,
und nur auf ein paar Augenblicke; für das Genie, daß eine einzige,

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angeschlagen, gewaltig ausschwingt, nicht leise tönt, sondern voll, das
ganze System mitbewegt, und nachhallt, oft das ganze Leben lang. Da diese
Art der Bewegung aber oft infolge gänzlich geringfügiger, ja lächerlicher
Anstöße beginnt, und manchesmal gleich intensiv in unerträglicher Weise
wochenlang zäh beharrt, so liegt hierin wirklich eine Analogie zum
Wahnsinn.
Aus verwandten Gründen ist auch D a n k b a r k e i t so ziemlich die
seltenste Tugend unter den Menschen; sie merken sich wohl manchesmal,
wieviel man ihnen geliehen hat; aber in die Not, in der sie waren, in die
Befreiung, die ihnen wurde, mögen und können sie sich nicht mehr
zurückdenken. Führt Mangel an Gedächtnis sicher zum Undank, so genügt
dennoch selbst ein vorzügliches Gedächtnis allein noch nicht, um einen
Menschen dankbar zu machen. Dazu ist eine spezielle Bedingung mehr
erforderlich, deren Erörterung nicht hieher gehört.
Aus dem Zusammenhange von Begabung und Gedächtnis, der so oft
verkannt und verleugnet worden ist, weil man ihn nicht dort suchte, wo er
zu finden gewesen wäre: i n d e r R ü c k e r i n n e r u n g a n d a s e i g e n e
L e b e n, läßt sich noch eine weitere Tatsache ableiten. Ein Dichter, der
seine Sachen hat schreiben m ü s s e n, ohne Absicht, ohne Überlegung, ohne
erst zur eigenen Stimmung das Pedal zu treten; ein Musiker, den der
Moment des Komponierens überfallen hat, so daß er wider Willen zu
schaffen genötigt war, sich nicht wehren konnte, selbst wenn er lieber Ruhe
und Schlaf gewünscht hätte: ein solcher wird, was in diesen Stunden
geboren wurde, all das, was nicht auch nur im kleinsten g e m a c h t ist, sein
ganzes Leben lang im Kopfe tragen. Ein Komponist, der keines seiner
Lieder und keinen seiner Sätze, ein Dichter, der keines seiner Gedichte
auswendig kennt — und zwar ohne sie, wie das S i x t u s B e c k m e s s e r
von H a n s S a c h s sich vorstellt, erst »recht gut memoriert« zu haben —
der hat, des kann man sicher sein, auch nie etwas wahrhaft Bedeutendes
hervorgebracht.
Bevor nun die Anwendung dieser Aufstellungen auf das Problem der
geistigen Geschlechtsunterschiede versucht werde, ist noch eine
Unterscheidung zu treffen zwischen Gedächtnis und Gedächtnis. Die
einzelnen zeitlichen Momente seines Lebens sind nämlich dem begabten
Menschen in der Erinnerung nicht als diskrete Punkte gegeben, nicht als
durchaus getrennte Situationsbilder, nicht als verschiedene Individuen von

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Augenblicken, deren jeder einen bestimmten, von dem des nächsten, wie
die Zahl eins von der Zahl zwei, getrennten Index aufweist. Die
Selbstbeobachtung ergibt vielmehr, daß allem Schlafe, aller
Bewußtseinsenge, allen Erinnerungslücken zum Trotze die einzelnen
Erlebnisse in ganz rätselhafter Weise z u s a m m e n g e f a ß t erscheinen; die
Geschehnisse folgen nicht aufeinander wie die Ticklaute einer Uhr, sondern
sie laufen alle in einen einheitlichen Fluß zusammen, in dem es keine
Diskontinuität gibt. Beim ungenialen Menschen sind dieser Momente, die
aus der ursprünglich diskreten Mannigfaltigkeit so zum geschlossenen
Kontinuum sich vereinigen, nur wenige, ihr Lebenslauf gleicht einem
Bächlein, keinem mächtigen Strom, in den, wie beim Genie, aus weitestem
Gebiete a l l e Wässerlein zusammengeflossen sind, a u s dem, heißt das,
vermöge der u n i v e r s a l e n A p p e r z e p t i o n kein Erlebnis
a u s g e s c h a l t e t, i n den vielmehr a l l e einzelnen Momente
a u f g e n o m m e n, rezipiert sind. Diese e i g e n t l i c h e Kontinuität, die den
Menschen erst ganz dessen vergewissern kann, daß er l e b t, daß er da, daß
er auf der Welt ist, allumfassend beim Genius, auf wenige wichtige
Momente beschränkt beim Mittelmäßigen, f e h l t g ä n z l i c h b e i m
We i b e. Dem Weibe bietet sich, wenn es rückschauend, rückfühlend sein
Leben betrachtet, dieses nicht unter dem Aspekt eines unaufhaltsamen,
nirgends unterbrochenen Drängens und Strebens dar, es bleibt vielmehr
immer nur an einzelnen Punkten h ä n g e n.
Was für Punkte sind das? Es können nur diejenigen sein, für welche W
ihrer Natur nach ein Interesse hat. Worauf dieses Interesse ihrer
Konstitution ausschließlich geht, wurde im zweiten Kapitel zu erwägen
begonnen; wer sich an dessen Ergebnisse erinnert, den wird die folgende
Tatsache nicht überraschen:
W verfügt ü b e r h a u p t nur über e i n e Klasse von Erinnerungen: es
sind die mit dem Geschlechtstrieb und der Fortpflanzung
zusammenhängenden. An den Geliebten und an den Bewerber; an die
Hochzeitsnacht, an jedes Kind wie an ihre Puppen; an die Blumen, die sie
auf jedem Balle bekommen, Zahl, Größe und Preis der Bouquets; an jedes
Ständchen, das ihr gebracht, an jedes Gedicht, das (wie sie sich einbildet)
auf sie geschrieben wurde, an jeden Ausspruch des Mannes, der ihr
imponiert hat, vor allem aber — mit einer Genauigkeit, die ebenso

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verächtlich ist als sie unheimlich berührt — a n j e d e s K o m p l i m e n t
o h n e A u s n a h m e, das ihr im Leben gemacht wurde.
Das ist alles, woran das e c h t e Weib aus seinem Leben sich erinnert.
Wa s a b e r e i n M e n s c h n i e v e r g i ß t , u n d w a s e r s i c h
nicht merken kann, das ermöglicht am besten die
E r k e n n t n i s s e i n e s We s e n s , s e i n e s C h a r a k t e r s . Es wird später
noch genauer als jetzt zu untersuchen sein, w o r a u f es deutet, daß W
gerade d i e s e Erinnerungen hat. Großer Aufschluß ist gerade von der
unglaublichen Treue zu erwarten, mit welcher die Frauen an alle
Huldigungen und Schmeicheleien, an sämtliche Beweise der Galanterie sich
erinnern, die ihnen seit frühester Kindheit entgegengebracht worden sind.
Was man gegen die hiemit vollzogene Einschränkung des weiblichen
Gedächtnisses auf den Bereich der Sexualität und des Gattungslebens
einwenden kann, ist mir natürlich klar; ich muß darauf gefaßt sein, alle
Mädchenschulen und sämtliche Ausweise aufmarschieren zu sehen. Diese
Schwierigkeiten können indes erst später behoben werden. Hier möchte ich
nur dies nochmals zu bedenken geben, daß es, bei allem Gedächtnis,
welches für die psychologische Erkenntnis der Individualität ernstlich in
Frage käme, um Gedächtnis für Erlerntes nur dort sich handeln könnte, wo
Erlerntes wirklich Erlebtes wäre.
Daß es dem psychischen Leben der Frauen an Kontinuität (die hier nur
als ein nicht zu übersehendes psychologisches Faktum, sozusagen im
Anhang der Gedächtnislehre, nicht als spiritualistische oder idealistische
These eingeführt wurde) gebricht, dem kann erst weiter unten eine
Beleuchtung, dem Wesen der Kontinuität nur in Stellungnahme zu dem
umstrittensten Probleme aller Philosophie und Psychologie eine
Ergründung werden. Als Beweis für jenen Mangel will ich vorläufig nichts
anführen als die oft bestaunte, von L o t z e ausdrücklich hervorgehobene
Tatsache, daß die Frauen sich viel leichter in neue Verhältnisse fügen und
sich ihnen eher anpassen als die Männer, denen man den Parvenu noch
lange anmerkt, wenn kein Mensch mehr die Bürgerliche von der Adeligen,
die in ärmlichen Verhältnissen Aufgewachsene von der Patrizierstochter
auseinanderzukennen vermag. Doch muß ich auch hierauf später noch
ausführlich zurückkommen.

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Übrigens wird man nun begreifen, warum (wenn nicht Eitelkeit,
Tratschsucht oder Nachahmungslust dazu treibt) nur bessere Menschen
Erinnerungen aus ihrem Leben niederschreiben, und wie ich hierin eine
Hauptstütze des Zusammenhanges von Gedächtnis und Begabung erblicke.
Nicht als ob jeder geniale Mensch auch eine Autobiographie abfassen
würde: um zur Selbstbiographie zu schreiten, dazu sind noch gewisse
s p e z i e l l e, sehr tief liegende psychologische Bedingungen nötig. Aber
umgekehrt ist die Abfassung einer v o l l s t ä n d i g e n Selbstbiographie,
wenn sie aus originärem Bedürfnis heraus erfolgt, stets ein Zeichen eines
höheren Menschen. Denn gerade im wirklich t r e u e n Gedächtnis liegt auch
die Wurzel der P i e t ä t. Ein bedeutender Mensch, vor das Ansinnen gestellt,
seine Vergangenheit um irgend welcher äußerer materieller oder innerer
hygienischer Vorteile willen preiszugeben, würde es zurückweisen, auch
wenn ihm die größten Schätze der Welt, ja d a s G l ü c k s e l b s t, fürs
Vergessen in Aussicht gestellt würden. Der Wunsch nach dem Trank aus
dem Lethestrom ist ein Zug mittlerer und minderer Naturen. Und mag ein
wahrhaft hervorragender Mensch nach dem G o e t h eschen Worte gegen
eben abgelegte eigene Irrtümer sehr streng und heftig auch dort sein, wo er
a n d e r e an ihnen festhalten sieht, so wird er doch sein vergangenes Tun
und Lassen nie belächeln, über seine frühere Denk- und Lebensweise sich
niemals lustig machen. Die heute so sehr ins Kraut geschossenen
»Überwinder« verdienen rechtens alles andere eher denn diesen Namen:
Menschen, die anderen spöttisch erzählen, was sie einst alles geglaubt, und
wie sie all das »überwunden« hätten, denen war es mit dem Alten nicht
Ernst, denen ist am Neuen ebensowenig gelegen. Ihnen kommt es immer
nur auf die Instrumentation, nie auf die Melodie an; kein Stadium von all
den »überwundenen« war wirklich in ihrem Wesen tief gegründet. Dagegen
beobachte man, mit welch weihevoller Sorgfalt große Männer in ihren
Selbstbiographien selbst den scheinbar geringfügigsten Dingen einen Wert
beilegen: denn für sie ist Gegenwart und Vergangenheit gleich, für jene
keine von beiden wahr. Der hervorragende Mensch fühlt, wie a l l e s, auch
das Kleinste, Nebensächlichste, in seinem Leben eine Wichtigkeit
gewonnen, wie es ihm zu seiner Entwicklung mitverholfen hat, und d a h e r
die außerordentliche P i e t ä t seiner Memoiren. Und eine solche
Autobiographie wird sicherlich nicht etwa auf einmal, einem anderen
Einfall vergleichbar, unvermittelt niedergeschrieben, der Gedanke hiezu
entsteht in ihm nicht plötzlich; sie ist für den großen Menschen, der eine

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schreibt, sozusagen immer fertig. Gerade weil das bisherige Leben ihm
immer ganz gegenwärtig ist, darum empfindet er seine neuen Erlebnisse als
für ihn bedeutsam, darum hat er und eigentlich nur er ein S c h i c k s a l. Und
davon rührt es zunächst auch her, daß gerade die bedeutendsten Menschen
immer viel a b e r g l ä u b i s c h e r sein werden als mittelmäßige Köpfe. Man
kann also zusammenfassend sagen:
Ein Mensch ist um so bedeutender, je mehr alle
Dinge für ihn bedeuten.
Im Laufe der ferneren Untersuchung wird diesem Satze, außer der
Universalität der verständnisvollen Beziehung und der erinnernden
Vergleichung, noch ein tieferer Sinn allmählich unterlegt werden können.
Wie es in diesen Hinsichten mit dem Weibe steht, ist nicht schwer zu
sagen. Das echte Weib kommt nie zum Bewußtsein eines Schicksals, seines
Schicksals; das Weib ist nicht heroisch, denn es kämpft höchstens für seinen
Besitz, und es ist nicht tragisch, denn sein Los entscheidet sich mit dem
Lose dieses Besitzes. Da das Weib ohne Kontinuität ist, kann es auch nicht
pietätvoll sein; in der Tat ist Pietät eine durchaus männliche Tugend.
Pietätvoll ist man zunächst g e g e n s i c h, und Pietät gegen sich Bedingung
aller Pietät gegen andere. Aber eine Frau kostet es recht wenig
Überwindung, über ihre Vergangenheit den Stab zu brechen; wenn das Wort
Ironie am Platze wäre, so könnte man sagen, daß nicht leicht ein Mann sein
vergangenes Selbst so ironisch und überlegen betrachten wird, wie die
Frauen dies oftmals — nicht nur nach der Hochzeitsnacht — zu tun pflegen.
Es wird sich noch Gelegenheit finden, darauf hinzuweisen, wie die Frauen
eigentlich das Gegenteil von all dem wollen, dessen Ausdruck die Pietät ist.
Was endlich die Pietät der Witwen anlangt — doch von diesem
Gegenstande will ich lieber schweigen. Und der Aberglaube der Frauen
schließlich ist psychologisch ein durchaus anderer als der Aberglaube
hervorragender Männer.
Das Verhältnis zur eigenen Vergangenheit, wie es in der Pietät zum
Ausdrucke kommt und auf dem kontinuierlichen Gedächtnis beruht, das
selbst wieder nur durch die Apperzeption ermöglicht ist, läßt sich noch in
weiteren Zusammenhängen zeigen und zugleich tiefer analysieren. D a m i t
n ä m l i c h , o b e i n M e n s c h ü b e r h a u p t e i n Ve r h ä l t n i s z u
seiner Ve r g a n g e n h e i t hat oder nicht, hängt es

Page 163

außerordentlich innig zusammen, ob er ein Bedürfnis
nach Unsterblichkeit fühlen oder ob ihn der Gedanke
d e s To d e s g l e i c h g ü l t i g l a s s e n w i r d .
Das Unsterblichkeitsbedürfnis wird zwar heute recht allgemein sehr
schäbig und von oben herab behandelt. Das Problem, das aus ihm erwächst,
macht man sich nicht etwa bloß als ein ontologisches, sondern auch als ein
psychologisches schmachvoll leicht. Der eine will es, zugleich mit dem
Glauben an die Seelenwanderung, damit erklärt haben, daß in vielen
Menschen Situationen, in welche sie sicherlich zum ersten Male geraten
sind, das Gefühl erwecken, als hätten sie dieselben schon einmal durchlebt.
Die andere, heute allgemein adoptierte Ableitung des
Unsterblichkeitsglaubens aus dem S e e l e n k u l t, wie sie sich bei Ty l o r,
S p e n c e r, Av e n a r i u s findet, wäre von jedem anderen Zeitalter als dem
der e x p e r i m e n t e l l e n Psychologie a priori zurückgewiesen worden. Es
sollte doch, meine ich, jedem Denkenden völlig unmöglich erscheinen, daß
etwas, woran so vielen Menschen gelegen, wofür so gekämpft und
gestritten worden ist, bloß das letzte Schlußglied eines Syllogismus bilden
könnte, dessen Prämisse etwa die nächtlichen Traumerscheinungen
Verstorbener gewesen wären. Und welche Phänomene zu erklären ist wohl
jene felsenfeste Meinung von ihrem Weiterleben nach dem Tode ersonnen
worden, die G o e t h e, die B a c h gehabt haben, auf welches
»Pseudoproblem« läßt sich das Unsterblichkeitsbedürfnis zurückführen, das
aus B e e t h o v e n s letzten Sonaten und Quartetten zu uns spricht? Der
Wunsch nach der persönlichen Fortdauer muß gewaltigeren Quellen
entströmt sein als jenen rationalistischen Springbrunnen.
Dieser tiefere Ursprung hängt mit dem Verhältnisse des Menschen zu
seiner Vergangenheit lebhaft zusammen. I m S i c h f ü h l e n u n d
S i c h s e h e n i n d e r Ve r g a n g e n h e i t l i e g t e i n m ä c h t i g e r
Grund des Sichweiterfühlen-, Sichweitersehenwollens.
Wem seine Vergangenheit wert ist, wer sein Innenleben, mehr als sein
körperliches Leben, hochhält, d e r w i r d e s a u c h a n d e n To d
n i c h t h i n g e b e n w o l l e n. Daher tritt primäres, originelles
Unsterblichkeitsbedürfnis bei den größten Genien der Menschheit, den
Menschen mit der reichsten Vergangenheit, am stärksten, am nachhaltigsten
auf. Daß d i e s e r Zusammenhang der Unsterblichkeitsforderung mit dem
Gedächtnis w i r k l i c h besteht, erhellt daraus, was Menschen, die aus

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Todesgefahr errettet werden, von sich übereinstimmend aussagen. Sie
durchleben nämlich, wenn sie auch sonst nie viel an ihre Vergangenheit
gedacht haben, nun plötzlich auf einmal mit rasender Geschwindigkeit ihre
ganze Lebensgeschichte nochmals, und erinnern sich innerhalb weniger
Sekunden an Dinge, welche Jahrzehnte lang ihnen nicht ins Bewußtsein
zurückgekommen sind. Denn das Gefühl dessen, was ihnen bevorsteht,
bringt — abermals vermöge des Kontrastes — all das ins Bewußtsein, was
nun für immer vernichtet werden soll.
Wir wissen ja sehr wenig über die geistige Verfassung Sterbender. Es
gehört auch ein mehr als gewöhnlicher Mensch dazu, um zu erkennen, was
in einem Sterbenden vorgeht; anderseits sind Verscheidende aus den
dargelegten Gründen gerade von besseren Menschen meistens gemieden.
Aber es ist wohl gänzlich unrichtig, die in so vielen Todkranken plötzlich
auftretende Religiosität nur auf die bekannte Erwägung »vielleicht doch,
sicher ist sicher« zurückzuführen; und sehr oberflächlich, anzunehmen,
bloß die sonst nie beachtete tradierte Höllenlehre gewinne nun plötzlich
gerade in der Todesstunde so viel Kraft, daß es dem Menschen unmöglich
werde, mit einer Lüge zu sterben.[21] Denn dies ist das Wichtigste: Warum
fühlen Menschen, die ein durch und durch verlogenes Leben geführt haben,
nun plötzlich den Drang nach der Wahrheit? Und warum macht es auch auf
denjenigen, der nicht an S t r a f e n im Jenseits glaubt, einen so entsetzlichen
Eindruck, wenn er vernimmt, ein Mensch sei m i t einer Lüge, m i t einer
unbereuten Schlechtigkeit v e r s c h i e d e n, warum hat beides, sowohl die
Verstocktheit bis zum Schlusse, als auch die Umkehr vor dem Tode, die
Dichter so oft mächtig gereizt? Die Frage nach der »Euthanasie der
Atheisten«, die man im XVIII. Jahrhundert so häufig aufwarf, ist also keine
ganz sinnlose, und nicht bloß ein historisches Kuriosum, als welches sie
von Friedrich Albert L a n g e behandelt wurde.
Ich erwähne dies alles nicht allein, um eine Möglichkeit zu erörtern,
welcher kaum der Rang einer Vermutung zukommt. Undenkbar nämlich
scheint es mir, da viel mehr Menschen »genial« sind, als es »Genies« gibt,
nicht zu sein, daß die quantitative Differenz in der Begabung vor allem in
dem Zeitpunkte zum Ausdruck komme, in welchem die Menschen zum
Genie werden. Für eine größere Anzahl fiele dieser Augenblick mit ihrem
natürlichen Tode zusammen. Wurden wir schon früher dahin geführt, die
genialen Menschen nicht etwa, wie die Steuerzahler von einem bestimmten

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jährlichen Einkommen ab, als von allen anderen Menschen durch eine
scharfe Grenze getrennt anzusehen, so vereinigen sich diese neuen
Betrachtungen mit jenen alten. Und ebenso wie die erste
Kindheitserinnerung des Menschen nicht mit einem, den früheren Lauf der
Dinge unterbrechenden, ä u ß e r e n Ereignis verknüpft ist, sondern plötzlich,
unscheinbar, i n f o l g e e i n e r i n n e r e n E n t w i c k l u n g, für jeden
früher oder später ein Tag kommt, a n w e l c h e m d a s B e w u ß t s e i n
s o i n t e n s i v w i r d, daß eine Erinnerung bleibt, und von nun an, je nach
der Begabung, mehr oder weniger zahlreiche Erinnerungen beharren —
ein Faktum, das allein die ganze moderne Psychologie
u m s t ö ß t — so b e d ü r f t e es bei den v e r s c h i e d e n e n M e n s c h e n
v e r s c h i e d e n v i e l e r S t ö ß e, um sie zu genialen zu machen, u n d
nach der Zahl dieser Bewußtseinsstöße, deren letzter in
d e r To d e s s t u n d e e r f o l g t e, wären die Menschen ihrer Begabung
gemäß zu klassifizieren. Bei dieser Gelegenheit will ich noch darauf
hinweisen, wie falsch die Lehre der heutigen Psychologie ist (für die das
menschliche Individuum eben nur wie ein besserer Registrierapparat in
Betracht kommt und keinerlei von i n n e n kommende, ontogenetische
geistige Entwicklung besitzt), daß im jugendlichen Alter die größte Anzahl
von Eindrücken behalten werden. Man darf die erlebten Impressionen nicht
mit dem äußerlichen und fremden Gedächtnisstoff verwechseln. Diesen
nimmt das Kind gerade deshalb um so viel leichter auf, weil es noch so
wenig von Gemütseindrücken beschwert ist. Eine Psychologie, die in so
fundamentalen Dingen der Erfahrung zuwiderläuft, hat allen Anlaß zur
Einkehr, zur Umkehr. Was hier versucht wurde, ist kaum eine Andeutung
von jener o n t o g e n e t i s c h e n P s y c h o l o g i e oder t h e o r e t i s c h e n
B i o g r a p h i e, die über kurz oder lang die heutige Wissenschaft vom
menschlichen Geiste zu verdrängen berufen ist. — Jedes Programm enthält
implicite eine Überzeugung, jedem Ziele des Willens gehen bestimmte
Vorstellungen realer Verhältnisse voran. Der Name »theoretische
Biographie« soll das Gebiet gegen P h i l o s o p h i e und P h y s i o l o g i e
besser als bisher abstecken, und die biologische Betrachtungsweise, welche
von der letzten Richtung in der Psychologie (D a r w i n, S p e n c e r, M a c h,
Av e n a r i u s) einseitig hervorgekehrt und zum Teil arg übertrieben worden
ist, doch dahin e r w e i t e r n, daß eine solche Wissenschaft über den
g e s a m t e n gesetzmäßigen g e i s t i g e n Lebensverlauf als
G a n z e s, von der Geburt bis zum Tode eines Menschen, Rechenschaft zu

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geben hätte, wie über Entstehen und Vergehen und alle einzelnen
Lebensphasen irgend einer Pflanze. Und B i o g r a p h i e, nicht Biol o g i e,
sollte sie genannt werden, weil ihre Aufgabe in der Erforschung
gleichbleibender Gesetze der geistigen Entwicklung des
I n d i v i d u u m s liegt. Bisher kennt alle Geschichtsschreibung jeglicher
Gattung nur Individualitäten, βίοι. Hier aber würde es sich darum handeln,
allgemeine Gesichtspunkte zu gewinnen, Typen festzuhalten. D i e
Psychologie müßte anfangen, theoretische Biographie
z u w e r d e n . Im Rahmen einer solchen Wissenschaft könnte und würde
alle bisherige Psychologie aufgehen, und erst dann nach dem Wunsche
Wilhelm W u n d t s eine fruchtbare Grundlage für die Geisteswissenschaften
wirklich abgeben. Es wäre verfehlt, an dieser Möglichkeit darum zu
verzweifeln, weil die heutige Psychologie, welche eben jene ihre
eigentliche Aufgabe als ihr Ziel noch gar nicht begriffen hat, auch völlig
außerstande ist, den Geisteswissenschaften das Geringste zu bieten. Hierin
dürfte, trotz der großen Klärung, welche W i n d e l b a n d s und R i c k e r t s
Untersuchungen über das Verhältnis von Natur- und Geisteswissenschaften
mit sich gebracht haben, doch eine Berechtigung liegen, n e b e n der neuen
Einteilung der Wissenschaften in »Gesetzes-« und »Ereignis«-
Wissenschaften, in »nomothetische« und »idiographische« Disziplinen, die
M i l lsche Zweiteilung von Natur- und Geisteswissenschaften
beizubehalten. — —
Mit der Deduktion des Unsterblichkeitsbedürfnisses, welche dieses in
einen Konnex mit der kontinuierlichen Form des Gedächtnisses und der
Pietät brachte, stimmt es vollständig überein, daß d e n F r a u e n
j e g l i c h e s U n s t e r b l i c h k e i t s b e d ü r f n i s v ö l l i g a b g e h t. Auch
ist hieraus mit Sicherheit zu entnehmen, wie sehr jene unrecht haben,
welche in dem Postulat der persönlichen Fortexistenz bloß einen Ausfluß
der Todesfurcht und des leiblichen Egoismus sehen, und hiemit eigentlich
der populärsten Meinung über allen Ewigkeitsglauben Ausdruck geben.
Denn die A n g s t vor dem Sterben findet sich bei Frauen wie bei Männern,
das U n s t e r b l i c h k e i t s b e d ü r f n i s ist auf diese beschränkt.
Die von mir versuchte Erklärung des psychologischen Wunsches nach
Unsterblichkeit ist indessen bislang mehr ein Aufzeigen einer Verbindung,
die zwischen ihm und dem Gedächtnisse besteht, als eine wahrhaft strenge
A b l e i t u n g aus einem höheren Grundsatze. Daß hier eine Verwandtschaft

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da ist, wird man immer bewahrheitet finden: je mehr ein Mensch in seiner
Ve r g a n g e n h e i t lebt — n i c h t, wie man bei oberflächlichem Hinsehen
glauben könnte, in seiner Z u k u n f t — desto intensiver wird sein
Unsterblichkeitsverlangen sein. Ebenso kommt bei den Frauen der Mangel
an dem Bedürfnis eines Fortlebens nach dem Tode mit ihrem Mangel an
sonstiger Pietät gegen die eigene Person überein. Dennoch scheint, wie
diese Abwesenheit bei der Frau noch nach einer tieferen Begründung und
Ableitung beider aus e i n e m allgemeineren Prinzipe verlangt, so auch beim
Manne das Beisammensein von Gedächtnis und Unsterblichkeitsbedürfnis
auf eine g e m e i n s a m e, noch bloßzulegende Wurzel beider hinzuweisen.
Denn was bisher geleistet wurde, war doch nur der Nachweis, daß und wie
sich das Leben in der eigenen Vergangenheit und ihre Schätzung mit der
Hoffnung auf ein Jenseits im selben Menschen zusammenfinden. Den
tieferen Grund dieses Zusammenhanges zu erforschen, wurde noch gar
nicht als Aufgabe betrachtet. Nun aber ist auch an deren Lösung
heranzutreten.

Gehen wir von der Formulierung aus, die wir dem universellen
Gedächtnis des bedeutenden Menschen gaben. Ihm sei alles, das längst
Entwirklichte wie das eben erst Entschwundene, g l e i c h w a h r. Hierin
liegt, daß das einzelne Erlebnis nicht mit dem Zeitmoment, in dem es
gesetzt ist, so wie dieses Zeitatom selbst verschwindet, untergeht, daß es
nicht an den bestimmten Zeitaugenblick g e b u n d e n bleibt, sondern ihm —
eben durch das Gedächtnis — e n t w u n d e n wird. D a s G e d ä c h t n i s
m a c h t d i e E r l e b n i s s e z e i t l o s, es ist, schon seinem Begriffe nach,
Ü b e r w i n d u n g d e r Z e i t. An Vergangenes kann sich der Mensch nur
darum erinnern, weil das Gedächtnis es vom E i n f l u ß der Zeit b e f r e i t ,
die Geschehnisse, die überall sonst in der Natur
Funktionen der Zeit sind, hier im Geiste über die Zeit
h i n a u s g e h o b e n h a t.
Doch hier steigt scheinbar eine Schwierigkeit vor uns auf. Wie kann
das Gedächtnis eine Negation der Zeit in sich schließen, da es doch
anderseits gewiß ist, daß wir von der Zeit nichts wüßten, wenn wir kein
Gedächtnis hätten? Sicherlich wird uns immer und ewig nur durch

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Erinnerung an Vergangenes zum Bewußtsein gebracht, d a ß es einen Ablauf
der Zeit g i b t. Wie kann also von dem, was so enge zusammenhängt, das
eine das Gegenteil und die Aufhebung des anderen bedeuten?
Die Schwierigkeit löst sich leicht. Eben w e i l ein beliebiges Wesen —
es braucht nicht der Mensch zu sein — w e n n es mit Gedächtnis
ausgestattet ist, m i t s e i n e n E r l e b n i s s e n n i c h t e i n f a c h i n d e n
Z e i t v e r l a u f e i n g e s c h a l t e t ist, darum kann ein solches Wesen dem
Zeitverlauf gegenübertreten, ihn a u f f a s s e n, ihn zum Gegenstande der
Betrachtung machen. Wäre das einzelne Erlebnis dem übrigen Zeitverlauf
anheimgegeben, würde es ihm verfallen und nicht aus ihm gerettet werden
durch das Gedächtnis, müßte es mit der Zeit sich ändern wie eine abhängige
Variable mit ihrer Unabhängigen, stünde der Mensch mitten im zeitlichen
Fluß des Geschehens d a r i n n e n, so könnte dieser ihm nicht a u f f a l l e n,
nicht b e w u ß t werden — B e w u ß t s e i n s e t z t Z w e i h e i t v o r a u s —
er könnte nie das Objekt, der Gedanke, die Vorstellung des Menschen sein.
Man muß i r g e n d w i e die Zeit ü b e r w u n d e n haben, um über sie
r e f l e k t i e r e n, man muß irgendwie a u ß e r h a l b d e r Z e i t s t e h e n, um
sie b e t r a c h t e n zu können. Dies gilt nicht nur von jeder besonderen Zeit
— i n der Leidenschaft selbst kann man ü b e r die Leidenschaft nicht
nachdenken, man muß erst zeitlich über sie hinausgekommen sein —
sondern ebenso vom a l l g e m e i n e n B e g r i f f e der Zeit. G ä b e e s
nicht ein Zeitloses, so gäbe es keine Anschauung der
Zeit.
Gedenken wir, um dieses Zeitlose zu erkunden, vorläufig dessen, w a s
durch das Gedächtnis der Zeit wirklich entrückt wird. Als solches hat sich
all das ergeben, was für das Individuum v o n I n t e r e s s e i s t o d e r
e i n e B e d e u t u n g hat, oder, wie kurz gesagt werden soll, a l l e s , w a s
f ü r d a s I n d i v i d u u m e i n e n We r t b e s i t z t. Man erinnert sich nur
an solche Dinge, die für die Person einen, wenn auch oft lange unbewußten,
Wert gehabt haben: dieser Wert gibt ihnen die Zeitlosigkeit. M a n
vergißt alles, was nicht irgendwie, wenn auch oft
unbewußt, von der Person gewertet wurde.
Der Wert ist also das Zeitlose; und umgekehrt: ein Ding hat destomehr
Wert, je weniger es Funktion der Zeit ist, je weniger es mit der Zeit sich
ändert. In alles auf der Welt strahlt sozusagen nur so viel Wert ein, als es
zeitlos ist: nur zeitlose Dinge werden positiv gewertet. D i e s i s t, wenn

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auch, wie ich glaube, noch nicht die tiefste und allgemeinste Definition des
Wertes und keine völlige Erschöpfung seines Wesens, doch d a s e r s t e
s p e z i e l l e G e s e t z a l l e r We r t t h e o r i e.
Eine eilende Rundsicht wird genügen, um es überall nachzuweisen.
Man ist immer geneigt, die Überzeugung desjenigen gering zu schätzen, der
erst vor kurzem zu ihr gelangt ist, und wird auf die Äußerungen eines
Menschen überhaupt nicht viel Wert legen, dessen Ansichten noch im
Flusse begriffen sind und sich fortwährend ändern. Eherne
Unwandelbarkeit hingegen wird stets Respekt einflößen, selbst wenn sie in
den unedlen Formen der Rachsucht und des Starrsinns sich offenbart; ja
auch, wenn sie aus leblosen Gegenständen spricht: man denke an das »aere
perennius« der Poeten und an die »Quarante siècles« der Pyramiden
Ägyptens. Der Ruhm oder das gute Angedenken, die ein Mensch hinterläßt,
würden durch die Vorstellung sofort e n twertet, daß sie nur kurze Zeit, und
nicht lange, womöglich ewig, währen sollten. Ein Mensch vermag ferner
nie positiv zu werten, daß er sich immerfort ändert; gesetzt, er täte dies in
irgend welcher Beziehung, und es würde ihm nun gesagt, daß er jedesmal
von einer neuen Seite sich zeige, so mag er freilich dessen sogar froh und
stolz auf diese Eigenschaft sein können, doch ist es natürlich nur die
Konstanz, die Regelmäßigkeit und Sicherheit dieser Andersheiten, deren er
sich dann freute. Der Lebensmüde, für den es keinen Wert mehr gibt, hat
eben an k e i n e m B e s t a n d e mehr ein Interesse. Die Furcht vor dem
Erlöschen einer Familie und dem Aussterben ihres Namens gehören ganz
hieher.
Auch jede soziale Wertung, die etwa in Rechtssatzungen und Verträgen
sichtbar wird, tritt, ob auch Gewohnheit, tägliches Leben an ihnen
Verschiebungen vornehmen mögen, von Anbeginn mit dem Anspruch auf
zeitlose Geltung selbst dann auf, wenn ihre Rechtskraft ausdrücklich (ihrem
Wortlaute nach) nur bis zu einem bestimmten Termin erstreckt wird: denn
gerade hiemit erscheint die Zeit als Konstante speziell g e w ä h l t, und nicht
als Variable angesehen, in Abhängigkeit von welcher die vereinbarten
Verhältnisse stetig oder unstetig sich irgend ändern könnten. Freilich wird
auch hier zum Vorschein kommen, daß ein Ding um so höher gewertet wird,
je länger seine Dauer ist; denn niemand glaubt, wenn zwischen zwei
rechtlichen Kontrahenten ein Pakt auf sehr kurze Zeit geschlossen wird, daß
den beiden viel an dem Vertrage liege; sie selbst, die ihn geschlossen haben,

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werden in diesem Falle nicht anders gestimmt sein, und von Anfang an,
trotz allen Akten, sich vorsehen und einander mißtrauen.
In dem aufgestellten Gesetze liegt auch die wahre Erklärung dafür, daß
die Menschen I n t e r e s s e n ü b e r i h r e n To d h i n a u s haben. Das
Bedürfnis nach dem Wert äußert sich in dem allgemeinen Bestreben, die
Dinge von der Zeit zu emanzipieren, und dieser Drang erstreckt sich selbst
auf Verhältnisse, die »m i t d e r Z e i t« früher oder später d o c h sich
ändern, z. B. auf Reichtum und Besitz, auf alles, was man »irdische Güter«
zu heißen pflegt. Hierin liegt das tiefe psychologische Motiv des
Te s t a m e n t e s, der Vermachung einer E r b s c h a f t. Nicht aus der
Fürsorge für die Angehörigen hat diese Erscheinung ihren Ursprung
genommen. Auch der Mann ohne Familie und ohne Angehörige macht sein
Testament, ja gerade er wird sicher im allgemeinen mit weit größerem Ernst
und tieferer Hingabe zu dieser Handlung schreiten als der Familienvater,
der seine Spuren mit dem eigenen Tode nicht so gänzlich aus Sein und
Denken der anderen ausgelöscht weiß. Der große Politiker und Herrscher,
besonders aber der Despot, der Mann des Staatsstreiches, dessen Regiment
mit seinem Tode endet, sucht diesem Wert zu verleihen, indem er Zeitloses
mit ihm verknüpft: durch ein Gesetzbuch oder eine Biographie des Julius
Cäsar, allerhand große geistige Unternehmungen und wissenschaftliche
Kollektivarbeiten, Museen und Sammlungen, Bauten aus hartem Fels (Saxa
loquuntur), am eigentümlichsten durch Schaffung oder Regulierung eines
Kalenders den Moment zu verewigen strebt. Aber er sucht auch seiner
Macht selbst, schon für seine Lebzeiten, möglichste Dauer zu verleihen,
nicht allein in wechselseitiger Sicherung durch Verträge, in Herstellung nie
wieder zu verwischender verwandtschaftlicher Beziehungen vermöge
diplomatischer Heiraten: sondern vor allem durch Wegräumung alles
dessen, was den ewigen Bestand seiner Herrschaft bloß durch sein freies
Dasein noch je in Frage stellen könnte. So wird der Politiker zum Eroberer.
Die psychologischen und philosophischen Untersuchungen zur
Werttheorie haben das Gesetz der Zeitlosigkeit gar nicht beachtet.
Allerdings waren sie zum großen Teile von den Bedürfnissen der
Wirtschaftslehre beeinflußt und suchten selbst auf diese überzugreifen.
Doch glaube ich darum nicht, daß das neuentwickelte Gesetz in der
politischen Ökonomie keine Geltung habe, weil es hier viel öfter als in der
Psychologie durch Komplikationen verundeutlicht wird. Auch

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wirtschaftlich hat alles desto mehr Wert, je dauerhafter es ist. Wessen
Konservierungsfähigkeit sehr eingeschränkt ist, so daß es etwa nach einer
Viertelstunde zu Grunde ginge, wenn ich es nicht kaufte, das werde ich
überall dort, wo nicht durch feste Preise der moralische We r t des
geschäftlichen Unternehmens über zeitliche Schwankungen emporgehoben
werden soll, zu später Stunde, etwa vor Einbruch der Nacht, um billigeres
Geld erhalten. Man denke auch an die vielen Anstalten zur Bewahrung vor
dem Zeiteinfluß, zur Erhaltung des Wertes (Lagerhäuser, Depots, Keller,
Réchauds, alle Sammlungen mit Kustoden). Es ist selbst hier ganz
unrichtig, den Wert, wie es von den psychologischen Werttheoretikern meist
geschieht, als dasjenige zu definieren, was geeignet sei, unsere Bedürfnisse
zu befriedigen. Denn auch die Launen des Menschen gehören zu seinen
(momentanen) Bedürfnissen, und doch gibt es nichts aller Werthaltung
mehr Entgegengesetztes als eben d i e L a u n e. Die Laune k e n n t keinen
Wert, sie verlangt nach ihm höchstens, um ihn im nächsten Augenblicke zu
zerbrechen. S o i s t d a s M o m e n t d e r D a u e r a u s d e m
We r t b e g r i f f n i c h t z u e l i m i n i e r e n . Selbst die Erscheinungen,
welche man nur mit Hilfe der M e n g e rschen Theorie vom »Grenznutzen«
erklären zu können vermeint hat, ordnen sich meiner Auffassung unter
(ohne daß diese natürlich im geringsten sich anmaßt, an sich etwas für die
Nationalökonomie leisten zu können). Daß Luft und Wasser keinen Wert
haben, liegt nach ihr nämlich daran, d a ß n u r i r g e n d w i e
i n d i v i d u a l i s i e r t e , g e f o r m t e D i n g e positiv gewertet werden
können: denn alles Geformte kann formlos gemacht, kann zerstört werden,
und braucht a l s s o l c h e s nicht zu d a u e r n. Ein Berg, ein Wald, eine
Ebene ist noch zu formen durch Umfassung und Begrenzung, und darum
selbst im wüstesten Zustande noch Wertobjekt. Die Luft der Atmosphäre
und das Wasser auf und über der Erdoberfläche vermöchte niemand in
Grenzen zu fassen, sie sind diffus und uneingeschränkt verbreitet. Wäre ein
zauberkräftiger Mann imstande, die atmosphärische Luft, die den Erdball
umgibt, wie jenen Geist aus dem orientalischen Märchen auf einen relativ
kleinen Raum der Erde zu komprimieren, oder könnte es jemand gelingen,
die Wassermassen derselben in einem großen Reservoir unter Verhinderung
der Verdunstung einzusperren: beide hätten sofort F o r m gewonnen, und
wären damit auch der Wertung unterworfen. Wert wird von einer Sache also
nur dann prädiziert, wo ein, wenn auch noch so entfernter, Anlaß zur
Besorgnis vorhanden ist, daß sie mit der Zeit sich ändern könne; d e n n

Page 172

d e r We r t w i r d n u r i n R e l a t i o n z u r Z e i t g e w o n n e n , i m
G e g e n s a t z e z u i h r a u f g e s t e l l t. Wert und Zeit erfordern sich also
gegenseitig wie zwei korrelative Begriffe. Wie tief eine solche Auffassung
führt, wie gerade sie konstitutiv sogar für eine We l t a n s c h a u u n g werden
kann, dies möchte ich h i e r nicht weiter verfolgen. Es genügt für den
vorgesetzten Zweck, zu wissen, daß jeder Anlaß, von Wert zu reden, gerade
dort wieder entfällt, wo keine Gefährdung durch die Zeit mehr möglich ist.
Das Chaos kann, auch wenn es ewig ist, nur negativ gewertet werden.
F o r m u n d Z e i t l o s i g k e i t oder I n d i v i d u a t i o n u n d D a u e r sind
die beiden analytischen Momente, welche den Wert zunächst schaffen und
begründen.
So ist denn jenes Fundamentalgesetz der Werttheorie durchgängig, auf
individualpsychologischem und sozialpsychologischem Gebiete, zur
Darstellung gebracht. Und nun kann in successiver Wiederaufnahme der
eigentlichen Untersuchungsgegenstände erledigt werden, was noch von
früher her, obwohl besondere Aufgabe dieses Kapitels, rückständig ist.
Als erste Folgerung darf aus dem Vorhergehenden diese gezogen
werden, daß es ein B e d ü r f n i s n a c h Z e i t l o s i g k e i t , e i n e n
W i l l e n z u m We r t, auf allen Gebieten menschlicher Tätigkeit gibt.
Und dieser Wille zum Wert, der mit dem »W i l l e n z u r M a c h t« an Tiefe
sich zu messen keine Scheu tragen möge, geht, wenigstens in der Form des
Willens zur Zeitlosigkeit, dem individuellen Weibe ganz und gar ab. Die
alten Frauen pflegen in den seltensten Fällen Bestimmungen über ihre
Hinterlassenschaft zu treffen, was damit zusammenhängt, daß die Frauen
kein Unsterblichkeitsbedürfnis besitzen. Denn es liegt über dem
Vermächtnis eines Menschen die Weihe eines Höheren, Allgemeineren, und
dies ist auch der Grund, warum es von den anderen Menschen g e a c h t e t
wird.
Das Unsterblichkeitsbedürfnis selbst ist nur ein
besonderer Fall des allgemeinen Gesetzes, daß nur
z e i t l o s e D i n g e p o s i t i v g e w e r t e t w e r d e n . Hierin liegt sein
Zusammenhang mit dem Gedächtnis begründet. Die Remanenz, welche die
Erlebnisse eines Menschen bei ihm haben, ist der Bedeutung proportional,
die sie für ihn gewinnen können. So paradox es klingt: der Wert ist es, der
die Vergangenheit schafft. Nur was positiv gewertet wurde, nur das bleibt
im Schutze des Gedächtnisses vor dem Zahn der Zeit bewahrt; u n d s o

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darf auch das individuelle psychische Leben als
Ganzes, soll es positiv bewertet werden, nicht Funktion
der Zeit, es muß über die Zeit erhaben sein durch eine
ü b e r d e n k ö r p e r l i c h e n To d h i n a u s g e h e n d e e w i g e D a u e r.
Hiemit sind wir dem innersten Motiv des Unsterblichkeitsbedürfnisses
unvergleichlich näher gerückt. Die völlige Einbuße an Bedeutung, die das
individuell erfüllte, lebensvoll gelebte Leben erleidet, wenn es mit dem
Tode für immer restlos zu Ende sein soll, die S i n n l o s i g k e i t des
G a n z e n in solchem Falle, dies spricht mit anderen Worten auch G o e t h e
zu E c k e r m a n n aus (4. Februar 1829), führt zur Forderung nach
Unsterblichkeit.
Das intensivste Verlangen nach Unsterblichkeit hat das Genie. Und
auch dies fällt zusammen mit allen anderen Tatsachen, die bisher über seine
Natur aufgedeckt wurden. D a s G e d ä c h t n i s i s t v o l l s t ä n d i g e
Besiegung der Zeit nur dann, wenn es, wie im
universellen Menschen, in der universellen Form
auftritt. Der Genius ist somit der eigentlich zeitlose
M e n s c h, wenigstens ist dies und nichts anderes sein Ideal von sich selbst;
er ist, wie gerade sein sehnsüchtiges und dringendes Begehren nach
Unsterblichkeit beweist, eben der Mensch mit dem stärksten Verlangen
nach Zeitlosigkeit, m i t d e m m ä c h t i g s t e n W i l l e n z u m We r t e.[22]
Und nun tut sich vor dem geblendeten Auge eine fast noch
wunderbarere Koinzidenz auf. Die Zeitlosigkeit des Genius wird nicht
allein im Verhältnis zu den einzelnen Augenblicken seines Lebens kund,
sondern auch in seiner Beziehung zu dem, was man aus der Zeitrechnung
als seine Generation herausgreift und im engeren Sinne »seine Zeit« nennt.
Zu dieser hat er nämlich de facto gar keine
B e z i e h u n g e n . Nicht die Zeit, die ihn braucht, schafft den Genius, er ist
nicht ihr Produkt, nicht aus ihr zu erklären, und man erweist ihm keine
Ehre, ihn mit ihr zu entschuldigen. C a r l y l e hat mit Recht darauf
hingewiesen, wie vielen Epochen nur der bedeutende Mensch not tat, wie
dringend sie seiner bedurften, und wie er doch nicht erschienen ist. Das
Kommen des Genius bleibt ein Mysterium, auf dessen Ergründung der
Mensch in Ehrfurcht verzichte. Und wie die U r s a c h e n seines Auftretens
nicht in seiner Zeit gefunden werden können, so bleiben auch, diese
Übereinstimmung ist das zweite Rätsel, d e s s e n F o l g e n n i c h t a n

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e i n e b e s t i m m t e Z e i t g e k n ü p f t . D i e Ta t e n d e s G e n i u s
leben ewig, an ihnen wird durch die Zeit nichts
g e ä n d e r t . Durch seine Werke ist dem bedeutenden Menschen eine
Unsterblichkeit auf Erden beschieden, und so ist er in d r e i f a c h e r
We i s e z e i t l o s: seine universale Apperzeption oder ausnahmslose
Wertung aller seiner Erlebnisse enthebt diese in seinem Gedächtnis der
Vernichtung mit dem Augenblick; aus der Zeit, die seinem Werden
vorangeht, ist er nicht emporgewachsen; und nicht der Zeit, in der er tätig
ist, und auch keiner anderen, früher oder später ihr folgenden, fällt anheim,
was er geschaffen hat.
Hier ist nun der glücklichste Ort, die Besprechung einer Frage
einzufügen, die beantwortet werden muß, obwohl sie, merkwürdig genug,
noch kaum von jemand aufgeworfen scheint. Sie betrifft nichts anderes als,
ob das, was Genie genannt zu werden verdient, auch unter den Tieren (oder
Pflanzen) sich findet. Es besteht nun, außer den bereits entwickelten
Kriterien der Begabung, deren Anwendung auf die Tiere wohl kaum die
Anwesenheit dermaßen ausgezeichneter Individuen unter ihnen ergeben
dürfte, auch sonst genügende Berechtigung zu der, später noch zu
begründenden, Annahme, daß es dort nichts irgendwie Ähnliches gebe.
Ta l e n t e dürften im Reiche der Tiere vorhanden sein wie unter den noch-
nicht-genialen Menschen. Aber das, was man vor M o r e a u d e To u r s,
L o m b r o s o und M a x N o r d a u immer als den »göttlichen Funken«
betrachtet hat, das haben wir allen Grund auf die Tiere nicht auszudehnen.
Diese Einschränkung ist nicht Eifersucht, nicht ängstliche Wahrung eines
Privilegs, sondern sie läßt sich mit guten Gründen verteidigen.
Denn was wird durch das Erstauftreten des Genies i m M e n s c h e n
nicht alles erklärt! Der ganze »objektive Geist«, mit anderen Worten, d a ß
der Mensch allein unter allen Lebewesen eine
G e s c h i c h t e h a t!
Die ganze menschliche Geschichte (darunter ist natürlich Geistes- und
nicht z. B. Kriegsgeschichte zu verstehen), läßt sie sich nicht am ehesten
begreifen durch das Auftreten des Genies, der Anregungen, die von ihm
ausgingen, und der Nachahmung dessen, was das Genie tat, durch mehr
p i t h e k o i d e Wesen? Des Hausbaues, des Ackerbaues, vor allem aber der
S p r a c h e! Jedes Wort ist von e i n e m Menschen zuerst geschaffen worden,
von einem Menschen, der über dem Durchschnitt stand, wie dies auch heute

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immer noch ausschließlich geschieht (von den Namen für neue technische
Erfindungen muß man hiebei freilich absehen). Wie sollte es denn auch
wohl sonst entstanden sein? Die Urworte w a r e n »onomatopoetisch«: in sie
kam ohne den Willen des Sprechenden, durch die bloße Heftigkeit der
spezifischen Erregung, ein dem Erreger Ähnliches hinein; und alle anderen
Worte sind ursprünglich Tropen, sozusagen Onomatopoesien zweiter
Ordnung, Metaphern, Gleichnisse: alle Prosa ist einmal Poesie gewesen.
D i e m e i s t e n G e n i e s s i n d a l s o u n b e k a n n t g e b l i e b e n . Man
denke nur an die Sprichwörter, selbst an die heute trivialsten, wie: »eine
Hand wäscht die andere«. Ja, das hat doch vor vielen Jahren e i n geistvoller
Mann zum ersten Male gesagt! Anderseits: wie viele Citate aus klassischen
Autoren, aus den allergelesensten, wie viele Wo r t e C h r i s t i kommen uns
nicht heute vollkommen unpersönlich-sprichwörtlich vor, wie oft müssen
wir uns erst darauf besinnen, daß wir in diesem Falle den Urheber kennen!
Man sollte darum nicht von der »Weisheit der Sprache«, von den Vorzügen
und den glücklichen Ausdrücken »des Französischen« reden. Ebensowenig
wie das »Volkslied« ist die Sprache von einer Menge geschaffen worden.
Mit jenen Redensarten sind wir gegen so viele e i n z e l n e undankbar, um
ein Volk überreich zu beschenken. Der Genius selbst, der
sprachschöpferisch war, gehört vermöge seiner Universalität nicht bloß der
Nation an, aus der er stammt und in deren Sprache er sein Wesen
ausgedrückt hat. Die Nation orientiert sich an ihren Genien und bildet nach
ihnen ihren Idealbegriff von sich selbst, der darum nicht der Leitstern der
Hervorragenden selber, wohl aber jener aller anderen sein kann. Aus
verwandten Gründen aber wäre auch mehr Vorsicht geboten, wenn, wie so
oft, Psychologie der Sprache und Völkerpsychologie ohne kritische
Voruntersuchung als zusammengehörig behandelt werden. Weil die Sprache
von einzelnen großen Männern geschaffen ist, darum liegt in ihr wirklich so
viel erstaunliche Weisheit verborgen; wenn ein so inbrünstig tiefer Denker
wie J a k o b B ö h m e Etymologie treibt, so will dies doch etwas mehr
sagen, als so mancher Geschichtsschreiber der Philosophie begreifen zu
können scheint. Von B a c o bis Fritz M a u t h n e r sind alle F l a c hköpfe
S p r a c h k r i t i k e r gewesen.[23]
Der Genius ist es hingegen, der die Sprache nicht kritisiert, sondern
hervorgebracht hat und immer neu hervorbringt, wie auch all die anderen
Geisteswerke, die im engeren Sinne den Grundstock der Kultur, den
»objektiven Geist« bilden, soweit dieser wirklich G e i s t ist. So sehen wir,

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daß der zeitlose Mensch jener ist, der die Geschichte
s c h a f f t : G e s c h i c h t e k a n n n u r v o n We s e n g e s c h a f f e n
werden, die außerhalb ihrer Kausalverkettung stehen.
Denn nur sie treten in jenes unauflösliche Verhältnis zum absolut
Zeitl o s e n, zum Werte, das ihren Produktionen einen ewigen Gehalt gibt.
Und was aus allem Geschehenen in die Kultur eingeht, geht in sie ein unter
dem Gesichtspunkte des ewigen Wertes.
Legen wir jenen Maßstab der dreifachen Zeitlosigkeit an den Genius
an, so werden wir am sichersten auch bei der nun nicht mehr allzu
schwierigen Entscheidung geleitet werden, wem das Prädikat des Genies
zuzusprechen ist, und wem es aberkannt werden muß. Z w i s c h e n der
populären Meinung, die beispielsweise T ü r c k und L o m b r o s o vertreten,
welche den Begriff des Genies bei jeder über den Durchschnitt stärker
hinausragenden intellektuellen oder werklichen Leistung anzuwenden bereit
ist, und der Exklusivität jener Lehren K a n tens und S c h e l l i n gs, welche
einzig im schaffenden Künstler das Walten des Genius erblicken wollen,
liegt, obwohl in der Mitte, doch zweifelsohne diesmal das Richtige. D e r
Ti t e l d e s G e n i u s i s t n u r d e n g r o ß e n K ü n s t l e r n u n d d e n
g r o ß e n P h i l o s o p h e n (zu denen ich hier auch die seltensten Genien,
die großen R e l i g i o n s s t i f t e r zähle[24]) z u v i n d i z i e r e n. Weder der
»große Mann der Tat« noch »der große Mann der Wissenschaft« haben auf
ihn Anspruch.
Die »M ä n n e r d e r Ta t«, die berühmten Politiker und Feldherren,
mögen wohl einzelne Züge haben, die an das Genie erinnern (z. B. eine
vorzügliche Menschenkenntnis, ein enormes Personengedächtnis); auf
i h r e Psychologie kommt diese Untersuchung noch einmal zu sprechen;
aber mit dem Genius kann sie nur verwechseln, wer schon durch den
äußeren Aspekt von Größe allein völlig zu blenden ist. Das Genie ist in
mehr als einem Sinne ausgezeichnet gerade durch den Ve r z i c h t auf alle
Größe n a c h a u ß e n, d u r c h r e i n e i n n e r e G r ö ß e. Der wahrhaft
bedeutende Mensch hat den stärksten Sinn für die We r t e, der Feldherr-
Politiker ein fast ausschließliches Fassungsvermögen für die M ä c h t e.
Jener sucht allenfalls die Macht an den Wert, dieser höchstens den Wert an
die Macht zu knüpfen und zu binden (man erinnere sich an das oben von
den Unternehmungen der Imperatoren Gesagte). Der große Feldherr, der
große Politiker, sie steigen aus dem Chaos der Ve r h ä l t n i s s e empor wie

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der Vogel Phönix, um zu verschwinden wie dieser. Der große Imperator
oder große Demagog ist der einzige Mann, der ganz in der Gegenwart lebt;
er träumt nicht von einer schöneren, besseren Zukunft, er sinnt keiner
entflossenen Vergangenheit nach; er knüpft sein Dasein an den Moment,
und sucht nicht auf eine jener beiden Arten, die dem Menschen möglich
sind, d i e Z e i t z u ü b e r s p r i n g e n. Der echte G e n i u s aber macht sich
in seinem Schaffen nicht abhängig von den konkret-zeitlichen Bedingungen
seines Lebens, die für den Feldherr-Politiker stets das Ding-an-sich bleiben,
das, was ihm zuletzt Richtung gibt. So wird der große Imperator z u
e i n e m P h ä n o m e n d e r N a t u r, der große Denker und Künstler steht
außerhalb ihrer, er ist eine Verkörperung des Geistes. Die Werke des
Tatmenschen gehen denn auch meist mit seinem Tode, oft schon früher, und
nie sehr viel später, spurlos zu Grunde, nur die Chronik der Zeit meldet von
dem, was da geformt wurde, nur um wieder zerstört zu werden. Der
Imperator schafft keine Werke, an denen die zeitlosen, ewigen We r t e in
ungeheuerer Sichtbarkeit für alle Jahrtausende zum Ausdruck kommen;
denn dies sind die Taten des Genius. Dieser, nicht der andere, schafft die
Geschichte, weil er nicht i n s i e gebannt ist, sondern a u ß e r h a l b i h r e r
steht. D e r b e d e u t e n d e M e n s c h h a t e i n e G e s c h i c h t e , d e n
I m p e r a t o r h a t d i e G e s c h i c h t e . Der bedeutende Mensch zeugt die
Zeit, der Imperator wird v o n ihr gezeugt und — getötet.
Ebensowenig wie der große Willensmensch besitzt der große
W i s s e n s c h a f t l e r, wenn er nicht zugleich großer Philosoph ist, ein
Recht auf den Namen des Genius, heiße er sonst N e w t o n oder G a u ß,
L i n n é oder D a r w i n, K o p e r n i k u s oder G a l i l e i. Die Männer der
Wissenschaft sind nicht universell, denn es gibt Wissenschaft nur vom
Fache, allenfalls von Fächern. Das liegt keineswegs, wie man glaubt, an der
»fortschreitenden Spezialisierung«, die es »unmöglich mache, alles zu
beherrschen«: es gibt unter den Gelehrten auch im XIX. und XX.
Jahrhundert noch manch ebenso staunenerregende Polyhistorie, wie sie
A r i s t o t e l e s, oder wie sie L e i b n i z besaß; ich erinnere an A l e x a n d e r
v. H u m b o l d t, an W i l h e l m W u n d t. Jener Mangel liegt vielmehr im
Wesen aller Wissenschaft und Wissenschaftler tief begründet. Das 8.
Kapitel erst wird die letzte Differenz, die hier besteht, aufzudecken
versuchen. Indes ist man vielleicht bereits hier zu dem Zugeständnis
geneigt, auch der hervorragendste Mann der Wissenschaft sei keine so
allumfassende Natur wie selbst jene Philosophen es waren, die an der

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äußersten Grenze dessen stehen, wo die Bezeichnung genial noch statthat
(ich denke an S c h l e i e r m a c h e r, C a r l y l e, N i e t z s c h e). Welcher bloße
Wissenschaftler fühlte in sich ein unmittelbares Verständnis a l l e r
Menschen, a l l e r Dinge, oder auch nur die Möglichkeit, ein solches in sich
und aus sich selbst heraus je zu verwirklichen? Ja, welchen anderen Sinn
hätte denn die wissenschaftliche Arbeit der Jahrtausende, als diese
unmittelbare Einsicht zu e r s e t z e n? Dies ist der Grund, warum alle
Wissenschaftler n o t w e n d i g immer »Fachmänner« sind. Es kennt auch
nie ein Wissenschaftler, der nicht Philosoph ist, selbst wenn er noch so
Hervorragendes leistete, jenes kontinuierliche, nichtsvergessende Leben,
das den Genius auszeichnet: eben wegen seines Mangels an Universalität.
Schließlich sind die Forschungen des Wissenschaftlers immer in den
Stand der Kenntnisse seiner Zeit gebannt, er übernimmt einen Fonds von
Erfahrungen in bestimmter Menge und Gestalt, vermehrt und verändert ihn
um ein Geringes oder Größeres, und gibt ihn weiter. Aber auch von
s e i n e n Leistungen wird vieles weggenommen, vieles muß hinzugefügt
werden, sie dauern als Bücher fort in den Bibliotheken, aber nicht als
ewige, der Korrektur auch nur in e i n e m Punkte entrückte Schöpfungen.
Aus den berühmten Philosophien dagegen spricht wie aus den großen
Kunstwerken ein Unverrückbares, Unverlierbares, eine
We l t a n s c h a u u n g zu uns, an welcher der Fortschritt der Zeiten nichts
ändert, die je nach der Individualität ihres Schöpfers, welche in ihr sichtbar
zum Ausdruck gelangte, i m m e r ihm verwandte Menschen findet, die ihr
anhangen. Es gibt P l a t o n i k e r und A r i s t o t e l i k e r, S p i n o z i s t e n und
B e r k e l e y a n e r, T h o m i s t e n und Anhänger B r u n o s noch heute, aber
es gibt keinen G a l i l e i a n e r und keine H e l m h o l t z i a n e r, nirgends
P t o l e m ä e r, nirgends K o p e r n i k a n e r. Es ist darum ein Unfug und
verdirbt den Sinn des Wortes, wenn man von »Klassikern der exakten
Wissenschaften« oder »Klassikern der Pädagogik« ebenso spricht, wie man
mit gutem Recht von klassischen Philosophen und klassischen Künstlern
redet.
Der große Philosoph also trägt den Namen des Genius mit Verdienst
und Ehre; und wenn es auch des Philosophen größter Schmerz in Ewigkeit
bleibt, daß er nicht Künstler ist — denn aus keinem anderen Grunde wird er
Ästhetiker — so neidet doch nicht minder der Künstler dem Philosophen
die zähe und wehrhafte Kraft des abstrakten systematischen Denkens —

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nicht umsonst werden Prometheus und Faust, Prospero und Cyprian, der
Apostel Paulus und der »Penseroso« ihm Problem. Darum, däucht mir, sind
beide einander gleich zu achten, und hat keiner vor dem anderen allzuviel
voraus.
Freilich heißt es auch in der Philosophie mit dem Begriffe der
Genialität nicht so verschwenderisch umzugehen, als dies gewöhnlich zu
geschehen pflegt; sonst würde meine Darstellung mit Recht den Vorwurf
der Parteilichkeit gegen die »positive Wissenschaft« auf sich laden, einer
Parteilichkeit, die mir selbstverständlich fern liegt, da ich einen solchen
Angriff ja zunächst als gegen mich selbst und einen großen Teil dieser
Arbeit gekehrt empfinden müßte. A n a x a g o r a s, G e u l i n c x, B a a d e r,
E m e r s o n als geniale Menschen zu bezeichnen, geht nicht an. Weder
unoriginelle Tiefe (A n g e l u s S i l e s i u s, P h i l o, J a c o b i) noch originelle
Flachheit (C o m t e, F e u e r b a c h, H u m e, M i l l, H e r b a r t, L o c k e,
K a r n e a d e s) sollte auf die Anwendung des Begriffes ein Recht erwirken
können. Die Geschichte der Kunst ist heute in gleicher Weise wie die der
Philosophie voll der verkehrtesten Wertungen; ganz anders die Geschichte
der ihre eigenen Ergebnisse fortwährend berichtigenden und nach dem
U m f a n g dieser Ve r b e s s e r u n g e n wertenden Wissenschaft. Die
Geschichte der Wissenschaft verzichtet auf die Biographie ihrer wackersten
Kämpfer; ihr Ziel ist ein System überindividueller Erfahrung, aus dem der
einzelne verschwunden ist. In der Hingabe an die Wissenschaft liegt darum
die g r ö ß t e Entsagung: denn durch sie verzichtet der einzelne Mensch als
solcher auf E w i g k e i t.

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VI. Kapitel.
Gedächtnis, Logik, Ethik.
Die Überschrift, welche ich diesem Kapitel voranstelle, ist sofort und
mit Leichtigkeit einem schweren Mißverständnis ausgesetzt. Es könnte
nach ihr scheinen, als huldige der Autor der Ansicht, die logischen und
ethischen Wertungen seien Objekte ausschließlich der empirischen
Psychologie, psychische Phänomene ganz so wie die Empfindung und das
Gefühl, Logik und Ethik also spezielle Disziplinen, Unterabteilungen der
Psychologie und aus ihr, in ihr zu begründen.
Ich bekenne gleich und vollständig, daß ich diese Anschauung, den
»Psychologismus«, für gänzlich falsch und verderblich halte; falsch, weil
das Unternehmen nie gelingen kann, wovon wir uns noch überzeugen
werden; verderblich, weil es nicht einmal so sehr die hiedurch kaum
berührte Logik und Ethik als die Psychologie zu Grunde richtet. Der
Ausschluß der Logik und Ethik von der B e g r ü n d u n g der Psychologie
und ihr Verweis in einen Appendix der letzteren ist das Korrelat zu dem
Überwuchern der Empfindungslehre, und hat mit dieser zusamt all das auf
dem Gewissen, was sich heute als »empirische Psychologie« präsentiert:
jenen Haufen toter Gebeine, denen kein Feinsinn und kein Fleiß mehr
Leben einhaucht, in denen vor allem die wirkliche E r f a h r u n g nicht
wiederzuerkennen ist. Was also die unglücklichen Versuche betrifft, Logik
und Ethik auf den Stufenbau einer, gleichgültig mit welchem Mörtel,
zusammensetzenden Psychologie, als das zarte, jüngste Kind des
Seelenlebens, zu setzen, so trage ich wenigstens kein Bedenken, gegen
B r e n t a n o und seine Schule (S t u m p f, M e i n o n g, H ö f l e r,
E h r e n f e l s), gegen Th. L i p p s und G. H e y m a n s, gegen die ebenfalls
dahin zu zählenden Meinungen von M a c h und Av e n a r i u s, hier mich
prinzipiell jener anderen Richtung anzuschließen, deren Positionen heute
von W i n d e l b a n d, C o h e n, N a t o r p, F. J. S c h m i d t, besonders aber von
H u s s e r l verteidigt werden (der selbst früher Psychologist war, seither aber
zu der festesten Überzeugung von der Unhaltbarkeit dieses Standpunktes
gelangt ist), jener Richtung, welche gegen die psychologisch-genetische

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Methode H u m e s den transcendental-kritischen Gedanken K a n tens
geltend macht und hochzuhalten weiß.
Da aber die vorliegende Arbeit keine ist, welche mit den allgemeinen,
überindividuell gültigen Normen des Handelns und Denkens und den
Bedingungen des Erkennens sich beschäftigte, da sie vielmehr, ihrem
Ausgangspunkt wie ihrem Ziele nach, eben U n t e r s c h i e d e zwischen
Menschen festzustellen trachtet, und nicht für beliebige Wesen (selbst für
»die lieben Engelein« im Himmel) gültig zu sein beansprucht, wie die
Philosophie K a n tens ihren Grundgedanken nach, so durfte und mußte sie
bisher psychologisch (nicht psychol o g i s t i s c h) sein, und wird es weiter
bleiben, ohne an den Stellen, wo sich die Notwendigkeit herausstellen
sollte, zu verabsäumen, selbst eine formale Betrachtung zu wagen, oder
wenigstens darauf hinzuweisen, daß da oder dort das alleinige Recht der
logischen, kritischen, transcendentalen Methode zustehe.
Der Titel dieses Kapitels rechtfertigt sich anders. Die langwierige, weil
gänzlich neu zu führende Untersuchung des vorigen hat gezeigt, daß das
menschliche Gedächtnis zu Dingen in intimer Beziehung steht, mit denen
man es einer Verwandtschaft bisher nicht für würdig gehalten zu haben
scheint. Zeit, Wert, Genie, Unsterblichkeit — all dies vermochte sie mit
dem Gedächtnis in einem merkwürdigen Zusammenhange zu zeigen,
dessen Existenz man offenbar noch gar nicht vermutet hat. Dieses fast
völlige Fehlen aller Hinweise muß einen tieferen Grund haben. Er liegt, so
scheint es, in den Unzulänglichkeiten und Schlampereien, welche die
Theorien des Gedächtnisses immer wieder sich haben zu Schulden kommen
lassen.
Hier lenkt zunächst die schon in der Mitte des XVIII. Jahrhunderts von
Charles B o n n e t begründete, im letzten Drittel des XIX. Jahrhunderts
besonders durch Ewald H e r i n g (und E. M a c h) in Schwung gekommene
Lehre den Blick auf sich, welche im Gedächtnis des Menschen nichts
weiter sieht als die »allgemeine Funktion der organisierten Materie«, auf
neue Reize, die vorangegangenen Reizen mehr oder weniger gleichen,
anders, leichter und schneller zu reagieren als auf erstmalige Irritation.
Diese Theorie glaubt also die menschlichen Gedächtnisphänomene durch
die sonstige Erfahrung der Übungsfähigkeit lebender Wesen schon
erschöpft, für sie ist das Gedächtnis eine Anpassungserscheinung nach
L a m a r c kschem Muster. Gewiß, es besteht ein Gemeinsames zwischen

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dem menschlichen Gedächtnis und jenen Tatsachen, z. B. gesteigerter
Reflexerregbarkeit bei gehäufter Wiederholung der Erregungen; das
identische Element liegt in dem Fortwirken des ersten Eindruckes über den
Moment hinaus, und das 12. Kapitel wird auf den tiefsten Grund dieser
Verwandtschaft noch einmal zurückkommen. Es ist aber daneben doch ein
abgrundtiefer Unterschied zwischen der Stärkung eines Muskels durch
Gewöhnung an wiederholte Kontraktion, zwischen der Anpassung des
Arsenikessers oder des Morphinisten an immer größere Quantitäten des
Giftes hier, und der Erinnerung des Menschen an seine früheren Erlebnisse
dort. Auf der einen Seite ist die Spur des Alten nur im Neuen verfolgbar, auf
der anderen treten früher erlebte Situationen wieder, ganz als die a l t e n,
hervor in das Bewußtsein, so wie sie selbst waren, mit aller Individuation
ausgestattet, nicht zu bloßer Nachwirkung auf den neuen Moment durch ein
Residuum nutzbar gemacht. Die Identifikation beider Phänomene wäre so
ungereimt, daß auf eine weitere Besprechung dieser allgemein-biologischen
Ansicht verzichtet werden kann.
Mit der physiologischen Hypothese hängt die Associationslehre als
Theorie des Gedächtnisses h i s t o r i s c h durch H a r t l e y und s a c h l i c h
durch den B e g r i f f d e r G e w ö h n u n g zusammen. Sie leitet a l l e s
Gedächtnis aus dem mechanischen Spiel der Vorstellungsverknüpfungen
nach ein bis vier Gesetzen ab. Dabei ü b e r s i e h t s i e , d a ß d a s
Gedächtnis (das kontinuierliche des Mannes) im
G r u n d e e i n e W i l l e n s e r s c h e i n u n g i s t. Ich kann mich auf etwas
besinnen, wenn ich es wirklich w i l l, entgegen beispielsweise meiner
Schlafsucht, wenn ich nur wahrhaft entschlossen bin, diese zu
unterdrücken. I n d e r H y p n o s e , d u r c h w e l c h e E r i n n e r u n g a n
a l l e s Ve r g e s s e n e e r z i e l t w e r d e n k a n n , t r i t t d e r W i l l e
des Fremden an die Stelle des allzu schwachen eigenen
und liefert so wieder den Beweis, daß es der W i l l e ist, w e l c h e r d i e
zweckmäßigen Associationen aufsucht, daß alle
Association durch die tiefere Apperzeption
h e r b e i g e f ü h r t w i r d. Hier mußte einem späteren Abschnitt
vorgegriffen werden, welcher das Verhältnis zwischen Associations- und
Apperzeptionspsychologie klarzustellen und die Berechtigung beider
abzuwägen suchen wird.

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Mit der Associationspsychologie, welche das psychische Leben zuerst
zerspaltet, und wähnt, im Tanze der einander die Hände reichenden
Bruchstücke es dann noch zusammenleimen zu können, hängt wiederum
enge jene dritte Konfusion zusammen, die, ungeachtet des von
Av e n a r i u s und besonders von H ö f f d i n g ungefähr zur gleichen Zeit mit
so viel Recht erhobenen Einspruches, noch immer das G e d ä c h t n i s mit
dem W i e d e r e r k e n n e n zusammenwirft. Das Wiedererkennen eines
Gegenstandes braucht durchaus nicht auf der gesonderten Reproduktion des
früheren Eindruckes zu beruhen, wenn auch in einem Teile der Fälle im
neuen Eindrucke die Tendenz zu liegen scheint, auf der Stelle den älteren
wachzurufen. Aber es gibt d a n e b e n ein mindestens ebenso häufig
vorkommendes u n m i t t e l b a r e s Wiedererkennen, in welchem nicht die
neue Empfindung v o n s i c h s e l b s t w e g f ü h r t und wie mit einem
Streben verknüpft erscheint, sondern wo das Gesehene, Gehörte etc. nur mit
einer spezifischen F ä r b u n g (»tinge« würde J a m e s sagen) auftritt, mit
jenem »Charakter«, den Av e n a r i u s »das Notal«, H ö f f d i n g »die
Bekanntheitsqualität« nennt. Wer in die Heimat zurückkehrt, dem scheinen
Weg und Steg »bekannt«, auch wenn er nichts mehr zu benennen und sich
gar nicht leicht zurechtzufinden weiß, und keines besonderen Tages gerade
gedenkt, an dem er hier gegangen; eine Melodie kann mir »bekannt
vorkommen«, ohne daß ich weiß, wann und wo ich sie gehört habe. Der
»Charakter« (im Av e n a r i u sschen Sinne) der B e k a n n t h e i t, der
Ve r t r a u t h e i t etc. schwebt hier sozusagen über dem Sinneseindruck
selbst, die Analyse weiß nichts von Associationen, deren »Verschmelzung«
mit meiner neuen Empfindung, nach der Behauptung einer anmaßenden
Pseudo-Psychologie, jenes unmittelbare Gefühl erst e r z e u g e n soll, und
sie vermag diese Fälle sehr gut von jenen anderen zu unterscheiden, wo
schon leise und kaum merklich (in Henidenform) das ältere Erlebnis
wirklich associiert wird.
Auch individualpsychologisch ist diese Distinktion eine
Notwendigkeit. Im hochstehenden Menschen ist das Bewußtsein einer nicht
interrupten Vergangenheit fortwährend so lebendig, daß er, etwa beim
Wiedererblicken eines Bekannten auf der Gasse, sofort die letzte
Begegnung als selbständiges Erlebnis reproduziert, während im weniger
Begabten das einfache Bekanntheitsgefühl, das ihm ein Wiedererkennen
ermöglicht, oft auch dann a l l e i n auftritt, wenn er jenes Zusammensein,

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sogar in seinen Einzelheiten, noch recht gut sich zu vergegenwärtigen
vermöchte.
Stellen wir nun noch, zum Abschlusse dessen, die Frage, ob die
anderen Organismen außer dem Menschen ebenfalls jene, von allem
Ähnlichen wohl zu unterscheidende Fähigkeit besitzen, frühere
Augenblicke ihres Lebens wieder i n i h r e r G ä n z e a u f l e b e n z u
l a s s e n, so ist diese Frage mit der größten Wahrscheinlichkeit im
verneinenden Sinne zu beantworten. Die Tiere könnten nicht, wie sie es tun,
stundenlang regungslos und ruhig auf einem Flecke verharren, wenn sie an
ihr vergangenes Leben zurückdächten oder eine Zukunft in Gedanken
vorausnähmen. Die Tiere haben Bekanntheitsqualitäten und
Erwartungsgefühle (der die Heimkehr des Herrn nach zwanzig Jahren
begrüßende Hund; die Schweine vor dem Tore des Metzgers, die zur
Belegung geführte rossige Stute), aber sie besitzen keine Erinnerung und
keine Hoffnung. S i e v e r m ö g e n w i e d e r z u e r k e n n e n (mit Hilfe des
»Notals«), a b e r s i e h a b e n k e i n G e d ä c h t n i s.
Ist so das Gedächtnis als eine besondere, mit niederen Gebieten
psychischen Lebens nicht zu verwechselnde Eigenschaft dargetan, scheint
es zudem ausschließlicher Besitz des Menschen zu sein, so wird es nicht
mehr wundernehmen, daß es mit jenen höheren Dingen, wie dem Wert- und
Zeitbegriff, dem keinem Tiere eignenden Unsterblichkeitsbedürfnisse, der
nur dem Menschen möglichen Genialität, in einem Zusammenhange steht.
Und wenn es einen einheitlichen Begriff vom Menschen gibt, ein tiefstes
We s e n der Menschheit, das in allen besonderen Qualitäten des Menschen
zum Ausdrucke kommt, so wird man es geradezu e r w a r t e n müssen, daß
auch die logischen und ethischen Phänomene, die den anderen Lebewesen
allem Anscheine nach ebenso abgehen wie das Gedächtnis, mit diesem
irgendwo sich berühren werden. Diese Beziehung heißt es nun aufsuchen.
Es kann zu dem Behufe von der wohlbekannten Tatsache ausgegangen
werden, daß L ü g n e r ein schlechtes Gedächtnis haben. Vom
»pathologischen L ü g n e r« steht es fest, daß er nahezu überhaupt »kein
Gedächtnis hat«. Auf den männlichen Lügner komme ich im folgenden
noch einmal zu sprechen; er bildet nicht die Regel unter den Männern. Faßt
man hingegen ins Auge, was früher über das Gedächtnis der Frauen gesagt
wurde, so wird man es neben die angeführte Erscheinung der mangelnden
Erinnerungsgabe verlogener Männer stellen dürfen, wenn so viele

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Sprichwörter und Erzählungen, wenn Dichtung und Volksmund vor der
Lügenhaftigkeit des Weibes warnen. Es ist klar: einem jeden Wesen, dessen
Gedächtnis ein so minimales wäre, daß, was es gesagt, getan, erlitten hat,
später nur im dürftigsten Grade von Bewußtheit ihm noch gegenwärtig
bliebe, einem jeden solchen Wesen muß, wenn ihm die Gabe der Sprache
verliehen ist, die Lüge leicht fallen, und dem Impulse zu ihr wird, wenn es
auf die Erreichung praktischer Zwecke ankommt, von einem so
beschaffenen Individuum, dem nicht der wahre Vorgang mit voller
Intensität vorschwebt, schwer widerstanden werden können. Und noch
stärker muß sich diese Versuchung geltend machen, wenn das Gedächtnis
dieses Wesens nicht von jener kontinuierlichen Art ist, die nur der Mann
kennt, sondern wenn das Wesen, wie W, sozusagen nur in Augenblicken,
diskret, diskontinuierlich, zusammenhanglos lebt, in den zeitlichen
Ereignissen a u f g e h t, statt ü b e r ihnen zu s t e h e n, oder den Zeitablauf
wenigstens zum P r o b l e m zu erheben; wenn es nicht, wie M, alle seine
Erlebnisse auf einen einheitlichen T r ä g e r derselben bezieht, sie von
d i e s e m a u f s i c h n e h m e n l ä ß t, wenn ein » Z e n t r u m « d e r
A p p e r z e p t i o n f e h l t, dem alle Vergangenheit stets in einheitlicher
Weise zugezählt wird, w e n n d a s We s e n s i c h n i c h t als e i n e s u n d
s e l b e s i n a l l e n s e i n e n L e b e n s l a g e n f ü h l t u n d w e i ß. Es
kommt zwar wohl auch bei jedem Manne vor, daß er sich einmal »nicht
versteht«, ja bei sehr vielen Männern ist es, wenn sie an ihre Vergangenheit
zurückdenken, ohne daß dies mit den Phänomenen der psychischen
Periodizität in Verbindung gebracht werden dürfte[25], die Regel, daß sie die
Substitution ihrer gegenwärtigen Persönlichkeit für den Träger jener älteren
Erlebnisse nicht leicht auszuführen vermögen, daß sie nicht begreifen, wie
sie dies oder jenes damals denken oder tun konnten; u n d d o c h w i s s e n
und fühlen sie sehr wohl, daß sie es trotzdem gedacht
und getan haben, und zweifeln nicht im mindesten
d a r a n. Dieses Gefühl der Identität in allen Lebenslagen fehlt dem echten
Weibe völlig, da sein Gedächtnis, selbst wenn es — das kommt in einzelnen
Fällen vor — auffallend gut ist, s t e t s a l l e K o n t i n u i t ä t v e r m i s s e n
l ä ß t. Das Einheitsbewußtsein des Mannes, der sich in seiner Vergangenheit
oft nicht versteht, äußert sich in dem B e d ü r f n i s s e s i c h z u
v e r s t e h e n, und diesem Bedürfnis immaniert die
Vo r a u s s e t z u n g, daß er stets e i n u n d d e r s e l b e trotz seines
Sichjetztnichtverstehens gewesen ist; die Frauen verstehen sich, wenn sie

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an ihr früheres Leben zurückdenken, n i e , h a b e n a b e r a u c h k e i n
B e d ü r f n i s s i c h z u v e r s t e h e n, wie man schon aus dem geringen
Interesse entnehmen kann, das sie den Worten des Mannes
entgegenbringen, der ihnen etwas über sie selbst sagt. D i e F r a u
i n t e r e s s i e r t s i c h n i c h t f ü r s i c h — darum gibt es keine weibliche
Psychologin und keine Psychologie des Weibes von einem Weibe — und
ganz unfaßbar wäre ihr das krampfhafte, echt männliche Bemühen, die
eigene Vergangenheit als eine l o g i s c h e Folge von k o n t i n u i e r l i c h e m,
lückenlos kausal geordnetem, nicht sprunghaftem Geschehen zu
interpretieren, Anfang, Mitte, Ende des individuellen Lebens zueinander in
Beziehung zu bringen.
Von hier aus aber ist auch die Brücke zur Logik durch einen
Grenzübergang zu schlagen möglich. Ein Wesen, das, wie W, das absolute
Weib, sich nicht in den aufeinanderfolgenden Zeitpunkten als identisch
wüßte, hätte auch keine Evidenz der Identität seines Denkobjektes zu
verschiedenen Zeiten; da, wenn beide Teile, der Veränderung unterworfen
sind, sozusagen das absolute Koordinatensystem fehlt, auf das Veränderung
bezogen, mit Hilfe dessen Veränderung einzig bemerkt werden könnte. Ja
ein Wesen, dessen Gedächtnis nicht einmal so weit reichte, um ihm die
psychologische Möglichkeit zu gestatten, das Urteil zu fällen, ein
Gegenstand oder ein Ding sei trotz des Zeitablaufes mit sich selbst identisch
geblieben, um es also z. B. zu befähigen, irgend eine mathematische Größe
in einer längeren Rechnung als dieselbe zu verwenden, einzusetzen und
festzuhalten; e i n s o l c h e s We s e n w ü r d e i m e x t r e m e n F a l l e
auch nicht imstande sein, vermöge seines
Gedächtnisses die unendlich klein gesetzte Zeit zu
überwinden, welche (psychologisch) jedenfalls
erforderlich ist, um von A zu sagen, daß es im nächsten
Momente doch noch A sei, um das Urteil der Identität A
= A z u f ä l l e n , o d e r d e n S a t z d e s Wi d e r s p r u c h e s
auszusprechen, der voraussetzt, daß ein A nicht sofort
dem Denkenden entschwinde; denn sonst könnte es das
A vom non-A, das nicht A ist, und das es wegen der
Enge des Bewußtseins nicht gleichzeitig ins Auge zu
f a s s e n v e r m a g , n i c h t w i r k l i c h u n t e r s c h e i d e n.

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Das ist kein bloßer Scherz des Gedankens, kein neckisches Sophisma
der Mathematik, keine verblüffende Konklusion aus durchgeschmuggelten
Prämissen. Zwar bezieht sich sicherlich — es muß das, um möglichen
Einwänden zu begegnen, der folgenden Untersuchung vorweggenommen
werden — das Urteil der Identität immer auf B e g r i f f e, nie auf
Empfindungen oder Komplexe von solchen, und die Begriffe sind als
logische Begriffe zeitlos, sie behalten ihre Konstanz, ob ich sie als
psychologisches Subjekt konstant denke oder nicht. Aber der Mensch denkt
den Begriff eben nie rein als logischen Begriff, w e i l e r k e i n r e i n
l o g i s c h e s , s o n d e r n a u c h e i n p s y c h o l o g i s c h e s, »von den
Bedingungen der Sinnlichkeit affiziertes« We s e n i s t, er kann an seiner
Statt immer nur eine, aus seinen individuellen Erfahrungen durch
wechselseitige Auslöschung der Differenzen und Verstärkung des
Gleichartigen hervorgewachsene Allgemeinvorstellung (eine »typische«,
»konnotative«, »repräsentative« Vorstellung) denken, d i e a b e r d a s
abstrakte Moment der Begrifflichkeit erhalten und
w u n d e r b a r e r We i s e i n d i e s e m S i n n e v e r w e r t e t w e r d e n
k a n n. Er muß also auch die Möglichkeit haben, die Vorstellung, in welcher
er den de facto u n a n s c h a u l i c h e n Begriff a n s c h a u l i c h denkt, zu
bewahren, zu konservieren; diese Möglichkeit hinwiederum wird ihm nur
durch das Gedächtnis gewährleistet. Fehlte ihm also das Gedächtnis, so
wäre für ihn auch die Möglichkeit dahin, logisch zu denken, jene
Möglichkeit, die sich sozusagen immer nur an einem p s y c h o l o g i s c h e n
Medium i n k a r n i e r t.
Also ist der Beweis streng geführt, daß mit dem Gedächtnis auch die
Fähigkeit erlischt, die logischen Funktionen auszuüben. Die Sätze der
Logik werden hiedurch nicht tangiert, nur die Kraft, sie anzuwenden, ist
dargetan als an jene Bedingung gebunden. Der Satz A = A nun hat
p s y c h o l o g i s c h stets eine Beziehung zur Z e i t, insoferne er nur im
G e g e n s a t z e zur Zeit a u s g e s p r o c h e n werden kann: At_{1} = At_{2}.
L o g i s c h wohnt ihm diese Beziehung freilich nicht inne; wir werden aber
noch darüber Aufschluß erhalten, warum er rein logisch a l s
b e s o n d e r e s U r t e i l k e i n e n s p e z i e l l e n S i n n hat und dieser
p s y c h o l o g i s c h e n Folie so sehr bedarf. Psychologisch ist demnach das
Urteil nur in R e l a t i o n z u r Z e i t vollziehbar, als deren eigentliche
N e g a t i o n es sich darstellt.

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Ich habe aber früher das stetige Gedächtnis als die Überwindung der
Zeit, und eben damit als die psychologische B e d i n g u n g der
Zeita u f f a s s u n g erwiesen. S o p r ä s e n t i e r t s i c h d e n n d i e
Ta t s a c h e d e s k o n t i n u i e r l i c h e n G e d ä c h t n i s s e s a l s d e r
psychologische Ausdruck des logischen Satzes der
I d e n t i t ä t .[26] Dem absoluten Weibe, dem jenes fehlt, kann auch dieser
Satz nicht Axiom seines Denkens sein. Für das absolute Weib gibt es kein
Principium identitatis (und contradictionis und exclusi tertii).
Aber nicht nur diese drei Prinzipien; auch das vierte der logischen
Denkgesetze, d e r S a t z v o m G r u n d e, der von jedem Urteil eine
Begründung verlangt, die es für alle Denkenden notwendig mache, hängt
mit dem Gedächtnis aufs innigste zusammen.
Der Satz vom zureichenden Grunde ist der Nerv, das Prinzip des
Syllogismus. Die Prämissen eines Schlusses sind aber psychologisch immer
frühere, der Konklusion zeitlich vorhergehende U r t e i l e, die vom
Denkenden ebenso festgehalten werden müssen, wie die B e g r i f f e durch
die Sätze von der Identität und vom Widerspruch gleichsam g e s c h ü t z t
werden. Die Gründe eines Menschen sind immer in seiner Vergangenheit zu
suchen. Darum hängt die Kontinuität, welche das Denken des Menschen als
Maxime gänzlich beherrscht, mit der Kausalität so enge zusammen. Jedes
p s y c h o l o g i s c h e In-Kraft-Treten des Satzes vom Grunde setzt
demzufolge kontinuierliches, alle Identitäten wahrendes G e d ä c h t n i s
voraus. Da W dieses Gedächtnis so wenig als Kontinuität sonst irgend
kennt, s o g i b t e s f ü r s i e a u c h k e i n P r i n c i p i u m r a t i o n i s
s u f f i c i e n t i s.
Es ist also richtig, daß das We i b keine Logik
besitzt.
Georg S i m m e l hat diese alte Erkenntnis als unhaltbar bezeichnet,
weil die Frauen oft mit äußerster, strengster Konsequenz Folgerungen zu
ziehen wüßten. Daß die Frau in einem k o n k r e t e n Falle, wo es ihr z u r
E r r e i c h u n g i r g e n d e i n e s Z w e c k e s paßt und dringend notwendig
scheint, unerbittlich folgert, ist so wenig ein Beweis dafür, daß sie ein
Verhältnis zum Satz vom Grunde hat, wie es ein Beweis für ein Verhältnis
zum Satz der Identität ist, daß sie so oft hartnäckig ein und dasselbe
behauptet, und immer wieder auf ihr erstes, längst widerlegtes, Wort

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zurückkommt. D i e F r a g e i s t , o b j e m a n d d i e l o g i s c h e n
Axiome als Kriterien der Gültigkeit seines Denkens,
als Richter über das, was er sagt, anerkennt oder nicht,
ob er sie zur steten Richtschnur und Norm seines
U r t e i l s m a c h t . Eine Frau nun sieht nie ein, d a ß m a n a l l e s a u c h
b e g r ü n d e n m ü s s e; da sie keine Kontinuität hat, empfindet sie auch
kein Bedürfnis nach der logischen Stützung alles Gedachten: d a h e r d i e
L e i c h t g l ä u b i g k e i t a l l e r We i b e r. Also im Einzelfall mögen sie
konsequent sein, aber dann ist die Logik nicht Maßstab, sondern Werkzeug,
nicht Richter, sondern meistens Henker. Dagegen wird eine Frau durchaus,
wenn sie eine Ansicht äußerte, und der Mann so dumm wäre, dies
überhaupt ernst zu nehmen und einen Beweis von ihr verlangte, ein solches
Ansinnen als unbequem und lästig, als gegen ihre Natur gerichtet
empfinden. D e r M a n n f ü h l t s i c h v o r s i c h s e l b s t b e s c h ä m t ,
er fühlt sich schuldig, wenn er einen Gedanken, habe er
ihn nun geäußert oder nicht, zu begründen unterlassen
h a t, weil er die Verpflichtung dazu fühlt, die logische Norm einzuhalten,
die er ein für allemal über sich gesetzt hat. Die Frau erbittert die Zumutung,
ihr Denken von der Logik a u s n a h m s l o s abhängig zu machen. I h r
m a n g e l t d a s i n t e l l e k t u e l l e G e w i s s e n . Man könnte bei ihr von
»l o g i c a l insanity« sprechen.
Der häufigste Fehler, den man an der weiblichen Rede entdecken
würde, wollte man sie wirklich auf ihre Logizität prüfen (was jeder Mann
gewöhnlich unterläßt und schon damit seine Verachtung der weiblichen
Logik kundgibt), wäre die quaternio terminorum, jene Verschiebung, die
eben aus der Unfähigkeit des Festhaltens b e s t i m m t e r Vorstellungen, aus
dem Mangel eines Verhältnisses zum Satze der Identität, hervorgeht. Die
Frau erkennt nicht von selbst, daß sie an diesen Satz sich halten müsse, er
ist ihr nicht oberstes Kriterium ihrer Urteile. Der Mann fühlt sich zur Logik
verpflichtet, die Frau nicht; nur darauf aber kommt es an, nur jenes Gefühl
der Schuldigkeit kann eine Bürgschaft dafür bieten, daß von einem
Menschen immer und ewig logisch zu denken gestrebt werde. Es ist
vielleicht der tiefste Gedanke, welchen D e s c a r t e s je geäußert hat, und
wohl darum so wenig verstanden und meist als schreckliche Irrlehre
hingestellt: d a ß a l l e r I r r t u m e i n e S c h u l d i s t.

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Aber Quell alles Irrtums ist im Leben auch immer ein Mangel an
Gedächtnis. So hängen Logik wie Ethik, die sich eben in der
Wahrheitsforderung berühren und im höchsten Werte der Wahrheit
zusammentreffen, wieder beide auch mit dem Gedächtnis zusammen. Und
es dämmert uns auch bereits die Erkenntnis auf, daß P l a t o n so Unrecht
nicht hatte, wenn er die Einsicht mit der Erinnerung in Zusammenhang
brachte. Das Gedächtnis ist zwar kein logischer und ethischer A k t, aber
zumindest ein logisches und ethisches P h ä n o m e n. Ein Mensch z. B., der
eine wahrhaft tiefe Empfindung gehabt hat, empfindet es als sein Unrecht,
wenn er, sei's auch durch äußeren Anlaß genötigt, eine halbe Stunde darauf
schon an etwas ganz anderes denkt. Der Mann kommt sich gewissenlos und
unmoralisch vor, wenn er bemerkt, daß er an irgend einen Punkt seines
Lebens längere Zeit hindurch nicht gedacht hat. Das Gedächtnis ist ferner
schon deshalb moralisch, weil es allein die R e u e ermöglicht. A l l e s
Ve r g e s s e n h i n g e g e n i s t a n s i c h u n m o r a l i s c h . Darum ist
P i e t ä t eben auch s i t t l i c h e Vorschrift: es ist Pflicht, nichts zu vergessen;
und nur insofern hat man der Verstorbenen besonders zu gedenken. Darum
auch sucht der Mann, aus logischen und ethischen Motiven in gleichem
Maße, in seine Vergangenheit Logik zu bringen, alle Punkte in ihr zur
Einheit zu ordnen.
Wi e m i t e i n e m S c h l a g e i s t h i e r a n d e n t i e f e n
Zusammenhang von Logik und Ethik gerührt, den
Sokrates und Plato geahnt haben, Kant und Fichte neu
entdecken mußten, auf daß er später wieder
v e r n a c h l ä s s i g t w ü r d e u n d d e n L e b e n d e n g a n z i n Ve r l u s t
geriete.
Ein Wesen, das nicht begreift oder nicht anerkennt, daß A und non-A
einander ausschließen, wird durch nichts mehr gehindert zu lügen;
vielmehr, es gibt für ein solches Wesen gar keinen B e g r i f f der Lüge, weil
ihr Gegenteil, die Wahrheit, als das Maß ihm abgeht; ein solches Wesen
kann, wenn ihm dennoch Sprache verliehen ist, l ü g e n , o h n e e s z u
w i s s e n, ja ohne die Möglichkeit, zu erkennen, daß es lügt, da es des
Kriteriums der Wahrheit entbehrt. »Veritas norma sui et falsi est.« Es gibt
nichts Erschütternderes für einen Mann, als wenn er, einem Weibe auf eine
Lüge gekommen, sie fragt: »Was lügst Du?« und dann gewahren muß, w i e
s i e d i e s e F r a g e g a r n i c h t v e r s t e h t und, ohne zu begreifen, ihn

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angafft, oder lächelnd i h n zu beruhigen sucht — oder gar in Tränen
ausbricht.
Denn mit dem Gedächtnis allein ist die Sache nicht erledigt. Es ist
auch unter den Männern die Lüge genug verbreitet. Und es kann gelogen
werden trotz der E r i n n e r u n g an den tatsächlichen Sachverhalt, an dessen
Stelle zu irgend welchem Zwecke ein anderer gesetzt wird. Ja, nur von
einem solchen Menschen, der, trotz seinem besseren Wissen und
Bewußtsein, den Tatbestand fälscht, kann eigentlich m i t R e c h t gesagt
werden, daß er lüge. Und es muß ein Verhältnis zur Idee der Wahrheit als
des höchsten Wertes der Logik wie der Ethik d a s e i n, damit von einer
Unterdrückung dieses Wertes zugunsten fremder Motive die Rede sein
könne. Wo dieses fehlt, kann man nicht von I r r t u m und L ü g e, sondern
höchstens von Ve r i r r t h e i t und Ve r l o g e n h e i t sprechen; nicht von
a n t i m o r a l i s c h e m, sondern nur von a m o r a l i s c h e m Sein. D a s
We i b a l s o i s t a m o r a l i s c h .
Jenes absolute Unverständnis für den We r t d e r Wa h r h e i t a n
s i c h muß demnach tiefer liegen. Aus dem kontinuierlichen Gedächtnis ist,
da der Mann ebenfalls, ja eigentlich n u r e r l ü g t, die
Wahrheitsf o r d e r u n g, das Wahrheitsb e d ü r f n i s, das eigentliche ethisch-
logische Grundphänomen, nicht a b z u l e i t e n, sondern es steht damit nur
in engem Z u s a m m e n h a n g e.
Das, was einem Menschen, einem Manne ein aufrichtiges Verhältnis
zur Idee der Wahrheit ermöglicht, und was ihn deshalb einzig an der Lüge
zu hindern imstande ist, das kann nur etwas von aller Zeit Unabhängiges,
durchaus Unveränderliches sein, welches die alte Tat im neuen Augenblick
ganz ebenso als wirklich s e t z t wie im früheren, weil es e s s e l b s t
geblieben ist, an der Tatsache, daß e s die Handlung so vollzogen hat, nichts
ändern läßt und nicht rütteln will; es kann nur dasselbe sein, auf das alle
diskreten Erlebnisse bezogen werden, und das so ein kontinuierliches
Dasein erst schafft; es ist eben dasselbe, das zum Gefühl der
Ve r a n t w o r t l i c h k e i t für die eigenen Taten drängt und den Menschen
alle Handlungen, die jüngsten wie die ältesten, v e r a n t w o r t e n zu können
trachten läßt, das zum Phänomen der R e u e, zum S c h u l d b e w u ß t s e i n
führt, das heißt zur Z u r e c h n u n g v e r g a n g e n e r D i n g e a n e i n
e w i g S e l b e s u n d d a r u m a u c h G e g e n w ä r t i g e s, zu einer
Zurechnung, die in viel größerer Feinheit und Weite geschieht, als durch das

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öffentliche Urteil und die Normen der Gesellschaft je erreicht werden
könnte, einer Zurechnung, die von allem Sozialen gänzlich unabhängig das
Individuum an sich selbst vollzieht; weshalb alle Moralpsychologie, welche
die Moral auf das soziale Zusammenleben der Menschen begründen und
ihren Ursprung auf dieses zurückführen will, in Grund und Boden falsch
und verlogen ist. Die Gesellschaft kennt den Begriff des Ve r b r e c h e n s,
aber nicht den der S ü n d e, sie zwingt zur S t r a f e, ohne R e u e erreichen zu
wollen; die Lüge wird vom Strafgesetz nur in ihrer, ö f f e n t l i c h e n
S c h a d e n zufügenden, feierlichen Form des Meineides geahndet, und der
Irrtum ist noch nie unter die Vergehungen gegen das geschriebene Gesetz
gestellt worden. Die Sozialethik, die da fürchtet, der Nebenmensch komme
bei jedem ethischen Individualismus zu kurz, und d a r u m von Pflichten des
Individuums gegen die Gesellschaft und gegen die 1500 Millionen lebender
Menschen faselt, e r w e i t e r t also nicht, wie sie glaubt, das Gebiet der
Moral, sondern b e s c h r ä n k t es in unzulässiger und verwerflicher Weise.
Was ist nun jenes über Zeit und Veränderung Erhabene, jenes
»Zentrum der Apperzeption«?
»Es kann nichts Mindereres sein, als was den Menschen über sich
selbst (als einen Teil der Sinnenwelt) erhebt, was ihn an eine Ordnung der
Dinge knüpft, die nur der Verstand denken kann, und die zugleich die ganze
Sinnenwelt ..... unter sich hat. Es ist nichts anderes als die
P e r s ö n l i c h k e i t.«
Auf ein von allem empirischen Bewußtsein verschiedenes
» i n t e l l i g i b l e s « I c h hat das erhabenste Buch der Welt, die »Kritik der
praktischen Vernunft«, der diese Worte entnommen sind, die Moral als auf
ihren Gesetzgeber zurückgeführt.
Hiemit steht die Untersuchung beim Problem des Subjektes, und
dieses bildet ihren nächsten Gegenstand.

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VII. Kapitel.
Logik, Ethik und das Ich.
Bekanntlich hat David H u m e den Ich-Begriff einer Kritik unterzogen,
die in ihm nur ein »Bündel« verschiedener, in fortwährendem Flusse und
Bewegung befindlicher »Perzeptionen« entdeckte. So sehr auch H u m e das
Ich hiedurch kompromittiert fand, er trägt seine Anschauung relativ
bescheiden vor, und salviert sich dem Wortlaute nach tadellos. Von einigen
Metaphysikern nämlich, erklärt er, müsse man absehen, die sich eines
anderen Ichs zu erfreuen meinten; er selbst sei ganz gewiß, keines zu haben,
und glaube annehmen zu dürfen, daß es auch von den übrigen Menschen
(von jenen paar Käuzen natürlich werde er sich wohl hüten, zu reden) gelte,
daß sie nichts seien als Bündel. So drückt sich der Weltmann aus. Im
nächsten Kapitel wird sich zeigen, wie seine Ironie auf ihn selbst
zurückfällt. Daß sie so berühmt wurde, liegt an der allgemeinen
Überschätzung Humes, an der K a n t die Schuld trägt. Hume war ein
ausgezeichneter empirischer Psychologe, aber er ist keineswegs ein Genie
zu nennen, wie das meistens geschieht; es gehört zwar nicht eben viel dazu,
der größte englische Philosoph zu sein, aber Hume hat auch auf diese
Bezeichnung nicht den ersten Anspruch. Und wenn Kant (trotz den
»Paralogismen«) den S p i n o z i s m u s a limine deswegen zurückgewiesen
hat, weil nach diesem die Menschen nicht Substanzen, sondern bloße
Accidenzen sind, und ihn mit jener seiner »ungereimten« Grundidee schon
für erledigt ansah — so möchte ich wenigstens nicht dafür einstehen, ob er
sein Lob des Engländers nicht beträchtlich gedämpft hätte, wäre ihm auch
der »Treatise« desselben bekannt gewesen und nicht bloß der spätere
»Inquiry«, in welchen, wie man weiß, Hume seine Kritik des Ichs nicht
aufgenommen hat.
L i c h t e n b e r g, der nach Hume gegen das Ich zu Felde zog, war
schon kühner als dieser. Er ist der Philosoph der Unpersönlichkeit und
korrigiert nüchtern das s p r a c h l i c h e »Ich denke« durch ein sachliches »es
denkt«; so ist ihm das Ich eigentlich eine Erfindung der G r a m m a t i k e r.
Hierin war ihm übrigens Hume doch insofern vorangegangen, als auch er

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am Schlusse seiner Auseinandersetzungen allen Hader um die Identität der
Person für einen bloßen Wortstreit erklärt hatte.
In jüngster Zeit hat E. M a c h das Weltall als eine zusammenhängende
Masse aufgefaßt und die Ichs als Punkte, in denen die zusammenhängende
Masse stärkere Konsistenz habe. Das einzig Reale seien die Empfindungen,
die im einen Individuum untereinander stark, mit jenen eines anderen aber,
welches man d a r u m vom ersten unterscheide, schwächer
zusammenhingen. Der Inhalt sei die Hauptsache und bleibe stets auch in
anderen erhalten bis auf die wertlosen (!) persönlichen Erinnerungen. Das
Ich sei keine reale, nur eine praktische Einheit, u n r e t t b a r, darum könne
man auf individuelle Unsterblichkeit (gerne) verzichten; doch sei es nichts
Tadelnswertes, hie und da, besonders zu Zwecken des D a r w i nschen
Kampfes ums Dasein, sich so zu benehmen, als ob man ein Ich besäße.
Es ist wunderlich, wie ein Forscher, der nicht nur als Historiker seiner
Spezialwissenschaft und Kritiker ihrer Begriffe so Ungewöhnliches
geleistet hat wie M a c h, sondern auch in biologischen Dingen überaus
kenntnisreich ist und auf die Lehre von diesen vielfach, direkt und indirekt,
anregend gewirkt hat, gar nicht auf die Tatsache Rücksicht nimmt, daß alle
organischen Wesen zunächst u n t e i l b a r, also doch irgendwie Atome,
Monaden sind (vgl. Teil I, Kap. 3, S. 48). Das ist ja doch der erste
Unterschied zwischen Belebtem und Unbelebtem, daß jenes i m m e r
differenziert ist zu ungleichartigen, aufeinander angewiesenen Teilen,
während selbst der geformte Kristall durchaus gleichgeartet ist. Darum
sollte man doch, wenigstens als Eventualität, die Möglichkeit in Betracht
ziehen, ob nicht allein aus der Individuation, der Tatsache, daß die
organischen Wesen im allgemeinen nicht zusammenhängen wie die
siamesischen Zwillinge, auch etwas für das Psychische sich ergibt, m e h r
Psychisches zu erwarten ist als das M a c hsche Ich, dieser bloße
Wa r t e s a a l für Empfindungen.
Es ist zu glauben, daß solch ein psychisches Korrelat schon bei den
Tieren existiert. Alles, was ein Tier fühlt und empfindet, hat wohl bei jedem
Individuum eine verschiedene Note oder Färbung, die nicht nur die seiner
Klasse, Gattung und Art, seiner Rasse und Familie eigentümliche ist,
sondern in jedem einzelnen Wesen sich von der in jedem anderen
unterscheidet. Das Idioplasma ist das physiologische Äquivalent zu dieser
S p e z i f i t ä t aller Empfindungen und Gefühle jedes besonderen Tieres, und

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es sind analoge Gründe wie die Gründe der Idioplasmatheorie (vgl. Teil I,
Kap. 2, S. 20 und Teil II, Kap. 1, S. 102 f.), welche die Vermutung nahe
legen, daß es einen e m p i r i s c h e n C h a r a k t e r auch bei den Tieren gibt.
Der Jäger, der mit Hunden, der Züchter, der mit Pferden, der Wärter, der mit
Affen zu tun hat, wird die Singularität nicht nur, sondern auch die Konstanz
im Verhalten jedes einzelnen Tieres bestätigen. Also jedenfalls ist schon
hier ein über das bloße Rendezvous der »Elemente« Hinausgehendes
ungemein w a h r s c h e i n l i c h.
Wenn nun auch dieses psychische Korrelat zum Idioplasma existiert,
wenn sicherlich selbst die Tiere eine Eigenart haben, so hat diese doch
immer noch mit dem intelligiblen Charakter nichts zu tun, den wir bei
keinem lebenden Wesen vorauszusetzen einen Grund haben, als beim
Menschen. Es verhält sich der intelligible Charakter des Menschen, die
I n d i v i d u a l i t ä t, zum empirischen Charakter, der bloßen
I n d i v i d u a t i o n, wie das Gedächtnis zum einfachen unmittelbaren
Wiedererkennen. Die Gründe aber, aus denen beim Menschen die Existenz
eines solchen noumenalen, transempirischen Subjektes erschlossen werden
darf, müssen nun in Kürze dargelegt werden. Sie ergeben sich aus der Logik
und der Ethik.
In der Logik handelt es sich um die wahre Bedeutung des Prinzipes der
Identität (und des Widerspruches; die vielen Kontroversen über deren
Vorrang vor einander und die richtigste Form ihres Ausdruckes kommen
hier wenig in Betracht). D e r S a t z A = A i s t u n m i t t e l b a r g e w i ß
u n d e v i d e n t . Er ist zugleich das Urmaß der Wahrheit für alle anderen
Sätze; wenn ihm irgendwo einer widerspräche, so oft in einem speziellen
Urteil der Prädikatsbegriff von einem Subjekte etwas aussagte, das dem
Begriffe desselben widerspräche, würden wir es für falsch halten; und als
Gesetz unseres Richtspruches würde sich uns, wenn wir nachsinnen, zuletzt
dieser Satz ergeben. Er ist das Prinzip von wahr und falsch; und wer ihn für
eine Tautologie erachtet, die nichts besage und unser Denken nicht fördere,
wie dies so oft geschehen ist, von H e g e l und später von fast allen
E m p i r i s t e n — es ist dies nicht der einzige Berührungspunkt zwischen
den scheinbar so unversöhnlichen Gegensätzen — der hat ganz recht, aber
die Natur des Satzes schlecht verstanden. A = A, das P r i n z i p a l l e r
Wahrheit, kann nicht selbst eine s p e z i e l l e Wahrheit sein. Wer den Satz
der Identität oder des Widerspruches inhaltsleer findet, hat es sich selbst

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zuzuschreiben. Er glaubte in ihnen besondere Gedanken zu finden, was er
hoffte, war eine Bereicherung seines Fonds an positiven Kenntnissen. Aber
jene Sätze sind nicht selbst Erkenntnisse, besondere Denkakte, sondern das
Maß, das an alle Denkakte angelegt wird. Dieses kann
nicht selbst ein Denkakt sein, der mit den anderen sich
irgend vergleichen ließe. Die Norm des Denkens kann
n i c h t i m D e n k e n s e l b s t g e l e g e n s e i n . Der Satz von der Identität
fügt unserem Wissen nichts hinzu, er vermehrt nicht einen Reichtum, den er
vielmehr gänzlich erst b e g r ü n d e t. D e r S a t z v o n d e r I d e n t i t ä t
ist entweder nichts, oder er ist alles.
Worauf bezieht sich der Satz der Identität und der Satz des
Widerspruches? Man meint gewöhnlich: auf Urteile. S i g w a r t z. B., der
gar den letzteren nur so formuliert: »Die beiden Urteile, A ist B, und A ist
nicht B, können nicht zugleich wahr sein«, behauptet, das Urteil: »Ein
ungelehrter Mensch ist gelehrt« involviere deshalb einen Widerspruch,
»weil das Prädikat gelehrt einem Subjekte zugesprochen wird, von
welchem durch das Urteil, das implicite in seiner Bezeichnung mit dem
Subjektsworte ‚ungelehrter Mensch’ liegt, behauptet war, es sei nicht
gelehrt; es läßt sich also zurückführen auf die zwei Urteile X ist gelehrt und
X ist nicht gelehrt« etc. Der Psychologismus dieser Beweisführung springt
ins Auge. Sie rekurriert auf ein z e i t l i c h der Bildung des Begriffes von
einem ungelehrten Menschen vorhergehendes Urteil. Der obige Satz aber, A
ist nicht non-A, beansprucht Gültigkeit, ganz einerlei, ob es überhaupt
andere Urteile gibt, gegeben hat oder geben wird. Er bezieht sich auf den
B e g r i f f des ungelehrten Menschen. Diesen Begriff s i c h e r t er durch
Ausschließung aller ihm widersprechenden Merkmale.
H i e r i n liegt die wahre Funktion der Sätze vom Widerspruch und von
der Identität. S i e s i n d k o n s t i t u t i v f ü r d i e B e g r i f f l i c h k e i t .
Freilich geht diese Funktion bloß auf den logischen Begriff, nicht auf
das, was man den »psychologischen Begriff« genannt hat. Zwar ist der
Begriff psychologisch stets durch eine anschauliche
Allgemeinvorstellung vertreten; dieser Vorstellung immaniert jedoch in
einer gewissen Weise das Moment der Begrifflichkeit. Die psychologisch
den Begriff repräsentierende Allgemeinvorstellung, an der sich das
begriffliche Denken beim Menschen vollzieht, ist nicht dasselbe wie der
Begriff. Sie kann z. B. reicher sein (im Falle ich ein Triangel denke); oder

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sie kann auch ärmer sein (im Begriffe des Löwen ist mehr enthalten, als in
meiner Anschauung desselben, während es beim Dreieck umgekehrt
ergeht). Der logische Begriff ist die Richtschnur, welcher die
Aufmerksamkeit folgt, wenn sie aus der einen Begriff beim Individuum
repräsentierenden Vo r s t e l l u n g nur gewisse Momente, e b e n d i e
d u r c h d e n B e g r i f f a n g e z e i g t e n, heraushebt er ist das Ziel und der
Wunsch des psychologischen Begriffes, der Polarstern, zu dem die
Aufmerksamkeit emporblickt, wenn sie sein konkretes Surrogat erzeugt: e r
i s t d a s G e s e t z i h r e r Wa h l.
Gewiß gibt es kein Denken, das nur rein logisch und nicht
psychologisch vor sich ginge: d e n n d a s w ä r e j a d a s W u n d e r. Rein
logisch denkt ihrem Begriffe nach die Gottheit, der Mensch muß immer
zugleich psychologisch denken, da er nicht nur Vernunft, sondern auch
Sinnlichkeit besitzt, und sein Denken wohl auf logische, d. h. zeitlose
Ergebnisse abzweckt, aber psychologisch i n der Zeit vor sich geht. Die
Logizität ist aber der erhabene Maßstab, der an die psychologischen
Denkakte des Individuums von ihm selbst wie von anderen angelegt wird.
Wenn zwei Menschen über etwas diskutieren, so sprechen sie vom Begriffe,
nicht von den bei jedem verschiedenen individuellen Vorstellungen, die ihn
hier und dort vertreten: d e r B e g r i f f i s t s o e i n We r t , a n d e m
die Individualvorstellung gemessen w i r d. Wie
p s y c h o l o g i s c h die Allgemeinvorstellung entsteht, hat darum mit der
Natur des Begriffes g a r n i c h t s zu tun, und ist für diese von keinerlei
Bedeutung. Den Charakter der Logizität, der dem Begriff seine W ü r d e
und seine S t r e n g e verleiht, hat er nicht aus der Erfahrung, welche stets
nur schwankende Gestalten zeigt, und höchstens vage Gesamtvorstellungen
erzeugen könnte. Absolute Konstanz und absolute
E i n d e u t i g k e i t, die nicht aus der Erfahrung entstammen k ö n n e n, sind
das Wesen der B e g r i f f l i c h k e i t, jener »verborgenen Kunst in den Tiefen
der menschlichen Seele, deren wahre Handgriffe wir der Natur schwerlich
jemals abraten und sie unverdeckt vor Augen legen werden«, wie die
»Kritik der reinen Vernunft« sich ausdrückt. Jene absolute Konstanz und
Eindeutigkeit bezieht sich nicht auf metaphysische Entitäten: die Dinge sind
nicht so weit real, als sie am Begriffe Anteil haben, sondern ihre Qualitäten
sind logisch nur so weit ihre Qualitäten, als sie im Inhalte des Begriffes
liegen. D e r B e g r i f f i s t d i e N o r m d e r E s s e n z , n i c h t d e r
Existenz.

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Daß ich von einem kreisförmigen Dinge aussagen könne, es sei
gekrümmt, hiezu liegt meine logische Berechtigung im Begriffe des
Kreises, welcher die Krümmung als Merkmal enthält. Den Begriff aber als
die Essenz selbst, als das »Wesen« zu definieren, ist schlecht: »Wesen« ist
hier entweder ein psychologisches Abgehobensein oder ein metaphysisches
Ding. Und den Begriff mit seiner Definition gleichzusetzen, verbietet die
Natur der Definition, die stets nur auf den Inhalt, nicht auf den Umfang des
Begriffes sich bezieht, d. h. nur den Wo r t l a u t, nicht den
K o m p e t e n z k r e i s jener N o r m angibt, welche das Wesen der
Begrifflichkeit ausmacht. Der Begriff als Norm, als Norm der Essenz kann
auch nicht selbst Essenz sein; die Norm muß etwas anderes sein, und da sie
nicht Essenz ist, so kann sie — ein drittes gibt es nicht — nur E x i s t e n z
sein, und zwar nicht eine Existenz, die das Sein von Objekten, sondern eine
Existenz, die das S e i n einer F u n k t i o n enthüllt.
Nun ist aber bei jeder gedanklichen Streitfrage zwischen Menschen,
wenn schließlich in letzter Instanz an die Definition appelliert wird, dann
eben nichts anderes die N o r m d e r E s s e n z als die Sätze A = A oder A ≠
non-A. Die Begrifflichkeit, K o n s t a n z wie E i n d e u t i g k e i t, wird dem
Begriffe durch den Satz A = A und durch nichts anderes. Und zwar verteilen
sich die Rollen der logischen Axiome hier derart, daß durch das principium
identitatis die dauernde Unverrückbarkeit und Insichgeschlossenheit des
Begriffes s e l b s t verbürgt wird, indes das principium contradictionis ihn
eindeutig gegen alle a n d e r e n möglichen Begriffe abgrenzt. H i e m i t i s t ,
zum ersten Male, erwiesen, daß die begriffliche
Funktion ausgedrückt werden kann durch die beiden
obersten logischen Axiome, und selbst nichts anderes
i s t a l s d i e s e . Der Satz A = A (und A ≠ non-A) ermöglicht also erst
jedweden Begriff, er ist der N e r v der begrifflichen Natur oder
Begrifflichkeit des Begriffes.
Wenn ich endlich den Satz selbst, A = A, ausspreche, so ist offenbar
der Sinn dieses Satzes nicht, daß ein s p e z i e l l e s A, das i s t, ja nicht
einmal, daß j e d e s besondere A w i r k l i c h e r Erfahrung oder
w i r k l i c h e n Denkens sich selbst gleich sei. Das Urteil der Identität ist
u n a b h ä n g i g davon, o b ü b e r h a u p t e i n A e x i s t i e r t, d. h. natürlich
wieder keineswegs, daß der Satz nicht von jemand Existierendem müsse
gedacht werden; a b e r e r i s t u n a b h ä n g i g d a v o n g e d a c h t , o b

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e t w a s , o b j e m a n d e x i s t i e r t. Er bedeutet: wenn es ein A gibt (es
mag eines geben oder nicht, a u c h wenn es vielleicht gar keines gibt), so
gilt jedenfalls A = A. Hiemit ist nun unwiderruflich eine Position gegeben,
ein S e i n gesetzt, nämlich das Sein A = A, trotzdem es hypothetisch bleibt,
ob A selbst überhaupt i s t. Der Satz A = A behauptet also, daß etwas
e x i s t i e r t, und diese Existenz ist eben jene gesuchte Norm der Essenz.
Aus der Empirie, aus wenigen oder noch so vielen E r l e b n i s s e n kann er
nicht stammen, wie M i l l glaubte; denn er ist eben ganz unabhängig von
der Erfahrung, er gilt sicher, ob diese ein A ihm zeigen werde oder nicht. Er
ist von keinem Menschen noch geleugnet worden und könnte es auch nicht
werden, da die Leugnung ihn selbst wieder voraussetzte, wenn sie e t w a s,
ein B e s t i m m t e s leugnen wollte. D a n u n d e r S a t z e i n S e i n
behauptet, ohne von der Existenz von Objekten sich
abhängig zu machen, oder über solche Existenz etwas
auszusagen, so kann er nur ein von allem Sein
wirklicher und möglicher Objekte verschiedenes Sein,
das ist also das Sein dessen ausdrücken, was seinem
Begriffe nach nie Objekt werden kann[27]; er wird
durch seine Evidenz also die Existenz des Subjektes
offenbaren; und zwar liegt dieses im Satz der Identität
ausgesprochene Sein nicht im ersten und nicht im
zweiten A, sondern im identischen Gleichheitszeichen
A ≡ A. Dieser Satz also ist identisch mit dem Satze: ich
bin.
Psychologisch läßt sich diese schwierige Deduktion leichter
vermitteln, wenn auch nicht ersparen. Es ist klar, daß, um A = A sagen, um
die Unveränderlichkeit des Begriffes normierend festsetzen zu können und
sie den stets wechselnden Einzeldingen der Erfahrung gegenüber aufrecht
zu erhalten, ein Unveränderliches bestehen muß, und dies kann nur das
Subjekt sein; wäre ich eingeschaltet in den Kreis der Veränderung, so
könnte ich nicht erkennen, daß ein A sich selbst gleich geblieben ist; würde
ich mich fortwährend ändern und nicht ein Identisches bleiben, wäre mein
Selbst funktionell an die Veränderung geknüpft, so gäbe es keine
Möglichkeit, dieser gegenüberzutreten und sie zu erkennen; es fehlte das
absolute geistige Koordinatensystem, in Beziehung auf das allein und
einzig ein Identisches bestimmt und als solches festgehalten werden könnte.

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Die Existenz des Subjektes läßt sich nicht a b l e i t e n, hierin behält
K a n tens Kritik der rationalen Psychologie vollkommen recht. Aber es läßt
sich dartun, wo diese Existenz strenge und unzweideutig auch in der Logik
zum Ausdruck gelangt; und man braucht nicht das intelligible Sein als bloße
logische Denkm ö g l i c h k e i t hinzustellen, die uns allein das moralische
Gesetz später völlig zur Gewißheit zu machen geeignet sei, wie K a n t dies
tat. F i c h t e hatte recht, als er in der reinen Logik ebenfalls die Existenz des
Ich verbürgt fand, soweit das Ich mit dem intelligiblen S e i n
zusammenfällt.
Das Prinzip aller Wahrheit sind die logischen Axiome, diese statuieren
ein S e i n, und nach diesem richtet sich, nach ihm strebt das Erkennen. Die
L o g i k ist ein Gesetz, dem gehorcht werden soll, und d e r M e n s c h i s t
e r s t d a n n g a n z e r s e l b s t , w e n n e r g a n z l o g i s c h i s t; ja er
i s t nicht, ehe denn er überall und durchaus nur Logik ist. I n d e r
Erkenntnis findet er sich selbst.
Aller Irrtum wird als Schuld empfunden. Daraus ergibt sich, daß der
Mensch nicht irren m u ß t e. Er s o l l die Wahrheit finden; darum k a n n er
sie finden. Aus der Pflicht zur Erkenntnis folgt ihre Möglichkeit, folgt die
F r e i h e i t des Denkens und die Siegeshoffnung des Erkennens. In der
N o r m a t i v i t ä t der Logik liegt der Beweis, d a ß d a s D e n k e n d e s
M e n s c h e n f r e i i s t und sein Ziel erreichen k a n n.

Kürzer und anders kann ich mich bezüglich der Ethik fassen, da diese
Untersuchung durchaus auf den Boden der K a n t i s c h e n
M o r a l p h i l o s o p h i e sich stellt und auch die letzten logischen
Deduktionen und Postulate, wie man gesehen hat, in einer gewissen
Analogie zu jener durchgeführt wurden. Das tiefste, das intelligible Wesen
des Menschen ist eben das, was der Kausalität nicht untersteht, und wählt in
Freiheit das Gute oder das Böse. Dies wird ganz in der gleichen Weise
kundgetan, durch das Schuldbewußtsein, durch die R e u e. Niemand hat
noch vermocht, diese Tatsachen anders zu erklären; und niemand läßt es
sich einreden, daß er diese oder jene Tat hat begehen m ü s s e n. Im Sollen
liegt auch hier der Zeuge für das Können. Der kausalen
Bestimmungsgründe, der niederen Motive, die ihn hinabgezogen haben,

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kann der Mensch sich vollkommen bewußt sein, und er wird doch, j a
g e r a d e d a n n a m g e w i s s e s t e n, die Zurechnung an sein intelligibles
Ich als ein freies, das anders hätte handeln k ö n n e n, vollziehen.
Wa h r h e i t , R e i n h e i t , T r e u e , A u f r i c h t i g k e i t s i c h
s e l b s t g e g e n ü b e r: das ist die einzig denkbare Ethik. Es gibt nur
Pflichten gegen sich, Pflichten des empirischen gegen das intelligible Ich,
welche in der Form jener zwei Imperative auftreten, an denen aller
Psychologismus immer zu Schanden wird: in der Form der logischen und
der moralischen Gesetzlichkeit. Die normativen Disziplinen, die psychische
Tatsache der inneren Forderung, die viel mehr verlangt, als alle bürgerliche
Gesittung je haben will — das ist es, was kein Empirismus je wird
ausreichend erklären können. Seinen wahren Gegensatz findet er in einer
kritisch-transscendentalen, nicht in einer metaphysisch-transcendenten
M e t h o d e, da alle Metaphysik nur hypostasierende Psychologie,
Transcendentalphilosophie aber Logik der Wertungen ist. Aller Empirismus
und Skeptizismus, Positivismus und Relativismus, aller Psychologismus
und alle rein immanente Betrachtungsweise fühlen instinktiv sehr wohl, daß
aus Ethik und Logik ihnen die Hauptschwierigkeit erwächst. Daher die
fortwährend erneuten und immer vergeblichen Versuche einer empirischen
und psychologischen Begründung dieser Disziplinen; und fast wird nur
noch ein Versuch vermißt, das principium contradictionis experimentell zu
prüfen und nachzuweisen.
Logik und Ethik aber sind im Grunde nur eines und dasselbe — Pflicht
gegen sich selbst. Sie feiern ihre Vereinigung im höchsten Werte der
Wahrheit, dem dort der Irrtum, hier die Lüge gegenübersteht: die Wahrheit
selbst aber ist nur eine. Alle Ethik ist nur nach den Gesetzen der Logik
möglich, alle Logik ist zugleich ethisches Gesetz. N i c h t n u r T u g e n d ,
sondern auch Einsicht, nicht nur Heiligkeit, sondern
a u c h We i s h e i t i s t P f l i c h t u n d A u f g a b e d e s M e n s c h e n :
e r s t b e i d e z u s a m m e n b e g r ü n d e n Vo l l k o m m e n h e i t .
Aber freilich ist aus der Ethik, deren Sätze Heischesätze sind, nicht
wie aus der Logik ein strenger logischer Beweis für E x i s t e n z schon zu
führen. Die Ethik ist nicht im selben Sinne logisches wie die Logik
ethisches Gebot. Die Logik rückt dem Ich seine völlige Verwirklichung als
absolutes Sein vor Augen; die Ethik hingegen gebietet erst diese

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Verwirklichung. Die Logik wird von der Ethik aufgenommen und zu ihrem
eigentlichen Inhalte, zu ihrer Forderung gemacht.
An jener berühmten Stelle der »Kritik der praktischen Vernunft«, da
K a n t den Menschen als Glied der intelligiblen Welt einführt (»Pflicht! Du
erhabener, großer Name ....«), wird man also mit Recht fragen, woher denn
Kant wisse, daß das moralische Gesetz von der Persönlichkeit emaniere? Es
könne kein anderer, seiner würdiger, Ursprung gefunden werden, ist das
einzige, was Kant hierauf zur Antwort gibt. Er begründet es nicht weiter,
daß der kategorische Imperativ das vom Noumenon gegebene Gesetz sei,
sie gehören ihm offensichtlich von Anfang an zusammen. Das aber liegt in
der Natur der Ethik. Diese fordert, daß das intelligible Ich von allen
Schlacken des empirischen frei w i r k e, u n d s o k a n n d u r c h d i e
Ethik dasselbe Sein erst in seiner Reinheit gänzlich
v e r w i r k l i c h t w e r d e n, welches d i e L o g i k v e r h e i ß u n g s v o l l i n
der Form eines doch irgendwie bereits Gegenwärtigen
u n s v e r k ü n d e t.
Aber was für K a n t die M o n a d e n -, die S e e l e n l e h r e im G e m ü t e
bedeutete, wie er an ihr als einzigem Gute von je festhielt, und mit seiner
Theorie vom »intelligiblen Charakter«, den man so oft als eine neue
Entdeckung oder Erfindung, als ein A u s k u n f t s m i t t e l der Kantischen
Philosophie mißversteht, nur das an ihr wissenschaftlich Haltbare festlegen
wollte: dies ist aus jener Unterlassung deutlich zu entnehmen.
Es gibt P f l i c h t nur gegen sich selbst; des muß Kant schon in
frühester Jugend (vielleicht nachdem er einmal den Impuls zur Lüge
verspürt hatte) sicher geworden sein.
Wenn von der H e r a k l e s - S a g e, von einigen Stellen N i e t z s c h e s
und eher noch S t i r n e r s, aus denen man Kant-Verwandtes herauslesen
kann, abgesehen wird, so hat das Prinzip der Kantischen Ethik bloß I b s e n
(im »Brand« und »Peer Gynt«) beinahe selbständig gefunden. Gelegentlich
sind Äußerungen, wie H e b b e l s Epigramm »Lüge und Wahrheit«:

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»Was Du teurer bezahlst, die Lüge oder die Wahrheit?
Jene kostet Dein Ich, diese doch höchstens Dein Glück.«

oder S u l e i k a s weltbekannte Worte aus dem »Westöstlichen Diwan«:
»Volk und Knecht und Überwinder,
Sie gesteh'n zu jeder Zeit:
Höchstes Glück der Erdenkinder
Sei nur die Persönlichkeit.

Jedes Leben sei zu führen,
Wenn man sich nicht selbst vermißt;
Alles könne man verlieren,
Wenn man bleibe, was man ist.«

Sicher ist es wahr, daß die meisten Menschen irgendwie Jehovah
brauchen. Die wenigsten — es sind die genialen Menschen — leben gar
nicht h e t e r o n o m. Die anderen rechtfertigen ihr Tun und Lassen, ihr
Denken und Sein mindestens in Gedanken auch immer vor jemand
a n d e r e m, sei es ein persönlicher Judengott, oder ein geliebter, geachteter,
gefürchteter Mensch. Nur s o handeln sie in formeller äußerer
Übereinstimmung mit dem Sittengesetz.
K a n t war, wie dies aus seiner ganzen, sich selbst gesetzten, bis ins
einzelnste unabhängigen Lebensführung hervorleuchtet, so durchdrungen
von seiner Überzeugung, daß der Mensch nur sich selbst verantwortlich ist,
daß er diesen Punkt seiner Lehre als den selbstverständlichsten,
Anfechtungen am wenigsten ausgesetzten, betrachtete. Und doch hat gerade
hier das Schweigen Kantens dazu beigetragen, daß seine Ethik, d i e
e i n z i g e g e r a d e i n t r o s p e k t i v - p s y c h o l o g i s c h h a l t b a r e, die
einzige, welche die harte und strenge innere Stimme des Einen nicht durch
den Lärm der Vielen undeutlich zu machen sucht, daß diese Ethik
tatsächlich so wenig v e r s t a n d e n worden ist.
Auch für K a n t hat es, darauf läßt eine Stelle in seiner
»Anthropologie« schließen, in seinem irdischen Leben einen Zustand
gegeben, welcher der »Begründung eines Charakters« vorherging. Aber der
Augenblick, in dem es ihm zu furchtbar strahlender Klarheit gelangte: ich
habe nur mir selbst Rechenschaft abzulegen, muß niemand anderem dienen,
kann nicht in Arbeit mich vergessen; ich steh' a l l e i n, bin f r e i, bin m e i n
H e r r: dieser Moment bezeichnet die Geburt der Kantischen Ethik, des
heroischesten Aktes der Weltgeschichte.

Page 204

»Zwey Dinge erfüllen das Gemüth mit immer neuer und zunehmender
Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken
damit beschäftigt: D e r b e s t i r n t e H i m m e l ü b e r m i r u n d d a s
m o r a l i s c h e G e s e t z i n m i r. Beides darf ich nicht als in Dunkelheiten
verhüllt oder im Überschwenglichen, außer meinem Gesichtskreise, suchen
und bloß vermuthen; ich sehe sie v o r mir, und verknüpfe sie unmittelbar
mit dem Bewußtsein meiner Existenz. Das erste fängt von dem Platze an,
den ich in der äußeren Sinnenwelt einnehme, und erweitert die
Verknüpfung, darin ich stehe, ins unabsehlich Große mit Welten über
Welten und Systemen von Systemen, überdem noch in grenzenlose Zeiten
ihrer periodischen Bewegung, deren Anfang und Fortdauer. Das zweite
fängt von meinem unsichtbaren Selbst, meiner Persönlichkeit, an, und stellt
mich in einer Welt dar, die wahre Unendlichkeit hat, aber nur dem
Verstande spürbar ist, und mit welcher (dadurch aber auch zugleich mit
allen jenen sichtbaren Welten) ich mich, nicht wie dort, in bloß zufälliger,
sondern allgemeiner und notwendiger Verknüpfung erkenne. Der erstere
Anblick einer zahllosen Weltenmenge vernichtet gleichsam meine
Wichtigkeit, als eines t h i e r i s c h e n G e s c h ö p f s, das die Materie, daraus
es ward, dem Planeten (einem bloßen Punct im Weltall) wieder
zurückgeben muß, nachdem es eine kurze Zeit (man weiß, nicht wie) mit
Lebenskraft versehen gewesen. Der zweite erhebt dagegen meinen Wert, als
einer I n t e l l i g e n z, unendlich, durch meine Persönlichkeit, in welcher das
moralische Gesetz mir ein von der Thierheit und selbst von der ganzen
Sinnenwelt unabhängiges Leben offenbart, wenigstens so viel sich aus der
zweckmäßigen Bestimmung meines Daseins durch dieses Gesetz, welche
nicht auf Bedingungen und Grenzen dieses Lebens eingeschränkt ist,
sondern ins Unendliche geht, abnehmen läßt.«
So verstehen wir jetzt, nach diesem Beschlusse, diese »Kritik der
praktischen Vernunft«. Der Mensch ist a l l e i n im Weltall, in ewiger,
ungeheuerer E i n s a m k e i t.
Er hat keinen Zweck außer sich, nichts anderes, wofür er lebt — weit
ist er fortgeflogen über Sklave-sein-wollen, Sklave-sein-können, Sklave-
sein-müssen: tief unter ihm verschwunden alle menschliche Gesellschaft,
versunken die S o z i a l-Ethik; er ist allein, allein.
Aber er ist nun eben erst e i n e r und a l l e s; und darum hat er auch ein
G e s e t z in sich, darum i s t er selbst alles Gesetz, und keine springende

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Willkür. Und er verlangt v o n s i c h, daß er dieses Gesetz i n sich, das
Gesetz seines Selbst, befolge, daß er n u r Gesetz sei, ohne Rück-Sicht
hinter sich, ohne Vor-Sicht vor sich. Das ist das Grauenvoll-Große: es hat
weiter k e i n e n S i n n, daß er der Pflicht gehorche. Nichts ist ihm, dem
Alleinen, A l l - E i n e n ü b e rgeordnet. Doch der unerbittlichen, keine
Verhandlung mit sich duldenden, das ist k a t e g o r i s c h e n Forderung i n
s i c h muß er nachkommen. E r l ö s u n g ! ruft er[28], Ruhe, nur schon Ruhe
vor dem Feind, Frieden, nicht dies endlose Ringen — und e r s c h r i c k t:
selbst im Erlöst-sein-wollen war noch Feigheit, im schmachtenden
S c h o n ! noch Desertion, als wäre er zu klein diesem Kampf. Wo z u ! fragt
er, schreit er hinaus ins Weltall — und e r r ö t e t; denn gerade wollte er
wieder das G l ü c k, die Anerkennung des Kampfes, den, der ihn belohne,
den anderen. K a n tens einsamster Mensch lacht nicht und tanzt nicht, er
brüllt nicht und jubelt nicht: er hat es nicht not Lärm zu machen, weil der
Weltraum zu tief schweigt. Nicht die Sinnlosigkeit einer Welt »von
ohngefähr« ist ihm Pflicht, sondern s e i n e Pflicht ist ihm d e r S i n n d e s
We l t a l l s. J a sagen zu dieser Einsamkeit, das ist das »Dionysische«
K a n tens; das erst ist Sittlichkeit.

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VIII. Kapitel.
Ich-Problem und Genialität.
»Im Anfang war diese Welt
allein der Âtman, in Gestalt eines
Menschen. Der blickte um sich: da
sah er nichts anderes als sich selbst.
Da rief er zu Anfang aus: ‚Das bin
ich!’ Daraus entstand der Name Ich.
— Daher auch heutzutage, wenn
einer angerufen wird, so sagt er
zuerst: ‚Das bin ich’ und dann erst
nennt er den anderen Namen,
welchen er trägt.«
(Bṛihadâraṇyaka-Upanishad.)
Viele Prinzipienstreitigkeiten in der Psychologie beruhen auf den
individuellen charakterologischen Differenzen zwischen den
Dissentierenden. Der Charakterologie könnte damit, wie bereits erwähnt,
eine wichtige Rolle zufallen: während der eine dies, der andere jenes in sich
vorzufinden behauptet, hätte sie zu lehren, w a r u m die Selbstbeobachtung
des einen anders ausfällt als die des zweiten; oder wenigstens zu zeigen,
durch was alles die in Rede stehenden Personen n o c h sich unterscheiden.
In der Tat sehe ich keinen anderen Weg, gerade in den umstrittensten
psychologischen Dingen ins Reine zu kommen. Die Psychologie ist eine
Erfahrungswissenschaft, und darum geht nicht wie in den überindividuellen
Normwissenschaften der Logik und Ethik das Allgemeine dem Besonderen
in ihr vorher, sondern es muß umgekehrt vom individuellen
Einzelmenschen ausgegangen werden. Es gibt keine empirische
Allgemeinpsychologie; und es war ein Fehler, eine solche ohne
g l e i c h z e i t i g e n Betrieb differentieller Psychologie in Angriff zu
nehmen.
Schuld an dem Jammer ist die Doppelstellung der Psychologie
zwischen Philosophie und Empfindungsanalyse. Von welcher der beiden die

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Psychologen kamen, stets traten sie mit dem Anspruch auf
Allgemeingültigkeit der Ergebnisse auf. Aber vielleicht sind nicht einmal so
fundamentale Fragen, wie diese, ob es einen tätigen A k t der
Wahrnehmung, eine S p o n t a n e i t ä t des Bewußtseins schon in der
Empfindung gebe oder nicht, ohne charakterologische Unterscheidungen
gänzlich ins Reine zu bringen.
Einen kleinen Teil solcher Amphibolien durch Charakterologie
aufzulösen ist, in Hinsicht auf die Psychologie der Geschlechter, eine
Hauptaufgabe dieser Arbeit. Die verschiedenen Behandlungen des Ich-
Problems hingegen resultieren nicht sowohl aus den psychologischen
Differenzen der Geschlechter, sondern zunächst, wenn auch nicht
ausschließlich[29], aus den individuellen Unterschieden in der B e g a b u n g.
Gerade die Entscheidung zwischen H u m e und K a n t ist auch
c h a r a k t e r o l o g i s c h möglich, insoferne etwa, als ich zwischen zwei
Menschen entscheiden kann, von denen dem einen die Werke des M a k a r t
und G o u n o d, dem anderen die R e m b r a n d t s und B e e t h o v e n s das
Höchste sind. Ich werde solche Menschen nämlich zunächst u n t e rscheiden
nach ihrer Begabung. Und so ist es auch in diesem Falle statthaft, ja
notwendig, die Urteile über das Ich, wenn sie von zwei sehr verschieden
hoch veranlagten Menschen ausgehen, nicht ganz gleich zu werten. E s
gibt keinen wahrhaft bedeutenden Menschen, der nicht
v o n d e r E x i s t e n z d e s I c h ü b e r z e u g t w ä r e; ein Mensch, der das
Ich leugnet, kann nie ein bedeutender Mensch sein.[30]
Diese These wird sich im Laufe des nun Folgenden als eine
Behauptung von zwingender Notwendigkeit herausstellen, und auch für die
in ihr gelegene Höherwertung der Urteile des Genius eine Begründung
gesucht und gefunden werden.
Es gibt nämlich keinen bedeutenden Menschen und kann keinen
geben, für den nicht im Laufe seines Lebens, im allgemeinen je bedeutender
er ist, desto früher (vgl. Kapitel 5), ein Moment käme, in welchem er die
völlige Sicherheit gewinnt, ein Ich im höheren Sinne zu besitzen.[31] Man
vergleiche folgende Äußerungen dreier sehr verschiedener Menschen und
überaus genialer Naturen.
J e a n P a u l erzählt in seiner autobiographischen Skizze »Wahrheit
aus meinem Leben«:

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»Nie vergess' ich die noch keinem Menschen erzählte Erscheinung in
mir, wo ich bei der Geburt meines Selbstbewußtseins stand, von der ich Ort
und Zeit anzugeben weiß. An einem Vormittag stand ich als ein sehr junges
Kind unter der Haustüre und sah links nach der Holzlege, als auf einmal das
innere Gesicht: ich bin ein Ich! wie ein Blitzstrahl vom Himmel vor mich
fuhr und seitdem leuchtend stehen blieb — da hatte mein Ich zum ersten
Male sich selber gesehen und auf ewig. Täuschungen des Erinnerns sind
hier schwerlich gedenkbar, da kein fremdes Erzählen sich in eine bloß im
verhangenen Allerheiligsten des Menschen vorgefallene Begebenheit, deren
Neuheit allein so alltäglichen Nebenumständen das Bleiben gegeben, mit
Zusätzen mengen konnte.«
Und offenbar meint ganz das nämliche Erlebnis N o v a l i s, der in
seinen »Fragmenten vermischten Inhalts« bemerkt:
»Darthun läßt sich dieses Factum nicht, jeder muß es selbst erfahren.
Es ist ein Factum höherer Art, d a s n u r d e r h ö h e r e M e n s c h
a n t r e f f e n w i r d; die Menschen aber sollen streben, es in sich zu
veranlassen. Philosophieren ist eine Selbstbesprechung obiger Art, eine
eigentliche Selbstoffenbarung, Erregung des wirklichen Ich durch das
idealische Ich. Philosophieren ist der Grund aller anderen Offenbarungen;
der Entschluß zu philosophieren ist eine Aufforderung an das wirkliche Ich,
daß es sich besinnen, erwachen und Geyst sein solle.«
S c h e l l i n g bespricht im achten seiner »Philosophischen Briefe über
Dogmatismus und Kritizismus«, einem wenig bekannten Jugendwerk,
d a s s e l b e Phänomen mit folgenden tiefen und schönen Worten: »Uns allen
... wohnt ein geheimes, wunderbares Vermögen bei, uns aus dem Wechsel
der Zeit in unser Innerstes, von allem, was von außenher hinzukam,
entkleidetes Selbst zurückzuziehen und da unter der Form der
Unwandelbarkeit das Ewige in uns anzuschauen. D i e s e A n s c h a u u n g
ist die innerste, eigenste Erfahrung, von welcher alles,
a l l e s a b h ä n g t , w a s w i r v o n e i n e r ü b e r s i n n l i c h e n We l t
wissen und glauben. Diese Anschauung zuerst
überzeugt uns, daß irgend etwas im eigentlichen Sinne
ist, während alles übrige nur erscheint, worauf wir
j e n e s Wo r t ü b e r t r a g e n . Sie unterscheidet sich von jeder sinnlichen
Anschauung dadurch, daß sie nur durch F r e i h e i t hervorgebracht und
jedem anderen fremd und unbekannt ist, dessen Freiheit, von der

Page 209

hervordringenden Macht der Objekte überwältigt, kaum zur
Hervorbringung des Bewußtseins hinreicht. Doch gibt es auch für
diejenigen, die diese Freiheit der Selbstanschauung nicht besitzen,
wenigstens Annäherung zu ihr, mittelbare Erfahrungen, durch welche sie ihr
Dasein ahnen läßt. Es gibt einen gewissen Tiefsinn, dessen man sich selbst
nicht bewußt ist, den man vergebens sich zu entwickeln strebt. J a k o b i hat
ihn beschrieben ..... Diese intellektuale Anschauung tritt dann ein, wo wir
für uns selbst aufhören, O b j e k t zu sein, wo, in sich selbst zurückgezogen,
das anschauende Selbst mit dem angeschauten identisch ist. I n d i e s e m
Moment der Anschauung schwindet für uns Zeit und
Dauer dahin: nicht wir sind in der Zeit, sondern die
Zeit — oder vielmehr nicht sie, sondern die reine
a b s o l u t e E w i g k e i t i s t i n u n s . Nicht wir sind in der Anschauung
der objektiven Welt, sondern sie ist in unserer Anschauung verloren.«
Es wird der Immanente, der Positivist, vielleicht nur lächeln über den
betrogenen Betrüger, den Philosophen, der solche Erlebnisse zu haben
vorgibt. Nun, dagegen läßt sich nicht leicht etwas tun. Ist auch überflüssig.
Doch bin ich keineswegs der Meinung, daß jenes »Faktum hoher Art« sich
bei a l l e n genialen Menschen in jener mystischen Form eines Eins-
Werdens von Subjekt und Objekt, eines einheitlichen Erlebens abspiele, wie
S c h e l l i n g dies beschreibt. Ob es ungeteilte Erlebnisse gibt, in denen der
Dualismus schon w ä h r e n d d e s L e b e n s überwunden wird, wie dies
von P l o t i n und den indischen M a h a t m a s bezeugt ist, oder ob dies nur
höchste Intensifikationen des Erlebens sind, prinzipiell aber gleichartig mit
allem anderen — dies soll uns hier nicht beschäftigen, das Zusammenfallen
von Subjekt und Objekt, von Zeit und Ewigkeit, das Schauen Gottes durch
den lebenden Menschen weder als möglich behauptet noch als unmöglich in
Abrede gestellt werden. Erkenntnistheoretisch ist mit einem E r l e b e n des
eigenen Ich nichts anzufangen, und noch niemand hat es je für eine
s y s t e m a t i s c h e Philosophie zu verwerten gesucht. Ich will daher jenes
Faktum »höherer Art«, das sich bei einem Menschen so, beim anderen
anders vollzieht, nicht E r l e b n i s des eigenen Ich nennen, sondern nur als
das I c h - E r e i g n i s bezeichnen.
Das Ich-Ereignis kennt jeder bedeutende Mensch. Ob er nun in der
Liebe zu einem Weibe erst sein Ich finde und sich seines Selbst bewußt
werde[32] — denn der bedeutende Mensch liebt intensiver als der

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unbedeutende — oder ob er durch ein Schuldbewußtsein, wieder vermöge
eines Kontrastes, zum Gefühle seines höheren echten Wesens gelange, dem
er in der bereuten Handlung untreu wurde — denn auch das
Schuldbewußtsein ist im bedeutenden Menschen heftiger und
differenzierter als im unbedeutenden; ob ihn das Ich-Ereignis zum Eins-
Werden mit dem All, zum Schauen aller Dinge in Gott führe, oder ihm
vielmehr den furchtbaren Dualismus zwischen Natur und Geist im Weltall
offenbare, und in ihm das Erlösungsbedürfnis, das Bedürfnis nach dem
i n n e r e n Wunder, wachrufe: immer und ewig ist mit dem Ich-Ereignis
zugleich der Kern einer We l t a n s c h a u u n g, ganz von selbst, ohne Zutun
des denkenden Menschen, bereits g e g e b e n. Weltanschauung ist nicht die
große Synthese, die am jüngsten Tage der Wissenschaft von irgend einem
besonders fleißigen Mann, der durch alle Fächer der Reihe nach sich
hindurchgearbeitet hat, vor dem Schreibtisch inmitten einer großen
Bibliothek vollzogen wird, Weltanschauung ist etwas Erlebtes, und sie kann
a l s G a n z e s k l a r u n d u n z w e i d e u t i g s e i n, wenn auch im
einzelnen noch so vieles vorderhand in Dunkelheit und Widerspruch
verharrt. Das Ich-Ereignis aber ist Wurzel aller Weltanschauung, d. h. aller
A n s c h a u u n g der We l t als g a n z e r, und zwar für den Künstler nicht
minder als für den Philosophen. Und so radikal sonst die Weltanschauungen
voneinander differieren, eines wohnt ihnen allen, soweit sie den Namen
einer Weltanschauung verdienen[33], gemeinsam inne; es ist eben das, was
durchs Ich-Ereignis vermittelt wird, der Glaube, d e n j e d e r
bedeutende Mensch besitzt: die Überzeugung von der
E x i s t e n z e i n e s I c h o d e r e i n e r S e e l e, die im Weltall einsam ist,
dem ganzen Weltall gegenübersteht, die ganze We l t a n s c h a u t.
Vom Ich-Ereignis an gerechnet wird der bedeutende Mensch im
allgemeinen — Unterbrechungen, vom fürchterlichsten der Gefühle, vom
Gefühle des G e s t o r b e n s e i n s, ausgefüllt, mögen wohl häufig
vorkommen — m i t S e e l e leben.
Aus diesem Grunde, und nicht allein aus hochgestimmtem Hinblick
auf eben Geschaffenes schreibt es, wie ich an dieser Stelle beifügen will,
sich her, daß bedeutende Menschen immer, in jedem Sinne, auch das größte
Selbstbewußtsein haben werden. Nichts ist so gefehlt, als von der
»Bescheidenheit« großer Männer zu reden, die gar nicht gewußt hätten, was
in ihnen stecke. Es gibt keinen bedeutenden Menschen, der nicht wüßte,

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wie sehr er sich von den anderen unterscheidet (mit Ausnahme der
Depressionsperioden, welchen gegenüber sogar der in besseren Zeiten
gefaßte Vorsatz, von nun ab etwas von sich zu halten, fruchtlos bleiben
mag), keinen, der sich nicht für einen bedeutenden Menschen hielte, sobald
er einmal etwas g e s c h a f f e n hat — allerdings auch keinen, dessen
Eitelkeit oder Ruhmsucht so gering wäre, daß er sich nicht noch stets
überschätzte. S c h o p e n h a u e r hat sich für viel größer gehalten als K a n t.
Wenn N i e t z s c h e seinen Zarathustra für das tiefste Buch der Welt erklärt,
so spielt außerdem wohl noch die Enttäuschung durch die schweigenden
Zeitungsschreiber und das Bedürfnis diese zu reizen mit — allerdings auch
keine sehr vornehmen Motive.
Aber eines ist allerdings richtig an der Lehre von der Bescheidenheit
bedeutender Menschen: bedeutende Menschen sind nie anmaßend.
Anmaßung und Selbstbewußtsein sind wohl die zwei entgegengesetztesten
Dinge, die es geben kann, und sollten nicht, wie es meistens geschieht, eins
für das andere gesetzt werden. Ein Mensch hat immer so viel Arroganz, als
ihm Selbstbewußtsein fehlt. Anmaßung ist sicherlich nur ein Mittel, durch
künstliche Erniedrigung des Nebenmenschen das Selbstbewußtsein
gewaltsam zu steigern, ja so erst zum Bewußtsein eines Selbst zu kommen.
Natürlich gilt das von der unbewußten, sozusagen physiologischen
Arroganz; zu beabsichtigter Grobheit verächtlichen Subjekten gegenüber
mag wohl auch ein hochstehender Mensch der eigenen Würde halber hie
und da sich verhalten müssen.
Die feste, vollkommene, des B e w e i s e s für ihre Person nicht
eigentlich bedürftige Überzeugung, daß sie eine Seele besitzen, ist also
allen genialen Menschen gemeinsam. Man sollte die lächerliche Besorgnis
doch endlich ablegen, welche hinter jedem, der von der Seele als einer
hyperempirischen Realität redet, gleich den werbenden Theologen wittert.
Der Glaube an die Seele ist alles eher denn ein Aberglaube, und kein bloßes
Verführungsmittel aller Geistlichkeit. Auch die Künstler sprechen von ihrer
Seele, ohne Philosophie und Theologie studiert zu haben, selbst die
atheistischesten, wie S h e l l e y, und glauben zu wissen, was sie damit
meinen. Oder denkt man, daß »Seele« für sie ein bloßes, leeres, schönes
Wort sei, welches sie anderen nachsprechen, ohne zu fühlen? Daß der große
Künstler Bezeichnungen anwende, ohne über ein Bezeichnetes, in diesem
Falle von denkbar höchster Realität, sich klar zu sein? Der immanente

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Empirist, der Nur-Physiolog muß aber all das für nichtssagendes Geschwätz
halten, oder L u c r e z für den einzigen großen Dichter. So viel Mißbrauch
sicherlich mit dem Worte getrieben wird: wenn b e d e u t e n d e Künstler von
ihrer Seele zeugen, so wissen sie wohl, was sie tun. Es gibt für sie wie für
die großen Philosophen ein gewisses G r e n z g e f ü h l der höchsten
Wirklichkeit; H u m e hat dieses Gefühl sicherlich nicht gekannt.
Der Wissenschaftler nämlich steht, wie schon hervorgehoben wurde,
und nun bald bewiesen werden soll, u n t e r dem Philosophen und u n t e r
dem Künstler. Diese verdienen das Prädikat des Genies, der bloße
Wissenschaftler niemals. Es heißt jedoch dem Genius vor der Wissenschaft
noch einen weiteren, bisher noch immer unbegründeten Vorzug einräumen,
wenn, wie dies hier geschehen ist, seiner Anschauung über ein bestimmtes
Problem, bloß weil es seine Anschauung ist, mehr Gewicht beigelegt wird
als der Ansicht des Wissenschaftlers. Besteht zu dieser Bevorzugung ein
Recht? Kann der Genius Dinge erkunden, die dem Mann der Wissenschaft
als solchem versagt sind, kann er in eine Tiefe blicken, welche jener
vielleicht nicht einmal bemerkt?
Genialität schließt, wie sich zeigte, ihrer Idee nach Universalität ein.
Für den ganz und gar genialen Menschen, der eine notwendige Fiktion ist,
gäbe es gar nichts, wozu er nicht ein gleich lebendiges, unendlich inniges,
schicksalsvolles Verhältnis hätte. Genialität war universale Apperzeption,
und hiemit vollkommenes Gedächtnis, absolute Zeitlosigkeit. Man muß
aber, um etwas apperzipieren zu können, ein ihm Verwandtes bereits in sich
haben. Man bemerkt, versteht und ergreift nur das, womit man irgend eine
Ähnlichkeit hat (S. 139 f.). Der Genius war zuletzt, aller Kompliziertheit
wie zum Trotze, der Mensch mit dem intensivsten, lebendigsten,
bewußtesten, kontinuierlichsten, einheitlichsten Ich. Das Ich jedoch ist das
punktuelle Zentrum, die Einheit der Apperzeption, die »Synthesis« alles
Mannigfaltigen.
Das Ich des Genies muß demnach selbst die universale Apperzeption
sein, der Punkt schon den unendlichen Raum in sich schließen: d e r
b e d e u t e n d e M e n s c h h a t d i e g a n z e We l t i n s i c h , d e r
G e n i u s i s t d e r l e b e n d i g e M i k r o k o s m u s. Er ist nicht eine sehr
zusammengesetzte Mosaik, keine aus einer, doch immer e n d l i c h e n,
Vi e lzahl von Elementen aufgebaute chemische Verbindung, und nicht das
war der Sinn der Darlegungen des vierten Kapitels über sein innigeres

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Verwandtsein mit mehr Menschen und Dingen: s o n d e r n e r i s t a l l e s.
Wie im Ich und durch das Ich alle psychischen Erscheinungen
zusammenhängen, wie dieser Zusammenhang unmittelbar erlebt und ins
Seelenleben nicht mühsam erst hineingetragen wird durch eine
Wissenschaft (die bei allen äußeren Dingen freilich hiezu verhalten ist)[34],
wie hier das Ganze durchaus vor den Teilen besteht; so blickt der Genius, in
dem das Ich wie das All, als das All l e b t, auch in die Natur und ins
Getriebe aller Wesen als ein Ganzes, er s c h a u t hier die Ve r b i n d u n g e n
und konstruiert nicht einen Bau aus Bruchstücken. Darum kann ein
bedeutender Mensch zunächst schon bloßer empirischer Psychologe nicht
sein, für den es nur Einzelheiten gibt, die er im Schweiße seines
Angesichtes, durch Associationen, Leitungsbahnen u. s. w. zu verkitten
trachtet; ebensowenig aber bloßer Physiker, dem die Welt aus Atomen und
Molekülen z u s a m m e n g e s e t z t ist.
Aus der Idee des Ganzen heraus, in welcher der
G e n i u s f o r t w ä h r e n d l e b t , e r k e n n t e r d e n S i n n d e r Te i l e .
E r w e r t e t d a r u m a l l e s, alles in sich, alles a u ß e r h a l b seiner, wertet
es nach dieser Idee; und n u r d a r u m ist es für ihn nicht Funktion der Zeit,
sondern repräsentiert ihm stets einen großen und ewigen Gedanken. So ist
der g e n i a l e Mensch zugleich der t i e f e Mensch, und nur er tief, nur der
Tiefe genial. Darum gilt denn auch wirklich seine Meinung mehr als die der
anderen. Weil er aus dem Ganzen seines das Universum enthaltenden Ich
schafft, während die anderen Menschen nie ganz zum Bewußtsein dieses
ihres wahren Selbst kommen, werden ihm die Dinge sinnvoll, b e d e u t e n
sie ihm alle etwas, sieht er in ihnen stets S y m b o l e. Für ihn ist der Atem
mehr als ein Gasaustausch durch die feinsten Wandungen der
Blutkapillaren, das Blau des Himmels mehr als teilweise polarisiertes, an
den Trübungen der Atmosphäre diffus reflektiertes Sonnenlicht, die
Schlangen mehr als fußlose Reptilien ohne Schultergürtel und Extremitäten.
Wenn man selbst alle wissenschaftlichen Entdeckungen, die je gemacht
wurden, zusammentäte und von einem einzigen Menschen gefunden sein
ließe; wenn alles, was A r c h i m e d e s und L a g r a n g e, J o h a n n e s
M ü l l e r und K a r l E r n s t v o n B a e r, N e w t o n und L a p l a c e,
K o n r a d S p r e n g e l und C u v i e r, T h u k y d i d e s und N i e b u h r,
F r i e d r i c h A u g u s t Wo l f und F r a n z B o p p, was noch so viele andere
für die Wissenschaft Hervorragendstes geleistet haben, s e l b s t w e n n a l l
dies ein einziger Mensch im Laufe eines kurzen

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Menschenlebens geleistet hätte, er verdiente darum
d o c h n i c h t d a s P r ä d i k a t d e s G e n i u s.
Denn damit ist noch nirgends in Tiefen gedrungen. Der
Wissenschaftler nimmt die Erscheinungen wie sie sinnfällig s i n d, der
bedeutende Mensch oder Genius für das, was sie b e d e u t e n. Ihm sind
Meer und Gebirge, Licht und Finsternis, Frühling und Herbst, Cypresse und
Palme, Taube und Schwan S y m b o l e, er ahnt nicht nur, er erkennt in ihnen
ein Tieferes. Nicht auf Luftdruckverschiebungen geht der Walkürenritt, und
nicht auf Oxydationsprozesse bezieht sich der Feuerzauber. Und dies alles
ist jenem nur möglich, weil die ä u ß e r e Welt i n ihm reich und stark
zusammenhängt wie die i n n e r e, ja das Außenleben nur wie ein Spezialfall
seines Innenlebens sich ausnimmt, Welt und Ich in ihm eins geworden sind,
und er nicht Stück für Stück der Erfahrung nach Gesetz und Regel erst
aneinanderheften muß. Auch die größte Polyhistorie dagegen addiert nur
Fächer zu Fächern und bildet noch keine Gesamtheit. Deshalb also tritt der
große Wissenschaftler hinter den großen Künstler oder Philosophen.
Der Unendlichkeit des Weltalls entspricht beim Genius eine wahre
Unendlichkeit in der eigenen Brust, er hält Chaos und Kosmos, alle
Besonderheit und alle Totalität, alle Vielheit und alle Einheit in seinem
Innern. Ist mit diesen Bestimmungen auch mehr über die Genialität als über
das Wesen des genialen S c h a f f e n s ausgesagt, bleiben der Zustand der
künstlerischen Ekstase, der philosophischen Konzeption, der religiösen
Erleuchtung gleich rätselhaft wie zuvor, sind also damit gewiß nur die
B e d i n g u n g e n, nicht der Vo r g a n g eines wahrhaft b e d e u t e n d e n
Produzierens klarer geworden, so sei dennoch hier als endgültige Definition
des Genies diese gegeben:
Genial ist ein Mensch dann zu nennen, wenn er in bewußtem
Zusammenhange mit dem Weltganzen lebt. Erst das Geniale ist somit
das eigentlich Göttliche im Menschen.
Die große Idee von der Seele des Menschen als dem Mikrokosmus, die
tiefste Schöpfung der Philosophen der Renaissance — wiewohl ihre ersten
Spuren schon bei P l a t o und A r i s t o t e l e s sich finden — scheint dem
neueren Denken seit L e i b n i zens Tode ganz abhanden gekommen. Sie
wurde hier bis jetzt als bloß für das Genie gültig, von jenen Meistern aber
vom Menschen überhaupt als das eigentliche Wesen desselben behauptet.

