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The Project Gutenberg eBook of Der Prozess: Roman

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Title: Der Prozess: Roman

Author: Franz Kafka

Release date: November 11, 2022 [eBook #69327]
Most recently updated: October 19, 2024

Language: German

Original publication: Germany: Verlag die Schmiede, 1925

Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/69327

Credits: Jeroen Hellingman and the Online Distributed Proofreading
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*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER PROZESS:
ROMAN ***

Page 4

[Inhalt]

[Inhalt]

DIE ROMANE DES XX. JAHRHUNDERTS

Page 5

[Inhalt]

FRANZ KAFKA

DER PROZESS

[Inhalt]

Page 6

Page 7

FRANZ KAFKA

Der Prozess
ROMAN

Page 8

VERLAG DIE SCHMIEDE
BERLIN
1925

[Inhalt]

EINBANDENTWURF GEORG SALTER · BERLIN

COPYRIGHT 1925 BY VERLAG DIE SCHMIEDE · BERLIN [1]

Page 9

[Inhalt]

Page 10

ERSTES KAPITEL

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VERHAFTUNG · GESPRÄCH MIT FRAU
GRUBACH · DANN FRÄULEIN BÜRSTNER
Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses
getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet. Die Köchin der Frau
Grubach, seiner Zimmervermieterin, die ihm jeden Tag gegen acht Uhr früh
das Frühstück brachte, kam diesmal nicht. Das war noch niemals
geschehen. K. wartete noch ein Weilchen, sah von seinem Kopfkissen aus
die alte Frau, die ihm gegenüber wohnte und die ihn mit einer an ihr ganz
ungewöhnlichen Neugierde beobachtete, dann aber, gleichzeitig befremdet
und hungrig, läutete er. Sofort klopfte es und ein Mann, den er in dieser
Wohnung noch niemals gesehen hatte, trat ein. Er war schlank und doch fest
gebaut, er trug ein anliegendes schwarzes Kleid, das ähnlich den
Reiseanzügen [2]mit verschiedenen Falten, Taschen, Schnallen, Knöpfen
und einem Gürtel versehen war und infolgedessen, ohne daß man sich
darüber klar wurde, wozu es dienen sollte, besonders praktisch erschien.
„Wer sind Sie?“ fragte K. und saß gleich halb aufrecht im Bett. Der Mann
aber ging über die Frage hinweg, als müsse man seine Erscheinung
hinnehmen, und sagte bloß seinerseits: „Sie haben geläutet?“ „Anna soll
mir das Frühstück bringen,“ sagte K. und versuchte zunächst
stillschweigend durch Aufmerksamkeit und Überlegung festzustellen, wer
der Mann eigentlich war. Aber dieser setzte sich nicht allzu lange seinen
Blicken aus, sondern wandte sich zur Tür, die er ein wenig öffnete, um
jemandem, der offenbar knapp hinter der Tür stand, zu sagen: „Er will, daß
Anna ihm das Frühstück bringt.“ Ein kleines Gelächter im Nebenzimmer
folgte, es war nach dem Klang nicht sicher, ob nicht mehrere Personen
daran beteiligt waren. Trotzdem der fremde Mann dadurch nichts erfahren
haben konnte, was er nicht schon früher gewußt hätte, sagte er nun doch zu
K. im Tone einer Meldung: „Es ist unmöglich.“ „Das wäre neu,“ sagte K.,
sprang aus [3]dem Bett und zog rasch seine Hosen an. „Ich will doch sehn,

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was für Leute im Nebenzimmer sind und wie Frau Grubach diese Störung
mir gegenüber verantworten wird.“ Es fiel ihm zwar gleich ein, daß er das
nicht hätte laut sagen müssen und daß er dadurch gewissermaßen ein
Beaufsichtigungsrecht des Fremden anerkannte, aber es schien ihm jetzt
nicht wichtig. Immerhin faßte es der Fremde so auf, denn er sagte: „Wollen
Sie nicht lieber hierbleiben?“ „Ich will weder hierbleiben noch von Ihnen
angesprochen werden, solange Sie sich mir nicht vorstellen.“ „Es war gut
gemeint,“ sagte der Fremde und öffnete nun freiwillig die Tür. Im
Nebenzimmer, in das K. langsamer eintrat als er wollte, sah es auf den
ersten Blick fast genau so aus, wie am Abend vorher. Es war das
Wohnzimmer der Frau Grubach, vielleicht war in diesem mit Möbeln,
Decken, Porzellan und Photographien überfüllten Zimmer heute ein wenig
mehr Raum als sonst, man erkannte das nicht gleich, um so weniger, als die
Hauptveränderung in der Anwesenheit eines Mannes bestand, der beim
offenen Fenster mit einem Buch saß, von dem er jetzt aufblickte. „Sie
hätten in [4]Ihrem Zimmer bleiben sollen! Hat es Ihnen denn Franz nicht
gesagt?“ „Ja, was wollen Sie denn?“ sagte K. und sah von der neuen
Bekanntschaft zu dem mit Franz Benannten, der in der Tür stehengeblieben
war, und dann wieder zurück. Durch das offene Fenster erblickte man
wieder die alte Frau, die mit wahrhaft greisenhafter Neugierde zu dem jetzt
gegenüberliegenden Fenster getreten war, um auch weiterhin alles zu sehn.
„Ich will doch Frau Grubach —“ sagte K., machte eine Bewegung, als reiße
er sich von den zwei Männern los, die aber weit von ihm entfernt standen,
und wollte weitergehn. „Nein,“ sagte der Mann beim Fenster, warf das
Buch auf ein Tischchen und stand auf. „Sie dürfen nicht weggehn, Sie sind
ja gefangen.“ „Es sieht so aus,“ sagte K. „Und warum denn?“ fragte er
dann. „Wir sind nicht dazu bestellt, Ihnen das zu sagen. Gehn Sie in Ihr
Zimmer und warten Sie. Das Verfahren ist nun einmal eingeleitet und Sie
werden alles zur richtigen Zeit erfahren. Ich gehe über meinen Auftrag
hinaus, wenn ich Ihnen so freundschaftlich zurede. Aber ich hoffe, es hört
es niemand sonst als Franz und der ist selbst gegen alle Vorschrift
freundlich zu Ihnen. Wenn Sie auch [5]weiterhin so viel Glück haben wie
bei der Bestimmung Ihrer Wächter, dann können Sie zuversichtlich sein.“

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K. wollte sich setzen, aber nun sah er, daß im ganzen Zimmer keine
Sitzgelegenheit war, außer dem Sessel beim Fenster. „Sie werden noch
einsehn, wie wahr das alles ist,“ sagte Franz und ging gleichzeitig mit dem
andern Mann auf ihn zu. Besonders der letztere überragte K. bedeutend und
klopfte ihm öfters auf die Schulter. Beide prüften K.s Nachthemd und
sagten, daß er jetzt ein viel schlechteres Hemd werde anziehn müssen, daß
sie aber dieses Hemd wie auch seine übrige Wäsche aufbewahren und,
wenn seine Sache günstig ausfallen sollte, ihm wieder zurückgeben würden.
„Es ist besser, Sie geben die Sachen uns als ins Depot,“ sagten sie, „denn
im Depot kommen öfters Unterschleife vor und außerdem verkauft man
dort alle Sachen nach einer gewissen Zeit ohne Rücksicht, ob das
betreffende Verfahren zu Ende ist oder nicht. Und wie lange dauern doch
derartige Prozesse besonders in letzter Zeit. Sie bekämen dann schließlich
allerdings vom Depot den Erlös, aber dieser Erlös ist erstens an sich schon
gering, denn beim Verkauf entscheidet nicht die [6]Höhe des Angebotes,
sondern die Höhe der Bestechung und weiter verringern sich solche Erlöse
erfahrungsgemäß, wenn sie von Hand zu Hand und von Jahr zu Jahr
weitergegeben werden.“ K. achtete auf diese Reden kaum, das
Verfügungsrecht über seine Sachen, das er vielleicht noch besaß, schätzte er
nicht hoch ein, viel wichtiger war es ihm, Klarheit über seine Lage zu
bekommen; in Gegenwart dieser Leute konnte er aber nicht einmal
nachdenken, immer wieder stieß der Bauch des zweiten Wächters — es
konnten ja nur Wächter sein — förmlich freundschaftlich an ihn, sah er aber
auf, dann erblickte er ein zu diesem dicken Körper gar nicht passendes
trockenes, knochiges Gesicht, mit starker, seitlich gedrehter Nase, das sich
über ihn hinweg mit dem andern Wächter verständigte. Was waren denn das
für Menschen? Wovon sprachen sie? Welcher Behörde gehörten sie an? K.
lebte doch in einem Rechtsstaat, überall herrschte Friede, alle Gesetze
bestanden aufrecht, wer wagte ihn in seiner Wohnung zu überfallen? Er
neigte stets dazu, alles möglichst leicht zu nehmen, das Schlimmste erst
beim Eintritt des Schlimmsten zu glauben, keine [7]Vorsorge für die Zukunft
zu treffen, selbst wenn alles drohte. Hier schien ihm das aber nicht richtig,
man konnte zwar das Ganze als Spaß ansehn, als einen groben Spaß, den

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ihm aus unbekannten Gründen, vielleicht weil heute sein dreißigster
Geburtstag war, die Kollegen in der Bank veranstaltet hatten, es war
natürlich möglich, vielleicht brauchte er nur auf irgendeine Weise den
Wächtern ins Gesicht zu lachen und sie würden mitlachen, vielleicht waren
es Dienstmänner von der Straßenecke, sie sahen ihnen nicht unähnlich —
trotzdem war er diesmal förmlich schon seit dem ersten Anblick des
Wächters Franz entschlossen, nicht den geringsten Vorteil, den er vielleicht
gegenüber diesen Leuten besaß, aus der Hand zu geben. Darin, daß man
später sagen würde, er habe keinen Spaß verstanden, sah K. eine ganz
geringe Gefahr, wohl aber erinnerte er sich — ohne daß es sonst seine
Gewohnheit gewesen wäre, aus Erfahrungen zu lernen — an einige an sich
unbedeutende Fälle, in denen er zum Unterschied von seinen Freunden mit
Bewußtsein, ohne das geringste Gefühl für die möglichen Folgen sich
unvorsichtig benommen hatte und dafür durch das [8]Ergebnis gestraft
worden war. Es sollte nicht wieder geschehen, zumindest nicht diesmal; war
es eine Komödie, so wollte er mitspielen.

