Der Wille zur Macht_ Eine Auslegung alles Geschehens (German) Friedrich Wilhelm Nietzsche 1716 downloads.pdf

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Title: Der Wille zur Macht: Eine Auslegung alles Geschehens

Author: Friedrich Wilhelm Nietzsche

Editor: Max Brahn

Release date: September 25, 2019 [eBook #60360]
Most recently updated: October 17, 2024

Language: German

Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/60360

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*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WILLE
ZUR MACHT: EINE AUSLEGUNG ALLES GESCHEHENS ***

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Der Wille zur Macht

Eine Auslegung alles Geschehens

von

Friedrich Nietzsche

Neu ausgewählt und geordnet von
Max Brahn

Große Dinge verlangen, daß man von
ihnen schweigt oder groß redet: groß,
das heißt zynisch und mit Unschuld.

1917

Alfred Kröner Verlag in Leipzig

Altenburg
Pierersche Hofbuchdruckerei
Stephan Geibel & Co.

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[Der Plan, der dieser Anordnung zugrunde gelegt wurde, lautet in
Nietzsches Niederschrift:]

Der Wille zur Macht
Versuch einer Umwertung aller Werte

Erstes Buch
Der europäische Nihilismus

Zweites Buch
Kritik der bisherigen höchsten Werte

Drittes Buch
Prinzip einer neuen Wertsetzung

Viertes Buch
Zucht und Züchtung

entworfen
den 17. März 1887
Nizza

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Vorwort.
Nietzsche hatte die Absicht, in einem zusammenhängenden Werke den
Gesamtertrag seiner Lehre darzustellen. Die Titel des beabsichtigten Werkes
und die Gesichtspunkte seiner Ordnung wechselten, aber die einheitliche
Idee, seine Philosophie übersichtlich darzustellen, blieb bestehen. Es sollten
keine neuen Grundideen in dem Werke stehen, keine wichtige Grundlehre
verändert werden; das Werk hätte vielmehr beweisen sollen, daß sein
Gedankenkreis vom ersten bis zum letzten Werk der gleiche geblieben ist.
Alle so verschieden erscheinenden Lehren der einzelnen
Entwicklungsperioden sind nur Variationen des gleichen Themas; eine
Grundmelodie tönt dem aufmerksam Hinhörenden stets durch. Sie
herauszuhören, ist nicht leicht. Denn seine Neigung, die gerade im
Vordergrunde stehenden Gedanken, den augenblicklich herrschenden Affekt
fast gewaltsam zu betonen, ihm die ganze Kraft seiner eindrucksvollen,
überwältigenden Sprache zu leihen, läßt oft die Nebentöne deutlicher
vernehmen als den Grundton. Daher wenige Denker so bedächtig gelesen
werden müssen, wie der anscheinend so leicht eingehende Nietzsche.
Volle, leichte Klarheit hätte daher nur ein solches, die Hauptgedanken
allein hervorhebendes Werk bringen können. Darum ist es ein so trauriger
Gedanke, daß seine Erkrankung die Vollendung gerade dieses Werkes
verhinderte, an dem er vom Jahre 1882 an stets gearbeitet, zu dem er sich
ununterbrochen Einzelaufzeichnungen gemacht und Dispositionen
entworfen hat. Aus diesem Gedankenkreise entnahm er wesentliche Teile
und vereinigte sie zu seinen letzten Werken, besonders zum Antichrist, der
in den letzten Monaten vor seiner Erkrankung entstanden ist und in einem
erregten Ton geschrieben ist, der sich von der Stilart der Niederschriften
völlig unterscheidet.
Was dann vom Gesamtwerke übrigblieb, das war eine unendliche Fülle
von einzelnen Notizen, die sich in einer großen Anzahl von Heften finden.
Die bisherigen Ausgaben stellten sich die Aufgabe, von diesem
Gedankenreichtum nichts verloren gehen zu lassen, und ordneten alles

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Vorhandene unter die von Nietzsche selbst angegebenen Gesichtspunkte.
Durch zahlreiche Stichproben durfte ich mich davon überzeugen, mit wie
großer Sorgfalt und treuer Gewissenhaftigkeit Elisabeth Förster-Nietzsche
und Peter Gast die mühevolle Aufgabe gelöst haben, die schwer lesbaren
Manuskripte zu entziffern und die Aphorismen unter die gegebenen
Gesichtspunkte zu bringen. In den Heften fand sich vielerlei, was dem
Denker bei Gelegenheit der Niederschrift oder zufällig zu gleicher Zeit
einfiel, ohne daß es unmittelbar für das neue Ganze nötig war. Es ist nicht
leicht, diese oft so lockenden Gedanken wegzulassen; es war auch für eine
erste Ausgabe das Rechte, sie dem Leser nicht vorzuenthalten. Doch
erschweren sie oft das Sichzurechtfinden in den leitenden Ideen und geben
auch durch ihre große Zahl dem Werke einen übermäßigen Umfang.
Da schien es angebracht, den Versuch zu machen, aus den Manuskripten
wenigstens dem Sinne nach das zu machen, was Nietzsche selbst
vorschwebte: eine Darstellung seiner Grundlehre; zugleich aber dem
neugeordneten Werke eine Form zu geben, die eine leichte Übersicht
gestattet und so durch die Änderung der äußeren Form das Eindringen in
die Hauptlinien des Inhaltes erleichtert. So konnte ich in Übereinstimmung
mit Elisabeth Förster-Nietzsche das herausheben, was den Grundgedanken,
des „Willen zur Macht“, erklärt. Dann kam es darauf an, das Vorhandene so
zu verteilen, daß ein Führer durch Nietzsches Grundlehren entstand. Da
fehlen freilich Begriffe als wesentlich, die sonst oft im Vordergrund zu
stehen scheinen, wie der „Übermensch“; andere, wie die „ewige
Wiederkehr“, treten nur gelegentlich auf. Nicht ein Wechsel der Lehre liegt
aber in diesen Fällen vor; der systematische Aufbau läßt vielmehr das an
früheren Stellen laut Betonte hier nur als einen Unterteil eines größeren
Ganzen erscheinen. So geht der Übermensch unter in der Gesamtauffassung
des neuen, großen Menschen überhaupt, und die ewige Wiederkehr aller
Dinge, von der es einst scheinen konnte, sie zähle zu den Hauptlehren, wird
eines unter den verschiedenen Mitteln zur Zucht des großen Menschen,
wenn auch eines der entscheidenden. Gerade in dieser Ausgeglichenheit der
Werte liegt die große Bedeutung, die das Werk selbst als unvollendetes hat.
In Zarathustra hatte Nietzsche prophetenhaft zur Nachfolge seiner Lehre
aufgerufen; kein Wunder, daß ein so geartetes Werk, dem Eindruck
bestimmt, ihn auch im weitesten Kreise machte. Der Prophet will wirken,
beeinflussen – dazu gehört Affekt, der mitreißt, gehört starke Betonung
dessen, was der Prophet in den Vordergrund stellen will. Der „Wille zur

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Macht“ will lehren, klarlegen, aus Geschichte und Natur erläutern, wohl gar
beweisen. Hier ist der ordnende Intellekt an der Arbeit, der systematisch
aufbaut, nicht um zur Tat aufzurufen, den heiligen Krieg für eine neue
Lehre zu verkünden, sondern um zu zeigen, aus welchen Wurzeln die
eigene Lehre erwachsen ist, und wie sie die Gesamtheit der Welt dem willig
Folgenden zu erklären vermag.
Eine Weltdeutung kann aber aus sehr verschiedenen Wurzeln erwachsen,
je nach der Persönlichkeit des Philosophen. Die Versenkung ins All, in die
unmittelbare Tiefe der Dinge kennzeichnet den Typus des Metaphysikers
und Mystikers. Die Vereinigung der letzten wissenschaftlichen Ergebnisse
den wissenschaftlichen Philosophen. Das Ausgehen vom Menschen als dem
Geschichte schaffenden und nur in der Geschichte bekannten Wesen den
Kulturphilosophen, dem der Mensch das interessanteste Problem ist. Vom
ersten bis zum letzten seiner Werke ist Nietzsche Kulturphilosoph. Von der
Kultur der Griechen – dem höchsten Kulturtypus – schlug er in seinem
Erstlingswerk die Brücke zu Wagner, also zur Kultur der Gegenwart. Das
Christentum stand im Hintergrunde; es brauchte gar nicht genannt zu
werden, um doch da zu sein. Vom Christentum führt auch der „Wille zur
Macht“ zur Gegenwart, noch mehr zur neu zu schaffenden Zeit, zu der
Zukunft, die durch den starken Willen des Menschen aus dieser Gegenwart
werden soll.
Von unserer Zeit redet dieses Buch zunächst, nicht von einer Ewigkeit,
einem stets Gleichen, wie die Metaphysiker tun. Eine Zeit ist nur aus den
Werten bestimmbar, an die sie glaubt: denn alles Handeln ist ein Werten,
jede Bewegung will etwas, also wertet sie etwas. Alle Werte ordnen sich
letzten Endes einem letzten, höchsten, einem Oberwert unter, wie Raoul
Richter in seinem Nietzschebuch ausgeführt hat. Unsere Zeit hat keine
festen Werte; „das Eis, das uns noch trägt, ist so dünn geworden: wir
fühlen alle den warmen, unheimlichen Atem des Tauwindes.“ Uns fehlt
jeder bestimmte Glaube an den Wert der Dinge, da der einzige bisher
zusammenhaltende Glaube im Niedergang ist, der christliche. Er gab dem
Menschen einen absoluten Wert, den man genau kannte, gab ihm
Selbstachtung und dem Übel einen Sinn. An sich selbst hat Nietzsche das
Dahinschwinden des christlichen Glaubens empfunden, er, der
Abkömmling von Theologen bis ins dritte und vierte Geschlecht. Er kannte
die Feinheiten des Glaubens, er wußte, daß sie Erbgut in ihm waren,

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besonders jener vom Christentum anerzogene Glaube an die Wahrhaftigkeit.
Schwindet er dahin, so tritt leicht die Meinung auf, daß es überhaupt keinen
Sinn der Welt gibt, wenn dieser nicht gilt: die Ziellosigkeit an sich wird
der Wert, der Nihilismus ist da.
Wie aber konnte ein solches letztes Ziel verloren gehen, woher mußte die
Auflehnung gegen das Christentum entstehen? Nach Nietzsche ist die
Ablehnung des Christentums Abweisung der décadence, das heißt der
Lehre der Erschöpften, der Schwachen, der Gegner des Lebens, derer, die
nicht das Wachstum, die Größe, die Schönheit der Dinge der Welt
wünschen. Unsre bisherige Moral ist im Grunde christliche; sie ist aber
gleichzeitig die Moral der schwachen Menge, die sich gegen die
gefährlichen Starken auflehnt, die aber durch ihre Zahl, ihre größere
Klugheit, feinere Geistigkeit den Sieg über die Starken davonträgt. In dieser
Erkenntnis sieht er wohl die kritische Grundlehre seines Systems, auf die
sich alles Positive aufzubauen hat.
Denn aufbauend will er sein; alles Kritische, Verneinende ist ihm
zuwider, er benutzt es nur als Mittel, sein Bejahendes deutlich zu machen,
als nötig zu erweisen. Zu Taten will er die Menschheit befähigen, da er ein
Philosoph ist, das heißt für ihn ein Werteschaffer; unserer Zeit aber „fehlt
der Philosoph, der Ausdeuter der Tat, nicht nur der Umdichter“. Daher auch
der Kern dieses Werkes nicht im ersten und zweiten Buch liegt, die nur
Schutt wegräumen wollen, ehe das Gebäude im dritten und vierten Buch
aufgerichtet wird: in diesen liegt nach der Absicht Nietzsches die Deutung
der Zukunft.
Worauf es also bei ihm hinausläuft, das ist mit einem Worte zu sagen: auf
eine neue Moral. Wo er Moral bekämpft, da kürzt er nur das Wort; es müßte
da stets heißen: bisherige Moral, für deren entwickeltste Form er die
christliche ansieht. Was seine Moral mit der christlichen verbindet, das sagt
ganz deutlich seine schöne Bestimmung: „Ich verstehe unter Moral ein
System von Wertschätzungen, welches mit den Lebensbedingungen eines
Wesens sich berührt.“ Daher kann es für ihn keine allgemeine
Moral geben. Streng genommen gibt es nur eine Moral für jeden
Einzelnen; faßt man die Einzelnen zu Typen, Arten zusammen, so gibt es
Moralen für die Starken und die Schwachen, die Gesunden und die
Kranken. Hier berührt sich die Lehre mit modernen Ideen, die, von ihr
unbewußt oder bewußt abhängig oder nicht, die Menschen nach Anlagen

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einteilen und verlangen, daß unsere Erziehung in jedem die Anlage voll
entwickelt und nicht versucht, aus jedem alles zu machen. In strenger
Selbstuntersuchung, sich selbst verantwortlich, hat ein jeder festzustellen,
„wer bin ich?“ und sein Leben so zu gestalten, daß sein Ich ungebrochen
zur Entwicklung kommt, nicht nur die Freuden seiner Eigenart und seiner
Lebensform suchend, nein, alle Leiden gern als notwendig mit auf sich
nehmend. Streng und unerbittlich, hart gegen sich, wie nur je ein Asket es
sein kann, vielleicht aber im Strome des Lebens viel leidender, viel
gequälter.
Die Moral, die hier gelehrt wird, ist die der Starken, die den Mut zu
diesem strengen, harten, nur sich selbst verantwortlichen Leben haben. Wer
diese lehrt, wird notwendig manches angreifende, kriegerische Wort für die
entgegengesetzte Art, die Schwachen, haben. Aber „möchten wir eigentlich
eine Welt, in der die Nachwirkung der Schwachen, ihre Feinheit, Rücksicht,
Geistigkeit, Biegsamkeit fehlte?“ Die Moral der Schwachen wird von
Nietzsche nicht etwa nur geduldet – ein ihm furchtbares Wort –, sie wird
gewünscht, weil für nötig befunden. Aber sie soll nicht die herrschende
sein, sie soll nicht sich alle „Moral“ zuschreiben; sie muß einsehen, daß sie
genau so moralisch und unmoralisch, weil genau so nur aus einer
bestimmten Perspektive der Welt hervorgehend ist wie die der Starken. Sie
will Erhaltung, oft Stillstand: sie lasse der Moral des Schaffens freie Bahn,
die das Alte oft zerbrechen muß, um neue Maßstäbe aufzustellen. Nietzsche
sah voraus, daß es „dem nächsten Jahrhundert hier und da gründlich im
Leibe rumoren wird“, daß neue Werte in jeder Hinsicht kommen werden –
hat unser Geschlecht, das des größten Krieges der Weltgeschichte, wirklich
das Gefühl in sich, daß es den alten Werten gehorcht? Neues, Starkes
kommt, weil es kommen muß, weil es sich mit unseren Lebensbedingungen
berührt, die nicht mehr die gleichen sein werden. Ob nicht gar der Prophet
dieser neuen Zeit schon gelebt hat?
Woher nimmt nun Nietzsche diese neue Wahrheit über die Moral; glaubt
er allgemeingültige Sätze aufzustellen, deren Gegensatz falsch sein muß?
Nein, auch diese Wahrheit ist ihm wie jede andere nur „eine Art von Irrtum,
ohne welche eine bestimmte Art von lebendigen Wesen nicht leben könnte.
Der Wert für das Leben entscheidet zuletzt.“ Jeder Sinn, der in den Dingen
liegt, ist ihm nur eine Beziehung, die sich der Mensch schafft, letzten
Endes, um der Dinge Herr zu werden, um sein Machtgefühl über die

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Dinge zu steigern, um seinen unbezähmbaren Willen zur Macht auszuüben.
Es gibt vielerlei Wahrheiten von den Dingen, jede Art macht sich die Dinge
so zurecht, daß sie seinem Leben dienen, macht sich die ihm nützlichsten
Fiktionen vom Sein und Wesen der Dinge. Darin steht Nietzsche der
Philosophie sehr nahe, die neuerdings unter dem Namen der „Philosophie
des Als-Ob“ so großes Aufsehen gemacht hat. Man kann, wenn man das
dritte Buch dieses Werkes liest, nicht mehr behaupten, daß Nietzsche nur
Moralphilosoph sei – von seinen Anschauungen über die Erkenntnis ist
stärkste Anregung auf unsere Zeit ausgegangen. Er hat, mag er auch Darwin
bekämpfen, so doch aus dem Geiste der Entwicklungslehre letzte
Folgerungen gezogen. Und nun verfolgt er diese Grundidee, daß es der
Wille zur Macht ist, der unsere Wahrheiten schafft durch alles Sein
hindurch, in alle Tiefen unserer Weltanschauung hinein. Aber nicht unser
Erkennen allein – selbst nur eine Sonderart der Natur – ist Wille zur Macht,
die Natur ist es in ihrem tiefsten Kern. Alles Sein ist Leben – alles Leben
Machtwille. Kräfte des Willens, die immer neue Kräfte anhäufen, die ihnen
innewohnende Macht steigern und organisieren möchten, sind die letzten
Erklärungen, die es für alles Sein gibt. Alles Geschehen, alle Veränderung
läßt sich auf den Willen zur Macht zurückführen, der nie ruht, stets zu
neuen Formen größerer Macht sich wandeln will – mit dieser Einsicht, die
selbst keine absolute ist, gewinnen wir die für uns brauchbarste
„perspektivische Schätzung“ der Welt, Macht über sie. „Diese Welt ist der
Wille zur Macht – und nichts außerdem. Und auch ihr selber seid dieser
Wille zur Macht – und nichts außerdem.“
Soviel Macht einer in sich birgt, so viel ist er dieser Beurteilungsweise
wert. So entsteht eine Rangordnung der Menschen nach ihren Machtgrößen.
Ist es wirklich nötig, darauf hinzuweisen, daß es sich hier nicht um jene
äußere Macht handelt, die mit Kanonen sich durchsetzt? Daß es sich dabei
um eine innere Haltung der Seele handelt, die stark ist und nichts will, als
ihre Kraft, ihre Macht erweitern, die sich nicht genug tun kann, ihren Mut
zu erweisen, die so stark strömt, daß sie wissentlich ihre Kräfte
verschwendet, die im Herrschen über sich und andere ihre Pflicht findet.
Solche Aristokratie ist angeboren, ist „Geblütsadel“. „Ich rede hier nicht
vom Wörtchen ‚von‘ und vom Gothaischen Kalender: Einschaltung für
Esel.“ So darf man auch denen zurufen, die das Wort Macht bei Nietzsche
vergröbern, um dagegen zu kämpfen.

Page 14

Diese Menschen voll Willen, Kraft, Macht sind die Erschaffer des Neuen;
sie geben allem neue Werte, sie rechtfertigen die Welt einfach dadurch, daß
sie da sind. Nicht ihre Leistung, ihr Sein ist das Wesentliche. Es geht hier
mit dieser von Nietzsches Lehren wie mit anderen: in seiner grandiosen,
übersteigenden Sprache klingen sie oft so weltfremd, so erfunden, so
lebensunbrauchbar. Und doch drücken sie nur Wahrheiten aus, die sich in
der Menschheit stets wieder als ganz natürliche Erlebnisse erweisen. Hat
nicht die Erregung der Kriegszeit gezeigt, wie sehr die Menschen dazu
neigen, sich Heroen zu schaffen, führende, herrschende Naturen, denen alle
anderen gern, als ob es nicht anders sein könnte, sich unterwerfen! Willig
folgen sie dem, der neue Werte aufstellt und beweist, daß er einen starken,
langen Willen hat, der imstande ist, sich gegen eine Welt von Hindernissen
durchzusetzen. Auf seinen Wink tun sie alles, leiden sie alles, opfern sie
sich hin bis zum Aufgeben des Lebens. Eine ganze Nation erlebt dann
plötzlich die Wahrheit der Lehre, daß es auf diese geborenen Führernaturen
ankommt, daß sie herangezogen werden müssen, wenn die anderen nicht
untergehen sollen. Dann sieht man auch deutlich, daß nicht Lust und
Unlust, wenigstens nicht die Formen, von denen Optimismus und
Pessimismus zu sprechen pflegen, großes Handeln des Menschen
bestimmen. Das Glück dieser Großen liegt allein „in dem herrschend
gewordenen Bewußtsein der Macht und des Sieges.“ Darf man von ihnen
die Moral des Mitleids, Rücksichtnahme, Milde verlangen – oder wünscht
nicht die Menge sie hart, unbeugsam, stark, Macht durch und durch? Groß
sollen sie sein und vornehm – die beiden Haupteigenschaften, die Nietzsche
von „seinen“ Menschen verlangt.
Diese großen schaffenden Menschen – der Theorie oder der Praxis –
greifen mit mächtiger Hand in das Rad des Daseins; sie drehen seine
Speichen ein Stück vorwärts, indem sie das Gefühl in sich tragen, der Welt
neue Kräfte gewinnen zu müssen, nicht anders zu können, als Welt zu
gestalten, indem sie sich selbst gestalten. Sie fragen nicht nach dem Werte
des Lebens, sie fühlen die furchtbaren Gründe, auf denen es ruht, sie
kennen seine Furchtbarkeit und seine Untiefen – und gewinnen daraus
Einsicht und Kraft, es neu zu gestalten, ihren Willen zur Macht daran zu
erproben, selbst wie göttliche Kräfte, darin zu zerstören, zu vernichten,
Altes zu zerbrechen, Verbrecher am Gesetz zu werden, um Neues, Größeres
werden zu lassen. Sie sagen „Ja“ zum Gesamtdasein und können darum zu
keinem Teil „Nein“ sagen: denn die Notwendigkeit verschlingt alle Dinge

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untrennbar ineinander, daß man alles Sein bejahen muß, wenn man den
kleinsten Teil bejaht. Ihre unendlich strömende Kraft freut sich des
Gestaltens an dieser Welt, der einzigen Aufgabe des Menschen, seines
Künstlerberufs. Sie kennen keine seiende Welt, nur eine werdende, eine sein
sollende, an der Menschen ihr und der Welt Geschick zimmern. An den
Widerständen, die sie ihnen bietet, wächst ihre Kraft; ihr Wille zur Macht
kann sich nie genug tun, dieser Welt immer neue Gestalten zu geben, von
ihrer Fülle, dem Reichtum ihrer Geistes- und Willenskräfte in die Welt
hinüberströmen zu lassen. Sie sehen auf diese Welt als ihr Werk und
wünschen sich nur eins: stets wieder an ihr zu formen bis in alle
Unendlichkeit, immer von neuem wieder, unendlich oft. Sie bejahen dieses
Dasein und wünschen, so wie es ist, wie es durch sie und ihren Machtwillen
wird, möchte es wiederkehren: in gleicher Form unendlich oft in ewiger
Wiederkehr. Diese Sehnsucht, ihrem Machtwillen entstammend, gibt ihnen
Kraft – und diese neue Kraft gibt ihnen neue Sehnsucht. Die Schwachen
aber gehen an dem Gedanken zugrunde, daß dieses Leben unendlich oft
wiederkehren möge – und hier wie überall trennen sich denn die Menschen
in ihrem Glauben, ihrem Wissen, ihrer Kunst, ihrem Handeln und
Wünschen notwendig in die Starken und die Schwachen, weil dieser
Unterschied ruht auf dem letzten Grunde des Seins: dem Grade des Willens
zur Macht.
Max Brahn.

Page 16

Inhalt.
Seite
Vorwort V-XIV
Erstes Buch: Der europäische Nihilismus 1-45
1. Geschichte 1
2. Wesen und Ursache 14
3. Krisis 32
Zweites Buch: Kritik der höchsten bisherigen Werte 46-120
(Einsicht in das, was durch sie Ja und Nein sagte.)
I. Moral:
1. Entstehung und Sieg 46
2. Die moralischen Ideale 71
3. Philosophie und Moral 99
4. Philosophie und Wissenschaft 107
5. Freie Philosophie 116
II. Religion:
1. Entstehung 120
2. Christentum 131
Drittes Buch: Prinzip einer neuen Wertsetzung 156-307
I. Die neue Deutung der Welt 156
II. Der Geist – ein Machtwille:
1. Wahrnehmung 163
2. Erkenntnis 177
a. Allgemeines 177
b. Logik und Wissenschaft 185
c. Ursache und Wirkung 195
d. Ich und Außenwelt 204

Page 17

3. Metaphysik 206
Die „wahre“ Welt 206
III. Die Natur – ein Machtwille:
1. Die anorganische Natur 219
2. Die organische Natur 229
3. Der Mensch als Naturwesen 239
IV. Die Gesellschaft – ein Machtwille:
1. Der Mensch als geselliges Wesen 253
2. Der Staat 266
V. Kunst – ein Machtwille 277
Viertes Buch: Zucht und Züchtung 308-376
1. Die Rangordnung 308
2. Der züchtende Gedanke 347

Page 18

Erstes Buch.
Der europäische Nihilismus.

Page 19

1. Geschichte.

Page 20

1.

Was ich erzähle, ist die Geschichte der nächsten zwei Jahrhunderte. Ich
beschreibe, was kommt, was nicht mehr anders kommen kann: die
Heraufkunft des Nihilismus. Diese Geschichte kann jetzt schon erzählt
werden: denn die Notwendigkeit selbst ist hier am Werke. Diese Zukunft
redet schon in hundert Zeichen, dieses Schicksal kündigt überall sich an; für
diese Musik der Zukunft sind alle Ohren bereits gespitzt. Unsere ganze
europäische Kultur bewegt sich seit langem schon mit einer Tortur der
Spannung, die von Jahrzehnt zu Jahrzehnt wächst, wie auf eine Katastrophe
los: unruhig, gewaltsam, überstürzt: wie ein Strom, der ans Ende will, der
sich nicht mehr besinnt, der Furcht davor hat, sich zu besinnen.

Page 21

2.

– Der hier das Wort nimmt, hat umgekehrt nichts bisher getan als sich
zu besinnen: als ein Philosoph und Einsiedler aus Instinkt, der seinen
Vorteil im Abseits, im Außerhalb, in der Geduld, in der Verzögerung, in der
Zurückgebliebenheit fand; als ein Wage- und – Versuchergeist, der sich
schon in jedes Labyrinth der Zukunft einmal verirrt hat; als ein
Wahrsagevogel-Geist, der zurückblickt, wenn er erzählt, was kommen
wird; als der erste vollkommene Nihilist Europas, der aber den Nihilismus
selbst schon in sich zu Ende gelebt hat, – der ihn hinter sich, unter
sich, außer sich hat.

Page 22

3.

Denn man vergreife sich nicht über den Sinn des Titels, mit dem dies
Zukunftsevangelium benannt sein will. „Der Wille zur Macht. Versuch
einer Umwertung aller Werte“ – mit dieser Formel ist eine
Gegenbewegung zum Ausdruck gebracht in Absicht auf Prinzip und
Aufgabe; eine Bewegung, welche in irgendeiner Zukunft jenen
vollkommenen Nihilismus ablösen wird, welche ihn aber voraussetzt,
logisch und psychologisch, welche schlechterdings nur auf ihn und aus
ihm kommen kann. Denn warum ist die Heraufkunft des Nihilismus
nunmehr notwendig? Weil unsre bisherigen Werte selbst es sind, die in
ihm ihre letzte Folgerung ziehen, weil der Nihilismus die zu Ende gedachte
Logik unsrer großen Werte und Ideale ist, – weil wir den Nihilismus erst
erleben müssen, um dahinter zu kommen, was eigentlich der Wert dieser
„Werte“ war.... Wir haben, irgendwann, neue Werte nötig....

Page 23

4.

Die Verdüsterung, die pessimistische Färbung kommt notwendig im
Gefolge der Aufklärung. Gegen 1770 bemerkte man bereits die Abnahme
der Heiterkeit; Frauen dachten mit jenem weiblichen Instinkt, der immer
zugunsten der Tugend Partei nimmt, daß die Immoralität daran schuld sei.
Galiani traf ins Schwarze: er zitiert Voltaires Vers:
Un monstre gai vaut mieux
Qu'un sentimental ennuyeux.
Wenn ich nun vermeine, jetzt um ein paar Jahrhunderte Voltairen und
sogar Galiani – der etwas viel Tieferes war – in der Aufklärung voraus zu
sein: wie weit mußte ich also gar in der Verdüsterung gelangt sein! Dies ist
auch wahr: und ich nahm zeitig mich mit einer Art Bedauern in acht vor der
deutschen und christlichen Enge und Folgeunrichtigkeit des
Schopenhauerschen oder gar Leopardischen Pessimismus und suchte die
prinzipiellsten Formen auf (– Asien –). Um aber diesen extremen
Pessimismus zu ertragen (wie er hier und da aus meiner „Geburt der
Tragödie“ herausklingt), „ohne Gott und Moral“ allein zu leben, mußte ich
mir ein Gegenstück erfinden. Vielleicht weiß ich am besten, warum der
Mensch allein lacht: er allein leidet so tief, daß er das Lachen erfinden
mußte. Das unglücklichste und melancholischste Tier ist, wie billig, das
heiterste.

Page 24

5.
Die drei Jahrhunderte.

Ihre verschiedene Sensibilität drückt sich am besten so aus:

Aristokratismus: Descartes, Herrschaft der Vernunft, Zeugnis
von der Souveränität des Willens;
Femininismus: Rousseau, Herrschaft des Gefühls, Zeugnis von
der Souveränität der Sinne, verlogen;
Animalismus: Schopenhauer, Herrschaft der Begierde, Zeugnis
von der Souveränität der Animalität, redlicher, aber düster.

Das 17. Jahrhundert ist aristokratisch, ordnend, hochmütig gegen das
Animalische, streng gegen das Herz, „ungemütlich“, sogar ohne Gemüt,
„undeutsch“, dem Burlesken und dem Natürlichen abhold, generalisierend
und souverän gegen Vergangenheit: denn es glaubt an sich. Viel Raubtier au
fond, viel asketische Gewöhnung, um Herr zu bleiben. Das willensstarke
Jahrhundert; auch das der starken Leidenschaft.
Das 18. Jahrhundert ist vom Weibe beherrscht, schwärmerisch,
geistreich, flach, aber mit einem Geiste im Dienst der Wünschbarkeit, des
Herzens, libertin im Genusse des Geistigsten, alle Autoritäten
unterminierend; berauscht, heiter, klar, human, falsch vor sich, viel Kanaille
au fond, gesellschaftlich....
Das 19. Jahrhundert ist animalischer, unterirdischer, häßlicher,
realistischer, pöbelhafter, und ebendeshalb „besser“, „ehrlicher“, vor der
„Wirklichkeit“ jeder Art unterwürfiger, wahrer; aber willensschwach, aber
traurig und dunkel-begehrlich, aber fatalistisch. Weder vor der „Vernunft“,
noch vor dem „Herzen“ in Scheu und Hochachtung; tief überzeugt von der
Herrschaft der Begierde (Schopenhauer sagte „Wille“: aber nichts ist
charakteristischer für seine Philosophie, als daß das eigentliche Wollen in
ihr fehlt). Selbst die Moral auf einen Instinkt reduziert („Mitleid“).
Auguste Comte ist Fortsetzung des 18. Jahrhunderts (Herrschaft
von cœur über la tête, Sensualismus in der Erkenntnistheorie, altruistische

Page 25

Schwärmerei).
Daß die Wissenschaft in dem Grade souverän geworden ist, das
beweist, wie das 19. Jahrhundert sich von der Domination der Ideale
losgemacht hat. Eine gewisse „Bedürfnislosigkeit“ im Wünschen
ermöglicht uns erst unsere wissenschaftliche Neugierde und Strenge – diese
unsere Art Tugend....
Die Romantik ist Nachschlag des 18. Jahrhunderts; eine Art
aufgetürmtes Verlangen nach dessen Schwärmerei großen Stils (–
tatsächlich ein gut Stück Schauspielerei und Selbstbetrügerei: man wollte
die starke Natur, die große Leidenschaft darstellen).
Das 19. Jahrhundert sucht instinktiv nach Theorien, mit denen es seine
fatalistische Unterwerfung unter das Tatsächliche gerechtfertigt
fühlt. Schon Hegels Erfolg gegen die „Empfindsamkeit“ und den
romantischen Idealismus lag im Fatalistischen seiner Denkweise, in seinem
Glauben an die größere Vernunft auf Seiten des Siegreichen, in seiner
Rechtfertigung des wirklichen „Staates“ (an Stelle von „Menschheit“ usw.).
– Schopenhauer: wir sind etwas Dummes und bestenfalls sogar etwas Sich-
selbst-Aufhebendes. Erfolg des Determinismus, der genealogischen
Ableitung der früher als absolut geltenden Verbindlichkeiten, die Lehre
vom Milieu und der Anpassung, die Reduktion des Willens auf
Reflexbewegungen, die Leugnung des Willens als „wirkender Ursache“;
endlich – eine wirkliche Umtaufung: man sieht so wenig Wille, daß das
Wort frei wird, um etwas anderes zu bezeichnen. Weitere Theorien: die
Lehre von der Objektivität, „willenlosen“ Betrachtung, als einzigem Weg
zur Wahrheit; auch zur Schönheit (– auch der Glaube an das „Genie“,
um ein Recht auf Unterwerfung zu haben); der Mechanismus, die
ausrechenbare Starrheit des mechanischen Prozesses; der angebliche
„Naturalismus“, Elimination des wählenden, richtenden, interpretierenden
Subjekts als Prinzip –
Kant, mit seiner „praktischen Vernunft“, mit seinem Moral-
Fanatismus ist ganz 18. Jahrhundert; noch völlig außerhalb der
historischen Bewegung; ohne jeden Blick für die Wirklichkeit seiner Zeit,
zum Beispiel Revolution; unberührt von der griechischen Philosophie;
Phantast des Pflichtbegriffs; Sensualist, mit dem Hinterhang der
dogmatischen Verwöhnung –.

Page 26

Die Rückbewegung auf Kant in unserem Jahrhundert ist eine
Rückbewegung zum achtzehnten Jahrhundert: man will sich ein
Recht wieder auf die alten Ideale und die alte Schwärmerei verschaffen,
– darum eine Erkenntnistheorie, welche „Grenzen setzt“, das heißt erlaubt,
ein Jenseits der Vernunft nach Belieben anzusetzen....
Die Denkweise Hegels ist von der Goetheschen nicht sehr entfernt:
man höre Goethe über Spinoza. Wille zur Vergöttlichung des Alls und des
Lebens, um in seinem Anschauen und Ergründen Ruhe und Glück zu
finden; Hegel sucht Vernunft überall, – vor der Vernunft darf man sich
ergeben und bescheiden. Bei Goethe eine Art von fast freudigem und
vertrauendem Fatalismus, der nicht revoltiert, der nicht ermattet, der
aus sich eine Totalität zu bilden sucht, im Glauben, daß erst in der Totalität
alles sich erlöst, als gut und gerechtfertigt erscheint.

Page 27

6.

Voltaire – Rousseau. – Der Zustand der Natur ist furchtbar, der
Mensch ist Raubtier; unsere Zivilisation ist ein unerhörter Triumph über
diese Raubtiernatur: – so schloß Voltaire. Er empfand die Milderung,
die Raffinements, die geistigen Freuden des zivilisierten Zustandes; er
verachtete die Borniertheit, auch in der Form der Tugend; den Mangel an
Delikatesse auch bei den Asketen und Mönchen.
Die moralische Verwerflichkeit des Menschen schien Rousseau
zu präokkupieren; man kann mit den Worten „ungerecht“, „grausam“ am
meisten die Instinkte der Unterdrückten aufreizen, die sich sonst unter dem
Bann des vetitum und der Ungnade befinden: so daß ihr Gewissen
ihnen die aufrührerischen Begierden widerrät. Diese
Emanzipatoren suchen vor allem eins: ihrer Partei die großen Akzente und
Attitüden der höheren Natur zu geben.

Page 28

7.

Rousseau: die Regel gründend auf das Gefühl; die Natur als Quelle der
Gerechtigkeit; der Mensch vervollkommnet sich in dem Maße, in dem er
sich der Natur nähert (– nach Voltaire in dem Maße, in dem er sich von
der Natur entfernt). Dieselben Epochen für den einen die des
Fortschritts der Humanität, für den andern Zeiten der Verschlimmerung
von Ungerechtigkeit und Ungleichheit.
Voltaire noch die umanità im Sinne der Renaissance begreifend,
insgleichen die virtù (als „hohe Kultur“), er kämpft für die Sache der
„honnêtes gens“ und „de la bonne compagnie“, die Sache des Geschmacks,
der Wissenschaft, der Künste, die Sache des Fortschritts selbst und der
Zivilisation.
Der Kampf gegen 1760 entbrannt: der Genfer Bürger und le
seigneur de Ferney. Erst von da an wird Voltaire der Mann seines
Jahrhunderts, der Philosoph, der Vertreter der Toleranz und des Unglaubens
(bis dahin nur un bel esprit). Der Neid und der Haß auf Rousseaus Erfolg
trieb ihn vorwärts, „in die Höhe“.
Pour „la canaille“ un dieu rémunérateur et vengeur – Voltaire.
Kritik beider Standpunkte in Hinsicht auf den Wert der Zivilisation.
Die soziale Erfindung, die schönste, die es für Voltaire gibt: es gibt kein
höheres Ziel, als sie zu unterhalten und zu vervollkommnen; eben das ist
die honnêteté, die sozialen Gebräuche zu achten; Tugend ein Gehorsam
gegen gewisse notwendige „Vorurteile“ zugunsten der Erhaltung der
„Gesellschaft“. Kultur-Missionär, Aristokrat, Vertreter der siegreichen,
herrschenden Stände und ihrer Wertungen. Aber Rousseau blieb Plebejer,
auch als homme de lettres, das war unerhört; seine unverschämte
Verachtung alles dessen, was nicht er selbst war.
Das Krankhafte an Rousseau am meisten bewundert und
nachgeahmt. (Lord Byron ihm verwandt; auch sich zu erhabenen
Attitüden aufschraubend, zum rankünösen Groll; Zeichen der
„Gemeinheit“; später, durch Venedig ins Gleichgewicht gebracht, begriff
er, was mehr erleichtert und wohltut, .... l'insouciance.)

Page 29

Rousseau ist stolz in Hinsicht auf das, was er ist, trotz seiner Herkunft;
aber er gerät außer sich, wenn man ihn daran erinnert ....
Bei Rousseau unzweifelhaft die Geistesstörung, bei Voltaire eine
ungewöhnliche Gesundheit und Leichtigkeit. Die Ranküne des
Kranken; die Zeiten seines Irrsinns auch die seiner Menschenverachtung
und seines Mißtrauens.
Die Verteidigung der Providenz durch Rousseau (gegen den
Pessimismus Voltaires): er brauchte Gott, um den Fluch auf die
Gesellschaft und die Zivilisation werfen zu können; alles mußte an sich gut
sein, da Gott es geschaffen; nur der Mensch hat den Menschen
verdorben. Der „gute Mensch“ als Naturmensch war eine reine Phantasie;
aber mit dem Dogma von der Autorschaft Gottes etwas Wahrscheinliches
und Begründetes.
Romantik à la Rousseau: die Leidenschaft („das souveräne Recht der
Passion“); die „Natürlichkeit“; die Faszination der Verrücktheit (die
Narrheit zur Größe gerechnet); die unsinnige Eitelkeit des Schwachen; die
Pöbel-Ranküne als Richterin („in der Politik hat man seit hundert Jahren
einen Kranken als Führer genommen“).

Page 30

8.

Die beiden großen Tentativen, die gemacht worden sind, das 18.
Jahrhundert zu überwinden:
Napoleon, indem er den Mann, den Soldaten und den großen Kampf
um Macht wieder aufweckte – Europa als politische Einheit
konzipierend;
Goethe, indem er eine europäische Kultur imaginierte, die die volle
Erbschaft der schon erreichten Humanität macht.
Die deutsche Kultur dieses Jahrhunderts erweckt Mißtrauen – in der
Musik fehlt jenes volle, erlösende und bindende Element Goethe –

Page 31

9.

Schopenhauer als Nachschlag (Zustand vor der Revolution): –
Mitleid, Sinnlichkeit, Kunst, Schwäche des Willens, Katholizismus der
geistigsten Begierden – das ist gutes achtzehntes Jahrhundert au fond.
Schopenhauers Grundmißverständnis des Willens (wie als ob
Begierde, Instinkt, Trieb das Wesentliche am Willen sei) ist typisch:
Werterniedrigung des Willens bis zur Verkennung. Insgleichen Haß gegen
das Wollen; Versuch, in dem Nicht-mehr-wollen, im „Subjektsein ohne
Ziel und Absicht“ (im „reinen willensfreien Subjekt“) etwas Höheres, ja
das Höhere, das Wertvolle zu sehen. Großes Symptom der Ermüdung
oder der Schwäche des Willens: denn dieser ist ganz eigentlich das, was
die Begierden als Herr behandelt, ihnen Weg und Maß weist....

Page 32

10.

Henrik Ibsen ist mir sehr deutlich geworden. Mit all seinem robusten
Idealismus und „Willen zur Wahrheit“ hat er sich nicht von dem Moral-
Illusionismus frei zu machen gewagt, welcher „Freiheit“ sagt und sich nicht
eingestehen will, was Freiheit ist: die zweite Stufe in der Metamorphose des
„Willens zur Macht“ seitens derer, denen sie fehlt. Auf der ersten verlangt
man Gerechtigkeit von Seiten derer, welche die Macht haben. Auf der
zweiten sagt man „Freiheit“, das heißt, man will „loskommen“ von denen,
welche die Macht haben. Auf der dritten sagt man „gleiche Rechte“, das
heißt, man will, so lange man noch nicht das Übergewicht hat, auch die
Mitbewerber hindern, in der Macht zu wachsen.

Page 33

11.

Kritik des modernen Menschen: – „der gute Mensch“, nur
verdorben und verführt durch schlechte Institutionen (Tyrannen und
Priester); – die Vernunft als Autorität; – die Geschichte als Überwindung
von Irrtümern; – die Zukunft als Fortschritt; – der christliche Staat („der
Gott der Heerscharen“); – der christliche Geschlechtsbetrieb (oder die Ehe);
– das Reich der „Gerechtigkeit“ (der Kultus der „Menschheit“); – die
„Freiheit“.
Die romantische Attitüde des modernen Menschen: – der edle Mensch
(Byron, Victor Hugo, George Sand); – die edle Entrüstung; – die Heiligung
durch die Leidenschaft (als wahre „Natur“); – die Parteinahme für die
Unterdrückten und Schlechtweggekommenen: Motto der Historiker und
Romanziers; – die Stoiker der Pflicht; – die „Selbstlosigkeit“ als Kunst und
Erkenntnis; – der Altruismus als verlogenste Form des Egoismus
(Utilitarismus), gefühlsamster Egoismus.
Dies alles ist achtzehntes Jahrhundert. Was dagegen nicht sich aus ihm
vererbt hat: die insouciance, die Heiterkeit, die Eleganz, die geistige
Helligkeit. Das Tempo des Geistes hat sich verändert; der Genuß an der
geistigen Feinheit und Klarheit ist dem Genuß an der Farbe, Harmonie,
Masse, Realität usw. gewichen. Sensualismus im Geistigen. Kurz, es ist das
achtzehnte Jahrhundert Rousseaus.

Page 34

12.

Meine Freunde, wir haben es hart gehabt, als wir jung waren: wir haben
an der Jugend selber gelitten wie an einer schweren Krankheit. Das macht
die Zeit, in die wir geworfen sind – die Zeit eines großen inneren Verfalles
und Auseinanderfalles, welche mit allen ihren Schwächen und noch mit
ihrer besten Stärke dem Geiste der Jugend entgegenwirkt. Das
Auseinanderfallen, also die Ungewißheit, ist dieser Zeit eigen: nichts steht
auf festen Füßen und hartem Glauben an sich: man lebt für morgen, denn
das Übermorgen ist zweifelhaft. Es ist alles glatt und gefährlich auf unserer
Bahn, und dabei ist das Eis, das uns noch trägt, so dünn geworden: wir
fühlen alle den warmen, unheimlichen Atem des Tauwindes – wo wir noch
gehen, da wird bald niemand mehr gehen können!

Page 35

13.
Zur Geschichte der modernen Verdüsterung.

Die Staatsnomaden (Beamte usw.): ohne „Heimat“ –
Der Niedergang der Familie.
Der „gute Mensch“ als Symptom der Erschöpfung.
Gerechtigkeit als Wille zur Macht (Züchtung).
Geilheit und Neurose.
Der Anarchist.
Menschenverachtung, Ekel.
Tiefste Unterscheidung: ob der Hunger oder der Überfluß schöpferisch
wird? Ersterer erzeugt die Ideale der Romantik. –
Nordische Unnatürlichkeit.
Das Bedürfnis nach Alcoholica: die Arbeiter-„Not“.
Der philosophische Nihilismus.

Page 36

14.

Das langsame Hervortreten und Emporkommen der mittleren und
niederen Stände (eingerechnet der niederen Art Geist und Leib), welches
schon vor der französischen Revolution reichlich präludiert und ohne
Revolution ebenfalls seinen Weg vorwärts gemacht hätte, – im Ganzen also
das Übergewicht der Herde über alle Hirten und Leithämmel – bringt mit
sich
1. Verdüsterung des Geistes (– das Beieinander eines stoischen und
frivolen Anscheins von Glück, wie es vornehmen Kulturen eigen ist,
nimmt ab; man läßt viele Leiden sehen und hören, welche man früher
ertrug und verbarg);
2. die moralische Hypokrisie (eine Art, sich durch Moral
auszeichnen zu wollen, aber durch die Herden-Tugenden: Mitleid,
Fürsorge, Mäßigung, welche nicht außer dem Herden-Vermögen erkannt
und gewürdigt werden);
3. eine wirkliche große Menge von Mitleiden und Mitfreude (das
Wohlgefallen im großen Beieinander, wie es alle Herdentiere haben –
„Gemeinsinn“, „Vaterland“, alles, wo das Individuum nicht in Betracht
kommt).

Page 37

15.

Was heute am tiefsten angegriffen ist, das ist der Instinkt und der Wille
der Tradition: alle Institutionen, die diesem Instinkt ihre Herkunft
verdanken, gehen dem modernen Geiste wider den Geschmack.... Im
Grunde denkt und tut man nichts, was nicht den Zweck verfolgte, diesen
Sinn für Überlieferung mit den Wurzeln herauszureißen. Man nimmt die
Tradition als Fatalität; man studiert sie, man erkennt sie an (als
„Erblichkeit“ –), aber man will sie nicht. Die Anspannung eines Willens
über lange Zeitfernen hin, die Auswahl der Zustände und Wertungen,
welche es machen, daß man über Jahrhunderte der Zukunft verfügen kann –
das gerade ist im höchsten Maße antimodern. Woraus sich ergibt, daß die
desorganisierenden Prinzipien unserem Zeitalter den Charakter geben. –

Page 38

16.

Die ehemaligen Mittel, gleichartige, dauernde Wesen durch lange
Geschlechter zu erzielen: unveräußerlicher Grundbesitz, Verehrung der
Älteren (Ursprung des Götter- und Heroen-Glaubens als der Ahnherren).
Jetzt gehört die Zersplitterung des Grundbesitzes in die
entgegengesetzte Tendenz: eine Zeitung (an Stelle der täglichen Gebete),
Eisenbahn, Telegraph. Zentralisation einer ungeheuren Menge
verschiedener Interessen in einer Seele: die dazu sehr stark und
verwandlungsfähig sein muß.

Page 39

17.

Die „Modernität“ unter dem Gleichnis von Ernährung und Verdauung.

Die Sensibilität unsäglich reizbarer (– unter moralistischem Aufputz: die
Vermehrung des Mitleids –); die Fülle disparater Eindrücke größer als je:
– der Kosmopolitismus der Speisen, der Literaturen, Zeitungen, Formen,
Geschmäcker, selbst Landschaften. Das Tempo dieser Einströmung ein
Prestissimo; die Eindrücke wischen sich aus; man wehrt sich instinktiv,
etwas hereinzunehmen, tief zu nehmen, etwas zu „verdauen“; –
Schwächung der Verdauungskraft resultiert daraus. Eine Art Anpassung
an diese Überhäufung mit Eindrücken tritt ein: der Mensch verlernt zu
agieren; er reagiert nur noch auf Erregungen von außen her. Er gibt
seine Kraft aus teils in der Aneignung, teils in der Verteidigung, teils
in der Entgegnung. Tiefe Schwächung der Spontaneität: – der
Historiker, Kritiker, Analytiker, der Interpret, der Beobachter, der Sammler,
der Leser, – alles reaktive Talente, – alle Wissenschaft!
Künstliche Zurechtmachung seiner Natur zum „Spiegel“; interessiert,
aber gleichsam bloß epidermal-interessiert; eine grundsätzliche Kühle, ein
Gleichgewicht, eine festgehaltene niedere Temperatur dicht unter der
dünnen Fläche, auf der es Wärme, Bewegung, „Sturm“, Wellenspiel gibt.
Gegensatz der äußeren Beweglichkeit zu einer gewissen tiefen
Schwere und Müdigkeit.

Page 40

18.

Die Zuchtlosigkeit des modernen Geistes unter allerhand
moralischem Aufputz. – Die Prunkworte sind: die Toleranz (für
„Unfähigkeit zu Ja und Nein“); la largeur de sympathie (= ein Drittel
Indifferenz, ein Drittel Neugierde, ein Drittel krankhafte Erregbarkeit); die
„Objektivität“ (= Mangel an Person, Mangel an Wille, Unfähigkeit zur
„Liebe“); die „Freiheit“ gegen die Regel (Romantik); die „Wahrheit“ gegen
die Fälscherei und Lügnerei (Naturalismus); die „Wissenschaftlichkeit“ (das
„document humain“: auf Deutsch der Kolportageroman und die Addition –
statt der Komposition); die „Leidenschaft“ an Stelle der Unordnung und der
Unmäßigkeit; die „Tiefe“ an Stelle der Verworrenheit, des Symbolen-
Wirrwarrs.

Page 41

19.

Man kennt die Art Mensch, welche sich in die Sentenz tout comprendre
c'est tout pardonner verliebt hat. Es sind die Schwachen, es sind vor allem
die Enttäuschten: wenn es an allem etwas zu verzeihen gibt, so gibt es auch
an allem etwas zu verachten! Es ist die Philosophie der Enttäuschung, die
sich hier so human in Mitleiden einwickelt und süß blickt.
Das sind Romantiker, denen der Glaube flöten ging: nun wollen sie
wenigstens noch zusehen, wie alles läuft und verläuft. Sie nennen's l'art
pour l'art, „Objektivität“ usw.

Page 42

20.

Überarbeitung, Neugierde und Mitgefühl – unsere modernen Laster.

Page 43

21.

Wohin gehört unsre moderne Welt: in die Erschöpfung oder in den
Aufgang? – Ihre Vielheit und Unruhe bedingt durch die höchste Form des
Bewußtwerdens.

Page 44

22.

Die Deutschen sind noch nichts, aber sie werden etwas; also haben sie
noch keine Kultur, – also können sie noch keine Kultur haben! Das ist mein
Satz: mag sich daran stoßen, wer es muß. – Sie sind noch nichts: das heißt,
sie sind allerlei. Sie werden etwas: das heißt, sie hören einmal auf, allerlei
zu sein. Das letzte ist im Grunde nur ein Wunsch, kaum noch eine
Hoffnung; glücklicherweise ein Wunsch, auf dem man leben kann, eine
Sache des Willens, der Arbeit, der Zucht, der Züchtung so gut, als eine
Sache des Unwillens, des Verlangens, der Entbehrung, des Unbehagens, ja
der Erbitterung, – kurz, wir Deutschen wollen etwas von uns, was man
von uns noch nicht wollte – wir wollen etwas mehr!
Daß diesem „Deutschen, wie er noch nicht ist“ – etwas Besseres
zukommt, als die heutige deutsche „Bildung“; daß alle „Werdenden“
ergrimmt sein müssen, wo sie eine Zufriedenheit auf diesem Bereiche, ein
dreistes „Sich-zur-Ruhe-setzen“ oder „Sich-selbst-anräuchern“
wahrnehmen: das ist mein zweiter Satz, über den ich auch noch nicht
umgelernt habe.

Page 45

2. Wesen und Ursache.

Page 46

23.

Was bedeutet Nihilismus? – Daß die obersten Werte sich
entwerten. Es fehlt das Ziel; es fehlt die Antwort auf das „Warum?“

Page 47

24.

Der radikale Nihilismus ist die Überzeugung einer absoluten
Unhaltbarkeit des Daseins, wenn es sich um die höchsten Werte, die man
anerkennt, handelt; hinzugerechnet die Einsicht, daß wir nicht das
geringste Recht haben, ein Jenseits oder ein An-sich der Dinge anzusetzen,
das „göttlich“, das leibhafte Moral sei.
Diese Einsicht ist eine Folge der großgezogenen „Wahrhaftigkeit“: somit
selbst eine Folge des Glaubens an die Moral.

Page 48

25.

Nihilismus. Er ist zweideutig:
A. Nihilismus als Zeichen der gesteigerten Macht des Geistes: der
aktive Nihilismus.
B. Nihilismus als Niedergang und Rückgang der Macht des
Geistes: der passive Nihilismus.

Page 49

26.

Der Nihilismus ein normaler Zustand.
Er kann ein Zeichen von Stärke sein, die Kraft des Geistes kann so
angewachsen sein, daß ihr die bisherigen Ziele („Überzeugungen“,
Glaubensartikel) unangemessen sind (– ein Glaube nämlich drückt im
allgemeinen den Zwang von Existenzbedingungen aus, eine
Unterwerfung unter die Autorität von Verhältnissen, unter denen ein Wesen
gedeiht, wächst, Macht gewinnt....); andrerseits ein Zeichen von
nicht genügender Stärke, um produktiv sich nun auch wieder ein Ziel,
ein Warum, einen Glauben zu setzen.
Sein Maximum von relativer Kraft erreicht er als gewalttätige Kraft der
Zerstörung: als aktiver Nihilismus.
Sein Gegensatz wäre der müde Nihilismus, der nicht mehr angreift:
seine berühmteste Form der Buddhismus: als passivischer Nihilismus, als
ein Zeichen von Schwäche: die Kraft des Geistes kann ermüdet, erschöpft
sein, so daß die bisherigen Ziele und Werte unangemessen sind und
keinen Glauben mehr finden –, daß die Synthesis der Werte und Ziele (auf
der jede starke Kultur beruht) sich löst, so daß die einzelnen Werte sich
Krieg machen: Zersetzung –, daß alles, was erquickt, heilt, beruhigt,
betäubt, in den Vordergrund tritt, unter verschiedenen Verkleidungen,
religiös oder moralisch, oder politisch, oder ästhetisch usw.

Page 50

27.

Der Nihilismus stellt einen pathologischen Zwischenzustand dar
(pathologisch ist die ungeheure Verallgemeinerung, der Schluß auf gar
keinen Sinn): sei es, daß die produktiven Kräfte noch nicht stark genug
sind, – sei es, daß die décadence noch zögert und ihre Hilfsmittel noch nicht
erfunden hat.
Voraussetzung dieser Hypothese: – Daß es keine Wahrheit gibt;
daß es keine absolute Beschaffenheit der Dinge, kein „Ding an sich“ gibt. –
Dies ist selbst nur Nihilismus, und zwar der extremste. Er legt
den Wert der Dinge gerade dahinein, daß diesen Werten keine Realität
entspricht und entsprach, sondern daß sie nur ein Symptom von Kraft auf
Seiten der Wert-Ansetzer sind, eine Simplifikation zum Zweck des
Lebens.

Page 51

28.

Die Frage des Nihilismus „wozu?“ geht von der bisherigen Gewöhnung
aus, vermöge deren das Ziel von außen her gestellt, gegeben, gefordert
schien – nämlich durch irgendeine übermenschliche Autorität.
Nachdem man verlernt hat, an diese zu glauben, sucht man doch nach alter
Gewöhnung nach einer anderen Autorität, welche unbedingt zu reden
wüßte und Ziele und Aufgaben befehlen könnte. Die Autorität des
Gewissens tritt jetzt in erster Linie (je mehr emanzipiert von der
Theologie, um so imperativischer wird die Moral) als Schadenersatz für
eine persönliche Autorität. Oder die Autorität der Vernunft. Oder der
soziale Instinkt (die Herde). Oder die Historie mit einem immanenten
Geist, welche ihr Ziel in sich hat und der man sich überlassen kann. Man
möchte herumkommen um den Willen, um das Wollen eines Zieles,
um das Risiko, sich selbst ein Ziel zu geben; man möchte die
Verantwortung abwälzen (– man würde den Fatalismus akzeptieren).
Endlich: Glück, und, mit einiger Tartüfferie, das Glück der Meisten.
Man sagt sich
1. ein bestimmtes Ziel ist gar nicht nötig,
2. ist gar nicht möglich vorherzusehen.
Gerade jetzt, wo der Wille in der höchsten Kraft nötig wäre, ist er
am schwächsten und kleinmütigsten. Absolutes Mißtrauen gegen
die organisatorische Kraft des Willens fürs Ganze.

Page 52

29.

Der Nihilismus ist nicht nur eine Betrachtsamkeit über das „Umsonst!“
und nicht nur der Glaube, daß alles wert ist, zugrunde zu gehen: man legt
Hand an, man richtet zugrunde.... Das ist, wenn man will, unlogisch:
aber der Nihilist glaubt nicht an die Nötigung, logisch zu sein.... Es ist der
Zustand starker Geister und Willen: und solchen ist es nicht möglich, bei
dem Nein „des Urteils“ stehen zu bleiben: – das Nein der Tat kommt aus
ihrer Natur. Der Vernichtsung durch das Urteil sekundiert die Vernichtsung
durch die Hand.

Page 53

30.

Zur Genesis des Nihilisten. – Man hat nur spät den Mut zu dem,
was man eigentlich weiß. Daß ich von Grund aus bisher Nihilist gewesen
bin, das habe ich mir erst seit kurzem eingestanden: die Energie, der
Radikalismus, mit dem ich als Nihilist vorwärts ging, täuschte mich über
diese Grundtatsache. Wenn man einem Ziele entgegengeht, so scheint es
unmöglich, daß „die Ziellosigkeit an sich“ unser Glaubensgrundsatz ist.

Page 54

31.

Der philosophische Nihilist ist der Überzeugung, daß alles Geschehen
sinnlos und umsonstig ist; und es sollte kein sinnloses und umsonstiges Sein
geben. Aber woher dieses: Es sollte nicht? Aber woher nimmt man diesen
„Sinn“, dieses Maß? – Der Nihilist meint im Grunde, der Hinblick auf ein
solches ödes, nutzloses Sein wirke auf einen Philosophen
unbefriedigend, öde, verzweifelt. Eine solche Einsicht widerspricht
unserer feineren Sensibilität als Philosophen. Es läuft auf die absurde
Wertung hinaus: der Charakter des Daseins müßte dem Philosophen
Vergnügen machen, wenn anders es zu Recht bestehen soll....
Nun ist leicht zu begreifen, daß Vergnügen und Unlust innerhalb des
Geschehens nur den Sinn von Mitteln haben können: es bliebe übrig, zu
fragen, ob wir den „Sinn“, „Zweck“ überhaupt sehen könnten, ob nicht die
Frage der Sinnlosigkeit oder ihres Gegenteils für uns unlösbar ist. –

Page 55

32.

Die Arten der Selbstbetäubung. – Im Innersten: nicht wissen,
wohinaus? Leere. Versuch, mit Rausch darüber hinwegzukommen: Rausch
als Musik, Rausch als Grausamkeit im tragischen Genuß des
Zugrundegehens des Edelsten, Rausch als blinde Schwärmerei für einzelne
Menschen oder Zeiten (als Haß usw.). – Versuch, besinnungslos zu
arbeiten, als Werkzeug der Wissenschaft: das Auge offen machen für die
vielen kleinen Genüsse, zum Beispiel auch als Erkennender
(Bescheidenheit gegen sich); die Bescheidung über sich zu generalisieren,
zu einem Pathos; die Mystik, der wollüstige Genuß der ewigen Leere; die
Kunst „um ihrer selber willen“ („le fait“), das „reine Erkennen“ als
Narkosen des Ekels an sich selber; irgend welche beständige Arbeit,
irgendein kleiner dummer Fanatismus; das Durcheinander aller Mittel,
Krankheit durch allgemeine Unmäßigkeit (die Ausschweifung tötet das
Vergnügen).
1. Willensschwäche als Resultat.
2. Extremer Stolz und die Demütigung kleinlicher Schwäche im Kontrast
gefühlt.

Page 56

33.

Der unvollständige Nihilismus, seine Formen: wir leben mitten drin.
Die Versuche, dem Nihilismus zu entgehen, ohne die bisherigen Werte
umzuwerten: bringen das Gegenteil hervor, verschärfen das Problem.

Page 57

34.

1. Der Nihilismus steht vor der Tür: woher kommt uns dieser
unheimlichste aller Gäste? – Ausgangspunkt: es ist ein Irrtum, auf „soziale
Notstände“ oder „physiologische Entartungen“ oder gar auf Korruption
hinzuweisen als Ursache des Nihilismus. Es ist die honnetteste,
mitfühlendste Zeit. Not, seelische, leibliche, intellektuelle Not ist an sich
durchaus nicht vermögend, Nihilismus (das heißt, die radikale Ablehnung
von Wert, Sinn, Wünschbarkeit) hervorzubringen. Diese Nöte erlauben
immer noch ganz verschiedene Ausdeutungen. Sondern: in einer ganz
bestimmten Ausdeutung, in der christlich-moralischen, steckt der
Nihilismus.
2. Der Untergang des Christentums – an seiner Moral (die unablösbar ist
–), welche sich gegen den christlichen Gott wendet (der Sinn der
Wahrhaftigkeit, durch das Christentum hoch entwickelt, bekommt Ekel vor
der Falschheit und Verlogenheit aller christlichen Welt- und
Geschichtsdeutung. Rückschlag von „Gott ist die Wahrheit“ in den
fanatischen Glauben „Alles ist falsch“. Buddhismus der Tat...).
3. Skepsis an der Moral ist das Entscheidende. Der Untergang der
moralischen Weltauslegung, die keine Sanktion mehr hat, nachdem sie
versucht hat, sich in eine Jenseitigkeit zu flüchten: endet in Nihilismus.
„Alles hat keinen Sinn“ (die Undurchführbarkeit einer Weltauslegung, der
ungeheure Kraft gewidmet worden ist – erweckt das Mißtrauen, ob nicht
alle Weltauslegungen falsch sind –). Buddhistischer Zug, Sehnsucht ins
Nichts. (Der indische Buddhismus hat nicht eine grundmoralische
Entwicklung hinter sich, deshalb ist bei ihm im Nihilismus nur
unüberwundene Moral: Dasein als Strafe, Dasein als Irrtum kombiniert, der
Irrtum also als Strafe – eine moralische Wertschätzung). Die
philosophischen Versuche, den „moralischen Gott“ zu überwinden (Hegel,
Pantheismus); Überwindung der volkstümlichen Ideale: der Weise, der
Heilige; der Dichter. Antagonismus von „wahr“ und „schön“ und „gut“ – –
4. Gegen die „Sinnlosigkeit“ einerseits, gegen die moralischen
Werturteile andererseits: inwiefern alle Wissenschaft und Philosophie bisher
unter moralischen Urteilen stand? und ob man nicht die Feindschaft der

Page 58

Wissenschaft mit in den Kauf bekommt? Oder die
Antiwissenschaftlichkeit? Kritik des Spinozismus. Die christlichen
Werturteile überall in den sozialistischen und positivistischen Systemen
rückständig. Es fehlt eine Kritik der christlichen Moral.
5. Die nihilistischen Konsequenzen der jetzigen Naturwissenschaft (nebst
ihren Versuchen, ins Jenseitige zu entschlüpfen). Aus ihrem Betriebe folgt
endlich eine Selbstzersetzung, eine Wendung gegen sich, eine
Antiwissenschaftlichkeit. Seit Kopernikus rollt der Mensch aus dem
Zentrum ins x.
6. Die nihilistischen Konsequenzen der politischen und
volkswirtschaftlichen Denkweise, wo alle „Prinzipien“ nachgerade zur
Schauspielerei gehören: der Hauch von Mittelmäßigkeit, Erbärmlichkeit,
Unaufrichtigkeit usw. Der Nationalismus. Der Anarchismus usw. Strafe. Es
fehlt der erlösende Stand und Mensch, die Rechtfertiger –
7. Die nihilistischen Konsequenzen der Historie und der „praktischen
Historiker“, das heißt der Romantiker. Die Stellung der Kunst: absolute
Unoriginalität ihrer Stellung in der modernen Welt. Ihre Verdüsterung.
Goethes angebliches Olympiertum.
8. Die Kunst und die Vorbereitung des Nihilismus: Romantik (Wagners
Nibelungen-Schluß).

Page 59

35.

Der moderne Pessimismus ist ein Ausdruck von der Nutzlosigkeit der
modernen Welt, – nicht der Welt und des Daseins.

Page 60

36.

Das allgemeinste Zeichen der modernen Zeit: der Mensch hat in
seinen eigenen Augen unglaublich an Würde eingebüßt. Lange als
Mittelpunkt und Tragödienheld des Daseins überhaupt; dann wenigstens
bemüht, sich als verwandt mit der entscheidenden und an sich wertvollen
Seite des Daseins zu beweisen – wie es alle Metaphysiker tun, die die
Würde des Menschen festhalten wollen, mit ihrem Glauben, daß die
moralischen Werte kardinale Werte sind. Wer Gott fahren ließ, hält um so
strenger am Glauben an die Moral fest.

Page 61

37.

Ursachen für die Heraufkunft des Pessimismus:
1. daß die mächtigsten und zukunftsvollsten Triebe des Lebens bisher
verleumdet sind, so daß das Leben einen Fluch über sich hat;
2. daß die wachsende Tapferkeit und Redlichkeit und das kühnere
Mißtrauen des Menschen die Unablösbarkeit dieser Instinkte vom
Leben begreift und dem Leben sich entgegenwendet;
3. daß nur die Mittelmäßigsten, die jenen Konflikt gar nicht fühlen,
gedeihen, die höhere Art mißrät und als Gebilde der Entartung gegen sich
einnimmt, – daß andererseits das Mittelmäßige, sich als Ziel und Sinn
gebend, indigniert (– daß niemand ein Wozu? mehr beantworten kann
–);
4. daß die Verkleinerung, die Schmerzfähigkeit, die Unruhe, die Hast, das
Gewimmel beständig zunimmt, – daß die Vergegenwärtigung dieses
ganzen Treibens, der sogenannten „Zivilisation“, immer leichter wird, daß
der einzelne angesichts dieser ungeheuren Maschinerie verzagt und sich
unterwirft.

Page 62

38.

Welche Vorteile bot die christliche Moralhypothese?
1. Sie verlieh dem Menschen einen absoluten Wert, im Gegensatz zu
seiner Kleinheit und Zufälligkeit im Strom des Werdens und Vergehens;
2. sie diente den Advokaten Gottes, insofern sie der Welt trotz Leid und
Übel den Charakter der Vollkommenheit ließ, – eingerechnet jene
„Freiheit“ – das Übel erschien voller Sinn;
3. sie setzte ein Wissen um absolute Werte beim Menschen an und gab
ihm somit gerade für das Wichtigste adäquate Erkenntnis;
4. sie verhütete, daß der Mensch sich als Mensch verachtete, daß er
gegen das Leben Partei nahm, daß er am Erkennen verzweifelte: sie war ein
Erhaltungsmittel.
In summa: Moral war das große Gegenmittel gegen den praktischen
und theoretischen Nihilismus.

Page 63

39.

Die Zeit kommt, wo wir dafür bezahlen müssen, zwei Jahrtausende
lang Christen gewesen zu sein: wir verlieren das Schwergewicht, das
uns leben ließ, – wir wissen eine Zeitlang nicht, wo aus noch ein. Wir
stürzen jählings in die entgegengesetzten Wertungen, mit dem gleichen
Maße von Energie, das eben eine solche extreme Überwertung des
Menschen im Menschen erzeugt hat.
Jetzt ist alles durch und durch falsch, „Wort“, durcheinander, schwach
oder überspannt:
a) man versucht eine Art von irdischer Lösung, aber im gleichen
Sinne, in dem des schließlichen Triumphs von Wahrheit, Liebe,
Gerechtigkeit (der Sozialismus: „Gleichheit der Person“);
b) man versucht ebenfalls das Moral-Ideal festzuhalten (mit dem
Vorrang des Unegoistischen, der Selbstverleugnung, der
Willensverneinung);
c) man versucht selbst das „Jenseits“ festzuhalten: sei es auch nur als
antilogisches x; aber man deutet es sofort so aus, daß eine Art
metaphysischer Trost alten Stils aus ihm gezogen werden kann;
d) man versucht die göttliche Leitung alten Stils, die belohnende,
bestrafende, erziehende, zum Besseren führende Ordnung der Dinge aus
dem Geschehen herauszulesen;
e) man glaubt nach wie vor an Gut und Böse: so, daß man den Sieg des
Guten und die Vernichtung des Bösen als Aufgabe empfindet (– das ist
englisch, typischer Fall der Flachkopf John Stuart Mill);
f) die Verachtung der „Natürlichkeit“, der Begierde, des ego: Versuch,
selbst die höchste Geistlichkeit und Kunst als Folge einer Entpersönlichung
und als désintéressement zu verstehen;
g) man erlaubt der Kirche, sich immer noch in alle wesentlichen
Erlebnisse und Hauptpunkte des Einzellebens einzudrängen, um ihnen
Weihe, höheren Sinn zu geben: wir haben noch immer den „christlichen
Staat“, die „christliche Ehe“ –

Page 64

40.

Aber unter den Kräften, die die Moral großzog, war die
Wahrhaftigkeit: diese wendet sich endlich gegen die Moral, entdeckt
ihre Teleologie, ihre interessierte Betrachtung – und jetzt wirkt die
Einsicht in diese lange eingefleischte Verlogenheit, die man verzweifelt,
von sich abzutun, gerade als Stimulans. Wir konstatieren jetzt Bedürfnisse
an uns, gepflanzt durch die lange Moral-Interpretation, welche uns jetzt als
Bedürfnisse zum Unwahren erscheinen: andererseits sind es die, an denen
der Wert zu hängen scheint, derentwegen wir zu leben aushalten. Dieser
Antagonismus – das, was wir erkennen, nicht zu schätzen und das, was wir
uns vorlügen möchten, nicht mehr schätzen zu dürfen – ergibt einen
Auflösungsprozeß.

Page 65

41.

Dies ist die Antinomie:
Sofern wir an die Moral glauben, verurteilen wir das Dasein.

Page 66

42.

Die obersten Werte, in deren Dienst der Mensch leben sollte,
namentlich wenn sie sehr schwer und kostspielig über ihn verfügten, – diese
sozialen Werte hat man zum Zweck ihrer Tonverstärkung, wie als ob
sie Kommandos Gottes wären, als „Realität“, als „wahre“ Welt, als
Hoffnung und zukünftige Welt über dem Menschen aufgebaut. Jetzt, wo
die mesquine Herkunft dieser Werke klar wird, scheint uns das All damit
entwertet, „sinnlos“ geworden, – aber das ist nur ein Zwischenzustand.

Page 67

43.

Ursachen des Nihilismus:
1. Es fehlt die höhere Spezies, das heißt die, deren unerschöpfliche
Fruchtbarkeit und Macht den Glauben an den Menschen aufrecht erhält.
(Man denke, was man Napoleon verdankt: fast alle höheren Hoffnungen
dieses Jahrhunderts.)
2. Die niedere Spezies („Herde“, „Masse“, „Gesellschaft“) verlernt
die Bescheidenheit und bauscht ihre Bedürfnisse zu kosmischen und
metaphysischen Werten auf. Dadurch wird das ganze Dasein
vulgarisiert: insofern nämlich die Masse herrscht, tyrannisiert sie die
Ausnahmen, so daß diese den Glauben an sich verlieren und Nihilisten
werden.
Alle Versuche, höhere Typen auszudenken, manquiert
(„Romantik“; der Künstler, der Philosoph; gegen Carlyles Versuch, ihnen
die höchsten Moralwerte zuzulegen).
Widerstand gegen höhere Typen als Resultat.
Niedergang und Unsicherheit aller höheren Typen. Der Kampf
gegen das Genie („Volkspoesie“ usw.). Mitleid mit den Niederen und
Leidenden als Maßstab für die Höhe der Seele.
Es fehlt der Philosoph, der Ausdeuter der Tat, nicht nur der
Umdichter.

Page 68

44.

Die nihilistische Konsequenz (der Glaube an die Wertlosigkeit) als
Folge der moralischen Wertschätzung: – das Egoistische ist uns
verleidet (selbst nach der Einsicht in die Unmöglichkeit des
Unegoistischen); – das Notwendige ist uns verleidet (selbst nach der
Einsicht in die Unmöglichkeit eines liberum arbitrium und einer
„intelligiblen Freiheit“). Wir sehen, daß wir die Sphäre, wohin wir unsere
Werte gelegt haben, nicht erreichen – damit hat die andere Sphäre, in der
wir leben, noch keineswegs an Wert gewonnen: im Gegenteil, wir sind
müde, weil wir den Hauptantrieb verloren haben. „Umsonst bisher!“

Page 69

45.

Man hat neuerdings mit einem zufälligen und in jedem Betracht
unzutreffenden Wort viel Mißbrauch getrieben: redet überall von
„Pessimismus“, man kämpft um die Frage, auf die es Antworten geben
müsse, wer recht habe, der Pessimismus oder der Optimismus.
Man hat nicht begriffen, was doch mit Händen zu greifen: daß
Pessimismus kein Problem, sondern ein Symptom ist, – daß der Name
ersetzt werden müsse durch „Nihilismus“, – daß die Frage, ob Nichtsein
besser ist als Sein, selbst schon eine Krankheit, ein Niedergangsanzeichen,
eine Idiosynkrasie ist.
Die nihilistische Bewegung ist nur der Ausdruck einer physiologischen
décadence.

Page 70

46.

Grundeinsicht über das Wesen der décadence: was man bisher als
deren Ursachen angesehen hat, sind deren Folgen.
Damit verändert sich die ganze Perspektive der moralischen
Probleme.
Der ganze Moralkampf gegen Laster, Luxus, Verbrechen, selbst
Krankheit erscheint als Naivität, als überflüssig: – es gibt keine
„Besserung“ (gegen die Reue).
Die décadence selbst ist nichts, was zu bekämpfen wäre: sie ist
absolut notwendig und jeder Zeit und jedem Volk eigen. Was mit aller
Kraft zu bekämpfen ist, das ist die Einschleppung des Kontagiums in die
gesunden Teile des Organismus.
Tut man das? Man tut das Gegenteil. Genau darum bemüht man sich
seitens der Humanität.
– Wie verhalten sich zu dieser biologischen Grundfrage die bisherigen
obersten Werte? Die Philosophie, die Religion, die Moral, die Kunst usw.
(Die Kur: zum Beispiel der Militarismus, von Napoleon an, der in der
Zivilisation seine natürliche Feindin sah.)

Page 71

47.

Zum Begriff „décadence“.
1. Die Skepsis ist eine Folge der décadence: ebenso wie die Libertinage
des Geistes.
2. Die Korruption der Sitten ist eine Folge der décadence (Schwäche des
Willens, Bedürfnis starker Reizmittel....).
3. Die Kurmethoden, die psychologischen und moralischen, verändern
nicht den Gang der décadence, sie halten nicht auf, sie sind physiologisch
null – :
Einsicht in die große Nullität dieser anmaßlichen „Reaktionen“; es
sind Formen der Narkotisierung gegen gewisse fatale Folgeerscheinungen;
sie bringen das morbide Element nicht heraus; sie sind oft heroische
Versuche, den Menschen der décadence zu annullieren, ein Minimum seiner
Schädlichkeit durchzusetzen.
4. Der Nihilismus ist keine Ursache, sondern nur die Logik der
décadence.
5. Der „Gute“ und der „Schlechte“ sind nur zwei Typen der décadence:
sie halten zueinander in allen Grundphänomenen.
6. Die soziale Frage ist eine Folge der décadence.
7. Die Krankheiten, vor allem die Nerven- und Kopfkrankheiten, sind
Anzeichen, daß die Defensivkraft der starken Natur fehlt; ebendafür
spricht die Irritabilität, so daß Lust und Unlust die Vordergrundsprobleme
werden.

Page 72

48.
Allgemeinste Typen der décadence:

1. Man wählt im Glauben, Heilmittel zu wählen, das, was die
Erschöpfung beschleunigt; – dahin gehört das Christentum (um den größten
Fall des fehlgreifenden Instinkts zu nennen); – dahin gehört der
„Fortschritt“ –
2. Man verliert die Widerstandskraft gegen die Reize, – man wird
bedingt durch die Zufälle: man vergröbert und vergrößert die Erlebnisse ins
Ungeheure.... eine „Entpersönlichung“, eine Disgregation des Willens; –
dahin gehört eine ganze Art Moral, die altruistische, die, welche das
Mitleiden im Munde führt: an der das Wesentliche die Schwäche der
Persönlichkeit ist, so daß sie mitklingt und wie eine überreizte Saite
beständig zittert.... eine extreme Irritabilität....
3. Man verwechselt Ursache und Wirkung: man versteht die décadence
nicht als physiologisch und sieht in ihren Folgen die eigentliche Ursache
des Sich-schlecht-befindens; – dahin gehört die ganze religiöse Moral....
4. Man ersehnt einen Zustand, wo man nicht mehr leidet: das Leben wird
tatsächlich als Grund zu Übeln empfunden, – man taxiert die
bewußtlosen, gefühllosen Zustände (Schlaf, Ohnmacht) unvergleichlich
wertvoller, als die bewußten; daraus eine Methodik....

Page 73

49.

Was sich vererbt, das ist nicht die Krankheit, sondern die
Krankhaftigkeit: die Unkraft im Widerstande gegen die Gefahr
schädlicher Einwanderungen usw.; die gebrochene Widerstandskraft;
moralisch ausgedrückt: die Resignation und Demut vor dem Feinde.
Ich habe mich gefragt, ob man nicht alle diese obersten Werte der
bisherigen Philosophie, Moral und Religion mit den Werten der
Geschwächten, Geisteskranken und Neurastheniker vergleichen kann:
sie stellen in einer milderen Form dieselben Übel dar....
Der Wert aller morbiden Zustände ist, daß sie in einem
Vergrößerungsglas gewisse Zustände, die normal, aber als normal schlecht
sichtbar sind, zeigen....
Gesundheit und Krankheit sind nichts wesentlich Verschiedenes, wie
es die alten Mediziner und heute noch einige Praktiker glauben. Man muß
nicht distinkte Prinzipien oder Entitäten daraus machen, die sich um den
lebenden Organismus streiten und aus ihm ihren Kampfplatz machen. Das
ist albernes Zeug und Geschwätz, das zu nichts mehr taugt. Tatsächlich gibt
es zwischen diesen beiden Arten des Daseins nur Gradunterschiede: die
Übertreibung, die Disproportion, die Nichtharmonie der normalen
Phänomene konstituieren den krankhaften Zustand (Claude Bernard).
So gut „das Böse“ betrachtet werden kann als Übertreibung,
Disharmonie, Disproportion, so gut kann „das Gute“ eine Schutzdiät
gegen die Gefahr der Übertreibung, Disharmonie und Disproportion sein.
Die erbliche Schwäche, als dominierendes Gefühl: Ursache der
obersten Werte.
Nebenbei: Man will Schwäche: warum?.... meistens, weil man
notwendig schwach ist.
Die Schwächung als Aufgabe: Schwächung der Begehrungen, der
Lust- und Unlustgefühle, des Willens zur Macht, zum Stolzgefühl, zum
Haben- und Mehr-haben-wollen; die Schwächung als Demut; die
Schwächung als Glaube; die Schwächung als Widerwille und Scham an

Page 74

allem Natürlichen, als Verneinung des Lebens, als Krankheit und habituelle
Schwäche.... die Schwächung als Verzichtleisten auf Rache, auf Widerstand,
auf Feindschaft und Zorn.
Der Fehlgriff in der Behandlung: man will die Schwäche nicht
bekämpfen durch ein système fortifiant, sondern durch eine Art
Rechtfertigung und Moralisierung: das heißt durch eine Auslegung....
Die Verwechslung zweier gänzlich verschiedener Zustände: zum
Beispiel die Ruhe der Stärke, welche wesentlich Enthaltung der
Reaktion ist (der Typus der Götter, welche nichts bewegt), – und die Ruhe
der Erschöpfung, die Starrheit, bis zur Anästhesie. Alle philosophisch-
asketischen Prozeduren streben nach der zweiten, aber meinen in der Tat die
erste.... denn sie legen dem erreichten Zustande die Prädikate bei, wie als ob
ein göttlicher Zustand erreicht sei.

Page 75

50.

Das gefährlichste Mißverständnis. – Es gibt einen Begriff, der
anscheinend keine Verwechslung, keine Zweideutigkeit zuläßt: das ist der
der Erschöpfung. Diese kann erworben sein; sie kann ererbt sein, – in
jedem Falle verändert sie den Aspekt der Dinge, den Wert der Dinge....
Im Gegensatz zu dem, der aus der Fülle, welche er darstellt und fühlt,
unfreiwillig abgibt an die Dinge, sie voller, mächtiger, zukunftsreicher
sieht, – der jedenfalls schenken kann –, verkleinert und verhunzt der
Erschöpfte alles, was er sieht, – er verarmt den Wert: er ist schädlich....
Hierüber scheint kein Fehlgriff möglich: trotzdem enthält die Geschichte
die schauerliche Tatsache, daß die Erschöpften immer verwechselt
worden sind mit den Vollsten – und die Vollsten mit den Schädlichsten.
Der Arme an Leben, der Schwache, verarmt noch das Leben: der Reiche
an Leben, der Starke, bereichert es.... Der erste ist dessen Parasit: der zweite
ein Hinzu-Schenkender.... Wie ist eine Verwechslung möglich?....
Wenn der Erschöpfte mit der Geberde der höchsten Aktivität und Energie
auftrat (wenn die Entartung einen Exzeß der geistigen oder nervösen
Entladung bedingte), dann verwechselte man ihn mit dem Reichen... Er
erregte Furcht... Der Kultus des Narren ist immer auch der Kultus des An-
Leben-Reichen, des Mächtigen. Der Fanatiker, der Besessene, der religiöse
Epileptiker, alle Exzentrischen sind als höchste Typen der Macht
empfunden worden: als göttlich.
Diese Art Stärke, die Furcht erregt, galt vor allem als göttlich: von hier
nahm die Autorität ihren Ausgangspunkt, hier interpretierte, hörte, suchte
man Weisheit.... Hieraus entwickelte sich überall beinahe ein Wille zur
„Vergöttlichung“, das heißt, zur typischen Entartung von Geist, Leib und
Nerven: ein Versuch, den Weg zu dieser höheren Art Sein zu finden. Sich
krank, sich toll machen, die Symptome der Zerrüttung provozieren – das
hieß stärker, übermenschlicher, furchtbarer, weiser werden: – man glaubte
damit so reich an Macht zu werden, daß man abgeben konnte. Überall, wo
angebetet worden ist, suchte man einen, der abgeben kann.

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Hier war irreführend die Erfahrung des Rausches. Dieser vermehrt im
höchsten Grade das Gefühl der Macht, folglich, naiv beurteilt, die Macht.
– Auf der höchsten Stufe der Macht mußte der Berauschteste stehen, der
Ekstatische. (– Es gibt zwei Ausgangspunkte des Rausches: die übergroße
Fülle des Lebens und einen Zustand von krankhafter Ernährung des
Gehirns.)

Page 77

51.

Zu begreifen: – Daß alle Art Verfall und Erkrankung fortwährend an
den Gesamt-Werturteilen mitgearbeitet hat: daß in den herrschend
gewordenen Werturteilen die décadence sogar zum Übergewicht gekommen
ist: daß wir nicht nur gegen die Folgezustände alles gegenwärtigen Elends
von Entartung zu kämpfen haben, sondern alle bisherige décadence
rückständig, das heißt lebendig geblieben ist. Eine solche Gesamtabirrung
der Menschheit von ihren Grundinstinkten, eine solche Gesamt-décadence
des Werturteils ist das Fragezeichen par excellence, das eigentliche Rätsel,
das das Tier „Mensch“ dem Philosophen aufgibt. –

Page 78

52.

Schwäche des Willens: das ist ein Gleichnis, das irreführen kann.
Denn es gibt keinen Willen, und folglich weder einen starken, noch
schwachen Willen. Die Vielheit und Disgregation der Antriebe, der Mangel
an System unter ihnen resultiert als „schwacher Wille“; die Koordination
derselben unter der Vorherrschaft eines einzelnen resultiert als „starker
Wille“; – im ersteren Falle ist es das Oszillieren und der Mangel an
Schwergewicht; im letzteren die Präzision und Klarheit der Richtung.

Page 79

53.

Hauptsymptome des Pessimismus: – die dîners chez Magny; der
russische Pessimismus (Tolstoi, Dostoiewsky); der ästhetische
Pessimismus, l'art pour l'art, „description“ (der romantische und der
antiromantische Pessimismus); der erkenntnistheoretische Pessimismus
(Schopenhauer; der Phänomenalismus); der anarchistische Pessimismus;
die „Religion des Mitleids“, buddhistische Vorbewegung; der Kultur-
Pessimismus (Exotismus, Kosmopolitismus); der moralistische
Pessimismus: ich selber.

Page 80

54.

Es gibt eine tiefe und vollkommen unbewußte Wirkung der décadence
selbst auf die Ideale der Wissenschaft: unsere ganze Soziologie ist der
Beweis für diesen Satz. Ihr bleibt vorzuwerfen, daß sie nur das
Verfallsgebilde der Sozietät aus Erfahrung kennt und unvermeidlich die
eigenen Verfallsinstinkte als Norm des soziologischen Urteils nimmt.
Das niedersinkende Leben im jetzigen Europa formuliert in ihnen
seine Gesellschaftsideale: sie sehen alle zum Verwechseln dem Ideal alter
überlebter Rassen ähnlich....
Der Herdeninstinkt sodann – eine jetzt souverän gewordene Macht –
ist etwas Grundverschiedenes vom Instinkt einer aristokratischen
Sozietät: und es kommt auf den Wert der Einheiten an, was die Summe
zu bedeuten hat.... Unsre ganze Soziologie kennt gar keinen andern Instinkt
als den der Herde, das heißt der summierten Nullen, – wo jede Null
„gleiche Rechte“ hat, wo es tugendhaft ist, Null zu sein....
Die Wertung, mit der heute die verschiedenen Formen der Sozietät
beurteilt werden, ist ganz und gar eins mit jener, welche dem Frieden
einen höheren Wert zuerteilt als dem Krieg: aber dies Urteil ist
antibiologisch, ist selbst eine Ausgeburt der décadence des Lebens.... Das
Leben ist eine Folge des Kriegs, die Gesellschaft selbst ein Mittel zum
Krieg.... Herr Herbert Spencer ist als Biologe ein décadent, – er ist es auch
als Moralist (– er sieht im Sieg des Altruismus etwas Wünschenswertes!!!).

Page 81

55.

Entwicklung des Pessimismus zum Nihilismus. – Entnatürlichung
der Werte. Scholastik der Werte. Die Werte, losgelöst, idealistisch, statt das
Tun zu beherrschen und zu führen, wenden sich verurteilend gegen das
Tun.
Gegensätze eingelegt an Stelle der natürlichen Grade und Ränge. Haß auf
die Rangordnung. Die Gegensätze sind einem pöbelhaften Zeitalter gemäß,
weil leichter faßlich.
Die verworfene Welt, angesichts einer künstlich erbauten „wahren,
wertvollen“. – Endlich: man entdeckt, aus welchem Material man die
„wahre Welt“ gebaut hat: und nun hat man nur die verworfene übrig und
rechnet jene höchste Enttäuschung mit ein auf das Konto ihrer
Verwerflichkeit.
Damit ist der Nihilismus da: man hat die richtenden Werte übrig
behalten – und nichts weiter!
Hier entsteht das Problem der Stärke und der Schwäche:
1. die Schwachen zerbrechen daran;
2. die Stärkeren zerstören, was nicht zerbricht;
3. die Stärksten überwinden die richtenden Werte.
Das zusammen macht das tragische Zeitalter aus.

Page 82

56.

Der Pessimismus der Tatkräftigen: das „Wozu?“ nach einem
furchtbaren Ringen, selbst Siegen. Daß irgend etwas hundertmal
wichtiger ist als die Frage, ob wir uns wohl oder schlecht befinden:
Grundinstinkt aller starken Naturen, – und folglich auch, ob sich die
anderen gut oder schlecht befinden. Kurz, daß wir ein Ziel haben, um
dessentwillen man nicht zögert, Menschenopfer zu bringen, jede Gefahr
zu laufen, jedes Schlimme und Schlimmste auf sich zu nehmen: die große
Leidenschaft.

Page 83

57.

Das „Übergewicht von Leid über Lust“ oder das Umgekehrte (der
Hedonismus): diese beiden Lehren sind selbst schon Wegweiser zum
Nihilismus....
Denn hier wird in beiden Fällen kein anderer letzter Sinn gesetzt, als die
Lust- oder Unlust-Erscheinung.
Aber so redet eine Art Mensch, die es nicht mehr wagt, einen Willen,
eine Absicht, einen Sinn zu setzen: – für jede gesündere Art Mensch mißt
sich der Wert des Lebens schlechterdings nicht am Maße dieser
Nebensachen. Und ein Übergewicht von Leid wäre möglich und
trotzdem ein mächtiger Wille, ein Ja-sagen zum Leben; ein Nötig-haben
dieses Übergewichts.
„Das Leben lohnt sich nicht“; „Resignation“; „warum sind die
Tränen?...“ – eine schwächliche und sentimentale Denkweise. „Un monstre
gai vaut mieux qu'un sentimental ennuyeux.“

Page 84

3. Krisis.

Page 85

58.

Ich habe das Glück, nach ganzen Jahrtausenden der Verirrung und
Verwirrung den Weg wiedergefunden zu haben, der zu einem Ja und einem
Nein führt.
Ich lehre das Nein zu allem, was schwach macht, – was erschöpft.
Ich lehre das Ja zu allem, was stärkt, was Kraft aufspeichert, was das
Gefühl der Kraft rechtfertigt.
Man hat weder das eine noch das andere bisher gelehrt: man hat Tugend,
Entselbstung, Mitleiden, man hat selbst Verneinung des Lebens gelehrt.
Dies sind alles Werte der Erschöpften.
Ein langes Nachdenken über die Physiologie der Erschöpfung zwang
mich zu der Frage, wie weit die Urteile Erschöpfter in die Welt der Werte
eingedrungen seien.
Mein Ergebnis war so überraschend wie möglich, selbst für mich, der in
mancher fremden Welt schon zu Hause war: ich fand alle obersten
Werturteile, alle, die Herr geworden sind über die Menschheit, mindestens
zahm gewordene Menschheit, zurückführbar auf die Urteile Erschöpfter.
Unter den heiligsten Namen zog ich die zerstörerischen Tendenzen
heraus; man hat Gott genannt, was schwächt, Schwäche lehrt, Schwäche
infiziert... ich fand, daß der „gute Mensch“ eine Selbstbejahungsform der
décadence ist.
Jene Tugend, von der noch Schopenhauer gelehrt hat, daß sie die oberste,
die einzige und das Fundament aller Tugenden sei: eben jenes Mitleiden
erkannte ich als gefährlicher, als irgendein Laster. Die Auswahl in der
Gattung, ihre Reinigung vom Abfall grundsätzlich kreuzen – das hieß bisher
Tugend par excellence....
Man soll das Verhängnis in Ehren halten; das Verhängnis, das zum
Schwachen sagt „geh zugrunde!“...
Man hat es Gott genannt, daß man dem Verhängnis widerstrebte, – daß
man die Menschheit verdarb und verfaulen machte.... Man soll den Namen

Page 86

Gottes nicht unnützlich führen....
Die Rasse ist verdorben – nicht durch ihre Laster, sondern ihre Ignoranz:
sie ist verdorben, weil sie die Erschöpfung nicht als Erschöpfung verstand:
die physiologischen Verwechslungen sind die Ursache alles Übels....
Die Tugend ist unser großes Mißverständnis.
Problem: wie kamen die Erschöpften dazu, die Gesetze der Werte zu
machen? Anders gefragt: wie kamen die zur Macht, die die Letzten sind?....
Wie kam der Instinkt des Tieres Mensch auf den Kopf zu stehen?....

Page 87

59.

Grundsatz: es gibt etwas von Verfall in allem, was den modernen
Menschen anzeigt: aber dicht neben der Krankheit stehen Anzeichen einer
unerprobten Kraft und Mächtigkeit der Seele. Dieselben Gründe,
welche die Verkleinerung der Menschen hervorbringen, treiben
die Stärkeren und Seltneren bis hinauf zur Größe.

Page 88

60.

Gesamteinsicht. – Tatsächlich bringt jedes große Wachstum auch ein
ungeheures Abbröckeln und Vergehen mit sich: das Leiden, die
Symptome des Niedergangs gehören in die Zeiten ungeheuren
Vorwärtsgehens; jede fruchtbare und mächtige Bewegung der Menschheit
hat zugleich eine nihilistische Bewegung mitgeschaffen. Es wäre unter
Umständen das Anzeichen für ein einschneidendes und allerwesentlichstes
Wachstum, für den Übergang in neue Daseinsbedingungen, daß die
extremste Form des Pessimismus, der eigentliche Nihilismus, zur Welt
käme. Dies habe ich begriffen.

Page 89

61.

Unzählig viele einzelne höherer Art gehen jetzt zugrunde: aber wer
davon kommt, ist stark wie der Teufel. Ähnlich wie zur Zeit der
Renaissance.

Page 90

62.

Es ist die Zeit des großen Mittags, der furchtbaren Aufhellung:
meine Art von Pessimismus: – großer Ausgangspunkt.
I. Grundwiderspruch in der Zivilisation und der Erhöhung des Menschen.
II. Die moralischen Wertschätzungen als eine Geschichte der Lüge und
Verleumdungskunst im Dienste eines Willens zur Macht (des
Herdenwillens, welcher sich gegen die stärkeren Menschen auflehnt).
III. Die Bedingungen jeder Erhöhung der Kultur (die Ermöglichung einer
Auswahl auf Unkosten einer Menge) sind die Bedingungen alles
Wachstums.
IV. Die Vieldeutigkeit der Welt als Frage der Kraft, welche alle
Dinge unter der Perspektive ihres Wachstums ansieht. Die moralisch-
christlichen Werturteile als Sklavenaufstand und Sklavenlügenhaftigkeit
(gegen die aristokratischen Werte der antiken Welt).

Page 91

63.

Ich fand noch keinen Grund zur Entmutigung. Wer sich einen starken
Willen bewahrt und anerzogen hat, zugleich mit einem weiten Geiste, hat
günstigere Chancen als je. Denn die Dressierbarkeit der Menschen ist in
diesem demokratischen Europa sehr groß geworden; Menschen, welche
leicht lernen, leicht sich fügen, sind die Regel: das Herdentier, sogar höchst
intelligent, ist präpariert. Wer befehlen kann, findet die, welche gehorchen
müssen: ich denke zum Beispiel an Napoleon und Bismarck. Die
Konkurrenz mit starken und unintelligenten Willen, welche am meisten
hindert, ist gering. Wer wirft diese Herren „Objektiven“ mit schwachem
Willen, wie Ranke oder Renan, nicht um!

Page 92

64.

Der Sozialismus – als die zu Ende gedachte Tyrannei der Geringsten
und Dümmsten, das heißt der Oberflächlichen, Neidischen und der
Dreiviertels-Schauspieler – ist in der Tat die Schlußfolgerung der
„modernen Ideen“ und ihres latenten Anarchismus: aber in der lauen Luft
eines demokratischen Wohlbefindens erschlafft das Vermögen, zu Schlüssen
oder gar zum Schluß zu kommen. Man folgt, aber man folgert nicht mehr.
Deshalb ist der Sozialismus im ganzen eine hoffnungslose, säuerliche
Sache: und nichts ist lustiger anzusehen als der Widerspruch zwischen den
giftigen und verzweifelten Gesichtern, welche heute die Sozialisten machen
– und von was für erbärmlichen, gequetschten Gefühlen legt gar ihr Stil
Zeugnis ab! – und dem harmlosen Lämmerglück ihrer Hoffnungen und
Wünschbarkeiten. Dabei kann es doch an vielen Orten Europas ihrerseits zu
gelegentlichen Handstreichen und Überfällen kommen: dem nächsten
Jahrhundert wird es hier und da gründlich im Leibe „rumoren“, und die
Pariser Kommune, welche auch in Deutschland ihre Schutzredner und
Fürsprecher hat, war vielleicht nur eine leichtere Unverdaulichkeit gewesen
an dem, was kommt. Trotzdem wird es immer zu viel Besitzende geben, als
daß der Sozialismus mehr bedeuten könnte als einen Krankheitsanfall: und
diese Besitzenden sind wie Ein Mann Eines Glaubens, „man muß etwas
besitzen, um etwas zu sein“. Dies aber ist der älteste und gesündeste aller
Instinkte: ich würde hinzufügen „man muß mehr haben wollen als man hat,
um mehr zu werden“. So nämlich klingt die Lehre, welche allem, was lebt,
durch das Leben selber gepredigt wird: die Moral der Entwicklung. Haben
und mehr haben wollen, Wachstum mit einem Wort – das ist das Leben
selber. In der Lehre des Sozialismus versteckt sich schlecht ein „Wille zur
Verneinung des Lebens“; es müssen mißratene Menschen oder Rassen sein,
welche eine solche Lehre ausdenken. In der Tat, ich wünschte, es würde
durch einige große Versuche bewiesen, daß in einer sozialistischen
Gesellschaft das Leben sich selber verneint, sich selber die Wurzeln
abschneidet. Die Erde ist groß genug und der Mensch immer noch
unausgeschöpft genug, als daß mir eine derart praktische Belehrung und
demonstratio ad absurdum, selbst wenn sie mit einem ungeheuren Aufwand
von Menschenleben gewonnen und bezahlt würde, nicht wünschenswert

Page 93

erscheinen müßte. Immerhin, schon als unruhiger Maulwurf unter dem
Boden einer in der Dummheit rollenden Gesellschaft wird der Sozialismus
etwas Nützliches und Heilsames sein können: er verzögert den „Frieden auf
Erden“ und die gänzliche Vergutmütigung des demokratischen
Herdentieres, er zwingt die Europäer, Geist, nämlich List und Vorsicht,
übrig zu behalten, den männlichen und kriegerischen Tugenden nicht
gänzlich abzuschwören und einen Rest von Geist, von Klarheit, Trockenheit
und Kälte des Geistes übrig zu behalten, – er schützt Europa einstweilen vor
dem ihm drohenden marasmus femininus.

Page 94

65.

Ich freue mich der militärischen Entwicklung Europas, auch der inneren
anarchistischen Zustände: die Zeit der Ruhe und des Chinesentums, welche
Galiani für dies Jahrhundert voraussagte, ist vorbei. Persönliche
männliche Tüchtigkeit, Leibestüchtigkeit bekommt wieder Wert, die
Schätzungen werden physischer, die Ernährungen fleischlicher. Schöne
Männer werden wieder möglich. Die blasse Duckmäuserei (mit Mandarinen
an der Spitze, wie Comte träumte) ist vorbei. Der Barbar ist in jedem von
uns bejaht, auch das wilde Tier. Gerade deshalb wird es mehr werden
mit den Philosophen. – Kant ist eine Vogelscheuche, irgendwann einmal!

Page 95

66.

Die günstigsten Hemmungen und Remeduren der Modernität:
1. die allgemeine Wehrpflicht mit wirklichen Kriegen, bei denen der
Spaß aufhört;
2. die nationale Borniertheit (vereinfachend, konzentrierend);
3. die verbesserte Ernährung (Fleisch);
4. die zunehmende Reinlichkeit und Gesundheit der Wohnstätten;
5. die Vorherrschaft der Physiologie über Theologie, Moralistik,
Ökonomie und Politik;
6. die militärische Strenge in der Forderung und Handhabung seiner
„Schuldigkeit“ (man lobt nicht mehr....).

Page 96

67.

Wenn irgend etwas erreicht ist, so ist es ein harmloseres Verhalten zu den
Sinnen, eine freudigere, wohlwollendere, Goetheschere Stellung zur
Sinnlichkeit; insgleichen eine stolzere Empfindung in betreff des
Erkennens: so daß der „reine Tor“ wenig Glauben findet.

Page 97

68.

Wenn irgend etwas unsere Vermenschlichung, einen wahren,
tatsächlichen Fortschritt bedeutet, so ist es, daß wir keine exzessiven
Gegensätze, überhaupt keine Gegensätze mehr brauchen....
Wir dürfen die Sinne lieben, wir haben sie in jedem Grade vergeistigt und
artistisch gemacht;
wir haben ein Recht auf alle die Dinge, die am schlimmsten bisher
verrufen waren.

Page 98

69.

Daß man den Menschen den Mut zu ihren Naturtrieben wiedergibt –
Daß man ihrer Selbstunterschätzung steuert (nicht der des
Menschen als Individuums, sondern der des Menschen als Natur....) –
Daß man die Gegensätze herausnimmt aus den Dingen, nachdem man
begreift, daß wir sie hineingelegt haben –
Daß man die Gesellschafts-Idiosynkrasie aus dem Dasein überhaupt
herausnimmt (Schuld, Strafe, Gerechtigkeit, Ehrlichkeit, Freiheit, Liebe
usw.) –
Fortschritt zur „Natürlichkeit“: in allen politischen Fragen, auch im
Verhältnis von Parteien, selbst von merkantilen oder Arbeiter- oder
Unternehmerparteien, handelt es sich um Machtfragen – „was man
kann“ und erst daraufhin, was man soll.

Page 99

70.

Die Umkehrung der Rangordnung. – Die frommen Falschmünzer,
die Priester, werden unter uns zu Tschandalas: – sie nehmen die Stellung
der Charlatans, der Quacksalber, der Falschmünzer, der Zauberer ein: wir
halten sie für Willensverderber, für die großen Verleumder und
Rachsüchtigen des Lebens, für die Empörer unter den
Schlechtweggekommenen. Wir haben aus der Dienstbotenkaste, den
Sudras, unsern Mittelstand gemacht, unser „Volk“, das, was die politische
Entscheidung in den Händen hat.
Dagegen ist der Tschandala von ehemals obenauf: voran die
Gotteslästerer, die Immoralisten, die Freizügigen jeder Art, die
Artisten, die Juden, die Spielleute, – im Grunde alle verrufenen
Menschenklassen –.
Wir haben uns zu ehrenhaften Gedanken emporgehoben, mehr noch,
wir bestimmen die Ehre auf Erden, die „Vornehmheit“.... Wir alle sind
heute die Fürsprecher des Lebens –. Wir Immoralisten sind heute die
stärkste Macht: die großen andern Mächte brauchen uns.... wir
konstruieren die Welt nach unserm Bilde –
Wir haben den Begriff „Tschandala“ auf die Priester, Jenseits-Lehrer
und die mit ihnen verwachsene christliche Gesellschaft übertragen,
hinzugenommen, was gleichen Ursprungs ist, die Pessimisten, Nihilisten,
Mitleids-Romantiker, Verbrecher, Lasterhaften, – die gesamte Sphäre, wo
der Begriff „Gott“ als Heiland imaginiert wird....
Wir sind stolz darauf, keine Lügner mehr sein zu müssen, keine
Verleumder, keine Verdächtiger des Lebens....