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Doch ist die Inkongruenz nur scheinbar. Alle Menschen sind genial,
und kein Mensch ist genial. Genialität ist eine I d e e, welcher dieser näher
kommt, während jener in großer Ferne von ihr bleibt, welcher der eine
rasch sich naht, der andere vielleicht erst am Ende seines Lebens.
Der Mensch, dem wir bereits den Besitz der Genialität zuschreiben, ist
nur der, welcher bereits angefangen hat zu sehen, und den anderen die
Augen öffnet. Daß sie sodann mit seinem Auge sehen können, beweist, wie
sie nur vor dem Tore standen. Auch der mittelmäßige Mensch kann, selbst
als solcher, m i t t e l b a r zu allem in Beziehung treten; seine Idee des
Ganzen ist aber nur ahnungsvoll, es gelingt ihm nicht, sich mit ihr zu
identifizieren. Aber er ist darum nicht ohne Möglichkeit, diese
Identifikation anderen nachzuleben und so ein Gesamtbild zu gewinnen.
Durch Weltanschauung kann er dem Universum, durch Bildung allem
einzelnsten sich verbinden; nichts ist ihm gänzlich fremd, und an alle Dinge
der Welt knüpft auch ihn ein Band der Sympathie. Nicht so das Tier oder
die Pflanze. Sie sind begrenzt, sie kennen nicht alle, sondern nur ein
Element, sie bevölkern nicht die ganze Erde, und wo sie eine allgemeine
Verbreitung gefunden haben, ist es im Dienste des Menschen, der ihnen
eine überall gleichmäßige Funktion angewiesen hat. Sie mögen eine
Beziehung zur Sonne oder zum Monde haben, aber sicherlich fehlt ihnen
»der gestirnte Himmel« und »das moralische Gesetz«. Dieses aber stammt
von der Seele des Menschen her, in der alle Totalität geborgen ist, d i e
a l l e s b e t r a c h t e n k a n n , w e i l s i e s e l b s t a l l e s i s t: der gestirnte
Himmel und das moralische Gesetz, auch sie sind im Grunde eines und
dasselbe. Der Universalismus des kategorischen Imperatives ist der
Universalismus des Universums, die Unendlichkeit des Weltalls nur das
Sinnbild der Unendlichkeit des sittlichen Wollens.
So hat dies, den Mikrokosmus im Menschen, schon E m p e d o k l e s,
der gewaltige Magus von Agrigent, gelehrt:
Γαιη μεν γαρ γαιαν οπωπαμεν, ὑδατι δ'ὑδωρ,
Αιθερι δ'αιθερα διον, αταρ πυρι πυρ αιδηλον,
Στοργη δε στοργην, νεικος δε τε νεικει λυγρω.

Und P l o t i n u s: Ου γαρ αν πωποτε ειδεν οφθαλμος ἡλιον ἡλιοειδης
μη γεγενημενος, dem es G o e t h e in den berühmten Versen nachgedichtet
hat:

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»Wär' nicht das Auge sonnenhaft,
Die Sonne könnt' es nie erblicken;
Läg' nicht in uns des Gottes eig'ne Kraft,
Wie könnt' uns Göttliches entzücken?«

D e r M e n s c h i s t d a s e i n z i g e We s e n , e r i s t d a s j e n i g e
We s e n i n d e r N a t u r , d a s z u a l l e n D i n g e n i n d e r s e l b e n
e i n Ve r h ä l t n i s h a t .
In wem dieses Verhältnis nicht bloß zu einzelnen, vielen oder wenigen,
sondern zu allen Dingen Klarheit und intensivste Bewußtheit erlangt, wer
über alles selbständig gedacht hat, den nennt man ein Genie; in wem es nur
der Möglichkeit nach vorhanden, in wem wohl für alles irgend ein Interesse
wachzurufen ist, aber nur zu wenigem ein lebhafteres von selbst besteht,
den nennt man einfach einen Menschen. L e i b n i z e n s wohl selten recht
verstandene Lehre, daß auch die niedere Monade ein Spiegel der Welt sei,
ohne aber sich dieser ihrer Tätigkeit bewußt zu werden, drückt nur dieselbe
Tatsache aus. Der geniale Mensch lebt im Zustande allgemeiner
Bewußtheit, die Bewußtheit des Allgemeinen ist; auch im gewöhnlichen
Menschen ist das Weltganze, aber nicht bis zu schöpferischem Bewußtsein
gebracht. Der eine lebt in bewußtem tätigen, der andere in unbewußtem
virtuellen Zusammenhang mit dem All; d e r g e n i a l e M e n s c h i s t d e r
a k t u e l l e , d e r u n g e n i a l e d e r p o t e n t i e l l e M i k r o k o s m u s. Erst
der geniale Mensch ist ganz Mensch; was als Mensch-Sein, als Menschheit
(im Kantischen Sinne) in jedem Menschen, δυνάμει, der Möglichkeit nach
ist, das lebt im genialen Menschen, ενεργεια, in voller Entfaltung.
Der Mensch ist das All und darum nicht, wie ein bloßer Teil desselben,
abhängig vom anderen Teile, nicht an einer bestimmten Stelle
e i n g e s c h a l t e t in die Naturgesetzlichkeit, s o n d e r n s e l b s t d e r
I n b e g r i f f a l l e r G e s e t z e , u n d e b e n d a r u m f r e i, wie das
Weltganze als das All selbst nicht noch bedingt, sondern unabhängig ist.
Der bedeutende Mensch nun, der n i c h t s vergißt, weil er s i c h nicht
vergißt, weil Vergessen funktionelle Beeinflussung durch die Zeit, daher
unfrei und unethisch ist; der nicht von einer geschichtlichen Bewegung, als
ihr Kind, emporgeworfen, nicht von der nächsten wieder verschlungen
wird, weil a l l e s , a l l e Ve r g a n g e n h e i t u n d a l l e Z u k u n f t, in der
E w i g k e i t seines geistigen Blickes bereits sich birgt; dessen
Unsterblichkeitsbewußtsein am stärksten ist, weil ihn auch der Gedanke an
den To d nicht feige macht; der in das leidenschaftlichste Verhältnis zu den

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Symbolen oder Werten tritt, indem er nicht nur alles in sich, sondern auch
alles außer sich einschätzt und damit deutet: er ist zugleich der f r e i e s t e
und der w e i s e s t e, er ist der s i t t l i c h s t e Mensch; und nur d a r u m leidet
gerade er am schwersten unter allem, was auch in ihm noch unbewußt,
noch Chaos, noch F a t u m ist. —
Wie steht es nun mit der Sittlichkeit großer Menschen den anderen
Menschen gegenüber? Ist dies doch die einzige Form, in welcher, nach der
populären Meinung, die Unsittlichkeit nicht anders als in Verbindung mit
dem Strafgesetzbuch zu denken weiß, Moralität sich offenbaren kann! Und
haben nicht gerade hier die berühmten Männer die bedenklichsten
Charaktereigenschaften verraten? Mußten sie nicht oft schnöden Undanks,
grausamer Härte, schlimmer Verführertücken sich zeihen lassen?
Weil Künstler und Denker, je größer sie sind, desto rücksichtsloser
sich selbst die Treue wahren und hiebei die Erwartungen manch eines
täuschen, mit dem sie vorübergehende Gemeinschaft geistiger Interessen
verknüpfte, und die, ihrem höheren Fluge zu folgen später nicht mehr
imstande, den Adler selbst an die Erde binden wollen (L a v a t e r und
G o e t h e) — darum hat man sie als unmoralisch verschrieen. Das Schicksal
der F r i e d e r i k e a u s S e s e n h e i m ist G o e t h e, obwohl ihn das
keineswegs entschuldigt, sicherlich viel näher gegangen als dieser, und
wenn er auch glücklicherweise so unendlich viel v e r s c h w i e g e n hat, daß
die Modernen, die ihn als den leichtlebigen Olympier g a n z zu besitzen
glauben, tatsächlich nur jene Flocken von ihm in den Händen halten, die
Faustens unsterbliches Teil umgeben — man darf gewiß sein, daß er selbst
am genauesten prüfte, wieviel Schuld ihn traf, und diese in ihrem ganzen
Ausmaß bereut hat. Und wenn scheelsüchtige Nörgler, die
S c h o p e n h a u e r s Erlösungslehre und den Sinn des Nirwâna nie erfaßt
haben, es diesem Philosophen zum Vorwurf machen, daß er auf seinem
R e c h t e auf sein Eigentum, bis zum Äußersten, bestanden hat, so verdient
dies, als ein hündisches Gekläffe, gar keine Antwort.
Daß der bedeutende Mensch gegen sich selbst am sittlichsten ist, steht
also wohl fest: er wird nicht eine fremde Anschauung sich aufzwingen
lassen und hiedurch sein Ich unterdrücken; er wird die Meinung des
anderen — das fremde Ich und dessen Ansicht bleiben für ihn etwas vom
Eigenen gänzlich Unterschiedenes — nicht passiv acceptieren, und ist er
einmal rezeptiv gewesen, so wird ihm der Gedanke hieran schmerzvoll und

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fürchterlich sein. Eine bewußte Lüge, die er einmal getan hat, wird er sein
ganzes Leben lang m i t s c h l e p p e n, und nicht in »dionysischer« Weise
leichthin a b s c h ü t t e l n können. Am stärksten aber werden geniale
Menschen leiden, wenn sie sich selbst erst hinterdrein auf eine Lüge
kommen, um die sie gar nicht wußten, als sie sie anderen gegenüber
sprachen, oder mit der sie sich selbst belogen haben. Die anderen
Menschen, die nicht dieses Bedürfnis nach Wahrheit haben wie er, bleiben
eben darum immer viel tiefer in Lüge und Irrtum verstrickt, und dies ist der
Grund, warum sie die eigentliche Meinung und die Heftigkeit des Kampfes
großer Persönlichkeiten gegen die »L e b e n s l ü g e« so wenig verstehen.
Der hochstehende Mensch, das ist jener, in dem das zeitlose Ich die
Macht gewonnen hat, sucht seinen Wert vor seinem intelligiblen Ich, vor
seinem moralischen und intellektuellen Gewissen zu steigern. Auch seine
Eitelkeit ist zunächst die vor sich selbst: e s e n t s t e h t i n i h m d a s
B e d ü r f n i s , s i c h s e l b s t z u i m p o n i e r e n (mit seinem Denken,
Handeln und Schaffen). Diese Eitelkeit ist die eigentliche Eitelkeit des
Genies, das seinen Wert und seinen Lohn in sich selbst hat, und dem es
nicht auf die Meinung anderer von ihm darum ankommt, damit es selbst auf
diesem Umweg von sich eine höhere gewinne. Sie ist jedoch keineswegs
etwas löbliches, und asketisch angelegte Naturen (P a s c a l) werden auch
unter dieser Eitelkeit schwer leiden können, ohne doch je über sie
hinauszukommen. Zur inneren Eitelkeit wird sich Eitelkeit vor anderen stets
gesellen; a b e r d i e b e i d e n l i e g e n m i t e i n a n d e r i m K a m p f e.
Wird nun nicht durch diese starke Betonung der Pflicht gegen sich
selbst die Pflichterfüllung den anderen Menschen gegenüber beeinträchtigt?
Stehen die beiden nicht in einem solchen Wechselverhältnis, daß, wer sich
selbst die Treue wahrt, sie notwendig anderen brechen muß?
Keineswegs. Wie die Wahrheit nur eine ist, so gibt es auch nur ein
B e d ü r f n i s nach Wahrheit — C a r l y l e s »Sincerity« — das man
s o w o h l sich selbst als auch der Welt gegenüber hat oder nicht hat, aber nie
getrennt, nie eines von beiden, nicht Weltbeobachtung ohne
Selbstbeobachtung, und nicht Selbstbeobachtung ohne Weltbeobachtung: so
gibt es überhaupt nur eine einzige Pflicht, nur einerlei Sittlichkeit. Man
handelt moralisch oder unmoralisch ü b e r h a u p t, und wer sich selbst
gegenüber sittlich ist, der ist es auch den anderen gegenüber.

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Über nichts sind indessen falsche Vorstellungen so verbreitet wie
darüber, was sittliche Pflicht gegen den Nebenmenschen ist, und wodurch
ihr erst genügt wird.
Wenn ich von jenen theoretischen Systemen der Ethik einstweilen
absehe, welche Förderung der menschlichen Gesellschaft als das Prinzip
betrachten, das allem Handeln zu Grunde zu legen sei, und die immerhin
weniger auf die konkreten Gefühle während der Handlung und auf das
empirische im Impulse, als auf das Walten eines generellen sittlichen
Gesichtspunktes gehen und insofern doch hoch über aller Sympathiemoral
stehen: so bleibt nur die populäre Meinung übrig, welche die Sittlichkeit
eines Menschen größtenteils nach dem Grade seiner Mitleidigkeit, seiner
»Güte« bestimmt. Von philosophischer Seite haben im Mitgefühle
H u t c h e s o n, H u m e und S m i t h das Wesen und die Quelle alles
ethischen Verhaltens erblickt; eine außerordentliche Vertiefung hat dann
diese Lehre in S c h o p e n h a u e r s Mitleidsmoral erhalten. Die
S c h o p e n h a u e rsche »Preisschrift über die Grundlage der Moral« verrät
indes gleich in ihrem Motto »Moral predigen ist leicht, Moral begründen
schwer« den Grundfehler aller Sympathieethik: als welche sie nämlich stets
verkennt, daß die Ethik keine sachlich-beschreibende, sondern eine das
Handeln normierende Wissenschaft ist. Wer sich über die Versuche lustig
macht, genau zu erhorchen, was die innere Stimme im Menschen wirklich
spricht, mit Sicherheit zu ergründen, was der Mensch s o l l, der verzichtet
auf jede Ethik, die ihrem Begriffe nach eben eine Lehre von den
Forderungen ist, welche der Mensch an sich und an alle anderen stellt; und
nicht von dem erzählt, was er, diesen Forderungen Raum gebend oder sie
übertönend, tatsächlich vollbringt. Nicht was geschieht, sondern was
geschehen s o l l, ist Objekt der Moralwissenschaft, alles andere gehört in
die Psychologie.
Alle Versuche, die Ethik in Psychologie aufzulösen, übersehen, daß
jede psychische Regung im Menschen vom Menschen selbst g e w e r t e t
wird, und das Maß zur Bewertung irgend welchen Geschehens nicht selbst
Geschehnis sein kann. Dieser Maßstab kann nur eine I d e e oder ein We r t
sein, der nie völlig verwirklicht und aus keiner Erfahrung abzuleiten ist,
weil e r bestehen bleibt, wenn auch alle Erfahrung ihm zuwiderliefe.
Sittliches Handeln kann also nur Handeln nach einer
I d e e s e i n . Es ist hienach nur zwischen solchen Morallehren zu wählen,

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welche Ideen, Maximen des Handelns aufstellen, und da kommt immer nur
zweierlei in Betracht: der ethische Sozialismus oder die »Sozialethik«, die
von B e n t h a m und den M i l l begründet, und später von eifrigen
Importeuren auch auf den Kontinent und sogar nach Deutschland und
Norwegen gebracht wurde, und der ethische Individualismus, wie ihn d a s
C h r i s t e n t u m und der d e u t s c h e I d e a l i s m u s lehren.
Der z w e i t e Fehler aller Ethik des Mitgefühls ist eben der, daß sie
Moral begründen, a b l e i t e n will, Moral, die ihrem Begriffe nach den
letzten Grund des menschlichen Handelns bilden soll, und darum nicht
selbst noch erklärbar, deduzierbar sein darf, die Zweck an sich selbst ist und
nicht mit irgend etwas außer ihr, wie Mittel und Zweck, in Verbindung
gebracht werden darf. Soferne aber dieser Anspruch der Sympathiemoral
mit dem Prinzipe jeder bloß deskriptiven und danach notwendig
relativistischen Ethik übereinkommt, sind beide Fehler im Grunde eins, und
muß diesem Unterfangen immer entgegengehalten werden, daß niemand,
liefe er auch das ganze Gebiet aller Ursachen und Wirkungen ab, irgendwo
den Gedanken eines höchsten Z w e c k e s in ihm entdecken würde, der
allein für alle moralischen Handlungen wesentlich ist. Der Zweckgedanke
kann nicht aus Grund und Folge erklärt werden, das Verhältnis von Grund
und Folge schließt ihn vielmehr aus. Der Zweck tritt auf mit dem Anspruch,
das Handeln zu schaffen, an ihm wird der Erfolg und Ausgang aller Tat
gemessen, und auch dann noch immer ungenügend gefunden, wenn selbst
alle Faktoren, die sie bestimmten, wohl bekannt sind und noch so schwer
ihr Gewicht im Bewußtsein geltend machen. Neben dem Reich der
Ursachen gibt es ein Reich der Zwecke, und dieses Reich ist das Reich des
Menschen. Vollendete Wissenschaft vom Sein ist eine Gesamtheit der
Ursachen, die bis zur obersten Ursache aufsteigen will, vollendete
Wissenschaft vom Sollen ein Ganzes der Zwecke, das in einem letzten
höchsten Zwecke kulminiert.
Wer also das Mitleid ethisch positiv wertet, hat etwas, das gar nicht
Handlung war, sondern nur Gefühl, nicht eine Tat, sondern nur ein Affekt
(der seiner Natur nach nicht unter den Zweck-Gesichtspunkt fällt),
moralisch beurteilt. Das Mitleid mag ein ethisches P h ä n o m e n, eine
Äußerungsweise von etwas Ethischem sein, es ist aber so wenig ein
ethischer A k t wie das Schamgefühl oder der Stolz; m a n h a t z w i s c h e n
ethischem Akt und ethischem Phänomen wohl zu

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u n t e r s c h e i d e n. Unter dem ersteren darf nichts verstanden werden als
bewußte Bejahung der Idee durch die Handlung:
ethische Phänomene sind unbeabsichtigte,
unwillkürliche Anzeichen einer andauernden Richtung
d e s G e m ü t e s a u f d i e I d e e . Nur in den Motivenkampf greift die Idee
immer wieder ein und sucht ihn zu beeinflussen und zu entscheiden; in den
empirischen Mischungen ethischer mit unethischen Gefühlen, des Mitleids
mit der Schadenfreude, des Selbstgefühles mit dem Übermut, liegt noch
nichts von einem E n t s c h l u s s e. D a s M i t l e i d i s t v i e l l e i c h t d e r
sicherste Anzeiger der Gesinnung, aber kein Zweck
i r g e n d e i n e s H a n d e l n s . Nur W i s s e n des Zweckes, B e w u ß t s e i n
des Wertes gegenüber allem Unwerte konstituiert die Sittlichkeit; hierin hat
S o k r a t e s gegenüber allen Philosophen, die nach ihm gekommen sind (nur
P l a t o und K a n t haben ihm sich angeschlossen), recht. Ein alogisches
Gefühl, wie das Mitleid immer ist, hat keinen Anspruch auf A c h t u n g,
sondern erweckt höchstens S y m p a t h i e.
Die Frage ist demnach erst zu beantworten, inwiefern ein Mensch sich
sittlich verhalten könne gegen andere Menschen.
Nicht durch unerbetene Hilfe, die in die fremde Einsamkeit d r i n g t
und die Grenzen durchbricht, welche der Nebenmensch um sich zieht,
sondern durch die Ehrerbietung, mit der man diese Grenzen w a h r t; nicht
durch M i t l e i d, nur durch A c h t u n g. A c h t u n g, dies hat K a n t zuerst
ausgesprochen, bringen wir keinem Wesen auf der Welt entgegen als dem
Menschen. Es ist seine ungeheuere Entdeckung, daß kein Mensch sich
selbst, sein intelligibles Ich, die Menschheit (das ist nicht die menschliche
Gesellschaft von 1500 Millionen, sondern die I d e e der
M e n s c h e n s e e l e) in seiner Person oder in der Person des anderen als
Mittel zum Zweck gebrauchen kann. »In der ganzen Schöpfung kann alles,
was man will, und worüber man etwas vermag, auch b l o ß a l s M i t t e l
gebraucht werden; nur der Mensch, und mit ihm jedes vernünftige
Geschöpf, ist Z w e c k a n s i c h s e l b s t.«
Womit aber erweise ich einem Menschen Verachtung, und wie bezeige
ich ihm meine Achtung? Das erste, indem ich ihn i g n o r i e r e, das zweite,
indem ich mich mit ihm b e s c h ä f t i g e. Wie benütze ich ihn als Mittel zum
Zweck, und wie ehre ich in ihm etwas, das Selbstzweck ist? Das eine,
indem ich ihn nur als Glied in der Kette der Umstände betrachte, mit denen

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meine Handlungen zu rechnen haben, das andere, indem ich ihn zu
e r k e n n e n suche. Erst so, indem man sich für ihn, ohne es ihm gerade zu
zeigen, interessiert, an ihn denkt, sein Handeln zu begreifen, sein Schicksal
mitzufühlen, ihn selbst zu v e r s t e h e n sucht, erst dadurch, n u r dadurch
kann man seinen Mitmenschen e h r e n. Nur wer, durchs eigene Ungemach
nicht selbstsüchtig geworden, allen kleinlichen Hader mit dem
Mitmenschen vergessend, den Zorn gegen ihn unterdrückend, ihn zu
v e r s t e h e n trachtet, der ist wahrhaft uneigennützig gegen seinen
Nächsten; und er handelt sittlich, denn er s i e g t gerade dann über den
s t ä r k s t e n Feind, der das Verständnis des Nebenmenschen am längsten
erschwert: über die E i g e n l i e b e.
Wie verhält sich nun in dieser Hinsicht der hervorragende Mensch?
Er, der die meisten Menschen versteht, weil er am universellsten
veranlagt ist, der zum Weltganzen in der innigsten Beziehung lebt, es am
leidenschaftlichsten objektiv zu erkennen trachtet, er wird auch wie kein
zweiter an seinem Nebenmenschen sittlich handeln. In der Tat, niemand
denkt so viel und so intensiv wie er über die anderen Menschen (ja über
viele auch, wenn er sie nur ein einziges Mal flüchtig erblickt hat), und
niemand sucht so lebhaft wie er zur Klarheit über sie zu kommen, wenn er
sie noch nicht mit genügender Deutlichkeit und Intensität in sich hat. Wie er
selbst eine kontinuierlich von seinem Ich erfüllte Vergangenheit hinter sich
hat, so wird er auch darüber sich Gedanken machen, welches das Schicksal
der anderen in der Zeit gewesen ist, ehe da er sie noch kennen lernte. Er
folgt dem stärksten Zuge des inneren Wesens, wenn er über sie denkt, denn
er sucht ja in ihnen nur über sich zur Klarheit, zur Wahrheit zu gelangen.
Hier zeigt sich eben, daß die Menschen alle Glieder einer intelligiblen Welt
sind, in der es keinen beschränkten Egoismus oder Altruismus gibt. Nur so
ist es zu erklären, daß große Männer, wie zu den Menschen n e b e n ihnen,
so auch zu allen Persönlichkeiten der Geschichte, die zeitlich v o r ihnen
gelebt haben, in ein lebendigeres, verständnisvolleres Verhältnis treten, nur
d i e s der Grund, warum der große Künstler auch die geschichtliche
Individualität so viel besser und intensiver erfaßt als der bloß
wissenschaftliche Historiker. Es gibt keinen großen Mann, der nicht zu
N a p o l e o n, zu P l a t o, zu M o h a m m e d in einem persönlichen
Verhältnisse stünde. S o n ä m l i c h e r w e i s t e r a u c h d e n e n s e i n e
Achtung und wahre Pietät, die vor ihm gelebt haben.

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Und wenn so mancher, der mit Künstlern verkehrt hat, sich peinlich berührt
fühlte, als er sich später in einer ihrer Schöpfungen wiedererkannte; wenn
deshalb so oft über den Dichter die Beschwerde laut wird, daß ihm alles
zum Modell werde, so ist das unangenehme Gefühl in solcher Situation nur
zu begreiflich; aber der Künstler, der mit der Kleinlichkeit der Menschen
nicht rechnet, hat darum kein Verbrechen begangen: er hat, in seiner Weise
der unreflektierten Darstellung und Neuerzeugung der Welt, den
s c h ö p f e r i s c h e n A k t d e s Ve r s t ä n d n i s s e s v o l l z o g e n ; u n d
e s g i b t k e i n Ve r h ä l t n i s z w i s c h e n M e n s c h e n , d a s r e i n e r
w ä r e a l s d i e s e s.
Damit dürfte denn auch das sehr wahre, schon einmal erwähnte Wort
P a s c a l s an Verständlichkeit gewonnen haben: »A mesure qu'on a plus
d'esprit, on trouve qu'il y a plus d'hommes originaux. Les gens du commun
ne trouvent pas de différence entre les hommes.« — Es hängt mit all dem
ferner zusammen, daß ein Mensch, je höher er stehen, desto größere
Anforderungen bezüglich des Ve r s t e h e n s f r e m d e r Äußerungen an
sich stellen wird; während der Unbegabte bald etwas zu verstehen glaubt,
oft gar nicht einmal fühlt, daß hier etwas ist, das er nicht versteht, den
f r e m d e n Geist kaum empfindet, der aus einem Kunstwerk, aus einer
Philosophie zu ihm spricht; und so höchstens ein Verhältnis zu den Sachen
gewinnt, aber nicht zum Nachdenken über den Schöpfer selbst sich
aufschwingt. Der bedeutende Mensch, der die höchste Stufe der Bewußtheit
erklimmt, identifiziert nicht leicht etwas, das er liest; mit sich und seiner
Meinung, während bei geringerer Helligkeit des Geistes sehr verschiedene
Dinge ineinander verschwimmen und sich gleich ausnehmen können.
Der geniale Mensch ist derjenige, dem sein I c h zum Bewußtsein
gelangt ist. Darum kommt ihm auch das Anderssein der anderen am ehesten
zur Abhebung, d a r u m e m p f i n d e t e r i m a n d e r e n M e n s c h e n
auch dann dessen Ich, wenn dieses noch gar nicht stark
g e n u g w a r, u m j e n e m s e l b s t z u m B e w u ß t s e i n z u
kommen. Aber nur wer fühlt, daß der andere Mensch
auch ein Ich, eine Monade, ein eigenes Zentrum der
We l t i s t , m i t b e s o n d e r e r G e f ü h l s w e i s e u n d D e n k a r t ,
u n d b e s o n d e r e r Ve r g a n g e n h e i t , d e r w i r d v o n s e l b s t
davor gefeit sein, den Mitmenschen bloß als Mittel
z u m Z w e c k z u b e n ü t z e n, er wird der K a n tischen Ethik gemäß auch

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im Mitmenschen die P e r s ö n l i c h k e i t (als Teil der i n t e l l i g i b l e n Welt)
spüren, ahnen und darum ehren, und nicht bloß an ihm
sich ärgern. Psychologische Grundbedingung alles
praktischen Altruismus ist daher theoretischer
Individualismus.
H i e r l i e g t a l s o d i e B r ü c k e, welche vom moralischen
Verhalten sich selbst gegenüber zum moralischen Verhalten dem anderen
gegenüber führt, jene Vermittlung, deren Mangel in der K a n tischen
Philosophie von S c h o p e n h a u e r mit Unrecht als ein Fehler derselben
angesehen, und ihr wie ein notwendiges, in ihren wesentlichen Prinzipien
begründetes Unvermögen ausgelegt wurde.
Die Probe darauf ist leicht zu machen. Nur der vertierte Verbrecher
und der Irrsinnige interessieren sich g a r n i c h t auch nur für irgend einen
unter ihren Nebenmenschen, sie leben, als ob sie allein auf der Welt wären,
sie f ü h l e n die A n w e s e n h e i t des F r e m d e n gar nicht. Es gibt also
keinen p r a k t i s c h e n S o l i p s i s m u s: in wem ein Selbst ist, für den gibt
es auch ein Selbst im Nebenmenschen; und nur wenn ein Mensch seinen
(logischen und ethischen) Wesenskern eingebüßt hat, reagiert er auch auf
den zweiten Menschen nicht mehr so, als ob dieser ein Mensch, ein Wesen
mit durchaus eigener Persönlichkeit wäre. I c h u n d D u s i n d e b e n
We c h s e l b e g r i f f e .
Am stärksten gelangt der Mensch zum Bewußtsein seiner selbst, wenn
er mit anderen Menschen beisammen ist. Darum ist der Mensch in
Gegenwart anderer Menschen stolzer, als wenn er allein ist, und bleibt es
den Stunden seiner Einsamkeit aufgespart, seinen Übermut zu dämpfen.
Endlich: wer sich tötet, der tötet gleichzeitig die ganze Welt; und wer
den anderen mordet, begeht eben darum das schwerste Verbrechen, weil er
in ihm sich gemordet hat. So ist denn jener Solipsismus im Praktischen ein
Unding, und sollte lieber N i h i l i s m u s genannt werden; wenn kein Du da
ist, dann ist auch sicherlich nie ein Ich vorhanden, es bleibt hernach
überhaupt — nichts.
Auf die psychologische Ve r f a s s u n g kommt es an, welche es
u n m ö g l i c h macht, den anderen Menschen als Mittel zum Zweck zu
gebrauchen. Und da fand sich: w e r s e i n e P e r s ö n l i c h k e i t f ü h l t ,
d e r f ü h l t s i e a u c h i n a n d e r e n. Für ihn ist das Tat-tvam-asi keine

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schöne Hypothese, sondern W i r k l i c h k e i t. D e r höchste
Individualismus ist der höchste Universalismus.
Schwer irrt also der Leugner des Subjektes, Ernst M a c h, wenn er
glaubt, nach dem Verzicht auf das eigene Ich sei erst ein ethisches
Verhalten, »welches Mißachtung des fremden Ich und Überschätzung des
eigenen ausschließt,« zu erwarten. Es hat sich eben gezeigt, wohin der
Mangel eines eigenen Ich im Verhalten zum Nebenmenschen führt. D a s
I c h i s t G r u n d b e d i n g u n g a u c h a l l e r s o z i a l e n M o r a l . Gegen
eine bloße Ve r k n o t u n g s s t e l l e von »Elementen« werde ich mich, r e i n
p s y c h o l o g i s c h, nie ethisch verhalten können. Als Ideal kann man das
a u s s p r e c h e n; es ist aber dem praktischen Verhalten ganz entrückt, kann
ihm nie als Norm dienen, w e i l e s d i e p s y c h o l o g i s c h e
B e d i n g u n g a l l e r Ve r w i r k l i c h u n g d e r s i t t l i c h e n I d e e
eliminiert, während die moralische Forderung eben
p s y c h o l o g i s c h d a i s t.
Gerade umgekehrt handelt es sich darum, jedem
Menschen bewußt zu machen, daß er ein höheres
Selbst, eine Seele besitzt, und daß auch die anderen
M e n s c h e n e i n e S e e l e b e s i t z e n . (Dazu wird der größte Teil der
Menschheit aber immer einen S e e l e n h i r t e n benötigen.) Erst hiemit ist
ein ethisches Verhältnis zum Nebenmenschen d a , w i r k l i c h d a.
Dieses Verhältnis aber ist im genialen Menschen in einzigster Weise
verwirklicht. Niemand wird mit den Menschen, und darum an den
Menschen, mit denen er lebt, so l e i d e n wie er. Denn in bestimmtem Sinne
wird sicherlich der Mensch n u r »durch Mitleid wissend«. Ist Mitleid auch
nicht selbst klares, abstrakt-begriffliches oder anschaulich-symbolisches
Wissen, so ist es doch der stärkste Impuls, um zu allem Wissen zu gelangen.
Nur durch Leiden u n t e r den Dingen begreift sie der Genius, nur durch
Leiden m i t den Menschen versteht er diese. Und der Genius leidet am
meisten, weil er mit allem und in allem leidet; aber am stärksten leidet er an
seinem Mitleiden.
Wurde in einem früheren Kapitel das Geniale zu erweisen gesucht als
jener Faktor, der den Menschen erst eigentlich über das Tier erhebt, und
zugleich damit die Tatsache in Verbindung gebracht, daß nur der Mensch
eine Geschichte hat (diese erkläre sich aus der allen Menschen

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innewohnenden und nur graduell verschiedenen Genialität), so muß hierauf
nun noch einmal zurückgegriffen werden. Genialität fällt zusammen mit
lebendiger Tätigkeit des intelligiblen Subjektes. Und Geschichte offenbart
sich nur im Sozialen, im »objektiven Geiste«, die Individuen an sich
bleiben sich ewig gleich und schreiten nicht vor wie dieser (sie sind d a s
A h i s t o r i s c h e). So sehen wir hier, wie unsere Fäden zusammenlaufen,
um ein überraschendes Resultat zu erzeugen. Ist nämlich — hierin glaube
ich nicht zu irren — die zeitlose menschliche Persönlichkeit auch
Bedingung jedes wahrhaft ethischen Verhaltens auch gegen den
Nebenmenschen, I n d i v i d u a l i t ä t Vo r a u s s e t z u n g einer s o z i a l e n
Gesinnung, so wird damit auch klar, warum das »animal metaphysicum«
und das »ζῷον πολιτικόν«, das geniale Geschöpf und der Träger einer
Geschichte e i n e s sind, ein und dasselbe Wesen, n ä m l i c h d e r
M e n s c h. Und so ist auch die alte Streitfrage erledigt, was f r ü h e r da sei,
I n d i v i d u u m oder G e m e i n s c h a f t: beide nämlich sind zugleich und
miteinander da.
Hiemit betrachte ich denn in jeder Beziehung den Nachweis als
geführt, daß Genialität h ö h e r e S i t t l i c h k e i t überhaupt ist. Der
bedeutende Mensch ist nicht nur der sich selbst treueste, der nichts von sich
vergessende, der, dem Irrtum und Lüge am verhaßtesten, am
unerträglichsten sind; er ist auch der sozialste, der einsamste zugleich der
zweisamste Mensch. D a s G e n i e i s t e i n e h ö h e r e D a s e i n s f o r m
überhaupt, nicht nur intellektuell, sondern auch
moralisch. Der Genius offenbart ganz eigentlich die
Idee des Menschen. Er kündet, was der Mensch ist: das
Subjekt, dessen Objekt das ganze Universum, und
stellt das fest für ewige Zeiten.
Man lasse sich nicht irre machen. B e w u ß t s e i n, und n u r
B e w u ß t s e i n, ist an und für sich moralisch, alles Unbewußte
unmoralisch, und alles Unmoralische unbewußt. Das »unmoralische
Genie«, der »große böse Mensch« ist deshalb ein Fabeltier; von großen
Menschen in bestimmten Augenblicken ihres Lebens als eine Möglichkeit
ersonnen, um dann, sehr gegen den Willen der Schöpfer, für furchtsame und
schwächliche Naturen einen Wauwau abzugeben, mit dem sie sich und
andere Kinder schrecken. Es gibt keinen Verbrecher, der seiner Tat
gewachsen wäre, der da dächte und spräche wie der H a g e n der

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»Götterdämmerung« an S i e g f r i e d s Leichnam: »Ja denn, ich hab ihn
erschlagen, i c h , H a g e n, schlug ihn zu tot!« N a p o l e o n und B a c o
v o n Ve r u l a m, die man als Gegeninstanzen anführt, werden intellektuell
bei weitem überschätzt oder falsch gedeutet. Und zu N i e t z s c h e darf man
in diesen Dingen — wenn er von den Borgias zu reden anfängt — am
wenigsten Vertrauen hegen. Die Konzeption des Diabolischen, des
Antichrist, des Ahriman, des »Radikal-Bösen in der menschlichen Natur«
ist überaus gewaltig. Mit dem Genie aber hat sie nur insoferne zu schaffen,
als sie gerade sein Gegenteil ist. Sie ist eine Fiktion, geboren in den
Stunden, da große Menschen gegen den Verbrecher in sich den
entscheidenden Kampf gekämpft haben.
Universelle Apperzeption, Allgemeinbewußtsein, vollkommene
Zeitlosigkeit ist ein Ideal, auch für die »genialen« Menschen; G e n i a l i t ä t
i s t e i n i n n e r e r I m p e r a t i v, nie bei einem Menschen je gänzlich
vollzogene Ta t s a c h e. Darum wird zu allerletzt ein »genialer« Mensch, er
am allerwenigsten, von sich so einfach zu sagen imstande sein: »Ich b i n
ein Genie.« Denn Genialität ist, ihrem Begriffe nach, nichts als gänzliche
Erfüllung der Idee des Menschen, und darum genial etwas, das jeder
Mensch sein s o l l t e und das zu werden p r i n z i p i e l l j e d e m
M e n s c h e n m ö g l i c h s e i n m u ß. Denn Genialität ist höchste
Sittlichkeit, und darum Pflicht eines jeden. Zum Genie wird der Mensch
durch einen höchsten W i l l e n s a k t, i n d e m e r d a s g a n z e We l t a l l
i n s i c h b e j a h t. Genialität ist etwas, das die »genialen Menschen« a u f
s i c h g e n o m m e n h a b e n: es ist die größte Aufgabe und der größte
Stolz, das größte Unglück und das größte Hochgefühl, das einem Menschen
möglich ist. So paradox es klingt: genial ist der Mensch, wenn er es sein
w i l l.
Nun wird man freilich sagen: sehr viele Menschen möchten sehr gerne
»Original-Genies« sein, und es hilft ihnen doch aller Wunsch nicht dazu.
Aber wenn diese Menschen, die »es sehr gerne möchten«, eine lebhaftere
Ahnung davon hätten, w a s das, wonach ihr Wunsch verlangt, eigentlich
b e d e u t e t, wenn ihnen aufgegangen wäre, daß Genialität identisch ist mit
u n i v e r s e l l e r Ve r a n t w o r t l i c h k e i t — und bevor einem etwas ganz
klar ist, kann er es ja nur w ü n s c h e n, nicht w o l l e n — so ist
wahrscheinlich, daß die weitaus größte Zahl der Menschen, genial zu
werden, a b l e h n e n würde.

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Aus keinem anderen Grunde auch — Toren glauben dann an die
Nachwirkungen der Venus oder an die spinale Degeneration des
Neurasthenikers — verfallen so viele geniale Menschen dem I r r s i n n. Es
sind diejenigen, denen die Last zu schwer wurde, die ganze Welt gleich dem
Atlas auf ihren Schultern zu tragen, und darum immer kleinere, minder
hervorragende, nie die allergrößten, nie die stärksten Geister. Das Genie,
das zum Irrsinnigen wird, w i l l n i c h t m e h r G e n i e s e i n; es will statt
der Sittlichkeit — das G l ü c k. Denn aller Wahnsinn entsteht nur aus der
Unerträglichkeit des an alle Bewußtheit geknüpften Schmerzes; und darum
hat S o p h o k l e s am tiefsten das Motiv angedeutet, warum ein Mensch
auch seinen I r r s i n n w o l l e n kann; indem er den Aias, dessen Geist denn
auch zuletzt der Nacht verfällt, sagen läßt:
ἐν τῷ φρονεῖν γὰρ μηδὲν ἥδιστος βίος.
Ich beschließe dieses Kapitel mit den tiefen, an die erhabensten
Momente des K a n tischen Stiles gemahnenden Worten des J o h a n n P i c o
v o n M i r a n d o l a, für deren Verständnis ich hier vielleicht einiges getan
habe. Er läßt, in seiner Rede »Über die Würde des Menschen« die Gottheit
zum Menschen also sprechen:
»Nec certam sedem, nec propriam faciem, nec munus ullum peculiare
tibi dedimus, o Adam: ut quam sedem, quam faciem, quae munera tute
optaveris, ea pro voto, pro tua sententia, habeas et possideas. Definita
ceteris natura intra praescriptas a nobis leges coercetur; tu nullis angustiis
coercitus, pro tuo arbitrio, in cuius manu te posui, tibi illam praefinies.
Medium te mundi posui, ut circumspiceres inde commodius quicquid est in
mundo. Nec te caelestem, neque terrenum, neque mortalem, neque
immortalem fecimus, ut tui ipsius quasi arbitrarius honorariusque plastes et
fictor in quam malueris tute formam effingas. Poteris in inferiora quae sunt
bruta degenerare, poteris in superiora quae sunt divina, ex tui animi
sententia regenerari.
O summam Dei Patris liberalitatem, summam et admirandam hominis
felicitatem: cui datum id habere quod optat, id esse quod velit. Bruta simul
atque nascuntur id secum afferunt e bulga matris, quod possessura sunt.
Supremi spiritus aut ab initio aut paulo mox id fuerunt, quod sunt futuri in
perpetuas aeternitates. N a s c e n t i h o m i n i o m n i f e r a r i a s e m i n a e t
o m n i g e n a e v i t a e g e r m i n a i n d i d i t P a t e r; quae quisque

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excoluerit, illa adolescent et fructus suos ferent in illo: si vegetalia, planta
fiet, si sensualia, obbrutescet, si rationalia, caeleste evadet animal, si
intellectualia, angelus erit et Dei f i l i u s. E t s i n u l l a c r e a t u r a r u m
sorte contentus in unitatis centrum suae se receperit,
unus cum Deo spiritus factus, in solitaria Patris
caligine qui est super omnia constitutus omnibus
a n t e s t a b i t .«

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IX. Kapitel.
Männliche und weibliche Psychologie.
»De subjecto vetustissimo ....«
Galilei.

Es ist an der Zeit, zu der eigentlichen Aufgabe der Untersuchung
zurückzukehren, um zu sehen, wie weit deren Lösung durch die längeren
Einschiebungen gefördert worden ist, die oft ziemlich weit von ihr
abzuführen schienen.
Die Konsequenzen der entwickelten Grundsätze sind für eine
Psychologie der Geschlechter so radikale, daß, auch wer zu den bisherigen
Ableitungen seine Zustimmung gegeben hat, vor d i e s e n Folgerungen
zurückscheuen dürfte. Es ist noch nicht der Ort, die Gründe dieser Scheu zu
analysieren; aber um die nun aufzustellende These gegen alle Einwände, die
aus ihr fließen werden, zu schützen, soll sie in diesem Abschnitt noch in
ausgiebigster Weise durch zwingende Argumente vollständig gesichert
werden.
Worum es sich handelt, ist in Kürze dies. Es wurde gefunden, daß das
logische und das ethische Phänomen, beide im Begriffe der Wahrheit zum
höchsten Werte sich zusammenschließend, zur Annahme eines intelligiblen
Ich oder einer Seele, als eines Seienden von höchster, hyperempirischer
Realität, zwingen. B e i e i n e m We s e n , d e m , w i e W , d a s
logische und das ethische Phänomen mangeln, entfällt
a u c h d e r G r u n d , j e n e A n n a h m e z u m a c h e n . Das vollkommen
weibliche Wesen kennt weder den logischen noch den moralischen
Imperativ, und das Wort Gesetz, das Wort Pflicht, Pflicht gegen sich selbst,
ist das Wort, das ihm am fremdesten klingt. Also ist der Schluß vollkommen
berechtigt, daß ihm auch die übersinnliche Persönlichkeit fehlt.
Das absolute Weib hat kein Ich.
Dies ist, in gewisser Beziehung, ein Abschluß der Betrachtung, ein
Letztes, wozu alle Analyse des Weibes führt. Und wenn auch diese

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Erkenntnis, so kurz und bündig ausgesprochen, hart und unduldsam,
paradox und von allzu schroffer Neuheit scheint: es ist, in einer solchen
Sache, von vornherein kaum wahrscheinlich, daß der Verfasser der erste sei,
welcher zu dieser Anschauung gelangt ist; wenn er auch selbständig wieder
zu ihr den Weg finden mußte, um das Treffende der früheren ähnlichen
Aussagen zu begreifen. Die C h i n e s e n sprechen seit ältester Zeit dem
Weibe eine eigene Seele ab. Fragt man einen Chinesen nach der Zahl seiner
Kinder, so zählt er nur die Knaben, und hat er bloß Töchter, so erklärt er,
kinderlos zu sein.[35] Aus einem ähnlichen Grunde hat wohl M o h a m m e d
die Frauen vom Paradiese ausgeschlossen, und die unwürdige Stellung,
welche das weibliche Geschlecht in den Ländern islamitischer Religion
einnimmt, hiedurch mitverschuldet.
Von den Philosophen ist hier vor allem A r i s t o t e l e s zu nennen. Für
ihn ist das männliche Prinzip bei der Zeugung das formende, aktive, der
Logos, das weibliche vertritt die passive Materie. Erwägt man nun, wie für
A r i s t o t e l e s Seele mit Form, Entelechie, Urbewegendem zusammenfällt,
so ist klar, wie sehr er sich der hier ausgesprochenen Ansicht nähert,
obwohl seine Anschauung nur dort zutage tritt, wo er vom Akte der
Befruchtung redet; während ihm sonst mit fast allen Griechen außer
E u r i p i d e s es gemeinsam zu sein scheint, daß er über die Frauen selbst
nicht nachdenkt, und deshalb nirgends ein Standpunkt in Bezug auf die
Eigenschaften des Weibes überhaupt (nicht nur in Ansehung seiner Rolle
beim Begattungsakte) von ihm eingenommen wird.
Unter den Kirchenvätern scheinen besonders Te r t u l l i a n und
O r i g e n e s sehr niedrig vom Weibe gedacht zu haben; indes
A u g u s t i n u s schon durch das innige Verhältnis zu seiner Mutter davon
hat abgehalten werden müssen, die Ansichten jener zu teilen. In der
R e n a i s s a n c e ist die Aristotelische Ansicht wieder mehrfach
aufgenommen worden, z. B. von Jean W i e r (1518–1588). Damals scheint
man diese überhaupt, gefühlsmäßig und intuitiv, besser verstanden und
nicht bloß als Kuriosum betrachtet zu haben, wie das in der heutigen
Wissenschaft üblich ist, die freilich noch zu anderen Verbeugungen vor der
Aristotelischen Anthropologie sich einmal gewiß wird bequemen müssen.
In den letzten Jahrzehnten haben dieselbe Erkenntnis Henrik I b s e n
(mit den Gestalten der A n i t r a, R i t a und I r e n e) und August
S t r i n d b e r g (»Gläubiger«) ausgesprochen. Am populärsten aber ist der

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Gedanke von der Seelenlosigkeit des Weibes durch das wundervolle
Märchen F o u q u é s geworden, dessen Stoff dieser Romantiker aus dem,
von ihm eifrig studierten, P a r a c e l s u s geschöpft hat, und durch E. T. A.
H o f f m a n n, G i r s c h n e r und Albert L o r t z i n g, welche es in Musik
gesetzt haben. U n d i n e , d i e s e e l e n l o s e U n d i n e , i s t d i e
p l a t o n i s c h e I d e e d e s We i b e s . Trotz aller Bisexualität kommt ihr
die Wirklichkeit meist sehr nahe. Die verbreitete Rede: »das Weib hat
keinen Charakter« meint im Grunde auch nichts anderes. Persönlichkeit und
Individualität, (intelligibles) Ich und Seele, Wille und (intelligibler)
Charakter — dies alles bezeichnet ein und dasselbe, das im Bereiche des
Menschen nur M zukommt und W fehlt.
Da aber die Seele des Menschen der Mikrokosmus ist, und bedeutende
Menschen solche, welche durchaus m i t Seele leben, d. h. in denen die
g a n z e We l t l e b e n d i g ist, s o m u ß W a b s o l u t u n g e n i a l
v e r a n l a g t s e i n. D e r M a n n hat a l l e s in sich, und mag nur, nach den
Worten P i c o s v o n M i r a n d o l a, dies oder jenes in sich besonders
begünstigen. Er kann zur höchsten Höhe hinaufgelangen und aufs tiefste
entarten, er kann zum Tiere, zur Pflanze, e r k a n n a u c h z u m We i b e
werden, und darum gibt es weibliche, weibische
M ä n n e r.
Aber die Frau kann nie zum Manne werden. Hier ist also die
wichtigste Einschränkung an den Aufstellungen des ersten Teiles dieser
Schrift vorzunehmen. W ä h r e n d m i r e i n e g r o ß e A n z a h l v o n
Männern bekannt sind, die psychisch fast vollständig,
u n d n i c h t e t w a z u r H ä l f t e n u r , We i b s i n d , h a b e i c h z w a r
schon sehr viele Frauen gesehen mit männlichen Zügen,
aber noch nie auch nur eine einzige Frau, die nicht
d o c h i m G r u n d e We i b g e w e s e n w ä r e, wenn auch diese
Weiblichkeit unter einer Menge verkleidender Hüllen vor dem Blicke der
Person selbst, nicht nur der anderen, oft genug sich verbarg. Man i s t (vgl.
Kapitel 1 des zweiten Teiles) e n t w e d e r Mann o d e r Weib, so viel man
auch von beiden Geschlechtern Eigentümlichkeiten haben mag, und dieses
S e i n, das Problem der Untersuchung von Anfang an, bestimmt sich jetzt
nach dem Verhältnis eines Menschen zur Ethik und zur Logik; aber
während es anatomische Männer gibt, die psychologisch Weiber s i n d, gibt
es keine Personen, die körperlich Weiber und doch psychisch Männer s i n d;

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wenn sie auch in noch so vielen äußerlichen Beziehungen einen männlichen
Aspekt gewähren, und einen unweiblichen Eindruck hervorbringen.
Darum aber läßt sich mit Sicherheit nun folgende a b s c h l i e ß e n d e
Antwort auf die Frage nach der Begabung der Geschlechter geben: e s
g i b t w o h l We i b e r m i t g e n i a l e n Z ü g e n , a b e r e s g i b t k e i n
weibliches Genie, hat nie ein solches gegeben und kann
n i e e i n s o l c h e s g e b e n. Wer prinzipiell in solchen Dingen der Laxheit
huldigen und den Begriff der Genialität so auftun und erweitern wollte, daß
die Frauen unter ihm auch nur ein Fleckchen Raumes fänden, der würde
diesen Begriff damit bereits z e r s t ö r t haben. Wenn überhaupt ein Begriff
von Genialität in Strenge und Einheitlichkeit gewonnen und gewahrt
werden soll und kann, so sind, wie ich glaube, keine anderen Definitionen
von ihm möglich als die hier entwickelten. Wie könnte nach diesen ein
seelenloses Wesen Genie haben? Genialität ist identisch mit T i e f e; und
man versuche nur, tief und Weib wie Attribut und Substantiv miteinander zu
verbinden: ein jeder hört den Widerspruch. E i n w e i b l i c h e r G e n i u s
i s t d e m n a c h e i n e c o n t r a d i c t i o i n a d j e c t o; denn Genialität war
ja nur gesteigerte, voll entfaltete, höhere, allgemein bewußte Männlichkeit.
Der geniale Mensch hat, wie alles, auch das Weib völlig in sich; aber das
Weib selbst ist nur ein Teil im Weltall, und der Teil kann nicht das Ganze,
Weiblichkeit also nicht Genialität in sich schließen. Die G e n i e l o s i g k e i t
des Weibes folgt unabwendbar daraus, daß das Weib keine Monade und
somit kein Spiegel des Universums ist.
Zum Nachweise der S e e l e n l o s i g k e i t des Weibes aber vereinigt
sich der größte Teil alles dessen, was etwa in den vorigen Kapiteln zu
ermitteln sollte gelungen sein. Das dritte Kapitel zunächst hat gezeigt, daß
die Frau in Heniden, der Mann in gegliederten Inhalten lebt, daß das
weibliche Geschlecht ein weniger b e w u ß t e s Leben führt als das
männliche. Bewußtsein ist aber e i n erkenntnistheoretischer und zugleich
der psychologische Fundamentalbegriff. Erkenntnistheoretisches
Bewußtsein und Besitz eines kontinuierlichen Ich, transcendentales Subjekt
und Seele sind vertauschbare Wechselbegriffe. Jedes Ich i s t nur in der
Weise, daß es sich selbst fühlt, sich seiner in seinen Denkinhalten bewußt
wird; alles Sein ist Bewußtsein. Aber es ist jetzt zu jener Theorie von den
Heniden eine wichtige Erläuterung hinzuzufügen. Die artikulierten
Denkinhalte des Mannes sind nicht einfach die auseinandergefalteten und

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geformten weiblichen, sie sind nicht bloß aktuell, was jene potentiell waren;
sondern es steckt in ihnen von allem Anfang an noch ein q u a l i t a t i v
a n d e r e s. Die psychischen Inhalte des Mannes sind, selbst schon im ersten
Henidenstadium, das sie stets zu überwinden trachten, bereits zur
B e g r i f f l i c h k e i t angelegt, und vielleicht tendiert selbst a l l e
E m p f i n d u n g des Mannes von einem sehr frühen Stadium an z u m
B e g r i f f e. Das Weib selbst ist durchaus unbegrifflich veranlagt, in seinem
Wahrnehmen wie in seinem Denken.
Das Prinzip aller Begrifflichkeit sind die logischen Axiome, und diese
fehlen den Frauen; ihnen ist nicht das Prinzip der Identität Richtschnur,
welches allein dem Begriff seine eindeutige Bestimmtheit verleihen kann,
und sie machen sich nicht das principium contradictionis zur Norm, das
einzig ihn, als völlig selbständigen, gegen alle anderen möglichen und
wirklichen Dinge abgrenzt. Dieser Mangel an begrifflicher Bestimmtheit
alles weiblichen Denkens ermöglicht jene »Sensitivität« der Frauen, die
vagen Associationen ein schrankenloses Recht einräumt, und so häufig ganz
fernliegende Dinge zum Vergleich heranzieht. Auch die Frauen mit dem
besten und am wenigsten begrenzten Gedächtnis kommen über diese
Manier der S y n ä s t h e s i e n nie hinaus. Gesetzt z. B., durch irgend ein
Wort fühlten sie sich an eine bestimmte Farbe, durch einen Menschen an
eine bestimmte Speise erinnert — wie das wirklich bei Frauen oft genug
vorkommt: in solchem Falle geben sie sich mit ihrer subjektiven
Association vollständig z u f r i e d e n, sie suchen weder zu ergründen,
warum ihnen gerade dieser Vergleich eingefallen, inwiefern er wirklich
durch die tatsächlichen Verhältnisse nahegelegt sei, noch trachten sie weiter
und eifriger über ihren Eindruck von dem Worte, von dem Menschen ins
Klare zu kommen. Diese Genügsamkeit und Selbstzufriedenheit hängt mit
dem zusammen, was früher als intellektuelle Gewissenlosigkeit des Weibes
bezeichnet wurde, und gleich weiter unten nochmals zur Sprache kommen
und in seinem Konnex mit dem Mangel an Begrifflichkeit erläutert werden
soll. Jenes Schwelgen in rein gefühlsmäßigen Anklängen, jener Verzicht auf
Begrifflichkeit und auf Begreiflichkeit, jenes S i c h w i e g e n ohne
S t r e b e n nach irgend einer Tiefe charakterisiert den schillernden Stil so
vieler moderner Schriftsteller und Maler als einen eminent w e i b l i c h e n.
Männliches Denken scheidet sich von allem weiblichen grundsätzlich durch
das Bedürfnis nach sicheren Formen, und so ist auch jede
»Stimmungskunst« immer notwendig eine f o r m l o s e »Kunst«.

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Die psychischen Inhalte des Mannes können aus diesen Gründen nie
einfach Heniden des Weibes in bloßer Weiterentwicklung in »expliciter«
Form sein. Das Denken des Weibes ist ein Gleiten und ein Huschen
zwischen den Dingen hindurch, ein Nippen von ihren obersten Flächen,
denen der Mann, der »in der Wesen Tiefe trachtet«, oft gar keine Beachtung
schenkt, es ist ein Kosten und ein Schmecken, ein Ta s t e n, kein
E r g r e i f e n des Richtigen. Darum, weil das Denken des Weibes
vornehmlich eine Art S c h m e c k e n ist, bleibt auch G e s c h m a c k, im
w e i t e s t e n Sinne, die vornehmste weibliche Eigenschaft, das Höchste,
was eine Frau selbständig erreichen, und worin sie es bis zu einer gewissen
Vollendung bringen kann. Geschmack erfordert eine Beschränkung des
Interesses auf Oberflächen, er geht auf den Zusammenklang des Ganzen,
und verweilt nie bei scharf herausgehobenen Teilen. Wenn eine Frau einen
Mann »versteht« — über Möglichkeit und Unmöglichkeit solchen
Verstehens wird noch zu handeln sein — so s c h m e c k t sie sozusagen —
so geschmacklos gerade dieser Ausdruck sein mag — n a c h, was er ihr
v o r g e d a c h t hat. Da es auf ihrer Seite hiebei eben nicht zu scharfer
Unterscheidung kommen kann, so ist klar, daß an ein Verständnis von ihr
selbst oft wird geglaubt werden, wo nur höchst vage Analogien in der
Empfindung vorhanden sind. Als maßgebend für die I nkongruenzen ist
hiebei vor allem anzusehen, daß die Denkinhalte des Mannes nicht auf
derselben Linie, und nicht etwa nur auf ihr weiter vorgerückt liegen als die
des Weibes, sondern daß es z w e i Reihen sind, welche auf die gleichen
Objekte sich erstrecken, eine begriffliche männliche und eine unbegriffliche
weibliche, und eine im Verstehen ausgesagte Identifikation demnach n i c h t
n u r zwischen einem entwickelten, differenzierten, späteren, und einem
noch chaotischen, ungegliederten, früheren Inhalt d e r s e l b e n Reihe
erfolgen kann (wie im Falle des Ausdrucks, S. 154); sondern daß gerade im
Verstehen zwischen Mann und Weib ein b e g r i f f l i c h e r Gedanke der
einen Reihe einem u n b e g r i f f l i c h e n »Gefühle«, einer »Henide«, in der
anderen gleichgesetzt wird.
Die unbegriffliche Natur des Weibes ist aber, nicht minder als seine
geringere Bewußtheit, ein Beweis dafür, daß es kein Ich besitzt. Denn erst
der Begriff schafft den bloßen Empfindungskomplex zum O b j e k t um, er
macht ihn unabhängig davon, ob ich ihn empfinde oder nicht. Das Dasein
des Empfindungskomplexes ist immer vom Willen des Menschen abhängig:
dieser schließt das Auge, er verstopft das Ohr und sieht und hört schon nicht

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mehr, er berauscht sich oder sucht den Schlaf, und vergißt. Erst der
B e g r i f f emanzipiert von der ewig subjektiven, ewig psychologisch-
relativen Tatsache des E m p f i n d e n s, er schafft die D i n g e. Durch seine
begriffliche Funktion stellt sich der Intellekt selbsttätig ein Objekt
g e g e n ü b e r; und umgekehrt kann nur, wo eine begriffliche Funktion da
ist, von Subjekt und Objekt gesprochen werden, nur dort sind beide
voneinander unterscheidbar; in jedem anderen Falle ist nur ein Haufe
ähnlicher und unähnlicher Bilder vorhanden, die ineinander ohne jede
Regel und Ordnung verschwimmen und übergehen. Der Begriff schafft also
die frei in der Luft schwebenden I m p r e s s i o n e n z u G e g e n s t ä n d e n
um, er zeugt aus der Empfindung ein Objekt, dem das Subjekt
gegenübertritt, einen Feind, an dem es seine Kräfte mißt. So ist der Begriff
konstitutiv für alle Realität; nicht als ob der Gegenstand selbst nur so weit
Realität besäße, als er Anteil hätte an einer jenseits der Erfahrung in einem
τόπος νοητός liegenden Idee und nur eine unvollkommene Projektion, ein
stets mißlungenes Abbild dieser darstellte: sondern umgekehrt, i n s o f e r n
sich auf irgend etwas die begriffliche Funktion unseres
Intellektes erstreckt, insofern und nur insofern wird es
z u m r e a l e n D i n g. Der B e g r i f f ist das »t r a n s c e n d e n t a l e
O b j e k t« der K a n tschen Vernunftkritik, als welches aber stets nur einem
t r a n s c e n d e n t a l e n S u b j e k t e korrespondiert. Denn nur aus dem
Subjekte stammt jene rätselhafte objektivierende Funktion, die jenen
K a n tschen »Gegenstand X«, auf den alle E r k e n n t n i s sich erst r i c h t e t,
selbst h e r v o r b r i n g t, und die ja als identisch mit den logischen Axiomen
erkannt wurde, in welchen wieder nur das Dasein des Subjektes zum
Ausdruck gelangt. Das principium contradictionis nämlich grenzt den
Begriff ab gegen alles, was nicht er selbst ist; das principium identitatis
ermöglicht seine Betrachtung, als ob er allein auf der Welt wäre. Ich kann
nie von einem rohen Empfindungskomplexe sagen, daß er sich selbst gleich
sei; in dem Augenblick, wo ich das Urteil der Identität auf ihn anwende, ist
er bereits begrifflich geworden. So verleiht erst der Begriff allem
Wahrnehmungsgebilde und allem Gedankengespinst seine W ü r d e und
seine S t r e n g e: d e r B e g r i f f b e f r e i t j e d e n I n h a l t , i n d e m e r
i h n b i n d e t. Und hier wird abermals offenbar, wie alle Freiheit
Selbstbindung ist, in der Logik wie in der Ethik. Frei wird der Mensch
allein, indem er selbst das Gesetz wird: nur so entgeht er der Heteronomie,
der Bestimmung durch anderes und durch andere, die unausbleiblich an

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jede Willkür geknüpft ist. Deshalb ist auch die begriffliche Funktion eine
S e l b s t e h r u n g des Menschen; er ehrt s i c h, indem er seinem Objekte die
Freiheit gibt und es verselbständigt, als den allgemeingültigen
G e g e n s t a n d d e r E r k e n n t n i s, auf den rekurriert wird, wo immer
zwei Männer über eine Sache streiten mögen. — Nur die Frau steht nie
Dingen g e g e n ü b e r, sie springt mit ihnen und in ihnen mit sich nach
Belieben um: sie kann dem Objekte keine Freiheit schenken, da sie selbst
keine hat.
Die Verselbständigung der Empfindung im Begriffe ist aber nicht
sowohl eine Loslösung vom S u b j e k t e, als eine Loslösung von der
S u b j e k t i v i t ä t. Der Begriff ist vielmehr eben das, worüber i c h denke,
schreibe und spreche. Darin liegt der Glaube, daß ich nichtsdestoweniger
noch in einer Beziehung zu ihm stehe, und d i e s e r Glaube ist das Wesen
des Urteils. Wenn die immanenten Psychologisten, H u m e, H u x l e y,
M a c h, Av e n a r i u s, sich mit dem B e g r i f f noch so abzufinden suchten,
daß sie ihn mit der Allgemeinvorstellung identifizierten, und zwischen
logischem und psychologischem Begriff keine Unterscheidung mehr trafen:
so ist es hingegen sehr bezeichnend, daß sie das U r t e i l einfach ignorieren,
ja, tun müssen, als ob es nicht da wäre. Sie können, von ihrem Standpunkt
aus, für d a s a l l e m E m p f i n d u n g s m o n i s m u s F r e m d e, das im
Urteilsa k t e enthalten ist, keinerlei Verständnis sich gestatten. Im Urteil
liegt Anerkennung oder Verwerfung, Billigung oder Mißbilligung
bestimmter Dinge, und der Maßstab dieser Billigung — d i e I d e e d e r
Wa h r h e i t — kann nicht selbst in den Wahrnehmungskomplexen gelegen
sein, die beurteilt werden. Für wen es nichts als Empfindungen gibt, für den
sind notwendig alle Empfindungen g l e i c h w e r t i g, die Aussichten der
einen nicht größer als die der anderen, Baustein einer realen Welt zu
werden. So vernichtet gerade der E m p i r i s m u s die Wirklichkeit der
E r f a h r u n g, und entpuppt sich der P o s i t i v i s m u s trotz des »solid« und
»reell« klingenden Titels seiner Firma als der wahre N i h i l i s m u s — wie
so manches der Ehrbarkeit volle geschäftliche Unternehmen als ein
schwindelhafter Luftbau. Der Gedanke eines M a ß e s der Erfahrung, der
Wa h r h e i t s g e d a n k e, kann nicht schon in der E r f a h r u n g gelegen sein.
In jedem Urteil aber liegt gerade dieser Anspruch auf
Wa h r h e i t, es erhebt implicite, auch wenn es mit noch so vielen, subjektiv
einschränkenden, Zusätzen versehen wird, die Forderung seiner objektiven
Gültigkeit eben in der restringierten Form, die ihm sein Urheber gab. Wer

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etwas in der Weise eines Urteils ausspricht, wird so behandelt, als verlangte
er die allgemeine Anerkennung für das, was er sagt; und erklärt er, daß ihm
diese Hoffnung fern gelegen sei, so wird er mit Recht zu hören bekommen,
daß er sich eines Mißbrauches der Urteilsform schuldig gemacht habe.
Demnach ist es richtig, daß in der urteilenden Funktion der Anspruch auf
E r k e n n t n i s, das heißt a u f d i e Wa h r h e i t d e s G e u r t e i l t e n,
gelegen sei.
Dieser Anspruch auf Erkenntnis besagt nicht mehr und nicht weniger,
als daß das Subjekt über das Objekt zu u r t e i l e n, über es R i c h t i g e s
auszusagen v e r m ö g e. Die Objekte, über die geurteilt wird, sind
B e g r i f f e: der Begriff ist der Gegenstand der Erkenntnis. Der Begriff
stellte dem Subjekt ein Objekt g e g e n ü b e r; d u r c h d a s U r t e i l w i r d
wiederum die Möglichkeit einer Ve r b i n d u n g und
Verwandtschaft z w i s c h e n ihnen b e h a u p t e t. Denn die
Wahrheitsforderung heißt so viel, daß das Subjekt über das Objekt auch
richtig urteilen k ö n n e; u n d s o l i e g t i n d e r U r t e i l s f u n k t i o n
der Beweis eines Zusammenhanges zwischen dem Ich
u n d d e m A l l, ja der Möglichkeit ihrer vollen Einheit; diese Einheit, und
nichts anderes, nicht die Ü b e r e i n s t i m m u n g, sondern die I d e n t i t ä t
von Sein und Denken ist Wa h r h e i t; nie eine dem Menschen als Menschen
je erreichbare Ta t s a c h e[36], immer nur eine ewige F o r d e r u n g. So ist
das Urteilsvermögen, in der Voraussetzung, die ihm am allgemeinsten zu
Grunde liegt, nur der trockene l o g i s c h e A u s d r u c k d e r T h e o r i e
v o n d e r S e e l e d e s M e n s c h e n a l s d e s M i k r o k o s m u s. Und
die viel verhandelte Frage, was vorhergehe, Begriff oder Urteil, wird wohl
dahin entschieden werden müssen, daß keinem von beiden eine Priorität vor
dem anderen zukomme, vielmehr beide einander notwendig bedingen.
Denn alle Erkenntnis geht auf einen Gegenstand, Erkennen aber vollzieht
sich in der Form des Urteilens und sein Gegenstand ist der Begriff. Die
begriffliche Funktion hat Subjekt und Objekt gespalten, und jenes einsam
gemacht: wie alle Liebe, so sucht damit sogleich auch die Sehnsucht des
Erkenntnistriebes das Entzweite wieder zu einen.
Fehlt einem Wesen, wie dem echten Weibe, die begriffliche, so
mangelt ihm deshalb notgedrungen gleichzeitig die urteilende Tätigkeit.
Man wird diese Behauptung eine lächerliche Paradoxie nennen, weil ja
doch die Frauen genug s p r e c h e n (wenigstens hat sich niemand über das

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Gegenteil beklagt), und alles Sprechen Ausdruck von Urteilen sei. Aber
eben dieses letztere ist nicht richtig. Der L ü g n e r z. B., den man gegen die
tiefere Bedeutung des Urteilsphänomens gewöhnlich ins Feld führt,
u r t e i l t g a r n i c h t (es gibt eine »innere Urteilsform«[37] wie eine »innere
Sprachform«), indem er eben, lügend, an das, was er sagt, gar nicht den
Maßstab der Wahrheit anlegt; und, wenn er für die Lüge auch noch so
allgemeine Anerkennung erzwingen will, eben seine eigene Person hievon
ausnimmt und damit die objektive Gültigkeit dahin ist. Wer sich hingegen
selbst belügt, fragt vor dem inneren Forum seine Gedanken nicht nach ihren
Rechtsgründen, würde sich aber wohl hüten, sie vor einem äußeren zu
vertreten. Es kann also jemand die äußere sprachliche Form des Urteils sehr
wohl wahren, ohne seiner inneren Bedingung gerecht geworden zu sein.
Diese innere Bedingung ist aufrichtige Anerkennung der Idee der Wahrheit
als obersten Richters über alle Aussagen, und herzliches Begehren, vor
diesem Richter mit jedem Ausspruche, den man tue, bestehen zu können.
Man steht aber zur Idee der Wahrheit in einem Verhältnis überhaupt und ein
für alle Male, und nur aus einem solchen kann Wahrhaftigkeit sowohl den
Menschen, als den Dingen, als auch sich selbst gegenüber fließen. Darum
ist die eben getroffene Einteilung in Lüge vor sich und Lüge vor anderen
falsch, und wer s u b j e k t i v v e r l o g e n ist, wie das von der Frau bereits
hervorgehoben wurde und noch sehr ausführlich auseinandergesetzt werden
wird, der kann auch kein Interesse an der o b j e k t i v e n Wahrheit besitzen.
Das Weib hat keinen Eifer für die Wahrheit — darum ist es nicht e r n s t —
darum nimmt es auch keinen Anteil an G e d a n k e n. Es gibt eine Menge
weiblicher Schriftstellerinnen, aber G e d a n k e n vermißt man in allem, was
weibliche Künstler je geschaffen haben, und so gering ist diese Liebe zur
(objektiven) Wahrheit, daß sie Gedanken meist nicht einmal zu b o r g e n der
Mühe wert finden.
Kein Weib hat wirkliches Interesse für die Wissenschaft, sie mag es
sich selbst und noch so vielen braven Männern, aber schlechten
Psychologen, vorlügen. Man kann sicher sein, daß, wo immer eine Frau
irgend etwas nicht g a n z Unerhebliches in wissenschaftlichen Dingen
selbständig geleistet hat (Sophie G e r m a i n, Mary S o m e r v i l l e etc.),
dahinter stets ein Mann sich verbirgt, dem sie auf diese Weise näher zu
kommen trachtete; und viel allgemeiner als für den Mann das »Cherchez la
femme« gilt für die Frauen ein »Cherchez l'homme«.

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Bedeutendere Leistungen hat es aber selbst auf dem Gebiete der
Wissenschaft von weiblicher Seite nie gegeben. Denn die Fähigkeit zur
Wahrheit stammt nur aus dem Willen zur Wahrheit, und ist stets diesem in
ihrer Stärke angemessen.
Darum ist auch der Wirklichkeitssinn der Frauen, so oft auch das
Gegenteil behauptet worden ist, viel geringer als jener der Männer. Ihnen
ordnet sich die Erkenntnis stets einem fremden Zwecke unter, und wenn die
Absicht auf diesen intensiv genug ist, dann mögen die Frauen sehr scharf
und unbeirrt blicken; was Wahrheit an sich und um ihrer selbst willen für
einen Wert haben solle, wird eine Frau nie und nimmer einzusehen
imstande sein. Wo also Täuschung seinen (oft unbewußten) Wünschen
e n t g e g e n k o m m t, dort wird das Weib gänzlich unkritisch, und verliert
jede Kontrolle über die Realität. Daraus erklärt sich der feste Glaube so
mancher Frauen, von sexuellen Attacken bedroht worden zu sein, daraus die
ungemeine Häufigkeit der Halluzinationen des Tastsinnes beim weiblichen
Geschlechte, von deren intensivem Realitätscharakter der Mann nicht leicht
eine Vorstellung sich bilden mag; denn die Phantasie des Weibes ist Irrtum
und Lüge, die Phantasie des Mannes hingegen, als Künstlers oder
Philosophen, erst höhere Wahrheit.
Der Wahrheitsgedanke aber liegt allem, was den Namen U r t e i l
verdient, zu Grunde. Urteilen ist die Form alles Erkennens, und Denken
selbst heißt nichts anderes als urteilen. Die Norm des Urteils ist der Satz
vom Grunde, gleichwie die Sätze vom Widerspruch und von der Identität
den Begriff (als die Norm der Essenz) konstituieren. Daß die Frau den Satz
vom Grunde n i c h t anerkennt, darauf wurde schon hingewiesen. Alles
Denken ist Ordnen des Mannigfaltigen zur Einheit; im Satz vom Grunde,
der die Berechtigung jedes Urteils von einem logischen Erkenntnisgrunde
abhängig macht, liegt der Gedanke der E i n h e i t s f u n k t i o n unseres
Denkens m i t B e z u g auf die Mannigfaltigkeit, und t r o t z derselben; indes
die drei anderen logischen Axiome nur ein Ausdruck des S e i n s der Einheit
selbst ohne Beziehung auf eine Mannigfaltigkeit sind. Beide sind darum
nicht aufeinander zurückzuführen, v i e l m e h r i s t d a r i n , d a ß s i e
zweierlei sind, der formal-logische Ausdruck des
D u a l i s m u s i n d e r We l t , d e r E x i s t e n z e i n e r Vi e l h e i t
n e b e n d e r E i n h e i t z u e r b l i c k e n. Jedenfalls hatte L e i b n i z recht,
als er beide unterschied, und jede Theorie, die dem Weibe die Logik

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abspricht, muß nicht nur vom Satz des Widerspruchs (und der Identität), der
sich auf den Begriff bezieht, sondern ebenso vom Satz des Grundes, dessen
Gewalt das Urteil untersteht, nachweisen, daß es ihn nicht begreife und ihm
sich nicht beuge. In der intellektuellen Gewissenlosigkeit der Frau liegt
dieser Nachweis. Hat einmal ein Weib einen theoretischen Einfall, so
verfolgt es ihn nicht weiter, es bringt ihn nicht in Beziehung zu anderem,
e s d e n k t n i c h t n a c h. Deshalb kann es am wenigsten einen weiblichen
Philosophen geben; es fehlt die Ausdauer, die Zähigkeit, die Beharrlichkeit
des Denkens und alle Motive zu diesem, und daß eine Frau an
P r o b l e m e n l i t t e, davon kann zu allerletzt die Rede sein. Man schweige
nur von den Weibern, denen nicht zu helfen ist. Der problematische Mann
will erkennen, das problematische Weib will doch nur erkannt werden.
Ein p s y c h o l o g i s c h e r Beweis für die M ä n n l i c h k e i t d e r
U r t e i l s f u n k t i o n ist dieser, d a ß d a s U r t e i l e n v o m We i b e a l s
männlich empfunden wird, und wie ein (tertiärer)
S e x u a l c h a r a k t e r a n z i e h e n d a u f e s wirkt. Die Frau v e r l a n g t
vom Manne stets bestimmte Überzeugungen, die sie übernehme; für den
Z w e i f l e r im Manne geht ihr jegliches Verständnis, welcher Art immer,
ab. Auch erwartet sie stets, daß der Mann r e d e, und die Rede des Mannes
ist ihr ein Zeichen von Männlichkeit. Den Frauen ist zwar die Gabe der
Sprache, aber nicht so die der Rede verliehen; eine Frau konversiert
(kokettiert) oder schnattert, aber sie redet nicht. Am gefährlichsten aber ist
sie, wenn sie stumm ist: denn der Mann ist nur allzugeneigt, Stummheit für
Schweigen zu nehmen.
So ist nicht nur von den logischen Normen, sondern auch von den
Funktionen, welche durch diese Grundsätze geregelt werden, von der
begrifflichen und der urteilenden Tätigkeit, bewiesen, daß W ihrer entbehrt.
Da aber die Begrifflichkeit ihrem Wesen nach darin besteht, einem
S u b j e k t sein Objekt gegenüberzustellen, und im Urteilen die
Urverwandtschaft und tiefste Wesenseinheit des Subjektes mit seinem
Objekte zum Ausdruck kommt, so muß der Frau abermals der Besitz eines
Subjektes aberkannt werden.
An den Nachweis der Alogizität des absoluten Weibes hat sich der
Nachweis seiner Amoralität im einzelnen zu schließen. Die tiefe
Verlogenheit des Weibes, welche aus dem Mangel eines Verhältnisses zur
Idee der Wahrheit, wie zu den Werten überhaupt, freilich schon hier sich

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ergibt, muß noch so eingehend Gegenstand der Besprechung werden, daß
hier zunächst andere Momente sollen hervorgekehrt sein. Es gilt dabei
unausgesetzt einen besonderen Scharfsinn und eine große Vorsicht; denn es
gibt so unendlich viele Imitationen des Ethischen, ja so täuschende Kopien
der Moral, daß die Sittlichkeit der Frauen wohl von vielen stets höher als
die der Männer wird gewertet werden. Ich habe schon die Notwendigkeit
der Distinktion zwischen amoralischem und a n t imoralischem Verhalten
betont, und wiederhole, daß nur von ersterem, welches eben gar keinen
Sinn für die Moral, und gar keine Richtung mit Bezug auf dieselbe
involviert, beim echten Weibe die Rede sein kann. Es ist eine aus der
Kriminalstatistik wie aus dem täglichen Leben wohl bekannte Tatsache, daß
von Frauen unvergleichlich weniger Verbrechen begangen werden als von
Männern. Auf diese Tatsache berufen sich denn auch immer die
geschäftigen Apologeten der Sittenreinheit des Weibes.
Aber bei der Entscheidung der Frage nach der weiblichen Sittlichkeit
kommt es nicht darauf an, ob jemand objektiv gegen die Idee gesündigt hat;
sondern nur darauf, ob er einen subjektiven Wesenskern hat, der in ein
Verhältnis zur Idee treten konnte, und dessen Wert er in Frage stellte, als er
fehlte. Gewiß wird der Verbrecher mit seinen verbrecherischen Trieben
geboren, aber nichtsdestoweniger fühlt er selbst, trotz aller Theorien von
der »moral insanity«, daß er durch seine Tat seinen Wert und sein Recht auf
das Leben verwirkt hat; denn es gibt nur feige Verbrecher, und keinen,
dessen Stolz und Selbstbewußtsein durch die böse Tat erhöht und nicht
vermindert worden wäre, keinen, der es übernähme, sie zu rechtfertigen.
Der männliche Verbrecher hat ebenso von Geburt an ein Verhältnis zur
Idee des Wertes wie jener andere Mann, dem die verbrecherischen Triebe,
die den ersten beherrschen, fast völlig mangeln. Das Weib hingegen
behauptet oft im vollen Rechte zu sein, wenn es die denkbar größte
Gemeinheit begangen hat; während der echte Verbrecher stumpfsinnig auf
alle Vorwürfe s c h w e i g t, kann eine Frau empört ihrer Verwunderung und
Entrüstung darüber Ausdruck geben, daß man ihr gutes Recht, so oder so zu
handeln, in Zweifel ziehe. Frauen sind überzeugt v o n ihrem »Rechte«,
ohne je ü b e r sich zu Gericht gesessen zu sein. Der Verbrecher geht zwar
auch nie in sich, aber er behauptet auch nie sein Recht; er geht vielmehr
dem Gedanken des Rechtes hastig aus dem Wege, weil es ihn an seine
Schuld erinnern könnte: und hier liegt auch der Beweis, daß er ein

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Verhältnis zur Idee h a t t e, und nur an seine Untreue gegen sein besseres
Selbst nicht erinnert werden will. K e i n Ve r b r e c h e r h a t n o c h
wirklich geglaubt, daß ihm Unrecht geschehen sei
d u r c h d i e S t r a f e[38]; die Frau hingegen ist überzeugt von der
Böswilligkeit ihrer Ankläger; und, wenn s i e n i c h t w i l l, kann ihr
niemand beweisen, daß sie Unrecht getan habe. Wenn ihr jemand zuredet,
so kommt es freilich oft vor, daß sie in Tränen ausbricht, um Verzeihung
bittet und »ihr Unrecht einsieht«, ja wirklich glaubt, dieses Unrecht
aufrichtig zu fühlen; aber immer nur, wenn sie dazu die Lust empfunden
hat; denn diese Auflösung im Weinen bereitet ihr stets ein gewisses
wollüstiges Vergnügen. Der Verbrecher ist verstockt, er läßt sich nicht im
Nu umdrehen, wie der scheinbare Trotz einer Frau in ein ebenso
scheinbares Schuldgefühl sich verkehren läßt, wenn der Ankläger sie
entsprechend zu behandeln versteht. Die einsame Pein der Schuld, die am
Bette weinend sitzt und vergehen möchte vor Scham über den Makel, mit
dem sie sich beladen hat, die kennt kein Weib, und eine scheinbare
Ausnahme (die Büßerin, die den Leib kasteiende Betschwester) wird später
ebenfalls zeigen, daß e i n e F r a u s t e t s n u r z u z w e i e n s i c h
s ü n d h a f t f ü h l t.
Ich behaupte also nicht, daß die Frau böse, antimoralisch ist; ich
behaupte, d a ß s i e v i e l m e h r b ö s e g a r n i e s e i n k a n n; sie ist nur
amoralisch, g e m e i n.
Das weibliche Mitleid und die weibliche Schamhaftigkeit sind die
beiden anderen Phänomene, auf welche der Schätzer weiblicher Tugend
insgemein sich beruft. Speziell die weibliche Güte, das weibliche Mitgefühl
haben zu der schönen Sage von der Psyche des Weibes den meisten Anlaß
gegeben, und das letzte Argument alles Glaubens an die höhere Sittlichkeit
der Frau ist die Frau als Krankenpflegerin, als barmherzige Schwester. Ich
erwähne diesen Punkt ungern und hätte ihn nicht berührt, bin aber durch
einen Einwand, der mir mündlich gemacht wurde und dem voraussichtlich
weitere folgen werden, hiezu gezwungen.
Es ist kurzsichtig, wenn man die Krankenpflege der Frauen für einen
Beweis ihres Mitleids hält, indem vielmehr gerade das Gegenteil aus ihr
folgt. Denn der Mann könnte die Schmerzen des Kranken nie mitansehen,
er müßte unter ihnen so leiden, daß er völlig aufgerieben würde, und
wartende Pflege des Patienten wäre ihm ganz unmöglich. Wer

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Krankenschwestern beobachtet, nimmt mit Erstaunen wahr, daß diese
gleichmütig und »sanft« bleiben, selbst unter den furchtbarsten Krämpfen
eines Sterbenden; und so ist es gut; denn der Mann, der Qualen und Tod
nicht mitmachen kann, wäre dem Kranken ein schlechter Pfleger. Der Mann
würde die Qualen lindern, den Tod aufhalten, mit einem Worte, er würde
h e l f e n wollen; wo nicht zu helfen ist, da ist kein Platz für ihn, da kann
allein die Pflege in ihr Recht treten, und für diese eignet sich nur das Weib.
Man ist aber völlig im Unrecht, wenn man die Tätigkeit der Frauen auf
diesem Ressort anders als vom utilitaristischen Standpunkt schätzen zu
können glaubt.
Dazu tritt noch, daß für die Frau das P r o b l e m von Einsamkeit und
Gesellschaft gar nicht existiert. Sie schickt sich gerade deshalb besonders
gut zur Gesellschafterin (Vorleserin, Krankenpflegerin), weil sie nie aus
einer Einsamkeit heraustritt in eine Mehrsamkeit. D e m M a n n e w i r d
Einsamkeit und Mehrsamkeit immer irgendwie Problem,
w e n n a u c h o f t n u r e i n e v o n b e i d e n z u r M ö g l i c h k e i t. Die
Frau verläßt keine Einsamkeit, um den Kranken zu pflegen, wie sie es tun
müßte, auf daß ihre Tat wirklich sittlich könnte genannt werden; d e n n
e i n e F r a u i s t n i e e i n s a m, sie kennt nicht die Liebe zur Einsamkeit
und nicht die Furcht vor ihr. D i e F r a u l e b t s t e t s , a u c h w e n n s i e
a l l e i n i s t , i n e i n e m Z u s t a n d e d e r Ve r s c h m o l z e n h e i t m i t
a l l e n M e n s c h e n , d i e s i e k e n n t: ein Beweis, daß sie keine Monade
ist, denn alle Monaden haben G r e n z e n. Die Frauen sind ihrer Natur nach
unbegrenzt, aber nicht unbegrenzt wie der Genius, dessen Grenzen mit
denen der Welt zusammenfallen; sondern sie t r e n n t nie etwas Wirkliches
von der Natur oder von den Menschen.[39]
Dieses Verschmolzensein ist etwas durchaus S e x u e l l e s, und
dementsprechend äußert sich alles weibliche Mitleid in k ö r p e r l i c h e r
A n n ä h e r u n g an das bemitleidete Wesen, es ist tierische Zärtlichkeit, es
muß streicheln und trösten. Wieder nur ein Beweis für das Fehlen jenes
harten Striches, der stets zwischen Persönlichkeit und Persönlichkeit
gezogen ist! Die Frau ehrt nicht den Schmerz des Nebenmenschen durch
Schweigen, sie glaubt ihn durch Zureden aufheben zu können: so sehr fühlt
sie sich mit ihm verbunden, als natürliches, nicht als geistiges Wesen. Und
wo die Sexualität erloschen ist, dort fehlt auch jedes Mitleid: im alten Weib
ist nie auch nur ein Funken jener angeblichen Güte mehr, und so liefert das

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Greisenalter der Frau den indirekten Beweis, wie all ihr Mitleid nur eine
Form sexueller Verschmolzenheit war, s e l b s t wenn es auf ein
gleichgeschlechtliches Wesen sich bezog.
Das v e r s c h m o l z e n e Leben, eine der wichtigsten und am tiefsten
führenden Tatsachen des weiblichen Daseins, ist auch der Grund der
Rührseligkeit aller Frauen, jener gemeinen Willigkeit und Leichtigkeit und
Schamlosigkeit des Tränenergusses. Nicht umsonst kennt man nur
Klageweiber, und achtet einen in Gesellschaft weinenden Mann nicht sehr
hoch. Wenn jemand weint, so weint die Frau mit, wie sie stets mitlacht,
wenn ein anderer, außer über sie selbst, lacht: und damit ist ein guter Teil
des weiblichen Mitleidens auch bereits erschöpft.
Nur das Weib jammert so recht andere Menschen a n, weint sie a n und
v e r l a n g t ihr Mitleid. Hierin liegt einer der stärksten Beweise der
psychischen Schamlosigkeit des Weibes. Die Frau provoziert das Mitleid
der Fremden, um m i t d i e s e n weinen und sich selbst so noch mehr
bedauern zu können, als sie es bereits tat. Ja, es ist nicht zu viel behauptet,
daß das Weib, auch wenn es allein weint, stets m i tweine mit anderen,
denen es in Gedanken sein Leid klagt, wodurch es selbst sehr heftig gerührt
wird. »Mitleid mit sich selbst« ist eine eminent weibliche Eigenschaft: die
Frau stellt sich zuerst in eine Reihe mit den anderen, m a c h t s i c h z u m
O b j e k t d e s M i t l e i d e n s a n d e r e r, und beginnt nun, tief ergriffen,
m i t ihnen über sich, »die Arme«, mitzuweinen. Aus diesem Grunde schämt
sich der Mann vielleicht keiner anderen Regung so sehr, als wenn er sich
auf einem Impuls zu diesem sogenannten »Mitleid mit sich selbst« ertappt,
i n d e m d a s S u b j e k t t a t s ä c h l i c h O b j e k t w i r d.
Das weibliche Mitleid, an das selbst S c h o p e n h a u e r geglaubt hat,
ist ein Schluchzen und Heulen überhaupt, beim geringsten Anlaß, ohne die
schwächste Bemühung, aus Scham die Regung zu unterdrücken; denn wie
alles wahre Leiden, so müßte auch wahres Mitleiden, sofern es eben
wirklich Leiden wäre, schamhaft sein; ja kein Leid kann so schamhaft sein
wie das Mitleid und die Liebe, weil diese beiden am stärksten die
unübersteigbaren G r e n z e n jeder Individualität zum B e w u ß t s e i n
bringen. Von der Liebe und ihrer Schamhaftigkeit kann erst später
gehandelt werden; im M i t l e i d aber, im echten männlichen Mitleiden, liegt
immer Beschämung, Schuldbewußtsein, weil es mir nicht so schlecht geht
wie diesem, weil ich nicht er, sondern ein von ihm, auch durch äußerliche

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Umstände, g e t r e n n t e s Wesen bin. D a s m ä n n l i c h e M i t l e i d i s t
das über sich selbst errötende principium
individuationis; darum ist alles weibliche Mitleid
zudringlich, das männliche versteckt sich.
Was es mit der Schamhaftigkeit der Frauen für eine Bewandtnis habe,
das ist hierin zum Teil schon ausgesprochen; zum Teil kann es ebenfalls erst
später, mit dem Thema der Hysterie zusammen, abgehandelt werden. Wie
man angesichts des naiven Eifers, mit dem alle Frauen, wo die
gesellschaftliche Konvention es nur gestattet, ihre Decolletage betreiben,
noch an einer angeborenen inneren Schamhaftigkeit als der Tugend des
weiblichen Geschlechtes festhalten könne, ist nicht einzusehen: man i s t
entweder schamhaft oder man i s t es nicht, und das ist keine
Schamhaftigkeit, die man in gewissen Augenblicken regelmäßig spazieren
schickt.
Der absolute Beweis für die Schamlosigkeit der Frauen (und ein
Hinweis darauf, w o h e r die Forderung der Schamhaftigkeit wohl eigentlich
stammen mag, welcher die Frauen äußerlich oft so peinlich nachkommen)
liegt jedoch darin, daß Frauen untereinander sich immer ungescheut völlig
entblößen, während Männer voreinander stets ihre Nacktheit zu bedecken
suchen. Wenn Frauen allein sind, werden eifrige Vergleiche zwischen den
körperlichen Reizen der einzelnen angestellt, und oft alle Anwesenden einer
genauen und eingehenden Visitierung unterzogen, die nicht ohne
Lüsternheit erfolgt, weil stets der Wert, den der Mann auf diesen oder jenen
Vorzug legen werde, unbewußt der Hauptgesichtspunkt bleibt. Der einzelne
Mann hat kein Interesse für die Nacktheit des zweiten Mannes, während
jede Frau auch die andere Frau in Gedanken stets entkleidet, und eben
hiedurch die allgemeine interindividuelle Schamlosigkeit des Geschlechtes
beweist. Dem Manne ist es peinlich und unangenehm, sich die Sexualität
seines Nebenmannes zu vergegenwärtigen; die Frau sucht sofort in
Gedanken die geschlechtlichen Beziehungen auf, in denen eine zweite Frau
stehen mag, sobald sie diese nur kennen lernt; ja sie wertet die andere
immer ausschließlich nach dem »Verhältnis«.
Ich komme hierauf noch sehr ausführlich zurück; indessen trifft die
Darstellung nun zum ersten Male mit jenem Punkte wieder zusammen, der
im zweiten Kapitel dieses Teiles besprochen wurde. Wessen man sich
schämt, dessen muß man sich b e w u ß t sein, und wie zur Bewußtheit, so ist

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auch zum Schamgefühl stets Differenzierung vonnöten. Die Frau, die nur
sexuell ist, kann a s e x u e l l z u s e i n s c h e i n e n , w e i l s i e d i e
S e x u a l i t ä t s e l b s t i s t, und hier nicht die Geschlechtlichkeit körperlich
und psychisch, räumlich und zeitlich sich a b h e b t wie beim Manne; die
Frau, die stets schamlos ist, kann den Eindruck der Schamhaftigkeit
machen, w e i l e s b e i i h r k e i n e S c h a m z u v e r l e t z e n g i b t. Und
so ist die Frau auch nie nackt oder stets nackt, wie man es haben will: nie
nackt, weil sie nie zum echten Gefühle einer Nacktheit wirklich gelangt;
stets nackt, weil ihr eben das andere fehlt, das vorhanden sein müßte, um
ihr je zum B e w u ß t s e i n zu bringen, daß sie (objektiv) nackt ist, und so
ein innerer Impuls zur Bedeckung werden könnte. Daß man auch unter
Kleidern nackt sein kann, ist freilich etwas, das blödem Blicke nicht
einleuchtet, aber es wäre ein schlimmes Zeugnis, das ein Psychologe sich
ausstellte, wenn er aus der Tatsache des Gewandes schon auf den geringsten
Mangel an Nacktheit schließen wollte. Und eine Frau ist objektiv stets
nackt, selbst unter der Krinoline und dem Mieder.[40]
Dies alles hängt damit zusammen, was das Wort Ich für die Frau denn
eigentlich immer bedeutet. Wenn man eine Frau fragt, was sie unter ihrem
Ich verstehe, so vermag sie nichts anderes sich darunter vorzustellen als
ihren Körper. Ihr Ä u ß e r e s, das ist das Ich der Frauen. M a c h s
»Zeichnung des Ich« in seinen »Antimetaphysischen Vorbemerkungen«
stellt also ganz richtig das Ich des vollkommenen Weibes dar. Wenn E.
K r a u s e sagt, die Selbstanschauung Ich sei ohne weiteres ausführbar, so ist
das nicht so ganz lächerlich, wie M a c h unter der Zustimmung vieler
anderer glaubt, denen gerade diese »scherzhafte Illustration des
philosophischen ‚Viel Lärm um nichts’« in den Büchern M a c h s am besten
gefallen zu haben scheint.
Das Ich der Frauen begründet auch die spezifische Eitelkeit der
Frauen. Männliche Eitelkeit ist eine Emanation des W i l l e n s z u m We r t,
und ihre o b j e k t i v e Äußerungsform, E m p f i n d l i c h k e i t, das Bedürfnis,
die Erreichbarkeit des Wertes von niemand in Frage gestellt zu sehen. Was
dem Manne Wert und Zeitlosigkeit gibt, ist einzig und allein
P e r s ö n l i c h k e i t. Dieser höchste We r t, der nicht ein P r e i s ist, weil an
seine Stelle, nach den Worten K a n tens, nicht »auch etwas anderes als
Ä q u i v a l e n t gesetzt werden« kann, sondern der »über allen Preis erhaben
ist, mithin kein Äquivalent verstattet«, ist die W ü r d e des Mannes. Die

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Frauen haben, trotz S c h i l l e r, keine Würde — die D a m e wurde ja nur
erfunden, um diesen Mangel auszufüllen — und ihre Eitelkeit wird sich
danach richten, was ihnen ihr höchster Wert ist; das heißt, sie wird auf die
Festhaltung, Steigerung und Anerkennung körperlicher Schönheit gehen.
Die Eitelkeit von W ist somit einerseits ein gewisses, nur ihr eigenes, selbst
dem (männlich) schönsten Manne[41] f r e m d e s Behagen am eigenen
Leibe: eine Freude, die sich, selbst beim häßlichsten Mädchen, sowohl bei
der Selbstbetastung, als bei der Selbstbetrachtung im Spiegel, als auch bei
vielen Organempfindungen einzustellen scheint; aber schon hier macht sich
mit voller Stärke und mit dem erregendsten Vorgefühl der Gedanke an den
Mann geltend, dem diese Reize einst gehören sollen, und beweist
wiederum, wie das Weib zwar allein, aber nie einsam sein kann. Anderseits
also ist die weibliche Eitelkeit Bedürfnis, den Körper bewundert oder
vielmehr b e g e h r t , v o m s e x u e l l e r r e g t e n M a n n e b e g e h r t zu
fühlen.
Dieses Bedürfnis ist so stark, daß es wirklich viele Weiber gibt, denen
diese Bewunderung, begehrlich von seiten des Mannes, neiderfüllt von
seiten der Geschlechtsgenossinnen, zum Leben vollkommen genügt; sie
kommen damit aus, andere Bedürfnisse haben sie kaum.
Die weibliche Eitelkeit ist also stete Rücksicht auf andere, d i e
F r a u e n l e b e n n u r i m G e d a n k e n a n d i e a n d e r e n. Und auch
die Empfindlichkeit des Weibes bezieht sich auf diesen nämlichen Punkt.
Nie wird eine Frau vergessen, daß ein anderer sie häßlich gefunden hat;
allein nämlich findet ein Weib sich n i e häßlich, sondern stets nur
m i n d e r w e r t i g, und auch das nur, indem es an die Triumphe denkt,
welche andere Frauen bei den Männern über sie davon getragen haben. Es
gibt kein Weib, das sich nicht noch schön und begehrenswert fände, wenn
es sich im Spiegel betrachtet; der Frau wird nie, gleich dem Manne, eigene
Häßlichkeit zur schmerzvollen Realität, sondern sie sucht bis ans Ende sich
und die anderen darüber hinwegzutäuschen.
Woher kann nun die weibliche Art der Eitelkeit einzig stammen? Sie
fällt zusammen mit dem Mangel des intelligiblen Ich, d e s s t e t s u n d
a b s o l u t p o s i t i v B e w e r t e t e n, sie erklärt sich aus dem Fehlen eines
E i g e n w e r t e s. Da sie keinen E i g e n w e r t für sich selbst und vor sich
selbst haben, trachten sie Objekt der Wertung anderer zu werden, durch
Begehrung und Bewunderung von deren Seite, einen Wert für Fremde, vor

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Fremden zu gewinnen. Das einzige, was absoluten, unendlichen Wert auf
der Welt hat, ist Seele. »Ihr seid besser denn viele Sperlinge« hat darum
Christus die Menschen wieder gelehrt. Die Frau indessen wertet sich nicht
danach, wie weit sie ihrer Persönlichkeit treu, wie weit sie frei gewesen ist;
jedes Wesen aber, das ein Ich besitzt, kann sich nur so und nicht anders
werten. Wenn also die echte Frau, wie dies ganz ohne Zweifel wirklich
zutrifft, sich selbst immer und ausnahmslos stets nur so hoch einschätzt, wie
den Mann, der sie gewählt hat; wenn sie nur durch den Gatten oder
Geliebten Wert erhält und eben darum nicht nur sozial und materiell,
sondern ihrer tiefsten Wesenheit nach auf die Ehe gestellt ist: s o k a n n
s i e e b e n k e i n e n We r t a n s i c h s e l b s t b e s i t z e n, es f e h l t ihr
d e r E i g e n w e r t d e r m e n s c h l i c h e n P e r s ö n l i c h k e i t. Die Frauen
leiten ihren Wert immer von anderen Dingen ab, von ihrem Geld und Gut,
der Zahl und Pracht ihrer Kleider, dem Rang ihrer Loge im Theater, von
ihren Kindern, vor allem aber von ihrem Bewunderer, von ihrem Manne;
und worauf sich eine Frau im Streit mit der anderen immer zuletzt beruft,
und womit sie die andere wirklich am tiefsten zu treffen und am sichersten
zu demütigen weiß, das ist die soziale Stellung, der Reichtum, das Ansehen
und die Titel, aber auch die Jugendfrische und die vielen Verehrerinnen
ihres Mannes; während es einem Manne, und zwar in erster Linie von ihm
selbst, zur höchsten Schande angerechnet wird, wenn er sich auf irgend ein
Fremdes beruft, und nicht s e i n e n We r t a n s i c h v e r t e i d i g t gegen
alle Angriffe auf denselben.
Dafür, daß W keine Seele hat, ist Folgendes ein weiterer Beweis.
Während (ganz nach G o e t h e s bekanntem Rezept) W durch
Nichtbeachtung von seiten des Mannes ungemein gereizt wird, auch auf ihn
Eindruck zu machen — liegt doch der ganze Sinn und Wert ihres Lebens
nur in dieser Fähigkeit — wird für M das Weib, das ihn unfreundlich und
unhöflich behandelt, eo ipso schon antipathisch. Nichts macht M so
glücklich, als wenn ihn ein Mädchen liebt; selbst wenn sie ihn nicht von
Anbeginn gefesselt hat, ist dann die Gefahr, Feuer zu fangen, für ihn sehr
groß. Für W ist die Liebe eines Mannes, der ihr nicht gefällt, nur eine
Befriedigung ihrer Eitelkeit, oder eine Beunruhigung und Aufscheuchung
schlummernder Wünsche. Die Frau erhebt stets gleichmäßig einen
Anspruch auf alle Männer, die es auf der Welt gibt. Ähnliches gilt auch von
freundschaftlicher Zuneigung innerhalb desselben Geschlechtes, in der ja
doch immer etwas Sexualität steckt.

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Das Verhalten der empirisch allein gegebenen Zwischenstufen ist in
solchem Falle nach ihrer Stellung zwischen M und W besonders zu
bestimmen. Also, um auch in diesem Teile ein Beispiel für eine solche
Anwendung zu geben: während j e d e s L ä c h e l n auf dem Munde eines
Mädchens M leicht entzückt und entflammt, beachten weibliche Männer
wirklich oft nur solche Weiber und Männer, die sich um sie nicht kümmern,
fast ganz wie W einen Bewunderer, dessen sie sicher zu sein glaubt, der
ihren Eigenwert also nicht mehr steigern kann, sofort stehen läßt. Weshalb
ja die Frauen auch nur der Mann anzieht und sie auch nur dem Manne in
der Ehe treu bleiben, der noch bei anderen Frauen Glück hat als bei ihnen:
denn s i e können i h m keinen neuen Wert geben und ihr Urteil dem aller
anderen e n t g e g e nsetzen. Beim echten Manne verhält es sich gerade
verkehrt.
Die Schamlosigkeit wie die Herzlosigkeit des Weibes kommt darin
zum Ausdruck, d a ß es, und w i e es davon sprechen kann, daß es geliebt
wird. Der Mann fühlt sich beschämt, wenn er geliebt wird, weil er damit
beschenkt, passiv, gefesselt, statt Geber, aktiv, frei ist, und weil er weiß, daß
er als Ganzes Liebe nie vollständig verdient; und über nichts wird er denn
so tief schweigen wie hierüber, auch wenn er zu dem Mädchen selbst nicht
in ein intimeres Verhältnis getreten ist, so daß er fürchten müßte, sie durch
hierauf bezügliche Äußerungen bloßzustellen. Das Weib r ü h m t sich
dessen, daß es geliebt wird, es prahlt damit vor anderen Frauen, um von
diesen beneidet zu werden. Die Frau empfindet die Neigung eines
Menschen zu ihr nicht, wie der Mann, als eine Schätzung ihres
w i r k l i c h e n Wertes, als ein tieferes Ve r s t ä n d n i s für ihr Wesen;
sondern sie empfindet diese Neigung als die Ve r l e i h u n g eines Wertes,
den sie sonst nicht hätte, als die Gabe einer Existenz und einer Essenz, d i e
i h r h i e m i t e r s t wird, und mit welcher sie vor anderen sich legitimiert.
D a r a u s erklärt sich auch das unglaubliche, einem früheren Abschnitt
Problem gewordene G e d ä c h t n i s der Frauen für K o m p l i m e n t e, selbst
wenn ihnen diese in frühester Jugend gemacht wurden. Durch Komplimente
nämlich e r h a l t e n sie erst We r t, und d a r u m v e r l a n g e n die Frauen
vom Manne, daß er »g a l a n t« sei. Die Galanterie ist die billigste Form der
Veräußerung von Wert an die Frau, und so wenig sie den Mann kostet, so
schwer wiegt sie für das Weib, das eine Huldigung n i e vergißt, und bis ins
späteste Alter von den fadesten Schmeicheleien zehrt. Man erinnert sich nur

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an das, was für den Menschen einen Wert besitzt; und wenn dem so ist, mag
man erwägen, w a s es besagt, daß die Frauen gerade für Komplimente das
ausgesuchteste Gedächtnis besitzen. Sie sind etwas, das den Frauen Wert
nur darum verleihen kann, weil diese keinen urwüchsigen Maßstab des
Wertes kennen, keinen absoluten Wert in sich fühlen, der alles verschmäht
außer sich selbst. Und so liefert selbst das Phänomen der Courtoisie, der
»Ritterlichkeit«, den Beweis, daß die Frauen keine Seele besitzen, ja, daß
der Mann gerade dann, wenn er gegen das Weib galant ist, ihm am
wenigsten Seele, am wenigsten E i g e n w e r t zuschreibt, und es am tiefsten
g e r a d e d o r t m i ß a c h t e t u n d h e r a b w ü r d i g t, wo es selbst a m
h ö c h s t e n s i c h g e h o b e n fühlt. — —
Wie amoralisch das Weib ist, kann man daraus ersehen, daß ihm sofort
entschwindet, was es Unsittliches getan hat; und daß es vom Manne, wenn
dieser die Erziehung des Weibes sich angelegen sein läßt, immer wieder
daran erinnert werden muß: dann allerdings kann es momentan vermöge der
eigentümlichen Art der weiblichen Verlogenheit wirklich einzusehen
glauben, daß es ein Unrecht begangen habe, und so sich und den Mann
täuschen. Der Mann dagegen hat für nichts ein so tiefes Gedächtnis, wie für
die Punkte, in denen er schuldig geworden ist. Hier offenbart sich das
Gedächtnis wiederum als ein eminent moralisches Phänomen. Vergeben
und Vergessen, nicht Vergeben und Verstehen, sind eines. We r s i c h d e r
L ü g e e r i n n e r t , w i r f t s i e s i c h a u c h v o r. Daß das Weib sich
seine Gemeinheit nicht verübelt, kommt damit überein, daß es sich ihrer
n i e w i r k l i c h b e w u ß t w i r d — hat es doch kein Verhältnis zur
sittlichen Idee — und sie v e r g i ß t. Darum ist es ganz begreiflich, wenn es
sie l e u g n e t. Man hält die Frauen, weil bei ihnen das Ethische gar nicht
p r o b l e m a t i s c h wird, törichterweise für u n s c h u l d i g, ja man hält sie
für sittlicher als den Mann: es kommt das aber nur daher, daß sie noch gar
nicht wissen, was unsittlich ist. Denn auch die Unschuld des Kindes kann
kein Verdienst sein, nur die Unschuld des Greises wäre eines — und die
gibt es nicht.
Aber auch die Selbstbeobachtung ist ein durchaus Männliches — auf
eine scheinbare Ausnahme, die hysterische Selbstbeobachtung mancher
Frauen, kann hier noch nicht eingegangen werden — ebenso wie das
Schuldbewußtsein, die Reue; die Kasteiungen, die Frauen an sich
vornehmen, diese merkwürdigen Imitationen eines echten Schuldgefühles,

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werden am gleichen Orte wie die weibliche Form der Selbstbeobachtung
zur Sprache kommen. D a s S u b j e k t d e r S e l b s t b e o b a c h t u n g
nämlich ist identisch mit dem moralisierenden: es faßt
die psychischen Phänomene nur auf, indem es sie
einschätzt.
Es ist ganz in der Ordnung und liegt nur auf der Linie des
Positivismus, wenn A u g u s t e C o m t e die Selbstbeobachtung für in sich
widerspruchsvoll erklärt und sie eine »abgründliche Absurdität« nennt. Es
ist ja klar, folgt aus der Enge des Bewußtseins und bedarf kaum einer
besonderen Hervorhebung, daß nicht zu g l e i c h e r Zeit ein psychisches
Geschehnis und noch eine besondere Wahrnehmung desselben dasein
könne: erst an das »primäre« Erinnerungsbild (J o d l) knüpft sich die
Beobachtung und Wertung; es ist ein Urteil über eine Art Nachbild, das
vollzogen wird. Aber innerhalb lauter g l e i c h w e r t i g e r P h ä n o m e n e
könnte nie eines zum Objekte gemacht und bejaht oder verneint werden,
wie dies in aller Selbstbeobachtung geschieht. Was hier alle Inhalte
betrachtet, beurteilt und wertet, kann nicht in den Inhalten selbst, als ein
Inhalt unter anderen, gelegen sein. Es ist das zeitlose Ich, das die
Vergangenheit zurechnet wie die Gegenwart, das jene »Einheit des
Selbstbewußtseins«, jenes kontinuierliche Gedächtnis erst schafft, welches
der Frau abgeht. Denn nicht das Gedächtnis, wie M i l l, oder die
Kontinuität, wie M a c h vermutet, bringen den Glauben an ein Ich hervor,
das außer diesen keine Existenz habe, sondern gerade umgekehrt wird
Gedächtnis und Kontinuität, wie Pietät und Unsterblichkeitsbedürfnis, aus
dem Werte des Ich heraus erzeugt, von dessen Inhalten nichts Funktion der
Zeit sein, nichts der Vernichtung soll anheimgegeben werden dürfen.[42]
Hätte das Weib Eigenwert und den Willen, einen solchen gegen alle
Anfechtung zu behaupten, hätte es auch nur das B e d ü r f n i s nach
S e l b s t a c h t u n g, so könnte es nicht n e i d i s c h sein. Wahrscheinlich sind
alle Frauen neidisch; der Neid aber ist eine Eigenschaft, welche nur dort
sein kann, wo jene Voraussetzungen fehlen. Auch der Neid der Mütter,
wenn die Töchter anderer Frauen eher heiraten als ihre eigenen, ist ein
Symptom echter Gemeinheit, und setzt, wie übrigens aller Neid, einen
völligen Mangel an Gerechtigkeitsgefühl voraus. In der Idee der
G e r e c h t i g k e i t, welche in der Anwendung der Idee der Wahrheit auf das

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Praktische besteht, berühren sich Logik und Ethik ebenso eng wie im
theoretischen Wahrheitswerte selbst.
Ohne Gerechtigkeit keine Gesellschaft; der Neid hingegen ist d i e
absolut unsoziale Eigenschaft. Das Weib ist wirklich auch vollkommen
u n s o z i a l; und wenn früher mit Recht alle Gesellschaftsbildung an den
Besitz einer Individualität geknüpft wurde, so liegt hier die Probe darauf
vor. Für den Staat, für Politik, für gesellige Gemütlichkeit hat die Frau
keinen Sinn, und weibliche Vereine, in welche Männer keinen Zutritt
erhalten, pflegen nach kurzer Zeit sich aufzulösen. Die Familie endlich ist
geradezu d a s unsoziale, und keineswegs ein soziales Gebilde; Männer, die
heiraten, ziehen sich damit schon auch aus den Gesellschaften, denen sie bis
dahin als Mitglieder und Teilnehmer angehörten, zurück. Dies hatte ich
geschrieben, bevor die wertvollen ethnologischen Forschungen von
H e i n r i c h S c h u r t z veröffentlicht wurden, die an der Hand eines reichen
Materiales dartun, daß in den M ä n n e r b ü n d e n und nicht in der Familie
die Anfänge der Gesellschaftsbildung zu suchen seien.
P a s c a l hat wunderbar ausgeführt, wie Gesellschaft vom Menschen
nur gesucht wird, weil dieser die Einsamkeit nicht ertragen, sondern sich
selbst vergessen will: auch hier sieht man die vollkommene Kongruenz
zwischen der früheren Position, durch welche der Frau die Fähigkeit zur
Einsamkeit abgesprochen wurde, und der jetzigen, welche ihre
Ungeselligkeit behauptet.
Hätte die Frau ein Ich, so hätte sie auch einen Sinn für das Eigentum,
bei sich wie bei anderen. Der Stehltrieb ist aber bei den Frauen viel
entwickelter als bei den Männern: die sogenannten Kleptomanen (Diebe
o h n e N o t) sind beinahe ausschließlich Frauen. Denn das Weib hat wohl
Verständnis für Macht und für Reichtum, aber nicht für das Eigentum. Auch
pflegen die kleptomanen Frauen, wenn sie ihrer Diebstähle überführt
werden, sich damit zu verantworten, daß sie angeben, es sei ihnen
vorgekommen, als hätte ihnen alles gehört. In Leihbibliotheken sieht man
hauptsächlich Frauen aus- und eingehen, und zwar auch solche, die begütert
genug wären, mehrere Büchereien zu kaufen; aber es fehlt ihnen eine
größere Innigkeit des Verhältnisses zu allem, was ihnen gehört, als zu allem,
das sie nur entlehnt haben. Auch hier sieht man den Zusammenhang
zwischen Individualität und Sozialität deutlich hervorleuchten: wie man
selbst Persönlichkeit haben muß, um fremde Persönlichkeit aufzufassen, so

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muß der Sinn auf Erwerbung eigenen Besitzes gerichtet sein, wenn fremde
Habe nicht berührt werden soll.
Inniger noch als das Eigentum ist der N a m e und ein herzliches
Ve r h ä l t n i s zu ihrem Namen mit jeder P e r s ö n l i c h k e i t notwendig
gegeben. Und hier sprechen die Tatsachen so laut, daß man sich wundern
muß, wie wenig diese Sprache im allgemeinen vernommen wird. Die
Frauen sind nämlich durch g a r k e i n Band mit ihrem Namen verknüpft.
B e w e i s e n d hiefür ist allein schon, daß sie ihren Namen aufgeben und
den des Mannes annehmen, den sie heiraten, ja diesen Schritt der
Namensänderung an sich nie als bedeutsam empfinden, um den alten
Namen nicht eine Sekunde trauern, sondern leichten Sinnes den des Mannes
annehmen; wie an den Mann nicht ohne tiefen in der Natur des Weibes
gelegenen Grund (bis vor kurzem wenigstens) meist auch das Eigentum der
Frau übergegangen ist. Es ist auch nichts davon zu merken, daß speziell
jene Trennung sie einen Kampf kostete; im Gegenteil, schon vom Liebhaber
und Kurmacher lassen sie sich den Namen geben, der i h m gefällt. Und
selbst wenn sie einem ungeliebten Mann und diesem nur mit großem
Widerstreben in die Ehe folgen, es hat noch nie eine Frau gerade darüber
sich beklagt, daß sie von ihrem Namen habe Abschied nehmen müssen, es
läßt ihn jede und scheidet von ihm, ohne die geringste Pietät dafür zu
verraten, daß s i e ehemals so hieß. Im allgemeinen wird vielmehr die eigene
Neubenennung bereits vom Liebenden ebenso g e f o r d e r t, wie der neue
Familienname des Ehegatten ungeduldig, schon der Neuheit wegen,
e r w a r t e t. Der Name aber ist gedacht als ein Symbol der Individualität;
nur bei den allertiefst stehenden Rassen der Erde, wie bei den
Buschmännern Südafrikas, soll es keine Personennamen geben, weil das
natürliche Unterscheidungsbedürfnis der Menschen voneinander nicht so
weit reicht. Das Weib, das im Grund n a m e n l o s ist[43], ist dies, weil es,
seiner Idee nach, keine P e r s ö n l i c h k e i t besitzt.
Damit hängt endlich noch die wichtige Beobachtung zusammen,
welche zu machen man nie verfehlen wird, sobald man einmal aufmerksam
geworden ist. Wenn in einen Raum, in dem ein Weib sich befindet, ein
Mann tritt und sie ihn erblickt, seinen Schritt hört oder seine Anwesenheit
auch nur ahnt, s o w i r d s i e s o f o r t e i n e g a n z a n d e r e. Ihre Miene,
ihre Bewegungen ändern sich mit unglaublicher Plötzlichkeit. Sie »richtet
ihre Frisur«, zieht ihre Röcke zusammen und hebt sie, oder macht sich an

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ihrem Kleide zu schaffen, in ihr ganzes Wesen kommt eine halb schamlose,
halb ängstliche Erwartung. Man kann im Einzelfalle oft nur darüber noch
im Zweifel sein, ob sie mehr errötet über ihr schamloses Lächeln, oder
mehr schamlos lächelt über ihr Erröten.
Seele, Persönlichkeit, Charakter ist aber — hierin liegt eine unendlich
tiefe, bleibende Einsicht S c h o p e n h a u e r s — identisch mit dem freien
W i l l e n oder es deckt sich wenigstens der Wille mit dem Ich insofern, als
dieses in Relation zum Absoluten gedacht ist. Und fehlt den Frauen das Ich,
so können sie auch keinen Willen besitzen. Nur wer keinen eigenen Willen,
keinen Charakter in höherem Sinne hat, bleibt, schon durch die bloße
Gegenwart eines zweiten Menschen, so leicht b e e i n f l u ß b a r, wie das
Weib es ist, in funktioneller A b h ä n g i g k e i t von dieser, statt in freier
A u f f a s s u n g derselben. S i e ist das beste Medium, M ihr bester
Hypnotiseur. Aus diesem Grunde allein ist unerfindlich, warum die Frauen
gerade als Ärztinnen besonders viel taugen sollen; da doch einsichtigere
Mediziner selbst zugeben, daß der Hauptteil dessen, was sie bis heute —
und so wird es wohl bleiben — zu leisten vermögen, in der suggestiven
Einwirkung auf den Kranken besteht.
Schon in der ganzen Tierreihe ist W stets leichter hypnotisierbar als M.
Und wie die hypnotischen Phänomene doch mit den alltäglichsten in einer
nahen Verwandtschaft stehen, erhellt aus dem Folgenden: Wie leicht wird
nicht (ich habe schon gelegentlich der Frage des weiblichen Mitleids darauf
hingewiesen) W durch Lachen oder Weinen »angesteckt«! Wie imponiert
ihr nicht alles, was in der Zeitung steht, wie leicht fällt sie nicht dem
dümmsten Aberglauben zum Opfer, wie probiert sie nicht sofort jedes
Wundermittel, das ihr eine Nachbarin empfohlen hat!
Wem ein Charakter fehlt, dem gebricht es auch an Überzeugungen.
Darum ist W leichtgläubig, unkritisch, ganz ohne Verständnis für den
Protestantismus. Dennoch hat man, so sicher ein jeder Christ schon als
Katholik o d e r als Protestant vor der Taufe a u f d i e We l t k o m m t, kein
Recht, den Katholizismus darum als weiblich anzusehen, weil er den
Frauen noch immer eher zugänglich ist, als der Protestantismus. Hier wäre
ein anderer charakterologischer Einteilungsgrund in Betracht zu ziehen,
dessen Erörterung nicht Sache dieser Schrift sein kann. — —

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So ist denn ein ganz umfassender Nachweis geführt, daß W seelenlos
ist, daß es kein Ich und keine Individualität, keine Persönlichkeit und keine
Freiheit, keinen Charakter und keinen Willen hat. D i e s e s R e s u l t a t i s t
aber für alle Psychologie von kaum zu überschätzender
W i c h t i g k e i t . Es besagt nicht weniger, als d a ß d i e P s y c h o l o g i e
von M und die Psychologie von W getrennt zu
behandeln sind. Für W scheint eine rein empirische
Darstellung des psychischen Lebens möglich, für M
muß jede Psychologie nach dem Ich als dem obersten
G i e b e l d e s G e b ä u d e s i n d e r We i s e t e n d i e r e n , w i e K a n t
dies als notwendig eingesehen hatte.
Die H u m esche (und M a c hsche) Ansicht, nach welcher es nur
»impressions« und »thoughts« (A B C .... und α β γ ...) gibt, und die heute
allgemein zur Verbannung der Psyche aus der Psychologie geführt hat,
erklärt nicht nur, daß die ganze Welt ausschließlich unter dem Bilde eines
Winkelspiegels, als ein Kaleidoskop zu verstehen sei; sie macht nicht nur
alles zu einem Tanz der »Elemente«, sinnlos, grundlos; sie vernichtet nicht
nur die Möglichkeit, einen festen Standpunkt für das Denken zu gewinnen,
sie zerstört nicht nur den Wahrheitsbegriff und damit eben die Wirklichkeit,
deren Philosophie sie einzig zu sein beansprucht: sie trägt auch die
Hauptschuld an dem Elend der heutigen Psychologie.
Diese heutige Psychologie nennt sich mit Stolz die »P s y c h o l o g i e
o h n e S e e l e«, nach dem ersten, der dies Wort ausgesprochen hat, nach
dem vielüberschätzten Friedrich Albert L a n g e. Diese Untersuchung glaubt
gezeigt zu haben, daß ohne die Annahme einer Seele den psychischen
Erscheinungen gegenüber kein Auskommen zu finden ist: sowohl an den
Phänomenen von M, dem eine Seele zuerkannt werden muß, als auch an
den Phänomenen von W, die seelenlos ist. Unsere heutige Psychologie ist
eine eminent weibliche Psychologie, und gerade darum ist die
vergleichende Untersuchung der Geschlechter so besonders lehrreich, nicht
zuletzt darum habe ich sie mit dieser Gründlichkeit ausgeführt; denn hier
am ehesten kann offenbar werden, was zur Annahme des Ich nötigt, und wie
die Konfusion von männlichem und weiblichem Seelenleben (im weitesten
und tiefsten Sinne), bei dem Bestreben, eine Allgemeinpsychologie zu
schaffen, als der Faktor angesehen werden darf, der am weitesten in die Irre

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geführt hat, wenn er auch (ja gerade w e i l er) gar nicht b e w u ß t zur
Geltung gebracht worden ist.
Freilich erhebt sich nun die Frage, i s t v o n M ü b e r h a u p t
Psychologie als Wissenschaft möglich? Und hierauf ist
v o r d e r h a n d m i t N e i n z u a n t w o r t e n . Ich muß wohl darauf gefaßt
sein, an die Untersuchungen der Experimentatoren verwiesen zu werden,
und auch wer in dem allgemeinen Experimentalrausch nüchterner geblieben
ist, wird vielleicht verwundert fragen, ob diese denn gar nicht zählten. Aber
die experimentelle Psychologie hat nicht nur keinen einzigen Aufschluß
über die tieferen Gründe des männlichen Seelenlebens gegeben; nicht nur
kann niemand an eine mehr als sporadische Erwähnung, geschweige denn
an eine systematische Verarbeitung dieser ungeheueren Zahl von
Versuchsreihen denken: sondern vor allem ist, wie gezeigt wurde, ihre
M e t h o d e, außen anzufangen und von da in den Kern hineinzudringen,
verfehlt; und darum hat sie auch nicht e i n e Aufklärung über den tieferen
innerlichen Zusammenhang der psychischen Phänomene gebracht. Die
psychophysische Maßlehre hat überdies gerade gezeigt, wie das eigentliche
Wesen der psychischen im Gegensatz zu den physischen Phänomenen darin
besteht, daß die Funktionen, durch welche ihr Zusammenhang und ihr
Übergehen ineinander allenfalls darstellbar wäre, auch im besten Falle
u n s t e t i g und darum n i c h t d i f f e r e n z i e r b a r geraten müßten. Mit der
Stetigkeit ist aber auch die prinzipielle Möglichkeit der Erreichbarkeit des
unbedingt mathematischen Ideales aller Wissenschaft dahin. Wem übrigens
klar ist, daß Raum und Zeit nur durch die Psyche geschaffen werden, der
wird nicht von Geometrie und Arithmetik erwarten, daß sie je ihren
Schöpfer erschöpfen könnten.
Es gibt keine wissenschaftliche Psychologie vom Manne; denn im
Wesen aller Psychologie liegt es, das Unableitbare ableiten zu wollen, ihr
endliches Ziel müßte, deutlicher gesprochen, dieses sein, j e d e m
Menschen seine Existenz und Essenz zu beweisen, zu
d e d u z i e r e n. Dann wäre aber jeder Mensch, auch seinem tiefsten Wesen
nach, Folge eines Grundes, determiniert und kein Mensch dem anderen
mehr, als einem Mitgliede eines Reiches der Freiheit und des unendlichen
Wertes, Achtung schuldig: i m A u g e n b l i c k , w o i c h v ö l l i g
deduziert, völlig subsumiert werden könnte, hätte ich
a l l e n We r t v e r l o r e n, und wäre eben s e e l e n l o s. Mit der F r e i h e i t

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des Wo l l e n s wie des D e n k e n s (denn diese muß man zu jener
hinzufügen) ist die Annahme der durchgängigen Bestimmtheit
unverträglich, mit welcher alle Psychologie ihr Geschäft beginnt. Wer
darum an ein freies Subjekt glaubte, wie K a n t und S c h o p e n h a u e r, der
mußte die Möglichkeit der Psychologie als Wissenschaft leugnen; wer an
die Psychologie glaubte, für den konnte die Freiheit des Subjektes auch
nicht eine Denkmöglichkeit mehr bleiben: so wenig für H u m e als für
H e r b a r t (die zwei Begründer der modernen Psychologie).
Aus diesem Dilemma erklärt sich der traurige Stand der heutigen
Psychologie in allen ihren Prinzipienfragen. Jene Bemühungen, den
W i l l e n aus der Psychologie hinauszuschaffen, jene immer wiederholten
Versuche, ihn aus Empfindung und Gefühl abzuleiten, haben eigentlich
ganz recht darin, daß der Wille kein e m p i r i s c h e s Faktum ist. Der Wille
ist in der Erfahrung nirgends aufzutreiben und nachzuweisen, weil er selbst
die Voraussetzung jedes empirisch-psychologischen Datums ist. Versuche
einer, der am Morgen gern lange schläft, sich in dem Momente zu
beobachten, da er den Entschluß faßt, sich vom Bette zu erheben. I m
E n t s c h l u s s e l i e g t (wie in der Aufmerksamkeit) d a s g a n z e
u n g e t e i l t e I c h, und darum fehlt die Zweiheit, die notwendig wäre, um
den Willen wahrzunehmen. Ebensowenig wie das Wollen ist das D e n k e n
ein Faktum, das man in den Händen behielte, wenn man wissenschaftliche
Psychologie treibt. Denken ist urteilen, aber was ist das Urteil für die innere
Wahrnehmung? Nichts, es ist ein ganz Fremdes, das zu aller Rezeptivität
hinzukommt, aus den Bausteinen, welche die psychologischen Fasolte und
Fafners herbeigeschleppt haben, nicht abzuleiten: jeder neue Urteilsakt
vernichtet von neuem die mühselige Arbeit der Empfindungsatomisten.
Ebenso ist's mit dem B e g r i f f. Kein Mensch denkt Begriffe, und doch gibt
es Begriffe, wie es Urteile gibt. Und am Ende sind auch W u n d t s Gegner
vollständig im Rechte damit, daß die A p p e r z e p t i o n kein empirisch-
psychologisches Faktum, und kein irgendwann wahrnehmbarer Akt ist.
Freilich ist Wundt tiefer als seine Bekämpfer — nur die allerflachsten
Gesellen können Assoziationspsychologen sein — und es ist auch sicherlich
begründet, wenn er die Apperzeption mit dem Willen und der
Aufmerksamkeit zusammenbringt. Aber sie ist so wenig eine Tatsache der
Erfahrung wie eben diese, so wenig wie Urteil und Begriff. Wenn trotzdem
alle diese Dinge, wenn Denken und Wollen da sind, nicht hinauszubringen,
und jeder Bemühung einer Analyse spottend, so handelt es sich nur um die

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Wahl, ob man etwas annehmen wolle, das alles psychische Leben erst
möglich mache, oder nicht.
Darum sollte man dem Unfug ein Ziel setzen, von einer empirischen
Apperzeption zu reden, und einsehen, wie sehr K a n t recht hatte, als er nur
eine t r a n s c e n d e n t a l e A p p e r z e p t i o n gelten ließ. Will man aber
hinter die Erfahrung nicht zurückgehen, so bleibt nichts übrig als die
unendlich ausgespreizte, armselig öde Empfindungsatomistik mit ihren
Assoziationsgesetzen; oder die Psychologie wird m e t h o d i s c h zu einem
Annex der Physiologie und Biologie, wie bei Av e n a r i u s, dessen feiner
Bearbeitung eines, übrigens recht begrenzten, Stückes aus dem ganzen
Seelenleben jedoch nur sehr wenige und recht unglückliche Versuche der
Weiterführung gefolgt sind.
Somit hat sich, ein wirkliches Verständnis des Menschen anzubahnen,
die unphilosophische Seelenkunde als völlig ungeeignet erwiesen, und
keine Vertröstung auf die Zukunft vermag sichere Bürgschaft zu bieten, daß
ihr dies je gelingen könne. Ein je besserer Psychologe einer ist, desto
langweiliger werden ihm diese heutigen Psychologien. Denn sie steifen sich
samt und sonders darauf, die Einheit, die alles psychische Geschehen erst
begründet, bis zum Schluß zu ignorieren: allwo wir dann regelmäßig noch
durch einen letzten Abschnitt unangenehm überrascht werden, der von der
Entwicklung einer harmonischen Persönlichkeit handelt. Jene E i n h e i t, die
allein die wahre U n e n d l i c h k e i t ist, wollte man aus einer größeren oder
geringeren Z a h l von Bestimmungsstücken aufbauen; die »Psychologie als
Erfahrungswissenschaft« sollte die Bedingung aller Erfahrung a u s der
Erfahrung gewinnen! Das Unternehmen wird ewig fehlschlagen und ewig
erneuert werden, weil die Geistesrichtung des Positivismus und
Psychologismus so lange bestehen muß, als es mittelmäßige Köpfe und
bequeme, nicht bis zu Ende denkende Naturen gibt. Wer, wie der
Idealismus, die Psyche nicht opfern will, der muß die Psychologie
preisgeben; wer die Psychologie aufrichtet, der tötet die Psyche. Alle
Psychologie will das Ganze aus den Teilen ableiten und als bedingt
hinstellen; alles tiefere Nachdenken erkennt, daß die Teilerscheinungen hier
aus dem Ganzen als letztem Urquell fließen. S o n e g i e r t d i e
Psychologie die Psyche, und die Psyche ihrem Begriff
nach jede Lehre von ihr: die Psyche negiert die
Psychologie.

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Diese Darstellung hat sich für die P s y c h e und gegen die lächerliche
und jämmerliche s e e l e n l o s e P s y c h o l o g i e entschieden. Ja, es bleibt
ihr fraglich, ob Psychologie mit Seele je vereinbar, eine Wissenschaft, die
Kausalgesetze und selbstgesetzte Normen des Denkens und Wollens
aufsuchen will, mit der Freiheit des Denkens und Wollens überhaupt
verträglich sei. Auch die Annahme einer besonderen »psychischen
Kausalität«[44] kann vielleicht nichts daran ändern, daß die Psychologie,
indem sie zuletzt ihre eigene Unmöglichkeit dartut, durch ein solches Ende
den glänzendsten Beweis für das jetzt allgemein verlachte und verlästerte
Recht des Freiheitsbegriffes wird erbringen müssen.
Hiemit soll aber keineswegs eine neue Ära der rationalen Psychologie
ausgerufen sein. Vielmehr ist die Absicht im Anschluß an K a n t die, daß die
transcendentale I d e e der Psyche von Anfang an als Führer beim Aufsteigen
in der Reihe der Bedingungen bis zum Unbedingten zu dienen habe,
durchaus nicht hingegen »in Ansehung des Hinabgehens zum Bedingten«.
Nur die Versuche mußten abgelehnt werden, jenes Unbedingte aus dem
Bedingten (am Schlusse eines Buches von 500–1500 Seiten)
hervorspringen zu lassen. Seele ist das regulative Prinzip, das aller wahrhaft
psychologischen, und nicht empfindungsanalytischen, Einzelforschung
vorzuschweben und diese zu leiten hat; weil sonst jede Darstellung des
Seelenlebens, auch wenn sie noch so detailliert, liebevoll und
verständnisinnig geschrieben ist, in ihrer Mitte gähnend ein großes
schwarzes Loch aufweist.
Es ist unbegreiflich, wie Forscher, die nie einen Versuch gemacht
haben, Phänomene wie Scham und Schuld, Glauben und Hoffnung, Furcht
und Reue, Liebe und Haß, Sehnsucht und Einsamkeit, Eitelkeit und
Empfindlichkeit, Ruhmsucht und Unsterblichkeitsbedürfnis zu analysieren,
den Mut haben, über das Ich kurzerhand abzusprechen, weil sie es nicht
vorfinden wie die Farbe der Orange oder den Geschmack des Laugenhaften.
Oder wie wollen M a c h und H u m e auch nur die Tatsache des S t i l e s
erklären, wenn nicht aus der Individualität? Ja, weiter: die Tiere
erschrecken nie, wenn sie sich im Spiegel sehen, aber kein Mensch
vermöchte sein Leben in einem Spiegelzimmer zu verbringen. Oder ist auch
diese Furcht, die Furcht vor dem D o p p e l g ä n g e r (von der
bezeichnenderweise das Weib frei ist[45]) »biologisch«, »darwinistisch«
abzuleiten? Man braucht das Wort Doppelgänger nur zu nennen, um in den

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meisten Männern heftiges Herzklopfen hervorzurufen. Hier hört eben alle
rein empirische Psychologie notgedrungen auf, hier ist T i e f e vonnöten.
Denn wie könnte man d i e s e Dinge zurückführen auf ein früheres Stadium
der Wildheit oder Tierheit und des Mangels an Sicherung durch die
Zivilisation, woraus M a c h die Furcht der kleinen Kinder als eine
ontogenetische Reminiszenz erklären zu können glaubt! Ich habe übrigens
dies nur als eine Andeutung erwähnt, um die »Immanenten« und »naiven
Realisten« daran zu mahnen, daß es auch in ihnen Dinge gibt, von denen
.....
Warum ist kein Mensch angenehm berührt und völlig damit
einverstanden, wenn man ihn als Nietzscheaner, Herbartianer, Wagnerianer
u. s. w. e i n r e i h t? Wenn man ihn, mit einem Worte, s u b s u m i e r t? Auch
Ernst M a c h ist es doch gewiß schon passiert, daß ihn ein oder der andere
liebe Freund subsumiert hat als Positivisten, Idealisten oder irgendwie
sonst. Glaubt er sich richtig beschrieben, wenn jemand sagen wollte, das
Gefühl, das man bei solchen durch andere vorgenommenen Subsumtionen
habe, gehe bloß auf die fast völlige Gewißheit der E i n z i g a r t i g k e i t des
Zusammentreffens der »E l e m e n t e« in einem Menschen, es sei nur
beleidigte Wahrscheinlichkeitsrechnung? Und doch hat dieses Gefühl,
genau genommen, nichts von einem Nichteinverstandensein, wie sonst
wohl mit irgend einer wissenschaftlichen These. Es ist auch etwas ganz
anderes, und darf damit nicht verwechselt werden, wenn jemand selbst es
sagt, er sei Wagnerianer. Hierin liegt im tiefsten Grunde immer eine positive
Bewertung des Wagnertums, weil man selbst Wagnerianer ist. Wer
aufrichtig ist, wer es sein kann, wird zugeben, daß er mit einer solchen
Aussage a u c h eine Erhöhung Wagners vornimmt. Vom anderen Menschen
fürchtet man meist, daß er das Gegenteil einer Erhöhung beabsichtige.
Daher die Erscheinung, daß ein Mensch sehr viel von sich selbst sagen
kann, was ihm von anderen zu hören höchst peinlich wäre, wie C y r a n o
v o n B e r g e r a c von den tollsten Sticheleien bekennt:

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»Je me les sers moi-même, avec assez de verve,
Mais je ne permets pas qu'un autre me les serve.«

Woher rührt also jenes Gefühl, das selbst tiefstehende Menschen
haben? Von einem, wenn auch noch so dunklen Bewußtsein ihres Ich, ihrer
Individualität, die dabei zu kurz kommt. D i e s e s W i d e r s t r e b e n i s t
das Urbild aller Empörung.
Es geht endlich auch nicht recht an, einen P a s c a l, einen N e w t o n
einerseits höchst geniale Denker und anderseits mit einer Menge
beschränkter Vorurteile behaftet sein zu lassen, über die »w i r« längst
hinaus seien. Stehen wir denn wirklich auf unsere elektrischen Bahnen und
empirischen Psychologien hin schon ohne weiteres um so viel höher als
jene Zeit? Ist K u l t u r, wenn es Kulturwerte gibt, wirklich nach dem Stande
der Wissenschaft, die immer nur einen s o z i a l e n, nie einen
i n d i v i d u e l l e n , n i c h t - d e m o n s t r i e r b a r e n Charakter hat, nach der
Zahl der Volksbibliotheken und Laboratorien zu messen? Ist Kultur denn
etwas außerhalb des Menschen, ist Kultur nicht vor allem i m Menschen?
Und man mag sich noch so erhaben fühlen über einen E u l e r, gewiß
einen der größten Mathematiker aller Zeiten, welcher einmal sagt: was e r,
im Augenblick, da e r einen Brief schreibe, tue, das würde e r genau so tun
wie wenn e r im Körper eines Rhinozeros steckte. Ich will die Äußerung
E u l e r s auch nicht schlechthin verteidigen, sie ist vielleicht
charakteristisch für den Mathematiker, ein Maler hätte sie nie getan. Aber
dieses Wort gar nicht zu begreifen, nicht einmal die Mühe zu seinem
Verständnisse sich zu nehmen, sich über sie einfach lustig zu machen und
E u l e r mit der »Beschränktheit seiner Zeit« zu entschuldigen, das scheint
mir keineswegs gerechtfertigt.
Also, es ist, wenigstens für den Mann, auch in der Psychologie o h n e
den Ich-Begriff nicht dauernd auszukommen; ob m i t diesem eine im
W i n d e l b a n dschen Sinne nomothetische Psychologie, d. h.
psychologische Gesetze vereinbar sind, scheint sehr fraglich, kann aber an
der Anerkennung jener Notwendigkeit nichts ändern. Vielleicht schlägt die
Psychologie jene Bahn ein, die ihr ein früheres Kapitel vorzeichnen zu
können glaubte, und wird theoretische Biographie. Aber gerade dann
werden ihr die Grenzen aller empirischen Psychologie am ehesten zum
Bewußtsein kommen.

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Daß i m M a n n e für alle Psychologie ein Ineffabile, ein
Unauflösliches bleibt, damit stimmt es wunderbar überein, daß
regelrechte Fälle von »duplex« oder »multiplex
p e r s o n a l i t y « , Ve r d o p p e l u n g o d e r Ve r v i e l f a c h u n g d e s
Ich, nur bei Frauen beobachtet worden sind. Das
a b s o l u t e We i b i s t z e r l e g b a r: der Mann ist in alle Ewigkeit, auch
durch die beste Charakterologie nicht völlig zerlegbar, geschweige denn
durchs Experiment: in ihm ist ein Wesenskern, der keine Zergliederung
mehr zuläßt. W ist ein Aggregat und daher dissoziierbar, spaltbar.
Deswegen ist es ungemein komisch und belustigend, moderne
Gymnasiasten (als platonische Idee) von der Seele des Weibes, von
Frauenherzen und ihren Mysterien, von der Psyche des modernen Weibes
etc. reden zu hören. Es scheint auch zu dem Befähigungsnachweis eines
gesuchten Accoucheurs zu gehören, daß er an die Seele des Weibes glaube.
Wenigstens hören es viele Frauen sehr gerne, wenn man von ihrer Seele
spricht, obwohl sie (in Henidenform) wissen, daß das Ganze ein Schwindel
ist. D a s We i b a l s d i e S p h i n x ! E i n ä r g e r e r U n s i n n i s t
kaum je gesagt worden. Der Mann ist unendlich
r ä t s e l h a f t e r , u n v e r g l e i c h l i c h k o m p l i z i e r t e r. Man braucht nur
auf die Gasse zu gehen: es gibt kaum ein Frauengesicht, dessen Ausdruck
einem da nicht bald klar würde. Das Register des Weibes an Gefühlen, an
Stimmungen ist so unendlich arm! Während gar manches männliche Antlitz
lange und schwer zu raten gibt.
Schließlich werden wir hier auch einer Lösung der Frage:
Parallelismus oder Wechselwirkung zwischen Seelischem und
Körperlichem? nähergeführt. Für W trifft der psychophysische
Parallelismus, als vollständige Koordination beider Reihen, zu: mit der
senilen Involution der Frau erlischt auch die Fähigkeit zu geistiger
Anspannung, die ja nur im Gefolge sexueller Zwecke auftritt, und diesen
dienstbar gemacht wird. Der Mann wird nie in dem Sinne völlig alt wie das
Weib, und es ist die geistige Rückbildung hier durchaus nicht notwendig,
sondern nur in einzelnen Fällen mit der körperlichen verknüpft; am
allerwenigsten endlich ist von greisenhafter Schwäche bei jenem Menschen
etwas wahrzunehmen, welcher die Männlichkeit in voller geistiger
Entfaltung zeigt, beim Genie.

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Nicht umsonst sind jene Philosophen, welche die strengsten
Parallelisten waren, S p i n o z a und F e c h n e r, auch die strengsten
Deterministen. Bei M, dem freien, intelligiblen Subjekte, das sich für Gut
oder für Böse n a c h s e i n e m W i l l e n entscheiden kann, ist der
psychophysische Parallelismus, der eine der mechanischen genau analoge
Kausalverkettung auch für alles Geistige fordern würde, auszuschließen.
So weit wäre denn die Frage, welcher prinzipielle Standpunkt in der
Behandlung der Psychologie der Geschlechter einzunehmen ist, erledigt. Es
erwächst dieser Ansicht jedoch wieder eine außerordentliche Schwierigkeit
in einer Reihe merkwürdiger Tatsachen, die zwar für die faktische
Seelenlosigkeit von W noch einmal, und zwar in geradezu entscheidender
Weise in Betracht kommen, die aber anderseits von der Darstellung auch
die Erklärung eines sehr eigentümlichen Verhaltens der Frau fordern, das
seltsamerweise noch kaum jemand ernstlich Problem geworden zu sein
scheint.
Schon längst wurde bemerkt, wie die Klarheit des männlichen
Denkens gegenüber der weiblichen Unbestimmtheit, und später wurde
darauf hingewiesen, wie die Funktion der gesetzten Rede, in welcher feste
logische U r t e i l e zum Ausdruck kommen, auf die Frau wie ein
S e x u a l c h a r a k t e r des Mannes wirkt. Was aber W sexuell anreizt, muß
eine Eigenschaft von M sein. Ebenso macht Unbeugsamkeit des
männlichen Charakters auf die Frau sexuellen Eindruck, sie mißachtet den
Mann, der einem anderen nachgibt. Man pflegt in solchen Fällen oft von
sittlichem Einfluß des Weibes auf den Mann zu reden, wo doch sie nur das
sexuelle Komplement in seinen komplementierenden Eigenschaften voll
und ganz sich zu erhalten strebt. Die Frauen verlangen vom Manne
Männlichkeit, und glauben sich zur höchsten Entrüstung und Verachtung
berechtigt, wenn der Mann ihre Erwartungen in diesem Punkt enttäuscht.
So wird eine Frau, auch wenn sie noch so kokett und noch so verlogen ist,
in Erbitterung und Empörung geraten, wenn sie beim Manne Spuren von
Koketterie oder Lügenhaftigkeit wahrnimmt. Sie mag noch so feige sein:
der Mann soll Mut beweisen. Daß dies nur sexueller Egoismus ist, der sich
den ungetrübten Genuß seines Komplementes zu wahren sucht, wird
allzuoft verkannt. Und so ist denn auch aus der Erfahrung kaum ein
zwingenderer Beweis für die Seelenlosigkeit des Weibes zu führen als
daraus, d a ß d i e F r a u e n v o m M a n n e S e e l e v e r l a n g e n, und

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Güte auf sie wirken kann, obwohl sie selbst nicht wirklich gut sind. Seele
ist ein Sexualcharakter, der nicht anders und zu keinem anderen Zwecke
beansprucht wird als große Muskelkraft oder kitzelnde Schnurrbartspitze.
Man mag sich an der Kraßheit des Ausdruckes stoßen, an der Sache ist
nichts zu ändern. — Die allerstärkste Wirkung endlich übt auf die Frau der
männliche W i l l e. Und sie hat einen merkwürdig feinen Sinn dafür, ob das
»Ich will« des Mannes bloß Anstrengung und Aufgeblasenheit oder
wirkliche Entschlossenheit ist. Im letzteren Falle ist der Effekt ein ganz
ungeheuerer.
Wi e k a n n n u n a b e r e i n e F r a u , w e n n s i e a n s i c h
seelenlos ist, Seele beim Manne perzipieren, wie seine
Moralität beurteilen, da sie selbst amoralisch ist, wie
seine Charakterstärke auffassen, ohne als Person
C h a r a k t e r z u h a b e n , w i e s e i n e n Wi l l e n s p ü r e n , o b g l e i c h
s i e d o c h e i g e n e n Wi l l e n n i c h t b e s i t z t ?
Hiemit ist das außerordentlich schwierige Problem formuliert, vor dem
die Untersuchung weiterhin noch zu bestehen haben wird.
Bevor aber seine Lösung versucht werde, müssen die errungenen
Positionen nach allen Seiten hin befestigt und gegen Angriffe geschützt
werden, die in den Augen mancher imstande sein könnten, sie zu
erschüttern.

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X. Kapitel.
Mutterschaft und Prostitution.
Der Haupteinwand, welcher gegen die bisherige Darstellung wird
erhoben werden, bezieht sich auf die Allgemeingültigkeit des Gesagten für
a l l e Frauen. Bei einigen, bei vielen möge das zutreffen; aber es gebe doch
auch andere ...
Es lag ursprünglich nicht in meiner Absicht, auf spezielle Formen der
Weiblichkeit einzugehen. Die Frauen lassen sich nach mehreren
Gesichtspunkten einteilen, und gewiß muß man sich hüten, das, was von
einem extremen Typus gilt, der zwar überall nachweisbar ist, aber oft durch
das Vorwalten gerade des entgegengesetzten Typus bis zur Unmerklichkeit
zurückgedrängt wird, von der Allgemeinheit der Frauen in gleicher Weise
zu behaupten. Es sind m e h r e r e Einteilungen der Frauen möglich, und es
gibt v e r s c h i e d e n e Frauencharaktere; wenn auch das Wort Charakter hier
nur im empirischen Verstande angewendet werden darf. Alle
Charaktereigenschaften des Mannes finden merkwürdige, zu Amphibolien
oft genug Anlaß bietende Analoga beim Weibe (einen interessanten
Vergleich dieser Art zieht später dieses Kapitel); doch ist beim Manne der
Charakter stets a u c h in die Sphäre des Intelligiblen getaucht, und dort
mächtig verankert; hieraus wird denn die früher (S. 104) gerügte
Vermischung der Seelenlehre mit der Charakterologie, und die
Gemeinsamkeit im Schicksale beider, wieder eher begreiflich. Die
charakterologischen Unterschiede unter den Frauen senden ihre Wurzeln
nie so tief in den Urboden hinab, daß sie in die Entwicklung einer
Individualität einzugehen vermöchten; und es gibt vielleicht gar keine
weibliche Eigenschaft, die nicht im Laufe des Lebens, unter dem Einfluß
des männlichen Willens, in der Frau modifiziert, zurückgedrängt, ja
vernichtet werden könnte.
Was es unter ganz g l e i c h m ä n n l i c h e n oder ganz g l e i c h
w e i b l i c h e n Individuen n o c h für Unterschiede geben möge, diese Frage
hatte ich bisher mit Bedacht aus dem Spiele gelassen. Keineswegs, weil mit
der Zurückführung psychologischer Differenzen auf das Prinzip der

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sexuellen Zwischenformen mehr gewonnen gewesen war als e i n Leitfaden
unter tausenden auf diesem verschlungensten aller Gebiete: sondern aus
dem einfachen Grunde, weil jede Kreuzung mit einem anderen Prinzipe,
jede Erweiterung der linearen Betrachtungen ins Flächenhafte, störend
gewirkt hätte bei diesem ersten Versuche einer gründlichen
charakterologischen Orientierung, der weiter kommen wollte als bis zur
Ermittelung von Temperamenten oder Sinnestypen.
Die spezielle weibliche Charakterologie soll einer besonderen
Darstellung vorbehalten bleiben; aber schon diese Schrift ist nicht ohne
Hinblick auf individuelle Differenzen unter den Frauen abgefaßt, und ich
glaube so den Fehler falscher Verallgemeinerung vermieden, und bisher nur
solches behauptet zu haben, was unterschiedslos von allen gleich
weiblichen Frauen in gleicher Weise und gleicher Stärke gilt. Nur auf W
ganz allgemein ist es bisher angekommen. Da man aber meinen
Darlegungen vornehmlich e i n e n Typus unter den Frauen entgegenhalten
wird, ergibt sich die Notwendigkeit, bereits hier e i n Gegensatzpaar aus der
Fülle herauszugreifen.
Allem Schlechten und Garstigen, das ich den Frauen nachgesagt habe,
wird das Weib als Mutter gegenübergestellt werden. Dieses erfordert also
eine Besprechung. Seine Ergründung kann aber niemand in Angriff
nehmen, ohne zugleich den Gegenpol der Mutter, welcher die für das Weib
diametral konträre Möglichkeit verwirklicht zeigt, heranzuziehen; weil nur
hiedurch der Muttertypus eine deutliche Abgrenzung erfährt, nur so die
Eigenschaften der Mutter von allem Fremden scharf sich abheben können.
J e n e r d e r M u t t e r p o l a r e n t g e g e n g e s e t z t e Ty p u s i s t
d i e D i r n e . Die Notwendigkeit gerade dieser Gegenüberstellung läßt sich
ebensowenig d e d u z i e r e n, wie daß Mann und Weib einander
entgegengesetzt sind; wie man dies nur s i e h t und nicht beweist, so muß
man auch jenes e r s c h a u t haben, oder es in der Wirklichkeit
wiederzufinden trachten, um sich zu überzeugen, ob diese dem Schema sich
bequem einordnet. Auf jene Restriktionen, die vorzunehmen sind, komme
ich noch zu sprechen; einstweilen seien die Frauen betrachtet als stets von
zwei Typen, einmal mehr vom einen, ein andermal mehr vom anderen
etwas in sich tragend: d i e s e Ty p e n s i n d d i e M u t t e r u n d d i e
D i r n e.