Noch war er frei. „Erlauben Sie,“ sagte er und ging eilig zwischen den
Wächtern durch in sein Zimmer. „Er scheint vernünftig zu sein,“ hörte er
hinter sich sagen. In seinem Zimmer riß er gleich die Schubladen des
Schreibtischs auf, es lag dort alles in großer Ordnung, aber gerade die
Legitimationspapiere, die er suchte, konnte er in der Aufregung nicht gleich
finden. Schließlich fand er seine Radfahrlegitimation und wollte schon mit
ihr zu den Wächtern gehn, dann aber schien ihm das Papier zu geringfügig
und er suchte weiter, bis er den Geburtsschein fand. Als er wieder in das
Nebenzimmer zurückkam, öffnete sich gerade die gegenüberliegende Tür
und Frau Grubach wollte dort eintreten. Man sah sie nur einen Augenblick,
denn kaum hatte sie K. erkannt, als sie offenbar verlegen wurde, um
Verzeihung bat, verschwand und äußerst vorsichtig die Tür schloß.
„Kommen Sie doch herein,“ hatte K. gerade noch sagen können. Nun aber
stand er mit seinen Papieren in der Mitte des Zimmers, sah noch auf die Tür
hin, die [9]sich nicht wieder öffnete, und wurde erst durch einen Anruf der
Wächter aufgeschreckt, die bei dem Tischchen am offenen Fenster saßen

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und, wie K. jetzt erkannte, sein Frühstück verzehrten. „Warum ist sie nicht
eingetreten?“ fragte er. „Sie darf nicht,“ sagte der große Wächter. „Sie sind
doch verhaftet.“ „Wie kann ich denn verhaftet sein? Und gar auf diese
Weise?“ „Nun fangen Sie also wieder an,“ sagte der Wächter und tauchte
ein Butterbrot ins Honigfäßchen. „Solche Fragen beantworten wir nicht.“
„Sie werden sie beantworten müssen,“ sagte K. „Hier sind meine
Legitimationspapiere, zeigen Sie mir jetzt die Ihrigen und vor allem den
Verhaftbefehl.“ „Du lieber Himmel!“ sagte der Wächter, „daß Sie sich in
Ihre Lage nicht fügen können und daß Sie es darauf angelegt zu haben
scheinen, uns, die wir Ihnen jetzt wahrscheinlich von allen Ihren
Mitmenschen am nächsten stehn, nutzlos zu reizen.“ „Es ist so, glauben Sie
es doch,“ sagte Franz, führte die Kaffeetasse, die er in der Hand hielt, nicht
zum Mund, sondern sah K. mit einem langen, wahrscheinlich
bedeutungsvollen, aber unverständlichen Blick an. K. ließ sich, ohne es zu
wollen, in ein Zwiegespräch [10]der Blicke mit Franz ein, schlug dann aber
doch auf seine Papiere und sagte: „Hier sind meine Legitimationspapiere.“
„Was kümmern uns denn die?“ rief nun schon der große Wächter. „Sie
führen sich ärger auf als ein Kind. Was wollen Sie denn? Wollen Sie Ihren
großen verfluchten Prozeß dadurch zu einem raschen Ende bringen, daß Sie
mit uns, den Wächtern, über Legitimation und Verhaftbefehl diskutieren.
Wir sind niedrige Angestellte, die sich in einem Legitimationspapier kaum
auskennen und die mit Ihrer Sache nichts anderes zu tun haben, als daß sie
zehn Stunden täglich bei Ihnen Wache halten und dafür bezahlt werden. Das
ist alles, was wir sind, trotzdem aber sind wir fähig, einzusehn, daß die
hohen Behörden, in deren Dienst wir stehn, ehe sie eine solche Verhaftung
verfügen, sich sehr genau über die Gründe der Verhaftung und die Person
des Verhafteten unterrichten. Es gibt darin keinen Irrtum. Unsere Behörde,
soweit ich sie kenne, und ich kenne nur die niedrigsten Grade, sucht doch
nicht etwa die Schuld in der Bevölkerung, sondern wird, wie es im Gesetz
heißt, von der Schuld angezogen und muß uns Wächter ausschicken. Das ist
Gesetz. Wo [11]gäbe es da einen Irrtum?“ „Dieses Gesetz kenne ich nicht,“
sagte K. „Desto schlimmer für Sie,“ sagte der Wächter. „Es besteht wohl
auch nur in Ihren Köpfen,“ sagte K., er wollte sich irgendwie in die

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Gedanken der Wächter einschleichen, sie zu seinen Gunsten wenden oder
sich dort einbürgern. Aber der Wächter sagte nur abweisend: „Sie werden es
zu fühlen bekommen.“ Franz mischte sich ein und sagte: „Sieh, Willem, er
gibt zu, er kenne das Gesetz nicht und behauptet gleichzeitig, schuldlos zu
sein.“ „Du hast ganz recht, aber ihm kann man nichts begreiflich machen,“
sagte der andere. K. antwortete nicht mehr; muß ich, dachte er, durch das
Geschwätz dieser niedrigsten Organe — sie geben selbst zu, es zu sein —
mich noch mehr verwirren lassen? Sie reden doch jedenfalls von Dingen,
die sie gar nicht verstehn. Ihre Sicherheit ist nur durch ihre Dummheit
möglich. Ein paar Worte, die ich mit einem mir ebenbürtigen Menschen
sprechen werde, werden alles unvergleichlich klarer machen als die
längsten Reden mit diesen. Er ging einige Male in dem freien Raum des
Zimmers auf und ab, drüben sah er die alte Frau, die einen noch viel ältern
Greis zum Fenster gezerrt hatte, den sie [12]umschlungen hielt. K. mußte
dieser Schaustellung ein Ende machen: „Führen Sie mich zu Ihrem
Vorgesetzten,“ sagte er. „Bis er es wünscht; nicht früher,“ sagte der
Wächter, der Willem genannt worden war. „Und nun rate ich Ihnen,“ fügte
er hinzu, „in Ihr Zimmer zu gehn, sich ruhig zu verhalten und darauf zu
warten, was über Sie verfügt werden wird. Wir raten Ihnen, zerstreuen Sie
sich nicht durch nutzlose Gedanken, sondern sammeln Sie sich, es werden
große Anforderungen an Sie gestellt werden. Sie haben uns nicht so
behandelt, wie es unser Entgegenkommen verdient hätte, Sie haben
vergessen, daß wir, mögen wir auch sein was immer, zumindest jetzt Ihnen
gegenüber freie Männer sind, das ist kein kleines Übergewicht. Trotzdem
sind wir bereit, falls Sie Geld haben, Ihnen ein kleines Frühstück aus dem
Kaffeehaus drüben zu bringen.“

Ohne auf dieses Angebot zu antworten, stand K. ein Weilchen lang still.
Vielleicht würden ihn die beiden, wenn er die Tür des folgenden Zimmers
oder gar die Tür des Vorzimmers öffnen würde, gar nicht zu hindern wagen,
vielleicht wäre es die einfachste Lösung des Ganzen, daß er es auf die
[13]Spitze trieb. Aber vielleicht würden sie ihn doch packen, und war er
einmal niedergeworfen, so war auch alle Überlegenheit verloren, die er jetzt

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ihnen gegenüber in gewisser Hinsicht doch wahrte. Deshalb zog er die
Sicherheit der Lösung vor, wie sie der natürliche Verlauf bringen mußte,
und ging in sein Zimmer zurück, ohne daß von seiner Seite oder von Seite
der Wächter ein weiteres Wort gefallen wäre.

Er warf sich auf sein Bett und nahm vom Waschtisch einen schönen Apfel,
den er sich gestern abend für das Frühstück vorbereitet hatte. Jetzt war er
sein einziges Frühstück und jedenfalls, wie er sich beim ersten großen
Bissen versicherte, viel besser, als das Frühstück aus dem schmutzigen
Nachtcafé gewesen wäre, das er durch die Gnade der Wächter hätte
bekommen können. Er fühlte sich wohl und zuversichtlich, in der Bank
versäumte er zwar heute vormittag seinen Dienst, aber das war bei der
verhältnismäßig hohen Stellung, die er dort einnahm, leicht entschuldigt.
Sollte er die wirkliche Entschuldigung anführen? Er gedachte es zu tun.
Würde man ihm nicht glauben, was in diesem Fall begreiflich war, so
[14]konnte er Frau Grubach als Zeugin führen oder auch die beiden Alten
von drüben, die wohl jetzt auf dem Marsch zum gegenüberliegenden
Fenster waren. Es wunderte K., wenigstens aus dem Gedankengang der
Wächter wunderte es ihn, daß sie ihn in das Zimmer getrieben und ihn hier
allein gelassen hatten, wo er doch mehrfache Möglichkeit hatte, sich
umzubringen. Gleichzeitig allerdings fragte er sich, aus seinem
Gedankengang, was für einen Grund er haben könnte, es zu tun. Etwa, weil
die zwei nebenan saßen und sein Frühstück abgefangen hatten. Es wäre so
sinnlos gewesen sich umzubringen, daß er, selbst wenn er es hätte tun
wollen, infolge der Sinnlosigkeit dazu nicht imstande gewesen wäre. Wäre
die geistige Beschränktheit der Wächter nicht so auffallend gewesen, so
hätte man annehmen können, daß auch sie infolge der gleichen
Überzeugung keine Gefahr darin gesehen hätten, ihn allein zu lassen. Sie
mochten jetzt, wenn sie wollten, zusehn, wie er zu einem Wandschränkchen
ging, in dem er einen guten Schnaps aufbewahrte, wie er ein Gläschen
zuerst zum Ersatz des Frühstücks leerte und wie er ein zweites Gläschen
dazu bestimmte, [15]ihm Mut zu machen, das letztere nur aus Vorsicht für
den unwahrscheinlichen Fall, daß es nötig sein sollte.

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Da erschreckte ihn ein Zuruf aus dem Nebenzimmer derartig, daß er mit
den Zähnen ans Glas schlug. „Der Aufseher ruft Sie,“ hieß es. Es war nur
das Schreien, das ihn erschreckte, dieses kurze abgehackte militärische
Schreien, das er dem Wächter Franz gar nicht zugetraut hätte. Der Befehl
selbst war ihm sehr willkommen, „endlich“, rief er zurück, versperrte den
Wandschrank und eilte sofort ins Nebenzimmer. Dort standen die zwei
Wächter und jagten ihn, als wäre das selbstverständlich, wieder in sein
Zimmer zurück. „Was fällt Euch ein?“ riefen sie, „im Hemd wollt Ihr vor
den Aufseher? Er läßt Euch durchprügeln und uns mit.“ „Laßt mich, zum
Teufel,“ rief K., der schon bis zu seinem Kleiderkasten zurückgedrängt war,
„wenn man mich im Bett überfällt, kann man nicht erwarten, mich im
Festanzug zu finden.“ „Es hilft nichts,“ sagten die Wächter, die immer,
wenn K. schrie, ganz ruhig, ja fast traurig wurden und ihn dadurch
verwirrten oder gewissermaßen zur Besinnung brachten. „Lächerliche
Zeremonien!“ [16]brummte er noch, hob aber schon einen Rock vom Stuhl
und hielt ihn ein Weilchen mit beiden Händen, als unterbreite er ihn dem
Urteil der Wächter. Sie schüttelten die Köpfe. „Es muß ein schwarzer Rock
sein,“ sagten sie. K. warf daraufhin den Rock zu Boden und sagte — er
wußte selbst nicht, in welchem Sinn er es sagte —: „Es ist doch noch nicht
die Hauptverhandlung.“ Die Wächter lächelten, blieben aber bei ihrem: „Es
muß ein schwarzer Rock sein.“ „Wenn ich dadurch die Sache beschleunige,
soll es mir recht sein,“ sagte K., öffnete selbst den Kleiderkasten, suchte
lange unter den vielen Kleidern, wählte sein bestes schwarzes Kleid, ein
Jackettkleid, das durch seine Taille unter den Bekannten fast Aufsehen
gemacht hatte, zog nun auch ein anderes Hemd hervor und begann sich
sorgfältig anzuziehn. Im Geheimen glaubte er eine Beschleunigung des
Ganzen damit erreicht zu haben, daß die Wächter vergessen hatten, ihn zum
Bad zu zwingen. Er beobachtete sie, ob sie sich vielleicht daran doch
erinnern würden, aber das fiel ihnen natürlich gar nicht ein, dagegen vergaß
Willem nicht, Franz mit der Meldung, daß sich K. anziehe, zum Aufseher
zu schicken. [17]

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Als er vollständig angezogen war, mußte er knapp vor Willem durch das
leere Nebenzimmer in das folgende Zimmer gehn, dessen Tür mit beiden
Flügeln bereits geöffnet war. Dieses Zimmer wurde, wie K. genau wußte,
seit kurzer Zeit von einem Fräulein Bürstner, einer Schreibmaschinistin,
bewohnt, die sehr früh in die Arbeit zu gehen pflegte, spät nach Hause kam
und mit der K. nicht viel mehr als die Grußworte gewechselt hatte. Jetzt war
das Nachttischchen von ihrem Bett als Verhandlungstisch in die Mitte des
Zimmers gerückt und der Aufseher saß hinter ihm. Er hatte die Beine
übereinandergeschlagen und einen Arm auf die Rückenlehne des Stuhles
gelegt.