Page 100

71.

Das Problem des neunzehnten Jahrhunderts. Ob seine starke und
schwache Seite zueinander gehören? Ob es aus Einem Holze geschnitzt ist?
Ob die Verschiedenheit seiner Ideale und deren Widerspruch in einem
höheren Zweck bedingt ist: als etwas Höheres? – Denn es konnte die
Vorbestimmung zur Größe sein, in diesem Maße in heftiger Spannung
zu wachsen. Die Unzufriedenheit, der Nihilismus könnte ein gutes
Zeichen sein.

Page 101

72.

Die Vernatürlichung des Menschen im 19. Jahrhundert (– das
18. Jahrhundert ist das der Eleganz, der Feinheit und der sentiments
généreux). – Nicht „Rückkehr zur Natur“: denn es gab noch niemals eine
natürliche Menschheit. Die Scholastik un- und widernatürlicher Werte ist
die Regel, ist der Anfang; zur Natur kommt der Mensch nach langem
Kampfe, – er kehrt nie „zurück“.... Die Natur: das heißt, es wagen,
unmoralisch zu sein wie die Natur.
Wir sind gröber, direkter, voller Ironie gegen generöse Gefühle, selbst
wenn wir ihnen unterliegen.
Natürlicher ist unsre erste Gesellschaft, die der Reichen, der Müßigen:
man macht Jagd aufeinander, die Geschlechtsliebe ist eine Art Sport, bei
dem die Ehe ein Hindernis und einen Reiz abgibt; man unterhält sich und
lebt um des Vergnügens willen; man schätzt die körperlichen Vorzüge in
erster Linie, man ist neugierig und gewagt.
Natürlich ist unsere Stellung zur Erkenntnis: wir haben die Libertinage
des Geistes in aller Unschuld, wir hassen die pathetischen und hieratischen
Manieren, wir ergötzen uns am Verbotensten, wir wüßten kaum noch ein
Interesse der Erkenntnis, wenn wir uns auf dem Wege zu ihr zu langweilen
hätten.
Natürlicher ist unsere Stellung zur Moral. Prinzipien sind lächerlich
geworden; niemand erlaubt sich ohne Ironie mehr von seiner „Pflicht“ zu
reden. Aber man schätzt eine hilfreiche, wohlwollende Gesinnung (– man
sieht im Instinkt die Moral und dédaigniert den Rest. Außerdem ein paar
Ehrenpunktsbegriffe –).
Natürlicher ist unsere Stellung in politicis: wir sehen Probleme der
Macht, des Quantums Macht gegen ein anderes Quantum. Wir glauben
nicht an ein Recht, das nicht auf der Macht ruht, sich durchzusetzen: wir
empfinden alle Rechte als Eroberungen.
Natürlicher ist unsre Schätzung großer Menschen und Dinge: wir
rechnen die Leidenschaft als ein Vorrecht, wir finden nichts groß, wo nicht

Page 102

ein großes Verbrechen einbegriffen ist; wir konzipieren alles Groß-sein als
ein Sich-außerhalb-stellen in bezug auf Moral.
Natürlicher ist unsere Stellung zur Natur: wir lieben sie nicht mehr um
ihrer „Unschuld“, „Vernunft“, „Schönheit“ willen, wir haben sie hübsch
„verteufelt“ und „verdummt“. Aber statt sie darum zu verachten, fühlen wir
uns seitdem verwandter und heimischer in ihr. Sie aspiriert nicht zur
Tugend: wir achten sie deshalb.
Natürlicher ist unsere Stellung zur Kunst: wir verlangen nicht von ihr
die schönen Scheinlügen usw.; es herrscht der brutale Positivismus, welcher
konstatiert, ohne sich zu erregen.
In summa: es gibt Anzeichen dafür, daß der Europäer des 19.
Jahrhunderts sich weniger seiner Instinkte schämt; er hat einen guten Schritt
dazu gemacht, sich einmal seine unbedingte Natürlichkeit, das heißt seine
Unmoralität, einzugestehen, ohne Erbitterung: im Gegenteil, stark genug
dazu, diesen Anblick allein noch auszuhalten.
Das klingt in gewissen Ohren, wie als ob die Korruption fortgeschritten
wäre: und gewiß ist, daß der Mensch sich nicht der „Natur“ angenähert
hat, von der Rousseau redet, sondern einen Schritt weiter getan hat in der
Zivilisation, welche er perhorreszierte. Wir haben uns verstärkt: wir
sind dem 17. Jahrhundert wieder näher gekommen, dem Geschmack seines
Endes namentlich (Dancourt, Lesage, Regnard).

Page 103

73.

Fortschritt des neunzehnten Jahrhunderts gegen das achtzehnte (– im
Grunde führen wir guten Europäer einen Krieg gegen das achtzehnte
Jahrhundert –):
1. „Rückkehr zur Natur“ immer entschiedener im umgekehrten Sinne
verstanden, als es Rousseau verstand. Weg vom Idyll und der Oper!
2. immer entschiedener antiidealistisch, gegenständlicher, furchtloser,
arbeitsamer, maßvoller, mißtrauischer gegen plötzliche Veränderungen,
antirevolutionär;
3. immer entschiedener die Frage der Gesundheit des Leibes der „der
Seele“ voranstellend: letztere als einen Zustand in Folge der ersteren
begreifend, diese mindestens als die Vorbedingung der Gesundheit der
Seele.

Page 104

74.

Das 20. Jahrhundert. – Der Abbé Galiani sagt einmal: La prévoyance
est la cause des guerres actuelles de l'Europe. Si l'on voulait se donner la
peine de ne rien prévoir, tout le monde serait tranquille, et je ne crois pas
qu'on serait plus malheureux parce qu'on ne ferait pas la guerre. Da ich
durchaus nicht die unkriegerischen Ansichten meines verstorbenen
Freundes Galiani teile, so fürchte ich mich nicht davor, einiges
vorherzusagen und möglicherweise damit die Ursache von Kriegen
heraufzubeschwören.
Eine ungeheure Besinnung, nach dem schrecklichsten Erdbeben: mit
neuen Fragen.

Page 105

75.

Extreme Positionen werden nicht durch ermäßigte abgelöst, sondern
wiederum durch extreme, aber umgekehrte. Und so ist der Glaube an die
absolute Immoralität der Natur, an die Zweck- und Sinnlosigkeit der
psychologisch-notwendige Affekt, wenn der Glaube an Gott und eine
essentiell moralische Ordnung nicht mehr zu halten ist. Der Nihilismus
erscheint jetzt, nicht weil die Unlust am Dasein größer wäre als früher,
sondern weil man überhaupt gegen einen „Sinn“ im Übel, ja im Dasein
mißtrauisch geworden ist. Eine Interpretation ging zugrunde: weil sie aber
als die Interpretation galt, erscheint es, als ob es gar keinen Sinn im Dasein
gebe, als ob alles umsonst sei.
Daß dies „Umsonst!“ der Charakter unseres gegenwärtigen Nihilismus
ist, bleibt nachzuweisen. Das Mißtrauen gegen unsere früheren
Wertschätzungen steigert sich bis zur Frage: „sind nicht alle ‚Werte‘
Lockmittel, mit denen die Komödie sich in die Länge zieht, aber durchaus
nicht einer Lösung näherkommt?“ Die Dauer, mit einem „Umsonst“ ohne
Ziel und Zweck, ist der lähmendste Gedanke, namentlich noch, wenn
man begreift, daß man gefoppt wird und doch ohne Macht ist, sich nicht
foppen zu lassen.

Denken wir diesen Gedanken in seiner furchtbarsten Form: das Dasein,
so wie es ist, ohne Sinn und Ziel, aber unvermeidlich wiederkehrend, ohne
ein Finale ins Nichts: „die ewige Wiederkehr“.
Das ist die extremste Form des Nihilismus: das Nichts (das „Sinnlose“)
ewig!
Europäische Form des Buddhismus: Energie des Wissens und der Kraft
zwingt zu einem solchen Glauben. Es ist die wissenschaftlichste aller
möglichen Hypothesen. Wir leugnen Schlußziele: hätte das Dasein eins, so
müßte es erreicht sein.

Page 106

Da begreift man, daß hier ein Gegensatz zum Pantheismus angestrebt
wird: denn „alles vollkommen, göttlich, ewig“ zwingt ebenfalls zu
einem Glauben an die „ewige Wiederkunft“. Frage: ist mit der
Moral auch diese pantheistische Ja-Stellung zu allen Dingen unmöglich
gemacht? Im Grunde ist ja nur der moralische Gott überwunden. Hat es
einen Sinn, sich einen Gott „jenseits von Gut und Böse“ zu denken? Wäre
ein Pantheismus in diesem Sinne möglich? Bringen wir die
Zweckvorstellung aus dem Prozesse weg, und bejahen wir trotzdem den
Prozeß? – Das wäre der Fall, wenn etwas innerhalb jenes Prozesses in
jedem Momente desselben erreicht würde – und immer das Gleiche.
Spinoza gewann eine solche bejahende Stellung, insofern jeder Moment
eine logische Notwendigkeit hat: und er triumphierte mit seinem
logischen Grundinstinkte über eine solche Weltbeschaffenheit.
Aber sein Fall ist nur ein Einzelfall. Jeder Grundcharakterzug, der
jedem Geschehen zugrunde liegt, der sich in jedem Geschehen ausdrückt,
müßte, wenn er von einem Individuum als sein Grundcharakterzug
empfunden würde, dieses Individuum dazu treiben, triumphierend jeden
Augenblick des allgemeinen Daseins gutzuheißen. Es käme eben darauf an,
daß man diesen Grundcharakterzug bei sich als gut, wertvoll, mit Lust
empfindet.
Nun hat die Moral das Leben vor der Verzweiflung und dem Sprung ins
Nichts bei solchen Menschen und Ständen geschützt, welche von
Menschen vergewalttätigt und niedergedrückt wurden: denn die
Ohnmacht gegen Menschen, nicht die Ohnmacht gegen die Natur, erzeugt
die desperateste Verbitterung gegen das Dasein. Die Moral hat die
Gewalthaber, die Gewalttätigen, die „Herren“ überhaupt als die Feinde
behandelt, gegen welche der gemeine Mann geschützt, das heißt
zunächst ermutigt, gestärkt werden muß. Die Moral hat folglich am
tiefsten hassen und verachten gelehrt, was der Grundcharakterzug der
Herrschenden ist: ihren Willen zur Macht. Diese Moral abschaffen,
leugnen, zersetzen: das wäre den bestgehaßten Trieb mit einer
umgekehrten Empfindung und Wertung ansehen. Wenn der Leidende,
Unterdrückte den Glauben verlöre, ein Recht zu seiner Verachtung des
Willens zur Macht zu haben, so träte er in das Stadium der hoffnungslosen
Desperation. Dies wäre der Fall, wenn dieser Zug dem Leben essentiell
wäre, wenn sich ergäbe, daß selbst in jenem Willen zur Moral nur dieser

Page 107

„Wille zur Macht“ verkappt sei, daß auch jenes Hassen und Verachten noch
ein Machtwille ist. Der Unterdrückte sähe ein, daß er mit dem Unterdrücker
auf gleichem Boden steht und daß er kein Vorrecht, keinen höheren
Rang vor jenem habe.
Vielmehr umgekehrt! Es gibt nichts am Leben, was Wert hat, außer
dem Grade der Macht – gesetzt eben, daß Leben selbst der Wille zur Macht
ist. Die Moral behütete die Schlechtweggekommenen vor Nihilismus,
indem sie jedem einen unendlichen Wert, einen metaphysischen Wert
beimaß und in eine Ordnung einreihte, die mit der der weltlichen Macht und
Rangordnung nicht stimmt: sie lehrte Ergebung, Demut usw. Gesetzt, daß
der Glaube an diese Moral zugrunde geht, so würden die
Schlechtweggekommenen ihren Trost nicht mehr haben – und zugrunde
gehen.
Das Zugrundegehen präsentiert sich als ein Sich-zugrunde-
richten, als ein instinktives Auslesen dessen, was zerstören muß.
Symptome dieser Selbstzerstörung der Schlechtweggekommenen: die
Selbstvivisektion, die Vergiftung, Berauschung, Romantik, vor allem die
instinktive Nötigung zu Handlungen, mit denen man die Mächtigen zu
Todfeinden macht (– gleichsam sich seine Henker selbst züchtend), der
Wille zur Zerstörung als Wille eines noch tieferen Instinkts, des
Instinkts der Selbstzerstörung, des Willens ins Nichts.
Nihilismus als Symptom davon, daß die Schlechtweggekommenen
keinen Trost mehr haben: daß sie zerstören, um zerstört zu werden, daß sie,
von der Moral abgelöst, keinen Grund mehr haben, „sich zu ergeben“, – daß
sie sich auf den Boden des entgegengesetzten Prinzips stellen und auch
ihrerseits Macht wollen, indem sie die Mächtigen zwingen, ihre Henker
zu sein. Dies ist die europäische Form des Buddhismus, das Nein-tun,
nachdem alles Dasein seinen „Sinn“ verloren hat.
Die Not ist nicht etwa größer geworden: im Gegenteil! „Gott, Moral,
Ergebung“ waren Heilmittel auf furchtbar tiefen Stufen des Elends: der
aktive Nihilismus tritt bei relativ viel günstiger gestalteten Verhältnissen
auf. Schon daß die Moral als überwunden empfunden wird, setzt einen
ziemlichen Grad geistiger Kultur voraus; diese wieder ein relatives
Wohlleben. Eine gewisse geistige Ermüdung, durch den langen Kampf
philosophischer Meinungen bis zur hoffnungslosesten Skepsis gegen

Page 108

Philosophie gebracht, kennzeichnet ebenfalls den keineswegs niederen
Stand jener Nihilisten. Man denke an die Lage, in der Buddha auftrat. Die
Lehre der ewigen Wiederkunft würde gelehrte Voraussetzungen haben
(wie die Lehre Buddhas solche hatte, zum Beispiel Begriff der Kausalität
usw.).
Was heißt jetzt „schlechtweggekommen“? Vor allem physiologisch:
nicht mehr politisch. Die ungesundeste Art Mensch in Europa (in allen
Ständen) ist der Boden dieses Nihilismus: sie wird den Glauben an die
ewige Wiederkunft als einen Fluch empfinden, von dem getroffen man vor
keiner Handlung mehr zurückscheut: nicht passiv auslöschen, sondern alles
auslöschen machen, was in diesem Grade sinn- und ziellos ist: obwohl es
nur ein Krampf, ein blindes Wüten ist bei der Einsicht, daß alles seit
Ewigkeiten da war – auch dieser Moment von Nihilismus und
Zerstörungslust. – Der Wert einer solchen Krisis ist, daß sie reinigt, daß
sie die verwandten Elemente zusammendrängt und sich aneinander
verderben macht, daß sie den Menschen entgegengesetzter Denkweisen
gemeinsame Aufgaben zuweist – auch unter ihnen die schwächeren,
unsichreren ans Licht bringend und so zu einer Rangordnung der
Kräfte, vom Gesichtspunkt der Gesundheit, den Anstoß gibt: Befehlende
als Befehlende erkennend, Gehorchende als Gehorchende. Natürlich abseits
von allen bestehenden Gesellschaftsordnungen.
Welche werden sich als die Stärksten dabei erweisen? Die Mäßigsten,
die, welche keine extremsten Glaubenssätze nötig haben, die, welche einen
guten Teil Zufall, Unsinn nicht nur zugestehen, sondern lieben, die, welche
vom Menschen mit einer bedeutenden Ermäßigung seines Wertes denken
können, ohne dadurch klein und schwach zu werden: die Reichsten an
Gesundheit, die den meisten Malheurs gewachsen sind und deshalb sich vor
den Malheurs nicht so fürchten – Menschen, die ihrer Macht sicher
sind und die die erreichte Kraft des Menschen mit bewußtem Stolze
repräsentieren.
Wie dächte ein solcher Mensch an die ewige Wiederkunft? –

Page 109

Zweites Buch.
Kritik der höchsten bisherigen Werte
(Einsicht in das, was durch sie Ja und Nein sagte).

Page 110

I. Moral.

Page 111

1. Entstehung und Sieg.

Page 112

76.

Ich verstehe unter „Moral“ ein System von Wertschätzungen, welches
mit den Lebensbedingungen eines Wesens sich berührt.

Page 113

77.

Das Problem der Moral sehen und zeigen – das scheint mir die neue
Aufgabe und Hauptsache. Ich leugne, daß das in der bisherigen
Moralphilosophie geschehen ist.

Page 114

78.

Mein Problem: Welchen Schaden hat die Menschheit bisher von der
Moral sowohl wie von ihrer Moralität gehabt? Schaden am Geiste usw.

Page 115

79.

Mein Versuch, die moralischen Urteile als Symptome und
Zeichensprachen zu verstehen, in denen sich Vorgänge des physiologischen
Gedeihens oder Mißratens, ebenso das Bewußtsein von Erhaltungs- und
Wachstumsbedingungen verraten, – eine Interpretationsweise vom Werte
der Astrologie, Vorurteile, denen Instinkte soufflieren (von Rassen,
Gemeinden, von verschiedenen Stufen, wie Jugend oder Verwelken usw.).
Angewendet auf die speziell christlich-europäische Moral: unsere
moralischen Urteile sind Anzeichen von Verfall, von Unglauben an das
Leben, eine Vorbereitung des Pessimismus.
Mein Hauptsatz: es gibt keine moralischen Phänomene,
sondern nur eine moralische Interpretation dieser Phänomene.
Diese Interpretation selbst ist außermoralischen Ursprungs.
Was bedeutet es, daß wir einen Widerspruch in das Dasein
hineininterpretiert haben? – Entscheidende Wichtigkeit: hinter allen andern
Wertschätzungen stehen kommandierend jene moralischen
Wertschätzungen. Gesetzt, sie fallen fort, wonach messen wir dann? Und
welchen Wert haben dann Erkenntnis usw., usw.???

Page 116

80.

Ehemals sagte man von jeder Moral: „an ihren Früchten sollt ihr sie
erkennen“. Ich sage von jeder Moral: „Sie ist eine Frucht, an der ich den
Boden erkenne, aus dem sie wuchs“.

Page 117

81.

Meine Absicht, die absolute Homogeneität in allem Geschehen zu
zeigen und die Anwendung der moralischen Unterscheidung nur als
perspektivisch bedingt; zu zeigen, wie alles das, was moralisch gelobt
wird, wesensgleich mit allem Unmoralischen ist und nur, wie jede
Entwicklung der Moral, mit unmoralischen Mitteln und zu unmoralischen
Zwecken ermöglicht worden ist –; wie umgekehrt alles, was als
unmoralisch in Verruf ist, ökonomisch betrachtet, das Höhere und
Prinzipiellere ist, und wie eine Entwicklung nach größerer Fülle des Lebens
notwendig auch den Fortschritt der Unmoralität bedingt. „Wahrheit“
der Grad, in dem wir uns die Einsicht in diese Tatsache gestatten.

Page 118

82.

Das sind meine Forderungen an euch – sie mögen euch schlecht genug zu
Ohren gehen – : daß ihr die moralischen Wertschätzungen selbst einer
Kritik unterziehen sollt. Daß ihr dem moralischen Gefühlsimpuls, welcher
hier Unterwerfung und nicht Kritik verlangt, mit der Frage: „warum
Unterwerfung?“ Halt gebieten sollt. Daß ihr dies Verlangen nach einem
„Warum?“, nach einer Kritik der Moral, eben als eure jetzige Form der
Moralität selbst ansehen sollt, als die sublimste Art von Moralität, die euch
und eurer Zeit Ehre macht. Daß eure Redlichkeit, euer Wille, euch nicht zu
betrügen, sich selbst ausweisen muß: „warum nicht? – Vor welchem
Forum?“ –

Page 119

83.

Die Frage nach der Herkunft unsrer Wertschätzungen und
Gütertafeln fällt ganz und gar nicht mit deren Kritik zusammen, wie so oft
geglaubt wird: so gewiß auch die Einsicht in irgendeine pudenda origo für
das Gefühl eine Wertverminderung der so entstandenen Sache mit sich
bringt und gegen dieselbe eine kritische Stimmung und Haltung vorbereitet.
Was sind unsere Wertschätzungen und moralischen Gütertafeln selber
wert? Was kommt bei ihrer Herrschaft heraus? Für wen? in bezug
worauf? – Antwort: für das Leben. Aber was ist Leben? Hier tut also eine
neue, bestimmtere Fassung des Begriffs „Leben“ not. Meine Formel dafür
lautet: Leben ist Wille zur Macht.
Was bedeutet das Wertschätzen selbst? Weist es auf eine andere,
metaphysische Welt zurück oder hinab? (wie noch Kant glaubte, der vor
der großen historischen Bewegung steht.) Kurz: wo ist es entstanden?
Oder ist es nicht „entstanden“? – Antwort: das moralische Wertschätzen ist
eine Auslegung, eine Art zu interpretieren. Die Auslegung selbst ist ein
Symptom bestimmter physiologischer Zustände, ebenso eines bestimmten
geistigen Niveaus von herrschenden Urteilen: Wer legt aus? – Unsre
Affekte.

Page 120

84.

Wessen Wille zur Macht ist die Moral? – Das Gemeinsame in
der Geschichte Europas seit Sokrates ist der Versuch, die moralischen
Werte zur Herrschaft über alle anderen Werte zu bringen: so daß sie nicht
nur Führer und Richter des Lebens sein sollen, sondern auch 1. der
Erkenntnis, 2. der Künste, 3. der staatlichen und gesellschaftlichen
Bestrebungen. „Besserwerden“ als einzige Aufgabe, alles übrige dazu
Mittel (oder Störung, Hemmung, Gefahr: folglich bis zur Vernichtung zu
bekämpfen....). – Eine ähnliche Bewegung in China. Eine ähnliche
Bewegung in Indien.
Was bedeutet dieser Wille zur Macht seitens der moralischen
Werte, der in den ungeheuren Entwicklungen sich bisher auf der Erde
abgespielt hat?
Antwort: – drei Mächte sind hinter ihm versteckt:
1. der Instinkt der Herde gegen die Starken und Unabhängigen; 2. der
Instinkt der Leidenden und Schlechtweggekommenen gegen die
Glücklichen; 3. der Instinkt der Mittelmäßigen gegen die Ausnahmen. –
Ungeheurer Vorteil dieser Bewegung, wieviel Grausamkeit,
Falschheit und Borniertheit auch in ihr mitgeholfen hat (: denn die
Geschichte vom Kampf der Moral mit den Grundinstinkten des
Lebens ist selbst die größte Immoralität, die bisher auf Erden dagewesen
ist....).

Page 121

85.

Die ganze Moral Europas hat den Nutzen der Herde auf dem Grunde:
die Trübsal aller höheren, seltneren Menschen liegt darin, daß alles, was sie
auszeichnet, ihnen mit dem Gefühl der Verkleinerung und Verunglimpfung
zum Bewußtsein kommt. Die Stärken des jetzigen Menschen sind die
Ursachen der pessimistischen Verdüsterung: die Mittelmäßigen sind, wie
die Herde ist, ohne viel Frage und Gewissen, – heiter. (Zur Verdüsterung
der Starken: Pascal, Schopenhauer.)
Je gefährlicher eine Eigenschaft der Herde scheint, um so
gründlicher wird sie in die Acht getan.

Page 122

86.

Ich lehre: die Herde sucht einen Typus aufrecht zu erhalten und wehrt
sich nach beiden Seiten, ebenso gegen die davon Entartenden (Verbrecher
usw.), als gegen die darüber Emporragenden. Die Tendenz der Herde ist auf
Stillstand und Erhaltung gerichtet, es ist nichts Schaffendes in ihr.
Die angenehmen Gefühle, die der Gute, Wohlwollende, Gerechte uns
einflößt (im Gegensatz zu der Spannung, Furcht, welche der große, neue
Mensch hervorbringt), sind unsere persönlichen Sicherheits-,
Gleichheitsgefühle: das Herdentier verherrlicht dabei die Herdennatur und
empfindet sich selber dann wohl. Dies Urteil des Wohlbehagens maskiert
sich mit schönen Worten – so entsteht „Moral“. – Man beobachte aber den
Haß der Herde gegen den Wahrhaftigen. –

Page 123

87.

Tendenz der Moralentwicklung. – Jeder wünscht, daß keine andere
Lehre und Schätzung der Dinge zur Geltung komme außer einer solchen,
bei der er selbst gut wegkommt. Grundtendenz folglich der
Schwachen und Mittelmäßigen aller Zeiten, die Stärkeren
schwächer zu machen, herunterzuziehen: Hauptmittel das
moralische Urteil. Das Verhalten des Stärkeren gegen den Schwächeren
wird gebrandmarkt; die höheren Zustände des Stärkeren bekommen
schlechte Beinamen.
Der Kampf der Vielen gegen die Wenigen, der Gewöhnlichen gegen die
Seltenen, der Schwachen gegen die Starken – eine seiner feinsten
Unterbrechungen ist die, daß die Ausgesuchten, Feinen, Anspruchsvolleren
sich als die Schwachen präsentieren und die gröberen Mittel der Macht von
sich weisen –

Page 124

88.

Der heuchlerische Anschein, mit dem alle bürgerlichen Ordnungen
übertüncht sind, wie als ob sie Ausgeburten der Moralität wären – zum
Beispiel die Ehe; die Arbeit; der Beruf; das Vaterland; die Familie; die
Ordnung; das Recht. Aber da sie insgesamt auf die mittelmäßigste Art
Mensch hin begründet sind, zum Schutz gegen Ausnahmen und
Ausnahmebedürfnisse, so muß man es billig finden, wenn hier viel gelogen
wird.

Page 125

89.

Daß man sich nicht über sich selbst vergreift! Wenn man in sich den
moralischen Imperativ so hört, wie der Altruismus ihn versteht, so gehört
man zur Herde. Hat man das umgekehrte Gefühl, fühlt man in seinen
uneigennützigen und selbstlosen Handlungen seine Gefahr, seine Abirrung,
so gehört man nicht zur Herde.

Page 126

90.

Die drei Behauptungen:
Das Unvornehme ist das Höhere (Protest des „gemeinen Mannes“);
das Widernatürliche ist das Höhere (Protest der
Schlechtweggekommenen);
das Durchschnittliche ist das Höhere (Protest der Herde, der „Mittleren“).
In der Geschichte der Moral drückt sich also ein Wille zur Macht
aus, durch den bald die Sklaven und Unterdrückten, bald die Mißratenen
und An-sich-Leidenden, bald die Mittelmäßigen den Versuch machen, die
ihnen günstigsten Werturteile durchzusetzen.
Insofern ist das Phänomen der Moral vom Standpunkt der Biologie aus
höchst bedenklich. Die Moral hat sich bisher entwickelt auf Unkosten:
der Herrschenden und ihrer spezifischen Instinkte, der Wohlgeratenen und
schönen Naturen, der Unabhängigen und Privilegierten in irgendeinem
Sinne.
Die Moral ist also eine Gegenbewegung gegen die Bemühungen der
Natur, es zu einem höheren Typus zu bringen. Ihre Wirkung ist:
Mißtrauen gegen das Leben überhaupt (insofern dessen Tendenzen als
„unmoralisch“ empfunden werden), – Sinnlosigkeit, Widersinn (insofern
die obersten Werte als im Gegensatz zu den obersten Instinkten empfunden
werden), – Entartung und Selbstzerstörung der „höheren Naturen“, weil
gerade in ihnen der Konflikt bewußt wird.

Page 127

91.

„Die guten Leute sind alle schwach: sie sind gut, weil sie nicht stark
genug sind, böse zu sein“, sagte der Latukahäuptling Comorro zu Baker.
„Für schwache Herzen gibt es kein Unglück“ – sagt man im Russischen.

Page 128

92.

Bescheiden, fleißig, wohlwollend, mäßig: so wollt ihr den Menschen?
den guten Menschen? Aber mich dünkt das nur der ideale Sklave, der
Sklave der Zukunft.

Page 129

93.

Die Metamorphosen der Sklaverei; ihre Verkleidung unter religiöse
Mäntel; ihre Verklärung durch die Moral.

Page 130

94.

Erwägen wir, wie teuer sich ein solcher moralischer Kanon („ein Ideal“)
bezahlt macht. (Seine Feinde sind – nun? Die „Egoisten“.)
Der melancholische Scharfsinn der Selbstverkleinerung in Europa
(Pascal, Larochefoucauld), – die innere Schwächung, Entmutigung,
Selbstannagung der Nicht-Herdentiere, –
die beständige Unterstreichung der Mittelmäßigkeitseigenschaften als der
wertvollsten (Bescheidenheit, in Reih und Glied, die Werkzeugnatur), –
das schlechte Gewissen eingemischt in alles Selbstherrliche, Originale:
– die Unlust also: – also Verdüsterung der Welt der Stärkergeratenen!
– das Herdenbewußtsein in die Philosophie und Religion übertragen:
auch seine Ängstlichkeit.
– Lassen wir die psychologische Unmöglichkeit einer rein selbstlosen
Handlung außer Spiel!

Page 131

95.

Der ideale Sklave (der „gute Mensch“). – Wer sich nicht als „Zweck“
ansetzen kann, noch überhaupt von sich aus Zwecke ansetzen kann, der gibt
der Moral der Entselbstung die Ehre – instinktiv. Zu ihr überredet ihn
alles: seine Klugheit, seine Erfahrung, seine Eitelkeit. Und auch der Glaube
ist eine Entselbstung.
Atavismus: wonnevolles Gefühl, einmal unbedingt gehorchen zu
können.
Fleiß, Bescheidenheit, Wohlwollen, Mäßigkeit sind ebenso viele
Verhinderungen der souveränen Gesinnung, der großen
Erfindsamkeit, der heroischen Zielsetzung, des vornehmen Für-sich-
seins.
Es handelt sich nicht um ein Vorangehen (– damit ist man bestenfalls
Hirt, das heißt oberster Notbedarf der Herde), sondern um ein Für-sich-
gehen-können, um ein Anders-sein-können.

Page 132

96.

Die gelobten Zustände und Begierden: – friedlich, billig, mäßig,
bescheiden, ehrfürchtig, rücksichtsvoll, tapfer, keusch, redlich, treu,
gläubig, gerade, vertrauensvoll, hingebend, mitleidig, hilfreich,
gewissenhaft, einfach, mild, gerecht, freigebig, nachsichtig, gehorsam,
uneigennützig, neidlos, gütig, arbeitsam –
Zu unterscheiden: inwiefern solche Eigenschaften bedingt sind als
Mittel zu einem bestimmten Willen und Zweck (oft einem „bösen“
Zweck); oder als natürliche Folgen eines dominierenden Affektes (zum
Beispiel Geistigkeit): oder Ausdruck einer Notlage, will sagen: als
Existenzbedingung (zum Beispiel Bürger, Sklave, Weib usw.).
Summa: sie sind allesamt nicht um ihrer selber willen als „gut“
empfunden, sondern bereits unter dem Maßstab der „Gesellschaft“,
„Herde“, als Mittel zu deren Zwecken, als notwendig für deren
Aufrechterhaltung und Förderung, als Folge zugleich eines eigentlichen
Herdeninstinktes im einzelnen: somit im Dienste eines Instinktes, der
grundverschieden von diesen Tugendzuständen ist. Denn die Herde
ist nach außen hin feindselig, selbstsüchtig, unbarmherzig, voller
Herrschsucht, Mißtrauen usw.
Im „Hirten“ kommt der Antagonismus heraus: er muß die
entgegengesetzten Eigenschaften der Herde haben.
Todfeindschaft der Herde gegen die Rangordnung: ihr Instinkt
zugunsten der Gleichmacher (Christus). Gegen die starken Einzelnen
(les souverains) ist sie feindselig, unbillig, maßlos, unbescheiden, frech,
rücksichtslos, feig, verlogen, falsch, unbarmherzig, versteckt, neidisch,
rachsüchtig.

Page 133

97.

Zur Kritik der Herdentugenden. – Die inertia tätig 1. im Vertrauen,
weil Mißtrauen Spannung, Beobachtung, Nachdenken nötig macht; – 2. in
der Verehrung, wo der Abstand der Macht groß ist und Unterwerfung
notwendig: um nicht zu fürchten, wird versucht zu lieben, hochzuschätzen
und die Machtverschiedenheit als Wertverschiedenheit auszudeuten: so
daß das Verhältnis nicht mehr revoltiert; – 3. im Wahrheitssinn. Was ist
wahr? Wo eine Erklärung gegeben ist, die uns das Minimum von geistiger
Kraftanstrengung macht (überdies ist Lügen sehr anstrengend); – 4. in der
Sympathie. Sich gleichsetzen, versuchen, gleich zu empfinden, ein
vorhandenes Gefühl anzunehmen, ist eine Erleichterung: es ist etwas
Passives gegen das Aktivum gehalten, welches die eigensten Rechte des
Werturteils sich wahrt und beständig betätigt (letzteres gibt keine Ruhe); –
5. in der Unparteilichkeit und Kühle des Urteils: man scheut die
Anstrengung des Affekts und stellt sich lieber abseits, „objektiv“; – 6. in der
Rechtschaffenheit: man gehorcht lieber einem vorhandenen Gesetz, als daß
man sich und anderen befiehlt: die Furcht vor dem Befehlen – : lieber sich
unterwerfen als reagieren; – 7. in der Toleranz: die Furcht vor dem Ausüben
des Rechts, des Richtens.

Page 134

98.

Moral der Wahrhaftigkeit in der Herde. „Du sollst erkennbar sein, dein
Inneres durch deutliche und konstante Zeichen ausdrücken, – sonst bist du
gefährlich: und wenn du böse bist, ist die Fähigkeit, dich zu verstellen, das
Schlimmste für die Herde. Wir verachten den Heimlichen, Unerkennbaren.
– Folglich mußt du dich selber für erkennbar halten; du darfst dir nicht
verborgen sein, du darfst nicht an deinen Wechsel glauben.“ Also: die
Forderung der Wahrhaftigkeit setzt die Erkennbarkeit und die
Beharrlichkeit der Person voraus. Tatsächlich ist es Sache der Erziehung,
das Herdenmitglied zu einem bestimmten Glauben über das Wesen des
Menschen zu bringen: sie macht erst diesen Glauben und fordert dann
daraufhin „Wahrhaftigkeit“.

Page 135

99.

Es tut gut, „Recht“, „Unrecht“ usw. in einem bestimmten, engen,
bürgerlichen Sinn zu nehmen, wie „tue Recht und scheue niemand“: das
heißt, einem bestimmten, groben Schema gemäß, innerhalb dessen ein
Gemeinwesen besteht, seine Schuldigkeit tun.
– Denken wir nicht gering von dem, was ein paar Jahrtausende Moral
unserm Geiste angezüchtet haben!

Page 136

100.

Maßstab, wonach der Wert der moralischen Wertschätzungen zu
bestimmen ist.
Die übersehene Grundtatsache: Widerspruch zwischen dem
„Moralischer-werden“ und der Erhöhung und Verstärkung des Typus
Mensch.
Homo natura. Der „Wille zur Macht“.

Page 137

101.

Die Moralwerte als Scheinwerte, verglichen mit den
physiologischen.

Page 138

102.

Alle Tugenden physiologische Zustände: namentlich die organischen
Hauptfunktionen als notwendig, als gut empfunden. Alle Tugenden sind
eigentlich verfeinerte Leidenschaften und erhöhte Zustände.
Mitleid und Liebe zur Menschheit als Entwicklung des
Geschlechtstriebes. Gerechtigkeit als Entwicklung des Rachetriebes.
Tugend als Lust am Widerstande, Wille zur Macht. Ehre als Anerkennung
des Ähnlichen und Gleichmächtigen.

Page 139

103.

Einsicht: bei aller Wertschätzung handelt es sich um eine bestimmte
Perspektive: Erhaltung des Individuums, einer Gemeinde, einer Rasse,
eines Staates, einer Kirche, eines Glaubens, einer Kultur. – Vermöge des
Vergessens, daß es nur ein perspektivisches Schätzen gibt, wimmelt alles
von widersprechenden Schätzungen und folglich von
widersprechenden Antrieben in einem Menschen. Das ist der
Ausdruck der Erkrankung am Menschen, im Gegensatz zum Tiere,
wo alle vorhandenen Instinkte ganz bestimmten Aufgaben genügen.
Dies widerspruchsvolle Geschöpf hat aber an seinem Wesen eine große
Methode der Erkenntnis: er fühlt viele Für und Wider, er erhebt sich zur
Gerechtigkeit – zum Begreifen jenseits des Gut- und
Böseschätzens.
Der weiseste Mensch wäre der reichste an Widersprüchen, der
gleichsam Tastorgane für alle Arten Mensch hat: und zwischeninnen seine
großen Augenblicke grandiosen Zusammenklangs – der hohe Zufall
auch in uns! Eine Art planetarischer Bewegung –

Page 140

104.

Welche Werte bisher obenauf waren.
Moral als oberster Wert in allen Phasen der Philosophie (selbst bei den
Skeptikern). Resultat: diese Welt taugt nichts, es muß eine „wahre Welt“
geben.
Was bestimmt hier eigentlich den obersten Wert? Was ist eigentlich
Moral? Der Instinkt der décadence, es sind die Erschöpften und Enterbten,
die auf diese Weise Rache nehmen und die Herren machen....
Historischer Nachweis: die Philosophen immer décadents, immer im
Dienst der nihilistischen Religionen.
Der Instinkt der décadence, der als Wille zur Macht auftritt. Vorführung
seines Systems der Mittel: absolute Unmoralität der Mittel.
Gesamteinsicht: die bisherigen obersten Werte sind ein Spezialfall des
Willens zur Macht; die Moral selbst ist ein Spezialfall der Unmoralität.
Warum die gegnerischen Werte immer unterlagen.
1. Wie war das eigentlich möglich? Frage: warum unterlag das Leben,
die physiologische Wohlgeratenheit überall? Warum gab es keine
Philosophie des Ja, keine Religion des Ja?....
Die historischen Anzeichen solcher Bewegungen: die heidnische
Religion. Dionysos gegen den „Gekreuzigten“. Die Renaissance. Die
Kunst.
2. Die Starken und die Schwachen: die Gesunden und die Kranken; die
Ausnahme und die Regel. Es ist kein Zweifel, wer der Stärkere ist....
Gesamtaspekt der Geschichte: Ist der Mensch damit eine
Ausnahme in der Geschichte des Lebens? – Einsprache gegen den
Darwinismus. Die Mittel der Schwachen, um sich oben zu erhalten, sind
Instinkte, sind „Menschlichkeit“ geworden, sind „Institutionen“....
3. Nachweis dieser Herrschaft in unsern politischen Instinkten, in unsern
sozialen Werturteilen, in unsern Künsten, in unserer Wissenschaft.

Page 141

Die Niedergangsinstinkte sind Herr über die Aufgangsinstinkte
geworden.... Der Wille zum Nichts ist Herr geworden über den Willen
zum Leben!
– Ist das wahr? ist nicht vielleicht eine größere Garantie des Lebens, der
Gattung in diesem Sieg der Schwachen und Mittleren? – ist es vielleicht nur
ein Mittel in der Gesamtbewegung des Lebens, eine Tempoverzögerung?
eine Notwehr gegen etwas noch Schlimmeres?
– Gesetzt, die Starken wären Herr, in allem, und auch in den
Wertschätzungen geworden: ziehen wir die Konsequenz, wie sie über
Krankheit, Leiden, Opfer denken würden! Eine Selbstverachtung der
Schwachen wäre die Folge; sie würden suchen, zu verschwinden und sich
auszulöschen.... Und wäre dies vielleicht wünschenswert? – und möchten
wir eigentlich eine Welt, in der die Nachwirkung der Schwachen, ihre
Feinheit, Rücksicht, Geistigkeit, Biegsamkeit fehlte?....

Wir haben zwei „Willen zur Macht“ im Kampfe gesehen (im
Spezialfall: wir hatten ein Prinzip, dem einen recht zu geben, der
bisher unterlag, und dem, der bisher siegte, unrecht zu geben): wir haben
die „wahre Welt“ als eine „erlogene Welt“ und die Moral als eine Form
der Unmoralität erkannt. Wir sagen nicht: „der Stärkere hat unrecht“.
Wir haben begriffen, was bisher den obersten Wert bestimmt hat und
warum es Herr geworden ist über die gegnerische Wertung – : es war
numerisch stärker.
Reinigen wir jetzt die gegnerische Wertung von der Infektion und
Halbheit, von der Entartung, in der sie uns allen bekannt ist.
Wiederherstellung der Natur: moralinfrei.

Page 142

105.

Zwei Typen der Moral sind nicht zu verwechseln: eine Moral, mit der
sich der gesund gebliebene Instinkt gegen die beginnende décadence wehrt,
– und eine andere Moral, mit der eben diese décadence sich formuliert,
rechtfertigt und selber abwärts führt.
Die erstere pflegt stoisch, hart, tyrannisch zu sein (– der Stoizismus
selbst war eine solche Hemmschuh-Moral); die andere ist schwärmerisch,
sentimental, voller Geheimnisse, sie hat die Weiber und „schönen Gefühle“
für sich (– das erste Christentum war eine solche Moral).

Page 143

106.

Das Nachdenken über das Allgemeinste ist immer rückständig: die
letzten „Wünschbarkeiten“ über den Menschen zum Beispiel sind von den
Philosophen eigentlich niemals als Problem genommen worden. Die
„Verbesserung“ des Menschen wird von ihnen allen naiv angesetzt, wie
als ob wir durch irgendeine Intuition über das Fragezeichen hinausgehoben
wären, warum gerade „verbessern“? Inwiefern ist es wünschbar, daß der
Mensch tugendhafter wird? oder klüger? oder glücklicher? Gesetzt,
daß man nicht schon das „Warum?“ des Menschen überhaupt kennt, so hat
jede solche Absicht keinen Sinn; und wenn man das eine will, wer weiß?
vielleicht darf man dann das andere nicht wollen? Ist die Vermehrung der
Tugendhaftigkeit zugleich verträglich mit einer Vermehrung der Klugheit
und Einsicht? Dubito; ich werde nur zu viel Gelegenheit haben, das
Gegenteil zu beweisen. Ist die Tugendhaftigkeit als Ziel im rigorosen Sinne
nicht tatsächlich bisher im Widerspruch mit dem Glücklichwerden
gewesen? braucht sie andererseits nicht das Unglück, die Entbehrung und
Selbstmißhandlung als notwendiges Mittel? Und wenn die höchste
Einsicht das Ziel wäre, müßte man nicht eben damit die Steigerung des
Glücks ablehnen? und die Gefahr, das Abenteuer, das Mißtrauen, die
Verführung als Weg zur Einsicht wählen?.. Und will man Glück, nun, so
muß man vielleicht zu den „Armen des Geistes“ sich gesellen.

Page 144

107.

Es fehlt das Wissen und Bewußtsein davon, welche Umdrehungen
bereits das moralische Urteil durchgemacht hat und wie wirklich mehrere
Male schon im gründlichsten Sinne „Böse“ auf „Gut“ umgetauft worden ist.
Auf eine dieser Verschiebungen habe ich mit dem Gegensatze „Sittlichkeit
der Sitte“ hingewiesen. Auch das Gewissen hat seine Sphäre vertauscht: es
gab einen Herden-Gewissensbiß.

Page 145

108.

Die Vorherrschaft der moralischen Werte. – Folgen dieser
Vorherrschaft: die Verderbnis der Psychologie usw., das Verhängnis überall,
das an ihr hängt. Was bedeutet diese Vorherrschaft? Worauf weist sie hin?

Auf eine gewisse größere Dringlichkeit eines bestimmten Ja und
Nein auf diesem Gebiete. Man hat alle Arten Imperative darauf
verwendet, um die moralischen Werte als fest erscheinen zu lassen: sie sind
am längsten kommandiert worden: – sie scheinen instinktiv, wie innere
Kommandos. Es drücken sich Erhaltungsbedingungen der Sozietät
darin aus, daß die moralischen Werte als undiskutierbar empfunden
werden. Die Praxis: das will heißen, die Nützlichkeit, untereinander sich
über die obersten Werte zu verstehen, hat hier eine Art Sanktion erlangt.
Wir sehen alle Mittel angewendet, wodurch das Nachdenken und die
Kritik auf diesem Gebiete lahmgelegt wird: – welche Attitüde nimmt noch
Kant an! Nicht zu reden von denen, welche es als unmoralisch ablehnen,
hier zu „forschen“ –

Page 146

109.

Was ist das Kriterium der unmoralischen Handlung? 1. ihre
Uneigennützigkeit, 2. ihre Allgemeingültigkeit usw. Aber das ist
Stubenmoralistik. Man muß die Völker studieren und zusehen, was
jedesmal das Kriterium ist und was sich darin ausdrückt: ein Glaube „ein
solches Verhalten gehört zu unseren ersten Existenzbedingungen“.
Unmoralisch heißt „untergang-bringend“. Nun sind alle diese
Gemeinschaften, in denen diese Gesetze gefunden wurden, zugrunde
gegangen: einzelne dieser Sätze sind immer von neuem unterstrichen
worden, weil jede neu sich bildende Gemeinschaft sie wieder nötig hatte,
zum Beispiel „du sollst nicht stehlen“. Zu Zeiten, wo das Gemeingefühl für
die Gesellschaft (zum Beispiel im imperium Romanum) nicht verlangt
werden konnte, warf sich der Trieb aufs „Heil der Seele“, religiös
gesprochen: oder „das größte Glück“, philosophisch geredet. Denn auch die
griechischen Moralphilosophen empfanden nicht mehr mit ihrer πόλις.

Page 147

110.

Unsre heiligsten Überzeugungen, unser Unwandelbares in Hinsicht auf
oberste Werte sind Urteile unsrer Muskeln.

Page 148

111.

Daß der Wert einer Handlung von dem abhängen soll, was ihr im
Bewußtsein vorausging – wie falsch ist das! – Und man hat die Moralität
danach bemessen, selbst die Kriminalität....
Der Wert einer Handlung muß nach ihren Folgen bemessen werden –
sagen die Utilitarier – : sie nach ihrer Herkunft zu messen, impliziert eine
Unmöglichkeit, nämlich diese zu wissen.
Aber weiß man die Folgen? Fünf Schritt weit vielleicht. Wer kann sagen,
was eine Handlung anregt, aufregt, wider sich erregt? Als Stimulans? Als
Zündfunke vielleicht für einen Explosivstoff?.... Die Utilitarier sind naiv....
Und zuletzt müssen wir erst wissen, was nützlich ist: auch hier geht ihr
Blick nur fünf Schritt weit.... Sie haben keinen Begriff von der großen
Ökonomie, die des Übels nicht zu entraten weiß.
Man weiß die Herkunft nicht, man weiß die Folgen nicht: – hat folglich
eine Handlung überhaupt einen Wert?
Bleibt die Handlung selbst: ihre Begleiterscheinungen im Bewußtsein,
das Ja und das Nein, das ihrer Ausführung folgt: liegt der Wert einer
Handlung in den subjektiven Begleiterscheinungen? (– das hieße den Wert
der Musik nach dem Vergnügen oder Mißvergnügen abmessen, das sie uns
macht.... das sie ihrem Komponisten macht....). Sichtlich begleiten sie
Wertgefühle, ein Macht-, ein Zwang-, ein Ohnmachtsgefühl zum Beispiel,
die Freiheit, die Leichtigkeit, – anders gefragt: könnte man den Wert einer
Handlung auf physiologische Werte reduzieren: ob sie ein Ausdruck des
vollständigen oder gehemmten Lebens ist? – Es mag sein, daß sich ihr
biologischer Wert darin ausdrückt....
Wenn also die Handlung weder nach ihrer Herkunft, noch nach ihren
Folgen, noch nach ihren Begleiterscheinungen abwertbar ist, so ist ihr Wert
x, unbekannt....

Page 149

112.

Es ist eine Entnatürlichung der Moral, daß man die Handlung
abtrennt vom Menschen; daß man den Haß oder die Verachtung gegen die
„Sünde“ wendet; daß man glaubt, es gebe Handlungen, welche an sich gut
oder schlecht sind.
Wiederherstellung der „Natur“: eine Handlung an sich ist
vollkommen leer an Wert: es kommt alles darauf an, wer sie tut. Ein und
dasselbe „Verbrechen“ kann im einen Fall das höchste Vorrecht, im andern
das Brandmal sein. Tatsächlich ist es die Selbstsucht der Urteilenden,
welche eine Handlung, respektive ihren Täter, auslegt im Verhältnis zum
eigenen Nutzen oder Schaden (– oder im Verhältnis zur Ähnlichkeit oder
Nichtverwandtschaft mit sich).

Page 150

113.

Moral als Versuch, den menschlichen Stolz herzustellen. – Die
Theorie vom „freien Willen“ ist antireligiös. Sie will dem Menschen ein
Anrecht schaffen, sich für seine hohen Zustände und Handlungen als
Ursache denken zu dürfen: sie ist eine Form des wachsenden
Stolzgefühls.
Der Mensch fühlt seine Macht, sein „Glück“, wie man sagt: es muß
„Wille“ sein vor diesem Zustand, – sonst gehört er ihm nicht an. Die
Tugend ist der Versuch, ein Faktum von Wollen und Gewollt-haben als
notwendiges Antezedenz vor jedes hohe und starke Glücksgefühl zu setzen:
– wenn regelmäßig der Wille zu gewissen Handlungen im Bewußtsein
vorhanden ist, so darf ein Machtgefühl als dessen Wirkung ausgelegt
werden. – Das ist eine bloße Optik der Psychologie: immer unter der
falschen Voraussetzung, daß uns nichts zugehört, was wir nicht als gewollt
im Bewußtsein haben. Die ganze Verantwortlichkeitslehre hängt an dieser
naiven Psychologie, daß nur der Wille Ursache ist, und daß man wissen
muß, gewollt zu haben, um sich als Ursache glauben zu dürfen.
– Kommt die Gegenbewegung: die der Moralphilosophen, immer
noch unter dem gleichen Vorurteil, daß man nur für etwas verantwortlich
ist, das man gewollt hat. Der Wert des Menschen, als moralischer Wert
angesetzt: folglich muß seine Moralität eine causa prima sein; folglich muß
ein Prinzip im Menschen sein, ein „freier Wille“ als causa prima. – Hier ist
immer der Hintergedanke: wenn der Mensch nicht causa prima ist als
Wille, so ist er unverantwortlich, – folglich gehört er gar nicht vor das
moralische Forum, – die Tugend oder das Laster wären automatisch und
machinal....
In summa: damit der Mensch vor sich Achtung haben kann, muß er fähig
sein, auch böse zu werden.

Page 151

114.

Die Schauspielerei als Folge der Moral des „freien Willens“. – Es ist
ein Schritt in der Entwicklung des Machtgefühls selbst, seine hohen
Zustände (seine Vollkommenheit) selber auch verursacht zu haben, –
folglich, schloß man sofort, gewollt zu haben....
(Kritik: Alles vollkommene Tun ist gerade unbewußt und nicht mehr
gewollt; das Bewußtsein drückt einen unvollkommenen und oft krankhaften
Personalzustand aus. Die persönliche Vollkommenheit als bedingt
durch Willen, als Bewußtsein, als Vernunft mit Dialektik, ist eine
Karikatur, eine Art von Selbstwiderspruch.... Der Grad von Bewußtheit
macht ja die Vollkommenheit unmöglich.. Form der Schauspielerei.)

Page 152

115.

Kritik der subjektiven Wertgefühle. – Das Gewissen. Ehemals
schloß man: das Gewissen verwirft diese Handlung; folglich ist diese
Handlung verwerflich. Tatsächlich verwirft das Gewissen eine Handlung,
weil dieselbe lange verworfen worden ist. Es spricht bloß nach: es schafft
keine Werte. Das, was ehedem dazu bestimmte, gewisse Handlungen zu
verwerfen, war nicht das Gewissen: sondern die Einsicht (oder das
Vorurteil) hinsichtlich ihrer Folgen.... Die Zustimmung des Gewissens, das
Wohlgefühl des „Friedens mit sich“ ist von gleichem Range wie die Lust
eines Künstlers an seinem Werke, – sie beweist gar nichts.... Die
Selbstzufriedenheit ist so wenig ein Wertmaß für das, worauf sie sich
bezieht, als ihr Mangel ein Gegenargument gegen den Wert einer Sache.
Wir wissen bei weitem nicht genug, um den Wert unsrer Handlungen
messen zu können: es fehlt uns zu alledem die Möglichkeit, objektiv dazu
zu stehen: auch wenn wir eine Handlung verwerfen, sind wir nicht Richter,
sondern Partei.... Die edlen Wallungen, als Begleiter von Handlungen,
beweisen nichts für deren Wert: ein Künstler kann mit dem allerhöchsten
Pathos des Zustandes eine Armseligkeit zur Welt bringen. Eher sollte man
sagen, daß diese Wallungen verführerisch seien: sie locken unsern Blick,
unsre Kraft ab von der Kritik, von der Vorsicht, von dem Verdacht, daß wir
eine Dummheit machen.. sie machen uns dumm –

Page 153

116.

Wir sind die Erben der Gewissensvivisektion und Selbstkreuzigung von
zwei Jahrtausenden: darin ist unsre längste Übung, unsre Meisterschaft
vielleicht, unser Raffinement in jedem Fall; wir haben die natürlichen
Hänge mit dem bösen Gewissen verschwistert.
Ein umgekehrter Versuch wäre möglich: die unnatürlichen Hänge, ich
meine die Neigungen zum Jenseitigen, Sinnwidrigen, Denkwidrigen,
Naturwidrigen, kurz die bisherigen Ideale, die allesamt
Weltverleumdungsideale waren, mit dem schlechten Gewissen zu
verschwistern.

Page 154

117.

Die großen Verbrechen in der Psychologie:
1. Daß alle Unlust, alles Unglück mit dem Unrecht (der Schuld)
gefälscht worden ist (man hat dem Schmerz die Unschuld genommen);
2. daß alle starken Lustgefühle (Übermut, Wollust, Triumph, Stolz,
Verwegenheit, Erkenntnis, Selbstgewißheit und Glück an sich) als sündlich,
als Verführung, als verdächtig gebrandmarkt worden sind;
3. daß die Schwächegefühle, die innerlichsten Feigheiten, der Mangel
an Mut zu sich selbst mit heiligenden Namen belegt und als wünschenswert
im höchsten Sinne gelehrt worden sind;
4. daß alles Große am Menschen umgedeutet worden ist als
Entselbstung, als Sichopfern für etwas anderes, für andere; daß selbst am
Erkennenden, selbst am Künstler die Entpersönlichung als die Ursache
seines höchsten Erkennens und Könnens vorgespiegelt worden ist;
5. daß die Liebe gefälscht worden ist als Hingebung (und Altruismus),
während sie ein Hinzunehmen ist oder ein Abgeben infolge eines
Überreichtums von Persönlichkeit. Nur die ganzesten Personen können
lieben; die Entpersönlichten, die „Objektiven“ sind die schlechtesten
Liebhaber (– man frage die Weibchen!). Das gilt auch von der Liebe zu
Gott, oder zum „Vaterland“: man muß fest auf sich selber sitzen. (Der
Egoismus als die Ver-Ichlichung, der Altruismus als die Ver-Änderung).
6. Das Leben als Strafe, das Glück als Versuchung; die Leidenschaften
als teuflisch, das Vertrauen zu sich als gottlos.
Diese ganze Psychologie ist eine Psychologie der
Verhinderung, eine Art Vermauerung aus Furcht; einmal will sich die
große Menge (die Schlechtweggekommenen und Mittelmäßigen) damit
wehren gegen die Stärkeren (– und sie in der Entwicklung zerstören....),
andrerseits alle die Triebe, mit denen sie selbst am besten gedeiht, heiligen
und allein in Ehren gehalten wissen. Vergleiche die jüdische Priesterschaft.

Page 155

118.

Die Überreste der Naturentwertung durch Moral-Transzendenz:
Wert der Entselbstung, Kultus des Altruismus: Glaube an eine
Vergeltung innerhalb des Spiels der Folgen; Glaube an die „Güte“, an das
„Genie“ selbst, wie als ob das eine wie das andere Folgen der
Entselbstung wären; die Fortdauer der kirchlichen Sanktion des
bürgerlichen Lebens; absolutes Mißverstehen-wollen der Historie (als
Erziehungswerk zur Moralisierung) oder Pessimismus im Anblick der
Historie (– letzterer so gut eine Folge der Naturentwertung wie jene
Pseudorechtfertigung, jenes Nicht-Sehen-wollen dessen, was der
Pessimist sieht....).

Page 156

119.

„Die Moral um der Moral willen“ – eine wichtige Stufe in ihrer
Entnaturalisierung: sie erscheint selbst als letzter Wert. In dieser Phase hat
sie die Religion mit sich durchdrungen: im Judentum zum Beispiel. Und
ebenso gibt es eine Phase, wo sie die Religion wieder von sich abtrennt
und wo ihr kein Gott „moralisch“ genug ist: dann zieht sie das
unpersönliche Ideal vor.... Das ist jetzt der Fall.
„Die Kunst um der Kunst willen“ – das ist ein gleichgefährliches
Prinzip: damit bringt man einen falschen Gegensatz in die Dinge, – es läuft
auf eine Realitätsverleumdung („Idealisierung“ ins Häßliche) hinaus.
Wenn man ein Ideal ablöst vom Wirklichen, so stößt man das Wirkliche
hinab, man verarmt es, man verleumdet es. „Das Schöne um des
Schönen willen“, „das Wahre um des Wahren willen“, „das Gute
um des Guten willen“ – das sind drei Formen des bösen Blicks für
das Wirkliche.
– Kunst, Erkenntnis, Moral sind Mittel: statt die Absicht auf
Steigerung des Lebens in ihnen zu erkennen, hat man sie zu einem
Gegensatz des Lebens in Bezug gebracht, zu „Gott“, – gleichsam als
Offenbarungen einer höheren Welt, die durch diese hier und da
hindurchblickt....
„Schön und häßlich“, „wahr und falsch“, „gut und böse“ – diese
Scheidungen verraten Daseins- und Steigerungsbedingungen, nicht vom
Menschen überhaupt, sondern von irgendwelchen festen und dauerhaften
Komplexen, welche ihre Widersacher von sich abtrennen. Der Krieg, der
damit geschaffen wird, ist das Wesentliche daran: als Mittel der
Absonderung, die die Isolation verstärkt....

Page 157

120.

Daß man endlich die menschlichen Werte wieder hübsch in die Ecke
zurücksetze, in der sie allein ein Recht haben: als Eckensteherwerte. Es sind
schon viele Tierarten verschwunden; gesetzt, daß auch der Mensch
verschwände, so würde nichts in der Welt fehlen. Man muß Philosoph
genug sein, um auch dies Nichts zu bewundern (– Nil admirari –).

Page 158

121.

Der Mensch, eine kleine, überspannte Tierart, die – glücklicherweise –
ihre Zeit hat; das Leben auf der Erde überhaupt ein Augenblick, ein
Zwischenfall, eine Ausnahme ohne Folge, etwas, das für den
Gesamtcharakter der Erde belanglos bleibt; die Erde selbst, wie jedes
Gestirn, ein Hiatus zwischen zwei Nichtsen, ein Ereignis ohne Plan,
Vernunft, Wille, Selbstbewußtsein, die schlimmste Art des Notwendigen,
die dumme Notwendigkeit.... Gegen diese Betrachtung empört sich etwas
in uns; die Schlange Eitelkeit redet uns zu, „das alles muß falsch sein:
denn es empört.... Könnte das nicht alles nur Schein sein? Und der Mensch
trotzalledem, mit Kant zu reden – –“

Page 159

122.

Der Sieg eines moralischen Ideals wird durch dieselben
„unmoralischen“ Mittel errungen wie jeder Sieg: Gewalt, Lüge,
Verleumdung, Ungerechtigkeit.

Page 160

123.

Wer weiß, wie aller Ruhm entsteht, wird einen Argwohn auch gegen den
Ruhm haben, den die Tugend genießt.

Page 161

124.

Vom Ideal des Moralisten. – Dieser Traktat handelt von der großen
Politik der Tugend. Wir haben ihn denen zum Nutzen bestimmt, welchen
daran liegen muß, zu lernen, nicht wie man tugendhaft wird, sondern wie
man tugendhaft macht, – wie man die Tugend zur Herrschaft bringt.
Ich will sogar beweisen, daß, um dies eine zu wollen – die Herrschaft der
Tugend –, man grundsätzlich das andere nicht wollen darf; eben damit
verzichtet man darauf, tugendhaft zu werden. Dies Opfer ist groß: aber ein
solches Ziel lohnt vielleicht solch ein Opfer. Und selbst noch größere....
Und einige von den berühmten Moralisten haben so viel riskiert. Von diesen
nämlich wurde bereits die Wahrheit erkannt und vorweggenommen, welche
mit diesem Traktat zum ersten Male gelehrt werden soll: daß man die
Herrschaft der Tugend schlechterdings nur durch dieselben Mittel
erreichen kann, mit denen man überhaupt eine Herrschaft erreicht,
jedenfalls nicht durch die Tugend..
Dieser Traktat handelt, wie gesagt, von der Politik der Tugend: er setzt
ein Ideal dieser Politik an, er beschreibt sie so, wie sie sein müßte, wenn
etwas auf dieser Erde vollkommen sein könnte. Nun wird kein Philosoph
darüber in Zweifel sein, was der Typus der Vollkommenheit in der Politik
ist; nämlich der Macchiavellismus. Aber der Macchiavellismus, pur, sans
mélange, cru, vert, dans toute sa force, dans toute son âpreté ist
übermenschlich, göttlich, transzendent, er wird von Menschen nie erreicht,
höchstens gestreift. Auch in dieser engeren Art von Politik, in der Politik
der Tugend, scheint das Ideal nie erreicht worden zu sein. Auch Plato hat es
nur gestreift. Man entdeckt, gesetzt, daß man Augen für versteckte Dinge
hat, selbst noch an den unbefangensten und bewußtesten Moralisten (und
das ist ja der Name für solche Politiker der Moral, für jede Art Begründer
neuer Moralgewalten) Spuren davon, daß auch sie der menschlichen
Schwäche ihren Tribut gezollt haben. Sie alle aspirierten, zum
mindesten in ihrer Ermüdung, auch für sich selbst zur Tugend: erster und
kapitaler Fehler eines Moralisten, – als welcher Immoralist der Tat zu
sein hat. Daß er gerade das nicht scheinen darf, ist eine andere Sache.
Oder vielmehr, es ist nicht eine andere Sache: es gehört eine solche
grundsätzliche Selbstverleugnung (moralisch ausgedrückt, Verstellung) mit

Page 162

hinein in den Kanon des Moralisten und seiner eigensten Pflichtenlehre:
ohne sie wird er niemals zu seiner Art Vollkommenheit gelangen. Freiheit
von der Moral, auch von der Wahrheit, um jenes Zieles willen, das
jedes Opfer aufwiegt: um der Herrschaft der Moral willen, – so lautet
jener Kanon. Die Moralisten haben die Attitüde der Tugend nötig, auch
die Attitüde der Wahrheit; ihr Fehler beginnt erst, wo sie der Tugend
nachgeben, wo sie die Herrschaft über die Tugend verlieren, wo sie selbst
moralisch werden, wahr werden. Ein großer Moralist ist unter anderem
notwendig auch ein großer Schauspieler; seine Gefahr ist, daß seine
Verstellung unversehens Natur wird, wie es sein Ideal ist, sein esse und sein
operari auf eine göttliche Weise auseinander zu halten; alles, was er tut,
muß er sub specie boni tun, – ein hohes, fernes, anspruchsvolles Ideal! Ein
göttliches Ideal! Und in der Tat geht die Rede, daß der Moralist damit
kein geringeres Vorbild nachahmt als Gott selbst: Gott, diesen größten
Immoralisten der Tat, den es gibt, der aber nichtsdestoweniger zu bleiben
versteht, was er ist, der gute Gott....

Page 163

125.

Mit der Tugend selbst gründet man nicht die Herrschaft der Tugend; mit
der Tugend selbst verzichtet man auf Macht, verliert den Willen zur Macht.

Page 164

126.

Mit welchen Mitteln eine Tugend zur Macht kommt? – Genau
mit den Mitteln einer politischen Partei: Verleumdung, Verdächtigung,
Unterminierung der entgegenstrebenden Tugenden, die schon in der Macht
sind, Umtaufung ihres Namens, systematische Verfolgung und Verhöhnung.
Also: durch lauter „Immoralitäten“.
Was eine Begierde mit sich selber macht, um zur Tugend zu werden?
– Die Umtaufung; die prinzipielle Verleugnung ihrer Absichten; die Übung
im Sich-Mißverstehen; die Allianz mit bestehenden und anerkannten
Tugenden; die affichierte Feindschaft gegen deren Gegner. Womöglich den
Schutz heiligender Mächte erkaufen; berauschen, begeistern; die Tartüfferie
des Idealismus; eine Partei gewinnen, die entweder mit ihr obenauf
kommt oder zugrunde geht...., unbewußt, naiv werden....

Page 165

127.

Die Moral in der Wertung von Rassen und Ständen. – In
Anbetracht, daß Affekte und Grundtriebe bei jeder Rasse und bei jedem
Stande etwas von ihren Existenzbedingungen ausdrücken (– zum mindesten
von den Bedingungen, unter denen sie die längste Zeit sich durchgesetzt
haben), heißt verlangen, daß sie „tugendhaft“ sind:
daß sie ihren Charakter wechseln, aus der Haut fahren und ihre
Vergangenheit auswischen:
heißt, daß sie aufhören sollen, sich zu unterscheiden:
heißt, daß sie in Bedürfnissen und Ansprüchen sich anähnlichen sollen, –
deutlicher, daß sie zugrunde gehen...
Der Wille zu einer Moral erweist sich somit als die Tyrannei jener Art,
der diese eine Moral auf den Leib geschnitten ist, über andere Arten: es ist
die Vernichtung oder die Uniformierung zugunsten der herrschenden (sei es,
um ihr nicht mehr furchtbar zu sein, sei es, um von ihr ausgenutzt zu
werden). „Aufhebung der Sklaverei“ – angeblich ein Tribut an die
„Menschenwürde“, in Wahrheit eine Vernichtung einer
grundverschiedenen Spezies (– Untergrabung ihrer Werte und ihres Glücks
–).
Worin eine gegnerische Rasse oder ein gegnerischer Stand seine Stärke
hat, das wird ihm als sein Bösestes, Schlimmstes ausgelegt: denn damit
schadet er uns (– seine „Tugenden“ werden verleumdet und umgetauft).
Es gilt als Einwand gegen Mensch und Volk, wenn er uns schadet:
aber von seinem Gesichtspunkt aus sind wir ihm erwünscht, weil wir
solche sind, von denen man Nutzen haben kann.
Die Forderung der „Vermenschlichung“ (welche ganz naiv sich im Besitz
der Formel „was ist menschlich?“ glaubt) ist eine Tartüfferie, unter der sich
eine ganz bestimmte Art Mensch zur Herrschaft zu bringen sucht: genauer,
ein ganz bestimmter Instinkt, der Herdeninstinkt. – „Gleichheit der
Menschen“: was sich verbirgt unter der Tendenz, immer mehr Menschen
als Menschen gleich zu setzen.

Page 166

Die „Interessiertheit“ in Hinsicht auf die gemeine Moral.
(Kunstgriff: die großen Begierden Herrschsucht und Habsucht zu
Protektoren der Tugend zu machen).
Inwiefern alle Art Geschäftsmänner und Habsüchtige, alles, was
Kredit geben und in Anspruch nehmen muß, es nötig hat, auf gleichen
Charakter und gleichen Wertbegriff zu dringen: der Welthandel und -
austausch jeder Art erzwingt und kauft sich gleichsam die Tugend.
Insgleichen der Staat und jede Art Herrschaft in Hinsicht auf Beamte
und Soldaten; insgleichen die Wissenschaft, um mit Vertrauen und
Sparsamkeit der Kräfte zu arbeiten. – Insgleichen die Priesterschaft.
– Hier wird also die gemeine Moral erzwungen, weil mit ihr ein Vorteil
errungen wird; und um sie zum Sieg zu bringen, wird Krieg und Gewalt
geübt gegen die Unmoralität – nach welchem „Rechte“? Nach gar keinem
Rechte: sondern gemäß dem Selbsterhaltungsinstinkt. Dieselben Klassen
bedienen sich der Immoralität, wo sie ihnen nützt.

Page 167

2. Die moralischen Ideale.

Page 168

128.
Zur Kritik der Ideale.

Diese so beginnen, daß man das Wort „Ideal“ abschafft: Kritik der
Wünschbarkeiten.

Page 169

129.

Ein Mensch, wie er sein soll: das klingt uns so abgeschmackt wie: „ein
Baum, wie er sein soll“.

Page 170

130.

Ethik: oder „Philosophie der Wünschbarkeit“. – „Es sollte anders sein“,
„es soll anders werden“: die Unzufriedenheit wäre also der Keim der
Ethik.
Man könnte sich retten, erstens, indem man auswählt, wo man nicht das
Gefühl hat: zweitens indem man die Anmaßung und Albernheit begreift:
denn verlangen, daß etwas anders ist, als es ist, heißt: verlangen, daß alles
anders ist, – es enthält eine verwerfende Kritik des Ganzen. Aber Leben
ist selbst ein solches Verlangen!
Feststellen, was ist, wie es ist, scheint etwas unsäglich Höheres, Ernsteres
als jedes „So sollte es sein“, weil letzteres als menschliche Kritik und
Anmaßung von vornherein zur Lächerlichkeit verurteilt erscheint. Es drückt
sich darin ein Bedürfnis aus, welches verlangt, daß unserem menschlichen
Wohlbefinden die Einrichtung der Welt entspricht; auch der Wille, so viel
als möglich auf diese Aufgabe hin zu tun.
Andrerseits hat nur dieses Verlangen „so sollte es sein“ jenes andre
Verlangen, was ist, hervorgerufen. Das Wissen nämlich darum, was ist, ist
bereits eine Konsequenz jenes Fragens „wie? ist es möglich? warum gerade
so?“ Die Verwunderung über die Nichtübereinstimmung unsrer Wünsche
und des Weltlaufs hat dahin geführt, den Weltlauf kennen zu lernen.
Vielleicht steht es noch anders: vielleicht ist jenes „so sollte es sein“ unser
Weltüberwältigungswunsch, – –

Page 171

131.

Der Begriff „verwerfliche Handlung“ macht uns Schwierigkeit. Nichts
von alledem, was überhaupt geschieht, kann an sich verwerflich sein: denn
man dürfte es nicht weghaben wollen: denn jegliches ist so mit allem
verbunden, daß irgend etwas ausschließen wollen alles ausschließen heißt.
Eine verwerfliche Handlung heißt: eine verworfene Welt überhaupt....
Und selbst dann noch: in einer verworfenen Welt würde auch noch das
Verwerfen verwerflich sein.... Und die Konsequenz einer Denkweise,
welche alles verwirft, wäre eine Praxis, die alles bejaht.... Wenn das Werden
ein großer Ring ist, so ist jegliches gleich wert, ewig, notwendig. – In allen
Korrelationen von Ja und Nein, von Vorziehen und Abweisen, Lieben und
Hassen drückt sich nur eine Perspektive, ein Interesse bestimmter Typen
des Lebens aus: an sich redet alles, was ist, das Ja.

Page 172

132.

Die Moral ist gerade so „unmoralisch“ wie jedwedes andre Ding auf
Erden; die Moralität selbst ist eine Form der Unmoralität.
Große Befreiung, welche diese Einsicht bringt. Der Gegensatz ist aus
den Dingen entfernt, die Einartigkeit in allem Geschehen ist gerettet – –

Page 173

133.

Heute, wo uns jedes „so und so soll der Mensch sein“ eine kleine Ironie
in den Mund legt, wo wir durchaus daran festhalten, daß man, trotz allem,
nur das wird, was man ist (trotz allem: will sagen Erziehung, Unterricht,
Milieu, Zufälle und Unfälle), haben wir in Dingen der Moral auf eine
kuriose Weise das Verhältnis von Ursache und Folge umdrehen gelernt, –
nichts unterscheidet uns vielleicht gründlicher von den alten
Moralgläubigen. Wir sagen zum Beispiel nicht mehr, „das Laster ist die
Ursache davon, daß ein Mensch auch physiologisch zugrunde geht“; wir
sagen ebensowenig „durch die Tugend gedeiht ein Mensch, sie bringt
langes Leben und Glück“. Unsre Meinung ist vielmehr, daß Laster und
Tugend keine Ursachen, sondern nur Folgen sind. Man wird ein
anständiger Mensch, weil man ein anständiger Mensch ist, das heißt, weil
man als Kapitalist guter Instinkte und gedeihlicher Verhältnisse geboren
ist.... Kommt man arm zur Welt, von Eltern her, welche in allem nur
verschwendet und nichts gesammelt haben, so ist man „unverbesserlich“,
will sagen reif für Zuchthaus und Irrenhaus.... Wir wissen heute die
moralische Degenereszenz nicht mehr abgetrennt von der physiologischen
zu denken: sie ist ein bloßer Symptomenkomplex der letzteren; man ist
notwendig schlecht, wie man notwendig krank ist.... Schlecht: das Wort
drückt hier gewisse Unvermögen aus, die physiologisch mit dem Typus
der Degenereszenz verbunden sind: zum Beispiel die Schwäche des
Willens, die Unsicherheit und selbst Mehrheit der „Person“, die Ohnmacht,
auf irgendeinen Reiz hin die Reaktion auszusetzen und sich zu
„beherrschen“, die Unfreiheit vor jeder Art Suggestion eines fremden
Willens. Laster ist keine Ursache; Laster ist eine Folge.... Laster ist eine
ziemlich willkürliche Begriffsabgrenzung, um gewisse Folgen der
physiologischen Entartung zusammenzufassen. Ein allgemeiner Satz, wie
ihn das Christentum lehrte, „der Mensch ist schlecht“, würde berechtigt
sein, wenn es berechtigt wäre, den Typus des Degenerierten als
Normaltypus des Menschen zu nehmen. Aber das ist vielleicht eine
Übertreibung. Gewiß hat der Satz überall dort ein Recht, wo gerade das
Christentum gedeiht und obenauf ist: denn damit ist ein morbider Boden
bewiesen, ein Gebiet für Degenereszenz.

Page 174

134.

Man kann nicht genug Achtung vor dem Menschen haben, sobald man
ihn daraufhin ansieht, wie er sich durchzuschlagen, auszuhalten, die
Umstände sich zunutze zu machen, Widersacher niederzuwerfen versteht;
sieht man dagegen auf den Menschen, sofern er wünscht, ist er die
absurdeste Bestie.... Es ist gleichsam, als ob er einen Tummelplatz der
Feigheit, Faulheit, Schwächlichkeit, Süßlichkeit, Untertänigkeit zur
Erholung für seine starken und männlichen Tugenden brauchte: siehe die
menschlichen Wünschbarkeiten, seine „Ideale“. Der wünschende
Mensch erholt sich von dem Ewig-Wertvollen an ihm, von seinem Tun: im
Nichtigen, Absurden, Wertlosen, Kindischen. Die geistige Armut und
Erfindungslosigkeit ist bei diesem so erfinderischen und auskunftsreichen
Tier erschrecklich. Das „Ideal“ ist gleichsam die Buße, die der Mensch
zahlt, für den ungeheuren Aufwand, den er in allen wirklichen und
dringlichen Aufgaben zu bestreiten hat. Hört die Realität auf, so kommt der
Traum, die Ermüdung, die Schwäche: „das Ideal“ ist geradezu eine Form
von Traum, Ermüdung, Schwäche.... Die stärksten und die ohnmächtigsten
Naturen werden sich gleich, wenn dieser Zustand über sie kommt: sie
vergöttlichen das Aufhören der Arbeit, des Kampfes, der
Leidenschaften, der Spannung, der Gegensätze, der „Realität“ in
summa.... des Ringens um Erkenntnis, der Mühe der Erkenntnis.
„Unschuld“: so heißen sie den Idealzustand der Verdummung;
„Seligkeit“: den Idealzustand der Faulheit; „Liebe“: den Idealzustand des
Herdentieres, das keinen Feind mehr haben will. Damit hat man alles, was
den Menschen erniedrigt und herunterbringt, ins Ideal erhoben.

Page 175

135.

Die Begierde vergrößert das, was man haben will; sie wächst selbst
durch Nichterfüllung, – die größten Ideen sind die, welche die heftigste
und längste Begierde geschaffen hat. Wir legen den Dingen immer mehr
Wert bei, je mehr unsre Begierde nach ihnen wächst: wenn die
„moralischen Werte“ die höchsten Werte geworden sind, so verrät dies,
daß das moralische Ideal das unerfüllteste gewesen ist (– insofern es
galt als Jenseits alles Leids, als Mittel der Seligkeit). Die Menschheit
hat mit immer wachsender Brunst nur Wolken umarmt: sie hat endlich ihre
Verzweiflung, ihr Unvermögen „Gott“ genannt....

Page 176

136.

Was ist die Falschmünzerei an der Moral? – Sie gibt vor, etwas zu
wissen, nämlich was „gut und böse“ sei. Das heißt wissen wollen, wozu
der Mensch da ist, sein Ziel, seine Bestimmung zu kennen. Das heißt
wissen wollen, daß der Mensch ein Ziel, eine Bestimmung habe –

Page 177

137.

Daß die Menschheit eine Gesamtaufgabe zu lösen habe, daß sie als
Ganzes irgend einem Ziel entgegenlaufe, diese sehr unklare und
willkürliche Vorstellung ist noch sehr jung. Vielleicht wird man sie wieder
los, bevor sie eine „fixe Idee“ wird.... Sie ist kein Ganzes, diese
Menschheit: sie ist eine unlösbare Vielheit von aufsteigenden und
niedersteigenden Lebensprozessen, – sie hat nicht eine Jugend und darauf
eine Reife und endlich ein Alter. Nämlich die Schichten liegen
durcheinander und übereinander – und in einigen Jahrtausenden kann es
immer noch jüngere Typen Mensch geben, als wir sie heute nachweisen
können. Die décadence andererseits gehört zu allen Epochen der
Menschheit: überall gibt es Auswurf- und Verfallstoffe, es ist ein
Lebensprozeß selbst, das Ausscheiden der Niedergangs- und Abfallsgebilde.
Unter der Gewalt des christlichen Vorurteils gab es diese Frage gar
nicht: der Sinn lag in der Errettung der einzelnen Seele; das Mehr oder
Weniger in der Dauer der Menschheit kam nicht in Betracht. Die besten
Christen wünschten, daß es möglichst bald ein Ende habe; – über das, was
dem einzelnen nottue, gab es keinen Zweifel.... Die Aufgabe stellte sich
jetzt für jeden einzelnen, wie in irgend welcher Zukunft für einen
Zukünftigen: der Wert, Sinn, Umkreis der Werte war fest, unbedingt, ewig,
eins mit Gott.... Das, was von diesem ewigen Typus abwich, war sündlich,
teuflisch, verurteilt....
Das Schwergewicht des Wertes lag für jede Seele in sich selber: Heil
oder Verdammnis! Das Heil der ewigen Seele! Extremste Form der
Verselbstung.... Für jede Seele gab es nur Eine Vervollkommnung; nur
Ein Ideal; nur Einen Weg zur Erlösung.... Extremste Form der
Gleichberechtigung, angeknüpft an eine optische Vergrößerung der
eigenen Wichtigkeit bis ins Unsinnige.... Lauter unsinnig wichtige Seelen,
mit entsetzlicher Angst um sich selbst gedreht....
Nun glaubt kein Mensch mehr an diese absurde Wichtigtuerei: und wir
haben unsere Weisheit durch ein Sieb der Verachtung geseiht. Trotzdem
bleibt unerschüttert die optische Gewöhnung, einen Wert des Menschen
in der Annäherung an einen idealen Menschen zu suchen: man hält im

Page 178

Grunde sowohl die Verselbstungsperspektive als die Gleichberechtigung
vor dem Ideal aufrecht. In summa: man glaubt zu wissen, was, in
Hinsicht auf den idealen Menschen, die letzte Wünschbarkeit ist....
Dieser Glaube ist aber nur die Folge einer ungeheuren Verwöhnung
durch das christliche Ideal: als welches man, bei jeder vorsichtigen Prüfung
des „idealen Typus“, sofort wieder herauszieht. Man glaubt, erstens, zu
wissen, daß die Annäherung an einen Typus wünschbar ist; zweitens, zu
wissen, welche Art dieser Typus ist; drittens, daß jede Abweichung von
diesem Typus ein Rückgang, eine Hemmung, ein Kraft- und Machtverlust
des Menschen ist.... Zustände träumen, wo dieser vollkommene Mensch
die ungeheure Zahlenmajorität für sich hat: höher haben es auch unsre
Sozialisten, selbst die Herren Utilitarier nicht gebracht. – Damit scheint ein
Ziel in die Entwicklung der Menschheit zu kommen: jedenfalls ist der
Glaube an einen Fortschritt zum Ideal die einzige Form, in der eine Art
Ziel in der Menschheitsgeschichte heute gedacht wird. In summa: man hat
die Ankunft des „Reiches Gottes“ in die Zukunft verlegt, auf die Erde,
ins Menschliche, – aber man hat im Grunde den Glauben an das alte Ideal
festgehalten....

Page 179

138.

Die Herkunft des Ideals. Untersuchung des Bodens, auf dem es
wächst.
A. Von den ästhetischen Zuständen ausgehen, wo die Welt voller, runder,
vollkommener gesehen wird – : das heidnische Ideal: darin die
Selbstbejahung vorherrschend (man gibt ab –). Der höchste Typus: das
klassische Ideal – als Ausdruck eines Wohlgeratenseins aller
Hauptinstinkte. Darin wieder der höchste Stil: der große Stil. Ausdruck
des „Willens zur Macht“ selbst. Der am meisten gefürchtete Instinkt wagt
sich zu bekennen.
B. Von Zuständen ausgehen, wo die Welt leerer, blässer, verdünnter
gesehen wird, wo die „Vergeistigung“ und Unsinnlichkeit den Rang des
Vollkommnen einnimmt, wo am meisten das Brutale, Tierisch-Direkte,
Nächste vermieden wird (– man rechnet ab, man wählt –): der
„Weise“, „der Engel“, priesterlich = jungfräulich = unwissend,
physiologische Charakteristik solcher Idealisten – : das anämische Ideal.
Unter Umständen kann es das Ideal solcher Naturen sein, welche das erste,
das heidnische darstellen (: so sieht Goethe in Spinoza seinen
„Heiligen“).
C. Von Zuständen ausgehen, wo wir die Welt absurder, schlechter, ärmer,
täuschender empfinden, als daß wir in ihr noch das Ideal vermuten oder
wünschen (– man negiert, man vernichtet –): die Projektion des Ideals
in das Widernatürliche, Widertatsächliche, Widerlogische; der Zustand
dessen, der so urteilt (– die „Verarmung“ der Welt als Folge des Leidens:
man nimmt, man gibt nicht mehr –): das widernatürliche Ideal.
(Das christliche Ideal ist ein Zwischengebilde zwischen dem
zweiten und dritten, bald mit dieser, bald mit jener Gestalt überwiegend.)
Die drei Ideale: A. Entweder eine Verstärkung des Lebens (–
heidnisch), oder B. eine Verdünnung des Lebens (– anämisch), oder
C. eine Verleugnung des Lebens (– widernatürlich). Die
„Vergöttlichung“ gefühlt: in der höchsten Fülle, – in der zartesten Auswahl,
– in der Zerstörung und Verachtung des Lebens.

Page 180

139.

Der Affekt, die große Begierde, die Leidenschaften der Macht, der Liebe,
der Rache, des Besitzes – : die Moralisten wollen sie auslöschen,
herausreißen, die Seele von ihnen „reinigen“.
Die Logik ist: die Begierden richten oft großes Unheil an, – folglich sind
sie böse, verwerflich. Der Mensch muß los von ihnen kommen: eher kann
er nicht ein guter Mensch sein....
Das ist dieselbe Logik wie: „ärgert dich ein Glied, so reiße es aus“. In
dem besonderen Fall, wie es jene gefährliche „Unschuld vom Lande“, der
Stifter des Christentums, seinen Jüngern zur Praxis empfahl, im Fall der
geschlechtlichen Irritabilität, folgt leider dies nicht nur, daß ein Glied fehlt,
sondern daß der Charakter des Menschen entmannt ist.... Und das Gleiche
gilt von dem Moralistenwahnsinn, welcher, statt der Bändigung, die
Exstirpation der Leidenschaften verlangt. Ihr Schluß ist immer: erst der
entmannte Mensch ist der gute Mensch.
Die großen Kraftquellen, jene oft so gefährlich und überwältigend
hervorströmenden Wildwasser der Seele, statt ihre Macht in Dienst zu
nehmen und zu ökonomisieren, will diese kurzsichtigste und
verderblichste Denkweise, die Moraldenkweise, versiegen machen.

Page 181

140.

Die Intoleranz der Moral ist ein Ausdruck von der Schwäche des
Menschen: er fürchtet sich vor seiner „Unmoralität“, er muß seine stärksten
Triebe verneinen, weil er sie noch nicht zu benutzen weiß. So liegen die
fruchtbarsten Striche der Erde am längsten unbebaut: – die Kraft fehlt, die
hier Herr werden könnte....

Page 182

141.

Überwindung der Affekte? – Nein, wenn es Schwäche und
Vernichtung derselben bedeuten soll. Sondern in Dienst nehmen: wozu
gehören mag, sie lange zu tyrannisieren (nicht erst als einzelne, sondern als
Gemeinde, Rasse usw.). Endlich gibt man ihnen eine vertrauensvolle
Freiheit wieder: sie lieben uns wie gute Diener und gehen freiwillig dorthin,
wo unser Bestes hin will.

Page 183

142.

Die ganze Auffassung vom Range der Leidenschaften: wie als ob das
Rechte und Normale sei, von der Vernunft geleitet zu werden, – während
die Leidenschaften das Unnormale, Gefährliche, Halbtierische seien,
überdies, ihrem Ziele nach, nichts anderes als Lustbegierden....
Die Leidenschaft ist entwürdigt 1. wie als ob sie nur
ungeziemenderweise und nicht notwendig und immer das mobile sei, 2.
insofern sie etwas in Aussicht nimmt, was keinen hohen Wert hat, ein
Vergnügen....
Die Verkennung von Leidenschaft und Vernunft, wie als ob letztere ein
Wesen für sich sei und nicht vielmehr ein Verhältniszustand verschiedener
Leidenschaften und Begehrungen; und als ob nicht jede Leidenschaft ihr
Quantum Vernunft in sich hätte....

Page 184

143.

Es gibt ganz naive Völker und Menschen, welche glauben, ein beständig
gutes Wetter sei etwas Wünschbares: sie glauben noch heute in rebus
moralibus, der „gute Mensch“ allein und nichts als der „gute Mensch“ sei
etwas Wünschbares – und eben dahin gehe der Gang der menschlichen
Entwicklung, daß nur er übrig bleibe (und allein dahin müsse man alle
Absicht richten –). Das ist im höchsten Grade unökonomisch gedacht
und, wie gesagt, der Gipfel des Naiven, nichts als Ausdruck der
Annehmlichkeit, die der „gute Mensch“ macht (– er erweckt keine
Furcht, er erlaubt die Ausspannung, er gibt, was man nehmen kann).
Mit einem überlegenen Auge wünscht man gerade umgekehrt die immer
größere Herrschaft des Bösen, die wachsende Freiwerdung des
Menschen von der engen und ängstlichen Moraleinschnürung, das
Wachstum der Kraft, um die größten Naturgewalten – die Affekte – in
Dienst nehmen zu können.

Page 185

144.

Wie unter dem Druck der asketischen Entselbstungsmoral gerade die
Affekte der Liebe, der Güte, des Mitleids, selbst der Gerechtigkeit, der
Großmut, des Heroismus mißverstanden werden mußten:
Es ist der Reichtum an Person, die Fülle in sich, das Überströmen und
Abgeben, das instinktive Wohlsein und Jasagen zu sich, was die großen
Opfer und die große Liebe macht: es ist die starke und göttliche
Selbstigkeit, aus der diese Affekte wachsen, so gewiß wie auch das
Herrwerdenwollen, Übergreifen, die innere Sicherheit, ein Recht auf alles
zu haben. Die nach gemeiner Auffassung entgegengesetzten
Gesinnungen sind vielmehr eine Gesinnung; und wenn man nicht fest und
wacker in seiner Haut sitzt, so hat man nichts abzugeben und Hand
auszustrecken und Schutz und Stab zu sein....
Wie hat man diese Instinkte so umdeuten können, daß der Mensch als
wertvoll empfindet, was seinem Selbst entgegengeht? wenn er sein Selbst
einem anderen Selbst preisgibt! O über die psychologische Erbärmlichkeit
und Lügnerei, welche bisher in Kirche und kirchlich angekränkelter
Philosophie das große Wort geführt hat!
Wenn der Mensch sündhaft ist durch und durch, so darf er sich nur
hassen. Im Grunde dürfte er auch seine Mitmenschen mit keiner andern
Empfindung behandeln wie sich selbst; Menschenliebe bedarf einer
Rechtfertigung, – sie liegt darin, daß Gott sie befohlen hat. – Hieraus
folgt, daß alle die natürlichen Instinkte des Menschen (zur Liebe usw.) ihm
an sich unerlaubt scheinen und erst nach ihrer Verleugnung auf Grund
eines Gehorsams gegen Gott wieder zu Recht kommen.... Pascal, der
bewunderungswürdige Logiker des Christentums, ging so weit! man
erwäge sein Verhältnis zu seiner Schwester. „Sich nicht lieben machen“
schien ihm christlich.

Page 186

145.

Alle die Triebe und Mächte, welche von der Moral gelobt werden,
ergeben sich mir als essentiell gleich mit den von ihr verleumdeten und
abgelehnten: zum Beispiel Gerechtigkeit als Wille zur Macht, Wille zur
Wahrheit als Mittel des Willens zur Macht.
Kritik des „guten Menschen“, des Heiligen usw.

Page 187

146.

Der „gute Mensch“. Oder: die Hemiplegie der Tugend. – Für jede
starke und Natur gebliebene Art Mensch gehört Liebe und Haß,
Dankbarkeit und Rache, Güte und Zorn, Ja-tun und Nein-tun zu einander.
Man ist gut um den Preis, daß man auch böse zu sein weiß; man ist böse,
weil man sonst nicht gut zu sein verstünde. Woher nun jene Erkrankung und
ideologische Unnatur, welche diese Doppelheit ablehnt –, welche als das
Höhere lehrt, nur halbseitig tüchtig zu sein? Woher die Hemiplegie der
Tugend, die Erfindung des guten Menschen?.... Die Forderung geht dahin,
daß der Mensch sich an jenen Instinkten verschneide, mit denen er feind
sein kann, schaden kann, zürnen kann, Rache heischen kann.... Diese
Unnatur entspricht dann jener dualistischen Konzeption eines bloß guten
und eines bloß bösen Wesens (Gott, Geist, Mensch), in ersterem alle
positiven, in letzterem alle negativen Kräfte, Absichten, Zustände
summierend. – Eine solche Wertungsweise glaubt sich damit „idealistisch“;
sie zweifelt nicht daran, eine höchste Wünschbarkeit in der Konzeption
„des Guten“ angesetzt zu haben. Geht sie auf ihren Gipfel, so denkt sie sich
einen Zustand aus, wo alles Böse annulliert ist und wo in Wahrheit nur die
guten Wesen übrig geblieben sind. Sie hält es also nicht einmal für
ausgemacht, daß jener Gegensatz von Gut und Böse sich gegenseitig
bedinge; umgekehrt, letzteres soll verschwinden und ersteres soll übrig
bleiben, das eine hat ein Recht zu sein, das andere sollte gar nicht da
sein.... Was wünscht da eigentlich? – –
Man hat sich zu allen Zeiten und sonderlich zu den christlichen Zeiten
viel Mühe gegeben, den Menschen auf diese halbseitige Tüchtigkeit, auf
den „Guten“ zu reduzieren: noch heute fehlt es nicht an kirchlich
Verbildeten und Geschwächten, denen diese Absicht mit der
„Vermenschlichung“ überhaupt oder mit dem „Willen Gottes“ oder mit dem
„Heil der Seele“ zusammenfällt. Hier wird als wesentliche Forderung
gestellt, daß der Mensch nichts Böses tue, daß er unter keinen Umständen
schade, schaden wolle. Als Weg dazu gilt: die Verschneidung aller
Möglichkeit zur Feindschaft, die Aushängung aller Instinkte des
Ressentiments, der „Frieden der Seele“ als chronisches Übel.

Page 188

Diese Denkweise, mit der ein bestimmter Typus Mensch gezüchtet wird,
geht von einer absurden Voraussetzung aus: sie nimmt das Gute und das
Böse als Realitäten, die mit sich im Widerspruch sind (nicht als
komplementäre Wertbegriffe, was die Wahrheit wäre), sie rät, die Partei des
Guten zu nehmen, sie verlangt, daß der Gute dem Bösen bis in die letzte
Wurzel entsagt und widerstrebt, – sie verneint tatsächlich damit das
Leben, welches in allen seinen Instinkten sowohl das Ja wie das Nein hat.
Nicht daß sie dies begriffe: sie träumt umgekehrt davon, zur Ganzheit, zur
Einheit, zur Stärke des Lebens zurückzukehren: sie denkt es sich als
Zustand der Erlösung, wenn endlich der eignen innern Anarchie, der
Unruhe zwischen jenen entgegengesetzten Wertantrieben ein Ende gemacht
wird. – Vielleicht gab es bisher keine gefährlichere Ideologie, keinen
größeren Unfug in psychologicis, als diesen Willen zum Guten: man zog
den widerlichsten Typus, den unfreien Menschen, groß, den Mucker; man
lehrte, eben nur als Mucker sei man auf dem rechten Wege zur Gottheit, nur
ein Muckerwandel sei ein göttlicher Wandel.
Und selbst hier noch behält das Leben recht, – das Leben, welches das Ja
nicht vom Nein zu trennen weiß – : was hilft es, mit allen Kräften den Krieg
für böse zu halten, nicht schaden, nicht Nein tun zu wollen! man führt doch
Krieg! man kann gar nicht anders! Der gute Mensch, der dem Bösen entsagt
hat, behaftet, wie es ihm wünschbar scheint, mit jener Hemiplegie der
Tugend, hört durchaus nicht auf, Krieg zu führen, Feinde zu haben, Nein zu
sagen, Nein zu tun. Der Christ zum Beispiel haßt die „Sünde“! – und was
ist ihm nicht alles „Sünde“! Gerade durch jenen Glauben an einen
Moralgegensatz von Gut und Böse ist ihm die Welt vom Hassenswerten,
vom Ewig-zu-Bekämpfenden übervoll geworden. „Der Gute“ sieht sich wie
umringt vom Bösen und unter dem beständigen Ansturm des Bösen, er
verfeinert sein Auge, er entdeckt unter all seinem Dichten und Trachten
noch das Böse: und so endet er, wie es folgerichtig ist, damit, die Natur für
böse, den Menschen für verderbt, das Gutsein als Gnade (das heißt als
menschenunmöglich) zu verstehen. In summa: er verneint das Leben, er
begreift, wie das Gute als oberster Wert das Leben verurteilt.... Damit
sollte seine Ideologie von Gut und Böse ihm als widerlegt gelten. Aber eine
Krankheit widerlegt man nicht. Und so konzipiert er ein anderes Leben!....

Page 189

147.

Die Handlung eines höheren Menschen ist unbeschreiblich vielfach in
ihrer Motivierung: mit irgendeinem solchen Wort wie „Mitleid“ ist gar
nichts gesagt. Das Wesentlichste ist das Gefühl „wer bin ich? wer ist der
andere im Verhältnis zu mir?“ – Werturteile fortwährend tätig.

Page 190

148.

1. Die prinzipielle Fälschung der Geschichte, damit sie den Beweis
für die moralische Wertung abgibt:
a) Niedergang eines Volkes und die Korruption;
b) Aufschwung eines Volkes und die Tugend;
c) Höhepunkt eines Volkes („seine Kultur“) als Folge der moralischen
Höhe.
2. Die prinzipielle Fälschung der großen Menschen, der großen
Schaffenden, der großen Zeiten:
man will, daß der Glaube das Auszeichnende der Großen ist: aber die
Unbedenklichkeit, die Skepsis, die „Unmoralität“, die Erlaubnis, sich eines
Glaubens entschlagen zu können, gehört zur Größe (Cäsar, Friedrich der
Große, Napoleon; aber auch Homer, Aristophanes, Lionardo, Goethe). Man
unterschlägt immer die Hauptsache, ihre „Freiheit des Willens“ –

Page 191

149.

– „Die Krankheit macht den Menschen besser“: diese berühmte
Behauptung, der man durch alle Jahrhunderte begegnet, und zwar im
Munde der Weisen ebenso als im Mund und Maule des Volks, gibt zu
denken. Man möchte sich, auf ihre Gültigkeit hin, einmal erlauben zu
fragen: gibt es vielleicht ein ursächliches Band zwischen Moral und
Krankheit überhaupt? Die „Verbesserung des Menschen“, im großen
betrachtet, zum Beispiel die unleugbare Milderung, Vermenschlichung,
Vergutmütigung des Europäers innerhalb des letzten Jahrtausends – ist sie
vielleicht die Folge eines langen, heimlich-unheimlichen Leidens und
Mißratens, Entbehrens, Verkümmerns? Hat „die Krankheit“ den Europäer
„besser gemacht“? Oder, anders gefragt: ist unsre Moralität – unsre
moderne zärtliche Moralität in Europa, mit der man die Moralität des
Chinesen vergleichen möge, – der Ausdruck eines physiologischen
Rückgangs?... Man möchte nämlich nicht ableugnen können, daß jede
Stelle der Geschichte, wo „der Mensch“ sich in besonderer Pracht und
Mächtigkeit des Typus gezeigt hat, sofort einen plötzlichen, gefährlichen,
eruptiven Charakter annimmt, bei dem die Menschlichkeit schlimm fährt;
und vielleicht hat es in jenen Fällen, wo es anders scheinen will, eben
nur an Mut oder Feinheit gefehlt, die Psychologie in die Tiefe zu treiben
und den allgemeinen Satz auch da noch herauszuziehen: „je gesünder, je
stärker, je reicher, fruchtbarer, unternehmender ein Mensch sich fühlt, um
so ‚unmoralischer‘ wird er auch.“ Ein peinlicher Gedanke! dem man
durchaus nicht nachhängen soll! Gesetzt aber, man läuft mit ihm ein
kleines, kurzes Augenblickchen vorwärts, wie verwundert blickt man da in
die Zukunft! Was würde sich dann auf Erden teurer bezahlt machen als
gerade das, was wir mit allen Kräften fordern – die Vermenschlichung, die
„Verbesserung“, die wachsende „Zivilisierung“ des Menschen? Nichts wäre
kostspieliger als Tugend: denn am Ende hätte man mit ihr die Erde als
Hospital: und „Jeder jedermanns Krankenpfleger“ wäre der Weisheit letzter
Schluß. Freilich: man hätte dann auch jenen vielbegehrten „Frieden auf
Erden“! Aber auch so wenig „Wohlgefallen aneinander“! So wenig
Schönheit, Übermut, Wagnis, Gefahr! So wenig „Werke“, um derentwillen
es sich lohnte, auf Erden zu leben! Ach! und ganz und gar keine „Taten“

Page 192

mehr! Alle großen Werke und Taten, welche stehengeblieben sind und von
den Wellen der Zeit nicht fortgespült wurden, – waren sie nicht alle im
tiefsten Verstande große Unmoralitäten?....

Page 193

150.

Egoismus! Aber noch niemand hat gefragt: was für ein ego? Sondern
jeder setzt unwillkürlich das ego jedem ego gleich. Das sind die
Konsequenzen der Sklaventheorie vom suffrage universel und der
„Gleichheit“.

Page 194

151.