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Man würde diese Dichotomie mißverstehen, wenn man sie von einer
populären Entgegensetzung nicht unterschiede. Man hat oft gesagt, das
Weib sei sowohl M u t t e r als G e l i e b t e. Den Sinn und Nutzen dieser
Distinktion kann ich nicht recht einsehen. Soll mit der Qualität der
Geliebten das Stadium bezeichnet werden, welches der Mutterschaft
notwendig vorhergeht? Dann kann es keinerlei dauernde charakterologische
Eigentümlichkeit bezeichnen. Und was sagt denn der Begriff »Geliebte«
über die Frau selbst aus, als daß sie geliebt wird? Fügt er ihr wirklich eine
wesentliche, oder nicht vielmehr eine ganz äußerliche Bestimmung zu?
Geliebt werden mag sowohl die Mutter als die Dirne. Höchstens könnte
man mit der »Geliebten« eine Gruppe von Frauen haben umschreiben
wollen, die ungefähr in der Mitte zwischen den hier bezeichneten Polen
sich aufhielte, eine Zwischenform von Mutter und Dirne; oder man hält es
einer ausdrücklichen Feststellung für bedürftig, daß eine Mutter zum Vater
ihrer Kinder in einem anderen Verhältnis stehe als zu ihren Kindern selbst,
und Geliebte eben sei, insoferne sie sich lieben läßt, d. h. dem Liebenden
sich hingibt. Aber damit ist nichts gewonnen, weil dies beide, Mutter wie
Prostituierte, gegebenenfalls in formal gleicher Weise tun können. Der
Begriff der Geliebten sagt gar nichts über die Qualitäten des Wesens aus,
das geliebt wird; wie natürlich, denn er soll nur das erste zeitliche Stadium
im Leben e i n e r und d e r s e l b e n Frau andeuten, an welches sich später als
zweites die Mutterschaft schließt. Da also der Zustand der Geliebten doch
nur ein accidentielles Merkmal ihrer Person ist, wird jene
Gegenüberstellung ganz unlogisch, indem die Mutterschaft auch etwas
Innerliches ist und nicht bloß die Tatsache anzeigt, daß eine Frau geboren
hat. Worin dieses tiefere Wesen der Mutterschaft besteht, wird eben
Aufgabe der jetzigen Untersuchung.
Daß Mutterschaft und Prostitution einander polar entgegengesetzt sind,
ergibt sich mit großer Wahrscheinlichkeit allein schon aus der größeren
Kinderzahl der guten Hausmütter, indes die Kokotte immer nur wenige
Kinder hat, und die Gassendirne in der Mehrzahl der Fälle überhaupt steril
ist. Es ist wohl zu beachten, daß nicht das käufliche Mädchen allein dem
Dirnentypus angehört, sondern sehr viele unter den sogenannten
anständigen Mädchen und verheirateten Frauen, ja selbst solche, die gar nie
die Ehe brechen, nicht, weil die Gelegenheit nicht günstig genug ist,
sondern weil sie selbst es nicht bis dahin kommen lassen. Man stoße sich
also nicht an der Verwendung des Begriffes der Dirne, der ja erst noch zu

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analysieren ist, in einem viel weiteren Umfange als einem, der bloß auf
feile Weiber sich erstreckt. Überdies könnte der Dirnentypus auch dann zum
Ausdruck kommen, wenn bloß ein Mann und ein Weib auf der Welt wären,
denn er äußert sich bereits in dem spezifisch verschiedenen Verhalten zum
einzelnen Manne.
Schon die Tatsache der geringeren Fruchtbarkeit enthöbe mich der
Pflicht einer Auseinandersetzung mit der allgemeinen Ansicht, welche ein,
notwendigerweise tief im Wesen eines Menschen gegründetes Phänomen,
wie die Prostitution, ableiten will aus sozialen Mißständen, aus der
Erwerbslosigkeit vieler Frauen, und daraufhin spezielle Anklagen gegen die
heutige Gesellschaft erhebt, deren männliche Machthaber in ihrem
ökonomischen Egoismus den unverheirateten Frauen die Möglichkeit eines
rechtschaffenen Lebens so erschwerten; oder auf das Junggesellentum
rekurriert, das ebenfalls angeblich nur materielle Gründe habe, und zu
seiner notwendigen Ergänzung nach der Prostitution verlange. Oder soll
doch angeführt werden: daß die Prostitution nicht bloß bei ärmlichen
Gassendirnen zu suchen ist; daß wohlhabende Mädchen zuweilen sich aller
Vorteile ihres Rufes begeben, und ein offenes Flanieren auf der Straße
versteckten Liebschaften vorziehen — denn zur r i c h t i g e n Prostitution
g e h ö r t die G a s s e —; daß viele Stellen in Geschäftsläden, in der
Buchhaltung, im Post-, Telegraphen- und Telephondienste, wo immer eine
rein schablonenmäßige Tätigkeit beansprucht wird, mit Vorliebe an Frauen
vergeben werden, weil W viel weniger differenziert und eben darum
bedürfnisloser ist als M, der Kapitalismus aber lange vor der Wissenschaft
das weggehabt hat, daß man die Frauen ihrer niedrigeren Lebenshaltung
wegen auch schlechter bezahlen dürfe. Übrigens findet selbst die junge
Dirne, weil sie teueren Mietzins zu zahlen, eine nicht gewöhnliche
Kleidung zu tragen und den Souteneur auszuhalten hat, meist nur sehr
schwer ihr Auskommen. Wie tief der Hang zu ihrem Leben in ihnen
wurzelt, das bezeugt die häufige Erscheinung, daß Prostituierte, wenn sie
geehelicht werden, wieder zu ihrem früheren Gewerbe zurückkehren. Die
Prostituierten sind ferner vermöge unbekannter, aber offenbar in einer
angeborenen Konstitution liegender Ursachen gegen manche Infektionen
oft i m m u n, denen »rechtschaffene Frauen« meist unterliegen. Schließlich
hat die Prostitution i m m e r bestanden und ist mit den Errungenschaften der
kapitalistischen Ära keineswegs relativ gewachsen, ja, sie gehörte sogar zu

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den r e l i g i ö s e n Institutionen gewisser Völker des Altertums, z. B. der
Phönizier.
Die Prostitution kann also keineswegs als etwas betrachtet werden,
wohin erst der Mann die Frau gedrängt hat. Oft genug wird sicherlich ein
Mann die Schuld tragen, wenn ein Mädchen ihren Dienst verlassen mußte
und sich brotlos fand. Daß aber in solchem Falle zu etwas gegriffen werden
kann, wie es die Prostitution ist, muß in der Natur des menschlichen Weibes
selbst liegen. Was nicht ist, kann auch nicht werden. Dem echten Manne,
den materiell noch öfter ein widriges Schicksal trifft, und welcher Armut
intensiver empfindet als das Weib, ist gleichwohl die Prostitution fremd,
und männliche Prostituierte (unter Kellnern, Friseurgehilfen etc.) sind
immer vorgerückte sexuelle Zwischenformen. Demnach ist die Eignung
und der Hang zum Dirnentum ebenso wie die Anlage zur Mutterschaft in
einem Weibe organisch, von der Geburt an vorhanden.
Damit soll aber nicht gesagt sein, jedes Weib, das zur Dirne wird, sei
mit ausschließlich innerer Notwendigkeit dazu geworden. Es stecken
vielleicht in den meisten Frauen b e i d e Möglichkeiten, sowohl die Mutter
als die Dirne; nur die Jungfrau — man entschuldige; ich weiß, es ist
rücksichtslos gegen die M ä n n e r — nur die Jungfrau, die gibt es nicht.
Worauf es in solchen Schwebefällen ankommt, das kann nur der Mann sein,
der ein Weib zur Mutter zu machen auf jeden Fall durch seine Person
imstande ist; nicht erst durch den Koitus, sondern durch ein einmaliges
A n b l i c k e n. S c h o p e n h a u e r bemerkt, der Mensch müsse sein Dasein
streng genommen von dem Augenblick datieren, da sein Vater und seine
Mutter sich ineinander verliebt hätten. Das ist nicht richtig. Die Geburt
eines Menschen müßte, im idealen Falle, in den Augenblick verlegt werden,
wo e i n e F r a u i h n, den Vater ihres Kindes, z u m e r s t e n M a l e
e r b l i c k t o d e r a u c h n u r s e i n e S t i m m e h ö r t. Die biologische
und medizinische Wissenschaft, die Züchtungslehre und die Gynäkologie
verhalten sich freilich, seit über sechzig Jahren, unter dem Einflusse von
J o h a n n e s M ü l l e r, Th. B i s c h o f f und Ch. D a r w i n, der Frage des
»Versehens« oder »Verschauens« gegenüber beinahe durchaus ablehnend.
Es wird im weiteren eine Theorie des Versehens zu entwickeln versucht
werden; hier möchte ich nur soviel bemerken, daß die Sache denn doch
vielleicht nicht so steht, daß es kein Versehen geben dürfe, weil es mit der
Ansicht sich nicht vertrage, daß bloß Samenzelle und Ei das neue

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Individuum bilden helfen; sondern es gibt ein Versehen, und die
Wissenschaft soll trachten, es zu erklären, statt es als schlechterdings
unmöglich in Abrede zu stellen, und zu tun, als ob sie in
erfahrungswissenschaftlichen Dingen je über so viel Erfahrung verfügen
könnte, um eine solche Behauptung aufstellen zu dürfen. In einer
apriorischen Disziplin, wie der Mathematik, darf ich es ganz
ausgeschlossen nennen, daß auf dem Planeten Jupiter 2 × 2 = 5 sei; die
Biologie kennt nur Sätze von »komparativer Allgemeinheit« (K a n t). Wenn
ich hier f ü r das Versehen eintreten und in seiner Leugnung eine
Beschränktheit erblicken muß, will ich doch keineswegs behauptet haben,
daß alle sogenannten Mißbildungen, oder auch nur ein sehr großer Teil
derselben in ihm ihren Grund haben. Es kommt vorläufig nur auf die
Möglichkeit einer Beeinflussung der Nachkommenschaft ohne den Koitus
mit der Mutter an. Und da möchte ich zu sagen wagen[46]: so wie sicherlich,
wenn S c h o p e n h a u e r und G o e t h e in der Farbenlehre e i n e r Meinung
sind, sie schon darum a p r i o r i gegen alle Physiker der Vergangenheit,
Gegenwart und Zukunft recht haben dürften, ebenso wird etwas, das für
I b s e n (»Frau vom Meer«) und G o e t h e (»Wahlverwandtschaften«)
Wa h r h e i t ist, noch nicht f a l s c h durch das Gutachten sämtlicher
medizinischer Fakultäten der Welt.
Der Mann übrigens, von dem eine so starke Wirkung auf die Frau
erwartet werden könnte, daß ihr Kind auch dann ihm ähnlich würde, wenn
es nicht aus seinem Samen sich entwickelt hat, dieser Mann müßte die Frau
sexuell in äußerst vollkommener Weise ergänzen. Wenn demnach solche
Fälle nur sehr s e l t e n sind, so liegt dies an der Unwahrscheinlichkeit eines
Zusammentreffens so vollständiger Komplemente, und darf keinen
Einwand gegen die p r i n z i p i e l l e M ö g l i c h k e i t solcher Tatsachen
bilden, wie sie G o e t h e und I b s e n dargestellt haben.
O b aber eine Frau jenen Mann trifft, der sie durch seine bloße
Gegenwart zur Mutter seines Kindes macht, das ist Zufallssache.
I n s o f e r n ist für v i e l e Mütter und Prostituierte wohl die D e n k b a r k e i t
zuzugeben, daß sich ihre Lose umgekehrt hätten gestalten können. Aber
anderseits gibt es nicht nur zahllose Beispiele, in welchen auch ohne diesen
Mann die Frau im Mutter-Typus verbleibt, sondern es kommen ebenso
zweifellos Fälle vor, wo dieser eine Mann a u f t r i t t, und doch auch s e i n

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Erscheinen die schließliche, endgültige Wendung zur Prostitution nicht zu
hindern vermag.
Es bleibt demnach nichts übrig, als z w e i angeborene,
entgegengesetzte Veranlagungen anzunehmen, die sich auf die
verschiedenen Frauen in verschiedenem Verhältnis verteilen: die absolute
Mutter und die absolute Dirne. Z w i s c h e n beiden liegt die Wirklichkeit: es
gibt sicherlich kein Weib ohne alle Dirneninstinkte (viele werden das
leugnen und fragen, woran denn das Dirnenhafte in vielen Frauen erkennbar
sei, die nichts weniger als Kokotten zu sein scheinen; ich verweise
diesbezüglich einstweilen nur auf den Grad der Bereitschaft und Willigkeit,
sich von irgendwelchem Fremden unzüchtig berühren und diesen an sich
anstreifen zu lassen; legt man diesen Maßstab an, so wird man finden, daß
es keine absolute Mutter gibt). Ebensowenig aber existiert ein Weib, das
aller mütterlichen Regungen bar wäre; obgleich ich gestehen muß,
außerordentliche Annäherungen an die absolute Dirne viel öfter gefunden
zu haben als solche Grade von Mütterlichkeit, hinter denen alles
Dirnenhafte zurücktritt.
Das Wesen der Mutterschaft besteht, wie schon die erste und
oberflächlichste Analyse des Begriffes ergibt, darin, daß die Erreichung des
K i n d e s der Hauptzweck des Lebens der M u t t e r ist, indessen bei der
absoluten D i r n e dieser Zweck für die Begattung gänzlich in Wegfall
gekommen scheint. Eine eingehendere Untersuchung wird also vor allem
z w e i Dinge in Betracht ziehen und sehen müssen, wie sich Dirne und
Mutter zu beiden verhalten: die Beziehung einer jeden zum Kinde, und ihre
Beziehung zum Koitus.
Zunächst scheiden sich beide, Mutter und Dirne, durch der ersteren
Verhältnis zum Kinde. Der absoluten Dirne liegt nur am Manne, der
absoluten Mutter kann nur am Kinde gelegen sein. Prüfstein ist am
sichersten das Verhältnis zur Tochter: nur wenn sie diese gar nie beneidet
wegen größerer Jugend oder Schönheit, ihr nie die Bewunderung im
geringsten mißgönnt, die sie bei den Männern findet, s o n d e r n s i c h
v o l l s t ä n d i g m i t i h r i d e n t i f i z i e r t und des Verehrers ihrer Tochter
sich so freut, als wäre er ihr eigener Anbeter, nur dann ist sie Mutter zu
nennen.

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Die absolute Mutter, der es allein auf das Kind ankommt, wird Mutter
durch jeden Mann. Man wird finden, daß Frauen, die in ihrer Kindheit
eifriger als die anderen mit Puppen spielten, bereits als Mädchen Kinder
sehr liebten und gerne warteten, dem Manne gegenüber wenig wählerisch
sind, sondern bereitwillig den ersten besten Gatten nehmen, der sie
halbwegs zu versorgen imstande und ihren Eltern und Verwandten genehm
ist. Wenn ein solches Mädchen aber, gleichgültig durch wen, Mutter
geworden ist, so bekümmert es sich, im Idealfalle, um keinen anderen
Mann mehr. Der absoluten Dirne hingegen sind, schon als Kind, Kinder ein
Greuel; später benützt sie das Kind höchstens als Mittel, um durch
Vortäuschung eines, auf Rührung des Mannes berechneten, Idylles
zwischen Mutter und Kind, diesen an sich zu locken. Sie ist das Weib, das
a l l e n Männern zu gefallen das Bedürfnis hat, und da es keine absolute
Mutter gibt, wird man in jeder Frau mindestens noch die S p u r dieser
allgemeinen Gefallsucht entdecken können, welche nie auch nur auf einen
Mann der Welt verzichtet.
Hier nimmt man übrigens eine f o r m a l e Ä h n l i c h k e i t zwischen
der absoluten Mutter und der absoluten Kokotte wahr. B e i d e sind
eigentlich in Bezug auf die I n d i v i d u a l i t ä t des sexuellen Komplementes
a n s p r u c h s l o s. Die eine nimmt jeden beliebigen Mann, der ihr zum
Kinde dienlich ist, und bedarf keines weiteren Mannes, sobald sie das Kind
hat: n u r a u s d i e s e m G r u n d e i s t s i e » m o n o g a m « z u
n e n n e n. Die andere gibt sich jedem beliebigen Mann, der ihr zum
erotischen Genusse verhilft: dieser ist für sie Selbstzweck. Hier berühren
sich also die beiden Extreme, wir mögen somit hoffen, einen Durchblick
auf das Wesen des Weibes ü b e r h a u p t von da aus gewinnen zu können.
In der Tat muß ich die allgemeine Ansicht, welche ich lange geteilt
habe, völlig verfehlt nennen, die Ansicht, daß das We i b monogam und der
M a n n polygam sei. D a s U m g e k e h r t e ist der Fall. Man darf sich nicht
dadurch beirren lassen, daß die Frauen oft lange den Mann abwarten und,
wenn möglich, wählen, der ihnen am meisten Wert zu schenken in der Lage
ist — den Herrlichsten, Berühmtesten, den »Ersten unter Allen«. Dieses
Bedürfnis scheidet das Weib vom Tiere, welches Wert überhaupt nicht,
weder vor sich selbst, durch sich selbst (wie der Mann), noch durch einen
anderen, vor einem anderen (wie das Weib) zu gewinnen trachtet. Aber nur
von Dummköpfen konnte es im rühmenden Sinne hervorgehoben werden,

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da es doch am sichersten zeigt, wie die Frau alles E i g e n w e r t e s entbehrt.
Dieses Bedürfnis nun verlangt allerdings nach Befriedigung; es liegt aber in
ihm durchaus nicht der sittliche G e d a n k e der Monogamie. Der Mann ist
in der Lage, Wert zu spenden, Wert zu übertragen an die Frau, er k a n n
s c h e n k e n, er w i l l auch schenken; nie kann er seinen Wert, wie das Weib,
als Beschenkter finden. Die Frau sucht also zwar sich möglichst viel Wert
zu verschaffen, indem sie ihre Erwählung durch jenen einen Mann betreibt,
der ihr den m e i s t e n Wert geben kann; der Ehe aber liegen, beim Manne,
ganz andere Motive zu Grunde. Sie ist jedenfalls ursprünglich als die
Vollendung der idealen Liebe, als eine Erfüllung gedacht, auch wenn es
sehr fraglich ist, ob sie so viel je wirklich leisten kann. Sie ist ferner
durchdrungen von dem ganz und gar männlichen Gedanken der T r e u e (die
Kontinuität, ein intelligibles I c h voraussetzt). Man wird zwar oft das Weib
treuer nennen hören als den Mann; die Treue des Mannes ist nämlich für ihn
ein Z w a n g, den er sich, allerdings im f r e i e n Willen und mit vollem
B e w u ß t s e i n, auferlegt hat. Er wird an diese Selbstbindung oft sich nicht
kehren, aber dies stets als sein Unrecht betrachten oder irgendwie fühlen.
Wenn er die Ehe bricht, so hat er sein intelligibles Wesen nicht zum Worte
kommen lassen. Für die Frau ist der Ehebruch ein kitzelndes Spiel, in
welchem der Gedanke der Sittlichkeit gar nicht, sondern nur die Motive der
Sicherheit und des Rufes mitsprechen. Es gibt kein Weib, das in Gedanken
ihrem Manne nie untreu geworden wäre, o h n e daß es aber darum dies auch
schon sich vorwürfe. Denn das Weib geht die Ehe zitternd und voll
unbewußter Begier ein und bricht sie, da es kein der Zeitlichkeit entrücktes
Ich hat, so erwartungsvoll, so gedankenlos, wie es sie geschlossen hat.
Jenes Motiv, das einem Ve r t r a g e Treue wahren heißt, kann nur beim
Manne sich finden; für die bindende Kraft eines gegebenen Wortes fehlt der
Frau das Verständnis. Was man als Beispiele weiblicher Treue anführt,
beweist hiegegen wenig. Sie ist entweder die lange Nachwirkung eines
intensiven Verhältnisses sexueller Folgsamkeit (P e n e l o p e) oder dieses
Hörigkeitsverhältnis selbst, hündisch, nachlaufend, voll instinktiver zäher
Anhänglichkeit, vergleichbar der körperlichen Nähe als Bedingung alles
weiblichen Mitleidens (D a s K ä t h c h e n v o n H e i l b r o n n).
Die Ein-Ehe hat also der Mann geschaffen. Sie hat ihren Ursprung im
Gedanken der männlichen Individualität, die im Wandel der Zeiten
unverändert fortdauert; und demnach zu ihrer vollen Ergänzung stets nur
eines und desselben Wesens bedürfen kann. Insoweit liegt in dem Plane der

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E i n - E h e unleugbar etwas Höheres und findet die Aufnahme derselben
unter die Sakramente der katholischen Kirche eine gewisse Rechtfertigung.
Dennoch soll hiemit in der Frage »Ehe oder freie Liebe« nicht Partei
ergriffen sein. Auf dem Boden irgendwelcher Abweichungen vom
strengsten Sittengesetz — und eine solche Abweichung liegt in jeder
empirischen Ehe — sind v ö l l i g befriedigende Problemlösungen nie mehr
möglich: z u g l e i c h mit der Ehe ist der Eheb r u c h auf die Welt
gekommen.
T r o t z d e m kann die Ehe nur vom Manne eingesetzt sein. Es gibt kein
Rechtsinstitut weiblichen Ursprungs, alles R e c h t rührt vom Manne, und
nur viele S i t t e vom Weibe her (schon darum wäre es ganz verfehlt, das
Recht aus der Sitte, oder umgekehrt die Sitte aus dem Recht hervorgehen zu
lassen. Beide sind ganz heterogene Dinge). O r d n u n g in wirre sexuelle
Verhältnisse zu bringen, dazu kann, wie nach Ordnung, nach R e g e l, nach
Gesetz überhaupt (im praktischen wie theoretischen) nur der Mann —
donna è mobile — das Bedürfnis und die Kraft besessen haben. Und es
scheint ja wirklich für viele Völker eine Zeit gegeben zu haben, da die
Frauen auf die soziale Gestaltung großen Einfluß nehmen durften; aber
damals gab es nichts weniger als Ehe: die Zeit des M a t r i a r c h a t s ist die
Zeit der Vi e l m ä n n e r e i. —
Das ungleiche Verhältnis der Mutter und der Dirne zum Kinde ist reich
an weiteren Aufschlüssen. Ein Weib, das vorwiegend Dirne ist, wird auch in
ihrem Sohne zunächst dessen Mannheit wahrnehmen und stets in einem
sexuellen Verhältnis zu ihm stehen. Da aber kein Weib ganz mütterlich ist,
läßt es sich nicht verkennen, daß ein letzter Rest sexueller Wirkung von
jedem Sohne auf seine Mutter ausgeht. Darum bezeichnete ich früher das
Verhältnis zur Tochter als den zuverlässigsten Maßstab der Mutterliebe.
Sicherlich steht anderseits auch jeder Sohn zu seiner Mutter in einer, wenn
auch vor den Blicken beider noch so verschleierten, sexuellen Beziehung.
In der ersten Zeit der Pubertät kommt dies bei den meisten Männern, bei
manchen selbst noch später hin und wieder, aus seiner Zurückdrängung im
wachen Bewußtsein, durch sexuelle Phantasien während des Schlafes,
deren Objekt die Mutter bildet, zum Vorschein (»Ödipus-Traum«). Daß aber
auch im eigentlichsten Verhältnis der echten Mutter zum Kinde noch ein
tiefes, sexuelles Verschmolzenheitselement steckt, darauf scheinen die
Wollustgefühle hinzudeuten, welche die Frau bei der Laktation so

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unzweifelhaft empfindet, wie die anatomische Tatsache feststeht, daß sich
unter der weiblichen Brustwarze erektiles Gewebe befindet und von den
Physiologen ermittelt ist, daß durch Reizung von diesem Punkte aus
Zusammenziehungen der Gebärmuttermuskulatur ausgelöst werden können.
Sowohl die Passivität, welche für das Weib aus dem aktiven Saugen des
Kindes resultiert, als auch der Zustand inniger, körperlicher Berührung
während der Spende der Muttermilch stellen eine sehr vollkommene
Analogie zum Verhalten des Weibes im Koitus her; sie lassen es begreiflich
erscheinen, daß die monatlichen Blutungen auch während der Laktation
pausieren, und geben der unklaren, aber tiefen Eifersucht des Mannes schon
auf den Säugling ein gewisses Recht. Das Nähren des Kindes ist aber eine
durchaus mütterliche Beschäftigung; je mehr eine Frau Dirne ist, desto
weniger wird sie ihr Kind selbst stillen wollen, desto schlechter wird sie es
können. Es läßt sich also nicht leugnen, daß das Verhältnis Mutter—Kind
an sich bereits ein dem Verhältnis Weib—Mann verwandtes ist.
Die Mütterlichkeit ist ferner gleich allgemein wie die Sexualität und
den verschiedenen Wesen gegenüber so abgestuft wie diese. Wenn eine
Frau mütterlich ist, muß ihre Mütterlichkeit nicht nur dem leiblichen Kinde
gegenüber sich offenbaren, sondern auch schon vorher und jedem
Menschen gegenüber zum Ausdruck kommen; wenngleich das Interesse für
das eigene Kind später alles andere absorbiert und die Mutter im Falle eines
Konfliktes durchaus engherzig, blind und ungerecht macht. Am
interessantesten ist hier das Verhältnis des mütterlichen Mädchens zum
Geliebten. Mütterliche Frauen nämlich sind schon als Mädchen dem Manne
gegenüber, den sie lieben, selbst für jenen Mann, der später Vater ihres
Kindes wird, Mütter; e r i s t s e l b s t s c h o n i n g e w i s s e m S i n n e
i h r K i n d. In diesem Mutter und liebender Frau Gemeinsamen[47]
offenbart sich uns das tiefste Wesen d i e s e s Weibestypus: es ist der
fortlaufende Wurzelstock der Gattung, den die Mütter bilden, das nie
endende, mit dem Boden verwachsene Rhizom, von dem sich der einzelne
M a n n als Individuum a bhebt und dem gegenüber er seiner Vergänglichkeit
inne wird. Dieser Gedanke ist es, mehr oder weniger bewußt, welcher den
Mann selbst das mütterliche Einzelwesen, auch schon als Mädchen, in einer
gewissen Ewigkeit erblicken läßt[48], der das schwangere Weib zu einer
großen Idee macht (Z o l a). Die ungeheuere S i c h e r h e i t der Gattung, aber
freilich sonst nichts, liegt in dem S c h w e i g e n dieser Geschöpfe, vor dem

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sich der Mann für Augenblicke sogar klein fühlen kann. Ein gewisser
Friede, eine große Ruhe mag in solchen Minuten über ihn kommen, ein
Schweigen aller höheren und tieferen Sehnsucht, und er mag so für
Momente wirklich wähnen, den tiefsten Zusammenhang mit der Welt durch
das Weib gefunden zu haben. Wird er doch beim geliebten Weib dann
ebenfalls zum K i n d e (S i e g f r i e d bei B r ü n n h i l d e, dritter Akt); zum
Kinde, das die Mutter lächelnd betrachtet, für das sie unendlich viel w e i ß,
dem sie Pflege angedeihen läßt, das sie zähmt und im Zaum hält. Aber nur
auf Sekunden (Siegfried reißt sich von Brünnhilde). Denn was den Mann
ausmacht, ist ja nur, was ihn von der Gattung loslöst, indem es ihn über sie
erhebt. Darum ist die Vaterschaft durchaus nicht die Befriedigung seines
tiefsten Gemütsbedürfnisses, darum ist ihm der Gedanke, in der Gattung
auf-, in ihr unterzugehen, entsetzlich; und das fürchterlichste Kapitel, in
dem trostärmsten unter den großen Büchern der menschlichen Literatur, in
der »Welt als Wille und Vorstellung«, das »Über den Tod und sein
Verhältnis zur Unzerstörbarkeit unseres Wesens an sich«, wo diese
Unendlichkeit des Gattungswillens als die einzig wirkliche Unsterblichkeit
hingestellt ist.
Die Sicherheit der Gattung ist es, welche die Mutter mutig und
unerschrocken macht im Gegensatz zur stets feigen und furchtsamen
Prostituierten. Es ist nicht der Mut der Individualität, der moralische Mut,
der aus der Werthaltung der Wahrheit und der Unbeugsamkeit des innerlich
Freien folgt, sondern der Lebenswille der Gattung, welche durch die
Einzelperson der Mutter das Kind und selbst den Mann schützt. Wie vom
Begriffspaare Mut und Feigheit, so ist auch vom Gegensatz Hoffnung —
Furcht die Hoffnung der Mutter, die Furcht der Dirne zugefallen. Die
absolute Mutter ist sozusagen stets und in jeder Beziehung »in der
Hoffnung«; da sie in der Gattung unsterblich ist, kennt sie auch keine
Furcht vor dem Tode, vor dem die Dirne eine entsetzliche Angst hat, ohne
im geringsten ein individuelles Unsterblichkeitsbedürfnis zu hegen — ein
Beweis mehr, wie falsch es ist, das Begehren nach persönlicher Fortdauer
bloß auf die Furcht vor dem körperlichen Tode und das Wissen um diesen
zurückzuführen.
Die Mutter fühlt sich dem Manne stets überlegen, sie weiß sich als
seinen Anker; indes sie selbst in der geschlossenen Kette der Generationen
wohl gesichert, gleichsam den Hafen vorstellt, aus dem jedes Schiff neu

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ausläuft, steuert der Mann weit draußen allein auf hoher See. Die Mutter ist,
im höchsten Alter noch, immer bereit, das Kind zu empfangen und zu
bergen; bereits in der Konzeption des Kindes lag psychisch, wie sich zeigen
wird, für die Mutter dieses Moment, in der Schwangerschaft tritt das andere
des Schutzes und der Nahrung ganz deutlich zu Tage. Dieses
Überlegenheitsverhältnis kommt auch vor dem Geliebten zum Vorschein:
die Mutter hat Verständnis für das Naive und Kindliche, für die E i n f a l t im
Manne, die Hetäre für seine Feinheiten und sein Raffinement. Die Mutter
hat das Bedürfnis, ihr Kind zu lehren, ihm alles zu geben, sei dieses Kind
auch der Geliebte; die Hetäre brennt darauf, daß ihr der Mann i m p o n i e r e,
sie will ihm selbst erst alles v e r d a n k e n. Die Mutter als Vertreterin des
Genus, das sich in jedem seiner Angehörigen auswirkt, ist freundlich gegen
alle Mitglieder der Gattung (s e l b s t j e d e To c h t e r i s t i n d i e s e m
S i n n e n o c h d i e M u t t e r i h r e s Va t e r s); erst wenn die Interessen
der engeren Kinder auf dem Spiele stehen, wird sie, aber dann auch in
einem außerordentlichen Grade, exklusiv; die Dirne ist nie so liebreich und
nie so engherzig, wie die Mutter es sein kann.
Die Mutter steht ganz unter dem Gattungszweck;
d i e P r o s t i t u i e r t e s t e h t a u ß e r h a l b d e s s e l b e n . Ja die Gattung
hat eigentlich nur diesen einen Anwalt, diese eine Priesterin, die Mutter; der
Wille des Genus kommt nur in ihr rein zum Ausdruck, während bereits die
Erscheinung der Dirne den Beweis dafür liefert, daß S c h o p e n h a u e r s
Lehre, es handle sich in aller Sexualität nur um die Zusammensetzung der
künftigen Generation, unmöglich allgemein zutreffen kann. Daß es der
Mutter nur auf das Leben ihrer Gattung ankommt, wird auch daraus
ersichtlich, daß mütterliche Frauen es sind, die gegen Tiere am meisten
Härte beweisen. Man muß beobachtet haben, mit welcher
unerschütterlichen Ruhe, wie durchdrungen von der Verdienstlichkeit ihres
Amtes die gute Hausfrau und Mutter ein Huhn nach dem anderen
schlachtet. Denn die Kehrseite der Mutterschaft ist die Stiefmutterschaft;
jede Mutter ihrer Kinder ist Stiefmutter aller anderen Geschöpfe.
Noch auffallender als diese Bestätigung fällt für den Zusammenhang
der Mutter mit der Erhaltung der Gattung ihr eigentümlich inniges
Verhältnis zu allem ins Gewicht, was zur N a h r u n g dient. Sie kann es
nicht ertragen, daß irgend etwas, das hätte gegessen werden können, sei es
auch ein noch so geringfügiger Rest, zu Grunde gehe. Ganz anders die

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Dirne, die nach Willkür, ohne rechten Grund jetzt große Quantitäten an
Vorräten zum Essen und Trinken beschafft, um sie dann haufenweise
»stehen« zu lassen. Die Mutter ist überhaupt geizig und kleinlich, die
Prostituierte verschwenderisch, launisch. Denn die E r h a l t u n g d e r
G a t t u n g ist der Zweck, für den die Mutter lebt; so sorgt sie sich eifrig
darum, daß die von ihr Bemutterten sich satt essen, und durch nichts ist sie
so zu erfreuen, wie durch einen gesegneten Appetit. Damit hängt ihr
Verhältnis zum Brode, zu allem, was Wirtschaft heißt, zusammen. C e r e s
ist eine gute Mutter: eine Tatsache, die in ihrem griechischen Namen
D e m e t e r deutlich zum Ausdruck kommt. So pflegt die Mutter die Physis,
nicht aber die Psyche des Kindes[49]. Das Verhältnis zwischen Mutter und
Kind bleibt von seiten der Mutter immer ein körperliches: vom Küssen und
Herzen des Kleinen bis zu der umgebenden und einwickelnden Sorge für
den Erwachsenen. Auch das aller Vernunft bare Entzücken über jedwede
Lebensäußerung des kleinen Säuglings ist nicht anders zu verstehen, als aus
dieser einzigen Aufgabe der Erhaltung und Hut des irdischen Daseins.
Damit ergibt sich hieraus auch, warum die Mutterliebe nicht wahrhaft
sittlich hochgeschätzt werden kann. Es frage sich jeder aufrichtig, ob er
glaubt, daß ihn seine Mutter nicht ebenso lieben würde, wenn er ganz
anders wäre als er ist, ob ihre Neigung geringer würde, wenn er nicht er,
sondern ein ganz anderer Mensch wäre! H i e r liegt der springende Punkt,
und hier sollen die Rede stehen, welche von der moralischen Hochachtung
des Weibes um der Mutterliebe willen nicht lassen wollen. Die
Individualität des Kindes ist der Mutterliebe ganz gleichgültig, ihr genügt
die bloße Tatsache der Kindschaft: u n d d i e s i s t e b e n d a s
U n s i t t l i c h e a n i h r. In jeder Liebe von Mann zu Weib, auch in jeder
Liebe innerhalb des gleichen Geschlechtes, kommt es sonst immer auf ein
bestimmtes Wesen mit ganz besonderen körperlichen und psychischen
Eigenschaften an; nur die Mutterliebe erstreckt sich wahllos auf alles, was
die Mutter je in ihrem Schoße getragen hat. Es ist ein grausames
Geständnis, das man sich macht, grausam gegen Mutter und Kind, daß
gerade hierin sich offenbart, wie vollkommen unethisch die Mutterliebe
eigentlich ist, jene Liebe, die ganz gleich fortwährt, ob der Sohn ein
Heiliger oder ein Verbrecher, ein König oder ein Bettler werde, ein Engel
bleibe oder zum Scheusal entarte. Nicht minder gemein freilich ist der
Anspruch, den so oft die Kinder auf die Liebe ihrer Mutter zu haben
glauben, bloß weil sie deren Kinder sind (besonders gilt dies von den

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Töchtern; indessen sind auch die Söhne in diesem Punkte meist fahrlässig).
Die Mutterliebe ist darum unmoralisch, weil sie kein Verhältnis zum
fremden I c h ist, sondern ein Ve r w a c h s e n s e i n von Anfang an darstellt;
sie ist, wie alle Unsittlichkeit gegen andere, eine
G r e n z ü b e r s c h r e i t u n g. Es gibt ein ethisches Verhältnis nur v o n
I n d i v i d u a l i t ä t z u I n d i v i d u a l i t ä t. Die Mutterliebe schaltet die
Individualität a u s, indem sie w a h l l o s und z u d r i n g l i c h ist. D a s
Ve r h ä l t n i s d e r M u t t e r z u m K i n d e i s t i n a l l e E w i g k e i t
e i n S y s t e m v o n r e f l e x a r t i g e n Ve r b i n d u n g e n z w i s c h e n
d i e s e m u n d j e n e r. Schreit oder weint das Kleine, während die Mutter
im Nebenzimmer sitzt, plötzlich auf, so wird die Mutter wie gestochen
emporfahren und zu ihm hineineilen (eine gute Gelegenheit, um sofort zu
erkennen, was eine Frau mehr ist, Mutter oder Dirne); und auch später teilt
sich jeder Wunsch, jede Klage des Erwachsenen der Mutter augenblicklich
mit, sie werden auf sie gleichsam fortgeleitet, pflanzen sich auf sie über,
und werden unbesehen, unaufgehalten die ihren. E i n e n i e
unterbrochene Leitung zwischen der Mutter und allem,
w a s j e d u r c h e i n e N a b e l s c h n u r m i t i h r v e r b u n d e n w a r:
das ist das Wesen der Mutterschaft, und ich kann darum in die allgemeine
Bewunderung der Mutterliebe nicht einstimmen, sondern muß gerade das
an ihr verwerflich finden, was an ihr so oft gepriesen wird: ihre
Wahllosigkeit. Ich glaube übrigens, daß von vielen hervorragenderen
Denkern und Künstlern dies wohl erkannt und nur verschwiegen worden
ist; die früher so verbreitete große Überschätzung R a f a e l s ist gewichen,
und sonst stehen die Sänger der Mutterliebe eben doch nicht höher als
F i s c h a r t oder als R i c h e p i n. Die Mutterliebe ist instinktiv und triebhaft:
auch die Tiere kennen sie nicht weniger als die Menschen. Damit allein
wäre aber schon bewiesen, daß diese Art der Liebe keine echte Liebe, daß
dieser Altruismus keine wahre Sittlichkeit sein kann; denn alle Moral
stammt von jenem intelligiblen Charakter, dessen die gänzlich unfreien
tierischen Geschöpfe entraten. Dem ethischen Imperative kann nur von
einem vernünftigen Wesen gehorcht werden; es gibt keine triebhafte
sondern nur bewußte Sittlichkeit.
Ihre Stellung außerhalb des Gattungszweckes, der Umstand, daß sie
nicht bloß als Aufenthaltsort und Behälter, gleichsam nur zum ewigen
Durchpassieren für neue Wesen dient und sich nicht darin verzehrt, diesen
Nahrung zu geben, stellt die Hetäre in gewisser Beziehung ü b e r die

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Mutter; soweit dort von ethisch höherem Standort überhaupt die Rede sein
kann, wo es sich um zwei Weiber handelt. Die Mutter, die ganz in Pflege
und Kleidung von Mann und Kind, in Besorgung oder Aufsicht von Küche
und Haus, Garten und Feld aufgeht, steht fast immer intellektuell sehr tief.
Die geistig höchstentwickelten Frauen, alles, was dem Manne irgendwie
M u s e wird, gehört in die Kategorie der Prostituierten: zu diesem, dem
A s p a s i e n - Ty p u s, sind die Frauen der Romantik zu rechnen, vor allem
die hervorragendste unter ihnen, K a r o l i n e M i c h a e l i s - B ö h m e r -
F o r s t e r - S c h l e g e l - S c h e l l i n g.
Es hängt damit zusammen, daß nur solche Männer sexuell von der
Mutter sich angezogen fühlen, die kein Bedürfnis nach geistiger
Produktivität haben. Wessen Vaterschaft sich auf leibliche Kinder
beschränkt, von dem ist es ja auch zu erwarten, daß er die fruchtbare Frau,
die Mutter, erwählen wird vor der anderen. B e d e u t e n d e M e n s c h e n
h a b e n s t e t s n u r P r o s t i t u i e r t e g e l i e b t[50]; ihre Wahl fällt auf das
sterile Weib, wie sie selbst, wenn überhaupt eine Nachkommenschaft, so
stets eine lebensunfähige, bald aussterbende hervorbringen — was
vielleicht einen tiefen ethischen Grund hat. Die irdische Vaterschaft nämlich
ist ebenso geringwertig wie die Mutterschaft; sie ist unsittlich, wie sich
später zeigen wird (Kapitel 14); und sie ist unlogisch, denn sie stellt in jeder
Beziehung eine Illusion vor: wie weit er Vater seines Kindes ist, dessen ist
kein Mensch je gewiß. Und auch ihre Dauer ist doch immer kurz und
vergänglich: jedes Geschlecht und jede Rasse der Menschheit ist schließlich
zu Grunde gegangen und erloschen.
Die so verbreitete, so ausschließliche und geradezu ehrfürchtige
Wertschätzung der mütterlichen Frau, die man dann gerne noch für den
alleinigen und einzig echten Typus des Weibes auszugeben pflegt, ist nach
alledem völlig unberechtigt; obwohl von fast allen Männern zähe an ihr
festgehalten, ja gewöhnlich noch behauptet wird, daß jede Frau erst als
Mutter ihre Vollendung finde. Ich gestehe, daß mir die Prostituierte nicht als
Person, sondern als Phänomen weit mehr imponiert.
Die allgemeine Höherstellung der Mutter hat verschiedene Gründe.
Vor allem scheint sie, da ihr am Manne an sich nichts oder nur so viel liegt,
als er Kind ist, eher geeignet, dem Virginitätsideal zu entsprechen, das, wie
sich zeigen wird, stets erst der Mann aus einem gewissen Bedürfnis an die

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Frau heranbringt; welcher Keuschheit ursprünglich fremd ist, der nach
Kindern begehrenden Mutter ganz ebenso wie der männersüchtigen Dirne.
Jenen Schein großer Sittlichkeit vergilt ihr der Mann durch die, an und
für sich ganz unbegründete, moralische und soziale Erhebung über die
Prostituierte. Diese ist das Weib, das sich den Wertungen des Mannes und
dem von ihm bei der Frau gesuchten Keuschheitsideale nie gefügt, sondern
stets, in verborgenem Sträuben als Weltdame, in passivem leisen
Widerstande als Halbweltlerin, in offener Demonstration als Gassendirne,
w i d e r s e t z t hat. H i e r a u s a l l e i n erklärt sich die Sonderposition, die
Stellung außer aller sozialen Achtung, ja nahezu außer Recht und Gesetz,
welche die Prostituierte heute fast überall einnimmt. Die Mutter hatte es
leicht, sich dem sittlichen Willen des Mannes zu unterwerfen, da es ihr nur
auf das Kind, auf das Leben der Gattung ankam.
Ganz anders die Dirne. Sie lebt wenigstens ihr eigenes Leben ganz und
[51]
gar , wenn sie auch dafür — im extremen Falle — mit dem Ausschluß
aus der Gesellschaft bestraft wird. Sie ist zwar nicht mutig wie die Mutter,
vielmehr feige durch und durch, aber sie besitzt auch das stete Korrelat der
Feigheit, die Frechheit, und so hat sie wenigstens die Unverschämtheit ihrer
Schamlosigkeit. Von Natur zur Vielmännerei veranlagt, und immer mehr
Männer anziehend als bloß den einen Gründer einer Familie, ihren Trieben
Lauf lassend und sie wie im Trotze befriedigend, fühlt sie sich als
Herrscherin, und die tiefste Selbstverständlichkeit ist ihr, daß sie Macht
habe. Die Mutter ist leicht zu kränken oder zu empören, die Prostituierte
kann niemand verletzen, niemand beleidigen; denn die Mutter hat als
Hüterin des Genus, der Familie eine gewisse E h r e, die Prostituierte hat auf
alle soziale Ehre verzichtet, und das ist ihr Stolz, darum wirft sie den
Nacken zurück. Den Gedanken aber, daß sie keine Macht habe, vermöchte
sie nicht zu fassen. (»La maîtresse«.) Sie erwartet es und kann es gar nicht
anders glauben, als daß alle Menschen sich mit ihr befassen, nur an sie
denken, f ü r s i e l e b e n. Und tatsächlich ist sie es auch — sie, das Weib
als Dame — welche die meiste Macht unter den Menschen besitzt, den
größten, ja den alleinigen Einfluß ausübt in allem Menschenleben, das nicht
durch männliche Verbände (vom Turnverein bis zum Staat) geregelt ist.
Sie bildet hier das Analogon zum großen Eroberer auf politischem
Gebiet. Wie dieser, wie A l e x a n d e r und N a p o l e o n, wird die ganz
große, ganz bezaubernde Dirne vielleicht nur alle tausend Jahre einmal

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geboren, aber dann feiert sie auch, wie dieser, ihren Siegeszug durch die
ganze Welt.
Jeder solche Mann steht immer in einer gewissen Verwandtschaft zur
Prostituierten (jeder Politiker ist irgendwie Vo l k s t r i b u n, und im Tribunat
steckt ein Element der Prostitution); wie er ist die Prostituierte, im Gefühle
ihrer Macht, vor dem Manne nie im geringsten verlegen, während es jeder
Mann gerade ihr und ihm gegenüber immer ist. Wie der große Tribun glaubt
sie jeden Menschen, mit dem sie spricht, zu b e g l ü c k e n — man
beobachte ein solches Weib, wenn es einen Polizeimann um eine Auskunft
bittet, wenn es in ein Geschäft tritt; gleichgültig ob Männer oder Frauen
darin angestellt sind, gleichgültig, wie klein der Einkauf ist, den sie macht:
immer glaubt sie Gaben a u s z u t e i l e n nach allen Seiten hin. Man wird in
jedem geborenen Politiker dieselben Elemente entdecken. Und die
Menschen, alle Menschen haben b e i d e n gegenüber — man denke, sogar
der selbstbewußte G o e t h e in seinem Verhalten zu N a p o l e o n in Erfurt
— tatsächlich und unwiderstehlich das Gefühl, b e s c h e n k t worden zu sein
(P a n d o r a - M y t h u s; G e b u r t d e r Ve n u s: die aus dem Meer aufsteigt
und bereits darbietend um sich blickt).
Hiemit bin ich, wie ich im fünften Kapitel[52] versprochen habe,
nochmals zu den »Männern der Tat« auf einen Augenblick zurückgekehrt.
Selbst ein so tiefer Mensch wie C a r l y l e hat sie hochgewertet, ja »the hero
as king« zuletzt, zuhöchst unter allen Heroen gesetzt. Es wurde schon an
jener Stelle gezeigt, warum dies nicht zutreffen kann. Ich darf jetzt weiter
darauf hinweisen, wie alle großen Politiker Lüge und Betrug zu brauchen
nicht scheuen, auch die größten nicht, C a e s a r, C r o m w e l l, N a p o l e o n,
B i s m a r c k; wie A l e x a n d e r d e r G r o ß e sogar zum Mörder wurde und
sich seine Schuld von einem Sophisten nachträglich bereitwillig ausreden
ließ. Verlogenheit aber ist unvereinbar mit Genialität; N a p o l e o n hat auf
St. Helena von Lüge gesättigte, von Sentimentalität triefende Memoiren
geschrieben, und sein letztes Wort war noch die altruistische Pose, daß er
stets nur Frankreich geliebt habe. N a p o l e o n, die größte Erscheinung
unter allen, zeigt auch am deutlichsten, daß die »großen Willensmenschen«,
Verbrecher, und demnach keine Genies sind. Ihn kann man nicht anders
verstehen als aus der u n g e h e u r e n I n t e n s i t ä t , m i t d e r e r s i c h
s e l b s t f l o h: nur so ist alle Eroberung, im Großen, wie im Kleinen, zu
erklären. Über sich selbst mochte Napoleon nie nachdenken, nicht eine

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Stunde durfte er ohne große äußere Dinge bleiben, die ihn ganz ausfüllen
sollten: darum mußte er die Welt erobern. Da er große Anlagen hatte,
größere als jeder Imperator vor ihm, brauchte er mehr, um alle
Gegenstimmen in sich zum Schweigen zu bringen. Übertäubung seines
besseren Selbst, das war das gewaltige Motiv seines Ehrgeizes. Der höhere,
der bedeutende Mensch mag zwar das gemeine Bedürfnis nach
Bewunderung oder nach dem Ruhme teilen, aber nicht den Ehrgeiz als das
Bestreben, alle Dinge in der Welt mit sich als empirischer Person zu
verknüpfen, sie von sich abhängig zu machen, um auf den eigenen Namen
alle Dinge der Welt zu einer unendlichen Pyramide zu h ä u f e n. Der große
Mensch hat G r e n z e n, denn e r ist die Monade der Monaden, und — dies
ist eben jene letzte Tatsache — gleichzeitig der bewußte Mikrokosmus,
p a n t o g e n, er hat die ganze Welt in sich, er sieht, im vollständigsten Falle,
bei der ersten Erfahrung, die er macht, klar ihre Zusammenhänge im All,
und er bedarf darum zwar der E r l e b n i s s e, aber keiner I n d u k t i o n; der
große Tribun und die große Hetäre sind d i e absolut g r e n z e n l o s e n
Menschen, welche die ganze Welt zur Dekoration und Erhöhung ihres
e m p i r i s c h e n Ich gebrauchen. Darum sind beide jeder Liebe, Neigung
und Freundschaft unfähig, lieblos, liebeleer.
Man denke an das tiefe Märchen von dem König, der die Sterne
erobern wollte! Es enthüllt strahlend und grell die Idee des Imperators. Der
wahre Genius gibt sich selbst seine Ehre, und am allerwenigsten setzt er
sich in jenes Wechselverhältnis gegenseitiger Abhängigkeit zum Pöbel, wie
dies jeder Tribun tut. Denn im großen Politiker steckt nicht nur ein
Spekulant und Milliardär, sondern auch ein Bänkelsänger; er ist nicht nur
großer Schachspieler, sondern auch großer Schauspieler; er ist nicht nur ein
Despot, sondern auch ein Gunstbuhler; er prostituiert nicht nur, er ist auch
eine große Prostituierte. Es gibt keinen Politiker, keinen Feldherrn, der
nicht »hinabstiege«. Seine Hinabstiege sind ja berühmt, sie sind seine
Sexualakte! A u c h z u m r i c h t i g e n T r i b u n g e h ö r t d i e G a s s e .
Das Ergänzungsverhältnis zum Pöbel ist geradezu konstitutiv für den
Politiker. Er kann überhaupt nur Pöbel brauchen; mit den anderen, den
Individualitäten, räumt er auf, wenn er unklug ist, oder heuchelt sie zu
schätzen, um sie unschädlich zu machen, wenn er so gerieben ist wie
N a p o l e o n. Seine Abhängigkeit vom Pöbel hat dieser denn auch am
feinsten gespürt. Ein Politiker kann durchaus nicht alles Beliebige
unternehmen, auch wenn er ein Napoleon ist, und selbst wenn er, was er

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aber als Napoleon nicht wird, I d e a l e realisieren wollte: er würde gar bald
von dem Pöbel, seinem wahren Herren, eines Besseren belehrt werden. Alle
»Willensersparnis« hat nur für den f o r m a l e n Akt der I n i t i a t i v e
Geltung; f r e i ist das Wollen des Machtgierigen nicht.
Auf diese Gegenseitigkeit, diese Relation zu den Massen fühlt sich
jeder Imperator hingewiesen, d a r u m sind alle ausnahmslos ganz instinktiv
f ü r die Constituante, für die Volks- oder Heeresversammlung, für das
allgemeinste Wahlrecht (B i s m a r c k 1866). Nicht Marc Aurel und
Diokletian, sondern Kleon, Antonius, Mirabeau, das sind die Gestalten, in
denen der echte Politiker erscheint. Ambitio heißt eigentlich Herumgehen.
Das tut der Tribun wie die Prostituierte. Napoleon hat in Paris nach
E m e r s o n »inkognito in den Straßen auf die Hurras und Lobsprüche des
Pöbels gelauscht«. Von Wa l l e n s t e i n heißt es bei S c h i l l e r ganz ähnlich.
Von jeher hat das Phänomen des großen Mannes der Tat, als ein ganz
Einzigartiges, vor allem die Künstler (aber auch philosophische
Schriftsteller) mächtig angezogen. Die überraschende Konformität, welche
hier entrollt wurde, wird es vielleicht erleichtern, der Erscheinung
begrifflich, durch die Analyse, näher zu kommen. A n t o n i u s (C a e s a r)
und K l e o p a t r a — die beiden sind einander gar nicht unähnlich. Den
meisten Menschen wird die Parallele wohl zuerst ganz fiktiv erscheinen,
und doch däucht mich das Bestehen einer engen Analogie über allen
Zweifel erhaben, so heterogen beide den ersten Anblick berühren mögen.
Wie der »große Mann der Tat« auf ein I n n e n l e b e n v e r z i c h t e t, um
sich gänzlich in der Welt, hier paßt das Wort, a u s z u l e b e n, und
zugrundezugehen wie alles A u sgelebte, statt zu bestehen wie alles
E i ngelebte, wie er seinen ganzen We r t mit kolossaler Wucht hinter sich
wirft und sich ihn w e g h ä l t, so schmeißt die große Prostituierte der
Gesellschaft den Wert ins Antlitz, den sie als Mutter von ihr beziehen
könnte, nicht freilich um in sich zu gehen und ein beschauliches Leben zu
führen, sondern um ihrem sinnlichen Triebe nun erst vollen Lauf zu lassen.
Beide, die große Prostituierte und der große Tribun, sind wie Brandfackeln,
die entzündet weithin leuchten, Leichen über Leichen auf ihrem Wege
lassen und untergehen, wie Meteore, für menschliche Weisheit sinnlos,
zwecklos, ohne ein Bleibendes zu hinterlassen, ohne alle Ewigkeit —
indessen die Mutter und der Genius in der Stille die Zukunft wirken. Beide,

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Dirne und Tribun, werden darum als »Gottesgeißeln«, als antimoralische
Phänomene empfunden.
Hiegegen erscheint es neuerdings gerechtfertigt, daß seinerzeit vom
Begriffe des genialen Menschen der »große Willensmensch«
ausgeschlossen wurde. Das Genie, und zwar nicht etwa bloß das
philosophische, sondern auch das künstlerische, ist immer ausgezeichnet
durch das Vorwalten der begrifflichen oder darstellenden E r k e n n t n i s
über alles P r a k t i s c h e.
Das Motiv, welches die Dirne treibt, bedarf indessen noch einer
Untersuchung. Das Wesen der Mutter war relativ leicht zu erkennen: sie ist
in eminenter Weise das Werkzeug zur Erhaltung der Gattung. Viel
rätselhafter und schwieriger ist die Erklärung der Prostitution. Für jeden,
der über diese lange nachgedacht hat, sind sicherlich Augenblicke
gekommen, wo er an ihrer Aufhellung völlig verzweifelt hat. Worauf es hier
aber gewiß vor allem ankommt, ist das verschiedene Verhältnis beider, der
Mutter und der Dirne, zum Koitus. Die Gefahr ist hoffentlich gering, daß
jemand die Beschäftigung hiemit, wie überhaupt mit dem Thema der
Prostitution, für des Philosophen unwürdig erachten könnte. Es ist der Geist
der Behandlung, der vielen Gegenständen Würde erteilen muß. Auch die
Künstler, welche die Dirne zum Vorwurf gewählt haben — mir sind Z o l a s
»Confession de Claude«, H o r t e n s e, R e n é e und N a n a, To l s t o i s
»Auferstehung«, I b s e n s H e d d a G a b l e r und R i t a, schließlich die
S o n j a eines der größten Geister, des D o s t o j e w s k i j bekannt geworden
— wollten nie wirklich singuläre Fälle, sondern stets Allgemeines
darstellen. Vom Allgemeinen aber muß auch eine Theorie möglich sein.
Für die Mutter ist der Koitus Mittel zum Zweck; die Dirne nimmt
insofern eine Sonderstellung zu ihm ein, a l s i h r d e r K o i t u s
S e l b s t z w e c k w i r d. Daß im Naturganzen dem Koitus noch eine andere
Rolle zugefallen ist außer der Fortpflanzung, hierauf sehen wir uns
allerdings auch dadurch hingewiesen, daß bei vielen Lebewesen die letztere
ohne den Koitus erreicht wird (P a r t h e n o g e n e s i s). Aber andererseits
sehen wir bei den Tieren noch überall die B e g a t t u n g dem Ziele der
Hervorbringung einer Nachkommenschaft dienen, und nirgends ist uns der
Gedanke nahegelegt, daß die Kopulation a u s s c h l i e ß l i c h der Lust
wegen gesucht werde, indem sie vielmehr nur zu gewissen Zeiten, den
Brunstperioden, vor sich geht; so daß man die Lust geradezu als das Mittel

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betrachtet hat, welches die Natur anwende, um i h r e n Zweck der Erhaltung
der Gattung zu erreichen.
Wenn der Koitus der Dirne Selbstzweck ist, so heißt dies nicht, daß für
die Mutter der Koitus nichts bedeute. Es gibt zwar eine Kategorie »sexuell-
anästhetischer« Frauen, die man als »frigid« bezeichnet, obwohl solche
Fälle viel seltener glaubwürdig sind, als man denkt, indem sicherlich an der
ganzen Kälte oft nur der Mann die Schuld trägt, der durch seine Person
nicht vermochte, das Gegenteil herbeizuführen; die übrigen Fälle aber sind
nicht dem Muttertypus zuzurechnen. Frigidität kann sowohl bei der Mutter
als bei der Dirne auftreten; sie wird später unter den hysterischen
Phänomenen eine Erklärung finden. Ebensowenig darf man die Prostituierte
für sexuell unempfindlich halten, weil die Straßendirnen (d. i. jenes
Kontingent, das im ganzen und großen nur von der bäuerischen
Bevölkerung, den Dienstmädchen u. s. w. zur Prostitution gestellt wird) hier
oft hochgespannte Erwartungen durch Mangel an Lebendigkeit enttäuscht
haben mögen. Weil das käufliche Mädchen auch die Liebesbezeugungen
solcher sich gefallen lassen muß, die ihm sexuell nichts bieten, darf man es
nicht etwa als zu seinem Wesen gehörig betrachten, beim Koitus überhaupt
kalt zu bleiben. Dieser Schein entsteht nur, weil gerade sie die höchsten
Ansprüche an das sinnliche Vergnügen stellt; und für alle Entbehrungen, die
sie in dieser Hinsicht sonst erduldet, wird sie die Gemeinschaft mit dem
Zuhälter aufs ausgiebigste entschädigen müssen.
Daß für die Dirne der Koitus Selbstzweck ist, wird auch hieraus
ersichtlich, daß sie, und nur sie allein, k o k e t t ist. Die Koketterie ist nie
ohne Beziehung zum Koitus. Ihr Wesen besteht darin, daß sie die Eroberung
der Frau dem Manne als geschehen vorspiegelt, um ihn d u r c h d e n
K o n t r a s t mit der Realität, welche diese Erfüllung noch keineswegs zeigt,
zur Verwirklichung der Eroberung anzuspornen. So ist sie eine
Herausforderung des Mannes, dem sie eine und dieselbe Aufgabe in ewig
wechselnder Form zeigt und ihm g l e i c h z e i t i g zu verstehen gibt, daß er
nicht für fähig gehalten werde, diese Aufgabe je zu lösen. Hiebei leistet das
Spiel der Koketterie an sich für die Frau dies, daß es ihren Zweck, den
Koitus, bereits während seines Verlaufes in gewissem Sinne erfüllt: denn
durch das Begehren des Mannes, das sie hervorruft, fühlt die Dirne schon
ein den Sensationen des Koitiert-Werdens Analoges und verschafft sich so
den Reiz der Wollust zu jeder Zeit und von jedem Manne. Ob sie hierin bis

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zum äußersten Ende gehen oder sich zurückziehen werde, wenn die
Bewegung einen zu beschleunigten Fortgang nimmt, hängt wohl nur davon
ab, ob die Form des wirklichen Koitus, den sie zur Zeit ausübt, d. h. ob ihr
gegenwärtiger Mann sie schon so befriedigt, daß sie von dem anderen nicht
m e h r erwartet. Und daß gerade die Straßendirne im allgemeinen nicht
kokett ist, kommt vielleicht nur davon her, daß sie die Empfindungen,
welche das Ziel der Koketterie sind, im stärksten Ausmaß und in der
massivsten Form ohnedies unausgesetzt kostet und daher auf die feineren
prickelnden Variationen leicht verzichten kann. Die Koketterie ist also ein
Mittel, den aktiven sexuellen Angriff von Seite des Mannes herbeizuführen,
die Intensität dieses Angriffes nach Belieben zu steigern oder
abzuschwächen und seine Richtung, dem Angreifer selbst unmerkbar,
dorthin zu dirigieren, wo ihn die Frau haben will; ein Mittel, entweder bloß
Blicke und Worte hervorzurufen, durch welche sie sich angenehm kitzelnd
betastet fühlt, oder es bis zur »Vergewaltigung« kommen zu lassen.[53]
Die Sensationen des Koitus sind prinzipiell keine
a n d e r e n E m p f i n d u n g e n a l s w i e s i e d a s We i b s o n s t
kennt, sie zeigen dieselben nur in höchster
I n t e n s i f i k a t i o n ; d a s g a n z e S e i n d e s We i b e s o f f e n b a r t
s i c h i m K o i t u s , a u f s h ö c h s t e p o t e n z i e r t . Darum kommen
hier auch die Unterschiede zwischen Mutter und Dirne am stärksten zur
Geltung. Die Mutter empfindet den Koitus nicht w e n i g e r, sondern
a n d e r s als die Prostituierte. Das Verhalten der Mutter ist mehr
annehmend, hinnehmend, die Dirne fühlt, schlürft bis aufs äußerste den
Genuß. Die Mutter empfindet das Sperma des Mannes gleichsam als
D e p o s i t u m: bereits im Gefühle des Koitus findet sich bei ihr das
Moment des Aufnehmens und Bewahrens; denn sie ist die Hüterin des
Lebens. Die Dirne hingegen will nicht wie die Mutter das Dasein überhaupt
erhöht und gesteigert fühlen, wenn sie vom Koitus sich erhebt; s i e w i l l
vielmehr im Koitus als Realität verschwinden,
zermalmt, zernichtet, zu nichts, bewußtlos werden vor
Wo l l u s t. Für die Mutter ist der Koitus der A n f a n g e i n e r R e i h e; die
Dirne will in ihm ihr E n d e, sie will v e r g e h e n in ihm. Der Schrei der
Mutter ist darum ein kurzer, mit schnellem Schluß; der der Prostituierten ist
langgezogen, denn alles Leben, das sie hat, will sie in diesen Moment
k o n z e n t r i e r t , z u s a m m e n g e d r ä n g t wissen. Weil dies nie gelingen

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kann, darum wird die Prostituierte in ihrem ganzen Leben n i e befriedigt,
von allen Männern der Welt nicht.
Hierin liegt also ein fundamentaler Unterschied im Wesen beider.
Unterschiedslos aber fühlt sich jede Frau, da das Weib nur und durchaus
sexuell ist, da diese Sexualität über den ganzen Körper sich erstreckt und an
einigen Punkten, physikalisch gesprochen, bloß d i c h t e r ist als an anderen,
fortwährend und am ganzen Leibe, überall und immer, von was es auch sei,
ausnahmslos k o i t i e r t. Das, was man gewöhnlich als Koitus bezeichnet,
ist nur ein S p e z i a l f a l l von höchster Intensität. Die Dirne will v o n
a l l e m k o i t i e r t w e r d e n — darum kokettiert sie auch, wenn sie
a l l e i n ist, u n d s e l b s t v o r l e b l o s e n G e g e n s t ä n d e n, vor jedem
Bach, vor jedem Baum — die Mutter wird von allen Dingen, fortwährend
und am ganzen Leibe, g e s c h w ä n g e r t. D i e s i s t d i e E r k l ä r u n g
d e s Ve r s e h e n s . Alles, was auf eine Mutter je Eindruck gemacht hat,
wirkt fort, je nach der Stärke des Eindruckes — der zur Konzeption
führende Koitus ist nur das intensivste dieser Erlebnisse und überwiegt an
Einfluß alle anderen — a l l d a s w i r d Va t e r i h r e s K i n d e s, es wird
A n f a n g e i n e r E n t w i c k l u n g, deren Resultat sich später am Kinde
zeigt.
Darum also ist die Vaterschaft eine armselige Täuschung; denn sie
muß stets mit unendlich vielen Dingen und Menschen geteilt werden, und
das n a t ü r l i c h e , p h y s i s c h e Recht das M u t t e r r e c h t. Weiße Frauen,
die einst von einem Neger ein Kind gehabt haben, gebären später oft einem
weißen Manne Nachkommen, die noch unverkennbare Merkmale der
Negerrasse an sich tragen. Blüten, die mit einer Pollenart bestäubt werden,
ergeben oft nach vielen späteren andersartigen Bestäubungen Früchte,
welche noch an die Spezies erinnern, mit deren Pollen sie ehedem affiziert
wurden. Und die Stute des L o r d M o r t o n ist ja berühmt geworden, die,
nachdem sie einmal einem Quagga einen Bastard geboren hatte, noch lange
hernach einem arabischen Hengst zwei Füllen warf, welche deutliche
Merkmale des Quaggas an sich trugen.
Man hat an diesen Fällen viel gedeutelt; man hat erklärt, sie müßten
viel häufiger vorkommen, wenn der Vorgang überhaupt möglich wäre. Aber
damit sich diese »I n f e k t i o n«, wie man ihn nennt (We i s m a n n hat den
ausgezeichneten Namen Te l e g o n i e, d. i. Z e u g u n g i n d i e F e r n e,
vorgeschlagen, F o c k e von Gastgeschenken, X e n i e n gesprochen), damit

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sich Fernzeugung deutlich offenbaren könne, ist eine Erfüllung sämtlicher
Gesetze der Sexualanziehung, eine außergewöhnlich hohe geschlechtliche
Affinität zwischen dem ersten Vater und der Mutter erforderlich. Die
Wahrscheinlichkeit ist von vornherein gering, daß ein Paar sich finde, in
welchem jene Affinität derart mächtig ist, daß sie die mangelnde
Rassenverwandtschaft überwindet; und doch besteht nur, wenn
Rassenverschiedenheit vorhanden ist, eine Aussicht auf augenfällige,
allgemein überzeugende Divergenzen; indessen bei sehr naher
Familienverwandtschaft die Möglichkeit fehlt, unzweideutige
Abweichungen vom Vatertypus an jenem Kinde, das noch unter dem
Einflusse der früheren Zeugung stehen soll, mit Sicherheit festzustellen.
Übrigens ist, daß man so heftig gegen die Keiminfektion sich gewehrt hat,
nur daraus zu erklären, daß man die Erscheinungen nicht in ein System zu
bringen wußte.
Nicht besser als der Infektionslehre ist es dem Versehen ergangen.
Hätte man begriffen, daß auch die Fernzeugung ein Versehen ist, nur eben
ein Spezialfall des letzteren von höchster Intensität, hätte man eingesehen,
daß der Urogenitaltrakt nicht der einzige, sondern nur der wirksamste Weg
ist, auf dem eine Frau koitiert werden kann, daß die Frau durch einen
B l i c k, durch ein Wo r t sich bereits b e s e s s e n fühlen kann, es wäre der
Widerspruch gegen das Versehen wie gegen die Telegonie so laut nicht
geworden. Ein Wesen, das überall und von allen Dingen k o i t i e r t wird,
kann auch überall und von allen Dingen b e f r u c h t e t werden: d i e
Mutter ist empfänglich überhaupt. In ihr gewinnt alles
L e b e n, denn alles macht auf sie physiologischen Eindruck und geht in ihr
Kind als dessen Bildner ein. Hierin ist sie wirklich, in ihrer niederen
körperlichen Sphäre, nochmals dem Genius vergleichbar.
Anders die Dirne. Wie sie selbst im Koitus zunichte werden will, so ist
ihr Wirken auch sonst durchaus auf Zerstörung angelegt. Während die
Mutter alles, was dem irdischen Leben und guten Fortkommen des
Menschen förderlich ist, begünstigt, alles Ausschweifende aber von ihm
fernhält, während sie den Fleiß des Sohnes aneifert und die Arbeitsamkeit
des Gatten spornt, sucht die Hetäre die ganze Kraft und Zeit des Mannes
f ü r s i c h in Anspruch zu nehmen. Aber nicht nur sie selbst ist gleichsam
von Anbeginn dazu bestimmt, den Mann zu mißbrauchen: auch in jedem
Mann verlangt etwas nach dieser Frau, das an Seite der schlichteren, stets

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geschäftigen, geschmacklos gekleideten, aller geistigen Elégance baren
Mutter keine Befriedigung findet. Etwas in ihm s u c h t den Genuß, und
beim F r e u d e n m ä d c h e n vergißt er sich am leichtesten. Denn die Dirne
vertritt das Prinzip des leichten Sinnes, sie sorgt nicht vor wie die Mutter,
sie und nicht die Mutter ist die gute Tänzerin, nur sie verlangt nach
Unterhaltung und großer Gesellschaft, nach dem Spaziergang und dem
Vergnügungslokal, nach dem Seebad und dem Kurort, nach Theater und
Konzert, nach immer neuen Toiletten und Edelsteinen; nach Geld, um es
mit vollen Händen hinauszustreuen, nach Luxus statt nach Komfort, nach
Lärm statt nach Ruhe; nicht nach dem Lehnstuhl inmitten von Enkeln und
Enkelinnen, sondern nach dem Triumphzug auf dem Siegeswagen des
schönen Körpers durch die Welt.
Die Prostituierte erscheint denn auch dem Manne unmittelbar als die
Verführerin: in den Gefühlen, die sie in ihm weckt; nur sie, das unkeusche
Weib par excellence, als »Zauberin«. Sie ist der weibliche »Don Juan«, sie
ist jenes Wesen in der Frau, das die Ars amatoria kennt, lehrt und hütet.
Hiemit hängen aber noch interessantere und tiefer führende Dinge
zusammen. Die Mutter wünscht vom Manne Anständigkeit, nicht um der
Idee willen, s o n d e r n weil sie die Bejaherin des
E r d e n l e b e n s i s t. Wie sie selbst arbeitet und nicht faul ist gleich der
Dirne, wie sie stets von Geschäften mit Bezug auf die Zukunft erfüllt
scheint, so hat sie auch beim Manne Sinn für Tätigkeit und sucht ihn nicht
von dieser zum Vergnügen hin abzuziehen. Die Dirne hingegen kitzelt am
stärksten der Gedanke eines rücksichtslosen, gaunerischen, der Arbeit
abgewandten Mannes. Ein Mensch, der einmal eingesperrt war, ist der
Mutter ein Gegenstand des Abscheus, der Dirne eine Attraktion. Es gibt
Frauen, die mit ihrem Sohne wirklich unzufrieden sind, wenn er in der
Schule nicht gut tut, und solche, die an ihm, wenn sie auch das Gegenteil
heucheln, dann um so größeres Wohlgefallen finden. Das »S o l i d e« reizt
die Mutter, das »U n s o l i d e« die Dirne. Jene verabscheut, diese liebt den
kräftig trinkenden Mann. Und so ließe sich noch vieles andere, in der
gleichen Richtung gelegene anführen. Nur ein Einzelfall dieser
allgemeinen, hoch in die wohlhabendsten Klassen hinauf reichenden
Verschiedenheit ist es, daß die Gassendirne zu jenen Menschen sich am
meisten hingezogen fühlt, die offene Verbrecher sind: der Z u h ä l t e r ist

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immer gewalttätig, kriminell veranlagt, oft Räuber oder Betrüger, wenn
nicht Mörder zugleich.
Dies legt nun, so wenig das Weib selbst a n t imoralisch genannt
werden darf — es ist immer nur amoralisch — den Gedanken nahe, daß die
Prostitution in irgend einer tiefen B e z i e h u n g zum A n t imoralischen
stehe, während alle Mutterschaft nie einen solchen Hinweis enthält. Nicht
als ob die Prostituierte selbst das weibliche Äquivalent des männlichen
Verbrechers bildete; obwohl sie so arbeitsscheu ist wie dieser, darf aus den
in den vorigen Kapiteln erörterten Gründen die Existenz eines
verbrecherischen Weibes nicht zugegeben werden: die Frauen stehen nicht
so hoch. Aber i n e i n e r R e l a t i o n zum Antimoralischen, zum Bösen
wird die Prostituierte unleugbar vom Manne empfunden, selbst wenn dieser
nicht in ein sexuelles Verhältnis zu ihr getreten ist; so daß man nicht sagen
kann, nur die Abwehr irgend eines eigenen Wollustgedankens habe diese
projizierende Form angenommen. Der Mann erlebt die Prostitution von
vornherein als ein Dunkles, Nächtiges, Schauervolles, Unheimliches, ihr
Eindruck lastet schwerer, qualvoller auf seiner Brust als der, welchen die
Mutter auf ihn hervorbringt. Die merkwürdige Analogie der großen Hetäre
zum großen Verbrecher, d. i. eben zum Eroberer; die intime Beziehung der
kleinen Dirne zum moralischen Ausbunde der Menschheit, dem
Zuhältertum; jenes Gefühl, das sie im Manne wachruft, endlich die
Absichten, die sie in betreff seiner hat — all das vereinigt sich dazu, jene
Ansicht zu bekräftigen. Wi e die Mutter ein
lebensfreundliches, so ist die Prostituierte ein
l e b e n s f e i n d l i c h e s P r i n z i p . Aber wie die Bejahung der Mutter nicht
auf die Seele, sondern auf den Leib geht, so erstreckt sich auch die
Verneinung der Dirne nicht diabolisch auf die Idee, sondern nur auf
Empirisches. Sie will vernichtet werden und vernichten, sie schadet und
zerstört. P h y s i s c h e s L e b e n u n d p h y s i s c h e r To d , b e i d e i m
K o i t u s s o g e h e i m n i s v o l l t i e f z u s a m m e n h ä n g e n d (vgl. das
nächste Kapitel), s i e v e r t e i l e n s i c h a u f d a s We i b a l s M u t t e r
u n d a l s P r o s t i t u i e r t e.
Eine entscheidendere Antwort als diese kann auf die Frage nach der
Bedeutung von Mutterschaft und Prostitution einstweilen kaum gegeben
werden. Es ist ja ein völlig dunkles, von keinem Wanderer noch betretenes
Gebiet, auf dem ich mich hier befinde; der Mythus in seiner religiösen

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Phantasie mag es zu erleuchten sich erkühnen, dem Philosophen sind
metaphysische Übergriffe allzufrüh nicht anzuraten. Dennoch bedarf noch
einiges einer besseren Hervorhebung. Die antimoralische Bedeutung des
Phänomens der Prostitution stimmt damit überein, daß sie ausschließlich
auf den Menschen beschränkt ist. Bei den Tieren ist das Weibchen durchaus
der Fortpflanzung untertan, es gibt dort keine sterile Weiblichkeit. Ja man
könnte sogar daran denken, daß sich bei den Tieren die Männchen
prostituieren, wenn man an den Rad schlagenden Pfau denkt, an das
Leuchten des Glühwurms, die Lockrufe der Singvögel, den balzenden
Auerhahn. Aber diese Schaustellungen sekundärer Geschlechtscharaktere
sind bloße e x h i b i t i o n i s t i s c h e Akte des Männchens; wie es auch unter
den Menschen vorkommt, daß läufige Männer ihre Genitalien vor Frauen
entblößen als Aufforderung zum Koitus. Nur insofern sind diese tierischen
Akte vorsichtig zu interpretieren, als man sich hüten muß, zu glauben, die
psychische Wirkung, welche durch sie auf das Weibchen hervorgebracht
wird, werde von dem Männchen im voraus in Betracht und Rechnung
gezogen. Es handelt sich viel mehr um einen triebhaften A u s d r u c k des
e i g e n e n sexuellen Verlangens als um ein Mittel, dasselbe beim Weibe zu
steigern, es ist ein Hintreten vor die Frau m i t und i n der sexuellen
Erregung; während bei exhibitionierenden M e n s c h e n wohl stets die
Vorstellung der Erregung des anderen Geschlechtes mitspielt[54].
Die Prostitution ist demnach etwas beim Menschen allein
Auftretendes; Tiere und Pflanzen sind ja nur gänzlich amoralisch, nicht
irgendwie dem Antimoralischen verwandt, und kennen darum nur die
Mutterschaft. H i e r liegt also eines der tiefsten
G e h e i m n i s s e a u s We s e n u n d U r s p r ü n g e n d e s M e n s c h e n
v e r b o r g e n . Und nun ist insofern an dem früheren eine Korrektur
anzubringen, als mir wenigstens, je länger ich über sie nachdenke, desto
mehr die Prostitution eine M ö g l i c h k e i t f ü r a l l e F r a u e n z u s e i n
scheint, ebenso wie die, ja bloß physische,
M u t t e r s c h a f t. Sie ist vielleicht etwas, wovon j e d e s menschliche Weib
durchsetzt, etwas, womit hier die tierische Mutter tingiert ist[55], ja am Ende
eben das, was im menschlichen Weibe jenen Eigenschaften entspricht, um
die der menschliche Mann mehr ist als das tierische Männchen. Zu der
bloßen Mutterschaft des Tieres ist hier, mit dem Antimoralischen im Manne
zu gleicher Zeit und nicht ohne merkwürdige Beziehungen zu diesem, ein

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Faktor hinzugekommen, der das menschliche Weib vom tierischen gänzlich
und von Grund aus unterscheidet. Welche Bedeutung das Weib gerade als
D i r n e für den Mann in b e s o n d e r e m Maße gewinnen konnte, davon soll
erst gegen den Schluß der gesamten Untersuchung die Rede werden; der
Ursprung, die letzte Ursache der Prostitution, bleibt gleichwohl vielleicht
für immer ein tiefes Rätsel und in völliges Dunkel gehüllt.
Es lag mir bei dieser etwas breiten, aber durchaus nicht erschöpfenden,
durchaus nicht alle Phänomene auch nur streifenden Betrachtung alles
andere näher, als etwa ein Prostituierten-Ideal aufzustellen, wie es manche
begabte Schriftsteller der jüngsten Zeit kaum verhüllt entwickelt zu haben
scheinen. Aber dem anderen, dem scheinbar unsinnlichen Mädchen m u ß t e
ich den Nimbus rauben, mit dem es jeder Mann so gerne umgeben möchte,
durch die Erkenntnis, daß gerade dieses Geschöpf das mütterlichste ist, und
die Virginität ihm, seinem Begriffe nach, ebenso fremd wie der Dirne. Und
selbst die Mutterliebe konnte vor einer eindringenderen Analyse nicht als
ein sittliches Verdienst sich behaupten. Die Idee der unbefleckten
Empfängnis endlich, der reinen Jungfrau Goethes, Dantes, enthält die
Wahrheit, daß die absolute Mutter den Koitus nie als Selbstzweck, um der
Lust willen, herbeiwünschen würde. Sie darum heiligen konnte nur eine
Illusion. Dagegen ist es wohl begreiflich, daß sowohl der Mutterschaft als
der Prostitution, beiden als Symbolen tiefer und mächtiger Geheimnisse,
religiöse Verehrung gezollt wurde.
Ist damit die Unhaltbarkeit jener Ansicht dargetan, welche einen
besonderen Frauentypus doch noch verteidigen und für die Sittlichkeit des
Weibes in Anspruch nehmen zu können glaubt, so soll jetzt die Erforschung
der Motive in Angriff genommen werden, welche den Mann die Frau immer
und ewig werden verklären lassen.

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XI. Kapitel.
Erotik und Ästhetik.
Die Argumente, mit welchen die Hochwertung der Frau immer wieder
zu begründen versucht wird, sind nun, bis auf wenige, noch nachzuholende
Dinge, einer Prüfung unterzogen, und vom Standpunkte der kritischen
Philosophie, auf welchen die Untersuchung, nicht ohne diese Wahl zu
begründen, sich gestellt hat, auch widerlegt. Freilich ist wenig Grund zur
Hoffnung, daß man sich in einer Diskussion auf diesen harten Boden
begeben werde. Das Schicksal S c h o p e n h a u e r s gibt zu denken, dessen
niedrige Meinung »Über die Weiber« noch immer darauf zurückgeführt zu
werden pflegt, daß ein venetianisches Mädchen, mit dem er ging, sich in
den vorübergaloppierenden, körperlich schöneren B y r o n vergaffte: als ob
die schlechteste Meinung von den Frauen der bekäme, der am wenigsten,
und nicht vielmehr jener, der am meisten Glück bei ihnen gehabt hat. Die
Methode, statt Gründe mit Gründen zu widerlegen, jemand einfach als
Misogynen zu bezeichnen, hat in der Tat viel für sich. Der Haß ist nie über
sein Objekt hinaus, und so bringt die Bezeichnung eines Menschen als eines
Hassers dessen, worüber er aburteilt, ihn stets mit Leichtigkeit in den
Verdacht der Unaufrichtigkeit, Unreinheit, Unsicherheit, die durch das
Pathos der Abwehr zu ersetzen suche, was ihr an innerer Berechtigung
gebricht. So verfehlt diese Art der Antwort nie ihren Z w e c k, von allem
Eingehen auf die Frage zu entheben. Sie ist die geschickteste und
treffsicherste Waffe jener ungeheuren Mehrzahl unter den Männern, die sich
über das Weib n i e k l a r w e r d e n w i l l. Es ist nun allerdings eine
Unsitte, in einer theoretischen Kontroverse auf die psychologischen Motive
des Gegners zu rekurrieren und diesen Rekurs statt der Beweise zu
brauchen. Ich will auch niemand theoretisch darüber belehren, daß in einem
sachlichen Streite die Gegner beide unter die überpersönliche Idee der
Wahrheit sich zu stellen haben und ein Ergebnis unabhängig davon sollen
zu erreichen suchen, ob und wie sie beide als konkrete Einzelpersonen
existieren. Wenn aber von der einen Seite das logische Schlußverfahren
folgerichtig bis zu einem gewissen Abschluß gebracht wurde, ohne daß die
andere auf den Beweisprozeß an sich eingeht, sondern nur gegen die

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Konklusionen heftig sich sträubt: dann darf in gewissen Fällen der erste
wohl sich erlauben, den zweiten für die Unanständigkeit seines, zum
Eingehen auf strenge Deduktion nicht zu bewegenden Benehmens zu
strafen, indem er ihm die Motive seiner Halsstarrigkeit recht vor die Augen
rückt. Denn wären dem anderen diese Gründe bewußt, so würde er sie auch
sachlich abwägen gegen die Wirklichkeit, die seinen Wünschen so
widerstreitet. Nur weil sie ihm unbewußt waren, darum konnte er, sich
selbst gegenüber, nicht zu einer objektiven Stellung gelangen. Deshalb soll
jetzt, nach den strengen logischen und sachlichen Ableitungen, der Spieß
umgekehrt, und einmal der Frauenverteidiger darauf untersucht werden, aus
welchem Gefühle das Pathos seiner Parteinahme stammt, inwiefern es seine
Wurzeln in lauterer, und wie weit es sie in fragwürdiger Gesinnung hat.
Alle Einwände, welche dem Verächter der Weiblichkeit gemacht
werden, gehen gefühlsmäßig samt und sonders aus dem e r o t i s c h e n
Verhältnisse hervor, in welchem der Mann zu der Frau steht. Dieses
Verhältnis ist von dem nur s e x u e l l e n, mit welchem bei den Tieren die
Beziehungen der Geschlechter erschöpft sind, und das auch unter den
Menschen dem Umfang nach die weitaus größere Rolle spielt, e i n
p r i n z i p i e l l d u r c h a u s Ve r s c h i e d e n e s. Es ist vollkommen verfehlt,
daß Sexualität und Erotik, Geschlechtstrieb und Liebe, im Grunde nur ein
und dasselbe seien, die zweite eine Verbrämung, Verfeinerung,
Umnebelung, »Sublimation« des ersten; obwohl hierauf wohl alle
Mediziner schwören, ja selbst Geister wie K a n t und S c h o p e n h a u e r
nichts anderes geglaubt haben. Ehe ich auf die Begründung dieser schroffen
Trennung eingehe, will ich, was diese beiden Männer betrifft, folgendes zu
bemerken nicht unterlassen. K a n t e n s Meinung kann aus dem Grunde
nicht maßgebend sein, weil er sowohl die Liebe als den Geschlechtstrieb
nur in so geringem Maße gekannt haben muß, wie überhaupt nie ein
Mensch außer ihm. Er war so wenig erotisch, daß er nicht einmal das
Bedürfnis hatte zu r e i s e n. Er steht also zu hoch und zu rein da, um in
dieser Frage als Autorität mitzusprechen: die einzige Geliebte, an der e r
sich gerächt hat, war die Metaphysik. Und was S c h o p e n h a u e r anlangt,
so hat dieser eben wenig Verständnis für höhere Erotik, sondern nur eines
für sinnliche Sexualität besessen. Dies läßt sich auf folgendem Wege ohne
Schwierigkeit ableiten. S c h o p e n h a u e r s Gesicht zeigt wenig Güte und
viel Grausamkeit (unter der er allerdings am fürchterlichsten selbst gelitten
haben muß: man stellt keine Mitleidsethik auf, wenn man selbst sehr

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mitleidig ist. Die mitleidigsten Menschen sind die, welche sich ihr
Mitleiden am meisten verübeln: K a n t und N i e t z s c h e). Aber n u r zum
M i t l e i d e n stark veranlagte Menschen sind, worauf schon hier
hingewiesen werden darf, einer heftigen E r o t i k fähig; solche, die »an
nichts keinen Anteil nehmen«, sind der Liebe unfähig. Es müssen dies nicht
satanische Naturen sein, im Gegenteil, sie können sittlich sehr hoch stehen,
ohne doch recht zu bemerken, was ihr Nebenmensch gerade denkt oder was
in ihm vorgeht; und ohne ein Verständnis für ein übersexuelles Verhältnis
zum Weibe zu besitzen. So ist es auch bei S c h o p e n h a u e r. Er war ein
extrem unter dem Geschlechtstriebe leidender Mensch, er hat aber nie
geliebt; wäre doch sonst auch die Einseitigkeit seiner berühmten
»Metaphysik der Geschlechtsliebe« unerklärlich, deren wichtigste Lehre es
ist, daß der unbewußte Endzweck auch aller L i e b e nichts weiter sei als
»die Zusammensetzung der nächsten Generation«.
Diese Ansicht ist, wie ich zeigen zu können glaube, f a l s c h. Zwar eine
Liebe, die ganz frei von Sinnlichkeit ist, gibt es i n d e r E r f a h r u n g
nicht. Der Mensch, mag er noch so hoch stehen, ist eben immer a u c h
Sinnenwesen. Worauf es ankommt und was unwiderstehlich die gegnerische
Ansicht zu Boden schlägt, ist, daß jede Liebe selbst, an und für sich —
nicht erst durchs Hinzutreten asketischer Grundsätze — f e i n d l i c h gegen
alle jene Elemente des Verhältnisses sich stellt, die zum Koitus drängen, j a
s i e a l s i h r e e i g e n e N e g a t i o n s e l b s t e m p f i n d e t. Liebe und
Begehren sind zwei so verschiedene, einander so völlig ausschließende, ja
entgegengesetzte Zustände, daß, in den Momenten, wo ein Mensch wirklich
l i e b t, ihm der Gedanke der körperlichen Vereinigung mit dem geliebten
Wesen ein völlig undenkbarer ist. Daß es keine Hoffnung gibt, die von
Furcht ganz frei wäre, ändert nichts daran, daß Hoffnung und Furcht
einander gerade entgegengesetzt sind. Nicht anders verhält es sich zwischen
dem Geschlechtstrieb und der Liebe. Je erotischer ein Mensch ist, desto
weniger wird er von seiner Sexualität belästigt, und umgekehrt. Wenn es
keine Anbetung gibt, die von Begierde gänzlich frei wäre, so darf man
darum beide Dinge nicht identifizieren, die höchstens
e n t g e g e n g e s e t z t e Phasen sein mögen, in welche ein reicherer Mensch
successive eintreten kann. Der lügt oder hat nie gewußt, was Liebe ist, der
behauptet, eine Frau noch zu lieben, die er begehrt: so verschieden sind
Liebe und Geschlechtstrieb. Darum wird es auch fast immer als eine
Heuchelei empfunden, wenn einer von Liebe in der Ehe spricht.

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Dem stumpfen Blicke, der dem gegenüber noch immer, wie aus
grundsätzlichem Cynismus, an der Identität beider festhält, sei folgendes zu
schauen gegeben: die sexuelle Anziehung wächst mit der körperlichen
Nähe, die Liebe ist am stärksten in der Abwesenheit der geliebten Person,
sie bedarf der Trennung, einer gewissen Distanz, um am Leben zu bleiben.
Ja, was alle Reisen in ferne Länder nicht erreichen konnten, daß wahre
Liebe sterbe, wo aller Zeitverlauf dem Ve r g e s s e n nichts fruchtete, da
kann eine zufällige, unbeabsichtigte körperliche Berührung mit der
Geliebten den Geschlechtstrieb wachrufen und es vermögen, die Liebe auf
der Stelle zu töten. Und für den höher differenzierten, den bedeutenden
Menschen haben das Mädchen, das er begehrt, und das Mädchen, das er nur
lieben, aber nie begehren könnte, sicherlich immer eine ganz verschiedene
Gestalt, einen verschiedenen Gang, eine verschiedene Charakteranlage: e s
s i n d z w e i g ä n z l i c h v e r s c h i e d e n e We s e n.
Es gibt also »platonische« Liebe, wenn auch die Professoren der
Psychiatrie nichts davon halten. Ich möchte sogar sagen: e s g i b t n u r
» p l a t o n i s c h e « L i e b e. Denn was sonst noch Liebe genannt wird,
gehört in das Reich der Säue. Es gibt nur eine Liebe: es ist die Liebe zur
Beatrice, die Anbetung der Madonna. Für den Koitus ist ja die babylonische
Hure da.
K a n t e n s Aufzählung der transcendentalen Ideen bedürfte, sollte dies
haltbar bleiben, einer Erweiterung. Auch die reine hohe, begehrungslose
Liebe, die Liebe P l a t o n s und B r u n o s, wäre eine t r a n s c e n d e n t a l e
I d e e, deren Bedeutung als I d e e dadurch nicht berührt würde, daß keine
Erfahrung jemals sie völlig verwirklicht aufwiese.
Es ist das Problem des »Ta n n h ä u s e r«. Hie Tannhäuser, hie
Wolfram; hie Venus, hie Maria. Die Tatsache, daß ein Liebespaar, das sich
wirklich auf ewig gefunden hat — Tristan und Isolde — in den Tod geht
statt ins Brautbett, ist ein ebenso absoluter Beweis eines Höheren, sei's
drum, Metaphysischen i m Menschen, wie das Märtyrertum eines
G i o r d a n o B r u n o.
»Dir, hohe Liebe, töne
Begeistert mein Gesang,
Die mir in Engelschöne
Tief in die Seele drang!
Du nahst als Gottgesandte:
Ich folg' aus holder Fern', —

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So führst du in die Lande,
Wo ewig strahlt dein Stern.«

Wer ist der Gegenstand solcher Liebe? Dasselbe Weib, das hier
geschildert wurde, das Weib ohne alle Qualitäten, die einem Wesen Wert
verleihen können, das Weib ohne den Willen nach einem eigenen Werte?
Wohl kaum: es ist das überschöne, das engelreine Weib, das mit dieser
Liebe geliebt wird. Woher jenem Weibe seine Schönheit und seine
Keuschheit kommt, das ist nun die Frage.
Es ist häufig darüber gestritten worden, ob wirklich das weibliche
Geschlecht das schönere sei, und noch mehr wurde seine Bezeichnung als
d a s s c h ö n e schlechthin angefochten. Es wird sich empfehlen, zunächst
im einzelnen zu fragen, von wem und inwiefern das Weib schön gefunden
wird.
Bekannt ist, daß das Weib nicht in seiner Nacktheit am schönsten ist.
Allerdings, in der Reproduktion durch das Kunstwerk, als Statue oder als
Bild, mag das unbekleidete Weib schön sein. Aber das lebende nackte Weib
kann schon aus dem Grunde von niemand schön gefunden werden, weil der
Geschlechtstrieb jene bedürfnislose Betrachtung unmöglich macht, welche
für alles Schönfinden unumgängliche Voraussetzung bleibt. Aber auch
abgesehen hievon erzeugt das völlig nackte lebendige Weib den Eindruck
von etwas Unfertigem, noch nach etwas a u ß e r sich Strebenden, und dieser
ist mit der Schönheit unverträglich. Das nackte Weib ist im einzelnen
schöner denn als Ganzes; als solches nämlich erweckt es unvermeidlich das
Gefühl, daß es etwas suche, und bereitet darum dem Beschauer eher Unlust
als Lust. Am stärksten tritt dieses Moment des Insichzwecklosen, des einen
Zweck a u ß e r s i c h habenden, am aufrecht s t e h e n d e n nackten Weibe
hervor; durch die liegende Position wird es naturgemäß gemildert. Die
künstlerische Darstellung des nackten Weibes hat dies wohl empfunden;
und wenn das nackte Weib aufrecht stehend oder schwebend gebildet ward,
so zeigte sie das Weib nie allein, sondern stets mit Rücksicht auf eine
Umgebung, vor welcher es dann seine Blöße mit der Hand zu bedecken
suchen konnte.

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Aber das Weib ist auch im einzelnen nicht durchaus schön, selbst wenn
es möglichst vollkommen und ganz untadelig den körperlichen Typus
seines Geschlechtes repräsentiert. Was hier theoretisch am meisten in
Betracht kommt, ist das weibliche Genitale. Wenn die Meinung Recht hätte,
daß alle Liebe des Mannes zum Weibe nur zum Hirn gestiegener
Detumescenztrieb ist, wenn S c h o p e n h a u e r s Behauptung haltbar wäre:
»Das niedrig gewachsene, schmalschultrige, breithüftige und kurzbeinige
Geschlecht das schöne nennen konnte nur der vom Geschlechtstrieb
umnebelte männliche Intellekt: i n d i e s e m T r i e b e n ä m l i c h s t e c k t
s e i n e g a n z e S c h ö n h e i t« — — so müßte das weibliche Genitale am
heftigsten geliebt sein und vom ganzen Körper des Weibes am schönsten
gefunden werden. Aber, von einigen widerlichen Lärmmachern der letzten
Jahre zu schweigen, welche durch die Aufdringlichkeit ihrer Reklame für
die Schönheit des weiblichen Genitales sowohl beweisen, daß erst eine
Agitation nötig ist, um hieran glauben zu machen, als auch die
Unaufrichtigkeit jener Reden erkennen lassen, von deren Inhalt sie
überzeugt zu sein vorgeben: von diesen abgesehen läßt sich behaupten, daß
kein Mann speziell das weibliche G e n i t a l e schön, vielmehr ein jeder es
h ä ß l i c h findet; es mögen gemeine Naturen durch diesen Körperteil des
Weibes besonders zu sinnlicher Begierde gereizt werden, jedoch gerade
solche werden ihn vielleicht sehr a n g e n e h m, nie aber s c h ö n finden. Die
Schönheit des Weibes kann also kein bloßer Effekt des Sexualtriebes sein;
sie ist ihm vielmehr geradezu entgegengesetzt. Männer, die ganz unter der
Gewalt des Geschlechtsbedürfnisses stehen, haben für Schönheit am Weibe
gar keinen Sinn; Beweis hiefür ist, daß sie ganz wahllos jede Frau
begehren, die sie erblicken, bloß nach den vagen Formen ihrer
Körperlichkeit.
Der Grund für die angeführten Phänomene, die Häßlichkeit des
weiblichen Genitales und die Unschönheit seines lebenden Körpers als
g a n z e n, kann nirgend anders gefunden werden als darin, daß sie das
Schamgefühl im Manne verletzen. Die kanonische Flachköpfigkeit unserer
Tage hat es auch möglich werden lassen, daß das Schamgefühl aus der
Tatsache der Kleidung abgeleitet und hinter dem Widerstreben gegen
weibliche Nacktheit nur Unnatur und versteckte Unzüchtigkeit vermutet
wurde. Aber ein Mann, der unzüchtig geworden ist, wehrt sich gar nicht
mehr gegen die Nacktheit, weil sie ihm als solche nicht mehr auffällt. Er
begehrt bloß, er liebt nicht mehr. Alle wahre Liebe ist schamhaft, ebenso

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wie alles wahre Mitleid. Es gibt nur eine Schamlosigkeit: die
Liebeserklärung, von deren Aufrichtigkeit ein Mensch im selben Momente
überzeugt wäre, in dem er sie machte. Diese würde das objektive Maximum
an Schamlosigkeit repräsentieren, welches denkbar ist; es wäre etwa so, wie
wenn jemand sagen würde: ich bin sehnsüchtig. Jenes wäre die I d e e der
schamlosen Handlung, dies die Idee der schamlosen Rede. Beide sind nie
verwirklicht, weil alle Wahrheit schamhaft ist. Es gibt keine
Liebeserklärung, die nicht eine Lüge wäre; und wie dumm die Frauen doch
eigentlich sind, kann man daraus ersehen, wie oft sie an
Liebesbeteuerungen glauben.
In der Liebe des Mannes, die stets schamhaft ist,
l i e g t n a c h a l l d e m d e r M a ß s t a b f ü r d a s , w a s a m We i b e
s c h ö n , u n d d a s , w a s a n i h m h ä ß l i c h g e f u n d e n w i r d . Es ist
hier n i c h t wie in der L o g i k: das Wahre der Maßstab des Denkens, der
Wahrheitswert sein Schöpfer; n i c h t wie in der E t h i k: das Gute das
Kriterium für das Sollen, der Wert des Guten ausgestattet mit dem
A n s p r u c h, den Willen zum Guten zu lenken; s o n d e r n h i e r , i n d e r
Ästhetik, wird die Schönheit erst von der Liebe
g e s c h a f f e n; es besteht keinerlei innerer Normzwang, das zu lieben, was
schön ist, und das Schöne tritt nicht an den Menschen mit dem Anspruch
heran, geliebt zu werden. (Nur d a r u m gibt es keinen überindividuellen,
allein »richtigen« Geschmack.) A l l e S c h ö n h e i t i s t v i e l m e h r
selbst erst eine Projektion, eine Emanation des
L i e b e s b e d ü r f n i s s e s; und so ist auch die Schönheit des Weibes nicht
ein von der Liebe Verschiedenes, nicht ein Gegenstand, auf den sie sich
richtet, sondern d i e S c h ö n h e i t d e s We i b e s i s t d i e L i e b e d e s
M a n n e s, beide sind nicht z w e i e r l e i, sondern e i n e u n d d i e s e l b e
Ta t s a c h e. Wie Häßlichkeit von Hassen, so kommt Schönheit von Lieben.
Und auch darin, daß Schönheit so wenig wie Liebe mit dem sinnlichen
Trieb zu tun hat, daß jene wie diese ihm fremd ist, drückt sich nur diese
selbe Tatsache aus. Die Schönheit ist ein Unberührbares, Unantastbares, mit
anderem Unvermengbares; nur aus völliger Weite kann sie wie nahe
geschaut werden, und vor jeder Annäherung entfernt sie sich. Der
Geschlechtstrieb, der die Vereinigung mit dem Weibe sucht, vernichtet
dessen Schönheit; das betastete, das besessene Weib wird von niemand
mehr der Schönheit wegen angebetet.

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Dies leitet nun auch über zur Beantwortung der z w e i t e n Frage: Was
ist die Unschuld, was die Moralität des Weibes?
Von einigen Tatsachen, welche den Beginn jeder Liebe begleiten, wird
hier am besten ausgegangen. Reinheit des Leibes ist, wie schon einmal
angedeutet, beim Manne im allgemeinen ein Zeichen von Sittlichkeit und
Aufrichtigkeit; wenigstens sind körperlich schmutzige Menschen kaum je
von sehr lauterer Gesinnung. Nun kann man beobachten, wie Menschen, die
sonst durchaus nicht sehr auf die Reinlichkeit ihres Leibes achten, in den
Zeiten, da sie zu größerer Anständigkeit des Charakters sich aufraffen, auch
stets häufiger und ausgiebiger sich waschen. Ebenso werden nun auch
Menschen, die nie sauber gewesen sind, für die Dauer einer Liebe plötzlich
aus innerem Triebe reinlichkeitsbedürftig, und diese kurze Spanne Zeit ist
oft die einzige ihres Lebens, wo sie unter ihrem Hemde nicht unflätig
aussehen. Schreiten wir zum Geistigen vor, so sehen wir, wie bei vielen
Menschen Liebe mit Selbstanklagen, Kasteiungs- und Sühnungsversuchen
beginnt. Eine moralische Einkehr fängt an, von der Geliebten scheint auch
eine innere Läuterung auszugehen, auch wenn der Liebende nie mit ihr
gesprochen, ja sie nur wenige Male aus der Ferne gesehen hat. D i e s e r
Prozeß kann also unmöglich in dem geliebten Wesen selbst seinen Grund
haben: die Geliebte ist nur zu oft ein Backfisch, nur zu oft eine Kuh, nur zu
oft eine lüsterne Kokette, und niemand nimmt für gewöhnlich an ihr
überirdische Eigenschaften wahr als eben derjenige, der sie liebt. Ist es also
zu glauben, daß diese konkrete Person geliebt werde in der Liebe, oder
dient sie nicht vielmehr einer unvergleichlich größeren Bewegung nur als
A u s g a n g s p u n k t?
In aller Liebe liebt der Mann nur sich selbst. Nicht seine Subjektivität,
nicht das, was er, als ein von aller Schwäche und Gemeinheit, von aller
Schwere und Kleinlichkeit behaftetes Wesen wirklich vorstellt; sondern das,
was er ganz sein will und ganz sein soll, sein eigenstes, tiefstes, intelligibles
Wesen, frei von allen Fetzen der Notwendigkeit, von allen Klumpen der
Erdenheit. In seiner zeitlich-räumlichen Wirksamkeit ist dieses Wesen
vermengt mit den Schlacken sinnlicher Beschränktheit, es ist nicht als
reines, strahlendes Urbild vorhanden; wie tief er auch in sich gehen mag, er
findet sich getrübt und befleckt, und sieht nirgends das, was er sucht, in
weißer, makelloser Reinheit. Und doch bedarf er nichts so dringend, ersehnt
er nichts so heiß als ganz und gar e r s e l b s t und nichts anderes zu sein.

Page 303

Das eine aber, wonach er strebt, das Ziel, erblickt er nicht in hellem Glanze
und unverrückter Festigkeit auf dem Grunde des eigenen Wesens, u n d
d a r u m m u ß e r e s d r a u ß e n d e n k e n, um so ihm leichter nacheifern
zu können. E r p r o j i z i e r t s e i n I d e a l e i n e s a b s o l u t
w e r t v o l l e n We s e n s auf ein anderes menschliches Wesen, und das und
nichts anderes bedeutet es, wenn er dieses Wesen l i e b t. Nur wer selbst
schuldig geworden ist, und seine Schuld fühlt, ist dieses Aktes fähig: darum
kann das Kind noch nicht lieben. Nur weil die Liebe das höchste, stets
unerreichte Ziel aller Sehnsucht so darstellt, als wäre es irgendwo in der
Erfahrung verwirklicht und nicht bloß in der Idee vorhanden; nur indem sie
es im Nebenmenschen lokalisiert, und so gleichzeitig eben der Tatsache
Ausdruck gibt, daß im Liebenden selbst das Ideal der Erfüllung noch so
ferne ist: nur darum kann mit der Liebe zugleich das S t r e b e n nach
Läuterung neu erwachen, ein Hinwollen zu einem Ziele, das von höchster
geistiger Natur ist und somit keine körperliche Verunreinigung durch
r ä u m l i c h e Annäherung an die Geliebte duldet; darum ist Liebe die
höchste und stärkste Äußerung des Willens zum Werte, darum kommt in ihr
wie in nichts auf der Welt das eigentliche Wesen des M e n s c h e n zum
Vorschein, das zwischen Geist und Körper, zwischen Sinnlichkeit und
Sittlichkeit gebannt ist, an der Gottheit wie am Tiere Anteil hat. D e r
M e n s c h i s t i n j e d e r We i s e e r s t d a n n g a n z e r s e l b s t ,
w e n n e r l i e b t .[56] So erklärt sich's, daß viele Menschen erst als
Liebende an das eigene Ich und an das fremde Du zu glauben beginnen, die,
wie sich längst zeigte, nicht nur grammatikalische, sondern auch ethische
Wechselbegriffe sind; so ist die große Rolle verständlich, welche in jedem
Liebesverhältnis die N a m e n der beiden Menschen spielen. So wird
deutlich, warum viele Menschen zuerst in der Liebe von ihrer eigenen
Existenz Kenntnis erhalten, und nicht früher von der Überzeugung
durchdrungen werden, daß sie eine Seele besitzen.[57] So, daß der Liebende
zwar die Geliebte um keinen Preis durch seine Nähe verunreinigen möchte,
aber sie doch aus der Ferne oft zu sehen trachtet, um sich ihrer — seiner —
Existenz zu vergewissern. So, daß gar mancher unerweichliche Empirist,
nun, da er liebt, zum schwärmerischen Mystiker wird, wofür der Vater des
Positivismus, Auguste C o m t e, selbst das Beispiel gegeben hat, durch die
Umwälzung seines ganzen Denkens, als er C l o t i l d e d e Va u x kennen
lernte. Nicht nur für den Künstler, für den Menschen überhaupt gibt es
psychologisch ein Amo ergo sum.

Page 304

So ist die Liebe ein P r o j e k t i o n s p h ä n o m e n gleich dem Haß, kein
Ä q u a t i o n s p h ä n o m e n gleich der Freundschaft. Voraussetzung dieser ist
gleiche Geltung beider Individuen; Liebe ist stets ein S e t z e n d e r
U n g l e i c h h e i t , d e r U n g l e i c h w e r t i g k e i t. Alles, was man selbst
sein möchte und nie ganz sein kann, auf ein Individuum häufen, es zum
Träger aller Werte machen, das heißt lieben. Sinnbildlich für diese höchste
Vollendung ist die Schönheit. Darum wundert, ja entsetzt es so oft den
Liebenden, wenn er sich überzeugt, daß im schönen Weibe nicht auch
Sittlichkeit wohne, und er beschuldigt die Natur des Betruges, weil in einem
»so schönen Körper« »so viel Verworfenheit« sein könne; er bedenkt nicht,
daß er das Weib nur deshalb noch schön findet, weil er es noch liebt: denn
sonst würde ihn auch die Inkongruenz zwischen Innerem und Äußerem
nicht mehr schmerzen. Die gewöhnliche G a s s e n d i r n e scheint deshalb
n i e schön, weil es hier von vornherein unmöglich ist, eine Projektion von
Wert zu vollziehen; sie kann nur des ganz gemeinen Menschen Geschmack
befriedigen, sie ist die Geliebte des unsittlichsten Mannes, des Zuhälters.
Hier liegt eine dem Moralischen e n t g e g e n g e s e t z t e B e z i e h u n g
o f f e n s i c h t l i c h zutage; das Weib im allgemeinen ist aber nur indifferent
gegen alles Ethische, es ist amoralisch, und kann darum, anders als der
antimoralische Verbrecher, den instinktiv niemand liebt, oder der Teufel,
den jedermann sich häßlich vorstellt, für den Akt der Wertübertragung eine
Grundlage abgeben; da es weder gut tut noch sündigt, s t r ä u b t sich nichts
in ihm und an ihm gegen diese Kollokation des Ideals in seine Person. Die
Schönheit des Weibes ist nur sichtbar gewordene Sittlichkeit, a b e r d i e s e
S i t t l i c h k e i t i s t s e l b s t d i e d e s M a n n e s, die er, in höchster
Steigerung und Vollendung, auf das Weib transponiert hat.
Weil alle Schönheit immer nur einen abermals erneuten
Ve r k ö r p e r u n g s v e r s u c h d e s h ö c h s t e n We r t e s darstellt, darum
ist vor allem Schönen ein Gefühl des Gefundenhabens, dem gegenüber jede
Begierde, jedes selbstische Interesse schweigt. Alle Formen, die der
Mensch schön findet, sind vermöge seiner ästhetischen Funktion, die
Sittliches und Gedankliches in Sinnlichkeit umsetzt, ebensoviele Versuche
von seiner Seite, das Höchste sichtbar zu realisieren. S c h ö n h e i t i s t
d a s S y m b o l d e s Vo l l k o m m e n e n i n d e r E r s c h e i n u n g .
Darum ist Schönheit unverletzlich, darum ist sie statisch und nicht
dynamisch, darum hebt jede Ä n d e r u n g im Verhalten zu ihr sie schon auf
und vernichtet ihren Begriff. Die Liebe zum eigenen Werte, die Sehnsucht

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nach Vollkommenheit zeugt in der Materie die Schönheit. So wird die
Schönheit der Natur geboren, die der Verbrecher nimmer wahrnimmt, weil
eben d i e E t h i k e r s t d i e N a t u r s c h a f f t. So erklärt sich's, daß die
Natur immer und überall, in der größten und kleinsten ihrer Bildungen, den
Eindruck des Vollendeten hervorruft. So ist auch das Naturgesetz nur ein
sinnliches Symbol des Sittengesetzes, wie die Naturschönheit der
sinnenfällig gewordene Adel der Seele; so die Logik die verwirklichte
Ethik. Wie die Liebe ein neues Weib für den Mann schafft statt des realen
Weibes, so schafft die Kunst, die Erotik des Alls, aus dem Chaos die
Formenfülle im Universum; und wie es keine Naturschönheit gibt ohne
Form, ohne Naturgesetz, so auch keine Kunst ohne Form, keine
Kunstschönheit, die nicht ihren Regeln gehorcht. Denn die Naturschönheit
zeigt die Kunstschönheit nicht anders verwirklicht als das Naturgesetz das
Sittengesetz, als die Naturzweckmäßigkeit jene Harmonie, deren Urbild
über dem Geiste des Menschen thront. Ja, die Natur, die der Künstler seine
ewige Lehrmeisterin nennt, s i e i s t n u r d i e v o n i h m s e l b s t
g e s c h a f f e n e N o r m s e i n e s S c h a f f e n s, nicht in begrifflicher
Konzentration, sondern in anschaulicher Unendlichkeit. So sind, um eines
als Beispiel zu nennen, die Sätze der Mathematik die v e r w i r k l i c h t e
Musik (und nicht umgekehrt), Mathematik selbst die k o n f o r m e
A b b i l d u n g der Musik aus dem Reiche der Freiheit auf das Reich der
Notwendigkeit, und darum das S o l l e n aller Musiker ein mathematisches.
D i e K u n s t s c h a ff t a l s o d i e N a t u r, u n d n i c h t d i e N a t u r
die Kunst.
Von diesen Andeutungen, welche, wenigstens teilweise, eine
Ausführung und Weiterbildung der tiefen Gedanken K a n tens und
S c h e l l i n g s (und des von ihnen beeinflußten S c h i l l e r) über die Kunst
sind, kehre ich zum Thema zurück. Als Resultat für dessen Zwecke steht
nun fest, daß der Glaube an die Sittlichkeit des Weibes, die
»I n t r o j e k t i o n« der S e e l e des M a n n e s in das We i b, und die schöne
äußere Erscheinung des Weibes e i n e u n d d i e s e l b e Ta t s a c h e sind,
die letztere nur der sinnenfällige Ausdruck des ersteren. Begreiflich, aber
eine Umkehrung des wahren Verhältnisses ist es also, wenn man von einer
»schönen Seele« im moralischen Sinne spricht, oder nach S h a f t e s b u r y
und H e r b a r t die Ethik der Ästhetik unterordnet: man mag mit S o k r a t e s
und A n t i s t h e n e s τὸ καλόν und τἀγαθόν für identisch halten, aber man
darf nicht vergessen, daß Schönheit nur ein körperliches Bild ist, in dem die

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Sittlichkeit sich selbst verwirklicht vorstellt, daß alle Ästhetik doch ein
G e s c h ö p f der Ethik bleibt. Jeder e i n z e l n e und zeitlich b e g r e n z t e
dieser Inkarnationsversuche ist seiner Natur nach illusorisch, denn er
täuscht die erreichte Vollkommenheit nur vor. Darum ist alle
Einzelschönheit vergänglich, und muß auch die Liebe zum Weibe es sich
gefallen lassen, durch das alte Weib widerlegt zu werden. Die Idee der
Schönheit ist die Idee der Natur, sie ist unvergänglich, wenn auch alles
Einzelschöne, alles Natürliche vergeht. Nur eine Illusion kann im
Begrenzten und Konkreten, nur eine Irrung im geliebten Weibe die
Vollkommenheit selbst erblicken. Die Liebe zur Schönheit soll sich nicht
verlieren an das Weib, um den geschlechtlichen Trieb nach ihm zu
überbauen. Wenn alle Liebe zu Personen auf jener Verwechslung beruht, so
k a n n es keine andere denn unglückliche Liebe geben. Aber alle Liebe
k l a m m e r t sich an diesen Irrtum; sie ist der heroischeste Versuch, dort
Werte zu behaupten, wo es keine Werte gibt. Die Liebe zum unendlichen
Wert, das ist zum Absoluten oder zu Gott, sei es auch in Form der Liebe zur
unendlichen sinnenfälligen Schönheit des Naturganzen (Pantheismus),
könnte allein die transcendentale Idee der Liebe heißen, wenn es eine
solche gibt; die Liebe zu allem Einzelding, und auch zum Weibe, ist schon
ein Abfall von der Idee, eine S c h u l d.
Wa r u m der Mensch diese Schuld auf sich lädt, ist im Früheren schon
enthalten. So wie aller H a ß nur üble Eigenschaften, die man selbst besitzt,
auf den Nebenmenschen projiziert, um sie dort in einer desto
abschreckenderen Vereinigung zu zeigen; wie der Teufel nur erfunden
wurde, um die bösen Triebe i m Menschen a u ß e r ihm darzustellen, und
ihm den Stolz und die Kraft des Kämpfers zu leihen: so hat auch die Liebe
nur den Zweck, dem Menschen den Kampf um das Gute zu erleichtern, das
er als Gedanken i n sich allein zu ergreifen noch zu kraftlos ist. Beides, Haß
und Liebe, ist darum eine Feigheit. Im Hasse spiegelt man sich vor, daß
man von jemand anderem bedroht sei, um sich selbst hiedurch bereits als
die angegriffene Reinheit zu fingieren, statt es sich zu gestehen, daß man
das Böse aus sich selbst auszujäten habe, und daß es nirgend anders als im
eigenen Herzen niste. Man konstruiert d e n Bösen, um sich die Genugtuung
zu bereiten, ihm ein Tintenfaß an den Kopf geworfen zu haben. Nur darum
ist der Teufelsglaube unsittlich: weil er eine unstatthafte Erleichterung des
Kampfes darstellt und eine Abwälzung der Schuld. Durch die Liebe versetzt
man, wie im Haß die Idee des eigenen Unwertes, die Idee des eigenen

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We r t e s in ein Wesen, das zu ihrer Aufnahme geeignet scheint: der Satan
wird häßlich, die Geliebte schön. So entbrennt man in beiden Fällen, durch
eine Gegenüberstellung, durch die Verteilung von Gut und Böse auf z w e i
Personen, l e i c h t e r für die moralischen Werte. Ist aber alle Liebe zu
Einzelwesen statt zur Idee eine sittliche Schwäche, so muß dies auch in den
Gefühlen des Liebenden zum Vorschein kommen. Niemand begeht ein
Verbrechen, ohne daß ihm dies durch ein Schuldgefühl angezeigt würde.
Nicht ohne Grund ist die Liebe das schamhafteste Gefühl: sie hat Ursache
sich zu schämen, weit mehr noch als das Mitleid. Der Mensch, den ich
bemitleide, bekommt von mir etwas, im Akte des Mitleidens selbst gebe ich
ihm aus meinem eingebildeten oder wesentlichen Reichtum; die Hilfe ist so
nur ein Sichtbarwerden dessen, was bereits im Mitleiden lag. Der Mensch,
den ich liebe, von dem will i c h etwas, ich will zum mindesten, daß er mich
nicht durch unschöne Geberden oder gemeine Züge in meiner Liebe zu ihm
störe. Denn durch die Liebe will ich mich irgendwo gefunden haben, statt
weiter zu suchen und zu streben, ich will aus der Hand eines
Nebenmenschen nichts weniger, nichts anderes empfangen, als mich selbst,
ich will von i h m — m i c h!
Das Mitleid ist schamhaft, weil es den anderen tiefer gestellt zeigt als
mich, weil es i h n erniedrigt. Die Liebe ist schamhaft, weil ich m i c h durch
sie tiefer stelle als den anderen; in ihr wird aller Stolz des Individuums am
weitesten vergessen, und das ist ihre Schwäche, darum schämt sie sich. So
ist das Mitleid der Liebe verwandt, und hieraus erklärt sich, daß nur, wer
das Mitleid kennt, auch die Liebe kennt. Und doch schließen sich beide aus:
man kann nie lieben, wen man bemitleidet, und nie bemitleiden, wen man
liebt. Denn im Mitleid bin ich selbst der feste Pol, in der Liebe ist es der
andere; die Richtung beider Affekte, ihr Vorzeichen ist das
Entgegengesetzte. Im Mitleid bin ich Geber, in der Liebe Bettler. Die Liebe
ist die schamhafteste von allen Bitten, w e i l s i e u m d a s M e i s t e , u m
d a s H ö c h s t e b e t t e l t. Darum schlägt sie in den jähesten,
rachsüchtigsten Stolz so rasch über, wenn ihr durch den anderen
unvorsichtig oder rücksichtslos zum Bewußtsein gebracht wird, um was sie
eigentlich gefleht hat.
Alle Erotik ist voll von Schuldbewußtsein. In der Eifersucht tritt
zutage, auf welch unsicheren Grund die Liebe gebaut ist. Eifersucht ist die
Kehrseite jeder Liebe, und offenbart deren ganze Unsittlichkeit. Durch

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Eifersucht wird über den freien Willen des Nebenmenschen eine Gewalt
angemaßt. So begreiflich sie gerade der hier entwickelten Theorie ist, indem
durch Liebe d a s r e i n e S e l b s t des Liebenden in der Geliebten
lokalisiert wird, und auf sein Selbst der Mensch, durch einen erklärlichen
Fehlschluß, einen Anspruch leicht stets und an jedem Orte zu haben glaubt:
so verrät sie doch, schon weil sie voll Furcht ist, und Furcht wie das
verwandte Schamgefühl[58] sich stets auf eine in der Ve r g a n g e n h e i t
verübte Schuld bezieht, daß man durch die Liebe etwas erlangen wollte,
was man auf diesem Wege nicht verlangen durfte.
Die Schuld, mit welcher in der Liebe der Mensch sich belastet, ist der
Wunsch, von jenem Schuldbewußtsein, das ich früher die Voraussetzung
und Bedingung aller Liebe nannte, f r e i z u w e r d e n. Statt alle begangene
Schuld auf sich zu nehmen und ihre Sühnung durch das weitere Leben zu
erreichen, ist die Liebe ein Versuch, von der eigenen Schuld loszukommen
und an sie zu vergessen, ein Versuch, glücklich zu werden. Statt die Idee der
Vollkommenheit selbsttätig zu verwirklichen, will die Liebe die Idee schon
als verwirklicht zeigen, sie spiegelt das Wunder als geschehen vor, im
anderen Menschen zwar — darum ist sie die feinste List — aber es ist doch
nur die eigene Befreiung vom Übel, die man so o h n e K a m p f zu
erreichen hofft. H i e r a u s erklärt sich der tiefe Zusammenhang aller Liebe
mit dem Erlösungsbedürfnis (D a n t e, G o e t h e, Wa g n e r, I b s e n). Alle
Liebe ist s e l b s t nur Erlösungsbedürfnis, und alles Erlösungsbedürfnis
noch unsittlich (Kapitel 7, Schluß). Die Liebe überspringt die Zeit und setzt
sich über die Kausalität hinweg, ohne eigenes Zutun will sie Reinheit
plötzlich und unvermittelt gewinnen. Darum ist sie, als ein Wunder von
außen statt von innen, in sich unmöglich, und kann ihren Zweck nie
erfüllen, am wenigsten bei jenen Menschen, welche allein eigentlich in
ganz unermeßlicher Weise ihrer fähig wären. Sie ist der gefährlichste
Selbstbetrug, gerade weil sie den Kampf um das Gute am stärksten zu
fördern scheint. Mittelmäßige Menschen mögen durch sie erst ihre
Veredlung erfahren; wer ein subtileres Gewissen hat, wird sich hüten, ihrer
Täuschung zu erliegen.
Der Liebende sucht im geliebten Wesen seine eigene Seele. Insofern ist
die Liebe f r e i, und nicht jenen Gesetzen der bloß sexuellen Anziehung
unterworfen, von denen der erste Teil gehandelt hat. Denn das psychische
Leben der Frau gewinnt einen Einfluß, es begünstigt die Liebe, wo es der

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Idealisierung sich ausnehmend leicht fügt, auch bei geringeren körperlichen
Vorzügen und mangelhafter sexueller Ergänzung, und vernichtet ihre
Möglichkeit, wenn es gegen jene »Einlegung« zu sichtbar absticht.
Dennoch ist, trotz aller Gegensätzlichkeit zwischen Sexualität und Erotik,
eine Analogie zwischen ihnen unverkennbar. Die Sexualität benützt das
Weib als Mittel, um zur Lust und zum leiblichen Kinde zu gelangen; die
Erotik als Mittel, um zum Werte und — zum geistigen Kinde, zur
Produktion zu kommen. Es ist ein unendlich tiefes, wenn auch, wie es
scheint, wenig verstandenes Wort der platonischen D i o t i m a, daß die
Liebe nicht dem Schönen, sondern der Erzeugung und Ausgeburt im
Schönen gelte, der Unsterblichkeit im Geistigen, wie der niedere
Geschlechtstrieb dem Fortleben in der Gattung. Im Kinde sucht jeder Vater,
der leibliche wie der geistige, nur sich selbst zu finden: die konkrete
Verwirklichung der Idee seiner selbst, wie sie das Wesen der Liebe
ausmacht, ist eben das K i n d. Darum sucht der Künstler so oft das Weib,
um das Kunstwerk schaffen zu können. »Und jeder sollte lieber solche
Kinder haben wollen, wenn er auf H o m e r und H e s i o d und die anderen
trefflichen Dichter sieht, nicht ohne Neid, was für Geburten sie
zurücklassen, die ihnen unsterblichen Ruhm und Angedenken sichern,
indem sie selbst unsterblich sind .... Geehrt ist bei euch auch S o l o n, weil
er Gesetze gezeugt, und viele andere anderwärts unter Hellenen und
Barbaren, die viele und schöne Werke dargestellt haben und vielfältig
Tugendhaftes gezeugt: denen auch schon viele Heiligtümer errichtet wurden
um solcher Kinder willen, menschlicher Kinder wegen aber noch keinem.«
Es ist nicht eine bloß formale Analogie, nicht Überschätzung einer
etwa nur zufälligen sprachlichen Übereinstimmung, wenn von geistiger
Fruchtbarkeit, geistiger Produktion, oder, wie in diesen Worten P l a t o n s,
von geistigen Kindern in tieferem Sinne zu reden versucht wird. Wie die
leibliche Sexualität der Versuch eines organischen Wesens ist, die eigene
Form dauernd zu begründen, so ist auch jede Liebe im Grunde nur das
Streben, seelische Form, Individualität, endgültig zu realisieren. H i e r
l i e g t d i e B r ü c k e, welche allen W i l l e n z u r e i g e n e n
Ve r e w i g u n g (wie man das Gemeinsame der Sexualität und der Erotik
nennen könnte) m i t d e m K i n d e v e r b i n d e t. Geschlechtstrieb und
Liebe sind beide Versuche zur Realisierung seiner selbst, der erste sucht das
I n d i v i d u u m durch ein körperliches Abbild, die zweite I n d i v i d u a l i t ä t
durch ihr geistiges Ebenbild zu verewigen. Nur der geniale Mensch aber

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kennt die ganz und gar unsinnliche Liebe, und nur er sucht zeitlose Kinder
zu zeugen, in denen sein tiefstes geistiges Wesen zum Ausdruck kommt.
Die Parallele kann noch weiter verfolgt werden. Daß aller
Geschlechtstrieb der Grausamkeit verwandt ist, hat man nach N o v a l i s oft
wiederholt. Die »Association« hat einen tiefen Grund. Alles, was vom
Weibe g e b o r e n ist, muß auch s t e r b e n. Zeugung, Geburt und Tod stehen
in einer unauflöslichen Beziehung; vor einem unzeitigen Tode erwacht in
jedem Wesen auf das heftigste der Geschlechtstrieb als das Bedürfnis, sich
noch fortzupflanzen. Und so ist auch der Koitus, nicht nur psychologisch
als Akt, sondern auch vom ethischen und naturphilosophischen
Gesichtspunkte dem Morde verwandt: er verneint das Weib, aber auch den
Mann; er raubt im Idealfall beiden das Bewußtsein, um dem Kinde das
Leben zu geben. Einer ethischen Weltanschauung wird es begreiflich sein,
daß, was so entstanden ist, auch wieder vergehen muß. Aber auch die
höchste Erotik, nicht nur die niederste Sexualität, benützt das Weib nicht als
Zweck an sich selbst, sondern stets nur als Mittel zum Zweck, um das Ich
des Liebenden rein darzustellen: die Werke eines Künstlers sind immer nur
sein auf verschiedenen Etappen festgehaltenes Ich, das er meist in diesem
oder in jenem Weibe, und sei es selbst ein Weib seiner Einbildungskraft,
zuvor lokalisiert hat.
Die reale Psychologie des geliebten Weibes wird aber hiebei immer
a u s g e s c h a l t e t: im Augenblicke, wo der Mann ein Weib l i e b t, kann er
es nicht d u r c h s c h a u e n. In der Liebe tritt man zum Weibe nicht in jenes
Verhältnis des Ve r s t e h e n s, welches das einzig sittliche Verhältnis
zwischen Menschen ist. Man kann keinen Menschen lieben, den man ganz
erkennt, weil man dann doch auch die Unvollkommenheiten sehen müßte,
die ihm als Menschen notwendig anhaften, L i e b e a b e r n u r a u f
Vo l l k o m m e n e s g e h t. Liebe zu einem Weibe ist daher nur möglich,
wenn sich diese Liebe um die wirklichen Eigenschaften, die eigenen
Wünsche und Interessen der Geliebten, soweit sie der Lokalisation höherer
Werte in ihrer Person zuwiderlaufen, nicht bekümmert, sondern in
schrankenloser Willkür an die Stelle der psychischen Realität des geliebten
Wesens e i n e g a n z a n d e r e R e a l i t ä t s e t z t. Der Versuch, sich im
Weibe selbst zu finden, statt im Weibe eben nur — das Weib zu sehen, setzt
notwendig eine Vernachlässigung der empirischen Person voraus. Dieser
Versuch ist also voll G r a u s a m k e i t gegen das Weib; und hier liegt die

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Wurzel des Egoismus aller Liebe, wie auch der Eifersucht, welche das Weib
gänzlich nur noch als unselbständiges Besitztum betrachtet, und auf sein
inneres Leben gar keine Rücksicht mehr nimmt.
Hier vollendet sich die Parallele zwischen der Grausamkeit der Erotik
und der Grausamkeit der Sexualität. Liebe ist Mord. Der Geschlechtstrieb
negiert auch das körperliche, die Erotik das psychische Weib. Die ganz
gemeine Sexualität sieht im Weibe einen Apparat zum Onanieren oder eine
Kindergebärerin; man kann gegen das Weib nicht niedriger sein, als wenn
man ihm seine Unfruchtbarkeit vorhält, und ein erbärmlicheres Zeugnis
kann einem Gesetzbuch nicht ausgestellt werden, als wenn es die Sterilität
eines Weibes als legalen Grund der Ehescheidung anführt. Die höhere
Erotik aber verlangt von der Frau schonungslos, daß sie das männliche
Adorationsbedürfnis befriedige, und sich möglichst anstandslos lieben
lasse, damit der Liebende in ihr sein Ideal von sich verwirklicht sehen, und
ein geistiges Kind mit ihr zeugen könne. So ist die Liebe nicht nur
antilogisch, denn sie setzt sich über die objektive Wahrheit des Weibes und
seine wirkliche Beschaffenheit hinweg, sie will nicht nur die Denkillusion,
und verlangt nicht nur ungestüm nach dem Betruge der Vernunft: sondern
sie ist auch antiethisch gegen das Weib, dem sie die Verstellung und den
Schein, die vollkommene Kongruenz mit einem ihr fremden Wunsche
gebieterisch aufnötigen möchte.
Denn die Erotik braucht die Frau nur, um den Kampf zu ebnen und
abzukürzen, sie will von ihr immer bloß, d a ß s i e d e n A s t a b g e b e ,
a n d e m e r s i c h l e i c h t e r z u r E r l ö s u n g e m p o r s c h w i n g e. So
gesteht es ja P a u l Ve r l a i n e:
»Marie Immaculée, amour essentiel,
Logique de la foi cordiale et vivace,
E n v o u s a i m a n t q u ' e s t - i l d e b o n q u e j e n e f a s s e,
En vous aimant du seul amour, Porte du Ciel?«

Und fast noch deutlicher lehrt es G o e t h e im »Faust«:
»Dir, der Unberührbaren,
Ist es nicht benommen,
Daß die leicht Verführbaren
Traulich zu Dir kommen.

In die Schwachheit hingerafft,
Sind sie schwer zu retten;

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We r z e r r e i ß t a u s e i g n e r K r a f t
D e r G e l ü s t e K e t t e n?«

Ferne ist es mir, die heroische Größe zu verkennen, welche in dieser
höchsten Erotik, im M a d o n n e n k u l t e, liegt. Wie könnte ich vor der
Außerordentlichkeit des Phänomens meine Augen verschließen, das den
Namen D a n t e führt! Es liegt eine so unermeßliche Abtretung von Wert an
das Weib in dem Leben dieses größten Madonnenverehrers, daß selbst der
dionysische Trotz, mit dem diese Schenkung aller weiblichen Wirklichkeit
entgegen vollzogen wird, den Eindruck vollster Erhabenheit hervorzurufen
kaum verfehlt. Es liegt scheinbar eine solche Abnegation seiner selbst in
dieser Verkörperung des Zieles aller Sehnsucht in e i n e r irdisch-begrenzten
Person, in einem Mädchen noch dazu, das der Künstler e i n m a l, als
Neunjähriger, zu Gesicht bekommen, das vielleicht später eine Xanthippe
oder eine Fettgans geworden ist; es liegt darin ein derartiger Akt der
Projektion aller, das zeitlich Eingeengte des Individuums übersteigenden
Werte auf ein an sich gänzlich wertloses Weib, daß man nicht leicht es über
sich bringt, die wahre Natur des Vorganges zu enthüllen, und gegen ihn zu
sprechen. A b e r e s b e d e u t e t j e d e , a u c h d i e s u b l i m s t e
E r o t i k , n o c h i m m e r e i n e d r e i f a c h e U n s i t t l i c h k e i t: einen
unduldsamen Egoismus gegen die wirkliche Frau der Erfahrung, d i e n u r
als Mittel zum Zweck der eigenen Hinanziehung
b e n ü t z t, der darum kein selbständiges Leben verstattet wird; mehr noch:
eine Felonie gegen sich selbst, ein Davonlaufen vor sich selbst, eine
Flüchtung des Wertes in fremdes Land, ein Erlöst-S e i n-Wollen, und darum
eine Feigheit, eine Schwäche, eine Würdelosigkeit, ja gerade einen
absoluten Unheroismus; drittens endlich eine Scheu vor der Wahrheit, die
man nicht brauchen kann, weil sie der Absicht der Liebe widerstrebt, die
man nicht zu ertragen vermag, weil man dadurch um die Möglichkeit einer
bequemen Erlösung käme.
Diese letzte Unsittlichkeit ist eben diejenige, welche jede Aufklärung
über das Weib v e r h i n d e r t, weil sie sie m e i d e t und so die Anerkennung
der Wertlosigkeit des Weibes an sich wohl stets vereiteln wird. Die
Madonna ist eine Schöpfung des Mannes, nichts entspricht ihr in der
Wirklichkeit. Der Madonnenkult kann nicht moralisch sein, weil er die
Augen vor der Wirklichkeit verschließt, weil mit ihm der Liebende sich
b e l ü g t. Der Madonnenkult, von dem ich spreche, der Madonnenkult des
großen Künstlers, ist in jeder Beziehung eine v ö l l i g e Umschaffung des

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Weibes, die sich nur vollziehen kann, wenn von der empirischen Realität
der Frauen gänzlich abgesehen wird; die Einlegung wird bloß dem schönen
Körper nach ausgeführt, und sie kann nichts für ihren Zweck verwenden,
was dem schroff entgegenstünde, wofür diese Schönheit Symbol werden
soll.
Der Zweck dieser Neuschöpfung des Weibes oder das Bedürfnis, aus
welchem die Liebe entspringt, ist nun ausführlich genug analysiert worden.
Es ist zugleich der Hauptgrund, warum man vor allen Wahrheiten, die für
das Weib nachteilig klingen, immer wieder die Ohren sich zuhält. Lieber
schwört man auf die weibliche »Schamhaftigkeit«, entzückt sich am
weiblichen »Mitleid«, interpretiert das Senken des Blickes beim Backfisch
als ein eminent sittliches Phänomen, als daß man m i t dieser Lüge die
Möglichkeit preisgäbe, das Weib als Mittel zum Zweck der eigenen höheren
Wallungen zu benützen, als daß man darauf verzichtete, diesen Weg für die
eigene Erlösung sich offen zu lassen.
Hierin liegt also die Antwort auf die eingangs gestellte Frage nach den
Motiven, aus welchen an dem Glauben an die weibliche Tugend so zähe
festgehalten wird. Man will davon nicht lassen, es zum Gefäß der Idee der
eigenen Vollkommenheit zu machen, diese in der Frau als realisiert sich
vorzustellen, um mit dem zum Träger des höchsten Wertes gemachten
Weibe leichter sein geistiges Kind und besseres Selbst zu realisieren. Der
Zustand des Liebenden hat nicht umsonst so viel Ähnlichkeit mit dem des
Schaffenden; die ganz besonders große Güte gegen alles, was lebt, die
Verlorenheit für alle kleinen konkreten Werte sind beiden gemeinsam, als
Zustände, die den liebenden gleich dem produktiven Menschen
auszeichnen, und sie dem Philister, für den gerade die materiellen
Nichtigkeiten die einzige Realität bilden, stets unbegreiflich und lächerlich
erscheinen läßt.
Denn jeder große Erotiker ist ein Genie und alles Genie im Grunde
erotisch, auch wenn seine Liebe zum We r t, das ist zur E w i g k e i t, zum
We l t g a n z e n, nicht in dem Körper eines Weibes Platz findet. D a s
Ve r h ä l t n i s d e s I c h s z u r We l t , d a s Ve r h ä l t n i s v o n
Subjekt zu Objekt ist nämlich selbst gewissermaßen
e i n e W i e d e r h o l u n g d e s Ve r h ä l t n i s s e s v o n M a n n z u We i b
in höherer und weiterer Sphäre, oder vielmehr dieses
e i n S p e z i a l f a l l v o n j e n e m . Wie der Empfindungskomplex zum

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Objekt umgeschaffen wird, aber nur vom Subjekte und aus diesem heraus,
so wird das Weib der Erfahrung aufgehoben durch das Weib der Erotik. Wie
der Erkenntnistrieb die sehnsüchtige Liebe zu den Dingen ist, in denen der
Mensch immer und ewig nur sich selbst findet, so wird auch der
Gegenstand der Liebe im engeren Sinne vom Liebenden selbst erst
geschaffen, und er entdeckt in ihm stets nur sein eigenes tiefstes Wesen. So
ist die Liebe dem Liebenden eine Parabel: im Brennpunkte steht allerdings
sie; aber konjugiert ist die Unendlichkeit — —.
Es fragt sich nun noch, w e r diese Liebe kennt, ob n u r der M a n n
übersexuell, oder ob auch das We i b der höheren Liebe fähig ist. Suchen
wir hierauf, ganz unabhängig und unbeeinflußt von den bisherigen
Ergebnissen, eine Antwort aus der Erfahrung neu zu gewinnen. Diese zeigt
ganz unzweideutig, daß W, eine s c h e i n b a r e Ausnahme abgerechnet, nie
mehr als bloß s e x u e l l ist. Die Frauen wollen entweder mehr den Koitus
oder mehr das Kind (jedenfalls aber wollen sie geheiratet werden). Die
»Liebeslyrik« der modernen Frauen ist nicht nur vollkommen anerotisch,
sondern ganz extrem sinnlich; und so kurz die Zeit ist, seit welcher die
Frauen mit solchen Erzeugnissen sich hervorwagen, sie haben in dieser
Beziehung Kühneres geleistet, als alle Männer je vorher es gewagt haben,
und ihre Produkte sind wohl geeignet, die leckersten Erwartungen, die
selbst an »Junggesellen-Lektüre« geknüpft werden können, zu befriedigen.
Hier ist nirgends von einer keuschen und reinen Neigung die Rede, welche
das geliebte Wesen durch die eigene Nähe zu verunreinigen fürchtet. Es
handelt sich nur um den tobendsten Orgiasmus und die wildeste Wollust,
und so wäre diese Literatur recht eigentlich danach angetan, die Augen über
die durchaus nur sexuelle und nicht erotische Natur des Weibes zu öffnen.
Liebe allein erzeugt Schönheit. Haben die Frauen zur Schönheit ein
Verhältnis? Es ist keine bloße Redensart, wenn man von den Frauen oft
hört: »Ach, wozu braucht denn ein Mann schön zu sein?« Es ist keine bloße
Schmeichelei: für den Mann und nicht allein darauf berechnet, ihn an seiner
Eitelkeit zu fangen, wenn eine Frau ihn um Rat fragt, welche Farben ihr zu
einem Kleide am besten passen; sie versteht diese selbst nicht so zu wählen,
daß sie ä s t h e t i s c h wirken könnten. Über eine Anordnung, die
Geschmack statt Schönheitssinn verrät, kommt eine Frau ohne männliche
Hilfe selbst in ihrer Toilette nicht hinaus. Wäre in der Frau an sich irgend
welche Schönheit, trüge sie auch nur einen Maßstab der Schönheit

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ursprünglich im tieferen Innern, so würde sie nicht vom Manne immerfort
es sich versichern lassen wollen, daß sie schön s e i.
Und so finden die Frauen auch den Mann nicht eigentlich s c h ö n, und
je mehr sie mit dem Worte herumwerfen, desto mehr verraten sie, wie fern
ihnen jedes Verhältnis zur Idee der Schönheit ist. Es ist der sicherste
Maßstab der Schamhaftigkeit eines Menschen, wie oft er das Wort »schön«,
diese Liebeserklärung an die Natur, in den Mund nimmt. Wären die
F r a u e n sehnsüchtig nach Schönheit, so dürften sie ihren Namen seltener
nennen. Sie haben aber kein Bedürfnis nach Schönheit und können keines
haben, weil nur die sozial anerkannte äußere Erscheinung in solchem Sinne
auf sie wirkt. Schön aber ist nicht, was gefällt; so oft diese Definition auch
aufgestellt wird, so falsch ist sie, so gerade läuft sie dem Sinn des Wortes
zuwider. H ü b s c h ist, was gefällt; s c h ö n ist, was d e r E i n z e l n e l i e b t.
Hübschsein ist immer allgemein, Schönheit stets individuell. Darum ist
alles wahrhafte Schön-Finden schamhaft, denn es ist aus der Sehnsucht
geboren, und die Sehnsucht aus der Unvollkommenheit und Bedürftigkeit
des Einsamen. E r o s ist der Sohn des P o r o s und der P e n i a, der Sprößling
aus der Verbindung von Reichtum und Armut. Um etwas schön zu finden,
dazu gehört, als zur Objektivität einer Liebe, Individualität, nicht nur
Individuation; bloßes Hübsch-Sein ist gesellschaftliche Münze. Das Schöne
wird g e l i e b t, ins Hübsche pflegen die Leute s i c h z u v e r l i e b e n.
Liebe ist stets hinauswollend, transcendent, weil sie der Ungenügsamkeit
des an die Subjektivität gefesselten Subjektes entstammt. Wer bei den
Frauen s o l c h e s Mißvergnügen vorzufinden meint, ist ein schlechter
Deuter und Unterscheider. W ist höchstens v e r l i e b t, M l i e b t; und dumm
und unwahr ist jene Behauptung lamentierender Frauen, das Weib sei
wahrer Liebe fähiger als der Mann: im Gegenteil, es ist ihrer u n f ä h i g.
Nicht jenem Bilde von der Parabel wie die Liebe, sondern dem eines in sich
selbst zurücklaufenden Kreises gleicht alle Ve r l i e b t h e i t, und
insonderheit die des Weibes.
Wo der Mann auf die Frau individuell wirkt, ist es nicht durch seine
Schönheit. Für Schönheit hat, auch wenn sie im Manne sich offenbart, nur
der Mann einen Sinn: fällt es nicht auf, wie auch von männlicher, nicht nur
von weiblicher Schönheit aller Begriff vom Manne ist geschaffen worden?
Oder soll auch dies Folge der »Unterdrückung« sein? Der einzige Begriff,
der, wenn er auch von Frauen darum nicht herstammen kann, weil diese nie

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auch nur einen einzigen Begriff geschaffen haben, dennoch ihnen, in
gewissem Sinne, seine materiale Erfüllung und die Lebhaftigkeit der ihn
begleitenden Associationen verdankt, ist der Begriff das »feschen Kerls«,
wie er in Wien und Süddeutschland, des »forschen Mannes«, wie er in
Berlin und Norddeutschland heißt. Was durch diese Bezeichnung
angedeutet wird, ist die starke und entwickelte Sexualität des Mannes; denn
die Frau empfindet zuletzt doch immer als ihren Feind alles, was den Mann
abzieht von der Sexualität und der Fortpflanzung, seine Bücher und seine
Politik, seine Wissenschaft und seine Kunst.
Nur das Sexuelle, nie das Asexuelle, Transsexuelle im Manne wirkt als
solches auf die Frau, und nicht Schönheit, sondern volles sexuelles
Begehren verlangt sie von ihm. E s i s t n i e d a s A p o l l i n i s c h e i m
Manne, das auf sie Eindruck macht, aber darum auch
n i c h t d a s D i o n y s i s c h e , s o n d e r n s t e t s n u r, i m w e i t e s t e n
U m f a n g , d a s F a u n i s c h e i n i h m; nie der Mann, sondern immer nur
»le mâle«, (das Männchen); es ist vor allem — darüber kann ein Buch über
das wirkliche Weib nicht schweigen — seine Sexualität im engsten Sinne,
e s i s t d e r P h a l l u s.[59]
Man hat es entweder nicht sehen oder nicht sagen wollen, man hat sich
aber auch kaum noch eine ganz richtige Vorstellung davon gebildet, was das
Zeugungsglied des Mannes für das Weib, als Frau wie schon als Jungfrau,
bedeutet, wie es das ganze Leben der Frau zu oberst beherrscht. Ich meine
nicht, daß die Frau den Geschlechtsteil des Mannes schön oder auch nur
hübsch findet. Sie empfindet ihn vielmehr ähnlich wie der Mensch das
Medusenhaupt, der Vogel die Schlange; er übt auf sie eine hypnotisierende,
bannende, faszinierende Wirkung. Sie empfindet ihn als das Gewisse, das
Etwas, wofür sie gar keinen Namen hat: e r i s t i h r S c h i c k s a l, er ist
das, wovon es für sie kein Entrinnen gibt. Nur darum scheut sie sich so
davor, den Mann nackt zu sehen, und gibt ihm nie ein Bedürfnis darnach zu
erkennen: weil sie fühlt, daß sie in demselben Augenblicke verloren wäre.
Der Phallus ist das, was die Frau absolut und endgültig
unfrei macht.
Es ist also gerade jener Teil, welcher den Körper des Mannes recht
eigentlich verunziert, welcher allein den nackten Mann häßlich macht —
weswegen er auch von den Bildhauern so oft mit einem Akanthus- oder
Feigenblatte verdeckt ward —, d e r s e l b e, der die Frauen am tiefsten

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aufregt und am heftigsten erregt, und zwar gerade dann, wenn er wohl das
Unangenehmste überhaupt vorstellt, im erigierten Zustande. Und hierin
liegt der letzte und entscheidendste Beweis dafür, daß die Frauen von der
Liebe nicht die Schönheit wollen, sondern — etwas anderes.
Die neue Erfahrung, um welche die Untersuchung damit endgültig
bereichert ist, wäre aus dem Bisherigen vorherzusagen gewesen. Da Logik
und Ethik ausschließlich beim Manne sich geltend machen, so war von
vornherein wahrscheinlich, daß die Frauen mit der Ästhetik nicht auf
besserem Fuße stehen würden, als mit ihren normierenden
Schwesterwissenschaften. Die Verwandtschaft zwischen der Ästhetik und
der Logik kommt in aller Systematik und Architektonik der Philosophien,
ebenso aber in der Forderung strenger Logik für das Kunstwerk, in höchster
Vereinigung in dem Bau der Mathematik und in der musikalischen
Komposition zum Vorschein. Wie schwer es so vielen wird, Ästhetik und
Ethik auseinanderzuhalten, ist schon erwähnt worden. Auch die ästhetische
Funktion, nicht nur die ethische und logische, ist nach K a n t eine solche,
die vom Subjekte in Freiheit ausgeübt wird. D a s We i b a b e r b e s i t z t
k e i n e n f r e i e n W i l l e n, und so kann ihm auch nicht die Fähigkeit
verliehen sein, Schönheit in den Raum zu projizieren.
Damit ist aber auch gesagt, daß die Frau nicht lieben könne. Als
Bedingung der Liebe muß Individualität, und zwar nicht rein und ungetrübt,
jedoch mit dem Willen zur eigenen Befreiung von Staub und Schmutz,
vorhanden sein. Denn ein Mittelding zwischen Haben und Nichthaben ist
Eros; kein Gott, sondern ein Dämon; er allein entspricht der Stellung des
Menschen zwischen Sterblichem und Unsterblichem: so hat es der größte
Denker erkannt, der g ö t t l i c h e P l a t o n, wie P l o t i n ihn nennt (der
einzige Mensch, der ihn wirklich, i n n e r l i c h v e r s t a n d e n hat; indes
viele seiner heutigen Kommentatoren und Geschichtsschreiber von seiner
Lehre nicht viel mehr begreifen als die Ohrwürmer von den
Sternschnuppen). Die Liebe ist also in Wirklichkeit k e i n e
»transscendentale Idee«; denn sie entspricht allein der Idee eines Wesens,
das nicht rein transcendental-apriorisch, sondern auch sinnlich-empirisch
ist: d e r I d e e d e r M e n s c h h e i t.
Das Weib hingegen, das ganz und gar keine Seele hat, sehnt sich auch
nicht, diese geläutert von allem ihr anhaftenden Fremden irgendwo,
irgendwann endlich ganz zu finden. Es gibt kein Ideal der Frauen vom

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Manne, das an die Madonna erinnern würde, nicht der reine, keusche,
sittliche Mann wird von der Frau gewollt, sondern — ein anderer.
So ist denn bewiesen, daß die Frau nicht die Tugend des Mannes
w ü n s c h e n k a n n. Hätte sie in sich ein Unterpfand der Idee der
Vollkommenheit, wäre sie irgendwie Ebenbild Gottes, so müßte sie auch
den Mann, wie dieser das Weib, heilig, göttlich wollen. Daß ihr dies ganz
ferne liegt, ist wiederum nur ein Zeichen für ihren völligen Mangel an
Willen zum eigenen Werte, den sie nicht, wie so gerne der Mann, irgendwo
außer sich verkörpert denkt, um leichter zu ihm emporstreben zu können.
Ein unauflösbares Rätsel bleibt nur dies, warum gerade die Frau mit
dieser vergötternden Liebe geliebt wird, und, mit Ausnahme der
Knabenliebe, in welcher indes der Geliebte ebenfalls zum Weibe wird, nicht
irgend ein anderes Wesen. Ist die Hypothese nicht allzu kühn, die sich
hierüber entwickeln läßt?
Vielleicht hat der Mann bei der Menschwerdung durch einen
metaphysischen a u ß e r z e i t l i c h e n Akt das Göttliche, die Seele für sich
allein behalten — aus welchem Motive dies geschehen sein könnte,
vermögen wir freilich noch nicht abzusehen. Dieses sein Unrecht gegen die
Frau b ü ß t er nun in den Leiden der Liebe, i n u n d m i t w e l c h e r e r
der Frau die ihr geraubte Seele wieder zurückzugeben
s u c h t, ihr eine Seele schenken will, weil er sich des Raubes wegen vor ihr
schuldig fühlt. Denn gerade dem g e l i e b t e n Weibe, ja, eigentlich nur ihm
gegenüber drückt ihn ein rätselhaftes Schuldbewußtsein am stärksten. Die
Aussichtslosigkeit eines solchen Rückgabeversuches, durch den er seine
Schuld zu sühnen würde trachten wollen, könnte wohl erklären, warum es
g l ü c k l i c h e L i e b e nicht gibt. So wäre dieser Mythos kein übler Vorwurf
für ein dramatisches Mysterium. Aber die Grenzen einer
wissenschaftlichen, auch einer wissenschaftlich-philosophischen
Betrachtung sind mit ihm weit überflogen.
Was die Frau n i c h t will, wurde im obigen klargestellt; aber was sie zu
tiefst will, und daß dieses ihr innerstes Wollen dem Wollen des Mannes
gerade entgegengerichtet ist, soll jetzt gezeigt werden.

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XII. Kapitel.
Das Wesen des Weibes und sein Sinn im
Universum.
»Erst Mann und Weib zusammen machen den Menschen aus.«
Kant.
Immer tiefer ist die Analyse in der Schätzung des Weibes bis jetzt
heruntergegangen, immer mehr Hohes und Edles, Großes und Schönes
mußte sie ihm absprechen. Wenn sie nun in diesem Kapitel noch einen, den
entscheidenden, äußersten Schritt in derselben Richtung zu tun sich
anschickt, so möchte ich, zur Verhütung eines Mißverständnisses, schon
hier bemerken, worauf ich noch zurückkomme: daß mir wahrhaftig nichts
ferner liegt, als dem asiatischen Standpunkt in der Behandlung des Weibes
das Wort zu reden. Wer den vorausgehenden Darlegungen über das Unrecht
aufmerksamer gefolgt ist, das alle Sexualität, ja noch die Erotik an der Frau
begeht, dem wird bereits zum Bewußtsein gekommen sein, daß dieses Buch
kein Plaidoyer für den Harem ist, und daß es sich hütet, die Härte des
Urteils zu entwerten durch die Forderung einer so problematischen Strafe.
Aber die r e c h t l i c h e Gleichs t e l l u n g von Mann und Weib kann
man sehr wohl verlangen, ohne darum an die m o r a l i s c h e und
i n t e l l e k t u e l l e Gleichh e i t zu glauben. Vielmehr kann ohne
Widerspruch zu gleicher Zeit jede Barbarei des männlichen wider das
weibliche Geschlecht verdammt, und braucht doch der ungeheuerste,
kosmische Gegensatz und Wesensunterschied hier nicht verkannt zu
werden. Der tiefststehende Mann steht noch unendlich hoch über dem
höchststehenden Weibe; und doch hat niemand das Recht, selbst das
tiefststehende Weib irgendwie zu schmälern oder zu unterdrücken. Durch
die völlige B e r e c h t i g u n g des Anspruches auf Gleichheit vor jedem
Gesetze wird kein gründlicherer Menschenkenner in der Überzeugung sich
beirren lassen, daß zwischen den Geschlechtern die denkbar polarste
Gegensätzlichkeit besteht. Was für seichte Psychologen (um von dem
menschenkundigen Tiefblick der sozialistischen Theoretiker zu schweigen)

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die Materialisten, Empiristen und Positivisten sind, kann man abermals
hieraus entnehmen, daß gerade aus ihren Kreisen vorzugsweise die Männer
gekommen sind und auch jetzt noch aus ihnen sich rekrutieren, welche für
die ursprünglich a n g e b o r n e p s y c h o l o g i s c h e G l e i c h h e i t
zwischen Mann und Weib eintreten.
Aber auch vor der Verwechslung meines Standpunktes in der
Beurteilung des Weibes mit den hausbackenen, und nur als tapfere Reaktion
gegen die Massenströmung erfreulichen Ansichten von P. J. M o e b i u s bin
ich hoffentlich gefeit. Das Weib ist nicht »physiologisch schwachsinnig«;
und ich kann auch die Auffassung nicht teilen, welche in Frauen mit
hervorragenderen Leistungen Entartungserscheinungen erblickt. Von einem
m o r a l i s c h e n Aussichtspunkte kann man diese Frauen, da sie stets
männlicher sind als die anderen, nur freudig begrüßen, und müßte bei ihnen
eher das Gegenteil einer Entartung, nämlich einen Fortschritt und eine
Überwindung, zugeben; in b i o l o g i s c h e r Hinsicht sind sie ebensowenig
oder ebensosehr ein Degenerationsphänomen als der weibliche Mann ein
solches darstellt (wenn man ihn nicht ethisch wertet). Die sexuellen
Zwischenformen sind aber in der ganzen Reihe der Organismen durchaus
die normale und nicht eine pathologische Erscheinung, und ihr Auftreten
also noch kein Beweis körperlicher Décadence.
Das Weib ist weder tiefsinnig noch hochsinnig, weder scharfsinnig
noch geradsinnig, es ist vielmehr von alledem das gerade Gegenteil; es ist,
so weit wir bisher sehen, überhaupt nicht »sinnig«: es ist als Ganzes U n-
sinn, u n-sinnig. Aber das ist noch nicht s c h w a c hsinnig, nach dem
Begriffe, den man in deutscher Sprache damit verbindet: dem Begriffe des
Mangels an der einfachsten praktischen Orientierung im gewöhnlichen
Leben. Gerade Schlauheit, B e r e c h n u n g, »G e s c h e i t h e i t« besitzt W
viel regelmäßiger und konstanter als M, sobald es auf die Erreichung
naheliegender egoistischer Zwecke ankommt. Ein Weib ist nie so dumm,
wie es der Mann zuweilen sein kann.
Hat nun das Weib gar keine Bedeutung? Verfolgt es wirklich keinen
allgemeineren Zweck? Hat es nicht doch eine Bestimmung, und liegt ihm
nicht, trotz all seiner Unsinnigkeit und Nichtigkeit, eine bestimmte Absicht
im Weltganzen zu Grunde? D i e n t e s e i n e r M i s s i o n , o d e r i s t
sein Dasein ein Zufall und eine Lächerlichkeit?