In einer Ecke des Zimmers standen drei junge Leute und sahen die
Photographien des Fräulein Bürstner an, die in einer an der Wand
aufgehängten Matte steckten. An der Klinke des offenen Fensters hing eine
weiße Bluse. Im gegenüberliegenden Fenster lagen wieder die zwei Alten,
doch hatte sich ihre Gesellschaft vergrößert, denn hinter ihnen, sie weit
überragend, stand ein Mann mit einem auf der Brust offenen Hemd, der
seinen rötlichen Spitzbart mit den Fingern drückte und drehte. [18]„Josef
K?“ fragte der Aufseher, vielleicht nur um K.s zerstreute Blicke auf sich zu
lenken. K. nickte. „Sie sind durch die Vorgänge des heutigen Morgens wohl
sehr überrascht,“ fragte der Aufseher und verschob dabei mit beiden
Händen die paar Gegenstände, die auf dem Nachttischchen lagen, die Kerze
mit Zündhölzchen, ein Buch und ein Nadelkissen, als seien es Gegenstände,
die er zur Verhandlung benötige. „Gewiß,“ sagte K. und das Wohlgefühl,
endlich einem vernünftigen Menschen gegenüberzustehen und über seine
Angelegenheit mit ihm sprechen zu können, ergriff ihn, „gewiß, ich bin
überrascht, aber ich bin keineswegs sehr überrascht.“ „Nicht sehr
überrascht?“ fragte der Aufseher und stellte nun die Kerze in die Mitte des
Tischchens, während er die andern Sachen um sie gruppierte. „Sie
mißverstehen mich vielleicht,“ beeilte sich K. zu bemerken. „Ich meine“ —
Hier unterbrach sich K. und sah sich nach einem Sessel um. „Ich kann mich
doch setzen?“ fragte er. „Es ist nicht üblich,“ antwortete der Aufseher. „Ich
meine,“ sagte nun K. ohne weitere Pause, „ich bin allerdings sehr

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überrascht, aber man ist, wenn man 30 Jahre auf der Welt ist und sich allein
hat durchschlagen [19]müssen, wie es mir beschieden war, gegen
Überraschungen abgehärtet und nimmt sie nicht zu schwer. Besonders die
heutige nicht.“ „Warum besonders die heutige nicht?“ „Ich will nicht sagen,
daß ich das Ganze für einen Spaß ansehe, dafür scheinen mir die
Veranstaltungen, die gemacht wurden, doch zu umfangreich. Es müßten alle
Mitglieder der Pension daran beteiligt sein und auch Sie alle, das ginge über
die Grenzen eines Spaßes. Ich will also nicht sagen, daß es ein Spaß ist.“
„Ganz richtig,“ sagte der Aufseher und sah nach, wieviel Zündhölzchen in
der Zündhölzchenschachtel waren. „Andererseits aber,“ fuhr K. fort und
wandte sich hierbei an alle und hätte gern sogar die drei bei den
Photographien sich zugewendet, „andererseits aber kann die Sache auch
nicht viel Wichtigkeit haben. Ich folgere das daraus, daß ich angeklagt bin,
aber nicht die geringste Schuld auffinden kann, wegen deren man mich
anklagen könnte. Aber auch das ist nebensächlich, die Hauptfrage ist, von
wem bin ich angeklagt? Welche Behörde führt das Verfahren? Sind Sie
Beamte? Keiner hat eine Uniform, wenn man nicht Ihr Kleid — hier wandte
er sich an Franz — [20]eine Uniform nennen will, aber es ist doch eher ein
Reiseanzug. In diesen Fragen verlange ich Klarheit und ich bin überzeugt,
daß wir nach dieser Klarstellung voneinander den herzlichsten Abschied
werden nehmen können.“ Der Aufseher schlug die Zündhölzchenschachtel
auf den Tisch nieder. „Sie befinden sich in einem großen Irrtum,“ sagte er.
„Diese Herren hier und ich sind für Ihre Angelegenheit vollständig
nebensächlich, ja wir wissen sogar von ihr fast nichts. Wir könnten die
regelrechtesten Uniformen tragen und Ihre Sache würde um nichts
schlechter stehn. Ich kann Ihnen auch durchaus nicht sagen, daß Sie
angeklagt sind, oder vielmehr ich weiß nicht, ob Sie es sind. Sie sind
verhaftet, das ist richtig, mehr weiß ich nicht. Vielleicht haben die Wächter
etwas anderes geschwätzt, dann ist es eben nur Geschwätz gewesen. Wenn
ich nun aber auch Ihre Fragen nicht beantworte, so kann ich Ihnen doch
raten, denken Sie weniger an uns und an das, was mit Ihnen geschehen
wird, denken Sie lieber mehr an sich. Und machen Sie keinen solchen Lärm
mit dem Gefühl Ihrer Unschuld, es stört den nicht gerade schlechten

Page 21

Eindruck, den Sie im übrigen machen. [21]Auch sollten Sie überhaupt im
Reden zurückhaltender sein, fast alles, was Sie vorhin gesagt haben, hätte
man auch, wenn Sie nur ein paar Worte gesagt hätten, Ihrem Verhalten
entnehmen können, außerdem war es nichts für Sie übermäßig Günstiges.“

K. starrte den Aufseher an. Schulmäßige Lehren bekam er hier von einem
vielleicht jüngeren Menschen? Für seine Offenheit wurde er mit einer Rüge
bestraft? Und über den Grund seiner Verhaftung und über deren
Auftraggeber erfuhr er nichts?

Er geriet in eine gewisse Aufregung, ging auf und ab, woran ihn niemand
hinderte, schob seine Manschetten zurück, befühlte die Brust, strich sein
Haar zurecht, kam an den drei Herren vorüber, sagte, „es ist ja sinnlos“,
worauf sich diese zu ihm umdrehten und ihn entgegenkommend, aber ernst
ansahen, und machte endlich wieder vor dem Tisch des Aufsehers halt. „Der
Staatsanwalt Hasterer ist mein guter Freund,“ sagte er „kann ich ihm
telephonieren?“ „Gewiß,“ sagte der Aufseher, „aber ich weiß nicht, welchen
Sinn das haben sollte, es müßte denn sein, daß Sie irgendeine private
Angelegenheit [22]mit ihm zu besprechen haben.“ „Welchen Sinn?“ rief K.
mehr bestürzt als geärgert. „Wer sind Sie denn? Sie wollen einen Sinn und
führen das Sinnloseste auf, was es gibt. Ist es nicht zum Steinerweichen?
Die Herren haben mich zuerst überfallen und jetzt sitzen oder stehn sie hier
herum und lassen mich vor Ihnen die hohe Schule reiten. Welchen Sinn es
hätte, an einen Staatsanwalt zu telephonieren, wenn ich angeblich verhaftet
bin? Gut, ich werde nicht telephonieren.“ „Aber doch,“ sagte der Aufseher
und streckte die Hand zum Vorzimmer aus, wo das Telephon war, „bitte
telephonieren Sie doch.“ „Nein, ich will nicht mehr,“ sagte K. und ging zum
Fenster. Drüben war noch die Gesellschaft beim Fenster und schien nur
jetzt dadurch, daß K. ans Fenster herangetreten war, in der Ruhe des
Zuschauens ein wenig gestört. Die Alten wollten sich erheben, aber der
Mann hinter ihnen beruhigte sie. „Dort sind auch solche Zuschauer,“ rief K.
ganz laut dem Aufseher zu und zeigte mit dem Zeigefinger hinaus. „Weg
von dort,“ rief er dann hinüber. Die drei wichen auch sofort ein paar

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Schritte zurück, die beiden Alten sogar noch hinter den Mann, der [23]sie
mit seinem breiten Körper deckte und, nach seinen Mundbewegungen zu
schließen, irgend etwas auf die Entfernung hin Unverständliches sagte.
Ganz aber verschwanden sie nicht, sondern schienen auf den Augenblick zu
warten, bis sie sich unbemerkt wieder dem Fenster nähern könnten.
„Zudringliche, rücksichtslose Leute!“ sagte K., als er sich im Zimmer
zurückwendete. Der Aufseher stimmte ihm möglicherweise zu, wie K. mit
einem Seitenblick zu erkennen glaubte. Aber es war ebensogut möglich,
daß er gar nicht zugehört hatte, denn er hatte eine Hand fest auf den Tisch
gedrückt und schien die Finger ihrer Länge nach zu vergleichen. Die zwei
Wächter saßen auf einen mit einer Schmuckdecke verhüllten Koffer und
rieben ihre Knie. Die drei jungen Leute hatten die Hände in die Hüften
gelegt und sahen ziellos herum. Es war still wie in irgendeinem vergessenen
Bureau. „Nun, meine Herren,“ rief K., es schien ihm einen Augenblick lang,
als trage er alle auf seinen Schultern, „Ihrem Aussehn nach zu schließen,
dürfte meine Angelegenheit beendet sein. Ich bin der Ansicht, daß es am
besten ist, über die Berechtigung oder Nichtberechtigung [24]Ihres Vorgehns
nicht mehr nachzudenken und der Sache durch einen gegenseitigen
Händedruck einen versöhnlichen Abschluß zu geben. Wenn auch Sie meiner
Ansicht sind, dann bitte“ — und er trat an den Tisch des Aufsehers hin und
reichte ihm die Hand. Der Aufseher hob die Augen, nagte an den Lippen
und sah auf K.s ausgestreckte Hand, noch immer glaubte K., der Aufseher
werde einschlagen. Dieser aber stand auf, nahm einen harten runden Hut,
der auf Fräulein Bürstners Bett lag und setzte sich ihn vorsichtig mit beiden
Händen auf, wie man es bei der Anprobe neuer Hüte tut. „Wie einfach
Ihnen alles scheint!“ sagte er dabei zu K., „wir sollten der Sache einen
versöhnlichen Abschluß geben, meinten Sie? Nein, nein, das geht wirklich
nicht. Womit ich andererseits durchaus nicht sagen will, daß Sie
verzweifeln sollen. Nein, warum denn? Sie sind nur verhaftet, nichts weiter.
Das hatte ich Ihnen mitzuteilen, habe es getan und habe auch gesehn, wie
Sie es aufgenommen haben. Damit ist es für heute genug und wir können
uns verabschieden, allerdings nur vorläufig. Sie werden wohl jetzt in die
Bank gehn wollen?“ „In die Bank?“ fragte K., „ich dachte, [25]ich wäre