Ursprung der Moralwerte. – Der Egoismus ist so viel wert, als der
physiologisch wert ist, der ihn hat.
Jeder einzelne ist die ganze Linie der Entwicklung noch (und nicht nur,
wie ihn die Moral auffaßt, etwas, das mit der Geburt beginnt). Stellt er das
Aufsteigen der Linie Mensch dar, so ist sein Wert in der Tat
außerordentlich; und die Sorge um Erhaltung und Begünstigung seines
Wachstums darf extrem sein. (Es ist die Sorge um die in ihm verheißene
Zukunft, welche dem wohlgeratenen Einzelnen ein so außerordentliches
Recht auf Egoismus gibt.) Stellt er die absteigende Linie dar, den Verfall,
die chronische Erkrankung, so kommt ihm wenig Wert zu: und die erste
Billigkeit ist, daß er so wenig als möglich Platz, Kraft und Sonnenschein
den Wohlgeratenen wegnimmt. In diesem Falle hat die Gesellschaft die
Niederhaltung des Egoismus (– der mitunter absurd, krankhaft,
aufrührerisch sich äußert –) zur Aufgabe: handle es sich nun um Einzelne
oder um ganze verkommende, verkümmernde Volksschichten. Eine Lehre
und Religion der „Liebe“, der Niederhaltung der Selbstbejahung, des
Duldens, Tragens, Helfens, der Gegenseitigkeit in Tat und Wort kann
innerhalb solcher Schichten vom höchsten Werte sein, selbst mit den Augen
der Herrschenden gesehen: denn sie hält die Gefühle der Rivalität, des
Ressentiments, des Neides nieder, die allzu natürlichen Gefühle der
Schlechtweggekommenen, sie vergöttlicht ihnen selbst unter dem Ideal der
Demut und des Gehorsams das Sklavesein, das Beherrschtwerden, das
Armsein, das Kranksein, das Untenstehen. Hieraus ergibt sich, warum die
herrschenden Klassen (oder Rassen) und Einzelnen jederzeit den Kultus der
Selbstlosigkeit, das Evangelium der Niedrigen, den „Gott am Kreuze“
aufrechterhalten haben.
Das Übergewicht einer altruistischen Wertungsweise ist die Folge eines
Instinktes für Mißratensein. Das Werturteil auf unterstem Grunde sagt hier:
„ich bin nicht viel wert“: ein bloß physiologisches Werturteil; noch
deutlicher: das Gefühl der Ohnmacht, der Mangel der großen, bejahenden
Gefühle der Macht (in Muskeln, Nerven, Bewegungszentren). Dies
Werturteil übersetzt sich, je nach der Kultur dieser Schichten, in ein

Page 195

moralisches oder religiöses Urteil (– die Vorherrschaft religiöser oder
moralischer Urteile ist immer ein Zeichen niedriger Kultur –): es sucht sich
zu begründen, aus Sphären, woher ihnen der Begriff „Wert“ überhaupt
bekannt ist. Die Auslegung, mit der der christliche Sünder sich zu verstehen
glaubt, ist ein Versuch, den Mangel an Macht und Selbstgewißheit
berechtigt zu finden: er will lieber sich schuldig finden, als umsonst sich
schlecht fühlen: an sich ist es ein Symptom von Verfall, Interpretationen
dieser Art überhaupt zu brauchen. In andern Fällen sucht der
Schlechtweggekommene den Grund dafür nicht in seiner „Schuld“ (wie der
Christ), sondern in der Gesellschaft: der Sozialist, der Anarchist, der
Nihilist, – indem sie ihr Dasein als etwas empfinden, an dem jemand
schuld sein soll, sind sie damit immer noch die Nächstverwandten des
Christen, der auch das Sich-schlecht-Befinden und Mißraten besser zu
ertragen glaubt, wenn er jemanden gefunden hat, den er dafür
verantwortlich machen kann. Der Instinkt der Rache und des
Ressentiments erscheint hier in beiden Fällen als Mittel, es auszuhalten,
als Instinkt der Selbsterhaltung: ebenso wie die Bevorzugung der
altruistischen Theorie und Praxis. Der Haß gegen den Egoismus, sei
es gegen den eignen (wie beim Christen), sei es gegen den fremden (wie
beim Sozialisten), ergibt sich dergestalt als ein Werturteil unter der
Vorherrschaft der Rache; andrerseits als eine Klugheit der Selbsterhaltung
Leidender durch Steigerung ihrer Gegenseitigkeits- und
Solidaritätsgefühle.... Zuletzt ist, wie schon angedeutet, auch jene
Entladung des Ressentiments im Richten, Verwerfen, Bestrafen des
Egoismus (des eignen oder eines fremden) noch ein Instinkt der
Selbsterhaltung bei Schlechtweggekommenen. In summa: der Kultus des
Altruismus ist eine spezifische Form des Egoismus, die unter bestimmten
physiologischen Voraussetzungen regelmäßig auftritt.
Wenn der Sozialist mit einer schönen Entrüstung „Gerechtigkeit“,
„Recht“, „gleiche Rechte“ verlangt, so steht er nur unter dem Druck seiner
ungenügenden Kultur, welche nicht zu begreifen weiß, warum er leidet:
andrerseits macht er sich ein Vergnügen damit; – befände er sich besser, so
würde er sich hüten, so zu schreien: er fände dann anderswo sein
Vergnügen. Dasselbe gilt vom Christen: die „Welt“ wird von ihm verurteilt,
verleumdet, verflucht, – er nimmt sich selbst nicht aus. Aber das ist kein
Grund, sein Geschrei ernst zu nehmen. In beiden Fällen sind wir immer

Page 196

noch unter Kranken, denen es wohltut, zu schreien, denen die
Verleumdung eine Erleichterung ist.

Page 197

152.

Es gibt gar keinen Egoismus, der bei sich stehen bliebe und nicht
übergriffe, – es gibt folglich jenen „erlaubten“, „moralisch indifferenten“
Egoismus gar nicht, von dem ihr redet.
„Man fördert sein Ich stets auf Kosten des andern“; „Leben lebt immer
auf Unkosten andern Lebens“ – wer das nicht begreift, hat bei sich auch
nicht den ersten Schritt zur Redlichkeit getan.

Page 198

153.
Von der Verleumdung der sogenannten bösen Eigenschaften.

Egoismus und sein Problem! Die christliche Verdüsterung in
Larochefoucauld, welcher ihn überall herauszog und damit den Wert der
Dinge und Tugenden vermindert glaubte! Dem entgegen suchte ich
zunächst zu beweisen, daß es gar nichts anderes geben könne als
Egoismus, – daß den Menschen, bei denen das ego schwach und dünn wird,
auch die Kraft der großen Liebe schwach wird, – daß die Liebendsten vor
allem es aus Stärke ihres ego sind, – daß Liebe ein Ausdruck von Egoismus
ist usw. Die falsche Wertschätzung zielt in Wahrheit auf das Interesse 1.
derer, denen genützt, geholfen wird, der Herde; 2. enthält sie einen
pessimistischen Argwohn gegen den Grund des Lebens; 3. möchte sie die
prachtvollsten und wohlgeratensten Menschen verneinen; Furcht; 4. will sie
den Unterliegenden zum Rechte verhelfen gegen die Sieger; 5. bringt sie
eine universale Unehrlichkeit mit sich, und gerade bei den wertvollsten
Menschen.

Page 199

154.

Ich habe dem bleichsüchtigen Christenideale den Krieg erklärt (samt
dem, was ihm nahe verwandt ist), nicht in der Absicht, es zu vernichten,
sondern nur, um seiner Tyrannei ein Ende zu setzen und den Platz
freizubekommen für neue Ideale, für robustere Ideale... Die Fortdauer
des christlichen Ideals gehört zu den wünschenswertesten Dingen, die es
gibt: und schon um der Ideale willen, die neben ihm und vielleicht über ihm
sich geltend machen wollen, – sie müssen Gegner, starke Gegner haben, um
stark zu werden. – So brauchen wir Immoralisten die Macht der Moral:
unser Selbsterhaltungstrieb will, daß unsre Gegner bei Kräften bleiben, –
er will nur Herr über sie werden. –

Page 200

155.

Man soll das Reich der Moralität Schritt für Schritt verkleinern und
eingrenzen: man soll die Namen für die eigentlichen hier arbeitenden
Instinkte ans Licht ziehen und zu Ehren bringen, nachdem sie die längste
Zeit unter heuchlerischen Tugendnamen versteckt wurden; man soll aus
Scham vor seiner immer gebieterischer redenden „Redlichkeit“ die Scham
verlernen, welche die natürlichen Instinkte verleugnen und weglügen
möchte. Es ist ein Maß der Kraft, wie weit man sich der Tugend
entschlagen kann; und es wäre eine Höhe zu denken, wo der Begriff
„Tugend“ so unempfunden wäre, daß er wie virtù klänge,
Renaissancetugend, moralinfreie Tugend. Aber einstweilen – wie fern sind
wir noch von diesem Ideale!
Die Gebietsverkleinerung der Moral: ein Zeichen ihres
Fortschritts. Überall, wo man noch nicht kausal zu denken vermocht hat,
dachte man moralisch.

Page 201

156.

Vor allem, meine Herren Tugendhaften, habt ihr keinen Vorrang vor uns:
wir wollen euch die Bescheidenheit hübsch zu Gemüte führen: es ist ein
erbärmlicher Eigennutz und Klugheit, welche euch eure Tugend anrät. Und
hättet ihr mehr Kraft und Mut im Leibe, würdet ihr euch nicht dergestalt zu
tugendhafter Nullität herabdrücken. Ihr macht aus euch, was ihr könnt: teils
was ihr müßt – wozu euch eure Umstände zwingen –, teils was euch
Vergnügen macht, teils was euch nützlich scheint. Aber wenn ihr tut, was
nur euren Neigungen gemäß ist oder was eure Notwendigkeit von euch will
oder was euch nützt, so sollt ihr euch darin weder loben dürfen, noch
loben lassen!.... Man ist eine gründlich kleine Art Mensch, wenn man
nur tugendhaft ist: darüber soll nichts in die Irre führen! Menschen, die
irgendworin in Betracht kommen, waren noch niemals solche Tugendesel:
ihr innerster Instinkt, der ihres Quantums Macht, fand dabei nicht seine
Rechnung: während eure Minimalität an Macht nichts weiser erscheinen
läßt als Tugend. Aber ihr habt die Zahl für euch: und insofern ihr
tyrannisiert, wollen wir euch den Krieg machen....

Page 202

157.

Ein tugendhafter Mensch ist schon deshalb eine niedrigere Spezies,
weil er keine „Person“ ist, sondern seinen Wert dadurch erhält, einem
Schema Mensch gemäß zu sein, das ein für allemal aufgestellt ist. Er hat
nicht seinen Wert a parte: er kann verglichen werden, er hat seinesgleichen,
er soll nicht einzeln sein....
Rechnet die Eigenschaften des guten Menschen nach, weshalb tun sie
uns wohl? Weil wir keinen Krieg nötig haben, weil er kein Mißtrauen, keine
Vorsicht, keine Sammlung und Strenge uns auferlegt: unsre Faulheit,
Gutmütigkeit, Leichtsinnigkeit macht sich einen guten Tag. Dieses unser
Wohlgefühl ist es, das wir aus uns hinausprojizieren und dem
guten Menschen als Eigenschaft, als Wert zurechnen.

Page 203

158.

Zur Kritik des guten Menschen. – Rechtschaffenheit, Würde,
Pflichtgefühl, Gerechtigkeit, Menschlichkeit, Ehrlichkeit, Geradheit, gutes
Gewissen, – sind wirklich mit diesen wohlklingenden Worten Eigenschaften
um ihrer selbst willen bejaht oder gutgeheißen? oder sind hier an sich
wertindifferente Eigenschaften und Zustände nur unter irgendwelchen
Gesichtspunkt gerückt, wo sie Wert bekommen? Liegt der Wert dieser
Eigenschaften in ihnen oder in dem Nutzen, Vorteil, der aus ihnen folgt (zu
folgen scheint, zu folgen erwartet wird)?
Ich meine hier natürlich nicht einen Gegensatz von ego und alter in der
Beurteilung: die Frage ist, ob die Folgen es sind, sei es für den Träger
dieser Eigenschaften, sei es für die Umgebung, Gesellschaft, „Menschheit“,
derentwegen diese Eigenschaften Wert haben sollen: oder ob sie an sich
selbst Wert haben....
Anders gefragt: ist es die Nützlichkeit, welche die entgegengesetzten
Eigenschaften verurteilen, bekämpfen, verneinen heißt (–
Unzuverlässigkeit, Falschheit, Verschrobenheit, Selbstungewißheit:
Unmenschlichkeit –)? Ist das Wesen solcher Eigenschaften oder nur die
Konsequenz solcher Eigenschaften verurteilt? – Anders gefragt: wäre es
wünschbar, daß Menschen dieser zweiten Eigenschaften nicht existieren?
– Das wird jedenfalls geglaubt.... Aber hier steckt der Irrtum, die
Kurzsichtigkeit, die Borniertheit des Winkelegoismus.
Anders ausgedrückt: wäre es wünschbar, Zustände zu schaffen, in denen
der ganze Vorteil auf Seiten der Rechtschaffenen ist, – so daß die
entgegengesetzten Naturen und Instinkte entmutigt würden und langsam
ausstürben?
Dies ist im Grunde eine Frage des Geschmacks und der Ästhetik: wäre
es wünschbar, daß die „achtbarste“, das heißt langweiligste Spezies Mensch
übrig bliebe? die Rechtwinkligen, die Tugendhaften, die Biedermänner, die
Braven, die Geraden, die „Hornochsen“?
Denkt man sich die ungeheure Überfülle der „anderen“ weg: so hat sogar
der Rechtschaffene nicht einmal mehr ein Recht auf Existenz: er ist nicht

Page 204

mehr nötig, – und hier begreift man, daß nur die grobe Nützlichkeit eine
solche unausstehliche Tugend zu Ehren gebracht hat.
Die Wünschbarkeit liegt vielleicht gerade auf der umgekehrten Seite:
Zustände schaffen, bei denen der „rechtschaffene Mensch“ in die
bescheidene Stellung eines „nützlichen Werkzeugs“ herabgedrückt wird –
als das „ideale Herdentier“, bestenfalls Herdenhirt: kurz, bei denen er nicht
mehr in die obere Ordnung zu stehen kommt: welche andere
Eigenschaften verlangt.

Page 205

159.

Das Patronat der Tugend. – Habsucht, Herrschsucht, Faulheit,
Einfalt, Furcht: alle haben ein Interesse an der Sache der Tugend: darum
steht sie so fest.

Page 206

160.

Man soll die Tugend gegen die Tugendprediger verteidigen: das sind
ihre schlimmsten Feinde. Denn sie lehren die Tugend als ein Ideal für alle;
sie nehmen der Tugend ihren Reiz des Seltenen, des Unnachahmlichen, des
Ausnahmsweisen und Undurchschnittlichen, – ihren aristokratischen
Zauber. Man soll insgleichen Front machen gegen die verstockten
Idealisten, welche eifrig an alle Töpfe klopfen und ihre Genugtuung haben,
wenn es hohl klingt: welche Naivität, Großes und Seltenes zu fordern und
seine Abwesenheit mit Ingrimm und Menschenverachtung festzustellen! –
Es liegt zum Beispiel auf der Hand, daß eine Ehe so viel wert ist als die,
welche sie schließen, das heißt, daß sie im großen ganzen etwas
Erbärmliches und Unschickliches sein wird: kein Pfarrer, kein
Bürgermeister kann etwas anderes daraus machen.
Die Tugend hat alle Instinkte des Durchschnittsmenschen gegen sich:
sie ist unvorteilhaft, unklug, sie isoliert; sie ist der Leidenschaft verwandt
und der Vernunft schlecht zugänglich; sie verdirbt den Charakter, den Kopf,
den Sinn, – – immer gemessen mit dem Maß des Mittelguts von Mensch;
sie setzt in Feindschaft gegen die Ordnung, gegen die Lüge, welche in
jeder Ordnung, Institution, Wirklichkeit versteckt liegt, – sie ist das
schlimmste Laster, gesetzt, daß man sie nach der Schädlichkeit ihrer
Wirkung auf die andern beurteilt.
– Ich erkenne die Tugend daran, daß sie 1. nicht verlangt, erkannt zu
werden, 2. daß sie nicht Tugend überall voraussetzt, sondern gerade etwas
anderes, 3. daß sie an der Abwesenheit der Tugend nicht leidet, sondern
umgekehrt dies als ein Distanzverhältnis betrachtet, auf Grund dessen etwas
an der Tugend zu ehren ist; sie teilt sich nicht mit, 4. daß sie nicht
Propaganda macht.... 5. daß sie niemand erlaubt, den Richter zu machen,
weil sie immer eine Tugend für sich ist, 6. daß sie gerade alles das tut,
was sonst verboten ist: Tugend, wie ich sie verstehe, ist das eigentliche
vetitum innerhalb aller Herdenlegislatur, 7. kurz, daß sie Tugend im
Renaissancestil ist, virtù, moralinfreie Tugend..

Page 207

161.

Der „gute Mensch“ als Tyrann. – Die Menschheit hat immer
denselben Fehler wiederholt: daß sie aus einem Mittel zum Leben einen
Maßstab des Lebens gemacht hat; daß sie – statt in der höchsten
Steigerung des Lebens selbst, im Problem des Wachstums und der
Erschöpfung, das Maß zu finden – die Mittel zu einem ganz bestimmten
Leben zum Ausschluß aller anderen Formen des Lebens, kurz zur Kritik
und Selektion des Lebens benutzt hat. Das heißt, der Mensch liebt endlich
die Mittel um ihrer selbst willen und vergißt sie als Mittel: so daß sie jetzt
als Ziele ihm ins Bewußtsein treten, als Maßstäbe von Zielen.... das heißt,
eine bestimmte Spezies Mensch behandelt ihre Existenzbedingungen
als gesetzlich aufzuerlegende Bedingungen, als „Wahrheit“, „Gut“,
„Vollkommen“: sie tyrannisiert... Es ist eine Form des Glaubens, des
Instinkts, daß eine Art Mensch nicht die Bedingtheit ihrer eignen Art, ihre
Relativität im Vergleich zu anderen einsieht. Wenigstens scheint es zu Ende
zu sein mit einer Art Mensch (Volk, Rasse), wenn sie tolerant wird, gleiche
Rechte zugesteht und nicht mehr daran denkt, Herr sein zu wollen –

Page 208

162.

– Das Laster mit etwas entschieden Peinlichem so verknüpfen, daß
zuletzt man vor dem Laster flieht, um von dem loszukommen, was mit ihm
verknüpft ist. Das ist der berühmte Fall Tannhäusers. Tannhäuser, durch
Wagnersche Musik um seine Geduld gebracht, hält es selbst bei Frau Venus
nicht mehr aus: mit einem Male gewinnt die Tugend Reiz; eine thüringische
Jungfrau steigt im Preise; und, um das Stärkste zu sagen, er goutiert sogar
die Weise Wolframs von Eschenbach....

Page 209

163.

Die Tugend ist unter Umständen bloß eine ehrwürdige Form der
Dummheit: wer dürfte ihr darum übelwollen? Und diese Art Tugend ist
auch heute noch nicht überlebt. Eine Art von wackerer Bauerneinfalt,
welche aber in allen Ständen möglich ist und der man nicht anders als mit
Verehrung und Lächeln zu begegnen hat, glaubt auch heute noch, daß alles
in guten Händen ist, nämlich in der „Hand Gottes“: und wenn sie diesen
Satz mit jener bescheidenen Sicherheit aufrecht erhalten, wie als ob sie
sagten, daß zwei mal zwei vier ist, so werden wir andern uns hüten, zu
widersprechen. Wozu diese reine Torheit trüben? Wozu sie mit unseren
Sorgen in Hinsicht auf Mensch, Volk, Ziel, Zukunft verdüstern? Und
wollten wir es, wir könnten es nicht. Sie spiegeln ihre eigne ehrwürdige
Dummheit und Güte in die Dinge hinein (bei ihnen lebt ja der alte Gott
deus myops noch!); wir andern – wir sehen etwas anderes in die Dinge
hinein: unsre Rätselnatur, unsre Widersprüche, unsre tiefere,
schmerzlichere, argwöhnischere Weisheit.

Page 210

164.

Die Tugend findet jetzt keinen Glauben mehr, ihre Anziehungskraft ist
dahin; es müßte sie denn einer etwa als eine ungewöhnliche Form des
Abenteuers und der Ausschweifung von neuem auf den Markt zu bringen
verstehen. Sie verlangt zu viel Extravaganz und Borniertheit von ihren
Gläubigen, als daß sie heute nicht das Gewissen gegen sich hätte. Freilich,
für Gewissenlose und gänzlich Unbedenkliche mag eben das an ihr neuer
Zauber sein: – sie ist nunmehr, was sie bisher noch niemals gewesen ist, ein
Laster.

Page 211

165.

Die Tugend bleibt das kostspieligste Laster: sie soll es bleiben!

Page 212

166.

Zuletzt, was habe ich erreicht? Verbergen wir uns dies wunderlichste
Resultat nicht: ich habe der Tugend einen neuen Reiz erteilt, – sie wirkt als
etwas Verbotenes. Sie hat unsre feinste Redlichkeit gegen sich, sie ist
eingesalzen in das „cum grano salis“ des wissenschaftlichen
Gewissensbisses; sie ist altmodisch im Geruch und antikisierend, so daß sie
nunmehr endlich die Raffinierten anlockt und neugierig macht; – kurz, sie
wirkt als Laster. Erst nachdem wir alles als Lüge, Schein erkannt haben,
haben wir auch die Erlaubnis wieder zu dieser schönsten Falschheit, der der
Tugend, erhalten. Es gibt keine Instanz mehr, die uns dieselbe verbieten
dürfte; erst indem wir die Tugend als eine Form der Immoralität
aufgezeigt haben, ist sie wieder gerechtfertigt, – sie ist eingeordnet und
gleichgeordnet in Hinsicht auf ihre Grundbedeutung, sie nimmt teil an der
Grundimmoralität alles Daseins, – als eine Luxusform ersten Ranges, die
hochnäsigste, teuerste und seltenste Form des Lasters. Wir haben sie
entrunzelt und entkuttet, wir haben sie von der Zudringlichkeit der Vielen
erlöst, wir haben ihr die blödsinnige Starrheit, das leere Auge, die steife
Haartour, die hieratische Muskulatur genommen.

Page 213

167.

Ob ich damit der Tugend geschadet habe?.... Ebensowenig, als die
Anarchisten den Fürsten: erst seitdem sie angeschossen werden, sitzen sie
wieder fest auf ihrem Thron... Denn so stand es immer und wird es stehen:
man kann einer Sache nicht besser nützen, als indem man sie verfolgt und
mit allen Hunden hetzt.... Dies – habe ich getan.

Page 214

168.

Was ich mit aller Kraft deutlich zu machen wünsche:
a) daß es keine schlimmere Verwechslung gibt, als wenn man Züchtung
mit Zähmung verwechselt: was man getan hat.... Die Züchtung ist, wie ich
sie verstehe, ein Mittel der ungeheuren Kraftaufspeicherung der
Menschheit, so daß die Geschlechter auf der Arbeit ihrer Vorfahren
fortbauen können – nicht nur äußerlich, sondern innerlich, organisch aus
ihnen herauswachsend, ins Stärkere....
b) daß es eine außerordentliche Gefahr gibt, wenn man glaubt, daß die
Menschheit als Ganzes fortwüchse und stärker würde, wenn die
Individuen schlaff, gleich, durchschnittlich werden.... Menschheit ist ein
Abstraktum: das Ziel der Züchtung kann auch im einzelnsten Falle immer
nur der stärkere Mensch sein (– der ungezüchtete ist schwach,
vergeuderisch, unbeständig –).

Page 215

169.

Man muß sehr unmoralisch sein, um durch die Tat Moral zu
machen.... Die Mittel der Moralisten sind die furchtbarsten Mittel, die je
gehandhabt worden sind; wer den Mut nicht zur Unmoralität der Tat hat,
taugt zu allem Übrigen, er taugt nicht zum Moralisten.
Die Moral ist eine Menagerie; ihre Voraussetzung, daß eiserne Stäbe
nützlicher sein können als Freiheit, selbst für den Eingefangenen; ihre
andere Voraussetzung, daß es Tierbändiger gibt, die sich vor furchtbaren
Mitteln nicht fürchten, – die glühendes Eisen zu handhaben wissen. Diese
schreckliche Spezies, die den Kampf mit dem wilden Tier aufnimmt, heißt
sich „Priester“.
Der Mensch, eingesperrt in einen eisernen Käfig von Irrtümern, eine
Karikatur des Menschen geworden, krank, kümmerlich, gegen sich selbst
böswillig, voller Haß auf die Antriebe zum Leben, voller Mißtrauen gegen
alles, was schön und glücklich ist am Leben, ein wandelndes Elend: diese
künstliche, willkürliche, nachträgliche Mißgeburt, welche die Priester
aus ihrem Boden gezogen haben, den „Sünder“: wie werden wir es
erlangen, dieses Phänomen trotz alledem zu rechtfertigen?
Um billig von der Moral zu denken, müssen wir zwei zoologische
Begriffe an ihre Stelle setzen: Zähmung der Bestie und Züchtung einer
bestimmten Art.
Die Priester gaben zu allen Zeiten vor, daß sie „bessern“ wollen.... Aber
wir andern lachen, wenn ein Tierbändiger von seinen „gebesserten“ Tieren
reden wollte. Die Zähmung der Bestie wird in den meisten Fällen durch
eine Schädigung der Bestie erreicht: auch der moralische Mensch ist kein
besserer Mensch, sondern nur ein geschwächter. Aber er ist weniger
schädlich....

Page 216

170.

Das gesamte Moralisieren als Phänomen ins Auge bekommen. Auch als
Rätsel. Die moralischen Phänomene haben mich beschäftigt wie Rätsel.
Heute würde ich eine Antwort zu geben wissen: was bedeutet es, daß für
mich das Wohl des Nächsten höheren Wert haben soll, als mein eigenes?
daß aber der Nächste selbst den Wert seines Wohls anders schätzen soll als
ich, nämlich demselben gerade mein Wohl überordnen soll? Was bedeutet
das „Du sollst“, das selbst von Philosophen als „gegeben“ betrachtet wird?
Der anscheinend verrückte Gedanke, daß einer die Handlung, die er dem
andern erweist, höher halten soll, als die sich selbst erwiesene, dieser
andere ebenso wieder usw. (daß man nur Handlungen gutheißen soll, weil
einer dabei nicht sich selbst im Auge hat, sondern das Wohl des andern) hat
seinen Sinn: nämlich als Instinkt des Gemeinsinns, auf der Schätzung
beruhend, daß am einzelnen überhaupt wenig gelegen ist, aber sehr viel an
allen zusammen, vorausgesetzt, daß sie eben eine Gemeinschaft bilden, mit
einem Gemeingefühl und Gemeingewissen. Also eine Art Übung in einer
bestimmten Richtung des Blicks, Wille zu einer Optik, welche sich selbst zu
sehen unmöglich machen will.
Mein Gedanke: es fehlen die Ziele, und diese müssen Einzelne sein!
Wir sehen das allgemeine Treiben: jeder Einzelne wird geopfert und dient
als Werkzeug. Man gehe durch die Straße, ob man nicht lauter „Sklaven“
begegnet. Wohin? Wozu?

Page 217

171.

„Wollen“: ist gleich Zweck-Wollen. „Zweck“ enthält eine Wertschätzung.
Woher stammen die Wertschätzungen? Ist eine feste Norm von „angenehm
und schmerzhaft“ die Grundlage?
Aber in unzähligen Fällen machen wir erst eine Sache schmerzhaft,
dadurch, daß wir unsere Wertschätzung hineinlegen.
Umfang der moralischen Wertschätzungen: sie sind fast in jedem
Sinneseindruck mitspielend. Die Welt ist uns gefärbt dadurch.
Wir haben die Zwecke und die Werte hineingelegt: wir haben eine
ungeheure latente Kraftmasse dadurch in uns: aber in der
Vergleichung der Werte ergibt sich, daß Entgegengesetztes als wertvoll
galt, daß viele Gütertafeln existierten (also nichts „an sich“ wertvoll).
Bei der Analyse der einzelnen Gütertafeln ergab sich ihre Aufstellung als
die Aufstellung von Existenzbedingungen beschränkter Gruppen (und
oft irrtümlicher): zur Erhaltung.
Bei der Betrachtung der jetzigen Menschen ergab sich, daß wir sehr
verschiedene Werturteile handhaben, und daß keine schöpferische Kraft
mehr darin ist, – die Grundlage: „die Bedingung der Existenz“ fehlt dem
moralischen Urteile jetzt. Es ist viel überflüssiger, es ist lange nicht so
schmerzhaft. – Es wird willkürlich. Chaos.
Wer schafft das Ziel, das über der Menschheit stehen bleibt und auch
über dem Einzelnen? Ehemals wollte man mit der Moral erhalten: aber
niemand will jetzt mehr erhalten, es ist nichts daran zu erhalten. Also eine
versuchende Moral: sich ein Ziel geben.

Page 218

172.

Inwiefern die Selbstvernichtung der Moral noch ein Stück ihrer
eigenen Kraft ist. Wir Europäer haben das Blut solcher in uns, die für ihren
Glauben gestorben sind; wir haben die Moral furchtbar und ernst
genommen, und es ist nichts, was wir nicht irgendwie geopfert haben.
Andrerseits: unsre geistige Feinheit ist wesentlich durch
Gewissensvivisektion erreicht worden. Wir wissen das „Wohin?“ noch
nicht, zu dem wir getrieben werden, nachdem wir uns dergestalt von
unsrem alten Boden abgelöst haben. Aber dieser Boden selbst hat uns die
Kraft angezüchtet, die uns jetzt hinaustreibt in die Ferne, ins Abenteuer,
durch die wir ins Uferlose, Unerprobte, Unentdeckte hinausgestoßen
werden, – es bleibt uns keine Wahl, wir müssen Eroberer sein, nachdem wir
kein Land mehr haben, wo wir heimisch sind, wo wir „erhalten“ möchten.
Ein verborgenes Ja treibt uns dazu, das stärker ist als alle unsre Neins.
Unsre Stärke selbst duldet uns nicht mehr im alten, morschen Boden: wir
wagen uns in die Weite, wir wagen uns daran: die Welt ist noch reich und
unentdeckt, und selbst Zugrundgehen ist besser als halb und giftig werden.
Unsre Stärke selbst zwingt uns aufs Meer, dorthin, wo alle Sonnen bisher
untergegangen sind: wir wissen um eine neue Welt....

Page 219

173.

Mein Schlußsatz ist: daß der wirkliche Mensch einen viel höheren Wert
darstellt als der „wünschbare“ Mensch irgendeines bisherigen Ideals; daß
alle „Wünschbarkeiten“ in Hinsicht auf den Menschen absurde und
gefährliche Ausschweifungen waren, mit denen eine einzelne Art von
Mensch ihre Erhaltungs- und Wachstumsbedingungen über der Menschheit
als Gesetz aufhängen möchte; daß jede zur Herrschaft gebrachte
Wünschbarkeit solchen Ursprungs bis jetzt den Wert des Menschen, seine
Kraft, seine Zukunftsgewißheit herabgedrückt hat; daß die Armseligkeit
und Winkel-Intellektualität des Menschen sich am meisten bloßstellt, auch
heute noch, wenn er wünscht; daß die Fähigkeit des Menschen, Werte
anzusetzen, bisher zu niedrig entwickelt war, um dem tatsächlichen, nicht
bloß „wünschbaren“ Werte des Menschen gerecht zu werden; daß das
Ideal bis jetzt die eigentlich welt- und menschverleumdende Kraft, der
Gifthauch über der Realität, die große Verführung zum Nichts war...

Page 220

3. Philosophie und Moral.

Page 221

174.

Durch moralische Hinterabsichten ist der Gang der Philosophie bisher am
meisten aufgehalten worden.

Page 222

175.

Man hat zu allen Zeiten die „schönen Gefühle“ für Argumente
genommen, den „gehobenen Busen“ für den Blasebalg der Gottheit, die
Überzeugung als „Kriterium der Wahrheit“, das Bedürfnis des Gegners als
Fragezeichen zur Weisheit: diese Falschheit, Falschmünzerei geht durch die
ganze Geschichte der Philosophie. Die achtbaren, aber nur spärlichen
Skeptiker abgerechnet, zeigt sich nirgends ein Instinkt von intellektueller
Rechtschaffenheit. Zuletzt hat noch Kant in aller Unschuld diese
Denkerkorruption mit dem Begriff „praktische Vernunft“ zu
verwissenschaftlichen gesucht: er erfand eigens eine Vernunft dafür, in
welchen Fällen man sich nicht um die Vernunft zu kümmern brauche:
nämlich wenn das Bedürfnis des Herzens, wenn die Moral, wenn die
„Pflicht“ redet.

Page 223

176.

Die Philosophen sind eingenommen gegen den Schein, den Wechsel,
den Schmerz, den Tod, das Körperliche, die Sinne, das Schicksal und die
Unfreiheit, das Zwecklose.
Sie glauben 1. an die absolute Erkenntnis, 2. an die Erkenntnis um der
Erkenntnis willen, 3. an die Tugend und Glück im Bunde, 4. an die
Erkennbarkeit der menschlichen Handlungen. Sie sind von instinktiven
Wertbestimmungen geleitet, in denen sich frühere Kulturzustände spiegeln
(gefährlichere).

Page 224

177.

Daß nichts von dem wahr ist, was ehemals als wahr galt – was als
unheilig, verboten, verächtlich, verhängnisvoll ehemals verachtet wurde – :
alle diese Blumen wachsen heut am lieblichen Pfade der Wahrheit.
Diese ganze alte Moral geht uns nichts mehr an: es ist kein Begriff darin,
der noch Achtung verdiente. Wir haben sie überlebt, – wir sind nicht mehr
grob und naiv genug, um in dieser Weise uns belügen lassen zu müssen....
Artiger gesagt: wir sind zu tugendhaft dazu.... Und wenn Wahrheit im alten
Sinne nur deshalb „Wahrheit“ war, weil die alte Moral zu ihr ja sagte, ja
sagen durfte: so folgte daraus, daß wir auch keine Wahrheit von ehedem
mehr nötig haben.... Unser Kriterium der Wahrheit ist durchaus nicht die
Moralität: wir widerlegen eine Behauptung damit, daß wir sie als
abhängig von der Moral, als inspiriert durch edle Gefühle beweisen.

Page 225

178.

Alle diese Werte sind empirisch und bedingt. Aber der, der an sie glaubt,
der sie verehrt, will eben diesen Charakter nicht anerkennen. Die
Philosophen glauben allesamt an diese Werte, und eine Form ihrer
Verehrung war die Bemühung, aus ihnen a priori-Wahrheiten zu
machen. Fälschender Charakter der Verehrung....
Die Verehrung ist die hohe Probe der intellektuellen
Rechtschaffenheit: aber es gibt in der ganzen Geschichte der
Philosophie keine intellektuelle Rechtschaffenheit, – sondern die „Liebe
zum Guten“....
Der absolute Mangel an Methode, um den Wert dieser Werte zu
prüfen; zweitens: die Abneigung, diese Werte zu prüfen, überhaupt sie
bedingt zu nehmen. – Bei den Moralwerten kamen alle
antiwissenschaftlichen Instinkte zusammen in Betracht, um hier die
Wissenschaft auszuschließen....

Page 226

179.

Gegen die erkenntnistheoretischen Dogmen tief mißtrauisch, liebte ich
es, bald aus diesem, bald aus jenem Fenster zu blicken, hütete mich, mich
darin festzusetzen, hielt sie für schädlich, – und zuletzt: ist es
wahrscheinlich, daß ein Werkzeug seine eigene Tauglichkeit kritisieren
kann?? – Worauf ich acht gab, war vielmehr, daß niemals eine
erkenntnistheoretische Skepsis oder Dogmatik ohne Hintergedanken
entstanden ist, – daß sie einen Wert zweiten Ranges hat, sobald man erwägt,
was im Grunde zu dieser Stellung zwang.
Grundeinsicht: sowohl Kant, als Hegel, als Schopenhauer – sowohl die
skeptisch-epochistische Haltung, als die historisierende, als die
pessimistische – sind moralischen Ursprungs. Ich sah niemanden, der
eine Kritik der moralischen Wertgefühle gewagt hätte: und den
spärlichen Versuchen, zu einer Entstehungsgeschichte dieser Gefühle zu
kommen (wie bei den englischen und deutschen Darwinisten) wandte ich
bald den Rücken. –
Wie erklärt sich Spinozas Stellung, seine Verneinung und Ablehnung der
moralischen Werturteile? (Es war eine Konsequenz seiner Theodicee!)

Page 227

180.

Die drei großen Naivitäten:

Erkenntnis als Mittel zum Glück (als ob....),
als Mittel zur Tugend (als ob....),
als Mittel zur „Verneinung des Lebens“, –

insofern sie ein Mittel zur Enttäuschung ist – (als ob....).

Page 228

181.

Im Grunde ist die Moral gegen die Wissenschaft feindlich gesinnt:
schon Sokrates war dies – und zwar deshalb, weil die Wissenschaft Dinge
als wichtig nimmt, welche mit „gut“ und „böse“ nichts zu schaffen haben,
folglich dem Gefühl für „gut“ und „böse“ Gewicht nehmen. Die Moral
nämlich will, daß ihr der ganze Mensch und seine gesamte Kraft zu
Diensten sei: sie hält es für die Verschwendung eines solchen, der zum
Verschwenden nicht reich genug ist, wenn der Mensch sich ernstlich um
Pflanzen und Sterne kümmert. Deshalb ging in Griechenland, als Sokrates
die Krankheit des Moralisierens in die Wissenschaft eingeschleppt hatte, es
geschwinde mit der Wissenschaftlichkeit abwärts; eine Höhe, wie die in der
Gesinnung eines Demokrit, Hippokrates und Thukydides, ist nicht zum
zweiten Male erreicht worden.

Page 229

182.

Das ist außerordentlich. Wir finden von Anfang der griechischen
Philosophie an einen Kampf gegen die Wissenschaft, mit den Mitteln einer
Erkenntnistheorie respektive Skepsis: und wozu? Immer zugunsten der
Moral.... (Der Haß gegen die Physiker und Ärzte.) Sokrates, Aristipp, die
Megariker, die Zyniker, Epikur, Pyrrho – Generalansturm gegen die
Erkenntnis zugunsten der Moral.... (Haß auch gegen die Dialektik.) Es
bleibt ein Problem: sie nähern sich der Sophistik, um die Wissenschaft
loszuwerden. Andererseits sind die Physiker alle so weit unterjocht, um das
Schema der Wahrheit, des wahren Seins in ihre Fundamente aufzunehmen:
zum Beispiel das Atom, die vier Elemente (Juxtaposition des Seienden,
um die Vielheit und Veränderung zu erklären –). Verachtung gelehrt gegen
die Objektivität des Interesses: Rückkehr zu dem praktischen Interesse,
zur Personalnützlichkeit aller Erkenntnis....
Der Kampf gegen die Wissenschaft richtet sich gegen 1. deren Pathos
(Objektivität), 2. deren Mittel (das heißt gegen deren Nützlichkeit), 3. deren
Resultate (als kindisch).
Es ist derselbe Kampf, der später wieder von Seiten der Kirche, im
Namen der Frömmigkeit, geführt wird: sie erbt das ganze antike Rüstzeug
zum Kampfe. Die Erkenntnistheorie spielt dabei dieselbe Rolle wie bei
Kant, wie bei den Indern.... Man will sich nicht darum zu bekümmern
haben: man will freie Hand behalten für seinen „Weg“.
Wogegen wehren sie sich eigentlich? Gegen die Verbindlichkeit, gegen
die Gesetzlichkeit, gegen die Nötigung Hand in Hand zu gehen – : ich
glaube, man nennt das Freiheit....
Darin drückt sich die décadence aus: der Instinkt der Solidarität ist so
entartet, daß die Solidarität als Tyrannei empfunden wird: sie wollen
keine Autorität, keine Solidarität, keine Einordnung in Reih und Glied zu
unedler Langsamkeit der Bewegung. Sie hassen das Schrittweise, das
Tempo der Wissenschaft, sie hassen das Nicht-anlangen-wollen, den langen
Atem, die Personalindifferenz des wissenschaftlichen Menschen.

Page 230

183.

Die Sophisten sind nichts weiter als Realisten: sie formulieren die allen
gang und gäben Werte und Praktiken zum Rang der Werte, – sie haben den
Mut, den alle starken Geister haben, um ihre Unmoralität zu wissen....
Glaubt man vielleicht, daß die kleinen griechischen Freistädte, welche
sich vor Wut und Eifersucht gern aufgefressen hätten, von
menschenfreundlichen und rechtschaffenen Prinzipien geleitet wurden?
Macht man vielleicht dem Thukydides einen Vorwurf aus seiner Rede, die
er den athenischen Gesandten in den Mund legt, als sie mit den Meliern
über Untergang oder Unterwerfung verhandeln?
Inmitten dieser entsetzlichen Spannung von Tugend zu reden, war nur
vollendeten Tartüffs möglich – oder Abseitsgestellten, Einsiedlern,
Flüchtlingen und Auswanderern aus der Realität.... Alles Leute, die
negierten, um selber leben zu können –
Die Sophisten waren Griechen: als Sokrates und Plato die Partei der
Tugend und Gerechtigkeit nahmen, waren sie Juden oder ich weiß nicht
was –. Die Taktik Grotes zur Verteidigung der Sophisten ist falsch: er will
sie zu Ehrenmännern und Moralstandarten erheben, – aber ihre Ehre war,
keinen Schwindel mit großen Worten und Tugenden zu treiben....

Page 231

184.

Inwiefern die Dialektik und der Glaube an die Vernunft noch auf
moralischen Vorurteilen ruht. Bei Plato sind wir als einstmalige
Bewohner einer intelligiblen Welt des Guten noch im Besitz eines
Vermächtnisses jener Zeit: die göttliche Dialektik, als aus dem Guten
stammend, führt zu allem Guten (– also gleichsam „zurück“ –). Auch
Descartes hatte einen Begriff davon, daß in einer christlich-moralischen
Grunddenkweise, welche an einen guten Gott als Schöpfer der Dinge
glaubt, die Wahrhaftigkeit Gottes erst uns unsre Sinnesurteile verbürgt.
Abseits von einer religiösen Sanktion und Verbürgung unsrer Sinne und
Vernünftigkeit – woher sollten wir ein Recht auf Vertrauen gegen das
Dasein haben! Daß das Denken gar ein Maß des Wirklichen sei, – daß, was
nicht gedacht werden kann, nicht ist, – ist ein plumpes non plus ultra einer
moralistischen Vertrauensseligkeit (auf ein essentielles Wahrheitsprinzip im
Grund der Dinge), an sich eine tolle Behauptung, der unsre Erfahrung in
jedem Augenblick widerspricht. Wir können gerade gar nichts denken,
inwiefern es ist....

Page 232

185.

Die große Vernunft in aller Erziehung zur Moral war immer, daß man
hier die Sicherheit eines Instinkts zu erreichen suchte: so daß weder
die gute Absicht noch die guten Mittel als solche erst ins Bewußtsein traten.
So wie der Soldat exerziert, so sollte der Mensch handeln lernen. In der Tat
gehört dieses Unbewußtsein zu jeder Art Vollkommenheit: selbst noch der
Mathematiker handhabt seine Kombinationen unbewußt....
Was bedeutet nun die Reaktion des Sokrates, welcher die Dialektik als
Weg zur Tugend anempfahl und sich darüber lustig machte, wenn die Moral
sich nicht logisch zu rechtfertigen wußte?.... Aber eben das Letztere gehört
zu ihrer Güte, – ohne Unbewußtheit taugt sie nichts!.... Scham erregen
war ein notwendiges Attribut des Vollkommenen!....
Es bedeutet exakt die Auflösung der griechischen Instinkte, als
man die Beweisbarkeit als Voraussetzung der persönlichen Tüchtigkeit in
der Tugend voranstellte. Es sind selbst Typen der Auflösung, alle diese
großen „Tugendhaften“ und Wortemacher.
In praxi bedeutet es, daß die moralischen Urteile aus ihrer Bedingtheit,
aus der sie gewachsen sind und in der allein sie Sinn haben, aus ihrem
griechischen und griechisch-politischen Grund und Boden ausgerissen
werden und, unter dem Anschein von Sublimierung, entnatürlicht
werden. Die großen Begriffe „gut“, „gerecht“ werden losgemacht von den
Voraussetzungen, zu denen sie gehören, und als frei gewordene „Ideen“
Gegenstände der Dialektik. Man sucht hinter ihnen eine Wahrheit, man
nimmt sie als Entitäten oder als Zeichen von Entitäten: man erdichtet eine
Welt, wo sie zu Hause sind, wo sie herkommen....
In summa: der Unfug ist auf seiner Spitze bereits bei Plato.... Und nun
hatte man nötig, auch den abstrakt-vollkommenen Menschen hinzu zu
erfinden: – gut, gerecht, weise, Dialektiker – kurz, die Vogelscheuche
des antiken Philosophen: eine Pflanze, aus jedem Boden losgelöst; eine
Menschlichkeit ohne alle bestimmten regulierenden Instinkte; eine Tugend,
die sich mit Gründen „beweist“. Das vollkommen absurde „Individuum“
an sich! die Unnatur höchsten Ranges....

Page 233

Kurz, die Entnatürlichung der Moralwerte hatte zur Konsequenz, einen
entartenden Typus des Menschen zu schaffen, – „den Guten“, „den
Glücklichen“, „den Weisen“. – Sokrates ist ein Moment der tiefsten
Perversität in der Geschichte der Werte.

Page 234

186.

Philosophie als die Kunst, die Wahrheit zu entdecken: so nach
Aristoteles. Dagegen die Epikuräer, die sich die sensualistische Theorie
der Erkenntnis des Aristoteles zunutze machten: gegen das Suchen der
Wahrheit ganz ironisch und ablehnend; „Philosophie als eine Kunst des
Lebens“.

Page 235

187.

Hegel: seine populäre Seite die Lehre vom Krieg und den großen
Männern. Das Recht ist bei dem Siegreichen: er stellt den Fortschritt der
Menschheit dar. Versuch, die Herrschaft der Moral aus der Geschichte zu
beweisen.
Kant: ein Reich der moralischen Werte, uns entzogen, unsichtbar,
wirklich.
Hegel: eine nachweisbare Entwicklung, Sichtbarwerdung des
moralischen Reichs.
Wir wollen uns weder auf die Kantsche noch Hegelsche Manier betrügen
lassen: – wir glauben nicht mehr, wie sie, an die Moral und haben folglich
auch keine Philosophien zu gründen, damit die Moral recht behalte.
Sowohl der Kritizismus als der Historizismus hat für uns nicht darin
seinen Reiz: – nun, welchen hat er denn? –

Page 236

188.

Moral als höchste Abwertung. – Entweder ist unsre Welt das
Werk und der Ausdruck (der modus) Gottes: dann muß sie höchst
vollkommen sein (Schluß Leibnizens....) – und man zweifelte nicht, was
zur Vollkommenheit gehöre, zu wissen –, dann kann das Böse, das Übel nur
scheinbar sein (radikaler bei Spinoza die Begriffe Gut und Böse) oder
muß aus dem höchsten Zweck Gottes abgeleitet sein (– etwa als Folge einer
besonderen Gunsterweisung Gottes, der zwischen Gut und Böse zu wählen
erlaubt: das Privilegium, kein Automat zu sein; „Freiheit“ auf die Gefahr
hin, sich zu vergreifen, falsch zu wählen.... zum Beispiel bei Simplicius im
Kommentar zu Epiktet).
Oder unsere Welt ist unvollkommen, das Übel und die Schuld sind real,
sind determiniert, sind absolut ihrem Wesen inhärent; dann kann sie nicht
die wahre Welt sein: dann ist Erkenntnis eben nur der Weg, sie zu
verneinen, dann ist sie eine Verirrung, welche als Verirrung erkannt werden
kann. Dies ist die Meinung Schopenhauers auf Grund Kantischer
Voraussetzungen. Noch desperater Pascal: er begriff, daß dann auch die
Erkenntnis korrupt, gefälscht sein müsse, – daß Offenbarung not tue, um
die Welt auch nur als verneinenswert zu begreifen....

Page 237

189.

Nichts ist seltener unter den Philosophen als intellektuelle
Rechtschaffenheit: vielleicht sagen sie das Gegenteil, vielleicht glauben
sie es selbst. Aber ihr ganzes Handwerk bringt es mit sich, daß sie nur
gewisse Wahrheiten zulassen; sie wissen, was sie beweisen müssen, sie
erkennen sich beinahe daran als Philosophen, daß sie über diese
„Wahrheiten“ einig sind. Da sind zum Beispiel die moralischen Wahrheiten.
Aber der Glaube an Moral ist noch kein Beweis von Moralität: es gibt Fälle
– und der Fall der Philosophen gehört hierher –, wo ein solcher Glaube
einfach eine Unmoralität ist.

Page 238

4. Philosophie und Wissenschaft.

Page 239

190.

Ich muß das schwierigste Ideal des Philosophen aufstellen. Das
Lernen tut's nicht! Der Gelehrte ist das Herdentier im Reiche der
Erkenntnis, – welcher forscht, weil es ihm befohlen und vorgemacht
worden ist. –

Page 240

191.

Aberglaube über den Philosophen: Verwechslung mit dem
wissenschaftlichen Menschen. Als ob die Werte in den Dingen steckten
und man sie nur festzuhalten hätte! Inwiefern sie unter der Einflüsterung
gegebener Werte forschen (ihr Haß auf Schein, Leib usw.). Schopenhauer in
betreff der Moral (Hohn über den Utilitarismus). Zuletzt geht die
Verwechslung so weit, daß man den Darwinismus als Philosophie
betrachtet: und jetzt ist die Herrschaft bei den wissenschaftlichen
Menschen. Auch die Franzosen wie Taine suchen oder meinen zu suchen,
ohne die Wertmaße schon zu haben. Die Niederwerfung vor den „Facten“,
eine Art Kultus. Tatsächlich vernichten sie die bestehenden
Wertschätzungen.
Erklärung dieses Mißverständnisses. Der Befehlende entsteht selten; er
mißdeutet sich selber. Man will durchaus die Autorität von sich ablehnen
und in die Umstände setzen. – In Deutschland gehört die Schätzung des
Kritikers in die Geschichte der erwachenden Männlichkeit. Lessing usw.
(Napoleon über Goethe). Tatsächlich ist diese Bewegung durch die deutsche
Romantik wieder rückgängig gemacht: und der Ruf der deutschen
Philosophie bezieht sich auf sie, als ob mit ihr die Gefahr der Skepsis
beseitigt sei und der Glaube bewiesen werden könne. In Hegel
kulminieren beide Tendenzen: im Grunde verallgemeinert er die Tatsache
der deutschen Kritik und die Tatsache der deutschen Romantik, – eine Art
von dialektischem Fatalismus, aber zu Ehren des Geistes, tatsächlich mit
Unterwerfung des Philosophen unter die Wirklichkeit. Der Kritiker
bereitet vor: nicht mehr!
Mit Schopenhauer dämmerte die Aufgabe des Philosophen: daß es sich
um eine Bestimmung des Wertes handle: immer noch unter der Herrschaft
des Eudämonismus. Das Ideal des Pessimismus.

Page 241

192.

Problem des Philosophen und des wissenschaftlichen Menschen. –
Einfluß des Alters; depressive Gewohnheiten (Stubenhocken à la Kant;
Überarbeitung; unzureichende Ernährung des Gehirns; Lesen).
Wesentlicher: ob nicht ein décadence-Symptom schon in der Richtung auf
solche Allgemeinheit gegeben ist; Objektivität als
Willensdisgregation (– so fern bleiben können....). Dies setzt eine
große Adiaphorie gegen die starken Triebe voraus: eine Art Isolation,
Ausnahmestellung, Widerstand gegen die Normaltriebe.
Typus: die Loslösung von der Heimat; in immer weitere Kreise; der
wachsende Exotismus; das Stummwerden der alten Imperative – –; gar
dieses beständige Fragen „wohin?“ („Glück“) ist ein Zeichen der
Herauslösung aus Organisationsformen, Herausbruch.
Problem: ob der wissenschaftliche Mensch eher noch ein décadence-
Symptom ist, als der Philosoph: – er ist als Ganzes nicht losgelöst, nur ein
Teil von ihm ist absolut der Erkenntnis geweiht, dressiert für eine Ecke
und Optik –, er hat hier alle Tugenden einer starken Rasse und Gesundheit
nötig, große Strenge, Männlichkeit, Klugheit. Er ist mehr ein Symptom
hoher Vielfachheit der Kultur, als von deren Müdigkeit. Der décadence-
Gelehrte ist ein schlechter Gelehrter. Während der décadence-Philosoph,
bisher wenigstens, als der typische Philosoph galt.

Page 242

193.

Die psychologischen Verwechslungen: – das Verlangen nach
Glauben – verwechselt mit dem „Willen zur Wahrheit“ (zum Beispiel bei
Carlyle). Aber ebenso ist das Verlangen nach Unglauben verwechselt
worden mit dem „Willen zur Wahrheit“ (– ein Bedürfnis, loszukommen von
einem Glauben, aus hundert Gründen: Recht zu bekommen gegen irgend
welche „Gläubigen“). Was inspiriert die Skeptiker? Der Haß gegen
die Dogmatiker – oder ein Ruhebedürfnis, eine Müdigkeit, wie bei Pyrrho.
Die Vorteile, welche man von der Wahrheit erwartete, waren die
Vorteile des Glaubens an sie: – an sich nämlich könnte ja die Wahrheit
durchaus peinlich, schädlich, verhängnisvoll sein –. Man hat die „Wahrheit“
auch nur wieder bekämpft, als man Vorteile sich vom Siege versprach, –
zum Beispiel Freiheit von den herrschenden Gewalten.
Die Methodik der Wahrheit ist nicht aus Motiven der Wahrheit gefunden
worden, sondern aus Motiven der Macht, des Überlegen-sein-
wollens.
Womit beweist sich die Wahrheit? Mit dem Gefühl der erhöhten
Macht – mit der Nützlichkeit, – mit der Unentbehrlichkeit, – kurz, mit
Vorteilen (nämlich Voraussetzungen, welcher Art die Wahrheit beschaffen
sein sollte, um von uns anerkannt zu werden). Aber das ist ein Vorurteil:
ein Zeichen, daß es sich gar nicht um Wahrheit handelt....
Was bedeutet zum Beispiel der „Wille zur Wahrheit“ bei den Goncourts?
bei den Naturalisten? – Kritik der „Objektivität“.
Warum erkennen: warum nicht lieber sich täuschen?.... Was man wollte,
war immer der Glaube, – und nicht die Wahrheit.... Der Glaube wird durch
entgegengesetzte Mittel geschaffen als die Methodik der Forschung – :
er schließt letztere selbst aus –

Page 243

194.

Das Problem des Sokrates. – Die beiden Gegensätze: die tragische
Gesinnung, die sokratische Gesinnung, – gemessen an dem Gesetz des
Lebens.
Inwiefern die sokratische Gesinnung ein Phänomen der décadence ist:
inwiefern aber noch eine starke Gesundheit und Kraft im ganzen Habitus, in
der Dialektik und Tüchtigkeit, Straffheit des wissenschaftlichen Menschen
sich zeigt (– die Gesundheit des Plebejers; dessen Bosheit, esprit
frondeur, dessen Scharfsinn, dessen Kanaille au fond, im Zaum gehalten
durch die Klugheit; „häßlich“).
Verhäßlichung: Die Selbstverhöhnung, die dialektische Dürre, die
Klugheit als Tyrann gegen den „Tyrannen“ (den Instinkt). Es ist alles
übertrieben, exzentrisch, Karikatur an Sokrates, ein buffo mit den Instinkten
Voltaires im Leibe. Er entdeckt eine neue Art Agon; er ist der erste
Fechtmeister in den vornehmen Kreisen Athens; er vertritt nichts als die
höchste Klugheit: er nennt sie „Tugend“ (– er erriet sie als Rettung: es
stand ihm nicht frei, klug zu sein, er war es de rigueur); sich in Gewalt
haben, um mit Gründen und nicht mit Affekten in den Kampf zu treten (–
die List des Spinoza, – das Aufdröseln der Affektirrtümer); – entdecken,
daß der Affekt unlogisch prozediert; Übung in der Selbstverspottung, um
das Rankünegefühl in der Wurzel zu schädigen.
Ich suche zu begreifen, aus welchen partiellen und idiosynkrasischen
Zuständen das sokratische Problem ableitbar ist: seine Gleichsetzung von
Vernunft = Tugend = Glück. Mit diesem Absurdum von Identitätslehre hat
er bezaubert: die antike Philosophie kam nicht wieder davon los....
Absoluter Mangel an objektivem Interesse: Haß gegen die Wissenschaft:
Idiosynkrasie, sich selbst als Problem zu fühlen. Akustische
Halluzinationen bei Sokrates: morbides Element. Mit Moral sich abgeben,
widersteht am meisten, wo der Geist reich und unabhängig ist. Wie kommt
es, daß Sokrates Moral-Monoman ist? – Alle „praktische“ Philosophie
tritt in Notlagen sofort in den Vordergrund. Moral und Religion als
Hauptinteressen sind Notstandszeichen.

Page 244

195.

– Die Klugheit, Helle, Härte und Logizität als Waffe wider die Wildheit
der Triebe. Letztere müssen gefährlich und untergangdrohend sein: sonst
hat es keinen Sinn, die Klugheit bis zu dieser Tyrannei auszubilden. Aus
der Klugheit einen Tyrannen machen: – aber dazu müssen die Triebe
Tyrannen sein. Dies das Problem. – Es war sehr zeitgemäß damals. Vernunft
wurde = Tugend = Glück.
Lösung: Die griechischen Philosophen stehen auf der gleichen
Grundtatsache ihrer inneren Erfahrungen wie Sokrates: fünf Schritt weit
vom Exzeß, von der Anarchie, von der Ausschweifung, – alles décadence-
Menschen. Sie empfinden ihn als Arzt: Logik als Wille zur Macht, zur
Selbstherrschaft, zum „Glück“. Die Wildheit und Anarchie der Instinkte bei
Sokrates ist ein décadence-Symptom. Die Superfötation der Logik und
der Vernunfthelligkeit insgleichen. Beide sind Abnormitäten, beide gehören
zueinander.
Kritik. Die décadence verrät sich in dieser Präokkupation des „Glücks“
(das heißt des „Heils der Seele“, das heißt, seinen Zustand als Gefahr
empfinden). Ihr Fanatismus des Interesses für „Glück“ zeigt die Pathologie
des Untergrundes: es war ein Lebensinteresse. Vernünftig sein oder
zugrunde gehen war die Alternative, vor der sie alle standen. Der
Moralismus der griechischen Philosophen zeigt, daß sie sich in Gefahr
fühlten....

Page 245

196.

Die eigentlichen Philosophen der Griechen sind die vor Sokrates (–
mit Sokrates verändert sich etwas). Das sind alles vornehme Personnagen,
abseits sich stellend von Volk und Sitte, gereist, ernst bis zur Düsterkeit, mit
langsamem Auge, den Staatsgeschäften und der Diplomatie nicht fremd. Sie
nehmen den Weisen alle großen Konzeptionen der Dinge vorweg: sie
stellen sie selber dar, sie bringen sich in System. Nichts gibt einen höheren
Begriff vom griechischen Geist, als diese plötzliche Fruchtbarkeit an Typen,
als diese ungewollte Vollständigkeit in der Aufstellung der großen
Möglichkeiten des philosophischen Ideals. – Ich sehe nur noch eine
originale Figur in dem Kommenden: einen Spätling, aber notwendig den
letzten, – den Nihilisten Pyrrho: – er hat den Instinkt gegen alles das, was
inzwischen obenauf gekommen war, die Sokratiker, Plato, den
Artistenoptimismus Heraklits. (Pyrrho greift über Protagoras zu Demokrit
zurück....)
Die weise Müdigkeit: Pyrrho. Unter den Niedrigen leben, niedrig. Kein
Stolz. Auf die gemeine Art leben; ehren und glauben, was alle glauben. Auf
der Hut gegen Wissenschaft und Geist, auch alles, was bläht.... Einfach:
unbeschreiblich geduldig, unbekümmert, mild. ἀπάθεια, mehr noch
πραἴτης. Ein Buddhist für Griechenland, zwischen dem Tumult der Schulen
aufgewachsen; spät gekommen; ermüdet; der Protest des Müden gegen den
Eifer der Dialektiker; der Unglaube des Müden an die Wichtigkeit aller
Dinge. Er hat Alexander gesehen, er hat die indischen Büßer gesehen.
Auf solche Späte und Raffinierte wirkt alles Niedrige, alles Arme, alles
Idiotische selbst verführerisch. Das narkotisiert: das macht ausstrecken
(Pascal). Sie empfinden andrerseits, mitten im Gewimmel und verwechselt
mit jedermann, ein wenig Wärme: sie haben Wärme nötig, diese Müden....
Den Widerspruch überwinden; kein Wettkampf, kein Wille zur
Auszeichnung: die griechischen Instinkte verneinen. (Pyrrho lebte mit
seiner Schwester zusammen, die Hebamme war.) Die Weisheit verkleiden,
daß sie nicht mehr auszeichnet; ihr einen Mantel von Armut und Lumpen
geben; die niedrigsten Verrichtungen tun: auf den Markt gehen und
Milchschweine verkaufen.... Süßigkeit; Helle; Gleichgültigkeit; keine

Page 246

Tugenden, die Gebärden brauchen: sich auch in der Tugend gleichsetzen:
letzte Selbstüberwindung, letzte Gleichgültigkeit.
Pyrrho, gleich Epikur, zwei Formen der griechischen décadence:
verwandt, im Haß gegen die Dialektik und gegen alle
schauspielerischen Tugenden – beides zusammen hieß damals
Philosophie –; absichtlich das, was sie lieben, niedrig achtend; die
gewöhnlichen, selbst verachteten Namen dafür wählend; einen Zustand
darstellend, wo man weder krank, noch gesund, noch lebendig, noch tot
ist.... Epikur naiver, idyllischer, dankbarer; Pyrrho gereifter, verlebter,
nihilistischer.... Sein Leben war ein Protest gegen die große
Identitätslehre (Glück = Tugend = Erkenntnis). Das rechte Leben
fördert man nicht durch Wissenschaft: Weisheit macht nicht „weise“.... Das
rechte Leben will nicht Glück, sieht ab von Glück....

Page 247

197.

Wissenschaftlichkeit: als Dressur oder als Instinkt. – Bei den
griechischen Philosophen sehe ich einen Niedergang der Instinkte:
sonst hätten sie nicht dermaßen fehlgreifen können, den bewußten
Zustand als den wertvolleren anzusetzen. Die Intensität des
Bewußtseins steht im umgekehrten Verhältnis zur Leichtigkeit und
Schnelligkeit der zerebralen Übermittlung. Dort regierte die umgekehrte
Meinung über den Instinkt: was immer das Zeichen geschwächter
Instinkte ist.
Wir müssen in der Tat das vollkommene Leben dort suchen, wo es am
wenigsten mehr bewußt wird (das heißt, seine Logik, seine Gründe, seine
Mittel und Absichten, seine Nützlichkeit sich vorführt). Die Rückkehr
zur Tatsache des bon sens, des bon homme, der „kleinen Leute“ aller Art.
Einmagazinierte Rechtschaffenheit und Klugheit seit
Geschlechtern, die sich niemals ihrer Prinzipien bewußt wird und selbst
einen kleinen Schauder vor Prinzipien hat. Das Verlangen nach einer
räsonnierenden Tugend ist nicht räsonnabel.... Ein Philosoph ist mit
einem solchen Verlangen kompromittiert.

Page 248

198.

Tartüfferie der Wissenschaftlichkeit. – Man muß nicht
Wissenschaftlichkeit affektieren, wo es noch nicht Zeit ist, wissenschaftlich
zu sein; aber auch der wirkliche Forscher hat die Eitelkeit von sich zu tun,
eine Art von Methode zu affektieren, welche im Grunde noch nicht an der
Zeit ist. Ebenso Dinge und Gedanken, auf die er anders gekommen ist, nicht
mit einem falschen Arrangement von Deduktion und Dialektik zu
„fälschen“. So fälscht Kant in seiner „Moral“ seinen inwendigen
psychologischen Hang; ein neuerliches Beispiel ist Herbert Spencers Ethik.
– Man soll die Tatsache, wie uns unsre Gedanken gekommen sind, nicht
verhehlen und verderben. Die tiefsten und unerschöpftesten Bücher werden
wohl immer etwas von dem aphoristischen und plötzlichen Charakter von
Pascals Pensées haben. Die treibenden Kräfte und Wertschätzungen sind
lange unter der Oberfläche; was hervorkommt, ist Wirkung.
Ich wehre mich gegen alle Tartüfferie von falscher Wissenschaftlichkeit:
1. in bezug auf die Darlegung, wenn sie nicht der Genesis der
Gedanken entspricht;
2. in den Ansprüchen auf Methoden, welche vielleicht zu einer
bestimmten Zeit der Wissenschaft noch gar nicht möglich sind;
3. in den Ansprüchen auf Objektivität, auf kalte Unpersönlichkeit, wo,
wie bei allen Wertschätzungen, wir mit zwei Worten von uns und unsren
inneren Erlebnissen erzählen. Es gibt lächerliche Arten von Eitelkeit, zum
Beispiel Saint-Beuves, der sich zeitlebens geärgert hat, hier und da wirklich
Wärme und Leidenschaft im „Für“ und „Wider“ gehabt zu haben, und es
gern aus seinem Leben weggelogen hätte.

Page 249

199.

Wenn durch Übung in einer ganzen Reihe von Geschlechtern die Moral
gleichsam einmagaziniert worden ist – also die Feinheit, die Vorsicht, die
Tapferkeit, die Billigkeit –, so strahlt die Gesamtkraft dieser aufgehäuften
Tugend selbst noch in die Sphäre aus, wo die Rechtschaffenheit am
seltensten, in die geistige Sphäre. In allem Bewußtwerden drückt sich ein
Unbehagen des Organismus aus; es soll etwas Neues versucht werden, es ist
nichts genügend zurecht dafür, es gibt Mühsal, Spannung, Überreiz, – das
alles ist eben Bewußtwerden.... Das Genie sitzt im Instinkt; die Güte
ebenfalls. Man handelt nur vollkommen, sofern man instinktiv handelt.
Auch moralisch betrachtet ist alles Denken, das bewußt verläuft, eine bloße
Tentative, zumeist das Widerspiel der Moral. Die wissenschaftliche
Rechtschaffenheit ist immer ausgehängt, wenn der Denker anfängt zu
räsonnieren: man mache die Probe, man lege die Weisesten auf die
Goldwage, indem man sie Moral reden macht....
Das läßt sich beweisen, daß alles Denken, das bewußt verläuft, auch
einen viel niedrigeren Grad von Moralität darstellen wird als das Denken
desselben, sofern es von seinen Instinkten geführt wird.

Page 250

200.

Der Philosoph gegen die Rivalen, zum Beispiel gegen die Wissenschaft:
da wird er Skeptiker; da behält er sich eine Form der Erkenntnis vor, die
er dem wissenschaftlichen Menschen abstreitet; da geht er mit dem Priester
Hand in Hand, um nicht den Verdacht des Atheismus, Materialismus zu
erregen; er betrachtet einen Angriff auf sich als einen Angriff auf die Moral,
die Tugend, die Religion, die Ordnung, – er weiß seine Gegner als
„Verführer“ und „Unterminierer“ in Verruf zu bringen: da geht er mit der
Macht Hand in Hand.
Der Philosoph im Kampf mit andern Philosophen: – er sucht sie dahin zu
drängen, als Anarchisten, Ungläubige, Gegner der Autorität zu erscheinen.
In summa: soweit er kämpft, kämpft er ganz wie ein Priester, wie eine
Priesterschaft.

Page 251

5. Freie Philosophie.

Page 252

201.

Man sucht das Bild der Welt in der Philosophie, bei der es uns am
freiesten zumute wird; das heißt, bei der unser mächtigster Trieb sich frei
fühlt zu seiner Tätigkeit. So wird es auch bei mir stehen!

Page 253

202.

Meine erste Lösung: die dionysische Weisheit. Lust an der
Vernichtung des Edelsten und am Anblick, wie er schrittweise ins
Verderben gerät: als Lust am Kommenden, Zukünftigen, welches
triumphiert über das vorhandene noch so Gute. Dionysisch: zeitweilige
Identifikation mit dem Prinzip des Lebens (Wollust des Märtyrers
einbegriffen).
Meine Neuerungen. – Weiterentwicklung des Pessimismus: der
Pessimismus des Intellekts; die moralische Kritik, Auflösung des letzten
Trostes. Erkenntnis der Zeichen des Verfalls: umschleiert durch Wahn
jedes starke Handeln; die Kultur isoliert, ist ungerecht und dadurch stark.
1. Mein Anstreben gegen den Verfall und die zunehmende Schwäche
der Persönlichkeit. Ich suchte ein neues Zentrum.
2. Unmöglichkeit dieses Strebens erkannt.
3. Darauf ging ich weiter in der Bahn der Auflösung, – darin
fand ich für Einzelne neue Kraftquellen. Wir müssen Zerstörer
sein! – – Ich erkannte, daß der Zustand der Auflösung, in der einzelne
Wesen sich vollenden können wie nie – ein Abbild und Einzelfall des
allgemeinen Daseins ist. Gegen die lähmende Erfindung der
allgemeinen Auflösung und Unvollendung hielt ich die ewige
Wiederkunft.

Page 254

203.

Meine Vorbereiter: Schopenhauer: Inwiefern ich den Pessimismus
vertiefte und durch Erfindung seines höchsten Gegensatzes erst ganz mir
zum Gefühl brachte.
Sodann: die idealen Künstler, jener Nachwuchs der Napoleonischen
Bewegung.
Sodann: die höheren Europäer, Vorläufer der großen Politik.
Sodann: die Griechen und ihre Entstehung.

Page 255

204.

Die Bedeutung der deutschen Philosophie (Hegel): einen Pantheismus
auszudenken, bei dem das Böse, der Irrtum und das Leid nicht als
Argumente gegen Göttlichkeit empfunden werden. Diese grandiose
Initiative ist mißbraucht worden von den vorhandenen Mächten (Staat
usw.), als sei damit die Vernünftigkeit des gerade Herrschenden
sanktioniert.
Schopenhauer erscheint dagegen als hartnäckiger Moralmensch,
welcher endlich, um mit seiner moralischen Schätzung recht zu behalten,
zum Weltverneiner wird. Endlich zum „Mystiker“.
Ich selbst habe eine ästhetische Rechtfertigung versucht: wie ist die
Häßlichkeit der Welt möglich? – Ich nahm den Willen zur Schönheit, zum
Verharren in gleichen Formen, als ein zeitweiliges Erhaltungs- und
Heilmittel: fundamental aber schien mir das ewig-Schaffende als das ewig-
Zerstören-Müssende gebunden an den Schmerz. Das Häßliche ist die
Betrachtungsform der Dinge unter dem Willen, einen Sinn, einen neuen
Sinn in das Sinnlos-gewordene zu legen: die angehäufte Kraft, welche den
Schaffenden zwingt, das Bisherige als unhaltbar, mißraten,
verneinungswürdig, als häßlich zu fühlen! –

Page 256

205.

Ich nannte meine unbewußten Arbeiter und Vorbereiter. Wo aber dürfte
ich mit einiger Hoffnung nach meiner Art von Philosophen selber, zum
mindesten nach meinem Bedürfnis neuer Philosophen suchen? Dort
allein, wo eine vornehme Denkweise herrscht, eine solche, welche an
Sklaverei und an viele Grade der Hörigkeit als an die Voraussetzung jeder
höheren Kultur glaubt; wo eine schöpferische Denkweise herrscht,
welche nicht der Welt das Glück der Ruhe, den „Sabbat aller Sabbate“ als
Ziel setzt und selber im Frieden das Mittel zu neuen Kriegen ehrt; eine der
Zukunft Gesetze vorschreibende Denkweise, welche um der Zukunft willen
sich selber und alles Gegenwärtige hart und tyrannisch behandelt; eine
unbedenkliche, „unmoralische“ Denkweise, welche die guten und die
schlimmen Eigenschaften des Menschen gleichermaßen ins Große züchten
will, weil sie sich die Kraft zutraut, beide an die rechte Stelle zu setzen, –
an die Stelle, wo sie beide einander noch nottun. Aber wer also heute nach
Philosophen sucht, welche Aussicht hat er, zu finden, was er sucht? Ist es
nicht wahrscheinlich, daß er, mit der besten Diogenes-Laterne suchend,
umsonst tags und nachts über herumläuft? Das Zeitalter hat die
umgekehrten Instinkte: es will vor allem und zuerst Bequemlichkeit; es
will zu zweit Öffentlichkeit und jenen großen Schauspielerlärm, jenes große
Bumbum, welches seinem Jahrmarktsgeschmacke entspricht; es will zu
dritt, daß jeder mit tiefster Untertänigkeit vor der größten aller Lügen –
diese Lüge heißt „Gleichheit der Menschen“ – auf dem Bauche liegt, und
ehrt ausschließlich die gleichmachenden, gleichstellenden Tugenden.
Damit aber ist es der Entstehung des Philosophen, wie ich ihn verstehe, von
Grund aus entgegengerichtet, ob es schon in aller Unschuld sich ihm
förderlich glaubt. In der Tat, alle Welt jammert heute darüber, wie schlimm
es früher die Philosophen gehabt hätten, eingeklemmt zwischen
Scheiterhaufen, schlechtes Gewissen und anmaßliche Kirchenväterweisheit:
die Wahrheit ist aber, daß eben darin immer noch günstigere
Bedingungen zur Erziehung einer mächtigen, umfänglichen, verschlagenen
und verwegen-wagenden Geistigkeit gegeben waren, als in den
Bedingungen des heutigen Lebens. Heute hat eine andere Art von Geist,
nämlich der Demagogengeist, der Schauspielergeist, vielleicht auch der

Page 257

Biber- und Ameisengeist des Gelehrten für seine Entstehung günstige
Bedingungen. Aber um so schlimmer steht es schon mit den höheren
Künstlern: gehen sie denn nicht fast alle an innerer Zuchtlosigkeit
zugrunde? Sie werden nicht mehr von außen her, durch die absoluten
Werttafeln einer Kirche oder eines Hofes, tyrannisiert: so lernen sie auch
nicht mehr ihren „inneren Tyrannen“ großziehen, ihren Willen. Und was
von den Künstlern gilt, gilt in einem höheren und verhängnisvolleren Sinne
von den Philosophen. Wo sind denn heute freie Geister? Man zeige mir
doch heute einen freien Geist! –

Page 258

206.

Ich verstehe unter „Freiheit des Geistes“ etwas sehr Bestimmtes:
hundertmal den Philosophen und andern Jüngern der „Wahrheit“ durch
Strenge gegen sich überlegen sein, durch Lauterkeit und Mut, durch den
unbedingten Willen, nein zu sagen, wo das Nein gefährlich ist, – ich
behandle die bisherigen Philosophen als verächtliche libertins unter der
Kapuze des Weibes „Wahrheit“.

Page 259

207.

Ich will niemanden zur Philosophie überreden: es ist notwendig, es ist
vielleicht auch wünschenswert, daß der Philosoph eine seltene Pflanze ist.
Nichts ist mir widerlicher als die lehrhafte Anpreisung der Philosophie, wie
bei Seneca oder gar Cicero. Philosophie hat wenig mit Tugend zu tun. Es
sei mir erlaubt, zu sagen, daß auch der wissenschaftliche Mensch etwas
Grundverschiedenes vom Philosophen ist. – Was ich wünsche, ist: daß der
echte Begriff des Philosophen in Deutschland nicht ganz und gar zugrunde
gehe. Es gibt so viele halbe Wesen aller Art in Deutschland, welche ihr
Mißratensein gern unter einem so vornehmen Namen verstecken möchten.

Page 260

II. Religion.

Page 261

1. Entstehung.

Page 262

208.

All die Schönheit und Erhabenheit, die wir den wirklichen und
eingebildeten Dingen geliehen haben, will ich zurückfordern als Eigentum
und Erzeugnis des Menschen: als seine schönste Apologie. Der Mensch als
Dichter, als Denker, als Gott, als Liebe, als Macht – o über seine königliche
Freigebigkeit, mit der er die Dinge beschenkt hat, um sich zu verarmen
und sich elend zu fühlen! Das war bisher seine größte Selbstlosigkeit, daß
er bewunderte und anbetete und sich zu verbergen wußte, daß er es war, der
das geschaffen hat, was er bewunderte. –

Page 263

209.

Die Moralen und Religionen sind die Hauptmittel, mit denen man aus
dem Menschen gestalten kann, was einem beliebt: vorausgesetzt, daß man
einen Überschuß von schaffenden Kräften hat und seinen Willen über lange
Zeiträume durchsetzen kann.

Page 264

210.

Vom Ursprung der Religion. – In derselben Weise, in der jetzt noch
der ungebildete Mensch daran glaubt, der Zorn sei die Ursache davon, wenn
er zürnt, der Geist davon, daß er denkt, die Seele davon, daß er fühlt, kurz,
so wie auch jetzt noch unbedenklich eine Masse von psychologischen
Entitäten angesetzt wird, welche Ursachen sein sollen: so hat der Mensch
auf einer noch naiveren Stufe eben dieselben Erscheinungen mit Hilfe von
psychologischen Personalentitäten erklärt. Die Zustände, die ihm fremd,
hinreißend, überwältigend schienen, legte er sich als Obsession und
Verzauberung unter der Macht einer Person zurecht. So führt der Christ, die
heute am meisten naive und zurückgebildete Art Mensch, die Hoffnung, die
Ruhe, das Gefühl der „Erlösung“ auf ein psychologisches Inspirieren Gottes
zurück: bei ihm, als einem wesentlich leidenden und beunruhigten Typus,
erscheinen billigerweise die Glücks-, Ergebungs- und Ruhegefühle als das
Fremde, als das der Erklärung Bedürftige. Unter klugen, starken und
lebensvollen Rassen erregt am meisten der Epileptische die Überzeugung,
daß hier eine fremde Macht im Spiele ist; aber auch jede verwandte
Unfreiheit, zum Beispiel die des Begeisterten, des Dichters, des großen
Verbrechers, der Passionen wie Liebe und Rache dient zur Erfindung von
außermenschlichen Mächten. Man konkresziert einen Zustand in eine
Person: und behauptet, dieser Zustand, wenn er an uns auftritt, sei die
Wirkung jener Person. Mit anderen Worten: in der psychologischen
Gottbildung wird ein Zustand, um Wirkung zu sein, als Ursache
personifiziert.
Die psychologische Logik ist die: das Gefühl der Macht, wenn es
plötzlich und überwältigend den Menschen überzieht – und das ist in allen
großen Affekten der Fall –, erregt ihm einen Zweifel an seiner Person: er
wagt sich nicht als Ursache dieses erstaunlichen Gefühls zu denken – und
so setzt er eine stärkere Person, eine Gottheit, für diesen Fall an.
In summa: der Ursprung der Religion liegt in den extremen Gefühlen der
Macht, welche, als fremd, den Menschen überraschen: und dem Kranken
gleich, der ein Glied zu schwer und seltsam fühlt und zum Schlusse kommt,
daß ein anderer Mensch über ihm liege, legt sich der naive homo religiosus

Page 265

in mehrere Personen auseinander. Die Religion ist ein Fall der
„altération de la personnalité“. Eine Art Furcht- und Schreckgefühl vor
sich selbst.... Aber ebenso ein außerordentliches Glücks- und
Höhengefühl... Unter Kranken genügt das Gesundheitsgefühl, um an
Gott, an die Nähe Gottes zu glauben.

Page 266

211.

Rudimentäre Psychologie des religiösen Menschen: – Alle
Veränderungen sind Wirkungen; alle Wirkungen sind Willenswirkungen (–
der Begriff „Natur“, „Naturgesetz“ fehlt); zu allen Wirkungen gehört ein
Täter. Rudimentäre Psychologie: man ist selber nur in dem Falle Ursache,
wo man weiß, daß man gewollt hat.
Folge: die Zustände der Macht imputieren dem Menschen das Gefühl,
nicht die Ursache zu sein, unverantwortlich dafür zu sein – : sie
kommen, ohne gewollt zu sein: folglich sind wir nicht die Urheber – : der
unfreie Wille (das heißt das Bewußtsein einer Veränderung mit uns, ohne
daß wir sie gewollt haben) bedarf eines fremden Willens.
Konsequenz: der Mensch hat alle seine starken und erstaunlichen
Momente nicht gewagt, sich zuzurechnen, – er hat sie als „passiv“, als
„erlitten“, als Überwältigungen konzipiert – : die Religion ist eine
Ausgeburt eines Zweifels an der Einheit der Person, eine altération der
Persönlichkeit – : insofern alles Große und Starke vom Menschen als
übermenschlich, als fremd konzipiert wurde, verkleinerte sich der
Mensch, – er legte die zwei Seiten, eine sehr erbärmliche und schwache und
eine sehr starke und erstaunliche, in zwei Sphären auseinander, hieß die
erste „Mensch“, die zweite „Gott“.
Er hat das immer fortgesetzt; er hat in der Periode der moralischen
Idiosynkrasie seine hohen und sublimen Moralzustände nicht als
„gewollt“, als „Werk“ der Person ausgelegt. Auch der Christ legt seine
Person in eine mesquine und schwache Fiktion, die er Mensch nennt, und
eine andere, die er Gott (Erlöser, Heiland) nennt, auseinander –
Die Religion hat den Begriff „Mensch“ erniedrigt; ihre extreme
Konsequenz ist, daß alles Gute, Große, Wahre übermenschlich ist und nur
durch eine Gnade geschenkt....

Page 267

212.

Zur Psychologie des Paulus. – Das Faktum ist der Tod Jesu. Dies bleibt
auszulegen.... Daß es eine Wahrheit und einen Irrtum in der Auslegung
gibt, ist solchen Leuten gar nicht in den Sinn gekommen: eines Tages steigt
ihnen eine sublime Möglichkeit in den Kopf, „es könnte dieser Tod das
und das bedeuten“ – und sofort ist er das! Eine Hypothese beweist sich
durch den sublimen Schwung, welchen sie ihrem Urheber gibt....
„Der Beweis der Kraft“: das heißt, ein Gedanke wird durch seine
Wirkung bewiesen, – („an seinen Früchten“, wie die Bibel naiv sagt); was
begeistert, muß wahr sein, – wofür man sein Blut läßt, muß wahr sein –
Hier wird überall das plötzliche Machtgefühl, das ein Gedanke in seinem
Urheber erregt, diesem Gedanken als Wert zugerechnet: – und da man
einen Gedanken gar nicht anders zu ehren weiß, als indem man ihn als wahr
bezeichnet, so ist das erste Prädikat, das er zu seiner Ehre bekommt, er sei
wahr.... Wie könnte er sonst wirken? Er wird von einer Macht imaginiert:
gesetzt, sie wäre nicht real, so könnte sie nicht wirken.... Er wird als
inspiriert aufgefaßt: die Wirkung, die er ausübt, hat etwas von der
Übergewalt eines dämonischen Einflusses –
Ein Gedanke, dem ein solcher décadent nicht Widerstand zu leisten
vermag, dem er vollends verfällt, ist als wahr „bewiesen“!!!
Alle diese heiligen Epileptiker und Gesichteseher besaßen nicht ein
Tausendstel von jener Rechtschaffenheit der Selbstkritik, mit der heute ein
Philologe einen Text liest oder ein historisches Ereignis auf seine Wahrheit
prüft.... Es sind, im Vergleich zu uns, moralische Kretins....

Page 268

213.

Ein andrer Weg, den Menschen aus seiner Erniedrigung zu ziehen,
welche der Abgang der hohen und starken Zustände, wie als fremder
Zustände, mit sich brachte, war die Verwandtschaftstheorie. Diese hohen
und starken Zustände konnten wenigstens als Einwirkungen unsrer
Vorfahren ausgelegt werden, wir gehörten zueinander, solidarisch, wir
wachsen in unsern eignen Augen, indem wir nach uns bekannter Norm
handeln.
Versuch vornehmer Familien, die Religion mit ihrem Selbstgefühl
auszugleichen. – Dasselbe tun die Dichter und Seher; sie fühlen sich stolz,
gewürdigt und auserwählt zu sein zu solchem Verkehre, – sie legen Wert
darauf, als Individuum gar nicht in Betracht zu kommen, bloße Mundstücke
zu sein (Homer).
Schrittweises Besitzergreifen von seinen hohen und stolzen Zuständen,
Besitzergreifen von seinen Handlungen und Werken. Ehedem glaubte man
sich zu ehren, wenn man für die höchsten Dinge, die man tat, sich nicht
verantwortlich wußte, sondern – Gott. Die Unfreiheit des Willens galt als
das, was einer Handlung einen höheren Wert verlieh: damals war ein Gott
zu ihrem Urheber gemacht....

Page 269

214.

Ehedem hat man jene Zustände und Folgen der physiologischen
Erschöpfung, weil sie reich an Plötzlichem, Schrecklichem,
Unerklärlichem und Unberechenbarem sind, für wichtiger genommen als
die gesunden Zustände und deren Folgen. Man fürchtete sich: man setzte
hier eine höhere Welt an. Man hat den Schlaf und Traum, man hat den
Schatten, die Nacht, den Naturschrecken verantwortlich gemacht für das
Entstehen zweier Welten: vor allem sollte man die Symptome der
physiologischen Erschöpfung daraufhin betrachten. Die alten Religionen
disziplinieren ganz eigentlich den Frommen zu einem Zustande der
Erschöpfung, wo er solche Dinge erleben muß.... Man glaubte in eine
höhere Ordnung eingetreten zu sein, wo alles aufhört, bekannt zu sein. –
Der Schein einer höheren Macht....

Page 270

215.

Der Schlaf als Folge jeder Erschöpfung, die Erschöpfung als Folge jeder
übermäßigen Reizung....
Das Bedürfnis nach Schlaf, die Vergöttlichung und Adoration des
Begriffes „Schlaf“ in allen pessimistischen Religionen und Philosophien –
Die Erschöpfung ist in diesem Fall eine Rassenerschöpfung; der Schlaf,
psychologisch genommen, nur ein Gleichnis eines viel tieferen und
längeren Ruhenmüssens.... In praxi ist es der Tod, der hier unter dem
Bilde seines Bruders, des Schlafes, so verführerisch wirkt....

Page 271

216.

Kritik der heiligen Lüge. – Daß zu frommen Zwecken die Lüge
erlaubt ist, das gehört zur Theorie aller Priesterschaften, – wie weit es zu
ihrer Praxis gehört, soll der Gegenstand dieser Untersuchung sein.
Aber auch die Philosophen, sobald sie mit priesterlichen Hinterabsichten
die Leitung des Menschen in die Hand zu nehmen beabsichtigen, haben
sofort auch sich ein Recht zur Lüge zurecht gemacht: Plato voran. Am
großartigsten ist die doppelte durch die typisch-arischen Philosophen des
Vedânta entwickelte: zwei Systeme, in allen Hauptpunkten widersprüchlich,
aber aus Erziehungszwecken sich ablösend, ausfüllend, ergänzend. Die
Lüge des einen soll einen Zustand schaffen, in dem die Wahrheit des andern
überhaupt hörbar wird....
Wie weit geht die fromme Lüge der Priester und der Philosophen? –
Man muß hier fragen, welche Voraussetzungen zur Erziehung sie haben,
welche Dogmen sie erfinden müssen, um diesen Voraussetzungen genug
zu tun?
Erstens: sie müssen die Macht, die Autorität, die unbedingte
Glaubwürdigkeit auf ihrer Seite haben.
Zweitens: sie müssen den ganzen Naturverlauf in Händen haben, so daß
alles, was den Einzelnen trifft, als bedingt durch ihr Gesetz erscheint.
Drittens: sie müssen auch einen weiter reichenden Machtbereich haben,
dessen Kontrolle sich den Blicken ihrer Unterworfenen entzieht: das
Strafmaß für das Jenseits, das „Nach-dem-Tode“, – wie billig auch die
Mittel, zur Seligkeit den Weg zu wissen.
Sie haben den Begriff des natürlichen Verlaufs zu entfernen: da sie aber
kluge und nachdenkliche Leute sind, so können sie eine Menge Wirkungen
versprechen, natürlich als bedingt durch Gebete oder durch strikte
Befolgung ihres Gesetzes. – Sie können insgleichen eine Menge Dinge
verordnen, die absolut vernünftig sind, – nur daß sie nicht die Erfahrung,
die Empirie als Quelle dieser Weisheit nennen dürfen, sondern eine
Offenbarung oder die Folge „härtester Bußübungen“.

Page 272

Die heilige Lüge bezieht sich also prinzipiell: auf den Zweck der
Handlung (– der Naturzweck, die Vernunft wird unsichtbar gemacht: ein
Moralzweck, eine Gesetzeserfüllung, eine Gottesdienstlichkeit erscheint als
Zweck –): auf die Folge der Handlung (– die natürliche Folge wird als
übernatürliche ausgelegt, und, um sichrer zu wirken, es werden
unkontrollierbare andere, übernatürliche Folgen in Aussicht gestellt).
Auf diese Weise wird ein Begriff von Gut und Böse geschaffen, der
ganz und gar losgelöst von dem Naturbegriff „nützlich“, „schädlich“,
„lebenfördernd“, „lebenvermindernd“ erscheint, – er kann, insofern ein
anderes Leben erdacht ist, sogar direkt feindselig dem Naturbegriff von
Gut und Böse werden.
Auf diese Weise wird endlich das berühmte „Gewissen“ geschaffen:
eine innere Stimme, welche bei jeder Handlung nicht den Wert der
Handlung an ihren Folgen mißt, sondern in Hinsicht auf die Absicht und
Konformität dieser Absicht mit dem „Gesetz“.
Die heilige Lüge hat also 1. einen strafenden und belohnenden Gott
erfunden, der exakt das Gesetzbuch der Priester anerkennt und exakt sie als
seine Mundstücke und Bevollmächtigten in die Welt schickt; – 2. ein
Jenseits des Lebens, in dem die große Strafmaschine erst wirksam
gedacht wird, – zu diesem Zwecke die Unsterblichkeit der Seele; – 3.
das Gewissen im Menschen, als das Bewußtsein davon, daß Gut und Böse
feststeht, – daß Gott selbst hier redet, wenn es die Konformität mit der
priesterlichen Vorschrift anrät; – 4. die Moral als Leugnung alles
natürlichen Verlaufs, als Reduktion alles Geschehens auf ein
moralischbedingtes Geschehen, die Moralwirkung (das heißt die Straf- und
Lohnidee) als die Welt durchdringend, als einzige Gewalt, als creator von
allem Wechsel; – 5. die Wahrheit als gegeben, als geoffenbart, als
zusammenfallend mit der Lehre der Priester: als Bedingung alles Heils und
Glücks in diesem und jenem Leben.
In summa: womit ist die moralische Besserung bezahlt? – Aushängung
der Vernunft, Reduktion aller Motive auf Furcht und Hoffnung (Strafe
und Lohn); Abhängigkeit von einer priesterlichen Vormundschaft, von
einer Formaliengenauigkeit, welche den Anspruch macht, einen göttlichen
Willen auszudrücken; die Einpflanzung eines „Gewissens“, welches ein
falsches Wissen an Stelle der Prüfung und des Versuchs setzt: wie als ob

Page 273

es bereits feststünde, was zu tun und was zu lassen wäre, – eine Art
Kastration des suchenden und vorwärtsstrebenden Geistes; – in summa: die
ärgste Verstümmelung des Menschen, die man sich vorstellen kann,
angeblich als der „gute Mensch“.
In praxi ist die ganze Vernunft, die ganze Erbschaft von Klugheit,
Feinheit, Vorsicht, welche die Voraussetzung des priesterlichen Kanons ist,
willkürlich hinterdrein auf eine bloße Mechanik reduziert: die
Konformität mit dem Gesetz gilt bereits als Ziel, als oberstes Ziel, – das
Leben hat keine Probleme mehr; – die ganze Weltkonzeption ist
beschmutzt mit der Strafidee; – das Leben selbst ist, mit Hinsicht darauf,
das priesterliche Leben als das non plus ultra der Vollkommenheit
darzustellen, in eine Verleumdung und Beschmutzung des Lebens
umgedacht; – der Begriff „Gott“ stellt eine Abkehr vom Leben, eine Kritik,
eine Verachtung selbst des Lebens dar; – die Wahrheit ist umgedacht als die
priesterliche Lüge, das Streben nach Wahrheit als Studium der
Schrift, als Mittel, Theolog zu werden....

Page 274

217.

Die Priester sind die Schauspieler von irgend etwas Übermenschlichem,
dem sie Sinnfälligkeit zu geben haben, sei es von Idealen, sei es von
Göttern oder von Heilanden: darin finden sie ihren Beruf, dafür haben sie
ihre Instinkte; um es so glaubwürdig wie möglich zu machen, müssen sie in
der Anähnlichung so weit wie möglich gehen; ihre Schauspielerklugheit
muß vor allem das gute Gewissen bei ihnen erzielen, mit Hilfe dessen
erst wahrhaft überredet werden kann.

Page 275

218.

Der Priester will durchsetzen, daß er als höchster Typus des Menschen
gilt, daß er herrscht, – auch noch über die, welche die Macht in den
Händen haben, daß er unverletzlich ist, unangreifbar –, daß er die stärkste
Macht in der Gemeinde ist, absolut nicht zu ersetzen und zu unterschätzen.
Mittel: er allein ist der Wissende; er allein ist der Tugendhafte; er
allein hat die höchste Herrschaft über sich; er allein ist in einem
gewissen Sinne Gott und geht zurück in die Gottheit; er allein ist die
Zwischenperson zwischen Gott und den andern; die Gottheit straft jeden
Nachteil, jeden Gedanken, wider einen Priester gerichtet.
Mittel: die Wahrheit existiert. Es gibt nur eine Form, sie zu erlangen,
Priester werden. Alles, was gut ist, in der Ordnung, in der Natur, in dem
Herkommen, geht auf die Weisheit der Priester zurück. Das heilige Buch ist
ihr Werk. Die ganze Natur ist nur eine Ausführung der Satzungen darin. Es
gibt keine andere Quelle des Guten, als den Priester. Alle andere Art von
Vortrefflichkeit ist rangverschieden von der des Priesters, zum Beispiel die
des Kriegers.
Konsequenz: wenn der Priester der höchste Typus sein soll, so muß
die Gradation zu seinen Tugenden die Wertgradation der Menschen
ausmachen. Das Studium, die Entsinnlichung, das Nichtaktive, das
Impassible, Affektlose, das Feierliche; – Gegensatz: die tiefste
Gattung Mensch.
Der Priester hat Eine Art Moral gelehrt: um selbst als höchster Typus
empfunden zu werden. Er konzipiert einen Gegensatztypus: den
Tschandala. Diesen mit allen Mitteln verächtlich zu machen, gibt die
Folie ab für die Kastenordnung. – Die extreme Angst des Priesters vor der
Sinnlichkeit ist zugleich bedingt durch die Einsicht, daß hier die
Kastenordnung (das heißt die Ordnung überhaupt) am schlimmsten
bedroht ist.... Jede „freiere Tendenz“ in puncto puncti wirft die
Ehegesetzgebung über den Haufen –

Page 276

219.

Zur Kritik des Manu-Gesetzbuches. – Das ganze Buch ruht auf der
heiligen Lüge. Ist es das Wohl der Menschheit, welches dieses ganze
System inspiriert hat? Diese Art Mensch, welche an die Interessiertheit
jeder Handlung glaubt, war sie interessiert oder nicht, dieses System
durchzusetzen? Die Menschheit zu verbessern – woher ist diese Absicht
inspiriert? Woher ist der Begriff des Bessern genommen?
Wir finden eine Art Mensch, die priesterliche, die sich als Norm, als
Spitze, als höchsten Ausdruck des Typus Mensch fühlt: von sich aus nimmt
sie den Begriff des „Besseren“. Sie glaubt an ihre Überlegenheit, sie will
sie auch in der Tat: die Ursache der heiligen Lüge ist der Wille zur
Macht....
Aufrichtung der Herrschaft: zu diesem Zwecke die Herrschaft von
Begriffen, welche in der Priesterschaft ein non plus ultra von Macht
ansetzen. Die Macht durch die Lüge – in Einsicht darüber, daß man sie
nicht physisch, militärisch besitzt.... Die Lüge als Supplement der Macht, –
ein neuer Begriff der „Wahrheit“.
Man irrt sich, wenn man hier unbewußte und naive Entwicklung
voraussetzt, eine Art Selbstbetrug.... Die Fanatiker sind nicht die Erfinder
solcher durchdachten Systeme der Unterdrückung.... Hier hat die
kaltblütigste Besonnenheit gearbeitet; dieselbe Art Besonnenheit, wie sie
ein Plato hatte, als er sich seinen „Staat“ ausdachte. – „Man muß die Mittel
wollen, wenn man das Ziel will“ – über diese Politikereinsicht waren alle
Gesetzgeber bei sich klar.
Wir haben das klassische Muster als spezifisch arisch: wir dürfen also
die bestausgestattete und besonnenste Art Mensch verantwortlich machen
für die grundsätzlichste Lüge, die je gemacht worden ist.... Man hat das
nachgemacht, überall beinahe: der arische Einfluß hat alle Welt
verdorben....

Page 277

220.

Der Philosoph als Weiterentwicklung des priesterlichen Typus: – hat
dessen Erbschaft im Leibe; – ist, selbst noch als Rival, genötigt, um
dasselbe mit denselben Mitteln zu ringen wie der Priester seiner Zeit; – er
aspiriert zur höchsten Autorität.
Was gibt Autorität, wenn man nicht die physische Macht in den
Händen hat (keine Heere, keine Waffen überhaupt....)? Wie gewinnt man
namentlich die Autorität über die, welche die physische Gewalt und die
Autorität besitzen? (Sie konkurrieren mit der Ehrfurcht vor dem Fürsten,
vor dem siegreichen Eroberer, dem weisen Staatsmann.)
Nur indem sie den Glauben erwecken, eine höhere, stärkere Gewalt in
den Händen zu haben, – Gott –. Es ist nichts stark genug: man hat die
Vermittlung und die Dienste der Priester nötig. Sie stellen sich als
unentbehrlich dazwischen: – sie haben als Existenzbedingung nötig, 1.
daß an die absolute Überlegenheit ihres Gottes, daß an ihren Gott
geglaubt wird, 2. daß es keine andern, keine direkten Zugänge zu Gott gibt.
Die zweite Forderung allein schafft den Begriff der „Heterodoxie“; die
erste den des „Ungläubigen“ (das heißt, der an einen andern Gott glaubt
–).

Page 278

2. Christentum.

Page 279

221.

– Die Kirche ist exakt das, wogegen Jesus gepredigt hat – und wogegen
er seine Jünger kämpfen lehrte –

Page 280

222.

Man soll das Christentum als historische Realität nicht mit jener
einen Wurzel verwechseln, an welche es mit seinem Namen erinnert: die
andern Wurzeln, aus denen es gewachsen ist, sind bei weitem mächtiger
gewesen. Es ist ein Mißbrauch ohnegleichen, wenn solche Verfallsgebilde
und Mißformen, die „christliche Kirche“, „christlicher Glaube“ und
„christliches Leben“ heißen, sich mit jenem heiligen Namen abzeichnen.
Was hat Christus verneint? – Alles, was heute christlich heißt.

Page 281

223.

Die ganze christliche Lehre von dem, was geglaubt werden soll, die
ganze christliche „Wahrheit“ ist eitel Lug und Trug: und genau das
Gegenstück von dem, was den Anfang der christlichen Bewegung gegeben
hat.
Das gerade, was im kirchlichen Sinn das Christliche ist, ist das
Antichristliche von vornherein: lauter Sachen und Personen statt der
Symbole, lauter Historie statt der ewigen Tatsachen, lauter Formeln, Riten,
Dogmen statt einer Praxis des Lebens. Christlich ist die vollkommene
Gleichgültigkeit gegen Dogmen, Kultus, Priester, Kirche, Theologie.
Die Praxis des Christentums ist keine Phantasterei, so wenig die Praxis
des Buddhismus sie ist: sie ist ein Mittel, glücklich zu sein....

Page 282

224.

Jesus geht direkt auf den Zustand los, das „Himmelreich“ im Herzen, und
findet die Mittel nicht in der Observanz der jüdischen Kirche –; er rechnet
selbst die Realität des Judentums (seine Nötigung, sich zu erhalten) für
nichts; er ist rein innerlich. –
Ebenso macht er sich nichts aus den sämtlichen groben Formeln im
Verkehr mit Gott: er wehrt sich gegen die ganze Buß- und
Versöhnungslehre; er zeigt, wie man leben muß, um sich als „vergöttlicht“
zu fühlen – und wie man nicht mit Buße und Zerknirschung über seine
Sünden dazu kommt: „es liegt nichts an Sünde“ ist sein Haupturteil.
Sünde, Buße, Vergebung, – das gehört alles nicht hierher.... das ist ein
eingemischtes Judentum, oder es ist heidnisch.

Page 283

225.

Das Himmelreich ist ein Zustand des Herzens (– von den Kindern wird
gesagt, „denn ihrer ist das Himmelreich“), nichts, was „über der Erde“ ist.
Das Reich Gottes „kommt“ nicht chronologisch-historisch, nicht nach dem
Kalender, etwas, das eines Tages da wäre und tags vorher nicht: sondern es
ist eine „Sinnesänderung im Einzelnen“, etwas, das jederzeit kommt und
jederzeit noch nicht da ist...

Page 284

226.

Der Schächer am Kreuz: – wenn der Verbrecher selbst, der einen
schmerzhaften Tod leidet, urteilt: „so wie dieser Jesus, ohne Revolte, ohne
Feindschaft, gütig, ergeben, leidet und stirbt, so allein ist es das Rechte“,
hat er das Evangelium bejaht: und damit ist er im Paradiese....

Page 285

227.

Jesus stellte ein wirkliches Leben, ein Leben in der Wahrheit jenem
göttlichen Leben gegenüber: nichts liegt ihm ferner, als der plumpe Unsinn
eines „verewigten Petrus“, einer ewigen Personalfortdauer. Was er
bekämpft, das ist die Wichtigtuerei der „Person“: wie kann er gerade die
verewigen wollen?
Er bekämpft insgleichen die Hierarchie innerhalb der Gemeinde: er
verspricht nicht irgendeine Proportion von Lohn je nach der Leistung: wie
kann er Strafe und Lohn im Jenseits gemeint haben!

Page 286

228.

Auf eine ganz absurde Weise ist die Lohn- und Straflehre hineingemengt:
es ist alles damit verdorben.
Insgleichen ist die Praxis der ersten ecclesia militans, des Apostels
Paulus und sein Verhalten auf eine ganz verfälschende Weise als geboten,
als voraus festgesetzt dargestellt....
Die nachträgliche Verherrlichung des tatsächlichen Lebens und
Lehrens der ersten Christen: wie als ob alles so vorgeschrieben .... bloß
befolgt wäre....
Nun gar die Erfüllung der Weissagungen: was ist da alles gefälscht
und zurecht gemacht worden!

Page 287

229.

Ein Gott für unsere Sünden gestorben; eine Erlösung durch den Glauben;
eine Wiederauferstehung nach dem Tode – das sind alles Falschmünzereien
des eigentlichen Christentums, für die man jenen unheilvollen Querkopf
(Paulus) verantwortlich machen muß.
Das vorbildliche Leben besteht in der Liebe und Demut; in der
Herzensfülle, welche auch den Niedrigsten nicht ausschließt; in der
förmlichen Verzichtleistung auf das Rechtbehaltenwollen, auf Verteidigung,
auf Sieg im Sinne des persönlichen Triumphes; im Glauben an die Seligkeit
hier, auf Erden, trotz Not, Widerstand und Tod; in der Versöhnlichkeit, in
der Abwesenheit des Zornes, der Verachtung; nicht belohnt werden wollen;
niemandem sich verbunden haben: die geistlich-geistigste Herrenlosigkeit;
ein sehr stolzes Leben unter dem Willen zum armen und dienenden Leben.
Nachdem die Kirche die ganze christliche Praxis sich hatte nehmen
lassen und ganz eigentlich das Leben im Staate, jene Art Leben, welches
Jesus bekämpft und verurteilt hatte, sanktioniert hatte, mußte sie den Sinn
des Christentums irgendwo anders hinlegen: in den Glauben an
unglaubwürdige Dinge, in das Zeremoniell von Gebeten, Anbetung, Festen
usw. Der Begriff „Sünde“, „Vergebung“, „Strafe“, „Belohnung“ – alles ganz
unbeträchtlich und fast ausgeschlossen vom ersten Christentum – kommt
jetzt in den Vordergrund.
Ein schauderhafter Mischmasch von griechischer Philosophie und
Judentum; der Asketismus; das beständige Richten und Verurteilen, die
Rangordnung usw.

Page 288

230.