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Um hinter diesen Sinn zu kommen, muß von einem Phänomen
ausgegangen werden, das, so alt und so bekannt es ist, noch nirgends und
niemals einer Beachtung oder gar Würdigung wert befunden wurde. E s
ist kein anderes als das Phänomen der Kuppelei,
welches den eigentlichen, den tiefsten Einblick in die
N a t u r d e s We i b e s g e s t a t t e t .
Seine Analyse ergibt zunächst das Moment der H e r b e i f ü h r u n g und
B e g ü n s t i g u n g des Sichfindens zweier Menschen, die eine sexuelle
Vereinigung, sei es in Form der Heirat oder nicht, einzugehen in der Lage
sind. Dieses Bestreben, zwischen zwei Menschen etwas zustande zu
bringen, h a t j e d e F r a u a u s n a h m s l o s s c h o n i n f r ü h e s t e r
K i n d h e i t: ganz kleine Mädchen leisten bereits, und zwar selbst dem
Liebhaber ihrer älteren Schwestern, Mittlerdienste. Und wenn der Trieb zu
kuppeln auch erst dann deutlicher zum Vorschein kommen kann, wenn das
weibliche Einzelindividuum sich selbst untergebracht hat, d. h. nach seiner
eigenen Versorgung durch die Heirat: so ist er doch die ganze Zeit über
zwischen der Pubertät und der Hochzeit ebenso vorhanden; nur wirken ihm
der N e i d auf die Konkurrentinnen, und die A n g s t vor den größeren
Chancen derselben im Kampf um den Mann so lang entgegen, bis die Frau
selbst ihren Gemahl sich glücklich erobert, oder ihr Geld, die Beziehungen,
in welche er nun zu ihrer Familie tritt u. s. w., ihn gekirrt und geködert
haben. Dies ist der einzige Grund, aus welchem die Frauen erst in der Ehe
mit vollem Eifer daran gehen, die Töchter und Söhne ihrer Bekannten unter
die Haube zu bringen. Und wie sehr nun erst das alte Weib kuppelt, bei dem
die Sorge für die eigene sexuelle Befriedigung gänzlich in Wegfall
gekommen ist, das ist so allgemein bekannt, daß man, sehr mit Unrecht, das
alte Weib a l l e i n zur eigentlichen Kupplerin gestempelt hat.
Nicht nur Frauen, auch Männer werden sehr gerne in den Ehestand zu
bringen gesucht, auch von ihren eigenen Müttern, ja gerade von diesen mit
besonderer Lebhaftigkeit und Zähigkeit. Ganz ohne Rücksicht auf die
individuelle Eigenart des Sohnes ist es der Wunsch und die Sucht jeder
Mutter, ihren Sohn verheiratet zu sehen: ein Bedürfnis, in dem man
geblendet genug war, etwas Höheres, wieder jene Mutterliebe zu erblicken,
von welcher das vorige Kapitel nur eine so geringe Meinung gewinnen
konnte. Es ist möglich, daß viele Mütter, sei der Sohn auch gar nicht für die
Ehe geschaffen, von vornherein überzeugt sind, ihm durch sie erst zum

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bleibenden Glück zu verhelfen; aber sicher fehlt sehr vielen selbst dieser
Glaube, und jedenfalls spielt allerwärts und immer als s t ä r k s t e s Motiv
der Kuppelt r i e b, die gefühlsmäßige Abneigung gegen das
Junggesellentum des Mannes, mit.
Man sieht bereits hier, daß die Frauen e i n e m r e i n i n s t i n k t i v e n
D r a n g e , d e r i n s i e g e l e g t i s t , f o l g e n, auch wenn sie i h r e
T ö c h t e r zu verheiraten suchen. Nicht aus logischen, und nur zum
kleinsten Teile aus materiellen Erwägungen entspringen die unendlichen
Bemühungen, welche die Mütter zu diesem Zwecke unternehmen, sie
geschehen nicht aus Entgegenkommen gegen geäußerte oder
unausgesprochene Wünsche der Tochter (denen sie in der speziellen Wahl
des Mannes sogar oft zuwiderlaufen); und es kann, da die Kuppelei ganz
allgemein auf alle Menschen sich erstreckt und nie auf die eigene Tochter
sich beschränkt, hier am wenigsten von einer »altruistischen«,
»moralischen« Handlung der m ü t t e r l i c h e n Liebe die Rede sein; obwohl
sicherlich die meisten Frauen, wenn jemand ihr kupplerisches Gebaren
ihnen vorhielte, zur Antwort geben würden: es sei ihre Pflicht, beizeiten an
die Zukunft ihres teueren Kindes zu denken.
E i n e M u t t e r v e r h e i r a t e t i h r e e i g e n e To c h t e r n i c h t
anders, als sie jedem anderen Mädchen zum Manne gern
v e r h i l f t, wenn nur jene Aufgabe innerhalb der Familie zuvor gelöst ist:
es ist ganz dasselbe, Kuppelei hier wie dort, die
Ve r k u p p e l u n g d e r e i g e n e n To c h t e r u n t e r s c h e i d e t s i c h
p s y c h o l o g i s c h i n n i c h t s v o n d e r Ve r k u p p e l u n g d e r
f r e m d e n.
Wie schon öfter das Verhalten des einen Geschlechtes zu gewissen
Zügen des anderen als ein brauchbares Kriterium dafür verwendet werden
konnte, welche Eigentümlichkeiten des Charakters ausschließlich auf eines
beschränkt sind und welche auch dem anderen zukommen[60], so kann,
während bisher stets das Weib Zeuge sein mußte, daß gewisse, ihm von
vielen so gerne zugesprochene Eigenschaften ausschließlich dem Manne
angehören, hier einmal durch sein Verhalten der Mann dokumentieren, wie
die Kuppelei echt weiblich und ausschließlich weiblich ist: die Ausnahmen
betreffen entweder s e h r weibliche Männer oder einen Fall, der noch
ausführlich wird besprochen werden[61]. Jeder wahre Mann nämlich wendet
sich vom heiratsvermittelnden Treiben der Frauen, selbst wenn es sich um

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seine eigene Tochter handelt, und er diese gerne versorgt sehen möchte, mit
Widerwillen und Verachtung ab und überläßt die Kuppelsorgen überhaupt
dem Weibe als sein Fach. Zugleich sieht man hier am klarsten, wie auf den
M a n n gar nicht die w a h r e n p s y c h i s c h e n Sexualcharaktere des
Weibes attraktiv wirken, wie sie ihn vielmehr abstoßen, wo sie ihm bewußt
werden: indes die rein männlichen Eigenschaften a n s i c h, und wie sie
wirklich sind, das We i b anzuziehen g e n ü g e n, muß der Mann das Weib
erst umformen, ehe er es lieben kann.
Die Kuppelei reicht aber bedeutend tiefer und durchdringt das Wesen
des Weibes in viel weiterer Ausdehnung, als jemand nach diesen Beispielen,
die nur den Umfang des Sprachgebrauches erschöpfen, glauben könnte. Ich
will zunächst darauf hinweisen, wie die Frauen im Theater sitzen: stets mit
der Erwartung, o b die zwei, w i e die zwei Liebesleute »sich kriegen«
werden. A u c h d i e s i s t n i c h t s a n d e r e s a l s K u p p e l e i, und um
kein Haar von ihr psychologisch verschieden: e s i s t d a s
Herbeiwünschen des Zusammenkommens von Mann und
We i b , w o a u c h i m m e r. Aber das geht noch weiter: a u c h d i e
Lektüre sinnlicher oder obscöner Dichtungen oder
Romane, die ungeheuere Spannung auf den Moment des
Koitus, mit welcher die Frauen lesen, ist nichts, gar
n i c h t s a l s Ve r k u p p e l u n g d e r b e i d e n P e r s o n e n d e s
B u c h e s, tonische Excitation durch den Gedanken der Kopulation und
positive Wertung der sexuellen Vereinigung. Man halte das nicht für eine
logische und formale Analogisierung, man versuche nachzufühlen, wie für
die Frau psychologisch beides d a s s e l b e i s t. Die Erregung der Mutter am
Hochzeitstage der Tochter ist keine andere als die der Leserin von
P r é v o s t, oder von S u d e r m a n n s »Katzensteg«. Es kommt zwar auch
vor, daß Männer solche Romane zu Detumeszenzzwecken gerne lesen, aber
das ist etwas prinzipiell von der weiblichen Art der Lektüre
Ve r s c h i e d e n e s, es geht auf die lebhaftere Imagination des Sexualaktes
und verfolgt nicht krampfhaft von Anbeginn jede Verringerung der
Entfernung zwischen den beiden Menschen, um die es sich gerade handelt,
und wächst nicht, wie bei der Frau, kontinuierlich, in Proportion mit einer
sehr hohen Potenz vom reziproken Werte des Abstandes der Personen
voneinander. Die atemlose Begünstigung jeder Verringerung der Distanz
von dem Ziele, die deprimierte Enttäuschung bei jeder Vereitelung der
sexuellen Befriedigung ist durchaus weiblich und unmännlich; aber sie tritt

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in der Frau ganz unterschiedslos bei jeder Bewegung auf, die ihrer Richtung
nach zum Geschlechtsakte führen kann, betreffe sie nun Personen des
Lebens oder der Phantasie.
Hat man denn nie darüber nachgedacht, warum die Frauen so gerne,
so »selbstlos« andere Frauen mit Männern zusammenbringen? Das
Vergnügen, welches ihnen hiedurch bereitet wird, b e r u h t a u f e i n e r
eigentümlichen Erregung durch den Gedanken auch des
f r e m d e n K o i t u s.
Aber die volle Breite der Kuppelei ist auch mit der Ausdehnung auf
den Hauptgesichtspunkt aller weiblichen Lektüre noch nicht ausgemessen.
Wo an Sommerabenden in dunklen Gärten, auf den Bänken oder an den
Mauern Liebespaare eine Zuflucht suchen, dort wird eine Frau, die
vorübergeht, stets n e u g i e r i g, sie s i e h t h i n, indes der Mann, der jenen
Weg zu gehen gezwungen ist, sich unwillig abwendet, weil er die
Schamhaftigkeit verletzt fühlt. Desgleichen wenden sich die Frauen fast
nach jedem Liebespaare, dem sie auf der Gasse begegnen, u m und
verfolgen es mit ihren Blicken. Dieses H i nschauen, dieses
S i c h u m d r e h e n ist nicht minder Kuppelei als das bisher unter den
Begriff Subsumierte. Was man ungern sieht und nicht wünscht, von dem
wendet man sich weg, und sperrt nicht die Augen nach ihm auf; die Frauen
sehen darum ein Liebespaar so gern, und überraschen es deshalb am
liebsten bei Küssen und weitergehenden Liebesbezeigungen, w e i l s i e
d e n K o i t u s ü b e r h a u p t ( n i c h t n u r f ü r s i c h ) w o l l e n. M a n
b e a c h t e t n u r, wie schon längst gezeigt wurde, w a s i r g e n d w i e
p o s i t i v g e w e r t e t w i r d. Die Frau, die zwei Liebende miteinander
sieht, wartet stets auf das, was kommen werde, d. h. sie erwartet es, nimmt
es voraus, hofft es, wünscht es. Ich habe eine längst verheiratete Hausfrau
gekannt, die ihr Dienstmädchen, das den Liebhaber eingelassen hatte, zuerst
lang in großer Anteilnahme vor der Tür behorchte, ehe sie hineinging, um
ihm seine Stellung zu kündigen. Die Frau hatte also den ganzen Vorgang
i n n e r l i c h b e j a h t, um dann das Mädchen, in passiver Befolgung der ihr
überkommenen Schicklichkeitsbegriffe, wenn nicht gar nur aus unbewußter
Mißgunst, hinauszuwerfen. Ich glaube freilich, daß auch das letztere Motiv
häufig mitspielt, und zur Verdammung der Betroffenen der Neid, der ihr
jene Stunden doch nicht allein gönnt, seinen Teil beisteuert.

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Der Gedanke des Koitus wird von der Frau stets und in jeder Form, in
der er sich vollziehen mag, (selbst wenn ihn Tiere ausführen), lebhaft
ergriffen, und nie zurückgewiesen[62]; sie verneint ihn nicht, empfindet
keinen Ekel vor dem Ekelhaften des Vorganges, sucht nicht sofort lieber an
etwas anderes zu denken: sondern die Vorstellung ergreift völlig von ihr
Besitz und beschäftigt sie unausgesetzt weiter, bis sie von anderen
Vorstellungen ebenso sexuellen Charakters abgelöst wird. Hiemit ist ein
großer Teil des vielen so rätselhaft scheinenden psychischen Lebens der
Frauen sicherlich beschrieben. D a s B e d ü r f n i s , s e l b s t k o i t i e r t z u
werden, ist zwar das heftigste Bedürfnis der Frau, aber
es ist nur ein Spezialfall ihres tiefsten, ihres einzigen
vitalen Interesses, das nach dem Koitus überhaupt
g e h t ; d e s Wu n s c h e s , d a ß m ö g l i c h s t v i e l , v o n w e m
i m m e r, w o i m m e r, w a n n i m m e r, k o i t i e r t w e r d e .
D i e s e s allgemeinere Bedürfnis richtet sich entweder mehr auf den
Akt selbst, oder mehr auf das Kind; im ersten Falle ist die Frau Dirne und
Kupplerin um der bloßen Vorstellung vom Akte willen; im zweiten ist sie
Mutter, aber nicht nur mit dem Wunsche selbst Mutter zu werden; sondern
an j e d e r Ehe, die sie kennt oder zustande bringt, ist, je mehr sie der
absoluten Mutter sich nähert, desto ausschließlicher ihr Interesse auf die
Hervorbringung des Kindes gerichtet: die echte Mutter ist auch die echte
Großmutter (selbst wenn sie Jungfrau geblieben ist; man vergleiche Johann
Te s m a n s unübertreffliche »Ta n t e J u l e« in I b s e n s »H e d d a
G a b l e r«). Jede ganze M u t t e r wirkt für die Gattung insgesamt, sie ist
Mutter der ganzen Menschheit: j e d e Schwangerschaft wird von ihr
begrüßt. Die D i r n e will die anderen Weiber nicht schwanger, sondern bloß
p r o s t i t u i e r t sehen wie sich selbst.
Wie sogar die Sexualität der Frauen ihrer Kuppelei noch
u n t e rgeordnet ist, und eigentlich nur als ein besonderer Fall der ersteren
aufgefaßt werden darf, das geht sehr deutlich aus ihrem Verhältnis zu den
verheirateten Männern hervor. Nichts ist den Frauen, da sie sämtlich
Kupplerinnen sind, so wie der ledige Stand des Mannes zuwider, und darum
suchen alle ihn zu verheiraten; i s t er aber schon Ehemann, so verliert er für
sie auch dann sehr viel an Interesse, wenn er früher ihnen selbst ganz
ausnehmend gefallen hat. A u c h wenn sie selber bereits verheiratet sind,
also nicht mehr jeder Mann zunächst unter dem Gesichtspunkte der

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e i g e n e n Versorgung in Betracht kommt, und nun, wie man denken sollte,
der Ehemann darum nicht mehr geringere Beachtung finden müßte als der
andere, Ledige, selbst dann, als ungetreue Ehefrauen, kokettieren die
Weiber kaum mit dem Gatten einer anderen; außer wenn sie über diese
einen Triumph feiern wollen, dadurch, daß sie ihn ihr abspenstig machen.
Hiedurch erst ist ganz bestätigt, daß es den Frauen nur auf die
Verkuppelung ankommt; mit Ve r h e i r a t e t e n wird d a r u m so selten der
Ehebruch begangen, w e i l d i e s e d e r I d e e , w e l c h e i n d e r
K u p p e l e i l i e g t , b e r e i t s g e n ü g e n. Die Kuppelei ist die
allgemeinste Eigenschaft des menschlichen Weibes: der Wille zur
Schwiegermutter — ich meine den Willen, Schwiegermutter zu werden —
ist noch viel durchgängiger vorhanden als der Wille zur Mutterschaft,
dessen Intensität und Umfang man gewöhnlich über Gebühr hoch
veranschlagt.
Man wird den Nachdruck, der hier gerade auf die K u p p e l e i des
Weibes gelegt wird, vielleicht doch noch nicht ganz verstehen, die
Bedeutung, die ihr zugemessen werde, übertrieben, das Pathos der
Argumentation unmotiviert finden. Man begreife aber, worum es sich
handelt. Die Kuppelei ist dasjenige Phänomen, welches das Wesen des
Weibes am weitesten aufschließt, und man muß nicht, wie dies immer
geschieht, sie nur zur Kenntnis nehmen und gleich zu etwas anderem
übergehen, sondern sie zu analysieren und zu ergründen trachten. Gewiß ist
es eine den meisten Menschen geläufige Tatsache, daß »jedes Weib gern ein
bißchen kuppelt«. A b e r d a ß g e r a d e h i e r i n u n d n i r g e n d w o
a n d e r s d i e We s e n h e i t d e s We i b e s l i e g t , d a r a u f k o m m t e s
a n . Es läßt sich — nach reiflicher Betrachtung der verschiedensten
Frauentypen und Berücksichtigung noch weiterer spezieller Einteilungen,
außer der hier bereits durchgeführten, bin ich zu diesem Schlusse
gekommen — a b s o l u t nichts anderes als positive
allgemein-weibliche Eigenschaft prädizieren als die
Kuppelei, das ist die Tätigkeit im Dienste der Idee des
K o i t u s ü b e r h a u p t. Jede Begriffsbestimmung der Weiblichkeit,
welche deren Wesen bloß im Wunsche, selbst koitiert zu werden, suchte, die
im echten Weibe nichts für echt hielte, als das Bedürfnis vergewaltigt zu
werden, wäre zu e n g; jede Definition, die da sagen würde, der Inhalt des
Weibes sei das Kind oder sei der Mann oder sei beides, bereits zu w e i t.
Das allgemeinste und eigentlichste Wesen der Frau ist mit der K u p p e l e i,

Page 327

d. h. mit der Mission im Dienste der Idee körperlicher Gemeinschaft,
v o l l s t ä n d i g und e r s c h ö p f e n d bezeichnet. J e d e s We i b k u p p e l t;
und diese Eigenschaft des Weibes, G e s a n d t e , M a n d a t a r i n d e s
K o i t u s g e d a n k e n s z u s e i n, ist auch die e i n z i g e, welche in a l l e n
Lebensaltern da ist u n d s e l b s t d a s K l i m a k t e r i u m ü b e r d a u e r t:
das alte Weib verkuppelt weiter, nicht mehr sich, sondern die anderen.
Wenn man das alte Weib mit Vorliebe als d i e Kupplerin sich vorgestellt hat,
so wurde ein Grund hiefür schon angeführt. Der Beruf der greisen
Kupplerin ist nicht etwas, das h i n z ukommt, sondern eben dies, was jetzt
allein h e r a u s t r i t t und ü b r i g b l e i b t aus den früheren Komplikationen
durch das eigene Bedürfnis: das reine Wirken im Dienste der unreinen Idee.
Es sei gestattet, hier kurz zu rekapitulieren, was die Untersuchung
nach und nach an positiven Resultaten über die Sexualität des Weibes
zutage gefördert hat. Es erwies sich zuerst als ausschließlich, und nicht nur
in Pausen, sondern kontinuierlich sexuell interessiert; es war körperlich und
psychisch in seinem ganzen We s e n nichts als eben die Sexualität selbst. Es
wurde dabei überrascht, daß es sich überall, am ganzen Körper und ohne
Unterlaß, von allen Dingen ausnahmslos k o i t i e r t fühlt. Und wie der
ganze K ö r p e r des Weibes eine Dépendance seines G e s c h l e c h t s t e i l e s
war, so offenbart sich nun die zentrale Stellung d e r K o i t u s - I d e e in
seinem D e n k e n. D e r K o i t u s i s t d a s e i n z i g e , a l l e r w ä r t s u n d
i m m e r, v o n d e r F r a u a u s s c h l i e ß l i c h p o s i t i v B e w e r t e t e ;
d i e F r a u i s t d i e Tr ä g e r i n d e s G e m e i n s c h a f t s g e d a n k e n s
ü b e r h a u p t . Die weibliche Höchstwertung des Koitus ist nicht auf ein
Individuum, auch nicht auf das wertende Individuum, beschränkt, sie
bezieht sich auf Wesen ü b e r h a u p t, sie ist nicht individuell, sondern
i n t e rindividuell, ü b e rindividuell, sie ist sozusagen — man sehe mir die
Entweihung des Wortes einstweilen nach — d i e t r a n s c e n d e n t a l e
F u n k t i o n d e s We i b e s. D e n n w e n n We i b l i c h k e i t K u p p e l e i
i s t , s o i s t We i b l i c h k e i t u n i v e r s e l l e S e x u a l i t ä t . D e r
K o i t u s i s t d e r h ö c h s t e We r t d e r F r a u , i h n s u c h t s i e
immer und überall zu verwirklichen. Ihre eigene
S e x u a l i t ä t b i l d e t v o n d i e s e m u n b e g r e n z t e n Wo l l e n
n u r e i n e n b e g r e n z t e n Te i l . —
Der männlichen Höchststellung der Schuldlosigkeit und Reinheit aber,
deren Erscheinung jene höhere Virginität wäre, welche der Mann aus

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erotischem Bedürfnis von der Frau wünscht und fordert, diesem nur
m ä n n l i c h e n Ideale der Keuschheit ist jenes Streben der Frau nach
Realisierung der Gemeinschaft so polar entgegengesetzt, daß es unbedingt
als ihre eigentliche Natur sogar durch den dichtesten Weihrauch der
erotischen Illusion hindurch vom Mann hätte erkannt werden müssen, wenn
nicht n o c h ein Faktor durch sein Dazwischentreten diese Klärung
regelmäßig verhindert hätte. Diesen Umstand, der sich immer wieder
einschiebt, um der Einsicht des Mannes in das allgemeine und eigentliche
Wesen der Weiblichkeit entgegenzuwirken, dieses komplizierteste Problem
des Weibes, seine abgründlich tiefe Ve r l o g e n h e i t, gilt es nun
aufzuhellen. So schwierig und so gewagt das Unternehmen ist, es muß
schließlich zu jener letzten Wurzel führen, a u s d e r w i r s o w o h l d i e
K u p p e l e i (im weitesten Sinne, in dem die eigene Geschlechtlichkeit nur
ihr hervorstechendster Spezialfall ist) a l s a u c h d i e s e Ve r l o g e n h e i t,
welche die Begierde nach dem Sexualakt immerfort — vor den Blicken des
Weibes selbst! — v e r h ü l l t, b e i d e unter dem Lichte e i n e s letzten
Prinzipes klar werden emporsprießen sehen.

Alles nämlich, was vielleicht schon wie ein sicherer Gewinn
erschienen ist, findet sich nun nochmals in Frage gestellt. Den Frauen
wurde keine Selbstbeobachtung eingeräumt: es gibt aber sicherlich Weiber,
die sehr scharf vieles beobachten, was in ihnen vorgeht. Die Wahrheitsliebe
wurde ihnen abgesprochen; und doch kennt man Frauen, die es auf das
peinlichste vermeiden, eine Unwahrheit zu sagen. Das Schuldbewußtsein
sei ihnen fremd, wurde behauptet, obwohl Frauen existieren, die sich selbst
wegen geringfügiger Dinge die heftigsten Vorwürfe zu machen pflegen,
obwohl man von Büßerinnen und ihren Körper kasteienden Weibern sichere
Nachricht hat. Das Schamgefühl wurde nur dem Manne belassen: aber muß
nicht das Wort von der weiblichen Schamhaftigkeit, von jener Scham, die
nach H a m e r l i n g sogar n u r das Weib kennt, in der Erfahrung irgend eine
Grundlage haben, die es ermöglichte, ja begünstigte, daß die Dinge so
gedeutet würden? Und weiter: Religiosität könnte dem Weibe fehlen trotz
allen »religieuses«? Strenge Sittenreinheit bei ihm ausgeschlossen sein,
aller tugendhaften Frauen ungeachtet, von denen Lied und Geschichte

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melden? Bloß sexuell sollte das Weib sein, die Sexualität allein bei ihm
Anwert finden, wo es doch mannigfach bekannt ist, daß Frauen wegen der
geringsten Anspielung auf sexuelle Dinge empört sein können, sich, statt zu
kuppeln, oft erbittert und angeekelt wegwenden von jedem Orte der
Unzucht, ja nicht selten den Koitus auch für ihre Person verabscheuen und
ihm viel gleichgültiger gegenüberstehen als irgend ein Mann?
Es ist wohl offenbar, daß es sich in all diesen Antinomien um eine und
dieselbe Frage handelt, von deren Beantwortung die letzte und endgültige
Entscheidung über das Weib abhängt. Es ist klar, daß, wenn auch nur e i n
e i n z i g e s sehr weibliches Wesen i n n e r l i c h a s e x u e l l wäre, oder in
einem wahrhaften Verhältnis zur Idee sittlichen Eigenwertes stünde, alles,
was hier von den Frauen gesagt wurde, seine Allgemeingültigkeit als
psychisches Charakteristikum ihres Geschlechtes sofort unrettbar verlieren
müßte, und somit die g a n z e Position des Buches mit einem Schlage
vollkommen hinfällig würde. J e n e s c h e i n b a r w i d e r s p r e c h e n d e n
Erscheinungen müssen befriedigend erklärt, und es muß
von ihnen gezeigt werden, daß, was ihnen wirklich zu
Grunde liegt und so leicht zu Äquivokationen verführt,
derselben weiblichen Natur entspricht, die bisher
überall nachgewiesen werden konnte.
Man muß zunächst an die ungeheuere B e e i n f l u ß b a r k e i t, besser,
nur schlechter zu sprechen, B e e i n d r u c k b a r k e i t der Frauen sich
erinnern, um zum Verständnis jener trügerischen Widersprüche zu gelangen.
Diese außerordentliche Zugänglichkeit für Fremdes und die leichte
Annahme der Ansichten anderer ist in diesem Buche bis jetzt noch nicht
genügend gewürdigt worden. Ganz allgemein schmiegt sich W an M
vollständig an, wie ein Etui an die Kleinodien in ihm, s e i n e Anschauungen
werden die i h r e n, seine Lieblingsneigungen teilen sich ihr mit wie seine
ganz individuellen Antipathien, jedes Wort von ihm ist für sie ein
E r e i g n i s, und zwar um so stärker, je mehr er sexuell auf sie wirkt. Diesen
Einfluß des Mannes empfindet die Frau nicht als eine Ablenkung von der
Linie ihrer eigenen Entwicklung, sie erwehrt sich seiner nicht als einer
fremdartigen Störung, sie sucht sich nicht von ihm zu befreien als von
einem Eingriff in ihr inneres Leben, s i e s c h ä m t s i c h n i c h t ,
r e z e p t i v z u s e i n: im Gegenteil, sie fühlt sich nur g l ü c k l i c h, wenn
sie es sein kann, v e r l a n g t vom Manne, daß er sie, auch geistig, zu

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rezipieren z w i n g e. Sie schließt sich immer nur gerne an, u n d i h r
Wa r t e n a u f d e n M a n n i s t n u r d a s Wa r t e n a u f d e n
A u g e n b l i c k , w o s i e v o l l k o m m e n p a s s i v s e i n k ö n n e.
Aber nicht nur vom »richtigen« Manne (wenn schon von ihm am
liebsten), auch von Vater und Mutter, Onkeln und Tanten, Brüdern und
Schwestern, nahen Verwandten und fernen Bekannten ü b e r n e h m e n die
Frauen, was sie glauben und denken, und sind es froh, wenn in ihnen eine
Meinung g e s c h a f f e n wird. Noch die erwachsenen und verheirateten
Frauen, nicht nur die unreifen Kinder, ahmen einander in allem und jedem,
a l s o b d a s n a t ü r l i c h w ä r e, nach, von einer geschmackvolleren
Toilette oder Frisur, einer Aufsehen erregenden Körperhaltung angefangen
bis auf die Geschäfte, in denen sie einkaufen, und die Rezepte, nach
welchen sie kochen. Auch dieses gegenseitige Kopieren geschieht o h n e
das Gefühl, sich hiedurch etwas zu v e r g e b e n, wie es wohl sein müßte,
besäßen sie eine Individualität, die nur rein ihrem eigenen Gesetze zu
folgen strebt. So setzt sich der theoretische Bestand des weiblichen
Denkens und Handelns der Hauptsache nach aus Überkommenem und
wahllos Übernommenem zusammen, das von den Frauen um so eifriger
ergriffen und um so dogmatischer festgehalten wird, als ein Weib eine
Überzeugung nie selbsttätig aus objektiver Anschauung der Dinge gewinnt,
und also auch nie nach geändertem Aspekte frei aufgibt, nie selbst noch
über seinen Gedanken steht, vielmehr immer nur will, daß ihm eine
Meinung beigebracht werde, die es dann zähe festhalten könne. Darum sind
die Frauen am unduldsamsten, wo ein Verstoß gegen sanktionierte Sitten
und Gebräuche sich ereignet, mögen diese Institutionen welchen Inhaltes
immer sein. Einen angesichts der Frauenbewegung besonders ergötzlichen
Fall dieser Art will ich nach Herbert S p e n c e r mitteilen. Wie bei vielen
Indianerstämmen Nord- und Südamerikas, so gehen auch bei den
D a k o t a s die Männer bloß der Jagd und dem Kriege nach und haben alle
niedrigen und mühevollen Beschäftigungen auf ihre Weiber gewälzt. Von
der Natürlichkeit und Rechtmäßigkeit dieses Vorgehens sind die Frauen,
statt irgend sich unterdrückt zu fühlen, allmählich so durchdrungen worden,
daß ein Dakota-Weib dem anderen keinen größeren Schimpf antun und
keine ärgere Kränkung bereiten kann, als diese: »Schändliche Frau .... ich
habe Deinen Mann Holz in seine Wohnung tragen sehen zum
Feueranzünden. Wo war seine Frau, daß er genötigt war, sich selbst zum
Weibe zu machen?«

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Diese außerordentliche Bestimmbarkeit des Weibes durch außer ihm
Liegendes ist im Grunde wesensgleich mit seiner Suggestibilität, die weit
größer und ausnahmsloser ist als die des Mannes: beides kommt damit
überein, daß das Weib im Sexualakte und seinen Vorstadien nur die passive,
nie die aktive Rolle zu spielen wünscht.[63] E s i s t d i e a l l g e m e i n e
P a s s i v i t ä t d e r w e i b l i c h e n N a t u r, w e l c h e d i e F r a u e n a m
E n d e a u c h d i e m ä n n l i c h e n We r t u n g e n , z u w e l c h e n s i e
g a r k e i n u r s p r ü n g l i c h e s Ve r h ä l t n i s h a b e n , a c c e p t i e r e n
u n d ü b e r n e h m e n l ä ß t . Diese I m p r ä g n i e r b a r k e i t durch die
männlichen Anschauungen, diese D u r c h d r i n g u n g des eigenen
Gedankenlebens der Frau mit dem fremden Element, diese v e r l o g e n e
Anerkennung der Sittlichkeit, die man gar nicht Heuchelei nennen kann,
weil nichts A n t imoralisches durch sie verdeckt werden soll, diese
Aufnahme und Anwendung eines an und für sich ihr ganz h e t e r onomen
Gebotes wird, soweit die Frau selbst nicht wertet, im allgemeinen leicht und
glatt von statten gehen u n d d e n t ä u s c h e n d s t e n S c h e i n h ö h e r e r
S i t t l i c h k e i t l e i c h t h e r v o r b r i n g e n. Komplikationen können sich
erst einstellen, wenn es zur Kollision kommt mit der e i n z i g e n
e i n g e b o r e n e n, echten und allgemein-weiblichen Wertung, der
H ö c h s t w e r t u n g d e s K o i t u s.
Die Bejahung der Gemeinschaft als des höchsten Wertes ist bei der
Frau eine ganz unbewußte. Denn dieser Bejahung steht nicht wie beim
Manne ihre Verneinung als die andere Möglichkeit gegenüber, es fehlt hier
die Zweiheit, die zum Bemerken führen könnte. Kein Weib weiß, oder hat
noch gewußt, oder auch nur wissen können, was es tut, wenn es kuppelt.
D i e We i b l i c h k e i t s e l b s t i s t j a i d e n t i s c h m i t d e r
K u p p e l e i, und ein Weib müßte aus sich heraustreten können, um zu
bemerken, zu verstehen, daß es kuppelt. So bleibt das tiefste Wollen des
Weibes, das, was sein Dasein eigentlich bedeutet, von ihm stets unerkannt.
Nichts hindert also, daß die männliche negative Wertung der Sexualität die
positive weibliche vollständig im Bewußtsein des Weibes überdecke. D i e
R e z e p t i v i t ä t d e s We i b e s g e h t s o w e i t , d a ß e s d a s , w a s
es ist — das einzige, was es wirklich positiv ist! —
daß es selbst dies verleugnen kann.
Aber die Lüge, die es begeht, wenn es sich das männliche
gesellschaftliche Urteil über die Sexualität, über Schamlosigkeit, ja über die

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Lüge selbst, e i n v e r l e i b e n läßt und den männlichen Maßstab aller
Handlungen zu dem seinigen macht, diese Lüge ist eine solche, die ihm nie
bewußt wird, e s e r h ä l t e i n e z w e i t e N a t u r , o h n e a u c h n u r z u
a h n e n , d a ß e s s e i n e e c h t e n i c h t i s t, es nimmt sich ernst, glaubt
etwas zu sein und zu glauben, ist überzeugt von der Aufrichtigkeit und
Ursprünglichkeit seines moralischen Gebarens und Urteilens: s o t i e f
s i t z t d i e L ü g e , d i e o r g a n i s c h e, ich möchte, wenn es gestattet
wäre, am liebsten sagen: d i e o n t o l o g i s c h e Ve r l o g e n h e i t d e s
We i b e s.
Wo l f r a m v o n E s c h e n b a c h erzählt von seinem Helden:

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»... So keusch und rein
Ruht' er bei seiner Königin,
Daß kein Genügen fänd' darin
So manches Weib beim lieben Mann.
Daß doch so manche in Gedanken
Zur Üppigkeit will überschwanken,
Die sonst sich spröde zeigen kann!
Vor Fremden züchtig sie erscheinen,
Doch ist des Herzens tiefstes Meinen
D a s W i d e r s p i e l v o m ä u ß e r n S c h e i n.«

Was das tiefste Meinen des weiblichen Herzens ist, das hat Wo l f r a m
klar genug angedeutet. Aber er sagt nicht alles. Nicht nur die Fremden,
a u c h s i c h s e l b s t belügen die Frauen in diesem Punkte. Man kann aber
seine Natur, sei es auch die physische, nicht unterdrücken ohne Folgen. Die
hygienische Züchtigung für die Verleugnung der eigentlichen Natur des
Weibes ist die H y s t e r i e.
Von allen Neurosen und Psychosen stellen die h y s t e r i s c h e n
Erscheinungen dem Psychologen beinahe die reizvollste Aufgabe; eine weit
schwierigere und darum verlockendere als eine verhältnismäßig leicht
nachzulebende M e l a n c h o l i e, oder eine simple P a r a n o i a.
Zwar haben gegen psychologische Analysen fast alle Psychiater ein
nicht zu beseitigendes Mißtrauen; jede Erklärung durch pathologisch
veränderte Gewebe oder durch Intoxikationen auf nutritivem Wege ist ihnen
a limine glaubhaft, nur dem Psychischen mögen sie keine primäre
Wirksamkeit zuerkennen. Da aber nie noch ein Beweis dafür erbracht
worden ist, daß dem Psychischen eher als dem Physischen die sekundäre
Rolle zufallen müsse — alle Hinweise auf die »Erhaltung der Energie« sind
von den berufensten Physikern selbst desavouiert worden — so kann man
billig über dieses Vorurteil hinweggehen. Auf die Bloßlegung des
»psychischen Mechanismus« der Hysterie kann unendlich viel, ja — nichts
spricht dagegen[64] — möglicherweise a l l e s ankommen. Daß
höchstwahrscheinlich dieser Weg der richtige ist, darauf weist auch hin, daß
die wenigen bisherigen wahren Aufschlüsse über die Hysterie nicht anders
gewonnen wurden: ich meine die mit den Namen P i e r r e J a n e t und
O s k a r Vo g t, und besonders J. B r e u e r und S. F r e u d verknüpften
Forschungen. Jede weitere Aufklärung über die Hysterie ist in der Richtung
zu suchen, welche diese Männer eingeschlagen haben: in der Richtung auf

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die Rekonstruktion des p s y c h o l o g i s c h e n Prozesses, welcher zur
Krankheit geführt hat.
Schematisch hat man sich, wie ich glaube, die Entstehung derselben,
unter Annahme eines s e x u e l l e n »traumatischen« Erlebnisses als des
häufigsten (nach F r e u d a l l e i n i g e n) Anlasses zur Erkrankung, so
vorzustellen: eine Frau, die irgend eine sexuelle Wahrnehmung oder
Vorstellung gehabt, diese durch ursprüngliche oder Rückbeziehung auf sich
selbst v e r s t a n d e n hat, und diese nun, vermöge der ihr aufgedrungenen
und von ihr gänzlich übernommenen, i n s i e ü b e rgegangenen und ihr
w a c h e s B e w u ß t s e i n allein beherrschenden männlichen Wertung a l s
ganze zurückweist, über sie empört, unglücklich ist —
und sie gleichzeitig vermöge ihrer Beschaffenheit als
We i b p o s i t i v w e r t e t , b e j a h t , w ü n s c h t i n i h r e m t i e f s t e n
U n b e w u ß t e n; in der dann dieser Konflikt weiter schwärt, gärt und zu
Zeiten in einem Anfall aufbraust: eine solche Frau gewährt das mehr oder
minder typisch gewordene Krankheitsbild der Hysterie. So erklärt sich die
Empfindung des von der Person, wie sie g l a u b t, verabscheuten,
tatsächlich aber doch von etwas in ihr, von der ursprünglichen Natur,
gewollten Sexualaktes als eines »F r e m d k ö r p e r s im
B e w u ß t s e i n«. D i e k o l o s s a l e I n t e n s i t ä t d e s d u r c h j e d e n
Ve r s u c h z u s e i n e r U n t e r d r ü c k u n g n u r g e s t e i g e r t e n
Wu n s c h e s , die um so heftigere, beleidigtere
Z u r ü c k w e i s u n g d e s G e d a n k e n s — dies ist das Wechselspiel, das
sich in der Hysterika vollzieht. Denn die c h r o n i s c h e Verlogenheit des
Weibes wird a k u t, wenn sie auf den H a u p t p u n k t sich erstreckt, wenn
die Frau sich auch die ethisch-negative Bewertung der Sexualität vom
Manne noch hat einverleiben lassen. Und daß die Hysterischen die
s t ä r k s t e S u g g e s t i b i l i t ä t dem Manne gegenüber offenbaren, ist ja
bekannt. Hysterie ist die organische Krisis der organischen Verlogenheit
des Weibes. Ich leugne nicht, daß es auch, wenngleich r e l a t i v nur recht
s e l t e n, hysterische M ä n n e r gibt: denn e i n e unter den unendlich vielen
Möglichkeiten, die psychisch im Manne liegen, ist es, zum Weibe und
damit, gegebenenfalls, auch h y s t e r i s c h zu werden. Es gibt freilich auch
verlogene M ä n n e r; aber da verläuft die Krisis anders (wie auch ihre
Verlogenheit stets eine andere, nie eine so völlig h o f f n u n g s l o s e ist): sie
führt zur, obschon oft nur vorübergehenden, L ä u t e r u n g.

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Diese Einsicht in die organische Verlogenheit des Weibes, in seine
Unfähigkeit zur Wahrheit über sich selbst, die allein ermöglicht, daß es in
einer Weise denke, die ihm gar nicht entspricht, scheint mir eine im Prinzip
befriedigende Auflösung jener Schwierigkeiten, welche die Ätiologie der
Hysterie darbietet. Wäre die Tugend des Weibes echt, so könnte es durch sie
nicht leiden; es büßt nur die L ü g e gegen die eigene, in Wirklichkeit
ungeschwächte Konstitution. Im einzelnen bedarf nun noch manches der
Erläuterung und der Belege.
Die Hysterie zeigt, daß die Verlogenheit, so tief sie hinabreicht, doch
nicht so fest sitzt, um a l l e s zu verdrängen. Das Weib hat ein ganzes
System von ihm fremden Vorstellungen und Wertungen durch Erziehung
oder Verkehr sich zu eigen gemacht, oder vielmehr: ihnen gehorsam alle
Einflußnahme auf sich gestattet; und es bedarf eines ganz gewaltigen
Anstoßes, um diesen großen, fest in sie eingewachsenen psychischen
Komplex aus dem Sattel zu heben, und so das Weib in jenen Zustand
intellektueller Hilflosigkeit, jener »Abulie« zu versetzen, welche für die
Hysterie so kennzeichnend ist. Ein außerordentlicher S c h r e c k etwa
vermag den künstlichen Bau umzuwerfen und die Frau nun zum Schauplatz
des Kampfes einer ihr unbewußten, verdrängten N a t u r mit einem zwar
bewußten, aber ihr unnatürlichen G e i s t e zu machen. Das Hin- und
Hergeworfenwerden zwischen beiden, welches nun anhebt, erklärt die
außergewöhnliche psychische Diskontinuität während des hysterischen
Leidens, das fortwährende Wechseln verschiedener Stimmungen, von denen
keine durch einen, ihnen allen noch übergeordneten Bewußtseinskern
ergriffen und festgehalten, beobachtet und beschrieben, erkannt und
bekämpft werden kann. Auch hängt hiemit das überleichte
Zusammenschrecken der Hysterischen zusammen. Doch läßt sich vermuten,
daß viele Anlässe, auch wenn sie dem geschlechtlichen Gebiete o b j e k t i v
noch so fern liegen, von ihnen sexuell mögen apperzipiert werden; wer aber
vermöchte dann zu sagen, w o m i t das schreckhafte äußere Erlebnis von
scheinbar ganz asexueller Natur i n i h n e n sich wieder verknüpft hat?
Höchst wunderbar ist immer das Zusammensein so vieler
Widersprüche in den Hysterischen erschienen. Sie sind einerseits von
eminent kritischem Verstande und großer Urteilssicherheit, sträuben sich
gegen die Hypnose u. s. w., u. s. w., anderseits durch die geringfügigsten
Anlässe am stärksten excitierbar, und die tiefsten Grade hypnotischen

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Schlafes bei ihnen erreichbar. Sie sind, von da gesehen, abnorm keusch, von
dort aus betrachtet, enorm sinnlich.
All das ist hienach nicht schwer mehr zu erklären. Die gründliche
Rechtschaffenheit, die peinliche Wahrheitsliebe, das strenge Meiden alles
Sexuellen, das besonnene Urteil und die Willensstärke — a l l d i e s i s t
n u r e i n Te i l j e n e r P s e u d o p e r s ö n l i c h k e i t, welche die Frau i n
i h r e r P a s s i v i t ä t v o r s i c h u n d a l l e r We l t z u s p i e l e n
ü b e r n o m m e n h a t. Alles, was ihrer u r s p r ü n g l i c h e n Beschaffenheit
angehört und in deren Sinn liegt, bildet jene »abgespaltene Person«, jene
»unbewußte Psyche«, die g l e i c h z e i t i g in Obscönitäten sich ergehen
kann und der suggestiven Beeinflussung so zugänglich ist. Man hat in den
als »duplex« und »multiplex personality«, als »double conscience«, als
»Doppel-Ich« benannten Tatsachen eines der stärksten Argumente gegen
die Annahme der e i n e n Seele erblicken wollen. In Wirklichkeit sind
gerade diese Phänomene der bedeutsamste Fingerzeig dafür, d a ß und w o
man von einer Seele reden darf. D i e » S p a l t u n g e n d e r
Persönlichkeit« sind eben nur dort möglich, wo von
A n f a n g a n k e i n e P e r s ö n l i c h k e i t d a i s t , w i e b e i m We i b e .
A l l jene berühmten Fälle, die J a n e t in seinem Buche »L'Automatisme
psychologique« beschrieben hat, b e z i e h e n s i c h a u f F r a u e n, kein
einziger auf einen Mann. Nur die Frau, die, ohne Seele, ohne ein
intelligibles Ich, nicht Kraft hat, alles in ihr Enthaltene bewußt zu machen,
das Licht der Wahrheit über ihrem Innern zu entzünden, kann durch die
völlig passive D u r c h f l ö ß u n g mit einem fremden Bewußtsein, wie durch
die im Sinne ihrer eigenen Natur gelegenen Regungen so übertölpelt
werden, wie es Voraussetzung der von J a n e t beschriebenen hysterischen
Zustände ist, nur bei ihr kann es zu derartig dichten Verkleidungen, zum
Auftreten der H o f f n u n g auf den Koitus als A n g s t v o r dem Akte, zur
i n n e r e n M a s k i e r u n g v o r s i c h s e l b s t und Einspinnung des
wirklichen Wollens wie in eine undurchdringliche Kokonhülle kommen.
Die Hysterie selbst ist der Bankerott des aufgeprägten oberflächlichen
Schein-Ich; deshalb macht sie das Weib zeitweilig innerlich beinahe zur
»tabula rasa«: indem auch jeder eigene Trieb wie aus ihr hinweggeräumt
scheint (»Anorexie«); bis dann jene Versuche der wirklichen Weiblichkeit
folgen, gegen ihre verlogene Verleugnung sich nun endlich durchzusetzen.
Wenn jener »nervöse Choc«, jenes »psychische Trauma« je wirklich ein
asexuelles Schrecknis ist, so hat eben dieses die innere Schwäche und

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Unhaltbarkeit des angenommenen Ich dargetan, es verscheucht,
davongejagt und so die Gelegenheit für den Ausbruch der echten Natur
geschaffen.
Das H e r a u f k o m m e n d i e s e r ist jener »Gegenwille« F r e u d s, der
wie ein fremder empfunden und durch die Zuflucht bei dem alten, nun aber
morsch und brüchig gewordenen Schein-Ich abgewehrt wird. Denn der
»Gegenwille« wird zurückzudrängen versucht: früher hat jener äußere
Z w a n g, den die Hysterika wie eine P f l i c h t empfand, die eigene Natur
unter die Bewußtseinsschwelle verwiesen, sie verdammt und in Fesseln
gelegt; nun sucht sie nochmals vor den befreiten, emporwollenden
Gewalten in jenes System von Grundsätzen sich zu flüchten und mit seiner
Hilfe die ungewohnten Anfechtungen abzuschütteln und niederzuschlagen;
aber jenes hat zumindest seine Alleinherrschaft nun eingebüßt.
Der »Fremdkörper im Bewußtsein«, das »schlimme
I c h « i s t i n Wi r k l i c h k e i t i h r e e i g e n s t e w e i b l i c h e N a t u r,
während, was sie für ihr wahres Ich hält, gerade die
Person ist, die sie durch das Einströmen alles Fremden
w u r d e . Der »Fremdkörper« ist die S e x u a l i t ä t, die sie nicht
a n e r k e n n t, deren Zugehörigkeit zu sich sie nicht zugibt; die sie aber doch
nicht mehr zu b a n n e n vermag wie ehedem, da ihre Triebe vor der
einwandernden Sittlichkeit sich geräuschlos und wie für immer
zurückzogen. Zwar mögen sich auch jetzt noch die mit äußerster
Anspannung unterdrückten Sexualvorstellungen »k o n v e r t i e r e n« in alle
möglichen Zustände und so jenen proteusartigen Charakter des Leidens
hervorbringen, jenes Überspringen von Glied zu Glied, jene alles
nachahmende und niemals konstante Gestalt, welche die Definition der
Hysterie nach ihrem Symptomenbilde stets so sehr erschwert hat; aber in
keiner »Konversion« von allen geht nunmehr der Trieb auf, er verlangt nach
oben, in keiner Verwandlung findet er mehr seine E r s c h ö p f u n g.
Das U n v e r m ö g e n d e r F r a u e n z u r Wa h r h e i t — für mich,
der ich auf dem Boden des Kantischen Indeterminismus stehe, folgt es aus
ihrem Mangel an einem f r e i e n W i l l e n z u r Wa h r h e i t — bedingt ihre
Ve r l o g e n h e i t. Wer mit Frauen Umgang hatte, der weiß, wie oft sie,
unter dem momentanen Zwang auf eine Frage zu
a n t w o r t e n, ganz beliebig falsche Gründe für das, was sie gesagt oder
getan haben, aus dem Stegreif angeben. Nun ist es richtig, daß gerade die

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Hysterischen peinlichst (aber nie ohne eine gewisse, demonstrative,
Absichtlichkeit vor Fremden) jeder Unwahrheit aus dem Wege gehen:
aber gerade hierin liegt, so paradox es klingt, ihre
Ve r l o g e n h e i t. Denn sie wissen nicht, daß ihnen die ganze
Wahrheitsforderung von außen gekommen und allmählich eingepflanzt
worden ist. Sie haben das Postulat der Sittlichkeit knechtisch acceptiert und
geben darum, dem braven Sklaven gleich, bei jeder Gelegenheit zu
erkennen, wie getreu sie es befolgen. Es ist immer auffällig, wenn man über
jemand oft hervorheben hört, was für ein ausnehmend anständiger Mensch
er sei: er hat dann sicherlich dafür gesorgt, daß man es wisse, und man kann
wetten, daß er insgeheim ein Spitzbube ist. Es kann das Vertrauen zu der
Echtheit der Moralität der Hysterischen nicht fördern, wenn die Ärzte
(natürlich in gutem Glauben) so oft betonen, wie hoch ihre Patienten in
sittlicher Beziehung stünden.
Ich wiederhole: die Hysterischen simulieren nicht bewußt; nur unter
dem Einfluß der Suggestion kann ihnen klar werden, d a ß sie tatsächlich
simuliert haben, und nur so sind alle »Geständnisse« der Verstellung zu
erklären. S o n s t a b e r g l a u b e n s i e a n i h r e e i g e n e
A u f r i c h t i g k e i t u n d M o r a l i t ä t: Auch die Beschwerden, von denen
sie gepeinigt werden, sind keine eingebildeten; vielmehr liegt darin, d a ß sie
diese wirklich fühlen, und daß die Symptome erst mit der B r e u e rschen
»Katharsis« verschwinden, welche ihnen die wahren Ursachen der
Krankheit in der Hypnose successive z u m B e w u ß t s e i n bringt, der
B e w e i s des O r g a n i s c h e n ihrer Verlogenheit.
Auch die Selbstanklagen, welche die Hysterischen so laut zu erheben
pflegen, sind nichts als unbewußte Gleisnerei. Ein Schuldgefühl kann nicht
echt sein, das sich auf kleinste wie auf größte Dinge g l e i c h m ä ß i g
erstreckt; hätten die hysterischen Selbstquäler das Maß der Sittlichkeit in
sich und aus sich selbst, so würden sie nicht so wahllos in ihren
Selbstanklagen sein und nicht die geringfügigste Unterlassung schon
g l e i c h schwer sich anrechnen wie den größten Fehl.
Das entscheidende Zeichen für die unbewußte Ve r l o g e n h e i t ihrer
Selbstvorwürfe ist die Art, in der sie anderen zu sagen pflegen, wie schlecht
sie seien, was für Sünden sie begangen hätten, und jene fragen, ob sie selbst
(die Hysterischen) nicht ganz und gar verworfene Geschöpfe seien. Wessen
Gewissensbisse ihn wirklich zu Boden drücken, der kann nicht so reden. Es

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ist eine T ä u s c h u n g, der besonders B r e u e r und F r e u d zum Opfer
gefallen sind, wenn sie gerade die Hysteriker als eminent sittliche
Menschen hinstellen. Denn diese haben nur ein ihnen ursprünglich
Fremdes, die Moral, vollständiger von außen in sich übergehen lassen als
die anderen. Diesem Kodex unterstehen sie nun sklavisch, sie prüfen nichts
mehr selbsttätig, wägen im einzelnen nichts mehr ab. Das kann sehr leicht
den Eindruck des sittenstrengsten Rigorismus hervorrufen, und ist doch so
unsittlich als möglich, denn es ist das Höchste, was an H e t e r o n o m i e
überhaupt geleistet werden kann. Dem sittlichen Ziele einer s o z i a l e n
Ethik, für welche die Lüge kaum ein Vergehen sein kann, wenn sie der
Gesellschaft oder der Entwicklung der Gattung nützt, diesem idealen
Menschen einer solchen h e t e r onomen Moral kommen die Hysterischen
vielleicht näher als irgend ein anderes Wesen. D a s h y s t e r i s c h e
Frauenzimmer ist die Probiermamsell der Erfolgs- und
d e r S o z i a l e t h i k: sowohl genetisch, denn die sittlichen Vorschriften sind
ihr wirklich von außen gekommen; als auch praktisch, denn sie wird am
leichtesten altruistisch zu handeln scheinen: für sie sind die Pflichten gegen
andere nicht ein Sonderfall der Pflicht gegen sich selbst.
Je getreuer die Hysterischen an die Wahrheit sich zu halten glauben,
desto tiefer sitzt ihre Verlogenheit. Ihre völlige Unfähigkeit zur eigenen
Wahrheit, zur Wahrheit über sich — die Hysterischen denken nie über sich
nach und wollen nur, daß der andere über sie nachdenke, sie wollen ihn
i n t e r e s s i e r e n — geht daraus hervor, daß die Hysterischen die besten
Medien für alle Hypnose abgeben. Wer aber sich hypnotisieren läßt, der
begeht die unsittlichste Handlung, die denkbar ist. Er begibt sich in die
vollendetste Sklaverei: er verzichtet auf seinen Willen, auf sein Bewußtsein,
über ihn gewinnt der andere Gewalt und erzeugt in ihm das Bewußtsein, das
ihm hervorzubringen gutdünkt. So liefert die Hypnose den Beweis, wie alle
M ö g l i c h k e i t der Wahrheit vom Wo l l e n der Wahrheit, d. h. aber vom
Wollen seiner selbst, abhängt: wem in der Hypnose etwas aufgetragen wird,
der führt es im Wachen aus, und ersinnt, um seine Gründe gefragt, auf der
Stelle ein beliebiges Motiv dafür; ja, nicht nur vor anderen, auch vor sich
selbst rechtfertigt er mit einer ganz aus der Luft gegriffenen Erklärung,
weshalb er nun so handle. Man hat hier sozusagen eine experimentelle
Bestätigung der Kantischen Ethik. Wäre der Hypnotisierte bloß ohne
Erinnerung, so müßte er darüber erschrecken, daß er nicht w i s s e, warum
er etwas tue. Aber er erfindet sich ohne weiteres ein neues Motiv, das mit

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dem wahren Grunde, aus dem er die Handlung ausführt, gar nichts zu tun
hat. Er hat eben auf sein Wollen verzichtet, und damit keine Fähigkeit zur
Wahrheit mehr.
Alle Frauen nun sind zu hypnotisieren und wollen
g e r n e h y p n o t i s i e r t w e r d e n; am leichtesten, am stärksten die
Hysterischen. Selbst das Gedächtnis für bestimmte Dinge aus ihrem Leben
kann man — denn das Ich, der Wille, s c h a f f t das Gedächtnis — bei
Frauen durch die einfache Suggestion, daß sie von ihnen nichts mehr
wüßten, auslöschen, vernichten.
Jenes B r e u e rsche »Abreagieren« der psychischen Konflikte durch
den hypnotisierten Kranken liefert den zwingenden Beweis, daß sein
Schuldbewußtsein kein ursprüngliches war. Wer sich einmal aufrichtig
schuldig gefühlt hat, ist von diesem Gefühle nie so völlig zu befreien, wie
es die Hysterischen sind, unter dem bloßen Einfluß des fremden Wortes.
Aber selbst diese Scheinzurechnung, welche die Frauen von
hysterischer Konstitution an sich vollziehen, wird hinfällig im Augenblicke,
wo die Natur, das sexuelle Begehren, sich durchzusetzen droht gegen die
scheinbare Bändigung. Im hysterischen Paroxysmus geht nichts anderes im
Weibe vor, als daß es sich, ohne es mehr sich selbst, wie früher, ganz zu
glauben, fort und fort versichert: das will i c h ja gar nicht, das will m a n,
das will jemand F r e m d e r v o n m i r, aber i c h will es n i c h t. Jede Regung
anderer wird nun zu jenem Ansinnen in Beziehung gebracht, das an sie, wie
sie glaubt, von außen gestellt wurde, aber in Wahrheit ihrer eigenen Natur
entstammt und deren tiefsten Wünschen vollauf entspricht; nur darum sind
die Hysterischen im Anfall so leicht durch das Geringste aufzubringen. Es
handelt sich da immer um die letzte verlogene Abwehr der in ungeheuerer
Stärke frei werdenden Konstitution; die »Attitudes passionnelles« der
Hysterischen sind nichts als diese demonstrative Abweisung des
Sexualaktes, die darum so laut sein muß, weil sie eben doch unecht ist, und
so viel lärmender als früher, weil nun die Gefahr größer ist.[65] Daß so oft
sexuelle Erlebnisse aus der Zeit vor der Pubertät in der akuten Hysterie die
größte Rolle spielen, ist danach leicht zu verstehen. Auf das Kind war der
Einfluß der fremden moralischen Anschauungen verhältnismäßig leicht
auszuüben, ohne einen erheblichen Widerstand in den noch fast gänzlich
schlummernden sexuellen Wünschen überwinden zu müssen. Nun aber
greift die bloß zurückgedrängte, nicht überwundene Natur das alte, schon

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damals von ihr, nur ohne die Kraft es bis zum wachen Bewußtsein
emporzuheben und gegen dieses durchzusetzen, p o s i t i v gewertete
Erlebnis a u f, und stellt es nun erst gänzlich verführerisch dar. Jetzt ist das
wahre Bedürfnis nicht mehr so leicht vom wachen Bewußtsein fernzuhalten
wie ehedem, und so ergibt sich die Krise. Daß der hysterische Anfall selbst
so viele verschiedene Formen zeigen und sich fortwährend in ein neues
Symptomenbild transmutieren kann, liegt vielleicht nur daran, daß der
Ursprung des Leidens nicht e r k a n n t, daß die Tatsache, ein sexuelles
Begehren sei da, vom Individuum nicht z u g e g e b e n, nicht als von i h m
ausgegangen i n s A u g e g e f a ß t, sondern einem zweiten Ich zugerechnet
wird.
Dies aber ist auch der Grundfehler aller ärztlichen Beobachter der
Hysterie, daß sie sich von den Hysterischen hierin immer ebenso haben
belügen lassen, wie diese sich allerdings auch selber aufsitzen[66]: n i c h t
das abwehrende Ich, sondern das abgewehrte ist die
eigene, wahre und ursprüngliche Natur der
H y s t e r i s c h e n, so eifrig diese auch sich selbst und anderen vormachen,
daß es ein Fremdes sei. Wäre das abwehrende Ich wirklich ihr eigenes, so
könnten sie der Regung, als einer ihnen fremden, g e g e n ü b e r t r e t e n, sie
b e w u ß t w e r t e n und klar entschieden a b w e i s e n, sie gedanklich
f e s t l e g e n und w i e d e r e r k e n n e n. So aber findet eine Maskierung
statt, weil das abwehrende Ich nur geborgt ist, und darum der Mut fehlt,
dem eigenen Wunsche ins Auge zu schauen, von dem man eben doch
dumpf irgendwie fühlt, daß er der echtgeborene, der allein mächtige ist.
Darum kann jenes Begehren auch nicht identisch bleiben, wo es an einem
identischen Subjekte fehlt; und da es unterdrückt werden soll, springt es
sozusagen über von einem Körperteil auf den anderen. Denn die Lüge ist
vielgestaltig, sie nimmt immer neue Formen an. Man wird diesen
Erklärungsversuch vielleicht mythologisch finden; aber wenigstens scheint
sicher, daß es immer nur ein und dasselbe ist, was jetzt als Kontraktur, dann
wieder plötzlich als Hemianästhesie, und nun gar als Lähmung erscheint.
Dieses eine ist das, was die Hysterika nicht als zu sich gehörig anerkennen
will, und unter dessen Gewalt sie e b e n d a m i t gerät: denn würde sie es
sich zurechnen und es beurteilen, wie sie alle geringfügigsten Dinge sonst
sich zugerechnet hat, so würde sie zugleich irgendwie außerhalb und
oberhalb ihres Erlebnisses stehen. Gerade das Rasen und Wüten der
Hysterikerinnen gegen etwas, d a s s i e a l s f r e m d e s Wo l l e n

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e m p f i n d e n , o b w o h l e s i h r e i g e n s t e s i s t, zeigt, daß sie
tatsächlich ganz so sklavisch unter der Herrschaft der Sexualität stehen wie
die nichthysterischen Frauen, genau so von ihrem Schicksal besessen sind
und nichts haben, was über demselben steht: kein zeitloses, intelligibles,
f r e i e s Ich.
Man wird nun mit Recht noch die Frage aufwerfen, warum nicht alle
Frauen hysterisch, da doch alle verlogen seien. Es ist dies keine andere
Frage als die nach der hysterischen Konstitution. Wenn die hier entwickelte
Theorie das Richtige getroffen hat, so muß sie auch hierauf eine Antwort
geben können, die mit der Wirklichkeit übereinstimmt. Die hysterische Frau
ist nach ihr diejenige, welche in passiver Gefügigkeit den Komplex der
männlichen und gesellschaftlichen Wertungen einfach acceptiert hat, statt
ihrer sinnlichen Natur möglichsten Lauf lassen zu wollen. D i e n i c h t
folgsame Frau wird also das Gegenteil der Hysterika
s e i n . Ich will hiebei nicht lange verweilen, weil es eigentlich in die
spezielle weibliche Charakterologie gehört. Das hysterische Weib wird
hysterisch als eine Folge seiner Knechtsamkeit, es ist identisch mit dem
geistigen Typus der M a g d; ihr Gegenteil, die absolut unhysterische Frau
(welche, als eine Idee, es in der Erfahrung nicht gibt), wäre die absolute
M e g ä r e. Denn auch dies ist ein Einteilungsgrund aller Frauen. Die Magd
dient, die Megäre herrscht.[67] Zum Dienstmädchen kann und muß man
geboren sein, und eignet sich sehr wohl manche Frau, die reich genug ist,
um nie den Stand derselben ergreifen zu müssen. Und Magd und Megäre
stehen immer in einem gewissen Ergänzungsverhältnis.[68]
Die Folgerung aus der Theorie wird nun von der Erfahrung vollauf
bestätigt. Die Xanthippe ist jene Frau, welche in der Tat am wenigsten
Ähnlichkeit mit der Hysterika hat. Sie läßt ihre Wut (die wohl auch nur auf
mangelhafte sexuelle Befriedigung zurückgeht) an anderen, die hysterische
Sklavin an sich selbst aus. Die Megäre »haßt« die anderen, die Magd
»haßt« »sich«. Alles, was die Megäre drückt, bekommt der Nebenmensch
zu spüren; sie weint ebenso leicht wie die Magd, aber sie weint stets andere
an. Die Sklavin schluchzt auch allein, ohne f r e i l i c h j e e i n s a m z u
s e i n — Einsamkeit wäre ja mit Sittlichkeit identisch und Bedingung jeder
wahren Zweisamkeit und Mehrsamkeit; die Megäre verträgt das Alleinsein
nicht, sie muß ihren Zorn an jemand außer sich auslassen, indes die
Hysterische sich selbst verfolgt. Die Megäre lügt offen und frech, aber ohne

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es zu wissen, weil sie von Natur i m m e r im Rechte zu sein glaubt; so
beschimpft sie noch den anderen, der ihr widerspricht. Die Magd hält sich
gehorsam an die ihr von Natur ebenso fremde Wahrheitsforderung; die
Ve r l o g e n h e i t dieser fügsamen Ergebung kommt in ihrer Hysterie zum
Vorschein: dann nämlich, wenn der Konflikt mit ihren eigenen sexuellen
Wünschen da ist. Um dieser Rezeption und allgemeinen Empfänglichkeit
willen mußte die Hysterie und das hysterische Frauenzimmer so eingehend
besprochen werden: dieser Typus, nicht die Megäre, ist es, der mir zuletzt
noch hätte entgegengehalten werden können.[69]
Verlogenheit, organische Verlogenheit, charakterisiert aber beide und
somit sämtliche Frauen. Es ist ganz unrichtig, wenn man sagt, daß die
Weiber l ü g e n. Das würde voraussetzen, daß sie auch manchesmal die
Wahrheit sagen. Als ob A u f r i c h t i g k e i t, pro foro interno et externo,
nicht gerade die Tugend wäre, deren die Frauen a b s o l u t u n f ä h i g sind,
die ihnen v ö l l i g u n m ö g l i c h ist! Es handelt sich darum, daß man
einsehe, w i e e i n e F r a u i n i h r e m g a n z e n L e b e n n i e w a h r
ist, selbst, ja gerade dann nicht, wenn sie, wie die
Hysterische, sich sklavisch an die für sie heteronome
Wa h r h e i t s f o r d e r u n g h ä l t u n d s o ä u ß e r l i c h d o c h d i e
Wa h r h e i t s a g t.
Ein Weib kann beliebig lachen, weinen, erröten, ja es kann schlecht
aussehen auf Verlangen: die Megäre, wann sie, irgend einem Zweck
zuliebe, es will; die Magd, wann der äußere Zwang es verlangt, der sie,
ohne daß sie es weiß, beherrscht. Zu solcher Verlogenheit fehlen dem
Manne offenbar auch die organischen, physiologischen Bedingungen.
I s t s o d i e Wa h r h e i t s l i e b e d i e s e s F r a u e n t y p u s n u r
a l s d i e i h m e i g e n t ü m l i c h e F o r m d e r Ve r l o g e n h e i t
e n t l a r v t, so ist von den anderen Eigenschaften, die an ihm gerühmt
werden, von Anfang an zu erwarten, daß es nicht besser mit ihnen werde
bestellt sein. Seine Schamhaftigkeit, seine Selbstbeobachtung, seine
Religiosität werden rühmend hervorgehoben. Die weibliche
Schamhaftigkeit ist aber nichts anderes als Prüderie, d. h. eine
demonstrative Verleugnung und Abwehr der e i g e n e n Unkeuschheit. Wo
irgend bei einem Weibe das wahrgenommen wird, was man als
Schamhaftigkeit deutet, dort ist auch schon, im genau entsprechenden
Maße, Hysterie vorhanden. Die ganz unhysterische, die gänzlich

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unbeeinflußbare Frau, d. i. die absolute Megäre, wird nicht erröten, auch
wenn ihr der Mann etwas noch so Berechtigtes vorwirft; ein Anfang von
Hysterie ist da, wenn das Weib unter dem unmittelbaren Eindruck des
männlichen Tadels errötet; vollkommen hysterisch aber ist es erst, sobald es
auch dann errötet, wenn es allein, und wenn kein fremder Mensch
anwesend ist: denn dann erst ist es vom anderen, von der männlichen
Wertung, v o l l s t ä n d i g i m p r ä g n i e r t.
Frauen, die dem nahe kommen, was man sexuelle Anästhesie oder
Frigidität genannt hat, sind, wie ich, in Übereinstimmung mit Paul
S o l l i e r s Befunden, hervorheben kann, stets Hysterikerinnen. Die sexuelle
Anästhesie ist eben nur e i n e von den vielen hysterischen, d. h. unwahren,
verlogenen Anästhesien. Es ist ja, besonders durch die Experimente von
Oskar Vo g t, bekannt, daß solche Anästhesien keinen wirklichen Mangel
der Empfindung bedeuten, sondern nur einen Zwang, der gewisse
Empfindungen vom Bewußtsein fernhält und ausschließt. Wenn man den
anästhetisch gemachten Arm einer Hypnotisierten beliebig oft sticht und
dem Medium aufgegeben hat, jene Zahl zu nennen, die ihm gleichzeitig
einfalle, so nennt es die Zahl der Stiche, die es in seinem (dem
»somnambulen«) Zustande, offenbar nur unter der Kraft eines bestimmten
Bannes, nicht perzipieren durfte. So ist auch die sexuelle Frigidität auf ein
K o m m a n d o entstanden: durch die zwingende Kraft der Imprägnation mit
einer asexuellen, aus der Umgebung auf das empfängliche Weib
übergegangenen Lebensanschauung; aber wie alle Anästhesie durch ein
genügend starkes K o m m a n d o auch wieder a u f z u h e b e n.
Ebenso wie mit der eigenen körperlichen Unempfindlichkeit gegen
den Geschlechtsakt verhält es sich mit dem Abscheu gegen
Geschlechtlichkeit überhaupt. Ein solcher Abscheu, eine intensive
Abneigung gegen alles Sexuelle, wird von manchen Frauen wirklich
empfunden, und man könnte glauben, hier liege eine Instanz gegen die
Allgemeingültigkeit der Kuppelei und gegen ihre Gleichsetzung mit der
Weiblichkeit vor. Frauen, welche es krank machen kann, wenn sie ein Paar
im Geschlechtsverkehre überraschen, sind aber stets Hysterikerinnen. So
tritt hier vielmehr überzeugend die Richtigkeit der Theorie hervor, welche
die Kuppelei als das Wesen der Frau hinstellte und die eigene Sexualität
derselben nur als einen besonderen Fall unterordnete: eine Frau kann nicht
nur hysterisch werden durch ein sexuelles Attentat, das auf sie ausgeübt

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wurde, und gegen das sie ä u ß e r l i c h sich wehrte, ohne es i n n e r l i c h zu
verneinen, sondern ebenso durch den Anblick irgend eines koitierenden
Paares, indem sie dessen Koitus noch negativ zu werten glaubt, wo schon
die eingeborene Bejahung desselben mächtig durchbricht durch alles
Angenommene und Künstliche, durch die ganze ihr aufgedrückte und
einverleibte Denkweise, in deren Sinn sie sonst empfindet. Denn sie fühlt
auch mit jeder sexuellen Vereinigung anderer nur sich selbst koitiert.
Ein Ähnliches gilt von dem bereits kritisierten hysterischen
»Schuldbewußtsein«. Die absolute Megäre fühlt sich überhaupt n i e
schuldig, die leicht hysterische Frau nur in Gegenwart des Mannes, die ganz
hysterische vor jenem Mann, der definitiv in sie übergegangen ist. Man
komme nicht mit den Kasteiungen der Betschwestern und Büßerinnen, um
das Schuldgefühl der Frauen zu beweisen. Gerade die extremen Formen,
welche hier die Selbstzüchtigung annimmt, machen sie verdächtig. Die
Kasteiung beweist wohl in den meisten Fällen nur, daß ein Mensch nicht
ü b e r seiner Tat steht, daß er sie nicht schon durch das Schuldbewußtsein
auf sich genommen hat; sie scheint viel eher ein Versuch zu sein, die Reue,
die man doch nicht ganz innerlich empfindet, von außen sich aufzudrängen
und ihr so die Stärke zu geben, die sie an sich nicht hat.
Damit hängt auch der vom einen dem anderen immer wieder
nachgesprochene Irrtum zusammen, daß die Frauen religiös veranlagt seien.
Die weibliche Mystik ist, wo sie über simplen Aberglauben hinausgeht,
e n t w e d e r eine sanft verhüllte Sexualität, wie bei den zahlreichen
Spiritistinnen und Theosophinnen — diese Identifikation des Geliebten mit
der Gottheit ist von Dichtern mehrfach behandelt worden, besonders von
M a u p a s s a n t, in dessen bestem Romane C h r i s t u s für die Frau des
Bankiers Wa l t e r die Züge des »B e l - A m i« annimmt, und nach ihm von
Gerhart H a u p t m a n n in »H a n n e l e s H i m m e l f a h r t« —, o d e r es ist
der andere Fall verwirklicht, daß auch die Religiosität vom Manne passiv
und unbewußt übernommen und um so krampfhafter festzuhalten gesucht
wird, je stärker ihr die eigenen natürlichen Bedürfnisse widersprechen. Bald
wird der Geliebte zum Heiland; bald (wie man weiß, bei so vielen Nonnen)
der Heiland zum Geliebten. Alle großen Visionärinnen, welche die
Geschichte nennt (vgl. Teil I, S. 85), sind hysterisch gewesen; die
berühmteste unter ihnen, die h e i l i g e T h e r e s e, hat man nicht mit
Unrecht »die Schutzheilige der Hysterie« genannt. Wäre übrigens die

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Religiosität der Frauen echt, und käme sie bei ihnen aus einem Inneren, so
hätten sie religiös schöpferisch sein können, ja, irgendwie sein müssen: sie
sind es aber nie, nicht im mindesten, gewesen. Man wird verstehen, was ich
meine, wenn ich den eigentlichen Unterschied zwischen männlichem und
weiblichem Credo so ausspreche: die Religiosität des Mannes ist höchster
Glaube a n s i c h s e l b s t, die Religiosität des Weibes höchster Glaube a n
d e n a n d e r e n.
So bleibt nur noch die Selbstbeobachtung, die bei den Hysterikern oft
als außerordentlich entwickelt bezeichnet wird. Daß es aber bloß der Mann
ist, der in das Weib so weit eingedrungen ist, daß er selbst i n ihr noch
beobachtet, wird aus der Art und Weise klar, wie Vo g t, in weiterer und
exakterer Anwendung eines zuerst von F r e u d eingeschlagenen Verfahrens,
die Selbstbeobachtung i n d e r H y p n o s e erzwang. Der fremde männliche
Wille s c h a f f t durch seinen Einfluß i n d e r h y p n o t i s i e r t e n F r a u
e i n e n S e l b s t b e o b a c h t e r, vermöge der Erzeugung eines Zustandes
»systematisch eingeengten Wachseins«. Aber auch außerhalb der
Suggestion, im gesunden Leben der Hysterischen, ist es nur der Mann, mit
dem sie imprägniert sind, welcher in ihnen beobachtet. So ist auch alle
Menschenkenntnis der Frauen durchaus Imprägnation mit dem richtig
beurteilten Manne. Im Paroxysmus schwindet jene künstliche
Selbstbeobachtung vor der zum Durchbruch drängenden Natur dahin.
Ganz so verhält es sich auch mit dem H e l l s e h e n hysterischer
Medien, das ohne Zweifel vorkommt und mit dem »okkulten« Spiritismus
ebensowenig zu tun hat wie die hypnotischen Phänomene. Wie die
Patientinnen Vo g t s unter dem energischen Willen des Suggestors sich
selbst vorzüglich zu beobachten vermochten, so wird die Hellseherin unter
dem Einflusse der drohenden Stimme eines Mannes, der sie zu allem zu
zwingen vermag, auch zu telepathischen Leistungen fähig und liest aus
weiter Ferne gehorsam mit verbundenen Augen die Schriftstücke in den
Händen fremder Menschen, was ich in München unzweideutig
wahrzunehmen selbst Gelegenheit hatte. Denn im Weibe stehen nicht, wie
im Manne, dem Willen zum Guten und Wahren sehr starke Leidenschaften
unausrottbar e n t g e g e n. Der männliche Wille hat über das Weib mehr
Gewalt als über den Mann: er kann im Weibe etwas realisieren, dem im
eigenen Hause zu viel Dinge sich w i d e r s e t z e n. In i h m wirkt ein
Antimoralisches und ein Antilogisches w i d e r die Klärung, er will nie ganz

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allein die Erkenntnis, sondern immer noch anderes. Ü b e r d i e F r a u
a b e r k a n n d e r m ä n n l i c h e Wi l l e s o v o l l s t ä n d i g a l l e
G e w a l t g e w i n n e n , d a ß e r s i e s o g a r h e l l s i c h t i g m a c h t, und
alle Schranken der Sinnlichkeit für s i e fortfallen.
Darum ist das Weib eher telepathisch als der Mann, darum leistet es als
S e h e r i n mehr als dieser, freilich nur, wenn es Medium, d. h. zum Objekt
geworden ist, an welchem der m ä n n l i c h e Wille am leichtesten und
vollkommensten sich verwirklicht. Auch die Wa l a kann w i s s e n d werden:
aber erst, wenn sie von Wo t a n b e z w u n g e n ist. Sie kommt ihm hierin
entgegen; denn ihre einzige Leidenschaft ist es eben, daß sie gezwungen
werden will.
Das Thema der Hysterie ist hiemit, soweit es für den Zweck dieser
Untersuchung berührt werden mußte, auch erschöpft. J e n e F r a u e n , d i e
als Beweise der weiblichen Sittlichkeit angeführt
w e r d e n , s i n d s t e t s H y s t e r i k e r i n n e n, und gerade in der
Befolgung der Sittlichkeit, in dem Gebaren nach dem Moralgesetze, als ob
dieses Gesetz das Gesetz ihrer Persönlichkeit wäre, und nicht vielmehr,
ohne sie zu fragen, von ihnen kurzerhand B e s i t z ergriffen hätte, liegt die
Verlogenheit und Unwahrheit dieser Sittlichkeit. Die hysterische
Konstitution ist eine lächerliche Mimicry der männlichen Seele, eine
Parodie auf die Willensfreiheit, die das Weib vor sich posiert in dem
nämlichen Augenblicke, wo es dem männlichen Einfluß am stärksten
unterliegt. Nichtsdestoweniger sind die höchststehenden Frauen eben
Hysterikerinnen, wenn auch die Zurückdrängung der triebhaften Sexualität,
die sie über die anderen Frauen erhebt, keine solche ist, die aus e i g e n e r
Kraft und in mutigem Kampfe mit einem zum S t e h e n gezwungenen
Gegner erfolgt wäre. An den hysterischen Frauen aber r ä c h t sich
wenigstens die eigene Verlogenheit, und insoferne kann man sie als ein
wenn auch noch so v e r f ä l s c h t e s S u r r o g a t jener T r a g i k gelten
lassen, zu der es sonst dem Weibe an jeglicher Fähigkeit gebricht.
Das Weib ist u n f r e i: es wird schließlich immer bezwungen durch das
Bedürfnis, vom Manne, in eigener Person wie in der aller anderen,
v e r g e w a l t i g t zu werden; es steht unter dem Banne des Phallus und
verfällt unrettbar seinem Verhängnis, auch wenn es nicht selbst zur völligen
Geschlechtsgemeinschaft gelangt. Das höchste, wozu ein Weib es bringen
mag, ist ein dumpfes Gefühl dieser Unfreiheit, ein düsteres Ahnen eines

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Verhängnisses ü b e r sich — es kann dies offenbar nur der letzte Schimmer
des f r e i e n intelligiblen Subjektes sein, der kümmerliche Rest von
angeborener Männlichkeit, der ihr, d u r c h d e n K o n t r a s t, eine, wenn
auch noch so schwache, E m p f i n d u n g der N o t w e n d i g k e i t gestattet:
es gibt kein absolutes Weib. Aber ein klares B e w u ß t s e i n ihres
Schicksales und des Zwanges, unter dem sie steht, ist der Frau
u n m ö g l i c h: n u r d e r F r e i e e r k e n n t e i n F a t u m, weil er nicht in
die Notwendigkeit e i n b e g r i f f e n ist, sondern, wenigstens mit einem Teile
seines Selbst, einem Zuschauer und einem Kämpfer, außerhalb seines
Schicksals und über diesem steht. Die Frau hält sich gerade darum meist für
u ngebunden, weil sie g a n z gebunden, und leidet nicht an der Leidenschaft,
weil sie selbst nichts i s t als Leidenschaft. N u r d e r M a n n konnte von
der »dira necessitas« in sich sprechen, nur er die Konzeption einer Moira
und einer Nemesis fassen, nur er Parzen und Nornen schaffen: weil er nicht
nur empirisches, b e d i n g t e s, sondern auch intelligibles, f r e i e s Subjekt
ist.
Aber, wie schon gesagt: selbst wenn eine Frau ihre eigene
Determiniertheit zu ahnen beginnt, ein klares B e w u ß t s e i n derselben,
eine Auffassung und ein Verständnis ist dies nicht zu nennen; denn dazu
wäre der W i l l e zu einem Selbst erfordert. Vielmehr bleibt es bei einem
schweren dunklen Gefühl, das zu einem verzweifelten Aufbäumen führt,
aber nicht zu einem entschlossenen, in sich die Möglichkeit des Sieges
bergenden Kampfe. Ihre Sexualität, die sie stets knechten wird, zu
überwinden, sind die Frauen unvermögend. Die Hysterie war eine solche
ohnmächtige Abwehrbewegung gegen die Geschlechtlichkeit. Wäre der
Kampf gegen die eigene Begier redlich und echt, wäre deren Niederlage
a u f r i c h t i g g e w o l l t, so wäre sie ihr zu bereiten dem Weibe auch
m ö g l i c h. Die Hysterie aber ist selbst das, was von den Hysterikerinnen
angestrebt wird; sie s u c h e n nicht wirklich zu g e n e s e n. D i e
Ve r l o g e n h e i t d i e s e r D e m o n s t r a t i o n g e g e n d i e S k l a v e r e i
b e d i n g t i h r e H o f f n u n g s l o s i g k e i t . Die vornehmsten Exemplare
des Geschlechtes mögen fühlen, daß Knechtschaft ihnen nur eben darum
ein Muß ist, weil sie sie wünschen — man denke an H e b b e l s J u d i t h und
Wa g n e r s K u n d r y — aber auch dies gibt ihnen keine Kraft, sich in
Wahrheit gegen den Zwang zur Wehre zu setzen: im letzten Augenblicke
küssen sie dennoch den Mann, der sie notzüchtigt, und suchen den zu ihrem
Herrn zu machen, der sie zu vergewaltigen zögert. D a s We i b s t e h t

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w i e u n t e r e i n e m F l u c h e . Es kann ihn für Augenblicke pressend auf
sich lasten fühlen, aber es entrinnt ihm n i e, weil ihm die Wucht zu süß
dünkt. Sein Schreien und Toben ist im Grunde u n e c h t. Es will seinem
Fluche gerade dann am süchtigsten erliegen, wenn es ihn am entsetztesten
zu meiden sich geberdet.

Von der langen Reihe jener früheren Aufstellungen, welche den
Mangel des Weibes an irgend welchem angeborenen, unveräußerlichen
Verhältnis zu den We r t e n behaupteten, ist keine einzige zurückzuziehen
oder auch nur einzuschränken gewesen. Selbst durch all das, was den
Menschen insgemein weibliche Liebe, weibliche Frömmigkeit, weibliche
Scham und weibliche Tugend heißt, sind sie nicht umgestoßen worden; sie
haben sich vor dem stärksten Ansturm, vor dem Heere der hysterischen
Imitationen aller männlichen Vorzüge, behaupten können. Nicht allein
durch die Kraft des, mit dem Weibe selbst der Fernzeugung fähigen
männlichen Spermas — auf welches die unglaubliche geistige Veränderung
aller Frauen in der Ehe sicherlich zunächst zurückgeht — sondern auch
vom männlichen B e w u ß t s e i n, und sogar vom s o z i a l e n G e i s t e wird
das Weib, jenes empfängliche Weib, das hier allein in Betracht kommt, v o n
f r ü h e s t e r J u g e n d a u f erfüllt, imprägniert und umgebildet. So erklärt
es sich, daß alle jene Eigenschaften des männlichen Geschlechtes, die dem
weiblichen an sich nicht zukommen, nichtsdestoweniger von diesem in so
sklavischer Nachahmung zur Erscheinung gebracht werden können;
wonach die vielen Irrtümer über die höhere Sittlichkeit des Weibes leichter
begreiflich werden.
Aber noch ist diese erstaunliche Rezeptivität der Frau ein isoliertes
Faktum der Erfahrung und von der Darstellung nicht in jenen
Zusammenhang mit den übrigen positiven und negativen Eigenschaften des
Weibes gebracht, welchen das theoretische Bedürfnis wünschenswert
erscheinen läßt. Was hat die Bildsamkeit des Weibes mit seiner Kuppelei,
was seine Sexualität mit seiner Verlogenheit zu tun? Wa r u m i s t a l l
dies gerade in dieser Ve r e i n i g u n g im We i b e
beisammen?

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Und noch ist erst zu begründen, w o h e r es komme, daß die Frau alles
in sich aufnehmen kann. Wie ist jene Verlogenheit möglich, die das Weib
selber wähnen läßt, das zu glauben, was es nur von anderen vernommen,
das zu haben, was es nur von ihnen bekommen, das zu sein, was es nur
durch sie geworden ist?
Um hierauf eine Antwort zu geben, muß nochmals, zum letzten Male,
vom geraden Wege abgebogen werden. Man erinnert sich vielleicht noch,
wie das t i e r i s c h e W i e d e r e r k e n n e n, das psychische Äquivalent der
allgemein-organischen Übungsfähigkeit, vom menschlichen
G e d ä c h t n i s als ein gänzlich Verschiedenes und doch Ähnliches
abgetrennt wurde: indem beide eine gleichsam ewige Nachwirkung des
zeitlich begrenzten einmaligen Eindruckes bedeuten, das Gedächtnis aber,
zum Unterschiede vom unmittelbaren passiven Wiedererkennen, sein
Wesen in der aktiven Reproduktion des Vergangenen findet.[70] Später
wurde bloße Individuation als die Eigenschaft alles Organischen wohl
unterschieden von Individualität, welche nur der Mensch besitzt.[71] Und
schließlich machte sich die Notwendigkeit einer genauen Distinktion
zwischen Geschlechtstrieb und Liebe fühlbar, von denen ebenfalls nur der
erste den nichtmenschlichen Lebewesen zugesprochen werden konnte.[72]
Dennoch waren beide verwandt, in ihren Gemeinheiten wie in ihren
Erhabenheiten (als Bestrebungen zur eigenen Verewigung).
Auch der Wille zum Wert wurde öfter als charakteristisch für den
Menschen hingestellt, indes die Tiere nur ein Streben nach Lust kennen und
der Wertbegriff ihnen fremd ist.[73] Zwischen L u s t und We r t b e s t e h t
eine A n a l o g i e , u n d d o c h s i n d b e i d e g r u n d v e r s c h i e d e n: die
Lust w i r d begehrt, der Wert s o l l begehrt werden; beide werden noch
immer ganz widerrechtlich verwechselt, und so in Psychologie und Ethik
die größte Konfusion dauernd festgehalten. Aber dieses
Durcheinanderfließen hat nicht nur zwischen dem Wert- und dem
Lustbegriff stattgefunden; es ist den Unterscheidungen zwischen
Persönlichkeit und Person, zwischen Wiedererkennen und Gedächtnis,
zwischen Geschlechtstrieb und Liebe nicht besser ergangen: alle diese
Gegensätze werden fortwährend zusammengeworfen, und was noch
bezeichnender ist, fast stets von denselben Menschen, mit denselben
theoretischen Anschauungen und wie in einer gewissen Absichtlichkeit, um
den Unterschied zwischen Mensch und Tier zu verwischen.

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Auch weitere, bisher kaum berührte Distinktionen werden hier meist
vernachlässigt. Tierisch ist die E n g e d e s B e w u ß t s e i n s, rein
menschlich ist die a k t i v e A u f m e r k s a m k e i t: beide haben, das sieht
jeder klar, ein Gemeinsames, und doch auch ein Verschiedenes. Nicht
anders steht es mit der so vielen geläufigen Zusammenwerfung von T r i e b
und W i l l e. Der Trieb ist allen Lebewesen gemeinschaftlich, im Menschen
kommt noch der Wille hinzu, der frei ist und kein psychologisches Faktum
bildet, weil er allem speziellen psychologischen Erleben zu Grunde liegt.
Daß Trieb und Wille fast immer als identisch betrachtet werden, hieran trägt
übrigens nicht bloß der Einfluß D a r w i n s die Schuld; sondern es kommt
von ihr fast ebensoviel auf Rechnung des unklaren, einerseits ganz
allgemein n a t u rphilosophischen, anderseits eminent e t h i s c h e n
Willensbegriffes von Arthur S c h o p e n h a u e r.
Ich stelle zusammen:
Auch Nur
tierisch, beziehungsweise dem Menschen, respektive dem
organisch überhaupt sind: menschlichen M a n n e eigen:
Individuation Individualität
Wiedererkennen Gedächtnis
Lust Wert
Geschlechtstrieb Liebe
Enge des Bewußtseins Aufmerksamkeit
Trieb Wille
Man sieht, wie sich über j e d e Eigenschaft a l l e s Lebendigen im
M e n s c h e n noch eine a n d e r e, in gewisser Beziehung v e r w a n d t e
u n d d o c h h ö h e r e legt. Die uralte tendenziöse Identifikation der beiden
Reihen und, auf der anderen Seite, das Bedürfnis, sie immer wieder
auseinanderzuhalten, weisen auf ein Gemeinsames hin, das die Glieder
jeder Reihe miteinander verbindet und scheidet von allen Gliedern der
zweiten. Es nimmt sich zunächst aus, als ob hier im Menschen ein
Ü b e r b a u von höheren Eigenschaften über korrelative niedere
Erscheinungen aufgeführt wäre. Man könnte an eine Lehre des
i n d i s c h e n G e h e i m b u d d h i s m u s sich erinnert fühlen, an seine
Theorie von der » M e n s c h h e i t s w e l l e «. Es ist nämlich gleichsam, als
wäre jeder bloß tierischen Eigenschaft im Menschen eine verwandte und

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doch einer höheren Sphäre angehörige Qualität s u p e r p o n i e r t, wie eine
Schwingung einer anderen sich addiert: jene niederen Eigenschaften fehlen
dem Menschen keineswegs, allein es ist zu ihnen in ihm etwas
hinzugekommen. Was ist dieses neu Dazugetretene? Worin unterscheidet es
sich vom anderen und worin gleicht es ihm? Denn die Tafel zeigt
unverkennbar, daß jedes Glied der linken Reihe mit jedem, auf gleicher
Höhe stehenden, Gliede der rechten eine Ähnlichkeit hat, und doch wieder
anderseits a l l e Glieder j e d e r Reihe eng zueinander gehören. Woher diese
merkwürdige Übereinstimmung bei gleichzeitiger ganz abgrundtiefer
Verschiedenheit?
Die linksstehenden Dinge sind fundamentale Eigenschaften alles
animalischen respektive pflanzlichen L e b e n s. Alles solche Leben ist
Leben von Individuen, nicht von ungegliederten Massen, es äußert sich als
Trieb, um Bedürfnisse zu befriedigen, insonderheit als Sexualtrieb, um sich
fortzupflanzen. Individualität, Gedächtnis, Wille, Liebe können somit als
Eigenschaften eines z w e i t e n Lebens gelten, das mit dem organischen
Leben eine gewisse Verwandtschaft haben und doch von ihm toto coelo
verschieden sein wird.
Es ist keine andere als die Idee des ewigen,
höheren, neuen Lebens der Religionen und speziell des
Christentums, deren tiefe Berechtigung uns hier
e n t g e g e n t r i t t . Neben dem organischen hat der Mensch noch teil an
einem anderen Leben, der ζωή αιώνιος des neuen Bundes. Wie jenes Leben
von irdischer Speise sich nährt, so bedarf dieses der geistigen Atzung
(Symbol des A b e n d m a h l e s). Wie jenes eine Geburt und einen Tod, so
kennt auch dieses eine Begründung — die s i t t l i c h e W i e d e r g e b u r t
des Menschen, die »R e g e n e r a t i o n« — und einen Untergang: den
e n d g ü l t i g e n Verfall in Irrsinn oder Verbrechen. Wie jenes bestimmt wird
durch kausale Naturgesetze von außen, so bindet sich dieses durch
normierende Imperative von innen. Jenes ist von begrenzter Art
z w e c k m ä ß i g; dieses, in unendlicher unbegrenzter Herrlichkeit, ist
v o l l k o m m e n.[74]
Die Eigenschaften, welche die linke Reihe aufzählt, sind allem
niedrigen Leben gemeinsam; die Merkmale aus der rechten Kolumne sind
die korrespondierenden Zeichen des ewigen Lebens, Künder eines höheren
Seins, an welchem der Mensch, und nur er allein, noch überdies Anteil hat.

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Die ewige Verwechslung und die stets erneute Auseinanderhaltung beider
Reihen, des höheren und des niederen Lebens, bildet das Hauptthema aller
Historie des menschlichen Geistes: d i e s ist d a s M o t i v d e r
We l t g e s c h i c h t e.
Man mag in diesem zweiten Leben etwas erblicken, das sich im
Menschen zu den, früher vorhandenen, anderen Eigenschaften
hinzuentwickelt habe; hier soll über diese Frage nicht entschieden werden.
Doch wird wohl eine tiefere Auffassung jenes sinnliche und sinnenfällige,
hinfällige Leben nicht als den Erzeuger des höheren, geistigen, ewigen,
sondern umgekehrt, im Sinne des vorigen Kapitels, das erstere als eine
Projektion des letzteren auf die Sinnlichkeit, als seine Abbildung im Reiche
der Notwendigkeit, als sein H e r u n t e r s t e i g e n, seine E r n i e d r i g u n g
zu diesem, als seinen S ü n d e n f a l l ansehen müssen. Denn nur der l e t z t e
A b g l a n z der höheren Idee von einem ewigen Leben ist es, der auf die
Fliege fällt, die mich belästigt, und mich hindern kann, sie zu töten.
D a s a b s o l u t e We i b j e d o c h, dem Individualität und Wille
mangeln, das keinen Teil hat am Werte und an der Liebe, ist, so können wir
jetzt sagen, von jenem höheren, transcendenten,
metaphysischen Sein a u s g e s c h l o s s e n. Die intelligible
hyperempirische Existenz des M a n n e s ist erhaben über Stoff, Raum und
Zeit; in i h m ist Sterbliches genug, aber auch Unsterbliches. Und er hat die
Möglichkeit, zwischen beiden zu wählen; zwischen jenem Leben, das mit
dem irdischen Tode vergeht, und jenem, für welches dieser erst eine
Herstellung in gänzlicher Reine bedeutet. Nach diesem vollkommen
zeitlosen Sein, nach dem absoluten Werte, geht aller tiefste Wille im
Manne: er ist eins mit dem Unsterblichkeitsbedürfnis. Und daß die Frau
kein Verlangen nach persönlicher Fortdauer hat, wird so endlich g a n z klar:
in ihr ist nichts von jenem ewigen Leben, das der Mann durchsetzen will
und durchsetzen soll gegen sein ärmliches Abbild in der Sinnlichkeit.
Irgend eine Beziehung zur Idee des höchsten Wertes, zur Idee des
Absoluten, zur Idee jener v ö l l i g e n F r e i h e i t, die er noch nicht besitzt,
weil er immer a u c h d e t e r m i n i e r t ist, die er aber erlangen kann, weil
der Geist Gewalt hat über die Natur: eine solche Beziehung zur Idee
überhaupt, oder zur Gottheit, hat jeder Mann: indem zwar durch sein Leben
auf Erden eine Trennung und Loslösung vom Absoluten erfolgt ist, aber die

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Seele sich aus dieser Verunreinigung, als der E r b s ü n d e, wieder
hinaussehnt.
Wie die Liebe seiner Eltern keine reine zur Idee war, sondern mehr
oder weniger eine sinnliche Verkörperung suchte, so will auch der Sohn, der
eben das ist, worauf diese Liebe hinauslief, so lang er lebt, nicht bloß das
ewige, sondern auch das zeitliche Leben: wir erschrecken vor dem
Gedanken des Todes, wehren uns gegen ihn, klammern uns an das irdische
Dasein und beweisen dadurch, daß wir geboren zu werden w ü n s c h t e n,
als wir geboren wurden, indem wir n o c h i m m e r in diese Welt geboren zu
werden verlangen. Ein Mensch, der vor dem irdischen Tode gar keine
Furcht mehr hätte, würde in eben diesem Augenblicke sterben; denn er hätte
nur mehr den reinen Willen zum ewigen Leben, und dieses soll und kann
der Mensch selbständig in sich verwirklichen: es s c h a f f t s i c h, wie
a l l e s Leben selbst sich schafft.
Weil aber jeder Mann in einem Verhältnis zur Idee des höchsten
Wertes steht, ohne dieser Idee ganz teilhaft zu sein, darum gibt es keinen
Mann, der g l ü c k l i c h wäre. G l ü c k l i c h s i n d n u r d i e F r a u e n .
Kein Mann fühlt sich glücklich, denn ein jeder hat eine Beziehung zur
Freiheit, und ist doch auf Erden immer noch irgendwie unfrei. Glücklich
kann sich nur ein gänzlich passives Wesen fühlen, wie das echte Weib, oder
ein gänzlich aktives, wie die Gottheit. Glück wäre das Gefühl der
Vollkommenheit, dieses Gefühl kann ein Mann nie haben; wohl aber gibt es
Frauen, die sich vollkommen dünken. Der Mann hat immer Probleme hinter
sich und Aufgaben vor sich: alle Probleme wurzeln in der Vergangenheit;
das Land der Aufgaben ist die Zukunft. Für das Weib ist denn auch die Zeit
gar nicht g e r i c h t e t, sie hat ihr keinen S i n n: es gibt keine Frau, die sich
die Frage nach dem Z w e c k e ihres Lebens stellte; d o c h d i e
E i n s i n n i g k e i t d e r Z e i t i s t n u r d e r A u s d r u c k d a f ü r, d a ß
d i e s e s L e b e n e i n e n S i n n g e w i n n e n s o l l u n d k a n n.
G l ü c k für den Mann: das könnte nur ganze, reine A k t i v i t ä t sein,
völlige Freiheit, nie ein geringer, aber auch nicht der höchste Grad von
Unfreiheit: denn seine Schuld häuft sich, je weiter er von der Idee der
Freiheit sich entfernt. Das irdische Leben i s t ihm ein L e i d e n und m u ß es
sein, schon weil in der Empfindung der Mensch eben doch p a s s i v ist; weil
ein Affiziertwerden stattfindet, weil es Materie und nicht nur Formung der
Erfahrung gibt. Es ist kein Mensch, welcher der Wahrnehmung nicht

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bedürfte, selbst der geniale Mensch wäre nichts ohne sie, auch wenn er,
mächtiger und schneller als alle anderen, alsbald mit dem ganzen Gehalte
seines Ich sie erfüllt und durchdringt, und nicht einer vollständigen
Induktion bedarf, um die Idee eines Dinges zu erkennen. Die
R e z e p t i v i t ä t ist durch keinen F i c h t eschen Gewaltstreich aus der Welt
zu schaffen: in der Sinnesempfindung ist der Mensch p a s s i v, und seine
Spontaneität, seine Freiheit gelangt erst im U r t e i l zur Geltung und in jener
Form eines universalen G e d ä c h t n i s s e s, das alle Erlebnisse dem
W i l l e n des Individuums zu reproduzieren vermag. Annäherungen an die
höchste Spontaneität, scheinbar schon Verwirklichungen gänzlicher
Freiheit, sind dem Manne die Liebe und das geistige Schaffen. Darum
gewähren am ehesten s i e ihm eine Ahnung dessen, w a s das G l ü c k ist,
und lassen ihn seine Nähe, auf Augenblicke freilich nur, zitternd über sich
verspüren.
Der Frau hingegen, die nie tief unglücklich sein kann, ist d a r u m
Glück eigentlich ein leeres Wort: auch der Begriff des Glückes ist vom
Manne, vom u n g l ü c k l i c h e n Manne geschaffen worden, obwohl er in
ihm nie eine adäquate Realisation findet. Die Frauen scheuen sich nie, ihr
Unglück anderen zu zeigen: weil es eben kein echtes Unglück ist, weil
hinter ihm keine Schuld steht, am wenigsten die Schuld des Erdenlebens als
der Erbsünde.
Der letzte, der absolute Beweis der völligen Nichtigkeit des weiblichen
Lebens, seines völligen Mangels an höherem S e i n, wird uns aus der Art,
wie Frauen den Selbstmord vollziehen. Ihr Selbstmord erfolgt nämlich wohl
immer mit dem Gedanken an die anderen Menschen, was diese sich denken,
wie diese sie bedauern, wie sie sich grämen oder — sich ärgern werden.
Das ist nicht so zu verstehen, als ob die Frau nicht von ihrem, nach ihrer
Ansicht s t e t s u nverdienten Unglück fest durchdrungen wäre im
Augenblicke, da sie sich tötet: im Gegenteil, vor dem Selbstmord
bemitleidet sie sich am allerheftigsten, nach jenem Schema des Mitleidens
mit sich selbst, das nur ein Mitweinen mit den anderen über das Objekt des
Mitgefühls des anderen, ein völliges Aufhören Subjekt zu sein, ist. Wie
könnte auch eine Frau ihr Unglück a l s z u s i c h g e h ö r i g ansehen, da
sie doch unfähig ist, ein Schicksal zu haben? Das Fürchterliche und für die
L e e r h e i t u n d N u l l i t ä t d e r F r a u e n Entscheidende ist vielmehr
dies, daß sie nicht einmal v o r d e m To d e zum P r o b l e m e des Lebens,

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i h r e s Lebens gelangen: weil in ihnen nicht ein höheres Leben der
Persönlichkeit realisiert werden wollte.
Die Frage also, welche im Eingang dieses zweiten
Te i l e s a l s s e i n H a u p t p r o b l e m f o r m u l i e r t w u r d e , d i e
F r a g e n a c h d e r B e d e u t u n g d e s M a n n - S e i n s u n d We i b -
Seins, kann jetzt beantwortet werden. Die Frauen haben
k e i n e E x i s t e n z u n d k e i n e E s s e n z, sie s i n d nicht, sie sind
n i c h t s. M a n i s t M a n n o d e r m a n i s t We i b , j e n a c h d e m o b
man wer ist oder nicht.
Das Weib hat keinen Teil an der ontologischen Realität; darum hat es
kein Verhältnis zum Ding an sich, das für jede tiefere Auffassung identisch
ist mit dem Absoluten, der Idee oder Gott. Der Mann, in seiner Aktualität,
dem Genie, glaubt an das Ding an sich: ihm ist es entweder das Absolute als
sein höchster Begriff von wesenhaftem Werte: dann ist er Philosoph. Oder
es ist das wundergleiche Märchenland seiner Träume, das Reich der
absoluten Schönheit: dann ist er Künstler. B e i d e s a b e r b e d e u t e t
dasselbe.
Das Weib hat kein Verhältnis zur Idee, es bejaht sie weder, noch
verneint es sie: es ist weder moralisch noch antimoralisch, es hat,
mathematisch gesprochen, k e i n Vo r z e i c h e n, es ist richtungslos, weder
gut noch böse, weder Engel noch Teufel, es ist a m o r a l i s c h wie es
a l o g i s c h ist. Alles Sein aber ist moralisches und logisches Sein. D i e
Frau also ist nicht.
Das Weib ist verlogen. Das Tier hat zwar ebensowenig metaphysische
Realität wie die echte Frau; aber es spricht nicht, und folglich lügt es nicht.
Um die Wahrheit reden zu können, muß man etwas s e i n; denn die
Wahrheit geht auf ein S e i n, und zum Sein kann nur der ein Ve r h ä l t n i s
haben, der selbst etwas i s t. Der Mann will die ganze Wahrheit das heißt, er
will n u r s e i n. Auch der Erkenntnistrieb ist zuletzt i d e n t i s c h mit dem
Unsterblichkeitsbedürfnis. Wer dagegen über einen Tatbestand etwas
aussagt, ohne wirklich mutig ein Sein behaupten zu wollen; wem die äußere
Urteilsform gegeben ist ohne die innere; wer, wie die Frau, nicht wahrhaft
i s t: der m u ß notwendig i m m e r lügen. D a r u m l ü g t d i e F r a u
s t e t s , a u c h w e n n s i e o b j e k t i v d i e Wa h r h e i t s p r i c h t .

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Das Weib kuppelt. Die Lebenseinheiten des niederen Lebens sind
Individuen, Organismen; die Lebenseinheiten des höheren Lebens sind
Individualitäten, Monaden, »Meta-Organismen«, wie ein nicht
wegzuwerfender Terminus bei H e l l e n b a c h lautet. Jede Monade aber
unterscheidet sich von jeder anderen, und ist von ihr so getrennt, wie zwei
Dinge nur sein können. Die Monaden haben keine Fenster; statt dessen
haben sie die ganze Welt i n sich. Der Mann als die Monade, als potentielle
oder aktuelle, das ist geniale Individualität, will auch ü b e r a l l s o n s t
Unterschied und Trennung, Individuation, Auseinandertreten: der naive
Monismus ist ausschließlich weiblich. Jede Monade bildet für sich eine
abgeschlossene Einheit, ein Ganzes; aber auch das fremde Ich ist ihr eine
solche vollendete Totalität, in die sie nicht übergreift. Der Mann h a t
Grenzen, und b e j a h t , w i l l Grenzen; die Frau, die keine Einsamkeit
kennt, ist auch nicht imstande, die Einsamkeit des Nebenmenschen als
solche zu bemerken und aufzufassen, zu achten oder zu ehren, und sie
unangetastet anzuerkennen: für sie gibt es, weil keine Einsamkeit, auch
keine Mehrsamkeit, sondern nur ein ungeschiedenes Verschmolzensein.
Weil in der Frau kein Ich ist, darum ist für sie auch kein Du, d a r u m
gehören, nach ihrer Auffassung, Ich und Du zusammen
als Paar, als ununterschiedenes Eines: darum kann die
F r a u z u s a m m e n b r i n g e n , d a r u m k a n n s i e k u p p e l n. Die
Tendenz ihrer Liebe ist die Tendenz ihres Mitleidens: die Gemeinschaft, die
Verschmolzenheit.[75]
Für die Frau gibt es nirgends G r e n z e n ihres Ich, die durchbrochen
werden könnten, und die sie zu hüten hätte. Hierauf beruht zunächst der
Hauptunterschied zwischen männlicher und weiblicher F r e u n d s c h a f t.
Alle m ä n n l i c h e Freundschaft ist ein Versuch zusammenzugehen unter
dem Zeichen einer und derselben I d e e, welcher die Freunde, jeder für sich,
gesondert und doch vereint, nachstreben; die w e i b l i c h e »Freundschaft«
ist ein Zusammens t e c k e n, und zwar, was besonders hervorzuheben ist,
unter dem Gedanken der K u p p e l e i. Denn auf dieser beruht die einzig
mögliche Art eines intimeren und nicht hinterhältigen Verkehres zwischen
Frauen: soweit diese überhaupt nicht bloß des Klatsches oder materieller
Interessen halber gerade weibliche Gesellschaft aufsuchen.[76] Wenn
nämlich von zwei Mädchen oder Frauen die eine für sehr viel schöner gilt
als die andere, dann findet die häßliche e i n e g e w i s s e s e x u e l l e

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B e f r i e d i g u n g in der Bewunderung, welche der Schöneren gezollt wird.
Bedingung jeder Freundschaft zwischen Frauen ist also zu oberst, daß ein
Rivalisieren zwischen ihnen ausgeschlossen sei: es gibt keine Frau, die sich
nicht körperlich mit jeder anderen Frau sofort vergliche, welche sie kennen
lernt. Lediglich in jenen Fällen großer U ngleichheit und a u s s i c h t s l o s e r
Konkurrenz kann die Häßliche für die Schönere schwärmen, weil diese für
sie, ohne daß es beiden im geringsten bewußt würde, das nächste Mittel ist,
s e l b s t s e x u e l l b e f r i e d i g t z u w e r d e n: es ist nicht anders, sie fühlt
sich gleichsam i n j e n e r koitiert.[77] Das völlig u n p e r s ö n l i c h e Leben
der Frauen, wie auch der überindividuelle Sinn ihrer Sexualität, die
Kuppelei als der Grundzug ihres Wesens, leuchtet hieraus deutlich hervor.
Sie verkuppeln sich w i e die anderen, sich i n den anderen. D a s
M i n d e s t e , w a s a u c h d a s h ä ß l i c h s t e We i b v e r l a n g t , u n d
woran es schon ein gewisses Genügen findet, ist, daß
überhaupt irgend eine ihres Geschlechtes bewundert,
begehrt werde.
Mit diesem völlig verschmolzenen Leben des Weibes hängt es
zusammen, daß die Frauen n i e w i r k l i c h E i f e r s u c h t fühlen. So
gemein Eifersucht und Rachedurst sind, es steckt in beiden ein Großes,
dessen die Frauen, wie aller Größe, im Guten oder im Bösen, u nfähig sind.
In der Eifersucht, liegt ein verzweifelter Anspruch auf ein vorgebliches
Recht, und der Rechtsbegriff ist den Frauen transcendent. Aber der
hauptsächlichste Grund, daß die Frau auf einen einzelnen Mann nie ganz
eifersüchtig sein kann, ist ein anderer. Wenn der Mann, auch einer, in den
sie rasend verliebt wäre, im Zimmer neben dem ihren eine andere Frau
umarmte und besäße, so würde sie der Gedanke hieran sexuell selbst so
erregen, daß für die Eifersucht kein Platz bliebe. Dem Manne würde eine
solche Scene, wenn er um sie wüßte, höchst widerlich und abstoßend sein,
und ihm den Aufenthalt in der Nähe verekeln; das Weib bejaht innerlich
beinahe fieberhaft den ganzen Hergang; oder es wird hysterisch, wenn es
sich nicht eingestehen will, daß es zu tiefst auch diese Vereinigung nur
g e w ü n s c h t hat.
Ferner gewinnt über den Mann der Gedanke an den fremden Koitus
nie völlig Gewalt, er steht außer und über einem solchen Erlebnis, das für
ihn eigentlich gar keines ist; die Frau aber verfolgt den Prozeß kaum

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selbstt ä t i g, sie ist in f i e b e r h a f t e r E r r e g u n g und wie f e s t g e b a n n t
durch den Gedanken, was hart neben ihr sich vollzieht.
Oft mag auch das Interesse des M a n n e s an seinem Mitmenschen, der
ihm ein Rätsel ist, bis auf dessen sexuelles Leben sich erstrecken; aber jene
N e u g i e r, welche den Nebenmenschen gewissermaßen zur Sexualität
z w i n g t, ist nur den Weibern eigentümlich, von ihnen jedoch ganz
allgemein betätigt, in gleicher Weise Frauen wie Männern gegenüber. Eine
Frau interessieren an jedem Menschen zunächst und vor allem seine
L i e b s c h a f t e n, und er ist ihr intellektuell nur so lange dunkel und
reizvoll, als sie über diesen Punkt nicht im Klaren ist.
Aus alledem geht nochmals klar hervor, daß Weiblichkeit und
Kuppelei identisch sind: eine rein i m m a n e n t e Betrachtung des
Gegenstandes würde denn auch mit dieser Feststellung ihr Ende erreicht
haben müssen. Meine Absicht ging aber weiter; und ich glaube nun bereits
angedeutet zu haben, wie das Weib als Position, als Kupplerin,
zusammenhängt mit dem Weibe als Negation, das eines höheren Lebens als
Monade gänzlich entbehrt. Das Weib verwirklicht eine einzige Idee, die ihm
selbst eben darum nie zum Bewußtsein kommen kann, jene Idee, welche
der Idee der Seele am äußersten entgegengesetzt ist. Ob sie nun als Mutter
nach dem Ehebett verlangt oder als Dirne das Bacchanal bevorzugt, ob sie
zu zweien Familie begründen will oder nach den Massenverschlingungen
des Venusberges hinstrebt, sie handelt stets n a c h d e r I d e e d e r
G e m e i n s c h a f t, jener Idee, welche die G r e n z e n der Individuen, durch
Ve r m i s c h u n g, am weitesten aufhebt.
So ermöglicht hier eines das andere: Emissärin des Koitus kann nur ein
Wesen ohne Individualität, ohne Grenzen sein. Nicht ohne Grund ist in der
Beweisführung so weit ausgeholt worden, wie es sicherlich noch nie in
einer Behandlung dieses Gegenstandes, noch auch sonst je einer
charakterologischen Arbeit geschehen ist. Das Thema ist darum so ergiebig,
weil hier der Zusammenhang alles höheren Lebens auf der einen und alles
niederen Lebens auf der anderen Seite sich offenbaren muß. Jede
Psychologie und jede Philosophie findet hier einen Prüfstein, vorzüglicher
als die meisten anderen, auf daß sie an ihm sich erprobe. Nur darum bleibt
das Problem Mann-Weib in aller Charakterologie das interessanteste
Kapitel, nur darum habe ich es zum Objekte einer so umfassenden, weit
ausgreifenden Untersuchung gewählt.

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Man wird an dem Punkte, zu welchem die Darlegung nun gelangt ist,
sicherlich offen fragen, was man bisher vielleicht nur als Bedenken bei sich
erwogen hat: ob denn dieser Anschauung die Frauen überhaupt noch
Menschen seien? Ob sie nach der Theorie des Verfassers nicht eigentlich
unter die Tiere oder die Pflanzen gerechnet werden müßten? Denn sie
entbehrten, nach seiner Auffassung, einer höheren als der sinnlichen
Existenz nicht minder denn jene, sie hätten so wenig teil am ewigen Leben
wie die übrigen Organismen, denen persönliche Fortdauer kein Bedürfnis
und keine Möglichkeit ist. Eine metaphysische Realität sei beiden gleich
wenig beschieden, sie s e i e n alle nicht, das Weib nicht, noch auch das Tier,
noch die Pflanze — alle nur Erscheinung, nirgends etwas vom Ding an sich.
Der Mensch ist, nach der Ansicht, die sein Wesen am tiefsten erfaßt hat, ein
Spiegel des Universums, er ist der Mikrokosmus; die Frau aber ist absolut
ungenial, sie lebt nicht im tiefen Zusammenhange mit dem All.
In I b s e n s »Klein Eyolf« spricht das Weib an einer schönen Stelle
zum Manne:
R i t a: Wir sind doch schließlich nur Menschen.
A l l m e r s: Auch mit Himmel und Meer sind wir ein wenig verwandt,
Rita.
R i t a: D u v i e l l e i c h t . I c h n i c h t .
Ganz bündig liegt hierin die Einsicht des Dichters, daß die Frau zur
Idee der Unendlichkeit, zur Gottheit, kein Verhältnis hat: weil ihr die Seele
fehlt. Zum B r a h m a n dringt man, nach den Indern, nur durch das  t m a n
vor. Das Weib ist nicht Mikrokosmus, es ist nicht nach dem Ebenbilde der
Gottheit entstanden. Ist es also noch Mensch? Oder ist es Tier? Oder
Pflanze?
Den Anatomen müssen diese Fragen wohl recht lächerlich bedünken,
und er wird einen Standort von vornherein für verfehlt halten, auf dessen
Boden solche Problemstellungen erwachsen können. Ihm ist das Weib
homo sapiens und von allen übrigen Spezies wohl unterschieden, dem
menschlichen Manne nicht anders zugeordnet als das Weibchen in jeder Art
und Gattung sonst seinem Männchen. Und der Philosoph darf gewiß nicht
sagen: Was gehen mich die Anatomen an! Mag er auch von dieser Seite
noch so wenig Verständnis erhoffen für das, was ihn bewegt: er spricht hier

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über anthropologische Dinge, und, wenn er die Wahrheit findet, darf auch
die morphologische Tatsache um ihr Recht nicht verkürzt worden sein.
In der Tat! Zwar stehen die Frauen sicherlich in ihrem Unbewußten der
Natur näher als der Mann. Die Blumen sind ihre Schwestern, und daß sie
von den Tieren minder weit entfernt sind als der Mann, dafür zeugt, daß sie
zur Sodomie sicherlich mehr Neigung haben als er (Pasiphae- und Leda-
Mythus. Auch das Verhältnis zum Schoßhündchen ist wahrscheinlich ein
noch weit sinnlicheres, als man gewöhnlich es sich ausmalt).[78] Aber die
Frauen sind Menschen. Selbst W, die wir ohne jede Spur des intelligiblen
Ich denken, ist doch immerhin das Komplement zu M. Und sicherlich ist
die Tatsache der besonderen s e x u e l l e n und e r o t i s c h e n Ergänzung des
menschlichen Mannes durch das m e n s c h l i c h e Weib wenn auch nicht
jene sittliche Erscheinung, von welcher die Fürsprecher der Ehe schwatzen,
so doch von ungeheuerer Bedeutung für das Problem der Frau. Die Tiere
sind ferner bloß Individuen, die Frauen Personen (wenn auch nicht
Persönlichkeiten). Die äußere Urteilsform, wenn auch nicht die innere, die
Sprache, obgleich nicht die Rede, ein gewisses Gedächtnis, obschon keine
kontinuierliche Einheit des Selbstbewußtseins ist ihnen verliehen. Für alles
im Manne besitzen sie eigentümliche S u r r o g a t e, die noch fortwährend
jene Verwechslungen begünstigen, denen die Schätzer der Weiblichkeit so
gerne unterliegen.
Es ist keine andere Frage als die nach dem l e t z t e n We s e n d e s
G e s c h l e c h t s g e g e n s a t z e s, die hiemit neu aufgeworfen erscheint. Die
Rolle, welche das männliche und das weibliche Prinzip im Tier- und im
Pflanzenreiche spielen, bleibt hier a u ß e r Betracht; es handelt sich einzig
um den Menschen. Daß solche Prinzipien der Männlichkeit und
Weiblichkeit nicht als metaphysische Ideen, sondern als theoretische
Begriffe angenommen werden müssen, darauf lief die ganze Untersuchung
gleich zu Anfang hinaus. Welche gewaltigen Unterschiede zwischen Mann
und Weib, weit über die bloße physiologisch-sexuelle Differenz hinaus,
ohne Frage zumindest beim M e n s c h e n bestehen, das hat der ganze
weitere Verlauf der Betrachtung gezeigt. Jene Anschauung also, welche in
der Tatsache des Dualismus der Geschlechter nichts weiter erblickt als eine
Vorrichtung zur Distribution verschiedener Funktionen auf verschiedene
Wesen im Sinne einer Teilung der physiologischen Arbeit — eine
Auffassung, die, wie ich glaube, dem Zoologen M i l n e - E d w a r d s ihre

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besondere Verbreitung zu danken hat — erscheint hienach völlig
unannehmbar; über ihre ans Lächerliche streifende Oberflächlichkeit und
intellektuelle Genügsamkeit ist weiter kein Wort zu verlieren. Zwar ist der
D a r w i n i s m u s der Popularisierung dieser Ansicht besonders günstig
gewesen, und man hat sogar ziemlich allgemein an ein Hervorgehen der
geschlechtlich differenzierten Organismen aus einem früheren Stadium
sexueller Ungeschiedenheit gedacht: durch einen Sieg der einer solchen
Funktionsentlastung teilhaft gewordenen Wesen über die primitiveren,
überbürdeten, ungeschlechtlichen oder doppelgeschlechtlichen Arten. Daß
aber eine solche »Entstehung des Geschlechtes« infolge der »Vorzüge der
Arbeitsteilung«, der »Erleichterung im Kampfe ums Dasein« eine, ganz
u n v o l l z i e h b a r e Vo r s t e l l u n g i s t, hat, lange vor den modernen
Totenkäfern D a r w i n s, Gustav Theodor F e c h n e r in einer
unwiderleglichen Argumentation dargetan.
Isoliert ist der Sinn von Mann und Weib nicht zu erforschen; sie
können in ihrer Bedeutung nur aneinander erkannt und gegeneinander
bestimmt werden. I n i h r e m Ve r h ä l t n i s z u e i n a n d e r muß der
Schlüssel für das Wesen b e i d e r zu finden sein. Bei dem Versuche, die
Natur der Erotik zu ergründen, ist bereits kurz auf ihn angespielt worden.
E s i s t d a s Ve r h ä l t n i s v o n M a n n u n d We i b k e i n a n d e r e s
a l s d a s v o n S u b j e k t u n d O b j e k t . D a s We i b s u c h t s e i n e
Vo l l e n d u n g a l s O b j e k t . Es ist die S a c h e des Mannes, oder die
S a c h e des Kindes, und will, trotz aller Bemäntelung, nicht anders
genommen werden denn wie eine S a c h e. Niemand mißversteht so sehr,
was eine Frau wirklich will, als wer sich für das interessiert, was in ihr
vorgeht, und für ihre Gefühle und Hoffnungen, für ihre Erlebnisse und
innere Eigenart eine Teilnahme in sich aufkommen läßt. Die Frau w i l l
n i c h t als S u b j e k t behandelt werden, sie will stets und in alle Wege —
das ist eben ihr Frau-Sein — lediglich p a s s i v bleiben, e i n e n W i l l e n
a u f s i c h g e r i c h t e t f ü h l e n, sie will nicht gescheut noch geschont,
s i e w i l l n i c h t g e a c h t e t s e i n. Ihr Bedürfnis ist vielmehr, nur als
Körper begehrt, und nur als fremdes Eigentum besessen zu werden. W i e
die bloße Empfindung erst Realität gewinnt, indem sie
begrifflich, d. h. Gegenstand wird, so gelangt das
We i b z u s e i n e m D a s e i n u n d z u e i n e m G e f ü h l e d e s s e l b e n
erst, indem es vom Manne oder vom Kinde, als dem

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Subjekte, zu dessen Objekt erhoben wird, und so eine
Existenz geschenkt erhält.
Wa s erkenntnistheoretisch der Gegensatz des
Subjekts zum Objekt, das sagt ontologisch die
G e g e n ü b e r s t e l l u n g v o n F o r m u n d M a t e r i e . Sie ist nur die
Übersetzung jener Unterscheidung aus dem Transcendentalen ins
Transcendente, aus dem Erfahrungskritischen ins Metaphysische. Die
Materie, das absolut U nindividualisierte, das, was j e d e Form annehmen
kann, selbst aber keine bestimmten und dauernden Eigenschaften hat, ist
das, was so wenig E s s e n z besitzt, wie der bloßen Empfindung, der
Materie der Erfahrung, an sich schon E x i s t e n z zukommt. Während also
der Gegensatz von Subjekt und Objekt ein solcher der Existenz ist (i n d e m
die Empfindung erst als ein dem Subjekte
gegenübergestellter Gegenstand Realität g e w i n n t),
bedeutet der Gegensatz von Form und Materie einen Unterschied der
Essenz (d i e Materie ist ohne Formung absolut
q u a l i t ä t e n l o s). Darum konnte P l a t o n die Stofflichkeit, die bildsame
Masse, das an sich formlose ἄπειρον, den knetbaren Teig des ἐκμαγεῖον,
das, worein die Form eingeht, ihren Ort, ihre χώρα, das ἐν ᾧ, jenes ewig
Z w e i t e, A n d e r e, das θάτερον, auch als das Nichtseiende, als das µὴ ὄν
bezeichnen. Der zieht den tiefsten Denker auf das Niveau der vordersten
Oberflächlichkeit, der ihn, wie dies häufig geschieht, meinen läßt, sein
Nichtseiendes sei der R a u m. Gewiß wird kein bedeutender Philosoph dem
Raum eine metaphysische Existenz zuschreiben, aber ebensowenig kann er
ihn für d a s Nichtseiende an sich halten. Es charakterisiert gerade den
ahnungslosen, frechen Schwätzer, daß der leere Raum für ihn »Luft«,
»Nichts« ist; erst dem vertieften Nachdenken gewinnt er an Realität, und
wird ihm Problem. Das Nichtseiende P l a t o n s ist gerade das, was dem
P h i l i s t e r als das denkbar R e a l s t e, als die Summation der Existenzwerte
erscheint, e s i s t n i c h t s a n d e r e s a l s d i e M a t e r i e.
Ist es also eine zu klaffende Diskontinuität, wenn ich im Anschluß an
P l a t o, der selbst sein jede Form Annehmendes vergleichsweise als die
M u t t e r und A m m e alles Werdens bezeichnet, auf den Spuren des
A r i s t o t e l e s, dessen Naturphilosophie i m Z e u g u n g s a k t e dem
weiblichen Prinzip die s t o f f l i c h e, dem männlichen die f o r m e n d e Rolle
zuerteilt hat — ist es Willkür, wenn ich, in Übereinstimmung mit dieser

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Anschauung und Erweiterung derselben, d i e B e d e u t u n g d e s
We i b e s f ü r d e n M e n s c h e n n u n ü b e r h a u p t i n d e r
Ve r t r e t u n g d e r M a t e r i e e r b l i c k e? Der Mann, als Mikrokosmus,
ist beides, zusammengesetzt aus höherem und niederem Leben, aus
metaphysisch Existentem und Wesenlosem, aus Form und Materie: das
We i b ist n i c h t s, e s i s t n u r M a t e r i e.
Erst d i e s e Erkenntnis bildet den Schlußstein des Gebäudes, von ihr
aus wird alles deutlich, was noch unklar war, und rundet sich zum
geschlossenen Zusammenhange. Das geschlechtliche Streben des Weibes
geht nach B e r ü h r u n g, es ist nur K o n t r e k t a t i o n s - und nicht
Detumeszenztrieb.[79] Dem entspricht, daß sein feinster Sinn, und zugleich
der einzige, bei ihm weiter als beim Manne entwickelte Sinn das
Ta s t g e f ü h l ist.[80] Auge und Ohr führen beide ins Unbegrenzte und
lassen eine Unendlichkeit ahnen; der Tastsinn erfordert engste körperliche
Nähe zur eigenen Betätigung; man vermengt sich mit dem, was man
angreift: er ist der eminent schmutzige Sinn, und wie geschaffen für ein auf
körperliche Gemeinschaft angelegtes Wesen. Was durch ihn vermittelt wird,
ist die Widerstandsempfindung, die Wahrnehmung des Palpablen; und eben
von der M a t e r i e läßt sich, wie K a n t gezeigt hat, nichts anderes aussagen,
als daß sie eine derartige Raumerfüllung ist, die allem, was in sie
einzudringen strebt, einen gewissen W i d e r s t a n d entgegensetzt. Die
Erfahrung des »Hindernisses« hat, wie den psychologischen (nicht den
erkenntnistheoretischen) D i n gbegriff, so auch den übergroßen
Realitätscharakter geschaffen, welchen die Data des Tastsinnes für die
meisten Menschen immer besitzen, als die solideren, »primären« Qualitäten
der Erfahrungswelt. Aber nichts anderes als der ihm stets anhaftende letzte
Rest von Weiblichkeit ist es, der bewirkt, daß für den Mann die Materie den
Charakter der eigentlichen Realität gefühlsmäßig nie vollständig v e r l i e r t.
Gäbe es einen absoluten Mann, so wäre ihm die Materie auch
p s y c h o l o g i s c h (nicht nur logisch) kein irgendwie Seiendes mehr.
Der Mann ist Form, das Weib Materie. Ist das richtig, so muß es auch
in dem Verhältnis ihrer psychischen Einzelerlebnisse zueinander einen
Ausdruck finden. Die längst festgestellte Gliederung der Inhalte des
männlichen Seelenlebens gegenüber dem unartikulierten und chaotischen
Vorstellen des Weibes verkündet nichts anderes als diesen nämlichen
Gegensatz von Form und Materie. Die Materie will geformt werden:

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d a r u m v e r l a n g t das Weib vom Manne die K l ä r u n g seiner
verworrenen Gedanken, die D e u t u n g d e r H e n i d e n.[81]
Die Frauen sind die Materie, die jede Form annimmt. Jene
Untersuchungen, welche für die Mädchen eine bessere Erinnerung speziell
an den Lehrstoff ergeben haben, als für die Knaben, können nur so erklärt
werden: aus der Inanität und Nullität der Frauen, die mit allem Beliebigen
i m p r ä g n i e r t werden können, indes der Mann nur behält, was ihn
wirklich interessiert, und alles übrige v e r g i ß t (vgl. Teil II, S. 147, 168).
Aber vor allem geht das, was die S c h m i e g s a m k e i t des Weibes genannt
wurde, seine außerordentliche B e e i n f l u ß b a r k e i t durch das fremde
Urteil, seine S u g g e s t i b i l i t ä t, seine völlige U m s c h a f f u n g durch den
Mann auf dieses Bloß-Materie-Sein, diesen M a n g e l jeder
u r s p r ü n g l i c h e n F o r m zurück. D a s We i b i s t n i c h t s , u n d
darum, nur darum kann es alles werden; während der
M a n n s t e t s n u r w e r d e n k a n n , w a s e r i s t . Aus einer Frau kann
man machen, w a s m a n w i l l; dem Manne höchstens zu dem verhelfen,
was e r will. Darum hat, in der wahren Bedeutung des Wortes, eigentlich nur
F r a u e n, nicht Männer, zu e r z i e h e n einen S i n n. Am Manne wird durch
alle Erziehung nie irgend ein Wesentliches geändert; im Weibe kann sogar
seine eigenste Natur, die Hochwertung der Sexualität, durch äußeren
Einfluß völlig zurückgedrängt werden. Das Weib mag alles scheinen und
alles verleugnen, aber es i s t nie irgend etwas in Wahrheit.
Man wird freilich, selbst wenn man mit den bisherigen Ableitungen
sollte einverstanden sein, ihnen zum Vorwurf machen, daß sie keine
Auskunft darüber gäben, was denn der M a n n eigentlich s e i. Läßt sich von
ihm, wie vom Weibe K u p p e l e i und We s e n l o s i g k e i t, irgend etwas als
allgemeine Eigenschaft prädizieren? Gibt es überhaupt einen B e g r i f f des
Mannes, wie es einen Begriff des Weibes gibt, und läßt sich dieser Begriff
ähnlich definieren?
Hierauf ist zu antworten, daß die Männlichkeit eben in der Ta t s a c h e
der Individualität, der wesenhaften Monade liegt und sich mit ihr deckt.
Jede Monade aber ist von jeder anderen um ein U n e n d l i c h e s
verschieden, und darum keine subsumierbar unter einen umfassenderen
Begriff, der mehreren Monaden Gemeinsames enthielte. Der M a n n ist der
M i k r o k o s m u s, in ihm sind a l l e Möglichkeiten überhaupt enthalten.
Man hüte sich dies zu verwechseln mit der u n i v e r s e l l e n

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S u s z e p t i b i l i t ä t der Frau, die alles wird, o h n e i r g e n d e t w a s z u
s e i n, indes der Mann alles i s t und davon mehr oder weniger, je nach
seiner Begabung, auch w i r d. Der Mann hat auch das Weib, er hat auch
Materie in sich, und kann diesen Teil seines Wesens sich entwickeln lassen,
d. h. verkommen und entarten; oder er kann ihn erkennen und bekämpfen
— d a r u m kann e r, und n u r e r, über die Frau zur Wahrheit gelangen (Teil
II, S. 106–108). D a s We i b a b e r h a t k e i n e M ö g l i c h k e i t e i n e r
Entwicklung, außer durch den Mann.
Ganz deutlich wird die Bedeutung von Mann und Weib immer erst in
der Betrachtung ihrer gegenseitigen s e x u e l l e n und e r o t i s c h e n
R e l a t i o n e n. Das tiefste Begehren der Frau ist, vom Manne g e f o r m t
und d a d u r c h e r s t g e s c h a f f e n zu werden. Die Frau wünscht, daß der
Mann ihr Meinungen beibringe, g a n z a n d e r e, als sie bisher gehabt hat,
sie will durch ihn umgestoßen sehen, was sie bisher für richtig hielt
(Gegenteil der Pietät, S. 161), sie will als Ganzes w i d e r l e g t s e i n, und
erst n e u g e b i l d e t werden durch ihn. Der Wille des Mannes s c h a f f t erst
die Frau, er g e b i e t e t über sie, und v e r ä n d e r t s i e v o n G r u n d a u f
(Hypnose). Hier ist auch endlich Klärung über das Verhältnis des
Psychischen zum Physischen bei Mann und Weib zu finden. Für den Mann
wurde früher die Wechselwirkung, und zwar nur im Sinne einer einseitigen
Schöpfung des Leibes durch die transcendente Psyche, als die Projektion
derselben auf die Erscheinungswelt, für das Weib hingegen der
Parallelismus eines bloß Empirisch-Psychischen und Empirisch-Physischen
angenommen. Jetzt ist klar, daß auch beim Weibe eine Wechselwirkung
Geltung hat. Aber während beim M a n n e, nach S c h o p e n h a u e r s
wahrster Lehre, daß der Mensch sein eigenes Werk sei, der e i g e n e Wille
sich den Körper s c h a f f t und u m s c h a f f t, wird das We i b durch den
f r e m d e n Willen körperlich b e e i n f l u ß t und u m g e b i l d e t (Suggestion,
Versehen). Der Mann formt also nicht nur sich, sondern auch, ja leichter
noch, das Weib. Jene Mythen der Genesis und anderer Kosmogonien,
welche das Weib vom Manne geschaffen sein lassen, haben eine tiefere
Wahrheit verkündet als die biologischen Deszendenzlehren, die an ein
Hervorgehen des Männlichen aus dem Weiblichen glauben.
Auch jene im 9. Kapitel (S. 279) offen gelassene Frage, wie das Weib,
ohne selbst Seele und Willen zu besitzen, doch in der Lage sein könne,
herauszufinden, in welchem Maße der Mann mit ihnen ausgestattet ist, auch

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diese schwierigste Frage mag jetzt zu beantworten versucht werden. Man
muß sich nur darüber klar geworden sein, daß, was die Frau bemerkt, und
wofür sie ein Organ hat, nicht die b e s o n d e r e Natur eines Mannes ist,
sondern nur die a l l g e m e i n e Ta t s a c h e und etwa noch der G r a d seiner
M ä n n l i c h k e i t. Es ist ganz falsch, H e u c h e l e i , o d e r a u s d e r
s p ä t e r e n I m p r ä g n a t i o n m i t d e m m ä n n l i c h e n We s e n z u
U n r e c h t e r s c h l o s s e n, daß die Frau ein ursprüngliches Ve r s t ä n d n i s
für die I n d i v i d u a l i t ä t des Mannes habe.[82] Der Verliebte, der durch das
unbewußte Simulieren eines tieferen Begreifens von Seite des Weibes so
leicht zu foppen ist, mag an ein Verständnis seiner selbst durch ein
Mädchen glauben; wer weniger genügsam ist, wird es sich nicht verhehlen
können, daß die Frauen nur für das D a ß, nicht für das Wa s der Seele, nur
für die f o r m a l e allgemeine Ta t s a c h e, nicht für die
B e s o n d e r h e i t der Persönlichkeit einen Sinn besitzen. Denn um
s p e z i e l l e Form perzipieren und apperzipieren zu können, müßte die
Materie an sich nicht f o r m l o s sein; das Verhältnis der Frau zum Mann ist
aber kein anderes als das der Materie zur Form, und ihr Verständnis für ihn
nichts als Bereitwilligkeit, möglichst kräftig geformt zu werden, der Instinkt
des Existenzlosen für Existenz. Also dieses »Verständnis« ist kein
theoretisches, es ist kein Anteilnehmen, sondern ein Anteilhabenwollen; es
ist zudringlich und egoistisch. Die Frau hat kein Verhältnis zum M a n n e
und keinen Sinn für den Mann, sondern nur einen für M ä n n l i c h k e i t; und
wenn sie für sexuell anspruchsvoller gehalten werden darf als er, so ist diese
Anspruchsfülle nichts anderes als das intensive Begehren nach
ausgiebigster und stärkster Formung: e s i s t d a s Wa r t e n a u f d a s
g r ö ß t m ö g l i c h e Q u a n t u m v o n E x i s t e n z.
Und nichts anderes ist schließlich auch die K u p p e l e i. Die Sexualität
der Frauen ist ü b e rindividuell, weil sie nicht abgegrenzte, geformte,
individualisierte Wesenheiten im höheren Sinne darstellen. Der höchste
Augenblick im Leben des Weibes, der, in dem sein U rsein, die U r l u s t sich
offenbart, ist jener Moment, wo der männliche Same in es fließt. Da
umarmt es den Mann stürmisch und preßt ihn an sich: es ist die höchste
Lust der Passivität, stärker noch als das Glücksgefühl der Hypnotisierten,
die Materie, welche eben geformt wird und die Form nicht loslassen, sie
ewig an sich binden will. Dieses unendliche Trachten der Armut, dem
Reichtum sich zu gesellen, das gänzlich formlose und darum
überindividuelle Streben des U ngegliederten, die Form zur Berührung mit

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sich zu bringen, sie dauernd festzuhalten und so Existenz zu gewinnen, liegt
der Kuppelei im Tiefsten zu Grunde. Daß das Weib nicht Monade ist und
keine Grenzen hat, dadurch ist Kuppelei nur e r m ö g l i c h t; zur
W i r k l i c h k e i t wird sie, weil es die Idee des N i c h t s, der M a t e r i e
repräsentiert, die unaufhörlich und in jeder Weise die Form zur Vermengung
mit sich zu verführen trachtet. Kuppelei ist das ewige Drängen des Nichts
zum Etwas.
So hat sich allmählich die Dualität von Mann und Weib zum
Dualismus überhaupt entwickelt, zum Dualismus des höheren und des
niederen Lebens, des Subjekts und Objekts, der Form und der Materie, des
Etwas und des Nichts. Alles metaphysische, alles transcendentale Sein ist
logisches und moralisches Sein: d a s We i b i s t a l o g i s c h u n d
a m o r a l i s c h. Es enthält aber auch keine Abkehr vom Logischen und
Moralischen, es ist nicht a n t ilogisch, es ist nicht a n t imoralisch. Es ist
nicht das N i c h t, sondern das N i c h t s, es ist w e d e r J a, n o c h ist es
N e i n. Der M a n n birgt in sich die Möglichkeit zum absoluten Etwas u n d
zum absoluten Nichts, und darum hat all sein Handeln eine R i c h t u n g
nach dem einen oder dem anderen: das Weib s ü n d i g t nicht, d e n n e s
i s t s e l b s t d i e S ü n d e , a l s M ö g l i c h k e i t i m M a n n e.
Der reine Mann ist das Ebenbild Gottes, des
a b s o l u t e n E t w a s , d a s We i b , a u c h d a s We i b i m M a n n e ,
ist das Symbol des Nichts: das ist die Bedeutung des
We i b e s i m U n i v e r s u m , u n d s o e r g ä n z e n u n d b e d i n g e n
s i c h M a n n u n d We i b . Als des Mannes G e g e n s a t z hat das Weib
einen Sinn und eine Funktion im Weltganzen; und wie der menschliche
Mann über das tierische Männchen, so reicht das menschliche Weib über
das Weibchen der Zoologie hinaus.[83] K e i n b e g r e n z t e s S e i n , k e i n
b e g r e n z t e s N i c h t s e i n (wie im Tierreich) liegen im M e n s c h e n im
Kampfe: w a s h i e r s i c h g e g e n ü b e r s t e h t , i s t u n b e g r e n z t e s
S e i n und u n b e g r e n z t e s N i c h t s e i n. D a r u m machen erst Mann und
Weib z u s a m m e n den Menschen aus.
Der S i n n des Weibes ist es also, N i c h t - S i n n zu sein. Es
repräsentiert das N i c h t s, den Gegenpol der Gottheit, die a n d e r e
M ö g l i c h k e i t im Menschen. Darum gilt mit Recht nichts für gleich
verächtlich, als der Weib gewordene Mann, und wird ein solcher Mann
geringer geachtet als selbst der stumpfsinnigste und roheste Verbrecher.

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Und so erklärt sich auch jene tiefste F u r c h t im Manne: die F u r c h t v o r
d e m We i b e, das ist die F u r c h t v o r d e r S i n n l o s i g k e i t: das ist die
Furcht v o r d e m l o c k e n d e n A b g r u n d d e s N i c h t s.
Das a l t e We i b offenbart erst ganz und gar, was das Weib in
Wirklichkeit ist. Die Schönheit der Frau wird, auch rein erfahrungsgemäß,
nur g e s c h a f f e n durch die L i e b e des Mannes: die Frau wird schöner,
wenn ein Mann sie liebt, w e i l s i e p a s s i v d e m W i l l e n
e n t s p r i c h t , d e r i n s e i n e r L i e b e l i e g t; so mystisch dies klinge, es
ist nur eine alltägliche Beobachtung. Das alte Weib zeigt, wie das Weib nie
schön w a r: w ä r e das Weib, so wäre die Hexe nicht. Aber das Weib i s t
nichts, ein hohles Gefäß, eine Zeitlang überschminkt und übertüncht.
Alle Qualitäten der Frau hängen an ihrem Nicht-Sein, an ihrer
We s e n l o s i g k e i t: weil sie kein wahres, unwandelbares, sondern nur ein
irdisches Leben hat, darum begünstigt sie als Kupplerin die Zeugung in
d i e s e m, darum ist sie durch den Mann, der sinnlich auf sie wirkt, vom
Grund auf umzuschaffen und empfänglich überhaupt. So vereinigen sich die
drei fundamentalen Eigenschaften des Weibes, welche dieses Kapitel
aufgedeckt hat, und schließen sich zusammen in seinem Nicht-Sein.
Aus dem Begriff des Nicht-Seins ergeben sich Veränderlichkeit und
Verlogenheit, als die zwei n e g a t i v e n Bestimmungen, durch
u n m i t t e l b a r e Deduktion. Bloß Kuppelei, als die einzige P o s i t i o n im
Weibe, folgt aus ihm nicht gleich rasch durch einfache Analyse.
Und das ist wohl begreiflich. Denn das D a s e i n des Weibes ist selbst
i d e n t i s c h mit der Kuppelei, mit Bejahung aller Sexualität überhaupt.
K u p p e l e i i s t n i c h t s a n d e r e s a l s u n i v e r s a l e S e x u a l i t ä t;
daß das Weib ist, heißt nichts anderes, als daß in der Welt ein radikaler
Hang zu allgemeiner Sexualität besteht. D i e K u p p e l e i n o c h w e i t e r
kausal zurückführen bedeutet so viel als das Dasein
d e s We i b e s e r k l ä r e n .
Wenn hiezu von der Tafel des zwiefachen Lebens (S. 378)
ausgegangen wird, so ist die R i c h t u n g v o m h ö c h s t e n L e b e n w e g
z u m i r d i s c h e n h i n, das E r g r e i f e n d e s N i c h t - S e i e n d e n s t a t t
d e s S e i e n d e n, der W i l l e z u m N i c h t s, das N i c h t, das A n - S i c h -
B ö s e. A n t imoralisch ist die B e j a h u n g des N i c h t s: das Bedürfnis,

Page 370

Form in Formloses, in Materie zu v e r w a n d e l n, das
Bedürfnis zu z e r s t ö r e n.
Das Nicht aber ist dem Nichts verwandt. Und darum
besteht ein so tiefer Zusammenhang zwischen allem
Ve r b r e c h e r i s c h e n u n d a l l e m We i b l i c h e n . Das A n t imoralische
berührt sich eben mit dem Amoralischen, von dem es in dieser
Untersuchung zuerst ausdrücklich g e t r e n n t wurde, im gemeinsamen
Begriffe des U nmoralischen, und die gewöhnliche unterschiedslose
Verwechslung beider erfährt nun dennoch eine gewisse Rechtfertigung.
Denn das Nichts ist a l l e i n eben — n i c h t s, es i s t nicht, es hat weder
Existenz noch Essenz. Es ist stets nur das M i t t e l des Nicht, das, was
d u r c h das N e i n dem E t w a s g e g e n ü b e r g e s t e l l t wird. E r s t
indem der Mann seine eigene Sexualität bejaht, indem
er das Absolute verneint, sich vom ewigen Leben ab-,
d e m n i e d e r e n z u k e h r t , e r h ä l t d a s We i b E x i s t e n z . N u r
indem das Etwas zum Nichts kommt, kann das Nichts
zum Etwas kommen.
Der b e j a h t e P h a l l u s ist das A n t imoralische. Darum wird er als
das Häßlichste empfunden; darum wurde er stets in einer Beziehung zum
Satan gedacht: den Mittelpunkt der D a n t eschen H ö l l e (das Zentrum des
Erdinneren) bildet der G e s c h l e c h t s t e i l L u c i f e r s.
So erklärt sich denn die absolute Gewalt der männlichen
Geschlechtlichkeit über das Weib.[84] N u r i n d e m d e r M a n n
s e x u e l l w i r d , e r h ä l t d a s We i b E x i s t e n z u n d B e d e u t u n g :
sein Dasein ist an den Phallus geknüpft, und darum
dieser sein höchster Herr und unumschränkter
G e b i e t e r. Der Geschlecht gewordene Mann ist das Fatum des Weibes;
der Don Juan der einzige Mensch, vor dem es bis zum Grunde erzittert.
Der Fluch, den wir auf dem Weibe lastend ahnten, ist der böse
Wille des Mannes: das N i c h t s ist nur ein Werkzeug in der Hand des
N i c h t. Die Kirchenväter drückten dasselbe pathetischer aus, als sie das
Weib das Instrument des Teufels nannten. Denn a n s i c h ist die Materie
n i c h t s, e r s t d i e F o r m m u ß i h r E x i s t e n z g e b e n w o l l e n. Der
Sündenfall der Form ist eben jene Verunreinigung, die sie auf sich lädt,

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indem es sie treibt, an der Materie sich zu betätigen. A l s d e r M a n n
s e x u e l l w a r d , d a s c h u f e r d a s We i b .
D a ß d a s We i b d a i s t , h e i ß t a l s o n i c h t s a n d e r e s , a l s
daß vom Manne die Geschlechtlichkeit bejaht wurde.
D a s We i b i s t n u r d a s R e s u l t a t d i e s e r B e j a h u n g , e s i s t
d i e S e x u a l i t ä t s e l b e r (S. 116).
Das Weib ist in seiner Existenz a b h ä n g i g vom Manne: indem der
Mann zum Manne, als Gegenteil des Weibes, indem er geschlechtlich wird,
s e t z t er das Weib und ruft es ins Dasein. Deshalb muß dem Weibe alles
daran gelegen sein, den Mann s e x u e l l z u e r h a l t e n: denn es hat so viel
Existenz als der Mann Geschlechtlichkeit. D e s h a l b muß der Mann, so
will sie es, g a n z z u m P h a l l u s w e r d e n, deshalb kuppelt die Frau.
Sie ist unfähig, ein Wesen anders denn als Mittel zum Zweck, zu diesem
Zweck des Koitus zu gebrauchen: denn mit ihr ist selbst kein anderer
Zweck verfolgt, als der, den Mann schuldig werden zu lassen. Und sie
wäre t o t in dem Augenblick, da der Mann s e i n e Sexualität überwunden
hätte.
Der Mann hat das Weib geschaffen und schafft es immer neu, so lange
er noch sexuell ist. Wie er der Frau das B e w u ß t s e i n gab (Teil II, Kapitel
3, Ende), so gibt er ihr das S e i n. Indem er auf den Koitus nicht verzichtet,
ruft er das Weib hervor. Das Weib ist die Schuld des Mannes.
Diese Schuld gut zu machen, dazu soll ihm die Liebe dienen. Hiedurch
hellt sich auf, was der Schluß des vorigen Kapitels nur wie einen dunklen
Mythos einführte. Was der Mann durch die Schöpfung des Weibes, das ist
durch die Bejahung des Koitus verbrochen hat und noch fortwährend
verbricht, d a s b i t t e t e r d e m We i b e a b a l s E r o t i k e r. Denn von
wannen sonst käme die nie und nimmer sich genug tuende G e n e r o s i t ä t
aller Liebe? Woher, daß die Liebe gerade dem Weibe, und nicht einem
anderen Wesen, Seele zu schenken beflissen ist? Durchaus ist das Weib nur
der Gegenstand, den sich der Trieb des Mannes erzeugt hat als das eigene
Ziel, es ist die Objektivation der männlichen Sexualität, d i e
verkörperte Geschlechtlichkeit, seine Fleisch
g e w o r d e n e S c h u l d. Die L i e b e soll die Schuld überd e c k e n, statt sie
zu überw i n d e n; sie e r h e b t das Weib, statt es a u f z u h e b e n. Das Etwas
schließt das Nichts in seine Arme, und glaubt so die Welt von der Negation

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zu befreien, und alle Widersprüche zu versöhnen: da doch das Nichts nur
verschwinden könnte, wenn das Etwas sich ihm fern hielte. Die Liebe des
Mannes ist sein kühnster, äußerster Versuch, das Weib als Weib sich zu
retten, statt es als solches zu verneinen. Nur daher stammt ihr
Schuldbewußtsein: durch sie soll Schuld selbst w e g g e r ä u m t, statt
g e s ü h n t werden.
Denn das Weib ist nur die Schuld und nur durch die Schuld des
Mannes; und wenn Weiblichkeit Kuppelei bedeutet, so nur, weil alle
Schuld von selbst sich zu vermehren trachtet. Was die Frau, ohne je
anders zu können, durch ihr bloßes Dasein, durch ihr ganzes Wesen, ewig
unbewußt auswirkt, das ist nur e i n H a n g i m M a n n e, sein zweiter,
unausrottbarer, sein n i e d e r e r H a n g: sie ist, gleich der Walküre, eines
f r e m d e n Willens »blind wählende Kür«. Die Materie scheint ein nicht
minder unergründliches Rätsel als die Form, das Weib gleich unendlich wie
der Mann, das Nichts so ewig wie das Sein; aber diese Ewigkeit ist nur die
Ewigkeit der Schuld.

Page 373

XIII. Kapitel.
Das Judentum.
Es könnte nicht wundern, wenn es manchem scheinen wollte, bei dem
Ganzen der bisherigen Untersuchung seien »die Männer« allzugut
davongekommen, und in ihrer Gesamtheit auf ein übertrieben hohes
Postament gestellt. Man wird zwar vielleicht auf billige Argumente
verzichten, ihren Resultaten nicht entgegenhalten, wie überrascht dieser
Philister oder jener Spitzbube wäre, zu vernehmen, daß e r die ganze Welt in
sich habe; und doch die Behandlung des männlichen Geschlechtes nicht
bloß allzuglimpflich finden, sondern geradezu eine tendenziöse
Vernachlässigung aller widerlichen und kleinen Seiten der Männlichkeit zu
Gunsten ihrer höchsten Spitzen der Darstellung als einen Fehler anrechnen.
Die Beschuldigung wäre ungerechtfertigt. Es kommt mir nicht in den
Sinn, die Männer zu idealisieren, um die Frauen leichter in der Schätzung
herabdrücken zu können. So viel Beschränktheit und so viel Gemeinheit
unter den empirischen Vertretern der Männlichkeit oft gedeiht, es handelt
sich um die besseren M ö g l i c h k e i t e n, die in jedem Manne sind, und als
vernachlässigte von ihm schmerzlich-hell oder dumpf-gehässig empfunden
werden; Möglichkeiten, die als solche bei der Frau weder in Wirklichkeit,
noch in gedanklicher Erwägung irgend in Rechnung gelangen. Und es
konnte mir hier auch gar nicht auf Unterscheidungen u n t e r den Männern
wesentlich ankommen, so wenig ich mich vor deren Wichtigkeit
verschließe. Es handelte sich darum, festzustellen, was das Weib n i c h t ist,
und da fehlte ihm denn freilich unendlich viel, was selbst im
mittelmäßigsten und plebejischesten Manne nie g a n z vermißt wird. Das,
was es i s t, die positiven Eigenschaften des Weibes (soferne da von einem
Sein, von Positionen wohl gesprochen werden kann) wird man stets auch
bei vielen Männern wiederfinden. Es gibt, wie schon öfter hervorgehoben
wurde, M ä n n e r, die z u We i b e r n g e w o r d e n, oder We i b e r
g e b l i e b e n sind; aber es gibt keine Frau, die über gewisse umschriebene,
nicht sonderlich hoch zu ziehende, moralische und intellektuelle Grenzen
hinauskäme. Und darum will ich es hier nochmals aussprechen: d a s

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h ö c h s t s t e h e n d e We i b s t e h t n o c h u n e n d l i c h t i e f u n t e r
d e m t i e f s t s t e h e n d e n M a n n e.
Jene Einwendungen aber könnten weiter gehen, und einen Punkt
berühren, dessen Außerachtlassung der Theorie allerdings zum Vorwurf
müßte gemacht werden. Es gibt nämlich Völkerschaften und Rassen, bei
deren Männern, obwohl sie keineswegs als sexuelle Zwischenformen
können gedeutet werden, man doch so wenig und so selten eine
Annäherung an die Idee der Männlichkeit findet, wie sie aus der hier
entworfenen Zeichnung derselben hervortritt, daß die Prinzipien, ja, die
ganzen Fundamente, auf welchen diese Arbeit ruht, hiedurch stark könnten
erschüttert scheinen. Was ist z. B. von den C h i n e s e n zu halten, mit ihrer
weiblichen Bedürfnislosigkeit und ihrem Mangel an jeglichem Streben?
Man möchte h i e r allerdings noch an eine größere Weiblichkeit des ganzen
Volkes zu glauben sich versucht fühlen. Wenigstens kann es keine bloße
Laune einer ganzen Nation sein, daß die Chinesen einen Zopf zu tragen
pflegen, und es ist ja auch ihr Bartwuchs nur ein äußerst spärlicher. Aber
wie verhält es sich dann mit den N e g e r n? Es hat unter den Negern
vielleicht kaum je ein Genie gegeben, und moralisch stehen sie beinahe
allgemein so tief, daß man in Amerika bekanntlich anfängt zu fürchten, mit
ihrer Emanzipation einen unbesonnenen Streich verübt zu haben.
Wenn also auch das Prinzip der sexuellen Zwischenformen vielleicht
Aussicht hätte, für eine Rassenanthropologie bedeutsam zu werden (indem
über einige Völker ein größeres Quantum von Weiblichkeit insgesamt
ausgestreut schiene), so muß doch zugegeben werden, daß die bisherigen
Deduktionen zuvörderst auf den a r i s c h e n M a n n und das a r i s c h e
We i b sich beziehen. Wie weit in den anderen großen Stämmen der
Menschheit mit den für ihre Gipfel geltenden Verhältnissen
Übereinstimmung herrscht, und was jene hauptsächlich davon zurückhält
und so lange hindert, an diese näher heranzukommen, das bedürfte erst der
Erhellung durch die eingehendste und lohnendste psychologische
Vertiefung in die Rassencharaktere.
Das J u d e n t u m, das ich zum Gegenstande einer Besprechung
zunächst darum gewählt habe, weil es, wie sich zeigen wird, der härteste
und am meisten zu fürchtende Gegner der hier entwickelten und besonders
der noch zu entwickelnden Anschauungen, wie überhaupt des ganzen
Standpunktes ist, von dem aus jene möglich sind — das Judentum scheint

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anthropologisch mit allen beiden erwähnten Rassen, mit den Negern wie
mit den Mongolen, eine gewisse Verwandtschaft zu besitzen. Auf den Neger
weisen die so gern sich ringelnden Haare, auf Beimischung von
Mongolenblut die ganz chinesisch oder malaiisch geformten
Gesichtsschädel, die man so oft unter den Juden antrifft, und denen
regelmäßig eine gelblichere Hautfärbung entspricht.
Dies ist nicht mehr als das Ergebnis einer alltäglichen Erfahrung, und
anders wollen diese Bemerkungen nicht verstanden sein; die
a n t h r o p o l o g i s c h e Frage nach der Entstehung des Judentums ist eine
ungemein schwierige, und auch ein so interessanter Lösungsversuch wie
der in den berühmten »Grundlagen des XIX. Jahrhunderts« von
H. S. C h a m b e r l a i n unternommene hat in jüngster Zeit sehr viel
Widerspruch gefunden. Sie zu behandeln besitze ich nicht das nötige
Wissen; was hier in Kürze, aber bis zu möglichster Tiefe analysiert werden
soll, ist nur die psychische Eigenheit des Jüdischen. Diese Aufgabe ist eine
Obliegenheit der psychologischen Beobachtung und Zergliederung; sie ist
lösbar, frei von allen Hypothesen über nun nicht mehr kontrollierbare
historische Vorgänge; und nur bedarf dieses Unternehmen einer um so
größeren Objektivität, als die Stellung zum Judentum heute beinahe die
wichtigste und hervorstechendste Rubrik des Nationales ist, welches ein
jeder vor der Öffentlichkeit ausfüllt, ja allgemach der gebräuchlichste
Einteilungsgrund der zivilisierten Menschen geworden scheint. Und es läßt
sich nicht behaupten, daß der Wert, welcher auf eine offene Erklärung in
dieser Frage allgemein gelegt wird, ihrem Ernst und ihrer Bedeutung nicht
angemessen sei, und ihre Wichtigkeit übertreibe. Daß man auf sie überall
stößt, ob man nun von kulturellen oder materiellen, von religiösen oder
politischen, von künstlerischen oder wissenschaftlichen, biologischen oder
historischen, charakterologischen oder philosophischen Dingen herkommt,
das muß einen tiefen, tiefsten Grund im Wesen des Judentumes selbst
haben. Ihn aufzusuchen, wird keine Mühe zu groß scheinen dürfen: denn
der Gewinn muß sie in jedem Falle unendlich belohnen.[85]
Zuvor jedoch will ich genau angeben, in welchem Sinne ich vom
Judentum rede. Es handelt sich mir n i c h t um eine R a s s e und nicht um ein
Vo l k, noch weniger freilich um ein gesetzlich anerkanntes Bekenntnis.
Man darf das Judentum nur für eine Geistesrichtung,
für eine psychische Konstitution halten, welche für

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alle Menschen eine Möglichkeit bildet, und im
historischen Judentum bloß die grandioseste
Ve r w i r k l i c h u n g g e f u n d e n h a t .
Daß dem so ist, wird durch nichts anderes bewiesen, als durch den
A n t i s e m i t i s m u s.
Die echtesten, arischesten, ihres Ariertums gewissesten Arier sind
keine Antisemiten, sie können, so unangenehm sicherlich auch sie von
auffallend jüdischen Zügen sich berührt fühlen, doch den f e i n d s e l i g e n
Antisemitismus im allgemeinen gar nicht b e g r e i f e n; und sie sind es auch,
die von den Verteidigern des Judentums gerne als »Philosemiten«
bezeichnet, und deren verwunderte und mißbilligende Äußerungen über den
Judenhaß angeführt werden, wo das Judentum herabgesetzt oder
angegriffen wird.[86] Im a g g r e s s i v e n Antisemiten wird man hingegen
immer selbst gewisse jüdische Eigenschaften wahrnehmen; ja sogar in
seiner Physiognomie kann das zuweilen sich ausprägen, mag auch sein Blut
rein von allen semitischen Beimengungen sein.
Es könnte dies auch unmöglich anders sich verhalten. W i e m a n i m
anderen nur liebt, was man gerne ganz sein möchte und
d o c h n i e g a n z i s t , s o h a ß t m a n i m a n d e r e n n u r, w a s
m a n n i m m e r s e i n w i l l , u n d d o c h i m m e r z u m Te i l e n o c h
ist.
Man haßt nicht etwas, womit man keinerlei Ähnlichkeit hat. Nur
macht uns oft erst der andere Mensch darauf aufmerksam, was für unschöne
und gemeine Züge wir in uns haben.
So erklärt es sich, daß die allerschärfsten Antisemiten u n t e r d e n
J u d e n zu finden sind. Denn bloß die ganz jüdischen Juden, desgleichen die
völlig arischen Arier, sind gar nicht antisemitisch gestimmt; unter den
übrigen betätigen die gemeineren Naturen ihren Antisemitismus nur den
anderen gegenüber, und richten diese, ohne je mit sich selber in dieser
Sache vor Gericht gegangen zu sein; und nur wenige fangen mit ihrem
Antisemitismus bei sich selbst an.
Doch dies eine bleibt darum nicht minder gewiß: wer immer das
jüdische Wesen haßt, der haßt es zunächst i n sich: daß er es im anderen
verfolgt, ist nur sein Versuch, vom Jüdischen auf diese Weise sich zu

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sondern; er trachtet sich von ihm zu scheiden dadurch, daß er es gänzlich
im Nebenmenschen lokalisiert, und so für den Augenblick von ihm frei zu
sein wähnen kann. Der Haß ist ein Projektionsphänomen wie die Liebe: der
Mensch haßt nur, durch wen er sich u nangenehm an sich selbst erinnert
fühlt.[87]
Der Antisemitismus d e s J u d e n liefert demnach den Beweis, daß
niemand, der ihn kennt, den Juden als ein Liebenswertes empfindet — auch
der Jude nicht; der Antisemitismus d e s A r i e r s ergibt eine nicht minder
bedeutungsvolle Einsicht: daß man das Judent u m nicht verwechseln darf
mit d e n J u d e n. Es gibt Arier, die jüdischer sind als mancher Jude, und es
gibt wirklich Juden, die arischer sind als gewisse Arier. Ich will von jenen
Nicht-Semiten, welche viel Judentum in sich hatten, die kleineren (wie den
bekannten F r i e d r i c h N i c o l a i des XVIII. Jahrhunderts) und
mittelgroßen (hier dürfte F r i e d r i c h S c h i l l e r kaum außer acht bleiben)
nicht aufzählen, und nicht auf ihr Judentum analysieren. Aber auch
R i c h a r d Wa g n e r — der tiefste Antisemit — ist von einem Beisatz von
Judentum, selbst in seiner Kunst, nicht freizusprechen, so gewiß er neben
M i c h e l A n g e l o der größte Künstler aller Zeiten ist, so wahrscheinlich
er geradezu den Künstler überhaupt in der Menschheit repräsentiert; und so
zweifellos sein S i e g f r i e d das U n j ü d i s c h e s t e ist, was erdacht werden
konnte. Aber niemand ist umsonst Antisemit. Wie Wa g n e r s Abneigung
gegen die große Oper und das Theater zurückgeht auf den starken Zug, den
er selbst zu ihnen empfand, einen Zug, der noch im »Lohengrin« deutlich
erkennbar bleibt: so ist auch seine Musik, in ihren motivischen
Einzelgedanken die gewaltigste der Welt, nicht gänzlich freizusprechen von
etwas Aufdringlichem, Lautem, Unvornehmem; womit die Bemühungen
Wa g n e r s um die äußere Instrumentation seiner Werke im Zusammenhang
stehen. Es läßt sich auch nicht verkennen, daß Wa g n e r s Musik sowohl auf
den jüdischen Antisemiten, welcher vom Judentum nie gänzlich loskommen
kann, als auf den antisemitischen Indogermanen, der ihm zu verfallen
fürchtet, den stärksten Eindruck hervorbringt. Von der Parsifal-Musik, die
dem völlig echten Juden in Ewigkeit fast ebenso unzugänglich bleibt wie
die Parsifal-Dichtung, vom »Pilgerchor« und der Romfahrt im
»Tannhäuser«, und sicher noch von manchem anderen ist hiebei g ä n z l i c h
abzusehen; aber es ist z. B. sein Jugendwerk, der »Rienzi«, in seinem
thematischen Materiale wie in der Ausführung, noch vom Judentum
vielleicht nicht gänzlich frei. Auch könnte zweifellos, wer n u r ein

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Deutscher wäre, das Wesen des Deutschtums nie so klar sich zum
Bewußtsein bringen, als Wa g n e r in den »Meistersingern von Nürnberg«
dies vermocht hat.[88] Man denke endlich an jene Seite in Wa g n e r, die zu
F e u e r b a c h, statt zu S c h o p e n h a u e r, sich hingezogen fühlte.
Hier ist keine kleinpsychologische Heruntersetzung des großen
Mannes geplant. Ihm war das Judentum die große Hilfe, um zur klaren
Erkenntnis und Bejahung des anderen Poles in sich zu gelangen, zum
Siegfried und zum Parsifal sich durchzuringen, und dem Germanentum den
höchsten Ausdruck zu geben, den es wohl in der Geschichte gefunden hat.
Noch ein Größerer als Wa g n e r mußte erst das Judentum in sich
überwinden, ehe er die eigene Mission fand; und es ist, vorläufig
gesprochen, v i e l l e i c h t d i e w e l t h i s t o r i s c h e B e d e u t u n g u n d
d a s u n g e h e u e r e Ve r d i e n s t d e s J u d e n t u m s k e i n a n d e r e s ,
als den Arier immerfort zum Bewußtsein seines Selbst
z u b r i n g e n , i h n a n s i c h z u m a h n e n. Dies ist es, was der Arier
dem Juden zu d a n k e n hat; durch ihn weiß er, wovor er sich hüte: v o r
d e m J u d e n t u m a l s M ö g l i c h k e i t i n i h m s e l b e r.
Dieses Beispiel wird hinlänglich verdeutlicht haben, was nach meinem
Ermessen unter dem Judentum zu verstehen ist. Keine Nation und keine
Rasse, keine Konfession und kein Schrifttum. Wenn ich fürder vom Juden
spreche, so meine ich nie den einzelnen und nie eine Gesamtheit, s o n d e r n
den Menschen überhaupt, sofern er Anteil hat an der
p l a t o n i s c h e n I d e e d e s J u d e n t u m s. Und nur die Bedeutung dieser
Idee gilt es mir zu ergründen.
Daß aber diese Untersuchung gerade in einer Psychologie der
Geschlechter geführt werden muß, ist unerläßlich aus Gründen einer
Abgrenzung. Es bereitet jedem, der über beide, über das Weib und über den
Juden, nachgedacht hat, eine eigentümliche Überraschung, wenn er
wahrnimmt, in welchem Maße gerade das Judentum durchtränkt scheint
von jener Weiblichkeit, deren Wesen einstweilen nur im Gegensatze zu
a l l e m Männlichen o h n e U n t e r s c h i e d zu erforschen getrachtet wurde.
Er könnte hier überaus leicht geneigt sein, dem Juden einen größeren Anteil
an der Weiblichkeit zuzuschreiben, als dem Arier, ja am Ende eine
platonische μέθεξις auch des männlichsten Juden am Weibe anzunehmen
sich bewogen fühlen.

