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man sie ertragen soll

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Title: Die moderne Ehe und wie man sie ertragen soll

Author: Maud Churton Braby

Translator: Clara Sokolowsky-Theumann

Release date: January 26, 2009 [eBook #27891]
Most recently updated: January 4, 2021

Language: German

Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/27891

Credits: Produced by Louise Hope, Norbert H. Langkau and the
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*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE MODERNE
EHE UND WIE MAN SIE ERTRAGEN SOLL ***

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Die moderne Ehe

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und wie man sie ertragen soll
Von

Maud Ch. Braby

Drittes Tausend

Erich Reiß Verlag · Berlin 1911

Autorisierte Übersetzung
von C l a r a S o k o l o w s k y - T h e u m a n n
Umschlagzeichnung von W o l f S c h m i d t

Copyright 1911 by Erich Reiß Verlag, Berlin

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Herrn C. Stanley-Churton
dem besten Vater der Welt, in
tiefer Dankbarkeit für ein Leben
voll Liebe und Güte

Inhaltsverzeichnis

I. Teil
Zeichen der Unruhe

I. Die Unbefriedigtheit der Geschlechter 3
II. Warum die Männer nicht heiraten 14
III. Warum die Frauen nicht heiraten 27
IV. Die Tragödie der Unbegehrten 42

II. Teil
Wa r u m E h e n m i ß g l ü c k e n
I. Die verschiedenen Arten der Ehe 57
II. Warum Mann und Frau auseinandergeraten: verschiedene
Zwistigkeiten 68
III. Das Heiratsalter 86
IV. Das „Sichausleben“ für die Frauen 91
V. Einige Worte für eine vernünftigere Mädchenerziehung 103
VI. „Und wahre ihr die eheliche Treue“ — der wunde Punkt in
der Ehe 112

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III. Teil
Vo r g e s c h l a g e n e A l t e r n a t i v e n
I. Die Probeehe à la Meredith 123
II. Die Probeehe in der Praxis: ein Dialog im Jahre 1999 133
III. Das Fiasko der freien Liebe 146
IV. Die Polygamie an einer höflichen Tafelrunde 152
V. Ist die legalisierte Polyandrie die Lösung? 165
VI. Ein Wort für die Duogamie 167
VII. Die Vorteile der Ehe „auf Sicht“ 177

IV. Teil
Die Kinder — die Sackgasse aller
Reformen
I. Kinder oder keine Kinder — die Frage des Tages 183
II. Das Für und Wider des beschränkten Nachwuchses 191
III. Die Eltern­schaft — die höchste Bestimmung 200

V. Teil
Wie man, obgleich verheiratet,
glücklich werden kann

I. Einige Reformvorschläge 211
II. Einige praktische Winke für Ehemänner — und Frauen 217

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Erster Teil

Zeichen der Unruhe
„Das Thema der Ehe wird zu sehr im Dunkel gehalten. Laßt freie
Luft ein! Laßt freie Luft ein!“ G e o r g e M e r e d i t h.

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I. Die Unbefriedigtheit der Geschlechter
„Das Gespenst der Ehe harrt, entschlossen und furchtbar, an den
Kreuzwegen.“ R . L . S t e v e n s o n.

Seit Frau Mona Caird die Institution der Ehe in der Westminster Review
angriff und der großen Diskussion im Daily Telegraph über die Frage: „Ist
die Ehe ein Mißgriff?“ Bahn brach, ist die Ehe die immerwährende,
unversiegbare Quelle für Zeitungs­briefecken und verbrauchte
Subredakteure gewesen. In der flauen, sauren Gurkenzeit braucht der
niedrigste Zeitungsskribent nur eine Spalte über dieses Thema loszulassen
und gleichviel, ob es eine ernste Abhandlung über „Die Vollkommenheit
der Polygamie“ oder eine banale Diskussion über das Thema: „Sollen die
Ehemänner den Tee zu Hause trinken?“ ist, es wird unvermeidlich das
gewünschte Resultat erzielen und die unzähligen Spalten der Zeitung
wochenlang mit Zuschriften versehen. Die Leute interessieren sich immer
für die Ehe, entweder vom objektiven oder subjektiven Standpunkt aus, und
das mag mich entschuldigen, wenn ich noch ein Buch über dieses
abgedroschene, jedoch immer fruchtbare Thema wage.
Das Ehethema scheint jetzt mehr denn je in der Luft zu liegen, überall wird
es diskutiert, und sehr wenige Leute haben etwas Gutes darüber zu sagen.
Der oberfläch­lichste Beobachter muß gemerkt haben, daß in der Mehrheit
eine wachsende Furcht vor dem Ehejoch, besonders unter den Männern
besteht, und eine wesentliche Unzufriedenheit und Unruhe unter den
verheirateten Leuten, besonders unter den Frauen. Was ist mit dieser
Generation geschehen, daß die Ehe in ihren Augen so abschreckend wirkt?
Von allen Seiten hört man, wie sie herabgesetzt und ihre Notwendigkeit in
Frage gestellt wird. Von der Kanzel bemüht sich die Geistlichkeit, die
Heiligkeit der Institution aufrecht zu erhalten, und ermahnt unaufhörlich
jede Gemeinde, sie zu achten und heilig zu halten. Aber die Berichte der
Ehegerichtshöfe liefern eine bedenkliche Lektüre, und jeder Rechtsanwalt
wird aus seinen persön­lichen Erlebnissen erzählen, daß die glücklichen
Verbindungen bedeutend in Abnahme begriffen sind, und einige der größten

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zeitgenössischen Denker stimmen einen Chor der Verdammung gegen die
Ehe der Jetztzeit an.
Tolstoi sagt: „Die Beziehungen zwischen den Geschlechten suchen eine
neue Form, die alte zerfällt in Stücke“. In dem handschrift­lichen Nachlaß
Ibsens, jenes tiefen Kenners der mensch­lichen Natur, kommt die folgende
bemerkenswerte Stelle vor: „Das Wort ‚freigeborene Menschen‘ ist eine
retorische Phrase, sie existieren nicht, denn die Ehe, das Verhältnis
zwischen Mann und Weib, hat die Rasse verdorben und allen das Zeichen
der Sklaverei aufgedrückt.“ Vor nicht langer Zeit erregte auch der größte
Moralist des neuen England, George Meredith, eine ungeheure Sensation
durch seinen Vorschlag, daß die Ehe ein zeitweises Abkommen mit einer
Minimalfrist von, sagen wir, zehn Jahren sein solle.
Es ist klar, daß die Zeit für eine solche umstürzlerische Änderung noch
nicht gekommen ist, aber wenn die Anzeichen und Symptome der letzten
zwei Jahrzehnte nicht trügen, können wir mit Sicherheit annehmen, daß die
Zeit dafür kommen wird und daß die gegenwärtigen gesetz­lichen
Bestimmungen des Ehebandes in irgend einer Weise abgeändert werden
müssen.
Vor fünfzehn Jahren gab es eine plötzliche umstürzlerische Strömung gegen
diese Bestimmungen und ein erneutes Interesse an der sexuellen Frage
zeigte sich in dem Emporwuchern von „Tendenzromanen“, eine
Bezeichnung, die später als Vorwurf angewendet wurde. Ich kann mich
erinnern, wie ich als Schulmädchen die durch ein solches Buch
hervorgerufene Erregung mitmachte und bitter enttäuscht war, als meine
erzürnte Gouvernante, die sich für dieses reizvolle Thema offenbar nicht zu
interessieren schien, mir das Buch strengstens verbot. Eine Schar von
Nachahmern folgten diesen ersten literarischen Verstößen. Einige davon
waren total unliterarisch, und alle boten einen unfehlbaren Wegweiser durch
das verwirrende Labyrinth der Ehe. Noch ärger war die darauf folgende
unvermeidliche Reaktion, als der Realismus in der Dichtung in Acht und
Bann erklärt wurde und die krankhafte Romantik das Feld beherrschte. Der
Kultus der Familienliteratur war bald wieder in vollster Blüte. Dann folgte
eine Lawine von unerträglich albernen und kindischen Zeitschriften, in
denen das Wort „Geschlecht“ direkt verrufen und das erstrebte Ideal

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offenkundig das gerade Gegenteil des wirklichen Lebens war. Sonderbar,
wie plötzlich das sexuelle Thema aus den Spalten der Presse verschwand.
Die Psychologie war abgetan und die Intriguen waren an der Tagesordnung.
Viele damals wohlbekannte und als feine Charakter­schilderer renommierte
Autoren verschwanden von den Inhalts­verzeichnissen der Zeitschriften und
den Verlegerlisten, während seichte Schriftsteller, die weitschweifige
Detektive- und Abenteurer­geschichten erzählen konnten, in die Halme
schossen.
Es fehlt nicht an Symptomen, daß das Pendel des öffent­lichen Interesses
nun wieder zurückgeschwungen hat, eine Strömung des Realismus in der
Dichtung kommt auf und die Forderung der Neugestaltung der Ehebande
dürfte demnächst erhoben werden. Jedoch das Pendel wird noch oft hin und
herschwingen müssen, bevor es den Beziehungen zwischen den
Geschlechtern gelingen wird, jene neue Form zu finden, von der Tolstoi
spricht. Es bleibt abzuwarten, was die eben erwähnte Wiederbelebung
ausrichten wird. Was erreichte die letzte Agitation? Im Praktischen nichts.
Einige wenige Frauen mögen zu ihrem unauslösch­lichen Kummer angeregt
worden sein, in den Fußstapfen der Herminia aus Grant Allens Roman zu
wandeln. Und eine Menge frühreifer junger Mädchen, die die Literatur
jener Tage gelesen haben, verursachen möglicherweise ihren Eltern einige
Angst durch ihre revolutionären Ideen über den Wert des heiligen
Ehestandes. Aber welche von jenen vorgeschrittenen Dämchen erinnerte
sich an die Bergpredigt als das für das weibliche Herz so unwiderstehliche
Trio nahte — der Ring, die Ausstattung und das eigene Heim — ganz zu
geschweigen von dem zuverlässigen, gewichtigen in Aussicht stehenden
Gatten? Jedoch sind in den vierzehn Jahren, die seit dem Erscheinen der
„Frau, die es tat“ verflossen, gewiß einige Änderungen vorgegangen. Vor
allem ist es offenbar noch schwerer, sich anständig durchzubringen. Die
Zeiten sind schlecht und das Geld selten. Die Männer sind jetzt sogar noch
mehr abgeneigt, dem trällernden Engel durch die Heirat ein Heim zu
bereiten, und es ist ein Typus von Frauen entstanden, der der Ehe scheu
gegenüber steht und ihre vielen Gefahren um ihrer problematischen
Freuden willen herzlich ungern riskiert. Das Bemerkenswerteste von allem
ist die wachsende gegenseitige Unbefriedigtheit der Geschlechter. Die
Männer vermeiden die Ehe nicht nur wegen ungünstiger finanzieller

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Verhältnisse oder weil die Beschränkungen des Ehejochs ihnen irgendwie
lästiger sind als früher, sondern weil sie die Frau nicht finden können, die
sich ihrem Ideal genügend nähert. Die Frau hat in den letzten zwei
Generationen solche Fortschritte gemacht, ihr Gesichtskreis hat sich so
erweitert, ihr Geist so entwickelt, daß sie sich sehr weit von dem Ideal des
Mannes entfernt hat und der Mann daher zögert, sie zu heiraten. Es liegt
etwas Komisches in dieser Situation und ich bin überzeugt, daß die Götter
an der olympischen Tafel über diese verfahrene Ehe des zwanzigsten
Jahrhunderts lachen würden.
Ein anderer Grund, warum sich die Männer um soviel seltener verlieben als
früher, muß zum großen Teil dem Niedergang der Phantasie zugeschrieben
werden, und obgleich die Frauen in der Hauptsache ebenso sehr zu heiraten
trachten wie nur je und es allgemein bekannt ist, daß sich die modernen
jungen Frauen um den modernen jungen Mann übermäßig bemühen, haben
die Beweggründe für dieses Treiben nichts mit den durch die Zeit
geheiligten Liebesmotiven zu schaffen. Die Ehe bringt Unabhängigkeit und
eine gewisse gesell­schaftliche Stellung: aus diesen Gründen begehren die
Frauen sie. Marriot Watson hat dies in knapper Weise ausgedrückt: „Die
Frauen wollen e i n e n Mann heiraten, die Männer heiraten d a s Weib.“
Nichtsdesto­weniger sind die Frauen selbst jetzt mehr geneigt, sich zu
verlieben als die Männer, weil sie jene Fähigkeit der Einbildungskraft
besser bewahrt haben, welche möglicherweise auch den Grund der
Enttäuschung und der Unzufriedenheit der Frauen in der Ehe bildet.
Das Ende von all dem ist, daß die Männer und die Frauen einander
entgegengesetzt geworden zu sein scheinen. Wie sehr sie auch das
Geschöpf ihrer Phantasie lieben, scheint eine Art verhüllten Mißtrauens
zwischen den Geschlechtern im großen und ganzen, aber besonders auf
seiten des Mannes vorzuwalten — vielleicht, weil der Mann der Frau
nötiger ist, als die Frau dem Mann. Diese Feindseligkeit gegen die Frau
kann man besonders in den Spalten der Tagespresse beobachten. Es vergeht
kaum eine Woche, daß nicht ein Journalist des edleren Geschlechtes seinen
Spott über das untergeordnete Geschlecht, dem seine Mutter angehört, in
spaltenlangen, meisterhaften Schmähungen über diese oder jene
Eigenschaft ergießt. Jedem Artikel folgt eine leiden­schaftliche
Korrespondenz, in welcher „ein überdrüssiger Papa“, „ein hoffnungsloser

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Ehemann“, „ein eingeschüchterter Bruder“ und der unvermeidliche
„Zynikus“ dem Verfasser die lebhafteste Zustimmung zollen, während eine
„glückliche Mutter von sieben Töchtern“ und ein „Verehrer des schönen
Geschlechts“ in verschiedenen Zuschriften seine sofortige Abschaffung und
öffentliche Ungnade verlangen.
Die Liste der Fehler, welche die Männer an den Frauen finden, ist endlos.
Der eine behauptet, daß die Frauen bloß häusliche Maschinen sind und
ungeeignet, einem intelligenten Mann Gefährtin zu sein, da sie sich nicht
über die ihre Dienstboten und Kinder betreffenden Gespräche erheben
können; ein anderer behauptet, daß sie bloße Blaustrümpfe sind, die nach
einer unerreichbaren Geistigkeit streben; ein dritter, daß sie nur leichtfertige
Puppen ohne Herz und Geist sind, die in der Jagd nach Vergnügungen ganz
aufgehen; und ein vierter, daß sie geschlechtslose, derbe, schlecht­gekleidete
männliche Ungeheuer sind.
Nach den Behauptungen der Verfasser der Zeitungszuschriften zu urteilen,
sind die Frauen zugleich abgeschmackt männlich, jämmerlich weiblich,
lächerlich geistig, abstoßend athletisch und aufreizend leichtfertig. Dem
Äußern nach sind sie entweder dürre, hagere, plattfüßige Laternenpfähle,
oder aufgeputzte, verschnürte, geschminkte Puppen. Ihre Extravaganzen
lassen sich nicht wiedergeben. Wenn sie zu jener Klasse der Gesell­schaft
gehören, die man gewöhnlich unter Gänsefüßchen anführt, dann rauchen,
trinken, spielen und fluchen sie unaufhörlich. Sie vernachlässigen ihre
Kinder und ihr Haus, sie haben wenig Prinzipien und noch weniger
Vernunft, keine Moral, kein Herz und absolut keinen Sinn für Humor.
„Aber“, wird der aufmerksame Leser vielleicht ausrufen, „das ist ja nichts
Neues. Seit der erste Mann aus der ersten Klemme dadurch herauskam, daß
er der einzigen verfügbaren Frau die Schuld zuschob, ist die Frau immer
das Lieblingsventil für die Mißlaunigkeit des Mannes gewesen.“ Allerdings
kann die Zeit nicht die unendliche Mannigfaltigkeit der weiblichen
Vergehen aufheben, wie sie sich in den Augen des Mannes spiegeln. Die
Tradition hat das Thema geweiht, und die Gewohnheit erhält es. Und wenn
die Posaune des jüngsten Gerichtes erschallen wird, wird der letzte lebende
Mann darüber murren, daß das Weib in seinem abscheu­lichen Eigennutz ihn

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allein gelassen hat, und der letzte Tote, der auferstehen soll, wird beim
Erwachen darüber fluchen, daß seine Frau ihn nicht früher geweckt hat!
Aber früher bemängelte der Mann die Fehler der Frau mehr in Form einer
geistreichen Neckerei, so wie man die Seinen manchmal liebevoll verlacht.
Es lag in seinen Schmähartikeln fast immer etwas von guter Laune, die jetzt
fehlt. An ihrer Stelle kann man jetzt Bitterkeit und eine direkte Animosität
bemerken. Die Männer nehmen den Aufstand der Frauen gegen die von den
Männern geschaffenen Bedingungen offenbar ungnädig hin, und sie
revanchieren sich dafür dadurch, daß sie sich weit seltener verlieben und
sich noch mehr sträuben, in den Hafen der Ehe einzusegeln.
Sie kommen aber doch hinein, wenn auch in anderer Gemütsverfassung.
Furchtsam und zitternd legt der verzagte moderne Liebhaber seinen neuen
Frack an und schreitet zaudernd auf jenen Kampfplatz zu, wo ihn strahlend
und siegreich das entschlossene Wesen erwartet, dessen Wille ihn soweit
gebracht hat. Nein, nicht ihr Wille, sondern der geheimnisvolle Wille der
Natur, der, stetig und in seinen Absichten unerschütterlich, sich nicht um
unseren sexuellen Hader und den Verlauf unserer kleinlichen Liebeleien
und Gehäßigkeiten kümmert. Die bombardierte, geschmähte, durch viele
tausend Angriffe verwundete und mit den Sünden von Jahrhunderten
befleckte Institution der Ehe blüht weiter, denn, wie Schopenhauer sagt:
„Die zukünftige Generation in ihrer ganzen individuellen Bestimmtheit ist
es, die sich mittelst jenes Treibens und Mühens ins Dasein drängt.“ Der
„Wille zum Leben“ wird immer das letzte Wort haben.

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II. Warum Männer nicht heiraten
„Wenn ihr die Auslese der Menschheit haben wollt, nehmt einen
guten Hagestolz und eine brave Frau.“
„Es gibt wahrscheinlich nicht Hitzköpfigeres und Tolleres in dem
Leben eines Mannes als die Verheiratung.“
R . L . S t e v e n s o n.
„Was immer man auch gegen die Ehe sagen mag, sie ist jedenfalls
ein Experiment.“ O s c a r W i l d e.

„Alle Männer verheiraten sich und keines der Mädchen,“ soll eine
flatterhafte Dame einmal gesagt haben, und man versteht, was sie damit
ausdrücken wollte. In einer Zeitungsbriefecke über die Ehe las ich einmal
folgende bemerkenswerte Stelle: „Heutzutage ist es ganz anders, als wie ich
ein Mädchen war. Damals hatte jeder Bursche seinen Schatz und jedes
Mädchen ihren Anbeter. Jetzt scheint es mir, daß die Burschen keinen
Schatz brauchen, und die Mädchen keinen Anbeter finden können. Auf
einen jungen Mann, der die ernste Absicht hat, ein Mädchen zu heiraten,
gehen zwanzig, die mit dem Mädchen bloß spielen, ohne darauf zu achten,
daß es kompromittiert wird. Die Zeiten sind ungalant und bedürfen einer
Verbesserung.“ Dieser Brief ist unterzeichnet: „Eine Arbeiterfrau“. Es ist
klar, daß er von einem Mitglied der Zeitungsgilde geschrieben wurde,
welches der Signatur durch Anwendung des gewöhn­lichen Ausdrucks
„Anbeter“ eine genügende Wahrschein­lichkeit zu verleihen glaubte. Aber
trotz der Niederschrift auf Kommando sind die Behauptungen darin nur zu
wahr: Die Zeiten sind wirklich ungalant und werden es immer mehr.
Vor nicht langer Zeit war ich in einer heiteren Gesell­schaft, wo über die
Tendenzen des modernen Mannes, nicht zu heiraten, diskutiert wurde.
Jemand versetzte alle anwesenden Männer in gute Laune mit der Mahnung,
daß ein Mann „dadurch, daß er hartnäckig ledig bleibt, sich in eine
fortgesetzte öffentliche Versuchung verwandelt“. Und da fünfzehn
Junggesellen anwesend waren, wurde das Gespräch natürlich persönlich.

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Einer, den ich Vivian nennen will, bemerkte galanterweise, daß alle
reizenden Frauen verheiratet seien, und er so gezwungenermaßen ledig
bleiben müsse. Ich erfuhr zufällig, daß er in eine verheiratete Frau
gründlichst verliebt ist. Ein anderer, Lucian, ein sehr schöner und beliebter
Mann in den Dreißigern, sagte, daß er die ernste Absicht habe, eines Tages
zu heiraten, aber daß er vorher noch einige Jahre der Freiheit genießen
wolle. Dorian behauptete ernstlich, daß er auf meine Tochter warten wolle
(die jetzt achtzehn Monate alt ist), aber ich weiß im Vertrauen, daß sein Fall
ähnlich dem Vivians ist. Hadrians Verheiratung wäre wegen seiner
Gesundheit ein Verbrechen. Wir wußten das alle, und so fragte ihn niemand
darum. Dieselbe Diskretion wurde in bezug auf Julian beobachtet, von dem
es allbekannt ist, daß er ein „unseliges Verhältnis“ geschlossen und
praktischerweise nicht das Recht hatte, zu heiraten. Florian hat vor einigen
Jahren einen Korb bekommen und ist nun scheu und mißtrauisch gegen das
schöne Geschlecht, was wirklich sehr schade ist, da er zu jener Art von
Männern gehört, die für das Heim und die Familienfreuden wie geschaffen
sind, und er eine Frau sehr glücklich machen würde.
Von Augustin und Fabian kann man wohl behaupten, daß „sie zu viele
kennen gelernt haben, um bei einer bleiben zu wollen“ — Und ich fürchte
wirklich, daß sie sich für die Ehe verdorben haben, wenn nicht in jenem
alten Spruche Wahrheit liegt, „daß ein gebesserter Lebemann den besten
Ehemann abgibt.“ Endymion kommt alles in allem nicht in Betracht, da
seine blauen Augen und seine breiten Schultern sein einziges Vermögen
bilden. Er schlägt genügend Kapital aus diesen Beigaben, sie bringen ihm
reichlich weibliche Gunst ein, aber sie genügen kaum, um eine Frau zu
erhalten.
Claudian möchte wirklich gerne heiraten, aber er leidet unter einer
verhängnisvollen Treulosigkeit, und wie er sehr einladend erklärt, kann er
ein Mädchen nicht so lange lieben als die Vorbereitungen zur Heirat dauern.
Er ist sicher, daß er eines Tages von irgend einer entschlossenen und
wahrscheinlich wenig zu ihm passenden Frau geangelt und widerstrebend
zum Altar geführt werden wird. Galahad will nicht heiraten, bis er nicht die
„Eine, die Wahre, die Einzige“ gefunden haben wird, und ich fürchte, aus
ihm wird kein Ehemann mehr, denn der arme Galahad trägt schon Brillen

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und einen Kahlkopf. Seine Anhäng­lichkeit an ein unerreichbares Ideal
verspricht, ihm sein Leben zu verderben.
Als ich an Aurelian die Frage stellte, lächelte er so hämisch, daß er mehr
denn je einem erbitterten Geier glich und bemerkte, daß er im Begriff sei,
seine Anträge zu überdenken und sich noch nicht klar sei, welche der beste
ist. Da die Tatsache, daß er von sieben Frauen abgewiesen wurde, allen
bekannt ist, so bewundern wir wirklich alle die Hartnäckigkeit seiner Pose
als Herzensbrecher. Man weiß sogar von ihm, daß er sich selbst leiden­‐
schaftliche Briefe in verstellter Handschrift schreibt und geschickt
fabrizierte Tränen hie und da auf sie fallen läßt, um diesen Meisterstücken
von Verliebtheit, die er als Beweis seiner vielen Eroberungs­geschichten
benützt, einen Anschein größerer Wahrschein­lichkeit zu geben. Wenn die
Tränen trocken sind, so sehen sie äußerst natürlich aus. Freilich ist es ein
Kniff, den jedes Schulmädchen kennt, aber ich habe nie zuvor einen Mann
gekannt, der zu ihm Zuflucht genommen hätte, und hoffe auch nie wieder
einen kennen zu lernen.
Cyprian und Valerian geben als Grund für ihr fortgesetztes Jungesellentum
die Tatsache an, daß es ihnen in dieser Verfassung zu gut gehe, und sie nie
das Bedürfnis nach einer Gattin gefühlt hätten. Der letztere fügte hinzu,
daß, wenn er gerade das „eine Mädchen“ finden würde, er ja die Sache
überdenken könnte, aber wie die Dinge stünden, zöge er die Gewißheit den
Chancen vor und wolle kein Risiko eingehen. Unter uns gesagt, sind sie
beide sehr selbstbewußt und egoistisch und ich glaube nicht, daß irgend
eine Frau viel an ihnen verloren hat.
Der vierzehnte Jungeselle war Bayard, der zu einem sehr trostlosen
Liebhabertypus gehört. Fast alle Frauen sind zu ihrem Leidwesen von ihm
angelangweilt worden. Er hat die lästige Gewohnheit, überall und jedem
weiblichen Wesen gegenüber seiner Sehnsucht nach einer Ehe idealster
Sorte Ausdruck zu geben und jungen, im sicheren Hafen der Ehe gelandeten
Frauen in weitschweifigster Weise anzuvertrauen, wie sehr er sich darnach
sehne, einen Platz in dem Herzen einer guten Frau einzunehmen, und welch
großer, reiner, leiden­schaft­licher und ungestümer Liebe er fähig sei. Er hat
geradezu etwas Sympathie­erregendes und seine Haltung ist natürlich sehr
anziehend für harmlose ältere Mädchen. Er ist immer in höchst bedroh­licher

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Weise in solche Beziehungen verstrickt, paradiert aber sehr mit seiner
Armut und macht sich wieder glücklich frei, wenn die Angelegenheit einen
kritischen Punkt erreicht hat, gewöhnlich ohne irgendwelche mißliebige
Auseinander­setzungen. Wenn jedoch die Dinge schon zu weit gediehen
sind, um das zu ermöglichen, kann er ein Zurücktreten immer ganz leicht
dadurch gestalten, daß er sagt: „Ich liebe dich zu sehr, mein Schatz, um dich
mit in die Armut hinein zu ziehen.“ Wie viele Mädchen haben nicht, im
tiefsten Herzen verwundet, diese abgedroschene Lüge mit anhören müssen,
wo sie doch mehr denn je gewillt waren, seinetwegen arm zu werden, zu
kargen, zu sparen und zu verzichten. Nicht etwa, daß Bayard und
seinesgleichen eine solche Ergebung einflößen! Ich meine, daß die
Hauptbestandteile dieser besonderen Ausrede von sehr vielen
unverheirateten Männern heutzutage als der Grund ihres Junggesellentums
angegeben werden. Im allgemeinen gesprochen gibt es zwei Hauptgründe,
warum die Männer nicht heiraten: 1. weil sie noch nicht die Frau gefunden
haben, für die sie sich genügend interessieren, 2. — und diese bilden die
Majorität —, weil sie zu selbstsüchtig sind. Natürlich drücken die Männer
das anders aus; wie Bayard sagen sie, „sie können es nicht erschwingen.“
Sie denken an all die Dinge, die sie aufzugeben hätten, und wie schwer es
ist, heutzutage genug für sein Vergnügen zu haben, wie unmöglich es dann
sein würde, wenn man noch eine Frau und eine Familie dazu zu erhalten
hätte; wie sie das Pokerspiel aufgeben, einen billigeren Schneider finden
und an Golfbällen sparen müßten. Sie schaudern bei dieser Aussicht
zusammen und entscheiden in der ausdrucksvollen, üblichen Sprechweise
des Tages, daß „sie es nicht dick genug haben.“ Die Dinge, welche über
allem Preis stehen, werden gegen jene gewogen, die man mit Geld erkaufen
kann und — für nötig findet.
Es wäre jedoch die größte Tollheit, wenn man unkluge Heiraten ermutigen
wollte, die ohnedies schon eine Quelle von so viel Elend sind, und natürlich
beziehen sich meine Ausführungen nicht auf die echte Armut jenes Mannes,
der es sich wirklich nicht leisten kann, zu heiraten. Für ihn habe ich
wirkliche Sympathie, denn er vermißt die besten Dinge des Lebens,
wahrscheinlich ohne eigene Schuld. Das obengesagte bezieht sich einzig
und allein auf den Mann des Mittelstandes, der es sich erlauben könnte, zu
heiraten, wenn er sich selber weniger und irgend eine Frau mehr lieben

Page 19

würde. Fünfhundert Pfund im Jahr ist z.B. ein ganz nettes Einkommen für
einen Junggesellen, der nicht direkt zur „Gesell­schaft“ gehört. Mit dieser
Summe kann ein Mann des Mittelstandes ganz gut auskommen, wenn er
keine besonders kostspieligen Laster oder Passionen hat. Freilich aber
verlangt es Selbstverleugnung, wenn er damit für Frau und zwei oder drei
Kinder sorgen soll. Das bedeutet ein kleines Haus in einer der billigeren
Vorstädte anstatt einer Junggesellen­wohnung in der Stadt, Omnibusse
anstatt Mietwagen, Galeriesitze anstatt Sperrsitze, einen vierzehntägigen
Familien­aufenthalt in Broadstairs anstatt eines einmonat­lichen Aufenthaltes
zum Fischen als „garçon“ in Norway. Es bedeutet, daß man keine Soupers
mehr im Savoyhotel hat, keine Wochenenden mehr in Paris verbringt und
nicht mehr auf einen Sprung nach Monte Carlo hinüber rutscht. Aber es
kann durchgeführt werden und glücklich durchgeführt werden,
vorausgesetzt, daß ein Mann die Liebe über den Luxus stellt. Fast jeder
Mann kann es sich leisten, zu heiraten, — und zwar die richtige Frau.
Freilich, wenn ein Mann noch die „Frau seiner Träume“ zu finden gedenkt,
dann ist alles gut. Aber nur die verächtliche Ausrede Bayards hat mich so
empört. Wenn die Männer die Wahrheit sagen wollten, wäre das alles nicht
so schlecht. Aber dem alten Adam gleich, schieben sie wie gewöhnlich die
Schuld den Frauen zu und sagen: „Die Mädchen erwarten heutzutage zu
viel. Es ist unmöglich, genug Geld zu verdienen, um sie zu befriedigen“.
Das ist eine der vielen Lügen, die die Männer über die Frauen ausstreuen,
oder sie befinden sich vielleicht selbst in einer Täuschung und glauben
wirklich an die Wahrheit dieser Behauptung. Nun, klären wir sie auf! Die
Mädchen e r w a r t e n nicht zuviel. Sie sind ganz geneigt, arm zu sein, wie
ich es vorhin sagte, wenn sie nur den Mann genug lieb haben. Jedenfalls,
sobald sie jenes Stadium erreicht haben, wo sie der wirklichen Dinge des
Lebens bedürfen, da werden sie Weibtum und verhältnis­mäßige Armut dem
Wohlstand und dem leeren Herzen in ihrem elterlichen Heim vorziehen. Mit
einem Wort, sie würden lieber „abgearbeitete Frauen als ruhelose alte
Jungfern“ sein.
Eine andere Täuschung, welche die Männer über die Frauen ausstreuen, ist
die, daß sie zu vergnügungs­süchtig sind, um daheim zu bleiben. Wie oft
hört man Behauptungen wie folgende: „Juno Jones wird keine gute Frau
sein. Sie spielt den ganzen Tag Golf.“ Oder: „Ich könnte mir’s nicht leisten,

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Sappho Smith zu heiraten. Sie schwärmt zu sehr für schöne Kleider und
fürs Theater.“ Gott helfe dem Mann! Was haben denn die armen Mädchen
anderes zu tun? Sappho hat eine Vorliebe für feine Kleider und fürs Theater.
Sie füllt ihr leeres Dasein mit diesen Dingen aus, so gut sie kann. Juno hat
den langen lieben Tag nichts zu tun, aber sie geht sehr gern ins Freie, und so
konzentriert sie ihre prächtige Kraft auf ein Spiel mit Stock und Ball, weil
jedweder tätige Anteil an dem großen Spiel des Lebens ihr versagt ist.
Heiratet sie, wenn sie euch mag, und ihr werdet sehen, was für einen guten
Kameraden ihr an ihr haben werdet, und was für prächtige Kinder sie euch
schenken wird. Oder heiratet Sappho, und ihr werdet finden, daß sie nie
andere als einfache, in euren Mitteln liegende Vergnügungen haben will, so
lange ihr gut zu ihr seid und sie so liebt, wie sie geliebt zu werden wünscht.
Sie wird sich ganz gern ihre Kleider selbst machen und ihre größte Freude
darin finden, euer Einkommen einzuteilen und euer Heim zu schmücken.
Jeder kann sich daran erinnern, oberflächliche und vergnügungs­süchtige
Mädchen gekannt zu haben, die prächtige Frauen geworden sind, deren
Kinderstube musterhaft und deren Haushalt über allen Tadel erhaben ist.
Gewiß prophezeiten alle ihre Freunde Unheil, als diese Schmetterlinge zum
Altar geführt wurden. Ich glaube aufrichtig, daß die Frauen nur dann
ausgefallene Vergnügungen brauchen, wenn sie innerlich elend sind. Es
sind gewöhnlich die Unglück­lichen, die Elenden, die ruhelosen alten
Mädchen, die überall hin laufen und das Geld zum Fenster hinauswerfen.
Sie fühlen, daß das Leben sie betrügt, und müssen irgend eine
Entschädigung haben.
Aber um zu meinen fünfzehn Junggesellen zurückzukehren: nun bleibt nur
mehr Florizel, dessen Haltung gegenüber den Ehefesseln gerade das
Gegenteil von der Bayards und Claudians ist. Er ist aufrichtig geneigt, zu
heiraten, glühend, warm, bestrebt, das Richtige zu tun, aber es fehlt ihm an
moralischem Mut, und er ist schauderhaft egoistisch. Ich möchte ihn so
gerne glücklich verheiratet sehen, da er dann ohne Zweifel rasch jene
heftige Selbstliebe verlieren würde, aber ich frage mich, ob es irgend eine
anziehende Frau gibt, die selbstlos genug wäre, um ihn in dem
gegenwärtigen Zustand der Selbst­vergötterung zum Gefährten zu erwählen.
Er ist immer für irgend eine Frau entflammt, schwebt stets knapp über
irgend einer großen Leiden­schaft und sehnt sich darnach, kopfüber in das

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Liebesmeer zu stürzen und den Anker der Ehe auszuwerfen, der ihn dort
festhalten soll, wo er nicht mehr abschwenken kann. Unglücklich­erweise
kann er sich nicht genug selbst vergessen, um den verhängnis­vollen Sprung
zu wagen. Bei allen seinen Fehlern hat Florizel etwas Liebenswertes. Ich
wäre froh, wenn er zur Vernunft gebracht würde — obgleich es eine tapfere
und geduldige Frau sein müßte, die diese Aufgabe zu unternehmen hätte.
Als alle fünfzehn Junggesellen aufgehört hatten, über sich selbst zu
sprechen und sich mit der anderen Gesell­schaft zum Bridgespiel
niedergesetzt hatten, kam eine alte Dame, die — wie ich — es vorzog,
Zuschauer zu bleiben, zu mir und setzte sich neben mich. „Wie sie
herumreden“, sagte sie. „Ich aber kann Ihnen sagen, warum sie nicht
heiraten. In fünf Worten: Weil sie sich nicht verlieben. Und warum
verlieben sie sich nicht? Weil die Mädchen sich zu viel um sie bemühen.
Weil die Mädchen ihnen überall über den Weg laufen. Ich habe sieben
Söhne, und alle sind unverheiratet. Ich weiß es.“
Notiz. — Es ist interessant, daß Westermarck in seiner „Geschichte der
mensch­lichen Ehe“ eine Anzahl von Autoritäten erwähnt, um zu beweisen,
daß bei vielen alten Nationen die Ehe eine allen zufallende religiöse Pflicht
war. Bei den Mohammedanern ist sie noch heute eine Pflicht. Bei den
Hebräern hörte man nichts vom Cölibat und sie haben ein Sprichwort: „Wer
kein Weib hat, ist kein Mann“. In Ägypten ist es unrein und sogar anrüchig
für einen Mann, sich der Ehe zu enthalten, wenn kein richtiges Hindernis
vorliegt. Die Chinesen betrachten es als ein beklagenswertes Unglück für
einen Jüngling, wenn er unverheiratet stirbt und bei den Hindus von heute
wird ein Mann, der allein bleibt, als ein beinahe unnützes Glied der
mensch­lichen Gesell­schaft betrachtet —, der außer dem Bereich des
Natürlichen steht.

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III. Warum Frauen nicht heiraten
„Es ist Sache der Frau, sich sobald als möglich zu verheiraten, und
die des Mannes, so lange er kann, unverheiratet zu bleiben.“
G. B e r n a r d S h a w.

„Die Ehe bringt der Frau solche Vorteile, eröffnet ihr so viele
Lebens­möglich­keiten und stellt ihr so viel größere Freiheit und
nützliche Betätigung in Aussicht, daß, einerlei, ob sie glücklich
oder unglücklich verheiratet ist, sie durch sie nur gewinnen kann.“
R. L. S t e v e n s o n.

