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The Project Gutenberg eBook of Jud Süß
This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you
will have to check the laws of the country where you are located
before using this eBook.
Title: Jud Süß
Author: Lion Feuchtwanger
Release date: February 3, 2023 [eBook #69944]
Language: German
Original publication: Germany: Drei Masken, 1925
Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/69944
Credits: Jens Sadowski and the Online Distributed Proofreading Team
at https://www.pgdp.net
*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK JUD SÜSS ***
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Lion Feuchtwanger / Jud Süß
Page 5
Lion Feuchtwanger
Jud Süß
Roman
6.-15. Tausend
1925
Drei Masken Verlag München
Jud Süß
Roman
6.-15. Tausend
1925
Drei Masken Verlag München
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Alle Rechte vorbehalten
Copyright 1925 by Drei Masken Verlag A. G., München
Copyright 1925 by Drei Masken Verlag A. G., München
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Erstes Buch
Die Fürsten
Die Fürsten
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Ein Netz von Adern schnürten sich Straßen über das Land, sich querend,
verzweigend, versiegend. Sie waren verwahrlost, voll von Steinen, Löchern,
zerrissen, überwachsen, bodenloser Sumpf, wenn es regnete, dazu überall
von Schlagbäumen unterbunden. Im Süden, in den Bergen, verengten sie
sich in Saumpfade, verloren sich. Alles Blut des Landes floß durch diese
Adern. Die holperigen, in der Sonne staubig klaffenden, im Regen
verschlammten Straßen waren des Landes Bewegung, Leben und Odem
und Herzschlag.
Es zogen auf ihnen gewöhnliche Postwagen, dachlose Karren, ohne
Polster, ohne Lehne, humpelnd, oft zusammengeflickt, und die schnelleren
Wagen der Extrapost, viersitzige, mit fünf Pferden, die bis zu zwanzig
Meilen im Tag fahren konnten. Es zogen auf ihnen die Eilkuriere der Höfe
und Gesandten, auf guten Pferden, oft wechselnd, mit versiegelten Taschen,
und die langsameren Boten der Thurn- und Taxisschen Post. Es zogen
Handwerksburschen mit Ranzen, biedere und gefährliche, und Studenten,
hager und sanft die einen, die andern fest und verwegen, und eng schauende
Mönche, verschwitzt in ihren Kutten. Es zogen die Planwagen der großen
Kaufleute und die Handkarren hausierender Juden. Es zog in sechs soliden,
etwas schäbigen Kutschen der König von Preußen, der den süddeutschen
Höfen Besuch gemacht hatte, und sein Gefolge. Es zogen, ein endloser
Wurm von Mensch und Vieh und Wagen, die Protestanten, die der
Salzburger Fürstbischof geifernd aus seinem Land verjagt. Es zogen bunte
Komödianten und Pietisten, nüchtern von Tracht und in sich verloren, und
in prächtiger Kalesche mit Vorreiter und großer Bedeckung der hagere,
hochmütig blickende venezianische Gesandte am sächsischen Hof. Es
zogen auf dem Weg nach Frankfurt unordentlich auf mühsam
zusammengestapeltem Fuhrwerk vertriebene Juden einer mitteldeutschen
Reichsstadt. Es zogen Magister und Edelleute und seidene Huren und
tuchene Referenten des Kammergerichts. Es zog behaglich in vielen
Kutschen der dicke, schlau und fröhlich schauende Fürstbischof von
Würzburg, und es zog abgerissen und zu Fuß ein Professor der bayrischen
Universität Landshut, der wegen aufsässiger und ketzerischer Reden
entlassen worden war. Es zogen mit den Agenten einer englischen
Schiffahrtsgesellschaft und mit Weib, Hund und Kind schwäbische
verzweigend, versiegend. Sie waren verwahrlost, voll von Steinen, Löchern,
zerrissen, überwachsen, bodenloser Sumpf, wenn es regnete, dazu überall
von Schlagbäumen unterbunden. Im Süden, in den Bergen, verengten sie
sich in Saumpfade, verloren sich. Alles Blut des Landes floß durch diese
Adern. Die holperigen, in der Sonne staubig klaffenden, im Regen
verschlammten Straßen waren des Landes Bewegung, Leben und Odem
und Herzschlag.
Es zogen auf ihnen gewöhnliche Postwagen, dachlose Karren, ohne
Polster, ohne Lehne, humpelnd, oft zusammengeflickt, und die schnelleren
Wagen der Extrapost, viersitzige, mit fünf Pferden, die bis zu zwanzig
Meilen im Tag fahren konnten. Es zogen auf ihnen die Eilkuriere der Höfe
und Gesandten, auf guten Pferden, oft wechselnd, mit versiegelten Taschen,
und die langsameren Boten der Thurn- und Taxisschen Post. Es zogen
Handwerksburschen mit Ranzen, biedere und gefährliche, und Studenten,
hager und sanft die einen, die andern fest und verwegen, und eng schauende
Mönche, verschwitzt in ihren Kutten. Es zogen die Planwagen der großen
Kaufleute und die Handkarren hausierender Juden. Es zog in sechs soliden,
etwas schäbigen Kutschen der König von Preußen, der den süddeutschen
Höfen Besuch gemacht hatte, und sein Gefolge. Es zogen, ein endloser
Wurm von Mensch und Vieh und Wagen, die Protestanten, die der
Salzburger Fürstbischof geifernd aus seinem Land verjagt. Es zogen bunte
Komödianten und Pietisten, nüchtern von Tracht und in sich verloren, und
in prächtiger Kalesche mit Vorreiter und großer Bedeckung der hagere,
hochmütig blickende venezianische Gesandte am sächsischen Hof. Es
zogen auf dem Weg nach Frankfurt unordentlich auf mühsam
zusammengestapeltem Fuhrwerk vertriebene Juden einer mitteldeutschen
Reichsstadt. Es zogen Magister und Edelleute und seidene Huren und
tuchene Referenten des Kammergerichts. Es zog behaglich in vielen
Kutschen der dicke, schlau und fröhlich schauende Fürstbischof von
Würzburg, und es zog abgerissen und zu Fuß ein Professor der bayrischen
Universität Landshut, der wegen aufsässiger und ketzerischer Reden
entlassen worden war. Es zogen mit den Agenten einer englischen
Schiffahrtsgesellschaft und mit Weib, Hund und Kind schwäbische
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Auswanderer, die nach Pennsylvanien wollten, es zogen fromm, gewalttätig
und plärrend niederbayrische Wallfahrer auf dem Weg nach Rom, es zogen,
den huschenden, scharfen, behutsamen Blick überall, Silberaufkäufer und
Vieh- und Getreide-Aufkäufer des Wiener Kriegsfaktors, und es zogen
abgedankte kaiserliche Soldaten aus den Türkenkriegen und Gaukler und
Alchimisten und Bettelvolk und junge Herren mit ihren Hofmeistern auf der
Reise von Flandern nach Venedig.
Das alles trieb vorwärts, rückwärts, querte sich, staute sich, hetzte,
stolperte, trottete gemächlich, fluchte über die schlechten Wege, lachte,
erbittert oder behaglich spottend, über die Langsamkeit der Post, greinte
über die abgetriebenen Klepper, das gebrechliche Fuhrwerk. Das alles
flutete vor, ebbte zurück, schwatzte, betete, hurte, lästerte, bangte, jauchzte,
atmete.
Der Herzog ließ die prunkende Kalesche halten, stieg aus, schickte
Kämmerer, Sekretär und Dienerschaft voraus. Auf die verwunderten Blicke
seiner Herren hatte er nur ein ungeduldiges Prusten. Da, wo der Weg den
sanftgrünen Hügel hinanstieg, hielten nun die Wagen, warteten.
Kammerherren und Sekretär krochen vor dem feinen, endlosen Regen ins
Innere der Kutsche, Jäger, Diener, Leibhusar sprachen gedämpft
aufeinander ein, tuschelten, zoteten, pruschten heraus.
Der Herzog Eberhard Ludwig, fünfundfünfzig Jahre, ein dicker, großer
Mann, vollwangig, starklippig, blieb zurück. Er stapfte schwerfällig, den
Samthut in der Hand, daß der feine, warme Regen die Perücke stäubte, und
er achtete nicht der Pfützen, die ihm die glänzenden Stiefel bespritzten und
den tiefschößigen, silbergestickten, kostbaren Rock. Er ging langsam,
beschäftigt, blieb oft stehen, in unmutiger Nervosität durch die starke,
fleischige Nase schnaubend.
Er war in Wildbad gewesen, der Gräfin den Abschied zu geben. War das
jetzt erledigt? Eigentlich nicht. Er hatte nichts gesagt. Die Gräfin hatte auf
seine halben Worte nur verschleierte Blicke gehabt, keine Antwort. Aber sie
mußte doch gemerkt haben, sie war ja so gescheit, sie mußte, mußte
gemerkt haben, was er wollte.
Eigentlich war es gut, daß es so ohne Wetter und Geschrei gegangen war.
An dreißig Jahre waren es jetzt, daß er mit ihr zusammenlebte. Was hatte
und plärrend niederbayrische Wallfahrer auf dem Weg nach Rom, es zogen,
den huschenden, scharfen, behutsamen Blick überall, Silberaufkäufer und
Vieh- und Getreide-Aufkäufer des Wiener Kriegsfaktors, und es zogen
abgedankte kaiserliche Soldaten aus den Türkenkriegen und Gaukler und
Alchimisten und Bettelvolk und junge Herren mit ihren Hofmeistern auf der
Reise von Flandern nach Venedig.
Das alles trieb vorwärts, rückwärts, querte sich, staute sich, hetzte,
stolperte, trottete gemächlich, fluchte über die schlechten Wege, lachte,
erbittert oder behaglich spottend, über die Langsamkeit der Post, greinte
über die abgetriebenen Klepper, das gebrechliche Fuhrwerk. Das alles
flutete vor, ebbte zurück, schwatzte, betete, hurte, lästerte, bangte, jauchzte,
atmete.
Der Herzog ließ die prunkende Kalesche halten, stieg aus, schickte
Kämmerer, Sekretär und Dienerschaft voraus. Auf die verwunderten Blicke
seiner Herren hatte er nur ein ungeduldiges Prusten. Da, wo der Weg den
sanftgrünen Hügel hinanstieg, hielten nun die Wagen, warteten.
Kammerherren und Sekretär krochen vor dem feinen, endlosen Regen ins
Innere der Kutsche, Jäger, Diener, Leibhusar sprachen gedämpft
aufeinander ein, tuschelten, zoteten, pruschten heraus.
Der Herzog Eberhard Ludwig, fünfundfünfzig Jahre, ein dicker, großer
Mann, vollwangig, starklippig, blieb zurück. Er stapfte schwerfällig, den
Samthut in der Hand, daß der feine, warme Regen die Perücke stäubte, und
er achtete nicht der Pfützen, die ihm die glänzenden Stiefel bespritzten und
den tiefschößigen, silbergestickten, kostbaren Rock. Er ging langsam,
beschäftigt, blieb oft stehen, in unmutiger Nervosität durch die starke,
fleischige Nase schnaubend.
Er war in Wildbad gewesen, der Gräfin den Abschied zu geben. War das
jetzt erledigt? Eigentlich nicht. Er hatte nichts gesagt. Die Gräfin hatte auf
seine halben Worte nur verschleierte Blicke gehabt, keine Antwort. Aber sie
mußte doch gemerkt haben, sie war ja so gescheit, sie mußte, mußte
gemerkt haben, was er wollte.
Eigentlich war es gut, daß es so ohne Wetter und Geschrei gegangen war.
An dreißig Jahre waren es jetzt, daß er mit ihr zusammenlebte. Was hatte
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seither die Herzogin gejammert, geschrien, gezetert, gewinselt, intrigiert,
ihn von der Frau zu lösen. Was hatten seine Geheimräte angestellt, der
Kaiser, die Prälaten, das verfluchte Gesindel vom Parlament, die Gesandten
von Kurbraunschweig und Kassel. An dreißig Jahre war die Frau verhaftet
mit allem, was das Land und er erlebt hatten. Sie war er, sie war
Württemberg. Dachte man Württemberg, so dachte man: die Frau, oder: die
Hure, oder: die Gräfin, oder: die Maintenon von Schwaben. Ob kühl oder
hassend, wie immer interessiert, jeder Gedanke an das Herzogtum war ein
Gedanke an die Frau.
Bloß er, er allein, und er lächelte, konnte die Frau denken, gelöst von
Politik, gelöst von dem Herzogtum. Nur er konnte denken: Christl, und es
war kein Gedanke an Soldaten, Geld, Privilegien, Zänkereien mit dem
Parlament, verpfändete Schlösser und Herrschaften, sondern nur die Frau,
allein, lächelnd, sich ihm entgegenräkelnd.
Und jetzt war es also aus, er wird sich wieder mit der Herzogin
versöhnen, und die Landschaft wird jubeln und ihm ein großes Präsent
machen, und der Kaiser wird zufrieden mit dem schlaffen Kopf wackeln,
und der grobe, schlecht angezogene König von Preußen wird ihm
Glückwünsche schicken, und die europäischen Höfe werden den Skandal
vermissen, über den jetzt bereits die zweite Generation klatscht. Und dann
wird er der Herzogin einen Sohn machen, und das Land wird einen zweiten
richtigen Erben haben, und im Himmel und auf Erden wird Wohlgefallen
sein.
Er blies heftig durch die Nase. Ein dumpfes Wüten stieg in ihm auf,
wenn er an die Freude dachte, mit der das Herzogtum, das ganze
Deutschland den Sturz der Frau feiern würde. Er hörte, hörte, wie das Land
aufatmete, er sah die fetten Bürgerkanaillen seines Parlaments, wie sie
triumphierend grunzten, breitmäulig, sich die Schenkel schlagend, er sah
die nüchternen, steifleinenen, korrekten Verwandten der Herzogin und ihren
magern, sauern, höhnischen Jubel. Das ganze Geziefer wird herfallen über
die Frau wie über ein Aas. Sein Leben lang hat er die Frau gehalten gegen
das Gesindel; jetzt, wenn er sie läßt, er ist fünfundfünfzig, wird es ihm das
Gesindel als Greisenschwäche ausdeuten. Er hat zahllose Reskripte
erlassen, die jedes unehrerbietige Wort gegen die Gräfin schwer bestrafen,
er hat sich mit dem Kaiser brouilliert, er hat seinen Jugendfreund und ersten
Minister aus dem Land gejagt wegen eines frechen Wortes über die Frau, er
hat sich herumgeschlagen mit seinen Räten, seinem Parlament, mit dem
ihn von der Frau zu lösen. Was hatten seine Geheimräte angestellt, der
Kaiser, die Prälaten, das verfluchte Gesindel vom Parlament, die Gesandten
von Kurbraunschweig und Kassel. An dreißig Jahre war die Frau verhaftet
mit allem, was das Land und er erlebt hatten. Sie war er, sie war
Württemberg. Dachte man Württemberg, so dachte man: die Frau, oder: die
Hure, oder: die Gräfin, oder: die Maintenon von Schwaben. Ob kühl oder
hassend, wie immer interessiert, jeder Gedanke an das Herzogtum war ein
Gedanke an die Frau.
Bloß er, er allein, und er lächelte, konnte die Frau denken, gelöst von
Politik, gelöst von dem Herzogtum. Nur er konnte denken: Christl, und es
war kein Gedanke an Soldaten, Geld, Privilegien, Zänkereien mit dem
Parlament, verpfändete Schlösser und Herrschaften, sondern nur die Frau,
allein, lächelnd, sich ihm entgegenräkelnd.
Und jetzt war es also aus, er wird sich wieder mit der Herzogin
versöhnen, und die Landschaft wird jubeln und ihm ein großes Präsent
machen, und der Kaiser wird zufrieden mit dem schlaffen Kopf wackeln,
und der grobe, schlecht angezogene König von Preußen wird ihm
Glückwünsche schicken, und die europäischen Höfe werden den Skandal
vermissen, über den jetzt bereits die zweite Generation klatscht. Und dann
wird er der Herzogin einen Sohn machen, und das Land wird einen zweiten
richtigen Erben haben, und im Himmel und auf Erden wird Wohlgefallen
sein.
Er blies heftig durch die Nase. Ein dumpfes Wüten stieg in ihm auf,
wenn er an die Freude dachte, mit der das Herzogtum, das ganze
Deutschland den Sturz der Frau feiern würde. Er hörte, hörte, wie das Land
aufatmete, er sah die fetten Bürgerkanaillen seines Parlaments, wie sie
triumphierend grunzten, breitmäulig, sich die Schenkel schlagend, er sah
die nüchternen, steifleinenen, korrekten Verwandten der Herzogin und ihren
magern, sauern, höhnischen Jubel. Das ganze Geziefer wird herfallen über
die Frau wie über ein Aas. Sein Leben lang hat er die Frau gehalten gegen
das Gesindel; jetzt, wenn er sie läßt, er ist fünfundfünfzig, wird es ihm das
Gesindel als Greisenschwäche ausdeuten. Er hat zahllose Reskripte
erlassen, die jedes unehrerbietige Wort gegen die Gräfin schwer bestrafen,
er hat sich mit dem Kaiser brouilliert, er hat seinen Jugendfreund und ersten
Minister aus dem Land gejagt wegen eines frechen Wortes über die Frau, er
hat sich herumgeschlagen mit seinen Räten, seinem Parlament, mit dem
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ganzen Land um Steuern, immer neue Steuern, um Geld, Geld, Geld für die
Frau. Er hat sie gehalten, gegen Land, Reich und Welt gehalten an dreißig
Jahre.
Was war das für ein Sturm damals durch ganz Europa, als er sich gleich
zu Beginn ohne lange Umstände die Gräfin als zweite Gemahlin neben der
Herzogin hatte antrauen lassen. Es regnete kaiserliche Bitten,
Beschwörungen, Drohungen, die Stände kläfften wie tolle Hunde, die
Verwandten der Herzogin, die Baden-Durlachischen, sahen grün und blau
vor Wut und Verachtung, man wetterte von den Kanzeln gegen ihn,
verweigerte ihm das Abendmahl, das ganze Land war ein Gischt und
Strudel. Nun gut, er hatte sich gefügt, er hatte das Eheverlöbnis mit der
Gräfin aufgehoben, hatte sich mit der Herzogin wieder ausgesöhnt. Was
freilich die Zuneigung betraf und die daraus entstehende eheliche
Beiwohnung – er lächelte, wie er sich der hübschen Phrase erinnerte, mit
der er den Kaiser abgespeist hatte, der Bruder der Gräfin hatte sie ihm
gedrechselt – die Zuneigung also und die daraus entstehende eheliche
Beiwohnung war eine Sache, die von Gott und ihm selbst abhing und zu der
ein Reichsfürst durch Fremde nicht gezwungen werden konnte. Und dann
auf frische, scharfe Befehle des Kaisers hin hatte er die Christl wirklich
weit außer Landes geschickt und sich von seinem dankbaren Parlament viel
Geld dafür bezahlen lassen, und das ganze Land hatte gejubelt. Aber dann –
er schmunzelte, dies war doch der beste Streich seines Lebens – hatte er
durch seine Agenten in Wien einen mürben Trottel von Grafen auftreiben
lassen, und mit dem hatte er die Christl verheiratet und ihn zu seinem
Landhofmeister gemacht, und als Landhofmeisterin kehrte die Frau zurück
unter dem Toben des betrogenen Württemberg, dieweil der Kaiser
ohnmächtig und bedauernd die Achseln zuckte: wer wollte es einem
Reichsfürsten verwehren, die Frau seines ersten Ministers an seinem Hof zu
haben? Und wie hatte die Christl gelacht, als er ihr für das Geld, das ihm
sein Parlament für die Trennung bewilligt hatte, die Herrschaften
Höpfigheim und Gomaringen kaufte.
Jetzt war es ruhig geworden. Wohl erschien da und dort noch ein Pasquill
gegen die Gräfin, aber seine Verbindung mit ihr war nun an dreißig Jahre
eine gegebene Tatsache deutscher, europäischer Politik. Die Stände
knurrten, aber sie hatten gewissen Landverschreibungen an die Gräfin
zugestimmt. Die Herzogin residierte kahl, sauer und resigniert im
Stuttgarter Schloß, ihre Verwandten, die steifleinernen Markgrafen, hatten
Frau. Er hat sie gehalten, gegen Land, Reich und Welt gehalten an dreißig
Jahre.
Was war das für ein Sturm damals durch ganz Europa, als er sich gleich
zu Beginn ohne lange Umstände die Gräfin als zweite Gemahlin neben der
Herzogin hatte antrauen lassen. Es regnete kaiserliche Bitten,
Beschwörungen, Drohungen, die Stände kläfften wie tolle Hunde, die
Verwandten der Herzogin, die Baden-Durlachischen, sahen grün und blau
vor Wut und Verachtung, man wetterte von den Kanzeln gegen ihn,
verweigerte ihm das Abendmahl, das ganze Land war ein Gischt und
Strudel. Nun gut, er hatte sich gefügt, er hatte das Eheverlöbnis mit der
Gräfin aufgehoben, hatte sich mit der Herzogin wieder ausgesöhnt. Was
freilich die Zuneigung betraf und die daraus entstehende eheliche
Beiwohnung – er lächelte, wie er sich der hübschen Phrase erinnerte, mit
der er den Kaiser abgespeist hatte, der Bruder der Gräfin hatte sie ihm
gedrechselt – die Zuneigung also und die daraus entstehende eheliche
Beiwohnung war eine Sache, die von Gott und ihm selbst abhing und zu der
ein Reichsfürst durch Fremde nicht gezwungen werden konnte. Und dann
auf frische, scharfe Befehle des Kaisers hin hatte er die Christl wirklich
weit außer Landes geschickt und sich von seinem dankbaren Parlament viel
Geld dafür bezahlen lassen, und das ganze Land hatte gejubelt. Aber dann –
er schmunzelte, dies war doch der beste Streich seines Lebens – hatte er
durch seine Agenten in Wien einen mürben Trottel von Grafen auftreiben
lassen, und mit dem hatte er die Christl verheiratet und ihn zu seinem
Landhofmeister gemacht, und als Landhofmeisterin kehrte die Frau zurück
unter dem Toben des betrogenen Württemberg, dieweil der Kaiser
ohnmächtig und bedauernd die Achseln zuckte: wer wollte es einem
Reichsfürsten verwehren, die Frau seines ersten Ministers an seinem Hof zu
haben? Und wie hatte die Christl gelacht, als er ihr für das Geld, das ihm
sein Parlament für die Trennung bewilligt hatte, die Herrschaften
Höpfigheim und Gomaringen kaufte.
Jetzt war es ruhig geworden. Wohl erschien da und dort noch ein Pasquill
gegen die Gräfin, aber seine Verbindung mit ihr war nun an dreißig Jahre
eine gegebene Tatsache deutscher, europäischer Politik. Die Stände
knurrten, aber sie hatten gewissen Landverschreibungen an die Gräfin
zugestimmt. Die Herzogin residierte kahl, sauer und resigniert im
Stuttgarter Schloß, ihre Verwandten, die steifleinernen Markgrafen, hatten
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sich in ein ägriertes, hochmütiges Schweigen zurückgezogen. Man fand die
Tatsachen unerhört, aber das tat man schon seit dreißig Jahren, man hatte
sich hineingewöhnt, fügte sich.
Und jetzt also, eigentlich ohne bestimmten Anlaß, sollten alle
Verbindungen mit der Frau sich lösen, fallen, nicht mehr da sein.
Sollten sie? Er hatte nicht gesprochen. Wenn er nicht wollte, war nichts
geschehen.
Der Herzog stand auf der kotigen Landstraße, allein, barhaupt, in dem
feinen, rieselnden Regen. Er zog den rechten Stulphandschuh ab und schlug
ihn mechanisch gegen den Schenkel.
Oder war ein Anlaß gewesen? War ein Anlaß? Der polternde
Preußenkönig hatte ihm, wie er jetzt in Ludwigsburg war, Vorstellungen
gemacht. Er solle sich doch mit der Herzogin versöhnen, dem Land und
sich einen zweiten Erben machen, sein Haus nicht auf die zwei Augen des
Erbprinzen stellen, wo schon die Katholischen auf das Erlöschen der
evangelischen Schwabenherzöge spitzten. Das war es nicht. Nein, das war
es nicht. Soll sich der Preuße nach Haus scheren, zu seinem Sand und
seinen Kiefern, mit seiner faden Nüchternheit und seinem kahlen,
moralischen Sermon, der in jedem dritten Satz von Tod predigte. Er,
Eberhard Ludwig, mit seinen Fünfundfünfzig, war Gott sei dank noch in
Saft und Schuß. Mag doch nach seinem Tod wer will das Land und seine
Schulden auf den Buckel nehmen und sich mit dem lausigen Gesindel vom
Parlament herumärgern. Darum der Christl den Abschied geben? Daß er ein
Narr wäre!
Er nahm den Stapfschritt schneller, pfiff falsch und heftig eine Melodie
aus dem letzten Ballett. Was hatte der Preuße weiter angeführt? Die Gräfin
sei ein schlimmeres Unglück für das Herzogtum als alle Franzoseneinfälle
und höchst beschwerlichen Reichskriege. Alle Drangsal, Jammer und
Verwirrung in Württemberg, des sei sie Ursach und Stifterin. Sie schröpfe
und quetsche gottserbärmlich, und aller Schweiß des Landes sei für ihre
Taschen. Das kannte er. Kotz Donner! Die Melodie pfiff ihm aus hundert
Schmähschriften entgegen, die Sauce servierten ihm seine Stände jede
Woche zum Braten. Wenn Dürre war und Hagelschlag, war nicht auch
daran die Frau schuld? Sollten froh sein, die Querulanten und filzig
greinenden Pfeffersäcke, daß ihre lumpigen Batzen so prächtig in Glanz
und Herrlichkeit umgemünzt wurden. Sie brauchte Geld, ja, ja, und
immerzu, soviel Geld gab es im ganzen römischen Reich nicht, wie sie
Tatsachen unerhört, aber das tat man schon seit dreißig Jahren, man hatte
sich hineingewöhnt, fügte sich.
Und jetzt also, eigentlich ohne bestimmten Anlaß, sollten alle
Verbindungen mit der Frau sich lösen, fallen, nicht mehr da sein.
Sollten sie? Er hatte nicht gesprochen. Wenn er nicht wollte, war nichts
geschehen.
Der Herzog stand auf der kotigen Landstraße, allein, barhaupt, in dem
feinen, rieselnden Regen. Er zog den rechten Stulphandschuh ab und schlug
ihn mechanisch gegen den Schenkel.
Oder war ein Anlaß gewesen? War ein Anlaß? Der polternde
Preußenkönig hatte ihm, wie er jetzt in Ludwigsburg war, Vorstellungen
gemacht. Er solle sich doch mit der Herzogin versöhnen, dem Land und
sich einen zweiten Erben machen, sein Haus nicht auf die zwei Augen des
Erbprinzen stellen, wo schon die Katholischen auf das Erlöschen der
evangelischen Schwabenherzöge spitzten. Das war es nicht. Nein, das war
es nicht. Soll sich der Preuße nach Haus scheren, zu seinem Sand und
seinen Kiefern, mit seiner faden Nüchternheit und seinem kahlen,
moralischen Sermon, der in jedem dritten Satz von Tod predigte. Er,
Eberhard Ludwig, mit seinen Fünfundfünfzig, war Gott sei dank noch in
Saft und Schuß. Mag doch nach seinem Tod wer will das Land und seine
Schulden auf den Buckel nehmen und sich mit dem lausigen Gesindel vom
Parlament herumärgern. Darum der Christl den Abschied geben? Daß er ein
Narr wäre!
Er nahm den Stapfschritt schneller, pfiff falsch und heftig eine Melodie
aus dem letzten Ballett. Was hatte der Preuße weiter angeführt? Die Gräfin
sei ein schlimmeres Unglück für das Herzogtum als alle Franzoseneinfälle
und höchst beschwerlichen Reichskriege. Alle Drangsal, Jammer und
Verwirrung in Württemberg, des sei sie Ursach und Stifterin. Sie schröpfe
und quetsche gottserbärmlich, und aller Schweiß des Landes sei für ihre
Taschen. Das kannte er. Kotz Donner! Die Melodie pfiff ihm aus hundert
Schmähschriften entgegen, die Sauce servierten ihm seine Stände jede
Woche zum Braten. Wenn Dürre war und Hagelschlag, war nicht auch
daran die Frau schuld? Sollten froh sein, die Querulanten und filzig
greinenden Pfeffersäcke, daß ihre lumpigen Batzen so prächtig in Glanz
und Herrlichkeit umgemünzt wurden. Sie brauchte Geld, ja, ja, und
immerzu, soviel Geld gab es im ganzen römischen Reich nicht, wie sie
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brauchte, sie schmeichelte darum, bettelte, winselte, drohte, zürnte,
schmollte, trotzte darum, es war oft ein Jammer und eine Verzweiflung,
wenn er nicht wußte, woher mehr nehmen und immer mehr. Aber was war
besser, die kahle, schäbige Haushälterei der Herzogin, wo kein Pfennig
zuviel vertan wurde, oder der rauschende Glanz der Frau, wo die Schlösser
und Forsten und alle Einkünfte der Kammer wie bunte Funken
verprasselten?
Nein, mit solchen Argumenten konnte man ihm die Frau nicht verekeln.
Er hatte auch dem Brandenburger fein heimgeleuchtet, und er wäre dem
Grobian noch viel schwäbischer übers Maul gefahren, hätte er nur die paar
tausend Soldaten mehr gehabt, die ihm seine Stände niemals, ach niemals
verwilligen würden. Nein, das alles hatte ihm gar keine Impression
gemacht, und wenn doch vielleicht der Knauser, der ungehobelte, den
Anstoß zur Verabschiedung der Gräfin gegeben hatte, so war es mit etwas
ganz anderem, mit einem viel leiseren Wort, auf das er wahrscheinlich
selber kaum Gewicht gelegt hatte. Sie waren, der König und er, auf einen
Aussichtspunkt hinaufgefahren, und wie der Brandenburger das weiche,
wellige Land sah, die sanften, grünen, gesegneten Hügel mit Korn und
Frucht und Wein und Forst, da hatte er vor sich hingeseufzt: „Wie schön!
Wie schön! Und zu denken, daß ein altes Weib darüberliegt wie Meltau und
Nonnenfraß.“
An dem Meltau und Nonnenfraß wäre nun Eberhard Ludwig nicht viel
gelegen. Aber: ein altes Weib. Das biß sich ihm ins Herz. Er, Eberhard
Ludwig, einem alten Weib verhaftet? Alle Flüche, Drohungen,
Beschimpfungen waren an ihm abgeglitten wie Wasser von geöltem Körper.
Aber: ein altes Weib?
Der Herzog erinnerte sich gewisser verjährter Geschichten. Trotz scharfer
Edikte hatte sich immer wieder Geschwätz erhoben, die Frau habe ihn mit
Zaubermitteln behext. Einer Sache vornehmlich entsann er sich bis in jede
Einzelheit. Eine Zofe der Gräfin, sogar den Namen wußte er noch, Lampert
hatte sie geheißen, war zu dem Hofprediger Urlsperger gelaufen und hatte
dem von gottlosen, widerlichen und hexerischen Hantierungen erzählt, die
die Gräfin treibe, um den Herzog an sich zu ketten. Der Hofprediger hatte
ein Protokoll aufgenommen, von der Lampert unterschreiben lassen,
versiegelt, das Geheimnis in seinem Sekretär verwahrt. Der Herzog war
darauf gekommen, eine Untersuchungskommission hatte den Urlsperger
seines Amtes entsetzt, die Lampertin mit Ruten peitschen lassen, sie des
schmollte, trotzte darum, es war oft ein Jammer und eine Verzweiflung,
wenn er nicht wußte, woher mehr nehmen und immer mehr. Aber was war
besser, die kahle, schäbige Haushälterei der Herzogin, wo kein Pfennig
zuviel vertan wurde, oder der rauschende Glanz der Frau, wo die Schlösser
und Forsten und alle Einkünfte der Kammer wie bunte Funken
verprasselten?
Nein, mit solchen Argumenten konnte man ihm die Frau nicht verekeln.
Er hatte auch dem Brandenburger fein heimgeleuchtet, und er wäre dem
Grobian noch viel schwäbischer übers Maul gefahren, hätte er nur die paar
tausend Soldaten mehr gehabt, die ihm seine Stände niemals, ach niemals
verwilligen würden. Nein, das alles hatte ihm gar keine Impression
gemacht, und wenn doch vielleicht der Knauser, der ungehobelte, den
Anstoß zur Verabschiedung der Gräfin gegeben hatte, so war es mit etwas
ganz anderem, mit einem viel leiseren Wort, auf das er wahrscheinlich
selber kaum Gewicht gelegt hatte. Sie waren, der König und er, auf einen
Aussichtspunkt hinaufgefahren, und wie der Brandenburger das weiche,
wellige Land sah, die sanften, grünen, gesegneten Hügel mit Korn und
Frucht und Wein und Forst, da hatte er vor sich hingeseufzt: „Wie schön!
Wie schön! Und zu denken, daß ein altes Weib darüberliegt wie Meltau und
Nonnenfraß.“
An dem Meltau und Nonnenfraß wäre nun Eberhard Ludwig nicht viel
gelegen. Aber: ein altes Weib. Das biß sich ihm ins Herz. Er, Eberhard
Ludwig, einem alten Weib verhaftet? Alle Flüche, Drohungen,
Beschimpfungen waren an ihm abgeglitten wie Wasser von geöltem Körper.
Aber: ein altes Weib?
Der Herzog erinnerte sich gewisser verjährter Geschichten. Trotz scharfer
Edikte hatte sich immer wieder Geschwätz erhoben, die Frau habe ihn mit
Zaubermitteln behext. Einer Sache vornehmlich entsann er sich bis in jede
Einzelheit. Eine Zofe der Gräfin, sogar den Namen wußte er noch, Lampert
hatte sie geheißen, war zu dem Hofprediger Urlsperger gelaufen und hatte
dem von gottlosen, widerlichen und hexerischen Hantierungen erzählt, die
die Gräfin treibe, um den Herzog an sich zu ketten. Der Hofprediger hatte
ein Protokoll aufgenommen, von der Lampert unterschreiben lassen,
versiegelt, das Geheimnis in seinem Sekretär verwahrt. Der Herzog war
darauf gekommen, eine Untersuchungskommission hatte den Urlsperger
seines Amtes entsetzt, die Lampertin mit Ruten peitschen lassen, sie des
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Landes verwiesen. Aber der Herzog war überzeugt, daß nicht nur das Volk,
daß die Untersuchungskommission selber den ruchlosen, scheußlichen
Unflat glaubte, der in dem Protokoll vereidet war. Darnach habe die Gräfin
in Genf ein Hemd der Herzogin in kleine viereckige Stücke geschnitten, in
den mit Branntwein präparierten allerfeinsten Wismuth getunkt und hernach
auf freche und obszöne Manier zu Wischläppchen gebraucht. In Urach habe
sie sich das neugeborene Kalb einer schwarzen Kuh bringen lassen und ihm
eigenhändig den Kopf abgehauen, ebenso habe sie es mit drei schwarzen
Tauben gemacht, einem Bock aber habe sie die Hoden abgeschnitten,
anderer ekelhafter und unsittlicher Hantierung nicht zu gedenken. Durch
solche Mittel, hieß es, habe sie ihn dahin gebracht, daß er seine Gemahlin
durchaus nicht ausstehen, ohne sie selbst aber nicht mehr habe leben
können, indem er Beklemmungen bekommen, sobald er von ihr entfernt
gewesen.
Die Esel die, die dürren, saftlosen! Faseln von Zauberei, können sich’s
nicht ohne Hexenhantierung zusammenreimen, wo jedem gesunden Mann
auf die natürlichste Art das Blut ins Herz und zwischen die Schenkel
schießen muß! Wenn er an Genf dachte, wie die Christl ihm entgegenlachte,
damals, in dem blaßblauen Zimmer im Gasthof Cerf d’Or, auf dem breiten
Bett lagernd, prangend. Da brauchte sie, weiß Gott, keine Kälber zu
schlachten und keine Tauben, um sich ihm ins Blut zu brennen. Aber jetzt?
Ein altes Weib? Er hatte doch Hände zu greifen, Augen zu sehen. Sie war
etwas beleibt, ja, litt an Asthma: aber war es Teufelei und ruchlos
hexerische Manipulation, was ihn weiter an sie kettete? Ihre grauen Augen
waren immer noch bei aller Lindigkeit so groß zwingend, wie vor zwanzig
Jahren, ihr nußbraunes Haar hatte sich nicht verfärbt, und in ihrer Stimme
läuteten noch alle Glocken vom ersten Tag. Freilich, die kleinen Narben, die
ihn damals so ohne Maß gereizt hatten – die Lästerer behaupteten, die
Spuren einer schlechten Krankheit – die versteckte sie jetzt hinter Puder
und Schminke. Ein altes Weib? Sie war diesmal so schwermütig gewesen,
so elegisch. Sie hatte ihn nicht verlacht, ihm keine Szene gemacht, nicht
einmal Geld hatte sie verlangt. Spürte sie was? Aber wenn sie sanft wäre
wie ein eintägiges Lamm: ein altes Weib liebte er nicht. Er, Eberhard
Ludwig, nicht. Da könnte er gleich zu seiner sauern Herzogin zurückkehren
und dem Land den zweiten Sohn machen und mit Gott und dem Kaiser und
dem Reich und seinem Parlament in Frieden sein.
daß die Untersuchungskommission selber den ruchlosen, scheußlichen
Unflat glaubte, der in dem Protokoll vereidet war. Darnach habe die Gräfin
in Genf ein Hemd der Herzogin in kleine viereckige Stücke geschnitten, in
den mit Branntwein präparierten allerfeinsten Wismuth getunkt und hernach
auf freche und obszöne Manier zu Wischläppchen gebraucht. In Urach habe
sie sich das neugeborene Kalb einer schwarzen Kuh bringen lassen und ihm
eigenhändig den Kopf abgehauen, ebenso habe sie es mit drei schwarzen
Tauben gemacht, einem Bock aber habe sie die Hoden abgeschnitten,
anderer ekelhafter und unsittlicher Hantierung nicht zu gedenken. Durch
solche Mittel, hieß es, habe sie ihn dahin gebracht, daß er seine Gemahlin
durchaus nicht ausstehen, ohne sie selbst aber nicht mehr habe leben
können, indem er Beklemmungen bekommen, sobald er von ihr entfernt
gewesen.
Die Esel die, die dürren, saftlosen! Faseln von Zauberei, können sich’s
nicht ohne Hexenhantierung zusammenreimen, wo jedem gesunden Mann
auf die natürlichste Art das Blut ins Herz und zwischen die Schenkel
schießen muß! Wenn er an Genf dachte, wie die Christl ihm entgegenlachte,
damals, in dem blaßblauen Zimmer im Gasthof Cerf d’Or, auf dem breiten
Bett lagernd, prangend. Da brauchte sie, weiß Gott, keine Kälber zu
schlachten und keine Tauben, um sich ihm ins Blut zu brennen. Aber jetzt?
Ein altes Weib? Er hatte doch Hände zu greifen, Augen zu sehen. Sie war
etwas beleibt, ja, litt an Asthma: aber war es Teufelei und ruchlos
hexerische Manipulation, was ihn weiter an sie kettete? Ihre grauen Augen
waren immer noch bei aller Lindigkeit so groß zwingend, wie vor zwanzig
Jahren, ihr nußbraunes Haar hatte sich nicht verfärbt, und in ihrer Stimme
läuteten noch alle Glocken vom ersten Tag. Freilich, die kleinen Narben, die
ihn damals so ohne Maß gereizt hatten – die Lästerer behaupteten, die
Spuren einer schlechten Krankheit – die versteckte sie jetzt hinter Puder
und Schminke. Ein altes Weib? Sie war diesmal so schwermütig gewesen,
so elegisch. Sie hatte ihn nicht verlacht, ihm keine Szene gemacht, nicht
einmal Geld hatte sie verlangt. Spürte sie was? Aber wenn sie sanft wäre
wie ein eintägiges Lamm: ein altes Weib liebte er nicht. Er, Eberhard
Ludwig, nicht. Da könnte er gleich zu seiner sauern Herzogin zurückkehren
und dem Land den zweiten Sohn machen und mit Gott und dem Kaiser und
dem Reich und seinem Parlament in Frieden sein.
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Dann freilich hatte sie Lux zu ihm gesagt, Eberhard Lux, und die
Glocken hatten geklungen wie am ersten Tag. Und dann hatte sie sich über
die Landschaft moquiert, die aus ihren, der Gräfin, Dörfern und
Herrschaften die Juden verjagt haben wollte, ihre Juden, von denen jeder
einzelne am Werktag mehr Hirn im kleinen Finger hatte als die ganze
Landschaft am Feiertag im Kopf. Und wie sie sich über die dumm giftige,
sackgrobe Petition der Landschaft lustig machte, so keine zweite helle,
kluge, heitere Frau, ob jung, ob alt, hatte er nicht mehr erlebt, von
Türkenland bis Paris, von Schweden bis Neapel. Es war doch gut, daß er
nichts Entscheidendes zu ihr gesagt hatte.
Er winkte, unmittelbar vor ihm hielten seine Wagen. Er ließ wenden, er
wollte jetzt doch nicht nach Stuttgart fahren, auch nicht nach Ludwigsburg.
Nach Neßlach, dem kleinen, verlorenen Jagdhaus. Er wollte Ruhe haben,
sich auslüften. Er schickte einen Läufer um den Geheimrat Schütz, mit dem
wollte er die Affäre in aller Ruhe nochmals durchsprechen.
Ein altes Weib?
Noch auf dem Weg nach Neßlach schickte er auch den zweiten Jäger fort.
Die neue, blutjunge, ungarische Tänzerin, die vor acht Tagen in
Ludwigsburg eingetroffen war, soll ungesäumt ins Jagdhaus fahren. Donner
und Türken! Er wird sich den preußischen Besuch vom Leib spülen.
Der herzoglich württembergische Hoffaktor Isaak Simon Landauer war in
Rotterdam gewesen, wo er auf Rechnung des kurpfälzischen Hofes gewisse
Kreditgeschäfte mit der niederländisch-ostindischen Gesellschaft geregelt
hatte. Von Rotterdam berief ihn ein Eilbote der Gräfin Würben dringlich
zurück nach Wildbad zur Gräfin. Unterwegs hatte er einen Geschäftsfreund
getroffen, Josef Süß Oppenheimer, kurpfälzischen Oberhof- und
Kriegsfaktor, zugleich Kammeragenten des geistlichen Kurfürsten von
Köln. Josef Süß, der eine Reihe aufregender und anstrengender Geschäfte
hinter sich hatte, wollte sich in irgendeinem Badeort ausruhen und ließ sich
von Isaak Landauer leicht bestimmen, mit nach Wildbad zu gehen.
Die beiden Männer fuhren in dem eleganten Privat-Reisewagen des Süß.
„Kostet mindestens seine zweihundert Reichstaler jährlich, der Wagen,“
konstatierte mit gutmütiger, leicht spöttischer Mißbilligung Isaak Landauer.
Hintenauf saß des Süß Leibdiener und Sekretär, Nicklas Pfäffle, ehemaliger
Glocken hatten geklungen wie am ersten Tag. Und dann hatte sie sich über
die Landschaft moquiert, die aus ihren, der Gräfin, Dörfern und
Herrschaften die Juden verjagt haben wollte, ihre Juden, von denen jeder
einzelne am Werktag mehr Hirn im kleinen Finger hatte als die ganze
Landschaft am Feiertag im Kopf. Und wie sie sich über die dumm giftige,
sackgrobe Petition der Landschaft lustig machte, so keine zweite helle,
kluge, heitere Frau, ob jung, ob alt, hatte er nicht mehr erlebt, von
Türkenland bis Paris, von Schweden bis Neapel. Es war doch gut, daß er
nichts Entscheidendes zu ihr gesagt hatte.
Er winkte, unmittelbar vor ihm hielten seine Wagen. Er ließ wenden, er
wollte jetzt doch nicht nach Stuttgart fahren, auch nicht nach Ludwigsburg.
Nach Neßlach, dem kleinen, verlorenen Jagdhaus. Er wollte Ruhe haben,
sich auslüften. Er schickte einen Läufer um den Geheimrat Schütz, mit dem
wollte er die Affäre in aller Ruhe nochmals durchsprechen.
Ein altes Weib?
Noch auf dem Weg nach Neßlach schickte er auch den zweiten Jäger fort.
Die neue, blutjunge, ungarische Tänzerin, die vor acht Tagen in
Ludwigsburg eingetroffen war, soll ungesäumt ins Jagdhaus fahren. Donner
und Türken! Er wird sich den preußischen Besuch vom Leib spülen.
Der herzoglich württembergische Hoffaktor Isaak Simon Landauer war in
Rotterdam gewesen, wo er auf Rechnung des kurpfälzischen Hofes gewisse
Kreditgeschäfte mit der niederländisch-ostindischen Gesellschaft geregelt
hatte. Von Rotterdam berief ihn ein Eilbote der Gräfin Würben dringlich
zurück nach Wildbad zur Gräfin. Unterwegs hatte er einen Geschäftsfreund
getroffen, Josef Süß Oppenheimer, kurpfälzischen Oberhof- und
Kriegsfaktor, zugleich Kammeragenten des geistlichen Kurfürsten von
Köln. Josef Süß, der eine Reihe aufregender und anstrengender Geschäfte
hinter sich hatte, wollte sich in irgendeinem Badeort ausruhen und ließ sich
von Isaak Landauer leicht bestimmen, mit nach Wildbad zu gehen.
Die beiden Männer fuhren in dem eleganten Privat-Reisewagen des Süß.
„Kostet mindestens seine zweihundert Reichstaler jährlich, der Wagen,“
konstatierte mit gutmütiger, leicht spöttischer Mißbilligung Isaak Landauer.
Hintenauf saß des Süß Leibdiener und Sekretär, Nicklas Pfäffle, ehemaliger
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Notariatsgehilfe, ein blasser, fetter, phlegmatischer Mensch, den er in
Mannheim während seiner Tätigkeit in der Kanzlei des Advokaten Lanz
kennengelernt hatte und den er, den Vielverwendbaren, seither für seine
persönlichen Dienste auf alle Reisen mitnahm.
Isaak Landauer trug jüdische Tracht, Schläfenlocken, Käppchen, Kaftan,
schütteren Ziegenbart, rotblond, verfärbt. Ja, er trug sogar das
Judenzeichen, das ein Jahrhundert vorher im Herzogtum eingeführt war, ein
Jagdhorn und ein S darüber, trotzdem keine Behörde daran gedacht hätte,
von dem angesehenen, mächtigen Mann, der bei dem Herzog und der
Gräfin groß in Gunst stand, dergleichen zu verlangen. Isaak Landauer war
der geschickteste Geldmann im westlichen Deutschland. Seine
Verbindungen reichten von den Wiener Oppenheimer, den Bankiers des
Kaisers, bis zu den Kapitalisten der Provence, von den reichen Händlern der
Levante bis zu den jüdischen Kapitalisten in Holland und den Hansestädten,
die die Schiffahrt nach Uebersee finanzierten. Er lehnte in unschöner, nicht
natürlicher Haltung im Polster zurück und barg, der unansehnliche,
schmutzige Mann, fröstelnd die magern blutlosen Hände im Kaftan. Leicht
schläfrig vom Fahren, die kleinen Augen halb geschlossen, beobachtete er
mit gutmütigem, kleinem, ein wenig spöttischem Lächeln seinen Gefährten.
Josef Süß, stattlich, bartlos, modisch, fast ein wenig geckenhaft gekleidet,
saß aufrecht, besah, den Blick rastlos, scharf, rasch, jedes Detail der
Landschaft, die noch immer in feinem Regen wie hinter einem Schleier lag.
Isaak Landauer schaute mit wohlwollendem Interesse und amüsiert den
Kollegen auf und ab. Den elegant geschnittenen hirschbraunen Rock,
silberbordiert, aus allerfeinstem Tuch, die zierlich und präzis gekrauste und
gepuderte Perücke, die zärtlich gefältelten Spitzenmanschetten, die allein
ihre vierzig Gulden mochten gekostet haben. Er hatte immer ein Faible für
diesen Süß Oppenheimer gehabt, dem die Unternehmungslust und die
Lebgier so unbändig aus den großen, rastlosen, kugeligen Augen brannte.
Das also war die neue Generation. Er, Isaak Landauer, hatte unendlich viel
gesehen, die Löcher der Judengasse und die Lustschlösser der Großen.
Enge, Schmutz, Verfolgung, Brand, Tod, Unterdrückung, letzte Ohnmacht.
Und Prunk, Weite, Willkür, Herrentum und Herrlichkeit. Er kannte wie nur
ganz wenige, drei, vier andere im Reich, den Mechanismus der Diplomatie,
übersah bis ins Kleinste den Apparat des Kriegs und des Friedens, des
Regiments über die Menschen. Seine zahllosen Geschäfte hatten ihm das
Auge geschärft für die Zusammenhänge, und er wußte mit einem
Mannheim während seiner Tätigkeit in der Kanzlei des Advokaten Lanz
kennengelernt hatte und den er, den Vielverwendbaren, seither für seine
persönlichen Dienste auf alle Reisen mitnahm.
Isaak Landauer trug jüdische Tracht, Schläfenlocken, Käppchen, Kaftan,
schütteren Ziegenbart, rotblond, verfärbt. Ja, er trug sogar das
Judenzeichen, das ein Jahrhundert vorher im Herzogtum eingeführt war, ein
Jagdhorn und ein S darüber, trotzdem keine Behörde daran gedacht hätte,
von dem angesehenen, mächtigen Mann, der bei dem Herzog und der
Gräfin groß in Gunst stand, dergleichen zu verlangen. Isaak Landauer war
der geschickteste Geldmann im westlichen Deutschland. Seine
Verbindungen reichten von den Wiener Oppenheimer, den Bankiers des
Kaisers, bis zu den Kapitalisten der Provence, von den reichen Händlern der
Levante bis zu den jüdischen Kapitalisten in Holland und den Hansestädten,
die die Schiffahrt nach Uebersee finanzierten. Er lehnte in unschöner, nicht
natürlicher Haltung im Polster zurück und barg, der unansehnliche,
schmutzige Mann, fröstelnd die magern blutlosen Hände im Kaftan. Leicht
schläfrig vom Fahren, die kleinen Augen halb geschlossen, beobachtete er
mit gutmütigem, kleinem, ein wenig spöttischem Lächeln seinen Gefährten.
Josef Süß, stattlich, bartlos, modisch, fast ein wenig geckenhaft gekleidet,
saß aufrecht, besah, den Blick rastlos, scharf, rasch, jedes Detail der
Landschaft, die noch immer in feinem Regen wie hinter einem Schleier lag.
Isaak Landauer schaute mit wohlwollendem Interesse und amüsiert den
Kollegen auf und ab. Den elegant geschnittenen hirschbraunen Rock,
silberbordiert, aus allerfeinstem Tuch, die zierlich und präzis gekrauste und
gepuderte Perücke, die zärtlich gefältelten Spitzenmanschetten, die allein
ihre vierzig Gulden mochten gekostet haben. Er hatte immer ein Faible für
diesen Süß Oppenheimer gehabt, dem die Unternehmungslust und die
Lebgier so unbändig aus den großen, rastlosen, kugeligen Augen brannte.
Das also war die neue Generation. Er, Isaak Landauer, hatte unendlich viel
gesehen, die Löcher der Judengasse und die Lustschlösser der Großen.
Enge, Schmutz, Verfolgung, Brand, Tod, Unterdrückung, letzte Ohnmacht.
Und Prunk, Weite, Willkür, Herrentum und Herrlichkeit. Er kannte wie nur
ganz wenige, drei, vier andere im Reich, den Mechanismus der Diplomatie,
übersah bis ins Kleinste den Apparat des Kriegs und des Friedens, des
Regiments über die Menschen. Seine zahllosen Geschäfte hatten ihm das
Auge geschärft für die Zusammenhänge, und er wußte mit einem
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gutmütigen und spöttischen Wissen um die feinen, lächerlichen
Gebundenheiten der Großen. Er wußte, es gab nur Eine Realität auf dieser
Welt: Geld. Krieg und Frieden, Leben und Tod, die Tugend der Frauen, die
Macht des Papstes, zu binden und zu lösen, der Freiheitsmut der Stände, die
Reinheit der Augsburgischen Konfession, die Schiffe auf den Meeren, die
Herrschgewalt der Fürsten, die Christianisierung der Neuen Welt, Liebe,
Frommheit, Feigheit, Ueppigkeit, Laster und Tugend: aus Geld kam alles
und zu Geld wurde alles, und alles ließ sich in Ziffern ausdrücken. Er, Isaak
Landauer, wußte das, er saß mit an den Quellen, konnte den Strom mit
lenken, konnte verdorren lassen, befruchten. Aber er war nicht so töricht,
diese seine Macht herauszukrähen, er hielt sie heimlich, und ein kleines,
seltenes, amüsiertes Lächeln war alles, was von seinem Wissen und seiner
Macht zeugte. Und eines noch. Vielleicht hatten die Rabbiner und Gelehrten
der Judengasse recht, die von Gott und Talmud und Garten des Paradieses
und Tal der Verwünschung als von Tatsachen mit genauen Einzelheiten
erzählten, er persönlich hatte nicht viel Zeit für solche Erörterungen und
war eher geneigt, gewissen Franzosen zu glauben, die derartige Dinge mit
elegantem Hohn abtaten; auch in seiner Praxis kümmerte er sich nicht
darum, er aß, was ihm beliebte, und hielt den Sabbat wie den Werktag: aber
in Tracht und Aussehen klammerte er eigensinnig an dem Ueberkommenen.
In seinem Kaftan stak er wie in seiner Haut. So trat er in das Kabinett der
Fürsten und des Kaisers. Das war das andere tiefere und heimliche Zeichen
seiner Macht. Er verschmähte Handschuhe und Perücke. Man brauchte ihn,
und dies war Triumph, auch in Kaftan und Haarlöckchen.
Aber da war nun dieser Josef Süß Oppenheimer, die neue Generation. Da
saß er stolz prunkend, mit seinen Schnallenschuhen und seinen
Spitzenmanschetten, und blähte sich. Sie war plump, diese neue Generation.
Von dem feinen Genuß, die Macht heimlich zu halten, sie zu haben und
nichts davon zu zeigen, von diesem feineren Genuß des
Stillfürsichauskostens verstand sie nichts. Berlocken und Atlashosen und
ein eleganter Reisewagen und Diener hintenauf und die kleinen äußeren
Zeichen des Besitzes, das galt ihr mehr, als in wohlverwahrter Truhe eine
Schuldverschreibung der Stadt Frankfurt oder des Markgräflich Badenschen
Kammergutes. Eine Generation ohne Feinheit, ohne Geschmack.
Und dennoch mochte er den Süß gern leiden. Wie er dasaß, immer jede
Fiber gespannt, gierig, sich aus dem Kuchen Welt sein mächtig Teil
herauszufressen. Er, Isaak Landauer, hatte damals des jungen Menschen
Gebundenheiten der Großen. Er wußte, es gab nur Eine Realität auf dieser
Welt: Geld. Krieg und Frieden, Leben und Tod, die Tugend der Frauen, die
Macht des Papstes, zu binden und zu lösen, der Freiheitsmut der Stände, die
Reinheit der Augsburgischen Konfession, die Schiffe auf den Meeren, die
Herrschgewalt der Fürsten, die Christianisierung der Neuen Welt, Liebe,
Frommheit, Feigheit, Ueppigkeit, Laster und Tugend: aus Geld kam alles
und zu Geld wurde alles, und alles ließ sich in Ziffern ausdrücken. Er, Isaak
Landauer, wußte das, er saß mit an den Quellen, konnte den Strom mit
lenken, konnte verdorren lassen, befruchten. Aber er war nicht so töricht,
diese seine Macht herauszukrähen, er hielt sie heimlich, und ein kleines,
seltenes, amüsiertes Lächeln war alles, was von seinem Wissen und seiner
Macht zeugte. Und eines noch. Vielleicht hatten die Rabbiner und Gelehrten
der Judengasse recht, die von Gott und Talmud und Garten des Paradieses
und Tal der Verwünschung als von Tatsachen mit genauen Einzelheiten
erzählten, er persönlich hatte nicht viel Zeit für solche Erörterungen und
war eher geneigt, gewissen Franzosen zu glauben, die derartige Dinge mit
elegantem Hohn abtaten; auch in seiner Praxis kümmerte er sich nicht
darum, er aß, was ihm beliebte, und hielt den Sabbat wie den Werktag: aber
in Tracht und Aussehen klammerte er eigensinnig an dem Ueberkommenen.
In seinem Kaftan stak er wie in seiner Haut. So trat er in das Kabinett der
Fürsten und des Kaisers. Das war das andere tiefere und heimliche Zeichen
seiner Macht. Er verschmähte Handschuhe und Perücke. Man brauchte ihn,
und dies war Triumph, auch in Kaftan und Haarlöckchen.
Aber da war nun dieser Josef Süß Oppenheimer, die neue Generation. Da
saß er stolz prunkend, mit seinen Schnallenschuhen und seinen
Spitzenmanschetten, und blähte sich. Sie war plump, diese neue Generation.
Von dem feinen Genuß, die Macht heimlich zu halten, sie zu haben und
nichts davon zu zeigen, von diesem feineren Genuß des
Stillfürsichauskostens verstand sie nichts. Berlocken und Atlashosen und
ein eleganter Reisewagen und Diener hintenauf und die kleinen äußeren
Zeichen des Besitzes, das galt ihr mehr, als in wohlverwahrter Truhe eine
Schuldverschreibung der Stadt Frankfurt oder des Markgräflich Badenschen
Kammergutes. Eine Generation ohne Feinheit, ohne Geschmack.
Und dennoch mochte er den Süß gern leiden. Wie er dasaß, immer jede
Fiber gespannt, gierig, sich aus dem Kuchen Welt sein mächtig Teil
herauszufressen. Er, Isaak Landauer, hatte damals des jungen Menschen
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Schifflein ins Wasser gestoßen, als der trotz aller Mühe und wilden
Getriebes nicht von Land kommen konnte. Nun, jetzt schwamm das
Schifflein, es schwamm in vollem Strom, und Isaak Landauer schaute
neugierig und geruhig zu, wie und wohin.
Eine Extrapost kam ihnen entgegen. Ein feister Mann saß darin, behäbig,
das Gesicht stark, reckenhaft, daneben fett, rund, dumm eine Frau. Es
mochte ein Ehepaar sein auf einer Reise zu einer Familienfestlichkeit.
Während die Wagen umständlich und unter lärmenden Gruß-, Scherz- und
Fluchreden der Kutscher einander auswichen, schickte der Mann sich an,
mit Süß ein kleines, gemütliches Reisegespräch zu beginnen. Wie er aber
Isaak Landauer sah in seiner jüdischen Tracht, lehnte er sich ostentativ
zurück und spie in weitem Bogen aus. Auch die Frau suchte ihrem
dummen, gutmütigen Gesicht Strenge und Verachtung aufzusetzen. „Der
Rat Etterlin aus Ravensburg“, sagte Isaak Landauer, der alle Menschen
kannte, mit einem kleinen, glucksenden Lachen. „Mögen die Juden nicht,
die Ravensburger. Seitdem sie den Kindermordprozeß gehabt haben und
ihre Juden gemartert, gebrannt und geplündert, hassen sie uns mehr als das
ganze andere Schwaben. Das sind jetzt dreihundert Jahr. Heute hat man
humanere Methoden, weniger komplizierte, dem Juden sein Geld zu
stehlen. Aber wem man solches Unrecht getan hat, versteht sich, daß man
weiter gegen den gereizt ist, auch nach dreihundert Jahr. Nun, wir werden’s
überleben.“
Süß haßte den Alten in diesem Augenblick. Die schmuddeligen
Haarlöckchen, den fettigen Kaftan, das gurgelnde Lachen. Er
kompromittierte einen mit seinem albernen, altmodischen, jüdischen
Gehabe. Er verstand ihn nicht, den da, mit seinen senilen Marotten. Der
hatte nun Geld wie Heu, einen unermeßlichen Kredit, Beziehungen zu allen
Höfen, Vertrauen bei allen Fürsten, er, Süß, saß vor ihm wie eine Eidechse
vor einem Krokodil: und solcher Mann ging in dem schmutzigen Rockelor,
forderte Hohnrufe und Gespei heraus, begnügte sich, Geld zu häufen, das
Schreiberei in seinen Kontoren blieb. Was war denn Geld, wenn man es
nicht wandelte in Ansehen, Pracht, Häuser, Pferde, prunkende Kleider,
Weiber? Verspürte dieser Alte nicht Lust, auf andere herunterzuspucken,
wie man auf ihn herunterspie, Fußtritte weiterzugeben? Wozu schuf sich
einer Macht, wenn er sie nicht zeigte? Der Ravensburger
Kindermordprozeß! Solches Zeug lag ihm im Sinn! Verstaubt, vermodert,
vergraben. Heute war es, Gott sei Dank, besser, gesitteter, zivilisierter.
Getriebes nicht von Land kommen konnte. Nun, jetzt schwamm das
Schifflein, es schwamm in vollem Strom, und Isaak Landauer schaute
neugierig und geruhig zu, wie und wohin.
Eine Extrapost kam ihnen entgegen. Ein feister Mann saß darin, behäbig,
das Gesicht stark, reckenhaft, daneben fett, rund, dumm eine Frau. Es
mochte ein Ehepaar sein auf einer Reise zu einer Familienfestlichkeit.
Während die Wagen umständlich und unter lärmenden Gruß-, Scherz- und
Fluchreden der Kutscher einander auswichen, schickte der Mann sich an,
mit Süß ein kleines, gemütliches Reisegespräch zu beginnen. Wie er aber
Isaak Landauer sah in seiner jüdischen Tracht, lehnte er sich ostentativ
zurück und spie in weitem Bogen aus. Auch die Frau suchte ihrem
dummen, gutmütigen Gesicht Strenge und Verachtung aufzusetzen. „Der
Rat Etterlin aus Ravensburg“, sagte Isaak Landauer, der alle Menschen
kannte, mit einem kleinen, glucksenden Lachen. „Mögen die Juden nicht,
die Ravensburger. Seitdem sie den Kindermordprozeß gehabt haben und
ihre Juden gemartert, gebrannt und geplündert, hassen sie uns mehr als das
ganze andere Schwaben. Das sind jetzt dreihundert Jahr. Heute hat man
humanere Methoden, weniger komplizierte, dem Juden sein Geld zu
stehlen. Aber wem man solches Unrecht getan hat, versteht sich, daß man
weiter gegen den gereizt ist, auch nach dreihundert Jahr. Nun, wir werden’s
überleben.“
Süß haßte den Alten in diesem Augenblick. Die schmuddeligen
Haarlöckchen, den fettigen Kaftan, das gurgelnde Lachen. Er
kompromittierte einen mit seinem albernen, altmodischen, jüdischen
Gehabe. Er verstand ihn nicht, den da, mit seinen senilen Marotten. Der
hatte nun Geld wie Heu, einen unermeßlichen Kredit, Beziehungen zu allen
Höfen, Vertrauen bei allen Fürsten, er, Süß, saß vor ihm wie eine Eidechse
vor einem Krokodil: und solcher Mann ging in dem schmutzigen Rockelor,
forderte Hohnrufe und Gespei heraus, begnügte sich, Geld zu häufen, das
Schreiberei in seinen Kontoren blieb. Was war denn Geld, wenn man es
nicht wandelte in Ansehen, Pracht, Häuser, Pferde, prunkende Kleider,
Weiber? Verspürte dieser Alte nicht Lust, auf andere herunterzuspucken,
wie man auf ihn herunterspie, Fußtritte weiterzugeben? Wozu schuf sich
einer Macht, wenn er sie nicht zeigte? Der Ravensburger
Kindermordprozeß! Solches Zeug lag ihm im Sinn! Verstaubt, vermodert,
vergraben. Heute war es, Gott sei Dank, besser, gesitteter, zivilisierter.
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Heute, wenn es der Jud nur schlau anfing, saß er mit den großen Herren an
einem Tisch. Hatte nicht sein Großvetter, der Wiener Oppenheimer, vor
dem Römischen Kaiser darauf pochen können: wenn jetzt gegen die Türken
die kaiserlichen Waffen siegreich waren, so war des er, der Jud
Oppenheimer, mit die vornehmste Ursach. Und die kaiserliche
Kriegskanzlei und der Feldmarschall Prinz Eugen hatte das in bester Form
und mit Siegel und Dank bestätigt. Brauchte sich einer nur nicht in alberne
Capricen verbeißen und mit Kaftan und Schläfenlöckchen herumlaufen.
Dann hätte auch der Ratsherr Etterlin aus Ravensburg seinen Diener und
Kompliment gemacht.
Isaak Landauer saß immer in der gleichen unbequemen, aufreizend
uneleganten Haltung. Er las dem Süß wohl die Gedanken von der Stirn;
aber er schwieg, schloß halb die spähenden Augen, mummelte.
Süß hatte wirklich die Absicht, sich in Wildbad zu erholen, auszuruhen.
Er hatte zwei gefährliche, aufregende Affären hinter sich. Einmal die
Einführung des Stempelpapiers in der Kurpfalz. Der Kurhut hatte sich eine
verdammt hohe Pacht zahlen lassen. Das Volk hatte sich gegen die neue
Steuer gewehrt wie ein bissiger Hund. Jenun, er hatte sich nicht
einschüchtern lassen, er hatte wider die Beschimpfungen, Drohungen,
Aufläufe vor seinen Büros, Pasquille, Tätlichkeiten das Siegel und die
Handschrift des Kurfürsten, er hatte von seiner Schrift kein Jota abgelassen,
und das hatte sich auch gelohnt, er hatte den Vertrag mit einem Gewinn von
zwölftausend Gulden weiterverkauft. Und er hatte sich dann nicht etwa
Ruhe gegönnt, nein, die zwölftausend Gulden mußten sogleich
weiterarbeiten. Entschlossen, schnell und gesammelt – man ließ ihm nur
zwei Tage Bedenkzeit – war er in den Münzakkord mit Hessen-Darmstadt
hineingesprungen. Ein gefährliches Geschäft. Sein Bruder, der Baron, der
Getaufte, der doch in Darmstadt zu Hause war und das Terrain genau
kannte, hatte es nicht gewagt; selbst Isaak Landauer hatte mit dem Kopf
gewackelt und sein Lächeln eingestellt. Die Rentämter von Baden-Durlach,
Ansbach, Waldeck, Fulda, Hechingen, Montfort waren erbitterte
Konkurrenten und prägten, was sie konnten. Noch schlechtere Münze zu
prägen, dazu mußte man verdammt kaltes Blut haben und eine Stirn, eisern
bis zur Verzweiflung. Süß hatte sie. Und wußte auch dieses Geschäft mit
Profit und zur rechten Zeit abzustoßen. Mochte sich jetzt sein Nachfolger
mit den tausend Widerwärtigkeiten herumschlagen. Er war gedeckt durch
ein Dekret des Landgrafen, er war mit gutem Profit, in Gnaden, aus seinen
einem Tisch. Hatte nicht sein Großvetter, der Wiener Oppenheimer, vor
dem Römischen Kaiser darauf pochen können: wenn jetzt gegen die Türken
die kaiserlichen Waffen siegreich waren, so war des er, der Jud
Oppenheimer, mit die vornehmste Ursach. Und die kaiserliche
Kriegskanzlei und der Feldmarschall Prinz Eugen hatte das in bester Form
und mit Siegel und Dank bestätigt. Brauchte sich einer nur nicht in alberne
Capricen verbeißen und mit Kaftan und Schläfenlöckchen herumlaufen.
Dann hätte auch der Ratsherr Etterlin aus Ravensburg seinen Diener und
Kompliment gemacht.
Isaak Landauer saß immer in der gleichen unbequemen, aufreizend
uneleganten Haltung. Er las dem Süß wohl die Gedanken von der Stirn;
aber er schwieg, schloß halb die spähenden Augen, mummelte.
Süß hatte wirklich die Absicht, sich in Wildbad zu erholen, auszuruhen.
Er hatte zwei gefährliche, aufregende Affären hinter sich. Einmal die
Einführung des Stempelpapiers in der Kurpfalz. Der Kurhut hatte sich eine
verdammt hohe Pacht zahlen lassen. Das Volk hatte sich gegen die neue
Steuer gewehrt wie ein bissiger Hund. Jenun, er hatte sich nicht
einschüchtern lassen, er hatte wider die Beschimpfungen, Drohungen,
Aufläufe vor seinen Büros, Pasquille, Tätlichkeiten das Siegel und die
Handschrift des Kurfürsten, er hatte von seiner Schrift kein Jota abgelassen,
und das hatte sich auch gelohnt, er hatte den Vertrag mit einem Gewinn von
zwölftausend Gulden weiterverkauft. Und er hatte sich dann nicht etwa
Ruhe gegönnt, nein, die zwölftausend Gulden mußten sogleich
weiterarbeiten. Entschlossen, schnell und gesammelt – man ließ ihm nur
zwei Tage Bedenkzeit – war er in den Münzakkord mit Hessen-Darmstadt
hineingesprungen. Ein gefährliches Geschäft. Sein Bruder, der Baron, der
Getaufte, der doch in Darmstadt zu Hause war und das Terrain genau
kannte, hatte es nicht gewagt; selbst Isaak Landauer hatte mit dem Kopf
gewackelt und sein Lächeln eingestellt. Die Rentämter von Baden-Durlach,
Ansbach, Waldeck, Fulda, Hechingen, Montfort waren erbitterte
Konkurrenten und prägten, was sie konnten. Noch schlechtere Münze zu
prägen, dazu mußte man verdammt kaltes Blut haben und eine Stirn, eisern
bis zur Verzweiflung. Süß hatte sie. Und wußte auch dieses Geschäft mit
Profit und zur rechten Zeit abzustoßen. Mochte sich jetzt sein Nachfolger
mit den tausend Widerwärtigkeiten herumschlagen. Er war gedeckt durch
ein Dekret des Landgrafen, er war mit gutem Profit, in Gnaden, aus seinen
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Diensten entlassen worden. Jetzt hatte er sein schönes Haus in Frankfurt, in
Mannheim, beide schuldenfrei, dazu gewisse Liegenschaften, von denen
niemand eine Ahnung hatte, in den östlichsten Teilen des römischen
Reiches. Kapital, Verbindungen, Titel, Kredit. Den Ruf eines findigen
Kopfes, einer glücklichen Hand. Er durfte sich, weiß Gott, Ruhe und ein
Leben aus dem Vollen gönnen. Er wollte der Welt zeigen, wer der
kurpfälzische Oberhof- und Kriegsfaktor war. Der Luxus selbst seiner
Muße wirkte ja für sein Geschäft, empfahl ihn den großen Herren.
So fest er entschlossen war, die Tage in Wildbad seiner Erholung zu
gönnen, so falsch ihm Isaak Landauers Grundsätze schienen – seine eigene
Art, mit Fürsten und großen Herren umzugehen, sich ihnen anzuschmiegen,
war sicher die zeitgemäße, einzig richtige –: es wäre Wahnsinn gewesen,
von diesem Genie der vorigen Generation, diesem personen- und
sachkundigsten Finanzmann nicht auf der Reise zu profitieren. Er fragte
also geradezu nach der Gräfin, ihren Aussichten, Hoffnungen,
Schwierigkeiten, ihrer geschäftlichen Bonität.
Isaak Landauer schüttelte, sowie von Geschäften die Rede war, die
Schläfrigkeit ab und richtete kluge, sehr wache, spähende Augen auf den
Gefährten. Es war ihm Geschäftsprinzip, wenn möglich, bei der Wahrheit
zu bleiben. Gerade durch seine gewagten und verblüffenden Offenheiten
hatte er die größten Profite gemacht. Er wußte, der Süß mochte die Gräfin
nicht leiden; ihre Geldgier schien ihm unfürstlich, ordinär. Was sollte er den
Kollegen nicht ein wenig ärgern, indem er die Sicherheit, die Chancen des
Geschäfts ins vollste Licht rückte. Er analysierte kurz, klar, sachlich. Eine
gescheite Dame, die Gräfin. Sinn für Realitäten. Sie hat sich jede
Steigerung in der Liebe des Herzogs mit Terrains und Privilegien zahlen
lassen, und nahm er ab in der Liebe, dann mußte er, wenn er wiederkam,
mit Bargeld und Juwelen zahlen. Was hat sie in das Geschäft
hineingesteckt? Ein hübsches Gesicht, einen kleinen Adelstitel, ein bißchen
problematische Jungfräulichkeit. Nicht einmal Kleider hat sie gehabt, wie
sie an den Hof kam. Und was hat sie herausgewirtschaftet? Die Gräfin von
Würben, die Gräfin von Urach, die Landhofmeisterin Exzellenz, Präsidentin
des Conseils. Die Oberaufsicht der herzoglichen Schatulle.
Achtzehntausend Gulden Apanage. Die Stammkleinodien und
Hausjuwelen. Alle Honneurs, Emolumenta und Privilegien einer
reichsunmittelbaren Fürstin. Barkapital und Tratten auf Prag, Venedig,
Genf, Hamburg. In ihren Schatullen, sagt mir der Sekretär Pfau,
Mannheim, beide schuldenfrei, dazu gewisse Liegenschaften, von denen
niemand eine Ahnung hatte, in den östlichsten Teilen des römischen
Reiches. Kapital, Verbindungen, Titel, Kredit. Den Ruf eines findigen
Kopfes, einer glücklichen Hand. Er durfte sich, weiß Gott, Ruhe und ein
Leben aus dem Vollen gönnen. Er wollte der Welt zeigen, wer der
kurpfälzische Oberhof- und Kriegsfaktor war. Der Luxus selbst seiner
Muße wirkte ja für sein Geschäft, empfahl ihn den großen Herren.
So fest er entschlossen war, die Tage in Wildbad seiner Erholung zu
gönnen, so falsch ihm Isaak Landauers Grundsätze schienen – seine eigene
Art, mit Fürsten und großen Herren umzugehen, sich ihnen anzuschmiegen,
war sicher die zeitgemäße, einzig richtige –: es wäre Wahnsinn gewesen,
von diesem Genie der vorigen Generation, diesem personen- und
sachkundigsten Finanzmann nicht auf der Reise zu profitieren. Er fragte
also geradezu nach der Gräfin, ihren Aussichten, Hoffnungen,
Schwierigkeiten, ihrer geschäftlichen Bonität.
Isaak Landauer schüttelte, sowie von Geschäften die Rede war, die
Schläfrigkeit ab und richtete kluge, sehr wache, spähende Augen auf den
Gefährten. Es war ihm Geschäftsprinzip, wenn möglich, bei der Wahrheit
zu bleiben. Gerade durch seine gewagten und verblüffenden Offenheiten
hatte er die größten Profite gemacht. Er wußte, der Süß mochte die Gräfin
nicht leiden; ihre Geldgier schien ihm unfürstlich, ordinär. Was sollte er den
Kollegen nicht ein wenig ärgern, indem er die Sicherheit, die Chancen des
Geschäfts ins vollste Licht rückte. Er analysierte kurz, klar, sachlich. Eine
gescheite Dame, die Gräfin. Sinn für Realitäten. Sie hat sich jede
Steigerung in der Liebe des Herzogs mit Terrains und Privilegien zahlen
lassen, und nahm er ab in der Liebe, dann mußte er, wenn er wiederkam,
mit Bargeld und Juwelen zahlen. Was hat sie in das Geschäft
hineingesteckt? Ein hübsches Gesicht, einen kleinen Adelstitel, ein bißchen
problematische Jungfräulichkeit. Nicht einmal Kleider hat sie gehabt, wie
sie an den Hof kam. Und was hat sie herausgewirtschaftet? Die Gräfin von
Würben, die Gräfin von Urach, die Landhofmeisterin Exzellenz, Präsidentin
des Conseils. Die Oberaufsicht der herzoglichen Schatulle.
Achtzehntausend Gulden Apanage. Die Stammkleinodien und
Hausjuwelen. Alle Honneurs, Emolumenta und Privilegien einer
reichsunmittelbaren Fürstin. Barkapital und Tratten auf Prag, Venedig,
Genf, Hamburg. In ihren Schatullen, sagt mir der Sekretär Pfau,
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dreihunderttausend Gulden. Sollen es nur zweimalhunderttausend sein, ist
auch mitzunehmen. Die Rittergüter Freudenthal, Boihingen, die Dörfer
Stetten und Höpfigheim, die Herrschaften Wilzheim, Brenz mit
Oggenhausen, Marschalkenzimmern. Eine gescheite Frau, eine
liebenswürdige Frau, eine Frau, die weiß, worauf es ankommt. Sie
verdiente, Jüdin zu sein.
„Sie soll in Disgrace sein,“ meinte Süß. „Sie hat sich brouilliert mit
ihrem Bruder. In der Landschaft tuschelt man, ihr eigener Bruder habe dem
Herzog geraten, sie abzuschaffen. Auch der König von Preußen hat auf ihn
eingeredt. Sie wird alt, störrisch, schwer traktabel. Und so fett. Der Herzog
ist nicht mehr für soviel Fett in letzter Zeit.“
„Sie kennt sich aus,“ erwiderte Isaak Landauer. „Sie weiß, die Bank von
England hält sicherer als der Liebesschwur eines geilen Herzogs. Sie ist
assekuriert, sie ist besser wie mancher Reichsfürst. Glaubt mir, Reb Josef
Süß.“
Süß verzog den Mund. Was sagte er: Reb Josef Süß? Warum nicht: Herr
Hoffaktor oder: Kollega oder so? Es war schwer, mit dem Alten zu
verkehren. Er kompromittierte einen. „Wenn der Herzog sie fallen läßt,“
sagte er nach einer Weile, „wird sie wenig retten können. Sie ist im
Herzogtum angesehen wie Pest und Nonnenfraß. Sie hat den Haß des
ganzen Landes gegen sich.“
„Haß des Landes!“ sagte Isaak Landauer amüsiert, geringschätzig, wiegte
den Kopf, kämmte sich mit den Fingern den rotblonden, verfärbten
Ziegenbart, lächelte. Und Süß spürte, er hatte recht. „Wer, so er was taugt,
hat nicht den Haß des Landes gegen sich? Wer anders ist als die anderen,
hat den Haß des Landes. Haß des Landes hebt den Kredit.“
Süß wurde gereizt durch den friedfertig überlegenen Ton des anderen.
„Eine Hure,“ achselzuckte er, „geizig, unfürstlich von Manieren, dazu fett
und alt.“
„Gered, Reb Josef Süß,“ sagte Isaak Landauer gelassen. „Hure! Ein Wort.
Trösten sich die tugendhaften alten adeligen Fräuleins damit, die ihr
neidisch sind. Hat auch die Königin Esther zuerst nicht wissen können, ob
sie nicht des Ahasverus Kebsweib wird. Ich sag Euch, Reb Josef Süß, die
Frau ist gut für fünfmalhunderttausend Gulden. Sie ist gescheit, sie weiß,
was sie will. Hat sie nicht die Juden zugelassen in ihre Dörfer und
Herrschaften? Nicht aus Sentimentalität, bewahre. Aber sie ist klug, sie
riecht, wer klug ist, mit wem man reden kann, handeln, klar, und es kommt
auch mitzunehmen. Die Rittergüter Freudenthal, Boihingen, die Dörfer
Stetten und Höpfigheim, die Herrschaften Wilzheim, Brenz mit
Oggenhausen, Marschalkenzimmern. Eine gescheite Frau, eine
liebenswürdige Frau, eine Frau, die weiß, worauf es ankommt. Sie
verdiente, Jüdin zu sein.
„Sie soll in Disgrace sein,“ meinte Süß. „Sie hat sich brouilliert mit
ihrem Bruder. In der Landschaft tuschelt man, ihr eigener Bruder habe dem
Herzog geraten, sie abzuschaffen. Auch der König von Preußen hat auf ihn
eingeredt. Sie wird alt, störrisch, schwer traktabel. Und so fett. Der Herzog
ist nicht mehr für soviel Fett in letzter Zeit.“
„Sie kennt sich aus,“ erwiderte Isaak Landauer. „Sie weiß, die Bank von
England hält sicherer als der Liebesschwur eines geilen Herzogs. Sie ist
assekuriert, sie ist besser wie mancher Reichsfürst. Glaubt mir, Reb Josef
Süß.“
Süß verzog den Mund. Was sagte er: Reb Josef Süß? Warum nicht: Herr
Hoffaktor oder: Kollega oder so? Es war schwer, mit dem Alten zu
verkehren. Er kompromittierte einen. „Wenn der Herzog sie fallen läßt,“
sagte er nach einer Weile, „wird sie wenig retten können. Sie ist im
Herzogtum angesehen wie Pest und Nonnenfraß. Sie hat den Haß des
ganzen Landes gegen sich.“
„Haß des Landes!“ sagte Isaak Landauer amüsiert, geringschätzig, wiegte
den Kopf, kämmte sich mit den Fingern den rotblonden, verfärbten
Ziegenbart, lächelte. Und Süß spürte, er hatte recht. „Wer, so er was taugt,
hat nicht den Haß des Landes gegen sich? Wer anders ist als die anderen,
hat den Haß des Landes. Haß des Landes hebt den Kredit.“
Süß wurde gereizt durch den friedfertig überlegenen Ton des anderen.
„Eine Hure,“ achselzuckte er, „geizig, unfürstlich von Manieren, dazu fett
und alt.“
„Gered, Reb Josef Süß,“ sagte Isaak Landauer gelassen. „Hure! Ein Wort.
Trösten sich die tugendhaften alten adeligen Fräuleins damit, die ihr
neidisch sind. Hat auch die Königin Esther zuerst nicht wissen können, ob
sie nicht des Ahasverus Kebsweib wird. Ich sag Euch, Reb Josef Süß, die
Frau ist gut für fünfmalhunderttausend Gulden. Sie ist gescheit, sie weiß,
was sie will. Hat sie nicht die Juden zugelassen in ihre Dörfer und
Herrschaften? Nicht aus Sentimentalität, bewahre. Aber sie ist klug, sie
riecht, wer klug ist, mit wem man reden kann, handeln, klar, und es kommt
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was heraus. Fünfmalhundert? Sie ist gut bis zu
fünfmalhundertundfünfzigtausend!“
Mittlerweile fuhr der Wagen beim Gasthof zum Stern in Wildbad vor.
Der Sternwirt stürzte heraus, zog die Kappe. Aber wie er den Kaftan Isaak
Landauers sah, warf er patzig hin: „Hier ist kein Judenwirt“ und wollte in
den Torgang zurück. Doch der blasse Sekretär stieg von seinem Sitz. „Das
sind die Herren Hoffaktoren Oppenheimer und Landauer,“ sagte er gelassen
und über die Achsel, während er den Herren beim Aussteigen half. Und
schon dienerte der Sternwirt mit tiefem Bückling voraus in die Zimmer.
Josef Süß hatte sich grimmig bewölkt bei den Grobheiten des Gesellen;
aber er schritt schweigend neben Isaak Landauer. „Nu,“ lächelte der, „auch
vor einem gallonierten Geheimratsrock hätte er nicht können mit seinem
Fuß weiter nach hinten auskratzen.“ Und er lächelte und kämmte sich mit
den Fingern den schüttersträhnigen, verfärbten Bart.
Die Gräfin hatte den Herzog an den Wagen geleitet; während der schwere
Mann umständlich in die Kutsche stieg, stand sie in der liebenswürdigen
Sicherheit der an Bewunderung gewöhnten Frau, schwatzte gleitend,
freundlich, lächelte, winkte. Noch als sie sich wandte, die Stufen zu dem
blauen Kabinett hinaufstieg, war Schritt und Haltung leicht, elastisch. Dort
erst entspannte sie sich, die Schultern fielen, Arme, Hände hingen kraftlos,
der Mund stand halbauf, das Gesicht erschlaffte jäh und erschreckend.
Aus, es war also aus. Sie hatte geschickt laviert, er hatte nicht zu
sprechen gewagt, aber es war ja klar, es lag zutage, mit der Absicht, ihr
aufzusagen, war er gekommen, und wenn ihm auch das entscheidende Wort
steckengeblieben war, seine verlegene Höflichkeit sprach deutlich, war
hundertmal schlimmer als gelegentlich früher Geraunz oder Zornausbruch
oder beleidigtes Schweigen.
Sie saß schlaff, sie war so müde und ausgehöhlt; die gefaßt
liebenswürdige Haltung, der elegische Hauch darüber, während ihr Herz
tobte, fluchte, geiferte, diese Gefaßtheit war so aufreibend gewesen. Jetzt
saß sie betäubt, in einer entsetzlichen Art bis zur Lähmung ausgeschöpft,
auf dem niedern, breiten Lager. Puder und Schminke auf ihrem Antlitz
klaffte, das heitere Feuer, das sie in ihren großen Augen angezündet, losch
hin, der mächtige gestickte Atlasrock hing in toten Falten, und unter der
fünfmalhundertundfünfzigtausend!“
Mittlerweile fuhr der Wagen beim Gasthof zum Stern in Wildbad vor.
Der Sternwirt stürzte heraus, zog die Kappe. Aber wie er den Kaftan Isaak
Landauers sah, warf er patzig hin: „Hier ist kein Judenwirt“ und wollte in
den Torgang zurück. Doch der blasse Sekretär stieg von seinem Sitz. „Das
sind die Herren Hoffaktoren Oppenheimer und Landauer,“ sagte er gelassen
und über die Achsel, während er den Herren beim Aussteigen half. Und
schon dienerte der Sternwirt mit tiefem Bückling voraus in die Zimmer.
Josef Süß hatte sich grimmig bewölkt bei den Grobheiten des Gesellen;
aber er schritt schweigend neben Isaak Landauer. „Nu,“ lächelte der, „auch
vor einem gallonierten Geheimratsrock hätte er nicht können mit seinem
Fuß weiter nach hinten auskratzen.“ Und er lächelte und kämmte sich mit
den Fingern den schüttersträhnigen, verfärbten Bart.
Die Gräfin hatte den Herzog an den Wagen geleitet; während der schwere
Mann umständlich in die Kutsche stieg, stand sie in der liebenswürdigen
Sicherheit der an Bewunderung gewöhnten Frau, schwatzte gleitend,
freundlich, lächelte, winkte. Noch als sie sich wandte, die Stufen zu dem
blauen Kabinett hinaufstieg, war Schritt und Haltung leicht, elastisch. Dort
erst entspannte sie sich, die Schultern fielen, Arme, Hände hingen kraftlos,
der Mund stand halbauf, das Gesicht erschlaffte jäh und erschreckend.
Aus, es war also aus. Sie hatte geschickt laviert, er hatte nicht zu
sprechen gewagt, aber es war ja klar, es lag zutage, mit der Absicht, ihr
aufzusagen, war er gekommen, und wenn ihm auch das entscheidende Wort
steckengeblieben war, seine verlegene Höflichkeit sprach deutlich, war
hundertmal schlimmer als gelegentlich früher Geraunz oder Zornausbruch
oder beleidigtes Schweigen.
Sie saß schlaff, sie war so müde und ausgehöhlt; die gefaßt
liebenswürdige Haltung, der elegische Hauch darüber, während ihr Herz
tobte, fluchte, geiferte, diese Gefaßtheit war so aufreibend gewesen. Jetzt
saß sie betäubt, in einer entsetzlichen Art bis zur Lähmung ausgeschöpft,
auf dem niedern, breiten Lager. Puder und Schminke auf ihrem Antlitz
klaffte, das heitere Feuer, das sie in ihren großen Augen angezündet, losch
hin, der mächtige gestickte Atlasrock hing in toten Falten, und unter der
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kunstvollen, mit kleinen Rubinen besetzten Sbernia – sie hatte die Mode
aufgebracht, und sogar in Versailles ahmte man sie nach – unter der
kunstvollen Sbernia verlor selbst das fröhliche, nußbraune Haar seine
sorglose Frische.
Aus also. Und warum? Der Preußenkönig hatte gebohrt, der Hund, der
schäbige, mit seinem schalen Geschwätz von Pflicht und Blödsinn. Ihr
Bruder hatte gehetzt, der Intrigant, der verfluchte, tückische, eiskalte. Er
brauchte sie nicht mehr, seine Stellung beim Herzog war fest genug; es war
klüger, sie abzuschütteln, ehe er in ihren Sturz hineinverwickelt würde. Sie
war ein Hindernis, kostete Rücksichten in der Politik gegen den Kaiserhof,
kostete Geld, viel Geld, das man ohne den Umweg über sie bequemer und
reichlicher in die eigenen Kassen lenken konnte. Oh, wie sie ihn
durchschaute, den Rechner, den hundsföttischen. Pfui, pfui, pfui! Aber sie
wollte es ihm heimzahlen. Noch stand sie, lebte sie, der Herzog hatte noch
nicht gesprochen, noch regierte sie, sie, sie im Land. Aber das alles konnten
für den Herzog keine Gründe gewesen sein. Sie hatte ganz andere Stürme
bestanden. Sie hatte den Kaiser, das ganze Reich, Volk und Landschaft und
Konsistorium zu Gegnern gehabt und hatte geatmet und war gestanden. Ihr
Bruder! Der Preußenkönig! Bah, das waren keine Gründe. Und sie sah den
wahren Grund auf sich zukriechen, sah ihn schleimig ihre Gedanken
umklammern, wußte ihn und wußte ihn nicht, schlug wie die Raupe an der
Nadel dagegen, daß er aus dunklem Gefühl Bewußtsein werde. Ihr Blick
suchte den Spiegel, mied ihn. Sie sank, die schwere Frau, noch hilflos tiefer
in sich zusammen, ein Haufe schlaffen Fleisches in den prunkenden
Stoffen.
Auf deiner Stirne wohnt / Minerva hoch in Ehre /
In deinem Auge Zeus / In deinem Haar Cythere /
so hatte der Hofpoet gesungen, vor dreißig Jahren. Sie brauchte keinen
Spiegel, sie wußte den Grund.
Sie stöhnte, lehnte vornüber, die Augen geschlossen, die Hand nach dem
Herzen. Luft! Luft! Ihr Asthma preßte sie. Erholt, raffte sie sich auf, raste
durchs Haus, befahl, widerrief, ohrfeigte die Zofe, schrie, sandte Kuriere
nach allen Richtungen.
Noch war sie da. Man sollte sehen, daß sie noch da war. Er hatte nicht
gesprochen. Das hatte sie verhindert, glücklicherweise. Sie hatte sich
aufgebracht, und sogar in Versailles ahmte man sie nach – unter der
kunstvollen Sbernia verlor selbst das fröhliche, nußbraune Haar seine
sorglose Frische.
Aus also. Und warum? Der Preußenkönig hatte gebohrt, der Hund, der
schäbige, mit seinem schalen Geschwätz von Pflicht und Blödsinn. Ihr
Bruder hatte gehetzt, der Intrigant, der verfluchte, tückische, eiskalte. Er
brauchte sie nicht mehr, seine Stellung beim Herzog war fest genug; es war
klüger, sie abzuschütteln, ehe er in ihren Sturz hineinverwickelt würde. Sie
war ein Hindernis, kostete Rücksichten in der Politik gegen den Kaiserhof,
kostete Geld, viel Geld, das man ohne den Umweg über sie bequemer und
reichlicher in die eigenen Kassen lenken konnte. Oh, wie sie ihn
durchschaute, den Rechner, den hundsföttischen. Pfui, pfui, pfui! Aber sie
wollte es ihm heimzahlen. Noch stand sie, lebte sie, der Herzog hatte noch
nicht gesprochen, noch regierte sie, sie, sie im Land. Aber das alles konnten
für den Herzog keine Gründe gewesen sein. Sie hatte ganz andere Stürme
bestanden. Sie hatte den Kaiser, das ganze Reich, Volk und Landschaft und
Konsistorium zu Gegnern gehabt und hatte geatmet und war gestanden. Ihr
Bruder! Der Preußenkönig! Bah, das waren keine Gründe. Und sie sah den
wahren Grund auf sich zukriechen, sah ihn schleimig ihre Gedanken
umklammern, wußte ihn und wußte ihn nicht, schlug wie die Raupe an der
Nadel dagegen, daß er aus dunklem Gefühl Bewußtsein werde. Ihr Blick
suchte den Spiegel, mied ihn. Sie sank, die schwere Frau, noch hilflos tiefer
in sich zusammen, ein Haufe schlaffen Fleisches in den prunkenden
Stoffen.
Auf deiner Stirne wohnt / Minerva hoch in Ehre /
In deinem Auge Zeus / In deinem Haar Cythere /
so hatte der Hofpoet gesungen, vor dreißig Jahren. Sie brauchte keinen
Spiegel, sie wußte den Grund.
Sie stöhnte, lehnte vornüber, die Augen geschlossen, die Hand nach dem
Herzen. Luft! Luft! Ihr Asthma preßte sie. Erholt, raffte sie sich auf, raste
durchs Haus, befahl, widerrief, ohrfeigte die Zofe, schrie, sandte Kuriere
nach allen Richtungen.
Noch war sie da. Man sollte sehen, daß sie noch da war. Er hatte nicht
gesprochen. Das hatte sie verhindert, glücklicherweise. Sie hatte sich
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gezähmt. Uebermenschlich war es gewesen, so an sich halten, aber sie hatte
es gekonnt. Und jetzt hatte er nicht gesprochen, ah! und jetzt mußten sie
ihren schmutzigen Jubel noch zurückhalten in ihren Därmen, und jetzt war
sie noch da und wird es zeigen, wie sie da war.
Sie hatte zuverlässige Korrespondenten um den Herzog. Eberhard
Ludwig war noch immer in Neßlach, in seinem Jagdschloß. Das war gut,
sehr gut war das. Sie erhielt täglichen Bericht. Täglich ritt ihr Kurier von
Neßlach nach Wildbad. Um jede kleinste Anordnung des Herzogs wußte
sie, was er aß und trank, wann er zu Bett ging, jagte, tafelte, spazierenging.
Er hatte nur die Ungarin um sich, und die nur im Tag eine halbe Stunde.
Sonst sah er niemanden, niemanden von seinen Räten ließ er vor. Gut, gut.
Er schämte sich wohl, daß er das Wort nicht gewagt hatte, wollte nicht
weiter in sich drängen lassen. Die Regierungsakten wuchsen, warteten auf
seine Unterschrift. Der schwierige Handel mit Baden-Durlach wegen des
Kostenbeitrags für die Festung Kehl stand vor einem günstigen Vergleich,
der Geschäftsträger der Markgräfin drängte, aber der Herzog war nicht zu
erreichen. Auch das Abkommen mit Heilbronn und Eßlingen über die
Neckar-Regulierung forderte dringend Resolution: und kein Herzog, kein
Herzog. All gut, all gut. Dafür ließ er jetzt die Ritter seines Hubertus-
Ordens kommen und soff mit ihnen herum. Er selber legte das
Ordenszeichen nicht ab, das goldene Kreuz mit dem rubinroten
Schmelzwerk, den goldenen Adlern und dem Jägerhorn und der Devise:
Amicitiae virtutisque foedus. Auch die ungarische Tänzerin mußte in
Neßlach bleiben, die blutjunge, heillos törichte, makellos gewachsene. All
gut, all gut. Mochte er mit den Jagdkumpanen saufen, mit dem
blitzdummen Geschöpf huren, aber keine Räte, keine Hetzer, keine
Intriganten.
Sie gönnt sich nicht Ruhe mittlerweile. An ihre Verwalter und
Intendanten gehen verschärfte Ordres, aus ihren Gütern und Herrschaften
den letzten Groschen herauszupressen. Sie schafft zwanzig neue
Beamtenstellen, höchst überflüssige, und ihre Zutreiber müssen diese
Aemter von heute auf morgen verkaufen, die Kaufgelder und Kautionen in
die gräfliche Schatulle einliefern. Das herzogliche Kammergut, trotzdem ihr
Holz, Wein, Früchte geliefert waren, erhält eine ungeheure Rechnung über
Spesen, die ihr die letzten Besuche Eberhard Ludwigs verursacht hätten.
Wie ein ausgehungerter Hund am Knochen nagt sie an allen Einkünften des
es gekonnt. Und jetzt hatte er nicht gesprochen, ah! und jetzt mußten sie
ihren schmutzigen Jubel noch zurückhalten in ihren Därmen, und jetzt war
sie noch da und wird es zeigen, wie sie da war.
Sie hatte zuverlässige Korrespondenten um den Herzog. Eberhard
Ludwig war noch immer in Neßlach, in seinem Jagdschloß. Das war gut,
sehr gut war das. Sie erhielt täglichen Bericht. Täglich ritt ihr Kurier von
Neßlach nach Wildbad. Um jede kleinste Anordnung des Herzogs wußte
sie, was er aß und trank, wann er zu Bett ging, jagte, tafelte, spazierenging.
Er hatte nur die Ungarin um sich, und die nur im Tag eine halbe Stunde.
Sonst sah er niemanden, niemanden von seinen Räten ließ er vor. Gut, gut.
Er schämte sich wohl, daß er das Wort nicht gewagt hatte, wollte nicht
weiter in sich drängen lassen. Die Regierungsakten wuchsen, warteten auf
seine Unterschrift. Der schwierige Handel mit Baden-Durlach wegen des
Kostenbeitrags für die Festung Kehl stand vor einem günstigen Vergleich,
der Geschäftsträger der Markgräfin drängte, aber der Herzog war nicht zu
erreichen. Auch das Abkommen mit Heilbronn und Eßlingen über die
Neckar-Regulierung forderte dringend Resolution: und kein Herzog, kein
Herzog. All gut, all gut. Dafür ließ er jetzt die Ritter seines Hubertus-
Ordens kommen und soff mit ihnen herum. Er selber legte das
Ordenszeichen nicht ab, das goldene Kreuz mit dem rubinroten
Schmelzwerk, den goldenen Adlern und dem Jägerhorn und der Devise:
Amicitiae virtutisque foedus. Auch die ungarische Tänzerin mußte in
Neßlach bleiben, die blutjunge, heillos törichte, makellos gewachsene. All
gut, all gut. Mochte er mit den Jagdkumpanen saufen, mit dem
blitzdummen Geschöpf huren, aber keine Räte, keine Hetzer, keine
Intriganten.
Sie gönnt sich nicht Ruhe mittlerweile. An ihre Verwalter und
Intendanten gehen verschärfte Ordres, aus ihren Gütern und Herrschaften
den letzten Groschen herauszupressen. Sie schafft zwanzig neue
Beamtenstellen, höchst überflüssige, und ihre Zutreiber müssen diese
Aemter von heute auf morgen verkaufen, die Kaufgelder und Kautionen in
die gräfliche Schatulle einliefern. Das herzogliche Kammergut, trotzdem ihr
Holz, Wein, Früchte geliefert waren, erhält eine ungeheure Rechnung über
Spesen, die ihr die letzten Besuche Eberhard Ludwigs verursacht hätten.
Wie ein ausgehungerter Hund am Knochen nagt sie an allen Einkünften des
Page 26
Herzogtums, gierig und verbissen, und täglich geht Geld außer Landes,
große Summen, an ihre Bankiers in Genf, Hamburg, Venedig.
Und der Herzog ist noch immer in Neßlach. Er hat sich aus dem Marstall
die drei großen Gespanne kommen lassen, jedes von acht Pferden, mit
denen kutschiert er jetzt alle Künste der Reitschule. Die Ungarin kreischt,
die Herren vom Hubertus-Orden applaudieren in ehrlicher Bewunderung.
Endlich, hergewünscht, hergeflucht, heiß erwartet, kommt Isaak
Landauer nach Wildbad. In seinem schmierigen Kaftan saß er im
Arbeitskabinett der Gräfin inmitten von Lapislazuli und Zierat, Spiegeln
und goldenen Putten. Die Gräfin ihm gegenüber, prächtig, am Sekretär,
zwischen ihnen in hohen Stößen Akten, Tabellen, Rechnungen. Er schaute
durch, prüfte, die Gräfin gab ihm hemmungslos Auskunft, er entdeckte hier
und dort noch Lücken, wies schärfere Schrauben, Pressungen. Die Gräfin,
den zu fetten Nacken wie die makellosen Arme nackt, hörte aufmerksam zu,
machte Einwendungen, notierte. Schließlich verlangte sie auf drei ihrer
Dörfer ein ungeheures Darlehen.
Isaak Landauer schaute sie an, wiegte den Kopf, sagte vorwurfsvoll:
„Habe ich das verdient, Exzellenz?“ „Was verdient?“ „Daß Sie mich für
einen ausgemachten Narren halten.“ Sie, auffahrend: „Was will Er, Jud?
Wohin zielt Er? Hätt Er mir vor zwei Jahren das Geld nicht geliehen? Bin
ich, jetzt weniger gut?“ Der Jude, behutsam: „Wozu braucht Euer Exzellenz
das Geld? Es aus dem Land zu schaffen. Weshalb es aus dem Land
schaffen? Doch nur, weil Sie Eventualitäten fürchten. Wenn aber
Eventualitäten zu fürchten sind, dann sind die Güter keine Garantie. Wollen
Sie, daß ich soll an Ihnen Geld verlieren?“ Die Gräfin schaute vor sich hin,
hilflos; dann zu ihm, und ihre Augen sagten ihm, daß es um viel mehr ging
als das Geld, ihre Augen bekannten ihm all ihre Aengste, Hoffnungen,
Zweifel. „Er ist klug, Jud,“ sagte sie nach einer Weile. „Glaubt Er, daß ich
es wagen darf, die Güter“ – sie stockte – „nicht zu beleihen?“
Er hätte ihr gern etwas Freundliches gesagt. Aber sie war eine gescheite,
feste Frau, sie brauchte, sie wollte keine Vertröstung und Verschleierung, es
war geradezu unanständig, ihr mit so was zu kommen. Er schaute sie auf
und ab, und sie war bedenkenlos offen zu ihm, er sah ihr entspanntes
Gesicht, den gelösten, feisten Leib, und er wußte auf ihren dringlich
fragenden Blick keine andere Antwort als ein Schweigen und ein
Achselzucken. Da ließ sie sich vollends fallen. Sie brach in ein lautes,
haltloses Weinen aus wie ein kleines Kind. Dann begann sie unflätig zu
große Summen, an ihre Bankiers in Genf, Hamburg, Venedig.
Und der Herzog ist noch immer in Neßlach. Er hat sich aus dem Marstall
die drei großen Gespanne kommen lassen, jedes von acht Pferden, mit
denen kutschiert er jetzt alle Künste der Reitschule. Die Ungarin kreischt,
die Herren vom Hubertus-Orden applaudieren in ehrlicher Bewunderung.
Endlich, hergewünscht, hergeflucht, heiß erwartet, kommt Isaak
Landauer nach Wildbad. In seinem schmierigen Kaftan saß er im
Arbeitskabinett der Gräfin inmitten von Lapislazuli und Zierat, Spiegeln
und goldenen Putten. Die Gräfin ihm gegenüber, prächtig, am Sekretär,
zwischen ihnen in hohen Stößen Akten, Tabellen, Rechnungen. Er schaute
durch, prüfte, die Gräfin gab ihm hemmungslos Auskunft, er entdeckte hier
und dort noch Lücken, wies schärfere Schrauben, Pressungen. Die Gräfin,
den zu fetten Nacken wie die makellosen Arme nackt, hörte aufmerksam zu,
machte Einwendungen, notierte. Schließlich verlangte sie auf drei ihrer
Dörfer ein ungeheures Darlehen.
Isaak Landauer schaute sie an, wiegte den Kopf, sagte vorwurfsvoll:
„Habe ich das verdient, Exzellenz?“ „Was verdient?“ „Daß Sie mich für
einen ausgemachten Narren halten.“ Sie, auffahrend: „Was will Er, Jud?
Wohin zielt Er? Hätt Er mir vor zwei Jahren das Geld nicht geliehen? Bin
ich, jetzt weniger gut?“ Der Jude, behutsam: „Wozu braucht Euer Exzellenz
das Geld? Es aus dem Land zu schaffen. Weshalb es aus dem Land
schaffen? Doch nur, weil Sie Eventualitäten fürchten. Wenn aber
Eventualitäten zu fürchten sind, dann sind die Güter keine Garantie. Wollen
Sie, daß ich soll an Ihnen Geld verlieren?“ Die Gräfin schaute vor sich hin,
hilflos; dann zu ihm, und ihre Augen sagten ihm, daß es um viel mehr ging
als das Geld, ihre Augen bekannten ihm all ihre Aengste, Hoffnungen,
Zweifel. „Er ist klug, Jud,“ sagte sie nach einer Weile. „Glaubt Er, daß ich
es wagen darf, die Güter“ – sie stockte – „nicht zu beleihen?“
Er hätte ihr gern etwas Freundliches gesagt. Aber sie war eine gescheite,
feste Frau, sie brauchte, sie wollte keine Vertröstung und Verschleierung, es
war geradezu unanständig, ihr mit so was zu kommen. Er schaute sie auf
und ab, und sie war bedenkenlos offen zu ihm, er sah ihr entspanntes
Gesicht, den gelösten, feisten Leib, und er wußte auf ihren dringlich
fragenden Blick keine andere Antwort als ein Schweigen und ein
Achselzucken. Da ließ sie sich vollends fallen. Sie brach in ein lautes,
haltloses Weinen aus wie ein kleines Kind. Dann begann sie unflätig zu
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schimpfen auf die Minister, ihren Bruder, ihren Neffen und die andern alle,
ihre Kreaturen, die sie fallen ließen und keine Hand rührten, die sie noch
stießen. Die Kanaillen, die schmutzigen! Sie hatte sie in ihre Stellungen
gebracht, an ihr waren sie heraufgeklettert. Jeden Groschen, jeden Knopf an
ihren Uniformen dankten sie ihr. Zudem hatten sie einen förmlichen Vertrag
mit ihr, hier in der Schublade hatte sie das Papier, einander in günstigen und
in widrigen Umständen nach Kräften beizustehen. Die Hundsfötter, zu
schlecht für die Hölle und den Schinder! Denn selbst jeder Pracher, Teufel
und Spitzbub hält solche Verträge und Kumpanei.
Der Jude sah still zu, wie sie wütete, ließ sie sich ausschäumen.
Schließlich hustete sie, ihr Gesicht lief rot an, sie schnaufte, röchelte,
weinte zuletzt haltlos, still vor sich hin. „Ach Jud,“ jammerte sie, „ach Jud,“
zerbrochen, geschüttelt, hemmungslos, die schwere, schöne Frau, Schminke
und Puder zerflossen, die stolzen Stoffe hingen tot an ihr herunter.
Isaak Landauer kämmte sich mit den Fingern den strähnigen Bart, wiegte
den Kopf. Dann ergriff er, behutsam, ihre große, warme Hand, murmelte
vor sich hin, streichelte sie.
Gerüchte, niemand wußte woher, stoben im Lande auf von dem nahen Fall
der Gräfin, hier, dort, an allen Ecken. Niemand wagte ein lautes Wort, aber
flüsternd ging es durch alle. Es war ein großes, heimliches Aufatmen. In
einzelnen Dörfern wurden schon Glocken geläutet, Dankgebete gesprochen,
man verkündete nicht wofür, beließ es bei dem allgemeinen: für eine
gnädige Fügung.
Aber es wurde nichts anders vorläufig, im Gegenteil, der Druck wurde
härter, erbitterter. Alte Beamte wurden ihrer Stellen entsetzt, weil ein neuer
Bewerber ihr Amt höher bezahlte. Die Generalvisitation wütete gegen
Gemeinden und Privatleute mit Anklagen und Inquisitionen, von denen man
sich nur durch hohe Zahlungen lösen konnte; alle Staatsstellen, selbst das
Kirchengut und die Witwen- und Waisenkassen wurden zu hohen und sehr
unsichern unverzinslichen Darlehen an die Schatulle der Gräfin gezwungen;
die Agenten der Gräfin schalteten herrischer und maßloser als je zuvor. Und
als gar ein scharfes herzogliches Reskript erschien, das von neuem und
nachdrücklich alle übeln Reden gegen die Gräfin mit schweren Strafen
bedrohte, sanken auch die leichtestflügeligen Hoffnungen lahm zur Erde.
ihre Kreaturen, die sie fallen ließen und keine Hand rührten, die sie noch
stießen. Die Kanaillen, die schmutzigen! Sie hatte sie in ihre Stellungen
gebracht, an ihr waren sie heraufgeklettert. Jeden Groschen, jeden Knopf an
ihren Uniformen dankten sie ihr. Zudem hatten sie einen förmlichen Vertrag
mit ihr, hier in der Schublade hatte sie das Papier, einander in günstigen und
in widrigen Umständen nach Kräften beizustehen. Die Hundsfötter, zu
schlecht für die Hölle und den Schinder! Denn selbst jeder Pracher, Teufel
und Spitzbub hält solche Verträge und Kumpanei.
Der Jude sah still zu, wie sie wütete, ließ sie sich ausschäumen.
Schließlich hustete sie, ihr Gesicht lief rot an, sie schnaufte, röchelte,
weinte zuletzt haltlos, still vor sich hin. „Ach Jud,“ jammerte sie, „ach Jud,“
zerbrochen, geschüttelt, hemmungslos, die schwere, schöne Frau, Schminke
und Puder zerflossen, die stolzen Stoffe hingen tot an ihr herunter.
Isaak Landauer kämmte sich mit den Fingern den strähnigen Bart, wiegte
den Kopf. Dann ergriff er, behutsam, ihre große, warme Hand, murmelte
vor sich hin, streichelte sie.
Gerüchte, niemand wußte woher, stoben im Lande auf von dem nahen Fall
der Gräfin, hier, dort, an allen Ecken. Niemand wagte ein lautes Wort, aber
flüsternd ging es durch alle. Es war ein großes, heimliches Aufatmen. In
einzelnen Dörfern wurden schon Glocken geläutet, Dankgebete gesprochen,
man verkündete nicht wofür, beließ es bei dem allgemeinen: für eine
gnädige Fügung.
Aber es wurde nichts anders vorläufig, im Gegenteil, der Druck wurde
härter, erbitterter. Alte Beamte wurden ihrer Stellen entsetzt, weil ein neuer
Bewerber ihr Amt höher bezahlte. Die Generalvisitation wütete gegen
Gemeinden und Privatleute mit Anklagen und Inquisitionen, von denen man
sich nur durch hohe Zahlungen lösen konnte; alle Staatsstellen, selbst das
Kirchengut und die Witwen- und Waisenkassen wurden zu hohen und sehr
unsichern unverzinslichen Darlehen an die Schatulle der Gräfin gezwungen;
die Agenten der Gräfin schalteten herrischer und maßloser als je zuvor. Und
als gar ein scharfes herzogliches Reskript erschien, das von neuem und
nachdrücklich alle übeln Reden gegen die Gräfin mit schweren Strafen
bedrohte, sanken auch die leichtestflügeligen Hoffnungen lahm zur Erde.
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Der engere Ausschuß des Parlaments, der Landschaft, hielt alle drei Tage
Sitzung. Die Herren waren vom König von Preußen empfangen worden, sie
wußten um das Zerwürfnis der Gräfin mit ihrem Bruder, sie spürten den
nahen Fall der Gräfin, wollten ihn beschleunigen. Man beriet über die
Möglichkeit einer neuerlichen Anklage bei Kaiser und Reich, über neue
Beschwerden beim Herzog gegen gewisse Maßlosigkeiten der
Grävenizschen aus der letzten Zeit. Die elf Herren saßen beisammen, acht
Mitglieder des engeren Ausschusses, die beiden Konsulenten, der
Vorsitzende und Erste Sekretär. Sehr verschieden die einzelnen, von dem
plumpen, massigen Johann Friedrich Jäger, Bürgermeister zu Brackenheim,
bis zu dem feinen, eleganten, weltläufigen Konsistorialrat und Prälaten von
Hirsau, Philipp Heinrich Weißensee; aber alle einig pochend auf die Rechte
und Privilegien der Landschaft. Es polterte von wüsten Verwünschungen
der Gräfin, mit Ruten müsse das Saumensch aus dem Land gepeitscht
werden, und Johann Friedrich Bellon, Bürgermeister zu Weinsberg, haute
auf den Tisch, wenn es so weit sei, werde er seine kleinen Kinder mit auf
die Gassen nehmen und sie heißen, das Luder, das pockennarbige, von der
Lustseuche zerfressene, ins Antlitz speien. Es dröhnten stolze Reden, wo in
Europa gebe es noch ein Land mit soviel Freiheiten, nur Württemberg und
England habe sich soviel parlamentarische Sicherungen erkämpft, und die
Luft im Hause des Landtags war voll von Bürgerstolz, Schweiß und
Demokratie. Aber es kam nur zu schwächlichen Beschlüssen, und da
Eberhard Ludwig nicht zu erreichen war und die Geheimräte nur höflich
verzögernde Antworten hatten, kamen auch diese Resolutionen ins Hinken
und blieben nach drei Wochen vergilbende Akten.
Auch die Herzogin Johanna Elisabetha, die in dem verödeten Stuttgarter
Schloß saß und wartete, hatte von der nahen Ungnade der Gräfin gehört.
Die Herren von der Landschaft gingen bei ihr ein und aus, der Kaiser sandte
ihr Spezialbotschaft, der König von Preußen hatte ihr in besonders
feierlicher Form aufgewartet. Wie spottete man in den Kreisen der Gräfin
über diese zeremoniöse Visite des schäbigen Königs bei der verschlissenen
Herzogin. Die Herzogin hörte aufmerksam auf alle Stimmen, verzeichnete
sorglich jede Schwankung Eberhard Ludwigs, aber ihre Hoffnung stieg
nicht hoch, und ihre Enttäuschung fiel nicht tief, als sich der ersehnte
Umschwung verzögerte. Sie hatte so lange gewartet. Dreißig Jahre saß sie
jetzt in dem kahlen Schlosse, in dem der Herzog ihr nur den nötigsten
Hausrat belassen hatte, saß trübselig, verstaubt, eigensinnig, sauer, wartete.
Sitzung. Die Herren waren vom König von Preußen empfangen worden, sie
wußten um das Zerwürfnis der Gräfin mit ihrem Bruder, sie spürten den
nahen Fall der Gräfin, wollten ihn beschleunigen. Man beriet über die
Möglichkeit einer neuerlichen Anklage bei Kaiser und Reich, über neue
Beschwerden beim Herzog gegen gewisse Maßlosigkeiten der
Grävenizschen aus der letzten Zeit. Die elf Herren saßen beisammen, acht
Mitglieder des engeren Ausschusses, die beiden Konsulenten, der
Vorsitzende und Erste Sekretär. Sehr verschieden die einzelnen, von dem
plumpen, massigen Johann Friedrich Jäger, Bürgermeister zu Brackenheim,
bis zu dem feinen, eleganten, weltläufigen Konsistorialrat und Prälaten von
Hirsau, Philipp Heinrich Weißensee; aber alle einig pochend auf die Rechte
und Privilegien der Landschaft. Es polterte von wüsten Verwünschungen
der Gräfin, mit Ruten müsse das Saumensch aus dem Land gepeitscht
werden, und Johann Friedrich Bellon, Bürgermeister zu Weinsberg, haute
auf den Tisch, wenn es so weit sei, werde er seine kleinen Kinder mit auf
die Gassen nehmen und sie heißen, das Luder, das pockennarbige, von der
Lustseuche zerfressene, ins Antlitz speien. Es dröhnten stolze Reden, wo in
Europa gebe es noch ein Land mit soviel Freiheiten, nur Württemberg und
England habe sich soviel parlamentarische Sicherungen erkämpft, und die
Luft im Hause des Landtags war voll von Bürgerstolz, Schweiß und
Demokratie. Aber es kam nur zu schwächlichen Beschlüssen, und da
Eberhard Ludwig nicht zu erreichen war und die Geheimräte nur höflich
verzögernde Antworten hatten, kamen auch diese Resolutionen ins Hinken
und blieben nach drei Wochen vergilbende Akten.
Auch die Herzogin Johanna Elisabetha, die in dem verödeten Stuttgarter
Schloß saß und wartete, hatte von der nahen Ungnade der Gräfin gehört.
Die Herren von der Landschaft gingen bei ihr ein und aus, der Kaiser sandte
ihr Spezialbotschaft, der König von Preußen hatte ihr in besonders
feierlicher Form aufgewartet. Wie spottete man in den Kreisen der Gräfin
über diese zeremoniöse Visite des schäbigen Königs bei der verschlissenen
Herzogin. Die Herzogin hörte aufmerksam auf alle Stimmen, verzeichnete
sorglich jede Schwankung Eberhard Ludwigs, aber ihre Hoffnung stieg
nicht hoch, und ihre Enttäuschung fiel nicht tief, als sich der ersehnte
Umschwung verzögerte. Sie hatte so lange gewartet. Dreißig Jahre saß sie
jetzt in dem kahlen Schlosse, in dem der Herzog ihr nur den nötigsten
Hausrat belassen hatte, saß trübselig, verstaubt, eigensinnig, sauer, wartete.
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Wohl machten auch ihr die fremden Gesandten untertänige Besuche, aber
sie wußte, es war langweilige Pflicht, und man zeichnete sie nur aus, wenn
man mit dem Herzog brouilliert war, ihn ärgern wollte. Das Leben war
drüben in Ludwigsburg, in der Stadt, die Eberhard Ludwig der Rivalin
gebaut hatte, als sie, die Herzogin, verbissen in Stuttgart aushielt,
Demütigungen, Drohungen nicht achtend. Das Leben war drüben in
Ludwigsburg, wohin der Fürst seine Residenz verlegt hatte, wohin er die
widerstrebenden Aemter, Kollegien, Konsistorium, Kirchenrat zwang. Dort
hatte er für jene, für die Mecklenburgerin, die Mätresse, die Person, das
prunkende Schloß gebaut, dorthin aus dem Stuttgarter Palais alle
Kleinodien, Prunkmöbel schaffen lassen.
Johanna Elisabetha erinnerte sich der Mecklenburgerin – auch in
Gedanken nicht nannte sie den Namen der Verfluchten – vom ersten Tag an.
Sie hatte ihren Gatten in Liebe und Ehren gehalten, sie war stolz auf den
Kriegshelden und Kavalier, sie wußte auch, daß sie nicht schön genug war
für ihn, und verdachte es ihm nicht, wenn er mit ihren Hoffräulein
herumscharmuzierte. Auch als sie ihm einen Sohn und eine Tochter gebar
und man ihr andeutete, die Schwächlichkeit der Kinder rühre von dem
wilden Leben des Herzogs her, trug sie es ihm nicht nach. Wie die
Mecklenburgerin an den Hof kam, – ihr Bruder hatte sie hergebracht, der
intrigante Kuppler, um durch sie seinen Weg zu machen – begriff sie zwar
nicht, was viel an der Person sei, aber wenn Eberhard Ludwig sie wollte: sie
hatte zu so vielem die Augen zugedrückt, sie gönnte sie ihm. Ueberdies
hatte sich der Herzog zuerst gar nichts aus ihr gemacht, erst später bei einer
Liebhaberaufführung, in der er mit ihr spielte, entzündete er sich. Sie sah
noch die frechen, nackten Brüste, mit denen die Person in dem koketten
Phyllis-Kostüm sich an ihn drängte. Und seither war kein Tag vergangen,
daß die Person sie nicht angehaßt hätte. Sie hatte den Herzog mit Hexerei
an sich gelockt, das war ja klar; sie hatte auch versucht, sie, die Herzogin,
zu vergiften; daß ihr damals auf die Schokolade so schlecht geworden war,
da war das Gift der Mecklenburgerin schuld, und nur eine gnädige Fügung
hatte sie vor Schlimmerem bewahrt und sie von dem Kuchen nichts
genießen lassen. Für jeden, der Augen hatte, lag es am Tag, daß sie eine
verfluchte Hexe, Giftmischerin und Teufelsbuhle war. War sie nicht auch
vor der Zeit eines blauschwarzen, behaarten, verschrumpften Wechselbalgs
genesen?
sie wußte, es war langweilige Pflicht, und man zeichnete sie nur aus, wenn
man mit dem Herzog brouilliert war, ihn ärgern wollte. Das Leben war
drüben in Ludwigsburg, in der Stadt, die Eberhard Ludwig der Rivalin
gebaut hatte, als sie, die Herzogin, verbissen in Stuttgart aushielt,
Demütigungen, Drohungen nicht achtend. Das Leben war drüben in
Ludwigsburg, wohin der Fürst seine Residenz verlegt hatte, wohin er die
widerstrebenden Aemter, Kollegien, Konsistorium, Kirchenrat zwang. Dort
hatte er für jene, für die Mecklenburgerin, die Mätresse, die Person, das
prunkende Schloß gebaut, dorthin aus dem Stuttgarter Palais alle
Kleinodien, Prunkmöbel schaffen lassen.
Johanna Elisabetha erinnerte sich der Mecklenburgerin – auch in
Gedanken nicht nannte sie den Namen der Verfluchten – vom ersten Tag an.
Sie hatte ihren Gatten in Liebe und Ehren gehalten, sie war stolz auf den
Kriegshelden und Kavalier, sie wußte auch, daß sie nicht schön genug war
für ihn, und verdachte es ihm nicht, wenn er mit ihren Hoffräulein
herumscharmuzierte. Auch als sie ihm einen Sohn und eine Tochter gebar
und man ihr andeutete, die Schwächlichkeit der Kinder rühre von dem
wilden Leben des Herzogs her, trug sie es ihm nicht nach. Wie die
Mecklenburgerin an den Hof kam, – ihr Bruder hatte sie hergebracht, der
intrigante Kuppler, um durch sie seinen Weg zu machen – begriff sie zwar
nicht, was viel an der Person sei, aber wenn Eberhard Ludwig sie wollte: sie
hatte zu so vielem die Augen zugedrückt, sie gönnte sie ihm. Ueberdies
hatte sich der Herzog zuerst gar nichts aus ihr gemacht, erst später bei einer
Liebhaberaufführung, in der er mit ihr spielte, entzündete er sich. Sie sah
noch die frechen, nackten Brüste, mit denen die Person in dem koketten
Phyllis-Kostüm sich an ihn drängte. Und seither war kein Tag vergangen,
daß die Person sie nicht angehaßt hätte. Sie hatte den Herzog mit Hexerei
an sich gelockt, das war ja klar; sie hatte auch versucht, sie, die Herzogin,
zu vergiften; daß ihr damals auf die Schokolade so schlecht geworden war,
da war das Gift der Mecklenburgerin schuld, und nur eine gnädige Fügung
hatte sie vor Schlimmerem bewahrt und sie von dem Kuchen nichts
genießen lassen. Für jeden, der Augen hatte, lag es am Tag, daß sie eine
verfluchte Hexe, Giftmischerin und Teufelsbuhle war. War sie nicht auch
vor der Zeit eines blauschwarzen, behaarten, verschrumpften Wechselbalgs
genesen?
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Aber sie, die Herzogin, hatte sich durch keine Untat, Kränkung und
Hexerei aus ihrem Rechte treiben lassen. Es war längst kein saftiger Haß
mehr in ihr, es war ein trockenes, dürres, scheles, pedantisches, verstaubtes
Warten auf den Zusammenbruch der Person. So saß sie in dem weiten,
ausgeleerten Schloß, trübselig, kahl, sauer, und die Nachrichten, die zu ihr
kamen, verloren ihre Farbe und wurden breiig, zäh, spinnwebfarben wie sie
selber.
Um jene Wochen ward im schwäbischen Kreis bald hier, bald dort der
Ewige Jude gesehen. In Tübingen sagte man, er sei in einem Privatwagen
durch die Stadt gefahren, andere wollten ihn auf der Landstraße gesehen
haben, zu Fuß, in der Post, der Torschreiber von Weinsberg erzählte von
einem seltsamen Fremden, der einen sonderbaren Namen angegeben und
ein merkwürdiges Gewese gehabt habe; wie er aber weiter in ihn gedrungen
sei um gehörige Legitimation, habe ihn der Unheimliche mit einem so
höllischen Blick durch und durch geschaut, daß er in seiner Verwirrung von
ihm abgelassen habe, und jetzt noch spüre er den Teufelsblick wie Reißen
durch alle Glieder. Ueberall ging das Geraune, die Kinder wurden gewarnt
vor dem Aug des Fremden, und Weil, die Stadt, wo er in der Umgebung
zuletzt gesehen worden, gab ihrer Torwache verschärfte Instruktionen.
Kurze Zeit später erschien er in Hall. Am Tor erklärte er kecklich, er sei
Ahasverus, der ewige Jude. Der Magistrat, sogleich beschickt, verordnete,
man solle ihn vorderhand in der Vorstadt belassen. Aengstlich neugieriges
Volk sammelte sich. Er sah aus wie häufig Hausierjuden, mit Kaftan und
Schläfenlocken. Er erzählte bereitwillig, gurgelnd, oft unverständlich. Vor
dem Kreuz warf er sich nieder, heulte, schlug sich die Brust. Im übrigen
handelte er mit Kleinkram, und man kaufte ihm viel ab, Amulette,
Andenken. Schließlich vor den Magistrat gestellt, erwies er sich als
Schwindler, wurde gestäupt.
Aber diejenigen, die ihn gesehen hatten, erklärten, das sei freilich nicht
der Rechte. Der habe nichts Besonderes an seiner Tracht gehabt, einen
soliden holländischen Rock wie andere auch, leicht altmodisch, er habe
ausgesehen wie ein hoher Beamter oder ein gutgestellter Bürger. Nur sein
Gesicht und die Luft um ihn herum, sein Auge vor allem: kurz, man habe
Hexerei aus ihrem Rechte treiben lassen. Es war längst kein saftiger Haß
mehr in ihr, es war ein trockenes, dürres, scheles, pedantisches, verstaubtes
Warten auf den Zusammenbruch der Person. So saß sie in dem weiten,
ausgeleerten Schloß, trübselig, kahl, sauer, und die Nachrichten, die zu ihr
kamen, verloren ihre Farbe und wurden breiig, zäh, spinnwebfarben wie sie
selber.
Um jene Wochen ward im schwäbischen Kreis bald hier, bald dort der
Ewige Jude gesehen. In Tübingen sagte man, er sei in einem Privatwagen
durch die Stadt gefahren, andere wollten ihn auf der Landstraße gesehen
haben, zu Fuß, in der Post, der Torschreiber von Weinsberg erzählte von
einem seltsamen Fremden, der einen sonderbaren Namen angegeben und
ein merkwürdiges Gewese gehabt habe; wie er aber weiter in ihn gedrungen
sei um gehörige Legitimation, habe ihn der Unheimliche mit einem so
höllischen Blick durch und durch geschaut, daß er in seiner Verwirrung von
ihm abgelassen habe, und jetzt noch spüre er den Teufelsblick wie Reißen
durch alle Glieder. Ueberall ging das Geraune, die Kinder wurden gewarnt
vor dem Aug des Fremden, und Weil, die Stadt, wo er in der Umgebung
zuletzt gesehen worden, gab ihrer Torwache verschärfte Instruktionen.
Kurze Zeit später erschien er in Hall. Am Tor erklärte er kecklich, er sei
Ahasverus, der ewige Jude. Der Magistrat, sogleich beschickt, verordnete,
man solle ihn vorderhand in der Vorstadt belassen. Aengstlich neugieriges
Volk sammelte sich. Er sah aus wie häufig Hausierjuden, mit Kaftan und
Schläfenlocken. Er erzählte bereitwillig, gurgelnd, oft unverständlich. Vor
dem Kreuz warf er sich nieder, heulte, schlug sich die Brust. Im übrigen
handelte er mit Kleinkram, und man kaufte ihm viel ab, Amulette,
Andenken. Schließlich vor den Magistrat gestellt, erwies er sich als
Schwindler, wurde gestäupt.
Aber diejenigen, die ihn gesehen hatten, erklärten, das sei freilich nicht
der Rechte. Der habe nichts Besonderes an seiner Tracht gehabt, einen
soliden holländischen Rock wie andere auch, leicht altmodisch, er habe
ausgesehen wie ein hoher Beamter oder ein gutgestellter Bürger. Nur sein
Gesicht und die Luft um ihn herum, sein Auge vor allem: kurz, man habe
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eben sogleich gespürt, das ist der Ewige Jude. So erzählten, an allen Ecken
des Landes, übereinstimmend die Verschiedensten.
Die Gräfin fragte Isaak Landauer, was er von den Gerüchten halte. Er
drückte herum, er sei kein Leibniz. Er sprach nicht gern von diesen Dingen,
hier sah man nicht klar, er war geneigt, nichts zu glauben, aber seine
Skepsis war ohne Sicherheit. Auch bekam, wer sich mit solchen Dingen
befaßte, leicht mit der Polizei und den Kirchenbehörden zu tun. Sie, die
Gräfin, glaubte fest an Magie und geheime Kunst. In Güstrow, als Kind,
war sie viel mit der alten Johanne zusammengewesen, der Schäferin, die die
Leute dann erschlagen hatten, weil sie das böse Wetter hergewünscht. Sie
hatte manchmal offen, häufiger, wenn die Alte sie hinausjagte, heimlich
zugeschaut, wie sie Salben und Tränke mischte, und ganz im Innern war sie
überzeugt, ihr Aufstieg und ihre Macht rühre bloß davon her, daß sie sich
nach dem Tod der Alten mit dem Bocksblut, das die zuletzt gerührt,
heimlich Nabel, Scham und Schenkel bestrichen hatte. Sie unterhielt sich
gern und voll prickelnd scheuer Gier mit den Alchimisten und Astrologen,
die an den Ludwigsburger Hof kamen, und wenn sie auch in Gesellschaft
die Philosophin spielte und den Freigeist, so mischte sie doch in der Stille
gespannt und schwer atmend manches Rezept zur Erhaltung der Jugend, zur
Gewinnung der Macht über den Mann. Daß die Juden ihre unerhörten
Erfolge, ihre genialen Einfälle in allem Finanziellen magischen Mitteln
verdanken, so dumm war sie nicht, das nicht zu durchschauen. Sie hatten
solche Mittel übererbt bekommen von Moses und den Propheten her; weil
Jesus diese Mittel allen Völkern verraten und sie dadurch wertlos machen
wollte, darum hatten sie ihn gekreuzigt. Und wenn jetzt Isaak Landauer sich
vor ihr wand und drehte, und sie, die ihm soviel Vertrauen gezeigt, in ihrer
Not verließ, so war das schäbige Konkurrenzangst und schweres Unrecht
von ihm.
Die Gerüchte von dem Ewigen Juden hatten ihr von neuem den Vorsatz
gefestigt, wenn alles andere versagte, den Herzog mit magischen Mitteln
zurückzugewinnen. Sie drang mit Ungestüm in Isaak Landauer, sie zu dem
Ewigen Juden zu bringen. Und wenn er dafür nicht zu haben sei – er solle
keine Ausflüchte machen, natürlich könne er es bei einigem guten Willen –
dann solle er ihr doch wenigstens einen andern Kabbalisten beschaffen, der
sich bewährt habe, und an den sie glauben könne.
Isaak Landauer rieb sich leicht fröstelnd die blassen Hände. Ihr Ansinnen
und ihre Heftigkeit war ihm sehr unbequem. Gott, er war ein zuverlässiger
des Landes, übereinstimmend die Verschiedensten.
Die Gräfin fragte Isaak Landauer, was er von den Gerüchten halte. Er
drückte herum, er sei kein Leibniz. Er sprach nicht gern von diesen Dingen,
hier sah man nicht klar, er war geneigt, nichts zu glauben, aber seine
Skepsis war ohne Sicherheit. Auch bekam, wer sich mit solchen Dingen
befaßte, leicht mit der Polizei und den Kirchenbehörden zu tun. Sie, die
Gräfin, glaubte fest an Magie und geheime Kunst. In Güstrow, als Kind,
war sie viel mit der alten Johanne zusammengewesen, der Schäferin, die die
Leute dann erschlagen hatten, weil sie das böse Wetter hergewünscht. Sie
hatte manchmal offen, häufiger, wenn die Alte sie hinausjagte, heimlich
zugeschaut, wie sie Salben und Tränke mischte, und ganz im Innern war sie
überzeugt, ihr Aufstieg und ihre Macht rühre bloß davon her, daß sie sich
nach dem Tod der Alten mit dem Bocksblut, das die zuletzt gerührt,
heimlich Nabel, Scham und Schenkel bestrichen hatte. Sie unterhielt sich
gern und voll prickelnd scheuer Gier mit den Alchimisten und Astrologen,
die an den Ludwigsburger Hof kamen, und wenn sie auch in Gesellschaft
die Philosophin spielte und den Freigeist, so mischte sie doch in der Stille
gespannt und schwer atmend manches Rezept zur Erhaltung der Jugend, zur
Gewinnung der Macht über den Mann. Daß die Juden ihre unerhörten
Erfolge, ihre genialen Einfälle in allem Finanziellen magischen Mitteln
verdanken, so dumm war sie nicht, das nicht zu durchschauen. Sie hatten
solche Mittel übererbt bekommen von Moses und den Propheten her; weil
Jesus diese Mittel allen Völkern verraten und sie dadurch wertlos machen
wollte, darum hatten sie ihn gekreuzigt. Und wenn jetzt Isaak Landauer sich
vor ihr wand und drehte, und sie, die ihm soviel Vertrauen gezeigt, in ihrer
Not verließ, so war das schäbige Konkurrenzangst und schweres Unrecht
von ihm.
Die Gerüchte von dem Ewigen Juden hatten ihr von neuem den Vorsatz
gefestigt, wenn alles andere versagte, den Herzog mit magischen Mitteln
zurückzugewinnen. Sie drang mit Ungestüm in Isaak Landauer, sie zu dem
Ewigen Juden zu bringen. Und wenn er dafür nicht zu haben sei – er solle
keine Ausflüchte machen, natürlich könne er es bei einigem guten Willen –
dann solle er ihr doch wenigstens einen andern Kabbalisten beschaffen, der
sich bewährt habe, und an den sie glauben könne.
Isaak Landauer rieb sich leicht fröstelnd die blassen Hände. Ihr Ansinnen
und ihre Heftigkeit war ihm sehr unbequem. Gott, er war ein zuverlässiger
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Kaufmann, er beschaffte alles, was man wollte, Geld, Ländereien, einen
Adelstitel, eine kleine reichsunmittelbare Grafschaft, wenn es sein mußte,
überseeisches Gewürz, Neger, braune Sklavinnen, sprechende Papageien:
aber wo in aller Welt sollte er den Ewigen Juden hernehmen oder einen
soliden Kabbalisten, mit dem man Staat und Effekt machen konnte?
Natürlich dachte er einen Augenblick daran, einen geschickten Schwindler
vor die Gräfin hinzustellen; aber er wollte schließlich diese gute Kundin,
die sich so ganz auf ihn verließ, nicht übers Ohr hauen. Er war immer solid
gewesen. Und dann war es auch zu riskant. Die Landstände haßten ihn
sowieso, sie hätten ihn mit größter Freude vors Gericht und, Gott behüte,
auf den Scheiterhaufen gebracht. Er beurlaubte sich von der Gräfin gegen
seine Gewohnheit verstimmt und mit einem widerwilligen halben
Versprechen.
Er ging zu Josef Süß Oppenheimer.
Der hatte sich mittlerweile redlich bemüht, müßig zu sein; aber er hatte
nicht die Gabe, sich auf solche Art zu erholen. Er litt unter dem Nichtstun;
er fühlte sich, der rastlose Mann, unbehaglich, krank, wenn er nicht
Projekte anzetteln, mit großen Herren verhandeln, Bewegung auslösen, in
Bewegtem wirbeln konnte.
Von klein auf hatte es ihn umgetrieben, ihm keine Rast gegönnt. Schon
als Kind hatte er es durchgedrückt, daß er nicht bei seinem Großvater in
Frankfurt bleiben mußte, dem frommen und stillen Reb Salomon, dem
Vorbeter in der Synagoge. Seine Eltern, der Vater war Direktor einer
jüdischen Komödiantengesellschaft, mußten ihn auf ihre Tourneen
mitnehmen. So war er schon als Sechsjähriger an den Herzogshof von
Wolfenbüttel gekommen und hatte große Herren kennengelernt. Der Herzog
mochte den Vater und mehr noch die Mutter, die wunderschöne Michaele
Süß, gern leiden, und die Herzogin fraß ihren Narren an dem hübschen,
leidenschaftlichen, altklugen, koketten Knaben. Ah, wie war er anders als
das flachsblonde Phlegma der Kinder am Wolfenbüttler Hof. Von daher
schon rührte seine sehnsüchtige Neigung, mit großen Herren zu verkehren.
Er brauchte Abwechslung, es mußten viele, viele Gesichter an seinem Wege
stehen, er hatte Durst auf Menschen, eine wütende Lust, immer mehr
Gesichter in sein Leben zu stopfen, er vergaß ihrer keines. Der Tag war
verloren, an dem er nicht mindestens vier neue Menschen sah, er war stolz
darauf, ein Dritteil aller deutschen Fürsten, die Hälfte aller großen Damen
von Angesicht zu Angesicht zu kennen.
Adelstitel, eine kleine reichsunmittelbare Grafschaft, wenn es sein mußte,
überseeisches Gewürz, Neger, braune Sklavinnen, sprechende Papageien:
aber wo in aller Welt sollte er den Ewigen Juden hernehmen oder einen
soliden Kabbalisten, mit dem man Staat und Effekt machen konnte?
Natürlich dachte er einen Augenblick daran, einen geschickten Schwindler
vor die Gräfin hinzustellen; aber er wollte schließlich diese gute Kundin,
die sich so ganz auf ihn verließ, nicht übers Ohr hauen. Er war immer solid
gewesen. Und dann war es auch zu riskant. Die Landstände haßten ihn
sowieso, sie hätten ihn mit größter Freude vors Gericht und, Gott behüte,
auf den Scheiterhaufen gebracht. Er beurlaubte sich von der Gräfin gegen
seine Gewohnheit verstimmt und mit einem widerwilligen halben
Versprechen.
Er ging zu Josef Süß Oppenheimer.
Der hatte sich mittlerweile redlich bemüht, müßig zu sein; aber er hatte
nicht die Gabe, sich auf solche Art zu erholen. Er litt unter dem Nichtstun;
er fühlte sich, der rastlose Mann, unbehaglich, krank, wenn er nicht
Projekte anzetteln, mit großen Herren verhandeln, Bewegung auslösen, in
Bewegtem wirbeln konnte.
Von klein auf hatte es ihn umgetrieben, ihm keine Rast gegönnt. Schon
als Kind hatte er es durchgedrückt, daß er nicht bei seinem Großvater in
Frankfurt bleiben mußte, dem frommen und stillen Reb Salomon, dem
Vorbeter in der Synagoge. Seine Eltern, der Vater war Direktor einer
jüdischen Komödiantengesellschaft, mußten ihn auf ihre Tourneen
mitnehmen. So war er schon als Sechsjähriger an den Herzogshof von
Wolfenbüttel gekommen und hatte große Herren kennengelernt. Der Herzog
mochte den Vater und mehr noch die Mutter, die wunderschöne Michaele
Süß, gern leiden, und die Herzogin fraß ihren Narren an dem hübschen,
leidenschaftlichen, altklugen, koketten Knaben. Ah, wie war er anders als
das flachsblonde Phlegma der Kinder am Wolfenbüttler Hof. Von daher
schon rührte seine sehnsüchtige Neigung, mit großen Herren zu verkehren.
Er brauchte Abwechslung, es mußten viele, viele Gesichter an seinem Wege
stehen, er hatte Durst auf Menschen, eine wütende Lust, immer mehr
Gesichter in sein Leben zu stopfen, er vergaß ihrer keines. Der Tag war
verloren, an dem er nicht mindestens vier neue Menschen sah, er war stolz
darauf, ein Dritteil aller deutschen Fürsten, die Hälfte aller großen Damen
von Angesicht zu Angesicht zu kennen.
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Er war kaum mehr in der Heidelberger Schule zu halten. Dreimal in vier
Jahren brannte er durch, lief den Schauspielern nach. Und als gar der Vater
starb, konnten alle Bitten, Tränen, Drohungen, Verwünschungen der Mutter
ihn nicht zähmen. Der hübsche Junge, von der ganzen Stadt verhätschelt,
frühreif, als Wunderkind im Rechnen angestaunt, stolz auf sein prinzliches
Aussehen, machte die tollsten Streiche. Die jüdischen Nachbarn schlugen
die Hände zusammen, die christlichen lachten amüsiert und wohlgefällig,
die Mutter, unter Flehen, Flennen, Schimpfen, ward zwischen Stolz und
Empörung hin- und hergeworfen. Auch in Tübingen, wo er die Rechte
studieren sollte, hielt es ihn nicht in den Hörsälen. Mathematik und
Sprachen bewältigte er im Spiel, die Rabulisterei der Jurisprudenz, die die
Professoren sich in mühsamer Theorie zusammenklaubten, stak ihm in den
Fingern. Viel wichtiger war es ihm, mit den adeligen Studenten
zusammenzusein, und ließen sie ihn nur eine Stunde als Kavalier und
Kameraden gelten, so machte er ihnen gern dafür die ganze übrige Woche
den Diener und Bajazzo. Er erkannte mehr und mehr: dies war seine
Profession, große Herren zu traktieren und mit ihnen umzugehen, ihr Efeu
zu sein. Wer verstand es wie er, in die Launen und Lüste der Fürsten
hineinzukriechen, still zu sein zur rechten Zeit, zur rechten Zeit den Samen
seines Willens in sie zu senken wie der Obstspinner seine Saat in die
reifende Frucht. Und wer gar konnte sich dem Frauenzimmer anschmiegen
wie er und mit weicher und sicherer Hand auch die Sprödeste herumbiegen.
Es brannte in ihm: mehr Länder, mehr Menschen, mehr Frauen, mehr
Pracht, mehr Geld, mehr Gesichter. Bewegung, Geschehen, Wirbel. Nicht in
Wien litt es ihn, wo seine Schwester in stolzer Ehe lebte, glänzte,
verschwendete, nicht in den Kontoren seiner Vettern Oppenheimer, der
kaiserlichen Bankiers und Armeelieferanten, nicht in der Kanzlei des
Mannheimer Advokaten Lanz, nicht in den Bureaus seines Bruders, des
Darmstädter Kabinettsfaktors, der jetzt, Christ geworden, Baron
Tauffenberger hieß. Es trieb ihn, es jagte ihn. Neue Frauen, neue Händel,
neue Pracht, neue Sitten. Amsterdam, Paris, Venedig, Prag. Wirbel, Leben.
Bei alledem schwamm er in seichtem, abgespaltenem Wasser und konnte
nicht recht auf den vollen Fluß hinauskommen. Erst die Hilfe Isaak
Landauers hatte ihm ernsthafte Geschäfte verschafft, die kurpfälzische
Stempelsache und den Darmstädter Münzakkord, und erst der flinke Mut,
mit dem er diese riskanten Affären gepackt und im rechten Moment aus der
Jahren brannte er durch, lief den Schauspielern nach. Und als gar der Vater
starb, konnten alle Bitten, Tränen, Drohungen, Verwünschungen der Mutter
ihn nicht zähmen. Der hübsche Junge, von der ganzen Stadt verhätschelt,
frühreif, als Wunderkind im Rechnen angestaunt, stolz auf sein prinzliches
Aussehen, machte die tollsten Streiche. Die jüdischen Nachbarn schlugen
die Hände zusammen, die christlichen lachten amüsiert und wohlgefällig,
die Mutter, unter Flehen, Flennen, Schimpfen, ward zwischen Stolz und
Empörung hin- und hergeworfen. Auch in Tübingen, wo er die Rechte
studieren sollte, hielt es ihn nicht in den Hörsälen. Mathematik und
Sprachen bewältigte er im Spiel, die Rabulisterei der Jurisprudenz, die die
Professoren sich in mühsamer Theorie zusammenklaubten, stak ihm in den
Fingern. Viel wichtiger war es ihm, mit den adeligen Studenten
zusammenzusein, und ließen sie ihn nur eine Stunde als Kavalier und
Kameraden gelten, so machte er ihnen gern dafür die ganze übrige Woche
den Diener und Bajazzo. Er erkannte mehr und mehr: dies war seine
Profession, große Herren zu traktieren und mit ihnen umzugehen, ihr Efeu
zu sein. Wer verstand es wie er, in die Launen und Lüste der Fürsten
hineinzukriechen, still zu sein zur rechten Zeit, zur rechten Zeit den Samen
seines Willens in sie zu senken wie der Obstspinner seine Saat in die
reifende Frucht. Und wer gar konnte sich dem Frauenzimmer anschmiegen
wie er und mit weicher und sicherer Hand auch die Sprödeste herumbiegen.
Es brannte in ihm: mehr Länder, mehr Menschen, mehr Frauen, mehr
Pracht, mehr Geld, mehr Gesichter. Bewegung, Geschehen, Wirbel. Nicht in
Wien litt es ihn, wo seine Schwester in stolzer Ehe lebte, glänzte,
verschwendete, nicht in den Kontoren seiner Vettern Oppenheimer, der
kaiserlichen Bankiers und Armeelieferanten, nicht in der Kanzlei des
Mannheimer Advokaten Lanz, nicht in den Bureaus seines Bruders, des
Darmstädter Kabinettsfaktors, der jetzt, Christ geworden, Baron
Tauffenberger hieß. Es trieb ihn, es jagte ihn. Neue Frauen, neue Händel,
neue Pracht, neue Sitten. Amsterdam, Paris, Venedig, Prag. Wirbel, Leben.
Bei alledem schwamm er in seichtem, abgespaltenem Wasser und konnte
nicht recht auf den vollen Fluß hinauskommen. Erst die Hilfe Isaak
Landauers hatte ihm ernsthafte Geschäfte verschafft, die kurpfälzische
Stempelsache und den Darmstädter Münzakkord, und erst der flinke Mut,
mit dem er diese riskanten Affären gepackt und im rechten Moment aus der
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Hand gelassen, hatte seinen Namen vollwichtig gemacht. Er hätte gültige
Ursache gehabt, jetzt in Wildbad die Arme zu breiten, auszuatmen.
Aber dies war ihm nicht gegeben, Müßiggang juckte ihm die Haut, und
er zettelte, nur um seine Kraft spielen zu sehen, hundert kleine Amouren,
Projekte, Geschäfte an. Sein Leibdiener und Sekretär, Nicklas Pfäffle, den
er dem Mannheimer Advokaten Lanz abgespannt hatte, ein dicker,
gelassener, undurchdringlicher, unermüdlicher, blasser Mensch, mußte den
ganzen Tag auf dem Weg sein, ihm Neuigkeiten zu schaffen, Adressen,
Hantierung, Lebensläufe der Badegäste zu erkunden.
Süß sah sehr jung aus, und er war stolz darauf, daß man ihn gemeinhin
auf rund dreißig schätzte, zehn Jahre jünger fast, als er wirklich war. Er
mußte Frauenblicke in seinem Rücken spüren, umgewandte Köpfe, wenn er
auf der Promenade ritt. Die mattweiße Haut, die er von der Mutter geerbt,
pflegte er mit hundert Essenzen, er ließ sich gerne bestätigen, daß seine
Nase griechisch war, täglich mußte der Coiffeur ihm das reiche
dunkelbraune Haar wellen, daß es ja nicht unter der Perücke leide; häufig
auch trug er es ohne Perücke, trotzdem sich das eigentlich für einen Herrn
seines Standes nicht schickte. Er achtete darauf, daß der kleine Mund mit
den übervollen, sehr roten Lippen sich nicht durch viel Lachen verzerre,
und ängstlich suchte er im Spiegel die freie Heiterkeit der glatten Stirn, die
ihm das Zeichen des Kavaliers war. Er wußte, daß er auffiel, er brauchte
Bestätigungen, immer neue, seiner Wirkung, und eine Frau, die er nach
einer Nacht verabschiedet hatte, blieb ihm fürs Leben lieb, weil sie seine
dunkelbraunen, blitzenden, raschen Augen unter den gewölbten Brauen
fliegende Augen genannt hatte.
Wie die Mode und sein Behagen immer neue Speisen, Weine, immer
anderes Kristall und Porzellan für seine Tafel forderte, so für sein Bett
immer neue Frauen. Er brauchte sie und verbrauchte sie. Sein Gedächtnis,
ein ungeheures Museum, das alles in zuverlässiger Konservierung hegte,
hielt Gesichter, Leiber, Duft, Stellung in sicherer Treue fest; weiter rührte
keine. Eine einzige hatte sich tiefer als nur in die Sinne in ihn
hineingesenkt, das Jahr, das sie mit ihm zusammen war, das Jahr in
Holland, stand fremdartig und sehr allein in seinem Leben, aber er hatte das
Erinnern daran verkapselt, er sprach nicht davon, seine Gedanken gingen
scheu an diesem Jahr und dieser Verklungenen vorbei, nur sehr selten
schlug es große Augen auf und sah ihn bestürzend und verwirrend an.
Ursache gehabt, jetzt in Wildbad die Arme zu breiten, auszuatmen.
Aber dies war ihm nicht gegeben, Müßiggang juckte ihm die Haut, und
er zettelte, nur um seine Kraft spielen zu sehen, hundert kleine Amouren,
Projekte, Geschäfte an. Sein Leibdiener und Sekretär, Nicklas Pfäffle, den
er dem Mannheimer Advokaten Lanz abgespannt hatte, ein dicker,
gelassener, undurchdringlicher, unermüdlicher, blasser Mensch, mußte den
ganzen Tag auf dem Weg sein, ihm Neuigkeiten zu schaffen, Adressen,
Hantierung, Lebensläufe der Badegäste zu erkunden.
Süß sah sehr jung aus, und er war stolz darauf, daß man ihn gemeinhin
auf rund dreißig schätzte, zehn Jahre jünger fast, als er wirklich war. Er
mußte Frauenblicke in seinem Rücken spüren, umgewandte Köpfe, wenn er
auf der Promenade ritt. Die mattweiße Haut, die er von der Mutter geerbt,
pflegte er mit hundert Essenzen, er ließ sich gerne bestätigen, daß seine
Nase griechisch war, täglich mußte der Coiffeur ihm das reiche
dunkelbraune Haar wellen, daß es ja nicht unter der Perücke leide; häufig
auch trug er es ohne Perücke, trotzdem sich das eigentlich für einen Herrn
seines Standes nicht schickte. Er achtete darauf, daß der kleine Mund mit
den übervollen, sehr roten Lippen sich nicht durch viel Lachen verzerre,
und ängstlich suchte er im Spiegel die freie Heiterkeit der glatten Stirn, die
ihm das Zeichen des Kavaliers war. Er wußte, daß er auffiel, er brauchte
Bestätigungen, immer neue, seiner Wirkung, und eine Frau, die er nach
einer Nacht verabschiedet hatte, blieb ihm fürs Leben lieb, weil sie seine
dunkelbraunen, blitzenden, raschen Augen unter den gewölbten Brauen
fliegende Augen genannt hatte.
Wie die Mode und sein Behagen immer neue Speisen, Weine, immer
anderes Kristall und Porzellan für seine Tafel forderte, so für sein Bett
immer neue Frauen. Er brauchte sie und verbrauchte sie. Sein Gedächtnis,
ein ungeheures Museum, das alles in zuverlässiger Konservierung hegte,
hielt Gesichter, Leiber, Duft, Stellung in sicherer Treue fest; weiter rührte
keine. Eine einzige hatte sich tiefer als nur in die Sinne in ihn
hineingesenkt, das Jahr, das sie mit ihm zusammen war, das Jahr in
Holland, stand fremdartig und sehr allein in seinem Leben, aber er hatte das
Erinnern daran verkapselt, er sprach nicht davon, seine Gedanken gingen
scheu an diesem Jahr und dieser Verklungenen vorbei, nur sehr selten
schlug es große Augen auf und sah ihn bestürzend und verwirrend an.
Page 35
Er hatte sich von Isaak Landauer auch deshalb so leicht bestimmen
lassen, nach Wildbad zu gehen, weil die Kur in diesem Ort seit ein paar
Jahren von jedem gebraucht werden mußte, der im westlichen Deutschland
als Kavalier gelten wollte. Selbst von Frankreich kamen Gäste herüber, hier
sah man das modischste Fuhrwerk, man hörte die eleganteste Konversation,
man konnte an der Tenue von Versailles die Eckchen und Rauheiten
abschleifen, die auch der modischste deutsche Hof nicht ganz zu vermeiden
wußte. Hier war große Welt, man sah hier am deutlichsten die leisen
Schwankungen in der Wertung der einzelnen und ganzer Schichten, wer
hochkam, und wer niederglitt, das lebendige Beispiel war hundertmal
instruktiver als der Mercure galant. Nur hier in Deutschland konnte man mit
Sicherheit feststellen, welches Fußgelenk der à la mode-Kavalier bei der
Auswahl seiner Herzdame zu bevorzugen hatte, wollte er nicht als
rückständig angesehen werden.
Da Süß in keiner größeren Aktion stand, ging er ganz in diesem Gewese
auf, trieb sich mit flinken Stößen in den galanten Nichtigkeiten herum.
Nicht ausgefüllt und hungrig nach Geschehnissen, sog er aus dem Leben
der andern. Er konversierte mit dem Wirt und machte Projekte, wie der
Gasthof, in dem er wohnte, rentabler werden könnte, er schlief mit der
jungen Aufwärterin, er bestellte für den Besitzer des Spielhauses neue,
elegantere Pharao-Tische, wobei er vierhundert Gulden verdiente, er war
der am liebsten gesehene Gast beim Lever der Prinzessin von Kurland, er
renkte die Liebeshändel des Badedieners ein, er beschaffte durch die
Gewandtheit seines Nicklas Pfäffle aus den Ludwigsburger Treibhäusern
Orangeblüten für die Tochter des Gesandten der Generalstaaten, er durfte,
wenn sie im Bad saß und mit den Kavalieren konversierte, auf der
Holzdecke, die, nur ihren Kopf freilassend, auf der Wanne lag, ihr zunächst
sitzen, und viele sagten, er dürfe sich noch ganz andere Freiheiten nehmen.
Er machte einen vorteilhaften Kontrakt mit einem Amsterdamer
Juwelenhändler über die Schleifung gewisser Steine, bei einem Streithandel
mit einem Grafen Tratzberg, einem plump frechen bayrischen Herrn, schnitt
er so gut ab, daß der Bayer andern Tags sich aus Wildbad trollen mußte, er
erwirkte dem Gärtner Kredit für neue Parkanlagen beim Badehaus und
gewann dabei hundertundzehn Taler. Er hielt am Spieltisch, als alle
deutschen Herren sich ängstlich zurückzogen, dem jungen Lord Suffolk als
einziger Widerpart und verlor lächelnd und höflich viertausend Gulden. Er
ohrfeigte einen Modehändler, der ihn beim Kauf eines Strumpfgürtels um
lassen, nach Wildbad zu gehen, weil die Kur in diesem Ort seit ein paar
Jahren von jedem gebraucht werden mußte, der im westlichen Deutschland
als Kavalier gelten wollte. Selbst von Frankreich kamen Gäste herüber, hier
sah man das modischste Fuhrwerk, man hörte die eleganteste Konversation,
man konnte an der Tenue von Versailles die Eckchen und Rauheiten
abschleifen, die auch der modischste deutsche Hof nicht ganz zu vermeiden
wußte. Hier war große Welt, man sah hier am deutlichsten die leisen
Schwankungen in der Wertung der einzelnen und ganzer Schichten, wer
hochkam, und wer niederglitt, das lebendige Beispiel war hundertmal
instruktiver als der Mercure galant. Nur hier in Deutschland konnte man mit
Sicherheit feststellen, welches Fußgelenk der à la mode-Kavalier bei der
Auswahl seiner Herzdame zu bevorzugen hatte, wollte er nicht als
rückständig angesehen werden.
Da Süß in keiner größeren Aktion stand, ging er ganz in diesem Gewese
auf, trieb sich mit flinken Stößen in den galanten Nichtigkeiten herum.
Nicht ausgefüllt und hungrig nach Geschehnissen, sog er aus dem Leben
der andern. Er konversierte mit dem Wirt und machte Projekte, wie der
Gasthof, in dem er wohnte, rentabler werden könnte, er schlief mit der
jungen Aufwärterin, er bestellte für den Besitzer des Spielhauses neue,
elegantere Pharao-Tische, wobei er vierhundert Gulden verdiente, er war
der am liebsten gesehene Gast beim Lever der Prinzessin von Kurland, er
renkte die Liebeshändel des Badedieners ein, er beschaffte durch die
Gewandtheit seines Nicklas Pfäffle aus den Ludwigsburger Treibhäusern
Orangeblüten für die Tochter des Gesandten der Generalstaaten, er durfte,
wenn sie im Bad saß und mit den Kavalieren konversierte, auf der
Holzdecke, die, nur ihren Kopf freilassend, auf der Wanne lag, ihr zunächst
sitzen, und viele sagten, er dürfe sich noch ganz andere Freiheiten nehmen.
Er machte einen vorteilhaften Kontrakt mit einem Amsterdamer
Juwelenhändler über die Schleifung gewisser Steine, bei einem Streithandel
mit einem Grafen Tratzberg, einem plump frechen bayrischen Herrn, schnitt
er so gut ab, daß der Bayer andern Tags sich aus Wildbad trollen mußte, er
erwirkte dem Gärtner Kredit für neue Parkanlagen beim Badehaus und
gewann dabei hundertundzehn Taler. Er hielt am Spieltisch, als alle
deutschen Herren sich ängstlich zurückzogen, dem jungen Lord Suffolk als
einziger Widerpart und verlor lächelnd und höflich viertausend Gulden. Er
ohrfeigte einen Modehändler, der ihn beim Kauf eines Strumpfgürtels um
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vier Groschen betrügen wollte. Er antichambrierte täglich beim sächsischen
Minister – der sächsische Hof suchte eine Anleihe – und stand barhaupt und
tief gebückt, während der Minister, den Blick steif und hochmütig gradaus,
grußlos vorüberging. Er beneidete brennend Isaak Landauer, der unter dem
Spott der Gassenbuben, den Verwünschungen des Volkes, der Verachtung
der großen Welt ins Haus der Gräfin ging, rechnete, Geld bewegte, Land
bewegte, Menschen ledig machte, unter Ketten begrub.
In solcher Laune fand ihn Isaak Landauer. Er begann behutsam von den
seltsamen Kaprizen, mit denen Gott, gelobt sein Name, die Christen
bedacht und bestraft habe. Der alte Ratsherr aus Heilbronn mußte immer
seine sieben Hündchen um sich haben, und von genau gleicher Größe, das
Fräulein von Zwanziger hatte das Gelübde getan, am Freitag kein Wort zu
sprechen, und der Herr von Hohenegg hatte den Ehrgeiz, bei allen adeligen
Begräbnissen in der Umgegend zugegen zu sein, und scheute zu solchem
Zweck keine Strapaze. Dann kam er vorsichtig auf das Gerede vom Ewigen
Juden zu sprechen und endete mit der beiläufigen Mitteilung, daß die
Gräfin die seltsame Laune habe, den Ewigen Juden oder sonst einen Magus
oder Astrologus, am liebsten einen zuverlässigen Kabbalisten bei sich zu
sehen. Dann schwieg er, wartete.
Süß hatte sogleich gemerkt, der andere wolle etwas. Er zog sich
zusammen, lauerte. Daß Isaak Landauer von dem Ewigen Juden anhub,
warf ihn aus seiner Rechnung. Dies rührte einen Punkt, der nicht ins
Geschäft zu ziehen war, sich nicht in Ziffern umsetzen ließ. Rührte an das
Verkapselte. Auch er hatte natürlich von den Gerüchten gehört; aber sein
eingeborenes Talent, sich abzuschließen gegen alles, was ihm die Sicherheit
verwirren konnte, hatte ihn leicht und rasch über Ahnungen, Trübungen
weggleiten lassen. Nicht stoßen an das Verkapselte. Jetzt aber, wie
Landauer damit begann, kroch das unbehagliche Gefühl unweigerlich ihn
an. Er sah den Vorschlag Isaak Landauers an sich herankommen wie eine
ferne Welle, er fürchtete ihn und wünschte ihn herbei, und wie jetzt Isaak
Landauer einhielt, saß er in quälend prickelnder Spannung.
Und da fuhr der andere auch schon fort. Zögernd, die tastende Erwartung
unter der Beiläufigkeit des Tones versteckt, fragte er: „Ich hab gemeint, Reb
Süß, vielleicht Rabbi Gabriel.“
Da war es. Er zielte also, dieser Mensch, der da vor ihm saß und schlau
und behaglich mit dem Kopf wackelte, mit sicherem Kalkül auf das, was er
Minister – der sächsische Hof suchte eine Anleihe – und stand barhaupt und
tief gebückt, während der Minister, den Blick steif und hochmütig gradaus,
grußlos vorüberging. Er beneidete brennend Isaak Landauer, der unter dem
Spott der Gassenbuben, den Verwünschungen des Volkes, der Verachtung
der großen Welt ins Haus der Gräfin ging, rechnete, Geld bewegte, Land
bewegte, Menschen ledig machte, unter Ketten begrub.
In solcher Laune fand ihn Isaak Landauer. Er begann behutsam von den
seltsamen Kaprizen, mit denen Gott, gelobt sein Name, die Christen
bedacht und bestraft habe. Der alte Ratsherr aus Heilbronn mußte immer
seine sieben Hündchen um sich haben, und von genau gleicher Größe, das
Fräulein von Zwanziger hatte das Gelübde getan, am Freitag kein Wort zu
sprechen, und der Herr von Hohenegg hatte den Ehrgeiz, bei allen adeligen
Begräbnissen in der Umgegend zugegen zu sein, und scheute zu solchem
Zweck keine Strapaze. Dann kam er vorsichtig auf das Gerede vom Ewigen
Juden zu sprechen und endete mit der beiläufigen Mitteilung, daß die
Gräfin die seltsame Laune habe, den Ewigen Juden oder sonst einen Magus
oder Astrologus, am liebsten einen zuverlässigen Kabbalisten bei sich zu
sehen. Dann schwieg er, wartete.
Süß hatte sogleich gemerkt, der andere wolle etwas. Er zog sich
zusammen, lauerte. Daß Isaak Landauer von dem Ewigen Juden anhub,
warf ihn aus seiner Rechnung. Dies rührte einen Punkt, der nicht ins
Geschäft zu ziehen war, sich nicht in Ziffern umsetzen ließ. Rührte an das
Verkapselte. Auch er hatte natürlich von den Gerüchten gehört; aber sein
eingeborenes Talent, sich abzuschließen gegen alles, was ihm die Sicherheit
verwirren konnte, hatte ihn leicht und rasch über Ahnungen, Trübungen
weggleiten lassen. Nicht stoßen an das Verkapselte. Jetzt aber, wie
Landauer damit begann, kroch das unbehagliche Gefühl unweigerlich ihn
an. Er sah den Vorschlag Isaak Landauers an sich herankommen wie eine
ferne Welle, er fürchtete ihn und wünschte ihn herbei, und wie jetzt Isaak
Landauer einhielt, saß er in quälend prickelnder Spannung.
Und da fuhr der andere auch schon fort. Zögernd, die tastende Erwartung
unter der Beiläufigkeit des Tones versteckt, fragte er: „Ich hab gemeint, Reb
Süß, vielleicht Rabbi Gabriel.“
Da war es. Er zielte also, dieser Mensch, der da vor ihm saß und schlau
und behaglich mit dem Kopf wackelte, mit sicherem Kalkül auf das, was er
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zu ahnen widerwillig abgelehnt, von sich abgeschüttelt hatte. Er zwang ihn,
sich damit auseinanderzusetzen.
„Ich meine,“ tastete er wieder, der andere, der Lockende, Beneidete, „ich
meine, der Ewige Jude, von dem sie schwatzen, das kann doch nur er sein.“
Ja, ja, das hatte natürlich Süß auch gespürt, als er von jenen Gerüchten
gehört hatte. Aber gerade davor hatte er sich abschließen wollen, daß solche
Ahnung nicht Wissen werde. Rabbi Gabriel, sein Oheim, der Kabbalist, der
Unheimliche, für jeden in seltsamem und beängstigendem Nebel, der
einzige Mensch, über den er nicht ins Klare kommen konnte, der einfach
durch seine Gegenwart sein farbiges Weltbild entfärbte, seine Wirklichkeit
entweste, seine klaren, runden Zahlen zweideutig machte, auswischte, der
sollte für sich bleiben, weit weg. Es war nicht gut, nein, nein, es war
bestimmt nicht gut, den ins Geschäft zu mengen. Er wird an das Verkapselte
rühren. Wirrung wird herausspringen, Druck, Zwiespalt, Dinge, die sich
jeder Rechnung und jedem Kalkül entzogen. Nein, nein, die Geschäfte
waren hier, und jenes andere lag dort, behütet, fern ab, und es war gut so,
und es sollte so bleiben.
„Ich verlang es natürlich nicht umsonst, Reb Josef Süß,“ tastete der andre
sich weiter. „Ich würde Euch mit hineinlassen in das Geschäft mit der
Gräfin.“
Josef Süß hatte alle Räder seines Kalküls angedreht. Er saß in großer
Versuchung. In ihm arbeitete es, scharf, rasch, mit ungeheurer Energie und
Präzision. Er wog sachlich und schnell alle Vorteile solchen Angebots, rieb
sie blitzblank, zählte, rechnete. Verbindung mit der Gräfin, das war viel, das
war mehr als ein großes Geldangebot. Beteiligt an diesem Geschäft, konnte
er an den Herzog heran, von da zum Prinzen Eugen war ein Schritt. Er sah
hundert Möglichkeiten, schwindelnd Weites rückte ganz nah.
Aber es ging nicht, es ging nicht. Alles auf der Welt konnte man
preisgeben für ein Geschäft. Frauen, Freuden, Leben. Aber das nicht. Den
Rabbi Gabriel in ein Geschäft ziehen, ihn verschachern, das nicht. Er
glaubte an nichts, an Böses nicht und an Gutes nicht. Aber das hieß sich in
Dinge stürzen, wo alles Rechnen und Wägen zu Ende war, das hieß sich in
einen Wirbel stürzen, wo aller Mut so unsinnig war wie alle Schwimmkunst
vergebens.
Er atmete heftig, gedrängt. Hob, mit einer Bewegung der Abwehr, jäh
überfrostet, den Rücken. Es war ihm plötzlich, als schaute ihm ein Mensch
sich damit auseinanderzusetzen.
„Ich meine,“ tastete er wieder, der andere, der Lockende, Beneidete, „ich
meine, der Ewige Jude, von dem sie schwatzen, das kann doch nur er sein.“
Ja, ja, das hatte natürlich Süß auch gespürt, als er von jenen Gerüchten
gehört hatte. Aber gerade davor hatte er sich abschließen wollen, daß solche
Ahnung nicht Wissen werde. Rabbi Gabriel, sein Oheim, der Kabbalist, der
Unheimliche, für jeden in seltsamem und beängstigendem Nebel, der
einzige Mensch, über den er nicht ins Klare kommen konnte, der einfach
durch seine Gegenwart sein farbiges Weltbild entfärbte, seine Wirklichkeit
entweste, seine klaren, runden Zahlen zweideutig machte, auswischte, der
sollte für sich bleiben, weit weg. Es war nicht gut, nein, nein, es war
bestimmt nicht gut, den ins Geschäft zu mengen. Er wird an das Verkapselte
rühren. Wirrung wird herausspringen, Druck, Zwiespalt, Dinge, die sich
jeder Rechnung und jedem Kalkül entzogen. Nein, nein, die Geschäfte
waren hier, und jenes andere lag dort, behütet, fern ab, und es war gut so,
und es sollte so bleiben.
„Ich verlang es natürlich nicht umsonst, Reb Josef Süß,“ tastete der andre
sich weiter. „Ich würde Euch mit hineinlassen in das Geschäft mit der
Gräfin.“
Josef Süß hatte alle Räder seines Kalküls angedreht. Er saß in großer
Versuchung. In ihm arbeitete es, scharf, rasch, mit ungeheurer Energie und
Präzision. Er wog sachlich und schnell alle Vorteile solchen Angebots, rieb
sie blitzblank, zählte, rechnete. Verbindung mit der Gräfin, das war viel, das
war mehr als ein großes Geldangebot. Beteiligt an diesem Geschäft, konnte
er an den Herzog heran, von da zum Prinzen Eugen war ein Schritt. Er sah
hundert Möglichkeiten, schwindelnd Weites rückte ganz nah.
Aber es ging nicht, es ging nicht. Alles auf der Welt konnte man
preisgeben für ein Geschäft. Frauen, Freuden, Leben. Aber das nicht. Den
Rabbi Gabriel in ein Geschäft ziehen, ihn verschachern, das nicht. Er
glaubte an nichts, an Böses nicht und an Gutes nicht. Aber das hieß sich in
Dinge stürzen, wo alles Rechnen und Wägen zu Ende war, das hieß sich in
einen Wirbel stürzen, wo aller Mut so unsinnig war wie alle Schwimmkunst
vergebens.
Er atmete heftig, gedrängt. Hob, mit einer Bewegung der Abwehr, jäh
überfrostet, den Rücken. Es war ihm plötzlich, als schaute ihm ein Mensch
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über die Schulter, ein Mensch mit seinem eigenen Gesicht, aber ganz im
Dämmer, nebelhaft.
„Ihr sollt nichts von ihm verlangen,“ lockte Isaak Landauer vorsichtig
weiter. „Ihr braucht ihm keinen Vorschlag tun. Alles, was ich will, Reb
Josef Süß, ist, daß Ihr ihn herschafft nach Wildbad. Ihr brauchtet ja nur
Euern jungen Menschen zu schicken, den Pfäffle, der würde ihn gewiß
auftreiben. Ich würde Euch gut assoziieren an dem Geschäft mit der
Gräfin.“
Süß schüttelte die Benommenheit von sich ab, raffte sich zusammen. Die
Dinge traten wieder ein in ihre Farbe, Umriß, Klarheit, Greifbarkeit. Das
Nebelgesicht hinter seiner Schulter verschwand. Unsinn seine
Bedenklichkeit. Er war doch kein verschwärmter, dummer Junge. Ja,
damals, als man ihm den Vorschlag gemacht hatte, sich taufen zu lassen, am
kurpfälzischen Hof, daß er da nicht zugriff, das waren verständliche
Hemmungen gewesen. Er wußte zwar jetzt noch nicht recht, warum er es
nicht gemacht hatte wie sein Bruder und sich auf so einfache Weise Glanz,
Position und Baronie verschafft. Aber er tat es eben nicht damals und hätte
es auch heute nicht getan und nie und für kein Geschäft der Welt. Doch
jetzt, was dieser da von ihm verlangte, der Listige, Kluge, Gewiegte, was
war da denn viel dabei? Kein Mensch doch verlangte von ihm, daß er den
Rabbi, den Unheimlichen, den drohend Unbehaglichen, verschachere. Wie
hatte ihm da wieder seine Phantasie, die galoppierende, viel zu rasche, die
Begriffe gewirrt. Herrufen sollte er den Alten, nichts weiter. Und dafür die
Verbindung mit der Gräfin, dem Herzog, dem Prinzen Eugen. Ein Narr
wäre er, wenn er nicht zugriffe, weil es ein wenig, er suchte das Wort, ein
wenig unbehaglich war.
Zögernd, in einem halben Satze, sagte er, nach dem Rabbi zu schicken,
an sich ginge das ja allenfalls. Sofort hackte Isaak Landauer zu. Aber nun
forderte Süß an dem Geschäft mit der Gräfin einen Anteil, den der andere
unmöglich bewilligen konnte. Eingehend, scharf schachernd, besprachen
sie die Einzelheiten. Nur Schritt um Schritt, heftig kämpfend, wich Süß
zurück.
Als sie schließlich übereingekommen waren, dachte Süß, lebte, atmete er
nur noch in diesem Geschäft. Rabbi Gabriel sank ihm in das Verkapselte,
sowie er den Diener weggeschickt hatte.
Dämmer, nebelhaft.
„Ihr sollt nichts von ihm verlangen,“ lockte Isaak Landauer vorsichtig
weiter. „Ihr braucht ihm keinen Vorschlag tun. Alles, was ich will, Reb
Josef Süß, ist, daß Ihr ihn herschafft nach Wildbad. Ihr brauchtet ja nur
Euern jungen Menschen zu schicken, den Pfäffle, der würde ihn gewiß
auftreiben. Ich würde Euch gut assoziieren an dem Geschäft mit der
Gräfin.“
Süß schüttelte die Benommenheit von sich ab, raffte sich zusammen. Die
Dinge traten wieder ein in ihre Farbe, Umriß, Klarheit, Greifbarkeit. Das
Nebelgesicht hinter seiner Schulter verschwand. Unsinn seine
Bedenklichkeit. Er war doch kein verschwärmter, dummer Junge. Ja,
damals, als man ihm den Vorschlag gemacht hatte, sich taufen zu lassen, am
kurpfälzischen Hof, daß er da nicht zugriff, das waren verständliche
Hemmungen gewesen. Er wußte zwar jetzt noch nicht recht, warum er es
nicht gemacht hatte wie sein Bruder und sich auf so einfache Weise Glanz,
Position und Baronie verschafft. Aber er tat es eben nicht damals und hätte
es auch heute nicht getan und nie und für kein Geschäft der Welt. Doch
jetzt, was dieser da von ihm verlangte, der Listige, Kluge, Gewiegte, was
war da denn viel dabei? Kein Mensch doch verlangte von ihm, daß er den
Rabbi, den Unheimlichen, den drohend Unbehaglichen, verschachere. Wie
hatte ihm da wieder seine Phantasie, die galoppierende, viel zu rasche, die
Begriffe gewirrt. Herrufen sollte er den Alten, nichts weiter. Und dafür die
Verbindung mit der Gräfin, dem Herzog, dem Prinzen Eugen. Ein Narr
wäre er, wenn er nicht zugriffe, weil es ein wenig, er suchte das Wort, ein
wenig unbehaglich war.
Zögernd, in einem halben Satze, sagte er, nach dem Rabbi zu schicken,
an sich ginge das ja allenfalls. Sofort hackte Isaak Landauer zu. Aber nun
forderte Süß an dem Geschäft mit der Gräfin einen Anteil, den der andere
unmöglich bewilligen konnte. Eingehend, scharf schachernd, besprachen
sie die Einzelheiten. Nur Schritt um Schritt, heftig kämpfend, wich Süß
zurück.
Als sie schließlich übereingekommen waren, dachte Süß, lebte, atmete er
nur noch in diesem Geschäft. Rabbi Gabriel sank ihm in das Verkapselte,
sowie er den Diener weggeschickt hatte.
Page 39
Nicklas Pfäffle fuhr mit der Post. Der blasse, fette, schweigsame Mensch
fiel nirgends auf. Gelassen, gelangweilt, leicht müde von Aussehen,
versteckte er seine Betriebsamkeit hinter dem melancholischen Phlegma
seines gedunsenen, blutleeren Gesichts. Die Aufgabe einmal übernommen,
klebte er daran, harzzäh und gleichmütig.
Die Spur des Fremden führte kreuz und quer durchs Schwäbische, ohne
erkennbares Ziel, willkürlich. Verlor sich dann, tauchte in der Schweiz
wieder auf. Der blasse, fette Mensch folgte gewissenhaft, Wendung um
Wendung, unentrinnbar, unerregt.
Das war eine seltsame Reise, die der Fremde machte, und sehr anders als
sonst eine Fahrt. Selten, daß er die nächste Straße wählte, er schlug sich in
die Nebenpfade, je rauher ein Weg war, so willkommener schien er ihm.
Was in aller Welt suchte einer in Wüsten von Stein und Eis, die Gott mit
seinem Zorn geschlagen hatte.
Die wenigen Bauern, Jäger, Holzfäller dieser Gegend waren stumpf, hart
von Wort. Stieg der Fremde höher als ihre höchsten Weiden, so wandten sie
ihm wohl einen Blick zu, aber langsam und teilnahmslos wie ihr Vieh, und
langsam und teilnahmslos wandten sie ihn wieder ab, war er vorbei. Der
Fremde trug sich unauffällig, schwere Kleider von gleichgültiger Farbe,
ziemlich altmodisch, wie sie in Holland vor zwanzig Jahren modern
gewesen sein mochten. Klein, breit, dicklich, den Rücken leicht rund,
wanderte er, schwer von Schritt und stetig. Hier in den Bergen, wo nie sonst
ein Fremder hinkam, war es leicht für Nicklas Pfäffle, ihn nicht zu
verlieren. In der menschenvolleren Ebene indes war es schwer gewesen,
dem Unauffälligen zu folgen. Es war ein sehr Seltsames, schwer Deutbares,
was trotz dem Mangel an äußeren Merkmalen seine Fährte kenntlich
machte. Die Leute fanden die Worte nicht dafür, es war nicht zu fassen, und
doch war es einmalig und nicht zu verwechseln, und es war immer das
gleiche scheue Geraune, in dem man davon sprach. Sein Weg war
gezeichnet durch seine Wirkung; wer ihn sah, atmete schwerer, das Lachen
zerbrach vor seiner Gegenwart, sie legte sich wie ein schwüler,
beklemmender Reifen um den Kopf.
Nicklas Pfäffle, blaß, fett, gleichmütig, fragte nicht weiter nach der
Ursache. Ihm genügte die Fährte.
fiel nirgends auf. Gelassen, gelangweilt, leicht müde von Aussehen,
versteckte er seine Betriebsamkeit hinter dem melancholischen Phlegma
seines gedunsenen, blutleeren Gesichts. Die Aufgabe einmal übernommen,
klebte er daran, harzzäh und gleichmütig.
Die Spur des Fremden führte kreuz und quer durchs Schwäbische, ohne
erkennbares Ziel, willkürlich. Verlor sich dann, tauchte in der Schweiz
wieder auf. Der blasse, fette Mensch folgte gewissenhaft, Wendung um
Wendung, unentrinnbar, unerregt.
Das war eine seltsame Reise, die der Fremde machte, und sehr anders als
sonst eine Fahrt. Selten, daß er die nächste Straße wählte, er schlug sich in
die Nebenpfade, je rauher ein Weg war, so willkommener schien er ihm.
Was in aller Welt suchte einer in Wüsten von Stein und Eis, die Gott mit
seinem Zorn geschlagen hatte.
Die wenigen Bauern, Jäger, Holzfäller dieser Gegend waren stumpf, hart
von Wort. Stieg der Fremde höher als ihre höchsten Weiden, so wandten sie
ihm wohl einen Blick zu, aber langsam und teilnahmslos wie ihr Vieh, und
langsam und teilnahmslos wandten sie ihn wieder ab, war er vorbei. Der
Fremde trug sich unauffällig, schwere Kleider von gleichgültiger Farbe,
ziemlich altmodisch, wie sie in Holland vor zwanzig Jahren modern
gewesen sein mochten. Klein, breit, dicklich, den Rücken leicht rund,
wanderte er, schwer von Schritt und stetig. Hier in den Bergen, wo nie sonst
ein Fremder hinkam, war es leicht für Nicklas Pfäffle, ihn nicht zu
verlieren. In der menschenvolleren Ebene indes war es schwer gewesen,
dem Unauffälligen zu folgen. Es war ein sehr Seltsames, schwer Deutbares,
was trotz dem Mangel an äußeren Merkmalen seine Fährte kenntlich
machte. Die Leute fanden die Worte nicht dafür, es war nicht zu fassen, und
doch war es einmalig und nicht zu verwechseln, und es war immer das
gleiche scheue Geraune, in dem man davon sprach. Sein Weg war
gezeichnet durch seine Wirkung; wer ihn sah, atmete schwerer, das Lachen
zerbrach vor seiner Gegenwart, sie legte sich wie ein schwüler,
beklemmender Reifen um den Kopf.
Nicklas Pfäffle, blaß, fett, gleichmütig, fragte nicht weiter nach der
Ursache. Ihm genügte die Fährte.
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Drei Bauernhöfe lagen ganz in der Höhe, eine kleine Holzkapelle dabei.
Weiter oben weidete Vieh. Dann war nichts mehr, nur Eis und Stein.
Der Fremde klomm die Schlucht entlang. Unten, dünn und laut, hastete
der Bach, man sah deutlich bis dahin, wo er unter Gletscher und Geröll ans
Licht brach. Auf der andern Seit krochen Zirben hinan, spärlich, zäh,
erstickten am Stein. Gipfel, weiß leuchtend, der besonnte Schnee schmerzte
das Aug, zackten scharf und bizarr in das flimmernde Blau, schlossen in
starrem Bogen das Hochtal. Der Fremde klomm umständlich, vorsichtig,
nicht sehr geschickt, stetig. Ueberquerte Sturzbäche, Glitsch, rutschende
Erde. Stand endlich auf einem Vorsprung, vor ihm der sperrende Bogen der
vereisten Wände. Unter ihm streckte ein Gletscher die nackte, breite,
zerschrundete Zunge, von der Seite her mündete ein anderer, alles endete in
Oednis und Geröll, Felsblöcke, wild verstreut, bildeten geheimnisvoll
starrende, zerrissene Linien. Hoch über allem leuchtete höhnisch besonnt
und unerreichbar der adelig zarte Schwung der beschneiten Gipfel.
Der Fremde kauerte nieder, schaute. Das massige, bartlose, blasse
Gesicht stützte er in die Hand. Ueber der kleinen, platten Nase sahen
trübgraue Augen, sie standen viel zu groß in dem kurzen, fleischigen Kopf,
sie standen in trübem Feuer und schwelten dumpfe, beklemmende,
hoffnungslose Traurigkeit. Die Stirn lastete breit, schwer und nicht hoch auf
sehr dichten Brauen. Den Ellbogen aufs Bein, die Wange in die Hand
gestützt, kauerte er, schaute.
War hier das, was er suchte? Eines strömte ins andere, von der obern
Welt in die untere, jedes menschliche Antlitz mußte seine Entsprechung
haben in einem Stück Erde. Er suchte ein Stück Welt, aus dem ihm ein
menschliches Antlitz entgegenschaute, größer, lesbarer, bedeutungsvoller,
das Antlitz jenes Mannes, dem er verhaftet war. Er suchte den Strom, der
jenen, und also ihn selbst, band mit Stern, Wort und Unendlichkeit.
Er kauerte tiefer, redete vor sich hin mit einer dunkeln, widrig
gebrochenen, knurrenden Stimme, halb singend, Verse aus der heimlichen
Offenbarung. Haut, Fleisch, Knochen, Adern sind ein Kleid, eine Schale,
und nicht der Mensch selbst. Aber die Geheimnisse der höchsten Weisheit
sind in der Ordnung des menschlichen Leibes. Siehe, die Haut entspricht
den Himmeln, sie dehnen sich über alles und überdecken es wie ein
Gewand. Siehe, das Fleisch entspricht dem Stoff der Welt. Siehe, die
Knochen und Adern sind der Thronwagen Gottes, davon der Prophet singt,
es sind die wirkenden Organe Gottes. Aber alles dies ist nur ein Kleid, und
Weiter oben weidete Vieh. Dann war nichts mehr, nur Eis und Stein.
Der Fremde klomm die Schlucht entlang. Unten, dünn und laut, hastete
der Bach, man sah deutlich bis dahin, wo er unter Gletscher und Geröll ans
Licht brach. Auf der andern Seit krochen Zirben hinan, spärlich, zäh,
erstickten am Stein. Gipfel, weiß leuchtend, der besonnte Schnee schmerzte
das Aug, zackten scharf und bizarr in das flimmernde Blau, schlossen in
starrem Bogen das Hochtal. Der Fremde klomm umständlich, vorsichtig,
nicht sehr geschickt, stetig. Ueberquerte Sturzbäche, Glitsch, rutschende
Erde. Stand endlich auf einem Vorsprung, vor ihm der sperrende Bogen der
vereisten Wände. Unter ihm streckte ein Gletscher die nackte, breite,
zerschrundete Zunge, von der Seite her mündete ein anderer, alles endete in
Oednis und Geröll, Felsblöcke, wild verstreut, bildeten geheimnisvoll
starrende, zerrissene Linien. Hoch über allem leuchtete höhnisch besonnt
und unerreichbar der adelig zarte Schwung der beschneiten Gipfel.
Der Fremde kauerte nieder, schaute. Das massige, bartlose, blasse
Gesicht stützte er in die Hand. Ueber der kleinen, platten Nase sahen
trübgraue Augen, sie standen viel zu groß in dem kurzen, fleischigen Kopf,
sie standen in trübem Feuer und schwelten dumpfe, beklemmende,
hoffnungslose Traurigkeit. Die Stirn lastete breit, schwer und nicht hoch auf
sehr dichten Brauen. Den Ellbogen aufs Bein, die Wange in die Hand
gestützt, kauerte er, schaute.
War hier das, was er suchte? Eines strömte ins andere, von der obern
Welt in die untere, jedes menschliche Antlitz mußte seine Entsprechung
haben in einem Stück Erde. Er suchte ein Stück Welt, aus dem ihm ein
menschliches Antlitz entgegenschaute, größer, lesbarer, bedeutungsvoller,
das Antlitz jenes Mannes, dem er verhaftet war. Er suchte den Strom, der
jenen, und also ihn selbst, band mit Stern, Wort und Unendlichkeit.
Er kauerte tiefer, redete vor sich hin mit einer dunkeln, widrig
gebrochenen, knurrenden Stimme, halb singend, Verse aus der heimlichen
Offenbarung. Haut, Fleisch, Knochen, Adern sind ein Kleid, eine Schale,
und nicht der Mensch selbst. Aber die Geheimnisse der höchsten Weisheit
sind in der Ordnung des menschlichen Leibes. Siehe, die Haut entspricht
den Himmeln, sie dehnen sich über alles und überdecken es wie ein
Gewand. Siehe, das Fleisch entspricht dem Stoff der Welt. Siehe, die
Knochen und Adern sind der Thronwagen Gottes, davon der Prophet singt,
es sind die wirkenden Organe Gottes. Aber alles dies ist nur ein Kleid, und
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wie der wirkliche Mensch innen ist, so ist auch der himmlische Mensch
innen, und alles ist in der unteren Welt wie in der oberen. Und wie am
Firmament, so die Erde einschließt, die Sterne und Sternbilder sind und uns
das Verborgene künden und tiefes Geheimnis, so sind auf der Haut unseres
Leibes Linien und Falten und Zeichen und Züge, und sie sind die Sterne
und Sternbilder des Leibes, und sie haben ihre Heimlichkeit, und der Weise
liest sie und deutet sie.
Komm und sieh! Der Geist meißelt sich das Gesicht und der Wissende
erkennt es. Wenn die Geister und Seelen der obern Welt sich bilden, haben
sie ihre Form und sichere Bildung und sie spiegelt sich später im Gesicht
des Menschen.
Er verstummte. Nicht denken. Diese Dinge wollten nicht gedacht sein,
man zerdachte sie nur. Man mußte sie schauen oder sie ruhen lassen.
War dies das Antlitz, das er suchte? Oednis, Eis und Geröll, der höhnisch
blaue Glanz darüber, ein kleines Wasser mühsam herausrieselnd?
Felsblöcke, auf zerschrundetem Eis, tollfinstere Linien bildend, war dies
das Antlitz, das er suchte?
Er versenkte sich tiefer in sich. Er tötete jede Regung, die fernab war von
dem Gesuchten. Drei Furchen, scharf, tief, kurz, fast senkrecht über der
Nase, zerschnitten seine Stirn, und sie bildeten den heiligen Buchstaben,
das Schin, den Anfang des Gottesnamens, Schaddai.
Der Schatten einer großen Wolke dunkelte die Gletscher, die Gipfel in
der unendlich zarten Linie ihres flimmernden Schnees leuchteten
unerreichbar in mildem Hohn. Ein Geier schwamm in dem blauen Geflirr,
ruhevolle Kreise über dem versteinert wirren Gezack des Hochtals.
Der Mensch, auf dem Vorsprung kauernd, winzig in der maßlosen
Landschaft, sog die Linien in sich. Des Steins, der Oednis, des
zerschrundeten Eises. Das zarte, höhnische Leuchten, die Wolke, den
Vogelflug, die finster tolle Willkür der Blöcke, die Ahnung tieferer
Menschen und weidenden Viehs. Er atmete kaum, er schaute, ergriff,
begriff.
Endlich, fast taumelnd von so gespannter Reglosigkeit, hob er sich,
erschöpft, die Stirne lösend von dem gefurchten Zeichen, in tiefer, gefaßter
Trauer. Stieg mühsam, halb gelähmt noch, zu Tal.
Unten, aus dem ersten der drei Höfe, kam ihm ein fetter, blasser Mensch
entgegen, ein Unbekannter, schaute ihn prüfend an, das Gesicht
gleichmütig, wollte sprechen, einen Brief in der Hand. Rabbi Gabriel
innen, und alles ist in der unteren Welt wie in der oberen. Und wie am
Firmament, so die Erde einschließt, die Sterne und Sternbilder sind und uns
das Verborgene künden und tiefes Geheimnis, so sind auf der Haut unseres
Leibes Linien und Falten und Zeichen und Züge, und sie sind die Sterne
und Sternbilder des Leibes, und sie haben ihre Heimlichkeit, und der Weise
liest sie und deutet sie.
Komm und sieh! Der Geist meißelt sich das Gesicht und der Wissende
erkennt es. Wenn die Geister und Seelen der obern Welt sich bilden, haben
sie ihre Form und sichere Bildung und sie spiegelt sich später im Gesicht
des Menschen.
Er verstummte. Nicht denken. Diese Dinge wollten nicht gedacht sein,
man zerdachte sie nur. Man mußte sie schauen oder sie ruhen lassen.
War dies das Antlitz, das er suchte? Oednis, Eis und Geröll, der höhnisch
blaue Glanz darüber, ein kleines Wasser mühsam herausrieselnd?
Felsblöcke, auf zerschrundetem Eis, tollfinstere Linien bildend, war dies
das Antlitz, das er suchte?
Er versenkte sich tiefer in sich. Er tötete jede Regung, die fernab war von
dem Gesuchten. Drei Furchen, scharf, tief, kurz, fast senkrecht über der
Nase, zerschnitten seine Stirn, und sie bildeten den heiligen Buchstaben,
das Schin, den Anfang des Gottesnamens, Schaddai.
Der Schatten einer großen Wolke dunkelte die Gletscher, die Gipfel in
der unendlich zarten Linie ihres flimmernden Schnees leuchteten
unerreichbar in mildem Hohn. Ein Geier schwamm in dem blauen Geflirr,
ruhevolle Kreise über dem versteinert wirren Gezack des Hochtals.
Der Mensch, auf dem Vorsprung kauernd, winzig in der maßlosen
Landschaft, sog die Linien in sich. Des Steins, der Oednis, des
zerschrundeten Eises. Das zarte, höhnische Leuchten, die Wolke, den
Vogelflug, die finster tolle Willkür der Blöcke, die Ahnung tieferer
Menschen und weidenden Viehs. Er atmete kaum, er schaute, ergriff,
begriff.
Endlich, fast taumelnd von so gespannter Reglosigkeit, hob er sich,
erschöpft, die Stirne lösend von dem gefurchten Zeichen, in tiefer, gefaßter
Trauer. Stieg mühsam, halb gelähmt noch, zu Tal.
Unten, aus dem ersten der drei Höfe, kam ihm ein fetter, blasser Mensch
entgegen, ein Unbekannter, schaute ihn prüfend an, das Gesicht
gleichmütig, wollte sprechen, einen Brief in der Hand. Rabbi Gabriel
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schnitt ihm das Wort ab. „Von Josef Süß,“ sagte er, so leichthin, als wäre
ihm der Mensch und seine Sendung längst angesagt, als bestätigte er
Erwartetes. Nicklas, unerstaunt, daß der Fremde ihn kannte, neigte sich.
„Ich komme,“ sagte Rabbi Gabriel.
Die Gräfin war nach zehn Tagen wütender Tätigkeit in stumpfes Warten
gefallen. In trüber Lähmung saß sie zwischen Lapislazuli und Gold, fett, die
energischen Wangen schlaff, die Arme gelöst. Gedankenlos ließ sie, die
sonst hier jedes Kleinste angeordnet, kontrolliert hatte, von ihren Zofen sich
massieren, schmücken, in Kleider und Prunk hüllen. Sie ließ in der Nacht
die Kaspara Becherin holen, die als Hexin und Wissende galt; aber das
schmuddelige Weib, ängstlich und verblödet vor der Pracht ringsum,
stotterte nur verstörten Unsinn. Und der Magus und Kabbalist, den Isaak
Landauer ihr versprochen, kam nicht und kam nicht.
Die Boten aus Jagdhaus Neßlach meldeten immer das gleiche vorerst.
Der Herzog jagte, hielt Tafel, schlief mit der Ungarin. Dann aber, von einem
Tag zum andern, überholten sich in jäher Wendung überraschende
Depeschen. Der Geheimrat Schütz war, verbindlich und unermüdlich, zum
Herzog vorgedrungen. Andern Tags traf der elegante Prälat Weißensee in
Neßlach ein, der weltläufige Diplomat des parlamentarischen Elfer-
Ausschusses. Der Herzog konferierte zwei Stunden mit Schütz, die Ungarin
ward den gleichen Mittag nach Ludwigsburg geschickt, und am Abend gar
empfing Eberhard Ludwig den Prälaten Osiander, den stiernackigen
Polterer, den entflammtesten Anhänger der Herzogin.
Diese Kunde in Wildbad, konnte die Gräfin sich nicht mehr halten. Ah,
Osiander beim Herzog. Osiander! Sie tobte. Als sie verlangt hatte, ins
Kirchengebet eingeschlossen zu werden, hatte der plumpe, hundsköpfige
Schuft sich erdreistet, sie stehe ja schon drin: Erlöse uns von allem Uebel!
und war breit schmunzelnd auf dem Gelächter des ganzen Deutschland
herumgeschwommen. Der Herzog hatte nicht gewagt, den populärsten
Mann Württembergs zu entlassen, aber er hatte ihn nicht mehr empfangen.
Und jetzt war er in Neßlach, polterte gegen sie mit bäurisch groben Späßen.
Nein, nein! Warten? Unsinn. Sie wäre erstickt an längerem Zusehen. Nicht
einmal für die Karosse hatte sie Geduld genug. Befehle in rasender Hast:
Intendant, Sekretär, Zofen, Lakaien sollten folgen. Sie selber, nur mit einem
ihm der Mensch und seine Sendung längst angesagt, als bestätigte er
Erwartetes. Nicklas, unerstaunt, daß der Fremde ihn kannte, neigte sich.
„Ich komme,“ sagte Rabbi Gabriel.
Die Gräfin war nach zehn Tagen wütender Tätigkeit in stumpfes Warten
gefallen. In trüber Lähmung saß sie zwischen Lapislazuli und Gold, fett, die
energischen Wangen schlaff, die Arme gelöst. Gedankenlos ließ sie, die
sonst hier jedes Kleinste angeordnet, kontrolliert hatte, von ihren Zofen sich
massieren, schmücken, in Kleider und Prunk hüllen. Sie ließ in der Nacht
die Kaspara Becherin holen, die als Hexin und Wissende galt; aber das
schmuddelige Weib, ängstlich und verblödet vor der Pracht ringsum,
stotterte nur verstörten Unsinn. Und der Magus und Kabbalist, den Isaak
Landauer ihr versprochen, kam nicht und kam nicht.
Die Boten aus Jagdhaus Neßlach meldeten immer das gleiche vorerst.
Der Herzog jagte, hielt Tafel, schlief mit der Ungarin. Dann aber, von einem
Tag zum andern, überholten sich in jäher Wendung überraschende
Depeschen. Der Geheimrat Schütz war, verbindlich und unermüdlich, zum
Herzog vorgedrungen. Andern Tags traf der elegante Prälat Weißensee in
Neßlach ein, der weltläufige Diplomat des parlamentarischen Elfer-
Ausschusses. Der Herzog konferierte zwei Stunden mit Schütz, die Ungarin
ward den gleichen Mittag nach Ludwigsburg geschickt, und am Abend gar
empfing Eberhard Ludwig den Prälaten Osiander, den stiernackigen
Polterer, den entflammtesten Anhänger der Herzogin.
Diese Kunde in Wildbad, konnte die Gräfin sich nicht mehr halten. Ah,
Osiander beim Herzog. Osiander! Sie tobte. Als sie verlangt hatte, ins
Kirchengebet eingeschlossen zu werden, hatte der plumpe, hundsköpfige
Schuft sich erdreistet, sie stehe ja schon drin: Erlöse uns von allem Uebel!
und war breit schmunzelnd auf dem Gelächter des ganzen Deutschland
herumgeschwommen. Der Herzog hatte nicht gewagt, den populärsten
Mann Württembergs zu entlassen, aber er hatte ihn nicht mehr empfangen.
Und jetzt war er in Neßlach, polterte gegen sie mit bäurisch groben Späßen.
Nein, nein! Warten? Unsinn. Sie wäre erstickt an längerem Zusehen. Nicht
einmal für die Karosse hatte sie Geduld genug. Befehle in rasender Hast:
Intendant, Sekretär, Zofen, Lakaien sollten folgen. Sie selber, nur mit einem
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Reitknecht, flog zu Pferde nach Neßlach, gönnte sich nicht die Zeit zum
Essen, ritt wie ein Dragoner des Satans.
Traf den Herzog mitten im Hallo seiner Hubertus-Ritter, kunstreich
kutschierend, lärmend. Eberhard Ludwig, hilflos überrascht, zwischen den
verstummten, höflich tief geneigten, heimlich feixenden Herren, hochrot,
flatternd verlegen, schnaubte durch die fleischige Nase, führte die Gräfin
ins Schloß, befahl ein Bad, Erfrischungen. Ein Teufelsweib die Frau!
Solcher Ritt! Diese Christl! Ein Teufelsweib!
Die Gräfin zwang ihn, noch im Reitkleid, heiß von der Anstrengung, dick
eingestaubt, zu einer Auseinandersetzung. Nicht durchgehen jetzt. Halten.
Niederhalten. Fest den Deckel der Vernunft auf das kochende Herz.
Aeugen, in das unsichtbare Dämmer hineinlugen, ruhig, ein kleiner Irrtum
des Augs kann alles verderben. Das Tastende, sich Windende, Ausbiegende,
Flatternde, Unklare da anpacken, wieder fest in die Hand kriegen. Jetzt es
packen, wo es überrascht ist, nicht auskann, wo kein anderer
dazwischenredet, ihm kluge, freche, hinhaltende Maßnahmen einflüstert.
Ruhe, ihr zuckenden Nerven. Du stoßendes Herz, Ruhe.
Sie sprach leichthin, trank kleine Schlucke von der Limonade, scherzte
über seine Anspruchslosigkeit; die Hubertusritter, die kleine Tänzerin, er
gebe es billig mit seiner Gesellschaft. Dann sanfte Vorwürfe. Den Osiander
hätte er nicht sollen empfangen. Sie verstehe ja, er wolle sich erlustieren an
den groben Späßen des alten Tölpels, aber es werde falsch ausgelegt.
Eberhard Ludwig, in dicker Verlegenheit, wußte nicht wohin vor dem
grauen Glanz ihrer Augen, wand sich, schwitzte in seinem schweren Rock,
schnaufte. Die Frau! Diese Christl! Solcher Teufelsritt! Kam da einfach
angesaust auf eins zwei und leuchtete in sein zwielichtiges Nichtein und
Nichtaus. Dann fragte sie geradezu, das mit der Herzogin, Versöhnung und
so, das sei doch albernes Gerede. Oder nicht? Er, knarrendes Räuspern, ja,
natürlich, es sei Geschwätz. Sie aßen vergnügt zu Abend, tranken, allein,
ohne die Hubertusritter. Kein Schütz, kein Osiander. Die Gräfin erfüllte mit
ihrer unbedenklichen, lärmenden Munterkeit das Zimmer, hüllte den
erlösten Eberhard Ludwig ganz darin ein. Teufel! Dieser Ritt! Die Frau! Die
Teufelsfrau!
Die Gräfin schlief eine traumlose Nacht, tief, froh, lang. Als sie erwachte,
war der Herzog fort. In aller Heimlichkeit, im grauen Morgen, hatte er sich
davongemacht. Sie, den devoten, achselzuckenden, innerlich grinsenden
Kastellan geohrfeigt, dem Herzog nach, rasend, auf gehetzten Pferden. In
Essen, ritt wie ein Dragoner des Satans.
Traf den Herzog mitten im Hallo seiner Hubertus-Ritter, kunstreich
kutschierend, lärmend. Eberhard Ludwig, hilflos überrascht, zwischen den
verstummten, höflich tief geneigten, heimlich feixenden Herren, hochrot,
flatternd verlegen, schnaubte durch die fleischige Nase, führte die Gräfin
ins Schloß, befahl ein Bad, Erfrischungen. Ein Teufelsweib die Frau!
Solcher Ritt! Diese Christl! Ein Teufelsweib!
Die Gräfin zwang ihn, noch im Reitkleid, heiß von der Anstrengung, dick
eingestaubt, zu einer Auseinandersetzung. Nicht durchgehen jetzt. Halten.
Niederhalten. Fest den Deckel der Vernunft auf das kochende Herz.
Aeugen, in das unsichtbare Dämmer hineinlugen, ruhig, ein kleiner Irrtum
des Augs kann alles verderben. Das Tastende, sich Windende, Ausbiegende,
Flatternde, Unklare da anpacken, wieder fest in die Hand kriegen. Jetzt es
packen, wo es überrascht ist, nicht auskann, wo kein anderer
dazwischenredet, ihm kluge, freche, hinhaltende Maßnahmen einflüstert.
Ruhe, ihr zuckenden Nerven. Du stoßendes Herz, Ruhe.
Sie sprach leichthin, trank kleine Schlucke von der Limonade, scherzte
über seine Anspruchslosigkeit; die Hubertusritter, die kleine Tänzerin, er
gebe es billig mit seiner Gesellschaft. Dann sanfte Vorwürfe. Den Osiander
hätte er nicht sollen empfangen. Sie verstehe ja, er wolle sich erlustieren an
den groben Späßen des alten Tölpels, aber es werde falsch ausgelegt.
Eberhard Ludwig, in dicker Verlegenheit, wußte nicht wohin vor dem
grauen Glanz ihrer Augen, wand sich, schwitzte in seinem schweren Rock,
schnaufte. Die Frau! Diese Christl! Solcher Teufelsritt! Kam da einfach
angesaust auf eins zwei und leuchtete in sein zwielichtiges Nichtein und
Nichtaus. Dann fragte sie geradezu, das mit der Herzogin, Versöhnung und
so, das sei doch albernes Gerede. Oder nicht? Er, knarrendes Räuspern, ja,
natürlich, es sei Geschwätz. Sie aßen vergnügt zu Abend, tranken, allein,
ohne die Hubertusritter. Kein Schütz, kein Osiander. Die Gräfin erfüllte mit
ihrer unbedenklichen, lärmenden Munterkeit das Zimmer, hüllte den
erlösten Eberhard Ludwig ganz darin ein. Teufel! Dieser Ritt! Die Frau! Die
Teufelsfrau!
Die Gräfin schlief eine traumlose Nacht, tief, froh, lang. Als sie erwachte,
war der Herzog fort. In aller Heimlichkeit, im grauen Morgen, hatte er sich
davongemacht. Sie, den devoten, achselzuckenden, innerlich grinsenden
Kastellan geohrfeigt, dem Herzog nach, rasend, auf gehetzten Pferden. In
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Ludwigsburg das Schloß verödet. Kein Herzog. Der Herzog war fort, nach
Berlin, den Besuch des Königs erwidernd. Das übliche Prunkgefolge
erwarte er außer Landes.
Sie, entzügelt, verzerrt, die Reitpeitsche wippend, zwischen sich in die
Wände verkriechenden Lakaien durch die leeren Säle. Endlich im letzten
Kabinett, am Arbeitstisch des Herzogs, zwischen den Büsten des August
und des Marc Aurel vor dem Bild des italienischen Meisters, das sie mit den
Insignien der Herzogin darstellt, ein Mann in der Perücke der hohen
Beamten, unendlich höflich, tief gebückt, süß lächelnd: Schütz. Andreas
Heinrich Schütz, ihre Kreatur, ihr Schütz, den sie nobilitiert, zum
Geheimrat gemacht hat. Der Diplomat, peinlich nach der Mode die
Uniform, nur Halbedelsteine an den Schuhen, was erst vor drei Wochen in
Paris aufgekommen war, neigte wieder und wieder in tiefen Komplimenten
die mächtige Hakennase, scharrte mit dem Fuß nach hinten aus und
versicherte in geläufig näselndem, verbindlichst geschnörkeltem
Französisch, ein Gott habe Serenissimus eine Ahnung eingehaucht von Ihro
Exzellenz Ankunft, Serenissimus habe aber leider nicht warten können und
seinen untertänigsten Diener durch den Auftrag beglückt, mit Ihro
Exzellenz zu speisen und ihr dabei eine Eröffnung zu machen. Die Gräfin,
hochrot, wild schnaufend, fuhr ihm übers Maul, er solle keine Faxen
machen und ihr deutsch und rund sagen, was los sei, oder – und sie
gestikulierte mit der Peitsche. Aber der Geheimrat, unbeirrbar höflich, blieb
fest, er sei unglücklich, seiner hohen Gönnerin nicht dienen zu können,
doch er sei an strikte Ordres gebunden.
Endlich, bei Tafel, mit hundert Komplimenten verbrämt, bestellte er ihr
den Befehl des Herzogs, sie habe die Residenz zu verlassen, sich auf ihre
Güter zurückzuziehen. Sie schlug ein großes, schallendes Gelächter auf. „Er
Spaßvogel, Schütz!“ rief sie. „Er Spaßvogel!“ immer haltlos lachend. Der
alte Diplomat saß still, verbindlich, mit den scharfen, hellen Augen der
Aufgesprungenen, auf und nieder Gehenden folgend. Heimlich bewunderte
er sie, wie echt und gar nicht schrill ihr Lachen klang, wie gut sie spielte.
Die Gräfin blieb. Ah! sie dachte nicht daran, Ludwigsburg zu verlassen.
Sie hatte sinnlose Wutausbrüche, mißhandelte die Dienerschaft, zerschmiß
Porzellan. Schütz, achselzuckend, er habe lediglich Ordre, ihr den Befehl
Serenissimi zu übermitteln, freute sich mit vielen fein gedrechselten
Worten, daß er noch weiter das Vergnügen und die Ehre ihrer Gegenwart
habe, aber sie bleibe auf ihre Gefahr in der sichern Aussicht allerhöchsten
Berlin, den Besuch des Königs erwidernd. Das übliche Prunkgefolge
erwarte er außer Landes.
Sie, entzügelt, verzerrt, die Reitpeitsche wippend, zwischen sich in die
Wände verkriechenden Lakaien durch die leeren Säle. Endlich im letzten
Kabinett, am Arbeitstisch des Herzogs, zwischen den Büsten des August
und des Marc Aurel vor dem Bild des italienischen Meisters, das sie mit den
Insignien der Herzogin darstellt, ein Mann in der Perücke der hohen
Beamten, unendlich höflich, tief gebückt, süß lächelnd: Schütz. Andreas
Heinrich Schütz, ihre Kreatur, ihr Schütz, den sie nobilitiert, zum
Geheimrat gemacht hat. Der Diplomat, peinlich nach der Mode die
Uniform, nur Halbedelsteine an den Schuhen, was erst vor drei Wochen in
Paris aufgekommen war, neigte wieder und wieder in tiefen Komplimenten
die mächtige Hakennase, scharrte mit dem Fuß nach hinten aus und
versicherte in geläufig näselndem, verbindlichst geschnörkeltem
Französisch, ein Gott habe Serenissimus eine Ahnung eingehaucht von Ihro
Exzellenz Ankunft, Serenissimus habe aber leider nicht warten können und
seinen untertänigsten Diener durch den Auftrag beglückt, mit Ihro
Exzellenz zu speisen und ihr dabei eine Eröffnung zu machen. Die Gräfin,
hochrot, wild schnaufend, fuhr ihm übers Maul, er solle keine Faxen
machen und ihr deutsch und rund sagen, was los sei, oder – und sie
gestikulierte mit der Peitsche. Aber der Geheimrat, unbeirrbar höflich, blieb
fest, er sei unglücklich, seiner hohen Gönnerin nicht dienen zu können,
doch er sei an strikte Ordres gebunden.
Endlich, bei Tafel, mit hundert Komplimenten verbrämt, bestellte er ihr
den Befehl des Herzogs, sie habe die Residenz zu verlassen, sich auf ihre
Güter zurückzuziehen. Sie schlug ein großes, schallendes Gelächter auf. „Er
Spaßvogel, Schütz!“ rief sie. „Er Spaßvogel!“ immer haltlos lachend. Der
alte Diplomat saß still, verbindlich, mit den scharfen, hellen Augen der
Aufgesprungenen, auf und nieder Gehenden folgend. Heimlich bewunderte
er sie, wie echt und gar nicht schrill ihr Lachen klang, wie gut sie spielte.
Die Gräfin blieb. Ah! sie dachte nicht daran, Ludwigsburg zu verlassen.
Sie hatte sinnlose Wutausbrüche, mißhandelte die Dienerschaft, zerschmiß
Porzellan. Schütz, achselzuckend, er habe lediglich Ordre, ihr den Befehl
Serenissimi zu übermitteln, freute sich mit vielen fein gedrechselten
Worten, daß er noch weiter das Vergnügen und die Ehre ihrer Gegenwart
habe, aber sie bleibe auf ihre Gefahr in der sichern Aussicht allerhöchsten
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Zornes und finstrer Ungnade. Sie nahmen die Mahlzeiten zusammen. Der
alte, in allen Brühen gesottene Intrigant, der sich unter jedem Regime hielt,
hatte ehrliche Sympathien für die Gräfin, für die Kühnheit ihres Aufstiegs,
und sachkundige Bewunderung vor den komplizierten geschäftlichen
Manipulationen, mit denen ihre Juden in aller Ruhe die geraubten Schätze
der Gräfin außer Landes praktizierten. Der dürre, ausgeglühte Kavalier
hätte nie geglaubt, daß er eine fette, alternde Frau je noch mit solcher
Aufrichtigkeit und Beflissenheit hofieren würde. Sie machten bei Tafel
geistreiche, mit hundert frechen Anspielungen gewürzte Konversation, und
er wartete mit Spannung, wie weit sie die Auflehnung gegen den strikten
Befehl Eberhard Ludwigs treiben würde.
Der Herzog blieb nicht lange in Berlin. Schütz konnte der Gräfin
mitteilen, die Herzogin sei gebeten, nach Schloß Teinach zu fahren. Auch
Deputierte des Landtags seien hinbeschieden, desgleichen die Gesandten
von Baden-Durlach, Kurbrandenburg, Kassel. Der Herzog wolle sich mit
seiner Gattin vor Volk und Reich aussöhnen. Lang, still sah die Gräfin den
Geheimrat an, der sie ernsthaft und aufmerksam betrachtete. Dann, mit
einem erstickten, kleinen Schrei wollte sie aufspringen, fiel ohnmächtig um.
Er bemühte sich um sie, rief ihre Frauen. Des Abends ließ er sich wieder bei
ihr melden, fragte nach ihren Dispositionen. Sie, ganz stille Hoheit, erklärte,
sie gehe auf ihr Schloß Freudenthal, zu ihrer Mutter, die sie vor fünf Jahren
dort hatte hinkommen lassen. Schütz fragte, ob er ihr keine Eskorte
mitgeben dürfe, er hatte Angst vor Ausbrüchen der Volkswut. Sie, den Kopf
zurück, die Lippen schmal, lehnte ab.
Andern Tages zog sie aus Ludwigsburg. In sechs Karossen. Der
Geheimrat stand tief geneigt an der Rampe des Schlosses, während ihre
Pferde anzogen. Hinter den Portieren der hohen Fenster lugten grinsend die
herzoglichen Lakaien. Die Bürger schauten stumm, ohne zu grüßen; zu
höhnen wagten sie nicht. Aber der krähende Spott der Straßenjungen flog
ihrer Kutsche nach.
Vorausgeschickt hatte sie einen ganzen Wagenpark mit Möbeln und
Nippsachen. Das Schloß war kahl nach ihrem Abzug. Selbst das kostbare
Tintenfaß des Herzogs fehlte, und die Büsten des August und des Marc
Aurel standen sehr nackt vor dem Prunkbild des italienischen Meisters, das
die Gräfin darstellte mit den herzoglichen Insignien.
Schütz hatte sie lächelnd gewähren lassen.
alte, in allen Brühen gesottene Intrigant, der sich unter jedem Regime hielt,
hatte ehrliche Sympathien für die Gräfin, für die Kühnheit ihres Aufstiegs,
und sachkundige Bewunderung vor den komplizierten geschäftlichen
Manipulationen, mit denen ihre Juden in aller Ruhe die geraubten Schätze
der Gräfin außer Landes praktizierten. Der dürre, ausgeglühte Kavalier
hätte nie geglaubt, daß er eine fette, alternde Frau je noch mit solcher
Aufrichtigkeit und Beflissenheit hofieren würde. Sie machten bei Tafel
geistreiche, mit hundert frechen Anspielungen gewürzte Konversation, und
er wartete mit Spannung, wie weit sie die Auflehnung gegen den strikten
Befehl Eberhard Ludwigs treiben würde.
Der Herzog blieb nicht lange in Berlin. Schütz konnte der Gräfin
mitteilen, die Herzogin sei gebeten, nach Schloß Teinach zu fahren. Auch
Deputierte des Landtags seien hinbeschieden, desgleichen die Gesandten
von Baden-Durlach, Kurbrandenburg, Kassel. Der Herzog wolle sich mit
seiner Gattin vor Volk und Reich aussöhnen. Lang, still sah die Gräfin den
Geheimrat an, der sie ernsthaft und aufmerksam betrachtete. Dann, mit
einem erstickten, kleinen Schrei wollte sie aufspringen, fiel ohnmächtig um.
Er bemühte sich um sie, rief ihre Frauen. Des Abends ließ er sich wieder bei
ihr melden, fragte nach ihren Dispositionen. Sie, ganz stille Hoheit, erklärte,
sie gehe auf ihr Schloß Freudenthal, zu ihrer Mutter, die sie vor fünf Jahren
dort hatte hinkommen lassen. Schütz fragte, ob er ihr keine Eskorte
mitgeben dürfe, er hatte Angst vor Ausbrüchen der Volkswut. Sie, den Kopf
zurück, die Lippen schmal, lehnte ab.
Andern Tages zog sie aus Ludwigsburg. In sechs Karossen. Der
Geheimrat stand tief geneigt an der Rampe des Schlosses, während ihre
Pferde anzogen. Hinter den Portieren der hohen Fenster lugten grinsend die
herzoglichen Lakaien. Die Bürger schauten stumm, ohne zu grüßen; zu
höhnen wagten sie nicht. Aber der krähende Spott der Straßenjungen flog
ihrer Kutsche nach.
Vorausgeschickt hatte sie einen ganzen Wagenpark mit Möbeln und
Nippsachen. Das Schloß war kahl nach ihrem Abzug. Selbst das kostbare
Tintenfaß des Herzogs fehlte, und die Büsten des August und des Marc
Aurel standen sehr nackt vor dem Prunkbild des italienischen Meisters, das
die Gräfin darstellte mit den herzoglichen Insignien.
Schütz hatte sie lächelnd gewähren lassen.
Page 46
Von den vier Zimmern, die Süß beim Sternwirt in Wildbad behauste, mußte
er zwei abgeben. Der Prinz Karl Alexander von Württemberg, kaiserlicher
Feldmarschall und Gouverneur von Belgrad, kam früher, als er sich
angesagt hatte, und brauchte die Zimmer. Dem Prinzen war die Gräfin tief
zuwider. Er war ohne jedes Vorurteil. „Eine rechte Hure, her damit!“ pflegte
er zu sagen; „aber eine filzige Hure, das ist der scheußlichste Sud des
Teufels.“ Und die Gräfin galt ihm als eine filzige Hure. So wollte er ihre
Abreise abwarten, um ihren Anblick zu vermeiden. Nun sie früher
gegangen war, konnte er seinen Würzburger Aufenthalt abkürzen.
Die Kurgäste des Wildbads begafften neugierig die Karosse des
ankommenden Prinzen. Karl Alexander, Sieger von Peterwardein, rechte
Hand des Prinzen Eugen, kaiserlicher Feldmarschall, zu Wien in hohen
Gnaden. Ueberall in Deutschland, und besonders in Schwaben, hing sein
Bild herum, wie er beim Sturm auf Belgrad unter türkischem Kugelregen
mit siebenhundert Axtmännern die Höhe emporklimmt. Ein aufregendes
Bild. Ein Held. Ein großer General. Bravo. Evviva. Im übrigen politisch
völlig belanglos, ein kleiner Prinz aus einer Nebenlinie. Gänzlich
ungefährlich. Galanter Herr nebenbei, gefälliger Kamerad, guter Kerl. Das
allgemeine Wohlwollen flog ihm entgegen, die Damen vor allem
interessierten sich für den Kriegshelden, und die Tochter des Gesandten der
Generalstaaten warf ihm ein Lorbeerzweiglein in den Wagen.
Sein Aufzug war nicht gerade stattlich. Ein räumiger, solider, etwas
abgebrauchter Reisewagen. Der Prinz selber freilich sehr elegant, das
offene, fröhliche Gesicht, jetzt auf der Reise ohne Perücke, in dem schönen,
langen, blonden Haar, die hohe, kräftige Statur imponierend in der reichen
Uniform. Aber das Gefolge sehr dürftig. Der Leibhusar, ein Heiduck, der
Kutscher, das war alles. Nur Ein Auffallendes, Luxuriöses: auf dem
Rücksitz ein braunschwarzer, schweigender, gravitätischer Kerl, ein
Mameluck oder so was, der Prinz mochte ihn auf einem Feldzug erbeutet
haben.
Süß und Isaak Landauer standen vor dem Gasthof unter gaffendem, Hoch
schreiendem Volk, als der Prinz ankam. Süß starrte neidvoll auf den
riesigen, eleganten Mann. Mille tonnerre! Das war nun wirklich ein Prinz
und großer Herr. Was sonst sich in Wildbad herumtrieb, reichte ihm nicht an
die Achseln. Auch der Braunschwarze machte ihm Eindruck. Isaak
er zwei abgeben. Der Prinz Karl Alexander von Württemberg, kaiserlicher
Feldmarschall und Gouverneur von Belgrad, kam früher, als er sich
angesagt hatte, und brauchte die Zimmer. Dem Prinzen war die Gräfin tief
zuwider. Er war ohne jedes Vorurteil. „Eine rechte Hure, her damit!“ pflegte
er zu sagen; „aber eine filzige Hure, das ist der scheußlichste Sud des
Teufels.“ Und die Gräfin galt ihm als eine filzige Hure. So wollte er ihre
Abreise abwarten, um ihren Anblick zu vermeiden. Nun sie früher
gegangen war, konnte er seinen Würzburger Aufenthalt abkürzen.
Die Kurgäste des Wildbads begafften neugierig die Karosse des
ankommenden Prinzen. Karl Alexander, Sieger von Peterwardein, rechte
Hand des Prinzen Eugen, kaiserlicher Feldmarschall, zu Wien in hohen
Gnaden. Ueberall in Deutschland, und besonders in Schwaben, hing sein
Bild herum, wie er beim Sturm auf Belgrad unter türkischem Kugelregen
mit siebenhundert Axtmännern die Höhe emporklimmt. Ein aufregendes
Bild. Ein Held. Ein großer General. Bravo. Evviva. Im übrigen politisch
völlig belanglos, ein kleiner Prinz aus einer Nebenlinie. Gänzlich
ungefährlich. Galanter Herr nebenbei, gefälliger Kamerad, guter Kerl. Das
allgemeine Wohlwollen flog ihm entgegen, die Damen vor allem
interessierten sich für den Kriegshelden, und die Tochter des Gesandten der
Generalstaaten warf ihm ein Lorbeerzweiglein in den Wagen.
Sein Aufzug war nicht gerade stattlich. Ein räumiger, solider, etwas
abgebrauchter Reisewagen. Der Prinz selber freilich sehr elegant, das
offene, fröhliche Gesicht, jetzt auf der Reise ohne Perücke, in dem schönen,
langen, blonden Haar, die hohe, kräftige Statur imponierend in der reichen
Uniform. Aber das Gefolge sehr dürftig. Der Leibhusar, ein Heiduck, der
Kutscher, das war alles. Nur Ein Auffallendes, Luxuriöses: auf dem
Rücksitz ein braunschwarzer, schweigender, gravitätischer Kerl, ein
Mameluck oder so was, der Prinz mochte ihn auf einem Feldzug erbeutet
haben.
Süß und Isaak Landauer standen vor dem Gasthof unter gaffendem, Hoch
schreiendem Volk, als der Prinz ankam. Süß starrte neidvoll auf den
riesigen, eleganten Mann. Mille tonnerre! Das war nun wirklich ein Prinz
und großer Herr. Was sonst sich in Wildbad herumtrieb, reichte ihm nicht an
die Achseln. Auch der Braunschwarze machte ihm Eindruck. Isaak
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Landauer aber taxierte abschätzig und mit gutmütigem Mitleid Kutsche und
Livree. „Ein armer Schlucker, der Herr Feldmarschall. Ich sag Euch, Reb
Josef Süß, nicht gut für zweitausend Taler.“
Der Prinz war in heiterster Laune. Er war jetzt drei Jahre nicht mehr im
westlichen Deutschland gewesen, hatte lang unter den Heiden und
Halbwilden seines Gouvernements Serbien gelebt, sich mit Tod und Teufel
herumgehaut. So atmete der reife Mann, fünfundvierzig war er geworden,
mit Behagen die heimatliche Luft.
Nach der langen Fahrt nahm er zunächst ein Bad, ließ sich von seinem
Leibhusaren Neuffer den lahmenden Fuß – ein Andenken an die Schlacht
von Cassano – mit Essenzen reiben, saß am Fenster, im Schlafrock,
vergnügt, mit dem Kammerdiener plaudernd, während der Schwarzbraune
auf dem Boden hockte.
Er war weidlich umgetrieben worden. Von seinem zwölften Jahr an war
er Soldat, hatte in Deutschland gefochten, in Italien, den Niederlanden, in
Ungarn und Serbien. Nächst dem Prinzen Eugen, den er herzlich verehrte,
war er der erste General im Reich. Er hatte in Venedig und Wien die hohe
Kavaliersschule durchgemacht, und seine stattliche Tenue, sein gutmütiger,
etwas lärmender Humor waren beliebt bei Frauen, beim Wein, auf der Jagd.
Was ein kleiner deutscher Prinz aus einer Nebenlinie erreichen konnte, das
hatte er erreicht. Intimus des Prinzen Eugen, Wirklicher Geheimer Rat,
Kaiserlicher Feldmarschall, Oberbefehlshaber in Belgrad und im
Königreich Serbien, Inhaber von zwei kaiserlichen Regimentern, Ritter des
goldenen Vließes.
In Belgrad war ein ewiger Wirbel von Offizieren und Weibern um ihn. Er
fühlte sich wohl in dem unordentlichen Leben, dessen dürftige Regelung
von Neuffer, dem Leibhusaren, und dem Schwarzbraunen besorgt ward, und
das die Belgrader Burg in ein Feldlager verwandelte. Er verdankte die
serbische Statthalterschaft seinem Freunde, dem Prinzen Eugen. Er führte
auch die militärischen Sicherungen dort unten so durch, daß man seine
Methoden als Lehrbeispiele in allen Kriegsakademien rühmte. Und was die
Verwaltung anlangte – Kreuztürken! hier ließ er sich freilich oft mehr von
seinem Impuls leiten als von Sachverstand: aber in dem gefährdeten Gebiet
war ein Mann, auch wenn er manchmal sich verhaute, wertvoller als
irgendein pergamentener Esel vom Hofkriegsrat in Wien.
Wenn den vergnügten, lebensvollen Soldaten eine Sorge ankroch, dann
war es immer die nämliche: Geld. Sein Sold war gering, seine prinzliche
Livree. „Ein armer Schlucker, der Herr Feldmarschall. Ich sag Euch, Reb
Josef Süß, nicht gut für zweitausend Taler.“
Der Prinz war in heiterster Laune. Er war jetzt drei Jahre nicht mehr im
westlichen Deutschland gewesen, hatte lang unter den Heiden und
Halbwilden seines Gouvernements Serbien gelebt, sich mit Tod und Teufel
herumgehaut. So atmete der reife Mann, fünfundvierzig war er geworden,
mit Behagen die heimatliche Luft.
Nach der langen Fahrt nahm er zunächst ein Bad, ließ sich von seinem
Leibhusaren Neuffer den lahmenden Fuß – ein Andenken an die Schlacht
von Cassano – mit Essenzen reiben, saß am Fenster, im Schlafrock,
vergnügt, mit dem Kammerdiener plaudernd, während der Schwarzbraune
auf dem Boden hockte.
Er war weidlich umgetrieben worden. Von seinem zwölften Jahr an war
er Soldat, hatte in Deutschland gefochten, in Italien, den Niederlanden, in
Ungarn und Serbien. Nächst dem Prinzen Eugen, den er herzlich verehrte,
war er der erste General im Reich. Er hatte in Venedig und Wien die hohe
Kavaliersschule durchgemacht, und seine stattliche Tenue, sein gutmütiger,
etwas lärmender Humor waren beliebt bei Frauen, beim Wein, auf der Jagd.
Was ein kleiner deutscher Prinz aus einer Nebenlinie erreichen konnte, das
hatte er erreicht. Intimus des Prinzen Eugen, Wirklicher Geheimer Rat,
Kaiserlicher Feldmarschall, Oberbefehlshaber in Belgrad und im
Königreich Serbien, Inhaber von zwei kaiserlichen Regimentern, Ritter des
goldenen Vließes.
In Belgrad war ein ewiger Wirbel von Offizieren und Weibern um ihn. Er
fühlte sich wohl in dem unordentlichen Leben, dessen dürftige Regelung
von Neuffer, dem Leibhusaren, und dem Schwarzbraunen besorgt ward, und
das die Belgrader Burg in ein Feldlager verwandelte. Er verdankte die
serbische Statthalterschaft seinem Freunde, dem Prinzen Eugen. Er führte
auch die militärischen Sicherungen dort unten so durch, daß man seine
Methoden als Lehrbeispiele in allen Kriegsakademien rühmte. Und was die
Verwaltung anlangte – Kreuztürken! hier ließ er sich freilich oft mehr von
seinem Impuls leiten als von Sachverstand: aber in dem gefährdeten Gebiet
war ein Mann, auch wenn er manchmal sich verhaute, wertvoller als
irgendein pergamentener Esel vom Hofkriegsrat in Wien.
Wenn den vergnügten, lebensvollen Soldaten eine Sorge ankroch, dann
war es immer die nämliche: Geld. Sein Sold war gering, seine prinzliche
Page 48
Apanage lächerlich. Und er konnte nicht knausern. Da saß er als
kaiserlicher Statthalter zwischen geschwollenen ungarischen Baronen und
Paschas des Großherrn, die strotzten von allen Reichtümern der Königin
von Saba. Er war nicht anspruchsvoll, er hatte schon gelebt wie der
gemeinste Soldat, Dreck gefressen, daß alle Därme sich umkehrten, auf
vereistem Kot geschlafen. Aber er konnte seine Kumpane nicht an leere
Tafeln setzen, seine Weiber nicht in Lumpen laufen lassen, seinen Marstall
nicht mit Schindmähren füllen.
Am Wiener Hof hatte man nur halbes Ohr für solche Klagen und
Achselzucken. Gott, wenn es der Prinz nicht machen wollte, in den
Erblanden gab es Herren und Reichlinge genug, die sich nach dem stolzen
Posten des serbischen Statthalters sehnten und gern bereit waren, die
Repräsentation aus eigener Tasche zu bestreiten. Die Wiener Bankiers
hatten dem Prinzen gelegentlich mit kleinen Summen ausgeholfen; jetzt
waren sie schwierig, beinahe unverschämt.
Ernsthafte Teilnahme fand er erst in Würzburg, beim Fürstbischof. Er
kannte den dicken, lustigen Herrn seit langem, seit den frühen Jahren in
Venedig. Dort hatten sie, der Prinz, der jetzige Fürstbischof und Johann
Eusebius, jetzt Fürstabt in Einsiedeln in der Schweiz, gute Freundschaft
geschlossen. Die drei jungen Herren, alle drei kleine Nebenäste großer
Häuser, waren in Venedig, Leben und Politik zu lernen. Die alternde
Republik, längst auf dem Abstieg, hielt, eine Kokotte, die nicht Schluß
machen kann, noch immer die Allüren einer Weltmacht fest, hatte
Gesandtschaften an allen Höfen, die Signoria zweigte über Europa und die
neue Welt ein Netz von Intrigen, krampfhaft den Schein großer, lebendiger
Politik wahrend. Gerade weil die Maschine leer lief, funktionierte sie um so
besser, und der ganze junge Adel Europas studierte in den staatsmännischen
Zirkeln der Republik die Routine der hohen Diplomatie.
Die beiden jungen Weltgeistlichen bewunderten sachverständig diesen
vollendeten Mechanismus und warfen sich, groß geworden in der Schule
der Jesuiten, mit wildem Eifer auf sein Studium. Der schwäbische Prinz
aber stand, verständnislos lachend, in dem Wirbel; was er packte, entglitt
ihm; so hielt er sich an das rauschende, glänzende Leben der
Gesellschaften, Redouten, Klubs, an Theater, Spielsäle und Bordelle. Die
jungen Jesuiten amüsierten sich herzlich über sein soldatisch naives
Geradezu, gewannen ihn aufrichtig lieb wie einen gutmütigen, großen,
täppischen Hund und setzten ihren Ehrgeiz darein, den unraffinierten,
kaiserlicher Statthalter zwischen geschwollenen ungarischen Baronen und
Paschas des Großherrn, die strotzten von allen Reichtümern der Königin
von Saba. Er war nicht anspruchsvoll, er hatte schon gelebt wie der
gemeinste Soldat, Dreck gefressen, daß alle Därme sich umkehrten, auf
vereistem Kot geschlafen. Aber er konnte seine Kumpane nicht an leere
Tafeln setzen, seine Weiber nicht in Lumpen laufen lassen, seinen Marstall
nicht mit Schindmähren füllen.
Am Wiener Hof hatte man nur halbes Ohr für solche Klagen und
Achselzucken. Gott, wenn es der Prinz nicht machen wollte, in den
Erblanden gab es Herren und Reichlinge genug, die sich nach dem stolzen
Posten des serbischen Statthalters sehnten und gern bereit waren, die
Repräsentation aus eigener Tasche zu bestreiten. Die Wiener Bankiers
hatten dem Prinzen gelegentlich mit kleinen Summen ausgeholfen; jetzt
waren sie schwierig, beinahe unverschämt.
Ernsthafte Teilnahme fand er erst in Würzburg, beim Fürstbischof. Er
kannte den dicken, lustigen Herrn seit langem, seit den frühen Jahren in
Venedig. Dort hatten sie, der Prinz, der jetzige Fürstbischof und Johann
Eusebius, jetzt Fürstabt in Einsiedeln in der Schweiz, gute Freundschaft
geschlossen. Die drei jungen Herren, alle drei kleine Nebenäste großer
Häuser, waren in Venedig, Leben und Politik zu lernen. Die alternde
Republik, längst auf dem Abstieg, hielt, eine Kokotte, die nicht Schluß
machen kann, noch immer die Allüren einer Weltmacht fest, hatte
Gesandtschaften an allen Höfen, die Signoria zweigte über Europa und die
neue Welt ein Netz von Intrigen, krampfhaft den Schein großer, lebendiger
Politik wahrend. Gerade weil die Maschine leer lief, funktionierte sie um so
besser, und der ganze junge Adel Europas studierte in den staatsmännischen
Zirkeln der Republik die Routine der hohen Diplomatie.
Die beiden jungen Weltgeistlichen bewunderten sachverständig diesen
vollendeten Mechanismus und warfen sich, groß geworden in der Schule
der Jesuiten, mit wildem Eifer auf sein Studium. Der schwäbische Prinz
aber stand, verständnislos lachend, in dem Wirbel; was er packte, entglitt
ihm; so hielt er sich an das rauschende, glänzende Leben der
Gesellschaften, Redouten, Klubs, an Theater, Spielsäle und Bordelle. Die
jungen Jesuiten amüsierten sich herzlich über sein soldatisch naives
Geradezu, gewannen ihn aufrichtig lieb wie einen gutmütigen, großen,
täppischen Hund und setzten ihren Ehrgeiz darein, den unraffinierten,
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liebenswerten Menschen ungefährdet durch die Strudel des wilden und
bedenklichen venetianischen Lebens zu steuern. Mit feinem Lächeln
bestaunten die jungen Diplomaten der Kirche soviel laute Harmlosigkeit,
soviel gläubiges, lustiges, vertrauensseliges Im-Kreise-Plätschern. Das gab
es also noch. Da ging einer herum, machte Visiten, tanzte, spielte, liebte in
den Kreisen der Staatsmänner und alles ohne Zweck, er dachte offenbar gar
nicht daran, Karriere zu machen. Und sie faßten zu ihm eine offene, leicht
überlegene Zuneigung.
Auf solcher Basis gründete die Freundschaft des Prinzen mit den beiden
Jesuiten. Die waren jetzt Prälaten geworden, gefürchtet, standen mitteninne
in allen Fragen der großen Politik. Er, der Prinz, saß draußen an der
Ostgrenze des Reiches, ein tapferer und berühmter General, von den
Herren, die die deutschen Geschicke machten, leicht und wohlwollend
belächelt. Er spürte nichts von diesem Lächeln, er ging behaglich und
geradeaus seine Straße, und was ihn kratzte, das war allein sein
Geldmangel.
In Würzburg, bei Tafel, auch der Fürstabt von Einsiedeln hatte sich
eingefunden, sprach er offen mit den beiden Freunden über seine
Bedrängnis. Kein Geld, freche Gläubiger, es war eine ewige Kalamität.
Man hatte scharf gegessen und sich heiß getrunken, die Kirchenfürsten
lüfteten sich, der Prinz knöpfte die Uniform auf.
Der Bischof hatte das Prinzip, eine Antwort niemals auf der Stelle zu
geben. Er versprach, den Fall zu überdenken.
Die Prälaten, nachdem sich der Prinz zurückgezogen, saßen im Park,
schauten von beschattetem Sitz auf Stadt und Weinberge. Man wird dem
Prinzen helfen, natürlich; es war ja sehr leicht, ihm zu helfen. Vielleicht
könnte man ihm helfen und zugleich der guten Sache dienlich sein. Sie
schauten sich an, lächelten, sie dachten beide das gleiche. Sie hatten dem
Prinzen oft in Venedig, in Wien, jetzt in Würzburg katholische Messen
gezeigt, sich gefreut über seine naive Begeisterung an Glanz und
Weihrauch. Ein kleiner Prinz aus einer Nebenlinie, es stand so viel
zwischen ihm und dem Thron, es war keine große Angelegenheit;
immerhin, wenn ein Glied des stockprotestantischen Württembergischen
Hauses für Rom gewonnen würde, der Ordensgeneral würde den Erfolg
buchen, ohne ihn zu überschätzen.
Die Arbeit durfte natürlich nicht plump gemacht werden. Kunstgerecht,
mit feinen Fäden. Es mußte sich alles geben wie von selbst. Die beiden
bedenklichen venetianischen Lebens zu steuern. Mit feinem Lächeln
bestaunten die jungen Diplomaten der Kirche soviel laute Harmlosigkeit,
soviel gläubiges, lustiges, vertrauensseliges Im-Kreise-Plätschern. Das gab
es also noch. Da ging einer herum, machte Visiten, tanzte, spielte, liebte in
den Kreisen der Staatsmänner und alles ohne Zweck, er dachte offenbar gar
nicht daran, Karriere zu machen. Und sie faßten zu ihm eine offene, leicht
überlegene Zuneigung.
Auf solcher Basis gründete die Freundschaft des Prinzen mit den beiden
Jesuiten. Die waren jetzt Prälaten geworden, gefürchtet, standen mitteninne
in allen Fragen der großen Politik. Er, der Prinz, saß draußen an der
Ostgrenze des Reiches, ein tapferer und berühmter General, von den
Herren, die die deutschen Geschicke machten, leicht und wohlwollend
belächelt. Er spürte nichts von diesem Lächeln, er ging behaglich und
geradeaus seine Straße, und was ihn kratzte, das war allein sein
Geldmangel.
In Würzburg, bei Tafel, auch der Fürstabt von Einsiedeln hatte sich
eingefunden, sprach er offen mit den beiden Freunden über seine
Bedrängnis. Kein Geld, freche Gläubiger, es war eine ewige Kalamität.
Man hatte scharf gegessen und sich heiß getrunken, die Kirchenfürsten
lüfteten sich, der Prinz knöpfte die Uniform auf.
Der Bischof hatte das Prinzip, eine Antwort niemals auf der Stelle zu
geben. Er versprach, den Fall zu überdenken.
Die Prälaten, nachdem sich der Prinz zurückgezogen, saßen im Park,
schauten von beschattetem Sitz auf Stadt und Weinberge. Man wird dem
Prinzen helfen, natürlich; es war ja sehr leicht, ihm zu helfen. Vielleicht
könnte man ihm helfen und zugleich der guten Sache dienlich sein. Sie
schauten sich an, lächelten, sie dachten beide das gleiche. Sie hatten dem
Prinzen oft in Venedig, in Wien, jetzt in Würzburg katholische Messen
gezeigt, sich gefreut über seine naive Begeisterung an Glanz und
Weihrauch. Ein kleiner Prinz aus einer Nebenlinie, es stand so viel
zwischen ihm und dem Thron, es war keine große Angelegenheit;
immerhin, wenn ein Glied des stockprotestantischen Württembergischen
Hauses für Rom gewonnen würde, der Ordensgeneral würde den Erfolg
buchen, ohne ihn zu überschätzen.
Die Arbeit durfte natürlich nicht plump gemacht werden. Kunstgerecht,
mit feinen Fäden. Es mußte sich alles geben wie von selbst. Die beiden
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geübten Herren verständigten sich mit halben Worten; es war ja so leicht,
ein vorgezeichneter Weg. Man wird Karl Alexander zunächst an
protestantische Stellen weisen, an seinen Vetter etwa, den Herzog, der war
durch die Gräfin beansprucht, an die Landschaft, die war kleinherzig,
knauserig; man könnte ja für alle Fälle nachhelfen, daß sie bestimmt
ablehne. Der Fürstbischof hatte einen Herrn an seinem Hof, den Geheimrat
Fichtel, Spezialisten in allen schwäbischen Dingen, der wird das sicher zu
Rande bringen. Wenn dann der Prinz eingeklemmt sitzt, kahl, naiv erbittert
über die evangelische Filzigkeit, dann läßt man eine katholische Prinzessin
auftauchen, die reiche Regensburgerin etwa, die Thurn und Taxis, und die
Kirche empfängt den Bekehrten mit Gold und Weihrauch und Gloria.
Ruhevoll und wohlwollend, mit halben, lässigen Worten, spannen die
beiden Prälaten das Projekt; von dem beschatteten Sitz im Park, Eis
schlürfend, schauten sie auf die schöne Stadt und die besonnten Weinberge.
Der Fürstbischof half somit Karl Alexander mit einer kleinen Summe
aus, und der Prinz richtete, um für zwei, drei Jahre aus dem Gröbsten zu
sein, ein Ersuchen an die württembergische Landschaft, seine Apanage zu
erhöhen oder ihm wenigstens einen größeren Vorschuß darauf zu geben.
Das Schriftstück war von dem Geheimrat Fichtel klug und umständlich
formuliert, so daß dem Prinzen der Erfolg so gut wie gesichert schien.
Und nun saß er also in Wildbad, mit der gewissen Aussicht auf das Geld,
in heiterster Laune. Gewelltes Land, freundlich bewaldet, schaute zu den
Fenstern seines Zimmers herein. Er fühlte sich durch das Bad und die
Massage des lahmenden Fußes wohlig erfrischt, der Ort schien ihm nach
dem Schmutz und der Schlamperei serbischer und ungarischer Dörfer
doppelt artig und sauber, und er erwartete gute Zeit. Während er so
behaglich zum Fenster hinausschaute und sich von Neuffer rasieren ließ,
kam ein Heiduck der Prinzessin von Kurland mit einer verbindlichen
Einladung zu einem Kostümfest, einer Wirtschaft, die die Prinzessin
anderen Tags veranstalten wollte. Karl Alexander hatte kein Kostüm,
Neuffer befragte den Wirt, der meinte, der Hof- und Kriegsfaktor Josef Süß
Oppenheimer werde vielleicht aushelfen können. Oppenheimer? Gegen den
Juden hatte der Prinz nichts einzuwenden, ein so scheles Gesicht der
Kammerdiener zog. Aber Oppenheimer hießen die Wiener Bankiers, die ihn
so schlecht behandelt hatten. Doch mittlerweile war der beflissene Wirt
schon bei Süß gewesen, und jetzt brachte er ein sehr passendes ungarisches
Bauernkostüm, das Neuffer mit leichter Mühe für die Statur des Prinzen
ein vorgezeichneter Weg. Man wird Karl Alexander zunächst an
protestantische Stellen weisen, an seinen Vetter etwa, den Herzog, der war
durch die Gräfin beansprucht, an die Landschaft, die war kleinherzig,
knauserig; man könnte ja für alle Fälle nachhelfen, daß sie bestimmt
ablehne. Der Fürstbischof hatte einen Herrn an seinem Hof, den Geheimrat
Fichtel, Spezialisten in allen schwäbischen Dingen, der wird das sicher zu
Rande bringen. Wenn dann der Prinz eingeklemmt sitzt, kahl, naiv erbittert
über die evangelische Filzigkeit, dann läßt man eine katholische Prinzessin
auftauchen, die reiche Regensburgerin etwa, die Thurn und Taxis, und die
Kirche empfängt den Bekehrten mit Gold und Weihrauch und Gloria.
Ruhevoll und wohlwollend, mit halben, lässigen Worten, spannen die
beiden Prälaten das Projekt; von dem beschatteten Sitz im Park, Eis
schlürfend, schauten sie auf die schöne Stadt und die besonnten Weinberge.
Der Fürstbischof half somit Karl Alexander mit einer kleinen Summe
aus, und der Prinz richtete, um für zwei, drei Jahre aus dem Gröbsten zu
sein, ein Ersuchen an die württembergische Landschaft, seine Apanage zu
erhöhen oder ihm wenigstens einen größeren Vorschuß darauf zu geben.
Das Schriftstück war von dem Geheimrat Fichtel klug und umständlich
formuliert, so daß dem Prinzen der Erfolg so gut wie gesichert schien.
Und nun saß er also in Wildbad, mit der gewissen Aussicht auf das Geld,
in heiterster Laune. Gewelltes Land, freundlich bewaldet, schaute zu den
Fenstern seines Zimmers herein. Er fühlte sich durch das Bad und die
Massage des lahmenden Fußes wohlig erfrischt, der Ort schien ihm nach
dem Schmutz und der Schlamperei serbischer und ungarischer Dörfer
doppelt artig und sauber, und er erwartete gute Zeit. Während er so
behaglich zum Fenster hinausschaute und sich von Neuffer rasieren ließ,
kam ein Heiduck der Prinzessin von Kurland mit einer verbindlichen
Einladung zu einem Kostümfest, einer Wirtschaft, die die Prinzessin
anderen Tags veranstalten wollte. Karl Alexander hatte kein Kostüm,
Neuffer befragte den Wirt, der meinte, der Hof- und Kriegsfaktor Josef Süß
Oppenheimer werde vielleicht aushelfen können. Oppenheimer? Gegen den
Juden hatte der Prinz nichts einzuwenden, ein so scheles Gesicht der
Kammerdiener zog. Aber Oppenheimer hießen die Wiener Bankiers, die ihn
so schlecht behandelt hatten. Doch mittlerweile war der beflissene Wirt
schon bei Süß gewesen, und jetzt brachte er ein sehr passendes ungarisches
Bauernkostüm, das Neuffer mit leichter Mühe für die Statur des Prinzen
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zurechtschneidern konnte. Karl Alexander schickte dem Süß durch Neuffer
einen Dukaten, den Süß dem Neuffer als Trinkgeld gab. Der Prinz wußte
nicht, sollte er den Juden prügeln, sollte er lachen. Da er guter Laune war,
entschied er sich zu lachen.
Auf dem Fest war die Neugier und die Bewunderung aller um ihn. Die
Prinzessin, als ländliche Wirtin gekleidet, sah frischer und reizvoller aus, als
er von der Alternden erwartet hätte, und strahlte ihm Wohlgefallen und
Neigung entgegen, deutlicher, als selbst die Freiheit des Maskenfestes es
erlaubte. Er hatte eine Wirtschaft noch nie gesehen – solche
Mummenschanz war erst vor einem halben Jahr am Dresdener Hofe
aufgekommen – die bäuerlichen Kleider, das grobianische, dörfische
Wesen, das zu zeigen man sich mühte, die ganze derbe Luft dieses Abends
behagte ihm. Er schwamm in der Achtung der Männer, in der koketten
Anbietung der Frauen fröhlich herum. Dann trat man zu einem kleinen Zug
an, paarweise, und ein Tübinger Professor und Poet im Kostüm eines
Scherenschleifers begrüßte jedes Paar mit saftigen Reimen, deren lustiger
Unflat mit Jubel und Gegröhl aufgenommen wurde. Selbst der hochmütige
sächsische Minister bekam sauer lächelnd seine Fuhre Mist ab, nur der
junge Lord Suffolk, in einem prachtvollen römischen Kostüm, wollte
zufahren, doch er wurde bedeutet. Des Prinzen Dame war die Wirtin, die
Kurländerin. Ihn begrüßte der Reimschmied ernsthafter und nannte ihn
unter dem Jubel der Gäste den württembergischen Alexander, den
schwäbischen Skanderbeg, den deutschen Achill.
Es fiel Karl Alexander auf, daß alle Gäste ihr Sprüchlein abbekamen, nur
einer nicht. Es war ein jüngerer Herr, sehr gut gewachsen, er trug wie ein
paar andere eine Halbmaske. Das Kostüm des Florentiner Gärtners hatte er
vermutlich mit der Dame verabredet, deren riesiger, bebänderter Strohhut
seiner Tracht entsprach, der Tochter des Gesandten der Generalstaaten. Er
schien nicht weiter erstaunt, daß man ihn von dem Vorbeizug der Paare an
dem Reimschmied ausschloß, er nahm diese offensichtliche Mißachtung in
guter Haltung hin, lehnte bescheiden in einem Fenster, sah zu. Der Prinz
erkundigte sich nach dem Herrn. Achselzucken: es war der Jud, der
Frankfurter Faktor, Josef Süß Oppenheimer.
Ach, das war ja der, der in seinem Gasthof wohnte, der ihm das nette
Kostüm geliehen hat, der mit dem Dukaten. Der Prinz hat getrunken, ist gut
aufgelegt. Man könnte dem Juden eigentlich ein paar Worte sagen, er lehnt
da so bescheiden und allein. Vielleicht auch wird man ihn aufziehen, seinen
einen Dukaten, den Süß dem Neuffer als Trinkgeld gab. Der Prinz wußte
nicht, sollte er den Juden prügeln, sollte er lachen. Da er guter Laune war,
entschied er sich zu lachen.
Auf dem Fest war die Neugier und die Bewunderung aller um ihn. Die
Prinzessin, als ländliche Wirtin gekleidet, sah frischer und reizvoller aus, als
er von der Alternden erwartet hätte, und strahlte ihm Wohlgefallen und
Neigung entgegen, deutlicher, als selbst die Freiheit des Maskenfestes es
erlaubte. Er hatte eine Wirtschaft noch nie gesehen – solche
Mummenschanz war erst vor einem halben Jahr am Dresdener Hofe
aufgekommen – die bäuerlichen Kleider, das grobianische, dörfische
Wesen, das zu zeigen man sich mühte, die ganze derbe Luft dieses Abends
behagte ihm. Er schwamm in der Achtung der Männer, in der koketten
Anbietung der Frauen fröhlich herum. Dann trat man zu einem kleinen Zug
an, paarweise, und ein Tübinger Professor und Poet im Kostüm eines
Scherenschleifers begrüßte jedes Paar mit saftigen Reimen, deren lustiger
Unflat mit Jubel und Gegröhl aufgenommen wurde. Selbst der hochmütige
sächsische Minister bekam sauer lächelnd seine Fuhre Mist ab, nur der
junge Lord Suffolk, in einem prachtvollen römischen Kostüm, wollte
zufahren, doch er wurde bedeutet. Des Prinzen Dame war die Wirtin, die
Kurländerin. Ihn begrüßte der Reimschmied ernsthafter und nannte ihn
unter dem Jubel der Gäste den württembergischen Alexander, den
schwäbischen Skanderbeg, den deutschen Achill.
Es fiel Karl Alexander auf, daß alle Gäste ihr Sprüchlein abbekamen, nur
einer nicht. Es war ein jüngerer Herr, sehr gut gewachsen, er trug wie ein
paar andere eine Halbmaske. Das Kostüm des Florentiner Gärtners hatte er
vermutlich mit der Dame verabredet, deren riesiger, bebänderter Strohhut
seiner Tracht entsprach, der Tochter des Gesandten der Generalstaaten. Er
schien nicht weiter erstaunt, daß man ihn von dem Vorbeizug der Paare an
dem Reimschmied ausschloß, er nahm diese offensichtliche Mißachtung in
guter Haltung hin, lehnte bescheiden in einem Fenster, sah zu. Der Prinz
erkundigte sich nach dem Herrn. Achselzucken: es war der Jud, der
Frankfurter Faktor, Josef Süß Oppenheimer.
Ach, das war ja der, der in seinem Gasthof wohnte, der ihm das nette
Kostüm geliehen hat, der mit dem Dukaten. Der Prinz hat getrunken, ist gut
aufgelegt. Man könnte dem Juden eigentlich ein paar Worte sagen, er lehnt
da so bescheiden und allein. Vielleicht auch wird man ihn aufziehen, seinen
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Spaß mit ihm haben. Der Prinz geht auf Süß zu, viele Blicke folgen ihm:
„Weiß Er, Jud, daß ich Ihn fast geprügelt hätte, mit Seinem Dukaten?“ Süß
nimmt sogleich die Maske ab, neigt sich, lächelt, schaut dem Prinzen von
unten her mit einer gewissen schmeichlerischen Frechheit ins Gesicht: „Da
wär man nicht in schlechter Kompanie. Wenn ich recht weiß, hat auch der
Großwesir des Padischah von Eurer Hoheit Prügel gekriegt und der
Marschall von Frankreich.“ Der Prinz lacht schallend: „Hör’ Er, Er weiß
Seine Worte zu setzen, als hätt’ Er’s in Versailles gelernt.“ Die Florentinerin
drängt sich herzu, eifrig: „Er war auch in Versailles, Hoheit.“ Und Süß,
bescheiden prahlend: „Ja, ich kenne den Marschall, der die Prügel gekriegt
hat. Er spricht mit größtem Respekt von Eurer Hoheit. Ich kenne auch
Freunde Eurer Hoheit. Den erhabenen Prinzen von Savoyen.“
„Ah, Er gehört zu den Wiener Oppenheimers?“ fragte Karl Alexander
interessiert. „Nur ein Vetter dritten Grades,“ erwiderte der Jude. „Aber die
Wiener mag ich nicht, sie haben nicht den rechten inneren Sinn für die
großen Herren. Sie denken nur an ihre Ziffern.“
„Er gefällt mir, Jud,“ und der Prinz schlug ihm die Achsel und nickte ihm
zu, ehe er, einen Kopf größer als die meisten, wieder auf den Ring der Gäste
zutrat, die sie umstanden.
Karl Alexander trank, tanzte, sagte den Frauen derbe Galanterien. Später
saß er am Spieltisch, Gewinn und Verlust lauter kommentierend, als es Sitte
war. Die Bank hielt der junge Lord Suffolk, steif, zeremoniös, schweigsam,
mit sparsamen Gesten. Der Prinz gewann, ringsum verlor man. Schließlich
hielt er allein dem Engländer Widerpart, heiß, mit etwas benommenem
Kopf. Verlor plötzlich in wenigen Schlägen alles, was er hatte. Lachte, zu
sich kommend, ein wenig unfrei. Ringsum ein Kreis gespannter Zuschauer.
Man glaubte, der Engländer werde Kredit anbieten. Aber der saß, höflich,
korrekt, stumm vor dem erhitzten, verlegenen Prinzen. Wartete. Plötzlich
stand Süß halb hinter ihm, schmiegsam, gewandt, leise: Wenn Seine Hoheit
ihm die hohe Ehre vergönnen wolle. Der Prinz nahm an, gewann.
Bevor er ging, sagte er dem Juden, er habe dem Neuffer Auftrag gegeben,
ihn beim Lever vorzulassen.
Süß stand verneigt, hoch atmend, küßte die Hand des Prinzen.
„Weiß Er, Jud, daß ich Ihn fast geprügelt hätte, mit Seinem Dukaten?“ Süß
nimmt sogleich die Maske ab, neigt sich, lächelt, schaut dem Prinzen von
unten her mit einer gewissen schmeichlerischen Frechheit ins Gesicht: „Da
wär man nicht in schlechter Kompanie. Wenn ich recht weiß, hat auch der
Großwesir des Padischah von Eurer Hoheit Prügel gekriegt und der
Marschall von Frankreich.“ Der Prinz lacht schallend: „Hör’ Er, Er weiß
Seine Worte zu setzen, als hätt’ Er’s in Versailles gelernt.“ Die Florentinerin
drängt sich herzu, eifrig: „Er war auch in Versailles, Hoheit.“ Und Süß,
bescheiden prahlend: „Ja, ich kenne den Marschall, der die Prügel gekriegt
hat. Er spricht mit größtem Respekt von Eurer Hoheit. Ich kenne auch
Freunde Eurer Hoheit. Den erhabenen Prinzen von Savoyen.“
„Ah, Er gehört zu den Wiener Oppenheimers?“ fragte Karl Alexander
interessiert. „Nur ein Vetter dritten Grades,“ erwiderte der Jude. „Aber die
Wiener mag ich nicht, sie haben nicht den rechten inneren Sinn für die
großen Herren. Sie denken nur an ihre Ziffern.“
„Er gefällt mir, Jud,“ und der Prinz schlug ihm die Achsel und nickte ihm
zu, ehe er, einen Kopf größer als die meisten, wieder auf den Ring der Gäste
zutrat, die sie umstanden.
Karl Alexander trank, tanzte, sagte den Frauen derbe Galanterien. Später
saß er am Spieltisch, Gewinn und Verlust lauter kommentierend, als es Sitte
war. Die Bank hielt der junge Lord Suffolk, steif, zeremoniös, schweigsam,
mit sparsamen Gesten. Der Prinz gewann, ringsum verlor man. Schließlich
hielt er allein dem Engländer Widerpart, heiß, mit etwas benommenem
Kopf. Verlor plötzlich in wenigen Schlägen alles, was er hatte. Lachte, zu
sich kommend, ein wenig unfrei. Ringsum ein Kreis gespannter Zuschauer.
Man glaubte, der Engländer werde Kredit anbieten. Aber der saß, höflich,
korrekt, stumm vor dem erhitzten, verlegenen Prinzen. Wartete. Plötzlich
stand Süß halb hinter ihm, schmiegsam, gewandt, leise: Wenn Seine Hoheit
ihm die hohe Ehre vergönnen wolle. Der Prinz nahm an, gewann.
Bevor er ging, sagte er dem Juden, er habe dem Neuffer Auftrag gegeben,
ihn beim Lever vorzulassen.
Süß stand verneigt, hoch atmend, küßte die Hand des Prinzen.
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Isaak Landauer arbeitete mit Süß an den Geschäften der Gräfin. Die Energie
der Gräfin, ihre Zähigkeit in dem Kampf um den Herzog würdigte er mit
vielen Sympathien, und er mühte sich, ihren Handel möglichst schlau und
sachgerecht zu Ende zu führen. Mit einer Berechnung, die Süß staunende
Hochachtung abzwang, wußte er die schärfsten Gegner der Gräfin in dieses
große Anleihegeschäft hereinzuziehen, so daß gerade ihre Feinde an der
Erhaltung der gräflichen Güter geldlich interessiert waren. So sehr Süß das
geschäftliche Genie Landauers bewunderte, schränkte er dennoch seine
Zusammenkünfte mit ihm nach Möglichkeit ein. Er fand, daß der Alte ihn
vor dem Prinzen kompromittiere. Der lachte schallend über Kaftan und
Löckchen, fragte gelegentlich den Süß, ob er nicht einmal seinem Freund
den Neuffer schicken solle, daß er ihm die Perücke kämme. Landauer
wiederum wiegte den Kopf, lächelte: „Ihr könnt doch sonst rechnen, Reb
Josef Süß. Was steckt Ihr Zeit und Geld in den Schlucker, der nicht gut ist
für zweitausend Taler?“
Süß wäre um eine Antwort verlegen gewesen. Gewiß, er sah in dem
Prinzen das Ideal aristokratischer Haltung. Die Selbstverständlichkeit, die
Sicherheit, mit der er sich gab, das Lärmende, Herrenhafte bei aller
Gutmütigkeit, das fürstlich Ausfüllende bei der Dürftigkeit der Mittel
imponierte ihm. Aber das war schließlich keine Erklärung. Es hatten ihm
auch andere gefallen und imponiert, deshalb steckte man doch noch lange
kein Geld in einen so unsicheren Kunden. Was ihn zu dem Prinzen trieb,
war ein Anderes, Tieferes. Süß war gemeinhin kein Spieler. Aber er war
gewiß, Glück war eine Eigenschaft. Wer jenes heimliche Wissen nicht
besaß, jene Gabe, auf Augenblicke zu wissen, untrüglich, unumstößlich,
dies oder jenes Unternehmen, dieser Würfel, dieser Mensch bringt Glück,
der mochte von den Geschäften die Hand lassen, auf jeden Aufstieg im
Leben verzichten. Und untrügliche Witterung band ihn an Karl Alexander.
Der Prinz war sein Schiff. Das Schiff mochte abgetakelt aussehen jetzt,
dürftig, nicht verlockend, kluge Finanzleute wie Isaak Landauer mochten
die Nase rümpfen. Aber er, Süß, wußte, daß dies sein Schiff war, und er
vertraute sich diesem unansehnlichen Schiff an, ohne Bedingung und mit
allem, was er war und was er hatte.
Karl Alexander behandelte ihn vertraulicher als sonst große Herren, um
ihn je nach Laune um so brutaler auszulachen. Keinen Morgen fehlte Süß
beim Lever. Einmal, Neuffer ließ ihn ohne weiteres zu, kuschte sich
erschreckt ein Mädchen unter die Decke. Der Feldmarschall, während der
der Gräfin, ihre Zähigkeit in dem Kampf um den Herzog würdigte er mit
vielen Sympathien, und er mühte sich, ihren Handel möglichst schlau und
sachgerecht zu Ende zu führen. Mit einer Berechnung, die Süß staunende
Hochachtung abzwang, wußte er die schärfsten Gegner der Gräfin in dieses
große Anleihegeschäft hereinzuziehen, so daß gerade ihre Feinde an der
Erhaltung der gräflichen Güter geldlich interessiert waren. So sehr Süß das
geschäftliche Genie Landauers bewunderte, schränkte er dennoch seine
Zusammenkünfte mit ihm nach Möglichkeit ein. Er fand, daß der Alte ihn
vor dem Prinzen kompromittiere. Der lachte schallend über Kaftan und
Löckchen, fragte gelegentlich den Süß, ob er nicht einmal seinem Freund
den Neuffer schicken solle, daß er ihm die Perücke kämme. Landauer
wiederum wiegte den Kopf, lächelte: „Ihr könnt doch sonst rechnen, Reb
Josef Süß. Was steckt Ihr Zeit und Geld in den Schlucker, der nicht gut ist
für zweitausend Taler?“
Süß wäre um eine Antwort verlegen gewesen. Gewiß, er sah in dem
Prinzen das Ideal aristokratischer Haltung. Die Selbstverständlichkeit, die
Sicherheit, mit der er sich gab, das Lärmende, Herrenhafte bei aller
Gutmütigkeit, das fürstlich Ausfüllende bei der Dürftigkeit der Mittel
imponierte ihm. Aber das war schließlich keine Erklärung. Es hatten ihm
auch andere gefallen und imponiert, deshalb steckte man doch noch lange
kein Geld in einen so unsicheren Kunden. Was ihn zu dem Prinzen trieb,
war ein Anderes, Tieferes. Süß war gemeinhin kein Spieler. Aber er war
gewiß, Glück war eine Eigenschaft. Wer jenes heimliche Wissen nicht
besaß, jene Gabe, auf Augenblicke zu wissen, untrüglich, unumstößlich,
dies oder jenes Unternehmen, dieser Würfel, dieser Mensch bringt Glück,
der mochte von den Geschäften die Hand lassen, auf jeden Aufstieg im
Leben verzichten. Und untrügliche Witterung band ihn an Karl Alexander.
Der Prinz war sein Schiff. Das Schiff mochte abgetakelt aussehen jetzt,
dürftig, nicht verlockend, kluge Finanzleute wie Isaak Landauer mochten
die Nase rümpfen. Aber er, Süß, wußte, daß dies sein Schiff war, und er
vertraute sich diesem unansehnlichen Schiff an, ohne Bedingung und mit
allem, was er war und was er hatte.
Karl Alexander behandelte ihn vertraulicher als sonst große Herren, um
ihn je nach Laune um so brutaler auszulachen. Keinen Morgen fehlte Süß
beim Lever. Einmal, Neuffer ließ ihn ohne weiteres zu, kuschte sich
erschreckt ein Mädchen unter die Decke. Der Feldmarschall, während der
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Braunschwarze ihn mit Kübeln Wassers übergoß, prustete lachend, sie solle
sich vor dem Beschnittenen nicht genieren, und verlegen und beglückt
tauchte in den Kissen die junge Aufwärterin auf, mit der auch Süß
geschlafen hatte.
Süß nahm die Vertraulichkeiten des Feldmarschalls als Geschenke hin
und ließ sich seine Ausbrüche nicht verdrießen. Hatte ihm der Prinz,
nachdem er ihn für Mittag bestellt, durch Neuffer sagen lassen, heut stehe
ihm der Humor nicht nach hebräischem Gestank, so erschien er des Abends
dennoch mit der gleichen lächelnd beflissenen Dienstwilligkeit. Nie hatte
ihn ein Mensch so gefesselt wie Karl Alexander, er studierte jede kleinste
Geste von ihm mit stiller Aufmerksamkeit, seine Vertraulichkeiten
beglückten ihn, seine Brutalitäten imponierten ihm, alles, was der Prinz tat
und ließ, diente nur, den Juden fester an ihn zu binden.
Mittlerweile kam Nicklas Pfäffle zurück und meldete, Rabbi Gabriel
werde kommen.
Die Gräfin war fort, für seine Geschäfte brauchte Süß den Kabbalisten
nicht mehr, die Verbindung mit der Gräfin, die Beteiligung an der Aktion
Isaak Landauers war hergestellt. Süß, der glückliche Mensch des
Augenblicks, vergaß den Anlaß, aus dem er den Rabbi berufen, wußte nur
mehr, daß er ihm keinen andern Anlaß genannt als den dringenden Wunsch,
in sein Auge zu sehen, von seinen Lippen zu hören. Er kam sich edel vor
und hochherzig, daß er es wagte, an das Verkapselte zu rühren, und hatte in
sich jedes Erinnern weggewischt, daß er den Unheimlichen, Unbehaglichen
aus sehr anderen Gründen beschickt hatte.
Aber wie Rabbi Gabriel vor ihm stand, war seine schöne, elegant
federnde Sicherheit jäh und unerklärbar weg. Er dachte noch: Daß er sich
immer so altmodisch trägt! Aber das dachte er eigentlich schon nur
nebenher und unüberzeugt. Das scheue, dumpfe Gefühl war über ihm, das
unentrinnbar wie die Luft, die man atmete, überall lag, wo Rabbi Gabriel
erschien.
„Du hast mich wegen des Mädchens beschickt?“ begann die knarrige,
mißlaunige Stimme. Der andere wollte erwidern, heftig, sich wehren, er
hatte mehrere flinke, schöne Sätze vorbereitet, aber die endlose,
hoffnungslose Traurigkeit, die von den trübgrauen Augen ausging, lähmte
ihn, wand sich um ihn wie Schnüre. „Oder ist es nicht wegen des
Mädchens?“ Und trotzdem die Stimme jetzt müde klang und ohne Hebung,
schnitt sie wie Hohn, und Süß in seiner guten Haltung und in seinen
sich vor dem Beschnittenen nicht genieren, und verlegen und beglückt
tauchte in den Kissen die junge Aufwärterin auf, mit der auch Süß
geschlafen hatte.
Süß nahm die Vertraulichkeiten des Feldmarschalls als Geschenke hin
und ließ sich seine Ausbrüche nicht verdrießen. Hatte ihm der Prinz,
nachdem er ihn für Mittag bestellt, durch Neuffer sagen lassen, heut stehe
ihm der Humor nicht nach hebräischem Gestank, so erschien er des Abends
dennoch mit der gleichen lächelnd beflissenen Dienstwilligkeit. Nie hatte
ihn ein Mensch so gefesselt wie Karl Alexander, er studierte jede kleinste
Geste von ihm mit stiller Aufmerksamkeit, seine Vertraulichkeiten
beglückten ihn, seine Brutalitäten imponierten ihm, alles, was der Prinz tat
und ließ, diente nur, den Juden fester an ihn zu binden.
Mittlerweile kam Nicklas Pfäffle zurück und meldete, Rabbi Gabriel
werde kommen.
Die Gräfin war fort, für seine Geschäfte brauchte Süß den Kabbalisten
nicht mehr, die Verbindung mit der Gräfin, die Beteiligung an der Aktion
Isaak Landauers war hergestellt. Süß, der glückliche Mensch des
Augenblicks, vergaß den Anlaß, aus dem er den Rabbi berufen, wußte nur
mehr, daß er ihm keinen andern Anlaß genannt als den dringenden Wunsch,
in sein Auge zu sehen, von seinen Lippen zu hören. Er kam sich edel vor
und hochherzig, daß er es wagte, an das Verkapselte zu rühren, und hatte in
sich jedes Erinnern weggewischt, daß er den Unheimlichen, Unbehaglichen
aus sehr anderen Gründen beschickt hatte.
Aber wie Rabbi Gabriel vor ihm stand, war seine schöne, elegant
federnde Sicherheit jäh und unerklärbar weg. Er dachte noch: Daß er sich
immer so altmodisch trägt! Aber das dachte er eigentlich schon nur
nebenher und unüberzeugt. Das scheue, dumpfe Gefühl war über ihm, das
unentrinnbar wie die Luft, die man atmete, überall lag, wo Rabbi Gabriel
erschien.
„Du hast mich wegen des Mädchens beschickt?“ begann die knarrige,
mißlaunige Stimme. Der andere wollte erwidern, heftig, sich wehren, er
hatte mehrere flinke, schöne Sätze vorbereitet, aber die endlose,
hoffnungslose Traurigkeit, die von den trübgrauen Augen ausging, lähmte
ihn, wand sich um ihn wie Schnüre. „Oder ist es nicht wegen des
Mädchens?“ Und trotzdem die Stimme jetzt müde klang und ohne Hebung,
schnitt sie wie Hohn, und Süß in seiner guten Haltung und in seinen
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prächtigen Kleidern schien merkwürdig klein und gedrückt vor dem
dicklichen, unansehnlichen Mann, den man für einen höheren Beamten
halten mochte oder für einen Bürger.
Er konnte doch sonst so sicher und überzeugend sprechen. Oh, wie
behend hüpften ihm die Worte von den Lippen und sprangen an dem
Partner hinauf und kletterten hoch an ihm und schmiegten sich in jede
Lücke und schwache Stelle. Warum fiel seine Rede jetzt so matt und
unüberzeugt, daß er halb im Satz verstummte, ehe er zu Ende war? Gewiß,
gab er zu, er habe versprochen, das Kind zu sich zu nehmen. Aber es sei
nicht gut, wenn er das jetzt tue. Für ihn nicht und für das Kind nicht. Er
habe so tausend Geschäfte und sei so gehetzt und hin und her getrieben.
Und bei Rabbi Gabriel sei Naemi doch ganz anders behütet, und wenn er,
Süß, sich auch für Bildung interessiere und Geistiges, für das Mädchen
komme doch das Weltmännische weniger in Frage, als eben die Dinge, die
der Oheim besser verstehe als er.
Er flickte diese Argumente zusammen, hastig, fahrig und ohne Kraft.
Verstummte. Sah die trübgrauen Augen vor sich, in dem massigen,
blutlosen Gesicht die kleine Nase, die breit wuchtende Stirn, senkrecht über
der Nase zerschnitten von drei Furchen, scharf, tief, kurz, und er sah, diese
Furchen bildeten den heiligen Buchstaben, das Schin, den Anfang des
Gottesnamens, Schaddai.
Rabbi Gabriel nahm sich nicht die Mühe, auf die Einwürfe des andern zu
erwidern. Er schaute ihn nur an, langsam, mit den trüben steinernen,
wissenden Augen, und schwieg.
Und während dieses Schweigens sprang plötzlich schmerzhaft das
Verkapselte auf, und das Jahr lag bloß, jenes seltsame und unbegreifliche
Stück Leben, das Jahr in der kleinen, holländischen Stadt, das Süß
geflissentlich und doch mit einem geheimen Stolz, etwas Störendes und
höchst Unpassendes, vor sich und aller Welt versteckte. Er sah das weiße,
verschlossene Antlitz der Frau, voll Hingabe und doch so unsagbar fremd,
er sah die rührenden, gelösten Glieder, er sah die Tote, die verlöscht war
wie sie aufgeglommen, kaum die neue Kerze gezündet. Er sah das Kind,
sich selber in einer seligen und gleichzeitig so entsetzlich drückenden
Ratlosigkeit. Er sah den Oheim, den unbehaglichen, unheimlichen, der jäh
da war wie selbstverständlich und wie selbstverständlich wieder mit dem
Kind ins Dunkle zurücktauchte, sehr selten nur, in einem Zwischenraum
von Jahren wieder am Tag.
dicklichen, unansehnlichen Mann, den man für einen höheren Beamten
halten mochte oder für einen Bürger.
Er konnte doch sonst so sicher und überzeugend sprechen. Oh, wie
behend hüpften ihm die Worte von den Lippen und sprangen an dem
Partner hinauf und kletterten hoch an ihm und schmiegten sich in jede
Lücke und schwache Stelle. Warum fiel seine Rede jetzt so matt und
unüberzeugt, daß er halb im Satz verstummte, ehe er zu Ende war? Gewiß,
gab er zu, er habe versprochen, das Kind zu sich zu nehmen. Aber es sei
nicht gut, wenn er das jetzt tue. Für ihn nicht und für das Kind nicht. Er
habe so tausend Geschäfte und sei so gehetzt und hin und her getrieben.
Und bei Rabbi Gabriel sei Naemi doch ganz anders behütet, und wenn er,
Süß, sich auch für Bildung interessiere und Geistiges, für das Mädchen
komme doch das Weltmännische weniger in Frage, als eben die Dinge, die
der Oheim besser verstehe als er.
Er flickte diese Argumente zusammen, hastig, fahrig und ohne Kraft.
Verstummte. Sah die trübgrauen Augen vor sich, in dem massigen,
blutlosen Gesicht die kleine Nase, die breit wuchtende Stirn, senkrecht über
der Nase zerschnitten von drei Furchen, scharf, tief, kurz, und er sah, diese
Furchen bildeten den heiligen Buchstaben, das Schin, den Anfang des
Gottesnamens, Schaddai.
Rabbi Gabriel nahm sich nicht die Mühe, auf die Einwürfe des andern zu
erwidern. Er schaute ihn nur an, langsam, mit den trüben steinernen,
wissenden Augen, und schwieg.
Und während dieses Schweigens sprang plötzlich schmerzhaft das
Verkapselte auf, und das Jahr lag bloß, jenes seltsame und unbegreifliche
Stück Leben, das Jahr in der kleinen, holländischen Stadt, das Süß
geflissentlich und doch mit einem geheimen Stolz, etwas Störendes und
höchst Unpassendes, vor sich und aller Welt versteckte. Er sah das weiße,
verschlossene Antlitz der Frau, voll Hingabe und doch so unsagbar fremd,
er sah die rührenden, gelösten Glieder, er sah die Tote, die verlöscht war
wie sie aufgeglommen, kaum die neue Kerze gezündet. Er sah das Kind,
sich selber in einer seligen und gleichzeitig so entsetzlich drückenden
Ratlosigkeit. Er sah den Oheim, den unbehaglichen, unheimlichen, der jäh
da war wie selbstverständlich und wie selbstverständlich wieder mit dem
Kind ins Dunkle zurücktauchte, sehr selten nur, in einem Zwischenraum
von Jahren wieder am Tag.
Page 56
„Das Kind ist jetzt vierzehn Jahr,“ sagte endlich Rabbi Gabriel. „Es
macht sich seinen Vater aus meinem Wort. Es ist nicht gut, wenn dann die
Wirklichkeit und mein Wort so auseinanderklafft. Ich bin wie der
Heidenprophet Bileam,“ fuhr der Kabbalist fort mit einem mißgelaunten
Lächeln, „ich sollte fluchen, wenn ich ihr von dir spreche, und ich muß
segnen. Ich werde sie also ins Land bringen,“ schloß er, „daß sie dich
sieht.“
Süß erschrak strudelnd tief. Das Kind! Da saß dieser Mann vor ihm, ganz
gleichmütig, und sagte ihm einfach: Ich werfe dein Leben um. Ich setze
mitten in dein Leben voll Glanz und Frauen und Wirbel das Kind, die
Tochter, Naemi. Ich hebe dein Leben aus den Angeln, ich reiße die Kapsel
auf, ich reiße dein Herz aus den Angeln.
„Ich bleibe noch hier,“ sagte der Kabbalist, „dich aus der Nähe zu
beschauen. Wann ich sie bringe, wohin, wie, das sage ich dir noch.“
Als Rabbi Gabriel gegangen war, saß der andere in Wut und Wirrsal. Als
kleiner Junge nicht einmal hatte er sich so schelten und dumm machen
lassen. Aber er wird es dem Alten sagen, er wird schon die rechten Worte
finden, er wird ihm schon dienen, dem alten Hexer in seinem schäbigen,
unmodernen Rock.
Aber tief innen wußte er, daß er das nächstemal genau so stumm und
klein sitzen wird wie jetzt.
In Schloß Freudenthal stand vor der Gräfin ihre Mutter, ein gewaltiger
Fleischkloß, der sich nur mit Mühe fortbewegen konnte. Erdiges
Bauerngesicht unter eisgrauem Haar äugte die Uralte mit harten, gierigen
Blicken die Oberaufsicht über Schloß und Gut, Dienerschaft und Bauern
schindend, Geld raffend, langsam, gierig, unersättlich.
Aufgelöst tobte, jammerte die Gräfin: „Aus, Mutter, es ist aus!
Davongejagt. Des Hofs verwiesen. Er küßt die alte dürre Gans in Stuttgart
und alle Welt schaut zu. Er will ihr ein Kind machen. Davongejagt. Nach
dreißig Jahren davongejagt wie eine Hure, die nicht fürs Bett getaugt hat.“
„Knet ihn, Tochter,“ rief mit röchelnd tiefer, heiserer Stimme die Alte.
„Laß ihn bluten. Hat’s ihn Geld gekostet, wie er heiß war, laß es ihn mehr
kosten, wenn er kalt wird. Knet ihn! Walz ihn aus, bis kein Heller mehr
herausgeht.“
macht sich seinen Vater aus meinem Wort. Es ist nicht gut, wenn dann die
Wirklichkeit und mein Wort so auseinanderklafft. Ich bin wie der
Heidenprophet Bileam,“ fuhr der Kabbalist fort mit einem mißgelaunten
Lächeln, „ich sollte fluchen, wenn ich ihr von dir spreche, und ich muß
segnen. Ich werde sie also ins Land bringen,“ schloß er, „daß sie dich
sieht.“
Süß erschrak strudelnd tief. Das Kind! Da saß dieser Mann vor ihm, ganz
gleichmütig, und sagte ihm einfach: Ich werfe dein Leben um. Ich setze
mitten in dein Leben voll Glanz und Frauen und Wirbel das Kind, die
Tochter, Naemi. Ich hebe dein Leben aus den Angeln, ich reiße die Kapsel
auf, ich reiße dein Herz aus den Angeln.
„Ich bleibe noch hier,“ sagte der Kabbalist, „dich aus der Nähe zu
beschauen. Wann ich sie bringe, wohin, wie, das sage ich dir noch.“
Als Rabbi Gabriel gegangen war, saß der andere in Wut und Wirrsal. Als
kleiner Junge nicht einmal hatte er sich so schelten und dumm machen
lassen. Aber er wird es dem Alten sagen, er wird schon die rechten Worte
finden, er wird ihm schon dienen, dem alten Hexer in seinem schäbigen,
unmodernen Rock.
Aber tief innen wußte er, daß er das nächstemal genau so stumm und
klein sitzen wird wie jetzt.
In Schloß Freudenthal stand vor der Gräfin ihre Mutter, ein gewaltiger
Fleischkloß, der sich nur mit Mühe fortbewegen konnte. Erdiges
Bauerngesicht unter eisgrauem Haar äugte die Uralte mit harten, gierigen
Blicken die Oberaufsicht über Schloß und Gut, Dienerschaft und Bauern
schindend, Geld raffend, langsam, gierig, unersättlich.
Aufgelöst tobte, jammerte die Gräfin: „Aus, Mutter, es ist aus!
Davongejagt. Des Hofs verwiesen. Er küßt die alte dürre Gans in Stuttgart
und alle Welt schaut zu. Er will ihr ein Kind machen. Davongejagt. Nach
dreißig Jahren davongejagt wie eine Hure, die nicht fürs Bett getaugt hat.“
„Knet ihn, Tochter,“ rief mit röchelnd tiefer, heiserer Stimme die Alte.
„Laß ihn bluten. Hat’s ihn Geld gekostet, wie er heiß war, laß es ihn mehr
kosten, wenn er kalt wird. Knet ihn! Walz ihn aus, bis kein Heller mehr
herausgeht.“
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„Und Friedrich hat dazu geraten!“ empörte sich die Gräfin – Friedrich
Wilhelm war ihr Bruder. „Gib’s ihm, Mutter! Zeig’s ihm! Mach ihn klein!
Schlag ihn!“
„Ich werde ihn kommen lassen, ich werde hören, ich werd’s ihm zeigen,“
versprach die Alte. „Aber das ist nicht wichtig,“ schloß sie und saß da,
quellend von Fett, kolossig wie ein asiatischer Götze, das erdfarbene
Gesicht strotzend unter dem eisgrauen Haar. „Du hast Wagen hergeschickt
mit Sachen. Das ist gut, Tochter. Schick mehr. Schick außer Landes. Haben,
das ist es. Besitzen. Geld haben, Sachen haben. Das andere ist nicht
wichtig.“
Die Gräfin wartete, verzehrte sich. Isaak Landauer kam, berichtete,
brachte Papiere. Alles Geldliche lief glatt, glänzend. Sie fragte nach dem
Kabbalisten. Ja, der war jetzt auf dem Wege nach Wildbad. Es war schwer,
ihn zu dirigieren. Ihro Exzellenz möge sich gedulden, in zwei, drei Wochen
werde er ihn in Freudenthal haben.
Kaum war der Alte weg, kam die Nachricht von der Zusammenkunft des
herzoglichen Paares in Teinach. Es war groß und feierlich zugegangen wie
bei einem Beilager. Die verschlissene Elisabeth Charlotte hatte sich und
ihre Hofdamen – dies Kuriositätenkabinett von Vogelscheuchen, höhnte die
Gräfin – neu und kostbar gekleidet. Die Gesandten der Höfe, die sich um
die Herzogin verdient gemacht, waren zugezogen worden, das ganze
Kabinett, ihr Bruder, der Gräfin Bruder! der Schuft, der glatte, giftig
züngelnde, hielt eine Rede bei der Festtafel. Auch der engere Ausschuß des
Parlaments war geladen. Die Hofkapelle spielte:
Der itzt den Feind vertrieben,
Nun danket Gott nach großer Not!
und ihr Bruder, ihr Bruder! stand dabei, barhaupt und fromm, und Schütz
senkte ergriffen die Hakennase. Am ersten Abend gab es Ballett: Die
Heimkehr des Odysseus. Ah, wie mochten sie alle gegrinst haben, als die
böse Circe sich in den Feuerberg stürzte, und wie mochten sich die zähen
alten Hofschneppen die Triefaugen wischen, als die fromme Penelope am
Spinnrocken saß. Aber sie konnten warten, sie konnten noch lange warten,
bis sie sich in den Feuerberg stürzen wird. Dann zog sich das herzogliche
Paar zurück und vor der Tür des Schlafgemachs spielte das italienische
Quartett während der Beiwohnung. Guten Appetit, Lux! Schmeckt’s? So
Wilhelm war ihr Bruder. „Gib’s ihm, Mutter! Zeig’s ihm! Mach ihn klein!
Schlag ihn!“
„Ich werde ihn kommen lassen, ich werde hören, ich werd’s ihm zeigen,“
versprach die Alte. „Aber das ist nicht wichtig,“ schloß sie und saß da,
quellend von Fett, kolossig wie ein asiatischer Götze, das erdfarbene
Gesicht strotzend unter dem eisgrauen Haar. „Du hast Wagen hergeschickt
mit Sachen. Das ist gut, Tochter. Schick mehr. Schick außer Landes. Haben,
das ist es. Besitzen. Geld haben, Sachen haben. Das andere ist nicht
wichtig.“
Die Gräfin wartete, verzehrte sich. Isaak Landauer kam, berichtete,
brachte Papiere. Alles Geldliche lief glatt, glänzend. Sie fragte nach dem
Kabbalisten. Ja, der war jetzt auf dem Wege nach Wildbad. Es war schwer,
ihn zu dirigieren. Ihro Exzellenz möge sich gedulden, in zwei, drei Wochen
werde er ihn in Freudenthal haben.
Kaum war der Alte weg, kam die Nachricht von der Zusammenkunft des
herzoglichen Paares in Teinach. Es war groß und feierlich zugegangen wie
bei einem Beilager. Die verschlissene Elisabeth Charlotte hatte sich und
ihre Hofdamen – dies Kuriositätenkabinett von Vogelscheuchen, höhnte die
Gräfin – neu und kostbar gekleidet. Die Gesandten der Höfe, die sich um
die Herzogin verdient gemacht, waren zugezogen worden, das ganze
Kabinett, ihr Bruder, der Gräfin Bruder! der Schuft, der glatte, giftig
züngelnde, hielt eine Rede bei der Festtafel. Auch der engere Ausschuß des
Parlaments war geladen. Die Hofkapelle spielte:
Der itzt den Feind vertrieben,
Nun danket Gott nach großer Not!
und ihr Bruder, ihr Bruder! stand dabei, barhaupt und fromm, und Schütz
senkte ergriffen die Hakennase. Am ersten Abend gab es Ballett: Die
Heimkehr des Odysseus. Ah, wie mochten sie alle gegrinst haben, als die
böse Circe sich in den Feuerberg stürzte, und wie mochten sich die zähen
alten Hofschneppen die Triefaugen wischen, als die fromme Penelope am
Spinnrocken saß. Aber sie konnten warten, sie konnten noch lange warten,
bis sie sich in den Feuerberg stürzen wird. Dann zog sich das herzogliche
Paar zurück und vor der Tür des Schlafgemachs spielte das italienische
Quartett während der Beiwohnung. Guten Appetit, Lux! Schmeckt’s? So
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was hast du lange nicht gehabt. Spieß dich nicht auf den Knochen! Am
zweiten Tag gab es Feuerwerk, prasselnde Raketen schrieben die Initialen
der Herzogin flammend an den Himmel, das Volk, den Wanst gestopft mit
kostenlosen herzoglichen Würsten, die Blase voll kostenlosen herzoglichen
Weins – da ihre Aufsicht fehlte, wird der Kellerer um etwa hundertachtzig
Gulden betrügen – schnupfte gerührt hinauf und gröhlte: Es lebe die
Herzogin!
Als die Gräfin die Meldung erhalten hatte, schloß sie sich ein und
schrieb. Den Brief schickte sie durch einen Kurier nach Stuttgart. Er ging
an den Kammerdiener des Herzogs, enthielt eine Anweisung auf
dreihundert Gulden und das Versprechen weiterer achthundert, falls er ihr
vom Blut des Herzogs verschaffe.
Dieser Brief war übereilt und töricht, und schon wenige Stunden,
nachdem der Kurier abgegangen, bereute die Gräfin. Niemals hatte sie
dergleichen schriftlich aus der Hand gegeben. Zum erstenmal, daß sie
sinnlose Wut nicht hatte zu Ende toben lassen, ehe sie handelte. Auch Isaak
Landauer war schuld mit seinem verflucht zögernden Kabbalisten.
Als der Kammerdiener Eberhard Ludwigs den Brief erhalten hatte,
rechnete er. Vor dem Fest in Teinach wäre er wahrscheinlich noch der
Gräfin zu Willen gewesen. Jetzt nach dem Teinacher Zeremoniell war es
ausgemacht, daß die Gräfin nichts mehr zu hoffen hatte. Es waren also von
ihr die achthundert Gulden herauszuholen, vielleicht ein paar Hundert mehr,
und sonst nichts. Der Herzog hinwiederum wollte vor der Gräfin Ruhe
haben, er wäre sicher dankbar für einen Vorwand, sie aus dem Lande zu
jagen. Es war also klar, wo der Vorteil lag. Der Kammerdiener ging somit
zu dem Präsidenten der Landschaft, ließ sich von dem für seine Tapferkeit
tausend Gulden zahlen und übergab den Brief dem Herzog.
Eberhard Ludwig stand, der schwere, dumpfblütige Mann, einen
Augenblick starr gebunden vor dem Unfaßlichen. Winkte dann dem Diener
heftig Entfernung, schluckte, keuchte, stapfte auf und nieder, schnaubte
durch die Nase. Jedes Blutteilchen gor dunkle Wut. Er war also betrogen.
Er, er! der Herzog war dreißig Jahre von einer verfluchten Hexe und Vettel
betrogen. Die andern, die Bürgerkanaille, die greinenden Pfeffersäcke von
der Landschaft, die kahl und dürr predigenden Pfaffen vom Konsistorium,
der schäbige Preußenkönig, die ewig beleidigte, zitronensaure Johanna
Elisabetha, sie hatten recht, sie hatten dreißig Jahre, dreißig Jahre! recht
gehabt gegen ihn, den Herzog.
zweiten Tag gab es Feuerwerk, prasselnde Raketen schrieben die Initialen
der Herzogin flammend an den Himmel, das Volk, den Wanst gestopft mit
kostenlosen herzoglichen Würsten, die Blase voll kostenlosen herzoglichen
Weins – da ihre Aufsicht fehlte, wird der Kellerer um etwa hundertachtzig
Gulden betrügen – schnupfte gerührt hinauf und gröhlte: Es lebe die
Herzogin!
Als die Gräfin die Meldung erhalten hatte, schloß sie sich ein und
schrieb. Den Brief schickte sie durch einen Kurier nach Stuttgart. Er ging
an den Kammerdiener des Herzogs, enthielt eine Anweisung auf
dreihundert Gulden und das Versprechen weiterer achthundert, falls er ihr
vom Blut des Herzogs verschaffe.
Dieser Brief war übereilt und töricht, und schon wenige Stunden,
nachdem der Kurier abgegangen, bereute die Gräfin. Niemals hatte sie
dergleichen schriftlich aus der Hand gegeben. Zum erstenmal, daß sie
sinnlose Wut nicht hatte zu Ende toben lassen, ehe sie handelte. Auch Isaak
Landauer war schuld mit seinem verflucht zögernden Kabbalisten.
Als der Kammerdiener Eberhard Ludwigs den Brief erhalten hatte,
rechnete er. Vor dem Fest in Teinach wäre er wahrscheinlich noch der
Gräfin zu Willen gewesen. Jetzt nach dem Teinacher Zeremoniell war es
ausgemacht, daß die Gräfin nichts mehr zu hoffen hatte. Es waren also von
ihr die achthundert Gulden herauszuholen, vielleicht ein paar Hundert mehr,
und sonst nichts. Der Herzog hinwiederum wollte vor der Gräfin Ruhe
haben, er wäre sicher dankbar für einen Vorwand, sie aus dem Lande zu
jagen. Es war also klar, wo der Vorteil lag. Der Kammerdiener ging somit
zu dem Präsidenten der Landschaft, ließ sich von dem für seine Tapferkeit
tausend Gulden zahlen und übergab den Brief dem Herzog.
Eberhard Ludwig stand, der schwere, dumpfblütige Mann, einen
Augenblick starr gebunden vor dem Unfaßlichen. Winkte dann dem Diener
heftig Entfernung, schluckte, keuchte, stapfte auf und nieder, schnaubte
durch die Nase. Jedes Blutteilchen gor dunkle Wut. Er war also betrogen.
Er, er! der Herzog war dreißig Jahre von einer verfluchten Hexe und Vettel
betrogen. Die andern, die Bürgerkanaille, die greinenden Pfeffersäcke von
der Landschaft, die kahl und dürr predigenden Pfaffen vom Konsistorium,
der schäbige Preußenkönig, die ewig beleidigte, zitronensaure Johanna
Elisabetha, sie hatten recht, sie hatten dreißig Jahre, dreißig Jahre! recht
gehabt gegen ihn, den Herzog.
Page 59
Mord und Marter! Er hat Frauen gehabt von allen Sorten, blonde,
schwarze, kastanienfarbene. Hat sich in kleine, spitze Brüste vergafft und in
mächtige, schwimmende, in massige Hüften und in knabenhaft gestraffte, in
feine, lange, braunglänzende Schenkel und in weiche, rosig-fette. Er hat
müde, schlaffe, lässige Weiber gehabt und rasende, die das Mark aus den
Knochen holten bis auf den letzten Zoll. Haben sich Weiber in ihn vernarrt
ohne Zahl, herrliche, üppige, umstrittene. Er ist ja auch, Teufel noch eins,
ein Kerl in Saft und Schuß und steht in aller Gloria dieser Welt. Haben sich
an ihn gehängt mit Herz und Schoß und allem Blut, haben erlöst gestöhnt
unter seinem Griff. Waren bessere, Kreuztürken, waren bessere dabei als die
Christl. Aber er hat sich an keine verloren. Er hat sie gehabt und hat gelacht
und ist darüber weg.
Daß ihm gerade die Christl so im Blut stak, dieses dumpfe Verhaftetsein
und Beklommenheit und Nicht-Wegkönnen, natürlich war das nicht mit
rechten Dingen zugegangen. Und er hat’s nicht gemerkt und saß mit dem
Gift und verruchten Zauber im Leib. Oh, oh! Das Hurenmensch, das
vermaledeite! Die Zeilen jenes Protokolls krochen auf ihn zu, wandelten
sich in fratzenhafte, scheusälige Bilder. Die schwarze Kuh mit dem
abgehauenen Kopf, der Bock mit den abgeschnittenen Hoden. Sie mochte
sich wohl eine Puppe von ihm gemacht haben, einen Teraph, sein Herz und
lebendiges Blut in das Bild hineinzuzaubern, und der Satan, der
neunschwänzige, mochte wissen, was für verfluchte und unflätige
Hantierung sie mit dem Gebannten getrieben.
Aber jetzt war er ihr auf das Handwerk gekommen. Jetzt war es aus mit
allem Zauber und vermaledeiter Hexerei. Er wird ihr zeigen, daß er auch
den letzten Tropfen ausgeschwitzt von ihrem Höllengift und Satanstrank.
Er schrieb, siegelte, befahl Räte, Offiziere. Ein hastiges, heimliches,
wichtiges Gewese hub an.
Schon andern Tages in aller Frühe erschien ein Detachement Husaren in
dem Dorfe Freudenthal. Die Soldaten rückten vor das Schloß, besetzten alle
Ausgänge. Der Führer, Oberst Streithorst, gefolgt von seinem Adjutanten,
ging, an dem schlotternden Kastellan vorbei, in die Vorhalle. Hier trat ihm
der Haushofmeister entgegen, an allen Türen tuschelte aufgeregte, ängstlich
neugierige Dienerschaft. Die Exzellenz sei nicht zu sprechen, erklärte hastig
der Haushofmeister, die Exzellenz sei noch zu Bette. So werde er einige
Minuten warten, entgegnete gelassen der Offizier und setzte sich. Und der
Haushofmeister dringlich, überhastet: die Frau Gräfin sei unpaß, sie
schwarze, kastanienfarbene. Hat sich in kleine, spitze Brüste vergafft und in
mächtige, schwimmende, in massige Hüften und in knabenhaft gestraffte, in
feine, lange, braunglänzende Schenkel und in weiche, rosig-fette. Er hat
müde, schlaffe, lässige Weiber gehabt und rasende, die das Mark aus den
Knochen holten bis auf den letzten Zoll. Haben sich Weiber in ihn vernarrt
ohne Zahl, herrliche, üppige, umstrittene. Er ist ja auch, Teufel noch eins,
ein Kerl in Saft und Schuß und steht in aller Gloria dieser Welt. Haben sich
an ihn gehängt mit Herz und Schoß und allem Blut, haben erlöst gestöhnt
unter seinem Griff. Waren bessere, Kreuztürken, waren bessere dabei als die
Christl. Aber er hat sich an keine verloren. Er hat sie gehabt und hat gelacht
und ist darüber weg.
Daß ihm gerade die Christl so im Blut stak, dieses dumpfe Verhaftetsein
und Beklommenheit und Nicht-Wegkönnen, natürlich war das nicht mit
rechten Dingen zugegangen. Und er hat’s nicht gemerkt und saß mit dem
Gift und verruchten Zauber im Leib. Oh, oh! Das Hurenmensch, das
vermaledeite! Die Zeilen jenes Protokolls krochen auf ihn zu, wandelten
sich in fratzenhafte, scheusälige Bilder. Die schwarze Kuh mit dem
abgehauenen Kopf, der Bock mit den abgeschnittenen Hoden. Sie mochte
sich wohl eine Puppe von ihm gemacht haben, einen Teraph, sein Herz und
lebendiges Blut in das Bild hineinzuzaubern, und der Satan, der
neunschwänzige, mochte wissen, was für verfluchte und unflätige
Hantierung sie mit dem Gebannten getrieben.
Aber jetzt war er ihr auf das Handwerk gekommen. Jetzt war es aus mit
allem Zauber und vermaledeiter Hexerei. Er wird ihr zeigen, daß er auch
den letzten Tropfen ausgeschwitzt von ihrem Höllengift und Satanstrank.
Er schrieb, siegelte, befahl Räte, Offiziere. Ein hastiges, heimliches,
wichtiges Gewese hub an.
Schon andern Tages in aller Frühe erschien ein Detachement Husaren in
dem Dorfe Freudenthal. Die Soldaten rückten vor das Schloß, besetzten alle
Ausgänge. Der Führer, Oberst Streithorst, gefolgt von seinem Adjutanten,
ging, an dem schlotternden Kastellan vorbei, in die Vorhalle. Hier trat ihm
der Haushofmeister entgegen, an allen Türen tuschelte aufgeregte, ängstlich
neugierige Dienerschaft. Die Exzellenz sei nicht zu sprechen, erklärte hastig
der Haushofmeister, die Exzellenz sei noch zu Bette. So werde er einige
Minuten warten, entgegnete gelassen der Offizier und setzte sich. Und der
Haushofmeister dringlich, überhastet: die Frau Gräfin sei unpaß, sie
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bedaure sehr, überhaupt nicht empfangen zu können. Wenn der Herr Oberst
Ordres von Seiner Durchlaucht bringe, möge er sie dem Sekretär
übergeben. Der Oberst, immer korrekt und kühl, es sei ihm leid, er habe
Befehl, unter allen Umständen die Frau Gräfin selbst zu sprechen.
Ueber dem erschien die Mutter der Gräfin. Kolossig stand die erdfarbene
Uralte in der Tür, die zu den Zimmern der Tochter führte. Der Oberst
salutierte, wiederholte, unerregt und sachlich, seinen Auftrag. Die Alte mit
ihrer röchelnden, tiefen Stimme herrschte ihn an, er solle sich scheren; er
wisse so gut wie sein Herr, ihre Tochter sei reichsunmittelbare Gräfin, nur
der Römischen Majestät unterstellt. Der Offizier achselzuckte, er sei kein
Jurist, und so gehe sein Auftrag, und er gebe der Frau Gräfin eine halbe
Stunde Zeit, sich anzukleiden; dann werde er die Tür sprengen lassen.
Keifend und massig pflanzte die Alte sich hin: das sei Landfriedensbruch,
und man werde sich bei schwäbischer Reichsritterschaft beschweren, und
sein Herr werde es schwer büßen müssen, und er werde schimpflich kassiert
werden. Es seien jetzt noch sechsundzwanzig Minuten, erwiderte der
Oberst.
Die Gräfin indes, in rasender Eile, fegte in ihren Zimmern herum,
verbrannte Papiere, schichtete, siegelte, übergab ihrem Sekretär. Als der
Offizier bei ihr eindrang, lag sie in einem prunkvollen Nachtgewand zu
Bett, richtete sich hoch, ganz empörte Unschuld. Fragte mit schwacher
Stimme, was man von ihr wolle. Herr von Streithorst entschuldigte sich, er
habe strikte Order von dem Herrn Herzog selbst, Ihre Exzellenz unter
Bedeckung fortzubringen. Kreischen der Zofen, haßerfüllte, röchelnde
Beschimpfungen der Alten, Ohnmacht der Gräfin. Der Offizier
unerschütterlich. Als sie wieder zu sich kam, während die Alte den Oberst
als Mörder begeiferte, sagte sie, die Stimme gebrochen und wie die eines
kleinen Mädchens, sie sei in seiner Gewalt, sie wisse, daß er sie wegführen
könne, ehe die Reichsritterschaft gewaffneten Widerstands fähig sei. Sie sei
sehr ernstlich krank, dieser Ueberfall habe ihr schlimm zugesetzt, und wenn
er darauf bestehe, sie in solchem Zustand wegzubringen, so werde das ihr
Tod sein. Sie sprach mühsam, in Atemnot, ringsum flennten die Zofen. Es
dauerte vier Stunden, bis der Oberst sie in der Kutsche hatte und sie
inmitten der Reiter in den regnichten Tag wegführen konnte. Die Mutter
und zwei Zofen begleiteten sie. An ihrem Weg standen dumm glotzend ihre
Bauern. Aber die Freudenthaler Juden hatten sich in ihrem Betsaal
Ordres von Seiner Durchlaucht bringe, möge er sie dem Sekretär
übergeben. Der Oberst, immer korrekt und kühl, es sei ihm leid, er habe
Befehl, unter allen Umständen die Frau Gräfin selbst zu sprechen.
Ueber dem erschien die Mutter der Gräfin. Kolossig stand die erdfarbene
Uralte in der Tür, die zu den Zimmern der Tochter führte. Der Oberst
salutierte, wiederholte, unerregt und sachlich, seinen Auftrag. Die Alte mit
ihrer röchelnden, tiefen Stimme herrschte ihn an, er solle sich scheren; er
wisse so gut wie sein Herr, ihre Tochter sei reichsunmittelbare Gräfin, nur
der Römischen Majestät unterstellt. Der Offizier achselzuckte, er sei kein
Jurist, und so gehe sein Auftrag, und er gebe der Frau Gräfin eine halbe
Stunde Zeit, sich anzukleiden; dann werde er die Tür sprengen lassen.
Keifend und massig pflanzte die Alte sich hin: das sei Landfriedensbruch,
und man werde sich bei schwäbischer Reichsritterschaft beschweren, und
sein Herr werde es schwer büßen müssen, und er werde schimpflich kassiert
werden. Es seien jetzt noch sechsundzwanzig Minuten, erwiderte der
Oberst.
Die Gräfin indes, in rasender Eile, fegte in ihren Zimmern herum,
verbrannte Papiere, schichtete, siegelte, übergab ihrem Sekretär. Als der
Offizier bei ihr eindrang, lag sie in einem prunkvollen Nachtgewand zu
Bett, richtete sich hoch, ganz empörte Unschuld. Fragte mit schwacher
Stimme, was man von ihr wolle. Herr von Streithorst entschuldigte sich, er
habe strikte Order von dem Herrn Herzog selbst, Ihre Exzellenz unter
Bedeckung fortzubringen. Kreischen der Zofen, haßerfüllte, röchelnde
Beschimpfungen der Alten, Ohnmacht der Gräfin. Der Offizier
unerschütterlich. Als sie wieder zu sich kam, während die Alte den Oberst
als Mörder begeiferte, sagte sie, die Stimme gebrochen und wie die eines
kleinen Mädchens, sie sei in seiner Gewalt, sie wisse, daß er sie wegführen
könne, ehe die Reichsritterschaft gewaffneten Widerstands fähig sei. Sie sei
sehr ernstlich krank, dieser Ueberfall habe ihr schlimm zugesetzt, und wenn
er darauf bestehe, sie in solchem Zustand wegzubringen, so werde das ihr
Tod sein. Sie sprach mühsam, in Atemnot, ringsum flennten die Zofen. Es
dauerte vier Stunden, bis der Oberst sie in der Kutsche hatte und sie
inmitten der Reiter in den regnichten Tag wegführen konnte. Die Mutter
und zwei Zofen begleiteten sie. An ihrem Weg standen dumm glotzend ihre
Bauern. Aber die Freudenthaler Juden hatten sich in ihrem Betsaal
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versammelt, in großer Angst um Leib und Gut, und beteten für ihre
Schützerin.
Die Gräfin wurde nach Urach gebracht und dort als Standesperson in
allem Respekt gehalten, durfte aber Schloß und Park nicht verlassen. Sie
gab sich hochfahrend, schikanierte die Dienerschaft bis aufs Blut und
verblüffte sie durch ungeheure Trinkgelder. Den Kommissaren des Herzogs
verweigerte sie jede Auskunft, sie habe als regierende Reichsgräfin nur dem
Kaiser Red und Antwort zu stehen. Als gar die schwäbische
Reichsritterschaft sich in die Sache mengte und über ihre durch die
Verhaftung der Gräfin in dem reichsfreien Rittergut Freudenthal verletzten
Rechte klagte, triumphierte sie, und ihr Sachwalter erhob in Wien Klage in
einer Sprache, wie sie gegen das württembergische Haus noch nie geführt
worden war. Ueberall im Reich sprengten ihre Agenten Gerüchte aus, wie
groß die Rechtsunsicherheit sei im Herzogtum, wenn nicht einmal die
Freiheit ritterschaftlicher Person gewahrt würde. Isaak Landauer erklärte,
sacht den Kopf wiegend, dem Gesandten der Generalstaaten, unter solchen
Umständen sei es eine mißliche Sache, in Württemberg Kapital stehen zu
lassen, seine Worte wurden in den Kontoren der großen Geldleute
kolportiert und wirkten gefährlich weiter.
Im herzoglichen Kabinett verfolgte Geheimrat Schütz aufmerksam und
bewundernd alle Schachzüge der Gräfin. Er ließ sie lange gewähren; dann
aber bremsten er und der Bruder der Gräfin jäh und wirksam. Bei den
Reichsrittern war einzusetzen. Der Herzog, selbstherrlich, haßte diese
Körperschaft und lag ständig mit ihr in Fehde. Er lief rot an, nannte man
nur den Namen, und hatte blindwütig mit eigener Hand aus dem
Kirchenlied: O heiliger Geist, kehr’ bei uns ein, die Verse gestrichen: Laß
uns dein’ Salbungskraft empfinden, stärk’ uns zu deiner Ritterschaft. Aber
diesmal mußte er sich überwinden, er mußte nachgeben. War die
Ritterschaft der Teufel, so war die Gräfin seine Großmutter. Er anerkannte
also die Klage der Ritter, entschuldigte sich höflich und in bester Form und
gewährte auch andere Genugtuung, vor allem war er bereit, in einer
strittigen Frage über die Befreiung der Ritter vom Weinzoll nachzugeben.
Da bei weiterem Widerstand nur Ehre, bei Nachgeben aber etwa
siebzigtausend Gulden zu gewinnen waren, zog die Ritterschaft ihren
Protest zurück. Damit war auch die Wiener Klage erledigt.
Der Wind war aus den Segeln der Gräfin genommen, überall flauten ihre
Anhänger ab. Schütz benutzte ungesäumt diese Flauheit, dem Handel für
Schützerin.
Die Gräfin wurde nach Urach gebracht und dort als Standesperson in
allem Respekt gehalten, durfte aber Schloß und Park nicht verlassen. Sie
gab sich hochfahrend, schikanierte die Dienerschaft bis aufs Blut und
verblüffte sie durch ungeheure Trinkgelder. Den Kommissaren des Herzogs
verweigerte sie jede Auskunft, sie habe als regierende Reichsgräfin nur dem
Kaiser Red und Antwort zu stehen. Als gar die schwäbische
Reichsritterschaft sich in die Sache mengte und über ihre durch die
Verhaftung der Gräfin in dem reichsfreien Rittergut Freudenthal verletzten
Rechte klagte, triumphierte sie, und ihr Sachwalter erhob in Wien Klage in
einer Sprache, wie sie gegen das württembergische Haus noch nie geführt
worden war. Ueberall im Reich sprengten ihre Agenten Gerüchte aus, wie
groß die Rechtsunsicherheit sei im Herzogtum, wenn nicht einmal die
Freiheit ritterschaftlicher Person gewahrt würde. Isaak Landauer erklärte,
sacht den Kopf wiegend, dem Gesandten der Generalstaaten, unter solchen
Umständen sei es eine mißliche Sache, in Württemberg Kapital stehen zu
lassen, seine Worte wurden in den Kontoren der großen Geldleute
kolportiert und wirkten gefährlich weiter.
Im herzoglichen Kabinett verfolgte Geheimrat Schütz aufmerksam und
bewundernd alle Schachzüge der Gräfin. Er ließ sie lange gewähren; dann
aber bremsten er und der Bruder der Gräfin jäh und wirksam. Bei den
Reichsrittern war einzusetzen. Der Herzog, selbstherrlich, haßte diese
Körperschaft und lag ständig mit ihr in Fehde. Er lief rot an, nannte man
nur den Namen, und hatte blindwütig mit eigener Hand aus dem
Kirchenlied: O heiliger Geist, kehr’ bei uns ein, die Verse gestrichen: Laß
uns dein’ Salbungskraft empfinden, stärk’ uns zu deiner Ritterschaft. Aber
diesmal mußte er sich überwinden, er mußte nachgeben. War die
Ritterschaft der Teufel, so war die Gräfin seine Großmutter. Er anerkannte
also die Klage der Ritter, entschuldigte sich höflich und in bester Form und
gewährte auch andere Genugtuung, vor allem war er bereit, in einer
strittigen Frage über die Befreiung der Ritter vom Weinzoll nachzugeben.
Da bei weiterem Widerstand nur Ehre, bei Nachgeben aber etwa
siebzigtausend Gulden zu gewinnen waren, zog die Ritterschaft ihren
Protest zurück. Damit war auch die Wiener Klage erledigt.