Das Christentum hat von vornherein das Symbolische in Kruditäten
umgesetzt:
1. der Gegensatz „wahres Leben“ und „falsches“ Leben: mißverstanden
als „Leben diesseits“ und „Leben jenseits“;
2. der Begriff „ewiges Leben“ im Gegensatz zum Personalleben der
Vergänglichkeit als „Personalunsterblichkeit“;
3. die Verbrüderung durch gemeinsamen Genuß von Speise und Trank
nach hebräisch-arabischer Gewohnheit als „Wunder der
Transsubstantiation“;
4. die „Auferstehung –“ als Eintritt in das „wahre Leben“, als
„wiedergeboren“; daraus: eine historische Eventualität, die irgendwann
nach dem Tode eintritt;
5. die Lehre vom Menschensohn als dem „Sohn Gottes“, das
Lebensverhältnis zwischen Mensch und Gott; daraus: die „zweite Person
der Gottheit“ – gerade das weggeschafft: das Sohnverhältnis jedes
Menschen zu Gott, auch des niedrigsten;
6. die Erlösung durch den Glauben (nämlich, daß es keinen anderen Weg
zur Sohnschaft Gottes gibt als die von Christus gelehrte Praxis des
Lebens) umgekehrt in den Glauben, daß man an irgendeine wunderbare
Abzahlung der Sünde zu glauben habe, welche nicht durch den
Menschen, sondern durch die Tat Christi bewerkstelligt ist:
Damit mußte „Christus am Kreuze“ neu gedeutet werden. Dieser Tod war
an sich durchaus nicht die Hauptsache.... er war nur ein Zeichen mehr, wie
man sich gegen die Obrigkeit und Gesetze der Welt zu verhalten habe –
nicht sich wehren.... Darin lag das Vorbild.

Page 289

231.

Die Gläubigen sind sich bewußt, dem Christentum Unendliches zu
verdanken, und schließen folglich, daß dessen Urheber eine Personnage
ersten Ranges sei.... Dieser Schluß ist falsch, aber er ist der typische Schluß
der Verehrenden. Objektiv angesehen, wäre möglich, erstens, daß sie sich
irrten über den Wert dessen, was sie dem Christentum verdanken:
Überzeugungen beweisen nichts für das, wovon man überzeugt ist, bei
Religionen begründen sie eher noch einen Verdacht dagegen.... Es wäre
zweitens möglich, daß, was dem Christentum verdankt wird, nicht seinem
Urheber zugeschrieben werden dürfte, sondern eben dem fertigen Gebilde,
dem Ganzen, der Kirche usw. Der Begriff „Urheber“ ist so vieldeutig, daß
er selbst die bloße Gelegenheitsursache für eine Bewegung bedeuten kann:
man hat die Gestalt des Gründers in dem Maße vergrößert, als die Kirche
wuchs; aber eben diese Optik der Verehrung erlaubt den Schluß, daß
irgendwann dieser Gründer etwas sehr Unsicheres und Unfestgestelltes war,
– am Anfang... Man denke, mit welcher Freiheit Paulus das
Personalproblem Jesus behandelt, beinahe eskamotiert – jemand, der
gestorben ist, den man nach seinem Tode wiedergesehen hat, jemand, der
von den Juden zum Tode überantwortet wurde.... Ein bloßes „Motiv“: die
Musik macht er dann dazu....

Page 290

232.

Ein Religionsstifter kann unbedeutend sein, – ein Streichholz, nichts
mehr!

Page 291

233.

Wie eine Ja-sagende arische Religion, die Ausgeburt der
herrschenden Klasse, aussieht: das Gesetzbuch Manus. (Die
Vergöttlichung des Machtgefühls im Brahmanen: interessant, daß es in der
Kriegerkaste entstanden und erst übergegangen ist auf die Priester.)
Wie eine Ja-sagende semitische Religion, die Ausgeburt der
herrschenden Klasse, aussieht: das Gesetzbuch Muhammeds, das alte
Testament in den älteren Teilen. (Der Muhammedanismus, als eine
Religion für Männer, hat eine tiefe Verachtung für die Sentimentalität und
Verlogenheit des Christentums ... einer Weibsreligion, als welche er sie
fühlt –.)
Wie eine Nein-sagende semitische Religion, die Ausgeburt der
unterdrückten Klasse, aussieht: das Neue Testament (– nach indisch-
arischen Begriffen: eine Tschandala-Religion).
Wie eine Nein-sagende arische Religion aussieht, gewachsen unter den
herrschenden Ständen: der Buddhismus.
Es ist vollkommen in Ordnung, daß wir keine Religion unterdrückter
arischer Rassen haben: denn das ist ein Widerspruch: eine Herrenrasse ist
obenauf oder geht zugrunde.

Page 292

234.

Heidnisch – christlich. – Heidnisch ist das Jasagen zum
Natürlichen, das Unschuldsgefühl im Natürlichen, „die Natürlichkeit“.
Christlich ist das Neinsagen zum Natürlichen, das Unwürdigkeitsgefühl
im Natürlichen, die Widernatürlichkeit.
„Unschuldig“ ist zum Beispiel Petronius: ein Christ hat im Vergleich mit
diesem Glücklichen ein für allemal die Unschuld verloren. Da aber zuletzt
auch der christliche status bloß ein Naturzustand sein muß, sich aber
nicht als solchen begreifen darf, so bedeutet „christlich“ eine zum Prinzip
erhobene Falschmünzerei der psychologischen Interpretation....

Page 293

235.

Der christliche Priester ist von Anfang an der Todfeind der Sinnlichkeit:
man kann sich keinen größeren Gegensatz denken, als die unschuldig-
ahnungsvolle und feierliche Haltung, mit der zum Beispiel in den
ehrwürdigsten Frauenkulten Athens die Gegenwart der geschlechtlichen
Symbole empfunden wurde. Der Akt der Zeugung ist das Geheimnis an sich
in allen nicht-asketischen Religionen: eine Art Symbol der Vollendung und
der geheimnisvollen Absicht der Zukunft: der Wiedergeburt,
Unsterblichkeit.

Page 294

236.

Buddha gegen den „Gekreuzigten“. – Innerhalb der nihilistischen
Religionen darf man immer noch die christliche und die buddhistische
scharf auseinanderhalten. Die buddhistische drückt einen schönen
Abend aus, eine vollendete Süßigkeit und Milde, – es ist Dankbarkeit
gegen alles, was hinten liegt; miteingerechnet, was fehlt: die Bitterkeit, die
Enttäuschung, die Ranküne; zuletzt: die hohe geistige Liebe; das
Raffinement des philosophischen Widerspruchs ist hinter ihm, auch davon
ruht es aus: aber von diesem hat es noch seine geistige Glorie und
Sonnenuntergangsglut. (– Herkunft aus den obersten Kasten –.)
Die christliche Bewegung ist eine Degenereszenzbewegung aus
Abfalls- und Ausschußelementen aller Art: sie drückt nicht den
Niedergang einer Rasse aus, sie ist von Anfang an eine Aggregatbildung aus
sich zusammendrängenden und sich suchenden Krankheitsgebilden.... Sie
ist deshalb nicht national, nicht rassebedingt: sie wendet sich an die
Enterbten von überall; sie hat die Ranküne auf dem Grunde gegen alles
Wohlgeratene und Herrschende: sie braucht ein Symbol, welches den
Fluch auf die Wohlgeratenen und Herrschenden darstellt.... Sie steht im
Gegensatz auch zu aller geistigen Bewegung, zu aller Philosophie: sie
nimmt die Partei der Idioten und spricht einen Fluch gegen den Geist aus.
Ranküne gegen die Begabten, Gelehrten, Geistig-Unabhängigen: sie errät in
ihnen das Wohlgeratene, das Herrschaftliche.

Page 295

237.

Im Buddhismus überwiegt dieser Gedanke: „Alle Begierden, alles, was
Affekt, was Blut macht, zieht zu Handlungen fort“ – nur insofern wird
gewarnt vor dem Bösen. Denn Handeln – das hat keinen Sinn, Handeln
hält im Dasein fest: alles Dasein aber hat keinen Sinn. Sie sehen im Bösen
den Antrieb zu etwas Unlogischem: zur Bejahung von Mitteln, deren Zweck
man verneint. Sie suchen nach einem Wege zum Nichtsein, und deshalb
perhorreszieren sie alle Antriebe seitens der Affekte. Zum Beispiel ja nicht
sich rächen! ja nicht feind sein! – Der Hedonismus der Müden gibt hier die
höchsten Wertmaße ab. Nichts ist dem Buddhisten ferner als der jüdische
Fanatismus eines Paulus: Nichts würde mehr seinem Instinkt widerstreben
als diese Spannung, Flamme, Unruhe des religiösen Menschen, vor allem
jene Form der Sinnlichkeit, welche das Christentum mit dem Namen der
„Liebe“ geheiligt hat. Zu alledem sind es die gebildeten und sogar
übergeistigten Stände, die im Buddhismus ihre Rechnung finden: eine
Rasse, durch einen Jahrhunderte langen Philosophenkampf abgesotten und
müde gemacht, nicht aber unterhalb aller Kultur wie die Schichten, aus
denen das Christentum entsteht.... Im Ideal des Buddhismus erscheint das
Loskommen auch von Gut und Böse wesentlich: es wird da eine raffinierte
Jenseitigkeit der Moral ausgedacht, die mit dem Wesen der Vollkommenheit
zusammenfällt, unter der Voraussetzung, daß man auch die guten
Handlungen bloß zeitweilig nötig hat, bloß als Mittel, – nämlich, um
von allem Handeln loszukommen.

Page 296

238.

Eine nihilistische Religion wie das Christentum, einem greisenhaft-
zähen, alle starken Instinkte überlebt habenden Volke entsprungen und
gemäß – Schritt für Schritt in andre Milieus übertragen, endlich in die
jungen, noch gar nicht gelebt habenden Völker eintretend – sehr
seltsam! Eine Schluß-, Hirten-, Abendglückseligkeit Barbaren, Germanen
gepredigt! Wie mußte das alles erst germanisiert, barbarisiert werden!
Solchen, die ein Walhall geträumt hatten – : die alles Glück im Kriege
fanden! – Eine übernationale Religion in ein Chaos hineingepredigt, wo
noch nicht einmal Nationen da waren –.

Page 297

239.

Diese nihilistische Religion sucht sich die décadence-Elemente und
Verwandtes im Altertum zusammen; nämlich:
a) die Partei der Schwachen und Mißratenen (den Ausschuß der
antiken Welt: Das, was sie am kräftigsten von sich stieß....);
b) die Partei der Vermoralisierten und Antiheidnischen;
c) die Partei der Politisch-Ermüdeten und Indifferenten (blasierte
Römer....), der Entnationalisierten, denen eine Leere geblieben war;
d) die Partei derer, die sich satt haben, – die gern an einer
unterirdischen Verschwörung mitarbeiten –

Page 298

240.

A. In dem Maße, in dem heute das Christentum noch nötig erscheint, ist
der Mensch noch wüst und verhängnisvoll....
B. In anderem Betracht ist es nicht nötig, sondern extrem schädlich, wirkt
aber anziehend und verführend, weil es dem morbiden Charakter ganzer
Schichten, ganzer Typen der jetzigen Menschheit entspricht.... sie geben
ihrem Hange nach, indem sie christlich aspirieren – die décadents aller Art

Man hat hier zwischen A und B streng zu scheiden. Im Fall A ist
Christentum ein Heilmittel, mindestens ein Bändigungsmittel (– es dient
unter Umständen, krank zu machen: was nützlich sein kann, um die
Wüstheit und Rohheit zu brechen). Im Fall B ist es ein Symptom der
Krankheit selbst, vermehrt die décadence; hier wirkt es einem
korroborierenden System der Behandlung entgegen, hier ist es der
Krankeninstinkt gegen das, was ihm heilsam ist –

Page 299

241.

Das christlich-jüdische Leben: hier überwog nicht das
Ressentiment. Erst die großen Verfolgungen mögen die Leidenschaft
dergestalt herausgetrieben haben – sowohl die Glut der Liebe, als die des
Hasses.
Wenn man für seinen Glauben seine Liebsten geopfert sieht, dann wird
man aggressiv; man verdankt den Sieg des Christentums seinen
Verfolgern.
Die Asketik im Christentum ist nicht spezifisch: das hat Schopenhauer
mißverstanden: sie wächst nur in das Christentum hinein: überall dort, wo
es auch ohne Christentum Asketik gibt.
Das hypochondrische Christentum, die Gewissenstierquälerei und -
folterung ist insgleichen nur einem gewissen Boden zugehörig, auf dem
christliche Werte Wurzel geschlagen haben: es ist nicht das Christentum
selbst. Das Christentum hat alle Art Krankheiten morbider Böden in sich
aufgenommen: man könnte ihm einzig zum Vorwurf machen, daß es sich
gegen keine Ansteckung zu wehren wußte. Aber eben das ist sein Wesen:
Christentum ist ein Typus der décadence.

Page 300

242.

Die Realität, auf der das Christentum sich aufbauen konnte, war die
kleine jüdische Familie der Diaspora, mit ihrer Wärme und Zärtlichkeit,
mit ihrer im ganzen römischen Reiche unerhörten und vielleicht
unverstandenen Bereitschaft zum Helfen, Einstehen füreinander, mit ihrem
verborgenen und in Demut verkleideten Stolz der „Auserwählten“, mit
ihrem innerlichsten Neinsagen ohne Neid zu allem, was obenauf ist und
was Glanz und Macht für sich hat. Das als Macht erkannt zu haben,
diesen seligen Zustand als mitteilsam, verführerisch, ansteckend auch für
Heiden erkannt zu haben – ist das Genie des Paulus: den Schatz von
latenter Energie, von klugem Glück auszunützen zu einer „jüdischen Kirche
freieren Bekenntnisses“, die ganze jüdische Erfahrung und Meisterschaft
der Gemeindeselbsterhaltung unter der Fremdherrschaft, auch die
jüdische Propaganda – das erriet er als seine Aufgabe. Was er vorfand, das
war eben jene absolut unpolitische und abseits gestellte Art kleiner
Leute: ihre Kunst, sich zu behaupten und durchzusetzen, in einer Anzahl
Tugenden angezüchtet, welche den einzigen Sinn von Tugend ausdrückten
(„Mittel der Erhaltung und Steigerung einer bestimmten Art Mensch“).
Aus der kleinen jüdischen Gemeinde kommt das Prinzip der Liebe her:
es ist eine leidenschaftlichere Seele, die hier unter der Asche von Demut
und Armseligkeit glüht: so war es weder griechisch, noch indisch, noch gar
germanisch. Das Lied zu Ehren der Liebe, welches Paulus gedichtet hat, ist
nichts Christliches, sondern ein jüdisches Auflodern der ewigen Flamme,
die semitisch ist. Wenn das Christentum etwas Wesentliches in
psychologischer Hinsicht getan hat, so ist es eine Erhöhung der
Temperatur der Seele bei jenen kälteren und vornehmeren Rassen, die
damals obenauf waren; es war die Entdeckung, daß das elendeste Leben
reich und unschätzbar werden kann durch eine Temperaturerhöhung....
Es versteht sich, daß eine solche Übertragung nicht stattfinden konnte in
Hinsicht auf die herrschenden Stände: die Juden und Christen hatten die
schlechten Manieren gegen sich, – und was Stärke und Leidenschaft der
Seele bei schlechten Manieren ist, das wirkt abstoßend und beinahe
ekelerregend (– ich sehe diese schlechten Manieren, wenn ich das Neue

Page 301

Testament lese). Man mußte durch Niedrigkeit und Not mit dem hier
redenden Typus des niederen Volkes verwandt sein, um das Anziehende zu
empfinden... Es ist eine Probe davon, ob man etwas klassischen
Geschmack im Leibe hat, wie man zum Neuen Testament steht
(vergleiche Tacitus); wer davon nicht revoltiert ist, wer dabei nicht ehrlich
und gründlich etwas von foeda superstitio empfindet, etwas, wovon man
die Hand zurückzieht, wie um nicht sich zu beschmutzen: der weiß nicht,
was klassisch ist. Man muß das „Kreuz“ empfinden wie Goethe –

Page 302

243.

Reaktion der kleinen Leute: – Das höchste Gefühl der Macht gibt
die Liebe. Zu begreifen, inwiefern hier nicht der Mensch überhaupt,
sondern eine Art Mensch redet.
„Wir sind göttlich in der Liebe, wir werden ‚Kinder Gottes‘, Gott liebt
uns und will gar nichts von uns als Liebe“; das heißt: alle Moral, alles
Gehorchen und Tun bringt nicht jenes Gefühl von Macht und Freiheit
hervor, wie es die Liebe hervorbringt; – aus Liebe tut man nichts
Schlimmes, man tut viel mehr, als man aus Gehorsam und Tugend täte.
Hier ist das Herdenglück, das Gemeinschaftsgefühl im Großen und
Kleinen, das lebendige Eins-Gefühl als Summe des Lebensgefühls
empfunden. Das Helfen und Sorgen und Nützen erregt fortwährend das
Gefühl der Macht; der sichtbare Erfolg, der Ausdruck der Freude
unterstreicht das Gefühl der Macht; der Stolz fehlt nicht, als Gemeinde, als
Wohnstätte Gottes, als „Auserwählte“.
Tatsächlich hat der Mensch nochmals eine Alteration der
Persönlichkeit erlebt: diesmal nannte er sein Liebesgefühl Gott. Man
muß ein Erwachen eines solchen Gefühls sich denken, eine Art Entzücken,
eine fremde Rede, ein „Evangelium“, – diese Neuheit war es, welche ihm
nicht erlaubte, sich die Liebe zuzurechnen – : er meinte, daß Gott vor ihm
wandle und in ihm lebendig geworden sei. – „Gott kommt zu den
Menschen“, der „Nächste“ wird transfiguriert, in einen Gott (insofern an
ihm das Gefühl der Liebe sich auslöst). Jesus ist der Nächste, so wie
dieser zur Gottheit, zur Machtgefühl erregenden Ursache umgedacht
wurde.

Page 303

244.

Das Evangelium: die Nachricht, daß den Niedrigen und Armen ein
Zugang zum Glück offen steht, – daß man nichts zu tun hat, als sich von der
Institution, der Tradition, der Bevormundung der oberen Stände
loszumachen: insofern ist die Heraufkunft des Christentums nichts weiter,
als die typische Sozialistenlehre.
Eigentum, Erwerb, Vaterland, Stand und Rang, Tribunale, Polizei, Staat,
Kirche, Unterricht, Kunst, Militärwesen: alles ebenso viele Verhinderungen
des Glücks, Irrtümer, Verstrickungen, Teufelswerke, denen das Evangelium
das Gericht ankündigt.... Alles typisch für die Sozialistenlehre.
Im Hintergrunde der Aufruhr, die Explosion eines aufgestauten
Widerwillens gegen die „Herren“, der Instinkt dafür, wie viel Glück nach so
langem Drucke schon im Frei-sich-fühlen liegen könnte.... (Meistens ein
Symptom davon, daß die unteren Schichten zu menschenfreundlich
behandelt worden sind, daß sie ein ihnen verbotenes Glück bereits auf der
Zunge schmecken.... Nicht der Hunger erzeugt Revolutionen, sondern daß
das Volk en mangeant Appetit bekommen hat....)

Page 304

245.

Wogegen ich protestiere? Daß man nicht diese kleine friedliche
Mittelmäßigkeit, dieses Gleichgewicht einer Seele, welche nicht die großen
Antriebe der großen Krafthäufungen kennt, als etwas Hohes nimmt,
womöglich gar als Maß des Menschen.
Bacon von Verulam sagt: Infimarum virtutum apud vulgus laus est,
mediarum admiratio, supremarum sensus nullus. Das Christentum aber
gehört, als Religion, zum vulgus; es hat für die höchste Gattung virtus
keinen Sinn.

Page 305

246.

Ich liebe es durchaus nicht an jenem Jesus von Nazareth oder an seinem
Apostel Paulus, daß sie den kleinen Leuten so viel in den Kopf
gesetzt haben, als ob es etwas auf sich habe mit ihren bescheidenen
Tugenden. Man hat es zu teuer bezahlen müssen: denn sie haben die
wertvolleren Qualitäten von Tugend und Mensch in Verruf gebracht, sie
haben das schlechte Gewissen und das Selbstgefühl der vornehmen Seele
gegeneinander gesetzt, sie haben die tapfern, großmütigen,
verwegenen, exzessiven Neigungen der starken Seele irregeleitet, bis
zur Selbstzerstörung....

Page 306

247.

Die Juden machen den Versuch, sich durchzusetzen, nachdem ihnen zwei
Kasten, die der Krieger und die der Ackerbauer, verloren gegangen sind;
sie sind in diesem Sinne die „Verschnittenen“: sie haben den Priester –
und dann sofort den Tschandala....
Wie billig kommt es bei ihnen zu einem Bruch, zu einem Aufstand des
Tschandala: der Ursprung des Christentums.
Damit, daß sie den Krieger nur als ihren Herrn kannten, brachten sie in
ihre Religion die Feindschaft gegen den Vornehmen, gegen den Edlen,
Stolzen, gegen die Macht, gegen die herrschenden Stände – : sie sind
Entrüstungspessimisten....
Damit schufen sie eine wichtige neue Position: der Priester an der Spitze
der Tschandalas, – gegen die vornehmen Stände....
Das Christentum zog die letzte Konsequenz dieser Bewegung: auch im
jüdischen Priestertum empfand es noch die Kaste, den Privilegierten, den
Vornehmen – es strich den Priester aus –
Christ ist der Tschandala, der den Priester ablehnt.... der Tschandala, der
sich selbst erlöst....
Deshalb ist die französische Revolution die Tochter und Fortsetzerin
des Christentums.... sie hat den Instinkt gegen die Kaste, gegen die
Vornehmen, gegen die letzten Privilegien – –

Page 307

248.

Die tiefe Verachtung, mit der der Christ in der vornehm gebliebenen
antiken Welt behandelt wurde, gehört ebendahin, wohin heute noch die
Instinktabneigung gegen den Juden gehört: es ist der Haß der freien und
selbstbewußten Stände gegen die, welche sich durchdrücken und
schüchterne, linkische Gebärden mit einem unsinnigen Selbstgefühl
verbinden.
Das neue Testament ist das Evangelium einer gänzlich unvornehmen
Art Mensch; ihr Anspruch, mehr Wert zu haben, ja allen Wert zu haben,
hat in der Tat etwas Empörendes, – auch heute noch.

Page 308

249.

Das ursprüngliche Christentum ist Abolition des Staates: es verbietet
den Eid, den Kriegsdienst, die Gerichtshöfe, die Selbstverteidigung und
Verteidigung irgendeines Ganzen, den Unterschied zwischen Volksgenossen
und Fremden; insgleichen die Ständeordnung.
Das Vorbild Christi: er widerstrebt nicht denen, die ihm Übles tun; er
verteidigt sich nicht; er tut mehr: er „reicht die linke Wange“ (auf die Frage
„bist du Christus?“ antwortet er, „und von nun an werdet ihr sehen des
Menschen Sohn sitzen zur Rechten der Kraft und kommen in den Wolken
des Himmels“). Er verbietet, daß seine Jünger ihn verteidigen; er macht
aufmerksam, daß er Hilfe haben könnte, aber nicht will.
Das Christentum ist auch Abolition der Gesellschaft: es bevorzugt
alles von ihr Geringgeschätzte, es wächst heraus aus den Verrufenen und
Verurteilten, den Aussätzigen jeder Art, den „Sündern“, den „Zöllnern“, den
Prostituierten, dem dümmsten Volk (den „Fischern“); es verschmäht die
Reichen, die Gelehrten, die Vornehmen, die Tugendhaften, die
„Korrekten“....

Page 309

250.

Zur Geschichte des Christentums. – Fortwährende Veränderung
des Milieus: die christliche Lehre verändert damit fortwährend ihr
Schwergewicht.... Die Begünstigung der Niederen und kleinen
Leute.... Die Entwicklung der caritas.... Der Typus „Christ“ nimmt
schrittweise alles wieder an, was er ursprünglich negierte (in dessen
Negation er bestand –). Der Christ wird Bürger, Soldat, Gerichtsperson,
Arbeiter, Handelsmann, Gelehrter, Theolog, Priester, Philosoph, Landwirt,
Künstler, Patriot, Politiker, „Fürst“.... er nimmt alle Tätigkeiten wieder
auf, die er abgeschworen hat (– die Selbstverteidigung, das Gerichthalten,
das Strafen, das Schwören, das Unterscheiden zwischen Volk und Volk, das
Geringschätzen, das Zürnen....). Das ganze Leben des Christen ist endlich
genau das Leben, von dem Christus die Loslösung predigte...
Die Kirche gehört so gut zum Triumph des Antichristlichen, wie der
moderne Staat, der moderne Nationalismus.... Die Kirche ist die
Barbarisierung des Christentums.

Page 310

251.

Das Christentum ist möglich als privateste Daseinsform; es setzt eine
enge, abgezogene, vollkommen unpolitische Gesellschaft voraus, – es
gehört ins Konventikel. Ein „christlicher Staat“, eine „christliche Politik“
dagegen ist eine Schamlosigkeit, eine Lüge, etwa wie eine christliche
Heerführung, welche zuletzt den „Gott der Heerscharen“ als
Generalstabschef behandelt. Auch das Papsttum ist niemals imstande
gewesen, christliche Politik zu machen....; und wenn Reformatoren Politik
treiben, wie Luther, so weiß man, daß sie eben solche Anhänger
Macchiavells sind wie irgend welche Immoralisten oder Tyrannen.

Page 311

252.

Wann auch die „Herren“ Christen werden können. – Es liegt in
dem Instinkt einer Gemeinschaft (Stamm, Geschlecht, Herde,
Gemeinde), die Zustände und Begehrungen, denen sie ihre Erhaltung
verdankt, als an sich wertvoll zu empfinden, zum Beispiel Gehorsam,
Gegenseitigkeit, Rücksicht, Mäßigkeit, Mitleid, – somit alles, was
denselben im Wege steht oder widerspricht, herabzudrücken.
Es liegt insgleichen in dem Instinkt der Herrschenden (seien es
Einzelne, seien es Stände), die Tugenden, auf welche hin die Unterworfenen
handlich und ergeben sind, zu patronisieren und auszuzeichnen (–
Zustände und Affekte, die den eignen so fremd wie möglich sein können).
Der Herdeninstinkt und der Instinkt der Herrschenden kommen
im Loben einer gewissen Anzahl von Eigenschaften und Zuständen
überein, – aber aus verschiedenen Gründen: der erste aus unmittelbarem
Egoismus, der zweite aus mittelbarem Egoismus.
Die Unterwerfung der Herrenrassen unter das Christentum ist
wesentlich die Folge der Einsicht, daß das Christentum eine
Herdenreligion ist, daß es Gehorsam lehrt: kurz, daß man Christen
leichter beherrscht als Nichtchristen. Mit diesem Wink empfiehlt noch
heute der Papst dem Kaiser von China die christliche Propaganda.
Es kommt hinzu, daß die Verführungskraft des christlichen Ideals am
stärksten vielleicht auf solche Naturen wirkt, welche die Gefahr, das
Abenteuer und das Gegensätzliche lieben, welche alles lieben, wobei sie
sich riskieren, wobei aber ein non plus ultra von Machtgefühl erreicht
werden kann. Man denke sich die heilige Theresa, inmitten der heroischen
Instinkte ihrer Brüder: – das Christentum erscheint da als eine Form der
Willensausschweifung, der Willensstärke, als eine Donquixoterie des
Heroismus....

Page 312

253.

Das „Christentum“ ist etwas Grundverschiedenes von dem geworden,
was sein Stifter tat und wollte. Es ist die große antiheidnische
Bewegung des Altertums, formuliert mit Benutzung von Leben, Lehre und
„Worten“ des Stifters des Christentums, aber in einer absolut
willkürlichen Interpretation nach dem Schema grundverschiedener
Bedürfnisse: übersetzt in die Sprache aller schon bestehenden
unterirdischen Religionen –
Es ist die Heraufkunft des Pessimismus (– während Jesus den Frieden
und das Glück der Lämmer bringen wollte): und zwar des Pessimismus der
Schwachen, der Unterlegenen, der Leidenden, der Unterdrückten.
Ihr Todfeind ist 1. die Macht in Charakter, Geist und Geschmack; die
„Weltlichkeit“; 2. das klassische „Glück“, die vornehme Leichtfertigkeit
und Skepsis, der harte Stolz, die exzentrische Ausschweifung und die kühle
Selbstgenügsamkeit des Weisen, das griechische Raffinement in Gebärde,
Wort und Form. Ihr Todfeind ist der Römer ebensosehr als der Grieche.

Page 313

Versuch des Antiheidentums, sich philosophisch zu begründen und
möglich zu machen: Witterung für die zweideutigen Figuren der alten
Kultur, vor allem für Plato, diesen Antihellenen und Semiten von Instinkt....
Insgleichen für den Stoizismus, der wesentlich das Werk von Semiten ist (–
die „Würde“ als Strenge, Gesetz, die Tugend als Größe,
Selbstverantwortung, Autorität, als höchste Personalsouveränität – das ist
semitisch. Der Stoiker ist ein arabischer Scheich in griechische Windeln
und Begriffe gewickelt).

Page 314

254.

Wenn man auch noch so bescheiden in seinem Anspruch auf
intellektuelle Sauberkeit ist, man kann nicht verhindern, bei der Berührung
mit dem Neuen Testament etwas wie ein unaussprechliches Mißbehagen zu
empfinden: denn die zügellose Frechheit des Mitredenwollens
Unberufenster über die großen Probleme, ja ihr Anspruch auf Richtertum in
solchen Dingen übersteigt jedes Maß. Die unverschämte Leichtfertigkeit,
mit der hier von den unzugänglichsten Problemen (Leben, Welt, Gott,
Zweck des Lebens) geredet wird, wie als ob sie keine Probleme wären,
sondern einfach Sachen, die diese kleinen Mucker wissen!

Page 315

255.

Dies war die verhängnisvollste Art Größenwahn, die bisher auf Erden
dagewesen ist: – wenn diese verlogenen kleinen Mißgeburten von Muckern
anfangen, die Worte „Gott“, „jüngstes Gericht“, „Wahrheit“, „Liebe“,
„Weisheit“, „heiliger Geist“ für sich in Anspruch zu nehmen und sich damit
gegen „die Welt“ abzugrenzen, wenn diese Art Mensch anfängt, die Werte
nach sich umzudrehen, wie als ob sie der Sinn, das Salz, das Maß und
Gewicht vom ganzen Rest wären: so sollte man ihnen Irrenhäuser bauen
und nichts weiter tun. Daß man sie verfolgte, das war eine antike
Dummheit großen Stils: damit nahm man sie zu ernst, damit machte man
aus ihnen einen Ernst.
Das ganze Verhängnis war dadurch ermöglicht, daß schon eine verwandte
Art von Größenwahn in der Welt war, der jüdische (– nachdem einmal
die Kluft zwischen den Juden und den Christen-Juden aufgerissen, mußten
die Christen-Juden die Prozedur der Selbsterhaltung, welche der jüdische
Instinkt erfunden hatte, nochmals und in einer letzten Steigerung zu ihrer
Selbsterhaltung anwenden –); andererseits dadurch, daß die griechische
Philosophie der Moral alles getan hatte, um einen Moralfanatismus
selbst unter Griechen und Römern vorzubereiten und schmackhaft zu
machen.... Plato, die große Zwischenbrücke der Verderbnis, der zuerst die
Natur in der Moral nicht verstehen wollte, der bereits die griechischen
Götter mit seinem Begriff „gut“ entwertet hatte, der bereits jüdisch-
angemuckert war (– in Ägypten?).

Page 316

256.

Was ist denn das, dieser Kampf des Christen „wider die Natur“? Wir
werden uns ja durch seine Worte und Auslegungen nicht täuschen lassen! Es
ist Natur wider etwas, das auch Natur ist. Furcht bei vielen, Ekel bei
manchen, eine gewisse Geistigkeit bei anderen, die Liebe zu einem Ideal
ohne Fleisch und Begierde, zu einem „Auszug der Natur“ bei den Höchsten
– diese wollen es ihrem Ideale gleichtun. Es versteht sich, daß Demütigung
an Stelle des Selbstgefühls, ängstliche Vorsicht vor den Begierden, die
Lostrennung von den gewöhnlichen Pflichten (wodurch wieder ein höheres
Ranggefühl geschaffen wird), die Aufregung eines beständigen Kampfes
um ungeheure Dinge, die Gewohnheit der Gefühlseffusion – alles einen
Typus zusammensetzt: in ihm überwiegt die Reizbarkeit eines
verkümmernden Leibes, aber die Nervosität und ihre Inspiration wird
anders interpretiert. Der Geschmack dieser Art Naturen geht einmal 1.
auf das Spitzfindige, 2. auf das Blumige, 3. auf die extremen Gefühle. – Die
natürlichen Hänge befriedigen sich doch, aber unter einer neuen Form der
Interpretation, zum Beispiel als „Rechtfertigung vor Gott“,
„Erlösungsgefühl in der Gnade“ (– jedes unabweisbare Wohlgefühl wird
interpretiert! –), der Stolz, die Wollust usw. – Allgemeines Problem: was
wird aus dem Menschen, der sich das Natürliche verlästert und praktisch
verleugnet und verkümmert? Tatsächlich erweist sich der Christ als eine
übertreibende Form der Selbstbeherrschung: um seine Begierden zu
bändigen, scheint er nötig zu haben, sie zu vernichten oder zu kreuzigen.

Page 317

257.

Gott schuf den Menschen glücklich, müßig, unschuldig und unsterblich:
unser wirkliches Leben ist ein falsches, abgefallenes, sündhaftes Dasein,
eine Strafexistenz.... Das Leiden, der Kampf, die Arbeit, der Tod werden als
Einwände und Fragezeichen gegen das Leben abgeschätzt, als etwas
Unnatürliches, etwas, das nicht dauern soll; gegen das man Heilmittel
braucht – und hat!....
Die Menschheit hat von Adam an bis jetzt sich in einem unnormalen
Zustande befunden: Gott selbst hat seinen Sohn für die Schuld Adams
hergegeben, um diesem unnormalen Zustande ein Ende zu machen: der
natürliche Charakter des Lebens ist ein Fluch; Christus gibt dem, der an
ihn glaubt, den Normalzustand zurück: er macht ihn glücklich, müßig und
unschuldig. – Aber die Erde hat nicht angefangen, fruchtbar zu sein ohne
Arbeit; die Weiber gebären nicht ohne Schmerzen Kinder, die Krankheit hat
nicht aufgehört; die Gläubigsten befinden sich hier so schlecht wie die
Ungläubigsten. Nur daß der Mensch vom Tode und von der Sünde befreit
ist – Behauptungen, die keine Kontrolle zulassen –, das hat die Kirche um
so bestimmter behauptet. „Er ist frei von Sünde“ – nicht durch sein Tun,
nicht durch einen rigorosen Kampf seinerseits, sondern durch die Tat der
Erlösung freigekauft – folglich vollkommen, unschuldig,
paradiesisch....
Das wahre Leben nur ein Glaube (das heißt ein Selbstbetrug, ein
Irrsinn). Das ganze ringende, kämpfende, wirkliche Dasein voll Glanz und
Finsternis nur ein schlechtes, falsches Dasein: von ihm erlöst werden ist
die Aufgabe.
„Der Mensch unschuldig, müßig, unsterblich, glücklich“ – diese
Konzeption der „höchsten Wünschbarkeit“ ist vor allem zu kritisieren.
Warum ist die Schuld, die Arbeit, der Tod, das Leiden (und, christlich
geredet, die Erkenntnis....) wider die höchste Wünschbarkeit? – Die
faulen christlichen Begriffe „Seligkeit“, „Unschuld“, „Unsterblichkeit“ – –

Page 318

258.

Krieg gegen das christliche Ideal, gegen die Lehre von der „Seligkeit“
und dem „Heil“ als Ziel des Lebens, gegen die Suprematie der Einfältigen,
der reinen Herzen, der Leidenden und Mißglückten.
Wann und wo hat je ein Mensch, der in Betracht kommt, jenem
christlichen Ideal ähnlich gesehen? Wenigstens für solche Augen, wie sie
ein Psycholog und Nierenprüfer haben muß! – man blättere alle Helden
Plutarchs durch.

Page 319

259.

Der höhere Mensch unterscheidet sich von dem niederen in Hinsicht
auf die Furchtlosigkeit und die Herausforderung des Unglücks: es ist ein
Zeichen von Rückgang, wenn eudämonistische Wertmaße als oberste zu
gelten anfangen (– physiologische Ermüdung, Willensverarmung –). Das
Christentum mit seiner Perspektive auf „Seligkeit“ ist eine typische
Denkweise für eine leidende und verarmte Gattung Mensch. Eine volle
Kraft will schaffen, leiden, untergehen: ihr ist das christliche Muckerheil
eine schlechte Musik und hieratische Gebärden ein Verdruß.

Page 320

260.

Unser Vorrang: wir leben im Zeitalter der Vergleichung, wir können
nachrechnen, wie nie nachgerechnet worden ist: wir sind das
Selbstbewußtsein der Historie überhaupt. Wir genießen anders, wir leiden
anders: die Vergleichung eines unerhört Vielfachen ist unsre instinktivste
Tätigkeit. Wir verstehen alles, wir leben alles, wir haben kein feindseliges
Gefühl mehr in uns. Ob wir selbst dabei schlecht wegkommen, unsre
entgegenkommende und beinahe liebevolle Neugierde geht ungescheut auf
die gefährlichsten Dinge los....
„Alles ist gut“ – es kostet uns Mühe, zu verneinen. Wir leiden, wenn wir
einmal so unintelligent werden, Partei gegen etwas zu nehmen.... Im
Grunde erfüllen wir Gelehrten heute am besten die Lehre Christi – –

Page 321

261.

Man gibt sich nicht genug Rechenschaft darüber, in welcher Barbarei der
Begriffe wir Europäer noch leben. Daß man hat glauben können, das „Heil
der Seele“ hänge an einem Buche!.... Und man sagt mir, man glaube das
heute noch.
Was hilft alle wissenschaftliche Erziehung, alle Kritik und Hermeneutik,
wenn ein solcher Widersinn von Bibelauslegung, wie ihn die Kirche
aufrecht erhält, noch nicht die Schamröte zur Leibfarbe gemacht hat?

Page 322

262.

Der Humor der europäischen Kultur: man hält das für wahr, aber tut
jenes. Zum Beispiel was hilft alle Kunst des Lesens und der Kritik, wenn
die kirchliche Interpretation der Bibel, die protestantische so gut wie die
katholische, nach wie vor aufrecht erhalten wird!

Page 323

263.

Nachzudenken: Inwiefern immer noch der verhängnisvolle Glaube an
die göttliche Providenz – dieser für Hand und Vernunft lähmendste
Glaube, den es gegeben hat – fortbesteht; inwiefern unter den Formeln
„Natur“, „Fortschritt“, „Vervollkommnung“, „Darwinismus“, unter dem
Aberglauben einer gewissen Zusammengehörigkeit von Glück und Tugend,
von Unglück und Schuld immer noch die christliche Voraussetzung und
Interpretation ihr Nachleben hat. Jenes absurde Vertrauen zum Gang der
Dinge, zum „Leben“, zum „Instinkt des Lebens“, jene biedermännische
Resignation, die des Glaubens ist, jedermann habe nur seine Pflicht zu
tun, damit alles gut gehe – dergleichen hat nur Sinn unter der Annahme
einer Leitung der Dinge sub specie boni. Selbst noch der Fatalismus,
unsre jetzige Form der philosophischen Sensibilität, ist eine Folge jenes
längsten Glaubens an göttliche Fügung, eine unbewußte Folge: nämlich
als ob es eben nicht auf uns ankomme, wie alles geht (– als ob wir es
laufen lassen dürften, wie es läuft: jeder Einzelne selbst nur ein Modus der
absoluten Realität –).

Page 324

264.

Nichts wäre nützlicher und mehr zu fördern, als ein konsequenter
Nihilismus der Tat. – So wie ich alle die Phänomene des Christentums,
des Pessimismus verstehe, so drücken sie aus: „wir sind reif, nicht zu sein;
für uns ist es vernünftig, nicht zu sein“. Diese Sprache der „Vernunft“ wäre
in diesem Falle auch die Sprache der selektiven Natur.
Was über alle Begriffe dagegen zu verurteilen ist, das ist die zweideutige
und feige Halbheit einer Religion, wie die des Christentums: deutlicher,
der Kirche: welche, statt zum Tode und zur Selbstvernichtung zu
ermutigen, alles Mißratene und Kranke schützt und sich selbst fortpflanzen
macht –
Problem: mit was für Mitteln würde eine strenge Form des großen
kontagiösen Nihilismus erzielt werden: eine solche, welche mit
wissenschaftlicher Gewissenhaftigkeit den freiwilligen Tod lehrt und übt (–
und nicht das schwächliche Fortvegetieren mit Hinsicht auf eine falsche
Postexistenz –)?
Man kann das Christentum nicht genug verurteilen, weil es den Wert
einer solchen reinigenden großen Nihilismusbewegung, wie sie vielleicht
im Gange war, durch den Gedanken der unsterblichen Privatperson
entwertet hat: insgleichen durch die Hoffnung auf Auferstehung: kurz,
immer durch ein Abhalten von der Tat des Nihilismus, dem Selbstmord
... Es substituierte den langsamen Selbstmord; allmählich ein kleines,
armes, aber dauerhaftes Leben; allmählich ein ganz gewöhnliches,
bürgerliches, mittelmäßiges Leben usw.

Page 325

265.

Man soll es dem Christentum nie vergeben, daß es solche Menschen wie
Pascal zugrunde gerichtet hat. Man soll nie aufhören, eben dies am
Christentum zu bekämpfen, daß es den Willen dazu hat, gerade die stärksten
und vornehmsten Seelen zu zerbrechen. Man soll sich nie Frieden geben,
solange dies Eine noch nicht in Grund und Boden zerstört ist: das Ideal vom
Menschen, welches vom Christentum erfunden worden ist, seine
Forderungen an den Menschen, sein Nein und sein Ja in Hinsicht auf den
Menschen. Der ganze absurde Rest von christlicher Fabel, Begriffs-
Spinneweberei und Theologie geht uns nichts an; er könnte noch
tausendmal absurder sein, und wir würden nicht einen Finger gegen ihn
aufheben. Aber jenes Ideal bekämpfen wir, das mit seiner krankhaften
Schönheit und Weibsverführung, mit seiner heimlichen
Verleumderberedsamkeit allen Feigheiten und Eitelkeiten müdgewordener
Seelen zuredet – und die Stärksten haben müde Stunden –, wie als ob alles
das, was in solchen Zuständen am nützlichsten und wünschbarsten scheinen
mag, Vertrauen, Arglosigkeit, Anspruchslosigkeit, Geduld, Liebe zu
seinesgleichen, Ergebung, Hingebung an Gott, eine Art Abschirrung und
Abdankung seines ganzen Ichs, auch an sich das Nützlichste und
Wünschbarste sei; wie als ob die kleine bescheidene Mißgeburt von Seele,
das tugendhafte Durchschnittstier und Herdenschaf Mensch nicht nur den
Vorrang vor der stärkeren, böseren, begehrlicheren, trotzigeren,
verschwenderischeren und darum hundertfach gefährdeteren Art Mensch
habe, sondern geradezu für den Menschen überhaupt das Ideal, das Ziel, das
Maß, die höchste Wünschbarkeit abgebe. Diese Aufrichtung eines Ideals
war bisher die unheimlichste Versuchung, welcher der Mensch ausgesetzt
war: denn mit ihm drohte den stärker geratenen Ausnahmen und
Glücksfällen von Mensch, in denen der Wille zur Macht und zum
Wachstum des ganzen Typus Mensch einen Schritt vorwärts tut, der
Untergang; mit seinen Werten sollte das Wachstum jener Mehr-Menschen
an der Wurzel angegraben werden, welche um ihrer höheren Ansprüche und
Aufgaben willen freiwillig auch ein gefährlicheres Leben (ökonomisch
ausgedrückt: Steigerung der Unternehmerkosten ebensosehr wie der
Unwahrscheinlichkeit des Gelingens) in den Kauf nehmen. Was wir am

Page 326

Christentum bekämpfen? Daß es die Starken zerbrechen will, daß es ihren
Mut entmutigen, ihre schlechten Stunden und Müdigkeiten ausnützen, ihre
stolze Sicherheit in Unruhe und Gewissensnot verkehren will, daß es die
vornehmen Instinkte giftig und krank zu machen versteht, bis sich ihre
Kraft, ihr Wille zur Macht rückwärts kehrt, gegen sich selber kehrt, – bis
die Starken an den Ausschweifungen der Selbstverachtung und der
Selbstmißhandlung zugrunde gehen: jene schauerliche Art des
Zugrundegehens, deren berühmtestes Beispiel Pascal abgibt.

Page 327

266.

Das Christentum ist jeden Augenblick noch möglich. Es ist an keines der
unverschämten Dogmen gebunden, welche sich mit seinem Namen
geschmückt haben: es braucht weder die Lehre vom persönlichen Gott,
noch von der Sünde, noch von der Unsterblichkeit, noch von der
Erlösung, noch vom Glauben; es hat schlechterdings keine Metaphysik
nötig, noch weniger den Asketismus, noch weniger eine christliche
„Naturwissenschaft“.... Das Christentum ist eine Praxis, keine
Glaubenslehre. Es sagt uns, wie wir handeln, nicht, was wir glauben sollen.
Wer jetzt sagte, „ich will nicht Soldat sein“, „ich kümmere mich nicht um
die Gerichte“, „die Dienste der Polizei werden von mir nicht in Anspruch
genommen“, „ich will nichts tun, was den Frieden in mir selbst stört: und
wenn ich daran leiden muß, nichts wird mir den Frieden erhalten als
Leiden“ – der wäre Christ.

Page 328

267.

Ironie gegen die, welche das Christentum durch die modernen
Naturwissenschaften überwunden glauben. Die christlichen Werturteile sind
damit absolut nicht überwunden. „Christus am Kreuze“ ist das erhabenste
Symbol – immer noch. –

Page 329

Drittes Buch.
Prinzip einer neuen Wertsetzung.

Page 330

I. Die neue Deutung der Welt.

Page 331

268.

Wahrheit ist die Art von Irrtum, ohne welche eine bestimmte Art
von lebendigen Wesen nicht leben könnte. Der Wert für das Leben
entscheidet zuletzt.

Page 332

269.

Das Kriterium der Wahrheit liegt in der Steigerung des Machtgefühls.

Page 333

270.

Der Glaube „so und so ist es“ zu verwandeln in den Willen „so und so
soll es werden“.

Page 334

271.

Die Frage der Werte ist fundamentaler als die Frage der Gewißheit:
letztere erlangt ihren Ernst erst unter der Voraussetzung, daß die Wertfrage
beantwortet ist.
Sein und Schein, psychologisch nachgerechnet, ergibt kein „Sein an
sich“, keine Kriterien für „Realität“, sondern nur für Grade der
Scheinbarkeit gemessen an der Stärke des Anteils, den wir einem Schein
geben.
Nicht ein Kampf um Existenz wird zwischen den Vorstellungen und
Wahrnehmungen gekämpft, sondern um Herrschaft: – vernichtet wird die
überwundene Vorstellung nicht, nur zurückgedrängt oder
subordiniert. Es gibt im Geistigen keine Vernichtung....

Page 335

272.

Die Wertschätzung, „ich glaube, daß das und das so ist“ als Wesen
der „Wahrheit“. In den Wertschätzungen drücken sich Erhaltungs- und
Wachstumsbedingungen aus. Alle unsre Erkenntnisorgane und
Sinne sind nur entwickelt in Hinsicht auf Erhaltungs- und
Wachstumsbedingungen. Das Vertrauen zur Vernunft und ihren
Kategorien, zur Dialektik, also die Wertschätzung der Logik, beweist nur
die durch Erfahrung bewiesene Nützlichkeit derselben für das Leben:
nicht deren „Wahrheit“.
Daß eine Menge Glauben da sein muß; daß geurteilt werden darf; daß
der Zweifel in Hinsicht auf alle wesentlichen Werte fehlt: – das ist
Voraussetzung alles Lebendigen und seines Lebens. Also daß etwas für
wahr gehalten werden muß, ist notwendig, – nicht, daß etwas wahr ist.
„Die wahre und die scheinbare Welt“ – dieser Gegensatz wird von mir
zurückgeführt auf Wertverhältnisse. Wir haben unsere
Erhaltungsbedingungen projiziert als Prädikate des Seins überhaupt.
Daß wir in unserm Glauben stabil sein müssen, um zu gedeihen, daraus
haben wir gemacht, daß die „wahre“ Welt keine wandelbare und werdende,
sondern eine seiende ist.

Page 336

273.

„Wahrheit“: das bezeichnet innerhalb meiner Denkweise nicht notwendig
einen Gegensatz zum Irrtum, sondern in den grundsätzlichsten Fällen nur
eine Stellung verschiedener Irrtümer zueinander: etwa, daß der eine älter,
tiefer als der andre ist, vielleicht sogar unausrottbar, insofern ein
organisches Wesen unserer Art nicht ohne ihn leben könnte; während
andere Irrtümer uns nicht dergestalt als Lebensbedingungen tyrannisieren,
vielmehr, gemessen an solchen „Tyrannen“, beseitigt und „widerlegt“
werden können.
Eine Annahme, die unwiderlegbar ist, – warum sollte sie deshalb schon
„wahr“ sein? Dieser Satz empört vielleicht die Logiker, welche ihre
Grenzen als Grenzen der Dinge ansetzen: aber diesem Logikeroptimismus
habe ich schon lange den Krieg erklärt.

Page 337

274.

Das Feststellen zwischen „wahr“ und „unwahr“, das Feststellen
überhaupt von Tatbeständen ist grundverschieden von dem schöpferischen
Setzen, vom Bilden, Gestalten, Überwältigen, Wollen, wie es im Wesen
der Philosophie liegt. Einen Sinn hineinlegen – diese Aufgabe bleibt
unbedingt immer noch übrig, gesetzt, daß kein Sinn darin liegt. So
steht es mit Tönen, aber auch mit Volksschicksalen: sie sind der
verschiedensten Ausdeutung und Richtung zu verschiedenen Zielen
fähig.
Die noch höhere Stufe ist ein Ziel setzen und daraufhin das
Tatsächliche einformen: also die Ausdeutung der Tat, und nicht bloß die
begriffliche Umdichtung.

Page 338

275.

Es gibt weder „Geist“, noch Vernunft, noch Denken, noch Bewußtsein,
noch Seele, noch Wille, noch Wahrheit: alles Fiktionen, die unbrauchbar
sind. Es handelt sich nicht um „Subjekt und Objekt“, sondern um eine
bestimmte Tierart, welche nur unter einer gewissen relativen Richtigkeit,
vor allem Regelmäßigkeit ihrer Wahrnehmungen (so daß sie Erfahrung
kapitalisieren kann) gedeiht....
Die Erkenntnis arbeitet als Werkzeug der Macht. So liegt es auf der
Hand, daß sie wächst mit jedem Mehr von Macht....
Sinn der „Erkenntnis“: hier ist, wie bei „gut“ oder „schön“, der Begriff
streng und eng anthropozentrisch und biologisch zu nehmen. Damit eine
bestimmte Art sich erhält und wächst in ihrer Macht, muß sie in ihrer
Konzeption der Realität so viel Berechenbares und Gleichbleibendes
erfassen, daß daraufhin ein Schema ihres Verhaltens konstruiert werden
kann. Die Nützlichkeit der Erhaltung – nicht irgendein abstrakt-
theoretisches Bedürfnis, nicht betrogen zu werden – steht als Motiv hinter
der Entwicklung der Erkenntnisorgane...., sie entwickeln sich so, daß ihre
Beobachtung genügt, uns zu erhalten. Anders: das Maß des
Erkennenwollens hängt ab von dem Maß des Wachsens des Willens zur
Macht der Art: eine Art ergreift so viel Realität, um über sie Herr zu
werden, um sie in Dienst zu nehmen.

Page 339

276.

Gegen den Positivismus, welcher bei den Phänomenen stehen bleibt, „es
gibt nur Tatsachen“, würde ich sagen: nein, gerade Tatsachen gibt es
nicht, nur Interpretationen. Wir können kein Faktum „an sich“
feststellen: vielleicht ist es ein Unsinn, so etwas zu wollen.
„Es ist alles subjektiv“, sagt ihr: aber schon das ist Auslegung. Das
„Subjekt“ ist nichts Gegebenes, sondern etwas Hinzuerdichtetes,
Dahintergestecktes. – Ist es zuletzt nötig, den Interpreten noch hinter die
Interpretation zu setzen? Schon das ist Dichtung, Hypothese.
Soweit überhaupt das Wort „Erkenntnis“ Sinn hat, ist die Welt erkennbar:
aber sie ist anders deutbar, sie hat keinen Sinn hinter sich, sondern
unzählige Sinne. – „Perspektivismus“.
Unsere Bedürfnisse sind es, die die Welt auslegen; unsere Triebe und
deren Für und Wider. Jeder Trieb ist eine Art Herrschsucht, jeder hat seine
Perspektive, welche er als Norm allen übrigen Trieben aufzwingen möchte.

Page 340

277.

Das Verlangen nach „festen Tatsachen“ – Erkenntnistheorie: wie viel
Pessimismus ist darin!

Page 341

278.

„Zweck und Mittel“
„Ursache und
Wirkung“ als Ausdeutungen (nicht als Tatbestand) und
„Subjekt und inwiefern vielleicht notwendige Ausdeutungen?
Objekt“ } (als „erhaltende“) – alle im Sinne eines Willens
„Tun und Leiden“ zur Macht.
„Ding an sich
und Erscheinung“

Page 342

279.

Es ist unwahrscheinlich, daß unser „Erkennen“ weiter reichen sollte, als
es knapp zur Erhaltung des Lebens ausreicht. Die Morphologie zeigt uns,
wie die Sinne und die Nerven sowie das Gehirn sich entwickeln im
Verhältnis zur Schwierigkeit der Ernährung.

Page 343

280.

Die Erkenntnis wird bei höherer Art von Wesen auch neue Formen
haben, welche jetzt noch nicht nötig sind.

Page 344

281.

Der Mensch findet zuletzt in den Dingen nichts wieder, als was er selbst
in sie hineingesteckt hat: – das Wiederfinden heißt sich Wissenschaft, das
Hineinstecken – Kunst, Religion, Liebe, Stolz. In beidem, wenn es selbst
Kinderspiel sein sollte, sollte man fortfahren und guten Mut zu beidem
haben – die einen zum Wiederfinden, die andern – wir andern! – zum
Hineinstecken!

Page 345

282.

„Der Sinn für Wahrheit“ muß, wenn die Moralität des „Du sollst nicht
lügen“ abgewiesen ist, sich vor einem andern Forum legitimieren: – als
Mittel der Erhaltung von Mensch, als Machtwille.
Ebenso unsre Liebe zum Schönen: ist ebenfalls der gestaltende Wille.
Beide Sinne stehen beieinander; der Sinn für das Wirkliche ist das Mittel,
die Macht in die Hand zu bekommen, um die Dinge nach unserem Belieben
zu gestalten. Die Lust am Gestalten und Umgestalten – eine Urlust! Wir
können nur eine Welt begreifen, die wir selber gemacht haben.

Page 346

283.

Die Welt „vermenschlichen“, das heißt immer mehr uns in ihr als Herren
fühlen –

Page 347

284.

Unsre Werte sind in die Dinge hineininterpretiert.
Gibt es denn einen Sinn im An-sich!?
Ist nicht notwendig Sinn eben Beziehungssinn und Perspektive?
Aller Sinn ist Wille zur Macht (alle Beziehungssinne lassen sich in ihm
auflösen).

Page 348

285.

Wenn das innerste Wesen des Seins Wille zur Macht ist, wenn Lust alles
Wachstum der Macht, Unlust alles Gefühl, nicht widerstehen, nicht Herr
werden zu können, ist: dürfen wir dann nicht Lust und Unlust als
Kardinaltatsachen ansetzen? Ist Wille möglich ohne diese beiden
Oszillationen des Ja und des Nein? – Aber wer fühlt Lust?.... Aber wer
will Macht?.... Absurde Frage! wenn das Wesen selbst Machtwille und
folglich Lust- und Unlustfühlen ist! Trotzdem: es bedarf der Gegensätze,
der Widerstände, also, relativ, der übergreifenden Einheiten....

Page 349

286.

1. Die organischen Funktionen zurückübersetzt in den Grundwillen, den
Willen zur Macht, – und aus ihm abgespaltet.
2. Der Wille zur Macht sich spezialisierend als Wille zur Nahrung, nach
Eigentum, nach Werkzeugen, nach Dienern (Gehorchern) und
Herrschern: der Leib als Beispiel. – Der stärkere Wille dirigiert den
schwächeren. Es gibt gar keine andere Kausalität als die von Wille zu Wille.
Mechanistisch nicht erklärt.
3. Denken, Fühlen, Wollen in allem Lebendigen. Was ist eine Lust
anderes als: eine Reizung des Machtgefühls durch ein Hemmnis (noch
stärker durch rhythmische Hemmungen und Widerstände) – so daß es
dadurch anschwillt. Also in aller Lust ist Schmerz inbegriffen. – Wenn die
Lust sehr groß werden soll, müssen die Schmerzen sehr lange und die
Spannung des Bogens ungeheuer werden.
4. Die geistigen Funktionen. Wille zur Gestaltung, zur Anähnlichung
usw.

Page 350

287.

Der Wille zur Macht kann sich nur an Widerständen äußern; er sucht
also nach dem, was ihm widersteht, – dies die ursprüngliche Tendenz des
Protoplasmas, wenn es Pseudopodien ausstreckt und um sich tastet. Die
Aneignung und Einverleibung ist vor allem ein Überwältigenwollen, ein
Formen, An- und Umbilden, bis endlich das Überwältigte ganz in den
Machtbereich des Angreifers übergegangen ist und denselben vermehrt hat.
– Gelingt diese Einverleibung nicht, so zerfällt wohl das Gebilde; und die
Zweiheit erscheint als Folge des Willens zur Macht: um nicht fahren zu
lassen, was erobert ist, tritt der Wille zur Macht in zwei Willen auseinander
(unter Umständen ohne seine Verbindung untereinander völlig aufzugeben).
„Hunger“ ist nur eine engere Anpassung, nachdem der Grundtrieb nach
Macht geistigere Gestalt gewonnen hat.

Page 351

288.

Man kann das, was die Ursache dafür ist, daß es überhaupt Entwicklung
gibt, nicht selbst wieder auf dem Wege der Forschung über Entwicklung
finden; man soll es nicht als „werdend“ verstehen wollen, noch weniger als
geworden.... Der „Wille zur Macht“ kann nicht geworden sein.

Page 352

289.

Alles Geschehen aus Absichten ist reduzierbar auf die Absicht der
Mehrung von Macht.

Page 353

290.

Was ist „passiv“? – Gehemmt sein in der vorwärtsgreifenden
Bewegung: also ein Handeln des Widerstandes und der Reaktion.
Was ist „aktiv“? – nach Macht ausgreifend.
„Ernährung“ – ist nur abgeleitet; das Ursprüngliche ist: alles in sich
einschließen wollen.
„Zeugung“ – nur abgeleitet; ursprünglich: wo ein Wille nicht ausreicht,
das gesamte Angeeignete zu organisieren, tritt ein Gegenwille in Kraft,
der die Loslösung vornimmt, ein neues Organisationszentrum, nach einem
Kampfe mit dem ursprünglichen Willen.
„Lust“ – als Machtgefühl (die Unlust voraussetzend).

Page 354

291.

Ist „Wille zur Macht“ eine Art „Wille“ oder identisch mit dem Begriff
„Wille“? Heißt es so viel als begehren? oder kommandieren? Ist es der
„Wille“, von dem Schopenhauer meint, er sei das „An sich der Dinge“?
Mein Satz ist: daß Wille der bisherigen Psychologie eine
ungerechtfertigte Verallgemeinerung ist, daß es diesen Willen gar nicht
gibt, daß, statt die Ausgestaltung eines bestimmten Willens in viele
Formen zu fassen, man den Charakter des Willens weggestrichen hat,
indem man den Inhalt, das Wohin? heraussubtrahiert hat – : das ist im
höchsten Grade bei Schopenhauer der Fall: das ist ein bloßes leeres Wort,
was er „Wille“ nennt. Es handelt sich noch weniger um einen „Willen zum
Leben“: denn das Leben ist bloß ein Einzelfall des Willens zur Macht; –
es ist ganz willkürlich, zu behaupten, daß alles danach strebe, in diese
Form des Willens zur Macht überzutreten.

Page 355

II. Der Geist – ein Machtwille.

Page 356

1. Wahrnehmung.

Page 357

292.

Es gibt vielerlei Augen. Auch die Sphinx hat Augen – : und folglich gibt
es vielerlei „Wahrheiten“, und folglich gibt es keine Wahrheit.

Page 358

293.

Unsere Wahrnehmungen, wie wir sie verstehen: das ist die Summe aller
der Wahrnehmungen, deren Bewußtwerden uns und dem ganzen
organischen Prozesse vor uns nützlich und wesentlich war: also nicht alle
Wahrnehmungen überhaupt (zum Beispiel nicht die elektrischen); das heißt:
wir haben Sinne nur für eine Auswahl von Wahrnehmungen – solcher, an
denen uns gelegen sein muß, um uns zu erhalten. Bewußtsein ist so
weit da, als Bewußtsein nützlich ist. Es ist kein Zweifel, daß alle
Sinneswahrnehmungen gänzlich durchsetzt sind mit Werturteilen
(nützlich und schädlich – folglich angenehm oder unangenehm). Die
einzelne Farbe drückt zugleich einen Wert für uns aus (obwohl wir es uns
selten oder erst nach langem, ausschließlichem Einwirken derselben Farbe
eingestehen, zum Beispiel Gefangene im Gefängnis oder Irre). Deshalb
reagieren Insekten auf verschiedene Farben anders: einige lieben diese,
andere jene, zum Beispiel Ameisen.

Page 359

294.

Diese perspektivische Welt, diese Welt für das Auge, Getast und Ohr ist
sehr falsch, verglichen schon für einen sehr viel feineren Sinnenapparat.
Aber ihre Verständlichkeit, Übersichtlichkeit, ihre Praktikabilität, ihre
Schönheit beginnt aufzuhören, wenn wir unsre Sinne verfeinern:
ebenso hört die Schönheit auf beim Durchdenken von Vorgängen der
Geschichte; die Ordnung des Zwecks ist schon eine Illusion. Genug, je
oberflächlicher und gröber zusammenfassend, um so wertvoller,
bestimmter, schöner, bedeutungsvoller erscheint die Welt. Je tiefer man
hineinsieht, um so mehr verschwindet unsere Wertschätzung, – die
Bedeutungslosigkeit naht sich! Wir haben die Welt, welche Wert hat,
geschaffen! Dies erkennend, erkennen wir auch, daß die Verehrung der
Wahrheit schon die Folge einer Illusion ist – und daß man mehr als sie
die bildende, vereinfachende, gestaltende, erdichtende Kraft zu schätzen
hat.
„Alles ist falsch! Alles ist erlaubt!“
Erst bei einer gewissen Stumpfheit des Blickes, einem Willen zur
Einfachheit stellt sich das Schöne, das „Wertvolle“ ein: an sich ist es, ich
weiß nicht was.

Page 360

295.

Erst Bilder – zu erklären, wie Bilder im Geiste entstehen. Dann Worte,
angewendet auf Bilder. Endlich Begriffe, erst möglich, wenn es Worte
gibt – ein Zusammenfassen vieler Bilder unter etwas Nicht-Anschauliches,
sondern Hörbares (Wort). Das kleine bißchen Emotion, welches beim
„Wort“ entsteht, also beim Anschauen ähnlicher Bilder, für die ein Wort da
ist – diese schwache Emotion ist das Gemeinsame, die Grundlage des
Begriffes. Daß schwache Empfindungen als gleich angesetzt werden, als
dieselben empfunden werden, ist die Grundtatsache. Also die
Verwechslung zweier ganz benachbarten Empfindungen in der
Konstatierung dieser Empfindungen; – wer aber konstatiert? Das
Glauben ist das Uranfängliche schon in jedem Sinneseindruck: eine Art
Ja-sagen erste intellektuelle Tätigkeit! Ein „Für-wahr-halten“ im Anfange!
Also zu erklären: wie ein „Für-wahr-halten“ entstanden ist! Was liegt für
eine Sensation hinter „wahr“?

Page 361

296.

Widerspruch gegen die angeblichen „Tatsachen des Bewußtseins“. Die
Beobachtung ist tausendfach schwieriger, der Irrtum vielleicht Bedingung
der Beobachtung überhaupt.

Page 362

297.

Kritik der neuen Philosophie: fehlerhafter Ausgangspunkt, als ob es
„Tatsachen des Bewußtseins“ gäbe – und keinen Phänomenalismus in
der Selbstbeobachtung.

Page 363

298.

„Bewußtsein“ – inwiefern die vorgestellte Vorstellung, der vorgestellte
Wille, das vorgestellte Gefühl (das uns allein bekannte) ganz
oberflächlich ist! „Erscheinung“ auch unsre innere Welt!

Page 364

299.

Der Phänomenalismus der „inneren Welt“. Die chronologische
Umdrehung, so daß die Ursache später ins Bewußtsein tritt als die
Wirkung. – Wir haben gelernt, daß der Schmerz an eine Stelle des Leibes
projiziert wird, ohne dort seinen Sitz zu haben – : wir haben gelernt, daß die
Sinnesempfindung, welche man naiv als bedingt durch die Außenwelt
ansetzt, vielmehr durch die Innenwelt bedingt ist: daß die eigentliche
Aktion der Außenwelt immer unbewußt verläuft..... Das Stück Außenwelt,
das uns bewußt wird, ist nachgeboren nach der Wirkung, die von außen auf
uns geübt ist, ist nachträglich projiziert als deren „Ursache“....
In dem Phänomenalismus der „innern Welt“ kehren wir die Chronologie
von Ursache und Wirkung um. Die Grundtatsache der „inneren Erfahrung“
ist, daß die Ursache imaginiert wird, nachdem die Wirkung erfolgt ist....
Dasselbe gilt auch von der Abfolge der Gedanken: – wir suchen den Grund
zu einem Gedanken, bevor er uns noch bewußt ist: und dann tritt zuerst der
Grund und dann dessen Folge ins Bewußtsein.... Unser ganzes Träumen ist
die Auslegung von Gesamtgefühlen auf mögliche Ursachen: und zwar so,
daß ein Zustand erst bewußt wird, wenn die dazu erfundene Kausalitätskette
ins Bewußtsein getreten ist.
Die ganze „innere Erfahrung“ beruht darauf, daß zu einer Erregung der
Nervenzentren eine Ursache gesucht und vorgestellt wird – und daß erst die
gefundene Ursache ins Bewußtsein tritt: diese Ursache ist schlechterdings
nicht adäquat der wirklichen Ursache, – es ist ein Tasten auf Grund der
ehemaligen „inneren Erfahrungen“, das heißt des Gedächtnisses. Das
Gedächtnis erhält aber auch die Gewohnheit der alten Interpretationen, das
heißt der irrtümlichen Ursächlichkeit, – so daß die „innere Erfahrung“ in
sich noch die Folgen aller ehemaligen falschen Kausalfiktionen zu tragen
hat. Unsere „Außenwelt“, wie wir sie jeden Augenblick projizieren, ist
unauflöslich gebunden an den alten Irrtum vom Grunde: wir legen sie aus
mit dem Schematismus des „Dings“ usw.
Die „innere Erfahrung“ tritt uns ins Bewußtsein erst nachdem sie eine
Sprache gefunden hat, die das Individuum versteht – das heißt eine
Übersetzung eines Zustandes in ihm bekanntere Zustände – : „verstehen“

Page 365

das heißt naiv bloß: etwas Neues ausdrücken können in der Sprache von
etwas Altem, Bekanntem. Zum Beispiel „ich befinde mich schlecht“ – ein
solches Urteil setzt eine große und späte Neutralität des
Beobachtenden voraus – : der naive Mensch sagt immer: das und das
macht, daß ich mich schlecht befinde, – er wird über sein Schlechtbefinden
erst klar, wenn er einen Grund sieht, sich schlecht zu befinden.... Das nenne
ich den Mangel an Philologie; einen Text als Text ablesen können,
ohne eine Interpretation dazwischen zu mengen, ist die späteste Form der
„inneren Erfahrung“, – vielleicht eine kaum mögliche....

Page 366

300.

Das Bewußtsein, – ganz äußerlich beginnend, als Koordination und
Bewußtwerden der „Eindrücke“ – anfänglich am weitesten entfernt vom
biologischen Zentrum des Individuums; aber ein Prozeß, der sich vertieft,
verinnerlicht, jenem Zentrum beständig annähert.

Page 367

301.

Ursprünglich Chaos der Vorstellungen. Die Vorstellungen, die sich
miteinander vertrugen, blieben übrig, die größte Zahl ging zugrunde – und
geht zugrunde.

Page 368

302.

Rolle des „Bewußtseins“. – Es ist wesentlich, daß man sich über die
Rolle des „Bewußtseins“ nicht vergreift: es ist unsere Relation mit der
„Außenwelt“, welche es entwickelt hat. Dagegen die Direktion,
respektive die Obhut und Vorsorglichkeit in Hinsicht auf das
Zusammenspiel der leiblichen Funktionen tritt uns nicht ins Bewußtsein;
ebensowenig als die geistige Einmagazinierung: daß es dafür eine
oberste Instanz gibt, darf man nicht bezweifeln: eine Art leitendes Komitee,
wo die verschiedenen Hauptbegierden ihre Stimme und Macht geltend
machen. „Lust“, „Unlust“ sind Winke aus dieser Sphäre her: der
Willensakt insgleichen: die Ideen insgleichen.
In summa: Das, was bewußt wird, steht unter kausalen Beziehungen,
die uns ganz und gar vorenthalten sind, – die Aufeinanderfolge von
Gedanken, Gefühlen, Ideen im Bewußtsein drückt nichts darüber aus, daß
diese Folge eine kausale Folge ist: es ist aber scheinbar so, im höchsten
Grade. Auf diese Scheinbarkeit hin haben wir unsere ganze Vorstellung
von Geist, Vernunft, Logik usw. gegründet (– das gibt es alles nicht:
es sind fingierte Synthesen und Einheiten) und diese wieder in die Dinge,
hinter die Dinge projiziert!
Gewöhnlich nimmt man das Bewußtsein selbst als Gesamtsensorium und
oberste Instanz; indessen, es ist nur ein Mittel der Mitteilbarkeit: es ist
im Verkehr entwickelt, und in Hinsicht auf Verkehrsinteressen.... „Verkehr“
hier verstanden auch von den Einwirkungen der Außenwelt und den
unsererseits dabei nötigen Reaktionen; ebenso wie von unseren Wirkungen
nach außen. Es ist nicht die Leitung, sondern ein Organ der Leitung.

Page 369

303.

Die Sinneswahrnehmungen nach „außen“ projiziert: „innen“ und „außen“
– da kommandiert der Leib –?
Dieselbe gleichmachende und ordnende Kraft, welche im Idioplasma
waltet, waltet auch beim Einverleiben der Außenwelt: unsere
Sinneswahrnehmungen sind bereits das Resultat dieser Anähnlichung
und Gleichsetzung in bezug auf alle Vergangenheit in uns; sie folgen
nicht sofort auf den „Eindruck“ –

Page 370

304.

In betreff des Gedächtnisses muß man umlernen: hier steckt die
Hauptverführung, eine „Seele“ anzunehmen, welche zeitlos reproduziert,
wiedererkennt usw. Aber das Erlebte lebt fort „im Gedächtnis“; daß es
„kommt“, dafür kann ich nichts, der Wille ist dafür untätig, wie beim
Kommen jedes Gedankens. Es geschieht etwas, dessen ich mir bewußt
werde: jetzt kommt etwas Ähnliches – wer ruft es? weckt es?

Page 371

305.

Alles Denken, Urteilen, Wahrnehmen als Vergleichen hat als
Voraussetzung ein „Gleichsetzen“, noch früher ein „Gleichmachen“. Das
Gleichmachen ist dasselbe, was die Einverleibung der angeeigneten Materie
in die Amöbe ist.
„Erinnerung“ spät, insofern hier der gleichmachende Trieb bereits
gebändigt erscheint: die Differenz wird bewahrt. Erinnern als ein
Einrubrizieren und Einschachteln; aktiv – wer?

Page 372

306.

Der Glaube an den Leib ist fundamentaler als der Glaube an die Seele:
letzterer ist entstanden aus der unwissenschaftlichen Betrachtung der
Agonien des Leibes (etwas, das ihn verläßt. Glaube an die Wahrheit des
Traumes –).

Page 373

307.

Ausgangspunkt vom Leibe und der Physiologie: warum? – Wir
gewinnen die richtige Vorstellung von der Art unsrer Subjekteinheit,
nämlich als Regenten an der Spitze eines Gemeinwesens (nicht als „Seelen“
oder „Lebenskräfte“), insgleichen von der Abhängigkeit dieser Regenten
von den Regierten und den Bedingungen der Rangordnung und
Arbeitsteilung als Ermöglichung zugleich der Einzelnen und des Ganzen.
Ebenso wie fortwährend die lebendigen Einheiten entstehen und sterben
und wie zum „Subjekt“ nicht Ewigkeit gehört; ebenso daß der Kampf auch
in Gehorchen und Befehlen sich ausdrückt und ein fließendes
Machtgrenzen-Bestimmen zum Leben gehört. Die gewisse Unwissenheit,
in der der Regent gehalten wird über die einzelnen Verrichtungen und selbst
Störungen des Gemeinwesens, gehört mit zu den Bedingungen, unter denen
regiert werden kann. Kurz, wir gewinnen eine Schätzung auch für das
Nichtwissen, das Im-Großen-und-Groben-Sehen, das Vereinfachen und
Fälschen, das Perspektivische. Das Wichtigste ist aber: daß wir den
Beherrscher und seine Untertanen als gleicher Art verstehen, alle
fühlend, wollend, denkend – und daß wir überall, wo wir Bewegung im
Leibe sehen oder erraten, auf ein zugehöriges subjektives, unsichtbares
Leben hinzuschließen lernen. Bewegung ist eine Symbolik für das Auge; sie
deutet hin, daß etwas gefühlt, gewollt, gedacht worden ist.
Das direkte Befragen des Subjekts über das Subjekt und alle
Selbstbespiegelung des Geistes hat darin seine Gefahren, daß es für seine
Tätigkeit nützlich und wichtig sein könnte, sich falsch zu interpretieren.
Deshalb fragen wir den Leib und lehnen das Zeugnis der verschärften Sinne
ab: wenn man will, wir sehen zu, ob nicht die Untergebenen selber mit uns
in Verkehr treten können.

Page 374

308.

Alles, was einfach ist, ist bloß imaginär, ist nicht „wahr“. Was aber
wirklich, was wahr ist, ist weder eins, noch auch nur reduzierbar auf eins.

Page 375

309.

Ich halte die Phänomenalität auch der inneren Welt fest: Alles, was uns
bewußt wird, ist durch und durch erst zurechtgemacht, vereinfacht,
schematisiert, ausgelegt, – der wirkliche Vorgang der inneren
„Wahrnehmung“, die Kausalvereinigung zwischen Gedanken, Gefühlen,
Begehrungen, zwischen Subjekt und Objekt ist uns absolut verborgen – und
vielleicht eine reine Einbildung. Diese „scheinbare innere Welt“ ist mit
ganz denselben Formen und Prozeduren behandelt, wie die „äußere“ Welt.
Wir stoßen nie auf „Tatsachen“: Lust und Unlust sind späte und abgeleitete
Intellektphänomene....
Die „Ursächlichkeit“ entschlüpft uns; zwischen Gedanken ein
unmittelbares, ursächliches Band anzunehmen, wie es die Logik tut – das ist
Folge der allergröbsten und plumpsten Beobachtung. Zwischen zwei
Gedanken spielen noch alle möglichen Affekte ihr Spiel: aber die
Bewegungen sind zu rasch, deshalb verkennen wir sie, leugnen wir sie..
„Denken“, wie es die Erkenntnistheoretiker ansetzen, kommt gar nicht
vor: das ist eine ganz willkürliche Fiktion, erreicht durch Heraushebung
eines Elementes aus dem Prozeß und Subtraktion aller übrigen, eine
künftige Zurechtmachung zum Zwecke der Verständlichung....
Der „Geist“, etwas, das denkt: womöglich gar „der Geist absolut, rein,
pur“ – diese Konzeption ist eine abgeleitete zweite Folge der falschen
Selbstbeobachtung, welche an „Denken“ glaubt: hier ist erst ein Akt
imaginiert, der gar nicht vorkommt, „das Denken“, und zweitens ein
Subjektsubstrat imaginiert, in dem jeder Akt dieses Denkens und sonst
nichts anderes seinen Ursprung hat: das heißt, sowohl das Tun, als der
Täter sind fingiert.

Page 376

310.

Nichts ist fehlerhafter, als aus psychischen und physischen Phänomenen
die zwei Gesichter, die zwei Offenbarungen einer und derselben Substanz
zu machen. Damit erklärt man nichts: der Begriff „Substanz“ ist
vollkommen unbrauchbar, wenn man erklären will. Das Bewußtsein, in
zweiter Rolle, fast indifferent, überflüssig, bestimmt vielleicht, zu
verschwinden und einem vollkommenen Automatismus Platz zu machen –
Wenn wir nur die inneren Phänomene beobachten, so sind wir
vergleichbar den Taubstummen, die aus der Bewegung der Lippen die
Worte erraten, die sie nicht hören. Wir schließen aus den Erscheinungen des
inneren Sinns auf unsichtbare und andere Phänomene, welche wir
wahrnehmen würden, wenn unsere Beobachtungsmittel zureichend wären,
und welche man den Nervenstrom nennt.
Für diese innere Welt gehen uns alle feineren Organe ab, so daß wir eine
tausendfache Komplexität noch als Einheit empfinden, so daß wir eine
Kausalität hineinerfinden, wo jeder Grund der Bewegung und Veränderung
uns unsichtbar bleibt, – die Aufeinanderfolge von Gedanken, von Gefühlen
ist ja nur das Sichtbarwerden derselben im Bewußtsein. Daß diese
Reihenfolge irgend etwas mit einer Kausalverkettung zu tun habe, ist völlig
unglaubwürdig: das Bewußtsein liefert uns nie ein Beispiel von Ursache
und Wirkung.

Page 377

311.

Alles, was als „Einheit“ ins Bewußtsein tritt, ist bereits ungeheuer
kompliziert: wir haben immer nur einen Anschein von Einheit.
Das Phänomen des Leibes ist das reichere, deutlichere, faßbarere
Phänomen: methodisch voranzustellen, ohne etwas auszumachen über seine
letzte Bedeutung.

Page 378

312.

Wo es eine gewisse Einheit in der Gruppierung gibt, hat man immer den
Geist als Ursache dieser Koordination gesetzt: wozu jeder Grund fehlt.
Warum sollte die Idee eines komplexen Faktums eine der Bedingungen
dieses Faktums sein? oder warum müßte einem komplexen Faktum die
Vorstellung als Ursache davon präzedieren? –
Wir werden uns hüten, die Zweckmäßigkeit durch den Geist zu
erklären: es fehlt jeder Grund, dem Geist die Eigentümlichkeit, zu
organisieren und zu systematisieren, zuzuschreiben. Das Nervensystem hat
ein viel ausgedehnteres Reich: die Bewußtseinswelt ist hinzugefügt. Im
Gesamtprozeß der Adaptation und Systematisation spielt das Bewußtsein
keine Rolle.

Page 379

313.

Die Physiologen wie die Philosophen glauben, das Bewußtsein, im
Maße es an Helligkeit zunimmt, wachse im Werte: das hellste
Bewußtsein, das logischste, kälteste Denken sei ersten Ranges. Indessen –
wonach ist dieser Wert bestimmt? – In Hinsicht auf Auslösung des
Willens ist das oberflächlichste, vereinfachteste Denken das am
meisten nützliche, – es könnte deshalb das – usw. (weil es wenig Motive
übrig läßt).
Die Präzision des Handelns steht im Antagonismus mit der
weitblickenden und oft ungewiß urteilenden Vorsorglichkeit: letztere
durch den tieferen Instinkt geführt.

Page 380

314.

Hauptirrtum der Psychologen: sie nehmen die undeutliche
Vorstellung als eine niedrigere Art der Vorstellung gegen die helle
gerechnet: aber was aus unserm Bewußtsein sich entfernt und deshalb
dunkel wird, kann deshalb an sich vollkommen klar sein. Das
Dunkelwerden ist Sache der Bewußtseinsperspektive.

Page 381

315.

Die ungeheuren Fehlgriffe:
1. die unsinnige Überschätzung des Bewußtseins, aus ihm eine
Einheit, ein Wesen gemacht: „der Geist“, „die Seele“, etwas, das fühlt,
denkt, will –
2. der Geist als Ursache, namentlich überall, wo Zweckmäßigkeit,
System, Koordination erscheinen;
3. das Bewußtsein als höchste erreichbare Form, als oberste Art Sein, als
„Gott“;
4. der Wille überall eingetragen, wo es Wirkung gibt;
5. die „wahre Welt“ als geistige Welt, als zugänglich durch die
Bewußtseinstatsachen;
6. die Erkenntnis absolut als Fähigkeit des Bewußtseins, wo überhaupt
es Erkenntnis gibt.
Folgerungen:
jeder Fortschritt liegt in dem Fortschritt zum Bewußtwerden; jeder
Rückschritt im Unbewußtwerden; (– das Unbewußtwerden galt als
Verfallensein an die Begierden und Sinne, – als Vertierung....)
man nähert sich der Realität, dem „wahren Sein“ durch Dialektik; man
entfernt sich von ihm durch Instinkte, Sinne, Mechanismus....
den Menschen in Geist auflösen, hieße ihn zu Gott machen: Geist, Wille,
Güte – Eins;
alles Gute muß aus der Geistigkeit stammen, muß Bewußtseinstatsache
sein;
der Fortschritt zum Besseren kann nur ein Fortschritt im
Bewußtwerden sein.

Page 382

316.
Über die Herkunft unsrer Wertschätzungen.

Wir können uns unsern Leib räumlich auseinanderlegen, und dann
erhalten wir ganz dieselbe Vorstellung davon wie vom Sternensystem, und
der Unterschied von organisch und unorganisch fällt nicht mehr in die
Augen. Ehemals erklärte man die Sternbewegungen als Wirkungen
zweckbewußter Wesen: man braucht das nicht mehr, und auch in betreff des
leiblichen Bewegens und Sichveränderns glaubt man lange nicht mehr mit
dem zwecksetzenden Bewußtsein auszukommen. Die allergrößte Menge der
Bewegungen hat gar nichts mit Bewußtsein zu tun: auch nicht mit
Empfindung. Die Empfindungen und Gedanken sind etwas äußerst
Geringes und Seltenes im Verhältnis zu dem zahllosen Geschehen in
jedem Augenblick.
Umgekehrt nehmen wir wahr, daß eine Zweckmäßigkeit im kleinsten
Geschehen herrscht, der unser bestes Wissen nicht gewachsen ist: eine
Vorsorglichkeit, eine Auswahl, ein Zusammenbringen, Wiedergutmachen
usw. Kurz, wir finden eine Tätigkeit vor, die einem ungeheuer viel
höheren und überschauenden Intellekt zuzuschreiben wäre, als der
uns bewußte ist. Wir lernen von allem Bewußten geringer denken: wir
verlernen, uns für unser Selbst verantwortlich zu machen, da wir als
bewußte, zwecksetzende Wesen nur der kleinste Teil davon sind. Von den
zahlreichen Einwirkungen in jedem Augenblick, zum Beispiel Luft,
Elektrizität, empfinden wir fast nichts: es könnte genug Kräfte geben,
welche, obschon sie uns nie zur Empfindung kommen, uns fortwährend
beeinflussen. Lust und Schmerz sind ganz seltene und spärliche
Erscheinungen gegenüber den zahllosen Reizen, die eine Zelle, ein Organ
auf eine andre Zelle, ein andres Organ ausübt.
Es ist die Phase der Bescheidenheit des Bewußtseins. Zuletzt
verstehen wir das bewußte Ich selber nur als ein Werkzeug im Dienste jenes
höheren, überschauenden Intellekts: und da können wir fragen, ob nicht
alles bewußte Wollen, alle bewußten Zwecke, alle Wertschätzungen
vielleicht nur Mittel sind, mit denen etwas wesentlich Verschiedenes
erreicht werden soll, als es innerhalb des Bewußtseins scheint. Wir

Page 383

meinen: es handle sich um unsre Lust und Unlust – – – aber Lust und
Unlust könnten Mittel sein, vermöge deren wir etwas zu leisten hätten,
was außerhalb unseres Bewußtseins liegt – – – Es ist zu zeigen, wie sehr
alles Bewußte auf der Oberfläche bleibt: wie Handlung und Bild der
Handlung verschieden ist, wie wenig man von dem weiß, was einer
Handlung vorhergeht: wie phantastisch unsere Gefühle „Freiheit des
Willens“, „Ursache und Wirkung“ sind: wie Gedanken und Bilder, wie
Worte nur Zeichen von Gedanken sind: die Unergründlichkeit jeder
Handlung: die Oberflächlichkeit alles Lobens und Tadelns: wie
wesentlich Erfindung und Einbildung ist, worin wir bewußt leben:
wie wir in allen unsern Worten von Erfindungen reden (Affekte auch), und
wie die Verbindung der Menschheit auf einem Überleiten und
Fortdichten dieser Erfindungen beruht: während im Grunde die wirkliche
Verbindung (durch Zeugung) ihren unbekannten Weg geht. Verändert
wirklich dieser Glaube an die gemeinsamen Erfindungen die Menschen?
Oder ist das ganze Ideen- und Wertschätzungswesen nur ein Ausdruck
selber von unbekannten Veränderungen? Gibt es denn Willen, Zwecke,
Gedanken, Werte wirklich? Ist vielleicht das ganze bewußte Leben nur ein
Spiegelbild? Und auch wenn die Wertschätzung einen Menschen zu
bestimmen scheint, geschieht im Grunde etwas ganz anderes! Kurz:
gesetzt, es gelänge, das Zweckmäßige im Wirken der Natur zu erklären
ohne die Annahme eines zweckesetzenden Ichs: könnte zuletzt vielleicht
auch unser Zweckesetzen, unser Wollen usw. nur eine Zeichensprache
sein für etwas Wesentlich-Anderes, nämlich Nicht-Wollendes und
Unbewußtes? nur der feinste Anschein jener natürlichen
Zweckmäßigkeit des Organischen, aber nichts Verschiedenes davon?
Und kurz gesagt: es handelt sich vielleicht bei der ganzen Entwicklung
des Geistes um den Leib: es ist die fühlbar werdende Geschichte
davon, daß ein höherer Leib sich bildet. Das Organische steigt noch
auf höhere Stufen. Unsere Gier nach Erkenntnis der Natur ist ein Mittel,
wodurch der Leib sich vervollkommnen will. Oder vielmehr: es werden
Hunderttausende von Experimenten gemacht, die Ernährung, Wohnart,
Lebensweise des Leibes zu verändern: das Bewußtsein und die
Wertschätzungen in ihm, alle Arten von Lust und Unlust sind Anzeichen
dieser Veränderungen und Experimente. Zuletzt handelt es sich
gar nicht um den Menschen: er soll überwunden werden.

Page 384

317.

Warum alle Tätigkeit, auch die eines Sinnes, mit Lust verknüpft ist?
Weil vorher eine Hemmung, ein Druck bestand? Oder vielmehr, weil alles
Tun ein Überwinden, ein Herrwerden ist und Vermehrung des
Machtgefühls gibt? – Die Lust im Denken. – Zuletzt ist es nicht nur das
Gefühl der Macht, sondern die Lust an dem Schaffen und am
Geschaffenen: denn alle Tätigkeit kommt uns ins Bewußtsein als
Bewußtsein eines „Werks“.

Page 385

318.

„Unlust“ und „Lust“ sind die denkbar dümmsten Ausdrucksmittel von
Urteilen: womit natürlich nicht gesagt ist, daß die Urteile, welche hier auf
diese Art lauten werden, dumm sein müßten. Das Weglassen aller
Begründung und Logizität, ein Ja oder Nein in der Reduktion auf ein
leidenschaftliches Habenwollen oder Wegstoßen, eine imperativische
Abkürzung, deren Nützlichkeit unverkennbar ist: das ist Lust und Unlust.
Ihr Ursprung ist in der Zentralsphäre des Intellekts; ihre Voraussetzung ist
ein unendlich beschleunigtes Wahrnehmen, Ordnen, Subsummieren,
Nachrechnen, Folgern: Lust und Unlust sind immer Schlußphänomene,
keine „Ursachen“.
Die Entscheidung darüber, was Unlust und Lust erregen soll, ist vom
Grade der Macht abhängig: dasselbe, was in Hinsicht auf ein geringes
Quantum Macht als Gefahr und Nötigung zu schnellster Abwehr erscheint,
kann bei einem Bewußtsein größerer Machtfülle eine wollüstige Reizung,
ein Lustgefühl als Folge haben.
Alle Lust- und Unlustgefühle setzen bereits ein Messen nach
Gesamtnützlichkeit, Gesamtschädlichkeit voraus: also eine Sphäre,
wo das Wollen eines Ziels (Zustandes) und ein Auswählen der Mittel dazu
stattfindet. Lust und Unlust sind niemals „ursprüngliche Tatsachen“.
Lust- und Unlustgefühle sind Willensreaktionen (Affekte), in denen
das intellektuelle Zentrum den Wert gewisser eingetretener Veränderungen
zum Gesamtwert fixiert, zugleich als Einleitung von Gegenaktionen.

Page 386

319.

Wie weit unser Intellekt eine Folge von Existenzbedingungen ist – : wir
hätten ihn nicht, wenn wir ihn nicht nötig hätten, und hätten ihn nicht so,
wenn wir ihn nicht so nötig hätten, wenn wir auch anders leben könnten.

Page 387

2. Erkenntnis.

Page 388

a. Allgemeines.

Page 389

320.

Man müßte wissen, was Sein ist, um zu entscheiden, ob dies und
jenes real ist (zum Beispiel „die Tatsachen des Bewußtseins“); ebenso was
Gewißheit ist, was Erkenntnis ist und dergleichen. – Da wir das aber
nicht wissen, so ist eine Kritik des Erkenntnisvermögens unsinnig: wie
sollte das Werkzeug sich selbst kritisieren können, wenn es eben nur sich
zur Kritik gebrauchen kann? Es kann nicht einmal sich selbst definieren!

Page 390

321.

Was kann allein Erkenntnis sein? – „Auslegung“, Sinnhineinlegen, –
nicht „Erklärung“ (in den meisten Fällen eine neue Auslegung über eine
alte unverständlich gewordene Auslegung, die jetzt selbst nur Zeichen ist).
Es gibt keinen Tatbestand; alles ist flüssig, unfaßbar, zurückweichend; das
Dauerhafteste sind noch unsre Meinungen.

Page 391

322.

Die Voraussetzung, daß es im Grunde der Dinge so moralisch zugeht, daß
die menschliche Vernunft recht behält, – ist eine Treuherzigkeit und
Biedermannsvoraussetzung, die Nachwirkung des Glaubens an die göttliche
Wahrhaftigkeit – Gott als Schöpfer der Dinge gedacht. – Die Begriffe eine
Erbschaft aus einer jenseitigen Vorexistenz – –

Page 392

323.

Erster Satz. Die leichtere Denkweise siegt über die schwierigere; – als
Dogma: simplex sigillum veri. – Dico: daß die Deutlichkeit etwas für
Wahrheit ausweisen soll, ist eine vollkommene Kinderei....
Zweiter Satz. Die Lehre vom Sein, vom Ding, von lauter festen
Einheiten ist hundertmal leichter als die Lehre vom Werden, von der
Entwicklung....
Dritter Satz. Die Logik war als Erleichterung gemeint: als
Ausdrucksmittel, – nicht als Wahrheit.... Später wirkte sie als
Wahrheit....

Page 393

324.

Was ist Wahrheit? – Inertia; die Hypothese, bei welcher
Befriedigung entsteht: geringster Verbrauch von geistiger Kraft usw.

Page 394

325.

Eine Moral, eine durch lange Erfahrung und Prüfung erprobte,
bewiesene Lebensweise kommt zuletzt als Gesetz zum Bewußtsein, als
dominierend.... Und damit tritt die ganze Gruppe verwandter Werte und
Zustände in sie hinein: sie wird ehrwürdig, unangreifbar, heilig, wahrhaft;
es gehört zu ihrer Entwicklung, daß ihre Herkunft vergessen wird.... Es ist
ein Zeichen, daß sie Herr geworden ist....
Ganz dasselbe könnte geschehen sein mit den Kategorien der
Vernunft: dieselben könnten, unter vielem Tasten und Herumgreifen, sich
bewährt haben durch relative Nützlichkeit.... Es kam ein Punkt, wo man
sich zusammenfaßte, sich als Ganzes zum Bewußtsein brachte – und wo
man sie befahl, das heißt, wo sie wirkten als befehlend.... Von jetzt ab
galten sie als a priori, als jenseits der Erfahrung, als unabweisbar. Und doch
drücken sie vielleicht nichts aus, als eine bestimmte Rassen- und
Gattungszweckmäßigkeit, – bloß ihre Nützlichkeit ist ihre „Wahrheit“ –

Page 395

326.

Daß der Wert der Welt in unserer Interpretation liegt (– daß vielleicht
irgendwo noch andre Interpretationen möglich sind, als bloß menschliche
–), daß die bisherigen Interpretationen perspektivische Schätzungen sind,
vermöge deren wir uns im Leben, das heißt im Willen zur Macht, zum
Wachstum der Macht, erhalten, daß jede Erhöhung des Menschen die
Überwindung engerer Interpretationen mit sich bringt, daß jede erreichte
Verstärkung und Machterweiterung neue Perspektiven auftut und an neue
Horizonte glauben heißt – das geht durch meine Schriften. Die Welt, die
uns etwas angeht, ist falsch, das heißt, ist kein Tatbestand, sondern eine
Ausdichtung und Rundung über einer mageren Summe von
Beobachtungen; sie ist „im Flusse“, als etwas Werdendes, als eine sich
immer neu verschiebende Falschheit, die sich niemals der Wahrheit nähert:
denn – es gibt keine „Wahrheit“.

Page 396

327.

Die bestgeglaubten apriorischen „Wahrheiten“ sind für mich –
Annahmen bis auf weiteres, zum Beispiel das Gesetz der Kausalität,
sehr gut eingeübte Gewöhnungen des Glaubens, so einverleibt, daß nicht
daran glauben das Geschlecht zugrunde richten würde. Aber sind es
deswegen Wahrheiten? Welcher Schluß! Als ob die Wahrheit damit
bewiesen würde, daß der Mensch bestehen bleibt!

Page 397

328.

Die Verirrung der Philosophie ruht darauf, daß man, statt in der Logik
und den Vernunftkategorien Mittel zu sehen zum Zurechtmachen der Welt
zu Nützlichkeitszwecken (also „prinzipiell“ zu einer nützlichen
Fälschung), man in ihnen das Kriterium der Wahrheit, respektive der
Realität zu haben glaubte. Das „Kriterium der Wahrheit“ war in der Tat
bloß die biologische Nützlichkeit eines solchen Systems
prinzipieller Fälschung: und da eine Gattung Tier nichts Wichtigeres
kennt, als sich zu erhalten, so dürfte man in der Tat hier von „Wahrheit“
reden. Die Naivität war nur die, die anthropozentrische Idiosynkrasie als
Maß der Dinge, als Richtschnur über „real“ und „unreal“ zu nehmen:
kurz, eine Bedingtheit zu verabsolutisieren. Und siehe da, jetzt fiel mit
einem Mal die Welt auseinander in eine „wahre“ Welt und eine
„scheinbare“: und genau die Welt, in der der Mensch zu wohnen und sich
einzurichten seine Vernunft erfunden hatte, genau dieselbe wurde ihm
diskreditiert. Statt die Formen als Handhabe zu benutzen, sich die Welt
handlich und berechenbar zu machen, kam der Wahnsinn der Philosophen
dahinter, daß in diesen Kategorien der Begriff jener Welt gegeben ist, dem
die andere Welt, die, in der man lebt, nicht entspricht.... Die Mittel wurden
mißverstanden als Wertmaß, selbst als Verurteilung der Absicht....
Die Absicht war, sich auf eine nützliche Weise zu täuschen: die Mittel
dazu die Erfindung von Formeln und Zeichen, mit deren Hilfe man die
verwirrende Vielheit auf ein zweckmäßiges und handliches Schema
reduzierte.
Aber wehe! jetzt brachte man eine Moralkategorie ins Spiel: kein
Wesen will sich täuschen, kein Wesen darf täuschen, – folglich gibt es nur
einen Willen zur Wahrheit. Was ist „Wahrheit“?
Der Satz vom Widerspruch gab das Schema: die wahre Welt, zu der man
den Weg sucht, kann nicht mit sich in Widerspruch sein, kann nicht
wechseln, kann nicht werden, hat keinen Ursprung und kein Ende.

Page 398

Das ist der größte Irrtum, der begangen worden ist, das eigentliche
Verhängnis des Irrtums auf Erden: man glaubte ein Kriterium der Realität in
den Vernunftformen zu haben, – während man sie hatte, um Herr zu werden
über die Realität, um auf eine kluge Weise die Realität
mißzuverstehen....
Und siehe da: jetzt wurde die Welt falsch, und exakt der Eigenschaften
wegen, die ihre Realität ausmachen, Wechsel, Werden, Vielheit,
Gegensatz, Widerspruch, Krieg.
Und nun war das ganze Verhängnis da:
1. Wie kommt man los von der falschen, der bloß scheinbaren Welt? (– es
war die wirkliche, die einzige);
2. wie wird man selbst möglichst der Gegensatz zu dem Charakter der
scheinbaren Welt? (Begriff des vollkommenen Wesens als eines
Gegensatzes zu jedem realen Wesen, deutlicher, als Widerspruch zum
Leben....)
Die ganze Richtung der Werte war auf Verleumdung des Lebens aus;
man schuf eine Verwechslung des Idealdogmatismus mit der Erkenntnis
überhaupt: so daß die Gegenpartei immer nun auch die Wissenschaft
perhorreszierte.
Der Weg zur Wissenschaft war dergestalt doppelt versperrt: einmal
durch den Glauben an die „wahre“ Welt, und dann durch die Gegner dieses
Glaubens. Die Naturwissenschaft, Psychologie war 1. in ihren Objekten
verurteilt, 2. um ihre Unschuld gebracht....
In der wirklichen Welt, wo schlechterdings alles verkettet und bedingt ist,
heißt irgend etwas verurteilen und wegdenken, alles wegdenken und
verurteilen. Das Wort „das sollte nicht sein“, „das hätte nicht sein sollen“ ist
eine Farce.... Denkt man die Konsequenzen aus, so ruinierte man den Quell
des Lebens, wenn man das abschaffen wollte, was in irgendeinem Sinne
schädlich, zerstörerisch ist. Die Physiologie demonstriert es ja besser!
– Wir sehen, wie die Moral a) die ganze Weltauffassung vergiftet, b)
den Weg zur Erkenntnis, zur Wissenschaft abschneidet, c) alle wirklichen
Instinkte auflöst und untergräbt (indem sie deren Wurzeln als
unmoralisch empfinden lehrt).

Page 399

Wir sehen ein furchtbares Werkzeug der décadence vor uns arbeiten, das
sich mit den heiligsten Namen und Gebärden aufrecht hält.

Page 400

329.

Zur „logischen Scheinbarkeit“. – Der Begriff „Individuum“ und
„Gattung“ gleichermaßen falsch und bloß augenscheinlich. „Gattung“
drückt nur die Tatsache aus, daß eine Fülle ähnlicher Wesen zu gleicher Zeit
hervortreten, und daß das Tempo im Weiterwachsen und Sichverändern eine
lange Zeit verlangsamt ist: so daß die tatsächlichen kleinen Fortsetzungen
und Zuwachse nicht sehr in Betracht kommen (– eine Entwicklungsphase,
bei der das Sichentwickeln nicht in die Sichtbarkeit tritt, so daß ein
Gleichgewicht erreicht scheint, und die falsche Vorstellung ermöglicht
wird, hier sei ein Ziel erreicht – und es habe ein Ziel in der
Entwicklung gegeben....).
Die Form gilt als etwas Dauerndes und deshalb Wertvolleres; aber die
Form ist bloß von uns erfunden; und wenn noch so oft „dieselbe Form
erreicht wird“, so bedeutet das nicht, daß es dieselbe Form ist, – sondern
es erscheint immer etwas Neues – und nur wir, die wir vergleichen,
rechnen das Neue, insofern es Altem gleicht, zusammen in die Einheit der
„Form“. Als ob ein Typus erreicht werden sollte und gleichsam der
Bildung vorschwebe und innewohne.
Die Form, die Gattung, das Gesetz, die Idee, der Zweck – hier wird
überall der gleiche Fehler gemacht, daß einer Fiktion eine falsche Realität
untergeschoben wird: wie als ob das Geschehen irgendwelchen Gehorsam
in sich trage, – eine künstliche Scheidung im Geschehen wird da gemacht
zwischen dem, was tut, und dem, wonach das Tun sich richtet (aber das
was und das wonach sind nur angesetzt aus einem Gehorsam gegen unsre
metaphysisch-logische Dogmatik: kein „Tatbestand“).
Man soll diese Nötigung, Begriffe, Gattungen, Formen, Zwecke,
Gesetze zu bilden („eine Welt der identischen Fälle“) nicht so
verstehen, als ob wir damit die wahre Welt zu fixieren imstande wären;
sondern als Nötigung, uns eine Welt zurecht zu machen, bei der unsre
Existenz ermöglicht wird: – wir schaffen damit eine Welt, die
berechenbar, vereinfacht, verständlich usw. für uns ist.

Page 401

Diese selbe Nötigung besteht in der Sinnenaktivität, welche der
Verstand unterstützt – durch Vereinfachen, Vergröbern, Unterstreichen und
Ausdichten, auf dem alles „Wiedererkennen“, alles Sich-verständlich-
machen-können beruht. Unsre Bedürfnisse haben unsre Sinne so
präzisiert, daß die „gleiche Erscheinungswelt“ immer wiederkehrt und
dadurch den Anschein der Wirklichkeit bekommen hat.
Unsre subjektive Nötigung, an die Logik zu glauben, drückt nur aus, daß
wir, längst, bevor uns die Logik selber zum Bewußtsein kam, nichts getan
haben als ihre Postulate in das Geschehen hineinlegen: jetzt finden
wir sie in dem Geschehen vor –, wir können nicht mehr anders – und
vermeinen nun, diese Nötigung verbürge etwas über die „Wahrheit“. Wir
sind es, die das „Ding“, das „gleiche Ding“, das Subjekt, das Prädikat, das
Tun, das Objekt, die Substanz, die Form geschaffen haben, nachdem wir
das Gleichmachen, das Grob- und Einfachmachen am längsten getrieben
haben. Die Welt erscheint uns logisch, weil wir sie erst logisiert haben.