„Warum die Frauen nicht heiraten? Aber sie heiraten ja — wenn sie nur
können“, wird der intelligente Leser unwillkürlich ausrufen. Nicht, bei der
erst besten Gelegenheit! wohlgemerkt! Kein i n t e l l i g e n t e r L e s e r
wird diesen Irrtum begehen, obzwar es ein ziemlich allgemeiner Irrtum bei
den Nichtver­stehenden ist. Die meisten ledigen Frauen über dreißig müssen
das eine oder andere Mal zusammengezuckt sein bei der genial sein
wollenden Bemerkung irgend eines älteren Mannes: „Schau, schau, noch
nicht verheiratet. Nun, da möcht ich wohl wissen, was die jungen Männer
dazu sagen.“ Ich schreibe absichtlich „irgend eines Mannes“, denn keine
Frau, wenn sie auch noch so katzenartig veranlagt ist und noch so gern
einen Pfeil in die Brust der Rivalin abschießt, würde eine Beleidigung von
so besonders verletzender Art über die Lippen bringen, die seltsamerweise
von dem Mann, der einen groben Schnitzer begeht, immer als das
schmeichel­hafteste Kompliment gedacht ist. Die Tatsache, daß das
unglückliche, auf diese Weise attaquierte ältere Mädchen ein Dutzend
Anträge gehabt haben mag und es doch aus Gründen ihrer inneren Natur
vorzieht, ledig zu bleiben, scheint vollkommen über das Verständnis dieser
Leute zu gehen.
Aber der Hauptgrund, warum die Frauen nicht heiraten, ist offenkundig der,
weil die Männer sich nicht um sie bewerben. Die meisten Frauen werden Ja
sagen, wenn ein genügend netter Mann ihnen ein genügend angemessenes
Leben bietet. Wenn die Anträge, die sie bekommen, unter ein gewisses
Niveau fallen, dann ziehen sie es vor, ledig zu bleiben, und hoffen dabei im

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Stillen, daß der richtige Mann noch kommen wird, bevor es zu spät ist. Man
muß auch hervorheben, daß, je kultivierter die Frauen werden, sie desto
weniger geneigt sind, nur um der Verheiratung willen zu heiraten, wie ihre
Großmütter es taten.
Dann gibt es einige Frauen, eine ganz kleine Schar, die, wenn sie nicht ihr
Ideal in seiner Vollkommenheit verwirk­lichen können, sich nicht mit dem
Minderen begnügen. Durch eine Ironie des Schicksals kommt es vor, daß
diese Frauen oft die Edelsten ihres Geschlechts sind. Es bleibt jedoch noch
eine andere kleine Schar ledig, aus aufrichtiger Abneigung gegen die Ehe
und ihre Pflichten. Es ist vielleicht nicht zu scharf gesagt, daß eine Frau, die
absolut keine innere Berufung für Weibtum und Mutter­schaft hat, eine
degenerierte sein muß, und so sehr des weiblichen Instinkts ermangelt, daß
sie den Vorwurf verdient, „geschlechtslos“ genannt zu werden. Dieser
Typus nimmt augenscheinlich zu.
Dann bleiben jene (ich möchte nicht gern eine Vermutung über ihre Zahl
aufstellen), die lieber irgend einen Mann heiraten, wie wenig begehrenswert
und für sie passend er auch sein mag, als „ungeliebt zu verblühen“. Es ist
eine tief betrübende Tatsache, daß ein Mann noch so häßlich, noch so
närrisch, noch so brutal, noch so eingebildet und niederträchtig sein kann —
und doch eine Frau findet. Jeder Mann kann irgend eine Frau finden, die ihn
heiratet. Bei dieser Gelegenheit muß man an jene berühmte Köchin denken,
die, als man ihr anläßlich der Treulosigkeit ihres Liebhabers sein Mitleid
ausdrückte, erwiderte: „Das macht nichts, ich kann Gott sei Dank noch
jeden Mann lieben.“
Man kann nicht umhin, mit einer gewissen Belustigung die ernsten Artikel
über diesen Gegenstand in den Frauen­zeitschriften zu lesen. Da wird uns
überzeugendst versichert, daß die Frauen heutzutage nicht heiraten, weil sie
ihre Freiheit zu hoch schätzen, weil jene, die Geld haben, es vorziehen,
unabhängig zu bleiben und ihr Leben zu genießen, und jene, die keines
haben, lieber tapfer ihr Leben durchkämpfen als die Sklavin eines Mannes,
eine bloße Magd, die ganz im Haushalt aufgeht, zu werden usw. usw. ganze
Seiten voll. All das mag ja von einem ganz kleinen Teil der Frauen wahr
sein, aber es bleibt doch eine unbestreitbare Tatsache, daß der Hauptgrund
für das Sitzenbleiben der Frauen die Gleich­gültigkeit der Männer ist. Ich

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habe jede Sympathie für die Frauen, welche die schweren Verantwortungen
der Ehe aufzuschieben wünschen, bis sie das gehabt haben, was man beim
anderen Geschlecht das Sich-Austoben nennt, d.h. bis sie eine Periode der
Freiheit genossen haben, in der sie studieren, reisen, ihre Jugend tüchtig
genießen, mit verschiedenen Männern verkehren, dem Leben in die Augen
schauen und etwas von dessen Sinn lernen können. Aber es kommt eine
Zeit in dem Leben beinahe jeder Frau — ausgenommen der obbesagten
Degenerierten —, in der sie fühlt, daß es Zeit ist, die Kindereien beiseite zu
schieben und in der sich in ihr Herz eine Sehnsucht nach den wirklichen
Dingen des Lebens einnistet, den Dingen, auf die es ankommt, den Dingen,
die dauern — die Liebe in der Ehe, und kleine Kinder, und jenes
unschätzbare Gut, ein eigenes Heim.
Es ist heutzutage Mode, das Heim zu diskreditieren. Und Bernard Shaw hat
es scherzend „das Gefängnis des Mädchens und das Arbeitshaus der Frau“
genannt. Aber was für ein wunderbares Heiligtum ist es tatsächlich! Und
wieviel es für die Frauen bedeutet, können nur jene erzählen, die es entbehrt
haben.
In unserer Jugend ist das Heim der Ort der Futterkrippe, der Ort, wo es
Bindfaden, Briefmarken und Monatsschriften in Hülle und Fülle gibt, —
ein Ort, wo gewöhnlich Liebe ist, aber nichtsdesto­weniger hauptsächlich
der Ort, den wir als uns gebührend betrachten und für den dankbar zu sein
uns nie im Traum einfällt. Später ist das Heim oft mit beschwer­lichen
Pflichten verknüpft, für manche wird es sogar der Ort, von dem man gerne
fort möchte; aber wenn wir es verloren haben, wie sehnen wir uns danach
zurück! Wie ehrfürchtig denken wir an jedes Zimmer und alles, was sich
dort ereignete! Wie sehnen wir uns in Gedanken nach dem alten Garten und
träumen von dem geliebten Grün! Es kommt nicht in Betracht, wie armselig
das Heim gewesen sein mag, ein jedes Stückchen davon ist einem heilig
und teuer, vom Garderobezimmer an, wo man an trüben Tagen Räuber und
Soldaten gespielt hat, bis zum Werkzeug­schuppen, wo man bei schönem
Wetter alles mögliche im Sonnenlicht spielte. Bis zum heutigen Tage rührt
es mich fast zu Tränen, wenn mir eine schlecht gekochte Kartoffel
unterkommt. Nicht weil sie so schlecht ist, sondern weil sie mich an die
Kartoffeln erinnert, die drei kleine Kinder in der Asche des Feldfeuers in
einem alten Garten mit ausgelassener Lustigkeit zu kochen und mit stiller

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Ehrfurcht zu essen pflegten — vor langer, langer Zeit. Noch heute weckt
der Duft eines solchen Feuers in mir das Gefühl, ich sei, wie einstmals,
wieder sieben Jahre alt.
Aber ob eine Frau ein Heim bei ihren Eltern hat oder nicht, eine jede
normale Frau sehnt sich nach ihrem eigenen Heim, und ein Mädchen, das
sogar die Blumen auf der Mittagstafel der Mutter ungerne herrichtet, wird
in der Ehe ganz unappetitliche Hausarbeit gerne tun, in jenem Heim, das sie
ihr eigen nennt.
Diese leiden­schaftliche Liebe zum Heim ist eines der charakter­istischesten
Merkmale der Frau. Ich meine nicht die Vorliebe „daheim“ zu sein, da die
Neigungen der modernen Frauen gewöhnlich anderswo liegen, aber die
Liebe zu dem Ort selbst, und der Wunsch, ihn zu besitzen. Eine große
Anzahl Frauen heiraten einzig und allein um dieses heißbegehrten Besitzes
willen. Und was jene anbetrifft, die es nicht tun, so erzählen die Spalten der
„Christ­lichen Welt“ und anderer Zeitungen klägliche Geschichten über ihre
Sehnsucht darnach. Frauen von „Herkunft“ (eine schwulstige und unsinnige
Partikel) sind fast zu allem bereit, nur um einen bescheidenen Winkel, einen
ganz untergeordneten Platz in der fremdesten Familie zu finden. Sie wollen
Haushälterinnen, Dienerinnen, Gesell­schaft­erinnen, Sekretärinnen,
Helferinnen für „kleinen Gehalt und ein Heim“ sein, und manchmal auch
ganz ohne Gehalt. Sie wollen packen, nähen, ausbessern, unterrichten,
überwachen; sie bieten ihre Kenntnisse jeder Art an, wie z.B. ihre
musikalischen Fähigkeiten, ihre Sprachen, ihre Gesundheit und Kraft, ihre
Dienstbereit­schaft und alle ihre Tugenden, die angeborenen oder die
erworbenen, alles das für ein bißchen Nahrung und Wärme und das
schützende Obdach jener vier Wände, nach denen ihr ganzes Streben geht,
die ihren höchsten Wunsch ausmachen, ein Heim! Schöne Frauen, begabte,
brave Frauen verkaufen sich täglich, um nur ein Heim zu gewinnen. Sogar
Hedda Gabler, die degenerierteste von allen modernen Heldinnen, die den
Selbstmord der Mutter­schaft vorzog, verkaufte sich in einer lieblosen Ehe
nur des Heims halber. Und doch lesen wir fortwährend eine Liste von
trivialen phantastischen Gründen, warum die Frauen nicht heiraten.
Eine Studentin, die gezwungen war, ihre meiste Zeit in einem ungemüt­‐
lichen Mietkabinett zu verbringen, erzählte mir einst, daß ihr einziger

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Wunsch sei, einen Raum zu haben, der einen Kasten mit ihren wenigen
Kleidern und kleinen Besitztümern beherbergen könne. Sie gab sich ohne
ein Heim zufrieden, aber sie sehnte sich sehr nach einem solchen Kasten.
„Ich werde Tony bald heiraten müssen,“ sagte sie, „schon wegen der
Annehm­lichkeit, einen Platz für meine Kleider zu haben. Ich habe ihn nicht
gern und ich möchte noch gerne warten, bis jemand kommt, den ich lieb
habe, aber wenn ich ihn je nehme, sehen Sie, dann wird es wegen des
Platzes für den Kasten sein.“ Ich muß hinzufügen, daß dieser „jemand“ kam
und daß sie jetzt mehrere Kleiderkästen besitzt und drei kräftige
Kinderchen, und daß Tony ihr ausweicht, wenn er ihr auf der Straße
begegnet.
Dieser leiden­schaftliche Wunsch nach dem Heim findet sich noch häufiger
in jener Gesell­schafts­klasse, die man gewöhnlich die niedere nennt. Ich
habe gelegentlich eine arme Frau beschäftigt, die seit dem Tode ihres
Mannes, also seit neunzehn Jahren, als Köchin diente. Während dieser
ganzen Zeit hat sie auf „ihr Heim gehalten“, d.h. auf ein einzelnes Zimmer,
das ihre Möbel beherbergt. Sie konnte kaum irgendwann das Zimmer
benützen, höchstens ein oder zwei armselige Tage lang und mußte viel von
ihren knappen Mußestunden hergeben, um es rein zu halten. Durch
neunzehn Jahre hat sie lieber drei Schillinge und sechs Pfennig per Woche
für das Zimmer gezahlt, ehe sie ihre Möbel verkauft hätte. Die so
ausgegebenen einhundert­zweiundsiebzig Pfund hätten reichlich die Möbel
überzahlt und die Frau sieht den Unsinn vollkommen ein, aber ihre
Erklärung ist: „Ich konnte mich einfach von dem Heim nicht trennen.“
Noch ein Beispiel: Als ich einmal an der See wohnte, hatte ich das Unglück,
ein Gefäß aus dickem blauen Glas zu zerbrechen, das sein Leben
augenscheinlich als Parade­marmeladeglas begonnen hatte, aber später aus
einem mir unerfind­lichen Grunde zur stolzen Rolle einer Kaminverzierung
avanciert war. Zu meiner Überraschung weinte die würdige Wirtin bitterlich
über den Scherben und als ich prunkvolle Gegenstände erwähnte, mit denen
ich ihren Schatz ersetzen wollte, erklärte sie mir schnippisch: „Nichts kann
diesen Schaden gut machen. Denn dieses blaue Glas war das erste Stück
meines Heims.“

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Kehren wir nun zu unserem Gegenstand zurück. Das traurigste an der Sache
ist, daß selbst, wenn jeder Mann über fünfundzwanzig Jahren heiraten
würde, es noch eine enorme Zahl lediger Frauen gäbe. Das ist wirklich sehr
ernst und die Ursache vieler Übel. Um dem so viel als möglich zu steuern,
sollte jeder Mann, jeder gesunde Mann mit genügendem Einkommen,
heiraten. Wenn es bloß „nicht gut für den Mann ist, daß er allein sei“, so ist
es sehr schlecht für die Frau. Jede Frau sollte einen männlichen Gefährten
haben, einen Mann, mit dem sie leben könnte, wenn es auch nur wäre, um
die Billets zu nehmen, das Handgepäck zu tragen und in der Nacht
aufzustehen, um zu sehen, was denn da für ein Lärm ist. Da die Gesell­‐
schaft in ihrer jetzigen Struktur das Zusammenleben von Mann und Frau als
Gefährten nicht hingehen läßt, so ist es klar, daß jede Frau einen Gatten
haben sollte.
Bernard Shaw schreibt: „Gebt den Frauen das Stimmrecht, und in fünf
Jahren werden wir eine drückende Junggesellen­steuer haben.“ Es sollte eine
solche geben, die gewissen Unterschieden von Alter und Einkommen
unterworfen wäre. Das ist eine der vielen Angelegenheiten, in denen wir
von den Japanern lernen sollten, wo alle Junggesellen über einem gewissen
Alter besteuert sind. Auch in Frankreich wird ein diesbezüg­liches Gesetz
diskutiert. Zur Zeit, wo ich dies schreibe, sind die Frauen voller
Zukunftsträume über ihre baldige Befreiung, und es wird sehr viel darüber
gesprochen, wie sie ihr Wahlrecht anzuwenden gedenken. Ich muß leider
sagen, daß, obgleich einige unsinnige Drohungen über die Abschaffung
jener Gabe an die Frauen — die Männerklubs — verlauten, bis jetzt,
abgesehen von e i n e r Ausnahme, nichts über die ratsame Einführung einer
Junggesellen­steuer im Druck erschienen ist. Die eine Ausnahme ist eine
sehr interessante, anonym erschienene Novelle, „der Morgenstern“, welche
unter anderen wohldurch­dachten Vorschlägen für politische Reformen auch
dringend für eine Junggesellen­steuer plädiert. Es ist offenkundig nur
gerecht, daß der Mann, der nichts für den Staat durch Gründung einer
Familie tut, zugunsten desjenigen besteuert werden sollte, der eine gründet.
Wir hören so viel über die sinkende Geburtsziffer und die Pflicht eines
jeden verheirateten Paares, Nachwuchs zu haben, und doch wird alles getan,
um jene, die einen solchen haben, zu entmutigen. Der Gewerbsmann, der
schuftet, um sagen wir, tausend Pfund jährlich zu verdienen und drei bis

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vier Kinder für den Staat heranzuziehen, wird genau so besteuert wie der
Junggeselle, der gar nichts für den Staat tut und sogar die anderen Steuern
dadurch vermeiden kann, daß er, wenn es ihm beliebt, im Hotel oder in
einer Pension lebt.
Aber selbst wenn wir eventuell eine vernünftige Gesetzgebung bekommen
sollten, die jenen, welche für die Erhaltung der Geburtsziffer ihr Teil tun,
Belohnungen anstatt neue Lasten bieten würden, selbst wenn ein
Junggeselle über fünfundzwanzig ein so seltener Gegenstand auf unseren
Inseln würde wie eine alte Jungfer in mohammed­anischen Landen, selbst
dann würde noch ein enormer Überschuß von ledigen Frauen sein. Warum
ist das so? Warum soll Großbritannien als das Paradies der alten Mädchen
betrachtet werden?
Warum sollten wir mehr alte Jungfern haben als andere Länder? Ist es, weil
unsere Kolonien soviel junge Männer verschlingen? Warum können sie
denn nicht auch eine gleiche Anzahl von Frauen verschlingen? Man könnte
wünschen, daß der Staat und ein „Institut der Ermunterung zur Ehe“ unter
staatlichen Begünstigungen diese äußerst wichtige Sache in die Hand
nehmen. Eine der Pflichten dieses Instituts wäre es, jährlich eine Anzahl
Frauen zur Auswanderung zu bewegen, um so das geeignete Gleichgewicht
der Geschlechter in den heimat­lichen Ländern zu erhalten und jedem Mann
in den Kolonien die Aussicht zu verschaffen, eine Frau zu bekommen. Ich
hörte neulich von einem sehr gewöhn­lichen Mädchen in den Kolonien, die
elf Männer hatte, die sie alle heiraten wollten. Elf Männer! Und doch gibt
es Scharen von reizenden englischen Mädchen, die alt werden und
versauern, ohne je einen einzigen Heiratsantrag bekommen zu haben.
Eine andere Pflicht eines „I n s t i t u t s d e r E r m u n t e r u n g z u r
E h e“ wäre es, die Tausende von einsamen Männern und Frauen des
Mittelstandes in den Großstädten, die den ganzen Tag in der Arbeit sind und
keine Gelegenheit haben, einander zu treffen, irgendwie zu vereinigen. Ich
habe eben Francis Gribble’s sehr interessante Novelle „Der Wolkenpfeiler“
gelesen, in welcher er die Existenz von sechs Mädchen in „Stonor House“
beschreibt, einer jener düsteren Baracken für heimatlose, den ganzen Tag
durch die Arbeit angehängte Frauen. Der rasende Wunsch dieser Mädchen,
mit Männern ihrer Klasse zu verkehren, ist betrübend echt, und dieser

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Wunsch ist nicht so sehr der Ausdruck der natürlichen Bestrebungen des
jungen Weibes, mit jungen Männern zusammen zu kommen, sondern er
besteht, weil alle diese Männer für die Mädchen Ehemänner sein könnten,
und die Heirat die einzige Möglichkeit ist, aus „Stonor House“ und der
freudlosen Existenz daselbst herauszukommen.
In dem vor einigen Jahren erschienenen „Pfad eines Pioniers“ bricht Dolf
Wyllarde ähnlichen Ideen Bahn, aber ihre jungen Frauen sind weniger
gesund und weniger aufrichtig bestrebt, mit Männern zu Heiratszwecken
zusammen­zukommen. Jedoch geben einem beide Bücher eine gute
Vorstellung von dem lieblosen unnatür­lichen Leben der jungen Frauen des
Mittelstandes, deren Verwandte, wenn sie welche haben, weit weg sind, und
die ihr Leben in großen Städten verdienen müssen, fast immer durch diese
ungünstigen sozialen Bedingungen zur Altjungfern­schaft verurteilt. Daß
eine große Anzahl wohlerzogener Frauen zu einem solchen Dasein
verdammt sein soll, spricht so eindringlich als nur möglich für die Daseins­‐
berechtigung zweier französischer Institutionen, nämlich den beschränkten
Familien­nachwuchs und das System der Mitgift. In den letzten Jahren ist
die „Beschränkung des Nachwuchses“ auch in England weit verbreitet und
bis das System der Mitgift auch zur Regel wird, könnte das „I n s t i t u t
d e r E r m u n t e r u n g z u r E h e“ die Sache in die Hand nehmen. Zwei
oder drei außerordentlich feinsinnige Philantropen haben diesem
Gegenstand schon ihre Aufmerksamkeit gezollt, aber jede Bewegung dieser
Natur nimmt zu sehr den Charakter einer Heiratsagentur an, um von jener
Klasse beifällig aufgenommen zu werden, für deren Wohlergehen sie
bestimmt ist. Und doch müßte das „I n s t i t u t d e r E r m u n t e r u n g
z u r E h e“ mit diesem Hindernisse rechnen und ihre wahre Absicht unter
einem anderen Namen verbergen. Ich bin sicher, daß, wenn der Zweck so
genügend verhüllt würde, daß feine Männer und Frauen ohne Verlust der
Selbstachtung Vorteil aus ihr ziehen könnten, die Beteiligung an dieser
Institution von seiten beider Geschlechter eine enorme wäre. Ein direkt für
den sozialen Verkehr geschaffener Klub könnte die Lösung sein, und man
könnte leicht Kränzchen, Konzerte, Ausflüge arrangieren, die zu einer
Quelle der Freude und Anregung in manchem düsteren Leben würden.
Wenn Erfolge zu verzeichnen wären, so sollte man Provinzfilialen gründen.
— Man sieht fortwährend in den Zeitungen Beweise für die Tatsache, daß

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es eine Menge junger Leute des Mittelstandes gibt, die heiraten können und
wollen, und denen es nur an weiblicher Bekannt­schaft in ihrer eigenen
Gesell­schafts­klasse fehlt, um eine Wahl zu treffen. Unglückliche
Mesallianzen sind oft die Folge davon, und es erscheint mir trostlos und
verderblich, daß diese für die Ehe geschaffenen Männer nicht mit einigen
von jenen tausenden junger Mädchen zusammen­gebracht werden können,
deren Leben in unangemessener Plage dahin fließt und die sich in
Sehnsucht nach einem Heim und einem Gatten verzehren. Bis das
„I n s t i t u t d e r E r m u n t e r u n g z u r E h e“ Tatsache wird, gibt es
noch prächtige Arbeit für einen Philantropen von unendlichem Takt und
warmfühlendem Herzen. Um wieviel könnte man die Summe mensch­licher
Freude erhöhen! Wie reich könnte der geringe Einsatz an Geld und Zeit
belohnt werden!

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IV. Die Tragödie der Unbegehrten
Und Männer und Frauen geh’n Hand in Hand
Bis die Fluten des Meeres vertrocknen zu Sand.
Und eins ums andre siegt oder fällt —
Denn der Kampf der Liebe währt endlos fort
Und der Liebe Wort ist des Lebens Wort.
Und wer nimmer das Wort einem andern bot,
Ob er scheinbar auch lebt, ist verdammt und tot.
W . E . H e n l e y.

Das ist die Tragödie, von deren Existenz wenige Männer wissen, und die
gewiß kein Mann in dieser von Frauen so überfüllten Insel je erfahren
haben mag. Die Männer verhöhnen die nach der Verheiratung strebenden
Frauen immer und spotten ebenso sehr über die alte Jungfer, die sie verpaßt
hat. Der Himmel allein weiß warum, da der Ehestand durch die Gesetze und
Traditionen der Männer dazu gemacht worden ist, alles einer Frau
Begehrenswerte zu verkörpern und der ledige Stand gerade zum Gegenteil.
„Die Leute halten die Frauen, die nicht heiraten wollen, für unweiblich, die
Leute halten die Frauen, die nicht heiraten wollen, für überspannt, und sie
verknüpfen beide Meinungen dahin, es für unwürdig zu halten, wenn die
Frauen den Ehestand nicht als die Hoffnung und den Zweck ihres Lebens
ersehnen, und ein weibliches Wesen ihrer Bekannt­schaft, das sie einer
solchen Sehnsucht für fähig halten, lächerlich und verächtlich zu finden.
Die Frauen sollen keine Ermutigung gewähren, aber sie auch gewiß nicht
versagen, und so geht es weiter, und jede Vorschrift hebt die vorige auf, und
die meisten sind negativ“ (Augusta Webster).
Bernard Shaw und George Moore haben im Druck behauptet, daß die
Frauen sich häufig um die Männer bewerben, und einige Männer haben mir
Einzelheiten über die Bewerbungen, welche ihnen seitens des schönen
Geschlechtes zukamen, mitgeteilt. Ich glaube, es ist einer der Grundsätze
der radikalen Frauen, daß das Geschlecht, welches das Kind trägt, ein Recht
darauf hat, den Gatten zu wählen; obgleich dies sich unangenehm
umstürzlerisch anhört, scheint es doch außerordentlich vernünftig. Daß das

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Recht, einen Gefährten zu wählen, jedem jugend­lichen Wesen eingeräumt
werden sollte, wird möglicherweise in der Zukunft anerkannt werden, wenn
die Frauenfrage ein für allemal erledigt sein wird.
In jenen fernen Tagen wird es, das wollen wir hoffen, keine Tragödie der
Unbegehrten mehr geben. Es scheint fast unzart, diese Bezeichnung auf
jene Scharen lediger Frauen Englands anzuwenden, die zum großen Teil
Amt und Würden bekleiden, treffliche Frauen sind und unter denen sich
Steuer­zahlerinnen, Familien­vorsteherinnen, Philantropinnen befinden, die
in Kirchsprengeln unter den Armen, in Spitälern, Schulen, Asylen, Ämtern,
Ateliers arbeiten, in öffent­lichen Körper­schaften, in den Redaktions­stuben
gewöhnlich gut und hilfreich sind, oft klug und reizend, gelegentlich
vielleicht ein wenig eng, aber im großen ganzen die besten Traditionen
ihres Geschlechts aufrecht erhalten und es natürlich n i e zugeben, daß sie
gerne geheiratet hätten. Jedoch müssen sie alle im tiefsten Herzen das
Traurige ihrer Unbefriedigtheit empfinden und sich, so gut sie können, mit
anderen Interessen trösten. Diejenigen, welche absorbierende
Beschäftigungen haben, sollten dankbar sein, denn die Frau, welche alles
daran setzt, um einen Gatten zu finden, und dieses Ziel nicht erreicht, wird
gewöhnlich reizbar, bitter, enttäuscht und in jeder Hinsicht unnütz. Aber die
Frauen, deren Herz weit genug ist, um andere Ideale zu fassen als das
eheliche, finden andere Arbeit zu leisten und leisten sie tüchtig und
hingebungsvoll. Liebevolle und warmherzige Frauen braucht man immer.
Die Ehe ist im Leben einer solchen Frau nicht die Hauptsache, obzwar sie
es für die höchste Entwicklung ihres persön­lichen Glückes sein mag.
Und die große Zahl von Frauen, die zu heiraten Gelegenheit hatte, kann
sich damit trösten, daß sie eines Ideals wegen oder aus welchem Grunde
immer den ledigen Stand gewählt hat. Noch größer ist die Zahl jener, die
das Temperament zum Ledigbleiben besitzen und von denen Bernard Shaw
schreibt: „Steril, die L e b e n s k r a f t geht an ihnen vorbei.“ Das
beeinträchtigt sie selten. Sie haben eine Menge kleiner Vergnügungen und
Interessen, welche ihnen genügen. Keinerlei Herzensstürme, keine Pein
unterdrückter Mutter­schaft kräuselt den glatten Spiegel ihres Lebensmeeres.
Keine von all diesen wird von der wirklichen Tragödie der Unbegehrten
berührt. Diese harrt mit all ihrer Bitternis jener, die zu dem Typus der
„grande amoureuse“ gehören, die gewöhnlich aus Mangel an

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Gelegenheit, manchmal aus Mangel an Anziehungskraft davon abgehalten
wurden, das tiefste Bedürfnis ihrer Natur zu befriedigen.
Ich traf einst in einem Hotel an der Riviera ein ältliches Fräulein, das immer
unglaublich verstimmt war. Wie herrlich auch die Sonne scheinen mochte,
wie schön die Welt in jenem schönsten Erdenwinkel erschien, nichts hatte
die Macht, sie aufzuheitern. Ich versuchte einmal, sie zur Teilnahme an
einem Ausflug zu bewegen, der eine Gesell­schaft in ein von Hügeln
umgebenes benachbartes Dorf bringen sollte. Sie lehnte ab. Ein anderes
Mal lud ich sie ein, mich in die Spielsäle nach Monte Carlo zu begleiten,
aber sie lehnte wieder ab. Nachdem mehrere wohlgemeinte Bemühungen
meinerseits, sie aufzuheitern, zu demselben Resultat geführt hatten, sagte
mir die arme Seele mit zögernden Worten, daß sie heitere Orte und
angeregte Gesell­schaften meide. „Sie machen mich immer unzufrieden und
erinnern mich an das, was ich hätte haben können. Sie rufen in mir, wie soll
ich es nennen, die Tragödie des ‚Es hätte sein sollen‘ wach.“ Ich verstand,
was sie meinte, und es wurde zu meiner Erleichterung kein weiteres Wort
über dieses Thema gewechselt, denn vertrauliche Mitteilungen dieser Art
sind immer für beide Teile sehr peinlich. Meine Leser werden
wahrscheinlich diese arme Dame als krankhaft eigennützig und unausgeg­‐
lichen verachten. Vielleicht haben sie recht. Aber die Trauer eines leeren
Herzens, eines einsamen Lebens war die Ursache ihres verkümmerten
Wesens. Zum Glück ist ihr Fall ein extremer. Die meisten alten Jungfern,
glaube ich, können sich daran freuen, junge Mädchen glücklich zu sehen
und interessieren sich gewöhnlich intensiv für die Liebesaffären der
anderen. Da fällt mir eine schöne Stelle von Fiona Macleod ein, die sagt,
daß „das in der Seele eines andern heimlich Geschaute das Leben verklärt“.
Es wird genügen, um so manche alte Jungfer glücklich zu machen: die
Erinnerung an irgend eine Liebe und Zärtlichkeit, an irgend einen Roman,
um das Leben zu versüßen; die Frauen brauchen das.
Um ein anderes Beispiel zu geben. Eine Frau fragte mich einst, warum die
Männer sich verlieben. „Ich bin begierig, ob Sie mir sagen können, was an
den Frauen ist, die die Männer dazu veranlassen, sich um sie zu bewerben.
Ich habe eine Menge unschöner verheirateter, und eine Menge armer Frauen
gekannt und eine Menge ganz entsetz­licher, ohne eine einzige Eigenschaft,
die einen Mann glücklich machen kann. Und doch müssen sie irgend etwas

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anziehendes gehabt haben, irgend etwas, um derentwillen die Männer sich
um sie bewarben“.
Dann fuhr sie fort, mir in eindringlichsten Worten zu sagen, wie sehr sie
sich darnach sehne, ein eigenes Heim zu haben und einen lieben, netten
Mann, der sie betreue, und daß doch noch nie ein Mann sich um sie
beworben hatte. Kein Mann hatte sie je begehrt oder sie mit Liebesblicken
angesehen. Sie hat nie die leiden­schaftliche Umarmung eines Mannes oder
den verzückten Kuß eines Liebhabers kennen gelernt. Das kam mir sehr
sonderbar vor. Sonderbar schmerzlich und demütigend. Ich konnte sie kaum
ansehen, während sie mir all das erzählte.
„Ich würde einen Mann so glücklich machen,“ sagte sie, und ihre traurigen
dunklen Augen füllten sich mit Tränen. Sie hatte sogar schöne Augen, und
war eine ganz hübsche Frau von anmutigem sanftem Wesen. „Ich würde so
gut gegen ihn sein, ich würde einfach nur für ihn leben. Ich versuche es mir
aus dem Kopf zu schlagen, aber da ich älter werde und es immer
aussichtsloser ist, denke ich immer mehr daran, und manchmal fühle ich,
daß ich über all dem Elend verrückt werde. Die Zukunft ist so schrecklich
grau für mich. Alles ist so ungerecht. Ich bin für die Liebe so geschaffen,
und mein Leben fließt dahin und ich habe nichts gehabt, n i c h t s.“
Sie weinte bitterlich und ich weinte auch, aus Mitleid mit ihr.
Merkwürdiger­weise war diese Frau nicht nur anziehend, wie ich schon
erwähnte, und bestrebt zu gefallen und durchaus weiblich, sondern sie hatte
auch genug Gelegenheit gehabt, Männer zu treffen. Ich vermute, es fehlte
ihr das, was die schottische Bäuerin das „in die Augen springende“ nennt,
jenen unbestimmten Geschlechts­magnetismus, der jenen unschönen, armen,
entsetz­lichen Frauen, von denen sie sprach, eigen war. Oder es fehlte ihr der
Wille zum Leben, und daher kam kein Lebensgefährte zu ihr.
Es gibt tausende von Frauen, welche dasselbe fühlen, obgleich sie zumeist
verschmähen, es einzugestehen. Wir hören eine Menge über das Recht des
Mannes, zu leben. Was ist es denn mit dem Recht der Frau, zu lieben? Die
Frauen sind so geartet, daß das Bedürfnis, zu lieben und geliebt zu werden,
das stärkste Element ihres Wesens und der Kern ihres Seins ist. Überall im
ganzen Land gibt es einsame Frauen in allen Klassen, müßige und
arbeitende, hübsche und unhübsche, gute und schlechte, die nach Liebe

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dürsten, nach einem Mann, der sie betreut, nach dem Recht des Weibtums
und dem dreimal gesegneten Recht der Mutter­schaft. In den Zeitungen
erschallt unaufhörlich das abgedroschene Geschwätz der Männer: „Die
Frauen sollten sich nicht in die Politik mischen, die Frauen sollten dies oder
das tun, sie sollen sich um ihr Haus und ihre Kinder kümmern.“ Aber die
ruhelosen Frauen, die diese Dinge tun, haben gewöhnlich kein Haus und
keine Kinder, um die sie sich kümmern können. Was nützt es, ihnen die
Heiligkeit der Mutter­schaft zu predigen, wenn ihr sie nicht Mutter werden
laßt, wozu von den Pflichten des Weibtums schwatzen, wenn ihr sie nicht
zu Frauen begehrt.
Es ist eine wohlbekannte physiologische Tatsache, daß eine große Anzahl
von Frauen in den mittleren Jahren wahnsinnig werden, bei denen das nicht
geschehen wäre, wenn sie die gewöhn­lichen Pflichten, Freuden und
Beschäftigungen der Ehe gehabt hätten, wenn ihre Weibnatur nicht durch
ein unnatür­liches Cölibat ausgehungert worden wäre. Ich kann hier nicht
darauf eingehen, aber ich empfehle es der Aufmerksamkeit meiner
nachdenk­licheren Leser und jener, die sich mit der Verbesserung der
sozialen Mißstände in unserem ruhmreichen, zivilisierten zwanzigsten
Jahrhundert beschäftigen.
Am schlimmsten von allen ist die Lage der Frauen, die sich nicht bloß nach
der Ehe und einem lieben Mann sehnen, sondern vielmehr nach der Mutter­‐
schaft, jener bittersüßen Krone des Geschlechts, welche die im Cölibat
lebenden Priester unaufhörlich als das höchste Gut und die erste Pflicht der
Frauen preisen, von welcher aber tausende von Frauen in diesem Lande
ausgeschlossen sind. Es muß gewiß keine Bitterkeit so quälend sein als die
Bitterkeit der Frauen, die sich nach der Mutter­schaft sehnen, in deren Ohr
die L e b e n s k r a f t unaufhörlich rauscht und in deren Herz die erträumten
Kinder sich regen und unaufhörlich rufen: „Schenke uns Leben, Schenke
uns Leben!“ ein Ruf, der Jahr um Jahr quälender wird, da jedes Jahr die
göttliche Möglichkeit unerfüllt bleibt.
Ich denke oft daran, wie alles zusammenwirkt, eine edle heißblütige,
mütterlich veranlagte Frau zu quälen, deren Natur so darben muß. Sie muß
natürlich jede derartige Regung unterdrücken, den Kopf hoch tragen und
mit Lächeln die überlegenen Mienen der Mädchen erdulden, die viel jünger

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sind als sie und zufällig den goldenen Zauberring tragen, der im Leben der
Frau alles ändert; sie muß gewöhnlich behaupten, daß sie nicht heiraten will
und nie wollte und es hätte können, wenn sie gewollt hätte; sie muß über
diese Zeilen lachen, wenn sie sie zufällig lesen sollte und die Verfasserin
eine krankhafte Idiotin nennen — kurz und gut, sie muß eine Rolle spielen
einer Welt gegenüber, die es äußerst humorvoll findet, daß eine Frau um das
Geburtsrecht ihres Geschlechts betrogen wird. Jede Zeitung und jedes
Buch, das sie heutzutage zur Hand nimmt, enthält irgend etwas zur Verherr­‐
lichung des Weibtums und der Mutter­schaft. Die Musik, die Bilder, die
Novellen, die Theaterstücke — alles spricht ihr von dem befriedigten und
siegreichen Geschlechts­trieb und nichts von dem ausgehungerten und
unterdrückten. Dasselbe Prinzip ist überall in der Natur, der Himmel, die
Blumen, der See, die grünen Bäume, das Prasseln des Sommerregens, alles
Schöne, alle Töne in der Natur sind von derselben Bedeutung für sie und
enthalten denselben scharfen Stachel, dieselbe drückende Last; wenn sie zur
Krankhaftigkeit neigt, dann reißt jedes Kindergesicht, das sie auf der Straße
sieht, die Wunde in ihrem Herzen auf. Das Geplapper eines jeden süßen
Kindchens ist eine Qual für sie. „Mir nicht, mir nicht“, muß der ewige
Kehrreim in ihrem Gemüt sein. Ihre Arme sind leer, ihr Herz ist kalt, sie
gehört zu dem großen traurigen Heer der Unbegehrten.
Wundert man sich da noch, daß die Irrenhäuser
voll lediger Frauen sind?
Notiz. Eine gescheite und entzückende Freundin von mir, eine alte Jungfer
aus eigener Wahl, macht Einwendungen gegen meine Ansicht über den
ledigen Stand. Es würde mich sehr betrüben, wenn irgendwelche meiner
Worte anderen Frauen Kummer verursachen sollten. Ich sagte schon früher,
daß einige der besten Frauen ledig sind, was für jemanden, der an die Ehe
so glaubt wie ich, traurig ist. Zwei der gütigsten und edelsten Frauen, die
ich kenne, sind unverheiratet. Die eine von ihnen scheint absolut ohne
irgend einen Gedanken an sich zu leben, hat ihr ganzes Leben tüchtig für
andere gearbeitet, ihre geistigen und körper­lichen Kräfte bis zur äußersten
Grenze und die Schätze ihres edlen Herzens freigebig und grenzenlos
hergegeben. Ich bitte meine Leser, zu beachten, daß ich einen Unterschied
zwischen jenen ledigen Frauen zu machen trachte, die nicht heiraten wollen
und jenen, die es wollen, zwischen den reichen Mädchen, die über alle

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Annehmlich­keiten des Lebens verfügen können, und den armen, die in die
Tretmühle harter unaufhör­licher und unangemessener Arbeit eingespannt
sind. Einen noch größeren Unterschied wünsche ich zu machen zwischen
den gelassenen und zufriedenen Frauen, die sich den Verhältnissen anpassen
und ein ruhiges glückliches Schicksal in irgendeiner Lebenslage finden —
und den weniger ausgeg­lichenen, leiden­schaft­lichen Naturen mit tieferem
Begehren und zwingendem Liebesbedürfnis. Dieses unterdrückte,
verdrängte und niedergekämpfte Liebesbedürfnis erweckt mein tiefes
Mitleid, von dem meine Freundin behauptet, daß es verschwendet und nicht
am Platze ist. Darüber müssen meine Leser urteilen.

Zweiter Teil

Warum Ehen mißglücken
„Denn die Ehe ist darin dem Leben gleich, daß sie ein Schlachtfeld
und kein Rosenlager ist.“ R . L . S t e v e n s o n.

„Die Ehe ist für mich Abtrünnigkeit, Entweihung des Heiligtums
meiner Seele, Vergewaltigung meiner Männlichkeit, Veräußerung
meines Erstgeburts­rechtes, schändliche Übergabe, schmachvolle
Kapitulation, Annahme der Niederlage.“
B e r n a r d S h a w : Mensch und Übermensch.
Ein weiser Mann sollte der Ehe ausweichen, als ob sie ein Haufen
glühender Kohlen wäre. D h a m m i k a S u t t a.

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I. Die verschiedenen Arten der Ehe
Die Ehe ist der große Irrtum, der die kleineren Dummheiten der
Liebe auslöscht. S c h o p e n h a u e r.