Der Wind war aus den Segeln der Gräfin genommen, überall flauten ihre
Anhänger ab. Schütz benutzte ungesäumt diese Flauheit, dem Handel für
Page 62
alle Zeit ein Ende zu machen. Die Gräfin wurde nach der Festung Hohen-
Urach gebracht in engeren Gewahrsam, niemand von ihren Freunden hatte
Zutritt. Die Dämme, bisher der Volkswut entgegengestellt, wurden
niedergerissen. Allerorts erschienen Pasquille und schmähliche Karikaturen,
in Kannstatt wurde eine Puppe mit den Zügen der Gräfin unterm Gejohl des
Pöbels erst ins Hurenhaus gebracht, dann gestäupt und auf den Schindanger
geworfen.
Unterdes suchte die Mutter ihren ältesten Sohn auf. Der aalglatte, eiskalt
hochmütige Minister saß vor der schimpfenden Greisin geduckt wie ein
Hosenmatz. Er legte dar, der Uebermut und politische Ehrgeiz der
Schwester hätte auf die Dauer sie alle ins Unglück gestürzt, so habe er
eingreifen müssen. Jetzt, wo sie politisch außer Spiel gesetzt sei, werde er
sein Bestes tun, ihren Abgang zu retten. Er denke nicht daran, ihr Vermögen
anzutasten.
Der Vergleich, den man der Gräfin vorlegte, war denn auch von Anfang
an günstig. Es zeigte sich, wie fein Isaak Landauer alles eingefädelt hatte.
Alle Welt war interessiert, der Gräfin in Württemberg liegendes Vermögen
zu retten. Der kaiserliche Gesandte, ihr Bruder, der Sachwalter des
Kammergutes, wer immer in der Affäre mitzureden hatte, wirkte in solchem
Sinn. So mußte sie zwar ihre Güter Brenz, Gochsheim, Stetten, Freudenthal
abtreten und sich zu der Zusage bequemen, keine Forderungen und
Ansprüche weiter an das fürstliche Haus zu machen, desgleichen das
Herzogtum nie wieder zu betreten: aber Isaak Landauer hatte eine letzte
ungeheure Summe für sie erpreßt, deren Höhe selbst ihre Juden nur zu
flüstern wagten, und die Nutznießung vieler Liegenschaften blieb ihr auf
Lebenszeit. Sie zählte zu den vermögendsten Damen des römischen Reichs,
als sie das Herzogtum verließ.
Eine starke militärische Eskorte begleitete sie außer Landes. Ihre Straße
war gesäumt von johlendem, Kot schmeißendem Volk. Vor ihr, hinter ihr, in
endloser Reihe schleppten Wagen Kleider, Hausrat, Zierat.
Erst als das letzte Stück über der Grenze war, folgte, allein in der
Kutsche, erdfarben, kolossig, unbeweglich die Alte.
Bei dem Prälaten von Hirsau, Philipp Heinrich Weißensee, Konsistorialrat
und Mitglied des engeren parlamentarischen Ausschusses, war ein Gast
Urach gebracht in engeren Gewahrsam, niemand von ihren Freunden hatte
Zutritt. Die Dämme, bisher der Volkswut entgegengestellt, wurden
niedergerissen. Allerorts erschienen Pasquille und schmähliche Karikaturen,
in Kannstatt wurde eine Puppe mit den Zügen der Gräfin unterm Gejohl des
Pöbels erst ins Hurenhaus gebracht, dann gestäupt und auf den Schindanger
geworfen.
Unterdes suchte die Mutter ihren ältesten Sohn auf. Der aalglatte, eiskalt
hochmütige Minister saß vor der schimpfenden Greisin geduckt wie ein
Hosenmatz. Er legte dar, der Uebermut und politische Ehrgeiz der
Schwester hätte auf die Dauer sie alle ins Unglück gestürzt, so habe er
eingreifen müssen. Jetzt, wo sie politisch außer Spiel gesetzt sei, werde er
sein Bestes tun, ihren Abgang zu retten. Er denke nicht daran, ihr Vermögen
anzutasten.
Der Vergleich, den man der Gräfin vorlegte, war denn auch von Anfang
an günstig. Es zeigte sich, wie fein Isaak Landauer alles eingefädelt hatte.
Alle Welt war interessiert, der Gräfin in Württemberg liegendes Vermögen
zu retten. Der kaiserliche Gesandte, ihr Bruder, der Sachwalter des
Kammergutes, wer immer in der Affäre mitzureden hatte, wirkte in solchem
Sinn. So mußte sie zwar ihre Güter Brenz, Gochsheim, Stetten, Freudenthal
abtreten und sich zu der Zusage bequemen, keine Forderungen und
Ansprüche weiter an das fürstliche Haus zu machen, desgleichen das
Herzogtum nie wieder zu betreten: aber Isaak Landauer hatte eine letzte
ungeheure Summe für sie erpreßt, deren Höhe selbst ihre Juden nur zu
flüstern wagten, und die Nutznießung vieler Liegenschaften blieb ihr auf
Lebenszeit. Sie zählte zu den vermögendsten Damen des römischen Reichs,
als sie das Herzogtum verließ.
Eine starke militärische Eskorte begleitete sie außer Landes. Ihre Straße
war gesäumt von johlendem, Kot schmeißendem Volk. Vor ihr, hinter ihr, in
endloser Reihe schleppten Wagen Kleider, Hausrat, Zierat.
Erst als das letzte Stück über der Grenze war, folgte, allein in der
Kutsche, erdfarben, kolossig, unbeweglich die Alte.
Bei dem Prälaten von Hirsau, Philipp Heinrich Weißensee, Konsistorialrat
und Mitglied des engeren parlamentarischen Ausschusses, war ein Gast
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eingekehrt, der Geheimrat Fichtel vom Hof des Würzburger Fürstbischofs.
Die beiden Herren waren seit Jahren befreundet, der schlanke,
weltmännische Protestant und der unscheinbare Diplomat des Fürstbischofs
mit dem kleinen, klugen Gesicht. Beide passionierte Puppenspieler,
undurchsichtig für ihre Umgebung, schlossen sie sich gegenseitig die
Mechanik ihrer Künste auf, freuten sich kennerisch an dem feinen Getriebe
der zahllosen Fädchen württembergisch-protestantischer Parlamentspolitik
und höfisch katholischer Diplomatie. Der Jesuitenschüler wie der
protestantische Prälat liebten die Politik um ihrer selbst willen; wenig lag
ihnen am Ziel, viel an seiner kunstgerechten Verfolgung.
Im Herzogtum schätzte man Weißensee, aber er war den meisten
unbehaglich. Seine gelassene Liebenswürdigkeit und die leicht skeptische
Ueberlegenheit seiner weitschichtigen Bildung legten eine feine Wand von
Fremdheit und Undurchdringlichkeit zwischen ihn und die zahllosen
Bekannten, die seine großen, behaglichen Räume füllten. Er war ein
ausgezeichneter Mathematiker, war eng befreundet mit den beiden besten
Theologen des westlichen Deutschlands, dem stillen, ernsthaften, wahrhaft
frommen Johann Albrecht Bengel und dem geraden, festen Georg Bernhard
Bilfinger. Seine kritische Ausgabe des Neuen Testaments, bis jetzt freilich
nur zum kleineren Teil erschienen, war weit über Württemberg hinaus
berühmt, sein Wort mit ausschlaggebend im landschaftlichen Ausschuß.
Aber es fehlte seiner mannigfachen Beschäftigung die Wärme. Wohl
erfüllte er alles, daran er Hand legte, bis in jede Ecke mit Tätigkeit und
sachkundigem Betrieb. Doch, ob es das Neue Testament war oder ein
Referat im Landtag oder die Anpflanzung einer neuen Sorte in seiner
Obstkultur, er nahm es spielerisch, es gab nichts, das ihm über die Nerven
hinaus ins Herz drang.
In den weiten Räumen mit den mächtigen, weißen Vorhängen ging groß
und schlicht seine Tochter Magdalen Sibylle herum, neunzehnjährig,
bräunliches, männlich kühnes Gesicht, weite, blaue, erfüllte Augen, sehr
merkwürdig und verwirrend unter dem dunkeln Haar. Die Mutter war früh
gestorben, zu der immer gleichbleibenden, lauen Freundlichkeit des Vaters
fand sie keinen Weg. Der Umgang mit der Tochter des Stuttgarter
Landschaftskonsulenten, Beata Sturmin, und die Lektüre Swedenborgs
hatten die Vereinsamte in pietistische Zirkel getrieben.
Denn es blühten die Konventikel im Land, die Bibelkollegien. Trotz aller
Verbote und Strafen traten unter der Not der Zeit überall im Herzogtum
Die beiden Herren waren seit Jahren befreundet, der schlanke,
weltmännische Protestant und der unscheinbare Diplomat des Fürstbischofs
mit dem kleinen, klugen Gesicht. Beide passionierte Puppenspieler,
undurchsichtig für ihre Umgebung, schlossen sie sich gegenseitig die
Mechanik ihrer Künste auf, freuten sich kennerisch an dem feinen Getriebe
der zahllosen Fädchen württembergisch-protestantischer Parlamentspolitik
und höfisch katholischer Diplomatie. Der Jesuitenschüler wie der
protestantische Prälat liebten die Politik um ihrer selbst willen; wenig lag
ihnen am Ziel, viel an seiner kunstgerechten Verfolgung.
Im Herzogtum schätzte man Weißensee, aber er war den meisten
unbehaglich. Seine gelassene Liebenswürdigkeit und die leicht skeptische
Ueberlegenheit seiner weitschichtigen Bildung legten eine feine Wand von
Fremdheit und Undurchdringlichkeit zwischen ihn und die zahllosen
Bekannten, die seine großen, behaglichen Räume füllten. Er war ein
ausgezeichneter Mathematiker, war eng befreundet mit den beiden besten
Theologen des westlichen Deutschlands, dem stillen, ernsthaften, wahrhaft
frommen Johann Albrecht Bengel und dem geraden, festen Georg Bernhard
Bilfinger. Seine kritische Ausgabe des Neuen Testaments, bis jetzt freilich
nur zum kleineren Teil erschienen, war weit über Württemberg hinaus
berühmt, sein Wort mit ausschlaggebend im landschaftlichen Ausschuß.
Aber es fehlte seiner mannigfachen Beschäftigung die Wärme. Wohl
erfüllte er alles, daran er Hand legte, bis in jede Ecke mit Tätigkeit und
sachkundigem Betrieb. Doch, ob es das Neue Testament war oder ein
Referat im Landtag oder die Anpflanzung einer neuen Sorte in seiner
Obstkultur, er nahm es spielerisch, es gab nichts, das ihm über die Nerven
hinaus ins Herz drang.
In den weiten Räumen mit den mächtigen, weißen Vorhängen ging groß
und schlicht seine Tochter Magdalen Sibylle herum, neunzehnjährig,
bräunliches, männlich kühnes Gesicht, weite, blaue, erfüllte Augen, sehr
merkwürdig und verwirrend unter dem dunkeln Haar. Die Mutter war früh
gestorben, zu der immer gleichbleibenden, lauen Freundlichkeit des Vaters
fand sie keinen Weg. Der Umgang mit der Tochter des Stuttgarter
Landschaftskonsulenten, Beata Sturmin, und die Lektüre Swedenborgs
hatten die Vereinsamte in pietistische Zirkel getrieben.
Denn es blühten die Konventikel im Land, die Bibelkollegien. Trotz aller
Verbote und Strafen traten unter der Not der Zeit überall im Herzogtum
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Gläubige und Erweckte auf. Freilich gab es in dem kleinen Hirsau keine
Heilige wie Magdalen Sibyllens Stuttgarter Freundin und Führerin, die
blinde Beata Sturmin, die mit Gott im Gebet rang, ihm die Ohren mit
Verheißungen rieb, die er erhören mußte, ihm durch wahllos zufälliges
Aufschlagen von Bibelstellen Orakel abnötigte. Aber es lebte in dem stillen
Ort ein gewisser Magister Jaakob Polykarp Schober, der die Schriften De
Poirets, Böhmes, Bourignons, Leades, Arnolds gelesen hatte, auch die
verbotenen Bücher vom Ewigen Evangelium und der Philadelphischen
Sozietät, ein gutmütiger, einfältiger Mensch, der sanft vor sich hintrieb und
lange sinnierende Spaziergänge liebte. Der hielt in Hirsau ein
Bibelkollegium ab, und daran nahm auch Magdalen Sibylle teil, die Tochter
des Prälaten. Die weiten, blauen Augen unter dem dunkeln Haar in ein
Fernes, Erträumtes versenkt, saß sie groß und schön mit dem männlich
kühnen, bräunlichen Gesicht unter den Frommen, Armseligen, Gedrückten,
Blassen, Verhutzelten des Collegium Philobiblicum, sie suchte durch
zufälliges Aufschlagen der Schrift Orakel, sie kämpfte im Gebet mit Gott,
daß er ihrem Vater Gnade und Erweckung fließen lasse.
Der würzburgische Geheimrat war ihr in tiefer Seele zuwider, und sie
grämte sich ab, den Vater in dieser weltlichen, heidnischen Gesellschaft zu
sehen. Der Katholik hatte von dem neumodischen Zeugs mitgebracht, das
die Kannibalen erfunden haben, Kaffee hieß es, und von dem mußte man
ihm einen schwarzen, stark riechenden Saft bereiten. Magdalen Sibylle
schaute mit scheuen, angewiderten Augen, wie auch der Vater von dem
Teufelstrank genoß, und betete mit aller Inbrunst, Gott möge ihn nicht daran
vergiften lassen.
Da saßen nun die beiden Männer bei solchem Trank oder beim Wein und
sprachen endlos über die eitlen Dinge des Reiches und ganz verruchten
Kirchenbabylons, Politik und Geld und Verfassung und Titel und Militär
und Prozesse. Statt von dem Gesicht Gottes und seiner Herrlichkeit, wie es
Dienern Christi ziemte.
Der Geheimrat kam natürlich auch auf den Prinzen Karl Alexander zu
sprechen, der jüngst bei dem Fürstbischof zu Gast gewesen. Weißensee
kannte den Prinzen auch. Ein scharmanter Herr. Sein Ruf drang von der
untern Donau bis an den Neckar. Ein edles Blatt am Zedernbaume
Württembergs. Der Geheimrat sprach von den finanziellen Schwierigkeiten
des Prinzen, er habe ja auch eine Eingabe an die Landschaft gemacht, soviel
er wisse, um Erhöhung seiner Apanage. Ja, Weißensee hatte die Eingabe
Heilige wie Magdalen Sibyllens Stuttgarter Freundin und Führerin, die
blinde Beata Sturmin, die mit Gott im Gebet rang, ihm die Ohren mit
Verheißungen rieb, die er erhören mußte, ihm durch wahllos zufälliges
Aufschlagen von Bibelstellen Orakel abnötigte. Aber es lebte in dem stillen
Ort ein gewisser Magister Jaakob Polykarp Schober, der die Schriften De
Poirets, Böhmes, Bourignons, Leades, Arnolds gelesen hatte, auch die
verbotenen Bücher vom Ewigen Evangelium und der Philadelphischen
Sozietät, ein gutmütiger, einfältiger Mensch, der sanft vor sich hintrieb und
lange sinnierende Spaziergänge liebte. Der hielt in Hirsau ein
Bibelkollegium ab, und daran nahm auch Magdalen Sibylle teil, die Tochter
des Prälaten. Die weiten, blauen Augen unter dem dunkeln Haar in ein
Fernes, Erträumtes versenkt, saß sie groß und schön mit dem männlich
kühnen, bräunlichen Gesicht unter den Frommen, Armseligen, Gedrückten,
Blassen, Verhutzelten des Collegium Philobiblicum, sie suchte durch
zufälliges Aufschlagen der Schrift Orakel, sie kämpfte im Gebet mit Gott,
daß er ihrem Vater Gnade und Erweckung fließen lasse.
Der würzburgische Geheimrat war ihr in tiefer Seele zuwider, und sie
grämte sich ab, den Vater in dieser weltlichen, heidnischen Gesellschaft zu
sehen. Der Katholik hatte von dem neumodischen Zeugs mitgebracht, das
die Kannibalen erfunden haben, Kaffee hieß es, und von dem mußte man
ihm einen schwarzen, stark riechenden Saft bereiten. Magdalen Sibylle
schaute mit scheuen, angewiderten Augen, wie auch der Vater von dem
Teufelstrank genoß, und betete mit aller Inbrunst, Gott möge ihn nicht daran
vergiften lassen.
Da saßen nun die beiden Männer bei solchem Trank oder beim Wein und
sprachen endlos über die eitlen Dinge des Reiches und ganz verruchten
Kirchenbabylons, Politik und Geld und Verfassung und Titel und Militär
und Prozesse. Statt von dem Gesicht Gottes und seiner Herrlichkeit, wie es
Dienern Christi ziemte.
Der Geheimrat kam natürlich auch auf den Prinzen Karl Alexander zu
sprechen, der jüngst bei dem Fürstbischof zu Gast gewesen. Weißensee
kannte den Prinzen auch. Ein scharmanter Herr. Sein Ruf drang von der
untern Donau bis an den Neckar. Ein edles Blatt am Zedernbaume
Württembergs. Der Geheimrat sprach von den finanziellen Schwierigkeiten
des Prinzen, er habe ja auch eine Eingabe an die Landschaft gemacht, soviel
er wisse, um Erhöhung seiner Apanage. Ja, Weißensee hatte die Eingabe
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gelesen, der Stil sei ihm bekannt vorgekommen. In der Kanzlei des Prinzen
jedenfalls sei das Schriftstück nicht entstanden; jetzt, nachträglich, sei es
ihm, als erkenne er in gewissen Wendungen die Manier seines verehrten
Freundes, schloß er lächelnd.
Die Herren saßen bequem in dem lauen Abend, tranken. Aber seitdem die
Rede auf diese Affäre gekommen war, fiel Rede und Antwort in längerem
Abstand, gewogener, und unter der lässigen Maske barg sich Bereitschaft.
Wie die Dinge jetzt lägen, meinte Weißensee, vorsichtig, ausholend, sei es
sehr erwägenswert, dem verdienten Prinzen die kleine Summe zu gewähren.
Das würde den Bischof menschlich gewiß sehr freuen, antwortete
langsam der Geheimrat Fichtel, und man konnte seinem klugen, kleinen
Gesicht ablesen, wie er vorsichtig die Worte formte, daß sie nichts sagen,
doch alles bedeuten sollten. Der Bischof sei ja dem Prinzen sehr befreundet.
Aber der bischöfliche Stuhl als solcher habe gar kein, sein verehrter Freund
möge ihn wohl verstehen, aber auch gar kein Interesse daran, ob die
Landschaft dem Prinzen helfe oder nicht. Die bischöflichen Kassen seien
wohlgefüllt; wenn Seine Eminenz den württembergischen Herren den
Vorrang gelassen habe, dem Prinzen aus der Not zu helfen, so sei das eine
höfliche Geste, sonst nichts. Der Geheimrat verstummte, schlürfte seinen
Kaffee.
Weißensee betrachtete ihn aufmerksam, sagte sacht: „Wenn ich Sie recht
verstehe, Lieber, liegt dem Bischof wirklich nichts daran, ob wir das Geld
geben oder nicht.“
Die Herren sahen sich an, behutsam, freundlich. Dann sagte der Katholik:
„Wenn ich im Ausschuß säße, ich würde dagegen stimmen. Gerade jetzt,
nach dem Zusammenbruch der Gräveniz, keine Konzession an das
fürstliche Haus.“
Und die beiden Diplomaten lächelten sich zu, höflich, verständnisvoll,
einander sehr gewogen, mit dünnen, feinen Lippen.
Als das Gesuch des Prinzen im landschaftlichen Ausschuß zur Sprache
kam, war man geneigt, es zu bewilligen. Nach dem Sturz der Gräfin waren
die Elf gemütlichen Humors, gebelustig. Das Referat hatte der plumpe,
polternde Bürgermeister von Brackenheim, Johann Friedrich Jäger. Er
führte aus, der Prinz Karl Alexander sei ein großer Herr und Feldmarschall,
trage die württembergische Gloire über den Erdkreis und verbreite den
Respekt vor schwäbischer Courage und Maulschellen bei Mohren, Türken
und sonstigen Heiden; auch habe der Herzog das Saumensch, das
jedenfalls sei das Schriftstück nicht entstanden; jetzt, nachträglich, sei es
ihm, als erkenne er in gewissen Wendungen die Manier seines verehrten
Freundes, schloß er lächelnd.
Die Herren saßen bequem in dem lauen Abend, tranken. Aber seitdem die
Rede auf diese Affäre gekommen war, fiel Rede und Antwort in längerem
Abstand, gewogener, und unter der lässigen Maske barg sich Bereitschaft.
Wie die Dinge jetzt lägen, meinte Weißensee, vorsichtig, ausholend, sei es
sehr erwägenswert, dem verdienten Prinzen die kleine Summe zu gewähren.
Das würde den Bischof menschlich gewiß sehr freuen, antwortete
langsam der Geheimrat Fichtel, und man konnte seinem klugen, kleinen
Gesicht ablesen, wie er vorsichtig die Worte formte, daß sie nichts sagen,
doch alles bedeuten sollten. Der Bischof sei ja dem Prinzen sehr befreundet.
Aber der bischöfliche Stuhl als solcher habe gar kein, sein verehrter Freund
möge ihn wohl verstehen, aber auch gar kein Interesse daran, ob die
Landschaft dem Prinzen helfe oder nicht. Die bischöflichen Kassen seien
wohlgefüllt; wenn Seine Eminenz den württembergischen Herren den
Vorrang gelassen habe, dem Prinzen aus der Not zu helfen, so sei das eine
höfliche Geste, sonst nichts. Der Geheimrat verstummte, schlürfte seinen
Kaffee.
Weißensee betrachtete ihn aufmerksam, sagte sacht: „Wenn ich Sie recht
verstehe, Lieber, liegt dem Bischof wirklich nichts daran, ob wir das Geld
geben oder nicht.“
Die Herren sahen sich an, behutsam, freundlich. Dann sagte der Katholik:
„Wenn ich im Ausschuß säße, ich würde dagegen stimmen. Gerade jetzt,
nach dem Zusammenbruch der Gräveniz, keine Konzession an das
fürstliche Haus.“
Und die beiden Diplomaten lächelten sich zu, höflich, verständnisvoll,
einander sehr gewogen, mit dünnen, feinen Lippen.
Als das Gesuch des Prinzen im landschaftlichen Ausschuß zur Sprache
kam, war man geneigt, es zu bewilligen. Nach dem Sturz der Gräfin waren
die Elf gemütlichen Humors, gebelustig. Das Referat hatte der plumpe,
polternde Bürgermeister von Brackenheim, Johann Friedrich Jäger. Er
führte aus, der Prinz Karl Alexander sei ein großer Herr und Feldmarschall,
trage die württembergische Gloire über den Erdkreis und verbreite den
Respekt vor schwäbischer Courage und Maulschellen bei Mohren, Türken
und sonstigen Heiden; auch habe der Herzog das Saumensch, das
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pockennarbige, abgeschafft. So könne man sich nobel zeigen und die paar
tausend Gulden spendieren. So ungefähr ging auch die Stimmung der
andern. Da erhob sich Weißensee und mit seiner feinen, höflichen,
geschmeidigen Stimme warf er wie beiläufig hin, die Großmut und noble
Manier der wohllöblichen Herren Kollegen sei hoch zu schätzen, auch
gönne er dem verdienten Helden das Geld. Nur sei die Frage, ob es
praktisch sei, gerade jetzt den Herzoglichen entgegenzukommen. Der
Herzog habe endlich mit der Gräfin Schluß gemacht, gut. Aber das sei ja
schließlich nur seine vermaledeite Pflicht und Schuldigkeit gewesen, und
wenn man jetzt durch besonderes Entgegenkommen danke, so stemple man
dadurch die Selbstverständlichkeit gewissermaßen zur Gnade und
sanktioniere auf solche Art hinterher die Halsstarrigkeit, die der Herzog die
dreißig Jahre hindurch bewiesen. Er stimme also dafür, das Gesuch Karl
Alexanders abzulehnen, ohne daß dies eine Gehässigkeit gegen den
sympathischen Prinzen bedeuten solle.
Die Mitglieder des Ausschusses wiegten die schwerfälligen Schädel,
schwankten, waren schon überzeugt. Weißensee hatte sie gepackt, wo sie
am schwächsten waren. Ja, das war es! Dem Herzog zeigen: keinen Schritt
geben wir nach. Unsere Privilegien sind nicht auf dem Papier, wir brauchen
sie. Das war etwas.
Das Gesuch des Prinzen Karl Alexander, Kaiserlichen Feldmarschalls,
Hoheit, wurde abgelehnt.
Rabbi Gabriel hielt sich in Wildbad still, zurückgezogen. Gegen abend
pflegte er in der Umgegend spazierenzugehen. Regenwetter hatte
eingesetzt. Er ging durch die feuchte, laue Luft, den Schritt schwerfällig,
den Rücken leicht rund, den Kopf geradeaus, den Blick auf niemand. Er
ging, so unauffällig er war, zwischen Verstummenden, Aufschauenden,
Betroffenen. Geraun stand auf hinter ihm, das Gerede vom ewigen Juden
war wieder da. Dreimal durchforschten die Behörden die Papiere des
gleichmütig mürrischen Herrn. Sie waren in Ordnung. Er war legalisiert
von den Generalstaaten als Mynheer Gabriel Oppenheimer van Straaten, er
hatte den großen Paß, der alle Behörden ersuchte, ihm jeden Vorschub zu
tun.
tausend Gulden spendieren. So ungefähr ging auch die Stimmung der
andern. Da erhob sich Weißensee und mit seiner feinen, höflichen,
geschmeidigen Stimme warf er wie beiläufig hin, die Großmut und noble
Manier der wohllöblichen Herren Kollegen sei hoch zu schätzen, auch
gönne er dem verdienten Helden das Geld. Nur sei die Frage, ob es
praktisch sei, gerade jetzt den Herzoglichen entgegenzukommen. Der
Herzog habe endlich mit der Gräfin Schluß gemacht, gut. Aber das sei ja
schließlich nur seine vermaledeite Pflicht und Schuldigkeit gewesen, und
wenn man jetzt durch besonderes Entgegenkommen danke, so stemple man
dadurch die Selbstverständlichkeit gewissermaßen zur Gnade und
sanktioniere auf solche Art hinterher die Halsstarrigkeit, die der Herzog die
dreißig Jahre hindurch bewiesen. Er stimme also dafür, das Gesuch Karl
Alexanders abzulehnen, ohne daß dies eine Gehässigkeit gegen den
sympathischen Prinzen bedeuten solle.
Die Mitglieder des Ausschusses wiegten die schwerfälligen Schädel,
schwankten, waren schon überzeugt. Weißensee hatte sie gepackt, wo sie
am schwächsten waren. Ja, das war es! Dem Herzog zeigen: keinen Schritt
geben wir nach. Unsere Privilegien sind nicht auf dem Papier, wir brauchen
sie. Das war etwas.
Das Gesuch des Prinzen Karl Alexander, Kaiserlichen Feldmarschalls,
Hoheit, wurde abgelehnt.
Rabbi Gabriel hielt sich in Wildbad still, zurückgezogen. Gegen abend
pflegte er in der Umgegend spazierenzugehen. Regenwetter hatte
eingesetzt. Er ging durch die feuchte, laue Luft, den Schritt schwerfällig,
den Rücken leicht rund, den Kopf geradeaus, den Blick auf niemand. Er
ging, so unauffällig er war, zwischen Verstummenden, Aufschauenden,
Betroffenen. Geraun stand auf hinter ihm, das Gerede vom ewigen Juden
war wieder da. Dreimal durchforschten die Behörden die Papiere des
gleichmütig mürrischen Herrn. Sie waren in Ordnung. Er war legalisiert
von den Generalstaaten als Mynheer Gabriel Oppenheimer van Straaten, er
hatte den großen Paß, der alle Behörden ersuchte, ihm jeden Vorschub zu
tun.
Page 67
Der Prinz Karl Alexander hatte natürlich auch von dem seltsamen
Badegast gehört, und daß er mit seinem Leibjuden, dem Süß,
zusammenstecke. Es kam den Prinzen nachgerade eine leise Ungeduld an,
wie er da so endlos auf das Geld von der Landschaft wartete, und er begann
sich zu langweilen. Er hatte sich in Venedig und auch sonst wie so viele
andere große Herren mit Sternlesekunst und anderer Magie abgegeben, vor
allem sein Freund, der Fürstabt von Einsiedeln, beschäftigte sich viel mit
solchen Dingen. Erst in Würzburg hatte er wieder von einem Magus erzählt,
den er jetzt an seinem Hof hielt und in den er großes Vertrauen setzte. Der
Prinz verlangte also von Süß geradezu, er solle ihm den Kabbalisten
beibringen und vor ihn hinstellen. Süß wand sich und drehte sich. Er wußte,
Rabbi Gabriel wird sich zu solcher Schaustellung nie hergeben. Schließlich
fand er einen Ausweg. Wenn der Rabbi bei ihm sei, werde er dem Prinzen
Botschaft schicken. Suche dann der Prinz ihn auf, so ergebe sich zwanglos
eine Zusammenkunft mit dem Rabbi. Karl Alexander erklärte lachend sein
Einverständnis.
Der Kabbalist sagte zu Süß: „Ich werde also das Mädchen ins
Schwäbische bringen. In der Nähe von Hirsau hab ich ein kleines Landhaus
gefunden, ganz abgelegen. Laß das Haus kaufen. Es ist mitten im Wald,
weitab von den Menschen. Nichts Schlechtes kann dort an sie hin.“
Süß nickte stumm. „Es wäre gut,“ fuhr Rabbi Gabriel mit seiner
knarrigen Stimme fort, „wenn auch du dich wegmachtest aus dem Leben
hier und deinen Geschäften. Wenn du in der Stille bist, am Ufer, dann siehst
du, daß dein Rauschen und Getrieb wirbelndes Nichts ist. Es ist Narrheit,
daß ich an dich hinrede,“ schloß er unwirsch. Er sah das Gesicht des Süß, er
sah Fleisch und Knochen und Blut und kein Licht, und er war zornig auf
jene tiefe und heimliche Bindung, die ihn gerade an diesen Menschen
zwang zu immer weiteren Niederlagen. Oh, wieviel Ströme mußten kreisen,
bis aus diesem Stein Leben sprang.
Wie er gehen wollte, ward die Türe aufgerissen, und an Dienern in
Haltung vorbei kam der Prinz ins Zimmer, leicht hinkend, lärmend: „Ah, Er
hat Besuch, Süß?“ und warf sich in einen Sessel. Rabbi Gabriel neigte sich,
nicht tief und ohne Hast, und beschaute gleichmütig und aufmerksam den
Prinzen, während Süß in tiefer Verbeugung stand. Vor dem ruhigen,
trübgrauen Auge des Kabbalisten verlor der Prinz seine polternde
Sicherheit, ein peinliches Schweigen legte sich zwischen die drei, bis Süß
es löste: „Dies ist Seine Hoheit, Oheim, der Prinz von Württemberg, mein
Badegast gehört, und daß er mit seinem Leibjuden, dem Süß,
zusammenstecke. Es kam den Prinzen nachgerade eine leise Ungeduld an,
wie er da so endlos auf das Geld von der Landschaft wartete, und er begann
sich zu langweilen. Er hatte sich in Venedig und auch sonst wie so viele
andere große Herren mit Sternlesekunst und anderer Magie abgegeben, vor
allem sein Freund, der Fürstabt von Einsiedeln, beschäftigte sich viel mit
solchen Dingen. Erst in Würzburg hatte er wieder von einem Magus erzählt,
den er jetzt an seinem Hof hielt und in den er großes Vertrauen setzte. Der
Prinz verlangte also von Süß geradezu, er solle ihm den Kabbalisten
beibringen und vor ihn hinstellen. Süß wand sich und drehte sich. Er wußte,
Rabbi Gabriel wird sich zu solcher Schaustellung nie hergeben. Schließlich
fand er einen Ausweg. Wenn der Rabbi bei ihm sei, werde er dem Prinzen
Botschaft schicken. Suche dann der Prinz ihn auf, so ergebe sich zwanglos
eine Zusammenkunft mit dem Rabbi. Karl Alexander erklärte lachend sein
Einverständnis.
Der Kabbalist sagte zu Süß: „Ich werde also das Mädchen ins
Schwäbische bringen. In der Nähe von Hirsau hab ich ein kleines Landhaus
gefunden, ganz abgelegen. Laß das Haus kaufen. Es ist mitten im Wald,
weitab von den Menschen. Nichts Schlechtes kann dort an sie hin.“
Süß nickte stumm. „Es wäre gut,“ fuhr Rabbi Gabriel mit seiner
knarrigen Stimme fort, „wenn auch du dich wegmachtest aus dem Leben
hier und deinen Geschäften. Wenn du in der Stille bist, am Ufer, dann siehst
du, daß dein Rauschen und Getrieb wirbelndes Nichts ist. Es ist Narrheit,
daß ich an dich hinrede,“ schloß er unwirsch. Er sah das Gesicht des Süß, er
sah Fleisch und Knochen und Blut und kein Licht, und er war zornig auf
jene tiefe und heimliche Bindung, die ihn gerade an diesen Menschen
zwang zu immer weiteren Niederlagen. Oh, wieviel Ströme mußten kreisen,
bis aus diesem Stein Leben sprang.
Wie er gehen wollte, ward die Türe aufgerissen, und an Dienern in
Haltung vorbei kam der Prinz ins Zimmer, leicht hinkend, lärmend: „Ah, Er
hat Besuch, Süß?“ und warf sich in einen Sessel. Rabbi Gabriel neigte sich,
nicht tief und ohne Hast, und beschaute gleichmütig und aufmerksam den
Prinzen, während Süß in tiefer Verbeugung stand. Vor dem ruhigen,
trübgrauen Auge des Kabbalisten verlor der Prinz seine polternde
Sicherheit, ein peinliches Schweigen legte sich zwischen die drei, bis Süß
es löste: „Dies ist Seine Hoheit, Oheim, der Prinz von Württemberg, mein
Page 68
erhabener Gönner.“ Da Rabbi Gabriel noch immer schwieg, sagte der Prinz,
und sein Lachen klang nicht ganz frei: „Er ist wohl der geheimnisvolle
Fremde, von dem hier alles schwatzt? Er ist Alchimist, kann Gold machen,
was?“
„Nein,“ sagte Rabbi Gabriel, unerregt. „Ich kann kein Gold machen.“
Der Prinz hatte den Handschuh ausgezogen, wippte ihn gegen den
Schenkel. Aus dem massigen, bartlosen Gesicht mit der kleinen, platten
Nase starrten ihn unbehaglich die viel zu großen grauen Augen an mit
traurigem, trübem Feuer. Er hatte sich den Magus ganz anders vorgestellt;
er erinnerte sich des amüsierten Kitzels, mit dem er gewissen magischen
Séancen sonst beigewohnt hatte. Das hier war so dumpf, als wiche langsam
die Luft aus dem Zimmer.
„Ich habe viel Interesse für alchimistische Experimente,“ sagte er nach
einer Weile. „Wenn Ihr zu mir ziehen wollt, nach Belgrad,“ – er gebrauchte
jetzt das höflichere Ihr – „ich bin nicht reich, Euer Neffe weiß das
wahrscheinlich besser als ich, aber ein auskömmliches Jahrgehalt wird zu
beschaffen sein.“
„Ich bin kein Goldmacher,“ wiederholte der Kabbalist.
Wieder das Schweigen, das trist rinnend, lähmend das Zimmer füllte, sich
um die Menschen legte, ihre Sicherheit, Unbedenklichkeit wegdrängte.
Plötzlich, mit einer jähen Bewegung, als wollte er Fesseln mit Gewalt
zerhauen, riß der Prinz die linke Hand hoch, dem Kabbalisten vors Auge.
„Aber das könnt Ihr mir nicht abschlagen, Magus!“ lärmte er mit einem
bewölkten Lachen. „Sagt mir, was Ihr drinnen lest!“ und drängte ihm die
Handfläche vor das Gesicht. Es war eine merkwürdige Hand. Während ihr
Rücken schmal, lang, behaart, knochig erschien, war ihr Inneres fleischig,
fett, kurz.
Rabbi Gabriel hatte einen Blick auf die Hand nicht vermeiden können.
Eine wilde, erschreckte Bewegung kaum unterdrückend, wich er einen
halben Schritt zurück. Beklommenheit, grauer noch, enger, drückender
nebelte herab. „Sprecht doch!“ drängte der Prinz. „Ich bitte Euch, erlaßt es
mir!“ entgegnete, kaum noch gefaßt, der Kabbalist.
„Wenn Ihr mir Schlechtes zu prophezeien habt, glaubt Ihr, ich falle in
Freisen wie eine blutarme Jungfer? Ich bin in hundert Schlachten
gestanden, ich habe mich übers Sacktuch duelliert, der Tod ist mir um
Fingerbreite vorbeigepfiffen.“ Er versuchte zu lachen. „Glaubt Ihr, ich
kann’s nicht hören, wenn ein alter Jud mir Unheil wahrsagt?“ Und da der
und sein Lachen klang nicht ganz frei: „Er ist wohl der geheimnisvolle
Fremde, von dem hier alles schwatzt? Er ist Alchimist, kann Gold machen,
was?“
„Nein,“ sagte Rabbi Gabriel, unerregt. „Ich kann kein Gold machen.“
Der Prinz hatte den Handschuh ausgezogen, wippte ihn gegen den
Schenkel. Aus dem massigen, bartlosen Gesicht mit der kleinen, platten
Nase starrten ihn unbehaglich die viel zu großen grauen Augen an mit
traurigem, trübem Feuer. Er hatte sich den Magus ganz anders vorgestellt;
er erinnerte sich des amüsierten Kitzels, mit dem er gewissen magischen
Séancen sonst beigewohnt hatte. Das hier war so dumpf, als wiche langsam
die Luft aus dem Zimmer.
„Ich habe viel Interesse für alchimistische Experimente,“ sagte er nach
einer Weile. „Wenn Ihr zu mir ziehen wollt, nach Belgrad,“ – er gebrauchte
jetzt das höflichere Ihr – „ich bin nicht reich, Euer Neffe weiß das
wahrscheinlich besser als ich, aber ein auskömmliches Jahrgehalt wird zu
beschaffen sein.“
„Ich bin kein Goldmacher,“ wiederholte der Kabbalist.
Wieder das Schweigen, das trist rinnend, lähmend das Zimmer füllte, sich
um die Menschen legte, ihre Sicherheit, Unbedenklichkeit wegdrängte.
Plötzlich, mit einer jähen Bewegung, als wollte er Fesseln mit Gewalt
zerhauen, riß der Prinz die linke Hand hoch, dem Kabbalisten vors Auge.
„Aber das könnt Ihr mir nicht abschlagen, Magus!“ lärmte er mit einem
bewölkten Lachen. „Sagt mir, was Ihr drinnen lest!“ und drängte ihm die
Handfläche vor das Gesicht. Es war eine merkwürdige Hand. Während ihr
Rücken schmal, lang, behaart, knochig erschien, war ihr Inneres fleischig,
fett, kurz.
Rabbi Gabriel hatte einen Blick auf die Hand nicht vermeiden können.
Eine wilde, erschreckte Bewegung kaum unterdrückend, wich er einen
halben Schritt zurück. Beklommenheit, grauer noch, enger, drückender
nebelte herab. „Sprecht doch!“ drängte der Prinz. „Ich bitte Euch, erlaßt es
mir!“ entgegnete, kaum noch gefaßt, der Kabbalist.
„Wenn Ihr mir Schlechtes zu prophezeien habt, glaubt Ihr, ich falle in
Freisen wie eine blutarme Jungfer? Ich bin in hundert Schlachten
gestanden, ich habe mich übers Sacktuch duelliert, der Tod ist mir um
Fingerbreite vorbeigepfiffen.“ Er versuchte zu lachen. „Glaubt Ihr, ich
kann’s nicht hören, wenn ein alter Jud mir Unheil wahrsagt?“ Und da der
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andere schwieg: „Kriecht nicht in Starrsinn wie eine Schildkröte in ihr
Haus! Heraus mit der Sprache, mein Kalchas, mein Daniel!“
„Ich bitte Euch, erlaßt es mir!“ sagte der Kabbalist. Er hob nicht die
Stimme, aber seine Augen schauten, vereiste Seen, auf den Prinzen, daß der
einen Augenblick kein Wort fand. Scharf, tief, kurz zackten die drei
Furchen in die breite Stirn des Rabbi wie ein fremder, unheimlicher
Buchstab. Aber da sah der Prinz den Süß, der gespannt und verängstigt
zurückgewichen war, und er bäumte hoch, daß er so lächerlich und klein
vor dem Alten stehe, und, ihm nochmals die Hand vor die Augen drängend,
schrie er herrisch: „Rede!“
Rabbi Gabriel sagte, und sein mürrischer Alltagston fiel unheimlicher in
die Erregung des Prinzen, als alle großen Gesten und magisches Gewese es
hätten tun können: „Ich sehe ein Erstes und ein Zweites. Das Erste sag ich
Euch nicht. Das Zweite ist ein Fürstenhut.“
Der Prinz, verblüfft, lachte durch die Nase. „Mille tonnerre! Ihr gebt’s
dick, Herr Magus. Ganz Gold und Purpur. Nicht so obenhin wie sonst ein
Chiromant und Astrologus: großer Glanz und Gloire oder so. Sondern rund
und nett und klar ein Fürstenhut. Kotz Donner! Da kann sich mein Vetter
freuen.“
Rabbi Gabriel erwiderte nicht. „Ich reise heute abend,“ wandte er sich an
Süß. „Es bleibt bei dem, was ich dir sagte.“ Er neigte sich vor dem Prinzen,
ging.
„Er ist nicht sehr höflich, Sein Oheim,“ sagte Karl Alexander zu Süß und
versuchte, seine Betretenheit zu zerlachen. „Sie müssen ihn entschuldigen,
Hoheit,“ beeilte sich der Jude zu erwidern und mühte sich, auch er, seiner
Erregung Herr zu werden. „Er ist knurrig und ein Sonderling. Und wenn
auch seine Manier zu beklagen und zu tadeln ist,“ schloß er, wieder
beherrscht und der Alte, „was er zu sagen hatte, war um so erfreulicher.“
„Ja,“ meinte der Prinz, vor sich hinschauend und mit dem Degen Linien
des Fußbodens nachzeichnend, „aber das, was er verschwieg.“
„Er hat so seine Kauzgedanken,“ beschwichtigte Süß. „Was er für
wichtig hält und für ein großes Malheur, darüber lacht unsereiner, der das
Leben anschaut, wie es wirklich ist. Ein Fürstenhut ist was Reales. Das
Unheil, von dem er nichts verraten wollte, ist sicher Geträume für
unsereinen und überhirnisch Zeug.“
„Der Fürstenhut!“ lachte der Prinz. „Sein Oheim sieht bedenklich weit.
Muß der Tod noch groß reine waschen, ehe daß ich an der Reihe bin.
Haus! Heraus mit der Sprache, mein Kalchas, mein Daniel!“
„Ich bitte Euch, erlaßt es mir!“ sagte der Kabbalist. Er hob nicht die
Stimme, aber seine Augen schauten, vereiste Seen, auf den Prinzen, daß der
einen Augenblick kein Wort fand. Scharf, tief, kurz zackten die drei
Furchen in die breite Stirn des Rabbi wie ein fremder, unheimlicher
Buchstab. Aber da sah der Prinz den Süß, der gespannt und verängstigt
zurückgewichen war, und er bäumte hoch, daß er so lächerlich und klein
vor dem Alten stehe, und, ihm nochmals die Hand vor die Augen drängend,
schrie er herrisch: „Rede!“
Rabbi Gabriel sagte, und sein mürrischer Alltagston fiel unheimlicher in
die Erregung des Prinzen, als alle großen Gesten und magisches Gewese es
hätten tun können: „Ich sehe ein Erstes und ein Zweites. Das Erste sag ich
Euch nicht. Das Zweite ist ein Fürstenhut.“
Der Prinz, verblüfft, lachte durch die Nase. „Mille tonnerre! Ihr gebt’s
dick, Herr Magus. Ganz Gold und Purpur. Nicht so obenhin wie sonst ein
Chiromant und Astrologus: großer Glanz und Gloire oder so. Sondern rund
und nett und klar ein Fürstenhut. Kotz Donner! Da kann sich mein Vetter
freuen.“
Rabbi Gabriel erwiderte nicht. „Ich reise heute abend,“ wandte er sich an
Süß. „Es bleibt bei dem, was ich dir sagte.“ Er neigte sich vor dem Prinzen,
ging.
„Er ist nicht sehr höflich, Sein Oheim,“ sagte Karl Alexander zu Süß und
versuchte, seine Betretenheit zu zerlachen. „Sie müssen ihn entschuldigen,
Hoheit,“ beeilte sich der Jude zu erwidern und mühte sich, auch er, seiner
Erregung Herr zu werden. „Er ist knurrig und ein Sonderling. Und wenn
auch seine Manier zu beklagen und zu tadeln ist,“ schloß er, wieder
beherrscht und der Alte, „was er zu sagen hatte, war um so erfreulicher.“
„Ja,“ meinte der Prinz, vor sich hinschauend und mit dem Degen Linien
des Fußbodens nachzeichnend, „aber das, was er verschwieg.“
„Er hat so seine Kauzgedanken,“ beschwichtigte Süß. „Was er für
wichtig hält und für ein großes Malheur, darüber lacht unsereiner, der das
Leben anschaut, wie es wirklich ist. Ein Fürstenhut ist was Reales. Das
Unheil, von dem er nichts verraten wollte, ist sicher Geträume für
unsereinen und überhirnisch Zeug.“
„Der Fürstenhut!“ lachte der Prinz. „Sein Oheim sieht bedenklich weit.
Muß der Tod noch groß reine waschen, ehe daß ich an der Reihe bin.
Page 70
Vorläufig lebt mein Vetter noch und dann sein erwachsener Sohn und
denken nicht daran, um die Ecke zu gehen. Hat vielmehr mit seiner Frau
Herzogin Friede geschlossen, daß er ihr noch mehr lebendige Kinder
mache.“ Der Prinz stand auf, streckte sich. „Ho, Jud! Will Er mir eine
Hypothek geben auf den württembergischen Thron?“ Und schlug ihn laut
lachend auf die Schulter. Süß schaute ihm ehrerbietig ins Auge: „Ich stehe
Eurer Hoheit zur Verfügung mit allem, was ich habe. Mit allem, was ich
habe,“ wiederholte er. Der Prinz hörte zu lachen auf und schaute den
Finanzmann an, der sehr ernst und mit größerer Ehrfurcht noch als sonst vor
ihm stand. „Genug der Spaß!“ sagte Karl Alexander plötzlich, rückte die
Schultern, als würfe er etwas Fremdes und Lästiges von sich, und strammte
sich. „Die kleine Kosel hat mich um türkische Schuhe gebeten,“ sagte er
dann in seinem alten Ton, „mit kleinen blauen Steinen. Schaff Er sie mir,
Jud! Und das Beste!“ Und während er hinausging, leicht hinkend: „Aber
daß Er mich nicht mehr bescheißt als um drei Dukaten.“ Und er lachte
schallend.
Rabbi Gabriel verließ Wildbad mit der gewöhnlichen Post. In seinem
soliden, etwas altfränkischen Rock, wie man ihn in Holland vor zwanzig
Jahren getragen hatte, dicklich, den Rücken leicht rund, sah er aus wie ein
verdrießlicher Bürger oder wie ein mürrischer hoher Beamter. Bevor er
kam, hatte in der Postkutsche muntere Unterhaltung geflattert, jetzt saß man
stumm und ungemütlich, und Rabbi Gabriels Nachbar rückte unmerklich
von ihm ab.
Kaum aus dem Ort, begegnete die Post einer prunkhaften
Reisegesellschaft. Es war der Fürst Anselm Franz von Thurn und Taxis, der
Regensburger, der mit Glanz und großer Suite das Waldschlößchen
Eremitage bezog, das er gemietet hatte. Der Fürst, ein feiner, älterer Herr,
der Schädel lang, sehr aristokratisch, an den Kopf eines Windhundes
gemahnend, Witwer, war begleitet von seiner einzigen Tochter, Marie
Auguste. Die Prinzessin, über Deutschland hinaus um ihre Schönheit
gefeiert, auf zahllosen Bildern, Pastellen Bewunderer lockend, saß neben
ihrem Vater mit der gewohnten Teilnahmslosigkeit der schönen Frau, die
weiß, daß viele Augen jeder ihrer Bewegungen folgen. Mit lässiger Neugier
schaute sie in den besetzten Postwagen, und ihr kleines, leicht spöttisches,
denken nicht daran, um die Ecke zu gehen. Hat vielmehr mit seiner Frau
Herzogin Friede geschlossen, daß er ihr noch mehr lebendige Kinder
mache.“ Der Prinz stand auf, streckte sich. „Ho, Jud! Will Er mir eine
Hypothek geben auf den württembergischen Thron?“ Und schlug ihn laut
lachend auf die Schulter. Süß schaute ihm ehrerbietig ins Auge: „Ich stehe
Eurer Hoheit zur Verfügung mit allem, was ich habe. Mit allem, was ich
habe,“ wiederholte er. Der Prinz hörte zu lachen auf und schaute den
Finanzmann an, der sehr ernst und mit größerer Ehrfurcht noch als sonst vor
ihm stand. „Genug der Spaß!“ sagte Karl Alexander plötzlich, rückte die
Schultern, als würfe er etwas Fremdes und Lästiges von sich, und strammte
sich. „Die kleine Kosel hat mich um türkische Schuhe gebeten,“ sagte er
dann in seinem alten Ton, „mit kleinen blauen Steinen. Schaff Er sie mir,
Jud! Und das Beste!“ Und während er hinausging, leicht hinkend: „Aber
daß Er mich nicht mehr bescheißt als um drei Dukaten.“ Und er lachte
schallend.
Rabbi Gabriel verließ Wildbad mit der gewöhnlichen Post. In seinem
soliden, etwas altfränkischen Rock, wie man ihn in Holland vor zwanzig
Jahren getragen hatte, dicklich, den Rücken leicht rund, sah er aus wie ein
verdrießlicher Bürger oder wie ein mürrischer hoher Beamter. Bevor er
kam, hatte in der Postkutsche muntere Unterhaltung geflattert, jetzt saß man
stumm und ungemütlich, und Rabbi Gabriels Nachbar rückte unmerklich
von ihm ab.
Kaum aus dem Ort, begegnete die Post einer prunkhaften
Reisegesellschaft. Es war der Fürst Anselm Franz von Thurn und Taxis, der
Regensburger, der mit Glanz und großer Suite das Waldschlößchen
Eremitage bezog, das er gemietet hatte. Der Fürst, ein feiner, älterer Herr,
der Schädel lang, sehr aristokratisch, an den Kopf eines Windhundes
gemahnend, Witwer, war begleitet von seiner einzigen Tochter, Marie
Auguste. Die Prinzessin, über Deutschland hinaus um ihre Schönheit
gefeiert, auf zahllosen Bildern, Pastellen Bewunderer lockend, saß neben
ihrem Vater mit der gewohnten Teilnahmslosigkeit der schönen Frau, die
weiß, daß viele Augen jeder ihrer Bewegungen folgen. Mit lässiger Neugier
schaute sie in den besetzten Postwagen, und ihr kleines, leicht spöttisches,
Page 71
hochmütig liebenswertes Lächeln verflog nicht vor dem Blick des
Kabbalisten. Ihr Vater hatte ihr in seiner sachten Art Andeutungen gemacht,
in Wildbad werde sie wichtige und, wie er hoffe, angenehme
Entscheidungen zu treffen haben. So fuhr sie jetzt in der blinkenden
Kutsche, bereit, zu jedem Erlebnis lieber Ja als Nein zu sagen, jung, lässig
und doch hungrig. Unter strahlend schwarzem Haar äugte klein, ziervoll,
eidechsenhaft das Gesicht, von der matten Farbe alten, edlen Marmors,
spitz zulaufend, langäugig, klare, leichte Stirn, feine, gegliederte Nase,
klein, geschwellt, spöttisch der Mund.
Die Damen in Wildbad waren erbittert über die neue Gastin. Die
Prinzessin von Kurland, die Tochter des Gesandten der Generalstaaten, an
die Wand gedrückt, verzogen hochmütig die Lippen und fanden die Thurn
und Taxis männersüchtig und kokett. Die aber ging, den kleinen, ziervollen
Kopf sehr hoch, mit lässigem, schwer deutbarem Lächeln ihre Straße, die
gesäumt war von Bewunderern.
Der erste Abend, an dem die Prinzessin Marie Auguste in Gesellschaft
erschien, war ein guter Abend für Josef Süß. In betontem Gegensatz zu den
andern Herren machte er nicht den leisesten Versuch, den Regensburger
Fürstlichkeiten vorgestellt zu werden. Während etwa der junge Lord
Suffolk durch seine starre, großäugige, verblüffte Verliebtheit lächerlich
wurde, hielt sich Süß an die jetzt vernachlässigten Damen, denen er bisher
gehuldigt und bei denen er heute in doppelter Gnade stand. Selten nur und
wenn es seine Damen nicht bemerken konnten, flogen seine großen,
braunen Augen zu der Prinzessin, dann aber starrte aus seinem sehr weißen
Gesicht so hemmungslos ergebene Bewunderung, daß Marie Auguste den
stattlichen, eleganten Herrn mit ungenierter Neugier auf und ab sah. Im
übrigen schritt sie mit ihrem leisen, erregenden Lächeln ziervoll und ein
wenig spöttisch durch die Huldigungen des Abends.
Der sonst Gipfel solcher Feste war, und auf den man ihre Spannung
gelenkt hatte, Karl Alexander, Prinz von Württemberg, Kaiserlicher
Feldmarschall, Held von Belgrad, Peterwardein und sonst vieler Schlachten,
blieb wider Erwarten dem Abend fern. Grimmig saß er in seinem Zimmer
beim Sternwirt, allein, auf dem Tisch eine einzige Kerze. Er saß im
Schlafrock, den verwundeten, gichtischen Fuß, der heute besonders
schmerzte, mit Tüchern umwickelt, er saß vor Flaschen und Karaffen. Aus
dem Dunkel tauchte zuweilen Neuffer, der Kammerdiener, das Glas
aufzuschenken, und im Schatten hockte der Schwarzbraune. Der Prinz saß,
Kabbalisten. Ihr Vater hatte ihr in seiner sachten Art Andeutungen gemacht,
in Wildbad werde sie wichtige und, wie er hoffe, angenehme
Entscheidungen zu treffen haben. So fuhr sie jetzt in der blinkenden
Kutsche, bereit, zu jedem Erlebnis lieber Ja als Nein zu sagen, jung, lässig
und doch hungrig. Unter strahlend schwarzem Haar äugte klein, ziervoll,
eidechsenhaft das Gesicht, von der matten Farbe alten, edlen Marmors,
spitz zulaufend, langäugig, klare, leichte Stirn, feine, gegliederte Nase,
klein, geschwellt, spöttisch der Mund.
Die Damen in Wildbad waren erbittert über die neue Gastin. Die
Prinzessin von Kurland, die Tochter des Gesandten der Generalstaaten, an
die Wand gedrückt, verzogen hochmütig die Lippen und fanden die Thurn
und Taxis männersüchtig und kokett. Die aber ging, den kleinen, ziervollen
Kopf sehr hoch, mit lässigem, schwer deutbarem Lächeln ihre Straße, die
gesäumt war von Bewunderern.
Der erste Abend, an dem die Prinzessin Marie Auguste in Gesellschaft
erschien, war ein guter Abend für Josef Süß. In betontem Gegensatz zu den
andern Herren machte er nicht den leisesten Versuch, den Regensburger
Fürstlichkeiten vorgestellt zu werden. Während etwa der junge Lord
Suffolk durch seine starre, großäugige, verblüffte Verliebtheit lächerlich
wurde, hielt sich Süß an die jetzt vernachlässigten Damen, denen er bisher
gehuldigt und bei denen er heute in doppelter Gnade stand. Selten nur und
wenn es seine Damen nicht bemerken konnten, flogen seine großen,
braunen Augen zu der Prinzessin, dann aber starrte aus seinem sehr weißen
Gesicht so hemmungslos ergebene Bewunderung, daß Marie Auguste den
stattlichen, eleganten Herrn mit ungenierter Neugier auf und ab sah. Im
übrigen schritt sie mit ihrem leisen, erregenden Lächeln ziervoll und ein
wenig spöttisch durch die Huldigungen des Abends.
Der sonst Gipfel solcher Feste war, und auf den man ihre Spannung
gelenkt hatte, Karl Alexander, Prinz von Württemberg, Kaiserlicher
Feldmarschall, Held von Belgrad, Peterwardein und sonst vieler Schlachten,
blieb wider Erwarten dem Abend fern. Grimmig saß er in seinem Zimmer
beim Sternwirt, allein, auf dem Tisch eine einzige Kerze. Er saß im
Schlafrock, den verwundeten, gichtischen Fuß, der heute besonders
schmerzte, mit Tüchern umwickelt, er saß vor Flaschen und Karaffen. Aus
dem Dunkel tauchte zuweilen Neuffer, der Kammerdiener, das Glas
aufzuschenken, und im Schatten hockte der Schwarzbraune. Der Prinz saß,
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soff, fluchte. Die Flüche aller Sprachen, allen Unflat des Feldlagers fluchte
er gegen die Landschaft. Am Nachmittag, mit der gewöhnlichen Briefpost,
hatte er ein Schreiben des parlamentarischen Ausschusses erhalten, das
nackt und ohne Umschweife sein Gesuch um ein Darlehen ablehnte.
Karl Alexander schäumte. Er wußte sich populär im Herzogtum, sein
Bild hing in zahllosen Stuben, das Volk schrie ihm Hoch. Und nun
schickten ihm diese Kanaillen vom Parlament, diese ausgefressenen
Rotzbuben und hochnäsige Populace einen solchen Dreck und Geschmier.
So saß er, soff, fluchte. Riß dann die Felle weg, mit denen Neuffer ihm
den Fuß umwickelt, stapfte auf und nieder. Eine Krone! Da hatte ihm dieser
alte Jud eine Krone geweissagt. Der Scharlatan! Eine nette Krone! Ein
Lump und hergelaufener Bettler war er, dem die Bande einen solchen
Scheißbrief hinzuschmeißen wagte. Er lärmte so grausam und lästerlich,
daß der vom Fest heimkehrende Süß tief erschreckt noch in der Nacht den
Kammerdiener befragte, was denn los sei. Aber Neuffer, der den Juden
nicht leiden konnte, wich aus.
Andern Tages, gegen Mittag, er hatte schon zweimal vergeblich
angefragt, machte Süß dem Prinzen seine Aufwartung. Er trat behutsam ins
Zimmer, er trug neue Strümpfe von besonderer Art, die er dem Prinzen
zeigen wollte; Seine Hoheit hatten immer für modische Dinge großes
Interesse. Auch wollte er ihm von dem gestrigen Fest erzählen. Aber so
grimmig hatte er ihn nie gefunden. Nackt und mächtig stand er da, während
Neuffer und der Schwarzbraune ihn mit Kübeln Wassers übergossen und
immer wieder abrieben. Er schmiß ihm den Brief der Landschaft hin, und
während Süß geduckt und hurtigen Auges ihn überflog, polterte er triefend,
prustend auf ihn ein: „Ein netter Magus, Sein Oheim! Mit dem hat Er mich
sauber angeschmiert! Schaut gut aus, meine Krone!“
Süß war ehrlich erbittert über die grobe Ablehnung der Landschaft und
schickte sich an, dem Prinzen in gewandten Worten seine zornige
Verachtung solcher Flegelei und seine tatbereite Ergebenheit zu versichern.
Aber der Prinz, gereizt gegen jedermann, wie er den Süß elegant, mit dem
gemeinen Brief in der Hand stehen sah, befahl plötzlich: „Neuffer! Otman!
Taufts den Juden! Er soll schwimmen lernen!“ Und der Kammerdiener und
der Schwarzbraune gossen sogleich in mächtigem Schwall das
Waschwasser gegen Süß, kläffend drang der Hund des Prinzen auf ihn ein,
und der Jude retirierte eilends und erschreckt, die Hosen und die neuen
er gegen die Landschaft. Am Nachmittag, mit der gewöhnlichen Briefpost,
hatte er ein Schreiben des parlamentarischen Ausschusses erhalten, das
nackt und ohne Umschweife sein Gesuch um ein Darlehen ablehnte.
Karl Alexander schäumte. Er wußte sich populär im Herzogtum, sein
Bild hing in zahllosen Stuben, das Volk schrie ihm Hoch. Und nun
schickten ihm diese Kanaillen vom Parlament, diese ausgefressenen
Rotzbuben und hochnäsige Populace einen solchen Dreck und Geschmier.
So saß er, soff, fluchte. Riß dann die Felle weg, mit denen Neuffer ihm
den Fuß umwickelt, stapfte auf und nieder. Eine Krone! Da hatte ihm dieser
alte Jud eine Krone geweissagt. Der Scharlatan! Eine nette Krone! Ein
Lump und hergelaufener Bettler war er, dem die Bande einen solchen
Scheißbrief hinzuschmeißen wagte. Er lärmte so grausam und lästerlich,
daß der vom Fest heimkehrende Süß tief erschreckt noch in der Nacht den
Kammerdiener befragte, was denn los sei. Aber Neuffer, der den Juden
nicht leiden konnte, wich aus.
Andern Tages, gegen Mittag, er hatte schon zweimal vergeblich
angefragt, machte Süß dem Prinzen seine Aufwartung. Er trat behutsam ins
Zimmer, er trug neue Strümpfe von besonderer Art, die er dem Prinzen
zeigen wollte; Seine Hoheit hatten immer für modische Dinge großes
Interesse. Auch wollte er ihm von dem gestrigen Fest erzählen. Aber so
grimmig hatte er ihn nie gefunden. Nackt und mächtig stand er da, während
Neuffer und der Schwarzbraune ihn mit Kübeln Wassers übergossen und
immer wieder abrieben. Er schmiß ihm den Brief der Landschaft hin, und
während Süß geduckt und hurtigen Auges ihn überflog, polterte er triefend,
prustend auf ihn ein: „Ein netter Magus, Sein Oheim! Mit dem hat Er mich
sauber angeschmiert! Schaut gut aus, meine Krone!“
Süß war ehrlich erbittert über die grobe Ablehnung der Landschaft und
schickte sich an, dem Prinzen in gewandten Worten seine zornige
Verachtung solcher Flegelei und seine tatbereite Ergebenheit zu versichern.
Aber der Prinz, gereizt gegen jedermann, wie er den Süß elegant, mit dem
gemeinen Brief in der Hand stehen sah, befahl plötzlich: „Neuffer! Otman!
Taufts den Juden! Er soll schwimmen lernen!“ Und der Kammerdiener und
der Schwarzbraune gossen sogleich in mächtigem Schwall das
Waschwasser gegen Süß, kläffend drang der Hund des Prinzen auf ihn ein,
und der Jude retirierte eilends und erschreckt, die Hosen und die neuen
Page 73
Strümpfe patschnaß, die Schuhe verdorben, hinter ihm das schallende
Lachen des Prinzen und der Diener.
Süß nahm es dem Feldmarschall nicht weiter übel. Große Herren hatten
solche Launen, das war nun einmal so. Sie hatten das Recht dazu, man
mußte sich darein finden. Und während er die nassen Kleider wechselte,
überlegte er, er werde sich das nächste Mal ebenso höflich präsentieren, ja
noch devoter als bisher, und vermutlich besser aufgenommen werden.
Am gleichen Tag traf der würzburgische Geheimrat Fichtel ein. Der
unscheinbare Mann mit dem kleinen, klugen Gesicht suchte noch am
Nachmittag den Prinzen auf. Ja, am Würzburger Hof wußte man bereits von
der unvermuteten und ganz besonderen Insolenz der Landschaft. Der Herr
Fürstbischof sei tief ergrimmt und voll Verachtung für solch erbärmliche
und freche Knauserei, die diese dummdreiste Populace einem so großen
und hochberühmten Feldherrn zu Schimpf getan habe. Aber sein Herr habe
in seiner Weisheit ein anderes Heilmittel gefunden, das der Not des Prinzen
abhelfen könne und der arroganten Rotüre zum Exempel und großem
Aerger dienen werde.
Bevor er sich aber weiter explizierte, bat er um gnädige Erlaubnis, sich
den Kaffeetrank bereiten zu dürfen, den er gewohnt war. Als er dann, neben
dem stattlichen Prinzen doppelt unscheinbar, vor der heißen schwarzen
Brühe saß, setzte er sacht und sachlich das Heiratsprojekt mit der Thurn-
und Taxisschen auseinander, der schönsten Prinzessin im römischen Reich
und immens begütert. Desgleichen werde sich eine insolente und
rebellantische Landschaft gelb ärgern, wenn der Prinz katholisch werde.
Der Herr Fürstbischof sei selbstverständlich bereit, dem Prinzen
auszuhelfen, auch wenn er die Mariage ausschlüge. Aber er halte diese
Lösung für die beste und gönne Seiner Hoheit von Herzen das viele Geld
und die schöne Frau und der Landschaft den schönen gelben Aerger. Und
der Geheimrat trank in behaglichen kleinen Schlucken seinen Kaffee.
Karl Alexander, wie er allein war, stapfte auf und nieder, den Schädel
noch benommen von dem einsamen Gelage der Nacht, atmete, fuhr sich
durch das starke blonde Haar. Die Füchse! Schau an die Füchse! Katholisch
wollten sie ihn haben. Der Schönborn, der Friedrich Karl, der gute, lustige,
freundhafte Kumpan. So ein Fuchs!
Er lachte. Ein Spaß. Kotz Donner! Ein exzellenter Spaß. Die weitaus
mehreren hohen Offiziere waren katholisch, die Katholiken waren die
besseren Soldaten. Er für sein Teil dachte seit Venedig sehr frei in
Lachen des Prinzen und der Diener.
Süß nahm es dem Feldmarschall nicht weiter übel. Große Herren hatten
solche Launen, das war nun einmal so. Sie hatten das Recht dazu, man
mußte sich darein finden. Und während er die nassen Kleider wechselte,
überlegte er, er werde sich das nächste Mal ebenso höflich präsentieren, ja
noch devoter als bisher, und vermutlich besser aufgenommen werden.
Am gleichen Tag traf der würzburgische Geheimrat Fichtel ein. Der
unscheinbare Mann mit dem kleinen, klugen Gesicht suchte noch am
Nachmittag den Prinzen auf. Ja, am Würzburger Hof wußte man bereits von
der unvermuteten und ganz besonderen Insolenz der Landschaft. Der Herr
Fürstbischof sei tief ergrimmt und voll Verachtung für solch erbärmliche
und freche Knauserei, die diese dummdreiste Populace einem so großen
und hochberühmten Feldherrn zu Schimpf getan habe. Aber sein Herr habe
in seiner Weisheit ein anderes Heilmittel gefunden, das der Not des Prinzen
abhelfen könne und der arroganten Rotüre zum Exempel und großem
Aerger dienen werde.
Bevor er sich aber weiter explizierte, bat er um gnädige Erlaubnis, sich
den Kaffeetrank bereiten zu dürfen, den er gewohnt war. Als er dann, neben
dem stattlichen Prinzen doppelt unscheinbar, vor der heißen schwarzen
Brühe saß, setzte er sacht und sachlich das Heiratsprojekt mit der Thurn-
und Taxisschen auseinander, der schönsten Prinzessin im römischen Reich
und immens begütert. Desgleichen werde sich eine insolente und
rebellantische Landschaft gelb ärgern, wenn der Prinz katholisch werde.
Der Herr Fürstbischof sei selbstverständlich bereit, dem Prinzen
auszuhelfen, auch wenn er die Mariage ausschlüge. Aber er halte diese
Lösung für die beste und gönne Seiner Hoheit von Herzen das viele Geld
und die schöne Frau und der Landschaft den schönen gelben Aerger. Und
der Geheimrat trank in behaglichen kleinen Schlucken seinen Kaffee.
Karl Alexander, wie er allein war, stapfte auf und nieder, den Schädel
noch benommen von dem einsamen Gelage der Nacht, atmete, fuhr sich
durch das starke blonde Haar. Die Füchse! Schau an die Füchse! Katholisch
wollten sie ihn haben. Der Schönborn, der Friedrich Karl, der gute, lustige,
freundhafte Kumpan. So ein Fuchs!
Er lachte. Ein Spaß. Kotz Donner! Ein exzellenter Spaß. Die weitaus
mehreren hohen Offiziere waren katholisch, die Katholiken waren die
besseren Soldaten. Er für sein Teil dachte seit Venedig sehr frei in
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Religionssachen, die katholische Messe hatte ihm immer gefallen, für den
Soldaten war das Katholische mit seinem Weihrauch und Heiligenbildern
und Skapulieren eigentlich das Passendere. Und wenn er seinen Freunden in
Würzburg und Wien damit einen Gefallen tat, so besser. Sich tat er
jedenfalls keinen Tort damit. Eine schöne, reiche Prinzessin. Zu Ende das
ewige blödsinnige Lamento und Abschinderei um den Taler. Und der
Possen, der herrliche, exzellente Possen, den er der aufsässigen Landschaft
spielte. Kreuztürken! Anschauen wird er sich die Regensburgerin auf alle
Fälle.
Als Süß kam, den Tag darauf, rief er ihm schallend in guter Laune
entgegen: „Bist trocken, Jud? Ist die Taufe gut bekommen?“ „Ja,“ erwiderte
Süß, „wenn Euer Hoheit Ihren Spaß daran gehabt haben.“ „Wenn ich jetzt
dreißigtausend Gulden verlang, würdest sie mir geben?“ „Befehlen Sie!“
„Und würdest mir die Gurgel zudrücken, daß ich Blut schwitz! Ho! Ich hab
jemand, der gibt mir das Geld ohne einen Heller Zins!“ „Sie wählen sich
einen andern Geldmann?“ fragte erschrocken der Jude. „Nein,“ lachte
behaglich der Prinz. „Fürs erste brauch ich dich mehr als je. Ich will noch
wenigstens zwei Wochen bleiben; aber ich möchte heraus hier aus dem
Loch von Gasthof. Miet Er mir die Villa Monbijou! Installier Er sie, daß
man in Versailles nicht daran mäkeln kann, mit Möbeln und Livree. Ich
ernenne Ihn zu meinem Hoffaktor und Schatullenverwalter.“ Süß küßte dem
Prinzen die Hand, dankte überschwänglich.
Karl Alexander schickte den Schwarzbraunen nach dem Schlößchen
Eremitage, zu fragen, wann er aufwarten dürfe. Fuhr dann, so kurz der Weg
war, in seiner soliden Kutsche vor, die trotz der neuen Lackierung noch
reichlich altmodisch aussah; den Neuffer und den Kutscher aber hatte Süß
bereits in neue Livree gesteckt.
Auf Eremitage wurde der Feldmarschall mit größter Aufmerksamkeit
empfangen. Außer dem Fürsten und Marie Auguste war noch der erste
Thurn- und Taxissche Intendant anwesend und der Geheimrat Fichtel. Franz
Anselm von Thurn und Taxis war ein alter, erfahrener, sehr skeptischer
Herr. Wohlwollend, heiter, neugierig, von umständlichen, sehr guten
Manieren liebte er Gesellschaft, medisierte gern und glaubte an nichts und
niemand. Man hatte so viele gemeinsame Bekannte, am Wiener Hof, in
Würzburg, in der Armee, im internationalen Adel. Der Fürst machte kleine,
boshafte Anmerkungen, Karl Alexander sprach viel und lebhaft, stimmte
bei, nahm in Schutz. Der Fürst hielt den feinen, langen Windhundschädel
Soldaten war das Katholische mit seinem Weihrauch und Heiligenbildern
und Skapulieren eigentlich das Passendere. Und wenn er seinen Freunden in
Würzburg und Wien damit einen Gefallen tat, so besser. Sich tat er
jedenfalls keinen Tort damit. Eine schöne, reiche Prinzessin. Zu Ende das
ewige blödsinnige Lamento und Abschinderei um den Taler. Und der
Possen, der herrliche, exzellente Possen, den er der aufsässigen Landschaft
spielte. Kreuztürken! Anschauen wird er sich die Regensburgerin auf alle
Fälle.
Als Süß kam, den Tag darauf, rief er ihm schallend in guter Laune
entgegen: „Bist trocken, Jud? Ist die Taufe gut bekommen?“ „Ja,“ erwiderte
Süß, „wenn Euer Hoheit Ihren Spaß daran gehabt haben.“ „Wenn ich jetzt
dreißigtausend Gulden verlang, würdest sie mir geben?“ „Befehlen Sie!“
„Und würdest mir die Gurgel zudrücken, daß ich Blut schwitz! Ho! Ich hab
jemand, der gibt mir das Geld ohne einen Heller Zins!“ „Sie wählen sich
einen andern Geldmann?“ fragte erschrocken der Jude. „Nein,“ lachte
behaglich der Prinz. „Fürs erste brauch ich dich mehr als je. Ich will noch
wenigstens zwei Wochen bleiben; aber ich möchte heraus hier aus dem
Loch von Gasthof. Miet Er mir die Villa Monbijou! Installier Er sie, daß
man in Versailles nicht daran mäkeln kann, mit Möbeln und Livree. Ich
ernenne Ihn zu meinem Hoffaktor und Schatullenverwalter.“ Süß küßte dem
Prinzen die Hand, dankte überschwänglich.
Karl Alexander schickte den Schwarzbraunen nach dem Schlößchen
Eremitage, zu fragen, wann er aufwarten dürfe. Fuhr dann, so kurz der Weg
war, in seiner soliden Kutsche vor, die trotz der neuen Lackierung noch
reichlich altmodisch aussah; den Neuffer und den Kutscher aber hatte Süß
bereits in neue Livree gesteckt.
Auf Eremitage wurde der Feldmarschall mit größter Aufmerksamkeit
empfangen. Außer dem Fürsten und Marie Auguste war noch der erste
Thurn- und Taxissche Intendant anwesend und der Geheimrat Fichtel. Franz
Anselm von Thurn und Taxis war ein alter, erfahrener, sehr skeptischer
Herr. Wohlwollend, heiter, neugierig, von umständlichen, sehr guten
Manieren liebte er Gesellschaft, medisierte gern und glaubte an nichts und
niemand. Man hatte so viele gemeinsame Bekannte, am Wiener Hof, in
Würzburg, in der Armee, im internationalen Adel. Der Fürst machte kleine,
boshafte Anmerkungen, Karl Alexander sprach viel und lebhaft, stimmte
bei, nahm in Schutz. Der Fürst hielt den feinen, langen Windhundschädel
Page 75
höflich hingeneigt, hörte aufmerksam zu. Karl Alexander gefiel ihm.
Gewiß, er war etwas plump und erhitzte sich, was man nicht soll; auch hatte
er wenig Urteil. Aber er hatte Temperament und, mon Dieu, er war
Feldmarschall, war Held, man verlangte Siege von ihm, keinen Verstand.
Marie Auguste sprach zunächst wenig. Sie saß da, sehr fürstlich in dem
taubengrauen Samtkleid, mit den kleinen, fleischigen, gepflegten Händen
artig und preziös, wie es die Sitte vorschrieb, die obersten Falten des
mächtig ausschweifenden Rockes haltend. Sehr weiß rundeten sich aus
feinen Gelenken die bloßen Arme, venetianische Spitzen fielen über den
Ellbogen. Mit dem matten Glanz alten edlen Marmors leuchtete unter
Spitzen Brust und Nacken, hob sich der schlanke Hals. Klein, ziervoll,
eidechsenhaft äugte unter strahlend schwarzem Haar das pastellfeine
Antlitz. Mit unversteckter, wohlgefälliger Neugier beschaute sie aus den
lebhaften, fließenden, dringlichen Augen den Prinzen, der neben dem
schlanken Vater ungeheuer breit und männlich wuchtete.
Der Geheimrat Fichtel sprach von einem Bravourstück Karl Alexanders.
Marie Auguste erzählte, und schaute den Prinzen an, von einer welschen
Opera in Wien, die sie gesehen, Der Held Achilles, wo Achilles, nachdem er
die Leiche geschleift, etliches sehr Edle gesungen habe. „Ja,“ bemerkte der
Fürst, „in der Antike war man überhaupt edel.“ Karl Alexander meinte, er
handle nach dem Gefühl des Augenblicks und glaube nicht, daß er viel
Anlage zum Edelmut habe. Worauf die Prinzessin, die Augen fest auf dem
Errötenden, lächelte, es sei ja auch gar nicht von ihm die Rede gewesen.
Und alle lachten.
Es wurden eisgekühlte Getränke gereicht, für den kleinen Würzburger
Geheimrat Kaffee.
Dem blonden Württemberger gefiel die schwarze Prinzessin
ausnehmend. Mille tonnerre! Wenn die in dem weiten Belgrader Schloß
einem Ball präsidierte, da würden sie Augen machen, Türken und Ungarn
und all das wilde Volk da unten. Das war eine Gouverneurin, mit der man
Staat machen konnte, in Wien und überall. Und wo sie noch dazu die
Dukaten mitbrachte, das wüste Belgrader Schloß zu renovieren. Ein Fuchs
der Würzburger, der Schönborn, und ein Freund, Kreuztürken, wirklich ein
Freund und guter Kumpan, ihm sowas zuzuschanzen. Und die war nicht nur
repräsentativ. Ein Racker, da kannte er sich aus. Die Augen, der Mund! Das
war was fürs Bett. Er strahlte übers ganze Gesicht und mußte an sich halten,
nicht mit der Zunge zu schnalzen. Eine Prinzessin von der kleinen,
Gewiß, er war etwas plump und erhitzte sich, was man nicht soll; auch hatte
er wenig Urteil. Aber er hatte Temperament und, mon Dieu, er war
Feldmarschall, war Held, man verlangte Siege von ihm, keinen Verstand.
Marie Auguste sprach zunächst wenig. Sie saß da, sehr fürstlich in dem
taubengrauen Samtkleid, mit den kleinen, fleischigen, gepflegten Händen
artig und preziös, wie es die Sitte vorschrieb, die obersten Falten des
mächtig ausschweifenden Rockes haltend. Sehr weiß rundeten sich aus
feinen Gelenken die bloßen Arme, venetianische Spitzen fielen über den
Ellbogen. Mit dem matten Glanz alten edlen Marmors leuchtete unter
Spitzen Brust und Nacken, hob sich der schlanke Hals. Klein, ziervoll,
eidechsenhaft äugte unter strahlend schwarzem Haar das pastellfeine
Antlitz. Mit unversteckter, wohlgefälliger Neugier beschaute sie aus den
lebhaften, fließenden, dringlichen Augen den Prinzen, der neben dem
schlanken Vater ungeheuer breit und männlich wuchtete.
Der Geheimrat Fichtel sprach von einem Bravourstück Karl Alexanders.
Marie Auguste erzählte, und schaute den Prinzen an, von einer welschen
Opera in Wien, die sie gesehen, Der Held Achilles, wo Achilles, nachdem er
die Leiche geschleift, etliches sehr Edle gesungen habe. „Ja,“ bemerkte der
Fürst, „in der Antike war man überhaupt edel.“ Karl Alexander meinte, er
handle nach dem Gefühl des Augenblicks und glaube nicht, daß er viel
Anlage zum Edelmut habe. Worauf die Prinzessin, die Augen fest auf dem
Errötenden, lächelte, es sei ja auch gar nicht von ihm die Rede gewesen.
Und alle lachten.
Es wurden eisgekühlte Getränke gereicht, für den kleinen Würzburger
Geheimrat Kaffee.
Dem blonden Württemberger gefiel die schwarze Prinzessin
ausnehmend. Mille tonnerre! Wenn die in dem weiten Belgrader Schloß
einem Ball präsidierte, da würden sie Augen machen, Türken und Ungarn
und all das wilde Volk da unten. Das war eine Gouverneurin, mit der man
Staat machen konnte, in Wien und überall. Und wo sie noch dazu die
Dukaten mitbrachte, das wüste Belgrader Schloß zu renovieren. Ein Fuchs
der Würzburger, der Schönborn, und ein Freund, Kreuztürken, wirklich ein
Freund und guter Kumpan, ihm sowas zuzuschanzen. Und die war nicht nur
repräsentativ. Ein Racker, da kannte er sich aus. Die Augen, der Mund! Das
war was fürs Bett. Er strahlte übers ganze Gesicht und mußte an sich halten,
nicht mit der Zunge zu schnalzen. Eine Prinzessin von der kleinen,
Page 76
geschmackvollen Agraffe in dem strahlend schwarzen Haar – Kotz Donner,
die haben es dick, die Regensburger – bis zu dem Atlasschuh, der
manchmal unter dem taubengrauen mächtigen Samtrock herauslugte, eine
Prinzessin, und doch ein Staatsweib. Die war anders als die saure
Durlacherin, die Frau seines Vetters, des Herzogs. Da brauchten sich nicht
erst Kaiser und Reich bemühen, daß man der Kinder mache. Und wie
gescheit sie schwatzen konnte! Wie sie züngelte, der Racker, und ihn aufzog
und die Augen fließen ließ! Das wird gute Bilder geben, er und die da. Da
wird Eberhard Ludwig Augen machen. Er, Karl Alexander, brauchte sich
keine kostspielige Hure zuzulegen. Sein legitimes Weib wird schöner sein
und ein besserer Bettschatz als die teuerste wälsche Mätresse und ihm den
Beutel füllen, nicht leeren.
Und das Parlament! Diese verfluchte Bürgerkanaille! Er mußte
hochatmen vor geschwellter Befriedigung. Krank, gelb und krank werden
sie sich ärgern. Da lohnte es sich, katholisch zu werden.
Er schaute Marie Auguste an, der Fürst sprach gerade mit den beiden
andern Herren, er schaute sie an mit dem geilen, einschätzenden,
gewalttätigen, leicht verwilderten Blick des Soldaten, der eine Frau ohne
große Umstände aufs Bett zu werfen pflegt, und die Prinzessin tauchte ein
in diesen Blick mit ihrem kleinen, schwer deutbaren Lächeln.
Als er ging, war Karl Alexander fest entschlossen, Katholik zu werden.
Josef Süß hatte das Schlößchen Monbijou mit großem Aufwand installiert,
vor allem war er stolz auf die kleine Galerie und den anstoßenden gelben
Salon. Den hatte freilich eigentlich Nicklas Pfäffle aufgetrieben, der dick
und phlegmatisch Händler und Handwerker in weitem Umkreis
durcheinandergewirbelt hatte.
So spreizte sich das neue Hotel des Feldmarschalls in großer Pracht, und
der Prinz haute den Süß auf die Schulter: „Er ist ein Hexer, Süß. Und um
wieviel bescheißt Er mich bei dem Handel?“ Der Braunschwarze nahm sich
trefflich aus in diesem Rahmen, der Prinz glänzte Zufriedenheit, und selbst
Neuffer, der einen Pick auf den Juden hatte und durch ständige kleine
Intrigen den Nicklas Pfäffle aus seinem Gleichmut zu hetzen suchte, mußte
zugeben, daß er es nicht besser hätte machen können.
die haben es dick, die Regensburger – bis zu dem Atlasschuh, der
manchmal unter dem taubengrauen mächtigen Samtrock herauslugte, eine
Prinzessin, und doch ein Staatsweib. Die war anders als die saure
Durlacherin, die Frau seines Vetters, des Herzogs. Da brauchten sich nicht
erst Kaiser und Reich bemühen, daß man der Kinder mache. Und wie
gescheit sie schwatzen konnte! Wie sie züngelte, der Racker, und ihn aufzog
und die Augen fließen ließ! Das wird gute Bilder geben, er und die da. Da
wird Eberhard Ludwig Augen machen. Er, Karl Alexander, brauchte sich
keine kostspielige Hure zuzulegen. Sein legitimes Weib wird schöner sein
und ein besserer Bettschatz als die teuerste wälsche Mätresse und ihm den
Beutel füllen, nicht leeren.
Und das Parlament! Diese verfluchte Bürgerkanaille! Er mußte
hochatmen vor geschwellter Befriedigung. Krank, gelb und krank werden
sie sich ärgern. Da lohnte es sich, katholisch zu werden.
Er schaute Marie Auguste an, der Fürst sprach gerade mit den beiden
andern Herren, er schaute sie an mit dem geilen, einschätzenden,
gewalttätigen, leicht verwilderten Blick des Soldaten, der eine Frau ohne
große Umstände aufs Bett zu werfen pflegt, und die Prinzessin tauchte ein
in diesen Blick mit ihrem kleinen, schwer deutbaren Lächeln.
Als er ging, war Karl Alexander fest entschlossen, Katholik zu werden.
Josef Süß hatte das Schlößchen Monbijou mit großem Aufwand installiert,
vor allem war er stolz auf die kleine Galerie und den anstoßenden gelben
Salon. Den hatte freilich eigentlich Nicklas Pfäffle aufgetrieben, der dick
und phlegmatisch Händler und Handwerker in weitem Umkreis
durcheinandergewirbelt hatte.
So spreizte sich das neue Hotel des Feldmarschalls in großer Pracht, und
der Prinz haute den Süß auf die Schulter: „Er ist ein Hexer, Süß. Und um
wieviel bescheißt Er mich bei dem Handel?“ Der Braunschwarze nahm sich
trefflich aus in diesem Rahmen, der Prinz glänzte Zufriedenheit, und selbst
Neuffer, der einen Pick auf den Juden hatte und durch ständige kleine
Intrigen den Nicklas Pfäffle aus seinem Gleichmut zu hetzen suchte, mußte
zugeben, daß er es nicht besser hätte machen können.
Page 77
Auch der Geheimrat Fichtel, dem Karl Alexander das neue Logis zeigte,
bevor er darin die erste Fête gab, machte viel Rühmens. Im stillen aber fand
er an allem einen Stich ins Ueberladene, Parvenuhafte, und er veranlaßte
den Prinzen, da und dort etwas wegnehmen zu lassen. An seinen Herrn, den
Fürstbischof, berichtete er, der Prinz habe sich von einem Hebräer
einrichten lassen; so sei es kein Wunder, daß er etwas östlich installiert sei,
und daß sein Wildbader Schlößchen mehr nach Jerusalem als nach
Versailles schmecke.
Aehnliche Empfindungen hatte der alte Fürst Anselm Franz an dem
Festabend, den Karl Alexander gab. Der alte Fürst, der Wert auf gutes
Aussehen legte, war freilich auch gereizt, weil er einen blaßgelben Rock
gewählt hatte, der sich in dem blaßgelben Hauptsaal von Monbijou nicht
gut ausnahm. Karl Alexander hatte zu einer kleinen Spieloper eingeladen:
Die Rache der Zerbinetta, da er wußte, Marie Auguste habe Freude an
Komödie, Musik, Ballett. Süß mußte durch seine Mutter, die in Frankfurt
lebte und noch viele Beziehungen zu Theaterleuten hatte, die kleine Truppe
in aller Eile aus Heidelberg zusammenstapeln.
Die Gesellschaft war klein und glänzend. Der Prinz wollte erst den Süß
ausschließen, aber den hungrigen und ergebenen Hundeaugen seines
Faktors hatte schließlich seine Gutmütigkeit nicht standhalten können, zum
großen Aerger Neuffers war der Jude erschienen. In hirschbraunem,
silberbesticktem Rock, gewandt und glücklich, glitt er zwischen den Gästen
herum. Als ob die ganze Fête nur für ihn gemacht wäre, giftete Neuffer.
Wie aber prangte, weinrot in Atlas und Brokat, Marie Auguste. Die
Schärpe des Thurn- und Taxisschen Hausordens schlang sich stolz um ihre
Brust, an den Puffärmeln trug sie in Demanten den auszeichnenden Stern,
den ihr der Kaiser anläßlich eines Patronats verliehen. Sie sprach wenig.
Aber die Prinzessin von Kurland wie die Tochter des Gesandten der
Generalstaaten – beide hatte sie mit devotester Liebenswürdigkeit als die
Aelteren begrüßt – glaubten in allen Ecken immer nur ihre lässige,
kindliche Stimme zu hören. Sie schworen sich zu, in keiner Gesellschaft
mehr zusammen mit der Regensburgerin zu erscheinen, überhaupt werden
sie Wildbad in den nächsten Tagen schon verlassen. Unabhängig
voneinander faßten sie diesen Entschluß, und Süß versicherte jede der
beiden Damen mit den nämlichen Worten seiner Untröstlichkeit.
Man unterhielt sich über die neueste Nachricht, die von Stuttgart
gekommen war: die Herzogin glaubte sich wieder schwanger zu fühlen.
bevor er darin die erste Fête gab, machte viel Rühmens. Im stillen aber fand
er an allem einen Stich ins Ueberladene, Parvenuhafte, und er veranlaßte
den Prinzen, da und dort etwas wegnehmen zu lassen. An seinen Herrn, den
Fürstbischof, berichtete er, der Prinz habe sich von einem Hebräer
einrichten lassen; so sei es kein Wunder, daß er etwas östlich installiert sei,
und daß sein Wildbader Schlößchen mehr nach Jerusalem als nach
Versailles schmecke.
Aehnliche Empfindungen hatte der alte Fürst Anselm Franz an dem
Festabend, den Karl Alexander gab. Der alte Fürst, der Wert auf gutes
Aussehen legte, war freilich auch gereizt, weil er einen blaßgelben Rock
gewählt hatte, der sich in dem blaßgelben Hauptsaal von Monbijou nicht
gut ausnahm. Karl Alexander hatte zu einer kleinen Spieloper eingeladen:
Die Rache der Zerbinetta, da er wußte, Marie Auguste habe Freude an
Komödie, Musik, Ballett. Süß mußte durch seine Mutter, die in Frankfurt
lebte und noch viele Beziehungen zu Theaterleuten hatte, die kleine Truppe
in aller Eile aus Heidelberg zusammenstapeln.
Die Gesellschaft war klein und glänzend. Der Prinz wollte erst den Süß
ausschließen, aber den hungrigen und ergebenen Hundeaugen seines
Faktors hatte schließlich seine Gutmütigkeit nicht standhalten können, zum
großen Aerger Neuffers war der Jude erschienen. In hirschbraunem,
silberbesticktem Rock, gewandt und glücklich, glitt er zwischen den Gästen
herum. Als ob die ganze Fête nur für ihn gemacht wäre, giftete Neuffer.
Wie aber prangte, weinrot in Atlas und Brokat, Marie Auguste. Die
Schärpe des Thurn- und Taxisschen Hausordens schlang sich stolz um ihre
Brust, an den Puffärmeln trug sie in Demanten den auszeichnenden Stern,
den ihr der Kaiser anläßlich eines Patronats verliehen. Sie sprach wenig.
Aber die Prinzessin von Kurland wie die Tochter des Gesandten der
Generalstaaten – beide hatte sie mit devotester Liebenswürdigkeit als die
Aelteren begrüßt – glaubten in allen Ecken immer nur ihre lässige,
kindliche Stimme zu hören. Sie schworen sich zu, in keiner Gesellschaft
mehr zusammen mit der Regensburgerin zu erscheinen, überhaupt werden
sie Wildbad in den nächsten Tagen schon verlassen. Unabhängig
voneinander faßten sie diesen Entschluß, und Süß versicherte jede der
beiden Damen mit den nämlichen Worten seiner Untröstlichkeit.
Man unterhielt sich über die neueste Nachricht, die von Stuttgart
gekommen war: die Herzogin glaubte sich wieder schwanger zu fühlen.
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Hebammen und Aerzte bestärkten sie in diesem Glauben, das Konsistorium
ordnete bereits Gebete für sie an, und Neugierige beschauten sich den
Hagedorn in Einsiedel, welchen einst Eberhard im Barte gepflanzt hatte
nach seiner Rückkehr aus Palästina, und der jetzt unerwartet neue Triebe
bekam. Ein glückliches Zeichen!
Der Geheimrat Fichtel riß ein paar derbe, zotige Witze über den armen
Eberhard Ludwig und seine sauren vom Kaiser befohlenen Bettfreuden; die
Freundschaft Brandenburgs zu Württemberg sei immer eine bittere
Angelegenheit gewesen, und der König von Preußen war der Brautführer
dieses Beilagers. Es folgten körperliche Vergleiche zwischen der Herzogin
und der abgeschafften Gräveniz. Die Herren in der Ecke um den Geheimrat
pruschten heraus, das Gesicht des Fürsten war voll von lüsternen Fältchen.
Die Damen erkundigten sich nach dem Grund der fröhlichen Laune. Süß
übermittelte. Gekicher. Man hänselte den Juden wegen der Triebe des
palästinensischen Hagedorns. Dröhnendes Gelächter. Selbst das schwer
deutbare Lächeln auf dem Pastellgesicht Marie Augustens löste sich in
herzhaft lauten Schall.
Karl Alexander höhnte: „Ein feiner Magus, dein Oheim! Der Erbprinz
glücklich verheiratet, der alte Herzog setzt einen zweiten Erben in die Welt.
Da hast du mich fein angeschmiert mit deinem Zauberonkel.“
Marie Auguste hatte niemals so in der Nähe einen lebendigen Juden
gesehen. Mit gruselnder Neugier erkundigte sie sich: „Schlachtet er Kinder
ab?“ „Nur ganz selten,“ tröstete der Geheimrat Fichtel, „im allgemeinen
hält er sich lieber an große Herren.“ Die Prinzessin meditierte angestrengten
Gesichts, ob wohl die Juden so ähnlich ausgesehen hätten, die Christum
gekreuzigt haben. Der sei bestimmt nicht dabei gewesen, versicherte der
Geheimrat.
Süß drängte sich mit kluger Taktik so wenig wie möglich in ihr Bereich
und begnügte sich, sie mit seinen heißen, gewölbten Augen aus
ehrfürchtiger Ferne zu bewundern. Nach der Oper ließ sie sich ihn
vorstellen. Seine hemmungslose Ergebenheit schmeichelte ihr. „Er ist ganz
wie ein Mensch,“ sagte sie verwundert zu ihrem Vater. Karl Alexander
gewann bei ihr durch seinen netten, galanten Hof- und Leibjuden. Ja, noch
in die Erregung seines ersten Kusses hinein, während er noch erfüllt war
von der Wärme ihres kleinen und üppigen Mundes, lächelte sie, sich das
Kleid zurechtstreichelnd: „Nein, was Euer Liebden für einen amüsanten
ordnete bereits Gebete für sie an, und Neugierige beschauten sich den
Hagedorn in Einsiedel, welchen einst Eberhard im Barte gepflanzt hatte
nach seiner Rückkehr aus Palästina, und der jetzt unerwartet neue Triebe
bekam. Ein glückliches Zeichen!
Der Geheimrat Fichtel riß ein paar derbe, zotige Witze über den armen
Eberhard Ludwig und seine sauren vom Kaiser befohlenen Bettfreuden; die
Freundschaft Brandenburgs zu Württemberg sei immer eine bittere
Angelegenheit gewesen, und der König von Preußen war der Brautführer
dieses Beilagers. Es folgten körperliche Vergleiche zwischen der Herzogin
und der abgeschafften Gräveniz. Die Herren in der Ecke um den Geheimrat
pruschten heraus, das Gesicht des Fürsten war voll von lüsternen Fältchen.
Die Damen erkundigten sich nach dem Grund der fröhlichen Laune. Süß
übermittelte. Gekicher. Man hänselte den Juden wegen der Triebe des
palästinensischen Hagedorns. Dröhnendes Gelächter. Selbst das schwer
deutbare Lächeln auf dem Pastellgesicht Marie Augustens löste sich in
herzhaft lauten Schall.
Karl Alexander höhnte: „Ein feiner Magus, dein Oheim! Der Erbprinz
glücklich verheiratet, der alte Herzog setzt einen zweiten Erben in die Welt.
Da hast du mich fein angeschmiert mit deinem Zauberonkel.“
Marie Auguste hatte niemals so in der Nähe einen lebendigen Juden
gesehen. Mit gruselnder Neugier erkundigte sie sich: „Schlachtet er Kinder
ab?“ „Nur ganz selten,“ tröstete der Geheimrat Fichtel, „im allgemeinen
hält er sich lieber an große Herren.“ Die Prinzessin meditierte angestrengten
Gesichts, ob wohl die Juden so ähnlich ausgesehen hätten, die Christum
gekreuzigt haben. Der sei bestimmt nicht dabei gewesen, versicherte der
Geheimrat.
Süß drängte sich mit kluger Taktik so wenig wie möglich in ihr Bereich
und begnügte sich, sie mit seinen heißen, gewölbten Augen aus
ehrfürchtiger Ferne zu bewundern. Nach der Oper ließ sie sich ihn
vorstellen. Seine hemmungslose Ergebenheit schmeichelte ihr. „Er ist ganz
wie ein Mensch,“ sagte sie verwundert zu ihrem Vater. Karl Alexander
gewann bei ihr durch seinen netten, galanten Hof- und Leibjuden. Ja, noch
in die Erregung seines ersten Kusses hinein, während er noch erfüllt war
von der Wärme ihres kleinen und üppigen Mundes, lächelte sie, sich das
Kleid zurechtstreichelnd: „Nein, was Euer Liebden für einen amüsanten
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Hofjuden haben!“ Damit kehrten sie aus dem kleinen Kabinett in den
Hauptsaal zurück.
Der Prinz hatte übrigens, ohne daß er es recht wußte, das dunkle Gefühl,
dieser wilde und kennerische Kuß sei nicht ihr erster gewesen.
Im Elfer-Ausschuß des Parlaments war man schlechter Laune. Die
Schwangerschaft der Herzogin hatte sich als Irrtum herausgestellt, und jetzt
kam noch obendrein die Meldung von des Prinzen Karl Alexander
bevorstehender Vermählung mit einer Katholischen und seinem Uebertritt –
Rücktritt hatten es frecher Weise die Jesuiten genannt – in die römische
Kirche. Wollte man ehrlich sein, so mußte man sich sagen, daß man an
diesem höchst ärgerlichen Religionswechsel des populärsten Mannes im
Herzogtum nicht ganz unschuldig war.
Der Prälat Weißensee hatte auf die ersten Meldungen hin von dem
Verkehr des Prinzen mit den Regensburgern die Drähte erkannt, an denen
der Würzburger Hof und sein Freund Fichtel den Württemberger zogen. Er
war voll lächelnder Anerkennung für diese feine Strategie; aber bei dem
spielerischen, blutarmen Interesse, mit dem er seine Politik betrieb, ging
ihm der Abfall des Prinzen nicht sehr zu Herzen. Er sah natürlich voraus,
daß er im landschaftlichen Ausschuß als der eigentlich Schuldige, der die
Darlehensverweigerung vorgeschlagen hatte, schel werde angeschaut
werden. Aber er wußte, daß man sich von seiner Ueberlegenheit, wenn auch
leicht unbehaglich, werde überreden lassen, und hatte sich wirksame
Verteidigung zurechtgelegt. Des weiteren war er ehrlich überzeugt, daß
praktisch der Uebertritt des Prinzen nicht viel zu bedeuten habe. Wenn auch
die Hoffnung auf die Schwangerschaft der Herzogin zerplatzt war, es stand
noch so vieles zwischen dem Prinzen und dem Thron. Er fragte sich
ernstlich, ob eine so vage Aussicht die viele Mühe lohne, die die Jesuiten an
die Konversion des Prinzen gewandt. Jenun, das Herzogtum und sein
Parlament war auf Tatsachen gestellt, seiner Politik war kurze Frist
gegeben; aber die katholische Kirche, und er seufzte neidvoll, war so etwas
Altes, Stein-Ewiges, die Jesuiten hatten es gut, sie konnten säkulare Politik
treiben, mit langen Fristen für späte Generationen.
Im Elfer-Ausschuß schimpfte man zunächst ein Breites, Grobes, Blödes
auf den Prinzen. Endlich machte Johann Heinrich Sturm, der Präsident und
Hauptsaal zurück.
Der Prinz hatte übrigens, ohne daß er es recht wußte, das dunkle Gefühl,
dieser wilde und kennerische Kuß sei nicht ihr erster gewesen.
Im Elfer-Ausschuß des Parlaments war man schlechter Laune. Die
Schwangerschaft der Herzogin hatte sich als Irrtum herausgestellt, und jetzt
kam noch obendrein die Meldung von des Prinzen Karl Alexander
bevorstehender Vermählung mit einer Katholischen und seinem Uebertritt –
Rücktritt hatten es frecher Weise die Jesuiten genannt – in die römische
Kirche. Wollte man ehrlich sein, so mußte man sich sagen, daß man an
diesem höchst ärgerlichen Religionswechsel des populärsten Mannes im
Herzogtum nicht ganz unschuldig war.
Der Prälat Weißensee hatte auf die ersten Meldungen hin von dem
Verkehr des Prinzen mit den Regensburgern die Drähte erkannt, an denen
der Würzburger Hof und sein Freund Fichtel den Württemberger zogen. Er
war voll lächelnder Anerkennung für diese feine Strategie; aber bei dem
spielerischen, blutarmen Interesse, mit dem er seine Politik betrieb, ging
ihm der Abfall des Prinzen nicht sehr zu Herzen. Er sah natürlich voraus,
daß er im landschaftlichen Ausschuß als der eigentlich Schuldige, der die
Darlehensverweigerung vorgeschlagen hatte, schel werde angeschaut
werden. Aber er wußte, daß man sich von seiner Ueberlegenheit, wenn auch
leicht unbehaglich, werde überreden lassen, und hatte sich wirksame
Verteidigung zurechtgelegt. Des weiteren war er ehrlich überzeugt, daß
praktisch der Uebertritt des Prinzen nicht viel zu bedeuten habe. Wenn auch
die Hoffnung auf die Schwangerschaft der Herzogin zerplatzt war, es stand
noch so vieles zwischen dem Prinzen und dem Thron. Er fragte sich
ernstlich, ob eine so vage Aussicht die viele Mühe lohne, die die Jesuiten an
die Konversion des Prinzen gewandt. Jenun, das Herzogtum und sein
Parlament war auf Tatsachen gestellt, seiner Politik war kurze Frist
gegeben; aber die katholische Kirche, und er seufzte neidvoll, war so etwas
Altes, Stein-Ewiges, die Jesuiten hatten es gut, sie konnten säkulare Politik
treiben, mit langen Fristen für späte Generationen.
Im Elfer-Ausschuß schimpfte man zunächst ein Breites, Grobes, Blödes
auf den Prinzen. Endlich machte Johann Heinrich Sturm, der Präsident und
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Erste Sekretär, ein ernsthafter, bedachter, ruhevoller Mann, dem ziellosen,
unsachlichen Geschimpfe ein Ende und fragte nach positiven Vorschlägen.
Der grobe Bürgermeister von Brackenheim erklärte geradezu, eigentlich sei
Weißensee an allem schuld, und es sei seine verdammte Pflichtigkeit, das
Verrenkte wieder gerad zu machen.
Weißensee, lächelnd und beiläufig, fand, es sei nicht viel verrenkt.
Nachdem der Prinz so auf eins, zwei habe konvertieren können, sei wohl
für den rechten Glauben wenig an ihm verloren. Der Uebertritt habe für die
Katholischen nur Propagandawert, den Feldmarschall könne man
beglückwünschen, daß er jetzt aus der Geldklemme sei und die Landschaft
nicht weiter behelligen müsse. An andere praktische Folgen denke in der
wohllöblichen Versammlung doch selber niemand.
Aber der grobe Brackenheimer beharrte: wenn auch das Herzogspaar,
Gott sei Dank, noch rüstig sei und der Aussicht auf Nachfahrenschaft nicht
beraubt, wenn auch der Erbprinz da sei und gesund, nachdem Rom Politik
auf so weite Sicht mache, müsse man rechtzeitig Gegenminen legen.
Warum nicht? meinte leichthin Weißensee. Man könne sich ja, durchaus
unverbindlich und heimlich, ins Benehmen setzen mit des Prinzen Bruder
Friedrich Heinrich. Für alle Fälle nur, akademisch mehr. Von diesem
frommen und sanften Herrn drohe weder evangelischer noch ständischer
Freiheit die geringste Gefahr.
Beklommenheit, Schweigen, Bedenken auf den Elf. Roch das nicht ein
bißchen nach Hochverrat? Akademisch nur, gewiß, für alle Fälle nur,
unverbindlich nur. Immerhin.
Der Vorsitzer und Erste Sekretär, Sturm, der gerade, ehrliche Mann, eng
verhaftet seinem Vaterland, haßte so jesuitische Mittel. Er wußte
schmerzhaft, es war ohne sie nicht auszukommen. Aber nur in der äußersten
Not. Nur dann, nur dann.
Der Landschaftskonsulent, Hofgerichtsassessor Veit Ludwig Neuffer,
wollte von solchen Plänen nichts wissen. Der noch junge Mann, knochiges,
finsteres Gesicht, schwarzes, filziges Haar tief in die Stirn gewachsen, war
ursprünglich ein wilder Fürstenhasser gewesen und entbrannter Verehrer
aller Volksfreiheit. Seinem Vetter, der dem Prinzen Karl Alexander den
Kammerdiener machte, hatte er mit Schimpf und Hohn die Freundschaft
aufgesagt, trotzdem sie zusammen aufgewachsen waren in Haus und Spiel
und Schule. Jetzt aber, er hatte zuviel gesehen, war er knurrig resigniert, das
Böse war notwendig, er sehnte sich fast danach, mit dem grimmigen,
unsachlichen Geschimpfe ein Ende und fragte nach positiven Vorschlägen.
Der grobe Bürgermeister von Brackenheim erklärte geradezu, eigentlich sei
Weißensee an allem schuld, und es sei seine verdammte Pflichtigkeit, das
Verrenkte wieder gerad zu machen.
Weißensee, lächelnd und beiläufig, fand, es sei nicht viel verrenkt.
Nachdem der Prinz so auf eins, zwei habe konvertieren können, sei wohl
für den rechten Glauben wenig an ihm verloren. Der Uebertritt habe für die
Katholischen nur Propagandawert, den Feldmarschall könne man
beglückwünschen, daß er jetzt aus der Geldklemme sei und die Landschaft
nicht weiter behelligen müsse. An andere praktische Folgen denke in der
wohllöblichen Versammlung doch selber niemand.
Aber der grobe Brackenheimer beharrte: wenn auch das Herzogspaar,
Gott sei Dank, noch rüstig sei und der Aussicht auf Nachfahrenschaft nicht
beraubt, wenn auch der Erbprinz da sei und gesund, nachdem Rom Politik
auf so weite Sicht mache, müsse man rechtzeitig Gegenminen legen.
Warum nicht? meinte leichthin Weißensee. Man könne sich ja, durchaus
unverbindlich und heimlich, ins Benehmen setzen mit des Prinzen Bruder
Friedrich Heinrich. Für alle Fälle nur, akademisch mehr. Von diesem
frommen und sanften Herrn drohe weder evangelischer noch ständischer
Freiheit die geringste Gefahr.
Beklommenheit, Schweigen, Bedenken auf den Elf. Roch das nicht ein
bißchen nach Hochverrat? Akademisch nur, gewiß, für alle Fälle nur,
unverbindlich nur. Immerhin.
Der Vorsitzer und Erste Sekretär, Sturm, der gerade, ehrliche Mann, eng
verhaftet seinem Vaterland, haßte so jesuitische Mittel. Er wußte
schmerzhaft, es war ohne sie nicht auszukommen. Aber nur in der äußersten
Not. Nur dann, nur dann.
Der Landschaftskonsulent, Hofgerichtsassessor Veit Ludwig Neuffer,
wollte von solchen Plänen nichts wissen. Der noch junge Mann, knochiges,
finsteres Gesicht, schwarzes, filziges Haar tief in die Stirn gewachsen, war
ursprünglich ein wilder Fürstenhasser gewesen und entbrannter Verehrer
aller Volksfreiheit. Seinem Vetter, der dem Prinzen Karl Alexander den
Kammerdiener machte, hatte er mit Schimpf und Hohn die Freundschaft
aufgesagt, trotzdem sie zusammen aufgewachsen waren in Haus und Spiel
und Schule. Jetzt aber, er hatte zuviel gesehen, war er knurrig resigniert, das
Böse war notwendig, er sehnte sich fast danach, mit dem grimmigen,
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zerstörerischen Wunsch nach Bestätigung, nach immer mehr Befestigung
seines bitteren Wissens. Ja, anläßlich des Wildbader Aufenthalts hatte er
seinen Vetter, den Kammerdiener, wieder gesehen, wenn er ehrlich sein
wollte, hatte er ihn geradezu aufgesucht, und er hatte sich auf eine
merkwürdige, höhnische, bissige Art mit ihm ausgesöhnt. Hatte der doch
recht. Das war nun offenbar Naturgesetz, das mußte so sein: einige wenige
standen droben, und die andern waren alle Hundsfötter, Stiefellecker. Ein
Katholik auf dem württembergischen Thron? Gut so, das war eben
Fürstenrecht, göttliche Schickung, und das Volk, Kotz Donner, hatte sich zu
fügen.
Der geschmeidige Weißensee, immer sacht und beiläufig, explizierte
weiter. Belgrad sei weit, es handle sich ja nur um Theoretisches, um
Sicherungen für Eventualia, Problematisches. Selbstverständlich dürfe
Geschriebenes nicht aus der Hand gegeben werden. Und das Corpus
Evangelicorum habe man auf seiner Seite.
Die Schädel stierten, schwer, unbehaglich. Auch schon die entfernteste
Möglichkeit eines katholischen Herzogs schien unfaßbar, unerträglich,
machte krank. Ein katholischer Fürst war nicht anders denkbar denn als
Despot, als Tyrann. Und dieser gar mit seinen Beziehungen zum Wiener
Hof, dem Erzfeind aller Religionsfreiheit, jeder parlamentarischen
Selbständigkeit. Die schönen Freiheiten! Sie Elf, die da saßen, rieten,
tagten, sie waren diese Freiheit. Sie waren bedroht, sie selber, sie persönlich
durch den katholischen Prinzen.
Man beschloß, Weißensee solle mit dem Bruder des Feldmarschalls
verhandeln, mit dem sanften, protestantischen, ungefährlichen Prinzen
Friedrich Heinrich. Aber ganz privatim und ganz unverbindlich und in aller,
aller Heimlichkeit.
In Regensburg, im Dom, bei der Trauung Karl Alexanders, Geläut,
Weihrauch, eine glänzende Versammlung. Der Kaiser hatte einen
Abgesandten geschickt, der päpstliche Nuntius Passionei war da mit einem
Handschreiben des Heiligen Vaters, der Fürstbischof von Würzburg, die
besten Repräsentanten der kaiserlichen Armee, unter ihnen Karl Alexanders
vertrautester Freund, der General Franz Josef Remchingen, der
seines bitteren Wissens. Ja, anläßlich des Wildbader Aufenthalts hatte er
seinen Vetter, den Kammerdiener, wieder gesehen, wenn er ehrlich sein
wollte, hatte er ihn geradezu aufgesucht, und er hatte sich auf eine
merkwürdige, höhnische, bissige Art mit ihm ausgesöhnt. Hatte der doch
recht. Das war nun offenbar Naturgesetz, das mußte so sein: einige wenige
standen droben, und die andern waren alle Hundsfötter, Stiefellecker. Ein
Katholik auf dem württembergischen Thron? Gut so, das war eben
Fürstenrecht, göttliche Schickung, und das Volk, Kotz Donner, hatte sich zu
fügen.
Der geschmeidige Weißensee, immer sacht und beiläufig, explizierte
weiter. Belgrad sei weit, es handle sich ja nur um Theoretisches, um
Sicherungen für Eventualia, Problematisches. Selbstverständlich dürfe
Geschriebenes nicht aus der Hand gegeben werden. Und das Corpus
Evangelicorum habe man auf seiner Seite.
Die Schädel stierten, schwer, unbehaglich. Auch schon die entfernteste
Möglichkeit eines katholischen Herzogs schien unfaßbar, unerträglich,
machte krank. Ein katholischer Fürst war nicht anders denkbar denn als
Despot, als Tyrann. Und dieser gar mit seinen Beziehungen zum Wiener
Hof, dem Erzfeind aller Religionsfreiheit, jeder parlamentarischen
Selbständigkeit. Die schönen Freiheiten! Sie Elf, die da saßen, rieten,
tagten, sie waren diese Freiheit. Sie waren bedroht, sie selber, sie persönlich
durch den katholischen Prinzen.
Man beschloß, Weißensee solle mit dem Bruder des Feldmarschalls
verhandeln, mit dem sanften, protestantischen, ungefährlichen Prinzen
Friedrich Heinrich. Aber ganz privatim und ganz unverbindlich und in aller,
aller Heimlichkeit.
In Regensburg, im Dom, bei der Trauung Karl Alexanders, Geläut,
Weihrauch, eine glänzende Versammlung. Der Kaiser hatte einen
Abgesandten geschickt, der päpstliche Nuntius Passionei war da mit einem
Handschreiben des Heiligen Vaters, der Fürstbischof von Würzburg, die
besten Repräsentanten der kaiserlichen Armee, unter ihnen Karl Alexanders
vertrautester Freund, der General Franz Josef Remchingen, der
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Jesuitenzögling, rotes, wulstiges, gewalttätiges Gesicht, weinselig leuchtend
unter der weißen Perücke.
Kein schöneres Brautpaar im römischen Reich. Der Prinz ragend wie
eine Zeder, prunkend mit dem Stab des Feldmarschalls, dem Orden des
goldenen Vließes. Marie Auguste, den kleinen, ziervollen Kopf leuchtend
im Glanz alten edlen Marmors über weißem Atlas und Brokat, um die Brust
die Schärpe des Thurn- und Taxisschen Hausordens, an den Puffärmeln in
blassem Gold den Stern des Kaisers, im Ausschnitt das Kreuz des
päpstlichen Ordens. Weich federnden Schrittes, unter der Brautkrone, einem
Wunderwerk der Juwelierkunst, zu dem Süß die einzelnen Teile überall aus
Europa zusammengestöbert, trug sie ihr junges, schwer deutbares Lächeln
in den Dom.
Höchst unbefangen war sie und eher geneigt, in all der Feierlichkeit und
Gravität überall einen Rest von Komik zu erspähen. Mit der lässigen
Neugier ihrer fließenden Augen musterte sie die Gäste, und während der
Bischof sie feierte, daß sie den großen Türkensieger, den Löwen in der
Schlacht, dem christkatholischen Glauben rückgewonnen habe, dachte sie,
daß sicher der Geheimrat Fichtel sich während des ganzen Banketts nur auf
seinen Kaffee freuen werde. Und wie komisch es sei, daß jetzt der Jude
feierlich im Dom stehe. Er sei übrigens ganz nett und amüsant und gar nicht
werwolfartig, wie sie sich ursprünglich die Juden vorgestellt. Eigentlich
seien seine Manschetten sogar mehr à la mode wie die ihres Mannes.
Komisch, jetzt hatte sie also einen Mann. Und sicher wird jetzt der Jud mit
seinen großen, fliegenden Augen aus dem weißen Gesicht ihren Nacken
unter dem Brautschleier anstarren.
Und es flackerten feierliche Kerzen, es brauste die Orgel, es wölkte der
Weihrauch, es leuchteten selige Knabenstimmen zum Himmel.
Andern Tages noch, während Trompeten aus Silber zum Bankett riefen,
bestiegen die Neuvermählten die Yacht, die sie die Donau hinunterführen
sollte, ein Geschenk des Fürsten. Sie reisten mit großem Hofstaat, Jägern,
Dienern, Heiducken, Zofen. Am Kiel hockte, die Beine gekreuzt, Otman,
der Schwarzbraune, starrte aus uralten, grundlosen Tieraugen die Donau
hinunter.
Am Ufer standen der Fürst, der Würzburger Bischof, der Geheimrat
Fichtel, weiter rückwärts zwischen ihnen und der Dienerschaft Josef Süß.
Leichter Wind wehte, die Luft war hell und anregend, man war fröhlich
gelaunt. Scherzworte flogen zum Ufer und zurück, während die Anker
unter der weißen Perücke.
Kein schöneres Brautpaar im römischen Reich. Der Prinz ragend wie
eine Zeder, prunkend mit dem Stab des Feldmarschalls, dem Orden des
goldenen Vließes. Marie Auguste, den kleinen, ziervollen Kopf leuchtend
im Glanz alten edlen Marmors über weißem Atlas und Brokat, um die Brust
die Schärpe des Thurn- und Taxisschen Hausordens, an den Puffärmeln in
blassem Gold den Stern des Kaisers, im Ausschnitt das Kreuz des
päpstlichen Ordens. Weich federnden Schrittes, unter der Brautkrone, einem
Wunderwerk der Juwelierkunst, zu dem Süß die einzelnen Teile überall aus
Europa zusammengestöbert, trug sie ihr junges, schwer deutbares Lächeln
in den Dom.
Höchst unbefangen war sie und eher geneigt, in all der Feierlichkeit und
Gravität überall einen Rest von Komik zu erspähen. Mit der lässigen
Neugier ihrer fließenden Augen musterte sie die Gäste, und während der
Bischof sie feierte, daß sie den großen Türkensieger, den Löwen in der
Schlacht, dem christkatholischen Glauben rückgewonnen habe, dachte sie,
daß sicher der Geheimrat Fichtel sich während des ganzen Banketts nur auf
seinen Kaffee freuen werde. Und wie komisch es sei, daß jetzt der Jude
feierlich im Dom stehe. Er sei übrigens ganz nett und amüsant und gar nicht
werwolfartig, wie sie sich ursprünglich die Juden vorgestellt. Eigentlich
seien seine Manschetten sogar mehr à la mode wie die ihres Mannes.
Komisch, jetzt hatte sie also einen Mann. Und sicher wird jetzt der Jud mit
seinen großen, fliegenden Augen aus dem weißen Gesicht ihren Nacken
unter dem Brautschleier anstarren.
Und es flackerten feierliche Kerzen, es brauste die Orgel, es wölkte der
Weihrauch, es leuchteten selige Knabenstimmen zum Himmel.
Andern Tages noch, während Trompeten aus Silber zum Bankett riefen,
bestiegen die Neuvermählten die Yacht, die sie die Donau hinunterführen
sollte, ein Geschenk des Fürsten. Sie reisten mit großem Hofstaat, Jägern,
Dienern, Heiducken, Zofen. Am Kiel hockte, die Beine gekreuzt, Otman,
der Schwarzbraune, starrte aus uralten, grundlosen Tieraugen die Donau
hinunter.
Am Ufer standen der Fürst, der Würzburger Bischof, der Geheimrat
Fichtel, weiter rückwärts zwischen ihnen und der Dienerschaft Josef Süß.
Leichter Wind wehte, die Luft war hell und anregend, man war fröhlich
gelaunt. Scherzworte flogen zum Ufer und zurück, während die Anker
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heraufgeholt wurden. Marie Auguste stand in einem hellen, heitern
Reisekleid, beschattete die Augen, schaute auf den weichenden Hafen. Der
Fürst und der Geheimrat hatten sich schon zurückgewandt, das Letzte, was
sie sah, war das schlaue, zufriedene Antlitz des Jesuiten und, elegant und in
einer Haltung hemmungsloser Ergebenheit, der Jude.
„Ich hätte nie geglaubt,“ lächelte sie zu Karl Alexander, „daß jemand so
elegant sein könnte und dabei so demütig wie dein guter Jud.“ „Der gute
Jud!“ lachte dröhnend der Prinz. „Städte und Dörfer könnte man sich
kaufen um das, was der uns beschissen hat.“ Und auf ihr erstauntes Gesicht
erklärte er sachlich: „Das ist sein gutes Recht. Dafür ist er ein Jud. Aber er
ist sehr verwendbar,“ fügte er voll Anerkennung hinzu; „er schafft alles,
Juwelen, Möbel, Dörfer, Menschen. Sogar Alchimie und schwarze Kunst.“
Lachend erzählte er ihr die Geschichte von Rabbi Gabriel. „Da hat er mich
schön beschissen, dein guter Jud. Eine Krone! Da sind noch zwei
dazwischen. Der Erbprinz ist pudelgesund. Auf der Jagd war er, wie er mir
seinen Gratulationsbrief schrieb. Und der Herzog, ob seine Herzogin noch
so sauer ist, wenn’s der Teufel will, kann sie doch Kinder kriegen wie
Kaninchen.“ Und er lachte schallend und tätschelte ihre Hand, während das
Schiff in leichtem Wind zwischen heiteren Ufern die blaugrünen Wellen
hinunterglitt.
Vorne hockte reglos der Schwarzbraune und starrte über den Kiel nach
Osten. In den Augen der Prinzessin waren die letzten Bilder der Heimat, das
schlau fröhliche des Jesuiten und das servil elegante des Juden.
Noch bevor sie an der serbischen Grenze waren, erreichte sie eine Staffette
des Süß. „Er hat es wichtig, dein Jud,“ lächelte Marie Auguste. „Was hat er
denn so eilig zu verkaufen?“
Karl Alexander riß die Depesche auf, las. Der Erbprinz war gestorben,
unvermutet, während der Stuttgarter Hof einen Ball hielt.
Er reichte das Papier der Prinzessin. Das Blut schoß ihm zu Kopf, er
hörte eine knarrende, mißlaunige Stimme, sah durch sein tanzendes Blut
über trübgrauen, steintraurigen Augen drei kurze, tiefe Furchen, drohend,
unheimlich wie ein fremder, verschlossener Buchstab.
Reisekleid, beschattete die Augen, schaute auf den weichenden Hafen. Der
Fürst und der Geheimrat hatten sich schon zurückgewandt, das Letzte, was
sie sah, war das schlaue, zufriedene Antlitz des Jesuiten und, elegant und in
einer Haltung hemmungsloser Ergebenheit, der Jude.
„Ich hätte nie geglaubt,“ lächelte sie zu Karl Alexander, „daß jemand so
elegant sein könnte und dabei so demütig wie dein guter Jud.“ „Der gute
Jud!“ lachte dröhnend der Prinz. „Städte und Dörfer könnte man sich
kaufen um das, was der uns beschissen hat.“ Und auf ihr erstauntes Gesicht
erklärte er sachlich: „Das ist sein gutes Recht. Dafür ist er ein Jud. Aber er
ist sehr verwendbar,“ fügte er voll Anerkennung hinzu; „er schafft alles,
Juwelen, Möbel, Dörfer, Menschen. Sogar Alchimie und schwarze Kunst.“
Lachend erzählte er ihr die Geschichte von Rabbi Gabriel. „Da hat er mich
schön beschissen, dein guter Jud. Eine Krone! Da sind noch zwei
dazwischen. Der Erbprinz ist pudelgesund. Auf der Jagd war er, wie er mir
seinen Gratulationsbrief schrieb. Und der Herzog, ob seine Herzogin noch
so sauer ist, wenn’s der Teufel will, kann sie doch Kinder kriegen wie
Kaninchen.“ Und er lachte schallend und tätschelte ihre Hand, während das
Schiff in leichtem Wind zwischen heiteren Ufern die blaugrünen Wellen
hinunterglitt.
Vorne hockte reglos der Schwarzbraune und starrte über den Kiel nach
Osten. In den Augen der Prinzessin waren die letzten Bilder der Heimat, das
schlau fröhliche des Jesuiten und das servil elegante des Juden.
Noch bevor sie an der serbischen Grenze waren, erreichte sie eine Staffette
des Süß. „Er hat es wichtig, dein Jud,“ lächelte Marie Auguste. „Was hat er
denn so eilig zu verkaufen?“
Karl Alexander riß die Depesche auf, las. Der Erbprinz war gestorben,
unvermutet, während der Stuttgarter Hof einen Ball hielt.
Er reichte das Papier der Prinzessin. Das Blut schoß ihm zu Kopf, er
hörte eine knarrende, mißlaunige Stimme, sah durch sein tanzendes Blut
über trübgrauen, steintraurigen Augen drei kurze, tiefe Furchen, drohend,
unheimlich wie ein fremder, verschlossener Buchstab.
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Zweites Buch
Das Volk
Das Volk
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Page 86
Zweiundsiebzig Städte zählte das Herzogtum Württemberg und vierhundert
Dörfer. Getreide wuchs, Obst, Wein. Ein schöner, edler Garten im
römischen Reich hieß das Herzogtum. Bürger und Bauern waren heiter,
gesellig, willig, geweckt. Geduldig nahmen sie das Regiment ihrer Fürsten
hin. Hatten sie einen guten Fürsten, so frohlockten sie; war er schlecht, so
war dies Fügung des Himmels, Züchtigung des Herrgotts. An zehn
Goldgulden zinste jeder Württemberger, Mann, Weib, Kind, den
herzoglichen Renteien.
War der Herzog gut, war der Herzog schlecht, Sonne kam und Regen
kam, Weizen wuchs, Wein wuchs, gesegnet lag das Land.
Aber Fäden spannen sich von allen Seiten, Hände langten, Augen gierten,
von allen Seiten wob sich Gespinst über das Land.
In Paris saß der fünfzehnte Ludwig und seine Minister. Ein Stück
Württemberg, die Grafschaft Mömpelgard, war von seinem Gebiet
eingezirkelt, er wartete nur darauf, sie zu verschlucken. In Berlin saß die
Gräfin, zettelte mit der Reichsritterschaft, suchte hier und dort noch Letztes
zu erquetschen, in Frankfurt und Heidelberg lauerten Isaak Landauer und
Josef Süß, dem Herzogtum ihre Schrauben anzusetzen, der Staatssekretär
des Papstes wob Fäden von Rom nach Würzburg zum Fürstbischof, das
Land der Mitra zu unterwerfen, in Wien die kaiserlichen Räte ertiftelten von
dem Erbprinzen, dem Katholiken, Feldmarschall des Kaisers, neue
Verträge, Bindungen von Stuttgart nach Wien, in Regensburg der alte Fürst
Thurn und Taxis blinzelte herüber, und in Belgrad der Feldmarschall Karl
Alexander und Remchingen, sein Freund und General, wogen große Pläne.
Sie alle saßen, warteten im Kreis, beschielten sich mißtrauisch, warfen
ihre großen, stummen Schatten über das Land.
Und Sonne kam, Regen kam. Weizen wuchs, Obst, Wein. Das Land lag
gesegnet.
In den ersten Novembertagen starb so jäh, wie er zumeist beschlossen und
gewirkt und gelebt hatte, Eberhard Ludwig, von Gottes Gnaden Herzog zu
Württemberg und Teck, der römischen kaiserlichen Majestät, des heiligen
römischen Reiches und des löblichen schwäbischen Kreises
Dörfer. Getreide wuchs, Obst, Wein. Ein schöner, edler Garten im
römischen Reich hieß das Herzogtum. Bürger und Bauern waren heiter,
gesellig, willig, geweckt. Geduldig nahmen sie das Regiment ihrer Fürsten
hin. Hatten sie einen guten Fürsten, so frohlockten sie; war er schlecht, so
war dies Fügung des Himmels, Züchtigung des Herrgotts. An zehn
Goldgulden zinste jeder Württemberger, Mann, Weib, Kind, den
herzoglichen Renteien.
War der Herzog gut, war der Herzog schlecht, Sonne kam und Regen
kam, Weizen wuchs, Wein wuchs, gesegnet lag das Land.
Aber Fäden spannen sich von allen Seiten, Hände langten, Augen gierten,
von allen Seiten wob sich Gespinst über das Land.
In Paris saß der fünfzehnte Ludwig und seine Minister. Ein Stück
Württemberg, die Grafschaft Mömpelgard, war von seinem Gebiet
eingezirkelt, er wartete nur darauf, sie zu verschlucken. In Berlin saß die
Gräfin, zettelte mit der Reichsritterschaft, suchte hier und dort noch Letztes
zu erquetschen, in Frankfurt und Heidelberg lauerten Isaak Landauer und
Josef Süß, dem Herzogtum ihre Schrauben anzusetzen, der Staatssekretär
des Papstes wob Fäden von Rom nach Würzburg zum Fürstbischof, das
Land der Mitra zu unterwerfen, in Wien die kaiserlichen Räte ertiftelten von
dem Erbprinzen, dem Katholiken, Feldmarschall des Kaisers, neue
Verträge, Bindungen von Stuttgart nach Wien, in Regensburg der alte Fürst
Thurn und Taxis blinzelte herüber, und in Belgrad der Feldmarschall Karl
Alexander und Remchingen, sein Freund und General, wogen große Pläne.
Sie alle saßen, warteten im Kreis, beschielten sich mißtrauisch, warfen
ihre großen, stummen Schatten über das Land.
Und Sonne kam, Regen kam. Weizen wuchs, Obst, Wein. Das Land lag
gesegnet.
In den ersten Novembertagen starb so jäh, wie er zumeist beschlossen und
gewirkt und gelebt hatte, Eberhard Ludwig, von Gottes Gnaden Herzog zu
Württemberg und Teck, der römischen kaiserlichen Majestät, des heiligen
römischen Reiches und des löblichen schwäbischen Kreises
Page 87
Generalfeldmarschall, auch Oberster über drei Regimenter zu Roß und zu
Fuß.
Auf mächtigem Katafalk lag er nun, das Gesicht bläulichgelb vom
Stickfluß, in großer Uniform mit vielen Orden, daraus der dänische
Elefantenorden und der preußische Schwarze Adler hervorprunkten, viele
Lichter um ihn, zu Häupten und zu Füßen auf Totenwacht zwei Leutnants.
Kümmerlich hockte in dem großen, schweigenden Raum verstaubt und
sauer Johanna Elisabetha, die Herzogin. Ihr Triumph hatte so kurz gedauert;
und daß der Mann, der mit so zähem Warten, so blutigem Schweiß
erkämpfte, jetzt nach den wenigen Monaten blau und tot und erstickt dalag,
das hatte die andere ihm angewünscht, die Mecklenburgerin, die Hexerin,
die Person. Aber sie saß da, sie allein, nicht die andere. Wer künftig in
Württemberg herrschte, war ihr gleich. Der Katholik wahrscheinlich, mit
seiner hochmütigen, leichtfertig aufgeputzten Frau. Aber sie war so
ausgehöhlt, das interessierte sie nicht. Sie hatte nur mehr ein Geschäft auf
der Welt: den zähen Brei ihrer Rache gar zu kochen. Noch saßen die
Verwandten der Person an den Futternäpfen des Herzogtums, noch glänzte
die Person in Reichtum und großem Glanz, noch zog sie durch hundert
kleine Kanäle, durch die Verwalter ihrer Liegenschaften, durch ihre
verfluchten Juden den Saft des Landes an sich. Jetzt, nun Eberhard Ludwig
tot war, hatte sie keinen Schutz mehr, galt keine Rücksicht mehr. Sie, die
Herzogin, wird sie von neuem peinlich anklagen, bei dem neuen Herzog,
bei Kaiser und Reich. Die Person hatte ihr nach dem Leben getrachtet, sie
hatte dem Erbprinzen, sie hatte dem Herzog den Tod angehext. Sie wird, die
Herzogin, sich jetzt nicht im ersten Sturm ausgeben. Aber sie wird nicht
ablassen von ihr; sie wird nicht schreien, aber ihre grämliche Stimme wird
nicht schweigen, bis die andere bloß steht und in Lumpen und all ihrer
Schmach. So saß sie an dem stolzen Katafalk, grau und kümmerlich, und
drehte den armen Rest ihres Lebens in der Hand, und die schweren Blüten
aus den Treibhäusern dufteten, und die großen Kerzen schwelten, und die
Leutnants standen mit bloßem Degen und hielten Totenwacht.
Die Bürger, wie die Herolde den Tod des Herzogs verkündeten, nahmen
die Hüte ab, waren ergriffen. Jetzt, wo der Herzog tot war, sahen sie nur
mehr seine Stattlichkeit, Leutseligkeit, soldatische Tugend, Pracht, Eleganz,
und sie waren geneigt, alles Elend seiner Regierung allein und
ausschließlich der Gräfin und ihrer Hexerei zuzuschreiben. Nicht nur das
Geld, das sie dem Land erpreßt hatte, wog man ihrer Schuld zu, man fluchte
Fuß.
Auf mächtigem Katafalk lag er nun, das Gesicht bläulichgelb vom
Stickfluß, in großer Uniform mit vielen Orden, daraus der dänische
Elefantenorden und der preußische Schwarze Adler hervorprunkten, viele
Lichter um ihn, zu Häupten und zu Füßen auf Totenwacht zwei Leutnants.
Kümmerlich hockte in dem großen, schweigenden Raum verstaubt und
sauer Johanna Elisabetha, die Herzogin. Ihr Triumph hatte so kurz gedauert;
und daß der Mann, der mit so zähem Warten, so blutigem Schweiß
erkämpfte, jetzt nach den wenigen Monaten blau und tot und erstickt dalag,
das hatte die andere ihm angewünscht, die Mecklenburgerin, die Hexerin,
die Person. Aber sie saß da, sie allein, nicht die andere. Wer künftig in
Württemberg herrschte, war ihr gleich. Der Katholik wahrscheinlich, mit
seiner hochmütigen, leichtfertig aufgeputzten Frau. Aber sie war so
ausgehöhlt, das interessierte sie nicht. Sie hatte nur mehr ein Geschäft auf
der Welt: den zähen Brei ihrer Rache gar zu kochen. Noch saßen die
Verwandten der Person an den Futternäpfen des Herzogtums, noch glänzte
die Person in Reichtum und großem Glanz, noch zog sie durch hundert
kleine Kanäle, durch die Verwalter ihrer Liegenschaften, durch ihre
verfluchten Juden den Saft des Landes an sich. Jetzt, nun Eberhard Ludwig
tot war, hatte sie keinen Schutz mehr, galt keine Rücksicht mehr. Sie, die
Herzogin, wird sie von neuem peinlich anklagen, bei dem neuen Herzog,
bei Kaiser und Reich. Die Person hatte ihr nach dem Leben getrachtet, sie
hatte dem Erbprinzen, sie hatte dem Herzog den Tod angehext. Sie wird, die
Herzogin, sich jetzt nicht im ersten Sturm ausgeben. Aber sie wird nicht
ablassen von ihr; sie wird nicht schreien, aber ihre grämliche Stimme wird
nicht schweigen, bis die andere bloß steht und in Lumpen und all ihrer
Schmach. So saß sie an dem stolzen Katafalk, grau und kümmerlich, und
drehte den armen Rest ihres Lebens in der Hand, und die schweren Blüten
aus den Treibhäusern dufteten, und die großen Kerzen schwelten, und die
Leutnants standen mit bloßem Degen und hielten Totenwacht.
Die Bürger, wie die Herolde den Tod des Herzogs verkündeten, nahmen
die Hüte ab, waren ergriffen. Jetzt, wo der Herzog tot war, sahen sie nur
mehr seine Stattlichkeit, Leutseligkeit, soldatische Tugend, Pracht, Eleganz,
und sie waren geneigt, alles Elend seiner Regierung allein und
ausschließlich der Gräfin und ihrer Hexerei zuzuschreiben. Nicht nur das
Geld, das sie dem Land erpreßt hatte, wog man ihrer Schuld zu, man fluchte
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auch alle Verdammnis und Pestilenz auf sie herab, weil durch sie das alte
festbegründete Ansehen des Fürstenhauses in Deutschland erschüttert und
manche vorteilhafte Gelegenheit, neue Rechte und Vorzüge zu erlangen,
verloren worden sei; denn man habe, um den kaiserlichen Hof nicht zu
erzürnen, überall gar vorsichtig und behutsam agieren müssen, auch habe
gewöhnlich gerade zur rechten Zeit das Geld mankiert. Und immer tiefer in
den Kot sank das Bild der Gräfin, und immer leuchtender stieg der Herzog,
und die Weiber wischten sich die Augen: Und so prächtig war er, und so
freundselig sprach er mit jedem, so ein guter Herr, so ein schöner Herr!
Und es liefen, fuhren, ritten die Kuriere. Einer nach Frankfurt, da
wackelte Isaak Landauer mit dem Kopf, rieb sich die fröstelnden Hände
und sagte: „Ei, da wird der Reb Josef Süß es wichtig haben und große
Geschäfte.“ Einer nach Berlin, da setzte der Gräfin das Herz aus und sie fiel
ohnmächtig auf den Estrich. Einer nach Würzburg, da lächelte der dicke,
lustige Fürstbischof und rief seinen Geheimrat Fichtel zu sich, und einer
nach Belgrad, da atmete der Prinz Karl Alexander, jetzt Herzog, Herzog
jetzt! hoch auf und er sah sich den Krieg hineintragen tief nach Frankreich,
und er sah seine Hände drehen an den Speichen der Welt. Ueber dem allem
aber und gleichzeitig sah er trübgraue Augen, hörte er eine mürrisch
knarrende Stimme: „Ich sehe ein Erstes und ein Zweites. Das Erste sag ich
Euch nicht.“ Und er betrachtete nachdenklich seine Hand, eine
merkwürdige Hand, ihr Inneres war fleischig, fett, kurz, während ihr
Rücken schmal, lang, behaart, knochig erschien.
Vor dem Spiegel aber stand Marie Auguste, da stand sie oft, und war
nackt und lächelte. Mit den langen Augen unter der klaren, leichten Stirn
beschaute sie ihren Leib, der weich war und schlank und von der Farbe
alten, edeln Marmors. Sie dehnte sich wellig, der kleine, eidechsenhafte
Kopf mit den sehr roten Lippen lächelte tiefer. Es war schön, jetzt nach
Stuttgart zu fahren, durch huldigendes Volk, in goldenem Wagen, als
Herzogin. Es war auch hier schön gewesen, in Belgrad, thronend über den
wilden, begehrlichen, verehrenden, barbarischen Menschen. Aber es war
sehr willkommen, jetzt am Kaiserhof und an den andern deutschen Höfen
Verehrung aufwölken zu sehen wie Weihrauch. Sie wird die Herzogskrone
ohne Perücke tragen, es war gegen die Mode, aber sie wird es doch tun, und
die Krone wird klein und hoch und sehr stolz auf dem strahlendschwarzen
Haar sitzen. Sie hob, die nackte Frau, mit halb hieratischer, halb obszöner
Gebärde beide Arme eckig zum Kopf, daß das schwarze Gekräusel in den
festbegründete Ansehen des Fürstenhauses in Deutschland erschüttert und
manche vorteilhafte Gelegenheit, neue Rechte und Vorzüge zu erlangen,
verloren worden sei; denn man habe, um den kaiserlichen Hof nicht zu
erzürnen, überall gar vorsichtig und behutsam agieren müssen, auch habe
gewöhnlich gerade zur rechten Zeit das Geld mankiert. Und immer tiefer in
den Kot sank das Bild der Gräfin, und immer leuchtender stieg der Herzog,
und die Weiber wischten sich die Augen: Und so prächtig war er, und so
freundselig sprach er mit jedem, so ein guter Herr, so ein schöner Herr!
Und es liefen, fuhren, ritten die Kuriere. Einer nach Frankfurt, da
wackelte Isaak Landauer mit dem Kopf, rieb sich die fröstelnden Hände
und sagte: „Ei, da wird der Reb Josef Süß es wichtig haben und große
Geschäfte.“ Einer nach Berlin, da setzte der Gräfin das Herz aus und sie fiel
ohnmächtig auf den Estrich. Einer nach Würzburg, da lächelte der dicke,
lustige Fürstbischof und rief seinen Geheimrat Fichtel zu sich, und einer
nach Belgrad, da atmete der Prinz Karl Alexander, jetzt Herzog, Herzog
jetzt! hoch auf und er sah sich den Krieg hineintragen tief nach Frankreich,
und er sah seine Hände drehen an den Speichen der Welt. Ueber dem allem
aber und gleichzeitig sah er trübgraue Augen, hörte er eine mürrisch
knarrende Stimme: „Ich sehe ein Erstes und ein Zweites. Das Erste sag ich
Euch nicht.“ Und er betrachtete nachdenklich seine Hand, eine
merkwürdige Hand, ihr Inneres war fleischig, fett, kurz, während ihr
Rücken schmal, lang, behaart, knochig erschien.
Vor dem Spiegel aber stand Marie Auguste, da stand sie oft, und war
nackt und lächelte. Mit den langen Augen unter der klaren, leichten Stirn
beschaute sie ihren Leib, der weich war und schlank und von der Farbe
alten, edeln Marmors. Sie dehnte sich wellig, der kleine, eidechsenhafte
Kopf mit den sehr roten Lippen lächelte tiefer. Es war schön, jetzt nach
Stuttgart zu fahren, durch huldigendes Volk, in goldenem Wagen, als
Herzogin. Es war auch hier schön gewesen, in Belgrad, thronend über den
wilden, begehrlichen, verehrenden, barbarischen Menschen. Aber es war
sehr willkommen, jetzt am Kaiserhof und an den andern deutschen Höfen
Verehrung aufwölken zu sehen wie Weihrauch. Sie wird die Herzogskrone
ohne Perücke tragen, es war gegen die Mode, aber sie wird es doch tun, und
die Krone wird klein und hoch und sehr stolz auf dem strahlendschwarzen
Haar sitzen. Sie hob, die nackte Frau, mit halb hieratischer, halb obszöner
Gebärde beide Arme eckig zum Kopf, daß das schwarze Gekräusel in den
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Achseln sichtbar war, und feucht atmend, lächelnd, schritt sie mit
biegsamen Schritten, tanzend fast, durch das Zimmer. Viele Herren werden
an ihrem Hofe sein, deutsche, italienische, französische, nicht halbwilde
wie hier; man wird ja nah an Versailles sein. Und viele, die halb frech, halb
bewundernd die Prinzessin beschaut hatten, wie werden sie jetzt die
Herzogin beschauen. Auch der Leibjude wird wieder am Rande ihres
Kreises stehen, der hemmungslos galante, sie zuckte amüsiert die Lippen.
Ah, es war gut, schön zu sein, es war gut, reich zu sein, es war gut,
Herzogin zu sein. Wie herrlich, daß es Männer gab und schöne Kleider und
Kronen und Lichter und Feste. Es war eine schöne Welt, es war schön zu
leben.
Auf Schloß Winnenthal, vier Stunden nur vor Stuttgart, fiel Karl
Alexanders Bruder, der sanfte Prinz Heinrich Friedrich, in tiefe Verwirrung,
als er den Tod des Vetters erfuhr. Er lebte still in dem schönen, kleinen
Schloß, las, musizierte. In den letzten Jahren hatte er eine Geliebte zu sich
genommen, ein ruhiges, dunkelblondes Geschöpf, die Tochter eines kleinen
Landedelmannes, mit weichen Bewegungen, schönen, tiefbefriedeten
Augen und etwas schwer von Verstand. Als der Prälat Weißensee zu ihm
gekommen war mit dem Projekt, ihm an Stelle des katholischen Bruders
den Thron zuzuwenden, hatte der verträumte Mann mit beiden Händen
zugegriffen. Aber der kluge Prälat mußte bald erkennen, daß der Prinz in
seiner fahrigen, unsachlichen Manier politische Dinge als Phantasien
betrachtete und sich in Farbig-Nebelhaftes verlor. Nein, mit diesem
Prätendenten konnte man gegen den energischen, zufahrenden Karl
Alexander nichts ausrichten. Nach dem Tod des Erbprinzen, als die
Nachfolgerschaft aus müßigem Geträum greifbare Wirklichkeit hätte
werden können, traf gar aus Belgrad – weiß der Himmel, woher der
Feldmarschall von den Zetteleien mochte erfahren haben – ein
unzweideutiges Schreiben ein, darin Karl Alexander den Bruder ernstlich
vermahnte, von solchen Umtrieben und schnöder Aktion abzulassen.
Erschreckt und verschüchtert zog sich der sanfte Prinz von allen
Unternehmungen zurück, ja, er vermied in großer Angst jeden Umgang mit
Weißensee. Jetzt, wie er den Tod des Herzogs erfuhr, stand all das bunte,
phantastische Geträume wieder auf. Schwitzend, mit zittrigen Gliedern,
groß erregt, ging der schwächliche Mann in dem fahlen Morgen herum,
dichtete sich zusammen, was alles sein könnte, wenn er nur ein bißchen
mehr Initiative hätte, wie er von der Macht Besitz ergriffe, an den Kaiser
biegsamen Schritten, tanzend fast, durch das Zimmer. Viele Herren werden
an ihrem Hofe sein, deutsche, italienische, französische, nicht halbwilde
wie hier; man wird ja nah an Versailles sein. Und viele, die halb frech, halb
bewundernd die Prinzessin beschaut hatten, wie werden sie jetzt die
Herzogin beschauen. Auch der Leibjude wird wieder am Rande ihres
Kreises stehen, der hemmungslos galante, sie zuckte amüsiert die Lippen.
Ah, es war gut, schön zu sein, es war gut, reich zu sein, es war gut,
Herzogin zu sein. Wie herrlich, daß es Männer gab und schöne Kleider und
Kronen und Lichter und Feste. Es war eine schöne Welt, es war schön zu
leben.
Auf Schloß Winnenthal, vier Stunden nur vor Stuttgart, fiel Karl
Alexanders Bruder, der sanfte Prinz Heinrich Friedrich, in tiefe Verwirrung,
als er den Tod des Vetters erfuhr. Er lebte still in dem schönen, kleinen
Schloß, las, musizierte. In den letzten Jahren hatte er eine Geliebte zu sich
genommen, ein ruhiges, dunkelblondes Geschöpf, die Tochter eines kleinen
Landedelmannes, mit weichen Bewegungen, schönen, tiefbefriedeten
Augen und etwas schwer von Verstand. Als der Prälat Weißensee zu ihm
gekommen war mit dem Projekt, ihm an Stelle des katholischen Bruders
den Thron zuzuwenden, hatte der verträumte Mann mit beiden Händen
zugegriffen. Aber der kluge Prälat mußte bald erkennen, daß der Prinz in
seiner fahrigen, unsachlichen Manier politische Dinge als Phantasien
betrachtete und sich in Farbig-Nebelhaftes verlor. Nein, mit diesem
Prätendenten konnte man gegen den energischen, zufahrenden Karl
Alexander nichts ausrichten. Nach dem Tod des Erbprinzen, als die
Nachfolgerschaft aus müßigem Geträum greifbare Wirklichkeit hätte
werden können, traf gar aus Belgrad – weiß der Himmel, woher der
Feldmarschall von den Zetteleien mochte erfahren haben – ein
unzweideutiges Schreiben ein, darin Karl Alexander den Bruder ernstlich
vermahnte, von solchen Umtrieben und schnöder Aktion abzulassen.
Erschreckt und verschüchtert zog sich der sanfte Prinz von allen
Unternehmungen zurück, ja, er vermied in großer Angst jeden Umgang mit
Weißensee. Jetzt, wie er den Tod des Herzogs erfuhr, stand all das bunte,
phantastische Geträume wieder auf. Schwitzend, mit zittrigen Gliedern,
groß erregt, ging der schwächliche Mann in dem fahlen Morgen herum,
dichtete sich zusammen, was alles sein könnte, wenn er nur ein bißchen
mehr Initiative hätte, wie er von der Macht Besitz ergriffe, an den Kaiser
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schriebe, Minister bestellte, entließe, mit Frankreich Verträge schlösse,
zündende Reden an das Volk hielte. Aufseufzend kehrte er schließlich
wieder in das Schlafzimmer zurück, er hatte seine liebe Geliebte nicht erst
wecken wollen, leise und vorsichtig zog er sich aus, streckte sich
bekümmert über seine Schwäche an ihrer Seite aus, umarmte tastend ihre
großen, warmen Brüste, bis sie ihre schönen, dummen Augen aufschlug,
tröstete sich an ihrer sanften Jugend und schlief endlich, seufzend,
nachdenklich und befriedet, wieder ein.
Der Prälat Weißensee, auf die Todesnachricht hin, ging in kribbelnder
Erregung durch seine weiten Räume mit den weißen Vorhängen. Wieviel
Probleme, Komplikationen, Konflikte! Der katholische Fürst in dem
stockprotestantischen Land: eine neue, unerwartete, noch nie dagewesene
Konstellation im westlichen Deutschland. Er, Weißensee, hatte sich
rechtzeitig eingestellt, es gab viele Möglichkeiten, er wird bei keiner
ausgeschaltet werden können. Er hat sich nirgends exponiert, er hat
überallhin Fäden geknüpft. Er ging auf und ab, konzipierte Pläne, verwarf,
genoß wohlig Spannung, Bewegung, das Glück des großen Intrigenzettlers
und Projektenmachers.
Magdalen Sibylle aber, seine Tochter, saß und die blauen Augen in dem
bräunlich kühnen Gesicht arbeiteten und wechselten zwischen Hell und
Dunkel. Ein Katholik, ein Heide auf dem Thron. Jetzt brach Verwirrung und
große Not über das Land herein. Hilf, Herr Zebaoth, daß das Land fest
bleibe gegen die Versuchungen, mit denen der Götzendiener es locken,
gegen die Drohungen, mit denen er es der reinen Lehre wird abspenstig
machen wollen. Der heidnische Fürst fuhr einher mit Glanz und großer
Gloire, er hatte Schlachten gewonnen, stand beim Kaiser in Gunst, seine
Gemahlin trug sich hoffärtig und frivol. Hilf, Herr Zebaoth, daß das Volk
fest bleibe in all der Not und Versuchung. Und ihr Vater, ihr Vater stand
ganz vorne im Kampf, ihm lag es ob, Schild des bedrohten Evangels zu
sein. Ach, sie wollte nicht sündigen gegen das vierte Gebot; aber sie hatte
große Angst, ob er auch die rechte Festigkeit habe vor Gott und den
Menschen. Sie flüchtete sich, wie immer in solcher Not, zu Gott, sie schlug
die Bibel auf und betete um ein Orakel. Aber sie fand nur den Spruch:
„Jeglichen reinen Vogel dürft ihr essen. Dies aber ist, was ihr nicht essen
dürft von ihnen: den Adler und den Strauß und den Sperber und den
Pelikan.“ Sie dachte lange nach, aber sie konnte bei aller Gewandtheit im
Orakeldeuten keinen Zusammenhang finden zwischen der Not des Landes,
zündende Reden an das Volk hielte. Aufseufzend kehrte er schließlich
wieder in das Schlafzimmer zurück, er hatte seine liebe Geliebte nicht erst
wecken wollen, leise und vorsichtig zog er sich aus, streckte sich
bekümmert über seine Schwäche an ihrer Seite aus, umarmte tastend ihre
großen, warmen Brüste, bis sie ihre schönen, dummen Augen aufschlug,
tröstete sich an ihrer sanften Jugend und schlief endlich, seufzend,
nachdenklich und befriedet, wieder ein.
Der Prälat Weißensee, auf die Todesnachricht hin, ging in kribbelnder
Erregung durch seine weiten Räume mit den weißen Vorhängen. Wieviel
Probleme, Komplikationen, Konflikte! Der katholische Fürst in dem
stockprotestantischen Land: eine neue, unerwartete, noch nie dagewesene
Konstellation im westlichen Deutschland. Er, Weißensee, hatte sich
rechtzeitig eingestellt, es gab viele Möglichkeiten, er wird bei keiner
ausgeschaltet werden können. Er hat sich nirgends exponiert, er hat
überallhin Fäden geknüpft. Er ging auf und ab, konzipierte Pläne, verwarf,
genoß wohlig Spannung, Bewegung, das Glück des großen Intrigenzettlers
und Projektenmachers.
Magdalen Sibylle aber, seine Tochter, saß und die blauen Augen in dem
bräunlich kühnen Gesicht arbeiteten und wechselten zwischen Hell und
Dunkel. Ein Katholik, ein Heide auf dem Thron. Jetzt brach Verwirrung und
große Not über das Land herein. Hilf, Herr Zebaoth, daß das Land fest
bleibe gegen die Versuchungen, mit denen der Götzendiener es locken,
gegen die Drohungen, mit denen er es der reinen Lehre wird abspenstig
machen wollen. Der heidnische Fürst fuhr einher mit Glanz und großer
Gloire, er hatte Schlachten gewonnen, stand beim Kaiser in Gunst, seine
Gemahlin trug sich hoffärtig und frivol. Hilf, Herr Zebaoth, daß das Volk
fest bleibe in all der Not und Versuchung. Und ihr Vater, ihr Vater stand
ganz vorne im Kampf, ihm lag es ob, Schild des bedrohten Evangels zu
sein. Ach, sie wollte nicht sündigen gegen das vierte Gebot; aber sie hatte
große Angst, ob er auch die rechte Festigkeit habe vor Gott und den
Menschen. Sie flüchtete sich, wie immer in solcher Not, zu Gott, sie schlug
die Bibel auf und betete um ein Orakel. Aber sie fand nur den Spruch:
„Jeglichen reinen Vogel dürft ihr essen. Dies aber ist, was ihr nicht essen
dürft von ihnen: den Adler und den Strauß und den Sperber und den
Pelikan.“ Sie dachte lange nach, aber sie konnte bei aller Gewandtheit im
Orakeldeuten keinen Zusammenhang finden zwischen der Not des Landes,
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der Sorge um den rechten, festen Glauben des Vaters und dem Strauß und
dem Pelikan, den die Israeliten nicht essen durften. Sie beschloß, das
Orakel ihrer Freundin Beata Sturmin vorzulegen, der Erweckten, der
blinden Heiligen im Stuttgarter Bibelkollegium. Vorerst aber betrachtete sie,
Kummer und schweres Nachdenken in dem männlich kühnen Antlitz, den
Vater, der gar nicht umwölkt, sondern höchst angeregt, das feine, lebendige
Gesicht arbeitend, in wohliger Spannung auf und nieder ging.
Schon eine halbe Stunde, bevor die Sitzung beginnen sollte, hatten sich die
elf Herren des engeren parlamentarischen Ausschusses im
Landschaftshause zusammengefunden. Es stand nur Belangloses auf der
Tagesordnung; aber alles war so ungeklärt, man saß in dicker Finsternis,
man wollte wenigstens einen Nebenmann tasten, Antworten aus der Nacht
hören.
Ach, daß man damals dem Prinzen das Darlehen abgeschlagen hatte, ach,
daß man mit seinem jüngeren Bruder gezettelt hatte. Jetzt saß man in Dreck
und großer Not. Der Prinz müßte ein Heiliger sein, wenn er jetzt, an der
Macht, die Landschaft das nicht entgelten ließe. Und er war durchaus kein
Heiliger. Ein Soldat, ein Feldmarschall, gewohnt an stumme, blinde
Subordination. Man hörte, daß er in Belgrad mit seinen Räten durchaus
nicht glimpflich verfuhr, daß er oft und abermals mit seinen Beigeordneten
in wilde, tobende Zerwürfnis geraten war, bestialisch fluchte und tobte,
keine Widerrede duldete und Geschirr und Zerbrechliches an den Schädeln
seiner Räte zerschmiß. Kurz, daß er ein Despot war wie nur je ein
heidnischer Cäsar. Man wird seine Not und Höllensabbat haben mit diesem
Leviathan.
Denn man war nicht gewillt, auch nur ein Tipfelchen aufzugeben von
seinen Rechten und Freiheiten. Ah, die süße Macht! Sie Elf, sie leckten den
Honigseim der Verfassung. Der Rest des Parlaments war nur dazu da, zu
bestätigen, was sie beschlossen. Aber sie, sie Elf, sie thronten über dem
Land, sie tagten hinter verschlossenen Türen, wie die venezianische
Signoria, sie spannen, handelten, schacherten unter sich und banden dem
Herzog und seinen Ministern die Hände. Wohlig war es und süß, sich so
wichtig und in der Macht zu fühlen. Da soll keiner herkommen und daran
rühren. Man wird sich breit und kräftig hinstellen und das Land schützen
dem Pelikan, den die Israeliten nicht essen durften. Sie beschloß, das
Orakel ihrer Freundin Beata Sturmin vorzulegen, der Erweckten, der
blinden Heiligen im Stuttgarter Bibelkollegium. Vorerst aber betrachtete sie,
Kummer und schweres Nachdenken in dem männlich kühnen Antlitz, den
Vater, der gar nicht umwölkt, sondern höchst angeregt, das feine, lebendige
Gesicht arbeitend, in wohliger Spannung auf und nieder ging.
Schon eine halbe Stunde, bevor die Sitzung beginnen sollte, hatten sich die
elf Herren des engeren parlamentarischen Ausschusses im
Landschaftshause zusammengefunden. Es stand nur Belangloses auf der
Tagesordnung; aber alles war so ungeklärt, man saß in dicker Finsternis,
man wollte wenigstens einen Nebenmann tasten, Antworten aus der Nacht
hören.
Ach, daß man damals dem Prinzen das Darlehen abgeschlagen hatte, ach,
daß man mit seinem jüngeren Bruder gezettelt hatte. Jetzt saß man in Dreck
und großer Not. Der Prinz müßte ein Heiliger sein, wenn er jetzt, an der
Macht, die Landschaft das nicht entgelten ließe. Und er war durchaus kein
Heiliger. Ein Soldat, ein Feldmarschall, gewohnt an stumme, blinde
Subordination. Man hörte, daß er in Belgrad mit seinen Räten durchaus
nicht glimpflich verfuhr, daß er oft und abermals mit seinen Beigeordneten
in wilde, tobende Zerwürfnis geraten war, bestialisch fluchte und tobte,
keine Widerrede duldete und Geschirr und Zerbrechliches an den Schädeln
seiner Räte zerschmiß. Kurz, daß er ein Despot war wie nur je ein
heidnischer Cäsar. Man wird seine Not und Höllensabbat haben mit diesem
Leviathan.
Denn man war nicht gewillt, auch nur ein Tipfelchen aufzugeben von
seinen Rechten und Freiheiten. Ah, die süße Macht! Sie Elf, sie leckten den
Honigseim der Verfassung. Der Rest des Parlaments war nur dazu da, zu
bestätigen, was sie beschlossen. Aber sie, sie Elf, sie thronten über dem
Land, sie tagten hinter verschlossenen Türen, wie die venezianische
Signoria, sie spannen, handelten, schacherten unter sich und banden dem
Herzog und seinen Ministern die Hände. Wohlig war es und süß, sich so
wichtig und in der Macht zu fühlen. Da soll keiner herkommen und daran
rühren. Man wird sich breit und kräftig hinstellen und das Land schützen
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vor Tyrannei und katholischer Knechtung. Denn man hat ja seinen festen
Schutz und gute Verwahrung. So fest und gut ist das Gesetz, wonach der
Herzog schwören muß, ihre und der protestantischen Kirche Rechte zu
wahren. Von diesem Gesetz kann Rom mit all seiner schlauen
Interpretierungskunst nichts wegtifteln. Diesen Riegel durchfeilt auch nicht
der feinste Jesuiter. Soll er nur um sich beißen, der Heide und wütige
Tyrann! An diesem Eisen wird er sich die Zähne ausknirschen. O klares
Gesetz! O gesegnete Religionsreversalien! O gute, feste Verfassung und
Tübinger Vertrag! O weise, heilsame, gepriesene altväterliche Vorsicht, die
bissigen Herzogen solchen Maulkorb angehängt.
Pünktlich um zehn Uhr eröffnete Johann Heinrich Sturm, der Präsident,
die Sitzung. Aber ehe man noch in die Tagesordnung eintreten konnte,
erschien vor den verblüfften Herren der Regierungsrat Filipp Jaakob
Neuffer, Bruder des Konsulenten. Er wies Dokumente vor, denen zufolge
Karl Alexander als legitimer Nachfolger den württembergischen Thron
übernehme und bis zu seiner Ankunft im Herzogtum die Räte von Forstner
und Neuffer als amtierende Minister mit der Leitung der Staatsgeschäfte
beauftrage.
Lächelnd und höflich erklärte der Rat den sehr betretenen Herren weiter,
dem Herzog sei bekannt, daß man im Parlament gewisse Besorgnisse hege,
die Religion und die ständischen Freiheiten anlangend. Er sei glücklich, den
Herren im Auftrag Seiner Durchlaucht beruhigende Bestätigungen und
Versicherungen jetzt schon überreichen zu können. Der Herzog habe
Gelegenheit gehabt, noch als Prinz Fühlung zu nehmen mit einigen
Mitgliedern des engeren Ausschusses über den damals möglichen, jetzt
wirklich eingetretenen Fall, und die Herren hätten die abgegebenen
Versicherungen für höchst wünschenswert erachtet, das nötige Vertrauen
zwischen Herzog und Landschaft herzustellen.
Stumm und tief verwirrt hörten neun von den Elf diese Rede an. Selbst
der ruhige, gefaßte Präsident Sturm zwang sich nur mit Mühe einige Sätze
ab, in denen er die Vollmacht des Rates, jetzt also Konferenzministers,
anerkannte, für die übergebenen Papiere dankte und erklärte, man werde sie
in Ruhe prüfen.
Der Minister gegangen, blieben die Herren bestürzt, ratlos, mißtrauisch,
tief erbost. Es gab also unter ihnen Männer, die auf eigene Faust zettelten?
Die Nachbarn des Weißensee und des Neuffer rückten fast unmerklich ein
wenig von ihnen ab.
Schutz und gute Verwahrung. So fest und gut ist das Gesetz, wonach der
Herzog schwören muß, ihre und der protestantischen Kirche Rechte zu
wahren. Von diesem Gesetz kann Rom mit all seiner schlauen
Interpretierungskunst nichts wegtifteln. Diesen Riegel durchfeilt auch nicht
der feinste Jesuiter. Soll er nur um sich beißen, der Heide und wütige
Tyrann! An diesem Eisen wird er sich die Zähne ausknirschen. O klares
Gesetz! O gesegnete Religionsreversalien! O gute, feste Verfassung und
Tübinger Vertrag! O weise, heilsame, gepriesene altväterliche Vorsicht, die
bissigen Herzogen solchen Maulkorb angehängt.
Pünktlich um zehn Uhr eröffnete Johann Heinrich Sturm, der Präsident,
die Sitzung. Aber ehe man noch in die Tagesordnung eintreten konnte,
erschien vor den verblüfften Herren der Regierungsrat Filipp Jaakob
Neuffer, Bruder des Konsulenten. Er wies Dokumente vor, denen zufolge
Karl Alexander als legitimer Nachfolger den württembergischen Thron
übernehme und bis zu seiner Ankunft im Herzogtum die Räte von Forstner
und Neuffer als amtierende Minister mit der Leitung der Staatsgeschäfte
beauftrage.
Lächelnd und höflich erklärte der Rat den sehr betretenen Herren weiter,
dem Herzog sei bekannt, daß man im Parlament gewisse Besorgnisse hege,
die Religion und die ständischen Freiheiten anlangend. Er sei glücklich, den
Herren im Auftrag Seiner Durchlaucht beruhigende Bestätigungen und
Versicherungen jetzt schon überreichen zu können. Der Herzog habe
Gelegenheit gehabt, noch als Prinz Fühlung zu nehmen mit einigen
Mitgliedern des engeren Ausschusses über den damals möglichen, jetzt
wirklich eingetretenen Fall, und die Herren hätten die abgegebenen
Versicherungen für höchst wünschenswert erachtet, das nötige Vertrauen
zwischen Herzog und Landschaft herzustellen.
Stumm und tief verwirrt hörten neun von den Elf diese Rede an. Selbst
der ruhige, gefaßte Präsident Sturm zwang sich nur mit Mühe einige Sätze
ab, in denen er die Vollmacht des Rates, jetzt also Konferenzministers,
anerkannte, für die übergebenen Papiere dankte und erklärte, man werde sie
in Ruhe prüfen.
Der Minister gegangen, blieben die Herren bestürzt, ratlos, mißtrauisch,
tief erbost. Es gab also unter ihnen Männer, die auf eigene Faust zettelten?
Die Nachbarn des Weißensee und des Neuffer rückten fast unmerklich ein
wenig von ihnen ab.
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Mittlerweile stellte sich der andere Neuffer, jetzt Minister, im
Kriegskommissariat vor, verlangte auf Grund herzoglicher Vollmacht ein
Detachement Soldaten, erhielt sie nach Anfrage bei der Landschaft. Drang,
noch lag der alte Herzog nicht unter der Erde, im Ministerrat ein, verhaftete
im Namen Karl Alexanders die Häupter der Grävenizschen Partei, ließ die
Knirschenden, mit allen Himmels- und Höllendrohungen Protestierenden
auf den Hohentwiel schaffen. In Haft Friedrich Wilhelm, der Bruder der
Gräfin, der eiskalte, der seine Schwester aus der Politik ausgeschaltet hatte,
sich um so fester zu setzen, Oberhofmarschall und Ministerpräsident, in
Haft seine beiden Söhne, der Oberstallmeister und der Konferenzminister.
Aufgehoben auch ihre kleinen Mitläufer und Kreaturen, der
Kirchenratsdirektor Pfeil, der geheime Referendar Pfau, die Regierungsräte
Vollmann und Scheid und die zahlreichen Subalternen ihres Anhangs. Wie
sie sich gespreizt hatten! Wie sie groß und hochnäsig getan hatten und
kaum gedankt, wenn man sie grüßte. Jetzt saßen sie in der Zelle und in
dicker Finsternis und kein Hahn krähte nach ihnen.
Dann wartete Neuffer der Herzogin auf, teilte der aus Staub und Gram
Aufleuchtenden, Triumphierenden das Geschehene mit. Ließ durch Herold
und durch Anschlag bekanntgeben, daß Karl Alexander die Herrschaft
übernommen habe, binnen kurzem von Belgrad eintreffen werde, gegen
ungetreue Beamte, so für eigenen Vorteil das Volk bedrückten, bereits habe
vorgehen lassen, alle Freiheiten, insbesondere der Religion, fürsorglich
schon im vorhinein mit fürstlich wahren und treuen Worten bestätigt habe.
Jubel im Volk. Das war ein Fürst. Der griff zu ohne Ansehen der Person.
Genau wie auf dem Bild, wo er Belgrad erstürmt. Bänder her, Tannenreiser
her, das Bild zu bekränzen! Ein Herr und Held. Mit dem wird man gut
fahren.
In der Nähe von Hirsau führte von der Landstraße ab ein Karrenweg. Von
dem Karrenweg ab zweigte ein Fußpfad, verlor sich in Wald, hörte ganz auf
vor einem starken, sehr hohen Holzzaun. Bäume sperrten den Blick weiter.
Von den Einheimischen hatte nur ein Gärtner Zutritt und ein alter
Taglöhner, der Botengänge besorgte, beide mürrische Männer, die
Ausfrager stehenließen. Man wußte nur, daß ein Holländer das verfallene
kleine Haus von den Erben des früheren Besitzers erworben hatte. Den
Kriegskommissariat vor, verlangte auf Grund herzoglicher Vollmacht ein
Detachement Soldaten, erhielt sie nach Anfrage bei der Landschaft. Drang,
noch lag der alte Herzog nicht unter der Erde, im Ministerrat ein, verhaftete
im Namen Karl Alexanders die Häupter der Grävenizschen Partei, ließ die
Knirschenden, mit allen Himmels- und Höllendrohungen Protestierenden
auf den Hohentwiel schaffen. In Haft Friedrich Wilhelm, der Bruder der
Gräfin, der eiskalte, der seine Schwester aus der Politik ausgeschaltet hatte,
sich um so fester zu setzen, Oberhofmarschall und Ministerpräsident, in
Haft seine beiden Söhne, der Oberstallmeister und der Konferenzminister.
Aufgehoben auch ihre kleinen Mitläufer und Kreaturen, der
Kirchenratsdirektor Pfeil, der geheime Referendar Pfau, die Regierungsräte
Vollmann und Scheid und die zahlreichen Subalternen ihres Anhangs. Wie
sie sich gespreizt hatten! Wie sie groß und hochnäsig getan hatten und
kaum gedankt, wenn man sie grüßte. Jetzt saßen sie in der Zelle und in
dicker Finsternis und kein Hahn krähte nach ihnen.
Dann wartete Neuffer der Herzogin auf, teilte der aus Staub und Gram
Aufleuchtenden, Triumphierenden das Geschehene mit. Ließ durch Herold
und durch Anschlag bekanntgeben, daß Karl Alexander die Herrschaft
übernommen habe, binnen kurzem von Belgrad eintreffen werde, gegen
ungetreue Beamte, so für eigenen Vorteil das Volk bedrückten, bereits habe
vorgehen lassen, alle Freiheiten, insbesondere der Religion, fürsorglich
schon im vorhinein mit fürstlich wahren und treuen Worten bestätigt habe.
Jubel im Volk. Das war ein Fürst. Der griff zu ohne Ansehen der Person.
Genau wie auf dem Bild, wo er Belgrad erstürmt. Bänder her, Tannenreiser
her, das Bild zu bekränzen! Ein Herr und Held. Mit dem wird man gut
fahren.
In der Nähe von Hirsau führte von der Landstraße ab ein Karrenweg. Von
dem Karrenweg ab zweigte ein Fußpfad, verlor sich in Wald, hörte ganz auf
vor einem starken, sehr hohen Holzzaun. Bäume sperrten den Blick weiter.
Von den Einheimischen hatte nur ein Gärtner Zutritt und ein alter
Taglöhner, der Botengänge besorgte, beide mürrische Männer, die
Ausfrager stehenließen. Man wußte nur, daß ein Holländer das verfallene
kleine Haus von den Erben des früheren Besitzers erworben hatte. Den
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Behörden war er als Mynheer Gabriel Oppenheimer van Straaten gemeldet,
er hatte den großen Paß der Generalstaaten. Der Kauf war in aller Form
vollzogen, allen Anforderungen der Polizei- und Rentämter wurde mit
peinlicher Gewissenhaftigkeit genügt. Der Holländer wohnte dort mit einem
sehr jungen Mädchen, einer Zofe, einem Diener. Man erzählte eine
merkwürdige Geschichte von einem Strolch, der einen Einbruch in dem
einsamen Haus versucht hatte. Er sei abgefaßt, überwältigt worden. Der
Holländer habe ihm nichts getan, den Abgebrühten, Höhnenden nur eine
Nacht über in ein Zimmer mit Büchern gesperrt. Schlotternd, tief verwirrt
sei der Strolch andern Tags durch den Wald getorkelt, habe die Gegend für
immer verlassen.
Gerüchte flogen auf, der Holländer sei der Ewige Jude, verstummten
wieder. Er hielt sich fern vom Ort, machte einsame Spaziergänge,
gewöhnlich im Wald, selten bekam man ihn zu Gesicht. Schließlich
gewöhnte man sich an ihn. Da war nun eben ein Zaun mit gewaltigen
Bäumen, und dahinter wohnte der Holländer, und wenn er verbotene Dinge
trieb, so tat er das zumindest sehr still, und ohne jemand zu molestieren.
Nun lebte aber in Hirsau jener Magister Jaakob Polykarp Schober, der
dort das Bibelkollegium abhielt, an dem auch Magdalen Sibylle teilnahm.
Der junge, etwas fette, pausbäckige Mensch, der still vor sich hintrieb und
lange, sinnierende Spaziergänge liebte, geriet auf einem solchen
Spaziergang, halb unwillkürlich einem Vogel folgend, der ihn von Baum zu
Baum lockte, an den hohen Zaun, überkletterte ihn ohne viel Gedanken und
ohne besondere Mühe, durchschritt den Wall der hohen Bäume, stand
plötzlich am Rand einer Lichtung und sah, inmitten von Tulpen und
terrassenförmig steigenden Beeten anderer ihm unbekannter, sorglich
gezüchteter Blumen das Haus des Holländers. Es stach fremdartig, ein
blendend weißer, kleiner Würfel, in die pralle Sonne. Vor dem Haus aber
war ein primitives Sonnenzelt aufgeschlagen, und darin lag, sich dehnend
und verträumt, ein Mädchen, nach fremder Sitte gekleidet, mattweißes
Gesicht unter blauschwarzem Haar. Der Magister stand still, starrte
rundäugig, demütig, machte sich auf Zehen wieder fort. In Zukunft aber
schlich sich in seine Vorstellungen vom himmlischen Jerusalem das Bild
des Mädchens im Zelt vor dem sehr weißen Haus mit den Tulpen.
er hatte den großen Paß der Generalstaaten. Der Kauf war in aller Form
vollzogen, allen Anforderungen der Polizei- und Rentämter wurde mit
peinlicher Gewissenhaftigkeit genügt. Der Holländer wohnte dort mit einem
sehr jungen Mädchen, einer Zofe, einem Diener. Man erzählte eine
merkwürdige Geschichte von einem Strolch, der einen Einbruch in dem
einsamen Haus versucht hatte. Er sei abgefaßt, überwältigt worden. Der
Holländer habe ihm nichts getan, den Abgebrühten, Höhnenden nur eine
Nacht über in ein Zimmer mit Büchern gesperrt. Schlotternd, tief verwirrt
sei der Strolch andern Tags durch den Wald getorkelt, habe die Gegend für
immer verlassen.
Gerüchte flogen auf, der Holländer sei der Ewige Jude, verstummten
wieder. Er hielt sich fern vom Ort, machte einsame Spaziergänge,
gewöhnlich im Wald, selten bekam man ihn zu Gesicht. Schließlich
gewöhnte man sich an ihn. Da war nun eben ein Zaun mit gewaltigen
Bäumen, und dahinter wohnte der Holländer, und wenn er verbotene Dinge
trieb, so tat er das zumindest sehr still, und ohne jemand zu molestieren.
Nun lebte aber in Hirsau jener Magister Jaakob Polykarp Schober, der
dort das Bibelkollegium abhielt, an dem auch Magdalen Sibylle teilnahm.
Der junge, etwas fette, pausbäckige Mensch, der still vor sich hintrieb und
lange, sinnierende Spaziergänge liebte, geriet auf einem solchen
Spaziergang, halb unwillkürlich einem Vogel folgend, der ihn von Baum zu
Baum lockte, an den hohen Zaun, überkletterte ihn ohne viel Gedanken und
ohne besondere Mühe, durchschritt den Wall der hohen Bäume, stand
plötzlich am Rand einer Lichtung und sah, inmitten von Tulpen und
terrassenförmig steigenden Beeten anderer ihm unbekannter, sorglich
gezüchteter Blumen das Haus des Holländers. Es stach fremdartig, ein
blendend weißer, kleiner Würfel, in die pralle Sonne. Vor dem Haus aber
war ein primitives Sonnenzelt aufgeschlagen, und darin lag, sich dehnend
und verträumt, ein Mädchen, nach fremder Sitte gekleidet, mattweißes
Gesicht unter blauschwarzem Haar. Der Magister stand still, starrte
rundäugig, demütig, machte sich auf Zehen wieder fort. In Zukunft aber
schlich sich in seine Vorstellungen vom himmlischen Jerusalem das Bild
des Mädchens im Zelt vor dem sehr weißen Haus mit den Tulpen.
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Rabbi Gabriel ließ dem Mädchen jede Freiheit. Naemi blühte still und sanft
und ohne viel Begehren. Sie hatte den alten, mürben, schweigsamen Diener
und ihre holländische Zofe Jantje, die nun auch schon viele Jahre gutmütig,
ergeben, geschwätzig und besorgt um sie herumwirtschaftete. Manchmal
hätte sie gerne Menschen gesehen; aber da der Oheim sie fernhielt, war es
wohl besser so. Geträumte Menschen, gelesene Menschen waren besser als
die unten lebenden.
Sie erging sich mit Lust in den Büchern, die der Oheim mit ihr las. Es
waren zumeist hebräische Bücher, die vieldeutigen, geheimnisvollen der
Kabbala darunter. Sie dachte sie nicht, sie sah sie. Der kabbalistische Baum,
der himmlische Mensch waren ihr wirkliche, greifbare Dinge. Es tanzten
die Buchstaben-Ziffern des Gottesnamens einen heiligen Tanz, sie hatten
ihre bunten, schimmernden Fahnen, es regten sich mit vielen Gliedern die
Figuren der heiligen Wissenschaft, es klommen die Dreiecke, es sanken die
Vierecke, es sprang von Gipfel zu Gipfel der fünfzackige Stern. Aber die
Sieben- und Neunecke reckten viele Glieder, spießten bedrohlich nach
einem, umschmiegten einen lieblich. Und alles schlang sich in
vielwendigem, artigem Tanz.
Es lehrte der Oheim: Jeder Satz, jedes Wort, jeder Buchstabe der Schrift
hat seinen heimlichen Sinn. Er öffnet sich, wenn du die Worte vergleichst
mit anderen Stellen der Schrift, wenn du den Zahlenwert der Buchstaben zu
neuen Gebilden destillierst. Sieh, hier ist Papier und ein wenig Schwärze
darauf. Und ist lebendiger als ein lebendiger Mensch, ist sprechender Mund
für die Ewigkeit. Ist dies nicht das Wunder der Wunder? Vor vielen tausend
Jahren dachte einer, fühlte einer diesen Satz. Der Mund, der ihn zum
erstenmal sprach, ist tot, das Hirn ist tot, das ihn zum erstenmal dachte.
Aber seine Hand schrieb ihn nieder, und da er ihn niederschrieb, strömte
Gott in die Buchstaben, und du denkst sie, spürst sie heute, nach den vielen
tausend Jahren. In dem Geschriebenen ist Gott. Buchstaben leben, weben
sich, Buchstab zu Zahl, Zahl zu Klang, in Ewigkeit. Was einer schreibt, das
löst sich von ihm und lebt sein eigenes Wesen fort und spricht zu jedem
andern. Aber wer sich heiligt, empfindet Gott in allem Geschriebenen.
So lehrte Rabbi Gabriel. Naemi hörte, mühte sich zu begreifen. Aber die
heiligen Geschichten formten sich nur auf Augenblicke zu den strengen,
mystischen Abgezogenheiten, die der Oheim ihnen abrang. Dann kehrten
sie zurück und bekamen Farben und Fleisch und wurden in dem Blut des
Mädchens zu bunten, lieblichen Fabeln und zu heroischen Abenteuern.
und ohne viel Begehren. Sie hatte den alten, mürben, schweigsamen Diener
und ihre holländische Zofe Jantje, die nun auch schon viele Jahre gutmütig,
ergeben, geschwätzig und besorgt um sie herumwirtschaftete. Manchmal
hätte sie gerne Menschen gesehen; aber da der Oheim sie fernhielt, war es
wohl besser so. Geträumte Menschen, gelesene Menschen waren besser als
die unten lebenden.
Sie erging sich mit Lust in den Büchern, die der Oheim mit ihr las. Es
waren zumeist hebräische Bücher, die vieldeutigen, geheimnisvollen der
Kabbala darunter. Sie dachte sie nicht, sie sah sie. Der kabbalistische Baum,
der himmlische Mensch waren ihr wirkliche, greifbare Dinge. Es tanzten
die Buchstaben-Ziffern des Gottesnamens einen heiligen Tanz, sie hatten
ihre bunten, schimmernden Fahnen, es regten sich mit vielen Gliedern die
Figuren der heiligen Wissenschaft, es klommen die Dreiecke, es sanken die
Vierecke, es sprang von Gipfel zu Gipfel der fünfzackige Stern. Aber die
Sieben- und Neunecke reckten viele Glieder, spießten bedrohlich nach
einem, umschmiegten einen lieblich. Und alles schlang sich in
vielwendigem, artigem Tanz.
Es lehrte der Oheim: Jeder Satz, jedes Wort, jeder Buchstabe der Schrift
hat seinen heimlichen Sinn. Er öffnet sich, wenn du die Worte vergleichst
mit anderen Stellen der Schrift, wenn du den Zahlenwert der Buchstaben zu
neuen Gebilden destillierst. Sieh, hier ist Papier und ein wenig Schwärze
darauf. Und ist lebendiger als ein lebendiger Mensch, ist sprechender Mund
für die Ewigkeit. Ist dies nicht das Wunder der Wunder? Vor vielen tausend
Jahren dachte einer, fühlte einer diesen Satz. Der Mund, der ihn zum
erstenmal sprach, ist tot, das Hirn ist tot, das ihn zum erstenmal dachte.
Aber seine Hand schrieb ihn nieder, und da er ihn niederschrieb, strömte
Gott in die Buchstaben, und du denkst sie, spürst sie heute, nach den vielen
tausend Jahren. In dem Geschriebenen ist Gott. Buchstaben leben, weben
sich, Buchstab zu Zahl, Zahl zu Klang, in Ewigkeit. Was einer schreibt, das
löst sich von ihm und lebt sein eigenes Wesen fort und spricht zu jedem
andern. Aber wer sich heiligt, empfindet Gott in allem Geschriebenen.
So lehrte Rabbi Gabriel. Naemi hörte, mühte sich zu begreifen. Aber die
heiligen Geschichten formten sich nur auf Augenblicke zu den strengen,
mystischen Abgezogenheiten, die der Oheim ihnen abrang. Dann kehrten
sie zurück und bekamen Farben und Fleisch und wurden in dem Blut des
Mädchens zu bunten, lieblichen Fabeln und zu heroischen Abenteuern.
Page 96
Sie las im Hohen Lied: Mein Geliebter hebt an und spricht: Auf, meine
Schäferin! Meine Schöne! Auf und komm! Sieh, der Winter ist vorbei.
Junge Blüten erscheinen am Boden, die Zeit des Sangs ist da, der
Turteltaube Stimme tönt in unserm Land. Auf, meine Schäferin! Meine
Schöne! Komm! Meine Taube! Taube im Felsenriß, auf heimlichem Hang!
Laß mich schauen deine Gestalt! Laß mich deine Stimme hören! Denn
deine Stimme ist süß und lieblich deine Gestalt.
Sie saß, zart und aufmerksam, und glitt mit erfüllten Augen über die
großen, blockigen, hebräischen Buchstaben. Das Gesicht, sehr weiß wie das
des Vaters, drehte sich auf schlankem, stolzem Hals, die Augen trugen
uralte Träume, den Kopf hatte sie in die Hände gestützt, sanft rundeten sich
aus zarten Gelenken die Arme.
Rabbi Gabriel erklärte, was sie da gelesen habe, deute die Schöpfung der
Welt, und die Blumen seien die Erzväter, und die Stimme der Jünglinge,
welche die Geheimnisse der Schrift lernen, erwirke, daß die Welt sich
erhalte und die Erzväter sich offenbaren. Und er legte es auseinander und
wieder zusammen, mit viel Tiefe und Scharfsinn; und schließlich versank er
und verstummte. Sie hörte gläubig zu; aber kaum hatte er geendet, so
wurden die Blumen wieder Blumen, und sie hörte die einfache, süße
Melodie: Der Winter ist vorbei, der Regen flieht und ist vorbei. Junge
Blüten erscheinen am Boden, die Zeit des Sangs ist da, der Turteltaube
Stimme tönt in unserm Land. Und sie schließt die Augen und hört auf die
lockende Stimme, und sie lauscht hinter die Bäume und hält den Atem an:
jetzt wird, gleich wird, im nächsten Augenblick, der Schäfer sichtbar sein,
der die feinen Worte läutet, die silbern klingenden. Doch niemand kommt.
Auch die Helden und Frommen der Bibel bedeuteten gewiß das, was
Rabbi Gabriel ihr erklärte. Doch war er nicht da, so schaute sie Naemi mit
ihren eigenen Augen. Sie selber war Tamar, die den Amnon liebte, sie war
Rahel, die mit Jakob floh, sie Rebekka an der Tränke. Auch Mirjam war sie
noch, die das Siegeslied tanzte über den vom Herrn ersäuften Aegyptern.
Doch nicht war sie Jael, die dem Sisserah den Nagel in die Schläfe schlug,
nicht Deborah, die richtete in Israel. Mit den wenigen Menschen ihrer
Umwelt staffierte sie die Geschichten der Bibel aus. Hagar trug die Züge
der geschwätzigen Zofe Jantje, die Propheten hatten die trübgrauen,
steintraurigen Augen des Onkels und seine platte Nase, und sie redeten mit
seiner knarrenden, übellaunigen Stimme.
Schäferin! Meine Schöne! Auf und komm! Sieh, der Winter ist vorbei.
Junge Blüten erscheinen am Boden, die Zeit des Sangs ist da, der
Turteltaube Stimme tönt in unserm Land. Auf, meine Schäferin! Meine
Schöne! Komm! Meine Taube! Taube im Felsenriß, auf heimlichem Hang!
Laß mich schauen deine Gestalt! Laß mich deine Stimme hören! Denn
deine Stimme ist süß und lieblich deine Gestalt.
Sie saß, zart und aufmerksam, und glitt mit erfüllten Augen über die
großen, blockigen, hebräischen Buchstaben. Das Gesicht, sehr weiß wie das
des Vaters, drehte sich auf schlankem, stolzem Hals, die Augen trugen
uralte Träume, den Kopf hatte sie in die Hände gestützt, sanft rundeten sich
aus zarten Gelenken die Arme.
Rabbi Gabriel erklärte, was sie da gelesen habe, deute die Schöpfung der
Welt, und die Blumen seien die Erzväter, und die Stimme der Jünglinge,
welche die Geheimnisse der Schrift lernen, erwirke, daß die Welt sich
erhalte und die Erzväter sich offenbaren. Und er legte es auseinander und
wieder zusammen, mit viel Tiefe und Scharfsinn; und schließlich versank er
und verstummte. Sie hörte gläubig zu; aber kaum hatte er geendet, so
wurden die Blumen wieder Blumen, und sie hörte die einfache, süße
Melodie: Der Winter ist vorbei, der Regen flieht und ist vorbei. Junge
Blüten erscheinen am Boden, die Zeit des Sangs ist da, der Turteltaube
Stimme tönt in unserm Land. Und sie schließt die Augen und hört auf die
lockende Stimme, und sie lauscht hinter die Bäume und hält den Atem an:
jetzt wird, gleich wird, im nächsten Augenblick, der Schäfer sichtbar sein,
der die feinen Worte läutet, die silbern klingenden. Doch niemand kommt.
Auch die Helden und Frommen der Bibel bedeuteten gewiß das, was
Rabbi Gabriel ihr erklärte. Doch war er nicht da, so schaute sie Naemi mit
ihren eigenen Augen. Sie selber war Tamar, die den Amnon liebte, sie war
Rahel, die mit Jakob floh, sie Rebekka an der Tränke. Auch Mirjam war sie
noch, die das Siegeslied tanzte über den vom Herrn ersäuften Aegyptern.
Doch nicht war sie Jael, die dem Sisserah den Nagel in die Schläfe schlug,
nicht Deborah, die richtete in Israel. Mit den wenigen Menschen ihrer
Umwelt staffierte sie die Geschichten der Bibel aus. Hagar trug die Züge
der geschwätzigen Zofe Jantje, die Propheten hatten die trübgrauen,
steintraurigen Augen des Onkels und seine platte Nase, und sie redeten mit
seiner knarrenden, übellaunigen Stimme.
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Die Helden aber hatten die Haltung des Vaters, sein Gesicht, seine
Augen, die großen, gewölbten, fliegenden, seine schmiegsame, beredte,
beredende Stimme. Ach, der Vater! Der helle, glänzende! Oh, daß er so
selten kam! An seinem Hals hängen, das war Leben, und was sonst war, das
war nur die Erwartung, daß er wiederkommen werde. Und alle die Helden
der Schrift sah sie in seinem Bild. Simson, der die Philister schlug, trug
seinen olivgrünen Rock und stapfte eilig, glänzend und gefährlich in seinen
klirrenden Reitstiefeln. David, wie er dem Goliath obsiegte, wiegte sich in
dem roten, zierlich geschweiften Frack, in dem der Vater das letztemal
gefahren kam, und der gehobene Arm mit der Schleuder warf artig
gefältelte Manschetten zurück. Und ach! auch dies sah sie mit einem
heimlichen, lüsternen Grauen, das Haar, daran Absalom im Baume sich
verfing, war das reiche, gelockte, kastanienfarbene Haar des Vaters, und
wenn David wehklagte: O Absalom! Mein Sohn! dann jammerte er mit der
knarrenden Stimme des Oheims, und es waren die feuervollen, geliebten
Augen des Vaters, die er zudrückte.
Festlich fuhr der neue Herzog die Donau hinauf in der Jacht, die sein
Schwiegervater ihm geschenkt hatte. Reglos am Kiel hockte
unergründlichen Auges der Schwarzbraune. Neben der Herzogin saß massig
der General Remchingen, hochrot das Weingesicht unter der weißen
Perücke; schnaufend und modisch machte er in seinem plärrenden
Oesterreichisch der schönen Frau seinen Hof. Der Soldat strahlte, hundert
verwogene, draufgängerische Pläne blühten jetzt der Reife entgegen. Es war
eine der ersten Handlungen des Herzogs, daß er den Freund zum
Präsidenten des Kriegsrats und Höchstkommandierenden in Württemberg
ernannte.
Glänzender Empfang in Wien. Die Majestäten äußerst huldvoll.
Hochamt. Bankett in der Burg. Oper. Der alte Fürst Thurn und Taxis war
dem Schwiegersohn nach Wien entgegengefahren; auch die beiden
geistlichen Freunde hatten es sich nicht nehmen lassen, dem Herzog ihre
Glückwünsche bis Wien entgegenzutragen. Als die Jacht anlegte, stand der
Fürstbischof von Würzburg mit seinen Geheimräten Raab und Fichtel, stand
der Fürstabt von Einsiedeln am Ufer, küßten den Herzog erfreut und
herzlich, tätschelten blinzelnd Marie Augustens Hand.
Nach der Oper, die Majestäten und die Herzogin haben sich schon
zurückgezogen, sitzen Karl Alexander, der Fürst von Thurn und Taxis, die
beiden Prälaten noch zusammen. Dunkelgelber Tokaier leuchtet ölig, der
Augen, die großen, gewölbten, fliegenden, seine schmiegsame, beredte,
beredende Stimme. Ach, der Vater! Der helle, glänzende! Oh, daß er so
selten kam! An seinem Hals hängen, das war Leben, und was sonst war, das
war nur die Erwartung, daß er wiederkommen werde. Und alle die Helden
der Schrift sah sie in seinem Bild. Simson, der die Philister schlug, trug
seinen olivgrünen Rock und stapfte eilig, glänzend und gefährlich in seinen
klirrenden Reitstiefeln. David, wie er dem Goliath obsiegte, wiegte sich in
dem roten, zierlich geschweiften Frack, in dem der Vater das letztemal
gefahren kam, und der gehobene Arm mit der Schleuder warf artig
gefältelte Manschetten zurück. Und ach! auch dies sah sie mit einem
heimlichen, lüsternen Grauen, das Haar, daran Absalom im Baume sich
verfing, war das reiche, gelockte, kastanienfarbene Haar des Vaters, und
wenn David wehklagte: O Absalom! Mein Sohn! dann jammerte er mit der
knarrenden Stimme des Oheims, und es waren die feuervollen, geliebten
Augen des Vaters, die er zudrückte.
Festlich fuhr der neue Herzog die Donau hinauf in der Jacht, die sein
Schwiegervater ihm geschenkt hatte. Reglos am Kiel hockte
unergründlichen Auges der Schwarzbraune. Neben der Herzogin saß massig
der General Remchingen, hochrot das Weingesicht unter der weißen
Perücke; schnaufend und modisch machte er in seinem plärrenden
Oesterreichisch der schönen Frau seinen Hof. Der Soldat strahlte, hundert
verwogene, draufgängerische Pläne blühten jetzt der Reife entgegen. Es war
eine der ersten Handlungen des Herzogs, daß er den Freund zum
Präsidenten des Kriegsrats und Höchstkommandierenden in Württemberg
ernannte.
Glänzender Empfang in Wien. Die Majestäten äußerst huldvoll.
Hochamt. Bankett in der Burg. Oper. Der alte Fürst Thurn und Taxis war
dem Schwiegersohn nach Wien entgegengefahren; auch die beiden
geistlichen Freunde hatten es sich nicht nehmen lassen, dem Herzog ihre
Glückwünsche bis Wien entgegenzutragen. Als die Jacht anlegte, stand der
Fürstbischof von Würzburg mit seinen Geheimräten Raab und Fichtel, stand
der Fürstabt von Einsiedeln am Ufer, küßten den Herzog erfreut und
herzlich, tätschelten blinzelnd Marie Augustens Hand.
Nach der Oper, die Majestäten und die Herzogin haben sich schon
zurückgezogen, sitzen Karl Alexander, der Fürst von Thurn und Taxis, die
beiden Prälaten noch zusammen. Dunkelgelber Tokaier leuchtet ölig, der
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Herzog hat sich in Belgrad an ihn gewöhnt, säuft ihn in großen Zügen,
derweilen die Jesuiten sich an Schlücklein behagen. Die Luft ist schwer von
Kerzen und Wein.
Karl Alexander, vor diesen Befreundeten und Vertrauten, kehrt sein Herz
nach außen. Ah, er war nicht gewillt, als kleiner Dutzendfürst in seinem
Land zu versauern. Sein Ehrgeiz ging nach mehr als darüber zu wachen,
daß seine Untertanen brav ihren Wein bauten, ihre Leinwand woben, ihren
Kleinen den Rotz schneuzten und die Hemdzipfel reinhielten. Regieren
lassen wird er seine Räte, er wird herrschen. Er war nicht umsonst solange
im Feldlager gewesen. Er war Soldat, ein Soldatenherzog. Hat er solange
für ein anderes, wenngleich befreundetes Haus gefochten und gesiegt,
wieviel besser wird er können für sich selber fechten und siegen. Ludwig
der Vierzehnte hat erobert, das kleine Venedig hat ein gut Teil Griechenland
gefressen, von Schweden aus hat der zwölfte Karl seine Fahnen durch halb
Europa getragen, in Potsdam rüstet man auf Eroberungen. Er spürt es, er ist
der Mann dazu, aus seinem kleinen Staat einen größeren zu machen,
vielleicht, will’s Gott, einen großen. So, wie es jetzt ist, jedenfalls läßt er
sein Land nicht. Da stößt man sich ja blau und kaput an all den Ecken nach
innen und außen und kann keinen Arm und kein Bein ausstrecken. Soviel
Strateg ist er und versteht er von der Kriegskunst, daß sein kleines Land der
Lage nach der Kern ist zu einem größeren. Und auch die Zeit, der Krieg mit
Frankreich, ist günstig. Wenn man nur richtig vorstößt nach den
württembergischen Besitzungen jenseits des Rheins, nach der Grafschaft
Mömpelgard, die so mitteninne liegt im Französischen, und von da aus
weiter: für einen Militär ist das eine exzellente Basis. Dann das viele
Kleinzeug mitten im Herzogtum und an den Grenzen, die Reichsstädte
Reutlingen, Ulm, Heilbronn, Gmund, Weil die Stadt, er begreift nicht, wie
seine Vorgänger das haben so üppig wuchern und florieren lassen. Er wird
sorgen, daß das dem Herzog nicht wie Steine im Magen soll liegen, sondern
wie gedeihlicher Fraß.
„Euer Liebden sind sehr kühn,“ lächelte der alte Thurn und Taxis und
schnupperte mit dem feinen Windhundgesicht an seinem Tokaier.
Wohlgefällig hörte er auf die temperamentvollen Projekte des
Schwiegersohns. Er hielt das alles für bare Utopie, er glaubte nicht, daß sich
davon auch nur ein Jota werde durchsetzen lassen; aber mein Gott! der
Herzog war Soldat, man verlangte keine politische Einsicht von ihm. Es
derweilen die Jesuiten sich an Schlücklein behagen. Die Luft ist schwer von
Kerzen und Wein.
Karl Alexander, vor diesen Befreundeten und Vertrauten, kehrt sein Herz
nach außen. Ah, er war nicht gewillt, als kleiner Dutzendfürst in seinem
Land zu versauern. Sein Ehrgeiz ging nach mehr als darüber zu wachen,
daß seine Untertanen brav ihren Wein bauten, ihre Leinwand woben, ihren
Kleinen den Rotz schneuzten und die Hemdzipfel reinhielten. Regieren
lassen wird er seine Räte, er wird herrschen. Er war nicht umsonst solange
im Feldlager gewesen. Er war Soldat, ein Soldatenherzog. Hat er solange
für ein anderes, wenngleich befreundetes Haus gefochten und gesiegt,
wieviel besser wird er können für sich selber fechten und siegen. Ludwig
der Vierzehnte hat erobert, das kleine Venedig hat ein gut Teil Griechenland
gefressen, von Schweden aus hat der zwölfte Karl seine Fahnen durch halb
Europa getragen, in Potsdam rüstet man auf Eroberungen. Er spürt es, er ist
der Mann dazu, aus seinem kleinen Staat einen größeren zu machen,
vielleicht, will’s Gott, einen großen. So, wie es jetzt ist, jedenfalls läßt er
sein Land nicht. Da stößt man sich ja blau und kaput an all den Ecken nach
innen und außen und kann keinen Arm und kein Bein ausstrecken. Soviel
Strateg ist er und versteht er von der Kriegskunst, daß sein kleines Land der
Lage nach der Kern ist zu einem größeren. Und auch die Zeit, der Krieg mit
Frankreich, ist günstig. Wenn man nur richtig vorstößt nach den
württembergischen Besitzungen jenseits des Rheins, nach der Grafschaft
Mömpelgard, die so mitteninne liegt im Französischen, und von da aus
weiter: für einen Militär ist das eine exzellente Basis. Dann das viele
Kleinzeug mitten im Herzogtum und an den Grenzen, die Reichsstädte
Reutlingen, Ulm, Heilbronn, Gmund, Weil die Stadt, er begreift nicht, wie
seine Vorgänger das haben so üppig wuchern und florieren lassen. Er wird
sorgen, daß das dem Herzog nicht wie Steine im Magen soll liegen, sondern
wie gedeihlicher Fraß.
„Euer Liebden sind sehr kühn,“ lächelte der alte Thurn und Taxis und
schnupperte mit dem feinen Windhundgesicht an seinem Tokaier.
Wohlgefällig hörte er auf die temperamentvollen Projekte des
Schwiegersohns. Er hielt das alles für bare Utopie, er glaubte nicht, daß sich
davon auch nur ein Jota werde durchsetzen lassen; aber mein Gott! der
Herzog war Soldat, man verlangte keine politische Einsicht von ihm. Es
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war nett, anregend, amüsant, daß er so soldatisch ins Zeug ging. Zwei
Monate in seiner Residenz, und das Feuer legt sich.
Die beiden Kirchenfürsten lauschten aufmerksam den starken Worten
Karl Alexanders. Sie hatten seine Katholisierung mit großem Eifer
betrieben, einmal weil man jeder irrenden Seele zum Licht verhelfen soll,
dann weil es ein starkes Propagandamittel war, den Württemberger
herüberzuziehen, vor allem aber aus Spielerei. Große politische Pläne
hatten sie wirklich nicht damit verfolgt. Nun Gott es aber so glücklich
gefügt hatte und dem Neugewonnenen ein so mächtiges Relief gegeben,
konnte man schmunzelnd die vielerlei Komplimente über die eigene weise
Voraussicht einstecken. Vor allem aber galt es, die unerwartete Chance nach
Kräften auszunützen. Solch Feuer, wie es der Herzog da abbrannte, war
immer gut. Daran war manches Süpplein zu wärmen.
Sachte begann der dicke Würzburger Fürstbischof. Der Bruder Herzog
trage sich mit großen Plänen, zu denen ihm jeder christ-katholische Fürst
Gutes wünschen müsse. Aber er vergesse, daß Gott ihn ausersehen habe, in
einem rebellischen und ganz verstockten Babylon zu herrschen. Diese
verfluchten Evangelischen hätten die gottgewollten Rechte der deutschen
Fürsten beknabbert wie die Ratten, daß sie nun gottsjämmerlich ramponiert
in Fetzen hingen.
Der Herzog: Der Württemberger sei nicht schlecht, sei ein loyaler
Untertan und dem Fürsten treu. Es sei nur diese verfluchte Bande vom
Parlament, diese obstinate Kompanie von filzigen Eseln, die ihm seinerzeit
die Apanage geweigert, diese sperrigen, hochverräterischen Hammel, die
mit seinem Bruder gezettelt. Aber er sei auf dem Qui vive gewesen und
habe sich nicht um seinen Thron bescheißen lassen, und jetzt, an der Macht,
werde er es ihnen heimzahlen und sie kuranzen, daß sie sollen Blut
schwitzen. Und so wolle er kein Fürst sein und Soldat, so er ihnen nicht den
Fuß werde auf den frechen Nacken setzen.
Es lächelte der Abt: so einfach sei das nicht. Fürs erste habe der Bruder
Herzog Vorausversicherungen gegeben für die Religion und allerhand
Reversalien. Das sei Papier, Papier, Papier, schrie schwer vom Wein und
wild der Herzog. Und gelassen der Jesuit: Gewiß; aber vorläufig bindend.
Auch die Bibel sei zuletzt nur Papier, und doch stehe auf ihr Rom und die
Welt.
Geschmeidig mischte der Würzburger sich ein: Karl Alexanders Kraft
und Weisheit, die Hilfe und List seiner Freunde, seine Soldaten und die
Monate in seiner Residenz, und das Feuer legt sich.
Die beiden Kirchenfürsten lauschten aufmerksam den starken Worten
Karl Alexanders. Sie hatten seine Katholisierung mit großem Eifer
betrieben, einmal weil man jeder irrenden Seele zum Licht verhelfen soll,
dann weil es ein starkes Propagandamittel war, den Württemberger
herüberzuziehen, vor allem aber aus Spielerei. Große politische Pläne
hatten sie wirklich nicht damit verfolgt. Nun Gott es aber so glücklich
gefügt hatte und dem Neugewonnenen ein so mächtiges Relief gegeben,
konnte man schmunzelnd die vielerlei Komplimente über die eigene weise
Voraussicht einstecken. Vor allem aber galt es, die unerwartete Chance nach
Kräften auszunützen. Solch Feuer, wie es der Herzog da abbrannte, war
immer gut. Daran war manches Süpplein zu wärmen.
Sachte begann der dicke Würzburger Fürstbischof. Der Bruder Herzog
trage sich mit großen Plänen, zu denen ihm jeder christ-katholische Fürst
Gutes wünschen müsse. Aber er vergesse, daß Gott ihn ausersehen habe, in
einem rebellischen und ganz verstockten Babylon zu herrschen. Diese
verfluchten Evangelischen hätten die gottgewollten Rechte der deutschen
Fürsten beknabbert wie die Ratten, daß sie nun gottsjämmerlich ramponiert
in Fetzen hingen.
Der Herzog: Der Württemberger sei nicht schlecht, sei ein loyaler
Untertan und dem Fürsten treu. Es sei nur diese verfluchte Bande vom
Parlament, diese obstinate Kompanie von filzigen Eseln, die ihm seinerzeit
die Apanage geweigert, diese sperrigen, hochverräterischen Hammel, die
mit seinem Bruder gezettelt. Aber er sei auf dem Qui vive gewesen und
habe sich nicht um seinen Thron bescheißen lassen, und jetzt, an der Macht,
werde er es ihnen heimzahlen und sie kuranzen, daß sie sollen Blut
schwitzen. Und so wolle er kein Fürst sein und Soldat, so er ihnen nicht den
Fuß werde auf den frechen Nacken setzen.
Es lächelte der Abt: so einfach sei das nicht. Fürs erste habe der Bruder
Herzog Vorausversicherungen gegeben für die Religion und allerhand
Reversalien. Das sei Papier, Papier, Papier, schrie schwer vom Wein und
wild der Herzog. Und gelassen der Jesuit: Gewiß; aber vorläufig bindend.
Auch die Bibel sei zuletzt nur Papier, und doch stehe auf ihr Rom und die
Welt.
Geschmeidig mischte der Würzburger sich ein: Karl Alexanders Kraft
und Weisheit, die Hilfe und List seiner Freunde, seine Soldaten und die
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Güte seiner Sache würden das Papier schließlich zerreiben. Die
Katholisierung des Herzogtums, Basis und Eckpfeiler all dieser Pläne, sei
schwer, aber nicht unmöglich. Man denke an die vorbildlich kluge und
geglückte Katholisierung von Pfalz-Neuburg. Nur katholische Offiziere und
Soldaten zunächst. Da kann keine Landschaft einreden. Dann alle
Hofchargen mählich nur mit Katholiken besetzt, und schließlich alle
Beamtenstellen im Land. Die Protestanten werden entlassen ohne
Rücksicht, alle. Ei, wie sprangen damals in der Pfalz die Seelen in den
guten Glauben! Wie viele wurden auf so einfache Manier der ewigen
Verdammnis entrissen. Zuerst die Beamten, die Familie hatten, die am
meisten um ihre Existenz fürchteten. Ei, wie rasch sie von der
alleinseligmachenden Lehre überzeugt waren, ei, wie sie die protestantische
Ketzerei abschworen, ei, wie sie liefen, hasteten, die guten, wackeren
Seelen, atemlos, in den Schoß der Kirche.
Man lachte, trank. Mancherlei Wege öffneten sich. Der Fürstbischof
versprach, er werde durch seinen grundgescheuten Geheimrat Fichtel
Richtlinien ausarbeiten lassen, speziell auf Württemberg zugeschnitten.
Man trennte sich angeregt, voll Hoffnung.
Andern Tages erschienen bei dem Herzog drei kaiserliche Räte, mit ihm
über den französischen Krieg zu beraten, in den der Kaiser unbesonnen
hineingeglitten war. Karl Alexander, bis jetzt vor den kaiserlichen Räten
immer nur Bittender, Lästiger, besoldeter General, blähte sich nun,
umworben. Lässig, mit großer Geste, schmiß er den Ministern die
zwölftausend Mann Subsidien hin, um die man ängstlich ihn bat. Mit vieler
Verklausulierung und in dunklen Andeutungen versprach ihm dafür der
kaiserliche Geheimvertrag Schutz und Mehrung seiner Souveränität gegen
eventuelle Uebergriffe seiner Landschaft.
Als der Herzog Wien verließ, küßte ihn die römische Majestät vor Hof
und Volk auf beide Wangen.
Josef Süß, wie er den Tod Eberhard Ludwigs erfuhr, stand eine kurze Weile
ohne Atem, den sehr roten Mund halb offen, die linke Hand gehoben wie in
leichter Abwehr, alles Blut zum Herzen. Am Ziel. Er war am Ziel. Ganz
plötzlich stand er oben. Er hatte es so heiß gewünscht, er hatte hochfahrend
getan vor sich und den anderen, als stünde er längst oben, aber innerlich
Katholisierung des Herzogtums, Basis und Eckpfeiler all dieser Pläne, sei
schwer, aber nicht unmöglich. Man denke an die vorbildlich kluge und
geglückte Katholisierung von Pfalz-Neuburg. Nur katholische Offiziere und
Soldaten zunächst. Da kann keine Landschaft einreden. Dann alle
Hofchargen mählich nur mit Katholiken besetzt, und schließlich alle
Beamtenstellen im Land. Die Protestanten werden entlassen ohne
Rücksicht, alle. Ei, wie sprangen damals in der Pfalz die Seelen in den
guten Glauben! Wie viele wurden auf so einfache Manier der ewigen
Verdammnis entrissen. Zuerst die Beamten, die Familie hatten, die am
meisten um ihre Existenz fürchteten. Ei, wie rasch sie von der
alleinseligmachenden Lehre überzeugt waren, ei, wie sie die protestantische
Ketzerei abschworen, ei, wie sie liefen, hasteten, die guten, wackeren
Seelen, atemlos, in den Schoß der Kirche.
Man lachte, trank. Mancherlei Wege öffneten sich. Der Fürstbischof
versprach, er werde durch seinen grundgescheuten Geheimrat Fichtel
Richtlinien ausarbeiten lassen, speziell auf Württemberg zugeschnitten.
Man trennte sich angeregt, voll Hoffnung.
Andern Tages erschienen bei dem Herzog drei kaiserliche Räte, mit ihm
über den französischen Krieg zu beraten, in den der Kaiser unbesonnen
hineingeglitten war. Karl Alexander, bis jetzt vor den kaiserlichen Räten
immer nur Bittender, Lästiger, besoldeter General, blähte sich nun,
umworben. Lässig, mit großer Geste, schmiß er den Ministern die
zwölftausend Mann Subsidien hin, um die man ängstlich ihn bat. Mit vieler
Verklausulierung und in dunklen Andeutungen versprach ihm dafür der
kaiserliche Geheimvertrag Schutz und Mehrung seiner Souveränität gegen
eventuelle Uebergriffe seiner Landschaft.
Als der Herzog Wien verließ, küßte ihn die römische Majestät vor Hof
und Volk auf beide Wangen.
Josef Süß, wie er den Tod Eberhard Ludwigs erfuhr, stand eine kurze Weile
ohne Atem, den sehr roten Mund halb offen, die linke Hand gehoben wie in
leichter Abwehr, alles Blut zum Herzen. Am Ziel. Er war am Ziel. Ganz
plötzlich stand er oben. Er hatte es so heiß gewünscht, er hatte hochfahrend
getan vor sich und den anderen, als stünde er längst oben, aber innerlich
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war er immer zernagt und zerschüttelt von Zweifeln gewesen. Und nun mit
einem Mal war es da, es war wie ein Treffer, ein einmaliger, unter
hunderttausend Losen, er hatte die rechte Eingebung gehabt, und er stand
stolz und geniehaft vor dem klugen Isaak Landauer, der gelächelt hatte und
mit dem Kopf gewackelt über seinen Glauben an den kleinen Prinzen und
sich die fröstelnden Hände gerieben.
Ah, nun wird er stolz und mächtig herschreiten. Hundert glänzende Säle
taten sich auf vor ihm. Mit einem Ruck schnellte er hoch. Er wird jetzt,
Gleicher unter Gleichen, mit den Großen der Welt an prunkenden Tafeln
sitzen; die eben noch verächtlich den Fuß gegen ihn hoben, werden vor ihm
den Rücken rund machen. Die ihn antichambrieren ließen, werden vor
seiner Tür warten, bis er sie vorläßt. Und Frauen, weiße, glänzende,
vornehme, die sich seine Liebe gnädig gefallen ließen, werden ihm jetzt
bettelnd die stolzen Leiber zutragen. Mit Wucher wird er die Fußtritte
zurückzahlen, die er hat hinnehmen müssen. Er wird sehr hoch thronen und
wird sich weiden an seiner Dignité, er wird den großen Herren weisen, daß
ein Jud den Kopf noch zehnmal höher tragen kann als sie.
Er verkaufte seine Häuser in Heidelberg und Mannheim, erließ in
hochfahrendem Ton eine Bekanntmachung, wer im Pfälzischen
Forderungen an ihn habe, möge sie präsentieren. Mittlerweile kaufte er
unter der Hand durch Mittelsleute in Stuttgart in der Seegasse das Palais
einer heruntergekommenen Adelsfamilie, ließ es aufs prächtigste
renovieren, ergänzte seine Dienerschaft, seine Garderobe, seinen Marstall.
Traf umständliche Vorbereitungen, dem Herzog fürstlich und feierlich
entgegenzufahren.
Unter solchen Anstalten fand ihn Isaak Landauer. Unansehnlich,
schmuddelig saß der große Finanzmann in ungefälliger, eckiger Haltung in
einem großen Sessel, wärmte sich die mageren, blutlosen Hände, durch
seine Schläfenlocken, seinen Kaftan, seine verwahrloste Judentracht den
Süß tief reizend. Er hatte, mußte Süß enttäuscht und geärgert konstatieren,
offenbar weder Bewunderung noch Neid für ihn. „Ihr habt Glück gehabt,
Reb Josef Süß,“ sagte er, kopfwackelnd, gutmütig, leicht spöttisch. „Es
hätte auch können schief gehen, dann hättet Ihr Euer ganzes Geld an den
Schlucker verloren.“ „Jetzt ist er jedenfalls kein Schlucker,“ sagte Süß
ägriert. „Das meine ich eben,“ gab der andere bereitwillig zu. Und,
vertraulich, autoritativ: „Was macht Ihr für Gewese und Gepränge und
große Geschichten? Laßt Euch sagen von einem alten Geschäftsmann, es ist
einem Mal war es da, es war wie ein Treffer, ein einmaliger, unter
hunderttausend Losen, er hatte die rechte Eingebung gehabt, und er stand
stolz und geniehaft vor dem klugen Isaak Landauer, der gelächelt hatte und
mit dem Kopf gewackelt über seinen Glauben an den kleinen Prinzen und
sich die fröstelnden Hände gerieben.
Ah, nun wird er stolz und mächtig herschreiten. Hundert glänzende Säle
taten sich auf vor ihm. Mit einem Ruck schnellte er hoch. Er wird jetzt,
Gleicher unter Gleichen, mit den Großen der Welt an prunkenden Tafeln
sitzen; die eben noch verächtlich den Fuß gegen ihn hoben, werden vor ihm
den Rücken rund machen. Die ihn antichambrieren ließen, werden vor
seiner Tür warten, bis er sie vorläßt. Und Frauen, weiße, glänzende,
vornehme, die sich seine Liebe gnädig gefallen ließen, werden ihm jetzt
bettelnd die stolzen Leiber zutragen. Mit Wucher wird er die Fußtritte
zurückzahlen, die er hat hinnehmen müssen. Er wird sehr hoch thronen und
wird sich weiden an seiner Dignité, er wird den großen Herren weisen, daß
ein Jud den Kopf noch zehnmal höher tragen kann als sie.
Er verkaufte seine Häuser in Heidelberg und Mannheim, erließ in
hochfahrendem Ton eine Bekanntmachung, wer im Pfälzischen
Forderungen an ihn habe, möge sie präsentieren. Mittlerweile kaufte er
unter der Hand durch Mittelsleute in Stuttgart in der Seegasse das Palais
einer heruntergekommenen Adelsfamilie, ließ es aufs prächtigste
renovieren, ergänzte seine Dienerschaft, seine Garderobe, seinen Marstall.
Traf umständliche Vorbereitungen, dem Herzog fürstlich und feierlich
entgegenzufahren.
Unter solchen Anstalten fand ihn Isaak Landauer. Unansehnlich,
schmuddelig saß der große Finanzmann in ungefälliger, eckiger Haltung in
einem großen Sessel, wärmte sich die mageren, blutlosen Hände, durch
seine Schläfenlocken, seinen Kaftan, seine verwahrloste Judentracht den
Süß tief reizend. Er hatte, mußte Süß enttäuscht und geärgert konstatieren,
offenbar weder Bewunderung noch Neid für ihn. „Ihr habt Glück gehabt,
Reb Josef Süß,“ sagte er, kopfwackelnd, gutmütig, leicht spöttisch. „Es
hätte auch können schief gehen, dann hättet Ihr Euer ganzes Geld an den
Schlucker verloren.“ „Jetzt ist er jedenfalls kein Schlucker,“ sagte Süß
ägriert. „Das meine ich eben,“ gab der andere bereitwillig zu. Und,
vertraulich, autoritativ: „Was macht Ihr für Gewese und Gepränge und
große Geschichten? Laßt Euch sagen von einem alten Geschäftsmann, es ist
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unpraktisch, es ist bloß zu Schaden. Was macht Ihr Euch dick und stellt
Euch in die Sonne? Es ist nicht gut, wenn sich ein Jud hinstellt, wo ihn alle
sehen. Laßt Euch sagen von einem alten Geschäftsmann, ein Jud stellt sich
besser in den Schatten.“ Und mit einem kleinen, gurgelnden Lachen: „Eine
Schuldverschreibung in der Truhe ist besser als eine Goldbordüre am
Rock.“ Und gutmütig, mit sachtem Spott, prüfte er die Stickerei an den
Aermeln des Süß, während der andere, angewidert fast, sich ihm zu
entziehen suchte.
So sind diese Jungen, dachte Isaak Landauer, als er den Süß verlassen
hatte. Sie sinken, sinken bis zu den Gojim. Sie brauchen Lärm, Glanz,
gestickte Röcke. Sie müssen sich bestätigt fühlen von den anderen. Von
dem feinen, heimlichen Triumph in Kaftan und Schläfenlöckchen ahnen sie
nichts, diese Flächlinge.
Süß höhnte vor sich: Wie feig er ist. Immer sich verstecken. Wozu denn
Macht, wenn man sie nicht sehen läßt? Diese dummen, ängstlichen,
altmodischen Vorurteile. Nur ja die Christen nicht aufmerksam machen.
Nur ja sich in den Schatten ducken. Gerade ins Licht stellen werde ich mich
und allen mitten ins Aug schaun.
Mit großer Pracht fuhr er nach Frankfurt. Besuchte seine Mutter, sich ihr
in seinem Glanz zu zeigen. Die schöne alte Dame – von ihr hatte er das sehr
weiße Gesicht und die wölbigen, fliegenden Augen – lebte in behaglichem
Wohlstand ein leeres Leben. Ach, wie waren früher ihre Tage erfüllt
gewesen. Mit gehetzten Pferden hatte die Schauspielerin Michaele
Deutschland durchjagt, und alle Straßen waren voll von Männern,
Abenteuern, Begierden, Triumphen, Kümmernissen, Wirbel gewesen. Jetzt
ließ sich ihr Dasein nur mehr äußerlich mit den Farben von Erlebnissen
antünchen, sie mußte jedes Nichts aufblasen, um den Schein von
Wichtigkeit und Geschäftigkeit zu wahren, sie füllte die Stunden mit
Körperpflege, unterhielt eine vielfältige, lärmende Korrespondenz, kroch in
das Leben ihrer zahllosen Bekannten hinein. Süß blähte und spiegelte sich
vor ihr, sie weidete sich an seinem Glanz, sog, die Augen groß und töricht,
seine lärmenden, gedunsenen Prahlereien ein. Er, vor der willigen,
bewundernden Hörerin, steigerte sich immer höher.
In den farbigen Schaum ihrer Reden hinein erschien Rabbi Gabriel. Eben
noch hatte mit lüsternem Triumph Süß von den Frauen geredet, die sich in
seinen Zimmern drängten, und Michaele hatte gierig zugehört. Jetzt
zerdrückte das breite, steinerne, mürrische Antlitz des Alten alle diese
Euch in die Sonne? Es ist nicht gut, wenn sich ein Jud hinstellt, wo ihn alle
sehen. Laßt Euch sagen von einem alten Geschäftsmann, ein Jud stellt sich
besser in den Schatten.“ Und mit einem kleinen, gurgelnden Lachen: „Eine
Schuldverschreibung in der Truhe ist besser als eine Goldbordüre am
Rock.“ Und gutmütig, mit sachtem Spott, prüfte er die Stickerei an den
Aermeln des Süß, während der andere, angewidert fast, sich ihm zu
entziehen suchte.
So sind diese Jungen, dachte Isaak Landauer, als er den Süß verlassen
hatte. Sie sinken, sinken bis zu den Gojim. Sie brauchen Lärm, Glanz,
gestickte Röcke. Sie müssen sich bestätigt fühlen von den anderen. Von
dem feinen, heimlichen Triumph in Kaftan und Schläfenlöckchen ahnen sie
nichts, diese Flächlinge.
Süß höhnte vor sich: Wie feig er ist. Immer sich verstecken. Wozu denn
Macht, wenn man sie nicht sehen läßt? Diese dummen, ängstlichen,
altmodischen Vorurteile. Nur ja die Christen nicht aufmerksam machen.
Nur ja sich in den Schatten ducken. Gerade ins Licht stellen werde ich mich
und allen mitten ins Aug schaun.
Mit großer Pracht fuhr er nach Frankfurt. Besuchte seine Mutter, sich ihr
in seinem Glanz zu zeigen. Die schöne alte Dame – von ihr hatte er das sehr
weiße Gesicht und die wölbigen, fliegenden Augen – lebte in behaglichem
Wohlstand ein leeres Leben. Ach, wie waren früher ihre Tage erfüllt
gewesen. Mit gehetzten Pferden hatte die Schauspielerin Michaele
Deutschland durchjagt, und alle Straßen waren voll von Männern,
Abenteuern, Begierden, Triumphen, Kümmernissen, Wirbel gewesen. Jetzt
ließ sich ihr Dasein nur mehr äußerlich mit den Farben von Erlebnissen
antünchen, sie mußte jedes Nichts aufblasen, um den Schein von
Wichtigkeit und Geschäftigkeit zu wahren, sie füllte die Stunden mit
Körperpflege, unterhielt eine vielfältige, lärmende Korrespondenz, kroch in
das Leben ihrer zahllosen Bekannten hinein. Süß blähte und spiegelte sich
vor ihr, sie weidete sich an seinem Glanz, sog, die Augen groß und töricht,
seine lärmenden, gedunsenen Prahlereien ein. Er, vor der willigen,
bewundernden Hörerin, steigerte sich immer höher.
In den farbigen Schaum ihrer Reden hinein erschien Rabbi Gabriel. Eben
noch hatte mit lüsternem Triumph Süß von den Frauen geredet, die sich in
seinen Zimmern drängten, und Michaele hatte gierig zugehört. Jetzt
zerdrückte das breite, steinerne, mürrische Antlitz des Alten alle diese
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leichten, bunten Gesichte wie ein gewaltiger Block. Ja, er wußte, daß der
neue Herzog schon von Wien aufgebrochen war, bald eintreffen werde. Süß
war natürlich auf dem Weg zu ihm. Er sprach mit so kaltem, müdem Spott,
daß alles Errungene kahl und zweifelswürdig erschien. Dann fragte er
beiläufig, wann endlich Süß nach Hirsau kommen werde, das Kind habe
seinen Anblick not. Da Süß sich wand, ausbog, bestand er nicht weiter, nur
die drei Falten vertieften sich in der Stirn. Er sah von der Mutter zum Sohn,
vom Sohn zur Mutter. Ging bald.
Michaele war fahrig, flatternd, ängstlich wirr wie ein hirnloser Vogel
gewesen, solang er da war. Süß hatte die Mutter noch nie in seiner
Gegenwart gesehen. Auch er holte nur mühsam seinen in alle Ecken
geschlagenen Stolz und großen Glanz wieder zusammen. Langsam und
nicht ganz sicher stelzte er sich den alten Prunk wieder an und machte sich
vorsichtig lustig über den Alten. Allein die Mutter stimmte nicht ein, und
sein Abschied war nicht ganz so strahlend und befriedigt wie sein Auftritt.
In rascher Fahrt nach Regensburg. Lärmend, in heiterster Laune empfing
ihn der Herzog. Sehr rot unter der weißen Perücke fiel ihn Remchingen mit
groben Witzen an; er mochte die Juden nicht leiden, der da mit seiner
überhöflichen, geschmeidigen Art war ihm doppelt zuwider. Auch, der alte
Thurn und Taxis verhielt sich reserviert; er hatte es dem Juden nicht
vergessen, daß er damals in Monbijou mit seinem blaßgelben Salon seinen
blaßgelben Frack geschlagen hatte.
Sehr wohlgefällig aber und amüsiert lächelte ihm die Herzogin entgegen.
Ziervoll hob sich die schmale Taille mit dem spöttischen Kopf aus dem
mächtig ausschweifenden, dunkelblauen Samtrock, in dem das winzige
Hündchen fast verschwand. Gnädig reichte sie dem Juden zum Kuß die
kleine, fleischige, gepflegte Hand, während sie mit der andern artig und
preziös, wie es die Sitte vorschrieb, die obersten Falten des Rockes hielt. Ei,
was mochte er für dunkle und ruchlose Gedanken mit in ihre Hand
hineingeküßt haben. Er hatte noch immer diese Augen von hemmungsloser,
beredter Ergebenheit. Und wie modisch bis ins letzte Härlein er sich trug.
Es war amüsant, so einen Juden um sich herum zu haben, der aussah wie
der galanteste Herr von Versailles und sein arges jüdisches Herz, das doch
sicherlich voll war von jeder Bosheit und giftigem Gewürm, hinter so
einem feinen, hirschbraunen Rock verbarg.
Hernach dann, als sie nur zu zweien waren, fragte ihn der Herzog nach
der Stimmung im Land. Er fragte etwas von oben her und beiläufig; aber
neue Herzog schon von Wien aufgebrochen war, bald eintreffen werde. Süß
war natürlich auf dem Weg zu ihm. Er sprach mit so kaltem, müdem Spott,
daß alles Errungene kahl und zweifelswürdig erschien. Dann fragte er
beiläufig, wann endlich Süß nach Hirsau kommen werde, das Kind habe
seinen Anblick not. Da Süß sich wand, ausbog, bestand er nicht weiter, nur
die drei Falten vertieften sich in der Stirn. Er sah von der Mutter zum Sohn,
vom Sohn zur Mutter. Ging bald.
Michaele war fahrig, flatternd, ängstlich wirr wie ein hirnloser Vogel
gewesen, solang er da war. Süß hatte die Mutter noch nie in seiner
Gegenwart gesehen. Auch er holte nur mühsam seinen in alle Ecken
geschlagenen Stolz und großen Glanz wieder zusammen. Langsam und
nicht ganz sicher stelzte er sich den alten Prunk wieder an und machte sich
vorsichtig lustig über den Alten. Allein die Mutter stimmte nicht ein, und
sein Abschied war nicht ganz so strahlend und befriedigt wie sein Auftritt.
In rascher Fahrt nach Regensburg. Lärmend, in heiterster Laune empfing
ihn der Herzog. Sehr rot unter der weißen Perücke fiel ihn Remchingen mit
groben Witzen an; er mochte die Juden nicht leiden, der da mit seiner
überhöflichen, geschmeidigen Art war ihm doppelt zuwider. Auch, der alte
Thurn und Taxis verhielt sich reserviert; er hatte es dem Juden nicht
vergessen, daß er damals in Monbijou mit seinem blaßgelben Salon seinen
blaßgelben Frack geschlagen hatte.
Sehr wohlgefällig aber und amüsiert lächelte ihm die Herzogin entgegen.
Ziervoll hob sich die schmale Taille mit dem spöttischen Kopf aus dem
mächtig ausschweifenden, dunkelblauen Samtrock, in dem das winzige
Hündchen fast verschwand. Gnädig reichte sie dem Juden zum Kuß die
kleine, fleischige, gepflegte Hand, während sie mit der andern artig und
preziös, wie es die Sitte vorschrieb, die obersten Falten des Rockes hielt. Ei,
was mochte er für dunkle und ruchlose Gedanken mit in ihre Hand
hineingeküßt haben. Er hatte noch immer diese Augen von hemmungsloser,
beredter Ergebenheit. Und wie modisch bis ins letzte Härlein er sich trug.
Es war amüsant, so einen Juden um sich herum zu haben, der aussah wie
der galanteste Herr von Versailles und sein arges jüdisches Herz, das doch
sicherlich voll war von jeder Bosheit und giftigem Gewürm, hinter so
einem feinen, hirschbraunen Rock verbarg.
Hernach dann, als sie nur zu zweien waren, fragte ihn der Herzog nach
der Stimmung im Land. Er fragte etwas von oben her und beiläufig; aber
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Süß durchschaute sofort und innerlich erheitert über so primitive Methoden
seine Unsicherheit und wie sehr ihm an seinem Urteil lag. Sogleich stellte
er sich auf Geschäft ein, auf Sachlichkeit, Konzentration, sorglichste
Witterung. Saß, der kluge Finanzmann, mit gespannten Nerven, in Tätigkeit
jede Sicherung. Drehte alle Räder seines Kalküls an, zerteilte rasch und
präzis für alles zu Sagende Gründe und Gegengründe, rieb sie blitzblank,
zählte, wog, rechnete. Holte den Herzog mehr aus als dieser ihn.
Drei Dinge, sah er, wollte dieser Herzog hören: daß das Volk,
unzufrieden, von ihm Erlösung aus aller Not erwarte, daß er der größte
deutsche Feldherr sei, dem das Land die Mittel zu einer stattlichen
Kriegsmacht als etwas Selbstverständliches schulde, daß das Parlament sich
zusammensetze aus einer Bande filziger, eigensüchtiger, querköpfiger,
rebellantischer Lumpen. Klug richtete Süß seine Antworten so ein, daß sie
alle hinausliefen auf Bestätigung solcher Grundsätze.
Unvermittelt schlug ihn der Herzog auf die Schulter: „Mit Seinem Magus
hat Er mich nun doch nicht angeschmiert, Er Sapperlotter von einem
Juden.“ Süß zuckte zusammen, antwortete gegen seine Gewohnheit
schleppend, unfrei, gezwungen, er habe sich die kabbalistischen
Berechnungen auch was kosten lassen; kein Wunder, daß sie solid seien und
stimmten. Der Herzog, lauernd und auch seine Laune nicht sehr echt: der
Rabbi habe doch aber ein schlimmes Ende prophezeit. Wenn die
Berechnungen so solid seien, warum Süß dann sein Geld und seine Dienste
an ihn kette. Und Süß, nach einer Weile: was der Rabbi für gut und schlecht
halte, das liege auf einem andern Gebiet, und nicht spintisierende Menschen
wie Seine Durchlaucht und er brauchten sich um dergleichen subtile,
metaphysische Dinge nicht hinter den Ohren zu krauen.
Er verstummte plötzlich, behindert am Atem, den Kopf seitlich gezogen.
Es war ihm, als schaue ihm ein Mensch über die Schulter, ein Mensch mit
seinem eigenen Gesicht, aber ganz im Dämmer, nebelhaft. Auch der Herzog
schwieg. Die Dinge um ihn verloren ihm ihre Farbe, der Jude vor ihm
verfahlte. Er sah sich schreiten in einem seltsamen, unwirklichen Tanz, vor
ihm im Reigen schritt der Unheimliche, der Magus, Rabbi Gabriel, die eine
seiner Hände haltend, die andere hielt Süß.
Aus dem Gesicht riß ihn der Jude. Lenkte auf anderes. Der Herzog hatte
verächtlich und erbittert von seinem Bruder gesprochen, dem Prinzen
Heinrich Friedrich, und seinen Zetteleien mit der Landschaft. Hier hakte er
ein, machte sich behutsam lustig über den sanften, untüchtigen
seine Unsicherheit und wie sehr ihm an seinem Urteil lag. Sogleich stellte
er sich auf Geschäft ein, auf Sachlichkeit, Konzentration, sorglichste
Witterung. Saß, der kluge Finanzmann, mit gespannten Nerven, in Tätigkeit
jede Sicherung. Drehte alle Räder seines Kalküls an, zerteilte rasch und
präzis für alles zu Sagende Gründe und Gegengründe, rieb sie blitzblank,
zählte, wog, rechnete. Holte den Herzog mehr aus als dieser ihn.
Drei Dinge, sah er, wollte dieser Herzog hören: daß das Volk,
unzufrieden, von ihm Erlösung aus aller Not erwarte, daß er der größte
deutsche Feldherr sei, dem das Land die Mittel zu einer stattlichen
Kriegsmacht als etwas Selbstverständliches schulde, daß das Parlament sich
zusammensetze aus einer Bande filziger, eigensüchtiger, querköpfiger,
rebellantischer Lumpen. Klug richtete Süß seine Antworten so ein, daß sie
alle hinausliefen auf Bestätigung solcher Grundsätze.
Unvermittelt schlug ihn der Herzog auf die Schulter: „Mit Seinem Magus
hat Er mich nun doch nicht angeschmiert, Er Sapperlotter von einem
Juden.“ Süß zuckte zusammen, antwortete gegen seine Gewohnheit
schleppend, unfrei, gezwungen, er habe sich die kabbalistischen
Berechnungen auch was kosten lassen; kein Wunder, daß sie solid seien und
stimmten. Der Herzog, lauernd und auch seine Laune nicht sehr echt: der
Rabbi habe doch aber ein schlimmes Ende prophezeit. Wenn die
Berechnungen so solid seien, warum Süß dann sein Geld und seine Dienste
an ihn kette. Und Süß, nach einer Weile: was der Rabbi für gut und schlecht
halte, das liege auf einem andern Gebiet, und nicht spintisierende Menschen
wie Seine Durchlaucht und er brauchten sich um dergleichen subtile,
metaphysische Dinge nicht hinter den Ohren zu krauen.
Er verstummte plötzlich, behindert am Atem, den Kopf seitlich gezogen.
Es war ihm, als schaue ihm ein Mensch über die Schulter, ein Mensch mit
seinem eigenen Gesicht, aber ganz im Dämmer, nebelhaft. Auch der Herzog
schwieg. Die Dinge um ihn verloren ihm ihre Farbe, der Jude vor ihm
verfahlte. Er sah sich schreiten in einem seltsamen, unwirklichen Tanz, vor
ihm im Reigen schritt der Unheimliche, der Magus, Rabbi Gabriel, die eine
seiner Hände haltend, die andere hielt Süß.
Aus dem Gesicht riß ihn der Jude. Lenkte auf anderes. Der Herzog hatte
verächtlich und erbittert von seinem Bruder gesprochen, dem Prinzen
Heinrich Friedrich, und seinen Zetteleien mit der Landschaft. Hier hakte er
ein, machte sich behutsam lustig über den sanften, untüchtigen
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Verschwörer, sprach dann von seiner Geliebten, dem stillen, dunkelblonden,
dümmlichen Geschöpf. Der Herzog hörte interessiert, belustigt, boshaft zu.
Ei potz! Das Geschöpf hatte ein mageres Fressen an dem sanften Heinrich,
das war ein dünner Braten ohne Sauce. Er lachte maßlos, in seine Augen
stieg ein arges, planendes Glitzern. Der Jude kannte das Mädel natürlich, er
solle sie schildern. Süß beschrieb sie vorsichtig, zerlegte sie kennerisch, die
Tochter des kleinen Landedelmanns, sanft, groß, schwer, ihre Blondheit,
ihre warme, dumpfe Jugend. Der Herzog lauschte hämisch, gierig,
befriedigt; sein Plan war offensichtlich reif geworden. „Er ist ein Kenner,
Jud,“ lachte er. „Er versteht sich auf Christenfleisch, Er Filou.“
Süß, allein, lächelte tief, siegreich, überdachte seinen Weg. Er war klar.
Dem Herzog schmeicheln, unbedenklich, ohne Furcht vor Uebertreibung.
Dem Herzog Geld schaffen, und durch Geld Weiber, Soldaten, Gloire.
Mehr, immer mehr. Nicht übermäßig daran verdienen, aber so viel schaffen,
daß man reich wurde, blieb auch nur ein kleiner Teil kleben. Keine
Rücksichten auf die Landschaft. Sich klar und offen gegen sie stellen. Sie
en canaille trätieren. Einziges Ziel: Geld für die herzoglichen Kassen.
Er hatte Karl Alexander von der rechten Seite genommen. Er hatte auch
gut getan, das Palais in Stuttgart zu kaufen. Als er Regensburg verließ, dem
Herzog voraus, war er herzoglich württembergischer Geheimer Finanzrat.
Der Bestallung beigefügt war ein Dekret der Herzogin, das ihn zu ihrem
Schatullenverwalter ernannte.
In Stuttgart ungeheure Vorbereitungen zum Empfang des neuen Fürsten.
Drei Ehrenpforten mit stolzen lateinischen Inschriften und vielen
allegorischen Figuren, unzählige Fahnen, Girlanden. Die Straßen gesäumt
mit Volk, frostrot und angeregt durch den hellen, lustig klaren
Dezembertag. Ueberall Ausrufer, die das Bild des Herzogs feilbieten, das
berühmte Bild, wie er an der Spitze der siebenhundert Axtmänner höchst
kriegerisch unter regnenden Kugeln die Festung Belgrad erstürmt. Süß hat
das Bild in vielen tausend Drucken herstellen lassen, dem Herzog und dem
Volk zur Freude und sich zum Verdienst, und nun balgen sich Bürger und
Bauern um den billigen, patriotisch herzwärmenden Wandschmuck. Die
ganze Stadt getaucht in Musik, Böllerschüsse, Geschrei. Endlich, zwei
Meilen lang, der Festzug: Beamte, Offiziers, Soldaten zu Fuß und zu Pferd,
dümmlichen Geschöpf. Der Herzog hörte interessiert, belustigt, boshaft zu.
Ei potz! Das Geschöpf hatte ein mageres Fressen an dem sanften Heinrich,
das war ein dünner Braten ohne Sauce. Er lachte maßlos, in seine Augen
stieg ein arges, planendes Glitzern. Der Jude kannte das Mädel natürlich, er
solle sie schildern. Süß beschrieb sie vorsichtig, zerlegte sie kennerisch, die
Tochter des kleinen Landedelmanns, sanft, groß, schwer, ihre Blondheit,
ihre warme, dumpfe Jugend. Der Herzog lauschte hämisch, gierig,
befriedigt; sein Plan war offensichtlich reif geworden. „Er ist ein Kenner,
Jud,“ lachte er. „Er versteht sich auf Christenfleisch, Er Filou.“
Süß, allein, lächelte tief, siegreich, überdachte seinen Weg. Er war klar.
Dem Herzog schmeicheln, unbedenklich, ohne Furcht vor Uebertreibung.
Dem Herzog Geld schaffen, und durch Geld Weiber, Soldaten, Gloire.
Mehr, immer mehr. Nicht übermäßig daran verdienen, aber so viel schaffen,
daß man reich wurde, blieb auch nur ein kleiner Teil kleben. Keine
Rücksichten auf die Landschaft. Sich klar und offen gegen sie stellen. Sie
en canaille trätieren. Einziges Ziel: Geld für die herzoglichen Kassen.
Er hatte Karl Alexander von der rechten Seite genommen. Er hatte auch
gut getan, das Palais in Stuttgart zu kaufen. Als er Regensburg verließ, dem
Herzog voraus, war er herzoglich württembergischer Geheimer Finanzrat.
Der Bestallung beigefügt war ein Dekret der Herzogin, das ihn zu ihrem
Schatullenverwalter ernannte.
In Stuttgart ungeheure Vorbereitungen zum Empfang des neuen Fürsten.
Drei Ehrenpforten mit stolzen lateinischen Inschriften und vielen
allegorischen Figuren, unzählige Fahnen, Girlanden. Die Straßen gesäumt
mit Volk, frostrot und angeregt durch den hellen, lustig klaren
Dezembertag. Ueberall Ausrufer, die das Bild des Herzogs feilbieten, das
berühmte Bild, wie er an der Spitze der siebenhundert Axtmänner höchst
kriegerisch unter regnenden Kugeln die Festung Belgrad erstürmt. Süß hat
das Bild in vielen tausend Drucken herstellen lassen, dem Herzog und dem
Volk zur Freude und sich zum Verdienst, und nun balgen sich Bürger und
Bauern um den billigen, patriotisch herzwärmenden Wandschmuck. Die
ganze Stadt getaucht in Musik, Böllerschüsse, Geschrei. Endlich, zwei
Meilen lang, der Festzug: Beamte, Offiziers, Soldaten zu Fuß und zu Pferd,
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Läufer, Pagen. Sechzehnspännig die Gala-Karosse des Herzogs. So fuhr er
ein auf schneeglitzernden Straßen unter einem strahlend hellblauen
Dezemberhimmel, und tausend bunte Fahnen wehten in die fröhliche Luft.
Herzen und Mäuler offen, freuten sich die Stuttgarter ihres imposanten
Souveräns, der, den Pelzmantel über der breiten, vielbesternten Brust
zurückgeschlagen, mit mächtigem Schädel und herrischen Augen dasaß,
und mehr noch vielleicht ihrer wunderschönen Herzogin, die unter vielem
weißem Rauchwerk, den kleinen, fremdartigen Eidechsenkopf unter dem
Diadem, mit gelassener Neugier ziervoll und lächelnd auf sie niederblickte.
Ei, was spottete sie innerlich über die Schwaben, die ihr zujubelten, ei,
wieviel Lächerliches entdeckte sie an dem Sprecher der Tübinger
Universität, dem dicken, befangenen, schwitzenden Professor, der sich
abarbeitete an der schwäbelnden Deklamation der schwungvollen Verse,
mit denen er das fürstliche Paar begrüßte. Sie hörte ernsthaft und
aufmerksam zu, als er von den Völkern sprach, die der Herzog mit seinem
Zepter zu weiden berufen sei, als er pathetisch verkündete, Karl Alexanders
Name fasse alles zusammen, was man von Karl dem Großen und anderen
Karlen spreche, was sich am Griechen Alexander weise, was Gottes Volk an
Simson preise, was Herkules besessen habe, als er ihn schließlich mit dem
römischen Cäsar verglich. Und nicht einmal da zeigte sie ihr Amüsement,
als er den Herzog rühmte, er sei schon deswegen ewig in der Zeit, weil wie
der Prinz von Ithaka sein Geist nach einem Mentor sah. Aber innerlich
fragte sie sich, wer wohl dieser Mentor sei, der kleine, behutsame
Geheimrat Fichtel mit seinem schwarzen Kaffee oder mit seiner
Fuchsschläue und seiner Galanterie der elegante Jud.
Der stand bescheiden und in höchster Ehrfurcht ganz hinten in einer Ecke
beim Gesinde. Er hatte es für klug gehalten, still und ohne großes Aufsehen
in Stuttgart einzufahren, er hatte sein stattliches Haus bezogen und war
vorderhand nicht sehr aufgefallen. Aus seinem Leibdiener, dem stillen,
phlegmatischen Nicklas Pfäffle war nichts herauszukriegen; es war eben ein
großer Herr vom Hofstaat des neuen Herzogs. Allgemach erst erfuhr man,
daß der Geheime Finanzrat, trotzdem er aussah und sich hielt wie jeder
andere große Herr, ein ganz gemeiner, ungetaufter Jud war. Nun war
eigentlich den Juden der Aufenthalt im Herzogtum verboten. Die Herren
von der Landschaft machten auch schele Gesichter und hätten den neuen
Finanzrat am liebsten aus dem Land geschafft; aber man wollte nicht um
solch ein kleines Ding sogleich Hader mit dem neuen Herzog haben. Das
ein auf schneeglitzernden Straßen unter einem strahlend hellblauen
Dezemberhimmel, und tausend bunte Fahnen wehten in die fröhliche Luft.
Herzen und Mäuler offen, freuten sich die Stuttgarter ihres imposanten
Souveräns, der, den Pelzmantel über der breiten, vielbesternten Brust
zurückgeschlagen, mit mächtigem Schädel und herrischen Augen dasaß,
und mehr noch vielleicht ihrer wunderschönen Herzogin, die unter vielem
weißem Rauchwerk, den kleinen, fremdartigen Eidechsenkopf unter dem
Diadem, mit gelassener Neugier ziervoll und lächelnd auf sie niederblickte.
Ei, was spottete sie innerlich über die Schwaben, die ihr zujubelten, ei,
wieviel Lächerliches entdeckte sie an dem Sprecher der Tübinger
Universität, dem dicken, befangenen, schwitzenden Professor, der sich
abarbeitete an der schwäbelnden Deklamation der schwungvollen Verse,
mit denen er das fürstliche Paar begrüßte. Sie hörte ernsthaft und
aufmerksam zu, als er von den Völkern sprach, die der Herzog mit seinem
Zepter zu weiden berufen sei, als er pathetisch verkündete, Karl Alexanders
Name fasse alles zusammen, was man von Karl dem Großen und anderen
Karlen spreche, was sich am Griechen Alexander weise, was Gottes Volk an
Simson preise, was Herkules besessen habe, als er ihn schließlich mit dem
römischen Cäsar verglich. Und nicht einmal da zeigte sie ihr Amüsement,
als er den Herzog rühmte, er sei schon deswegen ewig in der Zeit, weil wie
der Prinz von Ithaka sein Geist nach einem Mentor sah. Aber innerlich
fragte sie sich, wer wohl dieser Mentor sei, der kleine, behutsame
Geheimrat Fichtel mit seinem schwarzen Kaffee oder mit seiner
Fuchsschläue und seiner Galanterie der elegante Jud.
Der stand bescheiden und in höchster Ehrfurcht ganz hinten in einer Ecke
beim Gesinde. Er hatte es für klug gehalten, still und ohne großes Aufsehen
in Stuttgart einzufahren, er hatte sein stattliches Haus bezogen und war
vorderhand nicht sehr aufgefallen. Aus seinem Leibdiener, dem stillen,
phlegmatischen Nicklas Pfäffle war nichts herauszukriegen; es war eben ein
großer Herr vom Hofstaat des neuen Herzogs. Allgemach erst erfuhr man,
daß der Geheime Finanzrat, trotzdem er aussah und sich hielt wie jeder
andere große Herr, ein ganz gemeiner, ungetaufter Jud war. Nun war
eigentlich den Juden der Aufenthalt im Herzogtum verboten. Die Herren
von der Landschaft machten auch schele Gesichter und hätten den neuen
Finanzrat am liebsten aus dem Land geschafft; aber man wollte nicht um
solch ein kleines Ding sogleich Hader mit dem neuen Herzog haben. Das
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Volk begaffte den Juden neugierig und mißtrauisch; allein man sagte sich,
bei den verwickelten Finanzverhältnissen des Kammerguts und bei der
Schläue der Juden, die die Grävenizschen Finanzen verwalteten, müsse man
dem Herzog billig auch seinerseits einen Hofjuden zugestehen. Ferner
mußte man zugeben, daß der neue Jud sich vorläufig anständig und
unauffällig führte, und jetzt bei der Erbhuldigung hielt er sich trotz seines
großen Titels und seiner stolzen Uniform bescheiden im Winkel.
Aber drei Tage später, beim Empfang der Landschaft, war er schon ganz
anders. Stolz, kalt, scharf stand er unter den Ministern und blickte
ablehnend fremd auf das Gewimmel der Landschaft. Das kleine Häuflein
des Kabinetts, unter ihm der Jude, stand in bunten, prunkenden Uniformen,
hochmütig getrennt von der dichten, schwärzlichen Masse der
Parlamentarier. Vierzehn Prälaten zählte diese Kammer und siebzig
Abgeordnete der Städte und Aemter. Nur wenige wie der feine, kluge
Weißensee und der verarbeitete Konsulent Veit Ludwig Neuffer hielten sich
über der Lage; die meisten trugen besorgte, befangene, schwitzende
Gesichter und standen trotzig und unsicher vor der kalt blickenden,
hoffärtigen Gruppe der Minister. Unter denen war der Präsident des
Conseils, Forstner, und der zweideutige, geschmeidige Neuffer, die schon
bei Lebzeiten des alten Herzogs die Stützen Karl Alexanders gewesen
waren und die Pläne der Landschaft mit dem Prinzen Heinrich Friedrich
gestört hatten. Dann Andreas Heinrich von Schütz mit der mächtigen
Hakennase, Kreatur ursprünglich der Gräveniz, der sich unter jeder
Regierung hielt. Nichts Gutes versah sich die Landschaft von diesen dreien,
nichts Gutes auch von dem Juden, dessen Beiziehung zu dem feierlichen
Empfang eigentlich eine Anmaßung war. Wie eitel und üppig der Kerl
dastand! Es war, weiß Gott, eine Herausforderung der löblichen Landschaft.
Nun, wart Er nur, man wird noch Wege finden, Ihm Mores beizubringen.
Zutrauen hatten die Stände nur zu einem einzigen von den Ministern, und
daß der Herzog den ins Kabinett berufen hatte, machte den Neuffer und den
Juden wieder wett. Das war Georg Bernhard Bilfinger, der Philosoph und
Physiker. Karl Alexander hatte den behäbigen Mann mit dem offenen,
fleischigen, energischen Gesicht kennengelernt, als er gewisse
Berechnungen und Festungsentwürfe von ihm nachzuprüfen hatte. Und so
mißtrauisch er gegen alle Philosophie war, konnte er der Lockung nicht
widerstehen, den zuverlässigen Mathematiker und Festungsbauer in sein
Kabinett zu rufen statt eines Juristen.
bei den verwickelten Finanzverhältnissen des Kammerguts und bei der
Schläue der Juden, die die Grävenizschen Finanzen verwalteten, müsse man
dem Herzog billig auch seinerseits einen Hofjuden zugestehen. Ferner
mußte man zugeben, daß der neue Jud sich vorläufig anständig und
unauffällig führte, und jetzt bei der Erbhuldigung hielt er sich trotz seines
großen Titels und seiner stolzen Uniform bescheiden im Winkel.
Aber drei Tage später, beim Empfang der Landschaft, war er schon ganz
anders. Stolz, kalt, scharf stand er unter den Ministern und blickte
ablehnend fremd auf das Gewimmel der Landschaft. Das kleine Häuflein
des Kabinetts, unter ihm der Jude, stand in bunten, prunkenden Uniformen,
hochmütig getrennt von der dichten, schwärzlichen Masse der
Parlamentarier. Vierzehn Prälaten zählte diese Kammer und siebzig
Abgeordnete der Städte und Aemter. Nur wenige wie der feine, kluge
Weißensee und der verarbeitete Konsulent Veit Ludwig Neuffer hielten sich
über der Lage; die meisten trugen besorgte, befangene, schwitzende
Gesichter und standen trotzig und unsicher vor der kalt blickenden,
hoffärtigen Gruppe der Minister. Unter denen war der Präsident des
Conseils, Forstner, und der zweideutige, geschmeidige Neuffer, die schon
bei Lebzeiten des alten Herzogs die Stützen Karl Alexanders gewesen
waren und die Pläne der Landschaft mit dem Prinzen Heinrich Friedrich
gestört hatten. Dann Andreas Heinrich von Schütz mit der mächtigen
Hakennase, Kreatur ursprünglich der Gräveniz, der sich unter jeder
Regierung hielt. Nichts Gutes versah sich die Landschaft von diesen dreien,
nichts Gutes auch von dem Juden, dessen Beiziehung zu dem feierlichen
Empfang eigentlich eine Anmaßung war. Wie eitel und üppig der Kerl
dastand! Es war, weiß Gott, eine Herausforderung der löblichen Landschaft.
Nun, wart Er nur, man wird noch Wege finden, Ihm Mores beizubringen.
Zutrauen hatten die Stände nur zu einem einzigen von den Ministern, und
daß der Herzog den ins Kabinett berufen hatte, machte den Neuffer und den
Juden wieder wett. Das war Georg Bernhard Bilfinger, der Philosoph und
Physiker. Karl Alexander hatte den behäbigen Mann mit dem offenen,
fleischigen, energischen Gesicht kennengelernt, als er gewisse
Berechnungen und Festungsentwürfe von ihm nachzuprüfen hatte. Und so
mißtrauisch er gegen alle Philosophie war, konnte er der Lockung nicht
widerstehen, den zuverlässigen Mathematiker und Festungsbauer in sein
Kabinett zu rufen statt eines Juristen.
Page 108
Die beiden Gruppen, die kleine der Minister und die große der
Parlamentarier, standen sich gegenüber wie zwei feindliche Tiere, das eine
groß, plump, schwärzlich, hilflos, das andere klein, schillernd, bunt,
beweglich, gefährlich. Aber trotz der betonten äußeren Distanz liefen Fäden
von der einen Gruppe zur andern, Fäden von dem Parlamentarier Neuffer zu
seinem Bruder, dem Minister, von dem ernsthaften, biedern, patriotischen
Landschaftspräsidenten Sturm zu dem ernsthaften, biedern, patriotischen
Geheimrat Bilfinger und schon von dem nervösen, feinen, neugierigen
Diplomaten Weißensee zu dem merkwürdigen, zweideutigen, glatten,
eleganten, neuen Finanzienrat, dem Juden, der hebräischen Exzellenz.
Die Versammlung wartete sehr lange, eine Stunde fast über die
angesetzte Zeit. Und noch immer kein Huldigungsmarsch, noch immer
nicht die Präsentierkommandos der Garden im Vorsaal, noch immer die
Türen verschlossen, die aus den Privatgemächern des Herzogs führten.
Schwitzend in dem überheizten Saal, knurrend, finster traten die
Repräsentanten des Volkes von einem Fuß auf den andern, auch die
Minister begannen unruhig zu werden. Daß der Herzog vom ersten
Augenblick an das Parlament dergestalt brüskierte, kam unerwartet. War es
Absicht? Laune? Zufall? Vergeßlichkeit?
Nur Einer wußte es. Der Jude stand, lächelte, kostete den seltsamen
Triumph, den sich Karl Alexander ausgedacht, verstehend und genießerisch
mit. Die Landschaft hatte mit seinem Bruder gezettelt? Gut, so mochte sie
sich jetzt die Beine in den Bauch warten, dieweilen er sich mit der Freundin
seines Bruders, dem sanften, dunkelblonden, ruhevollen Geschöpf
vergnügte.
Der Geheimrat Andreas Heinrich von Schütz las die Verfassungsakte vor,
die der Herzog beschwören mußte. Beigefügt waren auch jene
Bestätigungen und Versicherungen, die Karl Alexander noch als Prinz
abgegeben hatte und die Neuffer unmittelbar nach dem Ableben Eberhard
Ludwigs den Herren vom Parlament überreicht hatte. Furchtbar
umständlich, vorsichtig, langatmig war alles festgelegt. Nicht sehr laut, mit
gleichmäßiger, gewandter Stimme, durch die mächtige Hakennase leicht
französelnd, las Herr von Schütz das endlose Schriftstück, der Saal war
überheizt, eine Winterfliege summte, von den vielen Menschen in ihren
Parlamentarier, standen sich gegenüber wie zwei feindliche Tiere, das eine
groß, plump, schwärzlich, hilflos, das andere klein, schillernd, bunt,
beweglich, gefährlich. Aber trotz der betonten äußeren Distanz liefen Fäden
von der einen Gruppe zur andern, Fäden von dem Parlamentarier Neuffer zu
seinem Bruder, dem Minister, von dem ernsthaften, biedern, patriotischen
Landschaftspräsidenten Sturm zu dem ernsthaften, biedern, patriotischen
Geheimrat Bilfinger und schon von dem nervösen, feinen, neugierigen
Diplomaten Weißensee zu dem merkwürdigen, zweideutigen, glatten,
eleganten, neuen Finanzienrat, dem Juden, der hebräischen Exzellenz.
Die Versammlung wartete sehr lange, eine Stunde fast über die
angesetzte Zeit. Und noch immer kein Huldigungsmarsch, noch immer
nicht die Präsentierkommandos der Garden im Vorsaal, noch immer die
Türen verschlossen, die aus den Privatgemächern des Herzogs führten.
Schwitzend in dem überheizten Saal, knurrend, finster traten die
Repräsentanten des Volkes von einem Fuß auf den andern, auch die
Minister begannen unruhig zu werden. Daß der Herzog vom ersten
Augenblick an das Parlament dergestalt brüskierte, kam unerwartet. War es
Absicht? Laune? Zufall? Vergeßlichkeit?
Nur Einer wußte es. Der Jude stand, lächelte, kostete den seltsamen
Triumph, den sich Karl Alexander ausgedacht, verstehend und genießerisch
mit. Die Landschaft hatte mit seinem Bruder gezettelt? Gut, so mochte sie
sich jetzt die Beine in den Bauch warten, dieweilen er sich mit der Freundin
seines Bruders, dem sanften, dunkelblonden, ruhevollen Geschöpf
vergnügte.
Der Geheimrat Andreas Heinrich von Schütz las die Verfassungsakte vor,
die der Herzog beschwören mußte. Beigefügt waren auch jene
Bestätigungen und Versicherungen, die Karl Alexander noch als Prinz
abgegeben hatte und die Neuffer unmittelbar nach dem Ableben Eberhard
Ludwigs den Herren vom Parlament überreicht hatte. Furchtbar
umständlich, vorsichtig, langatmig war alles festgelegt. Nicht sehr laut, mit
gleichmäßiger, gewandter Stimme, durch die mächtige Hakennase leicht
französelnd, las Herr von Schütz das endlose Schriftstück, der Saal war
überheizt, eine Winterfliege summte, von den vielen Menschen in ihren
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schweren Kleidern ging Dunst, Atem, leises Geschnauf aus. Unwirsch,
verärgert sah Karl Alexander in die vielen stumpfen Werkeltagsgesichter,
die sich bemühten, pathetisch zu blicken, unwirsch, verärgert hörte er auf
den Vortrag dieser steifen, feierlichen Urkunden, von denen jedes Wort für
ihn Bindung, frechen, anmaßlichen, rebellantischen Zwang bedeutete. Und
das näselte so fort, endlos, endlos. Er mußte an sich halten, um nicht
dreinzufahren, nicht plötzlich laut und verdrießlich zu gähnen. Er kam aus
einer Umarmung, er spürte noch in allen Poren die sanfte, warme Haut des
dunkelblonden Geschöpfs, er hörte noch ihr hemmungsloses, stilles,
verströmendes Geflenn, das ihm Gesicht, Arme, Brust feuchtete, er war
erfüllt von einem schlaffen, rohen Grinsen. Sehr anstößig schien es den
Herren von der Landschaft, wie er mit belegter, heiserer Stimme – eine
Nachwirkung des Genusses, aus dem er kam – asthmatisch, empörend
gleichgültig und mit den Gedanken offensichtlich wo ganz anders die
feierliche Eidesformel nachsprach. „Ich konfirmier und bestätige bei
meinen fürstlich wahren Worten mit gutem, reifem Vorbedacht und aus
freiwilligem Herzen.“ Und das klang, als sage er seinem Kammerdiener,
das Rasierwasser sei nicht warm genug.
Gedrückt und voll Besorgnis entfernten sich die Abgeordneten. Hätte er
sie beschimpft wie der verlebte Fürst, der Eberhard Ludwig, wäre er mit
unflätigem Gekeife über sie hergefallen wie jener, dagegen hätte man viel
leichter aufkommen können als gegen diese formlos verächtliche,
verblüffend nonchalante Manier. Wie er sie hatte warten lassen wie lästig
lumpige Bettler! Wie gleichgültig er, mit gelangweiltem Gerülpse, die Akte
beschworen hatte! O schöne Freiheit! Man wird noch hart für dich kämpfen
müssen. O süße Macht der herrschenden Familien, man wird viel Aerger
und Verdruß haben, dich zu wahren.
Karl Alexander, nachdem die Abgeordneten fort waren, streckte sich,
warf sich in einen Sessel, war vergnügt. Denen hatte er es gegeben. Wie sie
sich wegschlichen, die Schwänze eingezogen. Er schnaubte durch die Nase,
sehr zufrieden mit sich. Ein guter Anfang, ein guter Tag. Erst dem sanften
Heinrich Friedrich eins versetzt, dem Duckmäuser, dem Aufmucker, und
dann das freche, filzige, schwitzende Pöbelpack heimgeschickt, begossen,
würgend an dem hinuntergefressenen Verdruß.
Er entließ auch die Minister, schmunzelte, sie verabschiedend, zu Süß:
„Hab noch was zu trösten, was Blondes, Flennendes. Hat Gusto, der
verärgert sah Karl Alexander in die vielen stumpfen Werkeltagsgesichter,
die sich bemühten, pathetisch zu blicken, unwirsch, verärgert hörte er auf
den Vortrag dieser steifen, feierlichen Urkunden, von denen jedes Wort für
ihn Bindung, frechen, anmaßlichen, rebellantischen Zwang bedeutete. Und
das näselte so fort, endlos, endlos. Er mußte an sich halten, um nicht
dreinzufahren, nicht plötzlich laut und verdrießlich zu gähnen. Er kam aus
einer Umarmung, er spürte noch in allen Poren die sanfte, warme Haut des
dunkelblonden Geschöpfs, er hörte noch ihr hemmungsloses, stilles,
verströmendes Geflenn, das ihm Gesicht, Arme, Brust feuchtete, er war
erfüllt von einem schlaffen, rohen Grinsen. Sehr anstößig schien es den
Herren von der Landschaft, wie er mit belegter, heiserer Stimme – eine
Nachwirkung des Genusses, aus dem er kam – asthmatisch, empörend
gleichgültig und mit den Gedanken offensichtlich wo ganz anders die
feierliche Eidesformel nachsprach. „Ich konfirmier und bestätige bei
meinen fürstlich wahren Worten mit gutem, reifem Vorbedacht und aus
freiwilligem Herzen.“ Und das klang, als sage er seinem Kammerdiener,
das Rasierwasser sei nicht warm genug.
Gedrückt und voll Besorgnis entfernten sich die Abgeordneten. Hätte er
sie beschimpft wie der verlebte Fürst, der Eberhard Ludwig, wäre er mit
unflätigem Gekeife über sie hergefallen wie jener, dagegen hätte man viel
leichter aufkommen können als gegen diese formlos verächtliche,
verblüffend nonchalante Manier. Wie er sie hatte warten lassen wie lästig
lumpige Bettler! Wie gleichgültig er, mit gelangweiltem Gerülpse, die Akte
beschworen hatte! O schöne Freiheit! Man wird noch hart für dich kämpfen
müssen. O süße Macht der herrschenden Familien, man wird viel Aerger
und Verdruß haben, dich zu wahren.
Karl Alexander, nachdem die Abgeordneten fort waren, streckte sich,
warf sich in einen Sessel, war vergnügt. Denen hatte er es gegeben. Wie sie
sich wegschlichen, die Schwänze eingezogen. Er schnaubte durch die Nase,
sehr zufrieden mit sich. Ein guter Anfang, ein guter Tag. Erst dem sanften
Heinrich Friedrich eins versetzt, dem Duckmäuser, dem Aufmucker, und
dann das freche, filzige, schwitzende Pöbelpack heimgeschickt, begossen,
würgend an dem hinuntergefressenen Verdruß.
Er entließ auch die Minister, schmunzelte, sie verabschiedend, zu Süß:
„Hab noch was zu trösten, was Blondes, Flennendes. Hat Gusto, der
Page 110
Duckmäuser, mehr Gusto, als ich ihm zugetraut.“ Lachte schallend und
schlug den geschmeichelten Süß auf die Schulter.
„Ich will selbst regieren,“ sagte er zu einer Stuttgarter Deputation. „Ich will
selbst mein Volk hören und ihm helfen.“ Eine Flut von Bittschriften brach
herein, mit eigener Hand nahm er sie. „Ich will dir und mir helfen,“ sagte er
einem Bittenden. Ins ganze Land ließ er ergehen, er werde sich durch keine
Mühe und Schwierigkeit von dem, was zu wahrer Aufnahme und Flor des
Herzogtums gereichen werde, abhalten lassen, werde sorgen, daß in allen
Stücken ohne Schleich, Intrigen und Verwicklungen nach der altberühmten
württembergischen Treu und Redlichkeit gehandelt werde. Wer immer eine
Beschwerde in solchen Stücken gegen einen Beamten habe oder sonst in
diesem Behuf ein Anliegen, möge es umständlich zu Papier bringen und
ihm, dem Herzog, zu eigenen Händen kommen lassen.
Drei Sonntage nacheinander wurde dieser Wille des neuen Herrn von
allen Kanzeln des Landes verlesen; gedruckt war er angeschlagen am
Rathaus jeder Gemeinde. Es jubelte das Volk: das war ein Fürst; der ließ
nicht durch seine Kanzlei regieren, der regierte selbst. Wie Schnee im Mai
schmolzen die Grävenizischen. Machten sich fort, wurden verbannt, auf
Festung gesetzt. Der treibt unsere Treiber hinwiederum ein! schmunzelten
die Bauern. Aufblühte an dem Sturz der Grävenizischen die saure Herzogin-
Witwe. Das Bild Karl Alexanders aber, wie er Belgerad erstürmt mit seinen
Axtmännern, ging reißend ab, und als gar ein Reskript das Niederknien der
Supplikanten vor dem Herzog verbot, denn nur Gott gebühre solche
Ehrerweisung, da mußte Süß eine neue riesige Auflage drucken lassen, und
es gab kein Bürger- und kein Bauernhaus im Herzogtum, darin das Bild
nicht am besten Platze hing. Und die Herren vom Parlament machten schele
Gesichter.
Den Prozeß gegen den früheren Hofmarschall, den Gräveniz, und seine
Schwester förderte der Herzog mit allem Nachdruck, doch ohne rechten
Erfolg. Wohl saß der ehemals Allmächtige auf der Festung Hohentwiel;
aber wollte man sich nicht Zwang und Ungerechtigkeit vorwerfen lassen, so
mußte man vorsichtig und langsam vorgehen. Was gar die Gräfin anlangte,
so war sie außer Landes, die evangelischen Höfe unterstützten sie gegen
den katholischen Herzog, und die leise, behutsame Hand Isaak Landauers
schlug den geschmeichelten Süß auf die Schulter.
„Ich will selbst regieren,“ sagte er zu einer Stuttgarter Deputation. „Ich will
selbst mein Volk hören und ihm helfen.“ Eine Flut von Bittschriften brach
herein, mit eigener Hand nahm er sie. „Ich will dir und mir helfen,“ sagte er
einem Bittenden. Ins ganze Land ließ er ergehen, er werde sich durch keine
Mühe und Schwierigkeit von dem, was zu wahrer Aufnahme und Flor des
Herzogtums gereichen werde, abhalten lassen, werde sorgen, daß in allen
Stücken ohne Schleich, Intrigen und Verwicklungen nach der altberühmten
württembergischen Treu und Redlichkeit gehandelt werde. Wer immer eine
Beschwerde in solchen Stücken gegen einen Beamten habe oder sonst in
diesem Behuf ein Anliegen, möge es umständlich zu Papier bringen und
ihm, dem Herzog, zu eigenen Händen kommen lassen.
Drei Sonntage nacheinander wurde dieser Wille des neuen Herrn von
allen Kanzeln des Landes verlesen; gedruckt war er angeschlagen am
Rathaus jeder Gemeinde. Es jubelte das Volk: das war ein Fürst; der ließ
nicht durch seine Kanzlei regieren, der regierte selbst. Wie Schnee im Mai
schmolzen die Grävenizischen. Machten sich fort, wurden verbannt, auf
Festung gesetzt. Der treibt unsere Treiber hinwiederum ein! schmunzelten
die Bauern. Aufblühte an dem Sturz der Grävenizischen die saure Herzogin-
Witwe. Das Bild Karl Alexanders aber, wie er Belgerad erstürmt mit seinen
Axtmännern, ging reißend ab, und als gar ein Reskript das Niederknien der
Supplikanten vor dem Herzog verbot, denn nur Gott gebühre solche
Ehrerweisung, da mußte Süß eine neue riesige Auflage drucken lassen, und
es gab kein Bürger- und kein Bauernhaus im Herzogtum, darin das Bild
nicht am besten Platze hing. Und die Herren vom Parlament machten schele
Gesichter.
Den Prozeß gegen den früheren Hofmarschall, den Gräveniz, und seine
Schwester förderte der Herzog mit allem Nachdruck, doch ohne rechten
Erfolg. Wohl saß der ehemals Allmächtige auf der Festung Hohentwiel;
aber wollte man sich nicht Zwang und Ungerechtigkeit vorwerfen lassen, so
mußte man vorsichtig und langsam vorgehen. Was gar die Gräfin anlangte,
so war sie außer Landes, die evangelischen Höfe unterstützten sie gegen
den katholischen Herzog, und die leise, behutsame Hand Isaak Landauers
Page 111
löste immer wieder alle Fäden, aus denen die plumperen württembergischen
Räte der Gräfin ein Netz knüpfen wollten. Wohl wurde ein spezialiter
verordnetes Kriminalgericht gegen sie eingesetzt, der erste Jurist des
Herzogtums, der um seiner strengen Rechtlichkeit willen in ganz
Deutschland angesehene Tübinger Professor Moritz David Harpprecht
erhob peinliche Anklage gegen sie wegen Bigamie, gedoppelten,
wiederholten, durch viele Jahre fortgesetzten Ehebruchs, wegen dreier
Mordanschläge gegen Eberhard Ludwigs Gemahlin, wegen
Majestätsverbrechens, wegen Kindsabtreibung, wegen Fälschung, Betrugs,
Unterschleifs, auch erkannte dies Gericht die Todesstrafe gegen sie. Ein
besonderer württembergischer Agent, der Baron Zech, wurde nach Wien
gesandt, Bestätigung und Exekution dieses Urteils durchzusetzen, und er
gab viel Geld aus, die kaiserlichen Räte zu gewinnen, an
hundertunddreiundvierzigtausend Gulden. Aber sei es, daß Isaak Landauer
noch mehr ausgab, sei es, daß er einfach geschickter war, die Geschichte
wurde langwierig und versackte schließlich in einen umständlichen,
komplizierten Geld- und Vergleichshandel.
Dem Herzog wurde diese Affäre wie überhaupt die ganze Regiererei vom
Kabinett aus bald öde und unbehaglich. Er hatte schöne Manifeste erlassen,
die Liebe seines Volkes errungen, und seine Räte, der polternde General
Remchingen, der geschmeidige Diplomat Schütz, der schlaue Finanzmann
Süß, versicherten ihm Tag für Tag, jetzt seien alle Mißstände abgestellt,
Württembergs goldenes Zeitalter angebrochen. Wo in Deutschland gab es
einen zweiten so pflichtbewußten Fürsten? Stolz vor Gott, den Menschen
und sich selbst, geschwellt von dem Gefühl, den Titel, mit dem eine
Adresse der Tübinger Universität ihn angeredet, den Titel: treuester Hirt
und Wonne des Menschengeschlechts sich zu Recht verdient zu haben,
überließ er die Erfüllung seiner Versprechungen seinen Räten und fuhr, sich
freuend auf das Soldatenleben, hungrig nach neuer Gloire, zur Armee.
Süß hielt Konferenz mit dem Geheimrat Bilfinger und dem Professor
Harpprecht über den Prozeß gegen die beiden Gräveniz. Die Herren saßen
in dem prunküberladenen Arbeitskabinett des Süß, der Jude schlank,
elegant; gewichtig, breit die beiden Württemberger. Der Prozeß stand nicht
gut. Wien hatte nahegelegt, den früheren Oberhofmarschall von der Festung
Räte der Gräfin ein Netz knüpfen wollten. Wohl wurde ein spezialiter
verordnetes Kriminalgericht gegen sie eingesetzt, der erste Jurist des
Herzogtums, der um seiner strengen Rechtlichkeit willen in ganz
Deutschland angesehene Tübinger Professor Moritz David Harpprecht
erhob peinliche Anklage gegen sie wegen Bigamie, gedoppelten,
wiederholten, durch viele Jahre fortgesetzten Ehebruchs, wegen dreier
Mordanschläge gegen Eberhard Ludwigs Gemahlin, wegen
Majestätsverbrechens, wegen Kindsabtreibung, wegen Fälschung, Betrugs,
Unterschleifs, auch erkannte dies Gericht die Todesstrafe gegen sie. Ein
besonderer württembergischer Agent, der Baron Zech, wurde nach Wien
gesandt, Bestätigung und Exekution dieses Urteils durchzusetzen, und er
gab viel Geld aus, die kaiserlichen Räte zu gewinnen, an
hundertunddreiundvierzigtausend Gulden. Aber sei es, daß Isaak Landauer
noch mehr ausgab, sei es, daß er einfach geschickter war, die Geschichte
wurde langwierig und versackte schließlich in einen umständlichen,
komplizierten Geld- und Vergleichshandel.
Dem Herzog wurde diese Affäre wie überhaupt die ganze Regiererei vom
Kabinett aus bald öde und unbehaglich. Er hatte schöne Manifeste erlassen,
die Liebe seines Volkes errungen, und seine Räte, der polternde General
Remchingen, der geschmeidige Diplomat Schütz, der schlaue Finanzmann
Süß, versicherten ihm Tag für Tag, jetzt seien alle Mißstände abgestellt,
Württembergs goldenes Zeitalter angebrochen. Wo in Deutschland gab es
einen zweiten so pflichtbewußten Fürsten? Stolz vor Gott, den Menschen
und sich selbst, geschwellt von dem Gefühl, den Titel, mit dem eine
Adresse der Tübinger Universität ihn angeredet, den Titel: treuester Hirt
und Wonne des Menschengeschlechts sich zu Recht verdient zu haben,
überließ er die Erfüllung seiner Versprechungen seinen Räten und fuhr, sich
freuend auf das Soldatenleben, hungrig nach neuer Gloire, zur Armee.
Süß hielt Konferenz mit dem Geheimrat Bilfinger und dem Professor
Harpprecht über den Prozeß gegen die beiden Gräveniz. Die Herren saßen
in dem prunküberladenen Arbeitskabinett des Süß, der Jude schlank,
elegant; gewichtig, breit die beiden Württemberger. Der Prozeß stand nicht
gut. Wien hatte nahegelegt, den früheren Oberhofmarschall von der Festung
Page 112
zu entlassen und seinen Vergleichsvorschlag anzunehmen; er wollte seine
württembergischen Güter gegen eine niedrige Summe abtreten. Auch das
peinliche Verfahren gegen die Gräfin war man in Wien zu bestätigen nicht
geneigt, man verwies auf den Weg finanziellen Ausgleichs. Dieser
Kompromiß schien den beiden Württembergern mager und der
herzoglichen Dignité nicht entsprechend. Süß hingegen meinte, der
greifbarste Erfolg sei der, der sich in einer hohen Ziffer ausdrücke, und eine
so real denkende Dame wie die Gräfin könne schwerer als mit einer hohen
Geldbuße nicht bestraft werden. Die geldliche Regelung solle man ihm
überlassen, er werde sie bestimmt zur Zufriedenheit des Herzogs erledigen.
Die beiden ernsthaften und gerechten Männer fanden diese Anschauung
frivol und jüdisch, auch wußten sie, daß Süß Geschäfte mit der Gräfin hatte,
und trauten ihm nicht recht. Aber schließlich war der württembergische
Agent erfolglos aus Wien zurückgekehrt, es blieb keine andere Lösung als
ein Vergleich, der Jude machte das wirklich besser als jeder andere, und der
Herzog glaubte bedingungslos an seine glückliche und geschickte Hand.
Verdrossen fügten sie sich darein, daß Süß die weiteren Verhandlungen
führe.
Dies durchgesprochen, bat Süß den Juristen noch um einige Deduktionen
über umstrittene Befugnisse der Landschaft. Das war eine Frage, die den
beiden Württembergern das Herz von Grund auf bewegte. Harpprecht, der
Jurist, der langsame, bedächtige, umsichtige Mann, gewohnt, die Dinge
rundum zu drehen, genau und von allen Seiten zu beschauen, und Bilfinger,
der vertraute Freund des großberühmten Philosophen Wolf, von seiner
Professorentätigkeit in Petersburg her über ganz Europa bekannt, geneigt,
die Dinge ernsthaft und aus großer Höhe zu übersehen, aufrechte Patrioten
beide, ruhevolle, sachliche Männer beide, verschlossen sich nicht der
Erkenntnis, daß einige wenige herrschende Bürgerfamilien auf der
Verfassung saßen wie auf privatem ererbtem Eigentum und die
Repräsentantenstellen des Volkes gleichwie sonstigen persönlichsten Besitz,
wie Häuser, Möbel, Wechsel sich überkamen, unter sich verschacherten; sie
wußten, daß die Fahne der Freiheit immer dazu mißbraucht wird, daß
einzelne sich Fetzen daraus schneiden für ihren privaten Vorteil. Aber sie
waren trotzdem tief und von ganzem Herzen überzeugt, daß das
Landesgrundgesetz und die landständischen Freiheiten die Pfeiler des
Staates waren, und sie interpretierten alle strittigen Grenzfragen zwischen
Fürsten und Volk aus dem freiheitlichen und verantwortungsschweren Ernst
württembergischen Güter gegen eine niedrige Summe abtreten. Auch das
peinliche Verfahren gegen die Gräfin war man in Wien zu bestätigen nicht
geneigt, man verwies auf den Weg finanziellen Ausgleichs. Dieser
Kompromiß schien den beiden Württembergern mager und der
herzoglichen Dignité nicht entsprechend. Süß hingegen meinte, der
greifbarste Erfolg sei der, der sich in einer hohen Ziffer ausdrücke, und eine
so real denkende Dame wie die Gräfin könne schwerer als mit einer hohen
Geldbuße nicht bestraft werden. Die geldliche Regelung solle man ihm
überlassen, er werde sie bestimmt zur Zufriedenheit des Herzogs erledigen.
Die beiden ernsthaften und gerechten Männer fanden diese Anschauung
frivol und jüdisch, auch wußten sie, daß Süß Geschäfte mit der Gräfin hatte,
und trauten ihm nicht recht. Aber schließlich war der württembergische
Agent erfolglos aus Wien zurückgekehrt, es blieb keine andere Lösung als
ein Vergleich, der Jude machte das wirklich besser als jeder andere, und der
Herzog glaubte bedingungslos an seine glückliche und geschickte Hand.
Verdrossen fügten sie sich darein, daß Süß die weiteren Verhandlungen
führe.
Dies durchgesprochen, bat Süß den Juristen noch um einige Deduktionen
über umstrittene Befugnisse der Landschaft. Das war eine Frage, die den
beiden Württembergern das Herz von Grund auf bewegte. Harpprecht, der
Jurist, der langsame, bedächtige, umsichtige Mann, gewohnt, die Dinge
rundum zu drehen, genau und von allen Seiten zu beschauen, und Bilfinger,
der vertraute Freund des großberühmten Philosophen Wolf, von seiner
Professorentätigkeit in Petersburg her über ganz Europa bekannt, geneigt,
die Dinge ernsthaft und aus großer Höhe zu übersehen, aufrechte Patrioten
beide, ruhevolle, sachliche Männer beide, verschlossen sich nicht der
Erkenntnis, daß einige wenige herrschende Bürgerfamilien auf der
Verfassung saßen wie auf privatem ererbtem Eigentum und die
Repräsentantenstellen des Volkes gleichwie sonstigen persönlichsten Besitz,
wie Häuser, Möbel, Wechsel sich überkamen, unter sich verschacherten; sie
wußten, daß die Fahne der Freiheit immer dazu mißbraucht wird, daß
einzelne sich Fetzen daraus schneiden für ihren privaten Vorteil. Aber sie
waren trotzdem tief und von ganzem Herzen überzeugt, daß das
Landesgrundgesetz und die landständischen Freiheiten die Pfeiler des
Staates waren, und sie interpretierten alle strittigen Grenzfragen zwischen
Fürsten und Volk aus dem freiheitlichen und verantwortungsschweren Ernst
Page 113
heraus, aus dem der erste württembergische Herzog, in kleinem Land ein
wahrhaft großer Fürst, die Verfassung testiert hatte. Sicherung der
Volksfreiheit war sein erstes Prinzip gewesen, „Attempto! Ich wag’s!“ seine
Parole. Und daß der Fürst durch die Verfassung manchmal vielleicht selbst
im Nützlichen, das er anstrebte, gehindert werden könnte, schien ihm nur
ein kleines Uebel gegen das große Gute, daß er durch ein Grundgesetz und
seine Schranken vor vielen und großen Fehlgriffen bewahrt werde.
Es handelte sich um gewisse Steuerentwürfe und Monopolvorschläge des
Süß, die zweifellos gegen den Geist der Verfassung verstießen; doch war
der Wortlaut brüchig und ein findiger und skrupelloser Tiftler konnte
allenfalls durch die Bresche dringen. Harpprecht, sekundiert von Bilfinger,
redete sich warm, und Süß hörte aufmerksam und höflich zu. Aber plötzlich
sah der Gelehrte die Augen des Finanzmanns, diese großen, gewölbten,
süchtigen, klugen, lauernden, gewissenlosen Raubaugen. Gesehen hatte er
sie oft, aber jetzt mit einem Mal erkannte er sie. Was waren vor diesen
Augen Freiheit, Verfassung, Gewissen, Volk? Ein Mittel für etliche Jobber,
emporzuklimmen, wo er stand, an dem Baum zu rütteln, auf dem er saß, an
seinem Baum, dem Herzog. Der Gelehrte sah, daß dieser Mann in der
Verfassung und ihren Vertretern nichts erblickte als die Konkurrenz, daß er
sie haßte mit dem bedenkenlosen Haß des Konkurrenten. Vor dem klugen,
raffenden, lauernden, giervollen und von keiner Idee gereinigten Blick des
Juden zerwesten alle diese großen Dinge zu Dumme-Jungen-Träumen,
wurden angeschleimt, lächerlich. Er kam sich albern vor, wie er vor diesem
Handelsmann vom Geist der Gesetze sprach, von ihrem schönen und
würdevollen Sinn. Er sprach wie an eine hohle, farbige Larve hin; der
andere klaubte aus seinen Worten sicher nur das heraus, was er für seine
schmierigen und selbstsüchtigen Projekte brauchen konnte. Harpprecht
brach ziemlich unvermittelt ab, der langsamere Bilfinger hatte auch gespürt,
was den Freund hemmte. Die beiden Württemberger entfernten sich bald,
kühl, verdrießlich, von dem unentwegt höflichen Süß respektvoll geleitet.
Unter der Türe trafen sie in Kaftan und Schläfenlöckchen Isaak
Landauer. Süß hatte ihn hergebeten, die Finanzangelegenheiten der Gräfin
mit ihm zu regeln. Die beiden Männer verstanden sich, ohne daß sie
einander auch nur hätten andeuten müssen, wohinaus sie wollten. Es kam
darauf an, einen Vergleich zu formulieren, der dem äußeren Schein nach für
den Herzog, in Wahrheit für die Gräfin günstig war. Scharf schachernd
rückten die beiden gegeneinander vor. Jeder hatte noch seine besonderen
wahrhaft großer Fürst, die Verfassung testiert hatte. Sicherung der
Volksfreiheit war sein erstes Prinzip gewesen, „Attempto! Ich wag’s!“ seine
Parole. Und daß der Fürst durch die Verfassung manchmal vielleicht selbst
im Nützlichen, das er anstrebte, gehindert werden könnte, schien ihm nur
ein kleines Uebel gegen das große Gute, daß er durch ein Grundgesetz und
seine Schranken vor vielen und großen Fehlgriffen bewahrt werde.
Es handelte sich um gewisse Steuerentwürfe und Monopolvorschläge des
Süß, die zweifellos gegen den Geist der Verfassung verstießen; doch war
der Wortlaut brüchig und ein findiger und skrupelloser Tiftler konnte
allenfalls durch die Bresche dringen. Harpprecht, sekundiert von Bilfinger,
redete sich warm, und Süß hörte aufmerksam und höflich zu. Aber plötzlich
sah der Gelehrte die Augen des Finanzmanns, diese großen, gewölbten,
süchtigen, klugen, lauernden, gewissenlosen Raubaugen. Gesehen hatte er
sie oft, aber jetzt mit einem Mal erkannte er sie. Was waren vor diesen
Augen Freiheit, Verfassung, Gewissen, Volk? Ein Mittel für etliche Jobber,
emporzuklimmen, wo er stand, an dem Baum zu rütteln, auf dem er saß, an
seinem Baum, dem Herzog. Der Gelehrte sah, daß dieser Mann in der
Verfassung und ihren Vertretern nichts erblickte als die Konkurrenz, daß er
sie haßte mit dem bedenkenlosen Haß des Konkurrenten. Vor dem klugen,
raffenden, lauernden, giervollen und von keiner Idee gereinigten Blick des
Juden zerwesten alle diese großen Dinge zu Dumme-Jungen-Träumen,
wurden angeschleimt, lächerlich. Er kam sich albern vor, wie er vor diesem
Handelsmann vom Geist der Gesetze sprach, von ihrem schönen und
würdevollen Sinn. Er sprach wie an eine hohle, farbige Larve hin; der
andere klaubte aus seinen Worten sicher nur das heraus, was er für seine
schmierigen und selbstsüchtigen Projekte brauchen konnte. Harpprecht
brach ziemlich unvermittelt ab, der langsamere Bilfinger hatte auch gespürt,
was den Freund hemmte. Die beiden Württemberger entfernten sich bald,
kühl, verdrießlich, von dem unentwegt höflichen Süß respektvoll geleitet.
Unter der Türe trafen sie in Kaftan und Schläfenlöckchen Isaak
Landauer. Süß hatte ihn hergebeten, die Finanzangelegenheiten der Gräfin
mit ihm zu regeln. Die beiden Männer verstanden sich, ohne daß sie
einander auch nur hätten andeuten müssen, wohinaus sie wollten. Es kam
darauf an, einen Vergleich zu formulieren, der dem äußeren Schein nach für
den Herzog, in Wahrheit für die Gräfin günstig war. Scharf schachernd
rückten die beiden gegeneinander vor. Jeder hatte noch seine besonderen
Page 114
Interessen, denn jeder hatte Ansprüche an den Herzog sowohl wie an die
Gräfin. Schließlich rechnete Süß für den Herzog einen Gewinn von
dreihundertunddreiundzwanzigtausend Gulden heraus, aber faktisch hatte
der Herzog an die Gräfin hundertundachtundfünfzigtausend Gulden zu
zahlen. Bei der Uebergabe dieser Summe zog allerdings Süß der Gräfin
dreißigtausend Gulden ab für angebliche Darlehen und Vorschüsse, und
dem Herzog stellte er für seine Dienste in dieser Angelegenheit weitere
fünftausend Gulden in Rechnung.
So endete der Liebeshandel der Gräfin, der so viele Jahre hindurch das
Herzogtum in Wirren und Empörung gestürzt hatte, mit einem ansehnlichen
Gewinn für den Geheimen Finanzienrat Josef Süß Oppenheimer. Die Gräfin
lebte fortan in Berlin ein glanzvolles und unruhiges Leben. Die saure
Herzogin-Witwe hatte zeitlebens gekränkelt, ihr Uebel nahm überhand, die
Aerzte wunderten sich, daß sie immer wieder aufkam. Sie aber starrte voll
kahlen, grauen, staubigen Hasses hinüber nach Berlin zu der Feindin, der
Person, und sie starb erst drei Wochen nach ihr.
Karl Alexander war in den Festungen, bei den Schanzern, im Feldlager, ritt,
fuhr herum, befahl, war groß tätig. Feierte ein herzliches Wiedersehen mit
dem alten, sehr klugen, etwas steifen und trockenen Oberbefehlshaber, dem
Prinzen Eugen. Vor der französischen Uebermacht wich der vorsichtige
Prinz zurück, bezog ein festes Lager bei Heilbronn. Schon standen wieder
die Franzosen im Herzogtum, schrieben Brandschatzungen aus,
Lieferungen. Doch Verstärkungen der Reichsarmee, vor allem von Karl
Alexander bewirkt, zwangen sie über den Rhein zurück. Mit wildem Eifer
betrieb jetzt der Herzog die militärische Sicherung der Grenzen. Die
Festungen wurden ausgebaut, Schanzen angelegt, immerzu hatte der
Herzog Konferenzen mit Bilfinger. Ein sehr weitausschauendes Projekt von
wahrhaft strategischem Genie wurde ernsthaft und mit Geschick in Angriff
genommen. Von Rottweil bis Rottenburg wollte man an einigen Stellen die
Berge eskarpieren, da und dort kleine Schanzen aufwerfen; so war diese
Grenze absolut zu passieren impraktikabel. Auf dem Schwarzwald wollte
man von Schiltach bis Oberndorf Linien ziehen, bis an den Neckar, den
Heuberg durch Verhaue sichern. Zur Besetzung dieser Befestigungen
genügten fünf Bataillone und zehn bis zwölf Schwadronen. Und mit so
Gräfin. Schließlich rechnete Süß für den Herzog einen Gewinn von
dreihundertunddreiundzwanzigtausend Gulden heraus, aber faktisch hatte
der Herzog an die Gräfin hundertundachtundfünfzigtausend Gulden zu
zahlen. Bei der Uebergabe dieser Summe zog allerdings Süß der Gräfin
dreißigtausend Gulden ab für angebliche Darlehen und Vorschüsse, und
dem Herzog stellte er für seine Dienste in dieser Angelegenheit weitere
fünftausend Gulden in Rechnung.
So endete der Liebeshandel der Gräfin, der so viele Jahre hindurch das
Herzogtum in Wirren und Empörung gestürzt hatte, mit einem ansehnlichen
Gewinn für den Geheimen Finanzienrat Josef Süß Oppenheimer. Die Gräfin
lebte fortan in Berlin ein glanzvolles und unruhiges Leben. Die saure
Herzogin-Witwe hatte zeitlebens gekränkelt, ihr Uebel nahm überhand, die
Aerzte wunderten sich, daß sie immer wieder aufkam. Sie aber starrte voll
kahlen, grauen, staubigen Hasses hinüber nach Berlin zu der Feindin, der
Person, und sie starb erst drei Wochen nach ihr.
Karl Alexander war in den Festungen, bei den Schanzern, im Feldlager, ritt,
fuhr herum, befahl, war groß tätig. Feierte ein herzliches Wiedersehen mit
dem alten, sehr klugen, etwas steifen und trockenen Oberbefehlshaber, dem
Prinzen Eugen. Vor der französischen Uebermacht wich der vorsichtige
Prinz zurück, bezog ein festes Lager bei Heilbronn. Schon standen wieder
die Franzosen im Herzogtum, schrieben Brandschatzungen aus,
Lieferungen. Doch Verstärkungen der Reichsarmee, vor allem von Karl
Alexander bewirkt, zwangen sie über den Rhein zurück. Mit wildem Eifer
betrieb jetzt der Herzog die militärische Sicherung der Grenzen. Die
Festungen wurden ausgebaut, Schanzen angelegt, immerzu hatte der
Herzog Konferenzen mit Bilfinger. Ein sehr weitausschauendes Projekt von
wahrhaft strategischem Genie wurde ernsthaft und mit Geschick in Angriff
genommen. Von Rottweil bis Rottenburg wollte man an einigen Stellen die
Berge eskarpieren, da und dort kleine Schanzen aufwerfen; so war diese
Grenze absolut zu passieren impraktikabel. Auf dem Schwarzwald wollte
man von Schiltach bis Oberndorf Linien ziehen, bis an den Neckar, den
Heuberg durch Verhaue sichern. Zur Besetzung dieser Befestigungen
genügten fünf Bataillone und zehn bis zwölf Schwadronen. Und mit so
Page 115
verhältnismäßig kleinen Mitteln schuf man ein schwäbisches Thermopylä,
an dem jeder welsche Xerxes sich den Schädel einrennen mußte.
Die Landschaft war den Plänen Karl Alexanders zunächst nicht
entgegengetreten. Das Herzogtum hatte während der Regierung Eberhard
Ludwigs unter den Einfällen, Brandschatzungen, Plünderungen, Raub,
Mord und Gewalt der Franzosen zu sehr gelitten, als daß es nicht den
starken, sachverständigen, soldatischen Schutz durch seinen jetzigen
Fürsten aus ganzem Herzen gewürdigt hätte. Als aber die Franzosen über
den Rhein zurückgeworfen waren und die unmittelbare Gefahr verschwand,
wurden die Landstände schwierig. Sie reizten den Herzog durch
mannigfache umständliche und pedantische Beschwerden. Jeden
Augenblick erschien eine Deputation bei ihm mit Reklamationen über seine
Maßnahmen bei der Aushebung und bei den Kriegsrüstungen, ärgerte ihn
durch ihre dicken, stieren, kleinbürgerlichen Gesichter, durch ihre stumpfe,
selbstbewußte Schwerfälligkeit. Schwierigkeiten überall. Der Ersatz der
Truppen vollzog sich tröpfelnd und zögernd, Pferde, Material, Proviant
wurde ohne rechte Lust und nie in dem geforderten Maße nachgeschoben,
die Kriegssteuern gingen zäh ein, der Vollzug stockte, die Kassen waren
erschöpft. Der Herzog, an sich zum Argwohn geneigt, begann seinen Räten
zu mißtrauen, sie hielten es insgeheim mit der Landschaft. Er berief seinen
Juden ins Lager.
Der hatte jedes unscheinbarste Detail der württembergischen Politik
gespanntest belauert, gewogen, gewertet und wartete längst mit Gier auf
diesen Augenblick. In seiner scharfen, klaren, sehr wachen Art hatte er sich
seine Ziele abgesteckt, alle Schritte minutiös berechnet, jeder Zoll seines
Weges, seines Terrains lag vor ihm wie eine mit mathematischer Präzision
ausgeführte Landkarte.
So fuhr er prächtig und entschlossen ins Lager. Karl Alexander empfing
ihn unverzüglich. Es war Nacht, Kerzen brannten, in einem Winkel hockte
der Schwarzbraune. Der Herzog saß mit Bilfinger über geometrischen
Tabellen. Er polterte seinen ganzen Unmut und Verdruß sogleich und
jähzornig heraus, vor diesen beiden ließ er sich gehen. Sein Argwohn gegen
die Minister, gegen Neuffer und Forstner vor allem, hatte sich verstärkt. Sie
hatten ihn seinerzeit, als er noch Prinz war, dazu bewogen, der Landschaft
jene Reversalien und feierlichen Urkunden auszustellen, um bei der
Thronübernahme allen Intrigen für den Prinzen Heinrich Friedrich den
Boden wegzuziehen. Jetzt redete er sich ein, die Ausstellung und
an dem jeder welsche Xerxes sich den Schädel einrennen mußte.
Die Landschaft war den Plänen Karl Alexanders zunächst nicht
entgegengetreten. Das Herzogtum hatte während der Regierung Eberhard
Ludwigs unter den Einfällen, Brandschatzungen, Plünderungen, Raub,
Mord und Gewalt der Franzosen zu sehr gelitten, als daß es nicht den
starken, sachverständigen, soldatischen Schutz durch seinen jetzigen
Fürsten aus ganzem Herzen gewürdigt hätte. Als aber die Franzosen über
den Rhein zurückgeworfen waren und die unmittelbare Gefahr verschwand,
wurden die Landstände schwierig. Sie reizten den Herzog durch
mannigfache umständliche und pedantische Beschwerden. Jeden
Augenblick erschien eine Deputation bei ihm mit Reklamationen über seine
Maßnahmen bei der Aushebung und bei den Kriegsrüstungen, ärgerte ihn
durch ihre dicken, stieren, kleinbürgerlichen Gesichter, durch ihre stumpfe,
selbstbewußte Schwerfälligkeit. Schwierigkeiten überall. Der Ersatz der
Truppen vollzog sich tröpfelnd und zögernd, Pferde, Material, Proviant
wurde ohne rechte Lust und nie in dem geforderten Maße nachgeschoben,
die Kriegssteuern gingen zäh ein, der Vollzug stockte, die Kassen waren
erschöpft. Der Herzog, an sich zum Argwohn geneigt, begann seinen Räten
zu mißtrauen, sie hielten es insgeheim mit der Landschaft. Er berief seinen
Juden ins Lager.
Der hatte jedes unscheinbarste Detail der württembergischen Politik
gespanntest belauert, gewogen, gewertet und wartete längst mit Gier auf
diesen Augenblick. In seiner scharfen, klaren, sehr wachen Art hatte er sich
seine Ziele abgesteckt, alle Schritte minutiös berechnet, jeder Zoll seines
Weges, seines Terrains lag vor ihm wie eine mit mathematischer Präzision
ausgeführte Landkarte.
So fuhr er prächtig und entschlossen ins Lager. Karl Alexander empfing
ihn unverzüglich. Es war Nacht, Kerzen brannten, in einem Winkel hockte
der Schwarzbraune. Der Herzog saß mit Bilfinger über geometrischen
Tabellen. Er polterte seinen ganzen Unmut und Verdruß sogleich und
jähzornig heraus, vor diesen beiden ließ er sich gehen. Sein Argwohn gegen
die Minister, gegen Neuffer und Forstner vor allem, hatte sich verstärkt. Sie
hatten ihn seinerzeit, als er noch Prinz war, dazu bewogen, der Landschaft
jene Reversalien und feierlichen Urkunden auszustellen, um bei der
Thronübernahme allen Intrigen für den Prinzen Heinrich Friedrich den
Boden wegzuziehen. Jetzt redete er sich ein, die Ausstellung und
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Unterzeichnung dieser Urkunden sei überflüssig gewesen, und zudem
hätten ihn die beiden Räte dabei betrogen. Sie seien im Einverständnis mit
der aufsässigen und heimtückischen Landschaft, man habe aus der
Reinschrift einen Bogen ausgelassen oder wegpraktiziert; die Reinschrift
laute anders als das Konzept, das ihm vorgelegen habe. Unmutig und
erschreckt hörte Bilfinger diese grund- und sinnlosen Reden an, die der
Herzog zornig und ohne viel Zusammenhang herauskläffte. Er zwang sich
zur Ruhe, suchte den Herzog mit sachlichen Gründen zu überzeugen, daß er
nichts anderes unterzeichnet habe, als was die Verfassung ohnehin von ihm
verlangt und was seit dem Tübinger Vertrag alle seine Vorgänger
beschworen hatten. Daß also die rechtzeitige Signierung nichts als eine
schöne Geste, bei der Stimmung im Land aber zweckmäßig, ja unbedingt
notwendig gewesen sei. Auf seine dringlichen Einreden schwieg Karl
Alexander schließlich, unüberzeugt. Süß beschränkte sich darauf, genau
zuzuhören; sein Gesicht mit dem vieldeutigen Lächeln stach in dem
Geflacker der Kerzen weiß und ruhig ab von dem roten, erregten des
Fürsten und seines Festungsbauers. Plötzlich wandte sich Karl Alexander an
ihn: „Und Er, Jud?“ Süß, achselzuckend, meinte, es sei allerdings
auffallend, daß die klaren und weisen Befehle des Herzogs so schlecht und
unvollständig ausgeführt würden. Sehr wohl sei es möglich, daß die
Geheimräte mit aufsässigen Parlamentariern Konventikel hätten; aber ob
untreu oder nicht, auf alle Fälle seien sie nach so ungenügenden Resultaten
Unfähige, Diffikultätenmacher, Schikaneure. Was er denn vorschlage, fragte
der Herzog. Nach seinen Erfahrungen bei den österreichischen
Kriegslieferungen, erwiderte Süß, müsse man sehr hohe Geldbußen auf jede
passive Resistenz setzen. Mit Geldstrafen komme man am weitesten. Der
Bürger wie der Bauer hänge am Besitz, er opfere sein Leben lieber als sein
Geld. Der Herzog sagte, er werde es sich überdenken, Süß solle
Spezialvorschläge ausarbeiten. Der Jude erklärte, das habe er bereits getan,
legte ein Bündel Akten und Berechnungen vor. Bilfinger setzte neu an, alle
Gründe gegen den Argwohn des Herzogs säuberlich zusammenzutragen,
mildere, langsamere Maßnahmen zu empfehlen. Karl Alexander,
unwirschen Blickes, unterbrach ihn, begann von den geometrischen
Tabellen zu sprechen, die vor ihm lagen.
Anderen Tages schon gab er Remchingen Ordre, die Vorschläge des Süß
in strengste Praxis zu übersetzen. Die beiden Männer arbeiteten nun
zusammen, der General die Faust, der Jude das Gehirn. Remchingen
hätten ihn die beiden Räte dabei betrogen. Sie seien im Einverständnis mit
der aufsässigen und heimtückischen Landschaft, man habe aus der
Reinschrift einen Bogen ausgelassen oder wegpraktiziert; die Reinschrift
laute anders als das Konzept, das ihm vorgelegen habe. Unmutig und
erschreckt hörte Bilfinger diese grund- und sinnlosen Reden an, die der
Herzog zornig und ohne viel Zusammenhang herauskläffte. Er zwang sich
zur Ruhe, suchte den Herzog mit sachlichen Gründen zu überzeugen, daß er
nichts anderes unterzeichnet habe, als was die Verfassung ohnehin von ihm
verlangt und was seit dem Tübinger Vertrag alle seine Vorgänger
beschworen hatten. Daß also die rechtzeitige Signierung nichts als eine
schöne Geste, bei der Stimmung im Land aber zweckmäßig, ja unbedingt
notwendig gewesen sei. Auf seine dringlichen Einreden schwieg Karl
Alexander schließlich, unüberzeugt. Süß beschränkte sich darauf, genau
zuzuhören; sein Gesicht mit dem vieldeutigen Lächeln stach in dem
Geflacker der Kerzen weiß und ruhig ab von dem roten, erregten des
Fürsten und seines Festungsbauers. Plötzlich wandte sich Karl Alexander an
ihn: „Und Er, Jud?“ Süß, achselzuckend, meinte, es sei allerdings
auffallend, daß die klaren und weisen Befehle des Herzogs so schlecht und
unvollständig ausgeführt würden. Sehr wohl sei es möglich, daß die
Geheimräte mit aufsässigen Parlamentariern Konventikel hätten; aber ob
untreu oder nicht, auf alle Fälle seien sie nach so ungenügenden Resultaten
Unfähige, Diffikultätenmacher, Schikaneure. Was er denn vorschlage, fragte
der Herzog. Nach seinen Erfahrungen bei den österreichischen
Kriegslieferungen, erwiderte Süß, müsse man sehr hohe Geldbußen auf jede
passive Resistenz setzen. Mit Geldstrafen komme man am weitesten. Der
Bürger wie der Bauer hänge am Besitz, er opfere sein Leben lieber als sein
Geld. Der Herzog sagte, er werde es sich überdenken, Süß solle
Spezialvorschläge ausarbeiten. Der Jude erklärte, das habe er bereits getan,
legte ein Bündel Akten und Berechnungen vor. Bilfinger setzte neu an, alle
Gründe gegen den Argwohn des Herzogs säuberlich zusammenzutragen,
mildere, langsamere Maßnahmen zu empfehlen. Karl Alexander,
unwirschen Blickes, unterbrach ihn, begann von den geometrischen
Tabellen zu sprechen, die vor ihm lagen.
Anderen Tages schon gab er Remchingen Ordre, die Vorschläge des Süß
in strengste Praxis zu übersetzen. Die beiden Männer arbeiteten nun
zusammen, der General die Faust, der Jude das Gehirn. Remchingen
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verhöhnte den Süß mit plumpen, unflätigen Späßen. Süß haßte und
verachtete ihn, doch er ließ sich zu keinem Widerstand verlocken, empfing
den Hohn und Schmutz des Soldaten in ein glattes, unempfindliches,
verbindliches Lächeln. Nötigte durch seine unerhörte Sachlichkeit,
Findigkeit, seine immer neuen Schliche und Tricks dem General knurrende,
spöttische, widerwillige Bewunderung ab. Gemeinsam war den beiden
Männern nur der unbedingte Ehrgeiz, dem Herzog zu gefallen, ihm
Soldaten und Geld zu schaffen, gemeinsam auch die tiefe,
selbstverständliche Ueberzeugung, das Volk gehöre dem Fürsten wie seine
Hunde und seine Pferde; verbrecherische Frechheit sei es, mucke es nur im
geringsten gegen ihn auf.
Wie durch Zauber war nun alles da, was früher weder Zureden noch
Gewalt hatten schaffen können. Hatte die Werbetrommel bisher mit allem
Gelärm nur ein paar tausend Freiwillige, und viel verrackertes Kruppzeug
darunter, auf nicht sehr stattliche Beine gebracht, so barsten jetzt die Depots
von Rekruten. In den Remonten tummelten sich die Pferde, die Kammern
stapelten Uniformen, es bauchten sich von Geld und Wechseln die Kassen,
Scheunen und Magazine boten keinen Raum mehr für das eindringende
Getreide, den hoch sich schichtenden Proviant. Es quoll, strömte, junge,
schäumende Flut nach der tristen Ebbe. Ueberall Nachschub, Reserven.
Karl Alexander, triumphierend, schwoll an und rühmte vor aller Welt das
Genie und die Geschicklichkeit seines Geheimen Finanzienrates.
Uebers Volk aber senkte es sich bleiern, luftraubend. Wohl hatte es früher
schon eine Art Zwangsmusterung gegeben; aber nur für Aushauser, für
Vagabunden, arbeitsscheue, junge Kerls, die den Gemeinden zur Last fielen.
Jetzt wurde diese Rekrutierung auf die gesamte unverheiratete Jugend des
Landes ausgedehnt. Wer sich loskaufen wollte, mußte eine ungeheure
Summe bezahlen. Verheiratete waren befreit von der Rekrutierung; wer aber
vor dem fünfundzwanzigsten Jahr heiraten wollte, mußte den fünften Teil
seines Vermögens als Taxe erlegen. Die Pferde wurden gemustert, alle
tauglichen requiriert, die Regierung zahlte mit langfristigen Anweisungen.
Handel und Hantierung wurde mit schweren Kriegsabgaben belastet, die
Steuern mit Härte eingetrieben.
Ei, wie verschwanden die Kränze und Bänder von den Bildern des
Herzogs. Beste Jugend stak, fluchend, in der Montur. Mütter, Weiber,
Bräute flennten. Verluderten in der Abwesenheit der Männer. Durch das
Heiratsverbot mehrten sich die unehelichen Kinder; Abtreibung, Kindsmord
verachtete ihn, doch er ließ sich zu keinem Widerstand verlocken, empfing
den Hohn und Schmutz des Soldaten in ein glattes, unempfindliches,
verbindliches Lächeln. Nötigte durch seine unerhörte Sachlichkeit,
Findigkeit, seine immer neuen Schliche und Tricks dem General knurrende,
spöttische, widerwillige Bewunderung ab. Gemeinsam war den beiden
Männern nur der unbedingte Ehrgeiz, dem Herzog zu gefallen, ihm
Soldaten und Geld zu schaffen, gemeinsam auch die tiefe,
selbstverständliche Ueberzeugung, das Volk gehöre dem Fürsten wie seine
Hunde und seine Pferde; verbrecherische Frechheit sei es, mucke es nur im
geringsten gegen ihn auf.
Wie durch Zauber war nun alles da, was früher weder Zureden noch
Gewalt hatten schaffen können. Hatte die Werbetrommel bisher mit allem
Gelärm nur ein paar tausend Freiwillige, und viel verrackertes Kruppzeug
darunter, auf nicht sehr stattliche Beine gebracht, so barsten jetzt die Depots
von Rekruten. In den Remonten tummelten sich die Pferde, die Kammern
stapelten Uniformen, es bauchten sich von Geld und Wechseln die Kassen,
Scheunen und Magazine boten keinen Raum mehr für das eindringende
Getreide, den hoch sich schichtenden Proviant. Es quoll, strömte, junge,
schäumende Flut nach der tristen Ebbe. Ueberall Nachschub, Reserven.
Karl Alexander, triumphierend, schwoll an und rühmte vor aller Welt das
Genie und die Geschicklichkeit seines Geheimen Finanzienrates.
Uebers Volk aber senkte es sich bleiern, luftraubend. Wohl hatte es früher
schon eine Art Zwangsmusterung gegeben; aber nur für Aushauser, für
Vagabunden, arbeitsscheue, junge Kerls, die den Gemeinden zur Last fielen.
Jetzt wurde diese Rekrutierung auf die gesamte unverheiratete Jugend des
Landes ausgedehnt. Wer sich loskaufen wollte, mußte eine ungeheure
Summe bezahlen. Verheiratete waren befreit von der Rekrutierung; wer aber
vor dem fünfundzwanzigsten Jahr heiraten wollte, mußte den fünften Teil
seines Vermögens als Taxe erlegen. Die Pferde wurden gemustert, alle
tauglichen requiriert, die Regierung zahlte mit langfristigen Anweisungen.
Handel und Hantierung wurde mit schweren Kriegsabgaben belastet, die
Steuern mit Härte eingetrieben.
Ei, wie verschwanden die Kränze und Bänder von den Bildern des
Herzogs. Beste Jugend stak, fluchend, in der Montur. Mütter, Weiber,
Bräute flennten. Verluderten in der Abwesenheit der Männer. Durch das
Heiratsverbot mehrten sich die unehelichen Kinder; Abtreibung, Kindsmord
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nahm zu. Die Felder wurden schlechter bestellt, es mangelte an Menschen,
die besten Pferde waren mit Gewalt weggetrieben. Teuerung drohte,
Lebensmittel, Waren verschwanden. Laut fluchte es jetzt, empörte sich.
Scharfe Erlasse verboten bei Leib- und Lebensstrafe jede respektlose
Aeußerung gegen die herzoglichen Verordnungen, jede Turbierung und
Unruhestiftung. Es wurden auch etwelche Raunzer und Nörgler
festgenommen und prozessiert. Die gelle Empörung verstummte, aber die
Flüche murrten weiter, wo man vor Lauschern sicher war. Stumpf stierten
die Weiber nach Westen, wohin die Söhne, die Liebsten verschwunden
waren, aufgegriffen, knirschend, in die alberne, verfluchte Uniform gepreßt.
Ueber ihren schlecht bestellten Aeckern knurrten die Bauern: O die
schönen, fetten, glatten Rösser! Jetzt werden sie zu Schindmähren gerackert
vor diesen saudummen Kanonen!