Page 23

verhaftet.“ K. fragte mit einem gewissen Trotz, denn obwohl sein
Handschlag nicht angenommen worden war, fühlte er sich, insbesondere
seitdem der Aufseher aufgestanden war, immer unabhängiger von allen
diesen Leuten. Er spielte mit ihnen. Er hatte die Absicht, falls sie weggehn
sollten, bis zum Haustor nachzulaufen und ihnen seine Verhaftung
anzubieten. Darum wiederholte er auch: „Wie kann ich denn in die Bank
gehn, da ich verhaftet bin?“ „Ach so,“ sagte der Aufseher, der schon bei der
Tür war, „Sie haben mich mißverstanden. Sie sind verhaftet, gewiß, aber
das soll Sie nicht hindern, Ihren Beruf zu erfüllen. Sie sollen auch in Ihrer
gewöhnlichen Lebensweise nicht gehindert sein.“ „Dann ist das
Verhaftetsein nicht sehr schlimm,“ sagte K. und ging nahe an den Aufseher
heran. „Ich meinte es niemals anders,“ sagte dieser. „Es scheint aber dann
nicht einmal die Mitteilung der Verhaftung sehr notwendig gewesen zu
sein,“ sagte K. und ging noch näher. Auch die andern hatten sich genähert.
Alle waren jetzt auf einem engen Raum bei der Tür versammelt. „Es war
meine Pflicht,“ sagte der Aufseher. „Eine dumme Pflicht,“ sagte K.
unnachgiebig. [26]„Mag sein,“ antwortete der Aufseher, „aber wir wollen
mit solchen Reden nicht unsere Zeit verlieren. Ich hatte angenommen, daß
Sie in die Bank gehn wollen. Da Sie auf alle Worte aufpassen, füge ich
hinzu: ich zwinge Sie nicht in die Bank zu gehn, ich hatte nur angenommen,
daß Sie es wollen. Und um Ihnen das zu erleichtern, und Ihre Ankunft in
der Bank möglichst unauffällig zu machen, habe ich diese drei Herren, Ihre
Kollegen, hier zu Ihrer Verfügung gehalten.“ „Wie?“ rief K. und staunte die
drei an. Diese so uncharakteristischen blutarmen jungen Leute, die er
immer noch nur als Gruppe bei den Photographien in der Erinnerung hatte,
waren tatsächlich Beamte aus seiner Bank, nicht Kollegen, das war zu viel
gesagt und bereits eine Lücke in der Allwissenheit des Aufsehers, aber
untergeordnete Beamte aus der Bank waren es allerdings. Wie hatte K. das
übersehen können? Wie hatte er doch hingenommen sein müssen, von dem
Aufseher und den Wächtern, um diese drei nicht zu erkennen. Den steifen,
die Hände schwingenden Rabensteiner, den blonden Kullich mit den
tiefliegenden Augen und Kaminer mit dem unausstehlichen, durch eine
[27]chronische Muskelzerrung bewirkten Lächeln, „Guten Morgen!“ sagte

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K. nach einem Weilchen und reichte den sich korrekt verbeugenden Herren
die Hand. „Ich habe Sie gar nicht erkannt. Nun werden wir also an die
Arbeit gehn, nicht?“ Die Herren nickten lachend und eifrig, als hätten sie
die ganze Zeit über darauf gewartet, nur als K. seinen Hut vermißte, der in
seinem Zimmer liegen geblieben war, liefen sie sämtlich hintereinander ihn
holen, was immerhin auf eine gewisse Verlegenheit schließen ließ. K. stand
still und sah ihnen durch die zwei offenen Türen nach, der letzte war
natürlich der gleichgültige Rabensteiner, der bloß einen eleganten Trab
angeschlagen hatte. Kaminer überreichte den Hut und K. mußte sich, wie
dies übrigens auch öfters in der Bank nötig war, ausdrücklich sagen, daß
Kaminers Lächeln nicht Absicht war, ja daß er überhaupt absichtlich nicht
lächeln konnte. Im Vorzimmer öffnete dann Frau Grubach, die gar nicht
sehr schuldbewußt aussah, der ganzen Gesellschaft die Wohnungstür und K.
sah, wie so oft, auf ihr Schürzenband nieder, das so unnötig tief in ihren
mächtigen Leib einschnitt. Unten entschloß sich K., die Uhr [28]in der Hand,
ein Automobil zu nehmen, um die schon halbstündige Verspätung nicht
unnötig zu vergrößern. Kaminer lief zur Ecke, um den Wagen zu holen, die
zwei andern versuchten offensichtlich K. zu zerstreuen, als plötzlich
Kullich auf das gegenüberliegende Haustor zeigte, in dem eben der große
Mann mit dem blonden Spitzbart erschien und im ersten Augenblick, ein
wenig verlegen darüber, daß er sich jetzt in seiner ganzen Größe zeigte, zur
Wand zurücktrat und sich anlehnte. Die Alten waren wohl noch auf der
Treppe. K. ärgerte sich über Kullich, daß dieser auf den Mann aufmerksam
machte, den er selbst schon früher gesehen, ja den er sogar erwartet hatte.
„Schauen Sie nicht hin,“ stieß er hervor, ohne zu bemerken, wie auffallend
eine solche Redeweise gegenüber selbständigen Männern war. Es war aber
auch keine Erklärung nötig, denn gerade kam das Automobil, man setzte
sich und fuhr los. Da erinnerte sich K., daß er das Weggehn des Aufsehers
und der Wächter gar nicht bemerkt hatte, der Aufseher hatte ihm die drei
Beamten verdeckt und nun wieder die Beamten den Aufseher. Viel
Geistesgegenwart bewies das nicht, und K. nahm [29]sich vor, sich in dieser
Hinsicht genauer zu beobachten. Doch drehte er sich noch unwillkürlich um
und beugte sich über das Hinterdeck des Automobils vor, um

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möglicherweise den Aufseher und die Wächter noch zu sehn. Aber gleich
wendete er sich wieder zurück, und lehnte sich bequem in die Wagenecke
ohne auch nur den Versuch gemacht zu haben, jemanden zu suchen.
Trotzdem es nicht den Anschein hatte, hätte er gerade jetzt Zuspruch nötig
gehabt, aber nun schienen die Herren ermüdet, Rabensteiner sah rechts aus
dem Wagen, Kullich links und nur Kaminer stand mit seinem Grinsen zur
Verfügung, über das einen Spaß zu machen leider die Menschlichkeit
verbot.

*

In diesem Frühjahr pflegte K. die Abende in der Weise zu verbringen, daß
er nach der Arbeit, wenn dies noch möglich war — er saß meistens bis 9
Uhr im Bureau — einen kleinen Spaziergang allein oder mit Beamten
machte und dann in eine Bierstube ging, wo er an einem Stammtisch mit
meist ältern Herren gewöhnlich bis 11 Uhr beisammen saß. Es gab aber
auch Ausnahmen von dieser Einteilung, [30]wenn K. z. B. vom
Bankdirektor, der seine Arbeitskraft und Vertrauenswürdigkeit sehr
schätzte, zu einer Autofahrt oder zu einem Abendessen in seiner Villa
eingeladen wurde. Außerdem ging K. einmal in der Woche zu einem
Mädchen namens Elsa, die während der Nacht bis in den späten Morgen als
Kellnerin in einer Weinstube bediente und während des Tages nur vom Bett
aus Besuche empfing.

An diesem Abend aber — der Tag war unter angestrengter Arbeit und vielen
ehrenden und freundschaftlichen Geburtstagswünschen schnell verlaufen —
wollte K. sofort nach Hause gehn. In allen kleinen Pausen der Tagesarbeit
hatte er daran gedacht; ohne genau zu wissen, was er meinte, schien es ihm,
als ob durch die Vorfälle des Morgens eine große Unordnung in der ganzen
Wohnung der Frau Grubach verursacht worden sei und daß gerade er nötig
sei, um die Ordnung wiederherzustellen. War aber einmal diese Ordnung
hergestellt, dann war jede Spur jener Vorfälle ausgelöscht und alles nahm
seinen alten Gang wieder auf. Insbesondere von den drei Beamten war

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nichts zu befürchten, sie waren wieder in die große Beamtenschaft [31]der
Bank versenkt, es war keine Veränderung an ihnen zu bemerken. K. hatte
sie öfters einzeln und gemeinsam in sein Bureau berufen, zu keinem andern
Zweck, als um sie zu beobachten; immer hatte er sie befriedigt entlassen
können.

Als er um ½10 Uhr abends vor dem Hause, in dem er wohnte, ankam, traf
er im Haustor einen jungen Burschen, der dort breitbeinig stand und eine
Pfeife rauchte. „Wer sind Sie,“ fragte K. sofort und brachte sein Gesicht
nahe an den Burschen, man sah nicht viel im Halbdunkel des Flurs. „Ich bin
der Sohn des Hausmeisters, gnädiger Herr,“ antwortete der Bursche, nahm
die Pfeife aus dem Mund und trat zur Seite. „Der Sohn des Hausmeisters?“
fragte K. und klopfte mit seinem Stock ungeduldig den Boden. „Wünscht
der gnädige Herr etwas? Soll ich den Vater holen?“ „Nein, nein,“ sagte K.,
in seiner Stimme lag etwas Verzeihendes, als habe der Bursche etwas Böses
ausgeführt, er aber verzeihe ihm. „Es ist gut,“ sagte er dann und ging weiter,
aber ehe er die Treppe hinaufstieg, drehte er sich noch einmal um.

Er hätte geradewegs in sein Zimmer gehen können, aber da er mit Frau
Grubach sprechen [32]wollte, klopfte er gleich an ihre Türe an. Sie saß mit
einem Strickstrumpf am Tisch, auf dem noch ein Haufen alter Strümpfe lag.
K. entschuldigte sich zerstreut, daß er so spät komme, aber Frau Grubach
war sehr freundlich und wollte keine Entschuldigung hören, für ihn sei sie
immer zu sprechen, er wisse sehr gut, daß er ihr bester und liebster Mieter
sei. K. sah sich im Zimmer um, es war wieder vollkommen in seinem alten
Zustand, das Frühstücksgeschirr, das früh auf dem Tischchen beim Fenster
gestanden hatte, war auch schon weggeräumt. Frauenhände bringen doch
im Stillen viel fertig, dachte er, er hätte das Geschirr vielleicht auf der Stelle
zerschlagen, aber gewiß nicht hinaustragen können. Er sah Frau Grubach
mit einer gewissen Dankbarkeit an. „Warum arbeiten Sie noch so spät,“
fragte er. Sie saßen nun beide am Tisch und K. vergrub von Zeit zu Zeit
seine Hand in die Strümpfe. „Es gibt viel Arbeit,“ sagte sie, „während des
Tages gehöre ich den Mietern; wenn ich meine Sachen in Ordnung bringen

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will, bleiben mir nur die Abende.“ „Ich habe Ihnen heute wohl noch eine
außergewöhnliche Arbeit gemacht.“ „Wieso denn,“ fragte sie, etwas eifriger
[33]werdend, die Arbeit ruhte in ihrem Schoße. „Ich meine die Männer, die
heute früh hier waren.“ „Ach so,“ sagte sie und kehrte wieder in ihre Ruhe
zurück, „das hat mir keine besondere Arbeit gemacht.“ K. sah schweigend
zu, wie sie den Strickstrumpf wieder vornahm. Sie scheint sich zu wundern,
daß ich davon spreche, dachte er, sie scheint es nicht für richtig zu halten,
daß ich davon spreche. Desto wichtiger ist es, daß ich es tue. Nur mit einer
alten Frau kann ich davon sprechen. „Doch, Arbeit hat es gewiß gemacht,“
sagte er dann, „aber es wird nicht wieder vorkommen.“ „Nein, das kann
nicht wieder vorkommen,“ sagte sie bekräftigend und lächelte K. fast
wehmütig an. „Meinen Sie das ernstlich?“ fragte K. „Ja,“ sagte sie leiser,
„aber vor allem dürfen Sie es nicht zu schwer nehmen. Was geschieht nicht
alles in der Welt! Da Sie so vertraulich mit mir reden, Herr K., kann ich
Ihnen ja eingestehen, daß ich ein wenig hinter der Tür gehorcht habe und
daß mir auch die beiden Wächter einiges erzählt haben. Es handelt sich ja
um Ihr Glück, und das liegt mir wirklich am Herzen, mehr als mir vielleicht
zusteht, denn ich bin ja [34]bloß die Vermieterin. Nun, ich habe also einiges
gehört, aber ich kann nicht sagen, daß es etwas besonders Schlimmes war.
Nein. Sie sind zwar verhaftet, aber nicht so wie ein Dieb verhaftet wird.
Wenn man wie ein Dieb verhaftet wird, so ist es schlimm, aber diese
Verhaftung—. Es kommt mir wie etwas Gelehrtes vor, entschuldigen Sie,
wenn ich etwas Dummes sage, es kommt mir wie etwas Gelehrtes vor, das
ich zwar nicht verstehe, das man aber auch nicht verstehen muß.“