In einem seiner Essays sagt Stevenson: „Es erfüllt mich so oft mit
Erstaunen, daß so viele Ehen so ziemlich glücken, und es bei so wenigen zu
einem offenen Bruch kommt. Umsomehr, als es mir am Verständnis des
Prinzips gebricht, nach welchem die Leute ihre Wahl treffen“.
Aus dem Chaos, welches dieses Prinzip umhüllt, ragen vier besondere
Beweggründe hervor, und wir können daher die Ehen rundweg in fünf
Gruppen einteilen und zwar:
1. die Ehe aus Leiden­schaft,
2. die Konvenienzehe,
3. die Ehe zu bestimmtem Zweck,
4. die Zufallsehe,
5. die Ehe aus Neigung.
D i e E h e a u s L e i d e n ­s c h a f t . Eine Person in Sommerset-
Maughams „The Merry-Go-Round“ sagt: „Ich bin überzeugt, daß die Ehe
das schreck­lichste Ding auf der Welt ist, wenn die Leiden­schaft sie nicht
absolut unvermeidlich macht“. Obgleich ich eine aufrichtige Bewundererin
von Maughams Werken bin, teile ich hier seine Meinung durchaus nicht.
Die meisten der verrückten, unvernünftigen Verbindungen sind jene, welche
die „Leiden­schaft unvermeidlich macht“. In der Theorie ist es einer der viel
versprech­endsten Ehetypen, in der Praxis erweist er sich als der unseligste
und unglück­lichste von allen.
„Sie sind wahnsinnig ineinander verliebt, es ist eine ideale Ehe“ — ist eine
Bemerkung, die man oft mit Genugtuung äußern hört. Aber es ist eine
traurige Tatsache, daß diese wahnsinnige Liebe sehr häufig zu Unglück und
Scheidung führt. Die meisten mir persönlich bekannten unglück­lichen
Ehepaare waren im Anfang wahnsinnig ineinander verliebt. Kann man sich

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darüber wundern, wenn man die Sache näher betrachtet? Die Natur, die
selten dort einen Irrtum begeht, wo die ursprüngliche Menschheit in
Betracht kommt, ist durchaus nicht unfehlbar, sobald es sich um die
künstlichen Bedingungen unserer westeuro­päischen Zivilisation handelt. Im
Osten, wo eine größere Freiheit zwischen den Geschlechtern gestattet ist,
scheint es ganz gut, der Natur zu vertrauen und den von ihr eingeimpften
Trieben zu folgen; doch dem ist nicht so auf unserer Halbkugel. Der junge
Mann und das junge Mädchen, die in den Bann der Leiden­schaft geraten,
sind zeitweise blind und unzurech­nungsfähig. Ihr Urteil ist getrübt, ihre
Fähigkeit, zu überlegen, aufgehoben, nichts auf der Welt scheint ihnen von
Bedeutung außer der überwältigenden Notwendigkeit, s i c h
h i n z u g e b e n, das geliebte Wesen z u b e s i t z e n, — das Wesen, das
ihnen das Blut erhitzt hat.
Wenn das Fatum grausam ist, so läßt es diese beiden sich in die Ehe stürzen.
Die Natur hat ihren Willen durchgesetzt und beachtet weiter nichts. Sie ist
ganz befriedigt. Die aus solchen Ehen wahnsinniger Verliebtheit
stammenden Kinder sind gewöhnlich die schönsten und stärksten, und was
will die Natur denn sonst? Aber das junge Paar? . . . Nach und nach
zerteilen sich die rosigen Wolken, die berauschenden Dünste entschweben,
die Verzückung läßt nach, und jedes kommt von der Wirkung des
mächtigsten Giftes des Weltalls zu sich, um ein ganz gewöhn­liches Wesen
an seiner Seite zu finden und sich selbst in jenen Ketten, die die Menschen
mit den Worten „auf ewig“ bezeichnen.
Diese beiden sind wirklich unglücklich, wenn sie am Grabe der Leiden­‐
schaft einander gegenüberstehen und kein anderes Band zwischen ihnen
besteht als die Erinnerung an den verflogenen Rausch. Zum Glück ist dies
durchaus nicht immer der Fall, aber wenn es so ist, dann muß
unvermeidlich ein sehr unglück­liches Eheleben folgen. Schopenhauer gibt
als Grund für das Unglück solcher Ehen die Tatsache an, daß „durch sie für
die kommende Generation auf Kosten der gegenwärtigen gesorgt wird“ und
zitiert das spanische Sprichwort: „Quien se casa por amores, ha da
vivir con dolores. Wer aus Liebe heiratet, muß in Kummer leben“. Vom
Standpunkt des persön­lichen Interesses und nicht des Interesses der
zukünftigen Generation scheint es gewiß ein Mißgriff, den Gegenstand
seines heftigen Begehrens zu heiraten, wenn nicht auch geistige

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Übereinstimmung, Interessen­gemein­schaft und noch viele andere
Verbindungs­punkte bestehen. Aber unter dem Einfluß unterdrückter Leiden­‐
schaft verlieren die Leute die Klarheit ihres geistigen Schauens und sind
daher mehr oder weniger urteilsunfähig.
Es soll jedenfalls Leiden­schaft in der Ehe sein, so weit gehe ich mit
Maugham. Aber sie soll nur die äußere Hülle sein, ein Flammengewand,
dessen Berührung Entzückung bedeutet, aber bei dem, wenn es von der
Glut aufgezehrt ist, noch die Liebe als festes Gefüge von Freude und
Schönheit besteht, das aufrecht bleibt unter der Asche der Leiden­schaft.
„Wirkliche, auf Übereinstimmung der Gesinnung gegründete Freund­schaft
tritt meistens erst dann hervor, wann die eigentliche Geschlechts­liebe in der
Befriedigung erloschen ist“. (Schopenhauer, Metaphysik der Liebe).
Von den K o n v e n i e n z e h e n gibt es zwei Sorten. Die ganz
gewinnsüchtige, wo Geld, soziale Stellung oder irgend eine persönliche
Erhöhung auf einer oder beiden Seiten der Beweggrund war, ohne die
Grundlage irgend einer Neigung, und die halb gewinnsüchtige, wo diese
Gründe durch das Vorhandensein von Zuneigung oder Sympathie gemildert
werden. In diese Kategorie gehören die Leute, die hauptsächlich aus
Rücksicht auf ihr Geschäft oder ihren Beruf heiraten, wie der junge
Rechtsanwalt, der die Tochter seines Chefs heiratet, oder der junge Arzt, der
in die Familie des alten Doktors einheiratet. Hier erinnert man sich an den
Vater, der seinem Sohne riet, nicht des Geldes halber zu heiraten, aber nur
dort zu lieben, wo sich Geld befindet. Zweifelsohne erhöht der Besitz von
ein wenig Geld oder Einfluß den Reiz eines Mädchens in den Augen des
vorwärts­strebenden, modernen jungen Mannes. Wenn man in Betracht
zieht, wie schwer es heutzutage ist, sein Auskommen zu finden, kann man
alles in allem diese Gründe nicht tadeln, wie trostlos sie auch vom Gefühls­‐
standpunkt erscheinen mögen. Ich glaube jedoch nicht, daß es außerhalb der
Grenzen jener Welt, die man die „Lebewelt“ nennt, viele g a n z
gewinnsüchtige Konvenienzehen gibt. Die Leute, welche nicht diesen
blendenden Gesell­schafts­kreisen angehören, sind der Ehe gegenüber
zurückhaltend genug und fürchten sich vor den großen, noch
hinzukommenden Hemmungen, die eine solche Ehe mit sich bringen
würde. Natürlich sind diese Verbindungen beinahe immer trostlose

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Mißgriffe, und ich möchte wissen, was ihre Opfer anderes erwartet haben
können.
Wir kommen nun zur dritten Gruppe, der E h e z u b e s t i m m t e m
Z w e c k. Diese Ehen sind mit der halb gewinnsüchtigen entfernt verwandt,
aber es ist nichts Gewinnsüchtiges an ihnen, da sie gewöhnlich aus höheren
Beweggründen eingegangen werden. In diese Klasse gehören die Witwer,
die um ihrer Kinder willen heiraten, die alten Mädchen, deren Beweggrund
der Wunsch nach Mutter­schaft ist, die Männer und Frauen, die heiraten, um
ein Heim zu besitzen oder einen Lebensgefährten. Alle diese Gründe sind
genügende Rechtfertigungen und alle die Leute, die die Ehe mit einem
bestimmten Ziel beginnen, nehmen sie gewöhnlich sehr ernst und sind
entschlossen, sie gedeihlich zu gestalten. Solche Ehen erweisen sich
gewöhnlich als sehr glücklich, vielleicht gerade, weil so wenig verlangt
wird. Der Geist der Zufriedenheit hat einen ausgezeichneten Einfluß im
Eheleben, da die Liebe oft durch ihre eigenen übertriebenen Forderungen,
wie ich später zu zeigen versuchen werde, getötet wird.
Der Ausdruck Z u f a l l s e h e scheint mir am besten jene Verbindungen zu
bezeichnen, in welche die Männer ohne besonderen Grund, manchmal
beinahe gegen ihren Willen, hineintreiben. Die Natur kümmert sich nicht
darum, wie die jungen Leute zusammenkommen, so lange sie nur
zusammenkommen, und manchmal gerät ein Mann in die Ehe beinahe,
ohne es zu merken. Ich schreibe absichtlich ein Mann, da eine Frau nie in
den Ehestand getrieben wird. In diesen Fällen ist es gewöhnlich ihre feste
und wohlüberlegte Absicht, die den Mann in den ihm unbekannten Hafen
der Ehe gelenkt hat. Er ist bloß den Weg des geringsten Widerstandes
gegangen, und hat zu seiner Überraschung gefunden, daß er zum Altar
führt. Bernard Shaw hat ein sehr unterhaltendes und trotzdem
überzeugendes Bild dieses Mannövers in „Mensch und Übermensch“
entworfen, wo er auch seiner Überzeugung Ausdruck gibt, „daß die Männer,
um sich selbst zu schützen, die schwache romantische Vorstellung
aufgebracht haben, daß in Geschlechts­dingen die Initiative immer vom
Mann ausgehen müsse. Aber diese Behauptung ist so hohl, so unwirklich,
daß sie sogar auf dem Theater, dieser letzten Zuflucht des Unwirk­lichen,
nur den Unerfahrenen imponiert. In den Stücken Shakespeares ergreift die
Frau immer die Initiative. In seinen Schauspielen und Lustspielen

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konzentriert sich ebenfalls das Lebensinteresse darauf, zu sehen, wie die
Frau den Mann zu Tode hetzt . . . . Die Behauptung, daß die Frauen nicht
die Initiative ergreifen, ist geradezu possenhaft. Die ganze Welt ist ja mit
Schlingen, Fallen, Netzen und Fallgruben besät, mittels welcher die Frauen
den Mann einfangen. Man nimmt an, daß die Frau regungslos warten muß,
bis um sie geworben wird; ja, sie wartet oft regungslos, so, wie die Spinne
auf die Fliege wartet. Die Spinne spinnt ihr Netz und wenn die Fliege gleich
meinem Helden die Kraft zeigt, sich loszumachen, wie schnell verläßt da
die Spinne ihre vorgebliche Passivität und schlägt Faden um Faden um ihr
Opfer, bis sie es für immer gefesselt hat!“
D i e E h e a u s N e i g u n g . „Kennen Sie irgendwelche ganz glückliche
Ehepaare?“ wird in einem bekannten Stück gefragt.
„Das ist schwer zu sagen. Oh, die Extasen sind nichts für diese Welt, wissen
Sie, wenigstens nicht die ständigen Extasen. Man könnte ebensogut
ständige hysterische Anfälle haben. Und wie Sie wohl wissen, werden die
Ehen nicht im Himmel geschlossen, und so gibt es vielleicht auch keinen
Himmel in der Ehe“.
Diese Empfindungen sind geeignet, das unwissende zwanzigjährige
Mädchen durch ihre, in ihren Augen gemütlose Unwahrheit abzustoßen und
zu ärgern, und die erfahrene Frau von, sagen wir, dreißig Jahren, durch die,
in ihren Augen tiefe Wahrheit zu entzücken — so sehr ändern sich unsere
Lebens­anschauungen im Laufe von ungefähr zehn Jahren.
Vor sechzig Jahren schrieb George Sand: „Du fragst mich, ob du durch
Liebe und Ehe glücklich werden wirst? Du wirst es nicht werden, ich bin
fest überzeugt davon, weder durch die eine noch durch die andere. Und
doch sind Liebe, Treue, Mutter­schaft, die wichtigsten, die notwendigsten
Dinge in dem Leben einer Frau.“
Demselben Gedanken gibt R. L. Stevenson Ausdruck, wenn er sagt: „Ich
vermute, daß die Liebe wohl eine zu gewaltige Leiden­schaft ist, um in allen
Fällen eine gute häusliche Rolle zu spielen.“ Natürlich wird niemand von
den jungen Leuten das glauben wollen, aber es ist eine schreckliche
gemeine Wahrheit, daß in der Regel die glücklichsten Ehen diejenigen sind,
in welchen sich die Paare nicht zu heftig lieben. Ich spreche von dem

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gediegenen Alltagsglück, nicht von dem Überschwang und den
Verzückungen. Die von der leiden­schaft­lichen Liebe erhobenen Ansprüche
und der fieberhafte Gemütszustand, den sie hervorruft, sind oft der Grund
ihres Schiffbruches. „Wenn ich ein Scheusal bin, mein Schatz“, sagte ein
Mädchen einst zu ihrem Liebsten, als sie einen Streit, den sie selbst herauf­‐
beschworen hatte, wieder beilegen wollte, „so ist es nur, weil ich dich zu
sehr liebe“. — „Dann um Himmelswillen, liebe mich weniger und behandle
mich besser“, gab der gekränkte Liebhaber zur Antwort, und wir können
seine Gefühle nur teilen.
Ich habe absichtlich das Wort N e i g u n g in dieser Abteilung statt eines
Wortes gebraucht, das einen höheren Gefühlsgrad bezeichnet, und ich
konstatiere ohne Zaudern, daß im allgemeinen die glücklichsten Ehen jene
sind, die sich, „wenn der süße Liebeszauber, jenes Süße, das beinahe Gift
ist“ nicht mehr wirkt, zu jenen gemäßigteren, anspruchs­loseren, friedlichen
und harmonischen Verbindungen entwickeln, die man mit Neigungsehen
bezeichnen kann. Den heißblütigen jungen Leuten und jungen Mädchen, die
unermüdlich nach der höchsten Lebensfreude streben, von denen keines
diesen prosaischen und unrühm­lichen Rat hören mag und die alles auf den
Glauben setzen wollen, daß der erste Liebeszauber ewig dauert, denen sage
ich: „Trachtet eure Rosenromantik auf andere Weise zu finden, sucht sie
nicht in der Ehe, ihr werdet, wenn euer Fall keine Ausnahme der Regel
bildet, unvermeidlich einen schreck­lichen Mißgriff tun! O, fragt mich nicht,
wie ihr es machen sollt, aber erinnert euch dessen, was ich sage, und
heiratet nicht, bis nicht die ruhige, gemäßigte, schöne und friedvolle
Neigung, über die ihr jetzt spottet, in euren Augen ein Hafen des Friedens
vor den Stürmen und Lasten des Lebens geworden ist, und das höchste Gut,
das es euch bieten kann.“
Ein anderer Grund, warum die Neigungsehe am ehesten glücklich wird, ist,
weil die gegenseitige Achtung einen so breiten Raum in ihr einnimmt, und
wie ungeheuer wichtig diese in dem heiligen Ehestand ist, kann niemand
wissen, bevor er heiratet. Ich werde über die außerordentliche
Notwendigkeit der Achtung im Eheleben später noch mehr zu sagen haben.

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II. Warum Mann und Frau auseinandergeraten: Zwistigkeiten
„Man mag sagen, was man will: der Mann, der der Ehe ausweicht,
ist ähnlich demjenigen, der vor der Schlacht davonläuft.“
R . L . S t e v e n s o n.

Wir haben über jene Typen von Ehen gesprochen, die von Anbeginn mehr
oder weniger zum Mißraten verurteilt sind, und kommen jetzt zu den
Ursachen, warum so viele Ehen unglücklich werden, bei denen
augenscheinlich alle äußeren Umstände glücklich waren.
Ich glaube, es war Sokrates, der sagte: „Ob ihr heiratet oder nicht heiratet,
ihr werdet es bereuen.“ Die Leute, die behaupten, daß die Ehe ein Mißgriff
ist, scheinen aus den Augen zu verlieren, daß diese Form des Geschlechts­‐
lebens nicht des Glückes halber eingerichtet wurde, sondern um die
Bedürfnisse der Gesell­schaft zu befriedigen, und solange diese Bedürfnisse
durch die Ehe befriedigt werden, muß die Institution als erfolgreich
betrachtet werden, wie unglücklich auch viele Verheiratete sein mögen.
Wenn die Gründe, „warum Mann und Frau auseinander­geraten“
erschöpfend behandelt werden sollten, dann würde dieser Gegenstand
einige hundert riesenhafte Bände füllen, ich glaube, eine ganze Bibliothek
könnte mit Büchern über dieses Kapitel gefüllt werden. Seit Adam und Eva
eine Auseinander­setzung über ihr Dessert hatten, haben Männer und Frauen
immer gestritten und der demütige Philosoph, der sagte, daß „gewisse Leute
so erbittert und regelmäßig stritten wie Mann und Frau,“ beschrieb nur
einen Zustand, den die Gewohnheit ihm vertraut gemacht hatte.
Wie überhaupt im Leben, kommt es auch in der Ehe auf die kleinen Dinge
an, und das gebrechliche Schiff ehelichen Glücks scheitert hauptsächlich an
den unbedeutenden, kaum sichtbaren Felsen, an der kleinlichen Eifersucht,
dem unscheinbaren Ableugnen, den kleinen Aufregungen, den kleinen
Launen, den kleinen beißenden Worten, die nach und nach so viele kleine
Löcher in die Steuerung bohren, daß zum Schluß ein nicht mehr gut zu
machendes Leck entstanden ist, und das Schiff beim nächsten Sturm

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scheitert. Die großen Hindernisse verursachen einen größeren Krach, wenn
man auf sie stößt, aber man kann sie von weitem sehen und glücklich an
ihnen vorbeikommen.
Ein unglücklicher Ehemann, bei dem es gerade zur Trennung kommen
sollte, (obzwar er zu jenen gehört, die aus „wahnsinniger Liebe“ geheiratet
hatten) vertraute mir einst an, daß die erbittertsten und fürchter­lichsten
Streitigkeiten zwischen ihm und seiner Frau immer wegen einer äußerst
kleinlichen Ursache begonnen hatten, gewöhnlich, weil er ihre Kleider nicht
bewunderte! Kann etwas kläglicher und abgeschmackter sein! „Warum“,
fragte ich ihn, „wenn es Ihnen so darum zu tun ist, den Frieden aufrecht zu
erhalten, wagen Sie denn irgend eine Kritik an den Kleidern?“ „Oh, ich
gebe ja nie eine ab,“ war die Antwort. „Sie fragt mich um mein Urteil über
ein neues Kleid, zum Beispiel, und wird böse, wenn es abfällig ist. Dann
werde ich natürlich auch böse, ich bin ja kein Heiliger, und gleich kommt es
zu Beschimpfungen und Worten, die wie Hiebe sitzen. Dann drücke ich
mich für ein paar Tage, und dann ist natürlich der Teufel los, wenn ich
wieder heimkomme, und es beginnt von neuem. Sehen Sie, der jetzige
Streit hat ungefähr fünf Wochen gedauert, und im Anfang war es einfach
nur deshalb, weil ich sagte, die Straußfeder auf ihrem Hute gefalle mir
nicht!“
Noch ein Beispiel. Ich traf einst bei einem Rennen eine Schulfreundin, die
ich seit langem aus den Augen verloren hatte, das letztemal als liebende und
geliebte jung verheiratete Frau sah. Jetzt war sie sehr verändert und hatte
harte und hagere Züge. Ich fragte nach dem Mann, der mir als strahlender
Bräutigam in Erinnerung war.
„Oh, er ist den Weg aller Gatten gegangen,“ sagte sie mit einem Seufzer.
„Er ist Lebemann geworden, meine Liebe.“
„Was Sie nicht sagen!“ rief ich erschrocken und bekümmert.
„Ja, er hat sich zum Lebemann herausgebildet und das hat unsere Liebe
zugrunde gerichtet,“ war die zynische Antwort.
Es war allerdings so. Treue und Magenverstimmungen vertragen sich
schlecht miteinander, und der Gatte meiner Freundin hatte sich eine
gefährliche Fertigkeit angeeignet, sein Mittagessen ins Feuer zu werfen,

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wenn es ihm nicht schmeckte, eine allerdings das häusliche Glück nicht
fördernde Gewohnheit.
Die Kost ist wirklich eine der Hauptquellen von Reibungen in der Ehe. Es
klingt possenhaft, aber ich meine es ganz im Ernst. Die Kost, ihre
Anordnung und Zubereitung und die daraus erwachsenden Kosten bedeuten
eine der größten Tragödien im Dasein einer Frau. Die Zeit, die alles heilt,
stumpft Gott sei Dank auch die Heftigkeit dieser Pein ab, und Matronen von
ungefähr fünfzig Jahren sind imstande, der täglichen Bürde der Abfassung
des Speisezettels mit einer gewissen Gleichgültigkeit entgegenzutreten.
Aber für eine Frau, welche das kritische Alter noch nicht erreicht hat, das
man charakter­istischerweise mit der Bemerkung: „hm, gerade so alt wie alle
andern, nämlich fünfunddreißig“ bezeichnet, ist dieser Faktor das größte
Kreuz, während so mancher Braut die erste Zeit der jungen Ehe durch die
schreckliche und stets wieder neu erstehende Notwendigkeit, die richtige
Kost für ihren Lebensgefährten zu finden, total verdorben wurde. Die
Männer machen sich lustig über die Frauen, weil ihr Lunch, wenn sie allein
sind, oft aus einer Schale Tee und einem Ei besteht, aber die Frauen haben
einen so angeborenen Haß gegen das Anschaffen, den sie wohl von einer
langen Linie leidender weiblicher Vorfahren ererbt haben müssen, daß die
meisten von ihnen lieber ganz vergnügt bis zum Ende ihrer Tage von Tee
und Butterbrot leben möchten, als täglich der Notwendigkeit ins Auge zu
sehen, über einen Speisezettel nachzudenken. Aus diesem Grunde glaube
ich, daß vegetarianische Gatten besonders begehrenswert sind, da das
Grundprinzip der Ernährungsreform die Einfachheit ist. Jene, welche darauf
eingehen, erwerben eine ganz neue Anschauung von der Bedeutung der
Ernährung und sind rührend leicht zufrieden zu stellen. Ich kenne eine Frau,
deren Mann Vegetarier ist, und sie erklärte, daß die Ernährungsfrage, die
einen so zerstörenden Faktor in den meisten Häusern bildet, ihr nie auch
eine einzige Träne, ein Stirnrunzeln, ein böses Wort oder einen Wink
eingebracht hätte. Sie versicherte mir, daß ihr Mann zum Frühstück mit
einer Banane, zum zweiten Frühstück mit einem Kopf Salat, zum
Mittagessen mit einer Dattel und zum Abendessen mit einer gesalzenen
Mandel ganz zufrieden sein würde. Als das Haus aus Anlaß einer großen
Abendgesell­schaft auf den Kopf gestellt wurde und es nicht möglich war,
das gewöhnliche Mittagessen zu bereiten, da aß dieser Engel von einem

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Gatten im Badezimmer Käsebrödchen anstatt des Mittagessens und war
noch dazu sehr entzückt davon. Ich konnte es zuerst kaum glauben, aber es
soll tatsächlich so gewesen sein.
Unter den vielen niedrigen Ursachen der Reibung in der Ehe bildet die
verschiedene Empfind­lichkeit gegen Temperaturen ganz gewiß eine sehr
reiche Quelle von Zwistigkeiten. Wenn der eine bei offenem Fenster
zusammenschaudert und der andere ein Freiluftfanatiker ist und nicht atmen
kann, wenn es geschlossen ist, dann ist eine Kette von Unglücks­‐
möglichkeiten die Folge davon. Ich glaube, es war Napoleons zweite Frau,
Marie Louise, die sich, wenn sie wollte, ihren Gatten fernhalten konnte,
bloß dadurch, daß sie ihre Gemächer kalt hielt. Dem großen Mann war es
nur gemütlich in einem sehr heißen Zimmer mit einem flackernden
Kaminfeuer.
Der Mangel an Humor, etwas sehr Bedauerliches, ist noch eines jener
winzigen Felsenriffe, an denen das eheliche Glück so oft scheitert. Das ist
ganz natürlich, denn die Abwesenheit dieser unschätzbaren Eigenschaft
gehört zu den ärgsten Entbehrungen eines Reisenden auf der Fahrt durch
das Leben. Unter den Männern ist die Überzeugung verbreitet, daß alle
Frauen unter diesem Mangel leiden, aber ich glaube, wir können es uns
leisten, ihnen diese Täuschung zu belassen, da sie ihnen so viel
Befriedigung bereitet. Ich hatte einmal einen journalistischen Freund mit
einer schrecklich unverdau­lichen und außergewöhnlich betrübenden
literarischen Gewohnheit. Dieser arme Teufel bildete sich ein, ein Humorist
zu sein, und ich mußte oft das Vorlesen vieler Seiten voll trostloser und
mühseligster Scherze über mich ergehen lassen, die er für ein Blendwerk an
Witz und Geist hielt. Mein geduldiges, langmütiges Zuhören verschaffte
meinem obgesagten mangelhaften Verständnis für Humor nur bitteren
Hohn, aber meine Kritik inspirierte den jungen Mann zur Abfassung eines
zynischen Artikels über „die Frauen und den Humor“, eines Artikels von
jener Sorte, an der die Verleger — da sie Männer sind — Gefallen finden
und daher schweres Geld dafür bezahlen.
Tatsache ist, daß das, was die Männer zumeist unterhält, die Frauen
langweilt und umgekehrt. Aber es ist gewiß unlogisch, daraus abzuleiten,
daß der Sinn für Humor bei den Frauen geringer ist als bei den Männern,

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oder daß er gar nicht besteht. Da jedoch diese scheinbar so unbedeutende
Sache von solcher Bedeutung im ganzen Leben ist, gleichviel ob es in
einem Palast, in einem Kloster, in einer Villa oder einem Arbeiterhaus
dahinfließt, so glaube ich, eine Frau täte gut daran, Heiterkeit zu heucheln,
wenn sie keine fühlt, mit ihrem Herrn und Gebieter zu lachen, selbst wenn
sie die Pointe nicht versteht und sich nichts daraus zu machen, wenn er
nicht mit ihr lacht.
Die Leute, die über die Ehe geschrieben haben, scheinen diesem wichtigen
Punkt keine Bedeutung beigemessen zu haben. Stevenson bildet eine
Ausnahme, er sagt: „Wenn die Leute über denselben Spaß lachen oder so
manchen alten Scherz gemeinsam haben, der durch die Zeit nicht verblaßt
und die Gewohnheit nicht flau wird, so wird das — mit Verlaub gesagt —
eine bessere Vorbereitung für das gemein­schaftliche Leben sein, als so
manche Dinge, die in der Welt einen edleren Klang haben. Man kann, wenn
man will, Kant für sich allein lesen, aber einen Scherz muß man mit
jemandem teilen.“
Und wirklich bildet ein gemein­schaft­licher Scherz, eine alte Anspielung,
über die beide zu lachen gewohnt sind, ein mächtigeres Band als so
manches tiefere Gefühl. Man erinnert sich an diese Kleinigkeiten noch
lange, nachdem man die ergreifendsten Augenblicke der Leiden­schaft, den
atemraubenden Herzschlag und die stürmischen Umarmungen vergessen
hat, die einst unsterbliche Erinnerungen zu geben versprachen. Alles, alles
ist vergessen, aber der dumme kleine Spaß hat noch immer die Macht,
Tränen in unsere Augen zu locken, wenn der eine, mit dem wir den Scherz
durchlebt haben, für immer dahin ist.
Eine Menge Leute sind unglücklich, die mit einem anderen Gefährten oder
einer anderen Gefährtin ganz glücklich geworden wären. „In der
Ungleichheit der Temperamente liegt die Hauptursache des Unglücks in der
Ehe. Mangelnde Harmonie der Geschmacks­richtungen macht viel aus, aber
das Nichtzusammen­passen des Temperaments noch mehr“. Manches Paar
paßt so lächerlich schlecht zusammen, daß man sich wundert, wie sie je
davon geträumt haben können, das Glück beieinander zu finden. Daran sind
wieder zumeist die unsinnigen konventionellen Sitten schuld, die das
gegenseitige Kennenlernen der ledigen Männer und Frauen so sehr

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erschweren. Es ist jedoch in dieser Hinsicht während der letzten zehn oder
zwanzig Jahre um soviel besser geworden, daß wir nicht murren sollten;
aber selbst jetzt, wenn ein Mann dem Beisammensein mit einem Mädchen
den entschiedenen Vorzug gibt, wird sein Name in einer Weise mit dem
ihren verknüpft, die einen jungen, aller Eheabsicht ermangelnden Mann in
Unruhe zu versetzen geeignet ist. Jene Reliquie aus alten Zeiten, der nach
den „ernsten Absichten“ fragende Verwandte, ist durchaus nicht
ausgestorben, und so manche vielversprechende Freund­schaften, die
vielleicht in einer glücklichen Ehe geendet hätten, sind durch das plumpe
Eingreifen dieses barbarischen Verwandten verdorben worden.
Ein mir befreundeter Rechtsanwalt — nennen wir ihn Anthony — versuchte
einst aus Berufsrücksichten, sich einem töchterreichen Gerichtsrat
angenehm zu machen. Da er sehr schlau war, wählte er für seine
Aufmerksamkeiten eines der Mädchen, die noch in der Schulstube steckten,
und entging so der Notwendigkeit, ihren ältern und heiratsfähigen
Schwestern ein besonderes Interesse zu zeigen. Sein vertrauter Verkehr in
der Familie machte gute Fortschritte, und der Vater wurde ihm ein sehr
nützlicher Chef. Jedoch entdeckte er mit der Zeit zu seinem Mißvergnügen,
daß seine kleine Freundin Amaryllis herangewachsen war und er in der
Familie als ihr besonderes Besitztum betrachtet wurde. Nun übertrug er
rasch seine Anhäng­lichkeit auf Aphrodite, das damals jüngste
Schulmädchen der Familie, und dadurch rettete er sich vor den
Verpflichtungen gegen Amaryllis, wahrte sich aber doch gleichzeitig die
wertvolle Freund­schaft des Vaters. In einer unglaublich kurzen Zeit war
jedoch Aphrodite auch heiratsfähig, und die Familie erwartete neuerdings,
sich Anthony als ständiges Familienmitglied zu sichern. Er führte wieder
dasselbe Manöver aus und wählte diesmal die kleine Andromeda, die direkt
ein Kind aus der Kinderstube war. Obzwar die Familie enttäuscht war, hegte
sie noch Hoffnungen und so gingen die Jahre friedvoll dahin, brachten
einige Schwiegersöhne mit sich und eine Menge Bonbonnièren für die
harmlose Andromeda. Als jedoch auch diese heranwuchs, fürchtete der
schlaue Anthony, daß seine einträgliche Freund­schaft nun unvermeidlich
ein Ende haben müsse, da die einzige übrigbleibende Tochter schon das
gefährliche Alter von fünfzehn Jahren erreichte und überdies den
unsympathischen Namen Anactoria trug.

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Eine lange Freund­schaft und eine kurze Verlobung sind vielleicht die beste
Zusammenstellung. Eine lange Verlobung gehört zu den gefähr­lichsten
Beziehungen zwischen den Geschlechtern, die man sich denken kann. Für
die Frau bedeutet sie die Nachteile der Ehe ohne deren Reiz eines
ruhevollen Abschlußstadiums oder irgendwelche Vorteile der Welt
gegenüber. Für den Mann wieder bedeutet sie die Lästigkeit des Ehejochs
ohne seine Befriedigung und sein Behagen. Wirklich, für den Mann ist eine
lange Verlobung besonders hart, da der Frau wenigstens die Last der
Anordnung der Speisen und der Beschäftigung mit der Diener­schaft erspart
bleibt. So manche wahre Neigung ist schon durch die Einschränkungen und
Aufreibungen einer langen Verlobung zugrunde gerichtet worden. So
manche echte Leiden­schaft ist in ihrem trüben Lauf versandet, bis nur ein
schwacher Schimmer der großen Flamme übrig blieb, um das Eheleben zu
erhellen, und Mann und Frau das Zeichen der niedergehaltenen Glut tragen,
welche unter glücklicheren Umständen zu freudigem Genießen geführt
hätte. Auch ihren Kindern fehlt es oft an Lebenskraft, und man merkt ihnen
an, daß die Glut erlosch, bevor sie gezeugt wurden.
Ich weiß nicht, wer zuerst das Wort von der „schrecklichen Intimität des
Ehelebens“ geprägt hat. Es ist gewiß ein richtiger Ausdruck, und man
möchte wissen, zu welcher Zeit der Geschichte der Menschen man
begonnen hat, diese Intimität „schrecklich“ zu finden. Es klingt wie eine
recht moderne Klage, und man fühlt, daß sie nicht von unseren
Großmüttern geäußert wurde, die ihre Gatten als eine Art sichtbare
Verkörperung des Willens des Herrn betrachteten und dementsprechend
verehrten. Es würde ihnen nie beigekommen sein, das lästig zu finden, was
Mrs. Lynn Linton die „enge Stuben­abgeschlossenheit des englischen
Heims“ nennt.
Es ist viel über die Herabwürdigung der Liebe durch die Gewohnheit
gesprochen worden, und Alexander Dumas beurteilt die ganze Frage
erschöpfend in einem kristallklaren Satz: „Wo in der Ehe Liebe ist, tötet die
Gewohnheit sie; doch wo keine ist, da ruft sie sie wach.“ Das ist durch und
durch wahr und für jede Leiden­schaft, welche die Gewohnheit ertötet hat,
hat sie wohl umsomehr echte Neigungen hervorgerufen.

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Der Plan der Sparter, den Eheleuten nur verstohlene Zusammenkünfte zu
gestatten, zeigt ein scharfes Verständnis für die menschliche Natur und hat
viel für sich, wenn es sich darum handeln sollte, die Zeit der Leiden­schaft
zu verlängern. Aber wir haben es nicht mit der Leiden­schaft zu tun, sondern
mit der gewöhn­lichen Zuneigung zwischen Leuten, die unter den
erschwerenden Verhältnissen der modernen Ehe zu leben haben, und in
diesen Verhältnissen muß man, was die durch die Gewohnheit
hervorgebrachten Wunder anbetrifft, mit Dumas übereinstimmen.
Wenn die Leute es nur anerkennen wollten: die Gewohnheit ist der Kitt, der
das Gebäude der Ehe zusammenhält. Wenn nur die leichteste Grundlage
gegenseitiger Harmonie gegeben ist, so wird einem im Lauf der Jahre der
Gefährte ganz unentbehrlich, und zwar nicht wegen seines Zaubers und der
Liebe, die wir für ihn hegen, sondern einfach, weil er oder sie ein Teil
unseres Lebens sind. Darum halte ich die Politik der steten Trennung für
töricht. Sie basiert wohl auf der irrtüm­lichen Annahme, daß die
Abwesenheit zärtlicher macht. Dort, wo die Grundlage gegenseitiger
Harmonie nicht besteht, mag es richtig sein. Und wenn zwei Leute sich
nicht mögen und schlecht miteinander auskommen, kann eine kurze
Trennung dazu dienen, die Spannung zu lösen und sie mit dem Vorsatz
zurückzuführen, in Zukunft die Dinge ruhiger zu nehmen; aber dort, wo
eine Neigung besteht, scheint mir die Trennung ein Mißgriff. Man gewöhnt
sich, ohne einander zu leben, und jene verbindende Kette kleiner täglicher
Vertrau­lichkeiten, oft wiederholter Späße, teuer gewordener Gewohnheiten
ist für eine Zeit entzweigerissen, und es ist nicht leicht, sie wieder
zusammenzufügen. Meine Freundin Miranda sagte mir vor einiger Zeit:
„Wenn Lysander einen Tag von mir weg war, habe ich ihm bei seiner
Rückkehr eine Menge Sachen zu erzählen — aber wenn wir einen Monat
getrennt waren, fällt mir absolut nichts ein, was ich ihm sagen könnte.“
Ich glaube de la Rochefoucauld sagt: „Die Trennung vertieft große Leiden­‐
schaften und vermindert kleine, gerade wie der Wind die Kerze auslöscht
und das Feuer anfacht.“ Das ist vom literarischen Standpunkt aus sehr fein
gesagt, aber ist es auch wahr? Meine Erfahrung sagt mir: nein. W ä h r e n d
der Abwesenheit scheint dieses Aphorisma allerdings wahr zu sein. Die
Enttäuschung kommt erst beim Wiedersehen. Wer erinnert sich nicht an
jene erste Trennung von dem Geliebten, die zahllosen Briefe, die endlosen

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Gedanken, die unaufhörliche Sehnsucht und die unerschöpf­lichen Pläne für
das herrliche Wiedersehen. Was für ein Wiedersehen das werden soll! Wie
verweilt man in Gedanken bei der ersten lieblichen Freude, durch den Blick
begehrt zu werden; bei der noch lieblicheren des Händedrucks und bei der
lieblichsten von allen: wenn ein herrlicher Kuß die Lippen verschließt und
die Umarmung nicht enden will, in deren Seligkeit alle Traurigkeiten der
Trennung versinken sollen — und ach! Gelächter der Hölle! wie ganz
anders ist es in Wirklichkeit! Was für eine abscheuliche Enttäuschung ist
das Wiedersehen! Wie anders sieht der Liebste aus als in unseren leiden­‐
schaft­lichen Träumen; seine Haare sind schon viel zu lang; seine Stiefel
gefallen uns nicht; seine Krawatte ist nicht nach unserem Geschmack; seine
Art zu sprechen gefällt uns gar nicht; in seinem Kuß ist kein Beben; seine
Bemerkungen sind langweilig; seine Anwesenheit reizt einen: kurz und gut,
w i r h a b e n u n s d a r a n g e w ö h n t , o h n e i h n z u s e i n, und
so erscheint uns nichts recht, was er tut. Armer Geliebter! Dachtest du
dasselbe von uns? Bist du auch enttäuscht? Sagtest du dir auch: „Wie müde
sie aussieht! Bei Gott, sie bekommt ein Doppelkinn! Ich dachte, rosa steht
ihr gut! Was hat sie mit ihrem Haar angefangen? Ihre Stimme klingt
schärfer. Warum lacht sie so? Ihre Zähne gefallen mir nicht. Bei Gott, sie ist
häßlich!“ Kurz und gut, „er hat sich auch daran gewöhnt, ohne uns zu sein.“
Wenn die Gatten das einmal durchgemacht haben, dann gerät das Schiff
‚Eheglück‘ in gefährliche Strömungen, aus denen die Gefahr des
Schiffbruchs drohend emportaucht.
Aber es ist ebenso verhängnisvoll, in das andere Extrem zu verfallen, und
ich gebe jener Schriftstellerin (wie heißt sie?) ganz recht, die sagte, daß es
in keinem Haus gut gehen könne, wenn die männlichen Mitglieder der
Familie nicht mindestens täglich sechs Stunden auswärts sind,
ausgenommen Sonntag. Ich bedaure jene Frau tief, deren Gatte durch
seinen Beruf oder in Ermanglung eines solchen den ganzen Tag zu Hause
ist. Wenn man außer seinem Frühstück und seinem Mittagessen noch seinen
Lunch zusammenzustellen und anzuschaffen hat, so muß schon das eine
harte Prüfung sein. Schon aus diesem Grunde — und noch so manchem
anderen — sollte eine Frau nie einen Mann heiraten, der nicht i r g e n d
e t w a s zu tun hat. Wenn er keinen Broterwerb hat, der ihn aus dem
Bannkreis der weiblichen Tätigkeit täglich für einige Stunden entfernt, dann

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muß er eine Passion haben oder eine Spielmanier oder sonstige, ihn in
Anspruch nehmende Pflichten, die demselben Zweck dienen. Wo das nicht
der Fall ist, da muß die Frau von übermensch­licher Güte sein und
unendliche Liebe, Takt und Geduld besitzen, wenn beide glücklich
miteinander leben sollen.
Dasselbe gilt auch für die Frauen, obzwar es nicht allgemein anerkannt ist.
Ich bin davon überzeugt, daß eine große Anzahl der Ehen des Mittelstandes
bloß deshalb unglücklich werden, weil die Frau nicht genug zu tun hat. Da
sie genug Diener­schaft hat, so nehmen ihre Wirtschafts­pflichten einen sehr
kleinen Teil ihrer Mußestunden in Anspruch, und wenn die Kinder in der
Schule sind (oder sie hat vielleicht keine), dann hat sie nichts
Absorbierenderes zu tun als Romane zu lesen und Besuche zu machen. Die
Folge davon ist, daß die einen ihre Nerven beobachten und halbinvalide
Neurasthen­ikerinnen werden; die anderen sich für das männliche
Geschlecht interessieren und ihre freie Zeit mit unerwünschten Liebeleien
ausfüllen; daß die dritten sich Launen, melancholischen Stimmungen oder
eifersüchtigen Phantasien hingeben usw. — und alle sind sie bloß aus
Mangel an genügender Beschäftigung untauglich geworden, die richtige
Lebensgefährtin des Mannes zu sein.

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III. Das Heiratsalter
„Das Merkwürdige für mich ist nicht, daß so viele Leute
unverheiratet bleiben, sondern, daß sich so viele in die Ehe stürzen,
wie sie auf eine Bahnstation losstürzen würden, um einen Zug zu
erreichen. Wenn man den falschen Zug erwischt, was dann? Alles,
was einem zum Troste bleibt, ist die Tatsache, daß man gereist ist.“
R o b e r t H i c h e n s.