Dem Süß rührte diese Stimmung nicht die Haut. In der Kurpfalz, als er
dort das Stempelpapier eingeführt hatte, war er an Aufläufe vor seinem
Haus, Beschimpfungen, Pasquille gewöhnt worden; das prallte ab von ihm
wie Wasser von einer Teerjacke. Wer konnte an ihn heran? Er saß an der
Macht, er war der nächste Ratgeber des Fürsten, keiner wußte ihn so zu
behandeln wie er. Keiner verstand es wie er, mit unterwürfiger, demütiger
Miene die bollernden Zornausbrüche des jähen, an soldatische
Unterordnung gewöhnten Mannes hinzunehmen und sich, hinausgejagt, als
wäre nichts geschehen, eine Stunde später von neuem zu präsentieren. Die
Beamten des Herzogs hatten Weisung, sich in allen geldlichen Dingen
unbedingt an seine, des Hoffaktors, Ratschläge zu halten, keine
Finanzverordnung ging aus ohne sein Wissen und Willen. Und was wäre
nicht mit Geld verquickt gewesen? Wer die Finanzen regierte, regierte das
Land.
Mit geblähten Nüstern, wohlig, schnupperte Süß die Luft der Macht, in
der er jetzt lebte. Seit seinen glücklichen Maßnahmen zur Auffüllung des
Heeres war er der eigentliche Herrscher im Herzogtum. Er war sehr hoch,
er war nah am Gipfel, es überrieselte den Rücken wie laues Wasser, sah
man hinunter, wo es kribbelte und sich abzappelte, um heraufzuklimmen.
Manchmal wohl, wenn sein Vorzimmer voll war von Wartenden,
Aengstlichen, Bittstellern, ging er allein in seinem Arbeitskabinett auf und
ab, die sehr roten Lippen in dem weißen Gesicht lächelnd offen, lauschte
hinaus auf das Geflüster, das kaum hörbar hereindrang, dehnte die Brust,
atmete, lächelte, schickte die ganze Antichambre wieder fort, ohne sie zu
die besten Pferde waren mit Gewalt weggetrieben. Teuerung drohte,
Lebensmittel, Waren verschwanden. Laut fluchte es jetzt, empörte sich.
Scharfe Erlasse verboten bei Leib- und Lebensstrafe jede respektlose
Aeußerung gegen die herzoglichen Verordnungen, jede Turbierung und
Unruhestiftung. Es wurden auch etwelche Raunzer und Nörgler
festgenommen und prozessiert. Die gelle Empörung verstummte, aber die
Flüche murrten weiter, wo man vor Lauschern sicher war. Stumpf stierten
die Weiber nach Westen, wohin die Söhne, die Liebsten verschwunden
waren, aufgegriffen, knirschend, in die alberne, verfluchte Uniform gepreßt.
Ueber ihren schlecht bestellten Aeckern knurrten die Bauern: O die
schönen, fetten, glatten Rösser! Jetzt werden sie zu Schindmähren gerackert
vor diesen saudummen Kanonen!
Dem Süß rührte diese Stimmung nicht die Haut. In der Kurpfalz, als er
dort das Stempelpapier eingeführt hatte, war er an Aufläufe vor seinem
Haus, Beschimpfungen, Pasquille gewöhnt worden; das prallte ab von ihm
wie Wasser von einer Teerjacke. Wer konnte an ihn heran? Er saß an der
Macht, er war der nächste Ratgeber des Fürsten, keiner wußte ihn so zu
behandeln wie er. Keiner verstand es wie er, mit unterwürfiger, demütiger
Miene die bollernden Zornausbrüche des jähen, an soldatische
Unterordnung gewöhnten Mannes hinzunehmen und sich, hinausgejagt, als
wäre nichts geschehen, eine Stunde später von neuem zu präsentieren. Die
Beamten des Herzogs hatten Weisung, sich in allen geldlichen Dingen
unbedingt an seine, des Hoffaktors, Ratschläge zu halten, keine
Finanzverordnung ging aus ohne sein Wissen und Willen. Und was wäre
nicht mit Geld verquickt gewesen? Wer die Finanzen regierte, regierte das
Land.
Mit geblähten Nüstern, wohlig, schnupperte Süß die Luft der Macht, in
der er jetzt lebte. Seit seinen glücklichen Maßnahmen zur Auffüllung des
Heeres war er der eigentliche Herrscher im Herzogtum. Er war sehr hoch,
er war nah am Gipfel, es überrieselte den Rücken wie laues Wasser, sah
man hinunter, wo es kribbelte und sich abzappelte, um heraufzuklimmen.
Manchmal wohl, wenn sein Vorzimmer voll war von Wartenden,
Aengstlichen, Bittstellern, ging er allein in seinem Arbeitskabinett auf und
ab, die sehr roten Lippen in dem weißen Gesicht lächelnd offen, lauschte
hinaus auf das Geflüster, das kaum hörbar hereindrang, dehnte die Brust,
atmete, lächelte, schickte die ganze Antichambre wieder fort, ohne sie zu
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empfangen. Oh, es war süß, süß und herrlich war es, Macht zu haben unter
den Menschen. Nicht ohne wohlig schauernden Kitzel spürte er den
geduckten, ohnmächtigen Haß, der sein Gesicht servil grüßte, seinen
Rücken bespie. Haß des Volkes ist gut, hatte Isaak Landauer gesagt, Haß
bedeutet Macht, Haß bedeutet Kredit.
Ein Wort wurde ihm hinterbracht, das im Volk umging; der kleine, feiste,
schweinsäugige Konditor Benz hatte es aufgebracht, der im Wirtshaus
„Zum Blauen Bock“ mit anderen Kleinbürgern zu politisieren pflegte:
Unterm vorigen Herzog hat eine Hur regiert, unterm jetzigen ein Jud. Süß
ließ den Konditor vor sich kommen, der kleine, feiste Mann, schwitzend,
mit feig ausweichenden Augen leugnete. Süß versammelte sein ganzes
Hausgesind, und vor den Grinsenden, Sich-anstoßenden, die alle wußten,
daß er das Wort geprägt hatte, mußte der kurzhalsige, schnaufende Mensch
auf Ehr und Gewissen und bei seinem Heiland versichern, er wisse nichts
davon und habe sich nie ein respektloses Wort über Seine Exzellenz erlaubt.
Dann, dem lächelnden Süß die Hand küssend, nach rückwärts schreitend,
konnte er sich entfernen. Süß aber klagte fromm dem Herzog, wie er um der
treuen Dienste willen, die er ihm leiste, beim Volk in Verruf komme.
Er führte sein Haus auf fürstliche Art. Als Innenarchitekten hatte er einen
Sizilianer berufen, den Meister Ubaldo Raineri, der vor allem durch
Aufträge des französischen Hochadels bekannt und in Mode war. Seine
Gemächer strotzten von prunkvollen Teppichen, Gobelins, von
verschnörkelten, geschweiften Möbeln, von Stuck, von Lapislazuli und
Gold, von Vasen und Büsten. Neben Homer, Solon und Aristoteles hatte der
Architekt, war es Unschuld oder Hohn, die Büsten des Moses und des
Salomo gestellt. Auf dem Deckengemälde des Speisesaals spreizte sich in
vielfigurigem Fresko der Triumph des Merkur. Auf der Decke des
Schlafzimmers aber ergötzte sich schlaff und schleierigen Auges Leda mit
dem Schwan; von dem Prunkbett, das nackt, frech und mächtig zwischen
zahlreichen Spiegeln stand, schwatzten, breit und grob lachend, die Bürger
in den Wirtshäusern, wisperten gekitzelt die jungen Mädchen. Er war stolz
darauf, als erster im westlichen Deutschland die von Paris kultivierte
exotische Mode einzubürgern. Figuren von Chinesen, kleine, klingelnde
Pagoden standen in seltsamem Widerspiel zwischen Moses und Solon,
zwischen Homer, Salomon und Aristoteles. Das Erstaunen und die Freude
der Damen aber war in seinem vergoldeten Bauer der Papagei Akiba, der
Bon jour, madame krächzte und Wie geruhen Euer Durchlaucht geschlafen
den Menschen. Nicht ohne wohlig schauernden Kitzel spürte er den
geduckten, ohnmächtigen Haß, der sein Gesicht servil grüßte, seinen
Rücken bespie. Haß des Volkes ist gut, hatte Isaak Landauer gesagt, Haß
bedeutet Macht, Haß bedeutet Kredit.
Ein Wort wurde ihm hinterbracht, das im Volk umging; der kleine, feiste,
schweinsäugige Konditor Benz hatte es aufgebracht, der im Wirtshaus
„Zum Blauen Bock“ mit anderen Kleinbürgern zu politisieren pflegte:
Unterm vorigen Herzog hat eine Hur regiert, unterm jetzigen ein Jud. Süß
ließ den Konditor vor sich kommen, der kleine, feiste Mann, schwitzend,
mit feig ausweichenden Augen leugnete. Süß versammelte sein ganzes
Hausgesind, und vor den Grinsenden, Sich-anstoßenden, die alle wußten,
daß er das Wort geprägt hatte, mußte der kurzhalsige, schnaufende Mensch
auf Ehr und Gewissen und bei seinem Heiland versichern, er wisse nichts
davon und habe sich nie ein respektloses Wort über Seine Exzellenz erlaubt.
Dann, dem lächelnden Süß die Hand küssend, nach rückwärts schreitend,
konnte er sich entfernen. Süß aber klagte fromm dem Herzog, wie er um der
treuen Dienste willen, die er ihm leiste, beim Volk in Verruf komme.
Er führte sein Haus auf fürstliche Art. Als Innenarchitekten hatte er einen
Sizilianer berufen, den Meister Ubaldo Raineri, der vor allem durch
Aufträge des französischen Hochadels bekannt und in Mode war. Seine
Gemächer strotzten von prunkvollen Teppichen, Gobelins, von
verschnörkelten, geschweiften Möbeln, von Stuck, von Lapislazuli und
Gold, von Vasen und Büsten. Neben Homer, Solon und Aristoteles hatte der
Architekt, war es Unschuld oder Hohn, die Büsten des Moses und des
Salomo gestellt. Auf dem Deckengemälde des Speisesaals spreizte sich in
vielfigurigem Fresko der Triumph des Merkur. Auf der Decke des
Schlafzimmers aber ergötzte sich schlaff und schleierigen Auges Leda mit
dem Schwan; von dem Prunkbett, das nackt, frech und mächtig zwischen
zahlreichen Spiegeln stand, schwatzten, breit und grob lachend, die Bürger
in den Wirtshäusern, wisperten gekitzelt die jungen Mädchen. Er war stolz
darauf, als erster im westlichen Deutschland die von Paris kultivierte
exotische Mode einzubürgern. Figuren von Chinesen, kleine, klingelnde
Pagoden standen in seltsamem Widerspiel zwischen Moses und Solon,
zwischen Homer, Salomon und Aristoteles. Das Erstaunen und die Freude
der Damen aber war in seinem vergoldeten Bauer der Papagei Akiba, der
Bon jour, madame krächzte und Wie geruhen Euer Durchlaucht geschlafen
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zu haben? und Ma vie pour mon souverain. Seine Tafel war erlesener als
sonst eine im Land, er speiste nur von Gold und Silber, es war ein Wunder,
woher er alle die fremden Fleischsorten, Muscheln, Früchte nahm, die,
bisher in Schwaben nie gesehen, jeden Monat neue, auf seinen Tisch
kamen. Mit schelen Blicken sah der Konditor Benz auf die Kuchen, süßen
Pasteten, Kunstwerke aus Eis und Früchten, die der welsche Konfisier des
Juden auf ziervolle, immer wechselnde Manier bereitete.
Die weinrote, silberknöpfige Livree des Juden war bald überall bekannt.
Er hielt sich Sekretär, Bibliothekar, Läufer, Heiducken, Koch, Kellerer.
Durch die Domestiken schritt mit fettem, blassem, phlegmatischem,
unbeteiligtem Gesicht Nicklas Pfäffle, sah alles, ordnete, ergänzte. Der
Kammerdiener des Süß hatte schwere Arbeit. Den Mercure galant mußte er
auswendig wissen. Der Geheime Finanzienrat legte Wert darauf, der
eleganteste Herr im Herzogtum zu heißen, seine Garderobe wurde alle
zwei, drei Wochen ergänzt. Er hatte eine wilde Vorliebe für Schmuck. Der
Solitär, den er am Finger trug, war berühmt, die Schnallen der Schuhe, auch
die Handschuhe waren mit der Mode wechselnd steinbesetzt. In seinem
Boudoir, wie in seinem prunkenden Schlafzimmer waren Vitrinen mit
Schmuck aufgestellt, durch seine Beziehungen zu den Amsterdamer und zu
gewissen italienischen Juwelieren immer anders und reizvoll aufgefüllt. Er
pflegte aus diesen Kästen seine Besucherinnen, Damen des Hochadels
ebenso wie Mädchen aus dem Volke, zu beschenken. Man höhnte,
schimpfte grimmig darüber, verspottete ihn ins Gesicht, daß er solche Mittel
brauche; aber er lächelte, er wußte, gegen diese Manier gab es keinen
Widerstand, die Beschenkte blieb ihm, gierig, verhaftet. An die Herren aber
pflegte er, dies war sein Lieblingshandel, scharf und hart feilschend,
Juwelen zu verschachern. Es war herrlich, die kleinen Kostbarkeiten, so
viele, durch seine Hände rieseln zu lassen, einen kleinen Stein gegen
Haufen Goldes zu vertauschen, und wieder Haufen Goldes gegen einen
kleinen Stein, spürend: soviel Macht lag in dem kleinen Stein.
Nicht groß, aber erlesen war sein Marstall. Er handelte gern um Pferde
mit großen Herren bis hinauf nach Holland. Kaufte, verkaufte, tauschte. Die
drei schönen Araber der Herzogin hatte er beschafft. Auch für den eigenen
Gebrauch hielt er sich einen arabischen Schimmel, die Stute Assjadah, zu
deutsch Die Morgenländische. Der Levantiner Daniele Foa hatte sie ihm
verkauft, sie stammte aus den Ställen des Kalifen. Er liebte die Stute nicht
eigentlich, aber er hielt sie gut; er wußte, wie prinzlich er auf dem nicht
sonst eine im Land, er speiste nur von Gold und Silber, es war ein Wunder,
woher er alle die fremden Fleischsorten, Muscheln, Früchte nahm, die,
bisher in Schwaben nie gesehen, jeden Monat neue, auf seinen Tisch
kamen. Mit schelen Blicken sah der Konditor Benz auf die Kuchen, süßen
Pasteten, Kunstwerke aus Eis und Früchten, die der welsche Konfisier des
Juden auf ziervolle, immer wechselnde Manier bereitete.
Die weinrote, silberknöpfige Livree des Juden war bald überall bekannt.
Er hielt sich Sekretär, Bibliothekar, Läufer, Heiducken, Koch, Kellerer.
Durch die Domestiken schritt mit fettem, blassem, phlegmatischem,
unbeteiligtem Gesicht Nicklas Pfäffle, sah alles, ordnete, ergänzte. Der
Kammerdiener des Süß hatte schwere Arbeit. Den Mercure galant mußte er
auswendig wissen. Der Geheime Finanzienrat legte Wert darauf, der
eleganteste Herr im Herzogtum zu heißen, seine Garderobe wurde alle
zwei, drei Wochen ergänzt. Er hatte eine wilde Vorliebe für Schmuck. Der
Solitär, den er am Finger trug, war berühmt, die Schnallen der Schuhe, auch
die Handschuhe waren mit der Mode wechselnd steinbesetzt. In seinem
Boudoir, wie in seinem prunkenden Schlafzimmer waren Vitrinen mit
Schmuck aufgestellt, durch seine Beziehungen zu den Amsterdamer und zu
gewissen italienischen Juwelieren immer anders und reizvoll aufgefüllt. Er
pflegte aus diesen Kästen seine Besucherinnen, Damen des Hochadels
ebenso wie Mädchen aus dem Volke, zu beschenken. Man höhnte,
schimpfte grimmig darüber, verspottete ihn ins Gesicht, daß er solche Mittel
brauche; aber er lächelte, er wußte, gegen diese Manier gab es keinen
Widerstand, die Beschenkte blieb ihm, gierig, verhaftet. An die Herren aber
pflegte er, dies war sein Lieblingshandel, scharf und hart feilschend,
Juwelen zu verschachern. Es war herrlich, die kleinen Kostbarkeiten, so
viele, durch seine Hände rieseln zu lassen, einen kleinen Stein gegen
Haufen Goldes zu vertauschen, und wieder Haufen Goldes gegen einen
kleinen Stein, spürend: soviel Macht lag in dem kleinen Stein.
Nicht groß, aber erlesen war sein Marstall. Er handelte gern um Pferde
mit großen Herren bis hinauf nach Holland. Kaufte, verkaufte, tauschte. Die
drei schönen Araber der Herzogin hatte er beschafft. Auch für den eigenen
Gebrauch hielt er sich einen arabischen Schimmel, die Stute Assjadah, zu
deutsch Die Morgenländische. Der Levantiner Daniele Foa hatte sie ihm
verkauft, sie stammte aus den Ställen des Kalifen. Er liebte die Stute nicht
eigentlich, aber er hielt sie gut; er wußte, wie prinzlich er auf dem nicht
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großen, nervösen, ziervollen Tier aussah. Selbst der Polterer Remchingen
mußte dem Süß zugestehen, zu Pferde sehe er fast aus wie unsereins.
Der Zutritt zu Süß war schwerer zu erlangen als zum Herzog. Es kostete
viele Briefe, Gelauf und Schererei, bis man eine Stunde zur Audienz
bestimmt bekam, und dann oft schickte er den Wartenden wieder weg. Er
war des Herzogs Bankier und hatte den Titel Geheimer Finanzienrat. Nichts
sonst; nie stand unter einem politischen Akt seine Unterschrift. Die
Verfassung verbot dem Juden jedes Staatsamt, und Süß war klug genug,
sich vorläufig mit dem Besitz der Macht auch ohne ihre Titel zufrieden zu
geben. Er wußte, kein Minister, auch der Herzog nicht, der fast immer bei
der Armee weilte, er, er war der Regent des Herzogtums. Ihm warteten die
Fremden von Stand auf, zu den kleinen Zirkeln, die er um sich versammelte
– klüglich noch mied er es, größere Feste zu geben – drängte man sich
eifriger als zu den Assembléen der Minister. Schon bildete sich eine Partei,
die offen zu ihm hielt, darauf sah, ihn zu begleiten, wenn er ausritt, sein
Genie und seine Geschicklichkeit, seine Verdienste um Herzog und Volk
vor aller Welt rühmte, ihn wie ein Hofstaat umgab. Der Tübinger Jurist
Johann Theodor von Scheffer, Regierungsrat, ausgezeichneter Kenner des
Staatsrechts, war einer der ersten, die sich offen zu ihm bekannten, die Räte
Bühler und Mez von der herzoglichen Kammer folgten, der
Waisenhauspfleger Hallwachs, der Requettenmeister Knab, die Räte Crantz,
Thill, von Grunweiler. Der Domänenpräsident von Lamprechts gar schickte
seine beiden jungen Söhne in den Dienst des Finanzienrats, daß sie bei ihm
Manier und höfische Sitte lernten wie Pagen. Die hebräische Garde taufte
man diesen Hofstaat, der Kammerdirektor Georgii hatte das Wort erfunden,
Süß vergaß es ihm nicht, und man machte sich mit vielen billigen Witzen
lustig über die Judenzer. Bald aber zeigte es sich, daß diese Judenzer den
Mantel nach der rechten Seite gehängt hatten. Immer klarer erwies es sich,
daß das Haus in der Seegasse die eigentliche Residenz des Herzogtums war.
Auch die mächtige Hakennase des Geheimrats von Schütz tauchte jetzt in
den Sälen des Süß auf, der finstere, verzehrte Landschaftskonsulent Neuffer
sog als grimmige Bestätigung menschlicher Niedertracht die Atmosphäre
des Juden ein, und leicht, elegant, geschmeidig schnupperte sie der kluge,
neugierige Weißensee.
Die Frauen, die an dem Palais an der Seestraße vorübergingen, schielten
neugierig und gekitzelt durch die mächtigen Torflügel in die Vorhalle, wo
massig in seiner weinroten, silberknöpfigen Livree der Huissier ragte. Ritt
mußte dem Süß zugestehen, zu Pferde sehe er fast aus wie unsereins.
Der Zutritt zu Süß war schwerer zu erlangen als zum Herzog. Es kostete
viele Briefe, Gelauf und Schererei, bis man eine Stunde zur Audienz
bestimmt bekam, und dann oft schickte er den Wartenden wieder weg. Er
war des Herzogs Bankier und hatte den Titel Geheimer Finanzienrat. Nichts
sonst; nie stand unter einem politischen Akt seine Unterschrift. Die
Verfassung verbot dem Juden jedes Staatsamt, und Süß war klug genug,
sich vorläufig mit dem Besitz der Macht auch ohne ihre Titel zufrieden zu
geben. Er wußte, kein Minister, auch der Herzog nicht, der fast immer bei
der Armee weilte, er, er war der Regent des Herzogtums. Ihm warteten die
Fremden von Stand auf, zu den kleinen Zirkeln, die er um sich versammelte
– klüglich noch mied er es, größere Feste zu geben – drängte man sich
eifriger als zu den Assembléen der Minister. Schon bildete sich eine Partei,
die offen zu ihm hielt, darauf sah, ihn zu begleiten, wenn er ausritt, sein
Genie und seine Geschicklichkeit, seine Verdienste um Herzog und Volk
vor aller Welt rühmte, ihn wie ein Hofstaat umgab. Der Tübinger Jurist
Johann Theodor von Scheffer, Regierungsrat, ausgezeichneter Kenner des
Staatsrechts, war einer der ersten, die sich offen zu ihm bekannten, die Räte
Bühler und Mez von der herzoglichen Kammer folgten, der
Waisenhauspfleger Hallwachs, der Requettenmeister Knab, die Räte Crantz,
Thill, von Grunweiler. Der Domänenpräsident von Lamprechts gar schickte
seine beiden jungen Söhne in den Dienst des Finanzienrats, daß sie bei ihm
Manier und höfische Sitte lernten wie Pagen. Die hebräische Garde taufte
man diesen Hofstaat, der Kammerdirektor Georgii hatte das Wort erfunden,
Süß vergaß es ihm nicht, und man machte sich mit vielen billigen Witzen
lustig über die Judenzer. Bald aber zeigte es sich, daß diese Judenzer den
Mantel nach der rechten Seite gehängt hatten. Immer klarer erwies es sich,
daß das Haus in der Seegasse die eigentliche Residenz des Herzogtums war.
Auch die mächtige Hakennase des Geheimrats von Schütz tauchte jetzt in
den Sälen des Süß auf, der finstere, verzehrte Landschaftskonsulent Neuffer
sog als grimmige Bestätigung menschlicher Niedertracht die Atmosphäre
des Juden ein, und leicht, elegant, geschmeidig schnupperte sie der kluge,
neugierige Weißensee.
Die Frauen, die an dem Palais an der Seestraße vorübergingen, schielten
neugierig und gekitzelt durch die mächtigen Torflügel in die Vorhalle, wo
massig in seiner weinroten, silberknöpfigen Livree der Huissier ragte. Ritt
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Süß auf seinem Araberschimmel glänzend durch die Straßen, so langten
voll begehrlichen Grauens viele Frauenblicke nach ihm. Man wisperte
wilde, unheimliche und lüsterne Geschichten von ihm, wie er in
Frauenfleisch wühle, wüte, sich mit schwarzen Mitteln den Frauen ins Blut
brenne, sie dem Teufel verschreibe. Der Herzog hielt mehr auf den
Geschmack seines Juden als auf den seiner anderen Vertrauten, und Süß
mußte dem Unersättlichen unter allen möglichen Vorwänden immer neue
Weiber ins Lager schicken. Machte sich Remchingen lustig über die Orgien
des Beschnittenen, medisierte er neidisch, er kapiere nicht, wie ein
anständiges Christenmensch dem Hebräer ins Bett kriechen könne, er
müsse heillose schwarze Magie brauchen, so lachte dröhnend der Herzog,
ein wohlschaffenes Gesicht und stramme Schenkel seien die beste Magie.
Auch betraute er den Süß, ihm die Weiber für Oper und Ballett
auszuwählen, und manchmal lachte er, der Jud sei ein Lecker und habe ihm
aus vielen Schüsseln vorgeschmaust. Es zog auch ein langer Zug von
Frauen, jungen und reifen, blonden und schwarzen, schwäbischen und
welschen, lauen und heißen durch das vielspiegelige Schlafzimmer unter
der üppigen Leda des Deckengemäldes. Doch der Jude, so prahlerisch er
sonst sich spreizte, versperrte sich zäh und verriet keinen seiner Erfolge, die
schweren, die ihn stolz machten, so wenig wie die zahllosen sehr leichten.
Unter den vielen lärmenden, protzenden Kavalieren war er der einzig
Schweigende, und weder die joviale Zudringlichkeit Karl Alexanders noch
die verbindlich schmeichelnde Neugier Weißensees, noch die grob
spöttischen Anzapfungen Remchingens konnten seiner ausweichenden
Liebenswürdigkeit die leiseste Andeutung entlocken. Wenn dennoch bei
Hof, in den Schenken, unter den Soldaten viele saftige, ungewöhnliche,
sicher nicht erfundene Details aus dem Bett des Juden begrinst, begeifert,
belacht, bezotet wurden, so trugen des jene Frauen Schuld, die, stolz auf
den gefährlichen, so anderen, von aller weiblichen Neugier umwitterten
Mann, ihre unheimliche Heimlichkeit einer Freundin unter vielen
Schweigensbeschwörungen, Kichern, Tränen in den Busen flüstern mußten.
Als der Jude sein Palais fertig installiert hatte, kam auf seine dringlich
ergebene Einladung, begleitet von Remchingen, die Herzogin, sein Haus zu
inspizieren. Preziös trug sie den kleinen, ziervollen Kopf von der Farbe
alten, edlen Marmors durch die strahlenden Räume, äugte aus den langen,
fließenden Eidechsenaugen auf die Chinoiserien, lächelte vor dem Papagei
Akiba, der Ma vie pour mon souverain krächzte, klingelte mit den kleinen,
voll begehrlichen Grauens viele Frauenblicke nach ihm. Man wisperte
wilde, unheimliche und lüsterne Geschichten von ihm, wie er in
Frauenfleisch wühle, wüte, sich mit schwarzen Mitteln den Frauen ins Blut
brenne, sie dem Teufel verschreibe. Der Herzog hielt mehr auf den
Geschmack seines Juden als auf den seiner anderen Vertrauten, und Süß
mußte dem Unersättlichen unter allen möglichen Vorwänden immer neue
Weiber ins Lager schicken. Machte sich Remchingen lustig über die Orgien
des Beschnittenen, medisierte er neidisch, er kapiere nicht, wie ein
anständiges Christenmensch dem Hebräer ins Bett kriechen könne, er
müsse heillose schwarze Magie brauchen, so lachte dröhnend der Herzog,
ein wohlschaffenes Gesicht und stramme Schenkel seien die beste Magie.
Auch betraute er den Süß, ihm die Weiber für Oper und Ballett
auszuwählen, und manchmal lachte er, der Jud sei ein Lecker und habe ihm
aus vielen Schüsseln vorgeschmaust. Es zog auch ein langer Zug von
Frauen, jungen und reifen, blonden und schwarzen, schwäbischen und
welschen, lauen und heißen durch das vielspiegelige Schlafzimmer unter
der üppigen Leda des Deckengemäldes. Doch der Jude, so prahlerisch er
sonst sich spreizte, versperrte sich zäh und verriet keinen seiner Erfolge, die
schweren, die ihn stolz machten, so wenig wie die zahllosen sehr leichten.
Unter den vielen lärmenden, protzenden Kavalieren war er der einzig
Schweigende, und weder die joviale Zudringlichkeit Karl Alexanders noch
die verbindlich schmeichelnde Neugier Weißensees, noch die grob
spöttischen Anzapfungen Remchingens konnten seiner ausweichenden
Liebenswürdigkeit die leiseste Andeutung entlocken. Wenn dennoch bei
Hof, in den Schenken, unter den Soldaten viele saftige, ungewöhnliche,
sicher nicht erfundene Details aus dem Bett des Juden begrinst, begeifert,
belacht, bezotet wurden, so trugen des jene Frauen Schuld, die, stolz auf
den gefährlichen, so anderen, von aller weiblichen Neugier umwitterten
Mann, ihre unheimliche Heimlichkeit einer Freundin unter vielen
Schweigensbeschwörungen, Kichern, Tränen in den Busen flüstern mußten.
Als der Jude sein Palais fertig installiert hatte, kam auf seine dringlich
ergebene Einladung, begleitet von Remchingen, die Herzogin, sein Haus zu
inspizieren. Preziös trug sie den kleinen, ziervollen Kopf von der Farbe
alten, edlen Marmors durch die strahlenden Räume, äugte aus den langen,
fließenden Eidechsenaugen auf die Chinoiserien, lächelte vor dem Papagei
Akiba, der Ma vie pour mon souverain krächzte, klingelte mit den kleinen,
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sehr gepflegten Fingern an den Miniaturpagoden, ließ sich von Süß einen
merkwürdig geformten, nicht sehr wertvollen Giftring schenken, schritt mit
kleinen, gleitenden Füßen an den tief sich neigenden weinroten Lakaien
vorbei zu den Ställen und reichte der edlen Schimmelstute Assjadah ein
Stück Zucker. Genoß befriedigt die hemmungslose Ergebenheit des Süß.
Andere hatten kleine Mohren, einen Schwarzbraunen vielleicht, ihrethalb
sogar einen Chineser; aber so einen Juden mit Haus und Papagei und solch
einem feinen Schimmel, santa madre di Loretto, den konnte nicht einmal
Versailles aufweisen.
Aber, schon in der Karosse, zwischen gaffendem, barhäuptigem Volk
sagte sie über den Nacken des tief auf ihre Hand geneigten Finanzienrats
mit ihrer langsamen, aufreizenden Stimme: „Alles fein, Jud, alles schön.
Aber das Zimmer, wo die kleinen Christenkinder geschlachtet werden, hat
Er mir doch nicht gezeigt.“ Und lachte ihr kleines, glockiges, amüsiertes
Lachen und fuhr davon.
Süß aber stand barhaupt vor seinem Haus und das Volk gaffte und stieß
sich an, und er achtete es nicht und schaute ihrer Karosse nach mit den
wölbigen, fliegenden, beredten Augen, die sehr roten Lippen leicht offen in
dem weißen Gesicht.
Mit dem zunehmenden Frühling verließ Rabbi Gabriel plötzlich, wie es
seine Art war, das weiße, kleine Haus mit den Blumenterrassen. Er reiste,
unscheinbar, ohne Diener, sein massiges, schweres Gesicht tauchte hier auf,
dort; er zeigte nie Eile, hatte nirgendwo besondere Geschäfte; aber er blieb
auch nirgendwo rasten, er reiste stetig und, so zickzack seine Fahrt ging,
immer weiter wie auf vorgezeichnetem Weg.
Tauchte in die Berge. Saß zwei Tage lang in einem Bauernhaus an einer
kleinen Brücke über einen Wildbach, schaute zu, wie die geflößten Stämme
das strudelnde Wasser hinabtrieben, sich stauten, überkreuzten, liegen
blieben, in dem schwellenden Bach weiterschwammen. Hörte Nächte
hindurch das endlose Geläute des Viehs, das auf die Almen getrieben
wurde. Fuhr den langsamen Paß hinauf, der nach Süden führte. Wind kam
von Mittag, es hatte geregnet, feuchte, schwere Luft ging, dunkelbläulich
lagen die Berge. Er stieg aus, stapfte dem beschwerlich knarrenden Wagen
voraus. Auf dem nassen, sonnglänzenden Weg schleppte eine große
merkwürdig geformten, nicht sehr wertvollen Giftring schenken, schritt mit
kleinen, gleitenden Füßen an den tief sich neigenden weinroten Lakaien
vorbei zu den Ställen und reichte der edlen Schimmelstute Assjadah ein
Stück Zucker. Genoß befriedigt die hemmungslose Ergebenheit des Süß.
Andere hatten kleine Mohren, einen Schwarzbraunen vielleicht, ihrethalb
sogar einen Chineser; aber so einen Juden mit Haus und Papagei und solch
einem feinen Schimmel, santa madre di Loretto, den konnte nicht einmal
Versailles aufweisen.
Aber, schon in der Karosse, zwischen gaffendem, barhäuptigem Volk
sagte sie über den Nacken des tief auf ihre Hand geneigten Finanzienrats
mit ihrer langsamen, aufreizenden Stimme: „Alles fein, Jud, alles schön.
Aber das Zimmer, wo die kleinen Christenkinder geschlachtet werden, hat
Er mir doch nicht gezeigt.“ Und lachte ihr kleines, glockiges, amüsiertes
Lachen und fuhr davon.
Süß aber stand barhaupt vor seinem Haus und das Volk gaffte und stieß
sich an, und er achtete es nicht und schaute ihrer Karosse nach mit den
wölbigen, fliegenden, beredten Augen, die sehr roten Lippen leicht offen in
dem weißen Gesicht.
Mit dem zunehmenden Frühling verließ Rabbi Gabriel plötzlich, wie es
seine Art war, das weiße, kleine Haus mit den Blumenterrassen. Er reiste,
unscheinbar, ohne Diener, sein massiges, schweres Gesicht tauchte hier auf,
dort; er zeigte nie Eile, hatte nirgendwo besondere Geschäfte; aber er blieb
auch nirgendwo rasten, er reiste stetig und, so zickzack seine Fahrt ging,
immer weiter wie auf vorgezeichnetem Weg.
Tauchte in die Berge. Saß zwei Tage lang in einem Bauernhaus an einer
kleinen Brücke über einen Wildbach, schaute zu, wie die geflößten Stämme
das strudelnde Wasser hinabtrieben, sich stauten, überkreuzten, liegen
blieben, in dem schwellenden Bach weiterschwammen. Hörte Nächte
hindurch das endlose Geläute des Viehs, das auf die Almen getrieben
wurde. Fuhr den langsamen Paß hinauf, der nach Süden führte. Wind kam
von Mittag, es hatte geregnet, feuchte, schwere Luft ging, dunkelbläulich
lagen die Berge. Er stieg aus, stapfte dem beschwerlich knarrenden Wagen
voraus. Auf dem nassen, sonnglänzenden Weg schleppte eine große
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Schnecke ihr Gehäus; sorglich wich er, im letzten Augenblick, ihr aus. Eine
Viertelstunde später zerknirschte sie sein Wagen.
Er überschritt, tief durch Schnee watend, die Paßhöhe. Freier wehte es,
warm und wohlig ihm entgegen. Gesegnet breitete sich, hoch durchblüht,
das Land. Er kam an einen weiten, sehr großen See. Verweilte. Hockte
lange Stunden am Ufer, unbeweglich, schwer, wie besonnter Stein.
Dunkelgrün standen satten Laubes die Orangenbäume, weiter unten
klommen silbern und leicht Oliven die Uferhänge hinauf.
Unterdes fuhr Süß nach Hirsau. Seitdem der Oheim das Kind ins Land
gebracht, seit seiner wortlos höhnischen Mahnung hatte er das Verkapselte
niemals wieder so fest schließen können wie früher. Ein Hauch davon kroch
über seine Papiere, wenn er rechnete, schlich sich in seine Nächte, wehte
ihm in den Nacken, wenn er glanzvoll und angehaßt auf seiner weißen Stute
Assjadah durch die Straßen ritt, daß das Tier unruhig wurde, leise bäumte,
wieherte. Es kam vor, daß er, der sachliche Rechner, der die Dinge scharf
und nüchtern und nackt in ihren Grenzen sah und bei ihrem Namen nannte,
am lichten Tag überschreckt zusammenfuhr, atmete, die Schultern hochzog
wie in Abwehr; ein Gesicht schaute ihm über die Schulter, im Dämmer,
nebelhaft, und es war sein eigenes.
Längst trieb es ihn, nach Hirsau zu fahren in das weiße Haus mit den
bunten, fröhlich feierlichen Terrassenbeeten. Was ihn, ohne daß er es sich
gestand, immer wieder hemmte, war die Nähe Rabbi Gabriels, das
Atemsperrende, Unbehagliche, Lastende seiner unausweichlichen, müden,
fordernden, trübgrauen Augen.
Er gestand sich auch jetzt nicht ein, daß es die Abwesenheit des Alten
war, die ihn nun auf einmal so rasch den Entschluß zur Fahrt hatte fassen
lassen. Er fuhr zu Naemi, er fuhr, nur von Nicklas Pfäffle begleitet, er war
so leicht und frei wie noch nie. Er fuhr zu seinem Kind, und er war schon
bei seinem Kind, und alle seine Ziffern und Politik und Macht und Eitelkeit
blieb lahm und staubig dahinter. Er sah den jungen Acker und er roch
seinen Duft, und er rechnete nicht, wieviel dieses Feld bringen werde und
wie man aus dem Umsatz dieses Getreides neue Steuern quetschen könne,
sondern er sah nur die sanfte Farbe des jungen Korns und roch den
wehenden Wind über dem Feld. Und er freute sich an den hohen,
feierlichen Bäumen des Waldes ohne Berechnungen des Forstetats, ja er
freute sich am Moos und, jungenhaft, an den Eichkätzchen, mit denen doch
finanztechnisch gar nichts anzufangen ist. Und als er einen Bauernburschen
Viertelstunde später zerknirschte sie sein Wagen.
Er überschritt, tief durch Schnee watend, die Paßhöhe. Freier wehte es,
warm und wohlig ihm entgegen. Gesegnet breitete sich, hoch durchblüht,
das Land. Er kam an einen weiten, sehr großen See. Verweilte. Hockte
lange Stunden am Ufer, unbeweglich, schwer, wie besonnter Stein.
Dunkelgrün standen satten Laubes die Orangenbäume, weiter unten
klommen silbern und leicht Oliven die Uferhänge hinauf.
Unterdes fuhr Süß nach Hirsau. Seitdem der Oheim das Kind ins Land
gebracht, seit seiner wortlos höhnischen Mahnung hatte er das Verkapselte
niemals wieder so fest schließen können wie früher. Ein Hauch davon kroch
über seine Papiere, wenn er rechnete, schlich sich in seine Nächte, wehte
ihm in den Nacken, wenn er glanzvoll und angehaßt auf seiner weißen Stute
Assjadah durch die Straßen ritt, daß das Tier unruhig wurde, leise bäumte,
wieherte. Es kam vor, daß er, der sachliche Rechner, der die Dinge scharf
und nüchtern und nackt in ihren Grenzen sah und bei ihrem Namen nannte,
am lichten Tag überschreckt zusammenfuhr, atmete, die Schultern hochzog
wie in Abwehr; ein Gesicht schaute ihm über die Schulter, im Dämmer,
nebelhaft, und es war sein eigenes.
Längst trieb es ihn, nach Hirsau zu fahren in das weiße Haus mit den
bunten, fröhlich feierlichen Terrassenbeeten. Was ihn, ohne daß er es sich
gestand, immer wieder hemmte, war die Nähe Rabbi Gabriels, das
Atemsperrende, Unbehagliche, Lastende seiner unausweichlichen, müden,
fordernden, trübgrauen Augen.
Er gestand sich auch jetzt nicht ein, daß es die Abwesenheit des Alten
war, die ihn nun auf einmal so rasch den Entschluß zur Fahrt hatte fassen
lassen. Er fuhr zu Naemi, er fuhr, nur von Nicklas Pfäffle begleitet, er war
so leicht und frei wie noch nie. Er fuhr zu seinem Kind, und er war schon
bei seinem Kind, und alle seine Ziffern und Politik und Macht und Eitelkeit
blieb lahm und staubig dahinter. Er sah den jungen Acker und er roch
seinen Duft, und er rechnete nicht, wieviel dieses Feld bringen werde und
wie man aus dem Umsatz dieses Getreides neue Steuern quetschen könne,
sondern er sah nur die sanfte Farbe des jungen Korns und roch den
wehenden Wind über dem Feld. Und er freute sich an den hohen,
feierlichen Bäumen des Waldes ohne Berechnungen des Forstetats, ja er
freute sich am Moos und, jungenhaft, an den Eichkätzchen, mit denen doch
finanztechnisch gar nichts anzufangen ist. Und als er einen Bauernburschen
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sah, den Arm um die Hüften seines Mädchens, nickte er ihnen zu, und nur
ganz ferne tauchte ein Gedanke auf an die raffinierte Steuerbelastung der
jungen Ehen. Er fuhr zu seinem Kind, und sein Herz war schon bei seinem
Kind. Wann endlich wird er den kleinen, weißglänzenden Würfel des
Hauses sehen und die Blumenterrassen davor und sein Kind darin? Da, von
der Landstraße ab, der Karrenweg. Er verläßt den Wagen, biegt, immer
stärkeren Schrittes, in den Fußpfad ein. Hier der Zaun, er öffnet das
versteckte Tor, jetzt die hohen Bäume, die Beete jetzt, und jetzt, atmend,
hingegossen hängt das Kind an seinem Hals, vergehend.
Spricht nichts. Spricht eine lange, ewige Weile nichts. Hängt an ihm,
verströmend, klammert sich, trinkt ihn mit ihren großen, erfüllten Augen in
sich hinein. Süß steht und all das Gespannte, Aeugende, Lauersame fällt
von ihm ab. Gelöst läßt er sich treiben in dem lauen, wohligen Fluß der
Stunde.
Wie schön ist sein Kind! Sie ist ganz vollendet. Es ist kein Zug an ihr,
keine leiseste Bewegung, kein Haar, kein Flackern in der Stimme, das er
anders wünschte. Schön ist sein Kind vor den Frauen, zart ist sie und rein
ist sie, reinglühend wie ein zartes Licht, ihn selber glüht sie rein. Er hat mit
ihr seine zutunliche Freude an der alten, watschelnden, herzlich ergebenen
Zofe Jantje, er, dem alles Gewächs und Getier kalte, erdstumme Dinge
waren, lernt die einzelnen Blumen verstehen, als sprächen sie; sie haucht
den Dingen von ihrem sanften Atem ein, und er spürt ihr Leben in den
Dingen.
War der Rabbi da, so hatte er fast Scheu vor dem Mädchen, er stand
zwischen ihnen wie eine Wand. Jetzt wagten sich Wünsche und Ziele an sie
hervor, die bisher geschwiegen hatten wie geduckte Hunde. Warum
versteckt er das Kind vor den Menschen? Eine Königin von Sabah, eine
Königin Esther soll sie werden. Strahlen soll sie vor aller Welt, Fürsten
sollen kämpfen um sie, sollen bei ihm betteln um sie, aus phantastischen
Reichen sollen Prinzen kommen und Gold und Gewürz und alle Schätze
Edoms vor ihre kindlichen Füße legen.
Aber da stand er mit Naemi in der Bibliothek. Tafeln waren da mit
magischen Figuren und astrologische Tabellen, und plötzlich überkam es
ihn, als seien die Augen des Alten irgendwo im Zimmer, als starrten sie auf
ihn, trübgrau, mürrisch, lähmend traurig. Und die goldenen Träume, mit
denen er eben noch das Kind behängt hatte, schienen ihm plötzlich Schleim
und Ekel.
ganz ferne tauchte ein Gedanke auf an die raffinierte Steuerbelastung der
jungen Ehen. Er fuhr zu seinem Kind, und sein Herz war schon bei seinem
Kind. Wann endlich wird er den kleinen, weißglänzenden Würfel des
Hauses sehen und die Blumenterrassen davor und sein Kind darin? Da, von
der Landstraße ab, der Karrenweg. Er verläßt den Wagen, biegt, immer
stärkeren Schrittes, in den Fußpfad ein. Hier der Zaun, er öffnet das
versteckte Tor, jetzt die hohen Bäume, die Beete jetzt, und jetzt, atmend,
hingegossen hängt das Kind an seinem Hals, vergehend.
Spricht nichts. Spricht eine lange, ewige Weile nichts. Hängt an ihm,
verströmend, klammert sich, trinkt ihn mit ihren großen, erfüllten Augen in
sich hinein. Süß steht und all das Gespannte, Aeugende, Lauersame fällt
von ihm ab. Gelöst läßt er sich treiben in dem lauen, wohligen Fluß der
Stunde.
Wie schön ist sein Kind! Sie ist ganz vollendet. Es ist kein Zug an ihr,
keine leiseste Bewegung, kein Haar, kein Flackern in der Stimme, das er
anders wünschte. Schön ist sein Kind vor den Frauen, zart ist sie und rein
ist sie, reinglühend wie ein zartes Licht, ihn selber glüht sie rein. Er hat mit
ihr seine zutunliche Freude an der alten, watschelnden, herzlich ergebenen
Zofe Jantje, er, dem alles Gewächs und Getier kalte, erdstumme Dinge
waren, lernt die einzelnen Blumen verstehen, als sprächen sie; sie haucht
den Dingen von ihrem sanften Atem ein, und er spürt ihr Leben in den
Dingen.
War der Rabbi da, so hatte er fast Scheu vor dem Mädchen, er stand
zwischen ihnen wie eine Wand. Jetzt wagten sich Wünsche und Ziele an sie
hervor, die bisher geschwiegen hatten wie geduckte Hunde. Warum
versteckt er das Kind vor den Menschen? Eine Königin von Sabah, eine
Königin Esther soll sie werden. Strahlen soll sie vor aller Welt, Fürsten
sollen kämpfen um sie, sollen bei ihm betteln um sie, aus phantastischen
Reichen sollen Prinzen kommen und Gold und Gewürz und alle Schätze
Edoms vor ihre kindlichen Füße legen.
Aber da stand er mit Naemi in der Bibliothek. Tafeln waren da mit
magischen Figuren und astrologische Tabellen, und plötzlich überkam es
ihn, als seien die Augen des Alten irgendwo im Zimmer, als starrten sie auf
ihn, trübgrau, mürrisch, lähmend traurig. Und die goldenen Träume, mit
denen er eben noch das Kind behängt hatte, schienen ihm plötzlich Schleim
und Ekel.
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Doch da sprach Naemi. Mit ihrer kleinen, kindlichen Stimme sprach sie
von dem Kabbalistischen Baum, dem Himmlischen Menschen, den heiligen
Buchstaben-Ziffern des Gottesnamens; ihre erfüllten Augen standen groß
und fromm in dem sehr weißen Gesicht und die schwere, lähmende Luft
war fort. Süß setzte nicht wie an seinem Schreibtisch mit amüsiertem Hohn
den Zeichen der Kabbalah die höchst realen Ziffern seiner Hauptbücher
entgegen, wehrte sich auch nicht mit stumpfem, gebundenem Trotz wie in
der würgenden Gegenwart Rabbi Gabriels.
Und dann, belebter, sprach sie von den Menschen der heiligen
Geschichten. Ihr Aug, hingegeben, verströmend, hing an ihrem Vater, und
kühnen Schrittes trat David ins Gemach, stolz blickend, mit der Schleuder,
Simson stürmte vor, und rechts und links sanken die Philister, voll heiligen
Zornes jagte Juda der Makkabäer die Heiden aus dem Tempel. Und alle
waren sie er, flossen sie in eins mit ihm, borgten von ihm ihre Kraft,
Schönheit, ihren Eifer und Sturm. Doch da mit einemmal stockte sie und
wölkte sich. Sie sah Absalom, hängend mit dem reichen Haar im Geäst.
Und sie griff, die Augen groß auf, die Schultern überschauert, nach der
Hand des Vaters, hielt sich an ihr, der warmen, lebendigen, hielt sich sehr
fest. Er erwiderte den Druck, aber er ahnte nicht, was sie bewegte.
Drei Tage lebte er so, schwerlos und gelöst vom Wirbel seines Alltags.
Am dritten Tage plötzlich, er war allein im Zimmer und Nicklas Pfäffle
stand vor ihm, fetten, unbewegten Gesichts, fiel die Außenwelt ihn an, das
Zurückgelassene. Er sah seine Akten, auf Unterschrift wartend, getürmt, er
sah die wirbelnde Welt, und sie wirbelte ohne ihn. Beamte, Geschäftsleute,
alle jagten, hetzten, kribbelten hinauf, zielten hin, wo er stand, gefährdeten
ihn, und er hatte seine Hand nicht im Getriebe, er saß hier fernab, kümmerte
sich um nichts. Was alles konnte ihm entgleiten mittlerweile, was alles
gegen ihn gewendet werden. Unbegreiflich, daß er so ruhig hier saß,
unbegreiflich, daß er die Tage her an nichts gedacht hatte. Die Blumen
sanken ihm zurück in ihre Stummheit, nichts mehr spürte er vom Hauch
und Leben der Dinge, die Ziffern und Figuren der heiligen Wissenschaft
waren ihm albernes Zeug. Vor ihm standen Rentabilitätsberechnungen,
herzogliche, Reskripte, Intrigen der Landschaft, komplizierte Geschäfte,
Leben, Macht. Mit halber Seele nur schaute er auf sein Kind, das ihm,
verströmend, im Arm lag. Er riß sich los, und schon lag das Mädchen, das
weiße Haus, die feierlich frohen Blumenterrassen wesenlos hinter ihm und
die Kapsel sprang zu.
von dem Kabbalistischen Baum, dem Himmlischen Menschen, den heiligen
Buchstaben-Ziffern des Gottesnamens; ihre erfüllten Augen standen groß
und fromm in dem sehr weißen Gesicht und die schwere, lähmende Luft
war fort. Süß setzte nicht wie an seinem Schreibtisch mit amüsiertem Hohn
den Zeichen der Kabbalah die höchst realen Ziffern seiner Hauptbücher
entgegen, wehrte sich auch nicht mit stumpfem, gebundenem Trotz wie in
der würgenden Gegenwart Rabbi Gabriels.
Und dann, belebter, sprach sie von den Menschen der heiligen
Geschichten. Ihr Aug, hingegeben, verströmend, hing an ihrem Vater, und
kühnen Schrittes trat David ins Gemach, stolz blickend, mit der Schleuder,
Simson stürmte vor, und rechts und links sanken die Philister, voll heiligen
Zornes jagte Juda der Makkabäer die Heiden aus dem Tempel. Und alle
waren sie er, flossen sie in eins mit ihm, borgten von ihm ihre Kraft,
Schönheit, ihren Eifer und Sturm. Doch da mit einemmal stockte sie und
wölkte sich. Sie sah Absalom, hängend mit dem reichen Haar im Geäst.
Und sie griff, die Augen groß auf, die Schultern überschauert, nach der
Hand des Vaters, hielt sich an ihr, der warmen, lebendigen, hielt sich sehr
fest. Er erwiderte den Druck, aber er ahnte nicht, was sie bewegte.
Drei Tage lebte er so, schwerlos und gelöst vom Wirbel seines Alltags.
Am dritten Tage plötzlich, er war allein im Zimmer und Nicklas Pfäffle
stand vor ihm, fetten, unbewegten Gesichts, fiel die Außenwelt ihn an, das
Zurückgelassene. Er sah seine Akten, auf Unterschrift wartend, getürmt, er
sah die wirbelnde Welt, und sie wirbelte ohne ihn. Beamte, Geschäftsleute,
alle jagten, hetzten, kribbelten hinauf, zielten hin, wo er stand, gefährdeten
ihn, und er hatte seine Hand nicht im Getriebe, er saß hier fernab, kümmerte
sich um nichts. Was alles konnte ihm entgleiten mittlerweile, was alles
gegen ihn gewendet werden. Unbegreiflich, daß er so ruhig hier saß,
unbegreiflich, daß er die Tage her an nichts gedacht hatte. Die Blumen
sanken ihm zurück in ihre Stummheit, nichts mehr spürte er vom Hauch
und Leben der Dinge, die Ziffern und Figuren der heiligen Wissenschaft
waren ihm albernes Zeug. Vor ihm standen Rentabilitätsberechnungen,
herzogliche, Reskripte, Intrigen der Landschaft, komplizierte Geschäfte,
Leben, Macht. Mit halber Seele nur schaute er auf sein Kind, das ihm,
verströmend, im Arm lag. Er riß sich los, und schon lag das Mädchen, das
weiße Haus, die feierlich frohen Blumenterrassen wesenlos hinter ihm und
die Kapsel sprang zu.
Page 127
Wie er durch den Wald ging, mit Nicklas Pfäffle, rasch, dem Karrenweg
zu, sah er plötzlich unter einem Baum am Rand einer Lichtung ein
Mädchen, bräunlich kühnes Gesicht, starkblaue, große Augen seltsam unter
dunklem Haar, die Hände hinterm Kopf verschränkt, hinstarren schräg
hinauf durch die Stämme. Aber nicht in der Haltung einer Ruhenden,
sondern angestrengt, gekrampft. Er ging gerade auf sie zu; sie war schön,
sehr anders als die Mädchen im Lande, auf dem bräunlich kühnen Gesicht
standen sonderbare, nicht alltäglich schwäbische Gedanken. Erst als er auf
dem weichen Waldboden ganz nah an ihr war, sah sie ihn, sprang auf,
starrte ihn an aus schreckgeweiteten Pupillen, schrie: „Der Teufel! Der
Teufel geht durch den Wald!“ lief fort. Dem erstaunten Süß erklärte der
gleichmütige, alleswissende Nicklas Pfäffle: „Die Magdalen Sibylle
Weißenseein. Tochter des Prälaten. Pietistin.“
In der Kutsche überlegte Süß, es sei praktischer, nun er schon unterwegs
sei, gewisse Geschäfte mit seinen Frankfurter Geldleuten persönlich zu
erledigen. Allein dies war ein Vorwand, mit dem er sich selbst belog. Was
not tat, war nicht persönliche Besprechung jener Affären in Frankfurt, was
ihm not tat, was er ersehnte nach dem seltsamen und unsichern Hin und Her
in dem Haus mit den Blumenterrassen, das war Bestätigung seiner selbst,
seiner Macht, seines Erfolges, Widerhall, Sicherung. Er schickte nach
seinem Sekretär, nach Dienerschaft. Fuhr groß und glänzend in Frankfurt
ein.
Es standen staunend und erregt die Frankfurter Juden, steckten
wackelnde Köpfe zusammen, schnalzten verwundert, bewundernd, hoben
vielbeweglich die beredten Arme. Ei, der Josef Süß Oppenheimer! Ei, der
württembergische Hoffaktor und Geheime Finanzienrat! Ei, was hatte er es
weit gebracht! Sein Vater war Schauspieler gewesen, seine Mutter, die
Sängerin, schön, elegant, nun ja, nun ja, aber eine leichte Person, keine
Ehre für die Judenheit, sein Großvater, Reb Selmele, das Andenken des
Gerechten zum Segen, ein braver Mann, Kantor, ein frommer, geachteter
Mann, aber doch ein kleiner, armer Mann. Und nun der Josef Süß, so hoch,
so glänzend, so mächtig, viel höher als sein Bruder, der Darmstädter, der
Getaufte, der sich hat taufen lassen, um Baron zu werden. Ei, wie
sichtbarlich hat der Herr ihn erhöht. Trotzdem er ein Jud ist, reißen die
Gojim die Mützen vor ihm herunter und bücken sich bis zum Boden, und
wenn er pfeift, kommen die Räte und Minister gerannt, als wäre er der
Herzog selbst.
zu, sah er plötzlich unter einem Baum am Rand einer Lichtung ein
Mädchen, bräunlich kühnes Gesicht, starkblaue, große Augen seltsam unter
dunklem Haar, die Hände hinterm Kopf verschränkt, hinstarren schräg
hinauf durch die Stämme. Aber nicht in der Haltung einer Ruhenden,
sondern angestrengt, gekrampft. Er ging gerade auf sie zu; sie war schön,
sehr anders als die Mädchen im Lande, auf dem bräunlich kühnen Gesicht
standen sonderbare, nicht alltäglich schwäbische Gedanken. Erst als er auf
dem weichen Waldboden ganz nah an ihr war, sah sie ihn, sprang auf,
starrte ihn an aus schreckgeweiteten Pupillen, schrie: „Der Teufel! Der
Teufel geht durch den Wald!“ lief fort. Dem erstaunten Süß erklärte der
gleichmütige, alleswissende Nicklas Pfäffle: „Die Magdalen Sibylle
Weißenseein. Tochter des Prälaten. Pietistin.“
In der Kutsche überlegte Süß, es sei praktischer, nun er schon unterwegs
sei, gewisse Geschäfte mit seinen Frankfurter Geldleuten persönlich zu
erledigen. Allein dies war ein Vorwand, mit dem er sich selbst belog. Was
not tat, war nicht persönliche Besprechung jener Affären in Frankfurt, was
ihm not tat, was er ersehnte nach dem seltsamen und unsichern Hin und Her
in dem Haus mit den Blumenterrassen, das war Bestätigung seiner selbst,
seiner Macht, seines Erfolges, Widerhall, Sicherung. Er schickte nach
seinem Sekretär, nach Dienerschaft. Fuhr groß und glänzend in Frankfurt
ein.
Es standen staunend und erregt die Frankfurter Juden, steckten
wackelnde Köpfe zusammen, schnalzten verwundert, bewundernd, hoben
vielbeweglich die beredten Arme. Ei, der Josef Süß Oppenheimer! Ei, der
württembergische Hoffaktor und Geheime Finanzienrat! Ei, was hatte er es
weit gebracht! Sein Vater war Schauspieler gewesen, seine Mutter, die
Sängerin, schön, elegant, nun ja, nun ja, aber eine leichte Person, keine
Ehre für die Judenheit, sein Großvater, Reb Selmele, das Andenken des
Gerechten zum Segen, ein braver Mann, Kantor, ein frommer, geachteter
Mann, aber doch ein kleiner, armer Mann. Und nun der Josef Süß, so hoch,
so glänzend, so mächtig, viel höher als sein Bruder, der Darmstädter, der
Getaufte, der sich hat taufen lassen, um Baron zu werden. Ei, wie
sichtbarlich hat der Herr ihn erhöht. Trotzdem er ein Jud ist, reißen die
Gojim die Mützen vor ihm herunter und bücken sich bis zum Boden, und
wenn er pfeift, kommen die Räte und Minister gerannt, als wäre er der
Herzog selbst.
Page 128
Süß schleckte gelüstig die Bewunderung. Er machte eine Spende, hoch
zum Erstarren, für die Synagogenbedürfnisse, die Armen. Der
Gemeindepfleger kam und der Rabbiner, Rabbi Jaakob Josua Falk, ein
ernsthafter, kleiner, nachdenklicher Mann, welke Haut mit dicken Adern,
tiefliegende Augen, sie bedankten sich, und der Rabbiner gab ihm
Segenswünsche auf den Weg.
Und er stand vor seiner Mutter, und die schöne, alte, törichte Frau
breitete ihre eitle Bewunderung unter seine Füße wie einen weichen
Teppich. Er badete in dieser lauen, ungehemmt über ihn hinwellenden
Bestätigung, aus hundert blanken Spiegeln strahlte alles Erreichte
berauschend auf ihn zurück; seine heimlichsten Träume kramte er aus
versteckten Winkeln vor diese willigste Hörerin, die selig lächelnd seine
Hand tätschelte. Zäh entschlossen, von keiner Nachwallung des weißen
Hauses beirrt, bis zum Rand gefüllt mit kühnen, unerhörten Entwürfen,
kehrte er nach Stuttgart zurück.
Der Krieg war aus, Karl Alexander fuhr heim in seine Hauptstadt. Er war
schlechtgelaunt. Der nächste Zweck zwar war erreicht worden, er hatte sein
Land vor Ueberfall und Plünderung gewahrt. Auch waren alle Operationen
kunstgerecht, methodisch vor sich gegangen, alle taktischen Fragen
ausgezeichnet gelöst, er hatte gezeigt, daß er ein Faktor war, daß man mit
ihm als Feldherrn wie als Besitzer einer ansehnlichen Armee rechnen
mußte. Aber eigentlich waren das doch recht magere Resultate und weit
entfernt von der Gloire, von der er geträumt. Verdrossen saß er in seiner
Kutsche, das Uebel seines lahmenden Fußes hatte sich verstärkt, sein
Asthma bedrängte ihn.
Eine Diligence kam entgegen, bog respektvoll aus vor der herzoglichen
Kutsche, hielt. Unter den in Demut erlöschenden Gesichtern erkannte Karl
Alexander ein mürrisches, unerregt grüßendes. Breit, blaß, platte Nase unter
mächtiger Stirn, trübgraue Augen. Er erschrak leicht, es war ihm, als höre er
die knarrige Stimme: „Das Erste sag ich Euch nicht.“ Jäh schnürte ihn
unheimliche Gebundenheit. Er sah sich plötzlich schreiten in einem
stummen, schattenhaften Tanz, der Rabbi vor ihm hielt seine rechte, Süß
hinter ihm seine linke Hand. Schritt da ganz vorne, durch viele Hände mit
ihm verstrickt, nicht auch der dicke, lustige Friedrich Karl, der Schönborn,
zum Erstarren, für die Synagogenbedürfnisse, die Armen. Der
Gemeindepfleger kam und der Rabbiner, Rabbi Jaakob Josua Falk, ein
ernsthafter, kleiner, nachdenklicher Mann, welke Haut mit dicken Adern,
tiefliegende Augen, sie bedankten sich, und der Rabbiner gab ihm
Segenswünsche auf den Weg.
Und er stand vor seiner Mutter, und die schöne, alte, törichte Frau
breitete ihre eitle Bewunderung unter seine Füße wie einen weichen
Teppich. Er badete in dieser lauen, ungehemmt über ihn hinwellenden
Bestätigung, aus hundert blanken Spiegeln strahlte alles Erreichte
berauschend auf ihn zurück; seine heimlichsten Träume kramte er aus
versteckten Winkeln vor diese willigste Hörerin, die selig lächelnd seine
Hand tätschelte. Zäh entschlossen, von keiner Nachwallung des weißen
Hauses beirrt, bis zum Rand gefüllt mit kühnen, unerhörten Entwürfen,
kehrte er nach Stuttgart zurück.
Der Krieg war aus, Karl Alexander fuhr heim in seine Hauptstadt. Er war
schlechtgelaunt. Der nächste Zweck zwar war erreicht worden, er hatte sein
Land vor Ueberfall und Plünderung gewahrt. Auch waren alle Operationen
kunstgerecht, methodisch vor sich gegangen, alle taktischen Fragen
ausgezeichnet gelöst, er hatte gezeigt, daß er ein Faktor war, daß man mit
ihm als Feldherrn wie als Besitzer einer ansehnlichen Armee rechnen
mußte. Aber eigentlich waren das doch recht magere Resultate und weit
entfernt von der Gloire, von der er geträumt. Verdrossen saß er in seiner
Kutsche, das Uebel seines lahmenden Fußes hatte sich verstärkt, sein
Asthma bedrängte ihn.
Eine Diligence kam entgegen, bog respektvoll aus vor der herzoglichen
Kutsche, hielt. Unter den in Demut erlöschenden Gesichtern erkannte Karl
Alexander ein mürrisches, unerregt grüßendes. Breit, blaß, platte Nase unter
mächtiger Stirn, trübgraue Augen. Er erschrak leicht, es war ihm, als höre er
die knarrige Stimme: „Das Erste sag ich Euch nicht.“ Jäh schnürte ihn
unheimliche Gebundenheit. Er sah sich plötzlich schreiten in einem
stummen, schattenhaften Tanz, der Rabbi vor ihm hielt seine rechte, Süß
hinter ihm seine linke Hand. Schritt da ganz vorne, durch viele Hände mit
ihm verstrickt, nicht auch der dicke, lustige Friedrich Karl, der Schönborn,
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der Würzburger Bischof? Wie schaurig possierlich er aussah. Und alles war
trüb, nebelhaft, farblos. Tiefer verdrossen fuhr er weiter.
In Stuttgart hob sich von allen Seiten Aergerliches. Die Herzogin hatte
ihn erfreut begrüßt; in der Nacht dann, in seinem Arm, hatte sie in ihrer
leisen, leicht spöttischen Art gefragt, was er ihr alles Schönes in Versailles
erbeutet habe; als Braut habe sie geträumt, er werde dem französischen
Ludwig die Perücke herunterreißen und sie ihr als Trophäe bringen. Es war
gewiß harmlose Neckerei gewesen, aber ihn hatte sie tief gewurmt.
Dann rückte mit seiner langweiligen, zähen, enervierenden Nörgelei und
Reklamiererei der parlamentarische Ausschuß an. Verlangte in einer
zweiten Audienz dringlich und unumwunden jetzt, nach erfolgtem
Friedensschluß, Abrüstung. Blaurot lief der Herzog an, der Atem setzte ihm
aus. Nur mühsam zwang er sich, die Deputation anzuhören, nicht mit
Fäusten über sie herzufallen, sie nicht verhaften, nicht kreuzweis schließen
zu lassen. Höchst unwirsch und ungnädig, unter Atemnot und Husten,
Flüche und Beschimpfungen polternd, jagte er schließlich die
Verängstigten, Entsetzten fort. Berief den Süß.
Der trug, wie stets, ein fertiges Projekt in der Tasche. Karl Alexander
empfing ihn nach dem Bad, im Schlafrock, der Neuffer rieb ihm den
lahmenden Fuß, der Schwarzbraune lief, mit Tüchern, Kämmen, Bürsten,
ab und zu. Lächelnd, verbindlich setzte Süß den feinen, giftigen Plan
auseinander. In einer so wichtigen Angelegenheit solle Seine Durchlaucht
sich nicht begnügen, mit den elf Herren des parlamentarischen Ausschusses
zu verhandeln. Der Ausschuß müsse aus den übrigen Abgeordneten
verstärkt werden.
Was damit gewonnen sei, fragte der Herzog, die blauen, gewalttätigen
Augen unverwandt auf dem glatten, lächelnden, gewandten Mund des
Juden.
Es seien natürlich, fuhr Süß leichthin und fließend fort, bei solcher
Ergänzung nur diejenigen Deputierten beizuziehen, deren treue und loyale
Gesinnung gegen den Herzog feststehe.
Karl Alexander sah dem Juden aufmerksam auf die Lippen, dachte scharf
nach, wandte die Worte des Süß hin und her. Begriff, daß auf diese Art die
Opposition mühelos aus dem Parlament ausgeschaltet, die Landschaft in
eine Vereinigung ohnmächtiger Hanswürste gewandelt werden könnte.
Sprang auf, daß der Kammerdiener Neuffer, der ihm den lahmenden Fuß
rieb, zurücktaumelte. „Er ist ein Genie, Süß!“ jubelte er los, stapfte, den
trüb, nebelhaft, farblos. Tiefer verdrossen fuhr er weiter.
In Stuttgart hob sich von allen Seiten Aergerliches. Die Herzogin hatte
ihn erfreut begrüßt; in der Nacht dann, in seinem Arm, hatte sie in ihrer
leisen, leicht spöttischen Art gefragt, was er ihr alles Schönes in Versailles
erbeutet habe; als Braut habe sie geträumt, er werde dem französischen
Ludwig die Perücke herunterreißen und sie ihr als Trophäe bringen. Es war
gewiß harmlose Neckerei gewesen, aber ihn hatte sie tief gewurmt.
Dann rückte mit seiner langweiligen, zähen, enervierenden Nörgelei und
Reklamiererei der parlamentarische Ausschuß an. Verlangte in einer
zweiten Audienz dringlich und unumwunden jetzt, nach erfolgtem
Friedensschluß, Abrüstung. Blaurot lief der Herzog an, der Atem setzte ihm
aus. Nur mühsam zwang er sich, die Deputation anzuhören, nicht mit
Fäusten über sie herzufallen, sie nicht verhaften, nicht kreuzweis schließen
zu lassen. Höchst unwirsch und ungnädig, unter Atemnot und Husten,
Flüche und Beschimpfungen polternd, jagte er schließlich die
Verängstigten, Entsetzten fort. Berief den Süß.
Der trug, wie stets, ein fertiges Projekt in der Tasche. Karl Alexander
empfing ihn nach dem Bad, im Schlafrock, der Neuffer rieb ihm den
lahmenden Fuß, der Schwarzbraune lief, mit Tüchern, Kämmen, Bürsten,
ab und zu. Lächelnd, verbindlich setzte Süß den feinen, giftigen Plan
auseinander. In einer so wichtigen Angelegenheit solle Seine Durchlaucht
sich nicht begnügen, mit den elf Herren des parlamentarischen Ausschusses
zu verhandeln. Der Ausschuß müsse aus den übrigen Abgeordneten
verstärkt werden.
Was damit gewonnen sei, fragte der Herzog, die blauen, gewalttätigen
Augen unverwandt auf dem glatten, lächelnden, gewandten Mund des
Juden.
Es seien natürlich, fuhr Süß leichthin und fließend fort, bei solcher
Ergänzung nur diejenigen Deputierten beizuziehen, deren treue und loyale
Gesinnung gegen den Herzog feststehe.
Karl Alexander sah dem Juden aufmerksam auf die Lippen, dachte scharf
nach, wandte die Worte des Süß hin und her. Begriff, daß auf diese Art die
Opposition mühelos aus dem Parlament ausgeschaltet, die Landschaft in
eine Vereinigung ohnmächtiger Hanswürste gewandelt werden könnte.
Sprang auf, daß der Kammerdiener Neuffer, der ihm den lahmenden Fuß
rieb, zurücktaumelte. „Er ist ein Genie, Süß!“ jubelte er los, stapfte, den
Page 130
einen Fuß bloß, im Zimmer herum, aufgewühlt. Der Schwarzbraune, in
seinen Winkel zurückgewichen, folgte mit langsamen, rollenden Augen den
Bewegungen seines Herrn. Dann, mit einem Ruck, blieb Karl Alexander
stehen, zweifelnd, fragte bedenklich, wie denn die zuverlässigen
Abgeordneten herauszufischen seien. Doch Süß, bescheiden-stolz lächelnd,
erwiderte, der Herzog möge ihm das überlassen, ihn, sei ein einziger
Aufrührer unter den beigezogenen Deputierten, mit Schimpf und Schande
über die Grenze jagen.
Denselben Abend noch konferierte Süß mit Weißensee. Teilte ihm mit,
der Herzog halte es für notwendig, in einer so wichtigen Affäre den
Ausschuß zu verstärken; wer wohl nach des Prälaten Meinung von den
Abgeordneten Verständnis für die großen Probleme und Sinn genug für die
europäische Bedeutung Karl Alexanders habe, um mit Gewinn für den
Fürsten und somit fürs Volk bei solcher Ergänzung beigezogen zu werden.
Behutsam saß der andere, rühmte die Umsicht und Gewissenhaftigkeit des
Herzogs, nannte nach langen Umschweifen, zögernd, vorsichtig, zwei, drei
Namen. Bog sogleich wieder ab und sprach, verbindlich, von anderem,
Belanglosem. Süß ging höflich darauf ein, meinte dann, gelegentlich,
beiläufig, der Präsident des Hofkirchenrats scheine dem Herzog alt und
ausgeschöpft, ob er, Weißensee, zeitlebens in Hirsau sitzen wolle, ein
Berater von seinem diplomatischen Blick und seiner Erfahrung und
Gelehrsamkeit wäre in Stuttgart hocherwünscht. Lüstern, sehr gelockt,
schnupperte der Prälat, griff zu, lächelnd und betrübt über die eigene
Schwäche und Verräterei, nannte seufzend, als Süß wieder auf den
einzuberufenden Landtag zu sprechen kam, die geforderten Namen, verriet
in den nicht genannten die Verfassung und wer ihr anhing. Ach, es war
durchaus nicht die beste aller denkbaren Welten, wie gewisse à la mode-
Philosophen wollten, es war eine schlecht eingerichtete, widerwärtige Welt.
Nur der Einfältige konnte sich rein halten; wer klug war und kompliziert
und nicht ganz abseits bleiben wollte vom fließenden Leben, der mußte
unsauber und zum Verräter werden.
Ausgeschrieben wurde die Tagung. Ausgeschlossen wurden nach der
Liste des Weißensee alle Abgeordneten der Opposition, ihre Proteste nicht
beachtet. Herzogliche Kommissarien erschienen mit starkem militärischem
Geleit in den einzelnen Städten, Aemtern, redigierten gewalthaberisch
Wünsche, Vollmachten, bindende Aufträge der Bevölkerung an die
Deputierten.
seinen Winkel zurückgewichen, folgte mit langsamen, rollenden Augen den
Bewegungen seines Herrn. Dann, mit einem Ruck, blieb Karl Alexander
stehen, zweifelnd, fragte bedenklich, wie denn die zuverlässigen
Abgeordneten herauszufischen seien. Doch Süß, bescheiden-stolz lächelnd,
erwiderte, der Herzog möge ihm das überlassen, ihn, sei ein einziger
Aufrührer unter den beigezogenen Deputierten, mit Schimpf und Schande
über die Grenze jagen.
Denselben Abend noch konferierte Süß mit Weißensee. Teilte ihm mit,
der Herzog halte es für notwendig, in einer so wichtigen Affäre den
Ausschuß zu verstärken; wer wohl nach des Prälaten Meinung von den
Abgeordneten Verständnis für die großen Probleme und Sinn genug für die
europäische Bedeutung Karl Alexanders habe, um mit Gewinn für den
Fürsten und somit fürs Volk bei solcher Ergänzung beigezogen zu werden.
Behutsam saß der andere, rühmte die Umsicht und Gewissenhaftigkeit des
Herzogs, nannte nach langen Umschweifen, zögernd, vorsichtig, zwei, drei
Namen. Bog sogleich wieder ab und sprach, verbindlich, von anderem,
Belanglosem. Süß ging höflich darauf ein, meinte dann, gelegentlich,
beiläufig, der Präsident des Hofkirchenrats scheine dem Herzog alt und
ausgeschöpft, ob er, Weißensee, zeitlebens in Hirsau sitzen wolle, ein
Berater von seinem diplomatischen Blick und seiner Erfahrung und
Gelehrsamkeit wäre in Stuttgart hocherwünscht. Lüstern, sehr gelockt,
schnupperte der Prälat, griff zu, lächelnd und betrübt über die eigene
Schwäche und Verräterei, nannte seufzend, als Süß wieder auf den
einzuberufenden Landtag zu sprechen kam, die geforderten Namen, verriet
in den nicht genannten die Verfassung und wer ihr anhing. Ach, es war
durchaus nicht die beste aller denkbaren Welten, wie gewisse à la mode-
Philosophen wollten, es war eine schlecht eingerichtete, widerwärtige Welt.
Nur der Einfältige konnte sich rein halten; wer klug war und kompliziert
und nicht ganz abseits bleiben wollte vom fließenden Leben, der mußte
unsauber und zum Verräter werden.
Ausgeschrieben wurde die Tagung. Ausgeschlossen wurden nach der
Liste des Weißensee alle Abgeordneten der Opposition, ihre Proteste nicht
beachtet. Herzogliche Kommissarien erschienen mit starkem militärischem
Geleit in den einzelnen Städten, Aemtern, redigierten gewalthaberisch
Wünsche, Vollmachten, bindende Aufträge der Bevölkerung an die
Deputierten.
Page 131
Unter solchen Auspizien trat der Landtag zusammen, der über die auf
Jahrzehnte hinaus wichtigste Frage schwäbischer Politik, die Unterhaltung
eines ansehnlichen stehenden Heeres, zu entscheiden hatte. Nicht im
Landschaftshause in Stuttgart hielt dieses Rumpfparlament seine Sitzungen
ab, der Herzog hatte verfügt, daß die Session der bequemeren
Kommunikation mit seiner Person wegen in seinem Ludwigsburger Schloß
unter seinen Augen stattzufinden habe. Die kleine Stadt quoll über von
Soldaten, die Deputierten tagten bewacht von einem starken
Militäraufgebot, immer gefährdet, von ihren Schützern beim kleinsten Wort
der Opposition festgenommen zu werden. Der Herzog erschien nach einer
nonchalanten Eröffnungsrede überhaupt nicht mehr; er nahm Parade ab,
hielt kriegerische Uebungen in der Umgegend, während seine Minister
lässig, gnädig den Deputierten auf schüchterne Fragen vage, hochmütige
Antworten gaben.
Auf diese Manier wurden die ungeheuren Militärforderungen des
Herzogs genehmigt, dazu Verdoppelung der Jahressteuer und der Dreißigste
von allen Früchten. Geltung haben sollte dieser Steuermodus, solange die
bedenklichen Zeiten dauerten und das Land es vermöge. Nicht schärfer
wagten unter den Musketen der Soldaten die sonst so bedächtigen,
vorsichtig um jedes Jota feilschenden Herren diese entscheidende Klausel
zu präzisieren, und als sie in einer inoffiziellen Besprechung bescheiden die
Frage aufwarfen, wer denn über die Bedenklichkeit der Lage und die
Leistungsfähigkeit des Landes solle zu befinden haben, wurden Süß und
Remchingen so grob, hochfahrend und drohend, daß die Deputierten mürb
und erschrocken auf genauerer Festlegung dieses wichtigsten Punktes nicht
bestanden. Niemals hatte, seit es eine Verfassung im Land gab, ein
württembergischer Herzog vom Parlament solche Zugeständnisse erreicht
wie Karl Alexander und sein Jude.
Zwei Wochen nach der Tagung wurde der Prälat von Hirsau, Philipp
Heinrich Weißensee, Präsident des Hofkirchenrats in Stuttgart.
Kurz nach diesem Sieg des Süß über das Parlament starb auf dem
Familienschloß Winnenthal des Herzogs Bruder, Prinz Heinrich Friedrich.
Seitdem Karl Alexander seine Geliebte gehabt und sie dann breitlachend,
hochmütig, die Flennende, Aufgelöste, ihm wieder zugeschickt hatte,
Jahrzehnte hinaus wichtigste Frage schwäbischer Politik, die Unterhaltung
eines ansehnlichen stehenden Heeres, zu entscheiden hatte. Nicht im
Landschaftshause in Stuttgart hielt dieses Rumpfparlament seine Sitzungen
ab, der Herzog hatte verfügt, daß die Session der bequemeren
Kommunikation mit seiner Person wegen in seinem Ludwigsburger Schloß
unter seinen Augen stattzufinden habe. Die kleine Stadt quoll über von
Soldaten, die Deputierten tagten bewacht von einem starken
Militäraufgebot, immer gefährdet, von ihren Schützern beim kleinsten Wort
der Opposition festgenommen zu werden. Der Herzog erschien nach einer
nonchalanten Eröffnungsrede überhaupt nicht mehr; er nahm Parade ab,
hielt kriegerische Uebungen in der Umgegend, während seine Minister
lässig, gnädig den Deputierten auf schüchterne Fragen vage, hochmütige
Antworten gaben.
Auf diese Manier wurden die ungeheuren Militärforderungen des
Herzogs genehmigt, dazu Verdoppelung der Jahressteuer und der Dreißigste
von allen Früchten. Geltung haben sollte dieser Steuermodus, solange die
bedenklichen Zeiten dauerten und das Land es vermöge. Nicht schärfer
wagten unter den Musketen der Soldaten die sonst so bedächtigen,
vorsichtig um jedes Jota feilschenden Herren diese entscheidende Klausel
zu präzisieren, und als sie in einer inoffiziellen Besprechung bescheiden die
Frage aufwarfen, wer denn über die Bedenklichkeit der Lage und die
Leistungsfähigkeit des Landes solle zu befinden haben, wurden Süß und
Remchingen so grob, hochfahrend und drohend, daß die Deputierten mürb
und erschrocken auf genauerer Festlegung dieses wichtigsten Punktes nicht
bestanden. Niemals hatte, seit es eine Verfassung im Land gab, ein
württembergischer Herzog vom Parlament solche Zugeständnisse erreicht
wie Karl Alexander und sein Jude.
Zwei Wochen nach der Tagung wurde der Prälat von Hirsau, Philipp
Heinrich Weißensee, Präsident des Hofkirchenrats in Stuttgart.
Kurz nach diesem Sieg des Süß über das Parlament starb auf dem
Familienschloß Winnenthal des Herzogs Bruder, Prinz Heinrich Friedrich.
Seitdem Karl Alexander seine Geliebte gehabt und sie dann breitlachend,
hochmütig, die Flennende, Aufgelöste, ihm wieder zugeschickt hatte,
Page 132
verzehrte sich der schwächliche Mann in Ohnmacht und grellen
Rachephantasien. Er begann vorsichtig und ziemlich ziellos neue Zettelei
mit der Landschaft, aber die Herren hielten ihn nicht für den rechten Mann
und blieben reserviert. Er sah oft mit gequälten, gedrosselten Blicken auf
das sanfte, dunkelblonde Geschöpf, dessen Dasein jetzt eine einzige
traurige Bitte um Nachsicht war. Einmal legte er ihr die kraftlosen,
schweißigen Hände um den schönen, vollen, gesunden Hals, drückte
langsam zu, würgte, ließ erschrocken ab, streichelte sie: „Du kannst ja
nichts dazu, du kannst ja nichts dazu.“ Er malte sich wilde, phantastische
Racheszenen aus: wie er die Geliebte ersticht, den Leichnam vor sich quer
übers Pferd nimmt, durchs Land jagt, das Volk groß zur Rache aufruft. Oder
wie er den Bruder fängt, ihn zwingt, der Geliebten die Füße zu küssen, wie
er dann beide tötet, die Frau feierlich wie eine Kaiserin bestatten läßt, den
Bruder einscharren wie einen Hund. Und er selber thront, ein theatralischer
Rachegott, über allem. Tun aber konnte er von all dem nichts, er konnte
sich nur daran verzehren und sterben.
Karl Alexander, sowie er den Tod des Bruders erfuhr, sandte den Minister
Forstner und den Kriegsrat Dilldey nach Schloß Winnenthal, die
Verlassenschaft des Toten zu versiegeln und insbesondere seine
Briefschaften zu beschlagnahmen. Er hatte gerade während der Tagung des
Rumpfparlaments von neuerlichen Zetteleien seines Bruders mit der
Landschaft gehört, er brannte darauf, Beweise, schwarz auf weiß, in die
Hand zu kriegen wider gewisse Parlamentarier von der Opposition. Ei, wie
wollte er sie packen, ei, wie wollte er sie zwiebeln, der Hydra den Kopf
zertreten.
Seine Abgesandten fanden auf dem stillen Schloß spärliche, bestürzt
schleichende Dienerschaft, und an der Leiche, starrend, apathisch das
blonde Geschöpf. Dem Herzog brachten sie nichts zurück als belanglose
Schreiberei.
Der schäumte. Er war gewiß, der parlamentarische Ausschuß, die Elf,
hatten Konventikel gehabt mit dem Toten, Kabale gemacht, ihm die
Regierung zuzuschanzen. Er wütete gegen die Abgesandten, die ihm nur
Wertloses beigeschafft hatten. Wegpraktiziert hatten sie das Belastende,
verbrannt. Verhunzt hatten sie, absichtlich zerschmissen und kaputt gemacht
die gute Gelegenheit, das Spiel zu entdecken.
Süß schürte, hetzte. So ein Moment, die Verhaßten zu stürzen, kam nicht
wieder. Er hakte ein bei dem alten, sinnlosen Verdacht des Herzogs. Waren
Rachephantasien. Er begann vorsichtig und ziemlich ziellos neue Zettelei
mit der Landschaft, aber die Herren hielten ihn nicht für den rechten Mann
und blieben reserviert. Er sah oft mit gequälten, gedrosselten Blicken auf
das sanfte, dunkelblonde Geschöpf, dessen Dasein jetzt eine einzige
traurige Bitte um Nachsicht war. Einmal legte er ihr die kraftlosen,
schweißigen Hände um den schönen, vollen, gesunden Hals, drückte
langsam zu, würgte, ließ erschrocken ab, streichelte sie: „Du kannst ja
nichts dazu, du kannst ja nichts dazu.“ Er malte sich wilde, phantastische
Racheszenen aus: wie er die Geliebte ersticht, den Leichnam vor sich quer
übers Pferd nimmt, durchs Land jagt, das Volk groß zur Rache aufruft. Oder
wie er den Bruder fängt, ihn zwingt, der Geliebten die Füße zu küssen, wie
er dann beide tötet, die Frau feierlich wie eine Kaiserin bestatten läßt, den
Bruder einscharren wie einen Hund. Und er selber thront, ein theatralischer
Rachegott, über allem. Tun aber konnte er von all dem nichts, er konnte
sich nur daran verzehren und sterben.
Karl Alexander, sowie er den Tod des Bruders erfuhr, sandte den Minister
Forstner und den Kriegsrat Dilldey nach Schloß Winnenthal, die
Verlassenschaft des Toten zu versiegeln und insbesondere seine
Briefschaften zu beschlagnahmen. Er hatte gerade während der Tagung des
Rumpfparlaments von neuerlichen Zetteleien seines Bruders mit der
Landschaft gehört, er brannte darauf, Beweise, schwarz auf weiß, in die
Hand zu kriegen wider gewisse Parlamentarier von der Opposition. Ei, wie
wollte er sie packen, ei, wie wollte er sie zwiebeln, der Hydra den Kopf
zertreten.
Seine Abgesandten fanden auf dem stillen Schloß spärliche, bestürzt
schleichende Dienerschaft, und an der Leiche, starrend, apathisch das
blonde Geschöpf. Dem Herzog brachten sie nichts zurück als belanglose
Schreiberei.
Der schäumte. Er war gewiß, der parlamentarische Ausschuß, die Elf,
hatten Konventikel gehabt mit dem Toten, Kabale gemacht, ihm die
Regierung zuzuschanzen. Er wütete gegen die Abgesandten, die ihm nur
Wertloses beigeschafft hatten. Wegpraktiziert hatten sie das Belastende,
verbrannt. Verhunzt hatten sie, absichtlich zerschmissen und kaputt gemacht
die gute Gelegenheit, das Spiel zu entdecken.
Süß schürte, hetzte. So ein Moment, die Verhaßten zu stürzen, kam nicht
wieder. Er hakte ein bei dem alten, sinnlosen Verdacht des Herzogs. Waren
Page 133
es nicht die gleichen Männer, die Karl Alexander seinerzeit die Reversalien
abgepreßt hatten, jene unseligen Religionsversicherungen, die sich dann in
Stuttgart in der Reinschrift anders lasen als damals in Belgrad im Konzept?
Die den Bogenwechsel vorgenommen hatten, ein Blatt eingeschmuggelt in
die endgültige Fassung? Hochauf schäumen machte Süß den alten Argwohn
des in allem Diplomatischen kindlichen Soldaten. Jene, die Herren,
mochten Uebung haben im Verschwindenlassen eines Schriftstücks. War die
jetzige erfolglose Suche nach den sicher vorhandenen Dokumenten des
Hochverrats nicht recht eigentlich Beweis und Bestätigung ihrer damaligen
Praktiken, Zeugnis des geheimen Einverständnisses mit dem meuterischen
Parlament?
Karl Alexander war es müde – und Süß pries die Weisheit solchen
Entschlusses – mit diesem zweigesichtigen Kabinett weiter zu regieren, das,
wenn nicht aus Hochverrätern, im besten Fall aus schwerfälligen
Schikanierern, Pedanten, Angsthasen, Kompromißlern, Linkshändern
bestand. In Ungnaden entlassen wurden die Minister Forstner, Neuffer,
Negendank, Hardenberg. Nur Bilfinger blieb. An den weit über
Württemberg ragenden, festen, gelehrten Mann wagte sich der kluge Süß
nicht, auch genierte er wenig, beschäftigte sich mehr mit seinen Studien,
hielt sich in der Politik, wenn auch drohend und bedenklich, im Schatten.
Und schließlich schätzte der Herzog die Unterhaltung des
festungsbaukundigen Mannes zu sehr, als daß Süß hier viel hätte ausrichten
können.
Aber mit in den großen Sturz geriet der Kammerdirektor Georgii, der das
Wort geprägt hatte von der hebräischen Garde. Zu spät hatte der um Brot
und Stellung besorgte Mann jenen unseligen Scherz bereut, zu spät sich an
Süß anzubiedern versucht. Tief genoß der Jude seinen Triumph, als er diese
ungelenken Annäherungsversuche wahrnahm. Er spielte mit dem plumpen,
schwerfälligen Herrn, behandelte ihn jetzt mit besonderer Verbindlichkeit,
daß der Aufatmende schon glaubte, Süß habe von jenem Hohnwort nichts
gehört oder es vergessen. Schreckte ihn dann wieder durch eine Anspielung,
eine undurchsichtige Drohung. Bis er endlich selber dem Kammerdirektor
seinen Sturz mitteilte. Er hatte ihn zur Tafel geladen. Man saß, ein kleiner
Kreis, unter dem Deckengemälde, dem vielfigurigen Triumph des Merkur,
hatte von goldenem und silbernem Schüssel- und Tellerwerk raffinierte,
gewürzte Speisen gegessen, aus den kostbaren Kelchen fremde, starke
Weine getrunken. Nun saß man schwer, dampfte, verdaute. Da sagte der
abgepreßt hatten, jene unseligen Religionsversicherungen, die sich dann in
Stuttgart in der Reinschrift anders lasen als damals in Belgrad im Konzept?
Die den Bogenwechsel vorgenommen hatten, ein Blatt eingeschmuggelt in
die endgültige Fassung? Hochauf schäumen machte Süß den alten Argwohn
des in allem Diplomatischen kindlichen Soldaten. Jene, die Herren,
mochten Uebung haben im Verschwindenlassen eines Schriftstücks. War die
jetzige erfolglose Suche nach den sicher vorhandenen Dokumenten des
Hochverrats nicht recht eigentlich Beweis und Bestätigung ihrer damaligen
Praktiken, Zeugnis des geheimen Einverständnisses mit dem meuterischen
Parlament?
Karl Alexander war es müde – und Süß pries die Weisheit solchen
Entschlusses – mit diesem zweigesichtigen Kabinett weiter zu regieren, das,
wenn nicht aus Hochverrätern, im besten Fall aus schwerfälligen
Schikanierern, Pedanten, Angsthasen, Kompromißlern, Linkshändern
bestand. In Ungnaden entlassen wurden die Minister Forstner, Neuffer,
Negendank, Hardenberg. Nur Bilfinger blieb. An den weit über
Württemberg ragenden, festen, gelehrten Mann wagte sich der kluge Süß
nicht, auch genierte er wenig, beschäftigte sich mehr mit seinen Studien,
hielt sich in der Politik, wenn auch drohend und bedenklich, im Schatten.
Und schließlich schätzte der Herzog die Unterhaltung des
festungsbaukundigen Mannes zu sehr, als daß Süß hier viel hätte ausrichten
können.
Aber mit in den großen Sturz geriet der Kammerdirektor Georgii, der das
Wort geprägt hatte von der hebräischen Garde. Zu spät hatte der um Brot
und Stellung besorgte Mann jenen unseligen Scherz bereut, zu spät sich an
Süß anzubiedern versucht. Tief genoß der Jude seinen Triumph, als er diese
ungelenken Annäherungsversuche wahrnahm. Er spielte mit dem plumpen,
schwerfälligen Herrn, behandelte ihn jetzt mit besonderer Verbindlichkeit,
daß der Aufatmende schon glaubte, Süß habe von jenem Hohnwort nichts
gehört oder es vergessen. Schreckte ihn dann wieder durch eine Anspielung,
eine undurchsichtige Drohung. Bis er endlich selber dem Kammerdirektor
seinen Sturz mitteilte. Er hatte ihn zur Tafel geladen. Man saß, ein kleiner
Kreis, unter dem Deckengemälde, dem vielfigurigen Triumph des Merkur,
hatte von goldenem und silbernem Schüssel- und Tellerwerk raffinierte,
gewürzte Speisen gegessen, aus den kostbaren Kelchen fremde, starke
Weine getrunken. Nun saß man schwer, dampfte, verdaute. Da sagte der
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Jude leicht und verbindlich zu dem Kammerdirektor, er bedaure, daß
Serenissimus seine erfahrenen Dienste so gar nicht mehr schätze; aber der
Herzog möge eben die alte Garde partout nicht mehr leiden, nicht riechen
könne er sie mehr. Und zur neuen gehöre der Kammerdirektor eben einmal
nicht. Der schwere Herr sah ihn fassungslos an, stammelte etwas, starrte
verloren vor sich hin, schlotternden Kopfes, schwankte bald fort. Er war
arm, ein gerader, beschränkter Mensch, gebannt in Enge und Konvention, er
hatte sieben Kinder und kein Geld. Nun war er also in Ungnade,
schimpflich aus seinem Amt gejagt. Er ging heim, erhängte sich.
Ein großer Beamtenschub kam. Bisher waren viele biedere, gemütliche,
schwäbische, langsame, gutartige Männer an hohen Stellen gesessen; jetzt
rückten glatte, flinke Leute an, viele Ausländer, gewandt, vielwortig, in
mancherlei komplizierten Geschäften zu Haus, die Kreaturen des Süß, die
Scheffer, Thill, Lautz, Bühler, Mez, Hallwachs. An allen entscheidenden
Stellen saßen sie, alle Zugänge zum Herzog hielten sie besetzt. Süß selber
aber lehnte noch immer jedes Amt ab, er hatte nichts als den Titel Geheimer
Rat und Oberhoffinanzdirektor, auch Schatullenverwalter Ihrer Durchlaucht
der Frau Herzogin; aber er war, und alle Höfe wußten dies, der wahre
Regent des Landes, er hielt auch ohne Siegelring seine Hand über dem
Herzogtum.
Befreit auf atmete das Land, streckte sich in fröhlicher Erwartung. Aus der
Krieg. Zurückkehren werden jetzt die Söhne, Männer, Liebsten. Geruhig,
sicher wird jetzt das Leben fließen, nicht stoßweise, mit Lücken hier und
Mangel dort und immer neuen Schikanen. Die jungen, festen Männer wird
man wieder haben, ihre entbehrten Fäuste für die Arbeit, die Männer wieder
fürs Regiment im Hauswesen, fürs Bett. Einteilen wird man sich sein
Geschäft können, nicht ins Ungefähr wird man wirtschaften. Die Pferde
wird man wieder haben, die lieben, kräftigen Rösser, sie werden
abgerackert sein, aber man wird sie schon glatt und hoch bringen. Alle
Aecker wird man bestellen wie früher, den Weingarten wird man nicht
weiter verludern lassen, das Haus nicht verdrecken und verfallen. Die
kleinen Bürger in den Städten werden ihr Auskommen haben wie vor dem
Krieg, die Materialien für ihre Hantierung, Eßwaren reichlich und Wein.
Nicht wird man vor Wagen, mit schönen Dingen hochbepackt, sich sagen
Serenissimus seine erfahrenen Dienste so gar nicht mehr schätze; aber der
Herzog möge eben die alte Garde partout nicht mehr leiden, nicht riechen
könne er sie mehr. Und zur neuen gehöre der Kammerdirektor eben einmal
nicht. Der schwere Herr sah ihn fassungslos an, stammelte etwas, starrte
verloren vor sich hin, schlotternden Kopfes, schwankte bald fort. Er war
arm, ein gerader, beschränkter Mensch, gebannt in Enge und Konvention, er
hatte sieben Kinder und kein Geld. Nun war er also in Ungnade,
schimpflich aus seinem Amt gejagt. Er ging heim, erhängte sich.
Ein großer Beamtenschub kam. Bisher waren viele biedere, gemütliche,
schwäbische, langsame, gutartige Männer an hohen Stellen gesessen; jetzt
rückten glatte, flinke Leute an, viele Ausländer, gewandt, vielwortig, in
mancherlei komplizierten Geschäften zu Haus, die Kreaturen des Süß, die
Scheffer, Thill, Lautz, Bühler, Mez, Hallwachs. An allen entscheidenden
Stellen saßen sie, alle Zugänge zum Herzog hielten sie besetzt. Süß selber
aber lehnte noch immer jedes Amt ab, er hatte nichts als den Titel Geheimer
Rat und Oberhoffinanzdirektor, auch Schatullenverwalter Ihrer Durchlaucht
der Frau Herzogin; aber er war, und alle Höfe wußten dies, der wahre
Regent des Landes, er hielt auch ohne Siegelring seine Hand über dem
Herzogtum.
Befreit auf atmete das Land, streckte sich in fröhlicher Erwartung. Aus der
Krieg. Zurückkehren werden jetzt die Söhne, Männer, Liebsten. Geruhig,
sicher wird jetzt das Leben fließen, nicht stoßweise, mit Lücken hier und
Mangel dort und immer neuen Schikanen. Die jungen, festen Männer wird
man wieder haben, ihre entbehrten Fäuste für die Arbeit, die Männer wieder
fürs Regiment im Hauswesen, fürs Bett. Einteilen wird man sich sein
Geschäft können, nicht ins Ungefähr wird man wirtschaften. Die Pferde
wird man wieder haben, die lieben, kräftigen Rösser, sie werden
abgerackert sein, aber man wird sie schon glatt und hoch bringen. Alle
Aecker wird man bestellen wie früher, den Weingarten wird man nicht
weiter verludern lassen, das Haus nicht verdrecken und verfallen. Die
kleinen Bürger in den Städten werden ihr Auskommen haben wie vor dem
Krieg, die Materialien für ihre Hantierung, Eßwaren reichlich und Wein.
Nicht wird man vor Wagen, mit schönen Dingen hochbepackt, sich sagen
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müssen: Je, ist alles für die Soldaten! Selber im Land wird man haben, was
man macht. Nach Westen alle Blicke, von wo die Truppen wieder
herkommen, die Männer, die Pferde, die Zelte, Wagen, Troß, Proviant, das
Entbehrte zurück, das Ersehnte, Mangelnde, Dung und Saft zurück. Nach
Westen alle Blicke wie in Dürre nach aufziehenden Wolken.
Die fressende Enttäuschung, als der Landtag kläglich resignierte, als die
Armee nicht aufgelöst wurde. Ins Feuer flogen, auf den Mist die Bilder des
Herzogs, Belgrad, die siebenhundert Axtmänner. Verzweiflung brach aus,
Rottierer hoben sich, drohender als bei Beginn des Krieges, aber rascher
noch und energischer zur Ruhe gebracht. Mit Quartier belegt, denn
Kasernen mangelten, alle Untertanen, auf je zwei Familien kam ein Soldat,
überall im Land lagen sie bei Bürgern und Bauern. Spionierer gingen
herum, wer murrte, verdächtig war, wurde mit doppelter Last beladen.
Hatten die vielmögenden Herren des Parlaments so rasch gekuscht vor des
Herzogs Truppen, so wurde der gemeine Mann doppelt eingeschreckt von
den Garnisonen, von den fremden, katholischen Offizieren und ihrer
Brutalität.
Ringsum die Länder, die freien Städte blühten auf jetzt im Frieden; im
Herzogtum sah der Friede schlimmer her als der Krieg. Denn hatte Karl
Alexander draußen Geld nur für sein Militär gebraucht, so mußte er es jetzt
haben für die Truppen und seine Hofhaltung, die üppiger glänzte von Tag
zu Tag.
Süß, es war ein Wunder, es war Zauberei, schaffte das Geld. Als hätte er
eine Wünschelrute, spürte er jeden versteckten Fleck, es an den Tag zu
scharren. Während des Krieges hatte er die Schraube erst angesetzt, jetzt,
langsam, mit unheimlicher Ruhe und Fertigkeit, drehte er zu.
Niedergehalten von dem würgenden Druck der Soldaten, schrie nicht das
gequetschte Land, stöhnte gequält, blutete veratmend seinen Saft aus,
seufzte gedrosselt, verging. Auflagen, immer neue, Stempel auf alles, auf
Schuhe selbst und Stiefel. Giftige Witze flogen auf: nächstens werden auch
die Menschen gestempelt, auf die flache Hand gebrannt oder auf die
Fußsohlen, zu vier Groschen das Paar.
Auch unter Eberhard Ludwig und der Gräveniz waren Aemter und
Stellen verschachert worden. Süß raffinierte das System, setzte eine eigene
Behörde dafür ein, das Gratialamt, jede freiwerdende Stelle kunstgerecht an
den Meistbietenden zu versteigern, neue Aemter, Titel, zu solchem Behuf
zu schaffen. Gekauft werden mußte jeder Posten, vom Expeditionsrat bis
man macht. Nach Westen alle Blicke, von wo die Truppen wieder
herkommen, die Männer, die Pferde, die Zelte, Wagen, Troß, Proviant, das
Entbehrte zurück, das Ersehnte, Mangelnde, Dung und Saft zurück. Nach
Westen alle Blicke wie in Dürre nach aufziehenden Wolken.
Die fressende Enttäuschung, als der Landtag kläglich resignierte, als die
Armee nicht aufgelöst wurde. Ins Feuer flogen, auf den Mist die Bilder des
Herzogs, Belgrad, die siebenhundert Axtmänner. Verzweiflung brach aus,
Rottierer hoben sich, drohender als bei Beginn des Krieges, aber rascher
noch und energischer zur Ruhe gebracht. Mit Quartier belegt, denn
Kasernen mangelten, alle Untertanen, auf je zwei Familien kam ein Soldat,
überall im Land lagen sie bei Bürgern und Bauern. Spionierer gingen
herum, wer murrte, verdächtig war, wurde mit doppelter Last beladen.
Hatten die vielmögenden Herren des Parlaments so rasch gekuscht vor des
Herzogs Truppen, so wurde der gemeine Mann doppelt eingeschreckt von
den Garnisonen, von den fremden, katholischen Offizieren und ihrer
Brutalität.
Ringsum die Länder, die freien Städte blühten auf jetzt im Frieden; im
Herzogtum sah der Friede schlimmer her als der Krieg. Denn hatte Karl
Alexander draußen Geld nur für sein Militär gebraucht, so mußte er es jetzt
haben für die Truppen und seine Hofhaltung, die üppiger glänzte von Tag
zu Tag.
Süß, es war ein Wunder, es war Zauberei, schaffte das Geld. Als hätte er
eine Wünschelrute, spürte er jeden versteckten Fleck, es an den Tag zu
scharren. Während des Krieges hatte er die Schraube erst angesetzt, jetzt,
langsam, mit unheimlicher Ruhe und Fertigkeit, drehte er zu.
Niedergehalten von dem würgenden Druck der Soldaten, schrie nicht das
gequetschte Land, stöhnte gequält, blutete veratmend seinen Saft aus,
seufzte gedrosselt, verging. Auflagen, immer neue, Stempel auf alles, auf
Schuhe selbst und Stiefel. Giftige Witze flogen auf: nächstens werden auch
die Menschen gestempelt, auf die flache Hand gebrannt oder auf die
Fußsohlen, zu vier Groschen das Paar.
Auch unter Eberhard Ludwig und der Gräveniz waren Aemter und
Stellen verschachert worden. Süß raffinierte das System, setzte eine eigene
Behörde dafür ein, das Gratialamt, jede freiwerdende Stelle kunstgerecht an
den Meistbietenden zu versteigern, neue Aemter, Titel, zu solchem Behuf
zu schaffen. Gekauft werden mußte jeder Posten, vom Expeditionsrat bis
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herunter zum Schultheiß und Dorfrichter, ja bis zum Badmeister und
besoldeten Abdecker. Nicht alte Tradition, nicht noch so erwiesene
Befähigung gaben den Landeskindern Anspruch auf ein Amt; wer kein Geld
hatte, mochte zusehen, sich auf andere Art oder im Ausland fortzubringen.
In Preußen machte der Stuttgarter Christoph Matthäus Heidegger rasche
Karriere, in Württemberg hatte es ihm nichts genützt, daß seine Väter ein
Jahrhundert hindurch Richter gewesen waren. Dem mittellosen Friedrich
Christoph Koppenhöfer konnte selbst der warme Fürspruch Bilfingers nicht
zu einer Professur in Tübingen verhelfen; in Sankt Petersburg, bei den
Hyperboreern, mußte sich der ausgezeichnete schwäbische Physiker
Ansehen und Würden erlehren. Dafür saßen jetzt aus allen Winkeln der
Welt gewandte Geschäftsleute in den herzoglichen Aemtern. Wie sollte man
Sachkunde finden, fördernde Verwaltung bei Beamten, die ihren Posten
teuer bezahlt hatten, die keine andere Legitimation hatten als solche
Zahlung, kein anderes Ziel kannten als wucherische Verzinsung des
angelegten Kapitals.
Aber die ergiebigste kommerzielle Affäre, eine Quetsche, die nie
versagen konnte, blieb die Justiz. Die Methode des Süß war von genialer
Simplizität. Das Recht wurde nach den Prinzipien kaufmännischer
Rentabilität verwaltet. Wer Geld hatte, konnte es kaufen und, was er wollte,
mit Brief und Siegel legalisieren. Wer kein Geld hatte, dem nützte das
bestverbriefte Recht nichts.
Sehr geschickt verwertete Süß jenes Reskript, mit dem Karl Alexander
seine Regierung angetreten hatte. Die Grävenizschen Beamten waren darin
vor Gericht gefordert, Landeskommissionen eingesetzt worden zur
Bestrafung von Bestechung und Unterschleif; das Volk hatte diese
Verordnung bejubelt, das erhabene Antlitz der Themis leuchte daraus,
dichtete der Hofpoet. Süß machte mit wenigen meisterlichen Strichen aus
diesem Antlitz ein anderes, wulstbackiges, frech blinzelndes: Gott
Mammons. Ein Fiskalatsamt wurde eingesetzt zum Vollzug der
herzoglichen Ordre. Spionierer reisten im Land herum, fanden sich
freiwillig, spürten die reichen und vermöglichen Leute auf, die ohne Schutz
standen, nicht versippt waren mit Herren am Hof oder vom Parlament.
Dann hängte man ihnen einen Prozeß an, sie hätten ihr Vermögen
unrechtmäßig erworben, schlug durch Drohungen, Erpressungen, falsche
Zeugen auch den Redlichsten so lange weich, bis er, die Untersuchung los
besoldeten Abdecker. Nicht alte Tradition, nicht noch so erwiesene
Befähigung gaben den Landeskindern Anspruch auf ein Amt; wer kein Geld
hatte, mochte zusehen, sich auf andere Art oder im Ausland fortzubringen.
In Preußen machte der Stuttgarter Christoph Matthäus Heidegger rasche
Karriere, in Württemberg hatte es ihm nichts genützt, daß seine Väter ein
Jahrhundert hindurch Richter gewesen waren. Dem mittellosen Friedrich
Christoph Koppenhöfer konnte selbst der warme Fürspruch Bilfingers nicht
zu einer Professur in Tübingen verhelfen; in Sankt Petersburg, bei den
Hyperboreern, mußte sich der ausgezeichnete schwäbische Physiker
Ansehen und Würden erlehren. Dafür saßen jetzt aus allen Winkeln der
Welt gewandte Geschäftsleute in den herzoglichen Aemtern. Wie sollte man
Sachkunde finden, fördernde Verwaltung bei Beamten, die ihren Posten
teuer bezahlt hatten, die keine andere Legitimation hatten als solche
Zahlung, kein anderes Ziel kannten als wucherische Verzinsung des
angelegten Kapitals.
Aber die ergiebigste kommerzielle Affäre, eine Quetsche, die nie
versagen konnte, blieb die Justiz. Die Methode des Süß war von genialer
Simplizität. Das Recht wurde nach den Prinzipien kaufmännischer
Rentabilität verwaltet. Wer Geld hatte, konnte es kaufen und, was er wollte,
mit Brief und Siegel legalisieren. Wer kein Geld hatte, dem nützte das
bestverbriefte Recht nichts.
Sehr geschickt verwertete Süß jenes Reskript, mit dem Karl Alexander
seine Regierung angetreten hatte. Die Grävenizschen Beamten waren darin
vor Gericht gefordert, Landeskommissionen eingesetzt worden zur
Bestrafung von Bestechung und Unterschleif; das Volk hatte diese
Verordnung bejubelt, das erhabene Antlitz der Themis leuchte daraus,
dichtete der Hofpoet. Süß machte mit wenigen meisterlichen Strichen aus
diesem Antlitz ein anderes, wulstbackiges, frech blinzelndes: Gott
Mammons. Ein Fiskalatsamt wurde eingesetzt zum Vollzug der
herzoglichen Ordre. Spionierer reisten im Land herum, fanden sich
freiwillig, spürten die reichen und vermöglichen Leute auf, die ohne Schutz
standen, nicht versippt waren mit Herren am Hof oder vom Parlament.
Dann hängte man ihnen einen Prozeß an, sie hätten ihr Vermögen
unrechtmäßig erworben, schlug durch Drohungen, Erpressungen, falsche
Zeugen auch den Redlichsten so lange weich, bis er, die Untersuchung los
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zu sein, die geforderte Summe zahlte. Selbst gegen längst Verstorbene
wurden Prozesse instruiert, wenn sie nur Vermögen hinterlassen hatten.
Ueber die Grenzen hinaus Aufsehen erregte der Fall des Kammerrats und
Hauptzollers Wolff. Dem eigenbrötlerischen, rechthaberischen Mann wurde
grundlos der Prozeß gemacht. Der Expeditionsrat Hallwachs, eine Kreatur
des Süß, schlug ihm einen Vergleich vor, Wolff bequemte sich nicht,
bestand auf seinem Recht. Das Verfahren ging weiter, es wurde ihm seine
Bissinger Mühle genommen. Als ihm die Pfändung seines Weinbergs
angesagt wurde, sprang der sanguinische Mann dem herzoglichen Beamten,
der ihm die Verfügung überbrachte, an die Gurgel. Jetzt wurde seinem Sohn
der bereits erteilte Heiratskonsens wieder entzogen, der junge Mann zum
Militär gepreßt. Der entschlossene, gereizte Mann beugte sich nicht, drang
bis zum Herzog vor, hielt bei währendem Konferenzrat eine wilde
Anklagerede gegen das Fiskalatsamt, wurde mühsam von den Schweizern
entfernt. Karl Alexander, stark beeindruckt, forderte die Akten ein, ließ sich
aber dann von dem Hofkanzler Scheffer beschwatzen, es sei alles in
Ordnung und Fug, Wolff sei ein Radaubruder und Querulant. Nun wurde
der Kriminalprozeß gegen ihn verschärft, Gefängnis gegen ihn verfügt. Er
floh ins Ausland, verkam. Seine hinterlassenen Güter beschlagnahmte das
Fiskalatsamt.
Sechseinhalb Tonnen Goldes quetschte innerhalb eines Jahres diese
Justizbehörde in die herzoglichen Kassen. Einundeinviertel Tonnen davon
berechneten die Kassiere des Süß als Spesen und Provision, über eine halbe
Tonne außerdem behielt Süß zurück, sie verrechnend für gelieferte
Preziosen.
In Stuttgart, trotzdem Süß noch immer kein offizielles Staatsamt
innehatte, wußte man längst, daß nicht vom Schloß aus regiert wurde, auch
nicht von der Residenz in Ludwigsburg, auch nicht vom Landschaftshaus.
Alle diese verfluchten, kniffligen Reskripte, die so harmlos, ja wohltätig
aussahen, und die einem hernach um den Hals hingen wie Mühlsteine, daß
man keine Luft kriegte und schnappte, gingen aus von dem Haus an der
Seegasse. Jetzt ballte man Fäuste vor diesem Haus, knurrte
Verwünschungen, spie aus, ein Kühner klebte wohl einmal ein Pasquill an,
aber alles nur nächtlich, heimlich, spähend nach allen Seiten. Denn der Jude
hatte überall seine Leibhusaren und Spione, und wer sich gegen ihn
verging, konnte unversehens auf dem Neuffen sitzen oder in den
Kasematten von Hohenasperg, kreuzweis geschlossen und in ewiger Nacht.
wurden Prozesse instruiert, wenn sie nur Vermögen hinterlassen hatten.
Ueber die Grenzen hinaus Aufsehen erregte der Fall des Kammerrats und
Hauptzollers Wolff. Dem eigenbrötlerischen, rechthaberischen Mann wurde
grundlos der Prozeß gemacht. Der Expeditionsrat Hallwachs, eine Kreatur
des Süß, schlug ihm einen Vergleich vor, Wolff bequemte sich nicht,
bestand auf seinem Recht. Das Verfahren ging weiter, es wurde ihm seine
Bissinger Mühle genommen. Als ihm die Pfändung seines Weinbergs
angesagt wurde, sprang der sanguinische Mann dem herzoglichen Beamten,
der ihm die Verfügung überbrachte, an die Gurgel. Jetzt wurde seinem Sohn
der bereits erteilte Heiratskonsens wieder entzogen, der junge Mann zum
Militär gepreßt. Der entschlossene, gereizte Mann beugte sich nicht, drang
bis zum Herzog vor, hielt bei währendem Konferenzrat eine wilde
Anklagerede gegen das Fiskalatsamt, wurde mühsam von den Schweizern
entfernt. Karl Alexander, stark beeindruckt, forderte die Akten ein, ließ sich
aber dann von dem Hofkanzler Scheffer beschwatzen, es sei alles in
Ordnung und Fug, Wolff sei ein Radaubruder und Querulant. Nun wurde
der Kriminalprozeß gegen ihn verschärft, Gefängnis gegen ihn verfügt. Er
floh ins Ausland, verkam. Seine hinterlassenen Güter beschlagnahmte das
Fiskalatsamt.
Sechseinhalb Tonnen Goldes quetschte innerhalb eines Jahres diese
Justizbehörde in die herzoglichen Kassen. Einundeinviertel Tonnen davon
berechneten die Kassiere des Süß als Spesen und Provision, über eine halbe
Tonne außerdem behielt Süß zurück, sie verrechnend für gelieferte
Preziosen.
In Stuttgart, trotzdem Süß noch immer kein offizielles Staatsamt
innehatte, wußte man längst, daß nicht vom Schloß aus regiert wurde, auch
nicht von der Residenz in Ludwigsburg, auch nicht vom Landschaftshaus.
Alle diese verfluchten, kniffligen Reskripte, die so harmlos, ja wohltätig
aussahen, und die einem hernach um den Hals hingen wie Mühlsteine, daß
man keine Luft kriegte und schnappte, gingen aus von dem Haus an der
Seegasse. Jetzt ballte man Fäuste vor diesem Haus, knurrte
Verwünschungen, spie aus, ein Kühner klebte wohl einmal ein Pasquill an,
aber alles nur nächtlich, heimlich, spähend nach allen Seiten. Denn der Jude
hatte überall seine Leibhusaren und Spione, und wer sich gegen ihn
verging, konnte unversehens auf dem Neuffen sitzen oder in den
Kasematten von Hohenasperg, kreuzweis geschlossen und in ewiger Nacht.
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Im Blauen Bock aber saßen politisierend, raunzend die Kleinbürger, unter
ihnen der Konditor Benz. Er hütete sich wohl, sich ein zweites Mal das
Maul zu verbrennen. Aber jetzt war es ja einfach, jetzt brauchte man nur zu
sagen: „Ja, ja, unterm vorigen Herzog regierte eine Hur,“ und jeder ergänzte
von selber: „Unterm jetzigen ein Jud.“ Und Murren hob sich und die
Gesichter waren verzerrt von Gift und Ohnmacht, und der Konditor Benz
saß und die Schweinsaugen glitzerten über den fetten, schwitzenden
Backen.
Es ächzte das Land, wand sich unter dem würgenden Druck. Korn wuchs,
Wein wuchs, Gewerbefleiß rührte sich, schuf. Der Herzog lag darauf mit
seinem Hof und seinen Soldaten, das Land trug ihn. Zweihundert Städte,
zwölfhundert Dörfer, sie seufzten, bluteten. Der Herzog sog an ihnen, sog
durch den Juden. Und das Land trug ihn und den Juden.
In den Brüdergemeinden, Konventikeln, Bibelkollegien der Pietisten
sammelten sich die Mühseligen und Beladenen. Sie krochen zu Gott wie
getretene Hunde, leckten ihm die Füße. Ueberall im Herzogtum, trotz der
scharfen Erlasse und Strafen, traten Erweckte und Erleuchtete auf. In
Bietigheim pries der Prädikant Ludwig Bronnquell, ein Jünger
Swedenborgs und der Beata Sturmin, der schon als Helfer in Groß-Bottwar
wegen seiner Ideen über das Tausendjährige Reich und die Bekehrung der
Juden einen Verweis vom Konsistorium bekommen hatte, den Süß als
willkommene Geißel. Wenn man einen Hund den ganzen Tag schlage,
predigte er, so gehe er durch und suche einen andern Herrn. Die gemeinen
Leute seien solcher Hund. Der Herzog schlägt auf sie hinein, die Soldaten
schlagen auf sie hinein, die Amtmänner, die Offiziere schlagen auf sie
hinein, der vornehmste Stock aber sei der Jude Süß. Das stehen sie nicht
aus, gehen also durch und suchen einen andern Herrn: Christum. Der
Prädikant wurde zwar entlassen und irrte in dickem Elend in Deutschland
herum. Aber seine Lehrmeinung blieb, und in ihren Versammlungen
dankten die Pietisten Gott für den Juden, für die Peitsche, mit der er sie zu
sich trieb.
Die Demoiselle Magdalen Sibylle Weißenseein war in Hirsau
zurückgeblieben, als ihr Vater nach Stuttgart übersiedelte. Seitdem sie im
Wald den Teufel gesehen hatte, konnte sie nicht mehr los von diesem
ihnen der Konditor Benz. Er hütete sich wohl, sich ein zweites Mal das
Maul zu verbrennen. Aber jetzt war es ja einfach, jetzt brauchte man nur zu
sagen: „Ja, ja, unterm vorigen Herzog regierte eine Hur,“ und jeder ergänzte
von selber: „Unterm jetzigen ein Jud.“ Und Murren hob sich und die
Gesichter waren verzerrt von Gift und Ohnmacht, und der Konditor Benz
saß und die Schweinsaugen glitzerten über den fetten, schwitzenden
Backen.
Es ächzte das Land, wand sich unter dem würgenden Druck. Korn wuchs,
Wein wuchs, Gewerbefleiß rührte sich, schuf. Der Herzog lag darauf mit
seinem Hof und seinen Soldaten, das Land trug ihn. Zweihundert Städte,
zwölfhundert Dörfer, sie seufzten, bluteten. Der Herzog sog an ihnen, sog
durch den Juden. Und das Land trug ihn und den Juden.
In den Brüdergemeinden, Konventikeln, Bibelkollegien der Pietisten
sammelten sich die Mühseligen und Beladenen. Sie krochen zu Gott wie
getretene Hunde, leckten ihm die Füße. Ueberall im Herzogtum, trotz der
scharfen Erlasse und Strafen, traten Erweckte und Erleuchtete auf. In
Bietigheim pries der Prädikant Ludwig Bronnquell, ein Jünger
Swedenborgs und der Beata Sturmin, der schon als Helfer in Groß-Bottwar
wegen seiner Ideen über das Tausendjährige Reich und die Bekehrung der
Juden einen Verweis vom Konsistorium bekommen hatte, den Süß als
willkommene Geißel. Wenn man einen Hund den ganzen Tag schlage,
predigte er, so gehe er durch und suche einen andern Herrn. Die gemeinen
Leute seien solcher Hund. Der Herzog schlägt auf sie hinein, die Soldaten
schlagen auf sie hinein, die Amtmänner, die Offiziere schlagen auf sie
hinein, der vornehmste Stock aber sei der Jude Süß. Das stehen sie nicht
aus, gehen also durch und suchen einen andern Herrn: Christum. Der
Prädikant wurde zwar entlassen und irrte in dickem Elend in Deutschland
herum. Aber seine Lehrmeinung blieb, und in ihren Versammlungen
dankten die Pietisten Gott für den Juden, für die Peitsche, mit der er sie zu
sich trieb.
Die Demoiselle Magdalen Sibylle Weißenseein war in Hirsau
zurückgeblieben, als ihr Vater nach Stuttgart übersiedelte. Seitdem sie im
Wald den Teufel gesehen hatte, konnte sie nicht mehr los von diesem
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Gesicht. Sie fühlte sich berufen, mit dem Teufel zu kämpfen, ihn zu Gott
herüberzuziehen. Sehnsucht, aus Kitzel und Grauen gemischt, trieb sie
immer wieder in den Wald, aber sie begegnete dem Teufel kein zweites
Mal.
Seltsam war, daß sie von dieser Begegnung den Brüdern und Schwestern
im Bibelkollegium nicht sprechen konnte. Selbst der Beata Sturmin, der
Führerin, der Erweckten, der Blinden, Heiligen, hielt sie dieses Gesicht
geheim. Es war ihr vorbehalten, ihre Aufgabe, ihr Beruf, mit dem Teufel zu
kämpfen. Seine Augen wurden noch fressender, gewölbter, feuriger in
ihrem Erinnern, sein Mund stand noch röter, lüsterner, gefährlicher in dem
sehr weißen Gesicht. Luzifer war schön, dies war seine stärkste Kraft und
Lockung. Ihn an der Hand zu nehmen, nicht loszulassen, zu Gott zu führen,
das mußte ein Triumph sein, in dem man verging. Man mußte die Augen
schließen, so wohlig war es, sich solchen Sieg auszumalen.
Die armen Brüder und Schwestern indes im Bibelkollegium sprachen von
den kleinen Sendlingen des Beelzebub, von dem Herzog und dem Juden.
Magdalen Sibylle hörte fast mitleidig zu. Ein Jud, ein katholischer Herzog,
was waren das für winzige, harmlose Teufelchen gegen den wahren und
wahrhaftigen Satan, den sie geschaut hatte, den sie zu bestehen haben wird.
Auch der Magister Jaakob Polykarp Schober hatte sein Geheimnis. Den
Brüdern und Schwestern des Kollegiums sogar, die schlicht vor sich
hinlebten und keine scharfen Beobachter waren, fiel der heilige Glanz auf,
den das sanfte, etwas pausbäckige Gesicht des jungen Menschen aussonnte,
wenn man die frommen Lieder vom Himmlischen Jerusalem sang. Er sah
dann vor dem weißen Haus mit den Blumenterrassen das Mädchen im Zelt,
sich dehnend und verträumt, nach fremder Sitte gekleidet, mattweißes
Gesicht unter blauschwarzem Haar. Er war noch mehrmals schüchtern und
in Herzensangst über den Zaun gedrungen, er hatte auch ein zweites Mal
das Mädchen gesehen, aber das war an einem kahlen, widrigen Herbsttag
gewesen, sie war dunkel gekleidet, und ihr Bild verfahlte vor jenem ersten,
viel seltsameren, prall besonnten. Dann später einmal hatte ihn die
Stuttgarter Brüdergemeinde veranlaßt, sich um die herzogliche
Bibliothekarstelle zu bewerben, aber das war daran gescheitert, daß er das
Geld nicht hatte, das von dem Gratialamt für die Stelle gefordert wurde.
Und er war im Grund sehr froh darüber, denn so konnte er in Hirsau bleiben
und um den Wald und das weiße Haus herumträumen.
herüberzuziehen. Sehnsucht, aus Kitzel und Grauen gemischt, trieb sie
immer wieder in den Wald, aber sie begegnete dem Teufel kein zweites
Mal.
Seltsam war, daß sie von dieser Begegnung den Brüdern und Schwestern
im Bibelkollegium nicht sprechen konnte. Selbst der Beata Sturmin, der
Führerin, der Erweckten, der Blinden, Heiligen, hielt sie dieses Gesicht
geheim. Es war ihr vorbehalten, ihre Aufgabe, ihr Beruf, mit dem Teufel zu
kämpfen. Seine Augen wurden noch fressender, gewölbter, feuriger in
ihrem Erinnern, sein Mund stand noch röter, lüsterner, gefährlicher in dem
sehr weißen Gesicht. Luzifer war schön, dies war seine stärkste Kraft und
Lockung. Ihn an der Hand zu nehmen, nicht loszulassen, zu Gott zu führen,
das mußte ein Triumph sein, in dem man verging. Man mußte die Augen
schließen, so wohlig war es, sich solchen Sieg auszumalen.
Die armen Brüder und Schwestern indes im Bibelkollegium sprachen von
den kleinen Sendlingen des Beelzebub, von dem Herzog und dem Juden.
Magdalen Sibylle hörte fast mitleidig zu. Ein Jud, ein katholischer Herzog,
was waren das für winzige, harmlose Teufelchen gegen den wahren und
wahrhaftigen Satan, den sie geschaut hatte, den sie zu bestehen haben wird.
Auch der Magister Jaakob Polykarp Schober hatte sein Geheimnis. Den
Brüdern und Schwestern des Kollegiums sogar, die schlicht vor sich
hinlebten und keine scharfen Beobachter waren, fiel der heilige Glanz auf,
den das sanfte, etwas pausbäckige Gesicht des jungen Menschen aussonnte,
wenn man die frommen Lieder vom Himmlischen Jerusalem sang. Er sah
dann vor dem weißen Haus mit den Blumenterrassen das Mädchen im Zelt,
sich dehnend und verträumt, nach fremder Sitte gekleidet, mattweißes
Gesicht unter blauschwarzem Haar. Er war noch mehrmals schüchtern und
in Herzensangst über den Zaun gedrungen, er hatte auch ein zweites Mal
das Mädchen gesehen, aber das war an einem kahlen, widrigen Herbsttag
gewesen, sie war dunkel gekleidet, und ihr Bild verfahlte vor jenem ersten,
viel seltsameren, prall besonnten. Dann später einmal hatte ihn die
Stuttgarter Brüdergemeinde veranlaßt, sich um die herzogliche
Bibliothekarstelle zu bewerben, aber das war daran gescheitert, daß er das
Geld nicht hatte, das von dem Gratialamt für die Stelle gefordert wurde.
Und er war im Grund sehr froh darüber, denn so konnte er in Hirsau bleiben
und um den Wald und das weiße Haus herumträumen.
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Es stellte sich aber zwischen ihm und Magdalen Sibylle im Kollegium
eine merkwürdige innigere Verbindung her. Die Brüder und Schwestern
seufzten demütig und dankbar von den schweren, seligen Zeiten der Not
und der Erweckung, von dem grauslichen Juden, den der Herr über das
Herzogtum gesandt hatte, und der Magister sah das himmlische Mädchen
und Magdalen Sibylle sah den Luzifer, und ihre Träume woben über alle
und gingen durch ihre einfältigen Gesänge und verschlangen alle
miteinander und erfüllten den kahlen, nüchternen, niederen Raum.
Die Schimmelstute Assjadah, zu deutsch Die Morgenländische, gewöhnte
sich rasch an die milde schwäbische Luft; aber sie mochte die Schwaben
nicht, ihre Hände nicht, ihr Enges, Muffiges, Unweites, Verquertes nicht.
Sie war in Yemen geboren, mit einer Tributzahlung in die Ställe des Kalifen
gekommen, von einem Untersäckelmeister an den Levantiner Daniele Foa
verhandelt worden, der wieder hatte sie an seinen Geschäftsfreund, den
Süß, verkauft. Süß pflegte das Tier sorglich, denn es war sein Eigentum,
und er machte gute Figur darauf. Aber er liebte es nicht. Er wußte damals
noch nicht, daß in allem Lebendigen etwas von ihm selber war, er ahnte es
dumpf und unbehaglich, wenn Rabbi Gabriel zu ihm sprach, es rann ihm
lieblich durchs Blut, wenn er bei Naemi war. Aber waren diese kurzen
Stunden vorbei, versank es ihm, und er wußte es nicht.
Doch die Schimmelstute Assjadah wußte es. Sie kannte den Schritt ihres
Herrn, seine Hand, seinen Schenkel, seinen Dunst. Sie dachte, während sie
unter ihm leicht und ziervoll hinschritt: Er mag mich nicht. Aber er ist
schön zu tragen. Man spürt ihn gar nicht. Er ist wie ein Stück von mir
selber. Er hebt und senkt sich mit meinem Atem und meinen Muskeln.
Wenn mich die anderen ansehen, ist mir eng, und ich gehöre nicht zu ihnen.
Aber er ist ein Stück von mir. Sein Aug ist weit, und ich möchte rennen und
fliegen, wenn er mich ansieht. Wenn seine Hand an meine Haut klopft, bin
ich sicherer und voll Ruhe und Kraft. Ich gehöre zu ihm, und ich bin in
meinem rechten Land, wenn ich bei ihm bin. Und sie reckte den Kopf hoch
auf und sie wieherte hell und triumphierend den aufhorchenden Bürgern zu:
Aufgepaßt! Er kommt! Er!
Denn Süß trug jetzt seine Macht offen und in aller Sonne vor sich her und
zeigte kokett und prahlerisch seine Meisterschaft in den Künsten des Hofs
eine merkwürdige innigere Verbindung her. Die Brüder und Schwestern
seufzten demütig und dankbar von den schweren, seligen Zeiten der Not
und der Erweckung, von dem grauslichen Juden, den der Herr über das
Herzogtum gesandt hatte, und der Magister sah das himmlische Mädchen
und Magdalen Sibylle sah den Luzifer, und ihre Träume woben über alle
und gingen durch ihre einfältigen Gesänge und verschlangen alle
miteinander und erfüllten den kahlen, nüchternen, niederen Raum.
Die Schimmelstute Assjadah, zu deutsch Die Morgenländische, gewöhnte
sich rasch an die milde schwäbische Luft; aber sie mochte die Schwaben
nicht, ihre Hände nicht, ihr Enges, Muffiges, Unweites, Verquertes nicht.
Sie war in Yemen geboren, mit einer Tributzahlung in die Ställe des Kalifen
gekommen, von einem Untersäckelmeister an den Levantiner Daniele Foa
verhandelt worden, der wieder hatte sie an seinen Geschäftsfreund, den
Süß, verkauft. Süß pflegte das Tier sorglich, denn es war sein Eigentum,
und er machte gute Figur darauf. Aber er liebte es nicht. Er wußte damals
noch nicht, daß in allem Lebendigen etwas von ihm selber war, er ahnte es
dumpf und unbehaglich, wenn Rabbi Gabriel zu ihm sprach, es rann ihm
lieblich durchs Blut, wenn er bei Naemi war. Aber waren diese kurzen
Stunden vorbei, versank es ihm, und er wußte es nicht.
Doch die Schimmelstute Assjadah wußte es. Sie kannte den Schritt ihres
Herrn, seine Hand, seinen Schenkel, seinen Dunst. Sie dachte, während sie
unter ihm leicht und ziervoll hinschritt: Er mag mich nicht. Aber er ist
schön zu tragen. Man spürt ihn gar nicht. Er ist wie ein Stück von mir
selber. Er hebt und senkt sich mit meinem Atem und meinen Muskeln.
Wenn mich die anderen ansehen, ist mir eng, und ich gehöre nicht zu ihnen.
Aber er ist ein Stück von mir. Sein Aug ist weit, und ich möchte rennen und
fliegen, wenn er mich ansieht. Wenn seine Hand an meine Haut klopft, bin
ich sicherer und voll Ruhe und Kraft. Ich gehöre zu ihm, und ich bin in
meinem rechten Land, wenn ich bei ihm bin. Und sie reckte den Kopf hoch
auf und sie wieherte hell und triumphierend den aufhorchenden Bürgern zu:
Aufgepaßt! Er kommt! Er!
Denn Süß trug jetzt seine Macht offen und in aller Sonne vor sich her und
zeigte kokett und prahlerisch seine Meisterschaft in den Künsten des Hofs
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und der Gesellschaft. Nur Eine von den Vergnügungen des Kavaliers haßte
er: die modische Treibjagd. Es schien ihm unsäglich albern und
widerwärtig, Tiere auf einen Haufen zu treiben und dann die wehrlosen, hin
und her gescheuchten niederzuschießen. Sah er die hochgeschichteten
Kadaver, so stieg ihm Uebelkeit den Magen hinauf, er konnte sich, so sehr
er den groben Spott des Hofes scheute, nicht überwinden, von dem Aas der
erlegten Tiere zu essen. Die Tötung der Ochsen, Kälber, Schafe, Schweine
überließ man den Metzgern; es war ein ehrbarer, nützlicher Beruf,
immerhin drängte man sich nicht des Pläsiers wegen dazu und hielt
diejenigen, die ihn ausübten, nicht für Kavaliere. Der Jude begriff durchaus
nicht, daß die Tötung eines Kalbes kleinbürgerliches Metier, die
zusammengetriebener Rehe ritterliches Vergnügen war.
Sonst aber hielt er darauf, das Zentrum der höfischen Veranstaltungen zu
sein. Kein Fremder von Stand kam nach Stuttgart, der nicht dem
allmächtigen Günstling seine Aufwartung gemacht hätte. Er vermehrte
seine Dienerschaft, daß seine Leibhusaren in ihrer weinroten Livree schier
eine kleine Kompagnie bildeten. Die Minister und hohen Beamten hielt er
in knechtischer Unterwürfigkeit. Sie fürchteten ihn fast mehr als den
Herzog; pfiff er, so kamen sie in vollem Sprung daher. Beim leisesten
Widerspruch drohte er mit Kreuzweisschließenlassen, Auspeitschen,
Untermgalgenbegraben.
Süß wirbelte, und es wirbelte um ihn. Geschäfte, Politik, fürstliche
Geselligkeit, Frauen. Er befahl zur Audienz, und keiner weigerte sich ihm.
Er konnte, wollte er es, von einer Liebenswürdigkeit sein, vor der jede
Schranke niederbrach.
Den Herzog hatte Süß durchaus in seiner Gewalt. Karl Alexander fühlte
sich geheimnisvoll gebunden an diesen Mann, der als erster an seinen
Aufstieg geglaubt und auf diese schwanke Basis so vertrauend sein ganzes
Leben gestellt hatte. Der ihm wie durch Zauberei alle Hindernisse aus dem
Weg schaffte, an denen er und seine Räte sich vergebens abzappelten. Voll
ehrlicher Bewunderung, und ein ganz leises Grauen war ihr beigemischt,
sah er, wie dieser Jude aus dem Nichts beibrachte, was man von ihm
verlangte: Geld, Weiber, Soldaten. Und blind folgte er jedem Rat seines
Finanzdirektors.
Süß hatte von frühester Jugend an ein grenzenloses Zutrauen zu sich
selbst. Dennoch hatte er jetzt wohl auf Augenblicke ein gelähmtes, starres
Staunen, welche Aufgabe er auf sich genommen und wie spielerisch er sie
er: die modische Treibjagd. Es schien ihm unsäglich albern und
widerwärtig, Tiere auf einen Haufen zu treiben und dann die wehrlosen, hin
und her gescheuchten niederzuschießen. Sah er die hochgeschichteten
Kadaver, so stieg ihm Uebelkeit den Magen hinauf, er konnte sich, so sehr
er den groben Spott des Hofes scheute, nicht überwinden, von dem Aas der
erlegten Tiere zu essen. Die Tötung der Ochsen, Kälber, Schafe, Schweine
überließ man den Metzgern; es war ein ehrbarer, nützlicher Beruf,
immerhin drängte man sich nicht des Pläsiers wegen dazu und hielt
diejenigen, die ihn ausübten, nicht für Kavaliere. Der Jude begriff durchaus
nicht, daß die Tötung eines Kalbes kleinbürgerliches Metier, die
zusammengetriebener Rehe ritterliches Vergnügen war.
Sonst aber hielt er darauf, das Zentrum der höfischen Veranstaltungen zu
sein. Kein Fremder von Stand kam nach Stuttgart, der nicht dem
allmächtigen Günstling seine Aufwartung gemacht hätte. Er vermehrte
seine Dienerschaft, daß seine Leibhusaren in ihrer weinroten Livree schier
eine kleine Kompagnie bildeten. Die Minister und hohen Beamten hielt er
in knechtischer Unterwürfigkeit. Sie fürchteten ihn fast mehr als den
Herzog; pfiff er, so kamen sie in vollem Sprung daher. Beim leisesten
Widerspruch drohte er mit Kreuzweisschließenlassen, Auspeitschen,
Untermgalgenbegraben.
Süß wirbelte, und es wirbelte um ihn. Geschäfte, Politik, fürstliche
Geselligkeit, Frauen. Er befahl zur Audienz, und keiner weigerte sich ihm.
Er konnte, wollte er es, von einer Liebenswürdigkeit sein, vor der jede
Schranke niederbrach.
Den Herzog hatte Süß durchaus in seiner Gewalt. Karl Alexander fühlte
sich geheimnisvoll gebunden an diesen Mann, der als erster an seinen
Aufstieg geglaubt und auf diese schwanke Basis so vertrauend sein ganzes
Leben gestellt hatte. Der ihm wie durch Zauberei alle Hindernisse aus dem
Weg schaffte, an denen er und seine Räte sich vergebens abzappelten. Voll
ehrlicher Bewunderung, und ein ganz leises Grauen war ihr beigemischt,
sah er, wie dieser Jude aus dem Nichts beibrachte, was man von ihm
verlangte: Geld, Weiber, Soldaten. Und blind folgte er jedem Rat seines
Finanzdirektors.
Süß hatte von frühester Jugend an ein grenzenloses Zutrauen zu sich
selbst. Dennoch hatte er jetzt wohl auf Augenblicke ein gelähmtes, starres
Staunen, welche Aufgabe er auf sich genommen und wie spielerisch er sie
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bewältigte. Wohl hatten auch bisher die großen Geldmänner seines
Stammes gewaltige Entschlüsse zu fassen gehabt, die gefüllte Schale der
Macht in den Händen getragen. Aber sie hatten sich im Schatten gehalten
oder waren wie sein Bruder Christen geworden. Er stand, der Jude, vor ganz
Europa einsam auf seinem gefährlichen Gipfel und lächelte und war elegant
und selbstverständlich, und auch der späherischste Blick konnte ihm kein
leises Zucken nachspotten.
Um sein Haus so fürstlich zu führen, um den Herzog ganz und immer in
der Hand zu halten, brauchte er Geld, Geld in phantastischen Mengen und
immer in Fluß und zu seiner Verfügung. Er hatte bei den Wiener
Oppenheimers, den kaiserlichen Bankiers, seinen Verwandten, gelernt, mit
großen Ziffern zu operieren. Doch jetzt lief die Administration des
gesamten Herzogtums durch seine Hand, das Vermögen von zweihundert
Städten und zwölfhundert Dörfern stand ihm für seine Transaktionen zur
Verfügung. Bei seiner fieberhaften Betriebsamkeit warf er es dahin, dorthin,
ließ es rollen in rasendem Umlauf. Er hatte Beziehungen zu allen
Geldmännern Europas, durch seine zahllosen, zumeist jüdischen
Hintermänner floß das schwäbische Geld die kompliziertesten Kanäle,
pflanzte Plantagen in Niederländisch-Indien, kaufte Pferde in der Berberei,
jagte Elefanten und schwarze Sklaven an der afrikanischen Küste. Sein
Grundsatz war, sein erstrebtes Ziel, ein rasender, taumelnder Umsatz. Nicht
großer Gewinn im einzelnen, aber riesiger Gewinn dadurch, daß man von
allem ein winziges Bruchteil in der Hand behielt. So mühte er sich, seine
Hand in allen Gelddingen Deutschlands zu haben, er kontrollierte Industrie
und Kommerz in allen Ecken und Winkeln Europas und ein ansehnlicher
Teil des gesamten deutschen Vermögens lief durch seine Kassen.
Seine privaten Einkünfte waren überreich. Wer am württembergischen
Hof etwas erreichen wollte, bemühte sich um ihn mit Douceurs und
Präsenten. Der Herzog, von Remchingen darauf aufmerksam gemacht,
lachte: „Laß den Kujonen profitieren. Von jedem Profit, den er hat, profitier
ich das Doppelte.“ Sein Handel mit edlen Pferden dehnte sich weit, vor
allem aber wuchs sein Kommerz mit edlen Steinen. Von je hatte er Juwelen
fanatisiert geliebt; doch bisher war ihm bei jeder größeren Affäre ein
Portugiese in die Quer gekommen, ein gewisser Dom Bartelemi Pancorbo,
ein langer, stiller, unheimlicher Mensch, der überall, wo wirklich edler
Schmuck zu erlauern war, unversehens wie durch magische Mittel
verständigt auf dem Platz war, mit seinem eingedrückten, entfleischten
Stammes gewaltige Entschlüsse zu fassen gehabt, die gefüllte Schale der
Macht in den Händen getragen. Aber sie hatten sich im Schatten gehalten
oder waren wie sein Bruder Christen geworden. Er stand, der Jude, vor ganz
Europa einsam auf seinem gefährlichen Gipfel und lächelte und war elegant
und selbstverständlich, und auch der späherischste Blick konnte ihm kein
leises Zucken nachspotten.
Um sein Haus so fürstlich zu führen, um den Herzog ganz und immer in
der Hand zu halten, brauchte er Geld, Geld in phantastischen Mengen und
immer in Fluß und zu seiner Verfügung. Er hatte bei den Wiener
Oppenheimers, den kaiserlichen Bankiers, seinen Verwandten, gelernt, mit
großen Ziffern zu operieren. Doch jetzt lief die Administration des
gesamten Herzogtums durch seine Hand, das Vermögen von zweihundert
Städten und zwölfhundert Dörfern stand ihm für seine Transaktionen zur
Verfügung. Bei seiner fieberhaften Betriebsamkeit warf er es dahin, dorthin,
ließ es rollen in rasendem Umlauf. Er hatte Beziehungen zu allen
Geldmännern Europas, durch seine zahllosen, zumeist jüdischen
Hintermänner floß das schwäbische Geld die kompliziertesten Kanäle,
pflanzte Plantagen in Niederländisch-Indien, kaufte Pferde in der Berberei,
jagte Elefanten und schwarze Sklaven an der afrikanischen Küste. Sein
Grundsatz war, sein erstrebtes Ziel, ein rasender, taumelnder Umsatz. Nicht
großer Gewinn im einzelnen, aber riesiger Gewinn dadurch, daß man von
allem ein winziges Bruchteil in der Hand behielt. So mühte er sich, seine
Hand in allen Gelddingen Deutschlands zu haben, er kontrollierte Industrie
und Kommerz in allen Ecken und Winkeln Europas und ein ansehnlicher
Teil des gesamten deutschen Vermögens lief durch seine Kassen.
Seine privaten Einkünfte waren überreich. Wer am württembergischen
Hof etwas erreichen wollte, bemühte sich um ihn mit Douceurs und
Präsenten. Der Herzog, von Remchingen darauf aufmerksam gemacht,
lachte: „Laß den Kujonen profitieren. Von jedem Profit, den er hat, profitier
ich das Doppelte.“ Sein Handel mit edlen Pferden dehnte sich weit, vor
allem aber wuchs sein Kommerz mit edlen Steinen. Von je hatte er Juwelen
fanatisiert geliebt; doch bisher war ihm bei jeder größeren Affäre ein
Portugiese in die Quer gekommen, ein gewisser Dom Bartelemi Pancorbo,
ein langer, stiller, unheimlicher Mensch, der überall, wo wirklich edler
Schmuck zu erlauern war, unversehens wie durch magische Mittel
verständigt auf dem Platz war, mit seinem eingedrückten, entfleischten
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Totengesicht und immer in verschollener, schlecht sitzender, schlotternder
portugiesischer Hoftracht. Am kurpfälzischen Hof hatte er hohe Titel und
Würden inne, durch seine diplomatischen Beziehungen beherrschte er den
Amsterdamer Markt und von da aus den ganzen deutschen Juwelenhandel.
Jetzt nützte Süß seinen politischen Einfluß, den verhaßten Konkurrenten
auszuschalten. Der Jude führte den Kampf wild und mit Leidenschaft; kalt,
zäh, lauernd wich der andere, der hagere, unheimliche Portugiese, und nur
Schritt um Schritt. Ganz tot zu machen war er nicht, sein Schatten fiel
immer wieder über die Geschäfte des Süß, aber es war doch an dem, daß
man die besten und seltensten Steine jetzt zuerst dem Juden anbot, und daß
gewisse ganz erlesene Kostbarkeiten nur durch ihn zu erlangen waren.
War dies ein spielerischer Handel, der neben großen Gewinnen auch
dicke Verluste brachte, so wußte Süß aus vielen anderen Quellen sich
stetigen und sicheren Zufluß zu sichern. Er wußte es etwa einzurichten, daß
in ständiger Wiederkehr, wenn die herzogliche Kasse größere Zahlungen zu
leisten hatte, Besoldung der Beamten, der Truppen, kein Bargeld da war.
Dann schoß er aus seinen Kassen das fehlende vor und behielt als Entgelt
vom Gulden einen Groschen zurück. Bürger und Bauer sahen in dieser klar
durchschaubaren Finanzoperation die Quelle ihres ganzen Unheils, und kein
Mangel, keine Armut drückte so sehr wie dieser fehlende Judengroschen.
Auch die Münze hatte er gepachtet. Aber er verschmähte es, an
mindergewichtigem Geld zu verdienen. Zu einem so plumpen und
subalternen Manöver hatte er damals greifen müssen, als er noch ganz
verkannt und gering war, beim Darmstädter Münzakkord, als ihm kein
anderes Mittel übrigblieb. Jetzt war es großzügiger, an dem erhöhten
Umsatz des guten Geldes zu profitieren. So war das Geld, das er prägte, das
beste unter allen deutschen Scheidemünzen, das gangbarste und
gesuchteste. Vor allem aber juckte es ihn, durch die Solidität seiner
Münzgebarung seine Feinde mundtot zu machen. Er wußte, hier würden
seine Gegner zuerst einsetzen, hier konnte er über den kleinsten Fehltritt
stolpern; wurde er andererseits hier reell befunden, so mußte sein Kredit
ungeheuer steigen. Gespannt wartete er auf eine Anklage, suchte sie zu
beschleunigen. Der plumpe Remchingen, von anderen in solchen primitiven
Finanzanschauungen bestärkt, konnte sich denn auch den zunehmenden
Reichtum des Süß nicht anders erklären als mit der konventionellen
Annahme, der Jude präge Schwindelgeld. Er hetzte den Herzog auf, bis der
endlich eine Untersuchung anordnete. Und Süß, bescheiden-stolz lächelnd,
portugiesischer Hoftracht. Am kurpfälzischen Hof hatte er hohe Titel und
Würden inne, durch seine diplomatischen Beziehungen beherrschte er den
Amsterdamer Markt und von da aus den ganzen deutschen Juwelenhandel.
Jetzt nützte Süß seinen politischen Einfluß, den verhaßten Konkurrenten
auszuschalten. Der Jude führte den Kampf wild und mit Leidenschaft; kalt,
zäh, lauernd wich der andere, der hagere, unheimliche Portugiese, und nur
Schritt um Schritt. Ganz tot zu machen war er nicht, sein Schatten fiel
immer wieder über die Geschäfte des Süß, aber es war doch an dem, daß
man die besten und seltensten Steine jetzt zuerst dem Juden anbot, und daß
gewisse ganz erlesene Kostbarkeiten nur durch ihn zu erlangen waren.
War dies ein spielerischer Handel, der neben großen Gewinnen auch
dicke Verluste brachte, so wußte Süß aus vielen anderen Quellen sich
stetigen und sicheren Zufluß zu sichern. Er wußte es etwa einzurichten, daß
in ständiger Wiederkehr, wenn die herzogliche Kasse größere Zahlungen zu
leisten hatte, Besoldung der Beamten, der Truppen, kein Bargeld da war.
Dann schoß er aus seinen Kassen das fehlende vor und behielt als Entgelt
vom Gulden einen Groschen zurück. Bürger und Bauer sahen in dieser klar
durchschaubaren Finanzoperation die Quelle ihres ganzen Unheils, und kein
Mangel, keine Armut drückte so sehr wie dieser fehlende Judengroschen.
Auch die Münze hatte er gepachtet. Aber er verschmähte es, an
mindergewichtigem Geld zu verdienen. Zu einem so plumpen und
subalternen Manöver hatte er damals greifen müssen, als er noch ganz
verkannt und gering war, beim Darmstädter Münzakkord, als ihm kein
anderes Mittel übrigblieb. Jetzt war es großzügiger, an dem erhöhten
Umsatz des guten Geldes zu profitieren. So war das Geld, das er prägte, das
beste unter allen deutschen Scheidemünzen, das gangbarste und
gesuchteste. Vor allem aber juckte es ihn, durch die Solidität seiner
Münzgebarung seine Feinde mundtot zu machen. Er wußte, hier würden
seine Gegner zuerst einsetzen, hier konnte er über den kleinsten Fehltritt
stolpern; wurde er andererseits hier reell befunden, so mußte sein Kredit
ungeheuer steigen. Gespannt wartete er auf eine Anklage, suchte sie zu
beschleunigen. Der plumpe Remchingen, von anderen in solchen primitiven
Finanzanschauungen bestärkt, konnte sich denn auch den zunehmenden
Reichtum des Süß nicht anders erklären als mit der konventionellen
Annahme, der Jude präge Schwindelgeld. Er hetzte den Herzog auf, bis der
endlich eine Untersuchung anordnete. Und Süß, bescheiden-stolz lächelnd,
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wies die Briefe der Agenten vor, seine Stücke fielen zu schwer aus, es sei zu
wenig Gewinn dabei, und sonnte sich in seiner Unantastbarkeit.
Er war beteiligt auch an vielerlei andern Akkorden und Pachtungen.
Ueberall hatte er Warenniederlagen und Verkaufsstapel, und ein fürstliches
Patent befreite ihn von Zoll und Akzise; auch zwangen die fürstlichen
Beamten, Stadt- und Amtsvögte den Untertanen zu seinem privaten Nutzen
Frondienste und Fronfuhren ab. Er ließ sich Lotterien privilegieren und
kitzelte durch Glückshäfen und Spielkasinos das Geld aus allen Taschen.
So spannte er ein Netz von Unternehmungen, vielfältig verästelt, übers
Land. Er dehnte sich und badete in der Macht. Aber manchmal war es ihm,
als sei es nicht er, von dem der ganze glänzende Wirbel ausgehe. Dann hob
er wohl die Schultern, überfrostet, wie in Abwehr. Jäh schnürte ihn eine
unheimliche Gebundenheit. Die Dinge um ihn verfahlten; er sah sich
schreiten in einer stummen, schattenhaften Quadrille, Rabbi Gabriel hielt
seine rechte, der Herzog seine linke Hand. Sie schlängelten sich, machten
ihre Pas, verneigten sich. Schritt da drüben in der Kette, durch viele Hände
mit ihm verstrickt, nicht auch Isaak Landauer? Wie schaurig possierlich er
aussah mit seinem Kaftan und den Schläfenlöckchen in dem ernsthaften,
schweigenden, gezirkelten Schreiten, Neigen, Sichwinden.
Aber das trübe, nebelhafte Bild quälte ihn nur für kurze Augenblicke.
Dann tauchte es hinunter vor dem Tag, der um ihn war, nebelte ins Nichts,
zerweste. Und es blieb das Gold, das man wiegen und zählen, das
Frauenfleisch, das man tasten, streicheln, packen, haben konnte. Es war da
und blieb. Glanz, Macht, Wirbel, Leben.
In Urach war eine Leinwandkompanie, die der Familie Schertlin gehörte.
Die Schertlin hatten unter Herzog Eberhard Ludwig klein angefangen, jetzt
waren sie weit im Land verzweigt. Ihr Geschäft blühte, sie hatten eine
Niederlassung in Maulbronn, betrieben in Stuttgart eine Seidenmanufaktur.
Kräftig, glücklich und geschickt hatte seinerzeit, als die Fabrik noch klein
und unbedeutend war, der Seniorchef der Familie, Christoph Adam
Schertlin, ihre Umwandlung in eine Aktiengesellschaft durchgesetzt und der
Gräfin Gräveniz Anteilscheine weit unterm Wert überlassen. Auf diese
simple Manier war die mächtige Favoritin für das Unternehmen interessiert
worden, sie verschaffte der Gesellschaft Privilegien und Aufträge. Dann
wenig Gewinn dabei, und sonnte sich in seiner Unantastbarkeit.
Er war beteiligt auch an vielerlei andern Akkorden und Pachtungen.
Ueberall hatte er Warenniederlagen und Verkaufsstapel, und ein fürstliches
Patent befreite ihn von Zoll und Akzise; auch zwangen die fürstlichen
Beamten, Stadt- und Amtsvögte den Untertanen zu seinem privaten Nutzen
Frondienste und Fronfuhren ab. Er ließ sich Lotterien privilegieren und
kitzelte durch Glückshäfen und Spielkasinos das Geld aus allen Taschen.
So spannte er ein Netz von Unternehmungen, vielfältig verästelt, übers
Land. Er dehnte sich und badete in der Macht. Aber manchmal war es ihm,
als sei es nicht er, von dem der ganze glänzende Wirbel ausgehe. Dann hob
er wohl die Schultern, überfrostet, wie in Abwehr. Jäh schnürte ihn eine
unheimliche Gebundenheit. Die Dinge um ihn verfahlten; er sah sich
schreiten in einer stummen, schattenhaften Quadrille, Rabbi Gabriel hielt
seine rechte, der Herzog seine linke Hand. Sie schlängelten sich, machten
ihre Pas, verneigten sich. Schritt da drüben in der Kette, durch viele Hände
mit ihm verstrickt, nicht auch Isaak Landauer? Wie schaurig possierlich er
aussah mit seinem Kaftan und den Schläfenlöckchen in dem ernsthaften,
schweigenden, gezirkelten Schreiten, Neigen, Sichwinden.
Aber das trübe, nebelhafte Bild quälte ihn nur für kurze Augenblicke.
Dann tauchte es hinunter vor dem Tag, der um ihn war, nebelte ins Nichts,
zerweste. Und es blieb das Gold, das man wiegen und zählen, das
Frauenfleisch, das man tasten, streicheln, packen, haben konnte. Es war da
und blieb. Glanz, Macht, Wirbel, Leben.
In Urach war eine Leinwandkompanie, die der Familie Schertlin gehörte.
Die Schertlin hatten unter Herzog Eberhard Ludwig klein angefangen, jetzt
waren sie weit im Land verzweigt. Ihr Geschäft blühte, sie hatten eine
Niederlassung in Maulbronn, betrieben in Stuttgart eine Seidenmanufaktur.
Kräftig, glücklich und geschickt hatte seinerzeit, als die Fabrik noch klein
und unbedeutend war, der Seniorchef der Familie, Christoph Adam
Schertlin, ihre Umwandlung in eine Aktiengesellschaft durchgesetzt und der
Gräfin Gräveniz Anteilscheine weit unterm Wert überlassen. Auf diese
simple Manier war die mächtige Favoritin für das Unternehmen interessiert
worden, sie verschaffte der Gesellschaft Privilegien und Aufträge. Dann
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später, als die Gräfin in Ungnade war und ihr in Württemberg liegendes
Vermögen liquidieren mußte, konnte Christoph Adam Schertlin ihre Aktien
durch gewisse Unterhandlungen mit Isaak Landauer billig zurückerwerben.
Jetzt hatte er sich vom Kommerz zurückgezogen, das herzogliche Gebiet
verlassen, in der freien Reichsstadt Eßlingen ein Patrizierhaus gekauft und
neu eingerichtet. Dort saß er nun, stattlich, reich, Ratsherr, hoch angesehen.
Die Geschäfte der Stuttgarter, Uracher, Maulbronner Manufaktur leitete
jetzt Johann Ulrich Schertlin, ein fester, kundiger, zupackender Mann, mit
der erste unter den schwäbischen Industriellen. Er hatte sich eine Französin
zur Frau genommen, aus der Emigrantenkolonie Pinache im Oberamt
Maulbronn, die zu Ende des vorigen Jahrhunderts die vertriebenen
Waldenser angelegt hatten, eine schöne, fremdartige Frau, kurzer, roter
Mund in weißem Gesicht, hochmütige, längliche Augen unter
rötlichblondem, leuchtendem Haar. Freunde, Verwandte konnten mit ihr
nichts Rechtes anfangen. Sie war ein Staatsweib, das war nicht zu leugnen,
aber sie war verdammt stolz, sie antwortete karg und kurz, meist schwieg
sie gelangweilt, auch sprach sie, obwohl in Deutschland geboren, fast
immer welsch und die Landessprache nur stockend. Aber Johann Ulrich
Schertlin konnte sich das leisten, er saß dick in Geld und Würden, er hatte
ein Haus in Stuttgart, eines in Urach, abgesehen von den Manufakturen. Er
stellte, Teufel noch eins, seinem Hauswesen vor, wen er für gut hielt. Und
er wandelte stattlich hin mit der Frau, die er liebte, und sein Haus und
Tagewerk gedieh.
Nun hatte aber Süß einen Geschäftsfreund, einen gewissen Daniele Foa
in Venedig, der ihm aus der Levante Kapital, Pferde, Juwelen, Stoffe und
Wein vermittelte. Auch die Schimmelstute Assjadah hatte er beigebracht.
Diesen Daniele Foa kannte Süß schon von der Pfalz her, wo ihm seine
Unterstützung in dem Kampf gegen Dom Bartelemi Pancorbo sehr wertvoll
gewesen war. Der Levantiner, ein großzügiger, gerissener Geschäftsmann,
hatte den Rhein hinauf, hinunter einen ausgedehnten Handel mit Textilien
in Gang gesetzt und benützte den Einfluß des Süß, jetzt ins Schwäbische
hinüberzugreifen. Er erhielt Freiheiten und Gerechtsame, stieß aber hart auf
die Konkurrenz der Schertlinschen Manufakturen, die überall in diesen
Gegenden ausgezeichnet eingeführt waren. Süß, der dem Levantiner gern
gefällig sein wollte, machte sich mit gewohnter, kalter Umsicht daran, diese
Konkurrenz rücksichtslos niederzutreten. Die Fabriken der Schertlin
wurden schikaniert, ihre Privilegien ins Wertlose kommentiert, ihre
Vermögen liquidieren mußte, konnte Christoph Adam Schertlin ihre Aktien
durch gewisse Unterhandlungen mit Isaak Landauer billig zurückerwerben.
Jetzt hatte er sich vom Kommerz zurückgezogen, das herzogliche Gebiet
verlassen, in der freien Reichsstadt Eßlingen ein Patrizierhaus gekauft und
neu eingerichtet. Dort saß er nun, stattlich, reich, Ratsherr, hoch angesehen.
Die Geschäfte der Stuttgarter, Uracher, Maulbronner Manufaktur leitete
jetzt Johann Ulrich Schertlin, ein fester, kundiger, zupackender Mann, mit
der erste unter den schwäbischen Industriellen. Er hatte sich eine Französin
zur Frau genommen, aus der Emigrantenkolonie Pinache im Oberamt
Maulbronn, die zu Ende des vorigen Jahrhunderts die vertriebenen
Waldenser angelegt hatten, eine schöne, fremdartige Frau, kurzer, roter
Mund in weißem Gesicht, hochmütige, längliche Augen unter
rötlichblondem, leuchtendem Haar. Freunde, Verwandte konnten mit ihr
nichts Rechtes anfangen. Sie war ein Staatsweib, das war nicht zu leugnen,
aber sie war verdammt stolz, sie antwortete karg und kurz, meist schwieg
sie gelangweilt, auch sprach sie, obwohl in Deutschland geboren, fast
immer welsch und die Landessprache nur stockend. Aber Johann Ulrich
Schertlin konnte sich das leisten, er saß dick in Geld und Würden, er hatte
ein Haus in Stuttgart, eines in Urach, abgesehen von den Manufakturen. Er
stellte, Teufel noch eins, seinem Hauswesen vor, wen er für gut hielt. Und
er wandelte stattlich hin mit der Frau, die er liebte, und sein Haus und
Tagewerk gedieh.
Nun hatte aber Süß einen Geschäftsfreund, einen gewissen Daniele Foa
in Venedig, der ihm aus der Levante Kapital, Pferde, Juwelen, Stoffe und
Wein vermittelte. Auch die Schimmelstute Assjadah hatte er beigebracht.
Diesen Daniele Foa kannte Süß schon von der Pfalz her, wo ihm seine
Unterstützung in dem Kampf gegen Dom Bartelemi Pancorbo sehr wertvoll
gewesen war. Der Levantiner, ein großzügiger, gerissener Geschäftsmann,
hatte den Rhein hinauf, hinunter einen ausgedehnten Handel mit Textilien
in Gang gesetzt und benützte den Einfluß des Süß, jetzt ins Schwäbische
hinüberzugreifen. Er erhielt Freiheiten und Gerechtsame, stieß aber hart auf
die Konkurrenz der Schertlinschen Manufakturen, die überall in diesen
Gegenden ausgezeichnet eingeführt waren. Süß, der dem Levantiner gern
gefällig sein wollte, machte sich mit gewohnter, kalter Umsicht daran, diese
Konkurrenz rücksichtslos niederzutreten. Die Fabriken der Schertlin
wurden schikaniert, ihre Privilegien ins Wertlose kommentiert, ihre
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Verträge mit dem Kammergut gekündigt, Akzise und Steuern so erhöht, daß
sie nicht weiter konkurrieren konnten. Dagegen errichtete der
Finanzdirektor als Strohmann des Daniele Foa auf eigenen Namen eine
Manufaktur, und die Zollbehörden wagten es nicht, dem Allmächtigen die
Gebühren in der gewaltigen vorgeschriebenen Höhe zu berechnen, es
wurden von seinen Sendungen nur ganz geringe oder gar keine Abgaben
erhoben.
Auch die Schertlin persönlich begann man zu bedrängen. Einem hängte
unter nichtigem Vorwand das Fiskalatsamt einen Prozeß an, aus dem er sich
nicht herauswinden konnte, zwei jüngere Schertlin wurden, trotzdem sie
hohen Loskauf boten, zur Armee eingezogen. An den alten Christoph Adam
freilich, der in dem freien Eßlingen saß, konnte man nicht heran, und auch
an Johann Ulrich wagte man sich vorläufig noch nicht. Aber die Hand des
Juden lag schwerer auf dieser Familie als auf den anderen, und Johann
Ulrich würgte an dem Kummer über den Niedergang seines Geschäfts, an
der Schmach, zwei junge Schertlin zur Armee gepreßt zu sehen, an dem
Gram, seine schöne Frau nicht in den fürstlichen Glanz setzen zu können,
den er für sie träumte.
Da bekam endlich Süß eine Schlinge in die Hand, den Johann Ulrich zu
fangen. Der eine junge Schertlin, der Soldat, hatte Urlaub erhalten nach
Eßlingen zu seinem Großvater und kam von dort nicht zurück.
Verhandlungen zwischen dem Herzog und der Stadt über die Auslieferung
von Deserteuren schwebten, waren aber noch nicht abgeschlossen. Auf
Betreiben des alten Ratsherrn weigerte sich die Stadt, den jungen Menschen
herauszugeben. Da fingen die Leibhusaren des Süß einen Brief Johann
Ulrichs auf, in dem er den Alten bestärkte in der Ablehnung, den Deserteur
den herzoglichen Kommissarien zu überlassen. Dies war Kriegsverbrechen,
Hochverrat.
Süß, alle Trümpfe in der Hand, ging langsam, sänftlich vor. Zunächst
wurde Johann Ulrich aufgefordert, sich herzoglichen Kriegs-Inquisitoren zu
stellen. Da der stolze Mann knirschend fernblieb, wurde er aufgehoben, auf
den Hohentwiel gebracht. Man munkelte, ein Militärgericht werde ihn
aburteilen, lebenslänglich Kugeln zu schleifen.
In dem verödeten Haus saß blaß die Französin. Das neugierige Mitleid
der Verwandten und Befreundeten hörte sie schweigend, die kurzen, roten
Lippen fest verkniffen. Als man es müde ward, die Hochmütige zu trösten,
die einem ja doch nicht den Gefallen tat, zu jammern, und sie allein ließ,
sie nicht weiter konkurrieren konnten. Dagegen errichtete der
Finanzdirektor als Strohmann des Daniele Foa auf eigenen Namen eine
Manufaktur, und die Zollbehörden wagten es nicht, dem Allmächtigen die
Gebühren in der gewaltigen vorgeschriebenen Höhe zu berechnen, es
wurden von seinen Sendungen nur ganz geringe oder gar keine Abgaben
erhoben.
Auch die Schertlin persönlich begann man zu bedrängen. Einem hängte
unter nichtigem Vorwand das Fiskalatsamt einen Prozeß an, aus dem er sich
nicht herauswinden konnte, zwei jüngere Schertlin wurden, trotzdem sie
hohen Loskauf boten, zur Armee eingezogen. An den alten Christoph Adam
freilich, der in dem freien Eßlingen saß, konnte man nicht heran, und auch
an Johann Ulrich wagte man sich vorläufig noch nicht. Aber die Hand des
Juden lag schwerer auf dieser Familie als auf den anderen, und Johann
Ulrich würgte an dem Kummer über den Niedergang seines Geschäfts, an
der Schmach, zwei junge Schertlin zur Armee gepreßt zu sehen, an dem
Gram, seine schöne Frau nicht in den fürstlichen Glanz setzen zu können,
den er für sie träumte.
Da bekam endlich Süß eine Schlinge in die Hand, den Johann Ulrich zu
fangen. Der eine junge Schertlin, der Soldat, hatte Urlaub erhalten nach
Eßlingen zu seinem Großvater und kam von dort nicht zurück.
Verhandlungen zwischen dem Herzog und der Stadt über die Auslieferung
von Deserteuren schwebten, waren aber noch nicht abgeschlossen. Auf
Betreiben des alten Ratsherrn weigerte sich die Stadt, den jungen Menschen
herauszugeben. Da fingen die Leibhusaren des Süß einen Brief Johann
Ulrichs auf, in dem er den Alten bestärkte in der Ablehnung, den Deserteur
den herzoglichen Kommissarien zu überlassen. Dies war Kriegsverbrechen,
Hochverrat.
Süß, alle Trümpfe in der Hand, ging langsam, sänftlich vor. Zunächst
wurde Johann Ulrich aufgefordert, sich herzoglichen Kriegs-Inquisitoren zu
stellen. Da der stolze Mann knirschend fernblieb, wurde er aufgehoben, auf
den Hohentwiel gebracht. Man munkelte, ein Militärgericht werde ihn
aburteilen, lebenslänglich Kugeln zu schleifen.
In dem verödeten Haus saß blaß die Französin. Das neugierige Mitleid
der Verwandten und Befreundeten hörte sie schweigend, die kurzen, roten
Lippen fest verkniffen. Als man es müde ward, die Hochmütige zu trösten,
die einem ja doch nicht den Gefallen tat, zu jammern, und sie allein ließ,
Page 147
erschien bei ihr der Rat Bühler vom Fiskalatsamt, ein weitläufig
Verschwägerter der Schertlin. Die hatten als vor einer Süßischen Kreatur
immer vor ihm ausgespuckt. Jetzt kam er wichtig, fraß seine Genugtuung,
spielte den Großmäuligen, protzig Mitleidigen, fand die Waldenserin in
ihrem starren, hochmütigen Kummer sehr apart, riet ihr, sie solle den Süß
aufsuchen. Der werde verleumdet, er sei im Geschäft hart auf hart, das sei
natürlich, aber rachsüchtig sei er nicht.
Ob die Waldenserin ihren Mann liebte, wußte niemand, und sie selbst
nicht. Aber wie sein Prozeß immer näher kam, ging sie zu Süß.
Sie war aus gutem Haus, in ihrer Familie lebte die Tradition
französischen Hoflebens, Glanz und herrenhaftes Gehabe. Sie sah die Säle
des Juden, die weinroten Lakaien, die Pagen. Die Teppiche, Statuen,
Chinoiserien. Das war anders als die solide Behäbigkeit der Schertlin. Das
war die Fülle, der Ueberfluß, jenes Ueberflüssige, das das Leben aus einem
Gezwungenen, zu Tragenden zu etwas Leichtem, Herrlichem, Liebens- und
Sehnenswertem machte. Süß war guten Humors und die Frau gefiel ihm. Er
traktierte sie ganz als große Dame, sprach, da er sah, es war ihr lieber, nur
Französisch, streichelte sie mit mondänen Komplimenten, redete mit
keinem Wort von ihrer Bedrängnis. Das war ihre Luft; wäre sie nicht als
Supplikantin gekommen, sie wäre ihm wie von selbst zugefallen. So aber,
wie er plötzlich mit zynischer Galanterie eine Brücke schlug von ihrem
Anliegen zu seiner Begierde, stand sie eine kleine Weile reglos, totenhaft
fahl. Dann warf sie ihm ins Gesicht, sie schäme sich, daß sie nicht eh
bedacht habe, sie habe mit einem Juden zu tun. Worauf er sich glatt und
ohne eine Miene zu ändern, lächelnd und tief verneigte: „Dann also nicht!“
sie höflich zur Tür geleitete und ihr Abschied nehmend die Hand küßte.
Er entließ Johann Ulrich aus seiner Haft, begnügte sich, die Affäre durch
das Fiskalatsamt regeln zu lassen. Johann Ulrich kam mit einer Geldbuße
davon, die allerdings so hoch war, daß sein Handel daran für immer
erlahmen mußte.
In der Waldenserin brannte die Begegnung mit Süß weiter. Bisher hatte
sie nicht gewußt, ob sie ihren Mann liebte oder nicht. Jetzt wußte sie, daß
sie ihn verachtete. Er hatte die Pflicht zum Erfolg. Er war sie nicht wert,
wenn er keinen Erfolg hatte. Sie verachtete ihn, weil er nicht Glanz und
Ueberfluß und weinrote Lakaien und Chinoiserien vor sie hinbreiten konnte
wie jener, weil er sich von jenem hatte besiegen lassen, weil sie seinethalb
so kläglich vor jenem gestanden war. Sie verachtete ihn, weil sie seinethalb
Verschwägerter der Schertlin. Die hatten als vor einer Süßischen Kreatur
immer vor ihm ausgespuckt. Jetzt kam er wichtig, fraß seine Genugtuung,
spielte den Großmäuligen, protzig Mitleidigen, fand die Waldenserin in
ihrem starren, hochmütigen Kummer sehr apart, riet ihr, sie solle den Süß
aufsuchen. Der werde verleumdet, er sei im Geschäft hart auf hart, das sei
natürlich, aber rachsüchtig sei er nicht.
Ob die Waldenserin ihren Mann liebte, wußte niemand, und sie selbst
nicht. Aber wie sein Prozeß immer näher kam, ging sie zu Süß.
Sie war aus gutem Haus, in ihrer Familie lebte die Tradition
französischen Hoflebens, Glanz und herrenhaftes Gehabe. Sie sah die Säle
des Juden, die weinroten Lakaien, die Pagen. Die Teppiche, Statuen,
Chinoiserien. Das war anders als die solide Behäbigkeit der Schertlin. Das
war die Fülle, der Ueberfluß, jenes Ueberflüssige, das das Leben aus einem
Gezwungenen, zu Tragenden zu etwas Leichtem, Herrlichem, Liebens- und
Sehnenswertem machte. Süß war guten Humors und die Frau gefiel ihm. Er
traktierte sie ganz als große Dame, sprach, da er sah, es war ihr lieber, nur
Französisch, streichelte sie mit mondänen Komplimenten, redete mit
keinem Wort von ihrer Bedrängnis. Das war ihre Luft; wäre sie nicht als
Supplikantin gekommen, sie wäre ihm wie von selbst zugefallen. So aber,
wie er plötzlich mit zynischer Galanterie eine Brücke schlug von ihrem
Anliegen zu seiner Begierde, stand sie eine kleine Weile reglos, totenhaft
fahl. Dann warf sie ihm ins Gesicht, sie schäme sich, daß sie nicht eh
bedacht habe, sie habe mit einem Juden zu tun. Worauf er sich glatt und
ohne eine Miene zu ändern, lächelnd und tief verneigte: „Dann also nicht!“
sie höflich zur Tür geleitete und ihr Abschied nehmend die Hand küßte.
Er entließ Johann Ulrich aus seiner Haft, begnügte sich, die Affäre durch
das Fiskalatsamt regeln zu lassen. Johann Ulrich kam mit einer Geldbuße
davon, die allerdings so hoch war, daß sein Handel daran für immer
erlahmen mußte.
In der Waldenserin brannte die Begegnung mit Süß weiter. Bisher hatte
sie nicht gewußt, ob sie ihren Mann liebte oder nicht. Jetzt wußte sie, daß
sie ihn verachtete. Er hatte die Pflicht zum Erfolg. Er war sie nicht wert,
wenn er keinen Erfolg hatte. Sie verachtete ihn, weil er nicht Glanz und
Ueberfluß und weinrote Lakaien und Chinoiserien vor sie hinbreiten konnte
wie jener, weil er sich von jenem hatte besiegen lassen, weil sie seinethalb
so kläglich vor jenem gestanden war. Sie verachtete ihn, weil sie seinethalb
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die Galanterie des Süß zurückgewiesen hatte. Der war Welt, zu dem gehörte
sie, Johann Ulrich war Bürgerpöbel. Sie sprach von alledem zu Johann
Ulrich kein Wort, nicht einmal von ihrem Besuch bei dem Juden. Er tobte
gegen den Süß, schrie, vermaß sich blutrünstigster Heimzahlung. Aber es
war hohles Gepolter. Sie sah ihn aus ihren länglichen Augen mit kalter,
hochmütiger Gleichgültigkeit an, und er wußte so gut wie sie, daß er
zerknickt und ohne Kraft war und nie etwas tun werde.
Er verkam mehr und mehr. Die Manufaktur in Urach wurde versteigert,
versteigert die Filialen in Stuttgart und Maulbronn. Der Levantiner erwarb
sie. Man bot, Hohn und Almosen, ihm eine Verwalterstelle in seinen
früheren Fabriken. Vielleicht hätte er akzeptiert, hätte nicht die Frau, den
Süß hinter dem Angebot witternd, scharf und kurz abgelehnt. Auch die
anderen Schertlin gerieten mit in den Sturz. Verkauft die Häuser in Urach
und Stuttgart, verkauft die Weinberge und Felder. Nur der alte Christoph
Adam hielt sich, in Eßlingen. Er trug den großen, verwitternden Kopf noch
höher, stieß noch heftiger mit dem Rohrstock gegen den Boden, den
goldenen Knopf fest umschließend mit dürrer, doch nicht zitternder Hand.
Johann Ulrich wie viele andere, die bei währendem Regiment des Süß
von Haus und Geld gekommen waren, traf Vorbereitungen, sich einem
Auswandererzug anzuschließen, der nach Pennsylvanien wollte. Die
Waldenserin widersetzte sich. Es gab einen kurzen, wilden Kampf. Er
schlug sie, aber er blieb im Land. Er machte einen Kramladen auf in Urach.
Verlotterte mehr und mehr, saß in den Kneipen, besoff sich, fluchte
gotteslästerlich gegen den Herzog und die höllische hebräische Wirtschaft.
Aber während man sonst jede solche Unmutsäußerung schwer strafte, ließ
man ihn ruhig gewähren. Auch sein Kramladen wurde vom Amt in jeder
Weise unterstützt. Die Behörden mußten von einflußreicher Stelle einen
Wink bekommen haben.
Die Waldenserin ging herum, in ihrem ärmlichen Kleid so stolz wie
früher. Hochmütige Blicke warf sie mit den länglichen Augen. Wollte eine
Kundschaft sich in einen breiteren Diskurs einlassen, antwortete sie karg
und kurz. Meist schwieg sie gelangweilt. Auch sprach sie, obwohl in
Deutschland geboren, fast immer welsch und die Landessprache nur
stockend.
sie, Johann Ulrich war Bürgerpöbel. Sie sprach von alledem zu Johann
Ulrich kein Wort, nicht einmal von ihrem Besuch bei dem Juden. Er tobte
gegen den Süß, schrie, vermaß sich blutrünstigster Heimzahlung. Aber es
war hohles Gepolter. Sie sah ihn aus ihren länglichen Augen mit kalter,
hochmütiger Gleichgültigkeit an, und er wußte so gut wie sie, daß er
zerknickt und ohne Kraft war und nie etwas tun werde.
Er verkam mehr und mehr. Die Manufaktur in Urach wurde versteigert,
versteigert die Filialen in Stuttgart und Maulbronn. Der Levantiner erwarb
sie. Man bot, Hohn und Almosen, ihm eine Verwalterstelle in seinen
früheren Fabriken. Vielleicht hätte er akzeptiert, hätte nicht die Frau, den
Süß hinter dem Angebot witternd, scharf und kurz abgelehnt. Auch die
anderen Schertlin gerieten mit in den Sturz. Verkauft die Häuser in Urach
und Stuttgart, verkauft die Weinberge und Felder. Nur der alte Christoph
Adam hielt sich, in Eßlingen. Er trug den großen, verwitternden Kopf noch
höher, stieß noch heftiger mit dem Rohrstock gegen den Boden, den
goldenen Knopf fest umschließend mit dürrer, doch nicht zitternder Hand.
Johann Ulrich wie viele andere, die bei währendem Regiment des Süß
von Haus und Geld gekommen waren, traf Vorbereitungen, sich einem
Auswandererzug anzuschließen, der nach Pennsylvanien wollte. Die
Waldenserin widersetzte sich. Es gab einen kurzen, wilden Kampf. Er
schlug sie, aber er blieb im Land. Er machte einen Kramladen auf in Urach.
Verlotterte mehr und mehr, saß in den Kneipen, besoff sich, fluchte
gotteslästerlich gegen den Herzog und die höllische hebräische Wirtschaft.
Aber während man sonst jede solche Unmutsäußerung schwer strafte, ließ
man ihn ruhig gewähren. Auch sein Kramladen wurde vom Amt in jeder
Weise unterstützt. Die Behörden mußten von einflußreicher Stelle einen
Wink bekommen haben.
Die Waldenserin ging herum, in ihrem ärmlichen Kleid so stolz wie
früher. Hochmütige Blicke warf sie mit den länglichen Augen. Wollte eine
Kundschaft sich in einen breiteren Diskurs einlassen, antwortete sie karg
und kurz. Meist schwieg sie gelangweilt. Auch sprach sie, obwohl in
Deutschland geboren, fast immer welsch und die Landessprache nur
stockend.
Page 149
Durch die prunkenden Säle des Süß schleifte Isaak Landauer seinen Kaftan,
aufdringlich am Aermel trug er das württembergische Judenzeichen, das
niemand von ihm verlangte, das S mit dem Horn. Die glänzenden Spiegel
warfen zwischen Lapislazuli und Gold sein Bild zurück, den klugen,
fleischlosen Kopf mit den Schläfenlöckchen, dem schütteren, rotblond
verfärbten Bart. Der Finanzdirektor zeigte ihm sein Haus. Der Mann im
Kaftan stand vor den Vasen, Gobelins, klingelnden Pagoden, sah mit
aufreizend spöttischem Lächeln hinauf zu dem Triumph des Merkur, klopfte
mit der dürren, kalten Hand die Schimmelstute Assjadah, schritt durch die
beiden Pagen, die Söhne des Domänenpräsidenten Lamprechts, die in
Haltung am Eingang zu den Privatgemächern standen. Prüfte mit den
Fingern die kostbaren Stoffe der Möbel, nannte mit stupender Sachkenntnis
die Preise. Stand kopfschüttelnd vor den Büsten des Moses, Homer,
Salomo, Aristoteles, äußerte: „So hat Moses, unser Lehrer, sein Tage nicht
ausgesehen.“ Aber aus dem Bauer krächzte der Papagei Akiba: „Wie
geruhen Euer Durchlaucht geschlafen zu haben?“
Süß hatte Isaak Landauer lang erwartet. Er hatte für diesen Besuch sein
Palais sorglicher vorbereitet als für den Besuch manches Fürsten. Er lauerte
auf eine Bewegung der Ueberraschung, staunenden Anerkennens; dem
Mann im Kaftan, gerade dem zu imponieren, verspürte er eine aufreizende,
quälende Gier. Aber Isaak Landauer wiegte nur den Kopf, rieb die
fröstelnden Hände, lächelte, sagte: „Wozu, Reb Josef Süß?“
Durch das Kabinett ging neugierig die Sophie Fischerin, die Tochter des
Kammerfiskals Fischer, die der Finanzdirektor seit zwei Wochen als seine
erklärte Mätresse im Haus hielt, ein großes, stattliches Mädchen, weiß,
üppig, rotblond, sehr schön, leicht ordinär. Als Süß sie wegen der Störung
anfuhr, warf sie einen lässigen Vorwand hin, beschaute, die Lippen
geschürzt, den Isaak Landauer, entfernte sich.
„Wozu, Reb Josef Süß?“ wiederholte Isaak Landauer. „Wozu gleich
dreißig Diener? Könnt Ihr besser essen, besser schlafen, wenn Ihr habt
dreißig Diener statt drei? Ich begreife, daß Ihr Euch die Schickse haltet, ich
begreife, daß Ihr ein schönes Zimmer zum Essen wollt, ein gutes, breites
Bett. Aber wozu den Papagei? Was braucht ein Jud einen Papagei?“
Süß schwieg, bis unters Haar erfüllt von zehrendem Aerger. Dies war
nicht Einfältigkeit, dies war Hohn, klarer, offensichtlicher Hohn. Was kein
Minister sich erkühnte, der Mensch im Kaftan tat es mit der schlichtesten
Selbstverständlichkeit: machte sich ihm ins Gesicht hinein lustig über ihn.
aufdringlich am Aermel trug er das württembergische Judenzeichen, das
niemand von ihm verlangte, das S mit dem Horn. Die glänzenden Spiegel
warfen zwischen Lapislazuli und Gold sein Bild zurück, den klugen,
fleischlosen Kopf mit den Schläfenlöckchen, dem schütteren, rotblond
verfärbten Bart. Der Finanzdirektor zeigte ihm sein Haus. Der Mann im
Kaftan stand vor den Vasen, Gobelins, klingelnden Pagoden, sah mit
aufreizend spöttischem Lächeln hinauf zu dem Triumph des Merkur, klopfte
mit der dürren, kalten Hand die Schimmelstute Assjadah, schritt durch die
beiden Pagen, die Söhne des Domänenpräsidenten Lamprechts, die in
Haltung am Eingang zu den Privatgemächern standen. Prüfte mit den
Fingern die kostbaren Stoffe der Möbel, nannte mit stupender Sachkenntnis
die Preise. Stand kopfschüttelnd vor den Büsten des Moses, Homer,
Salomo, Aristoteles, äußerte: „So hat Moses, unser Lehrer, sein Tage nicht
ausgesehen.“ Aber aus dem Bauer krächzte der Papagei Akiba: „Wie
geruhen Euer Durchlaucht geschlafen zu haben?“
Süß hatte Isaak Landauer lang erwartet. Er hatte für diesen Besuch sein
Palais sorglicher vorbereitet als für den Besuch manches Fürsten. Er lauerte
auf eine Bewegung der Ueberraschung, staunenden Anerkennens; dem
Mann im Kaftan, gerade dem zu imponieren, verspürte er eine aufreizende,
quälende Gier. Aber Isaak Landauer wiegte nur den Kopf, rieb die
fröstelnden Hände, lächelte, sagte: „Wozu, Reb Josef Süß?“
Durch das Kabinett ging neugierig die Sophie Fischerin, die Tochter des
Kammerfiskals Fischer, die der Finanzdirektor seit zwei Wochen als seine
erklärte Mätresse im Haus hielt, ein großes, stattliches Mädchen, weiß,
üppig, rotblond, sehr schön, leicht ordinär. Als Süß sie wegen der Störung
anfuhr, warf sie einen lässigen Vorwand hin, beschaute, die Lippen
geschürzt, den Isaak Landauer, entfernte sich.
„Wozu, Reb Josef Süß?“ wiederholte Isaak Landauer. „Wozu gleich
dreißig Diener? Könnt Ihr besser essen, besser schlafen, wenn Ihr habt
dreißig Diener statt drei? Ich begreife, daß Ihr Euch die Schickse haltet, ich
begreife, daß Ihr ein schönes Zimmer zum Essen wollt, ein gutes, breites
Bett. Aber wozu den Papagei? Was braucht ein Jud einen Papagei?“
Süß schwieg, bis unters Haar erfüllt von zehrendem Aerger. Dies war
nicht Einfältigkeit, dies war Hohn, klarer, offensichtlicher Hohn. Was kein
Minister sich erkühnte, der Mensch im Kaftan tat es mit der schlichtesten
Selbstverständlichkeit: machte sich ihm ins Gesicht hinein lustig über ihn.
Page 150
Und er war machtlos gegen ihn, er brauchte ihn, er konnte nur schweigen.
Sicherlich wird er auch wieder von den altmodischen Geschichten
anfangen, die für die Gegenwart ganz ohne Sinn und Bezug sind, dem
Ravensburger Kindermordprozeß und solcher Narretei. Und er, Süß, mußte
das alles anhören. Es war unmöglich, Geschäfte zu machen ohne Isaak
Landauer. Ach wenn man diesen kompromittierenden Burschen beiseite
drängen könnte! Aber man mußte froh sein, wenn er einen an sich heran
ließ. Es gab vorläufig keinen Weg um ihn herum.
Man sprach von den Affären, die zu erledigen waren, belauerte sich,
schacherte scharf. Eigentlich war Süß überall der Gebende; aber er mußte
viel mehr sprechen als der andere und kam sich trotz allen Großgetues wie
in der Verteidigung vor. Im Blick Isaak Landauers hielt keine noch so
kunstvoll gepinselte Tünche stand, er drang sofort dahinter, alles
Scheinwesen zerfiel vor ihm; mit kopfwackelndem Unglauben räumte er
das schimmernde Beiwerk weg und nahm in seine fröstelnden Hände das
Herz der Süßischen Dinge, die Ziffer. Je größer Süß sich spreizte, so
leidiger füllte ihn Aerger und Unbehagen. Er gestand es sich nicht ein, aber
der andere hatte ihn am Seil, der Mann im Kaftan ließ ihn tanzen.
Die Geschäfte beendet und signiert, kam Isaak Landauer diesmal nicht
auf den Ravensburger Kindermord zu sprechen, sondern auf eine andere
jüdische Historie aus den württembergischen Läuften. Das war die Sache
mit dem großen Judenkünstler Abraham Calorno aus Italien – es mochte
jetzt gut ein Jahrhundert her sein, unter Herzog Friedrich I. – und seinem
Generalkonsul Maggino Gabrieli. Der Herzog hatte diese welschen Juden
mit großen Versprechungen ins Land gezogen. Er war von dem aimablen
Wesen, der Gelehrsamkeit, dem finanztechnischen Geschick des großen
Judenkünstlers wie verhext, er hatte grenzenloses Zutrauen zu ihm, wies
alle Beschwerden der Pfaffen und der Landschaft barsch und ungnädig
zurück, ja, er verbannte der Juden wegen den Oberpfaffen Osiander aus
dem Herzogtum, und Abraham Calorno und die Seinen saßen groß und
prächtig in Stuttgart. Aber schließlich endete die Geschichte doch mit Graus
und Schrecken, etliche wurden martervoll hingerichtet, der Rest nackt und
bloß aus dem Land gejagt, Juden auf lange Zeit nicht mehr ins Herzogtum
gelassen. „Nagende Würmer haben sie uns geschimpft,“ sagte Isaak
Landauer. „Nun ja, nagen sie selber etwa nicht? Was lebt, nagt. Einer nagt
am andern. Jetzt seid Ihr dran, Reb Josef Süß. Nagt, nagt, solang sie Euch
dalassen!“ Und er lachte sein kleines, gurgelndes Lachen.
Sicherlich wird er auch wieder von den altmodischen Geschichten
anfangen, die für die Gegenwart ganz ohne Sinn und Bezug sind, dem
Ravensburger Kindermordprozeß und solcher Narretei. Und er, Süß, mußte
das alles anhören. Es war unmöglich, Geschäfte zu machen ohne Isaak
Landauer. Ach wenn man diesen kompromittierenden Burschen beiseite
drängen könnte! Aber man mußte froh sein, wenn er einen an sich heran
ließ. Es gab vorläufig keinen Weg um ihn herum.
Man sprach von den Affären, die zu erledigen waren, belauerte sich,
schacherte scharf. Eigentlich war Süß überall der Gebende; aber er mußte
viel mehr sprechen als der andere und kam sich trotz allen Großgetues wie
in der Verteidigung vor. Im Blick Isaak Landauers hielt keine noch so
kunstvoll gepinselte Tünche stand, er drang sofort dahinter, alles
Scheinwesen zerfiel vor ihm; mit kopfwackelndem Unglauben räumte er
das schimmernde Beiwerk weg und nahm in seine fröstelnden Hände das
Herz der Süßischen Dinge, die Ziffer. Je größer Süß sich spreizte, so
leidiger füllte ihn Aerger und Unbehagen. Er gestand es sich nicht ein, aber
der andere hatte ihn am Seil, der Mann im Kaftan ließ ihn tanzen.
Die Geschäfte beendet und signiert, kam Isaak Landauer diesmal nicht
auf den Ravensburger Kindermord zu sprechen, sondern auf eine andere
jüdische Historie aus den württembergischen Läuften. Das war die Sache
mit dem großen Judenkünstler Abraham Calorno aus Italien – es mochte
jetzt gut ein Jahrhundert her sein, unter Herzog Friedrich I. – und seinem
Generalkonsul Maggino Gabrieli. Der Herzog hatte diese welschen Juden
mit großen Versprechungen ins Land gezogen. Er war von dem aimablen
Wesen, der Gelehrsamkeit, dem finanztechnischen Geschick des großen
Judenkünstlers wie verhext, er hatte grenzenloses Zutrauen zu ihm, wies
alle Beschwerden der Pfaffen und der Landschaft barsch und ungnädig
zurück, ja, er verbannte der Juden wegen den Oberpfaffen Osiander aus
dem Herzogtum, und Abraham Calorno und die Seinen saßen groß und
prächtig in Stuttgart. Aber schließlich endete die Geschichte doch mit Graus
und Schrecken, etliche wurden martervoll hingerichtet, der Rest nackt und
bloß aus dem Land gejagt, Juden auf lange Zeit nicht mehr ins Herzogtum
gelassen. „Nagende Würmer haben sie uns geschimpft,“ sagte Isaak
Landauer. „Nun ja, nagen sie selber etwa nicht? Was lebt, nagt. Einer nagt
am andern. Jetzt seid Ihr dran, Reb Josef Süß. Nagt, nagt, solang sie Euch
dalassen!“ Und er lachte sein kleines, gurgelndes Lachen.
Page 151
Als der Mann im Kaftan den unmutig zuhörenden Finanzdirektor endlich
verließ, schritt er im Vorzimmer durch das spöttische und grimmige
Getuschel Wartender. Unter der Tür begegnete er neuen Besuchern: dem
Präsidenten des Kirchenrats, Weißensee, und seiner Tochter. Magdalen
Sibylle, wie sie Isaak Landauer sah, hielt ihn für den Süß. So hatte sie sich,
schmuddelig und mit Kaftan und Schläfenlöckchen, nach gelegentlichen
Judenbildern den kleinen, widerlichen Sendling Beelzebubs ausgemalt.
Dem Prälaten Weißensee hatte Süß, wie er als Präsident des Kirchenrats
ihm einen Dankbesuch machte, beiläufig und sehr höflich gesagt, er habe
gehört, der Herr Präsident habe eine so aimable Demoiselle Tochter. Es sei
nicht wünschenswert, daß der Flor der schwäbischen Damen fern von der
Residenz blühe; Ludwigsburg und Stuttgart seien nicht reich genug, daß sie
eine Dame der Art entbehren könnten, wie man ihm die Demoiselle
Weißenseein schildere. Weißensee schnupperte verbindlich, freute sich an
dem ehrenvollen Interesse Seiner Exzellenz. Es war ihm dann leichter
gelungen, als er erwartet hatte, seine Tochter zu vermögen, daß sie mit ihm
nach Stuttgart gehe, dem Süß aufzuwarten. Sie vermutete in der
Aufforderung des Vaters Berufung und Schickung. Wo sonst sollte sie ihre
Sendung erfüllen, wo eher dem Teufel wieder begegnen können als bei
seinen kleinen Sendlingen, bei dem Herzog und dem Juden? So fuhr sie mit
ihrem Vater in die Residenz, wach und in Bereitschaft.
Als sie erfuhr, daß Isaak Landauer nicht der Jude sei, spürte sie leise
Enttäuschung und saß in stärker gespannter Erwartung. Sie wurden vor den
andern vorgelassen. An dem Lakaien in Haltung vorbei schritt sie vor dem
Vater in das Kabinett, sah den Süß, erkannte, daß er der Teufel war,
schwankte, sank um. Die Sinne zurück, hatte sie eine dunkle, samtene
Stimme im Ohr: „Ich bin desolat, daß der Demoiselle Tochter der Akzident
zustößt just wie sie das erstemal meine Schwelle passiert.“ Ihr Vater
erwiderte etwas. Ein Riechfläschchen wurde ihr unter die Nase gehalten.
Jetzt nicht die Augen aufmachen, jetzt nicht gezwungen sein, ihn zu
sprechen, ihm ins Aug zu schauen. Wie sie endlich wohl oder übel lebendig
werden mußte, sah sie Beelzebubs Augen, die fliegenden, heißen,
gewölbten, um ihre Brust, ihre Hüften gleiten, und sie schämte sich wild
und gekitzelt.
Süß hatte das Mädchen in ihrer Schlaffheit auf und ab gesehen, er sah,
daß sie schön war, ungebraucht, voll Saft. Ihre Ohnmacht, der ungeheure
Eindruck, der offensichtlich von ihm zu ihr ging, war ihm nach der
verließ, schritt er im Vorzimmer durch das spöttische und grimmige
Getuschel Wartender. Unter der Tür begegnete er neuen Besuchern: dem
Präsidenten des Kirchenrats, Weißensee, und seiner Tochter. Magdalen
Sibylle, wie sie Isaak Landauer sah, hielt ihn für den Süß. So hatte sie sich,
schmuddelig und mit Kaftan und Schläfenlöckchen, nach gelegentlichen
Judenbildern den kleinen, widerlichen Sendling Beelzebubs ausgemalt.
Dem Prälaten Weißensee hatte Süß, wie er als Präsident des Kirchenrats
ihm einen Dankbesuch machte, beiläufig und sehr höflich gesagt, er habe
gehört, der Herr Präsident habe eine so aimable Demoiselle Tochter. Es sei
nicht wünschenswert, daß der Flor der schwäbischen Damen fern von der
Residenz blühe; Ludwigsburg und Stuttgart seien nicht reich genug, daß sie
eine Dame der Art entbehren könnten, wie man ihm die Demoiselle
Weißenseein schildere. Weißensee schnupperte verbindlich, freute sich an
dem ehrenvollen Interesse Seiner Exzellenz. Es war ihm dann leichter
gelungen, als er erwartet hatte, seine Tochter zu vermögen, daß sie mit ihm
nach Stuttgart gehe, dem Süß aufzuwarten. Sie vermutete in der
Aufforderung des Vaters Berufung und Schickung. Wo sonst sollte sie ihre
Sendung erfüllen, wo eher dem Teufel wieder begegnen können als bei
seinen kleinen Sendlingen, bei dem Herzog und dem Juden? So fuhr sie mit
ihrem Vater in die Residenz, wach und in Bereitschaft.
Als sie erfuhr, daß Isaak Landauer nicht der Jude sei, spürte sie leise
Enttäuschung und saß in stärker gespannter Erwartung. Sie wurden vor den
andern vorgelassen. An dem Lakaien in Haltung vorbei schritt sie vor dem
Vater in das Kabinett, sah den Süß, erkannte, daß er der Teufel war,
schwankte, sank um. Die Sinne zurück, hatte sie eine dunkle, samtene
Stimme im Ohr: „Ich bin desolat, daß der Demoiselle Tochter der Akzident
zustößt just wie sie das erstemal meine Schwelle passiert.“ Ihr Vater
erwiderte etwas. Ein Riechfläschchen wurde ihr unter die Nase gehalten.
Jetzt nicht die Augen aufmachen, jetzt nicht gezwungen sein, ihn zu
sprechen, ihm ins Aug zu schauen. Wie sie endlich wohl oder übel lebendig
werden mußte, sah sie Beelzebubs Augen, die fliegenden, heißen,
gewölbten, um ihre Brust, ihre Hüften gleiten, und sie schämte sich wild
und gekitzelt.
Süß hatte das Mädchen in ihrer Schlaffheit auf und ab gesehen, er sah,
daß sie schön war, ungebraucht, voll Saft. Ihre Ohnmacht, der ungeheure
Eindruck, der offensichtlich von ihm zu ihr ging, war ihm nach der
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ungemütlichen Unterhaltung mit Isaak Landauer Labsal und große
Bestätigung. Wie sie lag und atmete! Wie bräunlichblaß und männlich kühn
das Gesicht geschnitten war, wie erregend der Schwung der starken Brauen.
Während Lakaien nach Essenzen liefen, nach einem Arzt, überlegte er, ob
er es wagen solle, ihr das Mieder zu öffnen. Mit Weißensee, dem alten,
servilen Höfling, brauchte man nicht viel Umstände zu machen.
Aber da schlug sie die Augen auf, starkblau in seltsamem Widerspiel zu
dem dunklen Haar. Er richtete sie vollends hoch, glitt mit Blick und Tonfall
und sanfter Berührung streichelnd, ergeben, galant, demütig um sie herum,
brauchte alle geölte Kunst seiner langen Uebung. Ueber das holperichte
Gestammel des Mädchens, das die verwirrten Augen aus dem bräunlich
fahlen Gesicht drohend halb, halb gezogen auf ihn hielt, breitete er seine
gewandte Konversation. Stellte Sänfte, Wagen, Arzt zur Verfügung. Hielt
den sich verabschiedenden Präsidenten mit keinem Wort zurück. Geleitete
selbst durch die ehrfurchtsvoll grüßende Antichambre Magdalen Sibylle
stützend vors Haus an den Wagen. Während sie die Eingangshalle
durchschritten, kreuzte sie die Sophie Fischerin. Faul schleifte das blonde,
üppige Geschöpf durch den Raum, äugte neugierig, schief, gehässig nach
Magdalen Sibylle.
Vor dem Haus in der Seegasse gaffendes Volk. Nacht, trübes Gemisch von
Regen und Schnee, Windstöße, die Kleider unbehaglich um die Glieder
peitschend. Die Leute stehen gepreßt, harren aus, schauen zu, wie die
Karossen vorfahren, leuchtend, lärmend durch die Nacht, zur Redoute des
Süß.
Pechpfannen flackern am Eingang. Alle Fenster strahlend. Weit auf das
Tor, weinrot ragend der Huissier mit seinem Stab, drei Lakaien zum
Oeffnen der Wagentüren.
In rascher Folge die Kutschen. Es ist keiner der öffentlichen Bälle, an
denen Süß verdienen will, wo er durch Listen kontrollieren läßt, wer von
Hof, Beamtenschaft, Volk fehlt. Hat er durch seine öffentlichen Feste der
Haupt- und Residenzstadt Stuttgart einen rauschenderen Karneval
aufgezwungen als je zuvor, sie genötigt, bei diesen Redouten auf einen Sitz
für seine Tasche mehr Geld zu verbrauchen und zu verbrausen als sonst in
Wochen, so sollte dieser intime Maskenball lediglich der privaten
Bestätigung. Wie sie lag und atmete! Wie bräunlichblaß und männlich kühn
das Gesicht geschnitten war, wie erregend der Schwung der starken Brauen.
Während Lakaien nach Essenzen liefen, nach einem Arzt, überlegte er, ob
er es wagen solle, ihr das Mieder zu öffnen. Mit Weißensee, dem alten,
servilen Höfling, brauchte man nicht viel Umstände zu machen.
Aber da schlug sie die Augen auf, starkblau in seltsamem Widerspiel zu
dem dunklen Haar. Er richtete sie vollends hoch, glitt mit Blick und Tonfall
und sanfter Berührung streichelnd, ergeben, galant, demütig um sie herum,
brauchte alle geölte Kunst seiner langen Uebung. Ueber das holperichte
Gestammel des Mädchens, das die verwirrten Augen aus dem bräunlich
fahlen Gesicht drohend halb, halb gezogen auf ihn hielt, breitete er seine
gewandte Konversation. Stellte Sänfte, Wagen, Arzt zur Verfügung. Hielt
den sich verabschiedenden Präsidenten mit keinem Wort zurück. Geleitete
selbst durch die ehrfurchtsvoll grüßende Antichambre Magdalen Sibylle
stützend vors Haus an den Wagen. Während sie die Eingangshalle
durchschritten, kreuzte sie die Sophie Fischerin. Faul schleifte das blonde,
üppige Geschöpf durch den Raum, äugte neugierig, schief, gehässig nach
Magdalen Sibylle.
Vor dem Haus in der Seegasse gaffendes Volk. Nacht, trübes Gemisch von
Regen und Schnee, Windstöße, die Kleider unbehaglich um die Glieder
peitschend. Die Leute stehen gepreßt, harren aus, schauen zu, wie die
Karossen vorfahren, leuchtend, lärmend durch die Nacht, zur Redoute des
Süß.
Pechpfannen flackern am Eingang. Alle Fenster strahlend. Weit auf das
Tor, weinrot ragend der Huissier mit seinem Stab, drei Lakaien zum
Oeffnen der Wagentüren.
In rascher Folge die Kutschen. Es ist keiner der öffentlichen Bälle, an
denen Süß verdienen will, wo er durch Listen kontrollieren läßt, wer von
Hof, Beamtenschaft, Volk fehlt. Hat er durch seine öffentlichen Feste der
Haupt- und Residenzstadt Stuttgart einen rauschenderen Karneval
aufgezwungen als je zuvor, sie genötigt, bei diesen Redouten auf einen Sitz
für seine Tasche mehr Geld zu verbrauchen und zu verbrausen als sonst in
Wochen, so sollte dieser intime Maskenball lediglich der privaten
Page 153
Schaustellung seiner Größe und seines Glanzes dienen. Nur die ersten
Herren, nur die schönsten Damen aus der Umgebung des Herzogs waren zu
diesem Fest geladen.
Hinter den Leibhusaren des Süß, hinter den städtischen Bütteln reckt sich
das Volk die Hälse aus, unter den Mänteln der Aussteigenden etwas von den
Kostümen der Gäste zu erspähen. Anlangen die Minister, die Generäle, der
Hof. Sehr hager und die Hakennase doppelt mächtig über der spanischen
Halskrause seines Grandenmantels der Geheimrat Schütz. Aber
Remchingen, hochrot und massig, schwitzt schon in der Kutsche im dicken,
pelzigen Rock seines Bojarenmantels. Seine Laune wird noch knurriger,
wie er im Tor mit Herrn von Riolles zusammentrifft, einem jener
vagierenden Kavaliere, die, an allen Höfen zu Haus, den Klatsch der
internationalen Hocharistokratie durch Europa tragen, Verwalter und
Makler des mondänen Rufs der großen Gesellschaft. Ein paar Weiber
pruschen heraus, selbst die Polizeisoldaten müssen grinsen, wie sie den
mageren, kleinen, zappeligen Herrn sehen, der einen Chinesen darstellt,
doch ohne auf die Allongeperücke zu verzichten. Er sieht auch gar zu
possierlich aus, wie er zwerghaft, mit dem lasterhaften, vergreisten
Knabengesicht neben dem wuchtigen Remchingen einhertrippelt. Der
General klirrt massig und imposant neben dem kleinen, geckigen Welschen;
aber er weiß, die Herzogin wird, sei es aus Lust an Abwechslung, sei es um
ihn wütig zu machen, heute wie immer in den letzten Tagen den albern
schwatzenden Franzosen ihm vorziehen.
Zu Fuß drängt sich der Landschaftskonsulent Neuffer durch das Volk,
undefinierbar von Tracht, düster und scharlachfarben; Gemurr und
Schimpfworte folgen ihm; er ist neben Weißensee der einzige
Parlamentarier, der geladen ist. Ihn überholt die vornehme, sorglich alles
Auffällige meidende Karosse des alten Fürsten Thurn und Taxis. Der Fürst
ist gestern zu Besuch aus Regensburg eingetroffen; sein magerer, eleganter
Windhundschädel hebt sich aus dem weinroten Kostüm eines genuesischen
Nobile, er freut sich darauf, diese Tracht, in der er besonders schlank
erscheint, zum erstenmal vorzuführen. Aber er hat offenbar Pech mit diesem
verdammten Juden. Hat damals in dem Schlößchen Monbijou der blaßgelbe
Salon seinen blaßgelben Rock geschlagen, so hat jetzt diese hebräische
Bestie ihre ganzen Domestiken in Weinrot gesteckt, so daß man ihn, den
Fürsten, für einen Lakaien halten muß, daß jedenfalls sein weinrotes
Kostüm um allen Effekt gebracht ist. Doch neben dem verärgerten Fürsten
Herren, nur die schönsten Damen aus der Umgebung des Herzogs waren zu
diesem Fest geladen.
Hinter den Leibhusaren des Süß, hinter den städtischen Bütteln reckt sich
das Volk die Hälse aus, unter den Mänteln der Aussteigenden etwas von den
Kostümen der Gäste zu erspähen. Anlangen die Minister, die Generäle, der
Hof. Sehr hager und die Hakennase doppelt mächtig über der spanischen
Halskrause seines Grandenmantels der Geheimrat Schütz. Aber
Remchingen, hochrot und massig, schwitzt schon in der Kutsche im dicken,
pelzigen Rock seines Bojarenmantels. Seine Laune wird noch knurriger,
wie er im Tor mit Herrn von Riolles zusammentrifft, einem jener
vagierenden Kavaliere, die, an allen Höfen zu Haus, den Klatsch der
internationalen Hocharistokratie durch Europa tragen, Verwalter und
Makler des mondänen Rufs der großen Gesellschaft. Ein paar Weiber
pruschen heraus, selbst die Polizeisoldaten müssen grinsen, wie sie den
mageren, kleinen, zappeligen Herrn sehen, der einen Chinesen darstellt,
doch ohne auf die Allongeperücke zu verzichten. Er sieht auch gar zu
possierlich aus, wie er zwerghaft, mit dem lasterhaften, vergreisten
Knabengesicht neben dem wuchtigen Remchingen einhertrippelt. Der
General klirrt massig und imposant neben dem kleinen, geckigen Welschen;
aber er weiß, die Herzogin wird, sei es aus Lust an Abwechslung, sei es um
ihn wütig zu machen, heute wie immer in den letzten Tagen den albern
schwatzenden Franzosen ihm vorziehen.
Zu Fuß drängt sich der Landschaftskonsulent Neuffer durch das Volk,
undefinierbar von Tracht, düster und scharlachfarben; Gemurr und
Schimpfworte folgen ihm; er ist neben Weißensee der einzige
Parlamentarier, der geladen ist. Ihn überholt die vornehme, sorglich alles
Auffällige meidende Karosse des alten Fürsten Thurn und Taxis. Der Fürst
ist gestern zu Besuch aus Regensburg eingetroffen; sein magerer, eleganter
Windhundschädel hebt sich aus dem weinroten Kostüm eines genuesischen
Nobile, er freut sich darauf, diese Tracht, in der er besonders schlank
erscheint, zum erstenmal vorzuführen. Aber er hat offenbar Pech mit diesem
verdammten Juden. Hat damals in dem Schlößchen Monbijou der blaßgelbe
Salon seinen blaßgelben Rock geschlagen, so hat jetzt diese hebräische
Bestie ihre ganzen Domestiken in Weinrot gesteckt, so daß man ihn, den
Fürsten, für einen Lakaien halten muß, daß jedenfalls sein weinrotes
Kostüm um allen Effekt gebracht ist. Doch neben dem verärgerten Fürsten
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watschelt klein, dick und unscheinbar der Geheimrat Fichtel, mit Briefen
des Würzburger Bischofs auf zwei Tage in Stuttgart; er steckt kugelig in
Pumphosen und türkischem Rock, vergnügt unter dem Fez schaut sein
schlauer Kopf, jovial winkt er mit der kleinen, fleischigen Hand dem über
die Katholiken raunenden Volk zu.
Eine wackelige, dunkle Kutsche fuhr vor, ein einziger Diener hintenauf
in einer ganz alten, ausgestorbenen Tracht; ein langer Herr stieg heraus,
merkwürdig lautlos, blaurotes, entfleischtes Gesicht, glitt durch
verstummendes Volk ins Portal, der kurpfälzische Geheimrat Dom
Bartelemi Pancorbo; der Herzog selbst hatte den widerwilligen Süß
veranlaßt, den jetzt auf lange in Stuttgart weilenden Juwelenhändler
einzuladen. Dom Bartelemi Pancorbo erschien wie stets, den eingedrückten
Totenkopf herausgereckt aus schlotternder, schlecht sitzender, verschollener
Hoftracht, er brauchte weiter kein Kostüm.
Pünktlich zur festgesetzten Stunde fuhr die herzogliche Karosse vor. Karl
Alexander entstieg ihr, heute nur leicht hinkend, als antiker Held mächtig
und imposant: Marie Auguste aber, die Taille dünnstielig aus dem üppigen
pfauenblauen Reifrock herauswachsend, den Eidechsenkopf zierlich
züngelnd, war die Göttin Minerva. Sie trug eine Perücke diesmal, einen
artigen Goldhelm darauf, um die Brust schmiegte sich die Andeutung einer
feinen, goldenen Rüstung; ein Page trug ihr den Schild nach, ein anderer die
Eule.
Schon wollten die Fanfaren einsetzen, das herzogliche Paar zu begrüßen,
schon erschien Süß an der Türe des Empfangssaals, schon rangierte man
sich im Saal, als der Herzog im Vestibül verzog. Er hatte an Seite seines
Kirchenratspräsidenten ein Mädchen gesehen, groß und schön von Wuchs,
im Gewand einer Florentiner Gärtnerin; wie sie, den Mantel abnehmend,
sich den riesigen, bebänderten Strohhut zurechtsetzend, auf einen
Augenblick die Maske abnahm, sah er männlich kühne, bräunliche Wangen,
starkblaue Augen in seltsamem Widerspiel zu dunkeln, dichten Brauen. Er
fühlte sich gepackt wie seit Jahren nicht mehr beim Anblick einer Frau, die
Beine wurden ihm schwach, ein hohles Gefühl kroch ihm den Magen
herauf. Die Herzogin, leicht lächelnd, schickte die flinken Augen von Karl
Alexander zu dem Mädchen, das die Larve sogleich wieder vorgenommen
hatte. „Ich denke, Euer Liebden, wir sollten hineingehen,“ sagte sie. Da
kam auch schon Süß, schlank und elegant in sarazenischem Kostüm, sie
einzuholen. „Wer ist die Dame?“ fragte Karl Alexander. „Die Demoiselle
des Würzburger Bischofs auf zwei Tage in Stuttgart; er steckt kugelig in
Pumphosen und türkischem Rock, vergnügt unter dem Fez schaut sein
schlauer Kopf, jovial winkt er mit der kleinen, fleischigen Hand dem über
die Katholiken raunenden Volk zu.
Eine wackelige, dunkle Kutsche fuhr vor, ein einziger Diener hintenauf
in einer ganz alten, ausgestorbenen Tracht; ein langer Herr stieg heraus,
merkwürdig lautlos, blaurotes, entfleischtes Gesicht, glitt durch
verstummendes Volk ins Portal, der kurpfälzische Geheimrat Dom
Bartelemi Pancorbo; der Herzog selbst hatte den widerwilligen Süß
veranlaßt, den jetzt auf lange in Stuttgart weilenden Juwelenhändler
einzuladen. Dom Bartelemi Pancorbo erschien wie stets, den eingedrückten
Totenkopf herausgereckt aus schlotternder, schlecht sitzender, verschollener
Hoftracht, er brauchte weiter kein Kostüm.
Pünktlich zur festgesetzten Stunde fuhr die herzogliche Karosse vor. Karl
Alexander entstieg ihr, heute nur leicht hinkend, als antiker Held mächtig
und imposant: Marie Auguste aber, die Taille dünnstielig aus dem üppigen
pfauenblauen Reifrock herauswachsend, den Eidechsenkopf zierlich
züngelnd, war die Göttin Minerva. Sie trug eine Perücke diesmal, einen
artigen Goldhelm darauf, um die Brust schmiegte sich die Andeutung einer
feinen, goldenen Rüstung; ein Page trug ihr den Schild nach, ein anderer die
Eule.
Schon wollten die Fanfaren einsetzen, das herzogliche Paar zu begrüßen,
schon erschien Süß an der Türe des Empfangssaals, schon rangierte man
sich im Saal, als der Herzog im Vestibül verzog. Er hatte an Seite seines
Kirchenratspräsidenten ein Mädchen gesehen, groß und schön von Wuchs,
im Gewand einer Florentiner Gärtnerin; wie sie, den Mantel abnehmend,
sich den riesigen, bebänderten Strohhut zurechtsetzend, auf einen
Augenblick die Maske abnahm, sah er männlich kühne, bräunliche Wangen,
starkblaue Augen in seltsamem Widerspiel zu dunkeln, dichten Brauen. Er
fühlte sich gepackt wie seit Jahren nicht mehr beim Anblick einer Frau, die
Beine wurden ihm schwach, ein hohles Gefühl kroch ihm den Magen
herauf. Die Herzogin, leicht lächelnd, schickte die flinken Augen von Karl
Alexander zu dem Mädchen, das die Larve sogleich wieder vorgenommen
hatte. „Ich denke, Euer Liebden, wir sollten hineingehen,“ sagte sie. Da
kam auch schon Süß, schlank und elegant in sarazenischem Kostüm, sie
einzuholen. „Wer ist die Dame?“ fragte Karl Alexander. „Die Demoiselle
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Tochter des Weißensee, supponier ich,“ antwortete der Jude, „die
Demoiselle Magdalen Sibylle Weißenseein.“ Dann betraten die
Herrschaften den Saal, tief in die Knie sanken, sich neigend, die Gäste,
Fanfaren klangen.
Da die Herzogin Komödie sehr liebte, begann Süß den Abend mit der
Aufführung einer kleinen italienischen Oper „Der Wüstling wider Willen“.
Die neue Sängerin trat bei diesem Anlaß zum erstenmal auf, Graziella
Vitali, eine Napolitanerin, ein kleines, lebendiges Ding, leicht fett, gelbes,
hübsches, etwas derbes Gesicht mit zappelnden Augen. Süß hatte sich von
ihrer Wirkung auf den Herzog viel versprochen, so was war sonst Karl
Alexanders Schlag und Pläsier. Daraufhin hatte Süß auch der Sängerin
große Aussichten gemacht, und als sie nach der Komödie dem Herzog
präsentiert wurde, strich sie höchst beflissen um ihn herum, bot sich vor
aller Augen mit Gesten, Blicken ihm an, nur darauf wartend, daß er sich mit
ihr in ein verschlossenes Kabinett zurückziehe. Aber Karl Alexander hatte
nur zerstreutes, beiläufiges Interesse für sie, er sagte was wie: Auf später,
auf später! Es war offensichtlich, daß ihm für heute eine andere im Sinn lag.
Die Napolitanerin hatte alle Mühe, ihre strahlende, beflissene Maske zu
wahren, und als sie dann den Süß allein zu sprechen kriegte, sprang sie ihm
fast ins Gesicht.
Magdalen Sibylle hat auch während der Komödie die Maske kaum
abgenommen. Hinter ihr, unter dem großen Strohhut, versteckt sie das
nervöse, zuckende Gesicht. Sie hat sich gern zwingen lassen, mit dem Vater
hierherzukommen; aber jetzt versagt sie. Sie hat die Kraft nicht, den Teufel
zu bestehen. Wäre sie nie in diesen Saal gegangen. Sie ist ganz zerrissen
und zerstört von der Aufgabe. Wäre sie in Hirsau geblieben. Wäre sie dem
Teufel nicht begegnet. Jetzt nagt und kaut sie an dem Bissen und kann ihn
nicht hinunterschlucken und ist krank daran. Es war Eitelkeit und
Vermessenheit, den Teufel mit ihren armen Händen zu Gott
hinüberzuziehen. Seit sie erkannt hat, daß der Jud der Teufel ist, hat sie eine
nagende Ratte in der Brust. Wie hat sie zu Gott geschrien. Aber Gott
schwieg. Die Bücher der Demut, Erkenntnis, Versenkung sind Papier. Sie
starrt in die Luft, sie will in Gott untertauchen; aber die Luft bleibt leer,
kein Gesicht erscheint, es trägt sie nicht, alles ist schlaff und kahl und
dumm und tot. Im Swedenborg stehen Worte und sie klingen nicht und sie
packen sie nicht, sie läuft zur Beata Sturmin, der Heiligen, Blinden, aber sie
Demoiselle Magdalen Sibylle Weißenseein.“ Dann betraten die
Herrschaften den Saal, tief in die Knie sanken, sich neigend, die Gäste,
Fanfaren klangen.
Da die Herzogin Komödie sehr liebte, begann Süß den Abend mit der
Aufführung einer kleinen italienischen Oper „Der Wüstling wider Willen“.
Die neue Sängerin trat bei diesem Anlaß zum erstenmal auf, Graziella
Vitali, eine Napolitanerin, ein kleines, lebendiges Ding, leicht fett, gelbes,
hübsches, etwas derbes Gesicht mit zappelnden Augen. Süß hatte sich von
ihrer Wirkung auf den Herzog viel versprochen, so was war sonst Karl
Alexanders Schlag und Pläsier. Daraufhin hatte Süß auch der Sängerin
große Aussichten gemacht, und als sie nach der Komödie dem Herzog
präsentiert wurde, strich sie höchst beflissen um ihn herum, bot sich vor
aller Augen mit Gesten, Blicken ihm an, nur darauf wartend, daß er sich mit
ihr in ein verschlossenes Kabinett zurückziehe. Aber Karl Alexander hatte
nur zerstreutes, beiläufiges Interesse für sie, er sagte was wie: Auf später,
auf später! Es war offensichtlich, daß ihm für heute eine andere im Sinn lag.
Die Napolitanerin hatte alle Mühe, ihre strahlende, beflissene Maske zu
wahren, und als sie dann den Süß allein zu sprechen kriegte, sprang sie ihm
fast ins Gesicht.
Magdalen Sibylle hat auch während der Komödie die Maske kaum
abgenommen. Hinter ihr, unter dem großen Strohhut, versteckt sie das
nervöse, zuckende Gesicht. Sie hat sich gern zwingen lassen, mit dem Vater
hierherzukommen; aber jetzt versagt sie. Sie hat die Kraft nicht, den Teufel
zu bestehen. Wäre sie nie in diesen Saal gegangen. Sie ist ganz zerrissen
und zerstört von der Aufgabe. Wäre sie in Hirsau geblieben. Wäre sie dem
Teufel nicht begegnet. Jetzt nagt und kaut sie an dem Bissen und kann ihn
nicht hinunterschlucken und ist krank daran. Es war Eitelkeit und
Vermessenheit, den Teufel mit ihren armen Händen zu Gott
hinüberzuziehen. Seit sie erkannt hat, daß der Jud der Teufel ist, hat sie eine
nagende Ratte in der Brust. Wie hat sie zu Gott geschrien. Aber Gott
schwieg. Die Bücher der Demut, Erkenntnis, Versenkung sind Papier. Sie
starrt in die Luft, sie will in Gott untertauchen; aber die Luft bleibt leer,
kein Gesicht erscheint, es trägt sie nicht, alles ist schlaff und kahl und
dumm und tot. Im Swedenborg stehen Worte und sie klingen nicht und sie
packen sie nicht, sie läuft zur Beata Sturmin, der Heiligen, Blinden, aber sie
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kann ihr nichts mehr sagen, die Heilige ist ein armes, krankes,
altjüngferliches Geschöpf, kahle, säuerliche Luft ist um sie her.
Sie hat den Juden seit damals nicht wieder gesehen. Er hat mehrmals
nach ihrem Befinden fragen lassen, ihr Blumen geschickt, auch einmal den
Vater besucht, aber sie hat ihn gemieden. Einmal nur hat sie ihn gesehen,
auf dem Schloßplatz, reitend auf seiner Schimmelstute Assjadah, sehr
glänzend. Fluch, Haß, Neid prallte gegen den schlanken Rücken des
Reiters, aber er prallte ab daran, Luzifer schaute nicht um. Sie sah ihm
nach, ohnmächtiger als das fluchende Volk. Die hatten wenigstens Worte,
ihr schrumpften Herz, Zunge, Schultern unter ihrer Ohnmacht.
Sie hatte lange geschwankt, ehe sie zu der Assemblée gegangen war. Nun
war ihr der Abend eine Enttäuschung und arge Verstörung. Süß kümmerte
sich nicht um sie, er hatte kaum ein kaltes Wort glatt höflicher Begrüßung
an sie gerichtet. Sie konnte nicht wissen, daß dies kluge Berechnung war,
sie sah nur, Luzifer hatte kein Aug für sie. Sie nahm die Larve ab von dem
bräunlich kühnen, bewegend verstörten, zuckenden Gesicht: Luzifer hatte
kein Aug für sie. Dies schlug sie tiefer als eine Niederlage.
Aber ein anderer sah jetzt zum zweitenmal das bräunliche, bewegte
Antlitz, sah es lange kennerisch, genießerisch, sah es auf und ab, die
starkblauen, dringlichen Augen, ihr seltsames Widerspiel zu dem dunklen
Haar. Kotz Donner, diese Weißenseein! So was gab es also; so was war eine
Schwäbin, eine Untertanin. War eine Schwäbin besonderer Art. Das hätte
Karl Alexander nie gedacht, daß dem Weißensee, dem Fuchs, so ein feines
Gewächs im Haus heraufblühe. Er war auf das Fest gegangen mit der
vagen, ziellosen Gier nach was Neuem. Er hatte Arbeit hinter sich, war
ausgeruht, fühlte sich frisch. Das war was anderes, Neues. Jetzt hatte die
Soirée ein Ziel. Die welsche Komödiantin, von der Süß ihm
vorgeschwärmt, machte ihm nur neuen Appetit auf die feste, junge,
besondere Schwäbin.
Bald nach der Oper tafelt man. Das Souper ist weitläufig und voll Pracht.
Die Masken werden abgenommen, die erhitzten Gesichter schauen aus den
Kostümen fremdartig und vertraut und reizen doppelt. Gewürzte Speisen,
starke, fremde Weine, kräftige Trinksprüche. Aus einem Wunderwerk von
Pastete springt ein Kinderquartett heraus, Paris und die drei Göttinnen, aber
Paris reicht keiner von ihnen, er reicht der Herzogin den Apfel. Der
Geheimrat Fichtel, dick und kugelig in seinem türkischen Kostüm, bringt
einen Toast aus, in ganz pfiffigen Alexandrinern, voll von feinen, boshaften
altjüngferliches Geschöpf, kahle, säuerliche Luft ist um sie her.
Sie hat den Juden seit damals nicht wieder gesehen. Er hat mehrmals
nach ihrem Befinden fragen lassen, ihr Blumen geschickt, auch einmal den
Vater besucht, aber sie hat ihn gemieden. Einmal nur hat sie ihn gesehen,
auf dem Schloßplatz, reitend auf seiner Schimmelstute Assjadah, sehr
glänzend. Fluch, Haß, Neid prallte gegen den schlanken Rücken des
Reiters, aber er prallte ab daran, Luzifer schaute nicht um. Sie sah ihm
nach, ohnmächtiger als das fluchende Volk. Die hatten wenigstens Worte,
ihr schrumpften Herz, Zunge, Schultern unter ihrer Ohnmacht.
Sie hatte lange geschwankt, ehe sie zu der Assemblée gegangen war. Nun
war ihr der Abend eine Enttäuschung und arge Verstörung. Süß kümmerte
sich nicht um sie, er hatte kaum ein kaltes Wort glatt höflicher Begrüßung
an sie gerichtet. Sie konnte nicht wissen, daß dies kluge Berechnung war,
sie sah nur, Luzifer hatte kein Aug für sie. Sie nahm die Larve ab von dem
bräunlich kühnen, bewegend verstörten, zuckenden Gesicht: Luzifer hatte
kein Aug für sie. Dies schlug sie tiefer als eine Niederlage.
Aber ein anderer sah jetzt zum zweitenmal das bräunliche, bewegte
Antlitz, sah es lange kennerisch, genießerisch, sah es auf und ab, die
starkblauen, dringlichen Augen, ihr seltsames Widerspiel zu dem dunklen
Haar. Kotz Donner, diese Weißenseein! So was gab es also; so was war eine
Schwäbin, eine Untertanin. War eine Schwäbin besonderer Art. Das hätte
Karl Alexander nie gedacht, daß dem Weißensee, dem Fuchs, so ein feines
Gewächs im Haus heraufblühe. Er war auf das Fest gegangen mit der
vagen, ziellosen Gier nach was Neuem. Er hatte Arbeit hinter sich, war
ausgeruht, fühlte sich frisch. Das war was anderes, Neues. Jetzt hatte die
Soirée ein Ziel. Die welsche Komödiantin, von der Süß ihm
vorgeschwärmt, machte ihm nur neuen Appetit auf die feste, junge,
besondere Schwäbin.
Bald nach der Oper tafelt man. Das Souper ist weitläufig und voll Pracht.
Die Masken werden abgenommen, die erhitzten Gesichter schauen aus den
Kostümen fremdartig und vertraut und reizen doppelt. Gewürzte Speisen,
starke, fremde Weine, kräftige Trinksprüche. Aus einem Wunderwerk von
Pastete springt ein Kinderquartett heraus, Paris und die drei Göttinnen, aber
Paris reicht keiner von ihnen, er reicht der Herzogin den Apfel. Der
Geheimrat Fichtel, dick und kugelig in seinem türkischen Kostüm, bringt
einen Toast aus, in ganz pfiffigen Alexandrinern, voll von feinen, boshaften
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Spitzen gegen die Landschaft, und die katholischen Offiziere huldigen
lärmend dem Herzog.
Gnomen tanzen herein, plündern die Schmuckvitrinen, überreichen
possierlich den Frauen die glitzernden Geschenke, die Süß ihnen bestimmt
hat. Dom Bartelemi schaute scharf zu, wie sie Stein um Stein, Kettlein um
Kettlein, Spänglein um Spänglein verteilten. Der ungeheuer lange Mensch,
die rechte Schulter kurios hochgezogen, das blaurote, entfleischte Gesicht
auf dürrem Hals aus der zeremoniösen Krause der altertümlichen
Portugiesertracht reckend, schickte hinter faltigem Lid die länglichen,
starren, schmalen Augen auf unablässige Wanderschaft. Tief in den Höhlen
lagen sie, lauerten sie aus dem zerdrückten Totenkopf. Der kurpfälzische
Geheimrat, auch Tabakmanufaktur- und Kommerzien-Generaldirektor ließ
sich von den Damen die einzelnen Geschenke weisen, wertete sie
sachkundig. Mit tiefem Unbehagen hörte Süß die hohle, kalte, langsame
Stimme, die seine Offerten so oft unterboten, ihm so manchen Handel
gehindert, ihn so lange klein und unscheinbar gemacht hatte. Angewidert
sah er und kalt überschauert die ausgeglühte Leidenschaft, mit der Dom
Bartelemi die flirrenden Steine durch seine langen, dürren, blauroten Hände
rieseln ließ. Sie schauten sich an, sie beschielten sich, zwei stoßgierige
Raubvögel, alt, kahl, ungeheuer erfahren der eine, der andere kleiner,
jünger, spielerisch wilder.
„Feine Steine, gute Steine,“ sagte Dom Bartelemi. „Aber ein Dreck
gegen den Solitär. Laßt mich Euren Solitär anschauen,“ sagte er zu Süß.
Und, den Solitär zärtlich zwischen den Spinnenfingern, bellte er mit seiner
kellerigen Stimme durch die aufhorchenden Gäste: „Was verlangt Ihr für
den Stein, Herr Finanzdirektor?“ „Ich verkauf ihn nicht,“ sagte Süß. „Ich
biete Euch die pfälzische Tabakmanufaktur,“ drängte der Portugiese. „Ich
verkauf ihn nicht,“ wiederholte heftig der Jude. Zögernd gab Dom
Bartelemi den Stein zurück, und die Herzogin erklärte: „Nun steckt sich
mein Jud die pfälzische Tabakmanufaktur an den Finger.“
Aber da schickte der welsche Konfisier das Dessert herein. Es war ein
herrliches Kunstwerk, und der Konditor Benz hätte eine Woche nicht
schlafen können vor Neid, wenn er es gesehen hätte. Es stellte aus Kuchen
und Gefrorenem Festungen dar, die Karl Alexander erobert hatte, und ein
ganz besonders bewundertes Schaustück bildete den Triumph des Merkur
nach, der oben auf der Decke posaunte.
lärmend dem Herzog.
Gnomen tanzen herein, plündern die Schmuckvitrinen, überreichen
possierlich den Frauen die glitzernden Geschenke, die Süß ihnen bestimmt
hat. Dom Bartelemi schaute scharf zu, wie sie Stein um Stein, Kettlein um
Kettlein, Spänglein um Spänglein verteilten. Der ungeheuer lange Mensch,
die rechte Schulter kurios hochgezogen, das blaurote, entfleischte Gesicht
auf dürrem Hals aus der zeremoniösen Krause der altertümlichen
Portugiesertracht reckend, schickte hinter faltigem Lid die länglichen,
starren, schmalen Augen auf unablässige Wanderschaft. Tief in den Höhlen
lagen sie, lauerten sie aus dem zerdrückten Totenkopf. Der kurpfälzische
Geheimrat, auch Tabakmanufaktur- und Kommerzien-Generaldirektor ließ
sich von den Damen die einzelnen Geschenke weisen, wertete sie
sachkundig. Mit tiefem Unbehagen hörte Süß die hohle, kalte, langsame
Stimme, die seine Offerten so oft unterboten, ihm so manchen Handel
gehindert, ihn so lange klein und unscheinbar gemacht hatte. Angewidert
sah er und kalt überschauert die ausgeglühte Leidenschaft, mit der Dom
Bartelemi die flirrenden Steine durch seine langen, dürren, blauroten Hände
rieseln ließ. Sie schauten sich an, sie beschielten sich, zwei stoßgierige
Raubvögel, alt, kahl, ungeheuer erfahren der eine, der andere kleiner,
jünger, spielerisch wilder.
„Feine Steine, gute Steine,“ sagte Dom Bartelemi. „Aber ein Dreck
gegen den Solitär. Laßt mich Euren Solitär anschauen,“ sagte er zu Süß.
Und, den Solitär zärtlich zwischen den Spinnenfingern, bellte er mit seiner
kellerigen Stimme durch die aufhorchenden Gäste: „Was verlangt Ihr für
den Stein, Herr Finanzdirektor?“ „Ich verkauf ihn nicht,“ sagte Süß. „Ich
biete Euch die pfälzische Tabakmanufaktur,“ drängte der Portugiese. „Ich
verkauf ihn nicht,“ wiederholte heftig der Jude. Zögernd gab Dom
Bartelemi den Stein zurück, und die Herzogin erklärte: „Nun steckt sich
mein Jud die pfälzische Tabakmanufaktur an den Finger.“
Aber da schickte der welsche Konfisier das Dessert herein. Es war ein
herrliches Kunstwerk, und der Konditor Benz hätte eine Woche nicht
schlafen können vor Neid, wenn er es gesehen hätte. Es stellte aus Kuchen
und Gefrorenem Festungen dar, die Karl Alexander erobert hatte, und ein
ganz besonders bewundertes Schaustück bildete den Triumph des Merkur
nach, der oben auf der Decke posaunte.
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Nach Tafel, während der Ball beginnt, sitzt das Herzogspaar mit den
bevorzugtesten der Gäste im Wintergarten. Marie Auguste medisiert mit
Herrn von Riolles, der in seinem weiten Kimono mit dem kahlen,
beweglichen, gelüstigen Gesicht unter den Pflanzen wie ein maskierter Affe
wirkt. Dom Bartelemi klopft und kratzt an Stuck, Marmor, Lapislazuli
herum, steht vor den Schmuckvitrinen. Aber der Geheimrat Fichtel sitzt vor
seinem Kaffee und führt mit seinem Freund Weißensee ein hintergründiges,
umwegiges diplomatisches Gespräch. Und Remchingen läßt seinen Unmut
über die Herzogin an Süß aus und überschüttet den Gelassenen, Höflichen
mit plump unflätigen Späßen.
Abseits sitzt der Herzog mit Magdalen Sibylle. Gleich nach Tafel, er hat
stark getrunken, hat er dem Süß einen Wink gegeben, er solle ihm sein
Schlafzimmer und das Kabinett überlassen und die Magdalen Sibylle auf
irgendeine Manier dorthin bringen. Den Süß, wie er das hörte, stach es fein
und ganz spitz, er sah das Mädchen, wie sie ihn im Wald das erstemal
erblickte und schrie und davonlief, und später in seinem Arbeitszimmer, wie
sie umfiel und bräunlich-fahl und ohnmächtig und sehr jung dalag;
eigentlich gehörte die Magdalen Sibylle ganz ihm, man brauchte keine
scharfen Augen zu haben und sah, daß das Mädel ein einziger Drang zu ihm
war, und er hatte, wie jetzt Karl Alexander von ihr sprach, eine rasende
Begier nach ihr. Aber er war so gewohnt, daß erst das Geschäft und der
Herzog kam und Weiber und Geilheit und Sentiment erst hinterher, daß er
sogleich mit dem üblichen hemmungslos ergebenen Blick sagte, er freue
sich, Seiner Hoheit dienen zu dürfen. Er mache Seine Durchlaucht bloß
submissest darauf aufmerksam, daß die Demoiselle, soviel er wisse, eine
Erweckte sei, somit schwer traktabel und leicht Zustände kriegend; auch sei
seines Bedünkens dieses Faß noch nicht angestochen. „Hat Er’s probiert?“
lachte schallend der Herzog, und nochmals: „Hat Er’s probiert?“ Und
gerade nach so was jücke es ihn heut, und daß sie eine Pietistin sei, würze
den Braten doppelt. Und er nickte dem Weißensee, der nicht fern mit
Fichtel und Schütz Konversation machte, jovial und gnädig zu.
Wie er jetzt mit ihr im Wintergarten saß, begann er also, sie um ihre
Pietisterei zu hänseln. Er sei zwar ein Katholik und ganz gemeiner Ketzer,
aber sein Hofkirchenrat, der doch darin kompetent sein müsse, ihr Herr
Vater voran, sei gar nicht einverstanden mit den schwärmerischen
Lehrmeinungen; er habe erst gestern ein Reskript unterzeichnen müssen,
das einer gewissen Frau von Molk die Abhaltung sektiererischer
bevorzugtesten der Gäste im Wintergarten. Marie Auguste medisiert mit
Herrn von Riolles, der in seinem weiten Kimono mit dem kahlen,
beweglichen, gelüstigen Gesicht unter den Pflanzen wie ein maskierter Affe
wirkt. Dom Bartelemi klopft und kratzt an Stuck, Marmor, Lapislazuli
herum, steht vor den Schmuckvitrinen. Aber der Geheimrat Fichtel sitzt vor
seinem Kaffee und führt mit seinem Freund Weißensee ein hintergründiges,
umwegiges diplomatisches Gespräch. Und Remchingen läßt seinen Unmut
über die Herzogin an Süß aus und überschüttet den Gelassenen, Höflichen
mit plump unflätigen Späßen.
Abseits sitzt der Herzog mit Magdalen Sibylle. Gleich nach Tafel, er hat
stark getrunken, hat er dem Süß einen Wink gegeben, er solle ihm sein
Schlafzimmer und das Kabinett überlassen und die Magdalen Sibylle auf
irgendeine Manier dorthin bringen. Den Süß, wie er das hörte, stach es fein
und ganz spitz, er sah das Mädchen, wie sie ihn im Wald das erstemal
erblickte und schrie und davonlief, und später in seinem Arbeitszimmer, wie
sie umfiel und bräunlich-fahl und ohnmächtig und sehr jung dalag;
eigentlich gehörte die Magdalen Sibylle ganz ihm, man brauchte keine
scharfen Augen zu haben und sah, daß das Mädel ein einziger Drang zu ihm
war, und er hatte, wie jetzt Karl Alexander von ihr sprach, eine rasende
Begier nach ihr. Aber er war so gewohnt, daß erst das Geschäft und der
Herzog kam und Weiber und Geilheit und Sentiment erst hinterher, daß er
sogleich mit dem üblichen hemmungslos ergebenen Blick sagte, er freue
sich, Seiner Hoheit dienen zu dürfen. Er mache Seine Durchlaucht bloß
submissest darauf aufmerksam, daß die Demoiselle, soviel er wisse, eine
Erweckte sei, somit schwer traktabel und leicht Zustände kriegend; auch sei
seines Bedünkens dieses Faß noch nicht angestochen. „Hat Er’s probiert?“
lachte schallend der Herzog, und nochmals: „Hat Er’s probiert?“ Und
gerade nach so was jücke es ihn heut, und daß sie eine Pietistin sei, würze
den Braten doppelt. Und er nickte dem Weißensee, der nicht fern mit
Fichtel und Schütz Konversation machte, jovial und gnädig zu.
Wie er jetzt mit ihr im Wintergarten saß, begann er also, sie um ihre
Pietisterei zu hänseln. Er sei zwar ein Katholik und ganz gemeiner Ketzer,
aber sein Hofkirchenrat, der doch darin kompetent sein müsse, ihr Herr
Vater voran, sei gar nicht einverstanden mit den schwärmerischen
Lehrmeinungen; er habe erst gestern ein Reskript unterzeichnen müssen,
das einer gewissen Frau von Molk die Abhaltung sektiererischer
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Zusammenkünfte bei schwerer Strafe verbiete. Wie er die Beata Sturmin
gesehen habe, die Heilige, das Haupt der ganzen Bewegung, habe er sich
gedacht, so viel sei sicher, daß der Umgang mit Engeln eine Frau nicht just
reizvoll mache; jetzt, da er sie kenne, die Magdalen Sibylle, vermeine er,
daß der Verkehr mit Gott und den Engeln doch viel für sich habe. Ob sie ihn
nicht ein weniges unterweisen wolle. Magdalen Sibylle hörte dem platten
Gewitzel gequält zu. Sie hatte Furcht vor Karl Alexander, vor seinem
erhitzten Gesicht, seinen gefräßigen Augen. Seine Frivolitäten reizten sie
nicht, sie fühlte sich leer von Gott, sonst wäre sie ob solcher Lästerung
wohl aufgewallt und hätte nicht gebangt, auch diesem wütigen
Nebukadnezar ihre zornige Verachtung ins Gesicht zu glühen. Jetzt fühlte
sie nur Widerwillen, sie war so müd und traurig, und Gott blieb im Dunkel
sitzen, Gott würdigte sie keiner Antwort, Gott verwarf sie.
Sie hörte wieder die laute, polternde Stimme Karl Alexanders. Sie solle
nicht glauben, er verstehe gar nichts von ihren Dingen. In Venedig habe er
sich viel mit Geistersehern abgegeben, und wenn er auch keinen
Swedenborg gelesen habe, so kenne er doch auch in Deutschland einen
Magus, der in die Zukunft schauen könne und erstaunlich gute Relation mit
unserm Herrgott habe. Es sei freilich ein alter Jud, Magdalen Sibylle sei
ihm lieber, und wenn er fürderhin eine Auskunft vom lieben Gott brauche,
rechne er darauf, daß er sich an sie wenden dürfe. Dabei nahm er ihr die
Larve ab, und seine gefräßigen und gewalttätigen Augen drangen zügellos
auf sie ein.
Es war furchtbar heiß im Wintergarten, die fremdartigen Bäume und
Gewächse bewegten sich im Schein der Kerzen wie Menschen, Musik
schwamm erregend herein, Magdalen Sibylle hatte rasende Kopfschmerzen,
die Augen und die Worte des Herzogs zerrten an ihr wie etwas Scharfes,
Schneidendes. Sie sah, wie die Worte herauskamen aus seinem üppigen,
geilen und bedrohlichen Mund, auf sie zukamen, sie stachen, zwickten, an
der Haut ihrer Seele rissen. Sie fühlte sich gespannt zum Zerreißen, gleich
wird sie etwas Wildes, Unsinniges tun; da, im letzten Augenblick, erlöst sie
ein Page der Herzogin, bringt ihr den Auftrag, Ihrer Durchlaucht
aufzuwarten.
Marie Auguste saß in einem größeren Kreis. Süß war um sie, Herr von
Riolles, der Geheimrat Schütz, dann der junge Aktuarius Götz, blond,
dumm, frisch, aus einer der angesehensten Familien, im Schäferkostüm, mit
seiner Mutter, der Geheimrätin Götz, und seiner Schwester Elisabeth
gesehen habe, die Heilige, das Haupt der ganzen Bewegung, habe er sich
gedacht, so viel sei sicher, daß der Umgang mit Engeln eine Frau nicht just
reizvoll mache; jetzt, da er sie kenne, die Magdalen Sibylle, vermeine er,
daß der Verkehr mit Gott und den Engeln doch viel für sich habe. Ob sie ihn
nicht ein weniges unterweisen wolle. Magdalen Sibylle hörte dem platten
Gewitzel gequält zu. Sie hatte Furcht vor Karl Alexander, vor seinem
erhitzten Gesicht, seinen gefräßigen Augen. Seine Frivolitäten reizten sie
nicht, sie fühlte sich leer von Gott, sonst wäre sie ob solcher Lästerung
wohl aufgewallt und hätte nicht gebangt, auch diesem wütigen
Nebukadnezar ihre zornige Verachtung ins Gesicht zu glühen. Jetzt fühlte
sie nur Widerwillen, sie war so müd und traurig, und Gott blieb im Dunkel
sitzen, Gott würdigte sie keiner Antwort, Gott verwarf sie.
Sie hörte wieder die laute, polternde Stimme Karl Alexanders. Sie solle
nicht glauben, er verstehe gar nichts von ihren Dingen. In Venedig habe er
sich viel mit Geistersehern abgegeben, und wenn er auch keinen
Swedenborg gelesen habe, so kenne er doch auch in Deutschland einen
Magus, der in die Zukunft schauen könne und erstaunlich gute Relation mit
unserm Herrgott habe. Es sei freilich ein alter Jud, Magdalen Sibylle sei
ihm lieber, und wenn er fürderhin eine Auskunft vom lieben Gott brauche,
rechne er darauf, daß er sich an sie wenden dürfe. Dabei nahm er ihr die
Larve ab, und seine gefräßigen und gewalttätigen Augen drangen zügellos
auf sie ein.
Es war furchtbar heiß im Wintergarten, die fremdartigen Bäume und
Gewächse bewegten sich im Schein der Kerzen wie Menschen, Musik
schwamm erregend herein, Magdalen Sibylle hatte rasende Kopfschmerzen,
die Augen und die Worte des Herzogs zerrten an ihr wie etwas Scharfes,
Schneidendes. Sie sah, wie die Worte herauskamen aus seinem üppigen,
geilen und bedrohlichen Mund, auf sie zukamen, sie stachen, zwickten, an
der Haut ihrer Seele rissen. Sie fühlte sich gespannt zum Zerreißen, gleich
wird sie etwas Wildes, Unsinniges tun; da, im letzten Augenblick, erlöst sie
ein Page der Herzogin, bringt ihr den Auftrag, Ihrer Durchlaucht
aufzuwarten.
Marie Auguste saß in einem größeren Kreis. Süß war um sie, Herr von
Riolles, der Geheimrat Schütz, dann der junge Aktuarius Götz, blond,
dumm, frisch, aus einer der angesehensten Familien, im Schäferkostüm, mit
seiner Mutter, der Geheimrätin Götz, und seiner Schwester Elisabeth
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Salomea. Die beiden Damen, Mutter und Tochter, sahen sich lächerlich
ähnlich, sie sahen aus wie Schwestern, beide blaßfarbig, zart und
langgliedrig, sehr hübsch, mit hellem, reichem Haar und großen,
schwärmerischen, törichten Augen. Sie saßen, flachsblond und lieblich, in
nicht sehr originellen, etwas aus der Mode gekommenen
Schäferinnenkostümen, und himmelten mit ihren hellen, naiven Stimmen,
ihren liebenswerten, unklugen Augen die Herzogin an. Eben schritt träg und
statiös die Sophie Fischerin zurück in den Wintergarten, die schöne, üppige
Mätresse des Süß, und Marie Auguste konnte sich nicht enthalten, ihren
Hausjuden ein weniges mit ihr aufzuziehen. Der hatte nämlich, offenbar als
Entgelt für die Tochter, die Ernennung des Vaters, des Kammerfiskals
Fischer, zum Expeditionsrat durchgesetzt. Süß stand in seinem
sarazenischen Kostüm männlich rank und elegant vor den Damen; gewandt
und unverlegen spöttelte er zurück, gewiß, die Jungfer Fischerin sei ihm
eine liebe und willkommene Hausdame gewesen; aber nachdem Seine
Durchlaucht geruht hätten, ihren Vater in ein so angesehenes Amt zu
erheben, könne er ihre Dienste doch wohl nicht mehr in Anspruch nehmen;
die Tochter eines so hohen Beamten, das schicke sich doch nicht. Er
lächelte und schloß frech-gleichgültig, er werde sie also morgen aus seinem
Hause entlassen. Die kleine Gesellschaft war erstaunt über die zynische
Offenheit, mit der er seine Mätresse so elegant höhnend entlohnte und
entließ. Die Herzogin amüsierte sich, auch Herrn von Schütz gefiel diese
weltmännische Art offensichtlich, der junge, dumme Aktuarius Götz wußte
nicht recht, was er machen solle, er legte großes Gewicht auf korrekte
Form, er wußte nicht, solle er dem Juden beipflichten oder ihm zu Leib, er
entschied sich schließlich für ein stummes, martialisches Gesicht. Die
zarten und süßen Damen Götz aber, Mutter wie Tochter, bestaunten die
überlegene Eleganz, mit der dieser Kavalier eine Amour beendete, und
schauten voll Bewunderung und zärtlichen Interesses zu ihm auf.
In diesen Kreis trat jetzt Magdalen Sibylle. Die Herzogin hatte bemerkt,
wie sehr sich Karl Alexander mit ihr beschäftigte, auch ihr gefiel das
Mädchen mit dem bräunlich kühnen, bewegten Antlitz und dem seltsamen
Widerspiel der blauen Augen zu dem dunklen Haar. Neugierig wollte sie
näher beschauen, was an ihr Attraktives sei. Sie reichte ihr wohlwollend die
Hand zum Kuß, betrachtete sie lässig und ungeniert. Magdalen Sibylle hatte
einen kleinen, scheuen Seitenblick hinüber zu Süß. Der hatte sich, wie sie
kam, tief verneigt, jetzt stand er ernst und förmlich. Sie war wie erlöst, daß
ähnlich, sie sahen aus wie Schwestern, beide blaßfarbig, zart und
langgliedrig, sehr hübsch, mit hellem, reichem Haar und großen,
schwärmerischen, törichten Augen. Sie saßen, flachsblond und lieblich, in
nicht sehr originellen, etwas aus der Mode gekommenen
Schäferinnenkostümen, und himmelten mit ihren hellen, naiven Stimmen,
ihren liebenswerten, unklugen Augen die Herzogin an. Eben schritt träg und
statiös die Sophie Fischerin zurück in den Wintergarten, die schöne, üppige
Mätresse des Süß, und Marie Auguste konnte sich nicht enthalten, ihren
Hausjuden ein weniges mit ihr aufzuziehen. Der hatte nämlich, offenbar als
Entgelt für die Tochter, die Ernennung des Vaters, des Kammerfiskals
Fischer, zum Expeditionsrat durchgesetzt. Süß stand in seinem
sarazenischen Kostüm männlich rank und elegant vor den Damen; gewandt
und unverlegen spöttelte er zurück, gewiß, die Jungfer Fischerin sei ihm
eine liebe und willkommene Hausdame gewesen; aber nachdem Seine
Durchlaucht geruht hätten, ihren Vater in ein so angesehenes Amt zu
erheben, könne er ihre Dienste doch wohl nicht mehr in Anspruch nehmen;
die Tochter eines so hohen Beamten, das schicke sich doch nicht. Er
lächelte und schloß frech-gleichgültig, er werde sie also morgen aus seinem
Hause entlassen. Die kleine Gesellschaft war erstaunt über die zynische
Offenheit, mit der er seine Mätresse so elegant höhnend entlohnte und
entließ. Die Herzogin amüsierte sich, auch Herrn von Schütz gefiel diese
weltmännische Art offensichtlich, der junge, dumme Aktuarius Götz wußte
nicht recht, was er machen solle, er legte großes Gewicht auf korrekte
Form, er wußte nicht, solle er dem Juden beipflichten oder ihm zu Leib, er
entschied sich schließlich für ein stummes, martialisches Gesicht. Die
zarten und süßen Damen Götz aber, Mutter wie Tochter, bestaunten die
überlegene Eleganz, mit der dieser Kavalier eine Amour beendete, und
schauten voll Bewunderung und zärtlichen Interesses zu ihm auf.
In diesen Kreis trat jetzt Magdalen Sibylle. Die Herzogin hatte bemerkt,
wie sehr sich Karl Alexander mit ihr beschäftigte, auch ihr gefiel das
Mädchen mit dem bräunlich kühnen, bewegten Antlitz und dem seltsamen
Widerspiel der blauen Augen zu dem dunklen Haar. Neugierig wollte sie
näher beschauen, was an ihr Attraktives sei. Sie reichte ihr wohlwollend die
Hand zum Kuß, betrachtete sie lässig und ungeniert. Magdalen Sibylle hatte
einen kleinen, scheuen Seitenblick hinüber zu Süß. Der hatte sich, wie sie
kam, tief verneigt, jetzt stand er ernst und förmlich. Sie war wie erlöst, daß
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sie den Herzog nicht mehr hören mußte, sie spürte das Wohlwollen, das von
der Herzogin zu ihr herüberging, aber die gleichgültige Förmlichkeit im
Gesicht des Süß verwirrte sie von neuem. Sie saß stumm, während die
anderen weiter leicht und belanglos konversierten, und plötzlich löste sich
Furcht, Spannung, Enttäuschung, Empörung, Erwartung in ein
ungehemmtes Schluchzen, das sie vor die Herzogin hinwarf. Betretenheit
und leichtes Schmunzeln bei den anderen, Marie Auguste streichelte mit der
kleinen, zierlichen, fleischigen Hand die große, kalte des Mädchens. Süß
aber nützte geschickt die Gelegenheit, sagte, er werde sorgen, daß sie sich
beruhige, führte die Befangene, Geschüttelte fort. Es feixte der Chinese
Riolles, es lächelte der Spanier Schütz, der Phantasieschäfer Aktuarius Götz
fand wieder keinen anderen Ausweg als eine kriegerische Miene. Aber die
Herzogin, unbefangen weiterschwatzend, suchte mit den Augen ihren
Gemahl und konstatierte befriedigt, wie er, da Süß das Mädchen in seiner
Nähe vorbeiführte, ihm zublinzelte.
Das Zimmer, in das der Jude Magdalen Sibylle führte, war kühl, wenn
man aus den von Kerzen, Wein und Menschen überheißen Sälen kam. Es
war das Zimmer vor dem Schlafgemach, durch eine Portière sah man das
Prunkbett mit den goldenen Amoretten. Hierher hatte man aus den übrigen
Räumen allerlei Dinge zusammengestellt, die dort dem Maskenfest im Weg
gestanden wären, Zerbrechliches, Porzellan, Chinoiserien, das Bauer mit
dem Papagei Akiba. Der Lärm des Festes klang hier nur sehr leise, nach den
menschenvollen Sälen wirkte das kleine Zimmer mit seiner frischeren Luft,
seiner Leere, Stille, Kühle wohlig sänftigend.
Magdalen Sibylle saß auf einem niedrigen Diwan, ruhiger atmend,
gelöster die Haltung. Sie sah groß aus, wie sie so dasaß, warm und
gelockert von all der Wirrung und Erregung, und Süß, der geschmeidig und
verbindlich vor ihr stand, begehrte sie sehr. Es traf sich schlecht und
ungeschickt, daß jetzt der andere kommen wird, der wahrscheinlich gar
nicht zu schmecken verstand, was Köstliches ihm da zufiel.
Das Mädchen schaute langsam mit seinen großen, erfüllten Augen den
Mann an. Süß hielt es für angebracht, den Blick mit jener hemmungslosen
Hingabe zu erwidern, in der er geübt war, und solcher Hingabe im
besonderen Fall etwas Väterlichkeit beizumischen. Armer Luzifer! dachte
Magdalen Sibylle. Er ist ein sehr Verirrter und Unglücklicher. Es hat keinen
Sinn, zu eifern und ihm mit wilder und empörter Beschwörung zu Leib zu
rücken. Ich werde ihn ganz sacht an der Hand nehmen und ihm mit
der Herzogin zu ihr herüberging, aber die gleichgültige Förmlichkeit im
Gesicht des Süß verwirrte sie von neuem. Sie saß stumm, während die
anderen weiter leicht und belanglos konversierten, und plötzlich löste sich
Furcht, Spannung, Enttäuschung, Empörung, Erwartung in ein
ungehemmtes Schluchzen, das sie vor die Herzogin hinwarf. Betretenheit
und leichtes Schmunzeln bei den anderen, Marie Auguste streichelte mit der
kleinen, zierlichen, fleischigen Hand die große, kalte des Mädchens. Süß
aber nützte geschickt die Gelegenheit, sagte, er werde sorgen, daß sie sich
beruhige, führte die Befangene, Geschüttelte fort. Es feixte der Chinese
Riolles, es lächelte der Spanier Schütz, der Phantasieschäfer Aktuarius Götz
fand wieder keinen anderen Ausweg als eine kriegerische Miene. Aber die
Herzogin, unbefangen weiterschwatzend, suchte mit den Augen ihren
Gemahl und konstatierte befriedigt, wie er, da Süß das Mädchen in seiner
Nähe vorbeiführte, ihm zublinzelte.
Das Zimmer, in das der Jude Magdalen Sibylle führte, war kühl, wenn
man aus den von Kerzen, Wein und Menschen überheißen Sälen kam. Es
war das Zimmer vor dem Schlafgemach, durch eine Portière sah man das
Prunkbett mit den goldenen Amoretten. Hierher hatte man aus den übrigen
Räumen allerlei Dinge zusammengestellt, die dort dem Maskenfest im Weg
gestanden wären, Zerbrechliches, Porzellan, Chinoiserien, das Bauer mit
dem Papagei Akiba. Der Lärm des Festes klang hier nur sehr leise, nach den
menschenvollen Sälen wirkte das kleine Zimmer mit seiner frischeren Luft,
seiner Leere, Stille, Kühle wohlig sänftigend.
Magdalen Sibylle saß auf einem niedrigen Diwan, ruhiger atmend,
gelöster die Haltung. Sie sah groß aus, wie sie so dasaß, warm und
gelockert von all der Wirrung und Erregung, und Süß, der geschmeidig und
verbindlich vor ihr stand, begehrte sie sehr. Es traf sich schlecht und
ungeschickt, daß jetzt der andere kommen wird, der wahrscheinlich gar
nicht zu schmecken verstand, was Köstliches ihm da zufiel.
Das Mädchen schaute langsam mit seinen großen, erfüllten Augen den
Mann an. Süß hielt es für angebracht, den Blick mit jener hemmungslosen
Hingabe zu erwidern, in der er geübt war, und solcher Hingabe im
besonderen Fall etwas Väterlichkeit beizumischen. Armer Luzifer! dachte
Magdalen Sibylle. Er ist ein sehr Verirrter und Unglücklicher. Es hat keinen
Sinn, zu eifern und ihm mit wilder und empörter Beschwörung zu Leib zu
rücken. Ich werde ihn ganz sacht an der Hand nehmen und ihm mit
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sänftlichen Worten zureden, bis er zu Gott zurückfindet. Wie konnte ich
zweifeln, ob ich die Kraft haben werde zu meiner Sendung. Er wartet ja nur
darauf, daß jemand komme und ihn mit Gott versöhne.
„Ich bin untröstlich, Demoiselle,“ sagte mittlerweile mit seiner dunklen,
streichelnden Stimme der Jude, „daß Ihnen immer in meiner Gegenwart ein
Akzident unterläuft. Das erstemal, als ich das Glück hatte, Sie zu sehen, im
Wald von Hirsau, unter den Bäumen, liefen Sie vor mir davon. Als Sie mir
dann mit Ihrem Herrn Vater die Ehre Ihrer Aufwartung machten, wurde
Ihnen in meinem Hause nicht wohl. Heute, wo ich glaubte, nach meinen
bescheidenen Kräften alles getan zu haben, meine Gäste in guten Humor zu
setzen, sehe ich zu meinem schmerzhaftesten Bedauern, daß ich es wieder
nicht getroffen habe. Ist meine Visage wirklich so abominabel und
widerwärtig, Demoiselle? Oder sind es vielleicht doch nur fatale Zufälle?“
Und er neigte sich zu ihr, die groß und gerötet auf dem Diwan saß.
„Simulieren Sie nicht länger, Herr Finanzdirektor,“ sagte sie plötzlich mit
einem tapferen Anlauf und sah ihn groß, fromm und dringlich an. „Ich weiß
sehr gut, daß Sie Luzifer sind, Sohn des Belial, und Sie wissen, daß ich
gesandt und gekommen bin, mit Ihnen zu ringen und Sie Gott zu
unterwerfen.“
Süß hatte viel Uebung mit Weibern, er war an Ueberraschungen gewöhnt,
er verlor nie seine Fassung und zeigte sich nie perplex. Aber diese Anrede
kam ihm völlig unerwartet, verschlug ihm die Sprache, er wußte, zum
erstenmal, keine Antwort. Es schickte sich glücklich für ihn, daß Magdalen
Sibylle offenbar auch gar keine Antwort erwartete, sondern nach einer
Atempause weitersprach. Sie begreife es sehr wohl, daß er glaube, Gott,
sein Widersacher, werde ihn zurückstoßen; es sei gewiß auch ein
ungeheurer Entschluß, von tausendjährigem Trotz zu lassen. Aber wenn
dieser Trotz und arge Verstocktheit erst abfalle, dann sei die Seele wie
befreit von bösem Schorf und bade in Gott wie in liebem, lauem, sichtigem
Wasser. Dergleichen redete sie mehr und dringlich und streckte ihm im
Eifer die Hand hin.
Süß hatte sich mit der ihm eigenen Flinkheit auf das pietistische
Diktionär eingestellt, er ergriff ihre Hand, begann eine rasch präparierte
Antwort, und sie waren beide auf dem besten Wege, als plötzlich der
Herzog im Zimmer stand. Mit weiteren Pupillen, erschreckt, hilfesuchend,
starrte Magdalen Sibylle auf Süß, gepreßt, hörbar atmend. Aber der Jude
sagte verbindlich, er müsse zurück zu seinen Gästen, und auf einmal war sie
zweifeln, ob ich die Kraft haben werde zu meiner Sendung. Er wartet ja nur
darauf, daß jemand komme und ihn mit Gott versöhne.
„Ich bin untröstlich, Demoiselle,“ sagte mittlerweile mit seiner dunklen,
streichelnden Stimme der Jude, „daß Ihnen immer in meiner Gegenwart ein
Akzident unterläuft. Das erstemal, als ich das Glück hatte, Sie zu sehen, im
Wald von Hirsau, unter den Bäumen, liefen Sie vor mir davon. Als Sie mir
dann mit Ihrem Herrn Vater die Ehre Ihrer Aufwartung machten, wurde
Ihnen in meinem Hause nicht wohl. Heute, wo ich glaubte, nach meinen
bescheidenen Kräften alles getan zu haben, meine Gäste in guten Humor zu
setzen, sehe ich zu meinem schmerzhaftesten Bedauern, daß ich es wieder
nicht getroffen habe. Ist meine Visage wirklich so abominabel und
widerwärtig, Demoiselle? Oder sind es vielleicht doch nur fatale Zufälle?“
Und er neigte sich zu ihr, die groß und gerötet auf dem Diwan saß.
„Simulieren Sie nicht länger, Herr Finanzdirektor,“ sagte sie plötzlich mit
einem tapferen Anlauf und sah ihn groß, fromm und dringlich an. „Ich weiß
sehr gut, daß Sie Luzifer sind, Sohn des Belial, und Sie wissen, daß ich
gesandt und gekommen bin, mit Ihnen zu ringen und Sie Gott zu
unterwerfen.“
Süß hatte viel Uebung mit Weibern, er war an Ueberraschungen gewöhnt,
er verlor nie seine Fassung und zeigte sich nie perplex. Aber diese Anrede
kam ihm völlig unerwartet, verschlug ihm die Sprache, er wußte, zum
erstenmal, keine Antwort. Es schickte sich glücklich für ihn, daß Magdalen
Sibylle offenbar auch gar keine Antwort erwartete, sondern nach einer
Atempause weitersprach. Sie begreife es sehr wohl, daß er glaube, Gott,
sein Widersacher, werde ihn zurückstoßen; es sei gewiß auch ein
ungeheurer Entschluß, von tausendjährigem Trotz zu lassen. Aber wenn
dieser Trotz und arge Verstocktheit erst abfalle, dann sei die Seele wie
befreit von bösem Schorf und bade in Gott wie in liebem, lauem, sichtigem
Wasser. Dergleichen redete sie mehr und dringlich und streckte ihm im
Eifer die Hand hin.
Süß hatte sich mit der ihm eigenen Flinkheit auf das pietistische
Diktionär eingestellt, er ergriff ihre Hand, begann eine rasch präparierte
Antwort, und sie waren beide auf dem besten Wege, als plötzlich der
Herzog im Zimmer stand. Mit weiteren Pupillen, erschreckt, hilfesuchend,
starrte Magdalen Sibylle auf Süß, gepreßt, hörbar atmend. Aber der Jude
sagte verbindlich, er müsse zurück zu seinen Gästen, und auf einmal war sie
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allein mit dem Herzog, und der Papagei gellte: Ma vie pour mon souverain,
und im Nebenraum in hellerem, nacktem Licht stand das freche, prunkende
Bett. Karl Alexander sagte mit heiserer, unfreier Stimme etwas
Scherzendes, Belangloses. Sie sah sein rotes Gesicht, das leicht schwitzte,
sie sah seine Augen, die sich verdunkelten und verwilderten, roch seinen
trunkenen, erhitzten Dunst. Sie ging mit mühsamen Schritten zur Tür, lallte
eine Entschuldigung, wollte Süß nach, zurück zu den Gästen. Aber die Tür
war verschlossen. Karl Alexander lachte ein belegtes Lachen, schnallte
umständlich den kostbaren antikischen Brustpanzer ab, schweigend, daß
nur ihr Atem hörbar war. Kam mit grauenhafter Freundlichkeit auf sie zu,
nahm ihre Hand in die seine, die seltsam war, der Rücken schmal, lang,
knochig, behaart, das Innere fleischig, fett, kurz. Sie wich zurück, er faßte
sie fester, dünstend, erhitzt fauchend. Sie bekam ihre Kraft zurück, wehrte
sich wild, doch ohne Aussicht, gegen den schweren, starken, erregten
Mann. Fetzen ferner Musik kamen herein, sie schrie, erregt und krächzend
flatterte der Papagei.
Draußen der Maskenball entlöste sich immer mehr den Zügeln
gemessener Form. Aus allen schattigeren Winkeln Gekreisch, Gegröhl,
gekitzelte, halbe Schreie. Anerkennend meinte Herr von Riolles zu Herrn
von Schütz, selbst am Hofe der polnischen Majestät hebe die Freude die
Schwingen nicht höher.
Süß, aus dem Kabinett zurück, stürzte sich mit einer gewissen grimmigen
Erhitztheit in das Gewühl. Er wich der Herzogin aus, die ihn mit einem
kleinen, lüsternen und amüsierten Lächeln nach Magdalen Sibylle fragte,
und machte den Damen Götz, Mutter wie Tochter, für die sich auch der
Herzog interessierte, mit so wütiger Dringlichkeit den Hof, daß der
Aktuarius Götz, da er seine drohende Miene nicht beachtet sah, sich in einer
Ecke stumm und ratlos besoff, während die beiden Damen die zynischen
Galanterien des Juden hingegeben und töricht himmelnd erwiderten. Die
kleine napolitanische Komödiantin, gelb, leicht fett und verderbt, hatte sich
an den alten Fürsten Thurn und Taxis herangemacht. Sie tat, als wüßte sie
nicht, wer er sei, als streiche, kitzle, schmeichle sie nur wegen seines
eleganten und distinkten Aussehens und Geweses um ihn herum. Der alte
Fürst, als er sah, daß er trotz der gleichfarbigen Domestikenlivree auch in
Weinrot wirkte, lebte auf, sein Aerger fiel zusehends von ihm ab. Zumal
sich auch Remchingen um die Komödiantin bemühte und sie den stark
trunkenen General, der mit schon verglasenden Augen an ihr fraß, geschickt
und im Nebenraum in hellerem, nacktem Licht stand das freche, prunkende
Bett. Karl Alexander sagte mit heiserer, unfreier Stimme etwas
Scherzendes, Belangloses. Sie sah sein rotes Gesicht, das leicht schwitzte,
sie sah seine Augen, die sich verdunkelten und verwilderten, roch seinen
trunkenen, erhitzten Dunst. Sie ging mit mühsamen Schritten zur Tür, lallte
eine Entschuldigung, wollte Süß nach, zurück zu den Gästen. Aber die Tür
war verschlossen. Karl Alexander lachte ein belegtes Lachen, schnallte
umständlich den kostbaren antikischen Brustpanzer ab, schweigend, daß
nur ihr Atem hörbar war. Kam mit grauenhafter Freundlichkeit auf sie zu,
nahm ihre Hand in die seine, die seltsam war, der Rücken schmal, lang,
knochig, behaart, das Innere fleischig, fett, kurz. Sie wich zurück, er faßte
sie fester, dünstend, erhitzt fauchend. Sie bekam ihre Kraft zurück, wehrte
sich wild, doch ohne Aussicht, gegen den schweren, starken, erregten
Mann. Fetzen ferner Musik kamen herein, sie schrie, erregt und krächzend
flatterte der Papagei.
Draußen der Maskenball entlöste sich immer mehr den Zügeln
gemessener Form. Aus allen schattigeren Winkeln Gekreisch, Gegröhl,
gekitzelte, halbe Schreie. Anerkennend meinte Herr von Riolles zu Herrn
von Schütz, selbst am Hofe der polnischen Majestät hebe die Freude die
Schwingen nicht höher.
Süß, aus dem Kabinett zurück, stürzte sich mit einer gewissen grimmigen
Erhitztheit in das Gewühl. Er wich der Herzogin aus, die ihn mit einem
kleinen, lüsternen und amüsierten Lächeln nach Magdalen Sibylle fragte,
und machte den Damen Götz, Mutter wie Tochter, für die sich auch der
Herzog interessierte, mit so wütiger Dringlichkeit den Hof, daß der
Aktuarius Götz, da er seine drohende Miene nicht beachtet sah, sich in einer
Ecke stumm und ratlos besoff, während die beiden Damen die zynischen
Galanterien des Juden hingegeben und töricht himmelnd erwiderten. Die
kleine napolitanische Komödiantin, gelb, leicht fett und verderbt, hatte sich
an den alten Fürsten Thurn und Taxis herangemacht. Sie tat, als wüßte sie
nicht, wer er sei, als streiche, kitzle, schmeichle sie nur wegen seines
eleganten und distinkten Aussehens und Geweses um ihn herum. Der alte
Fürst, als er sah, daß er trotz der gleichfarbigen Domestikenlivree auch in
Weinrot wirkte, lebte auf, sein Aerger fiel zusehends von ihm ab. Zumal
sich auch Remchingen um die Komödiantin bemühte und sie den stark
trunkenen General, der mit schon verglasenden Augen an ihr fraß, geschickt
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neben dem feinen, alten, reichen Fürsten abfallen ließ. Aber aus seiner Ecke
starrte der Aktuarius Götz auf die Napolitanerin, hingerissen, mit Augen,
von Schwärmerei viel mehr noch als von Trunkenheit verschleiert; und
während sie den General fernhielt und den alten Fürsten anzog, fand sie
noch Gelegenheit, mit einem einzigen, doch unendlich beredten Blick den
jungen, dummen, blonden, frischen Schäfer für immer in ihre Geleise zu
zwingen.
Weißensee, der Konsulent Neuffer und der Würzburger Geheimrat
Fichtel waren mit Schütz und Herrn von Riolles beim Pharao gesessen, jetzt
trank der Würzburger seinen Kaffee, Weißensee und Neuffer kosteten von
dem schweren, schwarzroten Sekt, der im westlichen Deutschland nur bei
Süß zu finden war, und man sprach von Politik. Eifrig und mit düsterer
Dringlichkeit sog Neuffer, in seinem scharlachenen, zusammengestapelten
Kostüm komisch anzusehen und viel bespöttelt, die absolutistischen
Theorien ein, die der Jesuit mit feiner und sachter Selbstverständlichkeit
entwickelte.
Weißensee indes war nicht so bei der Sache wie sonst wohl. Er
schnupperte mit dem klugen, mageren Kopf rastlos herum, er fragte den
und jenen, ob er seine Tochter nicht gesehen habe; aber niemand hatte
Magdalen Sibylle gesehen. Und Weißensee schwitzte an den langen, feinen
Händen, und seine skeptischen Augen suchten bedrängt rechts und links.
Plötzlich, wie er den Süß sah, entschuldigte er sich bei den zwei anderen
Herren, flatterte in seinem seidenen Venetianer Mantel ungewohnt hastig
auf ihn zu und fragte nach seiner Tochter. Süß sagte leichthin, die
Demoiselle habe etwas Kopfschmerz, sie habe sich in ein stilleres und
kühleres Zimmer zurückgezogen. Der Kirchenratspräsident, ziemlich aus
der Fassung, wollte zu ihr. Aber Süß meinte, es sei wohl am besten, die
Demoiselle ruhen zu lassen; zumal, soviel er wisse, Serenissimus selbst sich
um sie bemühe. Dabei schaute er den Weißensee mit einem unentwegten,
frechen und verbindlichen Lächeln an. Der begann zu zittern, mußte sich
setzen. Süß, nach einem kleinen Schweigen, meinte unvermittelt, immer
lächelnd, der Herzog habe sich über den neuen Kirchenratspräsidenten
ungewöhnlich gnädig geäußert, Rangerhöhung und Orden würden wohl
nicht lang auf sich warten lassen. Weißensee nickte ein paarmal auf eine
seltsame, abwesende, greisenhafte Art, starrte mit höflichem, leicht
verzerrtem Lächeln in das Getobe des Festes, begann sehr plötzlich, die
Stimme belegt und unsicher, und ohne den Süß anzuschauen, von seinem
starrte der Aktuarius Götz auf die Napolitanerin, hingerissen, mit Augen,
von Schwärmerei viel mehr noch als von Trunkenheit verschleiert; und
während sie den General fernhielt und den alten Fürsten anzog, fand sie
noch Gelegenheit, mit einem einzigen, doch unendlich beredten Blick den
jungen, dummen, blonden, frischen Schäfer für immer in ihre Geleise zu
zwingen.
Weißensee, der Konsulent Neuffer und der Würzburger Geheimrat
Fichtel waren mit Schütz und Herrn von Riolles beim Pharao gesessen, jetzt
trank der Würzburger seinen Kaffee, Weißensee und Neuffer kosteten von
dem schweren, schwarzroten Sekt, der im westlichen Deutschland nur bei
Süß zu finden war, und man sprach von Politik. Eifrig und mit düsterer
Dringlichkeit sog Neuffer, in seinem scharlachenen, zusammengestapelten
Kostüm komisch anzusehen und viel bespöttelt, die absolutistischen
Theorien ein, die der Jesuit mit feiner und sachter Selbstverständlichkeit
entwickelte.
Weißensee indes war nicht so bei der Sache wie sonst wohl. Er
schnupperte mit dem klugen, mageren Kopf rastlos herum, er fragte den
und jenen, ob er seine Tochter nicht gesehen habe; aber niemand hatte
Magdalen Sibylle gesehen. Und Weißensee schwitzte an den langen, feinen
Händen, und seine skeptischen Augen suchten bedrängt rechts und links.
Plötzlich, wie er den Süß sah, entschuldigte er sich bei den zwei anderen
Herren, flatterte in seinem seidenen Venetianer Mantel ungewohnt hastig
auf ihn zu und fragte nach seiner Tochter. Süß sagte leichthin, die
Demoiselle habe etwas Kopfschmerz, sie habe sich in ein stilleres und
kühleres Zimmer zurückgezogen. Der Kirchenratspräsident, ziemlich aus
der Fassung, wollte zu ihr. Aber Süß meinte, es sei wohl am besten, die
Demoiselle ruhen zu lassen; zumal, soviel er wisse, Serenissimus selbst sich
um sie bemühe. Dabei schaute er den Weißensee mit einem unentwegten,
frechen und verbindlichen Lächeln an. Der begann zu zittern, mußte sich
setzen. Süß, nach einem kleinen Schweigen, meinte unvermittelt, immer
lächelnd, der Herzog habe sich über den neuen Kirchenratspräsidenten
ungewöhnlich gnädig geäußert, Rangerhöhung und Orden würden wohl
nicht lang auf sich warten lassen. Weißensee nickte ein paarmal auf eine
seltsame, abwesende, greisenhafte Art, starrte mit höflichem, leicht
verzerrtem Lächeln in das Getobe des Festes, begann sehr plötzlich, die
Stimme belegt und unsicher, und ohne den Süß anzuschauen, von seinem
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geräumigen Haus in Hirsau zu erzählen. Er malte den behaglichen Landsitz:
Weinberge, Erntekranz, Haus und Hof wohlbestellt, dörflicher Friede; wie
er dort an seinem Neuen Testament gearbeitet, in Muße, die Händel der
Welt sehr ferne, verbrausend, nur ab und zu ein bißchen Schaum, man
genießt ihn kennerisch; und wie zwischen all dem schlicht und still und
sachlich und erfüllt seine Tochter herumgegangen sei.
Mitten in diesem Geträume, davon er mehr zu sich als zu Süß redete,
verstummte er so plötzlich, wie er begonnen hatte. Er sah verfallen aus, der
elegante Venetianer Mantel hing schlaff, unorganisch, wie
zusammenklappende Fledermausflügel um ihn herum. Der Jude, stehend
vor dem Sichpreisgebenden, hilflos, versunken Sitzenden, schaute ihn auf
und ab, spöttelte mit leichter, wacher, schleierloser Stimme in sein
Schweigen hinein: „Ich hätte gar nicht gedacht, daß Sie so sentimentalisch
sein könnten.“ „Nicht doch, nicht doch!“ erwiderte eifrig, sich
zusammenraffend, Weißensee. „Ich bin kein Deserteur am Leben,
Exzellenz. Ich bin nie keiner Aventüre ausgewichen, all meine Tage nicht.
Neugier war das Prinzipium, nach dem ich meine Existenz eingerichtet.“ Er
versuchte sein gewohntes, leichtfertiges Lächeln. „Es muß ein sehr rastloser
Stern sein, unter dem ich geboren bin. Er hat mich nie stille stehen lassen,
hat mich durch viele Länder und übers Meer gejagt und hat mich heißen
allen Kreaturen Gottes und des Satans in die Töpfe gucken. Ah, meine
Souvenirs!“
Aber während er sich mühte, diese Souvenirs herbeizurufen, geschah es,
daß sich ihm das weiße, lächelnde Gesicht des Juden mit den gewölbten
braunen Augen und den üppigen Lippen verzerrte. Es geschah, daß er
plötzlich ganz genau wußte, wie wenige Schritte von ihm hinter einer
versperrten Tür sein Kind sich abrang, um sich schlug, mit versagenden
Kräften, aussichtslos. Er sah sie, er sah, wie die Wärme aus ihren bräunlich
kühnen Wangen wich, wie die starkblauen Augen unter dem dunklen Haar
sich stier und glasig verdrehten. Und in dieses Gesicht hinein hörte er die
sachliche, zifferscharfe Stimme des Süß: „Wie die Dinge heute abend
liegen, darf ich Ihnen Orden und Rangerhöhung mit aller Bestimmtheit in
Aussicht stellen.“
Das Merkwürdige war, daß er dabei diesen Mann, der mit dem frechen
und verbindlichen Lächeln vor ihm lehnte, durchaus nicht haßte. Er spielte
bloß mit dem Wunsch und der Vorstellung, daß der andere so fahrig und
zerrissen dasitzen möge, während er, Weißensee, lächelnd und wach vor
Weinberge, Erntekranz, Haus und Hof wohlbestellt, dörflicher Friede; wie
er dort an seinem Neuen Testament gearbeitet, in Muße, die Händel der
Welt sehr ferne, verbrausend, nur ab und zu ein bißchen Schaum, man
genießt ihn kennerisch; und wie zwischen all dem schlicht und still und
sachlich und erfüllt seine Tochter herumgegangen sei.
Mitten in diesem Geträume, davon er mehr zu sich als zu Süß redete,
verstummte er so plötzlich, wie er begonnen hatte. Er sah verfallen aus, der
elegante Venetianer Mantel hing schlaff, unorganisch, wie
zusammenklappende Fledermausflügel um ihn herum. Der Jude, stehend
vor dem Sichpreisgebenden, hilflos, versunken Sitzenden, schaute ihn auf
und ab, spöttelte mit leichter, wacher, schleierloser Stimme in sein
Schweigen hinein: „Ich hätte gar nicht gedacht, daß Sie so sentimentalisch
sein könnten.“ „Nicht doch, nicht doch!“ erwiderte eifrig, sich
zusammenraffend, Weißensee. „Ich bin kein Deserteur am Leben,
Exzellenz. Ich bin nie keiner Aventüre ausgewichen, all meine Tage nicht.
Neugier war das Prinzipium, nach dem ich meine Existenz eingerichtet.“ Er
versuchte sein gewohntes, leichtfertiges Lächeln. „Es muß ein sehr rastloser
Stern sein, unter dem ich geboren bin. Er hat mich nie stille stehen lassen,
hat mich durch viele Länder und übers Meer gejagt und hat mich heißen
allen Kreaturen Gottes und des Satans in die Töpfe gucken. Ah, meine
Souvenirs!“
Aber während er sich mühte, diese Souvenirs herbeizurufen, geschah es,
daß sich ihm das weiße, lächelnde Gesicht des Juden mit den gewölbten
braunen Augen und den üppigen Lippen verzerrte. Es geschah, daß er
plötzlich ganz genau wußte, wie wenige Schritte von ihm hinter einer
versperrten Tür sein Kind sich abrang, um sich schlug, mit versagenden
Kräften, aussichtslos. Er sah sie, er sah, wie die Wärme aus ihren bräunlich
kühnen Wangen wich, wie die starkblauen Augen unter dem dunklen Haar
sich stier und glasig verdrehten. Und in dieses Gesicht hinein hörte er die
sachliche, zifferscharfe Stimme des Süß: „Wie die Dinge heute abend
liegen, darf ich Ihnen Orden und Rangerhöhung mit aller Bestimmtheit in
Aussicht stellen.“
Das Merkwürdige war, daß er dabei diesen Mann, der mit dem frechen
und verbindlichen Lächeln vor ihm lehnte, durchaus nicht haßte. Er spielte
bloß mit dem Wunsch und der Vorstellung, daß der andere so fahrig und
zerrissen dasitzen möge, während er, Weißensee, lächelnd und wach vor
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ihm stünde. Er benahm sich dann weiterhin ganz wie immer, nur war alles,
was er tat und sagte, beklemmend unwirklich, wie aus Schlaf heraus
gedämpft, marionettenhaft. Er verneigte sich immerzu, höflich, freundlich,
er erwiderte ein Scherzwort der Herzogin, er sprach sacht und diplomatisch
mit dem Geheimrat Fichtel, er setzte auf eine abgründige und sehr feine
Zote des Herrn von Riolles eine noch feinere und obszönere. Aber alle diese
Stimmen klangen seltsam mechanisch und scheppernd und die Menschen
gingen puppenhaft und sehr künstlich und alles war wie aus Wachs. Auch
der Herzog, der jetzt wieder schwer und groß und mit müden, schlaffen und
gelösten Gliedern, mehr hinkend als sonst, im Saal war, schien ihm wie eine
Wachspuppe, wie hinter Rauch und Nebel.
Aber dennoch gelang es ihm, beim Anblick des Herzogs eine kleine, neue
Hoffnung hochzuschüren. Er verjagte seine Gesichte, er hieß sein Wissen
stumm sein und wollte es nicht wahr haben. Mit einer eiligen, flatternden
Bewegung raffte er den Venetianermantel und trat dem Herzog in den Weg,
der ganze Mann ein einziges, dringliches, flehendes Fragen, ob es vielleicht
doch nicht geschehen sei. Aber der Herzog sah ihn nicht, er wollte ihn
offenbar nicht sehen, er hatte kein Aug für ihn; er ging, trotzdem Weißensee
ganz nah an ihm war, starr gerade vor sich hinschauend an ihm vorbei, mit
einem merkwürdig scheuen und gewalttätigen Rülpsen.
Da war Weißensee auf einmal furchtbar alt und müde. Er suchte sich eine
stille Ecke und geriet an den Tisch, wo der einsame Aktuarius Götz saß und
soff. Der fühlte sich sehr geehrt durch die Gesellschaft des Herrn
Kirchenratspräsidenten, stand, wiewohl schon stark unter Wein, zeremoniös
auf und machte vielerlei umständliche Reverenzen. Und dann saßen die
beiden Männer, der alte, feine, traurige, zerrissene, und der junge, plumpe,
in Hilflosigkeit und Schwärmerei dumpf brodelnde, enttäuschte, und sie
waren stumm und starrten in das festliche und überhitzte Getriebe und
tranken.
Karl Alexander aber ging satt, stolz und befriedigt durch den Saal. Wohl
hatte er manchmal ein kleines, verlegenes und trotziges Lachen wie wohl
ein Knabe, der etwas angerichtet hat, sich damit brüstet, um sich über seine
Scham wegzuhelfen. Aber gerade darum stellte er es so an, daß jeder es
sehen mußte, daß er aus einer Umarmung kam. Er winkte seiner Frau, die
ihn wie fragend ansah, mit einer weiten Geste zu, die sie mühelos als ein
stolzes Eingeständnis deuten konnte. Er ging an den Pharaotischen vorbei,
wo glühende und über die Störung im geheimen sehr erboste Spieler sich
was er tat und sagte, beklemmend unwirklich, wie aus Schlaf heraus
gedämpft, marionettenhaft. Er verneigte sich immerzu, höflich, freundlich,
er erwiderte ein Scherzwort der Herzogin, er sprach sacht und diplomatisch
mit dem Geheimrat Fichtel, er setzte auf eine abgründige und sehr feine
Zote des Herrn von Riolles eine noch feinere und obszönere. Aber alle diese
Stimmen klangen seltsam mechanisch und scheppernd und die Menschen
gingen puppenhaft und sehr künstlich und alles war wie aus Wachs. Auch
der Herzog, der jetzt wieder schwer und groß und mit müden, schlaffen und
gelösten Gliedern, mehr hinkend als sonst, im Saal war, schien ihm wie eine
Wachspuppe, wie hinter Rauch und Nebel.
Aber dennoch gelang es ihm, beim Anblick des Herzogs eine kleine, neue
Hoffnung hochzuschüren. Er verjagte seine Gesichte, er hieß sein Wissen
stumm sein und wollte es nicht wahr haben. Mit einer eiligen, flatternden
Bewegung raffte er den Venetianermantel und trat dem Herzog in den Weg,
der ganze Mann ein einziges, dringliches, flehendes Fragen, ob es vielleicht
doch nicht geschehen sei. Aber der Herzog sah ihn nicht, er wollte ihn
offenbar nicht sehen, er hatte kein Aug für ihn; er ging, trotzdem Weißensee
ganz nah an ihm war, starr gerade vor sich hinschauend an ihm vorbei, mit
einem merkwürdig scheuen und gewalttätigen Rülpsen.
Da war Weißensee auf einmal furchtbar alt und müde. Er suchte sich eine
stille Ecke und geriet an den Tisch, wo der einsame Aktuarius Götz saß und
soff. Der fühlte sich sehr geehrt durch die Gesellschaft des Herrn
Kirchenratspräsidenten, stand, wiewohl schon stark unter Wein, zeremoniös
auf und machte vielerlei umständliche Reverenzen. Und dann saßen die
beiden Männer, der alte, feine, traurige, zerrissene, und der junge, plumpe,
in Hilflosigkeit und Schwärmerei dumpf brodelnde, enttäuschte, und sie
waren stumm und starrten in das festliche und überhitzte Getriebe und
tranken.
Karl Alexander aber ging satt, stolz und befriedigt durch den Saal. Wohl
hatte er manchmal ein kleines, verlegenes und trotziges Lachen wie wohl
ein Knabe, der etwas angerichtet hat, sich damit brüstet, um sich über seine
Scham wegzuhelfen. Aber gerade darum stellte er es so an, daß jeder es
sehen mußte, daß er aus einer Umarmung kam. Er winkte seiner Frau, die
ihn wie fragend ansah, mit einer weiten Geste zu, die sie mühelos als ein
stolzes Eingeständnis deuten konnte. Er ging an den Pharaotischen vorbei,
wo glühende und über die Störung im geheimen sehr erboste Spieler sich
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ehrfürchtig erhoben, und versicherte, daß er sich heute abend
außerordentlich, aber ganz außerordentlich amüsiere. Er stürzte durstig
zwei große Gläser Tokaier hinunter und war sehr betrunken. Er machte sich
an seinen Schwiegervater, der jetzt ganz in der Napolitanerin aufging, was
Karl Alexander anerkennend und gönnerisch zur Kenntnis nahm. Er fiel
dem alten Fürsten mehrmals um den Hals, sagte zärtlich: „Euer Liebden!
Euer Liebden! Ist recht, daß sich Euer Liebden so jung fühlen.“ Dann
prahlte er eitel und sentimental mit seiner italienischen Jugend, seiner
lombardischen Kampagne, seinen venezianischen Aventüren. Cassano hat
er zwar mit dem lahmen Fuß bezahlen müssen, aber es war kein zu hoher
Preis. Ah, Venedig, Venedig! Vagabundieren, die Maske vor dem Gesicht,
und Frauen und Duelle und hohe Politik und Alchimisten und Geisterseher
und die Lagune und die Paläste und über allem die heimliche Hand der
Zehn. Sie, die Graziella Vitali, ruft es ihm zurück, so ein Hui, so ein
wohliges, rasches, welsches Parfüm wie sie ist. Und seine Augen schätzen
die Napolitanerin ab, eingehend und kennerisch. „Es geht Euer Liebden
nicht schlecht,“ lallte er, „es geht mir auch nicht schlecht. Suum cuique!
Suum cuique! Der Herrgott hat uns alle beide in diesem Mistbeet Welt auf
ein Plätzchen gesetzt, wo es warm und mollig und viel Sonne ist.“ Und er
tätschelt anerkennend den nackten, gelben, mürben Arm der Komödiantin
und gratuliert dem Alten zu dem feinen Hühnchen, das er da zu rupfen im
Begriff sei.
Süß weicht dem Herzog aus. Er ist neidisch und erbittert, er weiß, Karl
Alexander wird ihm jetzt die Affäre mit Magdalen Sibylle schildern, klotzig
und umständlich und mit allen Details, und er ist nicht in der Laune, sich
von diesen Freuden, deren Primeurs eigentlich ihm gebührten, erzählen zu
lassen. Die Gedanken daran los zu werden, schaukelt er in den hohen
Wellen seines Festes. Ihn zu feiern, daß er auf der Welt ist, seinen
Geburtstag zu feiern, sind all diese Lichter angezündet, diese Tafeln und
prunkvollen Räume gerichtet, diese schönen Damen und großen Herren
gekommen. Er ist sehr hoch hinaufgelangt, niemals in Deutschland stand
ein Jud so hoch und glänzend wie er. Und er wird noch ganz anders
dastehen. Schon ist sein Adelsgesuch auf dem Weg nach Wien zum
Kaiserhof; er wird – Karl Alexander, ihm von Tag zu Tag mehr verpflichtet,
muß ihm das durchsetzen – nobilitiert sein. Er ist kein Narr wie Isaak
Landauer, er läuft nicht in Kaftan und Schläfenlöckchen; aber er denkt auch
nicht daran, sich wie sein Bruder durch das billige Mittel eines
außerordentlich, aber ganz außerordentlich amüsiere. Er stürzte durstig
zwei große Gläser Tokaier hinunter und war sehr betrunken. Er machte sich
an seinen Schwiegervater, der jetzt ganz in der Napolitanerin aufging, was
Karl Alexander anerkennend und gönnerisch zur Kenntnis nahm. Er fiel
dem alten Fürsten mehrmals um den Hals, sagte zärtlich: „Euer Liebden!
Euer Liebden! Ist recht, daß sich Euer Liebden so jung fühlen.“ Dann
prahlte er eitel und sentimental mit seiner italienischen Jugend, seiner
lombardischen Kampagne, seinen venezianischen Aventüren. Cassano hat
er zwar mit dem lahmen Fuß bezahlen müssen, aber es war kein zu hoher
Preis. Ah, Venedig, Venedig! Vagabundieren, die Maske vor dem Gesicht,
und Frauen und Duelle und hohe Politik und Alchimisten und Geisterseher
und die Lagune und die Paläste und über allem die heimliche Hand der
Zehn. Sie, die Graziella Vitali, ruft es ihm zurück, so ein Hui, so ein
wohliges, rasches, welsches Parfüm wie sie ist. Und seine Augen schätzen
die Napolitanerin ab, eingehend und kennerisch. „Es geht Euer Liebden
nicht schlecht,“ lallte er, „es geht mir auch nicht schlecht. Suum cuique!
Suum cuique! Der Herrgott hat uns alle beide in diesem Mistbeet Welt auf
ein Plätzchen gesetzt, wo es warm und mollig und viel Sonne ist.“ Und er
tätschelt anerkennend den nackten, gelben, mürben Arm der Komödiantin
und gratuliert dem Alten zu dem feinen Hühnchen, das er da zu rupfen im
Begriff sei.
Süß weicht dem Herzog aus. Er ist neidisch und erbittert, er weiß, Karl
Alexander wird ihm jetzt die Affäre mit Magdalen Sibylle schildern, klotzig
und umständlich und mit allen Details, und er ist nicht in der Laune, sich
von diesen Freuden, deren Primeurs eigentlich ihm gebührten, erzählen zu
lassen. Die Gedanken daran los zu werden, schaukelt er in den hohen
Wellen seines Festes. Ihn zu feiern, daß er auf der Welt ist, seinen
Geburtstag zu feiern, sind all diese Lichter angezündet, diese Tafeln und
prunkvollen Räume gerichtet, diese schönen Damen und großen Herren
gekommen. Er ist sehr hoch hinaufgelangt, niemals in Deutschland stand
ein Jud so hoch und glänzend wie er. Und er wird noch ganz anders
dastehen. Schon ist sein Adelsgesuch auf dem Weg nach Wien zum
Kaiserhof; er wird – Karl Alexander, ihm von Tag zu Tag mehr verpflichtet,
muß ihm das durchsetzen – nobilitiert sein. Er ist kein Narr wie Isaak
Landauer, er läuft nicht in Kaftan und Schläfenlöckchen; aber er denkt auch
nicht daran, sich wie sein Bruder durch das billige Mittel eines
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Glaubenswechsels Titel und Rang zu schaffen. Durch sein Genie, nur durch
sein Glück und sein Genie wird er ganz oben stehen. Er hat rechtzeitig auf
den Herzog gesetzt, wie der noch klein war und ganz gering. Er wird auch
die paar Stufen nicht mankieren, die noch zu steigen sind. Er wird Jude
bleiben und wird trotzdem, und gerade das wird sein Triumph sein, adlig
sein und Landhofmeister und den rechten Platz im Herzogtum einnehmen
in aller Form und vor aller Welt.
Man tanzte. Er füllte Herz und Aug und Ohr mit dem bunten,
huldigenden Lärm. Sein Geträume kletterte hinauf an den Läufen der
Geigen, die Pauken dröhnten seine Macht in den Saal, die Schönheit der
Frauen, der seidene Prunk der Herren huldigte ihm. Er schaut hinein in sein
Fest, träumt seine Hoffart hinein, den sehr roten Mund halb offen, ein
verzücktes Lächeln in dem weißen Gesicht. Doch plötzlich wischt ihm ein
Unsichtbares die befriedigte, genießerische Sattheit fort vom Antlitz.
Weggeblasen der farbig gekräuselte, fröhliche Schaum, verfahlt das bunt
rauschende Fest; wohl sieht er die Musikanten sich abarbeiten, aber er hört
keine Musik mehr. Er sieht sich schreiten in einem andern nebelhaften,
grinsenden, beklemmenden Tanz. Vor ihm, seine Hand haltend, schreitet
sein Oheim, Rabbi Gabriel, hinter ihm, an seiner andern Hand schleift,
stärker hinkend, der Herzog den lahmen Fuß. Ganz vorn aber, durch viele
Hände mit ihm verkettet, ist das nicht Isaak Landauer, der kopfwackelnd,
dürr, in albern flatterndem Kaftan, rhythmisch die Beine setzt?
Wie er sich aus dem Gesicht reißt, steht in seiner verschollenen
Portugiesertracht Dom Bartelemi Pancorbo vor ihm, aus tiefen Höhlen
langen die lauersamen Augen nach ihm, langsam kriecht ihm die kellerige,
makabre Stimme ins Ohr: „Wie ist’s, Herr Finanzdirektor? Ich leg zu der
Tabakmanufaktur noch die Schnapssteuer auf ein Monat: laßt Ihr ihn ab,
den Solitär?“
Und das Fest ging weiter. Für den zweiten Teil des Abends hatte Nicklas
Pfäffle, der gleichmütig, schläfrig und präzis den komplizierten
Mechanismus des Balles leitete, eine Ueberraschung ausgedacht. Die Decke
mit dem Gemälde vom Triumph des Merkur öffnete sich, auf einer
Flugmaschine erschien der Knabe Cupido, er schwebte über den Gästen,
streute Rosen, huldigte in zierlich gedrechselten Alexandrinern dem
herzoglichen Paar, gratulierte dem Süß zum Geburtstag. Es war ein sehr
anstelliger Knabe, er sprach seine Verse sehr hübsch, und wenn Cupido
sein Glück und sein Genie wird er ganz oben stehen. Er hat rechtzeitig auf
den Herzog gesetzt, wie der noch klein war und ganz gering. Er wird auch
die paar Stufen nicht mankieren, die noch zu steigen sind. Er wird Jude
bleiben und wird trotzdem, und gerade das wird sein Triumph sein, adlig
sein und Landhofmeister und den rechten Platz im Herzogtum einnehmen
in aller Form und vor aller Welt.
Man tanzte. Er füllte Herz und Aug und Ohr mit dem bunten,
huldigenden Lärm. Sein Geträume kletterte hinauf an den Läufen der
Geigen, die Pauken dröhnten seine Macht in den Saal, die Schönheit der
Frauen, der seidene Prunk der Herren huldigte ihm. Er schaut hinein in sein
Fest, träumt seine Hoffart hinein, den sehr roten Mund halb offen, ein
verzücktes Lächeln in dem weißen Gesicht. Doch plötzlich wischt ihm ein
Unsichtbares die befriedigte, genießerische Sattheit fort vom Antlitz.
Weggeblasen der farbig gekräuselte, fröhliche Schaum, verfahlt das bunt
rauschende Fest; wohl sieht er die Musikanten sich abarbeiten, aber er hört
keine Musik mehr. Er sieht sich schreiten in einem andern nebelhaften,
grinsenden, beklemmenden Tanz. Vor ihm, seine Hand haltend, schreitet
sein Oheim, Rabbi Gabriel, hinter ihm, an seiner andern Hand schleift,
stärker hinkend, der Herzog den lahmen Fuß. Ganz vorn aber, durch viele
Hände mit ihm verkettet, ist das nicht Isaak Landauer, der kopfwackelnd,
dürr, in albern flatterndem Kaftan, rhythmisch die Beine setzt?
Wie er sich aus dem Gesicht reißt, steht in seiner verschollenen
Portugiesertracht Dom Bartelemi Pancorbo vor ihm, aus tiefen Höhlen
langen die lauersamen Augen nach ihm, langsam kriecht ihm die kellerige,
makabre Stimme ins Ohr: „Wie ist’s, Herr Finanzdirektor? Ich leg zu der
Tabakmanufaktur noch die Schnapssteuer auf ein Monat: laßt Ihr ihn ab,
den Solitär?“
Und das Fest ging weiter. Für den zweiten Teil des Abends hatte Nicklas
Pfäffle, der gleichmütig, schläfrig und präzis den komplizierten
Mechanismus des Balles leitete, eine Ueberraschung ausgedacht. Die Decke
mit dem Gemälde vom Triumph des Merkur öffnete sich, auf einer
Flugmaschine erschien der Knabe Cupido, er schwebte über den Gästen,
streute Rosen, huldigte in zierlich gedrechselten Alexandrinern dem
herzoglichen Paar, gratulierte dem Süß zum Geburtstag. Es war ein sehr
anstelliger Knabe, er sprach seine Verse sehr hübsch, und wenn Cupido
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auch ein weniges schwäbelte, so war das, meinte Remchingen sehr laut,
immerhin besser, als wenn er etwan gemauschelt hätte.
Als unmittelbar darauf der Tanz wieder einsetzte, kam es zu einer kleinen
Störung. Ein verdächtig aussehender, verwahrloster Mensch stand auf
einmal im Saal und hielt eine Ansprache. Man sammelte sich lachend um
ihn, glaubte, sein Gewese sei Maskenscherz, so war er wohl auch
hereingekommen. Aber es zeigte sich bald, daß die wilden und unflätigen
Reden gegen die hebräische Justiz und die ganze hebräische Raub-, Mord-
und Sauwirtschaft ernst gemeint waren.
Der Verwahrloste, Fluchende war Johann Ulrich Schertlin. Er hatte in
Stuttgart einen kleinen Handel zu erledigen gehabt, war in die Kneipe zum
Blauen Bock gegangen, hatte sich unter schimpfenden Kleinbürgern
besoffen, während der Konditor Benz schweigend, giftig und befriedigt
zuhörte und nur einmal sagte: „Unterm vorigen Herzog regierte eine Hur,“
worauf allgemeines Grunzen und Gegrinse entstand. Dort also hatte Johann
Ulrich Schertlin gesessen, er hatte sich wohl gefühlt wie lange nicht, denn
jetzt stand er nicht unter dem länglichen, vorwurfs- und verachtungsvollen
Aug der Waldenserin, er hatte viel getrunken und war schließlich in das
Haus des Juden gegangen, um dem die Meinung zu sagen. Etliche von
seinen Trinkkumpanen waren mitgezogen, die standen nun draußen im
Schnee im Schein der Kerzen, der aus den Festsälen auf die Straße fiel, die
Kutscher der herrschaftlichen Wagen, die zur Heimfahrt vorgefahren waren,
hatten sich ihnen zugesellt, und da standen sie nun, mehr neugierig als
empört, bis Johann Ulrich in Ketten auf die Wache geführt würde. Der aber
stand eben inmitten der seidenen Gäste, schmutzig, stinkend, voll von
schlechtem Wein, maßlos und unflätig schimpfend. Schon wollte man ihn
der Polizei übergeben; doch Süß, wie er hörte, das sei der Schertlin, gab
Befehl, ihn für diese Nacht ins Narrenhäusel zu sperren und ihn morgen
seiner Frau nach Urach heimzuschicken.
Und das Fest ging weiter. Karl Alexander hat, sehr betrunken, von der
Affäre mit Johann Ulrich wenig gemerkt und nichts begriffen. Jetzt endlich
gelingt es ihm doch, sich des Süß zu bemächtigen, und er setzt sich abseits
mit ihm, willens, einem Kenner von den gehabten Genüssen zu reden. Er
schnaubt und schnauft, er ist wirklich sehr betrunken, er hat das Kostüm des
antiken Heroen nicht ganz richtig zugeschnallt, er sitzt warm, weindunstig,
rotköpfig, schwer, er lacht und lallt und klopft dem ehrfürchtig und ergeben
zuhörenden Juden die Schenkel. „Ein delikater Bissen!“ schmatzt und
immerhin besser, als wenn er etwan gemauschelt hätte.
Als unmittelbar darauf der Tanz wieder einsetzte, kam es zu einer kleinen
Störung. Ein verdächtig aussehender, verwahrloster Mensch stand auf
einmal im Saal und hielt eine Ansprache. Man sammelte sich lachend um
ihn, glaubte, sein Gewese sei Maskenscherz, so war er wohl auch
hereingekommen. Aber es zeigte sich bald, daß die wilden und unflätigen
Reden gegen die hebräische Justiz und die ganze hebräische Raub-, Mord-
und Sauwirtschaft ernst gemeint waren.
Der Verwahrloste, Fluchende war Johann Ulrich Schertlin. Er hatte in
Stuttgart einen kleinen Handel zu erledigen gehabt, war in die Kneipe zum
Blauen Bock gegangen, hatte sich unter schimpfenden Kleinbürgern
besoffen, während der Konditor Benz schweigend, giftig und befriedigt
zuhörte und nur einmal sagte: „Unterm vorigen Herzog regierte eine Hur,“
worauf allgemeines Grunzen und Gegrinse entstand. Dort also hatte Johann
Ulrich Schertlin gesessen, er hatte sich wohl gefühlt wie lange nicht, denn
jetzt stand er nicht unter dem länglichen, vorwurfs- und verachtungsvollen
Aug der Waldenserin, er hatte viel getrunken und war schließlich in das
Haus des Juden gegangen, um dem die Meinung zu sagen. Etliche von
seinen Trinkkumpanen waren mitgezogen, die standen nun draußen im
Schnee im Schein der Kerzen, der aus den Festsälen auf die Straße fiel, die
Kutscher der herrschaftlichen Wagen, die zur Heimfahrt vorgefahren waren,
hatten sich ihnen zugesellt, und da standen sie nun, mehr neugierig als
empört, bis Johann Ulrich in Ketten auf die Wache geführt würde. Der aber
stand eben inmitten der seidenen Gäste, schmutzig, stinkend, voll von
schlechtem Wein, maßlos und unflätig schimpfend. Schon wollte man ihn
der Polizei übergeben; doch Süß, wie er hörte, das sei der Schertlin, gab
Befehl, ihn für diese Nacht ins Narrenhäusel zu sperren und ihn morgen
seiner Frau nach Urach heimzuschicken.
Und das Fest ging weiter. Karl Alexander hat, sehr betrunken, von der
Affäre mit Johann Ulrich wenig gemerkt und nichts begriffen. Jetzt endlich
gelingt es ihm doch, sich des Süß zu bemächtigen, und er setzt sich abseits
mit ihm, willens, einem Kenner von den gehabten Genüssen zu reden. Er
schnaubt und schnauft, er ist wirklich sehr betrunken, er hat das Kostüm des
antiken Heroen nicht ganz richtig zugeschnallt, er sitzt warm, weindunstig,
rotköpfig, schwer, er lacht und lallt und klopft dem ehrfürchtig und ergeben
zuhörenden Juden die Schenkel. „Ein delikater Bissen!“ schmatzt und
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schnalzt er. „Das hat Er gut gemacht, Jud, daß Er mir die hat eingeladen.
Ich werd’s Ihm auch am rechten Douceur nicht mangeln lassen. Ein
deutscher Fürst läßt sich nicht lumpen. Ein delikater Bissen!“ Er schilderte
Magdalen Sibylle, malte mit seinen roten, plumpen Händen, die seltsam
waren mit dem schmalen Rücken und dem kurzen, fetten Innern, die
Einzelheiten ihres Körpers, Schenkel, Brüste. „Ein Füllen, ein wildes!
Schlägt aus und bockt und beißt und glüht. Und ist eiskalt, wenn sie sich
dreinfinden muß.“ Er wies auf die kleine, gelbe, geschwinde Napolitanerin,
die bei allem Getue mit dem alten Fürsten Zeit fand, ihm zuzuäugen,
spitzbübisch, die Zunge lasterhaft im Mundwinkel. „Das da ist ein Wind,
ein Hui, ein wohliges Parfüm. Mag Seine Durchlaucht der Herr
Schwiegerpapa glücklich werden damit.“ Er gluckste ein kleines,
verächtliches Lachen. „Aber die andere, die meine Herzdame, Kotz
Donner! die ist kein welsches Gelump. Knickst nicht und knickt einem
nicht zusammen im Arm.“ Er lehnte sich verträumt und sentimental zurück.
„Die meine ist wie ein See im Wald,“ sagte er mit einer vagen, rudernden
Handbewegung. „Wie ein See im Wald,“ wiederholte er lallend, sank ein
wenig vornüber, machte die Augen zu, schnaufte.
Süß wollte sich schon, wütend, vorsichtig und ehrerbietig entfernen, da
begann Karl Alexander von neuem, malend, fuchtelnd, wichtig. „Augen hat
sie, das Luder! Augen! Weißt du, an was ich hab denken müssen? Das rätst
du nicht. Das rätst du dein Tage nicht.“ Ein Lachen stieg auf in ihm, still
zuerst, röchelnd dann, glucksend, ihn schütternd, immer lauter: „An deinen
Magus hab ich denken müssen, an den Zauberonkel – Augen hat sie, das
Luder! – Der Magus – Das Erste sag ich Euch nicht –“ Jäh packte ihn Zorn:
„Sagt er mir nicht, der Zauberhund, der verfluchte, hintertückische! Soll
er’s verschlucken, soll er erwürgen dran und ersticken, der Hexer, der
jüdische, vermaledeite!“
Süß, erschreckt, sehr blaß, war zurückgewichen, atmend, machte eine
abwehrende, beschwörende Handbewegung. Aber Karl Alexander, mühsam,
betrunken und zornig, richtete sich hoch, versuchte eine stolze, statuarische
Feldherrnhaltung einzunehmen so wie auf dem Bild mit den siebenhundert
Axtmännern und Belgrad, gröhlte, rülpste, schrie: „Mir kann einer
prophezeien, was er mag. Ich fürcht mich nicht. Attempto! Ich wag’s! Ich
bin Karl Alexander, Herzog von Württemberg und Teck! Von Gottes
Gnaden! Ich steh über dem Schicksal! Der deutsche Achill! Von Gottes
Gnaden!“ Und er stand wie sein eigenes Monument.
Ich werd’s Ihm auch am rechten Douceur nicht mangeln lassen. Ein
deutscher Fürst läßt sich nicht lumpen. Ein delikater Bissen!“ Er schilderte
Magdalen Sibylle, malte mit seinen roten, plumpen Händen, die seltsam
waren mit dem schmalen Rücken und dem kurzen, fetten Innern, die
Einzelheiten ihres Körpers, Schenkel, Brüste. „Ein Füllen, ein wildes!
Schlägt aus und bockt und beißt und glüht. Und ist eiskalt, wenn sie sich
dreinfinden muß.“ Er wies auf die kleine, gelbe, geschwinde Napolitanerin,
die bei allem Getue mit dem alten Fürsten Zeit fand, ihm zuzuäugen,
spitzbübisch, die Zunge lasterhaft im Mundwinkel. „Das da ist ein Wind,
ein Hui, ein wohliges Parfüm. Mag Seine Durchlaucht der Herr
Schwiegerpapa glücklich werden damit.“ Er gluckste ein kleines,
verächtliches Lachen. „Aber die andere, die meine Herzdame, Kotz
Donner! die ist kein welsches Gelump. Knickst nicht und knickt einem
nicht zusammen im Arm.“ Er lehnte sich verträumt und sentimental zurück.
„Die meine ist wie ein See im Wald,“ sagte er mit einer vagen, rudernden
Handbewegung. „Wie ein See im Wald,“ wiederholte er lallend, sank ein
wenig vornüber, machte die Augen zu, schnaufte.
Süß wollte sich schon, wütend, vorsichtig und ehrerbietig entfernen, da
begann Karl Alexander von neuem, malend, fuchtelnd, wichtig. „Augen hat
sie, das Luder! Augen! Weißt du, an was ich hab denken müssen? Das rätst
du nicht. Das rätst du dein Tage nicht.“ Ein Lachen stieg auf in ihm, still
zuerst, röchelnd dann, glucksend, ihn schütternd, immer lauter: „An deinen
Magus hab ich denken müssen, an den Zauberonkel – Augen hat sie, das
Luder! – Der Magus – Das Erste sag ich Euch nicht –“ Jäh packte ihn Zorn:
„Sagt er mir nicht, der Zauberhund, der verfluchte, hintertückische! Soll
er’s verschlucken, soll er erwürgen dran und ersticken, der Hexer, der
jüdische, vermaledeite!“
Süß, erschreckt, sehr blaß, war zurückgewichen, atmend, machte eine
abwehrende, beschwörende Handbewegung. Aber Karl Alexander, mühsam,
betrunken und zornig, richtete sich hoch, versuchte eine stolze, statuarische
Feldherrnhaltung einzunehmen so wie auf dem Bild mit den siebenhundert
Axtmännern und Belgrad, gröhlte, rülpste, schrie: „Mir kann einer
prophezeien, was er mag. Ich fürcht mich nicht. Attempto! Ich wag’s! Ich
bin Karl Alexander, Herzog von Württemberg und Teck! Von Gottes
Gnaden! Ich steh über dem Schicksal! Der deutsche Achill! Von Gottes
Gnaden!“ Und er stand wie sein eigenes Monument.