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Diese Meinung wäre irrig. Da indes eine Anzahl der wichtigsten
Punkte, solcher Punkte, in denen das tiefste Wesen der Weiblichkeit zum
Ausdruck zu kommen schien, beim Juden sich in einer merkwürdigen
Weise ebenfalls und wie zum zweiten Male finden, ist es unerläßlich,
Übereinstimmung und Abweichung hier genau festzustellen.
Die Konformität will dem ersten Blicke überall sich darbieten, worauf
er sich auch richte; ja die Analogien sehen aus, als wären sie
außergewöhnlich weit verfolgbar: so daß man Bestätigungen früherer
Ergebnisse wie auch manch interessanten neuen Beitrag zum Hauptthema
anzutreffen gewärtig sein darf. Und es scheint ganz beliebig, womit man
hiebei den Anfang macht.
So ist es, um gleich eine Analogie zum Weibe anzuführen, höchst
merkwürdig, wie sehr die Juden die beweglichen Güter bevorzugen — auch
heutzutage, da ihnen der Erwerb anderer frei steht — und wie sie eigentlich,
trotz allem Erwerbssinn, kein Bedürfnis nach dem E i g e n t u m e, am
wenigsten in seiner festesten Form, dem Grundbesitze, haben. Das
Eigent u m steht in einem unauflöslichen Zusammenhang mit der Eigena r t,
mit der Individualität. Hiemit hängt also zusammen, daß die Juden dem
Kommunismus so scharenweise sich zuwenden. Den K o m m u n i s m u s als
Tendenz zur G e m e i n s c h a f t sollte man stets unterscheiden vom
S o z i a l i s m u s als Bestrebung zu gesellschaftlicher K o o p e r a t i o n und
zur Anerkennung der Menschheit in jedem Gliede derselben. Der
Sozialismus ist arisch (O w e n, C a r l y l e, R u s k i n, F i c h t e), der
Kommunismus jüdisch[89] (M a r x). Die moderne Sozialdemokratie hat sich
in ihrem Gedankenkreise darum vom christlichen, präraphaelitischen
Sozialismus so weit entfernt, weil die Juden in ihr eine so große Rolle
spielen. Trotz ihren vergesellschaftenden Neigungen hat die marxistische
Form der Arbeiterbewegung (im Gegensatze zu R o d b e r t u s) gar kein
Verhältnis zur Idee des S t a a t e s, und dies ist sicherlich nur auf das völlige
Unverständnis des Juden für den Staatsgedanken zurückzuführen. Dieser ist
zu wenig ein Greifbares, die Abstraktion, die in ihm liegt, allen konkreten
Zwecken zu weit entrückt, als daß der Jude sich mit ihm inniger befreunden
könnte. Der Staat ist das Ganze aller Zwecke, die nur durch eine
Verbindung vernünftiger Wesen als vernünftiger verwirklicht werden
können. D i e s e k a n t i s c h e Ve r n u n f t a b e r , d e r G e i s t i s t e s ,

Page 380

w o r a n e s d e m J u d e n w i e d e m We i b e v o r a l l e m z u
gebrechen scheint.
Aus jenem Grunde ist aller Zionismus so aussichtslos, obwohl er die
edelsten Regungen unter den Juden gesammelt hat: denn der Zionismus ist
die Negation des Judentums, in welchem, s e i n e r I d e e n a c h, die
Ausbreitung über die ganze Erde liegt. Der Begriff des Bürgers ist dem
Juden vollständig t r a n s c e n d e n t; darum hat es nie im eigentlichen Sinne
des Wortes einen jüdischen S t a a t gegeben, und kann nie einen solchen
geben. In der Staatsidee liegt eine Position, die Hypostasierung der
interindividuellen Zwecke, der Entschluß, einer selbst gegebenen
Rechtsordnung, deren S y m b o l (und nichts anderes) das Staatsoberhaupt
ist, aus freier Wahl beizutreten. Darum ist das Gegenteil des Staates die
Anarchie, mit der gerade der Kommunismus auch heute noch, eben durch
sein Unverständnis für den Staat, verschwistert ist; so sehr auch hievon die
meisten anderen Elemente in der sozialistischen Bewegung abstechen.
Wenn der Staatsgedanke in keiner historischen Form auch nur annähernd
verwirklicht ist, so liegt doch in jedem geschichtlichen Versuche zur
Staatenbildung etwas, vielleicht nur jenes Minimum von ihm, das ein
Gebilde über eine bloße Association zu Geschäfts- und Machtzwecken
erhebt. Die historische Untersuchung, wie ein bestimmter Staat entstanden
sei, sagt nichts über die I d e e, die in ihm liegt, s o w e i t er eben Staat und
nicht Kaserne ist. Um jene zu erfassen, wird man sich bequemen müssen,
der vielgeschmähten R o u s s e a uschen Vertragstheorie wieder mehr
Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Nur das Zusammentreten ethischer
Persönlichkeiten zu gemeinsamen Aufgaben kommt im Staate, sofern er
Staat ist, zum Ausdruck.
Daß der Jude nicht erst seit gestern, sondern mehr oder weniger von
jeher staatfremd ist, deutet bereits daraufhin, d a ß d e m J u d e n w i e
dem We i b e die Persönlichkeit fehlt; was sich
a l l m ä h l i c h i n d e r Ta t h e r a u s s t e l l e n w i r d. Denn nur aus dem
Mangel des intelligiblen Ich kann, wie alle weibliche, so auch die jüdische
Unsoziabilität abzuleiten sein. Die Juden stecken gerne beieinander wie die
Weiber, aber sie v e r k e h r e n nicht miteinander als selbständige,
voneinander geschiedene Wesen, unter dem Zeichen einer überindividuellen
Idee.

Page 381

So wenig wie es in der Wirklichkeit eine »Würde der F r a u e n« gibt,
so unmöglich ist die Vorstellung eines j ü d i s c h e n »gentleman«. Dem
echten Juden gebricht es an jener inneren Vornehmheit, welche Würde des
eigenen und Achtung des fremden Ich zur Folge hat. E s g i b t k e i n e n
j ü d i s c h e n A d e l; und dies ist um so bemerkenswerter, als doch bei den
Juden jahrtausendelange Inzucht besteht.
So erklärt sich denn auch weiter, was man jüdische Arroganz nennt:
aus dem Mangel an B e w u ß t s e i n eines Selbst und dem gewaltsamen
Bedürfnis nach Steigerung des Wertes der Person durch Erniedrigung des
Nebenmenschen; d e n n d e r e c h t e J u d e h a t k e i n I c h u n d
darum auch keinen E i g e n w e r t. Daher, trotz seiner
Inkommensurabilität mit allem Aristokratischen, seine weibische Titelsucht,
die nur auf einer Linie steht mit seiner Protzerei, deren Objekte die Loge im
Theater oder die modernen Gemälde in seinem Salon, seine christliche
Bekanntschaft oder sein Wissen sein können. Aber zugleich ist die jüdische
Verständnislosigkeit für alles Aristokratische erst hierin eigentlich
begründet. Der Arier hat ein Bedürfnis zu wissen, wer s e i n e Ahnen waren;
er achtet sie und interessiert sich für sie, w e i l s i e s e i n e A h n e n
w a r e n; und er schätzt sie, weil er die eigene Vergangenheit immer höher
hält als der schnell sich verwandelnde Jude, der pietätlos ist, weil er dem
Leben keinen Wert spenden kann. Ihm fehlt jener Ahnenstolz vollständig,
den selbst der ärmste, plebejischeste Arier noch in einem gewissen Grade
besitzt; er ehrt nicht, wie dieser, seine Vorfahren, weil sie s e i n e Vorfahren
sind, er ehrt nicht in ihnen s i c h s e l b s t. Der Einwand ginge fehl, der sich
auf den außerordentlichen Umfang und die Kraft der jüdischen Tradition
beriefe. Die Geschichte seines Volkes ist hier dem Nachfahren, auch
demjenigen, welchem sie viel zu bedeuten scheint, nicht die Summe des
Einstmaligen, Gewesenen, sondern stets nur der Quell, aus dem er neue
Hoffnungsträume saugt: die Ve r g a n g e n h e i t des Juden ist nicht wirklich
seine Vergangenheit, sie ist immer nur seine Z u k u n f t. — —
Man hat die Mängel des Judentums oft genug, nicht allein
jüdischerseits, auf die brutale Unterdrückung und Knechtung zurückführen
wollen, welche die Juden im ganzen Mittelalter bis ins XIX. Jahrhundert
erfahren hätten. Den Sklavensinn habe im Juden erst der Arier gezüchtet;
und es gibt nicht wenige Christen, welche den Juden in dieser Weise
ernstlich als ihre Schuld empfinden. Doch diese Gesinnung geht zu weit im

Page 382

Selbstvorwurf: es ist unzulässig, von Veränderungen zu sprechen, welche
durch Einflüsse von a u ß e n im Laufe der Generationen i m Menschen
bewirkt worden seien, o h n e daß in diesem selber der äußeren Gelegenheit
etwas entgegengekommen sei und ihr willig die Hand gereicht habe. Noch
ist nicht bewiesen, daß es eine Vererbung e r w o r b e n e r Eigenschaften
gibt, und sicherer als bei den anderen Lebewesen bleibt, trotz aller
Scheinanpassungen, beim M e n s c h e n der Charakter des einzelnen wie der
Rasse konstant. Nur die seichteste Oberflächlichkeit kann glauben, daß der
Mensch durch seine Umgebung gebildet werde, ja es ist beschämend, an die
Bekämpfung einer solchen, jeder freien Einsicht den Atem raubenden
Anschauung auch nur eine Zeile wenden zu sollen. Wenn sich der Mensch
ändert, so kann es nur von innen nach außen geschehen; oder es ist, wie
beim Weibe, nie ein Wirkliches da, also das Nichts-Sein das ewig
Gleichbleibende. Wie kann man übrigens an eine historische Erzeugung des
Juden denken, da doch bereits das alte Testament sichtlich zustimmend
davon spricht, wie J a k o b, der Patriarch, seinen sterbenden Vater I s a a k
belogen, seinen Bruder E s a u und seinen Schwieger L a b a n übervorteilt
hat?
M i t R e c h t aber wird von den Verteidigern der Juden geltend
gemacht, daß diese, auch dem Prozentsatze nach, seltener schwere
Verbrechen begehen als die Arier. Der Jude ist nicht eigentlich
a n t imoralisch. Aber es müßte wohl hinzugefügt werden, daß er auch nicht
den höchsten ethischen Typus vorstellt. Er ist vielmehr relativ amoralisch,
nie sehr gut, noch je sehr böse, im Grunde keines von beiden, und eher
g e m e i n. D a h e r f e h l t d e m J u d e n t u m , w i e d i e K o n z e p t i o n
d e r E n g e l , a u c h d e r B e g r i f f d e s Te u f e l s, die Personifikation
des Guten nicht minder als die des Bösen. Durch den Hinweis auf das Buch
Hiob, die Belialgestalt und den Eden-Mythus wird diese Behauptung nicht
entkräftet. Zwar liegen jene modernen quellenkritischen Streitfragen, die
Echtes und Entlehntes hier zu scheiden bemüht sind, auf einem Wege, den
zu betreten ich mich nicht berufen fühle; was ich aber wohl weiß, ist dies,
daß im psychischen Leben des heutigen Juden, sei er nun »aufgeklärt« oder
sei er »orthodox«, weder ein teuflisches noch irgend ein engelhaftes
Prinzip, weder Himmel noch Hölle auch nur die geringste religiöse Rolle
spielen. — Wenn also der Jude nie die höchste sittliche Höhe erreicht, so
wird doch auch sicherlich Mord und Gewalttat von ihm viel seltener verübt

Page 383

als vom Arier; und hieraus wird eben das Fehlen jeder Furcht vor einem
diabolischen Prinzipe erst völlig verständlich.
Kaum minder oft als die Fürsprecher der J u d e n berufen sich die
Anwälte der F r a u e n auf deren geringere Kriminalität als auf den Beweis
ihrer vollendeteren Sittlichkeit. Die Homologie zwischen beiden scheint
immer vollständiger zu werden. Es gibt keinen weiblichen Teufel, so wenig
es einen weiblichen Engel gibt: nur die Liebe, jene trotzige Verneinung der
Wirklichkeit, kann den Mann im Weibe ein himmlisches Wesen erblicken
lassen, nur blinder Haß es für verderbt und schurkenhaft erklären. Wa s
d e m We i b e w i e d e m J u d e n v i e l m e h r d u r c h a u s a b g e h t ,
d a s i s t G r ö ß e, Größe in irgend welcher Hinsicht, überragende Sieger
im Moralischen, großzügige Diener des Antimoralischen. Im arischen
Manne sind das gute und das böse Prinzip der k a n t i s c h e n
Religionsphilosophie b e i d e beisammen und doch am
w e i t e s t e n a u s e i n a n d e r g e t r e t e n, um ihn streiten sein guter und sein
böser Dämon. Im Juden sind, fast wie im Weibe, Gut und Böse noch nicht
voneinander differenziert; es gibt zwar keinen jüdischen Mörder, doch es
gibt auch keinen jüdischen Heiligen. Und so wird es wohl richtig sein, daß
die wenigen Elemente des Teufelsglaubens in der jüdischen Überlieferung
aus dem Parsismus und aus Babylon stammen.
Die Juden leben sonach nicht als freie, selbstherrliche, zwischen
Tugend und Laster wählende Individualitäten wie die Arier. Diese stellt sich
ein jeder ganz unwillkürlich vor w i e e i n e S c h a r e i n z e l n e r
M ä n n e r, jene wie ein, über eine weite Fläche ausgebreitetes,
zusammenhängendes Plasmodium. Der Antisemitismus hat daraus oft
fälschlich ein hartnäckiges bewußtes Zusammenhalten gemacht, und von
der »jüdischen Solidarität« gesprochen. Das ist eine leicht begreifliche
Verwechslung verschiedener Dinge. Wenn gegen irgend einen
Unbekannten, welcher dem Judentum angehört, eine Beschuldigung
erhoben wird, und nun alle Juden innerlich für den Betreffenden sich
einsetzen, seine Unschuld wünschen, hoffen, und zu erweisen suchen: s o
glaube man nur ja nicht, daß der betreffende Mensch
als einzelner Jude sie irgendwie interessiere, sein
individuelles Schicksal, weil es das eines Juden ist,
mehr Mitleid bei ihnen erwecke als das eines ungerecht
v e r f o l g t e n A r i e r s. Dies ist keineswegs der Fall. N u r d a s

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gefährdete Judentum, die Befürchtung, es könnte auf
die Gesamtheit der Judenschaft, besser: auf das
Jüdische überhaupt, auf die Idee des Judentums ein
schädlicher Schatten fallen, führt zu jenen
E r s c h e i n u n g e n u n w i l l k ü r l i c h e r P a r t e i n a h m e . Es ist ganz so,
wie wenn die Weiber jede einzelne Angehörige ihres Geschlechtes mit
Wonne heruntersetzen hören, und selbst erniedrigen helfen, falls nur auf das
Weib kein schlechtes Licht hiedurch geworfen werde: wenn nur kein Mann
sich hiedurch abschrecken läßt, ü b e r h a u p t nach Frauen zu verlangen,
wofern nur niemand an der »Liebe« irre, sondern weiter geheiratet wird,
und nicht die alten Junggesellen sich vermehren. Nur die G a t t u n g wird
verteidigt, nur das G e s c h l e c h t, beziehungsweise die R a s s e geschützt,
nicht das I n d i v i d u u m; dieses kommt nur insoferne in Betracht, als es
Angehöriger der Gruppe ist. D e r e c h t e J u d e w i e d a s e c h t e
We i b , s i e l e b e n b e i d e n u r i n d e r G a t t u n g , n i c h t a l s
I n d i v i d u a l i t ä t e n .[90]
Hieraus erklärt es sich, daß die F a m i l i e (als biologischer, nicht als
rechtlicher Komplex) bei keinem Volk der Welt eine so große Rolle spielt,
wie bei den Juden; nächstdem bei den mit ihnen, wie sich zeigen wird,
entfernt verwandten Engländern. Die Familie in diesem Sinne ist eben
weiblichen, mütterlichen Ursprungs, und hat mit dem Staate, mit der
Gesellschaftsbildung nichts zu tun. Die Zusammengehörigkeit der
Familienmitglieder, nur als eine Folge des gemeinsamen Dunstkreises, ist
am engsten bei den Juden. Jedem indogermanischen Manne, dem
begabteren stets mehr als dem mittelmäßigen, aber auch dem
gewöhnlichsten noch, ist dies eigen, daß er sich mit seinem Va t e r nie
völlig verträgt: weil ein jeder einen, wenn auch noch so leisen, unbewußten
oder bewußt gewordenen Z o r n auf denjenigen Menschen empfindet, der
ihn, ohne ihn zu fragen, zum Leben genötigt und ihm den Namen gegeben
hat, der ihm bei der Geburt gutdünkte; von dem er zumindest hierin
a b h ä n g i g gewesen ist, und der, auch nach jeder tieferen metaphysischen
Anschauung, doch immer als in einem Z u s a m m e n h a n g e damit stehend
betrachtet werden muß, daß der Sohn selbst in das Erdenleben wollte. Nur
unter Juden kommt es vor, daß der Sohn ganz tief in der Familie
d a r i n n e n s t e c k t, und mit dem Vater in gemeiner Gemeinschaft sich
wohl fühlt; fast nur unter Christen, daß Vater und Sohn wie Freund und
Freund miteinander verkehren. Ja sogar die Töchter der Arier stehen noch

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immer eher außerhalb der Familie als die Jüdinnen, und öfter als diese
ergreifen sie einen Beruf, der sie von Verwandten und Eltern entfernt und
unabhängig macht.
Auch ist hier die Probe auf die Ausführungen des vorigen Kapitels zu
machen, welche das unindividuelle, vom anderen Menschen nicht durch die
Grenzen des Einsamen geschiedene Leben als eine unerläßliche
Voraussetzung der Kuppelei ansahen (S. 385). Männer, die kuppeln, haben
immer Judentum in sich; u n d d a m i t i s t d e r P u n k t d e r
s t ä r k s t e n Ü b e r e i n s t i m m u n g z w i s c h e n We i b l i c h k e i t u n d
J u d e n t u m e r r e i c h t. Der Jude ist stets lüsterner, geiler, wenn auch
merkwürdigerweise, vielleicht im Zusammenhange mit seiner nicht
eigentlich a n t imoralischen Natur, sexuell weniger potent als der arische
Mann. Nur Juden sind echte Heiratsvermittler, und nirgends erfreut sich
Ehevermittlung durch Männer einer so ausgedehnten Verbreitung wie unter
den Juden. Freilich ist eine Tätigkeit nach dieser Richtung hier dringender
als sonst vonnöten; denn es gibt, wessen schon einmal gedacht wurde (Teil
I, S. 51), kein Volk der Welt, in dem so wenig aus Liebe geheiratet würde
wie unter ihnen: ein Beweis, mehr für die Seelenlosigkeit des absoluten
Juden.
Daß die Kuppelei eine organische Veranlagung im Juden ist, wird auch
durch das Unverständnis des Juden für alle Askese nahe gelegt; aber
erhärtet dadurch, daß die jüdischen Rabbinen es lieben, besonders
eingehend über das Fortpflanzungsgeschäft zu spekulieren, und eine
mündliche Tradition im Zusammenhange mit der Kinderzeugung pflegen;
wie dies von den Obersten eines Volkes, dessen sittliche Hauptaufgabe,
nach seiner Überlieferung wenigstens, es sein muß, »sich zu mehren«,
kaum anders erwartet werden kann.
Kuppelei ist schließlich Grenzverwischung: u n d d e r J u d e i s t
d e r G r e n z v e r w i s c h e r κ α τ ' ε ξ ο χ ή ν. Er ist der Gegenpol des
Aristokraten; das Prinzip alles Aristokratismus ist strengste Wa h r u n g aller
G r e n z e n zwischen den Menschen. Der Jude ist geborener Kommunist,
und immer will er die Gemeinschaft. Die Formlosigkeit des Juden im
Verkehr, sein Mangel an gesellschaftlichem Takte gehen hierauf zurück.
Alle Umgangsformen sind nur die feinen Mittel, um die Grenzen der
persönlichen Monaden zu betonen und zu schützen; der Jude aber ist nicht
Monadologe.

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Ich betone nochmals, obwohl es selbstverständlich sein sollte: trotz der
abträglichen Wertung des echten Juden kann nichts mir weniger in den Sinn
kommen, als durch diese oder die noch folgenden Bemerkungen einer
theoretischen oder gar einer praktischen Judenverfolgung in die Hände
arbeiten zu wollen. Ich spreche über das Judentum als platonische Idee —
es gibt einen absoluten Juden so wenig als es einen
a b s o l u t e n C h r i s t e n g i b t — ich spreche nicht von den einzelnen
Juden, von denen ich so vielen nur höchst ungern wehe getan haben wollte,
und deren manchem bitteres Unrecht geschehen würde, wenn das Gesagte
auf ihn sollte angewendet werden. Losungen wie »Kauft nur bei Christen«
sind j ü d i s c h, denn sie betrachten und werten das Individuum nur als
Gattungsangehörigen; ähnlich wie der jüdische Begriff des »Goy« jeden
Christen einfach als solchen bezeichnet und auch schon subsumiert.
Nicht also der Boykott, und nicht etwa die Austreibung der Juden oder
ihre Fernhaltung von Amt und Würde ist hier befürwortet. Durch solche
Mittel ist die Judenfrage nicht lösbar, denn sie liegen nicht auf dem Wege
der Sittlichkeit. Aber auch der »Zionismus« ist ihr nicht gewachsen. Er will
die Juden sammeln, die, wie H. S. C h a m b e r l a i n nachweist, längst vor
der Zerstörung des jerusalemitischen Tempels zum Teile die Diaspora als
ihr natürliches Leben, das Leben des über die ganze Erde fortkriechenden,
die Individuation ewig hintertreibenden Wurzelstockes gewählt hatten, er
will etwas U njüdisches. D i e J u d e n m ü ß t e n e r s t d a s J u d e n t u m
überwunden haben, ehe sie für den Zionismus reif
würden.
Zu diesem Behuf aber wäre vor allem geboten, daß
die Juden sich selbst verstehen, daß sie sich kennen
lernen und gegen sich kämpfen, innerlich das Judentum
i n s i c h b e s i e g e n w o l l t e n . Bis heute aber kennen sich die Juden nur
so weit, daß sie Witze über sich machen und verständnisvoll goutieren —
nicht weiter. U n b e w u ß t nur achtet jeder Jude den Arier höher als sich
selbst. Erst die feste und unerschütterliche Entschlossenheit, die höchste
Selbstachtung sich zu ermöglichen, könnte den Juden vom Judentume
befreien. Dieser Entschluß ist aber nur vom Individuum, nicht von einer
Gruppe, und sei sie noch so stark, noch so ehrenhaft, zu fassen und
auszuführen. Darum kann die Judenfrage nur i n d i v i d u e l l gelöst werden,

Page 387

jeder einzelne Jude muß sie für seine Person zu
b e a n t w o r t e n s u c h e n.
Es gibt keine andere Lösung der Frage und kann keine andere geben;
dem Zionismus wird sie nie gelingen.
Der Jude freilich, der überwunden hätte, der Jude, der Christ geworden
wäre, besäße dann allerdings auch das volle Recht, vom Arier als einzelner
genommen, und nicht nach einer Rassenangehörigkeit mehr beurteilt zu
werden, über die ihn sein moralisches Streben längst hinausgehoben hätte.
Er mag unbesorgt sein: seinem gegründeten Anspruch wird niemand sich
widersetzen wollen. Der höher stehende Arier hat immer das Bedürfnis den
Juden zu achten, sein Antisemitismus ist ihm keine Freude und kein
Zeitvertreib. Darum liebt er es nicht, wenn der Jude über den Juden
Bekenntnisse ablegt; und wer es dennoch tut, kann, von seiner Seite fast
noch weniger als von der stets so überaus empfindlichen Judenschaft,
irgend Dank sich erhoffen. Zu allerletzt wünscht gerade der Arier, daß der
Jude dem Antisemitismus durch die Taufe recht gebe. Aber auch diese
Gefahr der äußersten Verkennung seines ehrlichsten Strebens darf den
Juden, der die i n n e r l i c h e Befreiung will, nicht bekümmern. Er wird
darauf verzichten müssen, das Unmögliche zu leisten, sich als J u d e zu
schätzen, wie es der Arier von ihm haben will, und danach trachten, sich als
M e n s c h ehren zu dürfen. Er wird die seelische Taufe des Geistes zu
erreichen verlangen, welcher die äußerliche des Körpers symbolisch nur
immer dann folgen mag.
Die dem Juden so wichtige und so nötige Erkenntnis dessen, w a s
d a s J ü d i s c h e u n d d a s J u d e n t u m e i g e n t l i c h i s t, wäre die
Lösung eines der schwierigsten Probleme; das Judentum ist ein viel tieferes
Rätsel, als wohl mancher Antisemiten-Katechismus glaubt, und im letzten
Grunde wird es einer gewissen Dunkelheit wohl nie weit entzogen werden.
Auch die Parallele mit dem Weibe wird uns nun bald verlassen; einstweilen
vermag sie noch weiterzuhelfen.
Im Christen liegen Stolz und Demut, im Juden Hochmut und
Kriecherei miteinander im Kampf; in jenem Selbstbewußtsein und
Zerknirschung, in diesem Arroganz und Devotion. Mit dem völligen
Mangel des Juden an Demut hängt sein Unverständnis für die Idee der
Gnade zusammen. Aus seiner knechtischen Veranlagung entspringt seine

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heteronome Ethik, der Dekalog, das unmoralischeste Gesetzbuch der Welt,
welches für die gehorsame Befolgung eines mächtigen f r e m d e n Willens
das Wohlergehen auf E r d e n in Aussicht stellt und die Eroberung der Welt
verheißt. Das Verhältnis zum Jehovah, dem a b s t r a k t e n Götzen, vor dem
er die Angst des S k l a v e n hat, dessen Namen er nicht einmal
a u s z u s p r e c h e n wagt, charakterisiert den Juden analog dem Weibe als
einer fremden Herrschaft über sich bedürftig. S c h o p e n h a u e r definiert
einmal: »Das Wort Gott bedeutet einen Menschen, der die Welt gemacht
hat.« Für den Gott der Juden trifft dies allerdings zu. Von dem Göttlichen
i m Menschen, dem »Gott, der mir im Busen wohnt,« weiß der echte Jude
nichts; dem, was C h r i s t u s und P l a t o, E c k h a r d und P a u l u s, G o e t h e
und K a n t, was von den v e d i s c h e n P r i e s t e r n bis auf F e c h n e r s
herrliche Schlußverse aus den »Drei Motiven und Gründen des Glaubens«
jeder Arier unter dem Göttlichen gemeint hat, dem Worte »Ich werde bei
euch sein alle Tage bis an der Welt Ende«: all dem steht er verständnislos
gegenüber. Denn was im Menschen von Gott ist, das ist des Menschen
Seele; d e r a b s o l u t e J u d e a b e r i s t s e e l e n l o s.
So kann es denn gar nicht anders sein, als daß dem
a l t e n Te s t a m e n t e d e r U n s t e r b l i c h k e i t s g l a u b e f e h l t . We r
keine Seele hat, wie sollte der nach ihrer
U n s t e r b l i c h k e i t e i n B e d ü r f n i s h a b e n ? Ebenso wie den Frauen
fehlt den Juden, und zwar ganz allgemein, das
U n s t e r b l i c h k e i t s b e d ü r f n i s: »Anima naturaliter christiana« — so
sagt Te r t u l l i a n.
Aus dem nämlichen Grunde aber gibt es unter den Juden —
H. S. C h a m b e r l a i n hat das richtig erkannt — auch keine eigentliche
Mystik, außer einer wüsten Superstitio und Interpretationsmagie, »die
Kabbâla« genannt. Der jüdische Monotheismus hat mit echtem Glauben an
Gott nichts, gar nichts zu tun, er ist vielmehr seine Negation, der
»Afterdienst« des wahren Dienstes unter dem guten Prinzipe, die
Homonymität des Judengottes und des Christengottes die ärgste
Verhöhnung des letzteren. Hier ist keine Religion aus reiner Vernunft; eher
ein Altweiberglaube aus schmutziger Angst.
Warum wird aber aus dem orthodoxen Jehovah-Knecht so rasch und
leicht ein Materialist, ein »Freigeist«? Warum ist das L e s s i n gsche Wort
vom »Aufkläricht«, trotz der Einrede des wohl nicht ohne guten Grund

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antisemitischen D ü h r i n g, wie auf das Judentum gemünzt? Hier ist der
S k l a v e n s i n n gewichen und hat seiner steten Kehrseite, der F r e c h h e i t,
Platz gemacht: beide sind wechselnde Phasen eines und desselben Wollens
im nämlichen Menschen. Die A r r o g a n z d e n D i n g e n g e g e n ü b e r,
die nicht als Symbole eines Tieferen empfunden oder auch nur dunkel
geahnt werden, der Mangel an »verecundia« auch vor dem Naturgeschehen,
das führt zur jüdischen, materialistischen Form der Wissenschaft, wie sie
leider heute eine gewisse Herrschaft erlangt hat, und intolerant gegen alle
Philosophie geworden ist. Wenn man, wie es notwendig und allein richtig
ist, das Judentum als eine I d e e betrachtet, an der auch der Arier mehr oder
weniger A n t e i l haben kann, dann wird wenig dagegen einzuwenden sein,
wenn man an die Stelle der »G e s c h i c h t e d e s M a t e r i a l i s m u s«
lieber ein »We s e n d e s J u d e n t u m s« gesetzt wissen will. »Das
Judentum in der Musik« hat Wa g n e r besprochen; vom J u d e n t u m i n
d e r W i s s e n s c h a f t ist hier noch einiges zu sagen.
Judentum im weitesten Sinne ist jene Richtung in der Wissenschaft,
welcher diese vor allem M i t t e l z u m Z w e c k ist, alles Transcendente
auszuschließen. Der Arier empfindet das Bestreben, a l l e s begreifen und
ableiten zu wollen, als eine Entwertung der Welt, denn er fühlt, daß gerade
das Unerforschliche es ist, das dem Dasein seinen Wert verleiht. Der Jude
hat keine Scheu vor Geheimnissen, weil er nirgends welche ahnt. Sein
Bestreben ist es, die Welt möglichst platt und gewöhnlich zu sehen, nicht
um durch Klarheit dem ewig Dunklen sein ewiges Recht erst zu sichern,
sondern um eine öde Selbstverständlichkeit des Alls zu erzeugen und die
Dinge aus dem Wege zu räumen, welche einer freien Bewegung seiner
Ellbogen auch im Geistigen entgegenstehen. Die a n t iphilosophische (nicht
die aphilosophische) Wissenschaft ist im Grunde jüdisch.
Auch sind die Juden stets, eben weil ihre Gottesverehrung mit wahrer
Religion gar keine Verwandtschaft hat, der mechanistisch-materialistischen
Anschauung der Welt am wenigsten abhold gewesen; wie s i e am eifrigsten
den D a r w i n i s m u s und die lächerliche Theorie von der
Affenabstammung des Menschen aufgriffen, so wurden sie beinahe
schöpferisch als Begründer jener ö k o n o m i s c h e n Auffassung der
menschlichen Geschichte, welche den Geist aus der Entwicklung des
Menschengeschlechtes am vollständigsten streicht. Früher die

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enragiertesten Anhänger B ü c h n e r s, sind sie jetzt die begeistertsten
Vorkämpfer O s t w a l d s.
Es ist auch kein Zufall, daß die C h e m i e heutzutage in so weitem
Umfang in den Händen der Juden sich befindet, wie einst in den Händen
der stammesverwandten Araber. Das Aufgehen in der Materie, das
Bedürfnis, alles in ihr aufgehen zu lassen, setzt den Mangel eines
intelligiblen Ich voraus, ist also wesentlich jüdisch.
»O c u r a s C h y m i c o r u m ! o q u a n t u m i n p u l v e r e i n a n e !«
Dieser Hexameter ist freilich von dem d e u t s c h e s t e n Forscher aller
Zeiten: der ihn gedichtet hat, heißt Johannes K e p l e r.[91]
Es hängt mit dem Einflusse jüdischen Geistes auch sicherlich
zusammen, daß die Medizin, welcher die Juden so scharenweise sich
zuwenden, ihre heutige Entwicklung genommen hat. Stets, von den Wilden
bis zur heutigen Naturheilbewegung, von der sich die Juden
bezeichnenderweise gänzlich ferngehalten haben, hatte alle Heilkunst etwas
Religiöses, war der Medizinmann der Priester. Die bloß c h e m i s c h e
Richtung in der Heilkunde — das ist das Judentum. Sicherlich aber wird
niemals das Organische aus dem Unorganischen, sondern höchstens dieses
aus jenem zu erklären sein. Es ist kein Zweifel, daß F e c h n e r und P r e y e r
recht haben, die das Tote aus dem Lebenden, und nicht umgekehrt,
entstanden sein lassen. Was wir täglich im i n d i v i d u e l l e n Leben vor sich
gehen sehen: daß Organisches zu Anorganischem wird (schon durch die
Verknöcherung und Verkalkung im Alter, die senile Arteriosklerose und
Atheromatose, wird der Tod vorbereitet); indes noch niemand, aus Totem
Lebendes hat erstehen sehen — das sollte, im Sinne des »biogenetischen«
Parallelismus zwischen Ontogenie und Phylogenie, auch auf die
G e s a m t h e i t der anorganischen Materie angewendet werden. Hat die
Lehre von der Urzeugung von S w a m m e r d a m bis P a s t e u r so viele
Posten nacheinander aufgeben müssen, so wird sie auch ihren letzten Halt,
den sie im monistischen Bedürfnis so vieler zu haben scheint, fahren lassen,
wenn dieses anders und besser wird befriedigt werden können. Die
Gleichungen für das tote Geschehen werden sich vielleicht einmal durch
Einsetzung bestimmter Zeitwerte als G r e n zfälle der Gleichungen des
lebendigen Geschehens ergeben, nie umgekehrt das Lebende durch das Tote
darstellbar sein. Die H o m u n c u l u s - B e s t r e b u n g e n sind F a u s t fremd,

Page 391

G o e t h e hat sie nicht ohne Grund für Wa g n e r, den Famulus, reserviert.
Mit der Chemie ist wahrhaftig nur den Exkrementen des Lebendigen
beizukommen; ist doch das Tote selbst nur ein Exkret des Lebens. Die
chemische Anschauungsweise setzt den Organismus auf eine Stufe mit
seinen Auswürfen und Abscheidungen. Wie anders sollten Erscheinungen
zu erklären sein gleich dem Glauben eines Menschen, durch Ernährung mit
mehr oder weniger Zucker das Geschlecht des werdenden Kindes
beeinflussen zu können? Das u n k e u s c h e A n p a c k e n jener Dinge, die
der Arier im Grunde seiner Seele immer als S c h i c k u n g empfindet, ist erst
durch den Juden in die Naturwissenschaft gekommen. Die Zeit jener
tiefreligiösen Forscher, für die ihr Objekt stets an einer übersinnlichen
Dignität einen, wenn auch noch so geringen, Anteil hatte, für die es
Geheimnisse gab, die vom Staunen kaum je sich erholten über das, was sie
zu entdecken sich b e g n a d e t fühlten, die Zeit eines K o p e r n i k u s und
G a l i l e i, eines K e p l e r und E u l e r, N e w t o n und L i n n é, L a m a r c k
und F a r a d a y, Konrad S p r e n g e l und C u v i e r scheint vorüber. Die
heutigen Freigeister, die, weil sie vom Geiste frei sind, an keine immanente
Offenbarung eines Höheren im Naturganzen mehr zu glauben vermögen,
sind, vielleicht eben darum, auch in ihrem besonderen wissenschaftlichen
Fache nicht imstande, jene Männer wirklich zu ersetzen und zu erreichen.
Aus diesem M a n g e l a n T i e f e wird auch klar, weshalb die Juden
keine ganz großen Männer hervorbringen können, w e s h a l b d e m
J u d e n t u m, wie dem Weibe, d i e h ö c h s t e G e n i a l i t ä t v e r s a g t i s t.
Der hervorragendste Jude der letzten neunzehnhundert Jahre, an dessen rein
semitischer Abkunft zu zweifeln kein Grund vorliegt, und der sicherlich viel
mehr Bedeutung besitzt als der, fast jeder G r ö ß e entbehrende, Dichter
H e i n e oder der originelle, aber keineswegs tiefe Maler I s r a e l s, ist der
Philosoph S p i n o z a. Die allgemein übliche ungeheure Überschätzung auch
des letzteren geht weniger auf Vertiefung in seine Werke und ein Studium
derselben, als auf den zufälligen Umstand zurück, daß er der einzige
Denker ist, den G o e t h e eingehender gelesen hat.
Für S p i n o z a selbst gab es eigentlich keine P r o b l e m e: darin zeigt
er sich als echter Jude; sonst hätte er nicht jene »mathematische Methode«
wählen können, die wie darauf berechnet ist, alles s e l b s t v e r s t ä n d l i c h
erscheinen zu lassen. Spinozas System war sein Schutzbau, in den er sich
darum zurückzog, weil niemand so sehr wie er gemieden hat über sich

Page 392

nachzudenken; darum konnte es für denjenigen Menschen, der wohl am
meisten, und schmerzvoller als alle anderen, über sich nachgedacht hat,
darum konnte es für G o e t h e eine Beruhigung und Erholung werden. Denn
der wahrhaft bedeutende Mensch denkt, über was immer er denke, im
Grunde doch immer nur über sich selbst nach. Und so gewiß H e g e l im
Unrecht war, die logische Opposition wie eine reale Repugnanz zu
behandeln, so gewiß geht doch auch das trockenste l o g i s c h e P r o b l e m
beim t i e f e r e n Denker p s y c h o l o g i s c h auf einen mächtigen i n n e r e n
K o n f l i k t zurück. Spinozas System, in seinem voraussetzungslosen
Monismus und Optimismus, in seiner vollkommenen Harmonie, die Goethe
so hygienisch empfand, ist unleugbar keine Philosophie eines Gewaltigen:
sie ist die Absperrung eines die Idylle suchenden, und ihrer doch nicht
wirklich fähigen, weil gänzlich humorlosen Unglücklichen.
Die Echtheit seines Judentums erweist Spinoza mehrfach, und läßt
deutlich die Grenzen sichtbar werden, welche rein jüdischem Geiste immer
gezogen sind: ich meine hier weniger sein Unverständnis für den
Staatsgedanken und seine Anhängerschaft an den H o b b e sschen »Krieg
aller gegen alle« als angeblichen Urzustand der Menschheit. Was den
relativen Tiefstand seiner philosophischen Anschauungen bezeugt, ist
vielmehr sein völliges Unverständnis für die W i l l e n s f r e i h e i t — der
Jude ist stets Sklave und also Determinist — und am meisten dies, daß für
ihn, als e c h t e n J u d e n, die Individuen nur Accidenzen, nicht Substanzen,
nur nicht-wirkliche Modi einer allein wirklichen, aller Individuation
fremden unendlichen Substanz sind. Der Jude ist nicht Monadolog. Darum
gibt es keinen tieferen Gegensatz als den zwischen S p i n o z a und seinem
weit bedeutenderen und universelleren Zeitgenossen L e i b n i z, dem
Vertreter der M o n a d e n-Lehre, und deren noch weit größerem Schöpfer
B r u n o, dessen Ähnlichkeit mit Spinoza eine oberflächliche Anschauung in
einer ans Groteske streifenden Weise übertrieben hat.[92]
Wie das »Radikal-Gute« und das »Radikal-Böse«, so fehlt aber dem
Juden (u n d d e m We i b e) m i t d e m G e n i e auch das R a d i k a l -
D u m m e in der menschlichen, männlichen Natur. Die spezifische Art der
Intelligenz, die dem Juden wie dem Weibe nachgerühmt wird, ist freilich
einerseits nur g r ö ß e r e Wa c h s a m k e i t ihres größeren
E g o i s m u s; anderseits beruht sie auf der unendlichen Anpassungsfähigkeit
beider an alle beliebigen äußeren Zwecke ohne Unterschied: w e i l s i e

Page 393

k e i n e n u r w ü c h s i g e n M a ß s t a b d e s We r t e s , k e i n R e i c h
d e r Z w e c k e i n d e r e i g e n e n B r u s t t r a g e n. Dafür haben sie
ungetrübtere natürliche Instinkte, welche dem arischen Manne nicht in
gleicher Weise zurückkehren, um ihm weiterzuhelfen, wenn ihn das
Übersinnliche in seiner Intelligenz verlassen hat.
Hier ist auch der Ort, der seit Richard Wa g n e r oft hervorgehobenen
Ähnlichkeit des Engländers mit dem Juden zu gedenken. Denn sicherlich
haben unter allen Germanen sie am ehesten eine gewisse Verwandtschaft
mit den Semiten. Ihre Orthodoxie, ihre streng wörtliche Auslegung der
Sabbatruhe weist darauf hin. Es ist in der Religiosität der Engländer nicht
selten Scheinheiligkeit, in ihrer Askese nicht wenig Prüderie gelegen. Auch
sind sie, wie die Frauen, weder durch Musik noch durch Religion je
produktiv gewesen: es mag irreligiöse Dichter geben — s e h r große
Künstler können es nicht sein — aber es gibt keinen irreligiösen Musiker.
Und es hängt hiemit auch zusammen, warum die Engländer keinen
bedeutenden Architekten, und nie einen hervorragenden Philosophen
hervorgebracht haben. B e r k e l e y ist wie S w i f t und S t e r n e ein I r e,
E r i g e n a, C a r l y l e und H a m i l t o n, ebenso wie B u r n s, sind
S c h o t t e n. S h a k e s p e a r e und S h e l l e y, die zwei größten Engländer,
bezeichnen noch lange nicht die Gipfel der Menschheit, sie reichen auch
nicht entfernt hinan an D a n t e, oder an A i s c h y l o s. Und wenn wir nun
die englischen »Philosophen« betrachten, so sehen wir, wie von ihnen seit
dem Mittelalter stets die Reaktion gegen alle Tiefe ausgegangen ist: von
W i l h e l m v o n O c c a m und D u n s S c o t u s angefangen, über R o g e r
B a c o und seinen N a m e n s v e t t e r d e n K a n z l e r, den Spinoza so
geistesverwandten H o b b e s und den seichten L o c k e, bis zu H a r t l e y,
P r i e s t l e y, B e n t h a m, den beiden M i l l, L e w e s, H u x l e y, S p e n c e r.
Damit sind aber aus der Geschichte der englischen Philosophie die
wichtigsten Namen auch schon aufgezählt; denn Adam S m i t h und David
H u m e waren Schotten. Ve r g e s s e n w i r n i e m a l s , d a ß u n s a u s
E n g l a n d d i e s e e l e n l o s e P s y c h o l o g i e g e k o m m e n i s t ! Der
Engländer hat dem Deutschen als tüchtiger Empiriker, als Realpolitiker im
Praktischen wie im Theoretischen imponiert, aber damit ist seine
Wichtigkeit für die Philosophie auch erschöpft. Es hat noch nie einen
tieferen Denker gegeben, der beim Empirismus stehen geblieben ist; und
noch nie einen Engländer, der über ihn selbständig hinausgekommen wäre.

Page 394

Dennoch darf man den Engländer nicht mit dem Juden verwechseln.
Im Engländer ist viel mehr Transcendentes als im Juden, nur ist sein Sinn
mehr vom Transcendenten aufs Empirische, als vom Empirischen aufs
Transcendente gerichtet. Sonst wäre er nicht so h u m o r v o l l, wie er es ist,
indes dem Juden der Humor fehlt, indem dieser vielmehr selbst, nach der
Sexualität, das ergiebigste Objekt alles Witzes ist.
Ich weiß wohl, ein wie schwieriges Problem das Lachen und der
Humor ist; so schwierig wie alles, was nur menschlich und nicht auch
tierisch ist, so schwierig, daß S c h o p e n h a u e r gar nichts Rechtes, und
selbst J e a n P a u l nichts ganz Befriedigendes über den Gegenstand zu
sagen weiß. Im Humor liegt zunächst vielerlei: für manche Menschen
scheint er eine feinere Form des Mitleids mit anderen oder mit sich selbst
zu bedeuten; aber damit ist nichts ausgesprochen, was gerade für den
Humor ausschließlich charakteristisch wäre. In ihm mag bewußtes »Pathos
der Distanz« zum Ausdruck kommen — beim gänzlich unpathetischen
Menschen; aber auch hiemit ist nichts gerade für ihn Entscheidendes
gewonnen.
Das Wesentlichste im Humor scheint mir eine ü b e r m ä ß i g e
B e t o n u n g d e s E m p i r i s c h e n, um dessen U n w i c h t i g k e i t eben
hiedurch klarer darzustellen. Lächerlich ist im Grunde alles, was
verwirklicht ist; und hierauf gründet sich der Humor, so ist er das
Widerspiel der Erotik. Will diese aus dem Begrenzten ins Unbegrenzte, so
läßt der Humor auf das Begrenzte sich nieder, schiebt es allein in den
Vordergrund der Bühne, und stellt es bloß, indem er es von allen Seiten
betrachtet. Nur der Humorist hat den Sinn für das Kleine und den Zug zum
Kleinen; sein Reich ist weder Meer noch Gebirge, sein Gebiet ist das
Flachland. Darum sucht er mit Vorliebe das Idyll auf und vertieft sich in
jedes E i n z e l d i n g: aber immer nur, um sein M i ß v e r h ä l t n i s zum
D i n g a n s i c h zu enthüllen. E r b l a m i e r t d i e I m m a n e n z , i n d e m
e r s i e v o n d e r T r a n s c e n d e n z g ä n z l i c h l o s l ö s t, ja nicht
einmal den Namen der letzteren mehr nennt. Der Witz sucht den
Widerspruch innerhalb der Erscheinung auf, der Humor tut ihr den größeren
Tort an, sie wie ein in sich geschlossenes Ganzes hinzustellen; b e i d e
z e i g e n , w a s a l l e s m ö g l i c h i s t; und kompromittieren hiedurch am
gründlichsten die Erfahrungswelt. Die Tragik hingegen tut dar, was in alle
Ewigkeit u n m ö g l i c h ist, und so verneinen Komik und Tragik, jede auf

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ihre Weise, die Empirie, obwohl sie eine das Gegenteil der anderen zu sein
scheinen.
Der Jude, der nicht vom Übersinnlichen kommt wie der Humorist, und
nicht zum Übersinnlichen will wie der Erotiker, hat kein Interesse, das
Gegebene geringer zu werten: darum wird ihm das Leben nie zum
Gaukelspiel, nie zum Tollhaus. Weil der Humor h ö h e r e Werte kennt, als
alle konkreten Dinge, und sie nur listig v e r s c h w e i g t, ist er seinem
Wesen nach t o l e r a n t; die Satire, sein Gegenteil, ist ihrem Wesen nach
i n t o l e r a n t und entspricht darum besser der eigentlichen Natur des Juden
wie der des Weibes. Juden und Weiber sind humorlos, aber spottlustig. In
Rom hat es sogar eine Verfasserin von Satiren, S u l p i c i a mit Namen,
gegeben. Weil die Satire unduldsam ist, macht sie den Menschen in der
Gesellschaft am leichtesten unmöglich. Der Humorist, der es zu verhindern
weiß, daß die Kleinigkeiten und Kleinlichkeiten der Welt ihn und die
anderen Menschen ernstlich zu bekümmern anfangen, ist der am liebsten
gesehene Gast in jeder Gesellschaft. Denn der Humor räumt wie die Liebe
Berge aus dem Wege; er ist eine Verhaltungsweise, die ein soziales Leben,
d. h. eine Gemeinsamkeit unter einer h ö h e r e n Idee, sehr begünstigt. Der
Jude ist denn auch nicht, der Engländer in hohem Maße sozial veranlagt.
Der Vergleich des Juden mit dem Engländer versagt also noch viel
früher als sein Vergleich mit dem Weibe. Der Grund, aus welchem dennoch
hier wie dort Ausführlichkeit geboten schien, liegt in der Hitze des
Kampfes, welcher um Wert und Wesen des Judentums seit längster Zeit
geführt wird. Auch darf ich hier wohl auf Wa g n e r mich berufen, den das
Problem des Judentums am intensivsten, von Anfang bis zuletzt, beschäftigt
hat, und der nicht nur im Engländer einen Juden hat wieder entdecken
wollen: auch über seiner K u n d r y, der tiefsten Frauengestalt der Kunst,
schwebt unverkennbar der Schatten des A h a s v e r u s.
Noch mehr scheint es im Sinne der Parallele mit dem Weibe gelegen,
und noch stärker verleitet zu ihrer voreiligen Annahme, daß — nicht bloß
für die Augen des Juden — keine Frau der Welt die I d e e des Weibes so
völlig repräsentiert wie die Jüdin. Selbst vom Arier wird sie ähnlich
empfunden: man denke an G r i l l p a r z e r s »Jüdin von Toledo«. Dieser
Schein wird darum so leicht erregt, weil die Arierin vom Arier auch das
Metaphysische als einen Sexualcharakter fordert, und von seinen religiösen
Überzeugungen ebenso zu durchdringen ist, wie von seinen anderen

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Qualitäten (vgl. Kapitel 9 gegen Ende und Kapitel 12). In Wirklichkeit gibt
es freilich dennoch nur Christen und nicht Christinnen. Die Jüdin aber kann,
sowohl als kinderreiche Hausmutter wie als wollüstige Odaliske, die
Weiblichkeit in ihren beiden Polen, als Kypris und als Kybele, darum
vollständiger zu repräsentieren scheinen, weil der Mann, der sie sexuell
ergänzt und geistig imprägniert, der Mann, der sie für sich geschaffen hat,
selber so wenig Transcendentes in sich birgt.
Die Kongruenz zwischen Judentum und Weiblichkeit s c h e i n t eine
völlige zu werden, sobald auf die unendliche Veränderungsfähigkeit des
Juden zu reflektieren begonnen wird. Das große Talent der Juden für den
Journalismus, die »Beweglichkeit« des jüdischen Geistes, der Mangel an
einer wurzelhaften und ursprünglichen G e s i n n u n g — lassen sie nicht
von den Juden wie von den Frauen es gelten: s i e s i n d n i c h t s , u n d
k ö n n e n e b e n d a r u m a l l e s w e r d e n? Der Jude ist Individuum, aber
nicht Individualität; dem niederen Leben ganz zugewandt, hat er kein
Bedürfnis nach der persönlichen Fortexistenz: es fehlt ihm das wahre,
unveränderliche, das metaphysische Sein, er hat keinen Teil am höheren,
e w i g e n L e b e n.
Und doch gehen gerade hier Judentum und Weiblichkeit in
entscheidender Weise a u s e i n a n d e r; d a s N i c h t - S e i n u n d A l l e s -
We r d e n - K ö n n e n i s t i m J u d e n e i n a n d e r e s a l s i n d e r
F r a u. Die Frau ist die Materie, die p a s s i v jede Form annimmt. Im Juden
liegt zunächst unleugbar eine gewisse A g g r e s s i v i t ä t: nicht durch den
großen Eindruck, den andere auf ihn hervorbringen, wird er rezeptiv, er ist
nicht suggestibler als der Arier; sondern er paßt sich den verschiedenen
Umständen und Erfordernissen, jeder Umgebung und jeder Rasse selbsttätig
an; wie der Parasit, der in jedem Wirte ein anderer wird, und so völlig ein
verschiedenes Aussehen gewinnt, daß man ein neues Tier vor sich zu haben
glaubt, während er doch immer derselbe geblieben ist. Er assimiliert sich
allem und assimiliert es so sich; und er wird hiebei nicht vom anderen
unterworfen, sondern unterwirft sich so ihn.
Das Weib ist ferner g a r n i c h t, der Jude e m i n e n t b e g r i f f l i c h
veranlagt, womit auch seine Neigung für die Jurisprudenz zusammenhängt,
welcher die Frau nie Geschmack abgewinnen wird; und auch in dieser
begrifflichen Natur des Juden kommt seine A k t i v i t ä t zum Ausdruck, eine

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Aktivität freilich von ganz eigentümlicher Art, keine Aktivität der
selbstschöpferischen Freiheit des höheren Lebens.
Der Jude ist ewig wie das Weib, ewig nicht als Persönlichkeit, sondern
als Gattung. E r i s t n i c h t u n m i t t e l b a r w i e d e r a r i s c h e M a n n ,
aber seine Mittelbarkeit ist trotzdem eine andere als
d i e d e s We i b e s .
Am tiefsten wird die Erkenntnis des eigentlich-jüdischen Wesens
erschlossen durch die I r r e l i g i o s i t ä t des Juden. Es ist hier nicht der Ort
für eine Untersuchung des Religionsbegriffes, und es sei denn unter
Religion, ohne eine Begründung, die notgedrungen langatmig werden und
vom Thema weit abführen müßte, zunächst die B e j a h u n g a l l e s
ewigen, aus den Daten des niederen nie abzuleitenden,
nie zu erweisenden höheren Lebens im Menschen durch
d e n M e n s c h e n verstanden. D e r J u d e i s t d e r u n g l ä u b i g e
Mensch. G l a u b e ist jene Handlung des Menschen, durch welche er in
Verhältnis zu einem S e i n tritt. Der r e l i g i ö s e G l a u b e richtet sich nur
speziell auf das a b s o l u t e S e i n. U n d d e r J u d e i s t n i c h t s , i m
tiefsten Grunde darum, weil er nichts glaubt.
Glaube aber ist alles. Mag ein Mensch an Gott glauben oder nicht, es
kommt nicht alles darauf an: wenn er nur wenigstens an seinen Atheismus
glaubt. Das aber ist es eben; der Jude glaubt gar nichts, er glaubt nicht an
seinen Glauben, er zweifelt an seinem Zweifel. Er ist nie ganz
durchdrungen von seinem Jubel, aber ebensowenig fähig, völlig von seinem
Unglück erfüllt zu werden. Er nimmt sich nie ernst, und darum nimmt er
auch keinen anderen Menschen, keine andere Sache wahrhaft ernst.
Hiemit ist die wesentliche Differenz zwischen dem
J u d e n u n d d e m We i b e e n d l i c h b e z e i c h n e t . Ihre Ähnlichkeit
beruht zu allertiefst darauf, daß er, so wenig wie sie, a n s i c h s e l b s t
glaubt. Aber s i e glaubt an den a n d e r e n, an den Mann, an das Kind, an
»die Liebe«; sie hat einen Schwerpunkt, nur liegt er außerhalb ihrer. D e r
J u d e a b e r g l a u b t n i c h t s , w e d e r i n s i c h n o c h a u ß e r s i c h;
auch im Fremden hat er keinen Halt, auch in ihm schlägt er keine Wurzeln
gleich dem Weibe. Und nur gleichsam symbolisch erscheint sein Mangel an
irgend welcher Bodenständigkeit in seinem so tiefen Unverständnis für
allen Grundbesitz und seiner Vorliebe für das mobile Kapital.

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Die Frau glaubt an den Mann, an den Mann außer sich oder an den
Mann in sich, an den Mann, von dem sie geistig imprägniert worden ist,
und kann auf diese Weise sogar sich selbst ernst nehmen.[93] Der Jude hält
nie etwas wirklich für echt und unumstößlich, für heilig und unverletzbar.
Darum ist er überall frivol, und alles bewitzelnd; er glaubt keinem Christen
sein Christentum, geschweige denn einem Juden die Ehrlichkeit seiner
Taufe. Aber er ist auch nicht wirklich realistisch und keineswegs ein echter
Empiriker. Hier ist an den früheren Aufstellungen, die, zum Teile, an
H. S. C h a m b e r l a i n sich anschlossen, die wichtigste Einschränkung
vorzunehmen. Der Jude ist nicht eigentlich immanent wie der englische
Erfahrungsphilosoph; denn der Positivismus des bloßen Empiristen glaubt
an einen Abschluß alles menschenmöglichen Wissens im Bereiche der
Sinnfälligkeit, er hofft auf die Vollendung des Systemes exakter
Wissenschaft. Der Jude aber glaubt auch an das Wissen nicht; und doch er
ist darum keineswegs Skeptiker, denn ebensowenig ist er vom Skeptizismus
überzeugt. Dagegen waltet noch über einem gänzlich ametaphysischen
Systeme wie dem des Av e n a r i u s eine weihevolle Sorgfalt, ja selbst über
die relativistischen Anschauungen von Ernst M a c h ist eine vertrauensvolle
F r ö m m i g k e i t ausgebreitet. Der Empirismus mag nicht tief sein; jüdisch
ist er darum nicht zu nennen.
Der Jude ist der unfromme Mensch im weitesten
S i n n e . Frömmigkeit aber ist der Grund von allem, und die Basis, auf der
alles andere erst sich erhebt. Man hält den Juden schon für prosaisch, weil
er nicht schwungvoll ist, und nach keinem Urquell des Seins sich sehnt; mit
Unrecht. Alle echte innere Kultur, und was immer ein Mensch für Wahrheit
halte, daß es für ihn Kultur, daß es für ihn Wahrheit, daß es für ihn Werte
gibt, das ruht auf dem Grunde des Glaubens, es bedarf der Frömmigkeit.
Und Frömmigkeit ist nicht etwas, das bloß in der Mystik und in der
Religion sich offenbart; auch aller Wissenschaft und aller Skepsis, allem,
womit der Mensch es i n n e r l i c h e r n s t m e i n t, liegt s i e am tiefsten zu
Grunde. Daß sie auf verschiedene Weise sich äußern mag, ist sicher:
Begeisterung und Sachlichkeit, hoher Enthusiasmus und tiefer Ernst, das
sind die zwei vornehmsten Arten, in welchen sie zum Vorschein gelangt.
Der Jude ist nie schwärmerisch, aber er ist auch nicht eigentlich nüchtern;
er ist nicht ekstatisch, aber er ist auch nicht trocken. Fehlt ihm der niedere
wie der geistige Rausch, ist er so wenig Alkoholiker, als höherer
Verzückung fähig, so ist er darum noch nicht kühl, und noch in weiter Ferne

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von der Ruhe überzeugender Argumentation: seine Wärme schwitzt, und
seine Kälte dampft. Seine Beschränkung wird immer Magerkeit, seine Fülle
immer Schwulst. Kommt er, wenn er zur schrankenlosen Begeisterung des
Gefühles den Aufflug wagt, nie weit über das Pathetische hinaus, so
unterläßt er, auch wenn er in den engsten Fesseln des Gedankens sich zu
bewegen unternimmt, doch nicht, geräuschvoll mit seinen Ketten zu
rasseln. Und drängt es ihn auch kaum zum Kuß der ganzen Welt, er bleibt
gegen sie darum nicht minder zudringlich.
Alle Sonderung und alle Umschlingung, alle Strenge und alle Liebe,
alle Sachlichkeit und alles Hymnische, jede wahre, unverlogene Regung im
Menschenherzen, sei sie ernst oder freudig, ruht zuletzt auf der
Frömmigkeit. Der Glaube muß nicht, wie im Genius, im religiösesten
Menschen, auf eine metaphysische Entität sich beziehen — Religion ist
Setzung seiner selbst und der Welt mit sich selbst — er mag auch auf ein
empirisches Sein sich erstrecken, und hierin gleichsam völlig aufzugehen
scheinen: es ist doch nur ein und derselbe Glaube an ein Sein, an einen
Wert, eine Wahrheit, an ein Absolutes, an einen Gott. Religion ist
Schöpfung des Alls; und alles, was im Menschen i s t, ist nur durch
R e l i g i o n. Der Jude ist demnach nicht der religiöse Mensch, wofür man
ihn so oft ausgegeben hat; sondern der irreligiöse Mensch κατ' εξοχήν.[94]
Soll ich dies nun noch begründen? Soll ich lange ausführen, wie der
Jude ohne Eifer im Glauben ist, und darum die jüdische Konfession die
einzige, die um keinen Proselyten wirbt, der zum Judentum Übergetretene
dessen Bekennern selbst das größte Rätsel und die größte Verlegenheit?[95]
Soll ich über das Wesen des jüdischen Gebetes hier mich verbreiten und
seine Formelhaftigkeit, seinen Mangel an jener Inbrunst, die nur der
Augenblick geben kann, betonen? Soll ich endlich wiederholen, was die
jüdische Religion ist: keine Lehre vom Sinn und Zweck des Lebens,
sondern eine historische Tradition, zusammenzufassen in dem einen
Übergang durchs rote Meer, gipfelnd also in dem Danke des flüchtenden
Feigen an den mächtigen Erretter? Es wäre wohl auch sonst klar: der Jude
ist der irreligiöse Mensch, und von jedem Glauben am allerweitesten
entfernt. Er setzt nicht sich selbst und mit sich die Welt, worin das
Wesentliche in der Religion besteht. Aller Glaube ist heroisch: der Jude aber
kennt weder den Mut noch das Fürchten, als das Gefühl des bedrohten
Glaubens; er ist weder sonnenhaft noch dämonisch.

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Nicht also, wie C h a m b e r l a i n glaubt, Mystik, sondern
F r ö m m i g k e i t ist das, was dem Juden zu allerletzt mangelt. Wäre er nur
ehrlicher Materialist, wäre er nur bornierter Entwicklungsanbeter! Aber er
ist nicht Kritiker, sondern nur Kritikaster, er ist nicht Skeptiker nach dem
Bilde des C a r t e s i u s, nicht Zweifler, um aus dem größten Mißtrauen zur
größten Sicherheit zu gelangen; sondern absoluter Ironiker wie — hier kann
ich eben nur einen Juden nennen — wie Heinrich H e i n e. Er ist gar nicht
echter Revolutionär (denn woher käme ihm die Kraft und der innere Elan
der Empörung?), und unterscheidet sich eben hiedurch vom F r a n z o s e n:
er ist nur zersetzend, und gar nie wirklich zerstörend.
Und was ist er nun selbst, der Jude, wenn er nichts von alledem ist,
was sonst ein Mensch sein kann? Was geht in ihm wahrhaft vor, wenn er
ohne irgend welches Letzte ist, ohne einen Grund, auf den das Senkblei des
Psychologen am Ende doch hart und vernehmlich stieße?
Des Juden psychische Inhalte sind sämtlich mit einer gewissen
Zweiheit oder Mehrheit behaftet; ü b e r d i e s e A m b i g u i t ä t , d i e s e
D u p l i z i t ä t , j a M u l t i p l i z i t ä t k o m m t e r n i e h i n a u s. Er hat
immer n o c h eine Möglichkeit, noch v i e l e Möglichkeiten, wo der Arier,
ohne ärmer im Blicke zu sein, unbedingt sich entscheidet und wählt. Diese
innere Vieldeutigkeit, diesen Mangel an unmittelbarer innerer R e a l i t ä t
irgend eines psychischen Geschehens, die Armut an jenem An- und Fürsich-
Sein, aus welchem allein höchste Schöpferkraft fließen kann, glaube ich als
die Definition dessen betrachten zu müssen, was ich das Jüdische als Idee
genannt habe.[96] E s i s t w i e e i n Z u s t a n d v o r d e m S e i n, ein
ewiges Irren draußen vor dem Tore der Realität. Mit nichts kann der Jude
sich wahrhaft identifizieren, für keine Sache sein Leben ganz und gar
einsetzen.[97] Nicht der Eiferer, sondern der Eifer fehlt dem Juden: weil ihm
alles Ungeteilte, alles Ganze fremd ist. Es ist die E i n f a l t des G l a u b e n s,
die ihm abgeht, und weil er diese E i n f a l t nicht hat, und keine wie immer
geartete letzte P o s i t i o n bedeutet, darum scheint er gescheiter als der
Arier, und entwindet sich e l a s t i s c h jeder Unterdrückung.[98]
I n n e r l i c h e Vi e l d e u t i g k e i t, ich möchte es wiederholen, i s t d a s
a b s o l u t J ü d i s c h e , E i n f a l t d a s a b s o l u t U n j ü d i s c h e. Die
Frage des Juden ist die Frage, die Elsa an Lohengrin richtet: die
Unfähigkeit, irgend einer Verkündigung, sei es auch der inneren

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Offenbarung, die Unmöglichkeit, i r g e n d einem S e i n schlechthin zu
g l a u b e n.
Man wird vielleicht einwenden, jenes zwiespältige Sein finde sich nur
bei den zivilisierten Juden, in welchen die alte Orthodoxie neben der
modernen Gesittung noch fortwirke. Aber das wäre weit gefehlt. Seine
Bildung läßt das Wesen des Juden nur darum stets noch klarer zum
Vorschein kommen, weil es so an Dingen sich betätigt, die mit tieferem
Ernste erwogen sein wollen, als materielle Geldgeschäfte. Der Beweis, daß
der Jude an sich nicht eindeutig ist, läßt sich erbringen: der Jude s i n g t
nicht. Nicht aus Schamhaftigkeit, sondern weil er sich seinen Gesang nicht
g l a u b t. So wenig die Vieldeutigkeit des Juden mit eigentlicher, realer
Differenziertheit oder Genialität, so wenig hat seine eigentümliche Scheu
vor dem Gesang, oder auch nur vor dem lauten hellen Worte, mit echter
Zurückhaltung etwas zu tun. Alle Scham ist stolz; jene Abneigung des
Juden ist aber ein Zeichen seiner i n n e r e n W ü r d e l o s i g k e i t: denn das
unmittelbare Sein versteht er nicht, und er würde sich schon lächerlich
finden und kompromittiert fühlen, wenn er nur sänge. Schamhaftigkeit
umfaßt alle Inhalte, die mit dem Ich des Menschen, durch eine innige
Kontinuität fester verknüpft sind; die fragliche Gêne des Juden aber
erstreckt sich auch auf Dinge, die ihm keineswegs heilig sein können, die er
also nicht zu profanieren fürchten müßte, wenn er öffentlich die Stimme
würde erheben sollen. Und abermals trifft dies mit der Unfrömmigkeit des
Juden zusammen: denn alle Musik ist absolut, und besteht wie losgelöst von
aller Unterlage; nur darum hat sie unter allen Künsten die engste Beziehung
zur Religion, und ist der einfache Gesang, der eine einzelne Melodie mit
ganzer Seele erfüllt, unjüdisch wie jene.
Ich glaube nun gerade deutlich genug gewesen zu sein, um nicht
darüber schlecht verstanden zu werden, was ich mit dem eigentlichen
Wesen des Judentums meine. I b s e n s König H å k o n in den
»Kronprätendenten«, sein Dr. S t o c k m a n n im »Volksfeind« mögen es,
wenn es dessen bedürfen sollte, noch klarer machen, was dem echten Juden
in alle Ewigkeit unzugänglich ist: d a s u n m i t t e l b a r e S e i n, d a s
G o t t e s g n a d e n t u m, d e r E i c h b a u m, d i e T r o m p e t e, d a s
S i e g f r i e d m o t i v, d i e S c h ö p f u n g s e i n e r s e l b s t, d a s Wo r t :
i c h b i n. Der Jude ist wahrhaftig das »Stiefkind Gottes auf Erden«; und es
gibt denn auch keinen (männlichen) Juden, der nicht, wenn auch noch so

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dumpf, an seinem Judentum, das ist im tiefsten Grunde, an seinem
Unglauben, litte.
Judentum und Christentum, jenes das zerrissenste, der inneren Identität
barste, dieses das glaubenskräftigste, gottvertrauendste Sein, sie bilden so
den weitesten, unermeßlichsten Gegensatz. Christentum ist höchstes
Heldentum; der Jude aber ist nie einheitlich und ganz. Darum eben ist der
Jude feige, und der Heros sein äußerster Gegenpol.
H. S. C h a m b e r l a i n hat von dem furchtbaren, unheimlichen
Unverständnis des echten Juden für die Gestalt und die Lehre Christi, für
den Krieger wie für den Dulder in ihm, für sein Leben wie für sein Sterben,
viel Wahres und Treffendes gesagt. Aber es wäre irrig, zu glauben, der Jude
h a s s e Christum; der Jude ist nicht der Antichrist, e r h a t z u J e s u s n u r
e i g e n t l i c h g a r k e i n e B e z i e h u n g; es gibt streng genommen nur
Arier — Verbrecher — die Christum h a s s e n. Der Jude fühlt sich durch ihn
nur, als ein seinem Witze nicht recht Angreifbares, weil seinem Verständnis
Entrücktes, g e s t ö r t und unangenehm g e ä r g e r t.
Dennoch ist die Sage vom Neuen Testament als reifster Blüte und
höchster Vollendung des Alten, und die künstliche Vermittelung, welche das
letztere den messianischen Verheißungen des ersteren angepaßt hat, den
Juden sehr zustatten gekommen; sie ist ihr stärkster äußerer Schutz
gewesen. Daß nun trotz dieses polaren Verhältnisses gerade aus dem
Judentum das Christentum hervorgegangen ist, bildet eines der tiefsten
psychologischen Rätsel: es ist kein anderes Problem als die Psychologie des
Religionsstifters, um die es sich hier handelt.[99]
Wodurch unterscheidet sich der geniale Religionsstifter von allem
übrigen Genie? Welche innere Notwendigkeit treibt ihn, Religion zu stiften?
Es kann keine andere sein, als daß er selbst nicht
i m m e r a n d e n G o t t g e g l a u b t h a t , d e n e r v e r k ü n d e t . Die
Überlieferung erzählt von B u d d h a wie von C h r i s t u s, welchen
Versuchungen sie ausgesetzt waren, viel stärkeren als alle anderen
Menschen. Zwei weitere, M o h a m m e d und L u t h e r, sind e p i l e p t i s c h
gewesen. Die E p i l e p s i e aber ist d i e K r a n k h e i t d e s Ve r b r e c h e r s:
C ä s a r, N a r s e s, N a p o l e o n, die »großen« Verbrecher, haben sämtlich an
der Fallsucht gelitten, und F l a u b e r t und D o s t o j e w s k i j, welche zu ihr

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wenigstens tendierten, hatten beide außerordentlich viel vom Verbrecher in
sich, ohne natürlich Verbrecher zu s e i n.
Der Religionsstifter ist jener Mensch, der ganz
gottlos gelebt und dennoch zum höchsten Glauben sich
d u r c h g e r u n g e n h a t . »Wie es möglich sei, daß ein natürlicherweise
böser Mensch sich selbst zum guten Menschen mache, das übersteigt alle
unsere Begriffe; denn wie kann ein böser Baum gute Früchte bringen?« so
fragt K a n t in seiner Religionsphilosophie, und b e j a h t d e n n o c h
p r i n z i p i e l l diese Möglichkeit: »Denn, ungeachtet jenes Abfalles
erschallt doch das Gebot: wir s o l l e n bessere Menschen werden,
unvermindert in unserer Seele; folglich müssen wir es auch k ö n n e n ..«
Jene unbegreifliche Möglichkeit der vollständigen W i e d e r g e b u r t eines
Menschen, der alle Jahre und Tage seines früheren Lebens als böser Mensch
gelebt hat, dieses hohe Mysterium ist in jenen sechs oder sieben Menschen
v e r w i r k l i c h t, welche die großen Religionen der Menschheit begründet
haben. Hiedurch scheiden sie sich vom eigentlichen Genie: in diesem
überwiegt von Geburt an die Anlage zum Guten.
Alle Genialität ist nur höchste Freiheit vom Naturgesetz.

Page 404

»Von der Gewalt, die alle Wesen bindet,
Befreit der Mensch sich, der sich überwindet.«

We n n dies so sich verhält, dann ist der
R e l i g i o n s s t i f t e r d e r g e n i a l s t e M e n s c h . Denn er hat a m
m e i s t e n überwunden. Er ist der Mensch, dem das gelungen ist, was die
tiefsten Denker der Menschheit nur zaghaft, nur um ihre ethische
Weltanschauung, um die F r e i h e i t der Wa h l nicht preisgeben zu müssen,
als möglich hingestellt haben: d i e v ö l l i g e N e u g e b u r t d e s
M e n s c h e n, seine »Regeneration«, die gänzliche Umkehr des Willens. Die
anderen großen Geister haben zwar auch den Kampf mit dem Bösen zu
führen, aber bei ihnen neigt die Wagschale von vornherein entschieden zum
Guten. Nicht so beim Religionsgründer. In ihm ist so viel Böses, so viel
Machtwille, so viel irdische Leidenschaft, daß er 40 Tage in der Wüste,
ununterbrochen, ohne Nahrung, ohne Schlaf, mit dem Feind in sich kämpft.
Erst dann hat er gesiegt: nicht zum Tode ist er eingegangen, sondern das
höchste Leben hat er in sich befreit. Wäre das anders, so fehlte jeder Impuls
zur Glaubensstiftung. Der Religionsgründer will und muß nichts anderes
den Menschen bringen, als was ihm, dem belastetsten von allen, gelungen
ist: den Bund mit der Gottheit zu schließen. Er weiß, daß er der
schuldbeladenste Mensch ist; und er sühnt die g r ö ß t e Schuldsumme durch
den Tod am Kreuze.
Im Judentum waren zwei Möglichkeiten. Vor C h r i s t i Geburt lagen
sie noch beisammen, und es war noch nicht gewählt worden. Es war eine
Diaspora da, und zugleich wenigstens eine Art Staat: Negation und
Position, beide waren nebeneinander vorhanden. C h r i s t u s i s t d e r
Mensch, der die stärkste Negation, das Judentum, in
sich überwindet, und so die stärkste Position, das
Christentum, als das dem Judentum
E n t g e g e n g e s e t z t e s t e , s c h a f f t . Aus dem Zustand v o r dem Sein
t r e n n e n sich Sein und Nicht-Sein. J e t z t sind die Lose gefallen: das alte
Israel scheidet sich in Juden und in Christen, der J u d e, wie wir ihn kennen,
wie ich ihn beschrieben habe, entsteht zugleich mit dem C h r i s t e n. Die
Diaspora wird nun vollständig, und aus dem Judentum verschwindet die
Möglichkeit zur Größe: Menschen wie J e s a i a s, jenen gewaltigsten Mann
des alten Israel, hat das J u d e n t u m seither nicht wieder hervorbringen
können. C h r i s t e n t u m und Judentum bedingen sich

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w e l t h i s t o r i s c h w i e P o s i t i o n u n d N e g a t i o n . In Israel waren die
höchsten Möglichkeiten, die je einem Volke beschieden waren: die
Möglichkeit Christi. D i e a n d e r e M ö g l i c h k e i t i s t d e r J u d e .
Ich hoffe nicht mißverstanden zu werden: ich will dem Judentum nicht
eine Beziehung zum Christentum andichten, die ihm fremd ist. D a s
Christentum ist die absolute Negation des Judentums;
a b e r e s h a t z u d i e s e m d a s s e l b e Ve r h ä l t n i s , w e l c h e s a l l e
Dinge mit ihren Gegenteilen, jede Position mit der
Negation verbindet, welche durch sie überwunden ist.
[100]
Noch mehr als Frömmigkeit und Judentum, sind Christentum und
Judentum nur a n e i n a n d e r, und durch ihre wechselseitige Ausschließung,
zu definieren. D a s J u d e n t u m i s t d e r A b g r u n d , ü b e r d e m d a s
Christentum aufgerichtet ist, und darum der Jude die
s t ä r k s t e F u r c h t u n d d i e t i e f s t e A b n e i g u n g d e s A r i e r s .[101]
Ich vermag nicht mit C h a m b e r l a i n zu glauben, daß die Geburt des
Heilands in Palästina ein bloßer Zufall könne gewesen sein. C h r i s t u s
w a r e i n J u d e , a b e r n u r, u m d a s J u d e n t u m i n s i c h a m
v o l l s t ä n d i g s t e n z u ü b e r w i n d e n; denn wer über den mächtigsten
Z w e i f e l gesiegt hat, der ist der g l ä u b i g s t e, wer über die ödeste
N e g a t i o n sich erhoben hat, der p o s i t i v s t e Bejaher. C h r i s t u s i s t
der größte Mensch, weil er am größten Gegner sich
g e m e s s e n h a t . Vielleicht ist er der einzige Jude und wird es bleiben,
dem dieser Sieg über das Judentum gelungen: der erste Jude wäre der letzte,
der ganz und gar C h r i s t geworden ist; vielleicht aber liegt auch heute noch
im Judentum die Möglichkeit, den Christ hervorzubringen, vielleicht sogar
m u ß auch der nächste Religionsstifter abermals erst durch das J u d e n t u m
hindurchgehen. Wenn also im Juden vielleicht noch immer die höchsten
M ö g l i c h k e i t e n, so liegen doch in ihm die geringsten
W i r k l i c h k e i t e n; er ist wohl der z u m M e i s t e n v e r a n l a g t e, und
doch zugleich der i n n e r l i c h d e s We n i g s t e n m ä c h t i g e Mensch.

Unsere heutige Zeit läßt das Judentum auf der höchsten Höhe
erblicken, die es seit den Tagen des H e r o d e s erklommen hat. J ü d i s c h ist

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der G e i s t d e r M o d e r n i t ä t, von wo man ihn betrachte. Die Sexualität
wird bejaht, und die heutige Gattungsethik singt zum Koitus den
Hymenaios. Der unglückliche N i e t z s c h e ist wahrhaftig nicht
verantwortlich für die große Vereinigung von natürlicher Zuchtwahl und
natürlicher Unzuchtwahl, deren schmählicher Apostel sich Wilhelm
B ö l s c h e nennt. E r hat Verständnis gehabt für die Askese, und nur unter
der eigenen zu sehr gelitten, um nicht ihr Gegenteil oft wünschenswerter zu
finden. Aber Weiber und Juden kuppeln, ihr Ziel ist es: den Menschen
schuldig werden lassen.
Unsere Zeit, die nicht nur die jüdischeste, sondern auch die
weibischeste aller Zeiten ist; die Zeit, für welche die Kunst nur ein
Schweißtuch ihrer Stimmungen abgibt, die den künstlerischen Drang aus
den Spielen der Tiere abgeleitet hat; die Zeit des leichtgläubigsten
Anarchismus, die Zeit ohne Sinn für Staat und Recht, die Zeit der Gattungs-
Ethik, die Zeit der seichtesten unter allen denkbaren
Geschichtsauffassungen (des historischen Materialismus), die Zeit des
Kapitalismus und des Marxismus, die Zeit, der Geschichte, Leben,
Wissenschaft, alles nur mehr Ökonomie und Technik ist; die Zeit, die das
Genie für eine Form des Irrsinns erklärt hat, die aber auch keinen einzigen
großen Künstler, keinen einzigen großen Philosophen mehr besitzt, die Zeit
der geringsten Originalität und der größten Originalitätshascherei; die Zeit,
die an die Stelle des Ideals der Jungfräulichkeit den Kultus der Demi-Vierge
gesetzt hat: d i e s e Z e i t h a t a u c h d e n R u h m , d i e e r s t e z u
s e i n , w e l c h e d e n K o i t u s b e j a h t u n d a n g e b e t e t h a t.
Aber dem neuen Judentum entgegen drängt ein neues Christentum
zum Lichte; die Menschheit harrt des neuen Religionsstifters, und der
Kampf drängt zur Entscheidung wie im Jahre eins. Zwischen Judentum und
Christentum, zwischen Geschäft und Kultur, zwischen Weib und Mann,
zwischen Gattung und Persönlichkeit, zwischen Unwert und Wert, zwischen
irdischem und höherem Leben, zwischen dem Nichts und der Gottheit hat
abermals die Menschheit die Wahl. Das sind die beiden Pole: es gibt kein
drittes Reich.

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XIV. Kapitel.
Das Weib und die Menschheit.
Nun erst ist es möglich, gereinigt und gewaffnet nochmals vor die
Frage der Emanzipation des Weibes zu treten. Gereinigt, weil nun nicht
mehr die tausend fliegenden Mücken jener Zweideutigkeiten, welche den
Gegenstand umspielen, den Blick trüben; gewaffnet, weil im Besitze fester
theoretischer Begriffe und sicherer ethischer Anschauungen. Fern ab von
dem Tummelplatze der gewöhnlichen Kontroversen und selbst weit über
das Problem der ungleichen Begabung hinaus ist die Untersuchung an
Punkte gelangt, welche die Rolle des Weibes im Weltganzen und den Sinn
seiner Mission für den Menschen ahnen ließen. Darum sollen auch hier
Fragen von allzu besonderem Charakter in die Erörterung nicht einbezogen
werden; diese ist nicht optimistisch genug, auf die Führung politischer
Geschäfte von ihren Resultaten einen Einfluß zu erhoffen. Darum verzichtet
sie auf die Ausarbeitung sozialhygienischer Vorschläge, und behandelt das
Problem vom Standpunkte jener Idee der Menschheit, die über der
Philosophie von I m m a n u e l K a n t schwebt.
Die Gefahr ist groß, welche dieser Idee von der Weiblichkeit droht.
Den Frauen ist in hohem Grade die Kunst verliehen den Schein zu erregen,
als wären sie eigentlich asexuell und ihre Sexualität nur eine Konzession an
den Mann. Denn fiele dieser Schein weg, wo bliebe dann die Konkurrenz
mehrerer, vieler um eine? Sie haben aber, unterstützt von Männern, die es
ihnen glaubten, heute dem anderen Geschlechte beinahe dies einzureden
vermocht, daß des Mannes wichtigstes, eigentlichstes Bedürfnis die
Sexualität sei, daß er erst vom Weibe Befriedigung seiner wahrsten und
tiefsten Wünsche erhoffen dürfe, daß Keuschheit für ihn ein Unnatürliches
und Unmögliches bilde. Wie oft können junge Männer, die in ernster Arbeit
Genugtuung finden, von Frauen, denen sie nicht allzuhäßlich vorkommen,
und, als Liebhaber oder Schwiegersöhne, nicht allzuwenig zu versprechen
scheinen, es vernehmen, daß sie nicht so übermäßig studieren, vielmehr
»ihr Leben genießen« sollten. In diesen freundlichen Mahnungen liegt,
natürlich gänzlich unbewußt, ein Gefühl des Weibes, seine einzig auf den

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Begattungsakt gerichtete Sendung zu verfehlen, n i c h t s m e h r z u s e i n,
mit seinem ganzen Geschlechte alle Bedeutung zu verlieren, sowie der
Mann um andere als um sexuelle Dinge sich zu bekümmern anfängt.
Ob sich die Frauen hierin je ändern werden, ist fraglich. Man darf auch
nicht glauben, daß sie je anders gewesen sind. Heute mag das sinnliche
Element stärker hervortreten als früher, denn unendlich viel in der
»Bewegung« ist nur ein Hinüberwollen von der Mutterschaft zur
Prostitution; sie ist als Ganzes mehr Dirnen-Emanzipation als Frauen-
Emanzipation, und sicherlich ihren wirklichen Resultaten nach vor allem:
ein mutigeres Hervortreten des kokottenhaften Elementes im Weibe. Was
n e u scheint, das ist das Verhalten der M ä n n e r. Mit unter dem Einfluß des
Judentums sind sie heute nahe daran, der weiblichen Wertung ihrer selbst
sich zu fügen, ja selber sie sich anzueignen. Die männliche Keuschheit wird
verlacht, gar nicht mehr v e r s t a n d e n, das Weib vom Manne nicht mehr
als Sünde, als S c h i c k s a l empfunden, die eigene Begierde weckt im
Manne keine Scham mehr.
Man sieht jetzt, w o h e r die Forderung des Sich-Auslebens, der
Kaffeehausbegriff des Dionysischen, der Kult G o e t h e s, soweit Goethe
O v i d ist, woher diese ganze moderne K o i t u s - K u l t u r eigentlich
stammt. Denn es ist so weit, daß kaum je einer noch den Mut findet, zur
Keuschheit sich zu bekennen, und fast jeder lieber so tut, als wäre er ein
Wüstling. Geschlechtliche Ausschweifungen bilden den beliebtesten
Gegenstand der R e n o m m a g e, ja die Sexualität wird so hoch gewertet,
daß der Renommist schon Mühe hat, Glauben zu finden; die Keuschheit
hingegen steht in so geringem Ansehen, daß gerade der wahrhaft Keusche
oft hinter dem Scheine des Roué sich verbirgt. Es ist sicher wahr, daß der
Schamhafte auch seiner Scham sich s c h ä m t; aber jene andere, heutige
Scham ist nicht die Scham der Erotik, sondern die Scham des Weibes, weil
es noch keinen Mann gefunden, noch keinen Wert vom anderen
Geschlechte empfangen hat. Darum ist einer dem anderen zu zeigen
beflissen, mit welcher T r e u e und pflichtgemäßer Wo n n e er die sexuellen
Funktionen ausübt. So bestimmt heute das Weib, das seiner Natur nach am
Manne nur die sexuelle Seite schätzen kann, was männlich ist: aus seinen
Händen nehmen die Männer den Maßstab ihrer Männlichkeit entgegen. So
ist die Zahl der Beischläfe, das »Verhältnis«, das »Mädel«, in der Tat die

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Legitimation eines Masculinums vor dem anderen
geworden. Doch nein: denn dann gibt es keine Männer mehr.
Dagegen ist alle Hochschätzung der Vi r g i n i t ä t u r s p r ü n g l i c h
vom Manne ausgegangen, und geht, wo es Männer gibt, noch immer von da
aus: sie ist die Projektion des dem Manne i m m a n e n t e n Ideales
fleckenloser Reinheit auf den Gegenstand seiner Liebe. Man lasse sich nur
hierin nicht beirren, weder durch die Angst und den Schrecken vor der
Berührung, die sich so gern möglichst bald in Zutraulichkeit transformieren,
noch durch die hysterische Unterdrückung der sexuellen Wünsche; nicht
durch den ä u ß e r e n Z w a n g, dem Anspruch des Mannes auf physische
Reinheit zu entsprechen, weil sonst der Käufer sich nicht einstellen würde;
aber auch nicht durch jenes Bedürfnis Wert zu e m p f a n g e n, aus welchem
die Frau oft so lange auf jenen Mann wartet, der ihr am meisten Wert
schenken kann (was man gemeinhin völlig verkehrt als hohe
S e l b s tschätzung solcher Mädchen interpretiert). Will man wissen, wie die
F r a u e n über die Jungfernschaft denken, so kann dies freilich von
vornherein kaum zweifelhaft sein, nach der Erkenntnis, daß das Hauptziel
der Frauen die Herbeiführung des K o i t u s ü b e r h a u p t ist, als durch
welchen sie erst Existenz gewinnen; denn daß die Frau den Koitus will und
nichts anderes, auch wenn sie, für ihre Person, noch so uninteressiert an der
Wollust s c h e i n e n mag, das konnte aus der Allgemeinheit der Kuppelei
b e w i e s e n werden.
Man muß, um sich davon neu zu überzeugen, betrachten, mit welchen
Augen die Frau Jungfernschaft bei den anderen Angehörigen ihres
Geschlechtes ansieht.
Und da nimmt man wahr: der Zustand der Nicht-Verheirateten wird
von den Frauen selbst sehr tief gestellt. Ja es ist eigentlich d e r weibliche
Zustand, den das Weib n e g a t i v bewertet. Die Frauen schätzen jede Frau
überhaupt erst, wenn sie verheiratet ist; auch wenn sie an einen häßlichen,
schwachen, armen, gemeinen, tyrannischen, unansehnlichen Mann
»unglücklich« verheiratet ist, sie ist doch immerhin verheiratet, will sagen,
hat Wert, hat Existenz empfangen. Und wenn eine auch nur kurze Zeit die
Herrlichkeiten eines Maitressenlebens gekostet, ja wenn sie Straßendirne
geworden ist, sie steht höher in der weiblichen Schätzung als das alte
Fräulein, das einsam in seiner Kammer näht und flickt, ohne je einem

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Manne, in gesetzlicher oder ungesetzlicher Verbindung, für lange oder für
einen rasch vergangenen Taumel, angehört zu haben.
So aber wird auch das ganz junge Mädchen, wenn es durch körperliche
Vorzüge sich auszeichnet, vom Weibe nie um seiner Schönheit willen
positiv gewertet — der Frau f e h l t das Organ des Schön-Findens, weil sie
keinen Wert zu projizieren hat — sondern nur, weil es leichtere Aussicht
hat, einen Mann an sich zu fesseln. J e s c h ö n e r e i n e J u n g f r a u i s t ,
eine desto zuverlässigere Promesse ist sie den anderen
F r a u e n , d e s t o w e r t v o l l e r i s t s i e d e m We i b e a l s
Kupplerin, seiner Bestimmung als Hüterin der
Gemeinschaft nach; nur dieser unbewußte Gedanke ist
es, der eine Frau an einem schönen Mädchen Freude
f i n d e n l ä ß t . Wie dies erst dann rein zum Vorschein kommen kann, wenn
das wertende weibliche Einzelindividuum bereits selbst Existenz
empfangen hat (weil sonst der Neid auf die Konkurrentin, und das Gefühl,
die eigenen Chancen im Kampf um den Wert durch sie vermindert zu sehen,
jene Regungen überstimmen muß), das wurde bereits besprochen. Zuerst
müssen sie wohl sich selbst verkuppeln — kuppeln kommt von copulare,
ein Paar fertig bringen — früher können es die anderen auch kaum
verlangen.
Die leider so allgemein gewordene Geringschätzung der »alten
Jungfer« ist demnach durchaus vom We i b e ausgegangen. Von einem
bejahrten Fräulein wird man Männer oft mit Respekt reden hören; aber jede
Frau und jedes Mädchen, gleichgültig ob verheiratet oder nicht, hat für die
Betreffende nur die extremste Geringschätzung, mag dies auch in manchen
Fällen ihnen selbst gar nicht bewußt werden. Eine verheiratete Dame, die
für geistreich und mannigfach talentiert gelten konnte, und ihres Äußeren
wegen so viele Bewunderer zählte, daß Neid in diesem Falle ganz außer
Frage steht, hörte ich einmal über ihre unschöne und ältliche italienische
Lehrerin sich lustig machen, weil diese wiederholt betont habe: Io sono
ancora una vergine (sie sei noch eine Jungfrau).
Freilich ist, vorausgesetzt daß die Äußerung richtig reproduziert war,
zuzugeben, daß die Ältere eine Tugend wohl nur aus der Not gemacht hatte,
und jedenfalls selbst sehr froh gewesen wäre, ihre Jungfernschaft auf irgend
eine Weise los zu werden, ohne dadurch in der Gesellschaft an Ansehen
einbüßen zu müssen.

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Denn dies ist das Wichtigste: die Frauen verachten und höhnen nicht
nur die Jungfernschaft anderer Frauen, sondern sie schätzen auch die eigene
Jungfernschaft als Z u s t a n d äußerst g e r i n g (und nur als eine sehr
gesuchte Wa r e von höchstem Anwert bei den M ä n n e r n h o c h). Darum
blicken sie zu jeder Verheirateten wie zu einem höheren Wesen empor. Wie
sehr es dem Weibe im tiefsten Grunde speziell auf den Sexualakt ankommt,
das kann man gerade an der wahren Verehrung sehen, welche erst ganz vor
kurzem verheiratete Frauen bei den jungen Mädchen genießen: ist doch der
Sinn ihres Daseins diesen eben enthüllt, sie selbst auf dessen Zenit geführt
worden. Dagegen betrachtet jedes junge Mädchen jedes andere als ein
unvollkommenes Wesen, das seine Bestimmung ebenso, wie sie selbst, erst
noch erreichen will.
Hiemit erachte ich als dargetan, wie vollkommen die aus der Kuppelei
gezogene Folgerung, das Virginitäts-Ideal müsse männlichen, und könne
nicht weiblichen Ursprunges sein, mit der Erfahrung sich deckt. Der Mann
verlangt Keuschheit von sich und von anderen, am meisten von dem Wesen,
das er liebt; das Weib will unkeusch sein können, und es will Sinnlichkeit
auch vom Manne, nicht Tugend. Für »Musterknaben« hat die Frau kein
Verständnis. Dagegen ist bekannt, daß sie stets dem in die Arme fliegt,
welchem der Ruf des Don Juan meilenweit vorauseilt. Die Frau will den
Mann sexuell, weil sie nur durch seine Sexualität Existenz gewinnt. Nicht
einmal für die Erotik des Mannes, als ein D i s t a n zphänomen, sondern nur
für diejenige Seite an ihm, die unaufhaltsam das Objekt ihres Begehrens
ergreift und sich aneignet, haben die Frauen einen Sinn, und es wirken
Männer auf sie nicht, bei denen Brutalitäts-Instinkte gar nicht oder wenig
entwickelt sind. Selbst die höhere platonische Liebe des Mannes ist ihnen
im Grunde nicht willkommen; sie schmeichelt ihnen und sie streichelt sie,
a b e r s i e s a g t i h n e n n i c h t s. Und wenn das Gebet auf den Knien vor
ihr zu lange währen wollte, würde B e a t r i c e so ungeduldig wie
M e s s a l i n a.
Im Koitus liegt die tiefste Heruntersetzung, in der
L i e b e d i e h ö c h s t e E r h e b u n g d e s We i b e s . D a ß d a s We i b
den Koitus verlangt, und nicht die Liebe, bedeutet, daß
e s h e r u n t e r g e s e t z t , u n d n i c h t e r h ö h t w e r d e n w i l l . Die
letzte Gegnerin der Frauen-Emanzipation ist die Frau.

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Nicht weil der Koitus lustvoll, nicht weil er das Urbild aller Wonne des
niederen Lebens ist, nicht darum ist er unsittlich. Die Askese, welche die
Lust für das Unsittliche an sich erklärt, ist selbst unsittlich; denn sie sucht
den Maßstab des Unrechtes in einer B e g l e i terscheinung und äußeren
Folge der Handlung, n i c h t in der Gesinnung: sie ist h e t e r o n o m. Der
Mensch darf die Lust anstreben, er mag sein Leben auf der Erde leichter
und froher zu gestalten suchen: nur darf er dem nie ein sittliches Gebot
opfern. In der Askese aber will der Mensch die Moralität e r p r e s s e n durch
Selbstzerfleischung, e r w i l l s i e a l s F o l g e e i n e s G r u n d e s, die
eigene Sittlichkeit als Resultat und Belohnung dafür, daß er sich so viel
versagt hat. Die Askese ist demnach als prinzipieller Standpunkt wie als
psychologische Disposition v e r w e r f l i c h; denn sie b i n d e t die Tugend
an etwas anderes als dessen E r f o l g, m a c h t s i e z u r W i r k u n g e i n e r
U r s a c h e, und strebt sie nicht an sich, als unmittelbaren Selbstzweck, an.
Die Askese ist eine gefährliche Verführerin: ihrer Täuschung fallen so viele
so leicht zum Opfer, weil die Lust der h ä u f i g s t e B e w e g g r u n d ist, aus
welchem der Pfad des Gesetzes verlassen wird, und der Irrtum nahe genug
liegt, der auf dem rechten Pfad sicherer zu bleiben glaubt, wenn er an ihrer
Statt den Schmerz anstrebt. An sich aber ist Lust weder sittlich noch
unsittlich. N u r w e n n d e r W i l l e z u r L u s t d e n W i l l e n z u m
We r t b e s i e g t, dann ist der Mensch gefallen.
Der Koitus ist d a r u m unmoralisch, weil es keinen Mann gibt, der das
Weib in solchem Augenblicke nicht als Mittel zum Zweck gebrauchte, den
Wert der Menschheit, in seiner wie in ihrer Person, in diesem Momente
nicht der Lust hintansetzte. Im Koitus vergißt der Mann sich selbst ob der
Lust, und er vergißt das Weib; dieses hat für ihn keine psychische, sondern
nur eine körperliche Existenz mehr. Er will von ihr entweder ein Kind oder
die Befriedigung der eigenen Wollust: in beiden Fällen benützt er sie nicht
als Zweck an sich selbst, sondern um einer fremden Absicht willen. Nur aus
diesem, und aus keinem anderen Grunde, ist der Koitus unmoralisch.
Gewiß ist die Frau die Missionärin der Idee des Koitus, und gebraucht
sich selbst, wie alles andere in der Welt, immer nur als Mittel zu diesem
Zweck; sie will den Mann als Mittel zur Lust oder zum Kinde; sie will
s e l b s t vom Manne als Mittel zum Zweck benützt sein, wie eine Sache,
wie ein Objekt, wie sein Eigentum behandelt, nach seinem Gutdünken von
ihm verändert und geformt werden. Aber nicht nur soll niemand von einem

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anderen als Mittel zum Zweck sich gebrauchen lassen; man darf auch den
Standpunkt des Mannes der Frau gegenüber nicht danach bestimmen
wollen, daß diese den Koitus wirklich wünscht, und von ihm, wenn sie's
auch weder sich noch ihm je ganz gesteht, n i e e t w a s a n d e r e s
e r f l e h t. K u n d r y appelliert freilich an P a r s i f a l s Mitleid für ihr Sehnen:
aber gerade da offenbart sich die ganze Schwäche der Mitleidsmoral, die
zwingen würde, einen jeden Wunsch des Nebenmenschen zu erfüllen, sei er
noch so unberechtigt. Die konsequente Sympathiemoral und die
konsequente Sozialethik sind beide gleich absurd, denn sie machen das
S o l l e n v o m Wo l l e n a b h ä n g i g (ob vom eigenen oder vom fremden
oder vom gesellschaftlichen, bleibt sich gleich), s t a t t d a s Wo l l e n
v o m S o l l e n; sie wählen zum Maßstab der Sittlichkeit konkretes
Menschenschicksal, konkretes Menschenglück, konkreten
Menschenaugenblick, a n s t a t t d e r I d e e.
Die Frage ist: wie soll der Mann das Weib behandeln? W i e e s
selbst behandelt werden will, oder wie es die sittliche
I d e e v e r l a n g t ? Wenn er es zu behandeln hat, wie es behandelt werden
will, dann muß er es koitieren, denn es will koitiert werden, schlagen, denn
es will geschlagen werden, hypnotisieren, denn es will hypnotisiert werden,
ihm durch die Galanterie zeigen, wie gering er seinen Wert an sich
veranschlagt; denn es will Komplimente, es will nicht an sich geachtet
werden. Will er dagegen dem Weibe so entgegentreten, wie es die sittliche
Idee verlangt, so muß er in ihm den M e n s c h e n zu sehen, und es zu achten
suchen. Zwar ist W e i n e F u n k t i o n v o n M, eine Funktion, die er
setzen, die er aufheben kann, und die Frauen wollen nicht mehr sein als
eben dies, nichts anderes als nur dies: die Witwen in Indien sollen sich
gerne und überzeugt verbrennen lassen, ja zu diesem Tode geradezu sich
drängen; doch darum bleibt diese Sitte nicht minder die fürchterlichste
Barbarei.
Es ist mit der Emanzipation der Frauen wie mit der Emanzipation der
Juden und der Neger. Sicherlich liegt dafür, daß diese Völker als Sklaven
behandelt und immer niedrig eingeschätzt wurden, an ihrer knechtischen
Veranlagung die Hauptschuld; sie haben kein so starkes Bedürfnis nach
Freiheit wie die Indogermanen. Und wenn auch heute in Amerika für die
Weißen die Notwendigkeit sich ergeben hat, von den Negern sich völlig
abzusondern, weil diese von ihrer Freiheit einen schlimmen und

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nichtswürdigen Gebrauch machen: so war doch im Kriege der Nordstaaten
gegen die Föderierten, welcher den Schwarzen die Freiheit gab, das Recht
durchaus auf Seite der ersteren. T r o t z d e m d i e A n l a g e d e r
M e n s c h h e i t im Juden, noch mehr im Neger, u n d n o c h w e i t m e h r
i m We i b e, mit einer größeren Anzahl amoralischer Triebe belastet ist; o b
s i e a u c h h i e r m i t m e h r H i n d e r n i s s e n z u k ä m p f e n h a t als
im arischen Manne, noch ihren letzten Rest, sei er selbst noch so gering,
muß der Mensch achten, n o c h h i e r d i e I d e e d e r M e n s c h h e i t (das
heißt nicht: der menschlichen Gesellschaft, sondern das M e n s c h - S e i n,
die S e e l e a l s Te i l e i n e r i n t e l l i g i b l e n We l t) e h r e n. Auch über
den gesunkensten Verbrecher darf niemand sich eine Gewalt anmaßen als
das Gesetz; kein Mensch hat das Recht ihn zu lynchen.
Das P r o b l e m d e s We i b e s und d a s P r o b l e m d e s J u d e n ist
ganz identisch mit dem P r o b l e m d e r S k l a v e r e i, und muß ebenso
aufgelöst werden, wie dieses. Niemand darf unterdrückt werden, wenn er
sich gleich nur in der Unterdrückung wohlfühle. Dem Haustier, das ich
benütze, nehme ich keine Freiheit, denn es hatte keine, bevor ich es mir
dienstbar machte; aber in der Frau ist noch ein ohnmächtiges Gefühl des
Nicht-Anderskönnens, als eine letzte, wenn auch noch so kümmerliche Spur
der intelligiblen Freiheit: wohl deshalb, weil es kein absolutes Weib gibt.
Die Frauen sind M e n s c h e n und müssen a l s s o l c h e behandelt werden,
auch wenn sie selbst das n i e wollen würden. F r a u u n d M a n n h a b e n
gleiche Rechte.
Man erschrecke nicht und wende nicht ein, daß hiemit den Frauen
auch gleich die Teilnahme an der politischen Herrschaft eingeräumt werden
müßte. Vom U t i l i t ä t sstandpunkte ist von dieser Konzession gewiß
einstweilen, und vielleicht stets, abzuraten; in N e u s e e l a n d, wo man das
ethische Prinzip so hochhielt, den Frauen das Wahlrecht zu geben, hat man
damit die schlimmsten Erfahrungen gesammelt. Wie man Kindern,
Schwachsinnigen, Verbrechern mit Recht keinen Einfluß auf die Leitung
des Gemeinwesens gestatten würde, selbst wenn diese plötzlich die
numerische Parität oder Majorität erlangten, so d a r f vorderhand die Frau
von einer Sache ferngehalten werden, von der so lebhaft zu befürchten
steht, daß sie durch den weiblichen Einfluß nur könnte geschädigt werden.
Wie die Resultate der Wissenschaft davon unabhängig sind, ob alle
Menschen ihnen zustimmen oder nicht, so kann auch Recht und Unrecht

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der Frau ganz genau ermittelt werden, ohne daß die Frauen selbst
mitbeschließen, und sie brauchen nicht zu besorgen, übervorteilt zu werden,
wenn bei dieser Feststellung eben Recht- und nicht Machtgesichtspunkte
die Entscheidung bestimmen.
Das Recht aber ist nur eines und das gleiche für
M a n n u n d F r a u . Niemand darf der Frau irgend etwas als »unweiblich«
verwehren und verbieten wollen; und ein ganz niederträchtiges Urteil ist es,
das einen Mann freispricht, der seine ehebrecherische Frau erschlagen hat,
als wäre diese rechtlich seine S a c h e. Man hat die Frau als Einzelwesen
und nach der Idee der Freiheit, nicht als Gattungswesen, nicht nach einem
aus der Empirie oder aus den Liebesbedürfnissen des Mannes hergeleiteten
Maßstabe zu beurteilen: auch wenn sie selber nie jener Höhe der
Beurteilung sich sollte würdig zeigen.
Darum ist dieses Buch die größte Ehre, welche den Frauen je erwiesen
worden ist. Auch gegen das Weib ist nur e i n sittliches Verhalten dem
Manne möglich; nicht die Sexualität, nicht die Liebe — denn beide
benützen es als Mittel zu f r e m d e n Zwecken: s o n d e r n e i n z i g d e r
Ve r s u c h , e s z u v e r s t e h e n. Die meisten Menschen geben theoretisch
vor, d a s We i b zu achten, um praktisch d i e We i b e r desto gründlicher
zu verachten: hier wurde dieses Verhältnis umgekehrt. D a s We i b konnte
nicht hochgewertet werden: aber d i e We i b e r sind von aller Achtung
nicht von vornherein und ein für alle Male auszuschließen.
Leider haben sehr berühmte und bedeutende Männer in dieser Frage
eigentlich r e c h t g e m e i n gedacht. Ich erinnere an S c h o p e n h a u e r s
und an D e m o s t h e n e s ' Stellung zur Frauenemanzipation. Und
G o e t h e s:
»Immer ist so das Mädchen beschäftigt und reifet im stillen
Häuslicher Tugend entgegen, d e n k l u g e n M a n n z u b e g l ü c k e n.
Wünscht sie dann endlich zu lesen, so wählt sie gewißlich ein Kochbuch,«

steht nicht höher als M o l i è r e s:
»........... Une femme en sait toujours assez,
Quand la capacité de son esprit se hausse
A connaître un pourpoint d'avec un haut-de-chausse.«

D i e A b n e i g u n g g e g e n d a s m ä n n l i c h e We i b h a t d e r
M a n n i n s i c h z u ü b e r w i n d e n; denn sie ist nichts als gemeiner

Page 416

Egoismus. Wenn das Weib männlich werden sollte, indem es logisch und
ethisch würde, so wird es sich nicht mehr so gut zum p a s s i v e n
S u b s t r a t e einer P r o j e k t i o n eignen; aber das ist kein genügender
Grund, die Frau, wie dies heute geschieht, nur für den Mann und für das
Kind erziehen zu lassen, mit einer Norm, die ihr etwas verbietet, weil es
m ä n n l i c h sei.
Denn wenn auch für das a b s o l u t e Weib keine Möglichkeit der
Sittlichkeit besteht, mit dem Erschauen dieser I d e e des Weibes ist noch
nicht gegeben, daß der Mann das e m p i r i s c h e Weib dieser vollständig
und rettungslos solle v e r f a l l e n lassen; noch weniger, daß er dazu
beitrage, daß es dieser Idee immer gemäßer werde. Im lebenden
menschlichen Weibe ist, der Theorie nach, immer noch »ein Keim des
Guten«, nach K a n tscher Terminologie, als vorhanden anzunehmen; es ist
jener Rest eines freien Wesens, der dem Weibe das dumpfe Gefühl seines
Schicksals ermöglicht.[102] Daß auf diesen Keim ein Mehr könne gepfropft
werden, davon darf t h e o r e t i s c h die Unmöglichkeit n i e g ä n z l i c h
b e h a u p t e t werden, wenn es auch p r a k t i s c h sicher noch nie gelungen
i s t, wenn es selbst in aller Zukunft nie gelingen s o l l t e.
Unter der sittlichen Idee steht die ganze Welt, selbst die Tiere werden
als P h ä n o m e n e gewertet, der Elefant sittlich höher geschätzt als die
Schlange, wenn auch z. B. die Tötung eines anderen Tieres ihnen nicht als
Personen z u g e r e c h n e t. Dem We i b e aber w i r d von uns
z u g e r e c h n e t; und hierin liegt die F o r d e r u n g , d a ß e s a n d e r s
w e r d e . U n d w e n n a l l e We i b l i c h k e i t U n s i t t l i c h k e i t i s t ,
s o m u ß d a s We i b a u f h ö r e n We i b z u s e i n , u n d M a n n
werden.
Freilich muß gerade hier die Gefahr der äußerlichen Anähnlichung, die
das Weib stets am intensivsten in die Weiblichkeit zurückwirft, am
vorsichtigsten gemieden werden. Die Aussichten des Unternehmens, die
Frauen wahrhaft zu emanzipieren, ihnen die Freiheit zu geben, die nicht
W i l l k ü r, sondern W i l l e wäre, sind äußerst gering. Wenn man nach den
Tatsachen urteilt, so scheint den Frauen nur zweierlei möglich zu sein: die
verlogene Acceptierung des vom Manne Geschaffenen, indem sie selbst
glauben, das zu wollen, was ihrer ganzen, n o c h u n g e s c h w ä c h t e n
Natur w i d e r s p r i c h t, die unbewußt verlogene Entrüstung über die
Unsittlichkeit, a l s o b s i e s i t t l i c h w ä r e n, über die Sinnlichkeit, a l s

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o b sie die u nsinnliche Liebe wollten; oder das offene Zugeständnis[103], der
Inhalt des Weibes sei der Mann und das Kind, ohne das geringste
Bewußtsein davon, w a s sie damit zugeben, welche Schamlosigkeit, welche
Niederlage in dieser Erklärung liegt. U n b e w u ß t e H e u c h e l e i o d e r
c y n i s c h e I d e n t i f i k a t i o n m i t d e m N a t u r t r i e b: ein anderes
scheint dem Weibe nicht gegeben.
Aber n i c h t B e j a h u n g und n i c h t Ve r l e u g n u n g, sondern
Ve r n e i n u n g , Ü b e r w i n d u n g der Weiblichkeit, ist das, worauf es
ankommt. Würde z. B. eine Frau w i r k l i c h die Keuschheit des Mannes
w o l l e n, so hätte sie freilich hiemit das Weib überwunden; denn ihr wäre
der Koitus nicht mehr höchster Wert und seine Herbeiführung nicht mehr
letztes Ziel. Aber dies ist's eben: an die Echtheit solcher Forderungen
vermag man nicht zu glauben, wenn sie auch hie und da wirklich erhoben
werden. Denn ein Weib, das die Keuschheit des Mannes verlangt, ist,
abgesehen von seiner Hysterie, so dumm und so jeder Wahrheit unfähig,
daß es nicht einmal mehr dunkel fühlt, daß es sich selbst damit verneint,
sich absolut und ohne Rettung wertlos, existenzlos macht. Man weiß hier
kaum mehr, wem man den Vorzug geben soll; der grenzenlosen
Verlogenheit, welche selbst das ihr fremdeste, das a s k e t i s c h e Ideal auf
den Schild zu heben fähig ist; oder der ungenierten Bewunderung für den
berüchtigten Wüstling und der einfachen Hingabe an denselben.
Da jedoch alles wirkliche Wollen der Frau i n b e i d e n F ä l l e n in
gleicher Weise darauf gerichtet bleibt, den Mann schuldig werden zu lassen,
so liegt h i e r i n das Hauptproblem der Frauenfrage: und insoweit fällt sie
zusammen mit der Menschheitsfrage.
Friedrich N i e t z s c h e sagt an einer Stelle seiner Schriften: »Sich im
Grundproblem ‚Mann und Weib’ zu vergreifen, hier den abgründlichsten
Antagonismus und die Notwendigkeit einer ewig-feindseligen Spannung zu
leugnen, hier vielleicht von gleichen Rechten, gleicher Erziehung, gleichen
Ansprüchen und Verpflichtungen zu träumen: das ist ein t y p i s c h e s
Zeichen von Flachköpfigkeit, und ein Denker, der an dieser gefährlichsten
Stelle sich flach erwiesen hat — flach im Instinkte! — darf überhaupt als
verdächtig, mehr noch, als verraten, als aufgedeckt gelten: wahrscheinlich
wird er für alle Grundfragen des Lebens, auch des zukünftigen Lebens, zu
‚kurz’ sein und in k e i n e Tiefe hinunterkönnen. Ein Mann hingegen, der
Tiefe hat, in seinem Geiste wie in seinen Begierden, auch jene Tiefe des

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Wohlwollens, welche der Strenge und der Härte fähig ist und leicht mit
ihnen verwechselt wird, kann über das Weib immer nur o r i e n t a l i s c h
denken: — er muß das Weib als Besitz, als verschließbares Eigentum, als
etwas zur Dienstbarkeit Vorbestimmtes und in ihr sich Vollendendes fassen,
— er muß sich hier auf die ungeheuere Vernunft Asiens, auf Asiens
Instinkt-Überlegenheit stellen, wie dies ehemals die Griechen getan haben,
diese besten Erben und Schüler Asiens, — welche, wie bekannt, von Homer
bis zu den Zeiten des Perikles, mit z u n e h m e n d e r Kultur und
Umfänglichkeit an Kraft, Schritt für Schritt auch s t r e n g e r gegen das
Weib, kurz orientalischer geworden sind. W i e notwendig, w i e logisch,
w i e selbst menschlich wünschbar dies war: möge man darüber bei sich
nachdenken!«
Der Individualist denkt hier durchaus sozialethisch: seine Kasten- und
Gruppen-, seine Abschließungstheorie sprengt, wie so oft, die Autonomie
seiner Morallehre. Denn er will i m D i e n s t e d e r G e s e l l s c h a f t , d e r
s t ö r u n g s l o s e n R u h e d e r M ä n n e r, die Frau unter ein
Machtverhältnis stellen, in dem sie allerdings kaum noch den Laut eines
Wunsches nach Emanzipation von sich geben, und nicht einmal jene
verlogene und unechte Freiheitsforderung mehr erheben wird, welche die
heutigen Frauenrechtlerinnen aufgestellt haben: d i e g a r n i c h t a h n e n ,
w o d i e U n f r e i h e i t d e s We i b e s e i g e n t l i c h l i e g t , u n d w a s
i h r e G r ü n d e s i n d. Aber nicht, um N i e t z s c h e einer Inkonsequenz zu
überführen, habe ich ihn citiert; sondern um seinen Worten gegenüber zu
zeigen, wie das Problem der Menschheit nicht lösbar ist ohne eine Lösung
des Problems der Frau. Denn wem die Forderung überflüssig hoch gespannt
scheint, daß der Mann die Frau um der Idee, um des Noumenon willen zu
achten, und nicht als Mittel zu einem außer ihr gelegenen Zweck zu
benützen, daß er ihr darum die gleichen Rechte, ebenso aber die gleichen
Pflichten (der sittlichen und geistigen Selbstbildung) zuzuerkennen habe
wie sich selbst: der möge bedenken, d a ß d e r M a n n d a s e t h i s c h e
Problem für seine Person nicht lösen kann, wenn er in
d e r F r a u d i e I d e e d e r M e n s c h h e i t i m m e r w i e d e r n e g i e r t,
indem er sie als Genußmittel benützt. D e r K o i t u s i s t i n a l l e m
Asiatismus die Bezahlung, welche der Mann der Frau
f ü r i h r e U n t e r d r ü c k u n g z u l e i s t e n h a t . Und so sehr es die Frau
charakterisieren mag, d a ß s i e u m d i e s e n P r e i s s i c h e r l i c h s t e t s
a u c h d e m ä r g s t e n S k l a v e n j o c h s i c h g e r n e f ü g t, der Mann

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d a r f auf den Handel nicht eingehen, weil auch e r sittlich dabei zu kurz
kommt.
Also selbst t e c h n i s c h ist das Menschheitsproblem nicht lösbar für
den Mann a l l e i n; er muß die Frau m i t n e h m e n, auch wenn er nur s i c h
erlösen wollte, er muß sie zum Ve r z i c h t auf ihre unsittliche Absicht auf
ihn zu bewegen suchen. Die Frau muß dem Koitus i n n e r l i c h und
w a h r h a f t, aus f r e i e n S t ü c k e n entsagen. Das bedeutet nun allerdings:
das Weib muß a l s s o l c h e s u n t e r g e h e n, und es ist keine Möglichkeit
für eine Aufrichtung des Reiches Gottes auf Erden, eh dies nicht geschehen
ist. Darum sind P y t h a g o r a s, P l a t o n, d a s C h r i s t e n t u m (im
Gegensatze zum J u d e n t u m), Te r t u l l i a n, S w i f t, Wa g n e r, I b s e n für
die Befreiung, für Erlösung des Weibes eingetreten, n i c h t f ü r d i e
E m a n z i p a t i o n d e s We i b e s v o m M a n n e , s o n d e r n f ü r d i e
E m a n z i p a t i o n d e s We i b e s v o m We i b e. Und in solcher
Gemeinschaft den Bannfluch Nietzsches zu tragen ist ein Leichtes.
Aus eigener Kraft aber kann das Weib schwer zu solchem Ziele
gelangen. Der Funke, der in ihr so schwach ist, müßte am Feuer des
Mannes immer wieder sich entzünden können: das B e i s p i e l müßte
gegeben werden. Bevor das Weib nicht aufhört, für den Mann als Weib zu
existieren, kann es selbst nicht aufhören, Weib zu sein: K u n d r y kann nur
von P a r s i f a l, vom sündelosen, unbefleckten Manne aus K l i n g s o r s
Banne wirklich befreit werden. So deckt sich diese psychologische mit der
philosophischen Deduktion, wie sie hier mit Wa g n e r s »Parsifal«, der
tiefsten Dichtung der Weltliteratur, in völliger Übereinstimmung sich weiß.
Erst die Sexualität des Mannes gibt dem Weibe Existenz als Weib. Alle
Materie hat nur so viel Existenz, als die Schuldsumme im Universum
beträgt: auch das Weib wird nur so lange leben, bis der Mann seine Schuld
gänzlich getilgt, bis er die e i g e n e Sexualität wirklich überwunden hat.
Nur so erledigt sich der ewige Einspruch gegen alle antifeministischen
Tendenzen: das Weib sei nun einmal da, so wie es sei, nicht zu ändern, und
darum müsse man mit ihm sich abzufinden suchen; der Kampf nütze nichts,
weil er nichts beseitigen könne. Es ist aber gezeigt, daß die Frau nicht i s t,
und in dem Augenblicke s t i r b t, da der Mann gänzlich nur s e i n will. Das,
wogegen der Kampf geführt wird, ist keine Sache von ewig
unveränderlicher Existenz und Essenz: es ist etwas, das aufgehoben werden
k a n n, und aufgehoben werden s o l l.

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Nur so, nicht anders, ist die Frauenfrage zu lösen, für den, der sie
v e r s t a n d e n hat. Man wird die Lösung unmöglich, ihren Geist
überspannt, ihren Anspruch übertrieben, ihre Forderung unduldsam finden.
Und allerdings: von der Frauenfrage, über welche die Frauen s p r e c h e n,
ist hier längst die Rede nicht mehr; es handelt sich um jene, von der die
Frauen s c h w e i g e n, ewig schweigen m ü s s e n; um d i e U n f r e i h e i t,
die in der G e s c h l e c h t l i c h k e i t liegt. D i e s e Frauenfrage ist so alt wie
das Geschlecht, und nicht jünger als die Menschheit. Und die Antwort auf
sie: der Mann muß vom Geschlechte sich erlösen, und s o, nur s o erlöst er
die Frau. A l l e i n seine K e u s c h h e i t, nicht, wie s i e wähnt, seine
Unkeuschheit, ist ihre Rettung. Freilich geht sie, als We i b, so unter: aber
nur, um aus der Asche neu, verjüngt, als der r e i n e M e n s c h, sich
emporzuheben.
Darum wird die Frauenfrage bestehen, so lang es zwei Geschlechter
gibt, und nicht eher verstummen denn die Menschheitsfrage. In diesem
Sinne hat C h r i s t u s, nach dem Zeugnis des Kirchenvaters K l e m e n s, zur
S a l o m e gesprochen, ohne die optimistische Beschönigung, die P a u l u s,
die L u t h e r für das Geschlecht späterhin fanden: so lang werde der Tod
währen, als die Weiber gebären, und nicht eher die Wahrheit geschaut
werden, als bis aus zweien eins, aus Mann und Weib ein drittes Selbes,
w e d e r Mann n o c h Weib, werde geworden sein.

Hiemit erst, aus dem höchsten Gesichtspunkte des
Frauen- als des Menschheitsproblems, ist die Forderung
der Enthaltsamkeit für beide Geschlechter gänzlich
b e g r ü n d e t . Sie aus den gesundheitsschädlichen Folgen des Verkehres
abzuleiten, ist flach, und mag von den Advokaten des Körpers ewig
bestritten werden; sie auf die Unsittlichkeit der Lust zu gründen, falsch;
denn so wird ein heteronomes Motiv in die Ethik eingeführt. Schon
A u g u s t i n u s aber hat, wenn er die Keuschheit für alle Menschen
verlangte, den Einwand vernehmen müssen, daß in solchem Falle die
Menschheit von der Erde binnen kurzem verschwunden wäre. In dieser
merkwürdigen Befürchtung, welcher der schrecklichste Gedanke der zu
sein scheint, daß die G a t t u n g aussterben könne, liegt nicht allein

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äußerster Unglaube an die i n d i v i d u e l l e Unsterblichkeit und ein ewiges
Leben der sittlichen Individualität, sie ist nicht nur verzweifelt irreligiös:
man beweist mit ihr zugleich seinen Kleinmut, seine Unfähigkeit, außer der
H e r d e zu leben. Wer so denkt, kann sich die Erde nicht vorstellen ohne das
Gekribbel und Gewimmel der Menschen auf ihr, ihm wird angst und bange
n i c h t s o s e h r v o r d e m To d e , a l s v o r d e r E i n s a m k e i t. Hätte
die an sich unsterbliche moralische Persönlichkeit genug Kraft in ihm, so
besäße er Mut, dieser Konsequenz ins Auge zu sehen; er würde den
leiblichen Tod nicht fürchten, und nicht für den mangelnden Glauben an das
ewige Leben das jämmerliche Surrogat in der Gewißheit eines
Weiterbestehens der Gattung suchen. Die Verneinung der Sexualität tötet
bloß den körperlichen Menschen und ihn nur, um dem geistigen erst das
volle Dasein zu geben.
Darum kann es auch nicht sittliche Pflicht sein, für die Fortdauer der
Gattung zu sorgen, wie man dies so oft behaupten hört. Es ist diese Ausrede
von einer außerordentlich u n v e r f r o r e n e n Ve r l o g e n h e i t; diese liegt
so offen zu Tage, daß ich fürchte, mich durch die Frage lächerlich zu
machen, ob schon je ein Mensch den Koitus mit dem Gedanken vollzogen
hat, er müsse der großen Gefahr vorbeugen, daß die Menschheit zu Grunde
gehe. A l l e F é c o n d i t é i s t n u r e k e l h a f t; und kein Mensch fühlt,
wenn er sich aufrichtig befragt, es als seine Pflicht, für die dauernde
Existenz der menschlichen Gattung zu sorgen. Was man aber nicht als seine
Pflicht fühlt, das ist nicht Pflicht.
Im Gegenteil: es ist unmoralisch, ein menschliches Wesen zur Wirkung
einer Ursache zu machen, es als Bedingtes hervorzubringen, wie das mit der
Elternschaft gegeben ist; und der Mensch ist im tiefsten Grunde nur deshalb
unfrei und determiniert neben seiner Freiheit und Spontaneität, weil er auf
diese unsittliche Weise entstanden ist. Die moralische Weihe also, die man
dem Koitus (der ihrer freilich dringend bedarf) bisweilen zu geben versucht
hat, indem man einen idealen Koitus fingierte, bei dem nur die
Fortpflanzung des Menschengeschlechtes in Betracht gezogen werde —
diese liebevolle Verbrämung erweist sich nicht als ein genügender Schutz:
denn das angeblich ihn verstattende und heiligende Motiv ist nicht nur kein
Gebot und nirgends im Menschen als ein Imperativ zu finden, sondern
vielmehr selbst ein sittlich verwerflicher Beweggrund; weil man einen
Menschen nicht um seine Einwilligung fragt, dessen Vater oder Mutter man

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wird. Für den anderen Koitus aber, bei dem die Möglichkeit einer
Fortpflanzung künstlich verhindert wird, kommt selbst jene, auf so
schwachen Füßen stehende Rechtfertigung in Wegfall.
Also widerspricht der Koitus in jedem Falle der Idee der Menschheit;
nicht weil Askese Pflicht ist, sondern vor allem, weil das Weib in ihm
Objekt, Sache werden will, und der Mann ihm hier wirklich den Gefallen
tut, es nur als Ding, nicht als lebenden Menschen, mit inneren, psychischen
Vorgängen anzusehen. Darum verachtet auch der Mann das Weib
augenblicklich, sobald er es besessen hat, und das Weib f ü h l t, daß es nun
verachtet wird, auch wenn es vor zwei Minuten sich noch vergöttert wußte.
Respektieren kann der Mensch im Menschen nur die I d e e, die Idee
der Menschheit; in der Verachtung des Weibes (und seiner selbst), die sich
nach dem Koitus einstellt, liegt der sicherste Anzeiger, daß gegen die Idee
hier gefehlt wurde. Und wer nicht verstehen kann, was mit dieser
K a n tischen Idee der Menschheit gemeint ist, der mag es sich wenigstens
zum Bewußtsein bringen, daß es s e i n e Schwestern, s e i n e Mutter, s e i n e
weiblichen Verwandten sind, um die es sich handelt: u m u n s e r s e l b s t
w i l l e n sollte das Weib als Mensch behandelt, g e a c h t e t werden, und
nicht e r n i e d r i g t, wie es durch alle Sexualität geschieht.
Zu ehren aber könnte der Mann das Weib erst dann m i t R e c h t
beginnen, wenn es s e l b s t aufhörte, O b j e k t und M a t e r i e für den Mann
s e i n z u w o l l e n; wenn ihm wirklich an einer Emanzipation läge, die
mehr wäre als eine Emanzipation der Dirne. Noch ist nie offen gesagt
worden, wo die Hörigkeit der Frau einzig zu suchen ist: in der souveränen,
angebeteten Gewalt, die der Phallus des Mannes über sie besitzt. Darum
haben die Frauen-Emanzipation aufrichtig stets nur M ä n n e r gewollt, nicht
sehr sexuelle, nicht sehr liebesbedürftige, nicht sehr tiefblickende, aber edle
und für das Recht begeisterte Männer, darüber kann kein Zweifel sein. Ich
will die erotischen Motive des Mannes nicht beschönigen, und seine
Antipathie gegen das »emanzipierte Weib« nicht geringer darstellen, als sie
ist: es ist leichter, sich hinanziehen zu lassen, wie G o e t h e, als einsam zu
steigen und immerfort zu steigen, wie K a n t. Aber vieles, was dem Mann
als F e i n d s c h a f t gegen die Emanzipation ausgelegt wird, ist in Wahrheit
nur Mißtrauen und Zweifel an ihrer Möglichkeit. Der Mann will das Weib
nicht als Sklavin, er sucht oft genug zunächst eine Gefährtin, die ihn
verstehe.

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Nicht die Erziehung, die das Weib heute empfängt, ist die
angemessene Vorbereitung, um der Frau den Entschluß nahezulegen und zu
erleichtern, jene ihre wahre Unfreiheit zu besiegen. Alles letzte Mittel
m ü t t e r l i c h e r P ä d a g o g i k ist es, der Tochter, die zu diesem oder jenem
sich nicht bequemt, als Strafe aufzudrohen, s i e w e r d e k e i n e n M a n n
b e k o m m e n. Die Erziehung, welche den Frauen zuteil wird, ist auf nichts
angelegt als auf ihre Ve r k u p p e l u n g, in deren glücklichem Gelingen sie
ihre Krönung findet. Am Manne ist durch solche Einflüsse wenig zu
ändern; aber das Weib wird durch sie in seiner Weiblichkeit, in seiner
Unselbständigkeit und Unfreiheit, noch b e s t ä r k t.
D i e E r z i e h u n g d e s We i b e s m u ß d e m We i b e , d i e
Erziehung der ganzen Menschheit der Mutter
entzogen werden.
Dies wäre die erste Voraussetzung, die erfüllt sein müßte, um die Frau
in den Dienst der Menschheitsidee zu stellen, der niemand, so wie s i e, seit
Anbeginn entgegengewirkt hat.

Eine Frau, die wirklich entsagt hätte, die in sich selbst die Ruhe suchen
würde, eine solche Frau wäre kein Weib mehr. Sie hätte aufgehört, Weib zu
sein, sie hätte zur äußeren endlich die innere Taufe empfangen.
Kann das werden?
Es gibt kein absolutes Weib, und doch ist uns die Bejahung dieser
Frage wie eine Bejahung des Wunders.
Glücklicher wird das Weib nicht werden durch solche Emanzipation:
die Seligkeit kann sie ihm nicht versprechen, und zu Gott ist der Weg noch
lang. Kein Wesen zwischen Freiheit und Unfreiheit kennt das Glück. Wird
aber das Weib sich entschließen können, die Sklaverei aufzugeben, um
u n g l ü c k l i c h zu werden?
Nicht die Frau heilig zu machen, nicht darum kann es so bald sich
handeln. Nur darum: kann das Weib zum Probleme seines Daseins, zum
Begriffe der S c h u l d redlich gelangen? Wird es die Freiheit wenigstens
w o l l e n? Allein auf die Durchsetzung des Ideales, auf das Erblicken des

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Leitsternes kommt es an. Bloß darauf: kann im Weibe der kategorische
Imperativ lebendig werden? Wird sich das Weib unter die sittliche Idee,
unter die I d e e d e r M e n s c h h e i t stellen?
Denn einzig d a s wäre F r a u e n - E m a n z i p a t i o n.

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ANHANG
ZUSÄTZE UND NACHWEISE.

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Zur Einleitung des ersten Teiles.
(S. 3, Z. 2 f.) Der Ausdruck »Begriffe mittlerer Allgemeinheit« stammt
von John Stuart M i l l. — Über die beschriebene Entwicklung eines
begrifflichen Systems von Gedanken vgl. E. M a c h, Die Analyse der
Empfindungen etc., 3. Aufl., Jena 1902, S. 242 f.
(S. 5, Z. 12 f.) Vgl. Ludwig B o l t z m a n n, Über den zweiten
Hauptsatz der mechanischen Wärmetheorie, Almanach der k. k. Akademie
der Wissenschaften zu Wien, 36. Jahrgang, S. 255: »Wie in die Augen
springend ist der Unterschied zwischen Tier und Pflanze, trotzdem gehen
die einfachen Formen kontinuierlich ineinander über, so daß gewisse gerade
an der Grenze stehen, ebensogut Tiere wie Pflanzen darstellend. Die
einzelnen Spezies in der Naturgeschichte sind meist aufs schärfste getrennt,
hier und da aber finden wieder kontinuierliche Übergänge statt.« Über das
Verhältnis von chemischer Verbindung und Mischung vgl. F. Wa l d,
Kritische Studie über die wichtigsten chemischen Grundbegriffe, Annalen
der Naturphilosophie, I, 1902, S. 181 ff.
(S. 6, Z. 12 f.) Z. B. kommt die sehr ausführliche Untersuchung von
Paul B a r t e l s, Über Geschlechtsunterschiede am Schädel, Berlin 1897, zu
dem Schlusse (S. 94): »Einen durchgreifenden Unterschied des männlichen
vom weiblichen Schädel kennen wir bis jetzt noch nicht ..... Alle etwa
anzuerkennenden Unterschiede erweisen sich als Charaktere des
männlichen beziehungsweise weiblichen Durchschnittes und zeigen eine
größere oder geringere Anzahl von Ausnahmen.« (S. 100): »Eine sichere
Diagnose des Geschlechtes ist zur Zeit nicht möglich, und wird, fürchte ich,
nie möglich sein.«
(S. 6, Z. 15.) Konrad R i e g e r, Die Kastration in rechtlicher, sozialer
und vitaler Hinsicht, Jena 1900, S. 35: »Jeder, der schon viele nackte
Menschen gesehen hat, weiß doch aus Erfahrung: einerseits, daß es viele
Frauen gibt, deren Becken »männlich« ist; und anderseits, daß es viele
Männer gibt, deren Becken »weiblich« ist ..... Bekanntlich ist deshalb die
Geschlechtsdiagnose eines Skelettes durchaus nicht immer möglich.«

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Zu Teil I, Kapitel 1.
(S. 7, Z. 13.) Vor Heinrich R a t h k e (Beobachtungen und
Betrachtungen über die Entwicklung der Geschlechtswerkzeuge bei den
Wirbeltieren, Halle 1825. Neueste Schriften der naturforschenden
Gesellschaft in Danzig, Bd. I, Heft 4) herrschte dogmatisch die
T i e d e m a n nsche Anschauung, daß ursprünglich alle Embryonen weiblich
seien, und der Hode durch eine Weiterentwicklung des Eierstockes
entstanden. (Vgl. Richard S e m o n, Die indifferente Anlage der Keimdrüsen
beim Hühnchen und ihre Differenzierung zum Hoden, Habilitationsschrift,
Jena 1887, S. 1 f.) Rathke (S. 121 f.) bekämpfte mit vielen Gründen die
Auffassung, daß das männliche Geschlecht ein höher entwickeltes
weibliches sei, und kam als erster zu dem Schlusse: »Alle .... in diesem
Werke mitgeteilten Beobachtungen bezeugen, daß aller sinnlicher
Unterschied, der sich auf das verschiedene Geschlecht bezieht, zwischen
den männlichen und weiblichen Gebilden in frühester Lebenszeit durchaus
wegfällt. Wenigstens ist dies der Fall bei den inneren Geschlechtsteilen,
denn von den äußeren kann ich fast nur allein aus fremder, nicht aber aus
eigener Erfahrung urteilen. Diese fremden Erfahrungen aber scheinen
ebenfalls auf eine Gleichheit jener äußeren Gebilde hinzudeuten. Es läßt
sich demnach behaupten, daß wenigstens bei den Wirbeltieren die
Geschlechter ursprünglich, so weit die sinnliche Wahrnehmung reicht,
einander gleich sind.« Diese Ansicht wurde weiter geprüft, bestätigt und
schließlich zur Geltung gebracht durch die Arbeiten von J o h a n n e s
M ü l l e r (Bildungsgeschichte der Genitalien, Düsseldorf 1830), Va l e n t i n
(Über die Entwicklung der Follikel in den Eierstöcken der Säugetiere,
Müllers Archiv, 1838, S. 103 f.), R. R e m a k (Untersuchungen über die
Entwicklung der Wirbeltiere) und Wilhelm Wa l d e y e r (Eierstock und Ei,
1870).
(S. 7, Z. 15.) Für die Pflanzen ist dieser Nachweis erst in jüngster Zeit
in K. G o e b e l s Abhandlung Ȇber Homologien in der Entwicklung
männlicher und weiblicher Geschlechtsorgane« (Flora oder allgemeine
botanische Zeitung, Bd. XC, 1902, S. 279–305) erfolgt. Goebel zeigt, wie
auch bei der Pflanze männliche und weibliche Organe sich aus einer

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ursprünglichen Grundform entwickeln, indem im weiblichen Organ jene
Zellen steril werden, die im männlichen zur Spermatozoidbildung führen,
und umgekehrt.
(S. 7, Z. 16 ff.) Die Zeitangaben beziehen sich auf die ä u ß e r e n
Geschlechtsteile. Sie werden von den Beobachtern nicht in
Übereinstimmung gemacht, vgl. W. N a g e l, Über die Entwicklung des
Urogenitalsystems des Menschen, Archiv für mikroskopische Anatomie,
Bd. XXXIV, 1889, S. 269–384 (besonders S. 375 f.), Die im Texte
gegebenen Daten im allgemeinen nach Oscar H e r t w i g, Lehrbuch der
Entwicklungsgeschichte des Menschen und der Tiere, 7. Aufl., S. 427, 441.
Ganz kontrovers ist der Zeitpunkt der Differenzierung der inneren
Keimdrüsenanlagen, ja selbst die Frage noch strittig, ob deren Anlage zuerst
hermaphroditisch oder gleich sexuell bestimmt sei. Vgl. die auch hierüber
am ausführlichsten orientierende Abhandlung Nagels (S. 299 ff.).
(S. 8, Z. 21 f.) Ich gebe hier nach Oscar H e r t w i g (Lehrbuch der
Entwicklungsgeschichte des Menschen und der Wirbeltiere, 7. Aufl., Jena
1902, S. 444 f.) die vollständige »Tabellarische Übersicht I. über die
vergleichbaren Teile der äußeren und der inneren Geschlechtsorgane des
männlichen und des weiblichen Geschlechtes, und II. über ihre Ableitung
von der ursprünglich indifferenten Anlage des Urogenitalsystems bei den
Säugetieren«.
Männliche Gemeinschaftliche We i b l i c h e
Geschlechtsteile. Ausgangsform. Geschlechtsteile.
Samenampullen und Eifollikel, Graafsche
Keimepithel
Samenkanälchen Bläschen.
Urniere
a) Nebenhoden, a) Vorderer Teil mit den a) Epoophoron mit
Epididymis mit Rete Geschlechtssträngen Marksträngen des
testis und Tubuli recti (Geschlechtsteil) Eierstocks.
b) Hinterer Teil
b) Paradidymis b) Paroophoron.
(eigentlicher Urnierenteil)
Samenleiter mit Gärtnersche Kanäle
Urnierengang
Samenbläschen einiger Säugetiere.
Niere und Ureter Niere und Ureter Niere und Ureter.

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Hydatide des
Eileiter und Fimbrien
Nebenhodens
Müllerscher Gang
Sinus prostaticus Gebärmutter und
(Uterus masculinus) Scheide.
Rundes Mutterband
Gubernaculum Hunteri Leistenband der Urniere und Ligamentum
ovarii.
Männliche Harnröhre
(Pars prostatica und Sinus urogenitalis Vorhof der Scheide.
membranacea)
Männliches Glied Geschlechtshöcker Klitoris.
Pars cavernosa urethrae Geschlechtsfalten Kleine Schamlippen.
Hodensack Geschlechtswülste Große Schamlippen.
(S. 8, Z. 9 v. u.) Ernst H ä c k e l, Generelle Morphologie der
Organismen, Band II: Allgemeine Entwicklungsgeschichte der Organismen
etc., Berlin 1866, S. 60 f.: »Jedes Individuum (irgend einer Ordnung) als
Zwitter (H e r m a p h r o d i t u s) vereinigt in sich beiderlei
Geschlechtsstoffe, Ovum und Sperma. Der Gegensatz hiezu ist die
Trennung der Genitalien, die Verteilung der beiderlei Geschlechtsstoffe auf
zwei Individuen (gleichviel welcher Ordnung), welche wir als
G e s c h l e c h t s t r e n n u n g o d e r G o n o c h o r i s m u s bezeichnen. Jedes
Individuum irgend einer Ordnung als N i c h t z w i t t e r (Gonochoristus)
besitzt nur einen von beiden Geschlechtsstoffen, Ovum o d e r Sperma.« In
einer Anmerkung hiezu gibt er die Etymologie: »γονη, ἡ Genitale,
Geschlechtsteil: χωριστός, getrennt. Wir führen dieses neue Wort hier ein,
weil es bisher seltsamerweise gänzlich an einer a l l g e m e i n e n
Bezeichnung der Geschlechtstrennung mangelte, während man für die
Zwitterbildung deren mehrere besaß (Hermaphroditismus, Androgynie).«
(S. 9, Z. 9.) Am wenigsten dimorph sind die Geschlechter wohl bei
den Stachelhäutern (Echinodermen). Ferner finden sich nach We i s m a n n,
Das Keimplasma, Jena 1892, S. 466 f., auch bei Volvox, unter den
Schwämmen und den Medusenpolypen Organismen, bei welchen
männliche und weibliche Individuen lediglich durch die Art der
Geschlechtszellen selbst sich unterscheiden, also ohne alle weiteren
Sexualcharaktere.

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(S. 9, Z. 11.) Normaler Hermaphroditismus unter den Fischen: beim
Seebarsch (Serranus scriba), der Goldbrasse (Chrysophrys aurata) und der
Myxine glutinosa (einem auf anderen Fischen schmarotzenden
Cyklostoma). Vgl. C. C l a u s, Lehrbuch der Zoologie, 6. Aufl., Marburg
1897, S. 745, und R i c h a r d H e r t w i g, Lehrbuch der Zoologie, 5. Aufl.,
Jena 1900, S. 99.
(S. 9, Z. 13 v. u.) Aus Gründen der Vererbungslehre wird von
D a r w i n und besonders von We i s m a n n die Bisexualität der
geschlechtlich differenzierten Lebewesen geradezu als eine Notwendigkeit
postuliert. Darwin, Das Variieren der Tiere und Pflanzen im Zustande der
Domestikation, 2. Aufl., Stuttgart 1873, Bd. II, S. 59 f.: »Wir sehen daher,
daß in vielen, wahrscheinlich in allen Fällen die sekundären Charaktere
jedes Geschlechtes schlafend oder latent in dem entgegengesetzten
Geschlechte ruhen, bereit, sich unter eigentümlichen Umständen zu
entwickeln. Wir können auf diese Weise verstehen, woher es z. B. möglich
ist, daß eine gut melkende Kuh ihre guten Eigenschaften durch ihre
männlichen Nachkommen auf spätere Generationen überliefert, indem wir
zuversichtlich annehmen, daß diese Eigenschaften in den Männchen jeder
Generation, wenn auch in einem latenten Zustande, vorhanden sind.
Dasselbe gilt für den Kampfhahn, welcher seine Vorzüglichkeiten in Betreff
des Mutes und der Lebendigkeit durch seine weibliche auf seine männliche
Nachkommenschaft überliefern kann; und beim Menschen ist es bekannt,
daß Krankheiten, wie z. B. Hydrokele, welche notwendig auf das männliche
Geschlecht beschränkt sind, durch die Tochter auf den Enkel überliefert
werden können. Derartige Fälle, wie die vorstehenden, bieten .... die
möglichst einfachen Beispiele von Rückschlag dar, und sie sind unter der
Annahme verständlich, daß bei dem Großvater und Enkel eines und
desselben Geschlechtes gemeinsame Charaktere, wenn auch latent, in dem
zwischenliegenden Erzeuger des entgegengesetzten Geschlechtes
vorhanden sind.« Weismann, Das Keimplasma, eine Theorie der Vererbung,
Jena 1892, S. 467 f.: »Vom Menschen her wissen wir, daß sämtliche
sekundären Geschlechtscharaktere nicht nur von den Individuen des
entsprechenden Geschlechtes vererbt werden, sondern auch von denen des
anderen. Die schöne Sopranstimme der Mutter kann sich durch den Sohn
hindurch auf die Enkelin vererben, ebenso der schwarze Bart des Vaters
durch die Tochter auf den Enkel. Auch bei den Tieren müssen in jedem
geschlechtlich differenzierten Bion beiderlei Geschlechtscharaktere

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vorhanden sein, die einen manifest, die anderen latent. Der Nachweis ist
hier nur in gewissen Fällen zu führen, weil wir die individuellen
Unterschiede dieser Charaktere nur selten so genau bemerken, allein er ist
selbst für ziemlich einfach organisierte Arten zu führen, und d i e l a t e n t e
Anwesenheit der entgegengesetzten
Geschlechtscharaktere in jedem geschlechtlich
d i f f e r e n z i e r t e n B i o n muß deshalb als allgemeine Einrichtung
aufgefaßt werden. Bei der Biene besitzen die aus unbefruchteten Eiern sich
entwickelnden Männchen die sekundären Geschlechtscharaktere des
Großvaters, und bei den Wasserflöhen, bei welchen mehrere rein weibliche
Generationen aus einander hervorgehen, bringt die letzte derselben
Männchen hervor mit den sekundären Geschlechtscharakteren der Art,
welche somit in latentem Zustande in einer großen Reihe von weiblichen
Generationen vorhanden sein mußten.« Man vergleiche hiemit auch M o l l,
Untersuchungen über die Libido sexualis, Berlin 1898, Bd. I, S. 444.
(S. 9, Z. 4 v. u.) Als das »Objekt der Kunst« wird »die platonische
Idee« bekanntlich betrachtet im dritten Buche der »Welt als Wille und
Vorstellung« von S c h o p e n h a u e r.
(S. 10, Z. 18.) Seit 1899 erscheint alljährlich unter Redaktion von Dr.
Magnus Hirschfeld ein »J a h r b u c h für sexuelle
Z w i s c h e n s t u f e n«. Dieses Unternehmen wäre noch verdienstvoller, als
es ist, wenn es nicht nur die Homosexuellen und die Zwittergeburten, das
sind die sexuellen M i t t e lstufen, in den Kreis seiner Betrachtung zöge.
Vgl. übrigens Kap. IV und die Nachweise zu demselben.
(S. 11, Z. 3 ff.) Auch für die Pflanzen. Vgl. August S c h u l z, Beiträge
zur Kenntnis der Bestäubungseinrichtungen und Geschlechtsverteilung bei
den Pflanzen, II. Teil, Kassel 1890, an vielen Orten, z. B. S. 185. Ferner
erzählt D a r w i n, Die verschiedenen Blütenformen bei Pflanzen der
nämlichen Art, Werke IX/3, Stuttgart 1877, S. 10, von der gemeinen Esche
(Fraxinus excelsior): »..... ich untersuchte .... 15 Bäume, welche auf dem
Felde wuchsen, und von diesen produzierten 8 allein männliche Blüten und
im Frühjahr und im Herbste nicht ein einziges Samenkorn; 4 produzierten
nur weibliche Blüten, welche außerordentlich zahlreichen Samen ansetzten;
drei waren Zwitter, welche, als sie in Blüte waren, ein von den anderen
Bäumen verschiedenes Aussehen hatten: zwei von ihnen produzierten
nahezu so viel Samen wie die weiblichen Bäume, während der dritte nicht

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einen hervorbrachte, so daß er der Funktion nach männlich war. D i e
Tr e n n u n g d e r G e s c h l e c h t e r i s t i n d e s s e n b e i d e r E s c h e
nicht vollständig, denn die weiblichen Blüten enthalten
Staubgefäße, welche in einer frühen Periode abfallen,
und ihre Antheren, welche sich niemals öffnen oder
dehiszieren, enthalten meistens eine breiige Substanz
anstatt des Pollens. An einigen weiblichen Blüten fand
ich jedoch einige wenige Antheren, welche allem
Anscheine nach gesunde Pollenkörner enthielten. An
den männlichen Bäumen enthalten die meisten Blüten
P i s t i l l e, dieselben fallen aber gleichfalls in einer frühen Periode ab; und
die Eichen, welche schließlich abortieren, sind sehr klein verglichen mit
denen in weiblichen Blüten von demselben Alter.« Man vergleiche übrigens
die im III. Kapitel besprochene Heterostylie. — Was die Tiere betrifft, und
besonders den Menschen, so ließen sich ganze Bogen mit Belegen aus
hierauf bezüglichen Publikationen füllen. Ich verweise aber lieber zunächst
auf Albert M o l l, Untersuchungen über die Libido sexualis, I, S. 334 ff. (z,
B. seine Beweise für das Vorkommen sezernierender Milchdrüsen bei
Männern). — Konrad R i e g e r, Die Kastration in rechtlicher, sozialer und
vitaler Hinsicht, Jena 1900, S. 21, Anmerkung 2: »Manche weibliche
Ziegen haben sehr starke Hörner, die sich nur wenig von denen eines
Ziegenb o c k e s unterscheiden; andere weibliche Ziegen sind völlig hornlos,
und schließlich gibt es auch Ziegenb ö c k e (u n d z w a r u n k a s t r i e r t e)
ohne Hörner.« S. 26: »Sieht man eine größere Anzahl von Rindviehbildern
durch, so ergibt sich sofort, daß sehr bedeutende Unterschiede bestehen in
Bezug auf die Hörner bei den Stieren selbst.« S. 30: »Ich habe selbst
zufällig neulich ein weibliches Schaf von einer importierten Rasse gesehen,
das die schönsten Widderhörner hatte.« Vgl. ferner M., Über Rehböcke mit
abnormer Geweihbildung und deren eigentümliches Verhalten, Deutsche
Jäger-Zeitung, XXXII, 363. Edw. R. A l s t o n, On Female Deer with antlers,
Proceed. Zoolog. Society, London 1879, p. 296 f. — Von l o k a l e n
Häufungen der Zwischenstufen bei Käfern und Schmetterlingen berichtet
William B a t e s o n, Materials for the study of variation treated with
especial regard of discontinuity in the origin of species, London 1894, p.
254: »In all other localities the male Phalanger maculatus alone is spotten
with white, the female being without spots, but in Waigiu the females are
spotted like the males. This curious fact was first noticed by Jentink.«

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(F. A. J e n t i n k, Notes, Leyd. Mus., VII, 1885, p. 90.) Und in einer
Anmerkung hiezu: »Compare the converse case of Hepialus humuli (the
Ghost Moth), of which, in all other localities, the male are clear and the
females are light yellow-brown with spots, but in the Shetland Islands the
males are very like the females, t h o u g h i n v a r y i n g d e g r e e s. See
Jenner Weir, Entomologist, 1880, p. 251 Pl.« — D a r w i n, Das Variieren
der Tiere und Pflanzen im Zustande der Domestikation, II, 259: »Die vielen
wohlbeglaubigten Fälle verschiedener männlicher Säugetiere, welche Milch
geben, zeigen, daß ihre rudimentären Milchdrüsen diese Fähigkeit in einem
latenten Zustande behalten.« Dazu M o l l, Untersuchungen, I, 481: »Von der
typischen Beschaffenheit der männlichen Brust finden wir bis zur völligen
Ausbildung der weiblichen Brustdrüsen beim Manne zahlreiche
Übergänge.« — Vo n der großen Ve r ä n d e r l i c h k e i t
s e k u n d ä r e r G e s c h l e c h t s c h a r a k t e r e handelt D a r w i n im 5.
Kapitel der »Entstehung der Arten« (S. 207 ff. der Übersetzung von Haek,
Universalbibliothek), von »A b s t u f u n g e n sekundärer
g e s c h l e c h t l i c h e r C h a r a k t e r e« im 14. Kapitel der »Abstammung
des Menschen u. s. w.« (Bd. II, S. 143 ff. der gleichen Ausgabe). — Über
sexuelle Zwischenformen bei den Cerviden noch Adolf R ö r i g, Welche
Beziehungen bestehen zwischen den Reproduktionsorganen der Cerviden
und der Geweihbildung, Archiv für Entwicklungsmechanik der Organismen
VIII, 1899, 382–447 (mit weiterer Literatur); bei den Vögeln: A.
T i c h o m i r o f f, Androgynie bei den Vögeln, Anatomischer Anzeiger, 15.
März 1888 (III, 221–228); bei Vögeln und anderen Tieren: Alexander
B r a n d t, Anatomisches und Allgemeines über die sogenannte
Hahnenfedrigkeit und über anderweitige Geschlechtscharaktere bei Vögeln,
Zeitschrift für wissenschaftliche Zoologie, 48, 1889, S. 101–190.
(S. 11, Z. 6.) Über das virile Weiberbecken vgl. W. Wa l d e y e r, Das
Becken, Topographisch-anatomisch mit besonderer Berücksichtigung der
Chirurgie und Gynäkologie dargestellt (in: G. J o e s s e l, Lehrbuch der
topographisch-chirurgischen Anatomie, Teil II, Bonn 1899) S. 393 f.: »Wir
finden auch Weiberbecken vom Habitus der Männerbecken. Die Knochen
sind massiver, die Darmbeine stehen steil, der Schambogen ist eng, die
Beckenhöhle hat eine Trichterform. Meist haben die betreffenden Frauen
auch in ihrem übrigen Körperhabitus etwas ..... Männliches (Viragines).
Doch braucht dies nicht immer der Fall zu sein.«

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(S. 11, Z. 8.) Über b ä r t i g e We i b e r vgl. Max B a r t e l s, Über
abnorme Behaarung beim Menschen, Zeitschrift für Ethnologie VIII (1876),
110–129 (mit Literaturnachweisen), XI (1879), 145–194, XIII (1881), 213–
233. Wilhelm S t r i c k e r, Über die sogenannten Haarmenschen
(Hypertrichosis universalis) und insbesondere die bärtigen Frauen, Bericht
über die Senckenbergische naturforschende Gesellschaft, Frankfurt 1877,
S. 97 f. Louis A. D u h r i n g, Case of bearded women, Archives of
Dermatology III (1877), p. 193–200. Harris L i s t o n, Cases of bearded
women, British medical Journal vom 2. Juni 1894. Albert M o l l,
Untersuchungen über die Libido sexualis, Berlin 1898, I, p. 337 (mit
Literatur). Cesare Ta r u f f i, Hermaphrodismus und Zeugungsunfähigkeit,
Eine systematische Darstellung der Mißbildungen der menschlichen
Geschlechtsorgane, übersetzt von R. Teuscher, Berlin 1903, S. 164–173:
Über Hypertrichosis beim Weibe, mit vielen weiteren Literaturangaben.
Alexander B r a n d t, Über den Bart der Mannweiber (Viragines),
Biologisches Zentralblatt 17, 1897, S. 226–239. Les Femmes à barbe,
Revue scientifique VII, 618–622. Gustav B e h r e n d, Artikel
H y p e r t r i c h o s i s in Eulenburgs Realenzyklopädie, Bd. XI3, S. 194.
Alexander E c k e r, Über abnorme Behaarung beim Menschen, insbesondere
über die sogenannten Haarmenschen, Braunschweig 1878, mit weiterer
Literatur S. 21.
(S. 11, Z. 17 ff.) Man vergleiche z. B. die in der Schrift von Livius
F ü r s t, Die Maß- und Neigungsverhältnisse des weiblichen Beckens nach
Profildurchschnitten gefrorener Leichen, Leipzig 1875, S. 16 und S. 24 ff.
enthaltenen Tafeln mit den Maßzahlen, die von den verschiedenen
Beobachtern von L u s c h k a, H e n l e, R ü d i n g e r, H o f f m a n n,
P i r o g o f f, B r a u n e, L e G e n d r e und F ü r s t selbst als Dimensionen des
Beckens der Geschlechter angegeben werden. — Ferner W. K r a u s e,
Spezielle und makroskopische Anatomie (II. Bd. der 3. Aufl. des
Handbuches der menschlichen Anatomie von C. F. Th. Krause), Hannover
1879, S. 122 ff., mit Tabellen für die Maximal- und Minimalproportionen
sowohl beim Manne als bei der Frau.
(S. 13, Z. 7 f.) Die Angabe über die Ophiten nach Ü b e r w e g -
H e i n z e, Grundriß der Geschichte der Philosophie, Teil II, Die mittlere
oder die patristische und scholastische Zeit, 8. Aufl., Berlin 1898, S. 40.