„Es ist gar nichts Dummes, was Sie gesagt haben, Frau Grubach,
wenigstens bin auch ich zum Teil Ihrer Meinung, nur urteile ich über das
Ganze noch schärfer als Sie, und halte es einfach nicht einmal für etwas
Gelehrtes, sondern überhaupt für nichts. Ich wurde überrumpelt, das war es.
Wäre ich gleich nach dem Erwachen, ohne mich durch das Ausbleiben der
Anna beirren zu lassen, aufgestanden und ohne Rücksicht auf irgend
jemand, der mir in den Weg getreten wäre, zu Ihnen gegangen, hätte ich
diesmal ausnahmsweise etwa in der Küche gefrühstückt, hätte mir von

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Ihnen die Kleidungsstücke aus meinem Zimmer bringen lassen, kurz, hätte
ich vernünftig gehandelt, [35]so wäre nichts weiter geschehen, es wäre alles,
was werden wollte, erstickt worden. Man ist aber so wenig vorbereitet. In
der Bank z. B. bin ich vorbereitet, dort könnte mir etwas Derartiges
unmöglich geschehn, ich habe dort einen eigenen Diener, das allgemeine
Telephon und das Bureautelephon stehn vor mir auf dem Tisch, immerfort
kommen Leute, Parteien und Beamte, außerdem aber und vor allem bin ich
dort immerfort im Zusammenhang der Arbeit, daher geistesgegenwärtig, es
würde mir geradezu ein Vergnügen machen, dort einer solchen Sache
gegenübergestellt zu werden. Nun, es ist vorüber und ich wollte eigentlich
auch gar nicht mehr darüber sprechen, nur Ihr Urteil, das Urteil einer
vernünftigen Frau wollte ich hören und bin sehr froh, daß wir darin
übereinstimmen. Nun müssen Sie mir aber die Hand reichen, eine solche
Übereinstimmung muß durch Handschlag bekräftigt werden.“

Ob sie mir die Hand reichen wird? Der Aufseher hat mir die Hand nicht
gereicht, dachte er und sah die Frau anders als früher, prüfend an. Sie stand
auf, weil auch er aufgestanden war, sie war ein wenig befangen, weil ihr
nicht alles, was K. gesagt [36]hatte, verständlich gewesen war. Infolge dieser
Befangenheit sagte sie aber etwas, was sie gar nicht wollte und was auch
gar nicht am Platze war: „Nehmen Sie es doch nicht so schwer, Herr K.,“
sagte sie, hatte Tränen in der Stimme und vergaß natürlich auch den
Handschlag. „Ich wüßte nicht, daß ich es schwer nehme,“ sagte K. plötzlich
ermüdet und das Wertlose aller Zustimmungen dieser Frau einsehend.

Bei der Tür fragte er noch: „Ist Fräulein Bürstner zu Hause?“ „Nein,“ sagte
Frau Grubach und lächelte bei dieser trockenen Auskunft mit einer
verspäteten vernünftigen Teilnahme. „Sie ist im Theater. Wollten Sie etwas
von ihr? Soll ich ihr etwas ausrichten?“ „Ach, ich wollte nur paar Worte mit
ihr reden.“ „Ich weiß leider nicht, wann sie kommt; wenn sie im Theater ist,
kommt sie gewöhnlich spät.“ „Das ist ja ganz gleichgültig,“ sagte K. und
drehte schon den gesenkten Kopf der Tür zu, um wegzugehn, „ich wollte
mich nur bei ihr entschuldigen, daß ich heute ihr Zimmer in Anspruch

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genommen habe.“ „Das ist nicht nötig, Herr K., Sie sind zu rücksichtsvoll,
das Fräulein weiß ja von gar nichts, sie war seit dem frühen [37]Morgen
noch nicht zu Hause, es ist auch schon alles in Ordnung gebracht, sehen Sie
selbst.“ Und sie öffnete die Tür zu Fräulein Bürstners Zimmer. „Danke, ich
glaube es,“ sagte K., ging dann aber doch zu der offenen Tür. Der Mond
schien still in das dunkle Zimmer. Soviel man sehen konnte, war wirklich
alles an seinem Platz, auch die Bluse hing nicht mehr an der Fensterklinke.
Auffallend hoch schienen die Polster im Bett, sie lagen zum Teil im
Mondlicht. „Das Fräulein kommt oft spät nach Hause,“ sagte K. und sah
Frau Grubach an, als trage sie die Verantwortung dafür. „Wie eben junge
Leute sind!“ sagte Frau Grubach entschuldigend. „Gewiß, gewiß,“ sagte K.,
„es kann aber zu weit gehen.“ „Das kann es,“ sagte Frau Grubach, „wie
sehr haben Sie recht, Herr K. Vielleicht sogar in diesem Fall. Ich will
Fräulein Bürstner gewiß nicht verleumden, sie ist ein gutes liebes Mädchen,
freundlich, ordentlich, pünktlich, arbeitsam, ich schätze das alles sehr, aber
eines ist wahr, sie sollte stolzer, zurückhaltender sein. Ich habe sie in
diesem Monat schon zweimal in entlegenen Straßen und immer mit einem
andern Herrn gesehn. Es ist mir sehr peinlich, ich erzähle es [38]beim
wahrhaftigen Gott nur Ihnen, Herr K., aber es wird sich nicht vermeiden
lassen, daß ich auch mit dem Fräulein selbst darüber spreche. Es ist
übrigens nicht das einzige, das sie mir verdächtig macht.“ „Sie sind auf
ganz falschem Weg,“ sagte K. wütend und fast unfähig es zu verbergen,
„übrigens haben Sie offenbar auch meine Bemerkung über das Fräulein
mißverstanden, so war es nicht gemeint. Ich warne Sie sogar aufrichtig,
dem Fräulein irgend etwas zu sagen, Sie sind durchaus im Irrtum, ich kenne
das Fräulein sehr gut, es ist nichts davon wahr, was Sie sagten. Übrigens
vielleicht gehe ich zu weit, ich will Sie nicht hindern, sagen Sie ihr, was Sie
wollen. Gute Nacht.“ „Herr K.,“ sagte Frau Grubach bittend und eilte K. bis
zu seiner Tür nach, die er schon geöffnet hatte, „ich will ja noch gar nicht
mit dem Fräulein reden, natürlich will ich sie vorher noch weiter
beobachten, nur Ihnen habe ich anvertraut, was ich wußte. Schließlich muß
es doch im Sinne jedes Mieters sein, wenn man die Pension rein zu erhalten
sucht, und nichts anderes ist mein Bestreben dabei.“ „Die Reinheit!“ rief K.

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noch durch die Spalte der Tür, „wenn sie die Pension rein erhalten wollen,
[39]müssen Sie zuerst mir kündigen.“ Dann schlug er die Tür zu, ein leises
Klopfen beachtete er nicht mehr.

Dagegen beschloß er, da er gar keine Lust zum Schlafen hatte, noch
wachzubleiben und bei dieser Gelegenheit auch festzustellen, wann
Fräulein Bürstner kommen würde. Vielleicht wäre es dann auch möglich, so
unpassend es sein mochte, noch ein paar Worte mit ihr zu reden. Als er im
Fenster lag und die müden Augen drückte, dachte er einen Augenblick
sogar daran, Frau Grubach zu bestrafen und Fräulein Bürstner zu überreden,
gemeinsam mit ihm zu kündigen. Sofort aber erschien ihm das entsetzlich
übertrieben und er hatte sogar den Verdacht gegen sich, daß er darauf
ausging, die Wohnung wegen der Vorfälle am Morgen zu wechseln. Nichts
wäre unsinniger und vor allem zweckloser und verächtlicher gewesen.

Als er des Hinausschauens auf die leere Straße überdrüssig geworden war,
legte er sich auf das Kanapee, nachdem er die Tür zum Vorzimmer ein
wenig geöffnet hatte, um jeden, der die Wohnung betrat, gleich vom
Kanapee aus sehen zu können. Etwa bis 11 Uhr lag er ruhig, eine Zigarre
rauchend, [40]auf dem Kanapee. Von da ab hielt er es aber nicht mehr dort
aus, sondern ging ein wenig ins Vorzimmer, als könne er dadurch die
Ankunft des Fräulein Bürstner beschleunigen. Er hatte kein besonderes
Verlangen nach ihr, er konnte sich nicht einmal genau erinnern, wie sie
aussah, aber nun wollte er mit ihr reden und es reizte ihn, daß sie durch ihr
spätes Kommen auch noch in den Abschluß dieses Tages Unruhe und
Unordnung brachte. Sie war auch schuld daran, daß er heute nicht zu Abend
gegessen und daß er den für heute beabsichtigten Besuch bei Elsa
unterlassen hatte. Beides konnte er allerdings noch dadurch nachholen, daß
er jetzt in das Weinlokal ging, in dem Elsa bedienstet war. Er wollte es auch
noch später nach der Unterredung mit Fräulein Bürstner tun.

Es war ½12 vorüber, als jemand im Treppenhaus zu hören war. K., der
seinen Gedanken hingegeben im Vorzimmer so als wäre es sein eigenes

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Zimmer laut auf und ab ging, flüchtete hinter seine Tür. Es war Fräulein
Bürstner, die gekommen war. Fröstelnd zog sie, während sie die Tür
versperrte, einen seidenen Schal um ihre schmalen Schultern zusammen. Im
nächsten Augenblick mußte sie in [41]ihr Zimmer gehen, in das K. gewiß um
Mitternacht nicht eindringen durfte; er mußte sie also jetzt ansprechen, hatte
aber unglücklicherweise versäumt, das elektrische Licht in seinem Zimmer
anzudrehen, so daß sein Vortreten aus dem dunklen Zimmer den Anschein
eines Überfalls hatte und wenigstens sehr erschrecken mußte. In seiner
Hilflosigkeit und da keine Zeit zu verlieren war, flüsterte er durch den
Türspalt: „Fräulein Bürstner.“ Es klang wie eine Bitte, nicht wie ein Anruf.
„Ist jemand hier,“ fragte Fräulein Bürstner und sah sich mit großen Augen
um. „Ich bin es,“ sagte K. und trat vor. „Ach Herr K.!“ sagte Fräulein
Bürstner lächelnd. „Guten Abend“ und sie reichte ihm die Hand. „Ich wollte
ein paar Worte mit Ihnen sprechen, wollen Sie mir das jetzt erlauben?“
„Jetzt?“ fragte Fräulein Bürstner, „muß es jetzt sein? es ist ein wenig
sonderbar, nicht?“ „Ich warte seit 9 Uhr auf Sie.“ „Nun ja, ich war im
Theater, ich wußte doch nichts von Ihnen.“ „Der Anlaß für das, was ich
Ihnen sagen will, hat sich erst heute ergeben.“ „So, nun ich habe ja nichts
Grundsätzliches dagegen, außer daß ich zum Hinfallen müde bin. Also
kommen Sie auf ein paar [42]Minuten in mein Zimmer. Hier können wir uns
auf keinen Fall unterhalten, wir wecken ja alle und das wäre mir
unseretwegen noch unangenehmer als der Leute wegen. Warten Sie hier, bis
ich in meinem Zimmer angezündet habe, und drehen Sie dann hier das
Licht ab.“ K. tat so, wartete dann aber noch, bis Fräulein Bürstner ihn aus
ihrem Zimmer nochmals leise aufforderte zu kommen. „Setzen Sie sich,“
sagte sie und zeigte auf die Ottomane, sie selbst blieb aufrecht am
Bettpfosten trotz der Müdigkeit, von der sie gesprochen hatte; nicht einmal
ihren kleinen, aber mit einer Überfülle von Blumen geschmückten Hut legte
sie ab. „Was wollten Sie also? Ich bin wirklich neugierig?“ Sie kreuzte
leicht die Beine. „Sie werden vielleicht sagen,“ begann K., „daß die Sache
nicht so dringend war, um jetzt besprochen zu werden, aber —“
„Einleitungen überhöre ich immer,“ sagte Fräulein Bürstner. „Das
erleichtert meine Aufgabe,“ sagte K. „Ihr Zimmer ist heute früh,