Page 402

330.

Die fortwährenden Übergänge erlauben nicht, von „Individuum“ usw. zu
reden; die „Zahl“ der Wesen ist selber im Fluß. Wir würden nichts von Zeit
und nichts von Bewegung wissen, wenn wir nicht, in grober Weise,
„Ruhendes“ neben Bewegtem zu sehen glaubten. Ebensowenig von
Ursache und Wirkung, und ohne die irrtümliche Konzeption des „leeren
Raumes“ wären wir gar nicht zur Konzeption des Raums gekommen. Der
Satz von der Identität hat als Hintergrund den „Augenschein“, daß es
gleiche Dinge gibt. Eine werdende Welt könnte im strengen Sinne nicht
„begriffen“, nicht „erkannt“ werden; nur insofern der „begreifende“ und
„erkennende“ Intellekt eine schon geschaffene grobe Welt vorfindet,
gezimmert aus lauter Scheinbarkeiten, aber fest geworden, insofern diese
Art Schein das Leben erhalten hat – nur insofern gibt es etwas wie
„Erkenntnis“: das heißt ein Messen der früheren und der jüngeren Irrtümer
aneinander.

Page 403

331.

In einer Welt, die wesentlich falsch ist, wäre Wahrhaftigkeit eine
widernatürliche Tendenz: eine solche könnte nur Sinn haben als Mittel
zu einer besonderen höheren Potenz von Falschheit. Damit eine Welt
des Wahren, Seienden fingiert werden konnte, mußte zuerst der Wahrhaftige
geschaffen sein (eingerechnet, daß ein solcher sich „wahrhaftig“ glaubt).
Einfach, durchsichtig, mit sich nicht im Widerspruch, dauerhaft, sich
gleichbleibend, ohne Falte, Volte, Vorhang, Form: ein Mensch derart
konzipiert eine Welt des Seins als „Gott“ nach seinem Bilde.
Damit Wahrhaftigkeit möglich ist, muß die ganze Sphäre des Menschen
sehr sauber, klein und achtbar sein: es muß der Vorteil in jedem Sinne auf
Seiten des Wahrhaftigen sein. – Lüge, Tücke, Verstellung müssen Erstaunen
erregen....

Page 404

332.

Wenn der Charakter des Daseins falsch sein sollte – das wäre nämlich
möglich –, was wäre dann die Wahrheit, alle unsere Wahrheit?... Eine
gewissenlose Umfälschung des Falschen? Eine höhere Potenz des
Falschen?....

Page 405

333.

Von der Vielartigkeit der Erkenntnis. Seine Relation zu vielem
anderen spüren (oder die Relation der Art) – wie sollte das „Erkenntnis“ des
andern sein! Die Art zu kennen und zu erkennen ist selber schon unter den
Existenzbedingungen: dabei ist der Schluß, daß es keine anderen
Intellektarten geben könne (für uns selber) als die, welche uns erhält, eine
Übereilung: diese tatsächliche Existenzbedingung ist vielleicht nur
zufällig und vielleicht keineswegs notwendig.
Unser Erkenntnisapparat nicht auf „Erkenntnis“ eingerichtet.

Page 406

334.
Überschriften über einem modernen Narrenhaus.

„Denknotwendigkeiten sind Moralnotwendigkeiten.“
Herbert Spencer.
„Der letzte Prüfstein für die Wahrheit eines Satzes ist die
Unbegreiflichkeit ihrer Verneinung.“
Herbert Spencer.

Page 407

335.

Es könnte scheinen, als ob ich der Frage nach der „Gewißheit“
ausgewichen sei. Das Gegenteil ist wahr: aber indem ich nach dem
Kriterium der Gewißheit fragte, prüfte ich, nach welchem Schwergewichte
überhaupt bisher gewogen worden ist – und daß die Frage nach der
Gewißheit selbst schon eine abhängige Frage sei, eine Frage zweiten
Ranges.

Page 408

b. Logik und Wissenschaft.

Page 409

336.

Das Begierdenerdreich, aus dem die Logik herausgewachsen ist:
Herdeninstinkt im Hintergrunde. Die Annahme der gleichen Fälle setzt die
„gleiche Seele“ voraus. Zum Zweck der Verständigung und
Herrschaft.

Page 410

337.

Zur Entstehung der Logik. Der fundamentale Hang,
gleichzusetzen, gleichzusehen wird modifiziert, im Zaum gehalten
durch Nutzen und Schaden, durch den Erfolg: es bildet sich eine
Anpassung aus, ein milderer Grad, in dem er sich befriedigen kann, ohne
zugleich das Leben zu verneinen und in Gefahr zu bringen. Dieser ganze
Prozeß ist ganz entsprechend jenem äußeren, mechanischen (der sein
Symbol ist), daß das Plasma fortwährend, was es sich aneignet, sich gleich
macht und in seine Formen und Reihen einordnet.

Page 411

338.

Die Annahme des Seienden ist nötig, um denken und schließen zu
können: die Logik handhabt nur Formeln für Gleichbleibendes. Deshalb
wäre diese Annahme noch ohne Beweiskraft für die Realität: „das Seiende“
gehört zu unsrer Optik. Das „Ich“ als seiend (– durch Werden und
Entwicklung nicht berührt).
Die fingierte Welt von Subjekt, Substanz, „Vernunft“ usw. ist nötig – :
eine ordnende, vereinfachende, fälschende, künstlich-trennende Macht ist in
uns. „Wahrheit“ ist Wille, Herr zu werden über das Vielerlei der
Sensationen: – die Phänomene aufreihen auf bestimmte Kategorien.
Hierbei gehen wir vom Glauben an das „An-sich“ der Dinge aus (wir
nehmen die Phänomene als wirklich).
Der Charakter der werdenden Welt als unformulierbar, als „falsch“,
als „sich-widersprechend“. Erkenntnis und Werden schließen sich aus.
Folglich muß „Erkenntnis“ etwas anderes sein: es muß ein Wille zum
Erkennbarmachen vorangehen, eine Art Werden selbst muß die
Täuschung des Seienden schaffen.

Page 412

339.

Ein- und dasselbe zu bejahen und zu verneinen mißlingt uns: das ist ein
subjektiver Erfahrungssatz, darin drückt sich keine „Notwendigkeit“ aus,
sondern nur ein Nichtvermögen.
Wenn, nach Aristoteles, der Satz vom Widerspruch der gewisseste
aller Grundsätze ist, wenn er der letzte und unterste ist, auf den alle
Beweisführungen zurückgehen, wenn in ihm das Prinzip aller anderen
Axiome liegt: um so strenger sollte man erwägen, was er im Grunde schon
an Behauptungen voraussetzt. Entweder wird mit ihm etwas in betreff des
Wirklichen, Seienden behauptet, wie als ob man es anderswoher bereits
kennte; nämlich, daß ihm nicht entgegengesetzte Prädikate zugesprochen
werden können. Oder der Satz will sagen: daß ihm entgegengesetzte
Prädikate nicht zugesprochen werden sollen. Dann wäre Logik ein
Imperativ, nicht zur Erkenntnis des Wahren, sondern zur Setzung und
Zurechtmachung einer Welt, die uns wahr heißen soll.
Kurz, die Frage steht offen: sind die logischen Axiome dem Wirklichen
adäquat, oder sind sie Maßstäbe und Mittel, um Wirkliches, den Begriff
„Wirklichkeit“, für uns erst zu schaffen?.... Um das Erste bejahen zu
können, müßte man aber, wie gesagt, das Seiende bereits kennen; was
schlechterdings nicht der Fall ist. Der Satz enthält also kein Kriterium
der Wahrheit, sondern einen Imperativ über das, was als wahr gelten
soll.
Gesetzt, es gäbe ein solches sich-selbst-identisches A gar nicht, wie es
jeder Satz der Logik (auch der Mathematik) voraussetzt, das A wäre bereits
eine Scheinbarkeit, so hätte die Logik eine bloß scheinbare Welt zur
Voraussetzung. In der Tat glauben wir an jenen Satz unter dem Eindruck der
unendlichen Empirie, welche ihn fortwährend zu bestätigen scheint. Das
„Ding“ – das ist das eigentliche Substrat zu A; unser Glaube an Dinge
ist die Voraussetzung für den Glauben an die Logik. Das A der Logik ist wie
das Atom eine Nachkonstruktion des „Dinges“.... Indem wir das nicht
begreifen und aus der Logik ein Kriterium des wahren Seins machen,
sind wir bereits auf dem Wege, alle jene Hypostasen: Substanz, Prädikat,

Page 413

Objekt, Subjekt, Aktion usw. als Realitäten zu setzen: das heißt eine
metaphysische Welt zu konzipieren, das heißt eine „wahre Welt“ (– diese
ist aber die scheinbare Welt noch einmal....).
Die ursprünglichsten Denkakte, das Bejahen und Verneinen, das Für-
wahr-halten und das Nicht-für-wahr-halten, sind, insofern sie nicht nur eine
Gewohnheit, sondern ein Recht voraussetzen, überhaupt für wahr zu halten
oder für unwahr zu halten, bereits von einem Glauben beherrscht, daß es
für uns Erkenntnis gibt, daß Urteilen wirklich die Wahrheit
treffen könne: – kurz, die Logik zweifelt nicht, etwas vom An-sich-
Wahren aussagen zu können (nämlich, daß ihm nicht entgegengesetzte
Prädikate zukommen können).
Hier regiert das sensualistische grobe Vorurteil, daß die Empfindungen
uns Wahrheiten über die Dinge lehren, – daß ich nicht zu gleicher Zeit
von ein und demselben Ding sagen kann, es ist hart und es ist weich. (Der
instinktive Beweis, „ich kann nicht zwei entgegengesetzte Empfindungen
zugleich haben“ – ganz grob und falsch.)
Das begriffliche Widerspruchsverbot geht von dem Glauben aus, daß wir
Begriffe bilden können, daß ein Begriff das Wesen eines Dinges nicht nur
bezeichnet, sondern faßt.. Tatsächlich gilt die Logik (wie die Geometrie
und Arithmetik) nur von fingierten Wesenheiten, die wir geschaffen
haben. Logik ist der Versuch, nach einem von uns gesetzten
Seinsschema die wirkliche Welt zu begreifen, richtiger: uns
formulierbar, berechenbar zu machen....

Page 414

340.

Gleichheit und Ähnlichkeit.
1. Das gröbere Organ sieht viel scheinbare Gleichheit;
2. der Geist will Gleichheit, das heißt einen Sinneneindruck
subsummieren unter eine vorhandene Reihe: ebenso wie der Körper
Unorganisches sich assimiliert.
Zum Verständnis der Logik:
der Wille zur Gleichheit ist der Wille zur Macht – der Glaube,
daß etwas so und so sei (das Wesen des Urteils), ist die Folge eines
Willens, es soll so viel als möglich gleich sein.

Page 415

341.

Die Logik ist geknüpft an die Bedingung: gesetzt, es gibt identische
Fälle. Tatsächlich, damit logisch gedacht und geschlossen werde, muß
diese Bedingung erst als erfüllt fingiert werden. Das heißt: der Wille zur
logischen Wahrheit kann erst sich vollziehen, nachdem eine
grundsätzliche Fälschung alles Geschehens angenommen ist. Woraus sich
ergibt, daß hier ein Trieb waltet, der beider Mittel fähig ist, zuerst der
Fälschung und dann der Durchführung seines Gesichtspunktes: die Logik
stammt nicht aus dem Willen zur Wahrheit.

Page 416

342.

Die logische Bestimmtheit, Durchsichtigkeit als Kriterium der Wahrheit
(„omne illud verum est, quod clare et distincte percipitur“ Descartes): damit
ist die mechanische Welthypothese erwünscht und glaublich.
Aber das ist eine grobe Verwechslung: wie simplex sigillum veri. Woher
weiß man das, daß die wahre Beschaffenheit der Dinge in diesem
Verhältnis zu unserm Intellekt steht? – Wäre es nicht anders? daß die ihm
am meisten das Gefühl von Macht und Sicherheit gebende Hypothese am
meisten von ihm bevorzugt, geschätzt und folglich als wahr
bezeichnet wird? – Der Intellekt setzt sein freiestes und stärkstes
Vermögen und Können als Kriterium der Wertvollsten, folglich
Wahren....
„Wahr“: von seiten des Gefühls aus – : was das Gefühl am stärksten
erregt („Ich“);
von seiten des Denkens aus – : was dem Denken das größte Gefühl von
Kraft gibt;
von seiten des Tastens, Sehens, Hörens aus – : wobei am stärksten
Widerstand zu leisten ist.
Also die höchsten Grade in der Leistung erwecken für das Objekt
den Glauben an dessen „Wahrheit“, das heißt Wirklichkeit. Das Gefühl
der Kraft, des Kampfes, des Widerstandes überredet dazu, daß es etwas
gibt, dem hier widerstanden wird.

Page 417

343.

Das Urteil – das ist der Glaube: „dies und dies ist so.“ Also steckt im
Urteil das Geständnis, einem „identischen Fall“ begegnet zu sein: es setzt
also Vergleichung voraus, mit Hilfe des Gedächtnisses. Das Urteil schafft es
nicht, daß ein identischer Fall da zu sein scheint. Vielmehr es glaubt einen
solchen wahrzunehmen; es arbeitet unter der Voraussetzung, daß es
überhaupt identische Fälle gibt. Wie heißt nun jene Funktion, die viel älter,
früher arbeitend sein muß, welche an sich ungleiche Fälle ausgleicht und
verähnlicht? Wie heißt jene zweite, welche auf Grund dieser ersten usw.
„Was gleiche Empfindungen erregt, ist gleich“: wie aber heißt das, was
Empfindungen gleich macht, als gleich „nimmt“? – Es könnte gar keine
Urteile geben, wenn nicht erst innerhalb der Empfindungen eine Art
Ausgleichung geübt wäre: Gedächtnis ist nur möglich mit einem
beständigen Unterstreichen des schon Gewohnten, Erlebten. – Bevor
geurteilt wird, muß der Prozeß der Assimilation schon getan sein:
also liegt auch hier eine intellektuelle Tätigkeit vor, die nicht ins
Bewußtsein fällt, wie beim Schmerz infolge einer Verwundung.
Wahrscheinlich entspricht allen organischen Funktionen ein inneres
Geschehen, also ein Assimilieren, Ausscheiden, Wachsen usw.
Wesentlich: vom Leib ausgehen und ihn als Leitfaden zu benutzen. Er
ist das viel reichere Phänomen, welches deutlichere Beobachtung zuläßt.
Der Glaube an den Leib ist besser festgestellt, als der Glaube an den Geist.
„Eine Sache mag noch so stark geglaubt werden: darin liegt kein
Kriterium der Wahrheit.“ Aber was ist Wahrheit? Vielleicht eine Art Glaube,
welche zur Lebensbedingung geworden ist? Dann freilich wäre die Stärke
ein Kriterium, zum Beispiel in betreff der Kausalität.

Page 418

344.

Grundlösung. – Wir glauben an die Vernunft: diese aber ist die
Philosophie der grauen Begriffe. Die Sprache ist auf die allernaivsten
Vorurteile hin gebaut.
Nun lesen wir Disharmonien und Probleme in die Dinge hinein, weil wir
nur in der sprachlichen Form denken, – somit die „ewige Wahrheit“ der
„Vernunft“ glauben (zum Beispiel Subjekt, Prädikat usw.).
Wir hören auf zu denken, wenn wir es nicht in dem
sprachlichen Zwange tun wollen, wir langen gerade noch bei dem
Zweifel an, hier eine Grenze als Grenze zu sehen.
Das vernünftige Denken ist ein Interpretieren nach einem
Schema, welches wir nicht abwerfen können.

Page 419

345.

Der ganze Erkenntnisapparat ist ein Abstraktions- und
Simplifikationsapparat – nicht auf Erkenntnis gerichtet, sondern auf
Bemächtigung der Dinge: „Zweck“ und „Mittel“ sind so fern vom Wesen
wie die „Begriffe“. Mit „Zweck“ und „Mittel“ bemächtigt man sich des
Prozesses (– man erfindet einen Prozeß, der faßbar ist), mit „Begriffen“
aber der „Dinge“, welche den Prozeß machen.

Page 420

346.

Die erfinderische Kraft, welche Kategorien erdichtet hat, arbeitete im
Dienst des Bedürfnisses, nämlich von Sicherheit, von schneller
Verständlichkeit auf Grund von Zeichen und Klängen, von
Abkürzungsmitteln: – es handelt sich nicht um metaphysische Wahrheiten
bei „Substanz“, „Subjekt“, „Objekt“, „Sein“, „Werden“. – Die Mächtigen
sind es, welche die Namen der Dinge zum Gesetz gemacht haben, und unter
den Mächtigen sind es die größten Abstraktionskünstler, die die Kategorien
geschaffen haben.

Page 421

347.

Nicht „erkennen“, sondern schematisieren, – dem Chaos so viel
Regularität und Formen auflegen, als es unserm praktischen Bedürfnis
genugtut.
In der Bildung der Vernunft, der Logik, der Kategorien ist das
Bedürfnis maßgebend gewesen: das Bedürfnis, nicht zu „erkennen“,
sondern zu subsummieren, zu schematisieren, zum Zweck der
Verständigung, der Berechnung.... (Das Zurechtmachen, das Ausdichten
zum Ähnlichen, Gleichen, – derselbe Prozeß, den jeder Sinneseindruck
durchmacht, ist die Entwicklung der Vernunft!) Hier hat nicht eine
präexistente „Idee“ gearbeitet: sondern die Nützlichkeit, daß nur, wenn wir
grob und gleichgemacht die Dinge sehen, sie für uns berechenbar und
handlich werden.... Die Finalität in der Vernunft ist eine Wirkung, keine
Ursache: bei jeder anderen Art Vernunft, zu der es fortwährend Ansätze
gibt, mißrät das Leben, – es wird unübersichtlich –, zu ungleich –
Die Kategorien sind „Wahrheiten“ nur in dem Sinne, als sie
lebenbedingend für uns sind: wie der Euklidische Raum eine solche
bedingte „Wahrheit“ ist. (An sich geredet: da niemand die Notwendigkeit,
daß es gerade Menschen gibt, aufrecht erhalten wird, ist die Vernunft, so
wie der Euklidische Raum, eine bloße Idiosynkrasie bestimmter Tierarten,
und eine neben vielen anderen....)
Die subjektive Nötigung, hier nicht widersprechen zu können, ist eine
biologische Nötigung: der Instinkt der Nützlichkeit, so zu schließen wie wir
schließen, steckt uns im Leibe, wir sind beinahe dieser Instinkt.... Welche
Naivität aber, daraus einen Beweis zu ziehen, daß wir damit eine „Wahrheit
an sich“ besäßen!.... Das Nicht-widersprechen-können beweist ein
Unvermögen, nicht eine „Wahrheit“.

Page 422

348.

„Erkennen“ ist ein Zurückbeziehen: seinem Wesen nach ein regressus
in infinitum. Was Halt macht (bei einer angeblichen causa prima, bei einem
Unbedingten usw.) ist die Faulheit, die Ermüdung – –

Page 423

349.

Wissenschaft – Umwandlung der Natur in Begriffe zum Zweck der
Beherrschung der Natur – das gehört in die Rubrik „Mittel“.
Aber der Zweck und Wille des Menschen muß ebenso wachsen, die
Absicht in Hinsicht auf das Ganze.

Page 424

350.

Die Wissenschaft – das war bisher die Beseitigung der vollkommenen
Verworrenheit der Dinge durch Hypothesen, welche alles „erklären“, – also
aus dem Widerwillen des Intellekts an dem Chaos. – Dieser selbe
Widerwille ergreift mich bei der Betrachtung meiner selber: die innere
Welt möchte ich auch durch ein Schema mir bildlich vorstellen und über die
intellektuelle Verworrenheit hinauskommen. Die Moral war eine solche
Vereinfachung: sie lehrte den Menschen als erkannt, als bekannt. –
Nun haben wir die Moral vernichtet – wir selber sind uns wieder völlig
dunkel geworden! Ich weiß, daß ich von mir nichts weiß. Die Physik
ergibt sich als eine Wohltat für das Gemüt: die Wissenschaft (als der Weg
zur Kenntnis) bekommt einen neuen Zauber nach der Beseitigung der
Moral – und weil wir hier allein Konsequenz finden, so müssen wir unser
Leben darauf einrichten, sie uns zu erhalten. Dies ergibt eine Art
praktischen Nachdenkens über unsre Existenzbedingungen als
Erkennenden.

Page 425

351.

Wir finden als das Stärkste und fortwährend Geübte auf allen Stufen des
Lebens das Denken, – in jedem Perzipieren und scheinbaren Erleiden auch
noch! Offenbar wird es dadurch am mächtigsten und
anspruchsvollsten, und auf die Dauer tyrannisiert es alle anderen Kräfte.
Es wird endlich die „Leidenschaft an sich“.

Page 426

352.

Es ist nicht genug, daß du einsiehst, in welcher Unwissenheit Mensch
und Tier lebt: du mußt auch noch den Willen zur Unwissenheit haben und
hinzulernen. Es ist dir nötig, zu begreifen, daß ohne diese Art Unwissenheit
das Leben selber unmöglich wäre, daß sie eine Bedingung ist, unter welcher
das Lebendige allein sich erhält und gedeiht: eine große, feste Glocke von
Unwissenheit muß um dich stehen.

Page 427

353.

Wir wissen, daß die Zerstörung einer Illusion noch keine Wahrheit ergibt,
sondern nur ein Stück Unwissenheit mehr, eine Erweiterung unseres
„leeren Raumes“, einen Zuwachs unserer „Öde“ –

Page 428

354.

Die Entwicklung der Wissenschaft löst das „Bekannte“ immer mehr in
ein Unbekanntes auf: – sie will aber gerade das Umgekehrte und geht
von dem Instinkt aus, das Unbekannte auf das Bekannte zurückzuführen.
In summa bereitet die Wissenschaft eine souveräne Unwissenheit
vor, ein Gefühl, daß „Erkennen“ gar nicht vorkommt, daß es eine Art
Hochmut war, davon zu träumen, mehr noch, daß wir nicht den geringsten
Begriff übrig behalten, um auch nur „Erkennen“ als eine Möglichkeit
gelten zu lassen, – daß „Erkennen“ selbst eine widerspruchsvolle
Vorstellung ist. Wir übersetzen eine uralte Mythologie und Eitelkeit des
Menschen in die harte Tatsache: so wenig „Ding an sich“, so wenig ist
„Erkenntnis an sich“ noch erlaubt als Begriff. Die Verführung durch „Zahl
und Logik“, die Verführung durch die „Gesetze“.
„Weisheit“ als Versuch, über die perspektivischen Schätzungen (das
heißt über den „Willen zur Macht“) hinweg zu kommen: ein
lebensfeindliches und auflösendes Prinzip, Symptom wie bei den Indern
usw., Schwächung der Aneignungskraft.

Page 429

355.

Das Recht auf den großen Affekt – für den Erkennenden wieder
zurückzugewinnen! nachdem die Entselbstung und der Kultus des
„Objektiven“ eine falsche Rangordnung auch in dieser Sphäre geschaffen
haben. Der Irrtum kam auf die Spitze, als Schopenhauer lehrte: eben im
Loskommen vom Affekt, vom Willen liege der einzige Zugang zum
„Wahren“, zur Erkenntnis; der willensfreie Intellekt könne gar nicht
anders, als das wahre, eigentliche Wesen der Dinge sehen.
Derselbe Irrtum in arte: als ob alles schön wäre, sobald es ohne Willen
angeschaut wird.

Page 430

356.

Keine „moralische Erziehung“ des Menschengeschlechts: sondern die
Zwangsschule der wissenschaftlichen Irrtümer ist nötig, weil die
„Wahrheit“ degoutiert und das Leben verleidet, – vorausgesetzt, daß der
Mensch nicht schon unentrinnbar in seine Bahn gestoßen ist und seine
redliche Einsicht mit einem tragischen Stolze auf sich nimmt.

Page 431

357.

Die wertvollsten Einsichten werden am spätesten gefunden: aber die
wertvollsten Einsichten sind die Methoden.
Alle Methoden, alle Voraussetzungen unsrer jetzigen Wissenschaft haben
jahrtausendelang die tiefste Verachtung gegen sich gehabt: auf sie hin ist
man aus dem Verkehr mit honetten Menschen ausgeschlossen worden, –
man galt als „Feind Gottes“, als Verächter des höchsten Ideals, als
„Besessener“.
Wir haben das ganze Pathos der Menschheit gegen uns gehabt, – unser
Begriff von dem, was die „Wahrheit“ sein soll, was der Dienst der Wahrheit
sein soll, unsre Objektivität, unsre Methode, unsre stille, vorsichtige,
mißtrauische Art war vollkommen verächtlich.... Im Grunde war es ein
ästhetischer Geschmack, was die Menschheit am längsten gehindert hat: sie
glaubte an den pittoresken Effekt der Wahrheit, sie verlangte vom
Erkennenden, daß er stark auf die Phantasie wirke.
Das sieht aus, als ob ein Gegensatz erreicht, ein Sprung gemacht
worden sei: in Wahrheit hat jene Schulung durch die Moralhyperbeln
Schritt für Schritt jenes Pathos milderer Art vorbereitet, das als
wissenschaftlicher Charakter leibhaft wurde....
Die Gewissenhaftigkeit im Kleinen, die Selbstkontrolle des
religiösen Menschen war eine Vorschule zum wissenschaftlichen Charakter:
vor allem die Gesinnung, welche Probleme ernst nimmt, noch
abgesehen davon, was persönlich dabei für einen herauskommt....

Page 432

358.

Nicht der Sieg der Wissenschaft ist das, was unser 19. Jahrhundert
auszeichnet, sondern der Sieg der wissenschaftlichen Methode über die
Wissenschaft.

Page 433

c. Ursache und Wirkung.

Page 434

359.

Kritik des Begriffs „Ursache“. – Wir haben absolut keine
Erfahrung über eine Ursache; psychologisch nachgerechnet, kommt uns
der ganze Begriff aus der subjektiven Überzeugung, daß wir Ursache sind,
nämlich, daß der Arm sich bewegt.... Aber das ist ein Irrtum. Wir
unterscheiden uns, die Täter, vom Tun, und von diesem Schema machen wir
überall Gebrauch, – wir suchen nach einem Täter zu jedem Geschehen. Was
haben wir gemacht? Wir haben ein Gefühl von Kraft, Anspannung,
Widerstand, ein Muskelgefühl, das schon der Beginn der Handlung ist, als
Ursache mißverstanden, oder den Willen, das und das zu tun, weil auf
ihn die Aktion folgt, als Ursache verstanden.
„Ursache“ kommt gar nicht vor: von einigen Fällen, wo sie uns gegeben
schien, und wo wir aus uns sie projiziert haben zum Verständnis des
Geschehens, ist die Selbsttäuschung nachgewiesen. Unser „Verständnis
eines Geschehens“ bestand darin, daß wir ein Subjekt erfanden, welches
verantwortlich wurde dafür, daß etwas geschah, und wie es geschah. Wir
haben unser Willensgefühl, unser „Freiheits“-gefühl, unser
Verantwortlichkeitsgefühl und unsre Absicht zu einem Tun in den Begriff
„Ursache“ zusammengefaßt: causa efficiens und causa finalis ist in der
Grundkonzeption eins.
Wir meinten, eine Wirkung sei erklärt, wenn ein Zustand aufgezeigt
würde, dem sie bereits inhäriert. Tatsächlich erfinden wir alle Ursachen
nach dem Schema der Wirkung: letztere ist uns bekannt.... Umgekehrt sind
wir außerstande, von irgendeinem Dinge vorauszusagen, was es „wirkt“.
Das Ding, das Subjekt, der Wille, die Absicht – alles inhäriert der
Konzeption „Ursache“. Wir suchen nach Dingen, um zu erklären, weshalb
sich etwas verändert hat. Selbst noch das Atom ist ein solches
hinzugedachtes „Ding“ und „Ursubjekt“....
Endlich begreifen wir, daß Dinge – folglich auch Atome – nichts wirken:
weil sie gar nicht da sind, – daß der Begriff Kausalität vollkommen
unbrauchbar ist. – Aus einer notwendigen Reihenfolge von Zuständen folgt
nicht deren Kausalverhältnis (– das hieße deren wirkende Vermögen

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von eins auf zwei, auf drei, auf vier, auf fünf springen machen). Es gibt
weder Ursachen noch Wirkungen. Sprachlich wissen wir davon nicht
loszukommen. Aber daran liegt nichts. Wenn ich den Muskel von seinen
„Wirkungen“ getrennt denke, so habe ich ihn negiert....
In summa: ein Geschehen ist weder bewirkt, noch bewirkend.
Causa ist ein Vermögen zu wirken, hinzu erfunden zum Geschehen....
Die Kausalitätsinterpretation eine Täuschung.... Ein „Ding“ ist
die Summe seiner Wirkungen, synthetisch gebunden durch einen Begriff,
Bild. Tatsächlich hat die Wissenschaft den Begriff Kausalität seines Inhalts
entleert und ihn übrig behalten zu einer Gleichnisformel, bei der es im
Grunde gleichgültig geworden ist, auf welcher Seite Ursache oder Wirkung.
Es wird behauptet, daß in zwei Komplexzuständen (Kraftkonstellationen)
die Quanten Kraft gleich blieben.
Die Berechenbarkeit eines Geschehens liegt nicht darin, daß eine
Regel befolgt wurde, oder einer Notwendigkeit gehorcht wurde, oder ein
Gesetz von Kausalität von uns in jedes Geschehen projiziert wurde – : sie
liegt in der Wiederkehr „identischer Fälle“.
Es gibt nicht, wie Kant meint, einen Kausalitätssinn. Man wundert
sich, man ist beunruhigt, man will etwas Bekanntes, woran man sich halten
kann.... Sobald im Neuen uns etwas Altes aufgezeigt wird, sind wir
beruhigt. Der angebliche Kausalitätsinstinkt ist nur die Furcht vor dem
Ungewohnten und der Versuch, in ihm etwas Bekanntes zu entdecken,
– ein Suchen nicht nach Ursachen, sondern nach Bekanntem.

Page 436

360.

In jedem Urteile steckt der ganze, volle, tiefe Glaube an Subjekt und
Prädikat oder an Ursache und Wirkung (nämlich als die Behauptung, daß
jede Wirkung Tätigkeit sei und daß jede Tätigkeit einen Täter voraussetze);
und dieser letztere Glaube ist sogar nur ein Einzelfall des ersteren, so daß
als Grundglaube der Glaube übrig bleibt: es gibt Subjekte; alles, was
geschieht, verhält sich prädikativ zu irgend welchem Subjekte.
Ich bemerke etwas und suche nach einem Grund dafür: das heißt
ursprünglich: ich suche nach einer Absicht darin, und vor allem nach
einem, der Absicht hat, nach einem Subjekt, einem Täter: alles Geschehen
ein Tun, – ehemals sah man in allem Geschehen Absichten, dies ist unsere
älteste Gewohnheit. Hat das Tier sie auch? Ist es, als Lebendiges, nicht auch
auf die Interpretation nach sich angewiesen? Die Frage „warum?“ ist immer
die Frage nach der causa finalis, nach einem „Wozu?“ Von einem „Sinn der
causa efficiens“ haben wir nichts: hier hat Hume recht, die Gewohnheit
(aber nicht nur die des Individuums!) läßt uns erwarten, daß ein gewisser,
oft beobachteter Vorgang auf den andern folgt: weiter nichts! Was uns die
außerordentliche Festigkeit des Glaubens an Kausalität gibt, ist nicht die
große Gewohnheit des Hintereinanders von Vorgängen, sondern unsre
Unfähigkeit, ein Geschehen anders interpretieren zu können denn als
ein Geschehen aus Absichten. Es ist der Glaube an das Lebendige und
Denkende als an das einzig Wirkende – an den Willen, die Absicht –, es
ist der Glaube, daß alles Geschehen ein Tun sei, daß alles Tun einen Täter
voraussetze, es ist der Glaube an das „Subjekt“. Sollte dieser Glaube an den
Subjekt- und Prädikatbegriff nicht eine große Dummheit sein?
Frage: ist die Absicht Ursache eines Geschehens? Oder ist auch das
Illusion? Ist sie nicht das Geschehen selbst?

Page 437

361.

Zur Bekämpfung des Determinismus und der Teleologie. –
Daraus, daß etwas regelmäßig erfolgt und berechenbar erfolgt, ergibt sich
nicht, daß es notwendig erfolgt. Daß ein Quantum Kraft sich in jedem
bestimmten Falle auf eine einzige Art und Weise bestimmt und benimmt,
macht es nicht zum „unfreien Willen“. Die „mechanische Notwendigkeit“
ist kein Tatbestand: wir erst haben sie in das Geschehen hineininterpretiert.
Wir haben die Formulierbarkeit des Geschehens ausgedeutet als Folge
einer über dem Geschehen waltenden Nezessität. Aber daraus, daß ich
etwas Bestimmtes tue, folgt keineswegs, daß ich es gezwungen tue. Der
Zwang ist in den Dingen gar nicht nachweisbar: die Regel beweist nur, daß
ein und dasselbe Geschehen nicht auch ein anderes Geschehen ist. Erst
dadurch, daß wir Subjekte, „Täter“ in die Dinge hineingedeutet haben,
entsteht der Anschein, daß alles Geschehen die Folge von einem auf
Subjekte ausgeübten Zwange ist, – ausgeübt von wem? wiederum von
einem „Täter“. Ursache und Wirkung – ein gefährlicher Begriff, solange
man ein Etwas denkt, das verursacht, und ein Etwas, auf das gewirkt
wird.
a) Die Notwendigkeit ist kein Tatbestand, sondern eine Interpretation.
b) Hat man begriffen, daß das „Subjekt“ nichts ist, was wirkt, sondern
nur eine Fiktion, so folgt vielerlei.
Wir haben nur nach dem Vorbilde des Subjekts die Dinglichkeit
erfunden und in den Sensationenwirrwarr hineininterpretiert. Glauben wir
nicht mehr an das wirkende Subjekt, so fällt auch der Glaube an
wirkende Dinge, an Wechselwirkung, Ursache und Wirkung zwischen
jenen Phänomenen, die wir Dinge nennen.
Es fällt damit natürlich auch die Welt der wirkenden Atome: deren
Annahme immer unter der Voraussetzung gemacht ist, daß man Subjekte
braucht.
Es fällt endlich auch das „Ding an sich“: weil das im Grunde die
Konzeption eines „Subjekts an sich“ ist. Aber wir begriffen, daß das

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Subjekt fingiert ist. Der Gegensatz „Ding an sich“ und „Erscheinung“ ist
unhaltbar; damit aber fällt auch der Begriff „Erscheinung“ dahin.
c) Geben wir das wirkende Subjekt auf, so auch das Objekt, auf das
gewirkt wird. Die Dauer, die Gleichheit mit sich selbst, das Sein inhäriert
weder dem, was Subjekt, noch dem, was Objekt genannt wird: es sind
Komplexe des Geschehens, in Hinsicht auf andere Komplexe scheinbar
dauerhaft, – also zum Beispiel durch eine Verschiedenheit im Tempo des
Geschehens (Ruhe – Bewegung, fest – locker: alles Gegensätze, die nicht
an sich existieren und mit denen tatsächlich nur Gradverschiedenheiten
ausgedrückt werden, die für ein gewisses Maß von Optik sich als
Gegensätze ausnehmen. Es gibt keine Gegensätze: nur von denen der Logik
her haben wir den Begriff des Gegensatzes – und von da aus fälschlich in
die Dinge übertragen).
d) Geben wir den Begriff „Subjekt“ und „Objekt“ auf, dann auch den
Begriff „Substanz“ – und folglich auch dessen verschiedene
Modifikationen, zum Beispiel, „Materie“, „Geist“ und andere hypothetische
Wesen, „Ewigkeit und Unveränderlichkeit des Stoffs“ usw. Wir sind die
Stofflichkeit los.
Moralisch ausgedrückt, ist die Welt falsch. Aber insofern die Moral
selbst ein Stück dieser Welt ist, so ist die Moral falsch.
Der Wille zur Wahrheit ist ein Festmachen, ein Wahr-,
Dauerhaftmachen, ein Aus-dem-Auge-schaffen jenes falschen
Charakters, eine Umdeutung desselben ins Seiende. „Wahrheit“ ist somit
nicht etwas, das da wäre und das aufzufinden, zu entdecken wäre, – sondern
etwas, das zu schaffen ist und das den Namen für einen Prozeß
abgibt, mehr noch für einen Willen der Überwältigung, der an sich kein
Ende hat: Wahrheit hineinlegen, als ein processus in infinitum, ein aktives
Bestimmen, – nicht ein Bewußtwerden von etwas, das an sich fest und
bestimmt wäre. Es ist ein Wort für den „Willen zur Macht“.
Das Leben ist auf die Voraussetzung eines Glaubens an Dauerndes und
Regulär-Wiederkehrendes gegründet; je mächtiger das Leben, um so breiter
muß die erratbare, gleichsam seiend gemachte Welt sein. Logisierung,
Rationalisierung, Systematisierung als Hilfsmittel des Lebens.

Page 439

Der Mensch projiziert seinen Trieb zur Wahrheit, sein „Ziel“ in einem
gewissen Sinne außer sich als seiende Welt, als metaphysische Welt, als
„Ding an sich“, als bereits vorhandene Welt. Sein Bedürfnis als Schaffender
erdichtet bereits die Welt, an der er arbeitet, nimmt sie vorweg; diese
Vorwegnahme (dieser „Glaube“ an die Wahrheit) ist seine Stütze.
Alles Geschehen, alle Bewegung, alles Werden als ein Feststellen von
Grad- und Kraftverhältnissen, als ein Kampf....
Sobald wir uns jemanden imaginieren, der verantwortlich ist dafür, daß
wir so und so sind usw. (Gott, Natur), ihm also unsre Existenz, unser Glück
und Elend als Absicht zulegen, verderben wir uns die Unschuld des
Werdens. Wir haben dann jemanden, der durch uns und mit uns etwas
erreichen will.
Das „Wohl des Individuums“ ist ebenso imaginär als das „Wohl der
Gattung“: das erstere wird nicht dem letzteren geopfert, Gattung ist, aus der
Ferne betrachtet, etwas ebenso Flüssiges wie Individuum. „Erhaltung der
Gattung“ ist nur eine Folge des Wachstums der Gattung, das heißt der
Überwindung der Gattung auf dem Wege zu einer stärkeren Art.
Thesen. – Daß die anscheinende „Zweckmäßigkeit“ („die aller
menschlichen Kunst unendlich überlegene Zweckmäßigkeit“) bloß die
Folge jenes in allem Geschehen sich abspielenden Willens zur Macht ist
– : daß das Stärkerwerden Ordnungen mit sich bringt, die einem
Zweckmäßigkeitsentwurf ähnlich sehen – : daß die anscheinenden Zwecke
nicht beabsichtigt sind, aber, sobald die Übermacht über eine geringere
Macht erreicht ist und letztere als Funktion der größeren arbeitet, eine
Ordnung des Ranges, der Organisation den Anschein einer Ordnung von
Mittel und Zweck erwecken muß.
Gegen die anscheinende „Notwendigkeit“:
– diese nur ein Ausdruck dafür, daß eine Kraft nicht auch etwas anderes
ist.
Gegen die anscheinende „Zweckmäßigkeit“:
– letztere nur ein Ausdruck für eine Ordnung von Machtsphären und
deren Zusammenspiel.

Page 440

362.

„Es mußte in der Ausbildung des Denkens der Punkt eintreten, wo es
zum Bewußtsein kam, daß das, was man als Eigenschaften der Dinge
bezeichnete, Empfindungen des empfindenden Subjekts seien: damit hörten
die Eigenschaften auf, dem Dinge anzugehören.“ Es blieb „das Ding an
sich“ übrig. Die Unterscheidung zwischen Ding an sich und des Dinges für
uns basiert auf der älteren, naiven Wahrnehmung, die dem Dinge Energie
beilegte: aber die Analyse ergab, daß auch die Kraft hineingedichtet worden
ist, und ebenso – die Substanz. „Das Ding affiziert ein Subjekt“? Wurzel der
Substanzvorstellung in der Sprache, nicht im Außer-uns-Seienden! Das
Ding an sich ist gar kein Problem!
Das Seiende wird als Empfindung zu denken sein, welcher nichts
Empfindungsloses mehr zugrunde liegt.
In der Bewegung ist kein neuer Inhalt der Empfindung gegeben. Das
Seiende kann nicht inhaltliche Bewegung sein: also Form des Seins.
Nebenbei: Die Erklärung des Geschehens kann versucht werden
einmal: durch Vorstellung von Bildern des Geschehens, die ihm
voranlaufen (Zwecke);
zweitens: durch Vorstellung von Bildern, die ihm nachlaufen (die
mathematisch-physikalische Erklärung).
Beide soll man nicht durcheinanderwerfen. Also: die physische
Erklärung, welche die Verbildlichung der Welt ist aus Empfindung und
Denken, kann nicht selber wieder das Empfinden und Denken ableiten und
entstehen machen: vielmehr muß die Physik auch die empfindende Welt
konsequent als ohne Empfindung und Zweck konstruieren – bis
hinauf zum höchsten Menschen. Und die teleologische ist nur eine
Geschichte der Zwecke und nie physikalisch!

Page 441

363.

Die Auslegung eines Geschehens als entweder Tun oder Leiden (– also
jedes Tun ein Leiden) sagt: jede Veränderung, jedes Anderswerden setzt
einen Urheber voraus und einen, an dem „verändert“ wird.

Page 442

364.

Unsre Unart, ein Erinnerungszeichen, eine abkürzende Formel als Wesen
zu nehmen, schließlich als Ursache, zum Beispiel vom Blitz zu sagen: „er
leuchtet“. Oder gar das Wörtchen „ich“. Eine Art von Perspektive im Sehen
wieder als Ursache des Sehens selbst zu setzen: das war das
Kunststück in der Erfindung des „Subjekts“, des „Ichs“!

Page 443

365.

Ich glaube an den absoluten Raum, als Substrat der Kraft: diese begrenzt
und gestaltet. Die Zeit ewig. Aber an sich gibt es nicht Raum, noch Zeit.
„Veränderungen“ sind nur Erscheinungen (oder Sinnesvorgänge für uns);
wenn wir zwischen diesen noch so regelmäßige Wiederkehr ansetzen, so ist
damit nichts begründet als eben diese Tatsache, daß es immer so geschehen
ist. Das Gefühl, daß das post hoc ein propter hoc ist, ist leicht als
Mißverständnis abzuleiten; es ist begreiflich. Aber Erscheinungen können
nicht „Ursachen“ sein!

Page 444

366.

„Wille zur Macht“ und Kausalismus. – Psychologisch
nachgerechnet, ist der Begriff „Ursache“ unser Machtgefühl vom
sogenannten Wollen, – unser Begriff „Wirkung“ der Aberglaube, daß dies
Machtgefühl die Macht selbst sei, welche bewegt....
Ein Zustand, der ein Geschehen begleitet und schon eine Wirkung des
Geschehens ist, wird projiziert als „zureichender Grund“ desselben; – das
Spannungsverhältnis unsres Machtgefühls (die Lust als Gefühl der Macht),
des überwundenen Widerstandes – sind das Illusionen? –
Übersetzen wir den Begriff „Ursache“ wieder zurück in die uns einzig
bekannte Sphäre, woraus wir ihn genommen haben: so ist uns keine
Veränderung vorstellbar, bei der es nicht einen Willen zur Macht gibt.
Wir wissen eine Veränderung nicht abzuleiten, wenn nicht ein
Übergreifen von Macht über andere Macht statthat.
Die Mechanik zeigt uns nur Folgen, und dazu noch im Bilde (Bewegung
ist eine Bilderrede). Die Gravitation selbst hat keine mechanische Ursache,
da sie der Grund erst für mechanische Folgen ist.
Der Wille zur Akkumulation von Kraft ist spezifisch für das
Phänomen des Lebens, für Ernährung, Zeugung, Vererbung, – für
Gesellschaft, Staat, Sitte, Autorität. Sollten wir diesen Willen nicht als
bewegende Ursache auch in der Chemie annehmen dürfen? – und in der
kosmischen Ordnung?
Nicht bloß Konstanz der Energie: sondern Maximalökonomie des
Verbrauchs: so daß das Stärkerwerdenwollen von jedem
Kraftzentrum aus die einzige Realität ist, – nicht Selbstbewahrung,
sondern Aneignen-, Herrwerden-, Mehrwerden-, Stärkerwerdenwollen.
Daß Wissenschaft möglich ist, das soll uns ein Kausalitätsprinzip
beweisen? „Aus gleichen Ursachen gleiche Wirkungen“ – „Ein
permanentes Gesetz der Dinge“ – „Eine invariable Ordnung“? – Weil etwas
berechenbar ist, ist es deshalb schon notwendig?

Page 445

Wenn etwas so und nicht anders geschieht, so ist darin kein „Prinzip“,
kein „Gesetz“, keine „Ordnung“, sondern es wirken Kraftquanta, deren
Wesen darin besteht, auf alle anderen Kraftquanta Macht auszuüben.
Können wir ein Streben nach Macht annehmen, ohne eine Lust- und
Unlustempfindung, das heißt ohne ein Gefühl von der Steigerung und
Verminderung der Macht? Der Mechanismus ist nur eine Zeichensprache
für die interne Tatsachenwelt kämpfender und überwindender
Willensquanta? Alle Voraussetzungen des Mechanismus, Stoff, Atom,
Schwere, Druck und Stoß sind nicht „Tatsachen an sich“, sondern
Interpretationen mit Hilfe psychischer Fiktionen.
Das Leben als die uns bekannteste Form des Seins ist spezifisch ein
Wille zur Akkumulation der Kraft – : alle Prozesse des Lebens haben hier
ihren Hebel: nichts will sich erhalten, alles soll summiert und akkumuliert
werden.
Das Leben als ein Einzelfall (Hypothese von da aus auf den
Gesamtcharakter des Daseins –) strebt nach einem Maximalgefühl von
Macht; ist essentiell ein Streben nach Mehr von Macht; Streben ist nichts
anderes als Streben nach Macht; das Unterste und Innerste bleibt dieser
Wille. (Mechanik ist eine bloße Semiotik der Folgen.)

Page 446

d. Ich und Außenwelt.

Page 447

367.

Der Substanzbegriff eine Folge des Subjektbegriffs: nicht
umgekehrt! Geben wir die Seele, „das Subjekt“, preis, so fehlt die
Voraussetzung für eine „Substanz“ überhaupt. Man bekommt Grade des
Seienden, man verliert das Seiende.
Kritik der „Wirklichkeit“: worauf führt die „Mehr-oder-Weniger-
Wirklichkeit“, die Gradation des Seins, an die wir glauben? –
Unser Grad von Lebens- und Machtgefühl (Logik und
Zusammenhang des Erlebten) gibt uns das Maß von „Sein“, „Realität“,
„Nicht-Schein“.
Subjekt: das ist die Terminologie unsres Glaubens an eine Einheit
unter allen den verschiedenen Momenten höchsten Realitätsgefühls: wir
verstehen diesen Glauben als Wirkung Einer Ursache, – wir glauben an
unseren Glauben so weit, daß wir um seinetwillen die „Wahrheit“,
„Wirklichkeit“, „Substanzialität“ überhaupt imaginieren. – „Subjekt“ ist die
Fiktion, als ob viele gleiche Zustände an uns die Wirkung eines Substrats
wären: aber wir haben erst die „Gleichheit“ dieser Zustände geschaffen;
das Gleichsetzen und Zurechtmachen derselben ist der Tatbestand,
nicht die Gleichheit (– diese ist vielmehr zu leugnen –).

Page 448

368.

Psychologische Geschichte des Begriffs „Subjekt“. Der Leib, das Ding,
das vom Auge konstruierte „Ganze“ erweckt die Unterscheidung von einem
Tun und einem Tuenden; der Tuende, die Ursache des Tuns, immer feiner
gefaßt, hat zuletzt das „Subjekt“ übrig gelassen.

Page 449

369.

„Subjekt“, „Objekt“, „Prädikat“ – diese Trennungen sind gemacht und
werden jetzt wie Schemata übergestülpt über alle anscheinenden Tatsachen.
Die falsche Grundbeobachtung ist, daß ich glaube, ich bin's, der etwas tut,
etwas leidet, der etwas „hat“, der eine Eigenschaft „hat“.

Page 450

370.

„Es wird gedacht: folglich gibt es Denkendes“: darauf läuft die
Argumentation des Cartesius hinaus. Aber das heißt unsern Glauben an den
Substanzbegriff schon als „wahr a priori“ ansetzen: – daß, wenn gedacht
wird, es etwas geben muß, „das denkt“, ist einfach eine Formulierung
unserer grammatischen Gewöhnung, welche zu einem Tun einen Täter
setzt. Kurz, es wird hier bereits ein logisch-metaphysisches Postulat
gemacht – und nicht nur konstatiert.... Auf dem Wege des Cartesius
kommt man nicht zu etwas absolut Gewissem, sondern nur zu einem
Faktum eines sehr starken Glaubens.
Reduziert man den Satz auf „es wird gedacht, folglich gibt es Gedanken“,
so hat man eine bloße Tautologie: und gerade das, was in Frage steht, die
„Realität des Gedankens“, ist nicht berührt, – nämlich in dieser Form ist
die „Scheinbarkeit“ des Gedankens nicht abzuweisen. Was aber Cartesius
wollte, ist, daß der Gedanke nicht nur eine scheinbare Realität hat,
sondern eine an sich.

Page 451

371.

Daß zwischen Subjekt und Objekt eine Art adäquater Relation
stattfinde; daß das Objekt etwas sei, das von innen gesehen Subjekt
wäre, ist eine gutmütige Erfindung, die, wie ich denke, ihre Zeit gehabt hat.
Das Maß dessen, was uns überhaupt bewußt wird, ist ja ganz und gar
abhängig von der groben Nützlichkeit des Bewußtwerdens: wie erlaubte uns
diese Winkelperspektive des Bewußtseins irgendwie über „Subjekt“ und
„Objekt“ Aussagen, mit denen die Realität berührt würde! –

Page 452

372.

Parmenides hat gesagt, „man denkt das nicht, was nicht ist“; – wir sind
am andern Ende und sagen, „was gedacht werden kann, muß sicherlich eine
Fiktion sein.“

Page 453

373.

Ein Philosoph erholt sich anders mit anderem: er erholt sich zum Beispiel
im Nihilismus. Der Glaube, daß es gar keine Wahrheit gibt, der
Nihilistenglaube, ist ein großes Gliederstrecken für einen, der als
Kriegsmann der Erkenntnis unablässig mit lauter häßlichen Wahrheiten im
Kampfe liegt. Denn die Wahrheit ist häßlich.

Page 454

3. Metaphysik.
Die „wahre“ Welt.

Page 455

374.

Tiefe Abneigung, in irgendeiner Gesamtbetrachtung der Welt ein für
allemal auszuruhen. Zauber der entgegengesetzten Denkweise: sich den
Anreiz des änigmatischen Charakters nicht nehmen lassen.

Page 456

375.

Unsere Voraussetzungen: kein Gott: kein Zweck: endliche Kraft. Wir
wollen uns hüten, den Niedrigen die ihnen nötige Denkweise
auszudenken und vorzuschreiben!!

Page 457

376.

Unendliche Ausdeutbarkeit der Welt: jede Ausdeutung ein Symptom des
Wachstums oder des Untergehens.
Die Einheit (der Monismus) ein Bedürfnis der inertia; die Mehrheit der
Deutung Zeichen der Kraft. Der Welt ihren beunruhigenden und
änigmatischen Charakter nicht abstreiten wollen!

Page 458

377.

Gegen das Versöhnenwollen und die Friedfertigkeit. Dazu gehört auch
jeder Versuch von Monismus.

Page 459

378.

Die „Sinnlosigkeit des Geschehens“: der Glaube daran ist die Folge einer
Einsicht in die Falschheit der bisherigen Interpretationen, eine
Verallgemeinerung der Mutlosigkeit und Schwäche, – kein notwendiger
Glaube.
Unbescheidenheit des Menschen – : wo er den Sinn nicht sieht, ihn zu
leugnen!

Page 460

379.

Ist man Philosoph, wie man immer Philosoph war, so hat man kein Auge
für das, was war, und das, was wird: – man sieht nur das Seiende. Da es
aber nichts Seiendes gibt, so blieb dem Philosophen nur das Imaginäre
aufgespart, als seine „Welt“.

Page 461

380.

Die „wahre Welt“, wie immer auch man sie bisher konzipiert hat, – sie
war immer die scheinbare Welt noch einmal.

Page 462

381.
Die „wahre“ und die „scheinbare Welt“.

Page 463

A.

Die Verführungen, die von diesem Begriff ausgehen, sind dreierlei Art:
a) eine unbekannte Welt: – wir sind Abenteurer, neugierig, – das
Bekannte scheint uns müde zu machen (– die Gefahr des Begriffs liegt
darin, uns „diese“ Welt als bekannt zu insinuieren....);
b) eine andre Welt, wo es anders ist: – es rechnet etwas in uns nach,
unsre stille Ergebung, unser Schweigen verlieren dabei ihren Wert, –
vielleicht wird alles gut, wir haben nicht umsonst gehofft.... Die Welt, wo es
anders, wo wir selbst – wer weiß? – anders sind....
c) eine wahre Welt: – das ist der wunderlichste Streich und Angriff, der
auf uns gemacht wird; es ist so vieles an das Wort „wahr“ ankrustiert,
unwillkürlich machen wir's auch der „wahren Welt“ zum Geschenk: die
wahre Welt muß auch eine wahrhaftige sein, eine solche, die uns nicht
betrügt, nicht zu Narren hat: an sie glauben ist beinahe glauben müssen (–
aus Anstand, wie es unter zutrauenswürdigen Wesen geschieht –).
Der Begriff „die unbekannte Welt“ insinuiert uns diese Welt als
„bekannt“ (als langweilig –);
der Begriff „die andre Welt“ insinuiert, als ob die Welt anders sein
könnte, – hebt die Notwendigkeit und das Fatum auf (– unnütz, sich zu
ergeben, sich anzupassen –);
der Begriff „die wahre Welt“ insinuiert diese Welt als eine
unwahrhaftige, betrügerische, unredliche, unechte, unwesentliche, – und
folglich auch nicht unserm Nutzen zugetane Welt (– unratsam, sich ihr
anzupassen; besser: ihr widerstreben).
Wir entziehen uns also in dreierlei Weise „dieser“ Welt:
a) mit unsrer Neugierde, – wie als ob der interessantere Teil wo anders
wäre;
b) mit unsrer Ergebung, – wie als ob es nicht nötig sei, sich zu ergeben,
– wie als ob diese Welt keine Notwendigkeit letzten Ranges sei;

Page 464

c) mit unsrer Sympathie und Achtung, – wie als ob diese Welt sie nicht
verdiente, als unlauter, als gegen uns nicht redlich....
In summa: wir sind auf eine dreifache Weise revoltiert: wir haben ein x
zur Kritik der „bekannten Welt“ gemacht.

Page 465

B.

Erster Schritt der Besonnenheit: zu begreifen, inwiefern wir
verführt sind, – nämlich es könnte an sich exakt umgekehrt sein:
a) die unbekannte Welt könnte derartig beschaffen sein, um uns Lust zu
machen zu „dieser“ Welt, – als eine vielleicht stupide und geringere Form
des Daseins;
b) die andere Welt, geschweige, daß sie unsern Wünschen, die hier
keinen Austrag fänden, Rechnung trüge, könnte mit unter der Masse dessen
sein, was uns diese Welt möglich macht: sie kennen lernen wäre ein
Mittel, uns zufrieden zu machen;
c) die wahre Welt: aber wer sagt uns eigentlich, daß die scheinbare Welt
weniger wert sein muß, als die wahre? Widerspricht nicht unser Instinkt
diesem Urteile? Schafft sich nicht ewig der Mensch eine fingierte Welt,
weil er eine bessere Welt haben will als die Realität? Vor allem: wie
kommen wir darauf, daß nicht unsre Welt die wahre ist?.... zunächst
könnte doch die andre Welt die „scheinbare“ sein (in der Tat haben sich die
Griechen zum Beispiel ein Schattenreich, eine Scheinexistenz neben
der wahren Existenz gedacht –). Und endlich: was gibt uns ein Recht,
gleichsam Grade der Realität anzusetzen? Das ist etwas anderes als eine
unbekannte Welt, – das ist bereits Etwas-wissen-wollen von der
unbekannten. Die „andere“, die „unbekannte“ Welt – gut! aber sagen
„wahre Welt“, das heißt „etwas wissen von ihr“, – das ist der Gegensatz
zur Annahme einer x-Welt....
In summa: die Welt x könnte in jedem Sinne langweiliger,
unmenschlicher und unwürdiger sein als diese Welt.
Es stünde anders, wenn behauptet würde, es gebe x Welten, das heißt jede
mögliche Welt noch außer dieser. Aber das ist nie behauptet worden....

Page 466

C.

Problem: warum die Vorstellung von der andern Welt immer zum
Nachteil, respektive zur Kritik „dieser“ Welt ausgefallen ist, – worauf das
weist? –
Nämlich: ein Volk, das auf sich stolz ist, das im Aufgange des Lebens ist,
denkt das Anderssein immer als Niedriger-, Wertlosersein; es betrachtet
die fremde, die unbekannte Welt als seinen Feind, als seinen Gegensatz, es
fühlt sich ohne Neugierde, in voller Ablehnung gegen das Fremde.... Ein
Volk würde nicht zugeben, daß ein anderes Volk das „wahre Volk“ wäre....
Schon, daß ein solches Unterscheiden möglich ist, – daß man diese Welt
für die „scheinbare“ und jene für die „wahre“ nimmt, ist symptomatisch.
Die Entstehungsherde der Vorstellung „andre Welt“:
der Philosoph, der eine Vernunftwelt erfindet, wo die Vernunft und die
logischen Funktionen adäquat sind: – daher stammt die „wahre“ Welt;
der religiöse Mensch, der eine „göttliche Welt“ erfindet: – daher stammt
die „entnatürlichte, widernatürliche“ Welt;
der moralische Mensch, der eine „freie Welt“ fingiert: – daher stammt die
„gute, vollkommene, gerechte, heilige“ Welt.
Das Gemeinsame der drei Entstehungsherde: der psychologische
Fehlgriff, die physiologischen Verwechslungen.
Die „andre Welt“, wie sie tatsächlich in der Geschichte erscheint, mit
welchen Prädikaten abgezeichnet? Mit den Stigmaten des philosophischen,
des religiösen, des moralischen Vorurteils.
Die „andre Welt“, wie sie aus diesen Tatsachen erhellt, als ein
Synonym des Nichtseins, des Nichtlebens, des Nichtlebenwollens....
Gesamteinsicht: der Instinkt der Lebensmüdigkeit, und nicht der
des Lebens, hat die „andre Welt“ geschaffen.

Page 467

Konsequenz: Philosophie, Religion und Moral sind Symptome der
décadence.

Page 468

382.

Zur Psychologie der Metaphysik. – Diese Welt ist scheinbar:
folglich gibt es eine wahre Welt; – diese Welt ist bedingt: folglich gibt
es eine unbedingte Welt; – diese Welt ist widerspruchsvoll: folglich gibt
es eine widerspruchslose Welt; – diese Welt ist werdend: folglich gibt es
eine seiende Welt: – lauter falsche Schlüsse (blindes Vertrauen in die
Vernunft: wenn A ist, so muß auch sein Gegensatzbegriff B sein). Zu
diesen Schlüssen inspiriert das Leiden: im Grunde sind es Wünsche,
es möchte eine solche Welt geben; ebenfalls drückt sich der Haß gegen eine
Welt, die leiden macht, darin aus, daß eine andere imaginiert wird, eine
wertvollere: das Ressentiment der Metaphysiker gegen das Wirkliche
ist hier schöpferisch.
Zweite Reihe von Fragen: wozu Leiden?.... und hier ergibt sich ein
Schluß auf das Verhältnis der wahren Welt zu unsrer scheinbaren,
wandelbaren, leidenden, widerspruchsvollen: 1. Leiden als Folge des
Irrtums: wie ist Irrtum möglich? 2. Leiden als Folge von Schuld: wie ist
Schuld möglich? (– lauter Erfahrungen aus der Natursphäre oder der
Gesellschaft universaliert und ins „An-sich“ projiziert). Wenn aber die
bedingte Welt ursächlich von der unbedingten bedingt ist, so muß die
Freiheit zum Irrtum und zur Schuld mit von ihr bedingt sein: und
wieder fragt man wozu?.... Die Welt des Scheins, des Werdens, des
Widerspruchs, des Leidens ist also gewollt: wozu?
Der Fehler dieser Schlüsse: zwei gegensätzliche Begriffe sind gebildet, –
weil dem einen von ihnen eine Realität entspricht, „muß“ auch dem
andern eine Realität entsprechen. „Woher sollte man sonst dessen
Gegenbegriff haben?“ – Vernunft somit als eine Offenbarungsquelle über
An-sich-Seiendes.
Aber die Herkunft jener Gegensätze braucht nicht notwendig auf
eine übernatürliche Quelle der Vernunft zurückzugehen: es genügt, die
wahre Genesis der Begriffe dagegenzustellen: – diese stammt aus der
praktischen Sphäre, aus der Nützlichkeitssphäre, und hat eben daher ihren
starken Glauben (man geht daran zugrunde, wenn man nicht gemäß

Page 469

dieser Vernunft schließt: aber damit ist das nicht „bewiesen“, was sie
behauptet).
Die Präokkupation durch das Leiden bei den Metaphysikern: ist
ganz naiv. „Ewige Seligkeit“: psychologischer Unsinn. Tapfere und
schöpferische Menschen fassen Lust und Leid nie als letzte Wertfragen, –
es sind Begleitzustände: man muß beides wollen, wenn man etwas
erreichen will – darin drückt sich etwas Müdes und Krankes an den
Metaphysikern und Religiösen aus, daß sie Lust- und Leidprobleme im
Vordergrunde sehen. Auch die Moral hat nur deshalb für sie solche
Wichtigkeit, weil sie als wesentliche Bedingung in Hinsicht auf
Abschaffung des Leidens gilt.
Insgleichen die Präokkupation durch Schein und Irrtum:
Ursache von Leiden, Aberglaube, daß das Glück mit der Wahrheit
verbunden sei (Verwechslung: das Glück in der „Gewißheit“, im
„Glauben“).

Page 470

383.

Kritik des Begriffes „wahre und scheinbare Welt“. – Von diesen
ist die erste eine bloße Fiktion, aus lauter fingierten Dingen gebildet.
Die „Scheinbarkeit“ gehört selbst zur Realität: sie ist eine Form ihres
Seins; das heißt in einer Welt, wo es kein Sein gibt, muß durch den Schein
erst eine gewisse berechenbare Welt identischer Fälle geschaffen werden:
ein Tempo, in dem Beobachtung und Vergleichung möglich ist, usw.
: „Scheinbarkeit“ ist eine zurechtgemachte und vereinfachte Welt, an der
unsre praktischen Instinkte gearbeitet haben: sie ist für uns vollkommen
wahr: nämlich wir leben, wir können in ihr leben: Beweis ihrer Wahrheit
für uns....
: die Welt, abgesehen von unsrer Bedingung, in ihr zu leben, die Welt, die
wir nicht auf unser Sein, unsre Logik und psychologischen Vorurteile
reduziert haben, existiert nicht als Welt „an sich“; sie ist essentiell
Relationswelt: sie hat unter Umständen von jedem Punkt aus ihr
verschiedenes Gesicht: ihr Sein ist essentiell an jedem Punkte anders:
sie drückt auf jeden Punkt, es widersteht ihr jeder Punkt – und diese
Summierungen sind in jedem Falle gänzlich inkongruent.
Das Maß von Macht bestimmt, welches Wesen das andre Maß von
Macht hat: unter welcher Form, Gewalt, Nötigung es wirkt oder widersteht.
Unser Einzelfall ist interessant genug: wir haben eine Konzeption
gemacht, um in einer Welt leben zu können, um gerade genug zu
perzipieren, daß wir noch es aushalten....

Page 471

384.

Die scheinbare Welt, das heißt eine Welt, nach Werten angesehen;
geordnet, ausgewählt nach Werten, das heißt in diesem Falle nach dem
Nützlichkeitsgesichtspunkt in Hinsicht auf die Erhaltung und
Machtsteigerung einer bestimmten Gattung von Animal.
Das Perspektivische also gibt den Charakter der „Scheinbarkeit“ ab!
Als ob eine Welt noch übrig bliebe, wenn man das Perspektivische
abrechnet! Damit hätte man ja die Relativität abgerechnet!
Jedes Kraftzentrum hat für den ganzen Rest seine Perspektive, das
heißt seine ganz bestimmte Wertung, seine Aktionsart, seine
Widerstandsart. Die „scheinbare Welt“ reduziert sich also auf eine
spezifische Art von Aktion auf die Welt, ausgehend von einem Zentrum.
Nun gibt es gar keine andre Art Aktion: und die „Welt“ ist nur ein Wort
für das Gesamtspiel dieser Aktionen. Die Realität besteht exakt in dieser
Partikularaktion und -Reaktion jedes Einzelnen gegen das Ganze....
Es bleibt kein Schatten von Recht mehr übrig, hier von Schein zu
reden....
Die spezifische Art zu reagieren ist die einzige Art des Reagierens:
wir wissen nicht, wie viele und was für Arten es alles gibt.
Aber es gibt kein „anderes“, kein „wahres“, kein wesentliches Sein, –
damit würde eine Welt ohne Aktion und Reaktion ausgedrückt sein....
Der Gegensatz der scheinbaren Welt und der wahren Welt reduziert sich
auf den Gegensatz „Welt“ und „Nichts“ –

Page 472

385.

Page 473

A.

Ich sehe mit Erstaunen, daß die Wissenschaft sich heute resigniert, auf
die scheinbare Welt angewiesen zu sein: eine wahre Welt – sie mag sein,
wie sie will –, gewiß haben wir kein Organ der Erkenntnis für sie.
Hier dürfen wir nun schon fragen: mit welchem Organ der Erkenntnis
setzt man auch diesen Gegensatz nur an?....
Damit, daß eine Welt, die unsern Organen zugänglich ist, auch als
abhängig von diesen Organen verstanden wird, damit, daß wir eine Welt als
subjektiv bedingt verstehen, damit ist nicht ausgedrückt, daß eine objektive
Welt überhaupt möglich ist. Wer zwingt uns, zu denken, daß die
Subjektivität real, essentiell ist?
Das „An sich“ ist sogar eine widersinnige Konzeption: eine
„Beschaffenheit an sich“ ist Unsinn: wir haben den Begriff „Sein“, „Ding“
immer nur als Relationsbegriff....
Das Schlimme ist, daß mit dem alten Gegensatz „scheinbar“ und „wahr“
sich das korrelative Werturteil fortgepflanzt hat: „gering an Wert“ und
„absolut wertvoll“.
Die scheinbare Welt gilt uns nicht als eine „wertvolle“ Welt; der Schein
soll eine Instanz gegen den obersten Wert sein. Wertvoll an sich kann nur
eine „wahre“ Welt sein....
Vorurteil der Vorurteile! Erstens wäre an sich möglich, daß die
wahre Beschaffenheit der Dinge dermaßen den Voraussetzungen des Lebens
schädlich wäre, entgegengesetzt wäre, daß eben der Schein not täte, um
leben zu können.... Dies ist ja der Fall in so vielen Lagen: zum Beispiel in
der Ehe.
Unsre empirische Welt wäre aus den Instinkten der Selbsterhaltung auch
in ihren Erkenntnisgrenzen bedingt: wir hielten für wahr, für gut, für
wertvoll, was der Erhaltung der Gattung frommt....

Page 474

a) Wir haben keine Kategorien, nach denen wir eine wahre und eine
scheinbare Welt scheiden dürften. (Es könnte eben bloß eine scheinbare
Welt geben, aber nicht nur unsere scheinbare Welt....)
b) Die wahre Welt angenommen, so könnte sie immer noch die
geringere an Wert für uns sein: gerade das Quantum Illusion möchte, in
seinem Erhaltungswert für uns, höheren Ranges sein. (Es sei denn, daß der
Schein an sich ein Verwerfungsurteil begründete?)
c) Daß eine Korrelation bestehe zwischen den Graden der Werte und
den Graden der Realität (so daß die obersten Werte auch die oberste
Realität hätten), ist ein metaphysisches Postulat, von der Voraussetzung
ausgehend, daß wir die Rangordnung der Werte kennen: nämlich, daß
diese Rangordnung eine moralische ist.... Nur in dieser Voraussetzung ist
die Wahrheit notwendig für die Definition alles Höchstwertigen.

Page 475

B.

Es ist von kardinaler Wichtigkeit, daß man die wahre Welt abschafft.
Sie ist die große Anzweiflerin und Wertverminderung der Welt, die wir
sind: sie war bisher unser gefährlichstes Attentat auf das Leben.
Krieg gegen alle Voraussetzungen, auf welche hin man eine wahre Welt
fingiert hat. Zu diesen Voraussetzungen gehört, daß die moralischen
Werte die obersten seien.
Die moralische Wertung als oberste wäre widerlegt, wenn sie bewiesen
werden könnte als die Folge einer unmoralischen Wertung: als ein
Spezialfall der realen Unmoralität: sie reduzierte sich damit selbst auf einen
Anschein, und als Anschein hätte sie, von sich aus, kein Recht mehr,
den Schein zu verurteilen.

Page 476

C.

Der „Wille zur Wahrheit“ wäre sodann psychologisch zu untersuchen: er
ist keine moralische Gewalt, sondern eine Form des Willens zur Macht.
Dies wäre damit zu beweisen, daß er sich aller unmoralischen Mittel
bedient: die Metaphysiker voran –
Wir sind heute vor die Prüfung der Behauptung gestellt, daß die
moralischen Werte die obersten Werte seien. Die Methodik der
Forschung ist erst erreicht, wenn alle moralischen Vorurteile
überwunden sind: – sie stellte einen Sieg über die Moral dar....

Page 477

386.

Die größte Fabelei ist die von der Erkenntnis. Man möchte wissen, wie
die Dinge an sich beschaffen sind: aber siehe da, es gibt keine Dinge an
sich! Gesetzt aber sogar, es gäbe ein An-sich, ein Unbedingtes, so könnte
es eben darum nicht erkannt werden! Etwas Unbedingtes kann nicht
erkannt werden: sonst wäre es eben nicht unbedingt! Erkennen ist aber
immer „sich irgendwozu in Bedingung setzen“ – –; ein solch Erkennender
will, daß das, was er erkennen will, ihn nichts angeht, und daß dasselbe
Etwas überhaupt niemanden nichts angeht: wobei erstlich ein Widerspruch
gegeben ist, im Erkennenwollen und dem Verlangen, daß es ihn nichts
angehen soll (wozu doch dann Erkennen?), und zweitens, weil etwas, das
niemanden nichts angeht, gar nicht ist, also auch gar nicht erkannt werden
kann. – Erkennen heißt „sich in Bedingung setzen zu etwas“: sich durch
etwas bedingt fühlen und ebenso es selbst unsrerseits bedingen – – es ist
also unter allen Umständen ein Feststellen, Bezeichnen,
Bewußtmachen von Bedingungen (nicht ein Ergründen von Wesen,
Dingen, „An-sichs“).

Page 478

387.

Die Eigenschaften eines Dinges sind Wirkungen auf andre „Dinge“:
denkt man andre „Dinge“ weg, so hat ein Ding keine Eigenschaften,
das heißt, es gibt kein Ding ohne andre Dinge,
das heißt, es gibt kein „Ding an sich“.

Page 479

388.

Das „Ding an sich“ widersinnig. Wenn ich alle Relationen, alle
„Eigenschaften“, alle „Tätigkeiten“ eines Dinges wegdenke, so bleibt nicht
das Ding übrig: weil Dingheit erst von uns hinzufingiert ist, aus
logischen Bedürfnissen, also zum Zweck der Bezeichnung, der
Verständigung (zur Bindung jener Vielheit von Relationen, Eigenschaften,
Tätigkeiten).

Page 480

389.

„Dinge, die eine Beschaffenheit an sich haben“ – eine dogmatische
Vorstellung, mit der man absolut brechen muß.

Page 481

390.

Daß die Dinge eine Beschaffenheit an sich hätten, ganz abgesehen
von der Interpretation und Subjektivität, ist eine ganz müßige
Hypothese: es würde voraussetzen, daß das Interpretieren und
Subjektsein nicht wesentlich sei, daß ein Ding, aus allen Relationen
gelöst, noch Ding sei.
Umgekehrt: der anscheinende objektive Charakter der Dinge: könnte er
nicht bloß auf eine Graddifferenz innerhalb des Subjektiven
hinauslaufen? – daß etwa das Langsam-Wechselnde uns als „objektiv“
dauernd, seiend, „an sich“ sich herausstellte, – daß das Objektive nur ein
falscher Artbegriff und Gegensatz wäre innerhalb des Subjektiven?

Page 482

391.

Ein „Ding an sich“ ebenso verkehrt wie ein „Sinn an sich“, eine
„Bedeutung an sich“. Es gibt keinen „Tatbestand an sich“, sondern ein
Sinn muß immer erst hineingelegt werden, damit es einen
Tatbestand geben kann.
Das „was ist das?“ ist eine Sinnsetzung von etwas anderem aus
gesehen. Die „Essenz“, die „Wesenheit“ ist etwas Perspektivisches und
setzt eine Vielheit schon voraus. Zugrunde liegt immer „was ist das für
mich?“ (für uns, für alles, was lebt usw.).
Ein Ding wäre bezeichnet, wenn an ihm erst alle Wesen ihr „was ist
das?“ gefragt und beantwortet hätten. Gesetzt, ein einziges Wesen, mit
seinen eignen Relationen und Perspektiven zu allen Dingen, fehlte, so ist
das Ding immer noch nicht „definiert“.
Kurz: das Wesen eines Dings ist auch nur eine Meinung über das
„Ding“. Oder vielmehr: das „es gilt“ ist das eigentliche „es ist“, das
einzige „das ist“.
Man darf nicht fragen: „wer interpretiert denn?“ sondern das
Interpretieren selbst, als eine Form des Willens zur Macht, hat Dasein (aber
nicht als ein „Sein“, sondern als ein Prozeß, ein Werden) als ein Affekt.
Die Entstehung der „Dinge“ ist ganz und gar das Werk der Vorstellenden,
Denkenden, Wollenden, Empfindenden. Der Begriff „Ding“ selbst ebenso
als alle Eigenschaften. – Selbst „das Subjekt“ ist ein solches Geschaffenes,
ein „Ding“ wie alle andern: eine Vereinfachung, um die Kraft, welche
setzt, erfindet, denkt, als solche zu bezeichnen, im Unterschiede von allem
einzelnen Setzen, Erfinden, Denken selbst. Also das Vermögen im
Unterschiede von allem Einzelnen bezeichnet: im Grunde das Tun in
Hinsicht auf alles noch zu erwartende Tun (Tun und die Wahrscheinlichkeit
ähnlichen Tuns) zusammengefaßt.

Page 483

392.

Der faule Fleck des Kantschen Kritizismus ist allmählich auch den
gröberen Augen sichtbar geworden: Kant hatte kein Recht mehr zu seiner
Unterscheidung „Erscheinung“ und „Ding an sich“, – er hatte sich
selbst das Recht abgeschnitten, noch fernerhin in dieser alten üblichen
Weise zu unterscheiden, insofern er den Schluß von der Erscheinung auf
eine Ursache der Erscheinung als unerlaubt ablehnte – gemäß seiner
Fassung des Kausalitätsbegriffs und dessen rein intraphänomenaler
Gültigkeit: welche Fassung andrerseits jene Unterscheidung schon
vorwegnimmt, wie als ob das „Ding an sich“ nicht nur erschlossen, sondern
gegeben sei.

Page 484

393.

Es liegt auf der Hand, daß weder Dinge an sich miteinander im
Verhältnisse von Ursache und Wirkung stehen können, noch Erscheinung
mit Erscheinung: womit sich ergibt, daß der Begriff „Ursache und
Wirkung“ innerhalb einer Philosophie, die an Dinge an sich und an
Erscheinungen glaubt, nicht anwendbar ist. Die Fehler Kants –....
Tatsächlich stammt der Begriff „Ursache und Wirkung“, psychologisch
nachgerechnet, nur aus einer Denkweise, die immer und überall Wille auf
Wille wirkend glaubt, – die nur an Lebendiges glaubt und im Grunde nur an
„Seelen“ (und nicht an Dinge). Innerhalb der mechanischen
Weltbetrachtung (welche Logik ist und deren Anwendung auf Raum und
Zeit) reduziert sich jener Begriff auf die mathemathische Formel – mit der,
wie man immer wieder unterstreichen muß, niemals etwas begriffen, wohl
aber etwas bezeichnet, verzeichnet wird.

Page 485

394.

Gegen den Wert des Ewig-Gleichbleibenden (von Spinozas Naivität,
Descartes' ebenfalls) den Wert des Kürzesten und Vergänglichsten, das
verführerische Goldaufblitzen am Bauch der Schlange vita –

Page 486

III. Die Natur – ein Machtwille.

Page 487

1. Die anorganische Natur.

Page 488

395.

Die Qualitäten sind unsere unübersteiglichen Schranken; wir können
durch nichts verhindern, bloße Quantitätsdifferenzen als etwas von
Quantität Grundverschiedenes zu empfinden, nämlich als Qualitäten, die
nicht mehr aufeinander reduzierbar sind. Aber alles, wofür nur das Wort
„Erkenntnis“ Sinn hat, bezieht sich auf das Reich, wo gezählt, gewogen,
gemessen werden kann, auf die Quantität: während umgekehrt alle unsre
Wertempfindungen (das heißt eben unsre Empfindungen) gerade an den
Qualitäten haften, das heißt an unsren, nur uns allein zugehörigen
perspektivischen „Wahrheiten“, die schlechterdings nicht „erkannt“ werden
können. Es liegt auf der Hand, daß jedes von uns verschiedene Wesen
andere Qualitäten empfindet und folglich in einer anderen Welt, als wir
leben, lebt. Die Qualitäten sind unsre eigentliche menschliche
Idiosynkrasie: zu verlangen, daß diese unsre menschlichen Auslegungen
und Werte allgemeine und vielleicht konstitutive Werte sind, gehört zu den
erblichen Verrücktheiten des menschlichen Stolzes.

Page 489

396.

Unser „Erkennen“ beschränkt sich darauf, Quantitäten festzustellen;
aber wir können durch nichts hindern, diese Quantitätsdifferenzen als
Qualitäten zu empfinden. Die Qualität ist eine perspektivische
Wahrheit für uns; kein „An sich“.
Unsere Sinne haben ein bestimmtes Quantum als Mitte, innerhalb deren
sie funktionieren, das heißt, wir empfinden groß und klein im Verhältnis zu
den Bedingungen unsrer Existenz. Wenn wir unsre Sinne um das Zehnfache
verschärften oder verstumpften, würden wir zugrunde gehen: – das heißt,
wir empfinden auch Größenverhältnisse in bezug auf unsre
Existenzermöglichung als Qualitäten.

Page 490

397.

Von den Weltauslegungen, welche bisher versucht worden sind,
scheint heutzutage die mechanistische siegreich im Vordergrund zu
stehen. Ersichtlich hat sie das gute Gewissen auf ihrer Seite; und keine
Wissenschaft glaubt bei sich selber an einen Fortschritt und Erfolg, es sei
denn, wenn er mit Hilfe mechanistischer Prozeduren errungen ist.
Jedermann kennt diese Prozeduren: man läßt die „Vernunft“ und die
„Zwecke“, so gut es gehen will, aus dem Spiele, man zeigt, daß bei
gehöriger Zeitdauer alles aus allem werden kann; man verbirgt ein
schadenfrohes Schmunzeln nicht, wenn wieder einmal die „anscheinende
Absichtlichkeit im Schicksale“ einer Pflanze oder eines Eidotters auf Druck
und Stoß zurückgeführt ist: kurz, man huldigt von ganzem Herzen, wenn in
einer so ernsten Angelegenheit ein scherzhafter Ausdruck erlaubt ist, dem
Prinzip der größtmöglichen Dummheit. Inzwischen gibt sich gerade bei den
ausgesuchten Geistern, welche in dieser Beziehung stehen, ein Vorgefühl,
eine Beängstigung zu erkennen, wie als ob die Theorie ein Loch habe,
welches über kurz oder lang zu ihrem letzten Loche werden könne: ich
meine zu jenem, auf dem man pfeift, wenn man in höchsten Nöten ist. Man
kann Druck und Stoß selber nicht „erklären“, man wird die actio in distans
nicht los: – man hat den Glauben an das Erklären-können selber verloren
und gibt mit sauertöpfischer Miene zu, daß Beschreiben und nicht Erklären
möglich ist, daß die dynamische Weltauslegung, mit ihrer Leugnung des
„leeren Raumes“, den Klümpchenatomen, in kurzem über die Physiker
Gewalt haben wird: wobei man freilich zur Dynamis noch eine innere
Qualität –

Page 491

398.

Der mechanistische Begriff der „Bewegung“ ist bereits eine
Übersetzung des Originalvorgangs in die Zeichensprache von Auge
und Getast.
Der Begriff „Atom“, die Unterscheidung zwischen einem „Sitz der
treibenden Kraft und ihr selber“, ist eine Zeichensprache aus unsrer
logisch-psychischen Welt her.
Es steht nicht in unserem Belieben, unser Ausdrucksmittel zu verändern:
es ist möglich zu begreifen, inwiefern es bloße Semiotik ist. Die Forderung
einer adäquaten Ausdrucksweise ist unsinnig: es liegt im Wesen einer
Sprache, eines Ausdrucksmittels, eine bloße Relation auszudrücken.... Der
Begriff „Wahrheit“ ist widersinnig. Das ganze Reich von „wahr – falsch“
bezieht sich nur auf Relationen zwischen Wesen, nicht auf das „An sich“....
Es gibt kein „Wesen an sich“ (die Relationen konstituieren erst Wesen –),
so wenig es eine „Erkenntnis an sich“ geben kann.

Page 492

399.

Druck und Stoß etwas unsäglich Spätes, Abgeleitetes,
Unursprüngliches. Es setzt ja schon etwas voraus, das zusammenhält und
drücken und stoßen kann! Aber woher hielte es zusammen?

Page 493

400.

Gegen das physikalische Atom. – Um die Welt zu begreifen, müssen
wir sie berechnen können; um sie berechnen zu können, müssen wir
konstante Ursachen haben; weil wir in der Wirklichkeit keine solchen
konstanten Ursachen finden, erdichten wir uns welche – die Atome. Dies
ist die Herkunft der Atomistik.
Die Berechenbarkeit der Welt, die Ausdrückbarkeit alles Geschehens in
Formeln – ist das wirklich ein „Begreifen“? Was wäre wohl an einer Musik
begriffen, wenn alles, was an ihr berechenbar ist und in Formeln abgekürzt
werden kann, berechnet wäre? – Sodann die „konstanten Ursachen“, Dinge,
Substanzen, etwas „Unbedingtes“ also; erdichtet – was hat man erreicht?

Page 494

401.

„Anziehen“ und „Abstoßen“ in rein mechanischem Sinne ist eine
vollständige Fiktion: ein Wort. Wir können uns ohne eine Absicht ein
Anziehen nicht denken. – Den Willen, sich einer Sache zu bemächtigen
oder gegen ihre Macht sich zu wehren und sie zurückzustoßen – das
„verstehen“ wir: das wäre eine Interpretation, die wir brauchen könnten.
Kurz: die psychologische Nötigung zu einem Glauben an Kausalität liegt
in der Unvorstellbarkeit eines Geschehens ohne Absichten: womit
natürlich über Wahrheit oder Unwahrheit (Berechtigung eines solchen
Glaubens) nichts gesagt ist! Der Glaube an causae fällt mit dem Glauben an
τέλη (gegen Spinoza und dessen Kausalismus).

Page 495

402.

Wir haben „Einheiten“ nötig, um rechnen zu können: deshalb ist nicht
anzunehmen, daß es solche Einheiten gibt. Wir haben den Begriff der
Einheit entlehnt von unserm „Ich“-Begriff, – unserm ältesten
Glaubensartikel. Wenn wir uns nicht für Einheiten hielten, hätten wir nie
den Begriff „Ding“ gebildet. Jetzt, ziemlich spät, sind wir reichlich davon
überzeugt, daß unsre Konzeption des Ich-Begriffs nichts für eine reale
Einheit verbürgt. Wir haben also, um die mechanistische Welt theoretisch
aufrecht zu erhalten, immer die Klausel zu machen, inwiefern wir sie mit
zwei Fiktionen durchführen: dem Begriff der Bewegung (aus unsrer
Sinnensprache genommen) und dem Begriff des Atoms (= Einheit, aus
unsrer psychischen „Erfahrung“ herstammend): – sie hat ein
Sinnenvorurteil und ein psychologisches Vorurteil zu ihrer
Voraussetzung.
Die Mechanik formuliert Folgeerscheinungen, noch dazu semiotisch, in
sinnlichen und psychologischen Ausdrucksmitteln (daß alle Wirkung
Bewegung ist; daß, wo Bewegung ist, etwas bewegt wird): sie berührt
die ursächliche Kraft nicht.
Die mechanistische Welt ist so imaginiert, wie das Auge und das
Getast sich allein eine Welt vorstellen (als „bewegt“), – so, daß sie
berechnet werden kann, – daß ursächliche Einheiten fingiert sind, „Dinge“
(Atome), deren Wirkung konstant bleibt (– Übertragung des falschen
Subjektsbegriffs auf den Atombegriff).
Phänomenal ist also: die Einmischung des Zahlbegriffs, des
Dingbegriffs (Subjektbegriffs), des Tätigkeitsbegriffs (Trennung von
Ursachesein und Wirken), des Bewegungsbegriffs (Auge und Getast): wir
haben unser Auge, unsre Psychologie immer noch darin.
Eliminieren wir diese Zutaten, so bleiben keine Dinge übrig, sondern
dynamische Quanta, in einem Spannungsverhältnis zu allen andern
dynamischen Quanten: deren Wesen in ihrem Verhältnis zu allen andern
Quanten besteht, in ihrem „Wirken“ auf dieselben. Der Wille zur Macht

Page 496

nicht ein Sein, nicht ein Werden, sondern ein Pathos – ist die elementarste
Tatsache, aus der sich erst ein Werden, ein Wirken ergibt....

Page 497

403.

Der siegreiche Begriff „Kraft“, mit dem unsere Physiker Gott und die
Welt geschaffen haben, bedarf noch einer Ergänzung: es muß ihm ein
innerer Wille zugesprochen werden, welchen ich bezeichne als „Willen
zur Macht“, das heißt als unersättliches Verlangen nach Bezeigung der
Macht; oder Verwendung, Ausübung der Macht, als schöpferischen Trieb
usw. Die Physiker werden die „Wirkung in die Ferne“ aus ihren Prinzipien
nicht los; ebensowenig eine abstoßende Kraft (oder anziehende). Es hilft
nichts: man muß alle Bewegungen, alle „Erscheinungen“, alle „Gesetze“
nur als Symptome eines innerlichen Geschehens fassen und sich der
Analogie des Menschen zu diesem Ende bedienen. Am Tier ist es möglich,
aus dem Willen zur Macht alle seine Triebe abzuleiten; ebenso alle
Funktionen des organischen Lebens aus dieser einen Quelle.

Page 498

404.

Unsre Erkenntnis ist in dem Maße wissenschaftlich geworden, als sie
Zahl und Maß anwenden kann. Der Versuch wäre zu machen, ob nicht eine
wissenschaftliche Ordnung der Werte einfach auf einer Zahl- und
Maßskala der Kraft aufzubauen wäre.... Alle sonstigen „Werte“ sind
Vorurteile, Naivitäten, Mißverständnisse. – Sie sind überall reduzierbar
auf jene Zahl- und Maßskala der Kraft. Das Aufwärts in dieser Skala
bedeutet jedes Wachsen an Wert: das Abwärts in dieser Skala bedeutet
Verminderung des Wertes.
Hier hat man den Schein und das Vorurteil wider sich. (Die Moralwerte
sind ja nur Scheinwerte, verglichen mit den physiologischen.)

Page 499

405.

„Die Kraftempfindung kann nicht aus Bewegung hervorgehen:
Empfindung überhaupt kann nicht aus Bewegung hervorgehen.“
„Auch dafür spricht nur eine scheinbare Erfahrung: in einer Substanz
(Gehirn) wird durch übertragene Bewegung (Reize) Empfindung erzeugt.
Aber erzeugt? Wäre denn bewiesen, daß die Empfindung dort noch gar
nicht existiert? so daß ihr Auftreten als Schöpfungsakt der eingetretenen
Bewegung aufgefaßt werden müßte? Der empfindungslose Zustand dieser
Substanz ist nur eine Hypothese! keine Erfahrung! – Empfindung also
Eigenschaft der Substanz: es gibt empfindende Substanzen.“
„Erfahren wir von gewissen Substanzen, daß sie Empfindung nicht
haben? Nein, wir erfahren nur nicht, daß sie welche haben. Es ist
unmöglich, die Empfindung aus der nicht empfindenden Substanz
abzuleiten.“ – O der Übereilung!

Page 500

406.

Ist jemals schon eine Kraft konstatiert? Nein, sondern Wirkungen,
übersetzt in eine völlig fremde Sprache. Das Regelmäßige im
Hintereinander hat uns aber so verwöhnt, daß wir uns über das
Wunderliche daran nicht wundern.

Page 501

407.

Eine Kraft, die wir uns nicht vorstellen können, ist ein leeres Wort und
darf kein Bürgerrecht in der Wissenschaft haben: wie die sogenannte rein
mechanische Anziehungs- und Abstoßungskraft, welche uns die Welt
vorstellbar machen will, nichts weiter!

Page 502

408.

Illusion, daß etwas erkannt sei, wo wir eine mathematische Formel für
das Geschehene haben: es ist nur bezeichnet, beschrieben: nichts mehr!

Page 503

409.

Wenn ich ein regelmäßiges Geschehen in eine Formel bringe, so habe
ich mir die Bezeichnung des ganzen Phänomens erleichtert, abgekürzt usw.
Aber ich habe kein „Gesetz“ konstatiert, sondern die Frage aufgestellt,
woher es kommt, daß hier etwas sich wiederholt: es ist eine Vermutung, daß
der Formel ein Komplex von zunächst unbekannten Kräften und
Kraftauslösungen entspricht: es ist Mythologie, zu denken, daß hier Kräfte
einem Gesetz gehorchen, so daß infolge ihres Gehorsams wir jedesmal das
gleiche Phänomen haben.

Page 504

410.

Die unabänderliche Aufeinanderfolge gewisser Erscheinungen beweist
kein „Gesetz“, sondern ein Machtverhältnis zwischen zwei oder mehreren
Kräften. Zu sagen, „aber gerade dies Verhältnis bleibt sich gleich!“ heißt
nichts anderes als: „ein und dieselbe Kraft kann nicht auch eine andere
Kraft sein.“ – Es handelt sich nicht um ein Nacheinander, – sondern um
ein Ineinander, einen Prozeß, in dem die einzelnen sich folgenden
Momente nicht als Ursachen und Wirkungen sich bedingen....
Die Trennung des „Tuns“ vom „Tuenden“, des Geschehens von einem,
der geschehen macht, des Prozesses von einem etwas, das nicht Prozeß,
sondern dauernd, Substanz, Ding, Körper, Seele usw. ist, – der Versuch,
das Geschehen zu begreifen als eine Art Verschiebung und
Stellungswechsel von „Seiendem“, von Bleibendem: diese alte Mythologie
hat den Glauben an „Ursache und Wirkung“ festgestellt, nachdem er in den
sprachlich-grammatischen Funktionen eine feste Form gefunden hatte.

Page 505

411.

Kritik des Mechanismus. – Entfernen wir hier die zwei populären
Begriffe „Notwendigkeit“ und „Gesetz“: das erste legt einen falschen
Zwang, das zweite eine falsche Freiheit in die Welt. „Die Dinge“ betragen
sich nicht regelmäßig, nicht nach einer Regel: es gibt keine Dinge (– das
ist unsre Fiktion); sie betragen sich ebensowenig unter einem Zwang von
Notwendigkeit. Hier wird nicht gehorcht: denn daß etwas so ist, wie es
ist, so stark, so schwach, das ist nicht die Folge eines Gehorchens oder
einer Regel oder eines Zwanges....
Der Grad von Widerstand und der Grad von Übermacht – darum handelt
es sich bei allem Geschehen: wenn wir, zu unserm Handgebrauch der
Berechnung, das in Formeln und „Gesetzen“ auszudrücken wissen, um so
besser für uns! Aber wir haben damit keine „Moralität“ in die Welt gelegt,
daß wir sie als gehorsam fingieren –
Es gibt kein Gesetz: jede Macht zieht in jedem Augenblick ihre letzte
Konsequenz. Gerade, daß es kein Anderskönnen gibt, darauf beruht die
Berechenbarkeit.
Ein Machtquantum ist durch die Wirkung, die es übt, und die, der es
widersteht, bezeichnet. Es fehlt die Adiaphorie: die an sich denkbar wäre.
Es ist essentiell ein Wille zur Vergewaltigung und sich gegen
Vergewaltigung zu wehren. Nicht Selbsterhaltung: jedes Atom wirkt in das
ganze Sein hinaus, – es ist weggedacht, wenn man diese Strahlung von
Machtwillen wegdenkt. Deshalb nenne ich es ein Quantum „Wille zur
Macht“: damit ist der Charakter ausgedrückt, der aus der mechanischen
Ordnung nicht weggedacht werden kann, ohne sie selbst wegzudenken.
Eine Übersetzung dieser Welt von Wirkung in eine sichtbare Welt –
eine Welt fürs Auge – ist der Begriff „Bewegung“. Hier ist immer
subintelligiert, daß etwas bewegt wird, – hierbei wird, sei es nun in der
Fiktion eines Klümpchenatoms oder selbst von dessen Abstraktion, dem
dynamischen Atom, immer noch ein Ding gedacht, welches wirkt, – das
heißt, wir sind aus der Gewohnheit nicht herausgetreten, zu der uns Sinne
und Sprache verleiten. Subjekt, Objekt, ein Täter zum Tun, das Tun und

Page 506

das, was es tut, gesondert: vergessen wir nicht, daß dies eine bloße Semiotik
und nichts Reales bezeichnet. Die Mechanik als eine Lehre der Bewegung
ist bereits eine Übersetzung in die Sinnensprache des Menschen.

Page 507

412.

Die „Regelmäßigkeit“ der Aufeinanderfolge ist nur ein bildlicher
Ausdruck, wie als ob hier eine Regel befolgt werde, kein Tatbestand.
Ebenso „Gesetzmäßigkeit“. Wir finden eine Formel, um eine immer
wiederkehrende Art der Folge auszudrücken: damit haben wir kein
„Gesetz“ entdeckt, noch weniger eine Kraft, welche die Ursache zur
Wiederkehr von Folgen ist. Daß etwas immer so und so geschieht, wird hier
interpretiert, als ob ein Wesen infolge eines Gehorsams gegen ein Gesetz
oder einen Gesetzgeber immer so und so handelte: während es, abgesehen
vom „Gesetz“, Freiheit hätte, anders zu handeln. Aber gerade jenes So-und-
nicht-anders könnte aus dem Wesen selbst stammen, das nicht in Hinsicht
erst auf ein Gesetz sich so und so verhielte, sondern als so und so
beschaffen. Es heißt nur: etwas kann nicht auch etwas anderes sein, kann
nicht bald dies, bald anderes tun, ist weder frei noch unfrei, sondern eben so
und so. Der Fehler steckt in der Hineindichtung eines Subjekts.

Page 508

413.

Zwei aufeinanderfolgende Zustände, der eine „Ursache“, der andere
„Wirkung“ – : ist falsch. Der erste Zustand hat nichts zu bewirken, den
zweiten hat nichts bewirkt.
Es handelt sich um einen Kampf zweier an Macht ungleichen Elemente:
es wird ein Neuarrangement der Kräfte erreicht, je nach dem Maß von
Macht eines jeden. Der zweite Zustand ist etwas Grundverschiedenes vom
ersten (nicht dessen Wirkung): das Wesentliche ist, daß die im Kampf
befindlichen Faktoren mit anderen Machtquanten herauskommen.

Page 509

414.

Ich hüte mich, von chemischen „Gesetzen“ zu sprechen: das hat einen
moralischen Beigeschmack. Es handelt sich vielmehr um eine absolute
Feststellung von Machtverhältnissen: das Stärkere wird über das
Schwächere Herr, soweit dies eben seinen Grad von Selbständigkeit nicht
durchsetzen kann, – hier gibt es kein Erbarmen, keine Schonung, noch
weniger eine Achtung vor „Gesetzen“!

Page 510

415.

Es gibt nichts Unveränderliches in der Chemie: das ist nur Schein, ein
bloßes Schulvorurteil. Wir haben das Unveränderliche eingeschleppt,
immer noch aus der Metaphysik, meine Herren Physiker. Es ist ganz naiv
von der Oberfläche abgelesen, zu behaupten, daß der Diamant, der Graphit
und die Kohle identisch sind. Warum? Bloß weil man keinen
Substanzverlust durch die Wage konstatieren kann! Nun gut, damit haben
sie noch etwas gemein; aber die Molekülarbeit bei der Verwandlung, die wir
nicht sehen und wägen können, macht eben aus dem einen Stoff etwas
andres, – mit spezifisch anderen Eigenschaften.

Page 511

416.

Das „Sein“ – wir haben keine andere Vorstellung davon als „leben“. –
Wie kann also etwas Totes „sein“?

Page 512

2. Die organische Natur.

Page 513

417.

Eine Vielheit von Kräften, verbunden durch einen gemeinsamen
Ernährungsvorgang, heißen wir „Leben“. Zu diesem Ernährungsvorgang,
als Mittel seiner Ermöglichung, gehört alles sogenannte Fühlen, Vorstellen,
Denken, das heißt 1. ein Widerstreben gegen alle anderen Kräfte; 2. ein
Zurechtmachen derselben nach Gestalt und Rhythmus; 3. ein Abschätzen in
bezug auf Einverleibung oder Abscheidung.

Page 514

418.

Die Verbindung des Unorganischen und Organischen muß in der
abstoßenden Kraft liegen, welche jedes Kraftatom ausübt. „Leben“ wäre zu
definieren als eine dauernde Form von Prozessen der
Kraftfeststellungen, wo die verschiedenen Kämpfenden ihrerseits
ungleich wachsen. Inwiefern auch im Gehorchen ein Widerstreben liegt; es
ist die Eigenmacht durchaus nicht aufgegeben. Ebenso ist im Befehlen ein
Zugestehen, daß die absolute Macht des Gegners nicht besiegt ist, nicht
einverleibt, aufgelöst. „Gehorchen“ und „Befehlen“ sind Formen des
Kampfspiels.

Page 515

419.

Bei der Entstehung der Organismen denkt sich der Mensch zugegen:
was ist bei diesem Vorgange mit Augen und Getast wahrzunehmen
gewesen? Was ist in Zahlen zu bringen? Welche Regeln zeigen sich in den
Bewegungen? Also: der Mensch will alles Geschehen sich als ein
Geschehen für Auge und Getast zurechtlegen, folglich als
Bewegungen: er will Formeln finden, die ungeheure Masse dieser
Erfahrungen zu vereinfachen. Reduktion alles Geschehens auf den
Sinnenmenschen und Mathematiker. Es handelt sich um ein Inventarium
der menschlichen Erfahrungen: gesetzt, daß der Mensch, oder
vielmehr das menschliche Auge und Begriffsvermögen, der ewige
Zeuge aller Dinge gewesen sei.

Page 516

420.

Es gehört zum Begriff des Lebendigen, daß es wachsen muß, – daß es
seine Macht erweitern und folglich fremde Kräfte in sich hineinnehmen
muß. Man redet, unter der Benebelung durch die Moralnarkose, von einem
Recht des Individuums, sich zu verteidigen; im gleichen Sinne dürfte
man auch von seinem Rechte anzugreifen reden: denn beides – und das
Zweite noch mehr als das Erste – sind Nezessitäten für jedes Lebendige: –
der aggressive und der defensive Egoismus sind nicht Sache der Wahl oder
gar des „freien Willens“, sondern die Fatalität des Lebens selbst.
Hierbei gilt es gleich, ob man ein Individuum oder einen lebendigen
Körper, eine aufwärtsstrebende „Gesellschaft“ ins Auge faßt. Das Recht zur
Strafe (oder die gesellschaftliche Selbstverteidigung) ist im Grunde nur
durch einen Mißbrauch zum Worte „Recht“ gelangt: ein Recht wird durch
Verträge erworben, – aber das Sich-wehren und Sich-verteidigen ruht nicht
auf der Basis eines Vertrags. Wenigstens dürfte ein Volk mit ebensoviel
gutem Sinn sein Eroberungsbedürfnis, sein Machtgelüst, sei es mit Waffen,
sei es durch Handel, Verkehr und Kolonisation, als Recht bezeichnen, –
Wachstumsrecht etwa. Eine Gesellschaft, die, endgültig und ihrem
Instinkt nach, den Krieg und die Eroberung abweist, ist im Niedergang:
sie ist reif für Demokratie und Krämerregiment.... In den meisten Fällen
freilich sind die Friedensversicherungen bloße Betäubungsmittel.

Page 517

421.

Die Physiologen sollten sich besinnen, den „Erhaltungstrieb“ als einen
kardinalen Trieb eines organischen Wesens anzusetzen. Vor allem will
etwas Lebendiges seine Kraft auslassen: die „Erhaltung“ ist nur eine der
Konsequenzen davon. – Vorsicht vor überflüssigen teleologischen
Prinzipien! Und dahin gehört der ganze Begriff „Erhaltungstrieb“.

Page 518

422.

„Der Wert des Lebens.“ – Das Leben ist ein Einzelfall; man muß alles
Dasein rechtfertigen und nicht nur das Leben, – das rechtfertigende
Prinzip ist ein solches, aus dem sich das Leben erklärt.
Das Leben ist nur Mittel zu etwas: es ist der Ausdruck von
Wachstumsformen der Macht.

Page 519

423.

Man kann die unterste und ursprünglichste Tätigkeit im Protoplasma
nicht aus einem Willen zur Selbsterhaltung ableiten, denn es nimmt auf eine
unsinnige Art mehr in sich hinein, als die Erhaltung bedingen würde: und
vor allem, es „erhält sich“ damit nicht, sondern zerfällt.... Der Trieb, der
hier waltet, hat gerade dieses Sich-nicht-erhalten-wollen zu erklären:
„Hunger“ ist schon eine Ausdeutung nach ungleich komplizierteren
Organismen (– Hunger ist eine spezialisierte und spätere Form des Triebes,
ein Ausdruck der Arbeitsteilung, im Dienst eines darüber waltenden
höheren Triebes).