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Zu Teil I, Kapitel 2.
(S. 14, Z. 16 v. u.) Havelock E l l i s, Man and Woman, A Study of
human secondary sexual characters, London 1894, deutsch: Mann und
Weib, Anthropologische und psychologische Untersuchung der sekundären
Geschlechtsunterschiede, übersetzt von Dr. Hans Kurella (Bibliothek für
Sozialwissenschaft, Bd. III) Leipzig 1895. In Betracht kommt hier auch das
einseitigere, aber originellere und durch glückliche Belege aus der
belletristischen Literatur psychologisch bereicherte Werk von C.
L o m b r o s o und G. F e r r e r o, Das Weib als Verbrecherin und Prostituierte,
Anthropologische Studien, gegründet auf eine Darstellung der Biologie und
Psychologie des normalen Weibes, übersetzt von Kurella, Hamburg 1894.
(S. 15, Z. 22.) Joh. Japetus Sm. S t e e n s t r u p, Untersuchungen über
das Vorkommen des Hermaphroditismus in der Natur, aus dem Dänischen
übersetzt von C. F. Hornschuch, Greifswald 1846, S. 9 ff. — Man
vergleiche über Steenstrups Anschauungen die absprechenden Urteile von
Rud. L e u c k a r t, Artikel »Zeugung« in Rud. Wagners Handwörterbuch der
Physiologie, Bd. IV, 1853, S. 743 f., und C. C l a u s, Lehrbuch der Zoologie,
S. 1176.
(S. 15, Z. 23.) E l l i s, Mann und Weib, besonders S. 203 ff.
(S. 15 Z. 10 v. u.) Über die Geschlechtsunterschiede in der
Zusammensetzung des Blutes, Ellis, S. 204 f. — Olof H a m m a r s t e n,
Lehrbuch der physiologischen Chemie, 4. Aufl., Wiesbaden 1899, S. 137.
»Beim Menschen kommen gewöhnlich in je 1 cm3 beim Manne 5 Millionen
und beim Weibe 4 à 4·5 Millionen (roter Blutkörperchen) vor.« — Ernst
Z i e g l e r, Lehrbuch der allgemeinen und speziellen pathologischen
Anatomie, Bd. II: Spezielle pathologische Anatomie, 9. Aufl., Jena 1898,
S. 3: »In 100 cm3 Blut sind .... bei Männern 14·5 g, bei Frauen 13·2 g
Hämoglobin enthalten.« Vgl. bes. L o m b r o s o - F e r r e r o, S. 22 f. und die
dort citierte Literatur.
(S. 15, Z. 8 v. u.) v. B i s c h o f f, Das Hirngewicht des Menschen, Bonn
1880. — R ü d i n g e r, Vorläufige Mitteilungen über die Unterschiede der

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Großhirnwindungen nach dem Geschlecht beim Fötus und Neugeborenen.
Beiträge zur Anthropologie und Urgeschichte Bayerns. I, 1877, S. 286–307.
— Auch P a s s e t, Über einige Unterschiede des Großhirns nach dem
Geschlecht, Archiv für Anthropologie, Bd. XIV, 1883, S. 89–141, und Emil
H u s c h k e, Schädel, Hirn und Seele des Menschen und der Tiere nach
Alter, Geschlecht und Rasse, Jena 1854, S. 152 f., haben die Existenz
solcher Unterschiede versichert und mit genauen Daten belegt.
(S. 15, Z. 6 v. u.) Alice G a u l e, Die geschlechtlichen Unterschiede in
der Leber des Frosches, Archiv für die gesamte Physiologie, herausgegeben
von Pflüger, Bd. LXXXIV, 1901, Heft 1/2, S. 1–5.
(S. 15, Z. 3 v. u.) Wo der Ausdruck »erogen« (»Zones érogènes« als
Name für diejenigen Körperteile, die sexuell besonders anziehend auf das
andere Geschlecht wirken) zum ersten Male vorkommt, war mir zu
ermitteln nicht möglich. Der verstorbene Professor Freiherr v. K r a f f t -
E b i n g, von dem ich einmal Belehrung hierüber erbat, vermutete, bei
G i l l e s d e l a To u r e t t e. Doch ist in dessen großem Werke über die
Hysterie nichts hierauf Bezügliches enthalten.
(S. 16, Z. 15.) Die Anführung aus S t e e n s t r u p a. a. O., S. 9 bis 10.
(S. 18, Z. 6.) John H u n t e r, Observations on certain parts of the
animal oeconomy, London 1786, berichtet in einem zuerst in den
Philosophical Transactions of the Royal Society of London, Vol. LXX/2, 1.
Juni 1780, pag. 527–535, veröffentlichten »Account of an extraordinary
pheasant« von der »Hahnenfedrigkeit« alter Hennen und vergleicht diese
mit der Bärtigkeit der Großmütter. S. 63 (528) wird die berühmte
Unterscheidung eingeführt: »It is well known that there are many orders of
animals which have the two parts designed for the purpose of generation
different in the same species, by which they are distinguished into male and
female: but this is not the only mark of distinction in many genera of
animals, of the greatest part the male being distinguished from the female
by various marks. T h e d i f f e r e n c e s w h i c h a r e f o u n d i n t h e
parts of generation themselves, I shall call the first or
principle, and all others depending upon these I shall
c a l l s e c o n d a r y.« Wenn im Texte (Z. 20 ff.) der Bereich der sekundären
Charaktere strenger denn gewöhnlich als die Gesamtheit der erst in der
Mannbarkeit äußerlich sichtbar hervortretenden Charaktere umschrieben

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wird, so ist damit auf H u n t e r s u r s p r ü n g l i c h e Bestimmung
zurückgegriffen, S. 68: »We see the sexes which at an early period had little
to distinguish them from each other, acquiring about the time of puberty
secondary properties, which clearly characterise the male and female. The
male at this time recedes from the female, and assumes the secondary
characters of his sex.« Vgl. D a r w i n, Das Variieren etc. I2, S. 199.
Entstehung der Arten (übersetzt von Haek), S. 201.
(S. 18, Z. 8.) Dafür, daß von den primären noch »primordiale«
Sexualcharaktere abgeschieden werden müssen, sind die vielen Fälle
beweisend, in denen die äußeren Geschlechtsteile etwa weiblich, die
Geschlechtsdrüsen selbst immer noch männlich sind, Vgl. z. B. Andrew
C l a r k, A case of spurious hermaphroditism (hypospadia and undescended
testis in a subject who has been brought up as female and married for
sixteen years), Middlesex Hospital, The Lancet, 12. März 1898, p. 718 f. —
L. S i e b o u r g, Ein Fall von Pseudo-Hermaphroditismus masculinus
completus, Deutsche medizinische Wochenschrift, 9. Juni 1898, S. 367–
368.
(S. 18, Z. 23 f.) Die Lehre von der »inneren Sekretion« im
allgemeinen stammt nicht, wie man jetzt überall angegeben findet, von
B r o w n - S é q u a r d, der sie nur auf die Keimdrüse als erster angewendet
hat, sondern von Claude B e r n a r d, nachdem schon bei C. L e g a l l o i s im
Jahre 1801 eine dunkle Ahnung der Sache zu finden ist, worüber man
Näheres aus der Année biologique, Vol. I, p. 315 f. erfährt. Vgl. Bernard,
Nouvelle fonction du foie considéré comme organe producteur de matière
sucrée chez l'homme et les animaux, Paris, Baillière, 1853, p. 58 und 71 f.
Ferner Leçons de physiologie expérimentale, Vol. I, Paris 1855, aus der
folgende Stellen wörtlich angeführt seien: »On s'est fait pendant longtemps
une très-fausse idée de ce qu'est un organe sécréteur. On pensait que toute
sécrétion devait être versée sur une surface interne ou externe, et que tout
organe sécrétoire devait nécessairement être pourvu d'un conduit excréteur
destiné à porter au dehors les produits de la sécrétion. L'histoire du foie
établit maintenant d'une manière très-nette qu'il y a des sécrétions internes,
c'est à dire des sécrétions dont le produit, au lieu d'être déversé à l'extérieur,
est transmis directement dans le sang« (p. 96). — »Il doit être maintenant
bien établi qu'il y a dans le foie deux fonctions de la nature de sécrétions.
L'une, sécrétion externe, produit la bile qui s'écoule au dehors; l'autre,

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sécrétion interne, forme le sucre qui entre immédiatement dans le sang de la
circulation générale« (p. 107). — Ferner (Rapport sur les progrès et la
marche de la physiologie générale en France, Paris 1867, p. 73): »La cellule
sécrétoire crée et élabore en elle-même le produit de sécrétion qu'elle verse
soit au dehors sur les surfaces muqueuses, soit directement dans la masse du
sang. J'ai appelé s é c r é t i o n s e x t e r n e s celles qui s'écoulent en dehors,
et s é c r é t i o n s i n t e r n e s celles qui sont versées dans le milieu organique
intérieur.« (p. 79:) »Les sécrétions internes sont beaucoup moint connues
que les sécrétions externes. Elles ont été plus ou moins vaguement
soupçonnées, mais elles ne sont point encore généralement admises.
Cependant, selon moi, elles ne sauraient être douteuses, et je pense que le
sang, ou autrement dit le milieu intérieur organique, doit être regardé
comme un produit des glandes vasculaires internes.« (p. 84:) »Le foie
glycogénique forme une grosse glande sanguine, c'est-à-dire une glande qui
n'a pas de conduit excréteur extérieur. Il donne naissance aux produits
sucrés du sang, peut-être aussi à d'autres produits albuminoïdes. Mais il
existe beaucoup d'autres glandes sanguines, telle que la rate, le corps
thyroïde, les capsules surrénales, les glandes lymphatiques, dont les
fonctions sont encore aujourd'hui indéterminées; cependant on regarde
généralement ces organes comme concourant à la régénération du plasma et
du sang, ainsi qu'à la formation des globules blancs et des globules rouges
qui nagent dans ce liquide.« Danach ist die sehr allgemeine Angabe,
B r o w n - S é q u a r d sei der Begründer der Lehre von den Funktionen der
Drüsen ohne Ausführungsgänge, wie sie sich z. B. in B u n g e s
»Physiologischer Chemie« (Lehrbuch der Physiologie des Menschen,
Leipzig 1901, Bd. II, S. 545), bei C h r o b a k und R o s t h o r n (Die
Erkrankungen der weiblichen Geschlechtsorgane, I. Teil, Wien 1896/1900,
S. 388), bei Ernst Z i e g l e r (Lehrbuch der allgemeinen und speziellen
pathologischen Anatomie, I9, 1898, S. 80), Oscar H e r t w i g (Die Zelle und
die Gewebe, Bd. II, 1898, S. 167) oder H. B o r u t t a u (Kurzes Lehrbuch
der Physiologie, Leipzig und Wien, 1898, S. 138) findet, zu korrigieren.
B r o w n - S é q u a r d selbst (Effets physiologiques d'un liquide extrait
des glandes sexuelles et surtout des testicules, Comptes Rendus
hebdomadaires des Séances de l'Académie des Sciences, Paris, 30. Mai
1892, p. 1237 f.) sagt: »Déjà en 1869, dans un cours à la Faculté de
Médecine de Paris, j'avais émis l'idée que les glandes ont des sécrétions
internes et fournissent au sang des principes utiles sinon essentiels.« Die

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Priorität gebührt demnach ohne Zweifel Bernard; nur die Anwendung auf
die Keimdrüsen ist Brown-Séquards alleiniges Verdienst: »Je croyais, dès
alors, que la faiblesse chez les vieillards dépend non seulement de l'état
sénile des organes, mais aussi de ce que les glandes sexuelles ne donnent
plus au sang des principes qui, à l'âge adulte, contribuent largement à
maintenir la vigueur propre à cet âge. Il était donc tout naturel de songer à
trouver un moyen de donner au sang de vieillards affaiblis les principes que
les glandes sexuelles ne lui fournissent plus. C'est ce qui m'a conduit à
proposer l'emploi d'injections sous-cutanées d'un liquide extrait de ces
glandes.« Die erste Veröffentlichung Brown-Séquards über dieses Thema ist
die in den »Comptes rendus hebdomadaires des séances et mémoires de la
Société de Biologie«, Tome 41, 1889, p. 415–419 enthaltene (datiert vom 1.
Juni 1889).
Als Gegner der Lehre von der inneren Sekretion, speziell der
Keimdrüsen, sind zu nennen: Konrad R i e g e r in seiner Schrift über die
Kastration (Jena 1900, S. 71; ihn erinnert sie an die Theorien der
mittelalterlichen Mönche über die Folgen des »semen retentum«) und
A. W. J o h n s t o n, Internal Secretion of the Ovary, 25. Annual Meeting of
the American Gynaecological Society, vgl. British Gyn. Journal, Part 62,
August 1900, S. 63. Unentschieden lassen die Frage, ob die Erscheinungen
nach Kastration und Involution der Keimdrüsen, nach der Pubertät und in
der Gravidität, soweit sie von den Genitalien ihren Ursprung nehmen, auf
nervösem Wege oder durch das Blut vermittelt werden, Z i e g l e r, Patholog.
Anatomie, I9, S. 80, und O. H e r t w i g, Zelle und Gewebe, II, 162. Dieser
sagt: »Wenn auf der einen Seite der Zusammenhang zwischen der
Entwicklung der Geschlechtsdrüsen und der sekundären Sexualcharaktere
nicht in Abrede gestellt werden kann, so fehlt uns auf der anderen Seite
doch das tiefere Verständnis dafür. Wird die Korrelation zwischen den
Organen, welche funktionell direkt nichts miteinander zu tun haben, durch
das Nervensystem vermittelt, oder sind es vielleicht besondere Substanzen,
welche vom Hoden oder Eierstock abgesondert werden, in den Blutstrom
geraten und so die weit abgelegenen Körperteile zu korrelativem Wachstum
veranlassen? Zu einem Entscheid der aufgeworfenen Alternative fehlt es
noch an jeder experimentellen Unterlage.«
Der letzte Satz war wohl schon zu der Zeit, da Hertwig ihn schrieb
(1898), nicht mehr ganz richtig. Fr. G o l t z und A. F r e u s b e r g hatten 1874

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(»Über den Einfluß des Nervensystems auf die Vorgänge während der
Schwangerschaft und des Gebäraktes«, Pflügers Archiv für die gesamte
Physiologie, IX, 552–565) von folgendem berichtet (S. 557): »Eine Hündin
mit vollständiger Trennung des Rückenmarkes in der Höhe des ersten
Lendenwirbels ist brünstig geworden, hat empfangen und ein lebensfähiges
Junges ohne Kunsthilfe geboren. Bei und nach diesen Vorgängen hat das
Tier alle die damit verbundenen Naturtriebe (Instinkte) entfaltet ebenso wie
ein unversehrtes Geschöpf« (d. h. die Milchdrüsen füllten sich und das
Junge wurde mit größter Zärtlichkeit behandelt. Man vgl. auch B r ü c k e,
Vorlesungen über Physiologie II3, Wien 1884, S. 126 f.). Goltz selbst kam
schon damals zu folgendem Schlusse (S. 559): »Es scheint mir ... äußerst
fraglich, ob überhaupt der Zusammenhang zwischen Gebärmutter und
Milchdrüsen durch Beteiligung des Nervensystems zu denken ist. Mir sagt
auch in diesem Falle der Gedanke mehr zu, daß das Blut diesen
Zusammenhang vermittelt.« Er erinnert daselbst auch an die
Ausfallserscheinungen nach der Kastration. In ihrer berühmter gewordenen
Arbeit »Der Hund mit verkürztem Rückenmark« (Pflügers Archiv; 63, 362–
400) sind Fr. G o l t z und J. R. E w a l d 22 Jahre nach jener Untersuchung
nochmals auf das Thema zurückgekommen (vgl. in jener Abhandlung
S. 385 f.).
Der hauptsächlichste Beweis, daß k e i n e nervöse Vermittlung vorliegt,
ist, wie ich meine, darin zu erblicken, daß einseitige Kastration, also
Exstirpation bloß eines Ovars oder Testikels, an der Entwicklung der
sekundären Geschlechtscharaktere nicht das Geringste ändert. Den Einfluß
jeder Keimdrüse hätte man aber, wenn ein solcher auf nervösem Wege sich
vollzieht, als stets auf eine Hemisphäre des Körpers s t ä r k e r sich
erstreckend vorzustellen, ja eine halbseitige Kastration wäre, zunächst
wenigstens, nur für e i n e Körperhälfte als entscheidend anzunehmen. Mit
Ausnahme einer einzigen Angabe aber, der R i e g e r, Die Kastration, S. 24,
mit Recht als Jägerlatein mißtraut (es ist die in B r e h m s Säugetieren,
Leipzig und Wien, 1891, III3, 430: »Einseitig verschnittene Hirsche setzen
bloß an der unversehrten Seite noch auf«), hat nirgends etwas ähnliches
verlautet: halbseitig verschnittene Tiere sind wie gar nicht verschnittene. So
schon B e r t h o l d, Nachrichten von der Universität und Gesellschaft der
Wissenschaften zu Göttingen, 1849, Nr. 1, S. 1–6. Vgl. z. B. C h r o b a k -
R o s t h o r n, Erkrankungen der weiblichen Geschlechtsorgane, I/2,

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S. 371 f.: »S o k o l o f f[104] operierte an Hunden, verfolgte die
Veränderungen sowohl bei einseitiger als auch bei doppelseitiger
Kastration. B e i e r s t e r e r t r a t d i e B r u n s t w i e n o r m a l e i n, bei
letzterer blieb sie regelmäßig weg. E i n s e i t i g e K a s t r a t i o n b e i
jungen Ti e r e n läßt das Wa c h s t u m beider
G e b ä r m u t t e r h ä l f t e n f o r t d a u e r n . Schon 1½ Monate nach
zweiseitiger Kastration war eine ausgesprochene Atrophie der zirkulären
Muskelschichte aufgetreten.«
Diesen Beweis halte ich darum für stringenter selbst als die
Transplantationsversuche (auf Grund deren J. H a l b a n, Über den Einfluß
der Ovarien auf die Entwicklung des Genitales, Monatsschrift für
Geburtshilfe und Gynäkologie, XII, 1900, 496–506, besonders S. 505, A.
F o g e s, Zur Lehre von den sekundären Geschlechtscharakteren, Pflügers
Archiv, XCIII, 1902, 39 ff., Emil K n a u e r, Die Ovarientransplantation,
experimentelle Studie, Archiv für Gynäkologie, LX, 1900, besonders
S. 352–359, mit so viel Recht für die innere Sekretion sich entscheiden),
weil diesen gegenüber als letzter noch immer der Einwand möglich wäre,
daß vermittelnde nervöse Bahnen in das transplantierte Gewebe zugleich
mit dessen Vaskularisierung eingezogen seien.
(S. 18, Z. 10 v. u. ff.) Einen a n d e r e n Begriff v o n t e r t i ä r e n
S e x u a l c h a r a k t e r e n hat Havelock E l l i s aufgestellt, Mann und Weib,
S. 24: ».... So haben wir z. B. die verhältnismäßig größere Flachheit des
Schädels, die größere Aktivität und Ausdehnung der Schilddrüse und die
geringere Durchschnittsmenge der roten Blutkörperchen beim Weibe. Diese
Differenzen hängen wahrscheinlich indirekt mit primären und sekundären
sexuellen Charakteren zusammen. Vom zoologischen Standpunkt aus sind
sie kaum von Interesse, dagegen vom anthropologischen und gelegentlich
auch vom pathologischen und sozialen Standpunkt aus höchst
bemerkenswert. In dieselbe Gruppe mit den sekundären sexuellen
Charakteren lassen sie sich keinesfalls einreihen, und wir tun wohl am
besten, sie zu einer neuen Gruppe zusammenzufassen und als ‚tertiäre
sexuelle Charaktere’ zu bezeichnen.« Ellis bemerkt selbst, daß »sich wegen
der Tendenz dieser Merkmale, ineinander überzugehen, diese Teilung
schwer durchführen läßt«. Aber nicht nur der theoretische, auch der
praktische Wert dieser Gliederung scheint mir geringer als der Wert der im
Texte vorgeschlagenen Einteilung, nach welcher als primordiale

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Geschlechtscharaktere die allgemein-biologischen, als primäre die im
engeren Sinne anatomischen, als sekundäre die im engeren Sinne
physiognomischen, als tertiäre die psychologischen und als quartäre die
sozialen Unterschiede der Geschlechter bezeichnet werden.
(S. 19, Z. 15 ff.) Die Annahme dünkt mich sehr wahrscheinlich, daß
g l e i c h z e i t i g mit j e d e r ä u ß e r e n eine i n n e r e S e k r e t i o n vor sich
geht, also auch die letztere keine kontinuierliche, sondern eine
intermittierende Funktion sei. Denn der Bartwuchs z. B. ist nicht
gleichmäßig, sondern er erfolgt schubweise, stoßweise. Als Erklärung
hiefür scheint eine interrupte innere Sekretion am nächsten zu liegen.
(S. 19, Z. 7 v. u.) Der Ausdruck »Komplementärbedingung« nach
Richard Av e n a r i u s, Kritik der reinen Erfahrung, Bd. I, Leipzig 1888,
S. 29.
(S. 20, Z. 10–28.) Über das Idioplasma vgl. C. v. N a e g e l i,
Mechanisch-Physiologische Theorie der Abstammungslehre, 1884. Der
Begriff wird dort, in einer von seiner Entwicklung im Texte etwas
abweichenden Weise, eingeführt auf S. 23. Es heißt dann weiter: »Jede
wahrnehmbare Eigenschaft ist als Anlage im Idioplasma vorhanden, es gibt
daher so viele Arten von Idioplasma, als es Kombinationen von
Eigenschaften gibt. Jedes Individuum ist aus einem etwas anders gearteten
Idioplasma hervorgegangen, und in dem nämlichen Individuum verdankt
jedes Organ und jeder Organteil seine Entstehung einer eigentümlichen
Modifikation oder eher einem eigentümlichen Zustande des Idioplasmas.
Das Idioplasma, welches wenigstens in einer bestimmten
Entwicklungsperiode durch alle Teile des Organismus verteilt ist, hat also
an jedem Punkte etwas andere Eigenschaften, indem es beispielsweise bald
einen Ast, bald eine Blüte, eine Wurzel, ein grünes Blatt, ein Blumenblatt,
ein Staubgefäß, eine Fruchtanlage, ein Haar, einen Stachel bildet.« Am
wichtigsten ist für das hier in Betracht kommende die Stelle S. 32 f.: »Jede
beliebige Zelle muß davon [vom Idioplasma] eine gewisse Menge
enthalten, weil dadurch die ererbte Tätigkeit bedingt wird.« Ferner S. 531:
»Jede Ontogenie ... beginnt mit einem winzigen Keim, in welchem eine
kleine Menge von Idioplasma enthalten ist. Dieses Idioplasma zerfällt,
indem es sich fortwährend in entsprechendem Maße vermehrt, bei den
Zellteilungen, durch welche der Organismus wächst, in ebenso viele
Partien, die den einzelnen Zellen zukommen, ....... Jede Zelle des

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Organismus ist idioplasmatisch befähigt, zum Keim für ein neues
Individuum zu werden. Ob diese Befähigung sich verwirklichen könne,
hängt von der Beschaffenheit des Ernährungsplasmas ab. Das Vermögen
hiezu kommt bei niederen Pflanzen jeder einzelnen Zelle zu; bei den
höheren Pflanzen haben es manche Zellen verloren; im Tierreiche besitzen
es im allgemeinen nur die zu ungeschlechtlichen oder geschlechtlichen
Keimen normal bestimmten Zellen.« — Hugo de Vr i e s: in seinem Buche:
Intracellulare Pangenesis, Jena 1889, S. 55–60, 75 ff., 92 ff., 101 ff., und
besonders S. 120. Oscar H e r t w i g, Die Zelle und die Gewebe, Grundzüge
der allgemeinen Anatomie und Physiologie. (Diesem Buche verdanke ich in
biologischer Hinsicht ganz allgemein neben D a r w i n s »Variieren« die
reichste Belehrung.) Hertwig begründet die Theorie im ersten Bande (Jena
1893), S. 277 ff.: »Wenn man das Moospflänzchen Funaria hygrometrica zu
einem feinen Brei zerhackt, so läßt sich auf feuchter Erde aus jedem
kleinsten Fragment wieder ein ganzes Moospflänzchen züchten. Die
Süßwasserhydra läßt sich in kleine Stückchen zerschneiden, von denen sich
jedes wieder zu einer ganzen Hydra mit allen ihren Eigenschaften umbildet.
Bei einem Baum können sich an den verschiedensten Stellen durch
Wucherung vegetativer Zellen Knospen bilden, die zu einem Sproß
auswachsen, der, vom Ganzen abgetrennt und in Erde verpflanzt, sich
bewurzelt und zu einem vollständigen Baum wird. Bei Cölenteraten,
manchen Würmern und Tunikaten ist die ungeschlechtliche Vermehrung auf
vegetativem Wege eine ähnliche, da fast an jeder Stelle des Körpers eine
Knospe entstehen und zu einem neuen Individuum werden kann ....... Ein
abgeschnittener und ins Wasser gestellter Weidenzweig entwickelt
wurzelbildende Zellen an seinem unteren Ende, und so wird hier von
Zellen, die im Plane des ursprünglichen Ganzen eine sehr abweichende
Funktion zu erfüllen hatten, eine den neuen Bedingungen entsprechende
Aufgabe übernommen, ein Beweis, daß die Anlage dazu in ihnen gegeben
war. Und so können sich umgekehrt auch aus abgeschnittenen Wurzeln
Laubsprosse bilden, die dann zu ihrer Zeit selbst männliche und weibliche
Geschlechtsprodukte hervorbringen. In diesem Falle stammen also direkt
aus Zellbestandteilen einer Wurzel Geschlechtszellen ab, die als solche
wieder zur Reproduktion des Ganzen dienen ...... Die Botaniker hängen
zum größten Teile der Lehre an, die kürzlich de Vries gegen Weismann
verteidigt und in den Satz zusammengefaßt hat, daß a l l e o d e r d o c h
w e i t a u s d i e m e i s t e n Zellen des P f l a n z e n k ö r p e r s d i e

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sämtlichen erblichen Eigenschaften der Art im latenten
Zustand enthalten. Dasselbe läßt sich auf Grund von
Ta t s a c h e n v o n n i e d r i g e n t i e r i s c h e n O r g a n i s m e n s a g e n .
Für höhere Tiere kann man den Beweis allerdings nicht führen; deswegen
ist man aber nicht zu der Folgerung gezwungen, daß die Zellen der höheren
und niederen Organismen insoferne verschieden wären, als die letzteren alle
Eigenschaften der Art im latenten Zustand, also die Gesamtheit der
Erbmasse, die ersteren dagegen nur noch Teile von ihr enthielten.« — Als
der heftigste Gegner der Idioplasmalehre ist August We i s m a n n
aufgetreten in seiner Schrift: Die Kontinuität des Keimplasmas als
Grundlage einer Theorie der Vererbung, 1885 (Aufsätze über Vererbung
und verwandte biologische Fragen, Jena 1892, S. 215 ff.). Weismanns
Hauptargument (S. 237): »Ehe nicht erwiesen wird, daß ‚somatisches’
Idioplasma überhaupt rückverwandelt werden kann in Keimidioplasma,
haben wir kein Recht, aus einer von ihnen [den somatischen Zellen]
Keimzellen entstehen zu lassen«, dürfte vor den genauen Untersuchungen
von Friedlich M i e s c h e r (Die histochemischen und physiologischen
Arbeiten von F. M., Leipzig 1897, Bd. II, S. 116 ff.) über die Entwicklung
der Keimdrüsen der Lachse auf Kosten ihres großen Seitenrumpfmuskels
nicht mehr haltbar sein. Vgl. übrigens die vernichtende Kritik, welche an
den überaus künstlichen Theorien Weismanns von K a s s o w i t z,
Allgemeine Biologie, Bd. II, Wien 1900, geübt worden ist, auf die
Weismann, wohl ihres überscharfen Tones halber, nicht geantwortet hat.
Für die Idioplasmalehre zeugen vollends Untersuchungen wie die von
Paul J e n s e n, Über individuelle physiologische Unterschiede zwischen
Zellen der gleichen Art (Pflügers Archiv, LXII, 1896, 172–200). Es heißt da
z. B. (S. 191): »Wenn ein Foraminifer durch abgetrennte eigene
Pseudopodien niemals, dagegen stets durch abgeschnittene Pseudopodien
eines anderen Individuums kontrektatorisch erregt wird, so muß das
Protoplasma des ersteren sich von dem der letzteren in bestimmter Weise
unterscheiden, oder allgemein ausgedrückt: das Protoplasma verschiedener
Individuen muß physiologisch verschieden sein. Welcher Art aber ist diese
Verschiedenheit und welcher Art der Reiz, der ihr entspringt? Wir werden
nicht umhin können, Unterschiede in der chemischen Zusammensetzung
der Protoplasmen verschiedener Individuen anzunehmen.« — Über die
Regenerationsfähigkeit (auch niederer T i e r e) vgl. Hermann V ö c h t i n g,
Über die Regeneration der Marchantieen, Jahrbücher für wissenschaftliche

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Botanik, 1885, Bd. XVI, S. 367 bis 414. Über Organbildung im
Pflanzenreich, Physiologische Untersuchungen über Wachstumsursachen
und Lebenseinheiten, Teil I, Bonn 1878, S. 236–240, besonders S. 251–253.
— Jacques L o e b, Untersuchungen zur physiologischen Morphologie der
Tiere, II. Organbildung und Wachstum, Würzburg 1892, S. 34 ff. (über
Regeneration bei Ciona intestinalis).
(S. 21, Z. 6 ff.) Wenn jede Zelle, also auch jede Nervenzelle, männlich
oder weiblich (in bestimmtem Grade) ist, so entfällt auch der letzte Anlaß
zur Annahme eines »psychosexuellen Zentrums« für den Geschlechtstrieb
im Gehirn, wie es besonders K r a f f t - E b i n g (Psychopathia sexualis, 11.
Aufl., S. 248, Anm. 1) und seine Schüler, ferner (nach ihm) Ta r u f f i,
Hermaphrodismus und Zeugungsunfähigkeit, übersetzt von R. Teuscher,
Berlin 1903, S. 190, ungeachtet der in der Anmerkung zu S. 18, Z. 15 v. u.
citierten Experimente von G o l t z, postuliert haben.
(S. 21, Z. 2 v. u.) Wilhelm C a s p a r i, Einiges über Hermaphroditen
bei Schmetterlingen, Jahrbücher des nassauischen Vereines für Naturkunde,
48. Jahrgang, S. 171–173 (Referat von P. M a r c h a l, Année biologique, I.
288), berichtet, wie zuweilen die eine seitliche Hälfte eines Schmetterlings
vollständig männlich und die andere vollständig weiblich ist. Bei Saturnia
pavonia, einem Pfauenauge, ist der Unterschied zwischen männlicher und
weiblicher Färbung sehr groß und daher, bei Hermaphroditen in dieser Art
der Kontrast zwischen rechter und linker Körperhälfte höchst auffallend. —
Richard H e r t w i g, Lehrbuch der Zoologie5, 1900, S. 99 über diesen
»Hermaphroditismus lateralis« und jene hermaphroditischen Formen bei
Schmetterlingen wie Ocneria dispar (einem Spinner), dessen männliche
Hälfte die besondere Gestalt der männlichen Fühler, Augen und Flügel
trägt, und sich durch sie wesentlich von der weiblichen Hälfte
unterscheidet.
(S. 22, Z. 4 v. u. ff.) A r i s t o t e l e s sagt (Histor. Anim. 5, 14, 545, a
21:) εἰς τὸ θήλυ γαρ μεταβάλλει τα ἐκτεμνόμενα. (9, 50, 632, a 4)
μεταβάλλει δὲ καὶ ἡ φωνὴ ἐπὶ τῶν ἐκτεμνομένων ἁπαντων εἰς τὸ θήλυ. Die
falschen Angaben über regelmäßige Verweiblichung des entmannten Tieres
rühren in der neuesten Zeit hauptsächlich von William Ya r r e l l her (On the
influence of the sexual organ in modifying external character, Journal of the
Proceedings of the Linnean Society, Zool. Vol. I, 1857, p. 81), und sind ihm
(mit oder ohne Berufung auf ihn) oft nachgesprochen worden, z. B. von

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D a r w i n, Das Variieren etc., II2, 59: »Der Kapaun fängt an, sich auf Eier
zu setzen und brütet Hühnchen aus;« von We i s m a n n, Keimplasma,
S. 469 f.: »Bei ausgebildeten Individuen des einen Geschlechtes können
unter besonderen Umständen die sekundären Sexualcharaktere des anderen
Geschlechtes zur nachträglichen Ausbildung gelangen. Dahin gehören vor
allem die F o l g e n d e r K a s t r a t i o n bei beiden Geschlechtern.« Ebenso
von M o l l, Die konträre Sexualempfindung, 3. Aufl., Berlin 1899, S. 170,
Anm. 1. G e g e n diese Theorien hat sich namentlich R i e g e r gewendet
(Die Kastration, S. 33 f.), ferner Hugo S e l l h e i m (Zur Lehre von den
sekundären Geschlechtscharakteren, Beiträge zur Geburtshilfe und
Gynäkologie, herausgegeben von A. Hegar, Bd. I, 1898, S. 229–255): »In
keiner Weise konnten wir [bei den Kapaunen] einen Umschlag, eine
Entwicklung von Mutterliebe konstatieren, die sich in einer Fürsorge für die
beigegebenen Küchlein ausgesprochen hätte« (S. 234). »Von einer aktiven
Annäherung an das weibliche Tier, wie sie von mancher Seite bei den durch
die Entfernung der Hoden bedingten Veränderungen angenommen wird, ist
bei dem Kastratenkehlkopf nichts zu merken« (S. 241). Schließlich hat
Arthur F o g e s (Zur Lehre von den sekundären Geschlechtscharakteren,
Pflügers Archiv, Bd. XCIII, 1902, S. 39–58) Sellheims Befunde bestätigt
und die ältere Ansicht nochmals zurückgewiesen (S. 53). Die letzten
Autoren gehen aber wohl zu weit, indem sie die Verweiblichung für
ausgeschlossen zu halten scheinen; sie ist zwar keine notwendige Folge der
Kastration, da sie jedoch gänzlich o h n e dieselbe eintreten kann (vgl. S. 24,
Z. 1–8 und die Anmerkung zu dieser Stelle), so wird durch Kastration ihre
Möglichkeit in vielen Fällen wohl noch erleichtert werden.
(S. 23, Z. 16 f.) Über die Annahme männlicher Charaktere durch die
Frauen, respektive Weibchen, nach dem Aufhören der Geschlechtsreife,
respektive der Menopause, vgl. vor allem die ausführliche Abhandlung von
Alexander Brandt, Anatomisches und Allgemeines über die sogenannte
Hahnenfedrigkeit und über anderweitige Geschlechtsanomalien bei Vögeln,
Zeitschr. f. wiss. Zool., 48, 1889, S. 101–190. — Die erste Angabe über
Hahnenfedrigkeit bei A r i s t o t e l e s, Histor. Animal. 9, 49, 631 b, 7 ff. —
Im XIX. Jahrhundert handeln von ihr vornehmlich William Ya r r e l l, On
the change in the plumage of some Hen-Pheasants, Philosophical
Transactions of the Royal Society of London, 10. Mai 1827 (Part. II, p.
268–275); D a r w i n, Das Variieren II2, 58 f.; Oscar H e r t w i g, Die Zelle

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und die Gewebe, Bd. II, Jena 1898, S. 162. — Hieher gehört vielleicht der
interessante Fall von Hypertrichosis, den C h r o b a k und R o s t h o r n, Die
Erkrankungen der weiblichen Geschlechtsorgane, Teil I, S. 388, nach
Virchow erzählen, »in welchem es sich um eine junge Frau handelte, die
während der Menstruation an akutem Magen- und Darmkatarrh erkrankte,
später amenorrhoisch wurde, und bei welcher sich während der Dauer des
Ausbleibens der Regel der ganze Körper mit schwarzen wachsenden
Haaren bedeckte.«
(S. 23, Z. 22 f.) Ricken: nach B r e h m s Tierleben, 3. Aufl. von
Pechuel-Loesche, Säugetiere, Bd. III, 1891, S. 495: »Auch sehr alte Ricken
erhalten bisweilen einen kurzen Stirnzapfen und setzen schwache Gehörne
auf ... Von einem derartigen Geweih teilt mir B l o c k mit, daß es aus zwei
gegen 5 cm langen Stangen bestand und selbst einen alten Weidmann
täuschen konnte, welcher die Ricke als Bock ansprach und erlegte.«
(S. 23, Z. 13 v. u. ff.) Vgl. Paul M a y e r, Carcinologische
Mitteilungen, Mitteilungen a. d. zool. Station zu Neapel, I, 1879, VI: Über
den Hermaphroditismus bei einigen Isopoden, S. 165 bis 179. Von
Vertretern der Gattungen Cymothoa, Anilocra und Nerocila ist durch Mayer
sichergestellt, daß dieselben Individuen in ihrer Jugend als Männchen
fungieren, bei denen nach einer späteren Häutung die ursprünglich zwar
vorhandenen, aber nicht funktionsfähigen Eierstöcke die männlichen
Keimdrüsen zurückdrängen, so daß die Tiere nun die Rolle von Weibchen
ausfüllen. — Der Ausdruck »Protandrie« (nach dem Muster der Botanik
vgl. N o l l s Physiologie in Strasburgers Lehrbuch der Botanik, 3. Aufl.,
1898, S. 250) wird auch von Mayer, S. 177, für diese Erscheinung
gebraucht. Vgl. Cesare L o m b r o s o und Guglielmo F e r r e r o, Das Weib
als Verbrecherin und Prostituierte, übersetzt von Hans Kurella, Hamburg,
1894, S. 3. Übrigens hat L. C u é n o t bei gewissen Seesternen ganz die
gleiche Erscheinung nachweisen können: Notes sur les Echinodermes, III:
»L'hermaphrodisme p r o t a n d r i q u e d'Asterina gibbosa Penn. et ses
variations suivant les localités« (Zoologischer Anzeiger, XXI/1, 1898,
S. 273–279). Er kommt zu dem Ergebnis (S. 275): »L'hermaphrodisme
protandrique est donc ici indiscutable: les Asterina sont fonctionnellement
mâles ... puis, elles deviennent exclusivement femelles pour le reste de leur
existence.«

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(S. 24, Z. 1 ff.) Über Fälle von sexueller Umwandlung wird auch sonst
sporadisch berichtet. Z. B. von L. J a n s o n, Über scheinbare
Geschlechtsmetamorphose bei Hühnern, Mitteilungen d. deutsch.
Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens, Heft 60, S. 478 bis 480.
— K o b, De mutatione sexus, Berlin 1823. — Anekdotenhafte Fälle sind
bei Ta r u f f i, Hermaphrodismus und Zeugungsunfähigkeit, Berlin 1903,
S. 296, 307 f., 364 f., aus einer Literatur von sehr ungleicher
Zuverlässigkeit gesammelt. — »Man hat eine zehn Jahre alte Ente gekannt,
welche sowohl das vollständige Winter- als Sommergefieder des Enterichs
annahm.« D a r w i n, Das Variieren etc., II2, S. 58. Vgl. M o l l,
Untersuchungen über die Libido sexualis, I, S. 444. — R. v. K r a f f t -
E b i n g, Psychopathia sexualis mit besonderer Berücksichtigung der
konträren Sexualempfindung, eine klinisch-forensische Studie, 8. Aufl.,
Stuttgart 1893, erwähnt S. 198 f. verschiedene höchst merkwürdige Fälle
von Männern, die im Laufe ihres Lebens eine vollständige Umwandlung
zum Weibe erfahren haben; besonders kommt in Betracht jene
Autobiographie eines Arztes (S. 203 ff.) als Beispiel einer Umwandlung,
die, wie Krafft-Ebing S. 215 selbst zugeben muß, durchaus ohne
paranoischen Wahn ist, obwohl er auch jenen Fall S. 203 unter der
Überschrift »Metamorphosis sexualis paranoica« einführt.
(S. 24, Z. 11 v. u.) Die hier erwähnten Versuche sind die von Emil
K n a u e r (Die Ovarientransplantation, Experimentelle Studie, Archiv für
Gynäkologie, Bd. LX, 1900, S. 322–376) ausgeführten. Nur in zwei von
dreizehn Fällen mißlang die Transplantation nicht (ibid., S. 371). »Mit
Rücksicht auf diese beiden letzten, positiven Erfolge glaube ich behaupten
zu können, d a ß d i e Ü b e r p f l a n z u n g d e r E i e r s t ö c k e v o n
e i n e m a u f e i n z w e i t e s T i e r e b e n f a l l s m ö g l i c h s e i.«
(S. 372.) F o g e s, der unter Kenntnis von Knauers Erfolgen denselben
Versuch wiederholte, ist die Vertauschung nie gelungen (Pflügers Archiv,
Bd. XCIII, 1902, S. 93.), ebensowenig wie Knauers von ihm selbst,
S. 373 f., citierten Vorgängern. Als Grund ist wohl (neben Wechseln in der
Vollkommenheit der technischen Ausführung) der im Text vermutete zu
betrachten. — Über den guten Erfolg der Transplantation innerhalb des
Tieres vgl. Knauer S. 339 ff.
(S. 25, Z. 8 ff.) Über die heute ihrer Gefahren wegen freilich fast außer
Gebrauch gekommene Bluttransfusion, vgl. L. L a n d o i s, Artikel

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»Transfusion« in Eulenburgs Realenzyklopädie der Heilkunde, 2. Aufl., Bd.
XX, 1890, welche für, und Ernst v. B e r g m a n n, Die Schicksale der
Transfusion im letzten Dezennium, Berlin 1883, sowie A. L a n d e r e r, Über
Transfusion und Infusion, Virchows Archiv für pathologische Anatomie und
Physiologie und klinische Medizin, Bd. CV, 1886, S. 351–372, die beide
gegen die Transfusion sich einsetzen.
(S. 25, Z. 10 v. u. ff.) Über die »Organsafttherapie« unterrichtet am
ausführlichsten der, ihrem Prinzipe freilich äußerst gewogene,
gleichlautende Artikel von Georg B u s c h a n in Eulenburgs
Realenzyklopädie, 3. Aufl., Bd. XVIII (1898), S. 22–82.
(S. 26, Z. 6 v. u.) Nach F o g e s, Zur Lehre von den sekundären
Geschlechtscharakteren, Pflügers Archiv, Bd. XCIII, 1902 (S. 57), wäre
freilich die Q u a n t i t ä t der ins Blut sezernierten Keimdrüsenstoffe von der
größten Bedeutung; denn daß die vollständige Erhaltung des normalen
Sexualcharakters durch Hodentransplantation bei seinen Versuchstieren
nicht gelang, führt er darauf zurück, daß eine im Verhältnis zur Größe des
normalen Hodens nur ganz kleine Menge Hodengewebes zur Anheilung
kam.
(S. 25, Z. 4 v. u. ff.) Nach B u s c h a n (a. a. O., S. 32) tun eine Reihe
von Versuchen, die von F e r r é und B e c h a s i (Note préliminaire sur l'étude
de l'action du suc ovarien sur le cobaye, Gazette hebdomadaire, XLIV,
1897, Nr. 50) in dem physiologischen Laboratorium der Universität Rom
angestellt worden sind, deutlich dar, »daß die Wirkung dieser [der
Organ-]Präparate auf das männliche Geschlecht eine ganz andere als auf
das weibliche ist. Spritzten diese Beobachter von einem Ovarialextrakt ... 5
cm3 einem w e i b l i c h e n Meerschweinchen ein, dann trat weder eine
lokale noch eine allgemeine Reaktion auf, nur das Körpergewicht erfuhr
eine Zunahme; wurde die gleiche Menge einem m ä n n l i c h e n Tiere
injiziert, dann stellten sich ebenfalls keine lokalen noch
Allgemeinerscheinungen, wohl aber Abmagerung ein. Bei Injektion von 10
cm3 war beim w e i b l i c h e n Tier die lokale Reaktion nur ganz gering,
Allgemeinreaktion war nicht vorhanden und die Gewichtszunahme eine
bedeutende; beim m ä n n l i c h e n Tier dagegen die lokale Reizung schon
ganz beträchtlich, ferner stellte sich eine vorübergehende
Temperatursteigerung ein, und die Gewichtsabnahme war noch stärker

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ausgeprägt. Wenn endlich 15 cm3 injiziert wurden, dann blieb die lokale
Reaktion beim We i b c h e n eine nur schwache, beim Männchen hingegen
nahm sie eine noch bedeutendere Höhe an; bei ersterem trat gleichfalls eine
Temperatursteigerung um einige Dezigrade während des Injektionstages,
bei letzterem hingegen eine sehr deutliche Hypothermie mit nervösem
Zittern und intensiver Depression ein; a u ß e r d e m e r f u h r d a s
männliche Meerschweinchen eine sehr beträchtliche
Abnahme seines Gewichtes und starb schließlich
i n n e r h a l b v i e r b i s s e c h s Ta g e n.«
(S. 27, Z. 6 ff.) Es dürfte dies für verschiedene Organismen
verschieden sein. Z. B. bemerken gegenüber anderslautenden Aussagen von
B o r n und P f l ü g e r die H e r t w i g s auf S. 43 ihrer »Experimentellen
Untersuchungen über die Bedingungen der Bastardbefruchtung« (O s c a r
und R i c h a r d H e r t w i g, Untersuchungen zur Morphologie und
Physiologie der Zelle, 4. Heft, Jena 1885): »Selbst bei den stärksten
Vergrößerungen ist es uns nicht möglich gewesen, zwischen den reifen
Samenfäden eines Sphaerechinus oder Strongylocentrotus oder einer
Arbacia Unterschiede in Form und Größe zu entdecken.« Dagegen setzt L.
We i l l, Über die kinetische Korrelation zwischen den beiden
Generationszellen, Archiv für Entwicklungsmechanik der Organismen, Bd.
XI, 1901, S. 222–224, die Existenz individueller Unterschiede auch
zwischen den Spermatozoiden und Eizellen derselben Tiere voraus. — Daß
übrigens die Dimensionen der Eier sicherlich schwanken, ist aus den
Maßzahlen zu ersehen, die Karl S c h u l i n, Zur Morphologie des Ovariums,
Archiv für mikroskopische Anatomie, Bd. XIX, 1881, S. 472 f. und W.
N a g e l, Das menschliche Ei, ibid., Bd. XXXI, 1888, S. 397, 399 angeben.
(S. 27, Z. 12 ff.) Über die Geschwindigkeit der Spermatozoiden vgl.
C h r o b a k - R o s t h o r n I/2, S. 441.
(S. 27, Z. 16 ff.) P u r s e r, The British Medical Journal, 1885, p. 1159
(vgl. M o l l, Untersuchungen, I, S. 252) und besonders Franz F r i e d m a n n,
Rudimentäre Eier im Hoden von Rana viridis, Archiv für mikroskopische
Anatomie und Entwicklungsgeschichte, Bd. LII, 1898, S. 248–261 (mit
vielen Literaturangaben, S. 261). Friedmanns Fall ist dadurch besonders
interessant, daß sich in b e i d e n Hoden (im einen fünf, im anderen zehn)
wohl entwickelte E i e r mit einem Durchmesser von 225–500 μ fanden, die
sämtlich i n n e r h a l b d e r S a m e nkanälchen selbst, und nicht erst

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zwischen den Hodenschläuchen lagen. Auch P f l ü g e r, Über die das
Geschlecht bestimmenden Ursachen und die Geschlechtsverhältnisse der
Frösche, Archiv für die gesamte Physiologie, Bd. XXIX, 1882, S. 13–40,
berichtet über die großen Graafschen Follikel, die er gegen seine Erwartung
in den Hoden brauner Grasfrösche gefunden habe (S. 33). Seine
Abhandlung spricht geradezu von Übergangsformen von Hode zu
Eierstock. — Weitere Literaturangaben bei Frank J. C o l e, A Case of
Hermaphroditism in Rana temporaria, Anatomischer Anzeiger, 21.
September 1895, S. 104–112. G. L o i s e l, Grenouille femelle présentant les
caractères sexuels secondaires du mâle, Comptes rendus hebdomadaires des
Séances et Mémoires de la Société de Biologie, LIII, 1901, p. 204–206. L a
Va l e t t e S t . G e o r g e, Zwitterbildung beim kleinen Wassermolch,
Archiv für mikroskopische Anatomie, Bd. XLV (1895), S. 1–14.
(S. 28, Z. 12 v. u.) Einen freilich nicht weit geführten Anfang zu einer
Theorie der sexuellen Zwischenformen hat der bekannte Gynäkologe A.
H e g a r schon im Jahre 1877 gemacht (Über die Exstirpation normaler und
nicht zu umfänglicher Tumoren degenerierter Eierstöcke, Zentralblatt für
Gynäkologie, 10. November 1877, S. 297–307, S. 305 heißt es): »Der Satz
‚propter solum ovarium mulier est quod est’ ist entschieden zu scharf
gefaßt, wenn man denselben in dem Sinne auffaßt, daß von dem Eierstock
ausschließlich der Anstoß zur Herstellung des eigentümlichen weiblichen
Körpertypus und der speziellen weiblichen Geschlechtscharaktere gegeben
werde. Schon G e o f f r o y S t . H i l a i r e lehrte die Unabhängigkeit in der
Entwicklung der einzelnen Abschnitte des Geschlechtsapparates, und
K l e b s hat in neuerer Zeit diese Lehre durch die Verhältnisse beim
Hermaphroditismus motiviert. Jedenfalls ist es jedoch notwendig, auch
selbst wenn man den Eierstock als wichtigstes Movens annimmt, noch
weiter zurückzugehen und nach einem Moment zu suchen, welches bedingt,
daß in dem einen Fall eine männliche, in dem anderen eine weibliche
Keimdrüse zustande kommt. [Hier wurde als solches das Arrheno-,
respektive Thelyplasma des ganzen Organismus angesehen]..... Wir können
hier für unsere Betrachtungen kurzweg von einem
geschlechtsbedingenden Moment sprechen. Nehmen wir nun an, daß
ursprünglich in jedem Individuum zwei geschlechtsbedingende Momente
vorhanden sind, von denen das eine zum Manne, das andere zum Weibe
führt, und nehmen wir ferner an, daß diese Momente nicht bloß die
spezifische Keimdrüse, sondern gleichzeitig auch die anderen

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Geschlechtscharaktere herzustellen suchen, so erscheint uns eine genügende
Erklärung für alle .... Tatsachen vorhanden zu sein. Die eine
Bewegungsrichtung überwiegt für gewöhnlich so, daß nur ein spezifischer
Typus geschaffen, während der andere verdrängt wird. Es kann dieses
Übergewicht so bedeutend sein, daß, selbst bei Defekt oder rudimentärer
Ausbildung der ihm zukommenden spezifischen Keimdrüse, doch die
übrigen entsprechenden Geschlechtscharaktere hergestellt werden.
[Disharmonie in der sexuellen Charakteristik der verschiedenen Teile
e i n e s Organismus.] In welcher Art jene Verdrängung stattfindet, ist freilich
nicht leicht zu sagen. Wahrscheinlich spielen hier teilweise sehr einfache
mechanische Vorgänge mit. [??] Das Bildungsmaterial wird aufgebraucht
oder es bleibt einfach kein Platz, kein Raum mehr für die Entwicklung des
andersartigen Organes. Einen analogen Vorgang finden wir ja bei Vögeln,
bei denen der linke Eierstock durch sein kräftigeres Wachstum den rechten
zur Atrophie bringt, gleichsam totdrückt ....... Bei der zufälligen Schwäche
der Bewegungsrichtung können leicht zufällige, selbst leichte Widerstände
bedeutend einwirken. Es wird dann das andere geschlechtsbedingende
Moment zur Geltung kommen, und wir sehen so ein Individuum entstehen,
welches einen anderen Geschlechtstypus hat als denjenigen, welcher ihm
seiner Keimdrüse nach zukommt. Meist sind freilich Gemische männlicher
und weiblicher Eigenschaften in den mannigfachsten Kombinationen
vorhanden bis zu jenen feinen Nuancen herab, bei denen wir von einem
weibischen Manne und einem Mannweibe sprechen.«
(S. 30, Z. 2 f.) M a u p a s, Sur le déterminisme de la sexualité chez
l'Hydatina senta, Comptes Rendus hebdomadaires des Séances de
l'Académie des Sciences, 14. September 1891, p. 388 f.: »Au début de
l'ovogénèse, l'œuf est encore neutre et, en agissant convenablement, on peut
à ce moment lui faire prendre à volonté l'un ou l'autre caractère sexuel.
L'agent modificateur est la température. L'abaisse-t-on, les jeunes œufs qui
vont se former revêtent l'état de pondeuses d'œufs femelles; l'élève-t-on, au
contraire, c'est l'état de pondeuses d'œufs mâles qui se développe.«
(S. 30, Z. 8 f.) Vgl. M. N u ß b a u m, Die Entstehung des Geschlechts
bei Hydatina senta, Archiv für mikroskopische Anatomie und
Entwicklungsgeschichte, Bd. XLIX (1897), 227–308, der S. 235 sagt:
»Schon aus den von P l a t e angegebenen Maßen für männliche und
weibliche Sommereier der Hydatina senta ergibt sich mit Notwendigkeit,

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daß man das Geschlecht nicht in allen Fällen aus der Größe der Eier
vorhersagen kann. Man nehme an, daß sich aus den größten Eiern stets
Weibchen und aus den kleinsten Männchen entwickeln. Zwischen diesen
weit abstehenden Grenzen gibt es aber stufenweise Übergänge, von denen
man nicht sagen kann, was aus ihnen werden wird ..... Ein und dasselbe
Weibchen legt Eier der verschiedensten Größe.«
(S. 30, Z. 9 f.) Die Ausdrücke »arrhenoid« und »thelyid« nach der
citierten Abhandlung B r a n d t s (Zeitschrift für wissenschaftliche Zoologie,
Bd. XLVIII, S. 102).

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Zu Teil I, Kapitel 3.
(S. 31, Z. 3 ff.) C a r m e n, Opéra-Comique tiré de la nouvelle de
Prosper Mérimée par Henry M e i l h a c & Ludovic H a l é v y, Paris, Acte I,
Scène V, p. 13.
(S. 32, Z. 1.) Der Philosoph ist A r t h u r S c h o p e n h a u e r in seiner
»Metaphysik der Geschlechtsliebe«. (Die Welt als Wille und Vorstellung,
ed. Frauenstädt, Bd. II, Kapitel 44, S. 623 f.): »Alle Geschlechtlichkeit ist
Einseitigkeit. Diese Einseitigkeit ist in einem Individuo entschiedener
ausgesprochen und in höherem Grade vorhanden als im anderen: daher
kann sie in jedem Individuo besser durch Eines als das Andere vom anderen
Geschlecht ergänzt und neutralisiert werden, indem es einer der seinigen
individuell entgegengesetzten Einseitigkeit bedarf, zur Ergänzung des
Typus der Menschheit im neu zu erzeugenden Individuo, als auf dessen
Beschaffenheit immer alles hinausläuft. Die Physiologen wissen, daß
Mannheit und Weiblichkeit unzählige Grade zulassen, durch welche jene
bis zum widerlichen Gynander und Hypospadiaeus sinkt, diese bis zur
anmutigen Androgyne steigt: von beiden Seiten aus kann der vollkommene
Hermaphroditismus erreicht werden, auf welchem Individuen stehen,
welche, die gerade Mitte zwischen beiden Geschlechtern haltend, keinem
beizuzählen, folglich zur Fortpflanzung untauglich sind. Zur in Rede
stehenden Neutralisation zweier Individualitäten durch einander ist
demzufolge erfordert, daß der bestimmte Grad s e i n e r Mannheit dem
bestimmten Grade i h r e r Weiblichkeit genau entspreche; damit beide
Einseitigkeiten einander gerade aufheben. Demnach wird der männlichste
Mann das weiblichste Weib suchen und vice versa, und ebenso jedes
Individuum das ihm im Grade der Geschlechtlichkeit entsprechende.
Inwiefern nun hierin zwischen zweien das erforderliche Verhältnis statt
habe, wird instinktmäßig von ihnen gefühlt, und liegt, nebst den anderen
r e l a t i v e n Rücksichten, den höheren Graden der Verliebtheit zum
Grunde.« Dieser Passus zeigt eine weit vollere Einsicht als die einzige noch
zu erwähnende Stelle, wo ich ähnliches entdecken konnte; diese findet sich
bei Albert M o l l, Untersuchungen über die Libido sexualis, Berlin 1897,
Bd. I, S. 193. Da heißt es: »Wir können überhaupt sagen, daß wir zwischen

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dem typischen weiblichen Geschlechtstrieb, der auf vollständig erwachsene
männliche Personen gerichtet ist, und dem typischen männlichen
Geschlechtstrieb, der auf vollständig entwickelte weibliche Personen
gerichtet ist, alle möglichen Übergänge finden.«
Beide Stellen waren mir unbekannt, als ich (Anfang 1901) dieses
Gesetz als erster gefunden zu haben glaubte, so eng sich meine Darstellung
speziell mit der Schopenhauers s a c h l i c h, ja manchmal w ö r t l i c h
berührt.
(S. 32, Z. 5 ff.) Der Ausspruch Blaise P a s c a l s (Pensées I, 10, 24): »Il
y a un modèle d'agrément et de beauté, qui consiste en un certain rapport
entre notre nature faible ou forte, telle qu'elle est, et la chose qui nous plaît.
Tout ce qui est formé sur ce modèle nous agrée: maison, chanson, discours,
vers, prose, femme, oiseaux, rivières, arbres, chambres, habits,« mag hier
Platz finden, obwohl seine weite Berechtigung erst allmählich im Laufe des
Folgenden (vgl. Teil I, Kap. 5 und Teil II, Kap. 1) ganz klar werden kann.
(S. 32, Z. 14 v. u.) Charles D a r w i n, Die Abstammung des Menschen
und die Zuchtwahl in geschlechtlicher Beziehung, übersetzt von David
Haek (Universalbibliothek), Bd. II, Kap. 14, S. 120–132, Kap. 17, S. 285–
290; die Fälle sprechen keineswegs allein von einer »Wahl« seitens des
Weibchens, sondern ebensosehr von Bevorzugung und Verschmähung der
Weibchen durch die Männchen. Vgl. auch: Das Variieren der Tiere und
Pflanzen im Zustande der Domestikation, übersetzt von J. V. Carus, Kap. 18
(Stuttgart 1873, II2, 186): »Es ist durchaus nicht selten, gewisse männliche
und weibliche Tiere zu finden, welche sich nicht zusammen fortpflanzen,
trotzdem man von beiden weiß, daß sie mit anderen Männchen und
Weibchen vollkommen fruchtbar sind ..... Die Ursache liegt, wie es scheint,
in einer eingeborenen sexuellen Unverträglichkeit des Paares, welches
gepaart werden soll. Mehrere Beispiele dieser Art sind mir mitgeteilt
worden ..... In diesen Fällen pflanzten sich Weibchen, welche sich entweder
früher oder später als fruchtbar erwiesen, mit gewissen Männchen nicht
fort, mit denen man ganz besonders wünschte sie zu paaren« u. s. w.
(S. 32, Z. 8–10 v. u.) »Fast ausnahmslos ....« »B e i n a h e immer ....«
wegen O s c a r und R i c h a r d H e r t w i g, Untersuchungen zur
Morphologie und Physiologie der Zelle, Heft 4: Experimentelle
Untersuchungen über die Bedingungen der Bastardbefruchtung, Jena 1885,

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S. 33: »I n d e r K r e u z b e f r u c h t u n g z w e i e r A r t e n b e s t e h t
s e h r h ä u f i g k e i n e R e z i p r o z i t ä t . Alle möglichen Abstufungen
finden sich hier. Während Eier von Echinus microtuberculatus sich durch
Samen von Strongylocentrotus lividus fast ohne Ausnahme befruchten
lassen, wird bei Kreuzung in entgegengesetzter Richtung nur in wenigen
Fällen eine Entwicklung hervorgerufen. Die Befruchtung von
Strongylocentrotus lividus durch Samen von Arbacia pustulosa bleibt
erfolglos, dagegen entwickeln sich von Arbacia pustulosa immerhin einige
Eier, wenn ihnen Samen von Strongylocentrotus lividus hinzugefügt wird.
Und so ähnlich noch in anderen Fällen. Es ist zur Zeit gar nicht möglich,
gesetzmäßige Beziehungen zwischen Bastardierungen in entgegengesetzter
Richtung nachzuweisen.«
(S. 34, Z. 2 v. u.) Den Ausdruck »geschlechtliche A f f i n i t ä t«, in
Analogie mit der chemischen Verwandtschaft, haben O. und R. H e r t w i g
zuerst eingeführt (Experimentelle Untersuchungen über die Bedingungen
der Bastardbefruchtung, Jena 1885, S. 44), und der erstere in seinem Buche
»Die Zelle und die Gewebe«, Bd. I, S. 240 f., enger, als dies hier geschehen
ist, auf die Wechselwirkungen zwischen Einzelzellen beschränkt.
(S. 35, Z. 12 v. u.) Mit den von D a r w i n (A Monograph on the Sub-
Class Cirripedia: The Lepadidae or Pedunculated Cirripedes, London 1851,
p. 55, S. 182, 213 ff., 281 f., 291 ff.; The Balanidae or sessile Cirripedes,
The Verrucidae etc., London 1854, p. 29) bei Rankenfüßern entdeckten
»k o m p l e m e n t ä r e n M ä n n c h e n«, welche mit Hermaphroditen sich
paaren, hat die hier vorgetragene Anschauung von einer sexuellen
Ergänzung trotz dem Ausdruck »Komplement« nichts zu schaffen.
(S. 36, Z. 10 v. u.) Wilhelm O s t w a l d, Die Überwindung des
wissenschaftlichen Materialismus (Vortrag auf der
Naturforscherversammlung zu Lübeck), Leipzig 1895, S. 11 und 27. —
Richard Av e n a r i u s, Kritik der reinen Erfahrung, Leipzig 1888–1890, an
vielen Orten, z. B. Bd. II, S. 299.
(S. 38, Z. 10 v. u.) P. Vo l k m a n n, Einführung in das Studium der
theoretischen Physik, insbesondere in das der analytischen Mechanik mit
einer Einleitung in die Theorie der physikalischen Erkenntnis, Leipzig
1900, S. 4: »Die Physik ist .... ein Begriffssystem mit rückwirkender
Verfestigung.«

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(S. 38, Z. 4 v. u.) »P e r s o o n gab in Usteris Annalen 1794, 11. Stück,
S. 10, die erste Beschreibung der langgriffeligen und kurzgriffeligen
Formen von Primula« sagt Hugo v. M o h l, Einige Beobachtungen über
dimorphe Blüten, Botanische Zeitung, 23. Oktober 1863, S. 326.
(S. 38, Z. 3 v. u.) Charles D a r w i n, The different forms of flowers on
plants of the same species, London 1877, 2. ed., 1884, p. 1–277. (Deutsch:
Die verschiedenen Blütenformen bei Pflanzen der nämlichen Art, Werke
übersetzt von J. V. Carus, IX/3, Stuttgart 1877, S. 1–240.) In seinen ersten,
den Gegenstand betreffenden Publikationen aus dem Jahre 1862 und den
folgenden hatte Darwin bloß der mehrdeutigen Ausdrücke Dimorphismus
und Trimorphismus sich bedient. Hiefür hat den Namen Heterostylie
Friedrich H i l d e b r a n d zuerst vorgeschlagen in seiner Abhandlung Ȇber
den Trimorphismus in der Gattung Oxalis« (S. 369) in den
»Monatsberichten der kgl. preußischen Akademie der Wissenschaften zu
Berlin«, 1866, S. 352–374. Vgl. auch dessen größere Werke: Die
Geschlechtsverteilung bei den Pflanzen und das Gesetz der vermiedenen
und unvorteilhaften Selbstbefruchtung, Leipzig 1867, und Die
Lebensverhältnisse der Oxalisarten, Jena 1884, S. 127 f.
(S. 38, Z. 2 v. u.) Über die Heterostylie vgl. außer D a r w i n s schönem
Buch, dem Hauptwerk über den Gegenstand und der reichen, darin auf
Schritt und Tritt citierten Literatur: Oskar K i r c h n e r und H. P o t o n i é,
Die Geheimnisse der Blumen, eine populäre Jubiläumsschrift zum
Andenken an Christian Konrad Sprengel, Berlin 1893, S. 21 f.; Julius
S a c h s, Vorlesungen über Pflanzenphysiologie, 2. Aufl., Leipzig 1887,
S. 850; N o l l in S t r a s b u r g e r s Lehrbuch der Botanik für Hochschulen, 3.
Auflage, Jena 1898, S. 250 f.; Julius W i e s n e r, Elemente der
wissenschaftlichen Botanik, Bd. III: Biologie der Pflanzen, Wien 1902,
S. 152–154. Anton K e r n e r v. M a r i l a u n, Das Pflanzenleben, Bd. II,
Wien 1891, S. 300 ff., 389 ff.; D a r w i n selbst noch in der »Entstehung der
Arten«, Kap. 9 (S. 399 f., übersetzt von Haek), und »Das Variieren etc.«,
Kap. 19 (II2, S. 207 ff.).
(S. 39, Z. 1.) Die einzigen Monokotyledonen, die heterostyle Blüten
besitzen, sind die von Fritz M ü l l e r (Jenaische Zeitschrift für
Naturwissenschaft VI, 1871, S. 74 f.) in Brasilien entdeckten Pontederien.

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(S. 39, Z. 11.) Auch Darwin nähert sich ein- oder zweimal dieser
Auffassung, um sie sofort wieder aus den Augen zu verlieren, weil bei ihm
stets der Gedanke an eine fortschreitende Tendenz der Pflanzen, diözisch zu
werden, an die Stelle des allgemeingültigen Prinzipes der sexuellen
Zwischenformen sich schiebt (vgl. p. 257 der englischen Ausgabe). Doch
sagt er an einer Stelle (p. 296) über Rhamnus lanceolatus: »The short-styled
form is said by Asa Gray to be the more fruitful of the two, as might have
been expected from its appearing to produce less pollen, and from the
grains being of smaller size; i t i s t h e r e f o r e t h e m o r e h i g h l y
f e m i n i n e o f t h e t w o. The long styled form produces a greater number
of flowers .... they yield some fruit, but as just stated are less fruitful than
the other form, s o t h a t t h i s f o r m a p p e a r s t o b e t h e m o r e
m a s c u l i n e o f t h e t w o.«
(S. 39, Z. 21 f.) Es heißt im englischen Texte auf S. 137 (in der
deutschen Übersetzung S. 1181) von Lythrum salicaria wörtlich: »If smaller
differences are considered, there are five distinct sets of males.«
(S. 40, Z. 2.) William B a t e s o n, Materials for the study of variation
treated with especial regard to discontinuity in the origin of species, London
1894, p. 38 f. Er sagt von Xylotrupes geradezu: »The form is dimorphic,
and has two male normals.« Die Stelle ist zu ausgedehnt, als daß ich sie
ganz hiehersetzen könnte.
(S. 41, Z. 17.) D a r w i n, p. 148: »It must not however be supposed
that the bees do not get more or less dusted all over with the several kinds
of pollen.«
(S. 42, Z. 5–10.) D a r w i n spricht p. 186 von dieser Erscheinung als
von »the usual rule of the grains from the longer stamens, the tubes of
which have to penetrate the longer pistils, being larger than those from the
stamens of less length.« Vgl. auch p. 38, 140 und besonders 286 ff. — F.
H i l d e b r a n d, Experimente über den Dimorphismus von Linum perenne
und Primula sinensis, Botanische Zeitung, 1. Jänner 1864, S. 2: »Meine
Beobachtungen .... zeigten, daß .... die Pollenkörner der kurzgriffeligen
Form bedeutend größer sind als die der langgriffeligen.«
(S. 42, Z. 9 v. u.) L. We i l l, Über die kinetische Korrelation der
beiden Generationszellen, Archiv für Entwicklungsmechanik der
Organismen, Bd. XI, 1901, S. 222–224.

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(S. 42, Z. 1 ff.) H i l d e b r a n d, Monatsberichte der königlich
preußischen Akademie der Wissenschaften, 1866, S. 370, spricht sich,
gegen L i n d l e y und Z u c c a r i n i, dahin aus, daß die kurzgriffeligen
Blüten deshalb nicht männlich, die langgriffeligen deshalb nicht weiblich
sein könnten, weil in der kurzgriffeligen Form die Narbe keineswegs
verkümmert, in der langgriffeligen der Pollen keineswegs schlecht und
wirkungslos sei. Aber es ist durchaus charakteristisch für die Pflanzen, daß
bei ihnen in viel weiterem Umfange J u x t a p o s i t i o n e n möglich sind als
bei den Tieren.
(S. 42, Z. 9 v. u.) L. We i l l, Über die kinetische Korrelation zwischen
den beiden Generationszellen, Archiv für Entwicklungsmechanik der
Organismen, Bd. XI, 1901, S. 222–224.
(S. 44, Z. 6 v. u.) Der Faktor t spielt hier, nicht nur unter den
Menschen, oder den anderen Organismen, sondern selbst noch im Verkehre
der Keimzellen eine wichtige und überaus merkwürdige Rolle. So schildern
O. und R. H e r t w i g, Untersuchungen zur Morphologie und Physiologie
der Zelle, 4. Heft, Experimentelle Untersuchungen über die Bedingungen
der Bastardbefruchtung, Jena 1885, S. 37, ihre Beobachtungen an
Echinodermen: »Wir haben nun gefunden, daß Eier, welche gleich nach
ihrer Entleerung aus dem strotzend gefüllten Eierstock bastardiert wurden,
das fremde Spermatozoon z u r ü c k w i e s e n, es aber nach 10, 20 oder 30
Stunden bei der zweiten oder dritten oder vierten Nachbefruchtung in sich
aufnahmen und dann sich normal weiter entwickelten.« S. 38: »Je später
[nach der Entleerung aus den Ovarien] die Befruchtung geschah, sei es nach
50 der 10 oder 20 oder 30 Stunden, um so mehr wuchs der Perzentsatz der
bastardierten Eier, bis schließlich ein Bastardierungsoptimum erreicht
wurde. Als solches bezeichnen wir das Stadium, in welchem sich fast das
gesamte Eiquantum, mit Ausnahme einer geringen Zahl, in normaler Weise
entwickelt.«
(S. 45, Z. 6.) »Phantasien eines Realisten« von Ly n k e u s, Dresden
und Leipzig, 1900, II. Teil, S. 155–162.
(S. 45, Z. 21 f.) »... im allgemeinen ...«; k wird n i c h t i m m e r
einfach in Proportion mit der systematischen Nähe größer. Sieh O. und R.
H e r t w i g a. a. O., S. 32 f.: »Das Gelingen oder Nichtgelingen der
Bastardierung hängt nicht ausschließlich von dem Grade der systematischen

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Verwandtschaft der gekreuzten Arten ab. Wir können beobachten, daß
Arten, die in äußeren Merkmalen sich kaum voneinander unterscheiden,
sich nicht kreuzen lassen, während es zwischen relativ entfernt stehenden,
verschiedenen Familien und Ordnungen angehörenden Arten möglich ist.
Die Amphibien liefern uns hier besonders treffende Beispiele. Rana arvalis
und Rana fusca stimmen in ihrem Aussehen fast vollständig überein,
trotzdem lassen sich die Eier der letzteren nicht befruchten, während in
einzelnen Fällen Befruchtung mit Samen von Bufo communis und sogar
von Triton möglich war. Dieselbe Erscheinung ließ sich, wenn auch
weniger deutlich, bei den Echinodermen konstatieren. Immerhin muß aber
im Auge behalten werden, daß die systematische Verwandtschaft für die
Möglichkeit der Bastardierung ein wichtiger Faktor ist. Denn zwischen
Tieren, die so weit auseinanderstehen, wie Amphibien und Säugetiere,
Seeigel und Seesterne, ist noch niemals eine Kreuzbefruchtung erzielt
worden.« Vgl. hiemit Julius S a c h s, Lehrbuch der Pflanzenphysiologie, 2.
Aufl., Leipzig 1887, S. 838: »Die sexuelle Affinität geht mit der äußeren
Ähnlichkeit der Pflanzen nicht immer parallel; so ist es z. B. noch nicht
gelungen, Bastarde von Apfel- und Birnbaum, von Anagallis arvensis und
caerulea, von Primula officinalis und elatior, von Nigella damascena und
sativa und anderen systematisch sehr ähnlichen Spezies derselben Gattung
zu erzielen, während in anderen Fällen sehr unähnliche Formen sich
vereinigen, so z. B. Aegilops ovata mit Triticum vulgare, Lychnis diurna mit
Lychnis flos cuculi, Cereus speciosissimus und Phyllocactus phyllanthus,
Pfirsich und Mandel. In noch auffallenderer Weise wird die Verschiedenheit
der sexuellen Affinität und systematischen Verwandtschaft dadurch
bewiesen, daß zuweilen die Varietäten derselben Spezies unter sich ganz
oder teilweise unfruchtbar sind, z. B. Silene inflata var. alpina mit var.
angustifolia, var. latifolia mit var. litoralis u. a.« Vgl. auch Oscar H e r t w i g,
Die Zelle und die Gewebe, Bd. I, S. 249.
(S. 46, Z. 11 f.) Wilhelm P f e f f e r, Lokomotorische
Richtungsbewegungen durch chemische Reize, Untersuchungen aus dem
botanischen Institut zu Tübingen, Bd. I, 1885, S. 363–482.
(S. 46, Z. 23.) Über die Wirkung der Maleinsäure (»welche, soweit
bekannt, im Pflanzenreiche nicht vorkommt«), P f e f f e r a. a. O., S. 412.
(S. 46, Z. 27.) Der Terminus wird bei P f e f f e r eingeführt a. a. O.,
S. 474, Anm. 2.

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(S. 46, Z. 3 v. u.) Hiefür spricht vor allem der Bericht L.
S e e l i g m a n n s, Weitere Mitteilungen zur Behandlung der Sterilitas
matrimonii, Vortrag in der gynäkologischen Gesellschaft zu Hamburg,
Zentralblatt für Gynäkologie, 18. April 1896, S. 429: »Eine Anordnung des
mikroskopischen Präparates in der Weise, daß auf der einen Seite des
Deckglases normales Cervicalsekret an und etwas unter das Deckglas
gebracht wurde, ergab das Resultat, daß auf der einen Seite des
Vaginalsekretes nach einiger Zeit nur ganz wenige Spermatozoen, die sich
nicht mehr bewegten, vorhanden waren, während auf der anderen Seite des
Cervicalsekretes sich die Samentierchen dicht gedrängt in lebhafter
Bewegung befanden. Hier könne offenbar von einer chemotaktischen
Wirkung des Cervicalsekretes auf die Samenzellen gesprochen werden.«
(S. 46, Z. 1 v. u. ff.) M. H o f m e i e r, Zur Kenntnis der normalen
Uterusschleimhaut, Zentralblatt für Gynäkologie, Bd. XVII, 1893, S. 764–
766. »Nach den positiven Beobachtungen kann ein Zweifel nicht mehr
bestehen, daß tatsächlich d e r W i m p e r s t r o m i m U t e r u s v o n o b e n
n a c h u n t e n z u g e h t.«
(S. 47, Z. 8 f.) Über die Wanderungen der Lachse, ihr Fasten und ihre
Abmagerung vgl. vor allem Friedrich M i e s c h e r, Die histochemischen
und physiologischen Arbeiten von F. M., gesammelt und herausgegeben
von seinen Freunden, Bd. II, Leipzig 1897, S. 116–191, 192–218, 304–324,
325–327, 359–414, 415–420.
(S. 47, Z. 13 ff.) P. F a l k e n b e r g, Die Befruchtung und der
Generationswechsel von Cutleria, Mitteilungen aus der zoologischen
Station zu Neapel, Bd. I, 1879, S. 420–447. Es heißt dort, S. 425 f.:
»Vollständig negative Resultate ergab der Versuch einer
Wechselbefruchtung zwischen den nahe verwandten Cutleria-Spezies C.
adspersa und C. multifida, die — abgesehen von der Verschiedenheit ihrer
Standorte — sich äußerlich nur durch geringe habituelle Differenzen
unterscheiden. Empfängnisfähigen, zur Ruhe gekommenen Eiern der einen
Spezies wurden lebhaft schwärmende Spermatozoidien der anderen Art
zugesetzt. In solchen Fällen sah man die Spermatozoidien unter dem
Mikroskop zahllos umherirren und endlich absterben, ohne an den Eiern der
verwandten Algen-Spezies den Befruchtungsakt vollzogen zu haben.
Freilich blieben einzelne Spermatozoidien, welche zufällig auf die ruhenden
Eier stießen, momentan an diesen hängen, aber nur um sich ebenso schnell

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wieder von ihnen loszureißen. Ganz anders wurde das Bild unter dem
Mikroskop, sobald man auf derartigen Präparaten den Spermatozoidien
auch nur ein einziges befruchtungsfähiges Ei der gleichen Spezies
hinzusetzte. Wenige Augenblicke genügten, um sämtliche Spermatozoidien
von allen Seiten her um dieses eine Ei zu versammeln, selbst wenn dasselbe
mehrere Zentimeter von der Hauptmasse der Spermatozoidien entfernt lag.
Es entsprach nunmehr das Bild ganz den von T h u r e t (Recherches sur la
fécondation des Fucacées, Ann. des Sc. natur., Sér. 4, Tome II, p 203, pl. 12,
Fig. 4) für Fucus gegebenen Abbildungen, und ebenso wurde auch das an
sich längst bewegungslos gewordene Ei nunmehr durch vereinte Kräfte der
zahlreichen Spermatozoidien hin- und hergedreht ... Aus diesen Versuchen
geht einmal hervor, daß die Anziehungskraft zwischen den Eiern von
Cutleria und den Spermatozoidien sich auf verhältnismäßig bedeutende
Distanzen geltend macht, daß auf der anderen Seite diese Anziehungskraft
nur zwischen den Geschlechtszellen der gleichen Spezies existiert.
Außerdem zeigen die mitgeteilten Erscheinungen, daß die Bewegungen der
Spermatozoidien von Cutleria .... unter dem Einfluß der Anziehungskraft
der Eier energisch genug sind, um jene Kraft, welche sie sonst dem
einfallenden Lichte entgegenführt, zu überwinden und sie dazu befähigten,
die entgegengesetzte Richtung einzuschlagen. Mag die Kraft, welche die
Vereinigung der männlichen und weiblichen Geschlechtszellen von Cutleria
anstrebt und die Bewegungsrichtung der männlichen Schwärmer reguliert,
in der männlichen oder in der weiblichen Zelle oder in beiden ihren Sitz
haben — so viel ist sicher, daß die Kraft, welche bei Cutleria die
Spermatozoidien den Eiern zuführt, ihren Sitz in dem Organismus selbst
haben muß und unabhängig vom Zufall und von Strömungen wirkt, welche
etwa im Wasser stattfinden können.«
(S. 48, Z. 12.) Vgl. Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines
Lebens von Johann Peter E c k e r m a n n (30. März 1824).
(S. 48, Z. 21.) Die Analogien zwischen Mensch und Haustier betreffs
des Nichtgebundenseins des sexuellen Verkehrs an bestimmte Zeitpunkte
werden oft übertrieben; vgl. hierüber C h r o b a k - R o s t h o r n, Die
Erkrankungen der weiblichen Geschlechtsorgane, Wien 1900, Teil I/2,
S. 379 f.
(S. 50, Z. 10.) Ich meine die außerordentlich wahre Stelle: »Nach wie
vor übten sie eine unbeschreibliche, fast magische Anziehungskraft

Page 465

gegeneinander aus. Sie wohnten unter einem Dache; aber selbst ohne
gerade aneinander zu denken, mit anderen Dingen beschäftigt, von der
Gesellschaft hin- und hergezogen, näherten sie sich einander. Fanden sie
sich in einem Saale, so dauerte es nicht lange und sie standen, sie saßen
nebeneinander. Nur die nächste Nähe konnte sie beruhigen, aber auch völlig
beruhigen, und diese Nähe war genug; n i c h t e i n e s B l i c k e s , n i c h t
e i n e s Wo r t e s , k e i n e r G e b e r d e , k e i n e r B e r ü h r u n g
bedurfte es, nur des reinen Zusammenseins. Dann
waren es nicht zwei Menschen, es war nur ein Mensch
i m b e w u ß t l o s e n v o l l k o m m e n e n B e h a g e n, mit sich selbst
zufrieden und mit der Welt. J a , h ä t t e m a n E i n s v o n B e i d e n a m
l e t z t e n E n d e d e r Wo h n u n g f e s t g e h a l t e n , d a s A n d e r e
h ä t t e s i c h n a c h u n d n a c h v o n s e l b s t o h n e Vo r s a t z z u
i h m h i n b e w e g t .« (G o e t h e, Die Wahlverwandtschaften, II. Teil, 17.
Kapitel.)
(S. 50, Z. 4 v. u. ff.) Hiemit vergleiche man die folgenden Aussprüche
der Dichter.
T h e o g n i s spricht zu dem Knaben Kyrnos (V. 183 f.):

Page 466

»κριοὺς μὲν καὶ ὄνους διζήμεθα, Κύρνε, καὶ ἵππους
εὐγενέας, καί τις βούλεται ἐξ ἀγαθῶν
βήσεσθαι∙ γῆμαι δὲ κακὴν κακοῦ οὐ μελεδαίνει
ἐσθλὸς ἀνήρ, ἤν οἱ χρήματα πολλὰ διδῷ,
οὐδὲ γυνὴ κακοῦ ἀνδρὸς ἀναίνεται εἶναι ἄκοιτις
πλουσίου, ἀλλ᾿ ἀφνεὸν βούλεται ἀντ᾿ ἀγαθοῦ.
χρήματα γὰρ τιμῶσι∙ καὶ ἐκ κακοῦ ἐσθλὸς ἔγημεν,
καὶ κακὸς ἐξ ἀγαθοῦ∙ πλοῦτος ἔμειξε γένος.« u. s. w.

S h a k e s p e a r e legt dem Bastarden Edmund die bekannten Verse in
den Mund (König Lear, 1. Aufzug, 2. Scene):
»......... Warum
Mit unecht uns brandmarken? Bastard? Unecht?
Uns, die im heißen Diebstahl der Natur
Mehr Stoff empfah'n und kräft'gern Feuergeist,
Als in verdumpftem, trägem, schalem Bett
Verwandt wird auf ein ganzes Heer von Tröpfen,
Halb zwischen Schlaf gezeugt und Wachen?...«

(S. 51, Z. 15 v. u. ff.) D a r w i n: Das Variieren der Tiere und Pflanzen,
Bd. II, Kap. 17–19 (z. B. S. 170 der 2. Aufl., Stuttgart 1873); besonders
aber: Die Wirkungen der Kreuz- und Selbstbefruchtung im Pflanzenreich,
Stuttgart 1877 (Werke Bd. X), S. 24: »Der bedeutungsvollste Schluß, zu
dem ich gelangt bin, ist der, daß der bloße Akt der Kreuzung an und für sich
nicht gut tut. Das Gute hängt davon ab, daß die Individuen, welche gekreuzt
werden, unbedeutend in ihrer Konstitution voneinander verschieden sind,
und zwar infolge davon, daß ihre Vorfahren mehrere Generationen hindurch
unbedeutend verschiedenen Bedingungen, oder dem, was wir in unserer
Unwissenheit ‚spontane Abänderung’ nennen, ausgesetzt sind.«

Page 467

Zu Teil I, Kapitel 4.
(S. 53, Z. 1 ff.) Von der Literatur will ich nur die wenigen wichtigsten
Bücher nennen, in denen man alle weiteren Angaben findet: Richard v.
K r a f f t - E b i n g, Psychopathia sexualis, mit besonderer Berücksichtigung
der konträren Sexualempfindung, 9. Aufl., Stuttgart 1894. Albert M o l l, Die
konträre Sexualempfindung, 3. Aufl., Berlin 1899. Untersuchungen über die
Libido sexualis, Bd. I, Berlin 1897/98. Havelock E l l i s und J. A.
S y m o n d s, Das konträre Geschlechtsgefühl, Leipzig 1896.
(S. 55, Z. 2 f.) »Komplementärbedingung« nach Av e n a r i u s, Kritik
der reinen Erfahrung, Bd. I, Leipzig 1888, S. 29; »Teilursache« nach Alois
H ö f l e r, Logik unter Mitwirkung von Dr. Alexius M e i n o n g, Wien 1890,
S. 63.
(S. 54, Z. 2.) v. S c h r e n c k - N o t z i n g, Die Suggestionstherapie bei
krankhaften Erscheinungen des Geschlechtslebens, mit besonderer
Berücksichtigung der konträren Sexualempfindung, Stuttgart 1892 (z. B.
S. 193: »Der Anteil der occasionellen Momente ist vielfach in der Ätiologie
des Gewohnheitstriebes zu perversen sexuellen Entäußerungen ein größerer
als derjenige erblicher Belastung.«) Ein Beitrag zur Ätiologie der konträren
Sexualempfindung, Wien 1895, S. 1 ff. Kriminalpsychologische und
psycho-pathologische Studien. Leipzig 1902, S. 2 f., S. 17 f. — Emil
K r a e p e l i n, Psychiatrie, 4. Aufl., Leipzig 1893, S. 689 f. — Ch. F é r é, La
descendance d'un inverti, Revue générale de clinique et de thérapeutique,
1896, citiert nach M o l l, Untersuchungen, Bd. I, S. 651, Anm. 3. In seinem
Buche, L'Instinct Sexuel, Evolution et Dissolution, Paris 1899, p. 266 f.,
legt Féré jedoch das Schwergewicht auf die kongenitale Veranlagung.
(S. 56, Z. 19 f.) Daß in der Mitte zwischen M und W stehende
Personen sich untereinander sexuell anziehen, wird auch sehr
wahrscheinlich aus den Beobachtungen von Fr. N e u g e b a u e r (Fifty false
marriages between Individuals of the same gender with some divorces for
»Erreur de Sexe«), Referat im British Gynaecological Journal, 15, 1899,
S. 315, vgl. 16, 1900, S. 104 des »Summary of Gynaecology, including
Obstetrics«.

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(S. 56, Z. 13 v. u.) Vgl. Emil K r a e p e l i n, Psychiatrie, 4. Aufl.,
Leipzig 1893, S. 690: »Verhältnismäßig selten sind jene Personen, bei
welchen n i e m a l s eine Spur von heterosexuellen Regungen vorhanden
gewesen ist.«
(S. 56, Z. 3 v. u. f.) Der Amerikaner Jas. G. K i e r n a n soll zuerst den
Grund der Homosexualität in der geschlechtlichen Undifferenziertheit des
Embryo gesucht haben (American Lancet, 1884 und im Medical Standard
[Nov.-Dec. 1888]), nach ihm Frank Ly d s t o n (Philadelphia Medical and
Surgical Recorder, September 1888, Addresses and Essays, 1892, p. 46 und
246), beide in Abhandlungen, die mir nicht zugänglich geworden sind. Die
gleiche Theorie bringt ein P a t i e n t v o n K r a f f t - E b i n g vor, in dessen
Psychopathia sexualis, 8. Aufl., Stuttgart 1893, S. 227. Dieser selbst hat sie
acceptiert in einer Abhandlung »Zur Erklärung der konträren
Sexualempfindung«, Jahrbücher für Psychiatrie und Nervenheilkunde, Bd.
XIII, Heft 2, ferner haben sich ihr angeschlossen Albert M o l l,
Untersuchungen über die Libido sexualis, Bd. I, S. 327 ff., Magnus
H i r s c h f e l d, Die objektive Diagnose der Homosexualität, Jahrbuch für
sexuelle Zwischenstufen, Bd. I (1899), S. 4 ff., Havelock E l l i s, Studies in
the Psychology of Sex, Vol. I, Sexual Inversion, 1900, p. 132 f., Norbert
G r a b o w s k i, Die mannweibliche Natur des Menschen, Leipzig 1896 etc.
(S. 58, Z. 11.) Die Anerkennung einer das Tierreich beherrschenden
Gesetzlichkeit in der sexuellen Anziehung ist folgenschwer insoferne, als
sie die Hypothese einer »sexuellen Zuchtwahl« fast völlig unmöglich
macht.
(S. 58, Z. 16 v. u.) Homosexualität bei Tieren: vgl. Ch. F é r é, Les
perversions sexuelles chez les animaux in L'instinct sexuel, Paris 1899, p.
59–87. F. K a r s c h, Päderastie und Tribadie bei den Tieren, auf Grund der
Literatur zusammengestellt, Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen, Bd. II
(1900), S. 126–154. Albert M o l l, Untersuchungen über die Libido
sexualis, Bd. I, 1898, S. 368 ff.
(S. 59, Z. 6.) Es beruht also auf einer Täuschung, wenn so viele
glauben (wie schon P l a t o n, Gesetze, VIII, 836c), die
»gleichgeschlechtliche Liebe« sei ein bloß dem M e n s c h e n
eigentümliches, »widernatürliches« Laster. Doch dürfte für die Päderastie

Page 469

Plato da Recht behalten; indes Homosexualität nicht auf den Menschen
beschränkt ist.
(S. 59, Z. 10 v. u. ff.) Vgl. K r a f f t - E b i n g bei Alfred F u c h s, Die
Therapie der anomalen Vita sexualis, Stuttgart 1899, S. 4.
(S. 61, Z. 7.) Der einzige wahrhaft große Mann, der die
Homosexualität strenge verurteilt zu haben scheint, ist der A p o s t e l
P a u l u s (Römer, I, 26–27); aber er hat selbst bekannt, wenig sexuell
veranlagt gewesen zu sein, woraus allein auch der etwas naive Optimismus
begreiflich wird, mit dem er von der Ehe spricht.
(S. 61, Z. 10 v. u.) M o l l, Untersuchungen über die Libido sexualis,
Bd. I, Berlin 1898, S. 484.
(S. 62, Z. 3 v. u.) Männer wie M i c h e l - A n g e l o oder
W i n c k e l m a n n, jener sicherlich einer der männlichsten Künstler, sind
also nach dieser Nomenklatur nicht als Homosexuelle, sondern als
Päderasten zu bezeichnen.

Page 470

Zu Teil I, Kapitel 5.
(S. 63, Z. 15 f.) Wenn Theodor G o m p e r z, Griechische Denker,
Leipzig 1896, Bd. I, S. 149, mit der Interpretation recht hätte, welche er
einigen in lateinischer Übersetzung erhaltenen Versen des P a r m e n i d e s
gibt (vgl. P a r m e n i d e s ' L e h r g e d i c h t, griechisch und deutsch von
Hermann D i e l s, Berlin 1897, Fragment 18, und Diels' Bemerkungen
hiezu, S. 113 ff.), so hätte ich den großen Denker hier als meinen Vorgänger
zu nennen. Gomperz sagt: »In .... dieser Theorie tritt auch die den
pythagoreisch und somit mathematisch Gebildeten kennzeichnende
Tendenz hervor, ... qualitative Verschiedenheiten aus quantitativen
Unterschieden abzuleiten. Das Größenverhältnis nämlich, in welchem der
von ihm (ebenso wie schon von Alkmäon) vorausgesetzte weibliche
Bildungsstoff zu dem männlichen steht, wurde zur Erklärung der
Charaktereigentümlichkeiten und insbesondere der Art der
Geschlechtsneigung des Erzeugten verwendet. Und dieselbe Richtung
offenbart sich in dem Bestreben, die individuelle Verschiedenheit der
Individuen gleichwie ihrer jedesmaligen Geisteszustände auf den größeren
oder geringeren Anteil zurückzuführen, den ihr Körper an den beiden
Grundstoffen hat.« Wenn Gomperz kein anderes Fragment meinen sollte als
das oben bezeichnete, so gäbe diese Auslegung dem Parmenides etwas, das
Gomperz gebührt. Vgl. auch Z e l l e r, Die Philosophie der Griechen, I/1, 5.
Aufl., Leipzig 1892, S. 578 f., Anm. 4.
(S. 64, Z. 12.) Hier ist angespielt auf die programmatische Schrift von
L. William S t e r n, Psychologie der individuellen Differenzen (Ideen zu
einer »differentiellen Psychologie«), Schriften der Gesellschaft für
psychologische Forschung, Heft 12, Leipzig 1900.
(S. 65, Z. 11 f.) Über die Periodizität im menschlichen, und zwar auch
im männlichen Leben, sowie in allen biologischen Dingen findet sich das
Interessanteste und Anregendste in einem Buche, dessen auch sonst
ungeschickt gewählter Titel über diesen Inhalt nichts vermuten läßt, bei
Wilhelm F l i e ß, Die Beziehungen zwischen Nase und weiblichen
Geschlechtsorganen in ihrer biologischen Bedeutung dargestellt, Leipzig

Page 471

und Wien 1897, einer ungemein originellen Schrift, der eine historische
Berühmtheit gerade dann sicher sein dürfte, wenn die Forschung einmal
weit über sie hinausgelangen sollte. Einstweilen sind die höchst
merkwürdigen Dinge, die Fließ entdeckt hat, noch bezeichnend wenig
beachtet worden (vgl Fließ, S. 117 ff., 174, 237).
(S. 70, Z. 9 v. u. f.) Über diese angebliche »Monotonie« der Frauen
sind Äußerungen verschiedener Autoren zu finden in dem großen
Sammelwerk von C. L o m b r o s o und G. F e r r e r o, Das Weib als
Verbrecherin und Prostituierte, Anthropologische Studien, gegründet auf
eine Darstellung der Biologie und Psychologie des normalen Weibes,
übersetzt von H. K u r e l l a, Hamburg 1894, S. 172 f.
(S. 70, Z. 3 v. u. f.) Größere Variabilität der Männchen: D a r w i n, Die
Abstammung des Menschen etc., übersetzt von Haek, Kap. 8, S. 334 ff.;
Kap. 14, S. 132 ff., besonders 136; Kap. 19, S. 338 ff. — C. B.
D a v e n p o r t und C. B u l l a r d, Studies in Morphogenesis, VI: A
Contribution to the quantitative Study of correlated variation and the
comparative Variability of the Sexes, Proceedings of the Amer. Phil. Soc.
32, 85–97. Referat Année Biologique, 1895, p. 273 f.
(S. 71, Z. 19 v. u. f.) Die »Aktualitätstheorie« des Psychischen ist die
Theorie Wilhelm W u n d t s (Grundriß der Psychologie, 4. Aufl., Leipzig
1901, S. 387); sie lehnt alles substantielle und zeitlose Sein in der
Psychologie ab und erblickt hierin ihren wesentlichen Unterschied
gegenüber der Naturwissenschaft, welche über den Begriff der Materie nie
hinauskommen könne (vgl. auch W u n d t s Logik, Bd. II, Methodenlehre, 2.
Aufl., Leipzig 1895).
(S. 72, Z. 9 ff.) Die im folgenden dargetane prinzipielle Berechtigung
der Physiognomik, die trotz L i c h t e n b e r g s übler Prophezeiung nicht »im
eigenen Fett erstickt«, vielmehr an der Auszehrung gestorben ist, liegt
eigentlich bereits in den Worten des A r i s t o t e l e s enthalten (περὶ Ψυχής A
3, 407 b, 13 f.): »Εκεινο δὲ ἄτοπον συμβαίνει καὶ τούτῳ τῷ λόγῳ καὶ τοῖς
πλείστοις τῶν περὶ ψυχῆς· συνάπτουσι γὰρ καὶ τιθέασιν εἰς σῶμα τὴν
ψυχήν, οὐθὲν προσδιορίσαντες διὰ τίν' αἰτίαν καὶ πῶς ἔχοντος τοῦ
σώματος. καίτοι δόξειεν ἂν τοῦτ' ἀναγκαῖον εἶναι· διὰ γὰρ τὴν κοινωνίαν τὸ
μὲν ποιεῖ τὸ δὲ πάσχει καὶ τὸ μὲν κινεῖται τὸ δὲ κινεῖ, τούτων δ' οὐδὲν
ὑπαρχει πρὸς ἄλληλα τοῖς τυχοῦσιν. Ὁἱ δὲ μόνον ἐπιχειροῦσι λέγειν ποῖόν

Page 472

τι ἡ ψυχή, περὶ δὲ τοῦ δεξομένου σώματος οὐθὲν ἔτι προσδιορίζουσιν,
ὥσπερ ἐνδεχόμενον κατὰ τοὺς Πυθαγορικοὺς μύθους τ ὴ ν τ υ χ ο ῦ σ α ν
ψ υ χ ὴ ν ε ἰ ς τ ὸ τ υ χ ὸ ν ἐ ν δ ύ ε σ θ α ι σ ῶ μ α· δοκεῖ γὰρ ἕκαστον ἴδιον
ἔχειν εἶδος καὶ μορφήν. Παραπλήσιον δὲ λέγουσιν ὥσπερ εἴ τις φαίη τὴν
τεκτονικὴν εἰς αὐλοὺς ἐνδύεσθαι· δεῖ γὰρ τὴν μὲν τέχνην χρῆσθαι τοῖς
ὀργάνοις, τὴν δὲ ψυχὴν τῷ σώματι.«
(S. 72, Z. 22.) P. J. M o e b i u s, Über die Anlage zur Mathematik,
Leipzig 1900.
(S. 74, Z. 19 v. u.) H u m e schweigt über den Unterschied, M a c h
leugnet ihn (vgl. Die Prinzipien der Wärmelehre, historisch-kritisch
entwickelt, 2. Aufl. Leipzig 1900, S. 432 ff.).
(S. 74, Z. 8 v. u. f.) Die hier zurückgewiesene Ansicht über das
Zeitproblem ist die von Ernst M a c h, Die Mechanik in ihrer Entwicklung
historisch-kritisch dargestellt, 4. Aufl., Leipzig 1901, S. 233. Unendlich
flach ist, was J. B. S t a l l o zu dieser Frage bemerkt, The Concepts and
Theories of modern physics, 3. ed., London 1890, p. 204.
(S. 75, Z. 19.) Über A r i s t o t e l e s als Begründer der
Korrelationslehre vgl. Jürgen Bona M e y e r, Aristoteles' Tierkunde, Berlin
1855, S. 468.
(S. 75, Z. 17 v. u. ff.) Über die merkwürdige Korrelation bei Katzen
sowie über »Correlated Variability« überhaupt vgl. D a r w i n, Das Variieren
der Tiere und Pflanzen, Stuttgart 1873, Kap. 25 (Bd. II2, S. 375). Vgl.
Entstehung der Arten, S. 36 f., 194 f. der Haekschen Übersetzung
(Universal-Bibliothek).
(S. 76, Z. 7 v. u.) Ernst M a c h, Die Mechanik u. s. w., 4. Aufl., S. 235.
(S. 77, Z. 14 f.) Hier berührt sich die Darstellung mit Wilhelm
D i l t h e y, Beiträge zum Studium der Individualität, Sitzungsberichte der
kgl. preußischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin, 1896 (S. 295–
335), S. 303: »In einem ... Typus sind mehrere Merkmale, Teile oder
Funktionen regelmäßig miteinander verbunden. Diese Züge, deren
Verbindung den Typus ausmacht, stehen in einer solchen gegenseitigen
Relation zueinander, daß die Anwesenheit des einen Zuges auf die des
anderen schließen läßt, die Variationen im einen auf die im anderen. Und
zwar nimmt diese typische Verbindung von Merkmalen im Universum in

Page 473

einer aufsteigenden Reihe von Lebensformen zu und erreicht im
organischen und dann im psychischen Leben ihren Höhepunkt. Dieses
Prinzip des Typus kann als das zweite, welches die Individuen beherrscht,
angesehen werden. Dieses Gesetz ermöglichte es dem großen C u v i e r, aus
versteinerten Resten eines tierischen Körpers diesen zu rekonstruieren, und
dasselbe Gesetz in der geistig-geschichtlichen Welt hat Fr. A. Wo l f und
N i e b u h r ihre Schlüsse ermöglicht.«
(S. 77, Z. 8 v. u.) Gemeint sind die künstlich des
Oberschlundganglions beraubten Nereiden. »Hat man mehrere so operierte
Würmer in einem Gefäß zusammen, so ... geraten sie in eine Ecke und
suchen hier durch die Wand zu rennen. Die Würmer blieben viele Stunden
so und gingen schließlich infolge ihres unsinnigen Bestrebens, vorwärts zu
kommen, zu Grunde.« Jacques L o e b, Einleitung in die vergleichende
Gehirnphysiologie und vergleichende Psychologie mit besonderer
Berücksichtigung der wirbellosen Tiere, Leipzig 1899, S. 63 (wo nach S. S.
M a x w e l l, Pflügers Archiv für die gesamte Physiologie, 67, 1897, eine
Zeichnung von diesem Vorgange gegeben ist).
(S. 78, Z. 4 v. o.) Der Ausdruck »Aufpasser« u. s. w. bei
S c h o p e n h a u e r, Parerga II, § 350 bis.
(S. 78, Z. 1 v. u.) Konrad R i e g e r sagt (Die Kastration, Jena 1900,
Vorwort, S. XXV): »Auch ich teile vollkommen mit G a l l, C o m t e,
M o e b i u s die Überzeugung: daß es der größte Fortschritt wäre, sowohl in
der reinen Wissenschaft als in praktisch sozialer und politischer Hinsicht,
wenn eine Methode gefunden würde, mittels deren es möglich wäre, Moral,
Intelligenz, Charakter, Wille eines Menschen [physiognomisch] exakt zu
bestimmen.« Ich kann mich dieser Auffassung nicht anschließen und halte
sie für ein wenig übertrieben; doch ich führe sie an, weil sie immerhin die
Wichtigkeit der Sache ins Licht setzen hilft.

Page 474

Zu Teil I, Kapitel 6.
(S. 79, Z. 6.) Am nächsten kommt der in diesem Kapitel entwickelten
Auffassung der Frauenfrage A r d u i n, Die Frauenfrage und die sexuellen
Zwischenstufen, Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen, Bd. II, 1900,
S. 211–223. Jedoch bin ich von diesem Autor gänzlich unabhängig.
(S. 81, Z. 6 v. u.) Vgl. We l c k e r, Sappho von einem herrschenden
Vorurteil befreit, Göttingen 1816, wieder abgedruckt in seinen »Kleinen
Schriften«, II. Teil, Bonn 1845, S. 80–144. Auch Q. H o r a t i u s Flaccus,
erklärt von Hermann S c h ü t z, III. Teil, Episteln (Berlin 1883), Kommentar
zu Epistel I, 19, 28, und dazu We l c k e r, Kleine Schriften, Bd. V, S. 239 f.
(S. 82, Z. 4 v. u.) M é r i m é e: nach Adele G e r h a r d t und Helene
S i m o n, Mutterschaft und geistige Arbeit, eine psychologische und
soziologische Studie auf Grundlage einer internationalen Erhebung mit
Berücksichtigung der geschichtlichen Entwicklung, Berlin 1901, S. 162.
Die Erzählung über George S a n d und C h o p i n ebenda S. 166. Dieser
fleißigen Arbeit verdanke ich auch sonst eine Anzahl von Belegen und den
Hinweis auf einige Quellen.
(S. 82, Z. 6.) Die Angabe über Laura B r i d g m a n rührt von Albert
M o l l her, Untersuchungen über die Libido sexualis, Berlin 1897/98, Bd. I,
S. 144. Die Stellen bei Wilhelm J e r u s a l e m, Laura Bridgman, Erziehung
einer Taubstumm-Blinden, eine psychologische Studie, Wien 1890, S. 60,
sprechen freilich eher für das Gegenteil. Über die George S a n d: Moll ibid.,
S. 698 f., Anm. 4; über K a t h a r i n a II.: M o l l, Die konträre
Sexualempfindung, 3. Aufl., Berlin 1899, S. 516; über C h r i s t i n e: Adele
G e r h a r d t und Helene S i m o n, Mutterschaft und geistige Arbeit, Berlin
1901, S. 209 (»jedenfalls eine durch sexuell-pathologische Erscheinungen
gefährdete Persönlichkeit«).
(S. 83, Z. 6.) Man vergleiche »Briefe Ludwigs II. von Bayern an
Richard Wagner«, veröffentlicht in der Wage, Wiener Wochenschrift, 1.
Jänner bis 5. Februar 1899.

Page 475

(S. 83, Z. 15 v. u. ff.) Über George E l i o t: G e r h a r d t und S i m o n a.
a. O., S. 155. Über Lavinia F o n t a n a ibid., S. 98. Über die D r o s t e -
H ü l s h o f f, S. 137. Über die Rachel R u y s c h: Ernst G u h l, Die Frauen in
der Kunstgeschichte, Berlin 1858, S. 122.
(S. 84, Z. 3 f.) Über Rosa B o n h e u r vgl. G e r h a r d t - S i m o n,
S. 107 f. Dort ist nach dem Biographen der Malerin René P e y r o l (Rosa
Bonheur, Her Life and Work, London) citiert: »The masculine vigour of her
character, as also her hair, which she was in the habit of wearing short,
contributed to perfect her disguise.« Wenn R. B. in Männerkleidern ging,
schöpfte niemand den geringsten Verdacht.
(S. 84, Z. 4 v. u.) Da Frauen weniger produzieren als Männer, haben
ihre Werke von vornherein einen Seltenheitswert und gelten eher als
Kuriosität. Vgl. G u h l, Die Frauen in der Kunstgeschichte, S. 260 f.: »Es
genügte, daß ein Werk von weiblicher Hand herrührte, um schon um
deswillen gepriesen zu werden.«
(S. 86, Z. 4 f.) Vgl. P. J. M o e b i u s, Über die Vererbung künstlerischer
Talente, in der »Umschau«, IV, Nr. 38, S. 742–745 (15. September 1900).
Jürgen Bona M e y e r, Zeitschrift für Völkerpsychologie und
Sprachwissenschaft, 1880, S. 295–298. Karl J o e l, Die Frauen in der
Philosophie. Sammlung gemeinverständlicher Vorträge, herausgegeben von
Virchow und Holtzendorff, Heft 246, Hamburg 1896, S. 32 und 63.
(S. 86, Z. 8 f.) G u h l a. a. O., S. 8.
(S. 86, Z. 15.) Ich hätte hier noch als sehr männlich Dorothea
M e n d e l s s o h n erwähnen sollen; über sie wie über ihren so weiblichen
Gatten Friedrich S c h l e g e l vgl. Joh. S c h u b e r t, Frauengestalten aus der
Zeit der deutschen Romantik, Hamburg 1898 (Sammlung
gemeinverständlicher wissenschaftlicher Vorträge, herausgegeben von
Virchow, Heft 285), S. 8 f. Auch die hochbegabte homosexuelle Gräfin
S a r o l t a V. aus K r a f f t - E b i n g s Psychopathia sexualis (8. Aufl., 1893,
S. 311–317) wäre anzuführen gewesen.
(S. 86, Z. 18.) G u h l a. a. O., S. 5.
(S. 86, Z. 3 v. u.) Wer eifriger sammelt, als ich dies getan habe, mit
größeren Kenntnissen in der Literatur-, Kunst-, Wissenschafts- und
politischen Geschichte, und reichlichere Quellen besser aufzufinden weiß,

Page 476

als ich dies hier vermochte, der wird gewiß zu diesem Punkte noch viele
merkwürdige Bestätigungen entdecken.
(S. 88, Z. 9 f.) Die Stelle über die berühmten Frauen, D a r w i n,
Abstammung des Menschen, übersetzt von Haek, Bd. II, S. 344 f.
(S. 88, Z. 2 v. u.) Mit dieser Angabe über B u r n s, die ich C a r l y l e,
On Heroes etc., London, Chapman & Hall, p. 175 entnommen habe, steht
im Widerspruch, was das »Memoir of Robert Burns«, welches der Ausgabe
der Poetical Works, London, Warne, 1896, vorgedruckt ist, p. 16 f. über
dessen Bildungsgang erzählt.
(S. 89, Z. 14 v. u.) Das Citat aus B u r c k h a r d t, Die Kultur der
Renaissance in Italien, 4. Aufl., besorgt von Ludwig Geiger, Leipzig 1885,
Bd. II, S. 125.
(S. 89, Z. 6 v. u.) G e r h a r d t und S i m o n a. a. O., S. 46 f.
(S. 90, Z. 8 ff.) Hier bin ich durch Ottokar L o r e n z angeregt. Dieser
sagt (Lehrbuch der gesamten wissenschaftlichen Genealogie, Stammbaum
und Ahnentafel in ihrer geschichtlichen, soziologischen und
naturwissenschaftlichen Bedeutung, Berlin 1898, S. 54 f.): »Die
Erscheinungen, die man heute mit dem Namen der Frauenemanzipation
nicht eben sehr treffend bezeichnet, vermöchte wohl kein Kenner
vergangener Kulturzustände als eine in allen einzelnen Teilen neue Sache
zu betrachten. Namentlich ist der Antrieb der Frauen, sich der gelehrten
Bildung ihrer Zeit zu bemächtigen, im XVI. und im X. Jahrhundert ganz
ebenso groß gewesen wie im XIX. Auch der heutige soziale Gedanke, den
Frauen eine auf sich gestellte Wirksamkeit zu sichern, hat im kirchlichen
und Klosterleben vergangener Zeiten seine vollen Analogien. Wenn man
nun die Ursachen dieser im Wechsel der Zeiten sich ganz regelmäßig
wiederholenden Erscheinungen erforscht, so ist doch unzweifelhaft, daß
mindestens einen mächtigen Anteil daran jene Antriebe, jene Bewegungen
haben müssen, die in den persönlichen Eigenschaften eben der nach der
sogenannten Emanzipation in ihren verschiedenen Formen und Zeiten
strebenden Frauen selbst begründet waren. Indem also die Frauenfrage im
Wechsel der Zeiten bald mehr, bald weniger hervortritt, beweist sie für die
aufeinanderfolgenden Geschlechter eine gewisse Wiederkehr frauenhafter
Eigenschaften, die in gewissen Epochen unzweifelhaft weit mehr von

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männischer Art sind als in anderen, wo in denselben Zügen etwas geradezu
Häßliches erblickt worden ist.«
(S. 90, Z. 22.) D a r w i n, Das Variieren etc., II2, 58: »Es ist bekannt,
daß eine große Anzahl weiblicher Vögel ...., wenn sie alt oder krank sind,
.... zum Teil die sekundären männlichen Charaktere ihrer Spezies
annehmen. In Bezug auf die Fasanenhennen hat man beobachtet, daß dies
während gewisser Jahre viel häufiger eintritt als während anderer.« Darwin
beruft sich hiefür auf William Ya r r e l l, On the change in the plumage of
some Hen-Pheasants, Philosophical Transactions of the Royal Society of
London, 1827 (p. 270).
(S. 91, Z. 13 v. u.) Werner S o m b a r t (Die Frauenfrage, in der Wiener
Wochenschrift »Die Zeit«, 1. März 1902, S. 134) spricht über die Ansicht,
daß die Maschinenarbeit an der Frauenarbeit die Schuld trage, weil sie
Muskelkraft entbehrlich gemacht habe, und sagt: »Gewiß gilt das für
zahlreiche Gewerbe, z. B. für die wichtige Weberei. Aber schon nicht für
die Spinnerei, die vor Erfindung der mechanischen Spinnstühle viel
ausschließlicher Frauenarbeit war als heute. Hier hat die Maschinentechnik
die Möglichkeit gerade der Männerarbeit erst geschaffen, wie denn
bekanntlich in den mechanischen Spinnereien zahlreiche männliche Spinner
beschäftigt sind. E s g i l t a b e r a u c h f ü r d i e m e i s t e n a n d e r e n
Gewerbe mit starker Arbeit nicht; man denke an
P u t z m a c h e r e i , S t i c k e r e i , S t r i c k e r e i , Ta b a k i n d u s t r i e u n d
andere, in denen die Maschinen die Frauen eher
v e r d r ä n g t a l s s i e h e r a n g e z o g e n h a b e n . Es gilt auch für das
Hauptgebiet moderner Frauenarbeit, für die Konfektionsindustrie, nicht.
Denn die Handnäherei ist doch der Frau nicht weniger zugänglich als die
Maschinennäherei. Was vielmehr entscheidend für die Entwicklung der
Frauenarbeit gewesen ist, was auf der Seite der Produktionsvorgänge die
Differenzierung der ursprünglich-komplexen (und darum immer gelernten)
Arbeitsverrichtung bedingte, war aber gar nicht einmal in erster Linie dieser
Vorgang in der Produktionssphäre, sondern sind vielmehr bestimmte
Gestaltungen der Bevölkerungsverhältnisse gewesen: die Entstehung von
weiblicher Überschußbevölkerung auf dem Lande und in den Städten, die
auf tieferliegende, hier nicht näher zu erörternde Ursachen zurückzuführen
ist. Beliebt man ein Schlagwort, so kann man sagen: die moderne
Frauenarbeit in der Industrie (und den übrigen nicht zur Landwirtschaft

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gehörigen Sphären des Wirtschaftslebens), verdankt ihre Entstehung nicht
unmittelbar den Veränderungen in der Technik, sondern Umgestaltungen
der Siedelungsverhältnisse.«
(S. 92, Z. 7 f.) K r a f f t - E b i n g, Psychopathia sexualis, S. 220: »Die
Tendenz der Natur auf heutiger Entwicklungsstufe ist die Hervorbringung
von monosexualen Individuen.«
(S. 92, Z. 15.) Über die Gephyreen We i s m a n n, Keimplasma,
S. 477 f.: »Es gibt in verschiedenen Gruppen des Tierreichs A r t e n ,
deren Männchen sich beinahe in allen Charakteren von
d e n We i b c h e n u n t e r s c h e i d e n. Schon bei vielen Rädertieren sind
die Männchen winzig klein gegenüber den Weibchen, haben eine in allen
Teilen verschiedene Körpergestalt und entbehren des gesamten
Nahrungskanals; und bei Bonellia viridis, einem Meereswurm aus der
Gruppe der Gephyreen, weicht das Männchen so sehr vom Weibchen ab,
daß man versucht sein könnte, es einer ganz anderen Klasse von Würmern,
den Strudelwürmern, zuzuteilen. Zugleich ist hier der Unterschied in der
Körpergröße zwischen beiden Geschlechtern noch weit bedeutender; das
Männchen hat eine Länge von 1–2 mm, das Weibchen von 150 mm, und das
erstere schmarotzt im Innern des letzteren« etc. Vgl. C l a u s, Lehrbuch der
Zoologie, 6. Aufl., Marburg 1897, S. 403. Auch manche Asseln (Bopyriden)
sind sexuell weiter differenziert als der Mensch, vgl. Claus a. a. O., S. 482.

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Zu Teil II, Kapitel 1.
(S. 97, Z. 3.) Thomas C a r l y l e, On Heroes, Hero-Worship and the
Heroic in History, London, Chapman & Hall, p. 99.
(S. 97, Z. 7 v. u. f.) Vgl. Franz L. N e u g e b a u e r, 37 Fälle von
Verdoppelungen der äußeren Geschlechtsteile, Monatsschrift für
Geburtshilfe und Gynäkologie, VII, 1898, S. 550–564, 645–659, besonders
S. 554 f., wo ein Fall von »Juxtapositio organorum sexualium externorum
utriusque sexus« beschrieben ist. Von dem bloß auf
Entwicklungshemmungen beruhenden Scheinzwittertum sehe ich hier ab.
(S. 99, Z. 12 v. u.) A r i s t o t e l e s, Metaphysik, A 5, 986a, 31:
Αλκμαίων ὁ Κροτωνιάτης φησι εἶναι δύο τὰ πολλά τῶν ανθρωπίνων.
(S. 99, Z. 10 v. u.) Vgl. S c h e l l i n g, Von der Weltseele, Werke,
Stuttgart und Augsburg, 1857, Abt. I, Bd. II, S. 489: »So ist wohl das
Gesetz der Polarität ein allgemeines Weltgesetz.«
(S. 101, Z. 4 ff.) Gemeint sind hier die mit großem Recht sehr bekannt
gewordenen hervorragenden Aufsätze von Wilhelm D i l t h e y, Ideen über
eine beschreibende und zergliedernde Psychologie, Sitzungsberichte der
kgl. preußischen Akademie der Wissenschaften, 1894, S. 1309–1407.
Beiträge zum Studium der Individualität, ibid. 1896, S. 295–335. Im ersten
Aufsatz heißt es z. B. (S. 1322): »In den Werken der Dichter, in den
Reflexionen über das Leben, wie große Schriftsteller sie ausgesprochen
haben, ist ein Verständnis des Menschen enthalten, hinter welchem alle,
erklärende Psychologie weit zurückbleibt.« Im zweiten Aufsatz (S. 299,
Anm.): »Ich erwarte eine .... überzeugende Zergliederung .... auch der
heroischen Willenshandlung, welche sich zu opfern und das sinnliche
Dasein wegzuwerfen vermag.«
(S. 104, Z. 16 v. u.) Vgl. Heinrich R i c k e r t, Die Grenzen der
naturwissenschaftlichen Begriffsbildung, Freiburg im Breisgau 1902,
S. 545: »Die atomisierende Individual-Psychologie sieht alle I n d i v i d u e n
als gleich an und m u ß e s a l s a l l g e m e i n s t e T h e o r i e v o m

Page 480

S e e l e n l e b e n t u n, die individualistische G e s c h i c h t s s c h r e i b u n g
richtet ihr Interesse auf individuelle Differenzen.«
(S. 104, Z. 11 v. u.) Man vergleiche die Kontroversen zwischen G. v.
B e l o w und Karl L a m p r e c h t über die historische Methode und das
Verhältnis der soziologischen Geschichtsschreibung zur Individualität aus
den Jahren 1898 und 1899.
(S. 104, Z. 7 v. u.) »Kein wissenschaftlicher Kopf kann je erschöpfen,
kein Fortschritt der Wissenschaft kann erreichen, was der Künstler über den
Inhalt des Lebens zu sagen hat. Die Kunst ist das Organ des
Lebensverständnisses.« D i l t h e y, Beiträge zum Studium der Individualität,
Berliner Sitzungsberichte, 1896, p. 306.

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Zu Teil II, Kapitel 2.
(S. 106, Z. 3 f.) Die Motti aus K a n t, Anthropologie in pragmatischer
Hinsicht, Zweiter Teil B. (S. 229 ed. Kirchmann); N i e t z s c h e, Jenseits
von Gut und Böse, Aphorismus 232.
(S. 106, Z. 19.) K a n t a. a. O. (S. 228).
(S. 107, Z. 22.) »... die beachtenswerte Erscheinung, daß, während
jedes Weib, wenn beim Generationsakte überrascht, vor Scham vergehen
möchte, sie hingegen ihre Schwangerschaft, ohne eine Spur von Scham, ja
mit einer Art Stolz, zur Schau trägt; da doch überall ein unfehlbar sicheres
Zeichen als gleichbedeutend mit der bezeichneten Sache selbst genommen
wird, daher denn auch jedes andere Zeichen des vollzogenen Koitus das
Weib im höchsten Grade beschämt; nur allein die Schwangerschaft nicht.«
S c h o p e n h a u e r, Parerga, II, § 166.
(S. 107, Z. 9.) Ich glaube es rechtfertigen zu können, daß ich zwei
Psychologinnen, die mir durch Arbeiten bekannt waren, im Texte
übergangen habe; denn die eine ist eine amerikanische Experimentatorin,
die andere die russische Verfasserin einer schlechten Geschichte des
Apperzeptionsbegriffes.
(S. 107, Z. 5 v. u.) Das Beste über das schwangere Weib und das, was
in ihm vorgeht, ist in einem leider bis jetzt ungedruckten Gedichte eines
noch unbekannten m ä n n l i c h e n Dichters gesagt, dessen Wiedergabe an
dieser Stelle mir gestattet wurde; wofür ich hier um so mehr meinen Dank
sage, als ich selbst auf das psychologische Problem der Schwangerschaft
auch im zehnten Kapitel nicht näher eingegangen bin.
»Geheimnisvolle Kräfte schlingen
Um mich ein nie gekanntes Walten.
Ich hör' ein liebend zartes Klingen,
Und alles will sich neu entfalten.

Mir ist, als ob Natur sich neige
In Ehrfurcht, wo ich leise gehe,
A l s o b d e r B a u m d e m B a u m m i c h z e i g e,
Daß er mich staunend schreiten sehe.

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Ich fühle mich so hoch erhoben,
Ein jedes Wesen ist mir nah,
Mir hat sich die Natur verwoben,
Seit mir so hohes Glück geschah.

Es schläft in mir, was nie noch lebte,
Ein Wunder, das ein Traum gebar:
Natur so ahnungsvoll erbebte,
Weil hier ein neues Wesen war.«

(S. 108, Z. 8 v. u. f.) So unter anderen Guglielmo F e r r e r o, Woman's
Sphere in Art, New Review, November 1893 (citiert nach Havelock E l l i s).
(S. 108, Z. 5 v. u. f.) Die Forscher scheinen eher der Meinung von der
geringeren Intensität des »Geschlechtstriebes« beim Weibe zu huldigen
(z. B. H e g a r, Der Geschlechtstrieb, 1894, S. 6), die praktischen
»Frauenkenner« sind fast alle in großer Entschiedenheit der
entgegengesetzten Ansicht.
(S. 109, Z. 4 v. u.) Daß beim Weibe die Wollust nicht wie beim Manne
durch irgend eine Ejakulation vermittelt sein kann, führt M o l l aus
(Untersuchungen, I, S. 8 ff.). Vgl. auch C h r o b a k - R o s t h o r n, Die
Erkrankungen der weiblichen Geschlechtsorgane, Wien 1900 (aus
Nothnagels Spezieller Pathologie und Therapie), Bd. I, S. 423 f.: »Wir
müssen mit M o l l einen Detumeszenz- (Entleerungs-), vielleicht richtiger
Depletionstrieb, und einen Kontrektations- (Berührungs-)trieb ... annehmen.
Viel schwieriger steht die Frage dem Weibe gegenüber, bei welchem wir ...
insofern keine Analogie mit dem Vorgang beim Manne finden können, als
eine E j a k u l a t i o n von K e i m z e l l e n nicht stattfindet ... Es kommt
allerdings auch bei Frauen unter der Kohabitation häufig ein
Flüssigkeitserguß aus den Bartholinschen Drüsen unter Bewegungen der
Musculi ischio-et bulbo-cavernosi zustande, es findet auch eine
Abschwellung der ebenfalls durch Muskelbewegungen strotzend gefüllten
und dadurch vielleicht ein Unlustgefühl erzeugenden Gefäße (an den
Schwellkörpern der Klitoris) statt, doch betrifft diese Entleerung einesteils
nicht die keimbereitenden Organe, anderseits scheint sich diese sogenannte
Ejakulation oft genug nicht einzustellen, o h n e d a ß h i e d u r c h d a s
G e f ü h l d e r s e x u e l l e n B e f r i e d i g u n g v e r h i n d e r t würde.«
(S. 109, Z. 10.) Die M o l lsche Unterscheidung in dessen Büchern: Die
konträre Sexualempfindung, 3. Aufl., Berlin 1899, S. 2. Untersuchungen
über die Libido sexualis, 1897, Bd. I, S. 10.

Page 483

(S. 112, Z. 7.) Daraus, daß W selbst durchaus und überall Sexualität
ist, wird leicht erklärlich, daß man beim Weibchen in der ganzen Zoologie
gar nicht eigentlich von »sekundären Geschlechtscharakteren« im selben
Sinne reden kann wie beim Manne. Weibchen »bieten selten merkwürdige
sexuelle Charaktere« (D a r w i n, Entstehung der Arten, S. 201, ed. Haek).
(S. 115, Z. 15 v. u. f.) Auch unter den Tieren bildet bei den Männchen
die Brunstzeit einen viel stärkeren Gegensatz zu ihrem sonstigen Leben als
bei den Weibchen. Man vergleiche, um ein Beispiel statt vieler anzuführen,
wie Friedrich M i e s c h e r den Rheinlachs vor und während der Laichzeit
schildert (Die histochemischen und physiologischen Arbeiten von F. M.,
Leipzig 1897, Bd. II, S. 123): »Wenn man etwa im Dezember einen
männlichen Salm, sogenannten Wintersalm sieht, mit klarem, bläulich
schimmerndem Schuppenkleid, der schönen Rundung des Leibes, mit der
kurzen Schnauze ... ohne jede Spur von Hakenbildung ... und man daneben
den bekannten Hakenlachs erblickt, mit einer Nase von doppelter Länge,
einer überhaupt ganz veränderten Physiognomie des Vorderkopfes, mit der
tigerartig rot und schwarz gefleckten, von Epithelwucherung trüben, dicken
Hautschwarte, dem abgeplatteten Körper und den dünnen schlotternden
Bauchwänden, so hat man immer wieder Mühe, sich zu überreden, daß dies
Exemplare einer und derselben Spezies seien. Etwas geringer ist der
Gegensatz beim weiblichen Exemplar. Die Länge und Form der Schnauze
ist nicht wesentlich verschieden; die roten Flecken an Kopf und Leib, beim
Winterlachs gänzlich fehlend, sind beim weiblichen Laichlachs schwächer
entwickelt als beim Männchen; die Haut ist getrübt und wie unrein, doch
nicht so stark verdickt.«
(S. 115, Z. 10 v. u.) Ein sehr hervorragender, aber merkwürdig wenig
beachteter Aufsatz von Oskar F r i e d l ä n d e r (»Eine für Viele«, eine
psychologische Studie, »Die Gesellschaft«, Münchener Halbmonatsschrift,
XVIII. Jahrgang, 1902, Heft 15/16, S. 166) nähert sich in diesem Punkte
meiner Auffassung so weit, daß ich ihn hier, wie noch mehrfach, citieren
muß: »Sicherlich, der Geschlechtstrieb tritt beim Manne heftiger und
ungestümer auf als beim Weibe. Es liegt dies wohl weniger an dem
verschiedenen Grade der Intensität als daran, daß im männlichen Geiste die
heterogensten Elemente aus allen psychischen Gebieten
zusammenkommen, die um die Vorherrschaft kämpfen und die sexuellen
Instinkte zu verdrängen suchen, und diese durch die Kontrastwirkung desto

Page 484

stärker empfunden werden, während ihre gleichmäßige Verteilung über d i e
g a n z e S e e l e des Weibes ... sie nicht mit besonderer Schärfe zur
Abhebung kommen läßt.«

Page 485

Zu Teil II, Kapitel 3.
(S. 117, Z. 6 v. u.) »Begierde und Gefühl sind nur Arten, wie unsere
Vorstellungen sich im Bewußtsein befinden.« Joh. Friedr. H e r b a r t,
Psychologie als Wissenschaft, neu gegründet auf Erfahrung, Metaphysik
und Mathematik, II. (analytischer) Teil, § 104 (Werke VI, S. 60, ed.
Kehrbach, Langensalza 1887).
(S. 117, Z. 5 v. u.) A. H o r w i c z, Psychologische Analysen auf
physiologischer Grundlage, Ein Versuch zur Neubegründung der
Seelenlehre, II/1, Die Analyse des Denkens, Halle 1875, S. 177 f.: »Das
Gefühl ist unserer Auffassung gemäß das früheste, elementarste Gebilde des
Seelenlebens, es ist der früheste und einzige Inhalt des Bewußtseins, die
Triebfeder der ganzen seelischen Entwicklung. Wie verhält sich nun hiezu
das Denken?... Das Denken ist eine Folgeerscheinung des Gefühls, wie es
auch die Bewegung ist, es ist die ureigenste Dialektik der Triebe ... der
stärker geübte, von anderen unterschiedene Trieb gibt durchdachte,
geordnete, aus einer Anzahl von geläufigen Bewegungen ausgewählte
Bewegungen, das ist durchdachtes Denken.« II/2, Die Analyse der
qualitativen Gefühle, Magdeburg 1878, S. 59: »Es [das Gefühl] ist die
allgemeinste elementarste Form des Bewußtseins, in dieser allereinfachsten
Gestalt [bei Tieren und Pflanzen] freilich nur ein ganz schwaches, dunkles
Bewußtsein, mehr ein brütendes Ahnen als ein Erkennen und Wissen. Aber
es bedarf, um deutliches und klares Bewußtsein zu werden, keiner weiteren
fraglichen Zutaten, sondern nur der Vervielfachung und intensiven
Gradsteigerung.« Vgl. Wilhelm W u n d t, Über das Verhältnis der Gefühle
zu den Vorstellungen, Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie,
III, 1879, S. 129–151, und Horwicz' Antwort: »Über das Verhältnis der
Gefühle zu den Vorstellungen und die Frage nach dem psychischen
Grundprozesse«, a. a. O., S. 308–341.
(S. 118, Z. 18.) Über solche »Feelings of tendency« vgl. William
J a m e s, The Principles of Psychology, New-York 1890, Vol. I, p. 254.
(S. 118, Z. 18 v. u.) Vgl. besonders L e i b n i t i i Meditationes de
cognitione, veritate et ideis Acta eruditorum, Lips., November 1684, p.

Page 486

537 f. (p. 79 f. ed. Erdmann).
(S. 118, Z. 14 v. u.) Wilhelm W u n d t, Grundzüge der physiologischen
Psychologie, 5. Aufl., Leipzig 1902, Bd. II, S. 286 ff.
(S. 118, Z. 6 v. u.) Richard Av e n a r i u s, Kritik der reinen Erfahrung,
Bd. I, Leipzig 1888, S. 16. Der menschliche Weltbegriff, Leipzig 1891,
S. 1 f. Vgl. Joseph P e t z o l d t, Einführung in die Philosophie der reinen
Erfahrung, Bd. I, Die Bestimmtheit der Seele, Leipzig 1900, S. 112 ff.
(S. 118, Z. 5 v. u.) Über die verschiedenen Bedeutungen des Wortes
»Charakter« (welches auch in dieser Schrift in dreifach verschiedener
Anwendung, doch unter Vermeidung aller Äquivokationen gebraucht
werden mußte) vgl. Rudolf E u c k e n, Die Grundbegriffe der Gegenwart,
historisch und kritisch entwickelt, 1893, S. 273 ff.
(S. 119, Z. 14.) Die Av e n a r i u ssche Zusammenstellung von
Wahrnehmungs- und Gedächtnisbild hat unter den späteren Psychologen
bloß Oswald K ü l p e acceptiert, welcher in seinem »Grundriß der
Psychologie, auf experimenteller Grundlage dargestellt« (Leipzig 1893),
S. 174 ff., in terminologisch freilich durchaus nicht einwandfreier Weise die
Lehre vom Gedächtnis als die Lehre von den »zentral erregten
Empfindungen« abhandelt.
(S. 120, Z. 8 v. u.) P e t z o l d t a. a. O., S. 138 ff.
(S. 121, Z. 7 v. u. f.) Vgl. A. K u n k e l, Über die Abhängigkeit der
Farbenempfindung von der Zeit, Archiv für die gesamte Physiologie der
Menschen und der Tiere, IX, 1874, S. 215. Hiezu weiter F e c h n e r,
Elemente der Psychophysik, 1. Aufl., Leipzig 1860, Bd. I, S. 249 f.; Oswald
K ü l p e, Grundriß der Psychologie, S. 131, 210; Hermann E b b i n g h a u s,
Grundzüge der Psychologie, Leipzig 1902, S. 230.
(S. 122, Z. 4 v. u.) Johann Gottlieb F i c h t e, Über den Begriff der
Wissenschaftslehre (Werke I/1, Berlin 1845, S. 73) »Der menschliche Geist
macht mancherlei Versuche: er kommt durch blindes Herumtappen zur
Dämmerung, und geht erst aus dieser zum hellen Tag über. Er wird anfangs
durch dunkle Gefühle ... geleitet ...«. S c h o p e n h a u e r, Parerga, I, § 14
(Werke IV, S. 159 f., ed. Grisebach): »Im allgemeinen ... ist über diesen
Punkt zu sagen, daß von jeder großen Wahrheit sich, ehe sie gefunden wird,
ein Vorgefühl kundgibt, eine Ahndung, ein undeutliches Bild, wie im Nebel,

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und ein vergebliches Haschen, sie zu ergreifen; weil eben die Fortschritte
der Zeit sie vorbereitet haben. Demgemäß präludieren dann vereinzelte
Aussprüche. Allein, nur wer eine Wahrheit aus ihren Gründen erkannt und
in ihren Folgen durchdacht, ihren ganzen Inhalt entwickelt, den Umfang
ihres Bereiches übersehen und sie sonach mit vollem Bewußtsein ihres
Wertes und ihrer Wichtigkeit, deutlich und zusammenhängend, dargelegt
hat, der ist ihr Urheber. Daß sie hingegen, in alter und neuer Zeit, irgend
einmal mit halbem Bewußtsein und fast wie ein Reden im Schlaf
ausgesprochen worden und demnach sich daselbst finden läßt, wenn man
hinterher danach sucht, bedeutet, wenn sie auch totidem verbis dasteht,
nicht viel mehr, als wäre es totidem litteris; gleichwie der Finder einer
Sache nur der ist, welcher sie, ihren Wert erkennend, aufhob und bewahrte;
nicht aber der, welcher sie zufällig einmal in die Hand nahm und wieder
fallen ließ; oder wie Kolumbus der Entdecker Amerikas ist, nicht aber der
erste Schiffbrüchige, den die Wellen dort einmal abwarfen. Dies eben ist der
Sinn des Donatischen pereant qui ante nos nostra dixerunt.« Noch
treffender sagt K a n t: »Dergleichen allgemeine und dennoch bestimmte
Prinzipien lernt man nicht leicht von anderen, denen sie nur dunkel
vorgeschwebt haben. Man muß durch eigenes Nachdenken zuvor selbst
darauf gekommen sein, danach findet man sie auch anderwärts, wo man sie
gewiß nicht zuerst würde angetroffen haben, weil die Verfasser selbst nicht
einmal wußten, daß ihren Bemerkungen eine solche Idee zum Grunde liege.
Die so niemals selbst denken, besitzen dennoch die
Scharfsichtigkeit, alles, nachdem es ihnen gezeigt
worden, in demjenigen, was sonst schon gesagt worden,
aufzufinden, wo es doch vorher niemand entdecken
k o n n t e .« (Prolegomena zu jeder künftigen Metaphysik, § 3, gegen Ende.)
(S. 122, Z. 8 f.) Das Citat aus N i e t z s c h e, Also sprach Zarathustra,
III. Buch, Kap.: Der Genesende.
(S. 124, Z. 11 v. u.) S. E x n e r, Entwurf zu einer physiologischen
Erklärung der psychischen Erscheinungen, I. Teil, Leipzig und Wien 1894,
S. 76 ff. Vgl. H. H ö f f d i n g, Vierteljahrschr. f. wiss. Philos. 13, 1889,
S. 431.
(S. 125, Z. 3 v. o.) Av e n a r i u s, Kritik der reinen Erfahrung, Bd. I,
Leipzig 1888, S. 77; Bd. II, Leipzig 1890, S. 57. Übrigens schlägt den
gleichen Ausdruck in ähnlichem Falle Wilhelm D i l t h e y vor, Ideen über

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eine beschreibende und zergliedernde Psychologie, Berliner
Sitzungsberichte, 1894, S. 1387.
(S. 126, Z. 14.) Wahrscheinlicher jedoch als die E x n e rsche Theorie
dünkt mich jetzt folgende Vermutung. Der Parallelismus zwischen Phylo-
und Ontogenese, das »biogenetische Grundgesetz« wird gewöhnlich
konstatiert, ohne daß man weiter darüber nachdenkt, w a r u m die
Entwicklung des Individuums immer die Geschichte der Gattung
wiederhole; so eilig hat man es eben, die Tatsache für die Deszendenzlehre
und besonders für ihre ungeteilte Anwendung auf den Menschen
auszubeuten. Vielleicht liegt aber in der Entwicklung von der Henide zum
differenzierten Inhalt ein Parallelprozeß zu jener Erscheinung vor, der ihre
bisherige Isoliertheit und Rätselhaftigkeit aufheben könnte.
(S. 128, Z. 13 f.) Über die falsche populäre Annahme einer
allgemeinen größeren Sinnesempfindlichkeit beim Weibe, eine Annahme,
die Sensibilität mit Emotivität und Irritabilität verwechselt, vgl. Havelock
E l l i s, Mann und Weib, S. 153 f.
(S. 129, Z. 9 v. o.) Vgl. Ernst M a c h, Die Mechanik in ihrer
Entwicklung, historisch-kritisch dargestellt, 4. Aufl., Leipzig 1901, S. 1 f.,
28 f. Die Prinzipien der Wärmelehre, historisch-kritisch entwickelt, 2. Aufl.,
Leipzig 1900, S. 151.

Page 489

Zu Teil II, Kapitel 4.
(S. 131, Z. 1 f.) Die Bestimmungen, zu welchen dieses Kapitel über
das Wesen der Genialität gelangt, sind ganz provisorisch und können erst
nach der Lektüre des achten Kapitels verstanden werden, das sie wieder
aufnimmt, aber in einem weit größeren Ganzen zeigt und darum erst
eigentlich begründet.
(S. 134, Z. 12 v. u.) Über das Ve r s t e h e n der Menschen und
menschlicher Äußerungen ist in der wissenschaftlich-psychologischen
Literatur bezeichnend wenig zu finden. Nur Wilhelm D i l t h e y bemerkt
(Beiträge zum Studium der Individualität, Berliner Sitzungsberichte, 1896,
S. 309 ff.): »Wir können zunächst das Verstehen eines fremden Zustandes
als einen Analogieschluß auffassen, der von einem ä u ß e r e n
p h y s i s c h e n Vorgang vermittels seiner Ä h n l i c h k e i t mit s o l c h e n
Vorgängen, die wir mit bestimmten i n n e r e n Zuständen verbunden finden,
auf einen diesen ä h n l i c h e n i n n e r e n Zustand hingeht ..... Die Glieder
des Nachbildungsvorganges sind gar nicht bloß durch logische Operationen,
etwa durch einen Analogieschluß, miteinander verbunden. Nachbilden ist
eben ein Nacherleben. Ein rätselhafter Tatbestand! Wir können dies etwa,
wie ein Urphänomen, darauf zurückführen, daß wir fremde Zustände in
einem gewissen Grade wie die eigenen fühlen, uns mitfreuen und
mittrauern können, zunächst je nach dem Grade der Sympathie, Liebe oder
Verwandtschaft mit anderen Personen. Die Verwandtschaft dieser Tatsache
mit dem nachbildenden Verstehen ergibt sich aus mehreren Umständen.
Auch das Verstehen ist von dem Maße der Sympathie abhängig, und ganz
unsympathische Menschen verstehen wir überhaupt nicht mehr. Ferner
offenbart sich die Verwandtschaft des Mitgefühls mit dem nachbildenden
Verstehen sehr deutlich, wenn wir vor der Bühne sitzen!« ..... »Gemäß
diesen Verhältnissen hat auch die w i s s e n s c h a f t l i c h e A u s l e g u n g
o d e r I n t e r p r e t a t i o n als das kunstmäßig nachbildende Verstehen
immer etwas Genialisches, das heißt, sie erlangt erst durch innere
Verwandtschaft und Sympathie einen hohen Grad von Vollendung. So
wurden die Werke der Alten erst im Zeitalter der Renaissance ganz
wiederverstanden, als ähnliche Verhältnisse eine Verwandtschaft der

Page 490

Menschen zur Folge hatten ..... Es gibt keinen wissenschaftlichen Prozeß,
welcher dieses lebendige Nachbilden als untergeordnetes Moment hinter
sich zu lassen vermöchte. Hier ist der mütterliche Boden, aus dem auch die
abstraktesten Operationen der Geisteswissenschaften immer wieder ihre
Kraft ziehen müssen. N i e k a n n h i e r Ve r s t e h e n i n r a t i o n a l e s
Begreifen aufgehoben werden. Es ist umsonst, aus
Umständen aller Art den Helden oder den Genius
begreiflich machen zu wollen. Der eigenste Zugang zu
i h m i s t d e r s u b j e k t i v e .« ..... (S. 314 f.): »Die älteren Maler strebten,
die bleibenden Züge der Physiognomie in einem idealen Moment, der für
dieselben am meisten prägnant und bezeichnend ist, zu sammeln. Möchte
nun eine neue Schule den momentanen Eindruck festhalten, um so den
Eindruck des Lebens zu steigern: so gibt sie die Personen an die
Zufälligkeit des Momentes hin. Und auch in diesem findet ja eine
Auffassung des Inbegriffs von Eindrücken eines gegebenen Momentes
unter der Einwirkung des erworbenen seelischen Zusammenhanges statt;
eben in dieser Apperzeption entspringt die Verbindung der Züge von einem
gefühlten Eindruckspunkt aus, welche Auslassungen und Betonungen
bedingt: so entsteht ein Momentbild ebenso der Apperzeptionsweise des
Malers als des Gegenstandes, und jede Bemühung zu sehen ohne zu
apperzipieren, so gleichsam das sinnliche Bild in Farben auf einer Platte
aufzulösen, muß mißlingen. Was noch tiefer führt, der Eindruckspunkt ist
schließlich durch das Verhältnis irgend einer Lebendigkeit zu der meinigen
bedingt, ich finde mich in meinem Lebenszusammenhang von etwas
Wirkendem in einer Natur innerlich berührt; ich verstehe von diesem
Lebenspunkt aus die dorthin konvergierenden Züge. So entsteht ein Typus.
Ein Individuum war das Original: ein Typus ist jedes echte Porträt,
geschweige denn in einem Figurengemälde. Auch die Poesie kann nicht
abschreiben, was vor sich geht u. s. w.« Sonst ist nur die sehr interessante
und originelle Arbeit von Hermann S w o b o d a, Verstehen und Begreifen,
Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, XXVII, 1903, Heft 2,
zu nennen. S w o b o d a hält wie Dilthey die Gleichheit respektive
Verwandtschaft für das e i n z i g e Erfordernis des Verständnisses; hierin
weiche ich von beiden ab.
(S. 139, Z. 17.) Richard Wa g n e r, Gesammelte Schriften und
Dichtungen, 3. Aufl., Leipzig 1898, Bd. VI, S. 128.

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(S. 142, Z. 7 v. o.) Es gibt nur Universalgenies: »ὃν γὰρ ἀπέστειλεν ὁ
θεός, τὰ ῥήματα του θεου λαλει· οὐ γὰρ ἐκ μέτρου δίδωσιν τὸ πνεῦμα.«
(E v a n g . J o h . 3, 34.)
(S. 142, Z. 16 v. u.) Die hier gerügte Verwechslung kommt besonders
deutlich zum Vorschein bei Franz B r e n t a n o, Das Genie, ein Vortrag,
Leipzig 1892, S. 11: »Jedes Genie hat sein eigentümliches Gebiet; nicht
bloß gibt es kein Universalgenie im vollen Sinne des Wortes, sondern meist
hat die Genialität auch in der einzelnen Kunstgattung engere Grenzen. So
war z. B. Pindar ein genialer Lyriker und nichts weiter.« Wäre diese
populäre Ansicht haltbar, so müßte man den Dichter und Maler Rossetti
über den »bloßen« Dichter Dante stellen, Novalis höher halten als Kant und
Lionardo da Vinci für den größten Menschen ansehen.
(S. 143, Z. 10 v. u.) Hiemit stimmt S c h o p e n h a u e r s Überzeugung
überein (Welt als Wille und Vorstellung, Bd. II, Kap. 31, S. 447, ed.
Frauenstädt): »Weiber können bedeutendes Talent, aber kein Genie haben.«
(S. 144, Z. 11 v. o.) Über das Verhältnis der anderen Menschen zum
Helden Thomas C a r l y l e, On Heroes, Hero-Worship and the Heroic in
History, London, Chapman and Hall, p. 10 ff.

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Zu Teil II, Kapitel 5.
(S. 145, Z. 5 v. u.) Anderthalb Jahre nach Niederschrift dieser Partien
fand ich in S c h o p e n h a u e r s Nachlaß (Neue Paralipomena, § 143) eine
Stelle, die einzige mir in der gesamten Literatur bekannt gewordene, in der
eine Ahnung des Zusammenhanges zwischen Genialität und Gedächtnis
sich äußert. Sie lautet: »Ob nicht alles Genie seine Wurzel hat in der
Vollkommenheit und Lebhaftigkeit der Rückerinnerung des eigenen
Lebenslaufes? Denn nur vermöge dieser, die eigentlich unser Leben zu
einem großen Ganzen verbindet, erlangen wir ein umfassenderes und
tieferes Verständnis desselben, als die übrigen haben.«
(S. 146, Z. 5 f.) David H u m e fragt einmal (A Treatise of Human
Nature, 1. Ausgabe, London 1738, Vol. I, p. 455): »Who can tell me, for
instance, what were his thoughts and actions on the first of January 1715,
the 11. of March 1719 and the 3. of August 1733?« Das vollkommene
Genie müßte dies von allen Tagen seines Lebens mit Sicherheit wissen.
(S. 150, Z. 4 ff.) Vgl. G o e t h e, Dichtung und Wahrheit, III. Teil XIV.
Buch (Bd. XXIV, S. 141 der Hesseschen Ausgabe): »Ein Gefühl aber, das
bei mir gewaltig überhand nahm und sich nicht wundersam genug äußern
konnte, war die Empfindung der Vergangenheit und Gegenwart in eins: eine
Anschauung, die etwas Gespenstermäßiges in die Gegenwart brachte. Sie
ist in vielen meiner größeren und kleineren Arbeiten ausgedrückt und wirkt
im Gedicht immer wohltätig, ob sie gleich im Augenblicke, wo sie sich
unmittelbar am Leben und im Leben selbst ausdrückte, jedermann seltsam,
unerklärlich, vielleicht unerfreulich scheinen mußte.«
(S. 152, Z. 5 v. u. f.) »Der Erfolg der Sängerinnen hatte im Laufe des
XVII. Jahrhunderts der Frau jede Gelegenheit auch der theoretisch-
musikalischen Ausbildung eröffnet. Unzulängliche Vorbildung kann also in
der Komposition als Grund für die minderwertige weibliche Leistung nicht
gelten.« So Adele G e r h a r d t und Helene S i m o n, Mutterschaft und
geistige Arbeit, S. 74; ich citiere diese Stelle auch, um M i l l s geistreichen
Syllogismus anzuführen: »Man unterrichtet die Frauen in der Musik, aber
nicht damit sie komponieren, sondern nur damit sie ausüben können, und

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f o l g l i c h sind in der Musik die Männer den Frauen als Komponisten
überlegen.« (Die Hörigkeit der Frau, übersetzt von Jenny Hirsch, Berlin
1869, S. 126.)
(S. 152, Z. 2 v. u. f.) Die Angabe über die Malerinnen etc. nach G u h l,
Die Frauen in der Kunstgeschichte, Berlin 1858, S. 150.
(S. 153, Z. 10 v. u.) »A mesure qu'on a plus d'esprit, on trouve qu'il y a
plus d'hommes originaux. Les gens du commun ne trouvent pas de
différence entre les hommes.« (P a s c a l, Pensées, I, 10, 1.)
(S. 154, Z. 5 v. u.) Hiemit stimmt überein, was H e l v e t i u s (nach J.
B. M e y e r, Genie und Talent, Eine prinzipielle Betrachtung, Zeitschrift für
Völkerpsychologie, Bd. XI, 1880, S. 298) und S c h o p e n h a u e r (Parerga
und Paralipomena II, § 53) über den nur dem Grade nach bestehenden
Unterschied zwischen dem Genie und den Normalköpfen lehren. Vgl. auch
J e a n P a u l, Vorschule der Ästhetik, § 8: »Wie könnte denn ein Genie nur
einen Monat, geschweige Jahrtausende lang von der ungleichartigen Menge
erduldet oder gar erhoben werden ohne irgend eine ausgemachte
Familienähnlichkeit mit ihr?«
(S. 155, Z. 9 ff.) Man vergleiche die Autobiographie der bedeutenden
Menschen mit denen minder hervorragender Männer. Jene reichen stets
weiter zurück (G o e t h e, H e b b e l, G r i l l p a r z e r, Richard Wa g n e r,
J e a n P a u l u. s. w.). R o u s s e a u, Confessions, Nouvelle édition, Paris
1875, p. 4: »J'ignore ce que je fis jusqu'à cinq ou six ans. Je ne sais
comment j'appris à lire; je ne me souviens que de mes premières lectures et
de leur effet sur moi: c ' e s t l e t e m p s d ' o ù j e d a t e s a n s
i n t e r r u p t i o n l a c o n s c i e n c e d e m o i - m ê m e.« — Natürlich ist
nicht jeder Biograph seines eigenen Lebens ein großer Genius (J. St. M i l l,
D a r w i n, Benvenuto C e l l i n i).
(S. 157, Z. 19 v. u.) Richard Wa g n e r, »Die Meistersinger von
Nürnberg,« III. Akt (Gesammelte Schriften und Dichtungen, Bd. VII,
Leipzig 1898, S. 246).
(S. 157, Z. 12 v. u.) So bemerkt bereits A r i s t o t e l e s (während
P l a t o n bis auf Timaeus 37 D ff. die Zeit im engeren Sinne nicht Problem
geworden zu sein scheint), Physika VI, 9, 239 b, 8: Οὐ γὰρ σύγκειται ὁ
χρόνος ἐκ τῶν νῦν ἀδιαιρέτων.

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(S. 158, Z. 1 v. u.) Wie wenig tief im Wesen der Frau das Gedächtnis
gegründet ist, geht daraus hervor, daß man in einer Frau das
Erinnerungsvermögen für bestimmte Dinge töten kann, indem man ihr in
der Hypnose verbietet, je wieder derselben zu gedenken. Einen solchen Fall
entnehme ich einer Erzählung F r e u d s in seinen mit B r e u e r gemeinsam
herausgegebenen »Studien über Hysterie«, Leipzig und Wien 1895 (S. 49):
»Ich unterbreche sie hier .... und nehme ihr die Möglichkeit, alle diese
traurigen Dinge wieder zu sehen, indem ich nicht nur die plastische
Erinnerung verlösche, sondern die ganze Reminiszenz aus ihrem
Gedächtnisse löse, als ob sie nie darin gewesen wäre.« Und in einer
Anmerkung zu dieser Stelle fügt F r e u d hinzu: »Ich bin diesmal in meiner
Energie wohl zu weit gegangen. Noch 1½ Jahre später, als ich Frau Emmy
in relativ hohem Wohlbefinden wiedersah, klagte sie mir, e s s e i
merkwürdig, daß sie sich an gewisse, sehr wichtige
Momente ihres Lebens nur höchst ungenau erinnern
k ö n n e. Sie sah darin einen Beweis für die Abnahme ihres Gedächtnisses,
während ich mich hüten mußte, ihr die Erklärung für diese spezielle
Amnesie zu geben« (um einen Rückfall in die Krankheit zu verhindern).
(S. 159, Z. 9 v. u.) L o t z e: im »Mikrokosmus«, 1. Aufl., 1858, Bd. II,
S. 369.
(S. 162, Z. 17 f.) Diese Ableitung aus dem Schein der Bekanntheit
neuer Situationen bei R h y s D a v i d s, Der Buddhismus, Leipzig,
Universalbibliothek, S. 107.
(S. 162, Z. 23.) Edward B. Ty l o r, Die Anfänge der Kultur,
Untersuchungen über die Entwicklung der Mythologie, Philosophie,
Religion, Kunst und Sitte, übersetzt von J. W. Spengel und Fr. Poske,
Leipzig 1873, Bd. II, S. 1: Es »kann ... nicht nachdrücklich genug
hervorgehoben werden, daß die Lehre von einem zukünftigen Leben, wie
wir sie selbst bei den niedrigsten Rassen vorfinden, eine durchaus
notwendige Folge des rohen Animismus ist.« — Herbert S p e n c e r, Die
Prinzipien der Soziologie, Bd. I, Stuttg. 1877, § 100 (S. 225). Richard
Av e n a r i u s, Der menschliche Weltbegriff, Leipzig 1891, S. 35 ff.
(S. 163, Z. 11 f.) Über dieses plötzliche Auftauchen aller Erinnerungen
vor dem Tode oder in Todesgefahr und Todesnähe vgl. F e c h n e r, Zend-
Avesta, 2. Aufl., Bd. II, S. 203 ff.