Eine große Zahl unglücklicher Ehen könnte vermieden werden, wenn die
Leute das richtige Heiratsalter finden könnten. Da es bei jedem Individuum
ein andres ist, kann man unmöglich eine Regel darüber festlegen. Manche
Männer sind imstande, mit zweiundzwanzig Jahren eine gute Wahl zu
treffen, andere wieder kennen sich selbst nicht einmal, wenn sie doppelt so
alt sind. Manche Mädchen sind schon unter zwanzig Jahren für den
Ehestand und die Mutter­schaft geeignet, andere sind es nie.
Im Interesse der abstrakten Moral sind frühe Heiraten wünschenswert, und
in England tut das Gesetz alles, was es nur kann, um sie zu ermuntern. In
Frankreich wird die Erhaltung der Familienautorität als hochwichtig
betrachtet, und das Gesetz versucht augenscheinlich, frühe Verbindungen
durch alle ihm zu Gebote stehenden Mittel zu verhindern, unbekümmert um
den hohen Prozentsatz der unehelichen Geburten, welche die direkte Folge
davon ist 1.
Im allgemeinen sollte keine Frau heiraten, ehe sie nicht etwas vom Leben
versteht, eine Menge Männer kennen gelernt hat, eine gewisse Kenntnis der
Physiologie und ein klares Verständnis des wirklichen Wesens der Ehe
gewonnen hat. Keine Frau sollte heiraten, ehe sie nicht den Wert des Geldes
und die Führung des Haushalts kennen gelernt hat, ehe sie nicht genügend
jugendliche Heiterkeit erfahren hat, und so vorbereitet ist für die ernsteren
Dinge des Lebens. Nicht früher ist sie geeignet, in der Einförmigkeit der
Ehe glücklich zu sein, und ihr Herz der Notwendigkeit der Treue für einen
Mann, in Gedanken ebenso sehr als in der Praxis, anzupassen. Auch der
Mann ist, im großen und ganzen genommen, nicht geeignet, sich glücklich
zu verheiraten, ehe er nicht genügend vom Leben gesehen, sich eine

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Philosophie ausgearbeitet, und eine tüchtige Kenntnis der Frauen sowie das
daraus folgende Verständnis erworben hat, wie man eine Frau glücklich
macht. Das ist nicht so leicht geschehen, wie die Männer glauben, und es
verlangt Lehrzeit. Wenige Männer unter dreißig sind geeignet, eines Weibes
Hort zu sein, und der Himmel bewahre ein Mädchen vor einem jungen
Gatten, der noch ein Bengel ist. Gewiß wird sie herrliche Augenblicke
haben, denn es liegt etwas Berauschendes in der Glut sehr junger Herzen,
und darum finden wir die Ehen zwischen Jünglingen und ganz jungen
Mädchen so reizend — in der Theorie. Manchmal, wenn es sich um ein
Ausnahmspaar handelt, das besonders gut zueinander paßt, ist so eine Ehe
auch wirklich reizend, und dann ist es die schönste Ehe, die man sich
denken kann: zwei junge Leute, Hand in Hand die Lebensreise antretend,
tapfer, liebend, von den höchsten Hoffnungen geschwellt. Aber gewöhnlich
ist die Herrlichkeit nur auf Augenblicke beschränkt; junge Mädchen sind
zumeist seicht und leichtfertig. Sehr junge Männer sind oft schrecklich
egoistisch und rücksichtslos. Sie sind so stolz darauf, der einzige Besitzer
eines reizvollen Weibes zu sein, daß ihre Einbildung, die immer groß ist, zu
ungeheuer­lichen Proportionen anschwillt, und sie einfach unerträglich
werden. Wenn für das junge Paar trübe Tage kommen sollten, hat der
knabenhafte Gatte keine Philosophie, um sich aufrecht zu erhalten, keine
Kenntnis der Frauen, die ihn befähigen könnte, seine Frau zu verstehen und
mit ihr glücklich zu leben, und nicht genug Selbst­beherr­schung, um ihr zu
helfen. Sie hat dieselben Fehler der Jugend, und das Resultat ist das
Fehlschlagen der Ehe. Stevenson drückt das sehr gut wie folgt aus: „In die
Schule könnt ihr gut mit bloßen Hoffnungen gehen, aber bevor ihr heiratet,
solltet ihr Euch die vielfältigen Lehren, die das Leben gibt, angeeignet
haben.“ Andererseits sagt Grant Allen, „daß die besten Männer sozusagen
verheiratet auf die Welt kommen“, und daß nur der egoistische, niedrige
und berechnende Mann mit dem Heiraten wartet, bis er eine Frau erhalten
kann. „Diese gemeine Phrase bemäntelt kaum verborgene Untiefen von
Sittenverderbnis“, fährt er fort. „Der richtige Mann klügelt nicht mit sich
selbst über alle diese Dinge. Er sagt nicht mit selbstsüchtiger Kälte: ‚Ich
kann eine Frau nicht erhalten‘ oder: ‚Wenn ich heirate, verderbe ich mir die
ganze Zukunft‘; er fühlt und handelt. Er paart sich wie der Vogel, weil er
nicht anders kann.“

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Ich muß sagen, daß jene jungen Männer, die nicht denken, sondern nur
fühlen und handeln, meiner Ansicht nach kaum zum höchsten Typus
gehören, und daß, wenn es allgemein als Zeichen edler Natur anerkannt
würde, sich zu paaren wie die Vögel, die Adelsnaturen gewiß viel weniger
selten wären, als sie es heutzutage sind.

1. Im Jahre 1903 war ein Zehntel aller in Frankreich geborenen
Kinder unehelich, in Paris allein war der Prozentsatz noch weit
höher, ungefähr 1 auf 4.

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IV. Das „Sichausleben“ für Frauen
„Nichts, was zu sagen der Mühe wert ist, ist schicklich.“
G. B e r n a r d S h a w.

„Ich glaube nicht an die Existenz der puritanischen Frauen. Ich
glaube nicht, daß es eine Frau in der Welt gibt, die sich nicht ein
bißchen geschmeichelt fühlen würde, wenn man ihr den Hof macht.
Das eben macht die Frauen so unwiderstehlich reizend.“
O s c a r W i l d e.

Sollte es irgendwelche Leser geben, deren Feinfühligkeit bei diesen Zitaten
verletzt würde, dann werden sie ergebenst gebeten — nein es wird ihnen
befohlen — nicht weiter zu lesen. Und sollte es welche geben, deren
Empfind­lichkeit schwankt, ohne jedoch einen direkten Stoß erlitten zu
haben, dann werden sie liebevoll — nein flehent­lichst — ersucht, einige
Male das obige Zitat aus Shaws unsterb­licher „Candida“ zu lesen, sich dann
aufzuraffen und den Sprung zu wagen. Ich kann ihnen versprechen, daß es
nicht halb so schrecklich sein wird als sie hoffen, ja, daß die
ausgesprochene Schick­lichkeit dieser Zeilen sie wahrscheinlich bitter
enttäuschen wird. — Es ist merkwürdig genug, daß die Frauen, obgleich sie
mehr als die Männer zu heiraten bestrebt sind, und alles in ihrer Macht
stehende tun, um das zustande zu bringen, wogegen die Männer sich oft
sträuben, — trotz allem in der Ehe gewöhnlich am unzufriedensten sind. In
den letzten Jahren ist ein seltsamer Geist der Unruhe über die verheirateten
Frauen gekommen, und sie rebellieren häufig gegen Bedingungen, über die
zu murren unseren Großmüttern nie im Traume eingefallen wäre. Es gibt
eine Menge Gründe dafür: der eine ist, daß die Ehe die Erwartungen der
Frau sehr enttäuscht (wie ich in dem einleitenden Kapitel sagte). Ein
anderer, daß sie sich nicht n a c h F r a u e n a r t ausleben können. Ich bitte
genau die gesperrt gedruckten Worte „nach Frauenart“ zu beachten und
mich freund­lichst nicht mißverstehen zu wollen. Ich bin nicht dafür, daß die
allgemein den Männern zugebilligte Freiheit auch auf die Frauen
ausgedehnt wird.

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„Das Sichausleben“ dieser Art, anders gesagt, ein vorehelicher
„Freiheitsrausch“, war gewiß keine Notwendigkeit für unsere Großmütter.
Aber ein gewisser, ziemlich zahlreicher Typus moderner Frauen scheint
bessere Gattinen abzugeben, wenn sie dieses Stadium hinter sich haben.
Nehmt z.B. die Fälle von Yvonne und Yvette, die ich beide persönlich
kenne. Yvette verlobte sich mit achtzehn Jahren und heiratete mit
einundzwanzig, im Alter von sechsundzwanzig Jahren war sie Mutter von
vier Kindern. Sie hatte kaum Zeit gehabt, die Jugend zu erkennen und zu
genießen, ehe ihre Mädchenhaftigkeit unter den Verantwortlich­keiten der
Ehe und der Mutter­schaft erstickt wurde. Sie hatte ihren ersten Bewerber
genommen, und er war wirklich der einzige Mann, von dem sie irgend
etwas wußte. Außer ihm hatte sie nichts von den Männern oder der Welt
gesehen. Sie hat gewiß nie geflirtet oder Freunde gehabt, und keine andere
Bewunderung genossen als die ihres Bräutigams.
Mit sechsundzwanzig Jahren begann Yvette zu erkennen, daß sie um einen
sehr kostbaren Teil ihres Lebens und eine unschätzbare Erfahrung betrogen
worden war. Obzwar sie eine recht glückliche Gattin und eine
hingebungsvolle Mutter war, fühlte sie, daß sie diese Genüsse ebensosehr
wie die häuslichen Freuden hätte haben können, und diese Erkenntnis
empörte sie.
In ihr Herz schlich eine gefährliche Neugier und eine noch gefähr­lichere
Sehnsucht nach Abenteuern und Erregungen. Sie erkannte, daß es auch
noch andere Männer als Markus gab, die sie bewunderten, und daß sie noch
eine ganz hübsche und junge Frau war. Mit dreißig Jahren war Yvette eine
Meisterin in der Kunst der Intriguen, hatte einige gefährliche
Herzensaffären eingefädelt und hätte großen Kummer heraufbeschworen,
wenn nicht Markus ein besonders kluger, zärtlicher und verständnisvoller
Gatte gewesen wäre.
„Nicht, daß ich ihn nicht zärtlich liebe“, vertraute sie mir, als sie sich
entschloß, einen anderen Weg zu betreten, „ich möchte ihn nicht für irgend
jemand in der Welt hergeben, und du weißt, was die Kinder mir sind, aber
dennoch brauche ich auch etwas anderes, etwas Erregendes. Ich spüre, daß
ich in meinem Leben keine Lustigkeit gehabt habe, und ich möchte mich
gerne ein bißchen austoben, bevor es zu spät ist. Als ich mich verlobte,

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hatte ich kaum mit jemand anderem getanzt als mit Markus, und in den
ersten vier Jahren meiner Ehe bekam ich alle achtzehn Monate ein Kleines.
Es gab nichts als kleine Kinder, das eine zu säugen, für das
Neuankommende bereit zu sein. Ich hatte ja nichts dagegen, aber die
Reaktion mußte kommen, und sie kam. Wenn ich nur dieses Erregende und
die Heiterkeit und den Zauber zuerst hätte haben können und dann mit
ungefähr fünfundzwanzig Jahren geheiratet hätte, dann wäre ich ganz
zufrieden geworden wie Yvonne.“
Yvonne hatte sichs wohl besser eingerichtet. Das Schicksal bewahrte sie
davor, sich zu früh zu verlieben. Sie hatte immer eine Schar von Verehrern
und konnte so die Macht ihrer Weiblichkeit vollauf genießen. Sie reiste,
schloß wunderbare Freund­schaften mit beiden Geschlechtern, lernte die
Welt kennen und bildete sich eine Weltanschauung. Als sie mit
neunundzwanzig Jahren heiratete, hatte sie genug von den anderen
Männern gesehen, um zu wissen, welchen Mann sie für sich brauchte, und
genug Erregung gehabt, um den Frieden und die Ruhe in der Ehe zu
schätzen.
Die Geheimnisse vieler Frauen lasten schwer auf meiner Seele, während ich
dies schreibe, und so manche Frau, die ernsten Anlaß zu Gewissensbissen
hat, vertraute mir, daß nur diese verhängnisvolle Sehnsucht nach Erregung
ursprünglich ihr Verderben verursachte. Ich werde meinen Sohn lehren, ja
nur eine Frau zu heiraten, die die Periode des „Sichauslebens“ hinter sich
hat oder eine von jenem altmodischen Typus, die das „Sichausleben“ nicht
braucht. Bei dem modernen Temperament muß es früher oder später
kommen, und wie weit das moderne Temperament sich entwickelt haben
wird, bis der Sohn meines Sohnes heiratsfähig ist, das wissen die ironischen
Götter allein!
Junggesellen, merkt es Euch. Eine Frau der Neuzeit, die in der halben Welt
herumgekommen ist und so manches erlebt hat, wird eine viel bessere
Gattin, eine liebevollere Freundin und ein treuerer Gefährte sein, als jene
Mädchen, die einander so ziemlich gleichen, deren erste Erfahrung Ihr seid
und die enorme Ansprüche an Eure Liebe und Geduld stellen. Ihr werdet
vielleicht sogar ein auf Romanlektüre gegründetes Ideal verwirk­lichen
müssen, und das wird Euch sehr lästig fallen, liebe Freunde! Die erfahrene

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Frau kennt die Männer gründlich, sie erwartet nicht mehr von Euch, als Ihr
ihr geben könnt. Sie wird Eure Tugenden aufs Höchste schätzen und sich so
gut als möglich mit Euren Untugenden abfinden. „Aber sie hat so
schrecklich geflirtet“, sagt Ihr. Gut. Um so besser. Dann ist es wahrschein­‐
licher, daß sie es nach der Verheiratung nicht tun wird. „Aber zum Teufel
mit allem anderen — sie ist von anderen Männern geküßt worden“, wendet
Ihr ein. Ganz gut, dann hat sie kein Bedürfnis nach weiteren Erfahrungen
dieser Art und wird ihre Lippen nie wieder einem anderen Mann bieten,
sobald sie die Eure geworden ist. „Wie können Sie dessen sicher sein?“ „Ja,
das gehört zu dem großen Risiko der Ehe. Wie kann denn s i e sicher sein,
daß I h r euer letztes Verhältnis hattet?“ . . . Oh, mein Lieber, Ihr macht
mich wirklich böse; um Himmelswillen, trachtet von den konventionellen
Vorstellungen von Recht und Unrecht loszukommen. Beurteilt einmal die
Dinge für Euch selbst und sagen wir, wie sie auf dem Boden eines
speienden Vulkans erscheinen würden! . . . Alle Dinge, um derentwillen wir
so viel Aufhebens machen, würden zweifelsohne rasch in ihrem wahren
Lichte erscheinen, wenn wir sie von dieser gefähr­lichen Lage aus
betrachteten.
Und selbst in den traurigen Fällen, wo eine Frau wirklich im
m ä n n l i c h e n Sinne des Wortes „sich ausgelebt“ hat, wie anders würden
uns die kleinen sittlichen Regeln und Gesetze, die wir für solche
Gelegenheiten bereithalten, angesichts eines plötzlichen, gewaltsamen
Todes erscheinen! Ich hörte vor kurzem folgende sehr traurige Geschichte.
Ein Mann war knapp dem Ertrinkungstode entronnen, kurz nachdem er
seine Verlobung mit einem von ihm aufrichtig geliebten Mädchen
rückgängig gemacht hatte, als sie ihm gestand, daß sie vor vielen Jahren
den Bestürmungen eines leiden­schaft­lichen Liebhabers einmal nachgegeben
hatte. Ich weiß nicht, was er in dem schreck­lichen Augenblick empfunden
hat, als das Wasser über ihm zusammenschlug und er jenes entsetzliche
Ringen nach Luft durchmachte, das von jenen, die es kennen lernten, als die
fürchter­lichste Empfindung geschildert wird. Augenscheinlich fielen ihm
durch den Umstand, daß er mit knapper Not dem Tode entronnen war, die
Schuppen von den Augen, und er befreite sich von der konventionellen
Meinung, die ihn bis dahin geblendet hatte. Anstatt sich als einen tief
gekränkten Mann zu betrachten, erkannte er, daß er sich gegen das

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unglückliche Mädchen schrecklich benommen hatte, und sie auf diese
Weise durch sein Geschlecht doppelt gekränkt worden war. Er suchte sie
auf und bat sie, ihn wieder anzunehmen, aber sie war eine zu gescheite Frau
und weigerte sich, sich einem Manne von so engen Ansichten und so
hartem Urteil anzuvertrauen.
Diese Behandlung steigerte seine Liebe natürlich ins Tausendfache. Sie
quälte ihn Tag und Nacht und zum Schluß gewannen seine verzweifelten
Bitten die Oberhand, und sie gab nach. Ihre Ehe wurde keine glückliche,
wie man sich’s denken kann. Sie hatten einander wahnsinnig geliebt, und
das Gespenst dieser erloschenen Leiden­schaft reckte sich unsichtbar
zwischen ihnen empor und vergiftete ihre Freude aneinander. Nach einer
Zeit verfiel die Frau in tiefe Melancholie und ließ sich von einer
geringfügigen Krankheit so überwinden, daß sie daran starb.
Als sie starb, soll sie zu ihrer treuen Freundin gesagt haben: „Wenn du je
einer anderen Frau begegnest, die einen kleinen Fehltritt begangen hat —
etwas, was ihr damals so natürlich und unvermeidlich erschien, daß es gar
keine Sünde war — dann sage ihr, daß sie es nie, n i e dem Manne, den sie
heiraten wird, gestehen soll, am allerwenigsten, wenn sie ihn liebt. Wenn
das Geständnis sie nicht ganz trennt, dann wird es immer zwischen ihnen
sein. Man legt es ab in dem Bestreben, aufrichtig zu sein, aber es ist der
schreck­lichste Irrtum, den eine Frau begehen kann.“
Ihr Bestreben, aufrichtig zu sein, hatte diese arme Frau nicht nur das Glück
ihres ganzen Lebens und ihr Leben selbst gekostet, sondern auch das Glück
des geliebten Mannes, in dessen Interesse sie das so schwere Geständnis
gemacht hatte. „Wie teuer habe ich es bezahlt! Wie teuer habe ich es
bezahlt!“ pflegte sie immer und immer wieder während ihrer letzten
Krankheit zu sagen.
Das ist eine völlig wahre Geschichte, und es scheint mir eine schreiende
Ungerechtigkeit, daß eine Frau so bitter für das leiden muß, was bei einem
Manne gar nicht beachtet würde. Ich bin sicher, daß es viele ähnliche Fälle
gibt, und ich erkläre nachdrück­lichst, daß solche Geständnisse schädlich
sind. Der konventionell denkende, in solche Umstände versetzte Mann
würde entweder eine Frau stehen lassen oder sie gegen seine Überzeugung
heiraten. Das außergewöhnliche männliche Sittengesetz, das aus

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verschiedenen Gründen über mein weibliches Fassungsvermögen geht,
erkennt nicht an, daß ein Mädchen, das einen Geliebten hatte, oder auch nur
einen Fehltritt machte, geeignet ist, geheiratet zu werden, und trotzdem
hätte kein Mann etwas dagegen, eine Witwe zu heiraten und sehr viele
Männer heiraten auch geschiedene Frauen.
Selbst, wenn es sich um einen selten großmütigen, einsichtigen und
verständigen Mann handelt, der das Vergehen richtig einschätzt, würde eine
Kenntnis desselben nur störend wirken und eine Quelle von Unsicherheit
für das eheliche Glück bilden. Mit einem Wort: das Geständnis kann von
keinerlei Nutzen sein und die Erleichterung, welche es, gemäß dem
Sprichwort, dem Sünder verschaffen soll, würde um einen sehr hohen Preis
erkauft sein.
„Aber zwei ungerechte Handlungen können nicht eine gerechte
hervorbringen, und es kann gewiß für eine Frau nicht das Rechte sein, den
Mann über einen so ausschlaggebenden Punkt zu täuschen“, wird der
strenge Moralist ausrufen. Möglicherweise nicht, nach dem streng-
idealistischen Standpunkt der Ethik; aber vom höheren Standpunkt des
Lebens und des gesunden Menschen­verstandes aus gesehen erscheint diese
Täuschung nur ratsam. Und seien Sie sicher, mein verdrieß­licher Moralist
(denn ich bin sicher, daß Sie ein verdrieß­licher Mensch sind), daß die
Sünderin nicht so leichten Kaufes davon kommen wird, wie Sie es zu
fürchten scheinen. So mancher Stich wird ihr zuteil werden, denn die
Erinnerung ist ein starkes Gift, und jeder Ausdruck der Liebe und des
Vertrauens ihres Mannes wird für sie seinen eigenen Stachel haben,
während die runden unschuldigen Augen der sie vergötternden kleinen
Kinder, für die sie ein Wesen ist, das nie unrecht tun kann, die geeignete
Strafe für ein noch weit größeres Vergehen sein würde. Der Mann dagegen
wird aller Wahrschein­lichkeit nach durch das Schweigen der Frau nur
gewinnen; denn er ist ihr gewiß doppelt teuer, eben weil der erste Mann sie
schlecht behandelte, und sie wird vielleicht eine bessere Gattin, eine
stärkere und sanftere Frau, eine tüchtigere Mutter sein, eben wegen der
Leiden, die sie durchgemacht hat.
Hoffentlich werden wir nun übelwollende Dummköpfe nicht die verderben­‐
bringende Lehre unterschieben, daß eine Frau mit einer Vergangenheit die

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beste Gattin sei. Ich bin nur der Ansicht, daß eine brave Frau, die sich
einem stürmischen Liebhaber ergeben hat und nachher von ihm verlassen
worden ist, notwendigerweise soviel durchgemacht hat, daß ihr Charakter
dadurch vertieft und ihre Fähigkeit, treu zu lieben, gesteigert wurde. Und
eine andere als wahr erkannte Tatsache ist es, daß es seelischer Leiden
bedarf, um die besten Eigenschaften der Frauen zur Blüte zu bringen.
Auch die Männer sollten die Einzelheiten ihrer Periode des „Sichauslebens“
streng für sich behalten. Im Eheleben muß es Geheimnisse geben, und die
glücklichsten Paare sind jene, die sie zu hüten wissen. Ein sehr gutes Motto
für junge Verlobte wäre das des Tom Broadbent in John Bulls „Die andere
Insel“: „Erzählen wir uns nichts; vollkommenes Vertrauen, aber keine
Erzählungen aus der Vergangenheit; so vermeidet man am besten
Mißhelligkeiten!“

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V. Einige Worte für eine vernünftigere Mädchenerziehung
Wenn die Mädchen in bezug auf geschlechtliche Dinge vernünftiger
erzogen wären, würde es weit weniger unglückliche Frauen in der Welt
geben, und weniger Männer würden dazu getrieben werden, ihr Glück
außerhalb des Heims zu suchen. Wenn man den Mädchen, sobald sie in die
geeigneten Jahre kommen, die elementarsten Umrisse der
Lebensbedingungen beibringen würde, anstatt sie wie es jetzt geschieht, in
der äußersten Unwissenheit zu lassen, dann würden die außerordentlich
falschen Anschauungen über das Geschlecht, die sie jetzt überall auflesen,
nicht mehr vorwalten, und viel Kummer könnte so vermieden werden. Jetzt
wird den Mädchen s c h w e i g e n d zu verstehen gegeben, daß das
Geschlechtsthema abstoßend ist und sich nicht eignet, von ihnen in Betracht
gezogen zu werden, und daß die Geschlechts­funktionen widerwärtig,
obgleich notwendig sind. Ich schreibe absichtlich s c h w e i g e n d, denn
den meisten Mädchen wird nicht das Geringste über diesen Gegenstand
gesagt. Es ist wirklich merkwürdig, wie die Vorstellungen ihnen ohne Worte
beigebracht, aber dennoch auf irgendeine Weise eingeimpft werden, und es
ist schwer zu verstehen, wie die Mütter diese Unterweisungen mit ihrem
offenkundigen Wunsch vereinigen, ihre Mädchen zu verheiraten. Das
heutzutage den Mädchen gegenüber aufrecht erhaltene Ideal ist offenbar das
geschlechtslose Schicksal der Diana — nicht bloß Keuschheit, sondern
Unfruchtbarkeit.
Die meisten jungen Mädchen kennen von früher Jugend auf die gesell­‐
schaft­lichen Vorteile und die gesell­schaftliche Bedeutung der Ehe und
wachsen mit dem lebhaften Wunsch heran, sie in angemessener Weise zu
erreichen, obgleich sie sich insgeheim wegen ihrer absurden verkehrten
Begriffe von der physischen Seite der Ehe vor ihr fürchten. Warum kann
man die Mädchen — und auch die Knaben natürlich — nicht die volle
Wahrheit in angemessener Sprache lehren, daß das Geschlecht der
Angelpunkt ist, um den sich die Welt dreht, daß die Geschlechts­triebe und -
empfindungen der ganzen Welt gemeinsam sind, an sich nicht erniedrigend

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oder herabwürdigend und daß es auch keine Schande ist, sie zu besitzen,
obgleich es notwendig ist, daß man sie tapfer überwacht! Warum kann man
die Mädchen nicht lehren, daß alle Liebe, selbst die romantische, die einen
so breiten Raum in ihren Träumen einnimmt, aus dem
G e s c h l e c h t s t r i e b entspringt? (Schopenhauer, Metaphysik der Liebe.)
Das kann für eine gefährliche Lehre gehalten werden; aber die
gegenwärtige Politik des Stillschweigens über diesen Gegenstand ist noch
gefähr­licher, da sie das Bestreben hervorbringt, über dem verbotenen
Thema zu brüten.
Ich erinnere mich, wie mir eine ungefähr fünfzehnjährige Schulkameradin,
als ich etwas über zehn Jahre alt war, anvertraute, daß ein Mann — er war
ein harmloser Junge von ungefähr zwanzig Jahren — ihr die Hand geküßt
hatte, als er ihr das Tennisrakett reichte. Sie zog entrüstet ihre Hand zurück
und sagte: „Wie können Sie es wagen, mir diese Schmach anzutun?“ Dann
verließ sie den Tennisplatz und wollte nicht mehr spielen. Ich glaube nicht,
daß viele Mädchen so albern sind wie diese, aber der Zwischenfall
illustriert den in jener Schule allgemein herrschenden, uns eingeimpften
Ton. Und er zeigt, wie emphatisch dem Gemüt des Mädchens alle
geschlecht­lichen Angelegenheiten dargestellt worden sein müssen, damit sie
in einem ganz unschuldigen und galanten Zeichen der Huldigung eine
Schmach erblickte. Was für eine trostlose Vorbereitung für die Ehe muß
solch eine Unterweisung sein! Aus dieser Art von Unterweisung entstehen
jene unglück­lichen Flitterwochen, von denen man gelegentlich im
geheimen hört, und die unglück­lichen Frauen, deren verächtliche Kälte den
Gatten zur Verzweiflung bringt. Dieser Mangel an Gefühl und Mangel an
Verständnis für die Bedürfnisse stärkerer und wärmerer Naturen ist eine der
tiefsten und unheilbarsten Ursachen des Unglücks im Eheleben.
Wenn unsere Mädchen belehrt würden, das Geschlecht sei ein etwas ganz
Natürliches, dann würde das unendliche, aus der Auffassung, es sei etwas
Außergewöhn­liches und Widerwärtiges, entspringende Übel vermieden
werden. Erziehen wir sie dazu, den liebenden Ehestand, die leiden­‐
schaftliche Mutter­schaft als den geeignetsten Ausdruck der Frauennatur und
die für sie erstrebens­werteste Lebensform zu betrachten.

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In einem sehr interessanten, jüngst veröffentlichten Buch: „Die Frau im
Übergangsstadium“ wird diese Ansicht von der Bestimmung der Frau zu
wiederholten Malen verhöhnt. Die Verfasserin, Annette B. Meakin, ist eine
Assistentin am Anthropologischen Institut und offenbar eine sehr belesene
und vielgereiste Dame. Ich will einiges zitieren: „In der glücklichen
Zukunft, wenn die höheren Frauenideale in unserer Umgebung festen Fuß
gefaßt haben werden, werden alle erkennen, gleichviel welchem Geschlecht
sie angehören, daß wir die Verräter an unserer eigenen Rasse und an der
Menschheit sind, wenn wir unqualifizierte Mutter­schaft jedem Mädchen als
ihr höchstes Ideal vor Augen halten.“ . . . „Die englischen Schulvor­‐
steherinnen betrachten es, obgleich sie oft selbst unverheiratet sind, als ihre
heiligste Pflicht, den Schülerinnen einzuimpfen, daß die Mutter­schaft ihre
höchste Bestimmung sei, und die Schülerinnen machen die Ehe zu ihrem
höchsten Ziel, und jeder andere Erfolg im Leben muß an zweiter Stelle
stehen.“ „Einige sehr brave Frauen in England sagen unseren jungen
Mädchen noch immer, daß die Mutter­schaft für jede Frau das höchste Ziel
ist, ohne zu ahnen, daß die von ihnen gepredigte Lehre in gefähr­licher
Weise zu jener gesetz­lichen Prostitution führt, die euphemistisch als
lieblose Ehe bekannt ist, oder zu noch größeren Übeln.“ „Wie kann dem
Mädchen, dem man gelehrt hat, daß die Mutter­schaft die einzige
Bestimmung des Weibes ist, das Risiko wagen, sie zu verpassen?“
Ich antworte auf diese Einwände: Natürlich wird kein vernünftiger Mensch
die unqualifizierte Mutter­schaft den Mädchen als ihr höchstes Ideal
darstellen, und auch kein denkender Mensch wird glauben, daß die Mutter­‐
schaft die einzige Bestimmung des Weibes ist. Aber was die höchste
Bestimmung, das heißt die edelste, anbetrifft, so muß ich schon sagen, daß
wenn gute Mutter­schaft (und in dem Wort gut möchte ich die besten körper­‐
lichen und geistigen Eigenschaften inbegriffen sehen, durch die gesunde,
intelligente und wohlerzogene Kinder hervorgebracht werden), nicht das
Ideal erfüllt, ich wohl wissen möchte, wodurch es erfüllt werden kann! Als
Antwort auf diese Frage, die natürlich jeder Leser stellen muß, gibt sich
Miß Meakin mit der Konstatierung zufrieden, in Finnland und Australien,
sowie in Amerika und Norwegen lehre man den Mädchen, daß die höchste
Bestimmung des Weibes von jeder Frau erreichbar sei; daß ihre höchste
Bestimmung und ihr höchstes Ideal nicht von einem Manne abhängen solle,

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der daher kommen mag oder nicht, und daß es das höchste Ideal des Weibes
sei, eine echte Frau zu werden. Das ist ganz schön, aber es ist viel zu vage,
um als allgemeines Ideal der Frauen hochgehalten zu werden. Das Ideal,
das wir als erstrebenswert hinstellen, muß enger umgrenzt sein. Was ist zum
Beispiel im besonderen eine e c h t e F r a u? Ich dächte, die
Hauptbestandteile des Rüstzeuges einer echten Frau wären ihre Fähigkeiten
für Ehestand und Mutter­schaft.
Miß Meakin tadelt die Lehrerinnen, weil sie ihren Schülerinnen die
Bedeutung der Mutter­schaft mit dem Zusatz einprägen, „jeder andere
Erfolg im Leben habe an zweiter Stelle zu stehen.“ „Was sollte denn nach
Ansicht der Verfasserin die erste Stelle einnehmen? Glaubt sie ernstlich,
daß der Erfolg der Frauen in Geschäften oder in der Politik, als
Gemeinderätinnen, Schrift­stellerinnen, Künstlerinnen, Denkerinnen von
größerer Bedeutung ist als der Erfolg der Frauen als Mütter? I s t d a s
m ö g l i c h ?“ Ich erinnere mich, daß in einem Gedicht von W. E. Henley
über die Frauenfrage eine Zeile lautet: „Und Gott im Paradiesesgarten
lachte aus vollem Halse“. Es muß heutzutage im Himmel oft schallendes
Gelächter geben, wenn die Frauenfrage auf der Erde diskutiert wird.
Dies gilt für die Ideale in abstractum, aber wenn wir zu den Tatsachen
kommen, muß man zugeben, daß die Folgerungen der Dame vernünftig
sind. „In einem Lande, wo es um anderthalb Millionen mehr Frauen als
Männer gibt,“ konstatiert sie treffend, „ist es mehr als verrückt, jungen
Mädchen zu lehren, daß die Mutter­schaft ihre höchste Bestimmung sei.
Wenn eine solche Unterweisung hartnäckig fortgesetzt wird, so wird sie zu
größeren Übeln führen, als wir aus der Entfernung beurteilen können“. Aber
was für ein größeres Übel kann es denn geben, als die Existenz von 30000
Prostituierten in London allein, wie es heutzutage der Fall ist. Wenn man
jeder dieser unglück­lichen Frauen beigebracht hätte, fest wie an einen
Glaubensartikel daran zu glauben, daß die Mutter­schaft ihre höchste
Bestimmung sei, dann wären weit weniger Nullen an dieser Zahl.
Miß Meakin fährt fort: „Neben den heiligen Pflichten der Mutter­schaft gibt
es auch die nicht minder heiligen Pflichten der Vaterschaft; und doch läßt
der Mann diese letzteren nicht in seinen geistigen Entwicklungsgang
eingreifen.“ Es ist auch gar nicht nötig, daß die Frauen dies tun. Von der

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Anschauung, daß die Frau, um eine gute Gattin und Mutter zu sein, ihre
geistige Entwicklung verkümmern lassen und auf jede Kultur verzichten
müsse, ist man schon längst abgekommen.
Meiner Meinung nach entsteht das ganze Übel daraus, daß man die
Mädchen e i n e Reihe von Schlagwörtern lehrt und die Knaben eine
a n d e r e, wie Stevenson sagt. Da die Frauen nicht durch sich allein Mütter
werden können, ist es nutzlos, die Mädchen zu lehren, daß die Mutter­schaft
ihre höchste Bestimmung sei, wenn wir nicht auch die Knaben lehren, daß
die Vaterschaft ihre höchste Bestimmung ist, sondern ganz im Gegenteil
ihnen zu verstehen geben, daß die Ehe etwas ist, das sie vermeiden sollen,
wenigstens im Jünglingsalter.
Wenn wir alle jungen Leute b e i d e r l e i Geschlechts lehren würden, daß
eine würdige Ehe und Eltern­schaft die höchste Bestimmung für den
Durchschnitt der Sterblichen bedeutet, und sie nach dieser Vorschrift
handelten, dann würden viele Zeitprobleme gelöst, die Anzahl überflüssiger
Frauen sehr vermindert, das soziale Übel merklich in Abnahme, die
körperliche Beschaffenheit der Rasse besser sein, und die Geburtsziffer
würde rasch steigen. Mit einem Wort, es gäbe weniger ironisches Lachen im
Himmel und viel mehr eheliches Glück und Gesundheit auf Erden. Über die
Eltern­schaft als ein Ideal werde ich noch mehr im vierten Teile zu sagen
haben.

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VI. „Und wahre ihr die eheliche Treue“ —
der wunde Punkt in der Ehe
„Wir vergöttern die Männer und sie verlassen uns; andere
behandeln sie wie die Hunde und sie kriechen ihnen nach und sind
treu.“ O s c a r W i l d e.

„Und wahre ihr die eheliche Treue, so lange ihr lebet.“ Wie viele Männer
haben dieses vielversprechende Gelübde mit dem ernsten Vorsatz abgelegt,
es zu halten? Zur Beantwortung dieser Frage stehen mir keine Daten zur
Verfügung, aber mein Glaube an die Vorherr­schaft des Guten in der
mensch­lichen Natur ist groß genug, um anzunehmen daß die meisten Leute
mit dem Vorsatz, treu zu bleiben, die Ehe beginnen. Dieser Glaube wurde
nicht einmal durch den Schrecken erschüttert, den mir die Bemerkung einer
sehr modernen Braut verursachte: „Max sagt, er kann mir’s nicht
versprechen, treu zu bleiben, aber er wird sein möglichstes tun.“ Diese
erstaunliche Genügsamkeit war wohl geeignet, wenn nicht Bewunderung,
so doch Verwunderung zu erregen.
Schopenhauer behauptet, daß „die eheliche Treue bei Männern künstlich,
bei Frauen natürlich“ ist. Den Berichten der Ehegerichtshöfe nach zu
urteilen, scheint sich dieser natürliche weibliche Zug einigermaßen
abgeschwächt zu haben, da diese Ansicht vor mehr als 60 Jahren geäußert
wurde. Dem Gesell­schafts­chroniqueur aus eigenen Gnaden zufolge gibt es
„im Westend in London haufenweise gebrochene Gelübde“.
Es ist gefährlich, bei so einem Gegenstand zu verallgemeinern, aber da die
Leute der Versuchung weit seltener widerstehen, als die Ethiker es
annehmen, kann man wohl sicher behaupten, daß, wenn die Männer treu
sind, sie es hauptsächlich aus Mangel an Gelegenheit, anders zu sein, sind,
oder weil sie keine Anlage dazu haben. Dies mag jene meiner Leserinnen
verstimmen, die nicht mit Prof. Lester W a r d anerkennen wollen, „daß der
Mann ein a u s s c h l i e ß l i c h p o l y g a m e r Z w e i f ü ß l e r i s t“; aber
die in den traurigen Dingen des Lebens Erfahreneren werden die Wahrheit

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dieser Behauptung zugeben. Es geschieht andererseits, wenn eine Frau die
eheliche Treue bricht, selten bloß aus leichtfertigen oder gewinnsüchtigen
Ursachen, sondern fast immer, weil sie in dem Bann eines anderen Mannes
steht oder äußerst unglücklich in der Ehe ist und in der Betäubung durch
irgendeine Liebelei Vergessen und Gleichgültigkeit sucht. Vielleicht wird
der höchste Richter, der gnadenreicher ist als die Menschen, diese beiden
Ursachen als Entschuldigung gelten lassen und den Sünderinnen verzeihen,
die viel geliebt und viel gelitten haben.
Ein Doktor, der sich für das Studium der sozialen Fragen sehr interessierte,
zeigte mir eine interessante Statistik über diesen Gegenstand. Von 76 aufs
Geratewohl aus der Liste seiner Bekannten herausgegriffenen Männern
waren 14 kinderlos und mit Ausnahme von zweien waren alle viel
glücklicher als die meisten Männer und gaben ihren Frauen keine Ursache
zur Eifersucht. Dieser hohe Prozentsatz von glücklichen, wenn auch
kinderlosen Ehen ist seltsam, und ich kann ihn mir nicht erklären. Die
übrigen 62 hatten alle Familie. Fünf liebten ihre Frauen sehr, jedoch nicht
treu, zwei lebten nebenbei mit anderen Frauen, drei andere waren
unglücklich verheiratet und stritten fortwährend und erbittert, über zwei
weitere war mein Freund im Zweifel, ein anderer mochte seine Frau nicht,
war jedoch zu beschäftigt, um sich nach anderen Frauen umzusehen, die
übrigen 49 waren verhältnismäßig glücklich und treu: „die meisten von
ihnen entgehen irgendeiner stärkeren Versuchung durch ein arbeitsreiches
und regelmäßiges Leben“, fügte der Doktor hinzu, „und jene, die besonders
empfänglich für das schönere Geschlecht und seine Reize sind, haben schon
genug Liebeleien hinter sich, um noch welche außerhalb des Heims zu
verlangen.“ Ich vermute, daß diese letztere Ursache bei einer großen Anzahl
sogenannter „Mustergatten“ zutrifft.
Diese Liste kann jedoch kaum als erschöpfend betrachtet werden, da sie nur
zwei Schauspieler, drei Soldaten, einen Seemann und keinen
Börsenmenschen enthielt, vier Klassen, in denen die unbeständigen
Ehegatten besonders zahlreich sind. Die Lebensbedingungen eines
Schauspielers veranlassen ihn offenkundig zur Untreue; die ungesunde
Erregung und die abwechselnde Nieder­geschlagenheit im Leben eines
Börsenmenschen dürften dieselbe Wirkung haben; Angehörige des Militärs
werden im allgemeinen für weniger treu gehalten als andere Ehemänner,

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aber wenn die Geschäfts- und Gewerbsleute dieselbe leichte Gelegenheit
und Versuchung hätten und einem ähnlichen Ausmaß von Muße und
Perioden langer Trennung von ihren Frauen ausgesetzt wären, dann würden
sie sich als ebenso untreu erweisen, wie man es von den Vaterlands­‐
verteidigern annimmt. Die Liste meines Freundes enthält auch kein
Mitglied „der Lebewelt“, einer Klasse, in der man tatsächlich, den Worten
des Pater Vaughan zufolge, keine treuen Ehemänner findet.
Wenn es die kleinen Dinge sind, die das eheliche Glück zerstören, so sind
es die großen, die Mann und Frau trennen, und von diesen ist die Untreue
die häufigste Ursache. Man kann sie geradezu „d e n w u n d e n P u n k t
d e r E h e“ nennen. Nach meinem persön­lichen Dafürhalten gibt es nur
drei Fehler, um derentwillen eine Frau ihren Mann verlassen sollte:
gewalttätige Trunksucht, zeitweiser oder ständiger Verkehr mit Angehörigen
des Haushaltes, und die Einführung einer Geliebten unter das Dach der
Frau. Wo Kinder sind, sind sogar diese Gründe nicht genügend, wenn die
Frau die Kinder nicht mitnehmen kann. Für das letztgenannte Vergehen
allein konnte die Frau nach Justinianischem Gesetz die Scheidung erlangen.
Kleine Übertretungen der ehelichen Treue von seiten eines Gatten sollte
man am besten, wie alle anderen Trübungen, philosophisch aufnehmen. Das
ist freilich leicht gesagt — man hört oft, daß die geschlechtliche Eifersucht
die ärgste der seelischen Qualen ist. Die Männer werden stärker von ihr
befallen als die Frauen, und der Mann, dessen Frau untreu ist, scheint ärger
zu leiden, selbst wenn er sie nicht gern hat, als die Frau im umgekehrten
Fall. Der Mann wird einem sagen, daß das daher kommt, weil seine Leiden­‐
schaften stärker sind, oder weil er die Mutter seiner Kinder als ein Wesen
betrachtet, das über der Sünde des Fleisches steht. Wahrscheinlich ist die
wirkliche Ursache die, daß der Mann seit der „Ehe“ im Garten Eden seine
eigenen Wege gegangen ist, und es übel aufnimmt, wenn er in seinen
Gewohnheiten verkürzt wird. Die Frauen können jedoch diesen Verlust
leichter ertragen, da sie ja daran gewöhnt sind, ihren Herrn mit anderen zu
teilen, seit ihr Geschlecht im Gegensatz zu dem seinen so zugenommen hat.
Oder haben die Frauen keinen angeborenen Widerstand gegen die
Polygamie?