Page 520

424.

Die Teilung eines Protoplasmas in zwei tritt ein, wenn die Macht nicht
mehr ausreicht, den angeeigneten Besitz zu bewältigen: Zeugung ist Folge
einer Ohnmacht.
Wo die Männchen aus Hunger die Weibchen aufsuchen und in ihnen
aufgehen, ist Zeugung die Folge eines Hungers.

Page 521

425.

Spott über den falschen „Altruismus“ bei den Biologen: die
Fortpflanzung bei den Amöben erscheint als Abwerfen des Ballastes, als
purer Vorteil. Die Ausstoßung der unbrauchbaren Stoffe.

Page 522

426.

„Nützlich“ im Sinne der darwinistischen Biologie – das heißt: im Kampf
mit anderen sich als begünstigend erweisend. Aber mir scheint schon das
Mehrgefühl, das Gefühl des Stärkerwerdens, ganz abgesehen vom
Nutzen im Kampf, der eigentliche Fortschritt: aus diesem Gefühle
entspringt erst der Wille zum Kampf, –

Page 523

427.

„Nützlich“ in bezug auf die Beschleunigung des Tempos der
Entwicklung ist ein anderes „Nützlich“ als das in bezug auf möglichste
Feststellung und Dauerhaftigkeit des Entwickelten.

Page 524

428.

Gegen den Darwinismus. – Der Nutzen eines Organs erklärt nicht
seine Entstehung, im Gegenteil! Die längste Zeit, während deren eine
Eigenschaft sich bildet, erhält sie das Individuum nicht und nützt ihm nicht,
am wenigsten im Kampf mit äußeren Umständen und Feinden.
Was ist zuletzt „nützlich“? Man muß fragen „in bezug worauf
nützlich?“ Zum Beispiel was der Dauer des Individuums nützt, könnte
seiner Stärke und Pracht ungünstig sein; was das Individuum erhält, könnte
es zugleich festhalten und stillstellen in der Entwicklung. Andererseits kann
ein Mangel, eine Entartung vom höchsten Nutzen sein, insofern sie als
Stimulans anderer Organe wirkt. Ebenso kann eine Notlage
Existenzbedingung sein, insofern sie ein Individuum auf das Maß
herunterschraubt, bei dem es zusammenhält und sich nicht vergeudet. –
Das Individuum selbst als Kampf der Teile (um Nahrung, Raum usw.):
seine Entwicklung geknüpft an ein Siegen, Vorherrschen einzelner
Teile, an ein Verkümmern, „Organwerden“ anderer Teile.
Der Einfluß der „äußeren Umstände“ ist bei Darwin ins Unsinnige
überschätzt: das Wesentliche am Lebensprozeß ist gerade die ungeheure
gestaltende, von innen her formenschaffende Gewalt, welche die „äußeren
Umstände“ ausnützt, ausbeutet.... Die von innen her gebildeten neuen
Formen sind nicht auf einen Zweck hin geformt; aber im Kampf der Teile
wird eine neue Form nicht lange ohne Beziehung zu einem partiellen
Nutzen stehen und dann, dem Gebrauche nach, sich immer vollkommener
ausgestalten.

Page 525

429.

Anti-Darwin. – Was mich beim Überblick über die großen Schicksale
des Menschen am meisten überrascht, ist, immer das Gegenteil vor Augen
zu sehen von dem, was heute Darwin mit seiner Schule sieht oder sehen
will: die Selektion zugunsten der Stärkeren, Besserweggekommenen, den
Fortschritt der Gattung. Gerade das Gegenteil greift sich mit Händen: das
Durchstreichen der Glücksfälle, die Unnützlichkeit der höher geratenen
Typen, das unvermeidliche Herrwerden der mittleren, selbst der unter-
mittleren Typen. Gesetzt, daß man uns nicht den Grund aufzeigt, warum
der Mensch die Ausnahme unter den Kreaturen ist, neige ich zum Vorurteil,
daß die Schule Darwins sich überall getäuscht hat. Jener Wille zur Macht,
in dem ich den letzten Grund und Charakter aller Veränderung
wiedererkenne, gibt uns das Mittel an die Hand, warum gerade die
Selektion zugunsten der Ausnahmen und Glücksfälle nicht statthat: die
Stärksten und Glücklichsten sind schwach, wenn sie organisierte
Herdeninstinkte, wenn sie die Furchtsamkeit der Schwachen, die Überzahl
gegen sich haben. Mein Gesamtaspekt der Welt der Werte zeigt, daß in den
obersten Werten, die über der Menschheit heute aufgehängt sind, nicht die
Glücksfälle, die Selektionstypen, die Oberhand haben: vielmehr die Typen
der décadence, – vielleicht gibt es nichts Interessanteres in der Welt als
dieses unerwünschte Schauspiel....
So seltsam es klingt: man hat die Starken immer zu beweisen gegen die
Schwachen; die Glücklichen gegen die Mißglückten; die Gesunden gegen
die Verkommenden und Erblich-Belasteten. Will man die Realität zur
Moral formulieren, so lautet diese Moral: die Mittleren sind mehr wert als
die Ausnahmen; die décadence-Gebilde mehr als die Mittleren; der Wille
zum Nichts hat die Oberhand über den Willen zum Leben – und das
Gesamtziel ist, nun, christlich, buddhistisch, schopenhauerisch ausgedrückt:
„besser nicht sein, als sein“.
Gegen die Formulierung der Realität zur Moral empöre ich mich:
deshalb perhorresziere ich das Christentum mit einem tödlichen Haß, weil
es die sublimen Worte und Gebärden schuf, um einer schauderhaften

Page 526

Wirklichkeit den Mantel des Rechts, der Tugend, der Göttlichkeit zu
geben....
Ich sehe alle Philosophen, ich sehe die Wissenschaft auf den Knien vor
der Realität vom umgekehrten Kampf ums Dasein, als ihn die Schule
Darwins lehrt, – nämlich ich sehe überall die obenauf, die übrigbleibend,
die das Leben, den Wert des Lebens kompromittieren. – Der Irrtum der
Schule Darwins wurde mir zum Problem: wie kann man blind sein, um
gerade hier falsch zu sehen?
Daß die Gattungen einen Fortschritt darstellen, ist die unvernünftigste
Behauptung von der Welt: einstweilen stellen sie ein Niveau dar. Daß die
höheren Organismen aus den niederen sich entwickelt hätten, ist durch
keinen Fall bisher bezeugt. Ich sehe, daß die niederen durch die Menge,
durch die Klugheit, durch die List im Übergewicht sind, – ich sehe nicht,
wie eine zufällige Veränderung einen Vorteil abgibt, zum mindesten nicht
für eine so lange Zeit: diese wäre wieder ein neues Motiv, zu erklären,
warum eine zufällige Veränderung derartig stark geworden ist.
Ich finde die „Grausamkeit der Natur“, von der man so viel redet, an
einer andern Stelle: sie ist grausam gegen ihre Glückskinder, sie schont und
schützt und liebt les humbles.
In summa: das Wachstum der Macht einer Gattung ist durch die
Präponderanz ihrer Glückskinder, ihrer Starken vielleicht weniger garantiert
als durch die Präponderanz der mittleren und niederen Typen.... In letzteren
ist die große Fruchtbarkeit, die Dauer; mit ersteren wächst die Gefahr, die
rasche Verwüstung, die schnelle Zahlverminderung.

Page 527

430.

Anti-Darwin. – Die Domestikation des Menschen: welchen
definitiven Wert kann sie haben? oder hat überhaupt eine Domestikation
einen definitiven Wert? – Man hat Gründe, dies letztere zu leugnen.
Die Schule Darwins macht zwar große Anstrengung, uns zum Gegenteil
zu überreden: sie will, daß die Wirkung der Domestikation tief, ja
fundamental werden kann. Einstweilen halten wir am Alten fest: es hat sich
nichts bisher bewiesen, als eine ganz oberflächliche Wirkung durch
Domestikation – oder aber die Degenereszenz. Und alles, was der
menschlichen Hand und Züchtung entschlüpft, kehrt fast sofort wieder in
seinen Naturzustand zurück. Der Typus bleibt konstant: man kann nicht
„dénaturer la nature“.
Man rechnet auf den Kampf um die Existenz, den Tod der schwächlichen
Wesen und das Überleben der Robustesten und Bestbegabten; folglich
imaginiert man ein beständiges Wachstum der Vollkommenheit für
die Wesen. Wir haben uns umgekehrt versichert, daß, in dem Kampf um
das Leben, der Zufall den Schwachen so gut dient wie den Starken; daß die
List die Kraft oft mit Vorteil sich suppliert; daß die Fruchtbarkeit der
Gattungen in einem merkwürdigen Rapport zu den Chancen der
Zerstörung steht....
Man teilt der natürlichen Selektion zugleich langsame und
unendliche Metamorphosen zu: man will glauben, daß jeder Vorteil sich
vererbt und sich in abfolgenden Geschlechtern immer stärker ausdrückt
(während die Erblichkeit so kapriziös ist....); man betrachtet die glücklichen
Anpassungen gewisser Wesen an sehr besondere Lebensbedingungen, und
man erklärt, daß sie durch den Einfluß des Milieus erlangt seien.
Man findet aber Beispiele der unbewußten Selektion nirgendswo
(ganz und gar nicht). Die disparatesten Individuen einigen sich, die
extremen mischen sich in die Masse. Alles konkurriert, seinen Typus
aufrechtzuerhalten; Wesen, die äußere Zeichen haben, die sie gegen gewisse
Gefahren schützen, verlieren dieselben nicht, wenn sie unter Umstände

Page 528

kommen, wo sie ohne Gefahr leben.... Wenn sie Orte bewohnen, wo das
Kleid aufhört, sie zu verbergen, nähern sie sich keineswegs dem Milieu an.
Man hat die Auslese der Schönsten in einer Weise übertrieben, wie
sie weit über den Schönheitstrieb unsrer eignen Rasse hinausgeht!
Tatsächlich paart sich das Schönste mit sehr enterbten Kreaturen, das
Größte mit dem Kleinsten. Fast immer sehen wir Männchen und Weibchen
von jeder zufälligen Begegnung profitieren und sich ganz und gar nicht
wählerisch zeigen. – Modifikation durch Klima und Nahrung: – aber in
Wahrheit absolut gleichgültig.
Es gibt keine Übergangsformen. –
Man behauptet die wachsende Entwicklung der Wesen. Es fehlt jedes
Fundament. Jeder Typus hat seine Grenze: über diese hinaus gibt es keine
Entwicklung. Bis dahin absolute Regelmäßigkeit.
Meine Gesamtansicht. – Erster Satz: der Mensch als Gattung ist
nicht im Fortschritt. Höhere Typen werden wohl erreicht, aber sie halten
sich nicht. Das Niveau der Gattung wird nicht gehoben.
Zweiter Satz: der Mensch als Gattung stellt keinen Fortschritt im
Vergleich zu irgendeinem andern Tier dar. Die gesamte Tier- und
Pflanzenwelt entwickelt sich nicht vom Niederen zum Höheren.... Sondern
alles zugleich und übereinander und durcheinander und gegeneinander. Die
reichsten und komplexesten Formen – denn mehr besagt das Wort „höherer
Typus“ nicht – gehen leichter zugrunde: nur die niedrigsten halten eine
scheinbare Unvergänglichkeit fest. Erstere werden selten erreicht und halten
sich mit Not oben: letztere haben eine kompromittierende Fruchtbarkeit für
sich. – Auch in der Menschheit gehen unter wechselnder Gunst und
Ungunst die höheren Typen, die Glücksfälle der Entwicklung, am
leichtesten zugrunde. Sie sind jeder Art von décadence ausgesetzt: sie sind
extrem, und damit selbst beinahe schon décadents.... Die kurze Dauer der
Schönheit, des Genies, des Cäsar ist sui generis: dergleichen vererbt sich
nicht. Der Typus vererbt sich; ein Typus ist nichts Extremes, kein
„Glücksfall“.... Das liegt an keinem besonderen Verhängnis und „bösen
Willen“ der Natur, sondern einfach am Begriff „höherer Typus“: der höhere
Typus stellt eine unvergleichlich größere Komplexität, – eine größere
Summe koordinierter Elemente dar: damit wird auch die Disgregation

Page 529

unvergleichlich wahrscheinlicher. Das „Genie“ ist die sublimste Maschine,
die es gibt, – folglich die zerbrechlichste.
Dritter Satz: die Domestikation (die „Kultur“) des Menschen geht
nicht tief.... Wo sie tief geht, ist sie sofort die Degenereszenz (Typus: der
Christ). Der „wilde“ Mensch (oder, moralisch ausgedrückt: der böse
Mensch) ist eine Rückkehr zur Natur – und, in gewissem Sinne, seine
Wiederherstellung, seine Heilung von der „Kultur“....

Page 530

431.

Grundirrtümer der bisherigen Biologen: es handelt sich nicht um die
Gattung, sondern um stärker auszuwirkende Individuen. (Die vielen
sind nur Mittel.)
Das Leben ist nicht Anpassung innerer Bedingungen an äußere, sondern
Wille zur Macht, der von innen her immer mehr „Äußeres“ sich unterwirft
und einverleibt.
Diese Biologen setzen die moralischen Wertschätzungen fort (– der
„an sich höhere Wert des Altruismus“, die Feindschaft gegen die
Herrschsucht, gegen den Krieg, gegen die Unnützlichkeit, gegen die Rang-
und Ständeordnung).

Page 531

432.

Die Individuation, vom Standpunkt der Abstammungstheorie beurteilt,
zeigt das beständige Zerfallen von eins in zwei und das ebenso beständige
Vergehen der Individuen auf den Gewinn von wenig Individuen, die
die Entwicklung fortsetzen: die übergroße Masse stirbt jedesmal ab („der
Leib“).
Das Grundphänomen: unzählige Individuen geopfert um weniger
willen: als deren Ermöglichung. – Man muß sich nicht täuschen lassen:
ganz so steht es mit den Völkern und Rassen: sie bilden den „Leib“ zur
Erzeugung von einzelnen wertvollen Individuen, die den großen Prozeß
fortsetzen.

Page 532

433.

Mit der moralischen Herabwürdigung des ego geht auch noch, in der
Naturwissenschaft, eine Überschätzung der Gattung Hand in Hand. Aber
die Gattung ist etwas ebenso Illusorisches wie das ego: man hat eine falsche
Distinktion gemacht. Das ego ist hundertmal mehr als bloß eine Einheit in
der Kette von Gliedern; es ist die Kette selbst, ganz und gar; und die
Gattung ist eine bloße Abstraktion aus der Vielheit dieser Ketten und deren
partieller Ähnlichkeit. Daß, wie so oft behauptet worden ist, das Individuum
der Gattung geopfert wird, ist durchaus kein Tatbestand: vielmehr nur das
Muster einer fehlerhaften Interpretation.

Page 533

434.

Gegen die Theorie, daß das einzelne Individuum den Vorteil der
Gattung, seiner Nachkommenschaft im Auge hat, auf Unkosten des
eigenen Vorteils: das ist nur Schein.
Die ungeheure Wichtigkeit, mit der das Individuum den
geschlechtlichen Instinkt nimmt, ist nicht eine Folge von dessen
Wichtigkeit für die Gattung, sondern das Zeugen ist die eigentliche
Leistung des Individuums und sein höchstes Interesse folglich, seine
höchste Machtäußerung (natürlich nicht vom Bewußtsein aus beurteilt,
sondern von dem Zentrum der ganzen Individuation).

Page 534

435.

Der Gesichtspunkt des „Werts“ ist der Gesichtspunkt von Erhaltungs-,
Steigerungsbedingungen in Hinsicht auf komplexe Gebilde von
relativer Dauer des Lebens innerhalb des Werdens.
Es gibt keine dauerhaften letzten Einheiten, keine Atome, keine
Monaden: auch hier ist „das Seiende“ erst von uns hineingelegt (aus
praktischen, nützlichen, perspektivischen Gründen).
„Herrschaftsgebilde“; die Sphäre des Beherrschenden fortwährend
wachsend oder unter der Gunst und Ungunst der Umstände (der Ernährung
–) periodisch abnehmend, zunehmend.
„Wert“ ist wesentlich der Gesichtspunkt für das Zunehmen oder
Abnehmen dieser herrschaftlichen Zentren („Vielheiten“ jedenfalls; aber die
„Einheit“ ist in der Natur des Werdens gar nicht vorhanden).
Die Ausdrucksmittel der Sprache sind unbrauchbar, um das „Werden“
auszudrücken: es gehört zu unserm unablöslichen Bedürfnis der
Erhaltung, beständig eine gröbere Welt von Bleibendem, von „Dingen“
usw. zu setzen. Relativ dürfen wir von Atomen und Monaden reden: und
gewiß ist, daß die kleinste Welt an Dauer die dauerhafteste ist.... Es
gibt keinen Willen: es gibt Willenspunktationen, die beständig ihre Macht
mehren oder verlieren.

Page 535

3. Der Mensch als Naturwesen.

Page 536

436.
Der Mensch.

Am Leitfaden des Leibes. – Gesetzt, daß die „Seele“ ein
anziehender und geheimnisvoller Gedanke war, von dem sich die
Philosophen mit Recht nur widerstrebend getrennt haben – vielleicht ist das,
was sie nunmehr dagegen einzutauschen lernen, noch anziehender, noch
geheimnisvoller. Der menschliche Leib, an dem die ganze fernste und
nächste Vergangenheit alles organischen Werdens wieder lebendig und
leibhaft wird, durch den hindurch, über den hinweg und hinaus ein
ungeheurer, unhörbarer Strom zu fließen scheint: der Leib ist ein
erstaunlicherer Gedanke als die alte „Seele“. Es ist zu allen Zeiten besser an
den Leib als an unseren eigentlichsten Besitz, unser gewissestes Sein, kurz,
unser ego geglaubt worden als an den Geist (oder die „Seele“ oder das
Subjekt, wie die Schulsprache jetzt statt Seele sagt). Niemand kam je auf
den Einfall, seinen Magen als einen fremden, etwa einen göttlichen Magen
zu verstehen: aber seine Gedanken als „eingegeben“, seine
Wertschätzungen als „von einem Gott eingeblasen“, seine Instinkte als
Tätigkeit im Dämmern zu fassen – für diesen Hang und Geschmack des
Menschen gibt es aus allen Altern der Menschheit Zeugnisse. Noch jetzt ist,
namentlich unter Künstlern, eine Art Verwunderung und ehrerbietiges
Aushängen der Entscheidung reichlich vorzufinden, wenn sich ihnen die
Frage vorlegt, wodurch ihnen der beste Wurf gelungen und aus welcher
Welt ihnen der schöpferische Gedanke gekommen ist: sie haben, wenn sie
dergestalt fragen, etwas wie Unschuld und kindliche Scham dabei, sie
wagen es kaum zu sagen, „das kam von mir, das war meine Hand, die die
Würfel warf“. – Umgekehrt haben selbst jene Philosophen und Religiösen,
welche den zwingendsten Grund in ihrer Logik und Frömmigkeit hatten, ihr
Leibliches als Täuschung (und zwar als überwundene und abgetane
Täuschung) zu nehmen, nicht umhin gekonnt, die dumme Tatsächlichkeit
anzuerkennen, daß der Leib nicht davon gegangen ist: worüber die
seltsamsten Zeugnisse teils bei Paulus, teils in der Vedânta-Philosophie zu
finden sind. Aber was bedeutet zuletzt Stärke des Glaubens? Deshalb
könnte es immer noch ein sehr dummer Glaube sein! – Hier ist
nachzudenken: –

Page 537

Und zuletzt, wenn der Glaube an den Leib nur die Folge eines Schlusses
ist: gesetzt, es wäre ein falscher Schluß, wie die Idealisten behaupten, ist es
nicht ein Fragezeichen an der Glaubwürdigkeit des Geistes selber, daß er
dergestalt die Ursache falscher Schlüsse ist? Gesetzt, die Vielheit und Raum
und Zeit und Bewegung (und was alles die Voraussetzungen eines Glaubens
an Leiblichkeit sein mögen) wären Irrtümer – welches Mißtrauen würde
dies gegen den Geist erregen, der uns zu solchen Voraussetzungen veranlaßt
hat? Genug, der Glaube an den Leib ist einstweilen immer noch ein
stärkerer Glaube als der Glaube an den Geist; und wer ihn untergraben will,
untergräbt eben damit am gründlichsten auch den Glauben an die Autorität
des Geistes!

Page 538

437.
Der Leib als Herrschaftsgebilde.

Die Aristokratie im Leibe, die Mehrheit der Herrschenden (Kampf der
Zellen und Gewebe).
Die Sklaverei und die Arbeitsteilung: der höhere Typus nur möglich
durch Herunterdrückung eines niederen auf eine Funktion.
Lust und Schmerz kein Gegensatz. Das Gefühl der Macht.
„Ernährung“ nur eine Konsequenz der unersättlichen Aneignung, des
Willens zur Macht.
Die „Zeugung“, der Zerfall, eintretend bei der Ohnmacht der
herrschenden Zellen, das Angeeignete zu organisieren.
Die gestaltende Kraft ist es, die immer neuen „Stoff“ (noch mehr
„Kraft“) vorrätig haben will. Das Meisterstück des Aufbaus eines
Organismus aus dem Ei.
„Mechanistische Auffassung“: will nichts als Quantitäten: aber die Kraft
steckt in der Qualität. Die Mechanistik kann also nur Vorgänge beschreiben,
nicht erklären.
Der „Zweck“. Auszugehen von der „Sagazität“ der Pflanzen.
Begriff der „Vervollkommnung“: nicht nur größere Kompliziertheit,
sondern größere Macht (– braucht nicht nur größere Masse zu sein –).
Schluß auf die Entwicklung der Menschheit: die Vervollkommnung
besteht in der Hervorbringung der mächtigsten Individuen, zu deren
Werkzeug die größte Menge gemacht wird (und zwar als intelligentestes
und beweglichstes Werkzeug).

Page 539

438.

In der ungeheuren Vielheit des Geschehens innerhalb eines Organismus
ist der uns bewußt werdende Teil ein bloßes Mittel: und das bißchen
„Tugend“, „Selbstlosigkeit“ und ähnliche Fiktionen werden auf eine
vollkommen radikale Weise vom übrigen Gesamtgeschehen aus Lügen
gestraft. Wir tun gut, unseren Organismus in seiner vollkommenen
Unmoralität zu studieren....
Die animalischen Funktionen sind ja prinzipiell millionenfach wichtiger
als alle schönen Zustände und Bewußtseinshöhen: letztere sind ein
Überschuß, soweit sie nicht Werkzeuge sein müssen für jene animalischen
Funktionen. Das ganze bewußte Leben, der Geist samt der Seele, samt
dem Herzen, samt der Güte, samt der Tugend: in wessen Dienst arbeitet es
denn? In dem möglichster Vervollkommnung der Mittel (Ernährungs-,
Steigerungsmittel) der animalischen Grundfunktionen: vor allem der
Lebenssteigerung.
Es liegt so unsäglich viel mehr an dem, was man „Leib“ und „Fleisch“
nannte: der Rest ist ein kleines Zubehör. Die Aufgabe, die ganze Kette des
Lebens fortzuspinnen, und so, daß der Faden immer mächtiger wird
– das ist die Aufgabe.
Aber nun sehe man, wie Herz, Seele, Tugend, Geist förmlich sich
verschwören, diese prinzipielle Aufgabe zu verkehren: wie als ob sie die
Ziele wären!.... Die Entartung des Lebens ist wesentlich bedingt durch
die außerordentliche Irrtumsfähigkeit des Bewußtseins: es wird am
wenigsten durch Instinkte in Zaum gehalten und vergreift sich deshalb am
längsten und gründlichsten.
Nach den angenehmen und unangenehmen Gefühlen dieses
Bewußtseins abmessen, ob das Dasein Wert hat: kann man sich eine
tollere Ausschweifung der Eitelkeit denken? Es ist ja nur ein Mittel: – und
angenehme oder unangenehme Gefühle sind ja auch nur Mittel!
Woran mißt sich objektiv der Wert? Allein an dem Quantum
gesteigerter und organisierter Macht....

Page 540

439.

Die normale Unbefriedigung unsrer Triebe, zum Beispiel des Hungers,
des Geschlechtstriebs, des Bewegungstriebs, enthält in sich durchaus noch
nichts Herabstimmendes; sie wirkt vielmehr agazierend auf das
Lebensgefühl, wie jeder Rhythmus von kleinen, schmerzhaften Reizen es
stärkt, was auch die Pessimisten uns vorreden mögen. Diese
Unbefriedigung, statt das Leben zu verleiden, ist das große Stimulans des
Lebens.
(Man könnte vielleicht die Lust überhaupt bezeichnen als einen
Rhythmus kleiner Unlustreize.)

Page 541

440.

Der Schmerz ist etwas anderes als die Lust, – ich will sagen, er ist nicht
deren Gegenteil.
Wenn das Wesen der „Lust“ zutreffend bezeichnet worden ist als ein
Plusgefühl von Macht (somit als ein Differenzgefühl, das die
Vergleichung voraussetzt), so ist damit das Wesen der „Unlust“ noch nicht
definiert. Die falschen Gegensätze, an die das Volk und folglich die
Sprache glaubt, sind immer gefährliche Fußfesseln für den Gang der
Wahrheit gewesen. Es gibt sogar Fälle, wo eine Art Lust bedingt ist durch
eine gewisse rhythmische Abfolge kleiner Unlustreize: damit wird ein
sehr schnelles Anwachsen des Machtgefühls, des Lustgefühls erreicht. Dies
ist der Fall zum Beispiel beim Kitzel, auch beim geschlechtlichen Kitzel im
Akt des Coitus: wir sehen dergestalt die Unlust als Ingrediens der Lust tätig.
Es scheint, eine kleine Hemmung, die überwunden wird und der sofort
wieder eine kleine Hemmung folgt, die wieder überwunden wird – dieses
Spiel von Widerstand und Sieg regt jenes Gesamtgefühl von überschüssiger,
überflüssiger Macht am stärksten an, das das Wesen der Lust ausmacht.
Die Umkehrung, eine Vermehrung der Schmerzempfindung durch kleine
eingeschobene Lustreize, fehlt: Lust und Schmerz sind eben nichts
Umgekehrtes.
Der Schmerz ist ein intellektueller Vorgang, in dem entschieden ein
Urteil laut wird, – das Urteil „schädlich“, in dem sich lange Erfahrung
aufsummiert hat. An sich gibt es keinen Schmerz. Es ist nicht die
Verwundung, die weh tut; es ist die Erfahrung, von welchen schlimmen
Folgen eine Verwundung für den Gesamtorganismus sein kann, welche in
Gestalt jener tiefen Erschütterung redet, die Unlust heißt (bei schädigenden
Einflüssen, welche der älteren Menschheit unbekannt geblieben sind, zum
Beispiel von seiten neu kombinierter giftiger Chemikalien, fehlt auch die
Aussage des Schmerzes, – und wir sind verloren).
Im Schmerz ist das eigentlich Spezifische immer die lange
Erschütterung, das Nachzittern eines schreckenerregenden Choks im
zerebralen Herde des Nervensystems: – man leidet eigentlich nicht an der

Page 542

Ursache des Schmerzes (irgendeiner Verletzung zum Beispiel), sondern an
der langen Gleichgewichtsstörung, welche infolge jenes Choks eintritt. Der
Schmerz ist eine Krankheit der zerebralen Nervenherde, die Lust ist
durchaus keine Krankheit.
Daß der Schmerz die Ursache ist zu Gegenbewegungen hat zwar den
Augenschein und sogar das Philosophenvorurteil für sich; aber in
plötzlichen Fällen kommt, wenn man genau beobachtet, die
Gegenbewegung ersichtlich früher als die Schmerzempfindung. Es stünde
schlimm um mich, wenn ich bei einem Fehltritt zu warten hätte, bis das
Faktum an die Glocke des Bewußtseins schlüge und ein Wink, was zu tun
ist, zurücktelegraphiert würde. Vielmehr unterscheide ich so deutlich als
möglich, daß erst die Gegenbewegung des Fußes, um den Fall zu verhüten,
folgt und dann in einer meßbaren Zeitdistanz eine Art schmerzhafter Welle
plötzlich im vordern Kopf fühlbar wird. Man reagiert also nicht auf den
Schmerz. Der Schmerz wird nachher projiziert in die verwundete Stelle: –
aber das Wesen dieses Lokalschmerzes ist trotzdem nicht der Ausdruck der
Art der Lokalverwundung; er ist ein bloßes Ortszeichen, dessen Stärke und
Tonart der Verwundung gemäß ist, welche die Nervenzentren davon
empfangen haben. Daß infolge jenes Choks die Muskelkraft des
Organismus meßbar heruntergeht, gibt durchaus noch keinen Anhalt dafür,
das Wesen des Schmerzes in einer Verminderung des Machtgefühls zu
suchen.
Man reagiert, nochmals gesagt, nicht auf den Schmerz: die Unlust ist
keine „Ursache“ von Handlungen. Der Schmerz selbst ist eine Reaktion, die
Gegenbewegung ist eine andre und frühere Reaktion, – beide nehmen von
verschiedenen Stellen ihren Ausgangspunkt....

Page 543

441.

Man hat die Unlust verwechselt mit einer Art der Unlust, mit der der
Erschöpfung; letztere stellt in der Tat eine tiefe Verminderung und
Herabstimmung des Willens zur Macht, eine meßbare Einbuße an Kraft dar.
Das will sagen: es gibt a) Unlust als Reizmittel zur Verstärkung der Macht,
und b) Unlust nach einer Vergeudung von Macht; im ersteren Falle ein
stimulus, im letztern die Folge einer übermäßigen Reizung.... Die
Unfähigkeit zum Widerstand ist der letzteren Unlust zu eigen: die
Herausforderung des Widerstehenden gehört zur ersteren.... Die Lust,
welche im Zustand der Erschöpfung allein noch empfunden wird, ist das
Einschlafen; die Lust im andern Falle ist der Sieg....
Die große Verwechslung der Psychologen bestand darin, daß sie diese
beiden Lustarten – die des Einschlafens und die des Sieges – nicht
auseinanderhielten. Die Erschöpften wollen Ruhe, Gliederausstrecken,
Frieden, Stille, – es ist das Glück der nihilistischen Religionen und
Philosophien; die Reichen und Lebendigen wollen Sieg, überwundene
Gegner, Überströmen des Machtgefühls über weitere Bereiche als bisher.
Alle gesunden Funktionen des Organismus haben dies Bedürfnis, – und der
ganze Organismus ist ein solcher nach Wachstum von Machtgefühlen
ringender Komplex von Systemen – – –

Page 544

442.

Intellektualität des Schmerzes: er bezeichnet nicht an sich, was
augenblicklich geschädigt ist, sondern welchen Wert die Schädigung hat in
Hinsicht auf das allgemeine Individuum.
Ob es Schmerzen gibt, in denen „die Gattung“ und nicht das Individuum
leidet –?

Page 545

443.

„Die Summe der Unlust überwiegt die Summe der Lust: folglich wäre
das Nichtsein der Welt besser als deren Sein“ – „Die Welt ist etwas, das
vernünftigerweise nicht wäre, weil sie dem empfindenden Subjekt mehr
Unlust als Lust verursacht“ – dergleichen Geschwätz heißt sich heute
Pessimismus!
Lust und Unlust sind Nebensachen, keine Ursachen; es sind Werturteile
zweiten Ranges, die sich erst ableiten von einem regierenden Wert, – ein
in Form des Gefühls redendes „nützlich“, „schädlich“, und folglich absolut
flüchtig und abhängig. Denn bei jedem „nützlich“, „schädlich“ sind immer
noch hundert verschiedene Wozu? zu fragen.
Ich verachte diesen Pessimismus der Sensibilität: er ist selbst ein
Zeichen tiefer Verarmung am Leben.

Page 546

444.

Wie kommt es, daß die Grundglaubensartikel in der Psychologie allesamt
die ärgsten Verdrehungen und Falschmünzereien sind? „Der Mensch
strebt nach Glück“ zum Beispiel – was ist daran wahr? Um zu
verstehen, was „Leben“ ist, welche Art Streben und Spannung Leben ist,
muß die Formel so gut von Baum und Pflanze als vom Tier gelten.
„Wonach strebt die Pflanze?“ – aber hier haben wir bereits eine falsche
Einheit erdichtet, die es nicht gibt: die Tatsache eines millionenfachen
Wachstums mit eigenen und halbeigenen Initiativen ist versteckt und
verleugnet, wenn wir eine plumpe Einheit „Pflanze“ voranstellen. Daß die
letzten kleinsten „Individuen“ nicht in dem Sinn eines „metaphysischen
Individuums“ und Atoms verständlich sind, daß ihre Machtsphäre
fortwährend sich verschiebt – das ist zu allererst sichtbar: aber strebt ein
jedes von ihnen, wenn es sich dergestalt verändert, nach Glück? – Aber
alles Sichausbreiten, Einverleiben, Wachsen ist ein Anstreben gegen
Widerstehendes; Bewegung ist essentiell etwas mit Unlustzuständen
Verbundenes: es muß das, was hier treibt, jedenfalls etwas anderes wollen,
wenn es dergestalt die Unlust will und fortwährend aufsucht. – Worum
kämpfen die Bäume eines Urwaldes miteinander? Um „Glück“? – Um
Macht!....
Der Mensch, Herr über die Naturgewalten geworden, Herr über seine
eigene Wildheit und Zügellosigkeit (die Begierden haben folgen, haben
nützlich sein gelernt) – der Mensch, im Vergleich zu einem Vormenschen,
stellt ein ungeheures Quantum Macht dar, – nicht ein Plus von „Glück“!
Wie kann man behaupten, daß er nach Glück gestrebt habe?....

Page 547

445.

Der Glaube an „Affekte“. – Affekte sind eine Konstruktion des
Intellekts, eine Erdichtung von Ursachen, die es nicht gibt. Alle
körperlichen Gemeingefühle, die wir nicht verstehen, werden
intellektuell ausgedeutet, das heißt ein Grund gesucht, um sich so oder so
zu fühlen, in Personen, Erlebnissen usw. Also etwas Nachteiliges,
Gefährliches, Fremdes wird gesetzt, als wäre es die Ursache unserer
Verstimmung; tatsächlich wird es zu der Verstimmung hinzugesucht, um
der Denkbarkeit unseres Zustandes willen. – Häufige Blutzuströmungen
zum Gehirn mit dem Gefühl des Erstickens werden als „Zorn“
interpretiert: die Personen und Sachen, die uns zum Zorn reizen, sind
Auslösungen für den physiologischen Zustand. – Nachträglich, in langer
Gewöhnung, sind gewisse Vorgänge und Gemeingefühle sich so regelmäßig
verbunden, daß der Anblick gewisser Vorgänge jenen Zustand des
Gemeingefühls hervorbringt und speziell irgend jene Blutstauung,
Samenerzeugung usw. mit sich bringt: also durch die Nachbarschaft. „Der
Affekt wird erregt“, sagen wir dann.
In „Lust“ und „Unlust“ stecken bereits Urteile: die Reize werden
unterschieden, ob sie dem Machtgefühl förderlich sind oder nicht.
Der Glaube an das Wollen. Es ist Wunderglaube, einen Gedanken
als Ursache einer mechanischen Bewegung zu setzen. Die Konsequenz
der Wissenschaft verlangt, daß, nachdem wir die Welt in Bildern uns
denkbar gemacht haben, wir auch die Affekte, Begehrungen, Willen usw.
uns denkbar machen, das heißt sie leugnen und als Irrtümer des
Intellekts behandeln.

Page 548

446.

Wenn wir etwas tun, so entsteht ein Kraftgefühl, oft schon vor dem
Tun, bei der Vorstellung des zu Tuenden (wie beim Anblick eines Feindes,
eines Hemmnisses, dem wir uns gewachsen glauben): immer begleitend.
Wir meinen instinktiv, dies Kraftgefühl sei Ursache der Handlung, es sei
„die Kraft“. Unser Glaube an Kausalität ist der Glaube an Kraft und deren
Wirkung; eine Übertragung unsres Erlebnisses: wobei wir Kraft und
Kraftgefühl identifizieren. – Nirgends aber bewegt die Kraft die Dinge; die
empfundene Kraft „setzt nicht die Muskeln in Bewegung“. „Wir haben von
einem solchen Prozeß keine Vorstellung, keine Erfahrung.“ „Wir erfahren
ebensowenig wie die Kraft als Bewegendes die Notwendigkeit einer
Bewegung.“ Die Kraft soll das Zwingende sein! „Wir erfahren nur, daß eins
auf das andre folgt, – weder Zwang erfahren wir, noch Willkür, daß eins auf
das andre folgt.“ Die Kausalität wird erst durch die Hineindenkung des
Zwanges in den Folgenvorgang geschaffen. Ein gewisses „Begreifen“
entsteht dadurch, das heißt, wir haben uns den Vorgang angemenschlicht,
„bekannter“ gemacht: das Bekannte ist das Gewohnheitsbekannte des mit
Kraftgefühl verbundenen menschlichen Erzwingens.

Page 549

447.

Ich habe die Absicht, meinen Arm auszustrecken; angenommen, ich weiß
so wenig von Physiologie des menschlichen Leibes und von den
mechanischen Gesetzen seiner Bewegung als ein Mann aus dem Volke, was
gibt es eigentlich Vageres, Blasseres, Ungewisseres als diese Absicht im
Vergleich zu dem, was darauf geschieht? Und gesetzt, ich sei der
scharfsinnigste Mechaniker und speziell über die Formeln unterrichtet, die
hierbei angewendet werden, so würde ich um keinen Deut besser oder
schlechter meinen Arm ausstrecken. Unser „Wissen“ und unser „Tun“ in
diesem Falle liegen kalt auseinander: als in zwei verschiedenen Reichen. –
Andererseits: Napoleon führt den Plan eines Feldzuges durch – was heißt
das? Hier ist alles gewußt, was zur Durchführung des Planes gehört, weil
alles befohlen werden muß: aber auch hier sind Untergebene vorausgesetzt,
welche das Allgemeine auslegen, anpassen an die Not des Augenblicks,
Maß der Kraft usw.

Page 550

448.

Die Wissenschaft fragt nicht, was uns zum Wollen trieb: sie leugnet
vielmehr, daß gewollt worden ist, und meint, daß etwas ganz anderes
geschehen sei – kurz, daß der Glaube an „Wille“ und „Zweck“ eine Illusion
sei. Sie fragt nicht nach den Motiven der Handlung, als ob diese uns vor
der Handlung im Bewußtsein gewesen wären: sondern sie zerlegt erst die
Handlung in eine mechanische Gruppe von Erscheinungen und sucht die
Vorgeschichte dieser mechanischen Bewegung – aber nicht im Fühlen,
Empfinden, Denken. Daher kann sie nie die Erklärung geben: die
Empfindung ist ja eben ihr Material, das erklärt werden soll. – Ihr
Problem ist eben: die Welt zu erklären, ohne zu Empfindungen als Ursache
zu greifen: denn das hieße ja: als Ursache der Empfindungen die
Empfindungen ansehen. Ihre Aufgabe ist schlechterdings nicht gelöst.
Also: entweder kein Wille – die Hypothese der Wissenschaft –, oder
freier Wille. Letztere Annahme das herrschende Gefühl, von dem wir uns
nicht losmachen können, auch wenn die Hypothese bewiesen wäre.
Der populäre Glaube an Ursache und Wirkung ist auf die Voraussetzung
gebaut, daß der freie Wille Ursache sei von jeder Wirkung: erst daher
haben wir das Gefühl der Kausalität. Also darin liegt auch das Gefühl, daß
jede Ursache nicht Wirkung ist, sondern immer erst Ursache – wenn der
Wille die Ursache ist. „Unsre Willensakte sind nicht notwendig“ – das
liegt im Begriff „Wille“. Notwendig ist die Wirkung nach der Ursache –
so fühlen wir. Es ist eine Hypothese, daß auch unser Wollen in jedem
Falle ein Müssen sei.

Page 551

449.

Unfreiheit oder Freiheit des Willens? – Es gibt keinen „Willen“: das
ist nur eine vereinfachende Konzeption des Verstandes, wie „Materie“.
Alle Handlungen müssen erst mechanisch als möglich
vorbereitet sein, bevor sie gewollt werden. Oder: der „Zweck“ tritt
im Gehirn zumeist erst auf, wenn alles vorbereitet ist zu seiner
Ausführung. Der Zweck ein „innerer“ „Reiz“ – nicht mehr.

Page 552

450.

Wir haben von alters her den Wert einer Handlung, eines Charakters,
eines Daseins in die Absicht gelegt, in den Zweck, um dessentwillen
getan, gehandelt, gelebt worden ist: diese uralte Idiosynkrasie des
Geschmacks nimmt endlich eine gefährliche Wendung, – gesetzt nämlich,
daß die Absichts- und Zwecklosigkeit des Geschehens immer mehr in den
Vordergrund des Bewußtseins tritt. Damit scheint eine allgemeine
Entwertung sich vorzubereiten: „Alles hat keinen Sinn“, – diese
melancholische Sentenz heißt „aller Sinn liegt in der Absicht, und gesetzt,
daß die Absicht ganz und gar fehlt, so fehlt auch ganz und gar der Sinn“.
Man war jener Schätzung gemäß genötigt gewesen, den Wert des Lebens in
ein „Leben nach dem Tode“ zu verlegen, oder in die fortschreitende
Entwicklung der Ideen oder der Menschheit oder des Volkes oder über den
Menschen weg; aber damit war man in den Zweck – progressus in infinitum
gekommen: man hatte endlich nötig, sich einen Platz in dem „Weltprozeß“
auszumachen (mit der dysdämonistischen Perspektive vielleicht, daß es der
Prozeß ins Nichts sei).
Dem gegenüber bedarf der „Zweck“ einer strengeren Kritik: man muß
einsehen, daß eine Handlung niemals verursacht wird durch einen
Zweck; daß Zweck und Mittel Auslegungen sind, wobei gewisse Punkte
eines Geschehens unterstrichen und herausgewählt werden, auf Unkosten
anderer, und zwar der meisten; daß jedesmal, wenn etwas auf einen Zweck
hin getan wird, etwas Grundverschiedenes und andres geschieht; daß in
bezug auf jede Zweckhandlung es so steht, wie mit der angeblichen
Zweckmäßigkeit der Hitze, welche die Sonne ausstrahlt: die übergroße
Masse ist verschwendet; ein kaum in Rechnung kommender Teil hat
„Zweck“, hat „Sinn“ –; daß ein „Zweck“ mit seinen „Mitteln“ eine
unbeschreiblich unbestimmte Zeichnung ist, welche als Vorschrift, als
„Wille“ zwar kommandieren kann, aber ein System von gehorchenden und
eingeschulten Werkzeugen voraussetzt, welche an Stelle des Unbestimmten
lauter feste Größen setzen (das heißt, wir imaginieren ein System von
zweck- und mittelsetzenden klügeren, aber engeren Intellekten, um
unserm einzig bekannten „Zweck“ die Rolle der „Ursache einer Handlung“
zumessen zu können, wozu wir eigentlich kein Recht haben: es hieße, um

Page 553

ein Problem zu lösen, die Lösung des Problems in eine unserer
Beobachtung unzugängliche Welt hineinstellen –).
Zuletzt: warum könnte nicht „ein Zweck“ eine Begleiterscheinung
sein, in der Reihe von Veränderungen wirkender Kräfte, welche die
zweckmäßige Handlung hervorrufen – ein in das Bewußtsein
vorausgeworfenes blasses Zeichenbild, das uns zur Orientierung dient
dessen, was geschieht, als ein Symptom selbst vom Geschehen, nicht als
dessen Ursache? – Aber damit haben wir den Willen selbst kritisiert: ist
es nicht eine Illusion, das, was im Bewußtsein als Willensakt auftaucht, als
Ursache zu nehmen? Sind nicht alle Bewußtseinserscheinungen nur
Enderscheinungen, letzte Glieder einer Kette, aber scheinbar in ihrem
Hintereinander innerhalb einer Bewußtseinsfläche sich bedingend? Dies
könnte eine Illusion sein. –

Page 554

451.

Die nächste Vorgeschichte einer Handlung bezieht sich auf diese: aber
weiter zurück liegt eine Vorgeschichte, die weiter hinaus deutet: die
einzelne Handlung ist zugleich ein Glied einer viel umfänglicheren
späteren Tatsache. Die kürzeren und die längeren Prozesse sind nicht
getrennt –

Page 555

452.

Theorie des Zufalls. Die Seele ein auslesendes und sich nährendes
Wesen äußerst klug und schöpferisch fortwährend (diese schaffende
Kraft gewöhnlich übersehen! nur als „passiv“ begriffen).
Ich erkannte die aktive Kraft, das Schaffende inmitten des Zufälligen:
– Zufall ist selber nur das Aufeinanderstoßen der schaffenden
Impulse.

Page 556

453.

Die überschüssige Kraft in der Geistigkeit, sich selbst neue Ziele
stellend; durchaus nicht bloß als befehlend und führend für die niedere Welt
oder für die Erhaltung des Organismus, des „Individuums“.
Wir sind mehr als das Individuum: wir sind die ganze Kette noch, mit
den Aufgaben aller Zukünfte der Kette.

Page 557

454.

Der bisherige Mensch – gleichsam ein Embryo des Menschen der
Zukunft; – alle gestaltenden Kräfte, die auf diesen hinzielen, sind in ihm:
und weil sie ungeheuer sind, so entsteht für das jetzige Individuum, je
mehr es zukunftsbestimmend ist, Leiden. Dies ist die tiefste
Auffassung des Leidens: die gestaltenden Kräfte stoßen sich. – Die
Vereinzelung des Individuums darf nicht täuschen – in Wahrheit fließt
etwas fort unter den Individuen. Daß es sich einzeln fühlt, ist der
mächtigste Stachel im Prozesse selber nach fernsten Zielen hin: sein
Suchen für sein Glück ist das Mittel, welches die gestaltenden Kräfte
andrerseits zusammenhält und mäßigt, daß sie sich nicht selber zerstören.

Page 558

IV. Die Gesellschaft – ein Machtwille.

Page 559

1. Der Mensch als geselliges Wesen.

Page 560

455.

Das „Ich“ unterjocht und tötet: es arbeitet wie eine organische Zelle: es
raubt und ist gewalttätig. Es will sich regenerieren – Schwangerschaft. Es
will seinen Gott gebären und alle Menschheit ihm zu Füßen sehen.

Page 561

456.

Das Individuum ist etwas ganz Neues und Neuschaffendes, etwas
Absolutes, alle Handlungen ganz sein eigen.
Die Werte für seine Handlungen entnimmt der Einzelne zuletzt doch sich
selber: weil er auch die überlieferten Worte sich ganz individuell
deuten muß. Die Auslegung der Formel ist mindestens persönlich, wenn
er auch keine Formel schafft: als Ausleger ist er immer noch schaffend.

Page 562

457.

Jedes Lebendige greift so weit um sich mit seiner Kraft, als es kann und
unterwirft sich das Schwächere: so hat es seinen Genuß an sich. Die
zunehmende „Vermenschlichung“ in dieser Tendenz besteht darin,
daß immer feiner empfunden wird, wie schwer der andere wirklich
einzuverleiben ist: wie die grobe Schädigung zwar unsre Macht über ihn
zeigt, zugleich aber seinen Willen uns noch mehr entfremdet, – also ihn
weniger unterwerfbar macht.

Page 563

458.

Der Individualismus ist eine bescheidene und noch unbewußte Art des
„Willens zur Macht“; hier scheint es dem Einzelnen schon genug,
freizukommen von einer Übermacht der Gesellschaft (sei es des Staates
oder der Kirche). Er setzt sich nicht als Person in Gegensatz, sondern
bloß als Einzelner; er vertritt alle Einzelnen gegen die Gesamtheit. Das
heißt: er setzt sich instinktiv gleich an mit jedem Einzelnen; was er
erkämpft, das erkämpft er nicht sich als Person, sondern sich als Vertreter
Einzelner gegen die Gesamtheit.
Der Sozialismus ist bloß ein Agitationsmittel des
Individualismus: er begreift, daß man sich, um etwas zu erreichen, zu
einer Gesamtaktion organisieren muß, zu einer „Macht“. Aber was er will,
ist nicht die Sozietät als Zweck des Einzelnen, sondern die Sozietät als
Mittel zur Ermöglichung vieler Einzelnen: – das ist der Instinkt der
Sozialisten, über den sie sich häufig betrügen (– abgesehen, daß sie, um
sich durchzusetzen, häufig betrügen müssen). Die altruistische Moralpredigt
im Dienste des Individualegoismus: eine der gewöhnlichsten Falschheiten
des neunzehnten Jahrhunderts.
Der Anarchismus ist wiederum bloß ein Agitationsmittel des
Sozialismus; mit ihm erregt er Furcht, mit der Furcht beginnt er zu
faszinieren und zu terrorisieren: vor allem – er zieht die Mutigen, die
Gewagten auf seine Seite, selbst noch im Geistigsten.
Trotz alledem: der Individualismus ist die bescheidenste Stufe des
Willens zur Macht.

Hat man eine gewisse Unabhängigkeit erreicht, so will man mehr: es tritt
die Sonderung heraus nach dem Grade der Kraft: der Einzelne setzt sich
nicht ohne weiteres mehr gleich, sondern er sucht nach seinesgleichen,
– er hebt andere von sich ab. Auf den Individualismus folgt die Glieder-
und Organbildung: die verwandten Tendenzen sich zusammenstellend
und sich als Macht betätigend: zwischen diesen Machtzentren Reibung,
Krieg, Erkenntnis beiderseitiger Kräfte, Ausgleichung, Annäherung,

Page 564

Festsetzung von Austausch der Leistungen. Am Schluß: eine
Rangordnung.
Rekapitulation:
1. Die Individuen machen sich frei;
2. sie treten in Kampf, sie kommen über „Gleichheit der Rechte“ überein
(– „Gerechtigkeit“ als Ziel –);
3. ist das erreicht, so treten die tatsächlichen Ungleichheiten der
Kraft in eine vergrößerte Wirkung (weil im großen ganzen der Friede
herrscht und viele kleine Kraftquanta schon Differenzen ausmachen, solche,
die früher fast gleich null waren). Jetzt organisieren sich die Einzelnen zu
Gruppen; die Gruppen streben nach Vorrechten und nach Übergewicht.
Der Kampf, in milderer Form, tobt von neuem.
Man will Freiheit, solange man noch nicht die Macht hat. Hat man sie,
will man Übermacht; erringt man sie nicht (ist man noch zu schwach zu
ihr), will man „Gerechtigkeit“, das heißt gleiche Macht.

Page 565

459.

Welcher Grad von Widerstand beständig überwunden werden muß, um
obenauf zu bleiben, das ist das Maß der Freiheit, sei es für Einzelne, sei
es für Gesellschaften: Freiheit nämlich als positive Macht, als Wille zur
Macht angesetzt. Die höchste Form der Individualfreiheit, der Souveränität
wüchse demnach mit großer Wahrscheinlichkeit nicht fünf Schritt weit von
ihrem Gegensatze auf, dort wo die Gefahr der Sklaverei gleich hundert
Damoklesschwertern über dem Dasein hängt. Man gehe daraufhin durch die
Geschichte: die Zeiten, wo das „Individuum“ bis zu jener Vollkommenheit
reif, das heißt frei wird, wo der klassische Typus des souveränen
Menschen erreicht ist: o nein! das waren niemals humane Zeiten!
Man muß keine Wahl haben: entweder obenauf – oder unten, wie ein
Wurm, verhöhnt, vernichtet, zertreten. Man muß Tyrannen gegen sich
haben, um Tyrann, das heißt frei zu werden. Es ist kein kleiner Vorteil,
hundert Damoklesschwerter über sich zu haben: damit lernt man tanzen,
damit kommt man zur „Freiheit der Bewegung“.

Page 566

460.

Unsre neue „Freiheit“. – Welches Freiheitsgefühl liegt darin, zu
empfinden, wie wir befreiten Geister empfinden, daß wir nicht in ein
System von „Zwecken“ eingespannt sind! Insgleichen, daß der Begriff
„Lohn“ und „Strafe“ nicht im Wesen des Daseins seinen Sitz hat!
Insgleichen, daß die gute und die böse Handlung nicht an sich, sondern nur
in der Perspektive der Erhaltungstendenzen gewisser Arten von
menschlichen Gemeinschaften aus gut und böse zu nennen ist! Insgleichen,
daß unsre Abrechnungen über Lust und Schmerz keine kosmische,
geschweige denn eine metaphysische Bedeutung haben! (– jener
Pessimismus, der Pessimismus des Herrn von Hartmann, der Lust und
Unlust des Daseins selbst auf die Wagschale zu setzen sich anheischig
macht, mit seiner willkürlichen Einsperrung in das vorkopernikanische
Gefängnis und Gesichtsfeld, würde etwas Rückständiges und Rückfälliges
sein, falls er nicht nur ein schlechter Witz eines Berliners ist.)

Page 567

461.

Die „wachsende Autonomie des Individuums“: davon reden diese Pariser
Philosophen, wie Fouillée: sie sollten doch nur die race moutonnière
ansehen, die sie selber sind!.... Macht doch die Augen auf, ihr Herren
Zukunftssoziologen! Das Individuum ist stark geworden unter
umgekehrten Bedingungen: ihr beschreibt die äußerste Schwächung und
Verkümmerung des Menschen, ihr wollt sie selbst und braucht den ganzen
Lügenapparat des alten Ideals dazu! ihr seid derart, daß ihr eure
Herdentierbedürfnisse wirklich als Ideal empfindet!
Der vollkommene Mangel an psychologischer Rechtschaffenheit!

Page 568

462.

Scheinbar entgegengesetzt die zwei Züge, welche die modernen Europäer
kennzeichnen: das Individualistische und die Forderung gleicher
Rechte: das verstehe ich endlich. Nämlich, das Individuum ist eine äußerst
verwundbare Eitelkeit: – diese fordert, bei ihrem Bewußtsein, wie schnell
sie leidet, daß jeder andere ihm gleichgestellt gelte, daß er nur inter pares
sei. Damit ist eine gesellschaftliche Rasse charakterisiert, in welcher
tatsächlich die Begabungen und Kräfte nicht erheblich auseinandergehen.
Der Stolz, welcher Einsamkeit und wenige Schätzer will, ist ganz außer
Verständnis; die ganz „großen“ Erfolge gibt es nur durch Massen, ja man
begreift es kaum noch, daß ein Massenerfolg immer eigentlich ein kleiner
Erfolg ist: weil pulchrum est paucorum hominum.
Alle Moralen wissen nichts von „Rangordnung“ der Menschen; die
Rechtslehrer nichts vom Gemeindegewissen. Das Individualprinzip lehnt
die ganz großen Menschen ab und verlangt unter ungefähr gleichen das
feinste Auge und die schnellste Herauserkennung eines Talentes; und weil
jeder etwas von Talenten hat, in solchen späten und zivilisierten Kulturen –
also erwarten kann, sein Teil Ehre zurückzubekommen –, deshalb findet
heute ein Herausstreichen der kleinen Verdienste statt wie niemals noch: es
gibt dem Zeitalter einen Anstrich von grenzenloser Billigkeit. Seine
Unbilligkeit besteht in einer Wut ohne Grenzen nicht gegen die Tyrannen
und Volksschmeichler, auch in den Künsten, sondern gegen die
vornehmen Menschen, welche das Lob der Vielen verachten. Die
Forderung gleicher Rechte (zum Beispiel über alles und jeden zu Gericht
sitzen zu dürfen) ist antiaristokratisch.
Ebenso fremd ist ihm das verschwundene Individuum, das Untertauchen
in einen großen Typus, das Nicht-Person-sein-wollen: worin die
Auszeichnung und der Eifer vieler hohen Menschen früher bestand (die
größten Dichter darunter); oder „Stadt-sein“ wie in Griechenland;
Jesuitismus, preußisches Offizierkorps und Beamtentum; oder Schüler-sein
und Fortsetzer großer Meister: wozu ungesellschaftliche Zustände und der
Mangel der kleinen Eitelkeit nötig ist.

Page 569

463.
Morphologie der Selbstgefühle.

Erster Gesichtspunkt: inwiefern die Mitgefühls- und
Gemeinschaftsgefühle die niedrigere, die vorbereitende Stufe sind, zur
Zeit, wo das Personalselbstgefühl, die Initiative der Wertsetzung im
einzelnen noch gar nicht möglich ist.
Zweiter Gesichtspunkt: inwiefern die Höhe des
Kollektivselbstgefühls, der Stolz auf die Distanz des Clans, das Sich-
ungleich-fühlen, die Abneigung gegen Vermittlung, Gleichberechtigung,
Versöhnung eine Schule des Individualselbstgefühls ist: namentlich
insofern sie den Einzelnen zwingt, den Stolz des Ganzen zu
repräsentieren: – er muß reden und handeln mit einer extremen Achtung
vor sich, insofern er die Gemeinschaft in Person darstellt. Insgleichen:
wenn das Individuum sich als Werkzeug und Sprachrohr der
Gottheit fühlt.
Dritter Gesichtspunkt: inwiefern diese Formen der Entselbstung
tatsächlich der Person eine ungeheure Wichtigkeit geben: insofern höhere
Gewalten sich ihrer bedienen: religiöse Scheu vor sich selbst Zustand des
Propheten, Dichters.
Vierter Gesichtspunkt: inwiefern die Verantwortlichkeit für das
Ganze dem Einzelnen einen weiten Blick, eine strenge und furchtbare
Hand, eine Besonnenheit und Kälte, eine Großartigkeit der Haltung und
Gebärde anerzieht und erlaubt, welche er nicht um seiner selbst willen
sich zugestehen würde.
In summa: die Kollektivselbstgefühle sind die große Vorschule der
Personalsouveränität. Der vornehme Stand ist der, welcher die Erbschaft
dieser Übung macht.

Page 570

464.
Die maskierten Arten des Willens zur Macht:

1. Verlangen nach Freiheit, Unabhängigkeit, auch nach Gleichgewicht,
Frieden, Koordination. Auch der Einsiedler, die „Geistesfreiheit“. In
niedrigster Form: Wille überhaupt, dazusein, „Selbsterhaltungstrieb“.
2. Die Einordnung, um im größeren Ganzen dessen Willen zur Macht
zu befriedigen: die Unterwerfung, das Sich-unentbehrlich-machen, -
nützlich-machen bei dem, der die Gewalt hat; die Liebe, als ein
Schleichweg zum Herzen des Mächtigeren, – um über ihn zu herrschen.
3. Das Pflichtgefühl, das Gewissen, der imaginäre Trost, zu einem
höheren Rang zu gehören als die tatsächlich Gewalthabenden; die
Anerkennung einer Rangordnung, die das Richten erlaubt, auch über die
Mächtigeren; die Selbstverurteilung; die Erfindung neuer Werttafeln
(Juden: klassisches Beispiel).

Page 571

465.
Zum „Macchiavellismus“ der Macht.

Der Wille zur Macht erscheint
a) bei den Unterdrückten, bei Sklaven jeder Art als Wille zur
„Freiheit“: bloß das Loskommen scheint das Ziel (moralisch-religiös:
„nur seinem eignen Gewissen verantwortlich“; „evangelische Freiheit“
usw.);
b) bei einer stärkeren und zur Macht heranwachsenden Art als Wille zur
Übermacht; wenn zunächst erfolglos, dann sich einschränkend auf den
Willen zur „Gerechtigkeit“, das heißt zu dem gleichen Maß von
Rechten, wie die herrschende Art sie hat;
c) bei den Stärksten, Reichsten, Unabhängigsten, Mutigsten als „Liebe
zur Menschheit“, zum „Volk“, zum Evangelium, zur Wahrheit, Gott; als
Mitleid; „Selbstopferung“ usw.; als Überwältigen, Mit-sich-fortreißen, In-
seinen-Dienst-nehmen, als instinktives Sich-in-Eins-rechnen mit einem
großen Quantum Macht, dem man Richtung zu geben vermag: der
Held, der Prophet, der Cäsar, der Heiland, der Hirt; (– auch die
Geschlechtsliebe gehört hierher: sie will die Überwältigung, das In-Besitz-
nehmen, und sie erscheint als Sich-hingeben. Im Grunde ist es nur die
Liebe zu seinem „Werkzeug“, zu seinem „Pferd“, – seine Überzeugung
davon, daß ihm das und das zugehört, als einem, der imstande ist, es zu
benutzen).
„Freiheit“, „Gerechtigkeit“ und „Liebe“!!! –

Page 572

466.

Berichtigung des Begriffs „Egoismus“. – Hat man begriffen,
inwiefern „Individuum“ ein Irrtum ist, sondern jedes Einzelwesen eben der
ganze Prozeß in gerader Linie ist (nicht bloß „vererbt“, sondern er selbst
–), so hat das Einzelwesen eine ungeheuer große Bedeutung. Der
Instinkt redet darin ganz richtig. Wo dieser Instinkt nachläßt, – wo das
Individuum sich einen Wert erst im Dienst für andere sucht, kann man
sicher auf Ermüdung und Entartung schließen. Der Altruismus der
Gesinnung, gründlich und ohne Tartüfferie, ist ein Instinkt dafür, sich
wenigstens einen zweiten Wert zu schaffen, im Dienste anderer
Egoismen. Meistens aber ist er nur scheinbar: ein Umweg zur Erhaltung
des eigenen Lebensgefühls, Wertgefühls. –

Page 573

467.

Die Kunstgriffe, um Handlungen, Maßregeln, Affekte zu ermöglichen,
welche, individuell gemessen, nicht mehr „statthaft“, – auch nicht mehr
„schmackhaft“ sind:
die Kunst „macht sie uns schmackhaft“, die uns in solche „entfremdete“
Welten eintreten läßt;
der Historiker zeigt ihre Art Recht und Vernunft; die Reisen; der
Exotismus; die Psychologie; Strafrecht; Irrenhaus; Verbrecher; Soziologie;
die „Unpersönlichkeit“ (so daß wir als Media eines Kollektivwesens
uns diese Affekte und Handlungen gestatten – Richterkollegien, Jury,
Bürger, Soldat, Minister, Fürst, Sozietät, „Kritiker“ –) gibt uns das Gefühl,
als ob wir ein Opfer brächten....

Page 574

468.

Dem bösen Menschen das gute Gewissen zurückgeben – ist das
mein unwillkürliches Bemühen gewesen? und zwar dem bösen Menschen,
insofern er der starke Mensch ist? (Das Urteil Dostoiewskys über die
Verbrecher der Gefängnisse ist hierbei anzuführen.)

Page 575

469.

Wir lernen in unsrer zivilisierten Welt fast nur den verkümmerten
Verbrecher kennen, erdrückt unter dem Fluch und der Verachtung der
Gesellschaft, sich selbst mißtrauend, oftmals seine Tat verkleinernd und
verleumdend, einen mißglückten Typus von Verbrecher; und wir
widerstreben der Vorstellung, daß alle großen Menschen Verbrecher
waren (nur im großen Stile und nicht im erbärmlichen), daß das
Verbrechen zur Größe gehört (– so nämlich geredet aus dem Bewußtsein
der Nierenprüfer und aller derer, die am tiefsten in große Seelen
hinuntergestiegen sind –). Die „Vogelfreiheit“ von dem Herkommen,
dem Gewissen, der Pflicht – jeder große Mensch kennt diese seine Gefahr.
Aber er will sie auch: er will das große Ziel und darum auch dessen
Mittel.

Page 576

470.

Das Verbrechen gehört unter den Begriff „Aufstand wider die
gesellschaftliche Ordnung“. Man „bestraft“ einen Aufständischen nicht:
man unterdrückt ihn. Ein Aufständischer kann ein erbärmlicher und
verächtlicher Mensch sein: an sich ist an einem Aufstande nichts zu
verachten, – und in Hinsicht auf unsere Art Gesellschaft aufständisch zu
sein, erniedrigt an sich noch nicht den Wert eines Menschen. Es gibt Fälle,
wo man einen solchen Aufständischen darum selbst zu ehren hätte, weil er
an unsrer Gesellschaft etwas empfindet, gegen das der Krieg not tut: – wo
er uns aus dem Schlummer weckt.
Damit, daß der Verbrecher etwas Einzelnes tut an einem Einzelnen, ist
nicht widerlegt, daß sein ganzer Instinkt gegen die ganze Ordnung im
Kriegszustand ist: die Tat als bloßes Symptom.
Man soll den Begriff „Strafe“ reduzieren auf den Begriff: Niederwerfung
eines Aufstandes, Sicherheitsmaßregel gegen den Niedergeworfenen (ganze
oder halbe Gefangenschaft). Aber man soll nicht Verachtung durch die
Strafe ausdrücken: ein Verbrecher ist jedenfalls ein Mensch, der sein Leben,
seine Ehre, seine Freiheit riskiert, – ein Mann des Muts. Man soll
insgleichen die Strafe nicht als Buße nehmen; oder als eine Abzahlung, wie
als ob es ein Tauschverhältnis gebe zwischen Schuld und Strafe, – die
Strafe reinigt nicht, denn das Verbrechen beschmutzt nicht.
Man soll dem Verbrecher die Möglichkeit nicht abschließen, seinen
Frieden mit der Gesellschaft zu machen: gesetzt, daß er nicht zur Rasse
des Verbrechertums gehört. In letzterem Falle soll man ihm den Krieg
machen, noch bevor er etwas Feindseliges getan hat (erste Operation,
sobald man ihn in der Gewalt hat: ihn kastrieren).
Man soll dem Verbrecher nicht seine schlechten Manieren noch den
niedrigen Stand seiner Intelligenz zum Nachteil anrechnen. Nichts ist
gewöhnlicher, als daß er sich selbst mißversteht (namentlich ist sein
revoltierter Instinkt, die Ranküne des déclassé oft nicht sich zum
Bewußtsein gelangt, faute de lecture), daß er unter dem Eindruck der
Furcht, des Mißerfolgs seine Tat verleumdet und verunehrt: von jenen

Page 577

Fällen noch ganz abgesehen, wo, psychologisch nachgerechnet, der
Verbrecher einem unverstandnen Triebe nachgibt und seiner Tat durch eine
Nebenhandlung ein falsches Motiv unterschiebt (etwa durch eine
Beraubung, während es ihm am Blute lag).
Man soll sich hüten, den Wert eines Menschen nach einer einzelnen Tat
zu behandeln. Davor hat Napoleon gewarnt. Namentlich sind die
Hautrelieftaten ganz besonders insignifikant. Wenn unsereiner kein
Verbrechen, zum Beispiel keinen Mord, auf dem Gewissen hat – woran
liegt es? Daß uns ein paar begünstigende Umstände dafür gefehlt haben.
Und täten wir es, was wäre damit an unserm Werte bezeichnet? An sich
würde man uns verachten, wenn man uns nicht die Kraft zutraute, unter
Umständen einen Menschen zu töten. Fast in allen Verbrechen drücken sich
zugleich Eigenschaften aus, welche an einem Manne nicht fehlen sollen.
Nicht mit Unrecht hat Dostoiewsky von den Insassen jener sibirischen
Zuchthäuser gesagt, sie bildeten den stärksten und wertvollsten Bestandteil
des russischen Volkes. Wenn bei uns der Verbrecher eine schlecht ernährte
und verkümmerte Pflanze ist, so gereicht dies unseren gesellschaftlichen
Verhältnissen zur Unehre; in der Zeit der Renaissance gedieh der
Verbrecher und erwarb sich seine eigne Art von Tugend, – Tugend im
Renaissancestile freilich, virtù, moralinfreie Tugend.
Man vermag nur solche Menschen in die Höhe zu bringen, die man nicht
mit Verachtung behandelt; die moralische Verachtung ist eine größere
Entwürdigung und Schädigung als irgendein Verbrechen.

Page 578

471.

Das Beschimpfende ist erst so in die Strafe gekommen, daß gewisse
Bußen an verächtliche Menschen (Sklaven zum Beispiel) geknüpft wurden.
Die, welche am meisten bestraft wurden, waren verächtliche Menschen,
und schließlich lag im Strafen etwas Beschimpfendes.

Page 579

472.

Im alten Strafrecht war ein religiöser Begriff mächtig: der der
sühnenden Kraft der Strafe. Die Strafe reinigt: in der modernen Welt
befleckt sie. Die Strafe ist eine Abzahlung: man ist wirklich das los, für
was man so viel hat leiden wollen. Gesetzt, daß an diese Kraft der Strafe
geglaubt wird, so gibt es hinterdrein eine Erleichterung und ein
Aufatmen, das wirklich einer neuen Gesundheit, einer Wiederherstellung
nahekommt. Man hat nicht nur seinen Frieden wieder mit der Gesellschaft
gemacht, man ist vor sich selbst auch wieder achtungswürdig geworden, –
„rein“.... Heute isoliert die Strafe noch mehr als das Vergehen; das
Verhängnis hinter einem Vergehen ist dergestalt gewachsen, daß es
unheilbar geworden ist. Man kommt als Feind der Gesellschaft aus der
Strafe heraus.... Von jetzt ab gibt es einen Feind mehr.
Das jus talionis kann diktiert sein durch den Geist der Vergeltung (das
heißt durch eine Art Mäßigung des Racheinstinktes); aber bei Manu zum
Beispiel ist es das Bedürfnis, ein Äquivalent zu haben, um zu sühnen, um
religiös wieder „frei“ zu sein.

Page 580

473.

Mein leidlich radikales Fragezeichen bei allen neueren
Strafgesetzgebungen ist dieses: daß die Strafen proportional wehe tun sollen
gemäß der Größe des Verbrechens – und so wollt ihr's ja alle im Grunde! –
nun, so müßten sie jedem Verbrecher proportional seiner Empfindlichkeit
für Schmerz zugemessen werden: – das heißt, es dürfte eine vorherige
Bestimmung der Strafe für ein Vergehen, es dürfte einen Strafkodex gar
nicht geben? Aber in Anbetracht, daß es nicht leicht gelingen möchte, bei
einem Verbrecher die Gradskala seiner Lust und Unlust festzustellen, so
würde man in praxi wohl auf das Strafen verzichten müssen? Welche
Einbuße! Nicht wahr? Folglich – –

Page 581

474.

Ja die Philosophie des Rechts! Das ist eine Wissenschaft, welche, wie
alle moralische Wissenschaft, noch nicht einmal in der Windel liegt!
Man verkennt zum Beispiel immer noch, auch unter frei sich dünkenden
Juristen, die älteste und wertvollste Bedeutung der Strafe – man kennt sie
gar nicht: und solange die Rechtswissenschaft sich nicht auf einen neuen
Boden stellt, nämlich auf die Historien- und die Völkervergleichung, wird
es bei dem unnützen Kampfe von grundfalschen Abstraktionen verbleiben,
welche heute sich als „Philosophie des Rechtes“ vorstellen, und die
sämtlich vom gegenwärtigen Menschen abgezogen sind. Dieser
gegenwärtige Mensch ist aber ein so verwickeltes Geflecht, auch in bezug
auf seine rechtlichen Wertschätzungen, daß er die verschiedensten
Ausdeutungen erlaubt.

Page 582

475.

Ein alter Chinese sagte, er habe gehört, wenn Reiche zugrunde gehen
sollen, so hätten sie viele Gesetze.

Page 583

476.

„Lohn und Strafe“. – Das lebt miteinander, das verfällt miteinander.
Heute will man nicht belohnt sein, man will niemanden anerkennen, der
straft.... Man hat den Kriegsfuß hergestellt: man will etwas, man hat
Gegner dabei, man erreicht es vielleicht am vernünftigsten, wenn man
sich verträgt, – wenn man einen Vertrag macht.
Eine moderne Gesellschaft, bei der jeder Einzelne seinen „Vertrag“
gemacht hat: – der Verbrecher ist ein Vertragsbrüchiger.... Das wäre ein
klarer Begriff. Aber dann könnte man nicht Anarchisten und prinzipielle
Gegner einer Gesellschaftsform innerhalb derselben dulden....

Page 584

477.

Die Gegenseitigkeit, die Hinterabsicht auf Bezahltwerden-wollen:
eine der verfänglichsten Formen der Werterniedrigung des Menschen. Sie
bringt jene „Gleichheit“ mit sich, welche die Kluft der Distanz als
unmoralisch abwertet....

Page 585

478.

Die Zeiten, wo man mit Lohn und Strafe den Menschen lenkt, haben
eine niedere, noch primitive Art Mensch im Auge: das ist wie bei
Kindern....
Inmitten unsrer späten Kultur ist die Fatalität und die Degenereszenz
etwas, das vollkommen den Sinn von Lohn und Strafe aufhebt.... Es setzt
junge, starke, kräftige Rassen voraus, dieses wirkliche Bestimmen der
Handlung durch Lohn- und Strafaussicht. In alten Rassen sind die Impulse
so unwiderstehlich, daß eine bloße Vorstellung ganz ohnmächtig ist; –
nicht Widerstand leisten können, wo ein Reiz gegeben ist, sondern ihm
folgen müssen: diese extreme Irritabilität der décadents macht solche
Straf- und Besserungssysteme vollkommen sinnlos.
Der Begriff „Besserung“ ruht auf der Voraussetzung eines normalen und
starken Menschen, dessen Einzelhandlung irgendwie wieder
ausgeglichen werden soll, um ihn nicht für die Gemeinde zu verlieren,
um ihn nicht als Feind zu haben.

Page 586

2. Der Staat.

Page 587

479.

Grundsatz: nur Einzelne fühlen sich verantwortlich. Die Vielheiten
sind erfunden, um Dinge zu tun, zu denen der Einzelne nicht den Mut hat.
Eben deshalb sind alle Gemeinwesen, Gesellschaften hundertmal
aufrichtiger und belehrender über das Wesen des Menschen als das
Individuum, welches zu schwach ist, um den Mut zu seinen Begierden zu
haben....
Der ganze „Altruismus“ ergibt sich als Privatmannklugheit: die
Gesellschaften sind nicht „altruistisch“ gegen einander.... Das Gebot der
Nächstenliebe ist noch niemals zu einem Gebot der Nachbarliebe erweitert
worden. Vielmehr gilt da noch, was bei Manu steht: „Alle uns
angrenzenden Reiche, ebenso deren Verbündete, müssen wir als uns
feindlich denken. Aus demselben Grunde hinwiederum müssen uns deren
Nachbarn als uns freundlich gesinnt gelten.“
Das Studium der Gesellschaft ist deshalb so unschätzbar, weil der
Mensch als Gesellschaft viel naiver ist als der Mensch als „Einheit“. Die
„Gesellschaft“ hat die Tugend nie anders gesehen, denn als Mittel der
Stärke, der Macht, der Ordnung.
Wie einfältig und würdig sagt es Manu: „Aus eigner Kraft würde die
Tugend sich schwerlich behaupten können. Im Grunde ist es nur die Furcht
vor Strafe, was die Menschen in Schranken hält und jeden im ruhigen
Besitz des Seinen läßt.“

Page 588

480.

Ihr habt alle nicht den Mut, einen Menschen zu töten oder auch nur zu
peitschen oder auch nur zu –, aber die ungeheure Maschine von Staat
überwältigt den Einzelnen, so daß er die Verantwortlichkeit für das, was er
tut, ablehnt (Gehorsam, Eid usw.).
– Alles, was ein Mensch im Dienste des Staates tut, geht wider seine
Natur.
– insgleichen alles, was er in Hinsicht auf den zukünftigen Dienst im
Staate lernt, geht wider seine Natur.
Das wird erreicht durch die Arbeitsteilung (so daß niemand die ganze
Verantwortlichkeit mehr hat):
der Gesetzgeber – und der, der das Gesetz ausführt;
der Disziplinlehrer – und die, welche in der Disziplin hart und streng
geworden sind.

Page 589

481.

Der Staat oder die organisierte Unmoralität, – inwendig: als Polizei,
Strafrecht, Stände, Handel, Familie; auswendig: als Wille zur Macht, zum
Kriege, zur Eroberung, zur Rache.
Wie wird es erreicht, daß er eine große Menge Dinge tut, zu denen der
Einzelne sich nie verstehen würde? – Durch Zerteilung der
Verantwortlichkeit, des Befehlens und der Ausführung. Durch
Zwischenlegung der Tugenden des Gehorsams, der Pflicht, der
Vaterlands- und Fürstenliebe. Durch Aufrechterhaltung des Stolzes, der
Strenge, der Stärke, des Hasses, der Rache, – kurz aller typischen Züge,
welche dem Herdentypus widersprechen.

Page 590

482.

Versuch meinerseits, die absolute Vernünftigkeit des
gesellschaftlichen Urteilens und Wertschätzens zu begreifen (natürlich frei
von dem Willen, dabei moralische Resultate herauszurechnen).
: den Grad von psychologischer Falschheit und Undurchsichtigkeit,
um die zur Erhaltung und Machtsteigerung wesentlichen Affekte zu
heiligen (um sich für sie das gute Gewissen zu schaffen).
: den Grad von Dummheit, damit eine gemeinsame Regulierung und
Wertung möglich bleibt (dazu Erziehung, Überwachung der
Bildungselemente, Dressur).
: den Grad von Inquisition, Mißtrauen und Unduldsamkeit, um
die Ausnahmen als Verbrecher zu behandeln und zu unterdrücken, – um
ihnen selbst das schlechte Gewissen zu geben, so daß diese innerlich an
ihrer Ausnahmehaftigkeit krank sind.

Page 591

483.

Damit etwas bestehen soll, das länger ist als ein Einzelner, damit also ein
Werk bestehen bleibt, das vielleicht ein Einzelner geschaffen hat: dazu
muß dem Einzelnen alle mögliche Art von Beschränkung, von Einseitigkeit
usw. auferlegt werden. Mit welchem Mittel? Die Liebe, Verehrung,
Dankbarkeit gegen die Person, die das Werk schuf, ist eine Erleichterung:
oder daß unsere Vorfahren es erkämpft haben: oder daß meine
Nachkommen nur so garantiert sind, wenn ich jenes Werk (zum Beispiel
die πόλις) garantiere. Moral ist wesentlich das Mittel, über die Einzelnen
hinweg, oder vielmehr durch eine Versklavung der Einzelnen etwas zur
Dauer zu bringen. Es versteht sich, daß die Perspektive von unten nach
oben ganz andere Ausdrücke geben wird als die von oben nach unten.
Ein Machtkomplex: wie wird er erhalten? Dadurch, daß viele
Geschlechter sich ihm opfern.

Page 592

484.

Das Kontinuum: „Ehe, Eigentum, Sprache, Tradition, Stamm, Familie,
Volk, Staat“ sind Kontinuen niederer und höherer Ordnung. Die Ökonomik
derselben besteht in dem Überschusse der Vorteile der
ununterbrochenen Arbeit, sowie der Vervielfachung über die Nachteile:
die größeren Kosten der Auswechslung der Teile oder der
Dauerbarmachung derselben. (Vervielfältigung der wirkenden Teile, welche
doch vielfach unbeschäftigt bleiben, also größere Anschaffungskosten und
nicht unbedeutende Kosten der Erhaltung.) Der Vorteil besteht darin, daß
die Unterbrechungen vermieden und die aus ihnen entspringenden Verluste
gespart werden. Nichts ist kostspieliger als ein Anfang.
„Je größer die Daseinsvorteile, desto größer auch die Erhaltungs- und
Schaffungskosten (Nahrung und Fortpflanzung); desto größer auch die
Gefahren und die Wahrscheinlichkeit, vor der erreichten Höhe zugrunde zu
gehen.“

Page 593

485.

Kritik der „Gerechtigkeit“ und „Gleichheit vor dem Gesetz“: was
eigentlich damit weggeschafft werden soll? Die Spannung, die
Feindschaft, der Haß. – Aber ein Irrtum ist es, daß dergestalt „das Glück“
gemehrt wird: die Korsen zum Beispiel genießen mehr Glück als die
Kontinentalen.

Page 594

486.

Die verfaulten herrschenden Stände haben das Bild des Herrschenden
verdorben. Der „Staat“, als Gericht übend, ist eine Feigheit, weil der große
Mensch fehlt, an dem gemessen werden kann. Zuletzt wird die
Unsicherheit so groß, daß die Menschen vor jeder Willenskraft, die
befiehlt, in den Staub fallen.

Page 595

487.

Man hat kein Recht, weder auf Dasein, noch auf Arbeit, noch gar auf
„Glück“: es steht mit dem einzelnen Menschen nicht anders als mit dem
niedrigsten Wurm.

Page 596

488.
„Die Erlösung von aller Schuld.“

Man spricht von der „tiefen Ungerechtigkeit“ des sozialen Pakts: wie als
ob die Tatsache, daß dieser unter günstigen, jener unter ungünstigen
Verhältnissen geboren wird, von vornherein eine Ungerechtigkeit sei; oder
gar schon, daß dieser mit diesen Eigenschaften, jener mit jenen geboren
wird. Von seiten der Aufrichtigsten unter diesen Gegnern der Gesellschaft
wird dekretiert: „Wir selber sind mit allen unseren schlechten, krankhaften,
verbrecherischen Eigenschaften, die wir eingestehen, nur die
unvermeidlichen Folgen einer sekulären Unterdrückung der Schwachen
durch die Starken“; sie schieben ihren Charakter den herrschenden Ständen
ins Gewissen. Und man droht, man zürnt, man verflucht; man wird
tugendhaft vor Entrüstung –, man will nicht umsonst ein schlechter
Mensch, eine Kanaille geworden sein.
Diese Attitüde, eine Erfindung unsrer letzten Jahrzehnte, heißt sich,
soviel ich höre, auch Pessimismus, und zwar Entrüstungspessimismus. Hier
wird der Anspruch gemacht, die Geschichte zu richten, sie ihrer Fatalität zu
entkleiden, eine Verantwortlichkeit hinter ihr, Schuldige in ihr zu finden.
Denn darum handelt es sich: man braucht Schuldige. Die
Schlechtweggekommenen, die décadents jeder Art, sind in Revolte über
sich und brauchen Opfer, um nicht an sich selbst ihren Vernichtungsdurst zu
löschen (– was an sich vielleicht die Vernunft für sich hätte). Dazu haben
sie einen Schein von Recht nötig, das heißt eine Theorie, auf welche hin sie
die Tatsache ihrer Existenz, ihres So-und-so-seins auf irgendeinen
Sündenbock abwälzen können. Dieser Sündenbock kann Gott sein – es
fehlt in Rußland nicht an solchen Atheisten aus Ressentiment –, oder die
gesellschaftliche Ordnung, oder die Erziehung und der Unterricht, oder die
Juden, oder die Vornehmen, oder überhaupt Gutweggekommene
irgendwelcher Art. „Es ist ein Verbrechen, unter günstigen Bedingungen
geboren zu werden: denn damit hat man die andern enterbt, beiseite
gedrückt, zum Laster, selbst zur Arbeit verdammt.... Was kann ich dafür,
miserabel zu sein! Aber irgendwer muß etwas dafür können, sonst wäre
es nicht auszuhalten!“.... Kurz, der Entrüstungspessimismus erfindet

Page 597

Verantwortlichkeiten, um sich ein angenehmes Gefühl zu schaffen –
Rache.... „Süßer als Honig“ nennt sie schon der alte Homer. –
Daß eine solche Theorie nicht mehr Verständnis, will sagen Verachtung,
findet, das macht das Stück Christentum, das uns allen noch im Blute
steckt: so daß wir tolerant gegen Dinge sind, bloß weil sie von fern etwas
christlich riechen.... Die Sozialisten appellieren an die christlichen
Instinkte; das ist noch ihre feinste Klugheit.... Vom Christentum her sind
wir an den abergläubischen Begriff der „Seele“ gewöhnt, an die
„unsterbliche Seele“, an die Seelen-Monade, die eigentlich ganz wo anders
zu Hause ist und nur zufällig in diese oder jene Umstände, ins „Irdische“
gleichsam hineingefallen ist, „Fleisch“ geworden ist: doch ohne daß ihr
Wesen dadurch berührt, geschweige denn bedingt wäre. Die
gesellschaftlichen, verwandtschaftlichen, historischen Verhältnisse sind für
die Seele nur Gelegenheiten, Verlegenheiten vielleicht; jedenfalls ist sie
nicht deren Werk. Mit dieser Vorstellung ist das Individuum transzendent
gemacht; es darf auf sie hin sich eine unsinnige Wichtigkeit beilegen.
In der Tat hat erst das Christentum das Individuum herausgefordert, sich
zum Richter über alles und jedes aufzuwerfen; der Größenwahn ist ihm
beinahe zur Pflicht gemacht: es hat ja ewige Rechte gegen alles Zeitliche
und Bedingte geltend zu machen! Was Staat! Was Gesellschaft! Was
historische Gesetze! Was Physiologie! Hier redet ein Jenseits des Werdens,
ein Unwandelbares in aller Historie, hier redet etwas Unsterbliches, etwas
Göttliches: eine Seele!
Ein anderer christlicher, nicht weniger verrückter Begriff hat sich noch
weit tiefer ins Fleisch der Modernität vererbt: der Begriff von der
„Gleichheit der Seelen vor Gott“. In ihm ist das Prototyp aller
Theorien der gleichen Rechte gegeben: man hat die Menschheit den Satz
von der Gleichheit erst religiös stammeln gelehrt, man hat ihr später eine
Moral daraus gemacht: was Wunder, daß der Mensch damit endet, ihn ernst
zu nehmen, ihn praktisch zu nehmen! – will sagen politisch,
demokratisch, sozialistisch, entrüstungspessimistisch.
Überall, wo Verantwortlichkeiten gesucht worden sind, ist es der
Instinkt der Rache gewesen, der da suchte. Dieser Instinkt der Rache
wurde in Jahrtausenden dermaßen über die Menschheit Herr, daß die ganze
Metaphysik, Psychologie, Geschichtsvorstellung, vor allem aber die Moral

Page 598

mit ihm abgezeichnet ist. Soweit auch nur der Mensch gedacht hat, so weit
hat er den Bazillus der Rache in die Dinge geschleppt. Er hat Gott selbst
damit krank gemacht, er hat das Dasein überhaupt um seine Unschuld
gebracht: nämlich dadurch, daß er jedes So-und-so-sein auf Willen, auf
Absichten, auf Akte der Verantwortlichkeit zurückführte. Die ganze Lehre
vom Willen, diese verhängnisvollste Fälschung in der bisherigen
Psychologie, wurde wesentlich erfunden zum Zweck der Strafe. Es war die
gesellschaftliche Nützlichkeit der Strafe, die diesem Begriff seine Würde,
seine Macht, seine Wahrheit verbürgte. Die Urheber jener Psychologie – der
Willenspsychologie – hat man in den Ständen zu suchen, welche das
Strafrecht in den Händen hatten, voran in dem der Priester an der Spitze der
ältesten Gemeinwesen: diese wollten sich ein Recht schaffen, Rache zu
nehmen, – sie wollten Gott ein Recht zur Rache schaffen. Zu diesem
Zwecke wurde der Mensch „frei“ gedacht; zu diesem Zwecke mußte jede
Handlung als gewollt, mußte der Ursprung jeder Handlung als im
Bewußtsein liegend gedacht werden. Aber mit diesen Sätzen ist die alte
Psychologie widerlegt.
Heute, wo Europa in die umgekehrte Bewegung eingetreten scheint, wo
wir Halkyonier zumal mit aller Kraft den Schuldbegriff und
Strafbegriff aus der Welt wieder zurückzuziehen, herauszunehmen,
auszulöschen suchen, wo unser größter Ernst darauf aus ist, die
Psychologie, die Moral, die Geschichte, die Natur, die gesellschaftlichen
Institutionen und Sanktionen, Gott selbst von diesem Schmutz zu reinigen,
– in wem müssen wir unsere natürlichsten Antagonisten sehen? Eben in
jenen Aposteln der Rache und des Ressentiments, in jenen
Entrüstungspessimisten par excellence, welche eine Mission daraus
machen, ihren Schmutz unter dem Namen „Entrüstung“ zu heiligen.... Wir
andern, die wir dem Werden seine Unschuld zurückzugewinnen wünschen,
möchten die Missionare eines reinlicheren Gedankens sein: daß niemand
dem Menschen seine Eigenschaften gegeben hat, weder Gott, noch die
Gesellschaft, noch seine Eltern und Vorfahren, noch er selbst, – daß
niemand schuld an ihm ist.... Es fehlt ein Wesen, das dafür verantwortlich
gemacht werden könnte, daß jemand überhaupt da ist, daß jemand so und so
ist, daß jemand unter diesen Umständen, in dieser Umgebung geboren ist. –
Es ist ein großes Labsal, daß solch ein Wesen fehlt.... Wir sind
nicht das Resultat einer ewigen Absicht, eines Willens, eines Wunsches:
mit uns wird nicht der Versuch gemacht, ein „Ideal von Vollkommenheit“

Page 599

oder ein „Ideal von Glück“ oder ein „Ideal von Tugend“ zu erreichen, – wir
sind ebensowenig der Fehlgriff Gottes, vor dem ihm selber angst werden
müßte (mit welchem Gedanken bekanntlich das Alte Testament beginnt). Es
fehlt jeder Ort, jeder Zweck, jeder Sinn, wohin wir unser Sein, unser So-
und-so-sein abwälzen könnten. Vor allem: niemand könnte es: man kann
das Ganze nicht richten, messen, vergleichen oder gar verneinen! Warum
nicht? – Aus fünf Gründen, allesamt selbst bescheidenen Intelligenzen
zugänglich: zum Beispiel, weil es nichts gibt außer dem Ganzen....
Und nochmals gesagt, das ist ein großes Labsal, darin liegt die Unschuld
alles Daseins.

Page 600

489.

Wie mir die Sozialisten lächerlich sind mit ihrem albernen Optimismus
vom „guten Menschen“, der hinter dem Busche wartet, wenn man nur erst
die bisherige „Ordnung“ abgeschafft hat und alle „natürlichen Triebe“
losläßt.
Und die Gegenpartei ist ebenso lächerlich, weil sie die Gewalttat in dem
Gesetz, die Härte und den Egoismus in jeder Art Autorität nicht zugesteht.
„‚Ich und meine Art‘ will herrschen und übrigbleiben: wer entartet, wird
ausgestoßen oder vernichtet“ – ist Grundgefühl jeder alten Gesetzgebung.
Man haßt die Vorstellung einer höheren Art Menschen mehr als die
Monarchen. Antiaristokratisch: das nimmt den Monarchenhaß nur als
Maske –

Page 601

490.

Ich bin abgeneigt 1. dem Sozialismus, weil er ganz naiv vom „Guten,
Wahren, Schönen“ und von „gleichen Rechten“ träumt (– auch der
Anarchismus will, nur auf brutalere Weise, das gleiche Ideal);
2. dem Parlamentarismus und Zeitungswesen, weil das die Mittel sind,
wodurch das Herdentier sich zum Herrn macht.

Page 602

491.

Die europäische Demokratie ist zum kleinsten Teil eine Entfesselung von
Kräften. Vor allem ist sie eine Entfesselung von Faulheiten, von
Müdigkeiten, von Schwächen.

Page 603

492.

„Der Wille zur Macht“ wird in demokratischen Zeitaltern dermaßen
gehaßt, daß deren ganze Psychologie auf seine Verkleinerung und
Verleumdung gerichtet scheint. Der Typus des großen Ehrgeizigen: das soll
Napoleon sein! Und Cäsar! Und Alexander! – Als ob das nicht gerade die
größten Verächter der Ehre wären!....
Und Helvétius entwickelt uns, daß man nach Macht strebt, um die
Genüsse zu haben, welche dem Mächtigen zu Gebote stehen: – er versteht
dieses Streben nach Macht als Willen zum Genuß! als Hedonismus!

Page 604

493.

Der moderne Sozialismus will die weltliche Nebenform des Jesuitismus
schaffen: Jeder absolutes Werkzeug. Aber der Zweck, das Wozu? ist nicht
aufgefunden bisher.

Page 605

494.

Je nachdem ein Volk fühlt: „bei den Wenigen ist das Recht, die Einsicht,
die Gabe der Führung usw.“ oder „bei den Vielen“ – gibt es ein
oligarchisches Regiment oder ein demokratisches.
Das Königtum repräsentiert den Glauben an einen ganz Überlegenen,
einen Führer, Retter, Halbgott.
Die Aristokratie repräsentiert den Glauben an eine Elite-Menschheit
und höhere Kaste.
Die Demokratie repräsentiert den Unglauben an große Menschen und
an Elite-Gesellschaft: „Jeder ist jedem gleich“. „Im Grunde sind wir
allesamt eigennütziges Vieh und Pöbel.“

Page 606

495.

Aus der Zukunft des Arbeiters. – Arbeiter sollten wie Soldaten
empfinden lernen. Ein Honorar, ein Gehalt, aber keine Bezahlung!
Kein Verhältnis zwischen Abzahlung und Leistung! Sondern das
Individuum, je nach seiner Art, so stellen, daß es das Höchste leisten
kann, was in seinem Bereich liegt.

Page 607

496.

Die Arbeiter sollen einmal leben wie jetzt die Bürger; – aber über ihnen,
sich durch Bedürfnislosigkeit auszeichnend, die höhere Kaste: also ärmer
und einfacher, doch im Besitz der Macht.
Für die niederen Menschen gelten die umgekehrten Wertschätzungen;
es kommt darauf an, in sie die „Tugenden“ zu pflanzen. Die absoluten
Befehle; furchtbare Zwingmeister; sie dem leichten Leben entreißen. Die
übrigen dürfen gehorchen: und ihre Eitelkeit verlangt, daß sie nicht
abhängig von großen Menschen, sondern von „Prinzipien“ erscheinen.

Page 608

497.

Meine „Zukunft“: – eine stramme Polytechnikerbildung.
Militärdienst: so daß durchschnittlich jeder Mann der höheren Stände
Offizier ist, er sei sonst, wer er sei.

Page 609

498.

Ein wenig reine Luft! Dieser absurde Zustand Europas soll nicht mehr
lange dauern! Gibt es irgendeinen Gedanken hinter diesem Hornvieh-
Nationalismus? Welchen Wert könnte es haben, jetzt, wo alles auf größere
und gemeinsame Interessen hinweist, diese ruppigen Selbstgefühle
aufzustacheln? Und das in einem Zustande, wo die geistige
Unselbständigkeit und Entnationalisierung in die Augen springt und in
einem gegenseitigen Sich-Verschmelzen und -Befruchten der eigentliche
Wert und Sinn der jetzigen Kultur liegt!.... Und das „neue Reich“, wieder
auf den verbrauchtesten und bestverachteten Gedanken gegründet: die
Gleichheit der Rechte und der Stimmen.
Das Ringen um einen Vorrang innerhalb eines Zustandes, der nichts
taugt; diese Kultur der Großstädte, der Zeitungen, des Fiebers und der
„Zwecklosigkeit“ –!
Die wirtschaftliche Einigung Europas kommt mit Notwendigkeit – und
ebenso, als Reaktion, die Friedenspartei....
Eine Partei des Friedens, ohne Sentimentalität, welche sich und ihren
Kindern verbietet, Krieg zu führen; verbietet, sich der Gerichte zu
bedienen; welche den Kampf, den Widerspruch, die Verfolgung gegen sich
heraufbeschwört; eine Partei der Unterdrückten, wenigstens für eine Zeit;
alsbald die große Partei. Gegnerisch gegen die Rach- und Nachgefühle.
Eine Kriegspartei, mit der gleichen Grundsätzlichkeit und Strenge
gegen sich, in umgekehrter Richtung vorgehend –

Page 610

499.

Die Aufrechterhaltung des Militärstaates ist das allerletzte Mittel,
die große Tradition sei es aufzunehmen, sei es festzuhalten hinsichtlich
des obersten Typus Mensch, des starken Typus. Und alle Begriffe,
die die Feindschaft und Rangdistanz der Staaten verewigen, dürfen
daraufhin sanktioniert erscheinen (zum Beispiel Nationalismus, Schutzzoll).

Page 611

500.

Moral wesentlich als Wehr, als Verteidigungsmittel; insofern ein
Zeichen des unausgewachsenen Menschen (verpanzert; stoisch).
Der ausgewachsene Mensch hat vor allem Waffen: er ist angreifend.
Kriegswerkzeuge zu Friedenswerkzeugen umgewandelt (aus Schuppen
und Platten Federn und Haare).

Page 612

501.

Grundfehler: die Ziele in die Herde und nicht in einzelne Individuen
zu legen! Die Herde ist Mittel, nicht mehr! Aber jetzt versucht man, die
Herde als Individuum zu verstehen und ihr einen höheren Rang als dem
Einzelnen zuzuschreiben, – tiefstes Mißverständnis!!! Insgleichen das, was
herdenhaft macht, die Mitgefühle, als die wertvollere Seite unsrer Natur
zu charakterisieren!

Page 613

V. Kunst – ein Machtwille.

Page 614

502.

„Schönheit“ ist deshalb für den Künstler etwas außer aller Rangordnung,
weil in der Schönheit Gegensätze gebändigt sind, das höchste Zeichen von
Macht, nämlich über Entgegengesetztes; außerdem ohne Spannung: – daß
keine Gewalt mehr not tut, daß alles so leicht folgt, gehorcht, und zum
Gehorsam die liebenswürdigste Miene macht – das ergötzt den Machtwillen
des Künstlers.

Page 615

503.
Die Kunst in der „Geburt der Tragödie“.

Page 616

I.

Die Konzeption des Werkes, auf welche man in dem Hintergrunde dieses
Buches stößt, ist absonderlich düster und unangenehm: unter den bisher
bekannt gewordnen Typen des Pessimismus scheint keiner diesen Grad von
Bösartigkeit erreicht zu haben. Hier fehlt der Gegensatz einer wahren und
einer scheinbaren Welt: es gibt nur eine Welt, und diese ist falsch, grausam,
widersprüchlich, verführerisch, ohne Sinn.... Eine so beschaffene Welt ist
die wahre Welt. Wir haben Lüge nötig, um über diese Realität, diese
„Wahrheit“ zum Sieg zu kommen, das heißt, um zu leben.... Daß die Lüge
nötig ist, um zu leben, das gehört selbst noch mit zu diesem furchtbaren und
fragwürdigen Charakter des Daseins.
Die Metaphysik, die Moral, die Religion, die Wissenschaft – sie werden
in diesem Buche nur als verschiedne Formen der Lüge in Betracht gezogen:
mit ihrer Hilfe wird ans Leben geglaubt. „Das Leben soll Vertrauen
einflößen“: die Aufgabe, so gestellt, ist ungeheuer. Um sie zu lösen, muß
der Mensch schon von Natur Lügner sein, er muß mehr als alles andere
Künstler sein. Und er ist es auch: Metaphysik, Religion, Moral,
Wissenschaft – alles nur Ausgeburten seines Willens zur Kunst, zur Lüge,
zur Flucht vor der „Wahrheit“, zur Verneinung der „Wahrheit“. Das
Vermögen selbst, dank dem er die Realität durch die Lüge vergewaltigt,
dieses Künstlervermögen des Menschen par excellence – er hat es noch mit
allem, was ist, gemein. Er selbst ist ja ein Stück Wirklichkeit, Wahrheit,
Natur: wie sollte er nicht auch ein Stück Genie der Lüge sein!
Daß der Charakter des Daseins verkannt werde – und höchste
Geheimabsicht hinter allem, was Tugend, Wissenschaft, Frömmigkeit,
Künstlertum ist. Vieles niemals sehen, vieles falsch sehen, vieles
hinzusehen: o wie klug man noch ist, in Zuständen, wo man am fernsten
davon ist, sich für klug zu halten! Die Liebe, die Begeisterung, „Gott“ –
lauter Feinheiten des letzten Selbstbetrugs, lauter Verführungen zum Leben,
lauter Glaube an das Leben! In Augenblicken, wo der Mensch zum
Betrognen ward, wo er sich überlistet hat, wo er ans Leben glaubt: o wie
schwillt es da in ihm auf! Welches Entzücken! Welches Gefühl von Macht!
Wieviel Künstlertriumph im Gefühl der Macht!.... Der Mensch ward wieder

Page 617

einmal Herr über den „Stoff“, – Herr über die Wahrheit!.... Und wann
immer der Mensch sich freut, er ist immer der gleiche in seiner Freude: er
freut sich als Künstler, er genießt sich als Macht, er genießt die Lüge als
seine Macht....

Page 618

II.

Die Kunst und nichts als die Kunst! Sie ist die große Ermöglicherin des
Lebens, die große Verführerin zum Leben, das große Stimulans des Lebens.
Die Kunst als einzig überlegene Gegenkraft gegen allen Willen zur
Verneinung des Lebens, als das Antichristliche, Antibuddhistische,
Antinihilistische par excellence.
Die Kunst als die Erlösung des Erkennenden, – dessen, der den
furchtbaren und fragwürdigen Charakter des Daseins sieht, sehen will, des
Tragisch-Erkennenden.
Die Kunst als die Erlösung des Handelnden, – dessen, der den
furchtbaren und fragwürdigen Charakter des Daseins nicht nur sieht,
sondern lebt, leben will, des tragisch-kriegerischen Menschen, des Helden.
Die Kunst als die Erlösung des Leidenden, – als Weg zu Zuständen,
wo das Leiden gewollt, verklärt, vergöttlicht wird, wo das Leiden eine Form
der großen Entzückung ist.

Page 619

III.

Man sieht, daß in diesem Buche der Pessimismus, sagen wir deutlicher
der Nihilismus, als die „Wahrheit“ gilt. Aber die Wahrheit gilt nicht als
oberstes Wertmaß, noch weniger als oberste Macht. Der Wille zum Schein,
zur Illusion, zur Täuschung, zum Werden und Wechseln (zur objektivierten
Täuschung) gilt hier als tiefer, ursprünglicher, „metaphysischer“ als der
Wille zur Wahrheit, zur Wirklichkeit, zum Schein: – letzterer ist selbst bloß
eine Form des Willens zur Illusion. Ebenso gilt die Lust als ursprünglicher
als der Schmerz: der Schmerz erst als bedingt, als eine Folgeerscheinung
des Willens zur Lust (des Willens zum Werden, Wachsen, Gestalten, das
heißt zum Schaffen: im Schaffen ist aber das Zerstören eingerechnet). Es
wird ein höchster Zustand von Bejahung des Daseins konzipiert, aus dem
auch der höchste Schmerz nicht abgerechnet werden kann: der tragisch-
dionysische Zustand.

Page 620

IV.

Dies Buch ist dergestalt sogar antipessimistisch: nämlich in dem Sinne,
daß es etwas lehrt, das stärker ist als der Pessimismus, das „göttlicher“ ist
als die Wahrheit: die Kunst. Niemand würde, wie es scheint, einer
radikalen Verneinung des Lebens, einem wirklichen Neintun noch mehr als
einem Neinsagen zum Leben ernstlicher das Wort reden als der Verfasser
dieses Buches. Nur weiß er – er hat es erlebt, er hat vielleicht nichts anderes
erlebt! – daß die Kunst mehr wert ist als die Wahrheit.
In der Vorrede bereits, mit der Richard Wagner wie zu einem
Zwiegespräche eingeladen wird, erscheint dies Glaubensbekenntnis, dies
Artistenevangelium: „die Kunst als die eigentliche Aufgabe des Lebens, die
Kunst als dessen metaphysische Tätigkeit....“

Page 621

504.