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(S. 164, Z. 8 f.) Über die »Euthanasie der Atheisten« vergleiche man,
was F. A. L a n g e erzählt (Geschichte des Materialismus, 5. Aufl., 1896,
Bd. I, S. 358).
(S. 166, Z. 5 v. u. f.) Aus den angeführten Gründen sind mir die
indischen Lehren vom Leben nach dem Tode, die griechische Anschauung
vom Lethe-Trunk und die Verkündung von Wa g n e r s Tristan: »... im
weiten Reich der Welten-Nacht. Nur ein Wissen dort uns eigen: göttlich
ew'ges U r - Ve r g e s s e n«, ungleich weniger verständlich als die
Anschauung Gustav Theodor F e c h n e r s, dem das zukünftige Leben ein
volles und ganzes Erinnerungsleben ist (Zend-Avesta oder über die Dinge
des Himmels und des Jenseits vom Standpunkte der Naturbetrachtung, 2.
Aufl., besorgt von Kurd Laßwitz, Hamburg und Leipzig 1901, Bd. II,
S. 190 ff.), z. B. S. 196: »Ein volles Erinnern an das alte Leben wird
beginnen, wenn das ganze alte Leben hinten liegt, und alles Erinnern
innerhalb des alten Lebens selber ist bloß ein kleiner Vorbegriff davon.«.
Die Annahme ist u n e t h i s c h, welche die Erinnerungen aus dem
Erdenleben mit dem Tode völlig ausgelöscht sein läßt: sie entwertet
Wertvolles; da Wertloses ohnehin vergessen wird. Und dann: in der
Erinnerung ist der Mensch bereits aktiv, das Gedächtnis ist eine
Willenserscheinung; von einem Leben in voller Aktivität ist zu denken, daß
es alle Elemente der Aktivität in sich aufgenommen habe, es ist ewig, weil
es zeitlos ist und also Vergangenes und Zukünftiges nebeneinander sieht.
Sehr schön sagt Fechner (ibid. S. 197 f.): »So denke dir also, daß nach dem
letzten Augenschluß, der gänzlichen Abtötung aller diesseitigen
Anschauung und Sinnesempfindung überhaupt, die der höhere Geist bisher
durch dich gewonnen, nicht bloß die Erinnerungen an den letzten Tag
erwachen, sondern teils die Erinnerungen, teils die Fähigkeit zu
Erinnerungen an dein ganzes Leben, lebendiger, zusammenhängender,
umfassender, heller, klarer, überschaulicher, als je Erinnerungen erwachten,
da du immer noch halb in Sinnesbanden gefangen lagst; denn so sehr dein
eigener Leib das Mittel war, diesseitige Sinnesanschauungen zu schöpfen
und irdisch zu verarbeiten, so sehr war er das Mittel, dich an dies Geschäft
zu binden. Nun ist aus das Schöpfen, Sammeln, Umbilden im Sinne des
Diesseits; der heimgetragene Eimer öffnet sich, du gewinnst, und in dir tut's
der höhere Geist, auf einmal allen Reichtum, den du nach und nach
hineingetan. Ein geistiger Zusammenhang und Abklang alles dessen, was
du je getan, gesehen, gedacht, errungen in deinem ganzen irdischen Leben,

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wird nun in dir wach und helle; wohl dir, wenn du dich dessen freuen
kannst. Mit solchem Lichtwerden deines ganzen Geistesbaues wirst du
geboren ins neue Leben, um mit hellerem Bewußtsein fortan zu arbeiten an
dem höheren Geistesleben ...«
»Manche sind, die glauben wohl an ein künftig Leben, nur gerade, daß
die Erinnerung des jetzigen hinüberreichen werde, wollen sie nicht glauben.
Der Mensch werde neu gemacht und finde sich ein anderer im neuen Leben,
der wisse nichts mehr von dem früheren Menschen. Sie brechen damit
selbst die Brücke ab, die zwischen Diesseits und Jenseits überleitet und
werfen eine dunkle Wolke zwischen. Statt daß nach uns der Mensch mit
dem Tode sich ganz und vollständig wieder gewinnen soll, ja so vollständig,
als er sich niemals im Leben hatte, lassen sie ihn sich ganz verlieren; der
Hauch, der aus dem Wasser steigt, statt den künftigen Zustand des ganzen
Wassers vorzubedeuten, verschwindet ihnen mit dem Wasser zugleich. Nun
soll es plötzlich als neues Wasser in einer neuen Welt da sein. Allein wie
ward es so? Wie kam's dahin? Die Antwort bleiben sie uns schuldig. So
bleibt man auch gar leicht den Glauben daran schuldig.
Was ist der Grund von solcher Ansicht? Weil keine Erinnerungen aus
einem früheren Leben ins jetzige hinüberreichen, sei auch nicht zu
erwarten, daß solche aus dem jetzigen ins folgende hinüberreichen. Aber
hören wir doch auf, Gleiches aus Ungleichem zu folgern. Das Leben vor
der Geburt hatte noch keine Erinnerungen, ja kein Erinnerungsvermögen in
sich, wie sollten Erinnerungen davon in das jetzige Leben reichen; das
jetzige hat Erinnerungen und ein Erinnerungsvermögen in sich entwickelt,
wie sollten Erinnerungen nicht in das künftige Leben reichen, ja sich nicht
steigern, wenn wir doch im künftigen Leben eine Steigerung dessen zu
erwarten haben, was sich im Übergange vom vorigen zum jetzigen Leben
gesteigert hat. Wohl wird der Tod als zweite Geburt in ein neues Leben zu
fassen sein; ... aber kann darum alles gleich sein zwischen Geburt und Tod?
Nichts ist doch sonst ganz gleich zwischen zwei Dingen. Der Tod ist eine
z w e i t e Geburt, indes die Geburt eine e r s t e. Und soll uns die zweite
zurückwerfen auf den Punkt der ersten, nicht vielmehr von neuem Anlauf
auf uns weiter führen? Und muß der Abschnitt zwischen zwei Leben
notwendig ein Schnitt sein? Kann er nicht auch darin bestehen, daß das
Enge sich plötzlich ausdehnt in das Weite?« (S. 199 f.).

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(S. 169, Z. 4.) In den werttheoretischen Büchern von D ö r i n g,
M e i n o n g, E h r e n f e l s, K r e i b i g habe ich vergebens nach irgend einer
Bestimmung des Verhältnisses von Wert und Zeit gesucht. Was bei Alexius
v. M e i n o n g, Psychologisch-ethische Untersuchungen zur Werttheorie,
Graz 1894, S. 46 und 58 ff., bei Josef Clemens K r e i b i g, Psychologische
Grundlegung eines Systems der Werttheorie, Wien 1902, S. 53 ff., zu finden
ist, steht in keiner Beziehung zu dem hier in Betracht kommenden
prinzipiellen Zwecke. Gerade was Kreibig ausführt, S. 54: »Das stets
gleichbleibende lang andauernde Tönen einer Dampfpfeife oder eines
Nebelhornes, das Einerlei eines gleichförmig grauen Himmels, das endlose
Plappern eines witzelnden Gesellschafters wirkt auf die Dauer
unlusterregend, auch wenn diese Inhalte ursprünglich angenehm empfunden
wurden. Goethe sagt treffend, nichts sei schwerer zu ertragen als eine Reihe
von schönen (!) Tagen. Auf allen höheren Gebieten finden wir ähnliche
Tatbestände; der immer süße Mendelssohn, der leiernde Hexameter
Vossens, das Lob der Speichellecker wird schließlich peinvoll. Der Sozialist
Fourier beweist Beobachtungsgabe, indem er in seinem Phalansterium der
»Schmetterlingsleidenschaft« der Menschen durch entsprechenden Wechsel
der pflichtmäßigen Beschäftigung jedes einzelnen Rechnung trägt. Daß
anderseits eine zu rasche Abfolge differenter Inhalte ermüdend und damit
negativ wertbeeinflussend wirkt, braucht nicht ausführlich belegt zu
werden« — gerade diese Auseinandersetzung zeigt, wie heillos die
B r e n t a n osche Schule »Wertgefühl« und Lust konfundiert hat. Die Lust
mag durch Dauer geschwächt werden, ein Wertvolles kann durch sie nie an
Wert verlieren.
Nur an zwei Orten finde ich Meinungen, die an die Darlegungen des
Textes erinnern könnten. Harald H ö f f d i n g stellt in seiner
»Religionsphilosophie« (übersetzt von F. Bendixen, Leipzig 1901, S. 105,
193 ff.) eine These von der »Erhaltung des Wertes« auf, durch welche man
sich entfernt an den Satz von der Zeitlosigkeit des Wertes gemahnt fühlen
könnte. Viel näher und deutlicher erkennbar ist meine Übereinstimmung mit
Rudolf E u c k e n, Der Wahrheitsgehalt der Religion, Leipzig 1901,
S. 219 f.: »... Wohl heißt es, daß der Mensch der bloßen Zeit angehört, aber
er tut das nur für eine gewisse Fläche seines Daseins; alles geistige Leben
ist eine Erhebung über die Zeit, eine Überwindung der Zeit. Was immer an
geistigen Inhalten entfaltet wird, das trägt in sich den Anspruch, ohne alle
Beziehung zur Zeit und unberührt von ihrem Wandel, d. h. also in einer

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ewigen Ordnung der Dinge zu gelten; nicht nur die Wissenschaft gibt ihre
Wahrheit »unter der Form der Ewigkeit«, was immer wertvoll und
wesenhaft sein will, das verschmäht ein Dahinschwimmen mit dem Flusse
der Zeit, eine Unterwerfung unter den Wandel ihrer Mode und Laune, das
will umgekehrt von sich aus die Zeiten messen und ihren Wert bestimmen.
Dieses Verlangen nach Ewigkeit begnügt sich nicht damit, eine
Zuflucht aus den Wirren der Zeit zu suchen, es nimmt auf dem eigenen
Boden der Zeit den Kampf mit ihr auf; dieser Zusammenstoß von Zeit und
Ewigkeit ist es vornehmlich, woraus Geschichte im menschlichen Sinne
entsteht und besteht. In der Zeit selbst erwächst ein Streben über alles
Zeitliche hinaus zu etwas Unwandelbarem: so fixiert das Kulturleben von
den Leistungen der Vergangenheit gewisse als klassisch und möchte sie
nicht nur dauernd im Bewußtsein erhalten, sondern in ihnen ein
untrügliches Maß des Strebens finden ... nicht dadurch entsteht Geschichte
im menschlichen und geistigen Sinne, daß Erscheinungen einander folgen
und sich anhäufen, sondern dadurch, daß diese Folge irgend gedacht und
erlebt wird. Nun aber wäre nicht einmal ein Überschauen und die
Vereinigung der Mannigfaltigkeit in einen Gesamtanblick möglich ohne ein
Heraustreten des Beobachters aus dem rastlosen Strom der Zeit. Und die
Betrachtung allein vermag keineswegs eine historische Gestaltung der
Kultur hervorzubringen, diese kommt nur zustande, indem in der
Geschichte Wesentliches und Nebensächliches, Bleibendes und
Vergängliches auseinandertritt; sie ist nicht möglich ohne ein energisches
Sondern und Sichten der chaotischen Fülle, die uns zuströmt. Der echte
Bestand, der allein für die eigene Lebensführung Wert hat, ist aus der
Erscheinung immer erst herauszuarbeiten. Wer anders aber sollte jenes
Sondern und Sichten vollziehen als ein der Zeit überlegener, nach inneren
Notwendigkeiten messender Lebensprozeß und wie anders sollte er es tun,
als indem er das echt Befundene aus allem Wandel der Zeit heraushebt und
ihr gegenüber festlegt?...« S. 221 f.: »... ein anderes ist es, die
anthropomorphe Unsterblichkeit abzulehnen, ein anderes, dem
Geisteswesen des Menschen alle Teilnahme an der Ewigkeit zu versagen.
Denn dies heißt nicht sowohl Aussichten in die Zukunft abschneiden als
alles Geistesleben der bloßen Zeit überantworten, damit aber es
herabdrücken, zerstreuen, innerlich vernichten. Auch das zeitliche Leben
wird zu bloßem Schatten und Schein, wenn ihm kein Streben zur Ewigkeit
innewohnt; müßte doch bei voller Gebundenheit an die Zeit alles

Page 499

menschliche Erlebnis, alle menschliche Wirklichkeit nach dem Aufleuchten
des bloßen Augenblicks sofort in den Abgrund des Nichts zurücksinken.«
Wollte ich noch weiteres anführen, so könnte ich nur auf den schönen
Traum verweisen, den Knut H a m s u n in seinem Roman »Neue Erde«
(übersetzt von M. v. Borch, München 1894, S. 169 ff.) schildert, oder müßte
schon hier auf die ewigen Ideen P l a t o n s zurückgreifen, die unberührt von
der Zeit an einem Orte »jenseits des Himmels« thronen. Die I d e e n Platons
in ihrer späteren restringierten Fassung sind die We r t e der modernen, von
K a n t begründeten Philosophie. Aber in der rein psychologischen
Auseinandersetzung dieses Kapitels kommt das noch nicht in Betracht.
(S. 174, Z. 19 f.) C a r l y l e, On Heroes etc., p. 11 f. »He was the
‚creature of the Time’, they say; the Time called him forth, the Time did
everything, he nothing .... The Time call forth? Alas, we have known Times
c a l l loudly enough for their great man; but not find him when they called!
He was not there; Providence has not sent him; the Time, c a l l i n g its
loudest, had to go down to confusion and wreck because he would not come
when called.
For if we will think of it, no time need have gone to ruin, could it have
f o u n d a man great enough, a man wise and good enough: wisdom to
discern truly what the Time wanted, valour to lead it on the right road
thither; these are the salvation of any Time. But I liken common languid
Times, with their unbelief, distress, perplexity, with their languid doubting
characters and embarrassed circumstances, impotently crumbling-down into
ever worse distress towards final ruin; — all this I liken to dry dead fuel,
waiting for the lightning but of Heaven that shall kindle it. The great man,
with his free force direct out of God's own hand, is the lightning. His word
is the wise healing word which all can believe in. All blazes round him now,
when he has once struck on it, into fire like his own. The dry mouldering
sticks are thought to have called him forth. They did want him greatly; but
as to calling him forth —! — Those are critics of small vision, I think, who
cry: ‚See, is it not the stick that made the fire?’ N o s a d d e r p r o o f c a n
be given by a man of his own littleness than disbelief
i n g r e a t m e n .«
(S. 176, Z. 4 v. u.) B a c o als Sprachkritiker: Novum Organum I, 43.
Fritz M a u t h n e r, Beiträge zu einer Kritik der Sprache, Bd. I, Sprache und

Page 500

Psychologie, Stuttgart 1901.
(S. 177, Z. 19 v. u.) Hermann T ü r c k, Der geniale Mensch, 5. Aufl.,
Berlin 1901, S. 275 f. — Cesare L o m b r o s o, Der geniale Mensch,
übersetzt von M. O. Fränkel, Hamburg 1890, passim. — Zur Erheiterung
sei hier noch Francis G a l t o n (Hereditary Genius, Inquiry into its Laws and
Consequences, London 1892, p. 9, vgl. Preface p. XII) folgende Auffassung
entnommen: »When I speak of an eminent man, I mean one who has
achieved a position that is attained by only 250 persons in each million of
men, or by one person in each 4000.«
(S. 177, Z. 15 v. u.) K a n t über das Genie: Kritik der Urteilskraft, §
46–50. Vgl. Otto S c h l a p p, Kants Lehre vom Genie, Göttingen 1902,
besonders S. 305 ff. S c h e l l i n g, System des transscendentalen Idealismus,
Werke I/3, S. 622–624, S. 623 heißt es: »Nur das, was die Kunst
hervorbringt, ist allein und nur durch Genie möglich.« — Gegen Kantens
Ausschluß der Philosophen von der Genialität wenden sich J e a n P a u l,
Das Kampanertal oder über die Unsterblichkeit der Seele, 503. Station und
Johann Gottlieb F i c h t e, Über den Begriff der Wissenschaftslehre, 1794, §
7. (Sämtliche Werke herausgegeben von J. H. Fichte, Bd. I/1, S. 73,
Anmerkung.)

Page 501

Zu Teil II, Kapitel 6.
(S. 182, Z. 1 v. u.) F ü r den Psychologismus: Karl S t u m p f,
Psychologie und Erkenntnistheorie, Abhandlungen der philos.-philol. kl.
königlich bayerischen Akad. der Wissensch., Bd. 19, 1892, S. 465–516.
Alois H ö f l e r, Logik, Wien 1890, S. 17: »Da die Psychologie s ä m t l i c h e
psychischen Erscheinungen, die Logik nur die Erscheinungen des
D e n k e n s, und zwar die des r i c h t i g e n Denkens zum unmittelbaren
Gegenstande hat, so bildet die theoretische Bearbeitung des letzteren nur
einen s p e z i e l l e n Te i l der P s y c h o l o g i e.« Theodor L i p p s,
Grundzüge der Logik, Hamburg 1893, S. 1 f., S. 149.
G e g e n den Psychologismus: Edmund H u s s e r l, Logische
Untersuchungen, I. Teil, Halle 1900. Hermann C o h e n, Kants Theorie der
Erfahrung, 2. Aufl., Berlin 1885, S. 69 f., 81 f., und Logik der reinen
Erkenntnis, Berlin 1902 (System der Philosophie, I. Teil), S. 509 f. Wilhelm
W i n d e l b a n d, Kritische oder genetische Methode (Präludien, 1. Aufl.,
1884, S. 247 ff.). Ferdinand Jakob S c h m i d t, Grundzüge der konstitutiven
Erfahrungsphilosophie als Theorie des immanenten Erfahrungsmonismus,
Berlin 1901, S. 16 f., 59 f., 69 f. Emil L u c k a, Erkenntnistheorie, Logik
und Psychologie, in der Wiener Halbmonatsschrift »Die Gnosis« vom 25.
März 1903.
(S. 183, Z. 18.) Wenn K a n t bei der Aufstellung seines Sittengesetzes
für »alle möglichen vernünftigen Wesen« an einen besonderen Träger außer
dem Menschen gedacht hat und nicht bloß das streng formale Prinzip
reinhalten wollte von dem Zufälligen der empirischen Menschheit, so
dürften ihm eher jene Bewohner anderer Gestirne vorgeschwebt haben, von
welchen der dritte Teil der »Allgemeinen Naturgeschichte und Theorie des
Himmels« handelte, als das, was S c h o p e n h a u e r ihm unterschiebt
(Preisschrift über die Grundlage der Moral, § 6): »Man kann sich des
Verdachtes nicht erwehren, daß K a n t dabei ein wenig an die lieben
Engelein gedacht, oder doch auf deren Beistand in der Überzeugung des
Lesers gezählt habe.« Für die Engel gälte nämlich die Kantische Ethik gar
nicht, da bei ihnen Sollen und Sein zusammenfiele.

Page 502

(S. 183, Z. 5 v. u.) Auch der Aufsatz von A. M e i n o n g, Zur
erkenntnistheoretischen Würdigung des Gedächtnisses, Vierteljahrsschrift
für wissenschaftliche Philosophie, X, 1886, S. 7–33, liegt gänzlich abseits
von den hier behandelten Problemen.
(S. 184, Z. 2 f.) Charles B o n n e t, Essai analytique sur les facultés de
l'âme, Copenhague 1760, p. 61: »La souplesse ou la mobilité des fibres
augmente par le retour des mêmes ébranlements. Le sentiment attaché à
cette augmentation de souplesse ou de mobilité constitue la réminiscence.«
(Citiert nach Harald H ö f f d i n g) Vgl. übrigens noch Max O f f n e r, Die
Psychologie Charles Bonnets, Eine Studie zur Geschichte der Psychologie,
Schriften der Gesellschaft für psychologische Forschung, Heft 5, Leipzig
1893, S. 34 ff. — Ewald H e r i n g, Über das Gedächtnis als eine allgemeine
Funktion der organisierten Materie, Vortrag, 2. Ausgabe, Wien 1876. —
Vgl. E. M a c h, Die Analyse der Empfindungen und das Verhältnis des
Physischen zum Psychischen, 3. Aufl., Jena 1902, S. 177 ff.
(S. 185, Z. 6 ff.) Über Erinnerung unter dem Einflusse der Suggestion
vgl. Friedrich J o d l, Lehrbuch der Psychologie, 2. Aufl., Stuttgart und
Berlin 1903, Bd. II, S. 159: »Als eine Zwischenstufe zwischen dem, was ....
als passives und aktives Moment der repräsentativen Aufmerksamkeit
unterschieden wird, kann man den Fall ansehen, wo in die Leitung des
Reproduktionsprozesses und die Fixierung der Aufmerksamkeit nicht der
eigene Wille des Subjektes, sondern ein fremder Wille eingreift, um mit
jenem bestimmte Zwecke zu erreichen oder bestimmte
Bewußtseinsphänomene hervorzurufen .... Hier geschieht durch Einwirkung
von außen, was bei der willkürlichen Reproduktion aus dem Willen des
Subjektes heraus erfolgt.«
(S. 185, Z. 19 v. u.) Richard Av e n a r i u s, Kritik der reinen Erfahrung,
Bd. II, Leipzig 1890, S. 32, 42 ff. — H. H ö f f d i n g, Über Wiedererkennen,
Association und psychische Aktivität, Vierteljahrsschrift für
wissenschaftliche Philosophie, XIII, 1889, S. 420 f. und XIV, 1890, S. 27 ff.
Psychologie in Umrissen, übersetzt von Bendixen, 2. Aufl., 1893, S. 163 f.,
Philosophische Studien, VIII, S. 86 f.
Im ersten Aufsatze sagt Höffding (S. 426 f.): »Was in solchen
Bewußtseinszuständen .... gegeben ist, das ist die unmittelbare Auffassung
des Unterschiedes zwischen Bekanntem und Vertrautem und etwas Neuem

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und Fremdem. Dieser Unterschied ist so einfach und klar, daß er sich
ebensowenig näher beschreiben läßt, als z. B. der Unterschied zwischen
Lust und Unlust, oder der Unterschied zwischen Gelb und Blau. Wir stehen
hier einem unmittelbaren Qualitätsunterschiede gegenüber. Die
eigentümliche Qualität, mit welcher das Bekannte im Gegensatz zum
Neuen im Bewußtsein auftritt, werde ich im folgenden die
B e k a n n t h e i t s q u a l i t ä t nennen.« [Es] »ist noch hervorzuheben, daß die
Selbstbeobachtung in den angeführten Fällen n i c h t d i e g e r i n g s t e
S p u r v o n a n d e r e n Vo r s t e l l u n g e n z e i g t , d i e d u r c h d i e
e r k a n n t e E r s c h e i n u n g e r w e c k t w ü r d e n, und von denen man
annehmen könnte, sie spielten eine Rolle beim Wiedererkennen selbst.
Insofern also jemand annehmen wollte, alles Wiedererkennen setze
derartige Vorstellungen voraus, so liegt ihm die Beweispflicht ob; und läßt
sich das unmittelbare Wiedererkennen, sowie es in den angeführten Fällen
auftritt, ohne eine solche Annahme erklären, so wird diese Erklärung die
einzige wissenschaftliche sein.«
Gegen diese Lehre H ö f f d i n g s haben sich mit durchaus
unzureichenden Gründen Wilhelm W u n d t, Grundzüge der physiologischen
Psychologie, 4. Aufl., Leipzig 1893, Bd. II, S. 442, Anmerkung 1, und
William J a m e s, The Principles of Psychology, 1890, Vol. I, p. 674,
Anmerkung 1 ausgesprochen. Höffding selbst bemerkt klar genug S. 431:
»Diese Reproduktion braucht nicht dahin zu führen, daß das, was
reproduziert wird, als selbständiges Glied im Bewußtsein auftrete. Und in
den vorliegenden Fällen geschieht dies auch nicht. Deren Eigentümlichkeit
bestand unter anderem gerade in ihrem nicht zusammengesetzten Charakter.
Außer dem erkannten Zug oder den erkannten Zügen findet sich im
Bewußtsein nicht das Mindeste, was mit dem Wiedererkennen zu schaffen
hat. Das Wort »Les Plans« klingt bekannt, und diese Bekanntheitsqualität
ist die g a n z e E r s c h e i n u n g ....« Es ist dagegen unzutreffend, wenn
W u n d t behauptet (a. a. O. II4, 445): »Es geht i m m e r der simultane
deutlich in einen successiven Associationsvorgang über, in welchem der
zuerst vorhandene Eindruck, die dann hinzutretende Mittelvorstellung und
endlich das Wiedererkennungsgefühl als die Glieder der Associationsreihe
auftreten.«
(S. 186, Z. 1 v. u.) Nur dieselbe Verwechslung des Wiedererkennens
mit dem Gedächtnis liegt den Beispielen zu Grunde, auf Grund deren G.

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John R o m a n e s, Die geistige Entwicklung im Tierreich, Leipzig 1885,
S. 127 f. den Tieren ein Gedächtnis zuschreibt.
(S. 190, Z. 12.) Der Ausdruck connotativ (mitbezeichnend) stammt
von John Stuart M i l l, System der deduktiven und induktiven Logik,
übersetzt von Gomperz, I2, Leipzig 1884, S. 30 f. — Den Ausdruck
»typische Vorstellung« gebraucht Harald H ö f f d i n g, der Terminus
»Repräsentativ-Vorstellung« ist der englischen und französischen
Psychologie geläufig.
(S. 191, Z. 13 v u.) Wunderbar gibt F o u q u é dem A l o g i s c h e n im
Weibe zusammen mit seinem völligen Mangel an Kontinuität Ausdruck in
der »Undine« (fünftes Kapitel): »Einen Teil des Tages über strich er mit
einer alten Armbrust, die er in einem Winkel der Hütte gefunden und sich
ausgebessert hatte, umher, nach den vorüberfliegenden Vögeln lauernd und,
was er von ihnen treffen konnte, als guten Braten in die Hütte liefernd.
Brachte er nun seine Beute zurück, so unterließ Undine fast niemals, ihn
auszuschelten, daß er den lieben, lustigen Tierchen oben im blauen
Luftmeer so feindlich ihr fröhliches Leben stehle; ja sie weinte oftmals
bitterlich bei dem Anblick des toten Geflügels. Kam er aber dann ein
andermal wieder heim und hatte nichts geschossen, so schalt sie ihn nicht
minder ernstlich darüber aus, daß man nun um seines Ungeschickes und
seiner Nachlässigkeit willen mit Fischen und Krebsen vorlieb nehmen
müsse.«
(S. 191, Z. 10 v. u.) G. S i m m e l, Zur Psychologie der Frauen,
Zeitschrift für Völkerpsychologie und Sprachwissenschaft, XX, 1890, S. 6–
46: »Hier ist der Ort, der vielkritisierten Logik der Frauen zu gedenken.
Zunächst ist die Meinung, die ihnen dieselbe ganz oder fast ganz
absprechen will, einfach abzuweisen; das ist eine von den trivialen
Paradoxen, der gegenüber man sicher behaupten kann, daß jeder, der nur
irgend eingehender mit Frauen zu tun hatte, oft genug von der Schärfe und
Unbarmherzigkeit ihrer Folgerungen überrascht worden ist.« (S. 9 f.)
(S. 195, Z. 5 v. u.) K a n t, Kritik der praktischen Vernunft, S. 105
(Universalbibliothek).
(S. 196, Z. 8 v. u. f.) Die Stelle über Spinoza bei K a n t ist ungemein
charakteristisch (vgl. Kap. 13); man findet sie in der Kritik der praktischen
Vernunft, S. 123, ed. Kehrbach. — Was Kant an Hume mit Recht

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sympathisch ansprechen durfte, war die Sonderstellung, welche dieser
klügste Empirist immerhin der Mathematik einräumte. Das große Lob
Humes aus dem Munde Kantens, welchem Hume sein hohes Ansehen bei
den nachkantischen Philosophen und Historikern der Philosophie
vornehmlich dankt, ist wohl so zu erklären, daß Kant selbst schon, bevor er
Hume kennen gelernt hatte, die Notwendigkeit der Ersetzung des
metaphysischen durch den transcendentalen Standpunkt unklar gefühlt
hatte. Den Angriff Humes empfand er als solchen, den er selbst längst hätte
führen sollen, und machte sich den eigenen Mangel an Rüstigkeit in der
Abrechnung mit allem Unbewiesenen in der Spekulation heftig zum
Vorwurf. So kam es, daß er Humes Skeptizismus dem Dogmatismus
gegenüber, den er in den eigenen Gliedern noch immer spürte, hochstellen
konnte, und an der Flachheit dieses Empirismus, bei dem er natürlich nicht
bleiben konnte, relativ wenig Anstoß nahm. — Wie unglaublich seicht
Hume übrigens auch als Geschichtsschreiber in seinen Urteilen über
historische Bewegungen und historische Persönlichkeiten ist, darüber
vergleiche man das Büchlein von Julius G o l d s t e i n, Die empiristische
Geschichtsauffassung David Humes mit Berücksichtigung moderner
methodischer und erkenntnistheoretischer Probleme, eine philosophische
Studie, Leipzig 1903, z. B. die dort S. 19 f. aus Humes »History of
England« citierten Äußerungen über die Religion und religiöse Menschen,
besonders über Luther. Jene Stellen verraten Borniertheit.

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Zu Teil II, Kapitel 7.
(S. 197, Z. 3 ff.) David H u m e, A Treatise of Human Nature, being an
Attempt to introduce the experimental Method of Reasoning into Moral
Subjects, Book I. Of the Understanding, Part IV. Of the sceptical and other
systems of philosophy, Sect. VI. Of personal identity, Vol. I, p. 438 f. (der
ersten englischen Ausgabe, London 1739):
»For my part, when I enter most intimately into what I call myself, I
always stumble on some particular perception or other, of heat or cold, light
or shade, love or hatred, pain or pleasure. I never can catch myself at any
time without a perception, and never can observe anything but the
perception. When my perceptions are remov'd for any time, as by sound
sleep; so long am I insensible of m y s e l f, and may truly be said not to
exist. And were all my perceptions remov'd by death, and cou'd I neither
think, nor feel, nor see, nor love, nor hate after the dissolution of my body, I
thou'd be entirely annihilated, nor do I conceive what is farther requisite to
make me a perfect non-entity. If any one, upon serious and unprejudiced
reflection thinks he has a different notion (439) of h i m s e l f, I must confess
I can reason no longer with him. All I can allow him is, that he may be in
the right as well as I, and that we are essentially different in this particular.
He may, perhaps, perceive something simple and continu'd, which he calls
h i m s e l f; tho' I am certain there is no such principle in me.
But setting aside some metaphysicians of this kind, I may venture to
affirm of the rest of mankind that they are nothing but a bundle or collection
of different perceptions, which succeed each other with an inconceivable
rapidity, and are in a perpetual flux and movement.«
(S. 198, Z. 3 f.) Georg Christoph L i c h t e n b e r g, Ausgewählte
Schriften, herausgegeben von Eugen Reichel, Leipzig, Universalbibliothek,
S. 74 f.: »Wir werden uns gewisser Vorstellungen bewußt, die nicht von uns
abhängen; andere, glauben wir wenigstens, hingen von uns ab; wo ist die
Grenze? Wir kennen nur allein die Existenz unserer Empfindungen,
Vorstellungen und Gedanken. E s d e n k t, sollte man sagen, so wie man
sagt: es blitzt. Zu sagen cogito, ist schon zu viel, sobald man es durch Ich

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denke übersetzt. Das I c h anzunehmen, zu postulieren, ist praktisches
Bedürfnis.«
(S. 198, Z. 8 f.) H u m e a. a. O., S. 455 f.: »All the nice and subtile
questions concerning personal identity can never possibly be decided, and
are to be regarded rather as grammatical than as philosophical difficulties ...
All the disputes concerning the identity of connected objects are merely
verbal.«
(S. 198, Z. 12 f.) E. M a c h, Die Analyse der Empfindungen und das
Verhältnis des Physischen zum Psychischen, 3. Aufl., Jena 1902, S. 2 ff,
6 f., 10 f., 18 ff., 29 f.
(S. 199, Z. 12 f.) Das I d i o p l a s m a ist also wohl das von Alois
H ö f l e r, Psychologie, Wien und Prag 1897, S. 382, vermißte
physiologische Äquivalent des e m p i r i s c h e n Ich.
(S. 200, Z. 5 v. u.) Die beiden Stellen aus S i g w a r t in dessen Logik,
2
I , Freiburg 1889, S. 182, 190.
(S. 200, Z. 13.) H e g e l, Enzyklopädie der philosophischen
Wissenschaften im Grundrisse, § 115 (Werke, vollständige Ausgabe, Bd.
VI, S. 230 f., Berlin 1840): »Dieser Satz, statt ein wahres Denkgesetz zu
sein, ist nichts als das Gesetz des a b s t r a k t e n Ve r s t a n d e s. Die F o r m
d e s S a t z e s widerspricht ihm schon selbst, da ein Satz auch einen
Unterschied zwischen Subjekt und Prädikat verspricht, dieser aber das nicht
leistet, was seine Form fordert ... Wenn man behauptet, dieser Satz könne
nicht bewiesen werden, aber j e d e s Bewußtsein verfahre danach, und
stimmt ihm nach der Erfahrung sogleich zu, wie es ihn vernehme, so ist
dieser angeblichen Erfahrung der Schule die allgemeine Erfahrung
entgegenzusetzen, daß kein Bewußtseyn nach diesem Gesetze denkt, noch
Vorstellungen hat u. s. f., noch spricht, daß keine Existenz, welcher Art sie
sey, nach demselben existiert. Das Sprechen nach diesem seynsollenden
Gesetze der Wahrheit (ein Planet ist — ein Planet, der Magnetismus ist —
der Magnetismus, der Geist ist — ein Geist) gilt mit vollem Recht für
albern; dies ist wohl allgemeine Erfahrung.«
(S. 200, Z. 18 f.) Vgl. hiezu Hermann C o h e n, System der
Philosophie, I. Teil, Logik der reinen Erkenntnis, Berlin 1902, S. 79: »Man
sagt, diese Identität bedeute nichts als Tautologie. Das Wort, durch welches

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der Vorwurf bezeichnet wird, verrät die Unterschlagung des Prinzipes.
Freilich bedeutet die Identität Tautologie: nämlich dadurch, daß durch
Dasselbe (ταὐτό) das Denken zum Logos wird. Und so erklärt es sich, daß
vorzugsweise, ja ausschließlich die Identität als
D e n k g e s e t z s t a b i l i e r t w u r d e .«
(S. 201, Z. 16 f.) Mit Heinrich G o m p e r z, Zur Psychologie der
logischen Grundtatsachen, Leipzig und Wien 1897, S. 21 f., ist meine
Darstellung an diesem Punkte vollkommen einer Ansicht. Er sagt: ».... die
wissenschaftlichen Begriffe bilden überall keinen Gegenstand der
Psychologie, d. h. der psychologischen Erfahrung ...... Wir gelangen zu
solchen Begriffen durch eine eigene Methode, nämlich durch Synthese, wie
wir zu den Naturgesetzen durch die Methode der Induktion vorschreiten,
und verwerten diese Begriffe durch Analyse wie jene Gesetze durch
Deduktion. Und deshalb gibt es eine Psychologie des wissenschaftlichen
Säugetierbegriffes ebensowenig wie eine Psychologie des
wissenschaftlichen Gravitationsgesetzes. Daß wir diese Gesetzmäßigkeiten
durch eigene Worte — Säugetier und Gravitation — bezeichnen, kann
hieran nichts ändern. Denn diese Worte bezeichnen lediglich äußere, wenn
auch ideelle Dinge. Diese sind Gegenstände, nicht Elemente oder überhaupt
Bestandteile des Denkens.«
(S. 202, Z. 19.) Die Stelle aus K a n t: Kritik der reinen Vernunft,
S. 145, Kehrbach. — Zur Lösung des von Kant bezeichneten Rätsels glaube
ich hier und auf S. 244–251 ein Weniges beigetragen zu haben.
(S. 202, Z. 11 v. u.) Was ich unter E s s e n z meine, deckt sich also
ziemlich mit dem aristotelischen τὸ τί ἦν εἶναι. Der Begriff ist auch für
A r i s t o t e l e s an einer Stelle λόγος τί ἦν εἶναι λέγων (Eth. Nicom. II, 6,
1107 a 6).
(S. 203, Z. 7 v. u.). Vgl. S c h e l l i n g, System des transcendentalen
Idealismus, Werke I/3, S. 362: »In dem Urteil A = A wird ganz von dem
Inhalte des Subjektes A abstrahiert. Ob A R e a l i t ä t hat oder nicht, ist für
dieses Wissen ganz gleichgültig.« »Der Satz ist evident und gewiß, ganz
abgesehen davon, ob A etwas wirklich Existierendes oder bloß
Eingebildetes oder selbst unmöglich ist.«
(S. 204, Z. 3 v. o.) John Stuart M i l l, System der deduktiven und
induktiven Logik, Eine Darlegung der Grundsätze der Beweislehre und der

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Methoden wissenschaftlicher Forschung, Buch II, Kapitel 7, § 5, 2. Aufl.,
übersetzt von Theodor Gomperz, Leipzig 1884, Bd. I (Gesammelte Werke,
Bd. II), S. 326: »Ich erkenne im principium contradictionis, wie in anderen
Axiomen eine unserer frühesten und naheliegendsten Verallgemeinerungen
aus der Erfahrung. Ihre ursprüngliche Grundlage finde ich darin, daß
Glaube und Unglaube zwei verschiedene Geisteszustände sind, die einander
ausschließen. Dies erkennen wir aus der einfachsten Beobachtung unseres
eigenen Geistes. Und richten wir unsere Beobachtung nach außen, so finden
wir auch hier, daß Licht und Dunkel, Schall und Stille, Bewegung und
Ruhe, Gleichheit und Ungleichheit, Vorangehen und Nachfolgen,
Aufeinanderfolge und Gleichzeitigkeit, kurz jedes positive Phänomen und
seine Verneinung unterschiedene Phänomene sind, im Verhältnis eines
zugespitzten Gegensatzes, und die eine immer dort abwesend, wo die
andere anwesend ist. Ich betrachte das fragliche Axiom als eine
Verallgemeinerung aus all diesen Tatsachen.«
Von der Flachheit dieser Auseinandersetzung will ich schweigen; denn
daß John St. Mill unter den berühmten Flachköpfen des XIX. Jahrhunderts
der flachste ist, das kann wie eine identische Gleichung ausgesprochen
werden. Aber man vermag auch nicht leicht falscher und leichtsinniger zu
argumentieren, als es hier von Mill geschehen ist. Für diesen Mann ist Kant
vergebens auf der Welt erschienen; er hat sich nicht einmal dies klar
gemacht, daß dem Satze A = A nie eine Erfahrung widersprechen kann, und
daß wir dies mit absoluter Sicherheit von Rechts wegen behaupten dürfen,
während alle Induktion nie imstande ist, Sätze von solchem
Gewißheitsgrade zu liefern. — Außerdem verwechselt Mill hier den
konträren mit dem kontradiktorischen Gegensatz. — Die vielen
verständnislosen Beschimpfungen des Identitätsprinzipes seien übergangen.
(S. 205, Z. 18.) Johann Gottlieb F i c h t e, Grundlage der gesamten
Wissenschaftslehre, Leipzig 1794, S. 5 ff. (sämtliche Werke herausgegeben
von J. H. Fichte, Erste Abteilung, Bd. I, Berlin 1845, S. 92 ff.):
»1. Den Satz A i s t A (soviel als A = A, denn das ist die Bedeutung
der logischen Copula) gibt jeder zu; und zwar ohne sich im geringsten
darüber zu bedenken: man erkennt ihn für völlig gewiß und ausgemacht an.
Wenn aber jemand einen Beweis desselben fordern sollte, so würde
man sich auf einen solchen Beweis gar nicht einlassen, sondern behaupten,

Page 510

jener Satz sey schlechthin, d. i. o h n e a l l e n w e i t e r e n G r u n d, gewiß:
und indem man dieses, ohne Zweifel mit allgemeiner Beistimmung, thut,
schreibt man sich das Vermögen zu, e t w a s s c h l e c h t h i n z u s e t z e n.
2. Man setzt durch die Behauptung, daß obiger Satz an sich gewiß sey,
n i c h t, daß A s e y. Der Satz: A i s t A ist gar nicht gleichbedeutend
dem: A i s t, oder: e s i s t e i n A. (S e y n, ohne Prädikat gesetzt, drückt
etwas ganz anderes aus, als seyn mit einem Prädikate .......) Man nehme an,
A bedeute einen in zwei gerade Linien eingeschlossenen Raum, so bleibt
jener Satz immer richtig; obgleich der Satz: A i s t, offenbar falsch wäre.
Sondern
man setzt: w e n n A sey, s o sey A. Mithin ist davon, o b überhaupt A
sey oder nicht, gar nicht die Frage. Es ist nicht die Frage vom G e h a l t e des
Satzes, sondern bloß von seiner F o r m; nicht von dem, w o v o n man etwas
weiß, sondern von dem, w a s man weiß, von irgend einem Gegenstande,
welcher es auch seyn möge.
Mithin wird durch die Behauptung, daß der obige Satz schlechthin
gewiß sey, d a s festgesetzt, daß zwischen jenem We n n und diesem S o ein
nothwendiger Zusammenhang sey; und der n o t h w e n d i g e
Z u s a m m e n h a n g z w i s c h e n b e i d e n ist es, der schlechthin und
o h n e a l l e n G r u n d gesetzt wird. Ich nenne diesen notwendigen
Zusammenhang vorläufig = X.
3. In Rücksicht auf A selbst aber, o b es sey oder nicht, ist dadurch
noch nichts gesetzt. Es entsteht also die Frage: unter welcher Bedingung
i s t denn A?
a) X wenigstens ist i m Ich und d u r c h das Ich gesetzt — denn das Ich
ist es, welches im obigen Satze urtheilt, und zwar nach X als einem Gesetze
urtheilt, welches mithin dem Ich gegeben, und da es schlechthin und ohne
allen weiteren Grund aufgestellt wird, dem Ich durch das Ich selbst gegeben
seyn muß.
b) O b und w i e A überhaupt gesetzt sey, wissen wir nicht; aber da X
einen Zusammenhang zwischen einem unbekannten Setzen des A, und
einem unter der Bedingung jenes Setzens absoluten Setzen desselben A
bezeichnen soll, so ist, w e n i g s t e n s i n s o f e r n j e n e r Zusammenhang
gesetzt wird, A in dem Ich und d u r c h das Ich gesetzt, so wie X; X ist nur

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in Beziehung auf ein A möglich; nun ist X im Ich wirklich gesetzt; mithin
muß auch A im Ich gesetzt sein, insofern X darauf bezogen wird.
c) X bezieht sich auf dasjenige A, welches im obigen Satze die
logische Stelle einnimmt, ebenso wie auf dasjenige, welches für das des
Prädikats steht; denn beide werden durch X vereinigt. Beide also sind,
insofern sie gesetzt sind, im Ich gesetzt; und der obige Satz läßt sich
demnach auch so ausdrücken: Wenn A i m Ich gesetzt ist, so i s t e s
g e s e t z t; oder — so i s t es.
4. Es wird demnach durch das X vermittelst X gesetzt: A s e y f ü r
das urteilende Ich schlechthin und lediglich kraft
s e i n e s G e s e t z t s e y n s i m I c h ü b e r h a u p t; das heißt: es wird
gesetzt, daß im Ich — es sey nun insbesondere setzend oder urtheilend oder
was es auch sey — etwas sey, das sich stets gleich, stets Ein und
ebendasselbe sey; und das schlechthin gesetzte Ich läßt sich auch so
ausdrücken: I c h = I c h; Ich bin Ich.
5. Durch diese Operation sind wir schon unvermerkt zu dem Satze:
I c h b i n (zwar nicht als Ausdruck einer T h a t h a n d l u n g, aber doch einer
T h a t s a c h e) angekommen. Denn
X ist schlechthin gesetzt; das ist Thatsache des empirischen
Bewußtseyns. Nun ist X gleich dem Satze: Ich bin Ich; mithin ist auch
dieser schlechthin gesetzt.
Aber der Satz: Ich bin Ich, hat eine ganz andere Bedeutung als der Satz
A = A. — Nämlich der letztere hat nur unter einer gewissen Bedingung
einen Gehalt. Wenn A gesetzt ist, so ist es freilich a l s A, mit dem Prädicate
A gesetzt. Es ist aber durch jenen Satz noch gar nicht ausgemacht, o b es
überhaupt gesetzt, mithin, ob es mit irgend einem Prädicate gesetzt sey. Der
Satz: Ich bin Ich, aber gilt unbedingt und schlechthin, denn er ist gleich dem
Satze X: er gilt nicht nur der Form, er gilt auch seinem Gehalte nach. In ihm
ist das Ich, nicht unter Bedingung, sondern schlechthin, mit dem Prädicate
der Gleichheit mit sich selbst gesetzt; es ist also gesetzt; und der Satz läßt
sich auch ausdrücken: I c h b i n .«
Dieser Fichtesche Beweis ist verfehlt; denn er findet, obwohl er es
anfänglich in Abrede stellt, im Satze selbst das Sein desselben A, von dem
A = A behauptet wird, schon enthalten. Der Beweis, den ich selbst im Texte

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versucht habe, ist auch ungenügend und beruht auf einer unzulässigen
Äquivokation, die in der Anmerkung S. 204 berichtigt ist. Meine
Anschauungen hierüber haben sich während der Drucklegung des Buches
geändert. Ich glaube jetzt, daß es aussichtslos ist, mit F i c h t e und
S c h e l l i n g aus dem Satze das Ich herauszulesen; was aber sehr wohl in
ihm zum Ausdruck kommt, ist das S e i n, das absolute, hyperempirische,
gar nicht im geringsten mehr zufällige, sondern das an sich seiende S e i n.
Der Beweis gestaltet sich dann kurz so: es i s t etwas (nämlich das
Gleichheitszeichen, das X F i c h t e s), gleichgültig, ob sonst etwas ist oder
nicht. Es besteht und gilt mindestens das Sein A = A, unabhängig von
jedem besonderen A, und ob ein solches A selbst nun sei oder nicht. Und
insofern die Frau diesen Satz nicht anerkannt, insofern i s t sie nicht. Auch
in dieser Form bleibt der Satz von der größten Tragweite für das zwölfte
Kapitel, wo die Seelenlosigkeit der Frau in einen weiteren Zusammenhang
aufgenommen wird (S. 378 ff.).
(S. 206, Z. 15.) Über die Reue vgl. K a n t, Kritik der praktischen
Vernunft, S. 218 ff. (ed. Kehrbach).
(S. 207, Z. 18.) Kritik der praktischen Vernunft, S. 105, Kehrbach.
(S. 208, Z. 10.) I b s e n s B r a n d antwortet den Fragenden (fünfter
Aufzug):
»W i e l a n g d a s S t r e i t e n w ä h r e n w i r d ?
Es währt bis an des Lebens Ende,
Bis alle Opfer ihr gebracht,
Bis ihr vom Pakt euch frei gemacht,
Bis ihr es wollt, wollt unbeirrt;
Bis jeder Zweifel schwindet, nichts
Euch trennt vom: alles oder nichts.
U n d e u r e O p f e r ? — Alle Götzen,
Die euch den ew'gen Gott ersetzen;
Die blanken gold'nen Sklavenketten,
Samt eurer schlaffen Trägheit Betten. —
D e r S i e g e s p r e i s ? — Des Willens Einheit,
Des Glaubens Schwung, der Seelen Reinheit;
Die Freudigkeit, die euch durchschauert,
Die alles opfert, überdauert;
Um eure Stirn die Dornenkrone:
Seht, das erhaltet ihr zum Lohne.«

(S. 208, Z. 12 f.) Friedrich H e b b e l s sämtliche Werke, herausgegeben
von Hermann K r u m m, Bd. I, S. 214.

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(S. 209, Z. 7 f.) K a n t, Anthropologie in pragmatischer Hinsicht, § 87
(S. 216, ed. Kirchmann): »Der Mensch, der sich eines Charakters in seiner
Denkungsart bewußt ist, hat ihn nicht von der Natur, sondern muß ihn
jederzeit e r w o r b e n haben. Man kann auch annehmen, daß die Gründung
desselben gleich einer Art Wiedergeburt, eine gewisse Feierlichkeit der
Angelobung, die er sich selbst tut, sie und den Zeitpunkt, da diese
Umwandlung in ihm vorging, gleich einer neuen Epoche ihm unvergeßlich
mache.«
(S. 209, Z. 16 ff.) K a n t, Kritik der praktischen Vernunft, S. 193 f.,
Kehrbach.
(S. 210, Z. 20 ff.) Vgl. K a n t, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten,
dritter Abschnitt, wo die so einfachen und doch so tiefen Worte stehen
(S. 75, ed. Kirchmann): »Die Naturnotwendigkeit war eine Heteronomie
der wirkenden Ursachen; denn jede Wirkung war nur nach dem Gesetze
möglich, daß etwas anderes die wirkende Ursache zur Kausalität
bestimmte; was kann denn wohl die Freiheit des Willens sonst sein als
Autonomie, d. i. die Eigenschaft des Willens, sich selbst ein Gesetz zu sein?
Der Satz aber: der Wille ist in allen Handlungen sich selbst ein Gesetz,
bezeichnet nur das Prinzip, nach keiner anderen Maxime zu handeln, als die
sich selbst auch als ein allgemeines Gesetz zum Gegenstande haben kann.
Dies ist aber gerade die Formel des kategorischen Imperativs und das
Prinzip der Sittlichkeit; also ist ein freier Wille und ein Wille unter
sittlichen Gesetzen einerlei.«

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Zu Teil II, Kapitel 8.
(S. 212, Z. 3 ff.) Die Stelle aus der »Großen Wald-Upanishad« (1, 4, 1)
nach Paul D e u s s e n s Übersetzung (Sechzig Upanishads des Veda, Leipzig
1897, S. 392 f.).
(S. 214, Z. 10 ff.) Die folgenden Citate aus J e a n P a u l s Werken,
Hempelsche Ausgabe, XLVIII. Teil, S. 328. — N o v a l i s Schriften, von
Schlegel und Tieck, II. Teil, Wien 1820, S. 143 f. — S c h e l l i n g s Werke,
I/1, S. 318 f.
(S. 220, Z. 13 v. u. ff.) Durch diese Bemerkung hoffe ich zur
Verdeutlichung dessen beizutragen, was Wilhelm D i l t h e y, ohne recht
verstanden worden zu sein, als den Grundunterschied zwischen
psychischem und physischem Geschehen aufgedeckt hat (z. B. Beiträge
zum Studium der Individualität, Berliner Sitzungsberichte, 1896, S. 296):
»Darin, daß der Zusammenhang im Seelenleben primär gegeben ist, besteht
der Grundunterschied der psychologischen Erkenntnis vom Naturerkennen,
und da liegt also auch die erste und fundamentale Eigentümlichkeit der
Geisteswissenschaften. Da im Gebiete der äußeren Erscheinungen nur
Neben- und Nacheinander in die Erfahrung fällt, könnte der Gedanke von
Zusammenhang nicht entstehen, wäre er nicht in der eigenen
zusammenhängenden Einheitlichkeit gegeben.«
(S. 222, Z. 18.) Der bewußte Zusammenhang mit dem All, die
Bewußtheit des Mikrokosmus, die den genialen Menschen konstituiert,
reicht vielleicht auch zur Erklärung der Tatsache aus, daß wenn nicht alle,
so doch gewiß die meisten Genies telepathische Erlebnisse und Visionen
kennen und erfahren. D i e g e n i a l e I n d i v i d u a l i t ä t h a t e t w a s
v o m H e l l s e h e r. Im Text wollte ich diese Dinge hier nicht berühren,
weil heute, wer die Telepathie für möglich hält, einem Obskuranten gleich
geachtet wird. Auch die Offenbarungen Sterbender reihen sich diesem
Zusammenhange wohl ein: der Sterbende gewinnt eine tiefere Vereinigung
mit dem All, als es dem Lebenden möglich war, und kann deshalb den
Fernstehenden in der Todesstunde erscheinen, auf ihr Denken und Träumen
einen Einfluß gewinnen.

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(S. 222, Z. 19 v. u. ff.) Der Gedanke des Mikrokosmus liegt natürlich
auch der Schöpfungsgeschichte der Genesis zu Grunde, als welche den
Menschen das Ebenbild Gottes sein läßt.
Naturgemäß findet sich dieselbe Konzeption auch bei den I n d e r n.
Bṛihadâraṇyaka-Upanishad 4, 4, 5 (D e u s s e n, Sechzig Upanishaden des
Veda, Leipzig 1897, S. 476): »Wahrlich, dieses Selbst ist das Brahman,
bestehend aus Erkenntnis, aus Leben, aus Auge, aus Ohr, bestehend aus
Erde, aus Wasser, aus Wind, aus Äther; bestehend aus Feuer und nicht aus
Feuer, aus Lust und nicht aus Lust, aus Zorn und nicht aus Zorn, aus
Gerechtigkeit und nicht aus Gerechtigkeit, b e s t e h e n d a u s a l l e m.«
Chândogya-Upanishad 3, 14, 2 f. (a. a. O., S. 109): »Geist ist sein [des
Menschen] Stoff, Leben sein Leib, Licht seine Gestalt; sein Ratschluß ist
Wahrheit, s e i n S e l b s t d i e U n e n d l i c h k e i t. Allwirkend ist er,
allwünschend, allriechend, allschmeckend, das All umfassend, schweigend,
unbekümmert; —
dieser ist meine Seele im inneren Herzen, kleiner als ein Reiskorn oder
Gerstenkorn oder Senfkorn oder Hirsekorn oder eines Hirsekornes Kern; —
dieser ist meine Seele im inneren Herzen, größer als die Erde, größer
als der Luftraum, größer als der Himmel, größer als diese Welten.
Der Allwirkende, Allwünschende, Allriechende, Allschmeckende, das
All Umfassende, Schweigende, Unbekümmerte, dieser ist meine Seele im
inneren Herzen, dieser ist das Brahman, zu ihm werde ich, von hier
abscheidend, eingehen. — Wem dieses ward, fürwahr, der zweifelt nicht!«
P l a t o lehrt zuerst im Menon (81 c): »ἁτε οὖν ἡ ψυχὴ ἀθάνατός τε
οὖσα καὶ πολλάκις γεγονυῖα καὶ ἑωρακυῖα καὶ τὰ ἐνθάδε κ α ὶ π ά ν τ α
χ ρ ή μ α τ α, οὐκ ἔστιν ὅ τι οὐ μεμάθηκεν ... ἁτε γὰρ τ ῆ ς φ ύ σ ε ω ς
ἁπάσης συγγενοῦς οὔσης καὶ μεμαθηκυίας τῆς ψυχῆς
ἅ π α ν τ α οὐδὲν κωλύει ... πάντα ... ἀνευρεῖν.« Anklänge finden sich auch
im Philebos (29 a ff.), z. B.: »Τρέφεται καὶ γιγνεται καὶ ἄρχεται τό τοῦ
παντὸς πὑρ ὑπὸ τοῦ παρ' ἡμων πυρός, ή τούναντίον ύπ' έκείνου τό τ' ἐμόν
καὶ τό σόν καὶ τό τών άλλων ζώων ἅπαντ ἴσχει ταῦτα.« Deutlicher
A r i s t o t e l e s, De anima III, 8, 431 b 21: »ἡ ψυχὴ τὰ ὄντα πώς ἐστι
πάντα.« Vgl. Ludwig S t e i n, Die Psychologie der Stoa, Bd. I:
Metaphysisch-anthropologischer Teil (Berliner Studien für klassische
Philologie und Archäologie, Bd. III, 1. Heft, Berlin 1886), S. 206: »Bei

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Aristoteles hat man es bereits mit einem deutlichen Hinweis auf den
Mikrokosmus zu tun. Ja man wird nicht fehl gehen, wenn man selbst diesen
Terminus auf den Stagiriten zurückführt« (Aristot. Physika, VIII2, 252 b 24:
»εἰ δ'ἐν ζώω τοΰτο δυνατὸν γενέσθαι, τί κωλύει τὸ αὐτὸ συμβῆναι καὶ κατὰ
τὸ πᾶν; εἰ γὰρ ἐν μ ι κ ρ ῷ κ ό σ μ ῳ γίνεται, καὶ ἐν μ ε γ ά λ ῳ ...), wenn auch
der Begriff älter sein mag.« S. 214: »In der Stoa tritt uns zum ersten Male
ein klar ausgesprochener, scharf gezeichneter und kühn ausgebauter
Mikrokosmos entgegen.« Weiteres über die Geschichte des
Mikrokosmusgedankens (z. B. bei P h i l o) bei Stein a. a. O. Auch bei
A u g u s t i n u s findet er sich nach Ü b e r w e g - H e i n z e, Grundriß der
Geschichte der Philosophie, II8, 128. P i c o d e M i r a n d o l a s Anschauung
ist von mir ausführlich wiedergegeben S. 237 f. Vgl. auch Rudolf E i s l e r,
Wörterbuch der philosophischen Begriffe und Ausdrücke, Berlin 1901 sub
verbo und Rudolf E u c k e n, Die Grundbegriffe der Gegenwart, historisch
und kritisch entwickelt. 2. Aufl., Leipzig 1893, S. 188 f.
(S. 223, Z. 14 v. u. ff.) E m p e d o k l e s bei Aristoteles Metaphysik,
1000 b, 6. — P l o t i n u s Enneades I, 6, 9. — Übrigens steht auch bei
P l a t o Rep. 508 b: »ἀλλ' [ὄμμα] ἡλιοειδέστατόν γε, οἶμαι, τῶν περὶ τὰς
αἰσθήσεως ὀργάνων.«
(S. 223, Z. 17.) In K a n t e n s Ethik wird wohl nichts so wenig
verstanden wie die Forderung, nach einer allgemeinsten Maxime zu
handeln. Man glaubt noch immer, hierin etwas Soziales erblicken zu
müssen, die B ü c h n e rsche Ethik (»Was Du nicht willst, daß man Dir tu«
u. s. w.), eine Anleitung für ein Strafgesetzbuch. Die Allgemeinheit des
kategorischen Imperatives drückt nur die Metaphysik transcendental aus,
welche nach C i c e r o (De natura deorum II, 14, 37) der große Stoiker
C h r y s i p p o s gelehrt hat: »... Cetera omnia aliorum causa esse generata, ut
eos fruges atque fructus quos terra gignat, animantium causa, animantes
autem hominum, ut equum vehendi causa, arandi bovem, venandi et
custodiendi canem. Ipse autem homo ortus est ad mundum contemplandum
e t i m i t a n d u m ...«
(S. 224, Z. 13 v. u.) Vielleicht sind die drei Probleme, an denen am
schnellsten offenbar wird, wie weit die Tiefe eines Menschen reicht, das
Problem der Religion, das Problem der Kunst und das Problem der Freiheit
— alle drei im Grunde doch das eine Problem des Seins. Die Form aber, in
welcher dieses eine Problem von den wenigsten verstanden wird, ist das

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Problem der Freiheit. Den niedrigsten Menschen ist der »Indeterminismus«,
den mittelmäßigen der »Determinismus« selbstverständlich; daß hier der
Dualismus am intensivsten sich offenbart, wie selten wird das begriffen!
Die tiefsten Denker der Menschheit haben sicherlich alle
indeterministisch gedacht. G o e t h e, Dichtung und Wahrheit, IV. Teil, 16.
Buch (Bd. XXIV, S. 177, ed. Hesse): »Wo sich in den Thieren etwas
Vernunftähnliches hervorthut, so können wir uns von unserer
Verwunderung nicht erholen, denn ob sie uns gleich so nahe stehen, so
scheinen sie doch durch eine unendliche Kluft von uns getrennt und in das
Reich der Nothwendigkeit verwiesen.« Durch dieselbe Kluft aber scheidet
sich Goethe von der »modernen Weltanschauung« und der
»Entwicklungslehre«.
So auch D a n t e, Paradiso, Canto V, V. 19–24:

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»Lo maggior don, che Dio per sua larghezza
Fesse creando, ed alla sua bontate
Più conformato, e quel ch'ei più apprezza
Fu della volontà la libertate,
Di che le creature intelligenti
E tutte e sole fûro e son dotate.«

So läßt schon P l a t o n, die S c h e l l i n g - S c h o p e n h a u e rsche Lehre
von der Willensfreiheit antizipierend (wie es überhaupt keinen
philosophischen Gedanken gibt, der sich bei ihm nicht fände) in seinem
»Staat« (X, 617, D E) die Parze Lachesis sagen: »Ψυχαὶ ἐφήμεροι ... οὐχ
ὑμᾶς δαίμων λήξεται, ἀλλ' ὑμεῖς δαιμονα αἱρήσεσθε ... αιτια ἑλομενου ·
θεὸς ἀναίτιος.« Und so alle Größten, K a n t, A u g u s t i n u s, Richard
Wa g n e r (»Siegfried«, III. Akt: Wotan und Erda).
(S. 226, Z. 2 v. u.) C a r l y l e: On Heroes etc., an mehreren Orten,
besonders S. 116 (ed. Chapman and Hall, London). Ganze und lautere
Wahrheit ist, was er sagt: »T h e m e r i t o f o r i g i n a l i t y i s n o t
n o v e l t y ; i t i s s i n c e r i t y.«
(S. 232. Z. 1 f.) Pensées de Blaise P a s c a l, Paris 1841, S. 184 (Partie
I, Article X, 1).
(S. 234, Z. 10 v. u.) Ich vermöchte für das, was ich über das
eigenartige Verhalten begabterer Menschen in Gesellschaft anderer bemerkt
habe, kein besseres Zeugnis anzuführen als das hochinteressante Bekenntnis
des auf dem Kontinent verhältnismäßig wenig gewürdigten englischen
Dichters John K e a t s. Obwohl es mit besonderer Rücksicht auf den Dichter
ausgesprochen ist, gilt es mit einigen leicht wahrzunehmenden
Modifikationen vom Künstler, ja vom Genius überhaupt. Keats schreibt an
seinen Freund Richard Wo o d h o u s e am 27. Oktober 1818 (The poetical
works and other writings of John Keats, edited by Harry Buxton Forman,
Vol. III, London 1883, p. 233 f.): »As to the poetical character itself (I mean
that sort, of which, if I am anything, I am a member; that sort distinguished
from the Wordsworthian or egotistical sublime, which is a thing per se, and
stands alone), it is not itself — it has no self — it is everything and nothing
— it has no character — it enjoys light and shade — it lives in gusto, be it
foul or fair, high or low, rich or poor, mean or elevated — it has as much
delight in conceiving a Jago or an Imogen. What shocks the virtuous
philosopher delights the cameleon poet. It does no harm from its relish of

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the dark side of things, any more than from its taste for the bright one,
because they both end in speculation. A p o e t i s t h e m o s t
u n p o e t i c a l o f a n y t h i n g i n e x i s t e n c e, because he has no identity:
he is continually in for, and filling, some other body. The sun, the moon, the
sea and men and women, who are creatures of impulse, are poetical and
have about them an unchangeable attribute; the poet has none. He is
certainly the most unpoetical of all God's creatures. If then, he has no
self[105], and if I am a poet, where is the wonder that I should say I would
write no more? Might I not that very instant have been cogitating on the
character of Saturn and Ops? It is a wretched thing to confess, but it is a
very fact, that not one word I ever utter can be taken for granted as an
opinion growing out of my identical nature. How can it, when I have no
nature? When I am in a room with people, if I ever am free from
speculating on creations of my brain, then not myself goes home to myself,
but the identity of everyone in the room begins to press
upon me, so that I am in a very little time annihilated
— not only among men; it would be the same in a
n u r s e r y o f c h i l d r e n ...«
(S. 233, Z. 4 v. u. f.) M a c h, Die Analyse der Empfindungen u. s. w.,
3. Aufl. 1902, S. 19.
(S. 235, Z. 2 v. u.) Gesammelte Schriften und Dichtungen von Richard
Wa g n e r, Leipzig 1898, Bd. VI, S. 249.
(S. 236, Z. 1 ff.) So sagt J. B. M e y e r, Genie und Talent, Eine
psychologische Betrachtung, Zeitschrift für Völkerpsychologie und
Sprachwissenschaft, 1880, XI, S. 289: »Cesare Borgia, Ludwig XI. von
Frankreich, Richard III. waren geniale Bösewichter, und in der Reihe der
Schwindler findet sich manches Genie« — und gibt damit durchaus der
populären Meinung Ausdruck.
(S. 237, Z. 20 v. u.) S o p h o k l e s Aias Vers 553.
(S. 237, Z. 14 v. u. ff.) J o a n n i s P i c i M i r a n d u l a e
C o n c o r d i a e q u e C o m i t i s ... Opera quae extant omnia Basileae Per
Sebastianum Henricepetri, 1601, Vol. I, p. 207–219: »De hominis dignitate
oratio.« Die citierte Stelle p. 208. — Mirandola lebte nur von 1463–1494.
— »Supremi spiritus« sind die Engel und die Teufel, die (»paulo mox«)
gefallenen Engel. — Als denjenigen Menschen, der mit dem Lose keines

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Einzelgeschöpfes sich begnügt, hat man eben den Genius anzusehen; wenn
das Genie das Göttliche im Menschen ist, so wird der Mensch, der ganz
Genius wird, Gott gleich.

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Zu Teil II, Kapitel 9.
(S. 240, Z. 10 f.) Theodor Wa i t z, Anthropologie der Naturvölker,
Erster Teil. Leipzig 1859, S. 380: »Haben ältere christliche Autoritäten an
der Ehe nur die sinnliche Seite gesehen und ernstlich bezweifelt, ob auch
die Weiber eine Seele besitzen, so können wir uns nicht darüber wundern,
daß ihnen von Chinesen, Indern, Muhammedanern eine solche geradezu
abgesprochen wird. Wird der Chinese nach seinen Kindern gefragt, so zählt
er nur die Knaben als solche; hat er nur Mädchen, so sagt er, er habe keine
Kinder (D u h a u t - C i l l y, Voyage autour du monde, 1834, II, 369).«
(S. 240, Z. 19.) A r i s t o t e l e s: De gener. animalium I, 2, 716 a 4: τῆς
γενέσεως ἀρχὰς ἄν τις οὐχ ἥκιστα θείη τὸ θῆλυ καὶ τὸ ἄρρεν, τὸ μὲν ἄρρεν
ὡς τῆς κινήσεως καὶ τῆς γενέσεως ἔχον τὴν ἀρχήν, τὸ δὲ θῆλυ ὡς ὕλης. I
20, 729 a 9: τὸ μὲν ἄρρεν παρέχεται τό τε εἶδος καὶ τὴν ἀρχὴν τῆς
κινήσεως, τὸ δὲ θῆλυ τὸ σῶμα καὶ τὴν ὕλην. 729 a 29: τὸ ἄρρεν ἐστὶν ὡς
κινοῦν, τὸ δὲ θῆλυ, ᾗ θῆλυ, ὡς παθητικόν. II, 1, 732 a 3: βέλτιον γὰρ καὶ
θειότερον ἡ ἀρχὴ τῆς κινήσεως, ᾗ ἄρρεν ὑπάρχει τοῖς γινομένοις. ὕλη δὲ τὸ
θῆλυ.. II, 4, 738 b 25: ἀεὶ δὲ παρέχει τὸ μὲν θῆλυ τῆν ὕλην, τὸ δὲ ἄρρεν τὸ
δημιουργοῦν. ἔστι τὸ μὲν σῶμα ὲκ τοῦ θήλεος, ἡ δὲ ψυχὴ ἐκ τοῦ ἄρρενος.
Vgl. noch I, 21, 729 b 1 und 730 a 25. II, 3, 737, a 29. 740 b 12–25.
Metaphysik, V, 28, 1024 a 34. IX, 1057 a 31 f. I, 6, 988 a 2 f. erläutert er
nach demselben Prinzipe, warum der Mann mehr Kinder zeugen könne als
die Frau: ὁἱ μὲν γὰρ ἐκ τῆς ὕλης πολλὰ ποιοῦσιν, τὸ δ' εἶδος ἅπαξ γεννᾷ
μόνον, φαίνεται δ' ἐκ μιᾶς ὕλης μία τράπεζα, ὁ δὲ τὸ εἶδος ἐπιφέρων εἷς ὢν
πολλὰς ποιεῖ. ὁμοίως δ' ἔχει καὶ τὸ ἄρρεν πρὸς τὸ θῆλυ· τὸ μὲν γὰρ ὑπὸ
μιᾶς πληροῦται ὀχείας, τὸ δ' ἄρρεν πολλὰ πληροῖ· καίτοι ταῦτα μιμήματα
τῶν ἀρχῶν ἐκείνων ἐστίν.
Vergleiche über diese Lehre des Aristoteles: J. B. M e y e r, Aristoteles
Tierkunde, Berlin 1855, S. 454 f.; Hermann S i e b e c k, Aristoteles, Stuttgart
1899 (Frommanns Klassiker der Philosophie, Bd. VIII), S. 69; Eduard
Z e l l e r, Die Philosophie der Griechen in ihrer geschichtlichen
Entwicklung, II/2. Leipzig 1879, 3. Aufl., S. 325 und 525 f.; Ü b e r w e g -
H e i n z e, Grundriß der Geschichte der Philosophie, I9, Berlin 1903, S. 259;

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J. J. B a c h o f e n, Das Mutterrecht, Eine Untersuchung der Gynaikokratie
der alten Welt, Stuttgart 1861, S. 164–168. — Speziell über die
aristotelische Zeugungstheorie, ihr Verhältnis zu den früheren und den
modernen Ansichten handelt Wilhelm H i s, Die Theorien der
geschlechtlichen Zeugung, Archiv für Anthropologie, Bd. IV, 1870, S. 202
bis 208.
(S. 241, Z. 3 f.) Jean W i e r, Opera omnia, Amstelodami 1660, Liber
IV, Caput 24. Aus der späteren Literatur wüßte ich nur noch O k e n zu
nennen (Lehrbuch der Naturphilosophie, 3. Aufl., Zürich 1843, S. 387, Nr.
2958): »In der Paarung sind die männlichen Theile das Sinnesorgan, das
weibliche nur der empfangende Mund. Eigentlich sind beide Sinnesorgane,
aber jene das handelnde, diese das leidende« (ibid. Nr. 2962). »Wenn auch
männlicher Same wirklich zur Frucht miterstarrt, so ist es doch nicht seine
Masse, die in der Frucht zur Betrachtung kommt, sondern nur seine
polarisierende Kraft.«
Die Absicht der Auseinandersetzungen des Textes geht nicht auf eine
naturphilosophische Theorie der Zeugung, wie die von Aristoteles und
Oken. Aber die Spekulation dieser Männer ging gedanklich ohne Zweifel
von den geistigen Unterschieden der Geschlechter aus, und dehnte diese
auch auf das Verhältnis der beiden Keime in der Befruchtung aus; deshalb
darf ich sie hier wohl anführen.
(S. 241, Z. 13 f.) Vgl. Ausgewählte Werke von Friedrich Baron d e l a
M o t t e - F o u q u é, Ausgabe letzter Hand, Bd. XII, Halle 1841, S. 136 ff.
(S. 243, Z. 12 f.) Kantianer, die von dem Philosophen nur den
Buchstaben fassen, werden das sicherlich in Abrede stellen; und es würde
ihnen die Kantische Terminologie hiezu eine gewisse Handhabe bieten,
nach welcher das transcendentale Subjekt das Subjekt des Ve r s t a n d e s,
und der intelligible Charakter das Subjekt der Ve r n u n f t, die letztere aber,
als das praktische Vermögen im Menschen, dem ersteren, als einem bloß
theoretischen, übergeordnet ist. Doch kann ich mich auf Stellen berufen,
wie in der Vorrede zur »Grundlegung zur Metaphysik der Sitten« (S. 8, ed.
Kirchmann): »Teils erfordere ich zur Kritik einer reinen praktischen
Vernunft, daß, wenn sie vollendet sein soll, i h r e E i n h e i t m i t d e r
spekulativen in einem gemeinschaftlichen Prinzip
zugleich müsse dargestellt werden können, w e i l e s d o c h a m E n d e

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n u r e i n e u n d d i e s e l b e Ve r n u n f t s e i n k a n n, die bloß in der
Anwendung unterschieden sein muß.« Ähnlich in der »Kritik der
praktischen Vernunft«, S. 110, 118, 145 (ed. Kehrbach). Übrigens war es
eben diese »Einheit des ganzen reinen Vernunftvermögens (des
theoretischen sowohl als praktischen)«, welche K a n tens geplantes und
nicht zustande gekommenes Hauptwerk »Der Transcendentalphilosophie
höchster Standpunkt im System der Ideen: Gott, die Welt und der Mensch,
oder System der reinen Philosophie in ihrem Zusammenhange« (vgl. Hans
Va i h i n g e r, Archiv für Geschichte der Philosophie, IV, S. 734 f.)
darzustellen bestimmt war.
An diesem Orte möchte ich noch folgendes bemerken:
In der großen Literatur, welche sich mit dem Verhältnisse G o e t h e s
zu K a n t beschäftigt, finde ich merkwürdigerweise die allerkantischeste
Stelle im ganzen Goethe nicht erwähnt. Sie ist allerdings geschrieben, bevor
Goethe noch irgend etwas von Kant gelesen hat, und ist auch weniger für
sein Verhältnis zu dem konkreten Menschen Kant und zu dessen Büchern,
als für Goethes Beziehung zur Kantischen Gedankenwelt charakteristisch.
Sie findet sich in den noch in Frankfurt abgefaßten »Physiognomischen
Fragmenten« (Erster Versuch, Drittes Fragment: Bd. XIV, S. 242 der
Hesseschen Ausgabe) und lautet: »Die gütige Vorsehung hat jedem einen
gewissen Trieb gegeben, so oder anders zu handeln, der denn auch einem
jeden durch die Welt hilft. Eben dieser innere Trieb kombiniert auch mehr
oder weniger die Erfahrungen, die der Mensch macht, ohne daß er sich
dessen selbst bewußt ist.« Hierin ist deutlich die Identität des intelligiblen
Wesens ausgesprochen, von dem einerseits die synthetische Einheit der
Apperzeption ausgeht, und das anderseits das f r e i wollende Noumenon ist.
(S. 245, Z. 5 v. u. f.) Eine der einfachsten und klarsten
Auseinandersetzungen über diesen Sachverhalt rührt von Franz
S t a u d i n g e r her, Identität und Apriori, Vierteljahrsschrift für
wissenschaftliche Philosophie, XIII, 1889, S. 66 f.: »..... nicht bloß die
heutige Wahrnehmung von der Sonne ist eine andere als die gestrige, die
heutige Sonne selbst ist nicht mehr die, welche gestern leuchtete. Dennoch
aber sage ich: die gestrige Sonne ist mit der heutigen eins. Das heißt aber
nichts anderes, als daß ich einen fortlaufenden Zusammenhang des
Gegenstandes selbst, auf den meine zeitlich durchaus getrennten
Vorstellungen gehen, voraussetzen muß. Es ist eine objektive Existenz des

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Gegenstandes selber gedacht, die ganz unabhängig von der Zerstücktheit
unseres Wahrnehmens bestehen soll. Diese Feststellung der Dauer des
Gegenstandes selbst ist das wesentliche Moment, welches unsere
Substanzvorstellung konstituiert. Das Rätsel, welches hierin liegt, daß wir
von ganz getrennten Vorstellungen, die doch jedesmal, streng genommen,
nur gegenwärtige Gegenstände bezeichnen, zu der Vorstellung des
Zusammenhanges eines einzigen dauernden Gegenstandes übergehen, wird,
obwohl es von K a n t klar erkannt worden ist, noch allzuwenig der
Aufmerksamkeit gewürdigt. Ob es Kant gelöst hat, und wie es zu lösen sein
mag, ist freilich eine Frage, welche den Ursprungsort der
Erkenntniselemente betrifft ..... Wir müssen uns hier mit der Tatsache
begnügen, daß wir gezwungen sind, solche Vorstellungen, die wir
Wahrnehmungen nennen, auf einheitliche, mindestens von der ersten
Wahrnehmung bis zur jetzigen dauernde Gegenstände zu beziehen.«
Auch diese Schwierigkeit scheint vor der im Texte dargelegten
Auffassung zu verschwinden oder wenigstens ihre Identität mit einer
anderen, allerdings nicht minder großen, zu erweisen. A = A, das Prinzip
der Begrifflichkeit und Gegenständlichkeit, ist psychologisch eine Negation
der Zeit (wenn auch im rein logischen S i n n e des Satzes diese Beziehung
auf die Zeit nicht liegt) und vermittelt insofern die Kontinuität des
Objektes. Soweit aber in ihm das Sein des Subjektes zum Ausdrucke
kommt, s e t z t er die gleiche Kontinuität für das innere Leben, trotz der
Vereinzelung der psychischen Erlebnisse, trotz der Bewußtseinsenge. Es ist
also nur e i n Rätsel, die Frage nach der Kontinuität des Objektes dieselbe
wie nach der Kontinuität des Subjektes.
(S. 246, Z. 18 v. u.) K a n t, Kritik der reinen Vernunft, 1. Aufl., Von
der Synthesis der Rekognition im Begriffe (S. 119, Kehrbach).
(S. 247, Z. 15.) Vgl. besonders H u x l e y, Hume (English Men of
Letters, edited by John Morley, No. 5, London 1881), p. 94 f.:
»When several complex impressions which are more or less different
from one another — let us say that out of ten impressions in each, six are
the same in all, and four are different from all the rest — are successively
presented to the mind, it is easy to see what must be the nature of the result.
The repetition of the six similar impressions will strengthen the six
corresponding elements of the complex idea, which will therefore acquire

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greater vividness: while the four differing impressions of each will not only
acquire no greater strength than they had at first, but, in accordance with the
law of association, they will all tend to appear at once, and will thus
neutralise one another.
This mental operation may be rendered comprehensible by considering
what takes place in the formation of compound photographs — when the
images of the faces of six sitters, for example, are each received on the
same photographic plate, for a sixth of the time requisite to take one
portrait. The final result is that all those points in which the six faces agree
are brought out strongly, while all those in which they differ are left vague;
and thus what may be termed a g e n e r i c portrait of the six, in
contradistinction to a s p e c i f i c portrait of any one, is produced.« — Eine
ähnliche Anschauung von der Entstehung des Begriffes durch
Übereinanderlagerung, wobei Verstärkung des Gleichartigen, Auslöschen
des Ungleichartigen stattfindet, kennt auch schon H e r b a r t (Psychologie
als Wissenschaft, II, § 122), der freilich den Unterschied zwischen
logischem und psychologischem Begriff ausgezeichnet verstanden und
klargelegt hat (a. a. O., § 119). — Av e n a r i u s: Kritik der reinen
Erfahrung, Bd. II, Leipzig 1890, S. 298 ff. — M a c h, Die ökonomische
Natur der physikalischen Forschung, Populär-wissenschaftliche
Vorlesungen, Leipzig 1896, S. 217 ff. Tiefer gräbt M a c h in den »Prinzipien
der Wärmelehre, historisch-kritisch entwickelt«, 2. Aufl., Leipzig 1900,
S. 415 f., 419 f.
(S. 248, Z. 7 v. u.) Das Urteil existiert; als Voraussetzung dessen, daß
es existiert, immaniert ihm die Annahme eines Zusammenhanges zwischen
dem Menschen und dem All, erkenntniskritisch ausgedrückt, einer
Beziehung des D e n k e n s zum S e i n. Diesen Zusammenhang, diese
Beziehung zu ergründen ist das Hauptproblem aller theoretischen
Philosophie, wie es das Hauptproblem aller praktischen Philosophie ist, das
Verhältnis des S o l l e n s zum Sein festzustellen. Insofern also das Urteil
i s t, ist der Mensch der Mikrokosmus.
(S. 249, Z. 15.) Der Ausdruck »i n n e r e U r t e i l s f o r m« bei Wilhelm
J e r u s a l e m, Die Urteilsfunktion, eine psychologische und
erkenntniskritische Untersuchung, Wien und Leipzig, 1895, S. 80.

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(S. 251, Z. 19.) L e i b n i z: Monadologie No. 31 (Opera philosophica,
ed. Erdmann, p. 707): »Nos raisonnements sont fondés sur deux grands
principes, c e l u i d e l a c o n t r a d i c t i o n, en vertu duquel nous jugeons
faux ce qui en enveloppe, et vrai ce qui est opposé ou contradictoire au
faux; [no. 32] e t c e l u i d e l a r a i s o n s u f f i s a n t e, en vertu duquel
nous considérons, qu'aucun fait ne serait se trouver vrai ou existant, aucune
énonciation véritable, sans qu'il y ait une raison suffisante, pourquoi il en
soit ainsi et non pas autrement, quoique ces raisons le plus souvent ne
puissent point nous êtres connues.«
(S. 253, Z. 2.) Über die geringere Kriminalität der Frauen vergleiche
z. B. den Artikel des Dr. G. M o r a c h e, Die Verantwortlichkeit des Weibes
vor Gericht in der »Wage« vom 14. März 1903, S. 372–376. Es heißt dort:
»Die Zahl der Frauen übersteigt die der Männer ganz erheblich; in
Frankreich weniger als anderswo, aber auch hier ist der Unterschied ein
merklicher; wäre nun die weibliche Kriminalität der des Mannes gleich, so
müßten die Zahlen, die sie zum Ausdruck bringen, ebenfalls ziemlich gleich
sein.
Greifen wir nun drei beliebige Zahlen heraus; wenn man will, 1889,
1890, 1891. Während dieser Zeit sind 2970 Männer wegen schwerer
Verbrechen (Mord, Kindesmord, Verbrechen gegen die Sittlichkeit) vor
Gericht gestellt worden, während man 745 Frauen in dem nämlichen
Zeitraum derselben Verbrechen anklagte. Die Kriminalität des Weibes wird
also durch eine Zahl ausgedrückt, die ein Viertel der männlichen beträgt,
oder mit anderen Worten, es werden von vier Verbrechen drei von Männern
begangen und eines von Frauen. Selbst wenn wir das Verbrechen des
Kindesmordes beiseite lassen, für das eigentlich nur der Mann
verantwortlich ist, denn er ist ja der Autor, so findet man, daß bei den
wegen gemeiner Verbrechen Angeklagten nur 211 Frauen auf 2954 Männer
kommen; das Weib ist also 14mal weniger verbrecherisch als der Mann.
An Auslegungen dieser unleugbaren Tatsachen — denn sie zu
bestreiten wäre unmöglich — fehlt es nicht. Man sagt, die
Körperkonstitution des Weibes eigne sich nicht zur Gewalttat, die die
Mehrzahl der verbrecherischen Handlungen aufzuweisen haben; sie sei für
die Verbrechen mit bewaffneter Hand, für den Einbruch nicht geschaffen.
Man behauptet, wenn sie das Verbrechen auch nicht materiell begeht, so
suggeriere sie es doch und habe ihren Nutzen davon; moralisch sei sie der

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Urheber und um so schuldiger, weil sie im Dunklen handelt und mit der
Hand eines anderen schlägt. So kommt man auf das alte Wort zurück:
Cherchez la femme ... Die italienische Schule hat recht wohl erkannt, daß
das Weib vom materiellen Standpunkt weniger verbrecherisch ist als der
Mann, doch sie gibt für diese Tatsache eine interessante Erklärung; der
Verbrecher stiehlt und mordet, um sich ohne Arbeit das Geld zu
verschaffen, das Müßiggang und Vergnügen gewährt. Das Weib besitzt, um
zu demselben Zweck zu gelangen, ein weit einfacheres Mittel. Sie treibt
Handel mit ihrem Körper, sie verkauft sich. Addiert man die Zahl der
Verbrecherinnen zu der der käuflichen Frauen, so kommt man zur Zahl der
männlichen Kriminalität.
Die Theorie scheint befriedigend, ist aber paradox. Außerdem ist sie
grundfalsch: denn wenn man auch die Zahl der unter Anklage gestellten
Verbrecherinnen kennt, so kann man doch nicht einmal annähernd die Zahl
der Frauen abschätzen, die unter irgend einer Maske und unter ganz
verschiedenen Modalitäten aus ihren Reizen Nutzen ziehen.«
Soweit Morache. Abgesehen von der Oberflächlichkeit der Meinung,
die das Verbrechen des Gewinnes halber geschehen läßt, wäre noch zu
bemerken, daß es genug Frauen vom Prostituiertentypus gibt, die sich gar
nicht des Geldes oder Schmuckes wegen prostituieren, sich jedem Kutscher,
der ihre Begierde erregt, hingeben, nicht also um noch höheren Luxus
treiben zu können, Frauen aus den höchsten und reichsten Kreisen. —
Vergleiche ferner E l l i s, Mann und Weib, S. 364 ff. und die dort citierte
reiche Literatur. L o m b r o s o - F e r r e r o, Das Weib als Verbrecherin und
Prostituierte, Hamburg 1894, zweiter Teil: Kriminologie des Weibes,
S. 193 ff. und besonders Paul N ä c k e, Verbrechen und Wahnsinn beim
Weibe, mit Ausblicken auf die Kriminal-Anthropologie überhaupt, Wien
und Leipzig 1894, mit sehr vollständigem Literaturverzeichnis auf S. 240
bis 255.
(S. 254, Z. 19 f.) Darum ist die Frau auch nicht h ä ß l i c h, während der
Verbrecher häßlich ist.
(S. 255, Z. 16.) Von diesem Gesichtspunkt aus behandeln die
Krankenpflege des Weibes E. L e y d e n, Weibliche Krankenpflege und
weibliche Heilkunst, Deutsche Rundschau, XIX, 1879, S. 126–148, Franz
K ö n i g, Die Schwesternpflege der Kranken, Ein Stück moderner

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Kulturarbeit der Frau, a. a. O. LXXI, 1892, S. 141–146, Julius D u b o c,
Fünfzig Jahre Frauenfrage in Deutschland, Geschichte und Kritik, Leipzig
1896, S. 18 f. — Über den h y s t e r i s c h e n Charakter mancher
Krankenpflege (der nach Kapitel XII wohl begreiflich wird) vgl. F r e u d s
Bemerkungen in B r e u e r und F r e u d s Studien über Hysterie, Leipzig und
Wien 1895, S. 141.
(S. 259, Z. 8 f.) M a c h, Die Analyse der Empfindungen, 3. Aufl.,
1902, S. 14.
(S. 259, Z. 16.) Sie ist z. B. abgedruckt bei Karl P e a r s o n, The
Grammar of Science, London 1892, p. 78.
(S. 259, Z. 14 v. u.) K a n t: in der »Grundlegung zur Metaphysik der
Sitten«, S. 60, ed. Kirchmann.
(S. 260, Z. 5 v. u.) Das Wort »Eigenwert« stammt nicht von mir,
sondern ist, wie ich glaube, zuerst gebraucht von August D ö r i n g,
Philosophische Güterlehre 1888, S. 56, 319 ff.
(S. 262, Z. 4 f.) K a n t, Anthropologie, S. 234, ed. Kirchmann:
»Der Mann ist eifersüchtig, w e n n er l i e b t; die Frau auch ohne daß
sie liebt; weil so viele Liebhaber, als von anderen Frauen gewonnen
wurden, doch ihrem Kreise der Anbeter verloren sind.«
(S. 262, Z. 8.) Beweis: es gibt wohl Kameradschaft zu mehren,
Freundschaft aber nur zu zweien.
(S. 263, Z. 13 v. u.) Das Phänomen der Galanterie hoffe ich anderswo
zu analysieren. Auch K a n t spricht (Fragmente aus dem Nachlaß, ed.
Kirchmann, Bd. VIII, S. 307) von der »Beleidigung der Weiber, in der
Gewohnheit, ihnen zu schmeicheln.«
(S. 264, Z. 14 v. u.) Vgl. Auguste C o m t e, Cours de Philosophie
positive, 2ième éd., par E. Littré, Vol. III, Paris 1864, p. 538 f. Er spricht
vom »vain principe fondamental de l ' o b s e r v a t i o n i n t é r i e u r e« und
der »profonde absurdité que présente la seule supposition, si évidemment
contradictoire, de l'homme se regardant penser.«
(S. 264, Z. 7 v. u.) Friedrich J o d l, Lehrbuch der Psychologie, 2. Aufl.,
Bd. II, Stuttgart und Berlin 1903, S. 103.

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(S. 265, Z. 4.) M i l l: in seinem Buche gegen H a m i l t o n (nach Pierre
J a n e t, L'Automatisme psychologique, 3ième éd., Paris 1899, p. 39 f., wo
zum Ich-Problem manches in Deutschland weniger Bekannte angeführt
wird). M a c h: Die Analyse der Empfindungen, 3. Aufl. 1902, S. 3, 18 f. —
Übrigens sagt bereits H u m e (Treatise I, 4, 6, p. 454 der ersten Ausgabe,
Vol. I, London 1739): »Memory is to be considered as the source of
personal identity.«
(S. 266, Z. 2.) Heinrich S c h u r t z, Altersklassen und Männerbünde,
Eine Darstellung der Grundformen der Gesellschaft, Berlin 1902.
(S. 266, Z. 6.) P a s c a l: Pensées I, 7, 1 »Misère de l'homme«.
(S. 266, Z. 16.) Über die Kleptomanie der Weiber vgl. Albert M o l l,
Das nervöse Weib, Berlin 1898, S. 167 f. Paul D u b u i s s o n, Les voleuses
des grands magasins, Archives d'Anthropologie criminelle, XVI, 1901, p.
1–20, 341–370.
(S. 266, Z. 8 v. u.) Eduard von H a r t m a n n, Phänomenologie des
sittlichen Bewußtseins, Prolegomena zu jeder künftigen Ethik, Berlin 1879,
S. 522 f. macht die zutreffende Bemerkung:
»Fast alle Weiber sind geborne Defraudantinnen aus Passion. Wenige
nur werden sich entschließen, zu viel erhaltene Ware oder zu viel
herausbekommenes Geld zurückzuliefern; sie trösten sich damit, der
Kaufmann habe ja doch genug an ihnen verdient, und es könne ihnen ja
nicht bewiesen werden, daß sie sich ihrer Unterschlagung bewußt gewesen
seien.«
(S. 267, Z. 20.) Über die Buschmänner, K l e m m, Allgemeine
Kulturgeschichte der Menschheit, Leipzig 1844, Bd. I, S. 336.
(S. 268, Z. 4 v. u. ff.) Hier darf ich K a n t selbst für meine Anschauung
von der Seelenlosigkeit des Weibes in Anspruch nehmen. Er sagt
(Anthropologie, S. 234, ed. Kirchmann): »‚Was die Welt sagt, ist w a h r,
und was sie t h u t, gut’ ist ein weiblicher Grundsatz, der sich schwer mit
einem C h a r a k t e r, in der engen Bedeutung des Wortes, vereinigen läßt.«
Er fügt allerdings hinzu: »Es gab aber doch wackere Weiber, die, in
Beziehung auf ihr Hauswesen, einen dieser ihrer Bestimmung
angemessenen Charakter mit Ruhm behaupteten.« Jedenfalls wird niemand
mit Ruhm behaupten, daß diese Einschränkung den »intelligiblen

Page 530

Charakter« des Weibes retten könne, der nach der Kantischen Hauptlehre
Zweck an sich selbst ist. — Wenn übrigens ein Kantianer, der nur am
Wortlaut des Meisters kleben würde, der ganzen Darlegung entgegenhielte,
daß nach Kant der intelligible Charakter a l l e n vernünftigen Wesen
zukomme, so ist zu erwidern, daß das Weib eben keine Vernunft im
Kantischen Sinne hat. Da das Weib keine Beziehung zu den Werten hat, so
ist der Schluß auf das Fehlen des wertenden Gesetzgebers gerechtfertigt.
(S. 269, Z. 14.) Der abgrundtiefe Unterschied zwischen dem
psychischen Leben des Mannes und der Frau wird noch immer, vielleicht
selbst in diesem Buche, seiner Bedeutung und Tragweite nach unterschätzt.
Nur selten finden sich hievon Ahnungen, wie bei Heinrich S p i t t a, Die
Schlaf- und Traumzustände der menschlichen Seele mit besonderer
Berücksichtigung ihres Verhältnisses zu den psychischen Alienationen, 2.
Aufl., Tübingen 1882, S. 301: »Ein entscheidender, durchgreifender Einfluß
auf das gesamte seelische Leben liegt zunächst in dem
Geschlechtsunterschied begründet; dieser Teilungsstrich, den die Natur
hiemit durch die ganze Menschenwelt gezogen hat, dokumentiert sich auf
allen Gebieten des psychischen Lebens. Alles Fühlen, Wollen, Begehren,
mit einem Worte die ganze Vorstellungsweise, alles Dichten und Trachten
erhält durch den Unterschied der beiden Geschlechter einen eigenartigen
Typus, welcher im Verlauf der einzelnen Lebensalter sich immer mehr
ausprägt und damit gleichsam die Form bildet, unter welcher und in
welcher ein jeder das Ganze seiner eigenen Geisteswelt in der ihm
eigentümlichen Weise erfaßt. Der Unterschied im Seelenleben zwischen
Mann und Weib ist ein ungeheuerer, ein bis in die kleinsten Details hinein
sich erstreckender ....«
(S. 269, Z. 5 v. u.) Friedrich Albert L a n g e, Geschichte des
Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart, Buch II, 5.
Aufl., Leipzig 1896, S. 381.
(S. 273, Z. 1 ff.) Vgl. hiemit Theodor L i p p s, Suggestion und
Hypnose, Sitzungsberichte der philosophisch-historischen Klasse der
königlichen Akademie der Wissenschaften zu München, 1897/II, S. 520:
»Psychologisch ist das Ganze jederzeit mehr und in gewissem Sinne
jederzeit eher als der Teil.« Und besonders Wilhelm D i l t h e y s mehrfach
erwähnte charakterologische Abhandlungen.

Page 531

(S. 274, Z. 4 ff.) Vgl. K a n t, Kritik der reinen Vernunft, S. 289, ed.
Kehrbach.
(S. 274, Z. 17.) Eine mit meiner Darstellung in gewissen Punkten sich
berührende, sehr interessante Abhandlung ist die von Oskar E w a l d, Die
sogenannte empirische Psychologie und der Transcendentalismus Kants,
Die Gnosis, Halbmonatsschrift, Wien, 5. März 1903, S. 87–91. Ewalds
Absicht läuft auf eine psychologische Kategorienlehre hinaus, als auf eine
Tafel jener Verstandesbegriffe (»Wille, Kraft und psychische Aktivität«),
die psychologische Erfahrung erst möglich machen sollen. Kant habe nur
die eine Hälfte der Arbeit, den naturwissenschaftlichen Teil, geleistet, den
anderen noch zu tun gelassen. Ich kann mich dieser Auffassung nicht
anschließen, weil es nach ihr zweierlei Erfahrung, eine äußere und eine ihr
b e i g e o r d n e t e innere, geben müßte, und weil der Zusammenhang des
psychischen Lebens ein unmittelbar erlebter ist, und aus seiner
Beobachtung Erfahrungssätze von höherer als komparativer Allgemeinheit
geschöpft werden können (vgl. S. 220). Aber mit diesen Einwendungen
möchte ich das von E w a l d angeregte Problem keineswegs erledigt haben.
Es ist dieses Problem, weit genug verfolgt, vielleicht das tiefste
philosophische Problem überhaupt, oder identisch mit diesem; denn das
Verhältnis von Begriff und Anschauung, von Freiheit und Notwendigkeit
spielt hier herein. Und schließlich hängt diese ganze Frage aufs innigste mit
dem Postulate der Unabhängigkeit der Erkenntnistheorie von der
Psychologie zusammen. Ich kann hierauf nicht näher eingehen, und möchte
auf jenen bedeutungsvollen, bloß an etwas okkultem Orte publizierten
Gedanken hier nur hingewiesen haben.
(S. 275, Z. 3.) E. M a c h, Die Analyse der Empfindungen und das
Verhältnis des Physischen zum Psychischen, 3. Aufl., Jena 1902, S. 60 f.
(S. 275, Z. 6 v. u. ff.) Die französischen Verse aus Edmond R o s t a n d,
Cyrano de Bergerac, Acte I, Scène IV (Paris 1898, p. 43).
(S. 276, Z. 4 ff.) Die hier bekämpften Anschauungen sind die von
M a c h, Die Mechanik, 4. Aufl., Leipzig 1901, S. 478 ff.
(S. 276, Z. 8 v. u.) Wilhelm W i n d e l b a n d, Geschichte und
Naturwissenschaft, Rektoratsrede, Straßburg 1894.

Page 532

(S. 277, Z. 5.) v. S c h r e n c k - N o t z i n g, Über Spaltung der
Persönlichkeit (sogenanntes Doppel-Ich), Wien 1896, erwähnt auf S. 6 nach
P r o u s t einen Fall (den einzigen mir aus der Literatur bekannt
gewordenen) eines männlichen Hysterikers mit »condition prime« und
»condition seconde«. Es sind gewiß noch einige Fälle mehr beobachtet
worden; aber jedenfalls verschwinden sie an Zahl vor der Menge der Frauen
mit derartigem psychischen Zustandswechsel. Daß es Männer mit
»mehrfachem Ich« gibt, beweist nichts gegen die Thesen des Textes; denn
der Mann kann eben auch jene eine Möglichkeit von den unzähligen in ihm
verwirklichen, er kann auch Weib werden (vgl. S. 241, 359, 398 f.).
(S. 277, Z. 19.) So sagt Heinrich H e i n e in einem sehr schlechten
Gedichte (Letzte Gedichte, zum »Lazarus« 12):
Die Gestalt der wahren Sphinx
Weicht nicht ab von der des Weibes.
Faselei ist jener Zusatz
Des betatzten Löwenleibes.

Todesdunkel ist das Rätsel
Dieser wahren Sphinx. Es hatte
Kein so schweres zu erraten
Frau Jokastens Sohn und Gatte.

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Zu Teil II, Kapitel 10.
(S. 283, Z. 8–10) Nur 34% der eigentlichen Prostituierten bringen
Kinder zur Welt (nach C. L o m b r o s o und G. F e r r e r o, Das Weib als
Verbrecherin und Prostituierte, übersetzt von H. Kurella, Hamburg 1894,
S. 540).
(S. 283, Z. 16 v. u. f.) Die hier abgewiesene Meinung ist vor allem
eine bekannte Lehre sozialdemokratischer Theoretiker, insbesondere August
B e b e l s (Die Frau in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, 9. Aufl.,
Stuttgart 1891, S. 140 ff.): »Die Prostitution eine nothwendige soziale
Institution der bürgerlichen Welt.« »So wird die Prostitution zu einer
nothwendigen sozialen Institution für die bürgerliche Gesellschaft, ganz wie
Polizei, stehendes Heer, Kirche, Unternehmerschaft u. s. w.«
(S. 284, Z. 18 f.) Vgl. über diese der Prostitution gezollten Ehrungen
Heinrich S c h u r t z, Altersklassen und Männerbünde, Eine Darstellung der
Grundformen der Gesellschaft, Berlin 1902, S. 198 f. Auch L o m b r o s o -
F e r r e r o, Das Weib als Verbrecherin und Prostituierte, Hamburg 1894,
S. 228 ff.; über die Phönicier, S. 230.
(S. 285, Z. 10.) Der hier berichtigte Gedanke S c h o p e n h a u e r s ist
ausgesprochen in der »Welt als Wille und Vorstellung«, Bd. II, S. 630,
Grisebach.
(S. 285, Z. 20.) Johannes M ü l l e r, Handbuch der Physiologie des
Menschen für Vorlesungen, II. Bd., 2. Abt. Coblenz 1838, S. 574 f.: »Beim
Versehen ..... soll etwas Positives gebildet werden, und die Form des
Gebildes soll der Form in der Vorstellung entsprechen. Diese Wirkung ist
schon deswegen unwahrscheinlich, weil sie sich von einem Organismus auf
den anderen erstrecken soll; die Verbindung von Mutter und Kind ist aber
nichts anderes als eine möglichst innige Juxtaposition zweier an und für
sich ganz selbständiger Wesen, welche sich mit ihren Oberflächen anziehen
und wovon das eine die Nahrung und Wärme abgibt, die sich das andere
aneignet. [Dies eben, die Ansicht von der bloßen Juxtaposition, ist falsch.
Vgl. im Texte S. 296.] Aber abgesehen davon läßt sich diese alte und höchst
populäre Superstition vom Versehen durch viele andere Gründe entkräften.

Page 534

Ich habe Gelegenheit, die meisten Monstra zu sehen, welche in der
preußischen Monarchie geboren werden. Gleichwohl kann ich behaupten,
daß mir trotz dieser großen Gelegenheit in der Regel nichts Neues in dieser
Weise vorkommt, und daß sich hiebei nur gewisse Formen wiederholen,
welche den großen Reihen der Hemmungsbildungen, Spaltbildungen,
Defekte, Verschmelzungen seitlicher Teile mit Defekt der mittleren u. s. w.
angehören ..... Bedenkt man ferner, daß sich jede Schwangere während der
Zeit ihrer Schwangerschaft gewiß oft erschreckt, und daß sehr viele sich
gewiß wenigstens einmal, wenn nicht mehrere Male versehen, ohne daß
dies irgend eine Folge hat, so wird es, falls eine Monstrosität irgendwo
geboren wird, gewiß nicht an Gelegenheit fehlen, diese auf eine dem
populären Glauben entsprechende Weise zu erklären. Die vernünftige Lehre
vom Versehen reduziert sich daher darauf, daß jeder heftige
leidenschaftliche Zustand der Mutter auf die organische Wechselwirkung
zwischen Mutter und Kind einen ebenso, plötzlichen Einfluß haben, und
demzufolge auch eine Hemmung der Bildungen oder ein Stehenbleiben der
Formationen auf gewissen Stufen der Metamorphose herbeiführen kann,
ohne daß jedoch die Vorstellung der Mutter auf die Stelle, wo sich
dergleichen Retentionen erzeugen, Einfluß haben könne u. s. w.«
Th. B i s c h o f f, Artikel: »Entwicklungsgeschichte mit besonderer
Berücksichtigung der Mißbildungen« in Rudolf Wagners Handwörterbuch
der Physiologie, Bd. I, Braunschweig 1842, S. 885 bis 889. Zunächst
S. 886: »M e c k e l hat mit Recht zuerst darauf aufmerksam gemacht, daß in
der Frage nach dem Versehen, wie sie gewöhnlich aufgestellt wird, meistens
zwei wesentlich verschiedene eingeschlossen sind, nämlich erstens die:
können Affekte der Mutter auf die Entwicklung des neuen Organismus
einen Einfluß haben? Und zweitens die: können Affekte der Mutter, die
durch einen bestimmten Gegenstand veranlaßt werden, die Bildung des
neuen Organismus dergestalt verändern, daß derselbe jenem Gegenstande
gleich oder ähnlich wird? Wenn nun gleich die Erfahrung oft zeigt, daß sich
der Fötus sehr selbständig, sowohl von den körperlichen als psychischen
Zuständen der Mutter entwickeln kann, und demnach durchaus keine
notwendige Beziehung zwischen beiden sich vorfindet, so haben doch
anderseits tausende von Fällen die Abhängigkeit der Entwicklung der
Frucht von den körperlichen und psychischen Zuständen der Mutter so
entschieden nachgewiesen, daß die erste Frage nur ganz unbedingt bejahend
beantwortet werden kann ..... Es ist in vielen Fällen wirklich wahr gewesen

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und ereignet sich noch, daß ein heftiger Schrecken oder Gemütsbewegung
der Mutter eine Mißbildung veranlaßt hat, ohne daß indessen die Form
derselben dem Gegenstande jenes Schreckens entspräche. Wir sehen aber,
wie sich hieraus unter Beihilfe der Phantasie, die Ähnlichkeiten schafft, wo
keine sind, viele Angaben erklären lassen. Allein auch noch für diese
Ähnlichkeiten sind wir imstande, nähere Erklärungen und Aufschlüsse zu
geben .....« »So ist es erklärlich, wie Furcht und Schrecken, deprimierende
und schwächende Einflüsse Störungen und Hemmungen in der Ausbildung
der Frucht hervorbringen können, welche zufällig und einzelne Male selbst
eine gewisse Ähnlichkeit mit den Objekten des Affektes haben können.« Er
macht im weiteren achterlei Gründe namhaft, »welche man gegen die
Erklärung der Entstehung gewisser Mißbildungen durch Affekte der Mutter,
veranlaßt durch, diesen Mißbildungen ähnliche, Gegenstände aufwerfen
muß«, bekannte Argumente, die ich hier nicht alle wiederholen kann, und
kommt zu dem Schlusse: »Nehmen wir zu diesem allen noch hinzu, daß wir
die meisten Mißbildungen aus den Entwicklungsgesetzen und anderen
naturwissenschaftlich zu analysierenden Ursachen erklären können, s o
wird wohl jedermann zugestehen müssen, daß das
Ve r s e h e n z u m w e n i g s t e n n u r a l s e i n e s e h r s e l t e n e u n d
beschränkte Ursache der Mißbildungen angenommen
w e r d e n k a n n.« S. 885: »Schon H i p p o k r a t e s verteidigte eine
Prinzessin, welche in den Verdacht des Ehebruches gekommen war, weil sie
ein schwarzes Kind gebar, dadurch, daß zu den Füßen ihres Bettes das Bild
eines Negers gehangen habe ..... Später scheint es, daß vorzüglich der
unglückliche und verderbliche Wahn, die Mißbildungen seien Wirkungen
des göttlichen Zornes oder dämonischer und sodomitischer Abstammung,
den Glauben an das Versehen vorzüglich bestärkt haben. Die unglücklichen
Mütter solcher Mißbildungen waren natürlich gerne bereit, den auf sie
fallenden schrecklichen Verdacht und die ihm so oft folgenden grausamen
Strafen dadurch von sich abzuwenden, daß sie die Annahme des Versehens
so sehr als möglich unterstützten. So wurde sie denn die allgemein
verbreitetste, und der Phantasie wurde es nicht schwer, für die Formen der
Mißbildungen äußere Objekte als Ursachen aufzufinden.«
Charles D a r w i n: Das Variieren der Tiere und Pflanzen im Zustande
der Domestikation, übersetzt von J. Viktor Carus, II. Bd., 2. Aufl. Stuttgart
1873, S. 301 (Kapitel 22).

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Ablehnendes Verhalten der Züchtungstheoretiker: Hermann
S e t t e g a s t, Die Tierzucht, 4. Aufl., I. Bd.; Die Züchtungslehre, Breslau
1878, S. 100 bis 102, 219 bis 222. S. 219: »Der Glaube an die Möglichkeit
des Versehens ist uralt. Schon die Bibel erzählt uns (1. Buch Mose, Kap. 30,
Vers 37 bis 39), daß der Erzvater Jakob es verstand, ein ‚Versehen’ der
Mutterschafe künstlich hervorzurufen und auf diese Weise scheckige
Lämmer zu erzeugen. Er tat nämlich Holzstäbe, die durch stellenweises
Abschälen der Rinde ein scheckiges Aussehen gewonnen hatten, in
Tränkrinnen. Es mag dahingestellt bleiben, ob Jakob der Meinung war, daß
das Versehen an diesen bunten Holzstäbchen während des Bespringens der
Mutterschafe, das an den Tränktrögen bewerkstelligt worden zu sein
scheint, vor sich gehen werde, oder daß die s c h o n t r a g e n d e n
Mutterschafe im Anblick der auffallenden Gegenstände, die ihnen beim
Trinken vor die Augen gerückt wurden, und den bunten Stäben
entsprechend scheckige Lämmer bringen müßten. Seinen gewinnsüchtigen
Zweck hat aber Jakob erreicht und dadurch den Grund zu seiner
Wohlhabenheit gelegt. Bis auf den heutigen Tag finden Schilderungen
ähnlicher Art Gläubige.« In einer Anmerkung hiezu: »Äußert sich doch
noch im Jahre 1874 Dr. J. in einer der gelesensten und geachtetsten
Zeitungen Deutschlands unter anderem wie folgt: ‚Es ist eine eigentümliche
Erfahrung, welche der Züchter macht, daß durch die Imagination des
Muttertieres, zumal wenn es tragend ist, sich die Farbe der es umgebenden
Gegenstände und besonders die Farbe der Tiere von seiner nächsten
Umgebung auf die Nachkommenschaft häufig überträgt. So ist es sehr oft
beobachtet worden, daß der wiederholte und reichliche Verbrauch von
Kalkanstrich den Ställen und Verschlägen, worin sich eine
Rinderzuchtherde befindet, erheblich das Verhältnis der weißen oder
weißscheckigen Kälber vermehrt, die geboren werden.’ Solche und ähnliche
Erzählungen legen Zeugnis von der Leichtfertigkeit ab, womit kritiklos und
aus Sucht, dem Leser Pikanterien zu bieten, unbegründete Behauptungen
mit dem Gewande sogenannter Erfahrungen umkleidet werden.« »..... Der
Umstände und Tatsachen, welche gegen die Möglichkeit des Versehens
sprechen, gibt es so viele, daß es uns fast wie ein Rest von Aberglauben
vorkommen will, wenn man an dieser haltlosen Theorie, durch die
auffallende Formen erklärt werden sollen, ferner festhält.«
Endlich sei als ein Gynäkologe angeführt Max R u n g e, Lehrbuch der
Geburtshilfe, 6. Aufl., Berlin 1901, S. 82 f.: »Die Frage, ob starke

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psychische Eindrücke, welche eine Schwangere treffen, Einfluß auf die
Entstehung körperlicher Verbildungen oder geistiger Defekte der Frucht
haben können, spielt bei vielen Laien eine große Rolle (Versehen der
Schwangeren). Von der neueren wissenschaftlichen Medizin ist bis auf die
jüngste Zeit die Frage abgelehnt worden, und insbesondere die Möglichkeit
eines Kausalzusammenhanges zwischen psychischem Eindruck und einer
vorliegenden Mißbildung des Kindes auf das bestimmteste geleugnet
worden. In neuester Zeit hat man die genannte Frage aber doch einer
Diskussion wert erachtet. Mag die Frage also wissenschaftlich noch
diskutabel sein, für die Praxis gilt auch heute noch der Rat, bei
Schwangeren und ihrer Umgebung den Glauben an das sogenannte
Versehen ernstlich zu bekämpfen.«
R u n g e spielt hier an auf die Abhandlungen von J. P r e u ß, Vom
Versehen der Schwangeren, Berliner Klinik, Heft 51 (1892), B a l l a n t y n e,
Edinburgh Medical Journal, Vol. XXXVI, 1891 und die Arbeit Gerhards
von We l s e n b u r g, Das Versehen der Frauen in Vergangenheit und
Gegenwart und die Anschauungen der Ärzte, Naturforscher und
Philosophen darüber, Leipzig 1899. v. Welsenburgs ausführliche
Zusammenstellung läßt am Schlusse die Frage unentschieden.
Über das Versehen und die sicher übertriebene Sucht, alle
Mißbildungen hierauf als einzige Ursache zurückzuführen vgl. noch P l o ß,
Das Weib in der Natur- und Völkerkunde, 7. Aufl., 1902, Bd. I, S. 809 bis
811. Benjamin B a b l o t, Dissertation sur le pouvoir de l'imagination des
femmes enceintes. E. v. F e u c h t e r s l e b e n, Die Frage über das Versehen
der Schwangeren, zergliedert in den Verhandlungen der k. k. Gesellschaft
der Ärzte zu Wien, 1842, S. 430 f., und andere, worüber bei von
Welsenburg nachgelesen werden kann. Dieser führt auch zahlreiche
Fürsprecher des Versehens an (so B u d g e, S c h ö n l e i n, C a r u s,
B e c h s t e i n, Prosper L u c a s, G. H. B e r g m a n n, A. von S o l b r i g,
Theodor R o t h, Karl H e n n i g [die zwei letzteren in Virchows Archiv 1883,
1886], B i c h a t u. a.). Ich möchte nur noch erwähnen, was ein so
hervorragender, klarer und nüchterner Naturforscher wie Karl Ernst von
B a e r zu dieser Frage bemerkt hat (bei dem ebenfalls zu den Anhängern des
Versehens zählenden ausgezeichneten Karl Friedrich B u r d a c h, in dessen
Physiologie als Erfahrungswissenschaft, 2. Aufl. Bd. II, Leipzig 1837,
S. 127):

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»Eine schwangere Frau wurde durch eine in der Ferne sichtbare
Flamme sehr erschreckt und beunruhigt, weil sie dieselbe in der Gegend
ihrer Heimat erblickte. Der Erfolg lehrte, daß sie sich nicht geirrt hatte; da
der Ort aber sieben Meilen entfernt war, so dauerte es lange, bis man sich
hierüber Gewißheit verschaffte, und diese lange Ungewißheit mag
besonders auf die Frau eingewirkt haben, so daß sie lange nachher
versicherte, stets die Flamme vor Augen zu haben. Zwei oder drei Monate
nach dem Brande wurde sie von einer Tochter entbunden, welche einen
roten Fleck auf der Stirn hatte, der nach oben spitz zulief in Form einer
auflodernden Flamme; er wurde erst im siebenten Jahre unkenntlich. I c h
erzähle diesen Fall, weil ich ihn zu genau kenne, da er
m e i n e e i g e n e S c h w e s t e r b e t r i f f t, und weil die Klage über die
Flamme vor den Augen w ä h r e n d d e r S c h w a n g e r s c h a f t geführt,
und nicht, wie gewöhnlich, nach der Entbindung die Ursache der
Abweichung in der Vergangenheit aufgesucht wurde.«
(S. 286, Z. 9 ff.) Henrik I b s e n, Die Frau vom Meer, Zweiter Aufzug,
Siebenter Auftritt. — G o e t h e, Die Wahlverwandtschaften, Zweiter Teil,
Dreizehntes Kapitel. — v. We l s e n b u r g weist auch auf I m m e r m a n n s,
infolge eines bösen Traumes seiner Mutter mit einem hirschfängerartigen
Male unter dem Herzen gebornen Jäger aus dem »Münchhausen« hin (Buch
II, Kap. 7, S. 168–175, ed. Hempel).
Es ist von Interesse, zu hören, wie zwei Männer der Wissenschaft über
die bekannte Begebenheit aus den »Wahlverwandtschaften« sich äußern. H.
S e t t e g a s t, Die Tierzucht, 4. Aufl., Bd. I: Die Züchtungslehre, Breslau
1878, spricht S. 101 f. zuerst über die fragliche Beeinflussung des Embryo
durch Eindrücke der Mutter während der Gestation, und fährt dann fort: »Es
wird erzählt, es sei einst ein weißköpfiges Fohlen geboren worden infolge
des Umstandes, daß während des Beschälaktes im Gesichtskreise der
Zeugenden sich ein Knabe befand, der sich den Kopf mit einem weißen
Tuche verhüllt hatte. Ein scheckiges Fohlen ward geboren, nachdem die zur
Beschälstation geführte rossige Stute den Weg wiederholt in Gesellschaft
eines scheckigen Pferdes zurückgelegt hatte. In einem anderen Falle soll
das Scheckenkleid des Fohlens durch das plötzliche Erscheinen eines
scheckigen Jagdhundes während des Beschälaktes veranlaßt worden sein ...
Wollte man einwenden, daß es zweifelhaft sei, ob das, was d e r M e n s c h
für eine genug auffällige Erscheinung halte, die Einbildungskraft des

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zeugenden Tieres zu beschäftigen, auch von dem Tiere so angesehen werde,
so könnten aus der Erfahrung zahlreiche Fälle beigebracht werden, in denen
nachweisbar während der Begattung die Einbildungskraft eines der
Zeugenden mit einem sinnlichen Gegenstande beschäftigt sein mußte. So
gehört es z. B. in der Tierzucht zu den nicht ungewöhnlichen Mitteln, ein
männliches Tier zur Begattung mit einem von ihm nicht begehrten dadurch
zu vermögen, daß man eine seiner Favoritinnen in die Nähe der
Verschmähten bringt. Nun wird der Sprung nicht versagt, die durch die
Neigung des männlichen Individuums Begünstigte wird schnell zurück-,
und die Verschmähte zur Kopulation untergeschoben. N o c h n i e m a l s
hat man beobachtet, daß das Kind des so Betrogenen
dem Gegenstande seiner Neigung, mit dem seine
Phantasie während des Begattungsaktes beschäftigt sein
mußte, gleiche, und daß sich ein Prozeß vollziehe, den
Goethe in seinen Wa h l v e r w a n d t s c h a f t e n mit
dichterischer Meisterschaft geschildert hat. In das von
ihm beherrschte Gebiet der Phantasie und Dichtung
wird man die Ansicht von dem Einfluß seelischer
Eindrücke auf das Zeugungsprodukt zu verweisen
h a b e n .«
Viel bescheidener absprechend sagt Rudolf Wa g n e r, Nachtrag zu
Rud. Leuckarts Artikel »Zeugung« in Wagners Handwörterbuch der
Physiologie, Bd. IV, Braunschweig 1853, S. 1013: »Infolge heftigen
Schreckens kann Abortus entstehen. Anhaltender Gram kann ein
Gesamtleiden der Mutter zur Folge haben, welches Zerrüttung ihrer
Konstitution, schlechte Ernährung, Krankheiten des Fötus veranlassen
kann. Aber ein spezifischer Einfluß durch Eindrücke äußerer Gegenstände
auf die Schwangeren darf nicht zugegeben werden, und niemals kann die
Entstehung von Mißbildungen, von Muttermälern etc. damit in
Zusammenhang gebracht werden. We r i m S i n n e v o n G o e t h e s
Wa h l v e r w a n d t s c h a f t e n — w o d i e s e A n s i c h t m i t d e r f ü r
d e n M e n s c h e n k e n n e r e i g e n t ü m l i c h e n Ti e f e d u r c h g e f ü h r t
ist — einen Einfluß innerer Gedankenbildung im
Momente des Beischlafes auf die physische und
psychische Bildung der Frucht annehmen will, der wird
vom physiologischen Standpunkte weder zu widerlegen
sein, noch wird ihm seine Ansicht bestätigt werden

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k ö n n e n . Bis zu solcher Tiefe ist die Physiologie noch nicht
vorgeschritten, und es steht zu bezweifeln, daß sie je dahin gelangen werde.
We n n i c h m e i n s u b j e k t i v e s U r t e i l a u s s p r e c h e n s o l l , s o
muß ich jedoch gestehen, daß ich einen solchen Einfluß
d e r b l o ß e n Vo r s t e l l u n g i m M o m e n t e d e s Z e u g u n g s a k t e s
v i e l e h e r z u b e z w e i f e l n a l s a n z u n e h m e n g e n e i g t b i n .«
Schließlich sei noch erwähnt, daß auch K a n t das Versehen bestritten
hat, in der Abhandlung: Über die Bestimmung des Begriffs einer
Menschenrasse (Berliner Monatsschrift, November 1785, Bd. VIII, S. 131–
132, ed. Kirchmann): »Es ist klar, daß, wenn der Zauberkraft der
Einbildung oder der Künstelei der Menschen an tierischen Körpern ein
Vermögen zugestanden würde, die Zeugungskraft selbst abzuändern, das
uranfängliche Modell der Natur umzuformen oder durch Zusätze zu
verunstalten, die gleichwohl nachher beharrlich in den folgenden
Zeugungen aufbehalten würden, man gar nicht mehr wissen würde, von
welchem Originale die Natur ausgegangen sei, oder wie weit es mit der
Abänderung desselben gehen könne, und, da der Menschen Einbildung
keine Grenzen erkennt, in welche Fratzengestalt die Gattungen und Arten
zuletzt noch verwildern dürften. Dieser Erwägung gemäß nehme ich es mir
zum Grundsatze, gar keinen in das Zeugungsgeschäft der Natur
pfuschenden Einfluß der Einbildungskraft gelten zu lassen und kein
Vermögen der Menschen, durch äußere Künstelei Abänderungen in dem
alten Original der Gattungen oder Arten zu bewirken, solche in die
Zeugungskraft zu bringen und erblich zu machen. Denn lasse ich auch nur
einen Fall dieser Art zu, so ist es, als ob ich auch nur eine einzige
Gespenstergeschichte oder Zauberei einräumte u. s. w.«
(S. 287, Z. 14 v. u.) Daß den Prostituierten alle mütterlichen Gefühle
abgehen, darüber vgl. L o m b r o s o - F e r r e r o, S. 539 f. der deutschen
Ausgabe (Das Weib als Verbrecherin und Prostituierte, Hamburg 1894).
(S. 290, Z. 14.) Die Argumente, welche als moralische Begründungen
der Ehe angeführt werden, sind bare Sophisterei. Sogar vom Standpunkte
der Kantischen Ethik — und es gibt keine andere Ethik — hat man sie auf
folgende Weise aufrechtzuhalten gesucht, wie Theodor G. v. H i p p e l (Über
die Ehe, 3. Aufl., Berlin 1792, S. 150): »Nie ist der Mensch M i t t e l,
allemal ist er Z w e c k: nie Instrument, sondern Spielmann; nie kann er
genossen werden, sondern er ist Genießer! In der Ehe verbinden sich zwei

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Personen, einander gegenseitig zu genießen: das Weib will eine Sache für
den Mann seyn, und auch der Ehemann macht sich dagegen in bester Form
Rechtens verbindlich, sich dahin zu geben. Da beide sich zu Instrumenten
herabsetzen, auf denen wechselweise gespielt wird, so geht Null mit Null
auf: und dieser einzige Menschengenußkontrakt ist erlaubt, nöthig, göttlich
weise.« Ja K a n t selbst führt eine gleiche arithmetische Operation in seinen
»Metaphysischen Anfangsgründen der Rechtslehre« aus (§ 25, S. 88 f., ed.
Kirchmann): »Der natürliche Gebrauch, den ein Geschlecht von den
Geschlechtsorganen des anderen macht, ist ein G e n u ß, zu dem sich ein
Teil dem anderen hingibt. In diesem Akt macht sich der Mensch selbst zur
Sache, welches dem Rechte der Menschheit an seiner eigenen Person
widerstreitet. Nur unter der einzigen Bedingung ist dieses möglich, daß,
indem die eine Person von der anderen g l e i c h a l s S a c h e erworben
wird, diese gegenseitig wiederum jene erwerbe, denn so gewinnt sie
wiederum sich selbst und stellt ihre Persönlichkeit wieder her. Es ist aber
der Erwerb eines Gliedmaßes am Menschen zugleich Erwerbung der
ganzen Person — weil diese eine absolute Einheit ist — folglich ist die
Hingebung und Annehmung eines Geschlechtes zum Genuß des anderen
nicht allein unter der Bedingung der Ehe zulässig, sondern auch a l l e i n
unter derselben möglich.«
Diese Rechtfertigung berührt sehr eigentümlich. Es hebt sich
moralisch nicht auf, wenn zwei Menschen einander gleich viel stehlen. Zu
erklären ist diese Äußerung wohl nur aus der geringen Rolle, welche die
Frauen in Kantens psychischem Leben spielten, und der geringen Heftigkeit
der erotischen Neigungen, die er zu bekämpfen hatte.
(S. 291, Z. 14 f.) Vgl. Joseph H y r t l, Topographische Anatomie, 5.
Aufl., 1865, S. 559 f.: »Der Zusammendrückung der Ausführungsgänge der
einzelnen Drüsenlappen wird durch das Hartwerden der Warze vorgebeugt,
welche sich umsomehr steift, je größer der mechanische Reiz ist, welchen
die kindlichen Kiefer auf die Warze ausüben. Die zahlreichen Tastwärzchen
an der Oberfläche der Papille werden die Erfüllung der Mutterpflicht mit
einem wohltuenden Kitzel lohnen, der jedoch zu wenig wollüstig ist, um
jede Mutter für die Leistung der heiligsten Pflicht zu gewinnen.« [Wohl
aber jede Mutter nach dem im Texte entwickelten Begriffe einer
eigentlichen Mutterschaft im Gegensatze zur Dirnenhaftigkeit.] — Über die
Erection der Warze selbst vgl. L. L a n d o i s, Lehrbuch der Physiologie des

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Menschen, 9. Aufl., Wien und Leipzig 1896, S. 441: »Bei der Entleerung
der Milch wirkt nicht allein rein mechanisch das S a u g e n, sondern es
kommt eine a k t i v e T ä t i g k e i t d e r B r u s t d r ü s e hinzu. Diese besteht
zunächst in der Erection der Warze, wobei die glatten Muskeln derselben
zur Entleerung der Milch auf die Sinus der Gänge drücken, so daß dieselbe
sogar im Strahle hervorspritzen kann.« — Über die Uteruskontraktionen
Max R u n g e, Lehrbuch der Geburtshilfe, 4. Aufl., Berlin 1898, S. 180:
»Der Reiz der Warzen durch das Saugen löst Uteruskontraktionen aus.«
(S. 292, Z. 1 v. u.) Man vergleiche hiemit die folgenden Betrachtungen
J. J. B a c h o f e n s, die vielleicht tief genannt zu werden verdienen (Das
Mutterrecht, Stuttgart 1861, S. 165 f.): »Der Mann erscheint als das
bewegende Prinzip. Mit der Einwirkung der männlichen Kraft auf den
weiblichen Stoff beginnt die Bewegung des Lebens, der Kreislauf des
ὁρατὸς κόσμος. War zuvor alles in Ruhe, so hebt jetzt mit der ersten
männlichen Tat jener ewige Fluß der Dinge an, der durch die erste κίνησις
hervorgerufen wird, und, nach Heraklits bekanntem Bilde, in keinem
Augenblicke völlig derselbe ist. Durch Peleus' Tat wird aus Thetis'
unsterblichem Mutterschoße das Geschlecht der Sterblichen geboren. Der
Mann bringt den Tod in die Welt. Während die Mutter für sich der
Unsterblichkeit genießt, geht nun, durch den Phallus erweckt, aus ihrem
Leibe ein Geschlecht hervor, das gleich einem Strome immer dem Tode
entgegeneilt, gleich Meleagers Feuerbrand stets sich selbst verzehrt.« Auch
S. 34 f. ist von Bachofen manches Schöne über die im »demetrisch-
tellurischen Prinzipe« gelegene Art der Unsterblichkeit gesagt.
(S. 293, Z. 4 f.) S c h o p e n h a u e r, Die Welt als Wille und Vorstellung,
Bd. II, Buch 4, Kapitel 41.
(S. 294, Z. 18.) S c h o p e n h a u e r, Die Welt als Wille und Vorstellung,
Bd. II, Buch 4, Kapitel 44: »Der Endzweck aller Liebeshändel, sie mögen
auf dem Soccus oder dem Kothurn gespielt werden, ist ... wichtiger als alle
anderen Zwecke im Menschenleben, und daher des tiefen Ernstes, womit
jeder ihn verfolgt, völlig wert. Das nämlich, was dadurch entschieden wird,
ist nichts Geringeres als die Z u s a m m e n s e t z u n g d e r n ä c h s t e n
G e n e r a t i o n u. s. w.«
(S. 295, Z. 26.) Z. B. sagt der freilich auch sonst überaus flache und
unoriginelle Eduard von H a r t m a n n, der jetzt von manchen, wie es

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scheint, bloß weil er kein Universitätsprofessor ist, schon für einen großen
Denker gehalten wird, in seiner »Phänomenologie des sittlichen
Bewußtseins, Prolegomena zu jeder künftigen Ethik« (Berlin 1879),
S. 268 f.: »Man denke ... an ein vom naivsten aber rücksichtslosesten und
schamlosesten Egoismus beseeltes Weib, das von dem Tage an, wo es
Mutter wird, mit der ganzen Naivität des weiblichen Gefühls ihr Selbst auf
die Personen ihrer Kinder mit ausdehnt, kein Opfer für das Wohl dieser
scheut, aber auch die so erweiterte Mutterselbstsucht ebenso rücksichtslos
und schamlos nach außen übt wie vorher ihren Egoismus, ja noch
ungenierter, weil sie in ihren Mutterpflichten eine ethische Rechtfertigung
ihres Verhaltens zu besitzen glaubt ... Ist auch eine solche einseitige Liebe,
die rücksichtslos zu allem außerhalb dieses Liebesverhältnisses Liegenden
sich verhält, eine sittlich unvollkommene, so ist sie doch im Prinzip ein
unermeßlicher Fortschritt über den starren Eigennutz und die kahle
Eigenliebe hinaus, und zeigt den grundsätzlichen Bruch mit der
Beschränkung des Willens auf das alleinige Wohl der Individualität. Man
kann sagen, daß in einer solchen Mutter, bei aller Einseitigkeit ihrer
Moralität, doch unendlich viel mehr ethische T i e f e verwirklicht ist als bei
dem Virtuosen der Klugheitsmoral, dem willenlosen Sklaven kirchlicher
Moralformeln und dem Künstler der ästhetischen Moral
zusammengenommen, da jene die W u r z e l a l l e s B ö s e n wenigstens in
e i n e m Punkte radikal und v o n G r u n d a u s z e r s t ö r t h a t, während
von diesen die beiden ersten sich durch außerhalb der Sache liegende
Rücksichten, der letztere doch nur durch oberflächliche und äußerliche
Seiten der Sache bestimmen läßt. Darum wird solche Liebe sittliche
Achtung und in ihren höheren Graden selbst Ehrfurcht und Bewunderung
erwecken, selbst da, wo ihre Einseitigkeit zu unsittlichem Verhalten nach
anderen Richtungen führt.« Alle diese Irrtümer entstehen aus dem trotz
K a n t überall verbreiteten, aber ganz unhaltbaren Glauben an eine
triebhafte, naive, unbewußte und auf diese Art vollkommene Sittlichkeit.
Man wird es ewig zu wiederholen haben, daß Moralität und Bewußtheit,
Unbewußtheit und Immoralität einerlei sind. (So spricht von »unbewußter
Sittlichkeit« Hartmann a. a. O., S. 311; es muß hiegegen anerkannt werden,
daß er an anderen Stellen einsichtiger über die Frauen urteilt; z. B. S. 526:
»Der Mangel an Rechtlichkeit und Gerechtigkeit macht das weibliche
Geschlecht als Ganzes zu einem moralischen Parasiten des männlichen.«)

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(S. 297, Z. 1.) Johann F i s c h a r t, Das Philosophisch Ehezuchtbüchlin.
— Jean R i c h e p i n s bekannte Ballade »La Glu« nach dem Bretonischen
(in »La Chanson des Gueux«). Auch H. H e i n e hätte mehrerer Gedichte
wegen hier angeführt werden dürfen.
(S. 297, Z. 10.) J. J. B a c h o f e n, Das Mutterrecht, Eine Untersuchung
über die Gynaikokratie der alten Welt nach ihrer religiösen und rechtlichen
Natur, Stuttgart 1861, S. 10: »Auf den tiefsten, düstersten Stufen des
menschlichen Daseins bildet die Liebe, welche die Mutter mit den Geburten
ihres Leibes verbindet, den Lichtpunkt des Lebens, die einzige Erhellung
der moralischen Finsternis, die einzige Wonne inmitten des tiefen Elends.«
»Dasjenige Verhältnis, an welchem die Menschheit zuerst zur Gesittung
emporwächst, das der Entwicklung jeder Tugend, der Ausbildung jeder
edleren Seite des Daseins zum Ausgangspunkte dient, ist der Zauber des
Muttertums, der inmitten eines gewalterfüllten Lebens als das göttliche
Prinzip der Liebe, der Einigung, des Friedens wirksam wird.« Bachofen ist
ein viel tieferer und weiter blickender Mann, von einer universelleren,
echteren philosophischen Bildung als irgend ein Soziolog seit Hegel; und
doch übersieht er hier etwas so Naheliegendes wie den völligen Mangel an
Unterschieden zwischen der Mutterliebe bei den Tieren (Henne, Katze) und
beim Menschen.
Robert H a m e r l i n g, sonst mehr Rhetor als wahrer Künstler, macht
über die Mutterliebe eine gute Bemerkung, die, ohne daß er dies zu wollen
scheint, klar zeigt, wie von Sittlichkeit hier gar nicht gesprochen werden
kann (Ahasver in Rom, II. Gesang, Werke, Volksausgabe, Bd. I, S. 59):
»Die Mutterliebe, sieh, das ist der Pflichtteil
Von Liebesglück, den jeder Kreatur
Auswirft die kargende Natur — der Rest
Ist Schein und Trug. Wa h r h a f t i g , m i c h e r g ö t z t e s ,
D a ß e s e i n We s e n g i b t , f ü r d a s e s e w i g
N a t u r n o t w e n d i g k e i t i s t , m i c h z u l i e b e n .«

(S. 299, Z. 9. v. u.) An Annäherungen an jenes größere Hetärentum
(Aspasia, Kleopatra) hat es in der Renaissance nicht gefehlt. Vgl.
B u r c k h a r d t, Die Kultur der Renaissance in Italien, 4. Aufl., bes. von L.
Geiger, Bd. I, S. 127.
(S. 302, Z. 15 v. u.) Die Erzählung über Napoleon nach E m e r s o n,
Repräsentanten des Menschengeschlechtes, übersetzt von Oskar Dähnert,

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Leipzig, Universalbibliothek, S. 199.
(S. 306, Z. 18.) Dieser Auffassung der Mutterschaft kommt am
nächsten die des A i s c h y l o s (Eumeniden, V. 658 f.):
»Οὐκ ἔστι μήτηρ ἡ κεκλημένου τέκνου
τοκεύς, τροφὸς δὲ κύματος νεοσπόρου.
τίκτει δ'ὁ θρώσκων, ἡ δ'ἁπερ ξένω ξένη
ἔσωσεν ἔρνος, οίσι μὴ βλάφη θεός.«

(S. 307, Z. 16 v. u.) Die Illusion der Vaterschaft hat der mächtigen
Tragödie August S t r i n d b e r g s »Der Vater« den Namen gegeben. (Man
vgl. in dieser außerordentlichen Dichtung [übersetzt von E. Brausewetter,
Universalbibliothek] als speziell auf diesen Punkt sich beziehend S. 34.)
(S. 307, Z. 14 v. u. ff.) B a c h o f e n, Das Mutterrecht, S. 9: »... der
Name matrimonium selbst ruht auf der Grundidee des Mutterrechtes. Man
sagte matrimonium, nicht patrimonium, wie man zunächst auch nur von
einer materfamilias sprach. Paterfamilias ist ohne Zweifel ein späteres Wort.
Plautus hat materfamilias öfters, Paterfamilias nicht ein einziges Mal ...
Nach dem Mutterrecht gibt es wohl einen Pater, aber keinen Paterfamilias.
F a m i l i a i s t e i n r e i n p h y s i s c h e r B e g r i f f, und darum zunächst
nur der Mutter geltend. Die Übertragung auf den Vater ist ein improprie
dictum, das daher zwar im Recht angenommen, aber in den gewöhnlichen,
nicht juristischen Sprachgebrauch später erst übertragen wurde. Der Vater
ist stets eine juristische Fiktion, die Mutter dagegen eine physische
Tatsache. Paulus ad Edictum in Fr. 5 D. de in ius vocando (2, 4), ‚mater
semper certa est, etiamsi vulgo conceperit, pater vero is tantum, quem
nuptiae demonstrant’. Tantum deutet an, daß hier eine juristische Fiktion an
die Stelle der stets fehlenden natürlichen Sicherheit treten muß. Das
Mutterrecht ist natura verum, der Vater bloß iure civili, wie Paulus sich
ausdrückt.«
(S. 307, Z. 12 v. u.) Herbert S p e n c e r, Die Unzulänglichkeit der
natürlichen Zuchtwahl, Biologisches Zentralblatt, XIV, 1894, S. 262 f.
bemerkt: »Ich bin einem ausgezeichneten Korrespondenten zu großem
Dank verpflichtet, der meine Aufmerksamkeit auf beglaubigte Tatsachen
gelenkt hat, die über die Nachkommen von Weißen und Negern in den
Vereinigten Staaten berichtet werden. Indem er sich auf einen Bericht, der
ihm mehrere Jahre zuvor gemacht worden war, bezieht, sagt er: ‚Es ging

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darauf hinaus, daß die Kinder weißer Frauen von weißen Vätern m e h r e r e
Male Spuren von Negerblut zeigten, wenn die Frau früher ein Kind von
einem Neger gehabt hatte.’ Zu der Zeit, als ich diesen Bericht erhielt,
besuchte mich ein Amerikaner, und darüber befragt, antwortete er, daß in
den Vereinigten Staaten diese Meinung allgemein anerkannt werde. Um
jedoch nicht nach Hörensagen zu urteilen, schrieb ich sogleich nach
Amerika, Umfrage zu halten ... Prof. M a r s h, der ausgezeichnete
Paläontologe aus Yale, New Haven, der auch Beweise sammelt, sendet mir
einen vorläufigen Bericht, in welchem er sagt: ‚Ich selbst kenne keinen
solchen Fall, aber ich habe viele Aussagen gehört, die mir ihre Existenz
wahrscheinlich machen. Ein Beispiel in Connecticut wurde mir von einem
Bekannten so zuverlässig beteuert, daß ich allen Grund habe, es für
authentisch zu halten.’
Daß Fälle dieser Art nicht häufig im Norden gesehen werden, ist
natürlich zu erwarten. Das erste der obenerwähnten Beispiele bezieht sich
auf Vorgänge, die im Süden während der Sklavenzeit beobachtet wurden;
und selbst damals waren die bezüglichen Bedingungen natürlicherweise
sehr selten. Dr. W. J. Yo u m a n s in New-York hat in meinem Interesse
mehrere Medizinprofessoren befragt, die, obgleich sie nicht selbst solche
Beispiele gesehen haben, sagen, daß das behauptete, oben beschriebene
Resultat ‚allgemein als eine Tatsache anerkannt wird’. Aber er sendet mir
etwas, das nach meiner Meinung als ein autoritatives Zeugnis gelten kann.
Es ist ein Citat aus dem klassischen Werk von Prof. A u s t i n F l i n t, das
hier folgt:
‚Eine eigentümliche und, wie es scheint, unerklärliche Tatsache ist es,
daß frühere Schwangerschaften einen Einfluß auf die Nachkommenschaft
haben. Das ist den Tierzüchtern wohl bekannt. Wenn Vollblutstuten oder
Hündinnen einmal mit Männchen von weniger reinem Blut belegt worden
waren, so werden bei späteren Befruchtungen die Jungen geneigt sein, die
Art des ersten Männchens anzunehmen, selbst wenn sie von Männchen mit
unzweifelhaftem Stammbaum erzeugt wurden. Wie man diesen Einfluß der
ersten Empfängnis erklären kann, ist unmöglich zu sagen, aber die Tatsache
ist unbestritten. Der gleiche Einfluß ist beim Menschen beobachtet worden.
Eine Frau kann vom zweiten Mann Kinder haben, die dem ersten ähnlich
sind, und diese Beobachtung ist besonders in Bezug auf Haar und Augen
gemacht worden. Eine weiße Frau, die zuerst Kinder von einem Neger hat,

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kann später Kinder von einem weißen Vater gebären, und doch werden
diese Kinder unfragliche Eigentümlichkeiten der Negerrasse an sich
tragen.’« (A Text Book of Human Physiology. By A u s t i n F l i n t MD. LL.
D. F o u r t h edition, New York, D. Appleton & Co., 1888, p. 797.)
Dr. Yo u m a n s besuchte Prof. F l i n t, der ihm erzählte, daß er ‚den
Gegenstand näher untersucht habe, als er sein größeres Werk schrieb (das
obige Citat ist aus einem Auszug), und er fügte hinzu, daß er nie gehört
habe, daß der Bericht in Frage gestellt sei’. (Vgl. über dieselbe Frage
S p e n c e r, Biolog. Zentralblatt XIII, 1893, S. 743–748.)
(S. 307, Z. 8 v. u.) Vgl. Charles D a r w i n, Über die direkte oder
unmittelbare Einwirkung des männlichen Elementes auf die Mutterform
(Das Variieren der Tiere und Pflanzen im Zustande der Domestikation, 11.
Kapitel, Bd. I, 2. Aufl., Stuttgart 1873, S. 445 f.): »Eine andere
merkwürdige Klasse von Tatsachen muß hier noch betrachtet werden, weil
man angenommen hat, daß sie einige Fälle von Knospenvariation erklären.
Ich meine die direkte Einwirkung des männlichen Elementes, nicht in der
gewöhnlichen Weise auf die Ovula, sondern auf gewisse Teile der
weiblichen Pflanzen, oder wie es der Fall bei Tieren ist, auf die späteren
Nachkommen des Weibchens von einem zweiten Männchen. Ich will
vorausschicken, daß bei Pflanzen das Ovarium und die Eihülle offenbar
Teile des Weibchens sind, und es hätte sich nicht voraussehen lassen, daß
diese von dem Pollen einer fremden Varietät oder Spezies affiziert werden
würden, obgleich die Entwicklung des Embryo innerhalb des
Embryosackes, innerhalb des Ovulums, innerhalb des Ovariums natürlich
vom männlichen Element abhängt.
Schon im Jahre 1729 wurde beobachtet (Philosophical Transactions,
Vol. XLIII, 1744/45, p. 525), daß sich weiße und blaue Varietäten der
Erbsen, wenn sie nahe aneinander gepflanzt werden, gegenseitig kreuzten,
ohne Zweifel durch die Tätigkeit der Bienen, und im Herbste wurden blaue
und weiße Erbsen innerhalb derselben Schoten gefunden. W i e g m a n n
machte eine genau ähnliche Beobachtung im jetzigen Jahrhundert. Dasselbe
Resultat erfolgte mehrere Male, wenn eine Varietät Erbsen von der einen
Färbung künstlich mit einer verschieden gefärbten Varietät gebaut wurde.
(Mr. S w a y n e in: Transact. Horticult. Soc., Vol. V, p. 234, und G ä r t n e r,
Bastarderzeugung, 1849, S. 81 und 499). Diese Angaben veranlaßten
G ä r t n e r, der äußerst skeptisch über diesen Gegenstand war, eine lange

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Reihe von Experimenten sorgfältig anzustellen. Er wählte die konstantesten
Varietäten sorgfältig heraus, und das Resultat zeigte ganz überzeugend, daß
die Farbe der Haut der Erbse modifiziert wird, wenn Pollen einer
verschieden gefärbten Varietät gebraucht wird. Diese Folgerung ist seitdem
durch Experimente, welche J. M. B e r k e l e y angestellt hat, bestätigt
worden (G a r d e n e r s' Chronicle, 1854, p. 404) ...«
(S. 447): »Wenden wir uns nun zur Gattung M a t t h i o l a. Der Pollen
der einen Sorte von L e v k o j affiziert zuweilen die Farbe der Samen einer
anderen Sorte, die als Mutterpflanze benutzt wird. Ich führe den folgenden
Fall um so lieber an, als G ä r t n e r ähnliche Angaben, die in Bezug auf den
Levkoj von anderen Beobachtern früher gemacht worden waren,
bezweifelte. Ein sehr bekannter Gartenzüchter, Major T r e v o r C l a r k
(siehe auch einen Aufsatz, welchen dieser Beobachter vor dem
internationalen Hortikultur- und botanischen Kongreß in London 1866
gelesen hat), teilt mir mit, daß die Samen des großen rotblütigen,
z w e i j ä h r i g e n Levkoj (M. annua; »Cocardeau« der Franzosen) hellbraun
sind, und die des purpurnen verzweigten Levkojs »Queen« (M. incana)
violettschwarz sind. Nun fand er, daß, wenn Blüten des roten Levkojs mit
Pollen des purpurnen befruchtet wurden, sie ungefähr 50% schwarzen
Samen ergaben. Er schickte mir vier Schoten von einer rotblühenden
Pflanze, von denen zwei mit ihren eigenen Pollen befruchtet worden waren,
und diese enthielten blaßbraune Samen, und zwei, welche mit Pollen von
der purpurnen Sorte gekreuzt worden waren, und diese enthielten Samen,
die alle tief mit Schwarz gefärbt waren. Diese letzteren Samen ergaben
purpurblühende Pflanzen wie ihr Vater, während die blaßbraunen Samen
normale rotblühende Pflanzen ergaben. Major C l a r k e hat beim Aussäen
ähnlicher Samen in einem größeren Maßstabe dasselbe Resultat erhalten.
Die Beweise für die direkte Einwirkung des Pollens einer Spezies auf die
Färbung der Samen einer anderen Spezies scheinen mir in diesem Falle
ganz entscheidend zu sein.«
Darwin legt hier besonderen Nachdruck auf die radikale Veränderung
in der Mutterpflanze durch den männlichen Pollen. So im englischen Texte
(2. ed., London 1875, Vol. II, p. 430 f.): »Professor H i l d e b r a n d
(Botanische Zeitung, Mai 1868, S. 326) ... has fertilised ... a kind [of maize]
bearing yellow grains with the precaution that the mother-plant was true. A
kind bearing yellow grains was fertilised with pollen of a kind having

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brown grains, and two ears produced yellow grains, but one side of the
spindle was tinted with a reddish brown; s o t h a t h e r e w e h a v e t h e
important fact of the influence of the foreign pollen
e x t e n d i n g t o t h e a x i s.« S. 449 (der deutschen Ausgabe): »Mr.
S a b i n e (Transact. Horticult. Soc., Vol. V, p. 69) gibt an, daß er gesehen
hat, wie die Form der nahezu kugeligen Samenkapseln von Amaryllis
vittata durch die Anwendung des Pollens einer anderen Spezies, deren
Kapseln höckerige Kanten haben, verändert wurden.«
(S. 459): »Ich habe nun nach der Autorität mehrerer ausgezeichneter
Beobachter der Pflanzen, welche zu sehr verschiedenen Ordnungen
gehören, gezeigt, daß der Pollen einer Spezies oder Varietät, wenn er auf
eine distinkte Form gebracht wird, gelegentlich die Modifikation der
Samenhüllen und des Fruchtknotens oder der Frucht verursacht, was sich in
einem Falle bis auf den Kelch und den oberen Teil des Fruchtstiels der
Mutterpflanze erstreckt. Es geschieht zuweilen, daß das ganze Ovarium
oder alle Samen auf diese Weise modifiziert werden; zuweilen wird nur eine
gewisse Anzahl Samen, wie in dem Falle bei der Erbse, oder nur ein Teil
des Ovariums, wie bei der gestreiften Orange, den gefleckten Trauben und
dem gefleckten Mais, so affiziert. Man darf nicht annehmen, daß irgend
eine direkte oder unmittelbare Wirkung der Anwendung fremden Pollens
unabänderlich folgt: dies ist durchaus nicht der Fall; auch weiß man nicht,
von welchen Bedingungen das Resultat abhängt.«
(S. 451): »Die Beweise für die Wirkung fremden Pollens auf die
Mutterpflanze sind mit beträchtlichem Detail gegeben worden, weil diese
Wirkung ... von der höchsten theoretischen Bedeutung ist und weil sie an
und für sich ein merkwürdiger und scheinbar anormaler Umstand ist. Daß
sie vom physiologischen Standpunkte aus merkwürdig ist, ist klar; denn das
männliche Element affiziert nicht bloß, im Einklang mit seiner eigentlichen
Funktion, den Keim, sondern auch die umgebenden Gewebe der
Mutterpflanze.« (Hier fährt die englische Ausgabe I2, p. 430, fort): »... We
thus see, that an ovule is not indispensable for the reception of the
influence of the male element.«
(S. 307, Z. 5 v. u.) Ich setze den berühmten Bericht im Original her:
(Philosophical Transactions of the Royal Society of London, 1821, Part I, p.
20 f.):

Page 550

A communication of a singular fact in Natural
H i s t o r y. B y t h e R i g h t H o n o u r a b l e t h e E a r l o f M o r t o n, F.
R. S., in a Letter addressed to the President.

Read, November 23, 1820.
My Dear Sir,
I yesterday had an opportunity of observing a singular fact in
Natural History, which you may perhaps deem not unworthy of being
communicated to the Royal Society.
Some years ago, I was desirous of trying the experiment of
domesticating the Quagga, and endeavoured to procure some
individuals of that species. I obtained a male; but being disappointed
of a female, I tried to breed from the male quagga and a young
chestnut mare of seven-eighths Arabian blood and which had never
been bred from: the result was the production of a female hybrid, now
five years old, and bearing, both in her form and in her colour, very
decided indications of her mixed origin. I subsequently parted with the
seven-eighth Arabia mare to Sir G o r e O u s e l e y, who has bred from
her by a very fine black Arabian horse. I yesterday morning examined
the produce, namely, a two-years old filly, and a year-old colt. They
have the character of the Arabian breed as decidedly as can be
expected, where fifteen-sixteenths of the blood are Arabian; and they
are fine specimens of that breed; b u t b o t h i n t h e i r c o l o u r ,
and in the hair of their manes, they have a striking
r e s e m b l a n c e t o t h e q u a g g a. Their colour is bay, marked more
or less like the quagga in a darker tint. Both are distinguished by the
dark line along the ridge of the back, the dark stripes across the fore-
hand, and the dark bars across the back-part of the legs. The stripes
across the fore-hand of the colt are confined to the withers, and to the
part of the neck next to them; those on the filly cover nearly the whole
of the neck and the back, as far as the flanks. The colour of her coat on
the neck adjoining to the mane is pale and approaching to dun,
rendering the stripes there more conspicuous than those on the colt.
The same pale tint appears in a less degree on the rump: and in this
circumstance of the dun tint also she resembles the quagga — — — —
— — — — — — — — — — — — — — — [p. 22] These

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circumstances may appear singular; but I think you will agree with me
that they are trifles compared with the extraordinary fact of so many
striking features, which do not belong to the dam, being in two
successive instances communicated through her to the progeny, not
only of another sire, who also has them not, but of a sire belonging
probably to another species; for such we have very strong reason for
supposing the quagga to be.
I am, my dear Sir
Your faithful humble servant
Morton.

(S. 308, Z. 1 f.) Besonders ausführlich H. S e t t e g a s t, Die Tierzucht,
4. Aufl., Bd. I: Die Züchtungslehre, Breslau 1878, S. 223 bis 234: Infektion
(Superfötation). Er verweist alles in das Gebiet des Aberglaubens und der
Phantastik. »So kommen wir denn zu dem Schluß, daß die vermeintliche
Infektion der Mutter auf einer Täuschung beruht, und daß es unzulässig ist,
durch sie die Fälle erklären zu wollen, in welchen das Kind in Farbe und
Abzeichen, in Form und Eigenschaften der Übereinstimmung mit den
Eltern ermangelt. Aus unseren bisherigen Untersuchungen über
Abweichungen von elterlicher Verwandtschaft ist zu ersehen, daß die
vereinzelten Fälle, welche die Infektionstheorie zu ihren Gunsten auslegt,
und die zugleich als verbürgt angesehen werden dürfen, auf Rechnung der
Neubildung der Natur zu schreiben sind.
Durch unsere Ausführungen glauben wir die Infektionstheorie
widerlegt zu haben: daß es uns gelungen sein sollte, sie für immer zu
bannen, dürfen wir kaum hoffen. Die Infektionstheorie ist die Seeschlange
der Vererbungslehre.«
(S. 308, Z. 3.) F. C. M a h n k e, Die Infektionstheorie, Stettin 1864.
Vgl. zu der Frage auch Rudolf Wa g n e r, Nachtrag zu R. Leuckarts Artikel
»Zeugung«, in Wagners Handwörterbuch der Physiologie, Bd. IV, 1853,
S. 1011 f. Oscar H e r t w i g, Die Zelle und die Gewebe, Bd. II, Jena 1898,
S. 137 f.
(S. 308, Z. 4.) August We i s m a n n, Das Keimplasma, Eine Theorie
der Vererbung, Jena 1892, S. 503 f. Die Allmacht der Naturzüchtung, Jena
1893, S. 81–84, 87–91. Weismann verhält sich, wie er (seiner Überzeugung

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von der völligen Unbeeinflußbarkeit des Keimplasmas gemäß) es wohl
muß, ablehnend, und beruft sich hiebei vor allem auf die eingehenden
Erörterungen S e t t e g a s t s. Ähnlich Hugo d e Vr i e s, Intracellulare
Pangenesis, Jena 1889, S. 206–207.
Dagegen ist D a r w i n von der »direkten Wirkung des männlichen
Elementes auf das Weibchen« (nicht bloß auf eine einzige Keimzelle
desselben) überzeugt, Das Variieren der Tiere und Pflanzen im Zustande der
Domestikation, Kap. 27 (Bd. II2, S. 414, Stuttgart 1873); wie es wohl ein
jeder sein muß, der sich die ungeheuere Veränderung, welche in den Frauen
sofort mit Beginn der Ehe eintritt, und ihre außerordentliche Anähnlichung
an den Mann während derselben vor Augen hält. Vgl. im Texte S. 376, 396.
Darwin sagt a. a. O., S. 414: »Wir sehen hier, daß das männliche
Element nicht den Teil affiziert und hybridisiert, welchen zu affizieren es
eigentlich bestimmt ist, nämlich das Eichen, sondern die besonders
entwickelten Gewebe eines distinkten Individuums.«
Ausführlicher spricht Darwin über die Telegonie im 11. Kapitel dieses
selben Werkes, wo er aus der Literatur eine große Zahl von Fällen anführt,
welche für ihr Vorkommen beweisend sind (Bd. I2, S. 453–455):
»In Bezug auf die Varietäten unserer domestizierten Tiere sind viele
ähnliche und sicher beglaubigte Tatsachen veröffentlicht worden, andere
sind mir noch mitgeteilt worden; alle beweisen den Einfluß des ersten
Männchens auf die später von derselben Mutter mit anderen Männchen
erzeugten Nachkommen. Es wird hinreichen, noch einen einzigen Fall
mitzuteilen, der in einem auf den des Lord M o r t o n folgenden Aufsatz in
den »Philosophical Transactions« enthalten ist: Mr. G i l e s brachte eine Sau
von Lord We s t e r n s schwarzer und weißer Essexrasse zu einem wilden
Eber von einer tiefkastanienbraunen Färbung; die produzierten Schweine
trugen in ihrer äußeren Erscheinung Merkmale sowohl des Ebers als der
Sau, bei einigen herrschte aber die braune Färbung des Ebers bedeutend
vor. Nachdem der Eber schon längere Zeit tot war, ward die Sau zu einem
Eber ihrer eigenen schwarzen und weißen Rasse getan (einer Rasse, von
welcher man sehr wohl weiß, daß sie sehr rein züchtet und niemals irgend
eine braune Färbung zeigt); und doch produzierte die Sau nach dieser
Verbindung einige junge Schweine, welche deutlich dieselbe
kastanienbraune Färbung besaßen, wie die aus dem ersten Wurfe.

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Ähnliche Fälle sind so oft vorgekommen, daß
sorgfältige Züchter es vermeiden, ein geringeres
M ä n n c h e n z u e i n e m a u s g e z e i c h n e t e n We i b c h e n z u
lassen wegen der Beeinträchtigung der späteren
Nachkommen, welche sich hienach erwarten läßt.
Einige Physiologen haben diese merkwürdigen Folgen einer ersten
Befruchtung aus der innigen Verbindung und der freien Kommunikation
zwischen den Blutgefäßen des modifizierten Embryo und der Mutter zu
erklären versucht. Es ist indes eine äußerst unwahrscheinliche Hypothese,
daß das bloße Blut des einen Individuums die Reproduktionsorgane eines
anderen Individuums in einer solchen Weise affizieren könne, daß die
späteren Nachkommen dadurch modifiziert würden. Die Analogie mit der
direkten Einwirkung fremden Pollens auf den Fruchtknoten und die
Samenhüllen der Mutterpflanze bietet der Annahme eine kräftige
Unterstützung, daß das männliche Element, so wunderbar diese Wirkung
auch ist, direkt auf die Reproduktionsorgane des Weibchen wirkt, und nicht
erst durch die Intervention des gekreuzten Embryo.«
Wilhelm Olbers F o c k e, Die Pflanzen-Mischlinge, Ein Beitrag zur
Biologie der Gewächse, Berlin 1881, S. 510–518: »Ich schlage ... vor,
solche Abweichungen von der normalen Gestalt oder Färbung, welche in
irgendwelchen Teilen einer Pflanze durch die Einwirkung vom fremden
Blütenstaube hervorgebracht werden, als Xenien zu bezeichnen, gleichsam
als Gastgeschenke der Pollen spendenden Pflanze an die Pollen
empfangende.« (S. 511.)
(S. 308, Z. 16 v. u.) Zum »Versehen« vgl. die Anmerkungen zu
S. 285 f.
(S. 308, Z. 8 v. u.) Wie für das Versehen auf G o e t h e und auf I b s e n,
so hätte ich, wenn ich nicht erst nach Abschluß dieses Kapitels hierauf wäre
aufmerksam gemacht worden, auch für die Realität der Telegonie auf das
Werk eines großen Künstlers mich berufen können: ich meine Madeleine
F é r a t, den wenig gelesenen, aber wohl sehr großartigen Roman des
jugendlichen Z o l a. Was Zola über die Frauen gedacht hat, muß, nach
diesem, wie nach anderen Werken, meinen Anschauungen sehr nahe
gestanden sein. Vgl. Madeleine Férat, Nouvelle édition, Paris,

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Bibliothèque-Charpentier 1898, S. 173 f., besonders S. 181 ff. und 251 f.,
Stellen, die ich ihrer großen Länge wegen nicht hiehersetzen kann.
(S. 310, Z. 17.) Über die Zuhälter vgl. L o m b r o s o - F e r r e r o, Das
Weib als Verbrecherin und Prostituierte, Hamburg 1894, S. 560 ff. der
deutschen Ausgabe, über ihre Identität mit den eigentlichen Verbrechern,
ibid. S. 563–564.