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Sehr bald aber fiel er zurück in seinen Stuhl. Lächelte unvermittelt. „Wie
ein See im Wald,“ lallte er noch, schnaubte, schnarchte, rasselte, röchelte,
schlief ein.
Und das Fest ging weiter. Tobend, wie ein Füllen, das ohne Reiter und
Zügel übers Feld rast. Sein Gelärm drang hinaus auf die Straße, wo Johann
Ulrich weggeführt wurde inmitten seiner wispernden Kumpane, ernüchtert,
müd, fahl, drang weiter über die Stadt, über das Land, das schlief, ächzte,
sich wand, sich hin und her warf, aus dem Schlaf auffuhr, vor sich
hinmummelte, knurrte. Und wieder einschlief und weitertrug.
ein See im Wald,“ lallte er noch, schnaubte, schnarchte, rasselte, röchelte,
schlief ein.
Und das Fest ging weiter. Tobend, wie ein Füllen, das ohne Reiter und
Zügel übers Feld rast. Sein Gelärm drang hinaus auf die Straße, wo Johann
Ulrich weggeführt wurde inmitten seiner wispernden Kumpane, ernüchtert,
müd, fahl, drang weiter über die Stadt, über das Land, das schlief, ächzte,
sich wand, sich hin und her warf, aus dem Schlaf auffuhr, vor sich
hinmummelte, knurrte. Und wieder einschlief und weitertrug.
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Drittes Buch
Die Juden
Die Juden
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In den Städten des Mittelmeers, des Atlantischen Ozeans saßen die Juden
groß und mächtig. Sie verwalteten den Austausch zwischen Orient und
Okzident. Sie langten übers Meer. Sie rüsteten mit die ersten Schiffe nach
Westindien. Organisierten den Handel mit Süd- und Mittelamerika.
Erschlossen Brasilien. Begründeten die Zuckerindustrie des westlichen
Erdteils. Legten zur Entwicklung New Yorks die Fundamente.
Aber in Deutschland saßen sie klein und kümmerlich. Im vierzehnten
Jahrhundert waren sie hier in mehr als dreihundertundfünfzig Gemeinden
erschlagen, ertränkt, verbrannt, gerädert, erdrosselt, lebendig begraben
worden. Die Ueberlebenden waren zumeist nach Polen ausgewandert.
Seitdem saßen sie spärlich im Römischen Reich. Auf sechshundert
Deutsche kam Ein Jude. Unter raffinierten Plackereien des Volkes und der
Behörden lebten sie eng, kümmerlich, dunkel, hingegeben jeder Willkür.
Untersagt war ihnen Handwerk und freier Beruf, die Vorschriften der
Aemter drängten sie in verwickelten und verwinkelten Schacher und
Wucher. Beschränkten sie im Einkauf der Lebensmittel, ließen sie den Bart
nicht scheren, steckten sie in eine lächerliche, erniedrigende Tracht.
Pferchten sie in engen Raum, verrammelten die Tore ihres Ghettos, sperrten
sie zu, Abend um Abend, bewachten Ein- und Ausgang. Dicht
zusammengepreßt saßen sie; sie mehrten sich, aber man gönnte ihnen nicht
weiteren Raum. Da sie nicht in die Breite bauen durften, schichteten sie in
die Höhe, Stockwerk um Stockwerk. Immer enger, düsterer, verwinkelter
wurden ihre Gassen. Nicht Baum, nicht Gras, nicht Blume hatte Raum;
ohne Sonne standen sie, ohne Luft, einer dem andern im Licht, in dickem,
seuchenzeugendem Schmutz. Abgeschnürt waren sie von der fruchtbaren
Erde, vom Himmel, vom Grün. Der wehende Wind verfing sich in ihren
grauen, stinkenden Gassen, die hohen, verschachtelten Häuser versperrten
den Blick auf die ziehenden Wolken, die blaue Höhe. Gebückt schlichen
ihre Männer, ihre schönen Frauen welkten früh, von zehn Kindern, die sie
gebaren, starben sieben. Totes, brackiges Wasser waren sie, abgesperrt vom
flutenden Leben draußen, abgedämmt von der Sprache, der Kunst, dem
Geist der anderen. Dick aufeinander saßen sie, in übler Vertraulichkeit,
jeder kannte jedes Heimlichkeit, klatschsüchtig, mißtrauisch rieben sie sich,
die gelähmten Beweglichen, scheuerten sie sich wund einer am andern,
groß und mächtig. Sie verwalteten den Austausch zwischen Orient und
Okzident. Sie langten übers Meer. Sie rüsteten mit die ersten Schiffe nach
Westindien. Organisierten den Handel mit Süd- und Mittelamerika.
Erschlossen Brasilien. Begründeten die Zuckerindustrie des westlichen
Erdteils. Legten zur Entwicklung New Yorks die Fundamente.
Aber in Deutschland saßen sie klein und kümmerlich. Im vierzehnten
Jahrhundert waren sie hier in mehr als dreihundertundfünfzig Gemeinden
erschlagen, ertränkt, verbrannt, gerädert, erdrosselt, lebendig begraben
worden. Die Ueberlebenden waren zumeist nach Polen ausgewandert.
Seitdem saßen sie spärlich im Römischen Reich. Auf sechshundert
Deutsche kam Ein Jude. Unter raffinierten Plackereien des Volkes und der
Behörden lebten sie eng, kümmerlich, dunkel, hingegeben jeder Willkür.
Untersagt war ihnen Handwerk und freier Beruf, die Vorschriften der
Aemter drängten sie in verwickelten und verwinkelten Schacher und
Wucher. Beschränkten sie im Einkauf der Lebensmittel, ließen sie den Bart
nicht scheren, steckten sie in eine lächerliche, erniedrigende Tracht.
Pferchten sie in engen Raum, verrammelten die Tore ihres Ghettos, sperrten
sie zu, Abend um Abend, bewachten Ein- und Ausgang. Dicht
zusammengepreßt saßen sie; sie mehrten sich, aber man gönnte ihnen nicht
weiteren Raum. Da sie nicht in die Breite bauen durften, schichteten sie in
die Höhe, Stockwerk um Stockwerk. Immer enger, düsterer, verwinkelter
wurden ihre Gassen. Nicht Baum, nicht Gras, nicht Blume hatte Raum;
ohne Sonne standen sie, ohne Luft, einer dem andern im Licht, in dickem,
seuchenzeugendem Schmutz. Abgeschnürt waren sie von der fruchtbaren
Erde, vom Himmel, vom Grün. Der wehende Wind verfing sich in ihren
grauen, stinkenden Gassen, die hohen, verschachtelten Häuser versperrten
den Blick auf die ziehenden Wolken, die blaue Höhe. Gebückt schlichen
ihre Männer, ihre schönen Frauen welkten früh, von zehn Kindern, die sie
gebaren, starben sieben. Totes, brackiges Wasser waren sie, abgesperrt vom
flutenden Leben draußen, abgedämmt von der Sprache, der Kunst, dem
Geist der anderen. Dick aufeinander saßen sie, in übler Vertraulichkeit,
jeder kannte jedes Heimlichkeit, klatschsüchtig, mißtrauisch rieben sie sich,
die gelähmten Beweglichen, scheuerten sie sich wund einer am andern,
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einer des andern Feind, einer im andern verfilzt. Denn jedes einzelnen
kleinster Fehl oder Ungeschick konnte das Unheil aller werden.
Doch mit der sicheren Witterung, die sie für das Neue, für das Morgen
hatten, spürten sie die äußere Umschichtung der Welt, den Ersatz der
Geburt und Würde durch das Geld. Sie hatten es erfahren: in Unsicherheit,
Rechtlosigkeit, Fährnis gab es einen einzigen Schild, zwischen lauter
wankendem, versagendem Grund ein einziges Festes: Geld. Den Juden mit
Geld hielten die Wächter nicht an den Toren des Ghettos, der Jude mit Geld
stank nicht mehr, keine Behörde mehr setzte ihm einen lächerlichen, spitzen
Hut auf. Die Fürsten und großen Herren brauchten ihn, sie konnten nicht
Krieg und Regiment führen ohne ihn. Die Gräveniz und die schwäbischen
Herzöge ließen Isaak Landauer und Josef Süß groß und stattlich werden; es
wuchsen in der Sonne des brandenburgischen Kurfürsten die Lipmann
Gomperz und Salomon Elias, am Hofe des Kaisers die Oppenheimer.
Aber die dicke Masse der Gedrückten, Rechtlosen und die einzelnen
Mächtigen, die stolzen Juden der Levante und der großen Seestädte, die die
Handelsstraßen Europas und der Neuen Welt beherrschten und in ihren
Kontoren über Krieg und Frieden entschieden, und die verschmutzten,
verkommenen, niedrigen, lächerlichen Juden der deutschen Ghettos, die
jüdischen Leibärzte und Minister des Kalifen, des Perserschahs, des Sultans
von Marokko in Herrlichkeit und großem Glanz, und in Dreck und
Verachtung der lausige Pöbel der polnischen Judenstädte, die Bankiers des
Kaisers und der Fürsten, umworben und umhaßt in ihren Kabinetten, und
der Hausierjude der Landstraße, mit Hunden gehetzt, von den
Straßenjungen und der Polizei in widerwärtige, komische Erniedrigung
gepreßt, alle hatten sie ein sicheres, heimliches Wissen gemein. Vielen war
es nicht klar, aussprechen hätten es nur wenige können, manche hätten sich
gegen die deutliche Erkenntnis gewehrt. Aber im Blut stak es allen, im
innersten Gefühl, es war da: das tiefe, heimliche, sichere Bewußtsein von
der Sinnlosigkeit, der Wandelbarkeit, dem Unwert der Macht. Sie waren
solange klein und gering gesessen unter den Völkern der Erde, zwerghaft,
lächerlich in Atome verspellt. Sie wußten, Macht üben und Macht erleiden
ist nicht das Wirkliche, Wichtige. Zersplitterten nicht einer um den anderen
die Kolosse der Gewalt? Aber sie, die Gewaltlosen, hatten der Welt ihr
Gesicht gegeben.
Und es wußten diese Lehre von der Eitelkeit und Belanglosigkeit der
Macht die Großen und die Kleinen unter den Juden, die Freien und die
kleinster Fehl oder Ungeschick konnte das Unheil aller werden.
Doch mit der sicheren Witterung, die sie für das Neue, für das Morgen
hatten, spürten sie die äußere Umschichtung der Welt, den Ersatz der
Geburt und Würde durch das Geld. Sie hatten es erfahren: in Unsicherheit,
Rechtlosigkeit, Fährnis gab es einen einzigen Schild, zwischen lauter
wankendem, versagendem Grund ein einziges Festes: Geld. Den Juden mit
Geld hielten die Wächter nicht an den Toren des Ghettos, der Jude mit Geld
stank nicht mehr, keine Behörde mehr setzte ihm einen lächerlichen, spitzen
Hut auf. Die Fürsten und großen Herren brauchten ihn, sie konnten nicht
Krieg und Regiment führen ohne ihn. Die Gräveniz und die schwäbischen
Herzöge ließen Isaak Landauer und Josef Süß groß und stattlich werden; es
wuchsen in der Sonne des brandenburgischen Kurfürsten die Lipmann
Gomperz und Salomon Elias, am Hofe des Kaisers die Oppenheimer.
Aber die dicke Masse der Gedrückten, Rechtlosen und die einzelnen
Mächtigen, die stolzen Juden der Levante und der großen Seestädte, die die
Handelsstraßen Europas und der Neuen Welt beherrschten und in ihren
Kontoren über Krieg und Frieden entschieden, und die verschmutzten,
verkommenen, niedrigen, lächerlichen Juden der deutschen Ghettos, die
jüdischen Leibärzte und Minister des Kalifen, des Perserschahs, des Sultans
von Marokko in Herrlichkeit und großem Glanz, und in Dreck und
Verachtung der lausige Pöbel der polnischen Judenstädte, die Bankiers des
Kaisers und der Fürsten, umworben und umhaßt in ihren Kabinetten, und
der Hausierjude der Landstraße, mit Hunden gehetzt, von den
Straßenjungen und der Polizei in widerwärtige, komische Erniedrigung
gepreßt, alle hatten sie ein sicheres, heimliches Wissen gemein. Vielen war
es nicht klar, aussprechen hätten es nur wenige können, manche hätten sich
gegen die deutliche Erkenntnis gewehrt. Aber im Blut stak es allen, im
innersten Gefühl, es war da: das tiefe, heimliche, sichere Bewußtsein von
der Sinnlosigkeit, der Wandelbarkeit, dem Unwert der Macht. Sie waren
solange klein und gering gesessen unter den Völkern der Erde, zwerghaft,
lächerlich in Atome verspellt. Sie wußten, Macht üben und Macht erleiden
ist nicht das Wirkliche, Wichtige. Zersplitterten nicht einer um den anderen
die Kolosse der Gewalt? Aber sie, die Gewaltlosen, hatten der Welt ihr
Gesicht gegeben.
Und es wußten diese Lehre von der Eitelkeit und Belanglosigkeit der
Macht die Großen und die Kleinen unter den Juden, die Freien und die
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Beladenen, die Fernen und die Nahen. Nicht mit deutlichen Worten, nicht
mit meßbarem Begriff, aber von Bluts und Gefühls wegen. Dies heimliche
Wissen war es, das ihnen plötzlich jenes rätselhafte, milde, überlegene
Lächeln um die Lippen legte, das ihre Feinde doppelt reizte, weil sie es als
zersetzende Frechheit deuteten, und weil all ihr Graus und Marter davor
versagte. Dies heimliche Wissen war es, was die Juden einte und
ineinanderschmolz, nichts sonst. Denn dies heimliche Wissen war der Sinn
des Buches.
Des Buches, ja, ihres Buches. Sie hatten keinen Staat, der sie
zusammenhielt, kein Land, keine Erde, keinen König, keine gemeinsame
Lebensform. Wenn sie dennoch Eins waren, mehr Eins als alle anderen
Völker der Welt, so war es das Buch, das sie zusammenschweißte. Braune,
weiße, schwarze, gelbe Juden, große und kleine, prunkende und zerlumpte,
gottlose und fromme, sie mochten in stillen Stuben ihr Leben verhocken
und verträumen oder in farbigem, goldenem Wirbel herrlich herfahren über
die Erde: tief versenkt in ihnen allen war die Lehre des Buches. Vielfältig
ist die Welt, aber sie ist eitel und Haschen nach Wind; Eins aber und einzig
ist der Gott Israels, das Seiende, das Ueberwirkliche, Jahve. Manchmal
wohl überwucherte ihnen das Leben dieses Wort, aber es stak in jedem, und
in den Stunden, wo sie sie selber wurden, wenn sich ihr Leben gipfelte, war
es da, und wenn sie starben, war es da, und was von einem zum andern
flutete, war dieses Wort. Sie schnürten es sich mit Gebetriemen um Herz
und Hirn, sie hefteten es an ihre Türen, sie eröffneten mit ihm ihren Tag und
sie schlossen ihn mit ihm; als erstes den Säugling lehrten sie das Wort, und
der Sterbende verröchelte mit dem Wort. Aus dem Wort sogen sie die Kraft,
die gehäuften Qualen ihres Wegs zu überdauern. Blaß und heimlich
lächelten sie über die Macht Edoms, über seine Raserei und den Wahnsinn
seines Geweses und Getriebes. Dies alles verging; was blieb, war das Wort.
Sie hatten das Buch mit sich geschleppt durch zwei Jahrtausende. Es war
ihr Volk, Staat, Heimat, Erbteil und Besitz. Sie hatten es allen Völkern
vermittelt, und alle Völker bekannten sich zu ihm. Aber die einzigen
rechtmäßigen Besitzer, Erkenner und Verweser waren sie allein.
Sechshundertsiebenundvierzigtausenddreihundertundneunzehn
Buchstaben hatte das Buch. Jeder Buchstab war gezählt und gewogen,
geprüft und erkannt. Jeder Buchstab war bezahlt mit Leben, tausende hatten
sich martern und töten lassen um jeden Buchstaben. Nun war das Buch
ganz ihr eigen. Und in ihren Bethäusern, an ihrem höchsten Feiertag, riefen
mit meßbarem Begriff, aber von Bluts und Gefühls wegen. Dies heimliche
Wissen war es, das ihnen plötzlich jenes rätselhafte, milde, überlegene
Lächeln um die Lippen legte, das ihre Feinde doppelt reizte, weil sie es als
zersetzende Frechheit deuteten, und weil all ihr Graus und Marter davor
versagte. Dies heimliche Wissen war es, was die Juden einte und
ineinanderschmolz, nichts sonst. Denn dies heimliche Wissen war der Sinn
des Buches.
Des Buches, ja, ihres Buches. Sie hatten keinen Staat, der sie
zusammenhielt, kein Land, keine Erde, keinen König, keine gemeinsame
Lebensform. Wenn sie dennoch Eins waren, mehr Eins als alle anderen
Völker der Welt, so war es das Buch, das sie zusammenschweißte. Braune,
weiße, schwarze, gelbe Juden, große und kleine, prunkende und zerlumpte,
gottlose und fromme, sie mochten in stillen Stuben ihr Leben verhocken
und verträumen oder in farbigem, goldenem Wirbel herrlich herfahren über
die Erde: tief versenkt in ihnen allen war die Lehre des Buches. Vielfältig
ist die Welt, aber sie ist eitel und Haschen nach Wind; Eins aber und einzig
ist der Gott Israels, das Seiende, das Ueberwirkliche, Jahve. Manchmal
wohl überwucherte ihnen das Leben dieses Wort, aber es stak in jedem, und
in den Stunden, wo sie sie selber wurden, wenn sich ihr Leben gipfelte, war
es da, und wenn sie starben, war es da, und was von einem zum andern
flutete, war dieses Wort. Sie schnürten es sich mit Gebetriemen um Herz
und Hirn, sie hefteten es an ihre Türen, sie eröffneten mit ihm ihren Tag und
sie schlossen ihn mit ihm; als erstes den Säugling lehrten sie das Wort, und
der Sterbende verröchelte mit dem Wort. Aus dem Wort sogen sie die Kraft,
die gehäuften Qualen ihres Wegs zu überdauern. Blaß und heimlich
lächelten sie über die Macht Edoms, über seine Raserei und den Wahnsinn
seines Geweses und Getriebes. Dies alles verging; was blieb, war das Wort.
Sie hatten das Buch mit sich geschleppt durch zwei Jahrtausende. Es war
ihr Volk, Staat, Heimat, Erbteil und Besitz. Sie hatten es allen Völkern
vermittelt, und alle Völker bekannten sich zu ihm. Aber die einzigen
rechtmäßigen Besitzer, Erkenner und Verweser waren sie allein.
Sechshundertsiebenundvierzigtausenddreihundertundneunzehn
Buchstaben hatte das Buch. Jeder Buchstab war gezählt und gewogen,
geprüft und erkannt. Jeder Buchstab war bezahlt mit Leben, tausende hatten
sich martern und töten lassen um jeden Buchstaben. Nun war das Buch
ganz ihr eigen. Und in ihren Bethäusern, an ihrem höchsten Feiertag, riefen
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sie, bekannten sie, die Stolzen, herrenhaft Schreitenden so überzeugt wie
die Kleinen, Getretenen, Geduckten: Nichts haben wir, nur das Buch.
Karl Alexander schickte Magdalen Sibylle prächtige Geschenke,
flandrische und venezianische Gobelins, goldene Parfümfläschchen,
spanische Arbeit, mit persischem Rosenöl, ein arabisches Reitpferd, ein
Perlengehänge. Er war kein Filz, er ließ sich nicht lumpen, und er
betrachtete Magdalen Sibylle als seine erklärte Mätresse. Täglich kam der
Kammerdiener Neuffer, fragte förmlich im Auftrag des Herzogs nach dem
Befinden der Demoiselle.
Magdalen Sibylle ließ sich alles kalt und wortlos gefallen. Sie ging
stumm wie eine Tote, starr das männlich kühne, schöne Gesicht, verpreßt
die Lippen, die Arme seltsam steif. Sie verließ das Haus nicht, sie sagte
guten Morgen, guten Abend, sonst nichts, sie aß allein, sie kümmerte sich
nicht um das Hauswesen. Sie hatte zu niemandem, zu ihrem Vater nicht, zu
niemandem über die Sache mit dem Herzog gesprochen, es kam vor, daß sie
ihren Vater tagelang nicht sah.
Weißensee wagte keinen Versuch, sie aus ihrer Starre zu wecken. Er war
nobilitiert worden, er hatte jetzt den Rang eines Konferenzministers. Er war
flatterig und sehr elend, er fühlte das Mißtrauen seiner Kollegen vom
engeren landschaftlichen Ausschuß, er wollte sich aussprechen mit
Harpprecht, dem Juristen, mit Bilfinger, der ein rechter, ehrlicher Mann war
und sein Freund. Er wagte es nicht.
Magdalen Sibylle saß stundenlang und starrte. Sie war aus sich
herausgeworfen, zertrampelt, zerfetzt, zerwüstet. Waren dies ihre Arme?
Wenn sie sich stach, war das ihr Blut? Das Furchtbarste war: sie hatte
keinen Haß gegen den Herzog. Sie suchte sich müd und nervös den Vorgang
zurückzurufen. Sie roch in der Erinnerung den Weindunst und Schweiß Karl
Alexanders, sie sah etwas Rotes, Widriges auf sie zukommen, das waren
seine Hände und sein Gesicht. Zuweilen wohl stieg, wenn sie daran dachte,
ein laues, übles Gefühl des Ekels in ihr auf. Was später kam, wußte sie nicht
mehr recht. Sie wußte nur, daß sie den Herzog durchaus nicht haßte. Er war
wie ein großes Tier, ein Pferd oder ein Stier, warm und mächtig groß und in
sich eingesperrt. Manchmal spürte man in den Augen eines solchen Tiers,
die Kleinen, Getretenen, Geduckten: Nichts haben wir, nur das Buch.
Karl Alexander schickte Magdalen Sibylle prächtige Geschenke,
flandrische und venezianische Gobelins, goldene Parfümfläschchen,
spanische Arbeit, mit persischem Rosenöl, ein arabisches Reitpferd, ein
Perlengehänge. Er war kein Filz, er ließ sich nicht lumpen, und er
betrachtete Magdalen Sibylle als seine erklärte Mätresse. Täglich kam der
Kammerdiener Neuffer, fragte förmlich im Auftrag des Herzogs nach dem
Befinden der Demoiselle.
Magdalen Sibylle ließ sich alles kalt und wortlos gefallen. Sie ging
stumm wie eine Tote, starr das männlich kühne, schöne Gesicht, verpreßt
die Lippen, die Arme seltsam steif. Sie verließ das Haus nicht, sie sagte
guten Morgen, guten Abend, sonst nichts, sie aß allein, sie kümmerte sich
nicht um das Hauswesen. Sie hatte zu niemandem, zu ihrem Vater nicht, zu
niemandem über die Sache mit dem Herzog gesprochen, es kam vor, daß sie
ihren Vater tagelang nicht sah.
Weißensee wagte keinen Versuch, sie aus ihrer Starre zu wecken. Er war
nobilitiert worden, er hatte jetzt den Rang eines Konferenzministers. Er war
flatterig und sehr elend, er fühlte das Mißtrauen seiner Kollegen vom
engeren landschaftlichen Ausschuß, er wollte sich aussprechen mit
Harpprecht, dem Juristen, mit Bilfinger, der ein rechter, ehrlicher Mann war
und sein Freund. Er wagte es nicht.
Magdalen Sibylle saß stundenlang und starrte. Sie war aus sich
herausgeworfen, zertrampelt, zerfetzt, zerwüstet. Waren dies ihre Arme?
Wenn sie sich stach, war das ihr Blut? Das Furchtbarste war: sie hatte
keinen Haß gegen den Herzog. Sie suchte sich müd und nervös den Vorgang
zurückzurufen. Sie roch in der Erinnerung den Weindunst und Schweiß Karl
Alexanders, sie sah etwas Rotes, Widriges auf sie zukommen, das waren
seine Hände und sein Gesicht. Zuweilen wohl stieg, wenn sie daran dachte,
ein laues, übles Gefühl des Ekels in ihr auf. Was später kam, wußte sie nicht
mehr recht. Sie wußte nur, daß sie den Herzog durchaus nicht haßte. Er war
wie ein großes Tier, ein Pferd oder ein Stier, warm und mächtig groß und in
sich eingesperrt. Manchmal spürte man in den Augen eines solchen Tiers,
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wie fremd und unerreichlich anders es war, manchmal fühlte man sich ihm
nah. Aber man haßte es nicht und niemals.
Dies war das Grauenvolle und was ihre Welt und sie selber in einen
dummen und lächerlichen Trümmerhaufen niederbrach: daß der andere ein
Tier war, das man unmöglich hassen konnte. So war sie selber wohl solch
Tier, sanfter vielleicht, nicht so rot und fauchend und dunstend, aber doch
ein Tier. Und das, was sie geträumt hatte, von Gott und Schweben und
Aufgehen in ihm und Seligkeit, das war alles dummes, kindisches, albernes
Gespinst und Gefasel und Narretei. Ein Tier war man und keine Blume.
Sie ging zur Beata Sturmin. Sie hörte die frommen, gefriedeten, sicheren
Reden des alternden, heiligen, blinden Mädchens, und sie hatte Mühe, nicht
dreist und trocken herauszulachen. Was wußte denn die! Die war eben
blind. Das war ja ahnungslos und Heu und Stroh, was die daherpredigte! Du
hast vor dich hingelebt, heilig und keusch und selig beflissen, und war kein
schmutziger Gedanke an dir. Und nun kommt ein Tier, rot, weindunstend,
schnaufend, und zertrampelt dich und wühlt seinen Schmutz und Glitsch in
dich: und du kannst es nicht hassen. Erklär das doch! Deut das doch aus!
Der Herzog ließ Weißensee und seine Tochter zu sich bitten. Weißensee
sprach, zaghaft, Magdalen Sibyllen davon. Sie antwortete nicht, kam nicht.
Der Herzog bat ein zweites Mal. Magdalen Sibylle hörte nicht. Der Herzog
ließ dem Konsistorialpräsidenten durch den Neuffer seine Ungeduld und
seinen Unwillen vermelden. Weißensee wagte es nicht, ihr darüber zu
sprechen. Er steckte sich hinter die Beata Sturmin, machte dem heiligen
Mädchen Andeutungen, die sie in ihrer Naivität nicht verstand. Immerhin
bat sie die Magdalen Sibylle zu sich, sprach zu ihr, sagte, der Herzog habe
nach dem, was ihr Vater erzähle, offenbar Wohlgefallen an ihr gefunden,
und sie solle doch zu ihm gehen und ihm in seine Verstocktheit hineinreden.
Vielleicht habe sie Gott auserwählt, wie Esther dem Ahasverus. Magdalen
Sibylle lachte haltlos, höhnisch. Die Blinde richtete sanft und ohne
Verständnis die erloschenen Augen auf sie.
Dennoch ging sie. Sie ging zu dem Tier in einer Art toter Neugier. Es war
alles so fratzenhaft und lächerlich. Da hasteten alle herum und hatten sich
wichtig und machten sich Gründe vor, aus denen sie so heftig und wichtig
herumzappelten. Und in Wahrheit war alles ganz ohne Verstand, hatte nicht
mehr Sinn als das Gekrabbel von Maikäfern, die ein Bub in eine Schachtel
gesperrt hat.
nah. Aber man haßte es nicht und niemals.
Dies war das Grauenvolle und was ihre Welt und sie selber in einen
dummen und lächerlichen Trümmerhaufen niederbrach: daß der andere ein
Tier war, das man unmöglich hassen konnte. So war sie selber wohl solch
Tier, sanfter vielleicht, nicht so rot und fauchend und dunstend, aber doch
ein Tier. Und das, was sie geträumt hatte, von Gott und Schweben und
Aufgehen in ihm und Seligkeit, das war alles dummes, kindisches, albernes
Gespinst und Gefasel und Narretei. Ein Tier war man und keine Blume.
Sie ging zur Beata Sturmin. Sie hörte die frommen, gefriedeten, sicheren
Reden des alternden, heiligen, blinden Mädchens, und sie hatte Mühe, nicht
dreist und trocken herauszulachen. Was wußte denn die! Die war eben
blind. Das war ja ahnungslos und Heu und Stroh, was die daherpredigte! Du
hast vor dich hingelebt, heilig und keusch und selig beflissen, und war kein
schmutziger Gedanke an dir. Und nun kommt ein Tier, rot, weindunstend,
schnaufend, und zertrampelt dich und wühlt seinen Schmutz und Glitsch in
dich: und du kannst es nicht hassen. Erklär das doch! Deut das doch aus!
Der Herzog ließ Weißensee und seine Tochter zu sich bitten. Weißensee
sprach, zaghaft, Magdalen Sibyllen davon. Sie antwortete nicht, kam nicht.
Der Herzog bat ein zweites Mal. Magdalen Sibylle hörte nicht. Der Herzog
ließ dem Konsistorialpräsidenten durch den Neuffer seine Ungeduld und
seinen Unwillen vermelden. Weißensee wagte es nicht, ihr darüber zu
sprechen. Er steckte sich hinter die Beata Sturmin, machte dem heiligen
Mädchen Andeutungen, die sie in ihrer Naivität nicht verstand. Immerhin
bat sie die Magdalen Sibylle zu sich, sprach zu ihr, sagte, der Herzog habe
nach dem, was ihr Vater erzähle, offenbar Wohlgefallen an ihr gefunden,
und sie solle doch zu ihm gehen und ihm in seine Verstocktheit hineinreden.
Vielleicht habe sie Gott auserwählt, wie Esther dem Ahasverus. Magdalen
Sibylle lachte haltlos, höhnisch. Die Blinde richtete sanft und ohne
Verständnis die erloschenen Augen auf sie.
Dennoch ging sie. Sie ging zu dem Tier in einer Art toter Neugier. Es war
alles so fratzenhaft und lächerlich. Da hasteten alle herum und hatten sich
wichtig und machten sich Gründe vor, aus denen sie so heftig und wichtig
herumzappelten. Und in Wahrheit war alles ganz ohne Verstand, hatte nicht
mehr Sinn als das Gekrabbel von Maikäfern, die ein Bub in eine Schachtel
gesperrt hat.
Page 179
Sie saß bei Karl Alexander. Sagte: Guten Tag, Durchlaucht, führte die
Schokolade zum Mund. Er sprach zu ihr, nett, fröhlich, wohlwollend wie zu
einem kleinen Kind. Sie erwiderte Belangloses, Mechanisches. Was sie tat,
sagte, war wie angeschminkt, nicht zu ihr gehörig. Er bemühte sich weiter
um sie. Sie dachte, er ist doch eher ein schweres Pferd als ein Stier, wartete
darauf, mit einer stillen, angewiderten Neugier, ob er sie nehmen werde. Im
Verlauf, wie gar nichts mit ihr anzufangen war, wurde er zornig. Gewiß,
eine Jungfer hatte sich zu zieren und hernach beleidigt zu tun, das war in
aller Welt so. Aber schließlich war es doch etwas, seine, des Herzogs von
Württemberg, Herzdame zu sein. So kostbar wie die hatte keine getan, so
ein kaltes, frostiges Gewese war ihm noch nie passiert. Er wurde heftig. Sie
sah ihn an, nicht mit Vorwurf, auch nicht mit Hoheit; aber es war ein so
abgründiger, ätzender Hohn darin, er fühlte sich unbehaglich, kam sich vor
wie ein heruntergeputzter kleiner Fahnenjunker. Wurde wieder freundlich,
zärtlich. Sie schwieg. Schließlich nahm er sie. Sie ließ es kalt geschehen,
ohne sich zu wehren, und er blieb ohne Genuß. Als er sie die Treppe
heruntergeleitete an den Wagen, starb den Lakaien das Grinsen auf den
Gesichtern, so wie eine Tote oder eine Wahnsinnige ging sie.
Sie ließ es auch weiterhin, ohne sich zu wehren, geschehen, daß er sie
hielt wie seine erklärte Mätresse. Sie kam, wenn er es befahl. Zeigte sich
öffentlich mit ihm. Das Volk freute sich, daß sein Fürst so eine anständige,
schöne und saubere Mätresse hatte, die noch dazu im Geruch der Heiligkeit
stand und eine Einheimische war. Daß Karl Alexander zu seiner schönen
Herzogin so eine schöne und anständige und schwäbische Mätresse hatte,
versöhnte das Volk zwar nicht mit seinem Juden, aber es machte manches
wieder gut, was seiner Popularität abträglich war. Die Bürger zogen die
Mützen vor Magdalen Sibylle, und viele schrien Hoch.
Auch dem Weißensee kam diese Stimmung sehr zustatten. Sein Ansehen
stieg, sogar im Parlament. Und wenn man unter den Elf des engeren
Ausschusses auch polterte, so wären doch bis auf zwei, drei alle gern an
seiner Stelle gewesen und beneideten ihn herzlich um sein Glück. Neuffer
gar sah zu ihm als dem gewissermaßen stellvertretenden Schwiegervater
des Herzogs mit düsterer Ehrerbietung auf.
Langsam kehrte Magdalen Sibylle, nach Wochen, das Gefühl zurück.
Wie wohl ein Erfrorener, wieder zum Leben gebracht, schmerzhaft fühlt,
wie sein Blut neu zu kreisen anfängt, so spürte sie schmerzhaft Wallungen
aufsteigen, fluten, immer wilder alle Poren anfüllen, Haß und Begier.
Schokolade zum Mund. Er sprach zu ihr, nett, fröhlich, wohlwollend wie zu
einem kleinen Kind. Sie erwiderte Belangloses, Mechanisches. Was sie tat,
sagte, war wie angeschminkt, nicht zu ihr gehörig. Er bemühte sich weiter
um sie. Sie dachte, er ist doch eher ein schweres Pferd als ein Stier, wartete
darauf, mit einer stillen, angewiderten Neugier, ob er sie nehmen werde. Im
Verlauf, wie gar nichts mit ihr anzufangen war, wurde er zornig. Gewiß,
eine Jungfer hatte sich zu zieren und hernach beleidigt zu tun, das war in
aller Welt so. Aber schließlich war es doch etwas, seine, des Herzogs von
Württemberg, Herzdame zu sein. So kostbar wie die hatte keine getan, so
ein kaltes, frostiges Gewese war ihm noch nie passiert. Er wurde heftig. Sie
sah ihn an, nicht mit Vorwurf, auch nicht mit Hoheit; aber es war ein so
abgründiger, ätzender Hohn darin, er fühlte sich unbehaglich, kam sich vor
wie ein heruntergeputzter kleiner Fahnenjunker. Wurde wieder freundlich,
zärtlich. Sie schwieg. Schließlich nahm er sie. Sie ließ es kalt geschehen,
ohne sich zu wehren, und er blieb ohne Genuß. Als er sie die Treppe
heruntergeleitete an den Wagen, starb den Lakaien das Grinsen auf den
Gesichtern, so wie eine Tote oder eine Wahnsinnige ging sie.
Sie ließ es auch weiterhin, ohne sich zu wehren, geschehen, daß er sie
hielt wie seine erklärte Mätresse. Sie kam, wenn er es befahl. Zeigte sich
öffentlich mit ihm. Das Volk freute sich, daß sein Fürst so eine anständige,
schöne und saubere Mätresse hatte, die noch dazu im Geruch der Heiligkeit
stand und eine Einheimische war. Daß Karl Alexander zu seiner schönen
Herzogin so eine schöne und anständige und schwäbische Mätresse hatte,
versöhnte das Volk zwar nicht mit seinem Juden, aber es machte manches
wieder gut, was seiner Popularität abträglich war. Die Bürger zogen die
Mützen vor Magdalen Sibylle, und viele schrien Hoch.
Auch dem Weißensee kam diese Stimmung sehr zustatten. Sein Ansehen
stieg, sogar im Parlament. Und wenn man unter den Elf des engeren
Ausschusses auch polterte, so wären doch bis auf zwei, drei alle gern an
seiner Stelle gewesen und beneideten ihn herzlich um sein Glück. Neuffer
gar sah zu ihm als dem gewissermaßen stellvertretenden Schwiegervater
des Herzogs mit düsterer Ehrerbietung auf.
Langsam kehrte Magdalen Sibylle, nach Wochen, das Gefühl zurück.
Wie wohl ein Erfrorener, wieder zum Leben gebracht, schmerzhaft fühlt,
wie sein Blut neu zu kreisen anfängt, so spürte sie schmerzhaft Wallungen
aufsteigen, fluten, immer wilder alle Poren anfüllen, Haß und Begier.
Page 180
Immer noch blieb Karl Alexander das gleichgültige, mit leichtem
Widerwillen fremd angestaunte Tier, das sie litt: aber ihr Denken und ihre
Triebe alle zielten auf einen andern, kreisten um den andern. Der Herzog,
bah! was wußte der! was verstand der! Er war ein Unglück für sie. Man
haßte ihn so wenig wie die Apfelschale auf der Straße, über die man
ausgeglitten war. Aber der andere, der wußte, der war verantwortlich, der
wußte besser als jeder andere, sah klarer, wog, zählte genau, war
hassenswert, war in Wahrheit der Teufel und alles Böse. Es war ein rechtes
Gefühl und große, gnadenhafte Warnung gewesen, die sie damals im Wald
von Hirsau so grauenhaft bei seinem Anblick aufgeschüttert hatte. Er wußte
sehr gut, der freche, glatte, gescheite, ruchlose, eiskalte Teufel, der er war,
wußte so gut wie sie, daß sie um ein ehrliches, warmes Wort erlöst zu ihm
hingeglitten wäre, daß alle ihre kindischen, geheimnisfrohen, nebelhaften
Gott- und Teufel-Träume sich in ein heißes, menschliches Gefühl gelöst
hätten, wenn er nur die Kraft gehabt hätte, zu seinem Gefühl zu stehen,
seine wahrhafte Neigung nicht preiszugeben für ein Lächeln und einen
Brocken Geld oder Titel von dem Herzog. Denn er liebte sie. So schaute
einer nicht, so sprach und neigte sich einer nicht, wenn sein Gefühl nicht
echt war. Wenn einer aus einem Trieb heraus Soldaten preßte, seine
Untertanen verelendete, Frauen vergewaltigte, das war das Tierhafte, da war
keine Verantwortung. Aber jener andere, der sein Gefühl verschacherte,
pfui! pfui! das war das wahrhaft Jüdische und Teuflische.
Sie wußte nicht, wie versprenkelt und wie eingesprenkelt in tausend
anderes das Gefühl war, mit dem Süß an sie dachte. Vielleicht hatte er
wirklich für den Bruchteil eines Augenblicks ehrlich und ganz und nur sie
gespürt; doch er war viel zu zerspellt und in tausend Interessen zerteilt, war
viel zu sehr Mann des Augenblicks, um solch Gefühl, selbst wenn er es
gewollt hätte, halten zu können. Und die Grundmelodie seines Seins, seine
Bindung mit dem Herzog, für eine Frau aufs Spiel zu setzen, auch nur der
Gedanke daran wäre ihm absurd vorgekommen.
Einmal sah sie ihn. Das Herz stieg ihr hoch: was wird er tun? Wenn er es
wagen sollte, sie anzusprechen! Aber er sprach nicht. Sondern grüßte nur
tief und mit stillem, ernstem, ehrerbietigem Blick. Und sie haßte ihn
doppelt.
Die Herzogin hatte sich vom ersten Abend an für Magdalen Sibylle
interessiert. Das große Mädchen mit dem männlich kühnen Gesicht gefiel
ihr, sie suchte an sie heranzukommen. Sie merkte gut, daß jener der Herzog
Widerwillen fremd angestaunte Tier, das sie litt: aber ihr Denken und ihre
Triebe alle zielten auf einen andern, kreisten um den andern. Der Herzog,
bah! was wußte der! was verstand der! Er war ein Unglück für sie. Man
haßte ihn so wenig wie die Apfelschale auf der Straße, über die man
ausgeglitten war. Aber der andere, der wußte, der war verantwortlich, der
wußte besser als jeder andere, sah klarer, wog, zählte genau, war
hassenswert, war in Wahrheit der Teufel und alles Böse. Es war ein rechtes
Gefühl und große, gnadenhafte Warnung gewesen, die sie damals im Wald
von Hirsau so grauenhaft bei seinem Anblick aufgeschüttert hatte. Er wußte
sehr gut, der freche, glatte, gescheite, ruchlose, eiskalte Teufel, der er war,
wußte so gut wie sie, daß sie um ein ehrliches, warmes Wort erlöst zu ihm
hingeglitten wäre, daß alle ihre kindischen, geheimnisfrohen, nebelhaften
Gott- und Teufel-Träume sich in ein heißes, menschliches Gefühl gelöst
hätten, wenn er nur die Kraft gehabt hätte, zu seinem Gefühl zu stehen,
seine wahrhafte Neigung nicht preiszugeben für ein Lächeln und einen
Brocken Geld oder Titel von dem Herzog. Denn er liebte sie. So schaute
einer nicht, so sprach und neigte sich einer nicht, wenn sein Gefühl nicht
echt war. Wenn einer aus einem Trieb heraus Soldaten preßte, seine
Untertanen verelendete, Frauen vergewaltigte, das war das Tierhafte, da war
keine Verantwortung. Aber jener andere, der sein Gefühl verschacherte,
pfui! pfui! das war das wahrhaft Jüdische und Teuflische.
Sie wußte nicht, wie versprenkelt und wie eingesprenkelt in tausend
anderes das Gefühl war, mit dem Süß an sie dachte. Vielleicht hatte er
wirklich für den Bruchteil eines Augenblicks ehrlich und ganz und nur sie
gespürt; doch er war viel zu zerspellt und in tausend Interessen zerteilt, war
viel zu sehr Mann des Augenblicks, um solch Gefühl, selbst wenn er es
gewollt hätte, halten zu können. Und die Grundmelodie seines Seins, seine
Bindung mit dem Herzog, für eine Frau aufs Spiel zu setzen, auch nur der
Gedanke daran wäre ihm absurd vorgekommen.
Einmal sah sie ihn. Das Herz stieg ihr hoch: was wird er tun? Wenn er es
wagen sollte, sie anzusprechen! Aber er sprach nicht. Sondern grüßte nur
tief und mit stillem, ernstem, ehrerbietigem Blick. Und sie haßte ihn
doppelt.
Die Herzogin hatte sich vom ersten Abend an für Magdalen Sibylle
interessiert. Das große Mädchen mit dem männlich kühnen Gesicht gefiel
ihr, sie suchte an sie heranzukommen. Sie merkte gut, daß jener der Herzog
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sehr gleichgültig war, daß er sie nicht verstand, sie ihn nur kalt und leidend
gewähren ließ. Das begriff nun sie wieder nicht, so betastete sie doppelt
neugierig das Mädchen mit dem sonderbaren Widerspiel der blauen Augen
und des dunklen Haars. Magdalen Sibylle spürte das Wohlwollen, das von
Marie Auguste zu ihr herüberströmte, und ließ es sich lässig gefallen. Die
Herzogin, wie getrieben, schmiegte und schmeichelte sich immer enger an
sie heran, sie gab sich wie eine jüngere Schwester, legte den Arm
vertraulich um die Taille der andern, zeigte, sie, die sonst an allen Frauen
gern ihre selbstsichere, spitze Zunge übte, allen offen ihre Freundschaft für
die schöne Herzdame ihres Mannes.
Sie machte sich klein, stellte hübsche Posen, machte Mündchen. Ach, sie
war so kindisch und dumm! Magdalen Sibylle mußte ihr soviel erklären.
Sie war ja so gescheit, sie hatte sich mit so abgründigen Dingen beschäftigt
wie Gott und dem Tausendjährigen Reich und der philadelphischen
Sozietät. Es wäre nett, eine so gescheite Freundin zu haben. Sie, Marie
Auguste, ging fromm zur Kirche und beichtete. Aber sie wußte von Gott
eigentlich nur, was im Katechismus steht, und verstand sich so recht nur auf
gesellschaftliche und modische Fragen. Die Aermel müßte Magdalen
Sibylle übrigens kürzer tragen und bauschiger, das hebe die braunen,
schönen Arme. Auch mit der Frisur sei sie nicht ganz einverstanden.
Sie legte die kleine, fleischige Hand auf die große, warme Magdalen
Sibyllens, lächelte ein spitzbübisches, amüsiertes Lächeln: „Haben Sie
übrigens bemerkt, Liebe, gestern, als dem Lord Suffolk das Jabot
verrutschte, daß er ganz verzottelt auf der Brust ist? Er hat soviel Haare wie
der Herzog.“
Marie Auguste war um jene Zeit schöner als je. Wie schwarze Seide
glänzte das Haar, matt leuchtete, ein kostbares Pastell, das Gesicht mit den
länglichen Augen unter der sehr heiteren Stirn. Der Gang war
harmonisches, zufriedenes Schweben. Ihr Tag war erfüllt und befriedet, ihr
einziger Wunsch, immer so weiter zu leben. Es stand an ihrer Straße
Remchingen, der so zornig und männlich war und den man so amüsant und
mit leiser Furcht ärgern konnte; einmal hatte er ganz im Ernst nach ihr
geschlagen. Und es stand an ihrer Straße der junge Lord Suffolk, der
wortkarg war, und der, trotzdem seine Obliegenheiten in seiner Heimat nach
ihm schrien, sein Leben damit vertat, sie ernsthaft und unentwegt
anzustarren. Vielleicht wird sie ihn eines Tages erhören. Warum soll man
einem jungen Menschen nicht gnädig sein, der so seriöse Beweise seiner
gewähren ließ. Das begriff nun sie wieder nicht, so betastete sie doppelt
neugierig das Mädchen mit dem sonderbaren Widerspiel der blauen Augen
und des dunklen Haars. Magdalen Sibylle spürte das Wohlwollen, das von
Marie Auguste zu ihr herüberströmte, und ließ es sich lässig gefallen. Die
Herzogin, wie getrieben, schmiegte und schmeichelte sich immer enger an
sie heran, sie gab sich wie eine jüngere Schwester, legte den Arm
vertraulich um die Taille der andern, zeigte, sie, die sonst an allen Frauen
gern ihre selbstsichere, spitze Zunge übte, allen offen ihre Freundschaft für
die schöne Herzdame ihres Mannes.
Sie machte sich klein, stellte hübsche Posen, machte Mündchen. Ach, sie
war so kindisch und dumm! Magdalen Sibylle mußte ihr soviel erklären.
Sie war ja so gescheit, sie hatte sich mit so abgründigen Dingen beschäftigt
wie Gott und dem Tausendjährigen Reich und der philadelphischen
Sozietät. Es wäre nett, eine so gescheite Freundin zu haben. Sie, Marie
Auguste, ging fromm zur Kirche und beichtete. Aber sie wußte von Gott
eigentlich nur, was im Katechismus steht, und verstand sich so recht nur auf
gesellschaftliche und modische Fragen. Die Aermel müßte Magdalen
Sibylle übrigens kürzer tragen und bauschiger, das hebe die braunen,
schönen Arme. Auch mit der Frisur sei sie nicht ganz einverstanden.
Sie legte die kleine, fleischige Hand auf die große, warme Magdalen
Sibyllens, lächelte ein spitzbübisches, amüsiertes Lächeln: „Haben Sie
übrigens bemerkt, Liebe, gestern, als dem Lord Suffolk das Jabot
verrutschte, daß er ganz verzottelt auf der Brust ist? Er hat soviel Haare wie
der Herzog.“
Marie Auguste war um jene Zeit schöner als je. Wie schwarze Seide
glänzte das Haar, matt leuchtete, ein kostbares Pastell, das Gesicht mit den
länglichen Augen unter der sehr heiteren Stirn. Der Gang war
harmonisches, zufriedenes Schweben. Ihr Tag war erfüllt und befriedet, ihr
einziger Wunsch, immer so weiter zu leben. Es stand an ihrer Straße
Remchingen, der so zornig und männlich war und den man so amüsant und
mit leiser Furcht ärgern konnte; einmal hatte er ganz im Ernst nach ihr
geschlagen. Und es stand an ihrer Straße der junge Lord Suffolk, der
wortkarg war, und der, trotzdem seine Obliegenheiten in seiner Heimat nach
ihm schrien, sein Leben damit vertat, sie ernsthaft und unentwegt
anzustarren. Vielleicht wird sie ihn eines Tages erhören. Warum soll man
einem jungen Menschen nicht gnädig sein, der so seriöse Beweise seiner
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Neigung gibt? Vielleicht auch wird sie ihn schlecht behandeln, daß er, und
das ist doch vielleicht das Interessantere, sich erschießt. Und es stand an
ihrer Straße der Herr von Riolles, der entzückend häßlich war und mit
seiner leisen, hohen Stimme die boshaftesten Witze machte, vor allem über
plumpe Frauen. Und es stand ganz in der Ferne ihr Jud, auf den sie sehr
stolz war, und der ihr mit der größten Ehrerbietung die insolentesten
Komplimente zu sagen wußte.
Und sie trieb die Männer an. Und sie jagte und sie hielt Feste und sie sah
Komödie und sie spielte selber Komödie und sie fuhr spazieren und sie
reiste ins Bad und nach Regensburg und Wien. Und sie war sehr glücklich.
Magdalen Sibylle aber schaute ihr zu wie einer kleinen, spielenden
Katze. Ach, wer so hinhüpfen könnte über die Dinge, und nichts rührt viel
tiefer als an die Haut, und man ist leicht und schwerlos und lächelt.
Als die Saat höher wuchs, als Felder, Wiesen, Blumenbeete Farbe und
Gesicht bekamen, wuchsen Schriftzeichen aus dem Boden des Herzogtums.
Es war wie eine geheime Verabredung. An den Rändern der Städte, überall
im Land, hatten die Bauern in ihre Aecker, Wiesen, Gärten mit
Kornblumensamen, mit Mohn- und Kleesamen, aber auch mit dem Samen
edlerer Blumen Schriftzeichen gesät. Nun wuchs es hoch, nun wuchs es aus
dem schwarzen Boden ans Licht, mit ungefügen Buchstaben und mit
zierlich gedrechselten, nun schrie es rot mit Mohnblüten, blau mit
Kornblumen, gelb mit Löwenzahn, aber auch mit Lilien weiß und sehr
künstlich: „Süß Saujud.“ Oder auch: „Josef Süß Saujud und Verderber.“
Da und dort griffen die Behörden ein, aber gegen die Gewohnheit läßlich
und ohne Strenge. Man schmunzelte, der Herzog lachte, Marie Auguste fuhr
eigens vor die Stadt, ein derartiges besonders kunstvolles Arrangement
amüsiert zu besichtigen. Sie erzählte dann ausführlich Magdalen Sibyllen
davon, die unter einem Vorwand nicht mitgekommen war.
Auch in dem Forst von Hirsau, in der großen Wiese der Lichtung nahe
bei dem Holzzaun des Hauses mit den Blumenterrassen, hatte ein Bauer die
Inschrift gesät. Es war ein junger Mensch, und er saß in der
Brüdergemeinde des Magisters Jaakob Polykarp Schober. Hier in dem
Bibelkollegium war es seit dem Weggang Magdalen Sibyllens lahm und
fahl geworden. Wohl waren es stille, demütige und bescheidene Menschen,
das ist doch vielleicht das Interessantere, sich erschießt. Und es stand an
ihrer Straße der Herr von Riolles, der entzückend häßlich war und mit
seiner leisen, hohen Stimme die boshaftesten Witze machte, vor allem über
plumpe Frauen. Und es stand ganz in der Ferne ihr Jud, auf den sie sehr
stolz war, und der ihr mit der größten Ehrerbietung die insolentesten
Komplimente zu sagen wußte.
Und sie trieb die Männer an. Und sie jagte und sie hielt Feste und sie sah
Komödie und sie spielte selber Komödie und sie fuhr spazieren und sie
reiste ins Bad und nach Regensburg und Wien. Und sie war sehr glücklich.
Magdalen Sibylle aber schaute ihr zu wie einer kleinen, spielenden
Katze. Ach, wer so hinhüpfen könnte über die Dinge, und nichts rührt viel
tiefer als an die Haut, und man ist leicht und schwerlos und lächelt.
Als die Saat höher wuchs, als Felder, Wiesen, Blumenbeete Farbe und
Gesicht bekamen, wuchsen Schriftzeichen aus dem Boden des Herzogtums.
Es war wie eine geheime Verabredung. An den Rändern der Städte, überall
im Land, hatten die Bauern in ihre Aecker, Wiesen, Gärten mit
Kornblumensamen, mit Mohn- und Kleesamen, aber auch mit dem Samen
edlerer Blumen Schriftzeichen gesät. Nun wuchs es hoch, nun wuchs es aus
dem schwarzen Boden ans Licht, mit ungefügen Buchstaben und mit
zierlich gedrechselten, nun schrie es rot mit Mohnblüten, blau mit
Kornblumen, gelb mit Löwenzahn, aber auch mit Lilien weiß und sehr
künstlich: „Süß Saujud.“ Oder auch: „Josef Süß Saujud und Verderber.“
Da und dort griffen die Behörden ein, aber gegen die Gewohnheit läßlich
und ohne Strenge. Man schmunzelte, der Herzog lachte, Marie Auguste fuhr
eigens vor die Stadt, ein derartiges besonders kunstvolles Arrangement
amüsiert zu besichtigen. Sie erzählte dann ausführlich Magdalen Sibyllen
davon, die unter einem Vorwand nicht mitgekommen war.
Auch in dem Forst von Hirsau, in der großen Wiese der Lichtung nahe
bei dem Holzzaun des Hauses mit den Blumenterrassen, hatte ein Bauer die
Inschrift gesät. Es war ein junger Mensch, und er saß in der
Brüdergemeinde des Magisters Jaakob Polykarp Schober. Hier in dem
Bibelkollegium war es seit dem Weggang Magdalen Sibyllens lahm und
fahl geworden. Wohl waren es stille, demütige und bescheidene Menschen,
Page 183
die da zusammensaßen. Aber daß die Tochter des Prälaten unter ihnen war,
hatte sie doch eigentlich sehr stolz gemacht, und nun sie fehlte, ging es in
dem kleinen Kreise recht trist und geduckt zu. Auch kamen so merkwürdige
Gerüchte über Magdalen Sibylle aus der Residenz, und wenngleich es den
frommen Seelen fern lag, von ihrer weiland Schwester Böses zu glauben, so
trugen diese Gerüchte jedenfalls dazu bei, den Haß und den Abscheu zu
nähren gegen den Herodes, den Herzog, und seinen Trabanten, den Juden,
als welcher offenbar der leibhaftige Satanas war. Aus solchem christlichen
Abscheu heraus hatte der junge Bauer säuberlich und gewissenhaft mit
Blumen in die Waldlichtung geschrieben: „Josef Süß Saujud Und Satanas.“
Dem Magister Jaakob Polykarp Schober selbst war mit Magdalen Sibylle
eine Tröstung und großes Licht erloschen. Bei aller Demut und Niedrigkeit
spürte er doch zwischen sich und Magdalen Sibylle ein heimliches,
einverstehendes Wissen, das ihn über die anderen hoch hinaushob.
Sicherlich ahnte ihr von seinem großen, seligen Geheimnis, und so ging der
fette, stille, pausbäckige Mensch sanft und gehoben neben ihr her. Es war so
schön gewesen, jemanden mit solcher Ahnung neben sich zu wissen, es war
gewiß kein unfrommer Stolz, sich auf diese Art gewissermaßen bestätigt zu
fühlen. Er liebte die Einsamkeit mit Gott, aber Magdalen Sibylle ging ihm
doch sehr ab, und jetzt erst war es ihm so recht leid, daß an der
Geldforderung des Gratialamts seine Bewerbung um die herzogliche
Bibliothekarstelle gescheitert war, und jetzt erst hob sich in ihm neben dem
allgemeinen Abscheu gegen Süß ein höchst persönlicher, kräftiger Haß,
dessen Unchristlichkeit er sich oft zerknirscht vorwarf. Er konnte ihn aber
nicht loswerden, und wenn er im Wald seine sinnierenden Spaziergänge
machte, so stand er oft in der Lichtung vor der Blumenschrift und verfolgte
befriedigt die Linien: „Josef Süß Saujud Und Satanas“.
Einmal, wie es ihn wieder hingetrieben hatte, fand er, und das Herz
stockte ihm, einen andern Gast vor der Blumenschrift, das Mädchen, das
blauschwarze, mattweiße, die Prinzessin aus dem Himmlischen Jerusalem.
Sie lag hingeworfen auf der Erde, verströmend. Eine dickliche Person von
gutmütigem Aussehen bemühte sich ratlos und verstört um die wie
ohnmächtig Hingestreckte.
Dem weichherzigen Magister schnürten sich die Eingeweide vor Mitleid.
Es war keine Frage: hier einzugreifen, war unbedingte Forderung
christlicher Nächstenliebe. Dennoch brauchte er lange Zeit, bis er die
Schüchternheit vor der ihm sehr jenseitigen Erscheinung überwand, und
hatte sie doch eigentlich sehr stolz gemacht, und nun sie fehlte, ging es in
dem kleinen Kreise recht trist und geduckt zu. Auch kamen so merkwürdige
Gerüchte über Magdalen Sibylle aus der Residenz, und wenngleich es den
frommen Seelen fern lag, von ihrer weiland Schwester Böses zu glauben, so
trugen diese Gerüchte jedenfalls dazu bei, den Haß und den Abscheu zu
nähren gegen den Herodes, den Herzog, und seinen Trabanten, den Juden,
als welcher offenbar der leibhaftige Satanas war. Aus solchem christlichen
Abscheu heraus hatte der junge Bauer säuberlich und gewissenhaft mit
Blumen in die Waldlichtung geschrieben: „Josef Süß Saujud Und Satanas.“
Dem Magister Jaakob Polykarp Schober selbst war mit Magdalen Sibylle
eine Tröstung und großes Licht erloschen. Bei aller Demut und Niedrigkeit
spürte er doch zwischen sich und Magdalen Sibylle ein heimliches,
einverstehendes Wissen, das ihn über die anderen hoch hinaushob.
Sicherlich ahnte ihr von seinem großen, seligen Geheimnis, und so ging der
fette, stille, pausbäckige Mensch sanft und gehoben neben ihr her. Es war so
schön gewesen, jemanden mit solcher Ahnung neben sich zu wissen, es war
gewiß kein unfrommer Stolz, sich auf diese Art gewissermaßen bestätigt zu
fühlen. Er liebte die Einsamkeit mit Gott, aber Magdalen Sibylle ging ihm
doch sehr ab, und jetzt erst war es ihm so recht leid, daß an der
Geldforderung des Gratialamts seine Bewerbung um die herzogliche
Bibliothekarstelle gescheitert war, und jetzt erst hob sich in ihm neben dem
allgemeinen Abscheu gegen Süß ein höchst persönlicher, kräftiger Haß,
dessen Unchristlichkeit er sich oft zerknirscht vorwarf. Er konnte ihn aber
nicht loswerden, und wenn er im Wald seine sinnierenden Spaziergänge
machte, so stand er oft in der Lichtung vor der Blumenschrift und verfolgte
befriedigt die Linien: „Josef Süß Saujud Und Satanas“.
Einmal, wie es ihn wieder hingetrieben hatte, fand er, und das Herz
stockte ihm, einen andern Gast vor der Blumenschrift, das Mädchen, das
blauschwarze, mattweiße, die Prinzessin aus dem Himmlischen Jerusalem.
Sie lag hingeworfen auf der Erde, verströmend. Eine dickliche Person von
gutmütigem Aussehen bemühte sich ratlos und verstört um die wie
ohnmächtig Hingestreckte.
Dem weichherzigen Magister schnürten sich die Eingeweide vor Mitleid.
Es war keine Frage: hier einzugreifen, war unbedingte Forderung
christlicher Nächstenliebe. Dennoch brauchte er lange Zeit, bis er die
Schüchternheit vor der ihm sehr jenseitigen Erscheinung überwand, und
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ganz heimlich fürchtete er bereits, die Prinzessin könnte aus ihrem
Zusammenbruch auferstehen, eh daß er den Mut gefunden hätte, sie
anzureden.
Aber schließlich überwand er sich, trat, über eine Wurzel stolpernd,
näher, zog tief den Hut und äußerte unter mehrfachen Reverenzen:
„Demoiselle! Demoiselle!“ Die Dickliche fuhr erschreckt herum, die
Prinzessin wandte ihm langsam Augen zu, die wo anders waren und ihn
nicht sahen. Er war kein großer Kombinierer, aber er begriff, daß die
Verstörung der Dame mit der Blumenschrift zusammenhing, und froh über
diese Erkenntnis sagte er hurtig, höflich und mit dem zärtlichst ergebenen
Tonfall der Welt: „Ist er Ihnen auch zu nahe getreten, Demoiselle, der arge
Jud? Ja, dieser ist wohl ein Verderber und stinkender Satanas.“
Aber seine freundlich gemeinte Anrede hatte eine erschreckende
Wirkung, indem nämlich die Zarte aufsprang, ihn anflammte und mit
unerwarteter Gewalt rief: „Verleumder! Niedriger, giftiger, schleichender
Verleumder!“ Der Magister tat einen bestürzten, unbeholfenen Sprung
hinter sich; aber die Dame fuhr mit einer süßen, vorwurfsvollen Stimme
unter stürzenden Tränen fort: „Und Blumen, unschuldige Blumen
mißbrauchen zu solchem Gift und Niedrigkeit!“
Den Magister Jaakob Polykarp Schober, wie er die Liebliche aus dem
Himmlischen Jerusalem so verloren weinen sah, überkam eine große
Unsicherheit und Bedrängnis. Er stammelte ungeschickt: „Aber es war
keineswegs böslich vermeint, Demoiselle. Es erweisen ihn doch seine
Taten, Demoiselle. Es ist doch bekannt in allem Land, Demoiselle.“ Er
machte erneut etliche Reverenzen, während die Süße, Blauschwarze still
und strömend vor sich hinweinte und die dickliche Person auf sie einsprach
und sie wegzuziehen versuchte. Sie stützend, tröstend führte sie sie endlich
von den unseligen Blumen fort.
Aber der Magister konnte doch den Vorwurf, er sei ein giftiger
Verleumder, nicht so auf sich sitzen lassen. Er zottelte nebenher, gekränkt,
sich immer wieder verteidigend, es sei doch bekannt in allem Land, und es
sei nicht böslich vermeint gewesen. Doch das Mädchen, und ihre Augen
standen groß und wild in dem sehr weißen Gesicht, eiferte: „Satanas! Er! Er
Satanas! Weiß und rot ist er, hervorragend aus Myriaden. Sein Haupt
feinstes Gold, seine Locken ringeln sich herab, rabenschwarz. Seine
Wangen ein würziges Beet, getürmte Wohlgerüche, seine Lippen fließende
Myrrhe. Goldene Ringe seine Hände, besetzt mit Chrysolith, sein Leib von
Zusammenbruch auferstehen, eh daß er den Mut gefunden hätte, sie
anzureden.
Aber schließlich überwand er sich, trat, über eine Wurzel stolpernd,
näher, zog tief den Hut und äußerte unter mehrfachen Reverenzen:
„Demoiselle! Demoiselle!“ Die Dickliche fuhr erschreckt herum, die
Prinzessin wandte ihm langsam Augen zu, die wo anders waren und ihn
nicht sahen. Er war kein großer Kombinierer, aber er begriff, daß die
Verstörung der Dame mit der Blumenschrift zusammenhing, und froh über
diese Erkenntnis sagte er hurtig, höflich und mit dem zärtlichst ergebenen
Tonfall der Welt: „Ist er Ihnen auch zu nahe getreten, Demoiselle, der arge
Jud? Ja, dieser ist wohl ein Verderber und stinkender Satanas.“
Aber seine freundlich gemeinte Anrede hatte eine erschreckende
Wirkung, indem nämlich die Zarte aufsprang, ihn anflammte und mit
unerwarteter Gewalt rief: „Verleumder! Niedriger, giftiger, schleichender
Verleumder!“ Der Magister tat einen bestürzten, unbeholfenen Sprung
hinter sich; aber die Dame fuhr mit einer süßen, vorwurfsvollen Stimme
unter stürzenden Tränen fort: „Und Blumen, unschuldige Blumen
mißbrauchen zu solchem Gift und Niedrigkeit!“
Den Magister Jaakob Polykarp Schober, wie er die Liebliche aus dem
Himmlischen Jerusalem so verloren weinen sah, überkam eine große
Unsicherheit und Bedrängnis. Er stammelte ungeschickt: „Aber es war
keineswegs böslich vermeint, Demoiselle. Es erweisen ihn doch seine
Taten, Demoiselle. Es ist doch bekannt in allem Land, Demoiselle.“ Er
machte erneut etliche Reverenzen, während die Süße, Blauschwarze still
und strömend vor sich hinweinte und die dickliche Person auf sie einsprach
und sie wegzuziehen versuchte. Sie stützend, tröstend führte sie sie endlich
von den unseligen Blumen fort.
Aber der Magister konnte doch den Vorwurf, er sei ein giftiger
Verleumder, nicht so auf sich sitzen lassen. Er zottelte nebenher, gekränkt,
sich immer wieder verteidigend, es sei doch bekannt in allem Land, und es
sei nicht böslich vermeint gewesen. Doch das Mädchen, und ihre Augen
standen groß und wild in dem sehr weißen Gesicht, eiferte: „Satanas! Er! Er
Satanas! Weiß und rot ist er, hervorragend aus Myriaden. Sein Haupt
feinstes Gold, seine Locken ringeln sich herab, rabenschwarz. Seine
Wangen ein würziges Beet, getürmte Wohlgerüche, seine Lippen fließende
Myrrhe. Goldene Ringe seine Hände, besetzt mit Chrysolith, sein Leib von
Page 185
Elfenbein ein Schaft, eingehüllt von Saphiren.“ Und heiligste
Hingerissenheit und Ueberzeugtheit lächelte von ihren Lippen, strahlte von
der klaren Stirn, während sie so sprach.
Jaakob Polykarp Schober, wie er die Bibelverse hörte, fühlte sich
sogleich wohler und gefaßter. Jetzt konnte er sich auch ihre Verstörtheit
zusammenreimen. Aha! Dies war eine von denen, die der Jude mit seiner
Zauberei und Hexenkunst verführt hatte. Es gab ja so viele Liebestränke
und arge schwarze Künste, die auch den reinsten Sinn verwirrten und ihn
dem Teufel zutrieben. Gegen die Mandragorawurzel hatte kein noch so
weißes Herz eine Wehr, da hätte er für sich selber nicht einstehen können.
Der Jude war arg aus auf Weiber; wenn auch an den Historien über
Magdalen Sibylle nichts Wahres sein mochte, daß der Jude sie mit
Zauberkünsten zu verlocken suchte, soviel war gewiß. Und diese also, die
Prinzessin aus dem Himmlischen Jerusalem, war sicherlich ein Opfer von
ihm. Wie rein und lauter sie war, erhellte daraus, daß sie jetzt noch, in ihrer
Verstrickung und tiefem Fall, die Bibel zitierte. Die heiligen Worte flossen
süß und lieblich von ihren Lippen; bestimmt war Beelzebub ihr in heiliger,
englischer Vermummung genaht, als er sie verlockte.
Den pausbäckigen Magister hob es wie mit Himmelsflügeln, während er
diese Erwägungen anstellte. Sein Leben war mit dem Weggang Magdalen
Sibyllens doch eigentlich recht kahl und dürftig geworden. Jetzt schickte
ihm die Gnade des Herrn die beglückende Aufgabe, diese zarte und feine
Prinzessin aus den Zähnen des leckerischen und gefräßigen Satanas zu
retten. Er begann weitschweifig und behutsam von der Freude, die im
Himmel über reuige Sünder sei, kam dann auf die büßende Magdalena und
endete schließlich bei den feinen und schlauen Schlingen, vor denen auch
der Reinste und Zarteste nicht sicher sei. Denn der Feind, der Satanas und
Buhler –
Aber da warf ihn die Entrüstung des Mädchens ein zweites Mal und noch
viel schlimmer zurück. „Mein Vater ist kein Satan und Buhler,“ glühte sie,
während die Dickliche sie verzweifelt und dringlich zurückzuhalten suchte.
„Das ist schwarze, niedrige, scheusälige Verleumdung.“
Das freundliche, pausbäckige Gesicht des Magisters wurde ganz gelb und
fahl. Der Jude ihr Vater! Der moosichte Boden unter ihm hob und senkte
sich, die Bäume fielen um, über ihn, stachen ihn, deckten ihn zu. Der Jude
ihr Vater! Seine ganze Welt, Gott, Teufel, Offenbarung stand Kopf.
Hingerissenheit und Ueberzeugtheit lächelte von ihren Lippen, strahlte von
der klaren Stirn, während sie so sprach.
Jaakob Polykarp Schober, wie er die Bibelverse hörte, fühlte sich
sogleich wohler und gefaßter. Jetzt konnte er sich auch ihre Verstörtheit
zusammenreimen. Aha! Dies war eine von denen, die der Jude mit seiner
Zauberei und Hexenkunst verführt hatte. Es gab ja so viele Liebestränke
und arge schwarze Künste, die auch den reinsten Sinn verwirrten und ihn
dem Teufel zutrieben. Gegen die Mandragorawurzel hatte kein noch so
weißes Herz eine Wehr, da hätte er für sich selber nicht einstehen können.
Der Jude war arg aus auf Weiber; wenn auch an den Historien über
Magdalen Sibylle nichts Wahres sein mochte, daß der Jude sie mit
Zauberkünsten zu verlocken suchte, soviel war gewiß. Und diese also, die
Prinzessin aus dem Himmlischen Jerusalem, war sicherlich ein Opfer von
ihm. Wie rein und lauter sie war, erhellte daraus, daß sie jetzt noch, in ihrer
Verstrickung und tiefem Fall, die Bibel zitierte. Die heiligen Worte flossen
süß und lieblich von ihren Lippen; bestimmt war Beelzebub ihr in heiliger,
englischer Vermummung genaht, als er sie verlockte.
Den pausbäckigen Magister hob es wie mit Himmelsflügeln, während er
diese Erwägungen anstellte. Sein Leben war mit dem Weggang Magdalen
Sibyllens doch eigentlich recht kahl und dürftig geworden. Jetzt schickte
ihm die Gnade des Herrn die beglückende Aufgabe, diese zarte und feine
Prinzessin aus den Zähnen des leckerischen und gefräßigen Satanas zu
retten. Er begann weitschweifig und behutsam von der Freude, die im
Himmel über reuige Sünder sei, kam dann auf die büßende Magdalena und
endete schließlich bei den feinen und schlauen Schlingen, vor denen auch
der Reinste und Zarteste nicht sicher sei. Denn der Feind, der Satanas und
Buhler –
Aber da warf ihn die Entrüstung des Mädchens ein zweites Mal und noch
viel schlimmer zurück. „Mein Vater ist kein Satan und Buhler,“ glühte sie,
während die Dickliche sie verzweifelt und dringlich zurückzuhalten suchte.
„Das ist schwarze, niedrige, scheusälige Verleumdung.“
Das freundliche, pausbäckige Gesicht des Magisters wurde ganz gelb und
fahl. Der Jude ihr Vater! Der moosichte Boden unter ihm hob und senkte
sich, die Bäume fielen um, über ihn, stachen ihn, deckten ihn zu. Der Jude
ihr Vater! Seine ganze Welt, Gott, Teufel, Offenbarung stand Kopf.
Page 186
Wie ihm langsam Ueberlegung und Verstand zurückkehrte, sagte er sich,
wenn der Jude eine solche Tochter habe, sei doch wohl vieles Fabel und
tückisches Geschwätz, was von ihm in Schwang und Gerede sei. Die Welt
ist übel, die Zungen sind vergiftete Schwerter, manch einer wurde für einen
Herodes und Barrabas hingestellt und war hernach nicht viel anders als
unsereins. Immerhin, die Tatsache blieb, daß man ihm, der fromm und
demütig war, die Bibliothekarstelle verweigert hatte, bloß weil er ohne Geld
war. Und diese Institution war bestimmt eine Einführung des Juden. Und
wenn auch die Jungfrau hier rein und unschuldig einherging, sehr viele
andere Werke des Juden waren heillos und verrucht und ebenso mit Augen
zu schauen wie dieses freilich sehr weiße und englische Bild.
Das Kind hatte die Verwirrung des Magisters sehr wohl bemerkt. „Ah,“
rief sie, „jetzt erschreckt Ihr, weil Ihr hört, daß er mein Vater ist. Fürchtet
Euch nicht! Er ist zu hoch, als daß er auch nur die Ferse rührt gegen seine
armseligen Schwärzer und Verleumder.“
Aber das ließ sich nun wieder Jaakob Polykarp Schober nicht gefallen. Er
sei demütig und sehr gering, sagte er. Aber Furcht vor Menschen kenne er
nicht. Und wenn der Herr Jud und Vater der Demoiselle auch ein wütiger
Nebukadnezar sei und ihn könne in einen feurigen Ofen werfen lassen, Gott
werde er doch immer die Ehre geben.
Unter solchen Gesprächen waren sie an den Holzzaun gekommen, und
die Dickliche sagte, er müsse jetzt gehen. Sie nahm ihn beiseit, und mit
ungefügen, holperigen Worten in fremdartigem Akzent beschwor sie ihn,
der Kleinen nicht zu glauben. Sie sei natürlich nicht die Tochter des
Finanzdirektors, sie träume sich das nur so zusammen. Und er solle um des
Himmels willen keinem Menschen von der Sache erzählen. Dem Magister,
der sonst sehr langsam von Begriffen war und dem von der Begegnung und
dem ganzen Auf und Ab wirbelte, sah, daß die ganze Seligkeit in wenigen
Sekunden für immer vergehen werde, und da faßte er unerwartet einen gar
nicht demütigen Entschluß. Er sagte, er sei es seiner christlichen Ehre
schuldig, die Demoiselle ganz darüber aufzuklären, daß er kein
schurkischer Verleumder sei, und er müsse sie zu solchem Behuf unbedingt
noch einmal und ausführlich sprechen. Nur wenn ihm das eingeräumt
werde, verpflichte er sich, reinen Mund zu halten. Die Dickliche, unter
solchem Druck, sagte zaudernd für einen spätern Tag zu und verschwand
mit der Prinzessin, die wieder klagte: „Und Blumen so zu vergiften, arme,
unschuldige Blumen!“
wenn der Jude eine solche Tochter habe, sei doch wohl vieles Fabel und
tückisches Geschwätz, was von ihm in Schwang und Gerede sei. Die Welt
ist übel, die Zungen sind vergiftete Schwerter, manch einer wurde für einen
Herodes und Barrabas hingestellt und war hernach nicht viel anders als
unsereins. Immerhin, die Tatsache blieb, daß man ihm, der fromm und
demütig war, die Bibliothekarstelle verweigert hatte, bloß weil er ohne Geld
war. Und diese Institution war bestimmt eine Einführung des Juden. Und
wenn auch die Jungfrau hier rein und unschuldig einherging, sehr viele
andere Werke des Juden waren heillos und verrucht und ebenso mit Augen
zu schauen wie dieses freilich sehr weiße und englische Bild.
Das Kind hatte die Verwirrung des Magisters sehr wohl bemerkt. „Ah,“
rief sie, „jetzt erschreckt Ihr, weil Ihr hört, daß er mein Vater ist. Fürchtet
Euch nicht! Er ist zu hoch, als daß er auch nur die Ferse rührt gegen seine
armseligen Schwärzer und Verleumder.“
Aber das ließ sich nun wieder Jaakob Polykarp Schober nicht gefallen. Er
sei demütig und sehr gering, sagte er. Aber Furcht vor Menschen kenne er
nicht. Und wenn der Herr Jud und Vater der Demoiselle auch ein wütiger
Nebukadnezar sei und ihn könne in einen feurigen Ofen werfen lassen, Gott
werde er doch immer die Ehre geben.
Unter solchen Gesprächen waren sie an den Holzzaun gekommen, und
die Dickliche sagte, er müsse jetzt gehen. Sie nahm ihn beiseit, und mit
ungefügen, holperigen Worten in fremdartigem Akzent beschwor sie ihn,
der Kleinen nicht zu glauben. Sie sei natürlich nicht die Tochter des
Finanzdirektors, sie träume sich das nur so zusammen. Und er solle um des
Himmels willen keinem Menschen von der Sache erzählen. Dem Magister,
der sonst sehr langsam von Begriffen war und dem von der Begegnung und
dem ganzen Auf und Ab wirbelte, sah, daß die ganze Seligkeit in wenigen
Sekunden für immer vergehen werde, und da faßte er unerwartet einen gar
nicht demütigen Entschluß. Er sagte, er sei es seiner christlichen Ehre
schuldig, die Demoiselle ganz darüber aufzuklären, daß er kein
schurkischer Verleumder sei, und er müsse sie zu solchem Behuf unbedingt
noch einmal und ausführlich sprechen. Nur wenn ihm das eingeräumt
werde, verpflichte er sich, reinen Mund zu halten. Die Dickliche, unter
solchem Druck, sagte zaudernd für einen spätern Tag zu und verschwand
mit der Prinzessin, die wieder klagte: „Und Blumen so zu vergiften, arme,
unschuldige Blumen!“
Page 187
Um Jaakob Polykarp Schober aber war von jenem Tag an viel
Wichtigkeit und Gehobenheit. Gott hatte ihn an den Hebel großer und
schwerer Ereignisse gestellt. Denn es war klar, daß die Prinzessin doch die
Tochter der hebräischen Exzellenz war, und was das dickliche
Frauenzimmer geredet hatte, war Schwatz, und er war klug, ihn führte man
nicht so leicht hinters Licht. Und nun liegt es an ihm, die Seele der Jungfrau
zu retten, ja, vielleicht wird er auf diesem Weg an den Juden selber
gelangen und ihm ins Gewissen reden; denn es ist doch keineswegs
ausgemacht, daß ein Jud von vornherein kein Gewissen hat. Und wenn der
Herr Zebaoth seiner Rede Kraft verleiht, dann wird vielleicht durch ihn das
ganze Herzogtum von seinem heillosen Druck Erlösung finden.
In solcher Erwartung ging der pausbäckige Magister herum, und er war
voll Gehobenheit, und es war großes Licht um ihn. Er ließ sich auch in
seiner Zuversicht nicht stören, als er hörte, daß die Bibliothekarstelle mit
einem ganz Unwürdigen besetzt wurde, der außer seinen Talern keinerlei
Eignung mitbrachte. Die Gnade war jetzt sichtbarlich über ihm, seine Rede
floß ihm lieblich vom Mund, ja, es traf sich, daß sich ihm die Worte zu
Reimen fügten. So dichtete er gerade nach der Botschaft von der Besetzung
der Bibliothekarstelle ein Lied, das er „Nahrungssorgen und Gottvertrauen“
betitelte, und das mit den Versen anhub:
Solang es anoch eine Krähe,
Solang es einen Sperling gibt,
Solang ich andere Tiere sehe,
Solange bin ich unbetrübt.
Wenn die nicht ohne Nahrung sind,
Warum denn ich als Gotteskind?
Und ein anderes hieß „Jesus, der beste Rechenmeister“ und bekannte:
Mein Jesus kann addieren
Und kann multiplizieren
Auch da, wo lauter Nullen sind.
Beide Lieder wurden im Bibelkollegium demütig bestaunt. Die Brüder und
Schwestern lernten sie auswendig, sie sangen sie in allen Lebenslagen,
wenn sie in großer Not waren und wenn sie günstig verkauften und wenn
sie starben und wenn sie Kinder kriegten. Den Jaakob Polykarp Schober
Wichtigkeit und Gehobenheit. Gott hatte ihn an den Hebel großer und
schwerer Ereignisse gestellt. Denn es war klar, daß die Prinzessin doch die
Tochter der hebräischen Exzellenz war, und was das dickliche
Frauenzimmer geredet hatte, war Schwatz, und er war klug, ihn führte man
nicht so leicht hinters Licht. Und nun liegt es an ihm, die Seele der Jungfrau
zu retten, ja, vielleicht wird er auf diesem Weg an den Juden selber
gelangen und ihm ins Gewissen reden; denn es ist doch keineswegs
ausgemacht, daß ein Jud von vornherein kein Gewissen hat. Und wenn der
Herr Zebaoth seiner Rede Kraft verleiht, dann wird vielleicht durch ihn das
ganze Herzogtum von seinem heillosen Druck Erlösung finden.
In solcher Erwartung ging der pausbäckige Magister herum, und er war
voll Gehobenheit, und es war großes Licht um ihn. Er ließ sich auch in
seiner Zuversicht nicht stören, als er hörte, daß die Bibliothekarstelle mit
einem ganz Unwürdigen besetzt wurde, der außer seinen Talern keinerlei
Eignung mitbrachte. Die Gnade war jetzt sichtbarlich über ihm, seine Rede
floß ihm lieblich vom Mund, ja, es traf sich, daß sich ihm die Worte zu
Reimen fügten. So dichtete er gerade nach der Botschaft von der Besetzung
der Bibliothekarstelle ein Lied, das er „Nahrungssorgen und Gottvertrauen“
betitelte, und das mit den Versen anhub:
Solang es anoch eine Krähe,
Solang es einen Sperling gibt,
Solang ich andere Tiere sehe,
Solange bin ich unbetrübt.
Wenn die nicht ohne Nahrung sind,
Warum denn ich als Gotteskind?
Und ein anderes hieß „Jesus, der beste Rechenmeister“ und bekannte:
Mein Jesus kann addieren
Und kann multiplizieren
Auch da, wo lauter Nullen sind.
Beide Lieder wurden im Bibelkollegium demütig bestaunt. Die Brüder und
Schwestern lernten sie auswendig, sie sangen sie in allen Lebenslagen,
wenn sie in großer Not waren und wenn sie günstig verkauften und wenn
sie starben und wenn sie Kinder kriegten. Den Jaakob Polykarp Schober
Page 188
befriedigte das bei aller Demut sehr, und es tröstete ihn über den Weggang
Magdalen Sibyllens.
Jantje, die fette Zofe, erzählte schuldbewußt Rabbi Gabriel von dem
unglücklichen Zusammentreffen. Der Rabbi winkte ihr zu gehen, schwieg.
Die Zofe gegangen, verdüsterte sich noch schwerer das steinern
mürrische Gesicht, zackten sich noch schärfer die drei senkrechten Falten
über der Nase. Das Fragen verhindern. Das Kind durfte nicht fragen. Schütz
ihn, Himmel und alle wohlwollenden Engel, daß das Kind nicht frage. Ihr
lügen konnte er nicht. Ihr das Bild des Vaters zerhauen, das leuchtende, er
hätte es auf sich genommen, aber damit wäre ihm ein letztes entglitten.
Lieber hätte er seine Blumenterrassen in Jauchgruben verwandelt als das.
Und die Seraphim und Ophanim schützten den traurigen, mürrischen
Mann. Naemi fragte nicht. Wohl, er sah es, öffnete sie einmal die Lippen
schon, wölkte sich schon ihr Aug. Doch sie schwieg.
Wäre Frage nicht Zweifel gewesen? Nein, ihr Vater war herrlich und in
großem Glanz, und die Verleumdung der Heiden und Philister schmutzte
ihm nicht die Sohle. Die blockigen Buchstaben der hebräischen Schriften
schichteten sich zu Quadern seines Ruhmes. Er war Simson, der die
Philister schlug, er war Salomo, der weise war über alle Menschen, er war,
und dies glitt immer öfter in ihre Träume, er war Josef, der milde, kluge,
den Pharao setzte über alles Volk und der das Volk zinste für die künftige
Hungersnot. Aber sie waren töricht und sahen seine Weisheit nicht ein. Oh,
wenn er käme, endlich! An seinem Hals verströmen! Vor seinen feuervollen
Augen verbrennt, verweht in Asche das Geschwätz des dicken jungen
Menschen.
Rabbi Gabriel aber las in der Schrift des Meisters Isaak Luria Aschkinasi,
des Kabbalisten: „Es kann geschehen, daß in einem Menschenleib nicht nur
Eine Seele das Erdendasein von neuem durchmacht, sondern daß zu
gleicher Zeit zwei, ja mehrere Seelen sich mit diesem Körper zu neuer
Wanderung verbinden. Der Zweck solcher Vereinigung ist ihre gegenseitige
Unterstützung in der Sühnung der Schuld, derentwegen sie die neue
Wanderung erleiden.“
Die Wange in die Hand gestützt, saß er, sann er, zwang er die Bilder
zurück, die er auf seinen Wanderungen durchforscht. Sah die Linien der
Magdalen Sibyllens.
Jantje, die fette Zofe, erzählte schuldbewußt Rabbi Gabriel von dem
unglücklichen Zusammentreffen. Der Rabbi winkte ihr zu gehen, schwieg.
Die Zofe gegangen, verdüsterte sich noch schwerer das steinern
mürrische Gesicht, zackten sich noch schärfer die drei senkrechten Falten
über der Nase. Das Fragen verhindern. Das Kind durfte nicht fragen. Schütz
ihn, Himmel und alle wohlwollenden Engel, daß das Kind nicht frage. Ihr
lügen konnte er nicht. Ihr das Bild des Vaters zerhauen, das leuchtende, er
hätte es auf sich genommen, aber damit wäre ihm ein letztes entglitten.
Lieber hätte er seine Blumenterrassen in Jauchgruben verwandelt als das.
Und die Seraphim und Ophanim schützten den traurigen, mürrischen
Mann. Naemi fragte nicht. Wohl, er sah es, öffnete sie einmal die Lippen
schon, wölkte sich schon ihr Aug. Doch sie schwieg.
Wäre Frage nicht Zweifel gewesen? Nein, ihr Vater war herrlich und in
großem Glanz, und die Verleumdung der Heiden und Philister schmutzte
ihm nicht die Sohle. Die blockigen Buchstaben der hebräischen Schriften
schichteten sich zu Quadern seines Ruhmes. Er war Simson, der die
Philister schlug, er war Salomo, der weise war über alle Menschen, er war,
und dies glitt immer öfter in ihre Träume, er war Josef, der milde, kluge,
den Pharao setzte über alles Volk und der das Volk zinste für die künftige
Hungersnot. Aber sie waren töricht und sahen seine Weisheit nicht ein. Oh,
wenn er käme, endlich! An seinem Hals verströmen! Vor seinen feuervollen
Augen verbrennt, verweht in Asche das Geschwätz des dicken jungen
Menschen.
Rabbi Gabriel aber las in der Schrift des Meisters Isaak Luria Aschkinasi,
des Kabbalisten: „Es kann geschehen, daß in einem Menschenleib nicht nur
Eine Seele das Erdendasein von neuem durchmacht, sondern daß zu
gleicher Zeit zwei, ja mehrere Seelen sich mit diesem Körper zu neuer
Wanderung verbinden. Der Zweck solcher Vereinigung ist ihre gegenseitige
Unterstützung in der Sühnung der Schuld, derentwegen sie die neue
Wanderung erleiden.“
Die Wange in die Hand gestützt, saß er, sann er, zwang er die Bilder
zurück, die er auf seinen Wanderungen durchforscht. Sah die Linien der
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maßlosen Berglandschaft, des Steins, der Oednis, des zerschrundeten Eises.
Das zarte, höhnische Leuchten der klaren Gipfel darüber, die schattende
Wolke, den Vogelflug, die finster tolle Willkür der übers Eis verstreuten
Blöcke, die Ahnung tieferer Menschen, weidenden Viehs. Er suchte die
Entsprechung in jenem Antlitz, daran er gebunden war.
Das Zimmer um ihn vernebelte, die Bücher vor ihm, so senkte er sich in
jenes Gesicht, prüfte Zug um Zug. Er sah die wölbigen Augen, die kleinen,
üppigen Lippen, das reiche, kastanienfarbene Haar. Er fand Haut und
Fleisch und Haar, nichts sonst.
Da schüttelte er die Schultern, saß schlaff, müd, dicklich, atmete schwer,
knurrend, wie ein Tier, das zu hoch beladen den Hang nicht weiter hinauf
kann.
Bei Heilbronn lieblich zwischen Weinbergen lag das Schloß Stettenfels. Der
Graf Johann Albrecht Fugger saß darauf, Jesuitenzögling, eifervoller
Katholik, befreundet mit dem Würzburger Fürstbischof. Sein Schloß war
der schwäbischen Reichsritterschaft inkorporiert, er besaß es ebenso wie
seine Herrschaft Gruppenbach, das Dorf unterm Schloß, als
württembergisches Lehen. Schon unter Eberhard Ludwig hatte der regsame
Herr mehrmals um Gestattung katholischen Privatgottesdienstes
nachgesucht, immer vergebens. Jetzt unter dem katholischen Herzog nahm
er ohne Federlesen Kapuziner ins Schloß, begann auf seinem Berg
weitläufig Kloster und Kirche zu bauen. Es unterstützte ihn der Fürstbischof
von Würzburg, Kollekten liefen für ihn an den katholischen Höfen, er war
auf vorgeschobenem Posten ein wackerer Kämpfer der Kirche, sehr in
Sicht.
Offener Bruch der Gesetze, Sturm im Parlament, drohende Aufforderung
an das Kabinett, dem frechen Unwesen zu steuern. Verärgert, mit
gebundenen Händen der Herzog. Er hatte in jenen Religionsreversalien
ausdrücklich auf alle Einmischung in solche Fragen verzichtet, hatte das
Kirchenregiment dem Ministerium übertragen, auf seine bischöflichen
Rechte über die Evangelischen, auf die persönliche Teilnahme an
Konsistorialdingen in aller Form resigniert. Nirgends sollten, hatte er
feierlich eingeräumt, katholische Kirchen errichtet werden, der katholische
Gottesdienst sollte einzig beschränkt sein auf seine Privatandacht.
Das zarte, höhnische Leuchten der klaren Gipfel darüber, die schattende
Wolke, den Vogelflug, die finster tolle Willkür der übers Eis verstreuten
Blöcke, die Ahnung tieferer Menschen, weidenden Viehs. Er suchte die
Entsprechung in jenem Antlitz, daran er gebunden war.
Das Zimmer um ihn vernebelte, die Bücher vor ihm, so senkte er sich in
jenes Gesicht, prüfte Zug um Zug. Er sah die wölbigen Augen, die kleinen,
üppigen Lippen, das reiche, kastanienfarbene Haar. Er fand Haut und
Fleisch und Haar, nichts sonst.
Da schüttelte er die Schultern, saß schlaff, müd, dicklich, atmete schwer,
knurrend, wie ein Tier, das zu hoch beladen den Hang nicht weiter hinauf
kann.
Bei Heilbronn lieblich zwischen Weinbergen lag das Schloß Stettenfels. Der
Graf Johann Albrecht Fugger saß darauf, Jesuitenzögling, eifervoller
Katholik, befreundet mit dem Würzburger Fürstbischof. Sein Schloß war
der schwäbischen Reichsritterschaft inkorporiert, er besaß es ebenso wie
seine Herrschaft Gruppenbach, das Dorf unterm Schloß, als
württembergisches Lehen. Schon unter Eberhard Ludwig hatte der regsame
Herr mehrmals um Gestattung katholischen Privatgottesdienstes
nachgesucht, immer vergebens. Jetzt unter dem katholischen Herzog nahm
er ohne Federlesen Kapuziner ins Schloß, begann auf seinem Berg
weitläufig Kloster und Kirche zu bauen. Es unterstützte ihn der Fürstbischof
von Würzburg, Kollekten liefen für ihn an den katholischen Höfen, er war
auf vorgeschobenem Posten ein wackerer Kämpfer der Kirche, sehr in
Sicht.
Offener Bruch der Gesetze, Sturm im Parlament, drohende Aufforderung
an das Kabinett, dem frechen Unwesen zu steuern. Verärgert, mit
gebundenen Händen der Herzog. Er hatte in jenen Religionsreversalien
ausdrücklich auf alle Einmischung in solche Fragen verzichtet, hatte das
Kirchenregiment dem Ministerium übertragen, auf seine bischöflichen
Rechte über die Evangelischen, auf die persönliche Teilnahme an
Konsistorialdingen in aller Form resigniert. Nirgends sollten, hatte er
feierlich eingeräumt, katholische Kirchen errichtet werden, der katholische
Gottesdienst sollte einzig beschränkt sein auf seine Privatandacht.
Page 190
Der Fall lag klar. Harpprecht, der Jurist, hatte das Referat in der
Kabinettssitzung, das Korreferat Bilfinger. Die beiden ehrlichen, geraden
Männer waren im Innersten froh, daß diese Affäre der Kompetenz des
Herzogs entzogen war. Mit tiefem Mißbehagen sahen sie das Land mehr
und mehr verkommen, alle Aemter verlottert und korrupt. Wenn sie im Amt
blieben, war es, weil sie nicht auch in ihre Stellen Kreaturen des Süß
einrücken sehen wollten. Hier endlich war ein Fall, wo kein Herzog und
kein Jud einreden durfte; hier konnte man den evangelischen Brüdern
erweisen, daß das Land, so verkommen es von außen sah, sich in
Gewissensdingen, in Religionssachen fest und bieder und ohne leisesten
Flecken hielt. Gegen die zögernden und bedenklichen Schütz und Scheffer
setzten Harpprecht und Bilfinger einen Beschluß durch, daß eine
Untersuchungskommission, eine Lehensvisitation nach Gruppenbach zu
dem Grafen entsandt wurde, an ihrer Spitze der Regierungsrat Johann
Jaakob Moser, der Publizist, erst neuerdings wieder durch Wort und Tat und
Schrift als unbeugsamer Protestant erwiesen. Er bekam weite Vollmacht.
Er fand den Grafen höhnisch, trotzig, durchaus nicht zur leisesten
Unterordnung geneigt. Er ließ die Regierungskommission vor dem Schlosse
stehen, in Wind und Wetter, schlecht und hochmütig grüßend. Als die
Herren auf den Neubau von Kloster und Kirche wiesen, wo schon hoch am
Turm gearbeitet wurde, fragten, wie er gegen das ausdrückliche gesetzliche
Verbot und gegen ministerielle Verwarnung auf herzoglichem Boden
katholische Baulichkeiten errichten könne, musterte der kleine, bewegliche,
hagere Herr grimmig, stramm, hochmütig die Kommission, warf dann
nachlässig, provokatorisch hin, das seien seine neuen Wirtschaftsgebäude.
Näheren Zutritt verwehrte er. Kapuziner, paarweise, erschienen. Der kleine
Graf, immer mit dem gleichen Hohn, erklärte, das sei seine neue Livree, er
wünsche, die Mode möge recht bald überall im Land im Schwang sein.
Unverrichteter Dinge zog die Kommission nach Heilbronn ab. Erzwang
schließlich die Besichtigung der Baulichkeiten. Schickte dem Grafen durch
Gerichtsdiener ein grobes Schreiben mit gemessenem Befehl, Kloster und
Kirche niederzureißen, binnen drei Tagen damit zu beginnen. Der Graf
schmiß den Mann eigenhändig die Rampe hinab, hetzte ihn mit Hunden den
Berg hinunter. Da erschien Moser, der stattliche, wichtige, komödiantische
Mann, mit einem Detachement Soldaten, ließ Kirche und Kloster schleifen,
zog erst ab, als der Graf, heiser vom Schimpfen, diese Arbeit, sowie die
militärische Exekution auf Heller und Groschen bezahlt hatte. Im
Kabinettssitzung, das Korreferat Bilfinger. Die beiden ehrlichen, geraden
Männer waren im Innersten froh, daß diese Affäre der Kompetenz des
Herzogs entzogen war. Mit tiefem Mißbehagen sahen sie das Land mehr
und mehr verkommen, alle Aemter verlottert und korrupt. Wenn sie im Amt
blieben, war es, weil sie nicht auch in ihre Stellen Kreaturen des Süß
einrücken sehen wollten. Hier endlich war ein Fall, wo kein Herzog und
kein Jud einreden durfte; hier konnte man den evangelischen Brüdern
erweisen, daß das Land, so verkommen es von außen sah, sich in
Gewissensdingen, in Religionssachen fest und bieder und ohne leisesten
Flecken hielt. Gegen die zögernden und bedenklichen Schütz und Scheffer
setzten Harpprecht und Bilfinger einen Beschluß durch, daß eine
Untersuchungskommission, eine Lehensvisitation nach Gruppenbach zu
dem Grafen entsandt wurde, an ihrer Spitze der Regierungsrat Johann
Jaakob Moser, der Publizist, erst neuerdings wieder durch Wort und Tat und
Schrift als unbeugsamer Protestant erwiesen. Er bekam weite Vollmacht.
Er fand den Grafen höhnisch, trotzig, durchaus nicht zur leisesten
Unterordnung geneigt. Er ließ die Regierungskommission vor dem Schlosse
stehen, in Wind und Wetter, schlecht und hochmütig grüßend. Als die
Herren auf den Neubau von Kloster und Kirche wiesen, wo schon hoch am
Turm gearbeitet wurde, fragten, wie er gegen das ausdrückliche gesetzliche
Verbot und gegen ministerielle Verwarnung auf herzoglichem Boden
katholische Baulichkeiten errichten könne, musterte der kleine, bewegliche,
hagere Herr grimmig, stramm, hochmütig die Kommission, warf dann
nachlässig, provokatorisch hin, das seien seine neuen Wirtschaftsgebäude.
Näheren Zutritt verwehrte er. Kapuziner, paarweise, erschienen. Der kleine
Graf, immer mit dem gleichen Hohn, erklärte, das sei seine neue Livree, er
wünsche, die Mode möge recht bald überall im Land im Schwang sein.
Unverrichteter Dinge zog die Kommission nach Heilbronn ab. Erzwang
schließlich die Besichtigung der Baulichkeiten. Schickte dem Grafen durch
Gerichtsdiener ein grobes Schreiben mit gemessenem Befehl, Kloster und
Kirche niederzureißen, binnen drei Tagen damit zu beginnen. Der Graf
schmiß den Mann eigenhändig die Rampe hinab, hetzte ihn mit Hunden den
Berg hinunter. Da erschien Moser, der stattliche, wichtige, komödiantische
Mann, mit einem Detachement Soldaten, ließ Kirche und Kloster schleifen,
zog erst ab, als der Graf, heiser vom Schimpfen, diese Arbeit, sowie die
militärische Exekution auf Heller und Groschen bezahlt hatte. Im
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Grundstein des Klosters fand man eine Schrift, nach der dieses Kloster
Stettenfels der Verbreitung des alleinseligmachenden katholischen Glaubens
und der Bekehrung des ketzerischen württembergischen Landes geweiht
sein sollte.
Jubel im Land, im Parlament. Es polterte im engeren Ausschuß der
massige, grobe Bürgermeister Johann Friedrich von Brackenheim: „Man ist
noch wer. Wenn man recht will, zwingt man die ketzerischen Hunde noch
immer, ihren eigenen Kot zu fressen.“ Der finstere Neuffer sinnierte: „Viele
Hemmungen sind auf den Wegen der Fürsten. Sie sind nur Reizungen;
überwunden, würzen sie doppelt den Geschmack der Macht.“ Unterm Volk
lautes Frohlocken. Im Blauen Bock ließ sich der Konditor Benz noch einen
Schoppen Wein geben, feixte: „Es gibt noch Dinge, wo weder keine Hur
noch kein Jud einreden darf.“ Herzinnige Freude der Harpprecht und
Bilfinger. Stiller, demütiger Dank an den Herrn in den Bibelkollegien der
Pietisten. Die Beata Sturmin, die blinde Heilige, hatte es voraus gewußt. Sie
hatte gedäumelt, sie hatte die Stelle aufgeschlagen: „Verflucht sei der
Mann, der ein gehauenes oder gegossenes Bild macht, den Greuel des
Ewigen, ein Werk von Künstlers Hand, und aufstellt im geheimen.“ Im
Bibelkollegium von Hirsau aber sang der fromme Chor gleich dreimal
hintereinander das Lied des Magisters Jaakob Polykarp Schober: Jesus, der
beste Rechenmeister.
Aber auch weit hinaus über die schwäbischen Grenzen, im ganzen
deutschen Reich erregte dieser Stettenfelsische Handel das größte
Aufsehen. Der Würzburger Fürstbischof beschwerte sich offiziell beim
Herzog durch seine Räte Fichtel und Raab. Der Herzog, im Glauben, man
habe ihn bei seinen eigenen Religionsverwandten mit Absicht verdächtigt
und verächtlich machen wollen, war schwer erzürnt. Dennoch stieß ihn der
sehr kluge Würzburger Bischof nicht weiter. Er wußte, Karl Alexander war
durch anderes sehr beansprucht, er sparte sich eine energische Aktion für
später.
Karl Alexander hatte wirklich alle Hände voll mit lauter kleinen,
mißlichen Angelegenheiten. Süß dachte nun ernstlich daran, sich
nobilitieren zu lassen. Seine Stellung war gefestigt genug, er begehrte zum
Besitz der Macht jetzt auch ihre Titel und Würden, er trug sich mit dem
Plan, das Amt des Landhofmeisters in aller Form zu übernehmen. Hätte er
sich taufen lassen, so wäre das von heute auf morgen möglich gewesen.
Aber es war sein Ehrgeiz, diese höchste Stelle im Herzogtum trotz seines
Stettenfels der Verbreitung des alleinseligmachenden katholischen Glaubens
und der Bekehrung des ketzerischen württembergischen Landes geweiht
sein sollte.
Jubel im Land, im Parlament. Es polterte im engeren Ausschuß der
massige, grobe Bürgermeister Johann Friedrich von Brackenheim: „Man ist
noch wer. Wenn man recht will, zwingt man die ketzerischen Hunde noch
immer, ihren eigenen Kot zu fressen.“ Der finstere Neuffer sinnierte: „Viele
Hemmungen sind auf den Wegen der Fürsten. Sie sind nur Reizungen;
überwunden, würzen sie doppelt den Geschmack der Macht.“ Unterm Volk
lautes Frohlocken. Im Blauen Bock ließ sich der Konditor Benz noch einen
Schoppen Wein geben, feixte: „Es gibt noch Dinge, wo weder keine Hur
noch kein Jud einreden darf.“ Herzinnige Freude der Harpprecht und
Bilfinger. Stiller, demütiger Dank an den Herrn in den Bibelkollegien der
Pietisten. Die Beata Sturmin, die blinde Heilige, hatte es voraus gewußt. Sie
hatte gedäumelt, sie hatte die Stelle aufgeschlagen: „Verflucht sei der
Mann, der ein gehauenes oder gegossenes Bild macht, den Greuel des
Ewigen, ein Werk von Künstlers Hand, und aufstellt im geheimen.“ Im
Bibelkollegium von Hirsau aber sang der fromme Chor gleich dreimal
hintereinander das Lied des Magisters Jaakob Polykarp Schober: Jesus, der
beste Rechenmeister.
Aber auch weit hinaus über die schwäbischen Grenzen, im ganzen
deutschen Reich erregte dieser Stettenfelsische Handel das größte
Aufsehen. Der Würzburger Fürstbischof beschwerte sich offiziell beim
Herzog durch seine Räte Fichtel und Raab. Der Herzog, im Glauben, man
habe ihn bei seinen eigenen Religionsverwandten mit Absicht verdächtigt
und verächtlich machen wollen, war schwer erzürnt. Dennoch stieß ihn der
sehr kluge Würzburger Bischof nicht weiter. Er wußte, Karl Alexander war
durch anderes sehr beansprucht, er sparte sich eine energische Aktion für
später.
Karl Alexander hatte wirklich alle Hände voll mit lauter kleinen,
mißlichen Angelegenheiten. Süß dachte nun ernstlich daran, sich
nobilitieren zu lassen. Seine Stellung war gefestigt genug, er begehrte zum
Besitz der Macht jetzt auch ihre Titel und Würden, er trug sich mit dem
Plan, das Amt des Landhofmeisters in aller Form zu übernehmen. Hätte er
sich taufen lassen, so wäre das von heute auf morgen möglich gewesen.
Aber es war sein Ehrgeiz, diese höchste Stelle im Herzogtum trotz seines
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Judentums vor Kaiser und Reich innezuhaben. Der Herzog hatte auch,
nachdem Süß bei seiner Redoute ihm Magdalen Sibylle zugeführt hatte,
durch seinen Wiener Gesandten, den Geheimrat Keller, das Gesuch seines
Hoffaktors unterstützt, ein Adelsdiplom für ihn verlangt und tausend
Dukaten dafür geboten. Aber nicht nur das württembergische Parlament,
auch die Ministerkollegen des Süß intrigierten am Wiener Hof, so geriet die
Angelegenheit ins Stocken. Süß, um den Herzog zu spornen und sich
unentbehrlich zu zeigen, stoppte seinen Eifer für Karl Alexander, erbat
unter dem Vorwand dringlicher persönlicher Geschäfte einen Urlaub ins
Ausland. Sofort klappte die Rekrutierung nicht mehr, die Geldmittel fürs
Heer kamen nicht mehr herein, die Weiber wurden schwieriger, tausend
kleine Mißhelligkeiten, die die Gewandtheit seines Finanzdirektors bisher
ihm ferngehalten, zeigten dem Herzog jetzt ihr widerwärtiges Gesicht.
Unzuträglichkeiten bei der Deckung seines ungeheuren persönlichen
Geldbedarfs, von Süß künstlich gesteigert, bei den Militärlieferungen. Dazu
reizte Karl Alexander die immer gleiche Festigkeit Magdalen Sibyllens,
auch die beiden Damen Götz, Mutter wie Tochter, von Süß aus der Ferne
klug und unmerklich so geleitet, leisteten unerwarteten Widerstand.
Remchingen war langweilig, mit Bilfinger wollte er nicht zusammensein,
weil er sich über seine Haltung in dem Stettenfelser Handel ärgerte, der
Franzose Riolles war ihm zu affig, zu gescheit und zu spitz. Er seufzte nach
seinem Juden. Wäre der dagewesen, wäre bestimmt auch der Stettenfelser
Handel anders gegangen; es war eine Schande, daß seine Minister die
christlichsten Affären nicht ohne den Juden glatt erledigen konnten.
Mit offenen Armen wurde der Rückkehrende empfangen. Er war in
Holland gewesen, in England. Hatte sich in Frankfurt feiern lassen, hatte in
Darmstadt den Bruder, den Baron, den Getauften, verhöhnt; er wird ohne so
verächtliche Mittel das gleiche erreichen. Zudem hatte er in den
Niederlanden eine portugiesische Dame kennengelernt, eine Madame de
Castro, rotblond, stattlich, noch jung, fein, adlig, hochmütig von Ansehen
und Haltung, Witwe des portugiesischen Residenten in den Generalstaaten,
sehr vermöglich. Er wollte sie heiraten. Sie schlug es nicht ab;
Voraussetzung blieb nur seine Nobilitierung. Auf alle Fälle wird sie ihn, und
das schon in nächster Zeit, in Stuttgart besuchen. Marie Auguste lachte
stürmisch, wie sie von dem Projekt hörte. Dem Herzog war die geplante
Mariage seines Hofjuden nicht angenehm, er polterte, er erlaube ihm ja,
sich Mätressen zu halten. „Du Jud schleckst mir sowieso in alle Teller,“
nachdem Süß bei seiner Redoute ihm Magdalen Sibylle zugeführt hatte,
durch seinen Wiener Gesandten, den Geheimrat Keller, das Gesuch seines
Hoffaktors unterstützt, ein Adelsdiplom für ihn verlangt und tausend
Dukaten dafür geboten. Aber nicht nur das württembergische Parlament,
auch die Ministerkollegen des Süß intrigierten am Wiener Hof, so geriet die
Angelegenheit ins Stocken. Süß, um den Herzog zu spornen und sich
unentbehrlich zu zeigen, stoppte seinen Eifer für Karl Alexander, erbat
unter dem Vorwand dringlicher persönlicher Geschäfte einen Urlaub ins
Ausland. Sofort klappte die Rekrutierung nicht mehr, die Geldmittel fürs
Heer kamen nicht mehr herein, die Weiber wurden schwieriger, tausend
kleine Mißhelligkeiten, die die Gewandtheit seines Finanzdirektors bisher
ihm ferngehalten, zeigten dem Herzog jetzt ihr widerwärtiges Gesicht.
Unzuträglichkeiten bei der Deckung seines ungeheuren persönlichen
Geldbedarfs, von Süß künstlich gesteigert, bei den Militärlieferungen. Dazu
reizte Karl Alexander die immer gleiche Festigkeit Magdalen Sibyllens,
auch die beiden Damen Götz, Mutter wie Tochter, von Süß aus der Ferne
klug und unmerklich so geleitet, leisteten unerwarteten Widerstand.
Remchingen war langweilig, mit Bilfinger wollte er nicht zusammensein,
weil er sich über seine Haltung in dem Stettenfelser Handel ärgerte, der
Franzose Riolles war ihm zu affig, zu gescheit und zu spitz. Er seufzte nach
seinem Juden. Wäre der dagewesen, wäre bestimmt auch der Stettenfelser
Handel anders gegangen; es war eine Schande, daß seine Minister die
christlichsten Affären nicht ohne den Juden glatt erledigen konnten.
Mit offenen Armen wurde der Rückkehrende empfangen. Er war in
Holland gewesen, in England. Hatte sich in Frankfurt feiern lassen, hatte in
Darmstadt den Bruder, den Baron, den Getauften, verhöhnt; er wird ohne so
verächtliche Mittel das gleiche erreichen. Zudem hatte er in den
Niederlanden eine portugiesische Dame kennengelernt, eine Madame de
Castro, rotblond, stattlich, noch jung, fein, adlig, hochmütig von Ansehen
und Haltung, Witwe des portugiesischen Residenten in den Generalstaaten,
sehr vermöglich. Er wollte sie heiraten. Sie schlug es nicht ab;
Voraussetzung blieb nur seine Nobilitierung. Auf alle Fälle wird sie ihn, und
das schon in nächster Zeit, in Stuttgart besuchen. Marie Auguste lachte
stürmisch, wie sie von dem Projekt hörte. Dem Herzog war die geplante
Mariage seines Hofjuden nicht angenehm, er polterte, er erlaube ihm ja,
sich Mätressen zu halten. „Du Jud schleckst mir sowieso in alle Teller,“
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brummte er. Aber Süß ließ bei aller lächelnden Ehrerbietung nicht von
seinem Plan und erwirkte von dem widerstrebenden Herzog ein neues
Schreiben nach Wien wegen der Nobilitierung. Karl Alexander schrieb
eigenhändig und dringlich. Er betonte, wie er mit seinem Hofjuden allein
weit mehreres als mit all seinen anderen Räten und Bediensteten ausrichten
könne, wie er seines Genies und seiner vorzüglichen Geschicklichkeit
halber zu allen nützlichen Vorkommenheiten zu brauchen sei; und wie er,
der Herzog, ihm als einzige seiner fürstlichen Dignité angemessene
Reconnaissance das Adelsdiplom geradezu schuldig sei. Nach solchem
Schreiben glaubte Süß alles auf bestem Wege.
Er ritt durch die Straßen auf seiner Schimmelstute Assjadah. Er sah zehn
Jahre jünger aus als er war, er war weitum in Schwaben der erste Kavalier.
Schmeidig und rank, nicht groß saß er zu Pferde, die sehr roten Lippen
leicht offen in dem weißen Gesicht, die kastanienfarbenen Haare drängten
gefallsam unter dem breiten Hut vor, mit edlen Steinen besetzt blitzte die
Peitsche, unter der heiteren Stirn wölbten sich die fliegenden Augen. Die
Köpfe der Frauen wurden herumgerissen: Er ist wieder da! Die Damen
Götz lagen im Fenster, himmelten, während er voll Ehrfurcht hinaufgrüßte:
Er ist wieder da! Er ist wieder da! knurrte das Volk, aber er gefiel ihm. Und
Dom Bartelemi Pancorbo sah an der Hand, die seinen Gruß erwiderte, den
riesigen, strahlenden Solitär. Er ist wieder da! lächelte er mit den
entfleischten Lippen, und über der zeremoniösen Halskrause der
altertümlichen portugiesischen Hoftracht schickte er begehrlich und
lauersam die starren, schmalen, wandernden Augen dem entschwindenden
Reiter nach.
Die Stute Assjadah aber reckte den Kopf hoch auf, und sie wieherte hell
und triumphierend den aufhorchenden Bürgern, den höhnisch neidvollen
Kavalieren, den gekitzelten Weibern zu: Er ist wieder da!
Der Aufenthalt des herzoglichen Paares in Ludwigsburg wurde mit einer
Festvorstellung beschlossen. Die Herzogin spielte mit, der junge Götz, der
mittlerweile Expeditionsrat geworden war, der Geheime Finanzienrat Süß.
Alles Schwierige und weniger Dankbare hatten die Sänger und Schauspieler
der herzoglichen Truppe übernommen.
seinem Plan und erwirkte von dem widerstrebenden Herzog ein neues
Schreiben nach Wien wegen der Nobilitierung. Karl Alexander schrieb
eigenhändig und dringlich. Er betonte, wie er mit seinem Hofjuden allein
weit mehreres als mit all seinen anderen Räten und Bediensteten ausrichten
könne, wie er seines Genies und seiner vorzüglichen Geschicklichkeit
halber zu allen nützlichen Vorkommenheiten zu brauchen sei; und wie er,
der Herzog, ihm als einzige seiner fürstlichen Dignité angemessene
Reconnaissance das Adelsdiplom geradezu schuldig sei. Nach solchem
Schreiben glaubte Süß alles auf bestem Wege.
Er ritt durch die Straßen auf seiner Schimmelstute Assjadah. Er sah zehn
Jahre jünger aus als er war, er war weitum in Schwaben der erste Kavalier.
Schmeidig und rank, nicht groß saß er zu Pferde, die sehr roten Lippen
leicht offen in dem weißen Gesicht, die kastanienfarbenen Haare drängten
gefallsam unter dem breiten Hut vor, mit edlen Steinen besetzt blitzte die
Peitsche, unter der heiteren Stirn wölbten sich die fliegenden Augen. Die
Köpfe der Frauen wurden herumgerissen: Er ist wieder da! Die Damen
Götz lagen im Fenster, himmelten, während er voll Ehrfurcht hinaufgrüßte:
Er ist wieder da! Er ist wieder da! knurrte das Volk, aber er gefiel ihm. Und
Dom Bartelemi Pancorbo sah an der Hand, die seinen Gruß erwiderte, den
riesigen, strahlenden Solitär. Er ist wieder da! lächelte er mit den
entfleischten Lippen, und über der zeremoniösen Halskrause der
altertümlichen portugiesischen Hoftracht schickte er begehrlich und
lauersam die starren, schmalen, wandernden Augen dem entschwindenden
Reiter nach.
Die Stute Assjadah aber reckte den Kopf hoch auf, und sie wieherte hell
und triumphierend den aufhorchenden Bürgern, den höhnisch neidvollen
Kavalieren, den gekitzelten Weibern zu: Er ist wieder da!
Der Aufenthalt des herzoglichen Paares in Ludwigsburg wurde mit einer
Festvorstellung beschlossen. Die Herzogin spielte mit, der junge Götz, der
mittlerweile Expeditionsrat geworden war, der Geheime Finanzienrat Süß.
Alles Schwierige und weniger Dankbare hatten die Sänger und Schauspieler
der herzoglichen Truppe übernommen.
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Théâtre paré. Allongeperücke der Herren, nackte Schultern der Damen
Vorschrift. Schon von der vierten Reihe an konnte durch den Wald der
mächtig getürmten Perücken nur spärlich über die Lichtung einer nackten
Damenschulter ein Stückchen Bühne erspäht werden.
Auf der Bühne die Herzogin. Wie ist sie schön in der spanischen Tracht,
der goldene Pfeil hebt den schwarzen Glanz der Haare über dem Profil, das
in der Farbe alten edlen Marmors leuchtet. Remchingen, wie er sie sieht,
stößt einen merkwürdig knurrenden Laut aus wie ein Tier, der Herzog kann
sich nur mühsam beherrschen, nicht zu schnalzen, der junge Lord Suffolk
wird ganz blaß bei ihrem Anblick.
Man spielt das Stück eines alten großen spanischen Meisters. Das Werk
ist durch viele Hände gegangen, italienische Komödianten haben es auf ihre
Wanderschaft mitgenommen und umgemodelt, man hat Arien und Ballett
eingelegt. Jetzt hat der Tübinger Hofpoet sich darüber gemacht, er hat alles
in gewissenhafte, säuberliche Alexandriner gegossen. Aber die gelbe, kleine
Napolitanerin, der naturgemäß die wichtigste und schwerste Rolle
übertragen war, hatte darauf bestanden, ihre Hauptszenen italienisch zu
spielen und zu singen. Da hatte sich der schwäbische Poet grollend
zurückgezogen, Süß, der Tausendhändige, hatte in aller Eile aus dem Kreis
seiner Mutter einen anderen Dichter und Regisseur beschafft, und jetzt
wurden einzelne Szenen deutsch, einzelne italienisch gespielt, was von
vornherein für Abwechslung sorgte und keine Langeweile aufkommen ließ.
Aber es war überhaupt eine spannende und anregende Komödie. Ein
Held stand oben auf der Bühne, ein Kavalier und wilder Liebender. Sein
Metier war Krieg und Liebe. Er hatte bloß die Eigenheit, daß ihm jede Frau,
erst einmal genossen, sogleich zum Ekel ward.
„Die Schönheit, die uns lockt / Ist Huld und süßes Wunder;
Die Schönheit, die gekost’t / Ist wüster Dreck und Plunder,“
äußerte er, und die Allongeperücken der Zuhörer nickten nachdenklich
Zustimmung. Der Held oben auf der Bühne handelte indes nach seiner
Maxime, er hatte ein immer wüsteres Gewese mit den Frauen, in jeder
Szene entführte er, stach er Liebhaber tot, ließ er Frauen sitzen. Nur die
Herzogin, die sehr edel war, tat ihm den Willen nicht, sondern gab es ihm
immer wieder und das gründlich, wie es sich eben für eine so hohe Dame
schickt. Marie Auguste machte das sehr stolz; doch Herr von Riolles, der
Vorschrift. Schon von der vierten Reihe an konnte durch den Wald der
mächtig getürmten Perücken nur spärlich über die Lichtung einer nackten
Damenschulter ein Stückchen Bühne erspäht werden.
Auf der Bühne die Herzogin. Wie ist sie schön in der spanischen Tracht,
der goldene Pfeil hebt den schwarzen Glanz der Haare über dem Profil, das
in der Farbe alten edlen Marmors leuchtet. Remchingen, wie er sie sieht,
stößt einen merkwürdig knurrenden Laut aus wie ein Tier, der Herzog kann
sich nur mühsam beherrschen, nicht zu schnalzen, der junge Lord Suffolk
wird ganz blaß bei ihrem Anblick.
Man spielt das Stück eines alten großen spanischen Meisters. Das Werk
ist durch viele Hände gegangen, italienische Komödianten haben es auf ihre
Wanderschaft mitgenommen und umgemodelt, man hat Arien und Ballett
eingelegt. Jetzt hat der Tübinger Hofpoet sich darüber gemacht, er hat alles
in gewissenhafte, säuberliche Alexandriner gegossen. Aber die gelbe, kleine
Napolitanerin, der naturgemäß die wichtigste und schwerste Rolle
übertragen war, hatte darauf bestanden, ihre Hauptszenen italienisch zu
spielen und zu singen. Da hatte sich der schwäbische Poet grollend
zurückgezogen, Süß, der Tausendhändige, hatte in aller Eile aus dem Kreis
seiner Mutter einen anderen Dichter und Regisseur beschafft, und jetzt
wurden einzelne Szenen deutsch, einzelne italienisch gespielt, was von
vornherein für Abwechslung sorgte und keine Langeweile aufkommen ließ.
Aber es war überhaupt eine spannende und anregende Komödie. Ein
Held stand oben auf der Bühne, ein Kavalier und wilder Liebender. Sein
Metier war Krieg und Liebe. Er hatte bloß die Eigenheit, daß ihm jede Frau,
erst einmal genossen, sogleich zum Ekel ward.
„Die Schönheit, die uns lockt / Ist Huld und süßes Wunder;
Die Schönheit, die gekost’t / Ist wüster Dreck und Plunder,“
äußerte er, und die Allongeperücken der Zuhörer nickten nachdenklich
Zustimmung. Der Held oben auf der Bühne handelte indes nach seiner
Maxime, er hatte ein immer wüsteres Gewese mit den Frauen, in jeder
Szene entführte er, stach er Liebhaber tot, ließ er Frauen sitzen. Nur die
Herzogin, die sehr edel war, tat ihm den Willen nicht, sondern gab es ihm
immer wieder und das gründlich, wie es sich eben für eine so hohe Dame
schickt. Marie Auguste machte das sehr stolz; doch Herr von Riolles, der
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unter den Zuschauern das schärfste Aug für so etwas hatte, merkte, daß sie
heimlich lächelte über die geschraubte und gespreizte Sprödigkeit, die sie
spielte. Kaum abgetreten, stieß sie denn auch lächelnd den Expeditionsrat
Götz in die Seite: „Den hab ich fein abfahren lassen, nicht?“ Der
Expeditionsrat verneigte sich mehrmals tief und respektvoll. Er war
eigentlich bereits tot. Denn er war einer von den Nebenbuhlern des Helden
und gleich zu Beginn des Stückes abgestochen worden. Er hatte aber dem
Komödianten die Sache verflucht sauer gemacht, denn er wollte, wie sich
das für einen jungen schwäbischen Herrn aus so gutem Hause geziemt,
durchaus nicht so ohne weiteres fallen, er zeigte alle seine Fechtkünste,
hätte um ein Haar den Komödianten schwer verletzt und mußte schließlich,
sonst wäre das Stück nie zu Ende gegangen, fast mit Gewalt zur Bühne
hinausgeschleift werden.
Und die Komödie ging weiter. Der Held hatte durchaus kein Glück mit
der Herzogin. Er wollte sie entführen. Aber die kleine gelbe Napolitanerin,
die er in wildem Gebirg hatte sitzen lassen, war zwar den Mauren, die dort
streiften, in die Hände gefallen, doch sie war wieder befreit worden, und
infolge einer besonders kunstvollen Verwicklung des Dichters muß nun der
Held in der Dunkelheit, ohne sie zu erkennen, wieder sie entführen an Stelle
der Herzogin. Er bringt sie in die Berge, dort merkt er den Irrtum, schäumt,
beschließt, die Unselige an die Mauren zu verkaufen. Doch die kleine gelbe
Napolitanerin, hingeworfen, jammert und fleht zu ihm. Dies war die
schönste Szene des Stückes, der große spanische Meister hatte all seine
Kraft daran gesetzt, und selbst unter der Verschmutzung und Vernüchterung
der langen Wanderschaft waren noch Reste ihrer Schönheit geblieben. Die
Napolitanerin also kniete vor dem geschminkten, hochmütig und
gelangweilt sich spreizenden Komödianten zwischen Oellampen und drei
braunen, primitiv geschnittenen Versatzstücken, die wildes Gebirg
darstellten, und sie sprach: „Du schworst dich mir zum Gatten. So es dich
verdrießt, gern lös ich dich des Eids. Sperr mich für alle Zeit ins Kloster!
Oder mache mich, soll ich denn Sklavin sein, zu deiner Magd! Nie will ich
dir anderes als Glück erflehn. Bist du im Krieg, in deinem Zelt will ich dir
kochen, dir die Kleider säubern. Oder führe mich zu deiner Liebsten, gib
mich ihr als Magd! Wenn ich sie kämme und du stehst dabei, will ich nicht
klagen, sie am Haar nicht zerren, und sprichst du sanfte Worte dann zu ihr,
zärtliche, kosende, wie ehmals zu mir, will ich die Lippen pressen, will
ganz stumm dies schlimmste Weiberschicksal auf mich nehmen: ihr Sklavin
heimlich lächelte über die geschraubte und gespreizte Sprödigkeit, die sie
spielte. Kaum abgetreten, stieß sie denn auch lächelnd den Expeditionsrat
Götz in die Seite: „Den hab ich fein abfahren lassen, nicht?“ Der
Expeditionsrat verneigte sich mehrmals tief und respektvoll. Er war
eigentlich bereits tot. Denn er war einer von den Nebenbuhlern des Helden
und gleich zu Beginn des Stückes abgestochen worden. Er hatte aber dem
Komödianten die Sache verflucht sauer gemacht, denn er wollte, wie sich
das für einen jungen schwäbischen Herrn aus so gutem Hause geziemt,
durchaus nicht so ohne weiteres fallen, er zeigte alle seine Fechtkünste,
hätte um ein Haar den Komödianten schwer verletzt und mußte schließlich,
sonst wäre das Stück nie zu Ende gegangen, fast mit Gewalt zur Bühne
hinausgeschleift werden.
Und die Komödie ging weiter. Der Held hatte durchaus kein Glück mit
der Herzogin. Er wollte sie entführen. Aber die kleine gelbe Napolitanerin,
die er in wildem Gebirg hatte sitzen lassen, war zwar den Mauren, die dort
streiften, in die Hände gefallen, doch sie war wieder befreit worden, und
infolge einer besonders kunstvollen Verwicklung des Dichters muß nun der
Held in der Dunkelheit, ohne sie zu erkennen, wieder sie entführen an Stelle
der Herzogin. Er bringt sie in die Berge, dort merkt er den Irrtum, schäumt,
beschließt, die Unselige an die Mauren zu verkaufen. Doch die kleine gelbe
Napolitanerin, hingeworfen, jammert und fleht zu ihm. Dies war die
schönste Szene des Stückes, der große spanische Meister hatte all seine
Kraft daran gesetzt, und selbst unter der Verschmutzung und Vernüchterung
der langen Wanderschaft waren noch Reste ihrer Schönheit geblieben. Die
Napolitanerin also kniete vor dem geschminkten, hochmütig und
gelangweilt sich spreizenden Komödianten zwischen Oellampen und drei
braunen, primitiv geschnittenen Versatzstücken, die wildes Gebirg
darstellten, und sie sprach: „Du schworst dich mir zum Gatten. So es dich
verdrießt, gern lös ich dich des Eids. Sperr mich für alle Zeit ins Kloster!
Oder mache mich, soll ich denn Sklavin sein, zu deiner Magd! Nie will ich
dir anderes als Glück erflehn. Bist du im Krieg, in deinem Zelt will ich dir
kochen, dir die Kleider säubern. Oder führe mich zu deiner Liebsten, gib
mich ihr als Magd! Wenn ich sie kämme und du stehst dabei, will ich nicht
klagen, sie am Haar nicht zerren, und sprichst du sanfte Worte dann zu ihr,
zärtliche, kosende, wie ehmals zu mir, will ich die Lippen pressen, will
ganz stumm dies schlimmste Weiberschicksal auf mich nehmen: ihr Sklavin
Page 196
sein, die der Geliebte liebt. Doch nicht verkaufen! Nicht den Mauren mich
verkaufen!“
Sie war aber durchaus nicht mehr die kleine, gelbe, fette, verderbte
Napolitanerin, während sie dies sprach, sondern die Verse trugen sie, und
sie war eine arme, preisgegebene, mißbrauchte und klagende Kreatur. Es
wurde ganz still im Saal, man hörte einen Tropfen von einer Oellampe auf
die Bühne niederfallen, und in ihren Leuchtern an den Wänden sangen die
Kerzen.
Die blonden, zarten, feinen Damen Götz waren sehr gerührt, ja, die
Tochter schluchzte ganz laut, aber sie hütete sich, zu weinen, denn dann
hätte sie eine rote Nase bekommen, und das stand ihr nicht. Doch Madame
de Castro, die Portugiesin, die Süß heiraten wollte und die ihren Vorsatz
ausgeführt hatte und nach Stuttgart gekommen war, war eine praktische
Dame und suchte aus allem, was sie sah, hörte und erlebte,
Nutzanwendungen für sich selber zu ziehen, und sie dachte Praktisches und
überlegte: „Ja, so sind die Männer. Sie versprechen alles, ehe sie einen
haben, und nach der ersten Nacht werden sie brutal. Wenn ich ihn heirate,
werde ich auf alle Fälle mein Vermögen sicherstellen, und was er mir
auszusetzen hat, so hoch veranschlagen, daß ich bei allen Eventualitäten auf
meine Rechnung komme. Ueberhaupt werde ich mir das Für und Wider
noch reiflich überlegen.“
„Man muß die Weiber in Kandare halten,“ sinnierte der Herzog, „das ist
richtig. Aber der da oben treibt es doch zu toll. Ich würde ihn stäupen
lassen. Die Welsche ist sehr gut. Sie hat mir gleich gefallen. Merkwürdig,
daß ich sie noch nicht ins Bett kommandiert habe. Daran ist die Magdalen
Sibylle schuld. Ich bin ein Esel, über der einen so den Blick für die anderen
zu verlieren. Aber das werd ich heute nacht noch nachholen.“
Remchingen fraß mit seinen stieren Augen an der Komödiantin. Er hatte
sie gehabt, aber da er sie schlecht entlohnt hatte, denn er war filzig, hielt sie
ihn kurz. „Ich werde noch ein paar Dukaten springen lassen müssen,“
seufzte er. „Ich werde mich an dem Juden schadlos halten. Er muß mich an
den neuen Stiefellieferungen beteiligen. Dieser verfluchte Jud ist eigentlich
an allem schuld. Er verwöhnt einem die Weiber, daß sie einem nicht auf
eins, zwei parieren und soviel verlangen für etwas, das sie nichts kostet.“
Aber ganz hinten in der Ecke war der Schwarzbraune. Er stand aufrecht
und sah über die Perücken hinweg, und er hob sich noch auf die Zehen, um
nichts zu verlieren. Mit seinen großen Tieraugen schlang er die Aufgelöste,
verkaufen!“
Sie war aber durchaus nicht mehr die kleine, gelbe, fette, verderbte
Napolitanerin, während sie dies sprach, sondern die Verse trugen sie, und
sie war eine arme, preisgegebene, mißbrauchte und klagende Kreatur. Es
wurde ganz still im Saal, man hörte einen Tropfen von einer Oellampe auf
die Bühne niederfallen, und in ihren Leuchtern an den Wänden sangen die
Kerzen.
Die blonden, zarten, feinen Damen Götz waren sehr gerührt, ja, die
Tochter schluchzte ganz laut, aber sie hütete sich, zu weinen, denn dann
hätte sie eine rote Nase bekommen, und das stand ihr nicht. Doch Madame
de Castro, die Portugiesin, die Süß heiraten wollte und die ihren Vorsatz
ausgeführt hatte und nach Stuttgart gekommen war, war eine praktische
Dame und suchte aus allem, was sie sah, hörte und erlebte,
Nutzanwendungen für sich selber zu ziehen, und sie dachte Praktisches und
überlegte: „Ja, so sind die Männer. Sie versprechen alles, ehe sie einen
haben, und nach der ersten Nacht werden sie brutal. Wenn ich ihn heirate,
werde ich auf alle Fälle mein Vermögen sicherstellen, und was er mir
auszusetzen hat, so hoch veranschlagen, daß ich bei allen Eventualitäten auf
meine Rechnung komme. Ueberhaupt werde ich mir das Für und Wider
noch reiflich überlegen.“
„Man muß die Weiber in Kandare halten,“ sinnierte der Herzog, „das ist
richtig. Aber der da oben treibt es doch zu toll. Ich würde ihn stäupen
lassen. Die Welsche ist sehr gut. Sie hat mir gleich gefallen. Merkwürdig,
daß ich sie noch nicht ins Bett kommandiert habe. Daran ist die Magdalen
Sibylle schuld. Ich bin ein Esel, über der einen so den Blick für die anderen
zu verlieren. Aber das werd ich heute nacht noch nachholen.“
Remchingen fraß mit seinen stieren Augen an der Komödiantin. Er hatte
sie gehabt, aber da er sie schlecht entlohnt hatte, denn er war filzig, hielt sie
ihn kurz. „Ich werde noch ein paar Dukaten springen lassen müssen,“
seufzte er. „Ich werde mich an dem Juden schadlos halten. Er muß mich an
den neuen Stiefellieferungen beteiligen. Dieser verfluchte Jud ist eigentlich
an allem schuld. Er verwöhnt einem die Weiber, daß sie einem nicht auf
eins, zwei parieren und soviel verlangen für etwas, das sie nichts kostet.“
Aber ganz hinten in der Ecke war der Schwarzbraune. Er stand aufrecht
und sah über die Perücken hinweg, und er hob sich noch auf die Zehen, um
nichts zu verlieren. Mit seinen großen Tieraugen schlang er die Aufgelöste,
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Hingegossene. Und er konnte einen dunklen, heisern Kehllaut nicht
unterdrücken, als die Schauspielerin endete: „Mein süßer Herr! Mein
Glück! Mein Himmel! Kehr zurück in dich! Du selber werde wieder! Finde
dich! Noch ist die Reu Verdienst und nicht Verbrechen. Denn tätst du’s
nicht, sieh, Himmel, Mond und Sterne, Menschen und Tiere, Berg und Wald
und Baum, die Elemente selbst verweigerten den Dienst dir, stünden auf,
empört ob solchen Frevels, wider dich. Hör mich! Steh ab! Sennor Gomez
Arias! Sieh mich im Elend hie! Verkauf mich nicht dem Mauren nach
Benamegi!“ Dieses Letzte sang sie mit einer kleinen, stillen, rührenden
Stimme. Remchingen und andere bezogen ihre Bewegtheit in
irgendwelchem vagen Zusammenhang auf sich selber; niemand ahnte, daß
die Komödiantin, während sie sprach, an den ungelenken, semmelblonden
Expeditionsrat Götz dachte.
Doch dann trat Süß auf. Er war der Maurenfürst, an den der schurkische
Spanier die Napolitanerin verkaufte. „Natürlich,“ sagte Remchingen zu
seinem Nachbar, „wo es was zu kaufen gibt, ist der Jud da.“ Aber Süß
benahm sich sehr edel und ritterlich. Trotzdem er sie heiß liebte, rührte er
die Frau, die er als Sklavin gekauft hatte, nicht an. Er äußerte:
„Schlecht gilt die Liebe mir / die nicht durch innern Wert,
Die sich durch Zwang erwirbt / was glühend sie begehrt.“
Wobei er, über und über von Edelsteinen strotzend, in den seidenen
maurischen Hosen, die allerdings mit flandrischen Spitzen geziert waren,
sehr glänzend aussah.
Der Braunschwarze freute sich, daß der Moslem auf der Bühne sich so
nobel aufführte. Der Herzog lachte: „In Wirklichkeit würde mein Jud nicht
so lange Faxen machen.“ Aber Dom Bartelemi Pancorbo dachte: „Da
deklamiert er und macht groß Gemauschel um das Weib, was alles er für sie
gäbe. Wenn ich sie wäre, ich würde den Solitär verlangen. Aber da würde er
sich drücken.“ Und er reckte den dürren Hals mit dem blauroten,
entfleischten Kopf und blinzelte aus tiefen Höhlen nach dem Stein.
In der Schertlinschen Manufaktur in Urach war ein gewisser Kaspar
Dieterle beschäftigt gewesen, ein vierzigjähriger Mensch, gedunsenes
Gesicht, wasserblaue Augen, rötlicher Seehundsbart, kein Hinterkopf. Als
unterdrücken, als die Schauspielerin endete: „Mein süßer Herr! Mein
Glück! Mein Himmel! Kehr zurück in dich! Du selber werde wieder! Finde
dich! Noch ist die Reu Verdienst und nicht Verbrechen. Denn tätst du’s
nicht, sieh, Himmel, Mond und Sterne, Menschen und Tiere, Berg und Wald
und Baum, die Elemente selbst verweigerten den Dienst dir, stünden auf,
empört ob solchen Frevels, wider dich. Hör mich! Steh ab! Sennor Gomez
Arias! Sieh mich im Elend hie! Verkauf mich nicht dem Mauren nach
Benamegi!“ Dieses Letzte sang sie mit einer kleinen, stillen, rührenden
Stimme. Remchingen und andere bezogen ihre Bewegtheit in
irgendwelchem vagen Zusammenhang auf sich selber; niemand ahnte, daß
die Komödiantin, während sie sprach, an den ungelenken, semmelblonden
Expeditionsrat Götz dachte.
Doch dann trat Süß auf. Er war der Maurenfürst, an den der schurkische
Spanier die Napolitanerin verkaufte. „Natürlich,“ sagte Remchingen zu
seinem Nachbar, „wo es was zu kaufen gibt, ist der Jud da.“ Aber Süß
benahm sich sehr edel und ritterlich. Trotzdem er sie heiß liebte, rührte er
die Frau, die er als Sklavin gekauft hatte, nicht an. Er äußerte:
„Schlecht gilt die Liebe mir / die nicht durch innern Wert,
Die sich durch Zwang erwirbt / was glühend sie begehrt.“
Wobei er, über und über von Edelsteinen strotzend, in den seidenen
maurischen Hosen, die allerdings mit flandrischen Spitzen geziert waren,
sehr glänzend aussah.
Der Braunschwarze freute sich, daß der Moslem auf der Bühne sich so
nobel aufführte. Der Herzog lachte: „In Wirklichkeit würde mein Jud nicht
so lange Faxen machen.“ Aber Dom Bartelemi Pancorbo dachte: „Da
deklamiert er und macht groß Gemauschel um das Weib, was alles er für sie
gäbe. Wenn ich sie wäre, ich würde den Solitär verlangen. Aber da würde er
sich drücken.“ Und er reckte den dürren Hals mit dem blauroten,
entfleischten Kopf und blinzelte aus tiefen Höhlen nach dem Stein.
In der Schertlinschen Manufaktur in Urach war ein gewisser Kaspar
Dieterle beschäftigt gewesen, ein vierzigjähriger Mensch, gedunsenes
Gesicht, wasserblaue Augen, rötlicher Seehundsbart, kein Hinterkopf. Als
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die Manufaktur an die Sozietät Foa-Oppenheimer überging, wurde der
Mann als Webmeister beibehalten. Er führte sich unterwürfig und geduckt,
schimpfte aber im geheimen um so unflätiger gegen die jüdische
Sauwirtschaft. Zettelte gelegentlich kleine Meutereien, machte, selber
höchst servil, die anderen aufsässig. War dabei roh und gemein gegen die
ihm Unterstellten. Wurde schließlich, als seine zweideutige Haltung
aufkam, entlassen.
Er konnte sich nicht entschließen, außer Landes Arbeit zu suchen.
Verkam mehr und mehr. Brachte sich sehr elend durch einen erbärmlichen
Hausierhandel fort und durch gelegentlichen Schmuggel verbotener, nicht
gestempelter Waren. Wurde mehrmals ins Gefängnis gesperrt, einmal auch
gestäupt.
Er hatte eine kleine, verwaiste Base zu sich genommen, die ihm
zusammen mit dem alten Hund den Hausierkarren schob und sonst
behilflich war; fünfzehnjährig, ein verschmutztes Kind, klein, breit, scheu,
frech, lauersam, verbockt, diebisch, dabei auf eine primitive Art kokett. Er
hielt die Kleine schlecht, prügelte sie grausam, daß sie zuweilen lahm und
blutig liegen blieb. Aber als die Behörde einschreiten, ihm das Kind
wegnehmen wollte, hielt sie zu ihm, leugnete alle Mißhandlungen, ließ sich
nicht von ihm trennen. Es war so, daß der Mann das verwahrloste,
struppige, kleine Geschöpf durchaus als sein Weib hielt. Sie war ihm
verbunden, sie liebte ihn auf eine gewisse Art, seine Roheit und sein
verfranster Seehundsbart waren ihr Zeichen hoher Männlichkeit, sie liebte
ihn, wenn er zärtlich zu ihr war und wenn er sie schlug. Sie wurde ihm
allmählich immer unentbehrlicher, er begnügte sich, auf Messen und
Märkten zu gröhlen, mit knauserigen Kunden und solchen, die nichts
kauften, Händel anzufangen, zu saufen, ihrer beider Unterhalt lag
schließlich allein auf ihren Schultern.
Als sie sah, wie sie ihm nötig war, und ihre Macht über ihn spürte,
begann sie widerborstig zu werden, ihn zu verhöhnen, vor allem reizte sie
es, wenn er betrunken war, ein gefährliches Spiel mit ihm zu treiben. Immer
öfter kam es, daß er sie prügelte, bis sie besinnungslos liegenblieb. Ein
paarmal lief sie fort; aber sie kehrte doch immer zu ihm zurück, schließlich
war er der einzige Mensch, über den sie eine gewisse Macht hatte und der
an ihr hing.
Auf solche Manier strolchte das seltsame Paar auf den Landstraßen
herum, stahl, hausierte, lumpte sich mehr als kläglich durch. Der Kaspar
Mann als Webmeister beibehalten. Er führte sich unterwürfig und geduckt,
schimpfte aber im geheimen um so unflätiger gegen die jüdische
Sauwirtschaft. Zettelte gelegentlich kleine Meutereien, machte, selber
höchst servil, die anderen aufsässig. War dabei roh und gemein gegen die
ihm Unterstellten. Wurde schließlich, als seine zweideutige Haltung
aufkam, entlassen.
Er konnte sich nicht entschließen, außer Landes Arbeit zu suchen.
Verkam mehr und mehr. Brachte sich sehr elend durch einen erbärmlichen
Hausierhandel fort und durch gelegentlichen Schmuggel verbotener, nicht
gestempelter Waren. Wurde mehrmals ins Gefängnis gesperrt, einmal auch
gestäupt.
Er hatte eine kleine, verwaiste Base zu sich genommen, die ihm
zusammen mit dem alten Hund den Hausierkarren schob und sonst
behilflich war; fünfzehnjährig, ein verschmutztes Kind, klein, breit, scheu,
frech, lauersam, verbockt, diebisch, dabei auf eine primitive Art kokett. Er
hielt die Kleine schlecht, prügelte sie grausam, daß sie zuweilen lahm und
blutig liegen blieb. Aber als die Behörde einschreiten, ihm das Kind
wegnehmen wollte, hielt sie zu ihm, leugnete alle Mißhandlungen, ließ sich
nicht von ihm trennen. Es war so, daß der Mann das verwahrloste,
struppige, kleine Geschöpf durchaus als sein Weib hielt. Sie war ihm
verbunden, sie liebte ihn auf eine gewisse Art, seine Roheit und sein
verfranster Seehundsbart waren ihr Zeichen hoher Männlichkeit, sie liebte
ihn, wenn er zärtlich zu ihr war und wenn er sie schlug. Sie wurde ihm
allmählich immer unentbehrlicher, er begnügte sich, auf Messen und
Märkten zu gröhlen, mit knauserigen Kunden und solchen, die nichts
kauften, Händel anzufangen, zu saufen, ihrer beider Unterhalt lag
schließlich allein auf ihren Schultern.
Als sie sah, wie sie ihm nötig war, und ihre Macht über ihn spürte,
begann sie widerborstig zu werden, ihn zu verhöhnen, vor allem reizte sie
es, wenn er betrunken war, ein gefährliches Spiel mit ihm zu treiben. Immer
öfter kam es, daß er sie prügelte, bis sie besinnungslos liegenblieb. Ein
paarmal lief sie fort; aber sie kehrte doch immer zu ihm zurück, schließlich
war er der einzige Mensch, über den sie eine gewisse Macht hatte und der
an ihr hing.
Auf solche Manier strolchte das seltsame Paar auf den Landstraßen
herum, stahl, hausierte, lumpte sich mehr als kläglich durch. Der Kaspar
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Dieterle konnte gräßlich fluchen, unflätiger als sonst jemand im Land. Dies
imponierte dem Mädchen ungeheuer und schien ihr besonders kraftvoll und
männlich. Am schönsten war er, wenn er auf die Juden fluchte. Kaskaden
von Gift und Dreck wälzten sich dann unter dem rötlichen Schnurrbart vor,
das fahle Gesicht wulstete sich um die wasserblauen Augen, und das
Mädchen hörte begeistert zu. Manchmal auch, in guter Laune, um die
Kleine zu belohnen, mimte er einen Juden, ging krumm, mauschelte,
versuchte sich, unter dem kreischenden Jubel des Kindes, den Schnurrbart
als Schläfenlöckchen um die Ohren zu hängen. Ein Festtag aber war es,
wenn er auf Märkten und Messen mit Juden zusammenstieß. Auf
herzoglichem Gebiet zwar nahmen gewöhnlich, wenn auch widerstrebend,
unter dem Einfluß des Süß die Polizeidiener die Juden in Schutz. Aber in
den freien Städten konnte er die Hilflosen fest zwacken und ihnen alle
sauren Possen spielen, die sein armes Hirn auszukochen imstande war.
Nun hatten sie auf die Ostermesse in Eßlingen große Hoffnungen gesetzt.
Dort aber war ein Jud Jecheskel Seligmann erschienen, früher Schutzjude
der Gräveniz, jetzt mit Stillschweigen in Freudenthal, einem ehemaligen
Grävenizschen Besitz, geduldet. Der handelte mit Erzeugnissen der
Manufakturen Süß-Foa und machte, da er eine viel größere Auswahl hatte
als der andere, dem primitiven Kram des Kaspar Dieterle unbesiegliche
Konkurrenz. Jecheskel Seligmann Freudenthal war ein älterer, dürrer,
krummer, häßlicher Mensch. Kaspar Dieterle fand tausend Gründe, ihn zu
verspotten, er beschmierte ihm die Bank seiner Meßbude mit Schweinefett,
das dann an seinem Kaftan hängenblieb, er hetzte die Kinder auf ihn, er ließ
ihn springen und Hepp-Hepp machen, und er hatte die Lacher auf seiner
Seite. Der Jude ließ sich alles gefallen, er sah häßlich, dürr und erschöpft
aus und hatte, kam er dann endlich unter seinen Waren zu Atem, ein
japsendes, verzerrtes Lächeln. Die Leute hatten zwar an den Späßen des
Kaspar Dieterle ihre Freude und verlachten den Juden weidlich mit, aber sie
kauften doch bei ihm, da trotz der Sonderabgaben seine Waren billiger und
mannigfaltiger waren als der arme Plunder des anderen. Kaspar Dieterle
hatte eine dumpfe, unsinnige Wut auf den Jecheskel Seligmann, er
beschloß, ihn des Nachts halbtot zu schinden und zu treten, aber er hatte
nicht genug Geld, um noch das Nachtquartier bei dem Meß- und Judenwirt
zu bezahlen, wo der andere wohnte, und er mußte vor Torschluß die Stadt
verlassen.
imponierte dem Mädchen ungeheuer und schien ihr besonders kraftvoll und
männlich. Am schönsten war er, wenn er auf die Juden fluchte. Kaskaden
von Gift und Dreck wälzten sich dann unter dem rötlichen Schnurrbart vor,
das fahle Gesicht wulstete sich um die wasserblauen Augen, und das
Mädchen hörte begeistert zu. Manchmal auch, in guter Laune, um die
Kleine zu belohnen, mimte er einen Juden, ging krumm, mauschelte,
versuchte sich, unter dem kreischenden Jubel des Kindes, den Schnurrbart
als Schläfenlöckchen um die Ohren zu hängen. Ein Festtag aber war es,
wenn er auf Märkten und Messen mit Juden zusammenstieß. Auf
herzoglichem Gebiet zwar nahmen gewöhnlich, wenn auch widerstrebend,
unter dem Einfluß des Süß die Polizeidiener die Juden in Schutz. Aber in
den freien Städten konnte er die Hilflosen fest zwacken und ihnen alle
sauren Possen spielen, die sein armes Hirn auszukochen imstande war.
Nun hatten sie auf die Ostermesse in Eßlingen große Hoffnungen gesetzt.
Dort aber war ein Jud Jecheskel Seligmann erschienen, früher Schutzjude
der Gräveniz, jetzt mit Stillschweigen in Freudenthal, einem ehemaligen
Grävenizschen Besitz, geduldet. Der handelte mit Erzeugnissen der
Manufakturen Süß-Foa und machte, da er eine viel größere Auswahl hatte
als der andere, dem primitiven Kram des Kaspar Dieterle unbesiegliche
Konkurrenz. Jecheskel Seligmann Freudenthal war ein älterer, dürrer,
krummer, häßlicher Mensch. Kaspar Dieterle fand tausend Gründe, ihn zu
verspotten, er beschmierte ihm die Bank seiner Meßbude mit Schweinefett,
das dann an seinem Kaftan hängenblieb, er hetzte die Kinder auf ihn, er ließ
ihn springen und Hepp-Hepp machen, und er hatte die Lacher auf seiner
Seite. Der Jude ließ sich alles gefallen, er sah häßlich, dürr und erschöpft
aus und hatte, kam er dann endlich unter seinen Waren zu Atem, ein
japsendes, verzerrtes Lächeln. Die Leute hatten zwar an den Späßen des
Kaspar Dieterle ihre Freude und verlachten den Juden weidlich mit, aber sie
kauften doch bei ihm, da trotz der Sonderabgaben seine Waren billiger und
mannigfaltiger waren als der arme Plunder des anderen. Kaspar Dieterle
hatte eine dumpfe, unsinnige Wut auf den Jecheskel Seligmann, er
beschloß, ihn des Nachts halbtot zu schinden und zu treten, aber er hatte
nicht genug Geld, um noch das Nachtquartier bei dem Meß- und Judenwirt
zu bezahlen, wo der andere wohnte, und er mußte vor Torschluß die Stadt
verlassen.
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Das Paar übernachtete in einem dünnen Wald. Sie waren, der Mann wie
das Mädchen, erbittert und grimmigster Laune. Dazu setzte Regen ein, sie
froren und waren hungrig. Er hatte ihr versprochen, auf der Eßlinger Messe
eine Korallenkette für sie zu kaufen, sie hatte die kleine Einnahme, die sie
gehabt, auch zu solchem Zweck zurückgelegt, aber er hatte ihr das Geld
entrissen und Schnaps dafür gekauft. Jetzt verlangte sie, er solle sie
wenigstens davon trinken lassen. Er höhnte sie, schimpfte, sie lausiges
Hurenbalg sei schuld, daß man nicht mehr verdient habe. Sie schimpfte
zurück, sie werde ihn anzeigen, er habe sie genotzüchtigt, auch sonst
geraubt und gestohlen, der Galgen sei ihm sicher. Er schlug zu, sie schrie
und schimpfte weiter, der Hund kläffte, er schlug heftiger, sie biß ihn. Er, da
sie nicht abließ und sich trotz aller Schläge nur wilder in ihn verbiß, haute
sie schließlich wuchtig mit der Schnapsflasche vor die Stirn. Sie fiel um,
streckte sich, blieb liegen. Oefters schon war das geschehen, so ließ er sie
liegen, schnaubte befriedigt. Leckte aus der zersplitterten Schnapsflasche.
Hüllte sich in etliches Tuch, schlief wie ein Klotz, wüst schnarchend. Aber
der Regen drang durch und weckte ihn bald wieder. Er rülpste, sie solle zu
ihm rücken, ihm eine andere Decke geben, ihn wärmen. Da sie nicht
antwortete, stieß er nach ihr, fluchte. Wie sie sich noch immer nicht rührte,
stand er froststarrend auf, trat sie. Entzündete endlich, seufzend, rülpsend,
umständlich, nach vielen vergeblichen Versuchen die blinde, zerschlagene
Laterne. Leuchtete die Reglose auf und ab. Sah sie, Kiefer herunter, Augen
groß auf, naß, starr.
Er stand lange im Regen, in dem dünnen Wald, frierend, blöde, ohne
Sinn, allein mit der Toten und dem leise winselnden Hund. Die Laterne
hatte sogleich der Wind gelöscht, es war dunkel und frostig. Aus dem
Baum, an dem er lehnte, tropfte es auf ihn herab, es rann ihm den armen,
platten Hinterkopf herunter in den Nacken, sein rötlichblonder
Seehundsbart tropfte gleichmäßig. So stand er lange und begriff durchaus
nicht, wie und warum die Babett, das einzige Wesen, an dem ihm lag, jetzt
tot war. Schließlich begann er ein widriges und furchtsames Heulen, der
Hund fiel ein, er hob den Fuß, nach ihm zu treten, unterließ es.
Nach einer Weile kniete er neben die Leiche; entkleidete, nicht ohne
Mühe, den starren, häßlichen, schmutzigen Körper, machte überall Schnitte
in die Haut, mit stumpfer, nicht zu rascher Geschäftsmäßigkeit. Er
verwandte hierzu den Scherben der Schnapsflasche, trotzdem er es mit
einem Messer leichter hätte tun können. Er lud dann, es regnete noch
das Mädchen, erbittert und grimmigster Laune. Dazu setzte Regen ein, sie
froren und waren hungrig. Er hatte ihr versprochen, auf der Eßlinger Messe
eine Korallenkette für sie zu kaufen, sie hatte die kleine Einnahme, die sie
gehabt, auch zu solchem Zweck zurückgelegt, aber er hatte ihr das Geld
entrissen und Schnaps dafür gekauft. Jetzt verlangte sie, er solle sie
wenigstens davon trinken lassen. Er höhnte sie, schimpfte, sie lausiges
Hurenbalg sei schuld, daß man nicht mehr verdient habe. Sie schimpfte
zurück, sie werde ihn anzeigen, er habe sie genotzüchtigt, auch sonst
geraubt und gestohlen, der Galgen sei ihm sicher. Er schlug zu, sie schrie
und schimpfte weiter, der Hund kläffte, er schlug heftiger, sie biß ihn. Er, da
sie nicht abließ und sich trotz aller Schläge nur wilder in ihn verbiß, haute
sie schließlich wuchtig mit der Schnapsflasche vor die Stirn. Sie fiel um,
streckte sich, blieb liegen. Oefters schon war das geschehen, so ließ er sie
liegen, schnaubte befriedigt. Leckte aus der zersplitterten Schnapsflasche.
Hüllte sich in etliches Tuch, schlief wie ein Klotz, wüst schnarchend. Aber
der Regen drang durch und weckte ihn bald wieder. Er rülpste, sie solle zu
ihm rücken, ihm eine andere Decke geben, ihn wärmen. Da sie nicht
antwortete, stieß er nach ihr, fluchte. Wie sie sich noch immer nicht rührte,
stand er froststarrend auf, trat sie. Entzündete endlich, seufzend, rülpsend,
umständlich, nach vielen vergeblichen Versuchen die blinde, zerschlagene
Laterne. Leuchtete die Reglose auf und ab. Sah sie, Kiefer herunter, Augen
groß auf, naß, starr.
Er stand lange im Regen, in dem dünnen Wald, frierend, blöde, ohne
Sinn, allein mit der Toten und dem leise winselnden Hund. Die Laterne
hatte sogleich der Wind gelöscht, es war dunkel und frostig. Aus dem
Baum, an dem er lehnte, tropfte es auf ihn herab, es rann ihm den armen,
platten Hinterkopf herunter in den Nacken, sein rötlichblonder
Seehundsbart tropfte gleichmäßig. So stand er lange und begriff durchaus
nicht, wie und warum die Babett, das einzige Wesen, an dem ihm lag, jetzt
tot war. Schließlich begann er ein widriges und furchtsames Heulen, der
Hund fiel ein, er hob den Fuß, nach ihm zu treten, unterließ es.
Nach einer Weile kniete er neben die Leiche; entkleidete, nicht ohne
Mühe, den starren, häßlichen, schmutzigen Körper, machte überall Schnitte
in die Haut, mit stumpfer, nicht zu rascher Geschäftsmäßigkeit. Er
verwandte hierzu den Scherben der Schnapsflasche, trotzdem er es mit
einem Messer leichter hätte tun können. Er lud dann, es regnete noch
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immer, die Nackte, Verstümmelte auf den Karren, umstapelte sie hoch mit
Decken und Kram, zog mit dem Hund den Karren wieder in die Stadt. Kam
dort mit dem frühesten Morgen an, als das Tor geöffnet wurde. Der
Torwache sagte er, er habe noch einen Handel mit dem Juden Seligmann.
Man ließ ihn passieren.
Er zog seinen Karren in die Herberge, wo der Jude Jecheskel Seligmann
Freudenthal wohnte. Alles wie getrieben, mit einer seltsamen,
gleichmütigen Zielbewußtheit. Im Hof der Herberge stellte er seinen Karren
ein. Veräußerte um ein Spottgeld auch sein Notwendigstes. Soff. Lief
dazwischen immer wieder nach seinem Karren. Bis er endlich, während nur
die jungen Schweine zuschauten, die Leiche in dem Unrathaufen notdürftig
begraben konnte. Es regnete noch immer. Dann ging er wieder in das
Schankzimmer. Soff. Zog die Kleider seiner kleinen Base heraus. Erzählte
eine Geschichte. Langsam, verworren, in Stücken. Ja, man habe doch
gehört, wie gestern er und die Babett mit dem Juden Jecheskel Seligmann
Freudenthal ihre Händel gehabt hätten. Aber der Jud habe dem Kind doch
eine Korallenkette versprochen. Sie hätte zu ihm zurückgewollt. Er, der
Kaspar, habe sie gehalten. Geprügelt. Nachts, vielleicht hatte der Jude ihr
was eingegeben, sei sie dann auf einmal doch weg gewesen. Manchmal
müsse der Mensch auch schlafen; da könne er dann den andern nicht halten,
ja. Und jetzt habe er unter den Waren des Juden draußen ein Bündel Kleider
gefunden, seien die Kleider der Babett. Müßt das Kind jetzt wohl nackend
herumlaufen, nur mit dem Korallenkettlein. Ja, und jetzt sei den Juden ihr
Osterfest.
Dies erzählte der Kaspar Dieterle, während er seine letzte notwendige
Habe versoff. Er erzählte es mehrmals, und immer mehr Leute hörten zu.
Und immer gekitzelter hörten sie zu, und immer gebannter und entsetzter
starrten sie auf den Mund des Menschen, wo unter dem ausgefransten
rötlichen Schnurrbart schnapsstinkend, aus den fauligen, schwärzlichen
Zähnen weinerlich und tückisch die grausige Geschichte hervorkroch.
Und dann fand man auf dem Unrathaufen die zerschnittene Leiche, die
Schweine fraßen schon daran. Fledermausflügelig, mit phantastischen
Greueln ausgeschmückt, flog der Bericht von der Untat durch die Stadt.
Zusammen liefen die Leute, alles Tagewerk in Haus und auf der Straße
hörte auf, die Tore wurden geschlossen, der Rat zusammenberufen. Greuel
über Greuel! Ein unschuldiges Christenkind scheußlich gemartert von den
Juden, ihm das Blut abgezapft für die Osterkuchen, die verstümmelte
Decken und Kram, zog mit dem Hund den Karren wieder in die Stadt. Kam
dort mit dem frühesten Morgen an, als das Tor geöffnet wurde. Der
Torwache sagte er, er habe noch einen Handel mit dem Juden Seligmann.
Man ließ ihn passieren.
Er zog seinen Karren in die Herberge, wo der Jude Jecheskel Seligmann
Freudenthal wohnte. Alles wie getrieben, mit einer seltsamen,
gleichmütigen Zielbewußtheit. Im Hof der Herberge stellte er seinen Karren
ein. Veräußerte um ein Spottgeld auch sein Notwendigstes. Soff. Lief
dazwischen immer wieder nach seinem Karren. Bis er endlich, während nur
die jungen Schweine zuschauten, die Leiche in dem Unrathaufen notdürftig
begraben konnte. Es regnete noch immer. Dann ging er wieder in das
Schankzimmer. Soff. Zog die Kleider seiner kleinen Base heraus. Erzählte
eine Geschichte. Langsam, verworren, in Stücken. Ja, man habe doch
gehört, wie gestern er und die Babett mit dem Juden Jecheskel Seligmann
Freudenthal ihre Händel gehabt hätten. Aber der Jud habe dem Kind doch
eine Korallenkette versprochen. Sie hätte zu ihm zurückgewollt. Er, der
Kaspar, habe sie gehalten. Geprügelt. Nachts, vielleicht hatte der Jude ihr
was eingegeben, sei sie dann auf einmal doch weg gewesen. Manchmal
müsse der Mensch auch schlafen; da könne er dann den andern nicht halten,
ja. Und jetzt habe er unter den Waren des Juden draußen ein Bündel Kleider
gefunden, seien die Kleider der Babett. Müßt das Kind jetzt wohl nackend
herumlaufen, nur mit dem Korallenkettlein. Ja, und jetzt sei den Juden ihr
Osterfest.
Dies erzählte der Kaspar Dieterle, während er seine letzte notwendige
Habe versoff. Er erzählte es mehrmals, und immer mehr Leute hörten zu.
Und immer gekitzelter hörten sie zu, und immer gebannter und entsetzter
starrten sie auf den Mund des Menschen, wo unter dem ausgefransten
rötlichen Schnurrbart schnapsstinkend, aus den fauligen, schwärzlichen
Zähnen weinerlich und tückisch die grausige Geschichte hervorkroch.
Und dann fand man auf dem Unrathaufen die zerschnittene Leiche, die
Schweine fraßen schon daran. Fledermausflügelig, mit phantastischen
Greueln ausgeschmückt, flog der Bericht von der Untat durch die Stadt.
Zusammen liefen die Leute, alles Tagewerk in Haus und auf der Straße
hörte auf, die Tore wurden geschlossen, der Rat zusammenberufen. Greuel
über Greuel! Ein unschuldiges Christenkind scheußlich gemartert von den
Juden, ihm das Blut abgezapft für die Osterkuchen, die verstümmelte
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Leiche den Schweinen vorgeworfen. Soweit war es gekommen durch die
Judenwirtschaft des württembergischen Herzogs, daß so schwarze Mordtat
arrivieren konnte in der freien Reichsstadt Eßlingen zur Schmach und
Schande des ganzen schwäbischen Kreises.
Tosende Erregung in der ganzen Stadt. Seit vierzig, nein, seit genau
dreiundvierzig Jahren hat man keinen so grauenvollen Kriminalfall mehr
erlebt im Römischen Reich. Fast schon wußte man nur mehr aus Büchern
davon. In dieser Gegend war seit dem Ravensburger Kindermord nichts
mehr dergleichen arriviert. Oh, wie klug waren die Väter gewesen, daß sie
die Juden ausgeschafft aus dem Eßlinger Bannkreis! Seit dem Salomo von
Hechingen, dem Arzt, hatte man nicht mehr zugelassen, daß einer von ihnen
mit seinem Schelmenatem die ehrsame Luft der guten Stadt verstinke. Stolz
und stark konnte man, als der Kaiser die Judensteuer einverlangte,
erwidern, seit zwei Jahrhunderten sei keiner mehr in diesen Mauern
gesessen. Jetzt hat der Herzog, der Ketzer, der Herodes, die Schelme und
schwarzen Mordbuben ins Land gezogen, die den unschuldigen
Christenkindern auflauern und ihnen das Blut abzapfen. Aengstlich
verwarnen die Mütter ihre Kinder. Immer schrecklichere Einzelheiten gehen
um. Was heut dem fremden Kind geschehen ist, kann morgen dem eigenen
geschehen. Auf lange hinaus werden die verschreckten Würmer vor jedem
Fremden davonlaufen und gräßlich von Blut und Messern und wilden
Bärten träumen.
Der Jude Jecheskel Seligmann Freudenthal ging indes in der Vorstadt
herum, seine Geschäfte besorgen. Er wurde verhaftet, wie er gerade
demütig und beharrlich von einem säumigen Schuldner Geld eintreiben
wollte. Er hatte durchaus keine Ahnung, worum es ging, und beteuerte
immerzu, er habe gestern weder dem Kaspar Dieterle noch sonstwem
zurückgeschimpft, er habe überhaupt nicht den Mund aufgetan. Denn dies
war ein beliebtes Mittel dem jüdischen Konkurrenten gegenüber, daß man
ihn durch Wort und Tat zu einer Erwiderung reizte und ihn dann einsperren
ließ unter der Anklage, er habe durch freche Beschimpfung Christen um
ihres Glaubens willen verunglimpft. Aber die Büttel schlugen ihn übers
Maul, faßten ihn hart an, fesselten ihn. Draußen wurde der dürre, zitternde,
entsetzte Mann von einer Menge Volkes empfangen, er sah hundert
erhobene Arme, tobende Mäuler, Kot und Steine flogen gegen ihn, er wurde
zu Boden gerissen, getreten, bespien, Haar und Bart wurden ihm gerauft. Er
suchte immerzu auf seine Bedränger einzureden; japsend noch unter den
Judenwirtschaft des württembergischen Herzogs, daß so schwarze Mordtat
arrivieren konnte in der freien Reichsstadt Eßlingen zur Schmach und
Schande des ganzen schwäbischen Kreises.
Tosende Erregung in der ganzen Stadt. Seit vierzig, nein, seit genau
dreiundvierzig Jahren hat man keinen so grauenvollen Kriminalfall mehr
erlebt im Römischen Reich. Fast schon wußte man nur mehr aus Büchern
davon. In dieser Gegend war seit dem Ravensburger Kindermord nichts
mehr dergleichen arriviert. Oh, wie klug waren die Väter gewesen, daß sie
die Juden ausgeschafft aus dem Eßlinger Bannkreis! Seit dem Salomo von
Hechingen, dem Arzt, hatte man nicht mehr zugelassen, daß einer von ihnen
mit seinem Schelmenatem die ehrsame Luft der guten Stadt verstinke. Stolz
und stark konnte man, als der Kaiser die Judensteuer einverlangte,
erwidern, seit zwei Jahrhunderten sei keiner mehr in diesen Mauern
gesessen. Jetzt hat der Herzog, der Ketzer, der Herodes, die Schelme und
schwarzen Mordbuben ins Land gezogen, die den unschuldigen
Christenkindern auflauern und ihnen das Blut abzapfen. Aengstlich
verwarnen die Mütter ihre Kinder. Immer schrecklichere Einzelheiten gehen
um. Was heut dem fremden Kind geschehen ist, kann morgen dem eigenen
geschehen. Auf lange hinaus werden die verschreckten Würmer vor jedem
Fremden davonlaufen und gräßlich von Blut und Messern und wilden
Bärten träumen.
Der Jude Jecheskel Seligmann Freudenthal ging indes in der Vorstadt
herum, seine Geschäfte besorgen. Er wurde verhaftet, wie er gerade
demütig und beharrlich von einem säumigen Schuldner Geld eintreiben
wollte. Er hatte durchaus keine Ahnung, worum es ging, und beteuerte
immerzu, er habe gestern weder dem Kaspar Dieterle noch sonstwem
zurückgeschimpft, er habe überhaupt nicht den Mund aufgetan. Denn dies
war ein beliebtes Mittel dem jüdischen Konkurrenten gegenüber, daß man
ihn durch Wort und Tat zu einer Erwiderung reizte und ihn dann einsperren
ließ unter der Anklage, er habe durch freche Beschimpfung Christen um
ihres Glaubens willen verunglimpft. Aber die Büttel schlugen ihn übers
Maul, faßten ihn hart an, fesselten ihn. Draußen wurde der dürre, zitternde,
entsetzte Mann von einer Menge Volkes empfangen, er sah hundert
erhobene Arme, tobende Mäuler, Kot und Steine flogen gegen ihn, er wurde
zu Boden gerissen, getreten, bespien, Haar und Bart wurden ihm gerauft. Er
suchte immerzu auf seine Bedränger einzureden; japsend noch unter den
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Mißhandlungen, während ihm Speichel und Blut aus den Mundwinkeln
rann, beteuerte er, er habe kein Schimpfwort, überhaupt kein Wort geredet.
Erst aus dem Gezeter einer Frau, die ihn immerzu mit einer Spindel in die
Weichen stach, erkannte er jäh die Beschuldigung, verlor die Sinne.
Ohnmächtig wurde er in den Turm gebracht.
Aber unter den Ratsherren war eine große, grimmige, höhnische Freude.
Die Herzoglichen, die Judenzer, sind schuld an der scheußlichen Moritat.
Wie wird man es ihnen vorreiben, wie wird man es ihnen zu schlucken
geben! Endlich jetzt kann man dem Herzog und seinem Juden eins
versetzen. Hat man nicht ständig Händel mit ihnen und Schikanen?
Während einem die herzoglichen Wildsäue und Hirsche und all das
Viehzeug die Felder verderben, klagt der freche Ketzer, die Eßlinger Bürger
wilderten – ja, wie sonst sollen sie sich helfen? – und nimmt sie hoch. Und
queruliert er nicht ständig, die Eßlinger Straßen seien schlecht wider den
Vertrag? Ho, ihr hochmögenden Herren! was ist ein Loch in der Straße
gegen einen so grauslichen Mord? Auch über die Neckar-Regulierung ist
nicht mit ihm eins zu werden. Hat er nicht sogar die Einkünfte des Eßlinger
Spitals aus dem Württembergischen gepfändet? Und sein Jud erst, der
freche Malefizer und Schelm! Da hat etwan die Stadt, pro forma natürlich
nur und um gewisse Erleichterungen zu erzwingen, den Schirmvertrag mit
dem Herzog aufgehoben. Tut da dieser lausige Saujud nicht gleich, als
nähme er die Geschichte ernst? Läßt einfach, als gäbe es wirklich keinen
Schirmvertrag, die Eßlinger ganz wie andere Fremde behandeln!
Schikaniert auf Schritt und Tritt ihren Handel und Wandel. Jedem einzelnen
der Ratsherren hat er mehrere tausend Taler gehindert. Aber wart nur, Herr
Jud! Jetzt wird man’s dir heimzahlen! An deinem schwarzen und verruchten
Glaubensgenossen wird man es dir heimzahlen. In spanische Stiefel
schnüren wird man ihn, das Blut aus den Nägeln herausquetschen, ihn mit
glühenden Zangen zwicken. Jetzt schon freuen sich unter den Ratsherren
die Anwohner des Marktes darauf, wie man ihn dort solenn verbrennen
wird, und versprechen den Verwandten und Befreundeten Fensterplätze.
Nur schade, daß man es bei einer einzigen Hinrichtungsart bewenden lassen
muß. Man sollte ihn können zugleich hängen und rädern und vierteilen und
verbrennen.
Der Aelteste unter den Ratsherren war Christoph Adam Schertlin, der
seinerzeit die Uracher Manufaktur begründet hatte, und der, auf Altenteil in
seinem Eßlinger Patrizierhaus, sein Werk langsam und unrettbar hatte
rann, beteuerte er, er habe kein Schimpfwort, überhaupt kein Wort geredet.
Erst aus dem Gezeter einer Frau, die ihn immerzu mit einer Spindel in die
Weichen stach, erkannte er jäh die Beschuldigung, verlor die Sinne.
Ohnmächtig wurde er in den Turm gebracht.
Aber unter den Ratsherren war eine große, grimmige, höhnische Freude.
Die Herzoglichen, die Judenzer, sind schuld an der scheußlichen Moritat.
Wie wird man es ihnen vorreiben, wie wird man es ihnen zu schlucken
geben! Endlich jetzt kann man dem Herzog und seinem Juden eins
versetzen. Hat man nicht ständig Händel mit ihnen und Schikanen?
Während einem die herzoglichen Wildsäue und Hirsche und all das
Viehzeug die Felder verderben, klagt der freche Ketzer, die Eßlinger Bürger
wilderten – ja, wie sonst sollen sie sich helfen? – und nimmt sie hoch. Und
queruliert er nicht ständig, die Eßlinger Straßen seien schlecht wider den
Vertrag? Ho, ihr hochmögenden Herren! was ist ein Loch in der Straße
gegen einen so grauslichen Mord? Auch über die Neckar-Regulierung ist
nicht mit ihm eins zu werden. Hat er nicht sogar die Einkünfte des Eßlinger
Spitals aus dem Württembergischen gepfändet? Und sein Jud erst, der
freche Malefizer und Schelm! Da hat etwan die Stadt, pro forma natürlich
nur und um gewisse Erleichterungen zu erzwingen, den Schirmvertrag mit
dem Herzog aufgehoben. Tut da dieser lausige Saujud nicht gleich, als
nähme er die Geschichte ernst? Läßt einfach, als gäbe es wirklich keinen
Schirmvertrag, die Eßlinger ganz wie andere Fremde behandeln!
Schikaniert auf Schritt und Tritt ihren Handel und Wandel. Jedem einzelnen
der Ratsherren hat er mehrere tausend Taler gehindert. Aber wart nur, Herr
Jud! Jetzt wird man’s dir heimzahlen! An deinem schwarzen und verruchten
Glaubensgenossen wird man es dir heimzahlen. In spanische Stiefel
schnüren wird man ihn, das Blut aus den Nägeln herausquetschen, ihn mit
glühenden Zangen zwicken. Jetzt schon freuen sich unter den Ratsherren
die Anwohner des Marktes darauf, wie man ihn dort solenn verbrennen
wird, und versprechen den Verwandten und Befreundeten Fensterplätze.
Nur schade, daß man es bei einer einzigen Hinrichtungsart bewenden lassen
muß. Man sollte ihn können zugleich hängen und rädern und vierteilen und
verbrennen.
Der Aelteste unter den Ratsherren war Christoph Adam Schertlin, der
seinerzeit die Uracher Manufaktur begründet hatte, und der, auf Altenteil in
seinem Eßlinger Patrizierhaus, sein Werk langsam und unrettbar hatte
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versinken, dem Juden in die Hände gleiten, seine Söhne hatte verkommen
und verlottern sehen. Er war hoch in den Siebzig. Dies war eine wilde und
unvermittelte Freude vor seinem Grab. Tief aus der Brust holte er
malmende Worte gegen die jüdische Verruchtheit, spie sie vor den Rat,
einem ach! Unsichtbaren ins Gesicht. Hoch trug er den großen,
verwitternden Kopf, starken Schrittes ging er durch die Straßen; heftig, als
rennte er ihn dem Feind in den Leib, stieß er den Rohrstock gegen den
Boden, den goldenen Knopf fest umschließend mit dürrer, doch nicht
zitternder Hand.
Bei dem Meßwirt aber saß der Kaspar Dieterle. Er hatte es nicht mehr
nötig, was zu verkaufen, um Schnaps zu kriegen. Immer saß ein dicker
Haufe Menschen um ihn herum, bänglich und gekitzelt. Der früher als ein
Lump und Aushauser von jeder Schwelle gejagt worden war, galt jetzt als
wichtiger Mann und wurde groß hofiert. Immer buntere Einzelheiten
erzählte er, längst glaubte er selber, daß ihm die argen Juden seine letzte
Stütze tückisch geschlachtet hätten. Als stärksten Beweis führte er die
Tatsache an, daß das Kind in der Christnacht sei geboren worden, und alle
starrten verstrickt und grübelnd auf seinen Mund, wenn er, die
wasserblauen Augen geheimnisvoll weit auf, dies vorbrachte. Denn das war
ein bewiesenes Faktum und stand in vielen Büchern zu lesen, daß, wer in
der Christnacht geboren ist, besonders gefährdet ist, von den Juden
umgebracht zu werden.
Vor allem die Weiber hatten groß Mitleid mit dem Mann. War er doch
Ursach und Warnung, ihre armen Kinder um so ängstlicher zu hüten. Sie
steckten ihm Gebackenes und Gebratenes zu, Schinken und Schmalznudeln.
Seine gedunsenen Wangen nahmen Farbe an, sein rötlicher Seehundsbart
war ausgekämmt und weniger verfranst; nur seine fauligen, schwärzlichen
Zähne blieben. Und eine Bäckerswitwe trug sich ernstlich mit dem
Gedanken, den armen, verwaisten Mann, dem die Juden so übel mitgespielt,
zu heiraten.
Der Leibarzt Doktor Wendelin Breyer untersuchte den Herzog. Ein dürrer,
langer Mensch, ungeheuer beflissen, ängstlich und liebenswürdig, mit
weiten, entschuldigenden Bewegungen, die hohle, angestrengte Stimme tief
aus der Brust hervorgrabend. Er lächelte viel und furchtsam, bat unzählige
und verlottern sehen. Er war hoch in den Siebzig. Dies war eine wilde und
unvermittelte Freude vor seinem Grab. Tief aus der Brust holte er
malmende Worte gegen die jüdische Verruchtheit, spie sie vor den Rat,
einem ach! Unsichtbaren ins Gesicht. Hoch trug er den großen,
verwitternden Kopf, starken Schrittes ging er durch die Straßen; heftig, als
rennte er ihn dem Feind in den Leib, stieß er den Rohrstock gegen den
Boden, den goldenen Knopf fest umschließend mit dürrer, doch nicht
zitternder Hand.
Bei dem Meßwirt aber saß der Kaspar Dieterle. Er hatte es nicht mehr
nötig, was zu verkaufen, um Schnaps zu kriegen. Immer saß ein dicker
Haufe Menschen um ihn herum, bänglich und gekitzelt. Der früher als ein
Lump und Aushauser von jeder Schwelle gejagt worden war, galt jetzt als
wichtiger Mann und wurde groß hofiert. Immer buntere Einzelheiten
erzählte er, längst glaubte er selber, daß ihm die argen Juden seine letzte
Stütze tückisch geschlachtet hätten. Als stärksten Beweis führte er die
Tatsache an, daß das Kind in der Christnacht sei geboren worden, und alle
starrten verstrickt und grübelnd auf seinen Mund, wenn er, die
wasserblauen Augen geheimnisvoll weit auf, dies vorbrachte. Denn das war
ein bewiesenes Faktum und stand in vielen Büchern zu lesen, daß, wer in
der Christnacht geboren ist, besonders gefährdet ist, von den Juden
umgebracht zu werden.
Vor allem die Weiber hatten groß Mitleid mit dem Mann. War er doch
Ursach und Warnung, ihre armen Kinder um so ängstlicher zu hüten. Sie
steckten ihm Gebackenes und Gebratenes zu, Schinken und Schmalznudeln.
Seine gedunsenen Wangen nahmen Farbe an, sein rötlicher Seehundsbart
war ausgekämmt und weniger verfranst; nur seine fauligen, schwärzlichen
Zähne blieben. Und eine Bäckerswitwe trug sich ernstlich mit dem
Gedanken, den armen, verwaisten Mann, dem die Juden so übel mitgespielt,
zu heiraten.
Der Leibarzt Doktor Wendelin Breyer untersuchte den Herzog. Ein dürrer,
langer Mensch, ungeheuer beflissen, ängstlich und liebenswürdig, mit
weiten, entschuldigenden Bewegungen, die hohle, angestrengte Stimme tief
aus der Brust hervorgrabend. Er lächelte viel und furchtsam, bat unzählige
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Male um Pardon, suchte seine Mitteilungen durch kleine, schüchterne,
unbehilfliche Scherze zu erhellen. Der Herzog war ein schwieriger Patient,
den Kollegen Georg Burkhard Seeger hatte er mit dem flachen Degen
halbtot geprügelt; auch zerschmiß er gerne Medizinflaschen an den Köpfen
seiner Aerzte.
„Also dann?“ herrschte der Herzog den Arzt an. Der Doktor Wendelin
Breyer suchte sich mit etlichen flatternden Bewegungen aus dem Bereich
Karl Alexanders zu bringen. „Eine Goutte militaire!“ wimmerte er dann mit
seiner angestrengten Stimme und meckerte ein wenig. „Eine ganz kleine,
unbedeutende Goutte militaire.“ Da der Herzog finster schwieg, fügte er
eilig hinzu: „Euer Durchlaucht mögen sich ja keine Melancholie und
schwarze Gedanken darüber machen. Solche Goutte militaire hat nichts
gemein mit der bösen Lustseuche oder französischen Krankheit. Denn
während letztgenannte Krankheit aus einem in der weiblichen Scheide
präexistierenden Gift stammt, so der Teufel dort hineingebannt hat, ist Eurer
Durchlaucht Indisposition nur als etwas Beiläufiges, gewissermaßen als ein
leichter Schnupfen der Allerhöchsten Harnblase anzusprechen. Euer
Durchlaucht werden mit Gottes Hilfe in etwa drei Monaten davon befreit
sein. Ich erlaube mir noch submissest anzumerken, daß besagte kleine
Indisposition bei allen großen Heerführern der Christenheit gang und gäbe
ist. Nach den Chroniken haben auch die großen antikischen Generale
Alexander und Julius Cäsar daran laboriert.“
Der Herzog winkte dem Arzt finster Entfernung, und der zog sich unter
vielen weiten und entschuldigenden Bewegungen zurück.
Der Medikus fort, schnaubte Karl Alexander durch die Nase, hieb mit
dem Marschallstab zornig eine kleine Porzellanfigur entzwei. In jüngeren
Jahren hatte er zweimal diese schmutzige Krankheit gehabt, damals wußte
er nicht, von wem. Diesmal wußte er es. Das Saumensch, das dreckige! So
zier und lecker schaute sie von der Bühne her, so flink zappelten ihre
Augen, so erfahren und angenehm züngelte sie, so appetitlich sah das ganze
Frauenzimmer aus. Ein Wind, ein Hui, ein wohliges Parfüm. Und hatte den
Dreck und Gift und Teufel im Leib. Metze, gottverfluchte! Aber er wird sie
stäupen lassen, sie mit Ruten aus dem Land jagen.
Er begnügte sich dann, sie eine Fuhre Kot durch die Stadt fahren zu
lassen, wie man es mit Weibspersonen hielt, die der Unzucht überführt
waren. In grobem Kittel wurde die kleine, leicht fette, gelbe Napolitanerin
durch die Straßen geführt, schwer schleppte sie an ihrer Fuhre Mist, ratlos
unbehilfliche Scherze zu erhellen. Der Herzog war ein schwieriger Patient,
den Kollegen Georg Burkhard Seeger hatte er mit dem flachen Degen
halbtot geprügelt; auch zerschmiß er gerne Medizinflaschen an den Köpfen
seiner Aerzte.
„Also dann?“ herrschte der Herzog den Arzt an. Der Doktor Wendelin
Breyer suchte sich mit etlichen flatternden Bewegungen aus dem Bereich
Karl Alexanders zu bringen. „Eine Goutte militaire!“ wimmerte er dann mit
seiner angestrengten Stimme und meckerte ein wenig. „Eine ganz kleine,
unbedeutende Goutte militaire.“ Da der Herzog finster schwieg, fügte er
eilig hinzu: „Euer Durchlaucht mögen sich ja keine Melancholie und
schwarze Gedanken darüber machen. Solche Goutte militaire hat nichts
gemein mit der bösen Lustseuche oder französischen Krankheit. Denn
während letztgenannte Krankheit aus einem in der weiblichen Scheide
präexistierenden Gift stammt, so der Teufel dort hineingebannt hat, ist Eurer
Durchlaucht Indisposition nur als etwas Beiläufiges, gewissermaßen als ein
leichter Schnupfen der Allerhöchsten Harnblase anzusprechen. Euer
Durchlaucht werden mit Gottes Hilfe in etwa drei Monaten davon befreit
sein. Ich erlaube mir noch submissest anzumerken, daß besagte kleine
Indisposition bei allen großen Heerführern der Christenheit gang und gäbe
ist. Nach den Chroniken haben auch die großen antikischen Generale
Alexander und Julius Cäsar daran laboriert.“
Der Herzog winkte dem Arzt finster Entfernung, und der zog sich unter
vielen weiten und entschuldigenden Bewegungen zurück.
Der Medikus fort, schnaubte Karl Alexander durch die Nase, hieb mit
dem Marschallstab zornig eine kleine Porzellanfigur entzwei. In jüngeren
Jahren hatte er zweimal diese schmutzige Krankheit gehabt, damals wußte
er nicht, von wem. Diesmal wußte er es. Das Saumensch, das dreckige! So
zier und lecker schaute sie von der Bühne her, so flink zappelten ihre
Augen, so erfahren und angenehm züngelte sie, so appetitlich sah das ganze
Frauenzimmer aus. Ein Wind, ein Hui, ein wohliges Parfüm. Und hatte den
Dreck und Gift und Teufel im Leib. Metze, gottverfluchte! Aber er wird sie
stäupen lassen, sie mit Ruten aus dem Land jagen.
Er begnügte sich dann, sie eine Fuhre Kot durch die Stadt fahren zu
lassen, wie man es mit Weibspersonen hielt, die der Unzucht überführt
waren. In grobem Kittel wurde die kleine, leicht fette, gelbe Napolitanerin
durch die Straßen geführt, schwer schleppte sie an ihrer Fuhre Mist, ratlos
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und verhetzt schauten die lebendigen Augen, ein großer Zettel mit der
Inschrift Metze hing ihr um den Hals. Die Bürger schnalzten bedauernd, das
hätte man eher wissen sollen; der Most wäre, eh daß er sauer ward, einem
gewiß sehr süffig eingegangen, da hätte man sich gern sein Schöpplein
geholt. Die Frauen aber spien sie an und warfen sie mit Abfall. So wurde sie
krank und ohne Geld aus der Stadt gejagt.
Es litten aber an der gleichen Krankheit wie der Herzog der General
Remchingen und der Schwarzbraune.
Remchingen und Karl Alexander saßen zusammen und fluchten auf die
Weiber. Mit grimmigen Späßen verfolgte der Herzog den Süß. Der hatte sie
doch auch gehabt, als erster wahrscheinlich, und der war heil
davongekommen. Weiß der Satan, durch was für schwarze, jüdische Kunst.
Aber semmelblond und in dicker Ratlosigkeit saß der Expeditionsrat
Götz. Er war der einzige, der die Zusammenhänge überschaute. Er hatte die
Krankheit überkommen von der Kellnerin im Blauen Bock. Er hatte sie an
die Welsche weitervererbt, die er in großer Unschuld als seine liebe Herrin
und Geliebte ästimierte. Bei anderer Lage der Dinge hätte er es für seine
unbedingte Pflicht gehalten, alles gutzumachen, ja vielleicht sogar die
Welsche zu ehelichen. So aber, wie man in der Hofgesellschaft respektvoll
lächelnd von dem kleinen galanten Leiden des Herzogs flüsterte, wie er
langsam begriff, wie er erkannte, daß er, der allerdemütigste und
ehrerbietigste Untertan, seinem Souverän die lästige und schmutzige Affäre
angehängt hatte, brach seine Welt zusammen. Daß er bei seiner Loyalität
seinem Fürsten diesen schmutzigen Tort antun konnte, daß es möglich war,
schuldlos in solche Schuld verstrickt zu werden, warf ihn um. Er beschloß
zunächst, sich zu erschießen. Später indes sagte er sich, daß eigentlich die
Napolitanerin an allem schuld sei; sie hatte ihn in diese üble Verstrickung
mit seinem gottgewollten Herrn gebracht, und er sprach sich aller Schuld
ledig, wälzte sie auf die Sängerin und sah mit grimmiger Befriedigung zu,
wie sie ihre Fuhre Kot schleppte.
Nun liebte aber die Napolitanerin den unbehilflichen, semmelblonden
Menschen wirklich. Sie verriet ihn nicht, trotzdem sie sich vielleicht
dadurch hätte retten können. Während sie in Schimpf und großer Not durch
die Straßen geführt wurde, dachte sie nur an ihn. Sie rührte die Lippen, das
Volk glaubte, sie bete, aber sie sagte nur tonlos und ziemlich ohne Sinn jene
Verse vor sich hin, die sie in der Komödie gesungen hatte: „Mein Herr!
Mein Glück! Mein Himmel! / Sieh mich im Elend hie! / Laß mich nicht
Inschrift Metze hing ihr um den Hals. Die Bürger schnalzten bedauernd, das
hätte man eher wissen sollen; der Most wäre, eh daß er sauer ward, einem
gewiß sehr süffig eingegangen, da hätte man sich gern sein Schöpplein
geholt. Die Frauen aber spien sie an und warfen sie mit Abfall. So wurde sie
krank und ohne Geld aus der Stadt gejagt.
Es litten aber an der gleichen Krankheit wie der Herzog der General
Remchingen und der Schwarzbraune.
Remchingen und Karl Alexander saßen zusammen und fluchten auf die
Weiber. Mit grimmigen Späßen verfolgte der Herzog den Süß. Der hatte sie
doch auch gehabt, als erster wahrscheinlich, und der war heil
davongekommen. Weiß der Satan, durch was für schwarze, jüdische Kunst.
Aber semmelblond und in dicker Ratlosigkeit saß der Expeditionsrat
Götz. Er war der einzige, der die Zusammenhänge überschaute. Er hatte die
Krankheit überkommen von der Kellnerin im Blauen Bock. Er hatte sie an
die Welsche weitervererbt, die er in großer Unschuld als seine liebe Herrin
und Geliebte ästimierte. Bei anderer Lage der Dinge hätte er es für seine
unbedingte Pflicht gehalten, alles gutzumachen, ja vielleicht sogar die
Welsche zu ehelichen. So aber, wie man in der Hofgesellschaft respektvoll
lächelnd von dem kleinen galanten Leiden des Herzogs flüsterte, wie er
langsam begriff, wie er erkannte, daß er, der allerdemütigste und
ehrerbietigste Untertan, seinem Souverän die lästige und schmutzige Affäre
angehängt hatte, brach seine Welt zusammen. Daß er bei seiner Loyalität
seinem Fürsten diesen schmutzigen Tort antun konnte, daß es möglich war,
schuldlos in solche Schuld verstrickt zu werden, warf ihn um. Er beschloß
zunächst, sich zu erschießen. Später indes sagte er sich, daß eigentlich die
Napolitanerin an allem schuld sei; sie hatte ihn in diese üble Verstrickung
mit seinem gottgewollten Herrn gebracht, und er sprach sich aller Schuld
ledig, wälzte sie auf die Sängerin und sah mit grimmiger Befriedigung zu,
wie sie ihre Fuhre Kot schleppte.
Nun liebte aber die Napolitanerin den unbehilflichen, semmelblonden
Menschen wirklich. Sie verriet ihn nicht, trotzdem sie sich vielleicht
dadurch hätte retten können. Während sie in Schimpf und großer Not durch
die Straßen geführt wurde, dachte sie nur an ihn. Sie rührte die Lippen, das
Volk glaubte, sie bete, aber sie sagte nur tonlos und ziemlich ohne Sinn jene
Verse vor sich hin, die sie in der Komödie gesungen hatte: „Mein Herr!
Mein Glück! Mein Himmel! / Sieh mich im Elend hie! / Laß mich nicht
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dem Mauren / In Benamegi!“ Alte Märchen spukten in ihr von dem Prinzen,
der die Bettlerin zu seiner Prinzessin erhöht. Jetzt wird er, jetzt gleich
hervortreten, und all dieses Gröbliche ist nur ein Alp und arger Traum. Erst
als sie über die Grenze geschafft war, ohne daß er auch nur das leiseste
Wort hatte hören lassen, brach sie zusammen.
Das Gerücht sickerte durch von der Erkrankung des Herzogs. In den
Bibelkollegien flüsterte man, das sei die Strafe des Herrn, und man
erinnerte an Nebukadnezar, der zu seinem bösen Ende Gras habe fressen
müssen wie ein Ochs. Aber in der Hofgesellschaft errang diese
kavaliersmäßige Erkrankung dem Herzog nur größeren Respekt. Der
Tübinger Hofpoet überreichte ein Poem, in dem er sagte, daß man zuweilen
die Siege im Reiche Amors mit kleinen Wunden bezahlen müsse, die aber
nicht minder ehrenvoll seien als die des Schlachtfeldes. Amor schieße
manchmal mit vergifteten Pfeilen. Und da er der Napolitanerin nicht
vergessen hatte, daß sie damals in der Komödie seine Alexandriner nicht
hatte sprechen wollen, versäumte er nicht, sie mit allerlei Geziefer und
Gewürm zu vergleichen und anzudeuten, er sei sich von einer solchen
welschen Verächterin der deutschen Musen von jeher alles erwartend
gewesen. Zum Schluß rief er aus, wer den Türken und Franzen überwand,
werde auch diese kleine Molestierung überwinden und Schwabens
Alexander bald wieder Schwabens Paris sein.
Die Herzogin sah in der Erkrankung ihres Gatten Wink und Fügung.
Noch immer stand an ihrem Wege der junge Lord Suffolk, mit seinem
roten, primitiven, unbegrenzt verliebten Gesicht. Er hatte sich an seinem
Hof und in seiner Herrschaft durch sein Fernbleiben unmöglich gemacht, er
verehrte sie hartnäckig, stumm und verzweifelt, es war nur mehr eine Frage
von Tagen, wann er ein Ende machen würde. Daß jetzt ihr Gatte nicht zu ihr
kommen konnte, war dies nicht ein Wink? Und sie erbarmte sich des armen,
treuen, zähen Menschen, lächelnd und amüsiert.
Aber der junge Engländer war offenbar ein Pechvogel und zu jedem
Unstern vorbestimmt. Karl Alexander neigte gemeinhin durchaus nicht zur
Eifersucht, er kam gar nicht auf den Gedanken, daß man ihn, ihn!
hintergehen könnte. Aber sei es, daß er durch seine Erkrankung mißtrauisch
geworden war, sei es, daß andere ihn aufgehetzt hatten, er drang
unversehens in die Gemächer der Herzogin ein; gerade noch, daß der junge
Lord, schlecht bekleidet und unwürdig, sich retten konnte. Der Herzog
machte einen Höllenspektakel, zerschlug Spiegel und Parfüms, zerschliß
der die Bettlerin zu seiner Prinzessin erhöht. Jetzt wird er, jetzt gleich
hervortreten, und all dieses Gröbliche ist nur ein Alp und arger Traum. Erst
als sie über die Grenze geschafft war, ohne daß er auch nur das leiseste
Wort hatte hören lassen, brach sie zusammen.
Das Gerücht sickerte durch von der Erkrankung des Herzogs. In den
Bibelkollegien flüsterte man, das sei die Strafe des Herrn, und man
erinnerte an Nebukadnezar, der zu seinem bösen Ende Gras habe fressen
müssen wie ein Ochs. Aber in der Hofgesellschaft errang diese
kavaliersmäßige Erkrankung dem Herzog nur größeren Respekt. Der
Tübinger Hofpoet überreichte ein Poem, in dem er sagte, daß man zuweilen
die Siege im Reiche Amors mit kleinen Wunden bezahlen müsse, die aber
nicht minder ehrenvoll seien als die des Schlachtfeldes. Amor schieße
manchmal mit vergifteten Pfeilen. Und da er der Napolitanerin nicht
vergessen hatte, daß sie damals in der Komödie seine Alexandriner nicht
hatte sprechen wollen, versäumte er nicht, sie mit allerlei Geziefer und
Gewürm zu vergleichen und anzudeuten, er sei sich von einer solchen
welschen Verächterin der deutschen Musen von jeher alles erwartend
gewesen. Zum Schluß rief er aus, wer den Türken und Franzen überwand,
werde auch diese kleine Molestierung überwinden und Schwabens
Alexander bald wieder Schwabens Paris sein.
Die Herzogin sah in der Erkrankung ihres Gatten Wink und Fügung.
Noch immer stand an ihrem Wege der junge Lord Suffolk, mit seinem
roten, primitiven, unbegrenzt verliebten Gesicht. Er hatte sich an seinem
Hof und in seiner Herrschaft durch sein Fernbleiben unmöglich gemacht, er
verehrte sie hartnäckig, stumm und verzweifelt, es war nur mehr eine Frage
von Tagen, wann er ein Ende machen würde. Daß jetzt ihr Gatte nicht zu ihr
kommen konnte, war dies nicht ein Wink? Und sie erbarmte sich des armen,
treuen, zähen Menschen, lächelnd und amüsiert.
Aber der junge Engländer war offenbar ein Pechvogel und zu jedem
Unstern vorbestimmt. Karl Alexander neigte gemeinhin durchaus nicht zur
Eifersucht, er kam gar nicht auf den Gedanken, daß man ihn, ihn!
hintergehen könnte. Aber sei es, daß er durch seine Erkrankung mißtrauisch
geworden war, sei es, daß andere ihn aufgehetzt hatten, er drang
unversehens in die Gemächer der Herzogin ein; gerade noch, daß der junge
Lord, schlecht bekleidet und unwürdig, sich retten konnte. Der Herzog
machte einen Höllenspektakel, zerschlug Spiegel und Parfüms, zerschliß
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mit seinem Degen kostbare Wäsche, nannte Marie Auguste mit pöbelhaften
Namen, ja, er schlug sie in das ziervolle, kleine, eidechsenhafte Gesicht, das
von der Farbe alten, edlen Marmors war. Die Herzogin erzählte weinend
und empört Magdalen Sibyllen davon, sie beteuerte theatralisch ihre
Unschuld, aber bald stahl sich in ihre Empörung ein kleines, amüsiertes
Lächeln, sie machte spitzbübisch die lärmende Aufregung des Herzogs
nach, divertierte sich an den merkwürdigen und gröblichen Schimpfworten,
suchte sie ins Französische und ins Italienische zu übersetzen. Zuletzt
meinte sie lächelnd, es sei seltsam; wenn etwa Riolles oder Remchingen zu
ihr kämen, sie sei gewiß, die würden auch das vierundzwanzigstemal nicht
erwischt werden; aber der arme, tapsige Junge natürlich gleich das erstemal,
kaum zu Ende und nicht recht wissend, wie er es anstellen sollte.
Da es sich nicht schickte, daß der Souverän sich mit dem Lord schlage,
sollte für alle Fälle, ob der Engländer nun schuldig oder nicht, Remchingen
sich mit ihm duellieren. Remchingen brummelte vor sich hin, eigentlich
habe er ja auch allen Grund dazu. Indes zeigte er, als es ernster wurde, keine
sonderliche Eile. Schließlich reiste der Engländer ab, durchaus nicht
heimlich, sondern umständlich und gemächlich, aber zweifelnd an Gott,
sein simples, klares Weltbild in Scherben, zerfallen mit sich und den
Menschen. Der kurze Genuß hatte ihn tief verstört, er konnte sich an nichts
mehr recht erinnern, das einzige, was in seinem Gedächtnis haftete, war ein
etwas beschädigter Strumpfgürtel der Herzogin, um den es sich eigentlich
nicht gelohnt hätte, Leben, Ruf, Stellung in der Heimat zu gefährden.
Karl Alexander hatte eine Menge Indizien, aber keinen unbedingt
handgreiflichen Beweis für die Untreue Marie Augustens. Unter sonstigen
Umständen hätte er sich wohl bald beruhigt; jetzt machte ihn der Mißmut
über seine Behinderung durch die Krankheit zänkisch und verbissen. Marie
Auguste, der ständigen Beargwöhnung und Aufsicht bald überdrüssig,
spielte zunächst die Genoveva, trumpfte aber bald groß auf, setzte den
Grobheiten des Gatten eine bissige, aufreizende Ruhe und Ironie entgegen,
drohte schließlich, sie werde zu ihrem Vater zurückkehren. Worauf Karl
Alexander roh erwiderte, an diesem Tage werde er alle Glocken läuten
lassen, Böller schießen und jedem Untertan Wein und Braten spendieren.
Dem alten, feinen Fürsten Thurn und Taxis kam das Zerwürfnis höchst
ungelegen. Schön, seine Tochter hatte sich ein weniges mit einem
englischen Herrn amüsiert. Warum soll man sich nicht mit einem Engländer
amüsieren? Sie machen schlecht Konversation und sind hölzern von Figur,
Namen, ja, er schlug sie in das ziervolle, kleine, eidechsenhafte Gesicht, das
von der Farbe alten, edlen Marmors war. Die Herzogin erzählte weinend
und empört Magdalen Sibyllen davon, sie beteuerte theatralisch ihre
Unschuld, aber bald stahl sich in ihre Empörung ein kleines, amüsiertes
Lächeln, sie machte spitzbübisch die lärmende Aufregung des Herzogs
nach, divertierte sich an den merkwürdigen und gröblichen Schimpfworten,
suchte sie ins Französische und ins Italienische zu übersetzen. Zuletzt
meinte sie lächelnd, es sei seltsam; wenn etwa Riolles oder Remchingen zu
ihr kämen, sie sei gewiß, die würden auch das vierundzwanzigstemal nicht
erwischt werden; aber der arme, tapsige Junge natürlich gleich das erstemal,
kaum zu Ende und nicht recht wissend, wie er es anstellen sollte.
Da es sich nicht schickte, daß der Souverän sich mit dem Lord schlage,
sollte für alle Fälle, ob der Engländer nun schuldig oder nicht, Remchingen
sich mit ihm duellieren. Remchingen brummelte vor sich hin, eigentlich
habe er ja auch allen Grund dazu. Indes zeigte er, als es ernster wurde, keine
sonderliche Eile. Schließlich reiste der Engländer ab, durchaus nicht
heimlich, sondern umständlich und gemächlich, aber zweifelnd an Gott,
sein simples, klares Weltbild in Scherben, zerfallen mit sich und den
Menschen. Der kurze Genuß hatte ihn tief verstört, er konnte sich an nichts
mehr recht erinnern, das einzige, was in seinem Gedächtnis haftete, war ein
etwas beschädigter Strumpfgürtel der Herzogin, um den es sich eigentlich
nicht gelohnt hätte, Leben, Ruf, Stellung in der Heimat zu gefährden.
Karl Alexander hatte eine Menge Indizien, aber keinen unbedingt
handgreiflichen Beweis für die Untreue Marie Augustens. Unter sonstigen
Umständen hätte er sich wohl bald beruhigt; jetzt machte ihn der Mißmut
über seine Behinderung durch die Krankheit zänkisch und verbissen. Marie
Auguste, der ständigen Beargwöhnung und Aufsicht bald überdrüssig,
spielte zunächst die Genoveva, trumpfte aber bald groß auf, setzte den
Grobheiten des Gatten eine bissige, aufreizende Ruhe und Ironie entgegen,
drohte schließlich, sie werde zu ihrem Vater zurückkehren. Worauf Karl
Alexander roh erwiderte, an diesem Tage werde er alle Glocken läuten
lassen, Böller schießen und jedem Untertan Wein und Braten spendieren.
Dem alten, feinen Fürsten Thurn und Taxis kam das Zerwürfnis höchst
ungelegen. Schön, seine Tochter hatte sich ein weniges mit einem
englischen Herrn amüsiert. Warum soll man sich nicht mit einem Engländer
amüsieren? Sie machen schlecht Konversation und sind hölzern von Figur,
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aber sie haben vor den Welschen Unverbrauchtheit, Gesundheit und vor
allem Diskretion voraus. Wäre er eine Frau, er würde sich auch einen
Engländer aussuchen. Darum braucht man doch keinen solchen Lärm zu
machen und soviel Spanponaden. Aber freilich, sein Herr Schwiegersohn,
Liebden, war ein Feldherr und als solcher gewöhnt, mit viel Geräusch
aufzutreten. Auch verlangte man von einem Strategen Siege, aber keine
Kinderstube. Seufzend schrieb er das seinem Freund, dem Fürstbischof von
Würzburg, mit der Bitte, den kindischen Handel möglichst rasch
einzurenken.
Dem klugen, schlauen, dicken Herrn kam diese Aufforderung sehr
gelegen. Er hatte den Stettenfelser Handel nicht vergessen, die Niederlage
der Kirche kratzte ihn sehr, er hielt den Grafen Fugger an seinem Hofe, er
wartete nur auf einen Anlaß, sich unauffällig nach Stuttgart zu begeben und
die Gewinnung des Landes für Rom persönlich auf glatteren, rascheren Weg
zu bringen. So ließ sich die Eminenz nicht lange bitten, sondern hielt sehr
bald mit den Geheimräten Fichtel und Raab in zahlreichen, stattlichen
Kutschen behaglichen, fröhlichen und komfortablen Einzug in Stuttgart.
Fragte mit kleinem Schmunzeln den Herzog nach seinem Leiden, hörte
mit Pläsier, daß es so gut wie geheilt sei, riet freundschaftlich, sich
immerhin vorläufig noch mehr an den Kaffeetrank seines Rates Fichtel als
an den Tokaier zu halten. Tätschelte onkelhaft die kleine, weiße, fleischige
Hand der puppig schmollenden Herzogin. Hatte die Gatten bald so weit,
daß sie sich ehrlich darauf freuten, bis sie nach völliger Wiederherstellung
des Herzogs dem Land und sich und der Kirche einen Erben schenken
könnten.
Der Fürstbischof drängte darauf, daß man ihn den famosen Geheimen
Finanzienrat und Hausjuden etwas aus der Nähe besehen lasse. Karl
Alexander tat das nicht gern. Er fürchtete sehr, man möchte ihm seinen
unentbehrlichen Juden fortlocken. Aber er konnte schließlich dem Freunde
den harmlosen Wunsch nicht auf die Dauer weigern. Süß erschien vor dem
Fürstbischof, mit der geübten, grenzenlos demütigen Ergebung küßte er ihm
den Ring, breitete geschickte Komplimente vor das große Weltorakel, den
heimlichen Kaiser, Herz und Lenker aller Politik. Aber die Würzburger
Eminenz war nicht so leicht zu fangen. Die beiden Füchse berochen sich
anerkennend, und keiner traute dem andern. Glatt, harmlos, fröhlich,
unverfänglich plauderte der schlaue, feiste Mann mit dem schlauen,
schlanken, und keiner kam dem andern näher.
allem Diskretion voraus. Wäre er eine Frau, er würde sich auch einen
Engländer aussuchen. Darum braucht man doch keinen solchen Lärm zu
machen und soviel Spanponaden. Aber freilich, sein Herr Schwiegersohn,
Liebden, war ein Feldherr und als solcher gewöhnt, mit viel Geräusch
aufzutreten. Auch verlangte man von einem Strategen Siege, aber keine
Kinderstube. Seufzend schrieb er das seinem Freund, dem Fürstbischof von
Würzburg, mit der Bitte, den kindischen Handel möglichst rasch
einzurenken.
Dem klugen, schlauen, dicken Herrn kam diese Aufforderung sehr
gelegen. Er hatte den Stettenfelser Handel nicht vergessen, die Niederlage
der Kirche kratzte ihn sehr, er hielt den Grafen Fugger an seinem Hofe, er
wartete nur auf einen Anlaß, sich unauffällig nach Stuttgart zu begeben und
die Gewinnung des Landes für Rom persönlich auf glatteren, rascheren Weg
zu bringen. So ließ sich die Eminenz nicht lange bitten, sondern hielt sehr
bald mit den Geheimräten Fichtel und Raab in zahlreichen, stattlichen
Kutschen behaglichen, fröhlichen und komfortablen Einzug in Stuttgart.
Fragte mit kleinem Schmunzeln den Herzog nach seinem Leiden, hörte
mit Pläsier, daß es so gut wie geheilt sei, riet freundschaftlich, sich
immerhin vorläufig noch mehr an den Kaffeetrank seines Rates Fichtel als
an den Tokaier zu halten. Tätschelte onkelhaft die kleine, weiße, fleischige
Hand der puppig schmollenden Herzogin. Hatte die Gatten bald so weit,
daß sie sich ehrlich darauf freuten, bis sie nach völliger Wiederherstellung
des Herzogs dem Land und sich und der Kirche einen Erben schenken
könnten.
Der Fürstbischof drängte darauf, daß man ihn den famosen Geheimen
Finanzienrat und Hausjuden etwas aus der Nähe besehen lasse. Karl
Alexander tat das nicht gern. Er fürchtete sehr, man möchte ihm seinen
unentbehrlichen Juden fortlocken. Aber er konnte schließlich dem Freunde
den harmlosen Wunsch nicht auf die Dauer weigern. Süß erschien vor dem
Fürstbischof, mit der geübten, grenzenlos demütigen Ergebung küßte er ihm
den Ring, breitete geschickte Komplimente vor das große Weltorakel, den
heimlichen Kaiser, Herz und Lenker aller Politik. Aber die Würzburger
Eminenz war nicht so leicht zu fangen. Die beiden Füchse berochen sich
anerkennend, und keiner traute dem andern. Glatt, harmlos, fröhlich,
unverfänglich plauderte der schlaue, feiste Mann mit dem schlauen,
schlanken, und keiner kam dem andern näher.
Page 210
In unermüdlicher Arbeit förderten der Fürstbischof und seine beiden Räte
ihre Projekte. Unablässig hetzten sie an dem Herzog, an Remchingen.
Offene und heimliche Konferenzen mit Weißensee, mit den verschiedenen
Ordensgeistlichen, die gegen die Verfassung, im geheimen angeknirscht, in
Weil der Stadt, überall im Herzogtum sich eingenistet hatten. Als der
Fürstbischof das Herzogtum vergnügt verließ, hatte er Stettenfels reichlich
wettgemacht, für seine Pläne Großes erreicht, zu Größerem den Grund
gelegt. Die Schloßkapelle in Ludwigsburg wurde jetzt für den katholischen
Gottesdienst eingerichtet, die katholische Hofgeistlichkeit umfassend
organisiert, Ordensleute offiziell ins Land gerufen. Katholische
Feldgeistliche lasen öffentlich Messe, nahmen Kindstaufen vor. Es war
ferner ein katholisches Militärreglement bis ins kleinste Detail
ausgearbeitet, vorbereitet war eine außerordentlich feine und knifflige
juristische Interpretation der Religionsreversalien, die die
parlamentarischen Freiheiten illusorisch machte. Vorbereitet war endlich die
förmliche Gleichstellung der katholischen Religion mit der lutherischen.
Solches Simultaneum hatte vor dreißig Jahren in der Kurpfalz zur
Unterdrückung des Protestantismus geführt.
In geläufigem, elegantem Latein berichtete der Geheimrat Fichtel froh
und fromm an Remchingens Bruder, Kämmerer am päpstlichen Hof zu
Rom, was alles durch die Stuttgarter Visite des Fürstbischofs erreicht
worden. Er kam dann auf den Anlaß der Reise zu sprechen, die Erkrankung
des Herzogs, und schloß: „So siehst du, hochzuverehrender Herr und
Bruder, daß sich die göttliche Vorsehung oft seltsamer Mittel bedient, um
die alleinseligmachende Kirche zu fördern und den rechten Glauben zu
verbreiten.“
Den Süß nagte und zwickte es. Das Verfahren seiner Nobilitierung
gestaltete sich umständlicher und langwieriger, als er erwartet hatte. Der
Kaiser war den Wiener Oppenheimers sehr große Beträge schuldig.
Immanuel Oppenheimer drängte, der Kaiser konnte nicht zahlen. Kein
Wunder, daß die Wiener Kanzlei Ausflüchte machte, ehe sie einen
Oppenheimer baronisierte. Zudem hetzte der Agent des württembergischen
Parlaments. Madame de Castro blieb kühl, und Süß konnte die kluge,
rechnerische Frau nicht dazu bringen, sich zu resolvieren.
ihre Projekte. Unablässig hetzten sie an dem Herzog, an Remchingen.
Offene und heimliche Konferenzen mit Weißensee, mit den verschiedenen
Ordensgeistlichen, die gegen die Verfassung, im geheimen angeknirscht, in
Weil der Stadt, überall im Herzogtum sich eingenistet hatten. Als der
Fürstbischof das Herzogtum vergnügt verließ, hatte er Stettenfels reichlich
wettgemacht, für seine Pläne Großes erreicht, zu Größerem den Grund
gelegt. Die Schloßkapelle in Ludwigsburg wurde jetzt für den katholischen
Gottesdienst eingerichtet, die katholische Hofgeistlichkeit umfassend
organisiert, Ordensleute offiziell ins Land gerufen. Katholische
Feldgeistliche lasen öffentlich Messe, nahmen Kindstaufen vor. Es war
ferner ein katholisches Militärreglement bis ins kleinste Detail
ausgearbeitet, vorbereitet war eine außerordentlich feine und knifflige
juristische Interpretation der Religionsreversalien, die die
parlamentarischen Freiheiten illusorisch machte. Vorbereitet war endlich die
förmliche Gleichstellung der katholischen Religion mit der lutherischen.
Solches Simultaneum hatte vor dreißig Jahren in der Kurpfalz zur
Unterdrückung des Protestantismus geführt.
In geläufigem, elegantem Latein berichtete der Geheimrat Fichtel froh
und fromm an Remchingens Bruder, Kämmerer am päpstlichen Hof zu
Rom, was alles durch die Stuttgarter Visite des Fürstbischofs erreicht
worden. Er kam dann auf den Anlaß der Reise zu sprechen, die Erkrankung
des Herzogs, und schloß: „So siehst du, hochzuverehrender Herr und
Bruder, daß sich die göttliche Vorsehung oft seltsamer Mittel bedient, um
die alleinseligmachende Kirche zu fördern und den rechten Glauben zu
verbreiten.“
Den Süß nagte und zwickte es. Das Verfahren seiner Nobilitierung
gestaltete sich umständlicher und langwieriger, als er erwartet hatte. Der
Kaiser war den Wiener Oppenheimers sehr große Beträge schuldig.
Immanuel Oppenheimer drängte, der Kaiser konnte nicht zahlen. Kein
Wunder, daß die Wiener Kanzlei Ausflüchte machte, ehe sie einen
Oppenheimer baronisierte. Zudem hetzte der Agent des württembergischen
Parlaments. Madame de Castro blieb kühl, und Süß konnte die kluge,
rechnerische Frau nicht dazu bringen, sich zu resolvieren.
Page 211
Auch die Projekte des Würzburger Bischofs verdarben dem Süß die
Laune. Er hatte sehr wohl gemerkt, daß es ihm nicht gelungen war, das
Vertrauen der Eminenz zu gewinnen, und daß man ihn in dem gewaltigen
Plan, der recht eigentlich als Eckpfeiler der schwäbischen Politik des
nächsten Jahrzehnts gedacht war, nicht drin haben wollte. Wohl ließ man
ihn den einen oder andern Entwurf sehen, es fanden auch Zusammenkünfte
bei ihm statt. Aber Remchingen lachte seine, des Süß Vorschläge, grob aus,
und es lag zutage, daß die katholischen Herren sich des Weißensee als
ersten Vertrauensmannes zu bedienen gedachten. Süß fühlte sich auch auf
diesem Gebiete nicht so sachkundig und sattelfest wie sonst. Er mengte sich
nicht gern in Ekklesiastika, die Fragen, die man so wichtig agierte, kamen
ihm läppisch und erwachsener Männer unwürdig vor. Sein klarer, sachlicher
Sinn erkannte scharf, daß dahinter höchst reale Dinge lagen, Beseitigung
der Verfassung und des Parlaments, Militärautokratie des Herzogs; er
verstand es nicht, warum man auch unter eingeweihten Politikern peinlich
darauf hielt, sich auf so weitschweifige, skurrile und umwegige
Andeutungen zu beschränken. Seine Mittel und Wege waren viel
geradliniger, rascher und unmittelbarer, er konnte sich in die sehr weichen,
langsamen, einschläfernden Methoden der Jesuiten nicht einfinden. Er sah
staunend, daß die Herren auch im engsten Kreise es peinlich vermieden, die
Dinge beim Namen zu nennen, daß sie, und wenn sie nur zu zweien waren,
sanft und fromm alle möglichen demütigen und moralischen
Umschreibungen anwandten, und wenn er oder Remchingen scharf und
sachlich einem Ding sein rechtes Wort gaben, milde und mißbilligende
Blicke in die Runde schickten.
So fühlte sich also der Jude leicht angezweifelt und brauchte
Bestätigungen.
Er erreichte es bei Karl Alexander, daß der ihn beauftragte, ein besonders
kostbares Geschenk Magdalen Sibyllen in seinem Namen persönlich zu
überbringen. Er ließ sich den Tag vorher bei der Demoiselle melden, er
erschien in großem Aufzug, mit Pagen und Läufern und Gepräng. Magdalen
Sibylle hätte den Herzog beleidigt, wenn sie den auf solche Art
Angekündigten brüskierte. Sie empfing ihn.
Magdalen Sibylle wohnte jetzt in einem Schlößchen vor der Stadt.
Goldene Amoretten ließen Bänder von den Decken flattern, auf den
kostbaren Gobelins ritten vornehme Jagdgesellschaften, glänzende Spiegel
dehnten die prunkvollen Gemächer, die erfüllt waren von allem Zierat einer
Laune. Er hatte sehr wohl gemerkt, daß es ihm nicht gelungen war, das
Vertrauen der Eminenz zu gewinnen, und daß man ihn in dem gewaltigen
Plan, der recht eigentlich als Eckpfeiler der schwäbischen Politik des
nächsten Jahrzehnts gedacht war, nicht drin haben wollte. Wohl ließ man
ihn den einen oder andern Entwurf sehen, es fanden auch Zusammenkünfte
bei ihm statt. Aber Remchingen lachte seine, des Süß Vorschläge, grob aus,
und es lag zutage, daß die katholischen Herren sich des Weißensee als
ersten Vertrauensmannes zu bedienen gedachten. Süß fühlte sich auch auf
diesem Gebiete nicht so sachkundig und sattelfest wie sonst. Er mengte sich
nicht gern in Ekklesiastika, die Fragen, die man so wichtig agierte, kamen
ihm läppisch und erwachsener Männer unwürdig vor. Sein klarer, sachlicher
Sinn erkannte scharf, daß dahinter höchst reale Dinge lagen, Beseitigung
der Verfassung und des Parlaments, Militärautokratie des Herzogs; er
verstand es nicht, warum man auch unter eingeweihten Politikern peinlich
darauf hielt, sich auf so weitschweifige, skurrile und umwegige
Andeutungen zu beschränken. Seine Mittel und Wege waren viel
geradliniger, rascher und unmittelbarer, er konnte sich in die sehr weichen,
langsamen, einschläfernden Methoden der Jesuiten nicht einfinden. Er sah
staunend, daß die Herren auch im engsten Kreise es peinlich vermieden, die
Dinge beim Namen zu nennen, daß sie, und wenn sie nur zu zweien waren,
sanft und fromm alle möglichen demütigen und moralischen
Umschreibungen anwandten, und wenn er oder Remchingen scharf und
sachlich einem Ding sein rechtes Wort gaben, milde und mißbilligende
Blicke in die Runde schickten.
So fühlte sich also der Jude leicht angezweifelt und brauchte
Bestätigungen.
Er erreichte es bei Karl Alexander, daß der ihn beauftragte, ein besonders
kostbares Geschenk Magdalen Sibyllen in seinem Namen persönlich zu
überbringen. Er ließ sich den Tag vorher bei der Demoiselle melden, er
erschien in großem Aufzug, mit Pagen und Läufern und Gepräng. Magdalen
Sibylle hätte den Herzog beleidigt, wenn sie den auf solche Art
Angekündigten brüskierte. Sie empfing ihn.
Magdalen Sibylle wohnte jetzt in einem Schlößchen vor der Stadt.
Goldene Amoretten ließen Bänder von den Decken flattern, auf den
kostbaren Gobelins ritten vornehme Jagdgesellschaften, glänzende Spiegel
dehnten die prunkvollen Gemächer, die erfüllt waren von allem Zierat einer
Page 212
großen Dame. Zwei Kutschen, ein Schlitten, Portechaisen, Reitpferde
warteten. Im Vorsaal spreizte sich, mit wertvollen Steinen übersät, aus Gold
und Silber ein Pfau, Symbol des Reichtums. Ueberflüssige Dienerschaft
gähnte vornehm und müßig auf den Korridoren. Karl Alexander hatte eine
offene Hand für seine Herzdame; auch der König von Polen konnte seine
Mätresse nicht besser in Prunk und Schimmer setzen.
Magdalen Sibylle hielt sich inmitten dieser Pracht mit gefrorener Ruhe.
Sie fuhr aus, sie empfing Gäste, sie lachte und machte Konversation, alles
maskenhaft starr. Der Glanz hing und stand leblos um sie herum; das
Schlößchen war wie das Gehäuse einer pomphaft aufgebahrten Toten.
Mit starrer Höflichkeit empfing sie den Süß. Mächtiges, violettbraunes
Kleid aus Brokat, lange, streng anliegende Aermel, kleiner Ausschnitt. Die
bräunlichen Wangen, die blauen Augen zu artiger Gemessenheit gezwungen
wie etwa vor dem Baden-Durlachischen Geschäftsträger, mit dessen Hof
man gespannt war, die schwarzen Haare unter der Perücke zeremoniös
versteckt. Süß suchte ihrer Kälte zunächst durch ausschweifende, muntere
Liebenswürdigkeit und hemmungslose Galanterie beizukommen. Sie hatte
nur verächtlich knappe Antworten, war aus ihrer gepanzerten Frostigkeit
nicht herauszulocken. Da versuchte er es anders, reizte sie zum Angriff,
dankte ihr überschwenglich, daß sie sich resolviert habe, ihn zu empfangen.
Sie erwiderte, sie habe es auf Ordre Seiner Durchlaucht getan. Schwieg ein
kleines, konnte sich nicht enthalten, hinzuzufügen, nachdem sie so vieles
hingenommen, könne sie auch das noch über sich ergehen lassen.
Jetzt war Süß in seiner Strömung. Hinnehmen! Ueber sich ergehen
lassen! Des Herzogs von Württemberg Herzdame zu sein, welch Unglück!
Die Töchter des ganzen schwäbischen Adels sehnten sich danach. Ein
Prunkschloß, hundert Lakaien, Jagden, Assembléen befehlen können nach
Belieben, arme Demoiselle, ach, wie schlecht es ihr erging!
Magdalen Sibylle nahm die Maske ab. Er wollte also den Kampf, er
glaubte offenbar, sie habe schon vergessen, sich eingelebt, er könne da
wieder ansetzen, wo er einhielt, bevor er sie, der schachernde, teuflische
Jude, dem Herzog verkauft. Sie stand brüsk auf, ließ das kleine modische,
asiatische Hündchen, ein Geschenk Karl Alexanders, unsanft, daß es bläffte,
zur Erde gleiten, funkelte ihn an: Er solle nicht simulieren. Er wisse sehr
genau, worum es gehe, was er ihr getan habe. „Sie sind ja schuld an allem!“
rief sie, und in ihre bräunlichen, männlich kühnen Wangen stieg Blut, und
der feine Flaum darauf belebte sich.
warteten. Im Vorsaal spreizte sich, mit wertvollen Steinen übersät, aus Gold
und Silber ein Pfau, Symbol des Reichtums. Ueberflüssige Dienerschaft
gähnte vornehm und müßig auf den Korridoren. Karl Alexander hatte eine
offene Hand für seine Herzdame; auch der König von Polen konnte seine
Mätresse nicht besser in Prunk und Schimmer setzen.
Magdalen Sibylle hielt sich inmitten dieser Pracht mit gefrorener Ruhe.
Sie fuhr aus, sie empfing Gäste, sie lachte und machte Konversation, alles
maskenhaft starr. Der Glanz hing und stand leblos um sie herum; das
Schlößchen war wie das Gehäuse einer pomphaft aufgebahrten Toten.
Mit starrer Höflichkeit empfing sie den Süß. Mächtiges, violettbraunes
Kleid aus Brokat, lange, streng anliegende Aermel, kleiner Ausschnitt. Die
bräunlichen Wangen, die blauen Augen zu artiger Gemessenheit gezwungen
wie etwa vor dem Baden-Durlachischen Geschäftsträger, mit dessen Hof
man gespannt war, die schwarzen Haare unter der Perücke zeremoniös
versteckt. Süß suchte ihrer Kälte zunächst durch ausschweifende, muntere
Liebenswürdigkeit und hemmungslose Galanterie beizukommen. Sie hatte
nur verächtlich knappe Antworten, war aus ihrer gepanzerten Frostigkeit
nicht herauszulocken. Da versuchte er es anders, reizte sie zum Angriff,
dankte ihr überschwenglich, daß sie sich resolviert habe, ihn zu empfangen.
Sie erwiderte, sie habe es auf Ordre Seiner Durchlaucht getan. Schwieg ein
kleines, konnte sich nicht enthalten, hinzuzufügen, nachdem sie so vieles
hingenommen, könne sie auch das noch über sich ergehen lassen.
Jetzt war Süß in seiner Strömung. Hinnehmen! Ueber sich ergehen
lassen! Des Herzogs von Württemberg Herzdame zu sein, welch Unglück!
Die Töchter des ganzen schwäbischen Adels sehnten sich danach. Ein
Prunkschloß, hundert Lakaien, Jagden, Assembléen befehlen können nach
Belieben, arme Demoiselle, ach, wie schlecht es ihr erging!
Magdalen Sibylle nahm die Maske ab. Er wollte also den Kampf, er
glaubte offenbar, sie habe schon vergessen, sich eingelebt, er könne da
wieder ansetzen, wo er einhielt, bevor er sie, der schachernde, teuflische
Jude, dem Herzog verkauft. Sie stand brüsk auf, ließ das kleine modische,
asiatische Hündchen, ein Geschenk Karl Alexanders, unsanft, daß es bläffte,
zur Erde gleiten, funkelte ihn an: Er solle nicht simulieren. Er wisse sehr
genau, worum es gehe, was er ihr getan habe. „Sie sind ja schuld an allem!“
rief sie, und in ihre bräunlichen, männlich kühnen Wangen stieg Blut, und
der feine Flaum darauf belebte sich.
Page 213
Süß sah den festen, glatten Hals, die Kehle sich heben, sich senken. Er
hatte sie, wo er sie wollte. Sie solle sich nicht unterschätzen, meinte er mit
seiner geschmeidigen, streichelnden, aufreizenden Stimme. Sie sei Seiner
Durchlaucht schon von selbst ins Blut gegangen, da habe es seiner
Nachhilfe nicht bedurft. Aber gesetzt den Fall, er sei wirklich die Ursache,
und er schaute sie dreist lächelnd, einverständnisvoll auf und ab, was er ihr
dann Böses getan habe. Sie wollten doch hier nicht nach dem Diktionär der
Bürgermoral reden, sondern sachlich, als Leute von Welt. Ernstlich also,
was er ihr Leides getan habe?
Sie atmete stark, machte raschere Bewegungen, als das feierlich stolze
Kleid eigentlich erlaubte, ihre eingeborene Heftigkeit brach durch. Was er
ihr getan habe? Versteller er und arger Jud! Gewandelt in Falschheit und
Schminke alles, was sie redet, was sie tut! Erstickt den lebendigen Odem
Gottes in ihr! „Wenn die Worte der Schrift,“ rief sie, „wenn die heiligen
Worte keine Farbe haben und keinen Sinn mehr: Sie sind schuld daran, Sie
haben sie tot und fahl gemacht! Sie!“
Aber das war es doch nicht, was sie sagen wollte. Warum log sie denn
und warf ihm nicht nackt und wahr seinen Gefühlsschacher und seine ganze
klägliche Niedrigkeit ins Gesicht? Warum, um Gottes willen, log sie denn?
Und da hatte er auch schon das Unredliche ihrer Worte erkannt. Sie solle
so nicht reden, sagte er, zu ihm solle sie so nicht reden. Das seien doch nur
Ausflüchte, Selbstbetrug. Das Bibelkollegium von Hirsau und der Odem
Gottes und Gesichte und Träume, das sei doch alles Schminke und
Mummenschanz, gut für Schwächliche und Männer ohne Atem und ohne
Schenkel und Bresthafte und häßliche Jungfern. Er sah sie auf und ab mit
seinen frechen, dringlichen, abschätzigen Augen. „Wer gewachsen ist wie
Sie,“ rief er, „wer Ihre Augen hat, Demoiselle, und, wenn Sie es auch
verstecken, Ihr Haar, der hat Gott nicht nötig. Seien Sie doch ehrlich!
Belügen Sie sich nicht selber! Die Heiligkeit war ein Vorwand, solange Sie
warteten.“
Sie wehrte sich, sie schlug zurück. „Sie haben mir stehlen können, was
ich hatte,“ sagte sie. „Aber es wird Ihrer teuflischen Kunst nicht glücken, es
hinterher zu besudeln. Reden Sie! Reden Sie alle Ihre armen
Ruchlosigkeiten und Frivolitäten. Sie werden mir meinen Gott doch nicht
zum Traum einer mannstollen Närrin hinunterschwatzen.“ Sie rief sich die
erfüllten Stunden über dem Swedenborg zurück, das einfältig fromme Licht
der Brüdergemeinde, die Gesichte von einst bekamen wieder Farbe, sie
hatte sie, wo er sie wollte. Sie solle sich nicht unterschätzen, meinte er mit
seiner geschmeidigen, streichelnden, aufreizenden Stimme. Sie sei Seiner
Durchlaucht schon von selbst ins Blut gegangen, da habe es seiner
Nachhilfe nicht bedurft. Aber gesetzt den Fall, er sei wirklich die Ursache,
und er schaute sie dreist lächelnd, einverständnisvoll auf und ab, was er ihr
dann Böses getan habe. Sie wollten doch hier nicht nach dem Diktionär der
Bürgermoral reden, sondern sachlich, als Leute von Welt. Ernstlich also,
was er ihr Leides getan habe?
Sie atmete stark, machte raschere Bewegungen, als das feierlich stolze
Kleid eigentlich erlaubte, ihre eingeborene Heftigkeit brach durch. Was er
ihr getan habe? Versteller er und arger Jud! Gewandelt in Falschheit und
Schminke alles, was sie redet, was sie tut! Erstickt den lebendigen Odem
Gottes in ihr! „Wenn die Worte der Schrift,“ rief sie, „wenn die heiligen
Worte keine Farbe haben und keinen Sinn mehr: Sie sind schuld daran, Sie
haben sie tot und fahl gemacht! Sie!“
Aber das war es doch nicht, was sie sagen wollte. Warum log sie denn
und warf ihm nicht nackt und wahr seinen Gefühlsschacher und seine ganze
klägliche Niedrigkeit ins Gesicht? Warum, um Gottes willen, log sie denn?
Und da hatte er auch schon das Unredliche ihrer Worte erkannt. Sie solle
so nicht reden, sagte er, zu ihm solle sie so nicht reden. Das seien doch nur
Ausflüchte, Selbstbetrug. Das Bibelkollegium von Hirsau und der Odem
Gottes und Gesichte und Träume, das sei doch alles Schminke und
Mummenschanz, gut für Schwächliche und Männer ohne Atem und ohne
Schenkel und Bresthafte und häßliche Jungfern. Er sah sie auf und ab mit
seinen frechen, dringlichen, abschätzigen Augen. „Wer gewachsen ist wie
Sie,“ rief er, „wer Ihre Augen hat, Demoiselle, und, wenn Sie es auch
verstecken, Ihr Haar, der hat Gott nicht nötig. Seien Sie doch ehrlich!
Belügen Sie sich nicht selber! Die Heiligkeit war ein Vorwand, solange Sie
warteten.“
Sie wehrte sich, sie schlug zurück. „Sie haben mir stehlen können, was
ich hatte,“ sagte sie. „Aber es wird Ihrer teuflischen Kunst nicht glücken, es
hinterher zu besudeln. Reden Sie! Reden Sie alle Ihre armen
Ruchlosigkeiten und Frivolitäten. Sie werden mir meinen Gott doch nicht
zum Traum einer mannstollen Närrin hinunterschwatzen.“ Sie rief sich die
erfüllten Stunden über dem Swedenborg zurück, das einfältig fromme Licht
der Brüdergemeinde, die Gesichte von einst bekamen wieder Farbe, sie
Page 214
zwang sich zurück in den gläubigen Dunst der blinden Heiligen, sie zwang
das Vergangene, wieder da zu sein, auf eine Minute war sie wie früher
schlicht und ohne Zweifel, war ihr Gott lebendig. „Wenn er mich auch
verschmäht,“ rief sie, und der andere war erstaunt über das fromme Blühen
in ihrer Stimme, „Gott lebt!“ Und noch einmal: „Gott lebt!“ rief sie, und er
war ihr in Wahrheit auferstanden.
Doch ach! auf eine Minute nur. Der Jude schwieg, genoß ihr Eifern und
ihr Glühen. Dann mit glatter Hand wischte er es weg. „Wenn das so ist,“
sagte er leichthin, „warum flohen Sie dann vor mir, damals, im Wald von
Hirsau? Warum dann half Ihnen Ihr Gott nicht gegen den Herzog? Ich
glaube nicht viel; aber das glaube ich, daß man nicht Macht haben kann
über eine Frau, die des Gottes voll ist. Wenn die Beata Sturmin schön wäre,
niemand würde sich an sie heranwagen, kein General nicht und kein Herzog
nicht. Aber wenn sie schön wäre,“ lächelte er, „dann hätte sie eben nicht
Gott.“ Und während ihr Gesicht erlosch, und während sie ihrem
entflatternden Gott nachstarrte, trat er näher an sie, und jetzt sagte er ihr,
was sie gefürchtet hatte, aber er sprach es nicht triumphierend, er sprach es
gutmütig, mit seiner streichelndsten Stimme: „Ich will Ihnen etwas sagen,
Magdalen Sibylle. Ich will Ihnen sagen, warum Sie damals im Wald vor mir
geflohen sind. Weil Sie mich liebten. Und alles, was Sie seither getan und
gefühlt haben, Haß und Verzweiflung und Gegenschlag und Starrheit und
Klage, das alles haben Sie nur deshalb getan und gespürt. Und ich will
Ihnen weiter sagen: auch ich habe seither keinen Tag gehabt, an dem ich Ihr
Gesicht nicht sah und spürte.“
Magdalen Sibylle hatte geglaubt, sie werde vergehen, sowie er das Wort
sprechen wird. Nun zog er sie nackt aus, nun nannte er alle ihre erhabenen
Gefühle, ihren heiligen Eifer, den Satan zu Gott hinüberzuziehen, alles
nannte er bei seinem rechten, kleinen und lächerlichen Namen. Es war ja
alles auch so einfach auf seine simple und alberne Formel zu bringen: sie
war eben ein kleines, dummes, schwäbisches Landmädel, das sich in den
erstbesten Kavalier vergaffte, der ihr unvermutet über den Weg lief, und
ihre Erweckung und Gottesminne war nichts als ganz ordinäre, armselige
Geilheit. Aber merkwürdigerweise verging sie durchaus nicht, als er ihr das
auf den Kopf zusagte. Sie bäumte vielmehr hoch, sie stand auf wider ihn,
und auf einmal konnte sie reden, und in geraden, unverkünstelten, zornigen
Worten schalt sie ihn: Ja, sie habe vielleicht ihr Gefühl verkleidet und
das Vergangene, wieder da zu sein, auf eine Minute war sie wie früher
schlicht und ohne Zweifel, war ihr Gott lebendig. „Wenn er mich auch
verschmäht,“ rief sie, und der andere war erstaunt über das fromme Blühen
in ihrer Stimme, „Gott lebt!“ Und noch einmal: „Gott lebt!“ rief sie, und er
war ihr in Wahrheit auferstanden.
Doch ach! auf eine Minute nur. Der Jude schwieg, genoß ihr Eifern und
ihr Glühen. Dann mit glatter Hand wischte er es weg. „Wenn das so ist,“
sagte er leichthin, „warum flohen Sie dann vor mir, damals, im Wald von
Hirsau? Warum dann half Ihnen Ihr Gott nicht gegen den Herzog? Ich
glaube nicht viel; aber das glaube ich, daß man nicht Macht haben kann
über eine Frau, die des Gottes voll ist. Wenn die Beata Sturmin schön wäre,
niemand würde sich an sie heranwagen, kein General nicht und kein Herzog
nicht. Aber wenn sie schön wäre,“ lächelte er, „dann hätte sie eben nicht
Gott.“ Und während ihr Gesicht erlosch, und während sie ihrem
entflatternden Gott nachstarrte, trat er näher an sie, und jetzt sagte er ihr,
was sie gefürchtet hatte, aber er sprach es nicht triumphierend, er sprach es
gutmütig, mit seiner streichelndsten Stimme: „Ich will Ihnen etwas sagen,
Magdalen Sibylle. Ich will Ihnen sagen, warum Sie damals im Wald vor mir
geflohen sind. Weil Sie mich liebten. Und alles, was Sie seither getan und
gefühlt haben, Haß und Verzweiflung und Gegenschlag und Starrheit und
Klage, das alles haben Sie nur deshalb getan und gespürt. Und ich will
Ihnen weiter sagen: auch ich habe seither keinen Tag gehabt, an dem ich Ihr
Gesicht nicht sah und spürte.“
Magdalen Sibylle hatte geglaubt, sie werde vergehen, sowie er das Wort
sprechen wird. Nun zog er sie nackt aus, nun nannte er alle ihre erhabenen
Gefühle, ihren heiligen Eifer, den Satan zu Gott hinüberzuziehen, alles
nannte er bei seinem rechten, kleinen und lächerlichen Namen. Es war ja
alles auch so einfach auf seine simple und alberne Formel zu bringen: sie
war eben ein kleines, dummes, schwäbisches Landmädel, das sich in den
erstbesten Kavalier vergaffte, der ihr unvermutet über den Weg lief, und
ihre Erweckung und Gottesminne war nichts als ganz ordinäre, armselige
Geilheit. Aber merkwürdigerweise verging sie durchaus nicht, als er ihr das
auf den Kopf zusagte. Sie bäumte vielmehr hoch, sie stand auf wider ihn,
und auf einmal konnte sie reden, und in geraden, unverkünstelten, zornigen
Worten schalt sie ihn: Ja, sie habe vielleicht ihr Gefühl verkleidet und
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maskiert, aber er habe das Niedrigste, Schäbigste, Jüdisch-Ekelste getan,
was ein Mensch tun könne, habe sein Gefühl verschachert.
Er leckte aus ihren Worten nur den Honig, nach dem seine Eitelkeit
gelüstig war, sah nur mit gesättigtem Stolz, wie ganz er sie erfüllte. Und er
wollte sie wieder gläubig haben, um noch glänzender vor ihr zu paradieren.
Mit geübter Sophistik, er war ja längst vorbereitet, entfaltete er denn auch
sogleich das Argument, das sie schlagen, das sie ihm fangen mußte.
Schmeichlerisch und gewandt breitete er es vor sie hin: Wie sie ihm unrecht
tue! Ja, er wisse, er hätte damals leicht ihr Gefühl in seine Hand bekommen
können, so daß sie sich ihm willig gegeben hätte. Doch er sei kein Freund
der billigen Mittel. Mit seiner Macht und seinem Glanz auf das
schwäbische Landmädel Eindruck zu machen, das sei ihm zu wohlfeil
vorgekommen. So sei es ihm wie ein Wink gewesen, wie der Herzog nach
ihr verlangt habe. Jetzt habe sie die Macht gekostet, jetzt stünden sie gleich
zu gleich und er kämpfe mit ehrlicher Waffe. Und er freute sich, wie fein
und glänzend er den Handel zu seinem Vorteil gedreht hatte.
Im tiefsten wußte Magdalen Sibylle, daß es Phrasen waren, galante
Ausreden. Aber seine Worte gingen ihr lieblich ein, sie hatte solange
gekämpft, sie ließ sich gerne so wohlig belügen. Er indes berauschte sich an
seiner Rede, steigerte sich weiter. Er sah nicht oder befahl sich nicht zu
sehen den Zwiespalt zwischen dem geraden, natürlich gewachsenen, durch
seine Schlichtheit schönen Landmädchen und dem höfisch zeremoniösen,
überfeinen Prunk an ihr. Nicht mehr sah er, daß mit dem unter der Perücke
versteckten dunklen Haar ihr ein Wesentliches genommen war, daß der
braunviolette Brokat das lebendige, atmende Mädchen zu einer Puppe
weitete und schnürte, daß der schlanke Lauf ihrer Glieder, das unschuldige,
unbeherrschte Feuer ihrer Augen, jetzt, artig gezügelt und eingeteilt, sie als
gleiche unter die anderen herunterzog. Er wollte sie sehen, wie er sie
brauchte, sich vor ihr zu spreizen, sein eigenes Denkmal auf ihrem Sockel
zu postieren. Er sprach: „Wer gewachsen ist wie Sie, wer den Kopf wirft
wie Sie, der ist nicht geboren, um Gott im Bibelkollegium von Hirsau
fromme Lieder zu singen.“ Er stand hinter seinem Stuhl, die Ellbogen auf
der Lehne, beugte er sich vor zu ihr, sprach zu ihr, nicht laut, mit seiner
dringlichen, eingängigen Stimme, die gewölbten Augen heiß auf ihr:
„Haben Sie es nicht gespürt jetzt, was es heißt Macht haben? Versuchen Sie
es doch, kehren Sie doch zurück in Ihr Bibelkollegium! Trocknen Sie
Birnen in Ihrer Freizeit, stricken Sie Strümpfe! Versuchen Sie es doch! Sie
was ein Mensch tun könne, habe sein Gefühl verschachert.
Er leckte aus ihren Worten nur den Honig, nach dem seine Eitelkeit
gelüstig war, sah nur mit gesättigtem Stolz, wie ganz er sie erfüllte. Und er
wollte sie wieder gläubig haben, um noch glänzender vor ihr zu paradieren.
Mit geübter Sophistik, er war ja längst vorbereitet, entfaltete er denn auch
sogleich das Argument, das sie schlagen, das sie ihm fangen mußte.
Schmeichlerisch und gewandt breitete er es vor sie hin: Wie sie ihm unrecht
tue! Ja, er wisse, er hätte damals leicht ihr Gefühl in seine Hand bekommen
können, so daß sie sich ihm willig gegeben hätte. Doch er sei kein Freund
der billigen Mittel. Mit seiner Macht und seinem Glanz auf das
schwäbische Landmädel Eindruck zu machen, das sei ihm zu wohlfeil
vorgekommen. So sei es ihm wie ein Wink gewesen, wie der Herzog nach
ihr verlangt habe. Jetzt habe sie die Macht gekostet, jetzt stünden sie gleich
zu gleich und er kämpfe mit ehrlicher Waffe. Und er freute sich, wie fein
und glänzend er den Handel zu seinem Vorteil gedreht hatte.
Im tiefsten wußte Magdalen Sibylle, daß es Phrasen waren, galante
Ausreden. Aber seine Worte gingen ihr lieblich ein, sie hatte solange
gekämpft, sie ließ sich gerne so wohlig belügen. Er indes berauschte sich an
seiner Rede, steigerte sich weiter. Er sah nicht oder befahl sich nicht zu
sehen den Zwiespalt zwischen dem geraden, natürlich gewachsenen, durch
seine Schlichtheit schönen Landmädchen und dem höfisch zeremoniösen,
überfeinen Prunk an ihr. Nicht mehr sah er, daß mit dem unter der Perücke
versteckten dunklen Haar ihr ein Wesentliches genommen war, daß der
braunviolette Brokat das lebendige, atmende Mädchen zu einer Puppe
weitete und schnürte, daß der schlanke Lauf ihrer Glieder, das unschuldige,
unbeherrschte Feuer ihrer Augen, jetzt, artig gezügelt und eingeteilt, sie als
gleiche unter die anderen herunterzog. Er wollte sie sehen, wie er sie
brauchte, sich vor ihr zu spreizen, sein eigenes Denkmal auf ihrem Sockel
zu postieren. Er sprach: „Wer gewachsen ist wie Sie, wer den Kopf wirft
wie Sie, der ist nicht geboren, um Gott im Bibelkollegium von Hirsau
fromme Lieder zu singen.“ Er stand hinter seinem Stuhl, die Ellbogen auf
der Lehne, beugte er sich vor zu ihr, sprach zu ihr, nicht laut, mit seiner
dringlichen, eingängigen Stimme, die gewölbten Augen heiß auf ihr:
„Haben Sie es nicht gespürt jetzt, was es heißt Macht haben? Versuchen Sie
es doch, kehren Sie doch zurück in Ihr Bibelkollegium! Trocknen Sie
Birnen in Ihrer Freizeit, stricken Sie Strümpfe! Versuchen Sie es doch! Sie
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können es nicht mehr!“ schloß er triumphierend. „Sie haben geschmeckt
jetzt, was Ihre Bestimmung ist.“
Sie war aufgestanden, atmend, in halber Abwehr die Hand gehoben. Das
Hündchen hatte sich ängstlich in einen Winkel verkrochen. Sich sträubend,
ungläubig, doch, nun er schwieg, gierig nach mehr, erregt stand sie ihm
gegenüber in der anderen Ecke des kleinen mit Zierat überfüllten Gemachs,
von dem sie in dem mächtigen Prunkgewand einen großen Teil einnahm.
Schlank, geschmeidig, unhörbar auf dem weichen Teppich kam er ihr nach
und nahe.
„Lassen Sie doch Ihre naiven Träume hinter sich, Magdalen Sibylle! Die
waren gut für den Wald von Hirsau. Jetzt ist das Schloß von Ludwigsburg
Ihre Wirklichkeit. Schauen Sie sie an! Packen Sie sie fest! Es ist eine gute,
schöne Wirklichkeit. Ich bin stolz, daß ich sie Ihnen wies.“
Er war jetzt ganz nahe an ihr, daß sie sich wie flüchtend in die Ecke
drücken mußte. „Magdalen Sibylle!“ beteuerte er, und er glaubte es beinahe
selbst, während er sprach; sie jedenfalls, das sah er, von Anfang an geneigt,
sich überzeugen zu lassen, war bracher Acker für solche Saat. „Magdalen
Sibylle! Ich habe Sie, weiß Gott, nicht darum dem Herzog überlassen, einen
Stein mehr im Brett zu haben. Ihretwillen hab ich es getan. Sie auf den Weg
zu bringen. Wir haben nämlich Einen Weg, Magdalen Sibylle, Sie und ich:
er heißt Macht.“
Und während sie ihm, das letzte Mißtrauen in die fernsten Winkel
gescheucht, zuschaute, ängstlich und bewundernd wie einem Seiltänzer,
spielte er sich ihr vor. Seiner Mutter zu imponieren, die von Anfang an ihn
glaubte, ah, das war leicht, das war keine Aufgabe. Aber diese hier, die
Mißtrauische, sich Sträubende, zu sich herüberzuziehen, das lockte, das
war, geglückt, Triumph, die ersehnte notwendige Bestätigung. Wie wohl auf
erleuchteter Bühne ein großer Komödiant, gereizt durch ein kaltes,
ungestimmtes Publikum, immer mehr von sich hergibt, gerade diese
Widerspenstigen hinzureißen, so steigerte er sich immer höher, schwelgend
an seinem eigenen Wesen, unvorsichtig geheime Wünsche preisgebend und
Erkenntnisse und Urteile, die besser verschlossen geblieben wären. Auf und
nieder ging er, sich berauschend an der eigenen Rede, immer glänzender
den Spiegel reibend, in dem er sein Bild sah, ein eitler Schauspieler seiner
selbst.
Stumm, aufgewühlt, hörte sie, wie er sprach: „So, endlich, stehen wir
gleich zu gleich, Magdalen Sibylle. Sie und ich, jeder die Hand am Hebel
jetzt, was Ihre Bestimmung ist.“
Sie war aufgestanden, atmend, in halber Abwehr die Hand gehoben. Das
Hündchen hatte sich ängstlich in einen Winkel verkrochen. Sich sträubend,
ungläubig, doch, nun er schwieg, gierig nach mehr, erregt stand sie ihm
gegenüber in der anderen Ecke des kleinen mit Zierat überfüllten Gemachs,
von dem sie in dem mächtigen Prunkgewand einen großen Teil einnahm.
Schlank, geschmeidig, unhörbar auf dem weichen Teppich kam er ihr nach
und nahe.
„Lassen Sie doch Ihre naiven Träume hinter sich, Magdalen Sibylle! Die
waren gut für den Wald von Hirsau. Jetzt ist das Schloß von Ludwigsburg
Ihre Wirklichkeit. Schauen Sie sie an! Packen Sie sie fest! Es ist eine gute,
schöne Wirklichkeit. Ich bin stolz, daß ich sie Ihnen wies.“
Er war jetzt ganz nahe an ihr, daß sie sich wie flüchtend in die Ecke
drücken mußte. „Magdalen Sibylle!“ beteuerte er, und er glaubte es beinahe
selbst, während er sprach; sie jedenfalls, das sah er, von Anfang an geneigt,
sich überzeugen zu lassen, war bracher Acker für solche Saat. „Magdalen
Sibylle! Ich habe Sie, weiß Gott, nicht darum dem Herzog überlassen, einen
Stein mehr im Brett zu haben. Ihretwillen hab ich es getan. Sie auf den Weg
zu bringen. Wir haben nämlich Einen Weg, Magdalen Sibylle, Sie und ich:
er heißt Macht.“
Und während sie ihm, das letzte Mißtrauen in die fernsten Winkel
gescheucht, zuschaute, ängstlich und bewundernd wie einem Seiltänzer,
spielte er sich ihr vor. Seiner Mutter zu imponieren, die von Anfang an ihn
glaubte, ah, das war leicht, das war keine Aufgabe. Aber diese hier, die
Mißtrauische, sich Sträubende, zu sich herüberzuziehen, das lockte, das
war, geglückt, Triumph, die ersehnte notwendige Bestätigung. Wie wohl auf
erleuchteter Bühne ein großer Komödiant, gereizt durch ein kaltes,
ungestimmtes Publikum, immer mehr von sich hergibt, gerade diese
Widerspenstigen hinzureißen, so steigerte er sich immer höher, schwelgend
an seinem eigenen Wesen, unvorsichtig geheime Wünsche preisgebend und
Erkenntnisse und Urteile, die besser verschlossen geblieben wären. Auf und
nieder ging er, sich berauschend an der eigenen Rede, immer glänzender
den Spiegel reibend, in dem er sein Bild sah, ein eitler Schauspieler seiner
selbst.
Stumm, aufgewühlt, hörte sie, wie er sprach: „So, endlich, stehen wir
gleich zu gleich, Magdalen Sibylle. Sie und ich, jeder die Hand am Hebel
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der Macht. Nicht dieser Herzog hat ein Recht auf Sie. Wer ist er denn,
dieser Herzog?“
Der erhitzte Mann redete sich in eine Geringschätzung hinein, die er sich
selber sonst nie eingestand und vor deren Enthüllung später dem
Ernüchterten bangte.
„Dieser Herzog! Glaubt, ein Land mit dem Exerzierreglement regieren zu
können. Hat keine Ahnung von den Zusammenhängen. Kein eigenes Aug,
kein eigenes Gehirn, kaum ein eigenes Herz. Mißt den Genuß nach der Zahl
der Weiber, nach der Zahl der Bouteillen. Hält das wüste Gegröhl seines
Remchingen für dionysische Lust. Es ist ein Zufall, es ist gutes Glück, daß
er auf Sie gefallen ist. Er sieht ja nichts, er begreift ja nichts von Ihrem
Reiz. Ich hab den Anspruch, ich! Ich hab Sie hingebracht, wo Sie jetzt
stehen, ich hab Sie gesehen vom ersten Tag an, ich weiß um Sie. Ich bin
hinaufgeklettert, selber, Jud und verachtet und gering, Griff um Griff,
Schritt vor Schritt, daß ich jetzt vor diesen schwäbischen Tölpeln stehe wie
meine Stute Assjadah vor ihren dicken Ackergäulen. Und so hab ich Sie
höhergestellt als die anderen braven, wackeren, hausbackenen
schwäbischen Fräuleins. So steh ich vor Ihnen, der Gleiche vor der
Gleichen. So sag ich Ihnen meinen Anspruch und verlange Sie. Wären Sie
unbewußt und dumpf in mein Bett geglitten, wie Sie aus dem Wald von
Hirsau kamen, solcher Sieg wäre mir zu leicht gewesen und wie Betrug.
Jetzt, erfahren, wissend, wer ich bin, wer Sie sind, sollen Sie sich
entscheiden. Jetzt sollen Sie mir sagen: ich gehöre zu dir, ich komme.“
In tiefer Verwirrung stand sie, schwieg sie. Doch er, klug seinen Eindruck
nicht scheuchend, kehrte plötzlich aus seiner Erhitzung in kalten
Konversationston zurück. Und eh daß sie wieder recht zu sich selbst kam,
hatte er schon, sich neigend, ihr zeremoniös die Hand küssend, die
Zerrissene, Verwirrte allein gelassen.
Leicht, heiter kehrte er mit seinem Gefolge in die Stadt zurück. Er hatte
die Bestätigung, die er brauchte. Fühlte sich hoch und sicher über denen,
die ihn gefährdeten. Ho! Soll es ihm doch einer nachtun, der plumpe
Remchingen, der dicke Fürstbischof. Die anderen hatten die Geburt, er hatte
die Frau vor ihnen voraus. Das andere war müheloser einzuholen. Er war
der Stärkere.
Und die Stute Assjadah fühlte ihn auf ihrem Rücken leichter,
beschwingter jetzt, da er zurückritt, als da er kam. Es war eine Lust, ihn zu
tragen, und sie wieherte hell seinen Ruhm in die Stadt.
dieser Herzog?“
Der erhitzte Mann redete sich in eine Geringschätzung hinein, die er sich
selber sonst nie eingestand und vor deren Enthüllung später dem
Ernüchterten bangte.
„Dieser Herzog! Glaubt, ein Land mit dem Exerzierreglement regieren zu
können. Hat keine Ahnung von den Zusammenhängen. Kein eigenes Aug,
kein eigenes Gehirn, kaum ein eigenes Herz. Mißt den Genuß nach der Zahl
der Weiber, nach der Zahl der Bouteillen. Hält das wüste Gegröhl seines
Remchingen für dionysische Lust. Es ist ein Zufall, es ist gutes Glück, daß
er auf Sie gefallen ist. Er sieht ja nichts, er begreift ja nichts von Ihrem
Reiz. Ich hab den Anspruch, ich! Ich hab Sie hingebracht, wo Sie jetzt
stehen, ich hab Sie gesehen vom ersten Tag an, ich weiß um Sie. Ich bin
hinaufgeklettert, selber, Jud und verachtet und gering, Griff um Griff,
Schritt vor Schritt, daß ich jetzt vor diesen schwäbischen Tölpeln stehe wie
meine Stute Assjadah vor ihren dicken Ackergäulen. Und so hab ich Sie
höhergestellt als die anderen braven, wackeren, hausbackenen
schwäbischen Fräuleins. So steh ich vor Ihnen, der Gleiche vor der
Gleichen. So sag ich Ihnen meinen Anspruch und verlange Sie. Wären Sie
unbewußt und dumpf in mein Bett geglitten, wie Sie aus dem Wald von
Hirsau kamen, solcher Sieg wäre mir zu leicht gewesen und wie Betrug.
Jetzt, erfahren, wissend, wer ich bin, wer Sie sind, sollen Sie sich
entscheiden. Jetzt sollen Sie mir sagen: ich gehöre zu dir, ich komme.“
In tiefer Verwirrung stand sie, schwieg sie. Doch er, klug seinen Eindruck
nicht scheuchend, kehrte plötzlich aus seiner Erhitzung in kalten
Konversationston zurück. Und eh daß sie wieder recht zu sich selbst kam,
hatte er schon, sich neigend, ihr zeremoniös die Hand küssend, die
Zerrissene, Verwirrte allein gelassen.
Leicht, heiter kehrte er mit seinem Gefolge in die Stadt zurück. Er hatte
die Bestätigung, die er brauchte. Fühlte sich hoch und sicher über denen,
die ihn gefährdeten. Ho! Soll es ihm doch einer nachtun, der plumpe
Remchingen, der dicke Fürstbischof. Die anderen hatten die Geburt, er hatte
die Frau vor ihnen voraus. Das andere war müheloser einzuholen. Er war
der Stärkere.
Und die Stute Assjadah fühlte ihn auf ihrem Rücken leichter,
beschwingter jetzt, da er zurückritt, als da er kam. Es war eine Lust, ihn zu
tragen, und sie wieherte hell seinen Ruhm in die Stadt.
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Der Eßlinger Kindermord erregte weithin im Reich das größte Aufsehen
und Geschrei. Immer schauerlichere Einzelheiten wurden erzählt, wie der
Jude dem Mädchen martervoll das Blut abgezapft und in seine Osterkuchen
gebacken, um so Macht zu erringen über alle Christen, mit denen er zu tun
habe. Alle die alten Historien wurden wieder lebendig, die Legende von
dem heiligen Simon Martyr von Trier, dem Kind, so die Juden auf die
gleiche Weise abgeschlachtet, und von dem Knaben Ludwig Etterlein in
Ravensburg. Immer strahlender hob sich das Bild des toten Mädchens, was
für eine süße, englische, kleine Jungfer sie gewesen. In den Schenken
sangen die vagierenden Musikanten die Moritat, Zeitungen und fliegende
Blätter erzählten sie in wilden Versen und blutrünstigen Holzschnitten.
Schon regte es sich im Volk, sich tätlich an den Juden zu rächen. Rottete
sich zusammen an den Toren des Ghettos, wer sich zu zeigen wagte, wurde
mit Steinwurf, Kot und unflätigem Schimpfwort empfangen. Der Handel
stockte, der christliche Schuldner trat mit Hohn vor den jüdischen
Gläubiger, raufte ihm den Bart, bespie ihn. Die Gerichte zogen die Prozesse
in die Länge, versagten. Im Bayrischen, in der Gegend von Rosenheim, an
der großen Handelsstraße von Wien nach dem Westen, hatte ein
Getreidewucherer, dem Juden das Geschäft gehindert, zusammen mit einem
entlaufenen Schreiber eine Bande organisiert, den jüdischen Handelsleuten
aufzulauern und ihre Transporte zu plündern. Die kurfürstliche Regierung
schaute untätig und wohlgefällig zu. Erst scharfe schwäbische
Reklamationen und energische Vorstellungen der Wiener Kanzlei machten
dem Unfug ein Ende.
Auch an den Höfen und in den Kabinetten verfolgte man den Eßlinger
Handel mit größtem Interesse. Man sah, wie schwach und lückenhaft der
Indizienbeweis aufgebaut war, man schmunzelte, auf welch primitive
Manier die Reichsstadt dem württembergischen Herzog und seinem
Finanzdirektor mit dem toten Kind zu Leibe wollte. Fand aber schadenfroh
gerade diese Naivität sehr geschickt. Das Hauptstück des Beweises blieb
die glückliche Spekulation auf den Volksglauben, daß in der Christnacht
Geborene von den Juden besonders gefährdet seien, und daß eben das
ermordete Kind in der heiligen Nacht geboren war.
Doch gegen die Juden zog es herauf, schwere, atemschnürende,
lehmfarbene Wolken. Geduckt in ihre Winkel krochen die Verängsteten,
und Geschrei. Immer schauerlichere Einzelheiten wurden erzählt, wie der
Jude dem Mädchen martervoll das Blut abgezapft und in seine Osterkuchen
gebacken, um so Macht zu erringen über alle Christen, mit denen er zu tun
habe. Alle die alten Historien wurden wieder lebendig, die Legende von
dem heiligen Simon Martyr von Trier, dem Kind, so die Juden auf die
gleiche Weise abgeschlachtet, und von dem Knaben Ludwig Etterlein in
Ravensburg. Immer strahlender hob sich das Bild des toten Mädchens, was
für eine süße, englische, kleine Jungfer sie gewesen. In den Schenken
sangen die vagierenden Musikanten die Moritat, Zeitungen und fliegende
Blätter erzählten sie in wilden Versen und blutrünstigen Holzschnitten.
Schon regte es sich im Volk, sich tätlich an den Juden zu rächen. Rottete
sich zusammen an den Toren des Ghettos, wer sich zu zeigen wagte, wurde
mit Steinwurf, Kot und unflätigem Schimpfwort empfangen. Der Handel
stockte, der christliche Schuldner trat mit Hohn vor den jüdischen
Gläubiger, raufte ihm den Bart, bespie ihn. Die Gerichte zogen die Prozesse
in die Länge, versagten. Im Bayrischen, in der Gegend von Rosenheim, an
der großen Handelsstraße von Wien nach dem Westen, hatte ein
Getreidewucherer, dem Juden das Geschäft gehindert, zusammen mit einem
entlaufenen Schreiber eine Bande organisiert, den jüdischen Handelsleuten
aufzulauern und ihre Transporte zu plündern. Die kurfürstliche Regierung
schaute untätig und wohlgefällig zu. Erst scharfe schwäbische
Reklamationen und energische Vorstellungen der Wiener Kanzlei machten
dem Unfug ein Ende.
Auch an den Höfen und in den Kabinetten verfolgte man den Eßlinger
Handel mit größtem Interesse. Man sah, wie schwach und lückenhaft der
Indizienbeweis aufgebaut war, man schmunzelte, auf welch primitive
Manier die Reichsstadt dem württembergischen Herzog und seinem
Finanzdirektor mit dem toten Kind zu Leibe wollte. Fand aber schadenfroh
gerade diese Naivität sehr geschickt. Das Hauptstück des Beweises blieb
die glückliche Spekulation auf den Volksglauben, daß in der Christnacht
Geborene von den Juden besonders gefährdet seien, und daß eben das
ermordete Kind in der heiligen Nacht geboren war.
Doch gegen die Juden zog es herauf, schwere, atemschnürende,
lehmfarbene Wolken. Geduckt in ihre Winkel krochen die Verängsteten,
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stierten auf das gestaltlos Nahende. Ai! Ai! Immer wenn einer von ihnen
gepackt wurde um so tückisch dumme Beschuldigung, wurden gemetzelt
Tausende, verbrannt, gehängt Tausende, hin und her gehetzt über die Erde
Zehntausende. Vergraust hockten sie in ihren Winkeln, es legte sich um sie
eine Stille, entsetzlich, mordschwanger, unausweichlich, mit keinem Namen
zu nennen, nicht zu tasten, als wiche die Luft aus ihren Straßen, daß sie
vergebens um Atem japsten. Das Furchtbarste war die erste Woche. Dies
Warten, dies schreckhafte, gelähmte Hocken und Nichtwissen: wer, wo,
wie. Die Angesehensten liefen zu den Behörden. Sonst, wenn man sie
brauchte, wurden sie umschmeichelt; jetzt wurden sie nicht vorgelassen.
Dies Achselzucken in den Vorzimmern, diese Augen- und Herzensweide an
ihrer Angst, dieser lauersame Hohn, dies Preisgeben, dieses
Handzurückziehen von den Schutzlosen. Ai! diese Behörden, die sich das
teure Geld zahlen lassen für ihre Schutzbriefe und keine Zeit haben für die
Fährnis und hohe Not ihrer Juden. Ai! diese zwei kahlen und lässigen
Stadtsoldaten am Tor des Ghettos, wie sollen die schützen vor einer Horde
von tausend Räubern und Mördern! Ai! man sieht deutlich, wie die Aemter
und Ratsherren die Augen und die Ohren zumachen und die Hände auf den
Rücken legen, daß das Gesindel ungehindert kann herfallen über die
Wehrlosen! Ai die grausige Not! Soll helfen der allgewaltige Gott, gelobt
sein Name! Ai du armes Israel! Ai die schutzlosen, zerrissenen Zelte
Jaakobs!
Schwarzgeflügelt, geierschnäbelig, herzlähmend flog die Nachricht durch
alle jüdischen Gemeinden, von Polen bis ins Elsaß, von Mantua bis
Amsterdam. Sitzt einer gefangen im Schwäbischen, in Eßlingen, der bösen
Stadt, Brutstätte der Bosheit und Niedertracht. Sagen die Gojim, er habe
geschlachtet eines von ihren Kindern. Rüstet sich Edom, will herfallen über
uns, heute, morgen, wer weiß. Höre Israel!
Fahl und grau wurden die Männer da und vergaßen ihre Geschäfte,
verschreckt, mit ratlosen, törichten Augen flatterten in die Winkel ihre
schönen, geschmückten Frauen und sahen gläubig auf die Männer, bereit,
blind zu befolgen, was sie rieten. Den Atem an hielt die ganze Judenheit des
römischen Reichs und weit hinaus über die Grenzen. In ihren Betsälen
sammelten sie sich, schlugen die Brüste sich, bekannten ihre Sünden,
fasteten den Montag, den Donnerstag und wieder den Montag vom Abend
zum Abend. Aßen nicht, tranken nicht, rührten keine Frau an. Standen eng
gepreßt in ihren übelgelüfteten Betsälen, eingehüllt in ihre Gebetmäntel und
gepackt wurde um so tückisch dumme Beschuldigung, wurden gemetzelt
Tausende, verbrannt, gehängt Tausende, hin und her gehetzt über die Erde
Zehntausende. Vergraust hockten sie in ihren Winkeln, es legte sich um sie
eine Stille, entsetzlich, mordschwanger, unausweichlich, mit keinem Namen
zu nennen, nicht zu tasten, als wiche die Luft aus ihren Straßen, daß sie
vergebens um Atem japsten. Das Furchtbarste war die erste Woche. Dies
Warten, dies schreckhafte, gelähmte Hocken und Nichtwissen: wer, wo,
wie. Die Angesehensten liefen zu den Behörden. Sonst, wenn man sie
brauchte, wurden sie umschmeichelt; jetzt wurden sie nicht vorgelassen.
Dies Achselzucken in den Vorzimmern, diese Augen- und Herzensweide an
ihrer Angst, dieser lauersame Hohn, dies Preisgeben, dieses
Handzurückziehen von den Schutzlosen. Ai! diese Behörden, die sich das
teure Geld zahlen lassen für ihre Schutzbriefe und keine Zeit haben für die
Fährnis und hohe Not ihrer Juden. Ai! diese zwei kahlen und lässigen
Stadtsoldaten am Tor des Ghettos, wie sollen die schützen vor einer Horde
von tausend Räubern und Mördern! Ai! man sieht deutlich, wie die Aemter
und Ratsherren die Augen und die Ohren zumachen und die Hände auf den
Rücken legen, daß das Gesindel ungehindert kann herfallen über die
Wehrlosen! Ai die grausige Not! Soll helfen der allgewaltige Gott, gelobt
sein Name! Ai du armes Israel! Ai die schutzlosen, zerrissenen Zelte
Jaakobs!
Schwarzgeflügelt, geierschnäbelig, herzlähmend flog die Nachricht durch
alle jüdischen Gemeinden, von Polen bis ins Elsaß, von Mantua bis
Amsterdam. Sitzt einer gefangen im Schwäbischen, in Eßlingen, der bösen
Stadt, Brutstätte der Bosheit und Niedertracht. Sagen die Gojim, er habe
geschlachtet eines von ihren Kindern. Rüstet sich Edom, will herfallen über
uns, heute, morgen, wer weiß. Höre Israel!
Fahl und grau wurden die Männer da und vergaßen ihre Geschäfte,
verschreckt, mit ratlosen, törichten Augen flatterten in die Winkel ihre
schönen, geschmückten Frauen und sahen gläubig auf die Männer, bereit,
blind zu befolgen, was sie rieten. Den Atem an hielt die ganze Judenheit des
römischen Reichs und weit hinaus über die Grenzen. In ihren Betsälen
sammelten sie sich, schlugen die Brüste sich, bekannten ihre Sünden,
fasteten den Montag, den Donnerstag und wieder den Montag vom Abend
zum Abend. Aßen nicht, tranken nicht, rührten keine Frau an. Standen eng
gepreßt in ihren übelgelüfteten Betsälen, eingehüllt in ihre Gebetmäntel und
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in ihre Totengewänder, den Leib fanatisch schaukelnd und werfend. Schrien
zu Gott, schrien zu Adonai Elohim, schrien mit gellen, verzweifelten
Stimmen, die an die gellen, mißtönigen Widderhörner erinnerten, die sie am
Neujahrsfest bliesen. Sie zählten auf ihre Sünden, sie schrien: „Nicht
unsertwillen, o Herr, begnade uns, nicht unsertwillen! Sondern um der
Verdienste der Erzväter willen.“ Sie zählten auf die endlosen Namenslisten
der Vorfahren, getötet für die Heiligung des göttlichen Namens, die
Gemarterten von den Syrern, die Gefolterten von den Römern, die
Geschlachteten, Gewürgten, Verbannten von den Christen, die Märtyrer von
den polnischen Gemeinden bis zu den Gemeinden von Trier, Speyer,
Worms. Sie standen weiß eingehüllt in ihre Leichenlaken, den Kopf bestreut
mit Asche, sie standen den ganzen Tag, alle Glieder ekstatisch geschüttelt
bis zur Erschöpfung, sie schacherten und zeterten mit Gott, wenn der Tag
graute, und wenn der Tag trüb wurde und sich neigte, standen sie noch und
schrien mit ihren häßlichen, ausgeschrienen Stimmen: „Gedenke des
Bundes mit Abraham und der Opferung Isaaks!“ Aber auf hundert
Umwegen mündeten alle Gebete immer wieder in den wilden, gellenden
Chor des Bekenntnisses: „Eins und einzig ist Adonai Elohim, eins und
einzig ist der Gott Israels, das Seiende, Ueberwirkliche, Jahve.“
Aber durch Gitter getrennt, den Männern unsichtbar, waren die Frauen.
Verschüchtert, ängstlich, mit großen Augen, wie Vögel aufgereiht auf einem
Stab im Käfig, saßen sie, plapperten sie leis und fromm und töricht aus
ihren Andachtsbüchern, die, in rabbinischen Lettern, in einem Mischmasch
von Deutsch und Hebräisch die biblischen Geschichten und andere fromme
Legenden erzählten.
In allen Tempeln und Betsälen von Mantua bis Amsterdam, von Polen bis
ins Elsaß standen die Männer so, fasteten, beteten. Zu gleicher Stunde,
wenn der Tag kam und wenn er sich neigte, stand die ganze Judenheit,
gewendet gegen Osten, gegen Zion, die Gebetriemen an Herz und Hirn,
gehüllt in Leichenlaken, stand und bekannte: „Nichts ist uns geblieben, nur
das Buch,“ stand und schrie: „Eins und einzig ist der Gott Israels, das
Seiende, Ueberwirkliche, Jahve.“
Doch wie die ersten Tage des großen Schreckens vorbei waren, zeigte
sich, daß die Reichsstadt Eßlingen den Prozeß des Juden Jecheskel
Seligmann Freudenthal in die Länge zog. Sei es aus politischen Gründen,
vielleicht wollte man bei Gelegenheit in konkretem Fall den Prozeß gegen
das herzogliche Kabinett ausspielen, sei es aus bloßer Lust an längerer,
zu Gott, schrien zu Adonai Elohim, schrien mit gellen, verzweifelten
Stimmen, die an die gellen, mißtönigen Widderhörner erinnerten, die sie am
Neujahrsfest bliesen. Sie zählten auf ihre Sünden, sie schrien: „Nicht
unsertwillen, o Herr, begnade uns, nicht unsertwillen! Sondern um der
Verdienste der Erzväter willen.“ Sie zählten auf die endlosen Namenslisten
der Vorfahren, getötet für die Heiligung des göttlichen Namens, die
Gemarterten von den Syrern, die Gefolterten von den Römern, die
Geschlachteten, Gewürgten, Verbannten von den Christen, die Märtyrer von
den polnischen Gemeinden bis zu den Gemeinden von Trier, Speyer,
Worms. Sie standen weiß eingehüllt in ihre Leichenlaken, den Kopf bestreut
mit Asche, sie standen den ganzen Tag, alle Glieder ekstatisch geschüttelt
bis zur Erschöpfung, sie schacherten und zeterten mit Gott, wenn der Tag
graute, und wenn der Tag trüb wurde und sich neigte, standen sie noch und
schrien mit ihren häßlichen, ausgeschrienen Stimmen: „Gedenke des
Bundes mit Abraham und der Opferung Isaaks!“ Aber auf hundert
Umwegen mündeten alle Gebete immer wieder in den wilden, gellenden
Chor des Bekenntnisses: „Eins und einzig ist Adonai Elohim, eins und
einzig ist der Gott Israels, das Seiende, Ueberwirkliche, Jahve.“
Aber durch Gitter getrennt, den Männern unsichtbar, waren die Frauen.
Verschüchtert, ängstlich, mit großen Augen, wie Vögel aufgereiht auf einem
Stab im Käfig, saßen sie, plapperten sie leis und fromm und töricht aus
ihren Andachtsbüchern, die, in rabbinischen Lettern, in einem Mischmasch
von Deutsch und Hebräisch die biblischen Geschichten und andere fromme
Legenden erzählten.
In allen Tempeln und Betsälen von Mantua bis Amsterdam, von Polen bis
ins Elsaß standen die Männer so, fasteten, beteten. Zu gleicher Stunde,
wenn der Tag kam und wenn er sich neigte, stand die ganze Judenheit,
gewendet gegen Osten, gegen Zion, die Gebetriemen an Herz und Hirn,
gehüllt in Leichenlaken, stand und bekannte: „Nichts ist uns geblieben, nur
das Buch,“ stand und schrie: „Eins und einzig ist der Gott Israels, das
Seiende, Ueberwirkliche, Jahve.“
Doch wie die ersten Tage des großen Schreckens vorbei waren, zeigte
sich, daß die Reichsstadt Eßlingen den Prozeß des Juden Jecheskel
Seligmann Freudenthal in die Länge zog. Sei es aus politischen Gründen,
vielleicht wollte man bei Gelegenheit in konkretem Fall den Prozeß gegen
das herzogliche Kabinett ausspielen, sei es aus bloßer Lust an längerer,
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zögernder Quälerei, sei es, daß man hoffte, noch irgendein kräftigeres
Indizium beizubringen, Monate vergingen und der Jude lag noch immer im
Turm, seine Sache war über Vorverhandlungen und den ersten Grad der
Folter nicht hinausgediehen.
Die Juden aber, an jede Art von Verfolgung durch die Jahrtausende
gewöhnt, aus der ersten lähmenden Angst sich aufraffend, liefen, rannten,
bohrten in jede Ecke Schlupfwinkel, sich zu verkriechen, wenn der Graus
losbrach. Besiegeln und bestätigen ließen sie ihre Schutzbriefe, Bewaffnete
und Stadtknechte mieteten sie zu ihrer Verteidigung, auf allen Straßen liefen
ihre Kuriere, gemeinsam den Schutz zu organisieren, an allen Höfen, in
allen Ratsstuben arbeiteten ihre Agenten, die Gutgesinnten zu Maßnahmen
zu bewegen; in Wechseln und Kreditbriefen ging ein Großteil ihres Kapitals
ins Ausland, in Sicherheit.
Doch über allem, was sie dachten und handelten, lag die lehmfarbene
Wolke. Der heranziehende Graus zerstückelte ihren Schlaf, machte ihre
Speisen zu faden, schmacklosen Brocken, ihren Wein schal, nahm ihren
Gewürzen den Duft, lähmte ihre flinken, heftigen, eifernden, liebevollen
Dispute über den Talmud, daß sie mitten im Wort versanken und
verstummten, blutwitternd vor sich stierten. Ja, hinein sogar hing die
lehmfarbene Wolke, tief hinein in ihre stolzen, triumphierenden Sabbate,
die sonst, träumend vom Glanz des versunkenen Reichs und des künftigen
Messias, ihrer Bettler ärmster prinzlich feierte.
Man hatte jede Sicherung getroffen, aber das war wie Stroh, wie das
Tannenreiser- und Palmendach ihrer Laubhütten. Die Wolke war da und das
half nicht gegen die Wolke. Und wenn sie ihren Alltag trieben, ihre Feste
feierten, aus jedem Winkel sprang die schnürende Angst sie an.
Der Rabbiner von Frankfurt, Rabbi Jaakob Josua Falk, saß über der
Schrift. Und ob er es gleich nicht wollte, rollten seine mageren, gerunzelten
Hände jenes Kapitel auf im fünften Buch Mose, die grausigste Verfluchung,
die je ein Menschenhirn erdacht. Jene Verfluchung, die der Jude angstvoll
zu überschlagen pflegt, über die der Vorbeter bei der alljährlichen Verlesung
der Schrift scheu und eilig und mit halber Stimme hinweggleitet, sie nicht
zu berufen. Aber die Augen des alten Rabbi blieben kleben an den
drohenden, klotzigen Buchstaben, und er las:
„Senden wird Adonai gegen dich das Unglück, die Zerrüttung und das
Verderben in allem Geschäft deiner Hand, das du unternimmst. Ein Weib
wirst du dir verloben und ein anderer liegt bei ihr, ein Haus wirst du dir
Indizium beizubringen, Monate vergingen und der Jude lag noch immer im
Turm, seine Sache war über Vorverhandlungen und den ersten Grad der
Folter nicht hinausgediehen.
Die Juden aber, an jede Art von Verfolgung durch die Jahrtausende
gewöhnt, aus der ersten lähmenden Angst sich aufraffend, liefen, rannten,
bohrten in jede Ecke Schlupfwinkel, sich zu verkriechen, wenn der Graus
losbrach. Besiegeln und bestätigen ließen sie ihre Schutzbriefe, Bewaffnete
und Stadtknechte mieteten sie zu ihrer Verteidigung, auf allen Straßen liefen
ihre Kuriere, gemeinsam den Schutz zu organisieren, an allen Höfen, in
allen Ratsstuben arbeiteten ihre Agenten, die Gutgesinnten zu Maßnahmen
zu bewegen; in Wechseln und Kreditbriefen ging ein Großteil ihres Kapitals
ins Ausland, in Sicherheit.
Doch über allem, was sie dachten und handelten, lag die lehmfarbene
Wolke. Der heranziehende Graus zerstückelte ihren Schlaf, machte ihre
Speisen zu faden, schmacklosen Brocken, ihren Wein schal, nahm ihren
Gewürzen den Duft, lähmte ihre flinken, heftigen, eifernden, liebevollen
Dispute über den Talmud, daß sie mitten im Wort versanken und
verstummten, blutwitternd vor sich stierten. Ja, hinein sogar hing die
lehmfarbene Wolke, tief hinein in ihre stolzen, triumphierenden Sabbate,
die sonst, träumend vom Glanz des versunkenen Reichs und des künftigen
Messias, ihrer Bettler ärmster prinzlich feierte.
Man hatte jede Sicherung getroffen, aber das war wie Stroh, wie das
Tannenreiser- und Palmendach ihrer Laubhütten. Die Wolke war da und das
half nicht gegen die Wolke. Und wenn sie ihren Alltag trieben, ihre Feste
feierten, aus jedem Winkel sprang die schnürende Angst sie an.
Der Rabbiner von Frankfurt, Rabbi Jaakob Josua Falk, saß über der
Schrift. Und ob er es gleich nicht wollte, rollten seine mageren, gerunzelten
Hände jenes Kapitel auf im fünften Buch Mose, die grausigste Verfluchung,
die je ein Menschenhirn erdacht. Jene Verfluchung, die der Jude angstvoll
zu überschlagen pflegt, über die der Vorbeter bei der alljährlichen Verlesung
der Schrift scheu und eilig und mit halber Stimme hinweggleitet, sie nicht
zu berufen. Aber die Augen des alten Rabbi blieben kleben an den
drohenden, klotzigen Buchstaben, und er las:
„Senden wird Adonai gegen dich das Unglück, die Zerrüttung und das
Verderben in allem Geschäft deiner Hand, das du unternimmst. Ein Weib
wirst du dir verloben und ein anderer liegt bei ihr, ein Haus wirst du dir
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bauen und du wohnst nicht darin. Adonai wird dich geschlagen hingeben
deinem Feinde; auf Einem Wege wirst du ihm entgegenziehen und auf
sieben Wegen wirst du vor ihm fliehen. Und er wird zum Haupte und du
wirst zum Schwanze sein. Und er wird dich bedrängen und dich einengen,
daß du aufissest deine Leibesfrucht, das Fleisch deiner Söhne und Töchter,
die Adonai dir gegeben, in der Drängnis und Enge, in die dein Feind dich
engen wird. Die Frau, die unter dir die weichlichste ist und sehr verzärtelt,
deren Fußballen es nicht versucht, auf die Erde zu treten vor Verzärtelung
und Weichlichkeit, deren Auge wird feindselig schauen auf den Mann ihres
Schoßes und auf ihren Sohn und ihre Tochter. Wegen des Säuglings, den sie
geboren zwischen ihren Füßen, daß jene nicht ihr zuvor ihn aufäßen aus
Mangel an allem, im geheimen, in der Drängnis und Enge, in die dein Feind
dich engen wird in allen deinen Toren. Und Adonai wird dich zerstreuen
unter alle Völker; und du wirst nicht rasten unter diesen Völkern und es
wird keine Ruhestatt sein für den Ballen deines Fußes. Und Adonai wird dir
daselbst geben ein zitterndes Herz, ein bängliches Aug und ein
schwächliches Geblüt; und du wirst Angst haben Nacht und Tag und nicht
trauen deinem Leben. Am Morgen wirst du sprechen: Wer gäbe Abend! und
am Abend wirst du sprechen: Wer gäbe Morgen! vor Bangigkeit deines
Herzens, die du bangen wirst, und vor dem Gesicht deiner Augen, das du
sehen wirst.“
So las der alte Mann und sein Herz war voll von grauer Furcht, und er
schlug seinen Gebetmantel über den Kopf, die großen, drohenden
Buchstaben nicht länger zu sehen, und er weinte und stöhnte. Seine Frau,
die nicht wagte, ihn beim Studium zu stören, stand erschreckt an der Tür
und hörte, wie er stöhnte, und sie zitterte, und ihr altes Herz schlug vor
Angst bis hinauf in ihren dürren Hals. Aber sie wagte nicht, ihn zu stören.
Rabbi Jaakob Josua Falk aber weinte aus seinen eingesunkenen, müden,
betagten Augen, und sein Gebetmantel war ganz naß von Tränen.
Der Kirchenratsdirektor Philipp Heinrich Weißensee, von Weißensee jetzt,
hatte sich sehr verändert seit jener Nacht, da Magdalen Sibylle dem Herzog
zugefallen war. Wohl gab es noch immer keine politische Affäre im Reich,
und im schwäbischen Kreis im besonderen, darein er nicht seine gelüstig
schnuppernde Nase, seine feinen, spielerischen Finger gesteckt hätte. Aber
deinem Feinde; auf Einem Wege wirst du ihm entgegenziehen und auf
sieben Wegen wirst du vor ihm fliehen. Und er wird zum Haupte und du
wirst zum Schwanze sein. Und er wird dich bedrängen und dich einengen,
daß du aufissest deine Leibesfrucht, das Fleisch deiner Söhne und Töchter,
die Adonai dir gegeben, in der Drängnis und Enge, in die dein Feind dich
engen wird. Die Frau, die unter dir die weichlichste ist und sehr verzärtelt,
deren Fußballen es nicht versucht, auf die Erde zu treten vor Verzärtelung
und Weichlichkeit, deren Auge wird feindselig schauen auf den Mann ihres
Schoßes und auf ihren Sohn und ihre Tochter. Wegen des Säuglings, den sie
geboren zwischen ihren Füßen, daß jene nicht ihr zuvor ihn aufäßen aus
Mangel an allem, im geheimen, in der Drängnis und Enge, in die dein Feind
dich engen wird in allen deinen Toren. Und Adonai wird dich zerstreuen
unter alle Völker; und du wirst nicht rasten unter diesen Völkern und es
wird keine Ruhestatt sein für den Ballen deines Fußes. Und Adonai wird dir
daselbst geben ein zitterndes Herz, ein bängliches Aug und ein
schwächliches Geblüt; und du wirst Angst haben Nacht und Tag und nicht
trauen deinem Leben. Am Morgen wirst du sprechen: Wer gäbe Abend! und
am Abend wirst du sprechen: Wer gäbe Morgen! vor Bangigkeit deines
Herzens, die du bangen wirst, und vor dem Gesicht deiner Augen, das du
sehen wirst.“
So las der alte Mann und sein Herz war voll von grauer Furcht, und er
schlug seinen Gebetmantel über den Kopf, die großen, drohenden
Buchstaben nicht länger zu sehen, und er weinte und stöhnte. Seine Frau,
die nicht wagte, ihn beim Studium zu stören, stand erschreckt an der Tür
und hörte, wie er stöhnte, und sie zitterte, und ihr altes Herz schlug vor
Angst bis hinauf in ihren dürren Hals. Aber sie wagte nicht, ihn zu stören.
Rabbi Jaakob Josua Falk aber weinte aus seinen eingesunkenen, müden,
betagten Augen, und sein Gebetmantel war ganz naß von Tränen.
Der Kirchenratsdirektor Philipp Heinrich Weißensee, von Weißensee jetzt,
hatte sich sehr verändert seit jener Nacht, da Magdalen Sibylle dem Herzog
zugefallen war. Wohl gab es noch immer keine politische Affäre im Reich,
und im schwäbischen Kreis im besonderen, darein er nicht seine gelüstig
schnuppernde Nase, seine feinen, spielerischen Finger gesteckt hätte. Aber
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seine Flinkheit hatte jetzt etwas Fahriges, seltsam Lebloses, Mechanisches.
Es kam vor, daß der gewandte, welt- und redekundige Mann mitten im
Gespräch absprang, von Abseitigem zu reden begann. Oder daß er mitten
im Wort einhielt, mit dem Kopf wackelte, mummelte, ganz schwieg. Dann
wieder erschien etwa der peinlich nach der letzten Mode Gekleidete ohne
Kniegürtel oder machte sonst einen unbegreiflichen Toilettefehler. Sehr
merkwürdig war sein Benehmen zu den Frauen. Er sprach und bewegte sich
vor ihnen mit größter Courtoisie, aber es konnte geschehen, daß er ihnen in
aller Verbindlichkeit etwas dermaßen Zotiges sagte, daß selbst der General
Remchingen darüber stutzte. Auch wollte man wissen, daß er, von dem
früher nie dergleichen bekannt war, jetzt galante Liaisons unterhielt.
Sonderbarerweise bevorzugte er solche Damen, die nach allgemeiner
Meinung durch die Hände des Süß gegangen waren.
An den Süß attachierte er sich noch mehr als früher. Dies fiel auf. Denn
in der nächsten Umgebung des Herzogs wußte man, daß der Jude nicht
mehr so unmittelbar im Nabel der Macht saß wie vor Monaten. Auch hätte
Weißensee bei der Vertrauensstellung, die er als Haupt des katholischen
Projekts genoß, dieses Schwänzeln und Schmeicheln um den Finanzdirektor
nicht not gehabt. Allein er ließ keine Gelegenheit ungenutzt, ihn zu
sprechen, ihn zu betasten, ja, er gab sich so vertraulich, daß der
argwöhnische Süß glaubte, er wolle ihn ausholen, ihn stürzen und sich vor
ihm mit jeder Vorsicht spickte. Dann wieder geschah es unvermutet, daß der
Kirchenratsdirektor mit unziemlichem Gespöttel auf des Süß Judentum
hinwies, was er bisher sorglich vermieden hatte. Er fragte ihn etwa nach der
Bedeutung gewisser hebräischer Worte, und trotzdem Süß sehr ablehnend
betonte, er habe sein bißchen Hebräisch längst vergessen, wiederholte er
diese Frage mehrmals, und dies in größerer Gesellschaft.
Für einen Abend bat er plötzlich und sehr wichtig Bilfinger und
Harpprecht zu sich, seine beiden alten Freunde. Die Herren kamen auch
sogleich, fragten besorgt, hilfsbereit, was es denn sei. Aber es war nichts;
Weißensee brauchte irgendeine durchsichtig leere Ausflucht. Die Herren,
verblüfft, sahen sich an, sahen ihn an, erkannten seine Not, blieben. Da
saßen sie nun, Schulkameraden, sehr umgetrieben alle drei, begabt von
Natur alle drei und wohlgefüllt mit allem Wissen der Zeit, geachtete
Namen, in starker Position. Da saßen sie und tranken, und die beiden
breiten und behäbigen Männer waren einsilbig, während der schlanke,
elegante Weißensee sehr vieles und Gleichgültig-Geistreiches sprach und
Es kam vor, daß der gewandte, welt- und redekundige Mann mitten im
Gespräch absprang, von Abseitigem zu reden begann. Oder daß er mitten
im Wort einhielt, mit dem Kopf wackelte, mummelte, ganz schwieg. Dann
wieder erschien etwa der peinlich nach der letzten Mode Gekleidete ohne
Kniegürtel oder machte sonst einen unbegreiflichen Toilettefehler. Sehr
merkwürdig war sein Benehmen zu den Frauen. Er sprach und bewegte sich
vor ihnen mit größter Courtoisie, aber es konnte geschehen, daß er ihnen in
aller Verbindlichkeit etwas dermaßen Zotiges sagte, daß selbst der General
Remchingen darüber stutzte. Auch wollte man wissen, daß er, von dem
früher nie dergleichen bekannt war, jetzt galante Liaisons unterhielt.
Sonderbarerweise bevorzugte er solche Damen, die nach allgemeiner
Meinung durch die Hände des Süß gegangen waren.
An den Süß attachierte er sich noch mehr als früher. Dies fiel auf. Denn
in der nächsten Umgebung des Herzogs wußte man, daß der Jude nicht
mehr so unmittelbar im Nabel der Macht saß wie vor Monaten. Auch hätte
Weißensee bei der Vertrauensstellung, die er als Haupt des katholischen
Projekts genoß, dieses Schwänzeln und Schmeicheln um den Finanzdirektor
nicht not gehabt. Allein er ließ keine Gelegenheit ungenutzt, ihn zu
sprechen, ihn zu betasten, ja, er gab sich so vertraulich, daß der
argwöhnische Süß glaubte, er wolle ihn ausholen, ihn stürzen und sich vor
ihm mit jeder Vorsicht spickte. Dann wieder geschah es unvermutet, daß der
Kirchenratsdirektor mit unziemlichem Gespöttel auf des Süß Judentum
hinwies, was er bisher sorglich vermieden hatte. Er fragte ihn etwa nach der
Bedeutung gewisser hebräischer Worte, und trotzdem Süß sehr ablehnend
betonte, er habe sein bißchen Hebräisch längst vergessen, wiederholte er
diese Frage mehrmals, und dies in größerer Gesellschaft.
Für einen Abend bat er plötzlich und sehr wichtig Bilfinger und
Harpprecht zu sich, seine beiden alten Freunde. Die Herren kamen auch
sogleich, fragten besorgt, hilfsbereit, was es denn sei. Aber es war nichts;
Weißensee brauchte irgendeine durchsichtig leere Ausflucht. Die Herren,
verblüfft, sahen sich an, sahen ihn an, erkannten seine Not, blieben. Da
saßen sie nun, Schulkameraden, sehr umgetrieben alle drei, begabt von
Natur alle drei und wohlgefüllt mit allem Wissen der Zeit, geachtete
Namen, in starker Position. Da saßen sie und tranken, und die beiden
breiten und behäbigen Männer waren einsilbig, während der schlanke,
elegante Weißensee sehr vieles und Gleichgültig-Geistreiches sprach und
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fast ängstlich bemüht war, kein Schweigen aufkommen zu lassen.
Unvermittelt fragte ihn Bilfinger, wie weit sein Bibelkommentar gediehen
sei. Die Bücher der Andreas Adam Hochstetter, Christian Eberhard
Weißmann, Johann Reinhard Hedinger über diese Materie seien doch
eigentlich bestenfalls braver Durchschnitt, und man entbehre sehr des
Freundes vorhabendes Werk. Weißensee mit einem fahlen und fahrigen
Lächeln und einer leeren Handbewegung meinte, es wäre vielleicht besser
gewesen, er hätte sich nie von Hirsau weggerührt und wäre zeitlebens über
dieser Arbeit gesessen. „Ja,“ sagte Harpprecht und eigentlich war dies keine
Antwort, „es ist eine schmutzige Zeit, alle Wege sind schmutzig, und es ist
verflucht schwer, sich sauber zu halten.“
Die politische Stellung Weißensees wurde immer mehrdeutiger. Er
vereinte Unvereinbares. Er saß im Elfer-Ausschuß des Parlaments,
formulierte und stilisierte die Beschwerden der Demokraten gegen das
Willkürregiment des Herzogs und war eben dieses Herzogs illegitimer
Schwiegervater und Vertrauter. Er konferierte mit Süß, mit den Jesuiten,
den Generälen und verfaßte schwungvolle Apologien der Konstitution und
der evangelischen Freiheiten. Er hatte seine Töpfe auf allen Feuern, seine
Schlingen in allen Wäldern. Der frühere Weißensee wäre selig gewesen, so
vieler Komplotte, Intrigen, Konventikel, komplizierter Machinationen
Hebel und Angel zu sein. Wäre selig aufgegangen in diesem atemlosen
Betrieb, dieser zappelnd-wirbelnden, hunderthändig wichtigen
Geschäftigkeit. Der Kirchenratsdirektor ließ wohl auch jetzt Aug und Hand
in jeder Aktion, aber zum Staunen aller zog er sich plötzlich mitten im
tollsten Getriebe zurück, erklärte, er müsse rasten, setzte sich nach Hirsau
in sein verödetes Haus über seinen Bibelkommentar.
Er kam nicht voran damit. Verdrießlich sah er auf die dicken
Kompendien der Weißmann, Hedinger, Hochstetter, die umständlich und
wacker den gleichen Acker gepflügt hatten. Ach, noch lange werden die
Studenten an dieser zähen Weisheit zu kauen haben. Ach, es wird noch gute
Weile dauern, bis er diesen Riesenkörper wird mit Herz und Leben gefüllt
haben.
Nein, es ging nicht voran mit dem Werk. Wohl brannte die Lampe tief in
die Nacht über seinen Büchern; aber seine Augen sahen nicht die
Buchstaben, nicht die krausen griechischen, nicht die festen deutschen,
nicht die blockigen hebräischen. Sahen eine, die nicht da war; bräunliche,
flaumige, männlich kühne Wangen, blaue, starke Augen in seltsamem
Unvermittelt fragte ihn Bilfinger, wie weit sein Bibelkommentar gediehen
sei. Die Bücher der Andreas Adam Hochstetter, Christian Eberhard
Weißmann, Johann Reinhard Hedinger über diese Materie seien doch
eigentlich bestenfalls braver Durchschnitt, und man entbehre sehr des
Freundes vorhabendes Werk. Weißensee mit einem fahlen und fahrigen
Lächeln und einer leeren Handbewegung meinte, es wäre vielleicht besser
gewesen, er hätte sich nie von Hirsau weggerührt und wäre zeitlebens über
dieser Arbeit gesessen. „Ja,“ sagte Harpprecht und eigentlich war dies keine
Antwort, „es ist eine schmutzige Zeit, alle Wege sind schmutzig, und es ist
verflucht schwer, sich sauber zu halten.“
Die politische Stellung Weißensees wurde immer mehrdeutiger. Er
vereinte Unvereinbares. Er saß im Elfer-Ausschuß des Parlaments,
formulierte und stilisierte die Beschwerden der Demokraten gegen das
Willkürregiment des Herzogs und war eben dieses Herzogs illegitimer
Schwiegervater und Vertrauter. Er konferierte mit Süß, mit den Jesuiten,
den Generälen und verfaßte schwungvolle Apologien der Konstitution und
der evangelischen Freiheiten. Er hatte seine Töpfe auf allen Feuern, seine
Schlingen in allen Wäldern. Der frühere Weißensee wäre selig gewesen, so
vieler Komplotte, Intrigen, Konventikel, komplizierter Machinationen
Hebel und Angel zu sein. Wäre selig aufgegangen in diesem atemlosen
Betrieb, dieser zappelnd-wirbelnden, hunderthändig wichtigen
Geschäftigkeit. Der Kirchenratsdirektor ließ wohl auch jetzt Aug und Hand
in jeder Aktion, aber zum Staunen aller zog er sich plötzlich mitten im
tollsten Getriebe zurück, erklärte, er müsse rasten, setzte sich nach Hirsau
in sein verödetes Haus über seinen Bibelkommentar.
Er kam nicht voran damit. Verdrießlich sah er auf die dicken
Kompendien der Weißmann, Hedinger, Hochstetter, die umständlich und
wacker den gleichen Acker gepflügt hatten. Ach, noch lange werden die
Studenten an dieser zähen Weisheit zu kauen haben. Ach, es wird noch gute
Weile dauern, bis er diesen Riesenkörper wird mit Herz und Leben gefüllt
haben.
Nein, es ging nicht voran mit dem Werk. Wohl brannte die Lampe tief in
die Nacht über seinen Büchern; aber seine Augen sahen nicht die
Buchstaben, nicht die krausen griechischen, nicht die festen deutschen,
nicht die blockigen hebräischen. Sahen eine, die nicht da war; bräunliche,
flaumige, männlich kühne Wangen, blaue, starke Augen in seltsamem
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Widerspiel zu dem dunklen Haar. Sahen sie im stillen Kreis der Lampe,
verschlossen, mit kindhaft wichtigem Gesicht. Die Tage schlurfte er durch
die Räume, wie waren sie weit und leer! schlurfte in Pantoffeln, ohne
Perücke, vernachlässigt, schnupperte in die Winkel, strich mit der feinen,
dürren Hand zärtlich über eine Tischdecke, die Lehne eines Sofas,
abwesend, mit verrenktem Lächeln.
Dann ließ er den Magister Jaakob Polykarp Schober vor sich rufen. Der
erschrak gewaltig. Sicher wird ihn der Kirchenratsdirektor wegen seines
Glaubens zur Rede stellen, ihn der Sektiererei bezichtigen, vor Gericht
schleppen, einkerkern, unstet und flüchtig über die Erde jagen. Jetzt, wo
seine Tochter nicht mehr im Bibelkollegium sitzt, kann er ja alle Rücksicht
fallen lassen. Dem pausbäckigen Mann brach der Schweiß aus, seine
frommen Kinderaugen wurden sehr rund und ängstlich, er lief mit kurzen
Schritten, bedrückt schnaufend, auf und ab. Aber sehr bald kriegte er seinen
Schreck klein. Wenn Gott ihn zum Märtyrer bestimmt hat, so wird er solche
Auserwählung dankbar auf sich nehmen. So trat er, wenngleich merklich
schwitzend, so doch aufrecht und mannesmutig vor den Prälaten und hub
sogleich an, streitbar von den drei Männern im Feuerofen zu sprechen.
Doch Weißensee, zunächst erstaunt, unterbrach ihn bald, erklärte
verbindlich, er habe ihn durchaus nicht in amtlicher Eigenschaft zu sich
gebeten, er habe nur den alten Freund seiner Tochter wieder einmal sehen
und sprechen wollen. Der Magister, sehr erleichtert, sprach einfältig,
herzlich und ehrerbietig von Magdalen Sibylle, und wie der ganze Kreis
diese fromme, edle und erlesene Schwester vermisse. Weißensee hörte
gierig zu, der Magister machte sich im stillen Vorwürfe, daß er den
aimablen Herrn für einen Wüterich und Holofernes habe ästimieren können,
und taute mehr und mehr auf. Der Kirchenratsdirektor befriedete sich
sichtlich an dem wohltuend schlichten Geschwätz, er kam öfters mit dem
Magister zusammen, ja, die beiden machten gemeinsame Spaziergänge im
Wald. Zaghaft begann schließlich Schober von seinen Versen zu sprechen,
er rezitierte sein Poem: „Nahrungssorgen und Gottvertrauen“ und jenes
andere von Jesus dem besten Rechenmeister. Als Weißensee freundlich
zuhörte, als er gar etwas von Drucklegung verlauten ließ, gewann diese
Leutseligkeit des großen und gelehrten Herrn den jungen Menschen ganz
ohne Vorbehalt. So, daß er, dem schon lange das Herz fast bersten wollte,
ihm sein Geheimnis von der Prinzessin aus dem Himmlischen Jerusalem
und dem argen Juden, ihrem Vater, anvertraute.
verschlossen, mit kindhaft wichtigem Gesicht. Die Tage schlurfte er durch
die Räume, wie waren sie weit und leer! schlurfte in Pantoffeln, ohne
Perücke, vernachlässigt, schnupperte in die Winkel, strich mit der feinen,
dürren Hand zärtlich über eine Tischdecke, die Lehne eines Sofas,
abwesend, mit verrenktem Lächeln.
Dann ließ er den Magister Jaakob Polykarp Schober vor sich rufen. Der
erschrak gewaltig. Sicher wird ihn der Kirchenratsdirektor wegen seines
Glaubens zur Rede stellen, ihn der Sektiererei bezichtigen, vor Gericht
schleppen, einkerkern, unstet und flüchtig über die Erde jagen. Jetzt, wo
seine Tochter nicht mehr im Bibelkollegium sitzt, kann er ja alle Rücksicht
fallen lassen. Dem pausbäckigen Mann brach der Schweiß aus, seine
frommen Kinderaugen wurden sehr rund und ängstlich, er lief mit kurzen
Schritten, bedrückt schnaufend, auf und ab. Aber sehr bald kriegte er seinen
Schreck klein. Wenn Gott ihn zum Märtyrer bestimmt hat, so wird er solche
Auserwählung dankbar auf sich nehmen. So trat er, wenngleich merklich
schwitzend, so doch aufrecht und mannesmutig vor den Prälaten und hub
sogleich an, streitbar von den drei Männern im Feuerofen zu sprechen.
Doch Weißensee, zunächst erstaunt, unterbrach ihn bald, erklärte
verbindlich, er habe ihn durchaus nicht in amtlicher Eigenschaft zu sich
gebeten, er habe nur den alten Freund seiner Tochter wieder einmal sehen
und sprechen wollen. Der Magister, sehr erleichtert, sprach einfältig,
herzlich und ehrerbietig von Magdalen Sibylle, und wie der ganze Kreis
diese fromme, edle und erlesene Schwester vermisse. Weißensee hörte
gierig zu, der Magister machte sich im stillen Vorwürfe, daß er den
aimablen Herrn für einen Wüterich und Holofernes habe ästimieren können,
und taute mehr und mehr auf. Der Kirchenratsdirektor befriedete sich
sichtlich an dem wohltuend schlichten Geschwätz, er kam öfters mit dem
Magister zusammen, ja, die beiden machten gemeinsame Spaziergänge im
Wald. Zaghaft begann schließlich Schober von seinen Versen zu sprechen,
er rezitierte sein Poem: „Nahrungssorgen und Gottvertrauen“ und jenes
andere von Jesus dem besten Rechenmeister. Als Weißensee freundlich
zuhörte, als er gar etwas von Drucklegung verlauten ließ, gewann diese
Leutseligkeit des großen und gelehrten Herrn den jungen Menschen ganz
ohne Vorbehalt. So, daß er, dem schon lange das Herz fast bersten wollte,
ihm sein Geheimnis von der Prinzessin aus dem Himmlischen Jerusalem
und dem argen Juden, ihrem Vater, anvertraute.
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Aufhorchte da Weißensee. Abfiel seine Müdigkeit, Fahrigkeit. Tagelang
streifte er mit dem über solche Ehre strahlenden Magister durch den Wald.
Stand am Holzzaun, ließ sich jede Einzelheit wieder und wieder erzählen.
Forschte nach dem Alten, dem Holländer, Mynheer Gabriel Oppenheimer
van Straaten. Kombinierte. Bekam zwar Naemi nicht zu sehen, setzte sich
aber aus all der Mosaik die Wahrheit ziemlich getreu zusammen.
Lang in die Nacht hinein brannte auch jetzt seine Lampe. Aber nicht
mehr schlurfte der Prälat mit unsicheren, vergreisten Schritten; federnd,
jung ging er durch seine weiten, weißen Räume, seine regen Träume füllten
sie mit Menschen und künftigen Begebenheiten. Tief und gekitzelt lächelten
seine feinen und sehr beweglichen Lippen, und manchmal wohl sprach er,
Akteur seiner Träume, vor sich hin: „Voyons donc, mein Herr Geheimer
Finanzienrat!“ oder: „Ei, ei, wer war sich das vermutend, Exzellenz?“
Ja, wer war sich das vermutend! Man war ein alter Fuchs, man hatte das
Leben und die Menschen von allen Seiten bewittert und beschnuppert. Man
bildete sich ein, sich auf Menschengesichter zu verstehen. Und mußte
wieder einmal erkennen, daß auf diesem großen Welttheater doch immer
noch mehr Schminke und Maske ist, als selbst der ausgekochteste Zweifler
supponiert. Wer hätte das geahnt? Er rief das Gesicht des Juden vor sich in
sein einsames, nachtstilles Zimmer. Er schloß die Augen und spähte es aus,
Zug um Zug, den gelüstigen, sehr roten Mund, die weißen, kalten,
eleganten Wangen, das unbarmherzige, zufahrende Kinn, die lauersamen,
raschen, fliegenden Augen, die glatte, unverträumte Stirn mit den
Rechnerbuckeln über den Brauen. Wer hätte hinter diesem eiskalten,
eisklaren Geschäfts- und Machtmenschen die sentimentalische Idylle im
Wald von Hirsau gesucht! Ei, ei, mein Herr Finanzdirektor! Wie Sie vor mir
gestanden waren an jenem üblen Abend in Ihrem Palais! Was für eine
wache, mondäne, medisante Miene Sie hatten! Ei, ei, mein Herr Hebräer,
ich hätte mich wohl sollen ein weniges mehr zusammennehmen. Ich war
wohl ein wenig faselig und plapperig und habe mich nicht ganz à la mode
geführt an jenem Abend. Ich saß wohl sehr elend und vertan auf meinem
Stuhl, dieweilen Sie rank und schlank und schneidig vor mir standen, und
das Mark krümelte sich kurios in meinem Gebein. Nun ja, ich wäre wohl
neugierig, wie sich Euer Exzellenz führen in einem ähnlichen Fall.
Der Kirchenratsdirektor Philipp Heinrich von Weißensee hielt ein auf
seinem Gang durchs Zimmer. Die Lampe brannte still durch den weiten
Raum, plump surrte ein Nachtfalter, die vielen Bücher ringsum schauten
streifte er mit dem über solche Ehre strahlenden Magister durch den Wald.
Stand am Holzzaun, ließ sich jede Einzelheit wieder und wieder erzählen.
Forschte nach dem Alten, dem Holländer, Mynheer Gabriel Oppenheimer
van Straaten. Kombinierte. Bekam zwar Naemi nicht zu sehen, setzte sich
aber aus all der Mosaik die Wahrheit ziemlich getreu zusammen.
Lang in die Nacht hinein brannte auch jetzt seine Lampe. Aber nicht
mehr schlurfte der Prälat mit unsicheren, vergreisten Schritten; federnd,
jung ging er durch seine weiten, weißen Räume, seine regen Träume füllten
sie mit Menschen und künftigen Begebenheiten. Tief und gekitzelt lächelten
seine feinen und sehr beweglichen Lippen, und manchmal wohl sprach er,
Akteur seiner Träume, vor sich hin: „Voyons donc, mein Herr Geheimer
Finanzienrat!“ oder: „Ei, ei, wer war sich das vermutend, Exzellenz?“
Ja, wer war sich das vermutend! Man war ein alter Fuchs, man hatte das
Leben und die Menschen von allen Seiten bewittert und beschnuppert. Man
bildete sich ein, sich auf Menschengesichter zu verstehen. Und mußte
wieder einmal erkennen, daß auf diesem großen Welttheater doch immer
noch mehr Schminke und Maske ist, als selbst der ausgekochteste Zweifler
supponiert. Wer hätte das geahnt? Er rief das Gesicht des Juden vor sich in
sein einsames, nachtstilles Zimmer. Er schloß die Augen und spähte es aus,
Zug um Zug, den gelüstigen, sehr roten Mund, die weißen, kalten,
eleganten Wangen, das unbarmherzige, zufahrende Kinn, die lauersamen,
raschen, fliegenden Augen, die glatte, unverträumte Stirn mit den
Rechnerbuckeln über den Brauen. Wer hätte hinter diesem eiskalten,
eisklaren Geschäfts- und Machtmenschen die sentimentalische Idylle im
Wald von Hirsau gesucht! Ei, ei, mein Herr Finanzdirektor! Wie Sie vor mir
gestanden waren an jenem üblen Abend in Ihrem Palais! Was für eine
wache, mondäne, medisante Miene Sie hatten! Ei, ei, mein Herr Hebräer,
ich hätte mich wohl sollen ein weniges mehr zusammennehmen. Ich war
wohl ein wenig faselig und plapperig und habe mich nicht ganz à la mode
geführt an jenem Abend. Ich saß wohl sehr elend und vertan auf meinem
Stuhl, dieweilen Sie rank und schlank und schneidig vor mir standen, und
das Mark krümelte sich kurios in meinem Gebein. Nun ja, ich wäre wohl
neugierig, wie sich Euer Exzellenz führen in einem ähnlichen Fall.