Das Phänomen „Künstler“ ist noch am leichtesten durchsichtig: – von
da aus hinzublicken auf die Grundinstinkte der Macht usw.! Auch der
Religion und Moral!
„Das Spiel“, das Unnützliche – als Ideal des mit Kraft Überhäuften, als
„kindlich“. Die „Kindlichkeit“ Gottes, παῖς παίζων.

Page 622

505.

Unsre Religion, Moral und Philosophie sind décadence-Formen des
Menschen.
– Die Gegenbewegung: die Kunst.

Page 623

506.

In der Hauptsache gebe ich den Künstlern mehr recht als allen
Philosophen bisher: sie verloren die große Spur nicht, auf der das Leben
geht, sie liebten die Dinge „dieser Welt“, – sie liebten ihre Sinne.
„Entsinnlichung“ zu erstreben: das scheint mir ein Mißverständnis oder eine
Krankheit oder eine Kur, wo sie nicht eine bloße Heuchelei oder
Selbstbetrügerei ist. Ich wünsche mir selber und allen denen, welche ohne
die Ängste eines Puritanergewissens leben – leben dürfen, eine immer
größere Vergeistigung und Vervielfältigung ihrer Sinne; ja wir wollen den
Sinnen dankbar sein für ihre Feinheit, Fülle und Kraft und ihnen das Beste
von Geist, was wir haben, dagegen bieten. Was gehen uns die priesterlichen
und metaphysischen Verketzerungen der Sinne an! Wir haben diese
Verketzerung nicht mehr nötig: es ist ein Merkmal der Wohlgeratenheit,
wenn einer gleich Goethe mit immer größerer Lust und Herzlichkeit an
„den Dingen der Welt“ hängt: – dergestalt nämlich hält er die große
Auffassung des Menschen fest, daß der Mensch der Verklärer des
Daseins wird, wenn er sich selbst verklären lernt.

Page 624

507.

Biologischer Wert des Schönen und des Häßlichen. – Was uns
instinktiv widersteht, ästhetisch, ist aus allerlängster Erfahrung dem
Menschen als schädlich, gefährlich, Mißtrauen verdienend bewiesen: der
plötzlich redende ästhetische Instinkt (im Ekel zum Beispiel) enthält ein
Urteil. Insofern steht das Schöne innerhalb der allgemeinen Kategorie
der biologischen Werte des Nützlichen, Wohltätigen, Leben-steigernden:
doch so, daß eine Menge Reize, die ganz von fern an nützliche Dinge und
Zustände erinnern und anknüpfen, uns das Gefühl des Schönen, das heißt
der Vermehrung von Machtgefühl, geben (– nicht also bloß Dinge, sondern
auch die Begleitempfindungen solcher Dinge oder ihre Symbole).
Hiermit ist das Schöne und Häßliche als bedingt erkannt; nämlich in
Hinsicht auf unsre untersten Erhaltungswerte. Davon abgesehen ein
Schönes und ein Häßliches ansetzen wollen, ist sinnlos. Das Schöne
existiert so wenig als das Gute, das Wahre. Im Einzelnen handelt es sich
wieder um die Erhaltungsbedingungen einer bestimmten Art von
Mensch: so wird der Herdenmensch bei anderen Dingen das
Wertgefühl des Schönen haben, als der Ausnahme- und Übermensch.
Es ist die Vordergrundsoptik, welche nur die nächsten Folgen in
Betracht zieht, aus der der Wert des Schönen (auch des Guten, auch des
Wahren) stammt.
Alle Instinkturteile sind kurzsichtig in Hinsicht auf die Kette der
Folgen: sie raten an, was zunächst zu tun ist. Der Verstand ist wesentlich
ein Hemmungsapparat gegen das Sofort-Reagieren auf das Instinkturteil:
er hält auf, er überlegt weiter, er sieht die Folgenkette ferner und länger.
Die Schönheits- und Häßlichkeitsurteile sind kurzsichtig (– sie
haben immer den Verstand gegen sich –): aber im höchsten Grade
überredend; sie appellieren an unsre Instinkte, dort, wo sie am schnellsten
sich entscheiden und ihr Ja und Nein sagen, bevor noch der Verstand zu
Worte kommt.
Die gewohntesten Schönheitsbejahungen regen sich gegenseitig auf
und an; wenn der ästhetische Trieb einmal in Arbeit ist, kristallisiert sich

Page 625

um „das einzelne Schöne“ noch eine ganze Fülle anderer und anderswoher
stammender Vollkommenheiten. Es ist nicht möglich, objektiv zu bleiben,
respektive die interpretierende, hinzugebende, ausfüllende, dichtende Kraft
auszuhängen (– letztere ist jene Verkettung der Schönheitsbejahungen
selber). Der Anblick eines „schönen Weibes“....
Also 1. das Schönheitsurteil ist kurzsichtig, es sieht nur die nächsten
Folgen;
2. es überhäuft den Gegenstand, der es erregt, mit einem Zauber, der
durch die Assoziation verschiedener Schönheitsurteile bedingt ist, – der
aber dem Wesen jenes Gegenstandes ganz fremd ist. Ein Ding als
schön empfinden heißt: es notwendig falsch empfinden – (weshalb,
beiläufig gesagt, die Liebesheirat die gesellschaftlich unvernünftigste Art
der Heirat ist).

Page 626

508.

Der tragische Künstler. – Es ist die Frage der Kraft (eines
Einzelnen oder eines Volkes), ob und wo das Urteil „schön“ angesetzt
wird. Das Gefühl der Fülle, der aufgestauten Kraft (aus dem es erlaubt
ist, vieles mutig und wohlgemut entgegenzunehmen, vor dem der
Schwächling schaudert) – das Machtgefühl spricht das Urteil „schön“
noch über Dinge und Zustände aus, welche der Instinkt der Ohnmacht nur
als hassenswert, als „häßlich“ abschätzen kann. Die Witterung dafür,
womit wir ungefähr fertig werden würden, wenn es leibhaft entgegenträte
als Gefahr, Problem, Versuchung, – diese Witterung bestimmt auch noch
unser ästhetisches Ja. („Das ist schön“ ist eine Bejahung).
Daraus ergibt sich, ins Große gerechnet, daß die Vorliebe für
fragwürdige und furchtbare Dinge ein Symptom für Stärke ist:
während der Geschmack am Hübschen und Zierlichen den Schwachen,
den Delikaten zugehört. Die Lust an der Tragödie kennzeichnet starke
Zeitalter und Charaktere: ihr non plus ultra ist vielleicht die divina
commedia. Es sind die heroischen Geister, welche zu sich selbst in der
tragischen Grausamkeit Ja sagen: sie sind hart genug, um das Leiden als
Lust zu empfinden.
Gesetzt dagegen, daß die Schwachen von einer Kunst Genuß begehren,
welche für sie nicht erdacht ist, was werden sie tun, um die Tragödie sich
schmackhaft zu machen? Sie werden ihre eignen Wertgefühle in sie
hinein interpretieren: zum Beispiel den „Triumph der sittlichen
Weltordnung“ oder die Lehre vom „Unwert des Daseins“ oder die
Aufforderung zur „Resignation“ (– oder auch halb medizinische, halb
moralische Affektausladungen à la Aristoteles). Endlich: die Kunst des
Furchtbaren, insofern sie die Nerven aufregt, kann als Stimulans bei den
Schwachen und Erschöpften in Schätzung kommen: das ist heute zum
Beispiel der Grund für die Schätzung der Wagnerschen Kunst. Es ist ein
Zeichen von Wohl- und Machtgefühl, wie weit einer den Dingen ihren
furchtbaren und fragwürdigen Charakter zugestehen darf; und ob er
überhaupt „Lösungen“ am Schluß braucht.

Page 627

Diese Art Künstlerpessimismus ist genau das Gegenstück zum
moralisch-religiösen Pessimismus, welcher an der „Verderbnis“ des
Menschen, am Rätsel des Daseins leidet: dieser will durchaus eine Lösung,
wenigstens eine Hoffnung auf Lösung. Die Leidenden, Verzweifelten, An-
sich-Mißtrauischen, die Kranken mit einem Wort, haben zu allen Zeiten die
entzückenden Visionen nötig gehabt, um es auszuhalten (der Begriff
„Seligkeit“ ist dieses Ursprungs). Ein verwandter Fall: die Künstler der
décadence, welche im Grunde nihilistisch zum Leben stehen, flüchten
in die Schönheit der Form, – in die ausgewählten Dinge, wo die
Natur vollkommen ward, wo sie indifferent groß und schön ist.... (– Die
„Liebe zum Schönen“ kann somit etwas anderes als das Vermögen sein,
ein Schönes zu sehen, das Schöne zu schaffen: sie kann gerade der
Ausdruck von Unvermögen dazu sein.)
Die überwältigenden Künstler, welche einen Konsonanzton aus jedem
Konflikte erklingen lassen, sind die, welche ihre eigene Mächtigkeit und
Selbsterlösung noch den Dingen zugute kommen lassen: sie sprechen ihre
innerste Erfahrung in der Symbolik jedes Kunstwerkes aus, – ihr Schaffen
ist Dankbarkeit für ihr Sein.
Die Tiefe des tragischen Künstlers liegt darin, daß sein ästhetischer
Instinkt die ferneren Folgen übersieht, daß er nicht kurzsichtig beim
Nächsten stehen bleibt, daß er die Ökonomie im großen bejaht, welche
das Furchtbare, Böse, Fragwürdige rechtfertigt, und nicht nur –
rechtfertigt.

Page 628

509.

Wenn meine Leser darüber zur Genüge eingeweiht sind, daß auch „der
Gute“ im großen Gesamtschauspiel des Lebens eine Form der
Erschöpfung darstellt: so werden sie der Konsequenz des Christentums
die Ehre geben, welche den Guten als den Häßlichen konzipierte. Das
Christentum hatte damit recht.
An einem Philosophen ist es eine Nichtswürdigkeit, zu sagen, „das Gute
und das Schöne sind eins“; fügt er gar noch hinzu, „auch das Wahre“, so
soll man ihn prügeln. Die Wahrheit ist häßlich.
Wir haben die Kunst, damit wir nicht an der Wahrheit zugrunde
gehen.

Page 629

510.

Was ist tragisch? – Ich habe zu wiederholten Malen den Finger auf
das große Mißverständnis des Aristoteles gelegt, als er in zwei
deprimierenden Affekten, im Schrecken und im Mitleiden, die tragischen
Affekte zu erkennen glaubte. Hätte er recht, so wäre die Tragödie eine
lebensgefährliche Kunst: man müßte vor ihr wie vor etwas
Gemeinschädlichem und Anrüchigem warnen. Die Kunst, sonst das große
Stimulans des Lebens, ein Rausch am Leben, ein Wille zum Leben, würde
hier, im Dienste einer Abwärtsbewegung, gleichsam als Dienerin des
Pessimismus gesundheitsschädlich (– denn daß man durch Erregung
dieser Affekte sich von ihnen „purgiert“, wie Aristoteles zu glauben scheint,
ist einfach nicht wahr). Etwas, das habituell Schrecken oder Mitleid erregt,
desorganisiert, schwächt, entmutigt: – und gesetzt, Schopenhauer behielte
recht, daß man der Tragödie die Resignation zu entnehmen habe (das heißt
eine sanfte Verzichtleistung auf Glück, auf Hoffnung, auf Willen zum
Leben), so wäre hiermit eine Kunst konzipiert, in der die Kunst sich selbst
verneint. Tragödie bedeutete dann einen Auflösungsprozeß: der Instinkt des
Lebens sich im Instinkt der Kunst selbst zerstörend. Christentum,
Nihilismus, tragische Kunst, physiologische décadence: das hielte sich an
den Händen, das käme zur selben Stunde zum Übergewicht, das triebe sich
gegenseitig vorwärts – abwärts.... Tragödie wäre ein Symptom des
Verfalls.
Man kann diese Theorie in der kaltblütigsten Weise widerlegen: nämlich,
indem man vermöge des Dynamometers die Wirkung einer tragischen
Emotion mißt. Und man bekommt als Ergebnis, was zuletzt nur die absolute
Verlogenheit eines Systematikers verkennen kann: – daß die Tragödie ein
tonicum ist. Wenn Schopenhauer hier nicht begreifen wollte, wenn er die
Gesamtdepression als tragischen Zustand ansetzt, wenn er den Griechen (–
die zu seinem Verdruß nicht „resignierten“....) zu verstehen gab, sie hätten
sich nicht auf der Höhe der Weltanschauung befunden: so ist das parti pris,
Logik des Systems, Falschmünzerei des Systematikers: eine jener
schlimmen Falschmünzereien, welche Schopenhauern Schritt für Schritt
seine ganze Psychologie verdorben hat (: er, der das Genie, die Kunst selbst,

Page 630

die Moral, die heidnische Religion, die Schönheit, die Erkenntnis und
ungefähr alles willkürlich-gewaltsam mißverstanden hat).

Page 631

511.

Das Kunstwerk, wo es ohne Künstler erscheint, zum Beispiel als Leib,
als Organisation (preußisches Offizierkorps, Jesuitenorden). Inwiefern der
Künstler nur eine Vorstufe ist.
Die Welt als ein sich selbst gebärendes Kunstwerk – –

Page 632

512.

Der Nihilismus der Artisten. – Die Natur grausam durch ihre
Heiterkeit; zynisch mit ihren Sonnenaufgängen. Wir sind feindselig gegen
Rührungen. Wir flüchten dorthin, wo die Natur unsre Sinne und unsre
Einbildungskraft bewegt; wo wir nichts zu lieben haben, wo wir nicht an
die moralischen Scheinbarkeiten und Delikatessen dieser nordischen Natur
erinnert werden; – und so auch in den Künsten. Wir ziehen vor, was nicht
mehr uns an „Gut und Böse“ erinnert. Unsre moralistische Reizbarkeit und
Schmerzfähigkeit ist wie erlöst in einer furchtbaren und glücklichen Natur,
im Fatalismus der Sinne und der Kräfte. Das Leben ohne Güte.
Die Wohltat besteht im Anblick der großartigen Indifferenz der Natur
gegen Gut und Böse.
Keine Gerechtigkeit in der Geschichte, keine Güte in der Natur: deshalb
geht der Pessimist, falls er Artist ist, dorthin in historicis, wo die Absenz der
Gerechtigkeit selber noch mit großartiger Naivität sich zeigt, wo gerade die
Vollkommenheit zum Ausdruck kommt –, und insgleichen in der Natur
dorthin, wo der böse und indifferente Charakter sich nicht verhehlt, wo sie
den Charakter der Vollkommenheit darstellt.... Der nihilistische Künstler
verrät sich im Wollen und Bevorzugen der zynischen Geschichte, der
zynischen Natur.

Page 633

513.

Ich setze hier eine Reihe psychologischer Zustände als Zeichen vollen
und blühenden Lebens hin, welche man heute gewohnt ist, als krankhaft
zu beurteilen. Nun haben wir inzwischen verlernt, zwischen gesund und
krank von einem Gegensatze zu reden: es handelt sich um Grade, – meine
Behauptung in diesem Falle ist, daß, was heute „gesund“ genannt wird, ein
niedrigeres Niveau von dem darstellt, was unter günstigen Verhältnissen
gesund wäre –, daß wir relativ krank sind.... Der Künstler gehört zu einer
noch stärkeren Rasse. Was uns schon schädlich, was bei uns krankhaft
wäre, ist bei ihm Natur – – Aber man wendet uns ein, daß gerade die
Verarmung der Maschine die extravagante Verständniskraft über jedwede
Suggestion ermögliche: Zeugnis unsre hysterischen Weiblein.
Die Überfülle an Säften und Kräften kann so gut Symptome der
partiellen Unfreiheit, von Sinneshalluzinationen, von
Suggestionsraffinements mit sich bringen wie eine Verarmung an Leben –,
der Reiz ist anders bedingt, die Wirkung bleibt sich gleich.... Vor allem ist
die Nachwirkung nicht dieselbe; die extreme Erschlaffung aller morbiden
Naturen nach ihren Nervenexzentrizitäten hat nichts mit den Zuständen des
Künstlers gemein: der seine guten Zeiten nicht abzubüßen hat.... Er ist
reich genug dazu: er kann verschwenden, ohne arm zu werden.
Wie man heute „Genie“ als eine Form der Neurose beurteilen dürfte, so
vielleicht auch die künstlerische Suggestivkraft, – und unsre Artisten sind
in der Tat den hysterischen Weiblein nur zu verwandt!!! Das aber spricht
gegen „heute“, und nicht gegen die „Künstler“.
Die unkünstlerischen Zustände: die der Objektivität, der Spiegelung,
des ausgehängten Willens.... (das skandalöse Mißverständnis
Schopenhauers, der die Kunst als Brücke zur Verneinung des Lebens
nimmt).... Die unkünstlerischen Zustände: der Verarmenden, Abziehenden,
Abblassenden, unter deren Blick das Leben leidet: – der Christ.

Page 634

514.

Der moderne Künstler, in seiner Physiologie dem Hysterismus
nächstverwandt, ist auch als Charakter auf diese Krankhaftigkeit hin
abgezeichnet. Der Hysteriker ist falsch, – er lügt aus Lust an der Lüge, er ist
bewunderungswürdig in jeder Kunst der Verstellung –, es sei denn, daß
seine krankhafte Eitelkeit ihm einen Streich spielt. Diese Eitelkeit ist ein
fortwährendes Fieber, welches Betäubungsmittel nötig hat und vor keinem
Selbstbetrug, vor keiner Farce zurückschreckt, die eine augenblickliche
Linderung verspricht. (Unfähigkeit zum Stolz und beständig Rache für
eine tief eingenistete Selbstverachtung nötig zu haben – das ist beinahe die
Definition dieser Art von Eitelkeit.)
Die absurde Erregbarkeit seines Systems, die aus allen Erlebnissen
Krisen macht und das „Dramatische“ in die geringsten Zufälle des Lebens
einschleppt, nimmt ihm alles Berechenbare: er ist keine Person mehr,
höchstens ein Rendezvous von Personen, von denen bald diese, bald jene
mit unverschämter Sicherheit herausschießt. Eben darum ist er groß als
Schauspieler: alle diese armen Willenlosen, welche die Ärzte in der Nähe
studieren, setzen in Erstaunen durch ihre Virtuosität der Mimik, der
Transfiguration, des Eintretens in fast jeden verlangten Charakter.

Page 635

515.

Künstler sind nicht die Menschen der großen Leidenschaft, was sie uns
und sich auch vorreden mögen. Und das aus zwei Gründen: es fehlt ihnen
die Scham vor sich selber (sie sehen sich zu, indem sie leben; sie lauern
sich auf, sie sind zu neugierig), und es fehlt ihnen auch die Scham vor der
großen Leidenschaft (sie beuten sie als Artisten aus). Zweitens aber ihr
Vampyr, ihr Talent, mißgönnt ihnen meist solche Verschwendung von Kraft,
welche Leidenschaft heißt. – Mit einem Talent ist man auch das Opfer
seines Talents: man lebt unter dem Vampyrismus seines Talents.
Man wird nicht dadurch mit seiner Leidenschaft fertig, daß man sie
darstellt: vielmehr, man ist mit ihr fertig, wenn man sie darstellt. (Goethe
lehrt es anders; aber es scheint, daß er hier sich selbst mißverstehen wollte,
– aus delicatezza.)

Page 636

516.

Verglichen mit dem Künstler, ist das Erscheinen des
wissenschaftlichen Menschen in der Tat ein Zeichen einer gewissen
Eindämmung und Niveauerniedrigung des Lebens (– aber auch einer
Verstärkung, Strenge, Härte, Willenskraft).
Inwiefern die Falschheit, die Gleichgültigkeit gegen Wahr und
Nützlich beim Künstler Zeichen von Jugend, von „Kinderei“ sein
mögen.... Ihre habituelle Art, ihre Unvernünftigkeit, ihre Ignoranz über sich,
ihre Gleichgültigkeit gegen „ewige Werte“, ihr Ernst im „Spiele“, – ihr
Mangel an Würde; Hanswurst und Gott benachbart; der Heilige und die
Kanaille.... Das Nachmachen als Instinkt, kommandierend. –
Aufgangskünstler – Niedergangskünstler: ob sie nicht allen Phasen
zugehören?.... Ja!

Page 637

517.

Würde irgendein Ring in der ganzen Kette von Kunst und Wissenschaft
fehlen, wenn das Weib, wenn das Werk des Weibes darin fehlte? Geben
wir die Ausnahme zu – sie beweist die Regel – das Weib bringt es in allem
zur Vollkommenheit, was nicht ein Werk ist, in Brief, in Memoiren, selbst
in der delikatesten Handarbeit, die es gibt, kurz, in allem, was nicht ein
Metier ist, genau deshalb, weil es darin sich selbst vollendet, weil es damit
seinem einzigen Kunstantrieb gehorcht, den es besitzt, – es will gefallen...
Aber was hat das Weib mit der leidenschaftlichen Indifferenz des echten
Künstlers zu schaffen, der einem Klang, einem Hauch, einem Hopsasa mehr
Wichtigkeit zugesteht als sich selbst? der mit allen fünf Fingern nach
seinem Geheimsten und Innersten greift? der keinem Dinge einen Wert
zugesteht, es sei denn, daß es Form zu werden weiß (– daß es sich preisgibt,
daß es sich öffentlich macht –). Die Kunst, so wie der Künstler sie übt –
begreift ihr's denn nicht, was sie ist: ein Attentat auf alle pudeurs?.... Erst
mit diesem Jahrhundert hat das Weib jene Schwenkung zur Literatur gewagt
(– vers la canaille plumière écrivassière, mit dem alten Mirabeau zu reden):
es schriftstellert, es künstlert, es verliert an Instinkt. Wozu doch? wenn
man fragen darf?

Page 638

518.

Man ist um den Preis Künstler, daß man das, was alle Nichtkünstler
„Form“ nennen, als Inhalt, als „die Sache selbst“ empfindet. Damit gehört
man freilich in eine verkehrte Welt: denn nunmehr wird einem der Inhalt
zu etwas bloß Formalem, – unser Leben eingerechnet.

Page 639

519.

Zur Charakteristik des nationalen Genius in Hinsicht auf Fremdes und
Entlehntes. –
Der englische Genius vergröbert und vernatürlicht alles, was er
empfängt;
der französische verdünnt, vereinfacht, logisiert, putzt auf;
der deutsche vermischt, vermittelt, verwickelt, vermoralisiert;
der italienische hat bei weitem den freiesten und feinsten Gebrauch
vom Entlehnten gemacht und hundertmal mehr hineingesteckt als
herausgezogen: als der reichste Genius, der am meisten zu verschenken
hatte.

Page 640

520.

Wenn man unter Genie eines Künstlers die höchste Freiheit unter dem
Gesetz, die göttliche Leichtigkeit, Leichtfertigkeit im schwersten versteht,
so hat Offenbach noch mehr Anrecht auf den Namen „Genie“ als Wagner.
Wagner ist schwer, schwerfällig: nichts ist ihm fremder als Augenblicke
übermütigster Vollkommenheit, wie sie dieser Hanswurst Offenbach fünf-,
sechsmal fast in jeder seiner bouffonneries erreicht. Aber vielleicht darf
man unter Genie etwas anderes verstehen. –

Page 641

521.

Pessimismus in der Kunst? – Der Künstler liebt allmählich die
Mittel um ihrer selber willen, in denen sich der Rauschzustand zu erkennen
gibt: die extreme Feinheit und Pracht der Farbe, die Deutlichkeit der Linie,
die Nuance des Tons: das Distinkte, wo sonst, im Normalen, alle
Distinktion fehlt. Alle distinkten Sachen, alle Nuancen, insofern sie an die
extremen Kraftsteigerungen erinnern, welche der Rausch erzeugt, wecken
rückwärts dieses Gefühl des Rausches; – die Wirkung der Kunstwerke ist
die Erregung des kunstschaffenden Zustands, des Rausches.
Das Wesentliche an der Kunst bleibt ihre Daseinsvollendung, ihr
Hervorbringen der Vollkommenheit und Fülle; Kunst ist wesentlich
Bejahung, Segnung, Vergöttlichung des Daseins.... Was bedeutet
eine pessimistische Kunst? Ist das nicht eine contradictio? – Ja. –
Schopenhauer irrt, wenn er gewisse Werke der Kunst in den Dienst des
Pessimismus stellt. Die Tragödie lehrt nicht „Resignation“.... Die
furchtbaren und fragwürdigen Dinge darstellen, ist selbst schon ein Instinkt
der Macht und Herrlichkeit am Künstler: er fürchtet sie nicht.... Es gibt
keine pessimistische Kunst.... Die Kunst bejaht. Hiob bejaht. – Aber Zola?
Aber die Goncourts? – Die Dinge sind häßlich, die sie zeigen: aber daß sie
dieselben zeigen, ist aus Lust an diesem Häßlichen.... Hilft nichts! ihr
betrügt euch, wenn ihr's anders behauptet. – Wie erlösend ist Dostoiewsky!

Page 642

522.

Es sind die Ausnahmezustände, die den Künstler bedingen: alle, die mit
krankhaften Erscheinungen tief verwandt und verwachsen sind: so daß es
nicht möglich scheint, Künstler zu sein und nicht krank zu sein.
Die physiologischen Zustände, welche im Künstler gleichsam zur
„Person“ gezüchtet sind und die an sich in irgendwelchem Grade dem
Menschen überhaupt anhaften:
1. der Rausch: das erhöhte Machtgefühl; die innere Nötigung, aus den
Dingen einen Reflex der eignen Fülle und Vollkommenheit zu machen;
2. die extreme Schärfe gewisser Sinne: so daß sie eine ganz andre
Zeichensprache verstehen – und schaffen, – dieselbe, die mit manchen
Nervenkrankheiten verbunden erscheint –; die extreme Beweglichkeit, aus
der eine extreme Mitteilsamkeit wird; das Redenwollen alles dessen, was
Zeichen zu geben weiß –; ein Bedürfnis, sich gleichsam loszuwerden durch
Zeichen und Gebärden; Fähigkeit, von sich durch hundert Sprachmittel zu
reden, – ein explosiver Zustand. Man muß sich diesen Zustand zunächst
als Zwang und Drang denken, durch alle Art Muskelarbeit und
Beweglichkeit die Exuberanz der inneren Spannung loszuwerden: sodann
als unfreiwillige Koordination dieser Bewegung zu den inneren
Vorgängen (Bildern, Gedanken, Begierden), – als eine Art Automatismus
des ganzen Muskelsystems unter dem Impuls von innen wirkender starker
Reize –; Unfähigkeit, die Reaktion zu verhindern; der Hemmungsapparat
gleichsam ausgehängt. Jede innere Bewegung (Gefühl, Gedanke, Affekt)
ist begleitet von Vaskularveränderungen und folglich von
Veränderungen der Farbe, der Temperatur, der Sekretion. Die suggestive
Kraft der Musik, ihre „suggestion mentale“; –
3. das Nachmachen-müssen: eine extreme Irritabilität, bei der sich ein
gegebenes Vorbild kontagiös mitteilt, – ein Zustand wird nach Zeichen
schon erraten und dargestellt.... Ein Bild, innerlich auftauchend, wirkt
schon als Bewegung der Glieder –, eine gewisse Willensaushängung....
(Schopenhauer!!!!) Eine Art Taubsein, Blindsein nach außen hin, – das
Reich der zugelassenen Reize ist scharf umgrenzt.

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Dies unterscheidet den Künstler vom Laien (dem künstlerisch
Empfänglichen): letzterer hat im Aufnehmen seinen Höhepunkt von
Reizbarkeit; ersterer im Geben, – dergestalt, daß ein Antagonismus dieser
beiden Begabungen nicht nur natürlich, sondern wünschenswert ist. Jeder
dieser Zustände hat eine umgekehrte Optik, – vom Künstler verlangen, daß
er sich die Optik des Zuhörers (Kritiker –) einübe, heißt verlangen, daß er
sich und seine schöpferische Kraft verarme.... Es ist hier wie bei der
Differenz der Geschlechter: man soll vom Künstler, der gibt, nicht
verlangen, daß er Weib wird, – daß er „empfängt“.
Unsere Ästhetik war insofern bisher eine Weibsästhetik, als nur die
Empfänglichen für Kunst ihre Erfahrungen „was ist schön?“ formuliert
haben. In der ganzen Philosophie bis heute fehlt der Künstler.... Das ist, wie
das Vorhergehende andeutete, ein notwendiger Fehler: denn der Künstler,
der anfinge, sich zu begreifen, würde sich damit vergreifen, – er hat nicht
zurückzusehen, er hat überhaupt nicht zu sehen, er hat zu geben. – Es ehrt
einen Künstler, der Kritik unfähig zu sein, – andernfalls ist er halb und halb,
ist er „modern“.

Page 644

523.

Das Rauschgefühl, tatsächlich einem Mehr von Kraft entsprechend:
am stärksten in der Paarungszeit der Geschlechter: neue Organe, neue
Fertigkeiten, Farben, Formen; – die „Verschönerung“ ist eine Folge der
erhöhten Kraft. Verschönerung als Ausdruck eines siegreichen Willens,
einer gesteigerten Koordination, einer Harmonisierung aller starken
Begehrungen, eines unfehlbar perpendikulären Schwergewichts. Die
logische und geometrische Vereinfachung ist eine Folge der Krafterhöhung:
umgekehrt erhöht wieder das Wahrnehmen solcher Vereinfachung das
Kraftgefühl.... Spitze der Entwicklung: der große Stil.
Die Häßlichkeit bedeutet décadence eines Typus, Widerspruch und
mangelnde Koordination der inneren Begehrungen, – bedeutet einen
Niedergang an organisierender Kraft, an „Willen“, psychologisch
geredet.
Der Lustzustand, den man Rausch nennt, ist exakt ein hohes
Machtgefühl.... Die Raum- und Zeitempfindungen sind verändert:
ungeheure Fernen werden überschaut und gleichsam erst wahrnehmbar;
die Ausdehnung des Blicks über größere Mengen und Weiten; die
Verfeinerung des Organs für die Wahrnehmung vieles Kleinsten und
Flüchtigsten; die Divination, die Kraft des Verstehens auf die leiseste
Hilfe hin, auf jede Suggestion hin: die „intelligente“ Sinnlichkeit –; die
Stärke als Herrschaftsgefühl in den Muskeln, als Geschmeidigkeit und
Lust an der Bewegung, als Tanz, als Leichtigkeit und Presto; die Stärke als
Lust am Beweis der Stärke, als Bravourstück, Abenteuer, Furchtlosigkeit,
Gleichgültigkeit gegen Leben und Tod.... Alle diese Höhenmomente des
Lebens regen sich gegenseitig an; die Bilder- und Vorstellungswelt des
einen genügt als Suggestion für den andern: – dergestalt sind schließlich
Zustände ineinander verwachsen, die vielleicht Grund hätten, sich fremd zu
bleiben. Zum Beispiel: das religiöse Rauschgefühl und die
Geschlechtserregung (– zwei tiefe Gefühle, nachgerade fast verwunderlich
koordiniert. Was gefällt allen frommen Frauen, alten? jungen? Antwort: ein
Heiliger mit schönen Beinen, noch jung, noch Idiot). Die Grausamkeit in
der Tragödie und das Mitleid (– ebenfalls normal koordiniert....). Frühling,

Page 645

Tanz, Musik: – alles Wettbewerb der Geschlechter, – und auch noch jene
Faustische „Unendlichkeit im Busen“.
Die Künstler, wenn sie etwas taugen, sind (auch leiblich) stark angelegt,
überschüssig, Krafttiere, sensuell; ohne eine gewisse Überheizung des
geschlechtlichen Systems ist kein Raffael zu denken.... Musik machen ist
auch noch eine Art Kindermachen; Keuschheit ist bloß die Ökonomie eines
Künstlers, – und jedenfalls hört auch bei Künstlern die Fruchtbarkeit mit
der Zeugungskraft auf.... Die Künstler sollen nichts so sehen, wie es ist,
sondern voller, sondern einfacher, sondern stärker: dazu muß ihnen eine Art
Jugend und Frühling, eine Art habitueller Rausch im Leben eigen sein.

Page 646

524.

Die Zustände, in denen wir eine Verklärung und Fülle in die Dinge
legen und an ihnen dichten, bis sie unsre eigne Fülle und Lebenslust
zurückspiegeln: der Geschlechtstrieb; der Rausch; die Mahlzeit; der
Frühling; der Sieg über den Feind, der Hohn; das Bravourstück; die
Grausamkeit; die Ekstase des religiösen Gefühls. Drei Elemente
vornehmlich: der Geschlechtstrieb, der Rausch, die Grausamkeit, –
alle zur ältesten Festfreude des Menschen gehörend, alle insgleichen im
anfänglichen „Künstler“ überwiegend.
Umgekehrt: treten uns Dinge entgegen, welche diese Verklärung und
Fülle zeigen, so antwortet das animalische Dasein mit einer Erregung
jener Sphären, wo alle jene Lustzustände ihren Sitz haben: – und eine
Mischung dieser sehr zarten Nuancen von animalischen Wohlgefühlen und
Begierden ist der ästhetische Zustand. Letzterer tritt nur bei solchen
Naturen ein, welche jener abgebenden und überströmenden Fülle des
leiblichen vigor überhaupt fähig sind; in ihm ist immer das primum mobile.
Der Nüchterne, der Müde, der Erschöpfte, der Vertrocknende (zum Beispiel
ein Gelehrter) kann absolut nichts von der Kunst empfangen, weil er die
künstlerische Urkraft, die Nötigung des Reichtums nicht hat: wer nicht
geben kann, empfängt auch nichts.
„Vollkommenheit“: – in jenen Zuständen (bei der Geschlechtsliebe
insonderheit) verrät sich naiv, was der tiefste Instinkt als das Höhere,
Wünschbarere, Wertvollere überhaupt anerkennt, die Aufwärtsbewegung
seines Typus; insgleichen nach welchem Status er eigentlich strebt. Die
Vollkommenheit: das ist die außerordentliche Erweiterung seines
Machtgefühls, der Reichtum, das notwendige Überschäumen über alle
Ränder....

Page 647

525.

Die Sinnlichkeit in ihren Verkleidungen: 1. als Idealismus „Plato“), der
Jugend eigen, dieselbe Art von Hohlspiegelbild schaffend, wie die Geliebte
im speziellen erscheint, eine Inkrustation, Vergrößerung, Verklärung,
Unendlichkeit um jedes Ding legend – : 2. in der Religion der Liebe: „ein
schöner, junger Mann, ein schönes Weib“, irgendwie göttlich, ein
Bräutigam, eine Braut der Seele – : 3. in der Kunst, als „schmückende“
Gewalt: wie der Mann das Weib sieht, indem er ihr gleichsam alles zum
Präsent macht, was es von Vorzügen gibt, so legt die Sinnlichkeit des
Künstlers in ein Objekt, was er sonst noch ehrt und hochhält – dergestalt
vollendet er ein Objekt („idealisiert“ es). Das Weib, unter dem
Bewußtsein, was der Mann in bezug auf das Weib empfindet, kommt
dessen Bemühen nach Idealisierung entgegen, indem es sich
schmückt, schön geht, tanzt, zarte Gedanken äußert: insgleichen übt sie
Scham, Zurückhaltung, Distanz – mit dem Instinkt dafür, daß damit das
idealisierende Vermögen des Mannes wächst. (– Bei der ungeheuren
Feinheit des weiblichen Instinkts bleibt die Scham keineswegs bewußte
Heuchelei: sie errät, daß gerade die naive wirkliche Schamhaftigkeit
den Mann am meisten verführt und zur Überschätzung drängt. Darum ist
das Weib naiv – aus Feinheit des Instinkts, welcher ihr die Nützlichkeit des
Unschuldigseins anrät. Ein willentliches die-Augen-über-sich-
geschlossen-halten.... Überall, wo die Verstellung stärker wirkt, wenn
sie unbewußt ist, wird sie unbewußt.)

Page 648

526.

Was der Rausch alles vermag, der „Liebe“ heißt, und der noch etwas
anderes ist als Liebe! – Doch darüber hat jedermann seine Wissenschaft.
Die Muskelkraft eines Mädchens wächst, sobald nur ein Mann in seine
Nähe kommt; es gibt Instrumente, dies zu messen. Bei einer noch näheren
Beziehung der Geschlechter, wie sie zum Beispiel der Tanz und andere
gesellschaftliche Gepflogenheiten mit sich bringen, nimmt diese Kraft
dergestalt zu, um zu wirklichen Kraftstücken zu befähigen: man traut
endlich seinen Augen nicht – und seiner Uhr! Hier ist allerdings
einzurechnen, daß der Tanz an sich schon, gleich jeder sehr geschwinden
Bewegung, eine Art Rausch für das gesamte Gefäß-, Nerven- und
Muskelsystem mit sich bringt. Man hat in diesem Falle mit den
kombinierten Wirkungen eines doppelten Rausches zu rechnen. – Und wie
weise es mitunter ist, einen kleinen Stich zu haben!.... Es gibt Realitäten,
die man nie sich eingestehen darf; dafür ist man Weib, dafür hat man alle
weiblichen pudeurs.... Diese jungen Geschöpfe, die dort tanzen, sind
ersichtlich jenseits aller Realität: sie tanzen nur mit lauter handgreiflichen
Idealen; sie sehen sogar, was mehr ist, noch Ideale um sich sitzen: die
Mütter!.... Gelegenheit, Faust zu zitieren.... Sie sehen unvergleichlich besser
aus, wenn sie dergestalt ihren kleinen Stich haben, diese hübschen
Kreaturen, – o wie gut sie das auch wissen! sie werden sogar liebenswürdig,
weil sie das wissen! – Zuletzt inspiriert sie auch noch ihr Putz; ihr Putz ist
ihr dritter kleiner Rausch: sie glauben an ihren Schneider, wie sie an ihren
Gott glauben: – und wer widerriete ihnen diesen Glauben! Dieser Glaube
macht selig! Und die Selbstbewunderung ist gesund! – Selbstbewunderung
schützt vor Erkältung. Hat sich je ein hübsches Weib erkältet, das sich gut
bekleidet wußte? Nun und nimmermehr! Ich setze selbst den Fall, daß es
kaum bekleidet war.

Page 649

527.

Will man den erstaunlichsten Beweis dafür, wie weit die
Transfigurationskraft des Rausches geht? – Die „Liebe“ ist dieser Beweis:
Das, was Liebe heißt in allen Sprachen und Stummheiten der Welt. Der
Rausch wird hier mit der Realität in einer Weise fertig, daß im Bewußtsein
des Liebenden die Ursache ausgelöscht und etwas anderes sich an ihrer
Stelle zu finden scheint, – ein Zittern und Aufglänzen aller Zauberspiegel
der Circe.... Hier macht Mensch und Tier keinen Unterschied; noch weniger
Geist, Güte, Rechtschaffenheit. Man wird fein genarrt, wenn man fein ist;
man wird grob genarrt, wenn man grob ist: aber die Liebe, und selbst die
Liebe zu Gott, die Heiligenliebe „erlöster Seelen“, bleibt in der Wurzel eins:
ein Fieber, das Gründe hat, sich zu transfigurieren, ein Rausch, der gut tut,
über sich zu lügen.... Und jedenfalls lügt man gut, wenn man liebt, vor sich
und über sich: man scheint sich transfiguriert, stärker, reicher,
vollkommener, man ist vollkommener.... Wir finden hier die Kunst als
organische Funktion: wir finden sie eingelegt in den engelhaftesten Instinkt
„Liebe“: wir finden sie als größtes Stimulans des Lebens, – Kunst somit als
sublim zweckmäßig auch noch darin, daß sie lügt.... Aber wir würden irren,
bei ihrer Kraft, zu lügen, stehenzubleiben: sie tut mehr als bloß imaginieren:
sie verschiebt selbst die Werte. Und nicht nur, daß sie das Gefühl der
Werte verschiebt: der Liebende ist mehr wert, ist stärker. Bei den Tieren
treibt dieser Zustand neue Waffen, Pigmente, Farben und Formen heraus:
vor allem neue Bewegungen, neue Rhythmen, neue Locktöne und
Verführungen. Beim Menschen ist es nicht anders. Sein Gesamthaushalt ist
reicher als je, mächtiger, ganzer als im Nichtliebenden. Der Liebende wird
Verschwender: er ist reich genug dazu. Er wagt jetzt, wird Abenteurer, wird
ein Esel an Großmut und Unschuld; er glaubt wieder an Gott, er glaubt an
die Tugend, weil er an die Liebe glaubt: und andererseits wachsen diesem
Idioten des Glücks Flügel und neue Fähigkeiten, und selbst zur Kunst tut
sich ihm die Tür auf. Rechnen wir aus der Lyrik in Ton und Wort die
Suggestion jenes intestinalen Fiebers ab: was bleibt von der Lyrik und
Musik übrig?.... L'art pour l'art vielleicht: das virtuose Gequak
kaltgestellter Frösche, die in ihrem Sumpfe desperieren.... Den ganzen
Rest schuf die Liebe....

Page 650

528.

Alle Kunst wirkt als Suggestion auf die Muskeln und Sinne, welche
ursprünglich beim naiven künstlerischen Menschen tätig sind: sie redet
immer nur zu Künstlern, – sie redet zu dieser Art von feiner Beweglichkeit
des Leibes. Der Begriff „Laie“ ist ein Fehlgriff. Der Taube ist keine Spezies
des Guthörigen.
Alle Kunst wirkt tonisch, mehrt die Kraft, entzündet die Lust (das heißt
das Gefühl der Kraft), regt alle die feineren Erinnerungen des Rausches an,
– es gibt ein eigenes Gedächtnis, das in solche Zustände hinunterkommt:
eine ferne und flüchtige Welt von Sensationen kehrt da zurück.
Das Häßliche, das heißt der Widerspruch zur Kunst, das, was
ausgeschlossen wird von der Kunst, ihr Nein: – jedesmal, wenn der
Niedergang, die Verarmung an Leben, die Ohnmacht, die Auflösung, die
Verwesung von fern nur angeregt wird, reagiert der ästhetische Mensch mit
seinem Nein. Das Häßliche wirkt depressiv: es ist der Ausdruck einer
Depression. Es nimmt Kraft, es verarmt, es drückt.. Das Häßliche
suggeriert Häßliches; man kann an seinen Gesundheitszuständen
erproben, wie unterschiedlich das Schlechtbefinden auch die Fähigkeit der
Phantasie des Häßlichen steigert. Die Auswahl wird anders, von Sachen,
Interessen, Fragen. Es gibt einen dem Häßlichen nächstverwandten Zustand
auch im Logischen: – Schwere, Dumpfheit. Mechanisch fehlt dabei das
Gleichgewicht: das Häßliche hinkt, das Häßliche stolpert: – Gegensatz einer
göttlichen Leichtfertigkeit des Tanzenden.
Der ästhetische Zustand hat einen Überreichtum von
Mitteilungsmitteln zugleich mit einer extremen Empfänglichkeit für
Reize und Zeichen. Er ist der Höhepunkt der Mitteilsamkeit und
Übertragbarkeit zwischen lebenden Wesen, – er ist die Quelle der Sprachen.
Die Sprachen haben hier ihren Entstehungsherd: die Tonsprachen so gut als
die Gebärden- und Blicksprachen. Das vollere Phänomen ist immer der
Anfang: unsere Vermögen sind subtilisiert aus volleren Vermögen. Aber
auch heute hört man noch mit den Muskeln, man liest selbst noch mit den
Muskeln.

Page 651

Jede reife Kunst hat eine Fülle Konvention zur Grundlage: insofern sie
Sprache ist. Die Konvention ist die Bedingung der großen Kunst, nicht
deren Verhinderung.... Jede Erhöhung des Lebens steigert die
Mitteilungskraft, insgleichen die Verständniskraft des Menschen. Das
Sichhineinleben in andere Seelen ist ursprünglich nichts Moralisches,
sondern eine physiologische Reizbarkeit der Suggestion: die „Sympathie“
oder was man „Altruismus“ nennt, sind bloße Ausgestaltungen jenes zur
Geistigkeit gerechneten psycho-motorischen Rapports (induction psycho-
motrice meint Ch. Féré). Man teilt sich nie Gedanken mit: man teilt sich
Bewegungen mit, mimische Zeichen, welche von uns auf Gedanken hin
zurückgelesen werden.

Page 652

529.

Die Kunst erinnert uns an Zustände des animalischen vigor; sie ist einmal
ein Überschuß und Ausströmen von blühender Leiblichkeit in die Welt der
Bilder und Wünsche; andrerseits eine Anreizung der animalischen
Funktionen durch Bilder und Wünsche des gesteigerten Lebens; – eine
Erhöhung des Lebensgefühls, ein Stimulans desselben.
Inwiefern kann auch das Häßliche noch diese Gewalt haben? Insofern es
noch von der siegreichen Energie des Künstlers etwas mitteilt, der über dies
Häßliche und Furchtbare Herr geworden ist; oder insofern es die Lust der
Grausamkeit in uns leise anregt (unter Umständen selbst die Lust, uns
wehe zu tun, die Selbstvergewaltigung: und damit das Gefühl der Macht
über uns).

Page 653

530.

Zur Genesis der Kunst. – Jenes Vollkommenmachen,
Vollkommensehen, welches dem mit geschlechtlichen Kräften
überladenen zerebralen System zu eigen ist (der Abend zusammen mit der
Geliebten, die kleinsten Zufälligkeiten verklärt, das Leben eine Abfolge
sublimer Dinge, „das Unglück des Unglücklich-Liebenden mehr wert als
irgend etwas“): andrerseits wirkt jedes Vollkommene und Schöne als
unbewußte Erinnerung jenes verliebten Zustandes und seiner Art, zu sehen
– jede Vollkommenheit, die ganze Schönheit der Dinge erweckt durch
contiguity die aphrodisische Seligkeit wieder. (Physiologisch: der
schaffende Instinkt des Künstlers und die Verteilung des semen ins Blut....)
Das Verlangen nach Kunst und Schönheit ist ein indirektes Verlangen
nach den Entzückungen des Geschlechtstriebes, welche er dem Zerebrum
mitteilt. Die vollkommen gewordne Welt, durch „Liebe“....

Page 654

531.

Die Vermoralisierung der Künste. – Kunst als Freiheit von der
moralischen Verengung und Winkeloptik; oder als Spott über sie. Die
Flucht in die Natur, wo ihre Schönheit mit der Furchtbarkeit sich paart.
Konzeption des großen Menschen.
– Zerbrechliche, unnütze Luxusseelen, welche ein Hauch schon trübe
macht, „die schönen Seelen“.
– Die verblichenen Ideale aufwecken in ihrer schonungslosen Härte
und Brutalität, als die prachtvollsten Ungeheuer, die sie sind.
– Ein frohlockender Genuß an der psychologischen Einsicht in die
Sinuosität und Schauspielerei wider Wissen bei allen vermoralisierten
Künstlern.
– Die Falschheit der Kunst, – ihre Immoralität ans Licht ziehen.
– Die „idealisierenden Grundmächte“ (Sinnlichkeit, Rausch, überreiche
Animalität) ans Licht ziehen.

Page 655

532.

Im dionysischen Rausche ist die Geschlechtlichkeit und die Wollust; sie
fehlt nicht im apollinischen. Es muß noch eine Tempoverschiedenheit in
beiden Zuständen geben.... Die extreme Ruhe gewisser
Rauschempfindungen (strenger: die Verlangsamung des Zeit- und
Raumgefühls) spiegelt sich gern in der Vision der ruhigsten Gebärden und
Seelenarten. Der klassische Stil stellt wesentlich diese Ruhe,
Vereinfachung, Abkürzung, Konzentration dar, – das höchste Gefühl
der Macht ist konzentriert im klassischen Typus. Schwer reagieren: ein
großes Bewußtsein: kein Gefühl von Kampf.

Page 656

533.

Apollinisch – dionysisch. – Es gibt zwei Zustände, in denen die
Kunst selbst wie eine Naturgewalt im Menschen auftritt, über ihn
verfügend, ob er will oder nicht: einmal als Zwang zur Vision, andrerseits
als Zwang zum Orgiasmus. Beide Zustände sind auch im normalen Leben
vorgespiegelt, nur schwächer: im Traum und im Rausch.
Aber derselbe Gegensatz besteht noch zwischen Traum und Rausch:
beide entfesseln in uns künstlerische Gewalten, jede aber verschieden: der
Traum die des Sehens, Verknüpfens, Dichtens; der Rausch die der Gebärde,
der Leidenschaft, des Gesangs, des Tanzes.

Page 657

534.

Der Sinn und die Lust an der Nuance (– die eigentliche Modernität), an
dem, was nicht generell ist, läuft dem Triebe entgegen, welcher seine Lust
und Kraft im Erfassen des Typischen hat: gleich dem griechischen
Geschmack der besten Zeit. Ein Überwältigen der Fülle des Lebendigen ist
darin, das Maß wird Herr, jene Ruhe der starken Seele liegt zugrunde,
welche sich langsam bewegt und einen Widerwillen vor dem
Allzulebendigen hat. Der allgemeine Fall, das Gesetz wird verehrt und
herausgehoben; die Ausnahme wird umgekehrt beiseite gestellt, die
Nuance weggewischt. Das Feste, Mächtige, Solide, das Leben, das breit und
gewaltig ruht und seine Kraft birgt – das „gefällt“: das heißt, das
korrespondiert mit dem, was man von sich hält.

Page 658

535.

„Musik“ – und der große Stil. – Die Größe eines Künstlers bemißt
sich nicht nach den „schönen Gefühlen“, die er erregt: das mögen die
Weiblein glauben. Sondern nach dem Grade, in dem er sich dem großen
Stile nähert, in dem er fähig ist des großen Stils. Dieser Stil hat das mit der
großen Leidenschaft gemein, daß er es verschmäht, zu gefallen; daß er es
vergißt, zu überreden; daß er befiehlt; daß er will.... Über das Chaos Herr
werden, das man ist; sein Chaos zwingen, Form zu werden: logisch,
einfach, unzweideutig, Mathematik, Gesetz werden – das ist hier die große
Ambition. – Mit ihr stößt man zurück; nichts reizt mehr die Liebe zu
solchen Gewaltmenschen, – eine Einöde legt sich um sie, ein Schweigen,
eine Furcht wie vor einem großen Frevel.... Alle Künste kennen solche
Ambitiöse des großen Stils: warum fehlen sie in der Musik? Noch niemals
hat ein Musiker gebaut wie jener Baumeister, der den Palazzo Pitti schuf....
Hier liegt ein Problem. Gehört die Musik vielleicht in jene Kultur, wo das
Reich aller Art Gewaltmenschen schon zu Ende ging? Widerspräche zuletzt
der Begriff großer Stil schon der Seele der Musik, – dem „Weibe“ in unsrer
Musik?....
Ich berühre hier eine Kardinalfrage: wohin gehört unsre ganze Musik?
Die Zeitalter des klassischen Geschmacks kennen nichts ihr Vergleichbares:
sie ist aufgeblüht, als die Renaissancewelt ihren Abend erreichte, als die
„Freiheit“ aus den Sitten und selbst aus den Menschen davon war: – gehört
es zu ihrem Charakter, Gegenrenaissance zu sein? Ist sie die Schwester des
Barockstils, da sie jedenfalls seine Zeitgenossin ist? Ist Musik, moderne
Musik nicht schon décadence?....
Ich habe schon früher einmal den Finger auf diese Frage gelegt: ob unsre
Musik nicht ein Stück Gegenrenaissance in der Kunst ist? ob sie nicht die
Nächstverwandte des Barockstils ist? ob sie nicht im Widerspruch zu allem
klassischen Geschmack gewachsen ist, so daß sich in ihr jede Ambition der
Klassizität von selbst verböte?
Auf diese Wertfrage ersten Ranges würde die Antwort nicht zweifelhaft
sein dürfen, wenn die Tatsache richtig abgeschätzt worden wäre, daß die

Page 659

Musik ihre höchste Reife und Fülle als Romantik erlangt –, noch einmal
als Reaktionsbewegung gegen die Klassizität.
Mozart – eine zärtliche und verliebte Seele, aber ganz achtzehntes
Jahrhundert, auch noch in seinem Ernste.... Beethoven der erste große
Romantiker im Sinne des französischen Begriffs Romantik, wie Wagner
der letzte große Romantiker ist.... beides instinktive Widersacher des
klassischen Geschmacks, des strengen Stils, – um vom „großen“ hier nicht
zu reden.

Page 660

536.

Die Romantik: eine zweideutige Frage, wie alles Moderne.
Die ästhetischen Zustände zwiefach.
Die Vollen und Schenkenden im Gegensatz zu den Suchenden,
Begehrenden.

Page 661

537.

Ein Romantiker ist ein Künstler, den das große Mißvergnügen an sich
schöpferisch macht – der von sich und seiner Mitwelt wegblickt,
zurückblickt.

Page 662

538.

Ist die Kunst eine Folge des Ungenügens am Wirklichen? Oder ein
Ausdruck der Dankbarkeit über genossenes Glück? Im ersten Falle
Romantik, im zweiten Glorienschein und Dithyrambus (kurz
Apotheosenkunst): auch Raffael gehört hierhin, nur daß er jene
Falschheit hatte, den Anschein der christlichen Weltauslegung zu
vergöttern. Er war dankbar für das Dasein, wo es nicht spezifisch
christlich sich zeigte.
Mit der moralischen Interpretation ist die Welt unerträglich. Das
Christentum war der Versuch, die Welt damit zu „überwinden“: das heißt zu
verneinen. In praxi lief ein solches Attentat des Wahnsinns – einer
wahnsinnigen Selbstüberhebung des Menschen angesichts der Welt – auf
Verdüsterung, Verkleinlichung, Verarmung des Menschen hinaus: die
mittelmäßigste und unschädlichste Art, die herdenhafte Art Mensch, fand
allein dabei ihre Rechnung, ihre Förderung, wenn man will.
Homer als Apotheosenkünstler; auch Rubens. Die Musik hat noch
keinen gehabt.
Die Idealisierung des großen Frevlers (der Sinn für seine Größe) ist
griechisch; das Herunterwürdigen, Verleumden, Verächtlichmachen des
Sünders ist jüdisch-christlich.

Page 663

539.

Was ist Romantik? – In Hinsicht auf alle ästhetischen Werte bediene
ich mich jetzt dieser Grundunterscheidung: ich frage in jedem einzelnen
Falle, „ist hier der Hunger oder der Überfluß schöpferisch geworden?“ Von
vornherein möchte sich eine andre Unterscheidung besser zu empfehlen
scheinen – sie ist bei weitem augenscheinlicher – nämlich die
Unterscheidung, ob das Verlangen nach Starrwerden, Ewigwerden, nach
„Sein“ die Ursache des Schaffens ist, oder aber das Verlangen nach
Zerstörung, nach Wechsel, nach Werden. Aber beide Arten des Verlangens
erweisen sich, tiefer angesehen, noch als zweideutig, und zwar deutbar eben
nach jenem vorangestellten und mit Recht, wie mich dünkt,
vorgezogenen Schema.
Das Verlangen nach Zerstörung, Wechsel, Werden kann der Ausdruck
der übervollen, zukunftsschwangern Kraft sein (mein Terminus dafür ist,
wie man weiß, das Wort „dionysisch“); es kann aber auch der Haß der
Mißratnen, Entbehrenden, Schlechtweggekommenen sein, der zerstört,
zerstören muß, weil ihn das Bestehende, ja alles Bestehen, alles Sein selbst
empört und aufreizt.
„Verewigen“ andrerseits kann einmal aus Dankbarkeit und Liebe
kommen: – eine Kunst dieses Ursprungs wird immer eine Apotheosenkunst
sein, dithyrambisch vielleicht mit Rubens, selig mit Hafis, hell und gütig
mit Goethe, und einen homerischen Glorienschein über alle Dinge breitend;
– es kann aber auch jener tyrannische Wille eines Schwerleidenden sein,
welcher das Persönlichste, Einzelnste, Engste, die eigentliche Idiosynkrasie
seines Leidens noch zum verbindlichen Gesetz und Zwang stempeln
möchte, und der an allen Dingen gleichsam Rache nimmt, dadurch, daß er
ihnen sein Bild, das Bild seiner Tortur aufdrückt, einzwängt, einbrennt.
Letzteres ist romantischer Pessimismus in der ausdrucksvollsten Form: sei
es als Schopenhauersche Willensphilosophie, sei es als Wagnersche Musik.

Page 664

540.

Ob nicht hinter dem Gegensatz von Klassisch und Romantisch der
Gegensatz des Aktiven und Reaktiven verborgen liegt? –

Page 665

541.

Um Klassiker zu sein, muß man alle starken, anscheinend
widerspruchsvollen Gaben und Begierden haben: aber so, daß sie
miteinander unter einem Joche gehen, zur rechten Zeit kommen, um ein
Genus von Literatur oder Kunst oder Politik auf seine Höhe und Spitze zu
bringen (: nicht nachdem dies schon geschehen ist....): einen
Gesamtzustand (sei es eines Volkes, sei es einer Kultur) in seiner tiefsten
und innersten Seele widerspiegeln zu einer Zeit, wo er noch besteht und
noch nicht überfärbt ist von der Nachahmung des Fremden (oder noch
abhängig ist....); kein reaktiver, sondern ein schließender und vorwärts
führender Geist sein, Ja sagend in allen Fällen, selbst mit seinem Haß.
„Es gehört dazu nicht der höchste persönliche Wert?“... Vielleicht zu
erwägen, ob die moralischen Vorurteile hier nicht ihr Spiel spielen, und ob
große moralische Höhe nicht vielleicht an sich ein Widerspruch gegen
das Klassische ist?.... Ob nicht die moralischen Monstra notwendig
Romantiker sein müssen in Wort und Tat?.... Ein solches Übergewicht
einer Tugend über die andern (wie beim moralischen Monstrum) steht eben
der klassischen Macht im Gleichgewicht feindlich entgegen: gesetzt, man
hätte diese Höhe und wäre trotzdem Klassiker, so dürfte dreist geschlossen
werden, man besitze auch die Immoralität auf gleicher Höhe: dies vielleicht
der Fall Shakespeare (gesetzt, daß es wirklich Lord Bacon ist).

Page 666

542.

Zukünftiges. – Gegen die Romantik der großen „Passion“. –
Zu begreifen, wie zu jedem „klassischen“ Geschmack ein Quantum Kälte,
Luzidität, Härte hinzugehört: Logik vor allem, Glück in der Geistigkeit,
„drei Einheiten“, Konzentration, Haß gegen Gefühl, Gemüt, esprit, Haß
gegen das Vielfache, Unsichere, Schweifende, Ahnende so gut als gegen
das Kurze, Spitze, Hübsche, Gütige. Man soll nicht mit künstlerischen
Formeln spielen: man soll das Leben umschaffen, daß es sich nachher
formulieren muß.
Es ist eine heitere Komödie, über die erst jetzt wir lachen lernen, die wir
jetzt erst sehen: daß die Zeitgenossen Herders, Winckelmanns, Goethes
und Hegels in Anspruch nahmen, das klassische Ideal wieder
entdeckt zu haben.... und zu gleicher Zeit Shakespeare. – Und dasselbe
Geschlecht hatte sich von der klassischen Schule der Franzosen auf schnöde
Art losgesagt! als ob nicht das Wesentliche so gut hier- wie dorther hätte
gelernt werden können!.... Aber man wollte die „Natur“, die
„Natürlichkeit“: o Stumpfsinn! Man glaubte, die Klassizität sei eine Art
Natürlichkeit!
Ohne Vorurteil und Weichlichkeit zu Ende denken, auf welchem Boden
ein klassischer Geschmack wachsen kann. Verhärtung, Vereinfachung,
Verstärkung, Verböserung des Menschen: so gehört es zusammen. Die
logisch-psychologische Vereinfachung. Die Verachtung des Details, des
Komplexen, des Ungewissen.
Die Romantiker in Deutschland protestierten nicht gegen den
Klassizismus, sondern gegen Vernunft, Aufklärung, Geschmack,
achtzehntes Jahrhundert.
Die Sensibilität der romantisch-Wagnerschen Musik: Gegensatz der
klassischen Sensibilität.
Der Wille zur Einheit (weil die Einheit tyrannisiert: nämlich die Zuhörer,
Zuschauer), aber die Unfähigkeit, sich in der Hauptsache zu tyrannisieren:
nämlich in Hinsicht auf das Werk selbst (auf Verzichtleisten, Kürzen,

Page 667

Klären, Vereinfachen). Die Überwältigung durch Massen (Wagner, Victor
Hugo, Zola, Taine).

Page 668

543.

Der Künstlerphilosoph. Höherer Begriff der Kunst. Ob der Mensch
sich so fern stellen kann von den andern Menschen, um an ihnen zu
gestalten? (– Vorübungen: 1. der Sich-selbst-Gestaltende, der Einsiedler;
2. der bisherige Künstler als der kleine Vollender an einem Stoffe.)

Page 669

Viertes Buch.
Zucht und Züchtung.

Page 670

1. Rangordnung.

Page 671

544.

Ich bin dazu gedrängt, im Zeitalter des suffrage universel, das heißt, wo
jeder über jeden und jedes zu Gericht sitzen darf, die Rangordnung
wiederherzustellen.

Page 672

545.

Ich lehre: daß es höhere und niedere Menschen gibt, und daß ein
Einzelner ganzen Jahrtausenden unter Umständen ihre Existenz
rechtfertigen kann – das heißt ein voller, reicher, großer, ganzer Mensch in
Hinsicht auf zahllose unvollständige Bruchstück-Menschen.

Page 673

546.

Ich unterscheide einen Typus des aufsteigenden Lebens und einen andern
des Verfalls, der Zersetzung, der Schwäche. Sollte man glauben, daß die
Rangfrage zwischen beiden Typen überhaupt noch zu stellen ist?....

Page 674

547.

Die Rangordnung der Menschenwerte. –
a) Man soll einen Menschen nicht nach einzelnen Werken abschätzen.
Epidermalhandlungen. Nichts ist seltener als eine Personalhandlung.
Ein Stand, ein Rang, eine Volksrasse, eine Umgebung, ein Zufall – alles
drückt sich eher noch in einem Werke oder Tun aus als eine „Person“.
b) Man soll überhaupt nicht voraussetzen, daß viele Menschen
„Personen“ sind. Und dann sind manche auch mehrere Personen, die
meisten sind keine. Überall, wo die durchschnittlichen Eigenschaften
überwiegen, auf die es ankommt, daß ein Typus fortbesteht, wäre Person-
Sein eine Vergeudung, ein Luxus, hätte es gar keinen Sinn, nach einer
„Person“ zu verlangen. Es sind Träger, Transmissionswerkzeuge.
c) Die „Person“ ein relativ isoliertes Faktum; in Hinsicht auf die weit
größere Wichtigkeit des Fortflusses und der Durchschnittlichkeit, somit
beinahe etwas Widernatürliches. Zur Entstehung der Person gehört eine
zeitige Isolierung, ein Zwang zu einer Wehr- und Waffenexistenz, etwas wie
Einmauerung, eine größere Kraft des Abschlusses; und vor allem eine viel
geringere Impressionabilität, als sie der mittlere Mensch, dessen
Menschlichkeit kontagiös ist, hat.
Erste Frage in betreff der Rangordnung: wie solitär oder wie
herdenhaft jemand ist. (Im letztern Falle liegt sein Wert in den
Eigenschaften, die den Bestand seiner Herde, seines Typus sichern; im
andern Falle in dem, was ihn abhebt, isoliert, verteidigt und solitär
ermöglicht.)
Folgerung: man soll den solitären Typus nicht abschätzen nach dem
herdenhaften, und den herdenhaften nicht nach dem solitären.
Aus der Höhe betrachtet, sind beide notwendig; insgleichen ist ihr
Antagonismus notwendig, – und nichts ist mehr zu verbannen als jene
„Wünschbarkeit“, es möchte sich etwas Drittes aus beiden entwickeln
(„Tugend“ als Hermaphroditismus). Das ist so wenig „wünschbar“ als die
Annäherung und Aussöhnung der Geschlechter. Das Typische
fortentwickeln, die Kluft immer tiefer aufreißen....

Page 675

Begriff der Entartung in beiden Fällen: wenn die Herde den
Eigenschaften der solitären Wesen sich nähert und diese den Eigenschaften
der Herde, – kurz, wenn sie sich annähern. Dieser Begriff der Entartung
ist abseits von der moralischen Beurteilung.

Page 676

548.

Vom Range. Die schreckliche Konsequenz der „Gleichheit“ –
schließlich glaubt jeder das Recht zu haben zu jedem Problem. Es ist alle
Rangordnung verlorengegangen.

Page 677

549.

Vorteil eines Abseits von seiner Zeit. – Abseits gestellt gegen die beiden
Bewegungen, die individualistische und die kollektivistische Moral, – denn
auch die erste kennt die Rangordnung nicht und will dem einen die gleiche
Freiheit geben wie allen. Meine Gedanken drehen sich nicht um den Grad
von Freiheit, der dem einen oder dem andern oder allen zu gönnen ist,
sondern um den Grad von Macht, den einer oder der andere über andere
oder alle üben soll, respektive inwiefern eine Opferung von Freiheit, eine
Versklavung selbst, zur Hervorbringung eines höheren Typus die Basis
gibt. In gröbster Form gedacht: wie könnte man die Entwicklung der
Menschheit opfern, um einer höheren Art, als der Mensch ist, zum
Dasein zu helfen? –

Page 678

550.

Rangbestimmend, rangabhebend sind allein Machtquantitäten: und nichts
sonst.

Page 679

551.

Über den Rang entscheidet das Quantum Macht, das du bist; der Rest ist
Feigheit.

Page 680

552.

Der Wille zur Macht. – Wie die Menschen beschaffen sein müßten,
welche diese Umwertung an sich vornehmen. Die Rangordnung als
Machtordnung: Krieg und Gefahr die Voraussetzung, daß ein Rang seine
Bedingungen festhält. Das grandiose Vorbild: der Mensch in der Natur –
das schwächste, klügste Wesen sich zum Herrn machend, die dümmeren
Gewalten sich unterjochend.

Page 681

553.

Neue Rangordnung der Geister: nicht mehr die tragischen Naturen voran.

Page 682

554.

Den Wert eines Menschen danach abschätzen, was er den Menschen
nützt oder kostet oder schadet: das bedeutet ebensoviel und
ebensowenig als ein Kunstwerk abschätzen je nach den Wirkungen, die es
tut. Aber damit ist der Wert des Menschen im Vergleich mit anderen
Menschen gar nicht berührt. Die „moralische Wertschätzung“, soweit sie
eine soziale ist, mißt durchaus den Menschen nach seinen Wirkungen. Ein
Mensch mit seinem eigenen Geschmack auf der Zunge, umschlossen und
versteckt durch seine Einsamkeit, unmitteilbar, unmitteilsam, – ein
unausgerechneter Mensch, also ein Mensch einer höheren, jedenfalls
anderen Spezies: wie wollt ihr den abwerten können, da ihr ihn nicht
kennen könnt, nicht vergleichen könnt?
Die moralische Abwertung hat die größte Urteilsstumpfheit im
Gefolge gehabt: der Wert eines Menschen an sich ist unterschätzt, fast
übersehen, fast geleugnet. Rest der naiven Teleologie: der Wert des
Menschen nur in Hinsicht auf die Menschen.

Page 683

555.

Die Revolution ermöglichte Napoleon: das ist ihre Rechtfertigung. Um
einen ähnlichen Preis würde man den anarchistischen Einsturz unsrer
ganzen Zivilisation wünschen müssen. Napoleon ermöglichte den
Nationalismus: das ist dessen Entschuldigung.
Der Wert eines Menschen (abgesehen, wie billig, von Moralität und
Unmoralität: denn mit diesen Begriffen wird der Wert eines Menschen
noch nicht einmal berührt) liegt nicht in seiner Nützlichkeit: denn er
bestünde fort, selbst wenn es niemanden gäbe, dem er zu nützen wüßte.
Und warum könnte nicht gerade der Mensch, von dem die verderblichsten
Wirkungen ausgingen, die Spitze der ganzen Spezies Mensch sein: so hoch,
so überlegen, daß an ihm alles vor Neid zugrunde ginge?

Page 684

556.

Mißverständnis des Egoismus: von seiten der gemeinen Naturen,
welche gar nichts von der Eroberungslust und Unersättlichkeit der großen
Liebe wissen, ebenso von den ausströmenden Kraftgefühlen, welche
überwältigen, zu sich zwingen, sich ans Herz legen wollen, – der Trieb des
Künstlers nach seinem Material. Oft auch nur sucht der Tätigkeitssinn nach
einem Terrain. – Im gewöhnlichen „Egoismus“ will gerade das „Nicht-
ego“, das tiefe Durchschnittswesen, der Gattungsmensch seine
Erhaltung – das empört, falls es von den Seltneren, Feineren und weniger
Durchschnittlichen wahrgenommen wird. Denn diese urteilen: „wir sind die
Edleren! Es liegt mehr an unserer Erhaltung als an der jenes Viehs!“

Page 685

557.

Gegen John Stuart Mill. – Ich perhorresziere seine Gemeinheit,
welche sagt, „was dem einen recht ist, ist dem andern billig“; „was du nicht
willst usw., das füg' auch keinem andern zu“; welche den ganzen
menschlichen Verkehr auf Gegenseitigkeit der Leistung begründen
will, so daß jede Handlung als eine Art Abzahlung erscheint für etwas, das
uns erwiesen ist. Hier ist die Voraussetzung unvornehm im untersten
Sinne: hier wird die Äquivalenz der Werte von Handlungen
vorausgesetzt bei mir und dir; hier ist der persönlichste Wert einer
Handlung einfach annulliert (das, was durch nichts ausgeglichen und
bezahlt werden kann –). Die „Gegenseitigkeit“ ist eine große Gemeinheit;
gerade daß etwas, das ich tue, nicht von einem andern getan werden
dürfte und könnte, daß es keinen Ausgleich geben darf (– außer in
der ausgewähltesten Sphäre der „meinesgleichen“, inter pares –), daß
man in einem tieferen Sinne nie zurückgibt, weil man etwas Einmaliges
ist und nur Einmaliges tut, – diese Grundüberzeugung enthält die
Ursache der aristokratischen Absonderung von der Menge, weil die
Menge an „Gleichheit“ und folglich Ausgleichbarkeit und
„Gegenseitigkeit“ glaubt.

Page 686

558.

Randbemerkung zu einer niaiserie anglaise. – „Was du nicht willst,
das dir die Leute tun, das tue ihnen auch nicht.“ Das gilt als Weisheit; das
gilt als Klugheit; das gilt als Grund der Moral, – als „güldener Spruch“.
John Stuart Mill (und wer nicht unter Engländern?) glaubt daran!.... Aber
der Spruch hält nicht den leichtesten Angriff aus. Der Kalkul: „tue nichts,
was dir selber nicht angetan werden soll“ verbietet Handlungen um ihrer
schädlichen Folgen willen: der Hintergedanke ist, daß eine Handlung immer
vergolten wird. Wie nun, wenn jemand, mit dem „Principe“ in der Hand,
sagte: „gerade solche Handlungen muß man tun, damit andere uns nicht
zuvorkommen, damit wir andere außer Stand setzen, sie uns anzutun“? –
Andrerseits: denken wir uns einen Korsen, dem seine Ehre die vendetta
gebietet. Auch er wünscht keine Flintenkugel in den Leib: aber die Aussicht
auf eine solche, die Wahrscheinlichkeit einer Kugel hält ihn nicht ab,
seiner Ehre zu genügen.... Und sind wir nicht in allen anständigen
Handlungen eben absichtlich gleichgültig gegen das, was daraus für uns
kommt? Eine Handlung zu vermeiden, die schädliche Folgen für uns hätte,
– das wäre ein Verbot für anständige Handlungen überhaupt.
Dagegen ist der Spruch wertvoll, weil er einen Typus Mensch verrät:
es ist der Instinkt der Herde, der sich mit ihm formuliert, – man ist
gleich, man nimmt sich gleich: wie ich dir, so du mir. – Hier wird wirklich
an eine Äquivalenz der Handlungen geglaubt, die, in allen realen
Verhältnissen, einfach nicht vorkommt. Es kann nicht jede Handlung
zurückgegeben werden: zwischen wirklichen „Individuen“ gibt es keine
gleichen Handlungen, folglich auch keine „Vergeltung“.... Wenn ich
etwas tue, so liegt mir der Gedanke vollkommen fern, daß überhaupt
dergleichen irgendeinem Menschen möglich sei: es gehört mir.... Man kann
mir nichts zurückzahlen, man würde immer eine „andere“ Handlung
gegen mich begehen. –

Page 687

559.

Ich zeige auf etwas Neues hin: gewiß, für ein solches demokratisches
Wesen gibt es die Gefahr des Barbaren, aber man sucht sie nur in der Tiefe.
Es gibt auch eine andere Art Barbaren, die kommen aus der Höhe: eine
Art von erobernden und herrschenden Naturen, welche nach einem Stoffe
suchen, den sie gestalten können. Prometheus war ein solcher Barbar.

Page 688

560.

Die typischen Selbstgestaltungen. Oder: die acht
Hauptfragen.
1. Ob man sich vielfacher haben will oder einfacher?
2. Ob man glücklicher werden will oder gleichgültiger gegen Glück und
Unglück?
3. Ob man zufriedner mit sich werden will oder anspruchsvoller und
unerbittlicher?
4. Ob man weicher, nachgebender, menschlicher werden will oder
„unmenschlicher“?
5. Ob man klüger werden will oder rücksichtsloser?
6. Ob man ein Ziel erreichen will oder allen Zielen ausweichen (wie es
zum Beispiel der Philosoph tut, der in jedem Ziel eine Grenze, einen
Winkel, ein Gefängnis, eine Dummheit riecht)?
7. Ob man geachteter werden will oder gefürchteter? Oder verachteter?
8. Ob man Tyrann oder Verführer oder Hirt oder Herdentier werden will?

Page 689

561.

Die Rechte, die ein Mensch sich nimmt, stehen im Verhältnis zu den
Pflichten, die er sich stellt, zu den Aufgaben, denen er sich gewachsen
fühlt. Die allermeisten Menschen sind ohne Recht zum Dasein, sondern
ein Unglück für die höheren.

Page 690

562.

Die Lasterhaften und Zügellosen: ihr deprimierender Einfluß auf den
Wert der Begierden. Es ist die schauerliche Barbarei der Sitte, welche,
im Mittelalter vornehmlich, zu einem wahren „Bund der Tugend“ zwingt –
nebst ebenso schauerlichen Übertreibungen über das, was den Wert des
Menschen ausmacht. Die kämpfende „Zivilisation“ (Zähmung) braucht alle
Art Eisen und Tortur, um sich gegen die Furchtbarkeit und Raubtiernatur
aufrechtzuerhalten.
Hier ist eine Verwechslung ganz natürlich, obwohl vom schlimmsten
Einfluß: Das, was Menschen der Macht und des Willens von sich
verlangen können, gibt ein Maß auch für das, was sie sich zugestehen
dürfen. Solche Naturen sind der Gegensatz der Lasterhaften und
Zügellosen: obwohl sie unter Umständen Dinge tun, deretwegen ein
geringerer Mensch des Lasters und der Unmäßigkeit überführt wäre.
Hier schadet der Begriff der „Gleichwertigkeit der Menschen vor
Gott“ außerordentlich; man verbot Handlungen und Gesinnungen, welche
an sich zu den Prärogativen der Starkgeratenen gehören, – wie als ob sie an
sich des Menschen unwürdig wären. Man brachte die ganze Tendenz der
starken Menschen in Verruf, indem man die Schutzmittel der Schwächsten
(auch gegen sich Schwächsten) als Wertnorm aufstellte.
Die Verwechslung geht so weit, daß man geradezu die großen
Virtuosen des Lebens (deren Selbstherrlichkeit den schärfsten Gegensatz
zum Lasterhaften und Zügellosen abgibt) mit den schimpflichsten Namen
brandmarkte. Noch jetzt glaubt man einen Cesare Borgia mißbilligen zu
müssen; das ist einfach zum Lachen. Die Kirche hat deutsche Kaiser auf
Grund ihrer Laster in Bann getan: als ob ein Mönch oder Priester über das
mitreden dürfte, was ein Friedrich der Zweite von sich fordern darf. Ein
Don Juan wird in die Hölle geschickt: das ist sehr naiv. Hat man bemerkt,
daß im Himmel alle interessanten Menschen fehlen?.... Nur ein Wink für
die Weiblein, wo sie ihr Heil am besten finden. – Denkt man ein wenig
konsequent und außerdem mit einer vertieften Einsicht in das, was ein
„großer Mensch“ ist, so unterliegt es keinem Zweifel, daß die Kirche alle

Page 691

„großen Menschen“ in die Hölle schickt –, sie kämpft gegen alle „Größe
des Menschen“.

Page 692

563.

Die mächtigsten und gefährlichsten Leidenschaften des Menschen, an
denen er am leichtesten zugrunde geht, sind so gründlich in Acht getan, daß
damit die mächtigsten Menschen selber unmöglich geworden sind oder sich
als böse, als „schädlich und unerlaubt“ fühlen mußten. Diese Einbuße ist
groß, aber notwendig bisher gewesen: jetzt, wo eine Menge Gegenkräfte
großgezüchtet sind durch zeitweilige Unterdrückung jener Leidenschaften
(von Herrschsucht, Lust an der Verwandlung und Täuschung), ist deren
Entfesselung wieder möglich: sie werden nicht mehr die alte Wildheit
haben. Wir erlauben uns die zahme Barbarei: man sehe unsre Künstler und
Staatsmänner an.

Page 693

564.

Ich sehe durchaus nicht ab, wie einer es wieder gut machen kann, der
versäumt hat, zur rechten Zeit in eine gute Schule zu gehen. Ein solcher
kennt sich nicht; er geht durchs Leben, ohne gehen gelernt zu haben; der
schlaffe Muskel verrät sich bei jedem Schritt noch. Mitunter ist das Leben
so barmherzig, diese harte Schule nachzuholen: jahrelanges Siechtum
vielleicht, das die äußerste Willenskraft und Selbstgenügsamkeit
herausfordert; oder eine plötzlich hereinbrechende Notlage, zugleich noch
für Weib und Kind, welche eine Tätigkeit erzwingt, die den erschlafften
Fasern wieder Energie gibt und dem Willen zum Leben die Zähigkeit
zurückgewinnt. Das Wünschenswerteste bleibt unter allen Umständen
eine harte Disziplin zur rechten Zeit, das heißt in jenem Alter noch, wo
es stolz macht, viel von sich verlangt zu sehen. Denn dies unterscheidet die
harte Schule als gute Schule von jeder anderen: daß viel verlangt wird; daß
streng verlangt wird; daß das Gute, das Ausgezeichnete selbst als normal
verlangt wird; daß das Lob selten ist; daß die Indulgenz fehlt; daß der Tadel
scharf, sachlich, ohne Rücksicht auf Talent und Herkunft laut wird. Eine
solche Schule hat man in jedem Betracht nötig: das gilt vom Leiblichsten
wie vom Geistigsten: es wäre verhängnisvoll, hier trennen zu wollen! Die
gleiche Disziplin macht den Militär und den Gelehrten tüchtig: und, näher
besehen, es gibt keinen tüchtigen Gelehrten, der nicht die Instinkte eines
tüchtigen Militärs im Leibe hat. Befehlen können und wieder auf eine stolze
Weise gehorchen; in Reih und Glied stehen, aber fähig jederzeit, auch zu
führen; die Gefahr dem Behagen vorziehen; das Erlaubte und Unerlaubte
nicht in einer Krämerwage wiegen; dem Mesquinen, Schlauen,
Parasitischen mehr feind sein als dem Bösen. – Was lernt man in einer
harten Schule? Gehorchen und Befehlen.

Page 694

565.

Das Verdienst leugnen: aber das tun, was über allem Loben, ja über
allem Verstehen ist.

Page 695

566.

Nützlich sind die Affekte allesamt, die einen direkt, die andern indirekt;
in Hinsicht auf den Nutzen ist es schlechterdings unmöglich, irgendeine
Wertabfolge festzusetzen, – so gewiß, ökonomisch gemessen, die Kräfte in
der Natur allesamt gut, das heißt nützlich sind, so viel furchtbares und
unwiderrufliches Verhängnis auch von ihnen ausgeht. Höchstens könnte
man sagen, daß die mächtigsten Affekte die wertvollsten sind: insofern es
keine größeren Kraftquellen gibt.

Page 696

567.

Wieviel Vorteil opfert der Mensch, wie wenig „eigennützig“ ist er! Alle
seine Affekte und Leidenschaften wollen ihr Recht haben – und wie fern
vom klugen Nutzen des Eigennutzes ist der Affekt!
Man will nicht sein „Glück“; man muß Engländer sein, um glauben zu
können, daß der Mensch immer seinen Vorteil sucht. Unsre Begierden
wollen sich in langer Leidenschaft an den Dingen vergreifen –, ihre
aufgestaute Kraft sucht die Widerstände.

Page 697

568.

Die Erziehung zu jenen Herrschertugenden, welche auch über sein
Wohlwollen und Mitleiden Herr werden: die großen Züchtertugenden
(„seinen Feinden vergeben“ ist dagegen Spielerei), den Affekt des
Schaffenden auf die Höhe bringen – nicht mehr Marmor behauen! –
Die Ausnahme- und Machtstellung jener Wesen (verglichen mit der der
bisherigen Fürsten): der römische Cäsar mit Christi Seele.

Page 698

569.

Der höhere Mensch und der Herdenmensch. Wenn die großen
Menschen fehlen, so macht man aus den vergangenen großen Menschen
Halbgötter oder ganze Götter: das Ausbrechen von Religion beweist, daß
der Mensch nicht mehr am Menschen Lust hat (– „und am Weibe auch
nicht“ mit Hamlet). Oder: man bringt viele Menschen auf einen Haufen als
Parlamente und wünscht, daß sie gleich tyrannisch wirken.
Das „Tyrannisierende“ ist die Tatsache großer Menschen: sie machen den
Geringeren dumm.

Page 699

570.

Der Hammer. Wie müssen Menschen beschaffen sein, die umgekehrt
wertschätzen? – Menschen, die alle Eigenschaften der modernen Seele
haben, aber stark genug sind, sie in lauter Gesundheit umzuwandeln? – Ihr
Mittel zu ihrer Aufgabe.

Page 700

571.

Der starke Mensch, mächtig in den Instinkten einer starken Gesundheit,
verdaut seine Taten ganz ebenso, wie er die Mahlzeiten verdaut; er wird mit
schwerer Kost selbst fertig: in der Hauptsache aber führt ihn ein
unversehrter und strenger Instinkt, daß er nichts tut, was ihm widersteht, so
wenig, als er etwas ißt, das ihm nicht schmeckt.

Page 701

572.

Die wohlwollenden, hilfreichen, gütigen Gesinnungen sind
schlechterdings nicht um des Nutzens willen, der von ihnen ausgeht, zu
Ehren gekommen: sondern weil sie Zustände reicher Seelen sind, welche
abgeben können und ihren Wert als Füllegefühl des Lebens tragen. Man
sehe die Augen des Wohltäters an! Das ist das Gegenstück der
Selbstverneinung, des Hasses auf das moi, des „Pascalismus“.

Page 702

573.

Zu den herrschaftlichen Typen. – Der „Hirt“ im Gegensatz zum „Herrn“
(– ersterer Mittel zur Erhaltung der Herde; letzterer Zweck, weshalb die
Herde da ist).

Page 703

574.

Hauptgesichtspunkt: daß man nicht die Aufgabe der höheren
Spezies in der Leitung der niederen sieht (wie es zum Beispiel Comte
macht –), sondern die niedere als Basis, auf der eine höhere Spezies ihrer
eigenen Aufgabe lebt, – auf der sie erst stehen kann.
Die Bedingungen, unter denen eine starke und vornehme Spezies sich
erhält (in Hinsicht auf geistige Zucht), sind die umgekehrten von denen,
unter welchen die „industriellen Massen“, die Krämer à la Spencer stehen.
Das, was nur den stärksten und fruchtbarsten Naturen freisteht zur
Ermöglichung ihrer Existenz – Muße, Abenteuer, Unglaube,
Ausschweifung selbst –, das würde, wenn es den mittleren Nationen
freistünde, diese notwendig zugrunde richten – und tut es auch. Hier ist die
Arbeitsamkeit, die Regel, die Mäßigkeit, die feste „Überzeugung“ am
Platze, – kurz die „Herdentugenden“: unter ihnen wird diese mittlere Art
Mensch vollkommen.

Page 704

575.

Daß man sein Leben, seine Gesundheit, seine Ehre aufs Spiel setzt, das
ist die Folge des Übermutes und eines überströmenden, verschwenderischen
Willens: nicht aus Menschenliebe, sondern weil jede große Gefahr unsre
Neugierde in bezug auf das Maß unsrer Kraft, unsres Mutes herausfordert.

Page 705

576.

„Sein Leben lassen für eine Sache“ – großer Effekt. Aber man läßt für
vieles sein Leben: die Affekte samt und sonders wollen ihre Befriedigung.
Ob es das Mitleid ist oder der Zorn oder die Rache – daß das Leben daran
gesetzt wird, verändert nichts am Werte. Wie viele haben ihr Leben für die
hübschen Weiblein geopfert – und selbst, was schlimmer ist, ihre
Gesundheit! Wenn man das Temperament hat, so wählt man instinktiv die
gefährlichen Dinge: zum Beispiel die Abenteuer der Spekulation, wenn man
Philosoph, oder der Immoralität, wenn man tugendhaft ist. Die eine Art
Mensch will nichts riskieren, die andre will riskieren. Sind wir anderen
Verächter des Lebens? Im Gegenteil, wir suchen instinktiv ein
potenziertes Leben, das Leben in der Gefahr.... Damit, nochmals gesagt,
wollen wir nicht tugendhafter sein als die anderen. Pascal zum Beispiel
wollte nichts riskieren und blieb Christ: das war vielleicht tugendhaft. –
Man opfert immer.

Page 706

577.

„Seinem Gefühle folgen?“ – Daß man, einem generösen Gefühle
nachgebend, sein Leben in Gefahr bringt, und unter dem Impuls eines
Augenblicks: das ist wenig wert und charakterisiert nicht einmal. In der
Fähigkeit dazu sind sich alle gleich – und in der Entschlossenheit dazu
übertrifft der Verbrecher, Bandit und Korse einen honetten Menschen
gewiß.
Die höhere Stufe ist, auch diesen Andrang bei sich zu überwinden und
die heroische Tat nicht auf Impulse hin zu tun, – sondern kalt, raisonnable,
ohne das stürmische Überwallen von Lustgefühlen dabei.... Dasselbe gilt
vom Mitleid: es muß erst habituell durch die raison durchgesiebt sein; im
anderen Falle ist es so gefährlich wie irgendein Affekt.
Die blinde Nachgiebigkeit gegen einen Affekt, sehr gleichgültig, ob
es ein generöser und mitleidiger oder feindseliger ist, ist die Ursache der
größten Übel.
Die Größe des Charakters besteht nicht darin, daß man diese Affekte
nicht besitzt, – im Gegenteil, man hat sie im furchtbarsten Grade: aber daß
man sie am Zügel führt.... und auch das noch ohne Lust an dieser
Bändigung, sondern bloß, weil....

Page 707

578.

Wo man die stärkeren Naturen zu suchen hat. – Das Zugrundegehen
und Entarten der solitären Spezies ist viel größer und furchtbarer: sie
haben die Instinkte der Herde, die Tradition der Werte gegen sich; ihre
Werkzeuge zur Verteidigung, ihre Schutzinstinkte sind von vornherein nicht
stark, nicht sicher genug, – es gehört viel Gunst des Zufalls dazu, daß sie
gedeihen (– sie gedeihen in den niedrigsten und gesellschaftlich
preisgegebensten Elementen am häufigsten; wenn man nach Person sucht,
dort findet man sie um wieviel sicherer als in den mittleren Klassen!).
Der Stände- und Klassenkampf, der auf „Gleichheit der Rechte“ abzielt,
– ist er ungefähr erledigt, so geht der Kampf los gegen die
Solitärperson. (In einem gewissen Sinne kann dieselbe sich am
leichtesten in einer demokratischen Gesellschaft erhalten und
entwickeln: dann, wenn die gröberen Verteidigungsmittel nicht mehr
nötig sind und eine gewisse Gewöhnung an Ordnung, Redlichkeit,
Gerechtigkeit, Vertrauen zu den Durchschnittsbedingungen gehört.)
Die Stärksten müssen am festesten gebunden, beaufsichtigt, in Ketten
gelegt und überwacht werden: so will es der Instinkt der Herde. Für sie ein
Regime der Selbstüberwältigung, des asketischen Abseits oder der „Pflicht“
in abnützender Arbeit, bei der man nicht mehr zu sich selber kommt.

Page 708

579.

Wogegen ich kämpfe: daß eine Ausnahmeart der Regel den Krieg macht,
– statt zu begreifen, daß die Fortexistenz der Regel die Voraussetzung für
den Wert der Ausnahme ist. Zum Beispiel die Frauenzimmer, welche, statt
die Auszeichnung ihrer abnormen Bedürfnisse zur Gelehrsamkeit zu
empfinden, die Stellung des Weibes überhaupt verrücken möchten.

Page 709

580.

Der Haß gegen die Mittelmäßigkeit ist eines Philosophen unwürdig: es
ist fast ein Fragezeichen an seinem „Recht auf Philosophie“. Gerade
deshalb, weil er die Ausnahme ist, hat er die Regel in Schutz zu nehmen,
hat er allem Mittleren den guten Mut zu sich selber zu erhalten.

Page 710

581.

Wie dürfte man den Mittelmäßigen ihre Mittelmäßigkeit verleiden! Ich
tue, man sieht es, das Gegenteil: jeder Schritt weg von ihr führt – so lehre
ich – ins Unmoralische.

Page 711

582.

Die Verkleinerung des Menschen muß lange als einziges Ziel gelten:
weil erst ein breites Fundament zu schaffen ist, damit eine stärkere Art
Mensch darauf stehen kann. (: Inwiefern bisher jede verstärkte Art
Mensch auf einem Niveau der niedrigeren stand – – –)

Page 712

583.

Zeitweiliges Überwiegen der sozialen Wertgefühle begreiflich und
nützlich: es handelt sich um die Herstellung eines Unterbaus, auf dem
endlich eine stärkere Gattung möglich wird. – Maßstab der Stärke: unter
den umgekehrten Wertschätzungen leben können und sie ewig wieder
wollen. Staat und Gesellschaft als Unterbau: weltwirtschaftlicher
Gesichtspunkt, Erziehung als Züchtung.

Page 713

584.

Der Kampf gegen die großen Menschen, aus ökonomischen Gründen
gerechtfertigt. Dieselben sind gefährlich, Zufälle, Ausnahmen, Unwetter,
stark genug, um Langsam-Gebautes und -Gegründetes in Frage zu stellen.
Das Explosive nicht nur unschädlich entladen, sondern womöglich seiner
Entladung vorbeugen: Grundinstinkt aller zivilisierten Gesellschaft.

Page 714

585.

Bis zu welchem Grade die Unfähigkeit eines pöbelhaften Agitators der
Menge geht, sich den Begriff „höhere Natur“ klarzumachen, dafür gibt
Buckle das beste Beispiel ab. Die Meinung, welche er so leidenschaftlich
bekämpft – daß „große Männer“, Einzelne, Fürsten, Staatsmänner,
Genies, Feldherren die Hebel und Ursachen aller großen Bewegungen
sind – wird von ihm instinktiv dahin mißverstanden, als ob mit ihr
behauptet würde, das Wesentliche und Wertvolle an einem solchen
„höheren Menschen“ liege eben in der Fähigkeit, Massen in Bewegung zu
setzen: kurz, in ihrer Wirkung.... Aber die „höhere Natur“ des großen
Mannes liegt im Anderssein, in der Unmitteilbarkeit, in der Rangdistanz, –
nicht in irgendwelchen Wirkungen: und ob er auch den Erdball erschütterte.

Page 715

586.

Absurde und verächtliche Art des Idealismus, welche die Mediokrität
nicht medioker haben will und, statt an einem Ausnahmesein einen
Triumph zu fühlen, entrüstet ist über Feigheit, Falschheit, Kleinheit und
Miserabilität. Man soll das nicht anders wollen! und die Kluft
größer aufreißen! – Man soll die höhere Art zwingen, sich
abzuscheiden durch die Opfer, die sie ihrem Sein zu bringen hat.
Hauptgesichtspunkt: Distanzen aufreißen, aber keine
Gegensätze schaffen. Die Mittelgebilde ablösen und im Einfluß
verringern: Hauptmittel, um Distanzen zu erhalten.

Page 716

587.

Wir neuen Philosophen aber, wir beginnen nicht nur mit der Darstellung
der tatsächlichen Rangordnung und Wertverschiedenheit der Menschen,
sondern wir wollen auch gerade das Gegenteil einer Anähnlichung, einer
Ausgleichung: wir lehren die Entfremdung in jedem Sinne, wir reißen
Klüfte auf, wie es noch keine gegeben hat, wir wollen, daß der Mensch
böser werde, als er je war. Einstweilen leben wir noch selber einander
fremd und verborgen. Es wird uns aus vielen Gründen nötig sein, Einsiedler
zu sein und selbst Masken vorzunehmen, – wir werden folglich schlecht
zum Suchen von unsresgleichen taugen. Wir werden allein leben und
wahrscheinlich die Martern aller sieben Einsamkeiten kennen. Laufen wir
uns aber über den Weg durch einen Zufall, so ist darauf zu wetten, daß wir
uns verkennen oder wechselseitig betrügen.

Page 717

588.

Der höhere philosophische Mensch, der um sich Einsamkeit hat, nicht
weil er allein sein will, sondern weil er etwas ist, das nicht seinesgleichen
findet: welche Gefahren und neuen Leiden sind ihm gerade heute
aufgespart, wo man den Glauben an die Rangordnung verlernt hat und
folglich diese Einsamkeit nicht zu ehren und nicht zu verstehen weiß!
Ehemals heiligte sich der Weise beinahe durch ein solches Beiseitegehen
für das Gewissen der Menge, – heute sieht sich der Einsiedler wie mit einer
Wolke trüber Zweifel und Verdächtigungen umringt. Und nicht etwa nur
von seiten der Neidischen und Erbärmlichen: er muß Verkennung,
Vernachlässigung und Oberflächlichkeit noch an jedem Wohlwollen
herausempfinden, das er erfährt, er kennt jene Heimtücke des beschränkten
Mitleidens, welches sich selber gut und heilig fühlt, wenn es ihn, etwa
durch bequemere Lagen, durch geordnetere, zuverlässigere Gesellschaft,
vor sich selber zu „retten“ sucht, – ja er wird den unbewußten
Zerstörungstrieb zu bewundern haben, mit dem alle Mittelmäßigen des
Geistes gegen ihn tätig sind, und zwar im besten Glauben an ihr Recht
dazu! Es ist für Menschen dieser unverständlichen Vereinsamung nötig, sich
tüchtig und herzhaft auch in den Mantel der äußeren, der räumlichen
Einsamkeit zu wickeln: das gehört zu ihrer Klugheit. Selbst List und
Verkleidung werden heute not tun, damit ein solcher Mensch sich selber
erhalte, sich selber oben erhalte, inmitten der niederziehenden gefährlichen
Stromschnellen der Zeit. Jeder Versuch, es in der Gegenwart, mit der
Gegenwart auszuhalten, jede Annäherung an diese Menschen und Ziele von
heute muß er wie seine eigentliche Sünde abbüßen: und er mag die
verborgene Weisheit seiner Natur anstaunen, welche ihn bei allen solchen
Versuchen sofort durch Krankheit und schlimme Unfälle wieder zu sich
selber zurückzieht.

Page 718

589.

Es ist mir ein Trost, zu wissen, daß über dem Dampf und Schmutz der
menschlichen Niederungen es eine höhere, hellere Menschheit gibt,
die der Zahl nach eine sehr kleine sein wird (– denn alles, was hervorragt,
ist seinem Wesen nach selten): man gehört zu ihr, nicht weil man begabter
oder tugendhafter oder heroischer oder liebevoller wäre als die Menschen
da unten, sondern – weil man kälter, heller, weitsichtiger, einsamer
ist, weil man die Einsamkeit erträgt, vorzieht, fordert als Glück, Vorrecht, ja
Bedingung des Daseins, weil man unter Wolken und Blitzen wie unter
seinesgleichen lebt, aber ebenso unter Sonnenstrahlen, Tautropfen,
Schneeflocken und allem, was notwendig aus der Höhe kommt und, wenn
es sich bewegt, sich ewig nur in der Richtung von oben nach unten
bewegt. Die Aspirationen nach der Höhe sind nicht die unsrigen. – Die
Helden, Märtyrer, Genies und Begeisterten sind uns nicht still, geduldig,
fein, kalt, langsam genug.

Page 719

590.

Die schwierigste und höchste Gestalt des Menschen wird am seltensten
gelingen: so zeigt die Geschichte der Philosophie eine Überfülle von
Mißratenen, von Unglücksfällen und ein äußerst langsames Schreiten;
ganze Jahrtausende fallen dazwischen und erdrücken, was erreicht war; der
Zusammenhang hört immer wieder auf. Das ist eine schauerliche
Geschichte – die Geschichte des höchsten Menschen, des Weisen. – Am
meisten geschädigt ist gerade das Gedächtnis der Großen, denn die
Halbgeratenen und Mißratenen verkennen sie und besiegen sie durch
„Erfolge“. Jedesmal, wo „die Wirkung“ sich zeigt, tritt eine Masse Pöbel
auf den Schauplatz; das Mitreden der Kleinen und der Armen im Geiste ist
eine fürchterliche Ohrenmarter für den, der mit Schauder weiß, daß das
Schicksal der Menschheit am Geraten ihres höchsten Typus
liegt. – Ich habe von Kindesbeinen an über die Existenzbedingungen des
Weisen nachgedacht und will meine frohe Überzeugung nicht
verschweigen, daß er jetzt in Europa wieder möglich wird – vielleicht nur
für kurze Zeit.

Page 720

591.

Rangordnung: Der die Werte bestimmt und den Willen von
Jahrtausenden lenkt, dadurch, daß er die höchsten Naturen lenkt, ist der
höchste Mensch.

Page 721

592.

Jenseits der Herrschenden, losgelöst von allen Banden, leben die
höchsten Menschen: und in den Herrschenden haben sie ihre Werkzeuge.

Page 722

593.

Absolute Überzeugung: daß die Wertgefühle oben und unten
verschieden sind; daß zahllose Erfahrungen den Unteren fehlen, daß
von unten nach oben das Mißverständnis notwendig ist.

Page 723

594.

Der Mensch hat, im Gegensatz zum Tier, eine Fülle gegensätzlicher
Triebe und Impulse in sich groß gezüchtet: vermöge dieser Synthesis ist er
der Herr der Erde. – Moralen sind der Ausdruck lokal beschränkter
Rangordnungen in dieser vielfachen Welt der Triebe: so daß an ihren
Widersprüchen der Mensch nicht zugrunde geht. Also ein Trieb als Herr,
sein Gegentrieb geschwächt, verfeinert, als Impuls, der den Reiz für die
Tätigkeit des Haupttriebes abgibt.
Der höchste Mensch würde die größte Vielheit der Triebe haben, und
auch in der relativ größten Stärke, die sich noch ertragen läßt. In der Tat: wo
die Pflanze Mensch sich stark zeigt, findet man die mächtig gegeneinander
treibenden Instinkte (zum Beispiel Shakespeare), aber gebändigt.

Page 724

595.

Ein großer Mensch, – ein Mensch, welchen die Natur in großem Stile
aufgebaut und erfunden hat – was ist das? Erstens: er hat in seinem
gesamten Tun eine lange Logik, die ihrer Länge wegen schwer
überschaubar, folglich irreführend ist, eine Fähigkeit, über große Flächen
seines Lebens hin seinen Willen auszuspannen und alles kleine Zeug an sich
zu verachten und wegzuwerfen, seien darunter auch die schönsten,
„göttlichsten“ Dinge von der Welt. Zweitens: er ist kälter, härter,
unbedenklicher und ohne Furcht vor der „Meinung“; es fehlen ihm
die Tugenden, welche mit der „Achtung“ und dem Geachtetwerden
zusammenhängen, überhaupt alles, was zur „Tugend der Herde“ gehört.
Kann er nicht führen, so geht er allein; es kommt dann vor, daß er
manches, was ihm auf dem Wege begegnet, angrunzt. Drittens: er will
kein „teilnehmendes“ Herz, sondern Diener, Werkzeuge; er ist im Verkehr
mit Menschen immer darauf aus, etwas aus ihnen zu machen. Er weiß sich
unmitteilbar: er findet es geschmacklos, wenn er vertraulich wird; und er ist
es gewöhnlich nicht, wenn man ihn dafür hält. Wenn er nicht zu sich redet,
hat er seine Maske. Er lügt lieber, als daß er die Wahrheit redet: es kostet
mehr Geist und Willen. Es ist eine Einsamkeit in ihm, als welche etwas
Unerreichbares ist für Lob und Tadel, eine eigene Gerichtsbarkeit, welche
keine Instanz über sich hat.

Page 725

596.

Objektiv, hart, fest, streng bleiben im Durchsetzen eines Gedankens – das
bringen die Künstler noch am besten zustande: wenn einer aber Menschen
dazu nötig hat (wie Lehrer, Staatsmänner usw.), da geht die Ruhe und Kälte
und Härte schnell davon. Man kann bei Naturen wie Cäsar und Napoleon
etwas ahnen von einem „interesselosen“ Arbeiten an ihrem Marmor, mag
dabei von Menschen geopfert werden, was nur möglich. Auf dieser Bahn
liegt die Zukunft der höchsten Menschen: die größte
Verantwortlichkeit tragen und nicht daran zerbrechen. – Bisher
waren fast immer Inspirationstäuschungen nötig, um selbst den Glauben
an sein Recht und seine Hand nicht zu verlieren.

Page 726

597.

Die Revolution, Verwirrung und Not der Völker ist das Geringere in
meiner Betrachtung, gegen die Not der großen Einzelnen in ihrer
Entwicklung. Man muß sich nicht täuschen lassen: die vielen Nöte aller
dieser Kleinen bilden zusammen keine Summe, außer im Gefühle von
mächtigen Menschen. – An sich denken, in Augenblicken großer Gefahr:
seinen Nutzen ziehen aus dem Nachteile vieler: – das kann bei einem sehr
hohen Grade von Abweichung ein Zeichen großen Charakters sein, der
über seine mitleidigen und gerechten Empfindungen Herr wird.

Page 727

598.