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gewissermaßen durch meine Schuld, ein wenig in Unordnung gebracht
worden, es geschah durch fremde Leute gegen meinen Willen und doch wie
gesagt durch meine Schuld; dafür wollte ich um Entschuldigung [43]bitten.“
„Mein Zimmer?“ fragte Fräulein Bürstner, und sah statt des Zimmers K.
prüfend an. „Es ist so,“ sagte K. und nun sahen einander beide zum
erstenmal in die Augen, „die Art und Weise, in der es geschah, ist an sich
keines Wortes wert.“ „Aber doch das eigentlich Interessante,“ sagte
Fräulein Bürstner. „Nein,“ sagte K. „Nun,“ sagte Fräulein Bürstner, „ich
will mich nicht in Geheimnisse eindrängen, bestehen Sie darauf, daß es
uninteressant ist, so will ich auch nichts dagegen einwenden. Die
Entschuldigung, um die Sie bitten, gebe ich Ihnen hiermit gern, besonders
da ich keine Spur einer Unordnung finden kann.“ Sie machte, die flachen
Hände tief an die Hüften gelegt, einen Rundgang durch das Zimmer. Bei
der Matte mit den Photographien blieb sie stehn. „Sehn Sie doch,“ rief sie,
„meine Photographien sind wirklich durcheinandergeworfen. Das ist aber
häßlich. Es ist also jemand unberechtigterweise in meinem Zimmer
gewesen.“ K. nickte und verfluchte im stillen den Beamten Kaminer, der
seine öde sinnlose Lebhaftigkeit niemals zähmen konnte. „Es ist
sonderbar,“ sagte Fräulein Bürstner, „daß ich gezwungen bin, Ihnen etwas
[44]zu verbieten, was Sie sich selbst verbieten müßten, nämlich in meiner
Abwesenheit mein Zimmer zu betreten.“ „Ich erklärte Ihnen doch,
Fräulein,“ sagte K. und ging auch zu den Photographien, „daß nicht ich es
war, der sich an Ihren Photographien vergangen hat; aber da Sie mir nicht
glauben, so muß ich also eingestehn, daß die Untersuchungskommission
drei Bankbeamte mitgebracht hat, von denen der eine, den ich bei nächster
Gelegenheit aus der Bank hinausbefördern werde, die Photographien
wahrscheinlich in die Hand genommen hat.“ „Ja es war eine
Untersuchungskommission hier,“ fügte K. hinzu, da ihn das Fräulein mit
einem fragenden Blick ansah. „Ihretwegen?“ fragte das Fräulein. „Ja,“
antwortete K. „Nein,“ rief das Fräulein und lachte. „Doch,“ sagte K.,
„glauben Sie denn, daß ich schuldlos bin?“ „Nun, schuldlos,“ sagte das
Fräulein, „ich will nicht gleich ein vielleicht folgenschweres Urteil
aussprechen, auch kenne ich Sie doch nicht, immerhin, es muß doch schon

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ein schwerer Verbrecher sein, dem man gleich eine
Untersuchungskommission auf den Leib schickt. Da Sie aber doch frei sind
— ich schließe wenigstens aus Ihrer Ruhe, daß Sie nicht aus dem Gefängnis
[45]entlaufen sind — so können Sie doch kein solches Verbrechen begangen
haben.“ „Ja,“ sagte K., „aber die Untersuchungskommission kann doch
eingesehen haben, daß ich unschuldig bin oder doch nicht so schuldig, wie
angenommen wurde.“ „Gewiß, das kann sein,“ sagte Fräulein Bürstner sehr
aufmerksam. „Sehen Sie,“ sagte K., „Sie haben nicht viel Erfahrung in
Gerichtssachen.“ „Nein, das habe ich nicht,“ sagte Fräulein Bürstner „und
habe es auch schon oft bedauert, denn ich möchte alles wissen, und gerade
Gerichtssachen interessieren mich ungemein. Das Gericht hat eine
eigentümliche Anziehungskraft, nicht? Aber ich werde in dieser Richtung
meine Kenntnisse sicher vervollständigen, denn ich trete nächsten Monat
als Kanzleikraft in ein Advokatenbureau ein.“ „Das ist sehr gut,“ sagte K.,
„Sie werden mir dann in meinem Prozeß ein wenig helfen können.“ „Das
könnte sein,“ sagte Fräulein Bürstner, „warum denn nicht? Ich verwende
gern meine Kenntnisse.“ „Ich meine es auch im Ernst,“ sagte K., „oder
zumindest indem halben Ernst, in dem Sie es meinen. Um einen Advokaten
heranzuziehen, dazu ist die Sache doch zu kleinlich, aber einen Ratgeber
könnte ich gut [46]brauchen.“ „Ja, aber wenn ich Ratgeber sein soll, müßte
ich wissen, worum es sich handelt,“ sagte Fräulein Bürstner. „Das ist eben
der Haken,“ sagte K., „das weiß ich selbst nicht.“ „Dann haben Sie sich also
einen Spaß aus mir gemacht,“ sagte Fräulein Bürstner übermäßig
enttäuscht, „es war höchst unnötig, sich diese späte Nachtzeit dazu
auszusuchen.“ Und sie ging von den Photographien weg, wo sie so lange
vereinigt gestanden hatten. „Aber mein Fräulein,“ sagte K., „ich mache
keinen Spaß. Daß Sie mir nicht glauben wollen! Was ich weiß, habe ich
Ihnen schon gesagt. Sogar mehr als ich weiß, denn es war gar keine
Untersuchungskommission, ich nenne es so, weil ich keinen andern Namen
dafür weiß. Es wurde gar nichts untersucht, ich wurde nur verhaftet, aber
von einer Kommission.“ Fräulein Bürstner saß auf der Ottomane und lachte
wieder. „Wie war es denn?“ fragte sie. „Schrecklich“ sagte K., aber er
dachte jetzt gar nicht daran, sondern war ganz vom Anblick des Fräulein

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Bürstner ergriffen, die das Gesicht auf eine Hand stützte — der Ellbogen
ruhte auf dem Kissen der Ottomane — während die andere Hand langsam
die Hüfte strich. „Das ist zu [47]allgemein,“ sagte Fräulein Bürstner. „Was
ist zu allgemein?“ fragte K. Dann erinnerte er sich und fragte: „Soll ich
Ihnen zeigen, wie es gewesen ist?“ Er wollte Bewegung machen und doch
nicht weggehn. „Ich bin schon müde,“ sagte Fräulein Bürstner. „Sie kamen
so spät,“ sagte K. „Nun endet es damit, daß ich Vorwürfe bekomme, es ist
auch berechtigt, denn ich hätte Sie nicht mehr hereinlassen sollen.
Notwendig war es ja auch nicht, wie sich gezeigt hat.“ „Es war notwendig,
daß werden Sie erst jetzt sehn,“ sagte K. „Darf ich das Nachttischchen von
ihrem Bett herrücken?“ „Was fällt Ihnen ein?“ sagte Fräulein Bürstner, „das
dürfen Sie natürlich nicht!“ „Dann kann ich es Ihnen nicht zeigen,“ sagte K.
aufgeregt, als füge man ihm dadurch einen unermeßlichen Schaden zu. „Ja,
wenn Sie es zur Darstellung brauchen, dann rücken Sie das Tischchen nur
ruhig fort,“ sagte Fräulein Bürstner und fügte nach einem Weilchen mit
schwächerer Stimme hinzu: „Ich bin so müde, daß ich mehr erlaube, als gut
ist.“ K. stellte das Tischchen in die Mitte des Zimmers und setzte sich
dahinter. „Sie müssen sich die Verteilung der Personen richtig vorstellen, es
ist sehr [48]interessant. Ich bin der Aufseher, dort auf dem Koffer sitzen zwei
Wächter, bei den Photographien stehen drei junge Leute. An der
Fensterklinke hängt, was ich nur nebenbei erwähne, eine weiße Bluse. Und
jetzt fängt es an. Ja, ich vergesse mich, die wichtigste Person, also ich, stehe
hier vor dem Tischchen. Der Aufseher sitzt äußerst bequem, die Beine
übereinander gelegt, den Arm hier über die Lehne hinunterhängend, ein
Lümmel sondergleichen. Und jetzt fängt es also wirklich an. Der Aufseher
ruft, als ob er mich wecken müßte, er schreit geradezu, ich muß leider,
wenn ich es Ihnen begreiflich machen will, auch schreien, es ist übrigens
nur mein Name, den er so schreit.“ Fräulein Bürstner, die lachend zuhörte,
legte den Zeigefinger an den Mund, um K. am Schreien zu hindern, aber es
war zu spät, K. war zu sehr in der Rolle, er rief langsam „Josef K.,“
übrigens nicht so laut wie er gedroht hatte, aber doch so, daß sich der Ruf,
nachdem er plötzlich ausgestoßen war, erst allmählich im Zimmer zu
verbreiten schien.

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Da klopfte es an die Tür des Nebenzimmers einigemal, stark, kurz und
regelmäßig. Fräulein [49]Bürstner erbleichte und legte die Hand aufs Herz.
K. erschrak deshalb besonders stark, weil er noch ein Weilchen ganz
unfähig war, an etwas anderes zu denken als an die Vorfälle des Morgens
und an das Mädchen, dem er sie vorführte. Kaum hatte er sich gefaßt,
sprang er zu Fräulein Bürstner und nahm ihre Hand. „Fürchten Sie nichts,“
flüsterte er, „ich werde alles in Ordnung bringen. Wer kann es aber sein?
Hier nebenan ist doch nur das Wohnzimmer, in dem niemand schläft.“
„Doch,“ flüsterte Fräulein Bürstner an K.s Ohr, „seit gestern schläft hier ein
Neffe von Frau Grubach, ein Hauptmann. Es ist gerade kein anderes
Zimmer frei. Auch ich habe daran vergessen. Daß Sie so schreien mußten!
Ich bin unglücklich darüber.“ „Dafür ist gar kein Grund,“ sagte K. und
küßte, als sie jetzt auf das Kissen zurücksank, ihre Stirn. „Weg, weg,“ sagte
sie und richtete sich eilig wieder auf, „gehn Sie doch, gehn Sie doch, was
wollen Sie, er horcht doch an der Tür, er hört doch alles. Wie Sie mich
quälen!“ „Ich gehe nicht früher,“ sagte K., „bis Sie ein wenig beruhigt sind.
Kommen Sie in die andere Ecke des Zimmers, dort kann er uns nicht
hören.“ Sie ließ sich dorthin [50]führen. „Sie überlegen nicht,“ sagte er, „daß
es sich zwar um eine Unannehmlichkeit für Sie handelt, aber durchaus nicht
um eine Gefahr. Sie wissen, wie mich Frau Grubach, die in dieser Sache
doch entscheidet, besonders da der Hauptmann ihr Neffe ist, geradezu
verehrt und alles, was ich sage, unbedingt glaubt. Sie ist auch im übrigen
von mir abhängig, denn sie hat eine größere Summe von mir geliehen.
Jeden Ihrer Vorschläge über eine Erklärung für unser Beisammen nehme ich
an, wenn er nur ein wenig zweckentsprechend ist, und verbürge mich, Frau
Grubach dazu zu bringen, die Erklärung nicht nur vor der Öffentlichkeit,
sondern wirklich und aufrichtig zu glauben. Mich müssen Sie dabei in
keiner Weise schonen. Wollen Sie verbreitet haben, daß ich Sie überfallen
habe, so wird Frau Grubach in diesem Sinne unterrichtet werden und wird
es glauben, ohne das Vertrauen zu mir zu verlieren, so sehr hängt sie an
mir.“ Fräulein Bürstner sah, still und ein wenig zusammengesunken, vor
sich auf den Boden. „Warum sollte Frau Grubach nicht glauben, daß ich Sie
überfallen habe,“ fügte K. hinzu. Vor sich sah er ihr Haar, geteiltes, niedrig