Der Kirchenratsdirektor Philipp Heinrich von Weißensee hielt ein auf
seinem Gang durchs Zimmer. Die Lampe brannte still durch den weiten
Raum, plump surrte ein Nachtfalter, die vielen Bücher ringsum schauten
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stumm und gelassen, durch das offene Fenster drang stark der Hauch des
nächtlichen Waldes. War das Rache, womit er sich da abgab? Waren das
Rachepläne? Fi donc, er besudelte sich nicht mit so bürgerlich gemeinen
Empfindungen. Er war nur – ja, was war er? neugierig, neugierig war er,
wie der Jude sich halten wird. Ob er auch plötzlich so schlapp und alt sein
wird und was überhaupt er tun wird. Ei ja, sehr sehenswert wird das sein,
höchst lehrreich wird das sein, viel interessanter, als was es gemeinhin in
den Romanen zu lesen, auf den Komödienbühnen zu sehen gibt.
„Voyons donc, Exzellenz! Eh voilà, mein Herr Geheimderat!“ sagte der
feine, elegante Prälat vor sich hin, tief und gekitzelt lächelnd. Dann setzte er
sich über seinen Bibelkommentar, sehr belebt; mit abschätzigen, spöttischen
Augen glitt er über die wackeren Arbeiten der Hochstetter, Weißmann,
Hedinger, der braven, umständlichen, gelehrten Männer, und flink und
fröhlich ging ihm jetzt das Werk vonstatten.
Unterdes hatten die Sendlinge des Würzburger Bischofs still und zäh in
Stuttgart weitergearbeitet. Hell im Licht standen jetzt neue Männer, Militärs
zumeist, die sich wenig um den Süß kümmerten und bei äußerlich gutem
Einvernehmen ihre Verachtung des Juden nicht verbargen. Da war der
General Oberburggraf von Röder, ein ungeschlachter Mann, dann der
Kommandant vom Asperg, Oberstleutnant von Bouwighausen, ferner ein
Rudel lärmvoller und farbiger Offiziere, die jetzt immerzu wie ein Zaun um
den Herzog waren, die Obersten Tornacka und Laubsky, der Rittmeister
Buckow. Ein anderer Offizier sodann, der dem Süß besonders zuwider war,
der Major von Röder, Vetter des Burggrafen, Kommandant der berittenen
Stuttgarter Bürgergarde, des Stadtreiterkorps, ein knarrender Mann, niedere
Stirn, harter Mund, rohe Tatzen, doppelt unförmig in den Handschuhen.
Doch am meisten zu Haß und Ekel blieb dem Juden jener Dom Bartelemi
Pancorbo, der kurpfälzische Geheimrat, Tabaksmanufaktur- und
Kommerziengeneraldirektor, der Juwelenhändler, der jetzt wieder ins Licht
rückte, die rechte Schulter wie stets kurios hochgezogen, immer in streng
zeremoniöser, verschollener portugiesischer Hoftracht, über mächtiger
Halskrause das blaurote, verdrückte, entfleischte Gesicht mit der Geiernase
und dem gefärbten Knebelbart, hinter faltigem Lid nach dem Süß äugend
mit länglichen, starren, schmalen Augen.
nächtlichen Waldes. War das Rache, womit er sich da abgab? Waren das
Rachepläne? Fi donc, er besudelte sich nicht mit so bürgerlich gemeinen
Empfindungen. Er war nur – ja, was war er? neugierig, neugierig war er,
wie der Jude sich halten wird. Ob er auch plötzlich so schlapp und alt sein
wird und was überhaupt er tun wird. Ei ja, sehr sehenswert wird das sein,
höchst lehrreich wird das sein, viel interessanter, als was es gemeinhin in
den Romanen zu lesen, auf den Komödienbühnen zu sehen gibt.
„Voyons donc, Exzellenz! Eh voilà, mein Herr Geheimderat!“ sagte der
feine, elegante Prälat vor sich hin, tief und gekitzelt lächelnd. Dann setzte er
sich über seinen Bibelkommentar, sehr belebt; mit abschätzigen, spöttischen
Augen glitt er über die wackeren Arbeiten der Hochstetter, Weißmann,
Hedinger, der braven, umständlichen, gelehrten Männer, und flink und
fröhlich ging ihm jetzt das Werk vonstatten.
Unterdes hatten die Sendlinge des Würzburger Bischofs still und zäh in
Stuttgart weitergearbeitet. Hell im Licht standen jetzt neue Männer, Militärs
zumeist, die sich wenig um den Süß kümmerten und bei äußerlich gutem
Einvernehmen ihre Verachtung des Juden nicht verbargen. Da war der
General Oberburggraf von Röder, ein ungeschlachter Mann, dann der
Kommandant vom Asperg, Oberstleutnant von Bouwighausen, ferner ein
Rudel lärmvoller und farbiger Offiziere, die jetzt immerzu wie ein Zaun um
den Herzog waren, die Obersten Tornacka und Laubsky, der Rittmeister
Buckow. Ein anderer Offizier sodann, der dem Süß besonders zuwider war,
der Major von Röder, Vetter des Burggrafen, Kommandant der berittenen
Stuttgarter Bürgergarde, des Stadtreiterkorps, ein knarrender Mann, niedere
Stirn, harter Mund, rohe Tatzen, doppelt unförmig in den Handschuhen.
Doch am meisten zu Haß und Ekel blieb dem Juden jener Dom Bartelemi
Pancorbo, der kurpfälzische Geheimrat, Tabaksmanufaktur- und
Kommerziengeneraldirektor, der Juwelenhändler, der jetzt wieder ins Licht
rückte, die rechte Schulter wie stets kurios hochgezogen, immer in streng
zeremoniöser, verschollener portugiesischer Hoftracht, über mächtiger
Halskrause das blaurote, verdrückte, entfleischte Gesicht mit der Geiernase
und dem gefärbten Knebelbart, hinter faltigem Lid nach dem Süß äugend
mit länglichen, starren, schmalen Augen.
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Diese alle, dazu die anderen alten Feinde, Remchingen, der
Kammerdiener Neuffer, staken jetzt in dem katholischen Projekt. Süß, so
klar und weit er das Ganze überschaute, viel klarer als die groben,
großspurig törichten Offiziere, sah sich außerhalb dieses Planes. Er erfuhr
wichtiges nebenher oder gar nicht; nur wenn man seinen finanztechnischen
Rat unbedingt brauchte, teilte man ihm lustlos, von obenher, beiläufig das
eine oder andere mit. Ja, einmal, wie er sich leise etwas weiter vortastete,
schnauzte ihn der Herzog grob an, er solle solche Spioniererei ein für
allemal lassen. Wenn es Zeit sei, mit dieser Katze durch den Bach zu
fahren, werde man es ihm, vielleicht! sagen.
Karl Alexander, rascher als er erhofft und völlig wiederhergestellt, war
groß tätig und gut gelaunt. Dazu kam, daß die von dem Würzburger
erwirkte Versöhnung mit Marie Auguste die erwünschten Folgen gehabt
hatte; die Herzogin war schwanger. Das Land hörte diese Botschaft
mißvergnügt. Wäre der Herzog kinderlos gestorben, so wäre die
protestantische Linie wieder ans Regiment gekommen; so aber sah man
sich Rom und den Jesuiten aufs Unabsehbare ausgeliefert. Die
angeordneten Bittgottesdienste für die Herzogin waren schlecht besucht;
nur wer mußte, kam.
Aber der Herzog freute sich täppisch. Er sprach jedem von dem zu
erwartenden Erben, breites Vergnügen über dem fleischigen, sanguinischen
Gesicht, er machte derbe Witze, umgab Marie Auguste mit plumpen
Rücksichten. Der war diese Schwangerschaft durchaus nicht gelegen
gekommen. Sie fürchtete die Entstellung, sie fürchtete auch sonst
Behinderung durch das Kind, sie hatte Angst und Ekel vor der Entbindung;
überdies erschien ihr Mutterschaft an sich als etwas Genantes, Plebejisches,
einer Aristokratin nicht Anstehendes. Sie dachte auch daran, die
Schwangerschaft beseitigen zu lassen, ja, sie machte schon dem Doktor
Wendelin Breyer Andeutungen solcher Art. Doch der Medikus verstand sie
nicht oder wollte sie nicht verstehen. Mit weitläufigen, entschuldigenden
Bewegungen sprach er mit seiner hohlen, angestrengten Stimme vom Glück
der Mutterschaft, er bezog sich auf die Antike, erwähnte die Mutter der
Gracchen und jene andere Heldenmutter, die ihren Sohn lieber auf dem
Schild als ohne ihn zurückkehren sehen wollte. Seufzend, in Gedanken
auch an die simpel generalsmäßige Einstellung des Herzogs, gab Marie
Auguste es auf.
Kammerdiener Neuffer, staken jetzt in dem katholischen Projekt. Süß, so
klar und weit er das Ganze überschaute, viel klarer als die groben,
großspurig törichten Offiziere, sah sich außerhalb dieses Planes. Er erfuhr
wichtiges nebenher oder gar nicht; nur wenn man seinen finanztechnischen
Rat unbedingt brauchte, teilte man ihm lustlos, von obenher, beiläufig das
eine oder andere mit. Ja, einmal, wie er sich leise etwas weiter vortastete,
schnauzte ihn der Herzog grob an, er solle solche Spioniererei ein für
allemal lassen. Wenn es Zeit sei, mit dieser Katze durch den Bach zu
fahren, werde man es ihm, vielleicht! sagen.
Karl Alexander, rascher als er erhofft und völlig wiederhergestellt, war
groß tätig und gut gelaunt. Dazu kam, daß die von dem Würzburger
erwirkte Versöhnung mit Marie Auguste die erwünschten Folgen gehabt
hatte; die Herzogin war schwanger. Das Land hörte diese Botschaft
mißvergnügt. Wäre der Herzog kinderlos gestorben, so wäre die
protestantische Linie wieder ans Regiment gekommen; so aber sah man
sich Rom und den Jesuiten aufs Unabsehbare ausgeliefert. Die
angeordneten Bittgottesdienste für die Herzogin waren schlecht besucht;
nur wer mußte, kam.
Aber der Herzog freute sich täppisch. Er sprach jedem von dem zu
erwartenden Erben, breites Vergnügen über dem fleischigen, sanguinischen
Gesicht, er machte derbe Witze, umgab Marie Auguste mit plumpen
Rücksichten. Der war diese Schwangerschaft durchaus nicht gelegen
gekommen. Sie fürchtete die Entstellung, sie fürchtete auch sonst
Behinderung durch das Kind, sie hatte Angst und Ekel vor der Entbindung;
überdies erschien ihr Mutterschaft an sich als etwas Genantes, Plebejisches,
einer Aristokratin nicht Anstehendes. Sie dachte auch daran, die
Schwangerschaft beseitigen zu lassen, ja, sie machte schon dem Doktor
Wendelin Breyer Andeutungen solcher Art. Doch der Medikus verstand sie
nicht oder wollte sie nicht verstehen. Mit weitläufigen, entschuldigenden
Bewegungen sprach er mit seiner hohlen, angestrengten Stimme vom Glück
der Mutterschaft, er bezog sich auf die Antike, erwähnte die Mutter der
Gracchen und jene andere Heldenmutter, die ihren Sohn lieber auf dem
Schild als ohne ihn zurückkehren sehen wollte. Seufzend, in Gedanken
auch an die simpel generalsmäßige Einstellung des Herzogs, gab Marie
Auguste es auf.
Page 229
Gierig hingegen und angenehm übergruselt hörte sie zu, wie Süß
gelegentlich von Lilith erzählte, der Dämonenkönigin. Diese, die
langhaarige, geflügelte, Adams erste Frau, hatte Streit mit ihrem Gatten;
denn er war ihr beim fleischlichen Verkehr nicht so zu Willen, wie sie es
verlangte. Da sprach sie mit schwarzer Kunst den verbotenen Gottesnamen
und flog nach Aegypten, dem Land alles bösen Zaubers. Seither, hassend
Eva und jede gesunde Ehe, bedroht sie Wöchnerin und Säugling mit Fluch
und argem Schaden. Doch es ereilten sie in Aegypten die drei Engel, die
Gott ihr nachgesandt, Senoi, Sansenoi und Semangelof. Zuerst wollten sie
sie ertränken; dann aber ließen sie sie frei, nachdem sie mit dem Eid der
Dämonen hatte schwören müssen, keine Wöchnerin zu schädigen und
keinen Säugling, die durch die Namen der drei Engel geschützt sind.
Deshalb schützen die jüdischen Frauen ihr Wochenbett durch Amulette mit
den Namen der drei Engel.
Gekitzelt, leise überschauert, fragte die Herzogin vertraulich den Juden,
ob er ihr nicht ein solches Amulett beschaffen könne. Gewiß könne er das,
versicherte er eifrig ergeben. Sie erzählte dann bei Gelegenheit ihrem
Beichtvater davon, dem Pater Florian. Der verwarnte sie wild und dringlich.
Aber sie beschloß dennoch, sich das Amulett geben zu lassen. Besser war
besser, und nach Benützung konnte sie es ja beichten.
Im übrigen nahm sie ihre Schwangerschaft nach der ihr gemäßen Art in
einer leichten, spöttischen Manier. Sie gab sich wie jemand, der, in leichtem
Sommergewand in ein Gewitter geraten, die durchnäßten Kleider gegen
Bauerntracht vertauscht und sich jetzt über solche Mummerei überlegen
amüsiert.
So saß sie am Weihnachtsabend gebrechlich und ziervoll, ganz in weißen,
hauchenen Spitzen, aus denen überzart in der Farbe alten, edlen Marmors
der Eidechsenkopf unter dem strahlend schwarzen Haar spitzbübisch
züngelte. Um sie her die kleine Assemblée der Vertrauten, die für den
Christabend geladen waren. Der Herzog hatte den Süß ausschließen wollen.
Aber Marie Auguste hatte mit ihrem amüsanten und galanten Hofjuden,
seitdem er ihr jene Geschichte von dem Amulett gegen die Lilith erzählt
hatte, ein besonderes, heimliches und wortloses Einverständnis und wollte
ihn auch an diesem Abend nicht missen. Er empfand es gerade in der
Isolierung dieser Zeit als Genugtuung, zugezogen zu werden. In ehrlicher
Dankbarkeit verehrte er der Herzogin als Präsent eine sehr hübsche
Gemme, in die ein gefatschter Säugling geschnitten war, und eine ziervolle
gelegentlich von Lilith erzählte, der Dämonenkönigin. Diese, die
langhaarige, geflügelte, Adams erste Frau, hatte Streit mit ihrem Gatten;
denn er war ihr beim fleischlichen Verkehr nicht so zu Willen, wie sie es
verlangte. Da sprach sie mit schwarzer Kunst den verbotenen Gottesnamen
und flog nach Aegypten, dem Land alles bösen Zaubers. Seither, hassend
Eva und jede gesunde Ehe, bedroht sie Wöchnerin und Säugling mit Fluch
und argem Schaden. Doch es ereilten sie in Aegypten die drei Engel, die
Gott ihr nachgesandt, Senoi, Sansenoi und Semangelof. Zuerst wollten sie
sie ertränken; dann aber ließen sie sie frei, nachdem sie mit dem Eid der
Dämonen hatte schwören müssen, keine Wöchnerin zu schädigen und
keinen Säugling, die durch die Namen der drei Engel geschützt sind.
Deshalb schützen die jüdischen Frauen ihr Wochenbett durch Amulette mit
den Namen der drei Engel.
Gekitzelt, leise überschauert, fragte die Herzogin vertraulich den Juden,
ob er ihr nicht ein solches Amulett beschaffen könne. Gewiß könne er das,
versicherte er eifrig ergeben. Sie erzählte dann bei Gelegenheit ihrem
Beichtvater davon, dem Pater Florian. Der verwarnte sie wild und dringlich.
Aber sie beschloß dennoch, sich das Amulett geben zu lassen. Besser war
besser, und nach Benützung konnte sie es ja beichten.
Im übrigen nahm sie ihre Schwangerschaft nach der ihr gemäßen Art in
einer leichten, spöttischen Manier. Sie gab sich wie jemand, der, in leichtem
Sommergewand in ein Gewitter geraten, die durchnäßten Kleider gegen
Bauerntracht vertauscht und sich jetzt über solche Mummerei überlegen
amüsiert.
So saß sie am Weihnachtsabend gebrechlich und ziervoll, ganz in weißen,
hauchenen Spitzen, aus denen überzart in der Farbe alten, edlen Marmors
der Eidechsenkopf unter dem strahlend schwarzen Haar spitzbübisch
züngelte. Um sie her die kleine Assemblée der Vertrauten, die für den
Christabend geladen waren. Der Herzog hatte den Süß ausschließen wollen.
Aber Marie Auguste hatte mit ihrem amüsanten und galanten Hofjuden,
seitdem er ihr jene Geschichte von dem Amulett gegen die Lilith erzählt
hatte, ein besonderes, heimliches und wortloses Einverständnis und wollte
ihn auch an diesem Abend nicht missen. Er empfand es gerade in der
Isolierung dieser Zeit als Genugtuung, zugezogen zu werden. In ehrlicher
Dankbarkeit verehrte er der Herzogin als Präsent eine sehr hübsche
Gemme, in die ein gefatschter Säugling geschnitten war, und eine ziervolle
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chinesische Kinderklapper aus Porzellan und Elfenbein; äußerst fein
geschnitzte bezopfte Männer kletterten den Stiel hinauf mit beweglichen
Köpfen, und winzig kleine Pagoden läuteten und klapperten. Als drittes
aber mit einem Lächeln voll Geheimnis und Verehrung überreichte er ihr
ein kleines goldenes Etui; sie wußte, darin war das Amulett.
Doch die anderen, mißvergnügt, daß Süß noch immer so fest in Gunst
stand, empfanden ihn gerade an diesem Abend als Eindringling und fielen
mit plumpen, bösartigen Späßen über ihn her. Der Herzog, ein Wort
Remchingens aufnehmend, mahnte Marie Auguste, sie solle sich nicht an
dem Juden versehen, daß Württemberg keinen krummnäsigen Herzog
bekomme. Marie Auguste lächelte nur. Heimlich streichelte sie das kleine
Etui; heimlich, von den anderen ungesehen, nahm sie das Amulett heraus,
betrachtete es: ein Pergamentstreifen, mit roten, blockigen hebräischen
Buchstaben beschrieben; dazwischen schlangen sich, zackten sich
beunruhigend krause Figuren, hockten komisch und bedrohlich primitive
Vögel.
Süß hörte indes Sticheleien und grobe Attacken mit der gleichen
aufmerksamen und gelassenen Verbindlichkeit an. Später dann wandte er
sich an den Herzog und Weißensee, er habe gehört, wie der Herzog und der
Herr Kirchenratsdirektor gelegentlich über den katholischen und den
evangelischen Text des Weihnachtsevangeliums debattiert hätten, ob die
evangelische Lesart: „und den Menschen ein Wohlgefallen“ oder die
katholische: „den Menschen, die guten Willens sind“ die richtige sei. Er
freute sich, als kleines Weihnachtsgeschenk einen Beitrag zur Lösung
dieses Problems beibringen zu können. Einigermaßen verblüfft sahen die
Herren ihn an, auch die anderen schwiegen und horchten skeptisch und
spöttisch auf, während Süß höflich und gleichmütig fortfuhr: Seit dem
Professor Baruch d’Espinosa, den der höchstselige pfälzische Kurfürst an
seine Universität Heidelberg habe berufen wollen, hätten seine
Glaubensgenossen sich eingehend mit dem wissenschaftlichen Studium
auch des Neuen Testaments befaßt. Er habe nun wegen der besagten
Textstelle an einen Geschäftsfreund nach Amsterdam geschrieben und
folgende Auskunft erhalten. Im griechischen Text heiße es „eudokias“, was
die Vulgata und die Katholiken richtig mit „bonae voluntatis, guten
Willens“ übersetzten. Erasmus aber habe seine Bibel nach einem
Manuskript gedruckt, in dem fälschlich „eudokia“, ohne s, stand, und
danach habe Luther: „ein Wohlgefallen“ übersetzt. Erasmus wäre sicherlich
geschnitzte bezopfte Männer kletterten den Stiel hinauf mit beweglichen
Köpfen, und winzig kleine Pagoden läuteten und klapperten. Als drittes
aber mit einem Lächeln voll Geheimnis und Verehrung überreichte er ihr
ein kleines goldenes Etui; sie wußte, darin war das Amulett.
Doch die anderen, mißvergnügt, daß Süß noch immer so fest in Gunst
stand, empfanden ihn gerade an diesem Abend als Eindringling und fielen
mit plumpen, bösartigen Späßen über ihn her. Der Herzog, ein Wort
Remchingens aufnehmend, mahnte Marie Auguste, sie solle sich nicht an
dem Juden versehen, daß Württemberg keinen krummnäsigen Herzog
bekomme. Marie Auguste lächelte nur. Heimlich streichelte sie das kleine
Etui; heimlich, von den anderen ungesehen, nahm sie das Amulett heraus,
betrachtete es: ein Pergamentstreifen, mit roten, blockigen hebräischen
Buchstaben beschrieben; dazwischen schlangen sich, zackten sich
beunruhigend krause Figuren, hockten komisch und bedrohlich primitive
Vögel.
Süß hörte indes Sticheleien und grobe Attacken mit der gleichen
aufmerksamen und gelassenen Verbindlichkeit an. Später dann wandte er
sich an den Herzog und Weißensee, er habe gehört, wie der Herzog und der
Herr Kirchenratsdirektor gelegentlich über den katholischen und den
evangelischen Text des Weihnachtsevangeliums debattiert hätten, ob die
evangelische Lesart: „und den Menschen ein Wohlgefallen“ oder die
katholische: „den Menschen, die guten Willens sind“ die richtige sei. Er
freute sich, als kleines Weihnachtsgeschenk einen Beitrag zur Lösung
dieses Problems beibringen zu können. Einigermaßen verblüfft sahen die
Herren ihn an, auch die anderen schwiegen und horchten skeptisch und
spöttisch auf, während Süß höflich und gleichmütig fortfuhr: Seit dem
Professor Baruch d’Espinosa, den der höchstselige pfälzische Kurfürst an
seine Universität Heidelberg habe berufen wollen, hätten seine
Glaubensgenossen sich eingehend mit dem wissenschaftlichen Studium
auch des Neuen Testaments befaßt. Er habe nun wegen der besagten
Textstelle an einen Geschäftsfreund nach Amsterdam geschrieben und
folgende Auskunft erhalten. Im griechischen Text heiße es „eudokias“, was
die Vulgata und die Katholiken richtig mit „bonae voluntatis, guten
Willens“ übersetzten. Erasmus aber habe seine Bibel nach einem
Manuskript gedruckt, in dem fälschlich „eudokia“, ohne s, stand, und
danach habe Luther: „ein Wohlgefallen“ übersetzt. Erasmus wäre sicherlich
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auf den Fehler gekommen, wenn er nicht solche Eile gehabt hätte. Aber er
hatte den Ehrgeiz, mit seinem Bibeldruck dem des Kardinals Ximenes
zuvorzukommen. Darum also sei bei allem Respekt vor der Gelehrsamkeit
des Herrn Kirchenratsdirektors das lutherische Weihnachtsevangelium hier
nicht in Ordnung und Seine Durchlaucht hätten den rechten Text.
Süß brachte diese Erklärung bescheiden, höflich und sachlich vor. Was er
sagte, war so einleuchtend, daß sogar von den Offizieren der eine oder
andere es verstand; und Marie Auguste freute sich über die Gescheitheit
ihres Hofjuden. Aber die anderen alle ärgerten sich, daß der Jude am
Weihnachtsabend das Evangelium so sachkundig auseinanderblätterte, und
Remchingen polterte, jetzt also schacherten die Juden nicht nur mit
Wechseln und Juwelen, sondern auch mit dem Wort Gottes. Weißensee
verbreitete sich über die Stellung der Frau im Alten und im Neuen
Testament. Dies war ein Thema, in das er sich unter dem schmerzhaften
Erkennen und Erleben der letzten Zeit auch in seinem Bibelkommentar wild
verbissen hatte. Im Neuen Testament: die Madonna, im Alten: die tausend
Weiber des Salomo. Er sprach glatt, elegant, geschmeidig, verbindlich, wie
das seine Art war. Aber es klang irgend etwas Verstecktes, so Feindseliges
durch, daß Magdalen Sibylle tief erblaßte und daß ihre Hand ganz kalt
wurde.
Sie saß neben der ziervollen, launischen Marie Auguste schön und
stattlich. Die Herzogin hielt ihre Hand, streichelte sie, es tat ihr wohl, mit
ihrer kleinen, gepflegten, fleischigen Hand die große des Mädchens zu
streicheln. Magdalen Sibylle rang von neuem und leidvoller um den Süß.
Sie übersah nicht klar die politische Konstellation, aber sie sah, daß er sehr
allein stand, sie sah lauter Feinde um ihn herum, er kam ihr vor wie ein
schlanker, schmeidiger Panther unter plumpen, zottigen Bären. Und sie
ahnte auch die seltsame Verstrickung zwischen ihm und dem Herzog und
zwischen ihm und ihrem Vater.
Süß sagte leichthin, nach seinem Geschmack seien weder die Damen aus
dem Alten, noch die aus dem Neuen Testament. Die einen seien ihm zu
heroisch, die anderen zu sentimentalisch. Und seine Augen glitten mit
beredtem Schmeicheln von der Herzogin, deren neugierig lüsternes
Wohlwollen ihn angenehm überrieselte, zu Magdalen Sibylle, die ihm
willkommen fester Grund und Bestätigung war, von der rotblonden,
pompösen Madame de Castro, der klugen Rechnerin, die, merklich kühler,
die Mariage immer noch nicht ganz aufgegeben hatte, zu den süßen Damen
hatte den Ehrgeiz, mit seinem Bibeldruck dem des Kardinals Ximenes
zuvorzukommen. Darum also sei bei allem Respekt vor der Gelehrsamkeit
des Herrn Kirchenratsdirektors das lutherische Weihnachtsevangelium hier
nicht in Ordnung und Seine Durchlaucht hätten den rechten Text.
Süß brachte diese Erklärung bescheiden, höflich und sachlich vor. Was er
sagte, war so einleuchtend, daß sogar von den Offizieren der eine oder
andere es verstand; und Marie Auguste freute sich über die Gescheitheit
ihres Hofjuden. Aber die anderen alle ärgerten sich, daß der Jude am
Weihnachtsabend das Evangelium so sachkundig auseinanderblätterte, und
Remchingen polterte, jetzt also schacherten die Juden nicht nur mit
Wechseln und Juwelen, sondern auch mit dem Wort Gottes. Weißensee
verbreitete sich über die Stellung der Frau im Alten und im Neuen
Testament. Dies war ein Thema, in das er sich unter dem schmerzhaften
Erkennen und Erleben der letzten Zeit auch in seinem Bibelkommentar wild
verbissen hatte. Im Neuen Testament: die Madonna, im Alten: die tausend
Weiber des Salomo. Er sprach glatt, elegant, geschmeidig, verbindlich, wie
das seine Art war. Aber es klang irgend etwas Verstecktes, so Feindseliges
durch, daß Magdalen Sibylle tief erblaßte und daß ihre Hand ganz kalt
wurde.
Sie saß neben der ziervollen, launischen Marie Auguste schön und
stattlich. Die Herzogin hielt ihre Hand, streichelte sie, es tat ihr wohl, mit
ihrer kleinen, gepflegten, fleischigen Hand die große des Mädchens zu
streicheln. Magdalen Sibylle rang von neuem und leidvoller um den Süß.
Sie übersah nicht klar die politische Konstellation, aber sie sah, daß er sehr
allein stand, sie sah lauter Feinde um ihn herum, er kam ihr vor wie ein
schlanker, schmeidiger Panther unter plumpen, zottigen Bären. Und sie
ahnte auch die seltsame Verstrickung zwischen ihm und dem Herzog und
zwischen ihm und ihrem Vater.
Süß sagte leichthin, nach seinem Geschmack seien weder die Damen aus
dem Alten, noch die aus dem Neuen Testament. Die einen seien ihm zu
heroisch, die anderen zu sentimentalisch. Und seine Augen glitten mit
beredtem Schmeicheln von der Herzogin, deren neugierig lüsternes
Wohlwollen ihn angenehm überrieselte, zu Magdalen Sibylle, die ihm
willkommen fester Grund und Bestätigung war, von der rotblonden,
pompösen Madame de Castro, der klugen Rechnerin, die, merklich kühler,
die Mariage immer noch nicht ganz aufgegeben hatte, zu den süßen Damen
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Götz, die, genau nach dem Vorbild der Mutter die Tochter, sich dem Herzog
noch immer weigerten.
Remchingen beharrte bei dem Thema von dem Alten Testament. In dem
plärrenden Wienerisch, das er, der im Augsburgischen Geborene, sich
angewöhnt hatte, weil er es für aristokratisch hielt, meinte er, nach dem
Gemauschel, das man zu Zeiten höre, müsse die Heilige Schrift im Urtext
als recht ein ärgerliches und zuwideres Gequäke und Gegurgel klingen.
„Glauben Sie, Exzellenz,“ fragte sehr höflich Süß zurück, „daß unser
Herrgott mit Adam im Paradies wird wienerisch oder daß er mit ihm wird
hebräisch parliert haben?“ Die Herzogin lachte, freute sich über ihres Juden
feines Maulwerk, über Remchingens Abfuhr, streichelte verstohlen das Etui
mit ihrem Amulett, ließ in ein Schweigen hinein die Glöckchen der
Kinderklapper fein und zärtlich klingeln. Aber der Burggraf Röder erachtete
es für nötig, dem Remchingen zu sekundieren. Er wandte sich an die
Herzogin, es sei gut, daß Ihro Durchlaucht noch nicht so weit seien. Die
Kinder, die heute nacht geboren würden, hätten nichts zu lachen. Und da
war man denn endlich da, wo man schon lange hin wollte, und man sprach
eingehend, umständlich und gewichtig, dieweil Süß zäh schwieg, von dem
Eßlinger Kindermord. Die Offiziere vor allem hatte das Argument, daß das
Mädchen in der Christnacht geboren war, durchaus überzeugt. Nur Herr von
Riolles, der ein Freigeist war, meinte, wenn wirklich die Juden die in der
Christnacht Geborenen gefährdeten, so hätte Jesus von Nazareth einfach
eine andere Nacht sollen für seine Geburt wählen; dann wäre ihm das
Kreuz, uns allen das Christentum erspart geblieben.
Indessen hatte der Geheimrat Pancorbo die Herzogin gebeten, die
Geschenke des Süß näher betrachten zu dürfen. Mit seinen dürren,
blauroten, gichtknotigen Fingern betastete er sie, nah an die Geiernase vor
die starren, länglichen, tief in den Höhlen versteckten Augen führte er sie;
dann äußerte er sich sachlich und eingehend über das wertlose Material der
von Süß geschenkten Gemme und der Kinderklapper, und daß es im
Juwelenhandel Usus sei, solches Zeug umsonst dreinzugeben. Hämisch im
Gegensatz wies er wieder einmal darauf hin, wie ungeheuren Wert der
Solitär habe, den Süß selber am Finger trage, und aus ihren tiefen Höhlen
blinzelten hinter faltigem Lid die schmalen Augen gierig nach dem Ring.
Doch Marie Auguste verteidigte ihren Juden. Dies sei keineswegs alles, was
er ihr geschenkt habe, sagte sie mit ihrer gleitenden, lässigen, leicht
spöttischen Stimme, und sie wies das Amulett vor, und sie erzählte die
noch immer weigerten.
Remchingen beharrte bei dem Thema von dem Alten Testament. In dem
plärrenden Wienerisch, das er, der im Augsburgischen Geborene, sich
angewöhnt hatte, weil er es für aristokratisch hielt, meinte er, nach dem
Gemauschel, das man zu Zeiten höre, müsse die Heilige Schrift im Urtext
als recht ein ärgerliches und zuwideres Gequäke und Gegurgel klingen.
„Glauben Sie, Exzellenz,“ fragte sehr höflich Süß zurück, „daß unser
Herrgott mit Adam im Paradies wird wienerisch oder daß er mit ihm wird
hebräisch parliert haben?“ Die Herzogin lachte, freute sich über ihres Juden
feines Maulwerk, über Remchingens Abfuhr, streichelte verstohlen das Etui
mit ihrem Amulett, ließ in ein Schweigen hinein die Glöckchen der
Kinderklapper fein und zärtlich klingeln. Aber der Burggraf Röder erachtete
es für nötig, dem Remchingen zu sekundieren. Er wandte sich an die
Herzogin, es sei gut, daß Ihro Durchlaucht noch nicht so weit seien. Die
Kinder, die heute nacht geboren würden, hätten nichts zu lachen. Und da
war man denn endlich da, wo man schon lange hin wollte, und man sprach
eingehend, umständlich und gewichtig, dieweil Süß zäh schwieg, von dem
Eßlinger Kindermord. Die Offiziere vor allem hatte das Argument, daß das
Mädchen in der Christnacht geboren war, durchaus überzeugt. Nur Herr von
Riolles, der ein Freigeist war, meinte, wenn wirklich die Juden die in der
Christnacht Geborenen gefährdeten, so hätte Jesus von Nazareth einfach
eine andere Nacht sollen für seine Geburt wählen; dann wäre ihm das
Kreuz, uns allen das Christentum erspart geblieben.
Indessen hatte der Geheimrat Pancorbo die Herzogin gebeten, die
Geschenke des Süß näher betrachten zu dürfen. Mit seinen dürren,
blauroten, gichtknotigen Fingern betastete er sie, nah an die Geiernase vor
die starren, länglichen, tief in den Höhlen versteckten Augen führte er sie;
dann äußerte er sich sachlich und eingehend über das wertlose Material der
von Süß geschenkten Gemme und der Kinderklapper, und daß es im
Juwelenhandel Usus sei, solches Zeug umsonst dreinzugeben. Hämisch im
Gegensatz wies er wieder einmal darauf hin, wie ungeheuren Wert der
Solitär habe, den Süß selber am Finger trage, und aus ihren tiefen Höhlen
blinzelten hinter faltigem Lid die schmalen Augen gierig nach dem Ring.
Doch Marie Auguste verteidigte ihren Juden. Dies sei keineswegs alles, was
er ihr geschenkt habe, sagte sie mit ihrer gleitenden, lässigen, leicht
spöttischen Stimme, und sie wies das Amulett vor, und sie erzählte die
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Geschichte von Lilith, der Dämonenkönigin. Scheu und gekitzelt hörte man
zu, beschaute man die primitiven, bedrohlichen Vögel, die blockigen,
unheimlichen Buchstaben des Pergaments. Bis endlich Karl Alexander mit
lautem, etwas gewaltsamem Lachen die Lähmung löste, gutmütig und
lärmvoll spottend, sie werde noch Jüdin werden, und sie könne sich freuen,
daß sie sich wenigstens nicht werde müssen beschneiden lassen.
Doch nach der Tafel nahm er den Süß beiseite, haute ihn auf die Schulter,
war sehr gnädig. Das mit dem katholischen und evangelischen Text, wie er
da eine so runde, einleuchtende Erklärung habe schaffen können, das sei
sehr amüsant gewesen, und er sei doch ein Tausendsassa. Unvermittelt dann
sprach er dem geschmeichelten Süß von dem Magus, ob man den nicht
einmal könne wieder zu sehen kriegen. Er wisse schon, von wegen dem,
womit er nicht habe herausrücken wollen. Süß, unbehaglich, wich aus. Karl
Alexander bestand nicht, sagte, es sei ja wahr, dem Magus sei schwer
beizukommen, er sei ein schwieriger Onkel. Aber eines müsse der Süß ihm
schaffen: ein Horoskop von dem Magus über das, was er sich für die
Zukunft von den Frauen Böses oder Gutes zu versehen habe. Nach der
Affäre mit der Napolitanerin, nach dem Auf und Ab mit der Herzogin, bei
dem blöden, zimpferlichen Getue der Damen Götz wolle er darüber was
wissen. Es sei nur recht und billig, daß ihm der Süß von dem Kabbalisten
das Horoskop darüber stellen lasse. Nachdem er der Herzogin das Amulett
beschafft habe, werde er ihm wohl auch den Gefallen tun; und nachdem er
so Schwieriges beigebracht habe wie jene Bibelerklärung, müsse ihm das
doch ein leichtes sein. Süß konnte nicht wohl ablehnen, zauderte, gab nach.
Man trennte sich bald. Die katholischen Herrschaften wollten noch in die
Schloßkapelle zur Mette. Weißensee bat den Süß, ihn begleiten zu dürfen.
Die Herren schickten die Wagen voraus, gingen zu Fuß. Die Nacht war
lau, starker, erregender Wind ging. Weißensee kam auf sein Thema zurück,
wie seltsam es sei, daß die morgenländischen Geschichten sich nun im
ganzen Erdteil so fest angesiedelt hätten. Er sprach vom deutschen Wald,
wie kurios es sein müßte, wenn man dahinein plötzlich so irgendein
morgenländisches Gebäu stelle. In seiner Gegend, im Wald von Hirsau,
habe ein Holländer diese sonderbare Intention gehabt. Unter solchen Reden
war man vor dem Haus des Juden in der Seegasse angelangt, und der
Kirchenratsdirektor verabschiedete sich besonders umständlich und
verbindlich. Sowie sein Bibelkommentar, in dem die liebenswürdige
Auskunft des Süß eine besondere Stelle finden werde, fertig sei, werde er
zu, beschaute man die primitiven, bedrohlichen Vögel, die blockigen,
unheimlichen Buchstaben des Pergaments. Bis endlich Karl Alexander mit
lautem, etwas gewaltsamem Lachen die Lähmung löste, gutmütig und
lärmvoll spottend, sie werde noch Jüdin werden, und sie könne sich freuen,
daß sie sich wenigstens nicht werde müssen beschneiden lassen.
Doch nach der Tafel nahm er den Süß beiseite, haute ihn auf die Schulter,
war sehr gnädig. Das mit dem katholischen und evangelischen Text, wie er
da eine so runde, einleuchtende Erklärung habe schaffen können, das sei
sehr amüsant gewesen, und er sei doch ein Tausendsassa. Unvermittelt dann
sprach er dem geschmeichelten Süß von dem Magus, ob man den nicht
einmal könne wieder zu sehen kriegen. Er wisse schon, von wegen dem,
womit er nicht habe herausrücken wollen. Süß, unbehaglich, wich aus. Karl
Alexander bestand nicht, sagte, es sei ja wahr, dem Magus sei schwer
beizukommen, er sei ein schwieriger Onkel. Aber eines müsse der Süß ihm
schaffen: ein Horoskop von dem Magus über das, was er sich für die
Zukunft von den Frauen Böses oder Gutes zu versehen habe. Nach der
Affäre mit der Napolitanerin, nach dem Auf und Ab mit der Herzogin, bei
dem blöden, zimpferlichen Getue der Damen Götz wolle er darüber was
wissen. Es sei nur recht und billig, daß ihm der Süß von dem Kabbalisten
das Horoskop darüber stellen lasse. Nachdem er der Herzogin das Amulett
beschafft habe, werde er ihm wohl auch den Gefallen tun; und nachdem er
so Schwieriges beigebracht habe wie jene Bibelerklärung, müsse ihm das
doch ein leichtes sein. Süß konnte nicht wohl ablehnen, zauderte, gab nach.
Man trennte sich bald. Die katholischen Herrschaften wollten noch in die
Schloßkapelle zur Mette. Weißensee bat den Süß, ihn begleiten zu dürfen.
Die Herren schickten die Wagen voraus, gingen zu Fuß. Die Nacht war
lau, starker, erregender Wind ging. Weißensee kam auf sein Thema zurück,
wie seltsam es sei, daß die morgenländischen Geschichten sich nun im
ganzen Erdteil so fest angesiedelt hätten. Er sprach vom deutschen Wald,
wie kurios es sein müßte, wenn man dahinein plötzlich so irgendein
morgenländisches Gebäu stelle. In seiner Gegend, im Wald von Hirsau,
habe ein Holländer diese sonderbare Intention gehabt. Unter solchen Reden
war man vor dem Haus des Juden in der Seegasse angelangt, und der
Kirchenratsdirektor verabschiedete sich besonders umständlich und
verbindlich. Sowie sein Bibelkommentar, in dem die liebenswürdige
Auskunft des Süß eine besondere Stelle finden werde, fertig sei, werde er
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sich die Ehre geben, dem Herrn Finanzdirektor mit als erstem ein Exemplar
zu überreichen.
Süß schritt durch die matterleuchtete Vorhalle. Es klang ihm in den
Ohren: O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit. Auf
leisen Sohlen erschien der Kammerdiener, ob er Seine Exzellenz schon
auskleiden dürfe. Süß winkte ab. Er konnte nicht schlafen. Lag ihm der
Föhn im Blut? Und was der alte Fuchs da gesagt hatte von Hirsau, es klang
ja sehr harmlos, auch war ja das Haus des Oheims eigentlich nicht
morgenländisch; aber war in den Worten des Weißensee nicht doch ein
Hinterhalt?
Er setzte sich an seine Akten. Allein die Ziffern schauten ihn nicht mit
der kalten Sachlichkeit an wie sonst. Das krause Gerank des weißen Hauses
mit seinen Blumen hängte sich an sie. Er warf den Kiel weg, ging auf und
ab in splitternden, unbehaglichen Gedanken, während ringsum die Glocken
der Mette läuteten.
Isaak Landauer saß in unschöner, unbequemer Haltung in einem der
prunkvollen Sessel des Süß. Man hatte die geschäftlichen Dinge zu Ende
gesprochen, und Süß, durch die schmuddelige Gegenwart des anderen
gereizt, wartete nervös auf seinen Aufbruch. Doch Isaak Landauer traf
keinerlei Anstalt, er strähnte sich den rotblonden, verfärbten Bart und sagte:
„Ja, der Prozeß gegen den Reb Jecheskel Seligmann Freudenthal ist also in
vier Wochen. Unbehaglich, Reb Josef Süß. Muß Euch sein besonders
unbehaglich. Da habt Ihr Eure Lakaien, Eure Chineser, Euren goldenen
Rock, Euren Papagei. Aber die Eßlinger spucken Euch drauf und bringen
um den Reb Jecheskel Seligmann Freudenthal.“ Da der andere schwieg,
fuhr er fort: „Wenn ich Euch gesprochen hab von dem Ravensburger
Kindermord, habt Ihr gemacht ein Gesicht, hoffärtig wie ein Goj, und habt
gesagt: Alte Geschichten. Jetzt seht Ihr’s mit Euren alten Geschichten, jetzt
springt Euch das Schlamassel an den eigenen Hals.“
Aber Josef Süß schwieg zäh. Als die ersten Nachrichten gekommen
waren von den Maßnahmen der Eßlinger, hatte er natürlich sogleich
erkannt, daß sie gegen ihn gerichtet waren, nur gegen ihn. Er wollte
zufahren, zwang sich, seinen Zorn zu überschlafen, das Für und Wider eines
Eingreifens in aller Ruhe zu überdenken. Nahm er Partei für den Jecheskel
zu überreichen.
Süß schritt durch die matterleuchtete Vorhalle. Es klang ihm in den
Ohren: O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit. Auf
leisen Sohlen erschien der Kammerdiener, ob er Seine Exzellenz schon
auskleiden dürfe. Süß winkte ab. Er konnte nicht schlafen. Lag ihm der
Föhn im Blut? Und was der alte Fuchs da gesagt hatte von Hirsau, es klang
ja sehr harmlos, auch war ja das Haus des Oheims eigentlich nicht
morgenländisch; aber war in den Worten des Weißensee nicht doch ein
Hinterhalt?
Er setzte sich an seine Akten. Allein die Ziffern schauten ihn nicht mit
der kalten Sachlichkeit an wie sonst. Das krause Gerank des weißen Hauses
mit seinen Blumen hängte sich an sie. Er warf den Kiel weg, ging auf und
ab in splitternden, unbehaglichen Gedanken, während ringsum die Glocken
der Mette läuteten.
Isaak Landauer saß in unschöner, unbequemer Haltung in einem der
prunkvollen Sessel des Süß. Man hatte die geschäftlichen Dinge zu Ende
gesprochen, und Süß, durch die schmuddelige Gegenwart des anderen
gereizt, wartete nervös auf seinen Aufbruch. Doch Isaak Landauer traf
keinerlei Anstalt, er strähnte sich den rotblonden, verfärbten Bart und sagte:
„Ja, der Prozeß gegen den Reb Jecheskel Seligmann Freudenthal ist also in
vier Wochen. Unbehaglich, Reb Josef Süß. Muß Euch sein besonders
unbehaglich. Da habt Ihr Eure Lakaien, Eure Chineser, Euren goldenen
Rock, Euren Papagei. Aber die Eßlinger spucken Euch drauf und bringen
um den Reb Jecheskel Seligmann Freudenthal.“ Da der andere schwieg,
fuhr er fort: „Wenn ich Euch gesprochen hab von dem Ravensburger
Kindermord, habt Ihr gemacht ein Gesicht, hoffärtig wie ein Goj, und habt
gesagt: Alte Geschichten. Jetzt seht Ihr’s mit Euren alten Geschichten, jetzt
springt Euch das Schlamassel an den eigenen Hals.“
Aber Josef Süß schwieg zäh. Als die ersten Nachrichten gekommen
waren von den Maßnahmen der Eßlinger, hatte er natürlich sogleich
erkannt, daß sie gegen ihn gerichtet waren, nur gegen ihn. Er wollte
zufahren, zwang sich, seinen Zorn zu überschlafen, das Für und Wider eines
Eingreifens in aller Ruhe zu überdenken. Nahm er Partei für den Jecheskel
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Seligmann, so gefährdete er seine Nobilitierung und die Mariage mit der
Portugiesin, beschwor tausend aufreibende Kämpfe mit dem Parlament
herauf, mußte als Kompensation mannigfache Vorteile gegen die Eßlinger
preisgeben. Somit war seine Taktik klar. Er kannte den Juden Jecheskel
Seligmann nicht. Wenn die Eßlinger, bloß um ihn zu ärgern, ihre Justiz
durch einen offenbaren Fehlspruch kompromittieren wollten, mochten sie
es. Ihre Sache. Er wird sich nicht einmengen. Streng neutral bleiben. Eisern
schweigen.
Demgemäß handelte er. Beschränkte sich auf wirksame
Schutzmaßnahmen für die von ihm im Herzogtum zugelassenen Juden und
ihre etwas zweifelhaften Rechte. Ließ sich im übrigen durch keine Stichelei
und keinen Hohn aus seiner Passivität herauslocken.
Auch für die Reden Isaak Landauers, so sehr sie ihn ägrierten, hatte er
keine Antwort. Doch der andere beharrte eigensinnig: „Ich hab aufgekauft
mit ein paar anderen alle Schuldforderungen an die Stadt Eßlingen. Besteht
sie auf dem Prozeß, komme ich acht Tage vorher mit meinen Obligationen.
Läßt sie nach, laß ich nach. Drückt sie zu, drück ich zu. Aber man kann
nicht wissen,“ schloß er bekümmert und rieb sich die fröstelnden Hände.
„Diese Gojim sind geschlagen mit aller Bosheit und Dummheit. Wenn es
gegen einen Juden geht, wollen sie Blut lieber als Geld. Und Ihr, Reb Josef
Süß?“ fragte er endlich geradezu, da sonst kein Wort aus ihm
herauszupressen war.
Süß, lang vorbereitet, erwiderte ablehnend: „Ich kenne den Juden
Seligmann nicht. In meinem Bezirk werde ich mich zu schützen wissen.“
Aber Isaak Landauer erregte sich: „Kennt nicht! Werdet Euch zu
schützen wissen! Was heißt das! Sitzt da mit seinen Lakaien, seinem
goldenen Rock, seinen Chinesern und kennt nicht! Wird sich zu schützen
wissen! Laßt Euch sagen von einem alten Geschäftsmann: Wozu ist gut das
ganze Gelump, wer glaubt Euch das ganze Gelump, wer läßt sich dumm
machen davon, wenn Ihr nicht könnt schützen den Reb Jecheskel
Seligmann Freudenthal?“ Und er schwenkte aufgebracht die Hände vor dem
Gesicht des anderen, sein Kaftan flatterte zornig. „Papagei, Gobelins,
Steinköpfe! Wozu sind gut Steinköpfe?“ höhnte er giftig. „Moses der
Prophet und Salomo der König haben ihrer Lebtage nicht ausgeschaut wie
Eure weißen Steinköpfe! Und die Augen haben sie auch nicht immer zu
gehabt. Sonst hätten sie es nie so weit gebracht.“ Und er starrte, empört
durch das gelassene Schweigen des anderen, hitzig vor sich hin.
Portugiesin, beschwor tausend aufreibende Kämpfe mit dem Parlament
herauf, mußte als Kompensation mannigfache Vorteile gegen die Eßlinger
preisgeben. Somit war seine Taktik klar. Er kannte den Juden Jecheskel
Seligmann nicht. Wenn die Eßlinger, bloß um ihn zu ärgern, ihre Justiz
durch einen offenbaren Fehlspruch kompromittieren wollten, mochten sie
es. Ihre Sache. Er wird sich nicht einmengen. Streng neutral bleiben. Eisern
schweigen.
Demgemäß handelte er. Beschränkte sich auf wirksame
Schutzmaßnahmen für die von ihm im Herzogtum zugelassenen Juden und
ihre etwas zweifelhaften Rechte. Ließ sich im übrigen durch keine Stichelei
und keinen Hohn aus seiner Passivität herauslocken.
Auch für die Reden Isaak Landauers, so sehr sie ihn ägrierten, hatte er
keine Antwort. Doch der andere beharrte eigensinnig: „Ich hab aufgekauft
mit ein paar anderen alle Schuldforderungen an die Stadt Eßlingen. Besteht
sie auf dem Prozeß, komme ich acht Tage vorher mit meinen Obligationen.
Läßt sie nach, laß ich nach. Drückt sie zu, drück ich zu. Aber man kann
nicht wissen,“ schloß er bekümmert und rieb sich die fröstelnden Hände.
„Diese Gojim sind geschlagen mit aller Bosheit und Dummheit. Wenn es
gegen einen Juden geht, wollen sie Blut lieber als Geld. Und Ihr, Reb Josef
Süß?“ fragte er endlich geradezu, da sonst kein Wort aus ihm
herauszupressen war.
Süß, lang vorbereitet, erwiderte ablehnend: „Ich kenne den Juden
Seligmann nicht. In meinem Bezirk werde ich mich zu schützen wissen.“
Aber Isaak Landauer erregte sich: „Kennt nicht! Werdet Euch zu
schützen wissen! Was heißt das! Sitzt da mit seinen Lakaien, seinem
goldenen Rock, seinen Chinesern und kennt nicht! Wird sich zu schützen
wissen! Laßt Euch sagen von einem alten Geschäftsmann: Wozu ist gut das
ganze Gelump, wer glaubt Euch das ganze Gelump, wer läßt sich dumm
machen davon, wenn Ihr nicht könnt schützen den Reb Jecheskel
Seligmann Freudenthal?“ Und er schwenkte aufgebracht die Hände vor dem
Gesicht des anderen, sein Kaftan flatterte zornig. „Papagei, Gobelins,
Steinköpfe! Wozu sind gut Steinköpfe?“ höhnte er giftig. „Moses der
Prophet und Salomo der König haben ihrer Lebtage nicht ausgeschaut wie
Eure weißen Steinköpfe! Und die Augen haben sie auch nicht immer zu
gehabt. Sonst hätten sie es nie so weit gebracht.“ Und er starrte, empört
durch das gelassene Schweigen des anderen, hitzig vor sich hin.
Page 236
„Ein guter Jud wird sich hüten, mit Euch in Zukunft zu machen
Geschäfte,“ spielte er plötzlich starr, lauernd, bösartig seinen letzten Trumpf
aus. Aber Süß achselzuckte nur: „Ich lasse mir nichts abpressen,“ und
wandte ein feindseliges, hochfahrendes Gesicht weg. Es blieb Isaak
Landauer nichts übrig, als vor sich hinkläffend, heftig den schütteren Bart
strähnend, zu gehen.
Einige Wochen später, der Eßlinger Prozeß mußte nun bald stattfinden,
standen im Vorzimmer des Süß zehn jüdische Männer, an der Spitze Jaakob
Josua Falk, der kleine, welke Rabbiner von Frankfurt mit den
eingesunkenen Augen, mit ihm der Pfleger und die drei angesehensten
Vorstände seiner Gemeinde, und eine Deputation der Fürther Juden,
gleichermaßen zusammengesetzt. Sie waren in Freudenthal
zusammengetroffen, wo seit den Zeiten der Gräveniz eine kleine jüdische
Gemeinde saß, sie hatten die Frau des Jecheskel Seligmann aufgesucht;
doch die war stumpf und keiner Tröstung erreichbar. Sie waren dann, vom
Volk bösartig angeknurrt, nach Stuttgart gefahren, bei dem widerwilligen
Judenwirt abgestiegen. Sie hatten in großer und umständlicher Ordnung
gebetet, früh, nachmittags und am Abend, denn zehn Männer bildeten eine
Gemeinde, in der alle Feinheiten und Umwege der Gebetsordnung
abgewandelt werden konnten. Sie waren feierlich vor der Rolle der Heiligen
Schrift gestanden, die sie mit sich schleppten, sie hatten sie geküßt, erregt
und gesammelt, eingehüllt in ihre Gebetmäntel, die Riemen an Herz und
Hirn, das Gesicht gerichtet gegen Osten, gegen Zion. So hatten sie mit
Händen, Lippen und allen Gebeinen in großer, flackernder Not und Andacht
gebetet. Und nun standen sie matt und erregt, in Schläfenlocken und
schwerem Kaftan, den spitzen Judenhut auf dem Kopf, den Fleck am
Aermel, im Vorzimmer des Süß zwischen Büsten, Stuck, Gobelins, Gold
und Lapislazuli. Sie schwitzten und sprachen nur selten ein flüsterndes,
heiser gurgelndes Wort. Eine Spieluhr schlug die volle Stunde und spielte
eine dünne, silbern rieselnde Melodie, und sie warteten, bis der Geheime
Finanzienrat sie vorlassen würde.
Es fasteten aber an diesem Tag alle Juden in Deutschland, so über
dreizehn Jahr alt waren, achtzigtausend an Zahl.
Süß hätte die Deputation am liebsten nicht empfangen. Diese Leute
waren töricht. Sie mußten sich doch selber sagen, wenn er hätte eingreifen
wollen, hätte er es von alleine getan. So konnten sie ihn nur
kompromittieren. Das Parlament wies immer energischer auf die längst
Geschäfte,“ spielte er plötzlich starr, lauernd, bösartig seinen letzten Trumpf
aus. Aber Süß achselzuckte nur: „Ich lasse mir nichts abpressen,“ und
wandte ein feindseliges, hochfahrendes Gesicht weg. Es blieb Isaak
Landauer nichts übrig, als vor sich hinkläffend, heftig den schütteren Bart
strähnend, zu gehen.
Einige Wochen später, der Eßlinger Prozeß mußte nun bald stattfinden,
standen im Vorzimmer des Süß zehn jüdische Männer, an der Spitze Jaakob
Josua Falk, der kleine, welke Rabbiner von Frankfurt mit den
eingesunkenen Augen, mit ihm der Pfleger und die drei angesehensten
Vorstände seiner Gemeinde, und eine Deputation der Fürther Juden,
gleichermaßen zusammengesetzt. Sie waren in Freudenthal
zusammengetroffen, wo seit den Zeiten der Gräveniz eine kleine jüdische
Gemeinde saß, sie hatten die Frau des Jecheskel Seligmann aufgesucht;
doch die war stumpf und keiner Tröstung erreichbar. Sie waren dann, vom
Volk bösartig angeknurrt, nach Stuttgart gefahren, bei dem widerwilligen
Judenwirt abgestiegen. Sie hatten in großer und umständlicher Ordnung
gebetet, früh, nachmittags und am Abend, denn zehn Männer bildeten eine
Gemeinde, in der alle Feinheiten und Umwege der Gebetsordnung
abgewandelt werden konnten. Sie waren feierlich vor der Rolle der Heiligen
Schrift gestanden, die sie mit sich schleppten, sie hatten sie geküßt, erregt
und gesammelt, eingehüllt in ihre Gebetmäntel, die Riemen an Herz und
Hirn, das Gesicht gerichtet gegen Osten, gegen Zion. So hatten sie mit
Händen, Lippen und allen Gebeinen in großer, flackernder Not und Andacht
gebetet. Und nun standen sie matt und erregt, in Schläfenlocken und
schwerem Kaftan, den spitzen Judenhut auf dem Kopf, den Fleck am
Aermel, im Vorzimmer des Süß zwischen Büsten, Stuck, Gobelins, Gold
und Lapislazuli. Sie schwitzten und sprachen nur selten ein flüsterndes,
heiser gurgelndes Wort. Eine Spieluhr schlug die volle Stunde und spielte
eine dünne, silbern rieselnde Melodie, und sie warteten, bis der Geheime
Finanzienrat sie vorlassen würde.
Es fasteten aber an diesem Tag alle Juden in Deutschland, so über
dreizehn Jahr alt waren, achtzigtausend an Zahl.
Süß hätte die Deputation am liebsten nicht empfangen. Diese Leute
waren töricht. Sie mußten sich doch selber sagen, wenn er hätte eingreifen
wollen, hätte er es von alleine getan. So konnten sie ihn nur
kompromittieren. Das Parlament wies immer energischer auf die längst
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nicht mehr beachteten, aber formal noch gültigen Gesetze hin, die die
Anwesenheit von Juden im Herzogtum nur in Sonderfällen und mit vielen
Verklausulierungen erlaubten. Von dem Herzog hatte er nicht mehr erlangen
können als eine Erklärung, was seinen Finanzdirektor und die von diesem
zugelassenen Juden anlange, so lasse er sich die Hände nicht binden; im
übrigen möge es bei den alten Vorschriften bleiben. Die Landschaft hatte
daraufhin, den Eßlinger Fall nützend, diese alten, strengen Vorschriften
neuerlich und mit Nachdruck veröffentlicht. Seltsam war, daß an der Spitze
dieser Agitation im Parlament Weißensee stand. Wollte er seine katholische
Intrige hinter dem Kampf gegen die Juden verstecken?
Jedenfalls war unter solchen Umständen die jüdische Deputation
überflüssig, wenn nicht schädlich. Andererseits waren es die angesehensten
Männer deutscher Judenheit, die ihn zu sprechen wünschten; er mußte sie
wohl empfangen. Hätte er ihrer Bitte stattgeben können, so hätte es ihm
geschmeichelt, sie großartig als Schutzflehende anzuhören. So empfing er
sie ungern, fest gewillt, sie mit einem hinhaltenden Bescheid zu entlassen.
Eintraten die zehn jüdischen Männer, ungelenk, scharrend, hüstelnd,
umständlich, das kleine Kabinett sehr füllend. Schlank, elegant, gemessen
stand Süß den Schwerfälligen, Schnaufenden, Sich-bewegt-wiegenden
gegenüber.
Es sprach Jaakob Josua Falk, der Rabbiner von Frankfurt: „Wir haben
uns zusammengetan, die ganze Judenheit, und haben gewirkt mit Geld und
mit Präsentern. Aber es hat nicht wollen fruchten. Denn das Volk ist sehr
verhetzt, der Rat von Eßlingen will seine Judenheit schinden; es ist wohl
auch, um Euch zu ärgern, weil Ihr so mächtig seid bei Eurem Herzog. Die
Bosheit der Frevler ist groß, die Tücke Edoms hebt sich mächtig auf gegen
Israel. Sie frißt Geld, aber sie wird nicht sanfter.“
Da Süß nicht antwortete, sondern abwartend schwieg, begann der
Rabbiner von Fürth, ein beleibter, bekümmerter, behaarter Mann: „Es ist
keine Hilfe mehr, Reb Josef Süß, nur bei Euch. Der Reb Jecheskel
Seligmann Freudenthal ist zuständig nach Württemberg. Wir bitten Euch,
daß Ihr verlangt seine Auslieferung an den Herzog, daß seine Sach kann
verhandelt werden nach württembergischem Recht. Es ist keine andere
Hilfe mehr,“ schloß er, dringlich fordernd, gurgelnd, nah an Süß
heranrückend.
Der lehnte an seinem Schreibtisch, höflich, elegant, unberührt. „Der Jud
Jecheskel Seligmann“, erwiderte er sachlich, „hat keinen ordentlichen
Anwesenheit von Juden im Herzogtum nur in Sonderfällen und mit vielen
Verklausulierungen erlaubten. Von dem Herzog hatte er nicht mehr erlangen
können als eine Erklärung, was seinen Finanzdirektor und die von diesem
zugelassenen Juden anlange, so lasse er sich die Hände nicht binden; im
übrigen möge es bei den alten Vorschriften bleiben. Die Landschaft hatte
daraufhin, den Eßlinger Fall nützend, diese alten, strengen Vorschriften
neuerlich und mit Nachdruck veröffentlicht. Seltsam war, daß an der Spitze
dieser Agitation im Parlament Weißensee stand. Wollte er seine katholische
Intrige hinter dem Kampf gegen die Juden verstecken?
Jedenfalls war unter solchen Umständen die jüdische Deputation
überflüssig, wenn nicht schädlich. Andererseits waren es die angesehensten
Männer deutscher Judenheit, die ihn zu sprechen wünschten; er mußte sie
wohl empfangen. Hätte er ihrer Bitte stattgeben können, so hätte es ihm
geschmeichelt, sie großartig als Schutzflehende anzuhören. So empfing er
sie ungern, fest gewillt, sie mit einem hinhaltenden Bescheid zu entlassen.
Eintraten die zehn jüdischen Männer, ungelenk, scharrend, hüstelnd,
umständlich, das kleine Kabinett sehr füllend. Schlank, elegant, gemessen
stand Süß den Schwerfälligen, Schnaufenden, Sich-bewegt-wiegenden
gegenüber.
Es sprach Jaakob Josua Falk, der Rabbiner von Frankfurt: „Wir haben
uns zusammengetan, die ganze Judenheit, und haben gewirkt mit Geld und
mit Präsentern. Aber es hat nicht wollen fruchten. Denn das Volk ist sehr
verhetzt, der Rat von Eßlingen will seine Judenheit schinden; es ist wohl
auch, um Euch zu ärgern, weil Ihr so mächtig seid bei Eurem Herzog. Die
Bosheit der Frevler ist groß, die Tücke Edoms hebt sich mächtig auf gegen
Israel. Sie frißt Geld, aber sie wird nicht sanfter.“
Da Süß nicht antwortete, sondern abwartend schwieg, begann der
Rabbiner von Fürth, ein beleibter, bekümmerter, behaarter Mann: „Es ist
keine Hilfe mehr, Reb Josef Süß, nur bei Euch. Der Reb Jecheskel
Seligmann Freudenthal ist zuständig nach Württemberg. Wir bitten Euch,
daß Ihr verlangt seine Auslieferung an den Herzog, daß seine Sach kann
verhandelt werden nach württembergischem Recht. Es ist keine andere
Hilfe mehr,“ schloß er, dringlich fordernd, gurgelnd, nah an Süß
heranrückend.
Der lehnte an seinem Schreibtisch, höflich, elegant, unberührt. „Der Jud
Jecheskel Seligmann“, erwiderte er sachlich, „hat keinen ordentlichen
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Konsens von mir, er steht nicht in meinen Listen; es ist zweifelhaft, ob er
nach dem Herzogtum zuständig ist. Die Stadt Eßlingen wird opponieren bei
Kaiserlicher Majestät in Wien, die Landschaft wird sich dreinmelieren. Es
ist nicht opportun, daß ich seine Auslieferung verlange.“
„Nicht opportun!“ eiferte der Rabbiner von Fürth. Aber der kleine, welke,
milde Rabbiner von Frankfurt fiel ihm ins Wort: „Ihr habt viel für uns
getan. So haben wir gehofft, daß Ihr uns werdet helfen auch diesmal, damit
nicht vergossen werde dies unschuldige Blut.“ Doch der dicke, hitzige
Rabbiner von Fürth ließ sich nicht beschwichtigen. „Nicht opportun!“
erregte er sich. „Ein Menschenleben retten, einen Juden retten, der nichts
getan hat, nur daß er Jud ist, nicht opportun!“
„Ihr seht immer nur eins, Rabbi unser Lehrer,“ erwiderte Süß, und er
blieb höflich und ruhig und gab ihm seinen Titel. „Ich muß weiter sehen,
Zusammenhänge sehen, Zukunft sehen. Gesetzt den Fall, ich könnte den
Reb Jecheskel Seligmann retten, dann müßte ich solche Rettung bezahlen
mit Konzessionen an die Stadt Eßlingen, an den Kaiser. Ich kann mir solche
Mildherzigkeit nicht gestatten. Ihr habt Euer simples, klares Prinzip: da ist
ein Jud, der soll nicht sterben. Ich darf nicht so einfach handeln; ich muß
rechnen, zählen, wägen. Ihr habt bloß Eure jüdischen Sorgen, ich hab
tausend andere.“
Mit seiner milden, zittrigen Stimme erwiderte Jaakob Josua Falk, der
Rabbiner von Frankfurt: „Wie viele in Israel gäben ihr ganzes Hab und Gut
und mehr als das, um zu verhüten, daß dies unschuldige Blut vergossen
werde. Ihr könnt es hindern mit einem einzigen Federstrich. Sperrt Euer
Herz nicht zu, Reb Josef Süß!“ Und der feiste Rabbiner von Fürth fügte
hinzu: „Wollt Ihr die ganze Judenheit im Stich lassen, weil Ihr Angst habt
vor ein paar schalen Redereien, die sie könnten machen in der Landschaft?“
Süß lehnte noch immer am Schreibtisch, schlank, höflich, elegant, und
seine Ruhe war ein Damm gegen die Erregung der anderen, die schnaufend
und sehr bewegt das kleine Kabinett füllten. Aus seinen wölbigen, braunen
Augen schickte er einen raschen, bösen, hochmütigen Blick zu dem
dreisten, eifernden Rabbi; aber er hatte sich sogleich wieder im Zaum und
erwiderte gelassen: „Ich hab genug für die deutsche Judenheit getan, daß
jeder sieht, es fehlt mir nicht an gutem Willen. Wäre ich Christ geworden,
hätte ich mich abgekehrt von der Judenheit, nach dem römischen Kaiser
wäre ich heute der erste Mann im Reich. Aber ich war nicht feig, ich hab
nach dem Herzogtum zuständig ist. Die Stadt Eßlingen wird opponieren bei
Kaiserlicher Majestät in Wien, die Landschaft wird sich dreinmelieren. Es
ist nicht opportun, daß ich seine Auslieferung verlange.“
„Nicht opportun!“ eiferte der Rabbiner von Fürth. Aber der kleine, welke,
milde Rabbiner von Frankfurt fiel ihm ins Wort: „Ihr habt viel für uns
getan. So haben wir gehofft, daß Ihr uns werdet helfen auch diesmal, damit
nicht vergossen werde dies unschuldige Blut.“ Doch der dicke, hitzige
Rabbiner von Fürth ließ sich nicht beschwichtigen. „Nicht opportun!“
erregte er sich. „Ein Menschenleben retten, einen Juden retten, der nichts
getan hat, nur daß er Jud ist, nicht opportun!“
„Ihr seht immer nur eins, Rabbi unser Lehrer,“ erwiderte Süß, und er
blieb höflich und ruhig und gab ihm seinen Titel. „Ich muß weiter sehen,
Zusammenhänge sehen, Zukunft sehen. Gesetzt den Fall, ich könnte den
Reb Jecheskel Seligmann retten, dann müßte ich solche Rettung bezahlen
mit Konzessionen an die Stadt Eßlingen, an den Kaiser. Ich kann mir solche
Mildherzigkeit nicht gestatten. Ihr habt Euer simples, klares Prinzip: da ist
ein Jud, der soll nicht sterben. Ich darf nicht so einfach handeln; ich muß
rechnen, zählen, wägen. Ihr habt bloß Eure jüdischen Sorgen, ich hab
tausend andere.“
Mit seiner milden, zittrigen Stimme erwiderte Jaakob Josua Falk, der
Rabbiner von Frankfurt: „Wie viele in Israel gäben ihr ganzes Hab und Gut
und mehr als das, um zu verhüten, daß dies unschuldige Blut vergossen
werde. Ihr könnt es hindern mit einem einzigen Federstrich. Sperrt Euer
Herz nicht zu, Reb Josef Süß!“ Und der feiste Rabbiner von Fürth fügte
hinzu: „Wollt Ihr die ganze Judenheit im Stich lassen, weil Ihr Angst habt
vor ein paar schalen Redereien, die sie könnten machen in der Landschaft?“
Süß lehnte noch immer am Schreibtisch, schlank, höflich, elegant, und
seine Ruhe war ein Damm gegen die Erregung der anderen, die schnaufend
und sehr bewegt das kleine Kabinett füllten. Aus seinen wölbigen, braunen
Augen schickte er einen raschen, bösen, hochmütigen Blick zu dem
dreisten, eifernden Rabbi; aber er hatte sich sogleich wieder im Zaum und
erwiderte gelassen: „Ich hab genug für die deutsche Judenheit getan, daß
jeder sieht, es fehlt mir nicht an gutem Willen. Wäre ich Christ geworden,
hätte ich mich abgekehrt von der Judenheit, nach dem römischen Kaiser
wäre ich heute der erste Mann im Reich. Aber ich war nicht feig, ich hab
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mich hingestellt vor die Judenheit, ich hab es nicht hinausgebrüllt, aber ich
hab es auch nie geleugnet, daß ich ein Jud bin.“
„Dann bekennt Euch jetzt dazu! Jetzt, jetzt!“ gurgelte zufahrend,
drängend, den schweren, behaarten Kopf vorstoßend der Rabbiner von
Fürth.
Doch Süß, mit größerer Kälte, sagte: „Ihr könnt doch sonst wägen,
messen. Meßt doch! Wägt doch! Schaut weiter als in den Augenblick! Den
Reb Jecheskel Seligmann Freudenthal anfordern? Ich wäge in der rechten
Hand seinen Tod, in der linken die Verdrießlichkeiten, Schimpf, Gefahr,
Komplikationen, die mich treffen, wenn ich ihn salviere.“ Er hielt ein,
schaute ruhig in die zehn Gesichter, die aufmerksam, erregt, gespannt in
seines starrten. Er schloß leichthin: „Ich will mich heute nicht entscheiden.
Aber es ist leicht möglich, daß, wäge ich so, ich keinen Sturm riskiere
wegen einer Lappalie.“
Auffuhren die Männer da. Empört fuchtelten Hände durch die Luft,
öffneten sich Münder. Kleine Rufe: Ai! ai! Aufgebrachte, sich
überstürzende, halbe Sätze. Gurgelnd, drohend darüber die unschmiegsame,
ungebärdige Prophetenstimme des Rabbiners von Fürth: „Lappalie! Ein
Mensch wie Ihr, ein Jud, Euer Bruder, wird gemartert, soll hingerichtet
werden voll Qual und Schmach, um nichts und wieder nichts. Mir steht das
Herz still, wenn ich dran denke, daß ich soll müßig zuschauen. Und Ihr
achselzuckt: Lappalie!“ Und er drang schnaufend, feist und zornig auf ihn
ein.
Aber der kleine Rabbiner von Frankfurt schob ihn zurück. Mit seiner sehr
alten, sanften Stimme sagte er: „Wir wollen Euch nicht drängen, Reb Josef
Süß, wir wollten Euch nur bitten. Gott hat Euch sichtbarlich erhöht wie
noch nie einen Juden in Deutschland. Er hat das Herz Eures Fürsten wie
Wachs gemacht in Eurer Hand: wollet nicht das Eure verhärten vor der Not
Eurer Brüder!“
Die anderen waren ganz still geworden, während der alte Mann mit
seiner nicht lauten Stimme dies sagte. Auch der Rabbiner von Fürth
schwieg. Süß, nach einem Schweigen, erwiderte, und seine Stimme klang
weniger sicher als sonst: Er habe ja keineswegs abgelehnt, einzugreifen.
Bloß, wenn er nach reiflichem Erwägen nicht intervenieren könne, sollten
sie ihn nicht für bösen Willens halten und seine Gründe verstehen.
Damit gingen sie, und er geleitete sie höflich durch das Vorzimmer.
hab es auch nie geleugnet, daß ich ein Jud bin.“
„Dann bekennt Euch jetzt dazu! Jetzt, jetzt!“ gurgelte zufahrend,
drängend, den schweren, behaarten Kopf vorstoßend der Rabbiner von
Fürth.
Doch Süß, mit größerer Kälte, sagte: „Ihr könnt doch sonst wägen,
messen. Meßt doch! Wägt doch! Schaut weiter als in den Augenblick! Den
Reb Jecheskel Seligmann Freudenthal anfordern? Ich wäge in der rechten
Hand seinen Tod, in der linken die Verdrießlichkeiten, Schimpf, Gefahr,
Komplikationen, die mich treffen, wenn ich ihn salviere.“ Er hielt ein,
schaute ruhig in die zehn Gesichter, die aufmerksam, erregt, gespannt in
seines starrten. Er schloß leichthin: „Ich will mich heute nicht entscheiden.
Aber es ist leicht möglich, daß, wäge ich so, ich keinen Sturm riskiere
wegen einer Lappalie.“
Auffuhren die Männer da. Empört fuchtelten Hände durch die Luft,
öffneten sich Münder. Kleine Rufe: Ai! ai! Aufgebrachte, sich
überstürzende, halbe Sätze. Gurgelnd, drohend darüber die unschmiegsame,
ungebärdige Prophetenstimme des Rabbiners von Fürth: „Lappalie! Ein
Mensch wie Ihr, ein Jud, Euer Bruder, wird gemartert, soll hingerichtet
werden voll Qual und Schmach, um nichts und wieder nichts. Mir steht das
Herz still, wenn ich dran denke, daß ich soll müßig zuschauen. Und Ihr
achselzuckt: Lappalie!“ Und er drang schnaufend, feist und zornig auf ihn
ein.
Aber der kleine Rabbiner von Frankfurt schob ihn zurück. Mit seiner sehr
alten, sanften Stimme sagte er: „Wir wollen Euch nicht drängen, Reb Josef
Süß, wir wollten Euch nur bitten. Gott hat Euch sichtbarlich erhöht wie
noch nie einen Juden in Deutschland. Er hat das Herz Eures Fürsten wie
Wachs gemacht in Eurer Hand: wollet nicht das Eure verhärten vor der Not
Eurer Brüder!“
Die anderen waren ganz still geworden, während der alte Mann mit
seiner nicht lauten Stimme dies sagte. Auch der Rabbiner von Fürth
schwieg. Süß, nach einem Schweigen, erwiderte, und seine Stimme klang
weniger sicher als sonst: Er habe ja keineswegs abgelehnt, einzugreifen.
Bloß, wenn er nach reiflichem Erwägen nicht intervenieren könne, sollten
sie ihn nicht für bösen Willens halten und seine Gründe verstehen.
Damit gingen sie, und er geleitete sie höflich durch das Vorzimmer.
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Allein geblieben, ärgerte er sich. Er war wärmer geworden, als er
beabsichtigt hatte. Er hatte ihnen einen Teil seiner wirklichen Gründe
gezeigt. Warum eigentlich und wozu? Er hätte kühler, höflicher bleiben
sollen, wie er es in wichtigeren und schwierigeren Unterredungen
hundertmal gewesen war. Hier war doch eigentlich jedes Wort klar
vorgeschrieben gewesen. Er hätte mehr und unverbindlicher versprechen
sollen. Sie sind ja doch nicht zugänglich für feinere Argumente. Sie stieren
zäh und wie behext immer auf das eine: sie wollen ihren lumpigen
Jecheskel Seligmann salviert haben.
Er ging in immer dickerer Verdrießlichkeit in seinem Kabinett auf und
ab. Daß sie so gar nichts begriffen! Hatte er ihnen nicht in Frankfurt
ungeheure Spenden zukommen lassen? Förderte er nicht, wo er konnte,
ihren Handel? Schaffte hier, dort, überall Erleichterungen? Wenn heute
gegen die Landesgesetze mehrere hundert Juden im Herzogtum saßen, des
war er alleinige Ursach. Wie hatten sie damals in Frankfurt ihn hofiert und
die Hände vor ihm zusammengeschlagen! Und jetzt galt das alles nicht
mehr und sie wollten seine Verdienste nicht sehen, nur weil er ihnen in dem
einen Fall nicht zu Willen sein konnte. Die Undankbaren! Sie verstanden
nicht und würden nie verstehen, welches Opfer er eigentlich mit seiner
Zugehörigkeit zu ihnen brachte. Man sollte wirklich, weiß Gott, weiß Gott,
schon um es ihnen zu zeigen, sollte man sich taufen lassen.
Immerhin, es wäre ein angenehmes Gefühl gewesen, ihnen seine
Allmacht auch diesmal zu präsentieren. Es traf sich zu dumm, daß er den
Eßlingern ihren Juden nicht ohne weiteres entreißen konnte. Sicherlich wird
er in Zukunft der ganzen Judenheit viel weniger imponieren. Dies nagte an
ihm.
Er beschloß mit aller Energie, nicht mehr daran zu denken. Stürzte sich in
Arbeit. Entfesselte einen neuen Wirbel von Frauen um sich her. Aber seine
Nächte waren schlecht. Er träumte, vor ihm gehe ganz langsam und
feierlich der Hinrichtungszug mit dem Juden Jecheskel Seligmann
Freudenthal. Er, Süß, brauste auf seiner Schimmelstute Assjadah
hinterdrein, wollte den Zug zum Stehen bringen. Aber so langsam der Zug
unmittelbar vor ihm dahinschlich und so sehr er seine rasche Stute spornte,
er konnte und konnte ihn nicht einholen. Er schrie, winkte heftig mit den
Einspruchsakten. Aber es war großer Wind, und die vor ihm gingen und
gingen. Plötzlich war Dom Bartelemi Pancorbo da. Mit seinem
entfleischten Gesicht, die eine Schulter hoch, in seiner großen,
beabsichtigt hatte. Er hatte ihnen einen Teil seiner wirklichen Gründe
gezeigt. Warum eigentlich und wozu? Er hätte kühler, höflicher bleiben
sollen, wie er es in wichtigeren und schwierigeren Unterredungen
hundertmal gewesen war. Hier war doch eigentlich jedes Wort klar
vorgeschrieben gewesen. Er hätte mehr und unverbindlicher versprechen
sollen. Sie sind ja doch nicht zugänglich für feinere Argumente. Sie stieren
zäh und wie behext immer auf das eine: sie wollen ihren lumpigen
Jecheskel Seligmann salviert haben.
Er ging in immer dickerer Verdrießlichkeit in seinem Kabinett auf und
ab. Daß sie so gar nichts begriffen! Hatte er ihnen nicht in Frankfurt
ungeheure Spenden zukommen lassen? Förderte er nicht, wo er konnte,
ihren Handel? Schaffte hier, dort, überall Erleichterungen? Wenn heute
gegen die Landesgesetze mehrere hundert Juden im Herzogtum saßen, des
war er alleinige Ursach. Wie hatten sie damals in Frankfurt ihn hofiert und
die Hände vor ihm zusammengeschlagen! Und jetzt galt das alles nicht
mehr und sie wollten seine Verdienste nicht sehen, nur weil er ihnen in dem
einen Fall nicht zu Willen sein konnte. Die Undankbaren! Sie verstanden
nicht und würden nie verstehen, welches Opfer er eigentlich mit seiner
Zugehörigkeit zu ihnen brachte. Man sollte wirklich, weiß Gott, weiß Gott,
schon um es ihnen zu zeigen, sollte man sich taufen lassen.
Immerhin, es wäre ein angenehmes Gefühl gewesen, ihnen seine
Allmacht auch diesmal zu präsentieren. Es traf sich zu dumm, daß er den
Eßlingern ihren Juden nicht ohne weiteres entreißen konnte. Sicherlich wird
er in Zukunft der ganzen Judenheit viel weniger imponieren. Dies nagte an
ihm.
Er beschloß mit aller Energie, nicht mehr daran zu denken. Stürzte sich in
Arbeit. Entfesselte einen neuen Wirbel von Frauen um sich her. Aber seine
Nächte waren schlecht. Er träumte, vor ihm gehe ganz langsam und
feierlich der Hinrichtungszug mit dem Juden Jecheskel Seligmann
Freudenthal. Er, Süß, brauste auf seiner Schimmelstute Assjadah
hinterdrein, wollte den Zug zum Stehen bringen. Aber so langsam der Zug
unmittelbar vor ihm dahinschlich und so sehr er seine rasche Stute spornte,
er konnte und konnte ihn nicht einholen. Er schrie, winkte heftig mit den
Einspruchsakten. Aber es war großer Wind, und die vor ihm gingen und
gingen. Plötzlich war Dom Bartelemi Pancorbo da. Mit seinem
entfleischten Gesicht, die eine Schulter hoch, in seiner großen,
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verschollenen Halskrause stand er vor ihm, sagte, wenn er den Solitär an
seinem Finger gebe, werde er den Zug zum Halten bringen. Süß war,
schwitzend und bekümmert, einverstanden. Aber wie er den Ring vom
Finger ziehen wollte, saß der wie eingewachsen, und Dom Bartelemi sagte,
ja, da müsse er eben die Hand abhacken.
Darüber erwachte Süß, unerquickt und mit Kopfschmerzen. Wenn er
noch so müde war, hatte er jetzt Angst vor dem Schlaf. Denn der Reb
Jecheskel Seligmann Freudenthal, der seine von Arbeit und Frauen
berstenden Tage nicht behelligte, schlich sich in seine kurzen,
unerfreulichen Nächte.
Vor dem erschreckten, in sich zurückgescheuchten Süß hockte mürrisch
Rabbi Gabriel. Saß da, dicklich, vergrämt, die drei scharfen, senkrechten
Falten in der Stirn. Erzählte mit kargen, altfränkischen, vieldeutigen,
bedrohlichen Worten.
Es waren also Gerüchte zu dem Kind geflogen, böse, ätzende Gerüchte
über Süß. Das Kind hatte nicht gesprochen, aber das Kind war aus seiner
Ruhe, getrübt. Süß, erschreckt, ängstlich: Was er denn tun könne? Und
Rabbi Gabriel mürrisch, grimmig: Hier nützten Worte nichts, Ausflüchte
nichts. Stellen müsse er sich dem Kind. In seinem Gesicht lesen lassen
müsse er das Kind. Vielleicht, setzte er höhnisch hinzu, entdecke das Kind
mehr als er, der Rabbi. Vielleicht finde es mehr in dem Antlitz des Süß als
Fleisch und Haut und Knochen.
Den Süß, wie er allein war, hob es hoch, tauchte es hinunter. Warf es, den
Umgewühlten, hin und her. Dabei war er, im Grund, von Anfang an
entschlossen. Dabei kam ihm, im Grund, diese gefährliche und höhnische
Forderung des Rabbi als Zeichen und großes Licht und sehr erwünscht.
Dem Kind sich stellen, dem Kind ein Gesicht zeigen, rein und leuchtend
von innen her. Er war abgebrüht und hielt sich gemeinhin an das, was man
sehen und tasten konnte, aber daß solche Nötigung just in diesem
Augenblick kam, das mußte auch dem Zweifelsüchtigsten Wink und
Zeichen sein. Er war kein Hundsfott, sicher nicht, er konnte sich sehen
lassen, jederzeit und vor jedermann, und wenn es wirklich einen Gott geben
sollte, der prüfte und Buch führte und Wechsel zog: er konnte beruhigt sein
und brauchte vor Saldo und Tratten keine Angst zu haben. Immerhin, wenn
seinem Finger gebe, werde er den Zug zum Halten bringen. Süß war,
schwitzend und bekümmert, einverstanden. Aber wie er den Ring vom
Finger ziehen wollte, saß der wie eingewachsen, und Dom Bartelemi sagte,
ja, da müsse er eben die Hand abhacken.
Darüber erwachte Süß, unerquickt und mit Kopfschmerzen. Wenn er
noch so müde war, hatte er jetzt Angst vor dem Schlaf. Denn der Reb
Jecheskel Seligmann Freudenthal, der seine von Arbeit und Frauen
berstenden Tage nicht behelligte, schlich sich in seine kurzen,
unerfreulichen Nächte.
Vor dem erschreckten, in sich zurückgescheuchten Süß hockte mürrisch
Rabbi Gabriel. Saß da, dicklich, vergrämt, die drei scharfen, senkrechten
Falten in der Stirn. Erzählte mit kargen, altfränkischen, vieldeutigen,
bedrohlichen Worten.
Es waren also Gerüchte zu dem Kind geflogen, böse, ätzende Gerüchte
über Süß. Das Kind hatte nicht gesprochen, aber das Kind war aus seiner
Ruhe, getrübt. Süß, erschreckt, ängstlich: Was er denn tun könne? Und
Rabbi Gabriel mürrisch, grimmig: Hier nützten Worte nichts, Ausflüchte
nichts. Stellen müsse er sich dem Kind. In seinem Gesicht lesen lassen
müsse er das Kind. Vielleicht, setzte er höhnisch hinzu, entdecke das Kind
mehr als er, der Rabbi. Vielleicht finde es mehr in dem Antlitz des Süß als
Fleisch und Haut und Knochen.
Den Süß, wie er allein war, hob es hoch, tauchte es hinunter. Warf es, den
Umgewühlten, hin und her. Dabei war er, im Grund, von Anfang an
entschlossen. Dabei kam ihm, im Grund, diese gefährliche und höhnische
Forderung des Rabbi als Zeichen und großes Licht und sehr erwünscht.
Dem Kind sich stellen, dem Kind ein Gesicht zeigen, rein und leuchtend
von innen her. Er war abgebrüht und hielt sich gemeinhin an das, was man
sehen und tasten konnte, aber daß solche Nötigung just in diesem
Augenblick kam, das mußte auch dem Zweifelsüchtigsten Wink und
Zeichen sein. Er war kein Hundsfott, sicher nicht, er konnte sich sehen
lassen, jederzeit und vor jedermann, und wenn es wirklich einen Gott geben
sollte, der prüfte und Buch führte und Wechsel zog: er konnte beruhigt sein
und brauchte vor Saldo und Tratten keine Angst zu haben. Immerhin, wenn
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er sich jetzt dem Kind stellen soll, so ein Kind hat sonderbare Augen, es
sieht immer bloß Blumen und lichten Himmel, es hat keine Ahnung von
menschlichen Komplikationen, und es sieht vielleicht Makel und Schmutz,
wo unsereinem Herz und Hände leidlich sauber scheinen. Und wenn bereits
Gerüchte zu ihr geflogen sind, wenn sie von vornherein voll Angst und
Zittern ist, dann ist es sicher geraten, sich nochmals gründlich zu säubern,
eh daß man vor sie hintritt.
Er geht, den Kopf gesenkt, die schlemmerischen Lippen
aneinanderreibend, die Arme sehr straff, auf und ab. Er ist, Teufel noch
eins! nicht der Mann, Opfer zu bringen. Er schenkt ringsumher, er verstreut
rings um sich, weil er generös ist und ein großer Herr und Kavalier. Aber
Opfer? Ihm hat auch noch niemand Opfer gebracht, im Leben geht es hart
auf hart und Keil auf Klotz, und wer Bangen hat und weichmütig ist, muß
unten bleiben und sich auf den Kopf speien lassen. Er hat kein Bangen, vor
murrender Populace nicht und vor frechen großen Herren nicht und vor
keinem Parlament und keinem eventuellen Herrgott nicht. Dennoch: in
diesem einen Fall ein Opfer zu bringen, es wäre ein kitzelnd wollüstiger
Schmerz, man könnte dann vor das Kind hintreten, blitzblank, und auch ein
Aug, das nur Blumen gewohnt ist und lichten Himmel, könnte kein
winziges Staubkorn an einem finden.
Aber was alles schwämme hinunter, wenn er das Opfer brächte! Es war
sinnlos, es war, nahm man es politisch, barer Widersinn, den Jecheskel
Seligmann zu salvieren, nur um ein paar krause Gedanken des Kindes
wegzujagen. Die Mariage mit der Portugiesin schwämme hin, die
Nobilitierung schwämme hin, ein gut Stück Grund und Boden, darauf er
stand, schwämme hin. Nein, nein! Und wenn es auch vielleicht Zeichen und
Wink war, er wird sich nicht soweit nachgeben, er wird nicht um eine
kindische Laune soviel blutig Erkämpftes einfach hinschmeißen.
Im Grund wußte er, daß er es tun wird. Im Grund wußte er es von dem
ersten Augenblick an, da er Rabbi Gabriel sah. Während er sich bejammerte
und sich sentimental streichelte, welche Opfer man von ihm postuliere, war
in seinem heimlichsten Winkel ein großes Aufatmen. Und er hatte harte
Mühe, gewisse nebelhafte Vorstellungen, die immer wieder in ihm
heraufdrängten, nicht allzu greifbare Bilder werden zu lassen: wie er nun
doch fortan der ganzen Judenheit imponieren wird, wie er überall in Europa
als erster der Juden im römischen Reich wird erhöht und gepriesen werden,
wie er das Einmalige und Unausdenkliche wird zu Rand bringen, als
sieht immer bloß Blumen und lichten Himmel, es hat keine Ahnung von
menschlichen Komplikationen, und es sieht vielleicht Makel und Schmutz,
wo unsereinem Herz und Hände leidlich sauber scheinen. Und wenn bereits
Gerüchte zu ihr geflogen sind, wenn sie von vornherein voll Angst und
Zittern ist, dann ist es sicher geraten, sich nochmals gründlich zu säubern,
eh daß man vor sie hintritt.
Er geht, den Kopf gesenkt, die schlemmerischen Lippen
aneinanderreibend, die Arme sehr straff, auf und ab. Er ist, Teufel noch
eins! nicht der Mann, Opfer zu bringen. Er schenkt ringsumher, er verstreut
rings um sich, weil er generös ist und ein großer Herr und Kavalier. Aber
Opfer? Ihm hat auch noch niemand Opfer gebracht, im Leben geht es hart
auf hart und Keil auf Klotz, und wer Bangen hat und weichmütig ist, muß
unten bleiben und sich auf den Kopf speien lassen. Er hat kein Bangen, vor
murrender Populace nicht und vor frechen großen Herren nicht und vor
keinem Parlament und keinem eventuellen Herrgott nicht. Dennoch: in
diesem einen Fall ein Opfer zu bringen, es wäre ein kitzelnd wollüstiger
Schmerz, man könnte dann vor das Kind hintreten, blitzblank, und auch ein
Aug, das nur Blumen gewohnt ist und lichten Himmel, könnte kein
winziges Staubkorn an einem finden.
Aber was alles schwämme hinunter, wenn er das Opfer brächte! Es war
sinnlos, es war, nahm man es politisch, barer Widersinn, den Jecheskel
Seligmann zu salvieren, nur um ein paar krause Gedanken des Kindes
wegzujagen. Die Mariage mit der Portugiesin schwämme hin, die
Nobilitierung schwämme hin, ein gut Stück Grund und Boden, darauf er
stand, schwämme hin. Nein, nein! Und wenn es auch vielleicht Zeichen und
Wink war, er wird sich nicht soweit nachgeben, er wird nicht um eine
kindische Laune soviel blutig Erkämpftes einfach hinschmeißen.
Im Grund wußte er, daß er es tun wird. Im Grund wußte er es von dem
ersten Augenblick an, da er Rabbi Gabriel sah. Während er sich bejammerte
und sich sentimental streichelte, welche Opfer man von ihm postuliere, war
in seinem heimlichsten Winkel ein großes Aufatmen. Und er hatte harte
Mühe, gewisse nebelhafte Vorstellungen, die immer wieder in ihm
heraufdrängten, nicht allzu greifbare Bilder werden zu lassen: wie er nun
doch fortan der ganzen Judenheit imponieren wird, wie er überall in Europa
als erster der Juden im römischen Reich wird erhöht und gepriesen werden,
wie er das Einmalige und Unausdenkliche wird zu Rand bringen, als
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einzelner Jude einer ganzen christlichen Stadt einen verfallenen Menschen
zu entreißen.
Und während dies eitel und schwellend in ihm hochdrängte, hatte er
Mühe, sich selber die schwere Größe so opfermütigen Entschlusses
vorzuspielen.
Andern Tages ging er zum Herzog. Er machte weniger Umschweife als
sonst, war weniger servil, forderte dringlicher. Er betonte, es vertrage sich
nicht mit der Dignité des Herzogs, daß er den Eßlingern seinen Juden so
ohne weiteres überlasse; auch seine, des Süß, Autorität leide unter den
kontinuierlichen Hohn- und Stichelreden der insolenten Eßlinger. Karl
Alexander fuhr ihn barsch an, er solle ihn in Frieden lassen mit seinen
blöden Judengeschichten, er habe genug Scherereien davon mit seinem
Parlament, er sei als Judenzer im ganzen Reich verschrien, und jetzt solle er
sein freches Maul halten. Doch Süß, gegen seine Gewohnheit, bestand auf
seinem Thema, er ließ durchaus nicht locker, er häufte, trotzdem der Herzog
ihn erneut anschrie, die Argumente. Er verlangte, daß zumindest Johann
Daniel Harpprecht, der erste Jurist des Landes, gutachtlich gehört werde
über die Kompetenz des Eßlinger Gerichts, wenn anders er, Süß, seine
mühevollen und gefährlichen Arbeiten für den Herzog fortführen solle.
Denn würde weiter seine Autorität durch die Eßlinger in gleichem Maße
geschwächt, so müsse er submissest um Enthebung von seinen Funktionen
bitten. Karl Alexander, hochrot und schnaufend, brüllte ihn an, er solle sich
scheren.
Süß entfernte sich vergnügt und lächelnd. Er wußte, dies war Phrase;
morgen wird der Herzog tun, als ob nichts gewesen wäre. Karl Alexander
konnte ihn nicht entbehren, mußte ihm willfahren, mußte ihm den Gefallen
tun. Er teilte also tags darauf dem Rabbi Gabriel mit, daß er die Befreiung
des Jecheskel Seligmann so gut wie erwirkt habe, spreizte sich, prahlte,
welch ungeheure Last er dafür auf sich nehme. Während er dies weitläufig
prunkend dem steinern schweigenden Kabbalisten auseinandersetzte,
polterte unwirsch, von der Parade kommend, in großer Uniform mit Stern
und Band der Herzog ins Kabinett. War es Zufall, daß er hier mit dem
Magus zusammenstieß? Hatte er von seiner Gegenwart gehört und wollte es
machen wie damals in Wildbad? Jedenfalls war er nun da und füllte das
Kabinett mit Lärm und Prunk und Getöse. Ei, wie habe er sich kostbar,
schrie er mit gemachter Lustigkeit dem Magus zu. Oder ob er es überhaupt
verweigere, Unbeschnittenen das Horoskop zu stellen? Süß vermittelte,
zu entreißen.
Und während dies eitel und schwellend in ihm hochdrängte, hatte er
Mühe, sich selber die schwere Größe so opfermütigen Entschlusses
vorzuspielen.
Andern Tages ging er zum Herzog. Er machte weniger Umschweife als
sonst, war weniger servil, forderte dringlicher. Er betonte, es vertrage sich
nicht mit der Dignité des Herzogs, daß er den Eßlingern seinen Juden so
ohne weiteres überlasse; auch seine, des Süß, Autorität leide unter den
kontinuierlichen Hohn- und Stichelreden der insolenten Eßlinger. Karl
Alexander fuhr ihn barsch an, er solle ihn in Frieden lassen mit seinen
blöden Judengeschichten, er habe genug Scherereien davon mit seinem
Parlament, er sei als Judenzer im ganzen Reich verschrien, und jetzt solle er
sein freches Maul halten. Doch Süß, gegen seine Gewohnheit, bestand auf
seinem Thema, er ließ durchaus nicht locker, er häufte, trotzdem der Herzog
ihn erneut anschrie, die Argumente. Er verlangte, daß zumindest Johann
Daniel Harpprecht, der erste Jurist des Landes, gutachtlich gehört werde
über die Kompetenz des Eßlinger Gerichts, wenn anders er, Süß, seine
mühevollen und gefährlichen Arbeiten für den Herzog fortführen solle.
Denn würde weiter seine Autorität durch die Eßlinger in gleichem Maße
geschwächt, so müsse er submissest um Enthebung von seinen Funktionen
bitten. Karl Alexander, hochrot und schnaufend, brüllte ihn an, er solle sich
scheren.
Süß entfernte sich vergnügt und lächelnd. Er wußte, dies war Phrase;
morgen wird der Herzog tun, als ob nichts gewesen wäre. Karl Alexander
konnte ihn nicht entbehren, mußte ihm willfahren, mußte ihm den Gefallen
tun. Er teilte also tags darauf dem Rabbi Gabriel mit, daß er die Befreiung
des Jecheskel Seligmann so gut wie erwirkt habe, spreizte sich, prahlte,
welch ungeheure Last er dafür auf sich nehme. Während er dies weitläufig
prunkend dem steinern schweigenden Kabbalisten auseinandersetzte,
polterte unwirsch, von der Parade kommend, in großer Uniform mit Stern
und Band der Herzog ins Kabinett. War es Zufall, daß er hier mit dem
Magus zusammenstieß? Hatte er von seiner Gegenwart gehört und wollte es
machen wie damals in Wildbad? Jedenfalls war er nun da und füllte das
Kabinett mit Lärm und Prunk und Getöse. Ei, wie habe er sich kostbar,
schrie er mit gemachter Lustigkeit dem Magus zu. Oder ob er es überhaupt
verweigere, Unbeschnittenen das Horoskop zu stellen? Süß vermittelte,
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beschwichtigte. Es handle sich um das Horoskop von wegen der Frauen, er
habe ja dem Oheim mehrmals dringlich geschrieben. Er hatte zwar nur
einmal geschrieben, und da nur tastend, leise andeutend; doch Rabbi
Gabriel wußte, worum es ging. Allein er schwieg. Sah dem drängenden,
langsam sich verdüsternden Herzog ins Gesicht und schwieg. Schließlich
setzte Karl Alexander von neuem an und fragte, immer mit gemacht
überlegener Scherzhaftigkeit, ob etwa seine Frauengeschichten
zusammenhingen mit dem fatalen Ausgang, den der Magus bei ihrem
Zusammentreffen vorausgesagt, oder recte, vorausverschwiegen. Der
Herzog erwartete keine Antwort auf diese Frage, auch Süß vermutete, der
Oheim werde ausweichen. Aber Rabbi Gabriel, immer die Steinaugen auf
dem Herzog, erwiderte ein mürrisches, quarrendes, unzweideutiges: „Ja.“
Karl Alexander, auf so runden Bescheid nicht gefaßt, langte nach dem
Herzen, atmete schwer, Schweigen lag dick und beklemmend auf dem
Zimmer. Schließlich sagte Karl Alexander noch mit mattem Scherz, sieh da,
nun habe er ja Bescheid, brach ab und sprach von anderem. Warf dem Süß
hin: Ja, weshalb er gekommen sei: er habe also dem Harpprecht ein
Gutachten aufgetragen wegen seines lumpigen Eßlinger Juden. Sein Kreuz
und lauter Schweinerei habe man mit ihm! Verlangte nach seiner Kutsche,
entfernte sich mißlaunig, nach einem schlechten, verärgerten Witz über die
Büste des Moses.
Der Herzog gegangen, trumpfte Süß groß auf. Nun habe er also den
Juden Jecheskel Seligmann Freudenthal glücklich los aus den Händen
Edoms. Was bisher niemals geglückt sei im römischen Reich, habe er, Süß,
jetzt erreicht. Ob der Oheim immer noch sein Leben und große Mühe für so
eitel und Haschen nach Wind ansehe?
Widerwillig nur entgegnete der Rabbi dem sich Blähenden: Des Süß
Leben sei kein Leben. Sei vor sich selber und der eigenen Leere fliehende
Zappelei.
Gekränkt und fast kindlich schmollend schwieg Süß zuerst. Holte, den
Blick des Rabbi meidend, stumm vor dem Stummen auf und ab gehend, aus
allen Winkeln Argumente zusammen. Ei, hatte er nicht eben erst einen
edelmütigen Entschluß gefaßt und mit so gewaltigen Opfern durchgesetzt?
Sein reiches, fruchtvolles Leben leere Zappelei? Angesichts der frommen
Tat, die er soeben getan, sagte man ihm das? Ja, war nicht solche Tat allein
Sinns genug für ein Leben? Und wenn diese Tat, dieses Erreichnis nur eine
Perle in einer Kette wäre? Wenn sein ganzes Leben von diesem Punkt aus
habe ja dem Oheim mehrmals dringlich geschrieben. Er hatte zwar nur
einmal geschrieben, und da nur tastend, leise andeutend; doch Rabbi
Gabriel wußte, worum es ging. Allein er schwieg. Sah dem drängenden,
langsam sich verdüsternden Herzog ins Gesicht und schwieg. Schließlich
setzte Karl Alexander von neuem an und fragte, immer mit gemacht
überlegener Scherzhaftigkeit, ob etwa seine Frauengeschichten
zusammenhingen mit dem fatalen Ausgang, den der Magus bei ihrem
Zusammentreffen vorausgesagt, oder recte, vorausverschwiegen. Der
Herzog erwartete keine Antwort auf diese Frage, auch Süß vermutete, der
Oheim werde ausweichen. Aber Rabbi Gabriel, immer die Steinaugen auf
dem Herzog, erwiderte ein mürrisches, quarrendes, unzweideutiges: „Ja.“
Karl Alexander, auf so runden Bescheid nicht gefaßt, langte nach dem
Herzen, atmete schwer, Schweigen lag dick und beklemmend auf dem
Zimmer. Schließlich sagte Karl Alexander noch mit mattem Scherz, sieh da,
nun habe er ja Bescheid, brach ab und sprach von anderem. Warf dem Süß
hin: Ja, weshalb er gekommen sei: er habe also dem Harpprecht ein
Gutachten aufgetragen wegen seines lumpigen Eßlinger Juden. Sein Kreuz
und lauter Schweinerei habe man mit ihm! Verlangte nach seiner Kutsche,
entfernte sich mißlaunig, nach einem schlechten, verärgerten Witz über die
Büste des Moses.
Der Herzog gegangen, trumpfte Süß groß auf. Nun habe er also den
Juden Jecheskel Seligmann Freudenthal glücklich los aus den Händen
Edoms. Was bisher niemals geglückt sei im römischen Reich, habe er, Süß,
jetzt erreicht. Ob der Oheim immer noch sein Leben und große Mühe für so
eitel und Haschen nach Wind ansehe?
Widerwillig nur entgegnete der Rabbi dem sich Blähenden: Des Süß
Leben sei kein Leben. Sei vor sich selber und der eigenen Leere fliehende
Zappelei.
Gekränkt und fast kindlich schmollend schwieg Süß zuerst. Holte, den
Blick des Rabbi meidend, stumm vor dem Stummen auf und ab gehend, aus
allen Winkeln Argumente zusammen. Ei, hatte er nicht eben erst einen
edelmütigen Entschluß gefaßt und mit so gewaltigen Opfern durchgesetzt?
Sein reiches, fruchtvolles Leben leere Zappelei? Angesichts der frommen
Tat, die er soeben getan, sagte man ihm das? Ja, war nicht solche Tat allein
Sinns genug für ein Leben? Und wenn diese Tat, dieses Erreichnis nur eine
Perle in einer Kette wäre? Wenn sein ganzes Leben von diesem Punkt aus
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zu erklären, nichts als Aufopferung, Auswirkung einer frommen, jenseitigen
Idee wäre?
Er hielt inne in seinem Gang durchs Zimmer, kittete sich sofort fester an
diesen Gedanken. Es gefiel ihm, dem Mann des Augenblicks, dem großen
Komödianten seiner selbst, sein Leben sentimentalisch von diesem Punkt
aus zu sehen. Es reizte ihn, seine leer wirbelnden Tage als die erhebende
Vita eines großen Frommen zu kommentieren. Sein Leben sinnlos, gar
verächtlich, von jemandem mit einer vagen Handbewegung
wegzuschieben? Dies empörte seine Eitelkeit. Starkwillig entriß er sich dem
lähmenden Ring, in den Rabbi Gabriels Gegenwart ihn band. Er zwang sich
selber, an einen tiefen, schicksalhaften, frommen Sinn seines Lebens zu
glauben, in seinem Aufstieg Lehre und Gleichnis zu sehen. Eifrig schritt er
hin und her, flüsternd und geheimnisvoll mit seiner geübten Stimme auf den
schweigenden Hörer einredend. Mit seiner ganzen fließenden, flutenden,
ebbenden, advokatischen Beredsamkeit, mit der Beflissenheit, mit der er
um eine große Staatsaktion warb, brannte er vor dem Rabbi ein brillantes
Feuer frommer Eitelkeit ab.
Wenn er nur hätte Karriere machen wollen, ei, warum dann sei er Jude
geblieben? Warum dann habe er sich nicht taufen lassen wie sein Bruder?
Nein, der Oheim tue ihm groß Unrecht, wenn er sein Leben so gar gering
und verächtlich ansehe. Durchaus nicht aus bloßer Lust am Gold oder an
der Macht stehe er hier, auf so hoher, umneideter und gefährlicher Stelle.
Er klammerte sich an die Idee, sie schmeichelte ihm, er suggerierte sie
sich, um sie dem andern suggerieren zu können. Er flüsterte sie dem
Kabbalisten zu als großes Geheimnis, er spielte, vor sich fast mehr als vor
dem andern, Schicksal, Ueberzeugtheit, Sendung. Wie? Wenn er nun
ausersehen wäre, Israel zu rächen an Edom? Das kann doch nicht blinder
Zufall sein, daß er dasteht wie Josef, den Pharao erhöht hat. Wenn er jetzt so
hoch ist und sehr in Glanz, daß die, welche sonst Israel anspucken und mit
Füßen treten und sich den Aermel wischen, wenn sie an einen Juden
gestreift sind, den Rücken rund machen müssen vor ihm und seinen Staub
lecken: ist das nicht Rache? Heut liegt er, der Jud, über dem Land und saugt
von seinem Blut und wird fett von seinem Mark. Und wenn einer von den
Seinen bedrängt ist, hält er die Hand über ihn, und Edom schleicht sich fort,
den Schwanz gekniffen wie ein geprügelter Hund. Ist das nicht Kern und
Sinn und Rückgrat für ein Leben?
Idee wäre?
Er hielt inne in seinem Gang durchs Zimmer, kittete sich sofort fester an
diesen Gedanken. Es gefiel ihm, dem Mann des Augenblicks, dem großen
Komödianten seiner selbst, sein Leben sentimentalisch von diesem Punkt
aus zu sehen. Es reizte ihn, seine leer wirbelnden Tage als die erhebende
Vita eines großen Frommen zu kommentieren. Sein Leben sinnlos, gar
verächtlich, von jemandem mit einer vagen Handbewegung
wegzuschieben? Dies empörte seine Eitelkeit. Starkwillig entriß er sich dem
lähmenden Ring, in den Rabbi Gabriels Gegenwart ihn band. Er zwang sich
selber, an einen tiefen, schicksalhaften, frommen Sinn seines Lebens zu
glauben, in seinem Aufstieg Lehre und Gleichnis zu sehen. Eifrig schritt er
hin und her, flüsternd und geheimnisvoll mit seiner geübten Stimme auf den
schweigenden Hörer einredend. Mit seiner ganzen fließenden, flutenden,
ebbenden, advokatischen Beredsamkeit, mit der Beflissenheit, mit der er
um eine große Staatsaktion warb, brannte er vor dem Rabbi ein brillantes
Feuer frommer Eitelkeit ab.
Wenn er nur hätte Karriere machen wollen, ei, warum dann sei er Jude
geblieben? Warum dann habe er sich nicht taufen lassen wie sein Bruder?
Nein, der Oheim tue ihm groß Unrecht, wenn er sein Leben so gar gering
und verächtlich ansehe. Durchaus nicht aus bloßer Lust am Gold oder an
der Macht stehe er hier, auf so hoher, umneideter und gefährlicher Stelle.
Er klammerte sich an die Idee, sie schmeichelte ihm, er suggerierte sie
sich, um sie dem andern suggerieren zu können. Er flüsterte sie dem
Kabbalisten zu als großes Geheimnis, er spielte, vor sich fast mehr als vor
dem andern, Schicksal, Ueberzeugtheit, Sendung. Wie? Wenn er nun
ausersehen wäre, Israel zu rächen an Edom? Das kann doch nicht blinder
Zufall sein, daß er dasteht wie Josef, den Pharao erhöht hat. Wenn er jetzt so
hoch ist und sehr in Glanz, daß die, welche sonst Israel anspucken und mit
Füßen treten und sich den Aermel wischen, wenn sie an einen Juden
gestreift sind, den Rücken rund machen müssen vor ihm und seinen Staub
lecken: ist das nicht Rache? Heut liegt er, der Jud, über dem Land und saugt
von seinem Blut und wird fett von seinem Mark. Und wenn einer von den
Seinen bedrängt ist, hält er die Hand über ihn, und Edom schleicht sich fort,
den Schwanz gekniffen wie ein geprügelter Hund. Ist das nicht Kern und
Sinn und Rückgrat für ein Leben?
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Aber Rabbi Gabriel schwieg, und wie er den Schweigenden sah, wurden
auch seine fliegenden Worte immer lahmer, und schließlich fielen sie ganz
zu Boden. Er verstummte und stand da wie ein Schuljunge, der sein Pensum
schlecht gelernt hat und nicht zu Ende weiß, und seine Worte waren wie
schlechte, übelriechende Schminke, rasch eintrocknend und abblätternd.
Der Kabbalist erwiderte nicht auf die lange, feurige und empfindliche
Rede des Süß. Er stand auf und sagte: „Bevor du dich dem Kind zeigst, fahr
nach Frankfurt zu deiner Mutter.“
Damit ging er. Süß blieb in dumpfer Wut. Nun hatte er das Opfer
gebracht, nun hatte er sich die Tat abgerungen. Was noch wollte der Alte
von ihm? Was noch sollte er tun? Warum schwieg er seine Tat an mit
seinem hochmütigen und klein machenden Schweigen? Und was war das
mit Frankfurt? Ei, gewiß wird er nach Frankfurt gehen, zu seiner Mutter.
Die Frankfurter werden mehr Verstand haben für das, was er getan. Seine
Mutter wird ihm andächtig zuhören. Und die Frankfurter Juden, der weise,
kleine Rabbi Jaakob Josua Falk und der Vorsteher und alle, wie wird er sich
tragen lassen von ihrem Raunen, Segnen, Rühmen und Bewundern.
Schweigt Rabbi Gabriel, so werden zehntausend andere Münder so lauter
reden und Zeugnis ablegen für ihn und seine Tat.
In der Bibliothek des Professors Johann Daniel Harpprecht, über Akten und
Urkunden, lächelte der Hausherr seinem Freunde, dem Geheimrat Bilfinger,
mit verstehender und gütiger Abwehr zu. In das geräumige, solid möblierte
Zimmer schrägte die Sonne eine Lichtsäule aus Myriaden Staubflöckchen.
Die beiden gewichtigen Männer hatten ernsthaft die württembergischen
Dinge durchgesprochen, insonderheit das umständlich und mit großem
Eifer vorgetragene, von Weißensee verfaßte Anliegen des landschaftlichen
Ausschusses, sich unter keinen Umständen in den Eßlinger Judenhandel zu
mengen. „Sieht Er, Herr Bruder,“ sagte Harpprecht und legte dem Freund
die Hand auf die schwere Schulter, „es wäre mir auch wärmer ums Herz,
könnte ich den Juden Jecheskel in der Patsche sitzen lassen und dem Süß
eins auswischen; auch dem Weißensee gönnte ich den Triumph. Und wenn
ich denk, was wir zahlen müssen als Kompensation für die Auslieferung
dieses Stinkjuden, und was für Emolumenta und wohlverdiente Ansprüche
wir den konfiszierten Eßlinger Krämern dafür müssen in ihren gierigen
auch seine fliegenden Worte immer lahmer, und schließlich fielen sie ganz
zu Boden. Er verstummte und stand da wie ein Schuljunge, der sein Pensum
schlecht gelernt hat und nicht zu Ende weiß, und seine Worte waren wie
schlechte, übelriechende Schminke, rasch eintrocknend und abblätternd.
Der Kabbalist erwiderte nicht auf die lange, feurige und empfindliche
Rede des Süß. Er stand auf und sagte: „Bevor du dich dem Kind zeigst, fahr
nach Frankfurt zu deiner Mutter.“
Damit ging er. Süß blieb in dumpfer Wut. Nun hatte er das Opfer
gebracht, nun hatte er sich die Tat abgerungen. Was noch wollte der Alte
von ihm? Was noch sollte er tun? Warum schwieg er seine Tat an mit
seinem hochmütigen und klein machenden Schweigen? Und was war das
mit Frankfurt? Ei, gewiß wird er nach Frankfurt gehen, zu seiner Mutter.
Die Frankfurter werden mehr Verstand haben für das, was er getan. Seine
Mutter wird ihm andächtig zuhören. Und die Frankfurter Juden, der weise,
kleine Rabbi Jaakob Josua Falk und der Vorsteher und alle, wie wird er sich
tragen lassen von ihrem Raunen, Segnen, Rühmen und Bewundern.
Schweigt Rabbi Gabriel, so werden zehntausend andere Münder so lauter
reden und Zeugnis ablegen für ihn und seine Tat.
In der Bibliothek des Professors Johann Daniel Harpprecht, über Akten und
Urkunden, lächelte der Hausherr seinem Freunde, dem Geheimrat Bilfinger,
mit verstehender und gütiger Abwehr zu. In das geräumige, solid möblierte
Zimmer schrägte die Sonne eine Lichtsäule aus Myriaden Staubflöckchen.
Die beiden gewichtigen Männer hatten ernsthaft die württembergischen
Dinge durchgesprochen, insonderheit das umständlich und mit großem
Eifer vorgetragene, von Weißensee verfaßte Anliegen des landschaftlichen
Ausschusses, sich unter keinen Umständen in den Eßlinger Judenhandel zu
mengen. „Sieht Er, Herr Bruder,“ sagte Harpprecht und legte dem Freund
die Hand auf die schwere Schulter, „es wäre mir auch wärmer ums Herz,
könnte ich den Juden Jecheskel in der Patsche sitzen lassen und dem Süß
eins auswischen; auch dem Weißensee gönnte ich den Triumph. Und wenn
ich denk, was wir zahlen müssen als Kompensation für die Auslieferung
dieses Stinkjuden, und was für Emolumenta und wohlverdiente Ansprüche
wir den konfiszierten Eßlinger Krämern dafür müssen in ihren gierigen
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Schlund schmeißen, und wie wir dafür nichts anderes haben, als daß wir im
ganzen Reich als Judenzer werden verlästert und verlacht werden, Herr
Bruder, ich brauch Ihm nicht zu sagen, wie es mir gallenbitter hochsteigt,
wenn ich das denk. Aber der Herzog hat von mir ein juristisches Judizium
verlangt, kein politisches. Und wenn’s mich noch so fest verdrießt, und
wenn ich dem Juden noch so gern möchte alle Kompendien und
Kommentare um seine insolente Fratze schlagen: zuständig ist der
Jecheskel zu uns; und wenn es Recht und Gesetz gelten soll, dann zählen
alle die kleinen Formalia nicht, die man mit Rabulisterei ins contrarium
kann kommentieren. Als Jurist muß ich judizieren: der Jecheskel muß
ausgeliefert werden an die herzoglichen Gerichte.“
Bilfinger senkte den massigen Nacken. Gewußt hatte er das, gewußt
hatten das alle; gewußt hatte es sicher auch der Herzog, und wie er ein
Gutachten von Harpprecht gefordert hatte, war die Affäre eigentlich schon
entschieden. Aber schön wäre es doch gewesen, wenn der Harpprecht
anders judiziert hätte. Der Herzog hätte die Auslieferung wahrscheinlich
doch verlangt, aber der Jud hätte einen derben Stoß gekriegt. „So steht er
fest oben,“ grollte er, „und lacht, wie wir uns müssen abzappeln, ihm den
Gefallen zu tun.“
Aber er machte weiter keinen Versuch; er wußte, der Jurist wird sich eher
die Finger abhacken, eh daß er in ein Judizium ein Wort hineinsetzt, das
Recht um Fadenbreite zu krümmen. Er verabschiedete sich von dem
Freund, verdüstert und ohne Hoffnung, aber mit festem, gutem Händedruck.
Allein geblieben, war Harpprecht nicht disponiert, sich sogleich wieder
an die Arbeit zu setzen. Er schenkte sich das Glas neu voll, schaute in die
schräge Lichtsäule aus tanzenden Stäubchen. Dachte. Er war gewohnt, die
Dinge aus großer Höhe zu beschauen. Er reihte den Fall ein. Er sah über die
Grenzen des Herzogtums hinaus. Er sah die Affäre des kleinen
Handelsjuden als Welle im Fluß europäischen Werdens und Geschehens.
Denn der kleine Hausierjude, gefoltert, willkürlich um Mord verklagt,
und Süß, der allmächtige, umneidete Finanzdirektor, wichtiger Faktor in
den Kalküls der europäischen Höfe, schaukelten auf einer Welle. Wie
sonderbar das Los dieser beiden sich ineinanderschlang. Wäre Süß nicht
hoch und in Glanz, hätten die Eßlinger den armen Teufel sicherlich laufen
lassen. Wäre Süß nicht hoch und in Glanz, könnte er den armen Teufel nicht
erlösen. Was band den Finanzdirektor an den Hausierjuden? Das
gemeinsame Blut? Dummes Zeug! Der gemeinsame Glaube? Schwatz!
ganzen Reich als Judenzer werden verlästert und verlacht werden, Herr
Bruder, ich brauch Ihm nicht zu sagen, wie es mir gallenbitter hochsteigt,
wenn ich das denk. Aber der Herzog hat von mir ein juristisches Judizium
verlangt, kein politisches. Und wenn’s mich noch so fest verdrießt, und
wenn ich dem Juden noch so gern möchte alle Kompendien und
Kommentare um seine insolente Fratze schlagen: zuständig ist der
Jecheskel zu uns; und wenn es Recht und Gesetz gelten soll, dann zählen
alle die kleinen Formalia nicht, die man mit Rabulisterei ins contrarium
kann kommentieren. Als Jurist muß ich judizieren: der Jecheskel muß
ausgeliefert werden an die herzoglichen Gerichte.“
Bilfinger senkte den massigen Nacken. Gewußt hatte er das, gewußt
hatten das alle; gewußt hatte es sicher auch der Herzog, und wie er ein
Gutachten von Harpprecht gefordert hatte, war die Affäre eigentlich schon
entschieden. Aber schön wäre es doch gewesen, wenn der Harpprecht
anders judiziert hätte. Der Herzog hätte die Auslieferung wahrscheinlich
doch verlangt, aber der Jud hätte einen derben Stoß gekriegt. „So steht er
fest oben,“ grollte er, „und lacht, wie wir uns müssen abzappeln, ihm den
Gefallen zu tun.“
Aber er machte weiter keinen Versuch; er wußte, der Jurist wird sich eher
die Finger abhacken, eh daß er in ein Judizium ein Wort hineinsetzt, das
Recht um Fadenbreite zu krümmen. Er verabschiedete sich von dem
Freund, verdüstert und ohne Hoffnung, aber mit festem, gutem Händedruck.
Allein geblieben, war Harpprecht nicht disponiert, sich sogleich wieder
an die Arbeit zu setzen. Er schenkte sich das Glas neu voll, schaute in die
schräge Lichtsäule aus tanzenden Stäubchen. Dachte. Er war gewohnt, die
Dinge aus großer Höhe zu beschauen. Er reihte den Fall ein. Er sah über die
Grenzen des Herzogtums hinaus. Er sah die Affäre des kleinen
Handelsjuden als Welle im Fluß europäischen Werdens und Geschehens.
Denn der kleine Hausierjude, gefoltert, willkürlich um Mord verklagt,
und Süß, der allmächtige, umneidete Finanzdirektor, wichtiger Faktor in
den Kalküls der europäischen Höfe, schaukelten auf einer Welle. Wie
sonderbar das Los dieser beiden sich ineinanderschlang. Wäre Süß nicht
hoch und in Glanz, hätten die Eßlinger den armen Teufel sicherlich laufen
lassen. Wäre Süß nicht hoch und in Glanz, könnte er den armen Teufel nicht
erlösen. Was band den Finanzdirektor an den Hausierjuden? Das
gemeinsame Blut? Dummes Zeug! Der gemeinsame Glaube? Schwatz!
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Nichts war gemeinsam zwischen den beiden, nur eines: der Haß, der
anbrandete gegen den großen Juden wie gegen den kleinen.
Nachdenklich blätterte Harpprecht in den Chroniken und historischen
Urkunden der Gabelkhover, Magnus Hessenthaler, Johann Ulrich Pregizer,
in den Verordnungen, Reskripten, Landtagsabschieden, die vor ihm
gestapelt lagen. Darin war verzeichnet, wie man es bisher mit den Juden im
Land gehalten hatte, das war die Gesetzgebung der schwäbischen Herzöge
und Stände, die Juden anlangend, war der schwäbischen Juden Geschichte
und Recht.
Seit Urzeiten saßen sie da. Immer wieder waren sie verklagt worden um
Mord, Brunnenvergiftung, Hostienschändung und vor allem um ihren
unleidlichen, volksverderblichen Wucher. Immer wieder hatte man sie
totgeschlagen und ihre Forderungen null und nichtig erklärt, in Calw, in
Weil der Stadt, in Bulach, Tübingen, Kirchheim, Horb, Nagold, Oehringen,
Cannstatt, Stuttgart. Aber immer wieder hatte man sie zurückgerufen. Man
solle allenthalb im Reich ihr Gut nehmen, stand da in einer kaiserlichen
Urkunde, und dazu ihr Leben und sie töten, bis auf eine geringe Anzahl, so
verschont bleiben solle, um ihr Gedächtnis zu erhalten. Ein andermal, in
einem Gutachten des Konsistoriums, hieß es, nächst dem Teufel hätten die
Christen keine größeren Feinde als die Juden. In einem Vertrag zwischen
dem deutschen König und dem Grafen Ulrich dem Vielgeliebten waren
Maßregeln getroffen wegen der vielfältigen Klagen über die Jüdischheit, die
nach ihrer gewöhnlichen Härtigkeit geistliche und weltliche
Reichsuntertanen durch ihren Wucher unziemlich und unleidentlich
beschwere und sich auch in anderweg so grob und unordentlich halte, daß
dadurch Uneinigkeit, Krieg und Mißhelligkeit entstehe. Und im Testament
des Grafen Eberhard im Bart wurden die Juden gescholten als Gott dem
Allmächtigen, der Natur und der christlichen Ordnung gehässig,
verschmäht und widerwärtig, als nagende Würmer, dem gemeinen armen
Mann und Untertanen verderblich und unleidentlich, und sie wurden Gott
dem Allmächtigen zu Ehren und des gemeinen Nutzens wegen hart und
scharf des Landes verwiesen.
Warum aber, wenn man so urteilte, ließ man oder rief man gar sie immer
wieder ins Herzogtum? Warum schützten sie Eberhard der Greiner, Graf
Ulrich? Warum, wenn Eberhard im Bart, die Herzöge Ulrich, Christoph,
Ludwig sie austrieben, riefen sie Friedrich der Erste, Eberhard Ludwig
wieder ins Land? Es war zu billig, sie ein vermaledeites, von Gott
anbrandete gegen den großen Juden wie gegen den kleinen.
Nachdenklich blätterte Harpprecht in den Chroniken und historischen
Urkunden der Gabelkhover, Magnus Hessenthaler, Johann Ulrich Pregizer,
in den Verordnungen, Reskripten, Landtagsabschieden, die vor ihm
gestapelt lagen. Darin war verzeichnet, wie man es bisher mit den Juden im
Land gehalten hatte, das war die Gesetzgebung der schwäbischen Herzöge
und Stände, die Juden anlangend, war der schwäbischen Juden Geschichte
und Recht.
Seit Urzeiten saßen sie da. Immer wieder waren sie verklagt worden um
Mord, Brunnenvergiftung, Hostienschändung und vor allem um ihren
unleidlichen, volksverderblichen Wucher. Immer wieder hatte man sie
totgeschlagen und ihre Forderungen null und nichtig erklärt, in Calw, in
Weil der Stadt, in Bulach, Tübingen, Kirchheim, Horb, Nagold, Oehringen,
Cannstatt, Stuttgart. Aber immer wieder hatte man sie zurückgerufen. Man
solle allenthalb im Reich ihr Gut nehmen, stand da in einer kaiserlichen
Urkunde, und dazu ihr Leben und sie töten, bis auf eine geringe Anzahl, so
verschont bleiben solle, um ihr Gedächtnis zu erhalten. Ein andermal, in
einem Gutachten des Konsistoriums, hieß es, nächst dem Teufel hätten die
Christen keine größeren Feinde als die Juden. In einem Vertrag zwischen
dem deutschen König und dem Grafen Ulrich dem Vielgeliebten waren
Maßregeln getroffen wegen der vielfältigen Klagen über die Jüdischheit, die
nach ihrer gewöhnlichen Härtigkeit geistliche und weltliche
Reichsuntertanen durch ihren Wucher unziemlich und unleidentlich
beschwere und sich auch in anderweg so grob und unordentlich halte, daß
dadurch Uneinigkeit, Krieg und Mißhelligkeit entstehe. Und im Testament
des Grafen Eberhard im Bart wurden die Juden gescholten als Gott dem
Allmächtigen, der Natur und der christlichen Ordnung gehässig,
verschmäht und widerwärtig, als nagende Würmer, dem gemeinen armen
Mann und Untertanen verderblich und unleidentlich, und sie wurden Gott
dem Allmächtigen zu Ehren und des gemeinen Nutzens wegen hart und
scharf des Landes verwiesen.
Warum aber, wenn man so urteilte, ließ man oder rief man gar sie immer
wieder ins Herzogtum? Warum schützten sie Eberhard der Greiner, Graf
Ulrich? Warum, wenn Eberhard im Bart, die Herzöge Ulrich, Christoph,
Ludwig sie austrieben, riefen sie Friedrich der Erste, Eberhard Ludwig
wieder ins Land? Es war zu billig, sie ein vermaledeites, von Gott
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verworfenes Volk zu nennen. Warum konnte man nicht gleichgültig vor
ihnen bleiben wie vor anderen Fremden, den eingewanderten französischen
Emigranten etwa? Warum stießen sie ab oder zogen an oder waren gar
widerlich und reizvoll in Einem?
Johann Daniel Harpprecht hob den Kopf von den Papieren. In den
tanzenden Stäubchen der schrägen Sonnensäule formte sich ihm das Bild
des Herzogs und das Bild des Juden, eines im anderen, eines ins andere
rätselhaft übergleitend. Beide waren Ein Unglück. Gegen den Herzog gab
es ein Bollwerk: die Verfassung; aber es war löcherig und frommte nicht.
Gegen die Juden gab es Gesetze, Reskripte; aber sie nützten nichts. Die
nagenden Würmer, so stand in den Gutachten, Verboten. Das Land verkam,
Armut, Elend, Verbitterung, Verlotterung, Verzweiflung riß ein. Die
nagenden Würmer saßen im Land, fraßen in seinem Mark. Nagten, wurden
fett. Obenauf, sich ineinanderringelnd, der Herzog und der Jud, sich
spreizend in frecher, gemästeter Nacktheit, schillernd, üppig.
Dem festen, geraden, sachlichen Mann knäuelten sich die Gedanken.
Hier war so schwer fester Boden zu gewinnen; diese Juden und alles, was
mit ihnen zusammenhing, waren beunruhigend und voller Rätsel. Sie
austreiben nützte nichts, man rief sie doch immer wieder zurück; ja selbst
das primitive Mittel, sie totzuschlagen, brachte keine Lösung. Das Rätsel
quälte doch weiter, hinterher; und dann plötzlich, von wo man sie nie
vermutete, tauchten sie neu auf.
Du siehst einen Hausierjuden, er geht herum, wackelnd, häßlich,
schmutzig, lauersam, geduckt, hinterhältig, krumm an Seel und Leib, du
hast ein ekles Gefühl vor ihm, hütest dich, an seinen dreckigen Kaftan zu
streifen; aber auf einmal schlägt in seinem Gesicht eine uralte, weisere Welt
das Aug auf und schaut dich mild und verwirrend an, und der lausige
Saujud, eben noch zu schlecht, als daß du ihn mit deinem guten Stiefel
hättest in den Kot treten mögen, hebt sich wie eine Wolke, schwebt über dir,
hoch, lächelnd, unerreichbar weit.
Es war widerwärtig und unbehaglich, zu denken, daß so ein schmutziger
Trödeljude sollte aus dem Samen Abrahams sein. Es war ärgerlich und
beunruhigend, daß ein Weltweiser wie Benediktus d’Espinosa dem
verfluchten Stamm angehörte. Es war, als hätte an diesem Stamm die Natur
beispielsmäßig wollen demonstrieren, wie bis zu den Sternen hoch ein
Mensch sich heben, wie tief in Schlamm er einsinken kann.
ihnen bleiben wie vor anderen Fremden, den eingewanderten französischen
Emigranten etwa? Warum stießen sie ab oder zogen an oder waren gar
widerlich und reizvoll in Einem?
Johann Daniel Harpprecht hob den Kopf von den Papieren. In den
tanzenden Stäubchen der schrägen Sonnensäule formte sich ihm das Bild
des Herzogs und das Bild des Juden, eines im anderen, eines ins andere
rätselhaft übergleitend. Beide waren Ein Unglück. Gegen den Herzog gab
es ein Bollwerk: die Verfassung; aber es war löcherig und frommte nicht.
Gegen die Juden gab es Gesetze, Reskripte; aber sie nützten nichts. Die
nagenden Würmer, so stand in den Gutachten, Verboten. Das Land verkam,
Armut, Elend, Verbitterung, Verlotterung, Verzweiflung riß ein. Die
nagenden Würmer saßen im Land, fraßen in seinem Mark. Nagten, wurden
fett. Obenauf, sich ineinanderringelnd, der Herzog und der Jud, sich
spreizend in frecher, gemästeter Nacktheit, schillernd, üppig.
Dem festen, geraden, sachlichen Mann knäuelten sich die Gedanken.
Hier war so schwer fester Boden zu gewinnen; diese Juden und alles, was
mit ihnen zusammenhing, waren beunruhigend und voller Rätsel. Sie
austreiben nützte nichts, man rief sie doch immer wieder zurück; ja selbst
das primitive Mittel, sie totzuschlagen, brachte keine Lösung. Das Rätsel
quälte doch weiter, hinterher; und dann plötzlich, von wo man sie nie
vermutete, tauchten sie neu auf.
Du siehst einen Hausierjuden, er geht herum, wackelnd, häßlich,
schmutzig, lauersam, geduckt, hinterhältig, krumm an Seel und Leib, du
hast ein ekles Gefühl vor ihm, hütest dich, an seinen dreckigen Kaftan zu
streifen; aber auf einmal schlägt in seinem Gesicht eine uralte, weisere Welt
das Aug auf und schaut dich mild und verwirrend an, und der lausige
Saujud, eben noch zu schlecht, als daß du ihn mit deinem guten Stiefel
hättest in den Kot treten mögen, hebt sich wie eine Wolke, schwebt über dir,
hoch, lächelnd, unerreichbar weit.
Es war widerwärtig und unbehaglich, zu denken, daß so ein schmutziger
Trödeljude sollte aus dem Samen Abrahams sein. Es war ärgerlich und
beunruhigend, daß ein Weltweiser wie Benediktus d’Espinosa dem
verfluchten Stamm angehörte. Es war, als hätte an diesem Stamm die Natur
beispielsmäßig wollen demonstrieren, wie bis zu den Sternen hoch ein
Mensch sich heben, wie tief in Schlamm er einsinken kann.
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Nagende Würmer. Nagende, schädliche Würmer. Der Professor Johann
Daniel Harpprecht zwang sich zurück zu seinen Urkunden, aber sieh da! der
vernünftige, ruhige Mann hatte Gesichte wie ein Schwärmer. Die
Buchstaben selber wurden zu Würmern, kriechend, ekel sich streckend,
feucht, klebrig, schleimig, mit Köpfen des Herzogs und des Süß. Nagende
Würmer, nagende Würmer. Er verzog den Mund, spie aus.
Rettete seine Gedanken in das Bereich, wo Wallungen und Gesichte am
leichtesten konnten gehemmt werden, in sein eigenstes Bereich, ins
Staatswirtschaftliche. Was die Juden am Leben erhielt, war die
wirtschaftliche Notwendigkeit. Umschichtete sich die Welt. Früher war
eines Mannes Wert bestimmt von Stand und Geburt, jetzt war er bestimmt
durch das Geld. Als man die Verachteten und Gehaßten zu den
monopolisierten Verwaltern des Geldes gemacht, hatte man selber ihnen das
Seil zugeworfen, an dem sie hochkletterten. Jetzt war das Getriebe des
Geldes das lebendige Blut des Staates und der Gesellschaft, und die Juden
waren dieses Getriebes wichtigstes Rad, waren der ganzen komplizierten
Maschinerie Angelpunkt und erster Hebel. Nahm man sie heraus, so brach
Gesellschaft ein und Staat. Der Herzog, Zeichen und Symbol der alten
Ordnung, des Standes und der Geburt, und der Jude, Zeichen und Symbol
der neuen Ordnung, des Geldes, reichten einer dem andern die Hand, waren
verknüpft miteinander, lagen auf dem Volk, einträchtig, sogen sein Mark,
einer für den andern.
Nagende Würmer, nagende Würmer. Aufseufzend kehrte Harpprecht
zurück zu seiner Arbeit. Zurück wandelte sich unter seinem festen Willen
das ekle Geringel in klare, trockene Buchstaben, und sachlich, sorglich,
gewissenhaft, umständlich schrieb er sein Gutachten.
Die Eßlinger, nach hartem Feilschen und gegen fette Kompensationen,
übergaben den Juden Jecheskel Seligmann den herzoglichen Gerichten,
nach außen gewaltig schimpfend, in der Seele heilfroh. Die
württembergischen Gerichte ließen ihn schon nach wenigen Tagen ledig.
Zerbrochen, fahrig, irr und verstört von dem Schreck, der Todesangst, der
Folter, kehrte Jecheskel nach Freudenthal zurück, auf den Rest seiner Tage
von dem Ausgestandenen bis ins Mark zerwest. Oft fiel ihn nervöses
Zucken an, schütterte ihn, riß ihm die Schultern, die Arme lächerlich
Daniel Harpprecht zwang sich zurück zu seinen Urkunden, aber sieh da! der
vernünftige, ruhige Mann hatte Gesichte wie ein Schwärmer. Die
Buchstaben selber wurden zu Würmern, kriechend, ekel sich streckend,
feucht, klebrig, schleimig, mit Köpfen des Herzogs und des Süß. Nagende
Würmer, nagende Würmer. Er verzog den Mund, spie aus.
Rettete seine Gedanken in das Bereich, wo Wallungen und Gesichte am
leichtesten konnten gehemmt werden, in sein eigenstes Bereich, ins
Staatswirtschaftliche. Was die Juden am Leben erhielt, war die
wirtschaftliche Notwendigkeit. Umschichtete sich die Welt. Früher war
eines Mannes Wert bestimmt von Stand und Geburt, jetzt war er bestimmt
durch das Geld. Als man die Verachteten und Gehaßten zu den
monopolisierten Verwaltern des Geldes gemacht, hatte man selber ihnen das
Seil zugeworfen, an dem sie hochkletterten. Jetzt war das Getriebe des
Geldes das lebendige Blut des Staates und der Gesellschaft, und die Juden
waren dieses Getriebes wichtigstes Rad, waren der ganzen komplizierten
Maschinerie Angelpunkt und erster Hebel. Nahm man sie heraus, so brach
Gesellschaft ein und Staat. Der Herzog, Zeichen und Symbol der alten
Ordnung, des Standes und der Geburt, und der Jude, Zeichen und Symbol
der neuen Ordnung, des Geldes, reichten einer dem andern die Hand, waren
verknüpft miteinander, lagen auf dem Volk, einträchtig, sogen sein Mark,
einer für den andern.
Nagende Würmer, nagende Würmer. Aufseufzend kehrte Harpprecht
zurück zu seiner Arbeit. Zurück wandelte sich unter seinem festen Willen
das ekle Geringel in klare, trockene Buchstaben, und sachlich, sorglich,
gewissenhaft, umständlich schrieb er sein Gutachten.
Die Eßlinger, nach hartem Feilschen und gegen fette Kompensationen,
übergaben den Juden Jecheskel Seligmann den herzoglichen Gerichten,
nach außen gewaltig schimpfend, in der Seele heilfroh. Die
württembergischen Gerichte ließen ihn schon nach wenigen Tagen ledig.
Zerbrochen, fahrig, irr und verstört von dem Schreck, der Todesangst, der
Folter, kehrte Jecheskel nach Freudenthal zurück, auf den Rest seiner Tage
von dem Ausgestandenen bis ins Mark zerwest. Oft fiel ihn nervöses
Zucken an, schütterte ihn, riß ihm die Schultern, die Arme lächerlich
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zappelnd hin und her, zerrte sein Gesicht; oft auch, unversehens wimmerte
er, heulte leise, tierhaft. Andere Juden sorgten für ihn, schafften ihn außer
Landes, nach Amsterdam.
Ehe er Deutschland verließ, schrieb er dem Finanzdirektor, ob er bei ihm
vorsprechen dürfe, ihm zu danken. Süß überlegte, schwankte. Es wäre
Triumph gewesen, den Stuttgartern die Beute vorzuführen, die er den
Eßlingern entrissen. Aber andernteils sah diese Beute doch gar zu schäbig
und gerupft aus, die Stuttgarter hätten, wenn nicht laut geschimpft,
zumindest grobe Witze gemacht, und dann wagte er nicht, den Herzog, den
der ganze Handel arg verdroß, durch Aufführung des Jecheskel weiter zu
reizen. Großmütig verzichtete er also darauf, persönlich den Dank des
Befreiten entgegenzunehmen. Gestand sich aber, wie dies in letzter Zeit
seine Art war, die wahren Gründe nicht ein, sondern spreizte sich vor sich
selber, wie es sich nun erweise, daß er nicht um Dank, sondern nur aus
reinen und edlen Motiven die Tat getan habe.
Um so fetter mästete er in Frankfurt seine Eitelkeit. Ei, wie drängten sich
in den Gassen des Ghettos die Juden, ihn zu sehen, gurgelten Bewunderung,
flehten allen Segen Gottes auf ihn herab, hoben ihre Kinder hoch, daß sie
mit ihren fremdartigen, schönen, länglichen Augen sein seliges und
beglückendes Bild einfingen. Wie über einen Teppich schritt er über
hemmungslose Bewunderung und gute Wünsche. Ei, was für einen Retter
und großen Frommen hat da der Herr, gelobt sein Name, Israel in seiner
großen Not geschickt. Und in der Synagoge stand er, wurde aufgerufen zur
Vorlesung der Schrift, und während das Gesumme, das den menschenvollen
Raum immer füllte, so stumm ward, daß das ergriffene Schweigen der aus
wildester Furcht Erlösten die Mauern fast sprengte, ließ mit seiner zittrigen
Stimme der welke Rabbiner die schönen, milden, alten Segnungen wie aus
edler Schale laues, wohlriechendes Wasser auf ihn niederrieseln.
Nur Eine breitete ihre Bewunderung nicht so weich und willig vor ihn
hin, wie er erwartet hatte: seine Mutter. Sie, sonst seine demütigste, seligste
Anhängerin, schien dieses Mal eng, ängstlich, gehemmt. Wohl fand sie
immer neu Lob und Preis, wie groß und herrlich und schlank und reich und
edelmütig und elegant und gescheit und tief und mächtig er sei, wie begabt
er sei an allen Gütern der Welt, an Geld und Gemüt und Schönheit der
Gestalt und Edelsinn und Frauen. Aber sie ging nicht so auf in ihm wie
sonst. Die törichten, großen Augen in dem schönen, weißen Gesicht wurden
plötzlich wie in tiefster Angst erschreckt von ihm weggerissen; ihre Hände,
er, heulte leise, tierhaft. Andere Juden sorgten für ihn, schafften ihn außer
Landes, nach Amsterdam.
Ehe er Deutschland verließ, schrieb er dem Finanzdirektor, ob er bei ihm
vorsprechen dürfe, ihm zu danken. Süß überlegte, schwankte. Es wäre
Triumph gewesen, den Stuttgartern die Beute vorzuführen, die er den
Eßlingern entrissen. Aber andernteils sah diese Beute doch gar zu schäbig
und gerupft aus, die Stuttgarter hätten, wenn nicht laut geschimpft,
zumindest grobe Witze gemacht, und dann wagte er nicht, den Herzog, den
der ganze Handel arg verdroß, durch Aufführung des Jecheskel weiter zu
reizen. Großmütig verzichtete er also darauf, persönlich den Dank des
Befreiten entgegenzunehmen. Gestand sich aber, wie dies in letzter Zeit
seine Art war, die wahren Gründe nicht ein, sondern spreizte sich vor sich
selber, wie es sich nun erweise, daß er nicht um Dank, sondern nur aus
reinen und edlen Motiven die Tat getan habe.
Um so fetter mästete er in Frankfurt seine Eitelkeit. Ei, wie drängten sich
in den Gassen des Ghettos die Juden, ihn zu sehen, gurgelten Bewunderung,
flehten allen Segen Gottes auf ihn herab, hoben ihre Kinder hoch, daß sie
mit ihren fremdartigen, schönen, länglichen Augen sein seliges und
beglückendes Bild einfingen. Wie über einen Teppich schritt er über
hemmungslose Bewunderung und gute Wünsche. Ei, was für einen Retter
und großen Frommen hat da der Herr, gelobt sein Name, Israel in seiner
großen Not geschickt. Und in der Synagoge stand er, wurde aufgerufen zur
Vorlesung der Schrift, und während das Gesumme, das den menschenvollen
Raum immer füllte, so stumm ward, daß das ergriffene Schweigen der aus
wildester Furcht Erlösten die Mauern fast sprengte, ließ mit seiner zittrigen
Stimme der welke Rabbiner die schönen, milden, alten Segnungen wie aus
edler Schale laues, wohlriechendes Wasser auf ihn niederrieseln.
Nur Eine breitete ihre Bewunderung nicht so weich und willig vor ihn
hin, wie er erwartet hatte: seine Mutter. Sie, sonst seine demütigste, seligste
Anhängerin, schien dieses Mal eng, ängstlich, gehemmt. Wohl fand sie
immer neu Lob und Preis, wie groß und herrlich und schlank und reich und
edelmütig und elegant und gescheit und tief und mächtig er sei, wie begabt
er sei an allen Gütern der Welt, an Geld und Gemüt und Schönheit der
Gestalt und Edelsinn und Frauen. Aber sie ging nicht so auf in ihm wie
sonst. Die törichten, großen Augen in dem schönen, weißen Gesicht wurden
plötzlich wie in tiefster Angst erschreckt von ihm weggerissen; ihre Hände,
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die an ihrem gescheiten, eleganten, mächtigen Sohn herumstreichelten,
hielten unvermittelt, ohne Anlaß, inne. Die schöne, heitere, gern
plappernde, leichtlebige alte Dame hatte gegen ihre Art etwas Fahriges,
Nervös-Verschrecktes, Gepreßtes.
Während sie so in dumpfer Luft unfrei zusammensaßen, trat Rabbi
Gabriel in ihr Gespräch. Michaele fuhr mit einem kleinen Schrei hoch, hob
wie flehend und in leichter Abwehr die Hände.
„Hast du sie ihm gegeben?“ fragte der Kabbalist. Michaele, fahl, die
Augen weit auf, trat einen Schritt hinter sich. „Gib sie ihm jetzt!“ sagte der
Rabbi, ohne die Stimme zu heben, doch so, daß Widerstand starb. Michaele,
mit schlaffen Gliedern, gepreßt wimmernd, ging.
„Was soll das?“ fragte betreten und unmutig Süß. „Warum quält Ihr sie?
Was wollt Ihr von ihr?“
„Du hast mir gesagt,“ erwiderte der Rabbi, „was du vor das Kind
hinstellen willst als Sinn und Rechtfertigung. Ich nehme deine
Rechtfertigung in die Hand und zeige sie dir, wie sie wirklich ist.“
Schleppend, wie gezogen, kam Michaele zurück. Brachte einen Pack
Schriften, Briefe, wie es schien. Legte sie scheu vor den Erstaunten. „Muß
ich bleiben?“ fragte sie mühsam, und ihre Stimme war ganz klein und voll
Furcht. „Geh nur!“ sagte, fast gütig, der Rabbi.
Zögernd griff, nachdem sie eilig sich entfernt, Süß nach den Schriften,
hielt sie in der Hand, unentschlossen, begann endlich zu lesen. Galante
Briefe, leicht altmodisch, gleichgültiges Zeug. Er wunderte sich, verstand
nicht. Was soll das? Sah schließlich Zusammenhänge, kombinierte rasch
weiter, sah getroffen wie nach einer jähen, schlaghaften Erhellung von den
Papieren auf, sah nach dem Rabbi. Der war nicht da, er war allein im
Zimmer.
Auf sprang er, schritt, schleifte sich hin und her. Die Augen hell, wieder
dunkel, wieder hell. Gehetzte Wolken, wieder Sonne, wieder Nacht überm
Gesicht. Flatternde, ungereimte Armbewegungen, die Füße taumelig, wie
trunken. Gelall, Wortfetzen, dann, während der ganze Körper sich straffte,
ein klarer Satz. Und schon wieder zusammengefallen, schlaff, stammelnd,
zerschlagen alle Gliedmaßen. Der beherrschte Mann wie ein Komödiant,
der eine Rolle lernt, die ihn zu allen Sternen hochtreibt, in alle Schlünde
hinunterstürzt. Bis er wie ein Sack zusammenfällt, sitzend, alle Arbeit tief
innen wühlend, Gesicht und Glieder reglos. Eine lange, ewige Weile wie
tot.
hielten unvermittelt, ohne Anlaß, inne. Die schöne, heitere, gern
plappernde, leichtlebige alte Dame hatte gegen ihre Art etwas Fahriges,
Nervös-Verschrecktes, Gepreßtes.
Während sie so in dumpfer Luft unfrei zusammensaßen, trat Rabbi
Gabriel in ihr Gespräch. Michaele fuhr mit einem kleinen Schrei hoch, hob
wie flehend und in leichter Abwehr die Hände.
„Hast du sie ihm gegeben?“ fragte der Kabbalist. Michaele, fahl, die
Augen weit auf, trat einen Schritt hinter sich. „Gib sie ihm jetzt!“ sagte der
Rabbi, ohne die Stimme zu heben, doch so, daß Widerstand starb. Michaele,
mit schlaffen Gliedern, gepreßt wimmernd, ging.
„Was soll das?“ fragte betreten und unmutig Süß. „Warum quält Ihr sie?
Was wollt Ihr von ihr?“
„Du hast mir gesagt,“ erwiderte der Rabbi, „was du vor das Kind
hinstellen willst als Sinn und Rechtfertigung. Ich nehme deine
Rechtfertigung in die Hand und zeige sie dir, wie sie wirklich ist.“
Schleppend, wie gezogen, kam Michaele zurück. Brachte einen Pack
Schriften, Briefe, wie es schien. Legte sie scheu vor den Erstaunten. „Muß
ich bleiben?“ fragte sie mühsam, und ihre Stimme war ganz klein und voll
Furcht. „Geh nur!“ sagte, fast gütig, der Rabbi.
Zögernd griff, nachdem sie eilig sich entfernt, Süß nach den Schriften,
hielt sie in der Hand, unentschlossen, begann endlich zu lesen. Galante
Briefe, leicht altmodisch, gleichgültiges Zeug. Er wunderte sich, verstand
nicht. Was soll das? Sah schließlich Zusammenhänge, kombinierte rasch
weiter, sah getroffen wie nach einer jähen, schlaghaften Erhellung von den
Papieren auf, sah nach dem Rabbi. Der war nicht da, er war allein im
Zimmer.
Auf sprang er, schritt, schleifte sich hin und her. Die Augen hell, wieder
dunkel, wieder hell. Gehetzte Wolken, wieder Sonne, wieder Nacht überm
Gesicht. Flatternde, ungereimte Armbewegungen, die Füße taumelig, wie
trunken. Gelall, Wortfetzen, dann, während der ganze Körper sich straffte,
ein klarer Satz. Und schon wieder zusammengefallen, schlaff, stammelnd,
zerschlagen alle Gliedmaßen. Der beherrschte Mann wie ein Komödiant,
der eine Rolle lernt, die ihn zu allen Sternen hochtreibt, in alle Schlünde
hinunterstürzt. Bis er wie ein Sack zusammenfällt, sitzend, alle Arbeit tief
innen wühlend, Gesicht und Glieder reglos. Eine lange, ewige Weile wie
tot.
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So also griff das ineinander. So waren auf einmal alle diese schattenden,
düsteren Winkel hell. Man hatte ihn ja, der verfluchte, hexenmeisterische
Rabbi und die Mutter, gemein, niederträchtig, infam betrogen, daß man ihm
das so lange gehehlt und verheimlicht hatte. Es war ein arger Possen und
echt jüdischer, tückischer Schelmenstreich, ihn so lange an diese schlechte,
niedrige, gemeine, lächerliche und verachtete Gemeinschaft zu binden. Er
hatte sich freilich, Gott sei Dank, vermöge seines Genies und seines
eingeborenen adeligen Blutes doch nicht unterkriegen lassen. Sein
Ingenium hatte strahlend floriert trotz allen gemeinen Hemmungen und
Bindungen. Aber wie viele empörende, blutvergiftende Demütigungen, wie
viele erniedrigende, krumme Schleich- und Umwege hätte er sich erspart,
wie viele bizarre, alberne Kanten und Winkel wären glatt und gerade
gewesen, hätte man ihn nicht verbrecherisch in diesem falschen und
pöbelhaften Stand und Glauben belassen.
Aber wie das? Nur Ruhe! Nur keine Wallungen! Alles ruhig wägen und
überdenken! Lag jetzt sein Weg wirklich so glatt und im Licht vor ihm?
Es war also nicht der kleine Kantor und Komödiant Issaschar Süß sein
Vater. Es war klar und unumstößlich zu erweisen, daß Georg Eberhard von
Heydersdorff sein Vater war, Baron und Feldmarschall. Er war nicht aus
schlechtem Samen, seine Allüren, seine Tenue, sein Temperament war nicht
willkürlich angenommen, war nicht erlernt und künstlich. Seine
kavaliersmäßigen Neigungen, sein Aufstieg, sein herrenmäßiges, adeliges
Gewese war selbstverständlich, brach notwendig durch alle Hemmungen;
denn es kam aus dem Geblüt und innerster Natur. Er war Christ von Geburt
und Kavalier.
Bastard? Jenun, das waren die Fähigsten und Besten, die in solchem
wilden, von ungezügeltem Trieb bestimmten Bett gezeugt waren. Wo sich
nicht erkältend und ernüchternd praktische Erwägung zwischen Blüte und
Frucht gestellt hatte. Wenn nicht auf dem Thron selbst, so doch auf seinen
höchsten Stufen saßen, überall in Europa, Bastarde. Es ehrte seinen Vater,
daß er sich von keiner sauern Aristokratentochter, daß er sich von der
schönen Jüdin den Sohn gebären ließ.
Heydersdorff sein Vater, Georg Eberhard von Heydersdorff. Ein schöner
Name. Ein wilder Name. Ein blutiger, zerfetzter, unseliger Name. Er kannte
Bilder dieses Mannes. In tapferer Schamlosigkeit hatte die Mutter das Bild
in ihrem Zimmer hängen lassen, auch als der Mann diffamiert und in letzte
Not gejagt war. Wie oft war er als Junge davorgestanden, vor dem Bild des
düsteren Winkel hell. Man hatte ihn ja, der verfluchte, hexenmeisterische
Rabbi und die Mutter, gemein, niederträchtig, infam betrogen, daß man ihm
das so lange gehehlt und verheimlicht hatte. Es war ein arger Possen und
echt jüdischer, tückischer Schelmenstreich, ihn so lange an diese schlechte,
niedrige, gemeine, lächerliche und verachtete Gemeinschaft zu binden. Er
hatte sich freilich, Gott sei Dank, vermöge seines Genies und seines
eingeborenen adeligen Blutes doch nicht unterkriegen lassen. Sein
Ingenium hatte strahlend floriert trotz allen gemeinen Hemmungen und
Bindungen. Aber wie viele empörende, blutvergiftende Demütigungen, wie
viele erniedrigende, krumme Schleich- und Umwege hätte er sich erspart,
wie viele bizarre, alberne Kanten und Winkel wären glatt und gerade
gewesen, hätte man ihn nicht verbrecherisch in diesem falschen und
pöbelhaften Stand und Glauben belassen.
Aber wie das? Nur Ruhe! Nur keine Wallungen! Alles ruhig wägen und
überdenken! Lag jetzt sein Weg wirklich so glatt und im Licht vor ihm?
Es war also nicht der kleine Kantor und Komödiant Issaschar Süß sein
Vater. Es war klar und unumstößlich zu erweisen, daß Georg Eberhard von
Heydersdorff sein Vater war, Baron und Feldmarschall. Er war nicht aus
schlechtem Samen, seine Allüren, seine Tenue, sein Temperament war nicht
willkürlich angenommen, war nicht erlernt und künstlich. Seine
kavaliersmäßigen Neigungen, sein Aufstieg, sein herrenmäßiges, adeliges
Gewese war selbstverständlich, brach notwendig durch alle Hemmungen;
denn es kam aus dem Geblüt und innerster Natur. Er war Christ von Geburt
und Kavalier.
Bastard? Jenun, das waren die Fähigsten und Besten, die in solchem
wilden, von ungezügeltem Trieb bestimmten Bett gezeugt waren. Wo sich
nicht erkältend und ernüchternd praktische Erwägung zwischen Blüte und
Frucht gestellt hatte. Wenn nicht auf dem Thron selbst, so doch auf seinen
höchsten Stufen saßen, überall in Europa, Bastarde. Es ehrte seinen Vater,
daß er sich von keiner sauern Aristokratentochter, daß er sich von der
schönen Jüdin den Sohn gebären ließ.
Heydersdorff sein Vater, Georg Eberhard von Heydersdorff. Ein schöner
Name. Ein wilder Name. Ein blutiger, zerfetzter, unseliger Name. Er kannte
Bilder dieses Mannes. In tapferer Schamlosigkeit hatte die Mutter das Bild
in ihrem Zimmer hängen lassen, auch als der Mann diffamiert und in letzte
Not gejagt war. Wie oft war er als Junge davorgestanden, vor dem Bild des
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prunkenden Generals, an seinem Namen hatte ihn die Mutter sprechen
gelehrt, der umständliche Name Georg Eberhard von Heydersdorff war mit
das erste gewesen, was das frühreife Kind fehlerlos hatte aussprechen
können; die Mutter hatte ihm ein Zuckerlein in den Mund gesteckt, als er
das erstemal damit zu Rande kam. Ah, von ihm also hatte er das
kastanienbraune Haar, von ihm die herrenhaft schlanke Haltung, und die
rote, stolze Uniform war es, was ihm vorschwebte, was ihn immer
weiterlockte auf dem Weg, den er so märchenhaft hinaufgelangt war.
Georg Eberhard Heydersdorff: ein Schicksal, das in steilem Triumph
hinaufführte und jäher hinab. Feldmarschall-Leutenant, hochverdient in den
Türkenkriegen, Komtur des Deutsch-Ritterordens zu Heilbronn,
Kommandant zu Heidelberg im französischen Krieg. Neid und Eifersucht
schleppten ihn nach dem Fall der Festung vors Kriegsgericht. Er habe sie
feig und voreilig übergeben, er hätte sie halten sollen bis zur Ankunft
Ludwigs von Baden. Todesurteil. Der Kaiser begnadigt ihn. Doch wie! Der
Knabe hatte Bilder gesehen, wie die Begnadigung vollzogen ward. Deutlich
noch jetzt sieht er jede Einzelheit der fliegenden Blätter. Das rechte
Neckarufer entlang hat der scheelsüchtige Markgraf die Truppen aufgestellt.
Wie steif er sich hält auf seinem dürren Gaul. Das war also sein Vater, der
da die Front des ganzen kaiserlichen Heeres entlanggeführt wird. Eine
endlose Front; die Soldaten schlängeln sich das ganze Blatt hindurch in
immer neuen Zeilen. Und sein Vater hockt auf dem Schinderkarren,
schimpflich ausgestoßen aus dem Deutsch-Ritterorden, entsetzt all seiner
Ehren, und der Heilbronner Scharfrichter und seine Knechte führen ihn.
Noch andere Stiche und Schnitte und fliegende Blätter hat er gesehen.
Doch die sind ihm minder klar in der Erinnerung. Auf einem sieht er noch
ganz deutlich, wie jemand einen Säbel zerbricht. Das ist offenbar, wie dem
Feldmarschall vor dem Regiment, das seinen Namen führt, sein Todesurteil
vorgelesen wird und die Verwandlung in Verbannung. Als treuloser Schelm
wird er verbannt aus Oesterreich und Schwaben. Der Henker reißt ihm den
Degen von der Seite, schlägt ihn dem Delinquenten dreimal ums Maul,
zerbricht ihn. Laut wehklagend wird der Verbannte über den Neckar
geführt, in einem Nachen.
Das weitere blieb Gerücht. Er soll zu den Kapuzinern geflohen sein nach
Neckarsulm, als Kapuziner gestorben in Hildesheim. Die Mutter weiß wohl
Näheres. Jedenfalls hat heute der Name nicht mehr schlechten Klang.
gelehrt, der umständliche Name Georg Eberhard von Heydersdorff war mit
das erste gewesen, was das frühreife Kind fehlerlos hatte aussprechen
können; die Mutter hatte ihm ein Zuckerlein in den Mund gesteckt, als er
das erstemal damit zu Rande kam. Ah, von ihm also hatte er das
kastanienbraune Haar, von ihm die herrenhaft schlanke Haltung, und die
rote, stolze Uniform war es, was ihm vorschwebte, was ihn immer
weiterlockte auf dem Weg, den er so märchenhaft hinaufgelangt war.
Georg Eberhard Heydersdorff: ein Schicksal, das in steilem Triumph
hinaufführte und jäher hinab. Feldmarschall-Leutenant, hochverdient in den
Türkenkriegen, Komtur des Deutsch-Ritterordens zu Heilbronn,
Kommandant zu Heidelberg im französischen Krieg. Neid und Eifersucht
schleppten ihn nach dem Fall der Festung vors Kriegsgericht. Er habe sie
feig und voreilig übergeben, er hätte sie halten sollen bis zur Ankunft
Ludwigs von Baden. Todesurteil. Der Kaiser begnadigt ihn. Doch wie! Der
Knabe hatte Bilder gesehen, wie die Begnadigung vollzogen ward. Deutlich
noch jetzt sieht er jede Einzelheit der fliegenden Blätter. Das rechte
Neckarufer entlang hat der scheelsüchtige Markgraf die Truppen aufgestellt.
Wie steif er sich hält auf seinem dürren Gaul. Das war also sein Vater, der
da die Front des ganzen kaiserlichen Heeres entlanggeführt wird. Eine
endlose Front; die Soldaten schlängeln sich das ganze Blatt hindurch in
immer neuen Zeilen. Und sein Vater hockt auf dem Schinderkarren,
schimpflich ausgestoßen aus dem Deutsch-Ritterorden, entsetzt all seiner
Ehren, und der Heilbronner Scharfrichter und seine Knechte führen ihn.
Noch andere Stiche und Schnitte und fliegende Blätter hat er gesehen.
Doch die sind ihm minder klar in der Erinnerung. Auf einem sieht er noch
ganz deutlich, wie jemand einen Säbel zerbricht. Das ist offenbar, wie dem
Feldmarschall vor dem Regiment, das seinen Namen führt, sein Todesurteil
vorgelesen wird und die Verwandlung in Verbannung. Als treuloser Schelm
wird er verbannt aus Oesterreich und Schwaben. Der Henker reißt ihm den
Degen von der Seite, schlägt ihn dem Delinquenten dreimal ums Maul,
zerbricht ihn. Laut wehklagend wird der Verbannte über den Neckar
geführt, in einem Nachen.
Das weitere blieb Gerücht. Er soll zu den Kapuzinern geflohen sein nach
Neckarsulm, als Kapuziner gestorben in Hildesheim. Die Mutter weiß wohl
Näheres. Jedenfalls hat heute der Name nicht mehr schlechten Klang.
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Scheelsucht und Ungerechtigkeit soll das Urteil gefällt haben. Als Held gilt
dem Volke Heydersdorff der Soldat, als Märtyrer Heydersdorff der Mönch.
Solcher Mann also ist sein Vater. Ein wilder Name, ein wildes Schicksal.
Der Kabbalist mochte für sein Fatum allerlei herausdeuten aus dem sehr
rastlosen Stern des Vaters. Waren da nicht bis ins kleinste geheime
Relationen? Der Vater Kapuziner: und er ist hineinverwoben in das
katholische Projekt Karl Alexanders. Der Vater Soldat: was Wunder, daß
geheime Magie den Herzog, den Soldaten, und ihn aneinanderbindet.
Weg mit dem Geträume! Zugepackt! Was nun? Was wird nun sein? Was
wird er jetzt tun?
Er wird vor den Herzog hintreten mit den Papieren, Legalisierung
verlangen, Anerkennung seiner christlichen Geburt. Vielleicht wird er selber
nach Wien fahren. Er wird die Nobilitierung mühelos durchdrücken, er wird
dann in aller Form Landhofmeister werden, auch Präsident des Konseils.
Dies also wird sein. Ja, und dann?
Ist er dann anderes, als er jetzt ist? Er wird es leichter haben, seine Hände
in das katholische Projekt zu mischen. Der Fürstbischof von Würzburg wird
sich nicht mehr vor ihm verschließen, die höhnischen Mäuler unter den
Offizieren werden stumm bleiben. Er wird zum faktischen Besitz der Macht
auch ihren Namen haben und ihren Schein. Ja, und dann?
Ist er dann mehr als jetzt? Er ist weniger. Ein Schock solcher Diplomaten
gibt es im Reich, wie er dann einer sein wird. Das Singuläre, Einmalige,
Besondere wird weg sein, das jetzt um ihn ist. Jetzt ist er der jüdische
Minister. Das ist etwas. Man lacht, man höhnt; aber unter diesem Lachen
steckt Staunen vermummt und Bewunderung. Daß ein Aristokrat Minister
wird, was da weiter? Aber ein Jud, der so einsam hochklettert, das ist doch
wohl mehr als ein Schock Aristokraten. Soll er das hinwerfen? Wofür?
Wozu? Schließlich hätte er sich doch früher schon taufen lassen können.
Hätte vielleicht sogar mehr erreicht, als wenn er jetzt als geborener Christ
sich offenbarte. Christ sein, das war Einer unter vielen sein. Aber Juden gab
es auf sechshundert Christen nur Einen. Jude sein, das hieß verachtet,
verfolgt, erniedrigt sein, aber auch einmalig sein, immer bewußt, aller
Augen auf sich zu haben, immer gezwungen, gespannt, gerafft zu sein, alle
Sinne lebendig und auf der Hut.
Warum zeigte ihm der Rabbi diese Dokumente jetzt, so unvermittelt, wo
er längst in der zweiten Hälfte seines Lebens stand? Gönnte man ihm den
Triumph nicht, den er in der Affäre des Jecheskel Seligmann gehabt? Wollte
dem Volke Heydersdorff der Soldat, als Märtyrer Heydersdorff der Mönch.
Solcher Mann also ist sein Vater. Ein wilder Name, ein wildes Schicksal.
Der Kabbalist mochte für sein Fatum allerlei herausdeuten aus dem sehr
rastlosen Stern des Vaters. Waren da nicht bis ins kleinste geheime
Relationen? Der Vater Kapuziner: und er ist hineinverwoben in das
katholische Projekt Karl Alexanders. Der Vater Soldat: was Wunder, daß
geheime Magie den Herzog, den Soldaten, und ihn aneinanderbindet.
Weg mit dem Geträume! Zugepackt! Was nun? Was wird nun sein? Was
wird er jetzt tun?
Er wird vor den Herzog hintreten mit den Papieren, Legalisierung
verlangen, Anerkennung seiner christlichen Geburt. Vielleicht wird er selber
nach Wien fahren. Er wird die Nobilitierung mühelos durchdrücken, er wird
dann in aller Form Landhofmeister werden, auch Präsident des Konseils.
Dies also wird sein. Ja, und dann?
Ist er dann anderes, als er jetzt ist? Er wird es leichter haben, seine Hände
in das katholische Projekt zu mischen. Der Fürstbischof von Würzburg wird
sich nicht mehr vor ihm verschließen, die höhnischen Mäuler unter den
Offizieren werden stumm bleiben. Er wird zum faktischen Besitz der Macht
auch ihren Namen haben und ihren Schein. Ja, und dann?
Ist er dann mehr als jetzt? Er ist weniger. Ein Schock solcher Diplomaten
gibt es im Reich, wie er dann einer sein wird. Das Singuläre, Einmalige,
Besondere wird weg sein, das jetzt um ihn ist. Jetzt ist er der jüdische
Minister. Das ist etwas. Man lacht, man höhnt; aber unter diesem Lachen
steckt Staunen vermummt und Bewunderung. Daß ein Aristokrat Minister
wird, was da weiter? Aber ein Jud, der so einsam hochklettert, das ist doch
wohl mehr als ein Schock Aristokraten. Soll er das hinwerfen? Wofür?
Wozu? Schließlich hätte er sich doch früher schon taufen lassen können.
Hätte vielleicht sogar mehr erreicht, als wenn er jetzt als geborener Christ
sich offenbarte. Christ sein, das war Einer unter vielen sein. Aber Juden gab
es auf sechshundert Christen nur Einen. Jude sein, das hieß verachtet,
verfolgt, erniedrigt sein, aber auch einmalig sein, immer bewußt, aller
Augen auf sich zu haben, immer gezwungen, gespannt, gerafft zu sein, alle
Sinne lebendig und auf der Hut.
Warum zeigte ihm der Rabbi diese Dokumente jetzt, so unvermittelt, wo
er längst in der zweiten Hälfte seines Lebens stand? Gönnte man ihm den
Triumph nicht, den er in der Affäre des Jecheskel Seligmann gehabt? Wollte
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man ihn arglistig um ein bestes Erbteil betrügen? Ihm schlau und
verächtlich seine wertvollste Zugehörigkeit ablauern?
Der große Geschäftsmann sah sich in einen Handel verstrickt, wo man
mit Ziffern und Kalkulationen nicht weiterkam, wo auch seine kluge Kunst,
Menschen zu erraten, versagte. Was zum Teufel wollte dieser Rabbi damit,
daß er ihm jetzt die Papiere vorlegte? Welche Absicht hatte er dabei? Wenn
er, Süß, jetzt als Christ auftrat, was hatte Rabbi Gabriel damit gewonnen?
Er konnte sich nicht losreißen von seinem Geschäftsprinzip, daß bei jeder
Handlung der Mensch etwas gewinnen, den Partner um etwas prellen wolle.
Die polnischen Juden, wenn sie sich taufen ließen, der lausigste
Dreckjude selbst, erhielten sie den Adel. Warum taten sie es nicht? Warum
verschmähten sie, diese schlauen Geschäftsleute, so leichten Gewinn?
Ließen sich totschlagen lieber, eh daß sie ihn nahmen? Frömmigkeit?
Glaube? Ueberzeugung? Sollte doch etwas an diesen Worten sein? Und war
es denkbar, daß solch ein dreckiger polnischer Jude das hatte, was sich
hinter so tiefem und tönendem Schall verbarg? War es denkbar, daß solch
ein Niedriger in seinem primitiven Gefühl weiser war, für ein dunkles
Drüben besser vorbereitet, als er in seiner vielverschlungenen Klugheit? Er
fühlte sich wie ein Kind unsicher und ohne Rat und Hilfe.
Heute war er der erste unter den deutschen Juden. Man hob die Kinder
hoch an seiner Straße, flehte, aufgeregt und mit vielen dringlichen
Gebärden, alles Heil des Himmels auf ihn herab. Er dachte, wie er in der
Synagoge gestanden war, mitten in dem ergriffenen Schweigen der sonst so
Lauten und Beweglichen, überrieselt von den milden, zitternden Segnungen
des Rabbiners, und ein laues, süßes, schlaffes Gefühl überkam ihn. Es
kostete Entschluß, man mußte die Zähne zusammenbeißen, auf dies alles zu
verzichten. Wenn er einen Erfolg erzwungen hatte, gewiß, es war schön, ihn
den höhnenden Gegnern paradierend in das verzerrte Gesicht zu werfen, es
war schön, damit vor Frauen, vor Magdalen Sibylle zu strahlen, aber der
satteste Triumph war es doch, ihn vor Isaak Landauer, in der Judengasse,
vor der Mutter ihn auszubreiten. Hier konnte man behaglich, ohne Furcht
vor hämischem Wort und Blick, an seinem Erfolg kauen, seinen letzten Saft
auskosten, und wußte, im Grund freuten die anderen sich mit. Hier war man
zu Hause, hier konnte man Miene, Geste, Wort lockern, ausspannen. Hier
war man in Frieden und wohlgebettet.
Seine Mutter. Sie hat sich also, wie sagt man? vergangen. Seltsam, daß
sie dadurch nicht um ein Haar anders für ihn wird. Der, den er für seinen
verächtlich seine wertvollste Zugehörigkeit ablauern?
Der große Geschäftsmann sah sich in einen Handel verstrickt, wo man
mit Ziffern und Kalkulationen nicht weiterkam, wo auch seine kluge Kunst,
Menschen zu erraten, versagte. Was zum Teufel wollte dieser Rabbi damit,
daß er ihm jetzt die Papiere vorlegte? Welche Absicht hatte er dabei? Wenn
er, Süß, jetzt als Christ auftrat, was hatte Rabbi Gabriel damit gewonnen?
Er konnte sich nicht losreißen von seinem Geschäftsprinzip, daß bei jeder
Handlung der Mensch etwas gewinnen, den Partner um etwas prellen wolle.
Die polnischen Juden, wenn sie sich taufen ließen, der lausigste
Dreckjude selbst, erhielten sie den Adel. Warum taten sie es nicht? Warum
verschmähten sie, diese schlauen Geschäftsleute, so leichten Gewinn?
Ließen sich totschlagen lieber, eh daß sie ihn nahmen? Frömmigkeit?
Glaube? Ueberzeugung? Sollte doch etwas an diesen Worten sein? Und war
es denkbar, daß solch ein dreckiger polnischer Jude das hatte, was sich
hinter so tiefem und tönendem Schall verbarg? War es denkbar, daß solch
ein Niedriger in seinem primitiven Gefühl weiser war, für ein dunkles
Drüben besser vorbereitet, als er in seiner vielverschlungenen Klugheit? Er
fühlte sich wie ein Kind unsicher und ohne Rat und Hilfe.
Heute war er der erste unter den deutschen Juden. Man hob die Kinder
hoch an seiner Straße, flehte, aufgeregt und mit vielen dringlichen
Gebärden, alles Heil des Himmels auf ihn herab. Er dachte, wie er in der
Synagoge gestanden war, mitten in dem ergriffenen Schweigen der sonst so
Lauten und Beweglichen, überrieselt von den milden, zitternden Segnungen
des Rabbiners, und ein laues, süßes, schlaffes Gefühl überkam ihn. Es
kostete Entschluß, man mußte die Zähne zusammenbeißen, auf dies alles zu
verzichten. Wenn er einen Erfolg erzwungen hatte, gewiß, es war schön, ihn
den höhnenden Gegnern paradierend in das verzerrte Gesicht zu werfen, es
war schön, damit vor Frauen, vor Magdalen Sibylle zu strahlen, aber der
satteste Triumph war es doch, ihn vor Isaak Landauer, in der Judengasse,
vor der Mutter ihn auszubreiten. Hier konnte man behaglich, ohne Furcht
vor hämischem Wort und Blick, an seinem Erfolg kauen, seinen letzten Saft
auskosten, und wußte, im Grund freuten die anderen sich mit. Hier war man
zu Hause, hier konnte man Miene, Geste, Wort lockern, ausspannen. Hier
war man in Frieden und wohlgebettet.
Seine Mutter. Sie hat sich also, wie sagt man? vergangen. Seltsam, daß
sie dadurch nicht um ein Haar anders für ihn wird. Der, den er für seinen
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Vater gehalten, der sanftmütige, höfliche, geschwinde, liebenswürdige,
betuliche Sänger und Komödiant, den sollte er jetzt wohl verachten.
Merkwürdig, daß er kein anderes Gefühl für ihn aufbringen konnte als
Zärtlichkeit. Wie muß dieser Mann seine Mutter geliebt haben, daß er sie
den Bastard nie entgelten ließ. Er hatte kein häßliches Wort gehört von ihm
zu ihr. Und wie war auch zu ihm selber dieser Mann zeitlebens zart und
einfühlsam und väterlich gewesen. Ihn in Gedanken anders als Vater zu
nennen gelang nicht.
Und die edlen Regungen in der Affäre des Jecheskel Seligmann, das
Opfer, das war also alles Selbstbetrug, Schwindel? Das hat er sich selber
vorgespielt? Er bäumte hoch. Die Gehobenheit, die er damals verspürt, als
er sich die Tat abgerungen, dies selige Schwimmen und Sichlösen und
Aufgehen und Verströmen: das soll alles Lüge und Eitelkeit gewesen sein?
Und das mit Edom, die Rache an Edom, das war nur Schwatz, schöne
Rednerei, den Rabbi hinters Ohr zu hauen? Aber es hatte ihn doch gehoben,
aus seinen Grenzen, über sich selber hinausgehoben! Er hatte es doch
geglaubt, er hatte doch gewußt, daß es wahr war! Und das Kind? Wenn man
ihm die Papiere nicht gewiesen hätte, dann wäre er also mit der Lüge vor
das Kind getreten, hätte selber an die Lüge geglaubt und durch den eigenen
auch das Kind zum Glauben an die Lüge verführt. Nein, nein, das war nicht
möglich. So war es, daß, was er damals gespürt hatte, Repräsentant Judas
gegen Edom, Schutz und Rächer, daß dies ehrlich war und unverfälscht.
Das war schon seines Lebens Sinn und Hebel. Er war eben seiner Mutter
Sohn, nicht seines Vaters.
Aber daß er sich nur in Glanz und Macht zu Hause fühlte? Das war zu
Recht, das war von Erb und Bluts wegen, daß die Dinge sich ihm
schmiegten! Daß Gold, Glanz, Macht ihm zufiel wie von selbst, ihm stand
wie ein Kleid, sorglich für ihn gefertigt, das war seines Vaters rechtens
überkommenes Erbteil. Darum zog es den Herzog zu ihm, daß er sein Herz
vertrauend in seine Hand legte. Er war seines Vaters Sohn. Es war Recht
und Pflicht, herauszutreten aus den Reihen der Niedrigen und Verachteten,
groß zu stehen im Licht, die Hand zu legen auf seinen Namen, Erbe und
Stellung.
Die Gedanken wirrten sich ihm. Was tun? Wohin sich bekennen? An
goldenen Fäden zog die Macht; doch auch die Lockung, unter den
Verachteten zu stehen, war so zäh wie mild. Reizvoll war es, jede Rüstung
betuliche Sänger und Komödiant, den sollte er jetzt wohl verachten.
Merkwürdig, daß er kein anderes Gefühl für ihn aufbringen konnte als
Zärtlichkeit. Wie muß dieser Mann seine Mutter geliebt haben, daß er sie
den Bastard nie entgelten ließ. Er hatte kein häßliches Wort gehört von ihm
zu ihr. Und wie war auch zu ihm selber dieser Mann zeitlebens zart und
einfühlsam und väterlich gewesen. Ihn in Gedanken anders als Vater zu
nennen gelang nicht.
Und die edlen Regungen in der Affäre des Jecheskel Seligmann, das
Opfer, das war also alles Selbstbetrug, Schwindel? Das hat er sich selber
vorgespielt? Er bäumte hoch. Die Gehobenheit, die er damals verspürt, als
er sich die Tat abgerungen, dies selige Schwimmen und Sichlösen und
Aufgehen und Verströmen: das soll alles Lüge und Eitelkeit gewesen sein?
Und das mit Edom, die Rache an Edom, das war nur Schwatz, schöne
Rednerei, den Rabbi hinters Ohr zu hauen? Aber es hatte ihn doch gehoben,
aus seinen Grenzen, über sich selber hinausgehoben! Er hatte es doch
geglaubt, er hatte doch gewußt, daß es wahr war! Und das Kind? Wenn man
ihm die Papiere nicht gewiesen hätte, dann wäre er also mit der Lüge vor
das Kind getreten, hätte selber an die Lüge geglaubt und durch den eigenen
auch das Kind zum Glauben an die Lüge verführt. Nein, nein, das war nicht
möglich. So war es, daß, was er damals gespürt hatte, Repräsentant Judas
gegen Edom, Schutz und Rächer, daß dies ehrlich war und unverfälscht.
Das war schon seines Lebens Sinn und Hebel. Er war eben seiner Mutter
Sohn, nicht seines Vaters.
Aber daß er sich nur in Glanz und Macht zu Hause fühlte? Das war zu
Recht, das war von Erb und Bluts wegen, daß die Dinge sich ihm
schmiegten! Daß Gold, Glanz, Macht ihm zufiel wie von selbst, ihm stand
wie ein Kleid, sorglich für ihn gefertigt, das war seines Vaters rechtens
überkommenes Erbteil. Darum zog es den Herzog zu ihm, daß er sein Herz
vertrauend in seine Hand legte. Er war seines Vaters Sohn. Es war Recht
und Pflicht, herauszutreten aus den Reihen der Niedrigen und Verachteten,
groß zu stehen im Licht, die Hand zu legen auf seinen Namen, Erbe und
Stellung.
Die Gedanken wirrten sich ihm. Was tun? Wohin sich bekennen? An
goldenen Fäden zog die Macht; doch auch die Lockung, unter den
Verachteten zu stehen, war so zäh wie mild. Reizvoll war es, jede Rüstung
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abzutun; aber auch in dem goldenen Panzer zu prangen, war Versuchung
und starke Lust.
Mitten im Traum sah er sich, der zuweilen ihn anfiel. Sah sich schreiten
in jenem gespenstischen Tanz, an einer Hand hielt ihn der Herzog, der
Rabbi an der andern. Schritt da vorne nicht sein Vater, der Feldmarschall,
abgerissen die Epauletten, im Takt klirrend mit dem zerbrochenen Degen,
winkend mit den Urkunden seiner Abkunft? Aber der Mönch dort hinten,
der Kapuziner, der ist doch auch wieder sein Vater! Sonderbar, daß man
nicht erkennen kann, ob das der zerbrochene Degen ist oder der
Rosenkranz, was ihm da herunterhängt. Aber wer dort vorne lächerlich im
Kaftan hüpfend sich ihm zuneigt, mit dem strähnigen Bart, das ist Isaak
Landauer. Nein, nicht Isaak Landauer ist es, sondern Jecheskel Seligmann.
Er kommt sich zu bedanken, und er verbeugt sich albern, und er knickst tief
und küßt ihm den Rock, und es sieht komisch und beklemmend aus, wie er
immer wieder mit dem von der Folter zerrissenen Gesicht lächelt und dann
wieder knicksend mit dem Kaftan den Boden schleift.
Mit Gewalt aus seiner Benommenheit und Dämmer reißt sich Süß. Er
will jetzt seine Mutter sehen. Er will sich jetzt nicht entschließen; mit
Ziffern und Kalküls kommt er hier nicht weiter. Und er hat jetzt diese
Gedanken satt, und er will jetzt Ruhe haben vor diesen albernen Träumen,
und er will jetzt das Gesicht seiner Mutter sehen.
Doch wie er geht, an der Schwelle des Zimmers, tritt ihm Rabbi Gabriel
entgegen. Das massige Gesicht scheint minder steinern als sonst, weniger
scharf über der platten Nase zacken die drei Falten, selbst sein Mißmut
scheint gelöster, bewegter, menschlicher.
„Willst du mich anzeigen?“ fragt er höhnisch. „Es kann deiner Karriere
nur nützen, wenn du mich einem Kirchengericht übergibst, weil ich einen
gebürtigen Christen so lang im falschen Glauben hielt.“
Und da Süß einen ungestümen Schritt vorwärts tut: „Oder willst du mit
deiner Mutter rechten? Sie schelten, weil sie dir so lange schwieg? Ihr
danken, daß sie dir einen so kavaliersmäßigen Vater gab?“
Eine wilde, unsinnige Wut steigt in Süß hoch. Wie kommt dieser Mann
dazu, so ohne weiteres anzunehmen, daß er nun in ein bequemes
Christentum schlüpfen wird? Wie steht er höhnisch da mit seinen trüben
grauen Augen, die gipfelhoch auf einen niederschauen, wie ein Hofmeister,
der den dummen Zögling über einer albern armseligen Ausrede ertappt.
Will er ihm jetzt etwa seine jüdische Geburt abstreiten, sein Opfer, sein
und starke Lust.
Mitten im Traum sah er sich, der zuweilen ihn anfiel. Sah sich schreiten
in jenem gespenstischen Tanz, an einer Hand hielt ihn der Herzog, der
Rabbi an der andern. Schritt da vorne nicht sein Vater, der Feldmarschall,
abgerissen die Epauletten, im Takt klirrend mit dem zerbrochenen Degen,
winkend mit den Urkunden seiner Abkunft? Aber der Mönch dort hinten,
der Kapuziner, der ist doch auch wieder sein Vater! Sonderbar, daß man
nicht erkennen kann, ob das der zerbrochene Degen ist oder der
Rosenkranz, was ihm da herunterhängt. Aber wer dort vorne lächerlich im
Kaftan hüpfend sich ihm zuneigt, mit dem strähnigen Bart, das ist Isaak
Landauer. Nein, nicht Isaak Landauer ist es, sondern Jecheskel Seligmann.
Er kommt sich zu bedanken, und er verbeugt sich albern, und er knickst tief
und küßt ihm den Rock, und es sieht komisch und beklemmend aus, wie er
immer wieder mit dem von der Folter zerrissenen Gesicht lächelt und dann
wieder knicksend mit dem Kaftan den Boden schleift.
Mit Gewalt aus seiner Benommenheit und Dämmer reißt sich Süß. Er
will jetzt seine Mutter sehen. Er will sich jetzt nicht entschließen; mit
Ziffern und Kalküls kommt er hier nicht weiter. Und er hat jetzt diese
Gedanken satt, und er will jetzt Ruhe haben vor diesen albernen Träumen,
und er will jetzt das Gesicht seiner Mutter sehen.
Doch wie er geht, an der Schwelle des Zimmers, tritt ihm Rabbi Gabriel
entgegen. Das massige Gesicht scheint minder steinern als sonst, weniger
scharf über der platten Nase zacken die drei Falten, selbst sein Mißmut
scheint gelöster, bewegter, menschlicher.
„Willst du mich anzeigen?“ fragt er höhnisch. „Es kann deiner Karriere
nur nützen, wenn du mich einem Kirchengericht übergibst, weil ich einen
gebürtigen Christen so lang im falschen Glauben hielt.“
Und da Süß einen ungestümen Schritt vorwärts tut: „Oder willst du mit
deiner Mutter rechten? Sie schelten, weil sie dir so lange schwieg? Ihr
danken, daß sie dir einen so kavaliersmäßigen Vater gab?“
Eine wilde, unsinnige Wut steigt in Süß hoch. Wie kommt dieser Mann
dazu, so ohne weiteres anzunehmen, daß er nun in ein bequemes
Christentum schlüpfen wird? Wie steht er höhnisch da mit seinen trüben
grauen Augen, die gipfelhoch auf einen niederschauen, wie ein Hofmeister,
der den dummen Zögling über einer albern armseligen Ausrede ertappt.
Will er ihm jetzt etwa seine jüdische Geburt abstreiten, sein Opfer, sein
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großes Spüren als Schaum und Lüge abtun, ihn um sein bestes Erbteil
prellen?
Seine Empörung gegen den Rabbi, so dumpf sie war, war ehrlich. Zum
erstenmal, spürte er, war er ohne Rabulistik gegen ihn im Recht, zum
erstenmal verhöhnte ihn jener ohne Grund. Ganz fort war die lähmende
Enge, die sonst von dem Kabbalisten ausging, und plötzlich war der
Entschluß da, der so lang gestaltlos im Dunkel sich versteckt hatte, sprang
klar und sicher ins Licht, war da, selbstverständlich, unumstößlich.
Die Stimme frei, sachlich, sagte er: „Ich fahre nach Hirsau. Zu Naemi.“
Näher an Süß riß es den Ueberraschten. Heller das Gesicht, halb
ungläubig, mit fast gutmütigem Scherz: „Als Rächer an Edom?“
Doch Süß blieb ruhig. Ohne Gereiztheit, zuversichtlich und fest sagte er:
„Sie will mich sehen. Ich stelle mich ihr.“
Rabbi Gabriel nahm seine Hand. Sah sein Gesicht. Sah Unreines,
Unwahres, Schutt. Sah darunter anderes. Sah unter Haut, Fleisch, Knochen
zum erstenmal Licht.
„Sei es!“ sagte er, schon klang seine Stimme wieder mißlaunig wie sonst.
„Komm mit zu dem Kind!“
prellen?
Seine Empörung gegen den Rabbi, so dumpf sie war, war ehrlich. Zum
erstenmal, spürte er, war er ohne Rabulistik gegen ihn im Recht, zum
erstenmal verhöhnte ihn jener ohne Grund. Ganz fort war die lähmende
Enge, die sonst von dem Kabbalisten ausging, und plötzlich war der
Entschluß da, der so lang gestaltlos im Dunkel sich versteckt hatte, sprang
klar und sicher ins Licht, war da, selbstverständlich, unumstößlich.
Die Stimme frei, sachlich, sagte er: „Ich fahre nach Hirsau. Zu Naemi.“
Näher an Süß riß es den Ueberraschten. Heller das Gesicht, halb
ungläubig, mit fast gutmütigem Scherz: „Als Rächer an Edom?“
Doch Süß blieb ruhig. Ohne Gereiztheit, zuversichtlich und fest sagte er:
„Sie will mich sehen. Ich stelle mich ihr.“
Rabbi Gabriel nahm seine Hand. Sah sein Gesicht. Sah Unreines,
Unwahres, Schutt. Sah darunter anderes. Sah unter Haut, Fleisch, Knochen
zum erstenmal Licht.
„Sei es!“ sagte er, schon klang seine Stimme wieder mißlaunig wie sonst.
„Komm mit zu dem Kind!“
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Viertes Buch
Der Herzog
Der Herzog
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Page 262
Am Tiberiassee erging sich mit seinem Lieblingsschüler Chajjim Vital
Calabrese der Meister der Kabbala, Rabbi Isaak Luria. Aus der
Mirjamquelle tranken die Männer, fuhren hinaus auf den See. Der Meister
sprach von seiner Lehre. Es schwebten die Geister über den Wassern, der
Nachen stand still. Es war ein Wunder, daß er nicht sank; denn schwer vom
Leben von Millionen war der Rabbi und sein Wort.
Zurück zum Quell der Mirjam kehrten die Männer. Und wieder tranken
sie. Da änderte die Quelle plötzlich ihren Lauf. Einen Bogen in die Luft
bildete sie, zwei senkrechte Strahlen, einen Querstrahl darüber. Hinein in
den Bogen trat der Rabbi als dritter senkrechter Strahl. So ward aus ihm
und dem Quell der Buchstab Schin, der Anfang des erhabensten
Gottesnamens Schaddai. Und der Buchstab wuchs und wuchs und spannte
sich über den See und spannte sich über die Welt. Als der Schüler Chajjim
Vital zurückfand aus seiner Verwirrung, floß die Quelle wie früher, doch der
Rabbi Isaak Luria war nicht mehr da.
Es war aber dieses Mittelglied des allerheiligsten Buchstabens das
einzige, was er niedergeschrieben von seiner Lehre. Denn die Worte seiner
Lehre fielen von seinen Lippen und waren wie Schnee. Er ist da, er ist weiß
und leuchtet und kühlt; doch halten kann man ihn nicht. So fiel von seinem
Mund die Lehre und man konnte sie nicht halten. Der Rabbi schrieb sie
nicht nieder und duldete auch nicht, daß ein anderer sie schrieb. Weil das
Geschriebene verwandelt ist und der Tod des Gesprochenen. So ist auch die
Schrift nicht das Wort Gottes, sondern Maske und Verzerrung und ist, was
Holz ist vor dem lebendigen Baum. Erst im Mund des Wissenden steht sie
auf und lebt.
Allein nachdem der Rabbi verschwunden war, konnte sich der Schüler
nicht enthalten, die Lehre aufs Papier zu zeichnen mit den geschwätzigen,
lügnerischen Zeichen der Schrift. Und er schrieb das Buch vom
Lebensbaum und er schrieb das Buch von den Verwandlungen der Seele.
Ach, wie weise war der Meister gewesen, daß er seine Erkenntnis nicht
besudelt durch die Schrift, daß er die Lehre nicht verzerrt durch den üblen
Zauber der Buchstaben. In seine Gesichte war Elia der Prophet getreten,
Simon ben Jochai in seine Nächte. Die Sprache der Vögel war ihm
erschlossen, der Bäume, der Flamme, des Steins. Die Seelen derer in den
Calabrese der Meister der Kabbala, Rabbi Isaak Luria. Aus der
Mirjamquelle tranken die Männer, fuhren hinaus auf den See. Der Meister
sprach von seiner Lehre. Es schwebten die Geister über den Wassern, der
Nachen stand still. Es war ein Wunder, daß er nicht sank; denn schwer vom
Leben von Millionen war der Rabbi und sein Wort.
Zurück zum Quell der Mirjam kehrten die Männer. Und wieder tranken
sie. Da änderte die Quelle plötzlich ihren Lauf. Einen Bogen in die Luft
bildete sie, zwei senkrechte Strahlen, einen Querstrahl darüber. Hinein in
den Bogen trat der Rabbi als dritter senkrechter Strahl. So ward aus ihm
und dem Quell der Buchstab Schin, der Anfang des erhabensten
Gottesnamens Schaddai. Und der Buchstab wuchs und wuchs und spannte
sich über den See und spannte sich über die Welt. Als der Schüler Chajjim
Vital zurückfand aus seiner Verwirrung, floß die Quelle wie früher, doch der
Rabbi Isaak Luria war nicht mehr da.
Es war aber dieses Mittelglied des allerheiligsten Buchstabens das
einzige, was er niedergeschrieben von seiner Lehre. Denn die Worte seiner
Lehre fielen von seinen Lippen und waren wie Schnee. Er ist da, er ist weiß
und leuchtet und kühlt; doch halten kann man ihn nicht. So fiel von seinem
Mund die Lehre und man konnte sie nicht halten. Der Rabbi schrieb sie
nicht nieder und duldete auch nicht, daß ein anderer sie schrieb. Weil das
Geschriebene verwandelt ist und der Tod des Gesprochenen. So ist auch die
Schrift nicht das Wort Gottes, sondern Maske und Verzerrung und ist, was
Holz ist vor dem lebendigen Baum. Erst im Mund des Wissenden steht sie
auf und lebt.
Allein nachdem der Rabbi verschwunden war, konnte sich der Schüler
nicht enthalten, die Lehre aufs Papier zu zeichnen mit den geschwätzigen,
lügnerischen Zeichen der Schrift. Und er schrieb das Buch vom
Lebensbaum und er schrieb das Buch von den Verwandlungen der Seele.
Ach, wie weise war der Meister gewesen, daß er seine Erkenntnis nicht
besudelt durch die Schrift, daß er die Lehre nicht verzerrt durch den üblen
Zauber der Buchstaben. In seine Gesichte war Elia der Prophet getreten,
Simon ben Jochai in seine Nächte. Die Sprache der Vögel war ihm
erschlossen, der Bäume, der Flamme, des Steins. Die Seelen derer in den
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Gräbern konnte er sehen und die Seelen der Lebenden, wenn sie sich an den
Sabbat-Abenden zum Paradies schwangen; auch konnte er von den Stirnen
der Menschen ihre Seelen ablesen, sie an sich ziehen, mit ihnen sprechen,
sie dann wieder zu ihren Eignern entlassen. Die Kabbala hatte sich ihm
geweitet, durchsichtig war ihm der Leib der Dinge, er sah in Einem Körper,
Geist und Seele; Luft, Wasser, Erde war voll von Stimmen und Gesichten,
er sah das Weben Gottes in der Welt, die Engel kamen und hielten
Zwiesprach mit ihm. Er wußte, daß überall Geheimnis war, aber ihm schlug
das Geheimnis das Aug auf, schmiegte sich ihm wie ein folgsamer Hund.
Wunder blühten an seinem Weg. Der Baum der Kabbala ging durch ihn
durch, seine Wurzeln waren tief im Innern der Erde, seine Wipfel im
Himmel fächelten das Gesicht Gottes.
Ach, aber wie wandelte sich in den Büchern des Schülers diese Weisheit.
In wilder Unzucht keimte aus ihnen Narrheit und Erkenntnis. Falsche
Propheten und Messiasse wuchsen aus den Buchstaben, Zauberei und
Wirrwarr, Entrückung und Wunder und Hurerei und Machttaumel und
Gottesversunkenheit entgoß sich aus ihnen in die Welt. Das fahle Antlitz
des Simon ben Jochai schaute aus diesen Buchstaben, und im Gestrüpp
seines silbernen Bartes lagen gesichert und entrückt Myriaden von
Frommen und Heiligen, und es prunkten aus den Zeichen dieser Bücher
nackt und frech die Brüste der Lilith, und an ihren Zitzen hingen taumelnd
und lallend und mit schwindenden Sinnen die Kinder der Lust und der
Macht.
Und dies sind einige Sätze aus der Geheimlehre des Rabbi Isaak Luria
Aschkinasi:
„Es kann geschehen, daß in Einem Menschenleib nicht nur Eine Seele
eine neue Wanderung erleidet, sondern daß zu gleicher Zeit zwei, ja
mehrere Seelen sich mit diesem Leib zu neuer Erdenwanderung einen. Mag
sein, die eine ist Balsam, die andere Gift; mag sein, die eine war eines
Tieres, die andere eines Priesters und Beflissenen. Nun sind sie in Eines
gebannt, Einem Leib zugehörig wie rechte und linke Hand. Sie
durchdringen sich, sie verbeißen sich ineinander, sie schwängern sich, sie
fließen ineinander wie Wasser. Wie immer aber, sich zermalmend, sich
aufbauend, stets ist solche Vereinigung Hilfe von einer Seele zur andern um
der Sühnung der Schuld willen, um die sie die neue Wanderung erleidet.“
Dies sind einige Sätze aus der Geheimlehre des Rabbi Isaak Luria, des
Adlers der Kabbalisten, der geboren war in Jerusalem, der sieben Jahre sich
Sabbat-Abenden zum Paradies schwangen; auch konnte er von den Stirnen
der Menschen ihre Seelen ablesen, sie an sich ziehen, mit ihnen sprechen,
sie dann wieder zu ihren Eignern entlassen. Die Kabbala hatte sich ihm
geweitet, durchsichtig war ihm der Leib der Dinge, er sah in Einem Körper,
Geist und Seele; Luft, Wasser, Erde war voll von Stimmen und Gesichten,
er sah das Weben Gottes in der Welt, die Engel kamen und hielten
Zwiesprach mit ihm. Er wußte, daß überall Geheimnis war, aber ihm schlug
das Geheimnis das Aug auf, schmiegte sich ihm wie ein folgsamer Hund.
Wunder blühten an seinem Weg. Der Baum der Kabbala ging durch ihn
durch, seine Wurzeln waren tief im Innern der Erde, seine Wipfel im
Himmel fächelten das Gesicht Gottes.
Ach, aber wie wandelte sich in den Büchern des Schülers diese Weisheit.
In wilder Unzucht keimte aus ihnen Narrheit und Erkenntnis. Falsche
Propheten und Messiasse wuchsen aus den Buchstaben, Zauberei und
Wirrwarr, Entrückung und Wunder und Hurerei und Machttaumel und
Gottesversunkenheit entgoß sich aus ihnen in die Welt. Das fahle Antlitz
des Simon ben Jochai schaute aus diesen Buchstaben, und im Gestrüpp
seines silbernen Bartes lagen gesichert und entrückt Myriaden von
Frommen und Heiligen, und es prunkten aus den Zeichen dieser Bücher
nackt und frech die Brüste der Lilith, und an ihren Zitzen hingen taumelnd
und lallend und mit schwindenden Sinnen die Kinder der Lust und der
Macht.
Und dies sind einige Sätze aus der Geheimlehre des Rabbi Isaak Luria
Aschkinasi:
„Es kann geschehen, daß in Einem Menschenleib nicht nur Eine Seele
eine neue Wanderung erleidet, sondern daß zu gleicher Zeit zwei, ja
mehrere Seelen sich mit diesem Leib zu neuer Erdenwanderung einen. Mag
sein, die eine ist Balsam, die andere Gift; mag sein, die eine war eines
Tieres, die andere eines Priesters und Beflissenen. Nun sind sie in Eines
gebannt, Einem Leib zugehörig wie rechte und linke Hand. Sie
durchdringen sich, sie verbeißen sich ineinander, sie schwängern sich, sie
fließen ineinander wie Wasser. Wie immer aber, sich zermalmend, sich
aufbauend, stets ist solche Vereinigung Hilfe von einer Seele zur andern um
der Sühnung der Schuld willen, um die sie die neue Wanderung erleidet.“
Dies sind einige Sätze aus der Geheimlehre des Rabbi Isaak Luria, des
Adlers der Kabbalisten, der geboren war in Jerusalem, der sieben Jahre sich
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kasteite, einsam an den Ufern des Nils, der seine Weisheit nach Galiläa trug
und Wunder tat unter den Menschen, der niemals seine Lehre entweihte
durch Schrift und Papier, und der geheimnisvoll verschwand auf dem
Tiberiassee im achtunddreißigsten Jahre seines Lebens.
Der Fürstbischof von Würzburg fuhr behaglich durch das gesegnete
Land. Wohlig atmete der dicke Herr, bequem zurückliegend in den weichen
Polstern des gut federnden Wagens, den milden Duft der ersten Obstblüte;
alles schwamm in junger Sonne, flaumig lag und zärtlich das junge Grün
auf Boden, Baum und Strauch. Der Bischof reiste nach Stuttgart zur Taufe
des Erbprinzen. Er war heiterster Laune. Das feine Land! Das reiche,
gesegnete Land! Das war nun Rom und der Kirche gesichert.
Friedrich Karl von Schönborn, Fürstbischof von Würzburg und Bamberg,
der erste Diplomat der Kirche, von den Katholiken als das große
Weltorakel, der deutsche Ulysses gefeiert, von den Evangelischen als
tückische Schlange, Haman und Herodes begeifert und verlästert, war ein
jovialer, behäbiger Herr. Sehr weltmännisch, am Wiener und am päpstlichen
Hofe zu Hause, vielgereist und beweglich, war er von einer weit
überschauenden, gütigen Menschenverachtung, sah er in einem gütigen
Absolutismus, in einem heiteren Katholizismus das Heil der Welt. Die
Masse war dumpf, dumm und finster, das war gottgewollt, das hatte Gott
nun so eingerichtet, Lebensklugheit forderte, sich damit abzufinden. Es war
schmerzlich, daß soviel Elend in der Welt war; je nun, man mußte das
beklagen. Doch es genügte, zuweilen darüber zu seufzen; immer darob
Trübsal zu blasen oder verkniffen finster auf Aenderung solcher
Naturordnung zu sinnen, war Sache von Toren und dunklen Schwärmern.
Er, Schönborn, hatte seine besten Jahre in Italien verbracht, hatte seine
diplomatischen Künste in Venedig erlernt, er liebte die helle, südliche Luft,
er fand sie in seinem Würzburg wieder. Sein Katholizismus kam ihm tief
aus dem Blut, sein Essen und Trinken, wie er stand und ging, war
katholisch. Er sah die Kirche, wie er sie in Italien mit allen Sinnen
eingesogen hatte. Die Sammlungen des Vatikan waren ein Teil davon, die
venetianische Diplomatie war ein Teil davon, selbst das Albanergebirge war
ein Teil davon. Alles, was schön war in der Welt, und das war, Gott sei
Dank! sehr vieles, Messen und Kirchen und Wein und Kunstwerke und
Staatsstreiche und eine schöne Predigt und eine gut gewachsene Frau, alles
was hell und heiter war in der Welt, war römisch und katholisch. Aber was
dumpf war und verquollen und nebelig und spinnwebfarben, das war
und Wunder tat unter den Menschen, der niemals seine Lehre entweihte
durch Schrift und Papier, und der geheimnisvoll verschwand auf dem
Tiberiassee im achtunddreißigsten Jahre seines Lebens.
Der Fürstbischof von Würzburg fuhr behaglich durch das gesegnete
Land. Wohlig atmete der dicke Herr, bequem zurückliegend in den weichen
Polstern des gut federnden Wagens, den milden Duft der ersten Obstblüte;
alles schwamm in junger Sonne, flaumig lag und zärtlich das junge Grün
auf Boden, Baum und Strauch. Der Bischof reiste nach Stuttgart zur Taufe
des Erbprinzen. Er war heiterster Laune. Das feine Land! Das reiche,
gesegnete Land! Das war nun Rom und der Kirche gesichert.
Friedrich Karl von Schönborn, Fürstbischof von Würzburg und Bamberg,
der erste Diplomat der Kirche, von den Katholiken als das große
Weltorakel, der deutsche Ulysses gefeiert, von den Evangelischen als
tückische Schlange, Haman und Herodes begeifert und verlästert, war ein
jovialer, behäbiger Herr. Sehr weltmännisch, am Wiener und am päpstlichen
Hofe zu Hause, vielgereist und beweglich, war er von einer weit
überschauenden, gütigen Menschenverachtung, sah er in einem gütigen
Absolutismus, in einem heiteren Katholizismus das Heil der Welt. Die
Masse war dumpf, dumm und finster, das war gottgewollt, das hatte Gott
nun so eingerichtet, Lebensklugheit forderte, sich damit abzufinden. Es war
schmerzlich, daß soviel Elend in der Welt war; je nun, man mußte das
beklagen. Doch es genügte, zuweilen darüber zu seufzen; immer darob
Trübsal zu blasen oder verkniffen finster auf Aenderung solcher
Naturordnung zu sinnen, war Sache von Toren und dunklen Schwärmern.
Er, Schönborn, hatte seine besten Jahre in Italien verbracht, hatte seine
diplomatischen Künste in Venedig erlernt, er liebte die helle, südliche Luft,
er fand sie in seinem Würzburg wieder. Sein Katholizismus kam ihm tief
aus dem Blut, sein Essen und Trinken, wie er stand und ging, war
katholisch. Er sah die Kirche, wie er sie in Italien mit allen Sinnen
eingesogen hatte. Die Sammlungen des Vatikan waren ein Teil davon, die
venetianische Diplomatie war ein Teil davon, selbst das Albanergebirge war
ein Teil davon. Alles, was schön war in der Welt, und das war, Gott sei
Dank! sehr vieles, Messen und Kirchen und Wein und Kunstwerke und
Staatsstreiche und eine schöne Predigt und eine gut gewachsene Frau, alles
was hell und heiter war in der Welt, war römisch und katholisch. Aber was
dumpf war und verquollen und nebelig und spinnwebfarben, das war
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evangelisch, sächsisch, brandenburgisch. Er haßte den Protestantismus
nicht; denn er haßte nichts auf der Welt. Aber er war ihm tief zuwider. Diese
graue, nüchterne Liturgie, diese fahle, verzwickte, dunstige Theologie, das
war schlechte Luft, war Pöbelweisheit, steriles Gewäsche. Die Apostel
selber, wenn sie heute wiederkämen, verstünden nichts von den Dingen, um
die diese sogenannten Theologen stritten. Nicht atmen konnte man in dieser
dumpfen, grauen Welt. Aber, gloria in excelsis! von diesen heiteren
schwäbischen Fluren hob sich der Nebel jetzt, er, Friedrich Karl, hatte sein
gut Teil dazu beigetragen, dem Land die helle, katholische Luft zu schaffen,
die ihm soviel besser anstand. Jetzt fuhr er, einen neuen Herzog im rechten
Glauben zu taufen. Ei, wohl war es eine gut eingerichtete Welt! Ei, wohl
war es eine Lust zu leben. Und er atmete fröhlich die milde Luft und er
scherzte mit seinen klugen Räten und er schenkte den Kindern an seinem
Wege Münzen und er schaute wohlgefällig auf das artige Aufwartemädchen
im Wirtshaus. Und sein schwerer Leib schwankte zufrieden und sein feistes,
kluges Gesicht strahlte Heiterkeit über alle seine Umgebung.
Aber dem Land ging er auf wie ein blutig roter, Unglück kündender
Vollmond. Ach, der Sieg, den man im Stettenfelser Handel errungen, war
nur eine kurze Aufhellung gewesen. Jetzt zeigte sich, daß das Land umstellt
war, daß die Maschen des Netzes von allen Seiten geknüpft waren. Was
halfen alle Klauseln und fürsorglichen Reversalien gegen die höllisch
schlauen Interpretierungskünste der Würzburger Räte! Und selbst wenn
man dagegen aufkam, wenn man sie säuberlich Punkt um Punkt widerlegte,
frommte es doch zu nichts; denn hinter den Würzburgern stand das Militär,
standen die Bajonette der herzoglichen Armee. Hatte der Jud den Leib und
das Geld genommen, so kam jetzt der Katholik und fraß die Seele.
Katholizismus, das hieß Preisgabe seiner selbst, Preisgabe aller
menschlichen und politischen Freiheit. Das hieß Militär-Absolutismus, hieß
Löcherung aller bürgerlichen Tugend und Tüchtigkeit, hieß eine große,
dumpfe Masse von Knechten und ein kleines Häuflein zuchtloser Höflinge
schrankenlos darüber. Katholizismus, das hieß die Herrschaft Beelzebubs,
hieß Ueppigkeit, Schamlosigkeit, Tyrannei, Hurerei, Völlerei. Wie eine
Raupe schlug das Land um sich. Aber es war ein kraftloses, hoffnungsloses
Umsichschlagen. Der Jud hatte gut vorgearbeitet, so hatte der Katholik
leichtes Werken. Resigniert und stumpf, eingeschüchtert von dem
herrischen Gewese der Beamten, den Fußtritten der katholischen Offiziere,
hockten in den Schenken die Bürger, hatten für die neuerliche Ankunft des
nicht; denn er haßte nichts auf der Welt. Aber er war ihm tief zuwider. Diese
graue, nüchterne Liturgie, diese fahle, verzwickte, dunstige Theologie, das
war schlechte Luft, war Pöbelweisheit, steriles Gewäsche. Die Apostel
selber, wenn sie heute wiederkämen, verstünden nichts von den Dingen, um
die diese sogenannten Theologen stritten. Nicht atmen konnte man in dieser
dumpfen, grauen Welt. Aber, gloria in excelsis! von diesen heiteren
schwäbischen Fluren hob sich der Nebel jetzt, er, Friedrich Karl, hatte sein
gut Teil dazu beigetragen, dem Land die helle, katholische Luft zu schaffen,
die ihm soviel besser anstand. Jetzt fuhr er, einen neuen Herzog im rechten
Glauben zu taufen. Ei, wohl war es eine gut eingerichtete Welt! Ei, wohl
war es eine Lust zu leben. Und er atmete fröhlich die milde Luft und er
scherzte mit seinen klugen Räten und er schenkte den Kindern an seinem
Wege Münzen und er schaute wohlgefällig auf das artige Aufwartemädchen
im Wirtshaus. Und sein schwerer Leib schwankte zufrieden und sein feistes,
kluges Gesicht strahlte Heiterkeit über alle seine Umgebung.
Aber dem Land ging er auf wie ein blutig roter, Unglück kündender
Vollmond. Ach, der Sieg, den man im Stettenfelser Handel errungen, war
nur eine kurze Aufhellung gewesen. Jetzt zeigte sich, daß das Land umstellt
war, daß die Maschen des Netzes von allen Seiten geknüpft waren. Was
halfen alle Klauseln und fürsorglichen Reversalien gegen die höllisch
schlauen Interpretierungskünste der Würzburger Räte! Und selbst wenn
man dagegen aufkam, wenn man sie säuberlich Punkt um Punkt widerlegte,
frommte es doch zu nichts; denn hinter den Würzburgern stand das Militär,
standen die Bajonette der herzoglichen Armee. Hatte der Jud den Leib und
das Geld genommen, so kam jetzt der Katholik und fraß die Seele.
Katholizismus, das hieß Preisgabe seiner selbst, Preisgabe aller
menschlichen und politischen Freiheit. Das hieß Militär-Absolutismus, hieß
Löcherung aller bürgerlichen Tugend und Tüchtigkeit, hieß eine große,
dumpfe Masse von Knechten und ein kleines Häuflein zuchtloser Höflinge
schrankenlos darüber. Katholizismus, das hieß die Herrschaft Beelzebubs,
hieß Ueppigkeit, Schamlosigkeit, Tyrannei, Hurerei, Völlerei. Wie eine
Raupe schlug das Land um sich. Aber es war ein kraftloses, hoffnungsloses
Umsichschlagen. Der Jud hatte gut vorgearbeitet, so hatte der Katholik
leichtes Werken. Resigniert und stumpf, eingeschüchtert von dem
herrischen Gewese der Beamten, den Fußtritten der katholischen Offiziere,
hockten in den Schenken die Bürger, hatten für die neuerliche Ankunft des
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Würzburgers nur ein ohnmächtiges, höhnisch stumpfes Gelächter. Da hat
man’s ja! Da sieht man’s ja! Aber weiter nicht wirkte der Zorn sich aus, und
alle saßen sie jetzt wie der schweinsäugige Konditor Benz giftig und
geduckt.
Die Geheimen Räte Harpprecht und Bilfinger stemmten sich schwer und
kräftig den Absichten des Herzogs entgegen. Doch wenn sie auf
administrativem Gebiet manches erreichten, so besagte das nicht viel. Denn
sie sahen sehr wohl, die Gefahr kam von anderer Seite her, sie lag in der
Katholisierung der Armee. Und die war nicht aufzuhalten. Die Würzburger
Herren, die Räte Fichtel und Raab, sahen denn auch den Bestrebungen der
Württemberger still, vergnügt und kennerisch zu; ja, sie ließen ihnen höflich
und mit ironischem Wohlwollen gelegentlich sogar einen kleinen
Vorsprung. Es war amüsant zuzuschauen, wie die beiden schweren,
biederen Protestanten sich fruchtlos abzappelten, während sie ihre Pläne
einfach von der Zeit reifen ließen. So gewiß dem April der Mai, so gewiß
mußte ihren Projekten die Erfüllung folgen.
Nur eine ernsthafte Schlappe erlitten die Katholischen. Der
Elferausschuß des Parlaments benützte eine leichte Erkrankung des
Weißensee, an Stelle des zweideutigen Mannes einen zuverlässigen
Evangelischen und Demokraten zu setzen, den Regierungsrat Moser, den
Publizisten, der sich im Stettenfelser Handel so sichtbarlich ausgezeichnet
hatte. Da saßen nun die Elf, wüteten, tobten, fluchten. Mannhaft und ernst
vertrat die Sache des Landes der Präsident Sturm, grobzornig und unflätig
schimpfend die Bürgermeister von Brackenheim und Weinsberg,
schwungvoll pathetisch Moser, doch düster und Weltverachtung in den
Mundwinkeln der Konsulent Neuffer. Ja, Neuffer saß nicht mehr auf den
Stufen des Throns. Er hatte erkannt: die Macht fuhr nicht brausend und
alles niederrennend einher, mit Donner und Blitz und in großem Glanz, wie
er es sich vorgestellt; nein, sie war zusammengesetzt aus lauter kleinen
Kniffen, sie kämpfte mit lauter schäbigen Tricks und meskinen Mittelchen,
kurz, es war um sie nicht besser bestellt als um die Freiheit. Es stank hier
wie dort aus tausend Löchern, alles war ekles Flickwerk, Macht oder
Freiheit, Absolutismus oder Demokratie, es war nur ein prunkender Mantel,
unter dem sich widerliche, kleinliche, alberne Gelüste und Gefühlchen
versteckten. Da war es schon besser, auf der Seite zu stehen, auf die man
von Geburt geworfen war. Er kehrte finster und menschenverachtend der
Sache des Hofs den Rücken und stellte seinen verkniffenen, gravitätischen
man’s ja! Da sieht man’s ja! Aber weiter nicht wirkte der Zorn sich aus, und
alle saßen sie jetzt wie der schweinsäugige Konditor Benz giftig und
geduckt.
Die Geheimen Räte Harpprecht und Bilfinger stemmten sich schwer und
kräftig den Absichten des Herzogs entgegen. Doch wenn sie auf
administrativem Gebiet manches erreichten, so besagte das nicht viel. Denn
sie sahen sehr wohl, die Gefahr kam von anderer Seite her, sie lag in der
Katholisierung der Armee. Und die war nicht aufzuhalten. Die Würzburger
Herren, die Räte Fichtel und Raab, sahen denn auch den Bestrebungen der
Württemberger still, vergnügt und kennerisch zu; ja, sie ließen ihnen höflich
und mit ironischem Wohlwollen gelegentlich sogar einen kleinen
Vorsprung. Es war amüsant zuzuschauen, wie die beiden schweren,
biederen Protestanten sich fruchtlos abzappelten, während sie ihre Pläne
einfach von der Zeit reifen ließen. So gewiß dem April der Mai, so gewiß
mußte ihren Projekten die Erfüllung folgen.
Nur eine ernsthafte Schlappe erlitten die Katholischen. Der
Elferausschuß des Parlaments benützte eine leichte Erkrankung des
Weißensee, an Stelle des zweideutigen Mannes einen zuverlässigen
Evangelischen und Demokraten zu setzen, den Regierungsrat Moser, den
Publizisten, der sich im Stettenfelser Handel so sichtbarlich ausgezeichnet
hatte. Da saßen nun die Elf, wüteten, tobten, fluchten. Mannhaft und ernst
vertrat die Sache des Landes der Präsident Sturm, grobzornig und unflätig
schimpfend die Bürgermeister von Brackenheim und Weinsberg,
schwungvoll pathetisch Moser, doch düster und Weltverachtung in den
Mundwinkeln der Konsulent Neuffer. Ja, Neuffer saß nicht mehr auf den
Stufen des Throns. Er hatte erkannt: die Macht fuhr nicht brausend und
alles niederrennend einher, mit Donner und Blitz und in großem Glanz, wie
er es sich vorgestellt; nein, sie war zusammengesetzt aus lauter kleinen
Kniffen, sie kämpfte mit lauter schäbigen Tricks und meskinen Mittelchen,
kurz, es war um sie nicht besser bestellt als um die Freiheit. Es stank hier
wie dort aus tausend Löchern, alles war ekles Flickwerk, Macht oder
Freiheit, Absolutismus oder Demokratie, es war nur ein prunkender Mantel,
unter dem sich widerliche, kleinliche, alberne Gelüste und Gefühlchen
versteckten. Da war es schon besser, auf der Seite zu stehen, auf die man
von Geburt geworfen war. Er kehrte finster und menschenverachtend der
Sache des Hofs den Rücken und stellte seinen verkniffenen, gravitätischen
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Fanatismus wieder in den Dienst des Volkes, des Parlaments, der
Evangelischen.
Doch ob man ernsthaft sachlich und gewichtig opponierte wie Sturm
oder mit düsterem Eifer wie Neuffer oder mit grobem Geschimpf wie die
Bürgermeister Jäger und Bellon, es fruchtete wenig. Auf die mannigfachen,
umständlichen Reklamationen, Beschwerden, Petitionen, submissesten
Vorstellungen des Parlaments kam aus der herzoglichen Kanzlei
hochfahrend kurzer oder überhaupt kein Bescheid. Hingegen hörte man von
drohenden und gewalttätigen Reden des Herzogs, er wolle ein Bataillon
Grenadiere vors Landhaus marschieren und es den Kujonen drinnen
machen lassen, wie schon einmal ein Herzog von Württemberg getan.
Mehrmals äußerte er, nun werde er bald dieser tückischen und
aufrührerischen Hydra den Kopf zertreten. Eine Reklamation des
parlamentarischen Ausschusses wegen der Regelung des Pupillenwesens
war in besonders scharfen und unklugen Worten abgefaßt. Karl Alexander
ließ sich daraufhin von dem Geheimrat Fichtel, der als erster Kenner des
Verfassungswesens galt, gutachtlich bestätigen, keine Landschaft dürfe
Beschwerden und Gegenvorstellungen erheben, in welchen die Ehrfurcht
gegen den Fürsten so außer acht gelassen sei. Der Urheber solchen
Schriftstücks verdiene, daß ihm der Kopf vor die Füße gelegt werde.
Audienzen landschaftlicher Deputationen beim Herzog hatten keine bessere
Folge. Ja, das vierschrötige Gehabe des Bürgermeisters von Brackenheim
erbitterte Karl Alexander einmal derart, daß er auf den Mann losging, ihm
mit dem flachen Degen seine Untertanenpflicht beizubringen; knapp und
mit Mühe konnte der atemlose Deputierte sich retten.
So standen die Läufte, als Johann Jaakob Moser an Stelle des Weißensee
in den Elferausschuß berufen wurde. Er war der Jüngste im Ausschuß, doch
trotzdem er erst im Anfang der Dreißig stand, ein umgetriebener Mann;
hitzig, wichtigmacherisch, mit einem Abenteurerhang zum Wechsel, ein
Liebhaber rascher, großer Worte und pathetischer Gesten, sehr geübt mit der
Feder, ein leidenschaftlicher Publizist. Von frühester Jugend an hatte sich
der rastlose Mensch mit massenhaftem Wissen vollgestopft. Mit siebzehn
Jahren schon hatte er Diskurse drucken lassen, mit neunzehn hatte er sich
dreist und voll flinken Selbstbewußtseins an den Herzog Eberhard Ludwig
herangemacht und war außerordentlicher Professor in Tübingen geworden.
Mit zwanzig Jahren wechselte er hinüber an den Wiener Hof, wurde
Regierungsrat, pürschte sich an den Kaiser heran. Um sich vor
Evangelischen.
Doch ob man ernsthaft sachlich und gewichtig opponierte wie Sturm
oder mit düsterem Eifer wie Neuffer oder mit grobem Geschimpf wie die
Bürgermeister Jäger und Bellon, es fruchtete wenig. Auf die mannigfachen,
umständlichen Reklamationen, Beschwerden, Petitionen, submissesten
Vorstellungen des Parlaments kam aus der herzoglichen Kanzlei
hochfahrend kurzer oder überhaupt kein Bescheid. Hingegen hörte man von
drohenden und gewalttätigen Reden des Herzogs, er wolle ein Bataillon
Grenadiere vors Landhaus marschieren und es den Kujonen drinnen
machen lassen, wie schon einmal ein Herzog von Württemberg getan.
Mehrmals äußerte er, nun werde er bald dieser tückischen und
aufrührerischen Hydra den Kopf zertreten. Eine Reklamation des
parlamentarischen Ausschusses wegen der Regelung des Pupillenwesens
war in besonders scharfen und unklugen Worten abgefaßt. Karl Alexander
ließ sich daraufhin von dem Geheimrat Fichtel, der als erster Kenner des
Verfassungswesens galt, gutachtlich bestätigen, keine Landschaft dürfe
Beschwerden und Gegenvorstellungen erheben, in welchen die Ehrfurcht
gegen den Fürsten so außer acht gelassen sei. Der Urheber solchen
Schriftstücks verdiene, daß ihm der Kopf vor die Füße gelegt werde.
Audienzen landschaftlicher Deputationen beim Herzog hatten keine bessere
Folge. Ja, das vierschrötige Gehabe des Bürgermeisters von Brackenheim
erbitterte Karl Alexander einmal derart, daß er auf den Mann losging, ihm
mit dem flachen Degen seine Untertanenpflicht beizubringen; knapp und
mit Mühe konnte der atemlose Deputierte sich retten.
So standen die Läufte, als Johann Jaakob Moser an Stelle des Weißensee
in den Elferausschuß berufen wurde. Er war der Jüngste im Ausschuß, doch
trotzdem er erst im Anfang der Dreißig stand, ein umgetriebener Mann;
hitzig, wichtigmacherisch, mit einem Abenteurerhang zum Wechsel, ein
Liebhaber rascher, großer Worte und pathetischer Gesten, sehr geübt mit der
Feder, ein leidenschaftlicher Publizist. Von frühester Jugend an hatte sich
der rastlose Mensch mit massenhaftem Wissen vollgestopft. Mit siebzehn
Jahren schon hatte er Diskurse drucken lassen, mit neunzehn hatte er sich
dreist und voll flinken Selbstbewußtseins an den Herzog Eberhard Ludwig
herangemacht und war außerordentlicher Professor in Tübingen geworden.
Mit zwanzig Jahren wechselte er hinüber an den Wiener Hof, wurde
Regierungsrat, pürschte sich an den Kaiser heran. Um sich vor
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Zwischenträgereien zu sichern, rief man ihn nach Württemberg zurück. Es
war indes mit dem starren und anmaßenden Mann nicht auszukommen, er
ging nach Preußen, wurde Rektor der abgelegenen und vernachlässigten
Universität Frankfurt an der Oder, warf das undankbare Amt sehr bald
wieder hin und kehrte unter Karl Alexander nach Stuttgart zurück. Während
dieser Jahre schrieb und redete er immerzu und in großen Massen, es gab
kein Ding des Tages und der Ewigkeit, daran er nicht seine Rede und seine
Feder geübt hätte. Bei alldem fand er, Skeptiker zuerst, dann Deist, noch
Muße, erweckt zu werden und sich in die Reihe der Luther, Arndt, Spener,
Francke zu stellen.
Er hatte durch sein rasches und kühnliches Zupacken im Stettenfelser
Handel groß Aufsehen erregt und fühlte sich jetzt als berufener Erlöser
Württembergs. Er beschloß, vertrauend auf seine Rhetorik, ganz einfach
und schlechthin, wie Nathan der Prophet zu David, zum Herzog zu gehen
und dem Fürsten kraftvoll und dringlich als Mann zum Mann ins Gewissen
zu reden. Ueberzeugt von der Macht und dem Eindruck seiner
Persönlichkeit erbat er sich also Audienz und ging, ausgezeichnet
disponiert, publizistisch, advokatisch, prophetisch in bester Form, zum
Herzog, geschwellt und in hoher Stimmung, wie ein Komödiant sich auf
eine gut geübte Rolle freut, die ihm liegt. Doch die Audienz verlief
unerwartet. Karl Alexander empfing ihn in Gegenwart des Süß. Moser ließ
sich dadurch nicht aus dem Konzept bringen. Er sprach gelehrt, gründlich,
mit Ueberzeugung, brachte moraltheologische Argumente, Exempel aus der
heiligen, der antiken, der neuen Geschichte, mischte Staatsrechtliches mit
Praktisch-Billigem, brachte Vergleiche aus der Natur, kurz, er fand sich
hinreißend. Der Herzog und der Jude hörten aufmerksam zu; ja, als dem im
Eifer Hin- und Herschreitenden ein Sessel im Wege stand, rückte der
Herzog eigenhändig ihn weg, damit Moser nicht behindert sei. Doch als der
Publizist nach etwa zwanzig Minuten innehielt, den einen Arm rund und
mit schöner Geste erhoben, klopfte der Herzog ihm auf die Schulter und
sagte anerkennend: „Wenn das Kind, das die Herzogin erwartet, ein Junge
wird, muß Er ihm die Rhetorik beibringen.“ Süß hingegen machte etliche
Anmerkungen über den Unterschied in der deutschen und der welschen
Deklamation. Und als der schwitzende Publizist von dem schmunzelnden
Karl Alexander verblüfft entlassen war, mußte er sich gestehen: „Armes
Land! Armes Vaterland! Dir kann selbst ich nicht helfen.“
war indes mit dem starren und anmaßenden Mann nicht auszukommen, er
ging nach Preußen, wurde Rektor der abgelegenen und vernachlässigten
Universität Frankfurt an der Oder, warf das undankbare Amt sehr bald
wieder hin und kehrte unter Karl Alexander nach Stuttgart zurück. Während
dieser Jahre schrieb und redete er immerzu und in großen Massen, es gab
kein Ding des Tages und der Ewigkeit, daran er nicht seine Rede und seine
Feder geübt hätte. Bei alldem fand er, Skeptiker zuerst, dann Deist, noch
Muße, erweckt zu werden und sich in die Reihe der Luther, Arndt, Spener,
Francke zu stellen.
Er hatte durch sein rasches und kühnliches Zupacken im Stettenfelser
Handel groß Aufsehen erregt und fühlte sich jetzt als berufener Erlöser
Württembergs. Er beschloß, vertrauend auf seine Rhetorik, ganz einfach
und schlechthin, wie Nathan der Prophet zu David, zum Herzog zu gehen
und dem Fürsten kraftvoll und dringlich als Mann zum Mann ins Gewissen
zu reden. Ueberzeugt von der Macht und dem Eindruck seiner
Persönlichkeit erbat er sich also Audienz und ging, ausgezeichnet
disponiert, publizistisch, advokatisch, prophetisch in bester Form, zum
Herzog, geschwellt und in hoher Stimmung, wie ein Komödiant sich auf
eine gut geübte Rolle freut, die ihm liegt. Doch die Audienz verlief
unerwartet. Karl Alexander empfing ihn in Gegenwart des Süß. Moser ließ
sich dadurch nicht aus dem Konzept bringen. Er sprach gelehrt, gründlich,
mit Ueberzeugung, brachte moraltheologische Argumente, Exempel aus der
heiligen, der antiken, der neuen Geschichte, mischte Staatsrechtliches mit
Praktisch-Billigem, brachte Vergleiche aus der Natur, kurz, er fand sich
hinreißend. Der Herzog und der Jude hörten aufmerksam zu; ja, als dem im
Eifer Hin- und Herschreitenden ein Sessel im Wege stand, rückte der
Herzog eigenhändig ihn weg, damit Moser nicht behindert sei. Doch als der
Publizist nach etwa zwanzig Minuten innehielt, den einen Arm rund und
mit schöner Geste erhoben, klopfte der Herzog ihm auf die Schulter und
sagte anerkennend: „Wenn das Kind, das die Herzogin erwartet, ein Junge
wird, muß Er ihm die Rhetorik beibringen.“ Süß hingegen machte etliche
Anmerkungen über den Unterschied in der deutschen und der welschen
Deklamation. Und als der schwitzende Publizist von dem schmunzelnden
Karl Alexander verblüfft entlassen war, mußte er sich gestehen: „Armes
Land! Armes Vaterland! Dir kann selbst ich nicht helfen.“
Page 269
Der Würzburger hatte also alle Ursach zu heiterster Laune, als er jetzt in
Stuttgart einzog. Die Taufe des schwäbischen Erbprinzen unter so günstigen
Auspizien war ein Triumph der katholischen Sache weit über die
württembergischen Grenzen hinaus. Sie wurde denn auch mit den größten
Feierlichkeiten und unter solennem Zustrom katholischer Fürsten und
Herren vollzogen. Der Papst ließ bei diesem Anlaß durch einen
Sondergesandten die Herzogin mit dem Ritterkreuz des Maltheserordens
schmücken. Nur zwei Damen außer ihr besaßen diesen Orden, die Königin
von Spanien und die Fürstin Ucella in Rom.
Marie Auguste lag ziervoll, das Pastellgesicht ganz durchsichtig, in ihrem
mächtigen Prunkbett. Das Amulett des Süß mit den primitiven,
bedrohlichen Vögeln und den blockigen, unheimlichen Buchstaben lag trotz
des Verbots ihres Beichtvaters unter ihrem Kopfkissen; sie lächelte
spitzbübisch, wenn sie dachte, wie der wohl, wüßte er es, wütete. Sie war
fest überzeugt, nur das Amulett habe sie gerettet; denn die Entbindung war
langwierig und schmerzhaft gewesen. Jetzt, nachdem die Geburt vorbei
war, fürchtete sie sehr, sie möchte dauernd entstellt sein, und die Medici
Doktor Wendelin Breyer und Doktor Georg Burkhard Seeger mußten ihr
immer wieder versichern, daß keinerlei Narben und silberne Furchen den
Körper Ihrer Durchlaucht verunzieren würden. Mehr aber als auf die Aerzte
hörte sie auf die Beruhigungen der alten Barbara Holzin, die ungeheuer
kundig und autoritativ die Aussagen der Aerzte bestätigte. Im übrigen fand
Marie Auguste die Situation höchst komisch. Sie betrachtete neugierig und
amüsiert dies Menschlein, das sie zur Welt gebracht. Sie hatte also, ei, ei!
dem Land einen Erbprinzen geschenkt, sie beschaute sich neugierig in dem
Spiegel mit dem mächtigen Rand von getriebenem Gold: nun war sie
demnach im wahrsten Sinn Landesmutter. Kurios war das, kurios. Karl
Alexander wußte nicht recht, was er sagen solle; er überhäufte sie ziemlich
wahllos mit Geschenken, die mehr den guten Willen als den Takt des
Spenders verrieten. Dann, als sie Besuche empfangen durfte, schickte sie
die fließenden Augen über Remchingen, über Riolles, weidete sich an der
Unbeholfenheit der Herren, die, Kindern sehr fremd, sich mühsam
bewundernde Phrasen über den Säugling abzwangen.
Es taufte aber der Fürstbischof von Würzburg den Erbprinzen von
Württemberg und Teck, Erbgrafen von Mömpelgard, Erbgrafen von Urach,
Erbherrn von Heidenheim und Forbach usw. usw., auf den Namen Karl
Eugen.
Stuttgart einzog. Die Taufe des schwäbischen Erbprinzen unter so günstigen
Auspizien war ein Triumph der katholischen Sache weit über die
württembergischen Grenzen hinaus. Sie wurde denn auch mit den größten
Feierlichkeiten und unter solennem Zustrom katholischer Fürsten und
Herren vollzogen. Der Papst ließ bei diesem Anlaß durch einen
Sondergesandten die Herzogin mit dem Ritterkreuz des Maltheserordens
schmücken. Nur zwei Damen außer ihr besaßen diesen Orden, die Königin
von Spanien und die Fürstin Ucella in Rom.
Marie Auguste lag ziervoll, das Pastellgesicht ganz durchsichtig, in ihrem
mächtigen Prunkbett. Das Amulett des Süß mit den primitiven,
bedrohlichen Vögeln und den blockigen, unheimlichen Buchstaben lag trotz
des Verbots ihres Beichtvaters unter ihrem Kopfkissen; sie lächelte
spitzbübisch, wenn sie dachte, wie der wohl, wüßte er es, wütete. Sie war
fest überzeugt, nur das Amulett habe sie gerettet; denn die Entbindung war
langwierig und schmerzhaft gewesen. Jetzt, nachdem die Geburt vorbei
war, fürchtete sie sehr, sie möchte dauernd entstellt sein, und die Medici
Doktor Wendelin Breyer und Doktor Georg Burkhard Seeger mußten ihr
immer wieder versichern, daß keinerlei Narben und silberne Furchen den
Körper Ihrer Durchlaucht verunzieren würden. Mehr aber als auf die Aerzte
hörte sie auf die Beruhigungen der alten Barbara Holzin, die ungeheuer
kundig und autoritativ die Aussagen der Aerzte bestätigte. Im übrigen fand
Marie Auguste die Situation höchst komisch. Sie betrachtete neugierig und
amüsiert dies Menschlein, das sie zur Welt gebracht. Sie hatte also, ei, ei!
dem Land einen Erbprinzen geschenkt, sie beschaute sich neugierig in dem
Spiegel mit dem mächtigen Rand von getriebenem Gold: nun war sie
demnach im wahrsten Sinn Landesmutter. Kurios war das, kurios. Karl
Alexander wußte nicht recht, was er sagen solle; er überhäufte sie ziemlich
wahllos mit Geschenken, die mehr den guten Willen als den Takt des
Spenders verrieten. Dann, als sie Besuche empfangen durfte, schickte sie
die fließenden Augen über Remchingen, über Riolles, weidete sich an der
Unbeholfenheit der Herren, die, Kindern sehr fremd, sich mühsam
bewundernde Phrasen über den Säugling abzwangen.
Es taufte aber der Fürstbischof von Würzburg den Erbprinzen von
Württemberg und Teck, Erbgrafen von Mömpelgard, Erbgrafen von Urach,
Erbherrn von Heidenheim und Forbach usw. usw., auf den Namen Karl
Eugen.
Page 270
Und es krachten die Böller, es läuteten die Glocken. Galatafel,
Feuerwerk. Braten wurde gegen einen Glückwunsch, gegen ein Vergelt’s
Gott Wein verschenkt. Und so sehr das Volk über den katholischen
Erbprinzen fluchte, war doch schon am frühen Nachmittag kein Bissen
Braten, von den zahllosen ungeheuren Fässern kein Schlückchen Wein
mehr da.
Süß hielt sich während dieser Feierlichkeiten sehr im Schatten. Früher hatte
er sich auf jede Art an den Bischof und die Würzburger Herren
herangemacht; nun schien es beinahe, als meide er sie mit Absicht. Das
katholische Projekt, jetzt ausschließliches Zentrum der schwäbischen
Politik, lag ganz in den Händen der Würzburger Diplomaten und der
Militärs. Hatten sich die Herren darauf gerüstet, den Finanzdirektor nur mit
Mühe und unter allen möglichen Tifteleien und Vorwänden auszuschalten,
so sahen sie jetzt verwundert, daß er allem, was mit dieser Frage
zusammenhing, sorglich auswich. Sie verstanden das nicht, sie glaubten an
eine Finte, vermuteten, der Jude intrigiere direkt beim Herzog. Doch auch
zu Karl Alexander kam Süß nur, wenn er gerufen wurde. Der Herzog war
ungnädig, daß er in der peinlichen Eßlinger Affäre zum Spott des ganzen
Reichs dem Juden seinen Willen hatte tun müssen, er zeigte dem Süß bei
jeder Gelegenheit ein verdrießlich abweisendes, gereiztes Gesicht; doch der,
ganz gegen seine Art, blieb zurückhaltend und gelassen, tat nichts, um die
alte Vertraulichkeit des Fürsten wiederzugewinnen.
Er beschränkte sich streng auf die Verwaltung der Finanzen. Früher hatte
er, da schließlich alles an irgendeinem Faden mit Geld zusammenhing, in
der Eigenschaft des Finanzdirektors jedes kleinste Rädchen des
Regierungsapparates kontrolliert; nun wies er fast alles, was man ihm
vorlegte, zurück als nicht in sein Ressort gehörig. Die Männer der
Regierung betrachteten ihn mit Mißtrauen, schnüffelten nach seinen
heimlichen, gefährlichen Motiven, fühlten sich unbehaglich in der
Erwartung, solche scheinbare Untätigkeit sei nur Vorbereitung eines großen
Coups.
Wenn der Herzog nicht wie schon einmal die Zurückhaltung des Juden
durch Stockung des Geldzuflusses empfindlich spüren mußte, so dankte er
dies dem kurpfälzischen Rat, den er jetzt ständig in seiner Umgebung hielt,
Feuerwerk. Braten wurde gegen einen Glückwunsch, gegen ein Vergelt’s
Gott Wein verschenkt. Und so sehr das Volk über den katholischen
Erbprinzen fluchte, war doch schon am frühen Nachmittag kein Bissen
Braten, von den zahllosen ungeheuren Fässern kein Schlückchen Wein
mehr da.
Süß hielt sich während dieser Feierlichkeiten sehr im Schatten. Früher hatte
er sich auf jede Art an den Bischof und die Würzburger Herren
herangemacht; nun schien es beinahe, als meide er sie mit Absicht. Das
katholische Projekt, jetzt ausschließliches Zentrum der schwäbischen
Politik, lag ganz in den Händen der Würzburger Diplomaten und der
Militärs. Hatten sich die Herren darauf gerüstet, den Finanzdirektor nur mit
Mühe und unter allen möglichen Tifteleien und Vorwänden auszuschalten,
so sahen sie jetzt verwundert, daß er allem, was mit dieser Frage
zusammenhing, sorglich auswich. Sie verstanden das nicht, sie glaubten an
eine Finte, vermuteten, der Jude intrigiere direkt beim Herzog. Doch auch
zu Karl Alexander kam Süß nur, wenn er gerufen wurde. Der Herzog war
ungnädig, daß er in der peinlichen Eßlinger Affäre zum Spott des ganzen
Reichs dem Juden seinen Willen hatte tun müssen, er zeigte dem Süß bei
jeder Gelegenheit ein verdrießlich abweisendes, gereiztes Gesicht; doch der,
ganz gegen seine Art, blieb zurückhaltend und gelassen, tat nichts, um die
alte Vertraulichkeit des Fürsten wiederzugewinnen.
Er beschränkte sich streng auf die Verwaltung der Finanzen. Früher hatte
er, da schließlich alles an irgendeinem Faden mit Geld zusammenhing, in
der Eigenschaft des Finanzdirektors jedes kleinste Rädchen des
Regierungsapparates kontrolliert; nun wies er fast alles, was man ihm
vorlegte, zurück als nicht in sein Ressort gehörig. Die Männer der
Regierung betrachteten ihn mit Mißtrauen, schnüffelten nach seinen
heimlichen, gefährlichen Motiven, fühlten sich unbehaglich in der
Erwartung, solche scheinbare Untätigkeit sei nur Vorbereitung eines großen
Coups.
Wenn der Herzog nicht wie schon einmal die Zurückhaltung des Juden
durch Stockung des Geldzuflusses empfindlich spüren mußte, so dankte er
dies dem kurpfälzischen Rat, den er jetzt ständig in seiner Umgebung hielt,
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dem Dom Bartelemi Pancorbo. Wild zupackend stürzte sich der hagere
Mann mit dem blauroten, fleischlosen Gesicht auf alles, was Süß aus den
Händen ließ, hakte sich fest, drohend, wie für die Ewigkeit, auf jeden Platz,
den jener freigab, schlang gierig, wovon jener die Zähne löste. Die
schwierige, sehr komplizierte und verästelte Finanzierung des katholischen
Projekts besorgte er fast ganz allein; damit glitt ihm die Oberleitung der
Staatsgeschäfte in die Hand. Ja, er drang ein in den eigentlichsten Fug und
Besitz des Juden. Da war etwa die Sache mit dem Tabaksmonopol. Auf
Betreiben des Süß hatte nach mannigfachen halben Experimenten eine
jüdische Sozietät in Ludwigsburg eine Tabakfabrik gegründet. Die
Gesellschaft arbeitete mit großen Mitteln und auf weite Sicht, errichtete
Filialen in Stuttgart, Tübingen, Göppingen, Brackenheim, griff über die
Grenzen hinaus. Dom Bartelemi Pancorbo, Inhaber des kurpfälzischen
Tabaksmonopols und Sachverständiger in diesen Fragen, maulte vor dem
Herzog, die Abgabe, die diese Juden entrichten müßten, sei viel zu niedrig,
bot mehr. Süß wich kampflos, auf den ersten Anhieb, entschädigte mit
großen Opfern die jüdischen Sozietärs, überließ die wohleingerichtete
Fabrik dem erstaunten, grinsenden Portugiesen.
Auch die Geselligkeit, die früher so wild um ihn wirbelte, ließ er
abflauen. Es kam jetzt vor, daß er einen Flirt begann und ihn vor dem Ziel
müd und gelangweilt abbrach. Unter den zahllosen Frauen seines Bettes,
die er verlassen, die er zum Teil vergessen hatte, waren welche, die in jeden
Spott einstimmten, der ihn ankotete; welche bewahrten das Erlebnis als
etwas Kitzelndes, Verboten-Köstliches wie wohl einen Schmuck, den man,
ach! nur in verschlossener Kammer vor dem Spiegel antun darf, und sie
schwiegen, sprach man von ihm; welche standen an seinem Weg, wenn er
vorüberritt, lächelten großäugig, standen, bis er außer Sicht war, und sie
trugen es ihm nicht nach, daß er sie so bald weggeworfen, sie dankten ihm
täglich für jene kurzen Stunden, sie bewahrten die Worte, die er wer weiß
wie vielen gesagt und längst vergessen hatte, als teuersten Besitz.
Um jene Zeit bekam Josef Süß Augen für seinen Diener und Sekretär
Nicklas Pfäffle. Er hatte den fetten, gleichmütigen, langsamen und
unermüdlichen Burschen immer gut gehalten, wie man eben einen so
ungewöhnlich verwendbaren und zuverlässigen Menschen hält. Aber daß
dieser Mensch außer seiner Verwendbarkeit und Zuverlässigkeit auch noch
andere Eigenschaften hatte, daß er Regungen und Erlebnisse hatte, die sich
nicht auf seinen Herrn bezogen, dies durchzuspüren, nahm sich Süß jetzt
Mann mit dem blauroten, fleischlosen Gesicht auf alles, was Süß aus den
Händen ließ, hakte sich fest, drohend, wie für die Ewigkeit, auf jeden Platz,
den jener freigab, schlang gierig, wovon jener die Zähne löste. Die
schwierige, sehr komplizierte und verästelte Finanzierung des katholischen
Projekts besorgte er fast ganz allein; damit glitt ihm die Oberleitung der
Staatsgeschäfte in die Hand. Ja, er drang ein in den eigentlichsten Fug und
Besitz des Juden. Da war etwa die Sache mit dem Tabaksmonopol. Auf
Betreiben des Süß hatte nach mannigfachen halben Experimenten eine
jüdische Sozietät in Ludwigsburg eine Tabakfabrik gegründet. Die
Gesellschaft arbeitete mit großen Mitteln und auf weite Sicht, errichtete
Filialen in Stuttgart, Tübingen, Göppingen, Brackenheim, griff über die
Grenzen hinaus. Dom Bartelemi Pancorbo, Inhaber des kurpfälzischen
Tabaksmonopols und Sachverständiger in diesen Fragen, maulte vor dem
Herzog, die Abgabe, die diese Juden entrichten müßten, sei viel zu niedrig,
bot mehr. Süß wich kampflos, auf den ersten Anhieb, entschädigte mit
großen Opfern die jüdischen Sozietärs, überließ die wohleingerichtete
Fabrik dem erstaunten, grinsenden Portugiesen.
Auch die Geselligkeit, die früher so wild um ihn wirbelte, ließ er
abflauen. Es kam jetzt vor, daß er einen Flirt begann und ihn vor dem Ziel
müd und gelangweilt abbrach. Unter den zahllosen Frauen seines Bettes,
die er verlassen, die er zum Teil vergessen hatte, waren welche, die in jeden
Spott einstimmten, der ihn ankotete; welche bewahrten das Erlebnis als
etwas Kitzelndes, Verboten-Köstliches wie wohl einen Schmuck, den man,
ach! nur in verschlossener Kammer vor dem Spiegel antun darf, und sie
schwiegen, sprach man von ihm; welche standen an seinem Weg, wenn er
vorüberritt, lächelten großäugig, standen, bis er außer Sicht war, und sie
trugen es ihm nicht nach, daß er sie so bald weggeworfen, sie dankten ihm
täglich für jene kurzen Stunden, sie bewahrten die Worte, die er wer weiß
wie vielen gesagt und längst vergessen hatte, als teuersten Besitz.
Um jene Zeit bekam Josef Süß Augen für seinen Diener und Sekretär
Nicklas Pfäffle. Er hatte den fetten, gleichmütigen, langsamen und
unermüdlichen Burschen immer gut gehalten, wie man eben einen so
ungewöhnlich verwendbaren und zuverlässigen Menschen hält. Aber daß
dieser Mensch außer seiner Verwendbarkeit und Zuverlässigkeit auch noch
andere Eigenschaften hatte, daß er Regungen und Erlebnisse hatte, die sich
nicht auf seinen Herrn bezogen, dies durchzuspüren, nahm sich Süß jetzt
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zum erstenmal die Mühe. Er sprach darum nicht viel anders zu Nicklas
Pfäffle. Es wäre untunlich, ja ganz unmöglich erschienen, zu dem blassen,
fetten Burschen ein Wort über das Sachliche und Notwendige hinaus zu
sprechen. Aber sein Ton war anders zu ihm, seine Augen gingen anders zu
ihm, seine Haltung war vom Menschen zum Menschen.
Auch die Stute Assjadah spürte, daß ihr Herr als ein anderer auf ihr saß.
Vielleicht ritt er jetzt nicht mehr in so großem Glanz als früher, vielleicht
fühlte man rings im Volk, daß seine Hand nicht mehr die einzige war am
Hebel des Regiments; aber die Stute Assjadah spürte, daß sie ihm jetzt
anderes war als sein Kleid und sein Schmuck und Hausrat, daß er jetzt ihre
Augen sah, daß er jetzt merkte, wie Ein Leben floß in ihm und ihr.
Kurz nach der Affäre mit dem Tabaksmonopol, während man in Stuttgart
und Ludwigsburg fieberhaft an der Exekution des katholischen Projekts
arbeitete, mit den anderen katholischen Höfen und Herren zettelte,
Militärkonventionen schloß, bei Kaiser und Reich die Landschaft ins
Unrecht zu setzen, die evangelischen Höfe zu begütigen suchte, während
Pancorbo, nach neuen Geldquellen spähend, immer mehr in die Bezirke des
Juden eindrang, zog sich der rätselvolle Mann plötzlich aus allen
Geschäften zurück, nahm Urlaub, betraute mit der Wahrung des Wichtigsten
den Nicklas Pfäffle, verließ mit unbekanntem Ziel und ohne jede
Begleitung die Hauptstadt.
Er fuhr nach Hirsau. Er kam sich auf dieser ungewohnt einsamen Fahrt
ungeheuer edelmütig und erhaben vor. Zu denken, daß er mit einem
einzigen Wort, mit einer einzigen Enthüllung den Herzog ganz für sich
gewinnen, sich in die Mitte des katholischen Projekts setzen, die
hämischen, triumphierend grinsenden Nebenbuhler an die Peripherie
zurückwerfen könnte. Zu denken, daß er einfach die Hände aufmachte, das
mühsam Errungene, Einzigartige, letztes, sehnlichst erahntes Ziel aller
Welt, wie Wegwurf fallen ließ. Wie edel war er, wie jenseitig, wie
opferfroh! Er legte Ernst, Weltabgewandtheit, priesterhafte Getragenheit
über sein Gesicht, er befahl seinem flinken, eleganten Körper, würdevoll
langsam zu sein, seinen fliegenden, rastlosen Augen, ernst und sinnierend
zu schauen.
Wählte er sonst für seine Besuche Zeiten, in denen er den Kabbalisten
fern glaubte, so suchte er jetzt seine Gegenwart. Die verströmende Hingabe
des Kindes schien ihm selbstverständliche, fast geschuldete Gegengabe des
Schicksals. Naemi, obzwar ihr Gesicht, Stimme, Haltung des Vaters schon
Pfäffle. Es wäre untunlich, ja ganz unmöglich erschienen, zu dem blassen,
fetten Burschen ein Wort über das Sachliche und Notwendige hinaus zu
sprechen. Aber sein Ton war anders zu ihm, seine Augen gingen anders zu
ihm, seine Haltung war vom Menschen zum Menschen.
Auch die Stute Assjadah spürte, daß ihr Herr als ein anderer auf ihr saß.
Vielleicht ritt er jetzt nicht mehr in so großem Glanz als früher, vielleicht
fühlte man rings im Volk, daß seine Hand nicht mehr die einzige war am
Hebel des Regiments; aber die Stute Assjadah spürte, daß sie ihm jetzt
anderes war als sein Kleid und sein Schmuck und Hausrat, daß er jetzt ihre
Augen sah, daß er jetzt merkte, wie Ein Leben floß in ihm und ihr.
Kurz nach der Affäre mit dem Tabaksmonopol, während man in Stuttgart
und Ludwigsburg fieberhaft an der Exekution des katholischen Projekts
arbeitete, mit den anderen katholischen Höfen und Herren zettelte,
Militärkonventionen schloß, bei Kaiser und Reich die Landschaft ins
Unrecht zu setzen, die evangelischen Höfe zu begütigen suchte, während
Pancorbo, nach neuen Geldquellen spähend, immer mehr in die Bezirke des
Juden eindrang, zog sich der rätselvolle Mann plötzlich aus allen
Geschäften zurück, nahm Urlaub, betraute mit der Wahrung des Wichtigsten
den Nicklas Pfäffle, verließ mit unbekanntem Ziel und ohne jede
Begleitung die Hauptstadt.
Er fuhr nach Hirsau. Er kam sich auf dieser ungewohnt einsamen Fahrt
ungeheuer edelmütig und erhaben vor. Zu denken, daß er mit einem
einzigen Wort, mit einer einzigen Enthüllung den Herzog ganz für sich
gewinnen, sich in die Mitte des katholischen Projekts setzen, die
hämischen, triumphierend grinsenden Nebenbuhler an die Peripherie
zurückwerfen könnte. Zu denken, daß er einfach die Hände aufmachte, das
mühsam Errungene, Einzigartige, letztes, sehnlichst erahntes Ziel aller
Welt, wie Wegwurf fallen ließ. Wie edel war er, wie jenseitig, wie
opferfroh! Er legte Ernst, Weltabgewandtheit, priesterhafte Getragenheit
über sein Gesicht, er befahl seinem flinken, eleganten Körper, würdevoll
langsam zu sein, seinen fliegenden, rastlosen Augen, ernst und sinnierend
zu schauen.
Wählte er sonst für seine Besuche Zeiten, in denen er den Kabbalisten
fern glaubte, so suchte er jetzt seine Gegenwart. Die verströmende Hingabe
des Kindes schien ihm selbstverständliche, fast geschuldete Gegengabe des
Schicksals. Naemi, obzwar ihr Gesicht, Stimme, Haltung des Vaters schon
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bei seiner ersten Ankunft die Verdächtigungen des Magisters doppelt leer
und haltlos hatten erscheinen lassen, war durch seine neue Maske leicht
verwirrt. Sie sah den Vater als Simson, der die Philister, als David, der den
Goliath erschlägt. Sein neues Antlitz stimmte nicht recht dazu, und
wenngleich nur flüchtig, so doch wieder und immer wieder drängte sich
kitzelnd und beklemmend jenes Gesicht vor, da an dem reichen Haar
Absalom im Geäst hängt, und seine Züge sind die Züge des Vaters.
Süß war sehr gekränkt; daß der Kabbalist ihm nicht die Achtung und
Würdigung zeigte, auf die er jetzt doch offenbar Anspruch hatte. Einmal
sagte ihm Rabbi Gabriel: „Du hast erkannt, daß du den Weg suchen mußt;
das ist etwas. Aber du hast noch nicht den Weg.“
In der Stille des weißen Hauses mit den Blumenterrassen nahm Süß das
Schicksal seines Vaters in die Hand, beschaute es, drehte es hin und her. In
der langen Weile überkamen die alten Anfechtungen den rastlosen Mann.
Wenn er nun zu seiner väterlichen Herkunft sich bekannte, wer durfte ihn
darum tadeln? Er hatte zur Genüge gezeigt, daß er demütig sein konnte:
hatte er nicht nach solcher Probe das Recht, aus der Demut aufzutauchen in
den Glanz, der ihm rechtens zustand? Wenn er jetzt die Stricke
zerschneidet, die ihn immer wieder hinunterreißen wollen zu den
Verachteten, kaum daß er eine Sprosse aufwärts klomm? Wenn er den
Schmutz und den Ekel und die Verachtung der Menge abstreift, die als an
einem Juden an ihm kleben? Wenn er sein schönes Kind an der Hand
nimmt, aus der Vermummung schlüpft wie der arabische Kalif und
strahlend, daß ihnen das Grinsen stirbt, unter seine frechen Gegner tritt,
nicht nur an Genie ihr Erster, nein, Christ auch und Edelmann von Geburt?
Hochmütig steilten die Tulpen in seine Träume, ein weißer, besonnter
Würfel lag das Haus. Flüchtig schatteten hinter seinen Erwägungen die
seltsamen Formen der magischen Figuren, die blockigen hebräischen
Buchstaben, schematisch stand der himmlische Mensch, es blühte der
kabbalistische Baum.
Sein Vater. In Braus gelebt, in Schmach verkommen, im Kloster
gestorben. Je nun, ihn hatte das Glück verlassen, das Leben von sich
gestoßen, er war ohne Erfolg. Was blieb ihm übrig als nach seiner Seele zu
jagen? Wer keinen Erfolg hatte, der mußte sich wohl verkriechen und nach
innen schauen. Bei ihm, Süß, lagen die Dinge anders. Er hatte Erfolg. Ihm
schmiegte sich das Leben, schmeichelte ihm, duckte sich ihm, unterworfen,
gezähmt.
und haltlos hatten erscheinen lassen, war durch seine neue Maske leicht
verwirrt. Sie sah den Vater als Simson, der die Philister, als David, der den
Goliath erschlägt. Sein neues Antlitz stimmte nicht recht dazu, und
wenngleich nur flüchtig, so doch wieder und immer wieder drängte sich
kitzelnd und beklemmend jenes Gesicht vor, da an dem reichen Haar
Absalom im Geäst hängt, und seine Züge sind die Züge des Vaters.
Süß war sehr gekränkt; daß der Kabbalist ihm nicht die Achtung und
Würdigung zeigte, auf die er jetzt doch offenbar Anspruch hatte. Einmal
sagte ihm Rabbi Gabriel: „Du hast erkannt, daß du den Weg suchen mußt;
das ist etwas. Aber du hast noch nicht den Weg.“
In der Stille des weißen Hauses mit den Blumenterrassen nahm Süß das
Schicksal seines Vaters in die Hand, beschaute es, drehte es hin und her. In
der langen Weile überkamen die alten Anfechtungen den rastlosen Mann.
Wenn er nun zu seiner väterlichen Herkunft sich bekannte, wer durfte ihn
darum tadeln? Er hatte zur Genüge gezeigt, daß er demütig sein konnte:
hatte er nicht nach solcher Probe das Recht, aus der Demut aufzutauchen in
den Glanz, der ihm rechtens zustand? Wenn er jetzt die Stricke
zerschneidet, die ihn immer wieder hinunterreißen wollen zu den
Verachteten, kaum daß er eine Sprosse aufwärts klomm? Wenn er den
Schmutz und den Ekel und die Verachtung der Menge abstreift, die als an
einem Juden an ihm kleben? Wenn er sein schönes Kind an der Hand
nimmt, aus der Vermummung schlüpft wie der arabische Kalif und
strahlend, daß ihnen das Grinsen stirbt, unter seine frechen Gegner tritt,
nicht nur an Genie ihr Erster, nein, Christ auch und Edelmann von Geburt?
Hochmütig steilten die Tulpen in seine Träume, ein weißer, besonnter
Würfel lag das Haus. Flüchtig schatteten hinter seinen Erwägungen die
seltsamen Formen der magischen Figuren, die blockigen hebräischen
Buchstaben, schematisch stand der himmlische Mensch, es blühte der
kabbalistische Baum.
Sein Vater. In Braus gelebt, in Schmach verkommen, im Kloster
gestorben. Je nun, ihn hatte das Glück verlassen, das Leben von sich
gestoßen, er war ohne Erfolg. Was blieb ihm übrig als nach seiner Seele zu
jagen? Wer keinen Erfolg hatte, der mußte sich wohl verkriechen und nach
innen schauen. Bei ihm, Süß, lagen die Dinge anders. Er hatte Erfolg. Ihm
schmiegte sich das Leben, schmeichelte ihm, duckte sich ihm, unterworfen,
gezähmt.
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Er sah auf. Der Oheim stand vor ihm. Ei, hatte er ihn ertappt? Der
Schleicher, der Spionierer, der nach jedem Gedanken jagte, den er einem
höhnisch hinhalten konnte. Ach, er wird nie mehr so unbeschwert leben
können wie früher. Wenn er es täte, was doch nur natürlich und sein gutes
Recht wäre, wenn er sich als Christ bekennte, immer würde er die
Verachtung dieses lächerlichen, schlecht angezogenen Mannes eisig im
Nacken spüren. Oh, leben können wie früher! Den Tag nehmen, wie er fällt!
Wozu diese albernen, überflüssigen Grübeleien? Wenn er sie nur
herausbrächte aus dem Blut, die giftig-süße, faulige Lockung, die aus dem
Hause drang, von Jenseitigem und Demut und Verzichten.
Naemi kam. Und rasch flüchtete er sich in seine Maske von Stille und
Getragenheit.
Während er so hin- und hergerissen wurde zwischen sich krampfender,
prahlerischer Demut und zappelndem Tat- und Ehrhunger, langte
unvermutet Nicklas Pfäffle an. Berichtete, eine herzogliche Kommission
habe Bücher und Kassen des Süß beschlagnahmt, sie zu revidieren. Der
Finanzdirektor sei verdächtigt, in amtlichen und privaten Affären
formidabel defraudiert zu haben, peinliche Untersuchung sei angeordnet.
Die Feinde des Süß hatten seine Abwesenheit zu einem weiten Vorstoß
genützt. Freunde, auf die er sich verlassen konnte, hatte er kaum mehr. Der
Hofkanzler Scheffer, der Geheimrat Pfau waren offen zu der katholischen
Militärpartei übergetreten und attackierten ihn in aller Oeffentlichkeit. Der
Domänenpräsident Lamprechts zog seine Jungen als zu erwachsen aus dem
Pagendienst bei ihm zurück. Remchingen, die beiden Röder, der General
und der Major, die Obersten Laubsky und Tornacka, der Kammerdiener
Neuffer lagen dem Herzog ständig mit Verdächtigungen des Juden in den
Ohren. In der Umgebung Karl Alexanders nahmen nur Bilfinger und
Harpprecht nicht an dem Treiben teil. Ihnen waren die jesuitischen
Sendlinge noch mehr zuwider als der Jude.
Nun hatte Dom Bartelemi Pancorbo seit langem den Juwelenhandel des
Süß genau überwacht. Er legte dem Herzog dar, der Jude mache alle
Einkäufe auf dem Juwelenmarkt im Namen des Herzogs. Es seien aber hier
die Preise sehr variabel; fielen sie, so erkläre, oft noch fast ein Jahr später,
Süß die zu teuer gekauften Steine als Eigentum des Herzogs; stiegen sie, so
halte er sie als sein Eigentum. So also, daß der Jude das ganze Risiko auf
den Herzog abwälze, den Verlust den Fürsten tragen lasse, den Profit für
sich einsacke. Allein zum großen Verdruß des Portugiesen machten diese
Schleicher, der Spionierer, der nach jedem Gedanken jagte, den er einem
höhnisch hinhalten konnte. Ach, er wird nie mehr so unbeschwert leben
können wie früher. Wenn er es täte, was doch nur natürlich und sein gutes
Recht wäre, wenn er sich als Christ bekennte, immer würde er die
Verachtung dieses lächerlichen, schlecht angezogenen Mannes eisig im
Nacken spüren. Oh, leben können wie früher! Den Tag nehmen, wie er fällt!
Wozu diese albernen, überflüssigen Grübeleien? Wenn er sie nur
herausbrächte aus dem Blut, die giftig-süße, faulige Lockung, die aus dem
Hause drang, von Jenseitigem und Demut und Verzichten.
Naemi kam. Und rasch flüchtete er sich in seine Maske von Stille und
Getragenheit.
Während er so hin- und hergerissen wurde zwischen sich krampfender,
prahlerischer Demut und zappelndem Tat- und Ehrhunger, langte
unvermutet Nicklas Pfäffle an. Berichtete, eine herzogliche Kommission
habe Bücher und Kassen des Süß beschlagnahmt, sie zu revidieren. Der
Finanzdirektor sei verdächtigt, in amtlichen und privaten Affären
formidabel defraudiert zu haben, peinliche Untersuchung sei angeordnet.
Die Feinde des Süß hatten seine Abwesenheit zu einem weiten Vorstoß
genützt. Freunde, auf die er sich verlassen konnte, hatte er kaum mehr. Der
Hofkanzler Scheffer, der Geheimrat Pfau waren offen zu der katholischen
Militärpartei übergetreten und attackierten ihn in aller Oeffentlichkeit. Der
Domänenpräsident Lamprechts zog seine Jungen als zu erwachsen aus dem
Pagendienst bei ihm zurück. Remchingen, die beiden Röder, der General
und der Major, die Obersten Laubsky und Tornacka, der Kammerdiener
Neuffer lagen dem Herzog ständig mit Verdächtigungen des Juden in den
Ohren. In der Umgebung Karl Alexanders nahmen nur Bilfinger und
Harpprecht nicht an dem Treiben teil. Ihnen waren die jesuitischen
Sendlinge noch mehr zuwider als der Jude.
Nun hatte Dom Bartelemi Pancorbo seit langem den Juwelenhandel des
Süß genau überwacht. Er legte dem Herzog dar, der Jude mache alle
Einkäufe auf dem Juwelenmarkt im Namen des Herzogs. Es seien aber hier
die Preise sehr variabel; fielen sie, so erkläre, oft noch fast ein Jahr später,
Süß die zu teuer gekauften Steine als Eigentum des Herzogs; stiegen sie, so
halte er sie als sein Eigentum. So also, daß der Jude das ganze Risiko auf
den Herzog abwälze, den Verlust den Fürsten tragen lasse, den Profit für
sich einsacke. Allein zum großen Verdruß des Portugiesen machten diese
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Feststellungen auf Karl Alexander weiter gar keinen Eindruck; er meinte
gleichmütig, dafür sei Süß eben ein Jud, im übrigen werde er künftig mehr
auf der Hut sein. Weitere Konsequenzen zu ziehen war er durchaus nicht
geneigt.
Merkwürdigerweise war es eine ganz belanglose Maßnahme des Süß,
über die ihn seine Gegner zu Fall bringen konnten. Der Finanzdirektor hatte
das Kaminfegen von Staats wegen geregelt dergestalt, daß gegen eine zu
entrichtende Pauschalgebühr die Behörde die Reinigung der Schornsteine
übernahm. Diese Anordnung hatte Gelächter und Unmut erregt, und der
Kammerdiener Neuffer spielte Karl Alexander ein Pasquill darüber in die
Hände, ein greulich illustriertes fliegendes Blatt mit dem Titel:
„Untertäniges Danksagungskompliment sämtlicher Hexen und Unholde an
seine jüdische Hexelenz Jud Josef Süß Oppenheimer, im Namen aller
aufgesetzt und überreicht von gesamter nachtliebender Sozietät
Urgroßmutter, der Zigeunerin in Endor.“
Während der Herzog dieses Blatt las, überkamen ihn die alten Gesichte.
Er sah sich schreiten in jenem rätselhaften, gebundenen Tanz, er hörte die
knarrende, mißlaunige Stimme des Magus, er hörte, hörte körperlich, sein
Schweigen, sah das Verschwiegene auf sich zukriechen, vielarmig
gestaltlos. Er wollte los aus dieser verdammten Hexerei. Warum hielt er
denn den Juden? Er hatte doch bloß Spott und Schererei von ihm. Rot
angelaufen, schnaubend, den einen Fuß stark lahmend, stapfte er hin und
her. Er wollte es ihm zeigen, dem Filou und Schelmen mit seiner Gaunerei
und schwarzen Kunst. Heiser noch und wütend diktierte er die Ordre, die
die Untersuchung und genaue Prüfung der Rechnungen und Bücher des
Finanzdirektors befahl.
Und es lief der Hofkanzler, es liefen die Generäle, es lief der Portugiese,
reckte über der Krause den dürren Hals, hackte zu mit dem entfleischten,
blauroten Kopf. Eifrig hockten die Revisoren, schwitzend, vertieft, spähten
durch die Brillen, ließen ihre Kiele rascheln übers Papier. Rechneten,
luchsten, witterten. Bauten Säulen von Ziffern, Wälder von Ziffern.
Schütteten sie aus, klaubten sie wieder zusammen. Spähten, schnüffelten,
schwitzten.
Unterdes raste auf gehetzten, auf jeder Station gewechselten Gäulen der
Finanzdirektor nach Stuttgart. Diese Inquisition gegen ihn, dieser Stoß und
Sturz war ihm ein Wink. Das Glück, das Fatum wollte gepackt, wollte
gezwungen sein. Sowie man es nicht umklammerte mit allen Sinnen, sowie
gleichmütig, dafür sei Süß eben ein Jud, im übrigen werde er künftig mehr
auf der Hut sein. Weitere Konsequenzen zu ziehen war er durchaus nicht
geneigt.
Merkwürdigerweise war es eine ganz belanglose Maßnahme des Süß,
über die ihn seine Gegner zu Fall bringen konnten. Der Finanzdirektor hatte
das Kaminfegen von Staats wegen geregelt dergestalt, daß gegen eine zu
entrichtende Pauschalgebühr die Behörde die Reinigung der Schornsteine
übernahm. Diese Anordnung hatte Gelächter und Unmut erregt, und der
Kammerdiener Neuffer spielte Karl Alexander ein Pasquill darüber in die
Hände, ein greulich illustriertes fliegendes Blatt mit dem Titel:
„Untertäniges Danksagungskompliment sämtlicher Hexen und Unholde an
seine jüdische Hexelenz Jud Josef Süß Oppenheimer, im Namen aller
aufgesetzt und überreicht von gesamter nachtliebender Sozietät
Urgroßmutter, der Zigeunerin in Endor.“
Während der Herzog dieses Blatt las, überkamen ihn die alten Gesichte.
Er sah sich schreiten in jenem rätselhaften, gebundenen Tanz, er hörte die
knarrende, mißlaunige Stimme des Magus, er hörte, hörte körperlich, sein
Schweigen, sah das Verschwiegene auf sich zukriechen, vielarmig
gestaltlos. Er wollte los aus dieser verdammten Hexerei. Warum hielt er
denn den Juden? Er hatte doch bloß Spott und Schererei von ihm. Rot
angelaufen, schnaubend, den einen Fuß stark lahmend, stapfte er hin und
her. Er wollte es ihm zeigen, dem Filou und Schelmen mit seiner Gaunerei
und schwarzen Kunst. Heiser noch und wütend diktierte er die Ordre, die
die Untersuchung und genaue Prüfung der Rechnungen und Bücher des
Finanzdirektors befahl.
Und es lief der Hofkanzler, es liefen die Generäle, es lief der Portugiese,
reckte über der Krause den dürren Hals, hackte zu mit dem entfleischten,
blauroten Kopf. Eifrig hockten die Revisoren, schwitzend, vertieft, spähten
durch die Brillen, ließen ihre Kiele rascheln übers Papier. Rechneten,
luchsten, witterten. Bauten Säulen von Ziffern, Wälder von Ziffern.
Schütteten sie aus, klaubten sie wieder zusammen. Spähten, schnüffelten,
schwitzten.
Unterdes raste auf gehetzten, auf jeder Station gewechselten Gäulen der
Finanzdirektor nach Stuttgart. Diese Inquisition gegen ihn, dieser Stoß und
Sturz war ihm ein Wink. Das Glück, das Fatum wollte gepackt, wollte
gezwungen sein. Sowie man es nicht umklammerte mit allen Sinnen, sowie
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man nicht unverrückt Gemüt und Willen darauf richtete, lockerte es, löste es
sich. Hätte das Gesindel in Stuttgart nicht seine Lässigkeit gespürt, nie
hätten sie den frechen, plumpen Angriff gewagt.
So war er in der ersten Wallung gleich nach der Meldung des Nicklas
Pfäffle stürmisch aufgebrochen. Nicht sah er mehr das steinern massige
Gesicht des Oheims, dachte mit keinem Gedanken mehr, ob aus den
trübgrauen Augen Spott oder Gram auf ihn schaute, wischte flüchtig und
rasch die Trauer des Mädchens aus seinem Sinn. Eines nur dachte er, zu
Pferde, im Wagen, drehte es hin und her von allen Seiten: Was tun? Was
jetzt tun? Dumm war ja, hirnrissig, was seine Gegner da gemacht hatten.
Ihn für einen solchen Esel zu halten, daß man aus seinen Schriften ihm die
geringste Unregelmäßigkeit nachweisen könnte! Tapsig sind diese Gojim,
ohne Nase, ohne Witterung. Er mußte lächeln: nein, zu denen gehörte er
wirklich nicht.
Er kalkulierte. Man wird also nichts finden. Was wird man dann tun?
Eingestehen, daß man ihm unrecht getan hat? Niemals. Man wird bei
irgendeiner formalen Niaiserie einhaken, ihm wegen eines an den Haaren
herbeigezerrten Formfehlers einen sanften Verweis erteilen. Ihm ernster zu
Leib zu gehen, hatte wohl auch Karl Alexander nie beabsichtigt. Eine
Lektion wollte man ihm erteilen, ihm zeigen, daß er sich nicht zu sicher
fühlen möge. Man wird es also bei einer milden Rüge bewenden lassen. Für
ihn dann wäre das klügste, dem leicht gereizten Herzog äußerlich recht zu
lassen, solchen sanften Tadel still einzustecken, dann aber die Affären fest
mit beiden Händen zu packen, den Feinden heimzuzahlen, mit allen Mitteln
sich in das katholische Projekt zu drängen.
Da war es schon wieder: warum dann nicht gleich seine Geburt
ausspielen?
Nein, nein, das alles wäre dem früheren Süß angestanden. Wie er jetzt
war, umsäumt mit Demut und Weltüberwindung, mußte er es anders halten.
Wohl war dieser Einbruch der Feinde in seine Geschäfte und seine Papiere
Wink und Zeichen. Aber nicht er ließ sich vom Glück auf die Probe stellen.
Gefehlt! Er selber wird das Fatum zwingen, sich zu entschleiern, die
festverschlossenen Lider aufzuschlagen.
Klar formte sich ihm, während schon die Pferde in Sicht der Hauptstadt
dahinhetzten, sein Entschluß. Jeder Schritt seines Weges, jedes Wort, das er
sprechen wollte, lag deutlich vor ihm. Nicht klug sein wird er, nicht
geschäftstüchtig, nicht politisch. Das Schicksal herausfordern wird er. Zum
sich. Hätte das Gesindel in Stuttgart nicht seine Lässigkeit gespürt, nie
hätten sie den frechen, plumpen Angriff gewagt.
So war er in der ersten Wallung gleich nach der Meldung des Nicklas
Pfäffle stürmisch aufgebrochen. Nicht sah er mehr das steinern massige
Gesicht des Oheims, dachte mit keinem Gedanken mehr, ob aus den
trübgrauen Augen Spott oder Gram auf ihn schaute, wischte flüchtig und
rasch die Trauer des Mädchens aus seinem Sinn. Eines nur dachte er, zu
Pferde, im Wagen, drehte es hin und her von allen Seiten: Was tun? Was
jetzt tun? Dumm war ja, hirnrissig, was seine Gegner da gemacht hatten.
Ihn für einen solchen Esel zu halten, daß man aus seinen Schriften ihm die
geringste Unregelmäßigkeit nachweisen könnte! Tapsig sind diese Gojim,
ohne Nase, ohne Witterung. Er mußte lächeln: nein, zu denen gehörte er
wirklich nicht.
Er kalkulierte. Man wird also nichts finden. Was wird man dann tun?
Eingestehen, daß man ihm unrecht getan hat? Niemals. Man wird bei
irgendeiner formalen Niaiserie einhaken, ihm wegen eines an den Haaren
herbeigezerrten Formfehlers einen sanften Verweis erteilen. Ihm ernster zu
Leib zu gehen, hatte wohl auch Karl Alexander nie beabsichtigt. Eine
Lektion wollte man ihm erteilen, ihm zeigen, daß er sich nicht zu sicher
fühlen möge. Man wird es also bei einer milden Rüge bewenden lassen. Für
ihn dann wäre das klügste, dem leicht gereizten Herzog äußerlich recht zu
lassen, solchen sanften Tadel still einzustecken, dann aber die Affären fest
mit beiden Händen zu packen, den Feinden heimzuzahlen, mit allen Mitteln
sich in das katholische Projekt zu drängen.
Da war es schon wieder: warum dann nicht gleich seine Geburt
ausspielen?
Nein, nein, das alles wäre dem früheren Süß angestanden. Wie er jetzt
war, umsäumt mit Demut und Weltüberwindung, mußte er es anders halten.
Wohl war dieser Einbruch der Feinde in seine Geschäfte und seine Papiere
Wink und Zeichen. Aber nicht er ließ sich vom Glück auf die Probe stellen.
Gefehlt! Er selber wird das Fatum zwingen, sich zu entschleiern, die
festverschlossenen Lider aufzuschlagen.
Klar formte sich ihm, während schon die Pferde in Sicht der Hauptstadt
dahinhetzten, sein Entschluß. Jeder Schritt seines Weges, jedes Wort, das er
sprechen wollte, lag deutlich vor ihm. Nicht klug sein wird er, nicht
geschäftstüchtig, nicht politisch. Das Schicksal herausfordern wird er. Zum
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Herzog gehen, seine Entlassung verlangen. Gibt sie der Fürst, gut, dann hat
das Fatum gesprochen. Resignieren wird er dann, in der Stille leben
irgendwo, sich versenken wie sein Vater. Hält ihn der Herzog, dann, ja dann
–: als der Feind wird er dann leben, als der Rächer. Denn dann wird er sich
die Demütigung bezahlen lassen. Die Hand den Feinden an den Hals!
Zudrücken! Würgen! Pressen!
Bei Hof hatte man erwartet, Süß werde sich verteidigen, geschmeidig,
vielwortig, advokatisch; oder auf seine Meriten hinweisen, pathetisch seine
Unschuld beteuern; oder um sich schlagen, wüten. Nichts dergleichen.
Gelassen ging er zum Herzog. Erwiderte auf die kollernden, polternden
Vorwürfe des Tobenden mit keiner Silbe. Bat, als endlich der Herzog
verschnaufend einhielt, in ruhigen, gesetzten Worten um seine Entlassung.
Für allenfallsige Fehlbeträge hinterbleibe haftend sein gesamtes liegendes
und mobiles Vermögen. Dem erst sprachlosen, dann sinnlos schimpfenden,
wutlallenden Herzog wiederholte er höflich und steinruhig sein Verlangen.
Da Karl Alexander hinkend, mit gehobenem Arm auf ihn eindrang, ging er,
in bestimmten Worten auf rasche Verbescheidung seines wohlüberdachten
gehorsamen Wunsches drängend.
Die Ankläger vor sich rufen ließ Karl Alexander. Fragte, die Stimme
gepreßt vor Wut, ob sie Beweise gefunden hätten. Ueberhäufte, stimmlos
keifend, die Stammelnden, Ausweichenden, Schlotternden mit wüsten,
kotigen, pöbelhaften Schimpfworten. Im Arsch habe der Jud mehr Gehirn
als sie in ihren Schlammschädeln. Er begreife nicht, wie er auf ihre
ohnmächtig neidischen, hirnrissigen, blöd giftigen Stänkereien habe
hereinfallen können. Was ihm der Jud lieber sei als sie saudummen
Christenschelmen.
Mürrisch schickte er dem Süß die Akten zurück nebst einem riesigen
Douceur und Schenkbriefen auf reiche Liegenschaften. Fahl in ihre Winkel
krochen die Feinde. Fast ohne Kampf gewann sich Süß die verlorenen
Positionen zurück. Dem katholischen Projekt hielt er sich noch immer fern;
aber in jedem andern Bereich wieder drängte er zu, griff zu, wo man an
seine Interessen streifte.
Da saß er nun in der alten Macht, straffte die Zügel, und jeder im
Herzogtum spürte seine Hand. Was in der Zwischenzeit geschehen war,
wurde überprüft, korrigiert. Die Kaminfeger-Verordnung, schon
zurückgezogen, wurde nun doch Gesetz; die fliegenden Blätter
verschwanden, nur heimlich im Abort des „Blauen Bocks“ zeigte der
das Fatum gesprochen. Resignieren wird er dann, in der Stille leben
irgendwo, sich versenken wie sein Vater. Hält ihn der Herzog, dann, ja dann
–: als der Feind wird er dann leben, als der Rächer. Denn dann wird er sich
die Demütigung bezahlen lassen. Die Hand den Feinden an den Hals!
Zudrücken! Würgen! Pressen!
Bei Hof hatte man erwartet, Süß werde sich verteidigen, geschmeidig,
vielwortig, advokatisch; oder auf seine Meriten hinweisen, pathetisch seine
Unschuld beteuern; oder um sich schlagen, wüten. Nichts dergleichen.
Gelassen ging er zum Herzog. Erwiderte auf die kollernden, polternden
Vorwürfe des Tobenden mit keiner Silbe. Bat, als endlich der Herzog
verschnaufend einhielt, in ruhigen, gesetzten Worten um seine Entlassung.
Für allenfallsige Fehlbeträge hinterbleibe haftend sein gesamtes liegendes
und mobiles Vermögen. Dem erst sprachlosen, dann sinnlos schimpfenden,
wutlallenden Herzog wiederholte er höflich und steinruhig sein Verlangen.
Da Karl Alexander hinkend, mit gehobenem Arm auf ihn eindrang, ging er,
in bestimmten Worten auf rasche Verbescheidung seines wohlüberdachten
gehorsamen Wunsches drängend.
Die Ankläger vor sich rufen ließ Karl Alexander. Fragte, die Stimme
gepreßt vor Wut, ob sie Beweise gefunden hätten. Ueberhäufte, stimmlos
keifend, die Stammelnden, Ausweichenden, Schlotternden mit wüsten,
kotigen, pöbelhaften Schimpfworten. Im Arsch habe der Jud mehr Gehirn
als sie in ihren Schlammschädeln. Er begreife nicht, wie er auf ihre
ohnmächtig neidischen, hirnrissigen, blöd giftigen Stänkereien habe
hereinfallen können. Was ihm der Jud lieber sei als sie saudummen
Christenschelmen.
Mürrisch schickte er dem Süß die Akten zurück nebst einem riesigen
Douceur und Schenkbriefen auf reiche Liegenschaften. Fahl in ihre Winkel
krochen die Feinde. Fast ohne Kampf gewann sich Süß die verlorenen
Positionen zurück. Dem katholischen Projekt hielt er sich noch immer fern;
aber in jedem andern Bereich wieder drängte er zu, griff zu, wo man an
seine Interessen streifte.
Da saß er nun in der alten Macht, straffte die Zügel, und jeder im
Herzogtum spürte seine Hand. Was in der Zwischenzeit geschehen war,
wurde überprüft, korrigiert. Die Kaminfeger-Verordnung, schon
zurückgezogen, wurde nun doch Gesetz; die fliegenden Blätter
verschwanden, nur heimlich im Abort des „Blauen Bocks“ zeigte der
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Konditor Benz seinen Vertrauten das Dankschreiben der nachtliebenden
Sozietät an Seine jüdische Hexelenz. Auch der Domänenpräsident
Lamprechts schickte seine Söhne wieder in den Dienst des Juden; er hatte
es sich anders überlegt, sie waren doch nicht zu alt.
So schien äußerlich die Stellung des Süß in Stuttgart wie früher. Auch
trieb er wieder die brausende Geselligkeit von eh. Doch war er herrischer,
minder liebenswürdig. Er leistete sich bissige, schädliche Witze, hielt auch
nicht still, wenn man sich auf seine Kosten erlustierte. Den General
Remchingen, als der ihn einmal in seiner gewohnten Art wegen seines
Judentums gröblich verschimpfierte, sah er an von oben bis unten, von
unten bis oben, und als vor seinem seltsam dringlichen, drohenden Blick
dem General das Grinsen verging, lachte ihm plötzlich der Jude seinesteils
greulich und unheimlich ins Gesicht.
Marie Auguste konstatierte bedauernd, daß ihr Hausjud bei weitem nicht
mehr so nett und amüsant sei. Ach, es war so vieles weniger amüsant
geworden!
Auch die Beziehungen zwischen dem Herzog und Süß hatten sich
geändert. Karl Alexander war sehr häufig mit ihm zusammen, zeigte ihm,
sein Mißtrauen wettzumachen, dicke Gunst und Gnade. Aber oft sagte er
sich, es wäre eigentlich besser, des Juden ledig zu sein. Wenn er gleichwohl
nichts dazu tat, so schob er es auf Befürchtungen, Süß wisse zuviel, könne
ihn zu leicht kompromittieren; auch wäre es töricht, ihn, nachdem er sich
dermaßen am Land gemästet, mit allem Fett aus den Grenzen zu lassen. Er
gestand sich nicht, daß, was ihn an den Juden band wie das, was ihn
abstieß, viel tiefer und unheimlicher in seinem Blut lag.
Auch jetzt geschah es wohl, daß Süß plötzlich die Hände fallen ließ, in
sich versank, in rätselvoller Gelähmtheit weitab war. Dann streckte wohl
aus dem Winkel, in den er ihn gescheucht, Dom Bartelemi Pancorbo den
zerdrückten, blauroten Kopf, schickte hinter faltigem Lid das Aug nach dem
Solitär an des Juden Hand. Blinzelte, krümmte die Finger zum Griff. Doch
er war sehr vorsichtig geworden und begnügte sich, zu äugen und zu tasten.
Marie Auguste stand vor dem Spiegel, nackt, reckte sich, beschaute sich.
Angstvoll, genau, Zug um Zug, Glied um Glied. Atmete auf, lächelte. Nein,
nein, sie war heil geblieben, sie war nicht entstellt. Sie war glatt und glau
Sozietät an Seine jüdische Hexelenz. Auch der Domänenpräsident
Lamprechts schickte seine Söhne wieder in den Dienst des Juden; er hatte
es sich anders überlegt, sie waren doch nicht zu alt.
So schien äußerlich die Stellung des Süß in Stuttgart wie früher. Auch
trieb er wieder die brausende Geselligkeit von eh. Doch war er herrischer,
minder liebenswürdig. Er leistete sich bissige, schädliche Witze, hielt auch
nicht still, wenn man sich auf seine Kosten erlustierte. Den General
Remchingen, als der ihn einmal in seiner gewohnten Art wegen seines
Judentums gröblich verschimpfierte, sah er an von oben bis unten, von
unten bis oben, und als vor seinem seltsam dringlichen, drohenden Blick
dem General das Grinsen verging, lachte ihm plötzlich der Jude seinesteils
greulich und unheimlich ins Gesicht.
Marie Auguste konstatierte bedauernd, daß ihr Hausjud bei weitem nicht
mehr so nett und amüsant sei. Ach, es war so vieles weniger amüsant
geworden!
Auch die Beziehungen zwischen dem Herzog und Süß hatten sich
geändert. Karl Alexander war sehr häufig mit ihm zusammen, zeigte ihm,
sein Mißtrauen wettzumachen, dicke Gunst und Gnade. Aber oft sagte er
sich, es wäre eigentlich besser, des Juden ledig zu sein. Wenn er gleichwohl
nichts dazu tat, so schob er es auf Befürchtungen, Süß wisse zuviel, könne
ihn zu leicht kompromittieren; auch wäre es töricht, ihn, nachdem er sich
dermaßen am Land gemästet, mit allem Fett aus den Grenzen zu lassen. Er
gestand sich nicht, daß, was ihn an den Juden band wie das, was ihn
abstieß, viel tiefer und unheimlicher in seinem Blut lag.
Auch jetzt geschah es wohl, daß Süß plötzlich die Hände fallen ließ, in
sich versank, in rätselvoller Gelähmtheit weitab war. Dann streckte wohl
aus dem Winkel, in den er ihn gescheucht, Dom Bartelemi Pancorbo den
zerdrückten, blauroten Kopf, schickte hinter faltigem Lid das Aug nach dem
Solitär an des Juden Hand. Blinzelte, krümmte die Finger zum Griff. Doch
er war sehr vorsichtig geworden und begnügte sich, zu äugen und zu tasten.
Marie Auguste stand vor dem Spiegel, nackt, reckte sich, beschaute sich.
Angstvoll, genau, Zug um Zug, Glied um Glied. Atmete auf, lächelte. Nein,
nein, sie war heil geblieben, sie war nicht entstellt. Sie war glatt und glau
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und rank wie früher. Mit den kleinen, fleischigen Händen tastete sie, knetete
sie an ihrem Leib. Oh, er war weich wie früher und doch fest. Mit den
länglichen Augen prüfte sie ernsthaft und schonungslos den kleinen,
eidechsenhaften Kopf im Glas. Die Beschwerden der langen
Schwangerschaft, die wilden Qualen der Entbindung hatten keinen Zug und
keine Zerrung hinterlassen. Klar und leicht und ohne Runzel rundete sich
unter dem strahlend schwarzen Haar die Stirn, keine Falte schnitt von dem
Backen herunter zu den sehr roten Lippen. Sie hob, die nackte Frau, mit
halb hieratischer, halb obszöner Gebärde beide Arme eckig zum Kopf, daß
das schwarze Gekräusel in den Achseln sichtbar war, und feucht atmend,
lächelnd, schritt sie mit biegsamen Schritten, tanzend fast, durch das
Zimmer. Oh, noch glitt sie wie fließendes Wasser über die Erde, noch
spielten ihr gehorsam und wie von selbst alle Glieder schmiegsam
ineinander. Und sie dehnte sich wellig und sie lächelte tiefer und der Tag
lag blau und schwerlos vor ihr.
Doch in der nächsten Nacht schon schlich die gleiche Angst sie an, kroch
heran, umklammerte sie immer fester, atemklemmender. Und den andern
Tag stand sie noch länger vor dem Spiegel, prüfte sie noch länger jede
Biegung ihres Leibes, Fleisch und Haut. Eine krankhafte, grauenvolle
Furcht vor dem Altern war in ihr. Es war nicht auszudenken, daß dieses
Haar verfärben, diese Haut verrunzeln, dieses Fleisch vermürben sollte. Sie
wird mühsam einherhumpeln, hüsteln, spucken, die Männer werden froh
sein, wenn sie die zeremoniösen Handküsse und Konversationen hinter sich
haben, die Frauen sie nicht beneiden. Ihre Augen schleierten sich, wenn sie
es dachte; sie war vergiftet mit solchen Vorstellungen.
Erwog sie, daß das Kind ihr Welken beschleunigte, so ärgerte sie sich
über den Säugling. Er war ihr fremd, er war durchaus kein Teil von ihr, es
war unbegreiflich, daß das da einmal in ihrem Leib sollte gewachsen sein.
Es war ein großes, gesundes Kind, vom Vater hatte es die starke Nase, die
wulstige Unterlippe; trotzdem sah es hübsch und geweckt aus. Man
versicherte Marie Auguste, das Kind stehe ihr sehr gut, sie gebe als Mutter
ein scharmantes und zärtliches Bild, aber sie konnte Tieferes für den
Säugling nicht fühlen als etwa für den kleinen modischen Pinscher, von
dem sie wußte, daß er hübsch aussah, wenn er unter dem Saum ihres weiten
Rockes vorlugte.
Ihr Tag war wie früher bis zum Rand gefüllt mit bunter, lärmvoller
Heiterkeit. Aber sie war jetzt fahriger, nervöser. Herr von Riolles begann sie
sie an ihrem Leib. Oh, er war weich wie früher und doch fest. Mit den
länglichen Augen prüfte sie ernsthaft und schonungslos den kleinen,
eidechsenhaften Kopf im Glas. Die Beschwerden der langen
Schwangerschaft, die wilden Qualen der Entbindung hatten keinen Zug und
keine Zerrung hinterlassen. Klar und leicht und ohne Runzel rundete sich
unter dem strahlend schwarzen Haar die Stirn, keine Falte schnitt von dem
Backen herunter zu den sehr roten Lippen. Sie hob, die nackte Frau, mit
halb hieratischer, halb obszöner Gebärde beide Arme eckig zum Kopf, daß
das schwarze Gekräusel in den Achseln sichtbar war, und feucht atmend,
lächelnd, schritt sie mit biegsamen Schritten, tanzend fast, durch das
Zimmer. Oh, noch glitt sie wie fließendes Wasser über die Erde, noch
spielten ihr gehorsam und wie von selbst alle Glieder schmiegsam
ineinander. Und sie dehnte sich wellig und sie lächelte tiefer und der Tag
lag blau und schwerlos vor ihr.
Doch in der nächsten Nacht schon schlich die gleiche Angst sie an, kroch
heran, umklammerte sie immer fester, atemklemmender. Und den andern
Tag stand sie noch länger vor dem Spiegel, prüfte sie noch länger jede
Biegung ihres Leibes, Fleisch und Haut. Eine krankhafte, grauenvolle
Furcht vor dem Altern war in ihr. Es war nicht auszudenken, daß dieses
Haar verfärben, diese Haut verrunzeln, dieses Fleisch vermürben sollte. Sie
wird mühsam einherhumpeln, hüsteln, spucken, die Männer werden froh
sein, wenn sie die zeremoniösen Handküsse und Konversationen hinter sich
haben, die Frauen sie nicht beneiden. Ihre Augen schleierten sich, wenn sie
es dachte; sie war vergiftet mit solchen Vorstellungen.
Erwog sie, daß das Kind ihr Welken beschleunigte, so ärgerte sie sich
über den Säugling. Er war ihr fremd, er war durchaus kein Teil von ihr, es
war unbegreiflich, daß das da einmal in ihrem Leib sollte gewachsen sein.
Es war ein großes, gesundes Kind, vom Vater hatte es die starke Nase, die
wulstige Unterlippe; trotzdem sah es hübsch und geweckt aus. Man
versicherte Marie Auguste, das Kind stehe ihr sehr gut, sie gebe als Mutter
ein scharmantes und zärtliches Bild, aber sie konnte Tieferes für den
Säugling nicht fühlen als etwa für den kleinen modischen Pinscher, von
dem sie wußte, daß er hübsch aussah, wenn er unter dem Saum ihres weiten
Rockes vorlugte.
Ihr Tag war wie früher bis zum Rand gefüllt mit bunter, lärmvoller
Heiterkeit. Aber sie war jetzt fahriger, nervöser. Herr von Riolles begann sie
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zu langweilen, auch war sie seinen spitzen Geistreicheleien nicht mehr recht
gewachsen, der Jude war weniger amüsant und fügte sich nicht mehr so in
jedes Spiel, Remchingen mit seinen plumpen Zoten widerte sie geradezu
an. Dafür zog sie jetzt den Deputierten Johann Jaakob Moser in ihren Kreis
und wandte alle Mittel an, die Omphale dieses stattlichen, pathetischen,
feurig von sich überzeugten Publizisten zu werden.
Für den Regierungsrat war das ein großes Glück. Wenn auch der Herzog
und Süß, nobel genug, seine Niederlage still für sich ausgekostet und nichts
davon weitergeschwatzt hatten, so war doch sein Selbstbewußtsein arg
ramponiert. Jetzt unter dem Wohlgefallen und der Gunst der Herzogin
richtete es sich auf wie gebeugtes Korn bei der rechten Witterung. Kotz
Donner! Er mußte doch ein Kerl sein, wenn jemand wie Marie Auguste, in
ganz Europa berühmt um ihre Schönheit, die erste Dame Deutschlands,
ihm, dem Gegner, so offensichtlich ihre Huld zeigte. Den Krämerseelen im
Parlament mochte es vielleicht nicht ganz eingehen, daß er, der Demokrat,
der große Tyrannenhasser, soviel zu Hofe ging. Doch mochten diese
Aermlichen denken was immer: er fühlte sich Ulyß genug, der
schwäbischen Circe zu widerstehen.
Der imposante, wichtig sich habende, eitle Mann verbrachte also jede
Stunde, die er durfte, bei der Herzogin. Er war bei ihrem Lever, er saß, war
sie im Bad, auf den Holzbrettern, die, nur den Kopf freilassend, die Wanne
bedeckten. Er deklamierte mühelos und feuervoll, die großen Augen seines
massigen Cäsarenkopfes blitzten, der Degen schwankte rhythmisch auf und
ab, lang hinrollend flossen die Worte aus seinem Mund. So saß er,
Schwabens Demosthenes, und sein mächtiger Schädel bebte, daß die
Perücke stäubte. Er perorierte der Herzogin von allem Möglichen, er las ihr
Manuskripte vor, für Zeitschriften bestimmte, und größere Werke und
Broschüren, theologische, juristische, nationalökonomische, Abhandlungen
über politische Tagesfragen, doch auch Aesthetisches, Botanisches,
Mineralogisches; denn Johann Jaakob Moser war sehr gelehrt. Er rezitierte
alles mit dem gleichen Feuer und mit vielem Ausdruck. Gewöhnlich hörte
Marie Auguste nicht recht hin; sie ließ sich frisieren, während er sprach,
oder maniküren, las wohl auch den Mercure galant; häufig hätte sie nicht
sagen können, ob er ihr deutsch vorlas oder lateinisch. Aber das
gleichmäßige Geräusch, das dieser Cicero mit solcher Beflissenheit
hervorbrachte, ging angenehm ins Ohr, es war auch amüsant, die stattliche,
bewegte Statur des erregten, komödiantischen Mannes vor Augen zu haben,
gewachsen, der Jude war weniger amüsant und fügte sich nicht mehr so in
jedes Spiel, Remchingen mit seinen plumpen Zoten widerte sie geradezu
an. Dafür zog sie jetzt den Deputierten Johann Jaakob Moser in ihren Kreis
und wandte alle Mittel an, die Omphale dieses stattlichen, pathetischen,
feurig von sich überzeugten Publizisten zu werden.
Für den Regierungsrat war das ein großes Glück. Wenn auch der Herzog
und Süß, nobel genug, seine Niederlage still für sich ausgekostet und nichts
davon weitergeschwatzt hatten, so war doch sein Selbstbewußtsein arg
ramponiert. Jetzt unter dem Wohlgefallen und der Gunst der Herzogin
richtete es sich auf wie gebeugtes Korn bei der rechten Witterung. Kotz
Donner! Er mußte doch ein Kerl sein, wenn jemand wie Marie Auguste, in
ganz Europa berühmt um ihre Schönheit, die erste Dame Deutschlands,
ihm, dem Gegner, so offensichtlich ihre Huld zeigte. Den Krämerseelen im
Parlament mochte es vielleicht nicht ganz eingehen, daß er, der Demokrat,
der große Tyrannenhasser, soviel zu Hofe ging. Doch mochten diese
Aermlichen denken was immer: er fühlte sich Ulyß genug, der
schwäbischen Circe zu widerstehen.
Der imposante, wichtig sich habende, eitle Mann verbrachte also jede
Stunde, die er durfte, bei der Herzogin. Er war bei ihrem Lever, er saß, war
sie im Bad, auf den Holzbrettern, die, nur den Kopf freilassend, die Wanne
bedeckten. Er deklamierte mühelos und feuervoll, die großen Augen seines
massigen Cäsarenkopfes blitzten, der Degen schwankte rhythmisch auf und
ab, lang hinrollend flossen die Worte aus seinem Mund. So saß er,
Schwabens Demosthenes, und sein mächtiger Schädel bebte, daß die
Perücke stäubte. Er perorierte der Herzogin von allem Möglichen, er las ihr
Manuskripte vor, für Zeitschriften bestimmte, und größere Werke und
Broschüren, theologische, juristische, nationalökonomische, Abhandlungen
über politische Tagesfragen, doch auch Aesthetisches, Botanisches,
Mineralogisches; denn Johann Jaakob Moser war sehr gelehrt. Er rezitierte
alles mit dem gleichen Feuer und mit vielem Ausdruck. Gewöhnlich hörte
Marie Auguste nicht recht hin; sie ließ sich frisieren, während er sprach,
oder maniküren, las wohl auch den Mercure galant; häufig hätte sie nicht
sagen können, ob er ihr deutsch vorlas oder lateinisch. Aber das
gleichmäßige Geräusch, das dieser Cicero mit solcher Beflissenheit
hervorbrachte, ging angenehm ins Ohr, es war auch amüsant, die stattliche,
bewegte Statur des erregten, komödiantischen Mannes vor Augen zu haben,
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und es kitzelte, daß dieser Demokrat und Fürstengegner sie so jungenhaft
und gegen sich selber knirschend anschwärmte. Manchmal dann, wenn er
seine großen, etwas leeren Augen himmelnd und dringlich auf sie richtete,
glitt sie mit langsam fließendem Blick in den seinen und lachte, wenn er,
sich rötend, schwerer atmete. Er aber, zu Hause, schilderte umständlich und
mit vielen geläufigen Worten seiner Frau die Schönheit der Herzogin, und
wie sie offensichtlich Wohlgefallen an ihm finde, wie aber sein Herz
gepanzert sei mit dreifachem Erz. Und er warf sich auf die Knie und betete
zusammen mit seinem Weib brünstig und in sehr wohlgesetzter Rede, Gott
möge ihm auch künftig die Kraft leihen, gegebenenfalls den Mantel im
Haus der Herzogin zurückzulassen.
Unter den Frauen schloß sich jetzt wie früher Marie Auguste an eine
einzige enger an, Magdalen Sibylle. Ihr schmeichelte sie, schmiegte sich an
sie, machte sich klein, sprach zu ihr wie eine dumme, kleine Schwester zu
der alles wissenden älteren. Ach, Magdalen Sibylle, wie war sie ernsthaft
und gescheit und voll Erfahrung und Gewissen. In ihrem, der Herzogin,
kleinen Kopf flatterte alles bunt und wirr durcheinander wie farbige
Mücken und alles glitt an ihr ab wie Wasser und nichts haftete. Aber
Magdalen Sibylle bewahrte alles, was gesagt wurde und was geschah,
sorgsam auf und betrachtete es und gab sich damit ab und verwandelte es in
ihr Eigen. Darum war sie auch so schwer von Erlebnissen und Erfahrungen,
und sie, die Herzogin, war ganz klein und dumm vor ihr, trotzdem sie doch
eine Krone trug und im eigentlichsten Sinn Landesmutter war und sogar
Inhaberin des Maltheserkreuzes.
Magdalen Sibylle war mit Zurückhaltung freundschaftlich zu ihr, suchte
sich, so gut es gehen wollte, in das wellenhaft wandelbare Geschöpf
einzuspüren. Manchmal freilich überkam sie fast ein Grauen vor solch
tänzelnder Schwerlosigkeit. War denn diese Frau, an der alles abglitt, Mann,
Kind, Land, diese nicht zu haltende, nur ihrer leiblichen Gestalt lebende,
war sie denn wirklich, war sie nicht ein Gebild aus Luft, eine Spiegelung,
etwas Entwestes, ein farbiger Schatten?
Das große Mädchen mit den bräunlichen, männlich kühnen Wangen war
müde geworden. Der tiefe Glanz der blauen Augen, so unwirklich und
unwahrscheinlich unter dem dunklen Haar, wurde blasser, die Haltung der
straffen Glieder lässiger, fraulicher. Sie hatte sich abgekämpft, sie war
niedergebrannt, nun war sie still und nicht mehr geneigt, wild und empört
zu lodern.
und gegen sich selber knirschend anschwärmte. Manchmal dann, wenn er
seine großen, etwas leeren Augen himmelnd und dringlich auf sie richtete,
glitt sie mit langsam fließendem Blick in den seinen und lachte, wenn er,
sich rötend, schwerer atmete. Er aber, zu Hause, schilderte umständlich und
mit vielen geläufigen Worten seiner Frau die Schönheit der Herzogin, und
wie sie offensichtlich Wohlgefallen an ihm finde, wie aber sein Herz
gepanzert sei mit dreifachem Erz. Und er warf sich auf die Knie und betete
zusammen mit seinem Weib brünstig und in sehr wohlgesetzter Rede, Gott
möge ihm auch künftig die Kraft leihen, gegebenenfalls den Mantel im
Haus der Herzogin zurückzulassen.
Unter den Frauen schloß sich jetzt wie früher Marie Auguste an eine
einzige enger an, Magdalen Sibylle. Ihr schmeichelte sie, schmiegte sich an
sie, machte sich klein, sprach zu ihr wie eine dumme, kleine Schwester zu
der alles wissenden älteren. Ach, Magdalen Sibylle, wie war sie ernsthaft
und gescheit und voll Erfahrung und Gewissen. In ihrem, der Herzogin,
kleinen Kopf flatterte alles bunt und wirr durcheinander wie farbige
Mücken und alles glitt an ihr ab wie Wasser und nichts haftete. Aber
Magdalen Sibylle bewahrte alles, was gesagt wurde und was geschah,
sorgsam auf und betrachtete es und gab sich damit ab und verwandelte es in
ihr Eigen. Darum war sie auch so schwer von Erlebnissen und Erfahrungen,
und sie, die Herzogin, war ganz klein und dumm vor ihr, trotzdem sie doch
eine Krone trug und im eigentlichsten Sinn Landesmutter war und sogar
Inhaberin des Maltheserkreuzes.
Magdalen Sibylle war mit Zurückhaltung freundschaftlich zu ihr, suchte
sich, so gut es gehen wollte, in das wellenhaft wandelbare Geschöpf
einzuspüren. Manchmal freilich überkam sie fast ein Grauen vor solch
tänzelnder Schwerlosigkeit. War denn diese Frau, an der alles abglitt, Mann,
Kind, Land, diese nicht zu haltende, nur ihrer leiblichen Gestalt lebende,
war sie denn wirklich, war sie nicht ein Gebild aus Luft, eine Spiegelung,
etwas Entwestes, ein farbiger Schatten?
Das große Mädchen mit den bräunlichen, männlich kühnen Wangen war
müde geworden. Der tiefe Glanz der blauen Augen, so unwirklich und
unwahrscheinlich unter dem dunklen Haar, wurde blasser, die Haltung der
straffen Glieder lässiger, fraulicher. Sie hatte sich abgekämpft, sie war
niedergebrannt, nun war sie still und nicht mehr geneigt, wild und empört
zu lodern.
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Sie war durch Demut und Entzückung der Brüdergemeinde gegangen, die
Schrift hatte ihr Klang und Sinn gehabt, sie hatte Gott geschaut, die Apostel
hatten sich an ihr Bett gesetzt und mit ihr gesprochen. Dann hatte sie im
Wald den Teufel gesehen, sie war, Fackel und heiliger Brand, ausgezogen,
ihn zu bestehen. Und dann waren der Herzog und der Jud gekommen und
hatten wie eine große Schlammflut ihren Garten überschwemmt und
verwüstet. Alle Blüte und Frucht und Baum und Grün war tot und
verschlammt gewesen, und als die Wasser sich verlaufen hatten, war nichts
geblieben als nasser, unfruchtbarer Kot.
Und dann war die Werbung des Süß gekommen. Sie hatte trotz der ersten
Enttäuschung ihn für eine große, lebenzeugende Sonne angeschaut und
hatte sich ihm ganz erschlossen, alle Poren des Leibes und der Seele ihm
willig und mit gewußter, grenzenloser Hingabe geöffnet. Aber er war eine
Sonne gewesen, die nicht wärmt und die fahl und mitleidlos und
unerreichlich ihre Straße zieht. Sie hatte allen Willen darauf gerichtet, ihn
zu begreifen, sie hatte sich mitreißen lassen von ihm, und sie hatte auch,
mehr als jeder andere, von seinen Verwicklungen gespürt, mehr verstanden
von seiner Isolierung, seinen Kämpfen, seinen Niederlagen, seiner
Gelähmtheit, seinem neuerlichen Aufstieg. Aber ihr scheues und ihr offenes
Werben um ihn blieb ohne Krone; er war zu ihr von einer sehr höflichen,
vertrauensvollen Freundschaftlichkeit, doch alle männliche Glut war
verascht.
Sie verzweifelte daran kein zweites Mal; sie beschied sich. Sie ging ihre
graue und sonnenlose Straße. Sie überlegte klar, fest, sachlich: sie hätte zur
Gutsherrin getaugt, ein großer Landedelmann etwa, nicht sich
verschließend vor der Welt, doch am stärksten und sichersten auf seinem
Boden, bei seinen Bauern, wäre ihr der Rechte gewesen. Nun hatte sie ein
böser Irrstern in die falsche Welt getrieben. Sie selber war nicht schuldlos
daran: ungerufen erscheint Beelzebub nicht, wer, wie sie damals im Wald,
ihn sieht, der hat sich im Innersten, Verstecktesten nach ihm gesehnt. Sei es
wie immer, es war unsinnig, darüber weiterzugrübeln. Jetzt jedenfalls war
sie an diesen Hof gebannt, der ihr ein sinnlos wirbelndes Durcheinander
bunter Tiere erschien, und der einzige Mensch unter ihnen, zu dem es sie
mit tausend Stricken zog, war durch seine höfliche, vertrauensvolle
Freundschaftlichkeit ihr ach! tausendmal ferner als damals der Teufel im
Wald von Hirsau.
Schrift hatte ihr Klang und Sinn gehabt, sie hatte Gott geschaut, die Apostel
hatten sich an ihr Bett gesetzt und mit ihr gesprochen. Dann hatte sie im
Wald den Teufel gesehen, sie war, Fackel und heiliger Brand, ausgezogen,
ihn zu bestehen. Und dann waren der Herzog und der Jud gekommen und
hatten wie eine große Schlammflut ihren Garten überschwemmt und
verwüstet. Alle Blüte und Frucht und Baum und Grün war tot und
verschlammt gewesen, und als die Wasser sich verlaufen hatten, war nichts
geblieben als nasser, unfruchtbarer Kot.
Und dann war die Werbung des Süß gekommen. Sie hatte trotz der ersten
Enttäuschung ihn für eine große, lebenzeugende Sonne angeschaut und
hatte sich ihm ganz erschlossen, alle Poren des Leibes und der Seele ihm
willig und mit gewußter, grenzenloser Hingabe geöffnet. Aber er war eine
Sonne gewesen, die nicht wärmt und die fahl und mitleidlos und
unerreichlich ihre Straße zieht. Sie hatte allen Willen darauf gerichtet, ihn
zu begreifen, sie hatte sich mitreißen lassen von ihm, und sie hatte auch,
mehr als jeder andere, von seinen Verwicklungen gespürt, mehr verstanden
von seiner Isolierung, seinen Kämpfen, seinen Niederlagen, seiner
Gelähmtheit, seinem neuerlichen Aufstieg. Aber ihr scheues und ihr offenes
Werben um ihn blieb ohne Krone; er war zu ihr von einer sehr höflichen,
vertrauensvollen Freundschaftlichkeit, doch alle männliche Glut war
verascht.
Sie verzweifelte daran kein zweites Mal; sie beschied sich. Sie ging ihre
graue und sonnenlose Straße. Sie überlegte klar, fest, sachlich: sie hätte zur
Gutsherrin getaugt, ein großer Landedelmann etwa, nicht sich
verschließend vor der Welt, doch am stärksten und sichersten auf seinem
Boden, bei seinen Bauern, wäre ihr der Rechte gewesen. Nun hatte sie ein
böser Irrstern in die falsche Welt getrieben. Sie selber war nicht schuldlos
daran: ungerufen erscheint Beelzebub nicht, wer, wie sie damals im Wald,
ihn sieht, der hat sich im Innersten, Verstecktesten nach ihm gesehnt. Sei es
wie immer, es war unsinnig, darüber weiterzugrübeln. Jetzt jedenfalls war
sie an diesen Hof gebannt, der ihr ein sinnlos wirbelndes Durcheinander
bunter Tiere erschien, und der einzige Mensch unter ihnen, zu dem es sie
mit tausend Stricken zog, war durch seine höfliche, vertrauensvolle
Freundschaftlichkeit ihr ach! tausendmal ferner als damals der Teufel im
Wald von Hirsau.
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Häufiger wieder ging sie zu Beata Sturmin. Schon war ihr die blinde
Heilige kein törichtes, altes Mädchen mehr, die Stille, in der sie selber lebte,
war ihr in Gegenwart der gefriedeten, frommen, begnadeten Frau minder
kahl und dumpf, ja, manchmal fühlte sie diese Stille fast körperlich wie
einen guten, warmen Mantel.