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Zu Teil II, Kapitel 11.
(S. 314, Z. 11 f.) S c h o p e n h a u e r, Parerga und Paralipomena, Bd. II,
Kapitel XXVII. — Die Erzählung in Betreff des Lord B y r o n ist nach R.
von H o r n s t e i n wiedergegeben von Eduard G r i s e b a c h im Anhange zu
Schopenhauers sämtlichen Werken, Bd. VI, S. 191 f.
(S. 315, Z. 1 v. u.) K a n t, Beobachtungen über das Gefühl des
Schönen und Erhabenen, Königsberg 1764, III. Abschnitt (Bd. VIII, S. 36
der Kirchmannschen Ausgabe): »Diese ganze Bezauberung ist im Grunde
über den Geschlechtstrieb verbreitet. Die Natur verfolgt ihre große Absicht,
und alle Feinigkeiten, die sich hinzugesellen, sie mögen nun so weit davon
abzustehen scheinen, wie sie wollen, sind nur Verbrämungen und entlehnen
ihren Reiz doch am Ende aus derselben Quelle.« — S c h o p e n h a u e r in
seiner wiederholt citierten »Metaphysik der Geschlechtsliebe« (Die Welt als
Wille und Vorstellung, Bd. II, Kap. 44).
(S. 316, Z. 3 v. u. f.) S c h o p e n h a u e r, Parerga und Paralipomena,
Bd. II, § 369.
(S. 318, Z. 10.) K a n t, Kritik der reinen Vernunft, Transscendentale
Dialektik, I, 3. System der transcendentalen Ideen (S. 287 ff., Kehrbach).
(S. 318, Z. 15–8 v. u.) Das Lied ist das des Wolfram aus Wa g n e r s
Tannhäuser, 2. Aufzug, 4. Scene.
(S. 324, Z. 19 f.) P l a t o n, Phaedrus, p. 251 A. B.: »ὅταν θεοειδὲς
πρόσωπον ἴδῃ κάλλος εὖ μεμιμημένον, ἤ τινα σώματος ἰδέαν, πρῶτον μὲν
ἔφριξε ... εἶτα προσορῶν ὡς θεὸν σέβεται, καὶ εἰ μὴ δεδιείη τὴν τῆς σφόδρα
μανίας δόξαν, θύοι ἂν ὡς ἀγάλματι καὶ θεῷ τοῖς παιδικοῖς. ἰδόντα δὲ αὐτὸν,
οἷον ἐκ τῆς φρίκης, μεταβολή τε καὶ ἱδρὼς καὶ θερμότης ἀήθης λαμβάνει·
δεξάμενος γὰρ τοῦ κάλλους τὴν ἀποῤῥοὴν διὰ τῶν ὀμμάτων, ἐθερμάνθη ᾗ ἡ
τοῦ πτεροῦ φύσις ἄρδεται, θερμανθέντος δὲ ἐτάκη τὰ περὶ τὴν ἔκφυσιν, ἃ
πάλαι ὑπὸ σκληρότητος συμμεμυκότα εἶργε μὴ βλαστάνειν, ἐπιῤῥυείσης δὲ
τῆς τροφῆς ᾤδησέ τε καὶ ὥρμησε φύεσθαι ἀπὸ τῆς ῥίζης ὁ τοῦ πτεροῦ
καυλὸς ὑπὸ πᾶν τὸ τῆς ψυχῆς εἶδος· πᾶσα γὰρ ἦν τὸ πάλαι πτερωτή.«

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(S. 325, Z. 16–8 v. u.) Vgl. D a n t e, Paradiso, Canto VII, v. 64–66:
»La divina bontà, che da sè sperne ogni livore, ardendo in sè sfavilla Si che
dispiega le bellezze interne.«
(S. 326, Z. 13.) K a n t, Kritik der Urteilskraft. — S c h e l l i n g, System
des transcendentalen Idealismus, Sämtliche Werke, I. Abteilung, Bd. III. —
S c h i l l e r, Über die ästhetische Erziehung des Menschen.
(S. 326, Z. 17 v. u.) S h a f t e s b u r y: nach W. W i n d e l b a n d,
Geschichte der neueren Philosophie in ihrem Zusammenhange mit der
allgemeinen Kultur und den besonderen Wissenschaften, 2. Aufl., Leipzig
1899, Bd. I, S. 272. — H e r b a r t, Analytische Beleuchtung des Naturrechts
und der Moral, Göttingen 1836, Sämtliche Werke, ed. Hartenstein, Bd. VIII,
S. 213 ff.
(S. 330, Z. 19 v. u.) P l a t o n s Gastmahl, 206 E.
(S. 330, Z. 11 f. v. u.) P l a t o n a. a. O., Kap. 27, S. 209 C-E
(Übersetzung nach S c h l e i e r m a c h e r).
(S. 331, Z. 17 v. u.) N o v a l i s: »Es ist wunderbar genug, daß nicht
längst die Association von Wollust, Religion und Grausamkeit die
Menschen aufmerksam auf ihre innige Verwandtschaft und ihre
gemeinschaftliche Tendenz gemacht hat.« (Novalis' Schriften,
herausgegeben von Ludwig Tieck und Fr. Schlegel, Zweiter Teil, Wien
1820, S. 288.)
(S. 331, Z. 15 v. u.) B a c h o f e n, Das Mutterrecht, Stuttgart 1861,
S. 52: »Das stoffliche, das tellurische Sein umschließt beides, Leben und
Tod. Alle Personifikationen der chthonischen Erdkraft vereinigen in sich
diese beiden Seiten, das Entstehen und das Vergehen, die beiden
Endpunkte, zwischen welchen sich, um mit Plato zu reden, der Kreislauf
aller Dinge bewegt. So ist Venus, die Herrin der stofflichen Zeugung, als
Libitina die Göttin des Todes. So steht zu Delphi eine Bildsäule mit dem
Zunamen Epitymbia, bei welcher man die Abgeschiedenen zu den
Totenopfern heraufruft (Plut. quaest. rom. 29). So heißt Priapus in jener
römischen Sepulcralinschrift, die in der Nähe des Campanaschen
Columbariums gefunden wurde, mortis et vitai locus. So ist auch in den
Gräbern nichts häufiger als Priapische Darstellungen, Symbole der
stofflichen Zeugung. Ja es findet sich auch in Südetrurien ein Grab, an

Page 557

dessen Eingang, auf dem rechten Türpfosten, ein weibliches sporium
abgebildet ist.« — Der Kreislauf von Tod und Leben war auch ein
Lieblingsthema der Reden B u d d h a s. Ihn hat aber auch der tiefste unter
den voreleatischen Griechen, A n a x i m a n d r o s, gelehrt (bei Simplicius in
Aristot. Physika 24, 18): »ἐξ ὧν ἡ γένεσίς ἐστι τοῖς οὖσι, καὶ τὴν φθορὰν εἰς
ταῦτα γίνεσθαι κατὰ χρεών. διδόναι γὰρ αὐτὰ τίσιν καὶ δίκην τῆς ἀδικίας
κατὰ τὴν τοῦ χρόνου τάξιν.«
(S. 332, Z. 10–11.) Giordano B r u n o, Gli eroici furori, Dialogo
secundo 13 (Opere di G. B. Nolano ed. Adolfo Wagner, Vol. II, Leipzig
1830, p. 332): »Tutti gli amori, se sono eroici, e non son puri animali, che
chiamano naturali e cattivi a la generazione come instrumenti de la natura,
in certo modo hanno per oggetto la divinità, tendono a la divina bellezza, la
quale prima si comunica a l'anime e risplende in quelle, e da quelle poi, o
per dir meglio, per quelle poi si comunica a li corpi.«
(S. 332, Z. 8–9 v. u.) Ed. v. H a r t m a n n. Phänomenologie des
sittlichen Bewußtseins, 1879, S. 699 spricht es nur der allgemeinen
Meinung nach: »..... es ist an der Zeit, den heranwachsenden Mädchen klar
zu machen, daß ihr Beruf, wie er durch ihr Geschlecht vorgezeichnet ist,
nur in der Stellung als Gattin und Mutter sich erfüllen läßt, daß er in nichts
anderem besteht, als in dem Gebären und Erziehen von Kindern, daß die
tüchtigste und am höchsten zu ehrende Frau diejenige ist, welche der
Menschheit die größte Zahl besterzogener Kinder geschenkt hat, und daß
alle sogenannte Berufsbildung der Mädchen nur einen traurigen Notbehelf
für diejenigen bildet, welche das Unglück gehabt haben, ihren wahren
Beruf zu verfehlen.«
(S. 332, Z. 8 v. u.) Besonders im Judentum werden zum Teil noch
heute unfruchtbare Frauen als zwecklos betrachtet (vgl. Kapitel XIII,
S. 417). Aber auch nach deutschem Recht »durfte der Mann wegen
Unfruchtbarkeit seiner Frau .... geschieden zu werden verlangen«. Jakob
G r i m m, Deutsche Rechtsaltertümer, 4. Ausgabe, Leipzig 1899, S. 626.
(S. 333, Z. 13 f.) Das französische Citat stammt aus dem Cyklus
»Sagesse« (Paul Ve r l a i n e, Choix de Poésies, Edition augmentée d'une
Préface de François Coppée, Paris 1902, p. 179).
(S. 336, Z. 15.) Vgl. Liebeslieder moderner Frauen, eine Sammlung
von Paul G r a b e i n, Berlin 1902.

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(S. 337, Z. 15.) Poros und Penia als Eltern des Eros: nach der so tiefen
Fabel des platonischen Gastmahls (p. 203, B-D). Vgl. S. 340 und 397.
(S. 338, Z. 8 v. u. ff.) Zu der Wirkung des männlichen
Geschlechtsteiles auf das weibliche Geschlecht vgl. eine Erzählung
F r e u d s (B r e u e r und F r e u d, Studien über Hysterie, Leipzig und Wien,
S. 113); vor allem aber die großartige Scene in Z o l a s Roman »Germinal«
(Quinzième Partie, Fin, p. 416), wo die Frauen das Zeugungsglied des
gemordeten und nach dem Tode kastrierten Maigrat erblicken.
(S. 339, Z. 6.) Erst lange, nachdem ich diese Stelle niedergeschrieben
hatte, wurde ich darauf aufmerksam, daß fascinum, von dem fascinare sich
herleitet, im Lateinischen (z. B. Horaz, Epod. 8, 18) nichts anderes als das
männliche Glied bedeutet. Die Wirkung des männlichen Bartes auf die Frau
ist zwar eine bedeutend schwächere und nicht gleich allgemeine, aber mit
der des Zeugungsgliedes psychologisch nicht ohne Verwandtschaft.
(S. 340, Z. 9 f.) P l a t o, Symposion, 202, D-E: Τί οὖν ἄν εἴη ὁ
Ἔρως;.... Μεταξὺ θνητοῦ καὶ ἀθανάτου, .... δαίμων μέγας, ὦ Σώκρατες· καὶ
γὰρ πᾶν τὸ δαιμόνιον μεταξύ ἐστι θεοῦ τε καὶ θνητοῦ. 203 E: οὔτε ἀπορεῖ
Ἔρως ποτὲ οὔτε πλουτεῖ. σοφίας τε αὖ καὶ ἀμαθίας ἐν μέσῳ ἐστίν.
(S. 340, Z. 14 f.) Der neueste Darsteller der platonischen
Gedankenwelt ist ein Anhänger M i l l s: Theodor G o m p e r z, Griechische
Denker, eine Geschichte der antiken Philosophie, Bd. II, Leipzig 1902,
S. 201 ff. In manchen Regionen scheint dieser vielfach hochverdiente Autor
selbst gefühlt zu haben, wie ferne er einem Verständnis der inneren
Denkmotive des Philosophen ist. Interessanter sind jene Stellen des Buches,
wo der Verfasser Plato zu begreifen meint und beloben zu müssen glaubt.
Vor dem Geiste der Modernität, welcher die höchsten Synthesen, deren er
fähig war, im Lawn-tennis-Spiele vollzogen hat, vermögen nur zwei Stellen
des »Staates« vollste Gnade zu finden. (»W i r d ü r f e n e s P l a t o h o c h
a n r e c h n e n, daß er die ‚hinkende’ Einseitigkeit des bloßen Sport- und
Jagdliebhabers nicht stärker mißbilligt als jene, die sich nur um die Pflege
des Geistes und gar nicht um jene des Körpers kümmert .... Nicht minder
bezeichnend ist es, daß er auch bei der Auswahl der Herrscher neben den
Charaktereigenschaften nach Möglichkeit die Wohlgestalt berücksichtigt
wissen will .... Hier ist der asketische Verfasser des Phaedon wieder ganz
und gar Hellene geworden.« S. 583.) Dem Dialog über den Staatsmann

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wird wie als höchste Anerkennung diese, daß »ein Hauch von baconischem,
modern induktivem Geiste ihn gestreift« habe (S. 465). Gleichsam als das
Ruhmwürdigste im »Phaedon« erscheint die Antizipation der
Associationsgesetze (S. 356), und allen Ernstes wird als eine »wunderbare
Äußerung Platons« eine Stelle des Sophisten (247, D E) gepriesen, die als
eine Vorwegnahme der »modernen Energetik« vielleicht aus purem
Wohlwollen gegen den Denker mißverstanden wird, der mit John Stuart
Mill so gar keine Ähnlichkeit hatte (S. 455). Wie es unter solchen
Umständen dem Timaeus ergeht, das kann man sich leicht ausmalen. Man
sollte übrigens — und diese Bemerkung richtet sich nicht bloß gegen eine
unzulängliche Darstellung Platos — es durchaus unterlassen, einen
Philosophen oder Künstler deswegen zu loben, weil die Nur-
Wissenschaftler nach tausend Jahren einen Gedanken von ihm zu begreifen
anfangen. G o e t h e, P l a t o und K a n t sind zu größeren Dingen auf der
Erde erschienen, als empirische Wissenschaft aus ihrer Erfahrung allein je
einsehen oder begründen könnte.
(S. 340, Z. 13 v. u.) O. F r i e d l ä n d e r bemerkt in seinem Aufsatz
»Eine für viele« (vgl. zu S. 115, Z. 10 v. u.) S. 180 f. sehr scharf, aber wahr:
»Nichts kann den Frauen ferner gelegen sein, als der Kampf gegen die
voreheliche Unkeuschheit des Mannes. Was sie im Gegenteil von dem
letzteren verlangen, ist die subtilste Kenntnis aller Details des
Geschlechtslebens und der Entschluß, diese theoretische Superiorität auch
praktisch zur Geltung zu bringen ... Die Jungfrau vertraut ihre unberührten
Reize meist lieber den bewährten Händen des ausgekneipten Wüstlings an,
der lange das Reifeexamen der ars amandi abgelegt hat, als den zitternden
Fingern des erotischen Analphabeten, der das Abc der Liebe kaum zu
stammeln vermag.«

Page 560

Zu Teil II, Kapitel 12.
(S. 342, Z. 6.) Das Motto aus K a n t habe ich irgendwo citiert
gefunden, kann mich aber nicht entsinnen, wo, noch war es mir möglich, in
Kantens Schriften selbst es zu entdecken. In den »Fragmenten aus dem
Nachlaß« (Bd. VIII, S. 330, ed. Kirchmann) heißt es: »Wenn man bedenkt,
daß Mann und Frau ein moralisches Ganze ausmachen, so muß man ihnen
nicht einerlei Eigenschaften beilegen, sondern der einen solche
Eigenschaften, die dem anderen fehlen« — übrigens eine Ansicht, durch die
leicht die Wahrheit umgekehrt erscheinen könnte: der Mann hat alle
Eigenschaften der Frau in sich, zumindest als Möglichkeiten; dagegen ist
die Frau ärmer als der Mann, weil nur ein Teil desselben. (Vgl. den Schluß
dieses Kapitels.)
(S. 343, Z. 17.) Paul Julius M o e b i u s, Über den physiologischen
Schwachsinn des Weibes, 5. Aufl., Halle 1903. Über einige Unterschiede
der Geschlechter, in: Stachyologie, Weitere vermischte Aufsätze, Leipzig
1901, S. 125–138.
(S. 350, Z. 13.) Man übertreibt oft die Stärke des Verlangens nach dem
Kinde bei der Frau. Ed. v. H a r t m a n n (Phänomenologie des sittlichen
Bewußtseins, 1879, S. 693) bemerkt zum Teil mit Recht: »Der Instinkt nach
dem Besitz von Kindern ist bei j u n g e n Frauen und Mädchen keineswegs
so allgemein und entschieden ausgeprägt, als man gemeinhin annimmt, und
als die Mädchen selbst dies erheucheln, um dadurch die Männer
anzuziehen; erst in reiferen Jahren pflegen kinderlose Frauen ihren Zustand
als schmerzliche Entbehrung im Vergleich zu ihren kinderbesitzenden
Altersgenossinnen zu fühlen .... Meist geschieht es mehr, um den Mann
zufrieden zu stellen, als um ihrer selbst willen, wenn junge Frauen sich
Kinder wünschen; der Mutterinstinkt erwacht erst, wenn der hilfefordernde
junge Weltbürger w i r k l i c h d a i s t.« Man sieht übrigens, wie notwendig
sowohl in dieser Frage als den ewig wiederholten Behauptungen der
Gynäkologen gegenüber (für welche das Weib theoretisch immer nur eine
Brutanstalt ist) die im 10. Kapitel durchgeführte Zweiteilung ist.
(S. 353, Z. 2.)

Page 561

»Das We i b ist's, das ein H e r z sucht, nicht G e n u ß.
Das Weib ist keusch in seinem tiefsten Wesen,
Und was die Scham ist, weiß doch nur ein Weib.«

H a m e r l i n g, Ahasver in Rom, II. Gesang: Werke, Volksausgabe
Hamburg, Bd. I, p. 58.
(S. 355, Z. 6 f.) Herbert S p e n c e r, Die Prinzipien der Ethik, Bd. I,
Stuttgart 1894, S. 341 f.
(S. 355, Z. 16 v. u. f.) E l l i s, Mann und Weib, S. 288 äußert die
interessante Vermutung, daß auch die Erscheinung der M i m i c r y mit der
S u g g e s t i b i l i t ä t in einem Zusammenhange stehe. Mit der Darstellung
im Texte würde das vielleicht sich besser reimen als irgend eine andere
Deutung jenes Phänomenes.
(S. 356, Z. 5 v. u. ff.) Wo l f r a m v o n E s c h e n b a c h, Parzival,
übersetzt von Karl Pannier (Leipzig, Universalbibliothek), Buch IV, Vers
698 ff.
(S. 357, Z. 19 v. u. ff.) Sehr vereinzelt ist unter den Psychiatern eine
Stimme, wie die Konrad R i e g e r s, Professors in Würzburg: »Was ich
erstrebe ist die Autonomie der Psychiatrie und Psychologie. Sie sollen beide
frei sein von einer Anatomie, die sie nichts angeht; von einer Chemie, die
sie nichts angeht. Eine psychologische Erscheinung ist etwas ebenso
Originales wie eine chemische und anatomische. Sie hat keine Stützen
nötig, an die angelehnt werden müßte.« (Die Kastration in rechtlicher,
sozialer und vitaler Hinsicht, Jena 1900, S. 31.)
(S. 357, Z. 1 v. u. f.) Pierre J a n e t, L'État mental des Hystériques,
Paris 1894; L'Automatisme psychologique, Essai de Psychologie
expérimentale sur les formes inférieures de l'activité humaine, 3. éd., Paris
1898; F. R a y m o n d et Pierre J a n e t, Névroses et Idées fixes, Paris 1898.
— Oskar Vo g t: in den zu S. 372, Z. 13 v. u. citierten Aufsätzen. — Jos.
B r e u e r und Sigm. F r e u d, Studien über Hysterie, Leipzig und Wien 1895.
(S. 358, Z. 9.) Sigmund F r e u d, Zur Ätiologie der Hysterie, Wiener
klinische Rundschau, X, S. 379 ff. (1896, Nr. 22–26). Die Sexualität in der
Ätiologie der Neurosen, ibid. XII, 1898, Nr. 2–7.
(S. 358, Z. 13 v. u.) »Fremdkörper« nach B r e u e r und F r e u d.
Studien über Hysterie, S. 4.

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(S. 358, Z. 8 v. u.) Hier gedenkt man vielleicht der vollendetsten
Frauengestalt Z o l a s, der F r a n ç o i s e aus dem Romane »La Terre«, und
ihres Verhaltens gegen den von ihr bis zum Schlusse ganz unbewußt
begehrten und stets zurückgewiesenen B u t e a u.
(S. 359, Z. 1 ff.) Unter den hysterischen M ä n n e r n sind wohl viele
sexuelle Zwischenformen. Eine Bemerkung C h a r c o t s weist darauf hin
(Neue Vorlesungen über die Krankheiten des Nervensystems, insbesondere
über Hysterie, übersetzt von Sigmund F r e u d, Leipzig und Wien 1886,
S. 70): »Beim Manne sieht man nicht selten einen Hoden, b e s o n d e r s
w e n n e r S i t z e i n e r L a g e - o d e r E n t w i c k l u n g s a n o m a l i e ist,
in eine hysterogene Zone einbezogen.« Vgl. S. 74 über einen hysterischen
Knaben von weibischer Erscheinung. Eine Stelle, die ich in demselben
Buche gelesen zu haben mich bestimmt entsinne, aber später nicht mehr
aufzufinden vermochte, gibt an, daß der Hode besonders dann eine
hysterogene Zone bilde, w e n n er im Leistenkanal
z u r ü c k g e b l i e b e n s e i. Beim Weibe aber sind die hysterogenen Punkte
auch lauter sexuell besonders stark hervorgehobene (Der Ilial-, Mammar-,
Inguinalpunkt, die »Ovarie«, vgl. Z i e h e n s Artikel »Hysterie« in
Eulenburgs Realenzyklopädie). Der Hode, welcher den Descensus nicht
vollzogen hat, ist eine Keimdrüse von stark weiblicher Sexualcharakteristik
(nach Teil I, Kap. 2); er steht einem Ovarium nahe und kann auch dessen
Eigenschaften übernehmen, also hysterogen werden. — Ich habe einmal in
einer Vorlesung einen Psychiater die Unrichtigkeit der Lehre von der
Weiblichkeit der Hysterie an einem Knaben demonstrieren sehen, dessen
Testikel ihrer besonderen Kleinheit wegen ihm selbst aufgefallen waren.
Nach B r i q u e t (citiert bei C h a r c o t a. a. O., S. 78) kommen 20
hysterische Frauen auf einen hysterischen Mann.
Im übrigen hat auch der männlichste Mann, vielleicht gerade er am
stärksten, die M ö g l i c h k e i t des Weibes in sich. H e b b e l, I b s e n, Z o l a
— die drei größten Kenner des Weibes im 19. Jahrhundert — sind extrem
männliche Künstler, der letztere so sehr, daß seine Romane t r o t z i h r e m
o f t s o s e x u e l l e n G e h a l t e bei den Frauen auffallend wenig in Gunst
stehen ... Je mehr Mann einer ist, desto mehr vom Weibe hat er in sich
ü b e r w u n d e n, und es ist vielleicht der männlichste Mann insofern
zugleich der weiblichste. Hiemit ist die Seite 108 aufgeworfene Frage wohl
am richtigsten beantwortet.

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(S. 359, Z. 21 v. u. ff.) Pierre J a n e t kommt meiner Auffassung von
der passiven Übernahme der Anschauungsweise des Mannes einmal
ziemlich nahe. Névroses et Idées fixes I, 475 f.: »... On a vu que le travail
du directeur pendant les séances ... a été un travail de synthèse; il a organisé
des résolutions, des croyances, des émotions, il a aidé le sujet à rattacher à
sa personnalité des images et des sensations. Bien plus il a échafaudé tout
ce système de pensées autour d'un centre spécial qui est le souvenir et
l'image de sa personne. Le sujet a emporté dans son esprit et dans son
cerveau une synthèse nouvelle, passablement artificielle et très fragile, sur
laquelle l'émotion a facilement exercé sa puissance désorganisatrice,« p.
477: les phénomènes »consistent toujours dans une affirmation et une
volonté c'est-à-dire une direction imposée aux gens qui ne peuvent pas
vouloir, qui ne peuvent pas s'adapter, qui vivent d'une manière
insuffisante«.
(S. 359, Z. 12 v. u.) Abulie: Vgl. die Beschreibung J a n e t s (Un cas
d'aboulie et d'idées fixes, Névroses et Idées fixes, Vol. I, p. 1 ff.).
(S. 360, Z. 8 f.) Von der außerordentlichen L e i c h t g l ä u b i g k e i t der
Hysterikerinnen spricht Pierre J a n e t, L'Automatisme Psychologique, Essai
de psychologie expérimentale sur les formes inférieures de l'activité
humaine, 3. éd. Paris 1899, p. 207 f. Ferner pag. 210: »Ces personnes, en
apparence spontanées et entreprenantes, sont de la plus étrange docilité
quand on sait de quelle manière il faut les diriger. De même que l'on peut
changer un rêve par quelques mots adressés au dormeur, de même on peut
modifier les actes et toutes la conduite d'un individu faible par un mot, une
allusion, un signe léger auquel il obéit aveuglément tandis qu'il résisterait
avec fureur si on avait l'air de lui commander.« B r i q u e t, Traité clinique et
thérapeutique de l'hystérie, Paris 1859, p. 98: »Toutes les hystériques que
j'ai observées étaient extrêmement i m p r e s s i o n a b l e s. Toutes, dès leur
enfance, étaient très craintives; elles avaient une peur extrême d'être
grondées, et quand il leur arrivait de l'être, elles étouffaient, sanglotaient,
fuyaient au loin ou se trouvaient mal.« (Vgl. im Texte weiter unten über die
hysterische Konstitution.) Wie hiegegen der Eigensinn der Hysterischen
alles eher denn einen Einwand bildet, das geht hervor aus der glänzenden
Bemerkung von L i p p s (Suggestion und Hypnose, S. 483, Sitzungsberichte
der philosophisch-philologischen und der historischen Klasse der Akademie
der Wissenschaften zu München, 1897, Bd. II): »..... b l i n d e r

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Eigensinn ist im Prinzip dasselbe wie blinder Gehorsam
....., es kann nicht verwundern, wenn ..... beim suggestibeln ..... Beides
angetroffen wird. Der größte Grad der Suggestibilität ..... bedingt die
Willensautomatie. Hier wirkt ausschließlich oder übermächtig der im
Befehl eingeschlossene Willensantrieb. Ein geringerer Grad der
Suggestibilität dagegen kann neben der Willensautomatie das blinde
Zuwiderhandeln gegen den Befehl erzeugen.«
(S. 360, Z. 16–21.) Auch F r e u d s »D e c k e r i n n e r u n g e n«,
(Monatsschrift für Psychiatrie und Neurologie, VI, 1899), gehören hieher.
Es sind das die Reaktionen des Schein-Ich auf diejenigen Ereignisse, auf
welche es anders antwortet als die eigentliche Natur.
(S. 360, Z. 13 v. u. f.) Z. B. Th. G o m p e r z, Griechische Denker,
Leipzig 1902, II, 353: »Erst unsere Zeit hat ..... der vermeintlichen
Einfachheit der Seele Tatsachen des »doppelten Bewußtseins« und
verwandte Vorgänge gegenübergestellt«.
(S. 360, Z. 5 v. u.) Vgl. auch S. 277, Z. 1 ff. und die Anmerkung hiezu.
(S. 361, Z. 14.) »Anorexie«, Mangel an Streben, hat man das
zeitweilige Fehlen aller Emotivität, den völligen Indifferentismus der
Hysterischen genannt: dieser resultiert aus der Unterdrückung der
weiblichen Triebe, indem eben die einzige Wertung hier aus dem
Bewußtsein verdrängt ist, deren die Frauen fähig sind und die sonst ihr
Handeln bestimmt.
(S. 361, Z. 17.) Über den »Shock nerveux« vgl. Oeuvres complètes de
J. M. C h a r c o t, Leçons sur les maladies du système nerveux, Tome III,
Paris 1887, p. 453 ff.
(S. 361, Z. 22.) »Gegenwille«: B r e u e r und F r e u d, Studien über
Hysterie, S. 2.
(S. 361, Z. 14 v. u.) Über die »Abwehr«: F r e u d, Neurologisches
Zentralblatt, 15. Mai 1894, S. 364.
(S. 361, Z. 4 v. u.) Das »schlimme Ich«: Ausdruck einer Patientin
B r e u e r s (Breuer und Freud, Studien über Hysterie, S. 36).
(S. 362, Z. 7.) Der Ausdruck »K o n v e r s i o n«, »konvertieren« ist
eingeführt worden von F r e u d, Die Abwehr-Neuropsychosen, Versuch

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einer psychologischen Theorie der akquirierten Hysterie, vieler Phobien
und Zwangsvorstellungen und gewisser halluzinatorischer Psychosen,
Neurologisches Zentralblatt, Bd. XIII, 1. Juni 1894, S. 402 ff. Vgl. auch
B r e u e r und F r e u d, Studien über Hysterie, S. 73, 105, 127, 177 ff., 190,
261. Er bedeutet: Umsetzung gewaltsam unterdrückter psychischer
Erregung in körperliche Dauersymptome.
(S. 362, Z. 11.) Vgl. P. J. M o e b i u s, Über den Begriff der Hysterie,
Zentralblatt für Nervenheilkunde, Psychiatrie und gerichtliche
Psychopathologie, XI, 66–71 (1. II. 1888).
(S. 363, Z. 9.) B r e u e r und F r e u d, Studien über Hysterie, S. 6.
(S. 363, Z. 11 v. u.) B r e u e r und F r e u d, Studien über Hysterie, S. 10,
203.
(S. 364, Z. 3.) Zur hysterischen Heteronomie vgl. z. B. Pierre J a n e t,
Névroses et Idées fixes, I, 458: »D....., atteinte de foluè du scrupule, me
demande si réellement elle est très méchante, si tout ce qu'elle fait est mal;
je lui certifie qu'il n'en est rien et elle s'en va contente.«
(S. 364, Z. 21 v. u.) O. B i n s w a n g e r, Artikel »Hypnotismus« in
Eulenburgs Realenzyklopädie der gesamten Heilkunde, 3. Aufl., Bd. XI,
S. 242: »Hysterische Individuen geben die reichste Ausbeute an
hypnotischen Erscheinungen.«
(S. 365, Z. 1 ff.) Daß das Verhältnis zwischen Hypnotiseur und
Medium ein sehr sexuelles ist, wird durch die merkwürdigen, besonders
von Albert M o l l (Der Rapport in der Hypnose, Untersuchungen über den
tierischen Magnetismus, Schriften für psychologische Forschung, Heft III-
IV, Leipzig 1892) studierten Tatsachen des »Isolier-Rapportes« bewiesen.
Literatur bei J a n e t, Névroses et Idées fixes, Vol. I, Paris 1898, p. 424, vgl.
auch p. 425: »Si le sujet n'a été endormi qu'un très petit nombre de fois à
des intervalles éloignés ... il se réveillera de l'hypnose dans un état presque
normal et ne conservera de son hypnotiseur aucune préoccupation
particulière ... Au contraire, si, pour un motif quelconque ... les séances de
somnambulisme sont rapprochées, il est facile de remarquer que l'attitude
du sujet vis-à-vis de l'hypnotiseur ne tarde pas à se modifier. Deux faits sont
surtout apparents: le sujet, qui d'abord avait quelque crainte ou quelque
répugnance pour le somnambulisme, recherche maintenant les séances avec

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un désir passioné; en outre, surtout à un certain moment, il parle beaucoup
de son hypnotiseur et s'en préoccupe d'une façon évidemment excessive.«
Also wirkt die Hypnose ganz wie der Koitus auf das Weib, es findet um so
mehr Geschmack daran, je öfter sie wiederholt wird. Vgl. p. 427 f. über die
»passion somnambulique«: »Les malades ... se souviennent du bien-être
que leur a causé le somnambulisme précédent et ils n'ont plus qu'une seule
pensée, c'est d'être endormis de nouveau. Quelques malades voudraient être
hypnotisés par n'importe qui, mais le plus souvent il n'en est pas ainsi, c'est
leur hypnotiseur, celui qui les a déjà endormis fréquemment, qu'ils
réclament avec une impatience croissante.« p. 447 über die Eifersucht der
Medien: »... beaucoup de magnétiseurs ont bien décrit la souffrance
qu'éprouve une somnambule quand elle apprend que son directeur endort de
la même manière une autre personne.« Ferner p. 451: »Si Qe., même seule,
laisse sa main griffonner sur le papier, elle voit avec étonnement qu'elle a
sans cesse écrit mon nom ou quelque recommandation que je lui ai faite.«
»Si je la laisse regarder [une boule de verre] en évitant de lui rien suggérer,
elle ne tarde pas à voir ma figure dans cette boule.« Janet selbst bespricht
die Frage, ob die hypnotischen Phänomene sexuelle seien, S. 456 f.,
verneint sie aber aus ganz unstichhältigen Gründen, z. B. weil die
Hypnotisierte oft vor dem Magnetiseur Angst habe, oder ihm mütterliche
Gefühle entgegenbringe; aber es ist klar, daß die Angst der Frauen vor dem
Manne nur die Verschleierung eines erwartungsvollen Begehrens, und das
mütterliche Verhältnis eben auch ein geschlechtliches ist. M o l l selbst sagt
S. 131: »Eine gewisse Verwandtschaft der geschlechtlichen Liebe mit dem
suggestiven Rapport kann übrigens für einzelne Fälle nicht geleugnet
werden.« F r e u d bei B r e u e r und F r e u d, Studien über Hysterie, S. 44:
»So macht sich jedesmal schon während der Massage mein Einfluß geltend,
sie wird ruhiger und klarer und findet auch ohne hypnotisches Befragen die
Gründe ihrer jedesmaligen Verstimmung u. s. f.« So wie die sexuellen
Bande, welche eine Frau an einen Mann knüpfen, gelockert werden durch
jede Schwäche, jede Lüge des letzteren, so vermag auch der Einfluß einer
Suggestion gebrochen zu werden, sobald der Wille des Suggestors sich als
gegensätzlich zu dem herausgestellt hat, was speziell von ihm erwartet
wurde. Einen solchen Fall teilt F r e u d mit (B r e u e r und F r e u d, Studien
über Hysterie, S. 64 f.): »Die Mutter ... gelangte auf einem Gedankenwege,
dem ich nicht nachgespürt habe, zum Schluß, daß wir beide, Dr. N... und
ich, Schuld an der Erkrankung des Kindes trügen, weil wir ihr das schwere

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Leiden der Kleinen als leicht dargestellt, hob gewissermaßen durch einen
Willensakt die Wirkung meiner Behandlung auf und verfiel alsbald wieder
in dieselben Zustände, von denen ich sie befreit hatte.« Das Verhältnis
zwischen Medium und Hypnotiseur ist eben stets und unabänderlich,
zumindest auf der Seite des ersteren, ein s e x u e l l e s oder einem sexuellen
ganz analog.
(S. 365, Z. 9.) B r e u e r bei B r e u e r und F r e u d, Studien über
Hysterie, S. 6–7.
(S. 365, Z. 2 v. u.) Umwandlung des hysterischen Anfalls in
Somnambulismus: Pierre J a n e t, Névroses et Idées fixes, Vol. I, Paris 1898,
p. 160 f.
(S. 366, Z. 9–12.) Es ist wohl überaus gewagt und sagt mir, als zu
grob, selbst wenig zu, auch die etwaigen Heilerfolge der Ovariotomie
hysterischer Erkrankung gegenüber, von denen so häufig berichtet wird, im
Sinne meiner Theorie zu interpretieren. Dennoch fügen sich die zahlreichen
bezüglichen Angaben, wenn auf sie nur Verlaß ist, leicht in die
Gesamtanschauung. Die Geschlechtlichkeit nämlich, welche der
Imprägnation mit dem gegengeschlechtlichen Willen entgegensteht, wird
durch jene Operation radikal aufgehoben oder ungemein vermindert (vgl.
Teil I, Kap. 2), und so entfällt der Anlaß zum Konflikte.
(S. 367, Z. 1 ff.) F. R a y m o n d et Pierre J a n e t, Névroses et Idées
fixes, Vol. II, Paris 1898, p. 313: »La malade entre à l'hôpital ... nouvelle
émotion en voyant une femme qui tombe par terre: cette émotion
bouleverse l'équilibre nerveux, lui rend tout à coup la parole et transforme
l'hémiplégie gauche en paraplégie complète. C e s t r a n s f o r m a t i o n s ,
c e s é q u i v a l e n c e s s o n t b i e n c o n n u e s d a n s l ' h y s t é r i e; ce
n'est pas une raison pour que nous ne déclarions pas qu'elles sont à notre
avis très étonnantes et probablement très instructives sur le mécanisme du
système nerveux central.«
(S. 367, Z. 2 v. u. f.) Hiemit stimmen alle Angaben über den Charakter
der Hysterischen gut überein. Z. B. bemerkt S o l l i e r, Genèse et Nature de
l'Hystérie, Paris 1897, Vol. I, p. 460: »Elles [les hystériques] sentent
instinctivement qu'elles ont besoin d'être dirigées, commandées, et c'est
pour cette raison qu'elles s'attachent de préférence à ceux qui leur imposent,
chez qui elles sentent une volonté très-forte.« Er citiert die Äußerung einer

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seiner Patientinnen: »II faut que je sois en sous-ordre; ... je sais bien faire ce
qu'on me commande, mais je ne serais pas capable de faire les choses toute
seule, et encore moins de commander à d'autres.«
(S. 368, Z. 10.) Man könnte vielleicht glauben, daß die M u t t e r das
hysterische Weib sei: dies war eine Zeitlang meine Anschauung, da ich die
Mutter für weniger sinnlich hielt und die Hysterie aus einem Konflikte
zwischen dem bloß nach dem Kinde gehenden Wunsche des Einzelwesens
und dem Widerstreben gegen das, diesen Zweck zu erreichen, erforderliche
Mittel, also aus einem im Unbewußten erfolgenden Zusammenstoß von
Individual- und Gattungswillen in einem einzigen Individuum mir zu
erklären suchte. Nach B r i q u e t sind aber Prostituierte sehr häufig
hysterisch. Es besteht hierin kein Unterschied zwischen Mutter und Dirne.
Denn ebenso können Hysterikerinnen auch Mütter sein: die L é o n i e, an
der Pierre J a n e t so viele Erfahrungen gesammelt hat, betrachtete ihn, der
ihr Magnetiseur war, als ihren S o h n (Névroses et Idées fixes, Vol. I, p.
447). Ich habe seither reichlich Gelegenheit gefunden, selbst
wahrzunehmen, daß Mütter und Prostituierte unterschiedslos hysterisch
sind.
(S. 370, Z. 13.) Paul S o l l i e r, Genèse et Nature de l'Hystérie,
Recherches cliniques et expérimentales de Psycho-Physiologie Paris 1897,
Vol. I, p. 211: »..... L'anésthésie est bien plus fréquente chez les hystériques
que l'hyperésthésie, et par suite la frigidité est l'état le plus habituel ..... Il est
aussi une conséquence de l'anésthésie des organes sexuels chez l'hystérique
qu'il est bon de signaler et que j'ai été à même de constater: c'est l'absence
de sensation des mouvements du foetus pendant la grossesse. Quoique
ceux-ci soient faciles à démontrer par la palpation, ce phénomène peut
cependant donner dans certains cas des craintes non justifiées sur la santé
du foetus; ou pousser certaines femmes à réclamer une intervention en niant
énergiquement qu'elles sont enceintes.« Zum zehnten Kapitel (S. 291)
würde das wohl stimmen: die Verleugnung der Sexualität muß auch eine
Verleugnung des Kindes mit sich führen. Vgl. ferner bei S o l l i e r noch Vol.
I, pag. 458: »Chez celles-ci [les grandes hystériques] il y a de l'anésthésie
génitale comme de tous les organes, et elles sont ordinairement
complètement frigides ..... Certaines hystériques prennent l'horreur des
rapports conjugaux qui leur sont ou absolument indifférents quand elles
sont anésthésiques, ou désagréables quand elles ne le sont pas tout-à-fait.«

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(S. 370, Z. 17.) Oskar Vo g t, Normalpsychologische Einleitung in die
Psychopathologie der Hysterie, Zeitschrift für Hypnotismus, Bd. VIII,
1899, S. 215: »Ich gebe A. einerseits die Suggestion, daß bei jeder
Berührung des rechten Armes in ihm die Vorstellung einer roten Farbe
auftauchen solle, und anderseits mache ich den rechten Arm anästhetisch.
Berühre ich jetzt den Arm, so empfindet A. nicht die Berührung trotz darauf
eingestellter Aufmerksamkeit, aber bei jeder meiner nicht von A.
empfundenen Berührungen tritt doch die Vorstellung der roten Farbe in A.
auf.«
(S. 372, Z. 3.) Guy de M a u p a s s a n t, Bel-Ami, Paris, S. 389 f.
(S. 372, Z. 4–8.) Von einem solchen sehr lehrreichen Fall von
Imprägnation durch gänzlich von außen gekommene Vorstellungen erzählt
F r e u d bei Breuer und Freud, Studien über Hysterie, 1895, S. 242 f. Eine
Dame phantasiert da in den Symbolen der Theosophen, in deren
Gesellschaft sie eingetreten ist. Auf Freuds Frage, seit wann sie sich
Vorwürfe mache und mit sich unzufrieden sei, antwortet sie, s e i t d e m s i e
M i t g l i e d d e s Ve r e i n e s g e w o r d e n s e i u n d d i e v o n i h m
h e r a u s g e g e b e n e n S c h r i f t e n l e s e. Suggestibel sind Frauen wie
Kinder eben auch durch Bücher.
(S. 372, Z. 13.) Der Ausdruck »Schutzheilige etc.« stammt von
B r e u e r (B r e u e r und F r e u d, Studien über Hysterie, S. 204). Einiges
Interessante in einem freilich tendenziös antireligiösen Schriftchen des Dr.
R o u b y, L'Hystérie de Sainte Thérèse (Bibliothèque diabolique), Paris,
Alcan, 1902, p. 11 f., 16 f., 20 f., 39 f. G i l l e s d e l a To u r e t t e, Traité
clinique et thérapeutique de l'Hystérie d'après l'enseignement de la
Salpétrière, Paris 1891, Vol. I, p. 223 bemerkt: »Il n'est pas douteux que
sainte Thérèse ..... fût atteinte de cardialgie hystérique, ou mieux d'angine
de poitrine de même nature, complexus qui s'accompagne souvent de
troubles hyperésthésiques de la région précordiale.« H a h n, Les
phénomènes hystériques et les révélations de Sainte-Thérèse, Revue des
Questions Scientifiques, Vol. XIV et XV, Bruxelles 1882. Charles B i n e t -
S a n g l é, Physio-Psychologie des Religieuses, Archives d'Anthropologie
criminelle, XVII, 1902, p. 453–477, 517–545, 607–623.
(S. 372, Z. 13 v. u. f.) Oskar Vo g t, Die direkte psychologische
Experimentalmethode in hypnotischen Bewußtseinszuständen, Zeitschrift

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für Hypnotismus V, 1897, S. 7–30, 180–218. (Vgl. besonders S. 195 ff.:
»Die Erfahrung lehrt, daß die Exaktheit der Selbstbeobachtung noch durch
Suggestionen gesteigert werden kann.« S. 199: »Die Selbstbeobachtung
kann gehoben werden: einmal durch spezialisierte Intensitätsverstärkungen
oder Hemmungen und dann durch Einengung des Wachseins und damit der
Aufmerksamkeit auf die am Experiment beteiligten Bewußtseinselemente.«
S. 218: »Es kann sich im einzelnen Menschen hohe Suggestibilität mit der
Fähigkeit einer kritischen Selbstbeobachtung verbinden« [nämlich im
Zustande des vom Hypnotiseur erzeugten »partiellen systematischen
Wachseins«.]) Zur Methodik der ätiologischen Erforschung der Hysterie,
ibid. VIII, 1899, S. 65 ff., besonders S. 70. Zur Kritik der hypnogenetischen
Erforschung der Hysterie, ibid. 342–355. F r e u d als Vorgänger: B r e u e r
und F r e u d, Studien über Hysterie S. 133 ff.
(S. 378, Z. 13.) Die Bemerkung über S c h o p e n h a u e r bedarf einer
Erläuterung. Die Verwechslung von Trieb und Wille ist vielleicht der
folgenschwerste Fehler des Schopenhauerschen Systemes. So viel sie zur
Popularisierung seiner Philosophie beigetragen hat, um ebensoviel hat sie
die Tatsachen unzulässig vereinfacht. Aus ihr erklärt sich, wie
Schopenhauer, für den das intelligible Wesen des Menschen mit Recht
Wille ist, dasselbe überall in der belebten Natur und schließlich auch in der
unbelebten als Bewegung wiederfinden kann. Dadurch aber kommt
notwendig Konfusion in Schopenhauers System. Er ist im tiefsten Grunde
d u a l i s t i s c h veranlagt, und hat eine m o n i s t i s c h e M e t a p h y s i k; er
weiß, daß gerade das intelligible Wesen des M e n s c h e n Wille ist und muß
doch durch eine unglückliche Psychologie, welche Willen und Intellekt in
einer sehr verfehlten Weise sondert, und nur den letzteren allein dem
Menschen zuteilt, diesen von Tier und Pflanze unterscheiden; er ist, was
man auch sagen mag, z u l e t z t Optimist, als B e j a h e r einer anderen
Seinsform, über die er nur aller positiven Bestimmungen sich enthält, also
eines anderen Lebens: und, so paradox dies dem heutigen Ohr klinge, nur
sein M o n i s m u s gibt dem System die pessimistische Wertung: indem er
den gleichen Willen hier wie dort sieht, ewiges und irdisches Leben nicht
scheidet, und die einzige Unsterblichkeit danach nur die des
Gattungswillens sein kann. So offenbart sich die Identifikation des höheren
mit dem niederen Willensbegriff — welchen letzteren man stets als Trieb
bezeichnen sollte — als das Verhängnis seiner ganzen Philosophie. Hätte er
die Kantische Moralphilosophie verstanden, so hätte er auch eingesehen,

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was der Unterschied zwischen Wille und Trieb ist: d e r W i l l e i s t s t e t s
f r e i , u n d n u r d e r Tr i e b u n f r e i . E s g i b t g a r k e i n e F r a g e
nach der Freiheit, sondern nur eine nach der
E x i s t e n z d e s W i l l e n s . Alle P h ä n o m e n e sind kausal bedingt;
einen Willen kann darum die e m p i r i s c h e Psychologie, die nur
psychische P h ä n o m e n e anerkennt, nicht brauchen und nicht zulassen.
D e n n a l l e r Wi l l e i s t s e i n e m B e g r i ff e n a c h f r e i u n d v o n
a b s o l u t e r S p o n t a n e i t ä t . K a n t sagt (Grundlegung zur Metaphysik
der Sitten, S. 77, Kirchmann): »Die Idee der Freiheit müssen wir
voraussetzen, wenn wir uns ein Wesen als vernünftig und mit Bewußtsein
seiner Kausalität in Ansehung der Handlungen, das ist mit einem Willen
begabt uns denken wollen, und so finden wir, daß wir aus ebendemselben
Grunde jedem mit Vernunft und Willen begabten Wesen diese Eigenschaft,
sich unter der Idee seiner Freiheit zum Handeln zu bestimmen, beilegen
müssen.« Unfreiheit des Willens gibt es, wie man sieht, auch für Kant gar
nicht: der Wille kann gar nicht determiniert werden. Der Mensch, der w i l l,
wirklich w i l l, will immer f r e i. Der Mensch hat aber freilich nicht nur
einen Willen, sondern auch Triebe. K a n t (ibid. S. 78): »Dieses [das
moralische] Sollen ist eigentlich ein Wollen, das unter der Bedingung für
jedes vernünftige Wesen gilt, wenn die Vernunft bei ihm ohne Hindernisse
praktisch wäre; für Wesen, die, wie wir, noch durch Sinnlichkeit, als
Triebfedern anderer Art, affiziert werden, bei denen es nicht immer
geschieht, was die Vernunft für sich allein tun würde, heißt jene
Notwendigkeit der Handlung nur ein Sollen, und die subjektive
Notwendigkeit wird von der objektiven unterschieden.«
A l l e r W i l l e i s t W i l l e z u m We r t , u n d a l l e r Tr i e b
T r i e b n a c h d e r L u s t; es gibt keinen Willen zur Lust und auch keinen
W i l l e n zur M a c h t, sondern nur Gier und zähen Hunger nach der
Herrschaft. P l a t o n hat dies im »Gorgias« wohl erkannt, er ist aber nicht
verstanden worden. 466 D E: φημὶ γὰρ, ὦ Πῶλε, ἐγὼ τοὺς ρήτορας καὶ τοὺς
τυράννους δύνασθαι μὲν ἐν ταῖς πόλεσι σμικρότατον, ὥσπερ νῦν δὴ ἔλεγον·
ο ὐ δ ε ν γ ὰ ρ π ο ι ε ῖ ν ὦ ν β ο ύ λ ο ν τ α ι, ὡς ἔπος εἰπεῖν· ποιεῖν μέντοι ὅτι
ἂν αὐτοῖς δόξη βέλτιστον εἶναι. Und das »οὐδεὶς ἑκὼν ἁμαρτάνει« des
S o k r a t e s — noch oft wird es wohl verloren gehen, immer wieder werden
all die seichten und verständnislosen Einwände gegen diese gewisseste
Erkenntnis sich vernehmen lassen und die noch traurigeren Versuche,
Sokrates wegen dieses Ausspruches gewissermaßen zu e n t s c h u l d i g e n

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(so z. B. G o m p e r z, Griechische Denker, Eine Geschichte der antiken
Philosophie, Leipzig 1902, S. 51 ff.) unternommen werden. Um so öfter
muß er denn wiederholt werden.
Die Idee eines ganz freien Wesens ist die Idee Gottes; die Idee eines
aus Freiheit und Unfreiheit gemischten Wesens ist die Idee des Menschen.
S o w e i t der Mensch f r e i i s t, das heißt frei w i l l, soweit i s t er Gott. Und
so ist die Kantische Ethik im tiefsten Grunde mystisch und sagt nichts
anderes als F e c h n e r s Glaubenssatz:

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»In Gott ruht meine Seele
Gott wirkt sie in sich aus;
Sein Wollen ist mein Sollen.«

(Die drei Motive und Gründe des Glaubens, Leipzig 1863, S. 256.)
(S. 378, Z. 2 v. u. f.) Vgl. A. P. S i n n e t t, Die esoterische Lehre oder
Geheimbuddhismus, 2. Aufl., Leipzig 1899, S. 153–172.
(S. 381, Z. 17.) Es ist eines der schönsten Worte G o e t h e s (Maximen
und Reflexionen, III): »D i e I d e e i s t e w i g u n d e i n z i g ; d a ß w i r
a u c h d e n P l u r a l b r a u c h e n , i s t n i c h t w o h l g e t h a n .«
(S. 381, Z. 2 v. u.) Ich finde nur in der kleinen, aber interessanten
Schrift Karl J o e l s, Die Frauen in der Philosophie, Hamburg 1896
(Sammlung gemeinverständlicher wissenschaftlicher Vorträge, Heft 246),
S. 59, eine entfernt ähnlich lautende Bemerkung: »Das Weib ist intellektuell
glücklicher, aber unphilosophischer nach dem alten Worte, daß die
Philosophie aus dem Ringen und Zweifel der Seele geboren wird.
Schopenhauers Mutter war eine Romanschriftstellerin und seine Schwester
eine Blumenmalerin.«
(S. 383, Z. 15.) Vgl. Ta g u e t, Du suicide dans l'hystérie, Annales
Médico-Psychologiques, V. Série, Vol. 17, 1877, p. 346: »L'hystérique ment
dans la mort comme elle ment dans toutes les circonstances de sa vie.«
(S. 384, Z. 6 v. u.) Lazar B. H e l l e n b a c h, Die Vorurteile der
Menschheit, Bd. III: Die Vorurteile des gemeinen Verstandes, Wien 1880,
S. 99.
(S. 388, Z. 5–11.) Wie innig Geschlechtlichkeit und Grenzaufhebung
Hand in Hand gehen, darüber macht B a c h o f e n, Das Mutterrecht, S.
XXIII, eine Andeutung. »Der dionysische Kult .... hat alle Fesseln gelöst,
alle Unterschiede aufgehoben, und dadurch, daß er den Geist der Völker
vorzugsweise auf die Materie und die Verschönerung des leiblichen Daseins
richtete, das Leben selbst wieder zu den Gesetzen des Stoffes
zurückgeführt. Dieser Fortschritt der Versinnlichung des Daseins fällt
überall mit der Auflösung der politischen Organisation und dem Verfall des
staatlichen Lebens zusammen. An der Stelle reicher Gliederung macht sich
das Gesetz der Demokratie, der ununterschiedenen Masse, und jene Freiheit
und Gleichheit geltend, welche das natürliche Leben vor dem civil-

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geordneten auszeichnet und das der leiblich-stofflichen Seite der
menschlichen Natur angehört. Die Alten sind sich über diese Verbindung
völlig klar, heben sie in den entscheidendsten Aussprüchen hervor .... Die
dionysische Religion ist zu gleicher Zeit die Apotheose des aphroditischen
Genusses und die der allgemeinen Brüderlichkeit, daher den dienenden
Ständen besonders lieb und von Tyrannen, den Pisistratiden, Ptolemäern,
Caesar im Interesse ihrer auf die demokratische Entwicklung gegründeten
Herrschaft [vgl. Kapitel X, S. 302] besonders begünstigt.« »Ausfluß einer
wesentlich weiblichen Gesinnung«, so nennt Bachofen a. a. O. diese
Erscheinungen; doch ist ihm keineswegs eine wirkliche Einsicht in die
tieferen Gründe des Phänomens gewährt gewesen; neben Aussprüchen wie
diesem finden sich begeisterte Hymnen auf die keusche Natur des Weibes
auch bei ihm.
(S. 389, Z. 6.) »Klein-Eyolf«, 3. Akt (Henrik I b s e n s sämtliche
Werke, herausgegeben von Brandes, Elias, Schlenther. Berlin, Bd. IX,
S. 72).
(S. 389, Z. 14.) Über die schwierige Frage des Verhältnisses des
Âtman zum Brahman vgl. Paul D e u s s e n, Das System des Vedânta etc.,
Leipzig 1883, S. 50 f.
(S. 391, Z. 1.) M i l n e - E d w a r d s, Introduction à la Zoologie
générale, I. partie, Paris 1851, p. 157. Ebenso Rudolf L e u c k a r t, Artikel
»Zeugung« in Wagners Handwörterbuch der Physiologie, Bd. IV,
Braunschweig 1853, S. 742 f.: ».... In physiologischer Beziehung erscheint
diese Verteilung der weiblichen und männlichen Organe als eine
Arbeitsteilung.«
Wenig Verständnis für das Verhältnis des Männlichen zum Weiblichen
verraten L e u c k a r t s abweisende Worte (a. a. O.): »Man hört nicht selten
die Behauptung, daß männliche und weibliche Individuen einer Tierform
nach Ausstattung und Tätigkeiten nicht bloß unter sich verschieden, sondern
e n t g e g e n g e s e t z t seien. Eine solche Auffassung müssen wir jedoch auf
das entschiedenste zurückweisen. Die Lehre von dem Gegensatze der
Geschlechter, die zunächst aus gewissen unklaren und mystischen
Vorstellungen von der Begattung und Befruchtung hervorgegangen ist,
stammt aus einer Zeit der naturhistorischen Forschung, in der man meinte,
mit den Begriffen von Polarität, polarem Verhalten u. s. w. das Leben in

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allen seinen Erscheinungen erklären zu können. Männliche und weibliche
Produkte, Organe, Individuen sollten sich hienach verhalten wie + und -, als
ob die Natur mit Geschlecht und Geschlechtsstoffen hantierte wie ein
Physiker mit Elektrizität und Leydener Flaschen!
Eine unbefangene und vorurteilsfreie Naturbetrachtung zeigt uns
zwischen männlichen und weiblichen Geschlechtsteilen keinen anderen
Gegensatz als überhaupt zwischen Organen und Organgruppen, die sich in
ihren Leistungen gegenseitig unterstützen und ergänzen .... Die
physiologischen Motive einer solchen Arbeitsteilung sind im allgemeinen
nicht schwer zu bezeichnen. Es sind im Grunde dieselben, die eine jede
Arbeitsteilung, auch auf dem Gebiete des praktischen Lebens, in unseren
Augen rechtfertigen. Es sind die Vorteile, welche damit verbunden sind, vor
allem Ersparnis an Kraft und Zeit für andere neue Leistungen. I n d e m
Dualismus des Geschlechtes sehen wir nichts anderes
a l s e i n e m e c h a n i s c h e Ve r a n s t a l t u n g , a u s d e r g e w i s s e
Vo r t e i l e h e r v o r g e h e n .«
Diese Auffassung des Geschlechtsunterschiedes ist die am weitesten
verbreitete. Daneben kommen noch die Anschauungen von K. W. B r o o k s
(The law of Heredity, a study of the cause of variation and the origin of
living organisms, Baltimore 1883) und August We i s m a n n (Die
Bedeutung der sexuellen Fortpflanzung für die Selektionstheorie, Jena
1886) in Betracht, welche die geschlechtliche Fortpflanzung als das Mittel
ansehen, »dessen sich die Natur bedient, um Variationen hervorzubringen«
(so Weismann, Aufsätze über Vererbung, Jena 1892, S. 390); schließlich
noch die Auffassungen von Edouard v a n B e n e d e n (Recherches sur la
maturation de l'œuf, la fécondation et la division cellulaire, Gand 1883, p.
404 f.), Viktor H e n s e n (Physiologie der Zeugung, in Hermanns Handbuch
der Physiologie, Bd. VI/2, S. 236 f.), M a u p a s (Le rajeunissement
karyogamique chez les Ciliés, Archives de Zoologie expérimentale, 2. série,
Vol. VII, 1890) und B ü t s c h l i (Über die ersten Entwicklungsvorgänge der
Eizelle, Zellteilung und Konjugation der Infusorien, Abhandlungen der
Senckenbergischen naturforsch. Gesellschaft, X, 1876), welche allerdings
mehr auf das Wesen des B e f r u c h t u n g sprozesses sich beziehen: in
welchem diese Forscher nämlich die Absicht einer Ve r j ü n g u n g der
Individuen erblicken. — Was Wilhelm W u n d t, System der Philosophie, 2.
Aufl., Leipzig 1897, S. 521 ff. über geschlechtliche und ungeschlechtliche

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Zeugung sagt, geht über eine Rezeption der herrschenden
naturwissenschaftlichen Anschauungen nicht hinaus.
(S. 391, Z. 16.) Die diesbezügliche Widerlegung der Deszendenzlehre
bei F e c h n e r, Einige Ideen zur Schöpfungs- und Entwicklungsgeschichte
der Organismen, Leipzig 1873, S. 59 ff.
(S. 392, Z. 16 v. u.) P l a t o im T i m a e u s, p. 50 B C: »δέχεται τε γὰρ
ἀεὶ τὰ πάντα, καὶ μορφὴν οὐδεμίαν ποτὲ οὐδενὶ τῶν εἰσιόντων ὁμοιαν
εἰληφεν οὐδαμῆ οὐδαμως· ἐ κ μ α γ ε ὶ ο ν γὰρ φύσει παντὶ κεῖται, κινούμενόν
τε καὶ διασχηματιζόμενον ὑπο τῶν εἴσιόντων. φαίνεται δὲ δι' ἐκεῖνα ἄλλοτε
ἀλλοιον· τὰ δὲ εἰσιόντα καὶ ἐξιόντα τῶν ὄντων ἀεὶ μιμήματα, τυπωθέντα
ἀπ' αὐτων τρόπον τινὰ δύσφραστον καὶ θαυμαστόν, ὁν εἰς αῦθις μέτιμεν. ἐν
δ'οὖν τῷ παρόντι χρὴ γένη διανοηθῆναι τριττἀ, τὸ μὲν γιγνόμενον, τὸ δὲ ἐν
ῷ γίγνεται, τὸ δ'ὁθεν ἀφομοιούμενον φύεται τὸ γιγνόμενον.« 52 A B:
»τρίτον δὲ αὖ γὲνος τὸ τῆς χ ώ ρ α ς ἀεὶ φθορὰν οὐ προσδεχόμενον, ἕδραν δὲ
παρέχον ὅσα ἔχει γένεσιν πᾶσιν, αὐτὸ δὲ μετ' ἀναισθησίας ἁπτὸν λογισμω
τινὶ νόθω, μόγις πιστόν, πρὸς ὁ δὴ καὶ ὀνειροπολοῦμεν βλέποντες καὶ
φαμεν ἀναγκαῖον εἶναί που τὸ ὄν ἁπαν ἔν τινι τόπω καὶ κατέχον χώραν τινά,
τό δὲ μήτε ἐν γῆ μήτε που κατ' οὐρανὸν οὐδὲν εἶναι« u. s. w. Vgl. J. J.
B a c h o f e n, Das Mutterrecht, Stuttgart 1861, S. 164–168.
(S. 392, Z. 11 v. u. f.) Diese Interpretation der χώρα als des Raumes
hat am ausführlichsten Hermann S i e b e c k zu begründen gesucht (Platos
Lehre von der Materie, Untersuchungen zur Philosophie der Griechen, 2.
Aufl., Freiburg 1888, S. 49–106).
(S. 393, Z. 5.) P l a t o, Timaeus, 50 D: »Καὶ δὴ καὶ προσεικάσαι πρέπει
τὸ μὲν δεχόμενον μ η τ ρ ί, τὸ δ'ὅθεν πατρί, τὴν δὲ μεταξὺ τούτων φύσιν
ἐκγόνῳ.« 49 A: »τίνα οὖν ἔχον δύναμιν κατὰ φύσιν αὐτὸ ὑποληπτέον;
τοιάνδε μάλιστα, πάσης εἶναι γενέσεως ὑποδοχὴν αὐτό, οἷον τ ι θ ή ν η ν.«
Vgl. P l u t a r c h de Is. et Osir. 56 (Moralia 373 E F).
(S. 393, Z. 6.) A r i s t o t e l e s: vgl. zu S. 240, Z. 19.
(S. 393, Z. 7 v. u.) K a n t, Metaphysische Anfangsgründe der
Naturwissenschaft, Zweites Hauptstück, Erklärung 1–4.
(S. 394, Z. 6 v. o.) Die Ahnung dieser tieferen Bedeutung des
Gegensatzes von Mann und Weib ist sehr alt (vgl. S. 13). Die
P y t h a g o r e e r haben nach A r i s t o t e l e s (Metaphysik, A 5, 986 a 22–26)

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eine »Tafel der Gegensätze« aufgestellt, in welcher sie ».... τὰς ἀρχὰς δέκα
λέγουσιν εἶναι τὰς κατὰ συστοιχίαν λεγομένας, πέρας καὶ ἄπειρον, περιττὸν
καὶ ἄρτιον, ἕν καὶ πλῆθος, δεξιὸν καὶ ἀριστερόν, ἄ ρ ρ ε ν κ α ὶ θ ῆ λ υ,
ἠρεμοῦν καὶ κινούμενον, εὐθὺ καὶ καμπύλον, φῶς καὶ σκότος, ὰγαθὸν καὶ
κακόν, τετράγωνον καὶ ἑτερόμηκες.«
(S. 399, Z. 15.) Hier möchte ich nicht unterlassen, G i o r d a n o
B r u n o s Worte anzuführen (De gli eroici furori, im einleitenden Schreiben
an Sir Philip Sidney, Opere di Giordano Bruno Nolano ed. Adolfo Wagner,
Vol. II, Leipzig 1830, p. 299 f.):
»È cosa veramente .... da basso, bruto e sporco ingegno d' essersi fatto
constantemente studioso, et aver affisso un curioso pensiero circa o sopra la
bellezza d' un corpo feminile. Che spettacolo, o dio buono, più vile e
ignobile può presentarsi ad un occhio di terso sentimento, che un uomo
cogitabundo, afflitto, tormentato, triste, maninconioso, per divenir or
freddo, or caldo, or fervente, or tremante, or pallido, or rosso, or in mina di
perplesso, or in atto di risoluto, un, che spende il miglior intervallo di tempo
e li più scelti frutti di sua vita corrente destillando l' elixir del cervello con
mettere in concetto, scritto e sigillar in publici monumenti quelle continue
torture, que' gravi tormenti, que' razionali discorsi, que' faticosi pensieri, e
quelli amarissimi studi, destinati sotto la tirannide d' una indegna, imbecilla,
stolta e sozza sporcaria?.......... ............... Ecco vergato in carte, rinchiuso in
libri, messo avanti gli occhi, e intonato a gli orecchi un rumore, un strepito,
un fracasso d'insegne, d'imprese, di motti, d'epistole, di sonetti,
d'epigrammi, di libri, di prolissi scarfazzi, di sudori estremi, di vite
consumate, con strida, ch'assordiscon gli astri, lamenti, che fanno ribombar
gli antri infernali, doglie, che fanno stupefar l'anime viventi, suspiri da far
exinanire e compatir gli dei, per quegli occhi, per quelle guance, per quel
busto, per quel bianco, per quel vermiglio, per quella lingua, per quel labro,
quel crine, quella veste, quel manto, quel guanto, quella scarpetta, quella
pianella, quella parsimonia, quel risetto, quel sdegnosetto, quella vedova
finestra, quell'eclissato sole, quel martello, quel schifo, quel puzzo, q u e l
sepolcro, quel cesso, quel mestruo, quella carogna,
q u e l l a f e b r e q u a r t a n a, quella estrema ingiuria e torto di natura, che
con una superficie, un'ombra, un fantasma, un sogno, un circeo incantesimo
ordinato al servigio de la generazione, ne inganna in specie di bellezza; la
quale insieme viene e passa, nasce e muore, fiorisce e marcisce: et è bella

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un pochettino a l'esterno, che nel suo intrinseco, vera e stabilmente è
contenuto un navilio, una bottega, una dogana, un mercato di quante
sporcarie, tossichi e veneni abbia possuti produrre la nostra madrigna
natura: la quale, dopo aver riscosso quel seme, di cui la si serva, ne viene
sovente a pagar d'un lezzo, d'un pentimento, d'una tristizia, d'una
fiacchezza, d'un dolor di capo, d'una lassitudine, d'altri e d'altri malanni, che
sono manifesti a tutto il mondo, a fin che amaramente dolga, dove
soavemente proriva ................. Voglio che le donne siano così onorate et
amate, come denno essere amate et onorate le donne: per tal causa dico, e
per tanto, per quanto si deve a quel poco, a quel tempo e quella occasione,
se non hanno altra virtù che naturale, cioè di quella bellezza, di quel
splendore, di quel servigio, senza il quale denno esser stimate più
vanamente nate al mondo, che un morboso fungo, qual con pregiudizio di
miglior piante occupa la terra, e più noiosamente, che qual si voglia napello,
o vipera, che caccia il capo fuor di quella?...« u. s. w.
(S. 400, Z. 16 v. u.) Das We i b also ist der A u s d r u c k des
Sündenfalles des Menschen, es ist die objektivierte Sexualität des Mannes
und nichts anderes als diese. Eva war nie im Paradiese. Dagegen glaube ich
mit dem Mythus der G e n e s i s (I, 2, 22) und mit dem A p o s t e l P a u l u s
(1. Timoth. 2, 13, und besonders 1. Korinth. 11, 8: οὐ γὰρ ἐστιν ἀνὴρ ἐκ
γυναικός, ἀλλὰ γυνὴ ἐξ ἀνδρός) an die Priorität des M a n n e s, an die
Schöpfung des Weibes durch den Mann, an seine M i t t e l b a r k e i t, durch
die seine Seelenlosigkeit ermöglicht ist. Gegen diese metaphysische
Posteriorität des Weibes, die eine Posteriorität dem Seins-Range nach ist
und keine bestimmte zeitliche Stelle hat, sondern eine in jedem Augenblick
vollzogene Schöpfung des Weibes durch den noch immer sexuellen Mann,
sozusagen ein f o r t w ä h r e n d e s E r e i g n i s bedeutet, bildet es keinen
Einwand, daß bei wenig differenzierten Lebewesen das männliche
Geschlecht noch fehlt, und die Funktionen, die es auf höherer Stufe ausübt,
entbehrlich scheinen. Daß übrigens hierin eine schroffe Absage an alle
deszendenz-theoretischen Spekulationen liegt, soweit diese auf die
Philosophie einer Einflußnahme sich vermessen, dessen bin ich mir wohl
bewußt, vermag aber die Verantwortung für diesen Schritt verhältnismäßig
leicht zu tragen. Philosophie ist nicht Historie, vielmehr ihr striktes
Gegenteil: denn es gibt keine Philosophie, die nicht die Zeit negierte,
keinen Philosophen, dem die Zeit eine Realität wäre wie die anderen Dinge.

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Dagegen ist es sehr wohl begreiflich, wie die Anschauung von der
Ewigkeit der Frau und der Vergänglichkeit des Mannes hat entstehen
können. Das absolut Formenlose scheint ebenso dauerhaft zu sein wie die
reine geistige Form, diese dem Dutzendmenschen ganz unvollziehbare
Vorstellung. Und über die Ewigkeit der Mutter ist im 10. Kapitel das
Nötigste bemerkt. Man vgl. auch B a c h o f e n, Das Mutterrecht S. 35: »Das
Weib ist das Gegebene, der Mann wird. Von Anfang an ist die Erde der
mütterliche Grundstoff. Aus ihrem Mutterschoße geht alsdann die sichtbare
Schöpfung hervor, und erst in dieser zeigt sich ein doppeltes getrenntes
Geschlecht; erst in ihr tritt die männliche Bildung ans Tageslicht, Weib und
Mann erscheinen also nicht gleichzeitig, sind nicht gleich geordnet. Das
Weib geht voran, der Mann folgt; das Weib ist früher, der Mann steht zu ihr
im Sohnesverhältnis; das Weib ist das Gegebene, der Mann das aus ihr erst
Gewordene. Er gehört der sichtbaren, aber stets wechselnden Schöpfung; er
kommt nur in sterblicher Gestalt zum Dasein. Von Anfang an vorhanden,
gegeben, unwandelbar ist nur das Weib; geworden, und darum stetem
Untergang verfallen, der Mann. Auf dem Gebiete des physischen Lebens
steht also das männliche Prinzip an zweiter Stelle, es ist dem weiblichen
untergeordnet.« S. 36: »In der Pflanze, die aus dem Boden hervorbricht,
wird der Erde Muttereigenschaft anschaulich. Noch ist keine Darstellung
der Männlichkeit vorhanden; diese wird erst später an dem ersten männlich
gebildeten Kinde erkannt. Der Mann ist also nicht nur später als das Weib,
sondern dieses erscheint auch als die Offenbarerin des großen Mysteriums
der Lebenszeugung. Denn aller Beobachtung entzieht sich der Akt, der im
Dunkel des Erdschoßes das Leben weckt und dessen Keim entfaltet; was
zuerst sichtbar wird, ist das Ereignis der Geburt; an diesem hat aber nur die
Mutter teil. Existenz und Bildung der männlichen Kraft wird erst durch die
Gestaltung des männlichen Kindes geoffenbart; durch eine solche Geburt
reveliert die Mutter den Menschen das, was vor der Geburt unbekannt war,
und dessen Tätigkeit in Finsternis begraben lag. In unzähligen
Darstellungen der alten Mythologie erscheint die männliche Kraft als das
geoffenbarte Mysterium; das Weib dagegen als das von Anfang an
Gegebene, als der stoffliche Urgrund, als das Materielle, sinnlich
Wahrnehmbare, das selbst keiner Offenbarung bedarf, vielmehr seinerseits
durch die erste Geburt Existenz und Gestalt der Männlichkeit zur Gewißheit
bringt.«

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Das μὴ ὄν nämlich, welches vom Weibe vertreten wird, ist das völlig
Ungeformte, Strukturlose, das Amorphe, die Materie, die keinen letzten Teil
mehr hat an der Idee des Lebens, aber ebenso ewig und unsterblich zu sein
scheint wie reine Form, schuldfreies höheres Leben, unverkörperter Geist
ewig ist. Das eine, weil nichts an ihm geändert, vom Formlosen keine Form
zerstört werden kann; das zweite, weil es sich nicht inkarniert, weil es nicht
endlich, und darum nicht vernichtbar wird.
Der Begriff des ewigen Lebens der Religionen ist der Begriff des
absoluten, metaphysischen Seins (der Aseität) der Philosophien.
(S. 400, Z. 12 v. u.) D a n t e Inferno XXXIV, Vers 76 f.
(S. 401, Z. 5 f.) Es hat Anspruch auf das ernsteste Nachdenken, und
verdient die tiefste Ehrfurcht des Hörers, und nicht Gelächter (womit ihm
heute wohl allenthalben geantwortet würde), wenn Te r t u l l i a n das Weib
so apostrophiert (De habitu muliebri liber, Opera rec. J. J. Semler, Halae
1770, Vol. III, p. 35 f.): »Tu es diaboli ianua, tu es arboris illius resignatrix,
tu es divinae legis prima desertrix, tu es, quae eum suasisti, quem diabolus
aggredi non valuit. Tu imaginem dei, hominem, tam facile elisisti; propter
tuum meritum, id est mortem, etiam filius dei mori debuit; et adornari tibi in
mente est, propter pelliceas tuas tunicas?« Diese Worte sind an die
We i b l i c h k e i t als I d e e gerichtet; die empirischen Frauen würden durch
die Zumessung einer solchen Bedeutung sich stets nur angenehm gekitzelt
fühlen; die Frauen sind sehr zufrieden mit dem a n t isexuellen Manne, und
ratlos nur dem asexuellen gegenüber.
(S. 401, Z. 12.) Wie sich durch seine Sexualität der Mann dem Weibe
annähert, geht aus der Tatsache hervor, daß die Erektion dem Willen
entzogen ist und durch ihn nicht aufgehoben werden kann, gleichwie eine
Muskelkontraktion vom gesunden Menschen auf Befehl des Willens
rückgängig gemacht wird. Der Zustand der wollüstigen Erregtheit
beherrscht das Weib ganz, beim Manne doch nur einen Teil. Aber die
Wollust dürfte die einzige Empfindung sein, welche im allgemeinen nicht
durchaus verschieden ist bei den beiden Geschlechtern; die Empfindung des
Koitus hat für Mann und Frau eine gleiche Qualität. Der Koitus wäre sonst
unmöglich. Er ist der Akt, der zwei Menschen am stärksten einander
angleicht. Nichts kann demnach irriger sein als die populäre Ansicht, daß
Mann und Weib vor allem oder gar ausschließlich in ihrer S e x u a l i t ä t

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d i f f e r i e r e n, wie ihr z. B. R o u s s e a u Ausdruck gibt (Emile, Livre V.,
Anfang): »En tout ce qui ne tient pas au sexe la femme est homme.« Gerade
die Sexualität ist das B a n d zwischen Mann und Frau und wirkt auch stets
a u s g l e i c h e n d zwischen beiden.
(S. 402, Z. 10.) Auch das spezifische M i t l e i d des Mannes mit der
Frau — ihrer inneren Leere und Unselbständigkeit, Haltlosigkeit und
Gehaltlosigkeit wegen — weist, wie alles Mitleid, auf eine Schuld zurück.
(S. 402, Z. 9 v. u.) Es sind hiemit scheinbar drei v e r s c h i e d e n e
Erklärungen der Kuppelei (und somit Herleitungen der Weiblichkeit)
gegeben; aber sie drücken, wie man wohl sieht, alle ein und dasselbe aus.
Die sich ewig vergrößernde Schuld des höheren Lebens ist die dem
Menschen ewig unerklärliche, für ihn wahrhaft l e t z t e Tatsache des Abfalls
jenes Lebens zum niederen Leben; der plötzliche Absturz des völlig
Schuldlosen in die Schuld. Das niedere Leben aber kulminiert in jenem
Akte, durch das es neu erzeugt wird; alle Begünstigung des niederen
Lebens schließt darum notwendig Kuppelei ein. Dieses selbe Streben, das
irdische Leben Realität gewinnen zu lassen, ist dadurch bezeichnet, daß alle
Materie sich verführerisch der Formung entgegendrängt; oder wie dies
P l a t o tiefsinnig angedeutet hat: durch die betrügerische Zudringlichkeit
der P e n i a (der Armut, des Leeren, des Nichts) an den trunkenen,
träumenden Gott P o r o s (den Reichen).

Page 582

Zu Teil II, Kapitel 13.
(S. 404, Z. 13 v. u.) Über den mangelhaften Bartwuchs der Chinesen
D a r w i n, Abstammung des Menschen, übersetzt von Haek, Bd. II, S. 339.
Auch die S t i m m e des Mannes soll sich bei den verschiedenen
Menschenrassen nicht gleich sehr von der des Weibes unterscheiden, z. B.
gerade bei Chinesen und Tataren, »die Stimme des Mannes nicht so sehr
von der des Weibes abweichen, wie bei anderen Rassen.« (D a r w i n, Die
Abstammung des Menschen, übersetzt von Haek, Leipzig,
Universalbibliothek, Bd. II, S. 348, nach Sir Duncan G i b b, Journal of the
Anthropological Society, April 1869, p. LVII und LVIII.)
(S. 405, Z. 14 v. u.) Houston Stewart C h a m b e r l a i n, Die
Grundlagen des 19. Jahrhunderts, I. Hälfte, 4, Aufl., München 1903,
S. 345 ff.
(S. 406, Z. 1 v. u.) Als hervorragendere »Philosemiten« könnten nur
der sehr überschätzte G. E. L e s s i n g, und Friedr. N i e t z s c h e in Betracht
kommen, der letztere aber wohl bloß infolge eines Oppositionsbedürfnisses
gegen S c h o p e n h a u e r und Wa g n e r; und der erstere hat den eigenen
Rang viel klarer erkannt und offener eingestanden als die
Geschichtsschreiber der deutschen Literatur (vgl. Hamburgische
Dramaturgie, Stück 101 f.). Der schärfste Antisemit unter allen ist wohl
K a n t gewesen (nach der Anmerkung zum § 44 seiner »Anthropologie in
pragmatischer Hinsicht«). Vgl. über den »Consensus ingeniorum«
C h a m b e r l a i n, Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts, S. 335.
(S. 413, Z. 7 v. u. f.) 1 . B u c h M o s i s, Kap. 25, 24–34; 27, 1–45;
30, 31–43.
(S. 414, Z. 4–9.) Nach M. F r i e d l ä n d e r, Der Antichrist in den
vorchristlichen jüdischen Quellen, Göttingen 1901, S. 118 ff. hat der
Antichrist schon im vorchristlichen Judentum (z. B. dem freilich sehr spät
entstandenen Buche Deuteronomium) eine Rolle als »Beliar« gespielt.
Friedländers Auffassung gipfelt, wie ich glaube (von dem historischen
Materiale muß ich absehen), darin, daß der Antichrist erst da sein mußte,
damit der Christ komme, ihn zu vernichten (S. 131). Damit wird jedoch

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dem Bösen eine selbständige Existenz v o r dem Guten und also unabhängig
von diesem zugesprochen; das Böse indes ist nur »Privation« des Guten
(A u g u s t i n u s, G o e t h e). Nur der gute, nicht der böse Mensch f ü r c h t e t
das Böse, dem der Verbrecher selbst d i e n t. Das Böse ist nur ein Abfall
vom Guten, und hat nur einen Sinn in Bezug auf dieses; indes das Gute an
sich ist und keiner Relation bedarf.
Die wenigen Elemente des vorchristlichen jüdischen Teufelsglaubens
stammen nach den Resultaten der Forschung aus dem Parsismus. Vgl. W.
B o u s s e t, Die jüdische Apokalyptik, ihre religionsgeschichtliche Herkunft
und ihre Bedeutung für das neue Testament, Berlin 1903, S. 38–51. S. 45:
»Der Schluß drängt sich mit zwingender Gewalt auf: die jüdische
Apokalyptik ist in dem Neuen, was sie in den Hoffnungsglauben des
Judentums hineinbringt, von Seiten der eranischen Religion bedingt und
angeregt.« Und S. 48: »Nun läßt sich doch behaupten, daß der Dualismus
spezifisch unisraelitisch ist. Die Religion der Propheten und des alten
Testamentes kennt den Teufel nicht. Die Gestalt des Satans, wie sie im
Erzählungsstück des Hiobbuches, in der Chronik, bei Sacharja auftritt, hat
mit der späteren des Teufels, wie sie im neutestamentlichen Zeitalter
herrscht, äußerst wenig, nicht viel mehr als den Namen gemeinsam. Und
überdies sind sämtliche hier genannten Stücke — auch das Erzählungsstück
des Hiobbuches — recht spät. Der Teufelsglaube, die Annahme eines
organisierten dämonischen Reiches widerspricht direkt dem Geiste der
Frömmigkeit der Propheten und Psalmen, ihrem starken und starren
Monotheismus. Hingegen ist in keiner anderen Religion der Dualismus so
heimisch und wurzelt so tief wie in der eranischen Religion. Auch von hier
aus drängt sich der Schluß der Abhängigkeit der jüdischen Apokalyptik
unmittelbar auf.«
(S. 415, Z. 10.) So nicht nur die Argumente des Tages, sondern selbst
S c h o p e n h a u e r (Parerga und Paralipomena, Bd. II, § 132): »[Das
jüdische Volk] lebt parasitisch auf den anderen Völkern und ihrem Boden,
ist aber dabei nichtsdestoweniger von lebhaftestem Patriotismus für die
eigene Nation beseelt, den es an den Tag legt durch das festeste
Zusammenhalten, wonach Alle für Einen und Einer für Alle stehen; so daß
dieser Patriotismus sine patria begeisterter wirkt, als irgend ein anderer.
Das Vaterland des Juden sind die übrigen Juden: daher kämpft er für sie,

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wie pro ara et focis, und keine Gemeinschaft auf Erden hält so fest
zusammen wie diese.«
(S. 418, Z. 18.) Houston Stewart C h a m b e r l a i n, Die Grundlagen des
neunzehnten Jahrhunderts, 4. Aufl., München 1903, S. 143, Anm. 1. —
Über die jüdische Diaspora der letzten vorchristlichen Jahrhunderte vgl.
ferner M. F r i e d l ä n d e r, Der Antichrist in den vorchristlichen jüdischen
Quellen, Göttingen 1901, S. 90 f.
(S. 420, Z. 10.) Über den Mangel an Unsterblichkeitsglauben im alten
Testamente hat S c h o p e n h a u e r das Treffendste und Kräftigste gesagt
(Parerga und Paralipomena, Bd. I, S. 151 f., ed. Grisebach).
(S. 420, Z. 12.) S c h o p e n h a u e r, Neue Paralipomena, § 396
(Handschriftlicher Nachlaß, Bd. IV, herausgegeben von Eduard Grisebach,
S. 244).
(S. 420, Z. 18 f.) Gustav Theodor F e c h n e r, Die drei Motive und
Gründe des Glaubens, Leipzig 1863, S. 254–256. Auch in der »Tagesansicht
gegenüber der Nachtansicht«, Leipzig 1879, S. 65–68.
(S. 420, Z. 8 v. u.) Te r t u l l i a n i Apologeticus adversus gentes pro
christianis, cap. 17 (Opera, Vol. V, p. 47, rec. Semler, Halae 1773.)
(S. 420, Z. 6 v. u.) C h a m b e r l a i n a. a. O., S. 391–400.
(S. 421, Z. 13.) S c h o p e n h a u e r hat das Wesen des Jüdischen am
sichersten herausgefühlt; denn von ihm rührt das Wort her von den »dem
Nationalcharakter der Juden anhängenden, bekannten Fehlern, worunter
eine wundersame Abwesenheit alles dessen, was das Wort verecundia
ausdrückt, der hervorstechendste, wenngleich ein Mangel ist, der in der
Welt besser weiter hilft, als vielleicht irgend eine positive Eigenschaft ....«
(Parerga und Paralipomena, Bd. II, § 132.)
Diesen Mangel an verecundia will ich erst weiterhin berühren und in
einen Zusammenhang mit allem übrigen jüdischen Wesen zu bringen
versuchen (S. 591).
(S. 422, Z. 14 v. u.) Aus Versen K e p l e r s citiert nach Johann Karl
Friedrich Z ö l l n e r, Über die Natur der Kometen, Beiträge zur Geschichte
und Theorie der Erkenntnis, 2. Aufl., Leipzig 1872, S. 164.

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(S. 423, Z. 1 v. u.) Gustav Theodor F e c h n e r, Ideen zur Schöpfungs-
und Entwicklungsgeschichte der Organismen, Leipzig 1873. Wilhelm
P r e y e r, Naturwissenschaftliche Tatsachen und Probleme, 1880, II.
Vortrag: Die Hypothesen über den Ursprung des Lebens (»Kosmozoen-
Theorie«).
(S. 425, Z. 4.) Was S c h o p e n h a u e r (Über den Willen in der Natur,
Werke, ed. Grisebach, III, 337) und C h a m b e r l a i n (Grundlagen des 19.
Jahrhunderts, 4. Aufl., S. 170 f.) S p i n o z a hauptsächlich zum Vorwurf
machen, seine merkwürdigen sittlichen Lehren, das bildet in weit
geringerem Grade einen Einwand gegen ihn und gegen das Judentum, und
am wenigsten deutet es auf irgend eine Immoralität in Spinoza selbst hin.
Spinozas ethische Lehre ist gerade darum so flach geworden, weil er recht
wenig Verbrecherisches in sich zu überwinden hatte. Aus demselben
Grunde treffen auch A r i s t o t e l e s ', F e c h n e r s oder L o t z e s ethische
Theorien so wenig das eigentliche Problem, obwohl sie, als Arier, von
vornherein tiefer sind als der Jude.
(S. 425, Z. 13.) Ich glaube, daß auf einem Mißverständnis, auf einer
Verwechslung von Wille und Willkür beruht, was C h a m b e r l a i n sagt (a.
a. O., S. 243 f.): »Das liberum arbitrium ist entschieden eine semitische und
in seiner vollen Ausbildung speziell eine jüdische Vorstellung.«
(S. 425, Z. 17.) Wie ganz anders auch F e c h n e r, den eine
oberflächliche Betrachtung in sehr große Nähe zu Spinoza zu rücken
versucht hat, als welcher jenem an Bedeutung und Tiefe weit nachsteht!
Vgl. z. B. Zend-Avesta, II2, 197: »Der Mensch, aus dem der jenseitige Geist
kommt [beim Tode] ...., bleibt unter a l l e n Einwirkungen, die ihm
begegnen mögen, ein Individuelles.«
(S. 427, Z. 16 f.) S c h o p e n h a u e r, Die Welt als Wille und
Vorstellung, Zweiter Band, erstes Buch, Kapitel 8: Zur Theorie des
Lächerlichen. — J e a n P a u l, Vorschule der Ästhetik, § 26–55.
(S. 429, Z. 2 f.) Im »fliegenden Holländer«, im »Lohengrin«, im
»Parsifal« ist das Problem des Judentums offen formuliert; aber Siegfried,
der »dumme Knab'«, ist nicht minder als Parsifal, der »reine Tor«, von
Wa g n e r in einem Gegensatze zu allem Jüdischen gedacht worden.

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(S. 434, Z. 10–12.) Die Selbstsetzung des Ich bleibt der tiefste
Gedanke der F i c h t eschen Philosophie. Vgl. Grundlage der gesamten
Wissenschaftslehre, Sämtliche Werke herausgegeben von J. H. Fichte, I/1,
Berlin 1845, S. 95 f. (vgl. zu S. 205, Z. 18):
»a) Durch den Satz A = A wird g e u r t h e i l t. Alles Urtheilen aber ist
laut des empirischen Bewußtseyns ein Handeln des menschlichen Geistes;
denn es hat alle Bedingungen der Handlung im empirischen
Selbstbewußtseyn, welche zum Behuf der Reflexion, als bekannt und
ausgemacht, vorausgesetzt werden müssen.
b) Diesem Handeln nun liegt etwas auf nichts höheres gegründetes,
nemlich X = Ich bin, zum Grunde.
c) Demnach ist das s c h l e c h t h i n g e s e t z t e und a u f s i c h
s e l b s t g e g r ü n d e t e — Grund e i n e s g e w i s s e n (durch die ganze
Wissenschaftslehre wird sich ergeben, a l l e s) Handelns des menschlichen
Geistes, mithin sein reiner Charakter; der reine Charakter der Thätigkeit an
sich; abgesehen von den besonderen empirischen Bedingungen derselben.
Also das Setzen des Ich durch sich selbst ist die reine Thätigkeit
desselben. — Das Ich s e t z t s i c h s e l b s t, und es i s t, vermöge dieses
bloßen Setzens durch sich selbst; und umgekehrt, das Ich i s t, und es setzt
sein Seyn, vermöge seines bloßen Seyns. — Es ist zugleich das Handelnde
und das Produkt der Handlung; das Thätige, und das, was durch die
Thätigkeit hervorgebracht wird; Handlung und That sind Eins und
ebendasselbe; und daher ist das: I c h b i n, Ausdruck einer Thathandlung
.....
8. Ist das Ich nur, insofern es sich setzt, so ist es auch nur f ü r das
setzende und setzt nur für das seyende. — D a s I c h i s t f ü r d a s I c h,
— setzt es aber sich selbst, schlechthin so wie es ist, so setzt es sich
nothwendig und ist nothwendig für das Ich. I c h b i n n u r f ü r M i c h ;
a b e r f ü r m i c h b i n i c h n o t h w e n d i g (indem ich sage f ü r M i c h,
setze ich schon mein Seyn).
9. S i c h s e l b s t s e t z e n und S e y n sind, vom Ich gebraucht, völlig
gleich. Der Satz: Ich bin, weil ich mich selbst gesetzt habe, kann demnach
auch so ausgedrückt werden: I c h b i n s c h l e c h t h i n , w e i l i c h b i n .

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Ferner, das sich setzende Ich und das seyende Ich sind völlig gleich,
Ein und ebendasselbe. Das Ich ist dasjenige, als w a s es sich setzt; und es
setzt sich als d a s j e n i g e, was es ist. Also: I c h b i n s c h l e c h t h i n ,
was ich bin.
10. Der unmittelbare Ausdruck der jetzt entwickelten Thathandlung
wäre folgende Formel: I c h b i n s c h l e c h t h i n , d a s i s t i c h b i n
schlechthin, weil ich bin, und bin schlechthin, was ich
bin; beides für das Ich.
Denkt man sich die Erzählung von dieser Thathandlung an die Spitze
einer Wissenschaftslehre, so müßte sie etwa folgendermaßen ausgedrückt
werden: D a s I c h s e t z t u r s p r ü n g l i c h s e i n e i g e n e s S e y n .«
(S. 434, Z. 15 f.) Vgl. H. S. C h a m b e r l a i n a. a. O., S. 397 f. — Die
Dualität von Religion und Glaube, die Chamberlain S. 405 f. behauptet,
dürfte kaum haltbar sein.
(S. 435, Z. 6 v. u.) Vgl. H. S. C h a m b e r l a i n, Die Grundlagen des
XIX. Jahrhunderts, 4. Aufl., München 1903, S. 244, 401.
(S. 436, Z. 2 v. u.) Man sieht, wie schwierig es ist, das Judentum zu
definieren. Dem Juden fehlt die Härte, aber auch die Sanftmut — eher ist er
zähe und weich; er ist weder roh noch fein, weder grob noch höflich. Er ist
nicht König, nicht Führer, aber auch nicht Lehnsmann, nicht Vasall. Was er
nicht kennt, ist Erschütterung; doch es mangelt ihm ebensosehr der
Gleichmut. Ihm ist nie etwas selbstverständlich, aber ebenso fremd ist ihm
alles wahre Staunen. Er hat nichts vom L o h e n g r i n, aber beinahe noch
weniger vom Te l r a m u n d (der mit seiner Ehre steht und fällt). Er ist
lächerlich als Korpsstudent; und gibt doch keinen guten Philister ab. Er ist
nie schwerblütig, aber auch nie vom Herzen leichtsinnig. Weil er nichts
glaubt, flüchtet er ins Materielle; nur daher stammt seine Geldgier: er sucht
hier eine Realität und will durchs »Geschäft« von einem Seienden
überzeugt werden — der einzige Wert, den er als tatsächlich anerkennt,
wird so das »verdiente« Geld. Aber dennoch ist er nicht einmal eigentlich
Geschäftsmann: denn das »Unreelle«, »Unsolide« im Gebaren des
jüdischen Händlers ist nur die konkrete Erscheinung des der i n n e r e n
I d e n t i t ä t baren jüdischen Wesens auch auf diesem Gebiete.
» J ü d i s c h « i s t a l s o e i n e K a t e g o r i e und psychologisch nicht
weiter zurückzuführen und zu bestimmen; metaphysisch mag man es als

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Z u s t a n d v o r d e m S e i n fassen; introspektiv kommt man nicht weiter
als bis zur inneren Vieldeutigkeit, dem Mangel an Überzeugungen, der
Unfähigkeit zu irgend welcher Liebe, das ist ungeteilten Hingabe, und zum
Opfer.
Die Erotik des Juden ist sentimental, sein Humor Satire; jeder Satiriker
aber ist sentimental, wie jeder Humorist nur ein umgekehrter Erotiker. In
der Satire und in der Sentimentalität ist jene Duplizität, die das Jüdische
eigentlich ausmacht (denn die Satire verschweigt zu wenig und fälscht
darum den Humor); und jenes Lächeln ist beiden gemeinsam, welches das
jüdische Gesicht kennzeichnet: kein seliges, kein schmerzvolles, kein
stolzes, kein verzerrtes Lächeln, sondern jener unbestimmte
Gesichtsausdruck, welcher B e r e i t s c h a f t verrät, a u f alles
e i n z u g e h e n, und alle Ehrfurcht des Menschen vor sich selbst vermissen
läßt; jene Ehrfurcht, die allein alle andere »verecundia« erst begründet.
(S. 437, Z. 6.) C h a m b e r l a i n: a. a. O., S. 329 f.
(S. 437, Z. 5 v. u. f.) Über das »epileptische Genie« vgl. besonders
L o m b r o s o, Der geniale Mensch, Hamburg 1890, an vielen Orten. Über
Napoleons Epilepsie orientiert Louis P r o a l, Napoléon I. était-il
épileptique? Archives d'Anthropologie criminelle, 1902, p. 261–266 (mit
den Zeugnissen von Constant und Talleyrand).
(S. 438, Z. 11.) K a n t, Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen
Vernunft, S. 46–47, ed. Kehrbach. Vgl. S. 49 f.: »Wenn der Mensch aber im
Grunde seiner Maximen verderbt ist, wie ist es möglich, daß er durch
eigene Kräfte diese Revolution [einen Übergang zur Maxime der Heiligkeit
der Gesinnung] zustande bringe und von selbst ein guter Mensch werde?
Und doch gebietet die Pflicht, es zu sein, sie gebietet uns aber nichts, als
was uns tunlich ist. Dieses ist nicht anders zu vereinigen, als daß die
Revolution für die Denkungsart, die allmähliche Reform aber für die
Sinnesart (welche jener Hindernisse entgegenstellt), notwendig und daher
auch dem Menschen möglich sein muß. Das ist: wenn er den obersten
Grund seiner Maximen, wodurch er ein böser Mensch war, durch eine
einzige unwandelbare Entschließung umkehrt (und hiemit einen neuen
Menschen anzieht); so ist er sofern dem Prinzip und der Denkungsart nach
ein fürs Gute empfängliches Subjekt u. s. w.« —

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Das andere Genie erfährt die Gnade noch vor der Geburt; der
Religionsstifter im Laufe seines Lebens. In ihm stirbt ein älteres Wesen am
vollständigsten und tritt vor einem gänzlich neuen zurück. Je größer ein
Mensch werden will, desto mehr ist in ihm, dessen Tod er beschließen muß.
Ich glaube, daß auch S o k r a t e s hier den Religionsstiftern (als der einzige
unter allen Griechen[106]) sich nähert; vielleicht hat er den entscheidenden
Kampf mit dem Bösen an jenem Tage gekämpft, da er bei Potidaea
vierundzwanzig Stunden allein an einem und demselben Orte aufrecht
stand.
K a n t (Religionsphilosophie; vgl. im Texte S. 209), G o e t h e (Citat
auf S. 438), J a k o b B ö h m e (De regeneratione) und Richard Wa g n e r
(Wotan bei Erda, Siegfried, III. Akt) sind ebenfalls diesem Ereignis einer
buchstäblichen N e u g e b u r t des g a n z e n Menschen weniger fern gewesen
als die meisten anderen großen Männer.

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Zu Teil II, Kapitel 14.
(S. 443, Z. 7 v. u.) »Alle höhere Kultur ist nicht auf das Prinzip der
S e x u a l i t ä t, sondern im Gegenteil auf das Prinzip der A s k e s e
gegründet« das ist (wenn man Askese nicht zu eng, nicht im Sinne einer
Jesuiten-Schulung faßt) das wahrste Wort aus dem trefflichen Aufsatze von
O. F r i e d l ä n d e r (vgl. zu S. 446, Z. 1 v. u.).
(S. 443, Z. 15–21.) Auf das Überwiegen des dirnenhaften Elementes
im heutigen Weibe dürfte die zunehmende Unlust und Unfähigkeit der
Mütter, ihre Kinder zu stillen, viel eher zurückweisen als auf den seit
Jahrhunderten unverändert großen Alkoholgenuß (vgl. S. 291, Z. 14 v. u. f.)
(S. 444, Z. 15.) Sogar in die Wissenschaft ist diese Wertung des
Mannes nach seiner geschlechtlichen Fähigkeit eingedrungen. »Il ne peut
être douteux que les testicules donnent à l'homme ses plus nobles et ses plus
utiles qualités.« (B r o w n - S é q u a r d, Archives de Physiologie normale et
pathologie, 1889, p. 652.)
Es ist sehr verdienstlich von R i e g e r, diesen so populären
Anschauungen derart kräftig entgegengetreten zu sein, wie er es in seinem
Buche über »Die Kastration« (Jena 1900) getan hat.
(S. 446, Z. 1 v. u.) Auf einem anderen Wege und weniger durch eine
Analyse der Weiblichkeit als der Männlichkeit kommt Oskar
F r i e d l ä n d e r (»Eine für Viele«, eine Studie, Die Gesellschaft, Münchener
Halbmonatsschrift, 1902, Heft 15/16) zu d e m s e l b e n Ergebnis (S. 181 f.):
»Die Geschlechter bilden und beeinflussen einander in der Richtung nach
dem physischen und moralischen Ideale, das sie als Maßstab ihrer
wechselseitigen Wertschätzung zu Grunde legen, und von dessen mehr oder
minder vollkommener Erfüllung die Bevorzugung der einen vor den
anderen bei der Liebeswahl abhängig zu denken ist. Wenn echte
Weiblichkeit mit dem Attribute der Keuschheit unzertrennlich verbunden
ist, so ist demnach der Grund dafür nicht in der Natur des Weibes, sondern
in der moralischen Disposition des Mannes zu suchen. Ihm ist die
Keuschheit, im weiteren Sinne: die Fähigkeit, die Schranken des sinnlichen
Einzeldaseins zu übersteigen, der höchste sittliche Wert und wird es trotz

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aller beklagenswerten Aberrationen, an denen unser, einem durchaus
unberechtigten Optimismus huldigendes Zeitalter so reich ist, immer
bleiben; darum überträgt er ihn in der Form eines moralischen Imperatives
auf das andere Geschlecht. Der Frau ist, weniger im ethischen als im
sexuellen Interesse, alles an der Erfüllung dieser Forderung gelegen.
Deshalb hält sie so unerbittlich zähe daran fest, zähe besonders am Scheine
der Keuschheit, an den Regeln der Konvenienz.
Die Anwendung auf den entgegengesetzten Fall wird man mir
erlassen. Es heißt dem Scharfsinn meiner Leser nicht allzuviel zumuten,
wenn ich ihnen die Entscheidung anheimstelle, wo das Ideal der
männlichen Unkeuschheit seinen Ursprung genommen haben mag.«
(S. 447, Z. 1.) Doch ist auch der Wert, der auf Jungfräulichkeit gelegt
wird, wie bekannt, ein sehr verschiedener bei den verschiedenen
Menschenrassen. Vgl. Heinrich S c h u r t z, Altersklassen und Männerbünde,
Berlin 1902, S. 93.
(S 447, Z. 1 v. u.) Der Mensch, der sich straft durch
Fleischeskreuzigung und Abtötung des Leibes, will den Sieg ohne Kampf;
er räumt den Leib aus dem Wege, weil er zu schwach ist, dessen Triebe zu
überwinden. Er ist ebenso feig wie der Selbstmörder, der sich erschösse,
weil er am Siege über sich verzweifelte. Und die Buße ist der Reue
geradezu entgegengesetzt; denn sie beweist, daß der Mensch gar nicht
ü b e r seiner Missetat steht, sondern noch in ihr befangen ist, sonst würde er
sich nicht züchtigen; er würde trotz der Zurechnung einen Unterschied
machen zwischen dem Moment der Tat und dem Moment der Reue, wofern
Reue da wäre. Denn Bedingung der Reue ist nunmehrige Unfähigkeit zur
Tat, und diese Unfähigkeit zum Bösen kann kein Mensch in sich strafen
wollen. Auch K a n t hat die Askese durchschaut (Metaphysische
Anfangsgründe der Tugendlehre, § 53).
(S. 448, Z. 4 v. u.) Richard Wa g n e r, Parsifal, ein
Bühnenweihfestspiel. Zweiter Aufzug. (Gesammelte Schriften und
Dichtungen, 3. Aufl., Leipzig 1898, Bd. X, S. 360 f.)
(S. 451, Z. 9 v. u.) S c h o p e n h a u e r: »Die Mormonen haben Recht.«
(Parerga und Paralipomena, Bd. II, § 370 Ende.) D e m o s t h e n e s 59, 122
(Κατὰ Νεαίρας): »Tὰς μὲν γὰρ ἑταίρας ἡ δονῆς ἕνεκ' ἔχομεν, τὰς δὲ

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παλλακὰς τῆς καθ' ἡμέραν θεραπείας τοῦ σώματος, τὰς δἐ γυναῖκας τοῦ
παιδοποιεῖσθαι γνησίως καὶ τῶν ἔνδον φύλακα πιστὴν ἔχειν.«
(S. 451, Z. 8 v. u. f.) G o e t h e, Zweite Epistel. — M o l i è r e, Les
Femmes Savantes, Acte II, Scène VII. — Selbst K a n t dürfte, wäre er nach
einer Schrift aus dem Jahre 1764 zu beurteilen, keineswegs von diesem
Vorwurfe ausgenommen werden. Denn in den »Beobachtungen über das
Gefühl des Schönen und Erhabenen« (III. Abschnitt, Bd. VIII, S. 32, ed.
Kirchmann) steht: »[Die Frauenzimmer] tun etwas nur darum, weil es ihnen
so beliebt, u n d d i e K u n s t b e s t e h t d a r i n , z u m a c h e n , d a ß
i h n e n n u r d a s j e n i g e b e l i e b t , w a s g u t i s t. Ich glaube
schwerlich, daß das schöne Geschlecht der Grundsätze fähig sei, und ich
hoffe dadurch nicht zu beleidigen, denn diese sind auch äußerst selten beim
männlichen.«
(S. 452, Z. 17.) K a n t, Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen
Vernunft, ed. Kehrbach, S. 47.
(S. 452, Z. 6 v. u.) W. H. R i e h l, Die Familie, Stuttgart 1861, S. 7,
sagt: »Man muß ... den tollen Mut der Sozialisten bewundern, welche den
beiden Geschlechtern trotz aller leiblichen und seelischen Ungleichartigkeit
doch die gleiche politische und soziale Berufung zusprechen und ganz
resolut ein Gesetz der Natur entthronen wollen, um ein Gesetz der Schule
und des Systems an seine Stelle zu setzen. Périsse la nature plutôt que les
principes!«
Dieser Standpunkt, den Riehl toll nennt, ist der meinige. Ich kann nicht
einsehen, wie ein anderer gewählt werden könnte, wofern man nicht
utilitaristisch, sondern ethisch zu denken gewillt ist. Sicherlich wird der alte
Mißbrauch, der mit den Worten der Natur, des Natürlichen und
Naturgemäßen getrieben wird, sich erneuern, sobald es diese Forderung zu
bekämpfen gelten wird. Das Verhältnis des Menschen zur Natur wird aber,
um es ganz unzweideutig zu sagen, nicht zerstört, s o n d e r n e r s t
geschaffen dadurch, daß der Mensch sich über sie
e r h e b t, m e h r wird als ein bloßes Glied, ein bloßer Teil von ihr. Denn
Natur ist immer das G a n z e der sinnlichen Welt, und dieses kann nicht von
einem seiner Teile aus übersehen werden.
(S. 453, Z. 16 f.) Je tiefer das Weib steht, desto notwendiger muß es
emanzipiert werden. Gewöhnlich schließt man umgekehrt.

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(S. 453, Z. 22–24.) Ich meine hier die »Vera«-Literatur, welche im
Jahre 1902 ziemlich viel Staub aufgewirbelt hat. Das einzige Gute, was
über die ganze Streitfrage geschrieben worden ist, findet man in dem
mehrfach citierten Aufsatze von Oskar F r i e d l ä n d e r, Eine für Viele, eine
Studie (vgl. besonders zu S. 446, Z. 1 v. u.).
(S. 454, Z. 4 f.) Friedrich N i e t z s c h e, Jenseits von Gut und Böse,
Aphorismus 238.
(S. 455, Z. 7.) »P y t h a g o r a s erscheint als der Vertreter des
Frauengeschlechtes, als der Verteidiger seiner Rechte, seiner
Unverletzlichkeit, seines hohen Berufes in der Familie und im Staate. Den
Männern stellt er die Unterdrückung des Weibes als Sünde dar. Nicht
unterworfen, sondern mit voller Gleichberechtigung dem Gatten
beigeordnet soll das Weib sein.« (J. J. B a c h o f e n, Das Mutterrecht, Eine
Untersuchung über die Gynaikokratie der alten Welt nach ihrer religiösen
und rechtlichen Natur, Stuttgart 1861, S. 381.)
(S. 456, Z. 11.) Über die » P a r s i f a l « - D i c h t u n g Wa g n e r s ist mir
eine einzige verständnisvolle Abhandlung bekannt geworden: Zur Symbolik
in Wagners Parsifal, von Emil L u c k a, Wiener Rundschau, V, 16, S. 313 f.
(15. August 1901). Leider ist in diesem sehr vorzüglichen Aufsatz das
Thema allzu knapp behandelt. Eine Auffassung der Dichtung, welche von
jenem Autor in vielen Punkten beträchtlich abweicht, ausführlich
darzulegen, hoffe ich selbst Gelegenheit zu finden.
(S. 457, Z. 6 f.) C l e m e n s A l e x a n d r i n u s, Stromata, III 6, vol. I,
p. 532, ed. Potter (Oxford 1715) = p. 1149 ed. Migne (Patrologiae Graecae,
Tomus VIII, Paris 1857): Τῇ Σαλώμῃ ὁ Κύριος πυνθανομένῃ μ έ χ ρ ι π ό τ ε
θ ά ν α τ ο ς ἰ σ χ ύ σ ε ι οὐχ ὡς κακοῦ τοῦ βίου ὄντος καὶ τῆς κτίσεως
πονηρᾶς »Μ έ χ ρ ι ς ἄ ν , ε ἶ π ε ν , ὑ μ ε ῖ ς α ἱ γ υ ν α ῖ κ ε ς τ ί κ τ ε τ ε« ἀλλ'
ὡς τὴν ἀκολουθίαν τὴν φυσικὴν διδάσκων· γεννήσει γὰρ πάντως ἕπεται καὶ
φθορά. — Ibid. III, 13 (I, 553 Potter, p. 1192 Migne) wird aus dem
»Evangelium der Ägypter« nach dem Zeugnis des C a s s i a n u s (dessen
Werk Περὶ ἐγκρατείας oder περὶ εὐνουχίας) folgendes Wort Jesu berichtet:
»Πυνθανομένης τῆς Σαλώμης πότε γνωσθήσεται τὰ περὶ ὧν ἤρετο, ἔφη ὁ
Κύριος, Ὅ τ α ν τ ὸ τ ῆ ς α ἰ σ χ ύ ν η ς ἔ ν δ υ μ α π α τ ή σ η τ ε , κ α ὶ ὅ τ α ν
γένηται τὰ δύο ἕν, καὶ τὸ ἄρρεν μετὰ τῆς θηλείας οὔτε
ἄ ρ ρ ε ν ο ὔ τ ε θ ῆ λ υ.« — Schließlich ibid. III, 9 (I, 540 Potter, p. 1165

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Migne): »ἤ λ θ ο ν κ α τ α λ ῦ σ α ι τ ὰ ἔ ρ γ α τ ῆ ς θ η λ ε ί α ς· θηλείας μὲν,
τῆς ἐπιθυμίας· ἔργα δέ, γέννησιν καὶ φθοράν.«
Es ist dieser Ausspruch so ohne alle Vorgänger im Griechentum, daß
wohl seine Echtheit angenommen und es ein hohes Glück genannt werden
darf, daß er nicht verloren ging, wie die herrlichsten Aussprüche Christi
sicherlich verloren gegangen sind, weil die synoptischen Evangelisten sie
nicht verstehen und also nicht behalten konnten.
Daß das Begehren nach dem Weibe immer unsittlich ist, liegt übrigens
bereits im Worte: »π ᾶ ς ὁ β λ έ π ω ν γ υ ν α ῖ κ α π ρ ὸ ς τ ὸ ἐ π ι θ υ μ ῆ σ α ι
ἤ δ η ἐ μ ο ί χ ε υ σ ε ν α ὐ τ ὴ ν τ ῇ κ α ρ δ ί ᾳ α ὔ τ ο ῦ« (Evang. Matth. 5,
28).
(S. 457, Z. 15 v. u.) A u g u s t i n u s, De bono viduitatis, Cap. XXIII
(Patrologiae Latinae Tom. XL, p. 449 f., ed. Migne, Paris 1845): »Non vos
... frangat querela vanorum, qui dicunt: Quomodo subsistet genus
humanum, si omnes fuerint continentes? Quasi propter aliud retardetur hoc
saeculum, nisi ut impleatur praedestinatus numerus ille sanctorum, quo
citius impleto, profecto nec terminus saeculi differetur.« De bono conjugali,
Cap. X (ibid. p. 381): »Sed novi qui murmurent. Quid si, inquiunt, omnes
homines velint ab omni concubitu continere: unde subsistet genus
humanum? Utinam omnes hoc vellent, dumtaxat in charitate de corde puro
et conscientia bona et fide non ficta (1. Tim, 1, 5): multo citius Dei civitas
compleretur, et acceleraretur terminus saeculi.« Ich verdanke diese
Nachweise S c h o p e n h a u e r s »Welt als Wille und Vorstellung«, Bd. II,
Kap. 48.
(S. 457, Z. 2 v. u.) Hier liegt also das eigentliche Motiv jener Furcht,
nach welchem Leo To l s t o i (Über die sexuelle Frage, Leipzig 1901,
S. 16 ff., 87 f.) gesucht hat, ohne es zu finden.
(S. 458, Z. 14.) Man mag es krankhaft nennen, daß der Mann die
schwangere Frau abstoßend häßlich findet (wenn sie auch manches Mal ihn
sinnlich erregt), aber es ist dies eben das, was ihn vor dem Tiere
auszeichnet, und wer es ihm ausreden will, der will ihn der Menschheit
entkleiden. Das Phänomen liegt tief; es zeigt wieder, wie alle Ästhetik nur
ein Ausdruck der Ethik ist. — »Toutes les h i d e u r s de la fécondité« sagt
einmal Charles B a u d e l a i r e (Les fleurs du mal, Paris 1857, 5. Gedicht, p.
21).

Page 595

(S. 459, Z. 15.) Die Idee der Menschheit im Kantischen Sinne ist auch
von P l a t o n an einer berühmten Stelle der Politeia ausgesprochen (IX, 589
A B), in der zugleich die Anschauung vom Menschen als dem mit allen
Möglichkeiten ausgestatteten Wesen liegt: »..... ὁ τὰ δίκαια λέγων
λυσιτελεῖν φαίη ἂν δεῖν ταῦτα πράττειν καὶ ταῦτα λέγειν, ὅθεν τ ο ῦ
ἀ ν θ ρ ώ π ο υ ὁ έ ν τ ὸ ς ἄ ν θ ρ ω π ο ς ἔσται ἐγκρατέστατος .....«
(S. 459, Z. 11–8 v. u.) Die ganze Entwicklung, welche Herbert
S p e n c e r, Die Prinzipien der Ethik, Stuttgart 1892, Bd. II, S. 181 f.
beschreibt, die Entwicklung vom »Fidschi-Insulaner, der sein Weib töten
und aufessen konnte«, von den alten Germanen, bei denen der Mann das
Weib »wieder verkaufen und sogar töten durfte«, von den alten englischen
Zeiten, wo die Braut gekauft wurde und ihr eigener Wille beim Handel
nicht in Frage kam, bis auf den heutigen Tag, da die Frau wenigstens von
Rechts wegen selbständiges Eigentum besitzen darf — diese ganze
Entwicklung ist keineswegs durch irgend welche Bewegungen von Seiten
der Frauen hervorgerufen, sondern allmählich durch Vervollkommnung der
gesetzlichen Fortschritte vom Manne herbeigeführt worden.
Ich möchte hier noch Oskar F r i e d l ä n d e r anführen, welcher a. a. O.
S. 182 f. (Die Gesellschaft, 1902, Heft 15/16) sagt: »Die spärlichen
moralischen Elemente, die in der Emanzipationsbewegung enthalten sind,
haben übrigens, und das kennzeichnet am besten die innere Bedeutung des
ganzen Rummels, ebensowenig als das Keuschheitsideal ihren Ursprung im
erhitzten Hirne der für die Emanzipation des Fleisches besonders
begeisterten Vorkämpferinnen genommen. Es waren M ä n n e r, die jene
Elemente zur Geltung brachten, um der unwürdigen »Hörigkeit der Frau«
ein Ende zu bereiten, und die Frauen erschienen erst auf dem Kampfplatze,
als der Frontangriff zu ihren Gunsten entschieden war und sie nicht länger
mit Ehren fern bleiben konnten. Es spricht wohl deutlich genug, daß gerade
in ihren Reihen die erbittertsten Gegner der neuen Richtung erstanden. Die
scheinbare Bereitwilligkeit, den veränderten Verhältnissen Rechnung zu
tragen, die aggressive Haltung mancher Frauen darf einen nicht über die
wahre Sachlage hinwegtäuschen. Das Hochschulstudium nimmt in diesen
Kreisen keinen höheren Rang ein als der Radfahrsport oder das
Lawntennisspiel: das erforderliche Minimalquantum wissenschaftlicher
Bildung zählt heute mit zu den sekundären Geschlechtscharakteren. Den
ethischen Kern der Emanzipationstendenz, die Erhebung auf das moralische

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Niveau des Mannes, haben die Frauen immer als einen lästigen Zwang
empfunden, dessen sie sich auch sicherlich entledigen werden, wenn es nur
mit Anstand, ohne die gute Meinung ihrer Anwälte allzu offenkundig zu
desavouieren, geschehen kann.«

Page 597

Verbesserungen sinnstörender Fehler.
Seite 3, Zeile 3 v. u.: Lies a l l e m statt a l l e s.
» 30, » 10 : » t h e l y i d e statt t h e l y o i d e.
» 36, » 10 : » g e a i c h t e n statt g e e i c h t e n.
» 49, » 11 : » z e r s e t z e n statt z e r s e t z t.
» 62, » 3 : » t h e l y i d e statt t h e l y o i d e.
» 69, » 9 v. u.: » e i n e r statt e i n e m.
» 100, » 7 v. u.: » w e l c h e j a statt w e l c h e s i e j a.
I n t e n s i f i k a t i o n e n statt
» 114, » 11 v. u.: »
I n t e n s i v i k a t i o n e n.
h a b e n ; o d e r d e n k e a n statt
» 134, » 3: »
h a b e n a n.
» 169, » 19 : » d a ß e r statt d a e r.
den Moment zu verewigen
» 170, » 6 -5 v. u.: Streiche:
s t r e b t.
» 177, » 23 : Lies S c h e l l i n g s statt S c h e l l i n g e n s.
» 180, » 10 v. u.: » u m g e h e n statt u m z u g e h e n.
» 189, » 4: » g e o r d n e t e n statt g e o r d n e t e m.
» 190, » 1 v. u.: » p r ä s e n t i e r t statt r e p r ä s e n t i e r t.
M ö g l i c h k e i t , z u e r k e n n e n statt
» 194, » 3: »
M ö g l i c h k e i t z u e r k e n n e n.
I n t e n s i f i k a t i o n e n statt
» 216, » 10 : »
I n t e n s i v i k a t i o n e n.
e i n e r w ä r m t e r S t a b d u r c h statt
» 220, » 11 v. u.: »
e r w d u r c h ä r m t e r S t a b.
w e l c h e n ä m l i c h statt w e l c h e s i e
» 227, » 10 v. u.: »
n ä m l i c h.
» 274, » 10 v. u.: » z u v e r b r i n g e n statt v e r b r i n g e n.
» 291, » 7: » a u s s e i n e r statt a u s i h r e r.
» 295, » 18 : » a b e r a u c h statt h i e r a u s a u c h.
» 301, » 6: » g r ö ß e r e statt g r ö ß e r.

Page 598

d e s L i e b e n d e n statt d e r
» 331, » 3 v. u.: »
L i e b e n d e n.
s t e h t n i c h t w i e b e i m statt s t e h t
» 356, » 8: »
n i c h t b e i m.
» 361, » 18 : » a s e x u e l l e s statt s e x u e l l e s.
» 366, » 12 v. u.: » f r e m d e n statt f r e m d e.
L a u t e n statt L a u t e m,
» 408, » 17 : » U n v o r n e h m e n statt
U n v o r n e h m e m.
» 410, » 10 v. u.: » i h r e n statt i h r e r.
» 425, » 2 : » e s i s t statt s i e i s t.
d e r A u g e n b l i c k statt d e n
» 434, » 3: »
A u g e n b l i c k.
» 434, » 11 : » s i c h d i e We l t statt s i c h We l t.
» 448, » 9: » a n s t r e b t statt a n s t e l l t.
» 455, » 15 v. u.: » A l s o statt A l s.
» 467, » 14 v. u.: » H y d a t i d e statt H y d a t r i d e.
» 476, » 15 : » I l é t a i t statt J e é t a i t.

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DRUCK VON FRIEDRICH JASPER IN WIEN.

Page 600

Fußnoten
[1] Auch das Spencersche Weltschema: Differentiation und Integration, läßt
sich hier leicht anwenden.
[2] Dies gilt von den Begriffen aber nur als von Objekten einer
psychologischen, nicht einer logischen Betrachtungsweise. Diese sind trotz allem
modernen Psychologismus (Brentano, Meinong, Höfler) nicht ohne
beiderseitigen Schaden zusammenzuwerfen.
[3] Natürlich — zu dieser Anschauung werden wir durch unser Bedürfnis
nach Kontinuität genötigt — i r g e n d w i e müssen die sexuellen Unterschiede,
wenn auch anatomisch, morphologisch unsichtbar und selbst durch die stärksten
Vergrößerungen des Mikroskopes dem Auge nicht zu erschließen, schon vor der
Zeit der ersten Differenzierung formiert, »präformiert« sein. Aber wie, das ist ja
die große Krux aller Entwicklungsgeschichte.
[4] Nicht die absolute Breite des Beckens als in Centimetern angegebene
Distanz der Knorren der Oberschenkel oder der Hüftbeindorne, sondern die
relative Breite der Hüften im Verhältnis zur Schulterbreite ist ein ziemlich
sicheres und recht allgemein verwendbares körperliches Kriterium für den
Gehalt an W.
[5] Von den verschiedenen »Fetischismen« ist hiebei natürlich abzusehen;
ebensowenig kommen für erogene Wirkung die primordialen Charaktere in
Betracht.
[6] Ebensowenig wie im umgekehrten Falle der Kastration eines weiblichen
Tieres die Maskularisierung schroff g e l e u g n e t werden kann.
[7] Daß solche Grenzen existieren, ergibt ja auch die Existenz sexueller
Unterschiede v o r der Pubertät.
[8] Für spezielle Zwecke der Züchter, deren Absichten meist auf
Abänderung der natürlichen Tendenzen gehen, muß hievon freilich oft
abgegangen werden.
[9] Gewöhnlich denkt man, wenn von einer Konstanz im sexuellen
Geschmack des Mannes oder der Frau gesprochen wird, zunächst an die
Bevorzugung einer Lieblingsfarbe des Kopfhaares beim anderen Geschlechte. Es
scheint auch wirklich, wo überhaupt einer bestimmten Farbe der Haare der Preis
gegeben wird (dies ist nicht bei allen Menschen der Fall), die Vorliebe für diese
ziemlich tief zu liegen.
[10] Dies zeigt auch klar sein Bildnis. M é r i m é e nennt George Sand
»maigre comme un clou«. Bei der ersten Begegnung beider ist »sie« offenbar
Männchen und »er« ganz Weibchen gewesen: e r errötet, als s i e ihn fixiert und
mit t i e f e r Stimme i h m Komplimente zu machen beginnt.
[11] Es hat übrigens viele gänzlich u n g e l e h r t e g r o ß e Künstler gegeben
(B u r n s, Wo l f r a m v o n E s c h e n b a c h), aber keine diesen vergleichbare

Page 601

Künstlerin.
[12] Auf den Anblick einer bisexuell funktionierenden Schauspielerin mit
leichtem Bartanfluge, einer tiefen sonoren Stimme und fast ohne Haare auf dem
Kopfe habe ich einen bisexuellen Mann ausrufen hören: »Ja das ist ein
Prachtweib!« »Das Weib« ist eben für jeden ein anderes und doch dasselbe, »im
Weibe« hat noch jeder Dichter Verschiedenes und doch ein Gleiches besungen.
[13] Es bedeutet im folgenden »d e r Mann« immer M und mit »d e r Frau«
ist immer W gemeint, nicht »die Männer« oder »die Frauen«.
[14] Herr Dr. H e r m a n n S w o b o d a in Wien.
[15] Wobei weder an absolute Heniden beim Weibe noch an absolute
Klärung beim Manne gedacht werden darf.
[16] B e g a b u n g (nicht Ta l e n t) und G e s c h l e c h t sind die beiden
einzigen Dinge, d i e n i c h t v e r e r b t w e r d e n, sondern u n a b h ä n g i g von
der »Erbmasse« sind und gleichsam spontan zu entstehen scheinen. Schon diese
Tatsache läßt erwarten, daß Genialität, beziehungsweise ihr Mangel, in einem
Zusammenhange mit der Männlichkeit oder Weiblichkeit eines Menschen stehen
müsse.
[17] Ich gebrauche das Wort Begabung, um dem Worte Genialität so oft als
tunlich aus dem Wege zu gehen, und bezeichne mit ihm jene Veranlagung, deren
höchste Steigerung Genialität ist. Begabung und Talent werden demnach hier
streng auseinandergehalten.
[18] Die aber mit dem Ta l e n t e nichts zu schaffen haben.
[19] Ausdruck von Herrn Dr. H. S w o b o d a in Wien.
[20] Sehr wesentlich ist hingegen der geniale A u g e n b l i c k vom
nichtgenialen psychologisch geschieden, a u c h i n e i n e m u n d d e m s e l b e n
M e n s c h e n.
[21] Ich wage auch daran zu erinnern, wie häufig reine Wissenschaftler erst
knapp vor dem Tode mit religiösen und metaphysischen Problemen sich
beschäftigen: N e w t o n, G a u ß, R i e m a n n, Wilh. We b e r.
[22] Man ist oft erstaunt darüber, wie Menschen von ganz gewöhnlicher, ja
gemeiner Natur keinerlei Furcht vor dem Tode empfinden. Aber es wird so klar:
nicht die Furcht vor dem To d e schafft das
Unsterblichkeitsbedürfnis, sondern das
U n s t e r b l i c h k e i t s b e d ü r f n i s s c h a f f t d i e F u r c h t v o r d e m To d e.
[23] Im übrigen säume ich nicht, die Manen B a c o s für diese
Zusammenstellung um Verzeihung zu bitten.
[24] Über sie handelt kurz das 13. Kapitel.
[25] Welche der sich immer verstehende Mensch ebensogut kennt wie der
sich nie verstehende.
[26] Hiemit hoffe ich auch, die Kühnheit dieses gänzlich neuartigen
Überganges vom Gedächtnis zur Logik gerechtfertigt zu haben.
[27] Dieser Beweis beruht jedoch, wie zu bemerken ist, auf der
Identifikation eines beliebigen logischen A mit dem

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e r k e n n t n i s t h e o r e t i s c h e n Objekt überhaupt; diese Identifikation läßt sich
in ihrer Berechtigung selbst nicht noch dartun. Vom S e i n ü b e r h a u p t,
welches aus der Gültigkeit des Identitätsprinzipes streng genommen allein
gefolgert werden könnte, will ich hier jedoch aus methodischen Gründen
absehen. — Übrigens würde, um den Positivismus zu widerlegen (worauf es
ankam), bereits dieser Beweis eines Seins j e n s e i t s der Erfahrung,
u n a b h ä n g i g v o n a l l e r Erfahrung, hingereicht haben. Daß dieses Sein das
Sein des Ichs ist, dafür ist keine rein l o g i s c h e, sondern eigentlich nur eine
p s y c h o l o g i s c h e Begründung aus der E r f a h r u n g s t a t s a c h e möglich, daß
die logische Norm dem Menschen nicht von außen kommt, sondern vom eigenen
tiefsten Wesen ihm gegeben wird. Nur darum kann das a b s o l u t e S e i n oder
das S e i n d e s A b s o l u t e n, wie es im Satze A = A sich manifestiert, mit dem
S e i n d e s I c h s gleichgesetzt werden: das absolute Ich ist das Absolute.
[28] Ruft S c h o p e n h a u e r, ruft Wa g n e r.
[29] Vgl. über sich verstehende und sich nicht verstehende Menschen
S. 188.
[30] Womit aber nicht gesagt ist, daß jedermann, der das Ich anerkennt,
schon ein Genie sei.
[31] Wie damit zusammenhängt, daß hervorragende Menschen schon sehr
früh (z. B. im Alter von vier Jahren) l i e b e n können, wird später klar werden
(S. 323 f.).
[32] Dieser Fall wird später noch einer Untersuchung bedürfen (S. 322 ff.).
[33] Wozu also der Darwinismus und die monistischen Systeme, in deren
Zentrum der »Entwicklungsgedanke« steht, nicht gehören. Die Gattungs- und
Begattungsherrlichkeit unserer Zeit konnte sich nicht deutlicher offenbaren als
dadurch, daß man die Descendenzlehre mit dem Worte Weltanschauung in
Verbindung brachte und dem Pessimismus entgegensetzte.
[34] Darum gibt es i n n e r h a l b des Einzelmenschen keinen Begriff des
Z u f a l l s, ja es kann der Gedanke an einen solchen gar nicht auftauchen. Daß ein
erwärmter Stab durch die Zufuhr thermischer Energie sich ausdehnt und nicht
infolge eines gleichzeitig am Himmel sichtbaren Kometen, nehme ich an
vermöge langer Erfahrung und Induktion, aber auch nur auf Grund dieser; die
r i c h t i g e Beziehung ist hier nicht s o f o r t in einem Erlebnis schon gelegen.
Wenn ich dagegen über mein eigenes Betragen in einer bestimmten Gesellschaft
mich ärgere, so w e i ß ich, gesetzt auch, es geschehe zum ersten Male, und es
schöben sich noch so viel andere gleichzeitige psychische Ereignisse
dazwischen, u n m i t t e l b a r den G r u n d meiner Unzufriedenheit, und bin seiner
sofort vollständig sicher, oder kann es wenigstens, wenn ich mich nicht darüber
hinwegzutäuschen versuche, schon beim ersten Male werden.
[35] Vgl. auch Prediger S a l o m o 7, 29: »Unter Tausenden habe ich einen
Menschen gefunden, aber kein Weib habe ich unter allen gefunden.«
[36] Von der also nicht eine Philosophie a u s g e h e n darf, zu der sie nur als
zu einer letzten Grenzmarkung gelangen soll.
[37] Der Ausdruck stammt von Dr. Wilh. J e r u s a l e m.

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[38] Der Verbrecher fühlt sich sogar dann in seiner Weise schuldig, wenn er
gerade nichts Übles getan hat. Er ist stets von anderen auf den Vorwurf des
Betruges, des Diebstahls u. s. w. gefaßt, auch wenn er die Tat gar nicht begangen
hat: weil er sich ihrer fähig weiß. Er fühlt sich darum auch stets ertappt, wenn
irgend ein anderer Missetäter festgenommen wird.
[39] Weil die Frau den zweiten Menschen gar nicht als b e s o n d e r e s
Wesen empfindet, deshalb leidet sie nie unter ihren Nächsten, und nur deshalb
kann sie stets allen Menschen sich ü b e r l e g e n fühlen.
[40] Der Einwände, welche hiegegen, und der Gründe, welche für die
Schamhaftigkeit des Weibes immer wieder werden geltend gemacht werden; ist
diese Untersuchung durchaus gewärtig; auf sie kommt ihr zwölftes Kapitel zu
sprechen.
[41] Nota bene: Viele sogenannte »schöne Männer« sind halbe Weiber.
[42] Erst hiemit ist auch ganz klar geworden, was jener besondere We r t ist,
der, d u r c h S c h a f f u n g d e r Ve r g a n g e n h e i t , d i e Z e i t n e g i e r t, wie
ihn das 5. Kapitel postulierte.
[43] Vgl. K l i n g s o r s Worte an K u n d r y in Wa g n e r s P a r s i f a l, zweiter
Aufzug, zu Anfang:

»Herauf! Herauf zu mir!
Dein Meister ruft D i c h N a m e n l o s e:
Ur-Teufelin! Höllenrose!
Herodias warst Du, und was noch?
Gundryggia dort, Kundry hier:
Hieher! Hieher denn, Kundry!
Zu Deinem Meister, herauf!«

[44] Es ist nur zu begreiflich, daß man leicht zu einer solchen Annahme
verführt werden mag. Wer hat nicht z. B. in der Lektüre d i e s e s Buches beim
Übergang vom ersten zum zweiten Teil das Gefühl, daß es sich in beiden um
etwas ganz anderes handle! Dort um äußerliche, hier um innere
Zusammenhänge.
[45] Noch hat niemand von Doppelgängerinnen gehört. Man nennt die
Frauen das furchtsame Geschlecht, weil man zu wenig scheidet zwischen Angst
und Furcht. Es gibt eine tiefe Furcht, die nur der Mann kennt.
[46] Im Hinblick auf die Erörterungen des 8. Kapitels über das größere
Ansehen, welches dem tieferen Blick des bedeutenden Geistes gebührt, vor dem
jeweiligen Stande der Wissenschaft (S. 222).
[47] Das die größten Dichter erkannt haben. Man denke an die
Identifikation der A a s e und S o l v e i g am Schlusse von I b s e n s »Peer Gynt«
und an die Verknüpfung der H e r z e l e i d e mit der K u n d r y in der Verführung
des Wa g n e rschen P a r s i f a l.
[48] »Ewig war ich, ewig in süß sehnender Wonne, doch ewig zu Deinem
Heil« (B r ü n n h i l d e zu S i e g f r i e d).
[49] Man vergleiche in I b s e n s »Peer Gynt«, 2. Akt, das Gespräch
zwischen dem Va t e r der S o l v e i g und A a s e (einer der bestgezeichneten

Page 604

»Mütter« der schönen Literatur) auf der Suche nach ihrem Sohn:
A a s e: ».... Wir finden ihn!«
D e r M a n n: »Retten die Seel'!«
A a s e: »Und den Leib!«
[50] Ich rede natürlich, die ganze Zeit über, nicht bloß vom käuflichen
Gassenmädchen.
[51] Hiemit dürfte es zusammenhängen, daß die Prostituierte körperlich,
was manchem seltsam scheinen wird, mehr als die Mutter auf R e i n h e i t achtet.
[52] Seite 177 f.
[53] Dem Verfasser geht es nicht besser als seinem Leser, wenn diesen die
obige Analyse der Koketterie nicht sollte befriedigt haben. Was sie aufdeckte, lag
doch ziemlich an der Oberfläche. Das Rätselhafte in der Koketterie scheint mir
immer mehr ein eigentümlicher A k t zu sein, durch welchen die Frau sich zum
O b j e k t des Mannes macht und sich f u n k t i o n e l l mit ihm v e r k n ü p f t. Sie
ist da ganz dem anderen weiblichen Streben vergleichbar, G e g e n s t a n d d e s
M i t l e i d s der Nebenmenschen zu werden: i n b e i d e n F ä l l e n m a c h t
sich das Subjekt zum Objekt, zur Empfindung des anderen
und setzt diesen über sich als Richter ein. Die K o k e t t e r i e ist die spezifische
Verschmolzenheit der Dirne, wie die zuerst als Schwangerschaft, später als
Laktation u. s. w. auftretende F ü r s o r g e die Verschmolzenheit der Mutter
vorstellt.
[54] Auch ist das Motiv des tierischen Männchens keineswegs Eitelkeit als
Wille zum Wert.
[55] Wer bedenkt, wie fast alle Frauen bei ihrer heutigen großen Freiheit
sich auf der Gasse bewegen, wie sie durch straffes Anziehen ihrer Kleider alle
Formen sichtbar werden lassen, wie sie jedes Regenwetter zu solchem Zwecke
ausnützen, der wird dies nicht übertrieben finden.
[56] Nicht wenn er s p i e l t (S c h i l l e r).
[57] Vgl. S. 216.
[58] Beide berühren sich im Begriffe der S c h e u (im lateinischen: v e r e r i).
[59] Die Wirkung des männlichen Bartes auf die Frau ist in einem weiteren
Sinne und aus einem tieferen Grunde, als man vielleicht glaubt, psychologisch
ein vollständiges, und nur in der Intensität geschwächtes, A b b i l d der Wirkung
des männlichen Gliedes selbst. Doch kann ich dies hier nicht näher ausführen.
[60] Ich verweise vor allem auf den Schluß des 9. Kapitels.
[61] Kapitel 13.
[62] Die e i n e scheinbare Ausnahme, die es hievon gibt, findet noch in
diesem Kapitel eine gründliche Erörterung.
[63] Das ruhende, träge, große Ei wird vom beweglichen, flinken, kleinen
Spermatozoon aufgesucht.
[64] Und nur d a f ü r, daß niemand noch ein hysterisch verändertes
G e w e b e gesehen hat.

Page 605

[65]Aus diesem Grunde sind Frauen aus dem hysterischen Anfall (nach
J a n e t) so besonders leicht in Somnambulismus überzuführen: sie stehen gerade
dann bereits unter dem zwingendsten fremden Banne.
[66] Ganz oberflächlich ist die alte Meinung, daß die Hysterika b e w u ß t
simuliere und lügnerische Geschichtlein erzähle. Die Verlogenheit des Weibes
liegt ganz im Unbewußten; der eigentlichen Lüge, sofern diese einen Gegensatz
zur Möglichkeit der Wahrheit bildet, ist das Weib gar nicht fähig (S. 194, 369
und 384).
[67] Auch unter den Männern finden sich hiezu Analogien: es gibt geborene
Diener, es gibt aber auch männliche Megären, z. B. Polizisten.
Merkwürdigerweise findet der Polizeimann im allgemeinen auch sein
s e x u e l l e s Komplement im Dienstmädchen.
[68] Die absolute Megäre wird ihren Mann nie fragen, was sie tun, was sie
z. B. kochen soll, die Hysterika ist immer ratlos und verlangt nach der
Inspiration von außen; dies sei, als ein banalstes Erkennungszeichen beider, hier
angeführt.
[69] Die Magd, nicht die Megäre, ist auch jene Frau, von der man, entgegen
dem elften Kapitel, glauben könnte, daß sie der Liebe fähig sei. Die Liebe dieser
Frau ist aber nur der Vorgang des g e i s t i g e n Erfülltwerdens von der
Männlichkeit eines bestimmten Mannes, und darum nur bei der Hysterika
möglich; mit eigentlicher Liebe hat sie nichts zu tun, und kann sie nichts zu tun
haben. Auch in der Schamhaftigkeit des Weibes ist ein solches Besessensein von
einem Manne; erst hiedurch kommt Abschließung gegen alle anderen Männer
zustande.
[70] S. 184.
[71] S. 199.
[72] S. 315 f., 330.
[73] S. 173, 224.
[74] Es ließen sich die Analogien zwischen höherem und niederem Leben
noch vermehren. Es ist nicht, wie man heute allgemein glaubt, nur ein
oberflächlicher Fehlschluß, wenn stets und überall der A t e m in eine besondere
Beziehung zur S e e l e des Menschen gesetzt wurde. Wie die Seele des Menschen
der Mikrokosmus ist, d. h. im Zusammenhange mit dem All lebt, so ist auch der
Atem, viel allgemeiner noch als die Sinnesorgane, Vermittler eines Konnexes
zwischen jedem Organismus und dem Weltganzen; und wenn er erlischt, ist das
niedere Leben zu Ende. Er ist das Prinzip des irdischen, wie die Seele das des
ewigen Lebens.
[75] Alle Individualität ist der Gemeinschaft feind: wo sie in höchster
Sichtbarkeit wirkt, wie im genialen Menschen, zeigt sich dies gerade dem
Geschlechtlichen gegenüber. Nur h i e r a u s erklärt es sich, daß sicherlich alle
bedeutenden Menschen, die, welche es verhüllt aussprechen können, wie die
Künstler, und die, welche so unendlich viel verschweigen müssen wie die
Philosophen — weshalb man sie dann für trocken und leidenschaftslos hält —
daß also alle genialen Menschen ohne Ausnahme, soweit sie eine entwickelte
Sexualität besitzen, an den stärksten geschlechtlichen Perversionen leiden
(entweder am »S a d i s m u s«, oder, wie zweifelsohne die größeren, am

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»M a s o c h i s m u s«). Das allen jenen Neigungen Gemeinsame ist ein
instinktives A u s w e i c h e n vor der völligen körperlichen Gemeinschaft, ein
Vo r b e i w o l l e n a m K o i t u s. Denn einen wahrhaft bedeutenden Menschen,
der im Koitus mehr sähe als einen tierischen, schweinischen, ekelhaften Akt,
oder gar in ihm das tiefste, heiligste Mysterium vergötterte, wird es, kann es
niemals geben.
[76] Die männliche Freundschaft scheut das Niederreißen von Mauern
zwischen den Freunden. Freundinnen v e r l a n g e n Intimitäten a u f G r u n d
ihrer Freundschaft.
[77] In solchen Fällen kommt die hübschere der weniger ansehnlichen oder
weniger beachteten zweiten mit einem aus Mitleid und Verachtung gemischten
Gefühl entgegen, welches, nebst dem Interesse an einer Folie für die eigenen
Vorzüge, allein die längere Aufrechthaltung derartiger Beziehungen auch von
ihrer Seite begünstigt.
[78] Man darf dies nicht verwechseln mit der Fähigkeit, die ganze Natur zu
umfassen, wie sie der Mann hat, weil er n i c h t n u r Natur ist. Die Frauen stehen
i n der Natur als ein Te i l derselben, und in kausaler Wechselbeziehung zu allen
anderen Teilen: von Mond und Meer, von Wetter und Gewitter, von Elektrizität
und Magnetismus sind sie in einem viel weiteren Ausmaß a b h ä n g i g als der
Mann.
[79] Vgl. S. 109.
[80] Vgl. S. 128.
[81] Vgl. S. 127, 129.
[82] Vgl. hiezu auch S. 245.
[83] Man vergleiche den Schluß des 10. Kapitels.
[84] Vgl. Kapitel 11, Schluß. So auch, warum höher stehende Frauen
bisexuell sein, d. h. nicht a u s s c h l i e ß l i c h unter dem Regiment des Phallus
stehen müssen (Teil I, S. 81–82). Doch scheint in der lesbischen Liebe
H y s t e r i e eine beträchtliche Rolle zu spielen.
[85] Der Verfasser hat hier zu bemerken, daß er selbst jüdischer
Abstammung ist.
[86] Ein solcher vom Judentum fast freier Mann, und darum »Philosemit«,
war Z o l a. Daß hervorragendere Menschen sonst fast stets Antisemiten waren
(Ta c i t u s, P a s c a l, Vo l t a i r e, H e r d e r, G o e t h e, K a n t, J e a n P a u l,
S c h o p e n h a u e r, G r i l l p a r z e r, Wa g n e r) geht eben darauf zurück, daß sie,
die so viel mehr in sich haben als die anderen Menschen, auch das Judentum
besser verstehen als diese (vgl. Kapitel 4).
[87] Vgl. Kapitel 11, S. 327.
[88] Vgl. S. 139 f.
[89] Und russisch. Die Russen aber sind bezeichnend wenig sozial
veranlagt, und haben unter allen europäischen Völkern das geringste Verständnis
für den Staat. Hiemit stimmt es nach dem vorigen nur überein, daß sie
durchwegs Antisemiten sind.

Page 607

[90] Der Glaube an Jehovah und die Lehre Mosis ist nur ein Glaube an
diese jüdische Gattung und ihre Lebenskraft; Jehovah ist die personifizierte Idee
des Judent u m s.
[91] Hier kam es mir darauf an, den Drang der Juden zur Chemie
einzuordnen. Der anderen Chemie, der Wissenschaft eines B e r z e l i u s,
L i e b i g, v a n t ' H o f f soll hiemit nicht nahegetreten sein.
[92] Ein Genie ist S p i n o z a nicht gewesen. Es gibt keinen
gedankenärmeren und keinen phantasieloseren Philosophen unter allen
s i n g u l ä r e n Gestalten der Philosophiegeschichte. Und man mißversteht den
Spinozismus — durch den Gedanken an G o e t h e getäuscht — v ö l l i g, wenn
man in ihm vielleicht den schamhaften Ausdruck eines tiefsten Verhältnisses zur
Natur erblickt. Wer das All umfassen will, der kann nicht mit Definitionen
beginnen. S p i n o z a s Verhältnis zur Natur war vielmehr ein ausnehmend loses.
Dazu stimmt es, daß er auf seinem ganzen Lebenswege nirgends der Kunst
begegnet ist (vgl. Kapitel 11, S. 325 f.).
[93] Vgl. Kapitel 12, S. 356, 363.
[94] Dem hier entwickelten, u m f a s s e n d e n Begriff der Frömmigkeit
könnten mannigfache Mißdeutungen leicht begegnen. Darum möchte ich zu
seiner Erläuterung noch einiges bemerken. Frömmigkeit liegt nicht bloß im
B e s i t z, sondern auch im Kampfe, um Besitz zu e r r i n g e n: nicht bloß der
überzeugte G o t t v e r k ü n d e r (wie H ä n d e l, oder wie F e c h n e r) ist f r o m m,
sondern auch der irrende, zweifelnde G o t t s u c h e r (wie L e n a u, oder wie
D ü r e r). Frömmigkeit braucht nicht in ewiger Betrachtung vor dem Weltganzen
zu stehen (so wie B a c h vor ihm steht); sie mag (wie bei M o z a r t) als eine alle
E i n z e ldinge b e g l e i t e n d e Religiosität sich offenbaren. Sie ist endlich nicht
an das Auftreten eines Stifters gebunden: das frömmste Volk der Welt sind die
G r i e c h e n gewesen, und darum war ihre Kultur die höchste unter allen
bisherigen; unter ihnen aber hat es sicher nie einen überragenden Religionsstifter
gegeben (dessen sie nicht bedurften; vgl. S. 440).
[95] Hiegegen kann die jüdische Unduldsamkeit keinen Einwand bilden.
Wahre Religion ist i m m e r eifrig, aber n i e zelotisch. Intoleranz ist vielmehr
identisch mit Ungläubigkeit; wie die M a c h t das täuschendste Surrogat der
F r e i h e i t ist, so entsteht Intoleranz nur aus dem Mangel an i n d i v i d u e l l e r
S i c h e r h e i t des Glaubens.
[96] Hieraus erst ist wirklich die Genielosigkeit des Juden erklärbar (vgl.
S. 236): nur Glaube ist schöpferisch. Und vielleicht spiegelt die geringere
geschlechtliche Potenz des Juden d i e s e l b e Tatsache in der n i e d e r e n Sphäre
wieder.
[97] Der Mann erst schafft das Weib. Darum besitzen die Jüdinnen
bekanntermaßen jene Einfachheit der Christinnen nicht, die sich ohne weiteres
an das sexuelle Komplement hingibt.
[98] Dies darf man aber nicht, wie S c h o p e n h a u e r, und nach ihm unter
Benützung seiner mangelhaften psychologischen Distinktion,
H. S. C h a m b e r l a i n, als ein Überwiegen des Willens und ein abnormes
Zurücktreten des Intellektes deuten. Der Jude ist gar nicht wirklich willensstark,
und seine innere Unentschiedenheit könnte sogar leicht zu einer i r r i g e n

Page 608

Verwechslung mit psychischem »Masochismus«, das ist Schwere und
Hilflosigkeit im Augenblicke des Entschlusses, Anlaß geben.
[99] Hier gelangt zur Erledigung, was aus den Erörterungen des vierten bis
achten Kapitels mit Absicht fern gehalten werden mußte.
[100] Man erinnert sich hier vielleicht des S. 139 f. über die psychologische
Bedeutung der Gegensatzpaare Bemerkten.
[101] Hierin liegt auch der Unterschied und die Grenze zwischen dem
Antisemitismus des Juden und dem Antisemitismus des Indogermanen
begründet. Dem jüdischen Antisemiten ist der Jude nur antipathisch; der
antisemitische Arier hingegen ist, wenn er auch noch so mutig den Kampf gegen
das Judentum führt, im Grunde seines Herzens doch immer, was der Jude nie ist:
J u d a e o p h o b e.
[102] Vgl. Kapitel 12, S. 374 f.
[103] Zum Beispiel der Laura M a r h o l m.
[104] Über den Einfluß der Ovarienexstirpation auf Strukturveränderungen
des Uterus. Archiv für Gynäkologie, 51, 1896, 286 ff.
[105] Man würde sich einer sehr zweischneidigen Waffe bedienen, wenn
man diese Worte so auffassen wollte, als hätte Keats wie Hume erklärt, keine
Seele zu besitzen, da in Wirklichkeit vielmehr die Existenz der Seele hierin
ausgesprochen ist.
[106] N i e t z s c h e hatte auch wohl recht, als er in ihm keinen echten
Hellenen erblickte; indes P l a t o wieder ganz und gar Grieche ist.

Page 609

Anmerkungen zur Transkription
Inkonsistenzen wurden beibehalten, wenn beide Schreibweisen gebräuchlich waren, wie:

Abfalles -- Abfalls
Alkmaion -- Alkmäon
angeborene -- angeborne
Association -- Assoziation
Augenblickes -- Augenblicks
Descendenzlehre -- Deszendenzlehre
Detumescenz -- Detumeszenz
Eierstockes -- Eierstocks
Erection -- Erektion
Frauen-Emanzipation -- Frauenemanzipation
Gattungs-Ethik -- Gattungsethik
geborenen -- gebornen
Geschlechts-Dimorphismus -- Geschlechtsdimorphismus
Heniden-Theorie -- Henidentheorie
Herren -- Herrn
hiefür -- hierfür
Ich-Begriff -- Ichbegriff
Imperatives -- Imperativs
Inhaltes -- Inhalts
Irrtumes -- Irrtums
Judentumes -- Judentums
Kantische -- kantische
L'Instinct Sexuel -- L'instinct sexuel
Lawn-tennis-Spiel -- Lawntennisspiel
Materiales -- Materials
Mutter-Typus -- Muttertypus
Mythos -- Mythus
Nicht-Sein -- Nichtsein
Plato -- Platon
Schicksales -- Schicksals
Schön-Finden -- Schönfinden
stammesverwandten -- stammverwandten
Subjektes -- Subjekts
Systemes -- Systems
transcendental -- transscendental
ungeheuere -- ungeheure
Ursprunges -- Ursprungs
Urteil -- Urtheil
Verkehres -- Verkehrs

Page 610

Vermittelung -- Vermittlung
Virginitäts-Ideal -- Virginitätsideal
weiteres -- weiters
Widerspruches -- Widerspruchs

Fehlende Satzzeichen wurden ohne Erwähnung ergänzt. Die folgenden Korrekturen
wurden vorgenommen. Sie beinhalten Teile der auf Seite 598 f. aufgeführten
»Verbesserungen sinnstörender Fehler«.

S. XVIII »Erkenntis« in »Erkenntnis« geändert.
S. 3 »alles« in »allem« geändert (Fußnote).
S. 20 »Oskar Hertwig« in »Oscar Hertwig« geändert.
S. 22 »Spezifizität« in »Spezifität« geändert.
S. 30 »thelyoide« in »thelyide« geändert.
S. 34 « eingefügt.
S. 37 »Apperceptionen«« in »Apperzeptionen«« geändert.
S. 40 »bestimmer« in »bestimmter« geändert.
S. 45 »andern« in »anderen« geändert.
S. 48 »vertheidigen« in »verteidigen« geändert.
S. 54 »Kräpelin« in »Kraepelin« geändert.
S. 62 »thelyoide« in »thelyide« geändert.
S. 69 »einem« in »einer« geändert.
S. 85 »de la Mothe Guyon« in »de la Motte Guyon« geändert.
S. 85 »Elisabeth Barrett-Browning« in »Elizabeth Barrett Browning« geändert.
S. 85 »Angelika Kaufmann« in »Angelika Kauffmann« geändert.
S. 85 »Etrangers« in »Étrangers« geändert.
S. 85 »vorherhand« in »vorderhand« geändert.
S. 114 »Intensivikationen« in »Intensifikationen« geändert.
S. 121 » in « geändert.
S. 126 »verschedenen« in »verschiedenen« geändert.
S. 134 »; oder denke« eingefügt.
S. 144 »Hero-worship« in »Hero-Worship« geändert.
S. 150 »schillerndern« in »schillernden« geändert.
S. 150 »Ubereinstimmung« in »Übereinstimmung« geändert.
S. 169 »da« in »daß« geändert.
S. 177 »Schellingens« in »Schellings« geändert.
S. 189 »sprunghaften« in »sprunghaftem« geändert.
S. 190 »repräsentiert« in »präsentiert« geändert.
S. 194 , eingefügt.
S. 216 »Intensivikationen« in »Intensifikationen« geändert.
S. 220 »erw durchärmter Stab« in »erwärmter Stab durch« geändert (Fußnote).
S. 237 »caeteris« in »ceteris« geändert.
S. 264 »Phänome« in »Phänomene« geändert.
S. 267 « eingefügt (Fußnote).
S. 272 »innnere« in »innere« geändert.
S. 277 »und und« in »und« geändert.
S. 274 »zu« eingefügt.
S. 291 »ihrer« in »seiner« geändert.
S. 301 »größer« in »größere« geändert.
S. 311 »zusammenhangend« in »zusammenhängend« geändert.
S. 331 »der« in »des« geändert.

Page 611

S. 333 »unermessliche« in »unermeßliche« geändert.
S. 333 »mir« in »mit« geändert.
S. 333 « eingefügt.
S. 345 »Gebahren« in »Gebaren« geändert.
S. 356 »wie« eingefügt.
S. 361 »sexuelles« in »asexuelles« geändert.
S. 366 »fremde« in »fremden« geändert.
S. 384 , entfernt.
S. 405 »kontrolierbare« in »kontrollierbare« geändert.
S. 405 »malaisch« in »malaiisch« geändert.
S. 425 »sie« in »es« geändert.
S. 428 »Ganze« in »Ganzes« geändert.
S. 434 »den Augenblick« in »der Augenblick« geändert.
S. 434 »sich Welt« in »sich die Welt« geändert.
S. 440 »Jndogermanen« in »Indogermanen« geändert (Fußnote).
S. 444 »von vorherein« in »von vornherein« geändert.
S. 448 »anstellt« in »anstrebt« geändert.
S. 449 »er geben« in »ergeben« geändert.
S. 449 »veranschlägt« in »veranschlagt« geändert.
S. 450 »Neu-Seeland« in »Neuseeland« geändert.
S. 451 »zu« entfernt.
S. 455 »Als« in »Also« geändert.
S. 456 »Anwort« in »Antwort« geändert.
S. 466 »Oskar Hertwig« in »Oscar Hertwig« geändert.
S. 467 »Hydatride« in »Hydatide« geändert.
S. 473 « eingefügt.
S. 474 »S. 397-368« in »S. 367-368« geändert.
S. 475 » eingefügt.
S. 476 »Je était« in »Il était« geändert.
S. 483 »hen-pheasants« in »Hen-Pheasants« geändert.
S. 486 »Literaturausgaben« in »Literaturangaben« geändert.
S. 488 »Hypospadaeus« in »Hypospadiaeus« geändert.
S. 491 »dioecisch« in »diözisch« geändert.
S. 494 « eingefügt.
S. 494 »Phyllanthus« in »phyllanthus« geändert.
S. 501 »Univeral-Bibliothek« in »Universal-Bibliothek« geändert.
S. 502 « eingefügt.
S. 505 »eröternde« in »erörternde« geändert.
S. 505 ) eingefügt.
S. 508 »Womans« in »Woman's« geändert.
S. 512 »Erscheinugen« in »Erscheinungen« geändert.
S. 514 »διδωσι« in »δίδωσιν« geändert.
S. 517 « in » geändert.
S. 517 ) eingefügt.
S. 522 »Stazion« in »Station« geändert.
S. 523 »Fremden« in »Fremdem« geändert.
S. 525 »Mathemathik« in »Mathematik« geändert.
S. 526 »he« in »the« geändert.
S. 534 »Ludwig Sein« in »Ludwig Stein« geändert.
S. 534 »caussa« in »causa« geändert.

Page 612

S. 534 »καῖ« in »καὶ« geändert.
S. 534 « eingefügt.
S. 536 »mosh« in »most« geändert.
S. 537 »πολλὰ« in »πολλὰς« geändert.
S. 540 »or« in »of« geändert.
S. 545 »Halbmonatschrift« in »Halbmonatsschrift« geändert.
S. 552 , entfernt.
S. 554 »Peleus Tat« in »Peleus' Tat« geändert.
S. 554 « eingefügt.
S. 556 »Das philosophische Ehzuchtbüchlein« in »Das Philosophisch
Ehezuchtbüchlin« geändert.
S. 559 »Gardeners Chronicle« in »Gardeners' Chronicle« geändert.
S. 561 »chesnut« in »chestnut« geändert.
S. 561 »sexteenths« in »sixteenths« geändert.
S. 562 »whit« in »with« geändert.
S. 562 »Oskar Hertwig« in »Oscar Hertwig« geändert.
S. 564 »emfangende« in »empfangende« geändert.
S. 564 « entfernt.
S. 565 »Ogni« in »ogni« geändert.
S. 567 . in , geändert.
S. 567 »συτε« in »ουτε« geändert.
S. 570 »L'Etat« in »L'État« geändert.
S. 571 »anquel« in »auquel« geändert.
S. 572 »arriva« in »arrivait« geändert.
S. 573 »idées« in »Idées« geändert.
S. 577 « eingefügt.
S. 577 ] eingefügt.
S. 580 »entscheidensten« in »entscheidendsten« geändert.
S. 580 »Ptolemaern« in »Ptolemäern« geändert.
S. 581 »τε« eingefügt.
S. 581 »ειστιοντων« in »εισιοντων« geändert.
S. 581 »ειστιοντα« in »εισιοντα« geändert.
S. 581 »δυστφραστον« in »δυσφραστον« geändert.
S. 581 »εισταυθις« in »εισ αυθις« geändert.
S. 582 »κάμπυλον« in »καμπύλον« geändert.
S. 582 »studj« in »studi« geändert.
S. 583 »esmanire« in »exinanire« geändert.
S. 583 »li dei« in »gli dei« geändert.
S. 590 »Tätigkeit« in »Thätigkeit« geändert.
S. 595 « entfernt.

Page 613

*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK GESCHLECHT
UND CHARAKTER: EINE PRINZIPIELLE UNTERSUCHUNG ***

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and (c) any Defect you cause.

Section 2. Information about the Mission of Project
Gutenberg

Project Gutenberg is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of
computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg’s goals
and ensuring that the Project Gutenberg collection will remain freely
available for generations to come. In 2001, the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation was created to provide a secure and
permanent future for Project Gutenberg and future generations. To
learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 and
the Foundation information page at www.gutenberg.org.

Section 3. Information about the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state
of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue
Service. The Foundation’s EIN or federal tax identification number is
64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation are tax deductible to the full extent permitted by U.S.
federal laws and your state’s laws.

The Foundation’s business office is located at 41 Watchung Plaza
#516, Montclair NJ 07042, USA, +1 (862) 621-9288. Email contact

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links and up to date contact information can be found at the
Foundation’s website and official page at www.gutenberg.org/contact

Section 4. Information about Donations to the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation

Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without
widespread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine-readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small
donations ($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax
exempt status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United States.
Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable
effort, much paperwork and many fees to meet and keep up with these
requirements. We do not solicit donations in locations where we have
not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
state visit www.gutenberg.org/donate.

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate.

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Section 5. General Information About Project Gutenberg
electronic works

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone. For forty years, he produced and distributed Project
Gutenberg eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
edition.

Most people start at our website which has the main PG search facility:
www.gutenberg.org.

This website includes information about Project Gutenberg, including
how to make donations to the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.

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