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gebauschtes, [51]fest zusammengehaltenes, rötliches Haar. Er glaubte, sie
werde ihm den Blick zuwenden, aber sie sagte in unveränderter Haltung:
„Verzeihen Sie, ich bin durch das plötzliche Klopfen erschreckt worden,
nicht so sehr durch die Folgen, die die Anwesenheit des Hauptmanns haben
könnte. Es war so still nach Ihrem Schrei und da klopfte es, deshalb bin ich
so erschrocken, ich saß auch in der Nähe der Tür, es klopfte fast neben mir.
Für Ihre Vorschläge danke ich, aber ich nehme sie nicht an. Ich kann für
alles, was in meinem Zimmer geschieht, die Verantwortung tragen, und
zwar gegenüber jedem. Ich wundere mich, daß Sie nicht merken, was für
eine Beleidigung für mich in Ihren Vorschlägen liegt, neben den guten
Absichten natürlich, die ich gewiß anerkenne. Aber nun gehen Sie, lassen
Sie mich allein, ich habe es jetzt noch nötiger als früher. Aus den paar
Minuten, um die Sie gebeten haben, ist nun eine halbe Stunde und mehr
geworden.“ K. faßte sie bei der Hand und dann beim Handgelenk: „Sie sind
mir aber nicht böse?“ sagte er. Sie streifte seine Hand ab und antwortete:
„Nein, nein, ich bin niemals und niemandem böse.“ Er faßte wieder [52]nach
ihrem Handgelenk, sie duldete es jetzt und führte ihn so zur Tür. Er war fest
entschlossen, wegzugehen. Aber vor der Tür, als hätte er nicht erwartet, hier
eine Tür zu finden, stockte er, diesen Augenblick benutzte Fräulein
Bürstner, sich loszumachen, die Tür zu öffnen, ins Vorzimmer zu schlüpfen
und von dort aus K. leise zu sagen: „Nun kommen Sie doch, bitte. Sehen
Sie“ — sie zeigte auf die Tür des Hauptmanns, unter der ein Lichtschein
hervorkam — „er hat angezündet und unterhält sich über uns.“ „Ich komme
schon,“ sagte K., lief vor, faßte sie, küßte sie auf den Mund und dann über
das ganze Gesicht, wie ein durstiges Tier mit der Zunge über das endlich
gefundene Quellwasser hinjagt. Schließlich küßte er sie auf den Hals, wo
die Gurgel ist, und dort ließ er die Lippen lange liegen. Ein Geräusch aus
dem Zimmer des Hauptmanns ließ ihn aufschauen. „Jetzt werde ich gehn,“
sagte er, er wollte Fräulein Bürstner beim Taufnamen nennen, wußte ihn
aber nicht. Sie nickte müde, überließ ihm schon halb abgewendet die Hand
zum Küssen, als wisse sie nichts davon und ging gebückt in ihr Zimmer.
Kurz darauf lag K. in seinem Bett. Er schlief [53]sehr bald ein, vor dem
Einschlafen dachte er noch ein Weilchen über sein Verhalten nach, er war

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damit zufrieden, wunderte sich aber, daß er nicht noch zufriedener war;
wegen des Hauptmanns machte er sich für Fräulein Bürstner ernstliche
Sorgen. [54]

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[Inhalt]

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ZWEITES KAPITEL

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ERSTE UNTERSUCHUNG
K. war telephonisch verständigt worden, daß am nächsten Sonntag eine
kleine Untersuchung in seiner Angelegenheit stattfinden würde. Man
machte ihn darauf aufmerksam, daß diese Untersuchungen nun regelmäßig,
wenn auch vielleicht nicht jede Woche, so doch häufiger einander folgen
würden. Es liege einerseits im allgemeinen Interesse, den Prozeß rasch zu
Ende zu führen, anderseits aber müßten die Untersuchungen in jeder
Hinsicht gründlich sein und doch wegen der damit verbundenen
Anstrengung niemals allzulange dauern. Deshalb habe man den Ausweg
dieser rasch aufeinanderfolgenden, aber kurzen Untersuchungen gewählt.
Die Bestimmung des Sonntags als Untersuchungstag habe man deshalb
vorgenommen, um K. in seiner beruflichen Arbeit nicht zu stören. Man
setze voraus, daß er damit [55]einverstanden sei, wollte er einen andern
Termin wünschen, so würde man ihm, so gut es ginge, entgegenkommen.
Die Untersuchungen wären beispielsweise auch in der Nacht möglich, aber
da sei wohl K. nicht frisch genug. Jedenfalls werde man es, solange K.
nichts einwende, beim Sonntag belassen. Es sei selbstverständlich, daß er
bestimmt erscheinen müsse, darauf müsse man ihn wohl nicht erst
aufmerksam machen. Es wurde ihm die Nummer des Hauses genannt, in
dem er sich einfinden solle, es war ein Haus in einer entlegenen
Vorstadtstraße, in der K. noch niemals gewesen war.

K. hängte, als er diese Meldung erhalten hatte, ohne zu antworten, den
Hörer an; er war gleich entschlossen, Sonntag hinzugehn, es war gewiß
notwendig, der Prozeß kam in Gang und er mußte sich dem entgegenstellen,
diese erste Untersuchung sollte auch die letzte sein. Er stand noch
nachdenklich beim Apparat, da hörte er hinter sich die Stimme des
Direktor-Stellvertreters, der telephonieren wollte, dem aber K. den Weg
verstellte. „Schlechte Nachrichten?“ fragte der Direktor-Stellvertreter
leichthin, nicht um etwas zu [56]erfahren, sondern um K. vom Apparat

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wegzubringen. „Nein, nein,“ sagte K., trat beiseite, ging aber nicht weg.
Der Direktor-Stellvertreter nahm den Hörer und sagte, während er auf die
telephonische Verbindung wartete, über das Hörrohr hinweg: „Eine Frage,
Herr K.? Möchten Sie mir Sonntag früh das Vergnügen machen, eine Partie
auf meinem Segelboot mitzumachen. Es wird eine größere Gesellschaft
sein, gewiß auch Ihre Bekannten darunter. Unter anderem Staatsanwalt
Hesterer. Wollen Sie kommen? Kommen Sie doch!“ K. versuchte, darauf
achtzugeben, was der Direktor-Stellvertreter sagte. Es war nicht unwichtig
für ihn, denn diese Einladung des Direktor-Stellvertreters, mit dem er sich
niemals sehr gut vertragen hatte, bedeutete einen Versöhnungsversuch von
dessen Seite und zeigte, wie wichtig K. in der Bank geworden war und wie
wertvoll seine Freundschaft oder wenigstens seine Unparteilichkeit dem
zweithöchsten Beamten der Bank erschien. Diese Einladung war eine
Demütigung des Direktor-Stellvertreters, mochte sie auch nur in Erwartung
der telephonischen Verbindung über das Hörrohr hinweg gesagt sein.
[57]Aber K. mußte eine zweite Demütigung folgen lassen, er sagte: „Vielen
Dank! Aber ich habe leider Sonntag keine Zeit, ich habe schon eine
Verpflichtung.“ „Schade,“ sagte der Direktor-Stellvertreter und wandte sich
dem telephonischen Gespräch zu, das gerade hergestellt worden war. Es war
kein kurzes Gespräch, aber K. blieb in seiner Zerstreutheit die ganze Zeit
über neben dem Apparat stehn. Erst als der Direktor-Stellvertreter abläutete,
erschrak er und sagte, um sein unnützes Dastehn nur ein wenig zu
entschuldigen: „Ich bin jetzt antelephoniert worden, ich möchte irgendwo
hinkommen, aber man hat vergessen, mir zu sagen, zu welcher Stunde.“
„Fragen Sie doch noch einmal nach,“ sagte der Direktor-Stellvertreter. „Es
ist nicht so wichtig,“ sagte K., trotzdem dadurch seine frühere schon an sich
mangelhafte Entschuldigung noch weiter verfiel. Der Direktor-Stellvertreter
sprach noch im Weggehn über andere Dinge. K. zwang sich auch zu
antworten, dachte aber hauptsächlich daran, daß es am besten sein werde,
Sonntag um 9 Uhr vormittag hinzukommen, da zu dieser Stunde an
Werktagen alle Gerichte zu arbeiten anfangen. [58]

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Sonntag war trübes Wetter. K. war sehr ermüdet, da er wegen einer
Stammtischfeierlichkeit bis spät in die Nacht im Gasthaus geblieben war, er
hätte fast verschlafen. Eilig, ohne Zeit zu haben, zu überlegen und die
verschiedenen Pläne, die er während der Woche ausgedacht hatte,
zusammenzustellen, kleidete er sich an und lief, ohne zu frühstücken, in die
ihm bezeichnete Vorstadt. Eigentümlicherweise traf er, trotzdem er wenig
Zeit hatte umherzublicken, die drei in seiner Angelegenheit beteiligten
Beamten, Rabensteiner, Kullich und Kaminer. Die ersten zwei fuhren in
einer Elektrischen quer über K.s Weg, Kaminer aber saß auf der Terrasse
eines Kaffeehauses und beugte sich gerade, als K. vorüberkam, neugierig
über die Brüstung. Alle sahen ihm wohl nach und wunderten sich, wie ihr
Vorgesetzter lief; es war irgendein Trotz, der K. davon abgehalten hatte, zu
fahren, er hatte Abscheu vor jeder, selbst der geringsten fremden Hilfe in
dieser seiner Sache, auch wollte er niemanden in Anspruch nehmen und
dadurch selbst nur im allerentferntesten einweihen, schließlich hatte er aber
auch nicht die geringste Lust, sich durch allzu große [59]Pünktlichkeit vor
der Untersuchungskommission zu erniedrigen. Allerdings lief er jetzt, um
nur möglichst um 9 Uhr einzutreffen, trotzdem er nicht einmal für eine
bestimmte Stunde bestellt war.