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Die Welt hat sich schon an die polygamischen Triebe des Mannes gewöhnt
und sogar ihre Gesetze sind danach abgefaßt. In den Romanen verursacht
die Entdeckung der Untreue eines Ehegatten immer einen vollständigen
Umsturz. Dem Leser werden seitenlang wahnsinnige Szenen aufgetischt;
die Frau verliert beinahe den Verstand; ihre Freunde und Verwandten sitzen
in düsterem Familienrat beisammen und besprechen, „was zu geschehen
hat“; die Neuigkeit wird in die Welt hinausposaunt, und niemand würdigt
den abgetanen Ehemann auch nur eines Blickes.
Aber in Wirklichkeit behalten die Frauen diese Tragödien schön für sich
und ertragen sie mit merkwürdiger Ruhe und Gelassenheit.
Glücklicherweise hat selten ein Mann so wenig Weltklugheit, um zu
erlauben, daß seine Frau seine Untreue bekannt macht, und in der Regel
würde eine Frau lieber sterben, als der Welt eine solche Wunde zu zeigen.
Die Last von der Untreue eines Ehegatten wird oft jahrelang schweigend
mit lächelnder Miene und erhobenen Hauptes von so mancher Frau
getragen, die zu stolz ist, um sich einzugestehen, daß sie ihren Mann nicht
zu fesseln vermag. Erst wenn die Jahre sie an die Demütigung gewöhnt und
ihrem Kummer den Stachel genommen haben, gönnt sie sich die
Erleichterung des Sichanvertrauens.
Wenige Frauen können verstehen, warum ein Gatte, obgleich er seine Frau
gern hat und ihr treu bleibt, doch irgendwo anders das sucht, was sie ihm in
seinen Augen nicht mehr bieten kann. Aber diejenige, die das Leben gut
genug kennt, um das zu verstehen, weiß auch, daß ihr Teil das bessere ist,
daß sie im Leben ihres Mannes der Kern und die Triebfeder ist, die noch
lange bestehen bleiben, wenn seine zeitweiligen verliebten Tollheiten längst
zu Asche gebrannt sind.
Nichtsdestoweniger ist vielleicht nach dem Worte „allein“ das Wort
„u n t r e u“ das traurigste und schreck­lichste der mensch­lichen Sprache.
Man kann es sich in flammenden Lettern über den Toren der Hölle
unzählige Male geschrieben denken . . . „Untreu, Untreu . . .!“

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Dritter Teil

Vorgeschlagene Alternativen
Für mich ist das einzige Heilmittel gegen die tödliche
Ungerechtigkeit, das endlose Elend, die oft unheilbaren Leiden­‐
schaften, welche die Verbindung der Geschlechter stören, die
Freiheit, die Ehefesseln zu sprengen und neue zu schmieden.
G e o r g e S a n d.

Solange das Eheband nicht geschmeidiger geworden ist, wird die
Ehe immer ein Risiko sein, auf welches besonders die Männer nur
mit Besorgnis eingehen werden.
H . B . M a r r i o t t - W a t s o n.

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I. Die Probeehe à la Meredith
„Nach zwanzig Jahren Liebesaffären sieht eine Frau wie ein Wrack
aus, nach zwanzig Jahren Ehe wie ein öffent­liches Gebäude.“
O s c a r W i l d e.

Die Probeehe war einer der Gebräuche der frührömischen Gesell­schaft.
Heutzutage hat sie einen revolutionären Beigeschmack und ist so
offenkundig unanwendbar, daß es kaum nötig wäre, sie hier weiter zu
berühren, wenn ihr jüngster und vornehmster Anwalt in der Moderne nicht
George Meredith wäre. Jeder von dieser Seite kommende Vorschlag muß
sorgfältig beachtet werden. Auch ist diese Form der Ehe von dem großen
Philosophen Locke und von Milton in Betracht gezogen worden. — Vor
kaum drei Jahren warf unser großer Romancier diese Bombe in eine
entzückte, obgleich keinen Beifall zollende Presse, aber da das Gedächtnis
heutzutage sehr kurz ist, dürfte eine kurze Rekapitulation der näheren
Umstände am Platze sein.
Der Anfang der Geschichte war ein Brief an die „Times“ von Cloudesly
Brereton, in welchem über die wachsenden Hemmungen der Ehe geklagt
und der Gepflogenheit gemäß die Frau als deren Urheberin angegriffen
wurde. Der Verfasser konstatierte, daß in dem Mittelstand „die
Anforderungen der modernen Frauen die Anziehungskraft der Ehe stetig
untergraben. Mit ihren stets wachsenden Ansprüchen an die Zeit, die
Energie und die Geldmittel ihrer Gatten bilden die modernen Ehefrauen
einen sehr ernstlichen Hemmschuh, und in den unteren Gesell­schafts­klassen
erschwert die Ehe direkt die Chancen des Mannes, Arbeit zu finden.“ Wie
man die Frauen für diese letztere Ungerechtigkeit verantwortlich machen
kann, war klugerweise nicht gesagt. Es wäre, glaube ich, schwer, die
Anklage zu erhärten.
Das Interessanteste an diesem Dokument war die darauffolgende
Diskussion in „The Daily Mail“ und die gelungene Tatsache, daß der
Verfasser sich wenige Wochen nach Erscheinen der Zuschrift verheiratete!
Die übliche Schmähung der Ehe im allgemeinen und der Frauen im

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besonderen folgte, bis die verstorbene Mrs. Craigie sich der Diskussion
anschloß und jene besonderen Eigenschaften zarten Verständnisses und
wunderbarer Einsicht in die Frauenseele zur Anwendung brachte, die zu den
hervorragendsten Merkmalen ihres glänzenden Werkes gehören. Es wäre
schade, aus einem solchen Brief bloß zu zitieren, und so gebe ich ihn denn
ganz wieder:
„Die Frauen sind da, wo es sich um Gefühle handelt, nicht eigennützig
genug. Sie schlagen sich nicht zu hoch, sondern zu niedrig an. Die gegen
ihre eigene Existenz gerichtete Selbstlosigkeit der modernen Frau
ermöglicht den Eigennutz des modernen Junggesellen. Die Junggesellen
sind nicht alle Weiberfeinde, und die Tatsache, daß ein Mann ledig bleibt,
ist kein Beweis dafür, daß er für die Reize der weiblichen Gesell­schaft
unempfänglich ist, oder daß er diese Gesell­schaft nicht in unverbind­lichen
Beziehungen in ganz gehörigem Maße genießt. Warum soll der junge Mann
des Durchschnitts, der durch Anlagen oder Erziehung egoistisch ist, schwer
arbeiten oder Opfer bringen um einer besonderen Frau willen, wenn so
viele geneigt sind, sein Leben zu teilen, ohne daß er sich bindet, und noch
so viele andere eifrig hinter ihm her sind, um jede Ritter­lichkeit oder
Zärtlichkeit, die ihm angeboren sein mag, zu zerstören? Die modernen
Frauen geben den Junggesellen keine Gelegenheit, sie zu vermissen, und
keinen Anlaß, ihrer zu bedürfen. Ihre Hingebung entbehrt der Selbstzucht,
und sie wird eher ein Fluch als ein Segen für ihren Gegenstand. Warum?
Weil die Frauen diese seltsame Macht der Konzentration und
Selbstverleugnung in ihrer Liebe haben. Sie können sich nicht genug tun,
um ihre Liebenswürdigkeit zu beweisen. Und wenn sie alles getan und sich
nicht die Mühe genommen haben, ihre eigene Lage zu sichern, dann
erkennen sie, daß sie durch ein Übermaß an Edelmut und den Wunsch
angenehm zu sein, gefehlt haben. Das ist die den Junggesellen bezeigte
Selbstlosigkeit.“
In einer Antwort auf diesen Brief forderte eine andere Romanschrift­‐
stellerin, Florence Warden, von Mrs. Craigie Auskunft über die Existenz
solcher Frauen, aber sie erzielte keine weitere Erwiderung. „The Daily
Mail“ erläuterte dies folgendermaßen: „Hunderttausende unserer Leser
können aus eigener Erfahrung eine Antwort auf diese bemerkenswerte
Behauptung geben, und wir sind nicht im Zweifel über den Inhalt ihrer

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Antwort.“ Man kann sich vorstellen, daß das mit Hinsicht auf die Leser an
den Frühstückstischen der Villenkolonien geschrieben wurde; aber die
Männer und Frauen, die im Leben stehen, deren Erfahrung nicht auf die
Villenkolonien beschränkt ist, werden die unzweifelhafte Wahrheit der
Behauptungen von Mrs. Craigie anerkennen. Wenn ich auch zugebe, daß
der von ihr beschriebene Stand der Dinge zwischen den Geschlechtern
richtig ist, wage ich ergebenst über die Ursachen dieses „Übermaßes an
Edelmut“ anderer Meinung zu sein. Bei den Frauen ist riesig viel
Selbstlosigkeit angesammelt, aber sie wird meiner Meinung nach nicht in
dieser Richtung verausgabt. Das Motiv ist vielmehr der leiden­schaftliche
Wunsch nach eigener Freude, Befriedigung ihrer eigenen Eitelkeit durch
den Beifall seitens des männlichen Geschlechts, die oft auf Kosten ihrer
Selbstachtung geht. H. B. Marriott-Watson nimmt denselben Standpunkt in
einem späteren Brief ein: „Die Selbstlosigkeit erstreckt sich nicht auf die
Liebessphäre. Geschlechts­anziehung ist praktisch unvereinbar mit
Altruismus, und der Grad des Verzichts ist dem Grad der Neigung gerade
entgegengesetzt. Diese Ordnung der Dinge hat die Natur so eingerichtet,
und es nützt nichts, sie bannen zu wollen. Eine Frau mag ihr Leben für den
Mann, den sie liebt, dahin geben, aber sie wird ihn nicht einer Rivalin
ausliefern.“
Ein anderer interessanter Brief kam von Helen Mathers, die konstatierte,
daß „alle Frauen heiraten sollten, aber kein Mann“ — da die Vorteile des
Ehestandes ihrer Meinung nach einzig und allein auf seiten der Frauen
seien.
In diesem Augenblick erschien der Beitrag von George Meredith zur
Diskussion in der weniger autoritativen Form eines Interviews, nicht als
Brief oder Artikel, wie nach diesem Zeitabschnitt sehr viele Leute zu
glauben scheinen. Als ich dieses Interview neulich wieder durchlas, war ich
von den besonders altmodischen Vorstellungen George Merediths über die
Frauen betroffen. Wo es sich um die Frauenfrage handelt, da scheint er um
mehrere Jahrzehnte im Rückstand zu sein.
„Das große Übel der Sache“, behauptet er, „ist, daß die Frauen so
unerzogen, so unfertig sind. Die Männer brauchen zu oft eine Sklavin und
denken häufig, daß sie eine bekommen haben; nicht, weil die Frau nicht oft

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gescheiter ist als ihr Mann, aber weil sie so unausgesprochen und nicht
genug dazu erzogen ist, ihren wirklichen Gedanken und Gefühlen Ausdruck
zu verleihen.“
So war es, b e v o r die Suffragettes aufkamen; aber es ist eine genügend
überraschende Behauptung für das Jahr 1904. Er fährt fort: „Ich frage mich,
ob ein junges, des Lebens äußerst unkundiges Mädchen, das, sagen wir, mit
achtzehn Jahren heiratet, wenig von dem Mann, den sie heiratet, und noch
weniger von irgend einem Mann auf der Welt versteht, dazu verurteilt
werden soll, mit ihm den Rest ihrer Tage zu verbringen. Bald sympathisiert
sie nicht mehr mit ihm, ja, sie hat keine Neigungen gemein­schaftlich mit
ihm, keine wirkliche Gemein­schaft außer einer physischen. Das Leben ist
ihr fast unerträglich, und doch führen es viele Frauen weiter, aus
Gewohnheit oder weil die Anschauungen der Welt sie terrorisieren.“
Das ist allerdings wahr. Aber Meredith spricht, als wenn es wie zu unserer
Großmütter Zeiten noch die Regel wäre, daß Mädchen unter zwanzig
Jahren heiraten, während es doch jetzt geradezu die Ausnahme ist. Mit
jedem Jahr scheint das Heiratsalter hinauf zu gehen, und errötende Bräute
im Myrtenkranz werden in einem Alter zum Altar geführt, in dem sie vor
fünfzig Jahren alte Jungfern mit Haube und Pulswärmern gewesen wären.
Wenn ein Mädchen verrückt genug ist, gleich nach Verlassen der Schulstube
zu heiraten, dann muß sie auf das enorme Risiko gefaßt sein, das die Wahl
eines Gatten in so unreifen Jahren mit sich bringt.
An anderer Stelle sagt Meredith: „Die Ehe ist so schwer, ihre modernen
Bedingungen so erschwerend, daß man zwei gebildeten Leuten, die sie
eingehen wollen, nichts in den Weg legen sollte . . . Gewiß werden eines
Tages die gegenwärtigen Bedingungen der Ehe geändert werden, sie wird
auf einen bestimmten Termin, sagen wir zehn Jahre — oder ich brauche
keinen b e s t i m m t e n Termin zu nennen — gestattet sein. Der Staat wird
darauf sehen, daß genügend Geld weggelegt wird, um für die Kinder zu
sorgen und sie zu erziehen; vielleicht wird der Staat dieses Kapital selbst
verwalten. Es wird einen höllischen Aufruhr geben, bevor eine solche
Änderung durchgeführt wird; es wird eine große Erschütterung sein, aber
blickt nur zurück und seht, was für Erschütterungen es schon gegeben hat,

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und welche Veränderungen dennoch in Ehesachen in der Vergangenheit
Platz gegriffen haben.“
„Die Schwierigkeit liegt darin, das Publikum daran zu gewöhnen, einem
solchen Problem in die Augen zu sehen. Die Engländer brauchen es mehr
denn irgendeine Nation in der Welt, in Disziplin zu leben. Sie wollen nicht
vorwärts schauen, besonders nicht die Regierenden. Und es gehört
Philosophie dazu; und das englische Volk dazu zu kriegen, daß es das bloße
Wort Philosophie in seinen Diskussionen über so ein Thema zuläßt, ist
mehr, als man erhoffen kann. Immer wieder, besonders in der Kritik
Amerika gegenüber, sieht man, wie die Engländer hartnäckig alle neuen
Bestrebungen als Zeichen von Krankhaftigkeit betrachten, und doch sind
sie ein Zeichen von Gesundheit.“
Man sieht, daß Meredith den Termin von zehn Jahren als einen Vorschlag
behandelt. In einem Essay von Stevenson wird einer Dame gesagt: „Nach
zehn Jahren ist einem der Gatte wenigstens ein alter Freund“, und ihre
Antwort war: „Ja, und man möchte, daß er einem nur das und nichts
anderes wäre.“ Der Abschnitt von zehn Jahren hat eine besondere
Bedeutung in der Ehe. Nachdem das erste kritische Jahr vorüber ist, richten
sich’s die meisten Paare ziemlich behaglich ein, — bis zum zehnten Jahre.
Der Präsident des Ehegerichtshofes hat dieses Jahr den gefähr­lichen
Wendepunkt im Eheleben genannt. Ein späterer Brief in der „Daily Mail“,
welcher dem von George Meredith zustimmte und die gegenwärtige Form
der Ehe „eine Verurteilung auf Lebensdauer“ nannte, schlägt einen noch
kürzeren Zeitabschnitt vor, z.B. fünf Jahre, da während dieser Zeit ein
Ehepaar Glück oder das Gegenteil gefunden haben kann, und in letzterem
Falle müßte man zu lange auf die Freiheit warten.
Ein Mitarbeiter eines anderen Blattes erwähnte Amerika als ein Beispiel der
in volle Kraft getretenen Zeitehe. „Es erhellt aus der Statistik eines
amerikanischen Bischofs, daß die Bevölkerung der Vereinigten Staaten
schon jetzt unter den von Meredith vorgeschlagenen Bedingungen lebt. Im
Jahre 1903 wurden nicht weniger als 600 000 amerikanische Ehen
geschieden. Das bedeutet eine Scheidung auf je vier Ehen. In manchen
Gegenden war das Verhältnis fast eins zu zwei, und die häufigste Ursache
der Scheidung war das Bedürfnis nach Abwechslung.“

Page 79

Es scheint mir, daß die Einführung der Probeehe nur allgemeines Elend und
Verwirrung zur Folge haben würde, dem gegenüber die gegenwärtige
Summe ehelichen Unglücks nur ein Tropfen im Meere wäre. Wenn unsere
Ehegesetze abgeändert werden müssen, dann wollen wir hoffen, daß es
nicht in dieser Richtung geschieht, ob zwar es ganz klar ist, daß eine solche
Änderung Tausenden von Männern und Frauen, die aus irgendeinem
Grunde dazu gelangten, ihre Fesseln zu verabscheuen, eine Wohltat wäre.
Ob sie nicht auch die prosaische Zufriedenheit, die unter einigen Millionen
Menschen als Glück gilt, zerstören würde, ist eine zu weit greifende Frage,
um hier mehr als gestreift zu werden.
Das Schicksal jener, die auf Lebensdauer an Mondsüchtige,
Verbrecherische und Trunksüchtige gebunden sind, ist gewiß
erbarmungswürdig; aber eine Erweiterung der Scheidungsgesetze würde
nur die Ausnahmsfälle treffen, ohne das Eheband der Normalen zu
beeinträchtigen. Ich habe getrachtet, im folgenden Kapitel auf einige der
vielen Schwierigkeiten der Probeehe hinzuweisen.

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II. Die Ehe auf Probe in der Praxis
Ein Dialog im Jahre 1999
„Eines fürchten die Frauen mehr als das Zölibat — nämlich, daß
man sie verschmäht.“ M a r c e l P r é v o s t.

(Katharine und Margarete, zwei reizende Frauen im kritischen Alter der
Vierziger, nehmen zusammen ihr Frühstück ein. Sie sind alte Freundinnen
und haben einander jahrelang nicht gesehen.)
Margarete: Wie hübsch ist es, wieder beisammen zu sein. Aber es tut mir
leid, daß du so verändert bist. Du siehst nicht glücklich aus. Was ist dir?
Katharine: Ich sollte glücklich aussehen. Ich habe wirklich Glück gehabt,
aber ich bin, aufrichtig gestanden, schrecklich müde. Die Eheverhältnisse
sind heutzutage entsetzlich ermüdend, findest du nicht?
M.: Ja, wir entbehren freilich jenes Gefühl des Friedens und der Sicherheit,
von dem unsere Mütter sprachen, aber wir haben auch nicht jene
entsetzliche Eintönigkeit. Denke dir nur, Jahr um Jahr, dreißig, vierzig,
fünfzig Jahre mit demselben Mann zu leben! Wie würde man seiner Launen
überdrüssig werden!
K.: Das weiß ich gerade nicht. Die Gleichförmigkeit der Stimmungen ist
noch immer besser als die Abwechslung. Alle Leute haben Stimmungen.
Und dann kommt es mir vor, daß mit unseren Vätern durchaus nicht so
schwer auszukommen war wie mit unseren Gatten. Sieh, in früheren Zeiten
wußten sie, daß sie fürs Leben gebunden waren, und das gebot ihnen
Einhalt. Das scheint ihnen heutzutage zu fehlen.
M.: Ja, ja, es ist etwas daran. Ich erinnere mich, daß meine Großmutter, die
am Ende des vorigen Jahrhunderts verheiratet war, zu sagen pflegte, ihr
Mann sei ihr R e t t u n g s a n k e r, und er nannte sie seinen H a f e n d e s
F r i e d e n s.

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K.: Oh, wie beneide ich sie. Das brauche ich eben so sehr: einen Anker,
einen Hafen. Wie friedlich müssen sie gelebt haben, bevor dieses
schreckliche neue Ehesystem aufkam.
M.: Die Leute fanden das offenbar nicht; denn wozu sollten sie dann
Abänderungen getroffen haben? Aber was hast du gegen das System? Du
hast vier Männer gehabt und bist von den beiden ersten fast so rasch fort als
das Gesetz es erlaubt.
K.: Ja, und ich bin erst einundvierzig Jahre alt. Ich habe zu früh
angefangen: mit achtzehn; und man nimmt die Ehe unwillkürlich leicht,
wenn man weiß, daß sie nur fünf Jahre zu dauern braucht. Man geht sie
ebenso gedankenlos ein, wie unsere glücklichen Mütter ihre Flirts
einzugehen pflegten.
M.: Aber die Folgen sind doch ernster. Wir sind enttäuschte Frauen in
einem Alter, in dem sie noch frohmütige junge Mädchen waren.
K.: Ja, der Familiennachwuchs macht die Sache so schwer. Die Vaterschaft
ist heutzutage direkt ein Kultus geworden. Alle meine Gatten waren
Fanatiker der Nachkommen­schaft, und ich habe acht Kinder gehabt.
M.: Acht Kinder! Dann ist es kein Wunder, daß du herabgekommen
aussiehst.
K.: Ganz richtig. Meine Mutter wäre entsetzt gewesen. Zwei oder drei,
höchstens vier war die richtige Anzahl zu ihrer Zeit, und fünf war ein
Verhängnis und sehr selten.
M.: Gut, meine Liebe, du hättest doch nicht so viele haben müssen. Du
hättest den Vaterschafts­kultus etwas eindämmen sollen. Keine Frau kann
heutzutage gezwungen werden, Kinder zu haben, wie unsere unglück­lichen
Großmütter. Hast du alle acht bei dir?
K.: Nein, das ist es eben. Ich mochte nicht so viele haben, aber wenn sie
schon einmal da sind, so möchte ich sie auch bei mir haben, und ihre Väter
wollen sie natürlich auch.
M.: Oh, meine Liebe, wie ärgerlich. Wenn man heutzutage Kinder hat, ist
das das Unangenehmste daran. Manchmal bin ich froh, daß ich keine habe.

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K.: Dann kennst du vielleicht nicht das Gesetz über die Kinder in unserem
jetzigen Ehesystem? Eine gewisse Summe muß jährlich für jedes Kind in
den großen Staatskindertrust eingezahlt werden; wenn die Ehe gelöst wird,
wird bloß der Mutter die Aufsicht übertragen, falls der Vater sich nicht
daran zu beteiligen wünscht. In letzterem Fall verbringen die Kinder ein
halbes Jahr bei der Mutter, ein halbes beim Vater.
M.: Das ist schön.
K.: Das glaube ich. Aber, ach! schrecklich hart für eine Mutter. Meine zwei
älteren Mädchen sind beinahe schon erwachsen; sie waren einige Jahre im
Pensionat, und es war für George und mich ganz leicht, ihre Ferien
zwischen uns zu teilen. Aber jetzt kann ich sie nicht mehr in der Schule
lassen, und sie werden das halbe Jahr bei ihm verbringen. Gott sei Dank ist
er schon einige Zeit nicht verheiratet und scheint es auch nicht zu
beabsichtigen. So habe ich nicht den Einfluß einer fremden Frau zu
fürchten; aber wie kann ich sie leiten, wie kann ich die richtige Kontrolle
über sie haben oder irgendeinen Einfluß unter diesen Umständen auf sie
ausüben?
M.: Ja, das muß sehr traurig für dich sein.
K.: Es ist schrecklich, aber es gibt noch etwas viel Ärgeres. Gordon, der
Vater von Arthur und Maggie, hat wieder geheiratet, und seine Frau ist auf
die ältesten Kinder eifersüchtig und sehr ärgerlich, wenn sie bei ihm sind.
Und mein kleiner Arthur ist so zart, er braucht soviel Sorgfalt und Studium.
Ich habe keinen glücklichen Augenblick, wenn er bei ihnen ist. Er gedeiht
auch nicht recht bei den anderen Kindern. Immer, wenn er von den
Besuchen zurückkommt, sieht er krank und unglücklich aus. Ich kann dir
nicht schildern, was ich wegen Arthur gelitten habe. Oh, wenn ich an ihn
denke, könnte ich dieses niederträchtige Ehesystem verwünschen. Es ist
wider die Natur.
M.: Ach, meine Liebe, man muß ja auch die Gesetze nicht ausnützen.
Warum bist du nicht mit Gordon geblieben oder in erster Ehe mit George?
Das kommt sogar jetzt oft vor.
K.: Ich weiß es, ich weiß es, aber George und ich, wir paßten schrecklich
schlecht zusammen. Wir heirateten als halbe Kinder. Bei dem alten System

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kamen gewöhnlich vernünftige Eltern dazwischen, und die jungen Leute
mußten warten, bis sie ihrer selbst sicher waren. Aber du weißt ja, wie es
jetzt ist. In der ersten jugend­lichen Verliebtheit glaubt man auf wenigstens
fünf Jahre sicher zu sein, und darüber hinaus braucht man ja nicht zu
sorgen.
M.: Gut. Also du warst vierundzwanzig, als du Gordon heiratetest; warum
hast du i h n nicht vorsichtiger gewählt?
K.: Das war zum großen Teil eine „wirtschaftliche Sache“, wie ich in einem
alten Stück, genannt das „Frauenstimmrecht“ vor einiger Zeit las — wie
wunderlich waren dazumal die Vorstellungen. Es kam auch etwas anderes
darin vor, darüber daß „vierundzwanzig Jahre im allgemeinen nicht so jung
wäre, es aber mit der Auffassung der Zeit geworden sei.“ Ich war wohl alt
genug, um vernünftig zu handeln, aber ich war leichtlebig und liebte den
Luxus, und ich konnte mit dem wenigen, was George mir dem Gesetz nach
auszuzahlen hatte, nicht auskommen. Ich gebe ihm ja keine Schuld, denn es
war alles, was er tun konnte, wenn er die für die Kinder nötige Taxe
bestreiten sollte. So heiratete ich Gordon eines Heims halber, und freilich
war das abscheulich.
M.: Und dein dritter Mann starb?
K.: Ja, der eine, der hätte leben sollen, stirbt gewöhnlich. Ich verlor ihn
nach bloß zweijähriger Ehe, aber ich kann gar nicht von ihm sprechen. Er
war für mich das Ideal eines Gatten.
M.: Ach, es freut mich, daß du das gehabt hast.
K.: Oh, ich habe noch Glück gehabt bei allen Mißlichkeiten, ich sagte dir’s
ja. Ich blieb vier Jahre, nachdem ich meinen Liebsten verloren hatte, ledig,
und ihm wäre ich gerne ewig treu geblieben. Aber ich war nicht stark
genug. Trotz der lieben Kinder war ich sehr einsam, da die älteren immer in
der Schule waren.
M.: Ja freilich, und man braucht ja auch einen Mann, der einen betreut.
K.: Das ist richtig. Das ist eine verhängnisvolle Schwäche. So heiratete ich
zum Schluß meinen lieben, guten Duncan, hauptsächlich um einen
Gefährten zu haben. Ich wählte ihn vorsichtig genug. Die Erfahrung hat

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mich so manches gelehrt, und ich wollte nicht mit vierzig Jahren im Stich
gelassen werden, wie es so vielen geschieht.
M.: Es freut mich, daß er gut gegen dich ist. Ja, es ist wirklich entsetzlich,
wie viele Frauen verlassen sind, gerade, wenn sie die Fürsorge und die
Liebe am meisten brauchen, wenn ihr jugendlich frisches Aussehen dahin
und ihre Energie geschwächt ist. Aber warum bist du eigentlich so
abgehärmt, wenn du das nicht zu fürchten hast?
K.: Ich bin nicht gerade abgehärmt — ich bin verbraucht. Zwanzig Jahre
unsichere häusliche Verhältnisse sind genug, um einen zu erschöpfen. Ich
konnte mich nirgends endgültig daheim fühlen oder mich einer Anhäng­‐
lichkeit für einen Ort hingeben oder auch nur einen Garten für mich
pflanzen. Der Freundeskreis wechselt immer, die Leute scheinen jetzt keine
Häuser und Güter zu kaufen oder sich irgendwo festzuwurzeln. Wie
beklagten sie sich vor vierzig Jahren über das gewohnheitsmäßige Leben!
Sie wußten wenig davon, wie elend das Leben sein kann aus Mangel einer
Gewohnheit.
M.: Ich mag die Einförmigkeit nicht, aber sie hat gewiß ihre Vorteile.
Erinnerst du dich an meinen ersten Mann, Dick? So ein schöner Mensch. Er
war total vernarrt ins Golf und die Freiluftspiele, und ich nahm ganz seine
Lebens­gewohn­heiten an. Da war es denn eine harte Prüfung für mich, als
ich Cecil Innes heiratete, der das Freie nicht mochte und sich nur für
Bücher und Herumstöbern in Museen interessierte.
K.: Warum hast du Dick verlassen?
M.: Ich wollte ihn nicht verlassen. Wir lebten sehr traulich miteinander.
Aber er verliebte sich in eine andere Frau. Er war ganz vernarrt in sie und
verlangte, daß ich ihn freigebe. Da ich keine Kinder hatte, hielt ich es nur
für anständig, nachzugeben. Cecil interessierte mich im Anfang sehr, und er
vergötterte mich. Aber ich hatte ein düsteres Leben bei ihm. Du weißt, ich
bin nicht ein bißchen literarisch angehaucht, und er war so schöngeistig und
ein solcher Bücherwurm. Er ödete mich tödlich an. Ich war froh, an seiner
Statt Jack zu nehmen, meinen jetzigen Mann, aber Cecils Kummer, als ich
ihn verließ, war so entsetzlich, daß ich ihn nie vergessen werde, und als er
bald nachher starb, hatte ich das Gefühl, eine Mörderin zu sein.

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K.: Das muß eine schmerzliche Erfahrung gewesen sein. Aber man gewöhnt
sich an diese Tragödien. Man hört von so vielen. Immer will eines frei sein
und eines gebunden bleiben.
M.: Ja; und die stillschweigende Tradition, daß es eine Ehrensache ist, den
unfreiwilligen Gefährten nie zum Bleiben bestimmen zu wollen, hebt das
Gesetz auf, daß die Ehe nur enden kann, wenn beide Teile es wünschen.
K.: Ich bin überzeugt, daß die Tragödien der Trennung, von denen man
heutzutage hört, weit ärger sind als die durch die Ehefesseln gelegentlich
hervorgerufenen Tragödien der guten alten Zeit — und auch, daß sie viel
häufiger sind.
M.: Es wäre keine solche Ironie, wenn i r g e n d j e m a n d etwas davon
hätte. Aber soweit ich es beurteilen kann, leiden die Männer fast ebensoviel
darunter wie die Frauen, besonders wenn sie alt sind. Den Zeitungen aus
dem Anfang des Jahrhunderts zufolge, konnte ein alter Junggeselle oder ein
Witwer immer eine junge und reizende Frau bekommen. Aber heute wird
niemand einen ältlichen Mann heiraten, ausgenommen eine alte Frau, und
an denen liegt den Männern nichts.
K.: Das ist sehr schade. Sie würden auf diese Weise vielem Unglück
steuern, das man allerwärts sieht. Auf seine alten Tage ganz verlassen
dazustehen, muß schrecklich sein.
M.: Da wir gerade von den Zeitungen reden, muß ich dir sagen, wie
belustigend es ist, sie im British Museum zu lesen und aus ihnen zu
ersehen, was für Wunder von dem System der Ehe auf Probe erwartet
wurden, als man es zuerst gesetzmäßig festlegte. Alle die Mißstände des
alten Systems sollten verschwinden: die Scheidung, der Ehebruch, die
Prostitution, die Verführung, mit all diesen sozialen Übeln sollte gründlichst
aufgeräumt werden.
K.: Wie unsinnig kurzsichtig waren die Leute damals! Die Scheidung ist
allerdings abgeschafft, aber die Skandale und der Kummer, die gebrochenen
Herzen und die zerstörten Familienleben, die sie verursachte, sind
vertausendfacht. Die Untreue mag jetzt weniger häufig sein, aber wenn die
Leute dazu Lust und Gelegenheit haben, dann haben sie keine Lust, eine
gewisse Anzahl von Jahren zu warten, bis es dem Gesetz nach keine Sünde

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mehr ist. Ebenso ist es mit den anderen Mißständen. Es wird immer eine
große Zahl von Männern geben, die die Ehe aus finanziellen oder anderen
Gründen hinausschieben, und eine große Zahl Frauen, die nur auf eine
Weise ihr Leben zu verdienen verstehen, und der älteste Erwerbszweig der
Welt wird immer im Gang gehalten werden. Auch die Verführung wird
nicht aufhören, so lange die Gesetze dieses Vergehen so milde beurteilen.
Es wird immer unwissende, dumme und unbeschützte Mädchen geben und
immer Männer, die daraus ihren Vorteil ziehen.
M.: Es scheint auch ebensoviele alte Jungfern zu geben wie früher; die
Frauen, welche für die Männer nichts Anziehendes haben, bleiben bei
jedem System dieselben, und oft sind sie die besten Frauen.
K.: Wie seltsam muß es sein, n i e e i n e n M a n n g e h a b t z u
h a b e n.
M.: Es muß jedenfalls recht friedlich sein. Aber die alten Jungfern sehen
durchaus nicht glücklicher aus als die verheirateten Frauen.
K.: Ich sehe nur ein gutes Resultat des Systems der Ehe auf Probe: daß die
Frauen sich jetzt ebensosehr nach der Mutter­schaft sehnen als sie im
Anfang des Jahrhunderts bestrebt waren, sie zu vermeiden. Wir altern mit
der Furcht vor fast sicherer Verlassenheit und Vereinsamung, und die
einzige Hoffnung für unser Alter sind unsere Kinder — ach, verzeihe, ich
vergaß, daß du keine hast.
M.: Ach geh — ich denke ja oft daran, und wenn Jack gegen eine andere
Frau aufmerksam ist oder sie bewundert, fürchte ich mich schrecklich
davor, daß er eine neue Anziehungskraft gefunden hat und mich verlassen
könnte. Was für dummes Zeug sie früher über die Notwendigkeit der freien
Liebe zusammen­geschrieben haben! Als wenn die Freiheit etwas so
Herrliches wäre. Wir sind ja doch alle Sklaven irgendeiner Konvention,
einer Leiden­schaft oder einer Theorie. Niemand von uns ist wirklich frei,
und wenn wir es wären, würde es uns gar nicht befriedigen. Für die
romantische Liebe in den Romanen mag die „Freiheit in der Liebe“ ja ganz
schön sein; aber jenes eigene Bedürfnis der Geschlechter nacheinander, das
wir in Ermanglung eines besseren Ausdrucks im praktischen Leben „Liebe“
nennen, das muß in ein festes Band geschmiedet werden; oder wie sollen

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wir arme schwankende Sterbliche uns sonst helfen? Die Liebe muß ein
Anker im wirklichen Leben sein — nichts anderes ist gut für uns!

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III. Das Fiasko der freien Liebe

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Der letzte Gesichtspunkt, aus welchem alle das Betragen der
Menschen beurteilen, ist das daraus folgende Glück oder Unglück.
Ein Verhalten, dessen mittelbare oder unmittelbare Endresultate
schädlich sind, ist ein schlechtes Verhalten.
H e r b e r t S p e n c e r.

Die freie Liebe ist die gefährlichste und trügerischeste Form aller
Ehesysteme genannt worden. Sie ist auf einem ganz unmöglichen ethischen
Standpunkt begründet. In der Theorie ist sie die ideale Verbindung der
Geschlechter, aber sie wird nur dann praktisch möglich sein, wenn Mann
und Frau sich sittlich total verändert haben werden. Wenn die Leute alle
treu, beständig, seelenrein und äußerst selbstlos sind, dann mag die freie
Ehe in Betracht gezogen werden. Selbst dann hätten die Unschönen und
Reizlosen keine Chancen.
Unter den gegenwärtigen Bedingungen hat noch kein in o f f e n e r freier
Liebe lebendes Paar dieselbe erfolgreich durchgeführt, ich meine mit einem
gediegenen, ständigen Erfolg. Ich glaube, es gibt Paare, die ohne ein
dauerhafteres Band als ihre gegenseitige Liebe glücklich miteinander leben,
aber sie stellen sich klugerweise unter den achtung­gebietenden Schutz des
Eherings und nennen sich Mann und Frau. So braucht die eben flügge
gewordene freie Liebe nicht gegen die gewaltige Kraft des gesell­schaft­‐
lichen Bannes zu kämpfen, und überdies hat man kein Mittel, zu erfahren,
wie lange diese Verbindung den Versuchungen der Zeit widersteht. Die
zwei bemerkenswerten modernen Beispiele von freier Liebe, an die ich
mich hier natürlich erinnere, sind George Eliot und Mary Godwin. Aber bei
beiden waren die Männer schon verheiratet. Sobald Harriet gestorben war,
heiratete Mary Godwin den Dichter Shelley und als George Lewes
dahinschied, heiratete George Eliot einen anderen Mann, eine
Handlungsweise, welche die meisten Leute viel weniger verzeihlich finden
als ihr ungeregeltes Verhältnis mit Lewes. Selbst die berühmten
Perfektionisten von Oneida fielen nach dem Tode ihres Führers Noyes auf
seinen eigenen Wunsch in die gewöhnliche Eheform zurück.
Im Ostende von London ist die Institution der freien Liebe sehr verbreitet,
aber nach den Erfahrungen der Polizeibehörde sind ihre Resultate sicher
nicht ermutigend. Ich hörte auch, daß sie bei den Kattunarbeitern von

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Lancashire sehr allgemein ist; das System der „collage“ herrscht auch in
den arbeitenden Klassen Frankreichs vor und scheint sich recht gut bewährt
zu haben. Aber nur da, wo die Fähigkeit und Gelegenheit der Frauen, sich
selbst zu erhalten, vorhanden ist, ist die freie Ehe vom ökonomischen
Standpunkt überhaupt durchführbar, und selbst dann bleibt die ernste Frage
der unehelichen Kinder. Alle billig Denkenden müssen einsehen, daß die
Haltung der Gesell­schaft den unehelichen Kindern gegenüber äußerst
ungerecht und grausam ist, da sie die vollkommen Unschuldigen straft.
Aber jeder erwachsene Mensch kennt diese Haltung, und jene, welche ihr
trotzen, um ihrer Annehm­lichkeit willen oder der Befriedigung einer
Experimentier­laune zuliebe, tun es im vollen Bewußtsein, daß auf ihrem
Kind sicher der Druck lebensläng­licher Benachteiligung lasten wird.
Vielleicht werden viele durch dieses Bewußtsein davon abgeschreckt, das
Sittengesetz zu durchbrechen; aber die Zahl der in England und Wales
geborenen unehelichen Kinder war im Jahre 1905 37300 und ich glaube, es
ist im Interesse dieser unglück­lichen Opfer der Selbstsucht anderer
h ö c h s t e Z e i t, daß eine gütigere und weniger engherzige Haltung ihrer
entrechteten Stellung gegenüber eingenommen wird.
Ich erinnere mich, als junges Mädchen ein Stück gesehen zu haben mit dem
Titel „Ein Veilchenstrauß“. — Die Heldin entdeckt, daß die frühere Frau
ihres Mannes noch lebt, und ihr Kind daher unehelich ist. Sie sagt ihrer
Tochter, sie möge zwischen ihren Eltern wählen und erklärt ihr die Vorteile
des Verbleibens bei ihrem reichen und einflußreichen Vater. Die Ansprache
schließt mit den Worten: „Bei mir wirst du arm und in Schmach leben, und
du kannst nie heiraten!“ Zweifelsohne wurde dieser Gesichtspunkt einzig
und allein in Anbetracht der jungen Mädchen im Zuschauerraum
festgehalten, aber seine Unvernunft stieß mich ab. Selbst der beschränkten
Intelligenz einer Siebzehnjährigen ist es klar, daß ein unehelich geborenes
Mädchen lieber so schnell als sie nur kann heiraten sollte, um einen bürger­‐
lichen Namen zu erhalten, wenn schon ein Name von solcher Bedeutung im
Leben ist. Es wurde kürzlich viel über die freie Liebe im Zusammenhang
mit dem Sozialismus diskutiert, und höchstwahr­scheinlich dank der
Entstellungen gewisser Zeitungen scheint die Vorstellung Platz gegriffen zu
haben, daß die Abschaffung der Ehe und ihr Ersatz durch die freie Liebe ein
Teil des sozialistischen Programms sei. Es könnte unmöglich eine

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unwahrere Anklage erhoben werden, wie die Umfrage bei den Führern der
verschiedenen sozialistischen Körper­schaften rasch erweisen wird.
Die Leute, welche für die freie Liebe plädieren, führen gern ins Treffen, daß
eine so persönliche Angelegenheit nur sie selbst angeht. Alle, die so denken,
sollten sich eine cause célèbre der letzten Zeit zur Warnung dienen lassen,
in welcher Selbstmordversuch, krüppelhafter Nachwuchs und ein die
unschuldigen Kinder bis zur dritten Generation umstrickendes Gewirr von
Elend sich als die Folgen einer vor fast dreißig Jahren geschlossenen freien
Verbindung ergaben. Diese und noch viele andere Tragödien der freien
Liebe, die von Zeit zu Zeit in den Zeitungen veröffentlicht werden,
scheinen zu beweisen, wie irrtümlich die Anschauung ist, daß wir für keine
unserer Handlungen Rechen­schaft abzugeben haben. Ein Verhältnis,
welches die zukünftige Generation beeinträchtigt, kann nie eine private und
persönliche Angelegenheit sein. Vor einigen Jahren veröffent­lichte E. R.
Chapman einen sehr interessanten Essay über die Ehe, in welchem er sagte:
„Die gesetzliche Ehe gegen bloß freiwillige Verbindungen, bloß zeitweise
Gemein­schaft austauschen, heißt nicht die Liebe frei machen, sondern ihr
den Todesstoß versetzen durch Loslösung von jenem mensch­lichen Faktor,
der die richtig verstandene Ehe ist und der die Rücksicht für die Ordnung,
die Rücksicht für das allgemeine Wohl über das persönliche Interesse und
die bloße Selbst­befriedigung des Augenblicks stellt.“

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IV. Die Polygamie an einer höflichen Tafelrunde
„Am schwersten und letzten von allem ist jenes Monopol des
mensch­lichen Herzens auszurotten, das als Ehe bekannt ist . . . Es
ist mit jener häßlichen und barbarischen Form der Hörigkeit so weit
gekommen, daß man den sonderbaren Einfall hat, sie für direkt
göttlichen Ursprungs zu halten.“ G r a n t A l l e n.