Bei der Beata Sturmin traf sie öfters den Stadtdekan Johann Konrad
Rieger, Stuttgarts besten Prediger, und seinen jüngeren Bruder Immanuel
Rieger, Expeditionsrat. Johann Konrad, der Prediger, konnte seine flutende
Beredsamkeit auch in der ruhigen Stube der Heiligen nicht zügeln. Er war
ein gutmütiger, rechtschaffener Mann, aber warum sollte er nicht wuchern
mit dem Pfund, damit die Gnade des Herrn ihn begabt? Und er breitete
seine schönen, dunkelhallenden Worte vor seine Hörer wie kostbaren Samt,
damit sie sich daran ergötzten. Magdalen Sibylle ward durch den
beredsamen Mann an Johann Jaakob Moser erinnert, den sie zuweilen bei
Marie Auguste traf, und einmal sprach sie auch von dem Publizisten und
seiner geübten Rhetorik, harmlos und ohne große Anteilnahme. Aber da
schwoll der sonst so gütige Prediger giftig an, er geiferte gegen die
satanische Eitelkeit jenes Redners, und wie überhaupt solche profane
Rhetorik Blendwerk sei und Erfindung des Teufels, und die blinde Heilige
konnte die Wut des Mannes gegen den weltlichen Konkurrenten nur
mühsam zähmen, bis er endlich, noch lange nachgrollend, sich beschied.
Immanuel Rieger, der Expeditionsrat, hörte ehrbar und andächtig zu,
wenn sein berühmter Bruder sprach. Er war ein kleiner, hagerer,
unscheinbarer Mensch; um seinem knabenhaft schüchternen Gesicht ein
bißchen Männlichkeit zu geben, trug er der Mode zuwider einen kurzen
Schnurrbart. Sehr geneigt, an jedem Menschen nur das Gute zu sehen,
betrübte es ihn tief, daß sein Bruder über den allseitig verehrten Publizisten
sich derart abfällig äußerte; doch seine Bescheidenheit wagte nicht, seine
abweichende Meinung anders als durch leicht wehrende Handbewegungen
kundzutun. Es war dem fleißigen und gewissenhaften Beamten ein tiefes,
inneres Bedürfnis, es war seine Erholung und einzige Lust, große Männer
verehren zu dürfen, und es war nicht sehr schwer, ihm als großer Mann zu
gelten. Es gab so viele Leute, die Gott mit hohen Gaben reich begnadet
hatte, er sah gerne voll Hingebung und wahrer Bewunderung zu ihnen auf,
er war selig, in dem Kreis der blinden Heiligen mit so vielen wahrhaft
bedeutenden Männern und Frauen verkehren zu dürfen.
Heilige kein törichtes, altes Mädchen mehr, die Stille, in der sie selber lebte,
war ihr in Gegenwart der gefriedeten, frommen, begnadeten Frau minder
kahl und dumpf, ja, manchmal fühlte sie diese Stille fast körperlich wie
einen guten, warmen Mantel.
Bei der Beata Sturmin traf sie öfters den Stadtdekan Johann Konrad
Rieger, Stuttgarts besten Prediger, und seinen jüngeren Bruder Immanuel
Rieger, Expeditionsrat. Johann Konrad, der Prediger, konnte seine flutende
Beredsamkeit auch in der ruhigen Stube der Heiligen nicht zügeln. Er war
ein gutmütiger, rechtschaffener Mann, aber warum sollte er nicht wuchern
mit dem Pfund, damit die Gnade des Herrn ihn begabt? Und er breitete
seine schönen, dunkelhallenden Worte vor seine Hörer wie kostbaren Samt,
damit sie sich daran ergötzten. Magdalen Sibylle ward durch den
beredsamen Mann an Johann Jaakob Moser erinnert, den sie zuweilen bei
Marie Auguste traf, und einmal sprach sie auch von dem Publizisten und
seiner geübten Rhetorik, harmlos und ohne große Anteilnahme. Aber da
schwoll der sonst so gütige Prediger giftig an, er geiferte gegen die
satanische Eitelkeit jenes Redners, und wie überhaupt solche profane
Rhetorik Blendwerk sei und Erfindung des Teufels, und die blinde Heilige
konnte die Wut des Mannes gegen den weltlichen Konkurrenten nur
mühsam zähmen, bis er endlich, noch lange nachgrollend, sich beschied.
Immanuel Rieger, der Expeditionsrat, hörte ehrbar und andächtig zu,
wenn sein berühmter Bruder sprach. Er war ein kleiner, hagerer,
unscheinbarer Mensch; um seinem knabenhaft schüchternen Gesicht ein
bißchen Männlichkeit zu geben, trug er der Mode zuwider einen kurzen
Schnurrbart. Sehr geneigt, an jedem Menschen nur das Gute zu sehen,
betrübte es ihn tief, daß sein Bruder über den allseitig verehrten Publizisten
sich derart abfällig äußerte; doch seine Bescheidenheit wagte nicht, seine
abweichende Meinung anders als durch leicht wehrende Handbewegungen
kundzutun. Es war dem fleißigen und gewissenhaften Beamten ein tiefes,
inneres Bedürfnis, es war seine Erholung und einzige Lust, große Männer
verehren zu dürfen, und es war nicht sehr schwer, ihm als großer Mann zu
gelten. Es gab so viele Leute, die Gott mit hohen Gaben reich begnadet
hatte, er sah gerne voll Hingebung und wahrer Bewunderung zu ihnen auf,
er war selig, in dem Kreis der blinden Heiligen mit so vielen wahrhaft
bedeutenden Männern und Frauen verkehren zu dürfen.
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Zu Magdalen Sibylle blickte er in hemmungsloser Verehrung, knienden
Herzens empor. Welche Frau! Welche Märtyrerin! Dieses reinste und
tugendhafteste Weib des ganzen schwäbischen Kreises, was mußte sie
gelitten haben, wieviel tausend Tode mußte sie gestorben sein, als der
ketzerische Souverän sein Aug auf sie warf. Sein Aug auf sie warf, eine
andere Formulierung wagten seine dreistesten Träume nicht. Und wie
würdig trug sie, diese mit allen Wundern des Leibes und der Seele begabte
Heilige, ihre Dornenkrone.
Schüchtern wagte der kleine, unscheinbare, schnurrbärtige Herr
manchmal ein Wort an sie. Er sprach nicht von seiner ungeheuren
Bewunderung, nie hätte er sich des erkühnt, er sprach von einem
gemeinsamen Bekannten, dem Magister Jaakob Polykarp Schober in
Hirsau. Magdalen Sibylle lächelte ein kleines, zwielichtiges Lächeln. Ach
Hirsau! Ach der dickliche, gutmütige, pausbäckige Magister! Der Duft
gebratener Aepfel und der andächtige, plärrende Gesang vom Himmlischen
Jerusalem floß in ihrer Erinnerung zusammen. Unterdes sprach der
Expeditionsrat Rieger weiter von dem Magister, er erzählte bescheiden,
umständlich und mit großer Achtung von seinen Poesien, von dem Lied:
„Nahrungssorgen und Gottvertrauen“ und auch von jenem andern: „Jesus,
der beste Rechenmeister“, und Magdalen Sibylle hörte den ehrbaren Worten
des Expeditionsrats still und friedlich zu.
Die grenzenlose, andächtige Verehrung, die aus seinem ganzen Wesen so
selbstverständlich zu ihr aufstieg, tat ihr wohl. Ihr Leben bei Hof, auch
wenn sie nur die nötigsten Visiten erstattete und empfing, warf ihr zahllose
Menschen vor die Augen, die sich vor ihr sehr künstlich und krampfig
zierten und vermummten, mit ihrer sehr absonderlichen Stellung nichts
anzufangen wußten. Sie war Mätresse des Herzogs und Pietistin und
Freundin der katholischen Herzogin, das reimte sich nicht, daraus konnte
man nicht klug werden. So stieg aus den Menschen, mit denen sie
zusammenkam, ein dumpfes Gemisch von Spottlust und Befangenheit und
Unbehagen und frecher Neugier und Servilität zu ihr auf, dergestalt, daß ihr
ein unverfälschtes, freies Menschenwort sehr selten ins Ohr klang. Deshalb
ging ihr die naive, selbstverständliche Bewunderung des Mannes freundlich
ein.
Sie sehnte sich immer mehr nach Ruhe und kleinem Leben. Dem wilden
und leeren Getriebe des Hofes, dem glänzenden und aufreibenden Apparat
der Macht schrieb sie es zu, daß Süß kein inneres Aug für sie hatte, und
Herzens empor. Welche Frau! Welche Märtyrerin! Dieses reinste und
tugendhafteste Weib des ganzen schwäbischen Kreises, was mußte sie
gelitten haben, wieviel tausend Tode mußte sie gestorben sein, als der
ketzerische Souverän sein Aug auf sie warf. Sein Aug auf sie warf, eine
andere Formulierung wagten seine dreistesten Träume nicht. Und wie
würdig trug sie, diese mit allen Wundern des Leibes und der Seele begabte
Heilige, ihre Dornenkrone.
Schüchtern wagte der kleine, unscheinbare, schnurrbärtige Herr
manchmal ein Wort an sie. Er sprach nicht von seiner ungeheuren
Bewunderung, nie hätte er sich des erkühnt, er sprach von einem
gemeinsamen Bekannten, dem Magister Jaakob Polykarp Schober in
Hirsau. Magdalen Sibylle lächelte ein kleines, zwielichtiges Lächeln. Ach
Hirsau! Ach der dickliche, gutmütige, pausbäckige Magister! Der Duft
gebratener Aepfel und der andächtige, plärrende Gesang vom Himmlischen
Jerusalem floß in ihrer Erinnerung zusammen. Unterdes sprach der
Expeditionsrat Rieger weiter von dem Magister, er erzählte bescheiden,
umständlich und mit großer Achtung von seinen Poesien, von dem Lied:
„Nahrungssorgen und Gottvertrauen“ und auch von jenem andern: „Jesus,
der beste Rechenmeister“, und Magdalen Sibylle hörte den ehrbaren Worten
des Expeditionsrats still und friedlich zu.
Die grenzenlose, andächtige Verehrung, die aus seinem ganzen Wesen so
selbstverständlich zu ihr aufstieg, tat ihr wohl. Ihr Leben bei Hof, auch
wenn sie nur die nötigsten Visiten erstattete und empfing, warf ihr zahllose
Menschen vor die Augen, die sich vor ihr sehr künstlich und krampfig
zierten und vermummten, mit ihrer sehr absonderlichen Stellung nichts
anzufangen wußten. Sie war Mätresse des Herzogs und Pietistin und
Freundin der katholischen Herzogin, das reimte sich nicht, daraus konnte
man nicht klug werden. So stieg aus den Menschen, mit denen sie
zusammenkam, ein dumpfes Gemisch von Spottlust und Befangenheit und
Unbehagen und frecher Neugier und Servilität zu ihr auf, dergestalt, daß ihr
ein unverfälschtes, freies Menschenwort sehr selten ins Ohr klang. Deshalb
ging ihr die naive, selbstverständliche Bewunderung des Mannes freundlich
ein.
Sie sehnte sich immer mehr nach Ruhe und kleinem Leben. Dem wilden
und leeren Getriebe des Hofes, dem glänzenden und aufreibenden Apparat
der Macht schrieb sie es zu, daß Süß kein inneres Aug für sie hatte, und
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dieses höfische Dasein ward ihr mehr und mehr zuwider. Es gor etwas hoch
in ihr von dem dumpfen, vererbten Haß ihrer Vorfahren gegen die
glänzenden, brausenden Herren; unter den Eltern ihrer Mutter war einer
Führer im Aufstand des Armen Konrad gewesen und schmählich
hingerichtet worden. Sie richtete ihr Haus vor dem Tor immer schlichter
ein, kleidete sich immer fraulicher und bürgerlicher, verschmähte, wo es
ging, die Perücke. Karl Alexander, der wenig mit ihr zu reden wußte und sie
eigentlich nur mehr deshalb hielt, weil er glaubte, diese Liaison stehe ihm
gut und sei populär, sah erstaunt zu, begnügte sich aber, da auch die
Herzogin belustigt mehr als chokiert schien, mit verständnislosem
Kopfschütteln.
Wer aber Magdalen Sibyllens Verbürgerlichung mit tiefem, machtlosem
und erbittertem Kummer sah, war Weißensee. Er war der Tochter nie
nahegekommen, ja, das ernsthafte, schwersinnige Mädchen war ihm die
Jahre in Hirsau über eigentlich etwas unbequem gewesen. Aber doch war
sie seine Erfüllung und heimlicher Stolz. Sie war aus feinerem Stoff als die
anderen Menschen, sie war anders, über ihnen. Sie hatte ihre eigene Luft
um sich, und selbst der Skeptiker, auch wenn er lächelte, sprach zarter zu
ihr und unwillkürlich achtungsvoller. Der sehr kluge und urteilskräftige
Mann wußte genau, daß ihm bei aller Begabung letzte menschliche
Schwerkraft fehlte, daß er kernlos war; Magdalen Sibylle aber hatte diesen
Kern, ihr Schritt, ihr Atem, ihre Stimme hatte jenes natürliche innere
Gewicht, er sah in ihr seine Vollendung, daß sie seiner Lenden Kind war,
schien ihm Rechtfertigung vor sich selbst. Er wagte an ihr auch keine
heimliche innere Kritik. Einerlei, was sie war, ob Dame, ob Heilige, sie war
jedenfalls gemeinen Menschen fern und unerreichlich, war anders, Inhalt
und Zweck einer höheren, in sich geschlossenen Welt. Als dann der Herzog
kam und sie zertrampelte, konnte dies, so sehr es ihn umwarf und aushöhlte,
an ihr Bild in seinem Inneren nicht rühren. Sie war in Gestalt eines
schwäbischen Mädchens Athena, unter die Sterblichen sich mischend, oder
eine Halbgöttin zumindest.
Wie sie aber in Kleidung, Lebenshaltung und Wort mehr und mehr
verbürgerte, zerbrach ihm dieser sein liebster Gedanke, seine kräftigste
Stütze und bestes Argument gegen Selbstvorwurf und nagendes
Nichtgenügen. Oh, diese schien nicht nur, sie war eine Bürgerfrau. Die
philadelphische Schwärmerin, die marmorstarre Herzogsmätresse, ihrer
Allmacht nicht achtend, mit der Seele auf einem anderen Stern zu Haus,
in ihr von dem dumpfen, vererbten Haß ihrer Vorfahren gegen die
glänzenden, brausenden Herren; unter den Eltern ihrer Mutter war einer
Führer im Aufstand des Armen Konrad gewesen und schmählich
hingerichtet worden. Sie richtete ihr Haus vor dem Tor immer schlichter
ein, kleidete sich immer fraulicher und bürgerlicher, verschmähte, wo es
ging, die Perücke. Karl Alexander, der wenig mit ihr zu reden wußte und sie
eigentlich nur mehr deshalb hielt, weil er glaubte, diese Liaison stehe ihm
gut und sei populär, sah erstaunt zu, begnügte sich aber, da auch die
Herzogin belustigt mehr als chokiert schien, mit verständnislosem
Kopfschütteln.
Wer aber Magdalen Sibyllens Verbürgerlichung mit tiefem, machtlosem
und erbittertem Kummer sah, war Weißensee. Er war der Tochter nie
nahegekommen, ja, das ernsthafte, schwersinnige Mädchen war ihm die
Jahre in Hirsau über eigentlich etwas unbequem gewesen. Aber doch war
sie seine Erfüllung und heimlicher Stolz. Sie war aus feinerem Stoff als die
anderen Menschen, sie war anders, über ihnen. Sie hatte ihre eigene Luft
um sich, und selbst der Skeptiker, auch wenn er lächelte, sprach zarter zu
ihr und unwillkürlich achtungsvoller. Der sehr kluge und urteilskräftige
Mann wußte genau, daß ihm bei aller Begabung letzte menschliche
Schwerkraft fehlte, daß er kernlos war; Magdalen Sibylle aber hatte diesen
Kern, ihr Schritt, ihr Atem, ihre Stimme hatte jenes natürliche innere
Gewicht, er sah in ihr seine Vollendung, daß sie seiner Lenden Kind war,
schien ihm Rechtfertigung vor sich selbst. Er wagte an ihr auch keine
heimliche innere Kritik. Einerlei, was sie war, ob Dame, ob Heilige, sie war
jedenfalls gemeinen Menschen fern und unerreichlich, war anders, Inhalt
und Zweck einer höheren, in sich geschlossenen Welt. Als dann der Herzog
kam und sie zertrampelte, konnte dies, so sehr es ihn umwarf und aushöhlte,
an ihr Bild in seinem Inneren nicht rühren. Sie war in Gestalt eines
schwäbischen Mädchens Athena, unter die Sterblichen sich mischend, oder
eine Halbgöttin zumindest.
Wie sie aber in Kleidung, Lebenshaltung und Wort mehr und mehr
verbürgerte, zerbrach ihm dieser sein liebster Gedanke, seine kräftigste
Stütze und bestes Argument gegen Selbstvorwurf und nagendes
Nichtgenügen. Oh, diese schien nicht nur, sie war eine Bürgerfrau. Die
philadelphische Schwärmerin, die marmorstarre Herzogsmätresse, ihrer
Allmacht nicht achtend, mit der Seele auf einem anderen Stern zu Haus,
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waren Verpuppungen gewesen. Die nüchterne Bürgerfrau, praktisch im
Alltag wirkend und an ihm zufrieden, war die ridiküle, endgültige, höchst
ordinäre letzte Form und Wirklichkeit. Wäre sie Komödiantin geworden,
Vagantin, Herzogin, Hure, Heilige, nichts hätte seinen Glauben an sie
entwurzelt. Nur dies Eine durfte nicht sein, in die Reihen der braven,
gemeinen, niedrigen, alltäglichen anderen durfte sie nicht
zurückschrumpfen, diese Enge, diese schlechte, muffige Luft durfte nicht
die ihre sein.
Mit feiner Spürung witterte er, daß auch an dieser nüchtern endgültigen
Wandlung Magdalen Sibyllens der Jude schuld war. Auch jetzt nicht
überkam ihn billiges Rachegelüst. Nur die Neugier verstärkte sich, die
feine, rätselvolle, kitzelnde, bohrende Neugier: Was wird jener tun im
gleichen Fall? Wie wird sein Gesicht sich ändern, seine Haltung, seine
Hände? Diese Neugier stach ihn spitz, war wellig um ihn, wenn er
einschlief, kroch ihm juckend, kratzend vom Kreuz her die Wirbelsäule
hinauf, füllte ihn ganz an.
Mit dem Glauben an die Tochter brachen seine letzten Hemmungen
nieder. Er hatte damit rechnen müssen, daß seine Stellung bei Hof, seine
Teilnahme an dem katholischen Projekt auf die Dauer sich nicht vereinen
lassen werde mit der Zugehörigkeit zum engeren parlamentarischen
Ausschuß. Aber als man ihn dann, seine Krankheit nutzend, in der
mildesten Form aus der Elfer-Kommission ausschloß, wurmte es ihn doch
tief und schmerzhaft. Er nahm nun ohne weitere Rücksichten immer offener
Partei für die Regierung des Herzogs. Klüger und von feinerer Witterung
als der plumpe Remchingen, der gierige Pancorbo, hatte er sich an den
Treibereien gegen Süß nicht beteiligt, der scheinbaren Lähmung und
Ohnmacht des Juden nicht trauend. So konnte er jetzt am leichtesten die
Verbindung zwischen den Trägern des katholischen Projekts und dem
Finanzdirektor herstellen, ohne den es nun einmal offensichtlich nicht ging.
Er kam im Hause des Süß mit den Kapuzinern aus Weil der Stadt
zusammen, auch mit einem italienischen Abbé, einem Abgesandten des
Fürstabts von Einsiedeln. Ging Weißensee zu solchen Zusammenkünften,
so betrat er zwar das Haus des Süß der Form wegen durch die Hintertür,
doch tat er es am lichten Tag und so ostentativ, daß solche Heimlichkeit als
Herausforderung wirken mußte. Von den alten Freunden Bilfinger und
Harpprecht löste er sich immer mehr; sie sahen ihn ernst, traurig und ohne
Haß in heil- und ruchlose Verstrickung sinken.
Alltag wirkend und an ihm zufrieden, war die ridiküle, endgültige, höchst
ordinäre letzte Form und Wirklichkeit. Wäre sie Komödiantin geworden,
Vagantin, Herzogin, Hure, Heilige, nichts hätte seinen Glauben an sie
entwurzelt. Nur dies Eine durfte nicht sein, in die Reihen der braven,
gemeinen, niedrigen, alltäglichen anderen durfte sie nicht
zurückschrumpfen, diese Enge, diese schlechte, muffige Luft durfte nicht
die ihre sein.
Mit feiner Spürung witterte er, daß auch an dieser nüchtern endgültigen
Wandlung Magdalen Sibyllens der Jude schuld war. Auch jetzt nicht
überkam ihn billiges Rachegelüst. Nur die Neugier verstärkte sich, die
feine, rätselvolle, kitzelnde, bohrende Neugier: Was wird jener tun im
gleichen Fall? Wie wird sein Gesicht sich ändern, seine Haltung, seine
Hände? Diese Neugier stach ihn spitz, war wellig um ihn, wenn er
einschlief, kroch ihm juckend, kratzend vom Kreuz her die Wirbelsäule
hinauf, füllte ihn ganz an.
Mit dem Glauben an die Tochter brachen seine letzten Hemmungen
nieder. Er hatte damit rechnen müssen, daß seine Stellung bei Hof, seine
Teilnahme an dem katholischen Projekt auf die Dauer sich nicht vereinen
lassen werde mit der Zugehörigkeit zum engeren parlamentarischen
Ausschuß. Aber als man ihn dann, seine Krankheit nutzend, in der
mildesten Form aus der Elfer-Kommission ausschloß, wurmte es ihn doch
tief und schmerzhaft. Er nahm nun ohne weitere Rücksichten immer offener
Partei für die Regierung des Herzogs. Klüger und von feinerer Witterung
als der plumpe Remchingen, der gierige Pancorbo, hatte er sich an den
Treibereien gegen Süß nicht beteiligt, der scheinbaren Lähmung und
Ohnmacht des Juden nicht trauend. So konnte er jetzt am leichtesten die
Verbindung zwischen den Trägern des katholischen Projekts und dem
Finanzdirektor herstellen, ohne den es nun einmal offensichtlich nicht ging.
Er kam im Hause des Süß mit den Kapuzinern aus Weil der Stadt
zusammen, auch mit einem italienischen Abbé, einem Abgesandten des
Fürstabts von Einsiedeln. Ging Weißensee zu solchen Zusammenkünften,
so betrat er zwar das Haus des Süß der Form wegen durch die Hintertür,
doch tat er es am lichten Tag und so ostentativ, daß solche Heimlichkeit als
Herausforderung wirken mußte. Von den alten Freunden Bilfinger und
Harpprecht löste er sich immer mehr; sie sahen ihn ernst, traurig und ohne
Haß in heil- und ruchlose Verstrickung sinken.
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Enger von Tag zu Tag schmiegte er sich dem Herzog an, nützte jetzt
bedenkenlos die seltsame Stellung als illegitimer Schwiegervater. All seine
Menschenkunde bot er auf, sich den Launen Karl Alexanders einzupassen,
und der Herzog, seinen engeren Ratgebern noch grollend wegen der
Intrigen gegen den Süß und vor diesem unbehaglich und ohne die frühere
Vertraulichkeit, ließ sich die Schmeichelei und Willigkeit des Weißensee
gern gefallen. Viele von den kleinen Diensten, die früher der Jude besorgt
hatte, Entlohnung persönlicher Verpflichtungen, Zuführung und
Abfertigung von Frauen und mehr dergleichen, nahm nun unmerklich und
gewandt der Kirchenratsdirektor auf sich. Der würzburgische Geheimrat
Fichtel freute sich, daß sein verehrter Freund nun hemmungslos Hofmann
geworden; viel lieber als den zwielichtigen Juden, mit dem man sich so
schwer zurechtfand, sah er den von ihm wohlgelittenen Weißensee als
Vertrauten und intimsten Begleiter des Herzogs. Er gönnte dem
Konsistorialdirektor von Herzen Einfluß und Macht, und oft, wenn er,
behaglich den heißen Kaffeetrank schlürfend, mit ihm zusammensaß, gab er
ihm, doch nur vorsichtig und indirekt, Winke, wie er solche Vertraulichkeit
des Herzogs noch weiter nähren und festigen könne.
Weißensee lenkte, um ihn enger zu fesseln, Karl Alexander auf
raffinierte, lasterhaft künstliche Abwege, und der an sich gesunde Mann,
der an solchen Genüssen im Grund wenig Geschmack fand und derbere
Kost vorzog, glaubte es doch seiner fürstlichen und weltmännischen
Reputation schuldig zu sein, auch von diesen Tafeln zu probieren. Der
Prälat verschaffte ihm Frauen, die ihm eigentlich gar nicht gefielen, die aber
in dem übersättigten Paris gerade Mode waren, und er verschaffte ihm
welsche Arcana und Aphrodisiaca; er führte ihn immer tiefer in den
vergifteten Garten und machte sich als Mentor unentbehrlich. Seltsam war,
daß die Herzogin Karl Alexander nicht gern in dieser Freundschaft sah. Sie
war durchaus nicht prüde, sie liebte es, sich von lasterhaften Dingen
erzählen zu lassen, und bekam dabei ein angestrengt nachdenkliches,
verträumtes Gesicht; sie liebte auch auf ihre Art das Antlitz des Vaters, das
zerknittert war von vielen kundigen und verderbten Fältchen. Doch das
Gesicht des Weißensee, vielleicht weil seine Verderbtheit nicht
ursprünglich, sondern umwegig war, gehörte zu den wenigen, die sie nicht
leiden mochte.
Karl Alexander pflegte große, glänzende Jagden zu veranstalten, er
wandte ungeheure Summen daran; in einem seiner Wälder ließ er einen
bedenkenlos die seltsame Stellung als illegitimer Schwiegervater. All seine
Menschenkunde bot er auf, sich den Launen Karl Alexanders einzupassen,
und der Herzog, seinen engeren Ratgebern noch grollend wegen der
Intrigen gegen den Süß und vor diesem unbehaglich und ohne die frühere
Vertraulichkeit, ließ sich die Schmeichelei und Willigkeit des Weißensee
gern gefallen. Viele von den kleinen Diensten, die früher der Jude besorgt
hatte, Entlohnung persönlicher Verpflichtungen, Zuführung und
Abfertigung von Frauen und mehr dergleichen, nahm nun unmerklich und
gewandt der Kirchenratsdirektor auf sich. Der würzburgische Geheimrat
Fichtel freute sich, daß sein verehrter Freund nun hemmungslos Hofmann
geworden; viel lieber als den zwielichtigen Juden, mit dem man sich so
schwer zurechtfand, sah er den von ihm wohlgelittenen Weißensee als
Vertrauten und intimsten Begleiter des Herzogs. Er gönnte dem
Konsistorialdirektor von Herzen Einfluß und Macht, und oft, wenn er,
behaglich den heißen Kaffeetrank schlürfend, mit ihm zusammensaß, gab er
ihm, doch nur vorsichtig und indirekt, Winke, wie er solche Vertraulichkeit
des Herzogs noch weiter nähren und festigen könne.
Weißensee lenkte, um ihn enger zu fesseln, Karl Alexander auf
raffinierte, lasterhaft künstliche Abwege, und der an sich gesunde Mann,
der an solchen Genüssen im Grund wenig Geschmack fand und derbere
Kost vorzog, glaubte es doch seiner fürstlichen und weltmännischen
Reputation schuldig zu sein, auch von diesen Tafeln zu probieren. Der
Prälat verschaffte ihm Frauen, die ihm eigentlich gar nicht gefielen, die aber
in dem übersättigten Paris gerade Mode waren, und er verschaffte ihm
welsche Arcana und Aphrodisiaca; er führte ihn immer tiefer in den
vergifteten Garten und machte sich als Mentor unentbehrlich. Seltsam war,
daß die Herzogin Karl Alexander nicht gern in dieser Freundschaft sah. Sie
war durchaus nicht prüde, sie liebte es, sich von lasterhaften Dingen
erzählen zu lassen, und bekam dabei ein angestrengt nachdenkliches,
verträumtes Gesicht; sie liebte auch auf ihre Art das Antlitz des Vaters, das
zerknittert war von vielen kundigen und verderbten Fältchen. Doch das
Gesicht des Weißensee, vielleicht weil seine Verderbtheit nicht
ursprünglich, sondern umwegig war, gehörte zu den wenigen, die sie nicht
leiden mochte.
Karl Alexander pflegte große, glänzende Jagden zu veranstalten, er
wandte ungeheure Summen daran; in einem seiner Wälder ließ er einen
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künstlichen See anlegen, das Wild hineinzutreiben. Bei solchem Anlaß regte
Weißensee an, man solle doch einmal in ganz kleiner Gesellschaft jagen
gehen. Eine Jagd wie die heutige sei eine Repräsentation, kein
Divertissement. Der Herzog stimmte zu. Später gelegentlich sprach der
Kirchenratsdirektor von dem schönen, wildreichen Forst bei Hirsau; es
wäre vielleicht willkommene Abwechslung, dort einmal ohne Jagdschloß,
Komfort, große Dienerschaft, inkognito, nur von zwei, drei Herren
akkompagniert, ein paar Tage zu bleiben, auszuruhen, die Krone abzutun,
wie ein Landedelmann sich den Freuden der Jagd hinzugeben. Welche Ehre
es ihm sei, die Durchlaucht als Gast in seinem Haus dort zu begrüßen,
davon wolle er nicht erst reden. Karl Alexander nahm ohne Umstände und
vergnügt an, Weißensee hatte Tag und Stunde seiner Proposition geschickt
gewählt; auch traf es sich gut, daß der Herzog nur zweimal in dem
berühmten Kloster gewesen war. Schon für die allernächste Zeit, und um
das Inkognito zu wahren, in großer Heimlichkeit wurde die Partie
festgesetzt.
Von da an zeigte Weißensee eine merkwürdige Geschäftigkeit und
Gehobenheit. Er verjüngte sich, sein Gang wurde schmiegsamer, behender,
seine klugen Augen faßten mit tieferem Glanz nach Menschen und Dingen.
Sehr suchte er die Gesellschaft des Süß; wann immer es anging, war er um
ihn. Ein kleines, wollüstiges Lächeln um den feinen, schmeckerischen
Mund hörte er zu, wenn er sprach, den schmalen, gescheiten Kopf beflissen,
wie schnuppernd vorgeneigt. Wenn Süß es nicht achtete, schaute er ihn
dann wohl auf und ab, gierig fraß er seinen Anblick in sich hinein, und der
andere, leicht überfrostet und nicht wissend, woher, stockte unbehaglich
und verstummte endlich ganz.
Rabbi Gabriel verließ das Haus mit den Blumenterrassen, begann eine
seiner einsamen Reisen.
Durchquerte von West nach Ost Schwaben, wandelte in Augsburgs
stattlichen, alten Straßen, scheu umgafft. Fuhr, blöd und mißtrauisch
angestarrt, in die farbige Residenzstadt des bayrischen Kurfürsten. Bog
nach Süden in die Berge. Am Fluß lag behäbig hingebreitet, bunt, ein
lärmender Markt. Von da an wurde das Tal enger, verwinkelter, die Straße
folgte in endlosen Biegungen dem reißenden, weißgrünen Fluß. Hoch oben
Weißensee an, man solle doch einmal in ganz kleiner Gesellschaft jagen
gehen. Eine Jagd wie die heutige sei eine Repräsentation, kein
Divertissement. Der Herzog stimmte zu. Später gelegentlich sprach der
Kirchenratsdirektor von dem schönen, wildreichen Forst bei Hirsau; es
wäre vielleicht willkommene Abwechslung, dort einmal ohne Jagdschloß,
Komfort, große Dienerschaft, inkognito, nur von zwei, drei Herren
akkompagniert, ein paar Tage zu bleiben, auszuruhen, die Krone abzutun,
wie ein Landedelmann sich den Freuden der Jagd hinzugeben. Welche Ehre
es ihm sei, die Durchlaucht als Gast in seinem Haus dort zu begrüßen,
davon wolle er nicht erst reden. Karl Alexander nahm ohne Umstände und
vergnügt an, Weißensee hatte Tag und Stunde seiner Proposition geschickt
gewählt; auch traf es sich gut, daß der Herzog nur zweimal in dem
berühmten Kloster gewesen war. Schon für die allernächste Zeit, und um
das Inkognito zu wahren, in großer Heimlichkeit wurde die Partie
festgesetzt.
Von da an zeigte Weißensee eine merkwürdige Geschäftigkeit und
Gehobenheit. Er verjüngte sich, sein Gang wurde schmiegsamer, behender,
seine klugen Augen faßten mit tieferem Glanz nach Menschen und Dingen.
Sehr suchte er die Gesellschaft des Süß; wann immer es anging, war er um
ihn. Ein kleines, wollüstiges Lächeln um den feinen, schmeckerischen
Mund hörte er zu, wenn er sprach, den schmalen, gescheiten Kopf beflissen,
wie schnuppernd vorgeneigt. Wenn Süß es nicht achtete, schaute er ihn
dann wohl auf und ab, gierig fraß er seinen Anblick in sich hinein, und der
andere, leicht überfrostet und nicht wissend, woher, stockte unbehaglich
und verstummte endlich ganz.
Rabbi Gabriel verließ das Haus mit den Blumenterrassen, begann eine
seiner einsamen Reisen.
Durchquerte von West nach Ost Schwaben, wandelte in Augsburgs
stattlichen, alten Straßen, scheu umgafft. Fuhr, blöd und mißtrauisch
angestarrt, in die farbige Residenzstadt des bayrischen Kurfürsten. Bog
nach Süden in die Berge. Am Fluß lag behäbig hingebreitet, bunt, ein
lärmender Markt. Von da an wurde das Tal enger, verwinkelter, die Straße
folgte in endlosen Biegungen dem reißenden, weißgrünen Fluß. Hoch oben
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auf einer Matte lag zwischen weiten, weißlich braunen, riesig getürmten
Wänden ein kurfürstliches Jagdhaus.
Die Straße gabelte sich. Rabbi Gabriel tauchte in dicken, endlosen Forst.
Den immer dünneren, tosenden Fluß entlang stieg er, der hell und fröhlich
laut durch den dunklen Wald seine Bahn brach. Der Kabbalist überschritt
die Grenze, betrat kaiserliches Gebiet. Schweigend und in großer
Einsamkeit lag die Gegend; wo das Flußtal sich weitete, nach einer
Wanderung von fast zwei Tagen, stieß er auf ein paar ärmliche Häuser um
eine kleine Kirche. Hier nächtigte er.
Wenige Meilen später sperrte ein hoher Gebirgsstock das Flußtal, dem er
bisher gefolgt war. Vorher zweigten drei Nebentäler ab, von Gießbächen
gebildet, die in den Fluß des Haupttales mündeten. Er folgte dem ersten. Es
stieg nicht sehr rasch an, war freundlich ernst, die Bergwände waren hoch
hinauf bewaldet. Er folgte dem zweiten. Es war sehr kurz, stieg rauh und
beschwerlich und endete bald in einem zirkusartigen Halbrund riesenhafter,
grausig kahler, weißlichbrauner Felswände. Er folgte dem dritten. Dies war
länger und weiter als die anderen. Der Bach, der es gebildet, hatte minder
starkes Gefäll, oft verlor er sich ganz, floß unterirdisch. Rabbi Gabriel stieß
auf Weidengehölz, auf Moorboden. Weiter oben stand eine verlassene, ganz
kleine Hütte, die letzte offenbar dieser Gegend.
Der Tag war bewölkt, nicht warm, aber schwül. Der dickliche Mann
atmete schwer, wanderte weglos und mühsam.
Hinter der Hütte, überraschend, weitete sich das Tal. Fremdartig stand
plötzlich ein Ahornbaum da. Mehrere. Ein ganzer Hain. Die alten Bäume
standen groß und sehr still, kein Hauch ging, kein Blatt rührte sich. Nur
undeutlich sah man durch die Bäume die riesigen, weißen Bergwände, die
weit und unwiderruflich ringsum das Tal schlossen, und sie waren so hoch,
daß man durch die Bäume ihre Gipfel nicht sah. Beklemmend lastete die
Luft, der Hain der alten, ernsten, fahlfarbigen Bäume war zwischen den
Bergen wie aus einer südlichen Landschaft hergehext, leibhaft fast lag die
tiefe, drückende Stille, das ganze, reglose Tal war verzaubert, man stand
eingesperrt in ihm wie am Ende der Welt.
Der Rabbi hockte nieder, schwer, müde, leicht ächzend, unter einen
Baum. Er zog heraus einen Brief des Süß in hebräischen Lettern, einen
ernsthaften, mit einer fast gekränkten Frommheit angeschminkten Brief. Er
vertiefte sich in die Schriftzüge, trank sie ein. Senkte dann den Kopf zum
Schoß, zwang das Gesicht des Mannes vor sich, der nach seiner Seele jagte,
Wänden ein kurfürstliches Jagdhaus.
Die Straße gabelte sich. Rabbi Gabriel tauchte in dicken, endlosen Forst.
Den immer dünneren, tosenden Fluß entlang stieg er, der hell und fröhlich
laut durch den dunklen Wald seine Bahn brach. Der Kabbalist überschritt
die Grenze, betrat kaiserliches Gebiet. Schweigend und in großer
Einsamkeit lag die Gegend; wo das Flußtal sich weitete, nach einer
Wanderung von fast zwei Tagen, stieß er auf ein paar ärmliche Häuser um
eine kleine Kirche. Hier nächtigte er.
Wenige Meilen später sperrte ein hoher Gebirgsstock das Flußtal, dem er
bisher gefolgt war. Vorher zweigten drei Nebentäler ab, von Gießbächen
gebildet, die in den Fluß des Haupttales mündeten. Er folgte dem ersten. Es
stieg nicht sehr rasch an, war freundlich ernst, die Bergwände waren hoch
hinauf bewaldet. Er folgte dem zweiten. Es war sehr kurz, stieg rauh und
beschwerlich und endete bald in einem zirkusartigen Halbrund riesenhafter,
grausig kahler, weißlichbrauner Felswände. Er folgte dem dritten. Dies war
länger und weiter als die anderen. Der Bach, der es gebildet, hatte minder
starkes Gefäll, oft verlor er sich ganz, floß unterirdisch. Rabbi Gabriel stieß
auf Weidengehölz, auf Moorboden. Weiter oben stand eine verlassene, ganz
kleine Hütte, die letzte offenbar dieser Gegend.
Der Tag war bewölkt, nicht warm, aber schwül. Der dickliche Mann
atmete schwer, wanderte weglos und mühsam.
Hinter der Hütte, überraschend, weitete sich das Tal. Fremdartig stand
plötzlich ein Ahornbaum da. Mehrere. Ein ganzer Hain. Die alten Bäume
standen groß und sehr still, kein Hauch ging, kein Blatt rührte sich. Nur
undeutlich sah man durch die Bäume die riesigen, weißen Bergwände, die
weit und unwiderruflich ringsum das Tal schlossen, und sie waren so hoch,
daß man durch die Bäume ihre Gipfel nicht sah. Beklemmend lastete die
Luft, der Hain der alten, ernsten, fahlfarbigen Bäume war zwischen den
Bergen wie aus einer südlichen Landschaft hergehext, leibhaft fast lag die
tiefe, drückende Stille, das ganze, reglose Tal war verzaubert, man stand
eingesperrt in ihm wie am Ende der Welt.
Der Rabbi hockte nieder, schwer, müde, leicht ächzend, unter einen
Baum. Er zog heraus einen Brief des Süß in hebräischen Lettern, einen
ernsthaften, mit einer fast gekränkten Frommheit angeschminkten Brief. Er
vertiefte sich in die Schriftzüge, trank sie ein. Senkte dann den Kopf zum
Schoß, zwang das Gesicht des Mannes vor sich, der nach seiner Seele jagte,
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des Mannes, an den er gefesselt war. Ihm helfen! Der verschütteten Seele an
den Tag helfen, daß die eigene, mit jener verkettete, leichter atme.
Doch dieses Tal war zur Vertiefung nicht der rechte Ort. Oh, dieser Druck
der reglosen Luft! Hatte Samael, der Linke, seine mächtigsten Geister
hierhergeschickt, ihn zu engen und von seinem Werk abzuziehen? Errette
meine Seele vom Schwert und mein Leben aus der Gewalt des Hundes!
Unheimlich reglos, leichenhaft, standen die fremdartigen, unerwarteten
Bäume. Ei, Dämonen überall, gestaltlos und in Myriaden Gestalten, waren
um den Menschen und beirrten den zur oberen Welt Dringenden.
Eingebannt in Millionen Dinge büßen die Seelen der Toten, eingebannt in
Tier und Pflanze und Stein. Eingekörpert in die summende Biene ist die
Seele des Schwätzers, der das Wort mißbraucht, in die zuckende Flamme
der Unkeusche, in den stummen Stein der Schmähsüchtige und Verleumder.
Rabbi Isaak Luria, der weise war vor den anderen Menschen, sah die
Seelen, die aus den Körpern herausgingen, auch der Lebenden, wenn sie an
den Sabbat-Abenden zum Paradies emporflogen.
Oh, könnte er jenes Mannes Seele sehen! Zu ihr reden, mit ihr reden, ihr
helfen. Die Seele des Menschen, der dahinhetzt über die Erde nur um der
Güter dieser Erde willen, fährt nach dem Tode in Wasser. Ruhelos im
Wasser wellt sie hin und her, zerwälzt, zerrieben, hundertfach zerstäubt in
jedem Augenblick. Kennten die Menschen diese Pein, sie hörten nicht auf
zu weinen. Mann, rastloser, jagender, gehetzter! Denk es! Denk es, Mann!
Dumpfer umschnürte es ihn, drückender, atemsperrender. Zwang ihn,
aufzuschauen. Zwischen dem Laub tausend Augen waren auf ihm, die
Augen des Kindes, die bräunlich goldenen, erfüllten, ja, sein Herz setzte
aus, Naemis Augen. Und sie riefen, flehten mit dringlicher, inniger,
angstvoller Beschwörung: „Hilf!“
„Hilf!“ riefen sie, immer dringlicher, gepreßter, flehender, und ließen
nicht ab von ihm. Er strich sich über die Stirn, strich sich das Geträume
weg, lehnte den Kopf zurück, schaute hinauf zum Himmel. Da waren
Wolkenfetzen, seltsam geordnet, sie standen starr und zogen nicht. Jäh
erkannte er, sie formten Buchstaben, zwei hebräische Buchstaben, die
sagten: „Hilf!“ Weg riß er das Antlitz, da sah er, die Aeste des Baumes,
unter dem er saß, formten die gleichen Buchstaben: „Hilf!“ Die Wurzeln die
gleichen: „Hilf!“ Aufsprang er, schwer atmend, schwitzend, trockenen
Gaumens, überschauert die Haut des Rückens; die Eingeweide kroch es
herauf, engte wie Reifen die Brust. Er ging zurück. Die Rinnsale in den
den Tag helfen, daß die eigene, mit jener verkettete, leichter atme.
Doch dieses Tal war zur Vertiefung nicht der rechte Ort. Oh, dieser Druck
der reglosen Luft! Hatte Samael, der Linke, seine mächtigsten Geister
hierhergeschickt, ihn zu engen und von seinem Werk abzuziehen? Errette
meine Seele vom Schwert und mein Leben aus der Gewalt des Hundes!
Unheimlich reglos, leichenhaft, standen die fremdartigen, unerwarteten
Bäume. Ei, Dämonen überall, gestaltlos und in Myriaden Gestalten, waren
um den Menschen und beirrten den zur oberen Welt Dringenden.
Eingebannt in Millionen Dinge büßen die Seelen der Toten, eingebannt in
Tier und Pflanze und Stein. Eingekörpert in die summende Biene ist die
Seele des Schwätzers, der das Wort mißbraucht, in die zuckende Flamme
der Unkeusche, in den stummen Stein der Schmähsüchtige und Verleumder.
Rabbi Isaak Luria, der weise war vor den anderen Menschen, sah die
Seelen, die aus den Körpern herausgingen, auch der Lebenden, wenn sie an
den Sabbat-Abenden zum Paradies emporflogen.
Oh, könnte er jenes Mannes Seele sehen! Zu ihr reden, mit ihr reden, ihr
helfen. Die Seele des Menschen, der dahinhetzt über die Erde nur um der
Güter dieser Erde willen, fährt nach dem Tode in Wasser. Ruhelos im
Wasser wellt sie hin und her, zerwälzt, zerrieben, hundertfach zerstäubt in
jedem Augenblick. Kennten die Menschen diese Pein, sie hörten nicht auf
zu weinen. Mann, rastloser, jagender, gehetzter! Denk es! Denk es, Mann!
Dumpfer umschnürte es ihn, drückender, atemsperrender. Zwang ihn,
aufzuschauen. Zwischen dem Laub tausend Augen waren auf ihm, die
Augen des Kindes, die bräunlich goldenen, erfüllten, ja, sein Herz setzte
aus, Naemis Augen. Und sie riefen, flehten mit dringlicher, inniger,
angstvoller Beschwörung: „Hilf!“
„Hilf!“ riefen sie, immer dringlicher, gepreßter, flehender, und ließen
nicht ab von ihm. Er strich sich über die Stirn, strich sich das Geträume
weg, lehnte den Kopf zurück, schaute hinauf zum Himmel. Da waren
Wolkenfetzen, seltsam geordnet, sie standen starr und zogen nicht. Jäh
erkannte er, sie formten Buchstaben, zwei hebräische Buchstaben, die
sagten: „Hilf!“ Weg riß er das Antlitz, da sah er, die Aeste des Baumes,
unter dem er saß, formten die gleichen Buchstaben: „Hilf!“ Die Wurzeln die
gleichen: „Hilf!“ Aufsprang er, schwer atmend, schwitzend, trockenen
Gaumens, überschauert die Haut des Rückens; die Eingeweide kroch es
herauf, engte wie Reifen die Brust. Er ging zurück. Die Rinnsale in den
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Bergwänden, der Lauf des Baches, alles immer wieder formte die gleichen
Buchstaben, das ganze stumme Tal war ein Mund, seine Wände, Steine,
Wasser flehten dringlich, beschworen ihn, schrien in Not und Graus: „Hilf!“
Da hastete der dickliche Mann in seinen schweren Kleidern das Tal
hinab, keuchte, stolperte, fiel, hastete weiter. Kam zu Menschen, hetzte
seine Straße zurück, auf Maultieren, Pferden, im Wagen. Im Nacken die
bräunlich goldenen, dringlichen, angstvollen Augen des Kindes, gepreßt ins
Hirn die jagenden, beschwörenden, schreienden Buchstaben: „Hilf!“
In Hirsau, in den stillen, geräumigen Stuben des Weißensee, mit den
großen Vorhängen, saßen mit dem Hausherrn der Herzog, der geschmeidige
Geheimrat Schütz mit der Hakennase, der knarrende Major von Röder mit
den rohen, fast immer behandschuhten Tatzen. Noch hingen im Raum die
kindlich verschwärmten Gesichte Magdalen Sibyllens, noch sah der Vater
das Mädchen sitzen im stillen Kreis der Lampe über ihrem Buch mit
kindhaft wichtigem Antlitz, verschlossen. Sah sie, wie sie früher war, die
bräunlichen, flaumigen, männlich kühnen Wangen, die blauen, starken
Augen in dem seltsamen Widerspiel zu dem dunklen Haar. Wieviel Licht,
ach, und Hoffnung hatte er gesogen aus diesem Gesicht! Wie trüb und
frostig war es erloschen!
In dem Raum, der noch erfüllt war von seinen Erwartungen, von seiner
Arbeit an dem Bibelkommentar und von den Träumen des Mädchens, soff
und gröhlte jetzt mit seinen Kumpanen der vergnügte Herzog. Karl
Alexander fühlte sich jung, frisch, sauwohl. Er hatte den grünen Rock weit
offen, das Wams gelüftet, das blonde, melierte Haar frei. Das war ein
blitzgescheiter Gedanke gewesen, hierher zur Jagd zu gehen. In Stuttgart
und Ludwigsburg standen die Affären vortrefflich, das katholische Projekt
marschierte mit guter Chance. Dazu das neue Mensch an der Oper, die
Ilonka, die ihm vortrefflich anschlug; man hätte sie eigentlich können
mitnehmen. Aber nein, es war doch besser so. Tags nur Wind ins Gesicht,
abends Wein und gutes, kräftiges Männergespräch. Keine Weiber! Keine
Politik! Kein Parlamentsgesindel! Wie war man jung! Man spürte, mille
tonnerre! nichts von seinen Fünfzig. Wie konnte man noch lachen und an
nichts als einem bißchen Wald und einem guten Schuß seine Lust haben.
Der Neuffer ging auf und ab und schenkte Wein ein. Im Dämmer,
außerhalb des Lichtkreises der Lampe, hockte stumm der Schwarzbraune.
Karl Alexander trank stark, streckte die Beine vor sich, lachte dröhnend
über die plumpen Zoten Röders, die feinen Weißensees, über die sehr
Buchstaben, das ganze stumme Tal war ein Mund, seine Wände, Steine,
Wasser flehten dringlich, beschworen ihn, schrien in Not und Graus: „Hilf!“
Da hastete der dickliche Mann in seinen schweren Kleidern das Tal
hinab, keuchte, stolperte, fiel, hastete weiter. Kam zu Menschen, hetzte
seine Straße zurück, auf Maultieren, Pferden, im Wagen. Im Nacken die
bräunlich goldenen, dringlichen, angstvollen Augen des Kindes, gepreßt ins
Hirn die jagenden, beschwörenden, schreienden Buchstaben: „Hilf!“
In Hirsau, in den stillen, geräumigen Stuben des Weißensee, mit den
großen Vorhängen, saßen mit dem Hausherrn der Herzog, der geschmeidige
Geheimrat Schütz mit der Hakennase, der knarrende Major von Röder mit
den rohen, fast immer behandschuhten Tatzen. Noch hingen im Raum die
kindlich verschwärmten Gesichte Magdalen Sibyllens, noch sah der Vater
das Mädchen sitzen im stillen Kreis der Lampe über ihrem Buch mit
kindhaft wichtigem Antlitz, verschlossen. Sah sie, wie sie früher war, die
bräunlichen, flaumigen, männlich kühnen Wangen, die blauen, starken
Augen in dem seltsamen Widerspiel zu dem dunklen Haar. Wieviel Licht,
ach, und Hoffnung hatte er gesogen aus diesem Gesicht! Wie trüb und
frostig war es erloschen!
In dem Raum, der noch erfüllt war von seinen Erwartungen, von seiner
Arbeit an dem Bibelkommentar und von den Träumen des Mädchens, soff
und gröhlte jetzt mit seinen Kumpanen der vergnügte Herzog. Karl
Alexander fühlte sich jung, frisch, sauwohl. Er hatte den grünen Rock weit
offen, das Wams gelüftet, das blonde, melierte Haar frei. Das war ein
blitzgescheiter Gedanke gewesen, hierher zur Jagd zu gehen. In Stuttgart
und Ludwigsburg standen die Affären vortrefflich, das katholische Projekt
marschierte mit guter Chance. Dazu das neue Mensch an der Oper, die
Ilonka, die ihm vortrefflich anschlug; man hätte sie eigentlich können
mitnehmen. Aber nein, es war doch besser so. Tags nur Wind ins Gesicht,
abends Wein und gutes, kräftiges Männergespräch. Keine Weiber! Keine
Politik! Kein Parlamentsgesindel! Wie war man jung! Man spürte, mille
tonnerre! nichts von seinen Fünfzig. Wie konnte man noch lachen und an
nichts als einem bißchen Wald und einem guten Schuß seine Lust haben.
Der Neuffer ging auf und ab und schenkte Wein ein. Im Dämmer,
außerhalb des Lichtkreises der Lampe, hockte stumm der Schwarzbraune.
Karl Alexander trank stark, streckte die Beine vor sich, lachte dröhnend
über die plumpen Zoten Röders, die feinen Weißensees, über die sehr
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schweinischen Anekdoten, die Herr von Schütz vornehm und untermischt
mit vielem Französisch hernäselte. Erzählte dann selber, Geschichten aus
dem Feldlager, Aventüren aus seiner Venetianer Zeit.
Mit ingrimmiger Lust hörte Weißensee zu. Wenn man es recht überlegte,
war der Jude daran schuld, daß er jetzt mit dieser Roheit und stumpfem
Gewäsch seine weißen Stuben verschmutzen mußte. Ei nun, wenn man was
wissen wollte, wenn man neugierig war, dann mußte man wohl zahlen für
solche Neugier. Aber lohnen wird es, es wird lohnen!
Als die Herren zu Bett gingen, schwer vom Wein, sagte Weißensee dem
Herzog, er habe für den morgigen Nachmittag eine Surprise bereit. Er rate
submissest, man solle ausschlafen morgen, dann gut tafeln und dann werde
er Seine Durchlaucht in den Wald führen und seine feine Ueberraschung
vorzeigen. „Weißensee!“ lachte der Herzog. „Alter Fuchs! Exzellenz!
Präsident! Ich bin zufrieden mit Ihm. Er weiß für jeden Tag was Neues. Er
ist ein sehr brauchbarer Prälat.“ Und er klopfte ihm auf die Schulter und
torkelte in sein Schlafzimmer.
Anderen Tags, dampfend vom vielen Essen, dunstend von den alten
Weinen des sachkundigen Weißensee, fuhr man. Erst die Landstraße
entlang, dann abzweigend einen Karrenweg. Ließ hier den Wagen zurück,
folgte einem Fußpfad, stand schließlich vor einem starken, sehr hohen
Holzzaun. Bäume sperrten den Blick weiter.
Da standen nun die Männer vor dem Zaun. Föhn ging. Der Wein war
ihnen noch nicht verflogen. Sie schnauften, schwitzten, rissen Witze.
Dahinter stecke also die Ueberraschung; ob es denn lohne; ob Weißensee
nichts verraten wolle. Der bat, sie möchten die Mühe nicht scheuen,
kletterte voran über den Zaun. Sie folgten prustend, mühsam. Drangen
weiter, neugierig, angeregt, amüsiert.
Gelangten an die Blumenterrassen, den weißen Würfel des Hauses.
Standen, staunten. Wirre Vorstellungen zuckten auf in Karl Alexander:
Venedig, Belgrad. Doch keiner wußte mit dem weißen, fremdartigen Ding
mitten in dem schwäbischen Wald was anzufangen.
„Das Haus gehört dem Magus,“ sagte Weißensee, „dem Oheim des Herrn
Finanzdirektors.“ Verblüffte, großäugig dumme Gesichter. Ein leicht übler
Nachgeschmack des Weines stieg dem Herzog auf, er fühlte sich plötzlich
schwerer, spürte den lahmenden Fuß, den schlechten, holperichten Weg
durch den Wald. Mit einer schleierigen Befangenheit schaute er auf das
Haus, in einem vagen Gefühl, als blickten daraus steinerne, trübgraue
mit vielem Französisch hernäselte. Erzählte dann selber, Geschichten aus
dem Feldlager, Aventüren aus seiner Venetianer Zeit.
Mit ingrimmiger Lust hörte Weißensee zu. Wenn man es recht überlegte,
war der Jude daran schuld, daß er jetzt mit dieser Roheit und stumpfem
Gewäsch seine weißen Stuben verschmutzen mußte. Ei nun, wenn man was
wissen wollte, wenn man neugierig war, dann mußte man wohl zahlen für
solche Neugier. Aber lohnen wird es, es wird lohnen!
Als die Herren zu Bett gingen, schwer vom Wein, sagte Weißensee dem
Herzog, er habe für den morgigen Nachmittag eine Surprise bereit. Er rate
submissest, man solle ausschlafen morgen, dann gut tafeln und dann werde
er Seine Durchlaucht in den Wald führen und seine feine Ueberraschung
vorzeigen. „Weißensee!“ lachte der Herzog. „Alter Fuchs! Exzellenz!
Präsident! Ich bin zufrieden mit Ihm. Er weiß für jeden Tag was Neues. Er
ist ein sehr brauchbarer Prälat.“ Und er klopfte ihm auf die Schulter und
torkelte in sein Schlafzimmer.
Anderen Tags, dampfend vom vielen Essen, dunstend von den alten
Weinen des sachkundigen Weißensee, fuhr man. Erst die Landstraße
entlang, dann abzweigend einen Karrenweg. Ließ hier den Wagen zurück,
folgte einem Fußpfad, stand schließlich vor einem starken, sehr hohen
Holzzaun. Bäume sperrten den Blick weiter.
Da standen nun die Männer vor dem Zaun. Föhn ging. Der Wein war
ihnen noch nicht verflogen. Sie schnauften, schwitzten, rissen Witze.
Dahinter stecke also die Ueberraschung; ob es denn lohne; ob Weißensee
nichts verraten wolle. Der bat, sie möchten die Mühe nicht scheuen,
kletterte voran über den Zaun. Sie folgten prustend, mühsam. Drangen
weiter, neugierig, angeregt, amüsiert.
Gelangten an die Blumenterrassen, den weißen Würfel des Hauses.
Standen, staunten. Wirre Vorstellungen zuckten auf in Karl Alexander:
Venedig, Belgrad. Doch keiner wußte mit dem weißen, fremdartigen Ding
mitten in dem schwäbischen Wald was anzufangen.
„Das Haus gehört dem Magus,“ sagte Weißensee, „dem Oheim des Herrn
Finanzdirektors.“ Verblüffte, großäugig dumme Gesichter. Ein leicht übler
Nachgeschmack des Weines stieg dem Herzog auf, er fühlte sich plötzlich
schwerer, spürte den lahmenden Fuß, den schlechten, holperichten Weg
durch den Wald. Mit einer schleierigen Befangenheit schaute er auf das
Haus, in einem vagen Gefühl, als blickten daraus steinerne, trübgraue
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Augen auf ihn. „Dem Magus? So?“ sagte er dann mit einer heiseren,
belegten Stimme. „Ei freilich ist das eine Surprise.“
„Das ist nicht alles,“ lächelte Weißensee mit feinem, breitgezogenem,
genießerischem Mund. „Befehlen Euer Durchlaucht, daß wir nähertreten?“
Karl Alexander riß sich zusammen, räusperte sich frei. „Der alte Hexer
ist mir ohnehin noch einen Bescheid schuldig,“ lärmte er. „Scheuchen wir
den Schuhu in seinem Gemäuer auf!“
Näher traten die Herren, pochten, gingen, da niemand sich rührte, ins
Haus. Der alte, gebrechliche Diener kam ihnen entgegen: was sie suchten?
– Seinen Herrn. – Der sei nicht da. Empfange im übrigen auch niemanden,
setzte er verdrießlich hinzu. So würden sie sich das Haus ein wenig
anschauen, meinte Weißensee. Was ihnen beifalle, kläffte mürrisch der
Diener. Sie sollten sich scheren. Hier habe niemand was zu suchen.
„Maul halten!“ schrie der zornige Major Röder. Doch der Alte
wiederholte zäh keifend: „Niemand hat hier was zu suchen. Niemand hat
hier zu befehlen, nur mein Herr.“
„Und der Herzog von Württemberg,“ sagte Karl Alexander. Und an dem
erstarrten Diener vorbei gingen die Herren ins Zimmer. Beschauten scheu
und spöttisch die Folianten, die Zeichnungen des Kabbalistischen Baumes,
des Himmlischen Menschen, die seltsamen Inschriften. Tauschten über das
magische Gewese und Gewerke ironische Anmerkungen aus. Doch der
unheimliche Raum hemmte den gewohnten Lärm und machte sie bänglich
und gedämpft.
„Kotz Donner!“ schrie plötzlich Karl Alexander in die Befangenheit
hinein, „wir sind hier doch in keiner Kirche. Den Wein, Neuffer! Wenn der
alte Hexer nicht zu Haus ist, wollen wir sehen, ob wir seine Geister nicht
durch ein gutes Glas Wein an unseren Tisch hexen können.“
„Wollen wir nicht erst auch die anderen Stuben anschauen?“ bat
Weißensee. „Vielleicht spüren wir doch noch etwas auf!“ Und seine feine,
lange Nase schnupperte, und seine klugen, rastlosen Augen gingen in alle
Winkel.
Während Neuffer den Wein zurechtstellte, besah man die wenigen
anderen Räume des kleinen Hauses. Vor einer Tür stand Jantje, die dicke,
plappernde Zofe, sie suchte die Herren zurückzuhalten. Doch sie drängten
sie beiseite und schoben sich ins Zimmer. Da saß im äußersten Winkel
angstvoll, großäugig und abwehrend empört in östlicher Gewandung das
Mädchen. Zurückprallten vor der Lieblichkeit des mattweißen Gesichts, des
belegten Stimme. „Ei freilich ist das eine Surprise.“
„Das ist nicht alles,“ lächelte Weißensee mit feinem, breitgezogenem,
genießerischem Mund. „Befehlen Euer Durchlaucht, daß wir nähertreten?“
Karl Alexander riß sich zusammen, räusperte sich frei. „Der alte Hexer
ist mir ohnehin noch einen Bescheid schuldig,“ lärmte er. „Scheuchen wir
den Schuhu in seinem Gemäuer auf!“
Näher traten die Herren, pochten, gingen, da niemand sich rührte, ins
Haus. Der alte, gebrechliche Diener kam ihnen entgegen: was sie suchten?
– Seinen Herrn. – Der sei nicht da. Empfange im übrigen auch niemanden,
setzte er verdrießlich hinzu. So würden sie sich das Haus ein wenig
anschauen, meinte Weißensee. Was ihnen beifalle, kläffte mürrisch der
Diener. Sie sollten sich scheren. Hier habe niemand was zu suchen.
„Maul halten!“ schrie der zornige Major Röder. Doch der Alte
wiederholte zäh keifend: „Niemand hat hier was zu suchen. Niemand hat
hier zu befehlen, nur mein Herr.“
„Und der Herzog von Württemberg,“ sagte Karl Alexander. Und an dem
erstarrten Diener vorbei gingen die Herren ins Zimmer. Beschauten scheu
und spöttisch die Folianten, die Zeichnungen des Kabbalistischen Baumes,
des Himmlischen Menschen, die seltsamen Inschriften. Tauschten über das
magische Gewese und Gewerke ironische Anmerkungen aus. Doch der
unheimliche Raum hemmte den gewohnten Lärm und machte sie bänglich
und gedämpft.
„Kotz Donner!“ schrie plötzlich Karl Alexander in die Befangenheit
hinein, „wir sind hier doch in keiner Kirche. Den Wein, Neuffer! Wenn der
alte Hexer nicht zu Haus ist, wollen wir sehen, ob wir seine Geister nicht
durch ein gutes Glas Wein an unseren Tisch hexen können.“
„Wollen wir nicht erst auch die anderen Stuben anschauen?“ bat
Weißensee. „Vielleicht spüren wir doch noch etwas auf!“ Und seine feine,
lange Nase schnupperte, und seine klugen, rastlosen Augen gingen in alle
Winkel.
Während Neuffer den Wein zurechtstellte, besah man die wenigen
anderen Räume des kleinen Hauses. Vor einer Tür stand Jantje, die dicke,
plappernde Zofe, sie suchte die Herren zurückzuhalten. Doch sie drängten
sie beiseite und schoben sich ins Zimmer. Da saß im äußersten Winkel
angstvoll, großäugig und abwehrend empört in östlicher Gewandung das
Mädchen. Zurückprallten vor der Lieblichkeit des mattweißen Gesichts, des
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blauschwarzen Haars, der redenden, erfüllten Augen die Herren. „Daß dich
der Langschwänzige!“ fluchte halblaut der Herzog vor sich hin. „So was
also hält sich mein Jud! So was versteckt er vor mir, der Filou! Möcht sich
allein delektieren an dem Braten.“
Noch immer war ein paar Schritte Raum zwischen dem Mädchen und
den Herren. Ein Schweigen fiel ein. Naemi war aufgesprungen, stand hinter
ihrem Sitz, zurückweichend ganz in die Ecke. Die Männer, gehalten durch
das Fremdartige der Erscheinung, blieben in der Nähe der Tür, starrten.
In die Stummheit hinein sagte höflich die geschmeidige Stimme des
Konsistorialpräsidenten: „Die Demoiselle ist die Tochter des Herrn
Finanzdirektors.“ Und, auf die mundaufreißende Verblüffung der Herren,
liebenswürdig lächelnd: „Ja, das war meine Ueberraschung.“
„Kotz Donner! Kotz Donner!“ sagte mehrmals hintereinander knarrend
der Major Röder; sonst fiel ihm nichts ein. Doch der Herzog, aus seiner
Ueberraschung zurück, enthusiasmiert, mit seinen großen blauen Augen an
ihr fressend, erging sich geläufig in entzückten, modischen Bildern: „Ein
Meisterstück das Mädel! Ein Kopf wie aus Ebenholz und Elfenbein. Wie
eine Fabel aus Morgenland.“ Gewandt stimmte der Geheimrat Schütz zu:
Der Finanzdirektor sei ein Genie; aber das Produkt seiner Lenden sei doch
noch besser als alle Geburten seines Hirns.
Weißensee schwieg. Und hätte doch, der feine Kenner, dem Herzog zu
Dank das Mädchen besser preisen können als dieser selbst zusamt dem
trockenen Schütz und dem plumpen Röder, der kein anderes Kompliment
fand als sein rülpsendes: „Kotz Donner! Kotz Donner!“ Doch Weißensee
stand stumm. Er schaute nur das Mädchen an, schaute es auf und ab, ein
tieferes Lächeln um seine genießerischen Lippen. Ei ja, mein Herr
Geheimer Finanzienrat, gewiß doch, diese war wohl ein Kleinod und sehr
wert, gehütet zu sein. Achtes Weltwunder! Hebräische Venus! Augen hat sie
wie aus dem Alten Testament. Und sieht nicht aus, als wäre sie nur lieblich
anzuschauen. Zu der Magdalen Sibylle kamen die Apostel und sprachen zu
ihr. Zu dieser mögen die Propheten kommen. Sie waren schlauer als ich,
Herr Finanzdirektor; aber doch nicht schlau genug. Hätten sie noch ferner
und heimlicher müssen hüten. Voilà! Jetzt werden wir sehen, was Sie für
kurioses Gesicht ziehen.
Mittlerweile hatten die anderen ferners von dem Mädchen groß Rühmens
gemacht. Selbst Herr von Röder fand ein Weiteres und sagte: „Wer hätte
dem alten Fuchs solch Junges zugetraut?“ Naemi aber stand in ihrer Ecke,
der Langschwänzige!“ fluchte halblaut der Herzog vor sich hin. „So was
also hält sich mein Jud! So was versteckt er vor mir, der Filou! Möcht sich
allein delektieren an dem Braten.“
Noch immer war ein paar Schritte Raum zwischen dem Mädchen und
den Herren. Ein Schweigen fiel ein. Naemi war aufgesprungen, stand hinter
ihrem Sitz, zurückweichend ganz in die Ecke. Die Männer, gehalten durch
das Fremdartige der Erscheinung, blieben in der Nähe der Tür, starrten.
In die Stummheit hinein sagte höflich die geschmeidige Stimme des
Konsistorialpräsidenten: „Die Demoiselle ist die Tochter des Herrn
Finanzdirektors.“ Und, auf die mundaufreißende Verblüffung der Herren,
liebenswürdig lächelnd: „Ja, das war meine Ueberraschung.“
„Kotz Donner! Kotz Donner!“ sagte mehrmals hintereinander knarrend
der Major Röder; sonst fiel ihm nichts ein. Doch der Herzog, aus seiner
Ueberraschung zurück, enthusiasmiert, mit seinen großen blauen Augen an
ihr fressend, erging sich geläufig in entzückten, modischen Bildern: „Ein
Meisterstück das Mädel! Ein Kopf wie aus Ebenholz und Elfenbein. Wie
eine Fabel aus Morgenland.“ Gewandt stimmte der Geheimrat Schütz zu:
Der Finanzdirektor sei ein Genie; aber das Produkt seiner Lenden sei doch
noch besser als alle Geburten seines Hirns.
Weißensee schwieg. Und hätte doch, der feine Kenner, dem Herzog zu
Dank das Mädchen besser preisen können als dieser selbst zusamt dem
trockenen Schütz und dem plumpen Röder, der kein anderes Kompliment
fand als sein rülpsendes: „Kotz Donner! Kotz Donner!“ Doch Weißensee
stand stumm. Er schaute nur das Mädchen an, schaute es auf und ab, ein
tieferes Lächeln um seine genießerischen Lippen. Ei ja, mein Herr
Geheimer Finanzienrat, gewiß doch, diese war wohl ein Kleinod und sehr
wert, gehütet zu sein. Achtes Weltwunder! Hebräische Venus! Augen hat sie
wie aus dem Alten Testament. Und sieht nicht aus, als wäre sie nur lieblich
anzuschauen. Zu der Magdalen Sibylle kamen die Apostel und sprachen zu
ihr. Zu dieser mögen die Propheten kommen. Sie waren schlauer als ich,
Herr Finanzdirektor; aber doch nicht schlau genug. Hätten sie noch ferner
und heimlicher müssen hüten. Voilà! Jetzt werden wir sehen, was Sie für
kurioses Gesicht ziehen.
Mittlerweile hatten die anderen ferners von dem Mädchen groß Rühmens
gemacht. Selbst Herr von Röder fand ein Weiteres und sagte: „Wer hätte
dem alten Fuchs solch Junges zugetraut?“ Naemi aber stand in ihrer Ecke,
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den ganzen Leib gespannt in Scheu und Abwehr, und schaute auf die
Männer. „Wie heißt Sie denn, Demoiselle?“ fragte jetzt der Herzog. Und, da
sie nicht antwortete: „Sulamit? Salomea? Sollen Wir jemandes Kopf zu
Ihren Füßen legen?“
Doch Naemi schwieg weiter, sich windend in fast leiblichem Schmerz
vor Widerwillen und Scheu. „Vom Vater hat sie sie nicht, diese
Schüchternheit,“ konstatierte Herr von Schütz. Aber der Major von Röder
fuhr grob und ungeduldig auf das Kind los: „Gib Antwort, Judenbalg, wenn
dein Herzog dich fragt.“
„Halt’s Maul, Röder!“ sagte Karl Alexander. Und zu der Verschreckten,
in ihre Ecke sich Pressenden, freundlich wie zu einem Kind: „Ich tu dir
nichts, ich freß dich nicht. Gemslein, verschüchtertes! Mimosa! Sei Sie
nicht so zimpferlich!“
Jantje, die Zofe, hatte sich mittlerweile neben das Mädchen geschoben,
dick und gutmütig stand sie neben ihr, in heller Angst und Ratlosigkeit. „Ich
bin wirklich dein Landesherr,“ fuhr leicht ungeduldig Karl Alexander fort,
„dein und deines Vaters wohlaffektionierter Herzog und Herr. Und jetzt sag
endlich, wie du heißt!“
„Die Demoiselle heißt Naemi,“ sagte statt ihrer die Zofe. „Nun wissen
wir’s also,“ grunzte befriedigt Röder. „Naemi, komischer Name!“ und
pruschte heraus. Aber der Herzog befahl: „Komm Sie her, Naemi! Küsse
Sie Ihrem Landesvater die Hand!“ Die Zofe sprach auf das Kind ein, schob
sie sanft vor. Langsam, die Augen am Boden, und wie gezogen schritt sie,
und mit gierigen Blicken, fröhlich gespannt, schaute Weißensee zu.
Sie gingen in die Studierstube, trinken. Zwangen das Kind, ihnen
Bescheid zu tun. An den Wänden blühte der Kabbalistische Baum, ketteten
sich blockige Buchstaben und verwirrende Bildzeichen, schaute starr der
Himmlische Mensch. Das Kind nippte. Doch weiter war sie nicht zu halten.
Sie floh, schloß in ihr Zimmer sich ein, überschauert, zitternd den ganzen
Leib und eiskalt.
In der Studierstube aber, unter den Trinkenden, konstatierte Herr von
Schütz, auf die magischen Bilder weisend: „Zuerst hat es hier nach
Judenschul und Kirchhof gerochen. Jetzt riecht es nach Paris hier und nach
Parfüm und nach Mercure galant, und die ganze Gespensterluft ist weg.
Merkwürdig, wie ein bißchen frisches Weiberfleisch den gelehrtesten
Magus um sein Prestige bringt.“
Männer. „Wie heißt Sie denn, Demoiselle?“ fragte jetzt der Herzog. Und, da
sie nicht antwortete: „Sulamit? Salomea? Sollen Wir jemandes Kopf zu
Ihren Füßen legen?“
Doch Naemi schwieg weiter, sich windend in fast leiblichem Schmerz
vor Widerwillen und Scheu. „Vom Vater hat sie sie nicht, diese
Schüchternheit,“ konstatierte Herr von Schütz. Aber der Major von Röder
fuhr grob und ungeduldig auf das Kind los: „Gib Antwort, Judenbalg, wenn
dein Herzog dich fragt.“
„Halt’s Maul, Röder!“ sagte Karl Alexander. Und zu der Verschreckten,
in ihre Ecke sich Pressenden, freundlich wie zu einem Kind: „Ich tu dir
nichts, ich freß dich nicht. Gemslein, verschüchtertes! Mimosa! Sei Sie
nicht so zimpferlich!“
Jantje, die Zofe, hatte sich mittlerweile neben das Mädchen geschoben,
dick und gutmütig stand sie neben ihr, in heller Angst und Ratlosigkeit. „Ich
bin wirklich dein Landesherr,“ fuhr leicht ungeduldig Karl Alexander fort,
„dein und deines Vaters wohlaffektionierter Herzog und Herr. Und jetzt sag
endlich, wie du heißt!“
„Die Demoiselle heißt Naemi,“ sagte statt ihrer die Zofe. „Nun wissen
wir’s also,“ grunzte befriedigt Röder. „Naemi, komischer Name!“ und
pruschte heraus. Aber der Herzog befahl: „Komm Sie her, Naemi! Küsse
Sie Ihrem Landesvater die Hand!“ Die Zofe sprach auf das Kind ein, schob
sie sanft vor. Langsam, die Augen am Boden, und wie gezogen schritt sie,
und mit gierigen Blicken, fröhlich gespannt, schaute Weißensee zu.
Sie gingen in die Studierstube, trinken. Zwangen das Kind, ihnen
Bescheid zu tun. An den Wänden blühte der Kabbalistische Baum, ketteten
sich blockige Buchstaben und verwirrende Bildzeichen, schaute starr der
Himmlische Mensch. Das Kind nippte. Doch weiter war sie nicht zu halten.
Sie floh, schloß in ihr Zimmer sich ein, überschauert, zitternd den ganzen
Leib und eiskalt.
In der Studierstube aber, unter den Trinkenden, konstatierte Herr von
Schütz, auf die magischen Bilder weisend: „Zuerst hat es hier nach
Judenschul und Kirchhof gerochen. Jetzt riecht es nach Paris hier und nach
Parfüm und nach Mercure galant, und die ganze Gespensterluft ist weg.
Merkwürdig, wie ein bißchen frisches Weiberfleisch den gelehrtesten
Magus um sein Prestige bringt.“
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Man brach auf. Röder und Schütz voraus, dann der Herzog mit
Weißensee, als letzter Neuffer. Der schwere Herzog stützte sich vertraulich
auf den feinen, schlanken Weißensee. „Das hat Er schlau gemacht,“ freute
er sich. „Da werden wir noch lang unseren Spaß haben. So ein Heimlicher
und Duckmäuser, mein Jud. Na, wir werden ihn frozzeln, daß er soll rot und
blaß werden.“
So aber lag es nicht in der Absicht Weißensees. Jetzt fortgehen und den
Juden ein weniges aufziehen, was war da groß? Darum hatte er sich nicht
die Mühe gemacht. Der Jud war schlau, der Jud wußte, was er an dem Kind
hatte. Er wird sie außer Landes schicken, fernab, jedenfalls wird er sie nicht
an den Hof bringen wie er, Weißensee. Der Jud war gewitzt; und selbst
wenn es ihn kitzelte, der Jud hatte den Magus, der ihn hielt. Ging aber der
Herzog jetzt, dann war er kein zweites Mal nach Hirsau zu bringen. Dann
mußte des Weißensee große, verzehrende Neugier auf immer ungestillt
bleiben.
Der Kirchenratsdirektor sah das Kind vor sich, in die Ecke gepreßt, die
großen Augen in dem mattweißen Gesicht verschüchtert, angewidert, und
ein streichelndes, zärtliches Gefühl kam über ihn. Aber dieses Gefühl
zerstäubte in der wilden, zerreißenden Neugier, die ihn ganz anfüllte, ihm
süß beklemmend die Eingeweide heraufkroch, den Atem schnürte.
Er verlangsamte den Schritt, bat den Herzog, er solle sich nicht
überanstrengen, riet, kleine Rast zu machen. Neuffer hatte noch Wein,
Weißensee bediente den Herzog. Der trank. Weißensee lenkte immer von
neuem die Rede auf das Mädchen; mit seiner höflichen, geschmeidigen
Stimme, in halben Worten, sehr kennerisch, rühmte er ihre Reize, wie jung
und doch reif sie sei. In solcher Blüte seien diese Jüdinnen schön und
einzigartig, über allen Frauen, kühles Feuer wie südlicher Wein. Doch diese
Blüte daure sehr kurz, dann seien sie welk und zum Abscheu. So müßten sie
genommen werden, so, scheu und heiß wie die; wer der den Schaum
abtrinke, der habe ein seltenes Glück gekostet und das ihm bleiben werde
seiner Tage.
So träufelte er sein feines Gift in den Herzog. Karl Alexander trank,
fühlte sein Blut wellen, steigen, fallen. Der Abend kam, Föhn ging in
warmen Stößen, in den Bäumen nebelte vor ihm das Bild des Mädchens,
ihre weichen, scheuen Formen; er schnaufte leise. „So mögen die Weiber
ausgeschaut haben,“ sprach Weißensee seine Träume vor sich hin und sie
galten dem Herzog, „die Weiber, die der König Salomo sich hielt. Tausend
Weißensee, als letzter Neuffer. Der schwere Herzog stützte sich vertraulich
auf den feinen, schlanken Weißensee. „Das hat Er schlau gemacht,“ freute
er sich. „Da werden wir noch lang unseren Spaß haben. So ein Heimlicher
und Duckmäuser, mein Jud. Na, wir werden ihn frozzeln, daß er soll rot und
blaß werden.“
So aber lag es nicht in der Absicht Weißensees. Jetzt fortgehen und den
Juden ein weniges aufziehen, was war da groß? Darum hatte er sich nicht
die Mühe gemacht. Der Jud war schlau, der Jud wußte, was er an dem Kind
hatte. Er wird sie außer Landes schicken, fernab, jedenfalls wird er sie nicht
an den Hof bringen wie er, Weißensee. Der Jud war gewitzt; und selbst
wenn es ihn kitzelte, der Jud hatte den Magus, der ihn hielt. Ging aber der
Herzog jetzt, dann war er kein zweites Mal nach Hirsau zu bringen. Dann
mußte des Weißensee große, verzehrende Neugier auf immer ungestillt
bleiben.
Der Kirchenratsdirektor sah das Kind vor sich, in die Ecke gepreßt, die
großen Augen in dem mattweißen Gesicht verschüchtert, angewidert, und
ein streichelndes, zärtliches Gefühl kam über ihn. Aber dieses Gefühl
zerstäubte in der wilden, zerreißenden Neugier, die ihn ganz anfüllte, ihm
süß beklemmend die Eingeweide heraufkroch, den Atem schnürte.
Er verlangsamte den Schritt, bat den Herzog, er solle sich nicht
überanstrengen, riet, kleine Rast zu machen. Neuffer hatte noch Wein,
Weißensee bediente den Herzog. Der trank. Weißensee lenkte immer von
neuem die Rede auf das Mädchen; mit seiner höflichen, geschmeidigen
Stimme, in halben Worten, sehr kennerisch, rühmte er ihre Reize, wie jung
und doch reif sie sei. In solcher Blüte seien diese Jüdinnen schön und
einzigartig, über allen Frauen, kühles Feuer wie südlicher Wein. Doch diese
Blüte daure sehr kurz, dann seien sie welk und zum Abscheu. So müßten sie
genommen werden, so, scheu und heiß wie die; wer der den Schaum
abtrinke, der habe ein seltenes Glück gekostet und das ihm bleiben werde
seiner Tage.
So träufelte er sein feines Gift in den Herzog. Karl Alexander trank,
fühlte sein Blut wellen, steigen, fallen. Der Abend kam, Föhn ging in
warmen Stößen, in den Bäumen nebelte vor ihm das Bild des Mädchens,
ihre weichen, scheuen Formen; er schnaufte leise. „So mögen die Weiber
ausgeschaut haben,“ sprach Weißensee seine Träume vor sich hin und sie
galten dem Herzog, „die Weiber, die der König Salomo sich hielt. Tausend
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Weiber hielt er sich. So waren die Könige aus dem Alten Testament. Des
Herrn Finanzdirektors seinem Testament.“ Und er lachte ein kleines, stilles
Lachen.
Karl Alexander stand plötzlich auf, klopfte sich Reiser und welkes Laub
des Waldbodens vom Rock, sagte, die Stimme gepreßt, zu Weißensee, er
wolle noch ein weniges allein im Wald spazierengehen. Weißensee möge
ihn bei den anderen Herren entschuldigen; sie sollten nicht auf ihn warten,
sollten nach Hause kehren, ihm den Wagen zurückschicken; den Neuffer
behalte er da. Der Konsistorialpräsident neigte sich, ging. Erst wie er allein
war, atmete er hoch, breitete die Arme, verzerrte das bewegliche Gesicht,
stieß seltsame, schnurrende, glucksende Laute aus.
Karl Alexander ging indes, so rasch es der lahmende Fuß zuließ, gefolgt
von dem Kammerdiener, zurück durch den Wald, in den der Abend einfiel.
Als er an das Haus mit den Terrassen kam, war es schon ganz dunkel,
fetzig, schwärzlich zogen schnelle Wolken, kein Mond war, in starken,
warmen Stößen riß ihm der Wind den Atem weg. Das gute Abenteuer! Jung
war man, jung! Stieg über Zäune, schlich nächtlich durch den Wald. Ei, gut
war das, besser als mit dem lausigen Parlamentsgesindel sich über
Paragraphen streiten. Hätte man noch die Larve vorm Gesicht, fühlte man
sich wie in Venedig so jung.
Schlug kein Hund an? Vielleicht hatte der Magus Zauberkreise gezogen,
die Schwelle mit Hexerei gebannt, daß, wer sie überschritt, sich nicht regen
konnte.
Er ließ den Neuffer zurückbleiben, umstrich späherisch das Haus. Er
hatte sich den einfachen Grundriß leicht gemerkt. Dort war das Zimmer des
Mädchens, es lag dunkel. Wo das Licht brannte, das war der Raum mit den
magischen Zeichnungen. Sollte sie dort –? An dem Spalier war leicht
hinaufzuklettern. Er wird ja sehen.
Leicht ächzend kletterte er ins Fenster. Ja, dort saß sie, Arme schlaff,
ganz still, mit ihren großen, ängstlichen, ratlosen Augen. Pst! rief er sie
flüsternd an, schmunzelnd, blinzelnd, schlau.
Sie schrak auf, sah das rote, massige Gesicht, die blauen, gierig
hervorquellenden Augen. Warf krampfig den Oberkörper zurück, starrte
vergraust auf den Schnaufenden. Er lachte: „Hab ich Sie erschreckt?
Dummes Kind! Hab Sie keine Angst!“ Er schwang sich vollends ins
Zimmer, kam schnaufend, schwitzend auf sie zu: „Gelt, da schaut Sie, was
Ihr Landesvater für ein Kletterer ist.“ Sie, im letzten Augenblick, flatterte in
Herrn Finanzdirektors seinem Testament.“ Und er lachte ein kleines, stilles
Lachen.
Karl Alexander stand plötzlich auf, klopfte sich Reiser und welkes Laub
des Waldbodens vom Rock, sagte, die Stimme gepreßt, zu Weißensee, er
wolle noch ein weniges allein im Wald spazierengehen. Weißensee möge
ihn bei den anderen Herren entschuldigen; sie sollten nicht auf ihn warten,
sollten nach Hause kehren, ihm den Wagen zurückschicken; den Neuffer
behalte er da. Der Konsistorialpräsident neigte sich, ging. Erst wie er allein
war, atmete er hoch, breitete die Arme, verzerrte das bewegliche Gesicht,
stieß seltsame, schnurrende, glucksende Laute aus.
Karl Alexander ging indes, so rasch es der lahmende Fuß zuließ, gefolgt
von dem Kammerdiener, zurück durch den Wald, in den der Abend einfiel.
Als er an das Haus mit den Terrassen kam, war es schon ganz dunkel,
fetzig, schwärzlich zogen schnelle Wolken, kein Mond war, in starken,
warmen Stößen riß ihm der Wind den Atem weg. Das gute Abenteuer! Jung
war man, jung! Stieg über Zäune, schlich nächtlich durch den Wald. Ei, gut
war das, besser als mit dem lausigen Parlamentsgesindel sich über
Paragraphen streiten. Hätte man noch die Larve vorm Gesicht, fühlte man
sich wie in Venedig so jung.
Schlug kein Hund an? Vielleicht hatte der Magus Zauberkreise gezogen,
die Schwelle mit Hexerei gebannt, daß, wer sie überschritt, sich nicht regen
konnte.
Er ließ den Neuffer zurückbleiben, umstrich späherisch das Haus. Er
hatte sich den einfachen Grundriß leicht gemerkt. Dort war das Zimmer des
Mädchens, es lag dunkel. Wo das Licht brannte, das war der Raum mit den
magischen Zeichnungen. Sollte sie dort –? An dem Spalier war leicht
hinaufzuklettern. Er wird ja sehen.
Leicht ächzend kletterte er ins Fenster. Ja, dort saß sie, Arme schlaff,
ganz still, mit ihren großen, ängstlichen, ratlosen Augen. Pst! rief er sie
flüsternd an, schmunzelnd, blinzelnd, schlau.
Sie schrak auf, sah das rote, massige Gesicht, die blauen, gierig
hervorquellenden Augen. Warf krampfig den Oberkörper zurück, starrte
vergraust auf den Schnaufenden. Er lachte: „Hab ich Sie erschreckt?
Dummes Kind! Hab Sie keine Angst!“ Er schwang sich vollends ins
Zimmer, kam schnaufend, schwitzend auf sie zu: „Gelt, da schaut Sie, was
Ihr Landesvater für ein Kletterer ist.“ Sie, im letzten Augenblick, flatterte in
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die äußerste Ecke des Zimmers, sinnlos unhörbare Gebete lallend, kauerte
sich in sich zusammen. Er, ihr nach, sprach beruhigend wie zu einem
kleinen Kinde auf sie ein; doch seine grauenhafte Freundlichkeit ließ sie
noch schreckhafter schauern. Die Augen wie gefrorene Seen, die Lippen
weiß, starrte sie auf ihn, bis er endlich ungeduldig, brutal sie an sich riß,
küssend über die Eiskalte herfiel, nach ihrer Brust tastete. Unter den
Händen fort glitt sie ihm, schrie mit kleiner, tonloser Kinderstimme nach
dem Oheim, riß sich los, gewann die Tür, wehte eine Treppe hinauf. Die
Treppe führte zum Dach.
Oben angelangt, atmete sie heftig, hastig die nächtige Föhnluft ein. Der
warme, feuchte Wind nahm sie in seine Arme, trieb sie vor. Sie lauschte
hinter sich, es blieb still. Sie breitete die Arme, fühlte sich frei, der Oheim
hatte geholfen, jetzt wehte der feuchte, wohlige Wind den Dunst und Atem
des Tieres fort von ihr. Sie schritt, tanzend fast, vor an den Rand des sehr
flachen Daches. Kamen nicht Stimmen aus dem Wald? Die tiefe, samten
streichelnde des Vaters und die knarrende, mißlaunige und doch, oh! so
tröstliche des Oheims. Und sie lächelte in die Nacht hinaus.
Da stapfte es die Treppe herauf, schnaufend, leise fluchend. Das Tier.
Aber jetzt blieb sie ohne Angst. Da wehte es schon her vom Wald, ein
Wagen mit luftigen Pferden bespannt, hielt am Dach. Lächelnd, mit
gleitendem Schritt stieg sie ein.
Karl Alexander, wie er oben war, sah nichts. Sie war doch die Treppe
heraufgeweht, und die bot keinen andern Ausgang. Hatte sie, Gift und
Opperment! von den hexischen Künsten des Alten gelernt, sich in den
Nachtvogel dort verwandelt, segelte sie dort als der schwarze Wolkenfetzen
und lachte ihn aus? Verfluchtes, kleines Mensch! Er stand enttäuscht und
grimmig, starker Wind ging, riß ihm den Rock zurück, die
schweißklebenden Haare. Alter Esel, der er war! Hätte er doch unten den
Judenbalg genommen, den zimpferlichen, über den Tisch ihn geworfen,
nicht achtend das Gezier und Getue. Wozu in Teufels Namen war er der
Herr? Jetzt kam er um seine Nacht, und die in Hirsau hatten recht, wenn sie
ihn auslachten.
Verdrießlich tappte er sich die Treppe wieder hinunter. Der Fuß
schmerzte ihn und er war hundsmüde. Mühsam und umständlich durchs
Fenster stieg er aus dem Haus. Da hörte er flüsternd, furchtsam und erregt
heiser die Stimme des Kammerdieners: „In den Blumen liegt sie!“ Er
dachte, sie habe sich dort versteckt, lachte: „der Racker!“ hastete stolpernd
sich in sich zusammen. Er, ihr nach, sprach beruhigend wie zu einem
kleinen Kinde auf sie ein; doch seine grauenhafte Freundlichkeit ließ sie
noch schreckhafter schauern. Die Augen wie gefrorene Seen, die Lippen
weiß, starrte sie auf ihn, bis er endlich ungeduldig, brutal sie an sich riß,
küssend über die Eiskalte herfiel, nach ihrer Brust tastete. Unter den
Händen fort glitt sie ihm, schrie mit kleiner, tonloser Kinderstimme nach
dem Oheim, riß sich los, gewann die Tür, wehte eine Treppe hinauf. Die
Treppe führte zum Dach.
Oben angelangt, atmete sie heftig, hastig die nächtige Föhnluft ein. Der
warme, feuchte Wind nahm sie in seine Arme, trieb sie vor. Sie lauschte
hinter sich, es blieb still. Sie breitete die Arme, fühlte sich frei, der Oheim
hatte geholfen, jetzt wehte der feuchte, wohlige Wind den Dunst und Atem
des Tieres fort von ihr. Sie schritt, tanzend fast, vor an den Rand des sehr
flachen Daches. Kamen nicht Stimmen aus dem Wald? Die tiefe, samten
streichelnde des Vaters und die knarrende, mißlaunige und doch, oh! so
tröstliche des Oheims. Und sie lächelte in die Nacht hinaus.
Da stapfte es die Treppe herauf, schnaufend, leise fluchend. Das Tier.
Aber jetzt blieb sie ohne Angst. Da wehte es schon her vom Wald, ein
Wagen mit luftigen Pferden bespannt, hielt am Dach. Lächelnd, mit
gleitendem Schritt stieg sie ein.
Karl Alexander, wie er oben war, sah nichts. Sie war doch die Treppe
heraufgeweht, und die bot keinen andern Ausgang. Hatte sie, Gift und
Opperment! von den hexischen Künsten des Alten gelernt, sich in den
Nachtvogel dort verwandelt, segelte sie dort als der schwarze Wolkenfetzen
und lachte ihn aus? Verfluchtes, kleines Mensch! Er stand enttäuscht und
grimmig, starker Wind ging, riß ihm den Rock zurück, die
schweißklebenden Haare. Alter Esel, der er war! Hätte er doch unten den
Judenbalg genommen, den zimpferlichen, über den Tisch ihn geworfen,
nicht achtend das Gezier und Getue. Wozu in Teufels Namen war er der
Herr? Jetzt kam er um seine Nacht, und die in Hirsau hatten recht, wenn sie
ihn auslachten.
Verdrießlich tappte er sich die Treppe wieder hinunter. Der Fuß
schmerzte ihn und er war hundsmüde. Mühsam und umständlich durchs
Fenster stieg er aus dem Haus. Da hörte er flüsternd, furchtsam und erregt
heiser die Stimme des Kammerdieners: „In den Blumen liegt sie!“ Er
dachte, sie habe sich dort versteckt, lachte: „der Racker!“ hastete stolpernd
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durch das unsichere Dämmerlicht der Nacht in der Richtung, die Neuffer
gewiesen.
Ja, da lag sie zwischen den Blumen. Die Blumen schwankten heftig im
Wind hin und her, schüttelten tausend Arme, sie aber lag ganz reglos. Er rief
sie schäkernd an: „Racker! Wie bist du bloß herausgekommen?“ Da sie
nicht antwortete, griff er sie sacht beim Arm, bog ihr den Kopf zurück,
tastete hastig, erschreckt sie ab. Erkannte, daß sie tot war. Begriff nicht.
Fetziges Gewölk jagte. Starkfarbig krümmte sich, wenig Licht gebend,
der junge Mond. Der Diener stand abseits, scheu. Der Herzog von
Württemberg aber kniete an der Leiche der jungen Jüdin, im Föhn,
zwischen den Blumen, in dumpfem, ratlosem Unbehagen, ein armer, kleiner
Mensch in Wind und Nacht.
Was eigentlich war geschehen? War sie ins Leere getreten? War es
Absicht? Auf irgendeine Art war er mit dieser Toten verknüpft, war er
Ursach dieses Todes.
Bah! Er hatte geschäkert ein weniges. Wer konnte ahnen, daß die Jungfer
so zimpferlich war. Er hatte andere solchen Alters ganz anders angepackt;
und was für welche! Töchter ersten schwäbischen Adels! Da brauchte die
Jüdin sich nicht so zu haben und zu zieren. Es kam vor, daß Kinder, gab
man ihnen nur ein böses Wort, ins Wasser gingen, sich was antaten. Das
kam vor. Die waren eben verrückt, die gehörten nicht ins Leben. Da war
der, so vielleicht Ursach war, ohne Schuld.
Dennoch konnte er das klemmende, pressende Unbehagen nicht
loswerden. Der Jud hatte sie versteckt, so tief und heimlich versteckt, und
nun lag sie doch und war starr und steif und der Jud hat sie mit aller
Schläue nicht wahren können. Das blies einen an, wer weiß woher, und man
war ausgelöscht. Absonderlich war das und sehr verwickelt. Da war sie
vorhin noch im Licht gesessen und ihre Augen hatten gebrannt von Leben
und jetzt lag sie da in der Nacht und kein warmer Wind half ihr vorm
Erkalten.
Der Wald lag schwärzlich, feindselig und voll Geheimnis. Stimmen
kamen aus ihm, verwirrend, höhnisch. Den Mann im Föhn überschauerte
es. Kindheitsmärchen nebelten herauf, bliesen ihn an, Vorstellungen von
einem Zauberwald, gefüllt mit verdammten Geistern, es zerrte ihn im
Nacken, an den Haaren, lange, gespenstische Arme streckten sich. Und
plötzlich wieder schritt er in jenem stummen, schattenhaften Tanz; der
Magus vor ihm hielt seine rechte Hand, Süß hinter ihm die linke. Tanzte da
gewiesen.
Ja, da lag sie zwischen den Blumen. Die Blumen schwankten heftig im
Wind hin und her, schüttelten tausend Arme, sie aber lag ganz reglos. Er rief
sie schäkernd an: „Racker! Wie bist du bloß herausgekommen?“ Da sie
nicht antwortete, griff er sie sacht beim Arm, bog ihr den Kopf zurück,
tastete hastig, erschreckt sie ab. Erkannte, daß sie tot war. Begriff nicht.
Fetziges Gewölk jagte. Starkfarbig krümmte sich, wenig Licht gebend,
der junge Mond. Der Diener stand abseits, scheu. Der Herzog von
Württemberg aber kniete an der Leiche der jungen Jüdin, im Föhn,
zwischen den Blumen, in dumpfem, ratlosem Unbehagen, ein armer, kleiner
Mensch in Wind und Nacht.
Was eigentlich war geschehen? War sie ins Leere getreten? War es
Absicht? Auf irgendeine Art war er mit dieser Toten verknüpft, war er
Ursach dieses Todes.
Bah! Er hatte geschäkert ein weniges. Wer konnte ahnen, daß die Jungfer
so zimpferlich war. Er hatte andere solchen Alters ganz anders angepackt;
und was für welche! Töchter ersten schwäbischen Adels! Da brauchte die
Jüdin sich nicht so zu haben und zu zieren. Es kam vor, daß Kinder, gab
man ihnen nur ein böses Wort, ins Wasser gingen, sich was antaten. Das
kam vor. Die waren eben verrückt, die gehörten nicht ins Leben. Da war
der, so vielleicht Ursach war, ohne Schuld.
Dennoch konnte er das klemmende, pressende Unbehagen nicht
loswerden. Der Jud hatte sie versteckt, so tief und heimlich versteckt, und
nun lag sie doch und war starr und steif und der Jud hat sie mit aller
Schläue nicht wahren können. Das blies einen an, wer weiß woher, und man
war ausgelöscht. Absonderlich war das und sehr verwickelt. Da war sie
vorhin noch im Licht gesessen und ihre Augen hatten gebrannt von Leben
und jetzt lag sie da in der Nacht und kein warmer Wind half ihr vorm
Erkalten.
Der Wald lag schwärzlich, feindselig und voll Geheimnis. Stimmen
kamen aus ihm, verwirrend, höhnisch. Den Mann im Föhn überschauerte
es. Kindheitsmärchen nebelten herauf, bliesen ihn an, Vorstellungen von
einem Zauberwald, gefüllt mit verdammten Geistern, es zerrte ihn im
Nacken, an den Haaren, lange, gespenstische Arme streckten sich. Und
plötzlich wieder schritt er in jenem stummen, schattenhaften Tanz; der
Magus vor ihm hielt seine rechte Hand, Süß hinter ihm die linke. Tanzte da
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nicht auch nickend, sich neigend das Mädchen mit im Reigen? Und er hörte
die knarrende, mißlaunige Stimme des Magus. Er hörte deutlich jeden Laut,
strengte sich an, zu verstehen; aber er verstand nicht. Dies quälte ihn. Und
alles war so trüb, nebelhaft, farblos.
Mit einem knurrenden, bösen Laut riß er sich los aus der Gebundenheit.
Er war hundsmüde, er wird jetzt schlafen. Da lag eine Tote im Wind. Je
nun, er hat schon viele Tote gesehen. Wenn er eine Attacke befahl und dann
lagen die Toten herum, war schließlich auch er die Ursach. Das war Unsinn
und überhirnisch, darüber lange zu meditieren. Was hing er mehr Gedanken
an die tote Jüdin als an tausend brave christliche Offiziere und Soldaten, die
rings um ihn, durch ihn gestorben waren? Dafür war er der Herzog. Das
hatte Gott so eingerichtet, daß, wo er hintrat, Leben blühte oder Tod einfiel.
Er wird also jetzt schlafen gehen. Und das Mädchen? Sie so liegen
lassen? Ihr schadet freilich kein Wind und kein Regen mehr. Wenn er jetzt
geht, dann ist die Affäre aus, fertig, finito. Die Domestiken werden morgen
das Mädchen finden, den Süß benachrichtigen. Der wird sich zergrübeln,
warum sie eigentlich und wieso tot ist. Aber vermutlich wird er weiter
keinen Schnaufer tun. Hüten wird er sich. Eingraben in aller Stille wird er
sein Mädchen und das Maul halten. Und die mit ihm waren, Weißensee und
die anderen, item. Aus sein wird die Affäre, tot und stumm und begraben,
und Schluß. Ex, ex, ex!
Er wird also – Nein, er wird nicht. Soll er sich etwa davonmachen?
Hoho! Das könnte ja aussehen, als hätte er Angst vor dem Juden. Wecken
wird er die Domestiken, einen Reitenden wird er dem Süß schicken, ihn
abwarten hier, ihm sagen: Nette Historien stellst du an, du Filou! Da findet
man dein Mädel, im Wind, tot. Hättest du sie nicht versteckt, du Jud, du
Heimlicher, du Heimtückischer, hättest du sie nach Stuttgart gebracht, nie
wäre das arriviert.
Ein großer Schlag und dickes Unwetter mußte das ja sein für den Juden.
Das verfluchte, unheimliche, rätselvolle Pack! Erst zwang er einen in die
Lächerlichkeit und das Unbehagen mit dem Eßlinger Handel hinein. Und
auf einmal hatte er dann dieses sonderbare Kind, und wie man es anfassen
wollte, war es tot. Die Geschichte wäre nie aus und ex gewesen, auch wenn
er jetzt einfach wegginge und nach Stuttgart zurückführe und niemals
jemand ein Wort darüber spräche. Das Gesicht dieses Kindes war schwerer
zu vergessen als tausend tote, verzerrte, zerstümmelte Soldatengesichter. Er
rief sich das Gesicht des Juden zurück, sehr weiß mit den roten, kurzen,
die knarrende, mißlaunige Stimme des Magus. Er hörte deutlich jeden Laut,
strengte sich an, zu verstehen; aber er verstand nicht. Dies quälte ihn. Und
alles war so trüb, nebelhaft, farblos.
Mit einem knurrenden, bösen Laut riß er sich los aus der Gebundenheit.
Er war hundsmüde, er wird jetzt schlafen. Da lag eine Tote im Wind. Je
nun, er hat schon viele Tote gesehen. Wenn er eine Attacke befahl und dann
lagen die Toten herum, war schließlich auch er die Ursach. Das war Unsinn
und überhirnisch, darüber lange zu meditieren. Was hing er mehr Gedanken
an die tote Jüdin als an tausend brave christliche Offiziere und Soldaten, die
rings um ihn, durch ihn gestorben waren? Dafür war er der Herzog. Das
hatte Gott so eingerichtet, daß, wo er hintrat, Leben blühte oder Tod einfiel.
Er wird also jetzt schlafen gehen. Und das Mädchen? Sie so liegen
lassen? Ihr schadet freilich kein Wind und kein Regen mehr. Wenn er jetzt
geht, dann ist die Affäre aus, fertig, finito. Die Domestiken werden morgen
das Mädchen finden, den Süß benachrichtigen. Der wird sich zergrübeln,
warum sie eigentlich und wieso tot ist. Aber vermutlich wird er weiter
keinen Schnaufer tun. Hüten wird er sich. Eingraben in aller Stille wird er
sein Mädchen und das Maul halten. Und die mit ihm waren, Weißensee und
die anderen, item. Aus sein wird die Affäre, tot und stumm und begraben,
und Schluß. Ex, ex, ex!
Er wird also – Nein, er wird nicht. Soll er sich etwa davonmachen?
Hoho! Das könnte ja aussehen, als hätte er Angst vor dem Juden. Wecken
wird er die Domestiken, einen Reitenden wird er dem Süß schicken, ihn
abwarten hier, ihm sagen: Nette Historien stellst du an, du Filou! Da findet
man dein Mädel, im Wind, tot. Hättest du sie nicht versteckt, du Jud, du
Heimlicher, du Heimtückischer, hättest du sie nach Stuttgart gebracht, nie
wäre das arriviert.
Ein großer Schlag und dickes Unwetter mußte das ja sein für den Juden.
Das verfluchte, unheimliche, rätselvolle Pack! Erst zwang er einen in die
Lächerlichkeit und das Unbehagen mit dem Eßlinger Handel hinein. Und
auf einmal hatte er dann dieses sonderbare Kind, und wie man es anfassen
wollte, war es tot. Die Geschichte wäre nie aus und ex gewesen, auch wenn
er jetzt einfach wegginge und nach Stuttgart zurückführe und niemals
jemand ein Wort darüber spräche. Das Gesicht dieses Kindes war schwerer
zu vergessen als tausend tote, verzerrte, zerstümmelte Soldatengesichter. Er
rief sich das Gesicht des Juden zurück, sehr weiß mit den roten, kurzen,
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üppigen Lippen, den fliegenden, wölbigen Augen. Mattweiß war es wie das
Gesicht des Kindes. Wie sich der Kerl gleich zuerst an ihn herangemacht
hatte, in ihn hereingeschlüpft war mit seinem verfluchten, sklavischen,
orientalischen Hundeblick. Freilich, wenn man es durchdachte, war damals
nicht viel aus ihm herauszuholen gewesen. Ein kleiner Prinz, dem nicht
einmal das Parlament die paar Batzen Vorschuß verwilligte, groß Kapital
und Zins war aus dem nicht herauszuschlagen. Und wenn es schließlich
auch anders ging und der Süß sein Vertrauen sich mit Wucher bezahlen ließ,
gut war ihm zum Ende das Geschäft doch nicht bekommen. Wenn ihm
schon an dem Juden Jecheskel soviel lag, mußte ihm wohl das Kind, das
zärtlich gehütete, noch viel mehr sein. Und da lag es jetzt auf dem Boden,
ein Häuflein Würmerfraß, und lag im Wind und war tot.
Los sein! Den Juden los sein! Er wird ihm aufsagen. Er soll sein ganzes
Vermögen und Gold und Edelsteine und Verschreibungen und was er sich
alles aus dem Land ergaunert hat, mit sich nehmen, ungehindert. Er wird
ihm noch ein riesiges Douceur zulegen. Aber fort soll er! Gehen soll er!
Nein, er soll doch nicht gehen. Das wäre, als hätte er ein übles,
drückendes Gefühl bei seinem Anblick. Er wird ihm doch nicht aufsagen.
Aber Schluß jetzt! Er wird sich das später überlegen. Jetzt wird er sich,
Teufel noch eins! schlafen legen. Er ging ans Tor, pochte laut, brutal. Wies
dem öffnenden, verschlafenen, mürrischen alten Diener die Leiche. Ging
ohne weitere Erklärungen an dem Versteinerten vorbei. Das tierhafte
Gestöhn des Alten, das Gewinsel, Gezeter, Gelalle der aufgelösten Zofe.
Karl Alexander kümmerte sich um nichts, ging ins Haus, hatte für die
zaghaften Vorstellungen des Neuffer, der sich in dem verzauberten Haus mit
der Toten ängstigte, nur eine zornige Grimasse. Warf sich in den Kleidern
auf eine Ottomane. Schlief röchelnd, schnarchend, totenhaft tief.
Als er erwachte, strahlte klarer Tag ins Zimmer. Er fühlte sich steif und
schmutzig. In einer Ecke, eingenickt, kauerte der Neuffer. Karl Alexander
streckte sich. Ah, er wird jetzt das unbehagliche Haus verlassen, nach
Hirsau zurückkehren, in den bequemen Räumen des Weißensee baden, gut
frühstücken. Den Juden abwarten, ihm auf die Schulter klopfen, ein paar
fürstlich huldvolle Trostworte sagen. Und damit war dann diese Jagdpartie
erledigt, und es war nur schade, daß sie nicht so angenehm endigte wie sie
anging. Er trat hart auf, daß der Neuffer aus dem Schlaf schrak und sich
aufrappelte. Ging dann, bis der sich zurechtmachte, in die Studierstube. Da
lag die Tote, die Fenster waren verhängt, große Lichter brannten, auch das
Gesicht des Kindes. Wie sich der Kerl gleich zuerst an ihn herangemacht
hatte, in ihn hereingeschlüpft war mit seinem verfluchten, sklavischen,
orientalischen Hundeblick. Freilich, wenn man es durchdachte, war damals
nicht viel aus ihm herauszuholen gewesen. Ein kleiner Prinz, dem nicht
einmal das Parlament die paar Batzen Vorschuß verwilligte, groß Kapital
und Zins war aus dem nicht herauszuschlagen. Und wenn es schließlich
auch anders ging und der Süß sein Vertrauen sich mit Wucher bezahlen ließ,
gut war ihm zum Ende das Geschäft doch nicht bekommen. Wenn ihm
schon an dem Juden Jecheskel soviel lag, mußte ihm wohl das Kind, das
zärtlich gehütete, noch viel mehr sein. Und da lag es jetzt auf dem Boden,
ein Häuflein Würmerfraß, und lag im Wind und war tot.
Los sein! Den Juden los sein! Er wird ihm aufsagen. Er soll sein ganzes
Vermögen und Gold und Edelsteine und Verschreibungen und was er sich
alles aus dem Land ergaunert hat, mit sich nehmen, ungehindert. Er wird
ihm noch ein riesiges Douceur zulegen. Aber fort soll er! Gehen soll er!
Nein, er soll doch nicht gehen. Das wäre, als hätte er ein übles,
drückendes Gefühl bei seinem Anblick. Er wird ihm doch nicht aufsagen.
Aber Schluß jetzt! Er wird sich das später überlegen. Jetzt wird er sich,
Teufel noch eins! schlafen legen. Er ging ans Tor, pochte laut, brutal. Wies
dem öffnenden, verschlafenen, mürrischen alten Diener die Leiche. Ging
ohne weitere Erklärungen an dem Versteinerten vorbei. Das tierhafte
Gestöhn des Alten, das Gewinsel, Gezeter, Gelalle der aufgelösten Zofe.
Karl Alexander kümmerte sich um nichts, ging ins Haus, hatte für die
zaghaften Vorstellungen des Neuffer, der sich in dem verzauberten Haus mit
der Toten ängstigte, nur eine zornige Grimasse. Warf sich in den Kleidern
auf eine Ottomane. Schlief röchelnd, schnarchend, totenhaft tief.
Als er erwachte, strahlte klarer Tag ins Zimmer. Er fühlte sich steif und
schmutzig. In einer Ecke, eingenickt, kauerte der Neuffer. Karl Alexander
streckte sich. Ah, er wird jetzt das unbehagliche Haus verlassen, nach
Hirsau zurückkehren, in den bequemen Räumen des Weißensee baden, gut
frühstücken. Den Juden abwarten, ihm auf die Schulter klopfen, ein paar
fürstlich huldvolle Trostworte sagen. Und damit war dann diese Jagdpartie
erledigt, und es war nur schade, daß sie nicht so angenehm endigte wie sie
anging. Er trat hart auf, daß der Neuffer aus dem Schlaf schrak und sich
aufrappelte. Ging dann, bis der sich zurechtmachte, in die Studierstube. Da
lag die Tote, die Fenster waren verhängt, große Lichter brannten, auch das
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magische Bild des Himmlischen Menschen war verhängt. Zu Häupten des
Mädchens aber stand Rabbi Gabriel. Ueber der platten Nase die trübgrauen
Augen hoben sich nicht, als der Herzog eintrat. Der Rabbi fragte nichts,
forschte nichts. Mit seiner knarrenden, mißlaunigen Stimme sagte er:
„Gehen Sie, Herr Herzog!“ Und der Herzog, betreten, ging. Er zürnte nicht,
es war eine große Dumpfheit und Benommenheit über ihm, er verließ das
Haus, er sah nicht, wie festlich und heiter die Blumen in dem hellen Tag
standen, er sprach nicht mit dem Neuffer, der ihm ängstlich und nach einem
Menschenwort gierig folgte, er ging eilends, ging durch den Wald, und bis
er an den Karrenweg kam, wo der Wagen wartete, sprach er kein Wort.
Noch in der Nacht, ohne daß man ihn benachrichtigt, war Rabbi Gabriel
gekommen. Er schien nicht groß erstaunt, die sehr dichten Brauen zogen
sich zusammen, die drei senkrechten Falten zackten noch tiefer in die
breite, nicht hohe Stirn. Den Segensspruch sprach er, der zu sprechen war
beim Anblick eines Toten: „Gerühmt seist du, Jahve, Gott, gerechter
Richter.“ Er bettete das Mädchen, zur Brust faltete er ihr die starren Arme,
richtete der Toten Zeige-, Mittel- und Goldfinger so, daß sie das Schin
bildeten, den Anfangsbuchstaben des allerheiligsten Namens: Schaddai. Er
verhängte die Fenster, entzündete Kerzen, verhängte das Bild des
Himmlischen Menschen. Wasser goß er hinter sich, da er das Totenzimmer
betrat, Wasser zu Häupten, Wasser zu Füßen des Mädchens. Denn es
scheucht das Wasser die Dämonen, die der Tod anlockt. Nur Samael, der
Linke, der Engel des Todes, läßt sich nicht vertreiben. So blieb der Rabbi
allein mit der Toten und mit Samael, dem Linken.
Zwischen die Knie senkte er den Kopf, in die Erde hinein sprach er die
drei Hymnen, der großen Heiligung, der Entzückung in den dritten Himmel,
der Heere der Toten. Da war die Seele des Mädchens da, und der Linke
konnte sie nicht verbergen. Ach, Rabbi Gabriel hatte gewußt, sie war noch
da, sie wird nicht auf geradem Fluge eingehen in die Obere Welt; noch
wartete ein Werk auf sie in der Untern Welt, und darum auch hatte das Kind
gerufen. Er aber konnte sie nicht erreichen, und so war sie gestorben, eh
daß er gekommen war.
Ein kleines, verlorenes Bündel hockte der dickliche Mann in dem Raum,
der ganz erfüllt war von Samael, dem Linken, und der flatternden,
verschüchterten Seele des Kindes. Und er sprach zu ihr mit seiner
knarrenden, mißtönigen Stimme; doch er konnte ihr nichts sagen, sie war ja
Mädchens aber stand Rabbi Gabriel. Ueber der platten Nase die trübgrauen
Augen hoben sich nicht, als der Herzog eintrat. Der Rabbi fragte nichts,
forschte nichts. Mit seiner knarrenden, mißlaunigen Stimme sagte er:
„Gehen Sie, Herr Herzog!“ Und der Herzog, betreten, ging. Er zürnte nicht,
es war eine große Dumpfheit und Benommenheit über ihm, er verließ das
Haus, er sah nicht, wie festlich und heiter die Blumen in dem hellen Tag
standen, er sprach nicht mit dem Neuffer, der ihm ängstlich und nach einem
Menschenwort gierig folgte, er ging eilends, ging durch den Wald, und bis
er an den Karrenweg kam, wo der Wagen wartete, sprach er kein Wort.
Noch in der Nacht, ohne daß man ihn benachrichtigt, war Rabbi Gabriel
gekommen. Er schien nicht groß erstaunt, die sehr dichten Brauen zogen
sich zusammen, die drei senkrechten Falten zackten noch tiefer in die
breite, nicht hohe Stirn. Den Segensspruch sprach er, der zu sprechen war
beim Anblick eines Toten: „Gerühmt seist du, Jahve, Gott, gerechter
Richter.“ Er bettete das Mädchen, zur Brust faltete er ihr die starren Arme,
richtete der Toten Zeige-, Mittel- und Goldfinger so, daß sie das Schin
bildeten, den Anfangsbuchstaben des allerheiligsten Namens: Schaddai. Er
verhängte die Fenster, entzündete Kerzen, verhängte das Bild des
Himmlischen Menschen. Wasser goß er hinter sich, da er das Totenzimmer
betrat, Wasser zu Häupten, Wasser zu Füßen des Mädchens. Denn es
scheucht das Wasser die Dämonen, die der Tod anlockt. Nur Samael, der
Linke, der Engel des Todes, läßt sich nicht vertreiben. So blieb der Rabbi
allein mit der Toten und mit Samael, dem Linken.
Zwischen die Knie senkte er den Kopf, in die Erde hinein sprach er die
drei Hymnen, der großen Heiligung, der Entzückung in den dritten Himmel,
der Heere der Toten. Da war die Seele des Mädchens da, und der Linke
konnte sie nicht verbergen. Ach, Rabbi Gabriel hatte gewußt, sie war noch
da, sie wird nicht auf geradem Fluge eingehen in die Obere Welt; noch
wartete ein Werk auf sie in der Untern Welt, und darum auch hatte das Kind
gerufen. Er aber konnte sie nicht erreichen, und so war sie gestorben, eh
daß er gekommen war.
Ein kleines, verlorenes Bündel hockte der dickliche Mann in dem Raum,
der ganz erfüllt war von Samael, dem Linken, und der flatternden,
verschüchterten Seele des Kindes. Und er sprach zu ihr mit seiner
knarrenden, mißtönigen Stimme; doch er konnte ihr nichts sagen, sie war ja
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schon über der Schwelle der dritten Welt, und so sehr sie es wollte, er
konnte sie nicht halten.
Und da er spürte, wie es sie weitertrieb und wie der Linke sie überdeckte,
rief er der Entgleitenden nach mit jenen Worten der Schrift, die sie am
liebsten liebte: „Wie warst du mir süß, Naemi, meine Tochter! Liebe!
Liebliche! Lilie des Tals! Rose von Saaron!“
Da spürte er ein letztes flatterndes Grüßen. Aber Samael war stärker als
er und trieb sie weiter. Da fiel er auf sein Angesicht, nie war er so schwer
und erdig gewesen wie jetzt, und er lag viele Stunden in grauenvoller
Schwäche. Und die Kerzen brannten, und die Tote hatte die Finger gestreckt
im Zeichen des Schin; aber kein Zeichen half, niemand war im Raum, und
er blieb allein und hilflos und stumpf und in herzschnürender Not mit
Samael, dem Linken.
Mit halben Worten deutete der Herzog dem Weißensee an, was geschehen
war. Der Reitende an Süß war längst unterwegs. Karl Alexander, während
er den Juden erwartete, entfaltete eine lärmende Heiterkeit, aß mächtig,
trank, zotete, jagte.
Weißensee hörte nur, daß das Kind tot war. Es gelang ihm, im Angesicht
des Herzogs höflich und gefaßt zu bleiben. Allein, zersplitterte er wie Glas.
Der Jud war ihm über. Wieder hatte der Jud gesiegt. Das Kind war tot. Es
war nicht beschmutzt, besudelt, zerknickt, es war einfach tot; entschwebt,
rein, aus Höhen geisterhaft und lieblich lächelnd. Der Jud war kein
komischer, zerknitterter, schmieriger Kuppler wie er, der Jud war tragisch
fast und ein Märtyrer, sein Kleinod war nicht getrübt und verschlammt; wie
ein anderer mit kotiger Hand danach greifen wollte, hat es sich aufgelöst in
die reine Gottesluft. Jetzt hat es keinen Sinn mehr, neugierig zu sein, jetzt
kitzelte es ihn durchaus nicht mehr, das Gesicht des Juden zu sehen. Schlaff
saß er, ausgehöhlt, zerkrümmt im Lehnstuhl, lallte ziemlich sinnlos und
immer wieder vor sich hin: „Nenikekas, Judaie! Nenikekas, Judaie!“
Unterdes jagte Süß nach Hirsau. Als er die Meldung erhielt, der Herzog
sei in Hirsau, er solle sogleich und ohne eine Minute Verzug hinkommen,
war ihm der Gaumen kalt geworden vor Schreck. Gewißheit war ihm, daß
dem Kind etwas drohte, vielleicht schon geschehen war. Doch in Hirsau, im
Hause des Weißensee, hieß es, der Herzog sei ausgefahren, er sei wohl im
konnte sie nicht halten.
Und da er spürte, wie es sie weitertrieb und wie der Linke sie überdeckte,
rief er der Entgleitenden nach mit jenen Worten der Schrift, die sie am
liebsten liebte: „Wie warst du mir süß, Naemi, meine Tochter! Liebe!
Liebliche! Lilie des Tals! Rose von Saaron!“
Da spürte er ein letztes flatterndes Grüßen. Aber Samael war stärker als
er und trieb sie weiter. Da fiel er auf sein Angesicht, nie war er so schwer
und erdig gewesen wie jetzt, und er lag viele Stunden in grauenvoller
Schwäche. Und die Kerzen brannten, und die Tote hatte die Finger gestreckt
im Zeichen des Schin; aber kein Zeichen half, niemand war im Raum, und
er blieb allein und hilflos und stumpf und in herzschnürender Not mit
Samael, dem Linken.
Mit halben Worten deutete der Herzog dem Weißensee an, was geschehen
war. Der Reitende an Süß war längst unterwegs. Karl Alexander, während
er den Juden erwartete, entfaltete eine lärmende Heiterkeit, aß mächtig,
trank, zotete, jagte.
Weißensee hörte nur, daß das Kind tot war. Es gelang ihm, im Angesicht
des Herzogs höflich und gefaßt zu bleiben. Allein, zersplitterte er wie Glas.
Der Jud war ihm über. Wieder hatte der Jud gesiegt. Das Kind war tot. Es
war nicht beschmutzt, besudelt, zerknickt, es war einfach tot; entschwebt,
rein, aus Höhen geisterhaft und lieblich lächelnd. Der Jud war kein
komischer, zerknitterter, schmieriger Kuppler wie er, der Jud war tragisch
fast und ein Märtyrer, sein Kleinod war nicht getrübt und verschlammt; wie
ein anderer mit kotiger Hand danach greifen wollte, hat es sich aufgelöst in
die reine Gottesluft. Jetzt hat es keinen Sinn mehr, neugierig zu sein, jetzt
kitzelte es ihn durchaus nicht mehr, das Gesicht des Juden zu sehen. Schlaff
saß er, ausgehöhlt, zerkrümmt im Lehnstuhl, lallte ziemlich sinnlos und
immer wieder vor sich hin: „Nenikekas, Judaie! Nenikekas, Judaie!“
Unterdes jagte Süß nach Hirsau. Als er die Meldung erhielt, der Herzog
sei in Hirsau, er solle sogleich und ohne eine Minute Verzug hinkommen,
war ihm der Gaumen kalt geworden vor Schreck. Gewißheit war ihm, daß
dem Kind etwas drohte, vielleicht schon geschehen war. Doch in Hirsau, im
Hause des Weißensee, hieß es, der Herzog sei ausgefahren, er sei wohl im
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Wald, ob er den Herrn Konsistorialpräsidenten sprechen wolle. Aber Süß
wartete den zögernden, hilflos verwirrten Weißensee nicht erst ab, er eilte
sogleich weiter in den Wald. Der Karrenweg. Der Holzzaun. Die hohen
Bäume. Die Blumenterrassen. Das weiße Haus. Kein Diener. Kein Herzog.
Kein Rabbi. Wie gezogen, ohne kleinste Irrung, ohne Ueberlegen,
Verweilen, geraden Weges schritt er in das große Studierzimmer. Die
verhängten Fenster. Die großen Kerzen. Die Tote, Arme zur Brust, Zeige-,
Mittel-, Goldfinger im Zeichen des Schin. Süß fiel um. Lag viele Stunden
ohne Besinnung.
Der Rabbi stand vor ihm, als er die Augen aufschlug. Der Rabbi sah
einen verfallenen, ergreisten Mann. Den schmiegsamen, elastischen Rücken
krumm und schlaff, die glatten weißen Wangen hohl und unsauber, farblos
häßlich das braune Haar. Der Rabbi hatte die Tote balsamiert, jetzt ging er
ab und zu, zündete die Kerzen neu, goß dämonenscheuchendes Wasser.
Nach einem langen, ewigen Schweigen fragte Süß: „Ist sie um den
Herzog gestorben?“
„Sie ist um dich gestorben,“ sagte Rabbi Gabriel.
„Wenn ich fortgegangen wäre mit ihr,“ fragte Süß, „längst, weit fort, in
die Stille, wäre sie dann nicht gestorben?“
„Sie ist um dich gestorben,“ sagte Rabbi Gabriel.
„Kann man mit Toten reden?“ fragte Süß.
Rabbi Gabriel zitterte. Dann sagte er: „Es steht im Buch von den Heeren
der Toten: Denkt eines Verstorbenen nur recht, und er ist da. Ihr könnt ihn
innerlich beschwören, er muß kommen; ihn halten, er muß bleiben. Denkt
seiner mit Liebe oder mit Haß, er spürt es. Mit stärkerer Liebe, stärkerem
Haß, er spürt es stärker. An jedem Fest, das ihr dem Toten gebt, steigt er
herauf, um jedes Bild, das ihr ihm weiht, schwebt er, hört jedem Worte zu,
das von ihm klingt.“
„Kann ich mit ihr reden?“ fragte Süß.
Da zitterte Rabbi Gabriel stärker. Dann sagte er: „Sei rein, und sie wird in
Ruhe sein. Wenn du einströmst in die dritte Welt, mit dir wird auch sie in
das Meer der dritten Welt tauchen.“
Da schwieg Süß. Er aß nicht, er trank nicht. Nacht fiel ein, Tag graute
herauf, er rührte sich nicht.
Der Rabbi sagte: „Der Herzog will dich sprechen.“ Süß antwortete nicht.
Karl Alexander trat ein. Fuhr zurück. Fast hätte er den Mann nicht erkannt.
Dieser Mensch mit den schwärzlichen, schmutzigen Stoppeln um den Mund
wartete den zögernden, hilflos verwirrten Weißensee nicht erst ab, er eilte
sogleich weiter in den Wald. Der Karrenweg. Der Holzzaun. Die hohen
Bäume. Die Blumenterrassen. Das weiße Haus. Kein Diener. Kein Herzog.
Kein Rabbi. Wie gezogen, ohne kleinste Irrung, ohne Ueberlegen,
Verweilen, geraden Weges schritt er in das große Studierzimmer. Die
verhängten Fenster. Die großen Kerzen. Die Tote, Arme zur Brust, Zeige-,
Mittel-, Goldfinger im Zeichen des Schin. Süß fiel um. Lag viele Stunden
ohne Besinnung.
Der Rabbi stand vor ihm, als er die Augen aufschlug. Der Rabbi sah
einen verfallenen, ergreisten Mann. Den schmiegsamen, elastischen Rücken
krumm und schlaff, die glatten weißen Wangen hohl und unsauber, farblos
häßlich das braune Haar. Der Rabbi hatte die Tote balsamiert, jetzt ging er
ab und zu, zündete die Kerzen neu, goß dämonenscheuchendes Wasser.
Nach einem langen, ewigen Schweigen fragte Süß: „Ist sie um den
Herzog gestorben?“
„Sie ist um dich gestorben,“ sagte Rabbi Gabriel.
„Wenn ich fortgegangen wäre mit ihr,“ fragte Süß, „längst, weit fort, in
die Stille, wäre sie dann nicht gestorben?“
„Sie ist um dich gestorben,“ sagte Rabbi Gabriel.
„Kann man mit Toten reden?“ fragte Süß.
Rabbi Gabriel zitterte. Dann sagte er: „Es steht im Buch von den Heeren
der Toten: Denkt eines Verstorbenen nur recht, und er ist da. Ihr könnt ihn
innerlich beschwören, er muß kommen; ihn halten, er muß bleiben. Denkt
seiner mit Liebe oder mit Haß, er spürt es. Mit stärkerer Liebe, stärkerem
Haß, er spürt es stärker. An jedem Fest, das ihr dem Toten gebt, steigt er
herauf, um jedes Bild, das ihr ihm weiht, schwebt er, hört jedem Worte zu,
das von ihm klingt.“
„Kann ich mit ihr reden?“ fragte Süß.
Da zitterte Rabbi Gabriel stärker. Dann sagte er: „Sei rein, und sie wird in
Ruhe sein. Wenn du einströmst in die dritte Welt, mit dir wird auch sie in
das Meer der dritten Welt tauchen.“
Da schwieg Süß. Er aß nicht, er trank nicht. Nacht fiel ein, Tag graute
herauf, er rührte sich nicht.
Der Rabbi sagte: „Der Herzog will dich sprechen.“ Süß antwortete nicht.
Karl Alexander trat ein. Fuhr zurück. Fast hätte er den Mann nicht erkannt.
Dieser Mensch mit den schwärzlichen, schmutzigen Stoppeln um den Mund
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und die Wangen hinauf, mit dem häßlich farblosen Haar, den
eingesunkenen, rötlichen, stieren, triefenden Augen: war das Süß, sein Jud
und Finanzdirektor, der große Kavalier, der lüsterne Traum der Frauen?
Mit rauher, heiserer Stimme, sich räuspernd und mehrmals ansetzend,
sagte Karl Alexander: „Sei Er ein Mann, Süß! Verbohr Er sich nicht in
Seinen Schmerz. Ich hab das Mädel gesehen, ich weiß, wie sie war. Ich spür
es sehr gut, was Er da verliert. Aber denk Er, Er hat noch sehr viel anderes
im Leben. Er hat die Gunst, Er hat die Liebe Seines Herzogs. Dies mag Ihm
Trost sein.“
Mit einer stillen, gleichförmigen, merkwürdig gefrorenen Demut
erwiderte der verwahrloste, häßliche Mann: „Ja, Herr Herzog.“
Karl Alexander wurde es unbehaglich bei diesem stillen Ja. Es wäre ihm
lieber gewesen, Süß hätte seine Kränkung gezeigt und er, der Herzog, hätte
ein weniges schreien und dann wieder gut sein können. Dieses mönchische
Gewese paßte ihm gar nicht. Wie hatte Schütz gesagt: es roch nach
Judenschul und Kirchhof. Ein vages Erinnern wellte hoch an die knarrende
Stimme des Magus, an das, was er verschwieg. Er wollte glatten Tisch
haben, er wird jetzt einfach mit der Katze durch den Bach fahren. Mit einer
gewissen gutmütigen, grobschlächtigen Ehrlichkeit sagte er: „Es ist dumm,
daß das arriviert ist, just wie ich da war. Was es eigentlich für ein Akzident
war, weiß kein Mensch und wird kein Jud und kein Christ und kein Magus
herauskitzeln können. Ich hab sie gefunden, da lag sie in den Blumen und
war tot. Er wird natürlich supponieren, ich sei schuld daran. Aber ich
vermein, da ist Er auf dem Holzweg.“
Da Süß schwieg, fügte er hinzu: „Es ist mir in der Seele leid, Jud, wahr
und wahrhaftig. Er darf mich nicht für einen Debaucheur halten, der coûte
que coûte seinen Willen haben muß. Natürlich hab ich ihr ein bißle meinen
Hof gemacht. Aber wenn ich das hätte voraussehen können, ich hätte mich
getrollt. Nicht keinen Handkuß hätte ich verlangt. Parole d’honneur! Wer
hätte auch denken können, daß das Mädel so wenig Spaß versteht.“
Mit der gleichen stillen, gefrorenen Demut sagte Süß: „Ja, Durchlaucht,
wer hätte das denken können.“
Karl Alexander, betreten, schwieg. Dann, mit neuem Anlauf, sagte er:
„Ich glaub nicht, daß ich in Seiner Schuld bin. Aber wenn, bitt ich Ihn um
Pardon in aller Form. Ich möcht nicht, daß irgend was zwischen uns soll
treten. Sei Er mir nicht nachträgerisch! Tu Er mir treue Dienste wie bisher!
Geb Er mir die Hand!“
eingesunkenen, rötlichen, stieren, triefenden Augen: war das Süß, sein Jud
und Finanzdirektor, der große Kavalier, der lüsterne Traum der Frauen?
Mit rauher, heiserer Stimme, sich räuspernd und mehrmals ansetzend,
sagte Karl Alexander: „Sei Er ein Mann, Süß! Verbohr Er sich nicht in
Seinen Schmerz. Ich hab das Mädel gesehen, ich weiß, wie sie war. Ich spür
es sehr gut, was Er da verliert. Aber denk Er, Er hat noch sehr viel anderes
im Leben. Er hat die Gunst, Er hat die Liebe Seines Herzogs. Dies mag Ihm
Trost sein.“
Mit einer stillen, gleichförmigen, merkwürdig gefrorenen Demut
erwiderte der verwahrloste, häßliche Mann: „Ja, Herr Herzog.“
Karl Alexander wurde es unbehaglich bei diesem stillen Ja. Es wäre ihm
lieber gewesen, Süß hätte seine Kränkung gezeigt und er, der Herzog, hätte
ein weniges schreien und dann wieder gut sein können. Dieses mönchische
Gewese paßte ihm gar nicht. Wie hatte Schütz gesagt: es roch nach
Judenschul und Kirchhof. Ein vages Erinnern wellte hoch an die knarrende
Stimme des Magus, an das, was er verschwieg. Er wollte glatten Tisch
haben, er wird jetzt einfach mit der Katze durch den Bach fahren. Mit einer
gewissen gutmütigen, grobschlächtigen Ehrlichkeit sagte er: „Es ist dumm,
daß das arriviert ist, just wie ich da war. Was es eigentlich für ein Akzident
war, weiß kein Mensch und wird kein Jud und kein Christ und kein Magus
herauskitzeln können. Ich hab sie gefunden, da lag sie in den Blumen und
war tot. Er wird natürlich supponieren, ich sei schuld daran. Aber ich
vermein, da ist Er auf dem Holzweg.“
Da Süß schwieg, fügte er hinzu: „Es ist mir in der Seele leid, Jud, wahr
und wahrhaftig. Er darf mich nicht für einen Debaucheur halten, der coûte
que coûte seinen Willen haben muß. Natürlich hab ich ihr ein bißle meinen
Hof gemacht. Aber wenn ich das hätte voraussehen können, ich hätte mich
getrollt. Nicht keinen Handkuß hätte ich verlangt. Parole d’honneur! Wer
hätte auch denken können, daß das Mädel so wenig Spaß versteht.“
Mit der gleichen stillen, gefrorenen Demut sagte Süß: „Ja, Durchlaucht,
wer hätte das denken können.“
Karl Alexander, betreten, schwieg. Dann, mit neuem Anlauf, sagte er:
„Ich glaub nicht, daß ich in Seiner Schuld bin. Aber wenn, bitt ich Ihn um
Pardon in aller Form. Ich möcht nicht, daß irgend was zwischen uns soll
treten. Sei Er mir nicht nachträgerisch! Tu Er mir treue Dienste wie bisher!
Geb Er mir die Hand!“
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Da legte Süß seine Hand, die sehr kalt war, in die große Hand des
Herzogs. Eine kurze Weile standen die beiden Männer so, die Hände ohne
Druck ineinander, eine pressende, engende Lähmung ging vom einen zum
andern. Die Fenster waren verhängt, in dem zuckenden Licht der Kerzen
regten und streckten sich die magischen Figuren, Samael, der Linke, war im
Raum. So standen sie, in Wahrheit nun eine Figur jenes blassen Reigens,
den sie in Traum und Nebel getanzt.
Aus der Gebundenheit riß sich der Herzog. „Bien!“ sagte er. „Bestatte Er
jetzt Seine Tote! Fahr’ Er dann nach Ludwigsburg! Es gibt zu tun.“
Damit ging er. Atmete, die peinliche Affäre hinter sich, fröhlich den
hellen Tag. Er hatte sich, weiß Gott, geführt als ein Fürst von Herz und
Welt. Vergnügt und sehr zufrieden brach er sich eine der festlich heiteren
Blumen von den Terrassen. Stapfte, das weiße Haus im Rücken, pfeifend
durch den Wald, freute sich der Sonnenflecke, fuhr in guter Laune zurück in
seine Hauptstadt.
Bei der Toten hockte Süß. Unter den häßlichen Stoppeln mit fahlen
Lippen lächelte er ein tiefes, listiges Lächeln. Ohne Worte rief er das Kind,
und das Kind hörte. Er erzählte der Toten, wie schlau er gewesen war, und
er erzählte ihr von seiner vorhabenden Rache. War er nicht ein Mann? Hatte
er sich nicht gezähmt und war kalt gewesen? Nicht nur nicht an die Gurgel
gesprungen war er jenem, freundliche Worte hatte er ihm gesagt und die
Zunge war ihm nicht lahm geworden. Die Hand hatte er ihm gereicht und
hatte ihn nicht gedrosselt, seinen Dunstkreis hatte er geatmet und war nicht
erstickt. Wie verwirrt er war, der andere. So gar nicht konnte er es kapieren,
daß das Kind sich fortgemacht, ganz simpel davongegangen war, eh daß er
Hochseine Lust hatte stillen können.
Was hatte er zuletzt gesagt? Es gibt zu tun in Ludwigsburg? Abkaufen
wollte er ihm, durch Geschäfte, durch Affären abschachern ihm den Tod
seines Kindes! Der Narr der, der siebenfach verblendete! Aber er war ruhig
geblieben, freundlich und demütig hatte er geantwortet und war ruhig
geblieben. Er freute sich wohl, der andere, daß er so wohlfeil losgekommen
war. Da lag das Kind, ein Bündel totes Fleisch, ein armes Häuflein Anklage
und Verwesung. Ei ja, dachte er wohl, der andere, wenn er mir im Angesicht
dieser Toten nicht an die Gurgel springt, dann ist er fürderhin erst recht zu
miserabel. Gefehlt, Herr Herzog! Gefehlt, allerdurchlauchtigster Herr
Mörder! So simpel grob ist der Süß nicht, er ist kein Landsknecht und
Bauer und Töffel, daß ihm so plump einfältige Rache genügt. Er arrangiert
Herzogs. Eine kurze Weile standen die beiden Männer so, die Hände ohne
Druck ineinander, eine pressende, engende Lähmung ging vom einen zum
andern. Die Fenster waren verhängt, in dem zuckenden Licht der Kerzen
regten und streckten sich die magischen Figuren, Samael, der Linke, war im
Raum. So standen sie, in Wahrheit nun eine Figur jenes blassen Reigens,
den sie in Traum und Nebel getanzt.
Aus der Gebundenheit riß sich der Herzog. „Bien!“ sagte er. „Bestatte Er
jetzt Seine Tote! Fahr’ Er dann nach Ludwigsburg! Es gibt zu tun.“
Damit ging er. Atmete, die peinliche Affäre hinter sich, fröhlich den
hellen Tag. Er hatte sich, weiß Gott, geführt als ein Fürst von Herz und
Welt. Vergnügt und sehr zufrieden brach er sich eine der festlich heiteren
Blumen von den Terrassen. Stapfte, das weiße Haus im Rücken, pfeifend
durch den Wald, freute sich der Sonnenflecke, fuhr in guter Laune zurück in
seine Hauptstadt.
Bei der Toten hockte Süß. Unter den häßlichen Stoppeln mit fahlen
Lippen lächelte er ein tiefes, listiges Lächeln. Ohne Worte rief er das Kind,
und das Kind hörte. Er erzählte der Toten, wie schlau er gewesen war, und
er erzählte ihr von seiner vorhabenden Rache. War er nicht ein Mann? Hatte
er sich nicht gezähmt und war kalt gewesen? Nicht nur nicht an die Gurgel
gesprungen war er jenem, freundliche Worte hatte er ihm gesagt und die
Zunge war ihm nicht lahm geworden. Die Hand hatte er ihm gereicht und
hatte ihn nicht gedrosselt, seinen Dunstkreis hatte er geatmet und war nicht
erstickt. Wie verwirrt er war, der andere. So gar nicht konnte er es kapieren,
daß das Kind sich fortgemacht, ganz simpel davongegangen war, eh daß er
Hochseine Lust hatte stillen können.
Was hatte er zuletzt gesagt? Es gibt zu tun in Ludwigsburg? Abkaufen
wollte er ihm, durch Geschäfte, durch Affären abschachern ihm den Tod
seines Kindes! Der Narr der, der siebenfach verblendete! Aber er war ruhig
geblieben, freundlich und demütig hatte er geantwortet und war ruhig
geblieben. Er freute sich wohl, der andere, daß er so wohlfeil losgekommen
war. Da lag das Kind, ein Bündel totes Fleisch, ein armes Häuflein Anklage
und Verwesung. Ei ja, dachte er wohl, der andere, wenn er mir im Angesicht
dieser Toten nicht an die Gurgel springt, dann ist er fürderhin erst recht zu
miserabel. Gefehlt, Herr Herzog! Gefehlt, allerdurchlauchtigster Herr
Mörder! So simpel grob ist der Süß nicht, er ist kein Landsknecht und
Bauer und Töffel, daß ihm so plump einfältige Rache genügt. Er arrangiert
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seine Rache raffinierter. Er siedet sie und brät sie und kocht von allen Seiten
sie gar.
Er lächelte tiefer, er zog die fahlen Lippen hoch hinauf, und die Zähne,
sonst glänzend weiß, lagen gelblich und beinern trocken bloß.
Rabbi Gabriel ging durch das Zimmer, dicklich, mit seinen
umständlichen Schritten. „Dies ist nicht der Weg, Josef,“ sagte er plötzlich
mit seiner knarrenden, mißtönigen Stimme.
Süß sah auf, sah ihn feindselig an. Ho! War der wieder da? Wollte er ihm
wieder einreden? Was denn sonst blieb ihm als Rache? Wollte der sich
dazwischenstellen mit seinen edlen Sprüchen? Wirf einen in einen Abgrund
und sag ihm: Falle nicht! Und er sah ihn mit seinen müden, entzündeten
Augen gehässig an. Aber er sagte nichts.
Auch Rabbi Gabriel schwieg. Stumm an der Leiche saßen die beiden.
Ihre Gedanken gingen sehr verschieden. Aber Samael, der Linke, war im
Raum, und auf allen Wegen kehrten ihre Gedanken immer wieder zurück zu
Samael, dem Linken.
Durch die jüdischen Gemeinden des Römischen Reichs flog die Nachricht:
Dem Reb Josef Süß Oppenheimer, Minister und großen Herrn beim Herzog
von Württemberg, Retter Israels in schrecklicher, grausiger Not ist
gestorben ein Kind. Er hat gehabt eine Tochter, ein einziges Kind. Ist ihm
gestorben das Kind. Wird er hingehen und es begraben in Frankfurt.
Gerühmt seist du, Jahve, Gott, gerechter Richter.
Da machten sich auf Männer aus allen Gemeinden, aus Ost und West und
Süd und Nord, zu bestatten das Kind des Reb Josef Süß Oppenheimer,
Retter Israels aus großer Not. Es kamen die Rabbiner von Fürth und von
Prag und von Worms, ja, es kam aus Hamburg Unser Lehrer Rabbi
Jonathan Eybeschütz, der Angefeindete und Gefürchtete, heimlicher Jünger
und Nachfahr des kabbalistischen Messias Sabbatai Zewi.
Nach Hirsau in das weiße Haus mit den Blumenterrassen kamen der
Rabbiner von Frankfurt und mit ihm Isaak Landauer, der große
Finanzmann. Er drückte dem Süß heftig und ohne Wort die Hand.
Eigentlich hätte er sich freuen müssen, daß der württembergische
Finanzdirektor nun gar nicht mehr geckenhaft aussah und wie ein Goj und
Kavalier; nein, mit seinem häßlichen, ungepflegten Bart und den
sie gar.
Er lächelte tiefer, er zog die fahlen Lippen hoch hinauf, und die Zähne,
sonst glänzend weiß, lagen gelblich und beinern trocken bloß.
Rabbi Gabriel ging durch das Zimmer, dicklich, mit seinen
umständlichen Schritten. „Dies ist nicht der Weg, Josef,“ sagte er plötzlich
mit seiner knarrenden, mißtönigen Stimme.
Süß sah auf, sah ihn feindselig an. Ho! War der wieder da? Wollte er ihm
wieder einreden? Was denn sonst blieb ihm als Rache? Wollte der sich
dazwischenstellen mit seinen edlen Sprüchen? Wirf einen in einen Abgrund
und sag ihm: Falle nicht! Und er sah ihn mit seinen müden, entzündeten
Augen gehässig an. Aber er sagte nichts.
Auch Rabbi Gabriel schwieg. Stumm an der Leiche saßen die beiden.
Ihre Gedanken gingen sehr verschieden. Aber Samael, der Linke, war im
Raum, und auf allen Wegen kehrten ihre Gedanken immer wieder zurück zu
Samael, dem Linken.
Durch die jüdischen Gemeinden des Römischen Reichs flog die Nachricht:
Dem Reb Josef Süß Oppenheimer, Minister und großen Herrn beim Herzog
von Württemberg, Retter Israels in schrecklicher, grausiger Not ist
gestorben ein Kind. Er hat gehabt eine Tochter, ein einziges Kind. Ist ihm
gestorben das Kind. Wird er hingehen und es begraben in Frankfurt.
Gerühmt seist du, Jahve, Gott, gerechter Richter.
Da machten sich auf Männer aus allen Gemeinden, aus Ost und West und
Süd und Nord, zu bestatten das Kind des Reb Josef Süß Oppenheimer,
Retter Israels aus großer Not. Es kamen die Rabbiner von Fürth und von
Prag und von Worms, ja, es kam aus Hamburg Unser Lehrer Rabbi
Jonathan Eybeschütz, der Angefeindete und Gefürchtete, heimlicher Jünger
und Nachfahr des kabbalistischen Messias Sabbatai Zewi.
Nach Hirsau in das weiße Haus mit den Blumenterrassen kamen der
Rabbiner von Frankfurt und mit ihm Isaak Landauer, der große
Finanzmann. Er drückte dem Süß heftig und ohne Wort die Hand.
Eigentlich hätte er sich freuen müssen, daß der württembergische
Finanzdirektor nun gar nicht mehr geckenhaft aussah und wie ein Goj und
Kavalier; nein, mit seinem häßlichen, ungepflegten Bart und den
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schmuddelig hängenden Kleidern sah er sehr jüdisch aus und roch nach
Ghetto. Aber Isaak Landauer, so sehr es ihn reizte, unterdrückte jede solche
Bemerkung, er rieb sich fröstelnd die Hände, wackelte mit dem Kopf,
strähnte sich den rotblonden, verfärbten Bart, schluckte und blieb stumm.
Dann sargte man das Kind ein. Rabbi Gabriel legte ihr ein kleines,
goldenes Amulett um den Hals, umzirkt vom Schild Davids das Wort
Schaddai. Er winkte dem Süß, mit gelblicher, blutloser Hand hob der den
Kopf der Toten, und unter das strahlend schwarze Haar, das noch immer
nicht stumpf und erloschen war, streute er ein Häuflein Erde, fette,
schwarze, krümelnde Erde, Erde aus Palästina, Zions Erde. Dann wurde der
Sarg zugenagelt; auf ihren Schultern trugen die vier Männer, der dickliche
Rabbi Gabriel, der verfallene, schmutzig gebartete Süß, der milde, welke
Jaakob Josua Falk, Rabbiner von Frankfurt, und der in seinem Kaftan
schlotternde Isaak Landauer, auf ihren Schultern trugen sie die Tote aus
dem weißen Haus, durch die festlich heiteren Blumen, durch den Wald, an
den Holzzaun. Dort warteten andere jüdische Männer, sie nahmen ihnen die
leichte Bürde ab, trugen auf ihren Schultern sie weiter, und nach einer
halben Meile warteten wieder andere, und aber nach einer halben Meile
wieder. So trugen sie das Kind des Josef Süß Oppenheimer durch das Land
und über die Grenze und bis nach der Stadt Frankfurt. Und der kleine Sarg
rührte nicht den Boden, fuhr auch in keinem Wagen, von einer lebendigen
Schulter auf die andere lebendige Schulter glitt er, bis in die Stadt
Frankfurt. Hinter dem Sarg aber fuhr ein großer Karren. Und es standen
viele Juden an der Straße des Sarges, und wenn der schweigende, karge Zug
vorüberkam, sprachen sie: „Gerühmt seist du, Jahve, Gott, gerechter
Richter!“ Und sie streuten jeder eine Handvoll Erde in den Karren, fette,
schwarze, krümelnde Erde, Erde aus Palästina, Zions Erde. Sie war
bestimmt für das eigene Haupt und den eigenen Sarg; aber sie streuten sie
in den Karren und gaben sie gern. Auf daß bestattet werden könne ganz in
heiliger Heimaterde das Kind Unseres Lehrers und Herrn, des Reb Josef
Süß Oppenheimer, der gerettet hat Israel aus schrecklicher, grausiger Not.
In der Stadt Frankfurt aber die Gräberstatt der Juden war schwarz von
Volk. Sie standen lautlos, die Beweglichen, Schreienden, als Josef Süß im
Angesicht des Sarges bekannte: „Gerühmt seist du, Jahve, Gott, gerechter
Richter.“ Und sie antworteten im Chor: „Eitel ist und vielfältig ist und
Haschen nach Wind ist die Welt; doch eins und ewig ist der Gott Israels, das
Seiende, Ueberwirkliche, Jahve.“ Und dann sank der kleine Sarg in die Erde
Ghetto. Aber Isaak Landauer, so sehr es ihn reizte, unterdrückte jede solche
Bemerkung, er rieb sich fröstelnd die Hände, wackelte mit dem Kopf,
strähnte sich den rotblonden, verfärbten Bart, schluckte und blieb stumm.
Dann sargte man das Kind ein. Rabbi Gabriel legte ihr ein kleines,
goldenes Amulett um den Hals, umzirkt vom Schild Davids das Wort
Schaddai. Er winkte dem Süß, mit gelblicher, blutloser Hand hob der den
Kopf der Toten, und unter das strahlend schwarze Haar, das noch immer
nicht stumpf und erloschen war, streute er ein Häuflein Erde, fette,
schwarze, krümelnde Erde, Erde aus Palästina, Zions Erde. Dann wurde der
Sarg zugenagelt; auf ihren Schultern trugen die vier Männer, der dickliche
Rabbi Gabriel, der verfallene, schmutzig gebartete Süß, der milde, welke
Jaakob Josua Falk, Rabbiner von Frankfurt, und der in seinem Kaftan
schlotternde Isaak Landauer, auf ihren Schultern trugen sie die Tote aus
dem weißen Haus, durch die festlich heiteren Blumen, durch den Wald, an
den Holzzaun. Dort warteten andere jüdische Männer, sie nahmen ihnen die
leichte Bürde ab, trugen auf ihren Schultern sie weiter, und nach einer
halben Meile warteten wieder andere, und aber nach einer halben Meile
wieder. So trugen sie das Kind des Josef Süß Oppenheimer durch das Land
und über die Grenze und bis nach der Stadt Frankfurt. Und der kleine Sarg
rührte nicht den Boden, fuhr auch in keinem Wagen, von einer lebendigen
Schulter auf die andere lebendige Schulter glitt er, bis in die Stadt
Frankfurt. Hinter dem Sarg aber fuhr ein großer Karren. Und es standen
viele Juden an der Straße des Sarges, und wenn der schweigende, karge Zug
vorüberkam, sprachen sie: „Gerühmt seist du, Jahve, Gott, gerechter
Richter!“ Und sie streuten jeder eine Handvoll Erde in den Karren, fette,
schwarze, krümelnde Erde, Erde aus Palästina, Zions Erde. Sie war
bestimmt für das eigene Haupt und den eigenen Sarg; aber sie streuten sie
in den Karren und gaben sie gern. Auf daß bestattet werden könne ganz in
heiliger Heimaterde das Kind Unseres Lehrers und Herrn, des Reb Josef
Süß Oppenheimer, der gerettet hat Israel aus schrecklicher, grausiger Not.
In der Stadt Frankfurt aber die Gräberstatt der Juden war schwarz von
Volk. Sie standen lautlos, die Beweglichen, Schreienden, als Josef Süß im
Angesicht des Sarges bekannte: „Gerühmt seist du, Jahve, Gott, gerechter
Richter.“ Und sie antworteten im Chor: „Eitel ist und vielfältig ist und
Haschen nach Wind ist die Welt; doch eins und ewig ist der Gott Israels, das
Seiende, Ueberwirkliche, Jahve.“ Und dann sank der kleine Sarg in die Erde
Page 309
Zions, und die Erde Zions überdeckte den kleinen Sarg. Und inmitten der
schweigenden Tausende sprach Süß mit ausgetrockneter, klangloser Stimme
das Gebet von der Heiligung des göttlichen Namens. Und sie rissen Gras
aus und warfen es hinter sich. Und sie sprachen: „Wie das Gras welken wir
aus dem Licht.“ Und sie sprachen: „Wir gedenken, daß wir Staub sind.“
Und dann wuschen sie die Hände in fließendem, dämonenscheuchendem
Wasser und verließen den Friedhof.
Und dreißig Tage in allen jüdischen Gemeinden des Römischen Reichs
wurde gesprochen das Gebet von der Heiligung des göttlichen Namens für
die Jungfrau Naemi, Tochter des Josef Süß Oppenheimer, Unseres Lehrers
und Herrn.
Nach Stuttgart zurückgekehrt, stürzte sich Süß verbissen wild in die Arbeit.
Rücksichtslos drängte er sich jetzt in das katholische Projekt, riß alles an
sich, was irgend an der äußersten Grenze seines Bereiches lag. Fort warf er
die Krücke seiner Servilität und Liebenswürdigkeit. Mit einem maßlosen,
finstern, höhnischen Hochmut behandelte er seine ganze Umgebung, ließ
die Minister springen wie Lakaien. Es flackerte aus ihm eine düstere,
grimmige Verachtung alles des, was man gemeinhin menschliche Würde,
Freiheit und Verantwortung nannte. In grauenhafter, spielerischer Laune
zwang er die Abhängigen zu immer neuen, überflüssigen Demütigungen,
und standen sie entblößt, ihr bißchen Menschtum abgetan und zerfetzt, dann
verhöhnte er sie mit stillem, nacktem Hohn und weidete seine abgründige
Menschenverachtung an ihrer kriecherischen Geduld.
Sehr offen und im größten Ausmaß räuberte er in den herzoglichen
Kassen. Er berechnete sich ungeheuerliche Provisionen, verkaufte an den
Herzog zu Riesenpreisen wertlose Preziosen. Neue Lasten legte er auf das
ächzende, zusammenbrechende Land, und was er auf solche Art erpreßte,
leitete er unverhohlen in seine, nicht Karl Alexanders Tresors. Hatte er
bisher das Herzogtum bedrückt, um Geld herauszupressen, sachlich und
zweckmäßig, so würgte und drückte er jetzt das Land aus raffinierter,
düsterer Freude an der Pressung. Er tat dies alles mit dreister Offenheit,
legte es sichtlich darauf an, daß Karl Alexander es merke, suchte auf jede
Art durch seine Geschäftsführung den Herzog zu reizen. Doch der schwieg.
schweigenden Tausende sprach Süß mit ausgetrockneter, klangloser Stimme
das Gebet von der Heiligung des göttlichen Namens. Und sie rissen Gras
aus und warfen es hinter sich. Und sie sprachen: „Wie das Gras welken wir
aus dem Licht.“ Und sie sprachen: „Wir gedenken, daß wir Staub sind.“
Und dann wuschen sie die Hände in fließendem, dämonenscheuchendem
Wasser und verließen den Friedhof.
Und dreißig Tage in allen jüdischen Gemeinden des Römischen Reichs
wurde gesprochen das Gebet von der Heiligung des göttlichen Namens für
die Jungfrau Naemi, Tochter des Josef Süß Oppenheimer, Unseres Lehrers
und Herrn.
Nach Stuttgart zurückgekehrt, stürzte sich Süß verbissen wild in die Arbeit.
Rücksichtslos drängte er sich jetzt in das katholische Projekt, riß alles an
sich, was irgend an der äußersten Grenze seines Bereiches lag. Fort warf er
die Krücke seiner Servilität und Liebenswürdigkeit. Mit einem maßlosen,
finstern, höhnischen Hochmut behandelte er seine ganze Umgebung, ließ
die Minister springen wie Lakaien. Es flackerte aus ihm eine düstere,
grimmige Verachtung alles des, was man gemeinhin menschliche Würde,
Freiheit und Verantwortung nannte. In grauenhafter, spielerischer Laune
zwang er die Abhängigen zu immer neuen, überflüssigen Demütigungen,
und standen sie entblößt, ihr bißchen Menschtum abgetan und zerfetzt, dann
verhöhnte er sie mit stillem, nacktem Hohn und weidete seine abgründige
Menschenverachtung an ihrer kriecherischen Geduld.
Sehr offen und im größten Ausmaß räuberte er in den herzoglichen
Kassen. Er berechnete sich ungeheuerliche Provisionen, verkaufte an den
Herzog zu Riesenpreisen wertlose Preziosen. Neue Lasten legte er auf das
ächzende, zusammenbrechende Land, und was er auf solche Art erpreßte,
leitete er unverhohlen in seine, nicht Karl Alexanders Tresors. Hatte er
bisher das Herzogtum bedrückt, um Geld herauszupressen, sachlich und
zweckmäßig, so würgte und drückte er jetzt das Land aus raffinierter,
düsterer Freude an der Pressung. Er tat dies alles mit dreister Offenheit,
legte es sichtlich darauf an, daß Karl Alexander es merke, suchte auf jede
Art durch seine Geschäftsführung den Herzog zu reizen. Doch der schwieg.
Page 310
Das Aussehen des Juden blieb anders. Der gleitende, federnde Gang war
härter, offiziersmäßig brutaler. Härter, entschlossener auch die Wangen, und
das reiche, wellende, kastanienbraune Haar, das er früher, wo es anging, frei
getragen hatte, versteckte er jetzt für immer unter strenger Perücke. Aelter
war, verhärteter der ganze Mann. Die dunkle Stimme hatte ihr
Streichelndes, Beredendes verloren; oft gurgelte sie nun, herrisch,
widerwärtig, unschön; mauschelnd, sagten die Feinde. Die wölbigen,
fliegenden Augen blieben rasch und lauersam, ja, gewöhnlich sogar voll
beflissener Ergebenheit; doch, ungewahrt, hatten sie wohl zuweilen ein
Stechendes, sehr Giftiges und zähmten mühsam nur ein feindseliges,
gelblich dunkles Feuer.
Schwerer schritt unter ihrem Reiter die Stute Assjadah. Nicht mehr trug
sie den glänzenden, angehaßten und doch bewunderten, adlig freien Herrn;
eine Last trug sie, einen dumpfen Fronvogt, der an sich selber schleppte,
den Feind aller und von allen befeindet.
Prunkende Feste gab er nach wie vor. Doch diese Feste waren vergiftet
und keine Freude für die Gäste. Er liebte es, bei solchem Anlaß dem oder
jenem in größter Oeffentlichkeit in der Komödie oder sonstwie
wohlzielende, herzkränkende Bosheiten zu sagen, das häusliche oder
politische Elend eines Geladenen bloßzustellen; er traf sehr gut die Stelle,
wo es am wehesten tat, und sehr viele seiner Gäste saßen in nagender,
kribbelnder Unrast, ob sie verschont blieben.
Zu den Frauen war er von einer höhnischen, wegwerfenden Galanterie.
Eine Frau hatte es gegeben; mattweiß war ihre Haut, in ihren Augen
träumten die Träume der Jahrtausende; sprach sie, dann war die Stimme der
Nachtigall Krächzen vor ihrer kleinen Stimme. Jetzt lag sie in Frankfurt,
Erde über ihr, Erde unter ihr. Was wollten da die anderen? Sie atmeten,
plapperten, lachten und spreizten, redete man ihnen gut zu, die Schenkel.
Nun ja, so waren diese: aber die eine hatte gelebt.
Weißensee war aus seiner tiefen Verwirrung und Ratlosigkeit
aufgetaucht, schnupperte an Süß herum. Hier gor etwas herauf, in diesem
ungeheuren, maßlosen Mann, der anders war als alle anderen, schwelte
etwas gar, eine grandiose, prasselnde, tausendfarbige Katastrophe. Der war
nicht wie er, der war nicht der Mann, sich zu krümmen und stillezuhalten.
Wollüstig schon in der Erwartung roch der Konsistorialpräsident den
Schwefelgeruch des Ausbruchs, und nur die Gier, ihn mitzuerleben, hielt
den Ausgehöhlten aufrecht.
härter, offiziersmäßig brutaler. Härter, entschlossener auch die Wangen, und
das reiche, wellende, kastanienbraune Haar, das er früher, wo es anging, frei
getragen hatte, versteckte er jetzt für immer unter strenger Perücke. Aelter
war, verhärteter der ganze Mann. Die dunkle Stimme hatte ihr
Streichelndes, Beredendes verloren; oft gurgelte sie nun, herrisch,
widerwärtig, unschön; mauschelnd, sagten die Feinde. Die wölbigen,
fliegenden Augen blieben rasch und lauersam, ja, gewöhnlich sogar voll
beflissener Ergebenheit; doch, ungewahrt, hatten sie wohl zuweilen ein
Stechendes, sehr Giftiges und zähmten mühsam nur ein feindseliges,
gelblich dunkles Feuer.
Schwerer schritt unter ihrem Reiter die Stute Assjadah. Nicht mehr trug
sie den glänzenden, angehaßten und doch bewunderten, adlig freien Herrn;
eine Last trug sie, einen dumpfen Fronvogt, der an sich selber schleppte,
den Feind aller und von allen befeindet.
Prunkende Feste gab er nach wie vor. Doch diese Feste waren vergiftet
und keine Freude für die Gäste. Er liebte es, bei solchem Anlaß dem oder
jenem in größter Oeffentlichkeit in der Komödie oder sonstwie
wohlzielende, herzkränkende Bosheiten zu sagen, das häusliche oder
politische Elend eines Geladenen bloßzustellen; er traf sehr gut die Stelle,
wo es am wehesten tat, und sehr viele seiner Gäste saßen in nagender,
kribbelnder Unrast, ob sie verschont blieben.
Zu den Frauen war er von einer höhnischen, wegwerfenden Galanterie.
Eine Frau hatte es gegeben; mattweiß war ihre Haut, in ihren Augen
träumten die Träume der Jahrtausende; sprach sie, dann war die Stimme der
Nachtigall Krächzen vor ihrer kleinen Stimme. Jetzt lag sie in Frankfurt,
Erde über ihr, Erde unter ihr. Was wollten da die anderen? Sie atmeten,
plapperten, lachten und spreizten, redete man ihnen gut zu, die Schenkel.
Nun ja, so waren diese: aber die eine hatte gelebt.
Weißensee war aus seiner tiefen Verwirrung und Ratlosigkeit
aufgetaucht, schnupperte an Süß herum. Hier gor etwas herauf, in diesem
ungeheuren, maßlosen Mann, der anders war als alle anderen, schwelte
etwas gar, eine grandiose, prasselnde, tausendfarbige Katastrophe. Der war
nicht wie er, der war nicht der Mann, sich zu krümmen und stillezuhalten.
Wollüstig schon in der Erwartung roch der Konsistorialpräsident den
Schwefelgeruch des Ausbruchs, und nur die Gier, ihn mitzuerleben, hielt
den Ausgehöhlten aufrecht.
Page 311
Und des Süß herausfordernder Uebermut wuchs. Er gab sich offen wie
der Herr des Landes, scheute keine Grenze.
In diese Zeit fiel auch die Affäre des jungen Michael Koppenhöfer.
Dieser Fall lag so:
Nach zweijähriger Studienreise durch Flandern, Frankreich, England war
der junge Mensch, Neffe des Professors Johann Daniel Harpprecht,
verwandt auch mit Philipp Heinrich von Weißensee, in die schwäbische
Heimat zurückgekehrt, um als Aktuarius in herzoglich württembergischen
Dienst zu treten. Sehr groß, bräunliche, kühne Wangen, starkblaue Augen
unter dunklem Haar, sah der Dreiundzwanzigjährige aus wie ein Bruder
Magdalen Sibyllens. Der Jüngling hatte von seiner Reise stürmische Ideen
mitgebracht von menschlicher Freiheit und menschlicher Verantwortung,
einen wilden Haß gegen jede Despotie; alle die jungen, märzlich grünen,
reinen Gedanken neuen, besseren Staatsgefüges, einer gerechteren,
humaneren Ordnung drängten ihn mit Schuß und Saft und Ueberschuß,
sprengten dem jungen, glühenden Menschen fast die Brust.
Er wohnte bei Harpprecht. Der alternde Herr, dem die Frau nach einer
Ehe von wenigen Monaten in sehr jungen Jahren gestorben war, hatte den
Neffen großgezogen, er hatte ihn die zwei Jahre im Ausland bitter vermißt,
er warf jetzt alle seine wortarme, herbe Liebe auf den Jüngling.
Michael Koppenhöfer war durch seine Reise doppelt stolz geworden auf
die vor den anderen deutschen Staatsverträgen freiheitliche Verfassung
seiner Heimat. Wohl hatte er immer gewußt um die militärische Autokratie
des Herzogs, die jesuitische des Würzburgers, die ökonomische des Juden.
Aber ein anderes war es, in Briefen und Broschüren davon zu lesen, ein
anderes, mitteninne zu stehen, die freche Unterdrückung, die nackte,
höhnende Gewalt mit Augen zu schauen, mit Händen zu greifen. Der junge
Mensch sah den Stellen- und Aemterhandel, den Schacher mit der
Gerechtigkeit, die Ausquetschung des Volkes. Verlumpt und ausgehaust die
Schertlins von Urach, außer Landes getrieben sein junger, vor allen anderen
begabter Vetter und Freund Friedrich Christoph Koppenhöfer, in
Verzweiflung und Tod gejagt der Hauptzoller Wolff, der Kammerdirektor
Georgii. Ausgelaugt und zerfressen das reiche, schöne, gesegnete Land, zu
den Fahnen gepreßt Tausende, in Lumpen und Hunger Zehntausende,
zerlottert an Leib und Gewissen Hunderttausende. In Völlerei und Unzucht
sich blähend ein schrankenloser Hof, in bunten Uniformen frech sich
spreizend die Gewalt, höhnische Rabulisterei über die klare, edle
der Herr des Landes, scheute keine Grenze.
In diese Zeit fiel auch die Affäre des jungen Michael Koppenhöfer.
Dieser Fall lag so:
Nach zweijähriger Studienreise durch Flandern, Frankreich, England war
der junge Mensch, Neffe des Professors Johann Daniel Harpprecht,
verwandt auch mit Philipp Heinrich von Weißensee, in die schwäbische
Heimat zurückgekehrt, um als Aktuarius in herzoglich württembergischen
Dienst zu treten. Sehr groß, bräunliche, kühne Wangen, starkblaue Augen
unter dunklem Haar, sah der Dreiundzwanzigjährige aus wie ein Bruder
Magdalen Sibyllens. Der Jüngling hatte von seiner Reise stürmische Ideen
mitgebracht von menschlicher Freiheit und menschlicher Verantwortung,
einen wilden Haß gegen jede Despotie; alle die jungen, märzlich grünen,
reinen Gedanken neuen, besseren Staatsgefüges, einer gerechteren,
humaneren Ordnung drängten ihn mit Schuß und Saft und Ueberschuß,
sprengten dem jungen, glühenden Menschen fast die Brust.
Er wohnte bei Harpprecht. Der alternde Herr, dem die Frau nach einer
Ehe von wenigen Monaten in sehr jungen Jahren gestorben war, hatte den
Neffen großgezogen, er hatte ihn die zwei Jahre im Ausland bitter vermißt,
er warf jetzt alle seine wortarme, herbe Liebe auf den Jüngling.
Michael Koppenhöfer war durch seine Reise doppelt stolz geworden auf
die vor den anderen deutschen Staatsverträgen freiheitliche Verfassung
seiner Heimat. Wohl hatte er immer gewußt um die militärische Autokratie
des Herzogs, die jesuitische des Würzburgers, die ökonomische des Juden.
Aber ein anderes war es, in Briefen und Broschüren davon zu lesen, ein
anderes, mitteninne zu stehen, die freche Unterdrückung, die nackte,
höhnende Gewalt mit Augen zu schauen, mit Händen zu greifen. Der junge
Mensch sah den Stellen- und Aemterhandel, den Schacher mit der
Gerechtigkeit, die Ausquetschung des Volkes. Verlumpt und ausgehaust die
Schertlins von Urach, außer Landes getrieben sein junger, vor allen anderen
begabter Vetter und Freund Friedrich Christoph Koppenhöfer, in
Verzweiflung und Tod gejagt der Hauptzoller Wolff, der Kammerdirektor
Georgii. Ausgelaugt und zerfressen das reiche, schöne, gesegnete Land, zu
den Fahnen gepreßt Tausende, in Lumpen und Hunger Zehntausende,
zerlottert an Leib und Gewissen Hunderttausende. In Völlerei und Unzucht
sich blähend ein schrankenloser Hof, in bunten Uniformen frech sich
spreizend die Gewalt, höhnische Rabulisterei über die klare, edle
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Verfassung giftig triumphierend. Zerwuchert die Verwaltung, zerhurt die
Justiz, die Freiheit, die liebe, gepriesene Freiheit ein Spott und Lumpen, mit
dem der Herzog, der Jesuit und der Jud sich den Hintern wischen.
Eine heilige, fressende Empörung füllte den Jüngling an, füllte ihn ganz,
spannte männlicher sein kühnes, braunes Gesicht, entzündete dringlicher
die starke Bläue seiner Augen. Oh, seine schlanke, junge Beredsamkeit! Oh,
sein adliges Zürnen und Sich-bäumen! Der zehrende Gram über die Fäulnis
der Heimat hatte den alten Johann Daniel Harpprecht doch arg geschüttelt
und zerhöhlt. Jetzt hing der feste, gerade Mann seine ganze Hoffnung an
den Jungen, und die trockenen Abende des Einsamen wurden grün und
blühend durch seine frische, ranke Gegenwart.
Dem Süß war der Aktuarius immer unsympathisch gewesen. Ihn hatte der
hohe Wuchs des jungen Menschen, seine straffe, eckige Stattlichkeit, an der
gleichwohl nichts Tölpisches, Bäurisches war, von je geärgert. Auch die
offensichtliche Ehrlichkeit der politischen Ueberzeugung hatte ihn
verstimmt. Hinter politischer Opposition stak gemeinhin der eigene Vorteil;
wenn der nicht, dann mangelnde Begabung. Daß der Junge sich zur
Demokratie seines berühmten Oheims bekannte, wäre nicht weiter
verwunderlich gewesen; aber daß der Bewegliche, mit allen guten, dem
Aufstieg förderlichen Gaben Bedachte durch so wildes Feuer gegen die
herrschende Richtung seine Karriere gefährdete, war Beweis, daß immer
noch politische Ueberzeugung an sich im Lande war, und als solcher
verstimmend. Immerhin hatte Süß in der Praxis das junge Ungestüm des
Aktuarius Michael Koppenhöfer so wenig gefürchtet wie das routinierte
Pathos des Publizisten Moser, er hatte, vor dem Schlag in Hirsau, den wie
jenen unbehelligt gelassen, und der Beamte mit der rebellantischen
Gesinnung war nicht durch die leiseste Rüge geahndet worden.
Jetzt, nach Hirsau, entzündete sich finsterer das Feuer des vergifteten
Mannes an der ungebrochenen freiheitlichen und guten Kühnheit des
Jünglings. Den dunklen Blick richtete er auf ihn, duckte spielerisch bösartig
zum Sprung. Bei der Unvorsichtigkeit des jungen Menschen fand sich sehr
bald ein Grund, ihn scharf und strafweise zu verwarnen.
Der alte Johann Daniel Harpprecht hatte solche Konflikte längst
vorausgesehen; doch er brachte es nicht über sich, das schöne Glühen
Michaels zu dämpfen. Es war das gute Recht der Jugend, unklug zu sein,
sich auf Verbogenes zu stürzen, um es gerade zu machen, auch wenn der
Arm daran erlahmen mußte. Aber es schnürte ihm die Brust, preßte ihm den
Justiz, die Freiheit, die liebe, gepriesene Freiheit ein Spott und Lumpen, mit
dem der Herzog, der Jesuit und der Jud sich den Hintern wischen.
Eine heilige, fressende Empörung füllte den Jüngling an, füllte ihn ganz,
spannte männlicher sein kühnes, braunes Gesicht, entzündete dringlicher
die starke Bläue seiner Augen. Oh, seine schlanke, junge Beredsamkeit! Oh,
sein adliges Zürnen und Sich-bäumen! Der zehrende Gram über die Fäulnis
der Heimat hatte den alten Johann Daniel Harpprecht doch arg geschüttelt
und zerhöhlt. Jetzt hing der feste, gerade Mann seine ganze Hoffnung an
den Jungen, und die trockenen Abende des Einsamen wurden grün und
blühend durch seine frische, ranke Gegenwart.
Dem Süß war der Aktuarius immer unsympathisch gewesen. Ihn hatte der
hohe Wuchs des jungen Menschen, seine straffe, eckige Stattlichkeit, an der
gleichwohl nichts Tölpisches, Bäurisches war, von je geärgert. Auch die
offensichtliche Ehrlichkeit der politischen Ueberzeugung hatte ihn
verstimmt. Hinter politischer Opposition stak gemeinhin der eigene Vorteil;
wenn der nicht, dann mangelnde Begabung. Daß der Junge sich zur
Demokratie seines berühmten Oheims bekannte, wäre nicht weiter
verwunderlich gewesen; aber daß der Bewegliche, mit allen guten, dem
Aufstieg förderlichen Gaben Bedachte durch so wildes Feuer gegen die
herrschende Richtung seine Karriere gefährdete, war Beweis, daß immer
noch politische Ueberzeugung an sich im Lande war, und als solcher
verstimmend. Immerhin hatte Süß in der Praxis das junge Ungestüm des
Aktuarius Michael Koppenhöfer so wenig gefürchtet wie das routinierte
Pathos des Publizisten Moser, er hatte, vor dem Schlag in Hirsau, den wie
jenen unbehelligt gelassen, und der Beamte mit der rebellantischen
Gesinnung war nicht durch die leiseste Rüge geahndet worden.
Jetzt, nach Hirsau, entzündete sich finsterer das Feuer des vergifteten
Mannes an der ungebrochenen freiheitlichen und guten Kühnheit des
Jünglings. Den dunklen Blick richtete er auf ihn, duckte spielerisch bösartig
zum Sprung. Bei der Unvorsichtigkeit des jungen Menschen fand sich sehr
bald ein Grund, ihn scharf und strafweise zu verwarnen.
Der alte Johann Daniel Harpprecht hatte solche Konflikte längst
vorausgesehen; doch er brachte es nicht über sich, das schöne Glühen
Michaels zu dämpfen. Es war das gute Recht der Jugend, unklug zu sein,
sich auf Verbogenes zu stürzen, um es gerade zu machen, auch wenn der
Arm daran erlahmen mußte. Aber es schnürte ihm die Brust, preßte ihm den
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Atem, stieg ihm bitter die Kehle herauf, wenn er dachte, daß er seine müden
Abende wieder allein sein sollte, ohne den wärmenden Schein des
Jünglings. Immerhin hoffte er, sein, des Harpprecht, großes Ansehen werde
den Süß hindern, stärker gegen den Michael vorzugehen.
In dem Elend des Vaterlandes, in der wüsten Verlotterung ringsumher sah
der Aktuarius Michael Koppenhöfer ein großes und zartes Licht. Das war
die Demoiselle Elisabeth Salomea Götzin, die Tochter. Ihre blonde,
pastellfarbene Lieblichkeit ging dem Schwärmerischen, leicht
Entzündlichen tief ein. Als er gar hörte, wie sie den Nachstellungen Karl
Alexanders sanft, aber beharrlich sich weigerte, erschien sie ihm als
Symbol der menschlichen Freiheit. Die Bilder schwammen ihm eines ins
andere, und er sprach von der lieben Freiheit und der holden Demoiselle
Elisabeth Salomea Götzin in der gleichen Terminologie.
Jetzt glaubte Süß auch auf Harpprecht keine Rücksicht weiter nehmen zu
müssen. Der junge Michael Koppenhöfer wurde, weil er trotz der
Verwarnung weiterhin die Ehrfurcht gegen den Herzog außer acht gelassen
und unziemliche, gottlose und lästerliche Reden gegen ihn geführt habe,
seines Amtes entsetzt. Aus besonderer Huld und Gnaden wurde von einem
Kriminalverfahren gegen ihn abgesehen. Doch hatte er binnen vierzehn
Tagen das Land zu verlassen und wurde auf Lebzeiten seiner Grenzen
verwiesen.
Dies war immer am Horizont gestanden. Aber wie es nun kam, war es
doch unerwartet und warf den alten Harpprecht um. Oh, allein und kahl in
dem großen, leeren Zimmer sitzen, nur mit Büchern und Pergamenten; und
die einzige Kumpanei sind die Schatten in dem Raum außerhalb des
Lampenlichts. Sie dichten sich zu mageren, krummen Auswanderern, zu
Hungernden und zu Zerlumpten, oder sie strecken hagere, gierige
Judenfinger nach einem. Wie immer, sie fallen über einen her und nehmen
einem die Luft weg. Und da wäre nun der Junge, trotzig und lebendig, und
wenn er seine dicken, dunklen Brauen hochzieht, zergehen die Schatten,
seine starkblauen Augen jagen aus allen Winkeln die bedrohliche,
erkältende Dämmerung. Aber er ist nicht da; der Jud hat ihn des Landes
verwiesen, der Jud läßt ihn nicht zu ihm.
Der schwere Herr rang sich ab, entschloß sich, stand vor dem Herzog. Er
hatte nie gebeten, er hatte immer nur guten Anspruch eingefordert, er war
gewohnt, daß man zu ihm kam und bat. Es war dem aufrechten Mann arge
Pein, als Supplikant dazustehen, und die Worte kamen ihm umständlich und
Abende wieder allein sein sollte, ohne den wärmenden Schein des
Jünglings. Immerhin hoffte er, sein, des Harpprecht, großes Ansehen werde
den Süß hindern, stärker gegen den Michael vorzugehen.
In dem Elend des Vaterlandes, in der wüsten Verlotterung ringsumher sah
der Aktuarius Michael Koppenhöfer ein großes und zartes Licht. Das war
die Demoiselle Elisabeth Salomea Götzin, die Tochter. Ihre blonde,
pastellfarbene Lieblichkeit ging dem Schwärmerischen, leicht
Entzündlichen tief ein. Als er gar hörte, wie sie den Nachstellungen Karl
Alexanders sanft, aber beharrlich sich weigerte, erschien sie ihm als
Symbol der menschlichen Freiheit. Die Bilder schwammen ihm eines ins
andere, und er sprach von der lieben Freiheit und der holden Demoiselle
Elisabeth Salomea Götzin in der gleichen Terminologie.
Jetzt glaubte Süß auch auf Harpprecht keine Rücksicht weiter nehmen zu
müssen. Der junge Michael Koppenhöfer wurde, weil er trotz der
Verwarnung weiterhin die Ehrfurcht gegen den Herzog außer acht gelassen
und unziemliche, gottlose und lästerliche Reden gegen ihn geführt habe,
seines Amtes entsetzt. Aus besonderer Huld und Gnaden wurde von einem
Kriminalverfahren gegen ihn abgesehen. Doch hatte er binnen vierzehn
Tagen das Land zu verlassen und wurde auf Lebzeiten seiner Grenzen
verwiesen.
Dies war immer am Horizont gestanden. Aber wie es nun kam, war es
doch unerwartet und warf den alten Harpprecht um. Oh, allein und kahl in
dem großen, leeren Zimmer sitzen, nur mit Büchern und Pergamenten; und
die einzige Kumpanei sind die Schatten in dem Raum außerhalb des
Lampenlichts. Sie dichten sich zu mageren, krummen Auswanderern, zu
Hungernden und zu Zerlumpten, oder sie strecken hagere, gierige
Judenfinger nach einem. Wie immer, sie fallen über einen her und nehmen
einem die Luft weg. Und da wäre nun der Junge, trotzig und lebendig, und
wenn er seine dicken, dunklen Brauen hochzieht, zergehen die Schatten,
seine starkblauen Augen jagen aus allen Winkeln die bedrohliche,
erkältende Dämmerung. Aber er ist nicht da; der Jud hat ihn des Landes
verwiesen, der Jud läßt ihn nicht zu ihm.
Der schwere Herr rang sich ab, entschloß sich, stand vor dem Herzog. Er
hatte nie gebeten, er hatte immer nur guten Anspruch eingefordert, er war
gewohnt, daß man zu ihm kam und bat. Es war dem aufrechten Mann arge
Pein, als Supplikant dazustehen, und die Worte kamen ihm umständlich und
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stockend. Das Urteil sei gerecht und nicht einmal sehr hart. Doch solle der
Herzog bedenken, vieles im Land stehe wirklich nicht gut, und wenn der
junge Mensch seinen Unmut offen heraussage, sei das vielleicht besser als
braute er, wie andere, im heimlichen Gift. Karl Alexander hörte finster zu,
drückte dem peinvoll Dastehenden fest die Hand, versprach unsicher, er
werde es überdenken.
Unwirsch forderte er Bericht ein. Süß selber kam zum Rapport. Ja, es war
alles so, wie der Professor es dargestellt. Nur seien eben er, Süß, und der
Professor verschiedener Meinung, was zur Wahrung fürstlicher Dignité not
sei. Verdrießlich warf der Herzog dem Süß hin, in was für ärgerliche
Situation er ihn gebracht habe, daß er jetzt entweder müsse retirieren oder
dem verdienten und hochangesehenen Mann die erste und einzige Bitte
abschlagen. Frech und giftig erwiderte Süß, er kapiere, daß es Seiner
Durchlaucht schwerer falle, dem schwäbischen Professor einen Wunsch zu
refüsieren als dem jüdischen Finanzienrat. Er habe aber noch andere, sehr
gute Gründe gehabt, den Aktuarius aus dem Weg zu schaffen. Wenn
nämlich, fügte er mit dreister Vertraulichkeit hinzu, der Herzog bei den
Damen Götz nicht recht wolle avancieren, so sei des der junge Mensch mit
die erste Ursach, der Seiner Durchlaucht zumindest bei der Demoiselle
Elisabeth Salomea sehr in die Quere käme. Finster knurrend schwieg der
Herzog.
Allein, beschloß er, jetzt erst recht den Aktuarius im Land zu lassen. Der
Jud ist so hirnrissig wie insolent. Ho! Soll etwan er, Karl Alexander, Angst
haben, der lumpige Demokrat und Rebellant komme bei der Demoiselle vor
ihm ans Ziel? Oder vermeint der Jud, jetzt, nach Hirsau, habe er, der
Herzog, Scheu vor jedem Jüngferlein und traue nicht mehr auf seine
Männlichkeit? Eine grimmige Geilheit überkam ihn. Mille tonnerre! Er
heißt Karl Alexander, Herzog von Württemberg und Teck, und er wird die
Jungfer trotz allen rebellantischen Lausbuben klein und kirre machen.
Jedenfalls scheut er die Konkurrenz nicht und wird jetzt das Urteil
annullieren.
Aber wie er die Ordre diktieren wollte, nahm er sich vor, es doch noch
einmal zu überdenken, und schob es auf morgen. Andern Tags ging er nach
Ludwigsburg. Amüsements, Repräsentation, andere politische Geschäfte
drängten vor. Der Tag kam, da das Urteil rechtskräftig wurde, und keine
Gegenordre war erschienen. Der junge Michael Koppenhöfer mußte wie
Herzog bedenken, vieles im Land stehe wirklich nicht gut, und wenn der
junge Mensch seinen Unmut offen heraussage, sei das vielleicht besser als
braute er, wie andere, im heimlichen Gift. Karl Alexander hörte finster zu,
drückte dem peinvoll Dastehenden fest die Hand, versprach unsicher, er
werde es überdenken.
Unwirsch forderte er Bericht ein. Süß selber kam zum Rapport. Ja, es war
alles so, wie der Professor es dargestellt. Nur seien eben er, Süß, und der
Professor verschiedener Meinung, was zur Wahrung fürstlicher Dignité not
sei. Verdrießlich warf der Herzog dem Süß hin, in was für ärgerliche
Situation er ihn gebracht habe, daß er jetzt entweder müsse retirieren oder
dem verdienten und hochangesehenen Mann die erste und einzige Bitte
abschlagen. Frech und giftig erwiderte Süß, er kapiere, daß es Seiner
Durchlaucht schwerer falle, dem schwäbischen Professor einen Wunsch zu
refüsieren als dem jüdischen Finanzienrat. Er habe aber noch andere, sehr
gute Gründe gehabt, den Aktuarius aus dem Weg zu schaffen. Wenn
nämlich, fügte er mit dreister Vertraulichkeit hinzu, der Herzog bei den
Damen Götz nicht recht wolle avancieren, so sei des der junge Mensch mit
die erste Ursach, der Seiner Durchlaucht zumindest bei der Demoiselle
Elisabeth Salomea sehr in die Quere käme. Finster knurrend schwieg der
Herzog.
Allein, beschloß er, jetzt erst recht den Aktuarius im Land zu lassen. Der
Jud ist so hirnrissig wie insolent. Ho! Soll etwan er, Karl Alexander, Angst
haben, der lumpige Demokrat und Rebellant komme bei der Demoiselle vor
ihm ans Ziel? Oder vermeint der Jud, jetzt, nach Hirsau, habe er, der
Herzog, Scheu vor jedem Jüngferlein und traue nicht mehr auf seine
Männlichkeit? Eine grimmige Geilheit überkam ihn. Mille tonnerre! Er
heißt Karl Alexander, Herzog von Württemberg und Teck, und er wird die
Jungfer trotz allen rebellantischen Lausbuben klein und kirre machen.
Jedenfalls scheut er die Konkurrenz nicht und wird jetzt das Urteil
annullieren.
Aber wie er die Ordre diktieren wollte, nahm er sich vor, es doch noch
einmal zu überdenken, und schob es auf morgen. Andern Tags ging er nach
Ludwigsburg. Amüsements, Repräsentation, andere politische Geschäfte
drängten vor. Der Tag kam, da das Urteil rechtskräftig wurde, und keine
Gegenordre war erschienen. Der junge Michael Koppenhöfer mußte wie
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sein Vetter Friedrich Christoph außer Landes gehen, und der Abend des
Professors Johann Daniel Harpprecht wurde kahl und ohne Licht.
Nun konnte Karl Alexander vorderhand nicht mehr gut etwas rückgängig
machen. Dachte er an die Damen Götz, so war er eigentlich sehr befriedigt
darüber. Doch dies gestand er sich nicht ein. Es faßte ihn vielmehr eine
dumpfe Wut gegen den Juden. Der war schuld an allem; der hatte ihn vor
die Wahl gestellt: Harpprecht oder ihn, den Juden.
Süß wußte, Karl Alexander hatte eigentlich nie eine bewußte Schurkerei
begangen; sicherlich auch wird er sich die wahren Motive dieser
Ausweisung nicht eingestehen. Darum juckte es ihn, den Herzog so darauf
zu stoßen, daß dieses Urteil fortan an ihm nagen sollte. Er warf gelegentlich
hin: „Jetzt wird die Affäre der Damen Götz besser marschieren, nachdem
wir den jungen Koppenhöfer haben aus dem Licht geschafft.“ Der Herzog
wollte zufahren, aber er brachte es nur zu einem Knurren und erwiderte
ohne viel Nachdruck: „Wir? Wir?“ Süß aber begnügte sich, zu lächeln, und
schwieg.
Seinen Feinden kam zu Ohren, daß dem Herzog das Vorgehen des Juden
gegen den jungen Koppenhöfer zu rasch gewesen sei und nicht erwünscht.
Sie begriffen nicht die Langmut des Herzogs, nützten den Anlaß, gegen
solche unfaßliche Geduld Sturm zu laufen. Sie wiesen darauf hin und
belegten es mit vielen Ziffern, wie Süß an dem Land presse und sauge, nur
für seine Kassen, ohne daß für den Herzog was dabei herausspringe, wie er
in jedem Geschäft den Herzog begaunere und bewuchere. Sie sprachen fast
zwei Stunden, und Karl Alexander wies sie nicht zurück; er hörte sie zu
Ende, ja, er ließ sich Details, die er nicht recht verstand, genauer erklären;
vor allem ließ er sich von Dom Bartelemi Pancorbo auseinandersetzen, wie
schamlos Süß ihn mit minderwertigen Steinen prelle und betrüge. Als die
Herren fertig waren, entließ er sie höflich, ohne jede Aeußerung.
Andern Tags, unaufgefordert, erschien Süß in der Residenz. Er höre,
sagte er, man intrigiere von neuem gegen ihn. Er möchte sich die
Beschämung ersparen, daß man ein zweites Mal seine Papiere
durchschnüffle. Er bitte darum wiederholt, submissest und dringlich um
seine Entlassung.
„Hör, Jud!“ sagte Karl Alexander, „du hast mir im Oktober einen Stein
verkauft um was mehr als fünftausend Dukaten. Was ist der Stein wert?“
„Heut keine fünfhundert,“ sagte der Jude. Und das Aug in dem des
Herzogs, mit einem frechen, fatalen Lächeln fügte er hinzu: „Ja, solche
Professors Johann Daniel Harpprecht wurde kahl und ohne Licht.
Nun konnte Karl Alexander vorderhand nicht mehr gut etwas rückgängig
machen. Dachte er an die Damen Götz, so war er eigentlich sehr befriedigt
darüber. Doch dies gestand er sich nicht ein. Es faßte ihn vielmehr eine
dumpfe Wut gegen den Juden. Der war schuld an allem; der hatte ihn vor
die Wahl gestellt: Harpprecht oder ihn, den Juden.
Süß wußte, Karl Alexander hatte eigentlich nie eine bewußte Schurkerei
begangen; sicherlich auch wird er sich die wahren Motive dieser
Ausweisung nicht eingestehen. Darum juckte es ihn, den Herzog so darauf
zu stoßen, daß dieses Urteil fortan an ihm nagen sollte. Er warf gelegentlich
hin: „Jetzt wird die Affäre der Damen Götz besser marschieren, nachdem
wir den jungen Koppenhöfer haben aus dem Licht geschafft.“ Der Herzog
wollte zufahren, aber er brachte es nur zu einem Knurren und erwiderte
ohne viel Nachdruck: „Wir? Wir?“ Süß aber begnügte sich, zu lächeln, und
schwieg.
Seinen Feinden kam zu Ohren, daß dem Herzog das Vorgehen des Juden
gegen den jungen Koppenhöfer zu rasch gewesen sei und nicht erwünscht.
Sie begriffen nicht die Langmut des Herzogs, nützten den Anlaß, gegen
solche unfaßliche Geduld Sturm zu laufen. Sie wiesen darauf hin und
belegten es mit vielen Ziffern, wie Süß an dem Land presse und sauge, nur
für seine Kassen, ohne daß für den Herzog was dabei herausspringe, wie er
in jedem Geschäft den Herzog begaunere und bewuchere. Sie sprachen fast
zwei Stunden, und Karl Alexander wies sie nicht zurück; er hörte sie zu
Ende, ja, er ließ sich Details, die er nicht recht verstand, genauer erklären;
vor allem ließ er sich von Dom Bartelemi Pancorbo auseinandersetzen, wie
schamlos Süß ihn mit minderwertigen Steinen prelle und betrüge. Als die
Herren fertig waren, entließ er sie höflich, ohne jede Aeußerung.
Andern Tags, unaufgefordert, erschien Süß in der Residenz. Er höre,
sagte er, man intrigiere von neuem gegen ihn. Er möchte sich die
Beschämung ersparen, daß man ein zweites Mal seine Papiere
durchschnüffle. Er bitte darum wiederholt, submissest und dringlich um
seine Entlassung.
„Hör, Jud!“ sagte Karl Alexander, „du hast mir im Oktober einen Stein
verkauft um was mehr als fünftausend Dukaten. Was ist der Stein wert?“
„Heut keine fünfhundert,“ sagte der Jude. Und das Aug in dem des
Herzogs, mit einem frechen, fatalen Lächeln fügte er hinzu: „Ja, solche
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Steine haben Liebhaberpreise und ihr Wert wechselt.“
„Es ist gut,“ sagte Karl Alexander. Dann schwiegen beide. Der Herzog
läutete und befahl sogleich den Hofkanzler Scheffer, prestissimo. Es
vergingen aber zwanzig Minuten, bis der Kanzler kam, und während dieser
zwanzig Minuten sprachen die beiden Männer kein Wort. Sie dachten auch
nicht einer des andern. Es war ein tiefes, wunderliches, erfülltes Schweigen
in dem hellen, weiten, prunkenden Raum. Bilder und Träume kamen und
gingen vom Herzog zu Süß, von Süß zu dem Herzog. Die knarrende
Stimme des Magus war in diesen Träumen, und das tote Kind war darin, die
Finger gestreckt im Zeichen des Schin.
Endlich kam Herr von Scheffer. Er zählte jetzt zu den Feinden des Süß,
er schwitzte, da er den Juden sah, vermutete, der Herzog wolle ihn dem
Juden gegenüberstellen, und er werde gegen den teufelsgewandten Mann
einen schweren Stand haben.
Allein es ging anders. Der Herzog, kaum daß der Kanzler eingetreten
war, nahm Haltung an und sagte streng, militärisch, eiskalt, befehlsmäßig
zu dem betroffenen Minister: „Der gegenwärtige Herr Finanzdirektor klagt
über Verleumdung seiner Geschäftsführung und postuliert seine Entlassung.
In Ansehung seiner zu Unserm völligen, gnädigen Vergnügen geleisteten
Dienste wünschen Wir, daß alles geschehe, ihn zu halten. Wollen Sie also,
Exzellenz, sogleich eine Urkunde aufsetzen, eine Legitimationsurkunde
oder Absolutorium oder wie Sie es benennen wollen, ein herzogliche
Gesetzes-Ordre, die den Herrn Finanzdirektor für alle seine Handlungen,
die vergangenen wie die zukünftigen, außer alle Verantwortung setzt. Von
niemand, mag er sein, wer er will, soll er können wegen seines Tuns zur
Rechenschaft gezogen werden. Wollen Sie dieses Schriftstück sogleich in
aller Form aufsetzen und Uns zur Unterschrift vorlegen, daß es kann im
nächsten Wochenamtsblatt publiziert werden. Wir warten.“
Die Stimme Karl Alexanders, während er dies sprach, klang so eisig
gemessen, daß der erschreckte Kanzler keine Einrede wagte. Nicht der
Herzog, nicht der Jude sprach ein einziges Wort, während Scheffer die
Urkunde konzipierte. Wortlos auch unterzeichnete Karl Alexander.
Herrschte dann, kaum noch an sich haltend, den Kanzler an: „In das
Amtsblatt den Wisch!“ Zitternd retirierte der Minister.
Süß dankte mit den servilsten, devotesten Bezeugungen für die enorme,
unverdiente Gnade und das extraordinäre Vertrauen. Doch seine Augen
waren nicht dankbar, sie waren dreist und fordernd und höhnisch. Stumm
„Es ist gut,“ sagte Karl Alexander. Dann schwiegen beide. Der Herzog
läutete und befahl sogleich den Hofkanzler Scheffer, prestissimo. Es
vergingen aber zwanzig Minuten, bis der Kanzler kam, und während dieser
zwanzig Minuten sprachen die beiden Männer kein Wort. Sie dachten auch
nicht einer des andern. Es war ein tiefes, wunderliches, erfülltes Schweigen
in dem hellen, weiten, prunkenden Raum. Bilder und Träume kamen und
gingen vom Herzog zu Süß, von Süß zu dem Herzog. Die knarrende
Stimme des Magus war in diesen Träumen, und das tote Kind war darin, die
Finger gestreckt im Zeichen des Schin.
Endlich kam Herr von Scheffer. Er zählte jetzt zu den Feinden des Süß,
er schwitzte, da er den Juden sah, vermutete, der Herzog wolle ihn dem
Juden gegenüberstellen, und er werde gegen den teufelsgewandten Mann
einen schweren Stand haben.
Allein es ging anders. Der Herzog, kaum daß der Kanzler eingetreten
war, nahm Haltung an und sagte streng, militärisch, eiskalt, befehlsmäßig
zu dem betroffenen Minister: „Der gegenwärtige Herr Finanzdirektor klagt
über Verleumdung seiner Geschäftsführung und postuliert seine Entlassung.
In Ansehung seiner zu Unserm völligen, gnädigen Vergnügen geleisteten
Dienste wünschen Wir, daß alles geschehe, ihn zu halten. Wollen Sie also,
Exzellenz, sogleich eine Urkunde aufsetzen, eine Legitimationsurkunde
oder Absolutorium oder wie Sie es benennen wollen, ein herzogliche
Gesetzes-Ordre, die den Herrn Finanzdirektor für alle seine Handlungen,
die vergangenen wie die zukünftigen, außer alle Verantwortung setzt. Von
niemand, mag er sein, wer er will, soll er können wegen seines Tuns zur
Rechenschaft gezogen werden. Wollen Sie dieses Schriftstück sogleich in
aller Form aufsetzen und Uns zur Unterschrift vorlegen, daß es kann im
nächsten Wochenamtsblatt publiziert werden. Wir warten.“
Die Stimme Karl Alexanders, während er dies sprach, klang so eisig
gemessen, daß der erschreckte Kanzler keine Einrede wagte. Nicht der
Herzog, nicht der Jude sprach ein einziges Wort, während Scheffer die
Urkunde konzipierte. Wortlos auch unterzeichnete Karl Alexander.
Herrschte dann, kaum noch an sich haltend, den Kanzler an: „In das
Amtsblatt den Wisch!“ Zitternd retirierte der Minister.
Süß dankte mit den servilsten, devotesten Bezeugungen für die enorme,
unverdiente Gnade und das extraordinäre Vertrauen. Doch seine Augen
waren nicht dankbar, sie waren dreist und fordernd und höhnisch. Stumm
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und feindselig maßen sich die beiden Männer, und Karl Alexander erkannte,
daß er sich nicht losgekauft hatte.
„Geh, Jud!“ schrie er endlich, tobend. Und Süß ging. Doch nicht wie der
Kanzler. Langsam ging er und erhobenen Hauptes und mit einem tiefen,
machtbewußten, bösen Lächeln.
Der Herzog aber, allein, schäumte, raste. Riß, zerrte, scheuerte sich wund
an der unsichtbaren, unzerreißbaren, grauenhaften Bindung von ihm zu
jenem.
Der semmelblonde Expeditionsrat Götz, der jetzt, auffällig jung, als
Kammer-Prokurator in die Geheimkanzlei avanciert war, sah mit
Unbehagen die galanten Bemühungen des Herzogs um seine Mutter, die
Geheimrätin Johanna Ulrike Götz, und seine Schwester, die Demoiselle
Elisabeth Salomea. Er wußte nicht recht, wie er sich verhalten solle.
Einesteils war es ehrenvoll, wenn der Souverain einer Dame seinen Hof
machte, und es war Pflicht der Untertanin, dem gottgewollten Herrn mit
Leib und Seele zu gehören; auch für seine Karriere konnte solche Neigung
des Souverains nur gewinnbringend sein. Andernteils führte der Weg vom
Herzog und zum Herzog immer wieder über den fatalen Juden; ja, er hatte
den Eindruck, Elisabeth Salomea sehe den Juden fast lieber als den Herzog.
Und wenn auch Süß durch seine Stellung bei Hofe vom üblichen Gestank
des Juden gewissermaßen purifiziert war, so blieb es doch eine peinliche
Imagination, sich Schwester und Mutter in näherer Relation zu besagtem
Juden zu denken. Der Expeditionsrat hätte auch vielleicht seinem inneren
Widerstreit ein kurzes Ende gemacht, den Abschied genommen, sich mit
Mutter und Schwester auf sein Landgut bei Heilbronn zurückgezogen.
Doch die Affäre mit der Napolitanerin und die Erkrankung Karl Alexanders
hatte ihn tief verwirrt, er sah sich seinem Fürsten in schwerer Schuld
verstrickt, und sein Gewissen erlaubte ihm nicht diesen Ausweg. Stumm
und in unklarer Not ließ er die Dinge laufen.
Sie gingen aber zunächst stockend und schwerfällig. Süß zog immer
wieder die Bremse an und ließ den Herzog nicht vorwärtskommen. Der
spielte wohl manchmal mit dem Plan, auch diesmal wie so oft die Frucht
mit Gewalt zu pflücken; aber er wollte sich vor dem Juden brüsten, daß er
mit den bloßen Waffen der Galanterie sich könne den Eingang in den
daß er sich nicht losgekauft hatte.
„Geh, Jud!“ schrie er endlich, tobend. Und Süß ging. Doch nicht wie der
Kanzler. Langsam ging er und erhobenen Hauptes und mit einem tiefen,
machtbewußten, bösen Lächeln.
Der Herzog aber, allein, schäumte, raste. Riß, zerrte, scheuerte sich wund
an der unsichtbaren, unzerreißbaren, grauenhaften Bindung von ihm zu
jenem.
Der semmelblonde Expeditionsrat Götz, der jetzt, auffällig jung, als
Kammer-Prokurator in die Geheimkanzlei avanciert war, sah mit
Unbehagen die galanten Bemühungen des Herzogs um seine Mutter, die
Geheimrätin Johanna Ulrike Götz, und seine Schwester, die Demoiselle
Elisabeth Salomea. Er wußte nicht recht, wie er sich verhalten solle.
Einesteils war es ehrenvoll, wenn der Souverain einer Dame seinen Hof
machte, und es war Pflicht der Untertanin, dem gottgewollten Herrn mit
Leib und Seele zu gehören; auch für seine Karriere konnte solche Neigung
des Souverains nur gewinnbringend sein. Andernteils führte der Weg vom
Herzog und zum Herzog immer wieder über den fatalen Juden; ja, er hatte
den Eindruck, Elisabeth Salomea sehe den Juden fast lieber als den Herzog.
Und wenn auch Süß durch seine Stellung bei Hofe vom üblichen Gestank
des Juden gewissermaßen purifiziert war, so blieb es doch eine peinliche
Imagination, sich Schwester und Mutter in näherer Relation zu besagtem
Juden zu denken. Der Expeditionsrat hätte auch vielleicht seinem inneren
Widerstreit ein kurzes Ende gemacht, den Abschied genommen, sich mit
Mutter und Schwester auf sein Landgut bei Heilbronn zurückgezogen.
Doch die Affäre mit der Napolitanerin und die Erkrankung Karl Alexanders
hatte ihn tief verwirrt, er sah sich seinem Fürsten in schwerer Schuld
verstrickt, und sein Gewissen erlaubte ihm nicht diesen Ausweg. Stumm
und in unklarer Not ließ er die Dinge laufen.
Sie gingen aber zunächst stockend und schwerfällig. Süß zog immer
wieder die Bremse an und ließ den Herzog nicht vorwärtskommen. Der
spielte wohl manchmal mit dem Plan, auch diesmal wie so oft die Frucht
mit Gewalt zu pflücken; aber er wollte sich vor dem Juden brüsten, daß er
mit den bloßen Waffen der Galanterie sich könne den Eingang in den
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versperrten Schoß erzwingen. So wartete er zu; doch fachte das lange
Warten seine Brunst immer höher.
Er schickte den Damen, abwechselnd der Mutter und der Tochter, schöne
Geschenke. Der Schwarzbraune brachte sie, der Mameluck, der immer
schwieg, so daß man ihn im Volk für stumm hielt. Der geschmeidige,
dunkelglänzende Mensch gefiel den Frauen, er sah so fern und
melancholisch und tierhaft aus, er hatte bei den Mägden im Schloß und
auch viel höher hinauf große Erfolge. Die süßen, blonden, zarten Damen
Götz reizten ihn sehr; stumm, wenn er die Geschenke überbrachte, fraß er
an ihrer pastellfarbenen Lieblichkeit mit seinen tiefen, wüstentraurigen
Augen. Aber die Demoiselle Elisabeth Salomea, wie sie seine dringlichen
und ungebührlichen Blicke gewahrte, lachte ihm nur hell und backfischhaft
empfindungslos ins Gesicht.
Süß hielt die zwei Frauen fest an der Schnur. Sie waren beide töricht und
maßlos in ihn verliebt, ohne daß sie aufeinander eifersüchtig gewesen
wären. Sie steigerten sich vielmehr gegenseitig in der Bewunderung seiner
mannigfachen Gaben. Während die Mutter sein Genie pries, sie hatte längst
erkannt, daß er im Herzogtum regierte und nicht Karl Alexander, und
während sie ihn rühmte, wie er so gewaltig, furchtbar und gefürchtet und
doch liebenswert sei, fand die Tochter ihn männlich, kraftvoll und
gleichwohl nicht plump und grobmäulig. Wie anders war er als der
ungebärdige Michael Koppenhöfer, wie anders aber auch als die lauten,
brutalen Offiziers. Und aneinanderlehnend, gleich Schwestern, himmelten
sie von ihm, kosteten sie es aus, wie die beiden ersten Männer des Landes,
der Herzog und der Jud, sie hofierten, während der Expeditionsrat
unbehaglich schwieg.
Süß hätte wohl die beiden Frauen vor dem Herzog haben können. Doch
er lächelte dunkel, wenn er es dachte; er tat, als seien sie zu hoch für seine
Berührung, bemerkte ihr Entgegenkommen nicht, begnügte sich, sie so zu
leiten, daß sie den Herzog nicht ans Ziel ließen.
Es begab sich aber um diese Zeit, daß ein holländischer Juwelenhändler
einen besonders kostbaren Stein feilbot, das Auge des Paradieses genannt.
Er stammte aus Indien, ein englischer Abenteurer hatte ihn von dort
mitgebracht, er war wohl auf nicht ganz saubere Manier erworben. Wie
immer, das Auge des Paradieses war der schönste und reinste Stein seiner
Art in Europa. Der Großwesir wollte einen ungeheuren Preis dafür zahlen;
bevor aber der Schatz wieder ins Morgenland entschwand, fragte der
Warten seine Brunst immer höher.
Er schickte den Damen, abwechselnd der Mutter und der Tochter, schöne
Geschenke. Der Schwarzbraune brachte sie, der Mameluck, der immer
schwieg, so daß man ihn im Volk für stumm hielt. Der geschmeidige,
dunkelglänzende Mensch gefiel den Frauen, er sah so fern und
melancholisch und tierhaft aus, er hatte bei den Mägden im Schloß und
auch viel höher hinauf große Erfolge. Die süßen, blonden, zarten Damen
Götz reizten ihn sehr; stumm, wenn er die Geschenke überbrachte, fraß er
an ihrer pastellfarbenen Lieblichkeit mit seinen tiefen, wüstentraurigen
Augen. Aber die Demoiselle Elisabeth Salomea, wie sie seine dringlichen
und ungebührlichen Blicke gewahrte, lachte ihm nur hell und backfischhaft
empfindungslos ins Gesicht.
Süß hielt die zwei Frauen fest an der Schnur. Sie waren beide töricht und
maßlos in ihn verliebt, ohne daß sie aufeinander eifersüchtig gewesen
wären. Sie steigerten sich vielmehr gegenseitig in der Bewunderung seiner
mannigfachen Gaben. Während die Mutter sein Genie pries, sie hatte längst
erkannt, daß er im Herzogtum regierte und nicht Karl Alexander, und
während sie ihn rühmte, wie er so gewaltig, furchtbar und gefürchtet und
doch liebenswert sei, fand die Tochter ihn männlich, kraftvoll und
gleichwohl nicht plump und grobmäulig. Wie anders war er als der
ungebärdige Michael Koppenhöfer, wie anders aber auch als die lauten,
brutalen Offiziers. Und aneinanderlehnend, gleich Schwestern, himmelten
sie von ihm, kosteten sie es aus, wie die beiden ersten Männer des Landes,
der Herzog und der Jud, sie hofierten, während der Expeditionsrat
unbehaglich schwieg.
Süß hätte wohl die beiden Frauen vor dem Herzog haben können. Doch
er lächelte dunkel, wenn er es dachte; er tat, als seien sie zu hoch für seine
Berührung, bemerkte ihr Entgegenkommen nicht, begnügte sich, sie so zu
leiten, daß sie den Herzog nicht ans Ziel ließen.
Es begab sich aber um diese Zeit, daß ein holländischer Juwelenhändler
einen besonders kostbaren Stein feilbot, das Auge des Paradieses genannt.
Er stammte aus Indien, ein englischer Abenteurer hatte ihn von dort
mitgebracht, er war wohl auf nicht ganz saubere Manier erworben. Wie
immer, das Auge des Paradieses war der schönste und reinste Stein seiner
Art in Europa. Der Großwesir wollte einen ungeheuren Preis dafür zahlen;
bevor aber der Schatz wieder ins Morgenland entschwand, fragte der
Page 319
Amsterdamer Händler bei den großen Herren der Christenheit an, ob keiner
den Preis des Heiden überbiete.
Wie nun die Damen Götz gelegentlich die Geschenke Karl Alexanders
rühmten, sprach Süß vom Auge des Paradieses, und daß der Stein jetzt feil
sei. Wer einer Dame ein solches Geschenk präsentiere, der erweise, daß er
sie wirklich liebe; wer einen solchen Preis biete, an den sei keiner Dame
Gunst verschleudert.
Es geschah, wie Süß es gewollt. Kitzelnd redete und leichthin die
Demoiselle Elisabeth Salomea dem Herzog vom Aug des Paradieses. Karl
Alexander sprach mit dem Dom Bartelemi Pancorbo über den Stein, und
was er kosten könne. Ei, das sei wohl ein Demant und große Köstlichkeit,
sagte mit seiner moderigen Stimme der Portugiese und streckte begehrlich
den dürren Hals aus der riesigen Krause. Doch was er koste! Und er nannte
den Preis, den der Großwesir geboten. Fünf Herrschaften hätte man und die
zugehörigen Dörfer dafür kaufen können. Karl Alexander stutzte, wie er die
ungeheure Summe hörte, und gab den Auftrag nicht.
Er ahnte, er wußte sehr wohl, wer in dem zarten, blonden Kopf die
begehrliche Laune angezündet hatte. Aber er war kein Narr, daß er das
gewaltige Geld – was konnte man Land und Soldaten darum kaufen! –
hinwarf für ein Weib, das er schließlich ohne weiteres hätte aufs Bett
schmeißen können; und durfte keiner ihn drum schelten nach dem, was er
Zeit, Galanterie und Präsenter an die Weiber gehängt hatte. Allein jetzt wird
der Jud ihn für einen Filz und Knauser ästimieren. Wird auf seine
undurchdringliche, glatte, hundsföttische Manier den Weibern solche
Mucken in den Kopf setzen, daß er vor ihnen steht als ein Filz und
Harpagon. Auch seine Geilheit stieg hoch. Gift und Opperment! Kann eine
Frau einem solchen mit Lust den Willen tun, der so als dreckiger Knauser
vor ihr steht? Er ließ Dom Bartelemi rufen, gab dem Aufblühenden Ordre,
den Stein zu erwerben.
Allein das Aug des Paradieses war, als Pancorbo eilends und giervoll zu
dem Händler kam, verkauft. An wen? Der Händler wußte es nicht. Ein
Mittelsmann hatte, ohne zu feilschen, den Preis des Großwesirs
unwahrscheinlich hoch überboten.
„Um so besser!“ schmunzelte der Herzog, erzählte den Damen Götz die
Sache, bedauerte, daß er ihnen die Freude nicht habe machen können.
Zwei Tage darauf schenkte Süß der Demoiselle Elisabeth Salomea das
Auge des Paradieses. Es war ein aus der Maßen kostbares Präsent, im
den Preis des Heiden überbiete.
Wie nun die Damen Götz gelegentlich die Geschenke Karl Alexanders
rühmten, sprach Süß vom Auge des Paradieses, und daß der Stein jetzt feil
sei. Wer einer Dame ein solches Geschenk präsentiere, der erweise, daß er
sie wirklich liebe; wer einen solchen Preis biete, an den sei keiner Dame
Gunst verschleudert.
Es geschah, wie Süß es gewollt. Kitzelnd redete und leichthin die
Demoiselle Elisabeth Salomea dem Herzog vom Aug des Paradieses. Karl
Alexander sprach mit dem Dom Bartelemi Pancorbo über den Stein, und
was er kosten könne. Ei, das sei wohl ein Demant und große Köstlichkeit,
sagte mit seiner moderigen Stimme der Portugiese und streckte begehrlich
den dürren Hals aus der riesigen Krause. Doch was er koste! Und er nannte
den Preis, den der Großwesir geboten. Fünf Herrschaften hätte man und die
zugehörigen Dörfer dafür kaufen können. Karl Alexander stutzte, wie er die
ungeheure Summe hörte, und gab den Auftrag nicht.
Er ahnte, er wußte sehr wohl, wer in dem zarten, blonden Kopf die
begehrliche Laune angezündet hatte. Aber er war kein Narr, daß er das
gewaltige Geld – was konnte man Land und Soldaten darum kaufen! –
hinwarf für ein Weib, das er schließlich ohne weiteres hätte aufs Bett
schmeißen können; und durfte keiner ihn drum schelten nach dem, was er
Zeit, Galanterie und Präsenter an die Weiber gehängt hatte. Allein jetzt wird
der Jud ihn für einen Filz und Knauser ästimieren. Wird auf seine
undurchdringliche, glatte, hundsföttische Manier den Weibern solche
Mucken in den Kopf setzen, daß er vor ihnen steht als ein Filz und
Harpagon. Auch seine Geilheit stieg hoch. Gift und Opperment! Kann eine
Frau einem solchen mit Lust den Willen tun, der so als dreckiger Knauser
vor ihr steht? Er ließ Dom Bartelemi rufen, gab dem Aufblühenden Ordre,
den Stein zu erwerben.
Allein das Aug des Paradieses war, als Pancorbo eilends und giervoll zu
dem Händler kam, verkauft. An wen? Der Händler wußte es nicht. Ein
Mittelsmann hatte, ohne zu feilschen, den Preis des Großwesirs
unwahrscheinlich hoch überboten.
„Um so besser!“ schmunzelte der Herzog, erzählte den Damen Götz die
Sache, bedauerte, daß er ihnen die Freude nicht habe machen können.
Zwei Tage darauf schenkte Süß der Demoiselle Elisabeth Salomea das
Auge des Paradieses. Es war ein aus der Maßen kostbares Präsent, im
Page 320
ganzen westlichen Deutschland sprach man davon, der junge Expeditionsrat
Götz wußte durchaus nicht, was er anfangen solle.
Ungerufen erschien Süß vor dem finstern Herzog. Auf die Art, wie es
Karl Alexander zu tun pflegte, rühmte er frech, schmalzig, umständlich und
sehr ins Detail die angenehmen Eigenschaften der Demoiselle.
Die Faust erhoben, stapfte der wütige Karl Alexander massig und
bedrohlich auf den Juden zu. Der stand und rührte sich nicht und schaute
ihn an.
Doch Karl Alexander hielt ein. Schnaufte röchelnd. „Wir sind quitt, Jud!“
sagte er endlich heiser.
Aber der Jude schwieg. Und der Herzog wußte, daß er nicht erlöst war.
Unterdes hatte man in der Hofburg des Fürstbischofs von Würzburg einen
besonders feinen, kniffligen Plan ausgetiftelt. Nach dem Muster der
Regierung der österreichischen Niederlande sollte Württemberg eingeteilt
werden in zwölf militärische Obervogteien. Jedem Obervogt sollte ein
Regiment Soldaten zugeordnet, die Beamten ihm unmittelbar unterstellt
sein. Das bedeutete die rein militärische Verwaltung des Landes, die
Legalisierung der Militärautokratie.
Um das Parlament vollends lahmzulegen, war ein Dekret vorbereitet, das
jeder Sitzung des Elfer-Ausschusses einen vom Herzog bestimmten
Geheimrat beiordnete. Dieser Beamte sollte die herzoglichen Anträge
begründen, zugleich aber auch acht haben auf diejenigen, welche sich
gegen die Vorlagen aussprächen; sei ihre Meinung die bessere, so werde
man sie annehmen, geschehe aber die Opposition aus purer Böswilligkeit
und Widerspruchsgeist, so werde man eben ein Stück oder mehrere auf die
Festung setzen.
Unter Vertilgung von zahllosen Schalen Kaffee arbeitete der
unscheinbare Geheimrat Fichtel, assistiert von dem Konsistorialpräsidenten
eine umständliche, höllisch schlaue Deduktion aus, die vor Kaiser,
Reichstag und Corpus Evangelicorum diese Willkürmaßnahmen
rechtfertigen sollte. Mit treuherziger Biederkeit war die Verfassung ins
Gegenteil kommentiert, mit feinster advokatischer Kunst war vor allem das
Argument ausgespielt, bei den zwischen Herrn und Landschaft errichteten
alten Verträgen sei wohl zu beachten, in was für Zeiten solche gemacht
Götz wußte durchaus nicht, was er anfangen solle.
Ungerufen erschien Süß vor dem finstern Herzog. Auf die Art, wie es
Karl Alexander zu tun pflegte, rühmte er frech, schmalzig, umständlich und
sehr ins Detail die angenehmen Eigenschaften der Demoiselle.
Die Faust erhoben, stapfte der wütige Karl Alexander massig und
bedrohlich auf den Juden zu. Der stand und rührte sich nicht und schaute
ihn an.
Doch Karl Alexander hielt ein. Schnaufte röchelnd. „Wir sind quitt, Jud!“
sagte er endlich heiser.
Aber der Jude schwieg. Und der Herzog wußte, daß er nicht erlöst war.
Unterdes hatte man in der Hofburg des Fürstbischofs von Würzburg einen
besonders feinen, kniffligen Plan ausgetiftelt. Nach dem Muster der
Regierung der österreichischen Niederlande sollte Württemberg eingeteilt
werden in zwölf militärische Obervogteien. Jedem Obervogt sollte ein
Regiment Soldaten zugeordnet, die Beamten ihm unmittelbar unterstellt
sein. Das bedeutete die rein militärische Verwaltung des Landes, die
Legalisierung der Militärautokratie.
Um das Parlament vollends lahmzulegen, war ein Dekret vorbereitet, das
jeder Sitzung des Elfer-Ausschusses einen vom Herzog bestimmten
Geheimrat beiordnete. Dieser Beamte sollte die herzoglichen Anträge
begründen, zugleich aber auch acht haben auf diejenigen, welche sich
gegen die Vorlagen aussprächen; sei ihre Meinung die bessere, so werde
man sie annehmen, geschehe aber die Opposition aus purer Böswilligkeit
und Widerspruchsgeist, so werde man eben ein Stück oder mehrere auf die
Festung setzen.
Unter Vertilgung von zahllosen Schalen Kaffee arbeitete der
unscheinbare Geheimrat Fichtel, assistiert von dem Konsistorialpräsidenten
eine umständliche, höllisch schlaue Deduktion aus, die vor Kaiser,
Reichstag und Corpus Evangelicorum diese Willkürmaßnahmen
rechtfertigen sollte. Mit treuherziger Biederkeit war die Verfassung ins
Gegenteil kommentiert, mit feinster advokatischer Kunst war vor allem das
Argument ausgespielt, bei den zwischen Herrn und Landschaft errichteten
alten Verträgen sei wohl zu beachten, in was für Zeiten solche gemacht
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worden; mit dem, was vor Jahren gut gewesen, sei in heutigen Tagen nicht
mehr hinauszugelangen.
Tausend Hände arbeiteten geschäftig ineinander. Papst und Kaiser gaben
wohlwollend ermunternde Winke, und jene alten, nebelhaften
Abmachungen, die Karl Alexander bei Regierungsantritt mit den Wiener
Räten getroffen hatte, wonach er den Kaiser im Franzosenkrieg, der Kaiser
ihn bei Wahrung seiner Souveränität mit Truppen solle unterstützen müssen,
gewannen plötzlich einen für die württembergische Verfassungspartei sehr
bedrohlichen Sinn. Der alte Fürst Thurn und Taxis reiste in den
österreichischen Niederlanden und gab von dort Direktiven für die
Stuttgarter Verwaltungsreform. Die militärische Organisation besorgte straff
und grob Remchingen, die finanzielle Süß, die diplomatische Fichtel, die
Aushöhlung und Zermürbung des Parlaments Weißensee.
Karl Alexander arbeitete rastlos, fieberig. Hielt Konferenzen, schrieb
selber zahllose Briefe, visitierte die Truppen. Er stürzte sich in das
katholische Projekt wie in ein heilendes Bad. Kein Aderlaß hatte ihm, keine
Schröpfkur der Doktoren Breyer und Seeger ihm geholfen, wenn der
dumpfe Zorn über den Juden ihm das Blut dick und schwer zu Kopfe
steigen machte. Jetzt hatte er ein vages Gefühl, es könne ihn das katholische
Projekt frei und los machen.
Der Herzog war keineswegs fromm. Es war weiß Gott nicht die
himmlische Maria gewesen, um derentwillen er sich zur römischen Kirche
bekannt hatte, sondern Marie Auguste von Thurn und Taxis und ein Sack
voll Dukaten. Aber er war auch trotz gelegentlicher freigeistiger Scherze
nicht geneigt zu einem prinzipiellen und bedingungslosen à la mode-
Atheismus. Er fühlte sich in den Riten der Kirche sehr behaglich, einem
Soldaten und großen Herrn stand aus mancherlei Gründen diese Religion
viel schöner an, insonderheit paßte der prunkvolle Glaube viel besser zu
den reichen und prächtigen Uniformen, die er liebte. Auch war es bequem,
dem milden und behäbigen Pater Kaspar zuweilen zu beichten, obzwar man
seine heimlichsten und sündigsten Gedanken einem andern schwerlich
sagen, ja für sich selber kaum ein zweites Mal recht packen konnte.
Jetzt wurde sein lässiger Glaube ernsthaft, gewann Kern. War früher sein
Religionsbekenntnis nichts gewesen als politisches Mittel, als praktische
Vorbedingung einer von Kaiser und Rom unterstützten schwäbischen
Militärautokratie oder bestenfalls Dekoration, so begann sich ihm der
erstrebte Absolutismus jetzt allmählich mystisch zu vernebeln. Er sah sich
mehr hinauszugelangen.
Tausend Hände arbeiteten geschäftig ineinander. Papst und Kaiser gaben
wohlwollend ermunternde Winke, und jene alten, nebelhaften
Abmachungen, die Karl Alexander bei Regierungsantritt mit den Wiener
Räten getroffen hatte, wonach er den Kaiser im Franzosenkrieg, der Kaiser
ihn bei Wahrung seiner Souveränität mit Truppen solle unterstützen müssen,
gewannen plötzlich einen für die württembergische Verfassungspartei sehr
bedrohlichen Sinn. Der alte Fürst Thurn und Taxis reiste in den
österreichischen Niederlanden und gab von dort Direktiven für die
Stuttgarter Verwaltungsreform. Die militärische Organisation besorgte straff
und grob Remchingen, die finanzielle Süß, die diplomatische Fichtel, die
Aushöhlung und Zermürbung des Parlaments Weißensee.
Karl Alexander arbeitete rastlos, fieberig. Hielt Konferenzen, schrieb
selber zahllose Briefe, visitierte die Truppen. Er stürzte sich in das
katholische Projekt wie in ein heilendes Bad. Kein Aderlaß hatte ihm, keine
Schröpfkur der Doktoren Breyer und Seeger ihm geholfen, wenn der
dumpfe Zorn über den Juden ihm das Blut dick und schwer zu Kopfe
steigen machte. Jetzt hatte er ein vages Gefühl, es könne ihn das katholische
Projekt frei und los machen.
Der Herzog war keineswegs fromm. Es war weiß Gott nicht die
himmlische Maria gewesen, um derentwillen er sich zur römischen Kirche
bekannt hatte, sondern Marie Auguste von Thurn und Taxis und ein Sack
voll Dukaten. Aber er war auch trotz gelegentlicher freigeistiger Scherze
nicht geneigt zu einem prinzipiellen und bedingungslosen à la mode-
Atheismus. Er fühlte sich in den Riten der Kirche sehr behaglich, einem
Soldaten und großen Herrn stand aus mancherlei Gründen diese Religion
viel schöner an, insonderheit paßte der prunkvolle Glaube viel besser zu
den reichen und prächtigen Uniformen, die er liebte. Auch war es bequem,
dem milden und behäbigen Pater Kaspar zuweilen zu beichten, obzwar man
seine heimlichsten und sündigsten Gedanken einem andern schwerlich
sagen, ja für sich selber kaum ein zweites Mal recht packen konnte.
Jetzt wurde sein lässiger Glaube ernsthaft, gewann Kern. War früher sein
Religionsbekenntnis nichts gewesen als politisches Mittel, als praktische
Vorbedingung einer von Kaiser und Rom unterstützten schwäbischen
Militärautokratie oder bestenfalls Dekoration, so begann sich ihm der
erstrebte Absolutismus jetzt allmählich mystisch zu vernebeln. Er sah sich
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im Dienst einer großen, göttlichen Idee; die Macht, um die er rang, war
etwas Heiliges, der Kampf um sie Gottesdienst. Er wurde zur Freude Pater
Kaspars und der befreundeten geistlichen Fürsten sichtlich frömmer und
strenger in der Befolgung der Bräuche.
Es war aber dies, daß er, ohne es sich zu gestehen, in solchem
Gottesdienst eine Sühnung sah für seine seltsame, haßvolle, unzerstörbare
Neigung zu dem Juden. Mit verschmitzter, von den Jesuiten erlernter
Rabulistik machte er sich vor, er habe den Juden aus politischen Gründen
nötig, nur darum toleriere er seine aufreizende Gegenwart. Sowie er aber
am Ziel sei, werde er den Kujon am Kopf packen und auf die Festung
setzen. Manchmal wieder sagte er sich, erreiche er den Triumph der Kirche
in Schwaben, dann werde Gott ihn sicherlich belohnen und ihn lösen aus
der peinvollen Bindung mit dem Juden.
Oh, er hätte nicht sollen des jüdischen Magus Orakel anrufen und
annehmen. Er hatte das zweite angenommen, nun brannte ihn jenes: „Das
erste sage ich Euch nicht.“ Er schrieb dringlich an seinen Freund, den
Fürstabt von Einsiedeln in der Schweiz, daß der, selber ein großer Astrolog,
ihm einen katholischen Stern- und Zeichendeuter schicke. Bald auch traf
ein solcher Magus ein. Er war sehr anders als der Kabbalist. Der hatte in
Tracht und Gewese nichts Ungewöhnliches gehabt und doch war jedem, der
ihn sah, fremd und unbehaglich zumut geworden. Der Magus des Fürstabts
aber rückte an mit allem Prunk und Gerät des professionellen
Schwarzkünstlers. Er brachte Gestelle, Dreiecke, Fernrohre, Kolben,
zauberische Hufeisen mit, verlangte ein einsames Turmzimmer, stieg
nächtlich in vielfigurigem Hemd auf das Dach des Schlosses unter
seltsamen Beschwörungen, ließ Erde vom Gottesacker holen, sammelte
Fensterschweiß bei zunehmendem Mond, brannte Espen zu Kohlen und
trieb dergleichen wunderliche Hantierung mehr. Oft auch klang um
Mitternacht wildes Getöse aus seinem Zimmer, und den trotz aller Bangnis
neugierig lauschenden Lakaien war es, als brause schellenklingelnd mit
dickem Rollgeschirr ein Pferd durchs Fenster. Der Astrolog versprach dem
Herzog, ihm für sein vorhabendes Unternehmen den sternrechten Tag, ja die
Stunde aufs genaueste anzugeben. Der Herzog verhehlte sich nicht, daß der
Mensch mit all seinem Zauber ihm weniger Eindruck und Zutrauen gab als
mit seiner stillen, unauffälligen Gegenwart der Kabbalist; und als Süß ihm,
den Astrologen geradezu ins Gesicht höhnend, auf eine Kanone wies: „Herr
Herzog, dies sind die besten Stern- und Zeichendeuter,“ lachte er schallend
etwas Heiliges, der Kampf um sie Gottesdienst. Er wurde zur Freude Pater
Kaspars und der befreundeten geistlichen Fürsten sichtlich frömmer und
strenger in der Befolgung der Bräuche.
Es war aber dies, daß er, ohne es sich zu gestehen, in solchem
Gottesdienst eine Sühnung sah für seine seltsame, haßvolle, unzerstörbare
Neigung zu dem Juden. Mit verschmitzter, von den Jesuiten erlernter
Rabulistik machte er sich vor, er habe den Juden aus politischen Gründen
nötig, nur darum toleriere er seine aufreizende Gegenwart. Sowie er aber
am Ziel sei, werde er den Kujon am Kopf packen und auf die Festung
setzen. Manchmal wieder sagte er sich, erreiche er den Triumph der Kirche
in Schwaben, dann werde Gott ihn sicherlich belohnen und ihn lösen aus
der peinvollen Bindung mit dem Juden.
Oh, er hätte nicht sollen des jüdischen Magus Orakel anrufen und
annehmen. Er hatte das zweite angenommen, nun brannte ihn jenes: „Das
erste sage ich Euch nicht.“ Er schrieb dringlich an seinen Freund, den
Fürstabt von Einsiedeln in der Schweiz, daß der, selber ein großer Astrolog,
ihm einen katholischen Stern- und Zeichendeuter schicke. Bald auch traf
ein solcher Magus ein. Er war sehr anders als der Kabbalist. Der hatte in
Tracht und Gewese nichts Ungewöhnliches gehabt und doch war jedem, der
ihn sah, fremd und unbehaglich zumut geworden. Der Magus des Fürstabts
aber rückte an mit allem Prunk und Gerät des professionellen
Schwarzkünstlers. Er brachte Gestelle, Dreiecke, Fernrohre, Kolben,
zauberische Hufeisen mit, verlangte ein einsames Turmzimmer, stieg
nächtlich in vielfigurigem Hemd auf das Dach des Schlosses unter
seltsamen Beschwörungen, ließ Erde vom Gottesacker holen, sammelte
Fensterschweiß bei zunehmendem Mond, brannte Espen zu Kohlen und
trieb dergleichen wunderliche Hantierung mehr. Oft auch klang um
Mitternacht wildes Getöse aus seinem Zimmer, und den trotz aller Bangnis
neugierig lauschenden Lakaien war es, als brause schellenklingelnd mit
dickem Rollgeschirr ein Pferd durchs Fenster. Der Astrolog versprach dem
Herzog, ihm für sein vorhabendes Unternehmen den sternrechten Tag, ja die
Stunde aufs genaueste anzugeben. Der Herzog verhehlte sich nicht, daß der
Mensch mit all seinem Zauber ihm weniger Eindruck und Zutrauen gab als
mit seiner stillen, unauffälligen Gegenwart der Kabbalist; und als Süß ihm,
den Astrologen geradezu ins Gesicht höhnend, auf eine Kanone wies: „Herr
Herzog, dies sind die besten Stern- und Zeichendeuter,“ lachte er schallend
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mit. Dennoch fühlte er, nun er den christlichen Weisen berufen, sein
Gewissen ruhiger; übrigens war aus dem jüdischen Hexer ohnedies nichts
mehr herauszukriegen.
Karl Alexander hatte, trotzdem Süß ihm vorgeschmaust, der Lockung
nicht widerstehen können, nun auch seinerseits die Damen Götz zu
probieren, die der Jude mit lässigem Hohn ihm zuspielte. Allein er hatte,
wohl auch in Gedanken an jenen, nicht den erhofften Genuß. Immer
wütiger sich in das katholische Projekt verbeißend, hatte er dann die Damen
bald ganz vernachlässigt. Da saßen jetzt die Gedemütigten; sie konnten auf
ihren zarten Pastellgesichtern den Kummer nicht verstecken, insonderheit
die Mutter alterte zusehends. Der Expeditionsrat knirschte vor sich hin
jenen Vers aus der Komödie, darin er die Napolitanerin kennengelernt: „Die
Schönheit, die uns lockt, ist Huld und süßes Wunder; die Schönheit, die
gekost’t, ist wüster Dreck und Plunder,“ und er wußte nicht, wie er sich
verhalten solle. Er schäumte, er dachte jetzt ernstlich daran, sich auf sein
Gut bei Heilbronn zurückzuziehen, und selbst als er avancierte, knurrte sein
Zorn noch leise nach.
Am meisten aber grämte das Leid der blonden, lieblichen Damen den
Schwarzbraunen, Otman, den Mamelucken. Er war wie immer vor der
Schwelle gelegen in jener Nacht, da Johanna Ulrike, und in jener
schlimmeren, da Elisabeth Salomea zu dem Herzog gekommen war. Er
hatte nicht geschlafen in jener zweiten Nacht, er hatte, vor der Schwelle
kauernd, scharfhörig auf jeden leisesten Laut gelauscht, und als Elisabeth
Salomea das Schloß verließ, verwandelte sich im Rücken des sie
geleitenden, lärmenden Herzogs plötzlich sein verschlossenes Gesicht, und
er starrte Karl Alexander mit so wildem, tierhaftem Haß nach, daß der in
unwillkürlicher Abwehr den Rücken rundete.
Der Schwarzbraune wußte sehr gut alle Zusammenhänge. Er wußte, von
wem Elisabeth Salomea das Aug des Paradieses hatte, und er wußte, was
dieser Besitz bedeutete. Wunderlicherweise haßte er nicht den Süß darum;
ja, er spürte eine sonderbare Genugtuung, daß der und nicht ein Christ sie
zuerst gehabt hatte. Um so tiefer war sein fressender Haß gegen Karl
Alexander.
Der Herzog hielt seinen Mamelucken wie einen guten Hund. Er glaubte
wohl auch, der Schwarzbraune verstehe von seinen Affären nicht mehr als
ein Tier, und hatte nichts Heimliches vor ihm. Wo Karl Alexander war,
stand, saß, lehnte, hockte, kauerte, lag in einer Ecke Otman; des Nachts
Gewissen ruhiger; übrigens war aus dem jüdischen Hexer ohnedies nichts
mehr herauszukriegen.
Karl Alexander hatte, trotzdem Süß ihm vorgeschmaust, der Lockung
nicht widerstehen können, nun auch seinerseits die Damen Götz zu
probieren, die der Jude mit lässigem Hohn ihm zuspielte. Allein er hatte,
wohl auch in Gedanken an jenen, nicht den erhofften Genuß. Immer
wütiger sich in das katholische Projekt verbeißend, hatte er dann die Damen
bald ganz vernachlässigt. Da saßen jetzt die Gedemütigten; sie konnten auf
ihren zarten Pastellgesichtern den Kummer nicht verstecken, insonderheit
die Mutter alterte zusehends. Der Expeditionsrat knirschte vor sich hin
jenen Vers aus der Komödie, darin er die Napolitanerin kennengelernt: „Die
Schönheit, die uns lockt, ist Huld und süßes Wunder; die Schönheit, die
gekost’t, ist wüster Dreck und Plunder,“ und er wußte nicht, wie er sich
verhalten solle. Er schäumte, er dachte jetzt ernstlich daran, sich auf sein
Gut bei Heilbronn zurückzuziehen, und selbst als er avancierte, knurrte sein
Zorn noch leise nach.
Am meisten aber grämte das Leid der blonden, lieblichen Damen den
Schwarzbraunen, Otman, den Mamelucken. Er war wie immer vor der
Schwelle gelegen in jener Nacht, da Johanna Ulrike, und in jener
schlimmeren, da Elisabeth Salomea zu dem Herzog gekommen war. Er
hatte nicht geschlafen in jener zweiten Nacht, er hatte, vor der Schwelle
kauernd, scharfhörig auf jeden leisesten Laut gelauscht, und als Elisabeth
Salomea das Schloß verließ, verwandelte sich im Rücken des sie
geleitenden, lärmenden Herzogs plötzlich sein verschlossenes Gesicht, und
er starrte Karl Alexander mit so wildem, tierhaftem Haß nach, daß der in
unwillkürlicher Abwehr den Rücken rundete.
Der Schwarzbraune wußte sehr gut alle Zusammenhänge. Er wußte, von
wem Elisabeth Salomea das Aug des Paradieses hatte, und er wußte, was
dieser Besitz bedeutete. Wunderlicherweise haßte er nicht den Süß darum;
ja, er spürte eine sonderbare Genugtuung, daß der und nicht ein Christ sie
zuerst gehabt hatte. Um so tiefer war sein fressender Haß gegen Karl
Alexander.
Der Herzog hielt seinen Mamelucken wie einen guten Hund. Er glaubte
wohl auch, der Schwarzbraune verstehe von seinen Affären nicht mehr als
ein Tier, und hatte nichts Heimliches vor ihm. Wo Karl Alexander war,
stand, saß, lehnte, hockte, kauerte, lag in einer Ecke Otman; des Nachts
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sogar lag er in einem Winkel des Schlafzimmers oder vor der Tür. Er war
aber ein viel besserer Kombinierer, als der Herzog ahnte, er hatte Aug und
Ohr gut auf und konnte sich auch Abliegendes sehr wohl zusammenreimen.
Auf seine verschlossene, lautlose Manier erschien er jetzt zuweilen bei Süß,
auf seine verschlossene, stille Manier, lässig, breitete er ihm diese und jene
Heimlichkeit des Fürsten hin, die der Jude nicht wissen konnte und sollte.
Und dann schauten die beiden Männer sich an, die fliegenden, jetzt minder
gewölbten Augen des einen gingen in die stillen, tierhaften des andern, und
in beider Augen war das gleiche, wilde, zähe Hassen.
Einige stillere Tage nutzte Süß, nach Hirsau zu fahren. Das weiße Haus lag
jetzt ganz schweigsam. Rabbi Gabriel sprach kein Wort; die Männer
begrüßten sich, sonst sahen sie sich nicht. Endlich, nach Tagen, zwang es
dem Rabbi den Mund auf: „Ich sehe unter Fleisch und Knochen dein
Gesicht, Josef.“
„Bin ich anders geworden?“ fragte Süß. Und, grimmiger, setzte er hinzu:
„Jetzt seh ich wohl in Wahrheit aus wie ein rechter Jud. Oder bin ich noch
immer meines Vaters Sohn?“
„Leid kratzt die Tünche vom Gesicht,“ sagte Rabbi Gabriel. „Du hast ein
zerlittenes Gesicht, du hast ein jüdisches Gesicht. Dein Weg ist falsch,
Josef,“ sagte er nach einer Weile noch, „du wirst ihn müssen zurückgehen.“
Aber Süß schwieg und änderte keinen Zug, und man konnte nicht erkennen,
ob er gehört hatte. Von dem Kind sprachen sie nicht.
Süß ging durch die feierlich fröhlichen Blumenterrassen, die das Kind
geliebt hatte, er starrte auf die Bilder des Kabbalistischen Baums und des
Himmlischen Menschen, mit denen sie ihre Augen erfüllt hatte, er starrte
auf die Seiten mit den großen, blockigen Buchstaben des Hohen Lieds, das
sie vor den anderen Büchern der Bibel geliebt hatte. Aber die süßen und
lieblichen Worte läuteten ihm nicht ihr holdes Gekling, eine heiße, wilde
Mahnung fauchte ihn an daraus, er konnte die Seiten nicht länger
anschauen.
Unvermutet, im Wald, traf er den Kirchenratspräsidenten. Weißensee
hatte sich wieder zu seinem Bibelkommentar zurückgezogen, schlurfte
herum in seinen geräumigen Stuben mit den weißen Vorhängen, führte
nachdenklich Konversation mit dem Magister Schober. Jetzt bat er den Süß,
aber ein viel besserer Kombinierer, als der Herzog ahnte, er hatte Aug und
Ohr gut auf und konnte sich auch Abliegendes sehr wohl zusammenreimen.
Auf seine verschlossene, lautlose Manier erschien er jetzt zuweilen bei Süß,
auf seine verschlossene, stille Manier, lässig, breitete er ihm diese und jene
Heimlichkeit des Fürsten hin, die der Jude nicht wissen konnte und sollte.
Und dann schauten die beiden Männer sich an, die fliegenden, jetzt minder
gewölbten Augen des einen gingen in die stillen, tierhaften des andern, und
in beider Augen war das gleiche, wilde, zähe Hassen.
Einige stillere Tage nutzte Süß, nach Hirsau zu fahren. Das weiße Haus lag
jetzt ganz schweigsam. Rabbi Gabriel sprach kein Wort; die Männer
begrüßten sich, sonst sahen sie sich nicht. Endlich, nach Tagen, zwang es
dem Rabbi den Mund auf: „Ich sehe unter Fleisch und Knochen dein
Gesicht, Josef.“
„Bin ich anders geworden?“ fragte Süß. Und, grimmiger, setzte er hinzu:
„Jetzt seh ich wohl in Wahrheit aus wie ein rechter Jud. Oder bin ich noch
immer meines Vaters Sohn?“
„Leid kratzt die Tünche vom Gesicht,“ sagte Rabbi Gabriel. „Du hast ein
zerlittenes Gesicht, du hast ein jüdisches Gesicht. Dein Weg ist falsch,
Josef,“ sagte er nach einer Weile noch, „du wirst ihn müssen zurückgehen.“
Aber Süß schwieg und änderte keinen Zug, und man konnte nicht erkennen,
ob er gehört hatte. Von dem Kind sprachen sie nicht.
Süß ging durch die feierlich fröhlichen Blumenterrassen, die das Kind
geliebt hatte, er starrte auf die Bilder des Kabbalistischen Baums und des
Himmlischen Menschen, mit denen sie ihre Augen erfüllt hatte, er starrte
auf die Seiten mit den großen, blockigen Buchstaben des Hohen Lieds, das
sie vor den anderen Büchern der Bibel geliebt hatte. Aber die süßen und
lieblichen Worte läuteten ihm nicht ihr holdes Gekling, eine heiße, wilde
Mahnung fauchte ihn an daraus, er konnte die Seiten nicht länger
anschauen.
Unvermutet, im Wald, traf er den Kirchenratspräsidenten. Weißensee
hatte sich wieder zu seinem Bibelkommentar zurückgezogen, schlurfte
herum in seinen geräumigen Stuben mit den weißen Vorhängen, führte
nachdenklich Konversation mit dem Magister Schober. Jetzt bat er den Süß,
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seine Begleitung zu erlauben. Da der Jude nicht antwortete, nahm er es für
Zustimmung, schloß sich ihm an. Langsam, behutsam, wortkarg ging er mit
ihm durch den sonngesprenkelten Wald, folgte ihm, da er es nicht wehrte,
durch die Terrassen in das weiße Haus. Saß mit ihm, stumm, in sonderbarer
Befangenheit, in dem Zimmer mit den magischen Figuren. Nach einer
Weile gesellte sich auch Rabbi Gabriel zu. Da hockten die drei Männer,
rundrückig, schwersinnig, müde. Sie sahen, daß sie alt waren, sie spürten,
wie ihnen das Leben aus den Leibern glitt, in die Vergangenheit entrann,
Augenblick um Augenblick, sie spürten es deutlich, leibhaft, mit einer
wehen Wollust, wie einer, der krank vor Müdigkeit die Glieder streckt, sie
spürten einer des andern Druck, und sie spürten sich einer im andern in
solcher lüstigen Mattheit.
Andern Tags verabschiedete sich Rabbi Gabriel von Süß. Er war gewillt,
nicht mehr in das Land zurückzukehren. Süß war weicher, gelöster als
sonst. So sehr er sich gegen den Rabbi aufbäumte, so höhnisch er jene
Forderung, seinen Weg zurückzugehen, als weichmütiges Gefasel abtat, er
hätte ihn doch gern in seiner Nähe gewußt. Es war auf dem Antlitz des
dicken, häßlichen Mannes ein Abglanz des Kindes, Naemis Träume waren
hinter seiner breiten, nicht hohen, vorgebauten Stirn mit den eingezackten
Furchen des Schin. Wenn er nun fort ist, wird Süß sehr allein sein. Aber dies
gestand er sich nicht ein; er machte sich vor, er sei verdrossen nur deshalb,
weil er jetzt keinen Zeugen mehr haben wird, wie sein Weg der rechte ist
und seine meisterliche Rache das einzige Mittel, ihn wieder mit dem Kinde
zu verbinden.
Er stand gespalten vor dem Kabbalisten und sehr bereit, ein milderes
Wort zu geben und zu nehmen. Aber der Rabbi war mürrisch und mißlaunig
wie sonst. Seine Bücher und das kabbalistische Gerät war fast alles schon
weggebracht. Mit seiner knarrenden Stimme gab er dem alten Diener noch
die und jene kurze Weisung. Dann, nach Osten gerichtet, nach Zion, sprach
er das Gebet vor Antritt einer großen Reise, je dreimal in drei Wendungen
das Bekenntnis zum Vertrauen auf die Hilfe Jahves. Richtete nochmals die
trübgrauen Steinaugen auf Süß, knarrte ihm kurz und mißtönig den letzten
Gruß: „Friede mit dir.“ Dann ging er, gefolgt von Jantje, der dicken,
watschelnden Zofe, die er in ihre Heimat bringen wollte. Süß sah seinen
breiten, gedrungenen, leicht runden Rücken in der altfränkischen Tracht
zwischen den Blumenterrassen, dann im Wald verschwinden. Ganz leise
hatte er gewünscht, der Rabbi möchte sich noch einmal wenden. Doch mit
Zustimmung, schloß sich ihm an. Langsam, behutsam, wortkarg ging er mit
ihm durch den sonngesprenkelten Wald, folgte ihm, da er es nicht wehrte,
durch die Terrassen in das weiße Haus. Saß mit ihm, stumm, in sonderbarer
Befangenheit, in dem Zimmer mit den magischen Figuren. Nach einer
Weile gesellte sich auch Rabbi Gabriel zu. Da hockten die drei Männer,
rundrückig, schwersinnig, müde. Sie sahen, daß sie alt waren, sie spürten,
wie ihnen das Leben aus den Leibern glitt, in die Vergangenheit entrann,
Augenblick um Augenblick, sie spürten es deutlich, leibhaft, mit einer
wehen Wollust, wie einer, der krank vor Müdigkeit die Glieder streckt, sie
spürten einer des andern Druck, und sie spürten sich einer im andern in
solcher lüstigen Mattheit.
Andern Tags verabschiedete sich Rabbi Gabriel von Süß. Er war gewillt,
nicht mehr in das Land zurückzukehren. Süß war weicher, gelöster als
sonst. So sehr er sich gegen den Rabbi aufbäumte, so höhnisch er jene
Forderung, seinen Weg zurückzugehen, als weichmütiges Gefasel abtat, er
hätte ihn doch gern in seiner Nähe gewußt. Es war auf dem Antlitz des
dicken, häßlichen Mannes ein Abglanz des Kindes, Naemis Träume waren
hinter seiner breiten, nicht hohen, vorgebauten Stirn mit den eingezackten
Furchen des Schin. Wenn er nun fort ist, wird Süß sehr allein sein. Aber dies
gestand er sich nicht ein; er machte sich vor, er sei verdrossen nur deshalb,
weil er jetzt keinen Zeugen mehr haben wird, wie sein Weg der rechte ist
und seine meisterliche Rache das einzige Mittel, ihn wieder mit dem Kinde
zu verbinden.
Er stand gespalten vor dem Kabbalisten und sehr bereit, ein milderes
Wort zu geben und zu nehmen. Aber der Rabbi war mürrisch und mißlaunig
wie sonst. Seine Bücher und das kabbalistische Gerät war fast alles schon
weggebracht. Mit seiner knarrenden Stimme gab er dem alten Diener noch
die und jene kurze Weisung. Dann, nach Osten gerichtet, nach Zion, sprach
er das Gebet vor Antritt einer großen Reise, je dreimal in drei Wendungen
das Bekenntnis zum Vertrauen auf die Hilfe Jahves. Richtete nochmals die
trübgrauen Steinaugen auf Süß, knarrte ihm kurz und mißtönig den letzten
Gruß: „Friede mit dir.“ Dann ging er, gefolgt von Jantje, der dicken,
watschelnden Zofe, die er in ihre Heimat bringen wollte. Süß sah seinen
breiten, gedrungenen, leicht runden Rücken in der altfränkischen Tracht
zwischen den Blumenterrassen, dann im Wald verschwinden. Ganz leise
hatte er gewünscht, der Rabbi möchte sich noch einmal wenden. Doch mit
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seinem so schwerfälligen wie steten und unbeirrbaren Schritt stapfte er
geradeaus und fort.
Wenige Tage später verließen auch Süß und der alte Diener das weiße
Haus. Nun lag der kleine, fremdartige Bau ganz ohne Laut in besonnter
Einsamkeit. Die Räume standen schmerzhaft kahl, die weißen Fensterläden
waren abweisend und gespenstisch zugenagelt, die festlich heiteren Blumen
verdarben und niemand erneute sie. Geraun erhob sich um das verlassene,
seltsame, hochmütige Gebäu; kindisch blutrünstige Phantastereien wurden
darum gewoben, drangen bis in die Hauptstadt. Im Wirtshaus zum Blauen
Bock flüsterte der Konditor Benz, die Schweinsäuglein weit und bedeutsam
aufgerissen, den übergrausten Gästen das neueste Geheimnis zu: in einem
Wald habe die hebräische Hexelenz eine versteckte Zauberwerkstatt. Aus
dem Blut von christlichen Jungfrauen, die er unter Martern gebunden vom
Dach stürze, daß sie sich unten an eisernen Blumen aufspießten, koche er
einen Teufelssud, sich die Sympathie des Herzogs immer neu zu gewinnen.
Satanas gehe in dem Hexenschloß ein und aus in Gestalt eines fetten
Mannes mit Schwanz und Horn und Pferdefuß.
Die Zofe Jantje hatte eine Katze gehabt, ein schwarzgraues, altes, unedles
Tier. Rabbi Gabriel hatte die Katze nicht leiden mögen, und Jantje wagte
nicht, sie auf die weite Reise mitzunehmen. Nachdenkend, bei wem das
Tier am besten gewartet sei, kam sie auf den Magister Jaakob Polykarp
Schober. Der Magister war, sooft es anging, an Naemis Weg gestanden,
hatte fromme, ehrerbietige Worte zu ihr gesprochen, hatte auch etliche
zaghafte Versuche gemacht, sie zu seinem sauberen, tiefsinnigen Glauben
zu erwecken; vor allem hatte er sie durch inbrünstige Rezitation seiner
Verse zu retten versucht. Als sie aber solche Bemühungen brennend und
empört zurückwies, hatte er abgelassen und sich begnügt, sein Herz in
Züchten an ihrem englischen Anblick zu erfreuen. Wie sie dann so plötzlich
weggerafft war, ging der pausbäckige Mann tagelang in tiefster,
schmerzhaftester Beklommenheit herum, fahl, die Kinderaugen vogelhaft
verstört, angefüllt von innerem Vorwurf, daß er sie nicht mit mehr Eifer aus
dem falschen, giftigen Fluß ihres Lebens in das gute Meer Gott
hineingesteuert habe. Er war dann am Weg gestanden, als der kleine Sarg
aus dem weißen Haus getragen wurde, mit einem Kranz einfacher Blumen,
und er war in der Seele betrübt, als die vier finsteren Männer, die den Sarg
trugen und die ausschauten wie dunkle und falsche Propheten, seine
freundwillige Gabe nicht nahmen. Verdüstert ging er nach Hause, nahm
geradeaus und fort.
Wenige Tage später verließen auch Süß und der alte Diener das weiße
Haus. Nun lag der kleine, fremdartige Bau ganz ohne Laut in besonnter
Einsamkeit. Die Räume standen schmerzhaft kahl, die weißen Fensterläden
waren abweisend und gespenstisch zugenagelt, die festlich heiteren Blumen
verdarben und niemand erneute sie. Geraun erhob sich um das verlassene,
seltsame, hochmütige Gebäu; kindisch blutrünstige Phantastereien wurden
darum gewoben, drangen bis in die Hauptstadt. Im Wirtshaus zum Blauen
Bock flüsterte der Konditor Benz, die Schweinsäuglein weit und bedeutsam
aufgerissen, den übergrausten Gästen das neueste Geheimnis zu: in einem
Wald habe die hebräische Hexelenz eine versteckte Zauberwerkstatt. Aus
dem Blut von christlichen Jungfrauen, die er unter Martern gebunden vom
Dach stürze, daß sie sich unten an eisernen Blumen aufspießten, koche er
einen Teufelssud, sich die Sympathie des Herzogs immer neu zu gewinnen.
Satanas gehe in dem Hexenschloß ein und aus in Gestalt eines fetten
Mannes mit Schwanz und Horn und Pferdefuß.
Die Zofe Jantje hatte eine Katze gehabt, ein schwarzgraues, altes, unedles
Tier. Rabbi Gabriel hatte die Katze nicht leiden mögen, und Jantje wagte
nicht, sie auf die weite Reise mitzunehmen. Nachdenkend, bei wem das
Tier am besten gewartet sei, kam sie auf den Magister Jaakob Polykarp
Schober. Der Magister war, sooft es anging, an Naemis Weg gestanden,
hatte fromme, ehrerbietige Worte zu ihr gesprochen, hatte auch etliche
zaghafte Versuche gemacht, sie zu seinem sauberen, tiefsinnigen Glauben
zu erwecken; vor allem hatte er sie durch inbrünstige Rezitation seiner
Verse zu retten versucht. Als sie aber solche Bemühungen brennend und
empört zurückwies, hatte er abgelassen und sich begnügt, sein Herz in
Züchten an ihrem englischen Anblick zu erfreuen. Wie sie dann so plötzlich
weggerafft war, ging der pausbäckige Mann tagelang in tiefster,
schmerzhaftester Beklommenheit herum, fahl, die Kinderaugen vogelhaft
verstört, angefüllt von innerem Vorwurf, daß er sie nicht mit mehr Eifer aus
dem falschen, giftigen Fluß ihres Lebens in das gute Meer Gott
hineingesteuert habe. Er war dann am Weg gestanden, als der kleine Sarg
aus dem weißen Haus getragen wurde, mit einem Kranz einfacher Blumen,
und er war in der Seele betrübt, als die vier finsteren Männer, die den Sarg
trugen und die ausschauten wie dunkle und falsche Propheten, seine
freundwillige Gabe nicht nahmen. Verdüstert ging er nach Hause, nahm
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Kiel und Papier zur Hand und schrieb eine gereimte „Totenklage, auch
Nänie genannt, für die abgelebte Demoiselle Naemi Süßin, Jüdin, doch
ehrbar“, ein Poem, welches anhub mit den Versen: „Itzt hat der harte Tod,
so vielen Uebels Quelle, / Hinabgerafft auch dich, ebräische Demoiselle.“
Dieses Poem rezitierte er dann der Zofe Jantje, wobei ihm wie ihr dicke,
bittere Tränen kamen.
Dem gutmütigen, redlichen Menschen also anvertraute die Zofe ihre
schwarzgraue Katze, und er empfing sie gern und mit freundlichen
Vorsätzen. Bei diesem Anlaß sah Süß den Magister. Der Jude ging jetzt,
wenige Tage, bevor das Haus mit den Blumenterrassen verlassen wurde, um
für immer in weiße Stille und Vergessenheit zu versinken, in großer Unrast
und Getriebenheit herum. Stand zwischen den Tulpen, vor der Wand, in die
der Himmlische Mensch, der Kabbalistische Baum gezeichnet war. Wie er
den Magister sah, winkte er ihn herrisch her, tat ihm einige rauhe und
hochmütige Fragen. Jaakob Polykarp Schober, der vor jeder Freundlichkeit
schüchtern und sanft war, sah in dem heftigen und finstern Gewese des
Juden eine Prüfung und Versuchung, vor der er seine angeborene Feigheit
sogleich in die letzten Winkel zurückschickte. Der pausbäckige Mann
richtete sich also herzklopfend, schnaufend und streitbar hoch und rüstete
sich, die Katze im Arm, den Satanas Finanzdirektor mit der scharfen, guten
Waffe seiner Gläubigkeit zu bestehen und ihn auf den rechten Weg zu
zwingen. Süß, der durch Magdalen Sibylle von dem Magister wußte, auch
über seine Zusammenkünfte mit Naemi unterrichtet war, hörte ihn eine
Weile schweigend an, doch nicht ironisch wie sonst wohl, sondern eher
nachdenklich, so daß jener schon zu hoffen begann und seinen Eifer
verstärkte, wodurch ihm, infolge der heftigeren Armbewegungen, die Katze
entlief. Während er, ohne seine eifernde Rede zu unterbrechen, des Tieres
wieder habhaft zu werden suchte, schien der Finanzdirektor zu einem
Entschluß gekommen, er winkte unversehens, doch milde, dem Magister
ab, sprach von anderem. Ohne Mühe machte er den jungen Menschen
zutraulich, lockerte ihn auf. So bekam er bald etliches von den privaten
Umständen und Wünschen des Magisters zu hören, auch von der
unbilligerweise verweigerten Bibliothekarstelle.
Er zeigte sich zur Verwunderung Schobers durchaus nicht als der wütige
Holofernes, als welcher er allenthalben verschrien war. Geduldig ließ er den
weit Ausholenden zu Ende reden, bekundete Interesse für seine Verse,
sicherte, nachdem Weißensee sich für die Poemata ausgesprochen habe,
Nänie genannt, für die abgelebte Demoiselle Naemi Süßin, Jüdin, doch
ehrbar“, ein Poem, welches anhub mit den Versen: „Itzt hat der harte Tod,
so vielen Uebels Quelle, / Hinabgerafft auch dich, ebräische Demoiselle.“
Dieses Poem rezitierte er dann der Zofe Jantje, wobei ihm wie ihr dicke,
bittere Tränen kamen.
Dem gutmütigen, redlichen Menschen also anvertraute die Zofe ihre
schwarzgraue Katze, und er empfing sie gern und mit freundlichen
Vorsätzen. Bei diesem Anlaß sah Süß den Magister. Der Jude ging jetzt,
wenige Tage, bevor das Haus mit den Blumenterrassen verlassen wurde, um
für immer in weiße Stille und Vergessenheit zu versinken, in großer Unrast
und Getriebenheit herum. Stand zwischen den Tulpen, vor der Wand, in die
der Himmlische Mensch, der Kabbalistische Baum gezeichnet war. Wie er
den Magister sah, winkte er ihn herrisch her, tat ihm einige rauhe und
hochmütige Fragen. Jaakob Polykarp Schober, der vor jeder Freundlichkeit
schüchtern und sanft war, sah in dem heftigen und finstern Gewese des
Juden eine Prüfung und Versuchung, vor der er seine angeborene Feigheit
sogleich in die letzten Winkel zurückschickte. Der pausbäckige Mann
richtete sich also herzklopfend, schnaufend und streitbar hoch und rüstete
sich, die Katze im Arm, den Satanas Finanzdirektor mit der scharfen, guten
Waffe seiner Gläubigkeit zu bestehen und ihn auf den rechten Weg zu
zwingen. Süß, der durch Magdalen Sibylle von dem Magister wußte, auch
über seine Zusammenkünfte mit Naemi unterrichtet war, hörte ihn eine
Weile schweigend an, doch nicht ironisch wie sonst wohl, sondern eher
nachdenklich, so daß jener schon zu hoffen begann und seinen Eifer
verstärkte, wodurch ihm, infolge der heftigeren Armbewegungen, die Katze
entlief. Während er, ohne seine eifernde Rede zu unterbrechen, des Tieres
wieder habhaft zu werden suchte, schien der Finanzdirektor zu einem
Entschluß gekommen, er winkte unversehens, doch milde, dem Magister
ab, sprach von anderem. Ohne Mühe machte er den jungen Menschen
zutraulich, lockerte ihn auf. So bekam er bald etliches von den privaten
Umständen und Wünschen des Magisters zu hören, auch von der
unbilligerweise verweigerten Bibliothekarstelle.
Er zeigte sich zur Verwunderung Schobers durchaus nicht als der wütige
Holofernes, als welcher er allenthalben verschrien war. Geduldig ließ er den
weit Ausholenden zu Ende reden, bekundete Interesse für seine Verse,
sicherte, nachdem Weißensee sich für die Poemata ausgesprochen habe,
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dem Beglückten die Drucklegung mit aller Bestimmtheit zu. Die
Bibliothekarstelle, schloß er, sei zwar definitiv vergeben, aber vielleicht
gebe es dafür Ausweg und Ersatz. Schon andern Tages ließ er Schober
wiederkommen und schlug ihm vor, als Sekretär in seine Dienste zu treten;
not sei dabei Redlichkeit und Rhetorik, was beides ja der Magister in
illustrem Grade besitze. Jaakob Polykarp Schober sah sich so auf eine
herrliche, gottgefügte Art in die Hauptstadt und den Dunstkreis der
Schwester Magdalen Sibylle kommen, sah sich in der Stuttgarter
Brüdergemeinde, bei der heiligen Beata Sturmin, dem guten, freundhaften
Immanuel Rieger. Er sah die Möglichkeit, dringlich und fromm dem Juden,
ja vielleicht dem verirrten Herzog zuzusprechen; er hörte alle Engel im
Himmel singen und sagte strahlend ja. Suchte dann die Katze, die er gestern
in seiner seligen Verblüffung vergessen hatte, und trug sorgsam das
schwarzgraue, unschöne Tier auf seinem Arm nach Hause.
In Stuttgart aber, in dem prunkenden Haus in der Seestraße, war nichts
von der erhofften Seligkeit, sondern nur Druck und Wirrung. Magdalen
Sibylle zwar fand er frei von jeder Hoffart, und war alles böser Schwatz
gewesen, womit man vermeint hatte, sie zu verleumden und zu schwärzen;
aber es war auch nichts mehr da von jener heiligen und beglückenden
Heimlichkeit, von jenem strahlenden Anderssein, das früher um sie
gewesen war und ihn hochgetragen hatte. Sein Gefühl blühte nicht mehr in
ihrer Gegenwart, es blieb kahl, dies engte ihn und verwirrte ihn. War sie
doch so untadelig, bieder, brav, fromm. Daß seine Ernüchterung gerade
daraus kam, gestand er sich nicht ein.
Nie geahnte Qual und Wirrung aber brachte ihm seine Tätigkeit bei Süß.
Er hatte reichlich Muße; denn es waren außer ihm und Nicklas Pfäffle noch
zwei Sekretäre da für die weitläufige Privatkorrespondenz des
Finanzdirektors. Süß befahl ihn also nur sehr spärlich zu sich. Dann aber
diktierte er ihm Schriftstücke allergefährlichsten Inhalts, so beschaffene,
daß sie auch dem Arglosesten die ganzen schwarzen Pläne zum Verderb
evangelischer und parlamentarischer Freiheit nackt dartun mußten. Akten,
von denen jede Zeile den Herzog und den Finanzdirektor schwer
kompromittierten, Dokumente, die dem Magister die heimlichsten,
wichtigsten, schlüsselhaftesten Details des katholischen Projekts in die
Hand gaben.
Taumelig drehte und wirbelte es dem unseligen Jaakob Polykarp Schober
das ganze Innere. Süß diktierte seine schwarzen, ruchlosen Heimlichkeiten
Bibliothekarstelle, schloß er, sei zwar definitiv vergeben, aber vielleicht
gebe es dafür Ausweg und Ersatz. Schon andern Tages ließ er Schober
wiederkommen und schlug ihm vor, als Sekretär in seine Dienste zu treten;
not sei dabei Redlichkeit und Rhetorik, was beides ja der Magister in
illustrem Grade besitze. Jaakob Polykarp Schober sah sich so auf eine
herrliche, gottgefügte Art in die Hauptstadt und den Dunstkreis der
Schwester Magdalen Sibylle kommen, sah sich in der Stuttgarter
Brüdergemeinde, bei der heiligen Beata Sturmin, dem guten, freundhaften
Immanuel Rieger. Er sah die Möglichkeit, dringlich und fromm dem Juden,
ja vielleicht dem verirrten Herzog zuzusprechen; er hörte alle Engel im
Himmel singen und sagte strahlend ja. Suchte dann die Katze, die er gestern
in seiner seligen Verblüffung vergessen hatte, und trug sorgsam das
schwarzgraue, unschöne Tier auf seinem Arm nach Hause.
In Stuttgart aber, in dem prunkenden Haus in der Seestraße, war nichts
von der erhofften Seligkeit, sondern nur Druck und Wirrung. Magdalen
Sibylle zwar fand er frei von jeder Hoffart, und war alles böser Schwatz
gewesen, womit man vermeint hatte, sie zu verleumden und zu schwärzen;
aber es war auch nichts mehr da von jener heiligen und beglückenden
Heimlichkeit, von jenem strahlenden Anderssein, das früher um sie
gewesen war und ihn hochgetragen hatte. Sein Gefühl blühte nicht mehr in
ihrer Gegenwart, es blieb kahl, dies engte ihn und verwirrte ihn. War sie
doch so untadelig, bieder, brav, fromm. Daß seine Ernüchterung gerade
daraus kam, gestand er sich nicht ein.
Nie geahnte Qual und Wirrung aber brachte ihm seine Tätigkeit bei Süß.
Er hatte reichlich Muße; denn es waren außer ihm und Nicklas Pfäffle noch
zwei Sekretäre da für die weitläufige Privatkorrespondenz des
Finanzdirektors. Süß befahl ihn also nur sehr spärlich zu sich. Dann aber
diktierte er ihm Schriftstücke allergefährlichsten Inhalts, so beschaffene,
daß sie auch dem Arglosesten die ganzen schwarzen Pläne zum Verderb
evangelischer und parlamentarischer Freiheit nackt dartun mußten. Akten,
von denen jede Zeile den Herzog und den Finanzdirektor schwer
kompromittierten, Dokumente, die dem Magister die heimlichsten,
wichtigsten, schlüsselhaftesten Details des katholischen Projekts in die
Hand gaben.
Taumelig drehte und wirbelte es dem unseligen Jaakob Polykarp Schober
das ganze Innere. Süß diktierte seine schwarzen, ruchlosen Heimlichkeiten
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mit glatter, unbewegter Stirn und Stimme; er mußte unbegrenztes Vertrauen
in seinen Sekretär setzen. Schober war bei ihm in Amt und Pflicht. Sollte er
nun hingehen, wortbrüchig sein, seine Wissenschaft verraten, das Vertrauen
des Juden kalt beschwindeln? Es war freilich nur ein Jud: aber hatte dann
nicht jeder Lump und Hundsfott ein Recht, ihn, den Schober, einen
Schurken und zweizüngigen Schuft zu nennen? Wenn er aber hinwiederum
schweigend zusah, wie der Glaube und die Freiheit seines Landes arglistig
und schmählich zu Tode gedrosselt und viele hunderttausend evangelische
Seelen in den Pfuhl und letzten Höllenschlund gestürzt wurden, war er dann
nicht noch mehr ein Schelm und Verdammter?
Gezwickt und zerfetzt von allen Hunden des Zweifels war der Magister.
Wie erwählt war er sich in Hirsau vorgekommen, als er die dünne Hoffnung
hatte, von Gott an den Hebel großen Schicksals und Erlösung gestellt zu
werden. Und nun ging sein vermessener, überheblicher Wunsch auf so
grausame, zwielichtige Art in Erfüllung, daß er die Hunderttausende der
schwäbischen evangelischen Brüder nur durch Preisgabe der eigenen Seele
retten konnte. Qualvoll stand er und zitternd wie ein geschorener Hund. Er
fiel vom Fett; jähe Hitzen überflogen ihn des Tags, wechselnd mit kaltem
Schweiß, des Nachts trieb es ihn schlaflos hoch, daß er aufstand, über die
alte, häßliche Katze stolpernd, stöhnend auf und ab lief.
Er ging zur Beata Sturmin, bat sie zu däumeln. Die blinde Heilige schlug
auf: „Und die Kinder Israels brachen auf von Rithma und lagerten in Rimon
Perez.“ Der Magister dachte lang und scharf nach, was darunter verstanden
sei, und erkannte: Rithma war das, was er lassen, Rimon Perez das, was er
tun sollte. Aber er brachte nicht heraus, war Rithma der Treubruch gegen
den Juden und Rimon Perez die Erlösung der evangelischen Brüder, oder
umgekehrt. Und er lebte weiter in Schweiß und Zweifel und arger Not und
wog Tag und Nacht das Seelenheil des ganzen Landes in seinen dicken,
unwissenden, unentschlossenen Händen.
Kurz und seine Unzufriedenheit kaum verbergend entließ Karl Alexander
die Herren, denen er die Leitung des katholischen Projekts anvertraut hatte,
aus der geheimen Sitzung. Den Juden hielt er mit ungeduldigem Wink
zurück. „Er hat gar nichts gesagt, Jud!“ herrschte er den höflich
Abwartenden an.
in seinen Sekretär setzen. Schober war bei ihm in Amt und Pflicht. Sollte er
nun hingehen, wortbrüchig sein, seine Wissenschaft verraten, das Vertrauen
des Juden kalt beschwindeln? Es war freilich nur ein Jud: aber hatte dann
nicht jeder Lump und Hundsfott ein Recht, ihn, den Schober, einen
Schurken und zweizüngigen Schuft zu nennen? Wenn er aber hinwiederum
schweigend zusah, wie der Glaube und die Freiheit seines Landes arglistig
und schmählich zu Tode gedrosselt und viele hunderttausend evangelische
Seelen in den Pfuhl und letzten Höllenschlund gestürzt wurden, war er dann
nicht noch mehr ein Schelm und Verdammter?
Gezwickt und zerfetzt von allen Hunden des Zweifels war der Magister.
Wie erwählt war er sich in Hirsau vorgekommen, als er die dünne Hoffnung
hatte, von Gott an den Hebel großen Schicksals und Erlösung gestellt zu
werden. Und nun ging sein vermessener, überheblicher Wunsch auf so
grausame, zwielichtige Art in Erfüllung, daß er die Hunderttausende der
schwäbischen evangelischen Brüder nur durch Preisgabe der eigenen Seele
retten konnte. Qualvoll stand er und zitternd wie ein geschorener Hund. Er
fiel vom Fett; jähe Hitzen überflogen ihn des Tags, wechselnd mit kaltem
Schweiß, des Nachts trieb es ihn schlaflos hoch, daß er aufstand, über die
alte, häßliche Katze stolpernd, stöhnend auf und ab lief.
Er ging zur Beata Sturmin, bat sie zu däumeln. Die blinde Heilige schlug
auf: „Und die Kinder Israels brachen auf von Rithma und lagerten in Rimon
Perez.“ Der Magister dachte lang und scharf nach, was darunter verstanden
sei, und erkannte: Rithma war das, was er lassen, Rimon Perez das, was er
tun sollte. Aber er brachte nicht heraus, war Rithma der Treubruch gegen
den Juden und Rimon Perez die Erlösung der evangelischen Brüder, oder
umgekehrt. Und er lebte weiter in Schweiß und Zweifel und arger Not und
wog Tag und Nacht das Seelenheil des ganzen Landes in seinen dicken,
unwissenden, unentschlossenen Händen.
Kurz und seine Unzufriedenheit kaum verbergend entließ Karl Alexander
die Herren, denen er die Leitung des katholischen Projekts anvertraut hatte,
aus der geheimen Sitzung. Den Juden hielt er mit ungeduldigem Wink
zurück. „Er hat gar nichts gesagt, Jud!“ herrschte er den höflich
Abwartenden an.
Page 330
„Es war nicht wert, daß man antwortete,“ erwiderte Süß und wischte mit
einer leichten Schulterbewegung glatt weg, was in der Sitzung geredet war.
Karl Alexander schnaubte leise, hieb mit den Fingerknöcheln die
Tischplatte. Gift und Opperment! Es war eine Schweinerei, daß der Jud
recht hatte.
Der nahm ihm, schon wieder, die Gedanken aus dem Hirn, formulierte
sie. „Die Herren tifteln herum,“ sagte er mit seiner geschmeidigen,
höhnischen Stimme. „Messen das Detail, den Spinnwebfaden, haben keinen
Blick fürs Ganze. Was wissen denn die!“ Und sein Ton verwies sie in die
unterste Region der Dummheit und Unfähigkeit. „Als ob es darauf ankäme,
mit fadenscheinigen Advokatenkniffen den Reversalien da ein Komma
wegzupraktizieren und dort einen I-Punkt. Was für armselige, schäbige
Krämermethoden! Ein Reskript, ein einziges, genügt: Wir, Karl Alexander,
Herzog von Württemberg und Teck, nehmen die Rechte, die Uns Gott
gegeben und die man Uns gaunerisch, tückisch, rebellantisch abgezwackt
hat, wieder an Uns. Wir sind von heut an in Wahrheit der Herr des Landes.
Wir sind Württemberg! Aber davor zucken die Herren feig und lahmarschig
zurück. Das verstehen sie nicht, da schütteln sie die Köpfe und haben
Bedenken und Zungenschnalz und Oh und Ach und Aber. Der Gedanke ist
ihnen zu einfach, zu groß, zu fürstlich, zu königlich.“
Karl Alexander bei allem dumpfen Zorn, den er gegen den Juden nährte,
spürte wieder, daß nur der ihn verstand, daß nur der wußte, worauf es
ankam. Mit einer widerwilligen, ingrimmigen Bewunderung sagte er sich,
daß er nur durch ihn, mit ihm das katholische Projekt wird zu Ende führen
können. Was Süß in seine kräftigen, unheimlich gewandten Hände nahm,
das knetete er wie durch Zauber rund und fügsam. Vor seinem fanatisch
schwelenden Feuer ward all die brave und gewissenhafte Mühe lächerlich,
mit der die anderen zappelnd und qualvoll halbe Erfolge zettelten. Was
überhaupt wußten denn die anderen? Für sie war das katholische Projekt ein
Geschäft, eine Aufgabe, eine lebenswichtige Aufgabe vielleicht. Aber daß
es doch in Wahrheit viel mehr war, daß dieser Staatsstreich sein, Karl
Alexanders, Leben und Sinn selber war, das wußten doch, spürten doch nur
er und der Jude.
Denn so hatte sich ihm langsam das Projekt umgebildet, so hatte es unter
dem knetenden, hetzenden Auftrieb des Süß sich ihm ins Blut gebrannt. Erst
war es ihm Politik gewesen, Mittel zur Macht, Dekoration, nichts weiter;
dann war es Mystik geworden, ersehnte Lösung aus einer Bindung,
einer leichten Schulterbewegung glatt weg, was in der Sitzung geredet war.
Karl Alexander schnaubte leise, hieb mit den Fingerknöcheln die
Tischplatte. Gift und Opperment! Es war eine Schweinerei, daß der Jud
recht hatte.
Der nahm ihm, schon wieder, die Gedanken aus dem Hirn, formulierte
sie. „Die Herren tifteln herum,“ sagte er mit seiner geschmeidigen,
höhnischen Stimme. „Messen das Detail, den Spinnwebfaden, haben keinen
Blick fürs Ganze. Was wissen denn die!“ Und sein Ton verwies sie in die
unterste Region der Dummheit und Unfähigkeit. „Als ob es darauf ankäme,
mit fadenscheinigen Advokatenkniffen den Reversalien da ein Komma
wegzupraktizieren und dort einen I-Punkt. Was für armselige, schäbige
Krämermethoden! Ein Reskript, ein einziges, genügt: Wir, Karl Alexander,
Herzog von Württemberg und Teck, nehmen die Rechte, die Uns Gott
gegeben und die man Uns gaunerisch, tückisch, rebellantisch abgezwackt
hat, wieder an Uns. Wir sind von heut an in Wahrheit der Herr des Landes.
Wir sind Württemberg! Aber davor zucken die Herren feig und lahmarschig
zurück. Das verstehen sie nicht, da schütteln sie die Köpfe und haben
Bedenken und Zungenschnalz und Oh und Ach und Aber. Der Gedanke ist
ihnen zu einfach, zu groß, zu fürstlich, zu königlich.“
Karl Alexander bei allem dumpfen Zorn, den er gegen den Juden nährte,
spürte wieder, daß nur der ihn verstand, daß nur der wußte, worauf es
ankam. Mit einer widerwilligen, ingrimmigen Bewunderung sagte er sich,
daß er nur durch ihn, mit ihm das katholische Projekt wird zu Ende führen
können. Was Süß in seine kräftigen, unheimlich gewandten Hände nahm,
das knetete er wie durch Zauber rund und fügsam. Vor seinem fanatisch
schwelenden Feuer ward all die brave und gewissenhafte Mühe lächerlich,
mit der die anderen zappelnd und qualvoll halbe Erfolge zettelten. Was
überhaupt wußten denn die anderen? Für sie war das katholische Projekt ein
Geschäft, eine Aufgabe, eine lebenswichtige Aufgabe vielleicht. Aber daß
es doch in Wahrheit viel mehr war, daß dieser Staatsstreich sein, Karl
Alexanders, Leben und Sinn selber war, das wußten doch, spürten doch nur
er und der Jude.
Denn so hatte sich ihm langsam das Projekt umgebildet, so hatte es unter
dem knetenden, hetzenden Auftrieb des Süß sich ihm ins Blut gebrannt. Erst
war es ihm Politik gewesen, Mittel zur Macht, Dekoration, nichts weiter;
dann war es Mystik geworden, ersehnte Lösung aus einer Bindung,
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Religion. Jetzt hatte es sich verwandelt in sein Leben und Blut selber. Er
wird jetzt, das ist der Sinn und Krone des Planes, das Land selber werden.
Nicht ein Diener oder Fürst des Landes, nicht ein Gesetzgeber oder
Feldherr, dies alles ist armseliges Gestümper und Unsinn. Er wird das Land
ganz in sich hineinschlingen, wird so in das Land hineinschlüpfen, daß er
das Land selber ist. Das Land kann nur atmen, wenn er atmet, schreiten,
wenn er schreitet, wenn er stille steht, steht es still. Leibhaft geradezu,
körperhaft ward ihm diese Vorstellung. Stuttgart ist sein Herz, der Neckar
seine große Schlagader, das schwäbische Gebirg ist seine Brust, der
schwäbische Wald sein Haar. Er ist Württemberg, leibhaft, Württemberg
nichts als er.
So Großes, süß und bluthaft schwellend Lebendiges konnte nicht mit
kleinen, kniffligen Advokatenmitteln ertiftelt werden. Hatte er das gedacht?
Hatte der Jude es gesprochen? Jedenfalls fuhr der jetzt fort: „Geniehaft und
in Einem muß es gepackt sein. Auf solche Art muß es geschehen, daß das
Land eines Morgens aufwacht und einfach in dem Herzog steckt, in seinem
gottgewollten Fürsten, nichts ist als des Fürsten Haut und Fleisch und Blut.
Nicht kleiner Kampf und Scharmützel und albernes, leidiges Hin und Her
zuvor. Nein, selbstverständlich, naturhaft muß es geschehen, wie eine
Knospe aufspringt, wenn sie soweit ist.“
Ja, ja, ja! Recht hat der Jud. Unmöglich ist es und unvorstellbar, daß man
darum soll streiten und disputieren. Denn dann wäre er ein Hanswurst und
alberner Fant und sein Leben Narretei und Gestümper und ein
ausgeblasenes Ei. Aber das begriffen sie nicht, die Remchingen und Fichtel
und Pancorbo. Sie waren treue Diener, gute Offiziers und gewitzte
Diplomaten: doch das Genie, das Lebendige, um so etwas Wundervolles in
seiner ganzen heiligen Selbstverständlichkeit zu fassen, das hatten sie nicht.
Das hatte – es war verteufelt, es machte einem das Hirn sieden, aber es war
nun einmal so – das hatte nur der Jude.
Es wurde nichts Wort von alledem zwischen dem Herzog und Süß. Aber
es wellte vom einen zum andern, pulste ungesagt herüber, hinüber. So war
es immer gewesen in diesen letzten Wochen. Es war Ein Leben in ihnen, der
Jude antwortete wortlos durch die Tat auf wortloses Fragen, Heischen Karl
Alexanders, es war, als atmete er die Luft aus, die jener einzog; sie waren
Teile Eines Körpers, unlöslich verknüpft.
Immer wilder hatte der Jude die finstere, brünstige Sehnsucht des Fürsten
geschürt nach dem Tag, da das Land sich in ihn wandeln solle und nichts
wird jetzt, das ist der Sinn und Krone des Planes, das Land selber werden.
Nicht ein Diener oder Fürst des Landes, nicht ein Gesetzgeber oder
Feldherr, dies alles ist armseliges Gestümper und Unsinn. Er wird das Land
ganz in sich hineinschlingen, wird so in das Land hineinschlüpfen, daß er
das Land selber ist. Das Land kann nur atmen, wenn er atmet, schreiten,
wenn er schreitet, wenn er stille steht, steht es still. Leibhaft geradezu,
körperhaft ward ihm diese Vorstellung. Stuttgart ist sein Herz, der Neckar
seine große Schlagader, das schwäbische Gebirg ist seine Brust, der
schwäbische Wald sein Haar. Er ist Württemberg, leibhaft, Württemberg
nichts als er.
So Großes, süß und bluthaft schwellend Lebendiges konnte nicht mit
kleinen, kniffligen Advokatenmitteln ertiftelt werden. Hatte er das gedacht?
Hatte der Jude es gesprochen? Jedenfalls fuhr der jetzt fort: „Geniehaft und
in Einem muß es gepackt sein. Auf solche Art muß es geschehen, daß das
Land eines Morgens aufwacht und einfach in dem Herzog steckt, in seinem
gottgewollten Fürsten, nichts ist als des Fürsten Haut und Fleisch und Blut.
Nicht kleiner Kampf und Scharmützel und albernes, leidiges Hin und Her
zuvor. Nein, selbstverständlich, naturhaft muß es geschehen, wie eine
Knospe aufspringt, wenn sie soweit ist.“
Ja, ja, ja! Recht hat der Jud. Unmöglich ist es und unvorstellbar, daß man
darum soll streiten und disputieren. Denn dann wäre er ein Hanswurst und
alberner Fant und sein Leben Narretei und Gestümper und ein
ausgeblasenes Ei. Aber das begriffen sie nicht, die Remchingen und Fichtel
und Pancorbo. Sie waren treue Diener, gute Offiziers und gewitzte
Diplomaten: doch das Genie, das Lebendige, um so etwas Wundervolles in
seiner ganzen heiligen Selbstverständlichkeit zu fassen, das hatten sie nicht.
Das hatte – es war verteufelt, es machte einem das Hirn sieden, aber es war
nun einmal so – das hatte nur der Jude.
Es wurde nichts Wort von alledem zwischen dem Herzog und Süß. Aber
es wellte vom einen zum andern, pulste ungesagt herüber, hinüber. So war
es immer gewesen in diesen letzten Wochen. Es war Ein Leben in ihnen, der
Jude antwortete wortlos durch die Tat auf wortloses Fragen, Heischen Karl
Alexanders, es war, als atmete er die Luft aus, die jener einzog; sie waren
Teile Eines Körpers, unlöslich verknüpft.
Immer wilder hatte der Jude die finstere, brünstige Sehnsucht des Fürsten
geschürt nach dem Tag, da das Land sich in ihn wandeln solle und nichts
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mehr sein außer ihm, ihn hineingehetzt in seine Gottähnlichkeit, in seine
cäsarisch hemmungslosen Träume, ihm sein ganzes schwelendes,
fanatisches Feuer ins Blut gebrannt. Der vergiftete Fürst suchte gierig
Bestätigung, neuen, wilderen Antrieb in dem heimlich einverständnisvollen
Blick des Juden. Manchmal freilich, auf Augenblicke, tauchte er auf aus
seinem Fieber, überlegte dann, wohinaus diese seltsame, hexerische
Kumpanei führen solle. Es war unausdenkbar grauenhaft, auf Lebenszeit
solchen unheimlichen Mitwisser seines Blutes und seiner vergrabensten
Heimlichkeit zu haben. Man wußte selber kaum, was alles Trübes, Giftiges
man zu unterst im Herzen trug, man stieß es hinunter, wenn es zutage
drängte, gestand es sich selber nicht ein. Ein anderer gar, in den soviel von
dem eigenen Dunkeln hinübergewachsen ist, es war nicht zu denken, daß so
jemand am Tag ist, am Licht ist, lebt. Jetzt braucht er ihn, das Projekt kann
nicht gewirkt werden ohne ihn; nur die heutige Sitzung wieder hat es
erwiesen. Aber ist es erst gewirkt, dann wird er ihn stumm machen,
vergraben wird er ihn in den tiefsten Kasematten irgendeiner Festung, wie
man das Wilde, Verderbliche, Ur-Böse des eigenen Herzens nicht ans Licht
läßt.
Er sah hinüber zu dem Juden, mißtrauisch, haßerfüllt. Wußte der nicht
schon wieder um diese seine Gedanken? „Setz Er also das Reskript auf, wie
Er es für gut hält!“ herrschte er ihn an. Süß neigte sich höflich, beflissen vor
dem Atmenden, Erhitzten. Aber in seinen Augen wölkte dunkle, höhnische,
wölfische, triumphsichere Erwartung.
Das Land wälzte sich stöhnend, in kaum mehr erträglicher Spannung und
Beklommenheit. Es war klar, daß die Katholischen mit ihren
Vorbereitungen fast am Ende waren und in allernächster Zeit schon
losschlagen würden. Ueberall häufte sich Bedrohliches, das keine bloßen
Vermutungen mehr erlaubte, sondern auch dem Sorglosen Gewißheit
aufzwang. In der Nähe der Grenzen wurde allerorts fremdes Militär
zusammengezogen, bayrisches, würzburgisches. Der Elfer-Ausschuß hatte
sichere Nachricht, daß dem Herzog neunzehntausend Mann Hilfsvölker
allein von Würzburg zugesagt waren; ihre Vorhut stand bereits in
Mergentheim, dem Sitz des Deutschmeisterordens, wartete dort auf Befehl
zum Vormarsch. Auch im Land selbst mehrten sich Soldaten, die fremde
cäsarisch hemmungslosen Träume, ihm sein ganzes schwelendes,
fanatisches Feuer ins Blut gebrannt. Der vergiftete Fürst suchte gierig
Bestätigung, neuen, wilderen Antrieb in dem heimlich einverständnisvollen
Blick des Juden. Manchmal freilich, auf Augenblicke, tauchte er auf aus
seinem Fieber, überlegte dann, wohinaus diese seltsame, hexerische
Kumpanei führen solle. Es war unausdenkbar grauenhaft, auf Lebenszeit
solchen unheimlichen Mitwisser seines Blutes und seiner vergrabensten
Heimlichkeit zu haben. Man wußte selber kaum, was alles Trübes, Giftiges
man zu unterst im Herzen trug, man stieß es hinunter, wenn es zutage
drängte, gestand es sich selber nicht ein. Ein anderer gar, in den soviel von
dem eigenen Dunkeln hinübergewachsen ist, es war nicht zu denken, daß so
jemand am Tag ist, am Licht ist, lebt. Jetzt braucht er ihn, das Projekt kann
nicht gewirkt werden ohne ihn; nur die heutige Sitzung wieder hat es
erwiesen. Aber ist es erst gewirkt, dann wird er ihn stumm machen,
vergraben wird er ihn in den tiefsten Kasematten irgendeiner Festung, wie
man das Wilde, Verderbliche, Ur-Böse des eigenen Herzens nicht ans Licht
läßt.
Er sah hinüber zu dem Juden, mißtrauisch, haßerfüllt. Wußte der nicht
schon wieder um diese seine Gedanken? „Setz Er also das Reskript auf, wie
Er es für gut hält!“ herrschte er ihn an. Süß neigte sich höflich, beflissen vor
dem Atmenden, Erhitzten. Aber in seinen Augen wölkte dunkle, höhnische,
wölfische, triumphsichere Erwartung.
Das Land wälzte sich stöhnend, in kaum mehr erträglicher Spannung und
Beklommenheit. Es war klar, daß die Katholischen mit ihren
Vorbereitungen fast am Ende waren und in allernächster Zeit schon
losschlagen würden. Ueberall häufte sich Bedrohliches, das keine bloßen
Vermutungen mehr erlaubte, sondern auch dem Sorglosen Gewißheit
aufzwang. In der Nähe der Grenzen wurde allerorts fremdes Militär
zusammengezogen, bayrisches, würzburgisches. Der Elfer-Ausschuß hatte
sichere Nachricht, daß dem Herzog neunzehntausend Mann Hilfsvölker
allein von Würzburg zugesagt waren; ihre Vorhut stand bereits in
Mergentheim, dem Sitz des Deutschmeisterordens, wartete dort auf Befehl
zum Vormarsch. Auch im Land selbst mehrten sich Soldaten, die fremde
Page 333
Dialekte sprachen, bayrische, fränkische. Sie marschierten des Nachts in
kleinen Trupps. Die herzoglichen Schlösser und Forts barsten von Truppen.
Alle Festungen, Asperg, Neuffen, Urach, Hohentwiel, das starke Schloß
Tübingen waren mit den Künsten modernster Strategie instand gesetzt
worden; der schlechte Weg auf den Asperg mußte in Tag- und
Nachtschichten in der Fron ausgebessert werden. Ein glänzend organisierter
Nachrichtendienst durch besondere Kuriere, die Vogtläufer, besorgte die
Verbindung zwischen den einzelnen Festungen. Die Pulvermühlen des
Landes, vor allem die ausgedehnte Fabrik des Hans Semminger, arbeiteten
Tag und Nacht, Schieß- und Zündkraut herzustellen. In endlosen
Transporten wurden Kanonen und Munition herbeigeschafft; das Volk,
wenn es die geheimnisvollen Wagen sah, behauptete, sie enthielten lauter
Rosenkränze für die vorhabende Bekehrung; aber sie bargen andere Kugeln.
Einer jener Vogtläufer, ein gewisser Bilhuber, geriet in der Nähe von
Nürtingen ins Geräufe mit Johannes Kraus, dem Sohn des Stuttgarter
Stadtmetzgers. Dabei nahm der Bürgerssohn dem Kurier seine Depeschen
ab, Schriftstücke, die vom Eintreffen fremder Hilfsvölker handelten und die
staatsverräterischen Pläne der Katholischen ins hellste Licht rückten. Der
Herzog wollte den Kraus verhaften lassen. Doch der hatte sich schon nach
der freien Reichsstadt Reutlingen und ein paar Tage später nach der
Reichsstadt Eßlingen geflüchtet, wo sich eine größere Kolonie verfolgter
verfassungstreuer Emigranten aus herzoglichem Gebiet gesammelt hatte.
Kraus hatte die kompromittierenden Depeschen dem Bürgermeister von
Stuttgart übergeben, der parlamentarische Ausschuß ließ sie vervielfältigen,
verbreitete sie im Volk. Dieser Beweis der unmittelbaren Bedrohung des
Glaubens stieß auch die Ruhigsten aus ihrem Frieden. Ueberall bildeten
sich Konventikel und Geheimbünde zur Erhaltung der Religion, Bürger und
Bauer versahen sich insgeheim mit Waffen, die beherzte Zunft der
Schuhmacher und Küfer in der Hauptstadt entlehnte sich von den
Zunftgenossen der Freistadt Eßlingen Schrot- und Standbüchsen; aus dem
Stuttgarter Zeughaus sogar verschwanden mehrmals Waffen in größeren
Stapeln auf rätselhafte Art, die friedfertigsten Kleinbürger aber wiesen
plötzlich schmunzelnd und mit ängstlichem Stolz ihren Freunden versteckte
Gewehre. So hochauf gor es, daß der Herzog seine persönlichen Garden
verstärken, den Erbprinzen außer Landes zu seinem Großvater, dem Fürsten
von Thurn und Taxis, in die kaiserlichen Niederlande schaffen lassen
mußte. Selbstverständlich erwog Karl Alexander unter solchen Umständen
kleinen Trupps. Die herzoglichen Schlösser und Forts barsten von Truppen.
Alle Festungen, Asperg, Neuffen, Urach, Hohentwiel, das starke Schloß
Tübingen waren mit den Künsten modernster Strategie instand gesetzt
worden; der schlechte Weg auf den Asperg mußte in Tag- und
Nachtschichten in der Fron ausgebessert werden. Ein glänzend organisierter
Nachrichtendienst durch besondere Kuriere, die Vogtläufer, besorgte die
Verbindung zwischen den einzelnen Festungen. Die Pulvermühlen des
Landes, vor allem die ausgedehnte Fabrik des Hans Semminger, arbeiteten
Tag und Nacht, Schieß- und Zündkraut herzustellen. In endlosen
Transporten wurden Kanonen und Munition herbeigeschafft; das Volk,
wenn es die geheimnisvollen Wagen sah, behauptete, sie enthielten lauter
Rosenkränze für die vorhabende Bekehrung; aber sie bargen andere Kugeln.
Einer jener Vogtläufer, ein gewisser Bilhuber, geriet in der Nähe von
Nürtingen ins Geräufe mit Johannes Kraus, dem Sohn des Stuttgarter
Stadtmetzgers. Dabei nahm der Bürgerssohn dem Kurier seine Depeschen
ab, Schriftstücke, die vom Eintreffen fremder Hilfsvölker handelten und die
staatsverräterischen Pläne der Katholischen ins hellste Licht rückten. Der
Herzog wollte den Kraus verhaften lassen. Doch der hatte sich schon nach
der freien Reichsstadt Reutlingen und ein paar Tage später nach der
Reichsstadt Eßlingen geflüchtet, wo sich eine größere Kolonie verfolgter
verfassungstreuer Emigranten aus herzoglichem Gebiet gesammelt hatte.
Kraus hatte die kompromittierenden Depeschen dem Bürgermeister von
Stuttgart übergeben, der parlamentarische Ausschuß ließ sie vervielfältigen,
verbreitete sie im Volk. Dieser Beweis der unmittelbaren Bedrohung des
Glaubens stieß auch die Ruhigsten aus ihrem Frieden. Ueberall bildeten
sich Konventikel und Geheimbünde zur Erhaltung der Religion, Bürger und
Bauer versahen sich insgeheim mit Waffen, die beherzte Zunft der
Schuhmacher und Küfer in der Hauptstadt entlehnte sich von den
Zunftgenossen der Freistadt Eßlingen Schrot- und Standbüchsen; aus dem
Stuttgarter Zeughaus sogar verschwanden mehrmals Waffen in größeren
Stapeln auf rätselhafte Art, die friedfertigsten Kleinbürger aber wiesen
plötzlich schmunzelnd und mit ängstlichem Stolz ihren Freunden versteckte
Gewehre. So hochauf gor es, daß der Herzog seine persönlichen Garden
verstärken, den Erbprinzen außer Landes zu seinem Großvater, dem Fürsten
von Thurn und Taxis, in die kaiserlichen Niederlande schaffen lassen
mußte. Selbstverständlich erwog Karl Alexander unter solchen Umständen
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eine gewaltsame, methodische Entwaffnung des ganzen Landes; er bereitete
ein Edikt vor, das unter dem Vorwand des zunehmenden Wilderns eine
solche Entwaffnung anordnete. Aber das Waffentragen gehörte zu den
bürgerlichen Grundrechten, war in der Verfassung festgelegt; wollte man
Bürgerkrieg vermeiden, so mußte man mit der Veröffentlichung des Edikts
bis zur Durchführung des Staatsstreichs warten.
Doch konnte der Herzog wenigstens bei der berittenen Stuttgarter
Bürgergarde die Einstellung der Waffenübungen erzwingen. Kommandant
dieser stärksten Miliz-Gruppe des Herzogtums war der Major von Röder,
jener Offizier aus dem intimsten Freundeskreis Karl Alexanders. Er war
guter Protestant und gleichzeitig Remchingens bester Adjutant bei der
militärischen Organisation des katholischen Projekts. Der dumpfe, enge
Mann fand den geplanten Staatsstreich durchaus in der Ordnung, verstand
nicht die Aufregung ringsum, sah überall nur Verhetzung und bösen Willen.
Wenn der Herzog mehr Raum für die Katholiken haben wollte, warum denn
nicht? Das Land war groß, Platz für Kirchen war da. Verfassung?
Parlament? Freiheit? Unsinn. Wichtigmacherei, aufmuckende Pöbelfaulheit,
die mehr fressen und weniger arbeiten wollte. Was schrien denn die
Burschen? Er war doch, Kreuztürken! ein guter Protestant, und hatte ihn
doch noch nie jemand im geringsten gehindert. Konnte jedermann in die
Kirche gehen, wann und wie es ihm beliebte, und die Herren Ueberschläge
– so nannte er die Prälaten und Prediger – nahmen, weiß Gott, das Maul
voll genug, ohne daß sie der Herzog und sein Kabinett genierten und
schikanierten. Die Welt war so einfach. Man mußte nur ein bißchen guten
Willen haben, treu sein, brav sein und vor allem seinem gottgewollten
Fürsten gehorsamen. Merkwürdig war, daß Herr von Röder trotz solcher
Anschauungen, seiner intimen Freundschaft mit dem Herzog, der führenden
Stellung im katholischen Projekt beim Volk zunehmend beliebt war. Seine
plumpen, banalen Scherze wurden weitererzählt, Anekdoten herumgetragen
und beifällig belacht, die von einer gewissen grobianischen Leutseligkeit
zeugten. Jedenfalls hatte, wie es zuweilen kommt, das Volk ohne
ersichtlichen Grund auf den massigen Mann mit der niederen Stirn, dem
harten Mund, den unförmigen, immer behandschuhten Händen, der brutal
rissigen Stimme seine ganzen Sympathien geworfen; er war fraglos der
populärste Militär in Stuttgart. Seiner Beliebtheit war es zu danken, daß die
Einstellung der Waffenübungen des Stadtreiterkorps nicht zu Tumulten
führte.
ein Edikt vor, das unter dem Vorwand des zunehmenden Wilderns eine
solche Entwaffnung anordnete. Aber das Waffentragen gehörte zu den
bürgerlichen Grundrechten, war in der Verfassung festgelegt; wollte man
Bürgerkrieg vermeiden, so mußte man mit der Veröffentlichung des Edikts
bis zur Durchführung des Staatsstreichs warten.
Doch konnte der Herzog wenigstens bei der berittenen Stuttgarter
Bürgergarde die Einstellung der Waffenübungen erzwingen. Kommandant
dieser stärksten Miliz-Gruppe des Herzogtums war der Major von Röder,
jener Offizier aus dem intimsten Freundeskreis Karl Alexanders. Er war
guter Protestant und gleichzeitig Remchingens bester Adjutant bei der
militärischen Organisation des katholischen Projekts. Der dumpfe, enge
Mann fand den geplanten Staatsstreich durchaus in der Ordnung, verstand
nicht die Aufregung ringsum, sah überall nur Verhetzung und bösen Willen.
Wenn der Herzog mehr Raum für die Katholiken haben wollte, warum denn
nicht? Das Land war groß, Platz für Kirchen war da. Verfassung?
Parlament? Freiheit? Unsinn. Wichtigmacherei, aufmuckende Pöbelfaulheit,
die mehr fressen und weniger arbeiten wollte. Was schrien denn die
Burschen? Er war doch, Kreuztürken! ein guter Protestant, und hatte ihn
doch noch nie jemand im geringsten gehindert. Konnte jedermann in die
Kirche gehen, wann und wie es ihm beliebte, und die Herren Ueberschläge
– so nannte er die Prälaten und Prediger – nahmen, weiß Gott, das Maul
voll genug, ohne daß sie der Herzog und sein Kabinett genierten und
schikanierten. Die Welt war so einfach. Man mußte nur ein bißchen guten
Willen haben, treu sein, brav sein und vor allem seinem gottgewollten
Fürsten gehorsamen. Merkwürdig war, daß Herr von Röder trotz solcher
Anschauungen, seiner intimen Freundschaft mit dem Herzog, der führenden
Stellung im katholischen Projekt beim Volk zunehmend beliebt war. Seine
plumpen, banalen Scherze wurden weitererzählt, Anekdoten herumgetragen
und beifällig belacht, die von einer gewissen grobianischen Leutseligkeit
zeugten. Jedenfalls hatte, wie es zuweilen kommt, das Volk ohne
ersichtlichen Grund auf den massigen Mann mit der niederen Stirn, dem
harten Mund, den unförmigen, immer behandschuhten Händen, der brutal
rissigen Stimme seine ganzen Sympathien geworfen; er war fraglos der
populärste Militär in Stuttgart. Seiner Beliebtheit war es zu danken, daß die
Einstellung der Waffenübungen des Stadtreiterkorps nicht zu Tumulten
führte.
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Unterdes lag jeder Winkel der Stadt in dumpfer Spannung. Die oberste
Kirchenbehörde ordnete eine allgemeine Buß- und Betwoche an. Viele
machten ihr Testament. Am Sonntag Judica drängten sich solche Massen
zum Genuß des Abendmahls, daß die Kirchen lang in die Nacht hinein
erleuchtet bleiben mußten. Das Parlament organisierte einen sorgfältigen
Nachrichtendienst, schickte Fronreitende durch das Land nach allen
Richtungen, auf Kundschaft, ob fremdes Kriegsvolk im Anzug sei. Erhielt
auch bald aus Wimpfen Meldung, der bischöfliche Vortrab in Mergentheim
habe das Komtureigebiet verlassen in der Richtung Ellwangen, das gleiche
besagten Depeschen aus dem Hohenlohischen.
An jenem Sonntag Judica hatte der Stadtdekan Johann Konrad Rieger so
wuchtig gepredigt wie noch nie. Prophetenhaft hatte er von dem Greuel
gesprochen derer, so die heiligen Tafeln des evangelischen Glaubens und
christlicher Freiheit zerbrechen, er hatte allen eindringlich und bedeutend
die ungeheure Verantwortung vor Augen gestellt, die diejenigen, so solches
unternahmen, vor Gott und Welt und Römischem Reich auf sich luden.
Hatte dann rollend und mannhaft gewarnt, auch in der Hand des
Schwächeren werde die ärmste Waffe stark und furchtbar, wenn Gott sie
führe. Zum Ende aber hatte er, allen Samt seines glatten, dunklen,
langhinhallenden Organs vor die andächtige Gemeinde breitend, zur Buße
und Einkehr gemahnt mit großen, starken Worten, daß in der weiten
Stiftskirche ein Schluchzen war und mächtige Ergriffenheit.
In der ganzen Stadt sprach man von dieser Predigt. Grimmig fiel solcher
Triumph des Nebenbuhlers den Regierungsrat Johann Jaakob Moser an, und
in einer Nacht ohne Schlaf beschloß der Publizist, nun seinerseits zum Volk
zu sprechen. Aber er wird es sich nicht so leicht und billig machen wie der
Prediger, wird nicht die Weihe des Hauses als wohlfeile Folie verwenden
wie jener; nein, auf offenem, freiem Platz wird er zu den Bürgern sprechen,
die Schergen des Herzogs nicht scheuend. Hin und her ging er in seiner
Studierstube, konzipierend, mit heftigen, großen Gesten, rundete die
herzaufwühlenden Worte, dünkte sich ein Gracchus, ein Harmodius oder
Aristogiton, ein Marcus Junius Brutus, warf mit statuarischer Bewegung die
Falten einer imaginären Toga.
Er erhitzte sich mehr und mehr, Blut drang ihm zu Kopf, Schweiß brach
aus. Er führte solche Hitze zurück auf schlechte Verdauung; vielleicht hatte
er des Mittags zuviel Heidelbeerwein getrunken, so daß der an sich träge
Darm jetzt den Dienst ganz versagte. Er sprach seiner Frau von seinen
Kirchenbehörde ordnete eine allgemeine Buß- und Betwoche an. Viele
machten ihr Testament. Am Sonntag Judica drängten sich solche Massen
zum Genuß des Abendmahls, daß die Kirchen lang in die Nacht hinein
erleuchtet bleiben mußten. Das Parlament organisierte einen sorgfältigen
Nachrichtendienst, schickte Fronreitende durch das Land nach allen
Richtungen, auf Kundschaft, ob fremdes Kriegsvolk im Anzug sei. Erhielt
auch bald aus Wimpfen Meldung, der bischöfliche Vortrab in Mergentheim
habe das Komtureigebiet verlassen in der Richtung Ellwangen, das gleiche
besagten Depeschen aus dem Hohenlohischen.
An jenem Sonntag Judica hatte der Stadtdekan Johann Konrad Rieger so
wuchtig gepredigt wie noch nie. Prophetenhaft hatte er von dem Greuel
gesprochen derer, so die heiligen Tafeln des evangelischen Glaubens und
christlicher Freiheit zerbrechen, er hatte allen eindringlich und bedeutend
die ungeheure Verantwortung vor Augen gestellt, die diejenigen, so solches
unternahmen, vor Gott und Welt und Römischem Reich auf sich luden.
Hatte dann rollend und mannhaft gewarnt, auch in der Hand des
Schwächeren werde die ärmste Waffe stark und furchtbar, wenn Gott sie
führe. Zum Ende aber hatte er, allen Samt seines glatten, dunklen,
langhinhallenden Organs vor die andächtige Gemeinde breitend, zur Buße
und Einkehr gemahnt mit großen, starken Worten, daß in der weiten
Stiftskirche ein Schluchzen war und mächtige Ergriffenheit.
In der ganzen Stadt sprach man von dieser Predigt. Grimmig fiel solcher
Triumph des Nebenbuhlers den Regierungsrat Johann Jaakob Moser an, und
in einer Nacht ohne Schlaf beschloß der Publizist, nun seinerseits zum Volk
zu sprechen. Aber er wird es sich nicht so leicht und billig machen wie der
Prediger, wird nicht die Weihe des Hauses als wohlfeile Folie verwenden
wie jener; nein, auf offenem, freiem Platz wird er zu den Bürgern sprechen,
die Schergen des Herzogs nicht scheuend. Hin und her ging er in seiner
Studierstube, konzipierend, mit heftigen, großen Gesten, rundete die
herzaufwühlenden Worte, dünkte sich ein Gracchus, ein Harmodius oder
Aristogiton, ein Marcus Junius Brutus, warf mit statuarischer Bewegung die
Falten einer imaginären Toga.
Er erhitzte sich mehr und mehr, Blut drang ihm zu Kopf, Schweiß brach
aus. Er führte solche Hitze zurück auf schlechte Verdauung; vielleicht hatte
er des Mittags zuviel Heidelbeerwein getrunken, so daß der an sich träge
Darm jetzt den Dienst ganz versagte. Er sprach seiner Frau von seinen
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Beschwerden, denn er hielt besorgt auf Hygiene, und die ängstliche Frau
richtete ihm einen Trank Glaubersalzes zurecht. Er nahm dann wieder die
Beschäftigung mit seiner vorhabenden Rede auf, und im Verein mit der
damit verbundenen heftigen Bewegung tat denn auch die Medizin die
gewünschte Wirkung.
Andern Tages sammelte er dunkel und bedeutend eine Menge Volkes um
sich. Rottierer und Demonstrierer mußten öfters auseinandergesprengt
werden in diesen letzten Tagen; es zeigten sich sogleich und drohend
herzogliche Wachoffiziere, Büttel, Landhusaren. Der Publizist fühlte sich
schon gröblich gepackt, in die ewige Nacht der Kasematten geschleppt.
Aber er holte all seinen Mut zusammen und setzte mit krampfhafter
Todesverachtung zu reden an, als es ihm im Leib öde wurde, kneipte und
stach. Sei es durch die Nachwirkung der Medizin vom Vorabend, sei es, daß
durch die gewaltsam erkämpfte Tapferkeit seine Natur eben doch
durchbrach: er mußte vom Platz weichen, unter den höhnischen Augen der
Herzoglichen und ohne den Ruhm des Konkurrenten. Andern Tages, in dem
amaranthfarbenen Kabinett Marie Augustens, hielt er dann die Rede, um
soviel Feuer nicht ganz unnütz gesammelt zu haben, vor ihr und Magdalen
Sibylle. Die saß schlicht, friedsam und etwas behäbig, Marie Auguste aber,
weiß und hauchig im Negligé, blätterte im Mercure galant, hetzte
manchmal heimlich, spitzbübisch lächelnd, ihr winziges Chineserhündchen
gegen die Beine des Redners; doch der, ein wenig schwitzend zwar, ließ
sich nicht aus dem Konzept bringen.
In ihrer Not und Bedrängnis beschloß die Bürgerschaft, nochmals eine
Deputation zum Herzog zu schicken, ernst, doch mit Untertanendemut, ihm
Vorstellungen zu machen. Um Karl Alexander nicht zu reizen, sandte man
keine Mitglieder des Elfer-Ausschusses, deren bloßer Anblick schon ihn
rasen machte, sondern drei stille, würdige Bürger, gesetzt von Ansehen und
Gemüt. Sie fuhren nach Ludwigsburg, wo der Herzog seine Rüstungen
betrieb. Bevor sie ins Schloß aufbrachen, nahmen sie Imbiß und ein Glas
Wein im Gasthof. Der eine sagte: „Das ist eine kleine Stärkung vor einem
so schweren Gang.“ „Wenn des Herzogs Gemüt so trüb ist wie heute der
Tag,“ sagte der zweite, „dann scheint uns keine Sonne.“ „Sei alles Gott
befohlen!“ sagte der dritte.