Im großen Menschen sind die spezifischen Eigenschaften des Lebens
– Unrecht, Lüge, Ausbeutung – am größten. Insofern sie aber
überwältigend gewirkt haben, ist ihr Wesen am besten mißverstanden
und ins Gute interpretiert worden. Typus Carlyle als Interpret.

Page 728

599.

Ob man nicht ein Recht hat, alle großen Menschen unter die bösen zu
rechnen? Im einzelnen ist es nicht rein aufzuzeigen. Oft ist ihnen ein
meisterhaftes Versteckenspielen möglich gewesen, so daß sie die Gebärden
und Äußerlichkeiten großer Tugenden annahmen. Oft verehrten sie die
Tugenden ernsthaft und mit einer leidenschaftlichen Härte gegen sich
selber, aber aus Grausamkeit, – dergleichen täuscht, aus der Ferne gesehen.
Manche verstanden sich selber falsch; nicht selten fordert eine große
Aufgabe große Qualitäten heraus, zum Beispiel die Gerechtigkeit. Das
Wesentliche ist: die Größten haben vielleicht auch große Tugenden, aber
gerade dann noch deren Gegensätze. Ich glaube, daß aus dem
Vorhandensein der Gegensätze und aus deren Gefühl gerade der große
Mensch, der Bogen mit der großen Spannung, entsteht.

Page 729

600.

Menschen, die Schicksale sind, die, indem sie sich tragen, Schicksale
tragen, die ganze Art der heroischen Lastträger: o wie gern möchten sie
einmal von sich selber ausruhen! wie dürsten sie nach starken Herzen und
Nacken, um für Stunden wenigstens loszuwerden, was sie drückt! Und wie
umsonst dürsten sie!.... Sie warten; sie sehen sich alles an, was vorübergeht:
niemand kommt ihnen auch nur mit dem Tausendstel Leiden und
Leidenschaft entgegen, niemand errät, inwiefern sie warten.... Endlich,
endlich lernen sie ihre erste Lebensklugheit – nicht mehr zu warten; und
dann alsbald auch ihre zweite: leutselig zu sein, bescheiden zu sein, von
nun an jedermann zu ertragen, jederlei zu ertragen – kurz, noch ein wenig
mehr zu ertragen, als sie bisher schon getragen haben.

Page 730

601.

Seelengröße nicht zu trennen von geistiger Größe. Denn sie involviert
Unabhängigkeit; aber ohne geistige Größe soll diese nicht erlaubt sein,
sie richtet Unfug an, selbst noch durch Wohltunwollen und
„Gerechtigkeit“üben. Die geringen Geister haben zu gehorchen, – können
also nicht Größe haben.

Page 731

602.

Die Notwendigkeit zu erweisen, daß zu einem immer ökonomischeren
Verbrauch von Mensch und Menschheit, zu einer immer fester ineinander
verschlungenen „Maschinerie“ der Interessen und Leistungen eine
Gegenbewegung gehört. Ich bezeichne dieselbe als Ausscheidung
eines Luxusüberschusses der Menschheit: in ihr soll eine stärkere
Art, ein höherer Typus ans Licht treten, der andre Entstehungs- und andre
Erhaltungsbedingungen hat als der Durchschnittsmensch. Mein Begriff,
mein Gleichnis für diesen Typus ist, wie man weiß, das Wort
„Übermensch“.
Auf jenem ersten Wege, der vollkommen jetzt überschaubar ist, entsteht
die Anpassung, die Abflachung, das höhere Chinesentum, die
Instinktbescheidenheit, die Zufriedenheit in der Verkleinerung des
Menschen, – eine Art Stillstandsniveau des Menschen. Haben wir erst
jene unvermeidlich bevorstehende Wirtschaftsgesamtverwaltung der Erde,
dann kann die Menschheit als Maschinerie in deren Diensten ihren besten
Sinn finden: – als ein ungeheures Räderwerk von immer kleineren, immer
feiner „anzupassenden“ Rädern; als ein immer wachsendes
Überflüssigwerden aller dominierenden und kommandierenden Elemente;
als ein Ganzes von ungeheurer Kraft, dessen einzelne Faktoren
Minimalkräfte, Minimalwerte darstellen.
Im Gegensatz zu dieser Verkleinerung und Anpassung der Menschen an
eine spezialisiertere Nützlichkeit bedarf es der umgekehrten Bewegung, –
der Erzeugung des synthetischen, des summierenden, des
rechtfertigenden Menschen, für den jene Machinalisierung der
Menschheit eine Daseinsvorausbedingung ist, als ein Untergestell, auf dem
er seine höhere Form, zu sein, sich erfinden kann.
Er braucht die Gegnerschaft der Menge, der „Nivellierten“, das
Distanzgefühl im Vergleich zu ihnen; er steht auf ihnen, er lebt von ihnen.
Diese höhere Form des Aristokratismus ist die der Zukunft. – Moralisch
geredet, stellt jene Gesamtmaschinerie, die Solidarität aller Räder, ein
Maximum in der Ausbeutung des Menschen dar: aber sie setzt solche
voraus, deretwegen diese Ausbeutung Sinn hat. Im anderen Falle wäre sie

Page 732

tatsächlich bloß die Gesamtverringerung, Wertverringerung des Typus
Mensch, – ein Rückgangsphänomen im größten Stile.
– Man sieht, was ich bekämpfe, ist der ökonomische Optimismus: wie
als ob mit den wachsenden Unkosten aller auch der Nutzen aller notwendig
wachsen müßte. Das Gegenteil scheint mir der Fall: die Unkosten aller
summieren sich zu einem Gesamtverlust: der Mensch wird
geringer: – so daß man nicht mehr weiß, wozu überhaupt dieser
ungeheure Prozeß gedient hat. Ein Wozu? ein neues Wozu? – das ist es,
was die Menschheit nötig hat.

Page 733

603.

Zur Rangordnung. – Was ist am typischen Menschen mittelmäßig?
Daß er nicht die Kehrseite der Dinge als notwendig versteht: daß er die
Übelstände bekämpft, wie als ob man ihrer entraten könne; daß er das eine
nicht mit dem andern hinnehmen will, – daß er den typischen Charakter
eines Dinges, eines Zustandes, einer Zeit, einer Person verwischen und
auslöschen möchte, indem er nur einen Teil ihrer Eigenschaften gutheißt
und die andern abschaffen möchte. Die „Wünschbarkeit“ der
Mittelmäßigen ist das, was von uns andern bekämpft wird: das Ideal,
gefaßt als etwas, an dem nichts Schädliches, Böses, Gefährliches,
Fragwürdiges, Vernichtendes übrigbleiben soll. Unsere Einsicht ist die
umgekehrte: daß mit jedem Wachstum des Menschen auch seine Kehrseite
wachsen muß, daß der höchste Mensch, gesetzt, daß ein solcher Begriff
erlaubt ist, der Mensch wäre, welcher den Gegensatzcharakter des
Daseins am stärksten darstellte, als dessen Glorie und einzige
Rechtfertigung.... Die gewöhnlichen Menschen dürfen nur ein ganz kleines
Eckchen und Winkelchen dieses Naturcharakters darstellen: sie gehen
alsbald zugrunde, wenn die Vielfachheit der Elemente und die Spannung
der Gegensätze wächst, das heißt die Vorbedingung für die Größe des
Menschen. Daß der Mensch besser und böser werden muß, das ist meine
Formel für diese Unvermeidlichkeit....
Die meisten stellen den Menschen als Stücke und Einzelheiten dar: erst
wenn man sie zusammenrechnet, so kommt ein Mensch heraus. Ganze
Zeiten, ganze Völker haben in diesem Sinne etwas Bruchstückhaftes; es
gehört vielleicht zur Ökonomie der Menschenentwicklung, daß der Mensch
sich stückweise entwickelt. Deshalb soll man durchaus nicht verkennen,
daß es sich trotzdem nur um das Zustandekommen des synthetischen
Menschen handelt: daß die niedrigen Menschen, die ungeheure Mehrzahl,
bloß Vorspiele und Einübungen sind, aus deren Zusammenspiel hier und da
der ganze Mensch entsteht, der Meilensteinmensch, welcher anzeigt, wie
weit bisher die Menschheit vorwärts gekommen. Sie geht nicht in einem
Striche vorwärts; oft geht der schon erreichte Typus wieder verloren (– wir
haben zum Beispiel mit aller Anspannung von drei Jahrhunderten noch
nicht den Menschen der Renaissance wieder erreicht, und

Page 734

hinwiederum blieb der Mensch der Renaissance hinter dem antiken
Menschen zurück).

Page 735

604.

Die „Reinigung des Geschmacks“ kann nur die Folge einer
Verstärkung des Typus sein. Unsre Gesellschaft von heute repräsentiert
nur die Bildung; der Gebildete fehlt. Der große synthetische Mensch
fehlt: in dem die verschiedenen Kräfte zu einem Ziele unbedenklich ins
Joch gespannt sind. Was wir haben, ist der vielfache Mensch, das
interessanteste Chaos, das es vielleicht bisher gegeben hat: aber nicht das
Chaos vor der Schöpfung der Welt, sondern hinter ihr: – Goethe als
schönster Ausdruck des Typus (– ganz und gar kein Olympier!).

Page 736

605.

Händel, Leibniz, Goethe, Bismarck – für die deutsche starke Art
charakteristisch. Unbedenklich zwischen Gegensätzen lebend, voll jener
geschmeidigen Stärke, welche sich vor Überzeugungen und Doktrinen
hütet, indem sie eine gegen die andere benutzt und sich selber die Freiheit
vorbehält.

Page 737

606.

(Revue des deux mondes, 15. Februar 1887. Taine über Napoleon:)
„Plötzlich entfaltet sich die faculté maîtresse: der Künstler,
eingeschlossen in den Politiker, kommt heraus de sa gaine; er schafft dans
l'idéal et l'impossible. Man erkennt ihn wieder als das, was er ist: der
posthume Bruder des Dante und des Michelangelo: und in Wahrheit, in
Hinsicht auf die festen Konturen seiner Vision, die Intensität, Kohärenz und
innere Logik seines Traums, die Tiefe seiner Meditation, die
übermenschliche Größe seiner Konzeption, ist er ihnen gleich et leur égal:
son génie a la même taille et la même structure, il est un des trois sprits
souverains de la renaissance italienne.“
Notabene – – Dante, Michelangelo, Napoleon.

Page 738

607.

Einsicht, welche den „freien Geistern“ fehlt: dieselbe Disziplin,
welche eine starke Natur noch verstärkt und zu großen Unternehmungen
befähigt, zerbricht und verkümmert die mittelmäßigen: – der
Zweifel, – la largeur de cœur, – das Experiment.

Page 739

608.

Eine volle und mächtige Seele wird nicht nur mit schmerzhaften, selbst
furchtbaren Verlusten, Entbehrungen, Beraubungen, Verachtungen fertig:
sie kommt aus solchen Höllen mit größerer Fülle und Mächtigkeit heraus:
und, um das Wesentlichste zu sagen, mit einem neuen Wachstum in der
Seligkeit der Liebe. Ich glaube, der, welcher etwas von den untersten
Bedingungen jedes Wachstums in der Liebe erraten hat, wird Dante, als er
über die Pforte seines Inferno schrieb: „auch mich schuf die ewige Liebe“,
verstehen.

Page 740

609.

Zur Größe gehört die Furchtbarkeit: man lasse sich nichts vormachen.

Page 741

610.

Die Kriegerischen und die Friedlichen. – Bist du ein Mensch, der
die Instinkte des Kriegers im Leibe hat? Und in diesem Falle bliebe noch
eine zweite Frage: Bist du ein Angriffskrieger oder ein Widerstandskrieger
von Instinkt? Der Rest von Menschen, alles, was nicht kriegerisch von
Instinkt ist, will Frieden, will Eintracht, will „Freiheit“, will „gleiche
Rechte“ – : das sind nur Namen und Stufen für ein und dasselbe. Dorthin
gehen, wo man nicht nötig hat, sich zu wehren, – solche Menschen werden
unzufrieden mit sich, wenn sie genötigt sind, Widerstand zu leisten: sie
wollen Zustände schaffen, wo es überhaupt keinen Krieg mehr gibt.
Schlimmstenfalls sich unterwerfen, gehorchen, einordnen: immer noch
besser als Krieg führen, – so rät es zum Beispiel dem Christen sein Instinkt.
Bei den geborenen Kriegern gibt es etwas wie Bewaffnung in Charakter, in
Wahl der Zustände, in der Ausbildung jeder Eigenschaft: die „Waffe“ ist im
ersten Typus, die Wehr im zweiten am besten entwickelt.
Die Unbewaffneten, die Unbewehrten: welche Hilfsmittel und Tugenden
sie nötig haben, um es auszuhalten, – um selbst obzusiegen.

Page 742

611.

Was wird aus dem Menschen, der keine Gründe mehr hat, sich zu wehren
und anzugreifen? Was bleibt von seinen Affekten übrig, wenn die ihm
abhanden kommen, in denen er seine Wehr und seine Waffe hat?

Page 743

612.

Man muß von den Kriegen her lernen: 1. den Tod in die Nähe der
Interessen zu bringen, für die man kämpft – das macht uns ehrwürdig; 2.
man muß lernen, viele zum Opfer bringen und seine Sache wichtig genug
nehmen, um die Menschen nicht zu schonen; 3. die starre Disziplin, und im
Krieg Gewalt und List sich zugestehen.

Page 744

613.

„Das Paradies ist unter dem Schatten der Schwerter“ – auch ein
Symbolon und Kerbholzwort, an dem sich Seelen vornehmer und
kriegerischer Abkunft verraten und erraten.

Page 745

614.

Nicht „das Glück folgt der Tugend“, – sondern der Mächtigere bestimmt
seinen glücklichen Zustand erst als Tugend.
Die bösen Handlungen gehören zu den Mächtigen und Tugendhaften: die
schlechten, niedrigen zu den Unterworfenen.
Der mächtigste Mensch, der Schaffende, müßte der böseste sein, insofern
er sein Ideal an allen Menschen durchsetzt gegen alle ihre Ideale und sie
zu seinem Bilde umschafft. Böse heißt hier: hart, schmerzhaft,
aufgezwungen.
Solche Menschen wie Napoleon müssen immer wiederkommen und den
Glauben an die Selbstherrlichkeit des Einzelnen befestigen: er selber aber
war durch die Mittel, die er anwenden mußte, korrumpiert worden und
hatte die Noblesse des Charakters verloren. Unter einer andern Art
Menschen sich durchsetzend, hätte er andere Mittel anwenden können; und
so wäre es nicht notwendig, daß ein Cäsar schlecht werden müßte.

Page 746

615.

Der große Mensch ist notwendig Skeptiker (womit nicht gesagt ist, daß
er es scheinen müßte), vorausgesetzt, daß dies die Größe ausmacht: etwas
Großes wollen und die Mittel dazu. Die Freiheit von jeder Art
Überzeugung gehört zur Stärke seines Willens. So ist es jenem
„aufgeklärten Despotismus“ gemäß, den jede große Leidenschaft ausübt.
Eine solche nimmt den Intellekt in ihren Dienst; sie hat den Mut auch zu
unheiligen Mitteln; sie macht unbedenklich; sie gönnt sich Überzeugungen,
sie braucht sie selbst, aber sie unterwirft sich ihnen nicht. Das Bedürfnis
nach Glauben, nach irgend etwas Unbedingtem in Ja und Nein ist ein
Beweis der Schwäche; alle Schwäche ist Willensschwäche. Der Mensch des
Glaubens, der Gläubige ist notwendig eine kleine Art Mensch. Hieraus
ergibt sich, daß „Freiheit des Geistes“, das heißt Unglaube als Instinkt,
Vorbedingung der Größe ist.

Page 747

616.

Es ist nur eine Sache der Kraft: alle krankhaften Züge des Jahrhunderts
haben, aber ausgleichen in einer überreichen, plastischen,
wiederherstellenden Kraft. Der starke Mensch.

Page 748

617.

Der Begriff „starker und schwacher Mensch“ reduziert sich
darauf, daß im ersten Falle viel Kraft vererbt ist – er ist eine Summe: im
andern noch wenig – (– unzureichende Vererbung, Zersplitterung des
Ererbten). Die Schwäche kann ein Anfangsphänomen sein: „noch
wenig“; oder ein Endphänomen: „nicht mehr“.
Der Ansatzpunkt ist der, wo große Kraft ist, wo Kraft auszugeben
ist. Die Masse, als die Summe der Schwachen, reagiert langsam; wehrt
sich gegen vieles, für das sie zu schwach ist, – von dem sie keinen Nutzen
haben kann; schafft nicht, geht nicht voran.
Dies gegen die Theorie, welche das starke Individuum leugnet und meint,
„die Masse tut's“. Es ist die Differenz wie zwischen getrennten
Geschlechtern: es können vier, fünf Generationen zwischen dem Tätigen
und der Masse liegen – eine chronologische Differenz.
Die Werte der Schwachen sind obenan, weil die Starken sie
übernommen haben, um damit zu leiten.

Page 749

618.

Gesundheit und Krankhaftigkeit: man sei vorsichtig! Der Maßstab bleibt
die Effloreszenz des Leibes, die Sprungkraft, Mut und Lustigkeit des
Geistes – aber natürlich auch, wieviel von Krankhaftem er auf sich
nehmen und überwinden kann, – gesund machen kann. Das, woran
die zarteren Menschen zugrunde gehen würden, gehört zu den
Stimulansmitteln der großen Gesundheit.

Page 750

619.

Die Lehre μηδὲν ἄγαν wendet sich an Menschen mit überströmender
Kraft, – nicht an die Mittelmäßigen. Die ἐγκράτεια und ἄσκησις ist nur eine
Stufe der Höhe: höher steht die „goldene Natur“.
„Du sollst“ – unbedingter Gehorsam bei Stoikern, in den Orden des
Christentums und der Araber, in der Philosophie Kants (es ist gleichgültig,
ob einem Oberen oder einem Begriff).
Höher als „du sollst“ steht: „Ich will“ (die Heroen); höher als „ich will“
steht: „Ich bin“ (die Götter der Griechen).
Die barbarischen Götter drücken nichts von der Lust am Maß aus, – sind
weder einfach, noch leicht, noch maßvoll.

Page 751

620.

Wie sich die aristokratische Welt immer mehr selber schröpft und
schwach macht! Vermöge ihrer noblen Instinkte wirft sie ihre Vorrechte
weg, und vermöge ihrer verfeinerten Überkultur interessiert sie sich für das
Volk, die Schwachen, die Armen, die Poesie des Kleinen usw.

Page 752

621.

Es gibt nur Geburtsadel, nur Geblütsadel. (Ich rede hier nicht vom
Wörtchen „von“ und dem Gothaischen Kalender: Einschaltung für Esel.)
Wo von „Aristokraten des Geistes“ geredet wird, da fehlt es zumeist nicht
an Gründen, etwas zu verheimlichen; es ist bekanntermaßen ein Leibwort
unter ehrgeizigen Juden. Geist allein nämlich adelt nicht; vielmehr bedarf es
erst etwas, das den Geist adelt. – Wessen bedarf es denn dazu? Des
Geblüts.

Page 753

622.

Eine Kriegserklärung der höheren Menschen an die Masse ist nötig!
Überall geht das Mittelmäßige zusammen, um sich zum Herrn zu machen!
Alles, was verweichlicht, sanft macht, das „Volk“ zur Geltung bringt oder
das „Weibliche“, wirkt zugunsten des suffrage universel, das heißt der
Herrschaft der niederen Menschen. Aber wir wollen Repressalien üben
und diese ganze Wirtschaft (die in Europa mit dem Christentum anhebt) ans
Licht und vors Gericht bringen.

Page 754

623.

Der neue Philosoph kann nur in Verbindung mit einer herrschenden Kaste
entstehen als deren höchste Vergeistigung. Die große Politik, Erdregierung
in der Nähe; vollständiger Mangel an Prinzipien dafür.

Page 755

624.

Der eigentlich königliche Beruf des Philosophen (nach dem Ausdruck
Alkuins des Angelsachsen): prava corrigere, et recta corroborare, et sancta
sublimare.

Page 756

625.

Les philosophes ne sont pas faits pour s'aimer. Les aigles ne volent point
en compagnie. Il faut laisser cela aux perdrix, aux étourneaux.... Planer au-
dessus et avoir des griffes, voilà le lot des grands génies.
Galiani.

Page 757

626.

Ich vergaß zu sagen, daß solche Philosophen heiter sind, und daß sie gern
in dem Abgrund eines vollkommen hellen Himmels sitzen: – sie haben
andere Mittel nötig, das Leben zu ertragen, als andere Menschen; denn sie
leiden anders (nämlich ebensosehr an der Tiefe ihrer Menschenverachtung
als an ihrer Menschenliebe). – Das leidendste Tier auf Erden erfand sich –
das Lachen.

Page 758

627.

Weshalb der Philosoph selten gerät. Zu seinen Bedingungen gehören
Eigenschaften, die gewöhnlich einen Menschen zugrunde richten:
1. eine ungeheure Vielheit von Eigenschaften; er muß eine Abbreviatur
des Menschen sein, aller seiner hohen und niedern Begierden: Gefahr der
Gegensätze, auch des Ekels an sich;
2. er muß neugierig nach den verschiedensten Seiten sein: Gefahr der
Zersplitterung;
3. er muß gerecht und billig im höchsten Sinne sein, aber tief auch in
Liebe, Haß (und Ungerechtigkeit);
4. er muß nicht nur Zuschauer, sondern Gesetzgeber sein: Richter und
Gerichteter (insofern er eine Abbreviatur der Welt ist);
5. äußerst vielartig, und doch fest und hart. Geschmeidig.

Page 759

628.

Typus: Die wahre Güte, Vornehmheit, Größe der Seele, die aus dem
Reichtum heraus: welche nicht gibt, um zu nehmen, – welche sich nicht
damit erheben will, daß sie gütig ist; – die Verschwendung als Typus
der wahren Güte, der Reichtum an Person als Voraussetzung.

Page 760

629.

Was ist vornehm?
– Die Sorgfalt im Äußerlichsten, insofern diese Sorgfalt abgrenzt,
fernhält, vor Verwechslung schützt.
– Der frivole Anschein in Wort, Kleidung, Haltung, mit dem eine stoische
Härte und Selbstbezwingung sich vor aller unbescheidenen Neugierde
schützt.
– Die langsame Gebärde, auch der langsame Blick. Es gibt nicht zu viel
wertvolle Dinge: und diese kommen und wollen von selbst zu dem
Wertvollen. Wir bewundern schwer.
– Das Ertragen der Armut und der Dürftigkeit, auch der Krankheit.
– Das Ausweichen vor kleinen Ehren, und Mißtrauen gegen jeden,
welcher leicht lobt: denn der Lobende glaubt daran, daß er verstehe, was er
lobe: verstehen aber – Balzac hat es verraten, dieser typisch Ehrgeizige –
comprendre c'est égaler.
– Unser Zweifel an der Mitteilbarkeit des Herzens geht in die Tiefe; die
Einsamkeit nicht als gewählt, sondern als gegeben.
– Die Überzeugung, daß man nur gegen seinesgleichen Pflichten hat,
gegen die andern sich nach Gutdünken verhält: daß nur inter pares auf
Gerechtigkeit zu hoffen (leider noch lange nicht zu rechnen) ist.
– Die Ironie gegen die „Begabten“, der Glaube an den Geburtsadel auch
im Sittlichen.
– Immer sich als den fühlen, der Ehren zu vergeben hat: während nicht
häufig sich jemand findet, der ihn ehren dürfte.
– Immer verkleidet: je höherer Art, um so mehr bedarf der Mensch des
Inkognitos. Gott, wenn es einen gäbe, dürfte schon aus Anstandsgründen
sich nur als Mensch in der Welt bezeigen.
– Die Fähigkeit zum otium, der unbedingten Überzeugung, daß ein
Handwerk in jedem Sinne zwar nicht schändet, aber sicherlich entadelt.

Page 761

Nicht „Fleiß“ im bürgerlichen Sinne, wie hoch wir ihn auch zu ehren und zu
Geltung zu bringen wissen, oder wie jene unersättlich gackernden Künstler,
die es wie die Hühner machen, gackern und Eier legen und wieder gackern.
– Wir beschützen die Künstler und Dichter und wer irgend worin Meister
ist: aber als Wesen, die höherer Art sind als diese, welche nur etwas
können, als die bloß „produktiven Menschen“, verwechseln wir uns nicht
mit ihnen.
– Die Lust an den Formen; das In-Schutz-nehmen alles Förmlichen, die
Überzeugung, daß Höflichkeit eine der großen Tugenden ist; das Mißtrauen
gegen alle Arten des Sich-gehen-lassens, eingerechnet alle Preß- und
Denkfreiheit, weil unter ihnen der Geist bequem und tölpelhaft wird und die
Glieder streckt.
– Das Wohlgefallen an den Frauen, als an einer vielleicht kleineren,
aber feineren und leichteren Art von Wesen. Welches Glück, Wesen zu
begegnen, die immer Tanz und Torheit und Putz im Kopfe haben! Sie sind
das Entzücken aller sehr gespannten und tiefen Mannsseelen gewesen,
deren Leben mit großer Verantwortlichkeit beschwert ist.
– Das Wohlgefallen an den Fürsten und Priestern, weil sie den Glauben
an eine Verschiedenheit der menschlichen Werte selbst noch in der
Abschätzung der Vergangenheit zum mindesten symbolisch und im ganzen
und großen sogar tatsächlich aufrechterhalten.
– Das Schweigen-können: aber darüber kein Wort vor Hörern.
– Das Ertragen langer Feindschaften: der Mangel an der leichten
Versöhnlichkeit.
– Der Ekel am Demagogischen, an der „Aufklärung“, an der
„Gemütlichkeit“, an der pöbelhaften Vertraulichkeit.
– Das Sammeln kostbarer Dinge, die Bedürfnisse einer hohen und
wählerischen Seele; nichts gemein haben wollen. Seine Bücher, seine
Landschaften.
– Wir lehnen uns gegen schlimme und gute Erfahrungen auf und
verallgemeinern nicht so schnell. Der einzelne Fall: wie ironisch sind wir
gegen den einzelnen Fall, wenn er den schlechten Geschmack hat, sich als
Regel zu gebärden!

Page 762

– Wir lieben das Naive und die Naiven, aber als Zuschauer und höhere
Wesen; wir finden Faust ebenso naiv als sein Gretchen.
– Wir schätzen die Guten gering, als Herdentiere: wir wissen, wie unter
den schlimmsten, bösartigsten, härtesten Menschen oft ein unschätzbarer
Goldtropfen von Güte sich verborgen hält, welcher alle bloße Gutartigkeit
der Milchseelen überwiegt.
– Wir halten einen Menschen unserer Art nicht widerlegt durch seine
Laster, noch durch seine Torheiten. Wir wissen, daß wir schwer erkennbar
sind, und daß wir alle Gründe haben, uns Vordergründe zu geben.

Page 763

630.

Dem Wohlgeratenen, der meinem Herzen wohltut, aus einem Holz
geschnitzt, welches hart, zart und wohlriechend ist – an dem selbst die Nase
noch ihre Freude hat –, sei dies Buch geweiht.
Ihm schmeckt, was ihm zuträglich ist;
sein Gefallen an etwas hört auf, wo das Maß des Zuträglichen
überschritten wird;
er errät die Heilmittel gegen partielle Schädigungen; er hat Krankheiten
als große Stimulantia seines Lebens;
er versteht seine schlimmen Zufälle auszunützen;
er wird stärker durch die Unglücksfälle, die ihn zu vernichten drohen;
er sammelt instinktiv aus allem, was er sieht, hört, erlebt, zugunsten
seiner Hauptsache, – er folgt einem auswählenden Prinzip, – er läßt viel
durchfallen;
er reagiert mit einer Langsamkeit, welche eine lange Vorsicht und ein
gewollter Stolz angezüchtet haben, – er prüft den Reiz, woher er kommt,
wohin er will, er unterwirft sich nicht;
er ist immer in seiner Gesellschaft, ob er mit Büchern, Menschen oder
Landschaften verkehrt;
er ehrt, indem er wählt, indem er zuläßt, indem er vertraut.

Page 764

631.

Was ist vornehm? – Daß man sich beständig zu repräsentieren hat.
Daß man Lagen sucht, wo man beständig Gebärden nötig hat. Daß man das
Glück der großen Zahl überläßt: Glück als Frieden der Seele, Tugend,
Komfort, englisch-engelhaftes Krämertum à la Spencer. Daß man instinktiv
für sich schwere Verantwortungen sucht. Daß man sich überall Feinde zu
schaffen weiß, schlimmstenfalls noch aus sich selbst. Daß man der großen
Zahl nicht durch Worte, sondern durch Handlungen beständig widerspricht.

Page 765

632.

Kein Lob haben wollen: man tut, was einem nützlich ist oder was einem
Vergnügen macht oder was man tun muß.

Page 766

633.

Was ist Keuschheit am Mann? Daß sein Geschlechtsgeschmack vornehm
geblieben ist; daß er in eroticis weder das Brutale, noch das Krankhafte,
noch das Kluge mag.

Page 767

634.

Der „Ehrbegriff“: beruhend auf dem Glauben an „gute Gesellschaft“,
an ritterliche Hauptqualitäten, an die Verpflichtung, sich fortwährend zu
repräsentieren. Wesentlich: daß man sein Leben nicht wichtig nimmt; daß
man unbedingt auf respektvollste Manieren hält seitens aller, mit denen man
sich berührt (zum mindesten soweit sie nicht zu „uns“ gehören); daß man
weder vertraulich, noch gutmütig, noch lustig, noch bescheiden ist, außer
inter pares; daß man sich immer repräsentiert.

Page 768

635.

Der Sinn unsrer Gärten und Paläste (und insofern auch der Sinn alles
Begehrens nach Reichtümern) ist: die Unordnung und Gemeinheit aus
dem Auge sich zu schaffen und dem Adel der Seele eine Heimat
zu bauen.
Die meisten freilich glauben, sie werden höhere Naturen, wenn jene
schönen, ruhigen Gegenstände auf sie eingewirkt haben: daher die Jagd
nach Italien und Reisen usw., alles Lesen und Theaterbesuchen. Sie
wollen sich formen lassen – das ist der Sinn ihrer Kulturarbeit! Aber
die Starken, Mächtigen wollen formen und nichts Fremdes mehr um
sich haben!
So gehen auch die Menschen in die große Natur, nicht, um sich zu
finden, sondern um sich in ihr zu verlieren und zu vergessen. Das „Außer-
sich-sein“ als Wunsch aller Schwachen und Mit-sich-Unzufriedenen.

Page 769

636.

„Geradezu stoßen die Adler.“ – Die Vornehmheit der Seele ist nicht
am wenigsten an der prachtvollen und stolzen Dummheit zu erkennen, mit
der sie angreift, – „geradezu“.

Page 770

637.

Krieg gegen die weichliche Auffassung der „Vornehmheit“! – ein
Quantum Brutalität mehr ist nicht zu erlassen: so wenig als eine
Nachbarschaft zum Verbrechen. Auch die „Selbstzufriedenheit“ ist nicht
darin; man muß abenteuerlich auch zu sich stehen, versucherisch,
verderberisch, – nichts von Schönseelensalbaderei –. Ich will einem
robusteren Ideale Luft machen.

Page 771

638.

Die zwei Wege. – Es kommt ein Zeitpunkt, wo der Mensch Kraft im
Überfluß zu Diensten hat: die Wissenschaft ist darauf aus, diese Sklaverei
der Natur herbeizuführen.
Dann bekommt der Mensch Muße: sich selbst auszubilden zu etwas
Neuem, Höherem. Neue Aristokratie. Dann werden eine Menge
Tugenden überlebt, die jetzt Existenzbedingungen waren. –
Eigenschaften nicht mehr nötig haben, folglich sie verlieren. Wir haben
die Tugenden nicht mehr nötig: folglich verlieren wir sie (– sowohl die
Moral vom „Eins ist not“, vom Heil der Seele, wie der Unsterblichkeit: sie
waren Mittel, um dem Menschen eine ungeheure Selbstbezwingung zu
ermöglichen, durch den Affekt einer ungeheuren Furcht : : :).
Die verschiedenen Arten Not, durch deren Zucht der Mensch geformt ist:
Not lehrt arbeiten, denken, sich zügeln.
Die physiologische Reinigung und Verstärkung. Die neue
Aristokratie hat einen Gegensatz nötig, gegen den sie ankämpft: sie muß
eine furchtbare Dringlichkeit haben, sich zu erhalten.
Die zwei Zukünfte der Menschheit: 1. die Konsequenz der
Vermittelmäßigung; 2. das bewußte Abheben, Sich-Gestalten.
Eine Lehre, die eine Kluft schafft: sie erhält die oberste und die
niedrigste Art (sie zerstört die mittlere).
Die bisherigen Aristokraten, geistliche und weltliche, beweisen nichts
gegen die Notwendigkeit einer neuen Aristokratie.

Page 772

639.

Der Anblick des jetzigen Europäers gibt mir viele Hoffnung: es bildet
sich da eine verwegene herrschende Rasse, auf der Breite einer äußerst
intelligenten Herdenmasse. Es steht vor der Tür, daß die Bewegungen zur
Bildung der letzteren nicht mehr allein im Vordergrund stehen.

Page 773

640.

Gesamtanblick des zukünftigen Europäers: derselbe als das
intelligenteste Sklaventier, sehr arbeitsam, im Grunde sehr bescheiden, bis
zum Exzeß neugierig, vielfach, verzärtelt, willensschwach, – ein
kosmopolitisches Affekt- und Intelligenzenchaos. Wie möchte sich aus ihm
eine stärkere Art herausheben? Eine solche mit klassischem
Geschmack? Der klassische Geschmack: das ist der Wille zur
Vereinfachung, Verstärkung, zur Sichtbarkeit des Glücks, zur Furchtbarkeit,
der Mut zur psychologischen Nacktheit (– Vereinfachung ist eine
Konsequenz des Willens zur Verstärkung; das Sichtbar-werden-lassen des
Glücks, insgleichen der Nacktheit, eine Konsequenz des Willens zur
Furchtbarkeit....). Um sich aus jenem Chaos zu dieser Gestaltung
emporzukämpfen – dazu bedarf es einer Nötigung: man muß die Wahl
haben, entweder zugrunde zu gehen oder sich durchzusetzen. Eine
herrschaftliche Rasse kann nur aus furchtbaren und gewaltsamen Anfängen
emporwachsen. Problem: wo sind die Barbaren des zwanzigsten
Jahrhunderts? Offenbar werden sie erst nach ungeheuren sozialistischen
Krisen sichtbar werden und sich konsolidieren, – es werden die Elemente
sein, die der größten Härte gegen sich selber fähig sind und den
längsten Willen garantieren können.

Page 774

641.

Es naht sich, unabweislich, zögernd, furchtbar wie das Schicksal, die
große Aufgabe und Frage: wie soll die Erde als Ganzes verwaltet werden?
Und wozu soll „der Mensch“ als Ganzes – und nicht mehr ein Volk, eine
Rasse – gezogen und gezüchtet werden?
Die gesetzgeberischen Moralen sind das Hauptmittel, mit denen man aus
dem Menschen gestalten kann, was einem schöpferischen und tiefen Willen
beliebt: vorausgesetzt, daß ein solcher Künstlerwille höchsten Ranges die
Gewalt in den Händen hat und seinen schaffenden Willen über lange
Zeiträume durchsetzen kann in Gestalt von Gesetzgebungen, Religionen
und Sitten. Solchen Menschen des großen Schaffens, den eigentlich großen
Menschen, wie ich es verstehe, wird man heute und wahrscheinlich für
lange noch umsonst nachgehen: sie fehlen; bis man endlich, nach vieler
Enttäuschung, zu begreifen anfangen muß, warum sie fehlen, und daß
ihrer Entstehung und Entwicklung für jetzt und für lange nichts feindseliger
im Wege steht als das, was man jetzt in Europa geradewegs „die Moral“
nennt: wie als ob es keine andere gäbe und geben dürfte, – jene vorhin
bezeichnete Herdentiermoral, die mit allen Kräften das allgemeine grüne
Weideglück auf Erden erstrebt, nämlich Sicherheit, Ungefährlichkeit,
Behagen, Leichtigkeit des Lebens und zu guterletzt, „wenn alles gut geht“,
sich auch noch aller Art Hirten und Leithämmel zu entschlagen hofft. Ihre
beiden am reichlichsten gepredigten Lehren heißen: „Gleichheit der
Rechte“ und „Mitgefühl für alles Leidende“ – und das Leiden selber wird
von ihnen als etwas genommen, das man schlechterdings abschaffen
muß. Daß solche „Ideen“ immer noch modern sein können, gibt einen üblen
Begriff von dieser Modernität. Wer aber gründlich darüber nachgedacht hat,
wo und wie die Pflanze Mensch bisher am kräftigsten emporgewachsen ist,
muß vermeinen, daß dies unter den umgekehrten Bedingungen geschehen
ist: daß dazu die Gefährlichkeit seiner Lage ins Ungeheure wachsen, seine
Erfindungs- und Verstellungskraft unter langem Druck und Zwang sich
emporkämpfen, sein Lebenswille bis zu einem unbedingten Willen zur
Macht und zur Übermacht gesteigert werden muß, und daß Gefahr, Härte,
Gewaltsamkeit, Gefahr auf der Gasse wie im Herzen, Ungleichheit der
Rechte, Verborgenheit, Stoizismus, Versucherkunst, Teufelei jeder Art, kurz,

Page 775

der Gegensatz aller Herdenwünschbarkeiten zur Erhöhung des Typus
Mensch notwendig ist. Eine Moral mit solchen umgekehrten Absichten,
welche den Menschen ins Hohe, statt ins Bequeme und Mittlere züchten
will, eine Moral mit der Absicht, eine regierende Kaste zu züchten – die
zukünftigen Herren der Erde – muß, um gelehrt werden zu können, sich
in Anknüpfung an das bestehende Sittengesetz und unter dessen Worten und
Anscheine einführen. Daß dazu aber viele Übergangs- und
Täuschungsmittel zu erfinden sind, und daß, weil die Lebensdauer eines
Menschen beinahe nichts bedeutet in Hinsicht auf die Durchführung so
langwieriger Aufgaben und Absichten, vor allem erst eine neue Art
angezüchtet werden muß, in der dem nämlichen Willen, dem nämlichen
Instinkte Dauer durch viele Geschlechter verbürgt wird – eine neue
Herrenart und -Kaste – dies begreift sich ebensogut als das lange und nicht
leicht aussprechbare Und-so-weiter dieses Gedankens. Eine Umkehrung
der Werte für eine bestimmte starke Art von Menschen höchster
Geistigkeit und Willenskraft vorzubereiten und zu diesem Zweck bei ihnen
eine Menge in Zaum gehaltener und verleumdeter Instinkte langsam und
mit Vorsicht zu entfesseln: wer darüber nachdenkt, gehört zu uns, den freien
Geistern – freilich wohl zu einer neueren Art von „freien Geistern“ als die
bisherigen: denn diese wünschten ungefähr das Entgegengesetzte. Hierher
gehören, wie mir scheint, vor allem die Pessimisten Europas, die Dichter
und Denker eines empörten Idealismus, insofern ihre Unzufriedenheit mit
dem gesamten Dasein sie auch zur Unzufriedenheit mit den gegenwärtigen
Menschen mindestens logisch nötigt; insgleichen gewisse unersättlich-
ehrgeizige Künstler, welche unbedenklich und unbedingt für die
Sonderrechte höherer Menschen und gegen das „Herdentier“ kämpfen und
mit den Verführungsmitteln der Kunst bei ausgesuchteren Geistern alle
Herdeninstinkte und Herdenvorsichten einschläfern; zu dritt endlich alle
jene Kritiker und Historiker, von denen die glücklich begonnene
Entdeckung der alten Welt – es ist das Werk des neuen Kolumbus, des
deutschen Geistes – mutig fortgesetzt wird (– denn wir stehen immer
noch in den Anfängen dieser Eroberung). In der alten Welt nämlich
herrschte in der Tat eine andere, eine herrschaftlichere Moral als heute; und
der antike Mensch, unter dem erziehenden Banne seiner Moral, war ein
stärkerer und tieferer Mensch als der Mensch von heute, – er war bisher
allein „der wohlgeratene Mensch“. Die Verführung aber, welche vom
Altertum her auf wohlgeratene, das heißt auf starke und unternehmende

Page 776

Seelen ausgeübt wird, ist auch heute noch die feinste und wirksamste aller
antidemokratischen und antichristlichen: wie sie es schon zur Zeit der
Renaissance war.

Page 777

2. Der züchtende Gedanke.

Page 778

642.

Eine Frage kommt uns immer wieder, eine versucherische und schlimme
Frage vielleicht: sie sei denen ins Ohr gesagt, welche ein Recht auf solche
fragwürdige Fragen haben, den stärksten Seelen von heute, welche sich
selbst auch am besten in der Gewalt haben: wäre es nicht an der Zeit, je
mehr der Typus „Herdentier“ jetzt in Europa entwickelt wird, mit einer
grundsätzlichen künstlichen und bewußten Züchtung des
entgegengesetzten Typus und seiner Tugenden den Versuch zu machen?
Und wäre es für die demokratische Bewegung nicht selber erst eine Art
Ziel, Erlösung und Rechtfertigung, wenn jemand käme, der sich ihrer
bediente – dadurch, daß endlich sich zu ihrer neuen und sublimen
Ausgestaltung der Sklaverei (– das muß die europäische Demokratie am
Ende sein) jene höhere Art herrschaftlicher und cäsarischer Geister
hinzufände, welche sich auf sie stellte, sich an ihr hielte, sich durch sie
emporhübe? Zu neuen, bisher unmöglichen, zu ihren Fernsichten? Zu
ihren Aufgaben?

Page 779

643.

Ich glaube, ich habe einiges aus der Seele des höchsten Menschen
erraten; – vielleicht geht jeder zugrunde, der ihn errät: aber wer ihn
gesehen hat, muß helfen, ihn zu ermöglichen.
Grundgedanke: wir müssen die Zukunft als maßgebend nehmen für alle
unsere Wertschätzung – und nicht hinter uns die Gesetze unseres Handelns
suchen!

Page 780

644.

Könnten wir die günstigsten Bedingungen voraussehen, unter denen
Wesen entstehen von höchstem Werte! Es ist tausendmal zu kompliziert und
die Wahrscheinlichkeit des Mißratens sehr groß: so begeistert es nicht,
danach zu streben! – Skepsis. – Dagegen: Mut, Einsicht, Härte,
Unabhängigkeit, Gefühl der Verantwortlichkeit können wir steigern, die
Feinheit der Wage verfeinern und erwarten, daß günstige Zufälle zu Hilfe
kommen. –

Page 781

645.

Dieselben Bedingungen, welche die Entwicklung des Herdentieres
vorwärtstreiben, treiben auch die Entwicklung des Führertiers.

Page 782

646.

So viel habe ich begriffen: wenn man das Entstehen großer und seltener
Menschen abhängig gemacht hätte von der Zustimmung der vielen
(einbegriffen, daß diese wüßten, welche Eigenschaften zur Größe gehören
und insgleichen, auf wessen Unkosten alle Größe sich entwickelt) – nun, es
hätte nie einen bedeutenden Menschen gegeben! –
Daß der Gang der Dinge unabhängig von der Zustimmung der
allermeisten seinen Weg nimmt: daran liegt es, daß einiges Erstaunliche
sich auf der Erde eingeschlichen hat.

Page 783

647.

Nicht die Menschen „besser“ machen, nicht zu ihnen auf irgendeine
Art Moral reden, als ob „Moralität an sich“ oder eine ideale Art Mensch
überhaupt gegeben sei: sondern Zustände schaffen, unter denen
stärkere Menschen nötig sind, welche ihrerseits eine Moral
(deutlicher: eine leiblich-geistige Disziplin), welche stark macht,
brauchen und folglich haben werden!
Sich nicht durch blaue Augen oder geschwellte Busen verführen lassen:
die Größe der Seele hat nichts Romantisches an sich. Und leider
gar nichts Liebenswürdiges!

Page 784

648.

Wer darüber nachdenkt, auf welche Weise der Typus Mensch zu seiner
größten Pracht und Mächtigkeit gesteigert werden kann, der wird zu
allererst begreifen, daß er sich außerhalb der Moral stellen muß: denn die
Moral war im wesentlichen auf das Entgegengesetzte aus, jene prachtvolle
Entwicklung, wo sie im Zuge war, zu hemmen oder zu vernichten. Denn in
der Tat konsumiert eine derartige Entwicklung eine solche ungeheure
Quantität von Menschen in ihrem Dienst, daß eine umgekehrte
Bewegung nur zu natürlich ist: die schwächeren, zarteren, mittleren
Existenzen haben nötig, Partei zu machen gegen jene Glorie von Leben
und Kraft, und dazu müssen sie von sich eine neue Schätzung bekommen,
vermöge deren sie das Leben in dieser höchsten Fülle verurteilen und
womöglich zerstören. Eine lebensfeindliche Tendenz ist daher der Moral zu
eigen, insofern sie die Typen des Lebens überwältigen will.

Page 785

649.

Mein Augenmerk darauf, an welchen Punkten der Geschichte die großen
Menschen hervorspringen. Die Bedeutung langer despotischer Moralen:
sie spannen den Bogen, wenn sie ihn nicht zerbrechen.

Page 786

650.

Die Urwaldvegetation „Mensch“ erscheint immer, wo der Kampf um die
Macht am längsten geführt worden ist. Die großen Menschen.
Urwaldtiere die Römer.

Page 787

651.

Aus der Kriegsschule der Seele. (Den Tapfern, den Frohgemuten,
den Enthaltsamen geweiht.)
Ich möchte die liebenswürdigen Tugenden nicht unterschätzen; aber die
Größe der Seele verträgt sich nicht mit ihnen. Auch in den Künsten schließt
der große Stil das Gefällige aus.
In Zeiten schmerzhafter Spannung und Verwundbarkeit wähle den Krieg:
er härtet ab, er macht Muskel.
Die tief Verwundeten haben das olympische Lachen; man hat nur, was
man nötig hat.
Es dauert zehn Jahre schon: kein Laut mehr erreicht mich – ein Land
ohne Regen. Man muß viel Menschlichkeit übrig haben, um in der Dürre
nicht zu verschmachten.

Page 788

652.

Ersatz der Moral durch den Willen zu unserem Ziele, und folglich zu
dessen Mitteln.

Page 789

653.

Es bedarf einer Lehre, stark genug, um züchtend zu wirken: stärkend
für die Starken, lähmend und zerbrechend für die Weltmüden.
Die Vernichtung der verfallenden Rassen. Verfall Europas. – Die
Vernichtung der sklavenhaften Wertschätzungen. – Die Herrschaft über die
Erde als Mittel zur Erzeugung eines höheren Typus. – Die Vernichtung der
Tartüfferie, welche „Moral“ heißt (das Christentum als eine hysterische Art
von Ehrlichkeit hierin: Augustin). – Die Vernichtung des suffrage universel:
das heißt des Systems, vermöge dessen die niedrigsten Naturen sich als
Gesetz den höheren vorschreiben. – Die Vernichtung der Mittelmäßigkeit
und ihrer Geltung. (Die Einseitigen, Einzelne – Völker; Fülle der Natur zu
erstreben durch Paarung von Gegensätzen: Rassenmischungen dazu.) – Der
neue Mut – keine apriorischen Wahrheiten (solche suchten die an Glauben
Gewöhnten!), sondern freie Unterordnung unter einen herrschenden
Gedanken, der seine Zeit hat, zum Beispiel Zeit als Eigenschaft des Raumes
usw.

Page 790

654.

– Und wie viele neue Götter sind noch möglich! Mir selber, in dem der
religiöse, das heißt gottbildende, Instinkt mitunter zur Unzeit lebendig
wird: wie anders, wie verschieden hat sich mir jedesmal das Göttliche
offenbart!... So vieles Seltsame ging schon an mir vorüber in jenen zeitlosen
Augenblicken, die ins Leben herein wie aus dem Monde fallen, wo man
schlechterdings nicht mehr weiß, wie alt man schon ist und wie jung man
noch sein wird.... Ich würde nicht zweifeln, daß es viele Arten Götter gibt....
Es fehlt nicht an solchen, aus denen man einen gewissen Halkyonismus und
Leichtsinn nicht hinwegdenken darf.... Die leichten Füße gehören vielleicht
selbst zum Begriff „Gott“.... Ist es nötig, auszuführen, daß ein Gott sich mit
Vorliebe jenseits alles Biedermännischen und Vernunftgemäßen zu halten
weiß? jenseits auch, unter uns gesagt, von Gut und Böse? Er hat die
Aussicht frei, – mit Goethe zu reden. – Und um für diesen Fall die nicht
genug zu schätzende Autorität Zarathustras anzurufen: Zarathustra geht so
weit, von sich zu bezeugen, „ich würde nur an einen Gott glauben, der zu
tanzen verstünde“....
Nochmals gesagt: wie viele neue Götter sind noch möglich! – Zarathustra
selbst freilich ist bloß ein alter Atheist: der glaubt weder an alte noch neue
Götter. Zarathustra sagt, er würde –; aber Zarathustra wird nicht.... Man
verstehe ihn recht.
Typus Gottes nach dem Typus der schöpferischen Geister, der „großen
Menschen“.

Page 791

655.

Und wie viele neue Ideale sind im Grunde noch möglich! – Hier ein
kleines Ideal, das ich alle fünf Wochen einmal auf einem wilden und
einsamen Spaziergang erhasche, im azurnen Augenblick eines frevelhaften
Glücks. Sein Leben zwischen zarten und absurden Dingen verbringen; der
Realität fremd; halb Künstler, halb Vogel und Metaphysikus; ohne Ja und
Nein für die Realität, es sei denn, daß man sie ab und zu in der Art eines
guten Tänzers mit den Fußspitzen anerkennt; immer von irgendeinem
Sonnenstrahl des Glücks gekitzelt; ausgelassen und ermutigt selbst durch
Trübsal – denn Trübsal erhält den Glücklichen –; einen kleinen Schwanz
von Posse auch noch dem Heiligsten anhängend: – dies, wie sich von selbst
versteht, das Ideal eines schweren, zentnerschweren Geistes, eines Geistes
der Schwere.

Page 792

656.

Der große Mensch fühlt seine Macht über ein Volk, sein zeitweiliges
Zusammenfallen mit einem Volk oder einem Jahrtausend: – diese
Vergrößerung im Gefühl von sich als causa und voluntas wird
mißverstanden als „Altruismus“ – : es drängt ihn nach Mitteln der
Mitteilung: alle großen Menschen sind erfinderisch in solchen Mitteln.
Sie wollen sich hineingestalten in große Gemeinden, sie wollen eine Form
dem Vielartigen, Ungeordneten geben, es reizt sie, das Chaos zu sehen.
Mißverständnis der Liebe. Es gibt eine sklavische Liebe, welche sich
unterwirft und weggibt: welche idealisiert und sich täuscht, – es gibt eine
göttliche Liebe, welche verachtet und liebt und das Geliebte umschafft,
hinaufträgt.
Jene ungeheure Energie der Größe zu gewinnen, um durch Züchtung
und andrerseits durch Vernichtung von Millionen Mißratener den
zukünftigen Menschen zu gestalten und nicht zugrunde zu gehen an dem
Leid, das man schafft und dessengleichen noch nie da war! –

Page 793

657.

Eine Periode, wo die alte Maskerade und Moralaufputzung der Affekte
Widerwillen macht: die nackte Natur; wo die Machtquantitäten als
entscheidend einfach zugestanden werden (als rangbestimmend); wo
der große Stil wieder auftritt als Folge der großen Leidenschaft.

Page 794

658.

Die Lust tritt auf, wo Gefühl der Macht.
Das Glück: in dem herrschend gewordnen Bewußtsein der Macht und
des Siegs.
Der Fortschritt: die Verstärkung des Typus, die Fähigkeit zum großen
Wollen: alles andere ist Mißverständnis, Gefahr.

Page 795

659.

Ich wollte, man finge damit an, sich selbst zu achten: alles andere folgt
daraus. Freilich hört man eben damit für die andern auf: denn das gerade
verzeihen sie am letzten. „Wie? Ein Mensch, der sich selbst achtet?“ –
Das ist etwas anderes als der blinde Trieb, sich selbst zu lieben: nichts
ist gewöhnlicher in der Liebe der Geschlechter wie in der Zweiheit, welche
„Ich“ genannt wird, als Verachtung gegen das, was man liebt: – der
Fatalismus in der Liebe.

Page 796

660.

Mein neuer Weg zum „Ja“. – Philosophie, wie ich sie bisher
verstanden und gelebt habe, ist das freiwillige Aufsuchen auch der
verabscheuten und verruchten Seiten des Daseins. Aus der langen
Erfahrung, welche mir eine solche Wanderung durch Eis und Wüste gab,
lernte ich alles, was bisher philosophiert hat, anders ansehen: – die
verborgene Geschichte der Philosophie, die Psychologie ihrer großen
Namen kam für mich ans Licht. „Wieviel Wahrheit erträgt, wieviel
Wahrheit wagt ein Geist?“ – dies wurde für mich der eigentliche
Wertmesser. Der Irrtum ist eine Feigheit.... jede Errungenschaft der
Erkenntnis folgt aus dem Mut, aus der Härte gegen sich, aus der
Sauberkeit gegen sich.... Eine solche Experimentalphilosophie, wie ich
sie lebe, nimmt versuchsweise selbst die Möglichkeit des grundsätzlichen
Nihilismus vorweg: ohne daß damit gesagt wäre, daß sie bei einer Negation,
beim Nein, bei einem Willen zum Nein stehen bliebe. Sie will vielmehr bis
zum Umgekehrten hindurch – bis zu einem dionysischen Jasagen zur
Welt, wie sie ist, ohne Abzug, Ausnahme und Auswahl –, sie will den
ewigen Kreislauf: – dieselben Dinge, dieselbe Logik und Unlogik der
Verknotung. Höchster Zustand, den ein Philosoph erreichen kann:
dionysisch zum Dasein stehen – : meine Formel dafür ist amor fati.
Hierzu gehört, die bisher verneinten Seiten des Daseins nicht nur als
notwendig zu begreifen, sondern als wünschenswert: und nicht nur als
wünschenswert in Hinsicht auf die bisher bejahten Seiten (etwa als deren
Komplemente oder Vorbedingungen), sondern um ihrer selber willen, als
der mächtigeren, fruchtbareren, wahreren Seiten des Daseins, in denen
sich sein Wille deutlicher ausspricht.
Insgleichen gehört hierzu, die bisher allein bejahte Seite des Daseins
abzuschätzen; zu begreifen, woher diese Wertung stammt und wie wenig sie
verbindlich für eine dionysische Wertabmessung des Daseins ist: ich zog
heraus und begriff, was hier eigentlich Ja sagt (der Instinkt der Leidenden
einmal, der Instinkt der Herde andrerseits, und jener dritte, der Instinkt
der meisten gegen die Ausnahmen –).

Page 797

Ich erriet damit, inwiefern eine stärkere Art Mensch notwendig nach
einer anderen Seite hin sich die Erhöhung und Steigerung des Menschen
ausdenken müßte: höhere Wesen, jenseits von Gut und Böse, jenseits von
jenen Werten, die den Ursprung aus der Sphäre des Leidens, der Herde und
der meisten nicht verleugnen können, – ich suchte nach den Ansätzen dieser
umgekehrten Idealbildung in der Geschichte (die Begriffe „heidnisch“,
„klassisch“, „vornehm“ neu entdeckt und hingestellt –).

Page 798

661.

Der menschliche Horizont. – Man kann die Philosophen auffassen
als solche, welche die äußerste Anstrengung machen, zu erproben, wie
weit sich der Mensch erheben könne, – besonders Plato: wie weit seine
Kraft reicht. Aber sie tun es als Individuen; vielleicht war der Instinkt der
Cäsaren, der Staatengründer usw. größer, welche daran denken, wie weit
der Mensch getrieben werden könne in der Entwicklung und unter
„günstigen Umständen“. Aber sie begriffen nicht genug, was günstige
Umstände sind. Große Frage: wo bisher die Pflanze „Mensch“ am
prachtvollsten gewachsen ist. Dazu ist das vergleichende Studium der
Historie nötig.

Page 799

662.

Grundgedanke: die neuen Werte müssen erst geschaffen werden – das
bleibt uns nicht erspart! Der Philosoph muß uns ein Gesetzgeber sein.
Neue Arten. (Wie bisher die höchsten Arten [zum Beispiel Griechen]
gezüchtet wurden: diese Art „Zufall“ bewußt wollen.)

Page 800

663.

Gesetzgeber der Zukunft. – Nachdem ich lange und umsonst mit
dem Worte „Philosoph“ einen bestimmten Begriff zu verbinden suchte –
denn ich fand viele entgegengesetzte Merkmale –, erkannte ich endlich, daß
es zwei unterschiedliche Arten von Philosophen gibt:
1. solche, welche irgendeinen großen Tatbestand von Wertschätzungen
(logisch oder moralisch) feststellen wollen;
2. solche, welche Gesetzgeber solcher Wertschätzungen sind.
Die Ersten suchen sich der vorhandenen oder vergangenen Welt zu
bemächtigen, indem sie das mannigfach Geschehende durch Zeichen
zusammenfassen und abkürzen: ihnen liegt daran, das bisherige Geschehen
übersichtlich, überdenkbar, faßbar, handlich zu machen, – sie dienen der
Aufgabe des Menschen, alle vergangenen Dinge zum Nutzen seiner
Zukunft zu verwenden.
Die Zweiten aber sind Befehlende; sie sagen: „So soll es sein!“ Sie
bestimmen erst das „Wohin“ und „Wozu“, den Nutzen, was Nutzen der
Menschen ist; sie verfügen über die Vorarbeit der wissenschaftlichen
Menschen, und alles Wissen ist ihnen nur ein Mittel zum Schaffen. Diese
zweite Art von Philosophen gerät selten; und in der Tat ist ihre Lage und
Gefahr ungeheuer. Wie oft haben sie sich absichtlich die Augen
zugebunden, um nur den schmalen Raum nicht sehen zu müssen, der sie
vom Abgrund und Absturz trennt: zum Beispiel Plato, als er sich überredete,
das „Gute“, wie er es wollte, sei nicht das Gute Platos, sondern das „Gute
an sich“, der ewige Schatz, den nur irgendein Mensch namens Plato auf
seinem Wege gefunden habe! In viel gröberen Formen waltet dieser selbe
Wille zur Blindheit bei den Religionsstiftern: ihr „du sollst“ darf durchaus
ihren Ohren nicht klingen wie „ich will“, – nur als dem Befehl eines Gottes
wagen sie ihrer Aufgabe nachzukommen, nur als „Eingebung“ ist ihre
Gesetzgebung der Werte eine tragbare Bürde, unter der ihr Gewissen
nicht zerbricht.
Sobald nun jene zwei Trostmittel, das Platos und das Mohammeds,
dahingefallen sind und kein Denker mehr an der Hypothese eines „Gottes“

Page 801

oder „ewiger Werte“ sein Gewissen erleichtern kann, erhebt sich der
Anspruch des Gesetzgebers neuer Werte zu einer neuen und noch nicht
erreichten Furchtbarkeit. Nunmehr werden jene Auserkornen, vor denen die
Ahnung einer solchen Pflicht aufzudämmern beginnt, den Versuch machen,
ob sie ihr wie als ihrer größten Gefahr nicht noch „zur rechten Zeit“ durch
irgendeinen Seitensprung entschlüpfen möchten: zum Beispiel, indem sie
sich einreden, die Aufgabe sei schon gelöst, oder sie sei unlösbar, oder sie
hätten keine Schultern für solche Lasten, oder sie seien schon mit andern,
näheren Aufgaben überladen, oder selbst diese neue ferne Pflicht sei eine
Verführung und Versuchung, eine Abführung von allen Pflichten, eine
Krankheit, eine Art Wahnsinn. Manchem mag es in der Tat gelingen,
auszuweichen: es geht durch die ganze Geschichte hindurch die Spur
solcher Ausweichenden und ihres schlechten Gewissens. Zumeist aber kam
solchen Menschen des Verhängnisses jene erlösende Stunde, jene
Herbststunde der Reife, wo sie mußten, was sie nicht einmal „wollten“: –
und die Tat, vor der sie sich am meisten vorher gefürchtet hatten, fiel ihnen
leicht und ungewollt vom Baume als eine Tat ohne Willkür, fast als
Geschenk. –

Page 802

664.

Gesetzt, man denkt sich einen Philosophen als großen Erzieher, mächtig
genug, um von einsamer Höhe herab lange Ketten von Geschlechtern zu
sich heraufzuziehen: so muß man ihm auch die unheimlichen Vorrechte des
großen Erziehers zugestehen. Ein Erzieher sagt nie, was er selber denkt:
sondern immer nur, was er im Verhältnis zum Nutzen dessen, den er erzieht,
über eine Sache denkt. In dieser Verstellung darf er nicht erraten werden; es
gehört zu seiner Meisterschaft, daß man an seine Ehrlichkeit glaubt. Er muß
aller Mittel der Zucht und Züchtigung fähig sein: manche Naturen bringt er
nur durch Peitschenschläge des Hohnes vorwärts, andere, Träge,
Unschlüssige, Feige, Eitle, vielleicht mit übertreibendem Lobe. Ein solcher
Erzieher ist jenseits von Gut und Böse; aber niemand darf es wissen.

Page 803

665.

Eine pessimistische Denkweise und Lehre, ein ekstatischer Nihilismus
kann unter Umständen gerade dem Philosophen unentbehrlich sein: als ein
mächtiger Druck und Hammer, mit dem er entartende und absterbende
Rassen zerbricht und aus dem Wege schafft, um für eine neue Ordnung des
Lebens Bahn zu machen oder um dem, was entartet und absterben will, das
Verlangen zum Ende einzugeben.

Page 804

666.

Der größte Kampf: dazu braucht es einer neuen Waffe.
Der Hammer: eine furchtbare Entscheidung heraufbeschwören, Europa
vor die Konsequenz stellen, ob sein Wille zum Untergang „will“.
Verhütung der Vermittelmäßigung. Lieber noch Untergang!

Page 805

667.

Wie kommen Menschen zu einer großen Kraft und zu einer großen
Aufgabe? Alle Tugend und Tüchtigkeit am Leib und an der Seele ist
mühsam und im kleinen erworben worden durch viel Fleiß,
Selbstbezwingung, Beschränkung auf weniges, durch viel zähe, treue
Wiederholung der gleichen Arbeiten, der gleichen Entsagungen: aber es gibt
Menschen, welche die Erben und Herren dieses langsam erworbenen
vielfachen Reichtums an Tugenden und Tüchtigkeiten sind – weil auf
Grund glücklicher und vernünftiger Ehen und auch glücklicher Zufälle die
erworbenen und gehäuften Kräfte vieler Geschlechter nicht verschleudert
und versplittert, sondern durch einen festen Ring und Willen
zusammengebunden sind. Am Ende nämlich erscheint ein Mensch, ein
Ungeheuer von Kraft, welches nach einem Ungeheuer von Aufgabe
verlangt. Denn unsere Kraft ist es, welche über uns verfügt: und das
erbärmliche geistige Spiel von Zielen und Absichten und Beweggründen
nur ein Vordergrund – mögen schwache Augen auch hierin die Sache selber
sehen.

Page 806

668.

Im allgemeinen ist jedes Ding so viel wert, als man dafür bezahlt
hat. Dies gilt freilich nicht, wenn man das Individuum isoliert nimmt; die
großen Fähigkeiten des Einzelnen stehen außer allem Verhältnis zu dem,
was er selbst dafür getan, geopfert, gelitten hat. Aber sieht man seine
Geschlechtsvorgeschichte an, so entdeckt man da die Geschichte einer
ungeheuren Aufsparung und Kapitalsammlung von Kraft durch alle Art
Verzichtleisten, Ringen, Arbeiten, Sich-Durchsetzen. Weil der große
Mensch soviel gekostet hat und nicht, weil er wie ein Wunder als Gabe
des Himmels und „Zufalls“ dasteht, wurde er groß: – „Vererbung“ ein
falscher Begriff. Für das, was einer ist, haben seine Vorfahren die Kosten
bezahlt.

Page 807

669.

Die Mittel, vermöge deren eine stärkere Art sich erhält.
Sich ein Recht auf Ausnahmehandlungen zugestehen; als Versuch der
Selbstüberwindung und der Freiheit.
Sich in Zustände begeben, wo es nicht erlaubt ist, nicht Barbar zu sein.
Sich durch jede Art von Askese eine Übermacht und Gewißheit in
Hinsicht auf seine Willensstärke verschaffen.
Sich nicht mitteilen; das Schweigen; die Vorsicht vor der Anmut.
Gehorchen lernen in der Weise, daß es eine Probe für die Selbst-
Aufrechterhaltung abgibt. Kasuistik des Ehrenpunktes ins feinste getrieben.
Nie schließen, „was einem recht ist, ist dem andern billig“, – sondern
umgekehrt!
Die Vergeltung, das Zurückgebendürfen als Vorrecht behandeln, als
Auszeichnung zugestehen.
Die Tugend der anderen nicht ambitionieren.

Page 808

670.

Die Vermehrung der Kraft, trotz des zeitweiligen Niedergehens des
Individuums:
Ein neues Niveau begründen.
Eine Methodik der Sammlung von Kräften, zur Erhaltung kleiner
Leistungen im Gegensatz zu unökonomischer Verschwendung.
Die zerstörende Natur einstweilen unterjocht zum Werkzeug dieser
Zukunftsökonomik.
Die Erhaltung der Schwachen, weil eine ungeheure Masse kleiner
Arbeit getan werden muß.
Die Erhaltung einer Gesinnung, bei der Schwachen und Leidenden die
Existenz noch möglich ist.
Die Solidarität als Instinkt zu pflanzen gegen den Instinkt der Furcht
und der Servilität.
Der Kampf mit dem Zufall, auch mit dem Zufall des „großen Menschen“.

Page 809

671.

Warum die Schwachen siegen. In summa: die Kranken und
Schwachen haben mehr Mitgefühl, sind „menschlicher“ – : die Kranken
und Schwachen haben mehr Geist, sind wechselnder, vielfacher,
unterhaltender, – boshafter: die Kranken allein haben die Bosheit
erfunden. (Eine krankhafte Frühreife häufig bei Rhachitischen,
Skrophulosen und Tuberkulosen –) Esprit: Eigentum später Rassen: Juden,
Franzosen, Chinesen. (Die Antisemiten vergeben es den Juden nicht, daß
die Juden „Geist“ haben – und Geld. Die Antisemiten – ein Name der
„Schlechtweggekommenen“.)
Die Kranken und Schwachen haben die Faszination für sich gehabt: sie
sind interessanter als die Gesunden: der Narr und der Heilige – die zwei
interessantesten Arten Mensch.... in enger Verwandtschaft das „Genie“. Die
großen „Abenteurer und Verbrecher“ und alle Menschen, die gesündesten
voran, sind gewisse Zeiten ihres Lebens krank: – die großen
Gemütsbewegungen, die Leidenschaft der Macht, die Liebe, die Rache sind
von tiefen Störungen begleitet. Und was die décadence betrifft, so stellt
sie jeder Mensch, der nicht zu früh stirbt, in jedem Sinne beinahe dar: – er
kennt also auch die Instinkte, welche zu ihr gehören, aus Erfahrung: – für
die Hälfte fast jedes Menschenlebens ist der Mensch décadent.
Endlich: das Weib! Die eine Hälfte der Menschheit ist schwach,
typisch-krank, wechselnd, unbeständig, – das Weib braucht die Stärke, um
sich an sie zu klammern, und eine Religion der Schwäche, welche es als
göttlich verherrlicht, schwach zu sein, zu lieben, demütig zu sein – : oder
besser, es macht die Starken schwach, – es herrscht, wenn es gelingt, die
Starken zu überwältigen. Das Weib hat immer mit den Typen der
décadence, den Priestern, zusammen konspiriert gegen die „Mächtigen“,
die „Starken“, die Männer –. Das Weib bringt die Kinder beiseite für den
Kultus der Pietät, des Mitleids, der Liebe: – die Mutter repräsentiert den
Altruismus überzeugend.
Endlich: die zunehmende Zivilisation, die zugleich notwendig auch die
Zunahme der morbiden Elemente, des Neurotisch-Psychiatrischen und
des Kriminalistischen mit sich bringt. Eine Zwischenspezies entsteht,

Page 810

der Artist, von der Kriminalität der Tat durch Willensschwäche und
soziale Furchtsamkeit abgetrennt, insgleichen noch nicht reif für das
Irrenhaus, aber mit seinen Fühlhörnern in beide Sphären neugierig
hineingreifend: diese spezifische Kulturpflanze, der moderne Artist, Maler,
Musiker, vor allem Romanzier, der für seine Art zu sein, das sehr
uneigentliche Wort „Naturalismus“ handhabt.... Die Irren, die Verbrecher
und die „Naturalisten“ nehmen zu: Zeichen einer wachsenden und jäh
vorwärts eilenden Kultur, – das heißt, der Ausschuß, der Abfall, die
Auswurfstoffe gewinnen Importanz, – das Abwärts hält Schritt....
Endlich: der soziale Mischmasch, Folge der Revolution, die
Herstellung gleicher Rechte, des Aberglaubens an „gleiche Menschen“.
Dabei mischen sich die Träger der Niedergangsinstinkte (des
Ressentiments, der Unzufriedenheit, des Zerstörertriebes, des Anarchismus
und Nihilismus), eingerechnet der Sklaveninstinkte, der Feigheits-,
Schlauheits- und Kanailleninstinkte der lange unten gehaltenen Schichten
in alles Blut aller Stände hinein: zwei, drei Geschlechter darauf ist die
Rasse nicht mehr zu erkennen, – alles ist verpöbelt. Hieraus resultiert ein
Gesamtinstinkt gegen die Auswahl, gegen das Privilegium jeder Art,
von einer Macht und Sicherheit, Härte, Grausamkeit der Praxis, daß in der
Tat sich alsbald selbst die Privilegierten unterwerfen: – was noch Macht
festhalten will, schmeichelt dem Pöbel, arbeitet mit dem Pöbel, muß den
Pöbel auf seiner Seite haben, – die „Genies“ voran: sie werden Herolde
der Gefühle, mit denen man Massen begeistert, – die Note des Mitleids, der
Ehrfurcht selbst vor allem, was leidend, niedrig, verachtet, verfolgt gelebt
hat, klingt über alle andern Noten weg (Typen: Victor Hugo und Richard
Wagner). – Die Heraufkunft des Pöbels bedeutet noch einmal die
Heraufkunft der alten Werte....
Bei einer solchen extremen Bewegung in Hinsicht auf Tempo und Mittel,
wie sie unsre Zivilisation darstellt, verlegt sich das Schwergewicht der
Menschen: der Menschen, auf die es am meisten ankommt, die es
gleichsam auf sich haben, die ganze große Gefahr einer solchen krankhaften
Bewegung zu kompensieren; – es werden die Verzögerer par excellence, die
Langsam-Aufnehmenden, die Schwer-Loslassenden, die Relativ-
Dauerhaften inmitten dieses ungeheuren Wechselns und Mischens von
Elementen sein. Das Schwergewicht fällt unter solchen Umständen
notwendig den Mediokren zu: gegen die Herrschaft des Pöbels und der

Page 811

Exzentrischen (beide meist verbündet) konsolidiert sich die Mediokrität,
als die Bürgschaft und die Trägerin der Zukunft. Daraus erwächst für die
Ausnahmemenschen ein neuer Gegner – oder aber eine neue
Verführung. Gesetzt, daß sie sich nicht dem Pöbel anpassen und dem
Instinkt der „Enterbten“ zu Gefallen Lieder singen, werden sie nötig haben,
„mittelmäßig“ und „gediegen“ zu sein. Sie wissen: die mediocritas ist auch
aurea, – sie allein sogar verfügt über Geld und Gold (– über alles, was
glänzt..). Und noch einmal gewinnt die alte Tugend, und überhaupt die
ganze verlebte Welt des Ideals eine begabte Fürsprecherschaft.... Resultat:
die Mediokrität bekommt Geist, Witz, Genie, – sie wird unterhaltend, sie
verführt....
Resultat. – Eine hohe Kultur kann nur stehen auf einem breiten Boden,
auf einer stark und gesund konsolidierten Mittelmäßigkeit. In ihrem Dienste
und von ihr bedient arbeitet die Wissenschaft – und selbst die Kunst. Die
Wissenschaft kann es sich nicht besser wünschen: sie gehört als solche zu
einer mittleren Art Mensch, – sie ist deplaziert unter Ausnahmen, – sie hat
nichts Aristokratisches und noch weniger etwas Anarchistisches in ihren
Instinkten. – Die Macht der Mitte wird sodann aufrechtgehalten durch den
Handel, vor allem den Geldhandel: der Instinkt der Großfinanziers geht
gegen alles Extreme, – die Juden sind deshalb einstweilen die
konservierendste Macht in unserm so bedrohten und unsicheren Europa.
Sie können weder Revolutionen brauchen noch Sozialismus noch
Militarismus: wenn sie Macht haben wollen und brauchen, auch über die
revolutionäre Partei, so ist dies nur eine Folge des Vorhergesagten und nicht
im Widerspruch dazu. Sie haben nötig, gegen andere extreme Richtungen
gelegentlich Furcht zu erregen – dadurch, daß sie zeigen, was alles in ihrer
Hand steht. Aber ihr Instinkt selbst ist unwandelbar konservativ – und
„mittelmäßig“.... Sie wissen überall, wo es Macht gibt, mächtig zu sein:
aber die Ausnützung ihrer Macht geht immer in einer Richtung. Das
Ehrenwort für mittelmäßig ist bekanntlich das Wort „liberal“.
Besinnung. – Es ist unsinnig, vorauszusetzen, daß dieser ganze Sieg
der Werte antibiologisch sei: man muß suchen, ihn zu erklären aus einem
Interesse des Lebens, zur Aufrechterhaltung des Typus „Mensch“
selbst durch diese Methodik der Überherrschaft der Schwachen und
Schlechtweggekommenen – : im andern Falle existierte der Mensch nicht
mehr? – Problem – – –

Page 812

Die Steigerung des Typus verhängnisvoll für die Erhaltung der Art?
Warum? –
Es zeigen die Erfahrungen der Geschichte: die starken Rassen
dezimieren sich gegenseitig: durch Krieg, Machtbegierde, Abenteuer;
die starken Affekte: die Vergeudung – (es wird Kraft nicht mehr
kapitalisiert, es entsteht die geistige Störung durch die übertriebene
Spannung); ihre Existenz ist kostspielig, kurz – sie reiben sich
untereinander auf –; es treten Perioden tiefer Abspannung und
Schlaffheit ein: alle großen Zeiten werden bezahlt.... Die Starken sind
hinterdrein schwächer, willenloser, absurder als die durchschnittlich
Schwachen.
Es sind verschwenderische Rassen. Die „Dauer“ an sich hätte ja
keinen Wert: man möchte wohl eine kürzere, aber wertreichere Existenz
der Gattung vorziehen. – Es bliebe übrig, zu beweisen, daß selbst so ein
reicherer Wertertrag erzielt würde als im Fall der kürzeren Existenz; das
heißt, der Mensch als Aufsummierung von Kraft gewinnt ein viel höheres
Quantum von Herrschaft über die Dinge, wenn es so geht, wie es geht....
Wir stehen vor einem Problem der Ökonomie – – –

Page 813

672.

Die Starken der Zukunft. – Was teils die Not, teils der Zufall hier
und da erreicht hat, die Bedingungen zur Hervorbringung einer stärkeren
Art: das können wir jetzt begreifen und wissentlich wollen: wir können die
Bedingungen schaffen, unter denen eine solche Erhöhung möglich ist.
Bis jetzt hatte die „Erziehung“ den Nutzen der Gesellschaft im Auge:
nicht den möglichsten Nutzen der Zukunft, sondern den Nutzen der gerade
bestehenden Gesellschaft. „Werkzeuge“ für sie wollte man. Gesetzt, der
Reichtum an Kraft wäre größer, so ließe sich ein Abzug von
Kräften denken, dessen Ziel nicht dem Nutzen der Gesellschaft gälte,
sondern einem zukünftigen Nutzen.
Eine solche Aufgabe wäre zu stellen, je mehr man begriffe, inwiefern die
gegenwärtige Form der Gesellschaft in einer starken Verwandlung wäre, um
irgendwann einmal nicht mehr um ihrer selber willen existieren zu
können: sondern nur noch als Mittel in den Händen einer stärkeren
Rasse.
Die zunehmende Verkleinerung des Menschen ist gerade die treibende
Kraft, um an die Züchtung einer stärkeren Rasse zu denken: welche
gerade ihren Überschuß darin hätte, worin die verkleinerte Spezies schwach
und schwächer würde (Wille, Verantwortlichkeit, Selbstgewißheit, Ziele-
sich-setzen-können).
Die Mittel wären die, welche die Geschichte lehrt: die Isolation durch
umgekehrte Erhaltungsinteressen, als die durchschnittlichen heute sind; die
Einübung in umgekehrten Wertschätzungen; die Distanz als Pathos; das
freie Gewissen im heute Unterschätztesten und Verbotensten.
Die Ausgleichung des europäischen Menschen ist der große Prozeß,
der nicht zu hemmen ist: man sollte ihn noch beschleunigen. Die
Notwendigkeit für eine Kluftaufreißung, Distanz, Rangordnung ist
damit gegeben: nicht die Notwendigkeit, jenen Prozeß zu verlangsamen.
Diese ausgeglichene Spezies bedarf, sobald sie erreicht ist, einer
Rechtfertigung: sie liegt im Dienste einer höheren souveränen Art,
welche auf ihr steht und erst auf ihr sich zu ihrer Aufgabe erheben kann.

Page 814

Nicht nur eine Herrenrasse, deren Aufgabe sich damit erschöpfte, zu
regieren: sondern eine Rasse mit eigener Lebenssphäre, mit einem
Überschuß von Kraft für Schönheit, Tapferkeit, Kultur, Manier bis ins
Geistigste; eine bejahende Rasse, welche sich jeden großen Luxus gönnen
darf –, stark genug, um die Tyrannei des Tugend-Imperativs nicht nötig zu
haben, reich genug, um die Sparsamkeit und Pedanterie nicht nötig zu
haben, jenseits von Gut und Böse; ein Treibhaus für sonderbare und
ausgesuchte Pflanzen.

Page 815

673.

Summa: die Herrschaft über die Leidenschaften, nicht deren
Schwächung oder Ausrottung! – Je größer die Herrenkraft des Willens ist,
um soviel mehr Freiheit darf den Leidenschaften gegeben werden.
Der „große Mensch“ ist groß durch den Freiheitsspielraum seiner
Begierden und durch die noch größere Macht, welche diese prachtvollen
Untiere in Dienst zu nehmen weiß.
Der „gute Mensch“ ist auf jeder Stufe der Zivilisation der
Ungefährliche und Nützliche zugleich: eine Art Mitte; der
Ausdruck im gemeinen Bewußtsein davon, vor wem man sich nicht zu
fürchten hat, und wen man trotzdem nicht verachten darf.
Erziehung: wesentlich das Mittel, die Ausnahme zu ruinieren
zugunsten der Regel. Bildung: wesentlich das Mittel, den Geschmack
gegen die Ausnahme zu richten zugunsten des Mittleren.
Erst wenn eine Kultur über einen Überschuß von Kräften zu gebieten hat,
kann sie auch ein Treibhaus für den Luxuskultus der Ausnahme, des
Versuchs, der Gefahr, der Nuance sein: – jede aristokratische Kultur
tendiert dahin.

Page 816

674.

Ein kleiner tüchtiger Bursch wird ironisch blicken, wenn man ihn fragt:
„Willst du tugendhaft werden?“ – aber er macht die Augen auf, wenn man
ihn fragt: „Willst du stärker werden als deine Kameraden?“
Wie wird man stärker? – Sich langsam entscheiden, und zähe festhalten
an dem, was man entschieden hat. Alles andere folgt.
Die Plötzlichen und die Veränderlichen: die beiden Arten der
Schwachen. Sich nicht mit ihnen verwechseln; die Distanz fühlen –
beizeiten!
Vorsicht vor den Gutmütigen! Der Umgang mit ihnen erschlafft. Jeder
Umgang ist gut, bei dem die Wehr und Waffen, die man in den Instinkten
hat, geübt werden. Die ganze Erfindsamkeit darin, seine Willenskraft auf
die Probe zu stellen.... Hier das Unterscheidende sehen, nicht im Wissen,
Scharfsinn, Witz.
Man muß befehlen lernen, beizeiten, – ebensogut als gehorchen. Man
muß Bescheidenheit, Takt in der Bescheidenheit lernen: nämlich
auszeichnen, ehren, wo man bescheiden ist; ebenso mit Vertrauen –
auszeichnen, ehren.
Was büßt man am schlimmsten? Seine Bescheidenheit; seinen eigensten
Bedürfnissen kein Gehör geschenkt zu haben; sich verwechseln; sich
niedrig nehmen; die Feinheit des Ohrs für seine Instinkte einbüßen; – dieser
Mangel an Ehrerbietung gegen sich rächt sich durch jede Art von
Einbuße: Gesundheit, Freundschaft, Wohlgefühl, Stolz, Heiterkeit,
Freiheit, Festigkeit, Mut. Man vergibt sich später diesen Mangel an echtem
Egoismus nie: man nimmt ihn als Einwand, als Zweifel an einem
wirklichen ego.

Page 817

675.

Es wird von nun an günstige Vorbedingungen für umfänglichere
Herrschaftsgebilde geben, dergleichen es noch nicht gegeben hat. Und dies
ist noch nicht das Wichtigste; es ist die Entstehung von internationalen
Geschlechtsverbänden möglich gemacht, welche sich die Aufgabe setzen,
eine Herrenrasse heraufzuzüchten, die zukünftigen „Herren der Erde“; –
eine neue, ungeheure, auf der härtesten Selbst-Gesetzgebung aufgebaute
Aristokratie, in der dem Willen philosophischer Gewaltmenschen und
Künstlertyrannen Dauer über Jahrtausende gegeben wird: – eine höhere Art
Menschen, die sich, dank ihrem Übergewicht von Wollen, Wissen,
Reichtum und Einfluß, des demokratischen Europas bedienen als ihres
gefügigsten und beweglichsten Werkzeugs, um die Schicksale der Erde in
die Hand zu bekommen, um am „Menschen“ selbst als Künstler zu
gestalten. Genug, die Zeit kommt, wo man über Politik umlernen wird.

Page 818

676.

Wir wenigen oder vielen, die wir wieder in einer entmoralisierten
Welt zu leben wagen, wir Heiden dem Glauben nach: wir sind
wahrscheinlich auch die ersten, die es begreifen, was ein heidnischer
Glaube ist: – sich höhere Wesen, als der Mensch ist, vorstellen müssen,
aber diese jenseits von Gut und Böse; alles Höher-sein auch als
Unmoralisch-sein abschätzen müssen. Wir glauben an den Olymp – und
nicht an den „Gekreuzigten“.

Page 819

677.

Die Täuschung Apollos: die Ewigkeit der schönen Form; die
aristokratische Gesetzgebung „so soll es immer sein!“
Dionysos: Sinnlichkeit und Grausamkeit. Die Vergänglichkeit könnte
ausgelegt werden als Genuß der zeugenden und zerstörenden Kraft, als
beständige Schöpfung.

Page 820

678.

Die zwei Typen: Dionysos und der Gekreuzigte. – Festzustellen:
ob der typische religiöse Mensch eine décadence-Form ist (die großen
Neuerer sind samt und sonders krankhaft und epileptisch); aber lassen wir
nicht da einen Typus des religiösen Menschen aus, den heidnischen? Ist
der heidnische Kult nicht eine Form der Danksagung und der Bejahung des
Lebens? Müßte nicht sein höchster Repräsentant eine Apologie und
Vergöttlichung des Lebens sein? Typus eines wohlgeratenen und entzückt-
überströmenden Geistes! Typus eines die Widersprüche und
Fragwürdigkeiten des Daseins in sich hineinnehmenden und erlösenden
Geistes!
Hierher stelle ich den Dionysos der Griechen: die religiöse Bejahung
des Lebens, des ganzen, nicht verleugneten und halbierten Lebens; (typisch
– daß der Geschlechtsakt Tiefe, Geheimnis, Ehrfurcht erweckt).
Dionysos gegen den „Gekreuzigten“: da habt ihr den Gegensatz. Es ist
nicht eine Differenz hinsichtlich des Martyriums, – nur hat dasselbe einen
anderen Sinn. Das Leben selbst, seine ewige Fruchtbarkeit und Wiederkehr
bedingt die Qual, die Zerstörung, den Willen zur Vernichtung. Im andern
Falle gilt das Leiden, der „Gekreuzigte als der Unschuldige“, als Einwand
gegen dieses Leben, als Formel seiner Verurteilung. – Man errät: das
Problem ist das vom Sinn des Leidens: ob ein christlicher Sinn, ob ein
tragischer Sinn. Im ersten Falle soll es der Weg sein zu einem heiligen Sein;
im letzteren Falle gilt das Sein als heilig genug, um ein Ungeheures
von Leid noch zu rechtfertigen. Der tragische Mensch bejaht noch das
herbste Leiden: er ist stark, voll, vergöttlichend genug dazu; der christliche
verneint noch das glücklichste Los auf Erden: er ist schwach, arm, enterbt
genug, um in jeder Form noch am Leben zu leiden. Der Gott am Kreuz ist
ein Fluch auf das Leben, ein Fingerzeig, sich von ihm zu erlösen; – der in
Stücke geschnittene Dionysos ist eine Verheißung des Lebens: es wird
ewig wiedergeboren und aus der Zerstörung heimkommen.

Page 821

679.

Meine Philosophie bringt den siegreichen Gedanken, an welchem zuletzt
jede andere Denkweise zugrunde geht. Es ist der große, züchtende
Gedanke: die Rassen, welche ihn nicht ertragen, sind verurteilt: die, welche
ihn als größte Wohltat empfinden, sind zur Herrschaft ausersehen.

Page 822

680.

Ich will den Gedanken lehren, welcher vielen das Recht gibt, sich
durchzustreichen, – den großen züchtenden Gedanken.

Page 823

681.

Jener Kaiser hielt sich beständig die Vergänglichkeit aller Dinge vor, um
sie nicht zu wichtig zu nehmen und zwischen ihnen ruhig zu bleiben. Mir
scheint umgekehrt alles viel zu viel wert zu sein, als daß es so flüchtig sein
dürfte: ich suche nach einer Ewigkeit für jegliches: dürfte man die
kostbarsten Salben und Weine ins Meer gießen? – Mein Trost ist, daß alles,
was war, ewig ist: – das Meer spült es wieder her.

Page 824

682.

Die beiden extremsten Denkweisen – die mechanistische und die
platonische – kommen überein in der ewigen Wiederkunft: beide als
Ideale.

Page 825

683.

1. Der Gedanke der ewigen Wiederkunft: seine Voraussetzungen, welche
wahr sein müßten, wenn er wahr ist. Was aus ihm folgt.
2. Als der schwerste Gedanke: seine mutmaßliche Wirkung, falls nicht
vorgebeugt wird, das heißt, falls nicht alle Werte umgewertet werden.
3. Mittel, ihn zu ertragen: die Umwertung aller Werte. Nicht mehr die
Lust an der Gewißheit, sondern an der Ungewißheit; nicht mehr „Ursache
und Wirkung“, sondern das beständig Schöpferische; nicht mehr Wille der
Erhaltung, sondern der Macht; nicht mehr die demütige Wendung, „es ist
alles nur subjektiv“, sondern „es ist auch unser Werk! – seien wir stolz
darauf!“

Page 826

684.

Die neue Weltkonzeption. – Die Welt besteht; sie ist nichts, was
wird, nichts, was vergeht. Oder vielmehr: sie wird, sie vergeht, aber sie hat
nie angefangen zu werden und nie aufgehört zu vergehen, – sie erhält sich
in beidem.... Sie lebt von sich selber: ihre Exkremente sind ihre Nahrung.
Die Hypothese einer geschaffenen Welt soll uns nicht einen
Augenblick bekümmern. Der Begriff „schaffen“ ist heute vollkommen
undefinierbar, unvollziehbar; bloß ein Wort noch, rudimentär aus Zeiten des
Aberglaubens; mit einem Wort erklärt man nichts. Der letzte Versuch, eine
Welt, die anfängt, zu konzipieren, ist neuerdings mehrfach mit Hilfe einer
logischen Prozedur gemacht worden – zumeist, wie zu erraten ist, aus einer
theologischen Hinterabsicht.
Man hat neuerdings mehrfach dem Begriff „Zeitunendlichkeit der Welt
nach hinten“ (regressus in infinitum) einen Widerspruch finden wollen:
man hat ihn selbst gefunden, um den Preis freilich, dabei den Kopf mit dem
Schwanz zu verwechseln. Nichts kann mich hindern, von diesem
Augenblick an rückwärts rechnend zu sagen, „ich werde nie dabei an ein
Ende kommen“; wie ich vom gleichen Augenblick vorwärts rechnen kann,
ins Unendliche hinaus. Erst wenn ich den Fehler machen wollte – ich werde
mich hüten, es zu tun –, diesen korrekten Begriff eines regressus in
infinitum gleichzusetzen mit einem gar nicht vollziehbaren Begriff
eines endlichen progressus bis jetzt, erst wenn ich die Richtung (vorwärts
oder rückwärts) als logisch indifferent setzte, würde ich den Kopf – diesen
Augenblick – als Schwanz zu fassen bekommen....
Ich bin auf diesen Gedanken bei früheren Denkern gestoßen: jedesmal
war er durch andere Hintergedanken bestimmt (– meistens theologische,
zugunsten des creator spiritus). Wenn die Welt überhaupt erstarren,
vertrocknen, absterben, nichts werden könnte, oder wenn sie einen
Gleichgewichtszustand erreichen könnte, oder wenn sie überhaupt irgendein
Ziel hätte, das die Dauer, die Unveränderlichkeit, das Ein-für-alle-Mal in
sich schlösse (kurz, metaphysisch geredet: wenn das Werden in das Sein
oder ins Nichts münden könnte), so müßte dieser Zustand erreicht sein.
Aber er ist nicht erreicht: woraus folgt.... Das ist unsre einzige Gewißheit,

Page 827

die wir in den Händen halten, um als Korrektiv gegen eine große Menge an
sich möglicher Welthypothesen zu dienen. Kann zum Beispiel der
Mechanismus der Konsequenz eines Finalzustandes nicht entgehen, welche
William Thomson ihm gezogen hat, so ist damit der Mechanismus
widerlegt.
Wenn die Welt als bestimmte Größe von Kraft und als bestimmte Zahl
von Kraftzentren gedacht werden darf – und jede andre Vorstellung bleibt
unbestimmt und folglich unbrauchbar –, so folgt daraus, daß sie eine
berechenbare Zahl von Kombinationen im großen Würfelspiel ihres Daseins
durchzumachen hat. In einer unendlichen Zeit würde jede mögliche
Kombination irgendwann einmal erreicht sein; mehr noch: sie würde
unendliche Male erreicht sein. Und da zwischen jeder Kombination und
ihrer nächsten Wiederkehr alle überhaupt noch möglichen Kombinationen
abgelaufen sein müßten, und jede dieser Kombinationen die ganze Folge
der Kombinationen in derselben Reihe bedingt, so wäre damit ein Kreislauf
von absolut identischen Reihen bewiesen: die Welt als Kreislauf, der sich
unendlich oft bereits wiederholt hat und der sein Spiel in infinitum spielt. –
Diese Konzeption ist nicht ohne weiteres eine mechanistische: denn wäre
sie das, so würde sie nicht eine unendliche Wiederkehr identischer Fälle
bedingen, sondern einen Finalzustand. Weil die Welt ihn nicht erreicht hat,
muß der Mechanismus uns als unvollkommene und nur vorläufige
Hypothese gelten.

Page 828

685.

Hätte die Welt ein Ziel, so müßte es erreicht sein. Gäbe es für sie einen
unbeabsichtigten Endzustand, so müßte er ebenfalls erreicht sein. Wäre sie
überhaupt eines Verharrens und Starrwerdens, eines „Seins“ fähig, hätte sie
in allem ihren Werden nur einen Augenblick diese Fähigkeit des „Seins“, so
wäre es wiederum mit allem Werden längst zu Ende, also auch mit allem
Denken, mit allem „Geiste“. Die Tatsache des „Geistes“ als eines
Werdens beweist, daß die Welt kein Ziel, keinen Endzustand hat und des
Seins unfähig ist. – Die alte Gewohnheit aber, bei allem Geschehen an Ziele
und bei der Welt an einen lenkenden, schöpferischen Gott zu denken, ist so
mächtig, daß der Denker Mühe hat, sich selber die Ziellosigkeit der Welt
nicht wieder als Absicht zu denken. Auf diesen Einfall – daß also die Welt
absichtlich einem Ziel ausweiche und sogar das Hineingeraten in einen
Kreislauf künstlich zu verhüten wisse – müssen alle die verfallen, welche
der Welt das Vermögen zur ewigen Neuheit aufdekretieren möchten, das
heißt einer endlichen, bestimmten, unveränderlich gleichgroßen Kraft, wie
es „die Welt“ ist, die Wunderfähigkeit zur unendlichen Neugestaltung
ihrer Formen und Lagen. Die Welt, wenn auch kein Gott mehr, soll doch der
göttlichen Schöpferkraft, der unendlichen Verwandlungskraft fähig sein; sie
soll es sich willkürlich verwehren, in eine ihrer alten Formen
zurückzugeraten; sie soll nicht nur die Absicht, sondern auch die Mittel
haben, sich selber vor jeder Wiederholung zu bewahren; sie soll somit in
jedem Augenblick jede ihrer Bewegungen auf die Vermeidung von Zielen,
Endzuständen, Wiederholungen hin kontrollieren – und was alles die
Folgen einer solchen unverzeihlich-verrückten Denk- und Wunschweise
sein mögen. Das ist immer noch die alte religiöse Denk- und Wunschweise,
eine Art Sehnsucht, zu glauben, daß irgendworin doch die Welt dem
alten, geliebten, unendlichen, unbegrenzt-schöpferischen Gotte gleich sei –
daß irgendworin doch „der alte Gott noch lebe“ –, jene Sehnsucht Spinozas,
die sich in dem Worte „deus sive natura“ (er empfand sogar „natura sive
deus“ –) ausdrückt. Welches ist denn aber der Satz und Glaube, mit
welchem sich die entscheidende Wendung, das jetzt erreichte
Übergewicht des wissenschaftlichen Geistes über den religiösen, götter-
erdichtenden Geist, am bestimmtesten formuliert? Heißt er nicht: die Welt

Page 829

als Kraft darf nicht unbegrenzt gedacht werden, denn sie kann nicht so
gedacht werden, – wir verbieten uns den Begriff einer unendlichen Kraft
als mit dem Begriff „Kraft“ unverträglich. Also – fehlt der Welt
auch das Vermögen zur ewigen Neuheit.

Page 830

686.

Daß eine Gleichgewichtslage nie erreicht ist, beweist, daß sie nicht
möglich ist. Aber in einem unbestimmten Raum müßte sie erreicht sein.
Ebenfalls in einem kugelförmigen Raum. Die Gestalt des Raumes muß die
Ursache der ewigen Bewegung sein, und zuletzt aller „Unvollkommenheit“.
Daß „Kraft“ und „Ruhe“, „Sich-gleich-bleiben“ sich widerstreiten. Das
Maß der Kraft (als Größe) fest, ihr Wesen aber flüssig.
„Zeitlos“ abzuweisen. In einem bestimmten Augenblick der Kraft ist die
absolute Bedingtheit einer neuen Verteilung aller ihrer Kräfte gegeben: sie
kann nicht stillstehen. „Veränderung“ gehört ins Wesen hinein, also auch
die Zeitlichkeit: womit aber nur die Notwendigkeit der Veränderung noch
einmal begrifflich gesetzt wird.

Page 831

687.

Der Satz vom Bestehen der Energie fordert die ewige Wiederkehr.

Page 832

688.

Um den Gedanken der Wiederkunft zu ertragen, ist nötig: Freiheit von
der Moral; – neue Mittel gegen die Tatsache des Schmerzes (Schmerz
begreifen als Werkzeug, als Vater der Lust; es gibt kein summierendes
Bewußtsein der Unlust); – der Genuß an aller Art Ungewißheit,
Versuchhaftigkeit, als Gegengewicht gegen jenen extremen Fatalismus; –
Beseitigung des Notwendigkeitsbegriffs; – Beseitigung des „Willens“; –
Beseitigung der „Erkenntnis an sich“.
Größte Erhöhung des Kraftbewußtseins des Menschen als dessen,
der den Übermenschen schafft.

Page 833

689.

Die beiden größten (von Deutschen gefundenen) philosophischen
Gesichtspunkte:
a) der des Werdens, der Entwicklung;
b) der nach dem Werte des Daseins (aber die erbärmliche Form des
deutschen Pessimismus erst zu überwinden!) –
beide von mir in entscheidender Weise zusammengebracht.
Alles wird und kehrt ewig wieder, – entschlüpfen ist nicht möglich! –
Gesetzt, wir könnten den Wert beurteilen, was folgt daraus? Der Gedanke
der Wiederkunft als auswählendes Prinzip im Dienste der Kraft (und
Barbarei!!).
Reife der Menschheit für diesen Gedanken.

Page 834

690.

Es ist ganz und gar nicht die erste Frage, ob wir mit uns zufrieden sind,
sondern ob wir überhaupt irgend womit zufrieden sind. Gesetzt, wir sagen
ja zu einem einzigen Augenblick, so haben wir damit nicht nur zu uns
selbst, sondern zu allem Dasein ja gesagt. Denn es steht nichts für sich,
weder in uns selbst noch in den Dingen: und wenn nur ein einziges Mal
unsre Seele wie eine Saite vor Glück gezittert und getönt hat, so waren alle
Ewigkeiten nötig, um dies eine Geschehen zu bedingen – und alle Ewigkeit
war in diesem einzigen Augenblick unseres Jasagens gutgeheißen, erlöst,
gerechtfertigt und bejaht.

Page 835

691.

Es muß solche geben, die alle Verrichtungen heiligen, nicht nur Essen
und Trinken: – und nicht nur im Gedächtnis an sie oder im Eins-werden mit
ihnen, sondern immer von neuem und auf neue Weise soll diese
Welt verklärt werden.

Page 836

692.

Der Mensch ist das Untier und Übertier; der höhere Mensch ist der
Unmensch und Übermensch: so gehört es zusammen. Mit jedem Wachstum
des Menschen in die Größe und Höhe wächst er auch in das Tiefe und
Furchtbare: man soll das eine nicht wollen ohne das andere, – oder
vielmehr: je gründlicher man das eine will, um so gründlicher erreicht man
gerade das andere.

Page 837

693.

Nicht „Menschheit“, sondern Übermensch ist das Ziel!

Page 838

694.

Come l'uom s'eterna....
Inf. XV, 85.

Page 839

695.

Den ganzen Umkreis der modernen Seele umlaufen, in jedem ihrer
Winkel gesessen zu haben – mein Ehrgeiz, meine Tortur und mein Glück.
Wirklich den Pessimismus überwinden –; ein Goethescher Blick voll
Liebe und gutem Willen als Resultat.

Page 840

696.

Und wißt ihr auch, was mir „die Welt“ ist? Soll ich sie euch in meinem
Spiegel zeigen? Die Welt: ein Ungeheuer von Kraft, ohne Anfang, ohne
Ende, eine feste, eherne Größe von Kraft, welche nicht größer, nicht kleiner
wird, die sich nicht verbraucht, sondern nur verwandelt, als Ganzes
unveränderlich groß, ein Haushalt ohne Ausgaben und Einbußen, aber
ebenso ohne Zuwachs, ohne Einnahmen, vom „Nichts“ umschlossen als
von seiner Grenze, nichts Verschwimmendes, Verschwendetes, nichts
Unendlich-Ausgedehntes, sondern als bestimmte Kraft einem bestimmten
Raum eingelegt, und nicht einem Raume, der irgendwo „leer“ wäre,
vielmehr als Kraft überall, als Spiel von Kräften und Kraftwellen zugleich
eins und vieles, hier sich häufend und zugleich dort sich mindernd, ein
Meer in sich selber stürmender und flutender Kräfte, ewig sich wandelnd,
ewig zurücklaufend mit ungeheuren Jahren der Wiederkehr, mit einer Ebbe
und Flut seiner Gestaltungen, aus den einfachsten in die vielfältigsten
hinaustreibend, aus dem Stillsten, Starrsten, Kältesten hinaus in das
Glühendste, Wildeste, Sich-selber-Widersprechendste, und dann wieder aus
der Fülle heimkehrend zum Einfachen, aus dem Spiel der Widersprüche
zurück bis zur Lust des Einklangs, sich selber bejahend noch in dieser
Gleichheit seiner Bahnen und Jahre, sich selber segnend als das, was ewig
wiederkommen muß, als ein Werden, das kein Sattwerden, keinen
Überdruß, keine Müdigkeit kennt – : diese meine dionysische Welt des
Ewig-sich-selber-Schaffens, des Ewig-sich-selber-Zerstörens, diese
Geheimniswelt der doppelten Wollüste, dies mein „Jenseits von Gut und
Böse“ ohne Ziel, wenn nicht im Glück des Kreises ein Ziel liegt ohne
Willen, wenn nicht ein Ring zu sich selber guten Willen hat, – wollt ihr
einen Namen für diese Welt? Eine Lösung für alle ihre Rätsel? Ein Licht
auch für euch, ihr Verborgensten, Stärksten, Unerschrockensten,
Mitternächtlichsten? – Diese Welt ist der Wille zur Macht – und
nichts außerdem! Und auch ihr selber seid dieser Wille zur Macht – und
nichts außerdem!

Page 841

Bei der Transkription vorgenommene Änderungen:
Im Satz "Man folgt, aber man folgert nicht mehr." war im
Original nach dem ersten Halbsatz ein Absatz gebildet. Dieser
wurde entfernt.
Die Kapitelzählung "64." stand nicht über dem Absatz, sondern
erst am Beginn der nächsten Seite. Dies wurde korrigiert.
In "Goethe lehrt es anders; aber es scheint, daß er hier sich
selbst mißverstehen wollte" stand "mistverstehen".

In "Das wäre der Fall, wenn etwas innerhalb jenes Prozesses in jedem
Momente desselben erreicht würde – und immer das Gleiche.", "sie drückt
auf jeden Punkt, es widersteht ihr jeder Punkt – und diese Summierungen
sind in jedem Falle gänzlich inkongruent" sowie in "daß die Strafen
proportional wehe tun sollen gemäß der Größe des Verbrechens – und so
wollt ihr's ja alle im Grunde!" stand jeweils zweimal "und" nach dem
Gedankenstrich.

Page 842

*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WILLE ZUR
MACHT: EINE AUSLEGUNG ALLES GESCHEHENS ***

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