Wir nennen es die höfliche Tafelrunde, weil wir in der Hitze des
Meinungsgefechtes immer rückhaltlos derb zu werden pflegen. Bei dieser
Gelegenheit war die unvermeidliche Ehediskussion, die fast immer in der
einen oder anderen Zeitung zu finden ist, der Gesprächs­gegenstand. Der
‚biedere Börsenmann‘ (unverheiratet) verteidigte herzhaft den heiligen
Ehestand. Seine sittliche Haltung ist gewiß etwas langweilig, aber
nichtsdesto­weniger gehört er zu jenen Leuten, mit denen man wirklich
höflich ist. Obgleich auf dem Gesicht des ‚Familienegoisten‘ eine gewisse
Reizbarkeit zu sehen war, hörten wir achtungsvoll zu, ausgenommen der
‚böse Börsenmann‘, dessen Mahlzeit einen viel zu wichtigen Raum in
seinem Lebensplan einnahm, um durch ein Gespräch über moralische
Themen beeinträchtigt zu werden.
Der ‚verlebte Roué‘ muß natürlich — das ist ihm Ehrensache — allem
widersprechen, was der ‚biedere Börsenmann‘ sagt. Ich muß erwähnen, daß
der ‚verlebte Roué‘ ein äußerst tugendhafter Mann und ein Mustergatte und
-vater ist. Er posiert eine wüste Vergangenheit, was ihm den sarkastischen
Spottnamen eingetragen hat, den er durchaus nicht durch seine Aufführung
verdient. „Sie vergessen,“ warf er matt ein, als der ‚biedere Börsenmann‘
eine Pause machte, „daß kein Geringerer als Schopenhauer gesagt hat, daß
der Mann von Natur aus zur Polygamie, die Frau zur Monogamie neigt.“
„Ich verneine die erste Behauptung“, sagte der ‚biedere Börsenmann‘
erhitzt. Er geriet immer in Hitze, wenn es sich um Sittlich­keitsfragen
handelte, und wollte immer genaue Nachweise liefern, was eine
einigermaßen langweilige Diskussion zu verursachen drohte, als der

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‚Blaustrumpf‘ mit dünner, abgehackter Stimme entschlossen
dazwischenfuhr:
„Wenn man Ihnen zuhört, könnte man glauben, daß die monogamische Ehe
eine göttliche Institution ist.“
„Lächerlich, was?“ grinste der ‚verlebte Roué‘. Der ‚biedere Börsenmann‘
sah bekümmert aus und räusperte sich. Bei diesem schreck­lichen Signal
schickte sich der ‚Familienegoist‘ — dessen Gereiztheit stetig wuchs, wie
die nachgewiesene Verbreitung einer Zeitung — an, sein Wurfgeschoß auf
den Kampfplatz zu schleudern. Das hätte jedwede Angeregtheit des
Gespräches auf einige Stunden hinaus gehemmt, und es entrang sich allen
ein Seufzer der Erleichterung, als unser tapferer ‚Blaustrumpf‘ sich noch
einmal dem Lauf des Gespräches entgegenwarf.
„Sie machen ja geradezu einen Kultus aus der Bibel,“ quakte sie höhnisch
den ‚biederen Börsenmann‘ an, — „aber Sie scheinen mit dem Alten
Testament auf keinem sehr vertrauten Fuß zu stehen. Sie werden dort
reichliche Beweise finden, daß die monogamische Ehe nicht göttlicher ist
als die Polygamie oder die freie Liebe, auch daß sie keinen himmlischen
Ursprung hat, da sie sich je nach Rasse und Klima änderte. Sie ist einfach
ein unerläß­licher Schutz der Gesell­schaft.“
„Ich setze einen Schilling drauf“, murmelte der ‚Tölpel‘ (ein unverbesser­‐
licher junger Mann, ganz der Winston Churchill unseres Familienkabinetts),
indem er seine übliche Formel anwendete. Ohne auf ihn zu achten, zirpte
der ‚Blaustrumpf‘ ernst weiter: „Wenn Sie je Soziologie studiert haben,
müssen Sie wissen, daß die Ehe hauptsächlich ein Gesell­schafts­vertrag ist,
der ursprünglich auf der Selbstsucht begründet war. Noch jetzt hat sie etwas
von ihrer halb barbarischen Form, und jene, welche ohne Gründe ihre
bewiesene Heiligkeit predigen, sollten lieber vorschlagen, wie das jetzt in
Übung stehende wüste Gesetz den Notwendigkeiten der modernen
Verhältnisse angepaßt werden könnte.“
Sie machte eine Pause, um Atem zu schöpfen. — Der ‚biedere
Börsenmann‘ war bleich, aber er hielt ihr mannhaft stand. „Bravo,
‚Blaustrumpf‘“, sagte der ‚verlebte Roué‘.

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„Eine prächtige Frau, unsere Wortführerin“, sagte der ‚Tölpel‘. — „Ich
setze einen Schilling auf sie.“
Der ‚böse Börsenmann‘ nahm eine zweite Portion Salat und aß
unbekümmert weiter, während die ‚vornehme Dame‘ an der Spitze der Tafel
den ‚Familienegoisten‘ ängstlich beobachtete, der apoplektisch aussah und
so bedenklich mit seinem Weinglas spielte, daß er dessen Laufbahn als
nützlichen Gebrauchs­gegenstand offenbar abzukürzen im Begriff war.
„Mich hat man gelehrt“, sagte der ‚biedere Börsenmann‘ langsam, „die Ehe
als eine geheiligte Institution, als ein heiliges Mysterium zu betrachten.“
„Dann hat man Sie Unsinn gelehrt“, schnauzte ihn der ‚Blaustrumpf‘ an
und gab sich so den übelsten Gewohnheiten der höflichen Tafelrunde hin;
sie bebte vor intellektueller Begeisterung.
„Eine Anschuldigung“, begann der ‚biedere Börsenmann‘ — („Gelungenes
Wort, ich setze einen Schilling darauf“ murmelte der ‚Tölpel‘) — „ist kein
Beweis“, setzte der ‚biedere Börsenmann‘ fort.
„Schon möglich, aber was Sie gesagt haben, war Unsinn“, erwiderte der
‚Blaustrumpf‘. „‚Ein heiliges Mysterium, eingesetzt in der Unschuldszeit
der Menschheit‘ — ich erinnere mich an das Zitat. Und um welche Zeit war
das, wenn ich bitten darf? Beziehen Sie sich auf den Garten Eden oder
irgend einen Teil der Bibel? Das erwählte Volk, die Hebräer, war
polygamisch von der Zeit des Lamech an, offenbar mit der Zustimmung der
Gottheit. Selbst der unberührte David hatte dreizehn Frauen, und der heilige
Salomo ein rundes Tausend. Da ist nicht viel von dem heiligen Mysterium
in jenen Tagen zu spüren.“
„Lieber ‚Blaustrumpf‘, Sie sind aber wirklich —“ murmelte die ‚vornehme
Dame‘.
„Durchaus nicht, sie ist ganz bei Sinnen“, warf der ‚verlebte Roué‘ ein, der
sich teuflisch an dem sichtlichen Ärger des ‚biederen Börsenmannes‘
weidete.
„Ich gebe es auf“, sagte der letztere, wobei der ‚Tölpel‘ und der ‚verlebte
Roué‘ in ein Freudengeheul ausbrachen. „Ich kann wirklich nicht gegen
eine Dame von solch überwältigender Beredsamkeit aufkommen“, fuhr er

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fort, indem er sich in entzückend galanter Art verbeugte. „Es ist alles eins,
ich werde immer glauben, daß die Ehe eine heilige Institution ist.“
„Mein lieber alter Junge,“ sagte der ‚verlebte Roué‘ hastig mit einem
Seitenblick auf den ‚Familienegoisten‘, der wirklich an jenem Abend
schlecht behandelt wurde, „deine Hochherzigkeit ist geradezu
bewunderungs­würdig, aber sie ist nicht am Platze. Sie paßt nicht in
moderne Verhältnisse. In der Theorie ist die Ehe gewiß ein heiliges
Mysterium. In der Praxis wird sie ein unheiliger Wirrwarr, oft eine
Erniedrigung. Ich persönlich glaube an die Polygamie.“
Nur schwer unterdrückten alle ein Lachen bei dem Gedanken an seine
wachsame Gattin und seine verschiedenen, schon von Geburt an
wachsamen Kinder. „Auch ich, einen Schilling setze ich drauf“, sagte der
‚Tölpel‘ unentwegt. „Nicht für mich selbst natürlich,“ fuhr der ‚verlebte
Roué‘ fort, ohne die Spur eines Lächelns, „das heißt nicht — ich meine —
nicht jetzt, aber im allgemeinen gesprochen, und ich meine abstrakt
genommen, wäre die Polygamie eine vernünftige Institution. Denken Sie
nur daran, wie sie unsere modernen Komplikationen vereinfachen und
unsere beiden ärgsten sozialen Übel verbessern würde.“
„Ja, d e n k e n Sie bitte, das wird genügen“, warf die ‚vornehme Dame‘
hastig ein.
„Und wie es die überflüssige Frauenfrage lösen würde,“ fuhr der ‚verlebte
Roué‘ fort. „Denken Sie an die ungeheuere Zahl unglück­licher alter
Jungfern, die dann glücklich versorgt wären.“ Der ‚Blaustrumpf‘ ließ ein
entrüstetes Gequiek vernehmen.
„Denken Sie an die Ausgaben,“ bemerkte der ‚biedere Börsenmann‘
trocken, und der ‚verlebte Roué‘ sank zusammen wie ein angestochener
Gasballon. „Herbert Spencer sagt,“ fuhr der ‚biedere Börsenmann‘ fort,
„daß die Tendenz zur Monogamie angeboren ist und alle anderen Formen
der Ehe zeitweise Verirrungen gewesen sind, von denen jede die
entsprechenden Übel nach sich zog. Schließlich ist die monogamische Ehe
zum Schutz der Frauen eingesetzt und wurde in den großen und edlen
Zeitaltern der Weltgeschichte heilig gehalten. Ganz abgesehen von dem
moralischen Gesichtspunkt könnte die Polygamie jedoch nur in tropischem

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Klima möglich sein, wo die Lebensbedingungen auf ein Minimum reduziert
wären und man von Datteln und Reis leben könnte. Aber der
Durchschnittsmann in unserem ruhmreichen Freihandelland kann ja nicht
einmal e i n e Frau in angemessener Weise ernähren, geschweige denn
mehrere. Ich frage, wie es im Namen des Bankdiskonto . . . .“
„Ihr Börsenmenschen seid alle so schrecklich knauserig“, erwiderte der
‚verlebte Roué‘. „Habe ich nicht gesagt, abstrakt genommen? Natürlich
weiß ich, daß es praktisch nicht möglich wäre, jetzt noch nicht; aber ich
glaube wirklich, daß es das ganze sexuelle Problem lösen könnte.“
„Keiner von euch scheint die Frauen in Betracht zu ziehen“, piepste der
‚Blaustrumpf‘. „Glauben Sie denn, daß wir modernen Frauen mit unseren
Hilfsquellen und unserer Bildung so einen Gedanken nur einen Augenblick
ins Auge fassen würden?“
„Gut, was denken Sie darüber?“ fragte der ‚verlebte Roué‘ mit
diplomatischer Ehrerbietung.
Zu unserer Überraschung begann der ‚Blaustrumpf‘ zu erröten, und ihr
Erröten ist nicht das sittsame, unverantwortliche Rotwerden eines gewöhn­‐
lichen Mädchens, sondern ein quälendes Zuströmen des Blutes ins Gesicht
unter dem Druck tiefernsten Verhaltens, jene Art von Erröten, bei der man
wegschauen muß.
„Nun“, sagte sie mit einem Schlucken, — „ich denke, vielleicht —
vielleicht würden sie es tun.“
Es war klar, daß es sie etwas gekostet hatte, dies zuzugeben. Wir waren wie
vom Donner gerührt. Der ‚Familienegoist‘ vergaß seine brennende Redelust
und hörte auf, das Weinglas zu bedrohen, die ‚vornehme Dame‘ war ganz
aufgeregt, der ‚verlebte Roué‘ wurde beinahe munter und der ‚biedere
Börsenmann‘ sah aus, als wenn er eben in Tränen ausbrechen wollte.
„Ich glaube, wir Frauen wären nicht gegen die Polygamie, — nur um das
kleinere Übel zu wählen,“ fuhr der kleine ‚Blaustrumpf‘ tapfer fort, „denn
die gegenwärtige Vergeudung der Weiblichkeit in unserem Lande ist ein
sehr ernstes Übel. Natürlich machen es die finanziellen Verhältnisse
unmöglich, wie der ‚biedere Börsenmann‘ sagt, aber wenn es möglich wäre,
wenn es aus ehrenwerten Motiven und in ganz ehrenwerter offener Weise

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von — ich meine, den geeigneten Persön­lichkeiten — autorisiert und
sanktioniert wäre, dann glaube ich, die Frauen könnten es ohne Verlust der
Selbstachtung aufnehmen, besonders, wenn die erste jugendliche Liebesglut
vorüber ist. Nach diesem Stadium, und wenn eine Frau sich selbst vergißt,
dadurch, daß sie sich wirklich erst in der Liebe und der Sorge für ihre
Kinder und einer weiteren Auffassung des Lebens und seiner Pflichten
selbst gefunden hat, dann denke ich, könnten die meisten Frauen unter
solchen Umständen glücklich sein. Ich glaube, es wird eine Menge
unsinniges Zeug über die Qualen der mensch­lichen Eifersucht zusammen­‐
geschwatzt, und über die Eifersucht der Frau im besonderen. Die Männer
mögen ja darunter leiden, darüber kann ich nicht urteilen, aber ich bin
überzeugt, bei den Frauen ist es nicht so. Die Demütigung, die
Lieblosigkeit, die Tatsache, ‚betrogen‘ und durch eine andere verdrängt
worden zu sein, d i e verletzen so, wenn ein Mann untreu ist. Aber wenn es
ganz anständig und ehrlich wäre, wenn es begriffen würde, daß die
Polygamie der Natur des Mannes mehr entspricht und der größten Anzahl
von Frauen Glück zu bereiten geeignet ist, — da sie so in der Überzahl
sind, daß sie nicht erwarten können, jede einen Gefährten zu finden — dann
glaube ich wirklich, nachdem die Frauen sich diesen neuen Verhältnissen
anzupassen Zeit gehabt haben — es mag ein oder mehrere Generationen
dauern — dann würden sie sie ganz froh anerkennen und Frieden und
Befriedigung in ihr finden.“
Der ‚Blaustrumpf‘ machte eine Pause und sah auf die gespannten Gesichter
ringsum. Sogar der ‚Tölpel‘ war auf ihre Worte gespannt, aber der ‚biedere
Börsenmann‘ hatte seine Blicke abgewendet, und der ‚Blaustrumpf‘ war
ganz bleich, als sie fortfuhr.
„Natürlich denkt man bei dem Wort gleich an den Harem und orientalische
Frauengemächer, aber nichts von dieser Art würde sich bewähren. Die
Frauen müßten getrennt leben, nicht bei dem Manne wohnen, jede in ihrem
eigenen Heim, mit ihrem eigenen Interessen- und Pflichtenkreise, jede mit
ihrer eigenen Arbeit. Keine dürfte im Müßiggang leben, welcher die
Ursache alles Zwistes und aller Trübungen ist. Jede Frau sollte etwas
arbeiten und irgend jemandem helfen. Ich denke jetzt natürlich nicht an die
glücklich verheirateten und zufriedenen Frauen, sondern an die tausende,
die ein elendes, dumpfes und einsames Leben führen und unendlich

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glücklicher wären, wenn sie sich auf eine bestimmte, in regelmäßigen
Intervallen wiederkehrende Woche freuen könnten, in der der Mann mit
ihnen leben würde. Es würde Liebe und menschliche Interessen und, was
das Wichtigste ist, einen I n h a l t in ihr Leben bringen. Ich weiß, es klingt
entsetzlich unmoralisch,“ fuhr sie fort und errötete wieder peinlich, „aber
ich meine es nicht so. Schließlich ist die Hauptursache, warum die Leute
heiraten, die Kamerad­schaft, und diese hauptsächlich fehlt den
unverheirateten Frauen nach der heiteren Zeit der ersten Jugend. Der
natürliche Gefährte des Weibes ist der Mann. Daraus folgt, da nicht genug
Männer da sind, um sie glücklich zu machen, daß es ein größeres Übel gibt
als sie zu teilen. Ich behaupte nicht, daß es so befriedigend wäre, als einen
treuen Gatten ganz für sich zu haben, aber es könnte für das größte Wohl
der größten Anzahl gut sein, und es würde sicherlich bis zu einem gewissen
Grade die sozialen Mißstände aufheben.“
Alle klatschten, als sie etwas atemlos geendet hatte. Es war klar, daß es dem
braven ‚Blaustrumpf‘ so sehr an dem eigenen Mut der Meinung fehlte, daß
sie in tödlicher Verlegenheit war, als sie ihr öffentlich Ausdruck verleihen
mußte. Die ‚vornehme Dame‘, die das taktvollste Wesen der Welt ist, stand
daher auf, bevor jemand etwas gesprochen hatte, und die beiden Frauen
verließen zusammen das Zimmer.
Unter den Männern entstand ein Stimmengewirr, welches der ‚biedere
Börsenmann‘ dazu benutzte, auch still zu verschwinden.
„Gebt den Porter weiter!“ sagte der ‚böse Börsenmann‘ munter: „Sie ist ein
verteufelt gescheites Weib, aber wie sogar die geistreichen Frauen von einer
solchen Lebensunkenntnis sein können, frappiert mich, und auch, wie ihr da
solche Heuchler sein könnt! . . .“
„Heuchler! Was meinen Sie?“ brauste der ‚Familienegoist‘ auf, der jetzt vor
lauter unterdrücktem Reden fast platzte.
„Nicht Sie, alter Freund, aber der ‚verlebte Roué‘ und der ‚biedere
Börsenmann‘, die so herumschwätzen als ob bei uns zulande die
Monogamie vorherrschte und die Polygamie etwas Neues wäre. Natürlich
erwartet man es von dem ‚biederen Börsenmann‘, aber Sie, ‚verlebter

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Roué‘, sollten es wirklich besser wissen. Ja richtig, wo ist der ‚biedere
Börsenmann?‘“
„Ich glaube, er hat sich um den Blaustrumpf beworben, um sie vor der
Polygamie und ihren eigenen Ansichten zu retten“, näselte der ‚verlebte
Roué‘, indem er eine Zigarette anzündete.
„Ein schneidiger Kerl; ich glaube wirklich, er hat es getan“, rief der
‚Tölpel‘ aufgeregt. „Ich setze einen Schilling gegen jeden von euch darauf.
Ich meine es wirklich.“
„Nun, und wenn er es getan hat?“ sagte der ‚Familienegoist‘ gereizt. „Was
macht’s, wenn ein Narr mehr auf der Welt ist? Hört auf, Unsinn zu
schwatzen, Kameraden, und laßt den Porter die Runde machen!“

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V. Ist die legalisierte Polyandrie die Lösung?
In W. Sommerset Maughams sehr interessanter psychologischer Studie
„Mrs. Craddock“ sagt eine der Personen: „Es können nämlich wenige
Frauen mit nur einem Manne glücklich sein. Ich glaube, daß die einzige
Lösung des Eheproblems die legalisierte Polyandrie 2 ist.“
Es ist nur ehrenwert, diese Sorte von Behauptungen mit Entsetzen
entgegenzunehmen; aber wenn die Geheimnisse des weiblichen Herzens
bekannt wären, käme heraus, daß ein gut Teil dieses Entsetzens erheuchelt
ist. Ich lehne es ab, mein Geschlecht irgendwie auszuliefern. Maugham ist
ja ein im Studium des weiblichen Herzens sehr erfahrener Mann und ich
kann wohl sagen, er weiß, wovon er spricht. Überdies ist er sicherlich
unverheiratet. Aber selbst er verschanzt sich hinter einem der Charaktere
seiner Novelle, und warum sollte man von mir größeren Mut erwarten?
Freilich liegt in dem Wort legalisiert eine wunderbare Kraft. Die profansten
und entsetz­lichsten Ehen zwischen schönen jungen Mädchen und reichen,
adeligen Mummelgreisen, Trunkenbolden oder Trotteln werden als ganz
gehörig und ehrenwert betrachtet, weil sie legalisiert sind. Und dennoch
würden die Leute, die diese Abscheu­lichkeiten hinnehmen, wahrscheinlich
äußerst schockiert sein bei der bloßen Andeutung der Polyandrie, eines weit
schick­licheren Geschlechts­verhältnisses, weil es durch wirkliche
Geschlechts­anregung geregelt und voraussichtlich frei von krämerischen
Rücksichten wäre. Aber gleichviel, ob die legalisierte Polyandrie die
eigentliche Lösung des Eheproblems ist oder nicht, sie ist gewiß eine
unmögliche für das frauenreiche England, und obgleich die Frauen in den
letzten Jahren erschreckend breit ausgegriffen und sich von ungeahnter
Lebenskraft besessen erwiesen haben, ist es unwahrscheinlich, daß sie ihre
überflüssigen Energien nach dieser Richtung hin verausgaben werden.

2. Gesetzlich geregelte Vielmännerei.

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VI. Ein Wort für die Duogamie
„Geschaffen hat euch Gott, aber verheiraten müßt ihr euch selbst.“
R . L . S t e v e n s o n.

Am Tage nach der höflichen Tafelrunde kamen Isolda, Miranda und Amoret
zu mir zum Tee, und ich erzählte ihnen von der Diskussion des vorigen
Abends über die Polygamie.
„Ich verstehe schon den Standpunkt des ‚Blaustrumpfs‘“, sagte Isolda
nachdenklich. „Die Polygamie mag für die überflüssige Frau, die unter den
gegenwärtigen Bedingungen nicht heiraten kann, annehmbar sein, für das
unbefriedigte alte Mädchen, das des Ledigseins so überdrüssig ist, daß es
sogar die Polygamie vorziehen würde, aber nie wäre sie es für die Frau, die
sich verheiraten kann und sich verheiratet.“
„Und doch, wieviele verheiratete Frauen gehen heutzutage darauf ein“,
sagte Miranda. „Gibt es nicht so viele Frauen, die die Untreue ihres Gatten
verzeihen und sie so gut als möglich ertragen um der Kinder oder anderer
gesell­schaft­licher Vorteile willen, oder weil sie ihrem Manne so ergeben
sind, daß sie es vorziehen, ihn mit einer anderen zu teilen, als allein ohne
ihn zu leben? Und was ist das anderes, als die Polygamie hinnehmen?“
„Ja, aber dann sind die anderen Frauen nur Geliebte“, rief Isolda aus. „Das
mag man unfreiwillig dulden, aber eine andere gesetzliche Frau mit
ebensolchen Rechten wie die unseren, und was noch schlimmer ist, mit
Kindern, die den unseren gleichgestellt werden — niemals!“
„Gut, vielleicht nicht,“ gab Miranda zu, „ich vermute, eine gesetzliche und
ständige Nebenbuhlerin wäre etwas anderes, und schließlich kann man ja
nur von dem Mittelstand in England als ausgesprochen monogamisch
reden. Die oberen und die unteren Gesell­schafts­schichten sind so
polygamisch als nur möglich. Wir tun nur in unserer britischen Heuchelei
so, als ob bei uns die Monogamie die Regel wäre.“

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„Ziehe nicht gegen die britische Heuchelei los,“ sagte Amoret träge. „Es ist
unser kostbarstes Nationalerbe. Die Heuchelei hält den Gesell­schaftsbau
zusammen.“
„Zugegeben“, sagte Isolda. „Wir müssen des Friedens halber und dem Ideal
zuliebe so tun, als ob wir glaubten, daß die Monogamie die Regel ist.
Natürlich weiß jeder, daß es überall eine Menge polygamer Männer und
eben deshalb auch polyandrischer Frauen gibt, aber die Heuchelei ist eine
zu große Stütze der Schick­lichkeit, und eine Nation muß, in der Theorie
wenigstens, Schick­lichkeit haben, wenn schon nicht in der Praxis, sonst
würden wir — hm — dem Niedergang zusteuern wie die Römer.“
„Darauf war ich gefaßt, daß eine von euch die Römer erwähnen wird,“ warf
Amoret ein, die bei all ihrer Leichtfertigkeit eine gewisse humoristische
Verschmitztheit besitzt. „Das ist ein unvermeid­licher Zug aller
Diskussionen über die Ehe. Sowie nur jemand etwas von dem Vorschlag
verlauten läßt, daß die Ehebande geschmeidiger gestaltet werden sollten,
um sich den modernen Verhältnissen anzupassen, zieht jeder der
Anwesenden, ausgenommen die unglücklich Verheirateten, ein langes
Gesicht und zitiert das entsetzliche Beispiel der Römer. Nun ist mir eine
glänzende Idee für die Lösung des Eheproblems gekommen.“
„Sag sie uns“, riefen die drei Anwesenden einstimmig.
„Noch nicht, erledigen wir erst die Römer. Ich vertraute neulich einem
Mann meine Idee an; nachdem er mir wie üblich die Römer vorgesetzt
hatte, ging ich und sah im Gibbon nach.“
Allgemeines Lachen unterbrach sie. Die Vorstellung, daß unser
Schmetterling Amoret über dem Gibbon büffeln sollte, war zu komisch.
„Ja wirklich, ich hab es getan,“ fuhr sie fort, „und was ich herausfinden
konnte, war, daß nicht ihre leichtfertigen Ideen über die Ehe ihren
Niedergang verursachten, sondern ihre — wie soll ich’s nennen? —
allgemeinen lockeren Sitten . . .“
„Ich weiß es,“ sagte Isolda, ihr zu Hilfe kommend, „ich las neulich ein
riesig interessantes Buch darüber: Kaiser­licher Purpur. Es war das
Erlöschen aller Ideale, die Freigabe aller fleisch­lichen Begierden, der durch
Ausschweifungen und üppiges Leben entstehende äußerste Mangel an

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sittlichem Halt, der die Römer zugrunde richtete; aber wenn eine tüchtige,
kaltblütige Nation wie die unserige die beengenden Ehebedingungen
lockern wollte und an der Neuerung genau festhielte, dann ist es Unsinn, zu
behaupten, daß alle unsere Ideale entarten und infolgedessen das Reich
zusammenstürzen würde!“
„Hört, hört! Ganz wie der ‚Blaustrumpf‘!“
„Gut,“ sagte Miranda. „Ich will also auf eure Ideen über die Römer
eingehen, schon damit wir in unserem Thema weiterkommen. Nun laß uns
deine großartige Idee hören, Amoret.“
„Also folgendes: Duogamie“, sagte Amoret.
„Duo — zwei?“
„Sehr richtig — zwei Partner für jedes. Wir sind heutzutage alle so
kompliziert, daß einer uns unmöglich befriedigen kann. Zwei würden
gerade genügen. Zwei würden die Spannung des Ehelebens lockern, und
doch nicht zu dem führen, was die Zeitungen „Ausschweifung“ nennen.
Jeder hätte eine zweite Chance, und was dem ersten Partner fehlt, das
würde der zweite einem ersetzen.“
„Es ist keine üble Idee“, sagte Isolda nachdenklich. „Lancelot könnte zur
zweiten Frau eine solche wählen, die gut marschiert und Bridge spielt, und
ich würde einen Mann zu finden trachten, der die Karten haßt und nie einen
Schritt geht, wo er reiten kann.“
„Ich glaube, es ist eine grandiose Idee!“ rief Miranda begeistert. „Lysander
könnte eine Frau finden, die ihn am Klavier begleitet und Opern gern hat,
und ich würde mich nach einem Mann umsehen, der das ernste Schauspiel
pflegt und zwei ständige Sperrsitze im Vedrenne-Barker-Theater hätte.“
„Das wäre ja geradezu die Lösung für alles“, rief Amoret verzückt. „Wenn
Theodor unausstehlich gewesen ist, würde ich auf und davon gehen zu
meinem „Zweiten“ — und doch mit dem Gefühl, ihn nicht zu
vernachlässigen, da er zu s e i n e r „Zweiten“ gehen könnte! Sie wäre
wahrscheinlich eine treffliche, beschränkte, einer Stütze bedürftige Dame,
die keinen meiner Fehler hätte, und wenn er von ihrer beschränkten
Hilfsbedürf­tigkeit genug hätte, dann würde er zu mir zurückkehren, und

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wißt ihr, sogar meine Fehler würden ihm — dem Gesetz des Kontrastes
zufolge — gefallen, und umgekehrt.“
„Es ist wirklich eine wunderbare Idee,“ sagte Isolda nachdenklich, „es
wundert mich, daß niemand früher darauf gekommen ist. Es gäbe weniger
alte Jungfern, denn die Männer würden die Ehe nicht so scheuen, wenn sie
wüßten, daß es noch immer eine zweite Chance gibt. Sie würden von einer
Frau auch nicht soviel erwarten wie jetzt. Und stellt euch nur vor, was für
eine gute Wirkung es auch auf unser Verhalten ausüben würde — wie lieb
und höflich und beherrscht wir wären, aus Furcht, im Vergleich mit der
‚Andern‘ in ungünstigem Lichte zu erscheinen.“
„Ja, es würde uns gewiß auf einem Niveau erhalten, auf dem wir den
Erwartungen genügen würden,“ bemerkte Miranda, „unordentliche Frauen
würden sich bemühen, nett zu werden, und zänkische würden ihrer Zunge
Einhalt tun. In ihrem Bestreben, den ‚Andern‘ aus dem Felde zu schlagen,
würden die Ehemänner galant und aufmerksam wie Liebhaber werden.“
„Es würde alle Verwicklungen lösen,“ erklärte Amoret, „nehmt nur einmal
die uns persönlich bekannten Fälle. Die Smiths zum Beispiel haben schon
drei Jahre nicht miteinander gesprochen, weil Fred sich in Fräulein Brown
verliebte und fast seine ganze Zeit mit ihr verbringt. Frau Smith ist
tiefbekümmert, Fred sieht recht elend aus — ein Heim, in dem man nichts
spricht, muß ja eine Hölle sein —, und die junge Brown droht immer, sich
etwas anzutun. Die Sache hat den Smith direkt das Leben verdorben und für
die Kinder muß es sehr hart sein, in solch einer Atmosphäre
heranzuwachsen. Mein Plan würde all diesem Elend abhelfen: Fred hätte
Fräulein Brown heiraten und zeitweise ganz glücklich mit Frau Smith leben
können.“
„Aber was würde Frau Smith in den Zwischenpausen tun? Sie hat zufällig
keine ‚entgegengesetzte Anziehungskraft‘ gefunden.“
„Nun vielleicht, wenn die Duogamie üblich wäre, hätte sie sich nach einer
umgesehen,“ sagte Amoret, „ich bin überzeugt, die meisten Frauen könnten
einen zweiten Gefährten finden. Aber übrigens ist ja kein System
vollkommen, und es gibt eine Menge Frauen, die überhaupt keinen zweiten
Mann haben möchten und nur zu froh wären mit einer Ruhepause, in der

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man keine Diners anzuschaffen braucht. Nehmt dann den Fall Robinson:
Dick Jones verehrt Frau Robinson sehr und ist äußerst unglücklich, weil er
ihr nicht mehr als ein Freund sein kann. Sie hat ihn sehr gern und auch
ihren Mann; sie könnte beide sehr glücklich machen, wenn sie sich teilen
wollten.“
„Ich habe oft empfunden, daß ich zwei Männer beglücken könnte“, sagte
Isolda. „Einige meiner besten Eigenschaften sind an Lancelot
verschwendet. Er wird auch nie des Landlebens und seines geliebten Golfs
überdrüssig, ich aber wohl, und wenn mich wieder einmal meine Sehnsucht
nach London überkommt, würde ich mich schnell nach der Stadt aufmachen
und eine famose Zeit mit meinem Londoner Gatten verleben.“
„Ohne das Gefühl, irgend ein Unrecht zu tun,“ ergänzte Amoret, deren
sichtliche Erfahrung in Gewissensskrupeln mir etwas verdächtig erschien.
„Liebe Kinder, es tut nicht gut“, sagte Miranda plötzlich. „Es tut nicht gut—
aus ist’s mit der Duogamie! Denkt an die Dienstboten!“
„Entsetzlich, die Dienstboten!“ sagte Isolda bestürzt.
„Ja, ich fürchtete, daß ihr den wunden Punkt bald herausfinden würdet“,
sagte Amoret bedauernd. „Natürlich wäre es schrecklich, zweierlei
Dienstboten zu beaufsichtigen zu haben. Ein Gatte könnte sich vier oder
fünf leisten und der andere nur ein bis zwei, und jede Diener­schaft würde in
Abwesenheit der Frau außer Rand und Band geraten.“
„So hätte man anstatt eines vollständig glücklichen Lebens mit zwei Gatten,
die uns um die Wette zu gefallen bestrebt sind, eine fürchterliche Existenz
durch fortwährendes Abrichten der Diener­schaft. Kaum, daß man A.’s
Diener­schaft in Ordnung gebracht hätte, wäre es Zeit, zu B. zurückzukehren
und dort mit dem gleichen zu beginnen.“
„Nein, dafür dank ich,“ sagte Isolda entschieden, „die Dienstboten e i n e s
Hauses sind mir gerade genug. Ich habe schon hundertmal gesagt, daß ich
bloß wegen der leidigen Dienstboten nicht geheiratet haben möchte. Es
wäre verrückt, sich jetzt diese Plage noch zu verdoppeln. Du kannst mich
aus der Liste der Duogamistinnen streichen, Amoret, bis die
Dienstbotenfrage durch die Erfindung irgend einer neuen Maschine oder
den Import von Chinesen gelöst ist.“

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„Vielleicht“, warf Amoret hoffnungsvoll ein, „würde dein ‚Zweiter‘ darein
willigen, im Hotel zu leben?“
„Solches Glück habe ich nicht,“ sagte Isolda traurig, „wenn ein Mann
heiratet, so ist es meistens wegen des Heims — warum sollte er sonst
heiraten, abgesehen von den Kindern? Guter Gott! Ich habe ja an die Kinder
ganz vergessen. Natürlich gibt das der Sache den Rest.“
„Die ‚Sackgasse aller Reformen‘!“ sagte Amoret tragisch. „Es ist
unmöglich, irgend eine Neuerung im Ehesystem vorzuschlagen, die nicht
gleich durch die Komplikation des Nachwuchses annulliert wird.“
Wie saßen alle schweigsam in Gedanken versunken; Isolda schauerte
zusammen.
„Mit der Duogamie ist’s nichts!“ sagte sie pathetisch, „und ich bin so
enttäuscht!“

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VII. Die Vorteile der Ehe „auf Sicht“
„Die Ehe ist abschreckend, aber auch ein kaltes und verlassenes
Alter ist es.“ R . L . S t e v e n s o n.

Von allen revolutionären Vorschlägen zur Verbesserung des gegenwärtigen
Ehesystems erscheint mir die Ehe „nach Billigung“ — mit anderen Worten
die „Ehe auf Sicht“ die vernünftigste und durchführbarste. Das Verfahren
wäre ungefähr folgendes: Ein Paar, das heiraten will, würde einen gesetz­‐
lichen Vertrag schließen des Inhalts, daß sie einander für eine begrenzte
Zahl von Jahren — sagen wir drei — zu Gatten wählen. Dieser Zeitraum
würde zwei Jahre Versuchszeit bieten, nachdem das abnormale und
außergewöhnlich kritische erste Jahr vorüber wäre. Eine kürzere Zeit wäre
ungenügend. Nach Ablauf der drei Jahre hätten die Kontrahenten das Recht
auf Lösung der Ehe, die Lösung sollte aber erst nach weiteren sechs
Monaten in Kraft treten und so jede Gelegenheit bieten, die Echtheit des
Scheidungs­wunsches zu erhärten. Wenn keine Scheidung gewünscht wird,
würde die Ehe durch eine religiöse oder endgültige gesetzliche Zeremonie
genehmigt und für immer bindend werden.
Im Falle einer geschiedenen Ehe hätte jeder Teil die Freiheit, wieder zu
heiraten; aber der zweite Versuch müßte vom Anfang an endgültig und
bindend sein. Diese Einschränkung ist absolut notwendig, wenn die „Ehe
auf Sicht“ nicht in eine Art gesetzlich geregelter „freier Liebe“ ausarten
soll, da es viele Männer und manche Frauen gibt, die immer von neuem
solche Ehen schließen würden, und das Ende der Sache wäre nichts anderes
als die „Probeehe“ für den kurzen Zeitraum von drei Jahren.
Man wird gegen diesen Plan einwenden, daß viele Paare, die am gefähr­‐
lichen Wendepunkte des Ehelebens — d.i. nach ca. zehn Jahren — Malheur
haben, in den ersten Jahren vollkommen glücklich sind. Aber da mal die
menschliche Liebe so veränderlich ist und die Leute wie die
Lebensbedingungen dem Wechsel so unterworfen sind, ist es unmöglich, zu
irgend einem feststehenden System zu gelangen, das darauf Rücksicht

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nimmt. Es muß jedoch daran erinnert werden, daß in der Mehrzahl der
unglück­lichen Ehen nicht das System zu tadeln ist, sondern die Individuen.
Die Einführung des ehelichen Noviziates würde jedoch die Zahl der
Scheidungen dadurch beträchtlich vermindern, daß durch sie das jetzt so
häufige Nichtzusammen­passen der Temperamente weit seltener würde. Das
eheliche Noviziat würde jenen eine zweite Chance bieten, die eine schlechte
Wahl getroffen haben, ohne jedoch in jene Promiskuität auszuarten, die für
die Gesell­schaft eine Gefahr und für die höchsten Interessen der Rasse
verhängnisvoll ist. Von welchem anderen System kann man das sagen?
Für die im Noviziat lebenden Frauen müßte man eine neue Bezeichnung
erfinden, die sie nach gelöster Verbindung beibehalten würden. „Frau“ wäre
nach wie vor die unterscheidende Bezeichnung für jene weiblichen Wesen,
die in den endgültigen und bindenden Ehestand eingetreten sind. Ob die
Frau den Zunamen des Mannes während der Probezeit annehmen sollte,
wäre eine andere, durch die Majorität zu entscheidende Frage; ich wäre
dafür, daß sie ihren Mädchennamen mit obbesagter Bezeichnung behielte
und den Namen des Mannes nur mit dem endgültigen Titel „Frau“
annähme. Aber das sind bloße Details.
Was die wichtige Frage der Kinder anbetrifft, so würde die Nachkommen­‐
schaft aus einer „Probeverbindung“ natürlich legitim sein, aber ich meine,
daß kluge Leute darauf bedacht sein würden, keine Kinder zu bekommen,
so lange die Ehe nicht endgültig geschlossen ist. Gewiß würden Kinder eher
die Ausnahme als die Regel sein, und die Frage ihrer Fürsorge in den Fällen
gelöster Ehen würde die durchdachteste Gesetzgebung erheischen. Den
Aufenthalt des Kindes zwischen den Eltern zu teilen, ist ein nicht
wünschenswertes Auskunftsmittel, das bis zu einem gewissen Grad
nachteilig wirken muß, da ein ständiger Aufenthaltsort mit regelmäßigen
Gewohnheiten von ungeheurer Wichtigkeit für das Wohlergehen der Kinder
ist. Den Vater jedoch ganz zu berauben, ist ebenso unangebracht.
Das „eheliche Noviziat“ ist kein neues System. Es war vor der Reformation
in Schottland unter dem Namen „Händeschütteln“ üblich. Die Männer und
Mädchen trafen sich bei den jährlichen Jahrmärkten und erklärten einander
durch die Zeremonie des „Händedrucks“ zu Gatten auf ein Jahr. Am
Jahrestag dieser Zeremonie wurden sie — wenn alles gut gegangen war —

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durch einen Priester gesetzlich getraut. Wenn sie die Verbindung als einen
Mißgriff erkannt hatten, so schieden sie.