Vor der Türe des Saals, in dem Karl Alexander sie empfing, hockte
Otman, der Schwarzbraune. Er hörte dumpf die wutschnaubende, heisere
Stimme des Fürsten: „Ketzer, Mörder, Hochverräter!“ Fußgestampf dann,
richtete ihm einen Trank Glaubersalzes zurecht. Er nahm dann wieder die
Beschäftigung mit seiner vorhabenden Rede auf, und im Verein mit der
damit verbundenen heftigen Bewegung tat denn auch die Medizin die
gewünschte Wirkung.
Andern Tages sammelte er dunkel und bedeutend eine Menge Volkes um
sich. Rottierer und Demonstrierer mußten öfters auseinandergesprengt
werden in diesen letzten Tagen; es zeigten sich sogleich und drohend
herzogliche Wachoffiziere, Büttel, Landhusaren. Der Publizist fühlte sich
schon gröblich gepackt, in die ewige Nacht der Kasematten geschleppt.
Aber er holte all seinen Mut zusammen und setzte mit krampfhafter
Todesverachtung zu reden an, als es ihm im Leib öde wurde, kneipte und
stach. Sei es durch die Nachwirkung der Medizin vom Vorabend, sei es, daß
durch die gewaltsam erkämpfte Tapferkeit seine Natur eben doch
durchbrach: er mußte vom Platz weichen, unter den höhnischen Augen der
Herzoglichen und ohne den Ruhm des Konkurrenten. Andern Tages, in dem
amaranthfarbenen Kabinett Marie Augustens, hielt er dann die Rede, um
soviel Feuer nicht ganz unnütz gesammelt zu haben, vor ihr und Magdalen
Sibylle. Die saß schlicht, friedsam und etwas behäbig, Marie Auguste aber,
weiß und hauchig im Negligé, blätterte im Mercure galant, hetzte
manchmal heimlich, spitzbübisch lächelnd, ihr winziges Chineserhündchen
gegen die Beine des Redners; doch der, ein wenig schwitzend zwar, ließ
sich nicht aus dem Konzept bringen.
In ihrer Not und Bedrängnis beschloß die Bürgerschaft, nochmals eine
Deputation zum Herzog zu schicken, ernst, doch mit Untertanendemut, ihm
Vorstellungen zu machen. Um Karl Alexander nicht zu reizen, sandte man
keine Mitglieder des Elfer-Ausschusses, deren bloßer Anblick schon ihn
rasen machte, sondern drei stille, würdige Bürger, gesetzt von Ansehen und
Gemüt. Sie fuhren nach Ludwigsburg, wo der Herzog seine Rüstungen
betrieb. Bevor sie ins Schloß aufbrachen, nahmen sie Imbiß und ein Glas
Wein im Gasthof. Der eine sagte: „Das ist eine kleine Stärkung vor einem
so schweren Gang.“ „Wenn des Herzogs Gemüt so trüb ist wie heute der
Tag,“ sagte der zweite, „dann scheint uns keine Sonne.“ „Sei alles Gott
befohlen!“ sagte der dritte.
Vor der Türe des Saals, in dem Karl Alexander sie empfing, hockte
Otman, der Schwarzbraune. Er hörte dumpf die wutschnaubende, heisere
Stimme des Fürsten: „Ketzer, Mörder, Hochverräter!“ Fußgestampf dann,
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nach und nach endigend. Nach wenigen Minuten schon sah er die Männer
zurückkehren, zweie erst, sehr bald auch den dritten. Er sah sehr wohl, wie
verschreckt und verstört sie waren, er sah ihnen nach mit seinen großen,
bräunlichen Tieraugen, und er lächelte tief und leise. Hastig stiegen die
Männer die Treppe hinab, sprangen in die wartende Kutsche, nahmen sich
nicht die Zeit, ein herausgefallenes Barett aufzuheben. Sie saßen
schweigsam während der Fahrt, nur der Aelteste, einmal, betete laut und aus
großer Bedrängnis: „Herr Zebaoth, aus der Tiefe schreien wir zu dir, laß uns
Hilfe kommen aus deinen Bergen.“ In Stuttgart warteten viele auf die
Rückkehr der Deputierten. Als sie die Gesichter sahen, zerstreuten sie sich
kopfhängend und mit gepreßter Brust.
Sehr anders als das herzogliche Gebiet protestierten die freien Städte
gegen die Umtriebe der Katholischen. Besonders in Eßlingen wurde Karl
Alexander jetzt Tag für Tag öffentlich beschimpft und verhöhnt. Hier war
eine größere Kolonie von Emigranten aus dem Herzoglichen, von
Unterdrückten, widerrechtlich Beraubten, Vertriebenen. Johannes Kraus
hatte sich hergeflüchtet, der junge Michael Koppenhöfer saß hier, der uralte
Christoph Adam Schertlin, den nur mehr der Haß aufrechthielt. Der
fressende, Eingeweide aufwühlende Hohn dieser aller, ihre giftigen,
glühenden, schwelenden Reden. Aengstlich in ihre Häuser verschlossen
sich die paar Anhänger des Herzogs; etwelche Katholiken auf der
Durchreise wurden verprügelt. Den Expeditionsrat Fischer, früher
Kammerfiskal, Vater der Sophie Fischerin, der abgedankten Mätresse des
Süß, der in Geschäften in der Stadt war, wollten Eßlinger Bürgersöhne,
nachdem sie ihm in seinem Gasthof eine Katzenmusik gebracht hatten,
lynchen; nur mit Mühe konnte die Stadtwache den aus dem Bett
Geschreckten, notdürftig Bekleideten schützen, in aller Hast brachte sie den
fetten, schlotternden Mann aus dem Bannkreis der Stadt.
Zum Skandal und offenen Konflikt mit dem Herzog kam es am Sonntag
der Buß- und Betwoche. In der Nacht vorher hatten, von der sich blind
stellenden Stadtpolizei unbehelligt, junge Burschen zwei Strohpuppen, als
der Herzog und sein Jud gekennzeichnet, an den Schandpfahl gebunden,
diffamierende, unflätige Inschriften dazugeschrieben. Den ganzen Sonntag
beschaute sich lachend, gröhlend, hänselnd, schreiend, pfeifend, mit
schenkelschlagendem Behagen vom Greis bis zum Hosenmatz die ganze
Stadt das Schandwerk. Gegen Abend dann wurde ein Scheiterhaufen
errichtet, die Puppen feierlich darauf gefesselt, ein paar jener Bilder, auf
zurückkehren, zweie erst, sehr bald auch den dritten. Er sah sehr wohl, wie
verschreckt und verstört sie waren, er sah ihnen nach mit seinen großen,
bräunlichen Tieraugen, und er lächelte tief und leise. Hastig stiegen die
Männer die Treppe hinab, sprangen in die wartende Kutsche, nahmen sich
nicht die Zeit, ein herausgefallenes Barett aufzuheben. Sie saßen
schweigsam während der Fahrt, nur der Aelteste, einmal, betete laut und aus
großer Bedrängnis: „Herr Zebaoth, aus der Tiefe schreien wir zu dir, laß uns
Hilfe kommen aus deinen Bergen.“ In Stuttgart warteten viele auf die
Rückkehr der Deputierten. Als sie die Gesichter sahen, zerstreuten sie sich
kopfhängend und mit gepreßter Brust.
Sehr anders als das herzogliche Gebiet protestierten die freien Städte
gegen die Umtriebe der Katholischen. Besonders in Eßlingen wurde Karl
Alexander jetzt Tag für Tag öffentlich beschimpft und verhöhnt. Hier war
eine größere Kolonie von Emigranten aus dem Herzoglichen, von
Unterdrückten, widerrechtlich Beraubten, Vertriebenen. Johannes Kraus
hatte sich hergeflüchtet, der junge Michael Koppenhöfer saß hier, der uralte
Christoph Adam Schertlin, den nur mehr der Haß aufrechthielt. Der
fressende, Eingeweide aufwühlende Hohn dieser aller, ihre giftigen,
glühenden, schwelenden Reden. Aengstlich in ihre Häuser verschlossen
sich die paar Anhänger des Herzogs; etwelche Katholiken auf der
Durchreise wurden verprügelt. Den Expeditionsrat Fischer, früher
Kammerfiskal, Vater der Sophie Fischerin, der abgedankten Mätresse des
Süß, der in Geschäften in der Stadt war, wollten Eßlinger Bürgersöhne,
nachdem sie ihm in seinem Gasthof eine Katzenmusik gebracht hatten,
lynchen; nur mit Mühe konnte die Stadtwache den aus dem Bett
Geschreckten, notdürftig Bekleideten schützen, in aller Hast brachte sie den
fetten, schlotternden Mann aus dem Bannkreis der Stadt.
Zum Skandal und offenen Konflikt mit dem Herzog kam es am Sonntag
der Buß- und Betwoche. In der Nacht vorher hatten, von der sich blind
stellenden Stadtpolizei unbehelligt, junge Burschen zwei Strohpuppen, als
der Herzog und sein Jud gekennzeichnet, an den Schandpfahl gebunden,
diffamierende, unflätige Inschriften dazugeschrieben. Den ganzen Sonntag
beschaute sich lachend, gröhlend, hänselnd, schreiend, pfeifend, mit
schenkelschlagendem Behagen vom Greis bis zum Hosenmatz die ganze
Stadt das Schandwerk. Gegen Abend dann wurde ein Scheiterhaufen
errichtet, die Puppen feierlich darauf gefesselt, ein paar jener Bilder, auf
Page 338
denen der Herzog mit seinen siebenhundert Axtmännern Belgrad stürmt,
mit Kot beschmiert, um die Puppen gereiht, das Ganze schließlich mit
parodistischem Zeremoniell angezündet. Loh brannten die Puppen, gellend
kreischte das entzückte Volk, drehte sich, puffte sich, krümmte sich in
jaulendem, japsendem Vergnügen.
In der Menge stand der junge Michael Koppenhöfer, die starkblauen
Augen in dem bräunlichen Gesicht brannten Begeisterung, tief atmete er:
Oh, daß alle Tyrannen so endeten! In der Menge stand der alte Christoph
Adam Schertlin, dunkel rasselte es aus seinem dürren Hals, sein Rohrstock
stieß gegen den Boden, rhythmisch wie im Tanz, sein mumienbraunes,
zerbröckelndes Gesicht war wild übersonnt vom Haß. In der Menge stand,
schön und fremd, die Frau des Johann Ulrich Schertlin, die Französin, die
Waldenserin. Sie war ärmlich gekleidet, ihr Mann war nun ganz
verkommen, versoffen und ausgehaust, aber sie trug den Kopf mit dem
kurzen, roten Mund so hoch wie immer. Aus den länglichen Augen warf sie
hochmütige Blicke auf das gelle, kreischende Volk, das die Puppen
verbrannte und den Rücken krumm machte vor dem Urbild; ihre Nachbarin
richtete das Wort an sie; sie schaute fremd, verächtlich an ihr hinunter, sagte
nichts, verließ langsam den Platz, mit gefeilten, kostbaren, hoffärtigen
Schritten.
In der großen, nüchternen, kahlen Stube der Beata Sturmin saßen um die
blinde Heilige Magdalen Sibylle, Johann Konrad Rieger, der Prediger, sein
Bruder Immanuel, der Expeditionsrat, der Magister Schober. Magdalen
Sibylle trug ein hechtgraues Kleid, sehr kostbar von Stoff und sehr schlicht
von Ausführung und Schnitt. Sie war behäbiger geworden, die starkblauen
Augen stumpfer, die bräunlichen Wangen schlaffer, alle Glieder träger.
Leicht fett und zufrieden fast saß sie, eine Bürgersfrau, und hörte
aufmerksam dem Stiftsdekan zu, der von seiner Predigt erzählte, von ihrer
starken, gottgefälligen Wirkung, und Partien daraus wiederholte, jetzt noch
hallender, geübter.
Bescheiden in seiner Ecke saß Jaakob Polykarp Schober. Der arme,
gehetzte Mensch, leidend an seiner zwielichtigen Stellung bei Süß, an dem
Hin und Her seines Gewissens, wollte hier ein wenig Ruhe finden vor der
Unrast der eigenen Brust. Er hatte ein Gedicht gemacht, in dem er sich mit
mit Kot beschmiert, um die Puppen gereiht, das Ganze schließlich mit
parodistischem Zeremoniell angezündet. Loh brannten die Puppen, gellend
kreischte das entzückte Volk, drehte sich, puffte sich, krümmte sich in
jaulendem, japsendem Vergnügen.
In der Menge stand der junge Michael Koppenhöfer, die starkblauen
Augen in dem bräunlichen Gesicht brannten Begeisterung, tief atmete er:
Oh, daß alle Tyrannen so endeten! In der Menge stand der alte Christoph
Adam Schertlin, dunkel rasselte es aus seinem dürren Hals, sein Rohrstock
stieß gegen den Boden, rhythmisch wie im Tanz, sein mumienbraunes,
zerbröckelndes Gesicht war wild übersonnt vom Haß. In der Menge stand,
schön und fremd, die Frau des Johann Ulrich Schertlin, die Französin, die
Waldenserin. Sie war ärmlich gekleidet, ihr Mann war nun ganz
verkommen, versoffen und ausgehaust, aber sie trug den Kopf mit dem
kurzen, roten Mund so hoch wie immer. Aus den länglichen Augen warf sie
hochmütige Blicke auf das gelle, kreischende Volk, das die Puppen
verbrannte und den Rücken krumm machte vor dem Urbild; ihre Nachbarin
richtete das Wort an sie; sie schaute fremd, verächtlich an ihr hinunter, sagte
nichts, verließ langsam den Platz, mit gefeilten, kostbaren, hoffärtigen
Schritten.
In der großen, nüchternen, kahlen Stube der Beata Sturmin saßen um die
blinde Heilige Magdalen Sibylle, Johann Konrad Rieger, der Prediger, sein
Bruder Immanuel, der Expeditionsrat, der Magister Schober. Magdalen
Sibylle trug ein hechtgraues Kleid, sehr kostbar von Stoff und sehr schlicht
von Ausführung und Schnitt. Sie war behäbiger geworden, die starkblauen
Augen stumpfer, die bräunlichen Wangen schlaffer, alle Glieder träger.
Leicht fett und zufrieden fast saß sie, eine Bürgersfrau, und hörte
aufmerksam dem Stiftsdekan zu, der von seiner Predigt erzählte, von ihrer
starken, gottgefälligen Wirkung, und Partien daraus wiederholte, jetzt noch
hallender, geübter.
Bescheiden in seiner Ecke saß Jaakob Polykarp Schober. Der arme,
gehetzte Mensch, leidend an seiner zwielichtigen Stellung bei Süß, an dem
Hin und Her seines Gewissens, wollte hier ein wenig Ruhe finden vor der
Unrast der eigenen Brust. Er hatte ein Gedicht gemacht, in dem er sich mit
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dem toten Gemahl Johannas der Wahnsinnigen verglich. Den schleppte die
Fürstin im Sarg durch alles Land, an Stelle des Herzens hatte sie eine
tickende Uhr setzen lassen, das Leben vorzutäuschen. So tickte ihm
immerfort das Gewissen; nur hier bei den stillen, frommen Brüdern und
Schwestern fand er ein wenig Ruhe. Er schaute aus seiner Ecke auf den
Prediger, der auf und ab schritt, deklamierend, ausgefüllt, er schaute von
ihm auf die blinde Heilige, die sanft, grau, farblos hockte und hörte, er
schaute von ihr auf den Expeditionsrat Immanuel, der ehrfurchtsvoll an den
Lippen seines großen und bedeutenden Bruders hing. Er sah aber auch aus
seiner Ecke, wie bei aller Verehrung das Aug des hageren, bescheidenen,
trotz des auffallenden Schnurrbarts unscheinbaren Mannes langsam von
dem Bruder abließ, hinüber zu Magdalen Sibylle glitt, tierhaft ergeben auf
ihr verweilte, die behäbig, fast matronenhaft dasaß, die großen, etwas fetten
und doch kindlichen Hände lässig in dem mächtigen Schoß des weiten,
hechtsilbernen Kleides. Er sah diesen demütig begehrenden Blick, er
deutete diesen Blick, und langsam sah er einen Weg, seine Gewissensqual
durch eine schwere, gottgefällige Tat ein weniges sanfter zu machen. Hatte
er nicht durch seine ehrbare und submisse Verehrung der Demoiselle
während der langen Hirsauer Jahre ein sicheres Anrecht auf sie? Aber er
wird sich bescheiden, er wird, so schwer ihm das fällt, seinen Wünschen
keine Statt mehr geben, er wird resignieren und dem Herrn und Bruder
Immanuel Rieger den Weg ganz und gar frei lassen.
Unterdes hatte der Stiftsdekan seine Predigt und Erzählung geendet und
nun ereignete sich etwas Seltsames. Magdalen Sibylle sagte nämlich, und
dies mit großer Selbstverständlichkeit, ohne Hemmung und Ziererei, sie
habe, angeregt durch das Exempel des lieben Bruders Jaakob Polykarp
Schober, auch ihrerseits Verse gemacht. Und jetzt werde sie den Brüdern
und der frommen Schwester ihre Carmina vorlesen. Was sie dann las, waren
unbeschwingte, triste, banale, kahl und schal moralisierende Reimereien.
Die Hörer aber merkten nichts von der Oede dieser Poemata, sie ließen sich
schlicht und ehrlich packen, und dem Expeditionsrat Immanuel Rieger
liefen vor Weichmut und Verehrung die Tränen über den Schnurrbart.
Als sie dann gingen, schloß sich der Magister dem Expeditionsrat an. Der
schwärmte in seiner nüchternen, hilflosen Art von Magdalen Sibylle. Da
raffte sich Schober zusammen, schluckte und teilte, sehr gerührt, dem
andern Entschluß und Verzicht mit. Die blassen Augen des Expeditionsrats
feuchteten sich, mit seiner dünnen, von Bewegtheit fast gelähmten Stimme
Fürstin im Sarg durch alles Land, an Stelle des Herzens hatte sie eine
tickende Uhr setzen lassen, das Leben vorzutäuschen. So tickte ihm
immerfort das Gewissen; nur hier bei den stillen, frommen Brüdern und
Schwestern fand er ein wenig Ruhe. Er schaute aus seiner Ecke auf den
Prediger, der auf und ab schritt, deklamierend, ausgefüllt, er schaute von
ihm auf die blinde Heilige, die sanft, grau, farblos hockte und hörte, er
schaute von ihr auf den Expeditionsrat Immanuel, der ehrfurchtsvoll an den
Lippen seines großen und bedeutenden Bruders hing. Er sah aber auch aus
seiner Ecke, wie bei aller Verehrung das Aug des hageren, bescheidenen,
trotz des auffallenden Schnurrbarts unscheinbaren Mannes langsam von
dem Bruder abließ, hinüber zu Magdalen Sibylle glitt, tierhaft ergeben auf
ihr verweilte, die behäbig, fast matronenhaft dasaß, die großen, etwas fetten
und doch kindlichen Hände lässig in dem mächtigen Schoß des weiten,
hechtsilbernen Kleides. Er sah diesen demütig begehrenden Blick, er
deutete diesen Blick, und langsam sah er einen Weg, seine Gewissensqual
durch eine schwere, gottgefällige Tat ein weniges sanfter zu machen. Hatte
er nicht durch seine ehrbare und submisse Verehrung der Demoiselle
während der langen Hirsauer Jahre ein sicheres Anrecht auf sie? Aber er
wird sich bescheiden, er wird, so schwer ihm das fällt, seinen Wünschen
keine Statt mehr geben, er wird resignieren und dem Herrn und Bruder
Immanuel Rieger den Weg ganz und gar frei lassen.
Unterdes hatte der Stiftsdekan seine Predigt und Erzählung geendet und
nun ereignete sich etwas Seltsames. Magdalen Sibylle sagte nämlich, und
dies mit großer Selbstverständlichkeit, ohne Hemmung und Ziererei, sie
habe, angeregt durch das Exempel des lieben Bruders Jaakob Polykarp
Schober, auch ihrerseits Verse gemacht. Und jetzt werde sie den Brüdern
und der frommen Schwester ihre Carmina vorlesen. Was sie dann las, waren
unbeschwingte, triste, banale, kahl und schal moralisierende Reimereien.
Die Hörer aber merkten nichts von der Oede dieser Poemata, sie ließen sich
schlicht und ehrlich packen, und dem Expeditionsrat Immanuel Rieger
liefen vor Weichmut und Verehrung die Tränen über den Schnurrbart.
Als sie dann gingen, schloß sich der Magister dem Expeditionsrat an. Der
schwärmte in seiner nüchternen, hilflosen Art von Magdalen Sibylle. Da
raffte sich Schober zusammen, schluckte und teilte, sehr gerührt, dem
andern Entschluß und Verzicht mit. Die blassen Augen des Expeditionsrats
feuchteten sich, mit seiner dünnen, von Bewegtheit fast gelähmten Stimme
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fragte er den Freund, ob er denn glaube, daß da irgendeine Möglichkeit sei;
wenn er die Augen zu ihr aufhebt, wird sich diese große, erhabene, illustre
Frau nicht erstaunt und mit befremdeter Mißbilligung von soviel
Vermessenheit abwenden? Aber Schober glaubte ihn trösten zu dürfen, und
er war beglückt.
Magdalen Sibylle hörte seinen gestotterten Antrag ernst, doch nicht
mißwollend an. Sie erbat sich Bedenkzeit, setzte sich dann hin, um in
Versen zu antworten. So am Schreibtisch zu sitzen, wartend auf Reim und
Rhythmus, das waren jetzt ihre besten Stunden. Das trug, das hob, das fügte
sich. Irgendwo, verschwommen, dachte sie: Im Anfang war das Wort; das
Wort ist Gott. Wie hold, sich vom fließenden Wort tragen zu lassen, auf
Reim und Gleichmaß schwimmend in endloses Geträume, in Gott zu
tauchen. Die Welt war ohne Ordnung, ohne Maß und Fug, war wild, dumm,
sinnlos, schmutzig. Hier war Sinn und Fug und Reinheit, hier glitt man
sänftlich weg über alles Aufwühlende, über Schlamm und bedrohliche
Tiefe, plätschernd, leicht träumend. Die Hitze, die einem früher das Blut
vergiftete, verdampfte harmlos-lau und behaglich in dem glatten,
schaukelnden Auf und Nieder. Die Gipfel und die Schlünde der Welt
ebneten sich, verebbten in platten, sehr korrekten Alexandrinern.
So saß sie auch heute, dem Immanuel Rieger antwortend. Ihre Gedanken
und lässigen Triebe glitten sanft hoch und nieder, rundeten sich schließlich
in einem vielwortigen, umständlichen, schlechten, ernsthaften Poem zu
einem erst zögernden, dann immer festeren Ja. Die Reime häuften lang und
ausführlich alle Argumente für und wider, ergingen sich über Freiheit und
Verantwortung, priesen Gesetz, Ordnung, Stille, gefestigte Begrenzung.
Es kam freilich, während sie diese klugen, gelassen biederen
Betrachtungen niederschrieb, ein Augenblick, in dem ihr plötzlich Reim
und Rhythmus aussetzten. In einer unendlichen, tristen Müdigkeit lösten
sich ihr die Glieder, sie sah gewölbte, fliegende Augen heiß auf sich, spürte
sich von einer dringlichen, eingängigen Stimme schmeichlerisch überrieselt
wie von wohlig lauem Wasser, und auf Sekunden erkannte sie, was für
ärmlich kahler Ersatz ihre alberne Poetenspielerei war. Aber rasch schob sie
als üble Anfechtung solche Erkenntnis beiseit, und mit sich finsternder
Entschlossenheit, mit fast fanatischer Andacht zur Nüchternheit schrieb sie
die Verse zu Ende.
Solche Mariage der Demoiselle Weißenseein, trotzdem natürlich ihre
Verbürgerlichung aufgefallen war, überraschte immerhin. Der Herzog
wenn er die Augen zu ihr aufhebt, wird sich diese große, erhabene, illustre
Frau nicht erstaunt und mit befremdeter Mißbilligung von soviel
Vermessenheit abwenden? Aber Schober glaubte ihn trösten zu dürfen, und
er war beglückt.
Magdalen Sibylle hörte seinen gestotterten Antrag ernst, doch nicht
mißwollend an. Sie erbat sich Bedenkzeit, setzte sich dann hin, um in
Versen zu antworten. So am Schreibtisch zu sitzen, wartend auf Reim und
Rhythmus, das waren jetzt ihre besten Stunden. Das trug, das hob, das fügte
sich. Irgendwo, verschwommen, dachte sie: Im Anfang war das Wort; das
Wort ist Gott. Wie hold, sich vom fließenden Wort tragen zu lassen, auf
Reim und Gleichmaß schwimmend in endloses Geträume, in Gott zu
tauchen. Die Welt war ohne Ordnung, ohne Maß und Fug, war wild, dumm,
sinnlos, schmutzig. Hier war Sinn und Fug und Reinheit, hier glitt man
sänftlich weg über alles Aufwühlende, über Schlamm und bedrohliche
Tiefe, plätschernd, leicht träumend. Die Hitze, die einem früher das Blut
vergiftete, verdampfte harmlos-lau und behaglich in dem glatten,
schaukelnden Auf und Nieder. Die Gipfel und die Schlünde der Welt
ebneten sich, verebbten in platten, sehr korrekten Alexandrinern.
So saß sie auch heute, dem Immanuel Rieger antwortend. Ihre Gedanken
und lässigen Triebe glitten sanft hoch und nieder, rundeten sich schließlich
in einem vielwortigen, umständlichen, schlechten, ernsthaften Poem zu
einem erst zögernden, dann immer festeren Ja. Die Reime häuften lang und
ausführlich alle Argumente für und wider, ergingen sich über Freiheit und
Verantwortung, priesen Gesetz, Ordnung, Stille, gefestigte Begrenzung.
Es kam freilich, während sie diese klugen, gelassen biederen
Betrachtungen niederschrieb, ein Augenblick, in dem ihr plötzlich Reim
und Rhythmus aussetzten. In einer unendlichen, tristen Müdigkeit lösten
sich ihr die Glieder, sie sah gewölbte, fliegende Augen heiß auf sich, spürte
sich von einer dringlichen, eingängigen Stimme schmeichlerisch überrieselt
wie von wohlig lauem Wasser, und auf Sekunden erkannte sie, was für
ärmlich kahler Ersatz ihre alberne Poetenspielerei war. Aber rasch schob sie
als üble Anfechtung solche Erkenntnis beiseit, und mit sich finsternder
Entschlossenheit, mit fast fanatischer Andacht zur Nüchternheit schrieb sie
die Verse zu Ende.
Solche Mariage der Demoiselle Weißenseein, trotzdem natürlich ihre
Verbürgerlichung aufgefallen war, überraschte immerhin. Der Herzog
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ärgerte sich, daß nun ein so alberner kleiner Pedant und Subalterner für alle
Zeit offiziell an seinem Nachtisch sitzen sollte. Filzig indes war er nie
gewesen, und er schenkte ihr zum Verlöbnis die Herrschaft Würtingheim,
berühmt wegen ihrer herrlichen Obstkulturen. Sogar Süß schrak auf aus
seinem immer ums gleiche schwelenden Gebrodel. So war die Welt; albern,
klein, kahl, säuerlich, erbärmlich erwies sich im Kern alles, was zuerst und
von außen so kraftvoll und süß geschimmert hatte. War übrigens nicht auch
diese von Karl Alexander in Schlamm und Alltagsniedrigkeit getreten
worden? Sieh da! das war zwar nicht die Absicht, aber er wird am Ende
wirklich noch die Erde von einem üblen und gefährlichen Tier befreien,
wenn er nur seinem privaten Trieb und Gesetz folgt. Mit keinem leisesten
Gedanken kam ihn an, daß ihn an Magdalen Sibyllens Versinken Schuld
treffen könnte. Die Stute Assjadah satteln ließ er, herrlich und in großem
Glanz ritt er nach dem Schlößchen Magdalen Sibyllens, eine dunkle, wilde
Großheit ging aus von dem Mann, der bitter und zerklüftet noch ein letztes
Mal alle seine Galanterie vor der Frau spielen ließ. Magdalen Sibylle
tauchte langsam nur und erst nach Tagen aus der tiefen Verwirrung dieses
Gratulationsbesuchs.
Zu Weißensee sagte die Herzogin, hurtig und leicht spöttisch kamen die
Worte aus dem kleinen, roten, geschwellten Mund: „Sie scheinen nicht
zufrieden, liebe Exzellenz, mit der Wahl Magdalen Sibyllens?“ Und, ihm
plötzlich das ziervolle, eidechsenhafte Gesicht zuwendend, das unter dem
strahlend schwarzen Haar in der Farbe alten, edlen Marmors matt leuchtete,
lächelte sie spitzbübisch: „Hätte sie etwa gar sollen unsern Hofjuden
heiraten?“
„Ja, Durchlaucht,“ sagte Weißensee. „Hundertmal lieber.“ Und es klang
aus dem Mund des feinen, liebenswürdigen Herrn so bitter und grimmig
und wie ein Aufschrei, daß die Herzogin neugierig und ein wenig betreten
aufsah und nach einem kleinen Schweigen von anderem sprach.
In der Antichambre schloß der Kammerdiener Neuffer die Tür hinter dem
ins Kabinett des Herzogs tretenden Süß. Sogleich dann im Rücken des
Finanzdirektors, erschreckend und ihn fast unkenntlich machend,
verwandelte sich die Steifheit und Gravität seines Lakaiengesichtes in
brutale, klobige, ohnmächtige Wut. Der Jud! Immer der Jud! Wohl hatte der
Zeit offiziell an seinem Nachtisch sitzen sollte. Filzig indes war er nie
gewesen, und er schenkte ihr zum Verlöbnis die Herrschaft Würtingheim,
berühmt wegen ihrer herrlichen Obstkulturen. Sogar Süß schrak auf aus
seinem immer ums gleiche schwelenden Gebrodel. So war die Welt; albern,
klein, kahl, säuerlich, erbärmlich erwies sich im Kern alles, was zuerst und
von außen so kraftvoll und süß geschimmert hatte. War übrigens nicht auch
diese von Karl Alexander in Schlamm und Alltagsniedrigkeit getreten
worden? Sieh da! das war zwar nicht die Absicht, aber er wird am Ende
wirklich noch die Erde von einem üblen und gefährlichen Tier befreien,
wenn er nur seinem privaten Trieb und Gesetz folgt. Mit keinem leisesten
Gedanken kam ihn an, daß ihn an Magdalen Sibyllens Versinken Schuld
treffen könnte. Die Stute Assjadah satteln ließ er, herrlich und in großem
Glanz ritt er nach dem Schlößchen Magdalen Sibyllens, eine dunkle, wilde
Großheit ging aus von dem Mann, der bitter und zerklüftet noch ein letztes
Mal alle seine Galanterie vor der Frau spielen ließ. Magdalen Sibylle
tauchte langsam nur und erst nach Tagen aus der tiefen Verwirrung dieses
Gratulationsbesuchs.
Zu Weißensee sagte die Herzogin, hurtig und leicht spöttisch kamen die
Worte aus dem kleinen, roten, geschwellten Mund: „Sie scheinen nicht
zufrieden, liebe Exzellenz, mit der Wahl Magdalen Sibyllens?“ Und, ihm
plötzlich das ziervolle, eidechsenhafte Gesicht zuwendend, das unter dem
strahlend schwarzen Haar in der Farbe alten, edlen Marmors matt leuchtete,
lächelte sie spitzbübisch: „Hätte sie etwa gar sollen unsern Hofjuden
heiraten?“
„Ja, Durchlaucht,“ sagte Weißensee. „Hundertmal lieber.“ Und es klang
aus dem Mund des feinen, liebenswürdigen Herrn so bitter und grimmig
und wie ein Aufschrei, daß die Herzogin neugierig und ein wenig betreten
aufsah und nach einem kleinen Schweigen von anderem sprach.
In der Antichambre schloß der Kammerdiener Neuffer die Tür hinter dem
ins Kabinett des Herzogs tretenden Süß. Sogleich dann im Rücken des
Finanzdirektors, erschreckend und ihn fast unkenntlich machend,
verwandelte sich die Steifheit und Gravität seines Lakaiengesichtes in
brutale, klobige, ohnmächtige Wut. Der Jud! Immer der Jud! Wohl hatte der
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Herzog einmal, als der Neuffer ihn auskleidete, in einem Anfall sinnlosen
Zornes geschäumt, auf die Festung setzen werde er den Juden, drei Jahre
ihn Kugeln schleifen und dann ihn hängen lassen. Was aber nützte das!
Regent des Landes war und blieb doch der Jud. Der Herzog schimpfte auf
seine Ratschläge, lobte die anderen: aber kam es zum Schlag, tat er doch
nur, was der Jud ihm einblies.
In der andern Ecke der Antichambre hockte auf einem Teppich der
Schwarzbraune. Er hatte wohl gesehen, wie das Gesicht des
Kammerdieners auf einen Augenblick die Livree abwarf, und ganz im
Innern amüsierte er sich über die plumpe Nacktheit des christlichen
Kollegen. Aber er verharrte lautlos, tierhaft träge hockend, verschlossenen
Gesichts.
Währenddes hielt Süß dem Herzog Vortrag. Heute in zwei Tagen wollten
die Verschworenen losschlagen; alle Vorbereitungen waren beendet.
Offiziell sollte der Herzog verreisen, um in seiner Eigenschaft als
Feldmarschall des Reichs zunächst die Festungen Kehl und Philippsburg zu
inspizieren, dann wegen seines Fußleidens den Danziger Medicus
Hulderop, den größten Orthopäden der Zeit, zu konsultieren. Für die Zeit
seiner Abwesenheit setzte Karl Alexander eine stellvertretende Regierung
ein: unter dem Vorsitz der Herzogin – die sich in dieser Rolle sehr
gravitätisch vorkam –, die Minister Scheffer, Pfau, den Staatsrat Lauz, die
Generäle Remchingen und Röder. Diese Regierung sollte in Abwesenheit
Karl Alexanders den Staatsstreich durchführen: nach Besetzung aller
strategischen Punkte des Landes die Gleichstellung der katholischen
Religion, Entwaffnung der Bürger, Annullierung vieler
Verfassungsparagraphen, Eintreibung des Beichtpfennigs, zwangsmäßige
Ablieferung allen Silbers in die herzogliche Münze und mehr derart durch
Gesetz verkünden.
Süß legte noch einmal zusammenfassend dar, worauf es ankam: auf die
reibungslose, kampflose Durchführung des Projekts in einer einzigen
Nacht. Als konstitutioneller Herzog verließ Karl Alexander sein Land, als
absoluter Souverän wird er in wenigen Stunden zurückgerufen. Zog sich die
Durchführung in die Länge, kamen Reibungen dazwischen, Kampf,
Blutvergießen, dann war alles verloren, dann hatten die Zauderer und Zager
recht gehabt. Denn weiter als man die Verfassung verbogen hatte, ließ sie
sich eben nicht mehr biegen; es ließ sich mit aller jesuitischen Kunst nichts
weiter aus ihr heraustifteln. Blieb als einziges übrig, sie zu brechen, und das
Zornes geschäumt, auf die Festung setzen werde er den Juden, drei Jahre
ihn Kugeln schleifen und dann ihn hängen lassen. Was aber nützte das!
Regent des Landes war und blieb doch der Jud. Der Herzog schimpfte auf
seine Ratschläge, lobte die anderen: aber kam es zum Schlag, tat er doch
nur, was der Jud ihm einblies.
In der andern Ecke der Antichambre hockte auf einem Teppich der
Schwarzbraune. Er hatte wohl gesehen, wie das Gesicht des
Kammerdieners auf einen Augenblick die Livree abwarf, und ganz im
Innern amüsierte er sich über die plumpe Nacktheit des christlichen
Kollegen. Aber er verharrte lautlos, tierhaft träge hockend, verschlossenen
Gesichts.
Währenddes hielt Süß dem Herzog Vortrag. Heute in zwei Tagen wollten
die Verschworenen losschlagen; alle Vorbereitungen waren beendet.
Offiziell sollte der Herzog verreisen, um in seiner Eigenschaft als
Feldmarschall des Reichs zunächst die Festungen Kehl und Philippsburg zu
inspizieren, dann wegen seines Fußleidens den Danziger Medicus
Hulderop, den größten Orthopäden der Zeit, zu konsultieren. Für die Zeit
seiner Abwesenheit setzte Karl Alexander eine stellvertretende Regierung
ein: unter dem Vorsitz der Herzogin – die sich in dieser Rolle sehr
gravitätisch vorkam –, die Minister Scheffer, Pfau, den Staatsrat Lauz, die
Generäle Remchingen und Röder. Diese Regierung sollte in Abwesenheit
Karl Alexanders den Staatsstreich durchführen: nach Besetzung aller
strategischen Punkte des Landes die Gleichstellung der katholischen
Religion, Entwaffnung der Bürger, Annullierung vieler
Verfassungsparagraphen, Eintreibung des Beichtpfennigs, zwangsmäßige
Ablieferung allen Silbers in die herzogliche Münze und mehr derart durch
Gesetz verkünden.
Süß legte noch einmal zusammenfassend dar, worauf es ankam: auf die
reibungslose, kampflose Durchführung des Projekts in einer einzigen
Nacht. Als konstitutioneller Herzog verließ Karl Alexander sein Land, als
absoluter Souverän wird er in wenigen Stunden zurückgerufen. Zog sich die
Durchführung in die Länge, kamen Reibungen dazwischen, Kampf,
Blutvergießen, dann war alles verloren, dann hatten die Zauderer und Zager
recht gehabt. Denn weiter als man die Verfassung verbogen hatte, ließ sie
sich eben nicht mehr biegen; es ließ sich mit aller jesuitischen Kunst nichts
weiter aus ihr heraustifteln. Blieb als einziges übrig, sie zu brechen, und das
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konnte man nicht allmählich, das konnte man nur in Einer Anspannung
erreichen. Mißlang die im kleinsten, dann hatte die bloße Tatsache der
Gewaltanwendung erwiesen, wie sehr man sich im Unrecht fühlte; das
Corpus evangelicorum wird über einen herfallen, die Schranken der
Verfassung werden dann noch viel fester und enger gestellt werden. Setzte
erst Kampf ein, dann hatte die Verfassungspartei zu viele und zu mächtige
Anhänger im Reich. Die geglückte Ueberrumpelung nur wird man,
schmunzelnd die einen, die anderen knirschend, anerkennen. Er war bisher,
wenn die anderen brutal zufahren wollten, immer für das Leise, Langsame
gewesen; in diesem Fall gab es nur Eines, das Laute, Zupackende,
Entscheidende, das in Einem Schoße Flor oder Verderb trug.
Mit zwingender Logik, Sachlichkeit, Wissenschaftlichkeit setzte Süß dem
Herzog dies noch einmal auseinander. Glühender dann und beredter führte
er aus, wie jenseits aller praktischen Erwägungen die Idee verhunzt wäre,
die herrliche Idee von der Göttlichkeit fürstlicher Macht, wenn sie erst
zerzettelt und zerknabbert würde durch Streitereien und Prozeßkniffe und
kleine Scharmützel mit Bürgergarden und ridikülem, miserablem
Kleinkampf. Hier ging es in Wahrheit um alles oder nichts. Entweder kehrte
das Herzogtum naturhaft in seinen Fürsten zurück, oder dieser Stoff war zu
schlecht, als daß die große Idee sich in ihm auswirken könnte.
In drängendem, schwülem Zorn stand Karl Alexander. Der Jud hatte
recht, wie immer, und gut hatte er das gesagt. Aber wie abgründig er in
einen hineinschaute! Fort, fort mußte er, auf ewig ins Dunkel mußte er! Und
was hatte er da gesagt: dieser Stoff war zu schlecht für die große Idee?
Welcher Stoff? Es war ja selbstverständlich unmöglich, daß das Projekt
mißlang; aber trotzdem: welcher Stoff war zu schlecht? Das Land? Oder –
wagte er es, wagte er es wirklich, der Jud? – oder er, der Fürst? Natürlich
wagte er es! Hinter seiner höflichen, servilen Fratze stak höhnisch, hänselnd
der freche, achselzuckende, aufreizende Zweifel. Ueber den schamlos
dreisten Rebellanten! Der war hundertmal schlimmer als die stiernackig
blöden Meuterer vom Parlament! Das waren verbohrte Esel! Aber dieser
Lächelnde, Höfliche war wissend, und seine feixenden, unverschämten
Zweifel gingen vergiftend ins Innerste. Weg mußte er! Ins Nichts mußte er!
Für ewig ins Dunkel mußte er!
„Haben Euer Durchlaucht jetzt das Losungswort bestimmt?“ fragte die
unbewegte, sachliche Stimme des Juden.
erreichen. Mißlang die im kleinsten, dann hatte die bloße Tatsache der
Gewaltanwendung erwiesen, wie sehr man sich im Unrecht fühlte; das
Corpus evangelicorum wird über einen herfallen, die Schranken der
Verfassung werden dann noch viel fester und enger gestellt werden. Setzte
erst Kampf ein, dann hatte die Verfassungspartei zu viele und zu mächtige
Anhänger im Reich. Die geglückte Ueberrumpelung nur wird man,
schmunzelnd die einen, die anderen knirschend, anerkennen. Er war bisher,
wenn die anderen brutal zufahren wollten, immer für das Leise, Langsame
gewesen; in diesem Fall gab es nur Eines, das Laute, Zupackende,
Entscheidende, das in Einem Schoße Flor oder Verderb trug.
Mit zwingender Logik, Sachlichkeit, Wissenschaftlichkeit setzte Süß dem
Herzog dies noch einmal auseinander. Glühender dann und beredter führte
er aus, wie jenseits aller praktischen Erwägungen die Idee verhunzt wäre,
die herrliche Idee von der Göttlichkeit fürstlicher Macht, wenn sie erst
zerzettelt und zerknabbert würde durch Streitereien und Prozeßkniffe und
kleine Scharmützel mit Bürgergarden und ridikülem, miserablem
Kleinkampf. Hier ging es in Wahrheit um alles oder nichts. Entweder kehrte
das Herzogtum naturhaft in seinen Fürsten zurück, oder dieser Stoff war zu
schlecht, als daß die große Idee sich in ihm auswirken könnte.
In drängendem, schwülem Zorn stand Karl Alexander. Der Jud hatte
recht, wie immer, und gut hatte er das gesagt. Aber wie abgründig er in
einen hineinschaute! Fort, fort mußte er, auf ewig ins Dunkel mußte er! Und
was hatte er da gesagt: dieser Stoff war zu schlecht für die große Idee?
Welcher Stoff? Es war ja selbstverständlich unmöglich, daß das Projekt
mißlang; aber trotzdem: welcher Stoff war zu schlecht? Das Land? Oder –
wagte er es, wagte er es wirklich, der Jud? – oder er, der Fürst? Natürlich
wagte er es! Hinter seiner höflichen, servilen Fratze stak höhnisch, hänselnd
der freche, achselzuckende, aufreizende Zweifel. Ueber den schamlos
dreisten Rebellanten! Der war hundertmal schlimmer als die stiernackig
blöden Meuterer vom Parlament! Das waren verbohrte Esel! Aber dieser
Lächelnde, Höfliche war wissend, und seine feixenden, unverschämten
Zweifel gingen vergiftend ins Innerste. Weg mußte er! Ins Nichts mußte er!
Für ewig ins Dunkel mußte er!
„Haben Euer Durchlaucht jetzt das Losungswort bestimmt?“ fragte die
unbewegte, sachliche Stimme des Juden.
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„Ja,“ sagte Karl Alexander, kurz, barsch, militärisch. „Es heißt:
Attempto!“
Ueberrascht sah, mit einem kleinen, anerkennenden Lächeln Süß auf.
„Attempto! Ich wag’s!“ das war ein frecher, ein kühner, ein fast genialer
Witz. „Attempto! Ich wag’s!“ hatte Eberhard im Barte gesagt und als erster
deutscher Fürst seinem Land eine Verfassung gegeben. „Attempto! Ich
wag’s!“ war die große Inschrift auf dem Attribut dieses Fürsten, dem
Zedernstamm, den er vom Kreuzzug mitgebracht. So hing sein Bild überall
im Herzogtum. Mit diesem tapfern Wahlspruch hatte er den Großteil seiner
Macht von sich abgetan und dem Volke zurückgegeben. Wenn einer im
Land kein Wort Latein sprach, dieses „Attempto!“ verstand er; denn es war
die Grundlage der Verfassung und aller bürgerlichen Freiheit. Und dieses
gleiche „Attempto! Ich wag’s!“ wählte jetzt Karl Alexander als
Losungswort, eben diese von seinem Ahn begründete Verfassung zu
zerschlagen, die Macht wieder an sich zu reißen, an Stelle der
ausgebildetsten Demokratie den nackten Absolutismus zu setzen.
Donnerwetter! Dazu gehörte soviel Mut wie Geist. Dieser Karl Alexander
war doch ein Kerl!
Gehoben, in drängendem, brustweitendem Lustgefühl ging Süß nach
Hause. Er hatte diesen Mann dazu gemacht, hatte das Licht in ihm
angezündet, hatte aus einem hitzigen, brünstigen, brutalen Stück Fleisch
einen Fürsten geknetet. Oh, sein Weg war schon der rechte. Wie plump
wäre es und simpel gewesen, ihm dazumal an die Gurgel zu springen. Jetzt
hatte er sein Opfer herangemästet, hatte es erhöht, es ansehnlich und wert
gemacht. Ein verhungertes Tier anzunehmen, weigerte sich der Priester wie
der Gott. Das Opfer, dessen Blut er jetzt darbot, konnte bestehen.
Er ging in seinem Arbeitskabinett auf und nieder, angeregt, geschwellt,
alle Kerzen brannten, auch in den anstoßenden Zimmern. Was hatte Rabbi
Gabriel gesagt? An jedem Fest, das ihr dem Toten gebt, steigt er herauf, um
jedes Bild, das ihr ihm weiht, schwebt er, hört jedem Worte zu, das von ihm
klingt. Mit allen Gedanken hatte er und Blut und Nerven die Tote gerufen;
aber sie war nicht gekommen, nur in Dämmer und Nebel hat er sie ahnen
dürfen. Jetzt wird er ihr ein Opferfest bereiten, zu dem sie heraufsteigen
muß. Nicht nur leibhaft wird er ihr diesen Herzog opfern, auch seine Seele
hat er so präpariert, daß sie just in dem Moment aus dem Körper sich lösen
soll, wenn sie in ihrer Hoffart Blüte strotzt. Und die Seele des Hoffärtigen
wird eingekörpert in Feuer; in Feuer zerzuckt sie, tausendfach zerrissen in
Attempto!“
Ueberrascht sah, mit einem kleinen, anerkennenden Lächeln Süß auf.
„Attempto! Ich wag’s!“ das war ein frecher, ein kühner, ein fast genialer
Witz. „Attempto! Ich wag’s!“ hatte Eberhard im Barte gesagt und als erster
deutscher Fürst seinem Land eine Verfassung gegeben. „Attempto! Ich
wag’s!“ war die große Inschrift auf dem Attribut dieses Fürsten, dem
Zedernstamm, den er vom Kreuzzug mitgebracht. So hing sein Bild überall
im Herzogtum. Mit diesem tapfern Wahlspruch hatte er den Großteil seiner
Macht von sich abgetan und dem Volke zurückgegeben. Wenn einer im
Land kein Wort Latein sprach, dieses „Attempto!“ verstand er; denn es war
die Grundlage der Verfassung und aller bürgerlichen Freiheit. Und dieses
gleiche „Attempto! Ich wag’s!“ wählte jetzt Karl Alexander als
Losungswort, eben diese von seinem Ahn begründete Verfassung zu
zerschlagen, die Macht wieder an sich zu reißen, an Stelle der
ausgebildetsten Demokratie den nackten Absolutismus zu setzen.
Donnerwetter! Dazu gehörte soviel Mut wie Geist. Dieser Karl Alexander
war doch ein Kerl!
Gehoben, in drängendem, brustweitendem Lustgefühl ging Süß nach
Hause. Er hatte diesen Mann dazu gemacht, hatte das Licht in ihm
angezündet, hatte aus einem hitzigen, brünstigen, brutalen Stück Fleisch
einen Fürsten geknetet. Oh, sein Weg war schon der rechte. Wie plump
wäre es und simpel gewesen, ihm dazumal an die Gurgel zu springen. Jetzt
hatte er sein Opfer herangemästet, hatte es erhöht, es ansehnlich und wert
gemacht. Ein verhungertes Tier anzunehmen, weigerte sich der Priester wie
der Gott. Das Opfer, dessen Blut er jetzt darbot, konnte bestehen.
Er ging in seinem Arbeitskabinett auf und nieder, angeregt, geschwellt,
alle Kerzen brannten, auch in den anstoßenden Zimmern. Was hatte Rabbi
Gabriel gesagt? An jedem Fest, das ihr dem Toten gebt, steigt er herauf, um
jedes Bild, das ihr ihm weiht, schwebt er, hört jedem Worte zu, das von ihm
klingt. Mit allen Gedanken hatte er und Blut und Nerven die Tote gerufen;
aber sie war nicht gekommen, nur in Dämmer und Nebel hat er sie ahnen
dürfen. Jetzt wird er ihr ein Opferfest bereiten, zu dem sie heraufsteigen
muß. Nicht nur leibhaft wird er ihr diesen Herzog opfern, auch seine Seele
hat er so präpariert, daß sie just in dem Moment aus dem Körper sich lösen
soll, wenn sie in ihrer Hoffart Blüte strotzt. Und die Seele des Hoffärtigen
wird eingekörpert in Feuer; in Feuer zerzuckt sie, tausendfach zerrissen in
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jeder Sekunde, durch eine neue Ewigkeit. Steig auf, Naemi! Steig auf,
Kind, mein Kind, mein bestes, mein reinstes, Lilie im Tal, steig herauf! Ein
Scherbenmal eines zerschmissenen Königtums richte ich dir auf, einen
Fürsten opfere ich dir, eine Seele einkörpere ich in ewig zerzuckendes
Feuer! So ruf ich dich, Naemi, mein Kind! Steig herauf! Taube im
Felsenriß, auf heimlichem Hang! Laß mich schauen deine Gestalt, laß mich
deine Stimme hören! Denn deine Stimme ist süß und lieblich deine Gestalt.
Er hielt ein, rief sich zurück. Ei ja, dies mußte ja noch geschehen. Er
wollte nicht, unter keinen Umständen wollte er, daß es scheinen könnte, er
verquicke seine Sache gegen Karl Alexander mit irgendwelcher
persönlichen Sicherung oder gar mit Vorteilen für sich. Vor anderen nicht
und vor sich selber nicht durfte er leisesten solchen Verdacht aufkommen
lassen. Sprang für das Land Profit dabei heraus, so war das nebensächlich,
nicht zu erstreben, nicht zu vermeiden; für sich selber jedenfalls wollte er
jeden Gewinn daraus im vorhinein zerstören. Er war jetzt da, um das Herz
dieses Fürsten Karl Alexander von Württemberg fett und hoch zu züchten,
und wenn es am fettesten strotzte und schwoll, zu zerdrücken. Für solche
Opferung und Sühne war er da. Was dann kam, ach, wie fern das war und
wie nichts!
Er befahl den Magister Schober zu sich. Der erschien, verschreckt, aus
dem Schlaf gestört, in Angst, der Finanzdirektor möchte ihn in neue Nöte
des Gewissens treiben. Unglücklich, in einem nachschleifenden Schlafrock,
denn der Befehl des Süß hatte ihm keine Zeit gelassen, mit runden,
furchtsamen Kinderaugen, stand er vor seinem Herrn. Süß war munter,
vergnügt, gütig wie lange nicht. Er fragte nach den Gedichten des
Magisters, wieso die Edition sich so lange verzögere, das Geld sei der
Druckerei doch schon seit Wochen angewiesen. „Wie geruhen Euer
Durchlaucht geschlafen zu haben?“ fragte der Papagei Akiba. Der Magister
stotterte etwas, er sitze schon über den Korrekturen, und in zwei, drei
Wochen würden die Carmina säuberlich gedruckt sein. Süß, plötzlich
abbiegend, legte ihm die Hand auf die Schulter, verzog pfiffig,
schmunzelnd die Lippen, sagte vertraulich, jovial: „Er ist, Teufel noch eins!
ein schlechter Protestant, Magister.“ Und da der Zitternde nur
Unverständliches stammelte, fuhr er fort: „Ich mit meiner jüdischen,
rechnerischen Moral hätte mir an Seiner Statt gesagt: Wenn ich den Juden
verrat, dann verrat ich einen einzigen und dazu bloß einen Juden; aber wenn
ich den Juden nicht verrat, dann verrat ich eine Million evangelischer
Kind, mein Kind, mein bestes, mein reinstes, Lilie im Tal, steig herauf! Ein
Scherbenmal eines zerschmissenen Königtums richte ich dir auf, einen
Fürsten opfere ich dir, eine Seele einkörpere ich in ewig zerzuckendes
Feuer! So ruf ich dich, Naemi, mein Kind! Steig herauf! Taube im
Felsenriß, auf heimlichem Hang! Laß mich schauen deine Gestalt, laß mich
deine Stimme hören! Denn deine Stimme ist süß und lieblich deine Gestalt.
Er hielt ein, rief sich zurück. Ei ja, dies mußte ja noch geschehen. Er
wollte nicht, unter keinen Umständen wollte er, daß es scheinen könnte, er
verquicke seine Sache gegen Karl Alexander mit irgendwelcher
persönlichen Sicherung oder gar mit Vorteilen für sich. Vor anderen nicht
und vor sich selber nicht durfte er leisesten solchen Verdacht aufkommen
lassen. Sprang für das Land Profit dabei heraus, so war das nebensächlich,
nicht zu erstreben, nicht zu vermeiden; für sich selber jedenfalls wollte er
jeden Gewinn daraus im vorhinein zerstören. Er war jetzt da, um das Herz
dieses Fürsten Karl Alexander von Württemberg fett und hoch zu züchten,
und wenn es am fettesten strotzte und schwoll, zu zerdrücken. Für solche
Opferung und Sühne war er da. Was dann kam, ach, wie fern das war und
wie nichts!
Er befahl den Magister Schober zu sich. Der erschien, verschreckt, aus
dem Schlaf gestört, in Angst, der Finanzdirektor möchte ihn in neue Nöte
des Gewissens treiben. Unglücklich, in einem nachschleifenden Schlafrock,
denn der Befehl des Süß hatte ihm keine Zeit gelassen, mit runden,
furchtsamen Kinderaugen, stand er vor seinem Herrn. Süß war munter,
vergnügt, gütig wie lange nicht. Er fragte nach den Gedichten des
Magisters, wieso die Edition sich so lange verzögere, das Geld sei der
Druckerei doch schon seit Wochen angewiesen. „Wie geruhen Euer
Durchlaucht geschlafen zu haben?“ fragte der Papagei Akiba. Der Magister
stotterte etwas, er sitze schon über den Korrekturen, und in zwei, drei
Wochen würden die Carmina säuberlich gedruckt sein. Süß, plötzlich
abbiegend, legte ihm die Hand auf die Schulter, verzog pfiffig,
schmunzelnd die Lippen, sagte vertraulich, jovial: „Er ist, Teufel noch eins!
ein schlechter Protestant, Magister.“ Und da der Zitternde nur
Unverständliches stammelte, fuhr er fort: „Ich mit meiner jüdischen,
rechnerischen Moral hätte mir an Seiner Statt gesagt: Wenn ich den Juden
verrat, dann verrat ich einen einzigen und dazu bloß einen Juden; aber wenn
ich den Juden nicht verrat, dann verrat ich eine Million evangelischer
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Christen. Und dann wär ich hingegangen und hätte dem Sturm und dem
Jäger oder sonst einem vom Elfer-Ausschuß die Geschichte haarklein
erzählt. Ich muß sagen, Magister, Er ist von einer Treue und Diskretion, die
schon zum Himmel stinkt.“
Jaakob Polykarp Schober stand schlottericht unter den hellen Kerzen,
wagte nicht, den grausamen Schweiß wegzuwischen, der ihm über das
fahle, dicke Kindergesicht troff, starrte aus runden, entgeisterten Augen den
Juden an. „Jetzt hält Er mich wohl für verrückt?“ fragte der nach einer
Weile, gutmütig. „Nein, Magister, ich bin durchaus nicht verrückt,“ sagte er,
wieder nach einem Schweigen, trocken. „Oder zumindest nicht mehr als
jeder andere.“
Es war totenstill in dem hellen Raum. Draußen tappte der Schritt der
Nachtwache. Süß hatte sich gesetzt, krümmte sich, trotzdem die Zimmer
überheizt waren, wie leicht frierend, schien den reglosen, in einer seltsam
verknüllten, unbequemen Haltung stehenden Schober vergessen zu haben.
Unversehens wieder begann er: „Ich will Ihm aus Seinem Dilemma
heraushelfen. Geh Er hin zu den Herren vom Parlament, sag Er ihnen: die
Zeit ist die Nacht zum Dienstag, die Losung: Attempto, und wenn die
Herren Blutvergießen vermeiden wollen, dergestalt daß das ganze Projekt
zusammenklappt wie eine Marionette nach zerschnittenem Draht, dann
sollen sie den Montag abend eine Deputation nach Ludwigsburg schicken.
Der Mameluck erwartet sie am Seiteneingang des linken Flügels und bringt
sie zum Herzog.“
Dem Schober quollen, wie Süß das sachlich und geschäftsmäßig an ihn
hinsagte, die Augen aus dem Kopf vor angestrengter Aufmerksamkeit,
Unverstand und Erregung. „Bedingung ist,“ fuhr Süß mit der gleichen
geschäftsmäßigen Kühle fort, „und diese Bedingung muß Er mir in die
Hand schwören, daß niemals eine Menschenseele erfährt, daß ich Ihm das
gesagt oder gar Ihn geschickt habe.“
„Exzellenz,“ stammelte endlich Schober, „ich versteh das nicht, ich
versteh das durchaus nicht. Ich bin ja so selig, daß der Herr Sie erweckt hat
und daß Sie den evangelischen Glauben salvieren wollen. Aber wenn das
ketzerische Projekt zuschanden wird und man weiß nicht, daß Sie es haben
kaputt gemacht, dann wird doch, mit Euer Gnaden Verlaub, die Landschaft
zuerst Ihnen den Kriminalprozeß machen. Ich bin nicht stark in politicis,
aber der Herzog wird Sie dann nicht können schützen.“
Jäger oder sonst einem vom Elfer-Ausschuß die Geschichte haarklein
erzählt. Ich muß sagen, Magister, Er ist von einer Treue und Diskretion, die
schon zum Himmel stinkt.“
Jaakob Polykarp Schober stand schlottericht unter den hellen Kerzen,
wagte nicht, den grausamen Schweiß wegzuwischen, der ihm über das
fahle, dicke Kindergesicht troff, starrte aus runden, entgeisterten Augen den
Juden an. „Jetzt hält Er mich wohl für verrückt?“ fragte der nach einer
Weile, gutmütig. „Nein, Magister, ich bin durchaus nicht verrückt,“ sagte er,
wieder nach einem Schweigen, trocken. „Oder zumindest nicht mehr als
jeder andere.“
Es war totenstill in dem hellen Raum. Draußen tappte der Schritt der
Nachtwache. Süß hatte sich gesetzt, krümmte sich, trotzdem die Zimmer
überheizt waren, wie leicht frierend, schien den reglosen, in einer seltsam
verknüllten, unbequemen Haltung stehenden Schober vergessen zu haben.
Unversehens wieder begann er: „Ich will Ihm aus Seinem Dilemma
heraushelfen. Geh Er hin zu den Herren vom Parlament, sag Er ihnen: die
Zeit ist die Nacht zum Dienstag, die Losung: Attempto, und wenn die
Herren Blutvergießen vermeiden wollen, dergestalt daß das ganze Projekt
zusammenklappt wie eine Marionette nach zerschnittenem Draht, dann
sollen sie den Montag abend eine Deputation nach Ludwigsburg schicken.
Der Mameluck erwartet sie am Seiteneingang des linken Flügels und bringt
sie zum Herzog.“
Dem Schober quollen, wie Süß das sachlich und geschäftsmäßig an ihn
hinsagte, die Augen aus dem Kopf vor angestrengter Aufmerksamkeit,
Unverstand und Erregung. „Bedingung ist,“ fuhr Süß mit der gleichen
geschäftsmäßigen Kühle fort, „und diese Bedingung muß Er mir in die
Hand schwören, daß niemals eine Menschenseele erfährt, daß ich Ihm das
gesagt oder gar Ihn geschickt habe.“
„Exzellenz,“ stammelte endlich Schober, „ich versteh das nicht, ich
versteh das durchaus nicht. Ich bin ja so selig, daß der Herr Sie erweckt hat
und daß Sie den evangelischen Glauben salvieren wollen. Aber wenn das
ketzerische Projekt zuschanden wird und man weiß nicht, daß Sie es haben
kaputt gemacht, dann wird doch, mit Euer Gnaden Verlaub, die Landschaft
zuerst Ihnen den Kriminalprozeß machen. Ich bin nicht stark in politicis,
aber der Herzog wird Sie dann nicht können schützen.“
Page 347
„Nein, der Herzog wird mich nicht schützen,“ sagte Süß trocken. „Laß
Er’s gut sein, Magister,“ fügte er sanft, mild, väterlich fast hinzu. „Die
Affäre ist zu kurios. Ein katholischer Herzog will ein evangelisches Land
katholisch machen und ein Jud geht lieber an den lichten Galgen, eh daß
er’s zuläßt. Daraus kann Er sich keinen Reim machen, und wenn Er noch so
sehr ein Poet ist.“
Taumelig schlich, die Knie schwach und mit schleifendem Schlafrock,
Jaakob Polykarp Schober nach dieser Unterredung über die dunklen
Korridore des Hauses. Hin und her in seinem Zimmer trieb es ihn bis zum
Morgen. Er sah nicht klar, es war alles voll Rauch und Nebel. Aber soviel
war gewiß: Gott hatte ihn dennoch ersehen und auserlesen. Durch das
Zimmer schleifte er, ruhelos, Saum und Quaste des Schlafrocks fegten den
Boden. Die alte schwarzgraue Katze wachte auf, begleitete ihn. Sie war
eine verwöhnte alte Katze und wollte, daß er sie in den Arm nehme oder ins
Bett wie oft, und sie miaute. Aber er ging auf und ab und hörte sie nicht.
Der Jude, als der Magister ihn verlassen hatte, streckte sich, entblößte die
starken Zähne. Vor dem Bild des Herzogs über seinem Schreibtisch, Karl
Alexander hatte eigenhändig, mit sehr huldvoller Widmung, seine
gewalttätigen Schriftzüge daruntergesetzt, verweilte er, sagte leise: „Adieu,
Louis Quatorze! Fahr hin, deutscher Achill!“ Und noch einmal, wilder:
„Fahr hin, deutscher Achill! Adieu, Louis Quatorze!“
Er dachte nicht mehr an das Kind. Es war ein Handel nur zwischen ihm
und Karl Alexander, ohne das Kind. Er schwamm auf einem dunklen,
violettroten Meer herz- und sinnausfüllenden Hasses. Wie es rauschte! Wie
es in die Ohren ging und ins Innerste! Wie es wild und selig betäubend
roch! Er hörte den Wutschrei des zu Tode getäuschten Fürsten, sah den
blutigen Blick des Mannes, dem er das Erreichnis seines starken,
ungestümen Lebens aus der Hand schlug, just wie er, eratmend, die Finger
drum schließen wollte. Herrlich war es, das Knie auf die Brust des Feindes
zu setzen, süß und herrlich war es, die Daumen auf die Gurgel des Feindes
zu legen, wenn der Mund schnappte nach der lieben Gottesluft,
zuzudrücken, fester, ganz langsam, das Auge höhnisch sieghaft in dem
brechenden des andern. Das hieß leben! Das lohnte zu leben!
In sein wildes, süchtiges Geträume hinein glitt plötzlich leibhaft, lautlos
und erschreckend ein Mensch. Otman, der Schwarzbraune. Er neigte sich,
teilte mit, der Herzog habe dem General Remchingen die Ordre gegeben. –
Welche Ordre? – Die Liste. – Ach so, die Liste der zu Verhaftenden, die Süß
Er’s gut sein, Magister,“ fügte er sanft, mild, väterlich fast hinzu. „Die
Affäre ist zu kurios. Ein katholischer Herzog will ein evangelisches Land
katholisch machen und ein Jud geht lieber an den lichten Galgen, eh daß
er’s zuläßt. Daraus kann Er sich keinen Reim machen, und wenn Er noch so
sehr ein Poet ist.“
Taumelig schlich, die Knie schwach und mit schleifendem Schlafrock,
Jaakob Polykarp Schober nach dieser Unterredung über die dunklen
Korridore des Hauses. Hin und her in seinem Zimmer trieb es ihn bis zum
Morgen. Er sah nicht klar, es war alles voll Rauch und Nebel. Aber soviel
war gewiß: Gott hatte ihn dennoch ersehen und auserlesen. Durch das
Zimmer schleifte er, ruhelos, Saum und Quaste des Schlafrocks fegten den
Boden. Die alte schwarzgraue Katze wachte auf, begleitete ihn. Sie war
eine verwöhnte alte Katze und wollte, daß er sie in den Arm nehme oder ins
Bett wie oft, und sie miaute. Aber er ging auf und ab und hörte sie nicht.
Der Jude, als der Magister ihn verlassen hatte, streckte sich, entblößte die
starken Zähne. Vor dem Bild des Herzogs über seinem Schreibtisch, Karl
Alexander hatte eigenhändig, mit sehr huldvoller Widmung, seine
gewalttätigen Schriftzüge daruntergesetzt, verweilte er, sagte leise: „Adieu,
Louis Quatorze! Fahr hin, deutscher Achill!“ Und noch einmal, wilder:
„Fahr hin, deutscher Achill! Adieu, Louis Quatorze!“
Er dachte nicht mehr an das Kind. Es war ein Handel nur zwischen ihm
und Karl Alexander, ohne das Kind. Er schwamm auf einem dunklen,
violettroten Meer herz- und sinnausfüllenden Hasses. Wie es rauschte! Wie
es in die Ohren ging und ins Innerste! Wie es wild und selig betäubend
roch! Er hörte den Wutschrei des zu Tode getäuschten Fürsten, sah den
blutigen Blick des Mannes, dem er das Erreichnis seines starken,
ungestümen Lebens aus der Hand schlug, just wie er, eratmend, die Finger
drum schließen wollte. Herrlich war es, das Knie auf die Brust des Feindes
zu setzen, süß und herrlich war es, die Daumen auf die Gurgel des Feindes
zu legen, wenn der Mund schnappte nach der lieben Gottesluft,
zuzudrücken, fester, ganz langsam, das Auge höhnisch sieghaft in dem
brechenden des andern. Das hieß leben! Das lohnte zu leben!
In sein wildes, süchtiges Geträume hinein glitt plötzlich leibhaft, lautlos
und erschreckend ein Mensch. Otman, der Schwarzbraune. Er neigte sich,
teilte mit, der Herzog habe dem General Remchingen die Ordre gegeben. –
Welche Ordre? – Die Liste. – Ach so, die Liste der zu Verhaftenden, die Süß
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dem Herzog zusammengestellt hatte. Aber daß Karl Alexander ihm mitten
in der Nacht so Belangloses melden ließ? Unwahrscheinlich. Sicher hatte
der Schwarzbraune Wesentlicheres, Heimliches zu berichten. Aufmerksam
sah Süß ihm in das verschlossene Gesicht. Da begann er auch schon,
Namen aufzuzählen. Johann Georg Andreä, Johann Friedrich Bellon. Ei ja,
die Verhaftungsliste, fein säuberlich alphabetisch geordnet. Aber was sollte
das? Das weiß er doch, er hat doch selber die Liste aufgesetzt. Der
Schwarzbraune zählte weiter her: Friedrich Ludwig Stöfflen, Johann
Heinrich Sturm, Josef Süß Oppenheimer. Süß machte keine Bewegung.
Auch der Schwarzbraune, die Liste geschlossen, sprach kein Wort mehr,
neigte sich, ging.
Süß, allein, vergnügt fast, pfiff durch die Zähne, lächelte. Fein war das,
diese Bestätigung noch zu haben. Er war im tiefsten amüsiert. Witzig, weiß
Gott, war dieser Karl Alexander. Hätte er Remchingen wenigstens durch
Spezialordre beauftragt, ihn zu verhaften. Aber so, ihn einfach generaliter
einzufügen in die Liste, in die eigene Liste, die er selber aufgesetzt hat, das
war – souverän witzig war das. Er sah die beiden, den Herzog und
Remchingen, wie sie zusammensaßen, über die Liste sich beugten, wie der
Herzog mit seiner klobigen, gewalttätigen Schrift hinschmierte: Josef Süß
Oppenheimer, Finanzdirektor. Wie sie sich dann, der Fürst und sein
General, in die Augen schauten, wortlos, arg schmunzelnd der Herzog, breit
grinsend Remchingen. Guter Karl Alexander! Wohlaffektionierter,
großherziger Fürst! Da sitzest du jetzt und amüsierst dich über deinen
dummen Juden, der dir erst fein säuberlich die Krone aus dem Blauen
herunterholt und den du hernach zum Lohn auf die Festung setzen wirst.
Hoho! Zu spät aufgestanden, Durchlaucht! Dein Jud sitzt noch eine Spirale
höher, hat dir schon die Schlinge um den Hals geworfen und amüsiert sich
über dein ahnungsloses Amüsement. Du Fürst! Du großer Herr und Held!
Du geiler, dummer Narr und Mädchenschänder und Metzger und Schuft!
Rastlos, in wellenden Gedanken, schritt er. Erinnerte sich, wie er einmal
mit einem Hund gespielt, dem hungernden den Fraß immer wieder im
letzten Augenblick weggerissen hatte, bis der Köter ihn scharf in die Hand
biß. Er sah noch den heißen Haß, die rote, blutige Wut im Aug des gereizten
und immer wieder betrogenen Tieres. Mit dir spiel ich ein wilderes Spiel,
Karl Alexander. Dir reiß ich einen köstlicheren Happen weg. Streck dich in
der Lust auf die Beute wie ein Tier zum Sprung! Schick aus deine
Gieraugen! Schnapp, Fürst! Schnapp zu, mein Herr Herzog!
in der Nacht so Belangloses melden ließ? Unwahrscheinlich. Sicher hatte
der Schwarzbraune Wesentlicheres, Heimliches zu berichten. Aufmerksam
sah Süß ihm in das verschlossene Gesicht. Da begann er auch schon,
Namen aufzuzählen. Johann Georg Andreä, Johann Friedrich Bellon. Ei ja,
die Verhaftungsliste, fein säuberlich alphabetisch geordnet. Aber was sollte
das? Das weiß er doch, er hat doch selber die Liste aufgesetzt. Der
Schwarzbraune zählte weiter her: Friedrich Ludwig Stöfflen, Johann
Heinrich Sturm, Josef Süß Oppenheimer. Süß machte keine Bewegung.
Auch der Schwarzbraune, die Liste geschlossen, sprach kein Wort mehr,
neigte sich, ging.
Süß, allein, vergnügt fast, pfiff durch die Zähne, lächelte. Fein war das,
diese Bestätigung noch zu haben. Er war im tiefsten amüsiert. Witzig, weiß
Gott, war dieser Karl Alexander. Hätte er Remchingen wenigstens durch
Spezialordre beauftragt, ihn zu verhaften. Aber so, ihn einfach generaliter
einzufügen in die Liste, in die eigene Liste, die er selber aufgesetzt hat, das
war – souverän witzig war das. Er sah die beiden, den Herzog und
Remchingen, wie sie zusammensaßen, über die Liste sich beugten, wie der
Herzog mit seiner klobigen, gewalttätigen Schrift hinschmierte: Josef Süß
Oppenheimer, Finanzdirektor. Wie sie sich dann, der Fürst und sein
General, in die Augen schauten, wortlos, arg schmunzelnd der Herzog, breit
grinsend Remchingen. Guter Karl Alexander! Wohlaffektionierter,
großherziger Fürst! Da sitzest du jetzt und amüsierst dich über deinen
dummen Juden, der dir erst fein säuberlich die Krone aus dem Blauen
herunterholt und den du hernach zum Lohn auf die Festung setzen wirst.
Hoho! Zu spät aufgestanden, Durchlaucht! Dein Jud sitzt noch eine Spirale
höher, hat dir schon die Schlinge um den Hals geworfen und amüsiert sich
über dein ahnungsloses Amüsement. Du Fürst! Du großer Herr und Held!
Du geiler, dummer Narr und Mädchenschänder und Metzger und Schuft!
Rastlos, in wellenden Gedanken, schritt er. Erinnerte sich, wie er einmal
mit einem Hund gespielt, dem hungernden den Fraß immer wieder im
letzten Augenblick weggerissen hatte, bis der Köter ihn scharf in die Hand
biß. Er sah noch den heißen Haß, die rote, blutige Wut im Aug des gereizten
und immer wieder betrogenen Tieres. Mit dir spiel ich ein wilderes Spiel,
Karl Alexander. Dir reiß ich einen köstlicheren Happen weg. Streck dich in
der Lust auf die Beute wie ein Tier zum Sprung! Schick aus deine
Gieraugen! Schnapp, Fürst! Schnapp zu, mein Herr Herzog!
Page 349
Zwei Tage noch, nicht einmal zwei Tage; nur mehr fünfundvierzig
Stunden. Er lächelte tiefer, schritt einsam durch die kerzenhelle Flucht
seiner Säle. Starr und weiß standen die Büsten des Solon, Homer,
Aristoteles, des Moses und Salomon, unter den kleinen Pagoden ergingen
sich bezopfte Chinesen, vielfigurig auf der Decke raste der Triumph des
Merkur, aus den Vitrinen der kostbare Schmuck strahlte, und in seinem
vergoldeten Bauer der Papagei Akiba krächzte: „Bon jour, madame!“ und
„Ma vie pour mon souverain!“ Doch der einsame, ruhelos durch seine
hellen Säle wandelnde Mann hörte nichts, sah nichts, war bis zum Rand
gefüllt von seinen Gedanken, Bildern, Gesichten.
Der Mameluck, wie er um die gleiche Stunde ins Schloß zurückkam und
sich im Schlafgemach des Herzogs auf seine Matte im Winkel streckte,
hörte, wie Karl Alexander in schweren Träumen stöhnte, um sich schlug,
gurgelte.
Es war schon spät am Abend, als Unser Lehrer Rabbi Gabriel Oppenheimer
van Straaten in Hamburg im Hause seines Freundes Unseres Lehrers Rabbi
Jonathan Eybeschütz eintraf. Das Haus war voll von Besuchern, Verehrern,
Ratheischenden, und trotzdem die Schüler sie immer wieder bedeuteten, der
Rabbi sei über den Büchern, in Meditation, es sei keine Aussicht, daß er sie
empfange, wollten sie nicht weichen, erhofften sie noch immer wenigstens
seinen Anblick. Viele waren von weither gekommen, ihn zu sehen, aus den
früheren Gemeinden des Rabbi, Krakau, Metz, Prag, aber auch noch viel
weiter her, aus der Provence, ja vom Schwarzen Meer. Denn der Name des
Rabbi Jonathan Eybeschütz, Rabbiners von Hamburg, war in Demut verehrt
über weites Land.
Aber auch verhaßt und angefeindet mit schärfster Waffe über weites
Land. Ei, wie hatte Unser Lehrer Rabbi Jaakob Hirschel Emden, Rabbiner
von Amsterdam, ihn verhöhnt, mit kältestem Spott zerfetzt, zerrupft, als
Feind Israels, des Talmuds, der Rabbinen, des wahren Wortes ihn
gebrandmarkt und verlacht. Rabbi Jonathan Eybeschütz: der Name riß die
Judenheit auseinander; in allen Schulen und Bethäusern, auf allen Synoden
war Kampf um diesen Namen, war Segen und Hymnus um ihn und Spott
und Bannstrahl.
Stunden. Er lächelte tiefer, schritt einsam durch die kerzenhelle Flucht
seiner Säle. Starr und weiß standen die Büsten des Solon, Homer,
Aristoteles, des Moses und Salomon, unter den kleinen Pagoden ergingen
sich bezopfte Chinesen, vielfigurig auf der Decke raste der Triumph des
Merkur, aus den Vitrinen der kostbare Schmuck strahlte, und in seinem
vergoldeten Bauer der Papagei Akiba krächzte: „Bon jour, madame!“ und
„Ma vie pour mon souverain!“ Doch der einsame, ruhelos durch seine
hellen Säle wandelnde Mann hörte nichts, sah nichts, war bis zum Rand
gefüllt von seinen Gedanken, Bildern, Gesichten.
Der Mameluck, wie er um die gleiche Stunde ins Schloß zurückkam und
sich im Schlafgemach des Herzogs auf seine Matte im Winkel streckte,
hörte, wie Karl Alexander in schweren Träumen stöhnte, um sich schlug,
gurgelte.
Es war schon spät am Abend, als Unser Lehrer Rabbi Gabriel Oppenheimer
van Straaten in Hamburg im Hause seines Freundes Unseres Lehrers Rabbi
Jonathan Eybeschütz eintraf. Das Haus war voll von Besuchern, Verehrern,
Ratheischenden, und trotzdem die Schüler sie immer wieder bedeuteten, der
Rabbi sei über den Büchern, in Meditation, es sei keine Aussicht, daß er sie
empfange, wollten sie nicht weichen, erhofften sie noch immer wenigstens
seinen Anblick. Viele waren von weither gekommen, ihn zu sehen, aus den
früheren Gemeinden des Rabbi, Krakau, Metz, Prag, aber auch noch viel
weiter her, aus der Provence, ja vom Schwarzen Meer. Denn der Name des
Rabbi Jonathan Eybeschütz, Rabbiners von Hamburg, war in Demut verehrt
über weites Land.
Aber auch verhaßt und angefeindet mit schärfster Waffe über weites
Land. Ei, wie hatte Unser Lehrer Rabbi Jaakob Hirschel Emden, Rabbiner
von Amsterdam, ihn verhöhnt, mit kältestem Spott zerfetzt, zerrupft, als
Feind Israels, des Talmuds, der Rabbinen, des wahren Wortes ihn
gebrandmarkt und verlacht. Rabbi Jonathan Eybeschütz: der Name riß die
Judenheit auseinander; in allen Schulen und Bethäusern, auf allen Synoden
war Kampf um diesen Namen, war Segen und Hymnus um ihn und Spott
und Bannstrahl.
Page 350
Wer war dieser Mann? War er ein Talmudgelehrter, eifernd, zänkisch,
keifend an den Riten klebend, giftig ums Jota feilschend, den hohen Zaun
des Gesetzes mit ängstlich wildem Gebläff Zoll um Zoll verteidigend?
Hatte seine philosophische, historische, mathematische, astronomische
Wissenschaft ihm den rechten, wort- und werkheiligen Glauben
zerknabbert, ihn zum Verächter und Spötter rabbinischer Praxis gemacht?
Glaubt er wirklich die Lehre der Kabbala, übt sie, ist heimlicher Jünger und
Nachfahr des Messias Sabbatai Zewi, segnend, fluchend, wunderwirkend
im Namen dieses Erlösers? Warum dann aber flucht er öffentlich den
Jüngern des Sabbatai und tut sie feierlich in Bann? Und warum wieder
schickt er seine Söhne zu den Frankisten nach Polen, den fanatischen
Jüngern jenes zwielichtigen Messias? Schreibt wirklich dieser eifernde,
orthodoxe Talmudlehrer den französischen Kardinälen, den Jesuvätern in
Rom Briefe, sie bittend, ihn zum Zensor der hebräischen Bücher zu
machen? Ist es Hohn oder was bedeutet es, daß er seine streng rabbinische
Rechtgläubigkeit gegen allen solchen Verdacht ausgerechnet von dem
Helmstätter Professor Karl Anton verteidigen läßt, seinem früheren Schüler,
jetzt aber Christ geworden und Apologet des christlichen Evangels?
keifend an den Riten klebend, giftig ums Jota feilschend, den hohen Zaun
des Gesetzes mit ängstlich wildem Gebläff Zoll um Zoll verteidigend?
Hatte seine philosophische, historische, mathematische, astronomische
Wissenschaft ihm den rechten, wort- und werkheiligen Glauben
zerknabbert, ihn zum Verächter und Spötter rabbinischer Praxis gemacht?
Glaubt er wirklich die Lehre der Kabbala, übt sie, ist heimlicher Jünger und
Nachfahr des Messias Sabbatai Zewi, segnend, fluchend, wunderwirkend
im Namen dieses Erlösers? Warum dann aber flucht er öffentlich den
Jüngern des Sabbatai und tut sie feierlich in Bann? Und warum wieder
schickt er seine Söhne zu den Frankisten nach Polen, den fanatischen
Jüngern jenes zwielichtigen Messias? Schreibt wirklich dieser eifernde,
orthodoxe Talmudlehrer den französischen Kardinälen, den Jesuvätern in
Rom Briefe, sie bittend, ihn zum Zensor der hebräischen Bücher zu
machen? Ist es Hohn oder was bedeutet es, daß er seine streng rabbinische
Rechtgläubigkeit gegen allen solchen Verdacht ausgerechnet von dem
Helmstätter Professor Karl Anton verteidigen läßt, seinem früheren Schüler,
jetzt aber Christ geworden und Apologet des christlichen Evangels?
Page 351
Tief neigten sich, als Rabbi Gabriel kam, die Schüler des Rabbi Jonathan.
„Sei Friede mit dir!“ sagten sie, und die verschlossene Tür des Meisters
sprang auf vor ihm. Mild saß im Licht der Lampe seines Studierzimmers
Rabbi Jonathan Eybeschütz, der weiseste und listigste der Menschen.
Freundlich, kokett, mit leisem Selbstspott und erfreut lächelte er aus seinem
mächtigen, mehr breit als langen, milchig weißen Bart, der nur ganz leicht
nach Art der Kabbalisten zwiegezackt war, dem bartlosen, mürrischen,
steinernen Kömmling entgegen. Alles an ihm war bei betonter Würde rund
und behaglich. Aus schwerster Seide schmiegte sich, unendlich kostbar,
sein langer Kaftan; sehr klein kam, weiß und gepflegt aus dem weiten
Aermel die Hand zur Begrüßung. Unter dem gewaltigen, weiß fließenden
Bart lächelte freundlich, fast rosig und gar nicht zerwittert das Antlitz. Nur
über der behaglichen, kleinen Nase und den milden, wissenden, schlauen
und doch tiefen braunen Augen zackten senkrecht in die weiße, fleischige,
vorgebaute Stirn die drei Falten, bildend das Schin, den Anfangsbuchstaben
des allerheiligsten Namens: Schaddai.
„Es schelte mich nicht und zürne mir nicht mein Bruder und Herr!“
begrüßte er hebräisch den Gast. Er lächelte, und es war in seinem Lächeln
Wissen und Schwäche und Koketterie und Schuldbewußtsein und sogar ein
wenig Schalkheit. Ueber allem aber eine magische, einlullende
Liebenswürdigkeit.
Doch an Rabbi Gabriel versagte diese Magie. Ueber der kleinen, platten
Nase die viel zu großen trübgrauen Augen schwelten dumpfe,
hemmungslose Traurigkeit, und von der schweren, breiten, nicht hohen
Stirn über den dichten Brauen ging lastende, beklemmende Trübnis aus.
Rabbi Jonathan Eybeschütz indes war nicht gewillt, solche Trübnis an sich
herankommen zu lassen. „Hast du,“ fragte er leicht, fast munter, „hast du,
Gabriel, die neue Streitschrift des Krethi- und Plethi- und Honigwälder-
Mannes gelesen?“ Dies waren die wichtigsten Werke jenes Jaakob Hirschel
Emden, Rabbiners von Amsterdam, seines entbranntesten Gegners. „Jetzt
hat der Gute glücklich zwölf Pasquille gegen mich losgelassen, für jeden
Stamm Israels eines,“ fuhr er fort, und seine braunen, weisen, listigen
Augen lachten spöttisch-vergnügt, „Jaakob Hirschel aus Amsterdam ist ein
Zwölf-Ender geworden.“ Mit der kleinen, gepflegten Hand blätterte er in
den großen Seiten der Streitschrift. „Der arme, arme Nüchterling!“ sagte er
mitleidig amüsiert. „Alles muß klar sein, alles muß hell sein, alles muß Tag
sein! Er ahnt nicht, der kahle, dürre Spötter, er begreift es nicht, daß eine
„Sei Friede mit dir!“ sagten sie, und die verschlossene Tür des Meisters
sprang auf vor ihm. Mild saß im Licht der Lampe seines Studierzimmers
Rabbi Jonathan Eybeschütz, der weiseste und listigste der Menschen.
Freundlich, kokett, mit leisem Selbstspott und erfreut lächelte er aus seinem
mächtigen, mehr breit als langen, milchig weißen Bart, der nur ganz leicht
nach Art der Kabbalisten zwiegezackt war, dem bartlosen, mürrischen,
steinernen Kömmling entgegen. Alles an ihm war bei betonter Würde rund
und behaglich. Aus schwerster Seide schmiegte sich, unendlich kostbar,
sein langer Kaftan; sehr klein kam, weiß und gepflegt aus dem weiten
Aermel die Hand zur Begrüßung. Unter dem gewaltigen, weiß fließenden
Bart lächelte freundlich, fast rosig und gar nicht zerwittert das Antlitz. Nur
über der behaglichen, kleinen Nase und den milden, wissenden, schlauen
und doch tiefen braunen Augen zackten senkrecht in die weiße, fleischige,
vorgebaute Stirn die drei Falten, bildend das Schin, den Anfangsbuchstaben
des allerheiligsten Namens: Schaddai.
„Es schelte mich nicht und zürne mir nicht mein Bruder und Herr!“
begrüßte er hebräisch den Gast. Er lächelte, und es war in seinem Lächeln
Wissen und Schwäche und Koketterie und Schuldbewußtsein und sogar ein
wenig Schalkheit. Ueber allem aber eine magische, einlullende
Liebenswürdigkeit.
Doch an Rabbi Gabriel versagte diese Magie. Ueber der kleinen, platten
Nase die viel zu großen trübgrauen Augen schwelten dumpfe,
hemmungslose Traurigkeit, und von der schweren, breiten, nicht hohen
Stirn über den dichten Brauen ging lastende, beklemmende Trübnis aus.
Rabbi Jonathan Eybeschütz indes war nicht gewillt, solche Trübnis an sich
herankommen zu lassen. „Hast du,“ fragte er leicht, fast munter, „hast du,
Gabriel, die neue Streitschrift des Krethi- und Plethi- und Honigwälder-
Mannes gelesen?“ Dies waren die wichtigsten Werke jenes Jaakob Hirschel
Emden, Rabbiners von Amsterdam, seines entbranntesten Gegners. „Jetzt
hat der Gute glücklich zwölf Pasquille gegen mich losgelassen, für jeden
Stamm Israels eines,“ fuhr er fort, und seine braunen, weisen, listigen
Augen lachten spöttisch-vergnügt, „Jaakob Hirschel aus Amsterdam ist ein
Zwölf-Ender geworden.“ Mit der kleinen, gepflegten Hand blätterte er in
den großen Seiten der Streitschrift. „Der arme, arme Nüchterling!“ sagte er
mitleidig amüsiert. „Alles muß klar sein, alles muß hell sein, alles muß Tag
sein! Er ahnt nicht, der kahle, dürre Spötter, er begreift es nicht, daß eine
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getrocknete Blume Heu ist und nur gut für einen Ochsen. Erläßt
Sendschreiben! Beweist, daß der Sohar nicht echt ist. Daß Rabbi Simon ben
Jochai ihn nicht geschrieben haben kann. Schreit: Fälschung. Als ob es auf
die Feder ankäme, nicht auf die Seele, die sie führt.“ Und er wiegte
spöttisch und amüsiert den milden Kopf mit dem riesigen, milchig
fließenden Bart.
Aber Rabbi Gabriel ging nicht ein auf den Ton des andern. „Warum hast
du die Schüler des Sabbatai in Bann getan?“ fragte er mit seiner knarrigen
Stimme. „Warum biegst du aus und krümmst dich und leugnest ab? Warum
läßt du dich verteidigen von einem Goj mit dummen und albernen
Sophistereien? Warum resignierst du nicht? Ist es so wichtig, daß du
Rabbiner von Hamburg bist und deine Stuben voll von Menschen? Warum
hast du“ – und in seiner Stimme war Klagen und Drohung – „dich selber in
Bann getan?“
Jonathan Eybeschütz lachte ein kleines, angenehmes Lachen behaglich
aus seinem milden Bart heraus. „Laß gut sein, Gabriel,“ sagte er. „Du bist
nicht sanfter geworden in den zwei Jahren, ich nicht strenger. Ich könnte
sagen: ist es nicht gleich, ob einer Jud ist oder Goj oder Moslem, wenn er
nur weiß um die Obere Welt? Ich könnte sagen: Gut, Karl Anton, mein
Schüler, hat sich taufen lassen; aber ist nicht mehr Gemeinschaft und
Bindung von ihm zu mir als von mir zu dem Reb Jaakob Hirschel Emden,
der ein guter Jud ist und ein scharfer, gebenschter Kopf, aber leider ein
bornierter Tagmensch, stockblind für die Obere Welt und stocktaub für ihre
Stimme? Ich könnte sagen: Der Messias Sabbatai Zewi selber ist Moslem
geworden, um das Prinzip, um die Idee zu retten, und sein Jünger Frank hat
sich taufen lassen; soll es da mir nicht erlaubt sein, in die Vermummung
eines pilpulistischen Rabbi zu schlüpfen, mit drohender Lippe und Lächeln
im Herzen leere Bannflüche gegen mich selber zu exequieren? Ich könnte
sagen: Es ist billig, Märtyrer sein; es ist viel schwerer, zwielichtig dastehen
um der Idee willen.
Das alles könnte ich sagen. Aber ich sag es dir nicht, Gabriel.“ Er stand
auf und kam groß und freundlich in seinem seidenen Kaftan auf den
mürrischen, dicklichen, trüben, altfränkisch beamtenhaft gekleideten Mann
zu. Sehr liebenswürdig, fast knabenhaft herzlich sagte er: „Ich räum es ein,
ich bin schwach und töricht und eitel. Die Sterne haben es gut mit mir
gemeint, haben mich zum Gefäß großer Weisheit gemacht, ich hätte können
ein Kanal sein, aus dem mächtige Ströme gehen von der Obern zur Untern
Sendschreiben! Beweist, daß der Sohar nicht echt ist. Daß Rabbi Simon ben
Jochai ihn nicht geschrieben haben kann. Schreit: Fälschung. Als ob es auf
die Feder ankäme, nicht auf die Seele, die sie führt.“ Und er wiegte
spöttisch und amüsiert den milden Kopf mit dem riesigen, milchig
fließenden Bart.
Aber Rabbi Gabriel ging nicht ein auf den Ton des andern. „Warum hast
du die Schüler des Sabbatai in Bann getan?“ fragte er mit seiner knarrigen
Stimme. „Warum biegst du aus und krümmst dich und leugnest ab? Warum
läßt du dich verteidigen von einem Goj mit dummen und albernen
Sophistereien? Warum resignierst du nicht? Ist es so wichtig, daß du
Rabbiner von Hamburg bist und deine Stuben voll von Menschen? Warum
hast du“ – und in seiner Stimme war Klagen und Drohung – „dich selber in
Bann getan?“
Jonathan Eybeschütz lachte ein kleines, angenehmes Lachen behaglich
aus seinem milden Bart heraus. „Laß gut sein, Gabriel,“ sagte er. „Du bist
nicht sanfter geworden in den zwei Jahren, ich nicht strenger. Ich könnte
sagen: ist es nicht gleich, ob einer Jud ist oder Goj oder Moslem, wenn er
nur weiß um die Obere Welt? Ich könnte sagen: Gut, Karl Anton, mein
Schüler, hat sich taufen lassen; aber ist nicht mehr Gemeinschaft und
Bindung von ihm zu mir als von mir zu dem Reb Jaakob Hirschel Emden,
der ein guter Jud ist und ein scharfer, gebenschter Kopf, aber leider ein
bornierter Tagmensch, stockblind für die Obere Welt und stocktaub für ihre
Stimme? Ich könnte sagen: Der Messias Sabbatai Zewi selber ist Moslem
geworden, um das Prinzip, um die Idee zu retten, und sein Jünger Frank hat
sich taufen lassen; soll es da mir nicht erlaubt sein, in die Vermummung
eines pilpulistischen Rabbi zu schlüpfen, mit drohender Lippe und Lächeln
im Herzen leere Bannflüche gegen mich selber zu exequieren? Ich könnte
sagen: Es ist billig, Märtyrer sein; es ist viel schwerer, zwielichtig dastehen
um der Idee willen.
Das alles könnte ich sagen. Aber ich sag es dir nicht, Gabriel.“ Er stand
auf und kam groß und freundlich in seinem seidenen Kaftan auf den
mürrischen, dicklichen, trüben, altfränkisch beamtenhaft gekleideten Mann
zu. Sehr liebenswürdig, fast knabenhaft herzlich sagte er: „Ich räum es ein,
ich bin schwach und töricht und eitel. Die Sterne haben es gut mit mir
gemeint, haben mich zum Gefäß großer Weisheit gemacht, ich hätte können
ein Kanal sein, aus dem mächtige Ströme gehen von der Obern zur Untern
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Welt und der Atem Gottes. Aber ich bin ein schlechtes, brüchiges Gefäß.
Ich weiß und niemand spürt es lebendiger durch alle Eingeweide, wie selig
ruhevoll es ist in Gott schweben und wie die Untere Welt eitel ist und
farbiger Schaum und Haschen nach Wind. Aber ich muß hinein in sie,
immer wieder. Wissen ist schön, Wissen ist jenseits vom Tun, wissend und
ruhvoll sein wahrt vor neuen schlimmen Einkörperungen die Seele; und
Tun ist albern, Tun ist dumm und schmutzig und tierisch und der
Nachschmack schal und sehr von Uebel. Aber ich muß immer wieder hinein
ins Tun und Eitelkeit und Getriebe! Laß mich dumm sein, Lieber! Laß mich
schmutzig und tierhaft sein! Laß mich meinen Bart mehr pflegen als meine
Seele!“ Und mit frechem Scherz schloß er: „Meine Seele werde ich finden
und reinwaschen in Myriaden Jahren; aber wer steht dafür, daß ich ein zweit
Mal einen so schönen Bart finde?“
Lind rieselten diese Lästerungen von den süßen, schmeichelnden,
beredten Lippen des weisen und leichtfertigen verlorenen Rabbi. Der
andere hörte sie, trüb, steinern, unbewegt. Er sah plötzlich eine Landschaft.
Stein, Oednis, zerschrundetes Eis; zartes, höhnisches Leuchten darüber,
schattende Wolke, Geierflug, finster tolle Willkür, riesige, aufs Eis
geworfene Blöcke. Gelähmt fast von dem Bild erkannte er: die gleiche
Entsprechung hier wie dort. Solche Ahnung hatte ihn hergetrieben von dem
Mann, an den er gefesselt war, zu diesem. An den nackten, frechen Brüsten
der Lilith lag jener; aber er sehnte sich und langte nach der Obern Welt; bei
den Heiligen und Frommen, im silbernen Bart des Simon ben Jochai, lag
dieser, aber es dürstete ihn nach den Zitzen der Lilith. Das gleiche Bild, die
gleiche Entsprechung. Doch jener war näher an der Vollendung als dieser.
Er antwortete nicht, als Jonathan Eybeschütz endlich schwieg. Er sagte
nur: „Friede mit dir, mein Bruder und Herr!“ und ging in das Schlafgemach,
das man ihm bereitet. Jonathan Eybeschütz sah seinen runden, dicklichen,
etwas gebeugten Rücken sich entfernen, das milde, leichtfertige Lächeln
schwand langsam, und trotz seines milchig weißen Bartes sah er minder
würdig und überlegen aus, wie er sich wieder an seine Bücher und
Pergamente setzte.
Müd und nervös lehnte Karl Alexander im Wagen. Er fuhr nach
Ludwigsburg, um von da ins Ausland und erst nach vollendetem Putsch
Ich weiß und niemand spürt es lebendiger durch alle Eingeweide, wie selig
ruhevoll es ist in Gott schweben und wie die Untere Welt eitel ist und
farbiger Schaum und Haschen nach Wind. Aber ich muß hinein in sie,
immer wieder. Wissen ist schön, Wissen ist jenseits vom Tun, wissend und
ruhvoll sein wahrt vor neuen schlimmen Einkörperungen die Seele; und
Tun ist albern, Tun ist dumm und schmutzig und tierisch und der
Nachschmack schal und sehr von Uebel. Aber ich muß immer wieder hinein
ins Tun und Eitelkeit und Getriebe! Laß mich dumm sein, Lieber! Laß mich
schmutzig und tierhaft sein! Laß mich meinen Bart mehr pflegen als meine
Seele!“ Und mit frechem Scherz schloß er: „Meine Seele werde ich finden
und reinwaschen in Myriaden Jahren; aber wer steht dafür, daß ich ein zweit
Mal einen so schönen Bart finde?“
Lind rieselten diese Lästerungen von den süßen, schmeichelnden,
beredten Lippen des weisen und leichtfertigen verlorenen Rabbi. Der
andere hörte sie, trüb, steinern, unbewegt. Er sah plötzlich eine Landschaft.
Stein, Oednis, zerschrundetes Eis; zartes, höhnisches Leuchten darüber,
schattende Wolke, Geierflug, finster tolle Willkür, riesige, aufs Eis
geworfene Blöcke. Gelähmt fast von dem Bild erkannte er: die gleiche
Entsprechung hier wie dort. Solche Ahnung hatte ihn hergetrieben von dem
Mann, an den er gefesselt war, zu diesem. An den nackten, frechen Brüsten
der Lilith lag jener; aber er sehnte sich und langte nach der Obern Welt; bei
den Heiligen und Frommen, im silbernen Bart des Simon ben Jochai, lag
dieser, aber es dürstete ihn nach den Zitzen der Lilith. Das gleiche Bild, die
gleiche Entsprechung. Doch jener war näher an der Vollendung als dieser.
Er antwortete nicht, als Jonathan Eybeschütz endlich schwieg. Er sagte
nur: „Friede mit dir, mein Bruder und Herr!“ und ging in das Schlafgemach,
das man ihm bereitet. Jonathan Eybeschütz sah seinen runden, dicklichen,
etwas gebeugten Rücken sich entfernen, das milde, leichtfertige Lächeln
schwand langsam, und trotz seines milchig weißen Bartes sah er minder
würdig und überlegen aus, wie er sich wieder an seine Bücher und
Pergamente setzte.
Müd und nervös lehnte Karl Alexander im Wagen. Er fuhr nach
Ludwigsburg, um von da ins Ausland und erst nach vollendetem Putsch
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zurückzureisen. Er hatte zwei anstrengende Karnevalstage hinter sich, die er
trotz der geschlossenen Zeit dem Reichsgrafen Palffy zu Ehren gegeben
hatte; Graf Palffy kam in Spezialmission des Wiener Hofs, es war große
Huld und Aufmerksamkeit des Kaisers, daß er durch diesen
Sondergesandten den geplanten Staatsstreich augenzwinkernd im vorhinein
sanktionierte. In aller Frühe dann hatte sich Karl Alexander von der
Herzogin verabschiedet. Er hatte die Nacht mit ihr verbracht, hatte ihr
hemmungslos von seinen großen Projekten vorgeschwärmt, dies sei die
letzte Nacht, die sie als kleine deutsche Fürstin verträume; fortan werde sie
zählen unter den europäischen Souveränen, und bald wohl werde man sie
mit anderem Titel als mit einem lumpigen Durchlaucht grüßen. Heiß und
erregt hatte er seine Phantasien in die schöne, nackte Frau hineingeflüstert,
sie hatte spöttisch halb, aber doch von seiner Hitze mitgerissen zugehört,
hatte seine brennendere Umarmung entbrannter als lange schon erwidert.
Müde jetzt von dem gefüllten und bedeutenden Abschied, leicht matt,
nervös und fieberig lehnte er im Wagen. Er war doch sonst eiskalten Blutes
vor mancher Entreprise gestanden, war auf dem Schlachtfeld nicht nervös
geworden, wenn ihm der Gaul war unterm Arsch weggeschossen worden.
Aber heut, Gift und Opperment! kribbelte es ihn durch alle Glieder, war’s
ihm, als hätte er Ameisen in den Adern. Nur gut, daß er den Grafen Palffy
hatte vorausfahren lassen; so konnte er jetzt wenigstens allein sein. Auch
der verdammte Fuß zuckte und zerrte und wollte nicht Ruhe halten. Kein
Wunder, es war ein Wetter von seltener Scheußlichkeit. Bald Sonne, bald
Schloßen, es regnete und flockte, bis einen wieder grelle Sonne blendete. Es
stritt alles gegeneinander. Starker, feuchter Wind ging, Wolken in rasender
Eile fetzten über den Himmel. Dazu brannte es da vorne in Eglosheim, und
der Feuerschein irritierte die Pferde. Ein vages Erinnern flog Karl
Alexander an; in solchem fetzigen Wind war er gestanden, nicht lange her
war’s, wie dort der rote Schein hatte ein starkfarbiger Mond sich gekrümmt,
aus einem schwärzlichen, feindseligen Wald war es verwirrend,
gespenstisch hergekommen, ein weißes, totes Mädel war auf der Erde
gelegen, zwischen Blumen, im starken Wind. Blödes Erinnern. Was soll das
jetzt? Er hat, weiß Gott, Besseres zu denken.
Endlich in Ludwigsburg. Auch dort nicht Ruhe. Kuriere, Meldungen von
den entfernteren Garnisonen. Er empfing Scheffer, Remchingen, Pfau.
Aerger, Gehetz. Wenn wenigstens das verdammte Gedudel aufhörte! Aber
er selber hat angeordnet, daß vor den Zimmern des musikalischen Grafen
trotz der geschlossenen Zeit dem Reichsgrafen Palffy zu Ehren gegeben
hatte; Graf Palffy kam in Spezialmission des Wiener Hofs, es war große
Huld und Aufmerksamkeit des Kaisers, daß er durch diesen
Sondergesandten den geplanten Staatsstreich augenzwinkernd im vorhinein
sanktionierte. In aller Frühe dann hatte sich Karl Alexander von der
Herzogin verabschiedet. Er hatte die Nacht mit ihr verbracht, hatte ihr
hemmungslos von seinen großen Projekten vorgeschwärmt, dies sei die
letzte Nacht, die sie als kleine deutsche Fürstin verträume; fortan werde sie
zählen unter den europäischen Souveränen, und bald wohl werde man sie
mit anderem Titel als mit einem lumpigen Durchlaucht grüßen. Heiß und
erregt hatte er seine Phantasien in die schöne, nackte Frau hineingeflüstert,
sie hatte spöttisch halb, aber doch von seiner Hitze mitgerissen zugehört,
hatte seine brennendere Umarmung entbrannter als lange schon erwidert.
Müde jetzt von dem gefüllten und bedeutenden Abschied, leicht matt,
nervös und fieberig lehnte er im Wagen. Er war doch sonst eiskalten Blutes
vor mancher Entreprise gestanden, war auf dem Schlachtfeld nicht nervös
geworden, wenn ihm der Gaul war unterm Arsch weggeschossen worden.
Aber heut, Gift und Opperment! kribbelte es ihn durch alle Glieder, war’s
ihm, als hätte er Ameisen in den Adern. Nur gut, daß er den Grafen Palffy
hatte vorausfahren lassen; so konnte er jetzt wenigstens allein sein. Auch
der verdammte Fuß zuckte und zerrte und wollte nicht Ruhe halten. Kein
Wunder, es war ein Wetter von seltener Scheußlichkeit. Bald Sonne, bald
Schloßen, es regnete und flockte, bis einen wieder grelle Sonne blendete. Es
stritt alles gegeneinander. Starker, feuchter Wind ging, Wolken in rasender
Eile fetzten über den Himmel. Dazu brannte es da vorne in Eglosheim, und
der Feuerschein irritierte die Pferde. Ein vages Erinnern flog Karl
Alexander an; in solchem fetzigen Wind war er gestanden, nicht lange her
war’s, wie dort der rote Schein hatte ein starkfarbiger Mond sich gekrümmt,
aus einem schwärzlichen, feindseligen Wald war es verwirrend,
gespenstisch hergekommen, ein weißes, totes Mädel war auf der Erde
gelegen, zwischen Blumen, im starken Wind. Blödes Erinnern. Was soll das
jetzt? Er hat, weiß Gott, Besseres zu denken.
Endlich in Ludwigsburg. Auch dort nicht Ruhe. Kuriere, Meldungen von
den entfernteren Garnisonen. Er empfing Scheffer, Remchingen, Pfau.
Aerger, Gehetz. Wenn wenigstens das verdammte Gedudel aufhörte! Aber
er selber hat angeordnet, daß vor den Zimmern des musikalischen Grafen
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das Orchester des Theaters spiele. Er bekam plötzlich Hunger, verlangte
Fleischbrühe, wollte sie gierig hinunterstürzen, fand sie zu heiß, schmiß die
Tasse an die Wand. Dazu die wimmernde Feuerglocke wegen des
Eglosheimer Brandes. Der fetzende Wind, die rauchenden Kamine.
Ueberall im Schloß klirrende Fenster, schlagende Türen. Das Orchester
obendrein. Den Herzog litt es nirgends. Die Musiker und Komödianten
feixten heimlich: es treibt ihn herum wie vor einer Première. So, endlich,
kam der Abend.
In Stuttgart war es sehr still diesen Abend. Nirgends brannte ein Licht.
Doch im Dunkel war Getapp von vielen Schritten, gedämpftes Klirren von
Eisen und Holz, Geflüster und Hin und Her. Alle Bürgerschaft wußte, daß
es in diesen Stunden um die Entscheidung ging. Die Meldung Schobers
hatte gewirkt. Alle waren gerüstet, gewaffnet, voll dumpfer, klemmender
Spannung, nicht ohne Zagheit, aber willens, zu kämpfen. Niemand schlief
in Stuttgart in dieser Nacht, nur die kleinen Kinder. Man sagte, raunend,
zum hundertstenmal das gleiche, Flüche, Wünsche, prüfte, halb zaghaft,
halb in die Brust geworfen, die Waffen. Und die Nacht war voll
Bereitschaft.
In Ludwigsburg indes im Schloß hatte man alle Kerzen entzündet. Der
Herzog gab, bevor er ins Ausland ging, dem Gesandten des Kaisers, den
Würzburger Herren einen Hofball. Die Gesellschaft war nicht zahlreich, auf
die in das Staatsstreich-Projekt Eingeweihten beschränkt. Viele Militärs
waren da, die beiden Röder, der General und der Major. Feixend hatte Karl
Alexander den knarrenden, niedrigstirnigen Mann nach Ludwigsburg
eingeladen; die berittene Stuttgarter Bürgergarde, deren Kommandant er
war, werde ihn in dieser Nacht kaum benötigen; ohne auf den Witz
einzugehen – denn er nahm seine Stellung bei dem Stadtreiterkorps sehr
ernst – dumm und stier hatte der Major, die unförmige, behandschuhte
Tatze militärisch ausgereckt, die huldvolle Einladung angenommen. Durch
den Saal hin äugte das blaurote, geiernäsige, entfleischte Gesicht des Dom
Bartelemi Pancorbo über der riesigen, verschollenen Halskrause; in der
Nähe des Süß hielt sich der verfallene Weißensee, er schnupperte, seine
klugen Augen zuckten, er witterte Schwefel, Feuer, Wetter, Untergang. Süß
selber hatte einen strahlenden Abend wie in seiner besten Zeit, seine
wölbigen, fliegenden Augen waren überall, er war galant, witzig, siegerisch,
seine sichere, festliche Laune stach sehr ab von der flackerigen Unrast Karl
Alexanders. Manchmal tauchten in die seinen die bräunlichen Tieraugen
Fleischbrühe, wollte sie gierig hinunterstürzen, fand sie zu heiß, schmiß die
Tasse an die Wand. Dazu die wimmernde Feuerglocke wegen des
Eglosheimer Brandes. Der fetzende Wind, die rauchenden Kamine.
Ueberall im Schloß klirrende Fenster, schlagende Türen. Das Orchester
obendrein. Den Herzog litt es nirgends. Die Musiker und Komödianten
feixten heimlich: es treibt ihn herum wie vor einer Première. So, endlich,
kam der Abend.
In Stuttgart war es sehr still diesen Abend. Nirgends brannte ein Licht.
Doch im Dunkel war Getapp von vielen Schritten, gedämpftes Klirren von
Eisen und Holz, Geflüster und Hin und Her. Alle Bürgerschaft wußte, daß
es in diesen Stunden um die Entscheidung ging. Die Meldung Schobers
hatte gewirkt. Alle waren gerüstet, gewaffnet, voll dumpfer, klemmender
Spannung, nicht ohne Zagheit, aber willens, zu kämpfen. Niemand schlief
in Stuttgart in dieser Nacht, nur die kleinen Kinder. Man sagte, raunend,
zum hundertstenmal das gleiche, Flüche, Wünsche, prüfte, halb zaghaft,
halb in die Brust geworfen, die Waffen. Und die Nacht war voll
Bereitschaft.
In Ludwigsburg indes im Schloß hatte man alle Kerzen entzündet. Der
Herzog gab, bevor er ins Ausland ging, dem Gesandten des Kaisers, den
Würzburger Herren einen Hofball. Die Gesellschaft war nicht zahlreich, auf
die in das Staatsstreich-Projekt Eingeweihten beschränkt. Viele Militärs
waren da, die beiden Röder, der General und der Major. Feixend hatte Karl
Alexander den knarrenden, niedrigstirnigen Mann nach Ludwigsburg
eingeladen; die berittene Stuttgarter Bürgergarde, deren Kommandant er
war, werde ihn in dieser Nacht kaum benötigen; ohne auf den Witz
einzugehen – denn er nahm seine Stellung bei dem Stadtreiterkorps sehr
ernst – dumm und stier hatte der Major, die unförmige, behandschuhte
Tatze militärisch ausgereckt, die huldvolle Einladung angenommen. Durch
den Saal hin äugte das blaurote, geiernäsige, entfleischte Gesicht des Dom
Bartelemi Pancorbo über der riesigen, verschollenen Halskrause; in der
Nähe des Süß hielt sich der verfallene Weißensee, er schnupperte, seine
klugen Augen zuckten, er witterte Schwefel, Feuer, Wetter, Untergang. Süß
selber hatte einen strahlenden Abend wie in seiner besten Zeit, seine
wölbigen, fliegenden Augen waren überall, er war galant, witzig, siegerisch,
seine sichere, festliche Laune stach sehr ab von der flackerigen Unrast Karl
Alexanders. Manchmal tauchten in die seinen die bräunlichen Tieraugen
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des Mamelucken, dem er, dem stumm sich Neigenden, wenige knappe,
stille Weisungen gegeben hatte, und es ging dann wie ein triumphierendes
Fragen und Erwidern vom Aug des einen zum andern.
In den ersten Nachtstunden sollten in Stuttgart die Häupter der
Verfassungspartei verhaftet werden und die würzburgischen und bayrischen
Hilfstruppen ins Herzogtum einrücken. Bis der Kurier mit der Meldung
käme, daß der Putsch soweit planmäßig geglückt sei, wollte Karl Alexander
unter seinen Gästen bleiben, mit dieser Gewißheit schlafen gehen. Er hatte
die neue Sängerin in sein Schlafgemach bestellt, die Demoiselle Teresa,
eine dralle, heißäugige, warmhäutige Person. Schon die beiden letzten Jahre
durch hatte er sich gewöhnt, vor jedem Beilager mit einer neuen Frau ein
Aphrodisiakum zu nehmen, denn er hätte es nicht ertragen, hätte nicht jede
neue Frau seine Männlichkeit für besonders stark halten müssen; heute,
nach der Abschiedsnacht mit Marie Auguste, befahl er dem
Schwarzbraunen, die Dosis zu verstärken.
Der Kurier mit der Glücksnachricht kam nicht und kam nicht. Die Unrast
des wartenden Herzogs fuhr den Gästen kribbelnd in die Glieder, zuckte
durch den ganzen Saal. Draußen der Sturm hielt in gleicher Kraft an, Regen
prasselte, einmal auch Hagel gegen die Scheiben; den Rauch der schlecht
ziehenden Kamine hatte man nicht ganz aus den Räumen verjagen können.
Wohl brannten Myriaden Kerzen, Musik, immer üppiger, klang, aus den
ältesten Fässern der erlesenste Wein wurde geschenkt, man hatte die
prunkendste Gala, die feiertäglichste Laune angetan; aber man kam über
eine fiebrige, erkrampfte Lustigkeit nicht hinaus.
Karl Alexander hielt Cercle, stellte seinen Gästen lärmende, huldvolle
Fragen, um dann plötzlich zu versinken, ihre Antworten zu überhören, jäh
abzubrechen. Der Mameluck glitt lautlos heran, meldete, die Demoiselle
Teresa sei im Privatkabinett. Der Herzog, ungeniert, sagte: „Das Mensch
soll warten!“, setzte sich mit Süß zum Jeu. Der Mameluck brachte ihm, in
silberner Tasse, das Aphrodisiakum. Stand still, demütig. „Hast du’s auch
genügend stark genommen?“ fragte Karl Alexander. „Ja, Durchlaucht,“
erwiderte mit seiner rauhen, gleichmütigen Stimme der Mameluck.
Karl Alexander stürzte den Trank hinunter. Spielte. Gewann stark. Blieb
unbeteiligt, abwesend. Den grünen Galarock zurückgeschlagen, die eine
Hand bald ruhend auf der gelben Hose, bald nervös mit der goldenen Kette
spielend, machte er lange Pausen zwischen Stich und Schlag. „Daß der
Kurier nicht kommt!“ fieberte er. „Der Sturm,“ begütigte Süß, „die
stille Weisungen gegeben hatte, und es ging dann wie ein triumphierendes
Fragen und Erwidern vom Aug des einen zum andern.
In den ersten Nachtstunden sollten in Stuttgart die Häupter der
Verfassungspartei verhaftet werden und die würzburgischen und bayrischen
Hilfstruppen ins Herzogtum einrücken. Bis der Kurier mit der Meldung
käme, daß der Putsch soweit planmäßig geglückt sei, wollte Karl Alexander
unter seinen Gästen bleiben, mit dieser Gewißheit schlafen gehen. Er hatte
die neue Sängerin in sein Schlafgemach bestellt, die Demoiselle Teresa,
eine dralle, heißäugige, warmhäutige Person. Schon die beiden letzten Jahre
durch hatte er sich gewöhnt, vor jedem Beilager mit einer neuen Frau ein
Aphrodisiakum zu nehmen, denn er hätte es nicht ertragen, hätte nicht jede
neue Frau seine Männlichkeit für besonders stark halten müssen; heute,
nach der Abschiedsnacht mit Marie Auguste, befahl er dem
Schwarzbraunen, die Dosis zu verstärken.
Der Kurier mit der Glücksnachricht kam nicht und kam nicht. Die Unrast
des wartenden Herzogs fuhr den Gästen kribbelnd in die Glieder, zuckte
durch den ganzen Saal. Draußen der Sturm hielt in gleicher Kraft an, Regen
prasselte, einmal auch Hagel gegen die Scheiben; den Rauch der schlecht
ziehenden Kamine hatte man nicht ganz aus den Räumen verjagen können.
Wohl brannten Myriaden Kerzen, Musik, immer üppiger, klang, aus den
ältesten Fässern der erlesenste Wein wurde geschenkt, man hatte die
prunkendste Gala, die feiertäglichste Laune angetan; aber man kam über
eine fiebrige, erkrampfte Lustigkeit nicht hinaus.
Karl Alexander hielt Cercle, stellte seinen Gästen lärmende, huldvolle
Fragen, um dann plötzlich zu versinken, ihre Antworten zu überhören, jäh
abzubrechen. Der Mameluck glitt lautlos heran, meldete, die Demoiselle
Teresa sei im Privatkabinett. Der Herzog, ungeniert, sagte: „Das Mensch
soll warten!“, setzte sich mit Süß zum Jeu. Der Mameluck brachte ihm, in
silberner Tasse, das Aphrodisiakum. Stand still, demütig. „Hast du’s auch
genügend stark genommen?“ fragte Karl Alexander. „Ja, Durchlaucht,“
erwiderte mit seiner rauhen, gleichmütigen Stimme der Mameluck.
Karl Alexander stürzte den Trank hinunter. Spielte. Gewann stark. Blieb
unbeteiligt, abwesend. Den grünen Galarock zurückgeschlagen, die eine
Hand bald ruhend auf der gelben Hose, bald nervös mit der goldenen Kette
spielend, machte er lange Pausen zwischen Stich und Schlag. „Daß der
Kurier nicht kommt!“ fieberte er. „Der Sturm,“ begütigte Süß, „die
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aufgeweichte Straße.“ Der Schwarzbraune war wieder da, mit seinem
stillen, gleitenden Schritt. Meldete, die Demoiselle warte noch immer. „Soll
sich ausziehen derweil!“ schrie der Herzog. „Ich kann meine Depeschen
nicht herhexen.“
Ein Kreis ehrerbietiger Zuschauer stand um die Spielenden, begleitete
das Jeu mit etwas gekünstelten, krampfhaften Witzen. Der Herzog schlug
eine siegreiche Karte auf, strich wieder einen Hügel Dukaten ein. „Heut
mußt du mir einen Teil wieder hergeben, Jud,“ lachte er, „des, was du mich
beschissen hast.“ „Heut tu ich’s gern,“ sagte Süß. Die widrige Stimme des
Majors Röder knarrte: „Wenn’s so Leib an Leib geht, dann tut sich der Jud
schwerer mit dem Bescheißen. So von der Ferne her mit Papieren und
Tricks und ohne daß man dem andern muß ins Gesicht sehen, geht’s
leichter.“ Auch den nächsten Schlag verlor Süß. Der Herzog sah den
Architekten Retti unter den Umstehenden, warf ihm hin: „Wenn das so
weiter geht mit meinem Schwein, dann machen wir den Umbau, den Er für
die Galerie projektiert.“ Der Architekt lachte laut, beflissen. Dom Bartelemi
Pancorbo sagte unversehens mit seiner dumpfen, modrigen Stimme: „Den
Stein verliert er nicht, der Jud.“ Und alle starrten begehrlich und verträumt
auf den Solitär an der Hand des Finanzdirektors und sahen, wie verwirrend
in ewigem Wechsel die Strahlenbündel daraus schossen.
Endlich war der Mameluck wieder hinter dem Herzog, meldete: „Man ist
da.“ Karl Alexander, mit gespielter Lässigkeit, warf die Karten zusammen,
schob dem Süß den ansehnlichen Haufen gewonnenen Geldes zu: „Da, Jud!
Die Galerie laß ich später bauen. Das verehr ich Ihm.“ Süß, wohlwollend
fast und amüsiert, dachte: „Sieh an, schenken läßt er sich nichts. Bezahlt
mich, wo er glaubt, ich hab ihm ans Ziel geholfen, legt noch ein Trinkgeld
darauf. Dann sperrt er mich in die Kasematten und steckt Bezahlung samt
Trinkgeld wieder ein.“ Aufmerksam und dringlich sah er den Herzog an,
und der, wie gezwungen von seinem Blick, sagte obenhin: „Kannst
mitkommen.“ Der Schwarzbraune voran, dann hinkend, schnaufend, rot
Karl Alexander, zuletzt federnd, geschwellt, weiß, jung der Jude, gingen sie.
Durch die sich neigenden Lakaien der Vorsäle erst, dann durch stille
Korridore, in denen nur der fetzende Atem des Sturms war, nach dem
andern Flügel des Schlosses in die Privatgemächer des Herzogs.
Arbeitszimmer, kleines Zwischenkabinett, das Schlafzimmer mit der
wartenden Frau. Der Mameluck riß die Tür zum Arbeitskabinett auf. Nicht
der Kurier war da, den Karl Alexander erwartete, sondern vier Männer, die
stillen, gleitenden Schritt. Meldete, die Demoiselle warte noch immer. „Soll
sich ausziehen derweil!“ schrie der Herzog. „Ich kann meine Depeschen
nicht herhexen.“
Ein Kreis ehrerbietiger Zuschauer stand um die Spielenden, begleitete
das Jeu mit etwas gekünstelten, krampfhaften Witzen. Der Herzog schlug
eine siegreiche Karte auf, strich wieder einen Hügel Dukaten ein. „Heut
mußt du mir einen Teil wieder hergeben, Jud,“ lachte er, „des, was du mich
beschissen hast.“ „Heut tu ich’s gern,“ sagte Süß. Die widrige Stimme des
Majors Röder knarrte: „Wenn’s so Leib an Leib geht, dann tut sich der Jud
schwerer mit dem Bescheißen. So von der Ferne her mit Papieren und
Tricks und ohne daß man dem andern muß ins Gesicht sehen, geht’s
leichter.“ Auch den nächsten Schlag verlor Süß. Der Herzog sah den
Architekten Retti unter den Umstehenden, warf ihm hin: „Wenn das so
weiter geht mit meinem Schwein, dann machen wir den Umbau, den Er für
die Galerie projektiert.“ Der Architekt lachte laut, beflissen. Dom Bartelemi
Pancorbo sagte unversehens mit seiner dumpfen, modrigen Stimme: „Den
Stein verliert er nicht, der Jud.“ Und alle starrten begehrlich und verträumt
auf den Solitär an der Hand des Finanzdirektors und sahen, wie verwirrend
in ewigem Wechsel die Strahlenbündel daraus schossen.
Endlich war der Mameluck wieder hinter dem Herzog, meldete: „Man ist
da.“ Karl Alexander, mit gespielter Lässigkeit, warf die Karten zusammen,
schob dem Süß den ansehnlichen Haufen gewonnenen Geldes zu: „Da, Jud!
Die Galerie laß ich später bauen. Das verehr ich Ihm.“ Süß, wohlwollend
fast und amüsiert, dachte: „Sieh an, schenken läßt er sich nichts. Bezahlt
mich, wo er glaubt, ich hab ihm ans Ziel geholfen, legt noch ein Trinkgeld
darauf. Dann sperrt er mich in die Kasematten und steckt Bezahlung samt
Trinkgeld wieder ein.“ Aufmerksam und dringlich sah er den Herzog an,
und der, wie gezwungen von seinem Blick, sagte obenhin: „Kannst
mitkommen.“ Der Schwarzbraune voran, dann hinkend, schnaufend, rot
Karl Alexander, zuletzt federnd, geschwellt, weiß, jung der Jude, gingen sie.
Durch die sich neigenden Lakaien der Vorsäle erst, dann durch stille
Korridore, in denen nur der fetzende Atem des Sturms war, nach dem
andern Flügel des Schlosses in die Privatgemächer des Herzogs.
Arbeitszimmer, kleines Zwischenkabinett, das Schlafzimmer mit der
wartenden Frau. Der Mameluck riß die Tür zum Arbeitskabinett auf. Nicht
der Kurier war da, den Karl Alexander erwartete, sondern vier Männer, die
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er nicht kannte. Zwei alte, mit eisgrauen Haaren, mager und schmächtig wie
Federkiele, die anderen gedrungen, von lümmelhaftem, proletarierhaftem
Gehabe. Alle vier waren stumm, verneigten sich, die jüngeren schwer und
plump, die älteren hastig und wiederholt, von den im Windhauch der
offenen Tür flackernden Kerzen wild beschattet und erhellt.
Der schäumende, in seiner Erwartung betrogene Herzog schrie, die
Stimme fast versagend vor Wut, den Mamelucken an: „Bist du verrückt?
Läßt in der Nacht, heut nacht, Gesindel zu mir?“ Schleuderte ihn mit einem
Fußtritt in den Winkel. „Der Kurier!“ brüllte er. „Wo bleibt der Kurier?“
„Wir sind kein Gesindel,“ tat da einer von den Männern schwerfällig,
feindselig den Mund auf. „Wir sind von der Landschaft.“ Karl Alexander
fuhr auf ihn los, packte den stämmigen, lümmelhaften Menschen, schüttelte
ihn: „Wollt mich überfallen? Mich meucheln? Ketzer! Mörder!“ Er schrie
und geiferte, daß die Sängerin nebenan, die nackend wartete, sich ängstlich
tief unter die Decken duckte, das Kreuz schlug. „Aber es ist aus mit euch!“
brüllte der entzügelte Herzog weiter. „Vermodern bei lebendigem Leib laß
ich euch, Gesindel! Rottierer! Ketzer! Hunde! Zu eueren sauberen elf
Brüdern vom Ausschuß schmeiß ich euch in meine tiefsten Kasematten!“
„Es ist nicht an dem, Herr Herzog,“ sagte da mit einer höflichen, feinen
Stimme einer von den Alten, „es ist durchaus nicht an dem.“ Und er
verneigte sich viele Male. „Es ist so, daß mit Eurer Durchlaucht
allergnädigstem Permiß niemand heut nacht in Stuttgart verhaftet wird. Es
werden auch sehr wenig bayrische und würzburgische Truppen einrücken,
und was unter der Losung: Attempto! eingetroffen ist, sind mit Eurer
Durchlaucht allergnädigstem Permiß zur Hälfte evangelische Brüder. Und
wenn auch der Herr Kommandant Röder hier ist, das Stadtreiterkorps ist
darum nicht weniger in Bereitschaft und wird die Stadt unter allen
Umständen halten.“
Süß selber hätte nicht sachlicher, schärfer, mit weniger Worten darlegen
können, wie in den Grund hinein der Putsch verraten und vertan war, als der
kleine, hagere Mann, der sehr höflich und mit vielen Kratzfüßen und
Permiß-Einholungen noch mehr Details aufzählte. Aber er konnte nicht zu
Ende kommen und zum Zweck seiner Rede; denn der Herzog hatte nur die
ersten Sätze gehört; dann begab sich mit ihm eine erschreckende
Veränderung. Die Hand, die den gedrungenen, proletarisch aussehenden
Deputierten noch immer festhielt, ließ allmählich locker, das Gesicht lief
blaurot an, ein seltsames, wundes, tierhaftes Rasseln kam aus der Brust, der
Federkiele, die anderen gedrungen, von lümmelhaftem, proletarierhaftem
Gehabe. Alle vier waren stumm, verneigten sich, die jüngeren schwer und
plump, die älteren hastig und wiederholt, von den im Windhauch der
offenen Tür flackernden Kerzen wild beschattet und erhellt.
Der schäumende, in seiner Erwartung betrogene Herzog schrie, die
Stimme fast versagend vor Wut, den Mamelucken an: „Bist du verrückt?
Läßt in der Nacht, heut nacht, Gesindel zu mir?“ Schleuderte ihn mit einem
Fußtritt in den Winkel. „Der Kurier!“ brüllte er. „Wo bleibt der Kurier?“
„Wir sind kein Gesindel,“ tat da einer von den Männern schwerfällig,
feindselig den Mund auf. „Wir sind von der Landschaft.“ Karl Alexander
fuhr auf ihn los, packte den stämmigen, lümmelhaften Menschen, schüttelte
ihn: „Wollt mich überfallen? Mich meucheln? Ketzer! Mörder!“ Er schrie
und geiferte, daß die Sängerin nebenan, die nackend wartete, sich ängstlich
tief unter die Decken duckte, das Kreuz schlug. „Aber es ist aus mit euch!“
brüllte der entzügelte Herzog weiter. „Vermodern bei lebendigem Leib laß
ich euch, Gesindel! Rottierer! Ketzer! Hunde! Zu eueren sauberen elf
Brüdern vom Ausschuß schmeiß ich euch in meine tiefsten Kasematten!“
„Es ist nicht an dem, Herr Herzog,“ sagte da mit einer höflichen, feinen
Stimme einer von den Alten, „es ist durchaus nicht an dem.“ Und er
verneigte sich viele Male. „Es ist so, daß mit Eurer Durchlaucht
allergnädigstem Permiß niemand heut nacht in Stuttgart verhaftet wird. Es
werden auch sehr wenig bayrische und würzburgische Truppen einrücken,
und was unter der Losung: Attempto! eingetroffen ist, sind mit Eurer
Durchlaucht allergnädigstem Permiß zur Hälfte evangelische Brüder. Und
wenn auch der Herr Kommandant Röder hier ist, das Stadtreiterkorps ist
darum nicht weniger in Bereitschaft und wird die Stadt unter allen
Umständen halten.“
Süß selber hätte nicht sachlicher, schärfer, mit weniger Worten darlegen
können, wie in den Grund hinein der Putsch verraten und vertan war, als der
kleine, hagere Mann, der sehr höflich und mit vielen Kratzfüßen und
Permiß-Einholungen noch mehr Details aufzählte. Aber er konnte nicht zu
Ende kommen und zum Zweck seiner Rede; denn der Herzog hatte nur die
ersten Sätze gehört; dann begab sich mit ihm eine erschreckende
Veränderung. Die Hand, die den gedrungenen, proletarisch aussehenden
Deputierten noch immer festhielt, ließ allmählich locker, das Gesicht lief
blaurot an, ein seltsames, wundes, tierhaftes Rasseln kam aus der Brust, der
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Mund schnappte hilflos, und unversehens lag der schwere Mann auf dem
Boden, verkrampft und gräßlich entstellt. Die vier Bürger, wie sie das
sahen, fürchteten, man werde ihnen eine Schuld geben, das Schloß war voll
von Feinden, sie waren von dem Mamelucken auf geheimnisvolle,
verdächtige Art, ungemeldet, durch eine Hintertüre eingelassen worden, sie
besorgten, sie möchten mißhandelt oder gar kurzerhand erschlagen werden;
sie machten sich eilends fort und waren froh, als sie in Sturm und Regen,
abseits haltend, ihre Kutsche fanden und zitternd vor Frost und Erregung
glücklich wieder auf dem Weg nach Stuttgart waren.
Karl Alexander lag indes auf dem Boden, allein mit Süß und dem
Schwarzbraunen. Ueber der mächtigen, behaarten Brust hatte er sich die
Kleider bis aufs Hemd aufgerissen. Verstört lauschte von nebenan und sich
duckend das nackte Mädchen auf das wilde, tierhafte Rasseln, das von ihm
kam. Mit unendlicher Mühe schickte er sein erstarrendes Aug mit einer
wilden, grenzlos haßvollen Frage auf die Suche. Süß, ihm
entgegenkommend, sagte: „Ja, Herr Herzog.“
Der Jude wußte nicht, ob er das so gewollt hatte oder wie überhaupt er
gewollt hatte, daß der Herzog Verrat und Zerschmetterung des Putsches
aufnehmen solle. Er fragte sich auch nicht, ob die Ermattung durch den
Karneval oder das Aphrodisiakum mitschuld waren an diesem
Zusammenbruch, oder ob er allein ihn und willentlich so gewirkt habe. Wie
getrieben hatte er alles so geordnet, wie es dann kam, es so gelenkt, daß der
erhitzte Herzog statt des erwarteten Glücksboten die nächtliche
Unheilsdeputation vorfand. Daß er ins Herz treffen, daß er Sinn und Wesen
des Gegners für immer lähmen und zermalmen mußte, war gewiß. Kam nun
auch der äußere Zusammenbruch hinzu, so war das nicht gewollt, doch
nicht unwillkommen.
Mit aller Kraft hob er den schweren Leib in einen Lehnstuhl, warf dem
Schwarzbraunen hin: „Es wird gut sein, du holst den Pater Kaspar.“
Zögernd nur entfernte sich Otman und ließ den Juden mit dem Sterbenden
allein.
Vereisend hörte die Sängerin im Nebenzimmer, wie eine leise, von einem
wilden Gefühl bis zum Zerreißen gespannte, weißbrennende Stimme auf
den jetzt stummen Herzog einsprach. Die einzelnen Worte konnte sie nicht
verstehen; aber sie erstarrte vor dem grauenvollen, hassenden Triumph
dieser heißen, flüsternden Stimme.
Boden, verkrampft und gräßlich entstellt. Die vier Bürger, wie sie das
sahen, fürchteten, man werde ihnen eine Schuld geben, das Schloß war voll
von Feinden, sie waren von dem Mamelucken auf geheimnisvolle,
verdächtige Art, ungemeldet, durch eine Hintertüre eingelassen worden, sie
besorgten, sie möchten mißhandelt oder gar kurzerhand erschlagen werden;
sie machten sich eilends fort und waren froh, als sie in Sturm und Regen,
abseits haltend, ihre Kutsche fanden und zitternd vor Frost und Erregung
glücklich wieder auf dem Weg nach Stuttgart waren.
Karl Alexander lag indes auf dem Boden, allein mit Süß und dem
Schwarzbraunen. Ueber der mächtigen, behaarten Brust hatte er sich die
Kleider bis aufs Hemd aufgerissen. Verstört lauschte von nebenan und sich
duckend das nackte Mädchen auf das wilde, tierhafte Rasseln, das von ihm
kam. Mit unendlicher Mühe schickte er sein erstarrendes Aug mit einer
wilden, grenzlos haßvollen Frage auf die Suche. Süß, ihm
entgegenkommend, sagte: „Ja, Herr Herzog.“
Der Jude wußte nicht, ob er das so gewollt hatte oder wie überhaupt er
gewollt hatte, daß der Herzog Verrat und Zerschmetterung des Putsches
aufnehmen solle. Er fragte sich auch nicht, ob die Ermattung durch den
Karneval oder das Aphrodisiakum mitschuld waren an diesem
Zusammenbruch, oder ob er allein ihn und willentlich so gewirkt habe. Wie
getrieben hatte er alles so geordnet, wie es dann kam, es so gelenkt, daß der
erhitzte Herzog statt des erwarteten Glücksboten die nächtliche
Unheilsdeputation vorfand. Daß er ins Herz treffen, daß er Sinn und Wesen
des Gegners für immer lähmen und zermalmen mußte, war gewiß. Kam nun
auch der äußere Zusammenbruch hinzu, so war das nicht gewollt, doch
nicht unwillkommen.
Mit aller Kraft hob er den schweren Leib in einen Lehnstuhl, warf dem
Schwarzbraunen hin: „Es wird gut sein, du holst den Pater Kaspar.“
Zögernd nur entfernte sich Otman und ließ den Juden mit dem Sterbenden
allein.
Vereisend hörte die Sängerin im Nebenzimmer, wie eine leise, von einem
wilden Gefühl bis zum Zerreißen gespannte, weißbrennende Stimme auf
den jetzt stummen Herzog einsprach. Die einzelnen Worte konnte sie nicht
verstehen; aber sie erstarrte vor dem grauenvollen, hassenden Triumph
dieser heißen, flüsternden Stimme.
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Es sprach aber der Jude dies: „Herzog! Grober, einfältiger Herzog!
Dummer, stier-tölpischer Karl Alexander! Jetzt möchtest du die Ohren
zumachen, was? Möchtest dich davonmachen und mich nicht mehr hören?
Möchtest beten und dir vom Beichtiger Linderung und ölige Verzeihung
eintröpfeln lassen? Aber das konzedier ich dir nicht. Ich laß dich nicht
sterben, eh daß du mich gehört hast. Verdreh die Augen, raßle mit all deiner
Lunge: du mußt mich hören. Ich spreche ganz leise, ich hebe die Stimme
nicht, aber deine Ohren und dein freches, gewalttätiges Herz sind doch voll
davon. Und du mußt ganz still halten und darfst nicht sterben und mußt
mich hören.
Ja, das Kind ist anders gestorben. Warst hinter ihr her mit Hussa und
Gegröhl, dein verfluchter, stinkender Atem war über ihr; aber sie hat dürfen
lächeln und leicht sein und tausend gute Engel streckten ihr die Arme
entgegen. Und du bist vor der Toten gestanden mit deinem ratlosen,
dummen Metzgergesicht, und wie ich dir nicht hineinspie, hast du geglaubt,
jetzt ist alles gut und es ist nichts gewesen. Sieh, Karl Alexander, sieh, du
dummer, tölpischer Herzog, ich bin dir nicht in das geile Gesicht
gesprungen damals, so einfältig hab ich es nicht gemacht, ich hab dich mir
erst zurechtgerichtet, hab dich präpariert, daß du aussähest wie ein Mensch,
ja wie ein Fürst. Bäumst du hoch? Schnaufst du? Ja, da liegst du, ein
trauriges, lächerliches Stück Fleisch, höchst ridikül vor dir und den anderen.
Denn sieh, du armer Narr, deine großen Gedanken, daß du zum
schwäbischen Louis Quatorze dich recken solltest, deine Cäsar-Träume, die
hab ich ja in dich hineingeträumt. Du warst nichts als ein kleiner,
gewalttätiger Zufallsherzog all deine Tage, und ich hab dich lassen tanzen.
Glotz mich an mit deinen großen Augen. Ich drück sie dir noch nicht zu,
ich bin noch nicht am Ende. Sieh, gerade mein Schlechtestes hab ich in dich
hineingeträufelt, meinen verworfensten Samen. Ich hätt es können wirken,
daß du mich vor aller Welt umarmtest und Bruder nanntest; ich hätt dir nur
müssen die Papiere zeigen, daß ich ein Sohn vom Heydersdorff bin, ja, dem
Baron und Marschall und Christen. Aber das hab ich für mein schlechtestes
Teil geachtet und hab es ganz in dich hineingegossen und hab dich tanzen
lassen und dich gemästet, bis daß du reif warst.“
Er ließ ab von dem Sterbenden, versank; dann wieder begann er,
verändert, milder: „Ja, es hat mich zu dir gezogen, ich hätte können dein
Freund sein. Aber du, wenn du so was gespürt hast, hast dich gewehrt und
dagegen geknurrt, und nur mein Schlechtes hast du aufgenommen und es
Dummer, stier-tölpischer Karl Alexander! Jetzt möchtest du die Ohren
zumachen, was? Möchtest dich davonmachen und mich nicht mehr hören?
Möchtest beten und dir vom Beichtiger Linderung und ölige Verzeihung
eintröpfeln lassen? Aber das konzedier ich dir nicht. Ich laß dich nicht
sterben, eh daß du mich gehört hast. Verdreh die Augen, raßle mit all deiner
Lunge: du mußt mich hören. Ich spreche ganz leise, ich hebe die Stimme
nicht, aber deine Ohren und dein freches, gewalttätiges Herz sind doch voll
davon. Und du mußt ganz still halten und darfst nicht sterben und mußt
mich hören.
Ja, das Kind ist anders gestorben. Warst hinter ihr her mit Hussa und
Gegröhl, dein verfluchter, stinkender Atem war über ihr; aber sie hat dürfen
lächeln und leicht sein und tausend gute Engel streckten ihr die Arme
entgegen. Und du bist vor der Toten gestanden mit deinem ratlosen,
dummen Metzgergesicht, und wie ich dir nicht hineinspie, hast du geglaubt,
jetzt ist alles gut und es ist nichts gewesen. Sieh, Karl Alexander, sieh, du
dummer, tölpischer Herzog, ich bin dir nicht in das geile Gesicht
gesprungen damals, so einfältig hab ich es nicht gemacht, ich hab dich mir
erst zurechtgerichtet, hab dich präpariert, daß du aussähest wie ein Mensch,
ja wie ein Fürst. Bäumst du hoch? Schnaufst du? Ja, da liegst du, ein
trauriges, lächerliches Stück Fleisch, höchst ridikül vor dir und den anderen.
Denn sieh, du armer Narr, deine großen Gedanken, daß du zum
schwäbischen Louis Quatorze dich recken solltest, deine Cäsar-Träume, die
hab ich ja in dich hineingeträumt. Du warst nichts als ein kleiner,
gewalttätiger Zufallsherzog all deine Tage, und ich hab dich lassen tanzen.
Glotz mich an mit deinen großen Augen. Ich drück sie dir noch nicht zu,
ich bin noch nicht am Ende. Sieh, gerade mein Schlechtestes hab ich in dich
hineingeträufelt, meinen verworfensten Samen. Ich hätt es können wirken,
daß du mich vor aller Welt umarmtest und Bruder nanntest; ich hätt dir nur
müssen die Papiere zeigen, daß ich ein Sohn vom Heydersdorff bin, ja, dem
Baron und Marschall und Christen. Aber das hab ich für mein schlechtestes
Teil geachtet und hab es ganz in dich hineingegossen und hab dich tanzen
lassen und dich gemästet, bis daß du reif warst.“
Er ließ ab von dem Sterbenden, versank; dann wieder begann er,
verändert, milder: „Ja, es hat mich zu dir gezogen, ich hätte können dein
Freund sein. Aber du, wenn du so was gespürt hast, hast dich gewehrt und
dagegen geknurrt, und nur mein Schlechtes hast du aufgenommen und es
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blühen lassen in Schuß und Saft. Du großer Herr und Held, du deutscher
Louis Quatorze! Du armer Hahn und Narr!“
Draußen auf dem Korridor hastige, erregte Stimmen. Der Doktor
Wendelin Breyer kam, der Kammerdiener Neuffer; hernach auch Pater
Kaspar, der Beichtiger; er war nicht so leicht zu finden gewesen, er war in
der Konditorei gesessen mit dem unscheinbaren, kluggesichtigen
Würzburger Geheimrat Fichtel, der, nicht angesteckt von der allgemeinen
Unruhe, den Triumph dieser Nacht auskostend, behaglich viele Tassen
seines braunen Kaffeetranks schlürfte. Jetzt stürzte das alles her, betätigte
sich hastig, hilflos, sinnlos um den Verlöschenden, grausam Entstellten,
befragte verstört den Süß, der lässige, flüchtige Auskunft gab und sich bald
unbemerkt aus dem Getrieb um den Sterbenden fortmachte. Im
Nebengemach die Sängerin zog sich an. Die leise, heiße, hassende, sich
einfressende, triumphierende Stimme haftete ihr, sie übergrausend, im Ohr;
fahl, fröstelnd, geschüttelt von großäugigem Entsetzen, schlüpfte sie
unordentlich in ihre Kleider, hastete, die unheimliche Stimme hinter sich,
geduckt über die Korridore, atmete befreit, als sie vor dem Tor stand, das
Schloß im Rücken, im stoßenden Wind.
Der Doktor Wendelin Breyer wollte den Herzog zur Ader lassen. Aber es
kam nicht soweit. Der Mameluck, mit ihnen zurückgekommen, war still
ganz nah an den Mann im Lehnstuhl herangetreten; mit gespannter,
grausamer Sachlichkeit beschaute er die krampfhaft geballten Hände, das
aufgedunsene, blauschwarze Gesicht, die vorstehende Zunge, die graß
offenen, weit herausgequollenen Augen. Dann mit seiner dunklen,
sonderbar rauhen Stimme sagte er so plötzlich, daß alle zusammenfuhren –
die meisten hatten ihn überhaupt noch nie sprechen gehört –: „Er ist tot.“
Dem Doktor Wendelin Breyer blieb nichts übrig, als das gleiche zu
konstatieren.
Während der Arzt noch, die hohle Stimme tief aus der Brust
hervorgrabend, etlichen vagen Kommentar stammelte: heftig
ausgebrochener Spasmus diaphragmatis, Steckfluß, stagnatio sanguinis
plenaria, – still und höhnisch schaute der Schwarzbraune auf den
verwirrten, sich abarbeitenden, wichtig sich habenden Mann – raunte es
durch die Gänge, flog es durch die Vorzimmer, rief es der
Zeremonienmeister in den Ballsaal: „Der Herzog ist tot.“ Die Musik brach
ab. Das ungeheure, lähmende Entsetzen, die verfahlten, verzerrten
Gesichter überall. Das ratlose Gewimmel, Durcheinanderhuschen, Sich-in-
Louis Quatorze! Du armer Hahn und Narr!“
Draußen auf dem Korridor hastige, erregte Stimmen. Der Doktor
Wendelin Breyer kam, der Kammerdiener Neuffer; hernach auch Pater
Kaspar, der Beichtiger; er war nicht so leicht zu finden gewesen, er war in
der Konditorei gesessen mit dem unscheinbaren, kluggesichtigen
Würzburger Geheimrat Fichtel, der, nicht angesteckt von der allgemeinen
Unruhe, den Triumph dieser Nacht auskostend, behaglich viele Tassen
seines braunen Kaffeetranks schlürfte. Jetzt stürzte das alles her, betätigte
sich hastig, hilflos, sinnlos um den Verlöschenden, grausam Entstellten,
befragte verstört den Süß, der lässige, flüchtige Auskunft gab und sich bald
unbemerkt aus dem Getrieb um den Sterbenden fortmachte. Im
Nebengemach die Sängerin zog sich an. Die leise, heiße, hassende, sich
einfressende, triumphierende Stimme haftete ihr, sie übergrausend, im Ohr;
fahl, fröstelnd, geschüttelt von großäugigem Entsetzen, schlüpfte sie
unordentlich in ihre Kleider, hastete, die unheimliche Stimme hinter sich,
geduckt über die Korridore, atmete befreit, als sie vor dem Tor stand, das
Schloß im Rücken, im stoßenden Wind.
Der Doktor Wendelin Breyer wollte den Herzog zur Ader lassen. Aber es
kam nicht soweit. Der Mameluck, mit ihnen zurückgekommen, war still
ganz nah an den Mann im Lehnstuhl herangetreten; mit gespannter,
grausamer Sachlichkeit beschaute er die krampfhaft geballten Hände, das
aufgedunsene, blauschwarze Gesicht, die vorstehende Zunge, die graß
offenen, weit herausgequollenen Augen. Dann mit seiner dunklen,
sonderbar rauhen Stimme sagte er so plötzlich, daß alle zusammenfuhren –
die meisten hatten ihn überhaupt noch nie sprechen gehört –: „Er ist tot.“
Dem Doktor Wendelin Breyer blieb nichts übrig, als das gleiche zu
konstatieren.
Während der Arzt noch, die hohle Stimme tief aus der Brust
hervorgrabend, etlichen vagen Kommentar stammelte: heftig
ausgebrochener Spasmus diaphragmatis, Steckfluß, stagnatio sanguinis
plenaria, – still und höhnisch schaute der Schwarzbraune auf den
verwirrten, sich abarbeitenden, wichtig sich habenden Mann – raunte es
durch die Gänge, flog es durch die Vorzimmer, rief es der
Zeremonienmeister in den Ballsaal: „Der Herzog ist tot.“ Die Musik brach
ab. Das ungeheure, lähmende Entsetzen, die verfahlten, verzerrten
Gesichter überall. Das ratlose Gewimmel, Durcheinanderhuschen, Sich-in-
Page 362
die-Ecken-drücken. Das verlegene Von-nichts-wissen-wollen der Gäste, der
kaiserlichen, bayrischen, würzburgischen Herren. Die Offiziere standen
herum wie dumme, große, bösartige Raubtiere, hinter denen unversehens
eine Falle zuklappt. Solcher verwünschte Zufall just in diesem Moment
konnte jedem einzelnen an Stellung nicht nur und Besitz, nein, ans Leben
gehen. Sogar der kleine Geheimrat Fichtel verlor die Fassung; seit
Jahrzehnten hatte er vor sich selber und aller Welt sich beherrscht; jetzt
bekam er mit einem ein hartes, verkniffenes, keifendes Bauerngesicht und
fluchte leise und unflätig vor sich hin. Erst nach zehn Minuten hatte er sich
so weit, daß er in Kälte und Sachlichkeit denken konnte. Er überlegte, das
Testament, das er dem Toten abgerungen, werde nun doch nicht mehr viel
nützen; es blieb nur übrig, die ganze Maschinerie sofort stillzulegen,
möglichst alle Spuren von Würzburg her zu verwischen und mit gutem
Anstand, unkompromittiert, aus der Affäre herauszukommen.
Süß stand derweilen allein in einem verlorenen Seitenkabinett. Er
kümmerte sich um nichts, das Auf und Ab der allgemeinen Erregung schlug
nicht bis hierher. Der Sturm hatte sich ein wenig gelegt. Der Jude sah
nichts, hörte nichts, achtete nichts, alles um ihn versank. Er wartete. Nun
wird, jetzt gleich, das Kind da sein, um ihn sein wie die liebe Luft, lieblich
in ihn einströmen, ihn leicht und schwebend machen. Er saß, still, mit
einem gelösten, fast törichten Lächeln und wartete.
Sie kam nicht. Nichts kam. Er fühlte sich mit jedem rinnenden
Augenblick kälter, leerer, schwerer werden. Und plötzlich wußte er, sie wird
nie kommen. Er sah den Herzog, das schwarzblaue, entstellte Gesicht, die
heraushängende Zunge, die vorquellenden Augen. Uebelkeit fiel ihn an. Er
erschrak. Er begriff nicht mehr, wie ihn das hatte ausfüllen, ihn hatte
hochtragen können. Was denn, um Gottes willen, hatte das mit dem Kind zu
tun? Das Kind war weiß, sänftigend, mondstill. Und sein Handel mit dem
Herzog, das violettrote Meer, sein Brausen, sein wilder Geruch, ja, in
welcher hirnrissigen Anwandlung hatte er denn geglaubt, darüber zu dem
Kind zu kommen? In dumpfer Angst suchte er Zusammenhänge, begriff
sich nicht mehr. Seine Zwiesprache mit dem sterbenden Karl Alexander, die
war ein wildes Zucken und Verebben gewesen wie ein Beilager mit einer
Frau, aber kein Schweben und Gelöstsein. Und jetzt war er dumpf, traurig,
voll Uebelkeit und weiter weg von dem Kind als je.
Es wehte ihm den Nacken hinauf, feuchtkalt. Er hob den Rücken,
überfrostet, wie in Abwehr. Ein Gesicht schaute ihm über die Schulter. Es
kaiserlichen, bayrischen, würzburgischen Herren. Die Offiziere standen
herum wie dumme, große, bösartige Raubtiere, hinter denen unversehens
eine Falle zuklappt. Solcher verwünschte Zufall just in diesem Moment
konnte jedem einzelnen an Stellung nicht nur und Besitz, nein, ans Leben
gehen. Sogar der kleine Geheimrat Fichtel verlor die Fassung; seit
Jahrzehnten hatte er vor sich selber und aller Welt sich beherrscht; jetzt
bekam er mit einem ein hartes, verkniffenes, keifendes Bauerngesicht und
fluchte leise und unflätig vor sich hin. Erst nach zehn Minuten hatte er sich
so weit, daß er in Kälte und Sachlichkeit denken konnte. Er überlegte, das
Testament, das er dem Toten abgerungen, werde nun doch nicht mehr viel
nützen; es blieb nur übrig, die ganze Maschinerie sofort stillzulegen,
möglichst alle Spuren von Würzburg her zu verwischen und mit gutem
Anstand, unkompromittiert, aus der Affäre herauszukommen.
Süß stand derweilen allein in einem verlorenen Seitenkabinett. Er
kümmerte sich um nichts, das Auf und Ab der allgemeinen Erregung schlug
nicht bis hierher. Der Sturm hatte sich ein wenig gelegt. Der Jude sah
nichts, hörte nichts, achtete nichts, alles um ihn versank. Er wartete. Nun
wird, jetzt gleich, das Kind da sein, um ihn sein wie die liebe Luft, lieblich
in ihn einströmen, ihn leicht und schwebend machen. Er saß, still, mit
einem gelösten, fast törichten Lächeln und wartete.
Sie kam nicht. Nichts kam. Er fühlte sich mit jedem rinnenden
Augenblick kälter, leerer, schwerer werden. Und plötzlich wußte er, sie wird
nie kommen. Er sah den Herzog, das schwarzblaue, entstellte Gesicht, die
heraushängende Zunge, die vorquellenden Augen. Uebelkeit fiel ihn an. Er
erschrak. Er begriff nicht mehr, wie ihn das hatte ausfüllen, ihn hatte
hochtragen können. Was denn, um Gottes willen, hatte das mit dem Kind zu
tun? Das Kind war weiß, sänftigend, mondstill. Und sein Handel mit dem
Herzog, das violettrote Meer, sein Brausen, sein wilder Geruch, ja, in
welcher hirnrissigen Anwandlung hatte er denn geglaubt, darüber zu dem
Kind zu kommen? In dumpfer Angst suchte er Zusammenhänge, begriff
sich nicht mehr. Seine Zwiesprache mit dem sterbenden Karl Alexander, die
war ein wildes Zucken und Verebben gewesen wie ein Beilager mit einer
Frau, aber kein Schweben und Gelöstsein. Und jetzt war er dumpf, traurig,
voll Uebelkeit und weiter weg von dem Kind als je.
Es wehte ihm den Nacken hinauf, feuchtkalt. Er hob den Rücken,
überfrostet, wie in Abwehr. Ein Gesicht schaute ihm über die Schulter. Es
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war sein eigenes Gesicht.
Er schüttelte sich, stand auf. Der Sturm hatte wieder eingesetzt; er schloß
fester die Fenster. Da war eine Stimme im Wind, war in seinem Ohr, war im
Zimmer, eine mißtönige, traurige Stimme, die Stimme des Oheims. Sie war
nicht laut, aber sie füllte das Zimmer ganz an, sie füllte das Schloß an, die
ganze Welt war voll von dieser Stimme. Da hatte er Gewißheit: er war
falsch gegangen. Alles, was er gedacht, gewirkt, getrachtet hatte, sein
Handel mit dem Herzog, sein ganzer künstlicher Turm und Triumph war
alles falsch und Irrgang gewesen.
Seltsamerweise war er nicht enttäuscht von dieser Erkenntnis oder gar
empört. Nein, es war gut so. Er sah sich wiederum schreiten in jener
stummen, schattenhaften Quadrille, Rabbi Gabriel hielt seine rechte, der
Herzog seine linke Hand. Sie schlängelten sich, machten ihre Pas,
verneigten sich. Aber heute war keine Qual in dem nebelhaften, farblosen
Bild. Denn nun lösten sich die Hände, die Tanzenden sahen sich an, still,
ernsthaft, ohne Feindschaft, sie nickten einer dem andern ein letztes Mal zu,
dann gingen sie auseinander.
Eine grenzenlose Mattigkeit fiel ihn an. Nie in seinem Leben war er so
ausgehöhlt von dinghafter, leibhafter Schwäche und Müdigkeit gewesen. So
mußte es sein, in lauem Bad sitzen und aus geöffneten Adern, ganz
langsam, das Leben entströmen lassen. Dieses Schmelzen, Weichwerden,
Zusammenstürzen in ihm. Dieser süße, ziehende, lüstige, alle Glieder
pressende, reibende, lösende Schmerz. Dieses Sichaufgeben, Stürzen,
Getragensein. Dieses Nichtwollen, dieses zum erstenmal Sichtreibenlassen,
dieses selige, willenlose Vergleiten, Verströmen. Als entfließe sein Blut und
mit ihm aller Drang und alle Sucht, fühlte er sich sinken in glückhafter,
schmerzhafter, grenzloser Erschlaffung.
So fand ihn kurze Zeit später der alte, klapprige Leuchterbeschließer, der
mit dem Löschhut kam, um das Kabinett finster zu machen. Erschreckt, wie
er den blassen, hingesunkenen Mann erkannte, ließ er die Stange fallen,
machte: „Jesus, der Herr Finanzdirektor!“ Aber der richtete sich matt hoch
und sagte, er solle ihm was zu essen bringen, was immer, es sei ihm
schwach vor Hunger. Der Alte, betreten, sich bekreuzigend, machte sich
fort, brachte das Verlangte. Süß, während er mit den Händen, ziemlich
gierig, aß, sagte dem Alten, er solle sich in seiner Verrichtung nicht stören
lassen. Der stammelte, das gehe doch nicht an, er könne doch nicht den
Herrn Finanzdirektor so im Dunkeln –. Aber Süß unterbrach ihn: „Lösch Er
Er schüttelte sich, stand auf. Der Sturm hatte wieder eingesetzt; er schloß
fester die Fenster. Da war eine Stimme im Wind, war in seinem Ohr, war im
Zimmer, eine mißtönige, traurige Stimme, die Stimme des Oheims. Sie war
nicht laut, aber sie füllte das Zimmer ganz an, sie füllte das Schloß an, die
ganze Welt war voll von dieser Stimme. Da hatte er Gewißheit: er war
falsch gegangen. Alles, was er gedacht, gewirkt, getrachtet hatte, sein
Handel mit dem Herzog, sein ganzer künstlicher Turm und Triumph war
alles falsch und Irrgang gewesen.
Seltsamerweise war er nicht enttäuscht von dieser Erkenntnis oder gar
empört. Nein, es war gut so. Er sah sich wiederum schreiten in jener
stummen, schattenhaften Quadrille, Rabbi Gabriel hielt seine rechte, der
Herzog seine linke Hand. Sie schlängelten sich, machten ihre Pas,
verneigten sich. Aber heute war keine Qual in dem nebelhaften, farblosen
Bild. Denn nun lösten sich die Hände, die Tanzenden sahen sich an, still,
ernsthaft, ohne Feindschaft, sie nickten einer dem andern ein letztes Mal zu,
dann gingen sie auseinander.
Eine grenzenlose Mattigkeit fiel ihn an. Nie in seinem Leben war er so
ausgehöhlt von dinghafter, leibhafter Schwäche und Müdigkeit gewesen. So
mußte es sein, in lauem Bad sitzen und aus geöffneten Adern, ganz
langsam, das Leben entströmen lassen. Dieses Schmelzen, Weichwerden,
Zusammenstürzen in ihm. Dieser süße, ziehende, lüstige, alle Glieder
pressende, reibende, lösende Schmerz. Dieses Sichaufgeben, Stürzen,
Getragensein. Dieses Nichtwollen, dieses zum erstenmal Sichtreibenlassen,
dieses selige, willenlose Vergleiten, Verströmen. Als entfließe sein Blut und
mit ihm aller Drang und alle Sucht, fühlte er sich sinken in glückhafter,
schmerzhafter, grenzloser Erschlaffung.
So fand ihn kurze Zeit später der alte, klapprige Leuchterbeschließer, der
mit dem Löschhut kam, um das Kabinett finster zu machen. Erschreckt, wie
er den blassen, hingesunkenen Mann erkannte, ließ er die Stange fallen,
machte: „Jesus, der Herr Finanzdirektor!“ Aber der richtete sich matt hoch
und sagte, er solle ihm was zu essen bringen, was immer, es sei ihm
schwach vor Hunger. Der Alte, betreten, sich bekreuzigend, machte sich
fort, brachte das Verlangte. Süß, während er mit den Händen, ziemlich
gierig, aß, sagte dem Alten, er solle sich in seiner Verrichtung nicht stören
lassen. Der stammelte, das gehe doch nicht an, er könne doch nicht den
Herrn Finanzdirektor so im Dunkeln –. Aber Süß unterbrach ihn: „Lösch Er
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nur Seine Lichter und kümmer Er sich nicht um mich.“ Verstört machte sich
der Alte an seine Arbeit. Der Sturm hatte wieder mit Macht und Heulen
eingesetzt. Süß aß, kaute, schlang. Der Alte beschleunigte seine Hantierung,
stieg auf die Leiter, löschte, schielte nach dem Finanzdirektor. Der aß
immerzu, eilfertig, schlang, schmatzte. Schließlich, mit einer merkwürdig
lustigen Stimme, sagte er: „Häng Er Sein Herz nicht an Menschen! Das
steht doch im Neuen Testament, was?“ „Ich versteh Euer Exzellenz nicht,“
stotterte ängstlich der Alte. „Laß Er’s gut sein,“ sagte Süß, die letzten
Bissen kauend, „und leucht Er mir!“ Das Kabinett blieb im Dunkeln;
geführt von der kleinen Laterne des Mannes, schritt Süß durch finstere
Saalfluchten in den Haupttrakt des Schlosses.
Hier saßen, in einem Nebenraum, die Führer des katholischen Projekts,
Generale, Minister. Sie waren lauter Württemberger unter sich. Die
würzburgischen und bayrischen Herren, der Gesandte der Apostolischen
Majestät, sie hatten sich alle, ach wie hurtig! trotz Sturm und Wetter
davongemacht; sogar der Astrologus des Fürstabts von Einsiedeln mitsamt
seinem Fensterschweiß, Kolben, Dreiecken, vielfigurigem Hemd war,
ungeachtet er die Stunde als sternrecht befunden hatte, eilends
verschwunden. Da saßen nun die schwäbischen Herren, fahl, schwitzend, in
dicker, angestrengter Ratlosigkeit. Atmeten auf, als Süß kam, schauten ihm
als dem Retter in gespannter Hoffnung entgegen.
Der Jude schickte lind, ruhig, fast lächelnd seine braunen Augen über die
hilflose Runde. Sagte dann zu dem massigen Major Röder, der mehr als die
anderen stier und dumm dasaß: „Sie sehen nicht recht klar, Herr Major, was
in dieser seltsamen Situation zu tun ist?“ Er trat sehr nahe an den stumpfen,
verständnislos schauenden Mann und sagte, sehr liebenswürdig: „Verhaften
Sie mich: und wer immer Oberhand behält, Sie sind für alle Fälle salviert.“
Das sagte er ganz leicht, höflich, fast konversierend.
Verblüfft schauten die Herren. Aber dann stieg es auf, stieg es in ihre
Augen, ein hartes, arges Glitzern. Es war nicht ganz klar, wo der Jude
hinauswollte; aber soviel war gewiß: wenn man ihn packte, wenn man ihn
festsetzte, dann war einer da, der ganz vorne stand, auf den alle Wut zuerst
sich stürzen, alles Uebelste abgeladen werden konnte. Eine lange Minute
war es totenstill in dem Raum. Alle, mit den gleichen Worten fast, in der
gleichen Folge fast, dachten die nämlichen Gedanken. Und alle mündeten
in den Entschluß: Ja! Den Juden packen! Das ist die Rettung! Der Jud muß
hängen!
der Alte an seine Arbeit. Der Sturm hatte wieder mit Macht und Heulen
eingesetzt. Süß aß, kaute, schlang. Der Alte beschleunigte seine Hantierung,
stieg auf die Leiter, löschte, schielte nach dem Finanzdirektor. Der aß
immerzu, eilfertig, schlang, schmatzte. Schließlich, mit einer merkwürdig
lustigen Stimme, sagte er: „Häng Er Sein Herz nicht an Menschen! Das
steht doch im Neuen Testament, was?“ „Ich versteh Euer Exzellenz nicht,“
stotterte ängstlich der Alte. „Laß Er’s gut sein,“ sagte Süß, die letzten
Bissen kauend, „und leucht Er mir!“ Das Kabinett blieb im Dunkeln;
geführt von der kleinen Laterne des Mannes, schritt Süß durch finstere
Saalfluchten in den Haupttrakt des Schlosses.
Hier saßen, in einem Nebenraum, die Führer des katholischen Projekts,
Generale, Minister. Sie waren lauter Württemberger unter sich. Die
würzburgischen und bayrischen Herren, der Gesandte der Apostolischen
Majestät, sie hatten sich alle, ach wie hurtig! trotz Sturm und Wetter
davongemacht; sogar der Astrologus des Fürstabts von Einsiedeln mitsamt
seinem Fensterschweiß, Kolben, Dreiecken, vielfigurigem Hemd war,
ungeachtet er die Stunde als sternrecht befunden hatte, eilends
verschwunden. Da saßen nun die schwäbischen Herren, fahl, schwitzend, in
dicker, angestrengter Ratlosigkeit. Atmeten auf, als Süß kam, schauten ihm
als dem Retter in gespannter Hoffnung entgegen.
Der Jude schickte lind, ruhig, fast lächelnd seine braunen Augen über die
hilflose Runde. Sagte dann zu dem massigen Major Röder, der mehr als die
anderen stier und dumm dasaß: „Sie sehen nicht recht klar, Herr Major, was
in dieser seltsamen Situation zu tun ist?“ Er trat sehr nahe an den stumpfen,
verständnislos schauenden Mann und sagte, sehr liebenswürdig: „Verhaften
Sie mich: und wer immer Oberhand behält, Sie sind für alle Fälle salviert.“
Das sagte er ganz leicht, höflich, fast konversierend.
Verblüfft schauten die Herren. Aber dann stieg es auf, stieg es in ihre
Augen, ein hartes, arges Glitzern. Es war nicht ganz klar, wo der Jude
hinauswollte; aber soviel war gewiß: wenn man ihn packte, wenn man ihn
festsetzte, dann war einer da, der ganz vorne stand, auf den alle Wut zuerst
sich stürzen, alles Uebelste abgeladen werden konnte. Eine lange Minute
war es totenstill in dem Raum. Alle, mit den gleichen Worten fast, in der
gleichen Folge fast, dachten die nämlichen Gedanken. Und alle mündeten
in den Entschluß: Ja! Den Juden packen! Das ist die Rettung! Der Jud muß
hängen!
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Und auf solche Art war doch was getan. Auf solche Art saß man doch
nicht länger in dieser drückenden, albernen, beschämenden Angst. Man
stellte doch, Kreuz und Türken! in der Bataille seinen Mann: was war denn
das für ein dummes, dreckiges, hosenbekleckerndes, hündisch übles Gefühl
gewesen, in das man sich da hatte hineinjagen lassen, das einem so
widerwärtig Herz und Magen heraufgekrochen war. Herrlich, daß man jetzt
auf so gute Manier aus diesem Schweinezustand herauskam. In einer
Minute wird man die ganze scheußliche, jämmerliche, lamentable
Depression hinter sich und vergessen haben.
Und da stand auch schon der Major Röder auf. Er war ganz, vor sich und
den anderen, Patriot, Christ, Soldat. Massig kam er, charaktervoll, von
seinem Recht und seiner Biederkeit innig überzeugt, auf Süß zu, legte ihm
die unförmige, behandschuhte Tatze auf die schlanke, elegante Schulter,
öffnete schwer den harten Mund: „Im Namen der Herzogin und der
Verfassung: ich verhaft Ihn, Jud.“
In einem einzigen Augenblick hatte sich die beklemmende Stille in
tobendes, sieghaftes, tierisches Gröhlen gelöst. Der Jude lächelte still,
einsam, sehr fern. Durch kotiges Geschimpf, ihn stoßend und tretend,
mühten sich die Herren, das Bild dieses Lächelns nicht in ihr Inneres
dringen zu lassen.
nicht länger in dieser drückenden, albernen, beschämenden Angst. Man
stellte doch, Kreuz und Türken! in der Bataille seinen Mann: was war denn
das für ein dummes, dreckiges, hosenbekleckerndes, hündisch übles Gefühl
gewesen, in das man sich da hatte hineinjagen lassen, das einem so
widerwärtig Herz und Magen heraufgekrochen war. Herrlich, daß man jetzt
auf so gute Manier aus diesem Schweinezustand herauskam. In einer
Minute wird man die ganze scheußliche, jämmerliche, lamentable
Depression hinter sich und vergessen haben.
Und da stand auch schon der Major Röder auf. Er war ganz, vor sich und
den anderen, Patriot, Christ, Soldat. Massig kam er, charaktervoll, von
seinem Recht und seiner Biederkeit innig überzeugt, auf Süß zu, legte ihm
die unförmige, behandschuhte Tatze auf die schlanke, elegante Schulter,
öffnete schwer den harten Mund: „Im Namen der Herzogin und der
Verfassung: ich verhaft Ihn, Jud.“
In einem einzigen Augenblick hatte sich die beklemmende Stille in
tobendes, sieghaftes, tierisches Gröhlen gelöst. Der Jude lächelte still,
einsam, sehr fern. Durch kotiges Geschimpf, ihn stoßend und tretend,
mühten sich die Herren, das Bild dieses Lächelns nicht in ihr Inneres
dringen zu lassen.
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Fünftes Buch
Der Andere
Der Andere
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Page 368
Wo Morgenland und Abendland ineinandergehen, winzig klein, liegt das
Land Kanaan. Und Mittagland, das uralte Mizraim, streckt seine Zunge vor,
leckt hinein in die Bindung. Wo die Wege des Westens die Wege des Ostens
treffen, liegt die Stadt Jerusalem, die Burg Zion. Und wenn sie sich zum
Gotte Israels bekennen, dem Einen, Ueberwirklichen, Jahve, bei
Sonnenaufgang und Sonnenuntergang, dann stehen die Juden mit
geschlossenen Füßen und schauen nach der Stadt Jerusalem, nach der Burg
Zion, die des Westens schauen nach Ost, die des Aufgangs nach West, alle
zur gleichen Stunde, alle nach der Stadt Jerusalem.
Vom Abendland her schlägt eine wilde, ewige Welle nach dem Lande
Kanaan: Durst nach Leben, nach Persönlichkeit, Wille zum Tun, zur Lust,
zur Macht. Raffen, an sich reißen, Wissen, Lust, Besitz, mehr Lust, mehr
Besitz, leben, kämpfen, tun. So klingt es vom Westen her. Aber im Süden
unter spitzen Bergen liegen in Gold und Gewürz tote Könige, der
Vernichtung herrisch ihren Leib versagend; in die Wüste gesetzt, in
kolossalischen Alleen höhnen ihre Bilder den Tod. Und eine wilde, ewige
Welle schlägt von Mittag her nach dem Lande Kanaan: wüstenheißes
Haften am Sein, schwelende Begier, nicht die Form und Bildung, nicht den
Körper zu verlieren, nicht zu vergehen. Aber von Ost her klingt sanfte
Weisheit: Schlafen ist besser als wachen, tot sein besser als lebendig sein.
Nicht widerstreben, einströmen ins Nichts, nicht tun, verzichten. Und die
milde, ewige Welle verebbt von Morgenland her nach Kanaan.
Ewig fluten die drei Wellen über das kleine Land und münden
ineinander; die helle, rauschende vom Wollen und Tun, die heiße, glühende
vom herrischen Nicht-dem-Tod-sich-fügen, die milde, dunkle vom
Verströmen und Verzichten. Still und aufmerksam liegt das winzige Land
Kanaan und läßt die Wellen über sich hin und ineinander fluten.
In dem winzigen Land, helläugig, hellhörig, saß das Volk Israel. Lugte
nach Osten, lauschte nach Westen, spähte nach Mittag. Es ist ein so kleines
Volk, und es sitzt zwischen Kolossen: Babel-Assur, Mizraim, Syrien-Rom.
Es muß scharf aufpassen, will es nicht unversehens zerdrückt werden oder
in den Riesen zergehen. Und es will nicht zergehen, es will dasein, es ist ein
kluges, kleines, tapferes Volk, es denkt nicht daran, sich zerdrücken zu
lassen. Die drei Wellen kommen, in ewigem Gleichmaß, immer wieder.
Land Kanaan. Und Mittagland, das uralte Mizraim, streckt seine Zunge vor,
leckt hinein in die Bindung. Wo die Wege des Westens die Wege des Ostens
treffen, liegt die Stadt Jerusalem, die Burg Zion. Und wenn sie sich zum
Gotte Israels bekennen, dem Einen, Ueberwirklichen, Jahve, bei
Sonnenaufgang und Sonnenuntergang, dann stehen die Juden mit
geschlossenen Füßen und schauen nach der Stadt Jerusalem, nach der Burg
Zion, die des Westens schauen nach Ost, die des Aufgangs nach West, alle
zur gleichen Stunde, alle nach der Stadt Jerusalem.
Vom Abendland her schlägt eine wilde, ewige Welle nach dem Lande
Kanaan: Durst nach Leben, nach Persönlichkeit, Wille zum Tun, zur Lust,
zur Macht. Raffen, an sich reißen, Wissen, Lust, Besitz, mehr Lust, mehr
Besitz, leben, kämpfen, tun. So klingt es vom Westen her. Aber im Süden
unter spitzen Bergen liegen in Gold und Gewürz tote Könige, der
Vernichtung herrisch ihren Leib versagend; in die Wüste gesetzt, in
kolossalischen Alleen höhnen ihre Bilder den Tod. Und eine wilde, ewige
Welle schlägt von Mittag her nach dem Lande Kanaan: wüstenheißes
Haften am Sein, schwelende Begier, nicht die Form und Bildung, nicht den
Körper zu verlieren, nicht zu vergehen. Aber von Ost her klingt sanfte
Weisheit: Schlafen ist besser als wachen, tot sein besser als lebendig sein.
Nicht widerstreben, einströmen ins Nichts, nicht tun, verzichten. Und die
milde, ewige Welle verebbt von Morgenland her nach Kanaan.
Ewig fluten die drei Wellen über das kleine Land und münden
ineinander; die helle, rauschende vom Wollen und Tun, die heiße, glühende
vom herrischen Nicht-dem-Tod-sich-fügen, die milde, dunkle vom
Verströmen und Verzichten. Still und aufmerksam liegt das winzige Land
Kanaan und läßt die Wellen über sich hin und ineinander fluten.
In dem winzigen Land, helläugig, hellhörig, saß das Volk Israel. Lugte
nach Osten, lauschte nach Westen, spähte nach Mittag. Es ist ein so kleines
Volk, und es sitzt zwischen Kolossen: Babel-Assur, Mizraim, Syrien-Rom.
Es muß scharf aufpassen, will es nicht unversehens zerdrückt werden oder
in den Riesen zergehen. Und es will nicht zergehen, es will dasein, es ist ein
kluges, kleines, tapferes Volk, es denkt nicht daran, sich zerdrücken zu
lassen. Die drei Wellen kommen, in ewigem Gleichmaß, immer wieder.
Page 369
Aber das kleine Volk hält stand. Es ist nicht dumm, es wehrt sich nicht
gegen das Unmögliche; es duckt sich, wenn eine Welle gar zu hoch
einherkommt, und läßt sich ruhig bis über den Scheitel überspülen. Aber
dann taucht es wieder hoch und schüttelt sich ab und ist da. Es ist zäh, aber
nicht töricht obstinat. Es gibt sich allen Wellen hin, doch keiner ganz.
Nimmt sich aus den drei Strömungen, was ihm tauglich scheint, paßt es sich
an.
Die ständige Gefährdung zwingt das kleine Volk, keine Bewegung der
gigantischen Nachbarn zu übersehen, immer vorsichtig zu spüren, zu
wittern, zu sichten, zu erkennen. Sichtung, Einordnung, Erkenntnis der Welt
wird ihm zur Natur. Es wächst ihm eine große Liebe zum Mittel solcher
Erkenntnis, zum Wort. Durch Religionsgesetz ächtet es den Analphabeten,
Kenntnis der Schrift wird göttliches Gebot. Es zeichnet auf, was ihm die
drei Wellen bringen. Wandelt in eigene, selbstschaffene Worte die helle,
schmetternde Lehre vom Tun, die dumpfe, schwelende vom Trotz zur
Unsterblichkeit, die linde, verrieselnde von der Seligkeit des Nichtwollens
und Nichttuns. Und das kleine Volk schreibt die beiden Bücher, die von
allen am meisten das Gesicht der Welt veränderten, das große Buch vom
Tun, das Alte Testament, und das große Buch vom Verzicht, das Neue. Trotz
zur Unsterblichkeit aber bleibt der Grundton in allem seinem Leben und
Wort.
Die Söhne des kleinen Volkes gingen aus in die Welt und leben die Lehre
des Westens. Wirken, ringen, raffen. Doch sie sind trotz allem nicht recht
heimisch im Tun, sie sind zu Hause auf der Brücke zwischen Tun und
Verzicht. Und immer wenden sie sich, schauen zurück nach Zion. Oft wohl,
in der Erfüllung des Siegs, in der Erkenntnis der Niederlage, mitten im
rasendsten Lauf bleiben sie stehen, überschauert, hören aus tausend
Schällen heraus eine ganz leise, verrieselnde Stimme: nicht wollen, nicht
tun, verzichten auf das Ich.
Und mancher von ihnen schreitet den Pfad ganz aus: vom rasenden
Wirbel des Tuns, aus Macht, Lust, Besitz über den Trotz gegen die
Zerwesung zur seligen Ledigung und Lösung, zur Verebbung in
Nichtwollen und Verzicht.
gegen das Unmögliche; es duckt sich, wenn eine Welle gar zu hoch
einherkommt, und läßt sich ruhig bis über den Scheitel überspülen. Aber
dann taucht es wieder hoch und schüttelt sich ab und ist da. Es ist zäh, aber
nicht töricht obstinat. Es gibt sich allen Wellen hin, doch keiner ganz.
Nimmt sich aus den drei Strömungen, was ihm tauglich scheint, paßt es sich
an.
Die ständige Gefährdung zwingt das kleine Volk, keine Bewegung der
gigantischen Nachbarn zu übersehen, immer vorsichtig zu spüren, zu
wittern, zu sichten, zu erkennen. Sichtung, Einordnung, Erkenntnis der Welt
wird ihm zur Natur. Es wächst ihm eine große Liebe zum Mittel solcher
Erkenntnis, zum Wort. Durch Religionsgesetz ächtet es den Analphabeten,
Kenntnis der Schrift wird göttliches Gebot. Es zeichnet auf, was ihm die
drei Wellen bringen. Wandelt in eigene, selbstschaffene Worte die helle,
schmetternde Lehre vom Tun, die dumpfe, schwelende vom Trotz zur
Unsterblichkeit, die linde, verrieselnde von der Seligkeit des Nichtwollens
und Nichttuns. Und das kleine Volk schreibt die beiden Bücher, die von
allen am meisten das Gesicht der Welt veränderten, das große Buch vom
Tun, das Alte Testament, und das große Buch vom Verzicht, das Neue. Trotz
zur Unsterblichkeit aber bleibt der Grundton in allem seinem Leben und
Wort.
Die Söhne des kleinen Volkes gingen aus in die Welt und leben die Lehre
des Westens. Wirken, ringen, raffen. Doch sie sind trotz allem nicht recht
heimisch im Tun, sie sind zu Hause auf der Brücke zwischen Tun und
Verzicht. Und immer wenden sie sich, schauen zurück nach Zion. Oft wohl,
in der Erfüllung des Siegs, in der Erkenntnis der Niederlage, mitten im
rasendsten Lauf bleiben sie stehen, überschauert, hören aus tausend
Schällen heraus eine ganz leise, verrieselnde Stimme: nicht wollen, nicht
tun, verzichten auf das Ich.
Und mancher von ihnen schreitet den Pfad ganz aus: vom rasenden
Wirbel des Tuns, aus Macht, Lust, Besitz über den Trotz gegen die
Zerwesung zur seligen Ledigung und Lösung, zur Verebbung in
Nichtwollen und Verzicht.
Page 370
Durch Nacht, Wolken, Sturm jagten die Kuriere nach Stuttgart. Zu den
Herren des Parlaments, zu Remchingen, zur Herzogin. Sie überholten die
Kutsche mit den Deputierten, die beim Herzog gewesen waren. Vor den
Deputierten schon passierte die Kunde vom Tod Karl Alexanders das Tor,
flackerte schüchtern durch die dunkle, stille Stadt, in der doch überall
Geraun und Fieber war. Auf die Straßen, zum Nachbarn, eilten die Bürger.
Ist es wahr? Die Strafe Gottes, der sichtbarliche Finger des Herrn. So
erschütternd groß und unwahrscheinlich die Erlösung. Aber ist es auch
wahr? Ist es keine Falle? Zaghafte Lichter brannten auf in den Häusern.
Verstärktes Geraun, erste, unterdrückte Freudenrufe. Auf einmal zuckte ein
Gerücht auf, alles wieder austretend: es war nur ein Anfall, der Herzog ist
zum Leben zurückgebracht. Wie sie nach Hause schlichen, sich duckten, die
Lichter löschten. Bis endlich, endlich Gewißheit kam, unzweifelbare
Nachricht, vom Rathaus herab verkündet wurde: der Herzog ist tot. Jetzt
toste der langgezügelte Jubel los. Umarmen, Beten. Freude auf allen
Gesichtern als der Geretteten. Lichter und Feiertag. Der schweinsäugige
Konditor Benz malte, mit seinen Kumpanen aus dem Blauen Bock, ein
Transparent, auf dem über einer Kirche mit zwei Türmen ein geflügelter
Teufel einen Menschen wegtrug. Untenhin mit riesigen Lettern setzte er den
Reim: „Schaut, wie den Renegat ums Gold / Leibhaftig hier der Teufel
holt.“ Mit freudezitternden, schwitzenden Händen stellte er das Transparent
ins kerzenstrahlende Fenster, jubelte, wie die Menge davor stehenblieb, den
Reim durch die Stadt trug. Bald hieß es überall, den Herzog habe der Teufel
geholt. Habt ihr nicht gehört, was für schwarzblaues, gräßlich entstelltes
Gesicht die Leiche hat? Mit den Krallen erwürgt hat Beelzebub den
ketzerischen Fürsten.
In flatteriger Fassungslosigkeit saß Marie Auguste in ihrem Kabinett. Um
sie der Hofkanzler Scheffer, der General Remchingen, ihr Beichtiger, der
Kapuzinerpater Florian. Sie saß in einem entzückenden Negligé, das heute
früh erst durch Spezialkurier aus Paris angelangt war, und sie mußte immer
denken, wie schade es sei, daß sie das Negligé nicht schon einen Tag vorher
gehabt hatte. Dann hätte sie es in jener Abschiedsnacht getragen und Karl
Alexander hätte es noch gesehen. Nun war er gräßlich tot und wird sich nie
an keinem Negligé und keiner Frau mehr freuen. Sie empfand es wie eine
gute Tat, daß sie wenigstens in der letzten Nacht Karl Alexander so willig
gewesen war. Von unten her dröhnte der Jubel der Stadt über den Tod des
Herzogs.
Herren des Parlaments, zu Remchingen, zur Herzogin. Sie überholten die
Kutsche mit den Deputierten, die beim Herzog gewesen waren. Vor den
Deputierten schon passierte die Kunde vom Tod Karl Alexanders das Tor,
flackerte schüchtern durch die dunkle, stille Stadt, in der doch überall
Geraun und Fieber war. Auf die Straßen, zum Nachbarn, eilten die Bürger.
Ist es wahr? Die Strafe Gottes, der sichtbarliche Finger des Herrn. So
erschütternd groß und unwahrscheinlich die Erlösung. Aber ist es auch
wahr? Ist es keine Falle? Zaghafte Lichter brannten auf in den Häusern.
Verstärktes Geraun, erste, unterdrückte Freudenrufe. Auf einmal zuckte ein
Gerücht auf, alles wieder austretend: es war nur ein Anfall, der Herzog ist
zum Leben zurückgebracht. Wie sie nach Hause schlichen, sich duckten, die
Lichter löschten. Bis endlich, endlich Gewißheit kam, unzweifelbare
Nachricht, vom Rathaus herab verkündet wurde: der Herzog ist tot. Jetzt
toste der langgezügelte Jubel los. Umarmen, Beten. Freude auf allen
Gesichtern als der Geretteten. Lichter und Feiertag. Der schweinsäugige
Konditor Benz malte, mit seinen Kumpanen aus dem Blauen Bock, ein
Transparent, auf dem über einer Kirche mit zwei Türmen ein geflügelter
Teufel einen Menschen wegtrug. Untenhin mit riesigen Lettern setzte er den
Reim: „Schaut, wie den Renegat ums Gold / Leibhaftig hier der Teufel
holt.“ Mit freudezitternden, schwitzenden Händen stellte er das Transparent
ins kerzenstrahlende Fenster, jubelte, wie die Menge davor stehenblieb, den
Reim durch die Stadt trug. Bald hieß es überall, den Herzog habe der Teufel
geholt. Habt ihr nicht gehört, was für schwarzblaues, gräßlich entstelltes
Gesicht die Leiche hat? Mit den Krallen erwürgt hat Beelzebub den
ketzerischen Fürsten.
In flatteriger Fassungslosigkeit saß Marie Auguste in ihrem Kabinett. Um
sie der Hofkanzler Scheffer, der General Remchingen, ihr Beichtiger, der
Kapuzinerpater Florian. Sie saß in einem entzückenden Negligé, das heute
früh erst durch Spezialkurier aus Paris angelangt war, und sie mußte immer
denken, wie schade es sei, daß sie das Negligé nicht schon einen Tag vorher
gehabt hatte. Dann hätte sie es in jener Abschiedsnacht getragen und Karl
Alexander hätte es noch gesehen. Nun war er gräßlich tot und wird sich nie
an keinem Negligé und keiner Frau mehr freuen. Sie empfand es wie eine
gute Tat, daß sie wenigstens in der letzten Nacht Karl Alexander so willig
gewesen war. Von unten her dröhnte der Jubel der Stadt über den Tod des
Herzogs.
Page 371
Der massige Remchingen, in aller Angst und Betretenheit unwillkürlich
und ohne Gedanken an den nackten Armen Marie Augustens fressend,
knurrte, berstend vor machtloser Wut: Dreinhauen! Dreinhauen! Trotz allem
das Projekt durchführen. Man habe die Soldaten. Er stehe für die Soldaten.
Schön, ein paar Regimenter werden meutern. Er werde füsilieren lassen.
Man vereidige eben auf die Herzogin. Semiramis. Elisabeth. Katharina.
Dreinhauen! Dreinhauen! Aengstlich wehrte der schlotterichte Hofkanzler.
Nur um Gottes willen jetzt kein Blutvergießen. Der Putsch sei erledigt und
vorbei. Nur behutsam jetzt und legitime. Alles legitime. Das Testament
gebe Handhaben. Aehnlich argumentierte Pater Florian, doch bestimmter
und minder furchtsam. Die rasche Phantasie des Kapuziners spann an einer
luftigen Kette. Er, der staatskluge Mann, als Beichtiger der regierenden
Herzogin, an dieser vielleicht wichtigsten, aussichtshellsten Stelle im Reich.
Er träumte sich schon, während er leise, vorsichtige Worte setzte, als
deutschen Richelieu oder Mazarin. Aber Marie Auguste war, während ihr
pastellfarbener, kleiner Eidechsenkopf aufmerksam zu lauschen schien, sehr
abwesend, sie dachte an Karl Alexander, an das Negligé, an den zu
bestellenden Witwenschleier – man konnte das sehr pikant und kleidsam
machen, selbst die häßliche Herzogin von Angoulème hatte gut darin
ausgesehen – und nachdem die Herren höchst positive Vorschläge gemacht
hatten, sagte sie unvermittelt mit kleiner, wichtiger Stimme: „Que faire,
messieurs? Que faire?“
Der engere Ausschuß des Parlaments trat noch in der Nacht zusammen;
auch anderen Parlamentariern konnte man es nicht verwehren, an der
Sitzung teilzunehmen. Dieser wichtig sich gehabende Jubel, dieses
Machtgespreiz. Die Herren taten so, als sei der Tod des Herzogs ihr
persönliches Verdienst, als hätten sie umsichtig und staatsklug diese
einfachste Lösung der Krise herbeigeführt. Der Parlamentarier Neuffer
glaubte wirklich, er sei der Urheber der absonderlichen Errettung. Düster
phantasierend spann er sich, Tatsächliches und Gehörtes umbiegend und
geheimnisvoll belichtend, eine abenteuerliche Intrigengeschichte
zusammen, und er saß als Spinne und Fadenlenker mitteninne. Hatten nicht
seine dringlichen Reden den Kammerdiener Neuffer, seinen Vetter, von der
Verderblichkeit des Despoten überzeugt, ihn, freilich ohne daß er es
eingestand, zur Sache der Verfassungspartei bekehrt? Zweifellos hatte der
vertraute Diener die Dosis des Aphrodisiakums so verstärkt, daß bei der
Lebensweise und der Verfettung des Herzogs der Schlag mit Notwendigkeit
und ohne Gedanken an den nackten Armen Marie Augustens fressend,
knurrte, berstend vor machtloser Wut: Dreinhauen! Dreinhauen! Trotz allem
das Projekt durchführen. Man habe die Soldaten. Er stehe für die Soldaten.
Schön, ein paar Regimenter werden meutern. Er werde füsilieren lassen.
Man vereidige eben auf die Herzogin. Semiramis. Elisabeth. Katharina.
Dreinhauen! Dreinhauen! Aengstlich wehrte der schlotterichte Hofkanzler.
Nur um Gottes willen jetzt kein Blutvergießen. Der Putsch sei erledigt und
vorbei. Nur behutsam jetzt und legitime. Alles legitime. Das Testament
gebe Handhaben. Aehnlich argumentierte Pater Florian, doch bestimmter
und minder furchtsam. Die rasche Phantasie des Kapuziners spann an einer
luftigen Kette. Er, der staatskluge Mann, als Beichtiger der regierenden
Herzogin, an dieser vielleicht wichtigsten, aussichtshellsten Stelle im Reich.
Er träumte sich schon, während er leise, vorsichtige Worte setzte, als
deutschen Richelieu oder Mazarin. Aber Marie Auguste war, während ihr
pastellfarbener, kleiner Eidechsenkopf aufmerksam zu lauschen schien, sehr
abwesend, sie dachte an Karl Alexander, an das Negligé, an den zu
bestellenden Witwenschleier – man konnte das sehr pikant und kleidsam
machen, selbst die häßliche Herzogin von Angoulème hatte gut darin
ausgesehen – und nachdem die Herren höchst positive Vorschläge gemacht
hatten, sagte sie unvermittelt mit kleiner, wichtiger Stimme: „Que faire,
messieurs? Que faire?“
Der engere Ausschuß des Parlaments trat noch in der Nacht zusammen;
auch anderen Parlamentariern konnte man es nicht verwehren, an der
Sitzung teilzunehmen. Dieser wichtig sich gehabende Jubel, dieses
Machtgespreiz. Die Herren taten so, als sei der Tod des Herzogs ihr
persönliches Verdienst, als hätten sie umsichtig und staatsklug diese
einfachste Lösung der Krise herbeigeführt. Der Parlamentarier Neuffer
glaubte wirklich, er sei der Urheber der absonderlichen Errettung. Düster
phantasierend spann er sich, Tatsächliches und Gehörtes umbiegend und
geheimnisvoll belichtend, eine abenteuerliche Intrigengeschichte
zusammen, und er saß als Spinne und Fadenlenker mitteninne. Hatten nicht
seine dringlichen Reden den Kammerdiener Neuffer, seinen Vetter, von der
Verderblichkeit des Despoten überzeugt, ihn, freilich ohne daß er es
eingestand, zur Sache der Verfassungspartei bekehrt? Zweifellos hatte der
vertraute Diener die Dosis des Aphrodisiakums so verstärkt, daß bei der
Lebensweise und der Verfettung des Herzogs der Schlag mit Notwendigkeit
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eintreten mußte. Er hatte schon bei Medizinern herumgefragt; alle hatten es
ihm bestätigt, daß unter so beschaffenen Umständen die Katastrophe
eintreten mußte, wofern Gegenmittel nicht sogleich zur Stelle waren. Und
sie waren nicht zur Stelle, Karl Alexander starb – war dies Zufall, ho? oder
hatte vielleicht eine sachte, kluge Hand es so eingerichtet? – Karl Alexander
starb ganz allein. Nicht einmal sein Beichtiger war da, seine Ketzerseele in
den Ketzerhimmel zu steuern; kein Lakai war auf den Korridoren, alle
Dienerschaft war – merkt ihr was? – im anderen Flügel des Schlosses, um
dem Tanzen zuzuschauen. Einsam, wie ein Hund, verreckte der Despot.
Diesen abenteuerlichen Roman, dem Wissenden schon dadurch hinfällig,
daß der Schwarzbraune und nicht der Neuffer den Trank gemischt hatte,
flüsterte, teuflisch und bedeutungsvoll grinsend, der finstere Mann seinen
Parlamentskollegen zu, und der Tod des Herzogs just in diesem Moment
war ja auch ein so unwahrscheinliches Glück, daß viele geneigt waren, der
Erzählung des dunklen Fanatikers zu glauben. Schon rückten sie und doch
bewundernd von ihm ab, und einsam sonnte sich der Stuttgarter Brutus in
seiner düstern Größe.
Die anderen, geschwellt, machten Pläne. Schon war die Freude über die
Errettung verdrängt von dickem Besitz-, Macht-, Rachegefühl. Ho! Jetzt
war man obenauf! Ho! Jetzt wird man heimzahlen, dem Juden, den Ketzern,
allen, vor denen man hat kuschen müssen. Es war klar, daß der Herzog
Rudolf von Neuenstadt Obervormund des kleinen Herzog-Nachfolgers
werden mußte, wie immer das Testament Karl Alexanders lauten mochte.
Auf den konnte man sich verlassen. Der war guter Protestant und von ihrer
Partei. Noch morgen wird man ihn beschicken. Und heute noch, heute nacht
noch wird man den Ketzern und Landverderbern und Judenzern zum Tanz
aufspielen. Ans Militär wagte man sich nicht heran; aber was an Zivil von
der Süßischen Partei in Stuttgart, nicht in Ludwigsburg, war, packte man
noch in derselbigen Nacht. Es war ähnlich wie nach dem Tode Eberhard
Ludwigs beim Sturze der Grävenizischen. Die Büttel und Gerichtsdiener
gingen herum, verhafteten, schleppten die Gestürzten, schief Blickenden,
wild Fluchenden, giftig Schimpfenden, verächtlich Bettelnden und
Lamentierenden durch das gaffende, höhnende, jubelnde Volk auf die
Wache. In Haft die Bühler, Mez, Hallwachs, in Haft die Lamprechts, Knab,
ja selbst der Hofkanzler Scheffer.
Knirschend schaute Remchingen zu. Ausdrückliche Ordre der Herzogin
verbot ihm, einzuschreiten. Aber sollen sie sich nur ans Militär wagen!
ihm bestätigt, daß unter so beschaffenen Umständen die Katastrophe
eintreten mußte, wofern Gegenmittel nicht sogleich zur Stelle waren. Und
sie waren nicht zur Stelle, Karl Alexander starb – war dies Zufall, ho? oder
hatte vielleicht eine sachte, kluge Hand es so eingerichtet? – Karl Alexander
starb ganz allein. Nicht einmal sein Beichtiger war da, seine Ketzerseele in
den Ketzerhimmel zu steuern; kein Lakai war auf den Korridoren, alle
Dienerschaft war – merkt ihr was? – im anderen Flügel des Schlosses, um
dem Tanzen zuzuschauen. Einsam, wie ein Hund, verreckte der Despot.
Diesen abenteuerlichen Roman, dem Wissenden schon dadurch hinfällig,
daß der Schwarzbraune und nicht der Neuffer den Trank gemischt hatte,
flüsterte, teuflisch und bedeutungsvoll grinsend, der finstere Mann seinen
Parlamentskollegen zu, und der Tod des Herzogs just in diesem Moment
war ja auch ein so unwahrscheinliches Glück, daß viele geneigt waren, der
Erzählung des dunklen Fanatikers zu glauben. Schon rückten sie und doch
bewundernd von ihm ab, und einsam sonnte sich der Stuttgarter Brutus in
seiner düstern Größe.
Die anderen, geschwellt, machten Pläne. Schon war die Freude über die
Errettung verdrängt von dickem Besitz-, Macht-, Rachegefühl. Ho! Jetzt
war man obenauf! Ho! Jetzt wird man heimzahlen, dem Juden, den Ketzern,
allen, vor denen man hat kuschen müssen. Es war klar, daß der Herzog
Rudolf von Neuenstadt Obervormund des kleinen Herzog-Nachfolgers
werden mußte, wie immer das Testament Karl Alexanders lauten mochte.
Auf den konnte man sich verlassen. Der war guter Protestant und von ihrer
Partei. Noch morgen wird man ihn beschicken. Und heute noch, heute nacht
noch wird man den Ketzern und Landverderbern und Judenzern zum Tanz
aufspielen. Ans Militär wagte man sich nicht heran; aber was an Zivil von
der Süßischen Partei in Stuttgart, nicht in Ludwigsburg, war, packte man
noch in derselbigen Nacht. Es war ähnlich wie nach dem Tode Eberhard
Ludwigs beim Sturze der Grävenizischen. Die Büttel und Gerichtsdiener
gingen herum, verhafteten, schleppten die Gestürzten, schief Blickenden,
wild Fluchenden, giftig Schimpfenden, verächtlich Bettelnden und
Lamentierenden durch das gaffende, höhnende, jubelnde Volk auf die
Wache. In Haft die Bühler, Mez, Hallwachs, in Haft die Lamprechts, Knab,
ja selbst der Hofkanzler Scheffer.
Knirschend schaute Remchingen zu. Ausdrückliche Ordre der Herzogin
verbot ihm, einzuschreiten. Aber sollen sie sich nur ans Militär wagen!
Page 373
Einen einzigen von seinen Offizieren sollen sie anlangen mit ihren stinkigen
Pöbelfingern! Dann ist er nicht mehr zu halten, dann haut er drein! Doch in
weitem Bogen gingen die Beauftragten der Landschaft um die Militärs
herum.
Von Einem, merkwürdigerweise, sprach man in Stuttgart nicht oder nur
leise, ihn streifend, den Namen nicht nennend. Und doch war der Eine der
letzte Untergrund all ihrer Gedanken, heimliche Hoffnung der Herzogin und
der Militärs, heimliche Furcht des Parlaments und der Bürger. Was tat Süß?
Wo setzte er an? Wird er angreifen? Oder wie, der Aalglatte,
Teufelsgewandte, sich verteidigen? Er war in Ludwigsburg, man hatte
keinen Buchstab Nachricht von ihm, keine Depesche, nichts. Der erste
Schimmer des Tages graute herauf, ein warmer, regnichter Märzmorgen.
Man war todmüde und zerschlagen nach der wirren Nacht mit ihrem Auf
und Ab, streckte sich aufs Lager. Und noch immer keine Depesche von dem
Juden. Es war hinterhältig, rücksichtslos, gemein. In die ersten Träume
hinein glitt den verbissen Wütenden um die Herzogin, den triumphierenden
Parlamentariern, den Gestürzten, Verhafteten dumpf Furcht und Hoffnung:
Was tat Süß?
In Ludwigsburg diktierte der Doktor Wendelin Breyer den ärztlichen
Befund. Zusammen mit den Kollegen Georg Burkhard Seeger und Ludwig
Friedrich Bilfinger und in Gegenwart des Regierungspräsidenten von
Beulwiz und des Hofmarschalls von Schenk-Kastell hatte er die
Leichenöffnung vorgenommen. Alle drei hatten die Leibärzte, während sie
an der Leiche herumschnitten, die gleichen Gedanken: Ei du! Jetzt liegst du
fein still, stößt nicht mit dem Fuß, schmeißt mir keine Medizinflasche an
den Kopf. Aber ihre Mienen blieben ernsthaft und voll gravitätischer
Trauer, wie es Wissenschaftlern ziemt. Und jetzt diktierte der Doktor
Wendelin Breyer mit seiner hohlen Stimme und mit großen, flatterigen
Bewegungen das umständliche und gewissenhafte Judicium medico-
chirurgicum, den Befund des Kollegiums. „Aus diesem Viso reperto“,
diktierte er, „erhellet genugsam, daß Seine Hochfürstliche Durchlaucht
nicht an einem Schlagfluß, nicht an einer Inflammation oder Gangraena,
nicht an einem Blutsturz, auch nicht an einem Polypo etc., sondern an
einem Steckfluß verschieden und in dem Blut recht ersticket ist. Zu dieser
Pöbelfingern! Dann ist er nicht mehr zu halten, dann haut er drein! Doch in
weitem Bogen gingen die Beauftragten der Landschaft um die Militärs
herum.
Von Einem, merkwürdigerweise, sprach man in Stuttgart nicht oder nur
leise, ihn streifend, den Namen nicht nennend. Und doch war der Eine der
letzte Untergrund all ihrer Gedanken, heimliche Hoffnung der Herzogin und
der Militärs, heimliche Furcht des Parlaments und der Bürger. Was tat Süß?
Wo setzte er an? Wird er angreifen? Oder wie, der Aalglatte,
Teufelsgewandte, sich verteidigen? Er war in Ludwigsburg, man hatte
keinen Buchstab Nachricht von ihm, keine Depesche, nichts. Der erste
Schimmer des Tages graute herauf, ein warmer, regnichter Märzmorgen.
Man war todmüde und zerschlagen nach der wirren Nacht mit ihrem Auf
und Ab, streckte sich aufs Lager. Und noch immer keine Depesche von dem
Juden. Es war hinterhältig, rücksichtslos, gemein. In die ersten Träume
hinein glitt den verbissen Wütenden um die Herzogin, den triumphierenden
Parlamentariern, den Gestürzten, Verhafteten dumpf Furcht und Hoffnung:
Was tat Süß?
In Ludwigsburg diktierte der Doktor Wendelin Breyer den ärztlichen
Befund. Zusammen mit den Kollegen Georg Burkhard Seeger und Ludwig
Friedrich Bilfinger und in Gegenwart des Regierungspräsidenten von
Beulwiz und des Hofmarschalls von Schenk-Kastell hatte er die
Leichenöffnung vorgenommen. Alle drei hatten die Leibärzte, während sie
an der Leiche herumschnitten, die gleichen Gedanken: Ei du! Jetzt liegst du
fein still, stößt nicht mit dem Fuß, schmeißt mir keine Medizinflasche an
den Kopf. Aber ihre Mienen blieben ernsthaft und voll gravitätischer
Trauer, wie es Wissenschaftlern ziemt. Und jetzt diktierte der Doktor
Wendelin Breyer mit seiner hohlen Stimme und mit großen, flatterigen
Bewegungen das umständliche und gewissenhafte Judicium medico-
chirurgicum, den Befund des Kollegiums. „Aus diesem Viso reperto“,
diktierte er, „erhellet genugsam, daß Seine Hochfürstliche Durchlaucht
nicht an einem Schlagfluß, nicht an einer Inflammation oder Gangraena,
nicht an einem Blutsturz, auch nicht an einem Polypo etc., sondern an
einem Steckfluß verschieden und in dem Blut recht ersticket ist. Zu dieser
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so schnellen Veränderung hat ohne allen Zweifel Gelegenheit gegeben eines
Teils der ehemals öfters rekurierte, letzthin aber allzu heftig ausgebrochene
Spasmus diaphragmatis etc. und der große, das Zwerchfell über sich
pressende, mit vielen Blähungen angefüllte Magen, andern Teils aber die ad
stagnationem sanguinis plenariam, ob atoniam et debilitatem connatam
(allermaßen die betrübte Erfahrung nur allzu deutlich zeigt, daß die meisten
Durchlauchtigen Fürsten vom Haus Württemberg an Brustzuständen
dahingehen) ohnehin disponierte Pulmones.“
In Stuttgart wurde unterdes, schon am Tag nach dem Tode Karl
Alexanders, sein Testament eröffnet. Das Testament setzte in seiner
ursprünglichen Fassung die Herzogin zusammen mit dem Herzog Karl
Rudolf von Neuenstadt als Vormünder ein. Ein späteres, von den
Geheimräten Fichtel und Raab veranlaßtes Kodizill bestimmte indes den
Erzbischof von Würzburg als Mitvormund, ein zweiter, von Karl Alexander
erst kurz vor seinem Tod unterschriebener Zusatz stattete den Bischof mit
besonderer Machtvollkommenheit aus.
Sogleich fuhr eine Deputation des Elfer-Ausschusses nach dem stillen
Neuenstadt zu Herzog Karl Rudolf, ihn um sofortige Uebernahme der
Regentschaft untertänigst zu bitten. Karl Rudolf war ein karger,
hochbetagter Herr. Er hatte in Tübingen studiert, in jungen Jahren schon die
Welt von allen Seiten berochen, war in der Schweiz, in Frankreich,
England, in den Niederlanden gewesen. Er hatte dann venezianische
Dienste genommen, in Morea gefochten, sich bei der Belagerung von
Negroponte groß ausgezeichnet. Hatte als Freiwilliger in Irland gekämpft,
im spanischen Erbfolgekrieg die zwölftausend dänischen Söldner geführt,
den blutigen Sieg bei Ramillies hatte er entschieden. Prinz Eugen und
Marlborough schätzten ihn hoch, sein Name glänzte unter den Heerführern
Europas. Plötzlich dann, als durch den Tod seines Bruders ihm die
Württembergisch-Neuenstädtischen Apanage-Güter zufielen, legte der
Fünfzigjährige alle Kriegsstellen nieder, zog sich in die kleine Stadt zurück,
lebte als Bauer, als strenger, gewissenhafter Hausvater seines kleinen
Volkes.
Er hatte keinen Verkehr mit Karl Alexander gehabt. Der prächtige Fürst
mit seinem üppigen Hof, seinem frechen, gaunerischen Juden war ihm tief
zuwider. Er war ein strenger, karger Herr und nun über siebzig. Er liebte
seine kleine, versponnene, umblühte Stadt; sprach man von Marie Auguste,
der Ketzerin, der frivolen Liebhaberin von Putz und Komödianten, verzog
Teils der ehemals öfters rekurierte, letzthin aber allzu heftig ausgebrochene
Spasmus diaphragmatis etc. und der große, das Zwerchfell über sich
pressende, mit vielen Blähungen angefüllte Magen, andern Teils aber die ad
stagnationem sanguinis plenariam, ob atoniam et debilitatem connatam
(allermaßen die betrübte Erfahrung nur allzu deutlich zeigt, daß die meisten
Durchlauchtigen Fürsten vom Haus Württemberg an Brustzuständen
dahingehen) ohnehin disponierte Pulmones.“
In Stuttgart wurde unterdes, schon am Tag nach dem Tode Karl
Alexanders, sein Testament eröffnet. Das Testament setzte in seiner
ursprünglichen Fassung die Herzogin zusammen mit dem Herzog Karl
Rudolf von Neuenstadt als Vormünder ein. Ein späteres, von den
Geheimräten Fichtel und Raab veranlaßtes Kodizill bestimmte indes den
Erzbischof von Würzburg als Mitvormund, ein zweiter, von Karl Alexander
erst kurz vor seinem Tod unterschriebener Zusatz stattete den Bischof mit
besonderer Machtvollkommenheit aus.
Sogleich fuhr eine Deputation des Elfer-Ausschusses nach dem stillen
Neuenstadt zu Herzog Karl Rudolf, ihn um sofortige Uebernahme der
Regentschaft untertänigst zu bitten. Karl Rudolf war ein karger,
hochbetagter Herr. Er hatte in Tübingen studiert, in jungen Jahren schon die
Welt von allen Seiten berochen, war in der Schweiz, in Frankreich,
England, in den Niederlanden gewesen. Er hatte dann venezianische
Dienste genommen, in Morea gefochten, sich bei der Belagerung von
Negroponte groß ausgezeichnet. Hatte als Freiwilliger in Irland gekämpft,
im spanischen Erbfolgekrieg die zwölftausend dänischen Söldner geführt,
den blutigen Sieg bei Ramillies hatte er entschieden. Prinz Eugen und
Marlborough schätzten ihn hoch, sein Name glänzte unter den Heerführern
Europas. Plötzlich dann, als durch den Tod seines Bruders ihm die
Württembergisch-Neuenstädtischen Apanage-Güter zufielen, legte der
Fünfzigjährige alle Kriegsstellen nieder, zog sich in die kleine Stadt zurück,
lebte als Bauer, als strenger, gewissenhafter Hausvater seines kleinen
Volkes.
Er hatte keinen Verkehr mit Karl Alexander gehabt. Der prächtige Fürst
mit seinem üppigen Hof, seinem frechen, gaunerischen Juden war ihm tief
zuwider. Er war ein strenger, karger Herr und nun über siebzig. Er liebte
seine kleine, versponnene, umblühte Stadt; sprach man von Marie Auguste,
der Ketzerin, der frivolen Liebhaberin von Putz und Komödianten, verzog
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er sauer und angeekelt die harten Lippen. Er war klein, dürr, etwas schief,
sein Wort von militärischer Kürze, seine Kleidung und sein Hofhalt streng
geregelt, sauber, schäbig. Er sagte: Pflicht! Er sagte: Gerechtigkeit! Er
sagte: Autorität! Er war trotz seines Alters ein starker Arbeiter.
Er hörte die Stuttgarter Herren schweigend an, ließ sie ihre
umständlichen Sätze zu Ende reden und wiederholen und schwieg noch
immer. Er war sehr betagt, er wäre gern seine wenigen Jahre noch in seiner
kleinen, umblühten Stadt geblieben, hätte, ein alter Bauer, seine Felder
inspiziert und seine Weinberge und die einzelnen seiner Untertanen
beaufsichtigt, wie sie ihre Kinder hielten und ihr Vieh. Nun legte Gott ihm
alten Mann diese harte Arbeit auf, das verlotterte Land zu säubern und
auszumisten, sich vor seinem Sterben noch mit Kaiser und Reich
herumzuschlagen, sich mit dem fetten, schlauen Jesuiten von Würzburg
abzuärgern. Gott kommandierte; er war Soldat und kannte Subordination,
hielt Disziplin, fügte sich. Er sagte den Stuttgartern, er nehme die
Verweserschaft an, doch unter dem Beding, daß kein zweiter Vormund
neben ihm sei, die Herzogin nicht, die Katholikin, die Regensburgerin, und
gar erst nicht der Jesuit, der Würzburger. Er sagte, er werde schon andern
Tags in die Residenz kommen.
Sehr vergnügt fuhren die Stuttgarter zurück. Das war der Mann, den sie
brauchten. Der wird mit dem Remchingen fertig werden und auch mit dem
Juden, von dem man, seltsamerweise, noch immer nichts hörte.
Remchingen schlug sogleich wild um sich. Er haßte den dürren
Neuenstadter von je, hatte sich öfters lustig gemacht über den Filz und
Kleinkrämer. Jetzt stützte er sich auf das Kodizill des Testaments, auf die
Vollmachten des Fürstbischofs von Würzburg, auf die Truppen, die ihm
ergeben waren. Er verweigerte dem Herzog-Verweser die Handtreue, nahm
von ihm keine Parole an, verbot beides auch seinen Untergebenen,
vereidigte sie auf Karl Alexanders Testament. Verstärkte ohne Wissen und
gegen den Willen des Herzog-Verwesers die Stuttgarter Garnison, gab den
Kommandanten der Festungen und der Garnisonen im Land Weisung, keine
Ordres anzunehmen als unmittelbar von ihm oder der Herzogin. Um die
Armee gegen Karl Rudolf aufzureizen, sprengte er aus, der neue Herr gehe
mit dem Parlament auf eine Verringerung des Heeres aus, große
Entlassungen stünden bevor.
Unter solchen Umständen zog Karl Rudolf still und karg in Stuttgart ein,
bezog Wohnung in einem Nebenflügel des Schlosses, wollte der Herzogin-
sein Wort von militärischer Kürze, seine Kleidung und sein Hofhalt streng
geregelt, sauber, schäbig. Er sagte: Pflicht! Er sagte: Gerechtigkeit! Er
sagte: Autorität! Er war trotz seines Alters ein starker Arbeiter.
Er hörte die Stuttgarter Herren schweigend an, ließ sie ihre
umständlichen Sätze zu Ende reden und wiederholen und schwieg noch
immer. Er war sehr betagt, er wäre gern seine wenigen Jahre noch in seiner
kleinen, umblühten Stadt geblieben, hätte, ein alter Bauer, seine Felder
inspiziert und seine Weinberge und die einzelnen seiner Untertanen
beaufsichtigt, wie sie ihre Kinder hielten und ihr Vieh. Nun legte Gott ihm
alten Mann diese harte Arbeit auf, das verlotterte Land zu säubern und
auszumisten, sich vor seinem Sterben noch mit Kaiser und Reich
herumzuschlagen, sich mit dem fetten, schlauen Jesuiten von Würzburg
abzuärgern. Gott kommandierte; er war Soldat und kannte Subordination,
hielt Disziplin, fügte sich. Er sagte den Stuttgartern, er nehme die
Verweserschaft an, doch unter dem Beding, daß kein zweiter Vormund
neben ihm sei, die Herzogin nicht, die Katholikin, die Regensburgerin, und
gar erst nicht der Jesuit, der Würzburger. Er sagte, er werde schon andern
Tags in die Residenz kommen.
Sehr vergnügt fuhren die Stuttgarter zurück. Das war der Mann, den sie
brauchten. Der wird mit dem Remchingen fertig werden und auch mit dem
Juden, von dem man, seltsamerweise, noch immer nichts hörte.
Remchingen schlug sogleich wild um sich. Er haßte den dürren
Neuenstadter von je, hatte sich öfters lustig gemacht über den Filz und
Kleinkrämer. Jetzt stützte er sich auf das Kodizill des Testaments, auf die
Vollmachten des Fürstbischofs von Würzburg, auf die Truppen, die ihm
ergeben waren. Er verweigerte dem Herzog-Verweser die Handtreue, nahm
von ihm keine Parole an, verbot beides auch seinen Untergebenen,
vereidigte sie auf Karl Alexanders Testament. Verstärkte ohne Wissen und
gegen den Willen des Herzog-Verwesers die Stuttgarter Garnison, gab den
Kommandanten der Festungen und der Garnisonen im Land Weisung, keine
Ordres anzunehmen als unmittelbar von ihm oder der Herzogin. Um die
Armee gegen Karl Rudolf aufzureizen, sprengte er aus, der neue Herr gehe
mit dem Parlament auf eine Verringerung des Heeres aus, große
Entlassungen stünden bevor.
Unter solchen Umständen zog Karl Rudolf still und karg in Stuttgart ein,
bezog Wohnung in einem Nebenflügel des Schlosses, wollte der Herzogin-
Page 376
Witwe seine Aufwartung machen, die nahm ihn nicht an. Er kümmerte sich
nicht darum, saß, der Einundsiebzigjährige, andern Morgens schon um
sechs Uhr, wie er es gewohnt war, bei der Arbeit. Er mistete, zunächst in der
Hauptstadt, rücksichtslos aus, alle unzuverlässigen Beamten wurden
entlassen, ihre Papiere beschlagnahmt, viele verhaftet. Die Mehrzahl der
Führer der katholischen Partei war bereits geflohen.
Im Volk verhöhnte man laut und allenthalben den toten Herzog, der noch
nicht unter der Erde lag, die Herzogin-Witwe, die grollend und zappelig und
machtlos in ihren Zimmern saß. Der Herzog-Verweser ließe strenge Ordres
ausgehen, die solche Aeußerungen verboten. Er sagte: Pflicht! Er sagte:
Gerechtigkeit! Er sagte: Autorität!
Mit anderen wurde auch der Konditor Benz, der das poetische
Transparent mit dem Herzog und dem Teufel fabriziert hatte, infolge
solcher Ordres drei Tage auf die Bürgerwache gesetzt. Hierbei holte sich
der schweinsäugige Mann eine starke Influenza. Wieder in seinem Haus
mußte er sich ins Bett legen, er trank allerlei Tee, bald wußte man, er wird
nicht mehr aufkommen. An seinem Lager standen seine Freunde aus dem
Blauen Bock. Er feixte schief: „Unterm vorletzten Herzog regierte eine Hur,
unterm letzten ein Jud, unterm jetzigen ein Narr.“ Er tobte gräßlich, als er
starb, spie scheusälige, kotige Flüche vor sich. Im Blauen Bock sagten sie,
der Ketzerherzog und sein Jud seien jetzt auch am Tod dieses guten Bürgers
schuld.
Marie Auguste arbeitete mit Remchingen wild und fahrig gegen Karl
Rudolf und das Parlament. Es schmeichelte ihr, sich als große Frau
bewundern zu lassen. Die erste Dame Deutschlands war sie lange genug
gewesen, jetzt reizte es sie, ein weibliches Gegenspiel zu dem jungen
Preußenkönig zu werden, der eben den Thron bestieg. Ei, sie wird der
katholische Widerpart dieses großen Protestanten sein. Hatte sie nicht den
Kaiser, Kurbayern, ihren Vater, ja selbst Frankreich für sich? Sie sollte, die
kluge, mondäne Frau, es nicht aufnehmen können mit diesem alten Kracher
und Bauern und versauerten Trottel und Tappergreis, dem frechen
Usurpator Karl Rudolf? Zusammen mit Remchingen, ihrem Kapuzinerpater
Florian und ihrem Bibliothekar Hophan, den sie für einen großen Politikus
ästimierte, spann sie unzählige, kleine, kindische Intrigen, schmollend,
wenn etwas nicht sogleich gelang. Tausend Depeschen liefen, nach Wien,
nach Würzburg, nach Brüssel zu ihrem Vater. Als trauernde Witwe zeigte
sie sich dem Hof und dem Land, sehr ziervoll der kleine, langäugige, blasse
nicht darum, saß, der Einundsiebzigjährige, andern Morgens schon um
sechs Uhr, wie er es gewohnt war, bei der Arbeit. Er mistete, zunächst in der
Hauptstadt, rücksichtslos aus, alle unzuverlässigen Beamten wurden
entlassen, ihre Papiere beschlagnahmt, viele verhaftet. Die Mehrzahl der
Führer der katholischen Partei war bereits geflohen.
Im Volk verhöhnte man laut und allenthalben den toten Herzog, der noch
nicht unter der Erde lag, die Herzogin-Witwe, die grollend und zappelig und
machtlos in ihren Zimmern saß. Der Herzog-Verweser ließe strenge Ordres
ausgehen, die solche Aeußerungen verboten. Er sagte: Pflicht! Er sagte:
Gerechtigkeit! Er sagte: Autorität!
Mit anderen wurde auch der Konditor Benz, der das poetische
Transparent mit dem Herzog und dem Teufel fabriziert hatte, infolge
solcher Ordres drei Tage auf die Bürgerwache gesetzt. Hierbei holte sich
der schweinsäugige Mann eine starke Influenza. Wieder in seinem Haus
mußte er sich ins Bett legen, er trank allerlei Tee, bald wußte man, er wird
nicht mehr aufkommen. An seinem Lager standen seine Freunde aus dem
Blauen Bock. Er feixte schief: „Unterm vorletzten Herzog regierte eine Hur,
unterm letzten ein Jud, unterm jetzigen ein Narr.“ Er tobte gräßlich, als er
starb, spie scheusälige, kotige Flüche vor sich. Im Blauen Bock sagten sie,
der Ketzerherzog und sein Jud seien jetzt auch am Tod dieses guten Bürgers
schuld.
Marie Auguste arbeitete mit Remchingen wild und fahrig gegen Karl
Rudolf und das Parlament. Es schmeichelte ihr, sich als große Frau
bewundern zu lassen. Die erste Dame Deutschlands war sie lange genug
gewesen, jetzt reizte es sie, ein weibliches Gegenspiel zu dem jungen
Preußenkönig zu werden, der eben den Thron bestieg. Ei, sie wird der
katholische Widerpart dieses großen Protestanten sein. Hatte sie nicht den
Kaiser, Kurbayern, ihren Vater, ja selbst Frankreich für sich? Sie sollte, die
kluge, mondäne Frau, es nicht aufnehmen können mit diesem alten Kracher
und Bauern und versauerten Trottel und Tappergreis, dem frechen
Usurpator Karl Rudolf? Zusammen mit Remchingen, ihrem Kapuzinerpater
Florian und ihrem Bibliothekar Hophan, den sie für einen großen Politikus
ästimierte, spann sie unzählige, kleine, kindische Intrigen, schmollend,
wenn etwas nicht sogleich gelang. Tausend Depeschen liefen, nach Wien,
nach Würzburg, nach Brüssel zu ihrem Vater. Als trauernde Witwe zeigte
sie sich dem Hof und dem Land, sehr ziervoll der kleine, langäugige, blasse
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Kopf in dem schwarzen Pomp. Ihr Söhnchen, den Herzog, ließ sie aus
Brüssel kommen, wies die fürstliche Waise, das Kind mit den strahlend
großen Augen, dem gerührten Volk.
Aber Karl Rudolf, der alte Soldat, ließ sich nicht irremachen. Er
veröffentlichte eine Erklärung, er denke nicht daran, die Armee zu
verringern, veranlaßte auch das Parlament zu einer ähnlichen Kundgebung.
Tags darauf stellte er die Truppen unter den Oberbefehl des Generals von
Gaisberg, diktierte dem schäumenden Remchingen Hausarrest, stellte
Wachen vor seine Tür. Dies war kühn, es konnte Blutvergießen, Krieg,
bewaffneten Widerstand von innen und von außen zur Folge haben, alles
verderben oder alles retten. Es verdarb nichts. Die Truppen und mit ihnen
das Land fügten sich, huldigten dem Herzog-Administrator.
Der Kaiser zögerte mit der Bestätigung dieser gewaltsamen Regelung.
Die Jesuiten der Herzogin drängten darauf, daß der Wiener Hof Karl
Alexanders letztes Testament für rechtsgültig erkläre, den Fürstbischof und
die Herzogin als Vormünder sanktioniere. Der Fürstbischof selber
reklamierte, protestierte in eigenhändigen Briefen an den Kaiser, ließ durch
seinen Hofrat und Professor Ikstatt eine ausgezeichnete Deduktion
verfassen, die „Württembergische Grundfeste“, in der mit scharfsichtigen
Argumenten die Legitimität des letzten, angestrittenen Testaments erwiesen
wurde. Man bewunderte allgemein, selbst unter den Gegnern, die Subtilität
dieser Beweisführung. Aber praktische Folgen hatte sie nicht. Karl Rudolf
saß, nach der Ausschaltung Remchingens, fest im Besitz der Macht, war
ohne Krieg, den niemand wollte, nicht zu beseitigen. Die Proteste,
Reklamationen blieben platonisch.
Der kluge Würzburger hatte anderes wohl auch nicht erwartet. Er ließ
seine Maschinerie ohne inneren Schwung arbeiten, nur um das Gesicht zu
wahren. Er hörte den Vortrag seines höllisch schlauen, unscheinbaren Rates
Fichtel. Er pflichtete ihm durchaus bei. Hier war für jetzt mit Gewalt gar
nichts auszurichten. Die Kirche hatte Zeit, die Kirche arbeitete auf lange
Sicht. Es galt, nun auf den jungen Herzog zu rechnen, ihn fest im
katholischen Glauben zu erziehen; er freilich, der Bischof, wird diese
Frucht nicht mehr reifen sehen. Im übrigen, armer Karl Alexander! Guter,
fester, angenehmer Freund! Requiescas in pace. Er wird selber Messen für
ihn lesen. Was im Augenblick zu tun blieb, war nur, auf gute Manier aus der
württembergischen Affäre herauszukommen, unkompromittiert.
Brüssel kommen, wies die fürstliche Waise, das Kind mit den strahlend
großen Augen, dem gerührten Volk.
Aber Karl Rudolf, der alte Soldat, ließ sich nicht irremachen. Er
veröffentlichte eine Erklärung, er denke nicht daran, die Armee zu
verringern, veranlaßte auch das Parlament zu einer ähnlichen Kundgebung.
Tags darauf stellte er die Truppen unter den Oberbefehl des Generals von
Gaisberg, diktierte dem schäumenden Remchingen Hausarrest, stellte
Wachen vor seine Tür. Dies war kühn, es konnte Blutvergießen, Krieg,
bewaffneten Widerstand von innen und von außen zur Folge haben, alles
verderben oder alles retten. Es verdarb nichts. Die Truppen und mit ihnen
das Land fügten sich, huldigten dem Herzog-Administrator.
Der Kaiser zögerte mit der Bestätigung dieser gewaltsamen Regelung.
Die Jesuiten der Herzogin drängten darauf, daß der Wiener Hof Karl
Alexanders letztes Testament für rechtsgültig erkläre, den Fürstbischof und
die Herzogin als Vormünder sanktioniere. Der Fürstbischof selber
reklamierte, protestierte in eigenhändigen Briefen an den Kaiser, ließ durch
seinen Hofrat und Professor Ikstatt eine ausgezeichnete Deduktion
verfassen, die „Württembergische Grundfeste“, in der mit scharfsichtigen
Argumenten die Legitimität des letzten, angestrittenen Testaments erwiesen
wurde. Man bewunderte allgemein, selbst unter den Gegnern, die Subtilität
dieser Beweisführung. Aber praktische Folgen hatte sie nicht. Karl Rudolf
saß, nach der Ausschaltung Remchingens, fest im Besitz der Macht, war
ohne Krieg, den niemand wollte, nicht zu beseitigen. Die Proteste,
Reklamationen blieben platonisch.
Der kluge Würzburger hatte anderes wohl auch nicht erwartet. Er ließ
seine Maschinerie ohne inneren Schwung arbeiten, nur um das Gesicht zu
wahren. Er hörte den Vortrag seines höllisch schlauen, unscheinbaren Rates
Fichtel. Er pflichtete ihm durchaus bei. Hier war für jetzt mit Gewalt gar
nichts auszurichten. Die Kirche hatte Zeit, die Kirche arbeitete auf lange
Sicht. Es galt, nun auf den jungen Herzog zu rechnen, ihn fest im
katholischen Glauben zu erziehen; er freilich, der Bischof, wird diese
Frucht nicht mehr reifen sehen. Im übrigen, armer Karl Alexander! Guter,
fester, angenehmer Freund! Requiescas in pace. Er wird selber Messen für
ihn lesen. Was im Augenblick zu tun blieb, war nur, auf gute Manier aus der
württembergischen Affäre herauszukommen, unkompromittiert.
Page 378
Mit größter Umsicht wurde alles, was Würzburg und die Katholischen
bloßstellen konnte, aus Stuttgart vertuscht und wegpraktiziert. Einige
Dokumente, die am meisten belastenden, lagen bei Remchingen in
Verwahrung. Nachdem der General unerwartet in seiner Wohnung verhaftet
war, glitt, nach mißglückten Bestechungsversuchen an den Wachtposten,
ein Kaminfegerjunge über die Dächer der an Remchingens Wohnung
anstoßenden Häuser durch den Schornstein in das Zimmer, wo jene Akten
lagen, überbrachte sie glücklich den Patres der Herzogin, die Dokumente
verschwanden nach Würzburg.
Unterdes hatte der alte Regent die Armee durch seine soldatische Art
ganz fest in die Hand bekommen, er verschärfte jetzt die Haft des Generals,
ließ ihn mit seinem Adjutanten, dem Hauptmann Gerhard, auf den Asperg
schaffen.
Diese Behandlung ihres lieben, wichtigsten Helfers riß Marie Auguste
aus ihrer stolzen Reserve gegen den Herzog-Vormünder. Sie bequemte sich,
Karl Rudolf um eine Unterredung zu ersuchen. Der alte Herr erschien ohne
Zeremonien, stand schäbig, schlottericht, dörfisch, schief vor der
geschmückten, mit allen Mitteln moderner Kosmetik hergerichteten,
lieblich duftenden Dame. Er war allein; sie hatte ihren Pater Florian bei
sich, den Beichtiger, und ihren Bibliothekar Franz Josef Hophan, den
Politikus, einen jungen, katzenhaft sanften, literarischen, modisch
gekleideten Menschen; er war nach dem Fall Remchingens neben dem
Kapuziner ihr vertrautester Berater. Karl Rudolf beäugte kalt und vorsichtig
das unsympathische dreiblättrige Unkraut, das leider Gottes den guten
Garten Württemberg so betrübt überwucherte. Marie Auguste ihrerseits
beschaute hochmütig und leicht amüsiert den schäbigen, dürftigen, kleinen
Soldaten, der sicherlich die raffinierte Manier ihres Trauerkleides nicht zu
würdigen wußte. Stumm hörte Karl Rudolf ihre vielen Beschwerden an.
Seine Stummheit reizte sie, sie wurde hastiger, zählte neben Bedeutsamem
lächerliche Kindereien auf, verhaspelte sich; ihre Beiständer mußten ihre
Reden wieder ins rechte Garn bringen. Verächtlich und angewidert hörte
Karl Rudolf zu, wie sie, gewöhnlich am falschen Ort, mit wichtigem
Gehabe juristische Fachworte gebrauchte. Die heiligen Begriffe
Reversalien, bürgerliche Freiheiten, schienen ihm profaniert in diesem
kleinen, törichten, dirnenhaften Mund. Er antwortete kurz, behutsam, grob,
griff geschickt auf, was sie Unsinniges gesagt hatte, die Einwände und
Korrekturen des Kapuziners und des feinen Bibliothekars überhörte er hart
bloßstellen konnte, aus Stuttgart vertuscht und wegpraktiziert. Einige
Dokumente, die am meisten belastenden, lagen bei Remchingen in
Verwahrung. Nachdem der General unerwartet in seiner Wohnung verhaftet
war, glitt, nach mißglückten Bestechungsversuchen an den Wachtposten,
ein Kaminfegerjunge über die Dächer der an Remchingens Wohnung
anstoßenden Häuser durch den Schornstein in das Zimmer, wo jene Akten
lagen, überbrachte sie glücklich den Patres der Herzogin, die Dokumente
verschwanden nach Würzburg.
Unterdes hatte der alte Regent die Armee durch seine soldatische Art
ganz fest in die Hand bekommen, er verschärfte jetzt die Haft des Generals,
ließ ihn mit seinem Adjutanten, dem Hauptmann Gerhard, auf den Asperg
schaffen.
Diese Behandlung ihres lieben, wichtigsten Helfers riß Marie Auguste
aus ihrer stolzen Reserve gegen den Herzog-Vormünder. Sie bequemte sich,
Karl Rudolf um eine Unterredung zu ersuchen. Der alte Herr erschien ohne
Zeremonien, stand schäbig, schlottericht, dörfisch, schief vor der
geschmückten, mit allen Mitteln moderner Kosmetik hergerichteten,
lieblich duftenden Dame. Er war allein; sie hatte ihren Pater Florian bei
sich, den Beichtiger, und ihren Bibliothekar Franz Josef Hophan, den
Politikus, einen jungen, katzenhaft sanften, literarischen, modisch
gekleideten Menschen; er war nach dem Fall Remchingens neben dem
Kapuziner ihr vertrautester Berater. Karl Rudolf beäugte kalt und vorsichtig
das unsympathische dreiblättrige Unkraut, das leider Gottes den guten
Garten Württemberg so betrübt überwucherte. Marie Auguste ihrerseits
beschaute hochmütig und leicht amüsiert den schäbigen, dürftigen, kleinen
Soldaten, der sicherlich die raffinierte Manier ihres Trauerkleides nicht zu
würdigen wußte. Stumm hörte Karl Rudolf ihre vielen Beschwerden an.
Seine Stummheit reizte sie, sie wurde hastiger, zählte neben Bedeutsamem
lächerliche Kindereien auf, verhaspelte sich; ihre Beiständer mußten ihre
Reden wieder ins rechte Garn bringen. Verächtlich und angewidert hörte
Karl Rudolf zu, wie sie, gewöhnlich am falschen Ort, mit wichtigem
Gehabe juristische Fachworte gebrauchte. Die heiligen Begriffe
Reversalien, bürgerliche Freiheiten, schienen ihm profaniert in diesem
kleinen, törichten, dirnenhaften Mund. Er antwortete kurz, behutsam, grob,
griff geschickt auf, was sie Unsinniges gesagt hatte, die Einwände und
Korrekturen des Kapuziners und des feinen Bibliothekars überhörte er hart
Page 379
und verächtlich; er hatte, der Fürst, nur mit der Fürstin zu tun. Er schalt
Marie Auguste, sie sei übel beraten und es stehe ihrer Dignité nicht an,
Remchingen, den schlechten, landesverräterischen Mann, zu verteidigen. In
allen kleinen Etikettefragen, die sie groß und wichtig vorgebracht hatte,
versprach er ungesäumte Abhilfe, um so fester bestand er auf allem
politisch wirklich Wichtigen. Der Kapuziner und der Bibliothekar rangen
die Hände, wie die Herzogin triumphierend diese kleinen Konzessionen
einstrich, um dem schlauen, groben Usurpator dafür alles Wesentliche
preiszugeben. Man kam schließlich noch auf die finanziellen Dinge zu
sprechen. Davon verstand nun Marie Auguste gar nichts; sie stammte aus
einem der reichsten europäischen Häuser, warf mit Herrschaften um sich
wie andere mit Pfennigen, fand es plebejisch, von Gelddingen auch bloß zu
reden. Karl Rudolf seinesteils gab sich zwar ungeheuer rechenhaft, wenn es
um die Interessen des Landes ging; für sich selbst aber war er durchaus
bedürfnislos, er war ein alter Herr, Kinder hatte er nicht, so war es gewiß,
daß er sehr reichlich hinauslangen wird. Es fiel beiden nicht schwer, sich
nobel zu zeigen, sie verständigten sich auf diesem Gebiet ohne Mühe,
schieden in leidlichem Einvernehmen. Der Herzog war erstaunt und
befriedigt zu der Ueberzeugung gekommen, Marie Auguste sei gar keine
große Babel, sondern eine Gans, und die Herzogin hatte erstaunt und
befriedigt wahrgenommen, Karl Rudolf war eigentlich gar kein
stiernackiger, bäurisch zäher Usurpator, sondern schlechthin ein Esel. Auf
Grund solcher Erkenntnis trennten sich die beiden fast mit einem gewissen
überlegenen und verächtlichen Wohlwollen.
Es kam natürlich auch späterhin noch zu zahlreichen kleinen Streitereien.
Doch der Herzog-Administrator war durch diese einzige Entrevue sich
hinreichend klar geworden über die einzuschlagende Politik. Wollte er von
Marie Auguste ein ernstliches Zugeständnis in Verwaltungsfragen erreichen,
so kränkte er sie in Dingen der Etikette. Stritt ihr etwa einen Titel ab,
schickte ihr einen Subalternoffizier statt des bisherigen Stabsoffiziers als
Wache, schikanierte ihren Liebling, den feinen, modischen Bibliothekar.
Reklamierte sie, so verlangte er mit Erfolg als Kompensation für die
Abstellung solcher Mißlichkeit Konzessionen in politischen Fragen.
Zu einem ernsthaften Streit kam es anläßlich der Vorbereitungen zu Karl
Alexanders Leichenbegängnis. Marie Auguste freute sich durch zwei
Monate darauf, bei diesem Anlaß als die schönste und mondänste Witwe
des Reichs, als die vielumstrittene große Fürstin, auf die Rom und die ganze
Marie Auguste, sie sei übel beraten und es stehe ihrer Dignité nicht an,
Remchingen, den schlechten, landesverräterischen Mann, zu verteidigen. In
allen kleinen Etikettefragen, die sie groß und wichtig vorgebracht hatte,
versprach er ungesäumte Abhilfe, um so fester bestand er auf allem
politisch wirklich Wichtigen. Der Kapuziner und der Bibliothekar rangen
die Hände, wie die Herzogin triumphierend diese kleinen Konzessionen
einstrich, um dem schlauen, groben Usurpator dafür alles Wesentliche
preiszugeben. Man kam schließlich noch auf die finanziellen Dinge zu
sprechen. Davon verstand nun Marie Auguste gar nichts; sie stammte aus
einem der reichsten europäischen Häuser, warf mit Herrschaften um sich
wie andere mit Pfennigen, fand es plebejisch, von Gelddingen auch bloß zu
reden. Karl Rudolf seinesteils gab sich zwar ungeheuer rechenhaft, wenn es
um die Interessen des Landes ging; für sich selbst aber war er durchaus
bedürfnislos, er war ein alter Herr, Kinder hatte er nicht, so war es gewiß,
daß er sehr reichlich hinauslangen wird. Es fiel beiden nicht schwer, sich
nobel zu zeigen, sie verständigten sich auf diesem Gebiet ohne Mühe,
schieden in leidlichem Einvernehmen. Der Herzog war erstaunt und
befriedigt zu der Ueberzeugung gekommen, Marie Auguste sei gar keine
große Babel, sondern eine Gans, und die Herzogin hatte erstaunt und
befriedigt wahrgenommen, Karl Rudolf war eigentlich gar kein
stiernackiger, bäurisch zäher Usurpator, sondern schlechthin ein Esel. Auf
Grund solcher Erkenntnis trennten sich die beiden fast mit einem gewissen
überlegenen und verächtlichen Wohlwollen.
Es kam natürlich auch späterhin noch zu zahlreichen kleinen Streitereien.
Doch der Herzog-Administrator war durch diese einzige Entrevue sich
hinreichend klar geworden über die einzuschlagende Politik. Wollte er von
Marie Auguste ein ernstliches Zugeständnis in Verwaltungsfragen erreichen,
so kränkte er sie in Dingen der Etikette. Stritt ihr etwa einen Titel ab,
schickte ihr einen Subalternoffizier statt des bisherigen Stabsoffiziers als
Wache, schikanierte ihren Liebling, den feinen, modischen Bibliothekar.
Reklamierte sie, so verlangte er mit Erfolg als Kompensation für die
Abstellung solcher Mißlichkeit Konzessionen in politischen Fragen.
Zu einem ernsthaften Streit kam es anläßlich der Vorbereitungen zu Karl
Alexanders Leichenbegängnis. Marie Auguste freute sich durch zwei
Monate darauf, bei diesem Anlaß als die schönste und mondänste Witwe
des Reichs, als die vielumstrittene große Fürstin, auf die Rom und die ganze
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katholische Welt ihre Hoffnung setzten, vor den Augen Europas zu
paradieren. Allein der Herzog-Administrator verbot als aufreizend die
Ausübung katholischer Riten bei der Bestattung; die katholischen Fürsten
und Herren drohten daraufhin der Feier fernzubleiben, Marie Auguste
ärgerte sich krank und alt vor Wut. Der Kaiser mußte durch persönliches
Handschreiben Karl Rudolf zur Nachgiebigkeit bringen. Die Trauerfeier
wurde dann auch mit ungeheurem Gepräng vollzogen. Die endlosen Reihen
der Trauerwagen, Kerzenträger, Gugelmänner, die schwarze Gala der
Fürsten und Herren, Beamten, Livree. Der stundenlange Aufmarsch der
Truppen. Die Glocken, Reden, Gesänge, Ehrensalven für den Toten. Und
viele tausend bewundernde, begehrliche, heiße Augen auf der
wunderschönen Herzogin-Witwe. Dünnstielig und geschmeidig über dem
weiten schwarzen Brokat des Rockes die Taille; unwahrscheinlich weiß und
edel Gelenk und Hände aus den schwarzen Spitzen der Aermel heraus; kein
Schmuck außer Stern und Kreuz des päpstlichen Ordens und eine Kette von
sechzehn erlesenen schwarzen Perlen. Der Witwenschleier so gesetzt, daß
sein Schwarz stumpf blieb vor dem strahlenden Schwarz des Haares. Der
kleine Eidechsenkopf, klarstirnig, von der Farbe alten edlen Marmors, äugte
bei aller fernen Hoheit ziervoll und begierdenweckend. So sonnte sich
Marie Auguste in Trauer und großem Glanz.
Es war übrigens ein leerer Prunksarg, für den die Glocken läuteten, die
Reden klangen, die Gesänge feierlich hochstiegen, die Salven der
Geschütze krachten. Der tote Karl Alexander war während des Streites
seiner Witwe mit dem Herzog-Vormünder trotz der Balsamierungskünste
seiner Aerzte so zerwest und stinkend geworden, daß man ihn lange vor der
offiziellen Trauerfeier in aller Stille in der neuen Gruft von Ludwigsburg
hatte beisetzen müssen.
Die Diplomaten und Militärs, die in Ludwigsburg vom Tod Karl Alexanders
überrascht worden waren, blieben zunächst sehr still und abwartend. In der
Person des verhafteten Süß hatten sie für alle Fälle einen Beweis ihrer
staatstreuen Gesinnung. Schon nach wenigen Tagen war auch den
Schwerfälligen klar, daß die Verfassungspartei selbstverständliche Siegerin
bleiben mußte, und daß an Militärrevolte und katholisches Projekt nicht
mehr zu denken war. Nur ganz wenige völlig Verbohrte unter Führung eines
paradieren. Allein der Herzog-Administrator verbot als aufreizend die
Ausübung katholischer Riten bei der Bestattung; die katholischen Fürsten
und Herren drohten daraufhin der Feier fernzubleiben, Marie Auguste
ärgerte sich krank und alt vor Wut. Der Kaiser mußte durch persönliches
Handschreiben Karl Rudolf zur Nachgiebigkeit bringen. Die Trauerfeier
wurde dann auch mit ungeheurem Gepräng vollzogen. Die endlosen Reihen
der Trauerwagen, Kerzenträger, Gugelmänner, die schwarze Gala der
Fürsten und Herren, Beamten, Livree. Der stundenlange Aufmarsch der
Truppen. Die Glocken, Reden, Gesänge, Ehrensalven für den Toten. Und
viele tausend bewundernde, begehrliche, heiße Augen auf der
wunderschönen Herzogin-Witwe. Dünnstielig und geschmeidig über dem
weiten schwarzen Brokat des Rockes die Taille; unwahrscheinlich weiß und
edel Gelenk und Hände aus den schwarzen Spitzen der Aermel heraus; kein
Schmuck außer Stern und Kreuz des päpstlichen Ordens und eine Kette von
sechzehn erlesenen schwarzen Perlen. Der Witwenschleier so gesetzt, daß
sein Schwarz stumpf blieb vor dem strahlenden Schwarz des Haares. Der
kleine Eidechsenkopf, klarstirnig, von der Farbe alten edlen Marmors, äugte
bei aller fernen Hoheit ziervoll und begierdenweckend. So sonnte sich
Marie Auguste in Trauer und großem Glanz.
Es war übrigens ein leerer Prunksarg, für den die Glocken läuteten, die
Reden klangen, die Gesänge feierlich hochstiegen, die Salven der
Geschütze krachten. Der tote Karl Alexander war während des Streites
seiner Witwe mit dem Herzog-Vormünder trotz der Balsamierungskünste
seiner Aerzte so zerwest und stinkend geworden, daß man ihn lange vor der
offiziellen Trauerfeier in aller Stille in der neuen Gruft von Ludwigsburg
hatte beisetzen müssen.
Die Diplomaten und Militärs, die in Ludwigsburg vom Tod Karl Alexanders
überrascht worden waren, blieben zunächst sehr still und abwartend. In der
Person des verhafteten Süß hatten sie für alle Fälle einen Beweis ihrer
staatstreuen Gesinnung. Schon nach wenigen Tagen war auch den
Schwerfälligen klar, daß die Verfassungspartei selbstverständliche Siegerin
bleiben mußte, und daß an Militärrevolte und katholisches Projekt nicht
mehr zu denken war. Nur ganz wenige völlig Verbohrte unter Führung eines
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Prinzen Waldeck lehnten es ab, sich auf den Boden der Tatsachen zu stellen.
Die anderen hatten nie an gewaltsamen Umsturz gedacht, alle ihre
Maßnahmen waren natürlich immer im Rahmen der Verfassung und unter
Voraussetzung parlamentarischer Billigung geplant gewesen. Es gab einen
einzigen Verbrecher und Gewaltmenschen, Urheber alles Schlechten, Hebel
allen Unheils, Ratgeber allen Uebels, der den guten Fürsten verleitet und
alle seine edlen Pläne ins Gegenteil verkehrt hatte, Landverderber und
Schelm und Schurken, einen einzigen, den Juden. Und wie rein und
staatstreu man sich selber fühlte, erhellte daraus, daß man sotanen Juden
nicht hatte entwischen lassen, daß man ihn sogleich gepackt hatte.
Nun war ja die Verhaftung des Süß eigentlich sehr einfach gewesen und
nicht gerade sehr glorios und dem Prestige der Herren förderlich. Man
mußte also die simple Manier, wie man in Ludwigsburg seiner habhaft
geworden, ein weniges ausstaffieren und nobler und romantischer machen.
Durch Stuttgart ließ man das Gerücht wispern, schon ward es lauter, war
Gewißheit, Süß habe sich gleich nach dem Tode des Herzogs aus
Ludwigsburg fortgestohlen, sich in die Hauptstadt in sein Haus geschlichen,
sich dort verborgen gehalten, schließlich unter Mitnahme von Preziosen und
belastenden Papieren ins Ausland zu fliehen versucht. Aber die braven
Offiziere, voran der wackere Major Röder, der Biedermann und gute
Protestant, den die ganze Stadt liebte und ehrte, hatten Aufenthalt und
Flucht des Kujonen gerade noch rechtzeitig ausgespäht. Man erzählte
genaue Einzelheiten. Süß habe sich durch die Weinberge geschlichen, sei
auf der hintern Kriegsbergstraße schon eine gute Strecke weit entkommen.
Da aber hatte der Major Röder seine besten Stadtreiter genommen – sogar
die Namen wußte man, Guckenberger, Trefts, Weis, Mann, Meier, – und so
zu sechsen seien sie ihm nachgebraust. Auf der Kornwestheimer Höhe
hätten sie den Flüchtling eingeholt. Mit gespannter Pistole habe der
wackere Röder ihm sein Halt! entgegengedonnert. Nichts habe dem Juden
seine Unverschämtheit, sein Geschrei und seine Drohungen geholfen. Die
wackeren Stadtreiter hätten seinen Wagen gewendet, und jetzt, jetzt gleich
werden sie ihn über die Galgensteige durch das Ludwigsburgertor
einbringen.
Eine festlich gröhlende Menge erwartete die Kutsche mit dem Häftling.
Derbe Witze, frohe Erregung, Lausbuben hoch auf den Bäumen, auf den
Vorsprüngen des Tors. In dem Wirtshaus zum Grünen Baum, hart am Tor,
saß mit anderen wohlhabenden Bürgersöhnen der junge Langefaß, ein
Die anderen hatten nie an gewaltsamen Umsturz gedacht, alle ihre
Maßnahmen waren natürlich immer im Rahmen der Verfassung und unter
Voraussetzung parlamentarischer Billigung geplant gewesen. Es gab einen
einzigen Verbrecher und Gewaltmenschen, Urheber alles Schlechten, Hebel
allen Unheils, Ratgeber allen Uebels, der den guten Fürsten verleitet und
alle seine edlen Pläne ins Gegenteil verkehrt hatte, Landverderber und
Schelm und Schurken, einen einzigen, den Juden. Und wie rein und
staatstreu man sich selber fühlte, erhellte daraus, daß man sotanen Juden
nicht hatte entwischen lassen, daß man ihn sogleich gepackt hatte.
Nun war ja die Verhaftung des Süß eigentlich sehr einfach gewesen und
nicht gerade sehr glorios und dem Prestige der Herren förderlich. Man
mußte also die simple Manier, wie man in Ludwigsburg seiner habhaft
geworden, ein weniges ausstaffieren und nobler und romantischer machen.
Durch Stuttgart ließ man das Gerücht wispern, schon ward es lauter, war
Gewißheit, Süß habe sich gleich nach dem Tode des Herzogs aus
Ludwigsburg fortgestohlen, sich in die Hauptstadt in sein Haus geschlichen,
sich dort verborgen gehalten, schließlich unter Mitnahme von Preziosen und
belastenden Papieren ins Ausland zu fliehen versucht. Aber die braven
Offiziere, voran der wackere Major Röder, der Biedermann und gute
Protestant, den die ganze Stadt liebte und ehrte, hatten Aufenthalt und
Flucht des Kujonen gerade noch rechtzeitig ausgespäht. Man erzählte
genaue Einzelheiten. Süß habe sich durch die Weinberge geschlichen, sei
auf der hintern Kriegsbergstraße schon eine gute Strecke weit entkommen.
Da aber hatte der Major Röder seine besten Stadtreiter genommen – sogar
die Namen wußte man, Guckenberger, Trefts, Weis, Mann, Meier, – und so
zu sechsen seien sie ihm nachgebraust. Auf der Kornwestheimer Höhe
hätten sie den Flüchtling eingeholt. Mit gespannter Pistole habe der
wackere Röder ihm sein Halt! entgegengedonnert. Nichts habe dem Juden
seine Unverschämtheit, sein Geschrei und seine Drohungen geholfen. Die
wackeren Stadtreiter hätten seinen Wagen gewendet, und jetzt, jetzt gleich
werden sie ihn über die Galgensteige durch das Ludwigsburgertor
einbringen.
Eine festlich gröhlende Menge erwartete die Kutsche mit dem Häftling.
Derbe Witze, frohe Erregung, Lausbuben hoch auf den Bäumen, auf den
Vorsprüngen des Tors. In dem Wirtshaus zum Grünen Baum, hart am Tor,
saß mit anderen wohlhabenden Bürgersöhnen der junge Langefaß, ein
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aufgeräumter, fetter Bursch, sehr blond, rotes Gesicht mit blauen, kleinen
Augen. Der bewirtete seine Kumpane mit altem Uhlbacher, scherzte
lärmend mit den Mädchen, es war eine lustige Gesellschaft, angeregt wie
beim letzten Karneval. Als endlich unter gellendem Geschrei die Kutsche
mit Süß das Tor passierte, von Röder und seinen Reitern eskortiert, stürzten
sich etliche vom Tisch des jungen Langefaß auf den Wagen, rissen den
Gefangenen heraus, stauchten ihn hin und her, pufften ihn, schlugen ihn,
stießen ihn, zerrten ihn. Der junge Langefaß ließ derweilen den Major
Röder hochleben, der nahm das Glas an, tat schmunzelnd Bescheid,
während das Volk den Juden verprügelte. Süß benahm sich übrigens
keineswegs geduckt und ängstlich, er hieb kräftig zurück, einem Knirps, der
sich in seine Wade verbiß, gab er eine Maulschelle, daß der Junge unter die
Beine der Nachdrängenden kollerte; auch erwiderte er kräftig die Flüche
und Beschimpfungen seiner Angreifer. Es war keine fanatische, sondern
eine sachliche, saftige Rauferei. Aber schließlich wäre der Jude, trotzdem es
dem Volk eine im Grund harmlose Angelegenheit war, aus purem Gaudium
totgeschlagen worden, wenn nicht Stadtgrenadiere dazu gekommen wären
und ihn mit Hilfe der Stadtreiter dem Volk entrissen hätten. Erschöpft und
atemlos hockte er im Wagen, zerrauft und zerrissen, voll Schmutz und Blut.
Der junge Langefaß, der ein Spaßvogel war und deshalb bei den Frauen
sehr beliebt, hatte witzigerweise die Perücke aufgehoben, die dem Juden bei
dem Geraufe entfallen war, und trug sie zum allgemeinen Ergötzen auf
seinem Stöckchen voraus. So fuhr unter Kreischen und Jubel Süß auf den
Markt in das Herrenhaus.
Da dieser ihm entzogen war, fing sich der Pöbel unter Anleitung des
jungen Herrn Langefaß die anderen Juden zusammen und trieb seine
Kurzweil mit ihnen. Besonderen Spaß machte es, einem alten Juden, der
sich verzweifelt wehrte, das grauweiße Haar und den Bart auszurupfen,
wobei Langefaß unter dröhnendem Beifall etliches Witzige über Läuse von
sich gab. Ein junges, zitterndes, nicht hübsches Mädchen, eine gewisse
Jentel Hirsch, wurde unter vielem Gewieher nackt ausgezogen und nach
Flöhen abgesucht. Alle Stuttgarter Juden, vom Greis zum Säugling, wurden
auf solche Art von dem geschäftigen Pöbel zusammengefangen und unter
einer riesigen Eskorte von Straßenjungen, unter Stein- und Kotwürfen, dem
Stadtvogt überstellt. Zwei Prager Juden kamen just während dieser
Vorgänge mit Eilpost an, um mit dem allvermögenden Finanzdirektor
gewisse Bankgeschäfte zu regeln. Sie waren nicht sehr vertraut mit
Augen. Der bewirtete seine Kumpane mit altem Uhlbacher, scherzte
lärmend mit den Mädchen, es war eine lustige Gesellschaft, angeregt wie
beim letzten Karneval. Als endlich unter gellendem Geschrei die Kutsche
mit Süß das Tor passierte, von Röder und seinen Reitern eskortiert, stürzten
sich etliche vom Tisch des jungen Langefaß auf den Wagen, rissen den
Gefangenen heraus, stauchten ihn hin und her, pufften ihn, schlugen ihn,
stießen ihn, zerrten ihn. Der junge Langefaß ließ derweilen den Major
Röder hochleben, der nahm das Glas an, tat schmunzelnd Bescheid,
während das Volk den Juden verprügelte. Süß benahm sich übrigens
keineswegs geduckt und ängstlich, er hieb kräftig zurück, einem Knirps, der
sich in seine Wade verbiß, gab er eine Maulschelle, daß der Junge unter die
Beine der Nachdrängenden kollerte; auch erwiderte er kräftig die Flüche
und Beschimpfungen seiner Angreifer. Es war keine fanatische, sondern
eine sachliche, saftige Rauferei. Aber schließlich wäre der Jude, trotzdem es
dem Volk eine im Grund harmlose Angelegenheit war, aus purem Gaudium
totgeschlagen worden, wenn nicht Stadtgrenadiere dazu gekommen wären
und ihn mit Hilfe der Stadtreiter dem Volk entrissen hätten. Erschöpft und
atemlos hockte er im Wagen, zerrauft und zerrissen, voll Schmutz und Blut.
Der junge Langefaß, der ein Spaßvogel war und deshalb bei den Frauen
sehr beliebt, hatte witzigerweise die Perücke aufgehoben, die dem Juden bei
dem Geraufe entfallen war, und trug sie zum allgemeinen Ergötzen auf
seinem Stöckchen voraus. So fuhr unter Kreischen und Jubel Süß auf den
Markt in das Herrenhaus.
Da dieser ihm entzogen war, fing sich der Pöbel unter Anleitung des
jungen Herrn Langefaß die anderen Juden zusammen und trieb seine
Kurzweil mit ihnen. Besonderen Spaß machte es, einem alten Juden, der
sich verzweifelt wehrte, das grauweiße Haar und den Bart auszurupfen,
wobei Langefaß unter dröhnendem Beifall etliches Witzige über Läuse von
sich gab. Ein junges, zitterndes, nicht hübsches Mädchen, eine gewisse
Jentel Hirsch, wurde unter vielem Gewieher nackt ausgezogen und nach
Flöhen abgesucht. Alle Stuttgarter Juden, vom Greis zum Säugling, wurden
auf solche Art von dem geschäftigen Pöbel zusammengefangen und unter
einer riesigen Eskorte von Straßenjungen, unter Stein- und Kotwürfen, dem
Stadtvogt überstellt. Zwei Prager Juden kamen just während dieser
Vorgänge mit Eilpost an, um mit dem allvermögenden Finanzdirektor
gewisse Bankgeschäfte zu regeln. Sie waren nicht sehr vertraut mit
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schwäbischer Politik, sie hatten insbesondere keine Ahnung, wieso das
katholische Projekt mit ihren Landbank-Geschäften zusammenhing; sie
wußten nur, daß Süß der mächtigste Jud Europas war und daß die Judenheit
Württembergs besonderen Schutz genoß. So mehr waren sie erstaunt, als
sie, kaum dem Postwagen entstiegen, gepackt, geschüttelt, geprügelt, in
Verhaft gebracht wurden, und als sie hörten, in welchen jämmerlichen
Zustand der großmächtige Finanzdirektor gestürzt war. Es kamen übrigens
bei diesen Verfolgungen verschiedene Juden ums Leben, darunter drei
Frankfurter Schutzjuden, weshalb die freie Reichsstadt bei der
württembergischen Regierung energische Klage führte. Der Herzog-
Administrator sagte denn auch: Pflicht! Autorität! Gerechtigkeit! und setzte
drei von den Schuldigen für zwei Tage auf die Wache.
Ein rascher Poet brachte die Gefangennahme des Süß in eingängige
Reime. Bald flog seine Dichtung durch Stuttgart und durchs ganze Land;
insbesondere zwei Verse wurden allenthalben zitiert und prägten sich jung
und alt fürs Leben ein: „Da sprach der Herr von Röder: / Halt! oder stirb
entweder!“ Die Popularität des Majors Röder hatte überhaupt durch die
umsichtige Art, wie er die Flucht des arglistigen und gottlosen hebräischen
Landverderbers verhindert hatte, womöglich noch zugenommen, und wo er
mit seinem harten Mund, seiner niederen Stirn, seiner knarrenden Stimme
auftauchte, brachten ihm begeisterte Bürger Ovationen.
Am Tage, an dem Süß nach Stuttgart eingebracht wurde, versuchte man
auch sein Palais in der Seestraße zu stürmen und zu plündern. Führerin bei
diesem Unternehmen war die Sophie Fischerin, die Tochter des
Expeditionsrats, frühere Mätresse des Süß. Die träge, schöne, üppige Person
hatte sich seltsam verändert. Sie schrie, glühte, arbeitete sich ab, dicke,
blonde Strähnen zottelten ihr, Schweiß troff ihr übers Gesicht. Die Häuser
der anderen Juden waren schutzlos geblieben, und manches gute Stück
Hausrat, auch Schmuck und bares Geld, kam bei diesem Anlaß unter die
Leute. Das Haus des Süß hingegen war durch ein starkes Militäraufgebot
geschützt, Nicklas Pfäffle hatte rechtzeitig Vorsorge getroffen. Noch ein
anderer hatte sich kräftig und mit Erfolg um den Schutz des Hauses bemüht,
Dom Bartelemi Pancorbo. Als Regierungskommissar erschien er mit Polizei
und Militär und beschlagnahmte Haus und Habe. Geleitet von Nicklas
Pfäffle schlurrte er langsam durch die weiten, glänzenden, sehr geordneten
Räume, äugte aus entfleischtem, blaurotem Kopf in alle Winkel. Verächtlich
ging er vorbei an edlen Teppichen, Möbeln, Bildern, Nippes. Gerade von
katholische Projekt mit ihren Landbank-Geschäften zusammenhing; sie
wußten nur, daß Süß der mächtigste Jud Europas war und daß die Judenheit
Württembergs besonderen Schutz genoß. So mehr waren sie erstaunt, als
sie, kaum dem Postwagen entstiegen, gepackt, geschüttelt, geprügelt, in
Verhaft gebracht wurden, und als sie hörten, in welchen jämmerlichen
Zustand der großmächtige Finanzdirektor gestürzt war. Es kamen übrigens
bei diesen Verfolgungen verschiedene Juden ums Leben, darunter drei
Frankfurter Schutzjuden, weshalb die freie Reichsstadt bei der
württembergischen Regierung energische Klage führte. Der Herzog-
Administrator sagte denn auch: Pflicht! Autorität! Gerechtigkeit! und setzte
drei von den Schuldigen für zwei Tage auf die Wache.
Ein rascher Poet brachte die Gefangennahme des Süß in eingängige
Reime. Bald flog seine Dichtung durch Stuttgart und durchs ganze Land;
insbesondere zwei Verse wurden allenthalben zitiert und prägten sich jung
und alt fürs Leben ein: „Da sprach der Herr von Röder: / Halt! oder stirb
entweder!“ Die Popularität des Majors Röder hatte überhaupt durch die
umsichtige Art, wie er die Flucht des arglistigen und gottlosen hebräischen
Landverderbers verhindert hatte, womöglich noch zugenommen, und wo er
mit seinem harten Mund, seiner niederen Stirn, seiner knarrenden Stimme
auftauchte, brachten ihm begeisterte Bürger Ovationen.
Am Tage, an dem Süß nach Stuttgart eingebracht wurde, versuchte man
auch sein Palais in der Seestraße zu stürmen und zu plündern. Führerin bei
diesem Unternehmen war die Sophie Fischerin, die Tochter des
Expeditionsrats, frühere Mätresse des Süß. Die träge, schöne, üppige Person
hatte sich seltsam verändert. Sie schrie, glühte, arbeitete sich ab, dicke,
blonde Strähnen zottelten ihr, Schweiß troff ihr übers Gesicht. Die Häuser
der anderen Juden waren schutzlos geblieben, und manches gute Stück
Hausrat, auch Schmuck und bares Geld, kam bei diesem Anlaß unter die
Leute. Das Haus des Süß hingegen war durch ein starkes Militäraufgebot
geschützt, Nicklas Pfäffle hatte rechtzeitig Vorsorge getroffen. Noch ein
anderer hatte sich kräftig und mit Erfolg um den Schutz des Hauses bemüht,
Dom Bartelemi Pancorbo. Als Regierungskommissar erschien er mit Polizei
und Militär und beschlagnahmte Haus und Habe. Geleitet von Nicklas
Pfäffle schlurrte er langsam durch die weiten, glänzenden, sehr geordneten
Räume, äugte aus entfleischtem, blaurotem Kopf in alle Winkel. Verächtlich
ging er vorbei an edlen Teppichen, Möbeln, Bildern, Nippes. Gerade von
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den kostbaren Steinen, nach denen sein Herz und seine Finger hungerten,
war nichts da. Behutsam und mißtrauisch forschte er Nicklas Pfäffle aus;
unbewegt, phlegmatisch antwortete der blasse, fette Mensch. Der
Portugiese wurde drohend, aber seine modrige Stimme glitt wirkungslos ab
an dem Gleichmut des Sekretärs. Schließlich verhaftete man Nicklas
Pfäffle, forschte ihn peinlich aus, durchschnüffelte seine Korrespondenz.
Man fand nichts und mußte den langsamen, schweigsamen, unbewegten
Burschen bald wieder freilassen.
Süß wurde zunächst auf die Festung Hohenneuffen gebracht und dort nicht
schlecht gehalten. Er wurde auf eigene Kosten reichlich und nach seinem
Geschmack verpflegt, durfte Besuch empfangen, sich nach Belieben
Garderobe und Hausrat bringen lassen. Er machte von diesen Freiheiten
nicht übermäßigen Gebrauch. Er war gern und viel allein. Dann ging er
wohl auf und ab, vergnügt, schmunzelnd fast, unmelodisch vor sich
hinbrummend, den Kopf geruhsam listig hin und her wiegend wie ein alter
Kaftanjude.
Ei, wie war es gut und lieblich, in Ruhe zu sein und zuzuschauen. Rings
um ihn zappelten sie sich ab. Die einen zappelten sich ab, um ihn möglichst
tief zu ducken und einzutauchen, er selber zappelte, um ihnen zu
entwischen, wieder an die Luft zu kommen. Hoho! Mochten sie zupacken,
mochten sie ihn fangen! Die Narren die! Sie wußten nicht, daß das gar nicht
er selber war, der da zappelte, den sie haschen wollten. Daß das der alte Süß
war, der törichte, unwissende Süß, der noch nicht gelernt und erkannt hatte.
Der wirkliche Süß, der neue Süß, hoho! – er lachte in einem wilden,
hohnvollen Behagen –, der war jenseits aller Lebenszappelei, den fing kein
Herzog, kein Kaiser, kein Gericht.
So hatte es die Kommission nicht eben leicht, die konstituiert war, um die
vielen arglistigen, gottlosen, landesverderblichen Gewalttaten und Streiche
zu untersuchen, die Josef Süß Oppenheimer, Jud und gewester Finanzienrat,
mit seinen Genossen verübt hatte. Es war eine gewichtige
Untersuchungskommission. An ihrer Spitze stand der Geheimrat von
Gaisberg, Bruder des Generals, ein im Grunde träger Mann, der allen
Dingen mit einer gewissen jovialen Barschheit beizukommen suchte;
Beisitzer waren der Geheimrat von Pflug, ein hagerer, bitterer, hochmütiger
war nichts da. Behutsam und mißtrauisch forschte er Nicklas Pfäffle aus;
unbewegt, phlegmatisch antwortete der blasse, fette Mensch. Der
Portugiese wurde drohend, aber seine modrige Stimme glitt wirkungslos ab
an dem Gleichmut des Sekretärs. Schließlich verhaftete man Nicklas
Pfäffle, forschte ihn peinlich aus, durchschnüffelte seine Korrespondenz.
Man fand nichts und mußte den langsamen, schweigsamen, unbewegten
Burschen bald wieder freilassen.
Süß wurde zunächst auf die Festung Hohenneuffen gebracht und dort nicht
schlecht gehalten. Er wurde auf eigene Kosten reichlich und nach seinem
Geschmack verpflegt, durfte Besuch empfangen, sich nach Belieben
Garderobe und Hausrat bringen lassen. Er machte von diesen Freiheiten
nicht übermäßigen Gebrauch. Er war gern und viel allein. Dann ging er
wohl auf und ab, vergnügt, schmunzelnd fast, unmelodisch vor sich
hinbrummend, den Kopf geruhsam listig hin und her wiegend wie ein alter
Kaftanjude.
Ei, wie war es gut und lieblich, in Ruhe zu sein und zuzuschauen. Rings
um ihn zappelten sie sich ab. Die einen zappelten sich ab, um ihn möglichst
tief zu ducken und einzutauchen, er selber zappelte, um ihnen zu
entwischen, wieder an die Luft zu kommen. Hoho! Mochten sie zupacken,
mochten sie ihn fangen! Die Narren die! Sie wußten nicht, daß das gar nicht
er selber war, der da zappelte, den sie haschen wollten. Daß das der alte Süß
war, der törichte, unwissende Süß, der noch nicht gelernt und erkannt hatte.
Der wirkliche Süß, der neue Süß, hoho! – er lachte in einem wilden,
hohnvollen Behagen –, der war jenseits aller Lebenszappelei, den fing kein
Herzog, kein Kaiser, kein Gericht.
So hatte es die Kommission nicht eben leicht, die konstituiert war, um die
vielen arglistigen, gottlosen, landesverderblichen Gewalttaten und Streiche
zu untersuchen, die Josef Süß Oppenheimer, Jud und gewester Finanzienrat,
mit seinen Genossen verübt hatte. Es war eine gewichtige
Untersuchungskommission. An ihrer Spitze stand der Geheimrat von
Gaisberg, Bruder des Generals, ein im Grunde träger Mann, der allen
Dingen mit einer gewissen jovialen Barschheit beizukommen suchte;
Beisitzer waren der Geheimrat von Pflug, ein hagerer, bitterer, hochmütiger
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Herr, angefüllt von Haß und Ekel gegen die Juden, die Professoren
Harpprecht und Schöpf, die Regierungsräte Faber, Dann, Renz, Jäger,
strebsame, karrierebeflissene Beamte in mittleren Jahren; Sekretäre waren
der Assessor Bardili und der Aktuarius Gabler. Es bestand für diese
Kommission kein Zweifel, daß Süß eine ganze Reihe todeswürdiger
Verbrechen begangen hatte. Aber es zeigte sich bald, daß man ihm streng
juristisch wenig anhaben konnte. Die Hauptschwierigkeit, ihn nach den
Gesetzen zu verurteilen, lag darin, daß er nicht vereidigter Beamter, ja nicht
einmal Staatsuntertan war. Er hatte lediglich unter dem Titel eines
Geheimen Finanzienrats völlig als Privatperson dem Herzog Ratschläge
erteilt. Wenn die vereidigten Minister und Räte diese verderberischen
Projekte ausführten, so waren sie die Hochverräter, nicht er. So verzettelte
sich die Untersuchung in der Prüfung von tausend Einzelheiten, aus denen
man die Möglichkeit der Verurteilung zu konstruieren suchte. Man
verzögerte die Inquisition, schleppte sie endlos hin. Warum auch sollten die
Richter Eile haben? Man fühlte sich so angenehm wichtig in dieser
Untersuchungskommission. Alle Bekannten fragten einen: „Nun, was habt
ihr wieder Neues aus dem Juden herausgekriegt?“ Es waren gewissermaßen
die Augen des ganzen schwäbischen Kreises auf einen gerichtet. Dann war
auch die Teilnahme an der Kommission mit sehr hohen Extrabezügen
verbunden, die natürlich aus dem beschlagnahmten Vermögen des
Angeklagten bezahlt wurden. Vor allem den strebsamen Beamten in
mittleren Jahren kamen diese Sondereinnahmen sehr gelegen.
Die Herren verhörten Süß bald einzeln, bald in korporativen Sitzungen.
Man inquirierte auf Münzverbrechen, Majestätsverbrechen, Hochverrat.
Der biedere, streng rechtliche Professor Harpprecht, überzeugt, daß Süß ein
Schuft, aber im Sinn des Gesetzes nicht schuldig sei, angewidert von dem
Bestreben, den Juden haftbar zu machen für Verbrechen, für die andere
rechtlich einzustehen hatten, zog sich bald zurück, beschränkte sich darauf,
die Akten zu begutachten; sein Kollege, der Professor Schöpf, folgte ihm.
Der Präsident der Kommission, der Geheimrat Gaisberg, kam allein zu Süß,
haute ihm auf die Schulter, sagte in seiner barschen, jovialen Art: „Was
macht Er uns und sich das Leben sauer, Jud? Daß Er auf dem
Schinderkarren muß zur Hölle fahren, ist sicher. Nehm Er nicht zuviel
Gepäck mit! Leg Er ein anständiges Geständnis ab!“ Süß lächelte, ging auf
seinen Ton ein, meinte schließlich, höher als der Galgen sei, könnten sie ihn
doch nicht hängen. Er spielte mit dem plumpen, gemütlichen Grobian, warf
Harpprecht und Schöpf, die Regierungsräte Faber, Dann, Renz, Jäger,
strebsame, karrierebeflissene Beamte in mittleren Jahren; Sekretäre waren
der Assessor Bardili und der Aktuarius Gabler. Es bestand für diese
Kommission kein Zweifel, daß Süß eine ganze Reihe todeswürdiger
Verbrechen begangen hatte. Aber es zeigte sich bald, daß man ihm streng
juristisch wenig anhaben konnte. Die Hauptschwierigkeit, ihn nach den
Gesetzen zu verurteilen, lag darin, daß er nicht vereidigter Beamter, ja nicht
einmal Staatsuntertan war. Er hatte lediglich unter dem Titel eines
Geheimen Finanzienrats völlig als Privatperson dem Herzog Ratschläge
erteilt. Wenn die vereidigten Minister und Räte diese verderberischen
Projekte ausführten, so waren sie die Hochverräter, nicht er. So verzettelte
sich die Untersuchung in der Prüfung von tausend Einzelheiten, aus denen
man die Möglichkeit der Verurteilung zu konstruieren suchte. Man
verzögerte die Inquisition, schleppte sie endlos hin. Warum auch sollten die
Richter Eile haben? Man fühlte sich so angenehm wichtig in dieser
Untersuchungskommission. Alle Bekannten fragten einen: „Nun, was habt
ihr wieder Neues aus dem Juden herausgekriegt?“ Es waren gewissermaßen
die Augen des ganzen schwäbischen Kreises auf einen gerichtet. Dann war
auch die Teilnahme an der Kommission mit sehr hohen Extrabezügen
verbunden, die natürlich aus dem beschlagnahmten Vermögen des
Angeklagten bezahlt wurden. Vor allem den strebsamen Beamten in
mittleren Jahren kamen diese Sondereinnahmen sehr gelegen.
Die Herren verhörten Süß bald einzeln, bald in korporativen Sitzungen.
Man inquirierte auf Münzverbrechen, Majestätsverbrechen, Hochverrat.
Der biedere, streng rechtliche Professor Harpprecht, überzeugt, daß Süß ein
Schuft, aber im Sinn des Gesetzes nicht schuldig sei, angewidert von dem
Bestreben, den Juden haftbar zu machen für Verbrechen, für die andere
rechtlich einzustehen hatten, zog sich bald zurück, beschränkte sich darauf,
die Akten zu begutachten; sein Kollege, der Professor Schöpf, folgte ihm.
Der Präsident der Kommission, der Geheimrat Gaisberg, kam allein zu Süß,
haute ihm auf die Schulter, sagte in seiner barschen, jovialen Art: „Was
macht Er uns und sich das Leben sauer, Jud? Daß Er auf dem
Schinderkarren muß zur Hölle fahren, ist sicher. Nehm Er nicht zuviel
Gepäck mit! Leg Er ein anständiges Geständnis ab!“ Süß lächelte, ging auf
seinen Ton ein, meinte schließlich, höher als der Galgen sei, könnten sie ihn
doch nicht hängen. Er spielte mit dem plumpen, gemütlichen Grobian, warf
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ihm Dinge hin, daß der schon glaubte, zupacken zu können, entzog sich ihm
wieder, höflich lächelnd, ließ ihn mit langhängender Zunge stehen.
Auch die anderen versuchten, jeder für sich, ihr Glück an dem
geschmeidigen Sünder. Sie besuchten ihn immer wieder, beschlichen ihn,
redeten ihm gut zu, bedrohten ihn. Süß, aus seiner jenseitigen Sicherheit
heraus, trieb ein fast sportliches Spiel mit ihnen, voll mildspöttischer,
kopfwiegender Ueberlegenheit. Wie aus einem andern Erdteil, wie aus
einem späteren Säkulum schaute er seinem Prozeß zu, amüsierte sich still
über die Herren, ihre Besonderheiten, ihre Kniffe und Listen, ihn zu fangen.
Die Armen! Wie sie sich abmühten, jagten, schwitzten! Wie sie
schnüffelten, hetzten, besessen auf den Weg stierten, von dem sie glaubten,
er führe hinauf. Karriere! Karriere! Und wie neugierig sie alle waren, und
wie ganz fern und ohne einen Schimmer Lichtes sie ihn beschauten, wie
ohne Gefühl sie ihn betasteten, ohne Witterung ihn berochen. Dabei war der
eine oder andere guten Willens, gewann im Lauf der langen Untersuchung
sogar ein gewisses Wohlwollen für den Mann, der sicher ein Spitzbub, aber
mit seinem behenden Witz, seiner scharfen Geistigkeit etwas sehr
Ungewohntes, Aufrüttelndes war. Mit fast zärtlichem Spott sah Süß, wie
sogar die beiden Sekretäre kamen, jung, dumm, schlau, streberisch, ihr
Glück und ihre Geschicklichkeit an ihm zu versuchen. Die Armen,
Stumpfherzigen! Süß ließ sie an sich heraufklettern wie junge Hunde und
streifte sie dann sanft und lässig wieder ab.
Alle waren diese Männer mäßig begabt. Mäßig begabt von Haus aus war
auch der Geheimrat Johann Christoph Pflug, der Treiber und Hebel der
Untersuchungskommission. Doch ihm schärfte Judenhaß den Witz, machte
ihn spürsinnig. Wäre der ehemalige Süß in der Zelle gewesen, es hätte ihm
die Seele zerfressen, wieviel tausend Nuancen der hagere, scharfe, bittere
Herr erfand, ihn Ekel und Verachtung spüren zu lassen. Herr von Pflug
atmete nur mit Ueberwindung den Dunstkreis des Juden, er fühlte leiblichen
Widerwillen, Uebelkeit, wenn er die Zelle betrat. Aber er hielt es für seine
Pflicht, diesen Verkommenen, diesen Schlechtesten der Menschen immer
neu zu demütigen, seine Menschenwürde zu zerfetzen, in der Schmach
dieses Halunken herumzustochern. Daß ihm dies nicht gelang, machte ihn
elend, erschöpft verließ er die Zelle, um doch immer wiederzukommen. Süß
schaute ihm höhnisch und mit Erbarmnis zu. Hätte der adelsstolze Herr
erfahren, daß der verworfene Jud und Lump den Heydersdorff zum Vater
wieder, höflich lächelnd, ließ ihn mit langhängender Zunge stehen.
Auch die anderen versuchten, jeder für sich, ihr Glück an dem
geschmeidigen Sünder. Sie besuchten ihn immer wieder, beschlichen ihn,
redeten ihm gut zu, bedrohten ihn. Süß, aus seiner jenseitigen Sicherheit
heraus, trieb ein fast sportliches Spiel mit ihnen, voll mildspöttischer,
kopfwiegender Ueberlegenheit. Wie aus einem andern Erdteil, wie aus
einem späteren Säkulum schaute er seinem Prozeß zu, amüsierte sich still
über die Herren, ihre Besonderheiten, ihre Kniffe und Listen, ihn zu fangen.
Die Armen! Wie sie sich abmühten, jagten, schwitzten! Wie sie
schnüffelten, hetzten, besessen auf den Weg stierten, von dem sie glaubten,
er führe hinauf. Karriere! Karriere! Und wie neugierig sie alle waren, und
wie ganz fern und ohne einen Schimmer Lichtes sie ihn beschauten, wie
ohne Gefühl sie ihn betasteten, ohne Witterung ihn berochen. Dabei war der
eine oder andere guten Willens, gewann im Lauf der langen Untersuchung
sogar ein gewisses Wohlwollen für den Mann, der sicher ein Spitzbub, aber
mit seinem behenden Witz, seiner scharfen Geistigkeit etwas sehr
Ungewohntes, Aufrüttelndes war. Mit fast zärtlichem Spott sah Süß, wie
sogar die beiden Sekretäre kamen, jung, dumm, schlau, streberisch, ihr
Glück und ihre Geschicklichkeit an ihm zu versuchen. Die Armen,
Stumpfherzigen! Süß ließ sie an sich heraufklettern wie junge Hunde und
streifte sie dann sanft und lässig wieder ab.
Alle waren diese Männer mäßig begabt. Mäßig begabt von Haus aus war
auch der Geheimrat Johann Christoph Pflug, der Treiber und Hebel der
Untersuchungskommission. Doch ihm schärfte Judenhaß den Witz, machte
ihn spürsinnig. Wäre der ehemalige Süß in der Zelle gewesen, es hätte ihm
die Seele zerfressen, wieviel tausend Nuancen der hagere, scharfe, bittere
Herr erfand, ihn Ekel und Verachtung spüren zu lassen. Herr von Pflug
atmete nur mit Ueberwindung den Dunstkreis des Juden, er fühlte leiblichen
Widerwillen, Uebelkeit, wenn er die Zelle betrat. Aber er hielt es für seine
Pflicht, diesen Verkommenen, diesen Schlechtesten der Menschen immer
neu zu demütigen, seine Menschenwürde zu zerfetzen, in der Schmach
dieses Halunken herumzustochern. Daß ihm dies nicht gelang, machte ihn
elend, erschöpft verließ er die Zelle, um doch immer wiederzukommen. Süß
schaute ihm höhnisch und mit Erbarmnis zu. Hätte der adelsstolze Herr
erfahren, daß der verworfene Jud und Lump den Heydersdorff zum Vater
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hatte, den Feldmarschall und Baron, seine ganze Welt wäre
zusammengestürzt.
Kein Advokat gab sich freiwillig dazu her, die Sache des Juden zu
führen. Seine Verurteilung stand fest. Man gefährdete bei solchem Handel
höchstens das eigene Weiterkommen. So mußte das Gericht dem
Angeklagten einen Verteidiger stellen. Die Kommission dotierte dieses Amt
sehr reich, immer aus dem konfiszierten Vermögen des Finanzdirektors, und
betraute damit einen Mann aus den herrschenden Parlamentarierfamilien,
den Hofgerichtsadvokaten Lizentiaten Michael Andreas Mögling. Der
mußte sich also nach Stuttgart setzen und die Verteidigungsschrift abfassen,
wofür er ungewöhnlich hohe Diäten bezog. Man legte ihm nahe, er solle
sich nicht anstrengen, alle Welt wußte, daß diese Verteidigungsaktion eine
leere Geste war. Aber der Lizentiat Mögling, ein treuherziger Blonder mit
rosigem, rundem, freundlich fettem Knabengesicht war ein redlicher
Mensch, er ließ sich nichts schenken, nahm seine Sache verflucht ernst, lief,
schwitzte, schrieb. Die Herren des Inquisitionsgerichts lächelten, wenn sie
ihn sahen, der Jude selber lächelte. Man erschwerte dem guten Menschen
seine Arbeit sehr. Wichtige Aktenstücke wurden ihm vorenthalten, die
Protokolle der einzelnen Verhöre ihm geradezu verweigert. Während man
sonst den Süß kaum hinderte, ungestört Besuche zu empfangen, wurde der
arme Lizentiat sehr schikaniert, wenn er mit seinem Klienten schriftlich
oder mündlich kommunizieren wollte. Er aber ließ es sich nicht anfechten,
sondern tat redlich, beflissen und ohne Talent seine Advokatenpflicht.
Süß war noch immer auf dem Hohenneuffen, gut gehalten. Um ihn
herum waren die Herren des Inquisitionsgerichts, mästeten Leib und Seele
und Geldbeutel an ihm. Er aber saß still und befriedet, in einer sonderbaren,
wachen Rast, er saß wie in Watte, man konnte nicht heran an ihn.
Dies nagte vor allem an dem hageren, bitteren Herrn von Pflug. Man kam
nicht weiter, die Untersuchung stockte, dieser Jud und Auswurf moquierte
sich über einen. Er bat Herrn von Gaisberg, eine Plenarsitzung
einzuberufen, er habe einen Antrag zu stellen. Die zehn Mitglieder der
Kommission versammelten sich, sahen erwartungsvoll auf Herrn von Pflug.
Der stand kantig schmal, geiernäsig, dünnlippig, mit trocken gierigen,
harten Augen. Sagte, man habe bisher immer nur auf Majestätsverbrechen,
Hochverrat, Münzfälschung inquiriert; es sei an der Zeit, die todeswürdigen
Verbrechen zu untersuchen, die der Jud auf anderem Gebiet begangen habe.
Das Reichskriminalgesetz bestrafe mit dem Tod den fleischlichen Umgang
zusammengestürzt.
Kein Advokat gab sich freiwillig dazu her, die Sache des Juden zu
führen. Seine Verurteilung stand fest. Man gefährdete bei solchem Handel
höchstens das eigene Weiterkommen. So mußte das Gericht dem
Angeklagten einen Verteidiger stellen. Die Kommission dotierte dieses Amt
sehr reich, immer aus dem konfiszierten Vermögen des Finanzdirektors, und
betraute damit einen Mann aus den herrschenden Parlamentarierfamilien,
den Hofgerichtsadvokaten Lizentiaten Michael Andreas Mögling. Der
mußte sich also nach Stuttgart setzen und die Verteidigungsschrift abfassen,
wofür er ungewöhnlich hohe Diäten bezog. Man legte ihm nahe, er solle
sich nicht anstrengen, alle Welt wußte, daß diese Verteidigungsaktion eine
leere Geste war. Aber der Lizentiat Mögling, ein treuherziger Blonder mit
rosigem, rundem, freundlich fettem Knabengesicht war ein redlicher
Mensch, er ließ sich nichts schenken, nahm seine Sache verflucht ernst, lief,
schwitzte, schrieb. Die Herren des Inquisitionsgerichts lächelten, wenn sie
ihn sahen, der Jude selber lächelte. Man erschwerte dem guten Menschen
seine Arbeit sehr. Wichtige Aktenstücke wurden ihm vorenthalten, die
Protokolle der einzelnen Verhöre ihm geradezu verweigert. Während man
sonst den Süß kaum hinderte, ungestört Besuche zu empfangen, wurde der
arme Lizentiat sehr schikaniert, wenn er mit seinem Klienten schriftlich
oder mündlich kommunizieren wollte. Er aber ließ es sich nicht anfechten,
sondern tat redlich, beflissen und ohne Talent seine Advokatenpflicht.
Süß war noch immer auf dem Hohenneuffen, gut gehalten. Um ihn
herum waren die Herren des Inquisitionsgerichts, mästeten Leib und Seele
und Geldbeutel an ihm. Er aber saß still und befriedet, in einer sonderbaren,
wachen Rast, er saß wie in Watte, man konnte nicht heran an ihn.
Dies nagte vor allem an dem hageren, bitteren Herrn von Pflug. Man kam
nicht weiter, die Untersuchung stockte, dieser Jud und Auswurf moquierte
sich über einen. Er bat Herrn von Gaisberg, eine Plenarsitzung
einzuberufen, er habe einen Antrag zu stellen. Die zehn Mitglieder der
Kommission versammelten sich, sahen erwartungsvoll auf Herrn von Pflug.
Der stand kantig schmal, geiernäsig, dünnlippig, mit trocken gierigen,
harten Augen. Sagte, man habe bisher immer nur auf Majestätsverbrechen,
Hochverrat, Münzfälschung inquiriert; es sei an der Zeit, die todeswürdigen
Verbrechen zu untersuchen, die der Jud auf anderem Gebiet begangen habe.
Das Reichskriminalgesetz bestrafe mit dem Tod den fleischlichen Umgang
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eines Juden mit einer Christin. Es sei aber männiglich bekannt, auf welch
säuische Art der Inquisit christliche Jungfrauen defloriert, vornehme Damen
und geringe Frauenspersonen profitiert habe. Es sei an der Reihe, die
Untersuchung auch auf diesen Punkt auszudehnen.
Unbehaglich schwiegen die Herren. Das war eine kitzlige Sache. Wenn
man hier hineinstocherte, wo endete das? Wen alles konnte man nicht
kompromittieren, wenn man diese Affäre anschnitt? Es war ja sehr reizvoll,
Vorhänge und Bettlaken zu lüpfen, am Wann und Wo und Wie und Vorn und
Hinten sich zu erlustieren; schon malte sich auf den Gesichtern einzelner
Herren eine leicht genierte Lüsternheit. Aber das ganze Römische Reich in
diesen Sumpf schauen zu lassen, solche Courage wollte gut überlegt sein.
Wer auch mochte wissen, wie viele Familien dahinein verstrickt waren, mit
wem allem man sich im Lauf solcher Untersuchung verfeinden konnte. Es
war eine kitzlige, eine sehr kitzlige Affäre.
Sehr ferne von solchen Erwägungen erwiderte endlich Johann Daniel
Harpprecht, er sei nicht der Meinung, daß diese hohe Kommission genötigt
sei, in diesen Dreck und Schweinerei ihre Nase zu stecken. Wohl sei es ein
betrübtes Ding, daß so viele christliche Jungfern und Frauen sich dem
Juden prostituiert hätten. Aber nur für die Fleischessünden des gewesten
Finanzdirektors hätte gewiß weder der Herzog-Administrator noch das
Kabinett noch das Parlament ein Sondergericht eingesetzt. Diese
Vergehungen des Süß hätten Fürsten und Land nicht gefährdet. Auch sei
jenes Kriminalgesetz, das auf die leibliche Vermischung von Jud und Christ
den Tod setze, zwar nicht formaliter aufgehoben, aber seit zwei
Jahrhunderten praktisch nicht angewandt und somit außer Schwang und
Uebung. Ferners gebe er zu bedenken, daß nach solchem Gesetz nicht
etwan allein der Jud, sondern auch die betroffenen Christinnen Strafe des
Verbrennens leiden müßten. Man möge also, eh daß man in dieser Richtung
prozediere, sich die Konsequenzen gut überlegen.
Mit kaltem Fanatismus entgegnete der Geheimrat Pflug, er brauche den
weisen und strengen Herren nicht zu sagen, daß sie nicht bestellt seien, hier
Politik zu treiben, sondern das strenge Recht zu suchen. Hier gelte es nicht
staatsklug zu sein, sondern nur, ohne Ansehen der Person, gerecht.
Die anderen hatten mittlerweile das Für und Gegen weiter überdacht. Sie
sahen sich an, erspähten prüfend heimliche Hintergedanken, geheimes
Einverständnis einer im andern. Dehnte man die Untersuchung auf die
Bettsünden des Juden aus, ei, den Ruf und das Schicksal wie vieler Frauen,
säuische Art der Inquisit christliche Jungfrauen defloriert, vornehme Damen
und geringe Frauenspersonen profitiert habe. Es sei an der Reihe, die
Untersuchung auch auf diesen Punkt auszudehnen.
Unbehaglich schwiegen die Herren. Das war eine kitzlige Sache. Wenn
man hier hineinstocherte, wo endete das? Wen alles konnte man nicht
kompromittieren, wenn man diese Affäre anschnitt? Es war ja sehr reizvoll,
Vorhänge und Bettlaken zu lüpfen, am Wann und Wo und Wie und Vorn und
Hinten sich zu erlustieren; schon malte sich auf den Gesichtern einzelner
Herren eine leicht genierte Lüsternheit. Aber das ganze Römische Reich in
diesen Sumpf schauen zu lassen, solche Courage wollte gut überlegt sein.
Wer auch mochte wissen, wie viele Familien dahinein verstrickt waren, mit
wem allem man sich im Lauf solcher Untersuchung verfeinden konnte. Es
war eine kitzlige, eine sehr kitzlige Affäre.
Sehr ferne von solchen Erwägungen erwiderte endlich Johann Daniel
Harpprecht, er sei nicht der Meinung, daß diese hohe Kommission genötigt
sei, in diesen Dreck und Schweinerei ihre Nase zu stecken. Wohl sei es ein
betrübtes Ding, daß so viele christliche Jungfern und Frauen sich dem
Juden prostituiert hätten. Aber nur für die Fleischessünden des gewesten
Finanzdirektors hätte gewiß weder der Herzog-Administrator noch das
Kabinett noch das Parlament ein Sondergericht eingesetzt. Diese
Vergehungen des Süß hätten Fürsten und Land nicht gefährdet. Auch sei
jenes Kriminalgesetz, das auf die leibliche Vermischung von Jud und Christ
den Tod setze, zwar nicht formaliter aufgehoben, aber seit zwei
Jahrhunderten praktisch nicht angewandt und somit außer Schwang und
Uebung. Ferners gebe er zu bedenken, daß nach solchem Gesetz nicht
etwan allein der Jud, sondern auch die betroffenen Christinnen Strafe des
Verbrennens leiden müßten. Man möge also, eh daß man in dieser Richtung
prozediere, sich die Konsequenzen gut überlegen.
Mit kaltem Fanatismus entgegnete der Geheimrat Pflug, er brauche den
weisen und strengen Herren nicht zu sagen, daß sie nicht bestellt seien, hier
Politik zu treiben, sondern das strenge Recht zu suchen. Hier gelte es nicht
staatsklug zu sein, sondern nur, ohne Ansehen der Person, gerecht.
Die anderen hatten mittlerweile das Für und Gegen weiter überdacht. Sie
sahen sich an, erspähten prüfend heimliche Hintergedanken, geheimes
Einverständnis einer im andern. Dehnte man die Untersuchung auf die
Bettsünden des Juden aus, ei, den Ruf und das Schicksal wie vieler Frauen,
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wie vieler Familien würde man in die Hand kriegen. Man kannte Namen, es
waren große, weitverzweigte Familien. Man konnte sich ja darauf
beschränken zu inquirieren, konnte dann das weitere Prozedere dem
Herzog-Administrator und dem Kabinett überlassen. Man brauchte ja auch
nicht alles zu untersuchen, man hatte weite Vollmachten, konnte nach
Belieben die hereinziehen, jene laufen lassen. Jedenfalls bedeutete solche
Ausdehnung der Untersuchung für den einzelnen ungeheuren Zuwachs an
Macht, Wichtigkeit, Einfluß. Man hing wie eine blitzschwangere Wolke
über dem Land, konnte nach Gutdünken treffen und verschonen. Und wie
viele Heimlichkeiten wird man zu hören kriegen, die man für den
Augenblick gar nicht zu nutzen braucht, die man aber nach Gutdünken
später verwerten kann. Wie ein spanisches Inquisitionsgericht war man
mächtig und unheimlich, wie der verborgene Rat der Republik Venedig.
Das zog an, das juckte, das lockte. Was wird man für verschlossene,
vielsagende Gesichter machen können! Wie viele werden einen ängstlich
demütig umschleichen, beklommen lauernd, ob man sie packen oder gnädig
übersehen wird. Und wie viele pikante Details wird man erfahren, mit
denen man einen Freund und Bruder, Frau oder Geliebte vertraulich
erfreuen, später einem fröhlichen Zecherkreis Gaudium und Schall und
Gelächter bieten kann. Ein leises Schmunzeln zog über das grob joviale
Gesicht des Geheimrats Gaisberg, die jüngeren Herren ließen die Mienen
schlaff werden und sich entspannen, senkten halb die Lider, blinzelten. Man
beschloß nach dem Vorschlag des Herrn von Pflug.
Süß wurde zuerst in einer Plenarsitzung über diesen Punkt vernommen.
Die Professoren Schöpf und Harpprecht waren ferngeblieben. Süß war
beleibter geworden, weniger straff, der Rücken runder. Sein Gesicht schien
breiter, seine braunen Augen waren weniger gewölbt, langsamer, milder. In
die Stirne begannen sich über der Nasenwurzel Furchen einzuzacken. Seine
Bewegungen waren sachter, es war eine milde und listige Ruhe um ihn.
Als man ihn fragte, ob er fleischlichen Umgang mit Christinnen gehabt
habe, schaute er die Richter zunächst verwundert an. Das Gesetz, das
solchen Verkehr mit dem Tode bestrafte, war ihm nicht gegenwärtig, so
außer Uebung war es. Er hielt die Frage für höhnische Neugier, lediglich
bestimmt, ihn auf irgendeine Art zu demütigen, wußte nicht, worauf man
hinauswollte, schwieg. Der Geheimrat von Gaisberg drängte ungestüm
weiter, er solle keine Faxen machen, sondern unverweilt die Menscher
herzählen, mit denen er geschlafen habe. Der Jude sah die Herren
waren große, weitverzweigte Familien. Man konnte sich ja darauf
beschränken zu inquirieren, konnte dann das weitere Prozedere dem
Herzog-Administrator und dem Kabinett überlassen. Man brauchte ja auch
nicht alles zu untersuchen, man hatte weite Vollmachten, konnte nach
Belieben die hereinziehen, jene laufen lassen. Jedenfalls bedeutete solche
Ausdehnung der Untersuchung für den einzelnen ungeheuren Zuwachs an
Macht, Wichtigkeit, Einfluß. Man hing wie eine blitzschwangere Wolke
über dem Land, konnte nach Gutdünken treffen und verschonen. Und wie
viele Heimlichkeiten wird man zu hören kriegen, die man für den
Augenblick gar nicht zu nutzen braucht, die man aber nach Gutdünken
später verwerten kann. Wie ein spanisches Inquisitionsgericht war man
mächtig und unheimlich, wie der verborgene Rat der Republik Venedig.
Das zog an, das juckte, das lockte. Was wird man für verschlossene,
vielsagende Gesichter machen können! Wie viele werden einen ängstlich
demütig umschleichen, beklommen lauernd, ob man sie packen oder gnädig
übersehen wird. Und wie viele pikante Details wird man erfahren, mit
denen man einen Freund und Bruder, Frau oder Geliebte vertraulich
erfreuen, später einem fröhlichen Zecherkreis Gaudium und Schall und
Gelächter bieten kann. Ein leises Schmunzeln zog über das grob joviale
Gesicht des Geheimrats Gaisberg, die jüngeren Herren ließen die Mienen
schlaff werden und sich entspannen, senkten halb die Lider, blinzelten. Man
beschloß nach dem Vorschlag des Herrn von Pflug.
Süß wurde zuerst in einer Plenarsitzung über diesen Punkt vernommen.
Die Professoren Schöpf und Harpprecht waren ferngeblieben. Süß war
beleibter geworden, weniger straff, der Rücken runder. Sein Gesicht schien
breiter, seine braunen Augen waren weniger gewölbt, langsamer, milder. In
die Stirne begannen sich über der Nasenwurzel Furchen einzuzacken. Seine
Bewegungen waren sachter, es war eine milde und listige Ruhe um ihn.
Als man ihn fragte, ob er fleischlichen Umgang mit Christinnen gehabt
habe, schaute er die Richter zunächst verwundert an. Das Gesetz, das
solchen Verkehr mit dem Tode bestrafte, war ihm nicht gegenwärtig, so
außer Uebung war es. Er hielt die Frage für höhnische Neugier, lediglich
bestimmt, ihn auf irgendeine Art zu demütigen, wußte nicht, worauf man
hinauswollte, schwieg. Der Geheimrat von Gaisberg drängte ungestüm
weiter, er solle keine Faxen machen, sondern unverweilt die Menscher
herzählen, mit denen er geschlafen habe. Der Jude sah die Herren
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aufmerksam an, glitt mit wägendem Blick von einem zum andern, sagte
sachlich, ohne Spott, er vermöge durchaus nicht einzusehen, was das solle
mit Hochverrat und Münzfälschung zu tun haben. Scharf fuhr ihn Herr von
Pflug an, das sei ihre, der Richter, Sache, er möge seine jüdische Frechheit
zähmen.
Süß stand, wiegte den Kopf, überlegte. Da fiel ihm jener Artikel des
Reichskriminalgesetzes ein, den man seit Jahrhunderten nicht ernst
genommen, den man ihm vielleicht gelegentlich im Scherz zitiert hatte.
Was? Mit dieser alten, rostigen Karnevalswaffe wollte man ihn hinmetzgen,
auf solche Narrenweise sollte er sterben? Mit Einem war der alte, glänzende
Süß wieder da. Er straffte sich, schickte rasche, fliegende Blicke über die
Richter, sagte schlank, höhnisch: „Daß ich mit christlichen Frauen
geschlafen hab, leugn’ ich nicht. Wenn die Herren mich darum wollen zum
Tod verurteilen, mögen sie es. Das ganze Römische Reich wird lachen.
Nicht über mich.“ Während die Empörten auf ihn losfuhren, über seine
Frechheit keifend, gröhlend, durcheinanderschreiend, stand Süß kalt,
unbewegt. Er sah seine Richter. Den tierischen, triumphierenden Haß, die
Lüsternheit, die Grausamkeit, die geblähte Eitelkeit. Das freche, kalte,
erpresserische Spiel, das mit den Frauen getrieben werden sollte. Er sah die
menschlichen Masken abfallen, die nackten Fratzen darunter, Wölfe und
Säue. Doch ehe sein geballter Zorn ausbrach, hatte er ihn schon hinter sich,
Erbarmnis überkam ihn mit den Armseligen, Bösartigen da vor ihm. Das
alte, milde, listige Lächeln auf den Lippen, sagte er: „Die Namen nenne ich
nicht. Da müssen sich die Herren die Damen schon selber
zusammensuchen.“
Die Richter, sogar die gutmütigeren und bisher wohlwollenden, ärgerten
sich über ihn bis zur Erbitterung. Daß der Jude vielleicht aus Rücksicht auf
die Frauen die Namen verschweigen könnte, den Gedanken ließen sie nicht
hochkommen in sich selber. Denn es war doch ausgeschlossen, daß sie, die
hochmögenden Herren, weniger kavaliersmäßig sein sollten als ein Jud, daß
der Jude nobler sein sollte als etwa ein württembergischer Geheimrat. Nein,
es war pure Bosheit und Verstocktheit von dem Halunken, eine Art
jüdischen Geizes, daß er sie, die ein verbrieftes Recht darauf hatten, nicht
an seinen Bettfreuden teilhaben lassen, ihnen die Namen verbergen wollte.
Man hatte es sich schon so fein ausgemalt, die Sensation, den Kitzel, alles
Drum und Dran, und nun wollte er es einem aus purer Bosheit verhunzen.
sachlich, ohne Spott, er vermöge durchaus nicht einzusehen, was das solle
mit Hochverrat und Münzfälschung zu tun haben. Scharf fuhr ihn Herr von
Pflug an, das sei ihre, der Richter, Sache, er möge seine jüdische Frechheit
zähmen.
Süß stand, wiegte den Kopf, überlegte. Da fiel ihm jener Artikel des
Reichskriminalgesetzes ein, den man seit Jahrhunderten nicht ernst
genommen, den man ihm vielleicht gelegentlich im Scherz zitiert hatte.
Was? Mit dieser alten, rostigen Karnevalswaffe wollte man ihn hinmetzgen,
auf solche Narrenweise sollte er sterben? Mit Einem war der alte, glänzende
Süß wieder da. Er straffte sich, schickte rasche, fliegende Blicke über die
Richter, sagte schlank, höhnisch: „Daß ich mit christlichen Frauen
geschlafen hab, leugn’ ich nicht. Wenn die Herren mich darum wollen zum
Tod verurteilen, mögen sie es. Das ganze Römische Reich wird lachen.
Nicht über mich.“ Während die Empörten auf ihn losfuhren, über seine
Frechheit keifend, gröhlend, durcheinanderschreiend, stand Süß kalt,
unbewegt. Er sah seine Richter. Den tierischen, triumphierenden Haß, die
Lüsternheit, die Grausamkeit, die geblähte Eitelkeit. Das freche, kalte,
erpresserische Spiel, das mit den Frauen getrieben werden sollte. Er sah die
menschlichen Masken abfallen, die nackten Fratzen darunter, Wölfe und
Säue. Doch ehe sein geballter Zorn ausbrach, hatte er ihn schon hinter sich,
Erbarmnis überkam ihn mit den Armseligen, Bösartigen da vor ihm. Das
alte, milde, listige Lächeln auf den Lippen, sagte er: „Die Namen nenne ich
nicht. Da müssen sich die Herren die Damen schon selber
zusammensuchen.“
Die Richter, sogar die gutmütigeren und bisher wohlwollenden, ärgerten
sich über ihn bis zur Erbitterung. Daß der Jude vielleicht aus Rücksicht auf
die Frauen die Namen verschweigen könnte, den Gedanken ließen sie nicht
hochkommen in sich selber. Denn es war doch ausgeschlossen, daß sie, die
hochmögenden Herren, weniger kavaliersmäßig sein sollten als ein Jud, daß
der Jude nobler sein sollte als etwa ein württembergischer Geheimrat. Nein,
es war pure Bosheit und Verstocktheit von dem Halunken, eine Art
jüdischen Geizes, daß er sie, die ein verbrieftes Recht darauf hatten, nicht
an seinen Bettfreuden teilhaben lassen, ihnen die Namen verbergen wollte.
Man hatte es sich schon so fein ausgemalt, die Sensation, den Kitzel, alles
Drum und Dran, und nun wollte er es einem aus purer Bosheit verhunzen.
Page 391
Aber man wird den Kujonen kleinkriegen, wird dem Saujuden Respekt
beibringen vor einem schwäbischen Gerichtshof.
Man hielt ihn härter, brachte ihn aus der Botmäßigkeit des freundlichen
Kommandanten von Hohenneuffen. Ueberführte ihn in strenge Haft auf den
Asperg. Hier regierte der Major Glaser, ein pedantischer Mann, dessen
Atem Disziplin war. Süß wurde in ein enges, feuchtes Loch gesperrt. Der
Tag war hier nicht viel anders als die Nacht, die Kleider stanken in der
nassen, modrigen Luft, faulten am Leib. Er erhielt keine Lagerstatt, der
Boden war nackt, kalt, bucklig, naß. Er wurde auf Wasser und Brot gesetzt,
durch viele Stunden kreuzweis geschlossen. Dicke Ratten trippelten widrig
über seinen verrenkten Leib, und er konnte ihnen nicht wehren.
Sein kastanienbraunes Haar verfärbte sich, seine weiche, geschmeidige
Haut runzelte sich fahl, und graue, häßliche Stoppeln wuchsen aus den
früher so straffen, glatten Wangen. Er ließ wohl seinen Wärtern gegenüber
viele böse Worte von sich fließen, Flüche und Verwünschungen, wehrte sich
auch körperlich, wenn man ihn krumm schloß. Doch wenn er allein saß,
hungernd, die Glieder in Tortur verzerrt, hustend, frierend, dann sahen die
Wärter, die durch den Türspalt lauerten, ihn manchmal sonderbar zufrieden
den Kopf wiegen, sie hörten wohl auch, wie er vor sich hinsprach, mit
häßlicher Stimme vor sich hinsummte. Manchmal schien es, als spräche er
mit einem zweiten, er nickte jemandem zu, wartete Antworten ab, gab
Gegenrede. Es war aber niemand in der Zelle außer den Ratten. Die Wärter
stießen sich an, grinsten, pruschten heraus, fingen an, ihn für gestört und
irrsinnig zu halten.
Er war aber durchaus nicht irrsinnig. Es war dies. Er hatte Stunden so
voll Ruhe, daß er jenseits des Hungers war und jenseits des Frostes und
jenseits der ziehenden, zerrenden Schmerzen des gewaltsam verrenkten
Körpers. Dann verwandelte sich ihm wohl das Rascheln der Ratten sogar in
eine kleine, liebliche Stimme, und er sprach und erhielt Antwort und konnte
gut lächeln.
Ein zäher Kampf begann zwischen ihm und dem Major Glaser. Dem
Major hatte man gesagt, es komme alles darauf an, den Juden zum
Bekenntnis der Weiber zu bringen, mit denen er Umgang gehabt; dann
könne man ihn gebührend hinrichten, diese Wanze vor aller Augen
zerquetschen. Der Major verhörte also den Juden täglich zwischen neun und
zehn Uhr. Süß gestand zu, hohe und niedere Damen profitiert zu haben. Der
Major sagte, das genüge nicht, er müsse Namen haben. Süß: er als Offizier
beibringen vor einem schwäbischen Gerichtshof.
Man hielt ihn härter, brachte ihn aus der Botmäßigkeit des freundlichen
Kommandanten von Hohenneuffen. Ueberführte ihn in strenge Haft auf den
Asperg. Hier regierte der Major Glaser, ein pedantischer Mann, dessen
Atem Disziplin war. Süß wurde in ein enges, feuchtes Loch gesperrt. Der
Tag war hier nicht viel anders als die Nacht, die Kleider stanken in der
nassen, modrigen Luft, faulten am Leib. Er erhielt keine Lagerstatt, der
Boden war nackt, kalt, bucklig, naß. Er wurde auf Wasser und Brot gesetzt,
durch viele Stunden kreuzweis geschlossen. Dicke Ratten trippelten widrig
über seinen verrenkten Leib, und er konnte ihnen nicht wehren.
Sein kastanienbraunes Haar verfärbte sich, seine weiche, geschmeidige
Haut runzelte sich fahl, und graue, häßliche Stoppeln wuchsen aus den
früher so straffen, glatten Wangen. Er ließ wohl seinen Wärtern gegenüber
viele böse Worte von sich fließen, Flüche und Verwünschungen, wehrte sich
auch körperlich, wenn man ihn krumm schloß. Doch wenn er allein saß,
hungernd, die Glieder in Tortur verzerrt, hustend, frierend, dann sahen die
Wärter, die durch den Türspalt lauerten, ihn manchmal sonderbar zufrieden
den Kopf wiegen, sie hörten wohl auch, wie er vor sich hinsprach, mit
häßlicher Stimme vor sich hinsummte. Manchmal schien es, als spräche er
mit einem zweiten, er nickte jemandem zu, wartete Antworten ab, gab
Gegenrede. Es war aber niemand in der Zelle außer den Ratten. Die Wärter
stießen sich an, grinsten, pruschten heraus, fingen an, ihn für gestört und
irrsinnig zu halten.
Er war aber durchaus nicht irrsinnig. Es war dies. Er hatte Stunden so
voll Ruhe, daß er jenseits des Hungers war und jenseits des Frostes und
jenseits der ziehenden, zerrenden Schmerzen des gewaltsam verrenkten
Körpers. Dann verwandelte sich ihm wohl das Rascheln der Ratten sogar in
eine kleine, liebliche Stimme, und er sprach und erhielt Antwort und konnte
gut lächeln.
Ein zäher Kampf begann zwischen ihm und dem Major Glaser. Dem
Major hatte man gesagt, es komme alles darauf an, den Juden zum
Bekenntnis der Weiber zu bringen, mit denen er Umgang gehabt; dann
könne man ihn gebührend hinrichten, diese Wanze vor aller Augen
zerquetschen. Der Major verhörte also den Juden täglich zwischen neun und
zehn Uhr. Süß gestand zu, hohe und niedere Damen profitiert zu haben. Der
Major sagte, das genüge nicht, er müsse Namen haben. Süß: er als Offizier
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müsse doch verstehen, daß er die Namen nicht und nie nennen werde. Der
Major: was einem christlichen Offizier anstehe, zieme sich nicht für einen
stinkigen Juden, und behandelte den Verstockten immer härter.
Süß legte es durchaus nicht darauf an, heroisch zu erscheinen. Er hatte
nach Perioden lächelnder Resignation Wutanfälle und Depressionen. Es
überkam ihn etwa solcher Ekel vor seinen übelriechenden, modrigen
Kleidern, daß er sie abwarf, nackt herumlief; der Kommandant ließ ihm die
Kleider mit Gewalt wieder anlegen. Der Major referierte über jede Regung
des Gefangenen pedantisch genau an Herrn von Pflug mit einer erbitterten
Sachlichkeit. Berichtete, weilen der Hebräer, die Bestie, von dem Wärter
Hofmann Gift nicht habe erhalten können, habe er, sie für giftig
ästimierend, sich die Nägel abgebissen und die Nägelabstöße verschluckt.
Hätten alle weidlich gelacht über den Blödkopf. Oder, seit vier Tagen habe
der Hebräer, die Bestie, nicht eines Kreuzers wert genossen und ihn in
Sorge gestellt, er möchte liegenbleiben und krepieren. Heute speise er
wieder, so daß er also wieder Hoffnung habe, ihn lebendig zum Galgen
schicken zu können.