Vierter Teil

Die Kinder — die Sackgasse
aller Reformen
„Ein frühes Ergebnis teils des Geschlechtes, teils der passiven Art
der ersten Urmutter ist Begründung einer neuen und schönen
Gemein­schaftsform — der Häuslichkeit . . . Eine Tages erscheint in
diesem Raum ohne Dach jenes Wesen, das bestimmt ist, die Lehrer
der Welt zu lehren — ein kleines Kind.“
H e n r y D r u m m o n d.

„Jede echte Frau ist von Natur aus eine Mutter und findet am besten
in der Mutter­schaft ihre soziale und sittliche Erlösung. Sie soll
durchs Gebären erlöst werden.“ G r a n t A l l e n.

„Kinder sind eines Mannes Macht und sein Stolz.“
H o b b e s.

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I. Kinder oder keine Kinder — die Frage des Tages
„Die Ehe wurzelt daher vielmehr in der Familie als die Familie in
der Ehe.“ W e s t e r m a r c k.

Wenn wir die Kinder aus dem Spiel lassen könnten, wäre die Neugestaltung
der Ehebedingungen recht einfach. Aber meine Freundin Amoret hat dieses
Problem sehr richtig „die Sackgasse aller Reformen“ genannt. Jedes
System, sei es Probeehe, freie Liebe, Polygamie, Polyandrie, Duogamie —
jedwedes System, das die Vaterschaft des Kindes zu verschleiern oder das
Kind der erprobten Vorteile eines ständigen Heims zu berauben trachtet —
ist von Anbeginn aussichtslos. Das bezieht sich jedoch nur auf Ehepaare,
die Kinder haben. Früher erwarteten alle jene, die heirateten, Nachkommen­‐
schaft und waren enttäuscht, wenn diese Hoffnung nicht erfüllt wurde. Daß
es möglich ist, die Zahl der Nachkommen­schaft zu beschränken oder gar
die Eltern­schaft ganz zu vermeiden, wußten sie natürlich nicht. Heute ist
das alles anders, und die Malthusianischen Lehren herrschen überall.
Bernard Shaw sagt: „Daß man die Ehe künstlich unfruchtbar machen kann,
ist die revolutionärste Errungen­schaft des 19. Jahrhunderts.“ Gewiß
ermöglicht sie die umstürzlerischen Vorschläge über die Ehe oder würde sie
vielmehr durchführbar machen, wenn man die „Errungen­schaft“ allgemein
in Praxis umsetzte.
So muß denn der Satz aufgestellt werden, daß da, wo Kinder sind, keinerlei
Änderung unseres gegenwärtigen Ehesystems ratsam ist, und daß die Leute,
die es mit neuen Ehesystemen versuchen wollen, entschiedenst die
„Sackgasse aller Reformen“ vermeiden und kinderlos bleiben müssen.
Kinder oder keine Kinder — das ist heutzutage die Frage. Es gibt kaum ein
Thema, über das die Ansichten mehr auseinandergehen. Manche Leute
betrachten die Eltern­schaft als das schreck­lichste Unglück; andere wieder
meinen, daß es nutzlos leben hieße, wenn man ohne Nachkommen­schaft
sterben wollte. Ich hörte ein Mädchen einst sagen: „Ich hasse Kinder; es ist
viel besser, sich ein paar liebe Hunde zu halten,“ und das war kein

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unwissendes oder lebensfremdes Mädchen, sondern ein gesundes, kluges,
voll entwickeltes junges Weib von 26 Jahren. Und vor kurzem teilte mir ein
anderes Mädchen ihre Verlobung mit und fügte gleich hinzu, daß sie
durchaus nicht die Absicht habe, Kinder zu bekommen. George Moore sagt
in seinem düsteren und abstoßenden Buch „Die Beichte eines jungen
Mannes“: „Möge ich kinderlos sterben, damit, wenn meine Stunde kommt,
ich mein Antlitz zur Mauer wenden und mir sagen kann, daß ich das große
Unheil mensch­lichen Lebens nicht vermehrt habe — dann werden meine
Sünden in Dunst vergehen wie eine Wolke — und wäre ich auch ein
Mörder, Zuhälter, Dieb und Lügner gewesen. Aber derjenige, dessen
Sterbebett Kinder umstehen — und wäre sein Leben in allem anderen ein
vortreff­liches gewesen —, wird von dem wahrhaft Weisen für gottlos
gehalten werden und der Makel wird ewig auf seinem Andenken haften.“
(Bei diesen Zeilen wundert man sich, warum George Moore das „große
Unheil mensch­lichen Lebens“ in seiner eigenen Person weiter aufrecht
erhält, wo er doch seine Existenz so leicht beenden könnte, ohne irgend
jemanden zu betrüben!)
Aber ich habe viele Leute, Männer und Frauen, ledige und verheiratete,
sagen hören, daß ohne Kinder die Ehe keinen Sinn hat, welcher Meinung
ich von Herzen beipflichte. So manches warmblütige, lebensvolle, tapfere
junge Weib vertraute mir an, daß sie — gleichviel, ob sie heiraten würde
oder nicht — um jeden Preis Mutter zu werden wünsche. Es ist eine der
traurigen Folgen der Scheu der Männer vor der Ehe, daß solche prächtige
Frauen vorsätzlich ihre herrliche Sehnsucht nach Mutter­schaft unterdrücken
müssen, — oder dafür, daß sie ihr unterliegen, einen fürchter­lichen Preis
zahlen müssen, den nicht sie allein entrichten, sondern auch das in die Welt
gesetzte Kind. Solche Frauen trifft man jedoch nicht oft.
Und jetzt kommen wir zu den Gründen, um deretwillen die Leute keine
Kinder haben wollen.
„Wir können es nicht erschwingen“, ist die zumeist gehörte, aber
verächtlich selbstsüchtige Entschuldigung. Ich sagte oben, daß jeder Mann
es sich erlauben könne, zu heiraten — wenn er die rechte Frau findet.
Nun muß ich hinzufügen, daß jeder Mann, der eine Frau erhalten, auch ein
Kind erhalten kann. Leute, die zu egoistisch sind, um für zwei Kinder den

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Unterhalt zu erübrigen (oder wenigstens für eines, wie traurig es auch für
das Kleine ist, weder Bruder noch Schwester zu haben), sollten überhaupt
nicht heiraten. Manche Leute sagen, daß sie auch ohne Kinder ganz
glücklich sind. Sehr viele Frauen verzichten vorsätzlich auf ihre Mutter­‐
schafts­chancen, weil sie ihre Vergnügungen unterbrechen, die Jagdsaison
verderben, und ihrer Reiselust oder ihren Spielpassionen in die Quere
kommen würden. Vielleicht werden sie dereinst einsehen, daß sie ihren
Passionen zuliebe einen zu hohen Preis gezahlt haben. Andere können
Kinder wirklich nicht leiden und wüßten nicht, was sie mit ihnen anfangen
sollten, wenn sie welche hätten. Solche Leute sollten füglich keine Kinder
haben; man merkt es den armen Kleinen immer an, wenn sie
unwillkommen waren.
Auch „Schwächlichkeit“ führen nervöse Frauen als Entschuldigung an, die
nicht im geringsten zu schwach sind, zu gebären. Bei wirklicher
Kränklichkeit oder einer konstitutionellen Schwäche oder Anomalie ist
diese Entschuldigung nur sehr angebracht. Eine sichtlich gesunde Frau
sagte mir einmal ganz im Ernst, daß sie gerne ein Kind haben möchte, nur
habe sie oft im Winter einen so bösen Husten und möchte nicht riskieren,
ihn zu „vererben“. Ihre Lungen waren vollkommen gesund, und es
belästigte sie nur ein zeitweiser Husten. Bei derselben Gelegenheit
bemerkte eine andere anwesende Dame, daß sie auch gerne ein Kind haben
möchte, nur „wäre nicht genug Platz in unserer Wohnung und sie ist so
passend, wir möchten nicht gerne ausziehen“.
Meinem durch diese Bemerkungen erzeugten Gemütszustand hätte ich nur
dadurch Ausdruck verleihen können, daß ich diese beiden Damen zu Boden
geworfen und mit Füßen getreten hätte, und da diese Aufführung bei
unserer Gastgeberin keinen Anklang gefunden hätte, so mußte ich mich
damit begnügen, bloß recht grob gegen die beiden zu sein.
Ich glaube, all das wurzelt darin, daß der mütterliche Instinkt nicht so
allgemein wie früher ist. Die Gründe davon nachzuweisen, bin ich nicht
klug genug. Viel mag der größeren Befreiung der Frauen, der Erweiterung
ihres Lebens und ihrer ehrgeizigen Bestrebungen, den neuen
Beschäftigungen, den neuen Interessen zugeschrieben werden, welche die
weibliche Existenz so umgewandelt haben. Die Mutter­schaft und die

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schmerzhaften und belästigenden Vorgänge ihrer Erfüllung wirken störend
auf all das ein. Der Instinkt der Mutter­schaft ist gewiß der Majorität noch
angeboren; wenn die Kleinen, oft unwillkommen, das Licht der Welt
erblicken, macht sich der Instinkt in der Regel wieder geltend; aber gewiß
ist es bei der heutigen Durchschnittsfrau nicht allgemein, daß er sich vor der
Ehe oder der auftretenden Mutter­schaft in ihr regt, und ich bin überzeugt,
daß die Zahl der Frauen, die gleich der weiblichen Biene dieses Instinktes
ermangeln, jährlich wächst. Es ist mir oft vorgekommen, daß die Männer
größere Liebe zu Kindern haben als die Frauen. In meinem eigenen Kreise
kenne ich keinen Mann, der Kinder nicht gern hat, während ich viele
Frauen kenne, die Kinder direkt nicht leiden können und viele andere, die
nur die eigenen erdulden, weil sie es eben müssen. Ich habe auch
beobachtet, daß ganz zärtliche Mütter alle anderen Kinder nicht ausstehen
können, während Männer, wenn sie überhaupt Kinder gern haben, jedem
Kind gewogen sind. Man beobachte nur einmal, wie Männer im
Eisenbahnkupee ein gar nicht besonders reizendes Kind beachten, während
die anwesenden Frauen ganz gleichgültig bleiben. Eine Dame, die viele
Jahre eine Mädchenschule hatte, erzählte mir neulich, daß ihrer Ansicht
nach das Wesen der Mädchen sich ändert und die Vorliebe für Puppen und
kleine Kinder sichtlich in Abnahme begriffen ist. Kann man das
verallgemeinern? Und wäre es möglich, daß die höhere Frauenbildung
solche bedenkliche Kehrseiten hätte?
Zum Glück für die Ehre und die Ideale unseres Landes ist das Nachwuchs
liebende Element noch in überwältigender Majorität und viele Leute, die
sich aus verschiedenen Gründen gerade keine Kinder wünschen,
bewillkommnen den Storch recht herzlich, wenn er sie mit seinem Besuche
beehrt. Nach Jahren werden sie einem dann sagen, daß sie sich gar nicht
vorstellen können, wie das Leben ohne das Getrippel kleiner Füßchen im
Hause, das Geplapper der süßen Stimmchen und die zarten
Kindergesichtchen gewesen wäre.

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II. Das Für und Wider des beschränkten Nachwuchses
„Das Kind — des Himmels Gabe.“ T e n n y s o n.

Obgleich ich es bei legitim Verheirateten für den größtmöglichen Mißgriff
halte, aus irgend welchen anderen Gründen als geistiger oder körper­licher
Degeneration absichtlich kinderlos zu bleiben, bin ich andererseits
entschieden gegen die Lutheranische Doktrin von der unbeschränkten
Vermehrung. Die Zeiten haben sich seit Luthers Tagen geändert, und im 20.
Jahrhundert sind kleine Familien — außer bei den sehr Wohlhabenden —
direkt notwendig. Wo das Geld keine Rolle spielt und die Eltern durch und
durch gesund sind, mag der Luxus einer zahlreichen Familie gestattet sein.
Und es ist ein Luxus, mögen die Zyniker spotten, soviel sie wollen. Wir
modernen Eltern mit unseren zwei oder drei Kindern oder unserem einzigen
Nesthäkchen, das aus den Augen zu verlieren wir uns kaum trauen, weil es
unseren einzigen Schöpfungsversuch verkörpert — wir vermissen viel von
dem echten häuslichen Frohsinn, den unsere Mütter und Väter mit dreizehn
bis vierzehn lustigen Buben und Mädeln gekannt haben müssen. Unsere
Kinder können nicht einmal eine Partie Tennis stellen, ohne sich eins oder
mehrere von einer anderen Familie auszuborgen. So manches von der Angst
und Qual, die wir unserer spärlichen Nachkommen­schaft halber erleiden,
war zu jenen Zeiten unbekannt, wo der Kindersegen reichlich war und die
Nachkommen­schaft selbst­verständlich eine zweiziffrige Zahl erreichte.
Heutzutage sind diese Freuden der Luxus der Wohlhabenden, die sich
jedoch selten dieses besondere Vorrecht der Reichen zunutze machen. Wo
die Bedürfnisse des täglichen Lebens mit jedem Jahr im Preise steigen, eine
ständige Panik auf dem Geldmarkt herrscht, und der Konkurrenzkampf
beängstigende Formen annimmt, ist eine kleine Familie von zwei bis drei
Kindern alles, was der Mann mit mittlerem Einkommen sich erlauben kann.
Vier ist schon eine Ausnahmezahl, aber sie ist einige Opfer wert. Professor
E. A. Roß hat kürzlich in „The American Journal of Sociology“
konstatiert, daß, obgleich „die Beschränkung des Nachwuchses die

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Ausbreitung wirtschaft­lichen Wohlstandes zur Folge hat, die Kindersterb­‐
lichkeit herabsetzt, die Übervölkerung verhindert, welche die Hauptursache
von Krieg, Massenarmut, dem Konkurrenzkampf bis aufs Messer und dem
Klassenstreite ist, ihr dennoch beunruhigende Wirkungen anhaften, und in
Ein- oder Zweikinder­familien den Eltern sowie den Kindern viele der
besten Lehren des Lebens abgehen; der zum Vorbild zu erhebende Typus ist
nicht die Familie mit ein bis drei, sondern mit vier bis sechs Kindern.“ Auch
der deutsche Gelehrte Möbius hat der Ansicht Ausdruck gegeben, daß die
allgemeine Einführung des Zweikindersystems zur Degeneration der Rasse
führen würde.
Ob aber die Kinderzahl eins oder sechs ist, das ist dem Jesuitenpater
Bernard Vaughan ganz gleich, der in seinem heftigen Angriff auf die
modernen Eltern keinen Unterschied kennt zwischen dem reichen Mann,
der nur ein Kind, und dem schwer arbeitenden Gewerbsmann, der mehrere
hat. Den Familiennachwuchs überhaupt zu beschränken ist in seinen Augen
eine abscheuliche und verwerfliche Sünde, „ein gemeiner Kniff“, und die
Leute, die es tun, sind „Verräter an der hochwichtigen Formel im
geheiligten Ehevertrag, zu dem sie Gott als Zeugen anriefen und den sie zu
halten versprachen.“ Das letztere ist kaum logisch — niemand von uns ist
verantwortlich für den Wortlaut des Ehezeremoniells, und wir können ja
nicht das Hersagen der barbarischen Formel mit der Erklärung
unterbrechen, daß unserem Wunsche nach Vermehrung Grenzen gesteckt
sind.
Der Pater Vaughan sagt auch, daß diese Abneigung gegen die Fortpflanzung
„das Erlöschen der christ­lichen Sittlichkeit“ bedeutet und „Trotz gegen
Gott“ darstellt. Es ist mir nicht klar, warum ein ehrsames Paar aus dem
Mittelstande, das zu dem Schluß gekommen ist, bei einem Einkommen von
— sagen wir — 300 Pfund im Jahre drei Kinder für angezeigter zu halten
als zwölf oder vierzehn, wegen dieses Beweises von Klugheit und Selbst­‐
beherrschung des „Trotzes gegen Gott“ geziehen werden sollte. Herrscht
die Vorstellung, daß die Kinder uns nur geschenkt werden, wenn der
Allmächtige sie uns zu schenken wünscht und ist es deshalb gottlos, die
Zahl zu regeln? Geradesogut könnte man ein junges Mädchen, das einige
Heiratsanträge ausschlägt, beschuldigen, „Gott zu trotzen“, da ER sie
offenbar zu verheiraten wünscht. Körperkrankheiten und Unfälle kommen

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mutmaßlich von derselben göttlichen Instanz, und doch hält es niemand für
eine Sünde, gegen dieselben durch Mittel zu kämpfen, die die Wissen­schaft
für solche Zwecke in Bereit­schaft hält. Warum macht man uns mit den
Mitteln zur Beschränkung des Nachwuchses bekannt, wenn wir sie bei
bedroh­licher Übervölkerung nicht anwenden sollen? Die Lehre vom
„Freien Willen“ wird geradezu zur Posse, wenn der Pater Vaughan recht
hat. Wenn er seine Bemerkungen auf jene beschränken würde, die
vorsätzlich gar keine Kinder haben wollen, dann hätte er viele Anhänger
gefunden, aber er wird durch die Übertriebenheit seiner Anklagen unserer
Sympathie verlustig. Sogar das Bestreben, die Geburten nicht zu rasch
aufeinanderfolgen zu lassen, was für die Gesundheit der Mutter von solcher
Wichtigkeit ist, brandmarkt er als unmoralisch. Er scheint es angemessen zu
finden, wenn eine Frau ungefähr alle elf Monate ein Kleines bekommt,
ungeachtet des beschränkten Einkommens des Mannes, bis sie ein
kränkelndes, gebrochenes Wesen wird oder infolge der zu vielen Geburten
stirbt und eine mutterlose Kinderschar zurückläßt. Seine Bemerkungen
richten sich natürlich hauptsächlich an die „vornehme Welt“, aber da der
Pater Vaughan Mittellosigkeit nicht als Entschuldigung für eine
„vorsätzliche Regulierung des Nachwuchses“ gelten läßt, muß seine Kritik
auf alle Gesell­schafts­klassen bezogen werden. Man wäre versucht, mit einer
Person aus „The Merry-Go-Round“ auszurufen: „In dieser Welt sind’s die
Braven, die alles Unglück anrichten!“
Im Jahre 1872 erschien, noch bevor die Geburtsziffer merklich zu sinken
begann, ein Artikel von Montagu Crackenthorpe in der „Fortnightly
Review“, der behauptete, daß kleine Familien eher ein Zeichen des
Fortschrittes als des Rückschrittes seien. Dieser Artikel erschien kürzlich in
einem Buche „Bevölkerung und Fortschritt“ wieder. Über dieses Thema
gibt es eine Menge anderer Bücher, und auf sie muß ich jene meiner Leser
verweisen, die ausgebreitetere Kenntnisse über diesen höchst wichtigen
Gegenstand zu erwerben wünschen. Der Raum hier gestattet mir leider
keine erschöpfende Behandlung desselben. Die Sache wird von den meisten
von einem engen, persön­lichen Standpunkt aus betrachtet; denn man kann
unmöglich von Leuten, die im Daseinskampfe stecken, erwarten, daß sie
„imperalistisch“ denken und die Bedürfnisse des „Imperiums“ über die
Beschränkungen ihres Einkommens setzen. Vom volkswirt­schaft­lichen

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Standpunkt aus wurde die Frage von dem Meister der Nationalökonomie,
Sidney Webb, in einer Broschüre unter dem Titel „Das Sinken der
Geburtsziffer“ (im Verlage der Fabian Society) erschöpfend behandelt.
Ich wollte, ich könnte die Leute davon überzeugen, was für ein Unrecht es
ist, nur ein Kind zu haben. Der Verlust für die Eltern ist schwer und für das
Kind unberechenbar. Alle Eltern, die in dieser Lage waren, kennen die
Nachteile bei der ersten Erziehung, „wenn niemand da ist, mit dem man
spielen kann“ und niemand, der das Spiel wieder aufgibt und das Kind sich
selbst überläßt, — vielleicht die wichtigsten Lehren, die das Leben uns
erteilt. Zwei oder mehrere Kinder, die zusammen aufwachsen, sind noch
einmal so leicht zu lenken und zu unterrichten als eines allein und in jeder
Hinsicht unvergleichlich glücklicher. Später füllen Schulkameraden bis zu
einem gewissen Grade die Lücke aus, aber das einzige Kind ist ebenso wie
seine Eltern noch immer zu bedauern. Alle Hoffnungen der Eltern
konzentrieren sich auf das eine Kind, und da die Umstände fast
unausweichlich dazu beitragen, es zu verderben, werden ihre Hoffnungen
mehr oder weniger getäuscht. Zu spät sehen dann die Eltern ein, daß sie
einen Fehler begangen haben.
Ich war vor kurzem in einer Kindergesell­schaft, wo solche „einzige
Hoffnungen“ in der Majorität waren. Ein herziges kleines Familientrio, aus
einem Knaben und zwei winzigen Mädchen bestehend, wurde viel
bewundert, und die Mutter geradezu beneidet. Mehrere der anwesenden
Mütter meinten, sie hätten sich oft für John oder Tommy ein Brüderchen
oder Schwesterchen gewünscht; da wenige der betreffenden Kinder älter als
fünf Jahre waren, schien die Schwierigkeit nicht unüberwindlich zu sein.
Aber es herrschte nur e i n e Meinung unter den Damen: daß es zu spät sei,
„wieder mit der Kleinkinderstube zu beginnen“. „Es täte nur gut, wenn
beide zusammen aufwachsen könnten; fünf Jahre sei ein zu großer
Altersunterschied“ und so weiter. Gewiß werden sie dereinst ihre
Zaghaftigkeit bitter bereuen, wie es bei vielen Frauen aus meiner persön­‐
lichen Bekannt­schaft der Fall war. — John oder Tommy können ihnen
genommen werden, oder, was schlimmer ist, sie können lieblos und
ungehorsam werden, und in jener traurigen Zeit werden sie kein anderes
Kind als tröstenden Ersatz haben.

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Wenn die seichten Verfasser jener endlosen Zeitungsartikel über die
Degeneration der modernen Frauen ihre Sache wirklich gut machen wollen,
dann sollten sie ihre törichten Klagen aufgeben über die Unfähigkeit der
Frauen, das Spinnrad zu drehen oder Früchte einzulegen oder zu anderen,
durch den maschinellen Fortschritt unnötig gewordenen Leistungen. Statt
dessen sollten sie ihre auf den Beweis der Degeneration zielende
Aufmerksamkeit lieber auf die seltsame Hilflosigkeit lenken, die den
Frauen des Mittelstandes bei Aufziehung ihrer Kinder eigen ist, und auf ihr
Grauen vor Komplikationen in der Kleinkinderstube. Ich kenne so manche
Frau, deren finanzielle Begabung und organisatorische Fähigkeit ans
Geniale grenzt, die gewiß nicht in Verlegenheit wäre, mit einem Einbrecher
zu verhandeln, jedoch unter keiner Bedingung den Schrecken einer
längeren Eisenbahnfahrt mit ihrem zwei Jahre alten Kinde trotzen würde,
während die Tatsache, das Kleine einmal während der Abwesenheit der
Kinderfrau nachts übernehmen zu müssen, ein nerven­erschütterndes
Experiment bedeutet, das zumindest einen Tag vollständiger Bettruhe nötig
macht.
„Mit der Kleinkinderstube und ihrem vielverzweigten Apparat wieder zu
beginnen“, wenn das „Einzige“ über das Zahnen hinaus ist, gehen, allein
essen kann und umgänglich ist, das ist eine Sache, vor der die modernen
Mütter zu verzagen scheinen. Um dem abzuhelfen, sollte man die Zahl der
kleinen Stubenbewohner vermehren, ehe Nr. 1 der Kinderstube entwachsen
ist, so daß dieselbe um viele Jahre länger belebt ist, als es heutzutage
modern, jedoch durchaus nicht eine unbegrenzte Zeit lang, wie es der Pater
Vaughan und andere im Zölibat lebende, der Kleinkinderstube und ihrer
Forderungen total unkundige Priester lehren!

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III. Die Elternschaft — die höchste Bestimmung
„O seliger Gatte! Seliges Weib!
Der köstlichste Segen, den der Himmel gewährt,
Das lieblichste Kleinod aus des Lenzes Kranz,
Wird eurem Lebenspfad beschert!“
G e r a l d M a s s e y.

Man wird mir vielleicht vorwerfen, daß ich das Ehethema zu oberflächlich
behandle. Die meisten Abhandlungen, die ich gelesen habe, haben in
entgegengesetzter Richtung gefehlt und den Gegenstand von einem
ermüdend transzendentalen Gesichtspunkt aus erörtert. Ich habe absichtlich
versucht, über Wirklichkeiten, Tatsachen, über die Ehe, wie sie in der
alltäg­lichen Welt wirklich ist — das heißt, wie sie mir wirklich erscheint —
zu sprechen, und nicht, wie sie in einer erhabenen idealen Welt edler Seelen
sein mag.
Der Ehe — wie sie von der großen Majorität durchgeführt wird — scheint
meiner Ansicht nach wirklich nicht viel Heiliges innezuwohnen. Was ist an
zwei mensch­lichen Wesen Heiliges, die sich aus rein sozialen oder
häuslichen Rücksichten, welche oft von stark kommerziellen
Beweggründen durchsetzt sind, dahin einigen, zu eigenem Behagen
miteinander zu leben? Gewiß liegt in jeder Liebe eine gewisse Heiligkeit,
aber unter den verschiedenen Spielarten mensch­licher Liebe scheint die
Geschlechtsliebe am wenigsten Heiligkeit an sich zu haben. Die
Familienliebe, bei der die Bande des Blutes bestehen, die Liebe zwischen
Freunden — die reinste von allen Neigungen — sind oft im Kerne heiliger
als die sogenannte „heilige Gattenliebe.“
Die Ehe, die bloße soziale und physische Verbindung von Mann und Weib,
a b g e s e h e n v o n d e r E l t e r n ­s c h a f t, ist einfach eine Gemein­‐
schaft — aus der, ich gebe es zu, eine ungeheure Steigerung an Glücksmög­‐
lichkeiten für die beiden Teilhaber ersteht — im großen und ganzen ein
ausgezeichneter Kontrakt, aber alles in allem ein bloß weltlicher Kontrakt.
Aber wenn die Kinder kommen, wenn das göttliche und herrliche Wunder
vollbracht ist, dann ist die Ehe wohl auf einen ganz anderen Grund gestellt,

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und ich streife gerne die Schuhe von den Füßen, wenn ich ihren Bereich
betrete, denn es ist heilig.
Bei der Geburt eines Kindes erhält die Ehe, der es entsprossen, eine
unsterbliche Bedeutung. Die Verbindung, die früher nur für die beiden
Beteiligten von Wichtigkeit war, ist jetzt von Bedeutung für den Staat und
die Nachwelt, und daher fällt den Eltern eine wirklich schreckliche
Verantwortung zu. Von dem Physischen, dem Charakter, der Intelligenz
jedes Kindes kann das Schicksal zukünftiger Generationen abhängen. Wenn
wir unser Kind nicht ordentlich ernähren, kann es rhachitisch werden, und
eine künftige Generation kann durch unsere Sorglosigkeit verkrüppelt sein.
Wenn wir ihm die Pflicht der Selbst­beherrschung nicht gründlich einprägen,
kann es ein Trunkenbold oder ein Wüstling werden, und der Fluch von
tausend daraus entstehenden Übeln kann auf unseren Enkeln lasten. „Vor
der Verantwortung, das Dasein einer Rasse mit all ihren unermeß­lichen
Möglichkeiten an Sünden und Leiden fortzupflanzen, mögen wohl die
Kühnsten zurückweichen. Aber das einzige tatsächliche Mittel, das Los der
Menschen zu verbessern, ist, eine neue Generation von besserer
Beschaffenheit aufzuziehen. Denn die Umgehung der Eltern­schaft zu
erwägen, hieße die Zukunft der Brut unüberlegten Sinnenfrönens
überlassen. Auf dem großen Schlachtfeld der Welt gibt es keine höhere
Pflicht, als die Reihen derer, die für das Licht kämpfen, wohl besetzt zu
erhalten. Nicht zum Feiern sind unsere Nachkommen berufen, nein, zu
einem langen, schweren Kampf, der mit dem unvermeid­lichen Tod endet.“
(W. T. Stead, Review of Reviews, January 1908.)
Es ist sehr richtig behauptet worden, daß die Kinder der Wohlstand der
Nationen sind: wenn wir unsere Eltern­schaft wirklich sehr ernst nehmen
würden — viel, viel ernster als es jetzt der Fall ist —, dann würde sie gewiß
den stärksten Schutz gegen den sittlichen und physischen Verfall bieten,
von dem wir so oft hören. Ich möchte die Eltern­schaft zur Würde eines
hohen geistigen Ideals erhoben sehen. Nicht, daß ich der übertriebenen
Verhimmlung der bloßen Fortpflanzung das Wort rede, obgleich es eine
köstliche Sache ist, schöne und gesunde Kinder in die Welt zu setzen, eine
Sache, auf die Männer und Frauen sehr stolz sein sollten, aber: „eine
unsterbliche Seele ins Leben zu rufen — was kann sich damit vergleichen?“
Den neugeborenen Geist der Sonne entgegenwachsen zu lassen, die edleren

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Möglichkeiten des vielfältigen mensch­lichen Organismus durch stetes
Bemühen zur Entwicklung zu bringen und aus ihm „einen aufrechten,
himmelstürmenden Redner“ zu machen —, welch besseres Lebenswerk
kann ein Mann oder eine Frau zu vollenden hoffen, welch größeres
Denkmal hinterlassen?
Würde die Eltern­schaft ein hohes Ideal werden, dann würde nach einiger
Zeit die öffentliche Meinung — jene mächtige Waffe — so stark werden,
daß eine unwürdige Eltern­schaft von allen anständigen Leuten mißliebig
aufgenommen würde. Die Untaug­lichen dürften es nicht wagen, das
Verbrechen der Fortpflanzung ihrer Gattung zu begehen und der dieser
Sünde gegen die Gemein­schaft anhaftende Makel würde vielleicht sogar
dem Makel gleichkommen, der heutzutage dem schreck­lichen Verbrechen
des Falschspiels anhaftet! — Erfüllt von dem Ideal edler Eltern­schaft,
würden die jungen Mädchen bei ihren Bewerbern auf das väterliche Gemüt
sehen, die Männer würden bei den Mädchen, die sie freien, die schönen,
mütter­lichen Eigenschaften suchen, und die materiellen Erwägungen, die
jetzt beide Teile so sehr beeinflussen, würden immer weniger
ausschlaggebend sein. Hundertfach würde das Eheband befestigt werden.
Die Untreue wäre seltener, denn die Gatten, die mit Kindern gesegnet sind,
würden fühlen, daß ihrer Verbindung die Weihe verliehen wurde und sie
wahrhaft unlöslich geworden ist. Vater und Mutter, die sich zum erstenmal
über dem kleinen Körper ihres ersten Kindes küssen, könnten diesen
unbeschreib­lichen Augenblick nie vergessen. Der Mann und die Frau,
denen ein Kindlein zusammengehörte, die es sprechen und spielen gelehrt
und seine ersten strauchelnden Schritte gelenkt haben, könnten nie leichthin
die Schwüre außer acht lassen, die sie aneinander banden. Die sanften
kleinen Kinderhände sind dazu geschaffen worden, die Herzen von Mann
und Frau aneinander zu schmieden, und sie erfüllen wunderbar ihre
Sendung!
„Erst wenn wir Väter und Mütter werden, vollbringen wir all das, was
unsere Väter und Mütter für uns getan haben“ — und welche Offenbarung
ist es! Welch neuer Himmel, welch neue Erde werden uns durch den Zauber
erschlossen, den die Gegenwart eines kleinen Kindes in unserem Hause
ausübt — des kleinen Körpers, der geheimnisvoll nach unserem Ebenbilde
geschaffen, der kleinen Seele, die unserer Fürsorge anheimgegeben wurde!

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Wärs nicht der Kinder wegen, die Ehe wäre wirklich ein allgemeiner
Mißgriff. In ihrem Interesse ist sie geschaffen worden, und sie nur machen
sie möglich. Kinder machen eine glückliche Ehe vollkommen und eine
gleichgültige glücklich. Sehr oft gestalten sie eine recht verfahrene Ehe zu
einer wenigstens erträg­lichen Gemein­schaft. Wenn eine kinderlose Ehe
glücklich ist, — wirklich glücklich, dann ists gewöhnlich, weil Mann und
Frau einander besonders zugetan oder Leute von ungewöhn­lichem
Charakter sind.
Man kennt seltene Beispiele, wo die Gatten sich eben deshalb fester und
liebevoller aneinander­schlossen, weil sie keinen anderen Gegenstand
hatten, auf den sich ihre Neigung erstrecken konnte. Die Frau, die weniger
Sorgen hat und die die Geliebte nicht in der Mutter aufgehen lassen muß,
bleibt in den Augen des Mannes jugend­licher, als es sonst möglich wäre,
während sie an den Mann ebenso ihre mütterliche als ihre weibliche
Hingabe, verschwendet und er ihr Gatte und Kind zugleich ist. In einer
solchen Ehe kann man etwas Heiliges sehen, obzwar sie keine Kinder
hervorgebracht hat; ein solches Paar scheint die Kleinen, die nie kommen,
nicht zu vermissen. Dasselbe findet sich manchmal bei Künstlern, deren
ganze Interessen und schöpferische Energien in ihrem Werke aufgehen.
Von ganzem Herzen verachte ich jene verheirateten Leute, die, in vollem
Besitz von Gesundheit und Kraft, vorsätzlich kinderlos bleiben. Von
ganzem Herzen bedauere ich die Ledigen und Jene, denen Kinder versagt
sind. Jedoch haben sie Entschädigungen; wenn ihnen die Wonne entgeht, so
bleiben ihnen auch die endlosen Sorgen, die zahllosen Kümmernisse, die
ständige Selbstaufopferung, die oft bitteren Enttäuschungen erspart. Die
Kinder machen einem gar manche andere Schmerzen als die der Geburt.
Tennyson sagt: „Das traurigste Wesen auf der Welt ist jene Mutter, die ein
Kind hat und es vom Pfade abirren sieht!“ Und doch sind durch
geheimnisvolles Naturwalten die Saiten des Mutterherzens oft für die
Kinder, die irren, am zärtlichsten gestimmt. Zu den schönsten Versen, die je
geschrieben wurden, gehören meiner Ansicht nach jene in Stephen Philips
„Marpessa“: als die junge Marpessa den Gott ihres geringen sterblichen
Liebhabers halber verschmäht, sagt sie von diesem:
„Und er wird warmfühlende Kinder mir schenken,
Keinen strahlenden Gott, der die irdische Mutter verachtet,

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Nein, Wesen mit zappelnden Gliedern und kleinen Herzen, die irren!“

Aber die „zappelnden Glieder“ werden bald so groß, daß man sie nicht
wieder erkennt; die kleinen Herzen werden klug und weltlich und irren auf
weniger erwünschte Weise — unsere warmfühlenden Kinder entwachsen
uns heutzutage schnell. Das ist die wahre Tragödie der Mutter­schaft —
d a ß d i e K i n d e r i h r e n t w a c h s e n.

Fünfter Teil

Wie man, obgleich verheiratet,
glücklich werden kann
„Um glücklich miteinander zu leben, sollten sie mit den Feinheiten
des Seelenlebens vertraut und mit der Fähigkeit geboren sein,
nachzugeben und sich auszugleichen.“
„Die Güte in der Ehe ist ein verwickelteres Problem als die bloße
Tugend, denn es sollen in der Ehe ja zwei Ideale verwirklicht
werden.“
R . L . S t e v e n s o n.

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I. Einige Reformvorschläge
Im Laufe der letzten 25 Jahre sind die ärgsten Ungerechtigkeiten unseres
Ehegesetzes richtig gestellt worden, und im Vergleich zu ihnen erscheinen
die noch bleibenden Übelstände verhältnismäßig gering. Es ist in der
heutigen Zeit der fortgeschrittenen Frauen kaum zu glauben, daß sich vor
einigen Jahren ein Mann noch das Besitztum des Weibes aneignen und es
nach Belieben ausgeben konnte oder, was noch ungeheuer­licher ist, einen
Fremden als einzigen Vormund seiner Kinder nach seinem Tode bestellen
durfte, ohne auf die natürlichen Rechte der Mutter auch nur zu achten.
Die schwerste noch bestehende Ungerechtigkeit ist, daß die Erleichterung
durch die Scheidung den Männern zugäng­licher ist als den Frauen. Dieses
Gesetz wurde von den Männern zu ihren eigenen Gunsten abgefaßt, aber
seine Existenz ist ein Schandfleck auf der Ehre der englischen Justiz und
der englischen Sittlichkeit, ebenso wie der Umstand, daß die Untreue eines
Gatten so leicht genommen wird. Wir wollen hoffen, daß die Zeit nicht
mehr fern ist, wo die Scheidungs­bedingungen für beide Parteien genau
dieselben sein werden.
Es wird heutzutage fast allgemein die Ansicht gehegt, daß die Lösung der
Ehe nur erreicht werden soll, wenn einer der beiden Teile ein
ausgesprochener Trunkenbold, mondsüchtig oder ein zu langer Kerkerstrafe
Verurteilter ist. Wie erniedrigend ist es für die besten Instinkte unseres
Geschlechtes, daß die Frau eine Ungültig­keits­erklärung der Ehe dadurch
erhalten kann, daß sie eine gewisse physische Unfähigkeit des Mannes
beweist, die in keiner Weise ihr Glück, ihre Gesundheit oder ihre
Selbstachtung beeinträchtigt, aber auch nicht einmal die teilweise
Erleichterung der Trennung erreichen kann, wenn ihr Mann ein
Trunkenbold, ein Ehebrecher oder ein Verbrecher ist, solange sie nicht noch
dazu seine Grausamkeit oder sein böswilliges Verlassen beweisen kann! Es
ist ferner eine Ungerechtigkeit, daß die Scheidung so kostspielig ist, daß nur
reiche Leute oder die ganz armen (durch Beibringung eines
Armutszeugnisses) sich sie gestatten können.

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Vielleicht die nötigste aller Reformen ist, daß die Ehe der geistig und
physisch Ungeeigneten gesetzlich verhindert werde, oder vielmehr, daß sie
verhindert werden, Kinder zu haben, was ja die Hauptsache ist. Es wäre
ganz gut durchführbar, die Kinderlosigkeit der Ungeeigneten zu sichern,
obgleich ein Gesetz hierüber die taktvollste Handhabung erfordern würde,
und man sich kaum ein Parlament von Männern denken kann, das es mit
irgendeinem Erfolg durcharbeiten könnte. Vielleicht wird das Gesetz dann
durchgehen, wenn wir die „ideale Regierung“ haben, in der beide
Geschlechter und alle Klassen vertreten sein werden. Ein von einem in
Staatsdiensten stehenden Arzt unterzeichnetes Zertifikat sollte jedenfalls
obligatorisch sein, bevor eine Heirat bestätigt wird. Wenn der Krebs, die
Tuberkulose, der Wahnsinn und alle mit dem Alkoholismus und dem
ausschweifenden Leben verbundenen Übel jede Familie im Land infiziert
haben werden, dann werden unsere weitsichtigen Gesetzgeber die
Notwendigkeit einer derartigen Einschränkung einzusehen beginnen.
Gegenwärtig wird die Freiheit des Individuums als ein für die Rasse zu
schwer wiegender Wert bewahrt.
Eine andere äußerst nötige Reform ist, daß die unehelich geborenen Kinder
durch die nachträgliche Heirat der Eltern, so wie in vielen anderen Ländern,
legitimiert werden sollen. Das würde niemandem schaden, könnte auch
nicht das Laster ermutigen und würde sehr viel bitteres Unrecht gut
machen. Die gegenwärtige Regelung ist äußerst unvernünftig.
England ist beinahe das einzige europäische Land, wo es nicht angestrebt
wird, den Töchtern eine Mitgift zu geben, außer in den wohlhabenden
Klassen. Ganz bemittelte Engländer halten es für unnötig, ihren Töchtern zu
Lebzeiten irgend etwas zu geben, obgleich sie geneigt sind, sich ernste
Einschränkungen aufzuerlegen, um ihre Söhne im Leben gut zu stellen. Die
englischen Väter geben alles ihren Söhnen, in vielen Ländern des
Kontinents kommen die Töchter dem Rechte nach zuerst und in allen
Klassen, den reichen und den armen, trachten die Eltern auf irgendeine
Weise für eine Mitgift zu sorgen, indem sie vom Tage der Geburt des
Kindes an zu sparen beginnen.
Ich bin überzeugt, daß ein ungeheuerer Anstoß zur Ehe gegeben würde,
wenn die Mitgift für die Töchter in England üblich würde und viele

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Mißhelligkeiten zwischen Mann und Frau könnten vermieden werden,
wenn die Frau eigene, wenn auch noch so geringe Mittel hätte. Es ist gewiß
äußerst demütigend und unangenehm für eine bessere Frau, von ihrem
Mann wegen jeder Omnibusfahrt und jedes Päckchens Haarnadeln
abzuhängen.
Die Engländer sind jedoch darnach, sich mit ihren Fehlern zu brüsten und
überdies so heillos sentimental, daß sie sich’s als Ehre anrechnen, in dieser
Hinsicht eine Ausnahme von allen Ländern zu bilden, und noch damit
prahlen, daß bei ihnen die Ehen nur aus Liebe geschlossen werden.
Demselben unsinnigen und unfürsorg­lichen Geist entspringt die übliche
Abneigung, den Töchtern etwas zu vermachen. Nur bei einem sehr reichen
Mann erwartet man das, während es doch nur gerecht ist, daß jeder Mann
seiner Frau etwas vermacht, wenn auch nur die Einrichtung oder die
Versicherungs­police.
Ein Kapitel über die Ehereformen wäre nicht vollständig ohne Hinweis auf
unsere barbarische kirchliche Ehezeremonie. Nützt es noch etwas, darüber
Klage zu führen? Seit ich lesen kann, lese ich Angriffe darauf. Es ist klar,
daß niemand ein Wort zu ihrer Verteidigung hat, nicht einmal die Priester,
und doch bleibt sie genau so, wie sie zu Zeiten James I. vorgeschrieben
wurde. Wenn je eine von den Männern verfaßte religiöse Formel einer
Revision bedurfte, um mit den Gedanken der Zeit gleichen Schritt zu
halten, so ist es diese. Wie kann die Kirche erwarten, daß wir die Ehe als
ein Sakrament betrachten, wenn ihre Bedingungen in so roher Sprache und
von einem so falschen Gesichtspunkte aus bezeichnet werden. Ist es nicht
falsch, jene Personen zu verherr­lichen, die die „Gabe der Enthaltsamkeit“
haben, eine „Gabe“, die bald zum Aussterben des Menschen­geschlechtes
führen würde, wenn sie der Majorität eigen wäre? Diese spezielle Formel
ist für eine reine, unschuldige Braut eine schmähliche Beleidigung und ganz
unnütz. Wenn schon keine andere Verbesserung angebracht wird, so könnte
diese einleitende Erklärung der „Gründe für die Einrichtung der Ehe“ wohl
ausgelassen werden, wenn auch nur der Tatsache halber, daß der
Hauptzweck der Ehe, nämlich „gegenseitig Hilfe und Trost zu sein“ in ihr
an letzter Stelle erscheint. Die Kirche Englands kann von den Quäkern oder
der „Neu-Jerusalemer Kirche“, einer auf den Schriften des großen
Mystikers Emanuel Svedenborg gegründeten religiösen Gemein­schaft,

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lernen. Bei dem „Freund­schaftsbund“ ist das Verfahren äußerst einfach.
Nachdem eine Zeit in stillem Gebet verbracht wird, erheben sich die
Parteien und sagen einer nach dem andern feierlich, indem sie sich bei der
Hand halten: „Freunde, ich nehme diese meine Freundin A. B. zum Weibe
und verspreche, mit göttlichem Beistand ihr ein liebender und treuer Gatte
zu sein, bis es dem Herrn gefallen wird, uns durch den Tod zu trennen.“ Die
Formel der „neuen Kirche“ ist länger, aber ebenso schön und einwandfrei.

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II. Einige praktische Winke für Ehemänner und -frauen
„Man braucht in der Ehe nicht eine Menge schöner Gefühle, sie
nützen nichts.“ W . S o m m e r s e t - M a u g h a m.

Der beste Rat, den man einem Paare auf den „langen, geraden und
staubigen Weg“ der Ehe mitgeben kann, ist: „Gesegnet sind die, die wenig
erwarten.“ Der zweitbeste ist: „Trachtet euer Ideal zu verwirk­lichen, aber
nehmt die Niederlage philosophisch hin“. Es ist schwer, mit jemandem zu
leben, der eine ideale Vorstellung von uns hat; es ruft in uns den ruchlosen
Wunsch wach, so schlecht als möglich zu sein. Miranda sagt mir oft: „Die
Ursache, warum Lysander und ich so vollkommen glücklich sind, ist, weil
wir uns nie etwas daraus machen, einander unsere schlechtesten Seiten zu
zeigen, und auch nie die Notwendigkeit fühlen, uns besser zu machen, als
wir sind.“ Merkt euch das, Braut und Bräutigam! Bedenkt, daß ein Piedestal
ein sehr ungemüt­licher Aufenthaltsort ist, und weiset eurem
Lebensgefährten diesen unbequemen, erhöhten Platz nicht an. Es sind mehr
Ehen daran gescheitert, daß man zuviel voneinander erwartet hat, als durch
irgend welche Laster oder Verirrungen.
Andererseits muß ich auf die Gefahr hin, trivial zu erscheinen, wiederholen,
daß das Wichtigste in der Ehe die gegenseitige Achtung ist. Sie geht über
Liebe, Verträg­lichkeit, ja sogar über den unschätzbaren Sinn für Humor. Die
Achtung wird das schwankende Gebäude der Ehe zusammenhalten, wenn
die Leiden­schaft erloschen und selbst wenn die Liebe dahin ist. Die
Achtung wird sogar die „entsetzliche Intimität“ erträglich machen und über
die bedenk­lichsten Unannehm­lichkeiten ohne „Quetschungen der Seele“
hinwegheben, was immer das Herz auch für Verwundungen davontragen
mag. Darum, Bräutigam und Braut, erhaltet die gegenseitige Achtung um
jeden Preis, und, Männer und Frauen, heiratet nie jemanden, den ihr nicht
wirklich achtet, wenn ihr ihn auch noch so leiden­schaftlich liebt. Ich
glaube, man kann in einer Ehe ohne Liebe recht glücklich sein, wenn die
Glut und Vernarrtheit der ersten Jugend vorüber ist, aber ohne Achtung
kann man nie etwas anderes als unglücklich werden.

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„Es ist immer einer, der liebt, und einer, der geliebt wird.“ Wenn ihr findet,
daß ihr der eine seid, der liebt, dann merkt es wohl: e s i s t d e r
b e s s e r e T e i l, besonders für die Frauen. Ermüdet euren Gefährten nicht
mit fortwährenden Ansprüchen, Szenen, Vorwürfen, Tränen, Bitten, es wird
euch nichts nützen, und das geliebte Wesen euch nur entfremden, und da
wir gerade bei den Tränen sind, so laßt mich alle Frauen dringendst davor
warnen, dieser natürlichen weiblichen Schwäche zu frönen. Die
vernünftigen, nüchternen, überaus kräftigen modernen Mädchen machen
sich gewöhnlich darüber lustig; aber in der Ehe kommen Anlässe zum
Weinen, von denen diese selbstsicheren jungen Mädchen keine Ahnung
haben. Aber die alte Vorstellung, daß Tränen beim Manne den Sieg
davontragen und so oft dazu dienen, das härtere männliche Herz zu
besänftigen, ist ganz erloschen. Und wenn die Frauen es nur einsehen
wollten: die Tränen erzeugen ein Gift, das auf die Liebe verhängnisvoll
irritierend wirkt und sie oft tötet. Nur im Anfang, wenn der Mann noch ganz
jung und auf der Höhe seiner Glut ist, mögen die Tränen ihn beeinflussen,
aber nicht für lange, und sehr selten nach der Verheiratung. Dennoch
erreichen sie oft ihren Zweck, da ausnehmend zartbesaitete Männer oft die
Tränen so fürchten, daß sie sofort nachgeben, wenn dieses Warnungssignal
auf der Bildfläche erscheint. Aber ihre Gereiztheit ist deshalb nicht
geringer, und oft können sie die Frau schließlich nicht leiden, die auf ihre
Sanftmut gebaut und daraus einen in den Augen des Mannes ungerechten
Vorteil gezogen hat. Die Frau, die fortwährend weint, wenn etwas schief
geht, flößt niemandem Achtung oder Sympathie ein und treibt ihren Mann
dazu, die Gesell­schaft anderer Frauen aufzusuchen. Die Männer können es
nicht leiden, wenn daheim andere Gesichter als ihr eigenes traurig sind.
Wenn sie sehr unglücklich sind, fühlen sie sich berechtigt, sich gehen zu
lassen; aber ihre Frauen dürfen das nicht, und wenn sie es tun, darf es gewiß
nicht die Form von Tränen annehmen. Der glänzende anonyme Verfasser
von „Die Wahrheit über den Mann“ schärft den Frauen ein, stets eingedenk
zu sein, daß man „den Männern nie widersprechen, nie ihnen Vorwürfe
machen und sie nie kritisieren darf“. Hierzu möchte ich nachdrück­lichst
sagen, daß man ihnen auch nie aus irgendeinem Grunde etwas vorweinen
soll.

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Ist es nötig, für die Aufrechterhaltung der vollkommensten Höflichkeit
zwischen Mann und Frau zu plädieren? Im Anfang wohl nicht, aber mit der
Zeit wird es notwendig werden. Es kann sogar die Zeit kommen, wo
Perseus seine Stimme erhebt und seine Unzufriedenheit mit Persephone
hinausposaunt. Ein gewisser Typus von Männern wettert bei Verdruß
natürlich nicht seinen Freunden oder Kunden gegenüber, sondern bloß in
Anwesenheit seiner Angestellten, seiner Diener­schaft, seiner Frau und der
Leute, die sich vor ihm fürchten. Das war eine häßliche Gewohnheit unserer
Großväter, und moderne Frauen sind kaum sanft genug, sie lange ruhig
hinzunehmen. Sollte sich jedoch Perseus durch eine wunderlich atavistische
Laune je in dieser Hinsicht so weit vergessen, dann wird Persephone die
biblisch sanfte Antwort wirksamer finden als den lautesten
Stimmenwiderhall. Wenn man mit äußerst sanfter Stimme spricht, wird man
die Schreier beiderlei Geschlechts immer beschämend zum Schweigen
bringen.
Die Höflichkeit zwischen Mann und Frau ist nötiger als in irgendwelchen
anderen Beziehungen zwischen den Menschen. Sehr viel Bitterkeit könnte
erspart bleiben, wenn man sich stets daran erinnern wollte. Nichts ist
peinlicher, als ein Ehepaar miteinander grob verkehren zu sehen, und die
Gebote der Höflichkeit würden all jenen Bemerkungen vorbeugen, die in
die Kategorie der „besser nicht gesagten“ gehören. Besonders die Frauen
haben manchmal die sehr tadelnswerte Gewohnheit, ihrem Manne
Wahrheiten aus dem häuslichen Leben an den Kopf zu werfen, wenn ihnen
der Kamm schwillt, und die meisten Männer sind unter ihrem Schild
vornehmer Gleichgültigkeit empfindsam genug, um das sehr übel zu
nehmen und an solche stichelnde Worte noch viele Jahre lang zu denken.
Die Tatsache, daß diese Worte gewöhnlich äußerst zutreffend sind, macht
sie nicht weniger tadelnswert; manche Frauen, die ihren Männern wirklich
sehr ergeben sind, setzen sie dennoch zu Hause und vor den Leuten
fortwährend herab, und obwohl ein Mann es selten zugeben wird, ärgert ihn
das mehr, als so manche des Männerherzens Unkundige für möglich halten.
Es ist nämlich Tatsache, daß die Männer Bewunderung und Lob ebenso
gerne haben wie die Frauen, obzwar es ein Teil ihres seltsamen Kodex ist,
diese Tatsache zu verbergen. Sie nehmen einen Verweis genau so übel wie
die Frauen; und warum sollten sie es auch nicht?

Page 131

Da wir gerade dabei sind, so möchte ich der Persephone zuflüstern, was für
eine wunderbar besänftigende Wirkung eine leichte, vernünftige
Schmeichelei auf die Männerwelt ausübt und wie lautlos sich durch sie die
Räder des Ehekarrens drehen. Ich meine nicht falsche, abgeschmackte
Schmeichelei, wie sie uns die Männer so oft vorsetzen, wenn sie uns
gefallen wollen, ohne einzusehen, daß die dick aufgetragenen Komplimente
eine Beleidigung für unsere Intelligenz sind. Also natürlich nichts von
dieser Sorte, aber zarte, feine, liebevolle Schmeichelei. Eine leise
bewundernde Haltung, möglichst gemildert für den öffent­lichen Gebrauch,
die jedoch immer die Wertschätzung durchblicken läßt, wird euch ihm nicht
nur viel liebenswerter machen als es irgendwelche Liebes­beteuerungen
täten, sondern sie wird auf seinen Geist und sein Gemüt glänzend wirken.
Geradeso wie ihr in Gesell­schaft von Leuten, die euch bewundern, fühlt,
daß ihr blendend seid, und in Gegenwart jener, die euch für gescheit halten,
großartig sprecht, wird auch Perseus durch eure (wirkliche oder angebliche)
Bewunderung angespornt, sie zu rechtfertigen.
Dasselbe gilt auch von dir, galanter Perseus; ein Kompliment über
Persephones strahlende Augen, ein Wort scheuer Bewunderung für ihren
neuen Hut, oder des Lobes für ihre Haltung als Hausfrau wird sie nicht nur
unsinnig glücklich machen, sondern dein Kapital in der Liebesbank dadurch
bedeutend erhöhen, daß du Schätze für dich in Persephones Herz
ansammelst.
Um dies zu illustrieren, will ich zwei wirkliche Gespräche erwähnen, die
ich vor kurzem hörte. Das erste war zwischen einem jungen Paar Pelleas
und Nicolette, die erst kürzlich mit einem kleinen Einkommen den Haushalt
begonnen hatten. Sie gaben eine Nachmittags­gesell­schaft und alle Gäste
waren fort außer mir. (Ich habe nämlich ein Privilegium, wie Sie schon
bemerkt haben dürften; niemand geniert sich, vor mir natürlich zu sein.)
Nicolette stieß einen Seufzer der Erleichterung aus, als sich die Haustüre
zum letzten Male schloß und wandte sich mit glänzenden Augen zu Pelleas.
„War’s nicht sehr s c h ö n?“ sagte sie begeistert.
„Nicht übel“, sagte Pelleas.

Page 132

„Sind die Blumen nicht wunderbar, und habe ich die Zimmer nicht reizend
hergerichtet? Findest du nicht, daß alles sehr nett war, Liebster? Ich habe
mich so angestrengt“, fügte sie, nach einem Wort des Lobes schmachtend,
hinzu.
„Pah, nennst d u ein paar Kuchen aufschneiden auch sich anstrengen?“ war
die Antwort.
Nicolette war zufällig eine taktvolle Frau, die weiß, wann man zu
schweigen hat, aber sie sah traurig aus, und ihre ganze Freude an der
kleinen Unterhaltung war verdorben. Wie froh wäre sie gewesen, wenn
Pelleas sie geküßt und ihr gesagt hätte, daß sie eine reizende Hausfrau war
und alle ihre Anordnungen aufs beste getroffen hatte. Das Ärgerliche daran
ist, daß er es wirklich glaubte, er zerplatzte vor Stolz über sein Haus und
seine Frau und war geneigt, sich für einen sehr schneidigen Kerl zu halten,
da er eine so reizende und gescheite Frau erobert hatte. Aber es lag nicht in
seiner Art, es zu sagen.
Der zweite Fall ist der, wo ich Geraint und seine Frau versöhnen mußte. Ich
habe den lieben guten Geraint immer recht gern gehabt, und sein
schrecklich unglück­liches Eheleben war für mich eine Quelle ernster
Betrübnis. Bei dieser Gelegenheit sprachen wir uns frei aus, und aus der
Tiefe seines kummervollen Herzens brachte er mir Klage um Klage vor.
„Noch ein Beispiel“, sagte er schließlich. „Es ist geradezu lächerlich, aber
Sie werden nicht über mich lachen, das weiß ich. Es ist ein Unsinn von mir,
daß ich daran denke, aber kurz und gut, ich tue es. Sie saß aufrecht im Bett
und bürstete ihr Haar, ich kam ins Zimmer, um zu fragen, ob ich ihr etwas
aus der Stadt bringen könne; ich trat zufällig vor ihren Toilettetisch und zog
meine Kravatte fester zu. Der Spiegel warf unser Bild zurück, und sie sagte
plötzlich mit leisem Lachen: „Wie häßlich Du bist . . . .“ Das ist alles. Sie
sagte es ganz höflich, aber es verletzte mich wahnsinnig. Es war so
teuflisch überflüssig. Und ich glaube, es ist auch wahr, früher hatte ich nie
daran gedacht, aber seither sehr oft . . .“
Noch ein Beispiel, wie man’s nicht machen soll: „Wenn ich schäbig
angezogen bin,“ erzählte mir einmal eine verzweifelnde Frau, „dann sagt er:
‚Warum siehst du nicht fein aus?‘ Wenn ich elegant bin, sagt er: ‚Schon

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wieder neue Kleider, ich weiß nicht, wer die zahlen wird!‘ Wenn etwas
Außergewöhn­liches zu Tische kommt, sagt er: ‚Diese extravaganten Sachen
werden mich zugrunde richten‘, und wenn das Essen einfach ist, dann fragt
er: ‚Ist das alles?‘“
Ich habe vorhin auf die Männerklubs als eine Wohltat für die Frauen
hingewiesen, und als solche sind sie mir immer erschienen. Aber diese
Meinung wird offenbar nicht von allen geteilt, da eine Anzahl Frauen
kürzlich im Druck ihre Absicht kundgaben, nach Erlangung des
Stimmrechts für die vollkommene Abschaffung oder wenigstens
obligatorisch frühe Schließung aller Männerklubs zu agitieren. Es scheint
betrübend lächerlich, daß die Frauen durch einen Parlamentsakt ihre
Männer zur bestimmten Stunde nach Hause zwingen wollen. Ich will mich
bemühen, euch irregeleitete Frauen zu bekehren, falls eine davon sich
herablassen sollte, dieses Buch zu lesen.
Meine lieben Frauen, fast alles, was euer Mann zu Hause nicht bekommen
kann, kann er im Klub bekommen — je mehr seine Bedürfnisse befriedigt
werden, desto vergnügter wird er leben, und euer Familienleben folglich um
so glücklicher sein! Wenn die Männer eine Passion haben, so wählen sie
gewöhnlich einen damit verbundenen Klub oder einen, wo sie andere, durch
ähnliche Dinge gefesselte Männer treffen können, mag es Politik, Sport,
Pferde, Karten, Musik, Golfspiel oder Theater sein, — wenn es in ihnen
steckt, muß es heraus, und gescheite Frauen lassen es geschehen. Eine
unterdrückte Manie bedeutet einen verbitterten Gatten. Im Klub können sie
ihr Whist haben oder ihrer Empörung gegen die Regierung freien Lauf
lassen, sie können einen halben Sovereign als Spieleinsatz geben und die
Aufzeichnungen über die großen Gewinste beim gestrigen Whistspiel, über
das letzte Loch beim Golfspiel oder wie sonst der Fachausdruck lautet,
vergleichen. Im Klub können sie andere Männer treffen und eine
vollkommene Abwechslung von Bureau oder Familienleben haben, und sie
kehren daher zur Arbeit und zur Frau erfrischt und angeregt zurück.
Wenn es eurer Köchin auf die ihr eigene rätselhafte Weise gelungen ist, ein
Mittagessen zu Hause unratsam oder unmöglich zu machen, dann
telephoniert es eurem Herrn und Gebieter, denn kann er im Klub nicht
königlich und dabei ökonomisch speisen? Wenn ihr an einem Feiertag fort

Page 134

seid, kann er dasselbe tun und einen angenehmen Abend dort verbringen,
anstatt im leeren Hause allein und gelangweilt herumzugehen. Wenn ihr
euch Unannehm­lichkeiten störender Natur leistet, — wenn ihr dies je tut, —
so steht ihm derselbe freundliche Hafen offen, gewiß für euch etwas
Tröstlicheres, als wenn er über das Haus schimpft, während die kleine
Meinungs­verschiedenheit beigelegt werden soll. Kurz und gut, der Segen
und die Vorteile eines Klubs für den Ehegatten haben kein Ende und warum
ihr, liebe Frauen, sie abschaffen wollt, das kann ich mir wirklich nicht
erklären.
Freilich sollte die nötige Mäßigkeit beobachtet werden wie bei allen guten
Dingen, und ein- oder zweimal die Woche die Nacht im Klub zu
verbringen, sollte genügen. Bei diesen Gelegenheiten kann die Frau ein
primitives Abendessen haben, was immer eine Wohltat für die Frau ist, mit
einem Buch neben dem Teller, sie kann sich gehen lassen und ihre Köchin
ausschicken, oder wenn sie zum rastlosen Typus gehört, kann sie den freien
Abend benützen, um ihre Rechnungen und ihre Korrespondenz in Ordnung
zu bringen. Ist sie heiterer Natur, so kann sie mit einem schüchternen
Verehrer oder auch nur mit einer Freundin ins Theater gehen und nachher
soupieren. Man mag über den Klub denken wie man will: wenn ein Mann
ihn nicht mißbraucht, so ist er ein reiner Segen fürs Eheleben.
Aber vielleicht ist es das tragische Verhängnis der in Rede stehenden
Frauen, daß sie ihren Männern nicht vertrauen können, und mit Recht.
Vielleicht lebt in ihrem Herzen das betrübende Bewußtsein, hintergangen zu
werden, und sie fürchten, daß der Klub als Vorwand für einen Abend
gebraucht wird, dessen Gesell­schaft dem weiblichen Standpunkt weniger
wünschenswert erscheint. Selbst dann ist der Klub ein Segen; denn
wenigstens kann eine Frau hoffen und zu glauben trachten, daß ihr Mann
wirklich dort ist, während, wenn er keinen Klub hat, die Durchsichtigkeit
seiner abwechselnden Ausreden ihre ärgsten Verdächtigungen bekräftigen
muß. Wenn ein Mann entschlossen ist, derartige Dinge zu tun, so kann ihn
nichts aufhalten; sollte e i n Vorwand, seine Zeit außer Hause zu verbringen,
fehlschlagen, so wird er einen anderen vorbringen, und je weniger Aussicht
seine Frau hat, die wirkliche Sachlage zu entdecken, desto besser ist es für
ihren Seelenfrieden.

Page 135

Daß die Unwissenheit ein Segen ist, ist eine tiefe Wahrheit im Eheleben,
und die Frauen sollten sich von ihr leiten lassen. Ich glaube, es gibt Frauen,
die sich’s zur Gewohnheit machen, bei Gelegenheit die Taschen ihrer
Ehegatten zu durchsuchen, voraussichtlich in der Erwartung, irgendwelche
verräterische Briefe oder Rechnungen zu finden. Was sie im Falle einer
unangenehmen Entdeckung zu gewinnen hoffen, das weiß der liebe Himmel
allein! Nichts als eine mehr oder weniger verab­scheuens­werte Szene, den
daraus folgenden Verlust alles häuslichen Friedens, ohne die wirkliche
Quelle der Betrübnis auch nur im geringsten zu beeinträchtigen. Zum Glück
sind wenige Gatten so verrückt, ihre kompromit­tierenden Dokumente bei
sich zu tragen. In jedem Fall ist diese Überwachung empörend, und wo
gegenseitige Achtung existiert, für deren Notwendigkeit ich schon so
energisch eingetreten bin, da können solche Geschmacks­verirrungen nicht
vorkommen.
Um auch jenen unglücklichen Frauen gerecht zu werden, deren Mann zu
ihrem großen Kummer dem Würfel oder Becher allzusehr ergeben ist, muß
ich hinzufügen, daß die Frauen, wo das der Fall ist, das Recht haben, durch
alle ihnen zu Gebote stehenden Mittel den Mann vom Klub fernzuhalten,
der größere Gelegenheiten bietet als der Familienkreis, diesen Lastern zu
frönen.
Und jetzt noch ein spezielles Wort an die Männer. An früherer Stelle
erwähnte ich die Möglichkeit einer verheirateten Frau, mit einem Freund
ins Theater und soupieren zu gehen. Im Londoner Leben kommt das so
häufig vor, daß eine Erklärung dafür dem Eingeweihten simpel und
abgeschmackt vorkommt; aber die Eingeweihten sind ein sehr kleiner Teil
der Gesamtheit und da dieses Buch bescheiden für jene, die sich für die Ehe
interessieren, also für j e d e n , d e r e s l e s e n w i l l, gedacht ist, so
will ich mich zugunsten der uneingeweihten Majorität ein wenig über
dieses Thema verbreiten. — Eine große Zahl Männer ließe sich’s nicht im
Traum einfallen, ihre Frauen abends mit einem anderen Mann allein
ausgehen zu lassen. Warum, das kann ich mir nicht erklären! Denn sie
können gewiß ihre Frau und ihren Freund nicht durch den Gedanken an
irgend etwas Unschick­liches beleidigen wollen. Es entspringt das wohl den
Überresten eines primitiven männlichen Gefühls, das sie nicht erklären
können, (in früheren Zeiten waren die Männer noch anspruchsvoller, und

Page 136

nach Justinianischem Gesetz konnte ein Mann sich von seiner Frau bloß
deshalb scheiden lassen, weil sie ohne seine Einwilligung mit anderen
Männern in den Zirkus, in die Bäder oder zu Festmählern ging). Mir
erscheint es ebenso unvernünftig wie die Mißbilligung der Männerklubs
seitens der Frauen. So wie eine vernünftige Frau keinen Einwand gegen den
Klub ihres Mannes erhebt, so erlaubt ein gescheiter Mann seiner Frau, wenn
sie es wünscht, mit einem anderen Manne auszugehen. Wenn er etwas von
der weiblichen Natur versteht — und kein Mann sollte heiraten, ehe er nicht
soweit ist — dann erkennt er, daß die Bewunderung anderer Männer seiner
Frau angenehm ist und ein bißchen Heiterkeit eine wunderbare Wirkung auf
ihre Stimmung ausübt.
Ich erinnere mich an die Zeit, als Theodor und Amoret darüber heftig
auseinander­gerieten. Aber Theodor gab nach. „Er pflegte es für sehr unrecht
von mir zu halten, daß ich ganz gern andere Männer in mich ein bißchen
verliebt sehe,“ sagte Amoret, „aber ich erklärte ihm, daß ich es gern habe,
weil es mir ein so schönes Machtgefühl gibt und dem Leben eine Würze
verleiht. Dann sagte er immer, es sei für eine verheiratete Frau sehr
gefährlich, irgend eine andere Würze im Leben zu haben als ihren Mann,
und ich pflegte ihm zu antworten, daß er eine Menge ‚Würzen‘ außer mir
habe, und was ich denn die langen Abende tun solle, wo er endlos Bridge
spielt. Schließlich versprach ich, daß es mich zufriedener machen würde
und fähiger, die Eintönigkeit des Ehelebens zu ertragen, wenn er mich
ausgehen ließe. Darauf meinte er, es sei schrecklich schlecht von mir, die
Ehe eintönig zu finden, und sagte, seine Mutter wäre bei einer solchen
Bemerkung entsetzt gewesen. Da sagte ich ihm, es wäre nicht gut von einer
jungen Frau zu erwarten, daß sie sich wie seine eigene Mutter benähme —
und er sagte, es wäre ihm lieber, ich würde es nicht tun. Dann lachten wir
beide, und der gute alte Junge gab nach und sagte, daß Eberhard ein
unschuldiges Lamm sei, und daß er einmal zum Versuch mit mir ausgehen
solle. Seither bin ich mit allen Freunden ins Theater gegangen und habe
Theodor um so lieber, je mehr ich andere Männer kennen lerne, und bin
auch viel zufriedener und heiterer.“ Ein Zeugnis, das für sich selbst spricht.
Wenige Menschen scheinen die vielen Vorteile zu kennen, die es hat, einen
schweigsamen Mann zu erwählen. Der ideale Gatte spricht wenig. Er sieht
ein, daß die Frauen das lieber selbst besorgen, und daß es in einer

Page 137

glücklichen Familie nicht Platz für zwei redselige Personen gibt. Der
geschwätzige Mann sollte lieber eine schweigsame Frau suchen und sie
s o f o r t heiraten, wenn er sie findet. Solche Geschöpfe sind so selten wie
Kometen, und in der Regel sind sie schon mit ebenso schweigsamen
Männern verheiratet, was wirklich ein betrübender Schnitzer der Natur ist.
Nichts ist entsetz­licher, als ein so schweigsames Paar unterhalten zu
müssen. Ein übermäßig redseliges Paar ist dem weit vorzuziehen, da man
wenigstens ruhig zuhören und die anderen drauflosreden lassen kann.
Eine endlose Quelle von Mißhelligkeiten zwischen Eheleuten ist die
Geldfrage. Die Frauen sind am Anfang oft verschwenderisch und
gewöhnlich sündhaft unwissend in Geldsachen. Es ist ohne Zweifel richtig,
wie Isolda sagt: „Geld (und Gesinde) zerstören die Ehe“. Über das letztere
traue ich mich nicht zu sprechen, aber ich weiß, daß Geldmangel,
Geldversagen und unvernünftige Geldausgaben einen großen Teil der
Ehekonflikte verschulden. Manche Männer scheinen zu glauben, daß ihre
Frauen den Haushalt ohne Mittel führen können, und diese unglück­lichen
Frauen müssen schmeicheln und bitten und es sich als eine Gnade
anrechnen, bevor sie die ihnen gebührende Summe erhalten. Selbst dann
werden sie wie Kinder behandelt und über die Verwendung des Geldes in
höchst demütigender Weise ausgefragt, als ob es Spielraum für königliche
Extravaganzen böte.
Ich erinnere mich an den Fall des armen kleinen Hildebrand. Er war ein
sehr junger Gatte, und sehr altmodisch erzogen worden. Eine seiner
wunder­lichen mittelalter­lichen Vorstellungen war, daß die Frauen keine
Fähigkeit zur Geldverwaltung haben, und daß man ihnen auf keinen Fall
bares Geld anvertrauen könne. Ich glaube wirklich, er hätte, wenn seine
Zeit es ihm erlaubte, seinen Haushalt allein geführt. Zum Glück für den
Hausfrieden war das unmöglich; dennoch überwachte er den Haushalt
soviel als möglich und revidierte sogar die Einschreibebücher. Natürlich
verstand er nicht das geringste von ihren sonderbaren Zeichen, und bot
einen komischen Anblick, wie er über den kleinen roten Büchern saß und in
äußerster Verlegenheit die Stirne runzelte. Jeden Moment wandte er sich um
Aufklärung an seine Frau, die glücklicherweise einen sehr gesunden Sinn
für Humor besaß. Schließlich mußte er es ihr überlassen; aber wenige
Frauen hätten Valeries Geduld bei dieser sehr überflüssigen Sache gezeigt.

Page 138

— Freilich ist das ein extremer Fall; aber eine Menge Männer greifen in
höchst aufreizender Weise in das Gebiet ihrer Frauen ein. Nach meiner
Meinung ist es am besten, das ganze Wirtschafts­budget der Frau, sowie das
Budget des Bureaus oder des Vermögens dem Manne zu überlassen. Ich
spreche da von Leuten mit beschränkten Mitteln. In der Regel hat ein Mann
während seines Arbeitstages ganz genug mit Geldangelegen­heiten zu tun
und soll Ruhe vor ihnen haben, wenn er nach Hause kommt. Abends zu
Hause sitzen müssen und Rechnungen revidieren, ist eine Aufgabe, die die
ärgsten Eigenschaften in einem Ehegatten auslöst. Er mag als ein
hingebender Liebhaber nach Hause kommen und im Schoße seiner Frau
Abendblätter, Blumen und Schokolade anhäufen, beim Abendessen genial,
witzig, liebevoll, reizend sein — aber reicht ihm um 10 Uhr abends einen
Pack Rechnungen mit der Bemerkung, daß sie wirklich durchgesehen
werden müssen, und plötzlich wird er ein wildes, brummiges, rohes,
abstoßendes und lästerndes Wesen. Mag seine Bankbilanz auch noch so
befriedigend sein, jede Rechnung eines seiner persön­lichen Bedürfnisse und
kein einziges seiner Frau betreffen — es nützt alles nichts. Rechnungen sind
Rechnungen, und bei ihrem bloßen Anblick werden die Männer wild. Wenn
ich zwischen dem 7. und 8. eines Monats am Vormittag zu Miranda komme,
bin ich überzeugt, daß sie mir mit roten Augen und matter Stimme sagt:
„Gestern abend sagte Lysander, er müsse die Rechnungen durchnehmen,
natürlich hat er seither fortwährend geschimpft und geflucht, obzwar sie
diesen Monat lächerlich niedrig sind.“ Ebenso ist es bei Isolda. „Lancelot
hat gestern abend die Monatsschecks geschrieben,“ sagt sie, „und das
Umgehen mit Rechnungen hat immer eine schreckliche Wirkung auf ihn. Es
ist bei dem Ärmsten eine wahre Krankheit, und ich kann nachher nie
schlafen.“ Und doch sind Lancelot und Lysander in jeder Hinsicht ideale
Gatten.
Mein Rat an die Frauen ist daher folgender: Erledigt alle wöchent­lichen und
Kassazahlungen, die den Kopf der Frau belasten, kontrolliert einmal
wöchentlich alle Bücher, prüfet dieselben mit jenem Grade von Sorgfalt,
den der Redlichkeits­standpunkt eurer Lieferanten erfordert. Schreibt diese
Summen in ein Haushaltungsbuch ein. Am Ende des Monats, wenn alle
Rechnungen drinnen sind, macht für euren Mann einen Bilanzbogen. Er
wird sicher zuerst auf die Endsumme sehen, und wenn sie ihn befriedigt,

Page 139

nicht weiter forschen, wenn er klug ist. Dann laßt ihn einen Scheck auf die
ganze Summe ausstellen, ihn in eure Bank einzahlen, und das übrige tut
selbst. Die Rechnungen, die ratenweise kommen, und was sonst noch
vierteljährlich eingeschickt wird, schließt in eure Monatsliste ein, und so
wird euer Mann für seinen Haushalt anstatt einer Unzahl Rechnungen nur
12 Schecks im Jahre zu schreiben haben. Der fürchterliche Anfall, den er
monatlich bekommt, wird so auf ein Minimum reduziert werden. Wenn er
Stallungen oder einen ausgedehnten Weinkeller hat, so ordnet an, daß die
Rechnungen dafür und auch alle anderen, die in das Ressort des Mannes
gehören, in sein Bureau oder seinen Klub geschickt werden, mitsamt den
Schneider­rechnungen und anderen für seine persön­lichen Bedürfnisse. So
werdet ihr nicht darunter leiden, wenn ihre Erledigung notwendig wird. Es
ist eine seltsame Tatsache, daß ein Mann im Bureau wie ein Lamm dasitzt
und Schecks ausstellt, während dieselbe Beschäftigung ihn zu Hause dazu
bringen würde, das Dach abzuheben oder die Grundmauern zu erschüttern.
Es könnten Bände darüber geschrieben werden, wie man, obgleich
verheiratet, glücklich werden kann, aber ich komme nun zum Ende. Also
fassen wir zusammen. Frauen: Wenn ihr glücklich sein wollt, merkt es euch:
Streicht euren Mann heraus, schmeichelt ihm diskret, lacht bei seinen
Witzen, versucht nicht, seinen Klub herabzusetzen, werft ihm nie häusliche
Wahrheiten an den Kopf und weint nie, nie!
Ehemänner: Liebt und bewundert eure Frauen und laßt auch andere Männer
sie bewundern; greift nie in ihr Ressort ein; schreibt eure monatlichen
Schecks mit freund­licher Miene; seid in Geldsachen vernünftig, wenn ihr
schon nicht freigebig sein könnt und bezähmt eure Vorliebe für eure eigene
Stimme!
Und ihr beiden: Seid sehr duldsam, erwartet wenig, gebt freudig, stellt die
Achtung über alles, befleißigt euch der Höflichkeit und liebt einander, so
sehr ihr könnt. Wenn ihr all das tut, werdet ihr sicherlich, wenn auch
verheiratet, glücklich werden. Und hört auch, was Robert Burton in seinem
wunderbaren Buch „Die Anatomie der Schwermut“ sagt: „Hast du Mittel?
Du hast keine, wenn du unverheiratet bist, um sie zu bewahren und sie zu
vermehren. Hast du keine? Dann hast du welche, wenn du verheiratet bist,
um dir zu helfen, sie zu bekommen. Bist du im Wohlstand, so wird dein

Page 140

Glück mit einer Frau nur verdoppelt; bist du in Trübsal, sie wird dich
trösten und dir beistehen. Bist du zu Hause, sie wird deine Schwermut
verscheuchen. Bist du fort, ihre Wünsche werden dich begleiten, und sie
wird deine Heimkehr mit Freuden begrüßen. Nichts ist angenehm ohne
Gesell­schaft, und keine Gesell­schaft ist so süß wie die der Gattin.“
Ende

Page 141

Gedruckt in der Spamerschen Buchdruckerei zu Leipzig im Jahre 1911

Page 142

*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE MODERNE
EHE UND WIE MAN SIE ERTRAGEN SOLL ***

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Section 2. Information about the Mission of Project
Gutenberg

Project Gutenberg is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of
computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg’s goals
and ensuring that the Project Gutenberg collection will remain freely
available for generations to come. In 2001, the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation was created to provide a secure and
permanent future for Project Gutenberg and future generations. To
learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 and
the Foundation information page at www.gutenberg.org.

Section 3. Information about the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state
of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue
Service. The Foundation’s EIN or federal tax identification number is
64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation are tax deductible to the full extent permitted by U.S.
federal laws and your state’s laws.

The Foundation’s business office is located at 41 Watchung Plaza
#516, Montclair NJ 07042, USA, +1 (862) 621-9288. Email contact

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links and up to date contact information can be found at the
Foundation’s website and official page at www.gutenberg.org/contact

Section 4. Information about Donations to the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation

Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without
widespread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine-readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small
donations ($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax
exempt status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United States.
Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable
effort, much paperwork and many fees to meet and keep up with these
requirements. We do not solicit donations in locations where we have
not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
state visit www.gutenberg.org/donate.

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
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Section 5. General Information About Project Gutenberg
electronic works

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone. For forty years, he produced and distributed Project
Gutenberg eBooks with only a loose network of volunteer support.

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