In arger Schwäche klagte Süß wohl auch, ob man denn nicht genug an
seinem Vermögen habe, sondern ihn dazu auf so ruchlose Art ums Leben
bringen wolle. Ein andermal meinte er listig, man könne ihm ja gar nichts
anhaben, das alles sei eine stupide Farce, er wette fünfzigtausend Gulden,
daß er nun bald frei werde. Einmal auch, unter johlender,
schenkelschlagender Heiterkeit seiner Wärter, befahl er, drohte, tobte, man
solle ihn sofort freilassen, das sei sein gutes Recht, er müsse nach Stuttgart,
um nach seiner Haushaltung zu sehen. Der Kommandant kümmerte sich um
das alles durchaus nicht, berichtete nur jedes Wort an Herrn von Pflug,
verhörte den Delinquenten täglich zwischen neun und zehn Uhr, fragte nach
den Namen der Weiber, wobei immer die gleichen Fragen und Antworten
fielen, konstatierte die Hartnäckigkeit dieses Schurken und
Landverbrechers.
Dann wieder kamen Wochen, in denen Süß still und befriedet war, in der
Einsamkeit seiner Zelle zu den nassen Wänden und der modrigen Luft
sprach. Er sah seinen Vater, sehr leibhaft. Er stand in der Zelle, im Habit des
Kapuziners, die schlanke, elegante Gestalt verfettet und verfallen, aber mit
stillen, friedlichen Augen. Und er sprach mit ihm und sie waren sehr einig
und er ging Arm in Arm mit ihm, der gestürzte Marschall und der gestürzte
Minister, der Bettelmönch und der gefolterte Häftling in seinen stinkenden
Major: was einem christlichen Offizier anstehe, zieme sich nicht für einen
stinkigen Juden, und behandelte den Verstockten immer härter.
Süß legte es durchaus nicht darauf an, heroisch zu erscheinen. Er hatte
nach Perioden lächelnder Resignation Wutanfälle und Depressionen. Es
überkam ihn etwa solcher Ekel vor seinen übelriechenden, modrigen
Kleidern, daß er sie abwarf, nackt herumlief; der Kommandant ließ ihm die
Kleider mit Gewalt wieder anlegen. Der Major referierte über jede Regung
des Gefangenen pedantisch genau an Herrn von Pflug mit einer erbitterten
Sachlichkeit. Berichtete, weilen der Hebräer, die Bestie, von dem Wärter
Hofmann Gift nicht habe erhalten können, habe er, sie für giftig
ästimierend, sich die Nägel abgebissen und die Nägelabstöße verschluckt.
Hätten alle weidlich gelacht über den Blödkopf. Oder, seit vier Tagen habe
der Hebräer, die Bestie, nicht eines Kreuzers wert genossen und ihn in
Sorge gestellt, er möchte liegenbleiben und krepieren. Heute speise er
wieder, so daß er also wieder Hoffnung habe, ihn lebendig zum Galgen
schicken zu können.
In arger Schwäche klagte Süß wohl auch, ob man denn nicht genug an
seinem Vermögen habe, sondern ihn dazu auf so ruchlose Art ums Leben
bringen wolle. Ein andermal meinte er listig, man könne ihm ja gar nichts
anhaben, das alles sei eine stupide Farce, er wette fünfzigtausend Gulden,
daß er nun bald frei werde. Einmal auch, unter johlender,
schenkelschlagender Heiterkeit seiner Wärter, befahl er, drohte, tobte, man
solle ihn sofort freilassen, das sei sein gutes Recht, er müsse nach Stuttgart,
um nach seiner Haushaltung zu sehen. Der Kommandant kümmerte sich um
das alles durchaus nicht, berichtete nur jedes Wort an Herrn von Pflug,
verhörte den Delinquenten täglich zwischen neun und zehn Uhr, fragte nach
den Namen der Weiber, wobei immer die gleichen Fragen und Antworten
fielen, konstatierte die Hartnäckigkeit dieses Schurken und
Landverbrechers.
Dann wieder kamen Wochen, in denen Süß still und befriedet war, in der
Einsamkeit seiner Zelle zu den nassen Wänden und der modrigen Luft
sprach. Er sah seinen Vater, sehr leibhaft. Er stand in der Zelle, im Habit des
Kapuziners, die schlanke, elegante Gestalt verfettet und verfallen, aber mit
stillen, friedlichen Augen. Und er sprach mit ihm und sie waren sehr einig
und er ging Arm in Arm mit ihm, der gestürzte Marschall und der gestürzte
Minister, der Bettelmönch und der gefolterte Häftling in seinen stinkenden
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Lumpen, und sie lächelten sich zu und sie gingen in gutem Gefühl auf und
ab in dem engen, feuchten Geviert und die Ratten raschelten über ihre Füße.
Die Herren von der Kommission untersuchten indessen weiter, stetig und
sehr langsam, und sie bezogen ungeheure Diäten.
Marie Auguste, die Herzogin-Witwe, hatte solche Lust an politischer
Kabale gewonnen, daß sie sogar ihre Toilette der Politik hintanstellte.
Geleitet von ihrem Beichtiger, dem Pater Florian, und dem Bibliothekar
Franz Josef Hophan, saß sie als Ate unzähliger Komplikationen, Ränke,
Intrigen ziervoll und kokett im Stuttgarter Schloß oder auf ihrem hübschen
Witwensitz Teinach und machte Karl Rudolf Schwierigkeiten. Der junge,
katzenhaft sanfte, literatische, modisch gekleidete Bibliothekar entwarf, an
seinem Schreibtisch phantasierend, die Projekte, der zähere Pater Florian,
der Kapuziner, suchte sie auszuführen, und Marie Auguste griff überall mit
blinder, liebenswürdiger Geschäftigkeit störend ein. Der geschweifte,
geschnörkelte, feine Bibliothekar ging auf in seliger, wortreicher
Bewunderung der Herzogin, er verglich sie in zahllosen, modischen
Gedichten mit allem Schönen zwischen Himmel und Erde, schrieb auch
einen ungeheuer umfangreichen Roman, in dem sie als Semiramis ebenso
staatsklug und heldisch wie tugendreich und herrlich von Ansehen über die
Erde ging. Sie badete wohlgefällig in seiner beredten und eleganten
Anbetung, ja, sie nahm allmählich viel von seinem Vokabular und seinen
Gesten an. Es war nicht ganz klar, war sie ihm fremd, weil er ihre Politik
machte, oder machte sie Politik, weil er ihr fremd war. Das ging sehr
ineinander.
Den kargen, sachlichen, soldatischen Herzog-Administrator behinderte
es, daß er immer wieder Zeit verlieren mußte, um ihre albernen Gespinste
zu durchhauen. Er beschloß, sich dieser lästigen Kabale-Macherin ein für
allemal zu entledigen. Ueberall im Land tauchte plötzlich das Gerücht auf,
die Herzogin-Witwe wolle nun doch mit Gewalt die Projekte ihres glücklich
beseitigten Gatten durchführen, sie habe schon Anstalt gemacht, die
Teinacher Kirche zum katholischen Gottesdienst einzurichten. Das Perfide
lag darin, daß die Herzogin zwar tausend andere Händel angezettelt hatte,
daß aber just an dieser Sache kein wahres Wort war. Es war klotzige Ironie,
sie gerade darüber zu Fall zu bringen. Das Volk jedenfalls glaubte die
ab in dem engen, feuchten Geviert und die Ratten raschelten über ihre Füße.
Die Herren von der Kommission untersuchten indessen weiter, stetig und
sehr langsam, und sie bezogen ungeheure Diäten.
Marie Auguste, die Herzogin-Witwe, hatte solche Lust an politischer
Kabale gewonnen, daß sie sogar ihre Toilette der Politik hintanstellte.
Geleitet von ihrem Beichtiger, dem Pater Florian, und dem Bibliothekar
Franz Josef Hophan, saß sie als Ate unzähliger Komplikationen, Ränke,
Intrigen ziervoll und kokett im Stuttgarter Schloß oder auf ihrem hübschen
Witwensitz Teinach und machte Karl Rudolf Schwierigkeiten. Der junge,
katzenhaft sanfte, literatische, modisch gekleidete Bibliothekar entwarf, an
seinem Schreibtisch phantasierend, die Projekte, der zähere Pater Florian,
der Kapuziner, suchte sie auszuführen, und Marie Auguste griff überall mit
blinder, liebenswürdiger Geschäftigkeit störend ein. Der geschweifte,
geschnörkelte, feine Bibliothekar ging auf in seliger, wortreicher
Bewunderung der Herzogin, er verglich sie in zahllosen, modischen
Gedichten mit allem Schönen zwischen Himmel und Erde, schrieb auch
einen ungeheuer umfangreichen Roman, in dem sie als Semiramis ebenso
staatsklug und heldisch wie tugendreich und herrlich von Ansehen über die
Erde ging. Sie badete wohlgefällig in seiner beredten und eleganten
Anbetung, ja, sie nahm allmählich viel von seinem Vokabular und seinen
Gesten an. Es war nicht ganz klar, war sie ihm fremd, weil er ihre Politik
machte, oder machte sie Politik, weil er ihr fremd war. Das ging sehr
ineinander.
Den kargen, sachlichen, soldatischen Herzog-Administrator behinderte
es, daß er immer wieder Zeit verlieren mußte, um ihre albernen Gespinste
zu durchhauen. Er beschloß, sich dieser lästigen Kabale-Macherin ein für
allemal zu entledigen. Ueberall im Land tauchte plötzlich das Gerücht auf,
die Herzogin-Witwe wolle nun doch mit Gewalt die Projekte ihres glücklich
beseitigten Gatten durchführen, sie habe schon Anstalt gemacht, die
Teinacher Kirche zum katholischen Gottesdienst einzurichten. Das Perfide
lag darin, daß die Herzogin zwar tausend andere Händel angezettelt hatte,
daß aber just an dieser Sache kein wahres Wort war. Es war klotzige Ironie,
sie gerade darüber zu Fall zu bringen. Das Volk jedenfalls glaubte die
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Gerüchte. Wilde Reden, fliegende Blätter, auf der Straße, wenn sie
vorüberfuhr, Stummheit, freche Verweigerung des Grußes. Als die Polizei
einschritt, etliche, die den Gruß unterließen, verhaftete, wurden, wenn die
Kutsche der Herzogin erschien, die Straßen leer, eilig verschwand alles in
den Häusern, in den Nebengassen, um nicht grüßen zu müssen. Marie
Auguste ertrug das nicht, Pater Florian und der feine Bibliothekar streuten
große Summen aus, ihre Straße mit Hochrufern zu bepflanzen. Aber sie
merkte, daß die Huldigung gekauft war, und litt doppelt. Pater Florian
mußte an den Herzog-Administrator schreiben, die weiße Unschuld Marie
Augustens vornehmlich in dem Teinacher Handel entrüstet betonen, die
freche Ungebühr der aufgehetzten Bevölkerung mit scharfen Worten
brandmarken, Abhilfe heftig und hochfahrend verlangen. Karl Rudolf
erwiderte nicht. Marie Auguste, schäumend, ging zu ihm. Er sagte, er habe
keine Zeit, Mönchsbriefe zu erwidern. Pater Florian hatte nach der Formel
seines Ordens als unwürdiger Kapuziner unterzeichnet. „Soll ich einem
Menschen erwidern,“ fragte schief, schäbig und grob Karl Rudolf, „der
nicht einmal würdig ist, Kapuziner zu sein?“ Im übrigen, schloß er, könne
er den Untertanen befehlen, nicht ungebührlich gegen die Herzogin zu sein,
doch er könne sie nicht zwingen, ihr Liebe und Freude zu bezeigen. Er gebe
Ihrer Durchlaucht den kollegialen Rat, sich ähnlich zu führen wie er, dann
würden sie die Untertanen ohne weitere Ordre und sicherlich auch ohne
Gage mit geziemender Huldigung begrüßen.
Nach dieser Demütigung beschloß die Herzogin, das dumme, undankbare
Schwaben zu verlassen, in Brüssel, Regensburg, Wien Hof zu halten und
schmollend, ein weiblicher Koriolan, abzuwarten, bis man sie zurückrufe.
Sie verabschiedete sich von Magdalen Sibylle. Die Expeditionsrätin
Magdalen Sibylle Riegerin saß ernsthaft und hausbacken vor der ziervollen,
beweglich züngelnden, äugenden Herzogin, die, angeregt von der
bevorstehenden Abreise, sich doppelt jung und spitzbübisch launisch gab.
Magdalen Sibylle saß breit und mächtig da, sie trug ein Kind, einen kleinen
Rieger. Sie hatte der Freundin ein pedantisches, hölzern ehrliches
Abschiedskarmen mitgebracht, Marie Auguste hörte es mit gebührender
Rührung und Dankbarkeit an. Dann jedoch, froh, das notwendige
Gravitätische hinter sich zu haben, begann sie sich über die tölpischen,
klotzigen Schwaben zu moquieren, die sie nun, Gott sei Dank, bald im
Rücken haben wird; über den schiefen, schäbigen, eselhaften Karl Rudolf,
über Johann Jaakob Moser, den feuervollen, komischen Rhetor, über alle
vorüberfuhr, Stummheit, freche Verweigerung des Grußes. Als die Polizei
einschritt, etliche, die den Gruß unterließen, verhaftete, wurden, wenn die
Kutsche der Herzogin erschien, die Straßen leer, eilig verschwand alles in
den Häusern, in den Nebengassen, um nicht grüßen zu müssen. Marie
Auguste ertrug das nicht, Pater Florian und der feine Bibliothekar streuten
große Summen aus, ihre Straße mit Hochrufern zu bepflanzen. Aber sie
merkte, daß die Huldigung gekauft war, und litt doppelt. Pater Florian
mußte an den Herzog-Administrator schreiben, die weiße Unschuld Marie
Augustens vornehmlich in dem Teinacher Handel entrüstet betonen, die
freche Ungebühr der aufgehetzten Bevölkerung mit scharfen Worten
brandmarken, Abhilfe heftig und hochfahrend verlangen. Karl Rudolf
erwiderte nicht. Marie Auguste, schäumend, ging zu ihm. Er sagte, er habe
keine Zeit, Mönchsbriefe zu erwidern. Pater Florian hatte nach der Formel
seines Ordens als unwürdiger Kapuziner unterzeichnet. „Soll ich einem
Menschen erwidern,“ fragte schief, schäbig und grob Karl Rudolf, „der
nicht einmal würdig ist, Kapuziner zu sein?“ Im übrigen, schloß er, könne
er den Untertanen befehlen, nicht ungebührlich gegen die Herzogin zu sein,
doch er könne sie nicht zwingen, ihr Liebe und Freude zu bezeigen. Er gebe
Ihrer Durchlaucht den kollegialen Rat, sich ähnlich zu führen wie er, dann
würden sie die Untertanen ohne weitere Ordre und sicherlich auch ohne
Gage mit geziemender Huldigung begrüßen.
Nach dieser Demütigung beschloß die Herzogin, das dumme, undankbare
Schwaben zu verlassen, in Brüssel, Regensburg, Wien Hof zu halten und
schmollend, ein weiblicher Koriolan, abzuwarten, bis man sie zurückrufe.
Sie verabschiedete sich von Magdalen Sibylle. Die Expeditionsrätin
Magdalen Sibylle Riegerin saß ernsthaft und hausbacken vor der ziervollen,
beweglich züngelnden, äugenden Herzogin, die, angeregt von der
bevorstehenden Abreise, sich doppelt jung und spitzbübisch launisch gab.
Magdalen Sibylle saß breit und mächtig da, sie trug ein Kind, einen kleinen
Rieger. Sie hatte der Freundin ein pedantisches, hölzern ehrliches
Abschiedskarmen mitgebracht, Marie Auguste hörte es mit gebührender
Rührung und Dankbarkeit an. Dann jedoch, froh, das notwendige
Gravitätische hinter sich zu haben, begann sie sich über die tölpischen,
klotzigen Schwaben zu moquieren, die sie nun, Gott sei Dank, bald im
Rücken haben wird; über den schiefen, schäbigen, eselhaften Karl Rudolf,
über Johann Jaakob Moser, den feuervollen, komischen Rhetor, über alle
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die grobe, ungehobelte Populace. Nur Eines bedauerte sie: daß sie den
treuen, guten, kräftigen Remchingen in Haft mußte auf dem Asperg sitzen
lassen. Und, ach! auch ihren netten, amüsanten, galanten Hausjuden. Den
quälten sie und schlossen sie krumm, und sie, Marie Auguste, konnte gar
nichts für ihn tun. Denn – und sie setzte ihr wichtigstes Gesicht auf – das
hätte sie unpopulär gemacht und das hätte ihr lieber Bibliothekar aus
politischen Gründen nie erlaubt. Nun hatte ja wahrscheinlich der Jud Kinder
geschlachtet und weiß der Himmel was für schwarze Kunst getrieben. Aber
er war ein galanter, gut gewachsener Mann und sicher der amüsanteste in
diesem ennuyanten Stuttgart, und es war jedenfalls ein Jammer, daß diese
plumpen Bestien ihn torturierten und verunstalteten. „Hélas, hélas!“ machte
sie mit gespitzten Lippen, wie es ihr feiner Bibliothekar zu tun pflegte.
Eine halbe Minute war Schweigen zwischen den Frauen. Beide dachten
an Süß. Marie Auguste sah seine heißen, fliegenden Augen, die dringliche
Ergebenheit seiner Mienen, seiner Haltung, seine einfühlende, kitzelnde,
freche Galanterie. Und sie dehnte sich leicht und lächelte angenehm
überrieselt. Magdalen Sibylle saß ganz still, die großen, schönen, fraulichen
Hände im Schoß. Im Wald von Hirsau war sie ihm begegnet, da war er der
Teufel; dann in Stuttgart hatte er sie nicht genommen, sondern sie dem Tier
hingeworfen, dem Herzog; dann hatte er jenen Traum vor sie hingebreitet
von Macht und Rausch und sie genommen; dann war er fremd und anders
und verkrustet geworden und war höflich zu ihr. Und jetzt saß er auf dem
Asperg und sie quälten ihn und verrenkten ihm die Glieder. Sie aber trug ein
Kind, es wird wohl ein braves Kind werden, denn es stammt von einem
braven Mann, der sie hemmungslos verehrt. Es wird groß werden in den
friedlichen, behaglichen Räumen von Würtigheim und auf Wiesen mit
gepflegtem Vieh und zwischen Obstbäumen. Auf dem Asperg wird es nie
sitzen, und auch dem Teufel wird es wohl nie begegnen. Vielleicht wird es
dafür Verse machen, brave, redliche Verse, die jedem eingehen und
manchen tröstlich erheben. Aber dem Teufel wird es wohl nie begegnen.
Marie Auguste unterbrach das erfüllte Schweigen. Daß sie es nicht
vergesse, sagte sie mit einem kleinen, verschmitzten Lächeln, sie habe ja
ein Abschiedsgeschenk für ihre liebe Magdalen Sibylle, ihre Freundin und
gute Vertraute, ein, wie sie hoffe, gut gewähltes und apartes
Abschiedspräsent. „Cara mia!“ sagte sie, „cara mia Maddalena Sibilla!“ Es
sei etwas für ihre schwere Stunde, flüsterte sie geheimnisvoll, rückte ganz
nahe an sie heran, streichelte die große Frau. Ihr selber habe es geholfen.
treuen, guten, kräftigen Remchingen in Haft mußte auf dem Asperg sitzen
lassen. Und, ach! auch ihren netten, amüsanten, galanten Hausjuden. Den
quälten sie und schlossen sie krumm, und sie, Marie Auguste, konnte gar
nichts für ihn tun. Denn – und sie setzte ihr wichtigstes Gesicht auf – das
hätte sie unpopulär gemacht und das hätte ihr lieber Bibliothekar aus
politischen Gründen nie erlaubt. Nun hatte ja wahrscheinlich der Jud Kinder
geschlachtet und weiß der Himmel was für schwarze Kunst getrieben. Aber
er war ein galanter, gut gewachsener Mann und sicher der amüsanteste in
diesem ennuyanten Stuttgart, und es war jedenfalls ein Jammer, daß diese
plumpen Bestien ihn torturierten und verunstalteten. „Hélas, hélas!“ machte
sie mit gespitzten Lippen, wie es ihr feiner Bibliothekar zu tun pflegte.
Eine halbe Minute war Schweigen zwischen den Frauen. Beide dachten
an Süß. Marie Auguste sah seine heißen, fliegenden Augen, die dringliche
Ergebenheit seiner Mienen, seiner Haltung, seine einfühlende, kitzelnde,
freche Galanterie. Und sie dehnte sich leicht und lächelte angenehm
überrieselt. Magdalen Sibylle saß ganz still, die großen, schönen, fraulichen
Hände im Schoß. Im Wald von Hirsau war sie ihm begegnet, da war er der
Teufel; dann in Stuttgart hatte er sie nicht genommen, sondern sie dem Tier
hingeworfen, dem Herzog; dann hatte er jenen Traum vor sie hingebreitet
von Macht und Rausch und sie genommen; dann war er fremd und anders
und verkrustet geworden und war höflich zu ihr. Und jetzt saß er auf dem
Asperg und sie quälten ihn und verrenkten ihm die Glieder. Sie aber trug ein
Kind, es wird wohl ein braves Kind werden, denn es stammt von einem
braven Mann, der sie hemmungslos verehrt. Es wird groß werden in den
friedlichen, behaglichen Räumen von Würtigheim und auf Wiesen mit
gepflegtem Vieh und zwischen Obstbäumen. Auf dem Asperg wird es nie
sitzen, und auch dem Teufel wird es wohl nie begegnen. Vielleicht wird es
dafür Verse machen, brave, redliche Verse, die jedem eingehen und
manchen tröstlich erheben. Aber dem Teufel wird es wohl nie begegnen.
Marie Auguste unterbrach das erfüllte Schweigen. Daß sie es nicht
vergesse, sagte sie mit einem kleinen, verschmitzten Lächeln, sie habe ja
ein Abschiedsgeschenk für ihre liebe Magdalen Sibylle, ihre Freundin und
gute Vertraute, ein, wie sie hoffe, gut gewähltes und apartes
Abschiedspräsent. „Cara mia!“ sagte sie, „cara mia Maddalena Sibilla!“ Es
sei etwas für ihre schwere Stunde, flüsterte sie geheimnisvoll, rückte ganz
nahe an sie heran, streichelte die große Frau. Ihr selber habe es geholfen.
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Daß es bei ihr so leicht gegangen sei und daß sie jung und ohne Entstellung
geblieben sei, das danke sie nur dem, was sie jetzt ihrer lieben Freundin als
Präsent verehren wolle. Sie selber, auch wenn sie nicht gerade die Intention
habe, ins Kloster zu gehen, werde das Remedium ja kaum mehr benötigen.
Und mit süßer, spitzbübischer, gekitzelter Geste zog sie das Amulett hervor,
das Etui des Juden, der nun in feuchter, stinkender Zelle saß, kreuzweis
geschlossen. Den Pergamentstreifen mit den roten, blockigen, hebräischen
Buchstaben, mit den Namen der Engel Senoi, Sansenoi und Semangelof,
den beunruhigend krausen Figuren dazwischen, den komisch und
bedrohlich hockenden, primitiven Vögeln. Kichernd erzählte sie, wie sie
das Etui von Süß bekommen habe, und die kleine, unanständige Geschichte
von Lilith, der ersten Frau des Adam, der ihr beim fleischlichen Verkehr
nicht so zu Willen war, wie es ihr gefiel. Magdalen Sibylle streckte die
Hand nach dem Amulett, ließ sie wieder sinken, nahm es schließlich,
unsicher, leicht übergruselt.
Dann verließ Marie Auguste Stuttgart. Sie reiste mit großem Gefolg, in
ihrer unmittelbaren Umgebung der Pater Florian und, in einem modischen
Reisehabit, der sanfte Bibliothekar. In unendlich vielen Wagen war der
Riesenapparat ihrer Garderobe vorausbefördert worden. Die Straße war
gesäumt mit Gaffern. Man war, nun die Herzogin abzog, wohlwollend
gestimmt, riß gutmütige Witze. Ihre Rendanten und Almoseniers hatten mit
Douceurs nicht gespart, die Hochrufe klangen geradezu herzlich.
Auch Johann Jaakob Moser stand an ihrem Weg, in Begleitung seiner
Frau. Er war gerührt. „Da zieht sie hin,“ sagte er zu seiner Frau. „Glaubt,
sie werde der Versuchung nicht länger standhalten können. Flieht lieber aus
dem Land. Großer Gott, wie dank ich dir, daß du mich hast stark und
beherrscht sein lassen und mein Blut bezähmtest.“ Und er drückte fest die
Hand seines Weibes.
Als ihre Karosse fertig stand, erschien am Schlag schief, klein, schäbig
der Herzog-Administrator, sich zu verabschieden. „Ich habe geglaubt,“
schmunzelte er insgeheim, „ich müßte einen Teufel austreiben; aber jetzt
gackert mir eine Gans aus dem Haus.“ Doch Marie Auguste dachte
spöttisch überlegen: „Was da jetzt zurückbleibt, ist einander wert: Esel reibt
sich an Esel.“ Und unter dem riesigen, schwarzen Hut nickte das zarte,
pastellfarbene Gesicht mit liebenswürdigem Spott dem alten Soldaten zu,
der den Schlag zuwarf, militärisch grüßte, ungewohnt höflich schmunzelte.
geblieben sei, das danke sie nur dem, was sie jetzt ihrer lieben Freundin als
Präsent verehren wolle. Sie selber, auch wenn sie nicht gerade die Intention
habe, ins Kloster zu gehen, werde das Remedium ja kaum mehr benötigen.
Und mit süßer, spitzbübischer, gekitzelter Geste zog sie das Amulett hervor,
das Etui des Juden, der nun in feuchter, stinkender Zelle saß, kreuzweis
geschlossen. Den Pergamentstreifen mit den roten, blockigen, hebräischen
Buchstaben, mit den Namen der Engel Senoi, Sansenoi und Semangelof,
den beunruhigend krausen Figuren dazwischen, den komisch und
bedrohlich hockenden, primitiven Vögeln. Kichernd erzählte sie, wie sie
das Etui von Süß bekommen habe, und die kleine, unanständige Geschichte
von Lilith, der ersten Frau des Adam, der ihr beim fleischlichen Verkehr
nicht so zu Willen war, wie es ihr gefiel. Magdalen Sibylle streckte die
Hand nach dem Amulett, ließ sie wieder sinken, nahm es schließlich,
unsicher, leicht übergruselt.
Dann verließ Marie Auguste Stuttgart. Sie reiste mit großem Gefolg, in
ihrer unmittelbaren Umgebung der Pater Florian und, in einem modischen
Reisehabit, der sanfte Bibliothekar. In unendlich vielen Wagen war der
Riesenapparat ihrer Garderobe vorausbefördert worden. Die Straße war
gesäumt mit Gaffern. Man war, nun die Herzogin abzog, wohlwollend
gestimmt, riß gutmütige Witze. Ihre Rendanten und Almoseniers hatten mit
Douceurs nicht gespart, die Hochrufe klangen geradezu herzlich.
Auch Johann Jaakob Moser stand an ihrem Weg, in Begleitung seiner
Frau. Er war gerührt. „Da zieht sie hin,“ sagte er zu seiner Frau. „Glaubt,
sie werde der Versuchung nicht länger standhalten können. Flieht lieber aus
dem Land. Großer Gott, wie dank ich dir, daß du mich hast stark und
beherrscht sein lassen und mein Blut bezähmtest.“ Und er drückte fest die
Hand seines Weibes.
Als ihre Karosse fertig stand, erschien am Schlag schief, klein, schäbig
der Herzog-Administrator, sich zu verabschieden. „Ich habe geglaubt,“
schmunzelte er insgeheim, „ich müßte einen Teufel austreiben; aber jetzt
gackert mir eine Gans aus dem Haus.“ Doch Marie Auguste dachte
spöttisch überlegen: „Was da jetzt zurückbleibt, ist einander wert: Esel reibt
sich an Esel.“ Und unter dem riesigen, schwarzen Hut nickte das zarte,
pastellfarbene Gesicht mit liebenswürdigem Spott dem alten Soldaten zu,
der den Schlag zuwarf, militärisch grüßte, ungewohnt höflich schmunzelte.
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Die Untersuchungskommission bekam aus Süß trotz aller Tortur nichts
weiter heraus als ein allgemeines Geständnis, ja, er habe mit Christinnen
verkehrt. So lud man denn Lakaien vor, Kammerzofen, befragte sie peinlich
nach jedem winzigsten Detail. Etliche hatten durch Schlüssellöcher
geguckt, andere Schreie, Kreischen, wollüstiges Gestöhn gehört. Das alles,
wann, wo, wie lange, wurde gewogen, hin und her besprochen, zerkaut, in
die Akten aufgenommen. Bettlaken, Hemden, Nachttöpfe wurden berochen,
der Befund in den Protokollen erörtert. So kam man allmählich auf eine
lange Liste von Frauen, hohen und niederen, ledigen und verheirateten. Alle
wurden sie umständlich ohne Erlaß des minutiösesten Details von den
gierigen Richtern ausgeforscht, wann, wie oft, wie lange, welcher Art der
Jude sie beschlafen habe. Das wurde dann verzeichnet, schwarz auf weiß, in
dreifacher Ausfertigung, bestimmt, als Staatsurkunde im Archiv
niedergelegt zu werden.
Das Gericht ordnete das Erscheinen auch der Damen Götz an. Wieder
einmal fand sich der junge Geheimrat Götz in der äußersten Verlegenheit.
Er hatte es für gut befunden, Mutter und Schwester für eine Weile auf sein
Landgut bei Heilbronn zu schicken. Sie hätten können einfach in die
Reichsstadt Heilbronn gehen, dann waren sie der herzoglichen Jurisdiktion
entzogen; aber dann auch mußte er von seinen Aemtern zurücktreten. Oder
sie stellten sich dem Gericht; dann galt es, bevor einer einen schiefen Blick
wagte, ihn so kühn und drohend anzuschauen, daß ihm der Spott erstickte.
Dies war anstrengend, aufreibend, denn man wird sehr viele, ja fast alle so
anschauen müssen. Aber er war tapfer und entschied sich dafür.
An einem strahlenden Sommertag erschienen die Damen vor den
Richtern. Auskosteten die Männer die Pikanterie, erst die Mutter, dann die
Tochter zu verhören. Sie hatten Mühe, Spannung, Gier, geile Freude an der
Situation hinter der gleichmütigen Gravität der Richtermasken zu
verstecken. Elisabeth Salomea, die pastellfarbene Lieblichkeit des blonden
Gesichts mit den gejagten graublauen Augen durch ein schwarzes,
einfaches Kleid gehoben, stand verstört und zitternd. Seltsam war, daß sie,
völlig schmucklos sonst, den Ring mit dem Auge des Paradieses trug, gegen
das ausdrückliche Verbot ihres Bruders, und die Blicke der Herren kamen
nicht los von dem Stein. Sie wand sich unter der unerbittlichen
Sachlichkeit, mit der diese Männer, durch den aufreizend wertvollen Stein
vor sich selber doppelt gerechtfertigt, ihre zotig neugierigen Fragen stellten.
Fröstelnd trotz der blanken Frühsommersonne bog sie sich peinvoll unter
weiter heraus als ein allgemeines Geständnis, ja, er habe mit Christinnen
verkehrt. So lud man denn Lakaien vor, Kammerzofen, befragte sie peinlich
nach jedem winzigsten Detail. Etliche hatten durch Schlüssellöcher
geguckt, andere Schreie, Kreischen, wollüstiges Gestöhn gehört. Das alles,
wann, wo, wie lange, wurde gewogen, hin und her besprochen, zerkaut, in
die Akten aufgenommen. Bettlaken, Hemden, Nachttöpfe wurden berochen,
der Befund in den Protokollen erörtert. So kam man allmählich auf eine
lange Liste von Frauen, hohen und niederen, ledigen und verheirateten. Alle
wurden sie umständlich ohne Erlaß des minutiösesten Details von den
gierigen Richtern ausgeforscht, wann, wie oft, wie lange, welcher Art der
Jude sie beschlafen habe. Das wurde dann verzeichnet, schwarz auf weiß, in
dreifacher Ausfertigung, bestimmt, als Staatsurkunde im Archiv
niedergelegt zu werden.
Das Gericht ordnete das Erscheinen auch der Damen Götz an. Wieder
einmal fand sich der junge Geheimrat Götz in der äußersten Verlegenheit.
Er hatte es für gut befunden, Mutter und Schwester für eine Weile auf sein
Landgut bei Heilbronn zu schicken. Sie hätten können einfach in die
Reichsstadt Heilbronn gehen, dann waren sie der herzoglichen Jurisdiktion
entzogen; aber dann auch mußte er von seinen Aemtern zurücktreten. Oder
sie stellten sich dem Gericht; dann galt es, bevor einer einen schiefen Blick
wagte, ihn so kühn und drohend anzuschauen, daß ihm der Spott erstickte.
Dies war anstrengend, aufreibend, denn man wird sehr viele, ja fast alle so
anschauen müssen. Aber er war tapfer und entschied sich dafür.
An einem strahlenden Sommertag erschienen die Damen vor den
Richtern. Auskosteten die Männer die Pikanterie, erst die Mutter, dann die
Tochter zu verhören. Sie hatten Mühe, Spannung, Gier, geile Freude an der
Situation hinter der gleichmütigen Gravität der Richtermasken zu
verstecken. Elisabeth Salomea, die pastellfarbene Lieblichkeit des blonden
Gesichts mit den gejagten graublauen Augen durch ein schwarzes,
einfaches Kleid gehoben, stand verstört und zitternd. Seltsam war, daß sie,
völlig schmucklos sonst, den Ring mit dem Auge des Paradieses trug, gegen
das ausdrückliche Verbot ihres Bruders, und die Blicke der Herren kamen
nicht los von dem Stein. Sie wand sich unter der unerbittlichen
Sachlichkeit, mit der diese Männer, durch den aufreizend wertvollen Stein
vor sich selber doppelt gerechtfertigt, ihre zotig neugierigen Fragen stellten.
Fröstelnd trotz der blanken Frühsommersonne bog sie sich peinvoll unter
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der brutalen Deutlichkeit dieser Fragen, von denen sie viele überhaupt nicht
verstand, duckte sich, rückte zuckend den Kopf, den schamlosen Blicken
ausweichend, bog und streckte krampfig die schmalen, knochigen Finger.
Ihre Antworten kamen leise, aus gedrosseltem Kehlkopf, manche unhörbar;
man beschied sich nicht, sie mußte sie wiederholen, der schwerhörige
Regierungsrat Jäger machte: „Wie? Wie?“ und verlangte manches dreimal.
Ebenso eingehend dann kam man auf ihre Affäre mit dem Herzog zu
sprechen. Vor allem der Geheimrat Pflug ließ nicht locker, er wollte daraus,
daß der Jud dem Herzog vorgeschmaust, ein Majestätsverbrechen
konstruieren. So krümmte sie sich, jung, blond, lieblich, an dem
unsichtbaren Pfahl, und keiner schonte sie, alle drangen sie auf sie ein. Alle
jagten sie. Voran der hagere, hochmütige, scharfe Herr von Pflug, der, voll
Haß und angewidert wie von Gestank, immer wieder fragte, ob sie sich
denn nicht vor dem Geruch des Beschnittenen geekelt habe; sodann die
Regierungsräte Faber, Renz, Jäger, Dann, die strebsamen,
karrierebeflissenen Beamten in mittleren Jahren, die, gekitzelt von diesem
endlich einmal anregenden Amtsgeschäft, immer neue Umstände wissen
wollten, erst genießerisch umschreibend, gleich als wollten sie sich sonnen,
dann plump eindeutig; die Sekretäre, der Assessor Bardili, der Aktuarius
Gabler, die mit übler Galanterie und fatalem Tonfall, wie wohl Männer ihre
Gutmütigkeit an einer Hure repräsentativ betätigen, mildernde Umstände
beizubringen suchten; der Präsident, der Geheimrat Gaisberg, der mit
polternder Stimme auf sie losfuhr, sie solle sich nicht so flennerisch und
zimpferlich haben, nun habe sie es getan und gekostet, jetzt solle sie sich
nicht stellen wie ein zwölfjähriges Jüngferlein, sondern in
Dreideibelsnamen das Maul aufmachen; sie habe ja auch andere Dinge
aufmachen können. Mit fliegenden Gliedern lag sie schließlich und
zuckenden Schläfen, halbtot vor Schande und Erschöpfung, in einem
verdunkelten Zimmer ihres Hauses; ihr Bruder schritt grollend
deklamierend auf und ab, seine Worte gingen quälend, doch ohne daß sie
ihren Sinn verstand, in ihr Ohr.
Trotzdem die Herren der Untersuchungskommission verschlossene,
geheimnisvolle Gesichter machten und sich verschwiegen gaben, drangen
von diesen Vernehmungen viele Details in die Stadt, ins Land. Wiederum
war das Haus in der Seegasse, das Prunkbett, die Leda mit dem Schwan in
den Gedanken aller. Die Namen der Frauen wurden bekannt, sie konnten
sich nicht heimlich genug verkriechen, sie wurden verfemt, man rief ihnen
verstand, duckte sich, rückte zuckend den Kopf, den schamlosen Blicken
ausweichend, bog und streckte krampfig die schmalen, knochigen Finger.
Ihre Antworten kamen leise, aus gedrosseltem Kehlkopf, manche unhörbar;
man beschied sich nicht, sie mußte sie wiederholen, der schwerhörige
Regierungsrat Jäger machte: „Wie? Wie?“ und verlangte manches dreimal.
Ebenso eingehend dann kam man auf ihre Affäre mit dem Herzog zu
sprechen. Vor allem der Geheimrat Pflug ließ nicht locker, er wollte daraus,
daß der Jud dem Herzog vorgeschmaust, ein Majestätsverbrechen
konstruieren. So krümmte sie sich, jung, blond, lieblich, an dem
unsichtbaren Pfahl, und keiner schonte sie, alle drangen sie auf sie ein. Alle
jagten sie. Voran der hagere, hochmütige, scharfe Herr von Pflug, der, voll
Haß und angewidert wie von Gestank, immer wieder fragte, ob sie sich
denn nicht vor dem Geruch des Beschnittenen geekelt habe; sodann die
Regierungsräte Faber, Renz, Jäger, Dann, die strebsamen,
karrierebeflissenen Beamten in mittleren Jahren, die, gekitzelt von diesem
endlich einmal anregenden Amtsgeschäft, immer neue Umstände wissen
wollten, erst genießerisch umschreibend, gleich als wollten sie sich sonnen,
dann plump eindeutig; die Sekretäre, der Assessor Bardili, der Aktuarius
Gabler, die mit übler Galanterie und fatalem Tonfall, wie wohl Männer ihre
Gutmütigkeit an einer Hure repräsentativ betätigen, mildernde Umstände
beizubringen suchten; der Präsident, der Geheimrat Gaisberg, der mit
polternder Stimme auf sie losfuhr, sie solle sich nicht so flennerisch und
zimpferlich haben, nun habe sie es getan und gekostet, jetzt solle sie sich
nicht stellen wie ein zwölfjähriges Jüngferlein, sondern in
Dreideibelsnamen das Maul aufmachen; sie habe ja auch andere Dinge
aufmachen können. Mit fliegenden Gliedern lag sie schließlich und
zuckenden Schläfen, halbtot vor Schande und Erschöpfung, in einem
verdunkelten Zimmer ihres Hauses; ihr Bruder schritt grollend
deklamierend auf und ab, seine Worte gingen quälend, doch ohne daß sie
ihren Sinn verstand, in ihr Ohr.
Trotzdem die Herren der Untersuchungskommission verschlossene,
geheimnisvolle Gesichter machten und sich verschwiegen gaben, drangen
von diesen Vernehmungen viele Details in die Stadt, ins Land. Wiederum
war das Haus in der Seegasse, das Prunkbett, die Leda mit dem Schwan in
den Gedanken aller. Die Namen der Frauen wurden bekannt, sie konnten
sich nicht heimlich genug verkriechen, sie wurden verfemt, man rief ihnen
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kotige Schimpfworte nach, spie sie an, schnitt ihnen die Haare ab. Auch
andere Details drangen durch. Eine Welle von Geilheit schlug von den
längst vergangenen Nächten des Süß aus über das Herzogtum. Die Männer
zoteten in den Wirtshäusern, die Kellnerinnen konnten sich ihrer derben
Liebkosungen kaum erwehren, die Huren machten gute Geschäfte. Die
Frauen und jungen Mädchen kicherten, entsetzten sich, vieler Mienen
wurden dürr, neidisch, bitter, andere atmeten schwerer, Gesicht und Glieder
erschlafften. Ein englischer Sammler machte das Angebot, das vielumraunte
Prunkbett des Juden um eine ungeheure Summe zu kaufen.
Natürlich hörte auch der junge Michael Koppenhöfer von der Schmach
der Demoiselle Elisabeth Salomea Götzin. Die veränderten Läufte hatten
den jungen Menschen nach Stuttgart zurückgeführt. Er war in der
Verbannung männlicher geworden, er hatte für seine Ueberzeugung
gelitten, galt als Märtyrer, vielen von den Jungen war er Führer und Ideal.
Vielleicht wußte der eine oder andere von seinen Kameraden, daß ihm an
der Demoiselle Götzin gelegen war, aber sie hatten darum nicht minder
starke Worte des Hohns und der Verachtung gegen das Mädchen, sie
dachten daran, sie zumindest durch irgendein kräftiges Symbol ihrer
Erbitterung und ihres Spottes für alle Zeit zu bestrafen. Niemand hielt es für
möglich, daß die Neigung Michael Koppenhöfers, des jungen, festen,
tugendhaften Demokraten, eine solche Bloßstellung überdauern könnte.
Michael Koppenhöfer sagte auch kein Wort zu ihrer Verteidigung. Doch
auch kein Schmähwort, wie die anderen erwarteten. Er schwieg. Er litt. Er
war durchaus nicht geneigt, schwächlich zu verzeihen. Aber er sah das
reine, helle Gesicht, das blasse Haar und litt. Er bat den Onkel Harpprecht
um die Akten. Für den hatte mit der Rückkehr des Jungen gute Zeit
begonnen. Bücher, Recht, Demokratie, Vaterland, was und wofür er gelebt
hatte, war jetzt lebendig, saß atmend vor ihm in dem jungen Menschen mit
den bräunlich kühnen Wangen und den starkblauen Augen. Wie nun die
Affäre der Demoiselle Götzin langsam in die Stadt drang, schaute der alte
Herr besorgt dem Gewese des Jungen zu, er wußte, daß er schwerblütig war
und daß sein Handel mit Elisabeth Salomea nicht von heut auf morgen
vernarbte. Er sah das gespannte, mühsam gleichgültige Gesicht des Jungen,
überlegte, gab die Akten. Michael begann zu lesen, er konnte es nicht lange,
rote Wut stieg hoch in ihm gegen den Herzog, gegen den Juden, gegen die
Richter, gegen diese Männer. Es erhellte aus dem Protokoll überklar, daß
Süß nicht eben viel Gewalt hatte anwenden müssen. Aber Michael wollte
andere Details drangen durch. Eine Welle von Geilheit schlug von den
längst vergangenen Nächten des Süß aus über das Herzogtum. Die Männer
zoteten in den Wirtshäusern, die Kellnerinnen konnten sich ihrer derben
Liebkosungen kaum erwehren, die Huren machten gute Geschäfte. Die
Frauen und jungen Mädchen kicherten, entsetzten sich, vieler Mienen
wurden dürr, neidisch, bitter, andere atmeten schwerer, Gesicht und Glieder
erschlafften. Ein englischer Sammler machte das Angebot, das vielumraunte
Prunkbett des Juden um eine ungeheure Summe zu kaufen.
Natürlich hörte auch der junge Michael Koppenhöfer von der Schmach
der Demoiselle Elisabeth Salomea Götzin. Die veränderten Läufte hatten
den jungen Menschen nach Stuttgart zurückgeführt. Er war in der
Verbannung männlicher geworden, er hatte für seine Ueberzeugung
gelitten, galt als Märtyrer, vielen von den Jungen war er Führer und Ideal.
Vielleicht wußte der eine oder andere von seinen Kameraden, daß ihm an
der Demoiselle Götzin gelegen war, aber sie hatten darum nicht minder
starke Worte des Hohns und der Verachtung gegen das Mädchen, sie
dachten daran, sie zumindest durch irgendein kräftiges Symbol ihrer
Erbitterung und ihres Spottes für alle Zeit zu bestrafen. Niemand hielt es für
möglich, daß die Neigung Michael Koppenhöfers, des jungen, festen,
tugendhaften Demokraten, eine solche Bloßstellung überdauern könnte.
Michael Koppenhöfer sagte auch kein Wort zu ihrer Verteidigung. Doch
auch kein Schmähwort, wie die anderen erwarteten. Er schwieg. Er litt. Er
war durchaus nicht geneigt, schwächlich zu verzeihen. Aber er sah das
reine, helle Gesicht, das blasse Haar und litt. Er bat den Onkel Harpprecht
um die Akten. Für den hatte mit der Rückkehr des Jungen gute Zeit
begonnen. Bücher, Recht, Demokratie, Vaterland, was und wofür er gelebt
hatte, war jetzt lebendig, saß atmend vor ihm in dem jungen Menschen mit
den bräunlich kühnen Wangen und den starkblauen Augen. Wie nun die
Affäre der Demoiselle Götzin langsam in die Stadt drang, schaute der alte
Herr besorgt dem Gewese des Jungen zu, er wußte, daß er schwerblütig war
und daß sein Handel mit Elisabeth Salomea nicht von heut auf morgen
vernarbte. Er sah das gespannte, mühsam gleichgültige Gesicht des Jungen,
überlegte, gab die Akten. Michael begann zu lesen, er konnte es nicht lange,
rote Wut stieg hoch in ihm gegen den Herzog, gegen den Juden, gegen die
Richter, gegen diese Männer. Es erhellte aus dem Protokoll überklar, daß
Süß nicht eben viel Gewalt hatte anwenden müssen. Aber Michael wollte
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das Mädchen mißbraucht sehen, er sah sie mißbraucht. Er sah sie hell, zart,
lieblich vor den rohen, massigen Richtern. Er konnte sich nicht helfen, es
war wahrscheinlich sentimental, aber das Herz stieg ihm hoch, wenn er an
sie dachte, er konnte sie nicht herausreißen und mit festem Männertritt
weitergehen. Er rang sich ab; wenn der alte Harpprecht ihm sanfte,
andeutende Fragen stellte, bog er aus. Er suchte sich zusammen, was er
alles Kühnes, Freigeistiges über den Unwert der Keuschheit gehört hatte,
aber es blieb ihm Theorie, es wurde nicht lebendig, all sein Gefühl bäumte
sich dagegen. Er bezwang sich schließlich. Er wird aller praktischen Politik
entsagen, wird, und mag man sich noch so sehr über ihn, den Mann der
Hure, lustig machen, Elisabeth Salomea zu sich emporheben, sie ehelichen,
sie entmakeln, als stiller Wissenschaftler, von ihrer Reue und Dankbarkeit
getragen, fern von der Welt, nur mit Büchern und ihr, auf dem Lande leben.
Er fuhr, ohne den alten Harpprecht zu verständigen, in die Nähe von
Heilbronn auf das Götzische Landgut, wohin sich die Damen nach ihrer
Vernehmung zurückbegeben hatten. Er wurde erst lange nicht vorgelassen.
Dann fand er Elisabeth Salomea in raschen, heftigen Vorbereitungen zur
Abreise. Er kam nicht dazu, sein großmütiges Anerbieten vorzubringen. Die
Demoiselle war auf eine bestürzende Art verändert. Sie fuhr hastig herum
zwischen Stapeln von Toilettedingen, Nippes, Büchern, Wäsche, schichtete,
schnürte, packte, machte mit bitterer, höhnischer Lustigkeit frivole
Konversation. Aeußerte erschreckende Prinzipien. Moral sei etwas durchaus
Relatives. In Stuttgart sei es vor einem Jahr guter Ton gewesen, höfisch und
galant zu sein, jetzt sei das Gegenteil Postulat. Ihrer Meinung nach sei der
Jud der beste Mann im Schwäbischen und der einzige Kavalier. Im übrigen
gehe sie jetzt ins Ausland, zuerst nach Dresden und Warschau, dann nach
Neapel und Paris. Und somit Gott befohlen. Sie winkte ihm mit der Hand,
an der in verwirrendem Feuer das Aug des Paradieses strahlte.
Aufgewühlt, mit zerpreßten Lippen, kehrte Michael Koppenhöfer zurück.
Später hörte er, Elisabeth Salomea führe an den europäischen Höfen das
Leben einer großen, erfolgreichen Abenteurerin. In ihrem Gefolg befand
sich als ihr Leibjäger und Vertrauter Otman, der Schwarzbraune.
In die Zelle des Süß trat der Magister Jaakob Polykarp Schober. Es war
dunkel und feucht in dem engen Geviert, Moder und Gestank war in der
lieblich vor den rohen, massigen Richtern. Er konnte sich nicht helfen, es
war wahrscheinlich sentimental, aber das Herz stieg ihm hoch, wenn er an
sie dachte, er konnte sie nicht herausreißen und mit festem Männertritt
weitergehen. Er rang sich ab; wenn der alte Harpprecht ihm sanfte,
andeutende Fragen stellte, bog er aus. Er suchte sich zusammen, was er
alles Kühnes, Freigeistiges über den Unwert der Keuschheit gehört hatte,
aber es blieb ihm Theorie, es wurde nicht lebendig, all sein Gefühl bäumte
sich dagegen. Er bezwang sich schließlich. Er wird aller praktischen Politik
entsagen, wird, und mag man sich noch so sehr über ihn, den Mann der
Hure, lustig machen, Elisabeth Salomea zu sich emporheben, sie ehelichen,
sie entmakeln, als stiller Wissenschaftler, von ihrer Reue und Dankbarkeit
getragen, fern von der Welt, nur mit Büchern und ihr, auf dem Lande leben.
Er fuhr, ohne den alten Harpprecht zu verständigen, in die Nähe von
Heilbronn auf das Götzische Landgut, wohin sich die Damen nach ihrer
Vernehmung zurückbegeben hatten. Er wurde erst lange nicht vorgelassen.
Dann fand er Elisabeth Salomea in raschen, heftigen Vorbereitungen zur
Abreise. Er kam nicht dazu, sein großmütiges Anerbieten vorzubringen. Die
Demoiselle war auf eine bestürzende Art verändert. Sie fuhr hastig herum
zwischen Stapeln von Toilettedingen, Nippes, Büchern, Wäsche, schichtete,
schnürte, packte, machte mit bitterer, höhnischer Lustigkeit frivole
Konversation. Aeußerte erschreckende Prinzipien. Moral sei etwas durchaus
Relatives. In Stuttgart sei es vor einem Jahr guter Ton gewesen, höfisch und
galant zu sein, jetzt sei das Gegenteil Postulat. Ihrer Meinung nach sei der
Jud der beste Mann im Schwäbischen und der einzige Kavalier. Im übrigen
gehe sie jetzt ins Ausland, zuerst nach Dresden und Warschau, dann nach
Neapel und Paris. Und somit Gott befohlen. Sie winkte ihm mit der Hand,
an der in verwirrendem Feuer das Aug des Paradieses strahlte.
Aufgewühlt, mit zerpreßten Lippen, kehrte Michael Koppenhöfer zurück.
Später hörte er, Elisabeth Salomea führe an den europäischen Höfen das
Leben einer großen, erfolgreichen Abenteurerin. In ihrem Gefolg befand
sich als ihr Leibjäger und Vertrauter Otman, der Schwarzbraune.
In die Zelle des Süß trat der Magister Jaakob Polykarp Schober. Es war
dunkel und feucht in dem engen Geviert, Moder und Gestank war in der
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Luft. Süß hockte gebeugt, sein Atem ging beschwerlich, er war verfettet
und verfallen, das Gesicht wüst umstoppelt. Der Magister erschrak ins
Innerste, als er, zunächst zweifelnd, in dem verlumpten Menschen seinen
weiland so großen und mächtigen Herrn erkannte. Ihm selber ging es nicht
gut. Er litt darunter, daß er den Finanzdirektor in diesen Zustand gebracht
hatte, eigentlich hatte doch der den evangelischen Glauben im Herzogtum
gerettet, es drückte den Magister in die Erde, daß er dem Juden Schweigen
zugeschworen hatte, er wollte reden, dieses Verfolgten Unschuld
offenbaren, ihn befreien. Kopfwiegend hörte Süß seine unbehilflichen,
verwirrten Klagen, Bitten, Beteuerungen, sagte schließlich: „Er ist ein guter
Mensch, Magister. Es sind nicht viele.“ Und nach einer Weile, zwielichtig
lächelnd: „Wenn Er es durchaus will, kann Er jetzt reden.“ Der Magister
küßte ihm die Hand, ging beglückt.
Lief zu den Herren vom Parlament, denen er damals, autorisiert von Süß,
das katholische Projekt verraten hatte. Erklärte, setzte auseinander,
beteuerte. Erstaunt, verständnislos hörte man ihn an. Glaubte, er wolle eine
nachträgliche Entlohnung für seinen damaligen Verrat des Putsches, für die
Mitwirkung an seiner Entlarvung. Ziemlich reserviert versprach man ihm,
sich für ihn zu verwenden, ließ etwas fallen von Anstellung im Staatsdienst.
Wie er eifrig berichtigte, aufklärte, darauf beharrte, er habe mit Willen, ja
im Auftrag des Süß die ketzerischen Pläne offenbart, wurde man
ungeduldig, sagte, er solle keine Witze machen, glaubte an
Erpressungsversuche, an irgendwelche Manöver des Juden. Vor allem der
Geheimrat Pflug witterte einen ganz verruchten Verteidigungsplan des Süß
und bewirkte, daß man den Magister, als er nicht abließ und die Richter
immer wieder mit seinen Märchen behelligte, ins Gefängnis setzte. Da der
Jude selber aber nichts in der Richtung der Schoberschen Aeußerungen zu
seiner Verteidigung vorbrachte, hielt man den Magister schließlich einfach
für geistesgestört, für einen harmlosen Verrückten, erklärte seinen Irrsinn
aus seiner Pietisterei und Schwarmgeisterei und ließ ihn mit einer scharfen
Verwarnung laufen. Erschöpft vom Entsetzen über die Verstrickungen und
die Blindheit der Welt zog sich der Magister nach Hirsau zurück und lebte
der Tugend, der alten Katze und der Poesie.
Nach Hirsau auch folgte ihm bald Philipp Heinrich Weißensee.
Weißensee hatte auf das Amt des Konsistorialpräsidenten resignieren
müssen. Vielleicht hätte der frühere Weißensee sich halten können; der
Geheimrat Heinrich Andreas Schütz etwa war im Grund viel enger
und verfallen, das Gesicht wüst umstoppelt. Der Magister erschrak ins
Innerste, als er, zunächst zweifelnd, in dem verlumpten Menschen seinen
weiland so großen und mächtigen Herrn erkannte. Ihm selber ging es nicht
gut. Er litt darunter, daß er den Finanzdirektor in diesen Zustand gebracht
hatte, eigentlich hatte doch der den evangelischen Glauben im Herzogtum
gerettet, es drückte den Magister in die Erde, daß er dem Juden Schweigen
zugeschworen hatte, er wollte reden, dieses Verfolgten Unschuld
offenbaren, ihn befreien. Kopfwiegend hörte Süß seine unbehilflichen,
verwirrten Klagen, Bitten, Beteuerungen, sagte schließlich: „Er ist ein guter
Mensch, Magister. Es sind nicht viele.“ Und nach einer Weile, zwielichtig
lächelnd: „Wenn Er es durchaus will, kann Er jetzt reden.“ Der Magister
küßte ihm die Hand, ging beglückt.
Lief zu den Herren vom Parlament, denen er damals, autorisiert von Süß,
das katholische Projekt verraten hatte. Erklärte, setzte auseinander,
beteuerte. Erstaunt, verständnislos hörte man ihn an. Glaubte, er wolle eine
nachträgliche Entlohnung für seinen damaligen Verrat des Putsches, für die
Mitwirkung an seiner Entlarvung. Ziemlich reserviert versprach man ihm,
sich für ihn zu verwenden, ließ etwas fallen von Anstellung im Staatsdienst.
Wie er eifrig berichtigte, aufklärte, darauf beharrte, er habe mit Willen, ja
im Auftrag des Süß die ketzerischen Pläne offenbart, wurde man
ungeduldig, sagte, er solle keine Witze machen, glaubte an
Erpressungsversuche, an irgendwelche Manöver des Juden. Vor allem der
Geheimrat Pflug witterte einen ganz verruchten Verteidigungsplan des Süß
und bewirkte, daß man den Magister, als er nicht abließ und die Richter
immer wieder mit seinen Märchen behelligte, ins Gefängnis setzte. Da der
Jude selber aber nichts in der Richtung der Schoberschen Aeußerungen zu
seiner Verteidigung vorbrachte, hielt man den Magister schließlich einfach
für geistesgestört, für einen harmlosen Verrückten, erklärte seinen Irrsinn
aus seiner Pietisterei und Schwarmgeisterei und ließ ihn mit einer scharfen
Verwarnung laufen. Erschöpft vom Entsetzen über die Verstrickungen und
die Blindheit der Welt zog sich der Magister nach Hirsau zurück und lebte
der Tugend, der alten Katze und der Poesie.
Nach Hirsau auch folgte ihm bald Philipp Heinrich Weißensee.
Weißensee hatte auf das Amt des Konsistorialpräsidenten resignieren
müssen. Vielleicht hätte der frühere Weißensee sich halten können; der
Geheimrat Heinrich Andreas Schütz etwa war im Grund viel enger
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verstrickt in das katholische Projekt und hatte sich doch, der geschmeidige
Mann, unter dem Herzog-Administrator Karl Rudolf so gut behaupten
können wie in jeder früheren Regierung, und Weißensee war zumindest
ebenso schmiegsam wie er. Aber er war müde und ausgelaugt, er ließ sich
fallen mehr als daß er gestürzt wurde. Magdalen Sibylle war der Vater sehr
fremd geworden. Jetzt in seinem Verfall zog er sie an, sie suchte wieder an
ihn heranzukommen, sie fand, es sei ihm unrecht geschehen, schrieb Verse,
in denen er als nicht durch Schuld, sondern durch Glücksspiel und
Menschenhaß gestürzt hingestellt wurde. Doch der alte Weißensee ließ sie
nicht an sich heran, er verkrustete sich gegen sie, sie war ihm in ihrer
Verbürgerlichung tief zuwider, und ihre Schwangerschaft reizte ihn bis zu
leiblichem Ekel. Was hatte er mit dieser dicken Frau gemein? Er fühlte
nichts für sie, es kam nichts herüber von ihr zu ihm. Was sollte ihm ein
Enkel aus ihr und dem Samen des Immanuel Rieger, des hageren,
unansehnlichen, schnurrbärtigen, braven, pedantischen, leergesichtigen
Mannes? Nein, nein! Das ging ihn nichts an, rührte ihm nicht im leisesten
Herz und Blut auf. Dazu schämte er sich der albernen Dichterei der Tochter.
Ein medizinischer und poetischer Freund, der Doktor Daniel Wilhelm
Triller, hatte jetzt ihre Gedichte drucken lassen, der Göttinger Pietistenkreis
hatte erwirkt, daß der Prorektor der dortigen Universität, der Professor
Seldner, in seiner Eigenschaft als kaiserlicher Pfalzgraf Magdalen Sibylle
zur gekrönten Dichterin erhob. Armer Kurfürst von Hannover, armer König
von England, der für solche Universität und solche Aesthetik, einen solchen
Kritikaster und Marsyas verantwortlich war. Nun zog das hin und her mit
nüchternen, törichten, gereimten Gratulationen und Dankgedichten, und die
Frau, die das trieb, dieweil sie ein Kind trug, diese armselige Poeta
laureata, war seine Tochter! Der alte, feine Herr, dessen Leben Takt und
Weltgefühl und Erlesenheit und Diplomatie war, schämte sich. Ihn ekelte, er
zog sich, arm, kahl, zurück nach Hirsau zu seinem Bibelkommentar.
Unterdes blühte das Land auf. Atmete, reckte sich, nicht mehr von
drosselnder Hand gewürgt. Die Preise gingen herunter, senkten sich unter
das Niveau der ersten, guten Regierungsjahre Karl Alexanders. Sechs Pfund
Brot kosteten neun Kreuzer, der Schoppen alter Wein im Ausschank sechs
Kreuzer, das Pfund Ochsen- oder Schweinefleisch fünf Kreuzer, die Maß
Mann, unter dem Herzog-Administrator Karl Rudolf so gut behaupten
können wie in jeder früheren Regierung, und Weißensee war zumindest
ebenso schmiegsam wie er. Aber er war müde und ausgelaugt, er ließ sich
fallen mehr als daß er gestürzt wurde. Magdalen Sibylle war der Vater sehr
fremd geworden. Jetzt in seinem Verfall zog er sie an, sie suchte wieder an
ihn heranzukommen, sie fand, es sei ihm unrecht geschehen, schrieb Verse,
in denen er als nicht durch Schuld, sondern durch Glücksspiel und
Menschenhaß gestürzt hingestellt wurde. Doch der alte Weißensee ließ sie
nicht an sich heran, er verkrustete sich gegen sie, sie war ihm in ihrer
Verbürgerlichung tief zuwider, und ihre Schwangerschaft reizte ihn bis zu
leiblichem Ekel. Was hatte er mit dieser dicken Frau gemein? Er fühlte
nichts für sie, es kam nichts herüber von ihr zu ihm. Was sollte ihm ein
Enkel aus ihr und dem Samen des Immanuel Rieger, des hageren,
unansehnlichen, schnurrbärtigen, braven, pedantischen, leergesichtigen
Mannes? Nein, nein! Das ging ihn nichts an, rührte ihm nicht im leisesten
Herz und Blut auf. Dazu schämte er sich der albernen Dichterei der Tochter.
Ein medizinischer und poetischer Freund, der Doktor Daniel Wilhelm
Triller, hatte jetzt ihre Gedichte drucken lassen, der Göttinger Pietistenkreis
hatte erwirkt, daß der Prorektor der dortigen Universität, der Professor
Seldner, in seiner Eigenschaft als kaiserlicher Pfalzgraf Magdalen Sibylle
zur gekrönten Dichterin erhob. Armer Kurfürst von Hannover, armer König
von England, der für solche Universität und solche Aesthetik, einen solchen
Kritikaster und Marsyas verantwortlich war. Nun zog das hin und her mit
nüchternen, törichten, gereimten Gratulationen und Dankgedichten, und die
Frau, die das trieb, dieweil sie ein Kind trug, diese armselige Poeta
laureata, war seine Tochter! Der alte, feine Herr, dessen Leben Takt und
Weltgefühl und Erlesenheit und Diplomatie war, schämte sich. Ihn ekelte, er
zog sich, arm, kahl, zurück nach Hirsau zu seinem Bibelkommentar.
Unterdes blühte das Land auf. Atmete, reckte sich, nicht mehr von
drosselnder Hand gewürgt. Die Preise gingen herunter, senkten sich unter
das Niveau der ersten, guten Regierungsjahre Karl Alexanders. Sechs Pfund
Brot kosteten neun Kreuzer, der Schoppen alter Wein im Ausschank sechs
Kreuzer, das Pfund Ochsen- oder Schweinefleisch fünf Kreuzer, die Maß
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Bier zwei Kreuzer drei Heller, ein Klafter buchenes Holz zehn, tannenes
fünf Gulden. Und wenngleich es sonst innerpolitisch nicht eben zum besten
aussah, – Pflicht! sagte Karl Rudolf; Gerechtigkeit! Autorität! und war nicht
gewillt, dem Parlament gegenüber von seinen fürstlichen Rechten auch nur
ein Tipfelchen abzulassen –, so berief er anderseits den klugen, festen,
redlichen, umsichtigen Bilfinger ins Kabinett, und solche Sicherung der
religiösen und bürgerlichen Freiheiten war zusammen mit der
wirtschaftlichen Entspannung Ursach genug zu allgemeiner Zufriedenheit.
Man suchte altmodische Bilder her, auf denen sich Karl Rudolf an der
Spitze von Truppen in verschollenen Uniformen mit pumphosigen Türken
und krummsäbeligen Sarazenen herumschlug, und wo der kleine, schiefe,
schäbige Soldat erschien, schrie manch Hoch.
Die biedere, sachliche Art des alten Regenten imponierte vor allem dem
Landschaftskonsulenten Veit Ludwig Neuffer. Aus einem düster glühenden
Anbeter der Macht war er ein ebenso düster schwelender Tyrannenhasser
geworden. Jetzt erkannte er, dies wie jenes war nur eine Farbe, eine Fahne,
nicht der Kern, nicht das Wesen. Pflicht! Gerechtigkeit! Autorität! das war
der Sinn aller Staatskunst, das Rückgrat guten Regiments. Karl Rudolf fand
Gefallen an dem mageren Menschen, an seiner schäbig trotzigen Art, sich
zu kleiden, sich zu geben, an seinem dürren Fanatismus. Auch stand er in
irgendeinem, freilich wußte man nicht recht welchem, Zusammenhang mit
der Erledigung des letzten, schlechten Herzogs und des Juden. Karl Rudolf
berief auch ihn ins Kabinett. Da saß nun der trocken glühende Mann und
regierte, eisern pflichttreu, eisern gerecht, Autorität fordernd und Autorität
gebend.
So war mit viel Wolken und Wind ein Frühjahr vergangen, ein
strahlender Frühsommer, ein drückender, vielgewittriger Sommer, jetzt
neigte sich ein klarer Herbst zu Ende, erster Frost setzte ein, und Süß stak
noch immer zwischen den triefenden, engen Wänden seiner Zelle. Er war
jetzt gedrückt und trüb. Es war nicht schwer, Folter zu ertragen, es war
vermutlich auch nicht schwer zu sterben, aber es wurde mit jedem Tag
schwerere Last, die stinkige Luft dieser Haft zu atmen, das ekle Brot dieser
Festung zu schlingen. Sein Rücken war gekrümmt, seine Glieder verzerrt,
seine Gelenke wundgescheuert von den Fesseln. Draußen war Luft, draußen
war Sonne und Wind, draußen waren Bäume und Felder, Häuser und helle
Stimmen, Männer gingen geschäftig und gewichtig, Kinder sprangen,
Mädchen schaukelten die Röcke. Oh, einmal einen Mund voll freier,
fünf Gulden. Und wenngleich es sonst innerpolitisch nicht eben zum besten
aussah, – Pflicht! sagte Karl Rudolf; Gerechtigkeit! Autorität! und war nicht
gewillt, dem Parlament gegenüber von seinen fürstlichen Rechten auch nur
ein Tipfelchen abzulassen –, so berief er anderseits den klugen, festen,
redlichen, umsichtigen Bilfinger ins Kabinett, und solche Sicherung der
religiösen und bürgerlichen Freiheiten war zusammen mit der
wirtschaftlichen Entspannung Ursach genug zu allgemeiner Zufriedenheit.
Man suchte altmodische Bilder her, auf denen sich Karl Rudolf an der
Spitze von Truppen in verschollenen Uniformen mit pumphosigen Türken
und krummsäbeligen Sarazenen herumschlug, und wo der kleine, schiefe,
schäbige Soldat erschien, schrie manch Hoch.
Die biedere, sachliche Art des alten Regenten imponierte vor allem dem
Landschaftskonsulenten Veit Ludwig Neuffer. Aus einem düster glühenden
Anbeter der Macht war er ein ebenso düster schwelender Tyrannenhasser
geworden. Jetzt erkannte er, dies wie jenes war nur eine Farbe, eine Fahne,
nicht der Kern, nicht das Wesen. Pflicht! Gerechtigkeit! Autorität! das war
der Sinn aller Staatskunst, das Rückgrat guten Regiments. Karl Rudolf fand
Gefallen an dem mageren Menschen, an seiner schäbig trotzigen Art, sich
zu kleiden, sich zu geben, an seinem dürren Fanatismus. Auch stand er in
irgendeinem, freilich wußte man nicht recht welchem, Zusammenhang mit
der Erledigung des letzten, schlechten Herzogs und des Juden. Karl Rudolf
berief auch ihn ins Kabinett. Da saß nun der trocken glühende Mann und
regierte, eisern pflichttreu, eisern gerecht, Autorität fordernd und Autorität
gebend.
So war mit viel Wolken und Wind ein Frühjahr vergangen, ein
strahlender Frühsommer, ein drückender, vielgewittriger Sommer, jetzt
neigte sich ein klarer Herbst zu Ende, erster Frost setzte ein, und Süß stak
noch immer zwischen den triefenden, engen Wänden seiner Zelle. Er war
jetzt gedrückt und trüb. Es war nicht schwer, Folter zu ertragen, es war
vermutlich auch nicht schwer zu sterben, aber es wurde mit jedem Tag
schwerere Last, die stinkige Luft dieser Haft zu atmen, das ekle Brot dieser
Festung zu schlingen. Sein Rücken war gekrümmt, seine Glieder verzerrt,
seine Gelenke wundgescheuert von den Fesseln. Draußen war Luft, draußen
war Sonne und Wind, draußen waren Bäume und Felder, Häuser und helle
Stimmen, Männer gingen geschäftig und gewichtig, Kinder sprangen,
Mädchen schaukelten die Röcke. Oh, einmal einen Mund voll freier,
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wehender Luft, einmal sieben Schritte machen dürfen statt der fünfeinhalb
durch die Zelle. Er schrieb. Er schrieb an den Herzog-Administrator. Der
war ein betagter Herr; vielleicht hört er. Er schrieb ehrerbietig, nicht servil,
sachlich. Wies sachlich, ohne Erbitterung, nach, daß er nach den Gesetzen
des Herzogtums nicht schuldig sei. Selbst übrigens, wenn er sich da und
dort gegen die Ordnungen des Landes verfehlt habe, schütze ihn sein von
dem Herzog Karl Alexander ihm zugestelltes Absolutorium, nach dem er
nicht könne verantwortlich gemacht werden. Dennoch sei er erbötig, zu
ersetzen, was durch seine Tätigkeit jemand an Schaden zugefügt sei. Bereits
sei er vierunddreißig Wochen im Arrest und zum Teil geschlossen. Er sei
auf der Festung ein alter Mann geworden. Er hoffe daher, der Herzog-
Administrator, dem er sich zu Füßen lege, werde für ihn Gnade haben.
Mit einer Spannung wie lange nicht mehr wartete er auf Bescheid.
Morgen kam und Abend und wieder ein Tag und noch einer und eine Woche
und aber eine Woche. Endlich, bei dem täglichen Verhör zwischen neun und
zehn Uhr, nachdem der Major Glaser ihm triumphierend wieder ein paar
Frauennamen genannt hatte, die die Kommission ausgeschnüffelt hatte,
fragte er geradezu, ob keine Antwort vom Herzog-Administrator
eingelaufen sei. Der Major fragte kalt höhnend zurück, ob er im Ernst
glaube, daß man den Regenten mit seinen jüdischen Frechheiten molestiere;
selbstverständlich habe man seine Expektorationen, als eines verstockten
Schelmen und Juden, nicht an den Herzog, sondern nur an die Richter
geleitet. An den Geheimrat Pflug berichtete er in seinem täglichen Referat,
der Hebräer, die Bestie, sei ganz klein geworden bei diesem Bescheid.
Doch Süß hatte alle Räder der alten Zähigkeit und Tatkraft wieder
angedreht. Er wollte atmen, er wollte am Licht sein. Seit den unglücklichen
Versuchen des Magisters Schober durfte er keine Besuche mehr empfangen,
selbst sein Verteidiger, der brave Lizentiat Mögling, wurde nicht mehr
zugelassen. Doch in dem kranken, zerbrochenen Mann war die alte
Schlauheit wachgeworden. Er bat angemessen um Verstattung eines
Geistlichen. Den konnte man nicht wohl verweigern. Den wollte er zur
Mittelsperson machen, um durch ihn den alten Regenten zu erreichen.
Allein seine Hoffnung war rasch vereitelt; man schickte ihm den Stadtvikar
Hoffmann, den er als alten Anhänger der Verfassungspartei und erklärten
Gegner kannte. Der Vikar glaubte natürlich, Süß in seiner jetzigen Lage sei
leicht zu bekehren, und begann ihm sogleich höhnisch und salbungsvoll ins
Gewissen zu reden. Der Jude sah achselzuckend durch diese unglückliche
durch die Zelle. Er schrieb. Er schrieb an den Herzog-Administrator. Der
war ein betagter Herr; vielleicht hört er. Er schrieb ehrerbietig, nicht servil,
sachlich. Wies sachlich, ohne Erbitterung, nach, daß er nach den Gesetzen
des Herzogtums nicht schuldig sei. Selbst übrigens, wenn er sich da und
dort gegen die Ordnungen des Landes verfehlt habe, schütze ihn sein von
dem Herzog Karl Alexander ihm zugestelltes Absolutorium, nach dem er
nicht könne verantwortlich gemacht werden. Dennoch sei er erbötig, zu
ersetzen, was durch seine Tätigkeit jemand an Schaden zugefügt sei. Bereits
sei er vierunddreißig Wochen im Arrest und zum Teil geschlossen. Er sei
auf der Festung ein alter Mann geworden. Er hoffe daher, der Herzog-
Administrator, dem er sich zu Füßen lege, werde für ihn Gnade haben.
Mit einer Spannung wie lange nicht mehr wartete er auf Bescheid.
Morgen kam und Abend und wieder ein Tag und noch einer und eine Woche
und aber eine Woche. Endlich, bei dem täglichen Verhör zwischen neun und
zehn Uhr, nachdem der Major Glaser ihm triumphierend wieder ein paar
Frauennamen genannt hatte, die die Kommission ausgeschnüffelt hatte,
fragte er geradezu, ob keine Antwort vom Herzog-Administrator
eingelaufen sei. Der Major fragte kalt höhnend zurück, ob er im Ernst
glaube, daß man den Regenten mit seinen jüdischen Frechheiten molestiere;
selbstverständlich habe man seine Expektorationen, als eines verstockten
Schelmen und Juden, nicht an den Herzog, sondern nur an die Richter
geleitet. An den Geheimrat Pflug berichtete er in seinem täglichen Referat,
der Hebräer, die Bestie, sei ganz klein geworden bei diesem Bescheid.
Doch Süß hatte alle Räder der alten Zähigkeit und Tatkraft wieder
angedreht. Er wollte atmen, er wollte am Licht sein. Seit den unglücklichen
Versuchen des Magisters Schober durfte er keine Besuche mehr empfangen,
selbst sein Verteidiger, der brave Lizentiat Mögling, wurde nicht mehr
zugelassen. Doch in dem kranken, zerbrochenen Mann war die alte
Schlauheit wachgeworden. Er bat angemessen um Verstattung eines
Geistlichen. Den konnte man nicht wohl verweigern. Den wollte er zur
Mittelsperson machen, um durch ihn den alten Regenten zu erreichen.
Allein seine Hoffnung war rasch vereitelt; man schickte ihm den Stadtvikar
Hoffmann, den er als alten Anhänger der Verfassungspartei und erklärten
Gegner kannte. Der Vikar glaubte natürlich, Süß in seiner jetzigen Lage sei
leicht zu bekehren, und begann ihm sogleich höhnisch und salbungsvoll ins
Gewissen zu reden. Der Jude sah achselzuckend durch diese unglückliche
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Wahl die letzte Hoffnung hinschwimmen, erwiderte, er denke nicht daran,
überzutreten, gestand schlicht und klar, er habe ihn nur rufen lassen, um
durch seine Vermittlung Audienz beim Herzog-Vormünder zu erwirken. Der
Geistliche schnaubte, dies sei nicht seines Amtes, Süß erwiderte trocken, er
danke für seinen Besuch.
Allein der Stadtvikar kam wieder. Er war ein eifriger Herr, er hatte wohl
bemerkt, wie übel es um den Körper des Juden stand, und er vermeinte, in
einem mürben Körper müsse auch eine mürbe Seele stecken. Süß lächelte,
als er ihn wieder sah. Er hörte ihn ruhig an und mit Aufmerksamkeit. Am
Ende sagte er, kopfwiegend: „Religion ändern ist Sache für einen freien
Menschen und steht nicht wohl an einem Gefangenen.“ Doch der Stadtvikar
beschied sich nicht. Er hatte es sich in den Kopf gesetzt, diesen Mann,
dessen Fama durch das ganze Römische Reich geflogen war, von den
Wahrheiten der Augsburgischen Konfession zu überzeugen. Er brachte
sogar einen Helfer mit, den Stiftsprediger Johann Konrad Rieger. Die
beiden Herren Geistlichen arbeiteten sich ab; Johann Konrad Rieger breitete
allen Samt seiner berühmten Rhetorik vor ihn hin, der Stadtvikar
sekundierte, verstärkte, eine ganze Missionsgesellschaft konnte nicht mehr
und gründlichere Argumente häufen. Aber Süß, als ein verstockter Jud,
verharrte dennoch in seinem Irrtum.
Die anderen Gefangenen, die Scheffer, Hallwachs, Bühler, Mez wurden
sehr viel glimpflicher behandelt. Sie hatten verwandtschaftliche
Beziehungen zu den Familien der Parlamentarier; ihre Prozesse wurden
sänftlich geführt; es wurde umgebogen, umschrieben, vertuscht. Ihre, der
vereidigten Beamten, Taten, Majestätsverbrechen und Hochverrat nach dem
Gesetz, erschienen als immer weniger beträchtliche Vergehen; die
Untersuchung wurde zur bloßen Formsache. Zuerst wurde der Hofkanzler
von Scheffer freigesprochen, lediglich zur Bezahlung der
Untersuchungskosten verurteilt; mit Beibehaltung seines Geheimratstitels
und voller Pension zog er nach Tübingen. Dann wurden Bühler und Mez
aus der Haft entlassen, am spätesten Hallwachs. Sie wurden des Landes
verwiesen. Vorsichtshalber hatten sie von den großen Summen, die sie an
den Unternehmungen des Süß verdient, das Wesentliche ins Ausland
geschafft. Es wäre nicht not gewesen; man tastete ihren Besitz selbst im
Herzoglichen nicht an. Sie zogen nun mit anderen früheren Mitarbeitern des
Süß anderthalb Meilen weiter in die freie Reichsstadt Eßlingen, lebten in
der freundlichen, angenehmen Stadt in Ruhe von ihren großen Vermögen,
überzutreten, gestand schlicht und klar, er habe ihn nur rufen lassen, um
durch seine Vermittlung Audienz beim Herzog-Vormünder zu erwirken. Der
Geistliche schnaubte, dies sei nicht seines Amtes, Süß erwiderte trocken, er
danke für seinen Besuch.
Allein der Stadtvikar kam wieder. Er war ein eifriger Herr, er hatte wohl
bemerkt, wie übel es um den Körper des Juden stand, und er vermeinte, in
einem mürben Körper müsse auch eine mürbe Seele stecken. Süß lächelte,
als er ihn wieder sah. Er hörte ihn ruhig an und mit Aufmerksamkeit. Am
Ende sagte er, kopfwiegend: „Religion ändern ist Sache für einen freien
Menschen und steht nicht wohl an einem Gefangenen.“ Doch der Stadtvikar
beschied sich nicht. Er hatte es sich in den Kopf gesetzt, diesen Mann,
dessen Fama durch das ganze Römische Reich geflogen war, von den
Wahrheiten der Augsburgischen Konfession zu überzeugen. Er brachte
sogar einen Helfer mit, den Stiftsprediger Johann Konrad Rieger. Die
beiden Herren Geistlichen arbeiteten sich ab; Johann Konrad Rieger breitete
allen Samt seiner berühmten Rhetorik vor ihn hin, der Stadtvikar
sekundierte, verstärkte, eine ganze Missionsgesellschaft konnte nicht mehr
und gründlichere Argumente häufen. Aber Süß, als ein verstockter Jud,
verharrte dennoch in seinem Irrtum.
Die anderen Gefangenen, die Scheffer, Hallwachs, Bühler, Mez wurden
sehr viel glimpflicher behandelt. Sie hatten verwandtschaftliche
Beziehungen zu den Familien der Parlamentarier; ihre Prozesse wurden
sänftlich geführt; es wurde umgebogen, umschrieben, vertuscht. Ihre, der
vereidigten Beamten, Taten, Majestätsverbrechen und Hochverrat nach dem
Gesetz, erschienen als immer weniger beträchtliche Vergehen; die
Untersuchung wurde zur bloßen Formsache. Zuerst wurde der Hofkanzler
von Scheffer freigesprochen, lediglich zur Bezahlung der
Untersuchungskosten verurteilt; mit Beibehaltung seines Geheimratstitels
und voller Pension zog er nach Tübingen. Dann wurden Bühler und Mez
aus der Haft entlassen, am spätesten Hallwachs. Sie wurden des Landes
verwiesen. Vorsichtshalber hatten sie von den großen Summen, die sie an
den Unternehmungen des Süß verdient, das Wesentliche ins Ausland
geschafft. Es wäre nicht not gewesen; man tastete ihren Besitz selbst im
Herzoglichen nicht an. Sie zogen nun mit anderen früheren Mitarbeitern des
Süß anderthalb Meilen weiter in die freie Reichsstadt Eßlingen, lebten in
der freundlichen, angenehmen Stadt in Ruhe von ihren großen Vermögen,
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ließen sich täglich Besuch aus Stuttgart kommen, verfolgten als behagliche
Zuschauer mit wohlwollendem Interesse den Prozeß gegen Süß. Wohl
murrte man in Eßlingen zunächst gegen diese neuen Kömmlinge. Aber die
veränderten Läufte hatten viele Emigranten wieder zurück ins Herzogliche
geführt, man spürte in Eßlingen den finanziellen Ausfall und war am Ende
froh, statt ihrer die neuen, viel verzehrenden Flüchtlinge der Gegenpartei
innerhalb der Stadtmauern zu wissen. So fühlten sich also die Genossen des
Süß bald wohl und warteten ab, bis etwa ein Regierungswechsel sie
zurückriefe; der junge Herzog blieb ja nicht ewig unmündig und Karl
Rudolf war ein alter Herr.
Das Vermögen des Süß, soweit es im Herzogtum gegriffen werden
konnte, vor allem auch sein Palais, wurde vorläufig beschlagnahmt. Die
Liquidierung der weitverzweigten, unübersichtlichen Geschäfte des
Finanzdirektors machte ungeheure Schwierigkeiten. Dom Bartelemi
Pancorbo mußte knirschend Nicklas Pfäffle zu Rate ziehen. Der blasse, fette
Bursche fügte sich auch; doch stellte er in seiner gleichmütigen Art
Bedingungen. Vor allem ließ er keine fremde Hand heran an Dinge, mit
denen sein Herr in leiblicher Berührung gestanden war. Sowie der
Portugiese hier anzutasten wagte, wurde Nicklas Pfäffle sogleich
widerspenstig, verwirrte die Fäden der schwebenden
Finanzangelegenheiten, übte passive Resistenz, und Dom Bartelemi mußte
die dürren Finger wieder wegziehen von den Dingen, die ihm der stille
Sekretär nicht erlaubte.
Die Stute Assjadah fiel ab, so gut sie gehalten wurde, seitdem sie nicht
mehr die Hand ihres Herrn spürte. Der Major Röder wollte sie haben, und
der Portugiese sagte sie ihm zu. Doch Nicklas Pfäffle verhinderte es. Das
Angebot des Majors war plötzlich überboten; ehe der Major sich
rückäußern konnte, war das edle Tier dem fremden, unbekannten Käufer
überlassen worden, und Herr von Röder, dessen Lied: Halt! oder stirb
entweder! noch immer in aller Munde war, mußte sich dem stets
enthusiasmierten Volk auf seinem alten Fuchs zeigen. Die schöne
Morgenländische tauchte dann bei der Demoiselle Elisabeth Salomea
Götzin auf, wo der Schwarzbraune sie wartete. Später in starker Geldnot
mußte die Demoiselle sich ihrer entäußern. Sie verkaufte sie an einen
reichen Moslem, und die Stute Assjadah verschwand wieder nach dem
Osten, aus dem sie gekommen war.
Zuschauer mit wohlwollendem Interesse den Prozeß gegen Süß. Wohl
murrte man in Eßlingen zunächst gegen diese neuen Kömmlinge. Aber die
veränderten Läufte hatten viele Emigranten wieder zurück ins Herzogliche
geführt, man spürte in Eßlingen den finanziellen Ausfall und war am Ende
froh, statt ihrer die neuen, viel verzehrenden Flüchtlinge der Gegenpartei
innerhalb der Stadtmauern zu wissen. So fühlten sich also die Genossen des
Süß bald wohl und warteten ab, bis etwa ein Regierungswechsel sie
zurückriefe; der junge Herzog blieb ja nicht ewig unmündig und Karl
Rudolf war ein alter Herr.
Das Vermögen des Süß, soweit es im Herzogtum gegriffen werden
konnte, vor allem auch sein Palais, wurde vorläufig beschlagnahmt. Die
Liquidierung der weitverzweigten, unübersichtlichen Geschäfte des
Finanzdirektors machte ungeheure Schwierigkeiten. Dom Bartelemi
Pancorbo mußte knirschend Nicklas Pfäffle zu Rate ziehen. Der blasse, fette
Bursche fügte sich auch; doch stellte er in seiner gleichmütigen Art
Bedingungen. Vor allem ließ er keine fremde Hand heran an Dinge, mit
denen sein Herr in leiblicher Berührung gestanden war. Sowie der
Portugiese hier anzutasten wagte, wurde Nicklas Pfäffle sogleich
widerspenstig, verwirrte die Fäden der schwebenden
Finanzangelegenheiten, übte passive Resistenz, und Dom Bartelemi mußte
die dürren Finger wieder wegziehen von den Dingen, die ihm der stille
Sekretär nicht erlaubte.
Die Stute Assjadah fiel ab, so gut sie gehalten wurde, seitdem sie nicht
mehr die Hand ihres Herrn spürte. Der Major Röder wollte sie haben, und
der Portugiese sagte sie ihm zu. Doch Nicklas Pfäffle verhinderte es. Das
Angebot des Majors war plötzlich überboten; ehe der Major sich
rückäußern konnte, war das edle Tier dem fremden, unbekannten Käufer
überlassen worden, und Herr von Röder, dessen Lied: Halt! oder stirb
entweder! noch immer in aller Munde war, mußte sich dem stets
enthusiasmierten Volk auf seinem alten Fuchs zeigen. Die schöne
Morgenländische tauchte dann bei der Demoiselle Elisabeth Salomea
Götzin auf, wo der Schwarzbraune sie wartete. Später in starker Geldnot
mußte die Demoiselle sich ihrer entäußern. Sie verkaufte sie an einen
reichen Moslem, und die Stute Assjadah verschwand wieder nach dem
Osten, aus dem sie gekommen war.
Page 407
Auch den Papagei Akiba, der „Ma vie pour mon souverain!“ rief und:
„Wie geruhen Euer Durchlaucht geschlafen zu haben?“ entzog Nicklas
Pfäffle den Händen des gierigen Siegers. Er selber brachte das Bauer mit
dem Vogel nach Frankfurt zu Isaak Landauer, der einen dem Nicklas Pfäffle
sympathischen Käufer ausfindig gemacht hatte. Der große Finanzmann
empfing den Sekretär in dem dumpfen, schlecht gelüfteten Privatkontor
seines häßlichen, schiefen, verwinkelten Ghettohauses. In unschöner,
unbequemer Haltung saß er in seinem schmierigen Kaftan vor dem fetten,
blassen Sekretär, beschaute gehässig den kreischenden Vogel, sprach
schließlich: „Ich hab es ihm rechtzeitig gesagt: Was braucht ein Jud einen
Papagei?“ Er strähnte mit den dürren Fingern hastig den rotblonden,
verfärbten Ziegenbart, schickte schiefe, eilige, mißmutige Blicke herum.
Nicklas Pfäffle schwieg. Aber dann blieben die Männer doch noch einige
Stunden zusammen und besprachen sehr vieles, einsilbig und gleichmütig
der eine, hastig, jammernd, drohend, anklagend, heftig, dringlich der
andere.
Infolge dieser Unterredung machte sowohl Isaak Landauer wie Nicklas
Pfäffle einige Reisen. Von Anfang an hatte die Judenheit für den gestürzten
Finanzdirektor zu wirken gesucht. Jetzt wurde diese Tätigkeit organisiert.
Bei den Ministern und großen Herren an den verschiedensten europäischen
Höfen saßen jüdische Bankiers herum, besprachen den württembergischen
Prozeß. Legten Gewicht nicht etwa auf die Person des Süß, auch nicht auf
die üble Behandlung, die er leiden mußte. Betonten vielmehr, wie
willkürlich und gegen römisches und deutsches Recht sowohl wie gegen die
Landesgesetze dieser Prozeß geführt werde. Die vereidigten Beamten ließ
man laufen, gegen den Privatmann und Nichtuntertan inquirierte man
wegen Verrats an der Verfassung. Ein herzogliches Reskript war da, das ihn
vor allen Verfolgungen durch Gesetzesakt schützte. Man setzte sich über
diese höchste, heiligste Unterschrift hinweg und prozessierte um
Majestätsverbrechen. War das Justiz? Hatte man Rechtssicherheiten,
Garantien in einem solchen Staat? Konnte man verhandeln mit einer
solchen Regierung, Geschäfte mit ihr abschließen? Gegen einen einzigen
Gesetzesparagraphen hatte Süß sich vergangen. Er hatte – ei du
Kriminalverbrechen! – mit christlichen Frauen geschlafen. Darum
konfiszierte man sein Vermögen. Hieß das Recht? Hieß das Justiz? Konnte
man solch einem Staat Kredit geben?
„Wie geruhen Euer Durchlaucht geschlafen zu haben?“ entzog Nicklas
Pfäffle den Händen des gierigen Siegers. Er selber brachte das Bauer mit
dem Vogel nach Frankfurt zu Isaak Landauer, der einen dem Nicklas Pfäffle
sympathischen Käufer ausfindig gemacht hatte. Der große Finanzmann
empfing den Sekretär in dem dumpfen, schlecht gelüfteten Privatkontor
seines häßlichen, schiefen, verwinkelten Ghettohauses. In unschöner,
unbequemer Haltung saß er in seinem schmierigen Kaftan vor dem fetten,
blassen Sekretär, beschaute gehässig den kreischenden Vogel, sprach
schließlich: „Ich hab es ihm rechtzeitig gesagt: Was braucht ein Jud einen
Papagei?“ Er strähnte mit den dürren Fingern hastig den rotblonden,
verfärbten Ziegenbart, schickte schiefe, eilige, mißmutige Blicke herum.
Nicklas Pfäffle schwieg. Aber dann blieben die Männer doch noch einige
Stunden zusammen und besprachen sehr vieles, einsilbig und gleichmütig
der eine, hastig, jammernd, drohend, anklagend, heftig, dringlich der
andere.
Infolge dieser Unterredung machte sowohl Isaak Landauer wie Nicklas
Pfäffle einige Reisen. Von Anfang an hatte die Judenheit für den gestürzten
Finanzdirektor zu wirken gesucht. Jetzt wurde diese Tätigkeit organisiert.
Bei den Ministern und großen Herren an den verschiedensten europäischen
Höfen saßen jüdische Bankiers herum, besprachen den württembergischen
Prozeß. Legten Gewicht nicht etwa auf die Person des Süß, auch nicht auf
die üble Behandlung, die er leiden mußte. Betonten vielmehr, wie
willkürlich und gegen römisches und deutsches Recht sowohl wie gegen die
Landesgesetze dieser Prozeß geführt werde. Die vereidigten Beamten ließ
man laufen, gegen den Privatmann und Nichtuntertan inquirierte man
wegen Verrats an der Verfassung. Ein herzogliches Reskript war da, das ihn
vor allen Verfolgungen durch Gesetzesakt schützte. Man setzte sich über
diese höchste, heiligste Unterschrift hinweg und prozessierte um
Majestätsverbrechen. War das Justiz? Hatte man Rechtssicherheiten,
Garantien in einem solchen Staat? Konnte man verhandeln mit einer
solchen Regierung, Geschäfte mit ihr abschließen? Gegen einen einzigen
Gesetzesparagraphen hatte Süß sich vergangen. Er hatte – ei du
Kriminalverbrechen! – mit christlichen Frauen geschlafen. Darum
konfiszierte man sein Vermögen. Hieß das Recht? Hieß das Justiz? Konnte
man solch einem Staat Kredit geben?
Page 408
So ging es an allen Höfen. Man hänselte die württembergischen
Gesandten, moquierte sich vor allem über die profitliche Staatsmoral, die
das Schäferstündchen eines Privatmannes zur Deckung des Staatsdefizits
ausnützte. Auch daß die Richter den Prozeß nur hinschleppten, um an den
Diäten fett zu werden, wurde überall festgestellt. An jedem Beischlaf des
Juden, hieß es, schnüffelten die Herren so lange herum, bis der einzelne
seine tausend Taler verdient hätte.
Johann Daniel Harpprecht erschien bei dem Herzog-Administrator, ihm
über den Verlauf der Untersuchung zu referieren. Er sprach frank und
geradezu. Wenn das so kontinuiere, verliere die schwäbische Justiz jedes
Prestige. Man habe sich jetzt zur Genüge blamiert. Er brauche nicht zu
betonen, daß er den Juden für eine schädliche Wanze ästimiere. Aber es
gehe nicht an, einen Menschen in einem modernen Rechtsstaat derart
physisch zu torturieren. Man möge endlich die Argumente zusammenstellen
und zu Deduktion und Spruch schreiten. Es sei ein Skandal, daß man die
anderen größeren Schelme habe aus dem Netz gelassen. Er begreife die
politische Notwendigkeit solcher Milde; aber dann solle man sich
wenigstens nicht durch überflüssig barbarisches Traktament des Juden
weiter bloßstellen. Vornehmlich die Geschichte mit den Frauenzimmern,
wie sie die Kommission betreibe, sei eine landesverderberische Sauerei.
Der alte Jurist redete sich rot und heiß und gebrauchte starke Worte. Man
müßte, gehe man nach dem nackten und längst entwesten Buchstaben des
Gesetzes, auch die Weiber verbrennen. Daran denke niemand. Was also in
Dreiteufelsnamen der ganze Handel solle. Es würden jede Nacht
hunderttausend Weiber im Herzogtum beschlafen. Im Bett, eine Frau
beschlafend, gefährde kein Jud und kein Ketzer die Sicherheit des Staates,
der Religion und der Verfassung. Es wäre gut gewesen, der Jud hätte sich
all seine Tag und Nächte nicht anders betätigt. Uebrigens wolle ihm der Jud,
der sich keinen Namen entpressen lasse, nobler erscheinen als seine eifrigen
Richter. Und man solle endlich aus dieser Sauerei Hände und Nasen
herauslassen. Finster hörte der alte Regent zu. Harpprecht polterte nur klar
und hart heraus, was er selber schon dumpf gespürt hatte. Pflicht!
Gerechtigkeit! Und er gab Weisung, die Inquisition wegen der Weiber
einzustellen. Etliche von den Frauen ließ er stäupen, die übliche Fuhre Mist
durch die Stadt schleifen.
Den Süß befahl er nicht weichlich, aber als einen Menschen zu
behandeln. Pedantisch genau befolgte der Major Glaser diese Instruktion.
Gesandten, moquierte sich vor allem über die profitliche Staatsmoral, die
das Schäferstündchen eines Privatmannes zur Deckung des Staatsdefizits
ausnützte. Auch daß die Richter den Prozeß nur hinschleppten, um an den
Diäten fett zu werden, wurde überall festgestellt. An jedem Beischlaf des
Juden, hieß es, schnüffelten die Herren so lange herum, bis der einzelne
seine tausend Taler verdient hätte.
Johann Daniel Harpprecht erschien bei dem Herzog-Administrator, ihm
über den Verlauf der Untersuchung zu referieren. Er sprach frank und
geradezu. Wenn das so kontinuiere, verliere die schwäbische Justiz jedes
Prestige. Man habe sich jetzt zur Genüge blamiert. Er brauche nicht zu
betonen, daß er den Juden für eine schädliche Wanze ästimiere. Aber es
gehe nicht an, einen Menschen in einem modernen Rechtsstaat derart
physisch zu torturieren. Man möge endlich die Argumente zusammenstellen
und zu Deduktion und Spruch schreiten. Es sei ein Skandal, daß man die
anderen größeren Schelme habe aus dem Netz gelassen. Er begreife die
politische Notwendigkeit solcher Milde; aber dann solle man sich
wenigstens nicht durch überflüssig barbarisches Traktament des Juden
weiter bloßstellen. Vornehmlich die Geschichte mit den Frauenzimmern,
wie sie die Kommission betreibe, sei eine landesverderberische Sauerei.
Der alte Jurist redete sich rot und heiß und gebrauchte starke Worte. Man
müßte, gehe man nach dem nackten und längst entwesten Buchstaben des
Gesetzes, auch die Weiber verbrennen. Daran denke niemand. Was also in
Dreiteufelsnamen der ganze Handel solle. Es würden jede Nacht
hunderttausend Weiber im Herzogtum beschlafen. Im Bett, eine Frau
beschlafend, gefährde kein Jud und kein Ketzer die Sicherheit des Staates,
der Religion und der Verfassung. Es wäre gut gewesen, der Jud hätte sich
all seine Tag und Nächte nicht anders betätigt. Uebrigens wolle ihm der Jud,
der sich keinen Namen entpressen lasse, nobler erscheinen als seine eifrigen
Richter. Und man solle endlich aus dieser Sauerei Hände und Nasen
herauslassen. Finster hörte der alte Regent zu. Harpprecht polterte nur klar
und hart heraus, was er selber schon dumpf gespürt hatte. Pflicht!
Gerechtigkeit! Und er gab Weisung, die Inquisition wegen der Weiber
einzustellen. Etliche von den Frauen ließ er stäupen, die übliche Fuhre Mist
durch die Stadt schleifen.
Den Süß befahl er nicht weichlich, aber als einen Menschen zu
behandeln. Pedantisch genau befolgte der Major Glaser diese Instruktion.
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Nicht weichlich. Die Zelle des Juden maß nach wie vor nur
fünfundeinenhalben Schritt, er wurde jeden zweiten Tag geschlossen, erhielt
Fleisch nur des Sonntags, durfte nur einfachste Kleider tragen. Als einen
Menschen. Das Verhör zwischen neun und zehn Uhr fiel fort, er bekam
einen Tag über den andern Waschwasser, seine Zelle hatte Holzboden und
eine Pritsche zum Schlafen.
Auf die Herren der Kommission wirkte die Ordre des Regenten. Auch
wurde ihnen, trotzdem sie große Worte machten, bei der immer lauteren,
klug geschürten Mißbilligung des Auslands unbehaglich. Es war wirklich
nicht so ganz einfach, eine Verurteilung formal einwandfrei zu begründen.
Daß Harpprecht und Schöpf nicht zustimmen würden, war gewiß; aber auch
andere, vornehmlich die jüngeren Herren, wurden unsicher, bekamen Angst,
sich zu blamieren. Der Lizentiat Mögling, der ehrliche Advokat, blühte auf.
Er hatte das Gefühl, als sei die sanftere Behandlung des Süß und der
Stimmungsumschwung einzelner Richter sein Werk. Zwar wurde ihm der
Zutritt zu seinem Klienten immer noch erschwert, auch die Protokolle der
Zeugenverhöre wurden ihm geradezu verweigert, so daß seine
Defensionsschrift sachlich nicht recht weiter gedieh; aber formal feilte er
sie immer schärfer durch, er setzte die Worte immer glatter und schöner, so
daß er sich beruhigt sagen konnte, er verdiene seine Diäten mit Schweiß
und redlich.
Voll Sorge und Erbitterung sah der Geheimrat Pflug, daß durch jüdische
Machinationen die Verurteilung und Vernichtung des Süß ernstlich
gefährdet und in Frage gestellt war. Sein trockener Fanatismus empörte
sich, fraß ihm am Herzen, jagte ihn herum. Das Ziel war zu nahe gewesen;
wäre es ihm nun doch entglitten, er hätte es nicht überwunden. Hager, bitter,
besessen von seinem Zweck, keinem andern Argument zugänglich, saß er
herum bei den Parlamentariern, die er als grimmigste Feinde des Süß
kannte. Beriet unermüdlich mit Dom Bartelemi Pancorbo. Sparte nicht
Geld, nicht Mühe. Flugschriften erschienen gegen den Juden, die
Erbitterung des Volkes, daß die Mez, Bühler, Hallwachs so glimpflich
davongekommen waren, wurde in ihrer ganzen Wucht gegen Süß gelenkt.
Das Gerücht wurde ausgesprengt, auch Süß solle demnächst entlassen
werden. Die Richter, von denen man annahm, sie würden milder sprechen,
selbst der hochangesehene Harpprecht, wurden von allen Seiten bearbeitet,
schließlich sogar im Wirtshaus belästigt. Es kam zu Rottierungen,
Demonstrationen. „Der Jud muß hängen!“ gaben Herr von Pflug und Dom
fünfundeinenhalben Schritt, er wurde jeden zweiten Tag geschlossen, erhielt
Fleisch nur des Sonntags, durfte nur einfachste Kleider tragen. Als einen
Menschen. Das Verhör zwischen neun und zehn Uhr fiel fort, er bekam
einen Tag über den andern Waschwasser, seine Zelle hatte Holzboden und
eine Pritsche zum Schlafen.
Auf die Herren der Kommission wirkte die Ordre des Regenten. Auch
wurde ihnen, trotzdem sie große Worte machten, bei der immer lauteren,
klug geschürten Mißbilligung des Auslands unbehaglich. Es war wirklich
nicht so ganz einfach, eine Verurteilung formal einwandfrei zu begründen.
Daß Harpprecht und Schöpf nicht zustimmen würden, war gewiß; aber auch
andere, vornehmlich die jüngeren Herren, wurden unsicher, bekamen Angst,
sich zu blamieren. Der Lizentiat Mögling, der ehrliche Advokat, blühte auf.
Er hatte das Gefühl, als sei die sanftere Behandlung des Süß und der
Stimmungsumschwung einzelner Richter sein Werk. Zwar wurde ihm der
Zutritt zu seinem Klienten immer noch erschwert, auch die Protokolle der
Zeugenverhöre wurden ihm geradezu verweigert, so daß seine
Defensionsschrift sachlich nicht recht weiter gedieh; aber formal feilte er
sie immer schärfer durch, er setzte die Worte immer glatter und schöner, so
daß er sich beruhigt sagen konnte, er verdiene seine Diäten mit Schweiß
und redlich.
Voll Sorge und Erbitterung sah der Geheimrat Pflug, daß durch jüdische
Machinationen die Verurteilung und Vernichtung des Süß ernstlich
gefährdet und in Frage gestellt war. Sein trockener Fanatismus empörte
sich, fraß ihm am Herzen, jagte ihn herum. Das Ziel war zu nahe gewesen;
wäre es ihm nun doch entglitten, er hätte es nicht überwunden. Hager, bitter,
besessen von seinem Zweck, keinem andern Argument zugänglich, saß er
herum bei den Parlamentariern, die er als grimmigste Feinde des Süß
kannte. Beriet unermüdlich mit Dom Bartelemi Pancorbo. Sparte nicht
Geld, nicht Mühe. Flugschriften erschienen gegen den Juden, die
Erbitterung des Volkes, daß die Mez, Bühler, Hallwachs so glimpflich
davongekommen waren, wurde in ihrer ganzen Wucht gegen Süß gelenkt.
Das Gerücht wurde ausgesprengt, auch Süß solle demnächst entlassen
werden. Die Richter, von denen man annahm, sie würden milder sprechen,
selbst der hochangesehene Harpprecht, wurden von allen Seiten bearbeitet,
schließlich sogar im Wirtshaus belästigt. Es kam zu Rottierungen,
Demonstrationen. „Der Jud muß hängen!“ gaben Herr von Pflug und Dom
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Bartelemi die Weisung aus. „Der Jud muß hängen!“ wetterte es im
Parlament, von den Kanzeln. „Der Jud muß hängen!“ brüllte das Volk,
sangen es in einem eingängigen, gassenhauerischen Rhythmus die Buben,
konstatierten schwerfällig und überzeugt in den einsamsten Höfen die
Bauern.
Durch solchen Druck erreichte Herr von Pflug, daß einzelne von den
Richtern aus der Kommission ausschieden. An ihre Stelle traten persönliche
Feinde des Süß, deren Votum sicher in seinem Sinn ausfallen mußte. Die
früheren Minister Forstner und Negendank, die Süß gestürzt hatte; der unter
Karl Alexander überall von Süß gehemmte kalte, glatte Ehrgeizling Andreas
Heinrich von Schütz; ja, Herr von Pflug drehte es, daß auch der junge
Geheimrat von Götz in das Kollegium berufen wurde, an dem Verderber
von Mutter und Schwester Wut und Rache auszutoben.
Diese alle waren nun zu Richtern des Süß bestellt. In ihnen brannte Haß
viel heißer als Geldgier, das Volk drängte auf endliches Urteil, und sie
waren sehr bereit, diesem Drängen stattzugeben. Sie beschleunigten die
Untersuchung. Die Anklageakte des Regierungsrats Philipp Heinrich Jäger
legte dem Süß ungefähr alles zur Last, was unter Karl Alexander Uebles
geschehen war, auch Dinge, von denen er unmöglich Kenntnis gehabt
haben konnte. Machte ihn als einzigen voll verantwortlich für die
Amtshandlungen sämtlicher Staatsbeamten von den Mitgliedern des
Kabinetts bis zum letzten Subalternen. Die wackere Verteidigungsschrift
des braven Lizentiaten Mögling wurde kaum gelesen. Haßblind setzten sich
die Richter über den klaren Tatbestand hinweg, streiften in der
Urteilsbegründung kaum die zahllosen Einwände, die sich gegen ihre
Kompetenz erhoben und eine gesetzmäßige Verurteilung des Süß
ausschlossen.
Sie erkannten den Juden für schuldig zahlloser Verbrechen: erstens gegen
den Herzog, zweitens gegen dessen getreue Räte, Minister und die ganze
Nation, die er bei dem Fürsten angeschwärzt und in Ungnade und
Mißtrauen gesetzt habe; drittens und hauptsächlich gegen das Parlament
und die Verfassung – hier mußten sehr viele Verordnungen des Süß
herhalten, vor allem auch jenes Reskript wegen der Kaminfeger; und
viertens gegen Gemeinden und einzelne Untertanen. Sie erkannten ihn für
einen Majestätsverbrecher, Staatsverbrecher, Münzverbrecher, Hochverräter
und Landverderber.
Parlament, von den Kanzeln. „Der Jud muß hängen!“ brüllte das Volk,
sangen es in einem eingängigen, gassenhauerischen Rhythmus die Buben,
konstatierten schwerfällig und überzeugt in den einsamsten Höfen die
Bauern.
Durch solchen Druck erreichte Herr von Pflug, daß einzelne von den
Richtern aus der Kommission ausschieden. An ihre Stelle traten persönliche
Feinde des Süß, deren Votum sicher in seinem Sinn ausfallen mußte. Die
früheren Minister Forstner und Negendank, die Süß gestürzt hatte; der unter
Karl Alexander überall von Süß gehemmte kalte, glatte Ehrgeizling Andreas
Heinrich von Schütz; ja, Herr von Pflug drehte es, daß auch der junge
Geheimrat von Götz in das Kollegium berufen wurde, an dem Verderber
von Mutter und Schwester Wut und Rache auszutoben.
Diese alle waren nun zu Richtern des Süß bestellt. In ihnen brannte Haß
viel heißer als Geldgier, das Volk drängte auf endliches Urteil, und sie
waren sehr bereit, diesem Drängen stattzugeben. Sie beschleunigten die
Untersuchung. Die Anklageakte des Regierungsrats Philipp Heinrich Jäger
legte dem Süß ungefähr alles zur Last, was unter Karl Alexander Uebles
geschehen war, auch Dinge, von denen er unmöglich Kenntnis gehabt
haben konnte. Machte ihn als einzigen voll verantwortlich für die
Amtshandlungen sämtlicher Staatsbeamten von den Mitgliedern des
Kabinetts bis zum letzten Subalternen. Die wackere Verteidigungsschrift
des braven Lizentiaten Mögling wurde kaum gelesen. Haßblind setzten sich
die Richter über den klaren Tatbestand hinweg, streiften in der
Urteilsbegründung kaum die zahllosen Einwände, die sich gegen ihre
Kompetenz erhoben und eine gesetzmäßige Verurteilung des Süß
ausschlossen.
Sie erkannten den Juden für schuldig zahlloser Verbrechen: erstens gegen
den Herzog, zweitens gegen dessen getreue Räte, Minister und die ganze
Nation, die er bei dem Fürsten angeschwärzt und in Ungnade und
Mißtrauen gesetzt habe; drittens und hauptsächlich gegen das Parlament
und die Verfassung – hier mußten sehr viele Verordnungen des Süß
herhalten, vor allem auch jenes Reskript wegen der Kaminfeger; und
viertens gegen Gemeinden und einzelne Untertanen. Sie erkannten ihn für
einen Majestätsverbrecher, Staatsverbrecher, Münzverbrecher, Hochverräter
und Landverderber.
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Aus diesen Gründen verurteilte das zur Untersuchung seiner Verbrechen
eingesetzte Sondergericht den Josef Süß Oppenheimer, Juden und gewesten
Finanzdirektor, zum Tod durch den Strang. Diese Hinrichtungsart wurde
dem Angeklagten zuerkannt, weil sie ohnedies die gewöhnliche Strafe war
bei verschiedenen dem Angeklagten zur Last gelegten Verbrechen;
insonders aber, weil sie die Mitte hielt zwischen der gegen
Majestätsverbrecher üblichen Strafe der Vierteilung, zwischen der gegen
Falschmünzer zu verhängenden Strafe des Lebendigverbranntwerdens und
zwischen der ehrenhafteren Hinrichtung durch das Schwert.
Die Herren gingen geschwellt herum. Sie hatten das Urteil in eine Form
gekleidet, die einigermaßen passabel aussah. Mochten pedantische Juristen
daran mäkeln, sie wußten, das Volk und sein gesundes Empfinden war auf
ihrer Seite.
Unbehaglich und mit unruhigen Gliedern saß der Darmstädter Finanzienrat
und Kabinettsfaktor Baron Tauffenberger in seinem mit Akten überstapelten
Salon. Ihm gegenüber saß ratlos, schön und töricht seine Mutter, Michaele
Süß. Seit sieben Jahren, seitdem er nicht mehr Nathan Süß Oppenheimer
hieß, sondern sich zum Baron Ludwig Philipp Tauffenberger hatte taufen
lassen, hatte sie ihn nicht mehr besucht. Die schöne alte Dame, ihr leeres
Leben mit Toilettensorgen, Korrespondenz, Theater, Protektion junger
Künstler, Reisen, Geselligkeit ausfüllend, hatte Darmstadt, den Sitz ihres
älteren Sohnes, immer ängstlich gemieden. Sie hätte es begriffen, wenn der
jüngere, wenn Josef sich zum Glauben seines Vaters bekannt hätte, ja, sie
hätte es vielleicht gern gesehen, sie suchte mit zärtlichem
Schuldbewußtsein die Züge des Vaters in ihm. Aber daß Nathan, der Sohn
des Kantors Isaschar Süßkind, zum Christentum übertrat, schien ihr ein
großer Frevel, der sich gewiß einmal bitter rächen mußte. Scheu betrachtete
sie sein Glück und seinen Aufstieg. Daß jetzt Josef, der fromme, edle, der
den Jecheskel Seligmann Freudenthal gerettet hatte, der trotz Lockung und
unerhörter Versuchung Jude geblieben war, daß der jetzt so grausam stürzen
mußte, während der Frevler und Getaufte üppig und in Blüte stand, machte
sie vollends wirr und hilflos.
Michaele Süß hatte ihren Mann, den Kantor Isaschar, auf ihre Art geliebt.
Er war ein netter, betulicher Mann gewesen und ein großer Sänger und
eingesetzte Sondergericht den Josef Süß Oppenheimer, Juden und gewesten
Finanzdirektor, zum Tod durch den Strang. Diese Hinrichtungsart wurde
dem Angeklagten zuerkannt, weil sie ohnedies die gewöhnliche Strafe war
bei verschiedenen dem Angeklagten zur Last gelegten Verbrechen;
insonders aber, weil sie die Mitte hielt zwischen der gegen
Majestätsverbrecher üblichen Strafe der Vierteilung, zwischen der gegen
Falschmünzer zu verhängenden Strafe des Lebendigverbranntwerdens und
zwischen der ehrenhafteren Hinrichtung durch das Schwert.
Die Herren gingen geschwellt herum. Sie hatten das Urteil in eine Form
gekleidet, die einigermaßen passabel aussah. Mochten pedantische Juristen
daran mäkeln, sie wußten, das Volk und sein gesundes Empfinden war auf
ihrer Seite.
Unbehaglich und mit unruhigen Gliedern saß der Darmstädter Finanzienrat
und Kabinettsfaktor Baron Tauffenberger in seinem mit Akten überstapelten
Salon. Ihm gegenüber saß ratlos, schön und töricht seine Mutter, Michaele
Süß. Seit sieben Jahren, seitdem er nicht mehr Nathan Süß Oppenheimer
hieß, sondern sich zum Baron Ludwig Philipp Tauffenberger hatte taufen
lassen, hatte sie ihn nicht mehr besucht. Die schöne alte Dame, ihr leeres
Leben mit Toilettensorgen, Korrespondenz, Theater, Protektion junger
Künstler, Reisen, Geselligkeit ausfüllend, hatte Darmstadt, den Sitz ihres
älteren Sohnes, immer ängstlich gemieden. Sie hätte es begriffen, wenn der
jüngere, wenn Josef sich zum Glauben seines Vaters bekannt hätte, ja, sie
hätte es vielleicht gern gesehen, sie suchte mit zärtlichem
Schuldbewußtsein die Züge des Vaters in ihm. Aber daß Nathan, der Sohn
des Kantors Isaschar Süßkind, zum Christentum übertrat, schien ihr ein
großer Frevel, der sich gewiß einmal bitter rächen mußte. Scheu betrachtete
sie sein Glück und seinen Aufstieg. Daß jetzt Josef, der fromme, edle, der
den Jecheskel Seligmann Freudenthal gerettet hatte, der trotz Lockung und
unerhörter Versuchung Jude geblieben war, daß der jetzt so grausam stürzen
mußte, während der Frevler und Getaufte üppig und in Blüte stand, machte
sie vollends wirr und hilflos.
Michaele Süß hatte ihren Mann, den Kantor Isaschar, auf ihre Art geliebt.
Er war ein netter, betulicher Mann gewesen und ein großer Sänger und
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Komödiant und vor allem auch ein sanfter, bequemer Mann, der viel auf
Reisen war und auf die bösen Dinge, die man ihm über seine Frau zutrug,
nicht hörte, sondern immer gleich zärtlich und voll dankbarer Bewunderung
ihrer Schönheit blieb. Sie hatte auch sonst in ihrem langen, reichen, leichten
Leben viele Männer gern gehabt. Aber jene Monate mit dem strahlenden
Georg Eberhard Heydersdorff waren doch die Krone ihrer Tage gewesen.
Wie er in Schmach und Jämmerlichkeit stürzte, war dies der echteste
Schmerz, den sie all ihrer Tage gespürt hatte. Sie hatte dann in ihrem Sohn
Josef den Vater wiedererlebt, atemlos und schwach vor Bewunderung hatte
sie seinen beglückenden Aufstieg mitangeschaut, alle Jugend und Süßigkeit,
allen Glanz und Rausch liebte sie in dem Sohn, sie schwamm selig in
hemmungslos gläubigem Aufblick zu seinem Genie, seinem Stern, seiner
Herrlichkeit. Und nun wiederholte sich in ihm noch viel grausiger Wendung
und Sturz des Vaters.
Sie hatte erst geglaubt, die Haft des Sohnes sei eine List, eine
Vermummung, aus der er bald um so glänzender auftauchen werde. Aber
jetzt mußte sie sehen, daß es gräßlicher Ernst war. Das Urteil war zwar noch
nicht bekannt, aber immer drohender und bestimmter hieß es im ganzen
Reich, daß die Württemberger ihren gewesten Finanzienrat in den
allernächsten Wochen würden aufhenken. Das Liedchen: „Der Jud muß
hängen!“ wurde nicht nur am Neckar, sondern auch den ganzen Rhein
hinauf, hinunter gepfiffen. Sie brachte den grausigen Gassenhauer nicht aus
dem Ohr, wurde immer fahriger, ratloser. Machte ungeschickte Versuche,
dem Sohn zu helfen, schrieb törichte Bittbriefe in die Welt hinein. Wenn
wenigstens Rabbi Gabriel von sich hätte hören lassen! Sie schrieb einen
drängenden, ratlosen Brief an ihn; aber sie wußte nicht, ob er ihn erreichte;
denn sie hatte nur die Vermutung, keine Gewißheit, er sei in Holland. Sie
schrieb ihrer verheirateten Tochter nach Wien, schrieb mit ihrer flatterigen,
marklosen Schrift eine ganze Reihe von Briefen an die Wiener
Oppenheimers, entschloß sich endlich zu diesem Aeußersten, suchte ihren
ältesten Sohn auf, den Getauften. Da saß sie nun, den Mund ängstlich,
erwartungsvoll halb offen, schaute mit gescheuchten, törichten Augen auf
ihn. „Was soll man tun? Was soll man tun?“ jammerte sie.
Der Baron Tauffenberger rückte unbehaglich auf seinem Sessel, kramte
nervös und mechanisch in seinen Papieren, zappelte herum. Er war ein fast
kleiner, etwas zu feister Herr, die Haut hell und sehr gepflegt, die raschen
Augen traten zu groß aus dem Kopf heraus, die Finger krümmten sich dick,
Reisen war und auf die bösen Dinge, die man ihm über seine Frau zutrug,
nicht hörte, sondern immer gleich zärtlich und voll dankbarer Bewunderung
ihrer Schönheit blieb. Sie hatte auch sonst in ihrem langen, reichen, leichten
Leben viele Männer gern gehabt. Aber jene Monate mit dem strahlenden
Georg Eberhard Heydersdorff waren doch die Krone ihrer Tage gewesen.
Wie er in Schmach und Jämmerlichkeit stürzte, war dies der echteste
Schmerz, den sie all ihrer Tage gespürt hatte. Sie hatte dann in ihrem Sohn
Josef den Vater wiedererlebt, atemlos und schwach vor Bewunderung hatte
sie seinen beglückenden Aufstieg mitangeschaut, alle Jugend und Süßigkeit,
allen Glanz und Rausch liebte sie in dem Sohn, sie schwamm selig in
hemmungslos gläubigem Aufblick zu seinem Genie, seinem Stern, seiner
Herrlichkeit. Und nun wiederholte sich in ihm noch viel grausiger Wendung
und Sturz des Vaters.
Sie hatte erst geglaubt, die Haft des Sohnes sei eine List, eine
Vermummung, aus der er bald um so glänzender auftauchen werde. Aber
jetzt mußte sie sehen, daß es gräßlicher Ernst war. Das Urteil war zwar noch
nicht bekannt, aber immer drohender und bestimmter hieß es im ganzen
Reich, daß die Württemberger ihren gewesten Finanzienrat in den
allernächsten Wochen würden aufhenken. Das Liedchen: „Der Jud muß
hängen!“ wurde nicht nur am Neckar, sondern auch den ganzen Rhein
hinauf, hinunter gepfiffen. Sie brachte den grausigen Gassenhauer nicht aus
dem Ohr, wurde immer fahriger, ratloser. Machte ungeschickte Versuche,
dem Sohn zu helfen, schrieb törichte Bittbriefe in die Welt hinein. Wenn
wenigstens Rabbi Gabriel von sich hätte hören lassen! Sie schrieb einen
drängenden, ratlosen Brief an ihn; aber sie wußte nicht, ob er ihn erreichte;
denn sie hatte nur die Vermutung, keine Gewißheit, er sei in Holland. Sie
schrieb ihrer verheirateten Tochter nach Wien, schrieb mit ihrer flatterigen,
marklosen Schrift eine ganze Reihe von Briefen an die Wiener
Oppenheimers, entschloß sich endlich zu diesem Aeußersten, suchte ihren
ältesten Sohn auf, den Getauften. Da saß sie nun, den Mund ängstlich,
erwartungsvoll halb offen, schaute mit gescheuchten, törichten Augen auf
ihn. „Was soll man tun? Was soll man tun?“ jammerte sie.
Der Baron Tauffenberger rückte unbehaglich auf seinem Sessel, kramte
nervös und mechanisch in seinen Papieren, zappelte herum. Er war ein fast
kleiner, etwas zu feister Herr, die Haut hell und sehr gepflegt, die raschen
Augen traten zu groß aus dem Kopf heraus, die Finger krümmten sich dick,
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weiß und beweglich, er war unelegant trotz reicher und sorgfältiger
Kleidung. Sein Christentum war ihm unbehaglich bei aller gespielten
Freigeisterei. Er moquierte sich gern über jüdische Sitte und jüdisches
Wesen, verkehrte auch mit dem Helmstätter Professor Karl Anton und dem
als Prediger nach Stuttgart versetzten früheren Propst von Denkendorf
Johann Friedrich Paulus, die, beide frühere Juden, jetzt konvertiert und
fanatische Verkünder der christlichen Heilslehren waren. Aber er neidete es
dem jüngeren Bruder aus tiefster Seele, daß der es soviel weiter hatte
bringen können als er selber und doch Jude bleiben. Auch hatte Josef ihn als
einen Getauften unverhohlen und reichlich Spott und Verachtung spüren
lassen, ihm, als sie einmal am kurpfälzischen Hof zusammengetroffen
waren, kalt den Rücken gekehrt. Stießen sie geschäftlich aufeinander, so
begannen sie ohne Vergleichsversuch zu prozessieren, und es reizte den
Getauften bis aufs Blut, daß der Bruder voll Widerwillen und Ekel auch in
importanten Affären es verschmähte, mit ihm persönlich
zusammenzutreffen, und lieber, Verluste nicht scheuend, alles durch
Agenten erledigen ließ. Der Sturz und die Schmach des Bruders traf ihn
tief, auch wurde er darüber gehöhnt und gehänselt; gleichwohl konnte er,
wie jetzt die Mutter ratlos vor ihm saß, für den geliebteren und bewunderten
Sohn bei ihm zu betteln, ein leises Triumphgefühl nicht niederdrücken. „Da
habt Ihr’s, da habt Ihr’s!“ sagte er mehrmals mit seiner hohen, hellen
Stimme. „Es geht nicht, daß einer da hinaufsteigt und Jud bleibt. Es schickt
sich auch nicht,“ eiferte er, heftig gestikulierend, „es soll nicht sein, es ist
gegen göttliche Ordnung und menschlichen Fug.“
Aber Michaele ging nicht darauf ein. „Was soll man tun? Was soll man
tun?“ jammerte sie, immer im gleichen Ton.
Der feiste Mann stand auf, lief nervös herum, legte einen Stapel Akten
von einer Seite des Tisches auf die andere. „Es gibt nur ein Mittel,“ sagte er
endlich. Da Michaele ihn gespannt und hoffend anschaute, nahm er Anlauf
und warf es wie gleichmütig und selbstverständlich hin: „Er muß sich
taufen lassen.“
Michaele überlegte. Dann sagte sie mutlos: „Er wird es nicht tun.“ Und,
nach einer Weile: „Rabbi Gabriel erlaubt es nicht.“
Der Sohn höhnte nach: „Erlaubt es nicht! Mir hat er es auch nicht erlaubt.
Hätte ich ihm gefolgt, wäre ich jetzt vielleicht so weit wie jener. Erlaubt es
nicht! Erlaubt es nicht!“ ärgerte er sich, mit seiner hellen Stimme vor sich
hinschimpfend, stark gestikulierend. „Was anderes weiß ich nicht,“ sagte er
Kleidung. Sein Christentum war ihm unbehaglich bei aller gespielten
Freigeisterei. Er moquierte sich gern über jüdische Sitte und jüdisches
Wesen, verkehrte auch mit dem Helmstätter Professor Karl Anton und dem
als Prediger nach Stuttgart versetzten früheren Propst von Denkendorf
Johann Friedrich Paulus, die, beide frühere Juden, jetzt konvertiert und
fanatische Verkünder der christlichen Heilslehren waren. Aber er neidete es
dem jüngeren Bruder aus tiefster Seele, daß der es soviel weiter hatte
bringen können als er selber und doch Jude bleiben. Auch hatte Josef ihn als
einen Getauften unverhohlen und reichlich Spott und Verachtung spüren
lassen, ihm, als sie einmal am kurpfälzischen Hof zusammengetroffen
waren, kalt den Rücken gekehrt. Stießen sie geschäftlich aufeinander, so
begannen sie ohne Vergleichsversuch zu prozessieren, und es reizte den
Getauften bis aufs Blut, daß der Bruder voll Widerwillen und Ekel auch in
importanten Affären es verschmähte, mit ihm persönlich
zusammenzutreffen, und lieber, Verluste nicht scheuend, alles durch
Agenten erledigen ließ. Der Sturz und die Schmach des Bruders traf ihn
tief, auch wurde er darüber gehöhnt und gehänselt; gleichwohl konnte er,
wie jetzt die Mutter ratlos vor ihm saß, für den geliebteren und bewunderten
Sohn bei ihm zu betteln, ein leises Triumphgefühl nicht niederdrücken. „Da
habt Ihr’s, da habt Ihr’s!“ sagte er mehrmals mit seiner hohen, hellen
Stimme. „Es geht nicht, daß einer da hinaufsteigt und Jud bleibt. Es schickt
sich auch nicht,“ eiferte er, heftig gestikulierend, „es soll nicht sein, es ist
gegen göttliche Ordnung und menschlichen Fug.“
Aber Michaele ging nicht darauf ein. „Was soll man tun? Was soll man
tun?“ jammerte sie, immer im gleichen Ton.
Der feiste Mann stand auf, lief nervös herum, legte einen Stapel Akten
von einer Seite des Tisches auf die andere. „Es gibt nur ein Mittel,“ sagte er
endlich. Da Michaele ihn gespannt und hoffend anschaute, nahm er Anlauf
und warf es wie gleichmütig und selbstverständlich hin: „Er muß sich
taufen lassen.“
Michaele überlegte. Dann sagte sie mutlos: „Er wird es nicht tun.“ Und,
nach einer Weile: „Rabbi Gabriel erlaubt es nicht.“
Der Sohn höhnte nach: „Erlaubt es nicht! Mir hat er es auch nicht erlaubt.
Hätte ich ihm gefolgt, wäre ich jetzt vielleicht so weit wie jener. Erlaubt es
nicht! Erlaubt es nicht!“ ärgerte er sich, mit seiner hellen Stimme vor sich
hinschimpfend, stark gestikulierend. „Was anderes weiß ich nicht,“ sagte er
Page 414
plötzlich, mit einem Ruck stehenbleibend. Und da er die Mutter mutlos und
erloschen sitzen sah, fügte er noch hinzu: „Ich will gern tun, was ich kann,
von seinem Vermögen zu halten, was zu halten ist. Obzwar er es nicht um
mich verdient hat. Was man in Heidelberg, Frankfurt, Mannheim für ihn
retten kann, ich will die Hand darauf legen. Ich will auch mit Geld nicht
sparen, Versuche zu machen in Stuttgart bei der Regierung, bei den
Richtern, im Gefängnis. Aber wenn er sich nicht taufen läßt,“ schloß er
achselzuckend, „wird es schwerlich gut ablaufen.“ Michaele setzte, als sie
ging, die Füße schwerer als beim Kommen.
In Stuttgart wirkte unterdessen stetig und gleichmütig Nicklas Pfäffle für
seinen Herrn. Große Gelder flossen an Regierungsstellen, Gerichtsbeamte.
Da der Herzog-Administrator angeordnet hatte, daß peinlich genau
untersucht werden müsse, was unzweifelbarer, legitim erworbener Besitz
des Süß sei und daß dieser Besitz nicht angetastet werden dürfe, hatte der
Sekretär reiche Mittel zur Verfügung. Kostbare Vasen, Teppiche, Steine
gingen aus dem Haus des Süß in der Form von Andenken an einflußreiche
Parlamentarier, Hof- und Staatsbeamte, die offiziell mit der Affäre nichts zu
tun hatten, mittelbar um so mehr wirken konnten.
Durch alle Judenheit aber lief es, raunte es, schwoll an: „Er hat gerettet
den Reb Jecheskel Seligmann Freudenthal, er hat seine Hand ausgestreckt
und geschützt die Juden am Neckar und am Rhein. Jetzt haben sie sich
zusammengetan, Edom und alle Frevler, und sind hergefallen über ihn. Er
war ihnen zu groß, er hat ihnen zuviel Glanz gestrahlt über die Judenheit.
Sind sie hergefallen über ihn wie Haman der Frevler und wollen ihn
totschlagen. Helft und rettet den Reb Josef Süß Oppenheimer, der ein guter
Jud war und seine Hand gehalten hat, wie er in Glanz war, zu gutem Schutz
über alle Judenheit.“ Da wurde gebetet und gefastet in den Bethäusern, da
wurde gewirkt in den Kanzleien und Kabinetten, da wurde Geld gesammelt,
viel Geld, immer mehr Geld, ungeheures Geld, alles zu Händen des Reb
Isaak Simon Landauer, Hoffaktors und guten Juden, der bestellt war von
den Rabbinern und den Gemeinden, zu schützen mit aller Kraft und
Schlauheit und Vermögen den gefallenen Reb Josef Süß Oppenheimer,
Retter Israels aus großer Not. Isaak Landauer aber hatte einen Plan, keinen
besonders schlauen Plan, aber kühn und geradezu, für den Fall, daß sie es
wirklich wagen sollten, den Süß zu verurteilen. Zu diesem Plan brauchte er
Geld, märchenhaft viel Geld. Und märchenhaft viel Geld strömte in seine
Kassen, blankes Gold, Wechsel, Verschreibungen, der Geringe gab gering,
erloschen sitzen sah, fügte er noch hinzu: „Ich will gern tun, was ich kann,
von seinem Vermögen zu halten, was zu halten ist. Obzwar er es nicht um
mich verdient hat. Was man in Heidelberg, Frankfurt, Mannheim für ihn
retten kann, ich will die Hand darauf legen. Ich will auch mit Geld nicht
sparen, Versuche zu machen in Stuttgart bei der Regierung, bei den
Richtern, im Gefängnis. Aber wenn er sich nicht taufen läßt,“ schloß er
achselzuckend, „wird es schwerlich gut ablaufen.“ Michaele setzte, als sie
ging, die Füße schwerer als beim Kommen.
In Stuttgart wirkte unterdessen stetig und gleichmütig Nicklas Pfäffle für
seinen Herrn. Große Gelder flossen an Regierungsstellen, Gerichtsbeamte.
Da der Herzog-Administrator angeordnet hatte, daß peinlich genau
untersucht werden müsse, was unzweifelbarer, legitim erworbener Besitz
des Süß sei und daß dieser Besitz nicht angetastet werden dürfe, hatte der
Sekretär reiche Mittel zur Verfügung. Kostbare Vasen, Teppiche, Steine
gingen aus dem Haus des Süß in der Form von Andenken an einflußreiche
Parlamentarier, Hof- und Staatsbeamte, die offiziell mit der Affäre nichts zu
tun hatten, mittelbar um so mehr wirken konnten.
Durch alle Judenheit aber lief es, raunte es, schwoll an: „Er hat gerettet
den Reb Jecheskel Seligmann Freudenthal, er hat seine Hand ausgestreckt
und geschützt die Juden am Neckar und am Rhein. Jetzt haben sie sich
zusammengetan, Edom und alle Frevler, und sind hergefallen über ihn. Er
war ihnen zu groß, er hat ihnen zuviel Glanz gestrahlt über die Judenheit.
Sind sie hergefallen über ihn wie Haman der Frevler und wollen ihn
totschlagen. Helft und rettet den Reb Josef Süß Oppenheimer, der ein guter
Jud war und seine Hand gehalten hat, wie er in Glanz war, zu gutem Schutz
über alle Judenheit.“ Da wurde gebetet und gefastet in den Bethäusern, da
wurde gewirkt in den Kanzleien und Kabinetten, da wurde Geld gesammelt,
viel Geld, immer mehr Geld, ungeheures Geld, alles zu Händen des Reb
Isaak Simon Landauer, Hoffaktors und guten Juden, der bestellt war von
den Rabbinern und den Gemeinden, zu schützen mit aller Kraft und
Schlauheit und Vermögen den gefallenen Reb Josef Süß Oppenheimer,
Retter Israels aus großer Not. Isaak Landauer aber hatte einen Plan, keinen
besonders schlauen Plan, aber kühn und geradezu, für den Fall, daß sie es
wirklich wagen sollten, den Süß zu verurteilen. Zu diesem Plan brauchte er
Geld, märchenhaft viel Geld. Und märchenhaft viel Geld strömte in seine
Kassen, blankes Gold, Wechsel, Verschreibungen, der Geringe gab gering,
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der Große gab groß, aus allen Ländern, aus allen Gemeinden, von den
Juden aller Welt.
Johann Daniel Harpprecht saß in seiner Bibliothek, arbeitend. Der Herzog-
Administrator hatte den Spruch der Kommission nicht bestätigt, hatte
befohlen, ihn vorläufig geheimzuhalten, und hatte ihm, dem Harpprecht,
das Urteil nebst dem ganzen zugehörigen riesigen Aktenmaterial zur
Begutachtung schicken lassen.
Ingrimmig saß der alte Herr. Dies war der vierte Winter, seitdem er das
Judizium über den Fall des Jecheskel Seligmann hatte abgegeben, den
Stinkjuden wider Willen hatte retten müssen. Die nagenden Würmer hatten
abgelassen jetzt und sich verkrochen; die obenan aufringelten, die fetten,
gemästeten, der Herzog und der Jud, davon war der eine tot, der andere lag
machtlos und unterm Fuß, und es stand bei ihm, zuzutreten. Ei, sie hatten
gut genagt seither. Er, Harpprecht, war ein fester Mann gewesen, jetzt war
er ein Greis durch sie, und viel Land und Wald und Acker und
Menschenleib und Menschenseel war übel zerfressen und vertan durch sie,
und der Junge, der Michael, war angenagt und die sanfte, liebliche
Elisabeth Salomea Götzin war eine Hur geworden durch sie. Und wenn
auch jetzt das Gewürm gescheucht ist und sich verkrochen hat, es wird
wiederkommen, wie es immer wiedergekommen ist, und das alte Gebäu
wird vollends zusammenstürzen. Und nun also saß er und sollte judizieren,
ob es rechtens sei, diesen nagenden und schädigenden Wurm zu zertreten.
Bilfinger kam. Er war jetzt der eigentliche Regent im Land, ein treuer,
uneitler Regent, der arbeitete wie ein Roß und mit Erfolg. Die Arbeit schlug
ihm gut an, der schwere, vollblütige Herr sah, der Gleichaltrige, zehn Jahre
jünger aus als Harpprecht.
„Wie steht’s, Herr Bruder?“ fragte er, den Blick auf dem Wust von Akten.
„Ist es das gleiche,“ setzte er langsam, unbehaglich hinzu, „wie damals bei
dem Juden Jecheskel?“
Draußen schneite es weich und dick. Es war sehr still im Zimmer. Von
nebenan hörte man den Schritt des jungen Michael Koppenhöfer. „Ja, Herr
Bruder,“ sagte Harpprecht. „Es ist das gleiche. Er ist formal, nach dem
Buchstaben des Kriminalrechts, nicht genug überwiesen.“
Juden aller Welt.
Johann Daniel Harpprecht saß in seiner Bibliothek, arbeitend. Der Herzog-
Administrator hatte den Spruch der Kommission nicht bestätigt, hatte
befohlen, ihn vorläufig geheimzuhalten, und hatte ihm, dem Harpprecht,
das Urteil nebst dem ganzen zugehörigen riesigen Aktenmaterial zur
Begutachtung schicken lassen.
Ingrimmig saß der alte Herr. Dies war der vierte Winter, seitdem er das
Judizium über den Fall des Jecheskel Seligmann hatte abgegeben, den
Stinkjuden wider Willen hatte retten müssen. Die nagenden Würmer hatten
abgelassen jetzt und sich verkrochen; die obenan aufringelten, die fetten,
gemästeten, der Herzog und der Jud, davon war der eine tot, der andere lag
machtlos und unterm Fuß, und es stand bei ihm, zuzutreten. Ei, sie hatten
gut genagt seither. Er, Harpprecht, war ein fester Mann gewesen, jetzt war
er ein Greis durch sie, und viel Land und Wald und Acker und
Menschenleib und Menschenseel war übel zerfressen und vertan durch sie,
und der Junge, der Michael, war angenagt und die sanfte, liebliche
Elisabeth Salomea Götzin war eine Hur geworden durch sie. Und wenn
auch jetzt das Gewürm gescheucht ist und sich verkrochen hat, es wird
wiederkommen, wie es immer wiedergekommen ist, und das alte Gebäu
wird vollends zusammenstürzen. Und nun also saß er und sollte judizieren,
ob es rechtens sei, diesen nagenden und schädigenden Wurm zu zertreten.
Bilfinger kam. Er war jetzt der eigentliche Regent im Land, ein treuer,
uneitler Regent, der arbeitete wie ein Roß und mit Erfolg. Die Arbeit schlug
ihm gut an, der schwere, vollblütige Herr sah, der Gleichaltrige, zehn Jahre
jünger aus als Harpprecht.
„Wie steht’s, Herr Bruder?“ fragte er, den Blick auf dem Wust von Akten.
„Ist es das gleiche,“ setzte er langsam, unbehaglich hinzu, „wie damals bei
dem Juden Jecheskel?“
Draußen schneite es weich und dick. Es war sehr still im Zimmer. Von
nebenan hörte man den Schritt des jungen Michael Koppenhöfer. „Ja, Herr
Bruder,“ sagte Harpprecht. „Es ist das gleiche. Er ist formal, nach dem
Buchstaben des Kriminalrechts, nicht genug überwiesen.“
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Bilfinger nahm von den Papieren, zerteilte sie, schichtete sie wieder
zusammen. „Ist nicht zu bedenken, Herr Bruder,“ sagte er nach einer Weile,
„daß er sich im Verfassungsstaat Württemberg so viel Ausnahmen
permittiert hat vom Verfassungsmäßigen, daß er es sich muß gefallen
lassen, wenn man jetzt auch mit ihm eine Ausnahm macht von der
Rechtsform?“
„Das ist zu bedenken,“ erwiderte Harpprecht. „Aber nicht von mir. Vom
Herzog.“
Indessen war auch der Prozeß gegen den General Remchingen seinem
Ende entgegengeführt worden. Der Freiherr, Jesuit und österreichische
Oberst wurde nicht so glimpflich behandelt wie die eingesessenen
Hallwachs, Mez, Bühler, Lamprechts, Scheffer, er hatte keine Verwandten
in der Kanzlei sitzen, er hatte alles Zivil als Federfuchser, alles
Nichtadelige, besonders das Parlament, stets nur als Kanaillen, Rotüre,
Populace traktiert und war sehr verhaßt. Man inquirierte also scharf und
trug Material zusammen, das, wenn nicht zum Todesurteil, so zumindest zur
Bestrafung mit lebenslänglicher Festungshaft genügte.
Nun war aber um diese Zeit der Vergleich Karl Rudolfs mit der
Herzogin-Witwe über die Vormundschaft bis in alle Details fertiggestellt
worden, auf eine für den Regenten sehr günstige Art, und unterlag zugleich
mit dem Regierungsreglement für die Administrationszeit der Prüfung und
Bestätigung der kaiserlichen Kanzlei. In solchem Augenblick durch harte
Bestrafung des Katholiken und Oesterreichers den Wiener Hof zu reizen,
schien höchst inopportun. So beschloß man, die Urteilsfällung
hinauszuschieben, und ließ den General einstweilen frei, gegen Handtreue
und Ehrenwort. Remchingen brach, wie erwartet, schnurstracks sein
Ehrenwort, floh außer Landes, trat unter dem General Schulenburg in
venezianische Dienste. Wurde in Kontumaz verurteilt, tat in mehreren
Klageschriften an Kaiser und Reich, besonders in der „Innocentia
Remchingiana vindicata“ oder „Notgedrungenen Ehrenrettung“ erbitterten
Einspruch. Spie noch durch Jahre Kot, Gift und Galle gegen Württemberg.
Das Volk war empört über Remchingens Flucht. Nun waren alle
Bluthunde ungestraft entkommen, saßen in Eßlingen, anderthalb Meilen
entfernt, lachten sich den Buckel voll oder machten gar noch wie
Remchingen Stank und Diffikultäten. Den einzigen Juden hatte man noch.
Aber der wenigstens sollte büßen. Wieder waren die Geheimräte Pflug und
zusammen. „Ist nicht zu bedenken, Herr Bruder,“ sagte er nach einer Weile,
„daß er sich im Verfassungsstaat Württemberg so viel Ausnahmen
permittiert hat vom Verfassungsmäßigen, daß er es sich muß gefallen
lassen, wenn man jetzt auch mit ihm eine Ausnahm macht von der
Rechtsform?“
„Das ist zu bedenken,“ erwiderte Harpprecht. „Aber nicht von mir. Vom
Herzog.“
Indessen war auch der Prozeß gegen den General Remchingen seinem
Ende entgegengeführt worden. Der Freiherr, Jesuit und österreichische
Oberst wurde nicht so glimpflich behandelt wie die eingesessenen
Hallwachs, Mez, Bühler, Lamprechts, Scheffer, er hatte keine Verwandten
in der Kanzlei sitzen, er hatte alles Zivil als Federfuchser, alles
Nichtadelige, besonders das Parlament, stets nur als Kanaillen, Rotüre,
Populace traktiert und war sehr verhaßt. Man inquirierte also scharf und
trug Material zusammen, das, wenn nicht zum Todesurteil, so zumindest zur
Bestrafung mit lebenslänglicher Festungshaft genügte.
Nun war aber um diese Zeit der Vergleich Karl Rudolfs mit der
Herzogin-Witwe über die Vormundschaft bis in alle Details fertiggestellt
worden, auf eine für den Regenten sehr günstige Art, und unterlag zugleich
mit dem Regierungsreglement für die Administrationszeit der Prüfung und
Bestätigung der kaiserlichen Kanzlei. In solchem Augenblick durch harte
Bestrafung des Katholiken und Oesterreichers den Wiener Hof zu reizen,
schien höchst inopportun. So beschloß man, die Urteilsfällung
hinauszuschieben, und ließ den General einstweilen frei, gegen Handtreue
und Ehrenwort. Remchingen brach, wie erwartet, schnurstracks sein
Ehrenwort, floh außer Landes, trat unter dem General Schulenburg in
venezianische Dienste. Wurde in Kontumaz verurteilt, tat in mehreren
Klageschriften an Kaiser und Reich, besonders in der „Innocentia
Remchingiana vindicata“ oder „Notgedrungenen Ehrenrettung“ erbitterten
Einspruch. Spie noch durch Jahre Kot, Gift und Galle gegen Württemberg.
Das Volk war empört über Remchingens Flucht. Nun waren alle
Bluthunde ungestraft entkommen, saßen in Eßlingen, anderthalb Meilen
entfernt, lachten sich den Buckel voll oder machten gar noch wie
Remchingen Stank und Diffikultäten. Den einzigen Juden hatte man noch.
Aber der wenigstens sollte büßen. Wieder waren die Geheimräte Pflug und
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Pancorbo vornean, schürten, zahlten Demonstrationen. Wilder, heftiger,
drohender, drängender ging es durch das Land: „Der Jud muß hängen!“
So lagen die Dinge, als Harpprecht dem Herzog-Administrator sein
Gutachten abstattete. Der rechtliche, wahrhaftige Mann ließ sein Urteil
nicht trüben durch den Haß gegen den Juden, nicht durch das tobende Volk,
das laut und wie mit Einer Stimme nach dem Tod des Juden brüllte, nicht
durch die Gunst oder Mißgunst des Kabinetts und des Parlaments. Der
Rechtslehrer urteilte: Die auf Verfassung und Amt vereidigten Räte und
Minister, welche die angeklagten Befehle und Verordnungen signiert hatten,
müßten prozessiert und gestraft werden, nicht der unvereidigte, in keinem
Staatsamt stehende Ausländer. Jene seien nach römischem und deutschem
Recht des Todes schuldig, dieser nicht. Einen einzigen Punkt
ausgenommen, den fleischlichen Verkehr mit Christinnen. Und dieser Punkt
könne aus mancherlei Ursach ernsthaft nicht herangezogen werden, auch
habe ihn die Kommission gar nicht erst in ihre Entscheidungsgründe
aufgenommen. Er kam zum Schluß, auf Grund der bestehenden Gesetze des
Römischen Reichs und des Herzogtums könne Inquisit zum Tod nicht
verurteilt werden; man solle ihm seinen Raub, soweit er erwiesen sei,
abnehmen und ihn des Landes verbannen.
Klein, schäbig, schief saß der eisgraue, verwitterte Herzog und hörte
aufmerksam dem schweren, treuen, sachlichen Mann zu. „Er vermeint
also,“ sagte er schließlich, „die Kommission hat den Juden mehr als den
Schelmen verurteilt?“ „Ja,“ sagte Harpprecht. Draußen pfiff einer den
Gassenhauer: „Der Jud muß hängen!“ Der alte Regent hielt die Lippen hart
geschlossen. „Ich wollte, ich könnte tun nach Seinem Rat,“ sagte er endlich.
Damit entließ er den Juristen.
Andern Tages unterzeichnete er das Todesurteil. „Besser, der Jud wird zu
Unrecht erwürgt,“ sagte er, „als er bleibt zu Recht leben und das Land gärt
weiter.“ Auch sagte er: „Das ist ein seltenes Ereignis, daß ein Jud für
Christenschelmen die Zeche zahlt.“
Durch die kahlen, dumpfen Gänge der Festung Hohenasperg, über
verwinkelte Treppen, ein mürrischer Korporal mit einem ungefügen
Schlüsselbund voran, flatterte Michaele Süß. Der alten, verzärtelten Dame
beschleunte sich das Herz, Mauern überall und klobige Waffen, ein großer,
drohender, drängender ging es durch das Land: „Der Jud muß hängen!“
So lagen die Dinge, als Harpprecht dem Herzog-Administrator sein
Gutachten abstattete. Der rechtliche, wahrhaftige Mann ließ sein Urteil
nicht trüben durch den Haß gegen den Juden, nicht durch das tobende Volk,
das laut und wie mit Einer Stimme nach dem Tod des Juden brüllte, nicht
durch die Gunst oder Mißgunst des Kabinetts und des Parlaments. Der
Rechtslehrer urteilte: Die auf Verfassung und Amt vereidigten Räte und
Minister, welche die angeklagten Befehle und Verordnungen signiert hatten,
müßten prozessiert und gestraft werden, nicht der unvereidigte, in keinem
Staatsamt stehende Ausländer. Jene seien nach römischem und deutschem
Recht des Todes schuldig, dieser nicht. Einen einzigen Punkt
ausgenommen, den fleischlichen Verkehr mit Christinnen. Und dieser Punkt
könne aus mancherlei Ursach ernsthaft nicht herangezogen werden, auch
habe ihn die Kommission gar nicht erst in ihre Entscheidungsgründe
aufgenommen. Er kam zum Schluß, auf Grund der bestehenden Gesetze des
Römischen Reichs und des Herzogtums könne Inquisit zum Tod nicht
verurteilt werden; man solle ihm seinen Raub, soweit er erwiesen sei,
abnehmen und ihn des Landes verbannen.
Klein, schäbig, schief saß der eisgraue, verwitterte Herzog und hörte
aufmerksam dem schweren, treuen, sachlichen Mann zu. „Er vermeint
also,“ sagte er schließlich, „die Kommission hat den Juden mehr als den
Schelmen verurteilt?“ „Ja,“ sagte Harpprecht. Draußen pfiff einer den
Gassenhauer: „Der Jud muß hängen!“ Der alte Regent hielt die Lippen hart
geschlossen. „Ich wollte, ich könnte tun nach Seinem Rat,“ sagte er endlich.
Damit entließ er den Juristen.
Andern Tages unterzeichnete er das Todesurteil. „Besser, der Jud wird zu
Unrecht erwürgt,“ sagte er, „als er bleibt zu Recht leben und das Land gärt
weiter.“ Auch sagte er: „Das ist ein seltenes Ereignis, daß ein Jud für
Christenschelmen die Zeche zahlt.“
Durch die kahlen, dumpfen Gänge der Festung Hohenasperg, über
verwinkelte Treppen, ein mürrischer Korporal mit einem ungefügen
Schlüsselbund voran, flatterte Michaele Süß. Der alten, verzärtelten Dame
beschleunte sich das Herz, Mauern überall und klobige Waffen, ein großer,
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beklemmender, bedrohlicher Apparat. Der Korporal stapfte mit raschen
Schritten voraus, sie konnte nur mit Mühe folgen und kam außer Atem, aber
sie wagte nichts zu sagen. Endlich knarrte rasselnd eine niedrige, häßliche
Tür auf. Sie schaute, schnaufend, in ein kahles Geviert, da saß auf einer
Pritsche ein alter Mann, den Rücken krumm, schlaff und übel verfettet, mit
schmutzig weißem, ungepflegtem Bart, und summte und döste vor sich hin
mit einem abwesenden, törichten Lächeln. Sie sagte zaghaft zu dem
Korporal: „Nicht zu dem, guter Mann; ich will zu Josef Süß.“ Der Korporal
sagte übellaunig: „Das ist doch der Jud, Frau.“
Angefüllt von tiefem, kältendem Schrecken schaute Michaele Süß auf
den eingesperrten Mann, der ihr jetzt langsam das Gesicht zuwandte, die
braunen, blinzelnden, etwas entzündeten Augen. Der Korporal verschloß
draußen umständlich rasselnd die Türe. Das ihr Sohn! Der häßliche,
verwahrloste Mann, älter als sie, ihr strahlender Sohn! Oh, es war nichts
mehr, nicht die leiseste Spur mehr war vom Heydersdorff in ihm, viel eher,
merkte sie mit Grauen und Neugier, glich er trotz des Bartes dem Rabbi
Gabriel. Sie beschaute ihn scheu, voll Grauen, sie spürte nichts von dem
früheren fressenden, schmerzhaften Mitleid, sie spürte, wie er aus ihr glitt,
wie sie leer wurde, es war ein fremder, schmutziger, verwahrloster Mensch,
mit dem man, versteht sich! Bedauern haben mußte, denn er war eingesperrt
und es ging ihm schlecht und zudem war er ein Jud. Aber sie hatte sich
schon wieder verkapselt und ihr Inneres war umkrustet. Sie stand, eine
fremde, elegante Dame, verlegen vor dem ungepflegten, in den Schmutz
gerutschten Mann.
Als sie dann redeten, fand sie kein echtes Wort mehr. Er sprach mild zu
ihr, mit einer leichten, überlegenen, fast scherzenden Güte, und streichelte
ihre sehr weißen Hände. Sie weinte ein weniges. Aber keines seiner Worte
drang zu ihr. Sie dachte immer nur: dieser alte Mann ihr Sohn! und war
umkrustet. Sie war eigentlich froh, als die Stunde um war, die sie bei ihm
bleiben durfte und der mißlaunige Korporal sie wieder abholte. Umschaute
sie noch einmal aus der Tür voll scheuen Grauens nach dem alten Mann,
der ihr Sohn war. Als sie dann die Festung verließ, war sie es, die den
Schritt schneller nahm.
Bald darauf tauchte ein sanfter, stiller, trauriger Herr in die Zelle, neigte
sich, war sehr höflich. Stille, große, weiße Hände, melancholische,
fließende Augen in dem fleischigen, vom Rasieren bläulichen Gesicht. Er
sprach leise, mit einer beredten, traurigen Stimme. Es war Johann Friedrich
Schritten voraus, sie konnte nur mit Mühe folgen und kam außer Atem, aber
sie wagte nichts zu sagen. Endlich knarrte rasselnd eine niedrige, häßliche
Tür auf. Sie schaute, schnaufend, in ein kahles Geviert, da saß auf einer
Pritsche ein alter Mann, den Rücken krumm, schlaff und übel verfettet, mit
schmutzig weißem, ungepflegtem Bart, und summte und döste vor sich hin
mit einem abwesenden, törichten Lächeln. Sie sagte zaghaft zu dem
Korporal: „Nicht zu dem, guter Mann; ich will zu Josef Süß.“ Der Korporal
sagte übellaunig: „Das ist doch der Jud, Frau.“
Angefüllt von tiefem, kältendem Schrecken schaute Michaele Süß auf
den eingesperrten Mann, der ihr jetzt langsam das Gesicht zuwandte, die
braunen, blinzelnden, etwas entzündeten Augen. Der Korporal verschloß
draußen umständlich rasselnd die Türe. Das ihr Sohn! Der häßliche,
verwahrloste Mann, älter als sie, ihr strahlender Sohn! Oh, es war nichts
mehr, nicht die leiseste Spur mehr war vom Heydersdorff in ihm, viel eher,
merkte sie mit Grauen und Neugier, glich er trotz des Bartes dem Rabbi
Gabriel. Sie beschaute ihn scheu, voll Grauen, sie spürte nichts von dem
früheren fressenden, schmerzhaften Mitleid, sie spürte, wie er aus ihr glitt,
wie sie leer wurde, es war ein fremder, schmutziger, verwahrloster Mensch,
mit dem man, versteht sich! Bedauern haben mußte, denn er war eingesperrt
und es ging ihm schlecht und zudem war er ein Jud. Aber sie hatte sich
schon wieder verkapselt und ihr Inneres war umkrustet. Sie stand, eine
fremde, elegante Dame, verlegen vor dem ungepflegten, in den Schmutz
gerutschten Mann.
Als sie dann redeten, fand sie kein echtes Wort mehr. Er sprach mild zu
ihr, mit einer leichten, überlegenen, fast scherzenden Güte, und streichelte
ihre sehr weißen Hände. Sie weinte ein weniges. Aber keines seiner Worte
drang zu ihr. Sie dachte immer nur: dieser alte Mann ihr Sohn! und war
umkrustet. Sie war eigentlich froh, als die Stunde um war, die sie bei ihm
bleiben durfte und der mißlaunige Korporal sie wieder abholte. Umschaute
sie noch einmal aus der Tür voll scheuen Grauens nach dem alten Mann,
der ihr Sohn war. Als sie dann die Festung verließ, war sie es, die den
Schritt schneller nahm.
Bald darauf tauchte ein sanfter, stiller, trauriger Herr in die Zelle, neigte
sich, war sehr höflich. Stille, große, weiße Hände, melancholische,
fließende Augen in dem fleischigen, vom Rasieren bläulichen Gesicht. Er
sprach leise, mit einer beredten, traurigen Stimme. Es war Johann Friedrich
Page 419
Paulus, früher Propst von Denkendorf, jetzt Prediger in Stuttgart, der
Konvertit. Der Stadtvikar Hoffmann hatte ihn geschickt. Der Stadtvikar
hätte zwar gern selber der Kirche diesen Verstockten gewonnen; aber er sah,
hier war wenig Hoffnung, und lieber sollte ein anderer das Werk vollenden,
als daß es gar nicht geschah. Der frühere Jude konnte sich vielleicht tiefer
hineinschmiegen, hineintasten, hineinschmuggeln in die verhärtete Seele,
sie aufzuweichen.
Still und höflich saß der Konvertit an der Wand, trotz seiner Fülle
merkwürdig schattenhaft. Er ließ seine traurigen Mandelaugen herumgehen
in der kahlen Zelle. Sprach leise, konversierend. „Dies alles sind nur
Kleider und Masken,“ sagte er. „Ihr Palais, diese Zelle, Ihr Judentum, mein
Christentum: Kleider, Masken. Es ist nur dies, daß einer den Strom Gott in
sich spürt. Es ist dies, daß einer ein Schein im Schein, ein Wort im Wort ist.
Ich habe Sie steigen sehen, Herr Finanzdirektor, ich habe Sie in Ihrem
großen Glanz gesehen und hoch im Blau. Ich bin ein Freund und Schüler
des Rabbi Jonathan Eybeschütz, der wieder ein Freund ist Ihres Onkels, des
Rabbi Gabriel. Ich hatte oft Lust, mit Ihnen zu reden, Herr Finanzdirektor.
Nicht weil Sie mich vielleicht verachteten um meine Taufe und mein
Christentum und weil ich Sie besser belehren wollte. Wie ich Sie jetzt
sehe,“ schloß er und seine streichelnde Stimme war noch leiser, und er war
fast erschüttert, „sehe ich sehr genau, daß ich um unser beider willen
gekommen bin, für mich nicht weniger als für Sie.“
„Sie sind doch gekommen,“ sagte Süß, „um mich zum Christentum zu
bekehren? Der Stadtvikar Hoffmann hat Sie doch geschickt? Ist’s nicht so,
ehrwürdiger Herr? Oder soll ich Sie Rabbi Unser Lehrer nennen?“ lächelte
er. Der stille Mann an der Wand sagte: „Es ist nicht schwer und es ist billig,
zu trotzen und ein Märtyrer zu sein. Viele verachten mich, weil ich Christ
wurde. Aber die Beschmutzung tut nicht weh. Ich rühre mich nicht und
wische sie nicht weg. Denn ich hab es getan nicht um Brot und Kleid und
Titel, nur für die Idee, für mein Gesetz. Sie haben Ihr Gesetz, Sie haben Ihre
Idee. Ist es nicht vielleicht richtiger, dies Gesetz fertig zu leben, dieses Licht
nicht verlöschen zu lassen, auch wenn man statt des Kleides Judentum das
Kleid Christentum anziehen muß? In solcher Zelle zu leben,“ – sein sanfter,
fließender Blick glitt über die kahlen Wände – „ist sicher hart. Aber wer
sagt Ihnen, Exzellenz, daß alles, was hart ist, Verdienst ist?“
„Sie haben eine sehr liebenswürdige Manier, ehrwürdiger Herr,“ sagte
Süß, „die Heilslehren Ihrer Religion in eine komfortable Hülle zu
Konvertit. Der Stadtvikar Hoffmann hatte ihn geschickt. Der Stadtvikar
hätte zwar gern selber der Kirche diesen Verstockten gewonnen; aber er sah,
hier war wenig Hoffnung, und lieber sollte ein anderer das Werk vollenden,
als daß es gar nicht geschah. Der frühere Jude konnte sich vielleicht tiefer
hineinschmiegen, hineintasten, hineinschmuggeln in die verhärtete Seele,
sie aufzuweichen.
Still und höflich saß der Konvertit an der Wand, trotz seiner Fülle
merkwürdig schattenhaft. Er ließ seine traurigen Mandelaugen herumgehen
in der kahlen Zelle. Sprach leise, konversierend. „Dies alles sind nur
Kleider und Masken,“ sagte er. „Ihr Palais, diese Zelle, Ihr Judentum, mein
Christentum: Kleider, Masken. Es ist nur dies, daß einer den Strom Gott in
sich spürt. Es ist dies, daß einer ein Schein im Schein, ein Wort im Wort ist.
Ich habe Sie steigen sehen, Herr Finanzdirektor, ich habe Sie in Ihrem
großen Glanz gesehen und hoch im Blau. Ich bin ein Freund und Schüler
des Rabbi Jonathan Eybeschütz, der wieder ein Freund ist Ihres Onkels, des
Rabbi Gabriel. Ich hatte oft Lust, mit Ihnen zu reden, Herr Finanzdirektor.
Nicht weil Sie mich vielleicht verachteten um meine Taufe und mein
Christentum und weil ich Sie besser belehren wollte. Wie ich Sie jetzt
sehe,“ schloß er und seine streichelnde Stimme war noch leiser, und er war
fast erschüttert, „sehe ich sehr genau, daß ich um unser beider willen
gekommen bin, für mich nicht weniger als für Sie.“
„Sie sind doch gekommen,“ sagte Süß, „um mich zum Christentum zu
bekehren? Der Stadtvikar Hoffmann hat Sie doch geschickt? Ist’s nicht so,
ehrwürdiger Herr? Oder soll ich Sie Rabbi Unser Lehrer nennen?“ lächelte
er. Der stille Mann an der Wand sagte: „Es ist nicht schwer und es ist billig,
zu trotzen und ein Märtyrer zu sein. Viele verachten mich, weil ich Christ
wurde. Aber die Beschmutzung tut nicht weh. Ich rühre mich nicht und
wische sie nicht weg. Denn ich hab es getan nicht um Brot und Kleid und
Titel, nur für die Idee, für mein Gesetz. Sie haben Ihr Gesetz, Sie haben Ihre
Idee. Ist es nicht vielleicht richtiger, dies Gesetz fertig zu leben, dieses Licht
nicht verlöschen zu lassen, auch wenn man statt des Kleides Judentum das
Kleid Christentum anziehen muß? In solcher Zelle zu leben,“ – sein sanfter,
fließender Blick glitt über die kahlen Wände – „ist sicher hart. Aber wer
sagt Ihnen, Exzellenz, daß alles, was hart ist, Verdienst ist?“
„Sie haben eine sehr liebenswürdige Manier, ehrwürdiger Herr,“ sagte
Süß, „die Heilslehren Ihrer Religion in eine komfortable Hülle zu
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verpacken. Ein weiches Bett, ein warmes Zimmer, Rehrücken, alter
Madeirasekt sind unbestreitbare, eingängige, angenehme Wahrheiten; auch
was Sie da sagen vom Wort im Wort und vom Schein im Schein, klingt gut
und passabel. Aber sehen Sie, ich habe mein Palais in der Seestraße mit
dieser Zelle vertauscht. Man hat mich in jedem Stück angezweifelt; aber nie
hat jemand gezweifelt, daß ich ein tüchtiger Kaufmann bin. Ich muß also
wohl“ – er lächelte listig – „zu solchem Tausch meine guten Gründe gehabt
haben. Sagen Sie dem Herrn Stadtvikar,“ schloß er heiter und verbindlich,
„und sagen Sie sich selbst: Sie haben getan und geredet, was einem
Menschen möglich ist. Es liegt an mir, es liegt wirklich nur an mir.“
Allein, summte er, lächelte, wiegte den Kopf. Dachte an Michaele. Die
liebe, törichte Frau. Er fühlte sich schwach, schwerlos, angenehm müde.
Wie ein Kranker, wohlig im Bett, Genesung spürend. So saß er, dösend, auf
der Pritsche. Da, ganz unvermutet, kam das Kind zu ihm, sprach zu ihm. Es
war noch viel kleiner und jünger geworden, es war klein wie eine Puppe,
und es setzte sich ihm merkwürdigerweise auf die Schulter und zupfte ihn
zärtlich am Bart und es sagte: „Dummer Vater! Dummer Vater!“ Sie blieb
etwa eine halbe Stunde. Sie sprach auch, aber lauter ganz kleine Dinge, sie
sprach mit der Wichtigkeit und dem Ernst der Kinder, von den Tulpen, von
der Auslegung einer Stelle im Hohen Lied, von dem Futter seines neuen
Rockes. Als sie fort war, atmete Süß wie ein Schlafender, den Mund halb
auf, glücklich. So gerufen hatte er sie, und sie war nicht gekommen, mit
wilden, heißen, törichten Taten sie gerufen, ein grelles, ungeheures
Totenopfer ihr angezündet, und sie war nicht gekommen. Was für ein Narr
war er gewesen! Sie war ja so klein, ein so kleiner, sanfter, befriedeter
Mensch war sie. Was denn hätte sie sollen mit seinen großen, grellen,
schreienden Taten und Opfern anfangen. Aber jetzt, nun er ganz still war
und sich schon beschieden hatte, sie nicht mehr zu sehen, nun auf einmal
kam sie, und es war ein großes, anfüllendes Geschenk. Er ging die Zelle auf
und nieder, seine fünfeinhalb Schritte, und die Zelle war reich und voll und
die ganze Welt, und er streckte die Arme aus und lachte, allein und
jungenhaft und laut und glücklich, daß der Wächter draußen auf dem Gang
aufschrak und mißtrauisch hereinspähte.
Madeirasekt sind unbestreitbare, eingängige, angenehme Wahrheiten; auch
was Sie da sagen vom Wort im Wort und vom Schein im Schein, klingt gut
und passabel. Aber sehen Sie, ich habe mein Palais in der Seestraße mit
dieser Zelle vertauscht. Man hat mich in jedem Stück angezweifelt; aber nie
hat jemand gezweifelt, daß ich ein tüchtiger Kaufmann bin. Ich muß also
wohl“ – er lächelte listig – „zu solchem Tausch meine guten Gründe gehabt
haben. Sagen Sie dem Herrn Stadtvikar,“ schloß er heiter und verbindlich,
„und sagen Sie sich selbst: Sie haben getan und geredet, was einem
Menschen möglich ist. Es liegt an mir, es liegt wirklich nur an mir.“
Allein, summte er, lächelte, wiegte den Kopf. Dachte an Michaele. Die
liebe, törichte Frau. Er fühlte sich schwach, schwerlos, angenehm müde.
Wie ein Kranker, wohlig im Bett, Genesung spürend. So saß er, dösend, auf
der Pritsche. Da, ganz unvermutet, kam das Kind zu ihm, sprach zu ihm. Es
war noch viel kleiner und jünger geworden, es war klein wie eine Puppe,
und es setzte sich ihm merkwürdigerweise auf die Schulter und zupfte ihn
zärtlich am Bart und es sagte: „Dummer Vater! Dummer Vater!“ Sie blieb
etwa eine halbe Stunde. Sie sprach auch, aber lauter ganz kleine Dinge, sie
sprach mit der Wichtigkeit und dem Ernst der Kinder, von den Tulpen, von
der Auslegung einer Stelle im Hohen Lied, von dem Futter seines neuen
Rockes. Als sie fort war, atmete Süß wie ein Schlafender, den Mund halb
auf, glücklich. So gerufen hatte er sie, und sie war nicht gekommen, mit
wilden, heißen, törichten Taten sie gerufen, ein grelles, ungeheures
Totenopfer ihr angezündet, und sie war nicht gekommen. Was für ein Narr
war er gewesen! Sie war ja so klein, ein so kleiner, sanfter, befriedeter
Mensch war sie. Was denn hätte sie sollen mit seinen großen, grellen,
schreienden Taten und Opfern anfangen. Aber jetzt, nun er ganz still war
und sich schon beschieden hatte, sie nicht mehr zu sehen, nun auf einmal
kam sie, und es war ein großes, anfüllendes Geschenk. Er ging die Zelle auf
und nieder, seine fünfeinhalb Schritte, und die Zelle war reich und voll und
die ganze Welt, und er streckte die Arme aus und lachte, allein und
jungenhaft und laut und glücklich, daß der Wächter draußen auf dem Gang
aufschrak und mißtrauisch hereinspähte.
Page 421
Der Major Glaser eröffnete dem Süß, er solle sich bereit halten, anderen
Tages in der Frühe nach Stuttgart zu fahren. Der Major wußte, der Jude
fahre nach Stuttgart, sein Todesurteil zu hören, aber er hatte nicht Ordre,
ihm das zu sagen, und hielt es nicht für not. Süß, im linden Nachschmack
der Worte Naemis, glaubte, es gehe in sein Haus zurück und in die Freiheit.
Er hielt es nicht im entferntesten für möglich, man werde ihm gegen den
klaren Buchstaben des Rechts ans Leben gehen. Gutmütig scherzend und in
schwerloser Laune sagte er, er freue sich des schönen Wetters für die Fahrt,
fragte den Kommandanten, ob er ihm, der ein großer Schnupfer war, eine
Tabaksdose zum Andenken übersenden dürfe. Gemessen lehnte der Major
ab; doch gestattete er, das harte Gesicht kaum vor dem Grinsen wahrend,
daß Süß einen Galarock für die Fahrt anlege. Auch vor dem Wärter erging
sich Süß in leichten, schwingenden Worten über Rückkehr und Freiheit und
gab dem erstaunten Mann, der nicht wußte was tun, eine Anweisung auf
eine ansehnliche Summe als Trinkgeld.
Wie er sich des Abends auf seine Pritsche legte, fand er sich ganz
entlastet und selig. Er wird jetzt irgendwohin ins Ausland gehen, an einen
See oder ans Meer, in ein winziges, stilles Nest und ganz klein und mild
leuchtend vor sich hinleben. Ein paar Bücher oder auch keine. Und bald
wird er leicht und leise verklingen und unter den Menschen wird nur ein
dummer, lauter Hall bleiben von seinem Leben und von seinem Gewese
und der wird im Guten und im Bösen ganz anders sein und sehr verzerrt;
bald aber wird auch sein Name gar nichts mehr bedeuten, wird nichts sein
als etliche Buchstaben ohne Sinn; schließlich werden auch die verklungen
und es wird große, reine Stille sein und nur mehr ein Schweben und sachtes
Leuchten in der Oberen Welt.
Anderen Morgens, es war ein frostklarer, weißer, sonniger Tag, fuhr Süß
bei guter Zeit. Trotz der Kälte im offenen Wagen. Er hockte schwach und
froh im Fond, ein Wärter neben ihm, einer ihm gegenüber. Starke Wache
auch zu beiden Seiten, vor, hinter dem Wagen. Er wollte erst mit seinen
Begleitern sprechen, aber die hatten strenge Weisung, nicht zu erwidern. Ihn
grämte es nicht. Er lehnte zurück, atmete, kostete, schluckte, sah, tastete
nach den vielen dumpfen Monaten die reine, freie, beglückende Gottesluft.
Blick, nicht an Mauer stoßend, wie köstlich! Bäume, sanfter, herrlich reiner
Schnee darauf. Weites, weißes Feld, weich und zärtlich in den Himmel
mündend. Weite Welt, feine, herrliche, reine, weite Welt! Luft! Freie, liebe
Luft! Sie griff ihn an, den Eingesperrten, Entwöhnten, er lehnte ganz schlaff
Tages in der Frühe nach Stuttgart zu fahren. Der Major wußte, der Jude
fahre nach Stuttgart, sein Todesurteil zu hören, aber er hatte nicht Ordre,
ihm das zu sagen, und hielt es nicht für not. Süß, im linden Nachschmack
der Worte Naemis, glaubte, es gehe in sein Haus zurück und in die Freiheit.
Er hielt es nicht im entferntesten für möglich, man werde ihm gegen den
klaren Buchstaben des Rechts ans Leben gehen. Gutmütig scherzend und in
schwerloser Laune sagte er, er freue sich des schönen Wetters für die Fahrt,
fragte den Kommandanten, ob er ihm, der ein großer Schnupfer war, eine
Tabaksdose zum Andenken übersenden dürfe. Gemessen lehnte der Major
ab; doch gestattete er, das harte Gesicht kaum vor dem Grinsen wahrend,
daß Süß einen Galarock für die Fahrt anlege. Auch vor dem Wärter erging
sich Süß in leichten, schwingenden Worten über Rückkehr und Freiheit und
gab dem erstaunten Mann, der nicht wußte was tun, eine Anweisung auf
eine ansehnliche Summe als Trinkgeld.
Wie er sich des Abends auf seine Pritsche legte, fand er sich ganz
entlastet und selig. Er wird jetzt irgendwohin ins Ausland gehen, an einen
See oder ans Meer, in ein winziges, stilles Nest und ganz klein und mild
leuchtend vor sich hinleben. Ein paar Bücher oder auch keine. Und bald
wird er leicht und leise verklingen und unter den Menschen wird nur ein
dummer, lauter Hall bleiben von seinem Leben und von seinem Gewese
und der wird im Guten und im Bösen ganz anders sein und sehr verzerrt;
bald aber wird auch sein Name gar nichts mehr bedeuten, wird nichts sein
als etliche Buchstaben ohne Sinn; schließlich werden auch die verklungen
und es wird große, reine Stille sein und nur mehr ein Schweben und sachtes
Leuchten in der Oberen Welt.
Anderen Morgens, es war ein frostklarer, weißer, sonniger Tag, fuhr Süß
bei guter Zeit. Trotz der Kälte im offenen Wagen. Er hockte schwach und
froh im Fond, ein Wärter neben ihm, einer ihm gegenüber. Starke Wache
auch zu beiden Seiten, vor, hinter dem Wagen. Er wollte erst mit seinen
Begleitern sprechen, aber die hatten strenge Weisung, nicht zu erwidern. Ihn
grämte es nicht. Er lehnte zurück, atmete, kostete, schluckte, sah, tastete
nach den vielen dumpfen Monaten die reine, freie, beglückende Gottesluft.
Blick, nicht an Mauer stoßend, wie köstlich! Bäume, sanfter, herrlich reiner
Schnee darauf. Weites, weißes Feld, weich und zärtlich in den Himmel
mündend. Weite Welt, feine, herrliche, reine, weite Welt! Luft! Freie, liebe
Luft! Sie griff ihn an, den Eingesperrten, Entwöhnten, er lehnte ganz schlaff
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und schwach und erschöpft; aber er war selig. Er hatte den roten,
goldbestickten Taffetrock mit dem zottigen Samtfutter aufgeschlagen, selbst
das grüne, goldbordierte Kamisol der Luft geöffnet. Die Beine in den
braunen Beinkleidern zitterten und waren sehr matt. Den Samthut und die
auf dem schlecht gepflegten Haar übelsitzende Perücke hatte er
abgenommen, er ließ wohlig den Luftzug der raschen Fahrt durch das weiße
Haar streichen.
Aber in Stuttgart am Tor stand dick der Pöbel, wartete. Schrie, johlte, als
die Kutsche kam, schmiß Steine, Kot. Stürzte sich auf den Juden, riß ihn
heraus, stauchte ihn hin und her, zerrte ihn an dem weißen Bart. Hob Kinder
hoch: „Lugt her! Da ist er, der Schinder, Judas, Mörder, Saujud!“ Spuckte,
trat. Zerrissen der feine, rote Rock, in Kot getreten der artige Samthut. Die
aus dem Blauen Bock sagten in wehmütiger, sentimentaler Genugtuung:
„Das hätte der selige Konditor Benz noch erleben sollen.“ Nur mit Mühe
gelang es der Eskorte, den Juden herauszuhauen. Mit fliegender Brust saß
er jetzt im Wagen, das graue Gesicht zerschrundet, Rinnsel von Speichel
und Blut langsam in den zerrauften Bart rinnend, Soldaten um ihn, drohend
gegen die Menge, die Hand an der Waffe.
Das Geschrei und Gejohle drang auch in das große Zimmer, in dem
Magdalen Sibylle lag, ein Kind des Immanuel Rieger gebärend. Der
Expeditionsrat hätte gern gehabt, daß sie das Kind auf dem Land, auf ihrer
schönen Besitzung Würtigheim, zur Welt bringe; aber da sie aus
unerklärlichen Gründen durchaus in der Stadt bleiben wollte, fügte er sich.
Da lag sie nun in Wehen, eine geschwätzige, betuliche Hebamme
watschelte geschäftig herum, der Expeditionsrat ging blaß, dienstwillig,
demütig und schwitzend ab und zu. Trotzdem sie breit schien und
gebärtüchtig, war die Entbindung nicht so leicht, wie man gehofft hatte. Sie
lag, schrie, stemmte sich, preßte, keuchte. Jetzt war eine Minute der
Erleichterung gekommen, zurückgesunken, fahl, schweißüberdeckt bebte
sie, immer wieder überschauert. In die Stille klang das Johlen der
Volksmenge herein, ganz deutlich hörte man den Gassenhauer: „Der Jud
muß hängen!“ Der Expeditionsrat rieb sich die Hände. „Ein gutes Omen,“
sagte er, „daß das Kind im Zeichen der Gerechtigkeit geboren wird.“ Aber
sie schaute voll Haß auf den hageren, unscheinbaren Mann und betete
unhörbar, ohne Reim und Schnörkelei, dringlich und stark: „Herr Gott im
Himmel! Laß es nicht werden wie der da! Herr Gott im Himmel! Du hast
goldbestickten Taffetrock mit dem zottigen Samtfutter aufgeschlagen, selbst
das grüne, goldbordierte Kamisol der Luft geöffnet. Die Beine in den
braunen Beinkleidern zitterten und waren sehr matt. Den Samthut und die
auf dem schlecht gepflegten Haar übelsitzende Perücke hatte er
abgenommen, er ließ wohlig den Luftzug der raschen Fahrt durch das weiße
Haar streichen.
Aber in Stuttgart am Tor stand dick der Pöbel, wartete. Schrie, johlte, als
die Kutsche kam, schmiß Steine, Kot. Stürzte sich auf den Juden, riß ihn
heraus, stauchte ihn hin und her, zerrte ihn an dem weißen Bart. Hob Kinder
hoch: „Lugt her! Da ist er, der Schinder, Judas, Mörder, Saujud!“ Spuckte,
trat. Zerrissen der feine, rote Rock, in Kot getreten der artige Samthut. Die
aus dem Blauen Bock sagten in wehmütiger, sentimentaler Genugtuung:
„Das hätte der selige Konditor Benz noch erleben sollen.“ Nur mit Mühe
gelang es der Eskorte, den Juden herauszuhauen. Mit fliegender Brust saß
er jetzt im Wagen, das graue Gesicht zerschrundet, Rinnsel von Speichel
und Blut langsam in den zerrauften Bart rinnend, Soldaten um ihn, drohend
gegen die Menge, die Hand an der Waffe.
Das Geschrei und Gejohle drang auch in das große Zimmer, in dem
Magdalen Sibylle lag, ein Kind des Immanuel Rieger gebärend. Der
Expeditionsrat hätte gern gehabt, daß sie das Kind auf dem Land, auf ihrer
schönen Besitzung Würtigheim, zur Welt bringe; aber da sie aus
unerklärlichen Gründen durchaus in der Stadt bleiben wollte, fügte er sich.
Da lag sie nun in Wehen, eine geschwätzige, betuliche Hebamme
watschelte geschäftig herum, der Expeditionsrat ging blaß, dienstwillig,
demütig und schwitzend ab und zu. Trotzdem sie breit schien und
gebärtüchtig, war die Entbindung nicht so leicht, wie man gehofft hatte. Sie
lag, schrie, stemmte sich, preßte, keuchte. Jetzt war eine Minute der
Erleichterung gekommen, zurückgesunken, fahl, schweißüberdeckt bebte
sie, immer wieder überschauert. In die Stille klang das Johlen der
Volksmenge herein, ganz deutlich hörte man den Gassenhauer: „Der Jud
muß hängen!“ Der Expeditionsrat rieb sich die Hände. „Ein gutes Omen,“
sagte er, „daß das Kind im Zeichen der Gerechtigkeit geboren wird.“ Aber
sie schaute voll Haß auf den hageren, unscheinbaren Mann und betete
unhörbar, ohne Reim und Schnörkelei, dringlich und stark: „Herr Gott im
Himmel! Laß es nicht werden wie der da! Herr Gott im Himmel! Du hast
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mir soviel verhunzt. Das gib mir, das wenigstens gib mir, daß mein Kind
nicht werde wie der da!“
Süß wurde inzwischen auf das Rathaus gebracht. Der große Saal war
gestopft mit Zuschauern, das Richterkollegium war versammelt, feierlich in
schwarzen Mänteln. Der Jude sah das jovial brutale, massige Gesicht des
Gaisberg, das feine, höhnische, hakennasige des Schütz, das harte,
grausame, hagere des Pflug, das des jungen Götz sogar, sonst leer, fad,
rosig, schien belebt von Haß, Rache, Triumph. Da erkannte er, daß er nicht
zur Freiheit, sondern zum Tod bestimmt war. Und da begann auch schon der
Präsident, der Geheimrat Gaisberg, mit seiner harten, dröhnenden,
ungefügen Stimme, stark schwäbelnd, das Urteil zu verlesen. Süß hörte in
monotonem Wechsel Landschaden, Plünderung, Beraubung, Hochverrat,
Majestätsverbrechen, Staatsverbrechen und den Schluß, daß er mit dem
Strang vom Leben zum Tod solle hingerichtet werden. Er sah in dem
überheizten Saal die dichtgedrängte Menge, die großen Herren alle, die
Minister, Parlamentarier, Generäle, dünstend, schwitzend, voll Hochgefühl.
Er sah die kleinen, eklen Tiere, da das große sich hingestreckt hatte in
freiwilliger Wehrlosigkeit, darüber herfallen, sich festbeißen, geschäftig
übereinanderwimmeln, daß ja ein jeder noch sinnlos die Zähne
hineinschlage in die verendende Masse Lebens. Da war plötzlich wieder in
ihm der frühere Süß. Er bäumte hoch, er begann zu reden, der alte,
verfallene Mann, überdeckt mit dem Blut und dem Kot der Mißhandlungen,
richtete sich hoch, erwiderte seinen Richtern. Kratzte, eiskalt sachlich,
schneidend, dem Urteil die pathetische Tünche herunter. Lautlos hörte man
seine ersten Sätze an. Dann aber, rot angelaufen über solche Frechheit,
stürzten sich, nicht anders als das Volk, die vornehmen Herren auf ihn,
brüllend, mit den flachen Degen auf ihn einschlagend, und wie dem Volk
konnte die Eskorte auch ihnen nur mit Mühe den Delinquenten entreißen.
Wie er abgeführt wurde, über den tosenden Saal hin, packten ihn die harten,
höhnischen Worte des Geheimrats Pflug im Nacken: „Er hat gesagt, Jud,
höher als der Galgen ist, könnten wir Ihn nicht hängen. Wir werden’s Ihm
weisen.“
Mit Eilwagen fuhren von Hamburg her Rabbi Gabriel Oppenheimer van
Straaten und Rabbi Jonathan Eybeschütz. Die beiden Männer sprachen auf
nicht werde wie der da!“
Süß wurde inzwischen auf das Rathaus gebracht. Der große Saal war
gestopft mit Zuschauern, das Richterkollegium war versammelt, feierlich in
schwarzen Mänteln. Der Jude sah das jovial brutale, massige Gesicht des
Gaisberg, das feine, höhnische, hakennasige des Schütz, das harte,
grausame, hagere des Pflug, das des jungen Götz sogar, sonst leer, fad,
rosig, schien belebt von Haß, Rache, Triumph. Da erkannte er, daß er nicht
zur Freiheit, sondern zum Tod bestimmt war. Und da begann auch schon der
Präsident, der Geheimrat Gaisberg, mit seiner harten, dröhnenden,
ungefügen Stimme, stark schwäbelnd, das Urteil zu verlesen. Süß hörte in
monotonem Wechsel Landschaden, Plünderung, Beraubung, Hochverrat,
Majestätsverbrechen, Staatsverbrechen und den Schluß, daß er mit dem
Strang vom Leben zum Tod solle hingerichtet werden. Er sah in dem
überheizten Saal die dichtgedrängte Menge, die großen Herren alle, die
Minister, Parlamentarier, Generäle, dünstend, schwitzend, voll Hochgefühl.
Er sah die kleinen, eklen Tiere, da das große sich hingestreckt hatte in
freiwilliger Wehrlosigkeit, darüber herfallen, sich festbeißen, geschäftig
übereinanderwimmeln, daß ja ein jeder noch sinnlos die Zähne
hineinschlage in die verendende Masse Lebens. Da war plötzlich wieder in
ihm der frühere Süß. Er bäumte hoch, er begann zu reden, der alte,
verfallene Mann, überdeckt mit dem Blut und dem Kot der Mißhandlungen,
richtete sich hoch, erwiderte seinen Richtern. Kratzte, eiskalt sachlich,
schneidend, dem Urteil die pathetische Tünche herunter. Lautlos hörte man
seine ersten Sätze an. Dann aber, rot angelaufen über solche Frechheit,
stürzten sich, nicht anders als das Volk, die vornehmen Herren auf ihn,
brüllend, mit den flachen Degen auf ihn einschlagend, und wie dem Volk
konnte die Eskorte auch ihnen nur mit Mühe den Delinquenten entreißen.
Wie er abgeführt wurde, über den tosenden Saal hin, packten ihn die harten,
höhnischen Worte des Geheimrats Pflug im Nacken: „Er hat gesagt, Jud,
höher als der Galgen ist, könnten wir Ihn nicht hängen. Wir werden’s Ihm
weisen.“
Mit Eilwagen fuhren von Hamburg her Rabbi Gabriel Oppenheimer van
Straaten und Rabbi Jonathan Eybeschütz. Die beiden Männer sprachen auf
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der langen Fahrt nur das Nötigste. Sie sahen die schaukelnden Schenkel der
Pferde, oft gewechselt, braune, schwarze, weiße; sie sahen das
vorübergleitende Land, flaches Feld, Berg, Wald, Fluß, Weinhügel. Aber
nur ihre Augen waren darauf, nicht ihr Sinn. Meilenstein um Meilenstein
tauchte auf, verschwand. Sie sahen nur das Antlitz, dem sie zustrebten, daß
sie es erreichten, ehe es verlösche.
Rabbi Gabriel saß wie immer massigen, mißlaunigen Gesichts, den
dicklichen Leib in großbürgerlichen, etwas altmodischen Kleidern. Rabbi
Jonathan, in seidigem Kaftan, mild leuchtend aus dem weißen, milchig
fließenden Bart das listige, nicht alte Antlitz, war nach lüstern weltlichen
Wochen wieder zurückgetaucht in Versunkenheit, Erkenntnis, Gott. Die
letzte Zeit und Wandlung des Süß zog ihn mit grausamer Lockung an. Es
war nicht das Schauspiel dieses Untergangs. Er und Rabbi Gabriel, ohne
daß sie darüber gesprochen hätten, wußten, spürten die merkwürdige
Verquickung von Freiwilligkeit und Zwang in diesem Ende. Die
Entsprechung, das heimliche Band, der Fluß von jenem zu ihnen hatte nun
auch den Rabbi Jonathan ergriffen, hob ihn, senkte ihn. Er stak in jenem,
eine stärkste Wurzel von ihm starb in jenem. So fuhren die beiden Männer,
gradaus das Aug, dem Tode des Josef Süß zu, wolkig schwer brütete um sie
die Erkenntnis ihrer Bindung.
Auch auf anderen Straßen zog es nach Stuttgart, zu Süß, um Süß. Mit
viel Wache und Bedeckung kam der Hoffaktor Isaak Simon Landauer; er
hatte, trotzdem er sehr schlicht zu reisen pflegte, mit sich drei jüdische
Kassiere und außer der gemieteten Polizeiwache ein paar sehr kräftige,
verlässige Burschen. Es kamen der kleine, welke Jaakob Josua Falk,
Rabbiner von Frankfurt, und der dicke, hitzige Rabbiner von Fürth. Die drei
Männer trafen in der Nähe von Stuttgart zusammen, sie waren beim
Herzog-Vormünder zur Audienz gemeldet und es war Sorge getragen, daß
sie bei der Einfahrt nicht belästigt wurden.
Karl Rudolf empfing sie in Gegenwart Bilfingers und Pancorbos. Es
sagte der Rabbiner von Fürth: „Euer Durchlaucht sind hochberühmt in der
ganzen Welt um der Gerechtigkeit willen. Ist es gerecht, daß die Räuber
sitzen ringsum in Reutlingen, in Eßlingen und lachen und fressen ihren
Raub, und daß der Jud, der weniger schuld ist vor dem Gesetz, muß zahlen
ihre Zeche? Euer Durchlaucht sind gerecht gegen hoch und nieder, gegen
Schwaben und Oesterreicher, gegen Katholik und Protestant. Seien Sie
gerecht auch gegen Ihren Juden.“ Es sagte der Rabbiner von Frankfurt:
Pferde, oft gewechselt, braune, schwarze, weiße; sie sahen das
vorübergleitende Land, flaches Feld, Berg, Wald, Fluß, Weinhügel. Aber
nur ihre Augen waren darauf, nicht ihr Sinn. Meilenstein um Meilenstein
tauchte auf, verschwand. Sie sahen nur das Antlitz, dem sie zustrebten, daß
sie es erreichten, ehe es verlösche.
Rabbi Gabriel saß wie immer massigen, mißlaunigen Gesichts, den
dicklichen Leib in großbürgerlichen, etwas altmodischen Kleidern. Rabbi
Jonathan, in seidigem Kaftan, mild leuchtend aus dem weißen, milchig
fließenden Bart das listige, nicht alte Antlitz, war nach lüstern weltlichen
Wochen wieder zurückgetaucht in Versunkenheit, Erkenntnis, Gott. Die
letzte Zeit und Wandlung des Süß zog ihn mit grausamer Lockung an. Es
war nicht das Schauspiel dieses Untergangs. Er und Rabbi Gabriel, ohne
daß sie darüber gesprochen hätten, wußten, spürten die merkwürdige
Verquickung von Freiwilligkeit und Zwang in diesem Ende. Die
Entsprechung, das heimliche Band, der Fluß von jenem zu ihnen hatte nun
auch den Rabbi Jonathan ergriffen, hob ihn, senkte ihn. Er stak in jenem,
eine stärkste Wurzel von ihm starb in jenem. So fuhren die beiden Männer,
gradaus das Aug, dem Tode des Josef Süß zu, wolkig schwer brütete um sie
die Erkenntnis ihrer Bindung.
Auch auf anderen Straßen zog es nach Stuttgart, zu Süß, um Süß. Mit
viel Wache und Bedeckung kam der Hoffaktor Isaak Simon Landauer; er
hatte, trotzdem er sehr schlicht zu reisen pflegte, mit sich drei jüdische
Kassiere und außer der gemieteten Polizeiwache ein paar sehr kräftige,
verlässige Burschen. Es kamen der kleine, welke Jaakob Josua Falk,
Rabbiner von Frankfurt, und der dicke, hitzige Rabbiner von Fürth. Die drei
Männer trafen in der Nähe von Stuttgart zusammen, sie waren beim
Herzog-Vormünder zur Audienz gemeldet und es war Sorge getragen, daß
sie bei der Einfahrt nicht belästigt wurden.
Karl Rudolf empfing sie in Gegenwart Bilfingers und Pancorbos. Es
sagte der Rabbiner von Fürth: „Euer Durchlaucht sind hochberühmt in der
ganzen Welt um der Gerechtigkeit willen. Ist es gerecht, daß die Räuber
sitzen ringsum in Reutlingen, in Eßlingen und lachen und fressen ihren
Raub, und daß der Jud, der weniger schuld ist vor dem Gesetz, muß zahlen
ihre Zeche? Euer Durchlaucht sind gerecht gegen hoch und nieder, gegen
Schwaben und Oesterreicher, gegen Katholik und Protestant. Seien Sie
gerecht auch gegen Ihren Juden.“ Es sagte der Rabbiner von Frankfurt:
Page 425
„Reb Josef Süß Oppenheimer ist gestanden vornean unter den Juden, er ist
geboren aus einer alten, angesehenen jüdischen Familie. Was er getan hat,
wird man sagen, hat die ganze Jüdischheit getan. Wenn man ihn wird
aufhenken und die Christen, seine Konsorten, gehen frei herum, wird man
sagen, die Judenheit ist schuld an allem, und es wird kommen neuer Haß
und Verfolgung und Bosheit über die ganze Judenheit. Euer Durchlaucht
sind ein gnädiger Herr und Fürst, Euer Durchlaucht wissen, daß der Jud ist
nicht mehr schuld und nicht weniger als seine Genossen, die Christen. Es
kommt Aergernis in die Welt und neue Heimsuchung über die Getretenen
und Gedrückten, wenn er wird anders gerichtet als die anderen. Wir bitten
Euer Durchlaucht aus peinvollem und demütigem Herzen um Gnade für
den einen und die ganze Judenheit.“
Es sagte Isaak Landauer: „Was getan hat der Reb Josef Süß
Oppenheimer, hat gewirkt, daß Schaden hat genommen an Geld und Gut
der und jener und das Land Württemberg. Was gesündigt ist durch Geld,
kann gutgemacht werden durch Geld. Wir haben uns zusammengetan, alle
Judenheit, und haben zusammengesteuert Geld, viel Geld, ungeheures Geld.
Und so sind wir gekommen und bitten Euer Durchlaucht: lassen Sie ledig
den Reb Josef Süß Oppenheimer. Wir wollen machen gut, was er kann
haben gesündigt, wir wollen es machen gut und aber gut, daß das Land
Württemberg kann kommen in Flor und Gedeih. Wir bieten an, wenn Sie
lassen ledig den Juden Josef Süß Oppenheimer, eine freiwillige Buße von
fünfmalhunderttausend Doppeldukaten.“
Schweigend hatten der Herzog-Administrator und die beiden Minister die
Juden angehört. Bei dem Angebot des Isaak Landauer zuckten sie auf. Das
Angebot war eine Frechheit. Aber die Summe war so ungeheuerlich, soviel
größer als der höchste Betrag, der jemals im Budget des Herzogtums
gestanden war, daß man diesem Angebot nicht wohl mit so simplen Worten
wie Unverschämtheit und Arroganz beikommen konnte.
Fünfmalhunderttausend Golddukaten! Den Josef Süß loskaufen wollen war
eine Frechheit und eine Dummheit. Den Josef Süß mit einer so ungeheuren
Summe loskaufen wollen war ein kühnes, geniales Projekt, das in seiner
naiven Großartigkeit verblüffte. Damit auch hatte Isaak Landauer
gerechnet, darauf baute er seinen Plan. Er war von Anfang an überzeugt,
mit Listen, mit Argumenten, mit Pochen auf Gerechtigkeit, mit Flehen um
Gnade war hier nichts auszurichten. Vielleicht wirkte so plumpes, naives
Geradezu. Für Geld konnte man alles in der Welt kaufen: Boden und Vieh,
geboren aus einer alten, angesehenen jüdischen Familie. Was er getan hat,
wird man sagen, hat die ganze Jüdischheit getan. Wenn man ihn wird
aufhenken und die Christen, seine Konsorten, gehen frei herum, wird man
sagen, die Judenheit ist schuld an allem, und es wird kommen neuer Haß
und Verfolgung und Bosheit über die ganze Judenheit. Euer Durchlaucht
sind ein gnädiger Herr und Fürst, Euer Durchlaucht wissen, daß der Jud ist
nicht mehr schuld und nicht weniger als seine Genossen, die Christen. Es
kommt Aergernis in die Welt und neue Heimsuchung über die Getretenen
und Gedrückten, wenn er wird anders gerichtet als die anderen. Wir bitten
Euer Durchlaucht aus peinvollem und demütigem Herzen um Gnade für
den einen und die ganze Judenheit.“
Es sagte Isaak Landauer: „Was getan hat der Reb Josef Süß
Oppenheimer, hat gewirkt, daß Schaden hat genommen an Geld und Gut
der und jener und das Land Württemberg. Was gesündigt ist durch Geld,
kann gutgemacht werden durch Geld. Wir haben uns zusammengetan, alle
Judenheit, und haben zusammengesteuert Geld, viel Geld, ungeheures Geld.
Und so sind wir gekommen und bitten Euer Durchlaucht: lassen Sie ledig
den Reb Josef Süß Oppenheimer. Wir wollen machen gut, was er kann
haben gesündigt, wir wollen es machen gut und aber gut, daß das Land
Württemberg kann kommen in Flor und Gedeih. Wir bieten an, wenn Sie
lassen ledig den Juden Josef Süß Oppenheimer, eine freiwillige Buße von
fünfmalhunderttausend Doppeldukaten.“
Schweigend hatten der Herzog-Administrator und die beiden Minister die
Juden angehört. Bei dem Angebot des Isaak Landauer zuckten sie auf. Das
Angebot war eine Frechheit. Aber die Summe war so ungeheuerlich, soviel
größer als der höchste Betrag, der jemals im Budget des Herzogtums
gestanden war, daß man diesem Angebot nicht wohl mit so simplen Worten
wie Unverschämtheit und Arroganz beikommen konnte.
Fünfmalhunderttausend Golddukaten! Den Josef Süß loskaufen wollen war
eine Frechheit und eine Dummheit. Den Josef Süß mit einer so ungeheuren
Summe loskaufen wollen war ein kühnes, geniales Projekt, das in seiner
naiven Großartigkeit verblüffte. Damit auch hatte Isaak Landauer
gerechnet, darauf baute er seinen Plan. Er war von Anfang an überzeugt,
mit Listen, mit Argumenten, mit Pochen auf Gerechtigkeit, mit Flehen um
Gnade war hier nichts auszurichten. Vielleicht wirkte so plumpes, naives
Geradezu. Für Geld konnte man alles in der Welt kaufen: Boden und Vieh,
Page 426
Berg, Fluß und Wald, Kaiser und Papst, Kabinette und Parlamente. Warum
sollte man nicht können abkaufen diesen schwäbischen Gojims ihre
Rachgier und ihr albernes Gerede von Justiz. Sie war, seine dumme, schiefe
Gerechtigkeit, diesem Herzog teuer. Gut, so bezahlte man sie eben teuer.
Fünfmalhunderttausend Golddukaten. Damit konnte man zur Not ein
kleines Herzogtum kaufen: es war ein guter Preis für ein Stückchen
sogenannter Justiz.
Ehe die Herren sich von ihrer Ueberraschung erholen konnten, sprach
Isaak Landauer weiter. „Wir zahlen nicht in Wechseln, wir zahlen nicht in
Verschreibungen. Wir zahlen Gold, blankes Gold. Golddukaten, runde,
unbeschnittene.“ Er schlurfte zur Tür, er winkte seinen Leuten mit einem
kopfwiegenden, überlegenen, Anstaunung einfordernden Lächeln. In
stummer, gespannter Bannung schauten der Regent und seine Minister auf
die eintretenden Burschen. Die trugen Säcke, kleine, sehr schwere Säcke,
sie entleerten sie auf einen Wink des schmuddeligen Mannes. Heraus floß
Gold, gemünztes Gold aller Währungen, rotes Gold, spanisches,
afrikanisches, türkisches, aus allen Zonen. Häufte sich, türmte sich, hörte
nicht auf, wuchs mannshoch, breitete sich dick wie eine ausgewachsene
Eiche, ein Berg von Gold. Stumm schaute der kleine, schiefe, schäbige
Herzog, der massige Bilfinger. Dom Bartelemi Pancorbo reckte den
entfleischten, blauroten Kopf aus der verschollenen Krause, seine dürren
Finger streckten sich, krümmten sich, konnten nicht länger widerstehen,
streichelten das Gold, das liebe Gold, badeten in dem endlosen Fluß. Isaak
Landauer stand daneben in seinem schmierigen Kaftan, die
Schläfenlöckchen ungekämmt, in unschöner, unselbstverständlicher
Haltung, lächelte fatal, hielt den einen Oberarm eng am Körper, die
Handfläche hochgehoben nach außen, mit der andern Hand strähnte er den
rotblonden, verfärbten Ziegenbart.
Das Angebot Isaak Landauers wurde abgelehnt. Aber die Worte der alten
Männer klangen nach in dem Herzog. Er war ungerecht! Er war
gezwungen, vor seinem Sterben ungerecht zu sein. Nicht nur gegen den
Süß, auch gegen die anderen Juden. Besitz packte ihn nicht, Gold rührte ihn
nicht an. Aber diese Leute hingen daran. Gold, Gold! war ihr Leben und ihr
Sinn. Und dennoch hatten sie freiwillig so ungeheuer reich gesteuert und
gezinst, sein Unrecht abzuwenden. Seine Pflicht war klar: er mußte
vornächst seinen Schwaben recht, also den Juden unrecht tun. Aber dieser
Berg von Gold drückte ihn, scheuerte ihn wund.
sollte man nicht können abkaufen diesen schwäbischen Gojims ihre
Rachgier und ihr albernes Gerede von Justiz. Sie war, seine dumme, schiefe
Gerechtigkeit, diesem Herzog teuer. Gut, so bezahlte man sie eben teuer.
Fünfmalhunderttausend Golddukaten. Damit konnte man zur Not ein
kleines Herzogtum kaufen: es war ein guter Preis für ein Stückchen
sogenannter Justiz.
Ehe die Herren sich von ihrer Ueberraschung erholen konnten, sprach
Isaak Landauer weiter. „Wir zahlen nicht in Wechseln, wir zahlen nicht in
Verschreibungen. Wir zahlen Gold, blankes Gold. Golddukaten, runde,
unbeschnittene.“ Er schlurfte zur Tür, er winkte seinen Leuten mit einem
kopfwiegenden, überlegenen, Anstaunung einfordernden Lächeln. In
stummer, gespannter Bannung schauten der Regent und seine Minister auf
die eintretenden Burschen. Die trugen Säcke, kleine, sehr schwere Säcke,
sie entleerten sie auf einen Wink des schmuddeligen Mannes. Heraus floß
Gold, gemünztes Gold aller Währungen, rotes Gold, spanisches,
afrikanisches, türkisches, aus allen Zonen. Häufte sich, türmte sich, hörte
nicht auf, wuchs mannshoch, breitete sich dick wie eine ausgewachsene
Eiche, ein Berg von Gold. Stumm schaute der kleine, schiefe, schäbige
Herzog, der massige Bilfinger. Dom Bartelemi Pancorbo reckte den
entfleischten, blauroten Kopf aus der verschollenen Krause, seine dürren
Finger streckten sich, krümmten sich, konnten nicht länger widerstehen,
streichelten das Gold, das liebe Gold, badeten in dem endlosen Fluß. Isaak
Landauer stand daneben in seinem schmierigen Kaftan, die
Schläfenlöckchen ungekämmt, in unschöner, unselbstverständlicher
Haltung, lächelte fatal, hielt den einen Oberarm eng am Körper, die
Handfläche hochgehoben nach außen, mit der andern Hand strähnte er den
rotblonden, verfärbten Ziegenbart.
Das Angebot Isaak Landauers wurde abgelehnt. Aber die Worte der alten
Männer klangen nach in dem Herzog. Er war ungerecht! Er war
gezwungen, vor seinem Sterben ungerecht zu sein. Nicht nur gegen den
Süß, auch gegen die anderen Juden. Besitz packte ihn nicht, Gold rührte ihn
nicht an. Aber diese Leute hingen daran. Gold, Gold! war ihr Leben und ihr
Sinn. Und dennoch hatten sie freiwillig so ungeheuer reich gesteuert und
gezinst, sein Unrecht abzuwenden. Seine Pflicht war klar: er mußte
vornächst seinen Schwaben recht, also den Juden unrecht tun. Aber dieser
Berg von Gold drückte ihn, scheuerte ihn wund.
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In einem dringlichen Brief bat er den Herzog Karl Friedrich von
Württemberg-Oels um seinen Besuch. Er war gewillt, diesem die
Vormundschaft und Regentschaft abzutreten. Er hatte sein Bestes getan, das
Land aus dem ärgsten Dreck herauszuziehen, er hatte es wohl erreicht.
Gerechtigkeit! hatte er gesagt, Pflicht! Autorität! Aber es war nicht möglich,
in diesen Läuften das Regiment nach solchen Prinzipien zu führen. Er hatte
müssen zusehen, wie man die todeswürdigen Schelmen hatte laufen lassen,
jetzt mußte er zusehen, wie man den Juden, trotzdem es unrecht war,
aufhenkte. Er war einundsiebzig Jahre alt und müde. Er fühlte seine Leibes-
und Geisteskräfte merklich schwinden. Es sei ihm beschwerlich, schrieb er
dem Kaiser, erklärte er den Geheimräten, dem völligen Detail einer so
verwirrten als wichtigen Regierung nach eigenem Wunsche genugsam
abzuwarten. Er sehnte sich, der schiefe, schäbige, ehrliche Soldat, nach der
bäuerlichen Ruhe seines kleinen, umblühten Neuenstadt, nach einem stillen
Sterben.
Nachdem Süß sich bei der Verkündung des Urteils so frech und
widerspenstig erwiesen hatte, wurde er im Herrenhaus, wo er bis zur
Vollstreckung des Urteils bleiben sollte, kreuzweis geschlossen und ohne
Nahrung den Tag über in ein kahles, vollkommen leeres Gelaß gesperrt. Er
war, nach dem Ausbruch vor den Richtern, sogleich wieder still geworden,
beschaute, lächelnd, kopfwiegend, Blut und Schmutz, mit dem er überdeckt
war. Hockte, in den Fesseln verkrümmt, auf dem Boden an der Wand des
leeren, nicht dunklen Raumes. Haman, der Minister des Ahasver, besuchte
ihn; er hatte die Hakennase des Herrn von Pflug und seine harte,
hochmütige Stimme. Goliath kam, haute ihn mit der Bewegung des Herrn
von Gaisberg plump, jovial und schmerzhaft kräftig auf die Schulter.
Andere kamen, Freundlichere, machten halb schwäbisch, halb hebräisch
Konversation. Der treue Elieser-Pfäffle war da, Abraham feilschte in Gestalt
Johann Daniel Harpprechts mit dem Herrn um Gerechtigkeit. Und die
Menschen kamen, die zu Naemi gekommen waren. Jesaia, der Prophet,
knurrte und sänftete mit der übellaunigen Stimme des Oheims. An dem
reichen Haar hing Absalom im Geäst; doch das Haar war weiß und das
Gesicht darunter sein eigenes.
Württemberg-Oels um seinen Besuch. Er war gewillt, diesem die
Vormundschaft und Regentschaft abzutreten. Er hatte sein Bestes getan, das
Land aus dem ärgsten Dreck herauszuziehen, er hatte es wohl erreicht.
Gerechtigkeit! hatte er gesagt, Pflicht! Autorität! Aber es war nicht möglich,
in diesen Läuften das Regiment nach solchen Prinzipien zu führen. Er hatte
müssen zusehen, wie man die todeswürdigen Schelmen hatte laufen lassen,
jetzt mußte er zusehen, wie man den Juden, trotzdem es unrecht war,
aufhenkte. Er war einundsiebzig Jahre alt und müde. Er fühlte seine Leibes-
und Geisteskräfte merklich schwinden. Es sei ihm beschwerlich, schrieb er
dem Kaiser, erklärte er den Geheimräten, dem völligen Detail einer so
verwirrten als wichtigen Regierung nach eigenem Wunsche genugsam
abzuwarten. Er sehnte sich, der schiefe, schäbige, ehrliche Soldat, nach der
bäuerlichen Ruhe seines kleinen, umblühten Neuenstadt, nach einem stillen
Sterben.
Nachdem Süß sich bei der Verkündung des Urteils so frech und
widerspenstig erwiesen hatte, wurde er im Herrenhaus, wo er bis zur
Vollstreckung des Urteils bleiben sollte, kreuzweis geschlossen und ohne
Nahrung den Tag über in ein kahles, vollkommen leeres Gelaß gesperrt. Er
war, nach dem Ausbruch vor den Richtern, sogleich wieder still geworden,
beschaute, lächelnd, kopfwiegend, Blut und Schmutz, mit dem er überdeckt
war. Hockte, in den Fesseln verkrümmt, auf dem Boden an der Wand des
leeren, nicht dunklen Raumes. Haman, der Minister des Ahasver, besuchte
ihn; er hatte die Hakennase des Herrn von Pflug und seine harte,
hochmütige Stimme. Goliath kam, haute ihn mit der Bewegung des Herrn
von Gaisberg plump, jovial und schmerzhaft kräftig auf die Schulter.
Andere kamen, Freundlichere, machten halb schwäbisch, halb hebräisch
Konversation. Der treue Elieser-Pfäffle war da, Abraham feilschte in Gestalt
Johann Daniel Harpprechts mit dem Herrn um Gerechtigkeit. Und die
Menschen kamen, die zu Naemi gekommen waren. Jesaia, der Prophet,
knurrte und sänftete mit der übellaunigen Stimme des Oheims. An dem
reichen Haar hing Absalom im Geäst; doch das Haar war weiß und das
Gesicht darunter sein eigenes.
Page 428
Aber da kläffte es hinein, schepperte, bellte. Ach, das war wieder der
Stadtvikar Hoffmann, die Segnungen der Augsburgischen Konfession
anpreisend. Ja, der eifrige Seelsorger war wieder zur Stelle, er glaubte, jetzt
sei der Braten weich und mürb genug. Doch Süß war durchaus nicht
gestimmt, heute mit ihm zu disputieren. Diese grobe Stimme verdrängte die
sanfteren um ihn. Still und ohne Hohn bat er, von ihm abzustehen; er wolle
gern, lasse man nur von ihm ab, der evangelischen Kirche zehntausend
Taler für ihre Bemühungen testamentarisch verschreiben. Hoffnungslos zog
sich der ergrimmte Geistliche zurück.
Anderer, unerwarteter Besuch kam. Ein feiner, älterer Herr,
Windhundschädel, schnuppernd, ganz unauffällig und sehr vornehm
gekleidet. Der Vater der Herzogin-Witwe, der alte Fürst Thurn und Taxis.
Es hatte ihm keine Ruhe gelassen, es hatte ihn aus den Niederlanden
hergetrieben. So ging das nicht, so konnte man den Süß nicht sterben
lassen. Einen Mann, den seine Tochter besucht, dem er selbst die Hand
gegeben hatte. Einen Mann, von dem die katholische Kirche zwar nicht
offiziell, doch so, daß alle Höfe es wußten, Dienste angenommen hatte.
Nein, nein, es vertrug sich nicht mit seinen Anschauungen von Höflichkeit,
er hatte eine zu gute Kinderstube, das geschehen zu lassen. Ein Mann, mit
dem man soweit gegangen war, war ein Herr. Takt, Anstand, Manierlichkeit
gebot, daß man ihn nicht mit dem Galgen in Berührung kommen ließ. Der
alte Fürst fuhr selber nach Stuttgart, inkognito, als ein Baron Neuhoff. Er
hatte den Juden nie leiden mögen, er hatte es ihm nie vergessen, daß der
gelbe Salon von Monbijou seinen gelben Frack, die weinrote Livree seiner
Dienerschaft seinen weinroten Rock geschlagen hatte. Es wäre
geschmacklos gewesen, sich jetzt an den üblen Umständen des andern zu
freuen; immerhin, er brauchte jetzt nicht Angst zu haben, daß das Milieu
des Juden die eigene Repräsentation beschatte.
Er kam mit einem festen Plan. Er wird dem Süß zur Flucht helfen, wie er
den Remchingen hat fliehen lassen. Es wird im Fall des Juden nicht so
einfach gehen; aber er war entschlossen, Geld und Mühe nicht zu sparen.
Vielleicht wird es am Ende sogar diesem unsympathischen, alten,
bäurischen Regenten und Töffel angenehm sein, den Juden auf diese Art
loszuwerden. Jedenfalls: es wird gehen. Nur wird er eine Bedingung stellen.
So viele Efforts zu machen für einen Juden, das ging auch wieder nicht. Es
durfte eben kein Jud mehr sein. Der Jud mußte, und wird da in seiner
Situation wohl auch keine Historien machen, der Jud mußte
Stadtvikar Hoffmann, die Segnungen der Augsburgischen Konfession
anpreisend. Ja, der eifrige Seelsorger war wieder zur Stelle, er glaubte, jetzt
sei der Braten weich und mürb genug. Doch Süß war durchaus nicht
gestimmt, heute mit ihm zu disputieren. Diese grobe Stimme verdrängte die
sanfteren um ihn. Still und ohne Hohn bat er, von ihm abzustehen; er wolle
gern, lasse man nur von ihm ab, der evangelischen Kirche zehntausend
Taler für ihre Bemühungen testamentarisch verschreiben. Hoffnungslos zog
sich der ergrimmte Geistliche zurück.
Anderer, unerwarteter Besuch kam. Ein feiner, älterer Herr,
Windhundschädel, schnuppernd, ganz unauffällig und sehr vornehm
gekleidet. Der Vater der Herzogin-Witwe, der alte Fürst Thurn und Taxis.
Es hatte ihm keine Ruhe gelassen, es hatte ihn aus den Niederlanden
hergetrieben. So ging das nicht, so konnte man den Süß nicht sterben
lassen. Einen Mann, den seine Tochter besucht, dem er selbst die Hand
gegeben hatte. Einen Mann, von dem die katholische Kirche zwar nicht
offiziell, doch so, daß alle Höfe es wußten, Dienste angenommen hatte.
Nein, nein, es vertrug sich nicht mit seinen Anschauungen von Höflichkeit,
er hatte eine zu gute Kinderstube, das geschehen zu lassen. Ein Mann, mit
dem man soweit gegangen war, war ein Herr. Takt, Anstand, Manierlichkeit
gebot, daß man ihn nicht mit dem Galgen in Berührung kommen ließ. Der
alte Fürst fuhr selber nach Stuttgart, inkognito, als ein Baron Neuhoff. Er
hatte den Juden nie leiden mögen, er hatte es ihm nie vergessen, daß der
gelbe Salon von Monbijou seinen gelben Frack, die weinrote Livree seiner
Dienerschaft seinen weinroten Rock geschlagen hatte. Es wäre
geschmacklos gewesen, sich jetzt an den üblen Umständen des andern zu
freuen; immerhin, er brauchte jetzt nicht Angst zu haben, daß das Milieu
des Juden die eigene Repräsentation beschatte.
Er kam mit einem festen Plan. Er wird dem Süß zur Flucht helfen, wie er
den Remchingen hat fliehen lassen. Es wird im Fall des Juden nicht so
einfach gehen; aber er war entschlossen, Geld und Mühe nicht zu sparen.
Vielleicht wird es am Ende sogar diesem unsympathischen, alten,
bäurischen Regenten und Töffel angenehm sein, den Juden auf diese Art
loszuwerden. Jedenfalls: es wird gehen. Nur wird er eine Bedingung stellen.
So viele Efforts zu machen für einen Juden, das ging auch wieder nicht. Es
durfte eben kein Jud mehr sein. Der Jud mußte, und wird da in seiner
Situation wohl auch keine Historien machen, der Jud mußte
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selbstverständlich übertreten. Es war Gewinn und Triumph für die
katholische Kirche, diesen schlauen Finanzmann und gerissenen Politiker,
der übrigens viel kavaliermäßiger war als die meisten schwäbischen
sogenannten Herren, in ihren Schoß aufzunehmen.
Angewidert schreckte der elegante Fürst zurück, als er lächelnd, der
Surprise sich freuend, die Schwelle überschritten hatte. Was war das? Da
hockte ein alter, krummer Mauscheljude. War das der Finanzdirektor? War
das der große Seladon? Unbehagen kroch ihn an, als wäre er selber
schmutzig. Süß sah das Gesicht seines Besuchers. „Ja,“ sagte er mit einem
ganz kleinen Lächeln, „ja, Durchlaucht, ich bin es.“
Man hatte jetzt eine Pritsche, einen Stuhl und einen Tisch in das Gelaß
gestellt. Der Fürst setzte sich vorsichtig, unbehaglich. Er konnte sich den
Mann, der da vor ihm hockte, durchaus nicht zusammenreimen mit dem
eleganten Herrn, den er im Gedächtnis hatte. Sollte der Jude die Welt
wieder einmal übertölpeln wollen? Sollte das Ganze ein Trick sein? Er hatte
das gleiche unangenehme Gefühl wie damals in dem gelben Salon und vor
den weinroten Livreen. Sollte der Jude das Unmögliche fertiggebracht und
ihn selbst unter solchen Umständen, in dieser Zelle, geschlagen haben?
Aber, wenn alle darauf hereinfallen: er nicht. Er denkt nicht daran, dem
Juden auf den Leim zu kriechen. Er, der welterfahrene, skeptische Herr und
Fürst, er läßt sich nicht bluffen.
„Vor mir brauchen Sie nicht zu simulieren, Exzellenz,“ tastete er glatt
und höflich, als säße er im Salon. „Sie können mir unmöglich zumuten, daß
ich Ihnen diese Mummenschanz glaube. Es ist ein Trick. Unterm Galgen
werden Sie plötzlich den widerlichen Bart abnehmen und der gescheite,
mondäne, versierte Kavalier sein von früher. Es ist ein Manöver,“ sagte er
sieghaft. „Natürlich ist es ein Manöver. Aber, mein gewester Herr
Finanzienrat, auf ein solches Theater fallen vielleicht die Herren vom
Parlament herein. Ich nicht. Mir können Sie nichts vormachen.“
Süß schwieg. „Sie haben wahrscheinlich noch Trümpfe in der Hand,“
tastete wieder der Fürst, „die Sie im letzten Augenblick ausspielen wollen.
Sie wollen vermutlich jetzt den leidenden Heiligen spielen, um dann eine so
glänzendere Auferstehung zu halten. Seien Sie vorsichtig! Die Stimmung ist
gefährlich hier. Vielleicht wird man Sie gar nicht soweit kommen lassen.
Vielleicht wird man Sie – entschuldigen Sie! – aufhängen mitsamt Ihren
Trümpfen in der Hand.“
katholische Kirche, diesen schlauen Finanzmann und gerissenen Politiker,
der übrigens viel kavaliermäßiger war als die meisten schwäbischen
sogenannten Herren, in ihren Schoß aufzunehmen.
Angewidert schreckte der elegante Fürst zurück, als er lächelnd, der
Surprise sich freuend, die Schwelle überschritten hatte. Was war das? Da
hockte ein alter, krummer Mauscheljude. War das der Finanzdirektor? War
das der große Seladon? Unbehagen kroch ihn an, als wäre er selber
schmutzig. Süß sah das Gesicht seines Besuchers. „Ja,“ sagte er mit einem
ganz kleinen Lächeln, „ja, Durchlaucht, ich bin es.“
Man hatte jetzt eine Pritsche, einen Stuhl und einen Tisch in das Gelaß
gestellt. Der Fürst setzte sich vorsichtig, unbehaglich. Er konnte sich den
Mann, der da vor ihm hockte, durchaus nicht zusammenreimen mit dem
eleganten Herrn, den er im Gedächtnis hatte. Sollte der Jude die Welt
wieder einmal übertölpeln wollen? Sollte das Ganze ein Trick sein? Er hatte
das gleiche unangenehme Gefühl wie damals in dem gelben Salon und vor
den weinroten Livreen. Sollte der Jude das Unmögliche fertiggebracht und
ihn selbst unter solchen Umständen, in dieser Zelle, geschlagen haben?
Aber, wenn alle darauf hereinfallen: er nicht. Er denkt nicht daran, dem
Juden auf den Leim zu kriechen. Er, der welterfahrene, skeptische Herr und
Fürst, er läßt sich nicht bluffen.
„Vor mir brauchen Sie nicht zu simulieren, Exzellenz,“ tastete er glatt
und höflich, als säße er im Salon. „Sie können mir unmöglich zumuten, daß
ich Ihnen diese Mummenschanz glaube. Es ist ein Trick. Unterm Galgen
werden Sie plötzlich den widerlichen Bart abnehmen und der gescheite,
mondäne, versierte Kavalier sein von früher. Es ist ein Manöver,“ sagte er
sieghaft. „Natürlich ist es ein Manöver. Aber, mein gewester Herr
Finanzienrat, auf ein solches Theater fallen vielleicht die Herren vom
Parlament herein. Ich nicht. Mir können Sie nichts vormachen.“
Süß schwieg. „Sie haben wahrscheinlich noch Trümpfe in der Hand,“
tastete wieder der Fürst, „die Sie im letzten Augenblick ausspielen wollen.
Sie wollen vermutlich jetzt den leidenden Heiligen spielen, um dann eine so
glänzendere Auferstehung zu halten. Seien Sie vorsichtig! Die Stimmung ist
gefährlich hier. Vielleicht wird man Sie gar nicht soweit kommen lassen.
Vielleicht wird man Sie – entschuldigen Sie! – aufhängen mitsamt Ihren
Trümpfen in der Hand.“
Page 430
Da Süß noch immer schwieg, wurde er ungeduldig. „Exzellenz! Mann!
Mensch! Begreifen Sie doch! Reden Sie doch! Ich meine es gut mit Ihnen.
Es ist Ihnen schwerlich an der Wiege gesungen worden, daß ein deutscher
Reichsfürst sich um Sie soviel Mühe geben wird. Hören Sie! Reden Sie!“
Er setzte ihm, enerviert durch seine Haltung, schwunglos, seinen Plan und
seine Bedingung auseinander. Als er zu Ende war, machte Süß keine
Bewegung, tat nicht den Mund auf. Tiefer als je fühlte der feine Fürst sich
geschlagen. Da hatte er die Reise gemacht, und nun saß der Jude da,
refüsierte nicht einmal pathetisch, sagte einfach nichts. Der Fürst fühlte sich
plötzlich alt und matt, er ertrug das Schweigen nicht mehr, sagte mit
gemachtem Spott: „Sie haben im Gefängnis Ihre guten Manieren verlernt.
Wenn man sich so für Sie abplagt, könnten Sie doch wenigstens Mille merci
sagen.“
„Mille merci,“ sagte Süß.
Der Fürst stand auf. Daß dieser Jude sich nicht von ihm retten, sondern
sich lieber an den lichten Galgen hängen lassen wollte, empfand er als
persönliche Kränkung. „Sie sind ein Narr in Folio, mein Lieber,“ sagte er
und seine verbindliche Stimme wurde überraschend scharf. „Ihr Stoizismus
ist durchaus veraltet. Man stirbt nicht mehr, um in den Historienbüchern der
Schuljungen eine bessere Zensur zu kriegen. Besser ein lebendiger Hund als
ein toter Löwe, bemerkte sehr richtig Ihr König Salomo.“ Er stäubte sich
den Rock ab, schloß, schon unter der Türe: „Lassen Sie sich wenigstens den
Bart balbieren und ziehen Sie sich gut an, wenn Sie“ – er rümpfte die Nase
– „partout dahinauf wollen. Das kann man verlangen von jemandem, den
man so freundlich in seinen Kreis aufgenommen hat. Sie haben ein
zahlreiches und prominentes Publikum. Ihr ganzes Leben haben Sie gute
Figur gemacht. Stellen Sie sich Ihrem Kavaliersruf nicht selber in den
Schatten, wenn Sie von diesem Welttheater abtreten.“ Damit ging er.
Der Galgen, an den Süß gehenkt werden sollte, war hundertundvierzig
Jahre vorher erbaut worden. Es war ein sehr kostspieliger Galgen, er hatte
schon in jener frühen, wohlfeilen Zeit dreitausend oberländische Gulden
gekostet, er war durchaus etwas Besonderes und sehr anders als der
hölzerne Ordinari-Galgen. Er war hoch wie ein Turm, fünfunddreißig Fuß
war er hoch. Er war ganz aus Eisen erbaut, aus den sechsunddreißig
Mensch! Begreifen Sie doch! Reden Sie doch! Ich meine es gut mit Ihnen.
Es ist Ihnen schwerlich an der Wiege gesungen worden, daß ein deutscher
Reichsfürst sich um Sie soviel Mühe geben wird. Hören Sie! Reden Sie!“
Er setzte ihm, enerviert durch seine Haltung, schwunglos, seinen Plan und
seine Bedingung auseinander. Als er zu Ende war, machte Süß keine
Bewegung, tat nicht den Mund auf. Tiefer als je fühlte der feine Fürst sich
geschlagen. Da hatte er die Reise gemacht, und nun saß der Jude da,
refüsierte nicht einmal pathetisch, sagte einfach nichts. Der Fürst fühlte sich
plötzlich alt und matt, er ertrug das Schweigen nicht mehr, sagte mit
gemachtem Spott: „Sie haben im Gefängnis Ihre guten Manieren verlernt.
Wenn man sich so für Sie abplagt, könnten Sie doch wenigstens Mille merci
sagen.“
„Mille merci,“ sagte Süß.
Der Fürst stand auf. Daß dieser Jude sich nicht von ihm retten, sondern
sich lieber an den lichten Galgen hängen lassen wollte, empfand er als
persönliche Kränkung. „Sie sind ein Narr in Folio, mein Lieber,“ sagte er
und seine verbindliche Stimme wurde überraschend scharf. „Ihr Stoizismus
ist durchaus veraltet. Man stirbt nicht mehr, um in den Historienbüchern der
Schuljungen eine bessere Zensur zu kriegen. Besser ein lebendiger Hund als
ein toter Löwe, bemerkte sehr richtig Ihr König Salomo.“ Er stäubte sich
den Rock ab, schloß, schon unter der Türe: „Lassen Sie sich wenigstens den
Bart balbieren und ziehen Sie sich gut an, wenn Sie“ – er rümpfte die Nase
– „partout dahinauf wollen. Das kann man verlangen von jemandem, den
man so freundlich in seinen Kreis aufgenommen hat. Sie haben ein
zahlreiches und prominentes Publikum. Ihr ganzes Leben haben Sie gute
Figur gemacht. Stellen Sie sich Ihrem Kavaliersruf nicht selber in den
Schatten, wenn Sie von diesem Welttheater abtreten.“ Damit ging er.
Der Galgen, an den Süß gehenkt werden sollte, war hundertundvierzig
Jahre vorher erbaut worden. Es war ein sehr kostspieliger Galgen, er hatte
schon in jener frühen, wohlfeilen Zeit dreitausend oberländische Gulden
gekostet, er war durchaus etwas Besonderes und sehr anders als der
hölzerne Ordinari-Galgen. Er war hoch wie ein Turm, fünfunddreißig Fuß
war er hoch. Er war ganz aus Eisen erbaut, aus den sechsunddreißig
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Zentnern und achtzehn Pfunden Eisen, die der Alchimist Georg Honauer
ausgesucht hatte, um dem Herzog Friedrich Gold zu machen, wobei er den
Herzog um zwei Tonnen Goldes schädigte. Diesem Georg Honauer zu Lieb
und Leid war der Galgen errichtet worden, schön rot angestrichen, auch mit
Gold verziert und der Honauer daran gehenkt.
Ihm waren rasch hintereinander mehrere andere Alchimisten gefolgt, von
denen sich Herzog Friedrich hatte betrügen lassen. Der erste war ein
Italiener, Petrus Montanus. Ein Jahr darauf Hans Heinrich Neuscheler aus
Zürich, der blinde Goldmacher genannt. Wieder ein Jahr später ein anderer
Hans Heinrich, genannt von Müllenfels. Sein Glück hatte länger geblüht; er
hatte sich oft lustig gemacht über die drei in freier Luft schwebenden
Kunstgenossen; nun schwebte er wie sie. Dann wurde der Galgen lange
nicht benützt. Bis ein Schmied aus der Grafschaft Oettingen auf den
Gedanken kam, ihn sukzessive abzutragen und zu stehlen. Schon hatte er
drei Stangen losgemacht und über sieben Zentner Eisen nächtlicherweile
entwendet, als er gepackt und mit dem Instrument seines Verbrechens
justifiziert wurde.
Ueber ein Jahrhundert seither war der eiserne Galgen leergestanden. Jetzt
bestimmte Herr von Pflug, der das Arrangement der Exekution
übernommen hatte, dem Juden als sechstem den Tod auf diese besondere
Manier. Seit Beginn des Prozesses hatte der hagere, harte Mann darauf
gewartet, seinem Haß dieses Fest zu rüsten. Jetzt wollte er es so feiern, daß
Europa es nicht vergessen sollte.
Mit allen Raffinements des Schimpfes bereitete er die Hinrichtung vor.
Die Geilheit des Juden, seine Fleischessünden, die Schändung christlicher,
deutscher Frauen durch den beschnittenen Hund hatte ja leider, sehr gegen
seinen Willen, in den Urteilsgründen keine Stelle finden dürfen. Jetzt bei
der Exekution hatte er freie Hand. Er wird dem Juden seine Wollust und
freche Luderei anstreichen. Nicht einfach am Galgen wird er ihn hängen
lassen, nein, die wüste Tätigkeit seiner liederlichen Nächte mit populärem
Wortspiel verhöhnend, in einem Vogelbauer.
Das Untersuchungsgericht ließ sich die solenne Vollziehung des Urteils
etwas kosten. Auf dem Richtplatz, der Tunzenhofer Steige, auch
Galgensteige genannt, der Prag zu gelegen, wurden komfortable Logen
gebaut für die Kavaliere und Damen. Das Militär, das den Delinquenten
eskortieren und die Absperrmaßnahmen durchführen sollte, übte seine
Manöver ein. Der eiserne Galgen wurde sorgsam repariert, der
ausgesucht hatte, um dem Herzog Friedrich Gold zu machen, wobei er den
Herzog um zwei Tonnen Goldes schädigte. Diesem Georg Honauer zu Lieb
und Leid war der Galgen errichtet worden, schön rot angestrichen, auch mit
Gold verziert und der Honauer daran gehenkt.
Ihm waren rasch hintereinander mehrere andere Alchimisten gefolgt, von
denen sich Herzog Friedrich hatte betrügen lassen. Der erste war ein
Italiener, Petrus Montanus. Ein Jahr darauf Hans Heinrich Neuscheler aus
Zürich, der blinde Goldmacher genannt. Wieder ein Jahr später ein anderer
Hans Heinrich, genannt von Müllenfels. Sein Glück hatte länger geblüht; er
hatte sich oft lustig gemacht über die drei in freier Luft schwebenden
Kunstgenossen; nun schwebte er wie sie. Dann wurde der Galgen lange
nicht benützt. Bis ein Schmied aus der Grafschaft Oettingen auf den
Gedanken kam, ihn sukzessive abzutragen und zu stehlen. Schon hatte er
drei Stangen losgemacht und über sieben Zentner Eisen nächtlicherweile
entwendet, als er gepackt und mit dem Instrument seines Verbrechens
justifiziert wurde.
Ueber ein Jahrhundert seither war der eiserne Galgen leergestanden. Jetzt
bestimmte Herr von Pflug, der das Arrangement der Exekution
übernommen hatte, dem Juden als sechstem den Tod auf diese besondere
Manier. Seit Beginn des Prozesses hatte der hagere, harte Mann darauf
gewartet, seinem Haß dieses Fest zu rüsten. Jetzt wollte er es so feiern, daß
Europa es nicht vergessen sollte.
Mit allen Raffinements des Schimpfes bereitete er die Hinrichtung vor.
Die Geilheit des Juden, seine Fleischessünden, die Schändung christlicher,
deutscher Frauen durch den beschnittenen Hund hatte ja leider, sehr gegen
seinen Willen, in den Urteilsgründen keine Stelle finden dürfen. Jetzt bei
der Exekution hatte er freie Hand. Er wird dem Juden seine Wollust und
freche Luderei anstreichen. Nicht einfach am Galgen wird er ihn hängen
lassen, nein, die wüste Tätigkeit seiner liederlichen Nächte mit populärem
Wortspiel verhöhnend, in einem Vogelbauer.
Das Untersuchungsgericht ließ sich die solenne Vollziehung des Urteils
etwas kosten. Auf dem Richtplatz, der Tunzenhofer Steige, auch
Galgensteige genannt, der Prag zu gelegen, wurden komfortable Logen
gebaut für die Kavaliere und Damen. Das Militär, das den Delinquenten
eskortieren und die Absperrmaßnahmen durchführen sollte, übte seine
Manöver ein. Der eiserne Galgen wurde sorgsam repariert, der
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Schinderkarren wurde mit höheren Rädern, das Malefikantenglöcklein mit
einem neuen Strick versehen, die Schinderknechte bekamen neue
Uniformen.
Größtes Gewicht wurde auf die solide Ausführung der witzigen Pläne des
Herrn von Pflug gelegt. Der Jud hat gespottet, höher als der Galgen ist
könnte man ihn nicht hängen. Man wird ihm zeigen, was man kann. Man
wird einfach den eisernen Käfig, das Vogelbauer, über den Galgen
hinaufziehen.
Die Ausführung des Käfigs und des zugehörigen umständlichen Apparats
wurde den Meistern Johann Christoph Faust und Veit Ludwig Rigler
anvertraut. Der Käfig war in zwei Teile zerlegbar, acht Schuh hoch, vier
Schuh weit, er hatte in der Rundung vierzehn Reifen und siebzehn Stangen
in die Höhe. Eine sinnreiche Maschinerie ermöglichte es, ihn leicht über
den Galgen hochzuziehen. Seine Herstellung war außerordentlich teuer.
Zuletzt mußte das gesamte Schlosserhandwerk einen Streich an dem Käfig
tun. Sechs Pferde schleppten zwei Tage vor der geplanten Exekution das
monströse Ding die steile Tunzenhofer Steige hinauf. Die Schuljugend der
Hauptstadt lief mit. Ganz Stuttgart zog in diesen Tagen hinauf zur
Galgensteige. In rasch errichteten Buden wurde Wein und Bier verschenkt,
Händler boten fliegende Blätter aus mit dem Bild des Juden und
Spottversen. In der fröhlichen Kälte trieb man sich lärmend herum auf dem
Richtplatz, schaute interessiert der Aufschlagung der Logen zu, bewunderte
die Polierung des Galgens, den sinnreichen Käfig.
Die Wirkung dieses Vogelbauers auf das Volk übertraf noch die
Erwartungen des Herrn von Pflug. Ein ungeheures Gewieher und Gegrinse
ging durch die Stadt, durch das ganze Land. Zahllose Reime mit Vögeln
flogen auf, wurden von den Kindern auf den Straßen gesungen. Nur wollte
man nicht glauben, daß Herr von Pflug der Autor dieses guten Witzes sei;
das Volk schrieb vielmehr die ingeniöse Idee mit dem Vogelbauer seinem
Liebling zu, dem allgemein geschätzten Major von Röder. Im Anschluß an
die Vogelverse wurde denn auch gewöhnlich das Lied gesungen mit den
Reimen: Da sprach der Herr von Röder: / Halt! oder stirb entweder!
In der Zelle des Süß saßen Rabbi Gabriel und Rabbi Jonathan Eybeschütz.
Der große Paß der Generalstaaten hatte dem Mynheer Gabriel Oppenheimer
einem neuen Strick versehen, die Schinderknechte bekamen neue
Uniformen.
Größtes Gewicht wurde auf die solide Ausführung der witzigen Pläne des
Herrn von Pflug gelegt. Der Jud hat gespottet, höher als der Galgen ist
könnte man ihn nicht hängen. Man wird ihm zeigen, was man kann. Man
wird einfach den eisernen Käfig, das Vogelbauer, über den Galgen
hinaufziehen.
Die Ausführung des Käfigs und des zugehörigen umständlichen Apparats
wurde den Meistern Johann Christoph Faust und Veit Ludwig Rigler
anvertraut. Der Käfig war in zwei Teile zerlegbar, acht Schuh hoch, vier
Schuh weit, er hatte in der Rundung vierzehn Reifen und siebzehn Stangen
in die Höhe. Eine sinnreiche Maschinerie ermöglichte es, ihn leicht über
den Galgen hochzuziehen. Seine Herstellung war außerordentlich teuer.
Zuletzt mußte das gesamte Schlosserhandwerk einen Streich an dem Käfig
tun. Sechs Pferde schleppten zwei Tage vor der geplanten Exekution das
monströse Ding die steile Tunzenhofer Steige hinauf. Die Schuljugend der
Hauptstadt lief mit. Ganz Stuttgart zog in diesen Tagen hinauf zur
Galgensteige. In rasch errichteten Buden wurde Wein und Bier verschenkt,
Händler boten fliegende Blätter aus mit dem Bild des Juden und
Spottversen. In der fröhlichen Kälte trieb man sich lärmend herum auf dem
Richtplatz, schaute interessiert der Aufschlagung der Logen zu, bewunderte
die Polierung des Galgens, den sinnreichen Käfig.
Die Wirkung dieses Vogelbauers auf das Volk übertraf noch die
Erwartungen des Herrn von Pflug. Ein ungeheures Gewieher und Gegrinse
ging durch die Stadt, durch das ganze Land. Zahllose Reime mit Vögeln
flogen auf, wurden von den Kindern auf den Straßen gesungen. Nur wollte
man nicht glauben, daß Herr von Pflug der Autor dieses guten Witzes sei;
das Volk schrieb vielmehr die ingeniöse Idee mit dem Vogelbauer seinem
Liebling zu, dem allgemein geschätzten Major von Röder. Im Anschluß an
die Vogelverse wurde denn auch gewöhnlich das Lied gesungen mit den
Reimen: Da sprach der Herr von Röder: / Halt! oder stirb entweder!
In der Zelle des Süß saßen Rabbi Gabriel und Rabbi Jonathan Eybeschütz.
Der große Paß der Generalstaaten hatte dem Mynheer Gabriel Oppenheimer
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van Straaten das Gefängnis ohne weiteres geöffnet. Nun saßen die drei
Männer und hielten Mahlzeit. Rabbi Gabriel hatte Früchte mitgebracht,
Datteln, Feigen, Apfelsinen, auch Backwerk und starken, südlichen Wein.
Süß trug den scharlachfarbenen Rock, ein Barett über dem weißen Haar,
über der Nase zackten ihm wie den beiden Rabbinen in die Stirn die drei
Furchen, bildend das Schin, den Anfangsbuchstaben des göttlichen Namens
Schaddai. Er tauchte Feigen in den Wein. Dies war seine letzte Mahlzeit.
Rabbi Gabriel zerteilte mit den dicklichen Fingern eine Apfelsine. Die drei
Männer saßen, verzehrten die Früchte, schweigend und in großem Ernst.
Aber ihre Gedanken gingen schwer und flutend vom einen zum andern.
Rabbi Gabriel und Süß waren eins und Rabbi Gabriel empfand zum
erstenmal diese Bindung nicht als Zwang und böses Schicksal, sondern als
Geschenk. Der dritte aber, Jonathan Eybeschütz, spürte den gleichen Strom
wie sie, allein er war ausgeschlossen davon, er stand am Ufer und die Welle
trug ihn nicht. Er saß mit ihnen, er trank mit ihnen, er trug das Zeichen des
Schin wie sie, er war wissend und erweckt wie sie: aber die Welle trug ihn
nicht. Rabbi Gabriel bestreute umständlich die Schnitten der Apfelsine mit
Zucker und verteilte sie. Er schenkte von dem südlichen, schwarzfarbenen
Wein. Die Zelle war voll von ungesprochenem Wort, von Gedanke, Gesicht,
Gott. Doch an Rabbi Jonathan nagte es, bitter, zerrend, bösartig. Er machte
sich mit zynischem Witz lustig darüber: es war leicht, Aufschwung zu
haben, wenn man gehenkt wurde. Aber dieser schlimme Trost verfing nicht,
er fühlte sich, der Reiche, Wissende, als kahlen Neidling und halben
Verräter. Und als er den beiden anderen die Verse des Tischgebets
zurückgab, prunkend in seidigem Kaftan und milchig fließendem weißem
Bart, würdig, wissend, hochgeehrt, war er ein armer, trüber, vertaner Mann.
In der Eingangshalle des Rathauses, während ihm oben nochmals das
Urteil verkündet und der Stab über ihn gebrochen wurde, warteten auf Süß
der milde, welke Rabbiner von Frankfurt, der beleibte, sanguinische
Rabbiner von Fürth und fröstelnd und erregt Isaak Landauer. Flockiger, sich
lösender Schnee fiel, durch nebelige, trübe Luft brach, immer wieder
verschwindend, blasse Sonne. Draußen vor dem Portal drängte sich
neugierig und unabsehbar zahllos das Volk, Herr von Röder hielt auf seinem
alten Fuchs vor der starken militärischen Eskorte, auf hohen Rädern ragte
kahl der Schinderkarren, der Henker mit seinen Gehilfen in grellen Farben
um ihn herum.
Männer und hielten Mahlzeit. Rabbi Gabriel hatte Früchte mitgebracht,
Datteln, Feigen, Apfelsinen, auch Backwerk und starken, südlichen Wein.
Süß trug den scharlachfarbenen Rock, ein Barett über dem weißen Haar,
über der Nase zackten ihm wie den beiden Rabbinen in die Stirn die drei
Furchen, bildend das Schin, den Anfangsbuchstaben des göttlichen Namens
Schaddai. Er tauchte Feigen in den Wein. Dies war seine letzte Mahlzeit.
Rabbi Gabriel zerteilte mit den dicklichen Fingern eine Apfelsine. Die drei
Männer saßen, verzehrten die Früchte, schweigend und in großem Ernst.
Aber ihre Gedanken gingen schwer und flutend vom einen zum andern.
Rabbi Gabriel und Süß waren eins und Rabbi Gabriel empfand zum
erstenmal diese Bindung nicht als Zwang und böses Schicksal, sondern als
Geschenk. Der dritte aber, Jonathan Eybeschütz, spürte den gleichen Strom
wie sie, allein er war ausgeschlossen davon, er stand am Ufer und die Welle
trug ihn nicht. Er saß mit ihnen, er trank mit ihnen, er trug das Zeichen des
Schin wie sie, er war wissend und erweckt wie sie: aber die Welle trug ihn
nicht. Rabbi Gabriel bestreute umständlich die Schnitten der Apfelsine mit
Zucker und verteilte sie. Er schenkte von dem südlichen, schwarzfarbenen
Wein. Die Zelle war voll von ungesprochenem Wort, von Gedanke, Gesicht,
Gott. Doch an Rabbi Jonathan nagte es, bitter, zerrend, bösartig. Er machte
sich mit zynischem Witz lustig darüber: es war leicht, Aufschwung zu
haben, wenn man gehenkt wurde. Aber dieser schlimme Trost verfing nicht,
er fühlte sich, der Reiche, Wissende, als kahlen Neidling und halben
Verräter. Und als er den beiden anderen die Verse des Tischgebets
zurückgab, prunkend in seidigem Kaftan und milchig fließendem weißem
Bart, würdig, wissend, hochgeehrt, war er ein armer, trüber, vertaner Mann.
In der Eingangshalle des Rathauses, während ihm oben nochmals das
Urteil verkündet und der Stab über ihn gebrochen wurde, warteten auf Süß
der milde, welke Rabbiner von Frankfurt, der beleibte, sanguinische
Rabbiner von Fürth und fröstelnd und erregt Isaak Landauer. Flockiger, sich
lösender Schnee fiel, durch nebelige, trübe Luft brach, immer wieder
verschwindend, blasse Sonne. Draußen vor dem Portal drängte sich
neugierig und unabsehbar zahllos das Volk, Herr von Röder hielt auf seinem
alten Fuchs vor der starken militärischen Eskorte, auf hohen Rädern ragte
kahl der Schinderkarren, der Henker mit seinen Gehilfen in grellen Farben
um ihn herum.
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Endlich wurde Süß die Stufen heruntergeführt. Es war den Juden
verstattet worden, ihn hier nochmals zu sprechen. Er beugte den Kopf
nieder. Der kleine Rabbi Jaakob Josua Falk legte ihm die welken, milden
Hände aufs Haupt und sagte: „Es segne dich Jahve und behüte dich. Es
lasse leuchten Jahve sein Antlitz über dich und begnade dich. Es wende
Jahve sein Antlitz dir zu und gebe dir Frieden.“ „Amen Sela,“ sagten die
beiden anderen.
Umständlich wurde der Jude auf den hohen Schinderkarren gesetzt und
gebunden. Trotz Frost und Nässe stand der ganze Marktplatz dick voll von
Volk. Alle Fenster des Herrenhauses, des Rathauses, der Apotheke, des
Sonnenwirtshauses waren weiß von Gesichtern. Auf dem Röhrbrunnen, ja
selbst auf dem Schnapsgalgen und dem Hölzernen Esel hingen die Buben.
Stumm glotzte das Volk. Herr von Röder gab seinen Reitern mit seiner
knarrenden Stimme das Kommando. In Bewegung setzte sich die Eskorte,
Stadtreiter voran, zwei Trommler, dann eine Kompagnie Grenadiers zu Fuß.
Jetzt schwang sich ein Schinderknecht auf das Pferd des Karrens, schnalzte
mit der Zunge, der Gaul zog an. Der kleine Rabbi Jaakob Josua Falk, mit
fahlen Lippen, wiederholte: „Und gebe dir Frieden“. Doch der zornige
Rabbiner von Fürth konnte sich nicht halten, wilde Flüche gurgelte er hinter
dem Karren her gegen Edom und Amalek, die Feinde und Frevler. Isaak
Landauer aber brach in ein gelles, ungezähmtes, tierisches Heulen aus. Es
war sonderbar, den großen Finanzmann zu sehen, wie er den Kopf gegen
die Torpfosten des Rathauses schlug und ohne Hemmung heulte. Nun
begann auch die Malefikantenglocke zu läuten. Dünn, scharf, scheppernd
mischte sie sich in das Geheul des Juden, drang durch die schneeige,
dämpfende Luft, ins Mark reißend.
Schepperte in das Zimmer Magdalen Sibyllens. Sie hatte die Geburt gut
überstanden, doch mußte sie noch liegen. Sie schaute auf das Kind, ein
normales Kind, nicht groß, nicht klein, nicht schön, nicht häßlich. Sie hörte
das scharfe Gewimmer der Glocke, sie krümmte sich nervös, sie schaute auf
ihr und Immanuel Riegers Kind und sie liebte es nicht.
Die Glocke schepperte auch ins Schloß, wo der alte Regent saß mit
Bilfinger und Harpprecht. Die drei Männer schwiegen. Dann endlich sagte
Harpprecht: „Das Läuten klingt mir nicht lieblich ins Ohr.“ Karl Rudolf
sagte: „Ich hab es müssen tun. Ich schäm mich, ihr Herren.“
Unterdes wurde Süß durch die Stadt geführt, der Galgensteige zu. Er saß
auf dem Schinderkarren, hoch wie ein Götzenbild, in seinem
verstattet worden, ihn hier nochmals zu sprechen. Er beugte den Kopf
nieder. Der kleine Rabbi Jaakob Josua Falk legte ihm die welken, milden
Hände aufs Haupt und sagte: „Es segne dich Jahve und behüte dich. Es
lasse leuchten Jahve sein Antlitz über dich und begnade dich. Es wende
Jahve sein Antlitz dir zu und gebe dir Frieden.“ „Amen Sela,“ sagten die
beiden anderen.
Umständlich wurde der Jude auf den hohen Schinderkarren gesetzt und
gebunden. Trotz Frost und Nässe stand der ganze Marktplatz dick voll von
Volk. Alle Fenster des Herrenhauses, des Rathauses, der Apotheke, des
Sonnenwirtshauses waren weiß von Gesichtern. Auf dem Röhrbrunnen, ja
selbst auf dem Schnapsgalgen und dem Hölzernen Esel hingen die Buben.
Stumm glotzte das Volk. Herr von Röder gab seinen Reitern mit seiner
knarrenden Stimme das Kommando. In Bewegung setzte sich die Eskorte,
Stadtreiter voran, zwei Trommler, dann eine Kompagnie Grenadiers zu Fuß.
Jetzt schwang sich ein Schinderknecht auf das Pferd des Karrens, schnalzte
mit der Zunge, der Gaul zog an. Der kleine Rabbi Jaakob Josua Falk, mit
fahlen Lippen, wiederholte: „Und gebe dir Frieden“. Doch der zornige
Rabbiner von Fürth konnte sich nicht halten, wilde Flüche gurgelte er hinter
dem Karren her gegen Edom und Amalek, die Feinde und Frevler. Isaak
Landauer aber brach in ein gelles, ungezähmtes, tierisches Heulen aus. Es
war sonderbar, den großen Finanzmann zu sehen, wie er den Kopf gegen
die Torpfosten des Rathauses schlug und ohne Hemmung heulte. Nun
begann auch die Malefikantenglocke zu läuten. Dünn, scharf, scheppernd
mischte sie sich in das Geheul des Juden, drang durch die schneeige,
dämpfende Luft, ins Mark reißend.
Schepperte in das Zimmer Magdalen Sibyllens. Sie hatte die Geburt gut
überstanden, doch mußte sie noch liegen. Sie schaute auf das Kind, ein
normales Kind, nicht groß, nicht klein, nicht schön, nicht häßlich. Sie hörte
das scharfe Gewimmer der Glocke, sie krümmte sich nervös, sie schaute auf
ihr und Immanuel Riegers Kind und sie liebte es nicht.
Die Glocke schepperte auch ins Schloß, wo der alte Regent saß mit
Bilfinger und Harpprecht. Die drei Männer schwiegen. Dann endlich sagte
Harpprecht: „Das Läuten klingt mir nicht lieblich ins Ohr.“ Karl Rudolf
sagte: „Ich hab es müssen tun. Ich schäm mich, ihr Herren.“
Unterdes wurde Süß durch die Stadt geführt, der Galgensteige zu. Er saß
auf dem Schinderkarren, hoch wie ein Götzenbild, in seinem
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scharlachfarbenen Rock, der Solitär glänzte an seinem Finger, der Herzog-
Administrator hatte nicht erlaubt, daß man ihn des Ringes beraube. Die
Straßen waren gesäumt mit Menschen, es flockte, die Prozession schritt
sonderbar lautlos, die Menge schaute sonderbar lautlos zu. Die
Zehntausende zogen, war der Delinquent vorbei, zu Fuß, zu Pferd, zu
Wagen, neben, hinter den eskortierenden Truppen her. In der blassen,
nebligen Luft, in dem schmutzigen, sich lösenden Schneegeflocke war alles
doppelt schwer und still. Man nahm nicht den nächsten Weg, man führte
den Juden langsam und umständlich im Bogen. Viele Zuschauer waren von
weither gekommen, das ganze Land wollte dabei sein, auch von jenseits der
Grenzen waren viele gekommen, man wollte allen das Schauspiel zeigen.
Süß thronte hoch auf dem Karren, gebunden, steif, Schnee fiel auf seine
Kleider, auf seinen weißen Bart.
An seinem Weg stand der Lizentiat Mögling. Er war betrübt und
bedrückt, daß seine Verteidigungsschrift so gar nichts genützt hatte. Er
durfte sich zwar sagen, er habe alles getan, auch sprach die vox populi
einheitlich und mächtig gegen den Verurteilten. Aber es war doch bitter und
schnürend, daß dieser Angeklagte, der ihm anvertraut war, ohne juristisch
zureichenden Grund gehenkt wurde. Er fühlte sich unbehaglich, angefrostet.
Er veranlaßte einen Henkersknecht, dem Süß einen Becher Weins
hinaufzureichen. Der nahm ihn zwar nicht, er dankte nicht einmal, er blieb
vollkommen unbeweglich, aber der Lizentiat fühlte sich leichter und
wärmer.
Am Wege des Juden stand auch die Frau des Schertlin, die Waldenserin.
Sie sah den Süß gebunden, sonderbar still, reglos wie ein Heiligenbild, das
in Prozession durch die Stadt gefahren wird, Schnee in seinem Bart, Schnee
auf seinem Rock. Sie, als einzige vielleicht dieser Zuschauer, ahnte
Zusammenhänge, ahnte die Freiwilligkeit dieser schimpflichen
Schaustellung. Gierig starrte sie, in zerrissenem, hohnvollem Triumph, auf
den Mann, ihre kurzen, sehr roten Lippen standen halb offen, ihre
länglichen Augen brannten. Eine Frau neben ihr sagte halblaut, stark
schwäbisch: „Er hat immer hoch hinauf wollen. Jetzt kommt er noch
höher.“ „Sale bête!“ sagte die Waldenserin vor sich hin in den flockenden
Schnee.
An einer neuen Wegbiegung stand der Publizist Johann Jaakob Moser. Er
begann, als der Zug in Sicht kam, eine kurze, markige, patriotische
Ansprache. Aber seine feurigen Worte zündeten nicht, der Schnee löschte
Administrator hatte nicht erlaubt, daß man ihn des Ringes beraube. Die
Straßen waren gesäumt mit Menschen, es flockte, die Prozession schritt
sonderbar lautlos, die Menge schaute sonderbar lautlos zu. Die
Zehntausende zogen, war der Delinquent vorbei, zu Fuß, zu Pferd, zu
Wagen, neben, hinter den eskortierenden Truppen her. In der blassen,
nebligen Luft, in dem schmutzigen, sich lösenden Schneegeflocke war alles
doppelt schwer und still. Man nahm nicht den nächsten Weg, man führte
den Juden langsam und umständlich im Bogen. Viele Zuschauer waren von
weither gekommen, das ganze Land wollte dabei sein, auch von jenseits der
Grenzen waren viele gekommen, man wollte allen das Schauspiel zeigen.
Süß thronte hoch auf dem Karren, gebunden, steif, Schnee fiel auf seine
Kleider, auf seinen weißen Bart.
An seinem Weg stand der Lizentiat Mögling. Er war betrübt und
bedrückt, daß seine Verteidigungsschrift so gar nichts genützt hatte. Er
durfte sich zwar sagen, er habe alles getan, auch sprach die vox populi
einheitlich und mächtig gegen den Verurteilten. Aber es war doch bitter und
schnürend, daß dieser Angeklagte, der ihm anvertraut war, ohne juristisch
zureichenden Grund gehenkt wurde. Er fühlte sich unbehaglich, angefrostet.
Er veranlaßte einen Henkersknecht, dem Süß einen Becher Weins
hinaufzureichen. Der nahm ihn zwar nicht, er dankte nicht einmal, er blieb
vollkommen unbeweglich, aber der Lizentiat fühlte sich leichter und
wärmer.
Am Wege des Juden stand auch die Frau des Schertlin, die Waldenserin.
Sie sah den Süß gebunden, sonderbar still, reglos wie ein Heiligenbild, das
in Prozession durch die Stadt gefahren wird, Schnee in seinem Bart, Schnee
auf seinem Rock. Sie, als einzige vielleicht dieser Zuschauer, ahnte
Zusammenhänge, ahnte die Freiwilligkeit dieser schimpflichen
Schaustellung. Gierig starrte sie, in zerrissenem, hohnvollem Triumph, auf
den Mann, ihre kurzen, sehr roten Lippen standen halb offen, ihre
länglichen Augen brannten. Eine Frau neben ihr sagte halblaut, stark
schwäbisch: „Er hat immer hoch hinauf wollen. Jetzt kommt er noch
höher.“ „Sale bête!“ sagte die Waldenserin vor sich hin in den flockenden
Schnee.
An einer neuen Wegbiegung stand der Publizist Johann Jaakob Moser. Er
begann, als der Zug in Sicht kam, eine kurze, markige, patriotische
Ansprache. Aber seine feurigen Worte zündeten nicht, der Schnee löschte
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sie aus, die Leute blieben stumm, er tat den Mund zu, bevor er zu Ende war.
Kurz, ehe der Zug sein Ziel erreichte, stand am Wege Nicklas Pfäffle, der
blasse, gleichmütige Sekretär. Wie sein Herr ein letztes Mal vorüberkam,
grüßte er tief. Süß sah ihn, nickte zweimal. Nicklas Pfäffle, wie der Karren
vorbei war, folgte nicht zur Richtstatt, ging abseits, schluckte.
Als der Zug vor dem Hochgericht ankam, hatte Nebel und Geflock
aufgehört. Sehr klar im Frost unter dem hellen, weißlichen Himmel standen
die Weinberge. Der Jude sah oben in den Rebenterrassen das kleine
Wachhaus, sah unten den Wasserturm, das Andräenhaus, das Bad. Er
wandte sich und sah Stuttgart. Die Stiftskirche, Sankt Leonhart, das alte
Schloß und den Neuen Bau, für den er das Geld geschafft hatte. Zu seiner
Linken ragte kahl der hohe Holzgalgen. Aber er schien unansehnlich vor
dem abenteuerlichen, künstlichen, riesigen Eisengerüst, das für ihn
bestimmt war. Eine gedoppelte Leiter mit zahllosen Sprossen, vielfach
gestützt, türmte sich hinauf, Räderwerk, Ketten und Gewinde schlang sich,
den Käfig hochzuziehen. Das weite Feld war besetzt mit Menschen. Das
hockte gierig und gespannt auf allen Vorsprüngen, Zäunen, Bäumen. Von
ganz weit her schaute es mit großen, plumpen Fernrohren. Auf dem Rock
des Süß war der Schnee gefroren, in Frost und Helle schimmerten die
kleinen Kristalle auf seinem Barett, in seinem weißen Bart.
Auf drei großen Tribünen, jede für sechshundert Menschen, saßen die
Damen und Kavaliere, die Herren des Hofes, hohe Beamte und Militärs, die
auswärtigen Gesandten, die Herren des Gerichts, des Parlaments. Der
Geheimrat von Pflug vornean. Er hatte bis zuletzt gefürchtet, der Hebräer,
die Bestie, werde doch noch durch irgendeinen ganz verschmitzten
jüdischen Schlich entkommen. Jetzt war es an dem, jetzt war das Ziel seines
Lebens erreicht. Jetzt wird, jetzt gleich, der Verhaßte hochschweben,
erwürgt. Die harten Augen des Geheimrats suchten gierig unter dem Kragen
des Rockes den Hals des Juden, den Platz für den Strick. Herrlich ist es, den
Tod des Feindes mitanzuschauen, ein Bad für die Augen, angenehm und
lieblich ist der Klang der Todestrommeln, das Scheppern des Glöckleins.
Unter den Damen waren manche, die den Süß sehr genau kannten und
trotzdem aus irgendwelchen Gründen der Untersuchung entgangen waren.
Nun schauten sie auf den Mann, mit dem sie verstrickt waren, befremdet,
angefrostet. Er hatte sich sehr jung gegeben, er hatte, weiß Gott, erwiesen,
daß er die Kraft eines Jünglings besaß, er konnte auch allerhöchstens
vierzig sein, und jetzt hatte er weißes Haar und sah aus wie ein alter
Kurz, ehe der Zug sein Ziel erreichte, stand am Wege Nicklas Pfäffle, der
blasse, gleichmütige Sekretär. Wie sein Herr ein letztes Mal vorüberkam,
grüßte er tief. Süß sah ihn, nickte zweimal. Nicklas Pfäffle, wie der Karren
vorbei war, folgte nicht zur Richtstatt, ging abseits, schluckte.
Als der Zug vor dem Hochgericht ankam, hatte Nebel und Geflock
aufgehört. Sehr klar im Frost unter dem hellen, weißlichen Himmel standen
die Weinberge. Der Jude sah oben in den Rebenterrassen das kleine
Wachhaus, sah unten den Wasserturm, das Andräenhaus, das Bad. Er
wandte sich und sah Stuttgart. Die Stiftskirche, Sankt Leonhart, das alte
Schloß und den Neuen Bau, für den er das Geld geschafft hatte. Zu seiner
Linken ragte kahl der hohe Holzgalgen. Aber er schien unansehnlich vor
dem abenteuerlichen, künstlichen, riesigen Eisengerüst, das für ihn
bestimmt war. Eine gedoppelte Leiter mit zahllosen Sprossen, vielfach
gestützt, türmte sich hinauf, Räderwerk, Ketten und Gewinde schlang sich,
den Käfig hochzuziehen. Das weite Feld war besetzt mit Menschen. Das
hockte gierig und gespannt auf allen Vorsprüngen, Zäunen, Bäumen. Von
ganz weit her schaute es mit großen, plumpen Fernrohren. Auf dem Rock
des Süß war der Schnee gefroren, in Frost und Helle schimmerten die
kleinen Kristalle auf seinem Barett, in seinem weißen Bart.
Auf drei großen Tribünen, jede für sechshundert Menschen, saßen die
Damen und Kavaliere, die Herren des Hofes, hohe Beamte und Militärs, die
auswärtigen Gesandten, die Herren des Gerichts, des Parlaments. Der
Geheimrat von Pflug vornean. Er hatte bis zuletzt gefürchtet, der Hebräer,
die Bestie, werde doch noch durch irgendeinen ganz verschmitzten
jüdischen Schlich entkommen. Jetzt war es an dem, jetzt war das Ziel seines
Lebens erreicht. Jetzt wird, jetzt gleich, der Verhaßte hochschweben,
erwürgt. Die harten Augen des Geheimrats suchten gierig unter dem Kragen
des Rockes den Hals des Juden, den Platz für den Strick. Herrlich ist es, den
Tod des Feindes mitanzuschauen, ein Bad für die Augen, angenehm und
lieblich ist der Klang der Todestrommeln, das Scheppern des Glöckleins.
Unter den Damen waren manche, die den Süß sehr genau kannten und
trotzdem aus irgendwelchen Gründen der Untersuchung entgangen waren.
Nun schauten sie auf den Mann, mit dem sie verstrickt waren, befremdet,
angefrostet. Er hatte sich sehr jung gegeben, er hatte, weiß Gott, erwiesen,
daß er die Kraft eines Jünglings besaß, er konnte auch allerhöchstens
vierzig sein, und jetzt hatte er weißes Haar und sah aus wie ein alter
Page 437
Rabbiner. Man mußte sich eigentlich vor sich selber schämen, daß man mit
ihm im Bett gelegen war. Doch merkwürdigerweise schämten sie sich nicht.
Gierig und gelockt schauten sie auf den sonderbaren Mann. Jetzt wird er
gleich tot sein, jetzt wird er gleich für immer stumm und alle Gefahr vorbei
und ihre Verstrickung sehr gewaltsam und schauerlich gelöst sein. Sie
warteten darauf, lüstern und zitternd, sehnten sich danach, fürchteten sich
davor. Die meisten von ihnen hätten sich lieber für ihr ganzes ferneres
Leben unter die Gefahr der Entdeckung geduckt, hätte er leben dürfen.
Auch der junge Michael Koppenhöfer war auf der Tribüne. Nun also
wird der Mühlstein zermahlen, der dem Land so lang um den Hals hing, der
Landverderber schimpflich justifiziert. Aber: diesen hätt die Demoiselle
Elisabeth Salomea nicht verabschiedet, fahrig hin und her hastend zwischen
Büchern und Stapeln von Wäsche, diesem war sie zugefallen, und er hatte
sich wohl nicht einmal sonderliche Mühe zu geben brauchen. Der alte,
krumme Jud, was war an ihm? Was war sein Geheimnis? Neidisch und
bitter starrte er hin zu dem Mann auf dem Schinderkarren. Doch der junge
Geheimrat Götz, unter den Richtern, schaute voll dummer, dumpfer
Befriedigung. Jetzt wird die Schmach seiner Mutter und seiner Schwester
ausgelöscht. Soll dann einer wagen, schief zu blicken. Wie wird er ihn
niederblitzen! Wie wird er wissen, was er zu tun hat!
Aber fein und schwach saß auf der Tribüne der alte, verfallene
Weißensee. Nenikekas, Judaie! Nenikekas, Judaie! Ach, der Jude hatte ihn
wiederum besiegt. Hatte von allen Tafeln geschmaust, alle feinsten
Leckerbissen dieser Welt mit Augen, Sinnen, Hirn geschmeckt, jeden Sieg
und jede Niederlage ausgekostet, hatte sich angefüllt mit dem tragischen
Ende des Kindes, hatte die bunte, farbige, überfeine, überwilde,
höllenschweflige Rache gerüstet und vollendet, und nun starb er diesen Tod,
die Augen der ganzen Welt auf sich, diesen abenteuerlichen und
wahrscheinlich freiwilligen Tod, viel heroischer als etwa der Tod vor dem
Feind. Umprasselt von Haß, umhegt von Liebe, zwielichtig, groß. Was blieb
von ihm, von Weißensee? Ein paar jämmerliche Verse seiner armselig
verbürgerten Tochter. Doch jener wird weiterleben. Immer wieder wird, was
er war, lebte, sah, dachte, starb, von Späteren in die Hand genommen
werden, nachdenklich beschaut, nachgelebt, nachgespürt, nachgestorben
werden.
Süß war vom Schinderkarren losgebunden worden. Er stand, die Glieder
steif, blinzelte. Er sah die Menschen in den Logen, die Perücken, die
ihm im Bett gelegen war. Doch merkwürdigerweise schämten sie sich nicht.
Gierig und gelockt schauten sie auf den sonderbaren Mann. Jetzt wird er
gleich tot sein, jetzt wird er gleich für immer stumm und alle Gefahr vorbei
und ihre Verstrickung sehr gewaltsam und schauerlich gelöst sein. Sie
warteten darauf, lüstern und zitternd, sehnten sich danach, fürchteten sich
davor. Die meisten von ihnen hätten sich lieber für ihr ganzes ferneres
Leben unter die Gefahr der Entdeckung geduckt, hätte er leben dürfen.
Auch der junge Michael Koppenhöfer war auf der Tribüne. Nun also
wird der Mühlstein zermahlen, der dem Land so lang um den Hals hing, der
Landverderber schimpflich justifiziert. Aber: diesen hätt die Demoiselle
Elisabeth Salomea nicht verabschiedet, fahrig hin und her hastend zwischen
Büchern und Stapeln von Wäsche, diesem war sie zugefallen, und er hatte
sich wohl nicht einmal sonderliche Mühe zu geben brauchen. Der alte,
krumme Jud, was war an ihm? Was war sein Geheimnis? Neidisch und
bitter starrte er hin zu dem Mann auf dem Schinderkarren. Doch der junge
Geheimrat Götz, unter den Richtern, schaute voll dummer, dumpfer
Befriedigung. Jetzt wird die Schmach seiner Mutter und seiner Schwester
ausgelöscht. Soll dann einer wagen, schief zu blicken. Wie wird er ihn
niederblitzen! Wie wird er wissen, was er zu tun hat!
Aber fein und schwach saß auf der Tribüne der alte, verfallene
Weißensee. Nenikekas, Judaie! Nenikekas, Judaie! Ach, der Jude hatte ihn
wiederum besiegt. Hatte von allen Tafeln geschmaust, alle feinsten
Leckerbissen dieser Welt mit Augen, Sinnen, Hirn geschmeckt, jeden Sieg
und jede Niederlage ausgekostet, hatte sich angefüllt mit dem tragischen
Ende des Kindes, hatte die bunte, farbige, überfeine, überwilde,
höllenschweflige Rache gerüstet und vollendet, und nun starb er diesen Tod,
die Augen der ganzen Welt auf sich, diesen abenteuerlichen und
wahrscheinlich freiwilligen Tod, viel heroischer als etwa der Tod vor dem
Feind. Umprasselt von Haß, umhegt von Liebe, zwielichtig, groß. Was blieb
von ihm, von Weißensee? Ein paar jämmerliche Verse seiner armselig
verbürgerten Tochter. Doch jener wird weiterleben. Immer wieder wird, was
er war, lebte, sah, dachte, starb, von Späteren in die Hand genommen
werden, nachdenklich beschaut, nachgelebt, nachgespürt, nachgestorben
werden.
Süß war vom Schinderkarren losgebunden worden. Er stand, die Glieder
steif, blinzelte. Er sah die Menschen in den Logen, die Perücken, die
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geschminkten Gesichter der Frauen. Er sah die Truppen, die den Platz
absperrten. Ei, man hatte sich mächtig angestrengt; das waren allein um den
Galgen mindestens fünf Kompagnien. Selbstverständlich hatte, sichtbarlich
vornean, der Major von Röder die militärische Oberleitung. Ja, ja, es
brauchte viel Strategie, ihn, den Süß, jetzt vollends aus der Welt zu
schaffen. Süß sah die Zehntausende von Gesichtern, neugierige Weiber, die
Münder bereit zum Keifen, Männer, bereit, befriedigt zu schmatzen und zu
knurren, Kindergesichter, pausbäckig, großäugig, bestimmt, so leer und
bösartig zu werden wie die Fratzen der Eltern. Er sah den Atem der Menge,
weißlich dampfend, sehr leibhaft in dem hellen Frost, die gierigen Augen,
die gereckten Hälse, die sich vormals so devot vor ihm gebeugt hatten. Er
sah das Vogelbauer, den umständlichen, schimpflichen Apparat seiner
Tötung. Und während er dies sah, drang in sein Ohr etwas Plärrendes,
Kläffendes. Der Stadtvikar Hoffmann hatte es sich nicht nehmen lassen, ihn
unterm Galgen zu erwarten, nochmals auf ihn einzureden, von Himmel und
Erde, von Verzeihung der Menschen und Gottes, von Sühnung und
Glauben. Süß sah dies und hörte dies, er schaute langsam den Stadtvikar auf
und ab, wandte sich weg, spie aus. Aufgerissene Augen, leises, empörtes,
rasch verstummendes Schnauben der Menge.
Jetzt machten sich die Schinderknechte in ihren neuen, grellen
Uniformen an ihn heran, öffneten ihm den Rock. Er spürte die rohen,
ungefügen Hände, Ekel stieg hoch, er reckte sich, seine Steifheit war weg,
er schlug um sich, wehrte sich verzweifelt. Alle Hälse wurden länger. Es
war kurios anzusehen, wie der Mann in dem weißen Bart, in den
Galakleidern, den blitzenden Edelstein an der Hand, sich mit den Knechten
herumschlug, zappelte. Die Kinder lachten, jubelten, patschten in die
Hände; auf den Tribünen begann eine geschminkte Frau schrill und
anhaltend zu schreien, man mußte sie wegbringen. Das Barett des Juden fiel
auf die nasse Erde, wurde in Kot gestampft. Die Henker packten ihn hart
an, rissen ihm den Rock auf, sperrten ihn in den Käfig, legten ihm die
Schlinge um den Hals.
Da stand er. Hörte leisen Wind, den Atem der Menge, die scharrenden
Hufe der Pferde, das Keifen des Geistlichen. War dies das Letzte, was er auf
Erden hören wird? Er dürstete nach anderem, er tat Herz und Ohr weit auf,
er wollte anderes hören. Doch er hörte nur dies, dazu den eigenen Atem und
das Surren des eigenen Blutes. Schon schwankte der Käfig, hob sich. Da,
durch die leeren, grausamen Geräusche ein anderer Ton, gellende,
absperrten. Ei, man hatte sich mächtig angestrengt; das waren allein um den
Galgen mindestens fünf Kompagnien. Selbstverständlich hatte, sichtbarlich
vornean, der Major von Röder die militärische Oberleitung. Ja, ja, es
brauchte viel Strategie, ihn, den Süß, jetzt vollends aus der Welt zu
schaffen. Süß sah die Zehntausende von Gesichtern, neugierige Weiber, die
Münder bereit zum Keifen, Männer, bereit, befriedigt zu schmatzen und zu
knurren, Kindergesichter, pausbäckig, großäugig, bestimmt, so leer und
bösartig zu werden wie die Fratzen der Eltern. Er sah den Atem der Menge,
weißlich dampfend, sehr leibhaft in dem hellen Frost, die gierigen Augen,
die gereckten Hälse, die sich vormals so devot vor ihm gebeugt hatten. Er
sah das Vogelbauer, den umständlichen, schimpflichen Apparat seiner
Tötung. Und während er dies sah, drang in sein Ohr etwas Plärrendes,
Kläffendes. Der Stadtvikar Hoffmann hatte es sich nicht nehmen lassen, ihn
unterm Galgen zu erwarten, nochmals auf ihn einzureden, von Himmel und
Erde, von Verzeihung der Menschen und Gottes, von Sühnung und
Glauben. Süß sah dies und hörte dies, er schaute langsam den Stadtvikar auf
und ab, wandte sich weg, spie aus. Aufgerissene Augen, leises, empörtes,
rasch verstummendes Schnauben der Menge.
Jetzt machten sich die Schinderknechte in ihren neuen, grellen
Uniformen an ihn heran, öffneten ihm den Rock. Er spürte die rohen,
ungefügen Hände, Ekel stieg hoch, er reckte sich, seine Steifheit war weg,
er schlug um sich, wehrte sich verzweifelt. Alle Hälse wurden länger. Es
war kurios anzusehen, wie der Mann in dem weißen Bart, in den
Galakleidern, den blitzenden Edelstein an der Hand, sich mit den Knechten
herumschlug, zappelte. Die Kinder lachten, jubelten, patschten in die
Hände; auf den Tribünen begann eine geschminkte Frau schrill und
anhaltend zu schreien, man mußte sie wegbringen. Das Barett des Juden fiel
auf die nasse Erde, wurde in Kot gestampft. Die Henker packten ihn hart
an, rissen ihm den Rock auf, sperrten ihn in den Käfig, legten ihm die
Schlinge um den Hals.
Da stand er. Hörte leisen Wind, den Atem der Menge, die scharrenden
Hufe der Pferde, das Keifen des Geistlichen. War dies das Letzte, was er auf
Erden hören wird? Er dürstete nach anderem, er tat Herz und Ohr weit auf,
er wollte anderes hören. Doch er hörte nur dies, dazu den eigenen Atem und
das Surren des eigenen Blutes. Schon schwankte der Käfig, hob sich. Da,
durch die leeren, grausamen Geräusche ein anderer Ton, gellende,
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gurgelnde Stimmen, schreiende: „Eins und ewig ist das Seiende, das
Ueberwirkliche, der Gott Israels, Jahve, Adonai.“ Es sind die Juden, der
kleine Jaakob Josua Falk, der dicke Rabbiner von Fürth, der schmierige
Isaak Landauer. Sie stehen, in ihre Gebetmäntel gehüllt, sie und sieben
andere, zehn, wie es Vorschrift ist, sie kümmern sich nicht um das Volk, das
vom Galgen weg auf sie schaut, sie wiegen heftig die Leiber, stehen und
schreien, gellen, gurgeln die Sterbegebete, über den weiten Platz hin:
„Höre, Israel, eins und ewig ist Jahve Adonai.“ Weißliche Wolken in dem
starken Frost ziehen die Worte von ihren Mündern, in die Ohren des
Mannes im Käfig, und der Sohn des Marschalls Heydersdorff tut den Mund
auf, schreit zurück: „Eins und ewig ist Jahve Adonai.“
Behend wimmeln, klettern die bunten Knechte die Leitern hinauf. Der
Käfig hebt sich, die Schlinge drosselt zu. Unten flucht der Stadtvikar dem
Sterbenden nach: „Fahr zur Hölle, verstockter Schelm und Jud!“ Das gelle
Adonai der Juden ist in der Luft und in den Ohren aller. Aus dem Käfig tönt
es zurück, bis die Schlinge den Ton erdrosselt.
Ganz vorn auf der Tribüne hat sich der Geheimrat Dom Bartelemi
Pancorbo erhoben, er stützt die dürren, knochigen Hände auf die Brüstung,
reckt aus der riesigen Halskrause den entfleischten, blauroten Kopf. Gierig
hinter faltigen Lidern äugt er dem Käfig nach, wie er hochschwebt und in
ihm der Mann in dem scharlachfarbenen Galarock und an dem Finger des
Mannes der Solitär, tausendfarbig blitzend in der hellen Winterluft.
Nachdem der Kordon der Truppen aufgelöst war, beschaute sich die
Menge den Galgen genau, ein paar Buben erstiegen die Leiter bis zur
halben Höhe, man befühlte das Gerüst, oben auf den Stangen des Käfigs
saßen in dicken Scharen schwarze Vögel.
Langsam zog die Menge in die Stadt zurück. Man hielt den Tag als
Feiertag, aß gut, trank gut, soff, tanzte und raufte in den Schenken. Der
junge Bürger Langefaß hatte aus dem Kot das zertretene Barett des Süß
erobert, er war ein lustiger Bruder, berühmt als Witzbold; er stülpte sich das
Barett auf, er stülpte es auch Mädchen und Mägden auf, die vergraust
kreischten unter dem Barett des gehenkten Juden. Dennoch kam die rechte
Lustigkeit nicht auf. Man wußte nicht recht wie, aber man hatte sich den
Tag anders, befreiter, heiterer vorgestellt. Man sang: Der Jud muß hängen,
man sang: Da sprach der Herr von Röder: Halt! oder stirb entweder! Doch
das Adonai des Juden wollte nicht aus dem Ohr. Die Kinder spielten
Ueberwirkliche, der Gott Israels, Jahve, Adonai.“ Es sind die Juden, der
kleine Jaakob Josua Falk, der dicke Rabbiner von Fürth, der schmierige
Isaak Landauer. Sie stehen, in ihre Gebetmäntel gehüllt, sie und sieben
andere, zehn, wie es Vorschrift ist, sie kümmern sich nicht um das Volk, das
vom Galgen weg auf sie schaut, sie wiegen heftig die Leiber, stehen und
schreien, gellen, gurgeln die Sterbegebete, über den weiten Platz hin:
„Höre, Israel, eins und ewig ist Jahve Adonai.“ Weißliche Wolken in dem
starken Frost ziehen die Worte von ihren Mündern, in die Ohren des
Mannes im Käfig, und der Sohn des Marschalls Heydersdorff tut den Mund
auf, schreit zurück: „Eins und ewig ist Jahve Adonai.“
Behend wimmeln, klettern die bunten Knechte die Leitern hinauf. Der
Käfig hebt sich, die Schlinge drosselt zu. Unten flucht der Stadtvikar dem
Sterbenden nach: „Fahr zur Hölle, verstockter Schelm und Jud!“ Das gelle
Adonai der Juden ist in der Luft und in den Ohren aller. Aus dem Käfig tönt
es zurück, bis die Schlinge den Ton erdrosselt.
Ganz vorn auf der Tribüne hat sich der Geheimrat Dom Bartelemi
Pancorbo erhoben, er stützt die dürren, knochigen Hände auf die Brüstung,
reckt aus der riesigen Halskrause den entfleischten, blauroten Kopf. Gierig
hinter faltigen Lidern äugt er dem Käfig nach, wie er hochschwebt und in
ihm der Mann in dem scharlachfarbenen Galarock und an dem Finger des
Mannes der Solitär, tausendfarbig blitzend in der hellen Winterluft.
Nachdem der Kordon der Truppen aufgelöst war, beschaute sich die
Menge den Galgen genau, ein paar Buben erstiegen die Leiter bis zur
halben Höhe, man befühlte das Gerüst, oben auf den Stangen des Käfigs
saßen in dicken Scharen schwarze Vögel.
Langsam zog die Menge in die Stadt zurück. Man hielt den Tag als
Feiertag, aß gut, trank gut, soff, tanzte und raufte in den Schenken. Der
junge Bürger Langefaß hatte aus dem Kot das zertretene Barett des Süß
erobert, er war ein lustiger Bruder, berühmt als Witzbold; er stülpte sich das
Barett auf, er stülpte es auch Mädchen und Mägden auf, die vergraust
kreischten unter dem Barett des gehenkten Juden. Dennoch kam die rechte
Lustigkeit nicht auf. Man wußte nicht recht wie, aber man hatte sich den
Tag anders, befreiter, heiterer vorgestellt. Man sang: Der Jud muß hängen,
man sang: Da sprach der Herr von Röder: Halt! oder stirb entweder! Doch
das Adonai des Juden wollte nicht aus dem Ohr. Die Kinder spielten
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Hängen; und das Spiel ging so, daß einer oben stand und Adonai schrie und
die anderen standen unten und schrien, brüllten, johlten, gellten: Adonai.
In der Nacht nach der Hinrichtung, gegen drei Uhr etwa, kam ein hagerer,
großer Herr die Tunzenhofer Steige herauf zu dem eisernen Galgen. Der
Weg war ein übles Gemisch von Dreck und schmelzendem Schnee,
beschwerlich zu gehen. Der hagere Herr, sehr fröstelnd, hüllte sich tief in
einen weiten Mantel von altmodischem, verschollenem Schnitt. Er hatte
zwei Burschen mit sich, verkommene Bürgersöhne, in Stuttgart bekannt als
beherzt und zu jeder Unternehmung willens, wenn sie nur Geld trug. Die
beiden Burschen stiegen ungesäumt die Leiter zu dem Galgen hinauf. Sie
hatten Mühe, die Sprossen waren glitschig und gefroren, sie fluchten leise
vor sich hin. Um sie herum flatterten Vögel, die Tag und Nacht in dicker
Menge auf dem Galgen hockten. Oben hielten sich die beiden Burschen
ungebührlich lange auf. Der dürre Herr, der unten wartete, zog nervös die
Schultern hoch, trat von einem Fuß auf den andern, murmelte unterdrückt
und unwirsch vor sich hin. „Habt ihr ihn?“ herrschte er sie, leise, an, als sie
endlich wieder unten waren. „Er ist nicht da!“ stammelten verstört die
Burschen. „Ihr habt ihn gestohlen, ihr habt den Stein gestohlen!“ bellte
heiser, mühsam gedämpft, der Portugiese. „Ich lasse euch den Prozeß
machen, ich lasse euch rädern!“ Doch die Burschen, verängstet,
versicherten: „Der ganze Jud ist nicht da. Es hängt ein anderer im Käfig.
Der Teufel hat ihn geholt.“ Dom Bartelemi, lang ungläubig, ließ schließlich
noch in der Nacht durch Leibhusaren, amtlich, den Käfig untersuchen. Ja,
die Leiche war gestohlen, ausgetauscht.
In aller Frühe schon war der wütende, geprellte Mann beim Herzog-
Administrator. Das kam von der Güte Seiner Durchlaucht. Jetzt hatten die
Juden den Solitär gestohlen. Den Solitär? Karl Rudolf dachte an den Berg
von Gold, glaubte es nicht. Die Leiche, ja, die konnten sie gestohlen haben.
Er überlegte, hellte sich auf, schmunzelte fast. Eigentlich waren sie
Teufelskerle, diese Juden. Stahlen einfach die Leiche vom lichten Galgen
weg; Christen und Soldaten hätten das nicht besser machen können. Er
gönnte ihnen gern den Solitär als Entgelt, ließ sie nicht verfolgen. Blaurot,
dumpf wütend, mit seiner moderigen Stimme grausige Flüche vor sich
hinbellend, zog der hagere Portugiese ab in seiner verschollenen Hoftracht.
die anderen standen unten und schrien, brüllten, johlten, gellten: Adonai.
In der Nacht nach der Hinrichtung, gegen drei Uhr etwa, kam ein hagerer,
großer Herr die Tunzenhofer Steige herauf zu dem eisernen Galgen. Der
Weg war ein übles Gemisch von Dreck und schmelzendem Schnee,
beschwerlich zu gehen. Der hagere Herr, sehr fröstelnd, hüllte sich tief in
einen weiten Mantel von altmodischem, verschollenem Schnitt. Er hatte
zwei Burschen mit sich, verkommene Bürgersöhne, in Stuttgart bekannt als
beherzt und zu jeder Unternehmung willens, wenn sie nur Geld trug. Die
beiden Burschen stiegen ungesäumt die Leiter zu dem Galgen hinauf. Sie
hatten Mühe, die Sprossen waren glitschig und gefroren, sie fluchten leise
vor sich hin. Um sie herum flatterten Vögel, die Tag und Nacht in dicker
Menge auf dem Galgen hockten. Oben hielten sich die beiden Burschen
ungebührlich lange auf. Der dürre Herr, der unten wartete, zog nervös die
Schultern hoch, trat von einem Fuß auf den andern, murmelte unterdrückt
und unwirsch vor sich hin. „Habt ihr ihn?“ herrschte er sie, leise, an, als sie
endlich wieder unten waren. „Er ist nicht da!“ stammelten verstört die
Burschen. „Ihr habt ihn gestohlen, ihr habt den Stein gestohlen!“ bellte
heiser, mühsam gedämpft, der Portugiese. „Ich lasse euch den Prozeß
machen, ich lasse euch rädern!“ Doch die Burschen, verängstet,
versicherten: „Der ganze Jud ist nicht da. Es hängt ein anderer im Käfig.
Der Teufel hat ihn geholt.“ Dom Bartelemi, lang ungläubig, ließ schließlich
noch in der Nacht durch Leibhusaren, amtlich, den Käfig untersuchen. Ja,
die Leiche war gestohlen, ausgetauscht.
In aller Frühe schon war der wütende, geprellte Mann beim Herzog-
Administrator. Das kam von der Güte Seiner Durchlaucht. Jetzt hatten die
Juden den Solitär gestohlen. Den Solitär? Karl Rudolf dachte an den Berg
von Gold, glaubte es nicht. Die Leiche, ja, die konnten sie gestohlen haben.
Er überlegte, hellte sich auf, schmunzelte fast. Eigentlich waren sie
Teufelskerle, diese Juden. Stahlen einfach die Leiche vom lichten Galgen
weg; Christen und Soldaten hätten das nicht besser machen können. Er
gönnte ihnen gern den Solitär als Entgelt, ließ sie nicht verfolgen. Blaurot,
dumpf wütend, mit seiner moderigen Stimme grausige Flüche vor sich
hinbellend, zog der hagere Portugiese ab in seiner verschollenen Hoftracht.
Page 441
Die Leiche indes, in großer Eile in Rupfen gewickelt, unter Stapeln von
Waren und Kram versteckt, fuhr auf einem Karren nach Fürth. Hausierjuden
geleiteten sie, wechselten ab von einem Ort zum andern. Der Solitär stak
am Finger des Toten; keiner von den Geleitern fürchtete, sein Nachfolger
könnte ihn stehlen.
In Fürth wurde die Leiche gewaschen, in das weiße, lange Totenleinen
gehüllt, eingesargt. Zeigefinger, Mittelfinger, Goldfinger gerichtet im
Zeichen des Schin, des Anfangsbuchstabens des göttlichen Namens
Schaddai; ein kleines Häuflein Erde unter das Haupt, schwarze, krümelnde
Erde, Zions Erde. Den Aufsichtsbehörden war gemeldet, ein nicht weiter
bekannter toter Jud aus Frankfurt, gestorben auf der Landstraße, werde
beerdigt. Auch den Mitgliedern der Gemeinde wurde nichts mitgeteilt. Aber
es raunte von Mund zu Mund.
Da lag der Unbekannte, das schwarzblaue erwürgte Gesicht sonderbar
umrahmt von dem schmutzigweißen Bart, die Augen hatten sich nicht
zudrücken lassen, sie quollen trüb bräunlich heraus, doch zwischen ihnen
über der Nase zackten sich tief in die Stirn die drei Furchen des Schin. Aus
dem weißen, einfachen Laken leuchtete riesig und verwirrend der Solitär.
Die zehn angesehensten Männer der Gemeinde saßen zwischen großen
Kerzen und verhängten Fenstern und hielten Wache.
Unter sie trat ein Fremder. Dicklich, bartloses, massiges Gesicht, graue,
trübe Steinaugen, altfränkische Tracht. Wasser goß er hinter sich, da er das
Totenzimmer betrat, Wasser zu Häupten, Wasser zu Füßen des Toten. Die
Männer erkannten den Kabbalisten, flüsterten, gaben Raum.
An die Leiche trat Rabbi Gabriel, knarrte mit seiner mißtönigen Stimme
den Segensspruch: „Gerühmt seist du, Jahve, Gott, gerechter Richter.“ Mit
den dicklichen Fingern, behutsam, rührte er die Lider des Toten, da
schlossen sich die Lider. Dann setzte er sich auf den Boden, senkte
zwischen die Knie den Kopf. Die zehn Männer waren bis zur Wand
zurückgewichen. Sehr allein trotz ihrer Gegenwart, ein kleines, verlorenes
Bündel, hockte Rabbi Gabriel bei dem Toten.
Alle Juden aus Fürth waren auf der Gräberstatt, als der Unbekannte
beerdigt wurde. Sie senkten den Sarg in den Grund. Der Solitär war am
Finger des Toten, unter seinem Haupt das kleine Häuflein Erde von der
Erde Zions. Im Chor antworteten sie dem Vorbeter: „Eitel ist und vielfältig
ist und Haschen nach Wind ist die Welt; doch eins und ewig ist der Gott
Israels, das Seiende, Ueberwirkliche, Jahve.“ Dann rissen sie Gras aus und
Waren und Kram versteckt, fuhr auf einem Karren nach Fürth. Hausierjuden
geleiteten sie, wechselten ab von einem Ort zum andern. Der Solitär stak
am Finger des Toten; keiner von den Geleitern fürchtete, sein Nachfolger
könnte ihn stehlen.
In Fürth wurde die Leiche gewaschen, in das weiße, lange Totenleinen
gehüllt, eingesargt. Zeigefinger, Mittelfinger, Goldfinger gerichtet im
Zeichen des Schin, des Anfangsbuchstabens des göttlichen Namens
Schaddai; ein kleines Häuflein Erde unter das Haupt, schwarze, krümelnde
Erde, Zions Erde. Den Aufsichtsbehörden war gemeldet, ein nicht weiter
bekannter toter Jud aus Frankfurt, gestorben auf der Landstraße, werde
beerdigt. Auch den Mitgliedern der Gemeinde wurde nichts mitgeteilt. Aber
es raunte von Mund zu Mund.
Da lag der Unbekannte, das schwarzblaue erwürgte Gesicht sonderbar
umrahmt von dem schmutzigweißen Bart, die Augen hatten sich nicht
zudrücken lassen, sie quollen trüb bräunlich heraus, doch zwischen ihnen
über der Nase zackten sich tief in die Stirn die drei Furchen des Schin. Aus
dem weißen, einfachen Laken leuchtete riesig und verwirrend der Solitär.
Die zehn angesehensten Männer der Gemeinde saßen zwischen großen
Kerzen und verhängten Fenstern und hielten Wache.
Unter sie trat ein Fremder. Dicklich, bartloses, massiges Gesicht, graue,
trübe Steinaugen, altfränkische Tracht. Wasser goß er hinter sich, da er das
Totenzimmer betrat, Wasser zu Häupten, Wasser zu Füßen des Toten. Die
Männer erkannten den Kabbalisten, flüsterten, gaben Raum.
An die Leiche trat Rabbi Gabriel, knarrte mit seiner mißtönigen Stimme
den Segensspruch: „Gerühmt seist du, Jahve, Gott, gerechter Richter.“ Mit
den dicklichen Fingern, behutsam, rührte er die Lider des Toten, da
schlossen sich die Lider. Dann setzte er sich auf den Boden, senkte
zwischen die Knie den Kopf. Die zehn Männer waren bis zur Wand
zurückgewichen. Sehr allein trotz ihrer Gegenwart, ein kleines, verlorenes
Bündel, hockte Rabbi Gabriel bei dem Toten.
Alle Juden aus Fürth waren auf der Gräberstatt, als der Unbekannte
beerdigt wurde. Sie senkten den Sarg in den Grund. Der Solitär war am
Finger des Toten, unter seinem Haupt das kleine Häuflein Erde von der
Erde Zions. Im Chor antworteten sie dem Vorbeter: „Eitel ist und vielfältig
ist und Haschen nach Wind ist die Welt; doch eins und ewig ist der Gott
Israels, das Seiende, Ueberwirkliche, Jahve.“ Dann rissen sie Gras aus und
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warfen es hinter sich. Und sie sprachen: „Wie das Gras welken wir aus dem
Licht.“ Und sie sprachen: „Wir gedenken, daß wir Staub sind.“ Dann
wuschen sie sich die Hände in fließendem, dämonenscheuchendem Wasser
und verließen den Friedhof.
Licht.“ Und sie sprachen: „Wir gedenken, daß wir Staub sind.“ Dann
wuschen sie sich die Hände in fließendem, dämonenscheuchendem Wasser
und verließen den Friedhof.
Page 443
Werke von Lion Feuchtwanger
Im Drei Masken Verlag München:
Vasantasena
Schauspiel. Vierte Auflage
Der holländische Kaufmann
Schauspiel
Der Frauenverkäufer
Spiel nach Calderon
Im Wegweiserverlag Berlin:
Die häßliche Herzogin
Roman. 110. Tausend
Im Verlag Gustav Kiepenheuer Potsdam:
Leben Eduards des Zweiten
Historie. (Zusammen mit Bertolt Brecht)
Im Georg Müller Verlag München:
Thomas Wendt
Ein dramatischer Roman. Dritte Auflage
Die Kriegsgefangenen
Schauspiel
Friede
Ein burleskes Spiel nach dem Aristophanes
Warren Hastings
Schauspiel
Im Drei Masken Verlag München:
Vasantasena
Schauspiel. Vierte Auflage
Der holländische Kaufmann
Schauspiel
Der Frauenverkäufer
Spiel nach Calderon
Im Wegweiserverlag Berlin:
Die häßliche Herzogin
Roman. 110. Tausend
Im Verlag Gustav Kiepenheuer Potsdam:
Leben Eduards des Zweiten
Historie. (Zusammen mit Bertolt Brecht)
Im Georg Müller Verlag München:
Thomas Wendt
Ein dramatischer Roman. Dritte Auflage
Die Kriegsgefangenen
Schauspiel
Friede
Ein burleskes Spiel nach dem Aristophanes
Warren Hastings
Schauspiel
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Presse-Stimmen
Vasantasena
Man kann das Stück des sagenhaften Königs Sudraka, das ein Jahrtausend vor Shakespeare
entstanden ist, nicht besser charakterisieren, als es der Herausgeber in seiner Einleitung tut: „Die
Vasantasena vereint süße, weisheitsvolle Resignation mit lichter, anmutiger Schalkhaftigkeit ...
Hier ist kein Erdenrest zu tragen peinlich. Diese Dichtung tanzt, schwebt, löst alle irdische
Diskrepanz in unirdische Harmonie ...“ – und Feuchtwanger ist es gelungen, diese dichterische
Höhe in seiner Nachdichtung zu wahren.
Der holländische Kaufmann
Berliner Börsen-Ztg.: Das Stück erstrebt große Ziele und weite Perspektiven.
Der Frauenverkäufer
Neue Freie Presse, Wien: Calderons Schauspiel ist ein Wurf, aus dem Feuchtwanger in freier und
sehr geschickter Nachdichtung eine Komödie machte. Feuchtwanger hat durch stärkeren
komischen Einschlag und menschliche Vertiefung ausgleichend eingegriffen. „Der
Frauenverkäufer“ wird eine bleibende Bereicherung des deutschen Spielplanes sein.
Nieuwe Rotterdamsche Courant: Fruchtbarste Phantasie, zwischen Adelsschloß, Wildnis und
maurischen Felsburgen, Sinn und Ulk, Liebe und Kampf hin und her schweifend, sichert dieser
Nachdichtung stärkste Wirkung.
Die häßliche Herzogin
Frankfurter Zeitung: Ein Roman von wunderbarer Frische und Leuchtkraft, von innerer
Wahrhaftigkeit und tiefer Eindringlichkeit, aus mittelalterlichen Zeiten ein farbenkräftiges
Gemälde von kultureller Treue, zeitenecht und gleichwohl zu uns sprechend wie zu Zeitgenossen.
Eines der besten und wertvollsten Bücher der neueren Literatur.
Münchner Neueste Nachrichten: Das ausgezeichnet erzählte Buch ist das Werk eines Dichters und
großen Psychologen.
Thomas Wendt
Der Tag, Berlin: Feuchtwanger hat in diesem Werk eine auf Erlebnis und scharfer Beobachtung
ruhende, glänzende Darstellung der Zeit gegeben. Man kann an diesem ebenso ernsten wie
witzigen Werk unmöglich vorbeigehen.
Thomas Mann: Dieses Werk hat mich tief ergriffen. Es ist voll Wahrheit, Freiheit, Gerechtigkeit
und Schönheit.
Die Kriegsgefangenen
V. Cyril in der Pariser Humanité: In diesem Stück ist das Beste deutscher Kunst. Früher Sommer,
ruhevolle, sanfte Landschaft, sicheres, hinreißendes Gefühl der Schwingungen von Mensch zu
Mensch.
Vasantasena
Man kann das Stück des sagenhaften Königs Sudraka, das ein Jahrtausend vor Shakespeare
entstanden ist, nicht besser charakterisieren, als es der Herausgeber in seiner Einleitung tut: „Die
Vasantasena vereint süße, weisheitsvolle Resignation mit lichter, anmutiger Schalkhaftigkeit ...
Hier ist kein Erdenrest zu tragen peinlich. Diese Dichtung tanzt, schwebt, löst alle irdische
Diskrepanz in unirdische Harmonie ...“ – und Feuchtwanger ist es gelungen, diese dichterische
Höhe in seiner Nachdichtung zu wahren.
Der holländische Kaufmann
Berliner Börsen-Ztg.: Das Stück erstrebt große Ziele und weite Perspektiven.
Der Frauenverkäufer
Neue Freie Presse, Wien: Calderons Schauspiel ist ein Wurf, aus dem Feuchtwanger in freier und
sehr geschickter Nachdichtung eine Komödie machte. Feuchtwanger hat durch stärkeren
komischen Einschlag und menschliche Vertiefung ausgleichend eingegriffen. „Der
Frauenverkäufer“ wird eine bleibende Bereicherung des deutschen Spielplanes sein.
Nieuwe Rotterdamsche Courant: Fruchtbarste Phantasie, zwischen Adelsschloß, Wildnis und
maurischen Felsburgen, Sinn und Ulk, Liebe und Kampf hin und her schweifend, sichert dieser
Nachdichtung stärkste Wirkung.
Die häßliche Herzogin
Frankfurter Zeitung: Ein Roman von wunderbarer Frische und Leuchtkraft, von innerer
Wahrhaftigkeit und tiefer Eindringlichkeit, aus mittelalterlichen Zeiten ein farbenkräftiges
Gemälde von kultureller Treue, zeitenecht und gleichwohl zu uns sprechend wie zu Zeitgenossen.
Eines der besten und wertvollsten Bücher der neueren Literatur.
Münchner Neueste Nachrichten: Das ausgezeichnet erzählte Buch ist das Werk eines Dichters und
großen Psychologen.
Thomas Wendt
Der Tag, Berlin: Feuchtwanger hat in diesem Werk eine auf Erlebnis und scharfer Beobachtung
ruhende, glänzende Darstellung der Zeit gegeben. Man kann an diesem ebenso ernsten wie
witzigen Werk unmöglich vorbeigehen.
Thomas Mann: Dieses Werk hat mich tief ergriffen. Es ist voll Wahrheit, Freiheit, Gerechtigkeit
und Schönheit.
Die Kriegsgefangenen
V. Cyril in der Pariser Humanité: In diesem Stück ist das Beste deutscher Kunst. Früher Sommer,
ruhevolle, sanfte Landschaft, sicheres, hinreißendes Gefühl der Schwingungen von Mensch zu
Mensch.
Page 445
Friede
Basler Nationalzeitung: Feuchtwangers Bearbeitung beweist eine geradezu geniale Hand. Die
Holzschnittdrastik seiner Knittelverse, voll Schlagkraft, voll sprühenden Witzes, die staunenswerte
Beherrschung der Sprache machen das Werk zum Muster- und Meisterbeispiel einer Uebersetzung
in unsere Sprache und unsere Zeit.
Vossische Zeitung: Eine höchst wirkungsvolle und bühnensichere Komödie.
Warren Hastings
Frankfurter Zeitung: Wir grüßen Lion Feuchtwanger. Er bedeutet für die Bühne entschiedenen
Gewinn, denn er verweist sie auf neue Möglichkeiten.
Münchner Zeitung: Das Ganze ist ein Werk von durchaus persönlicher Haltung, ein Stück, dessen
starke Wirkungen nicht mit billigen Mitteln erkauft sind.
Basler Nationalzeitung: Feuchtwangers Bearbeitung beweist eine geradezu geniale Hand. Die
Holzschnittdrastik seiner Knittelverse, voll Schlagkraft, voll sprühenden Witzes, die staunenswerte
Beherrschung der Sprache machen das Werk zum Muster- und Meisterbeispiel einer Uebersetzung
in unsere Sprache und unsere Zeit.
Vossische Zeitung: Eine höchst wirkungsvolle und bühnensichere Komödie.
Warren Hastings
Frankfurter Zeitung: Wir grüßen Lion Feuchtwanger. Er bedeutet für die Bühne entschiedenen
Gewinn, denn er verweist sie auf neue Möglichkeiten.
Münchner Zeitung: Das Ganze ist ein Werk von durchaus persönlicher Haltung, ein Stück, dessen
starke Wirkungen nicht mit billigen Mitteln erkauft sind.
Page 446
Jakob Wassermann
Gestalt und Humanität
Zwei Reden
172 Seiten 8° * Ganzleinen Rm. 4.50
In Wassermanns Reden spiegelt sich ein gut Stück edelster geistiger Kultur der Gegenwart – in
einer rhetorischen Prosa, wie man sie heute in Deutschland kaum mehr hört. Unserer Zeit ist der
Sinn für das Wesen der Gestalt und die Kraft zu ihrer Schöpfung abhanden gekommen. Gestalt ist
Symbol und Repräsentation menschlicher Geisteswelt, ist der höchste Ausdruck
menschheitsgeschichtlicher Epochen. Durch Gleichnisse und Bilder führt Wassermann uns in der
zweiten Rede in das innere Wesen der Humanität hinein; Verkörperung seiner Idee ist ihm die
Gestalt des Humanus, Humanus ist ein Spiegel der Genien, die an der Vervollkommnung der
Menschheit gewirkt haben, voll Herzensadel, voll Geistigkeit, voll Phantasie; er ist der
Werkmeister am „Bau zur wahrhaften Ehre des Menschen“.
A. M. Frey
Robinsonade zu Zwölft
Grotesker Roman
378 Seiten 8° * Broschiert Rm. 5.–, Ganzleinen Rm. 6.50
Eine groteske Geschichte, dahingeplaudert in einem tollen Wirbelwind der Gedanken und Einfälle,
verschroben oft und verwirrend in dem turbulenten Durcheinander der Gestalten und Ereignisse,
aber immer spannend und als kraftvolle, dichterisch glänzend gelöste Satire nicht ohne sittlich
ernsten Hintergrund. – Eine bunt zusammengewürfelte Gesellschaft von Gegenwartsmenschen
wird aus ihrer gewohnten Zivilisation durch ein Flugabenteuer herausgerissen; die zwölf Leutchen
haben ihre komplizierten Europäerseelen wieder einmal auf das Natürliche einzustellen. Das führt
zu Szenen von überwältigender Komik, aber auch von feinster gesellschaftskritischer Bedeutung.
Drei Masken Verlag München
Gestalt und Humanität
Zwei Reden
172 Seiten 8° * Ganzleinen Rm. 4.50
In Wassermanns Reden spiegelt sich ein gut Stück edelster geistiger Kultur der Gegenwart – in
einer rhetorischen Prosa, wie man sie heute in Deutschland kaum mehr hört. Unserer Zeit ist der
Sinn für das Wesen der Gestalt und die Kraft zu ihrer Schöpfung abhanden gekommen. Gestalt ist
Symbol und Repräsentation menschlicher Geisteswelt, ist der höchste Ausdruck
menschheitsgeschichtlicher Epochen. Durch Gleichnisse und Bilder führt Wassermann uns in der
zweiten Rede in das innere Wesen der Humanität hinein; Verkörperung seiner Idee ist ihm die
Gestalt des Humanus, Humanus ist ein Spiegel der Genien, die an der Vervollkommnung der
Menschheit gewirkt haben, voll Herzensadel, voll Geistigkeit, voll Phantasie; er ist der
Werkmeister am „Bau zur wahrhaften Ehre des Menschen“.
A. M. Frey
Robinsonade zu Zwölft
Grotesker Roman
378 Seiten 8° * Broschiert Rm. 5.–, Ganzleinen Rm. 6.50
Eine groteske Geschichte, dahingeplaudert in einem tollen Wirbelwind der Gedanken und Einfälle,
verschroben oft und verwirrend in dem turbulenten Durcheinander der Gestalten und Ereignisse,
aber immer spannend und als kraftvolle, dichterisch glänzend gelöste Satire nicht ohne sittlich
ernsten Hintergrund. – Eine bunt zusammengewürfelte Gesellschaft von Gegenwartsmenschen
wird aus ihrer gewohnten Zivilisation durch ein Flugabenteuer herausgerissen; die zwölf Leutchen
haben ihre komplizierten Europäerseelen wieder einmal auf das Natürliche einzustellen. Das führt
zu Szenen von überwältigender Komik, aber auch von feinster gesellschaftskritischer Bedeutung.
Drei Masken Verlag München
Page 447
Jerome K. Jerome
Alle Wege führen nach Golgatha
Roman. Broschiert Rm. 4.–, Halbleinen Rm. 5.–
Carl Sternheim
Chronik von des zwanzigsten Jahrhunderts Beginn
Neue erweiterte Ausgabe mit 16 Holzschnitten von Franz Masereel
Broschiert Rm. 10.–, Halbleinen Rm. 12.–
Dmitrij Mereschkowskij
Der vierzehnte Dezember
Roman. Broschiert Rm. 5.50, Halbleinen Rm. 7.–
Das Reich des Antichrist
Broschiert Rm. 4.–, Halbleinen Rm. 5.–
Alfons Paquet
Drei Balladen. (Einmalige numerierte Ausgabe)
Pappband Rm. 7.–, Halbleder Rm. 15.–
Prophezeiungen. Roman
Broschiert Rm. 4.50, gebunden Rm. 6.–
Erzählungen an Bord. 10. Auflage
Broschiert Rm. 5.–, gebunden Rm. 6.50
Delphische Wanderung. Ein Zeit- und Reisebuch
Broschiert Rm. 4.50, Halbleinen Rm. 6.–
In Palästina. Ein Reisebuch
Broschiert Rm. 4.50, Halbleinen Rm. 5.50
Rom oder Moskau. Sieben Aufsätze
Kartoniert Rm. 4.–
Fahnen. Ein dramatischer Roman
Kartoniert Rm. 4.50
Drei Masken Verlag München
Alle Wege führen nach Golgatha
Roman. Broschiert Rm. 4.–, Halbleinen Rm. 5.–
Carl Sternheim
Chronik von des zwanzigsten Jahrhunderts Beginn
Neue erweiterte Ausgabe mit 16 Holzschnitten von Franz Masereel
Broschiert Rm. 10.–, Halbleinen Rm. 12.–
Dmitrij Mereschkowskij
Der vierzehnte Dezember
Roman. Broschiert Rm. 5.50, Halbleinen Rm. 7.–
Das Reich des Antichrist
Broschiert Rm. 4.–, Halbleinen Rm. 5.–
Alfons Paquet
Drei Balladen. (Einmalige numerierte Ausgabe)
Pappband Rm. 7.–, Halbleder Rm. 15.–
Prophezeiungen. Roman
Broschiert Rm. 4.50, gebunden Rm. 6.–
Erzählungen an Bord. 10. Auflage
Broschiert Rm. 5.–, gebunden Rm. 6.50
Delphische Wanderung. Ein Zeit- und Reisebuch
Broschiert Rm. 4.50, Halbleinen Rm. 6.–
In Palästina. Ein Reisebuch
Broschiert Rm. 4.50, Halbleinen Rm. 5.50
Rom oder Moskau. Sieben Aufsätze
Kartoniert Rm. 4.–
Fahnen. Ein dramatischer Roman
Kartoniert Rm. 4.50
Drei Masken Verlag München
Page 448
Druck von Mänicke und Jahn A.-G., Rudolstadt
Page 449
Anmerkungen zur Transkription
Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere Änderungen,
teilweise unter Zuhilfenahme anderer Auflagen, sind hier aufgeführt (vorher/nachher):
... an ihr abgeglitten wie Wasser von geöltem Körper. Aber: ...
... an ihm abgeglitten wie Wasser von geöltem Körper. Aber: ...
... Tenue, sein gutmütiger, etwas lärmender Humor war beliebt ...
... Tenue, sein gutmütiger, etwas lärmender Humor waren beliebt ...
... Breuz, Gochsheim, Stetten, Freudenthal abtreten und sich ...
... Brenz, Gochsheim, Stetten, Freudenthal abtreten und sich ...
... er blieb auch irgendwo rasten, er reiste stetig und, so ...
... er blieb auch nirgendwo rasten, er reiste stetig und, so ...
... sie, so appetitlich sah das ganze Frauenzimmer. Ein ...
... sie, so appetitlich sah das ganze Frauenzimmer aus. Ein ...
... errichteten alten Verträgen sie wohl zu beachten, in ...
... errichteten alten Verträgen sei wohl zu beachten, in ...
Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere Änderungen,
teilweise unter Zuhilfenahme anderer Auflagen, sind hier aufgeführt (vorher/nachher):
... an ihr abgeglitten wie Wasser von geöltem Körper. Aber: ...
... an ihm abgeglitten wie Wasser von geöltem Körper. Aber: ...
... Tenue, sein gutmütiger, etwas lärmender Humor war beliebt ...
... Tenue, sein gutmütiger, etwas lärmender Humor waren beliebt ...
... Breuz, Gochsheim, Stetten, Freudenthal abtreten und sich ...
... Brenz, Gochsheim, Stetten, Freudenthal abtreten und sich ...
... er blieb auch irgendwo rasten, er reiste stetig und, so ...
... er blieb auch nirgendwo rasten, er reiste stetig und, so ...
... sie, so appetitlich sah das ganze Frauenzimmer. Ein ...
... sie, so appetitlich sah das ganze Frauenzimmer aus. Ein ...
... errichteten alten Verträgen sie wohl zu beachten, in ...
... errichteten alten Verträgen sei wohl zu beachten, in ...
Page 450
*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK JUD SÜSS ***
Updated editions will replace the previous one—the old editions will
be renamed.
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