Er hatte gedacht, das Haus schon von der Ferne an irgendeinem Zeichen,
das er sich selbst nicht genau vorgestellt hatte, oder an einer besondern
Bewegung vor dem Eingang schon von weitem zu erkennen. Aber die
Juliusstraße, in der es sein sollte und an deren Beginn K. einen Augenblick
lang stehen blieb, enthielt auf beiden Seiten fast ganz einförmige Häuser,
hohe graue, von armen Leuten bewohnte Miethäuser. Jetzt am
Sonntagmorgen waren die meisten Fenster besetzt, Männer in Hemdärmeln
lehnten dort und rauchten oder hielten kleine Kinder vorsichtig und zärtlich
an den Fensterrand. Andere Fenster waren hoch mit Bettzeug angefüllt,
über dem flüchtig der zerzauste Kopf einer Frau erschien. Man rief einander
über die Gasse zu, ein solcher Zuruf bewirkte gerade über K. ein großes
Gelächter. Regelmäßig verteilt befanden sich in der langen Straße kleine,
unter dem Straßenniveau liegende, durch ein paar [60]Treppen erreichbare

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Läden mit verschiedenen Lebensmitteln. Dort gingen Frauen aus und ein
oder standen auf den Stufen und plauderten. Ein Obsthändler, der seine
Waren zu den Fenstern hinauf empfahl, hätte, ebenso unaufmerksam wie
K., mit seinem Karren diesen fast niedergeworfen. Eben begann ein in
bessern Stadtvierteln ausgedientes Grammophon mörderisch zu spielen.

K. ging tiefer in die Gasse hinein, langsam, als hätte er nun schon Zeit oder
als sähe ihn der Untersuchungsrichter aus irgendeinem Fenster und wisse
also, daß sich K. eingefunden habe. Es war kurz nach 9 Uhr. Das Haus lag
ziemlich weit, es war fast ungewöhnlich ausgedehnt, besonders die
Toreinfahrt war hoch und weit. Sie war offenbar für Lastfuhren bestimmt,
die zu den verschiedenen Warenmagazinen gehörten, die jetzt versperrt den
großen Hof umgaben und Aufschriften von Firmen trugen, von denen K.
einige aus dem Bankgeschäft kannte. Gegen seine sonstige Gewohnheit
sich mit allen diesen Äußerlichkeiten genauer befassend, blieb er auch ein
wenig am Eingang des Hofes stehen. In seiner Nähe auf einer Kiste saß ein
bloßfüßiger Mann und las eine Zeitung. Auf [61]einem Handkarren
schaukelten zwei Jungen. Vor einer Pumpe stand ein schwaches junges
Mädchen in einer Nachtjoppe und blickte, während das Wasser in ihre
Kanne strömte, auf K. hin. In einer Ecke des Hofes wurde zwischen zwei
Fenstern ein Strick gespannt, auf dem die zum Trocknen bestimmte Wäsche
schon hing. Ein Mann stand unten und leitete die Arbeit durch ein paar
Zurufe.

K. wandte sich der Treppe zu, um zum Untersuchungszimmer zu kommen,
stand dann aber wieder still, denn außer dieser Treppe sah er im Hof noch
drei verschiedene Treppenaufgänge und überdies schien ein kleiner
Durchgang am Ende des Hofes noch in einen zweiten Hof zu führen. Er
ärgerte sich, daß man ihm die Lage des Zimmers nicht näher bezeichnet
hatte, es war doch eine sonderbare Nachlässigkeit oder Gleichgültigkeit, mit
der man ihn behandelte, er beabsichtigte, das sehr laut und deutlich
festzustellen. Schließlich stieg er doch die erste Treppe hinauf und spielte in
Gedanken mit einer Erinnerung an den Ausspruch des Wächters Willem,

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daß das Gericht von der Schuld angezogen werde, woraus eigentlich
[62]folgte, daß das Untersuchungszimmer an der Treppe liegen mußte, die
K. zufällig wählte.

Er störte im Hinaufgehen viele Kinder, die auf der Treppe spielten und ihn,
wenn er durch ihre Reihe schritt, böse ansahen. „Wenn ich nächstens wieder
hergehen sollte,“ sagte er sich, „muß ich entweder Zuckerwerk mitnehmen,
um sie zu gewinnen, oder den Stock, um sie zu prügeln.“ Knapp vor dem
ersten Stockwerk mußte er sogar ein Weilchen warten, bis eine Spielkugel
ihren Weg vollendet hatte, zwei kleine Jungen mit den verzwickten
Gesichtern erwachsener Strolche hielten ihn indessen an den Beinkleidern;
hätte er sie abschütteln wollen, hätte er ihnen wehtun müssen und er
fürchtete ihr Geschrei.

Im ersten Stockwerk begann die eigentliche Suche. Da er doch nicht nach
der Untersuchungskommission fragen konnte, erfand er einen Tischler Lanz
— der Name fiel ihm ein, weil der Hauptmann, der Neffe der Frau Grubach,
so hieß — und wollte nun in allen Wohnungen nachfragen, ob hier ein
Tischler Lanz wohne, um so die Möglichkeit zu bekommen, in die Zimmer
hineinzusehen. Es zeigte sich aber, daß das meistens ohne weiteres möglich
war, denn fast alle Türen standen offen [63]und die Kinder liefen ein und
aus. Es waren in der Regel kleine einfenstrige Zimmer, in denen auch
gekocht wurde. Manche Frauen hielten Säuglinge im Arm und arbeiteten
mit der freien Hand auf dem Herd. Halbwüchsige, scheinbar nur mit
Schürzen bekleidete Mädchen liefen am fleißigsten hin und her. In allen
Zimmern standen die Betten noch in Benutzung, es lagen dort Kranke oder
noch Schlafende oder Leute, die sich dort in Kleidern streckten. An den
Wohnungen, deren Türen geschlossen waren, klopfte K. an und fragte, ob
hier ein Tischler Lanz wohne. Meistens öffnete eine Frau, hörte die Frage
an und wandte sich ins Zimmer zu jemandem, der sich aus dem Bett erhob.
„Der Herr fragt, ob ein Tischler Lanz hier wohnt.“ „Tischler Lanz?“ fragte
der aus dem Bett. „Ja,“ sagte K., trotzdem sich hier die
Untersuchungskommission zweifellos nicht befand und daher seine

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Aufgabe beendet war. Viele glaubten, es liege K. sehr viel daran, den
Tischler Lanz zu finden, dachten lange nach, nannten einen Tischler, der
aber nicht Lanz hieß, oder einen Namen, der mit Lanz eine ganz entfernte
Ähnlichkeit hatte, oder sie fragten bei Nachbarn oder begleiteten K. [64]zu
einer weit entfernten Tür, wo ihrer Meinung nach ein derartiger Mann
möglicherweise in Aftermiete wohne oder wo jemand sei, der bessere
Auskunft als sie selbst geben könne. Schließlich mußte K. kaum mehr
selbst fragen, sondern wurde auf diese Weise durch die Stockwerke
gezogen. Er bedauerte seinen Plan, der ihm zuerst so praktisch erschienen
war. Vor dem fünften Stockwerk entschloß er sich die Suche aufzugeben,
verabschiedete sich von einem freundlichen jungen Arbeiter, der ihn weiter
hinaufführen wollte, und ging hinunter. Dann aber ärgerte ihn wieder das
Nutzlose dieser ganzen Unternehmung, er ging nochmals zurück und
klopfte an die erste Tür des fünften Stockwerkes. Das erste, was er in dem
kleinen Zimmer sah, war eine große Wanduhr, die schon 10 Uhr zeigte.
„Wohnt ein Tischler Lanz hier?“ fragte er. „Bitte,“ sagte eine junge Frau mit
schwarzen leuchtenden Augen, die gerade in einem Kübel Kinderwäsche
wusch, und zeigte mit der nassen Hand auf die offene Tür des
Nebenzimmers.

K. glaubte in eine Versammlung einzutreten. Ein Gedränge der
verschiedensten Leute — niemand kümmerte sich um den Eintretenden —
füllte [65]ein mittelgroßes zweifenstriges Zimmer, das knapp an der Decke
von einer Galerie umgeben war, die gleichfalls vollständig besetzt war und
wo die Leute nur gebückt stehen konnten und mit Kopf und Rücken an die
Decke stießen. K., dem die Luft zu dumpf war, trat wieder hinaus und sagte
zu der jungen Frau, die ihn wahrscheinlich falsch verstanden hatte: „Ich
habe nach einem Tischler, einem gewissen Lanz gefragt?“ „Ja,“ sagte die
Frau, „gehen Sie bitte hinein.“ K. hätte ihr vielleicht nicht gefolgt, wenn die
Frau nicht auf ihn zugegangen wäre, die Türklinke ergriffen und gesagt
hätte: „Nach Ihnen muß ich schließen, es darf niemand mehr hinein.“ „Sehr
vernünftig,“ sagte K., „es ist aber schon jetzt zu voll.“ Dann ging er aber
doch wieder hinein.

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Zwischen zwei Männern hindurch, die sich unmittelbar bei der Tür
unterhielten — der eine machte mit beiden weit vorgestreckten Händen die
Bewegung des Geldaufzählens, der andere sah ihm scharf in die Augen —
faßte eine Hand nach K. Es war ein kleiner rotbäckiger Junge. „Kommen
Sie, kommen Sie,“ sagte er. K. ließ sich von ihm führen, es zeigte sich, daß
in dem durcheinanderwimmelnden [66]Gedränge doch ein schmaler Weg frei
war, der möglicherweise zwei Parteien schied; dafür sprach auch, daß K. in
den ersten Reihen rechts und links kaum ein ihm zugewendetes Gesicht sah,
sondern nur die Rücken von Leuten, welche ihre Reden und Bewegungen
nur an Leute ihrer Partei richteten. Die meisten waren schwarz
angezogenen, in alten lange und lose hinunterhängenden Feiertagsröcken.
Nur diese Kleidung beirrte K., sonst hätte er das ganze für eine politische
Bezirksversammlung angesehen.

Am andern Ende des Saales, zu dem K. geführt wurde, stand auf einem sehr
niedrigen, gleichfalls überfüllten Podium ein kleiner Tisch, der Quere nach
aufgestellt, und hinter ihm nahe am Rand des Podiums saß ein kleiner
dicker schnaufender Mann, der sich gerade mit einem hinter ihm Stehenden
— dieser hatte den Ellbogen auf die Sessellehne gestützt und die Beine
gekreuzt — unter großem Gelächter unterhielt. Manchmal warf er den Arm
in die Luft, als karrikiere er jemanden. Der Junge, der K. führte, hatte Mühe
seine Meldung vorzubringen. Zweimal hatte er schon auf den Fußspitzen
stehend etwas auszurichten versucht, ohne [67]von dem Mann oben beachtet
worden zu sein. Erst als einer der Leute oben auf dem Podium auf den
Jungen aufmerksam machte, wandte sich der Mann ihm zu und hörte
heruntergebeugt seinen leisen Bericht an. Dann zog er seine Uhr und sah
schnell nach K. hin. „Sie hätten vor 1 Stunde und 5 Minuten erscheinen
sollen,“ sagte er. K. wollte etwas antworten, aber er hatte keine Zeit, denn
kaum hatte der Mann ausgesprochen, erhob sich in der rechten Saalhälfte
ein allgemeines Murren. „Sie hätten vor 1 Stunde und 5 Minuten erscheinen
sollen,“ wiederholte nun der Mann mit erhobener Stimme und sah nun auch
schnell in den Saal hinunter. Sofort wurde auch das Murren stärker und
verlor sich, da der Mann nichts mehr sagte, nur allmählich. Es war jetzt im

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Saal viel stiller als bei K.s Eintritt. Nur die Leute auf der Galerie hörten
nicht auf, ihre Bemerkungen zu machen. Sie schienen, soweit man oben in
dem Halbdunkel, Dunst und Staub etwas unterscheiden konnte, schlechter
angezogen zu sein als die unten. Manche hatten Polster mitgebracht, die sie
zwischen den Kopf und die Zimmerdecke gelegt hatten, um sich nicht
wundzudrücken. [68]

K. hatte sich entschlossen, mehr zu beobachten als zu reden, infolgedessen
verzichtete er auf die Verteidigung wegen seines angeblichen
Zuspätkommens und sagte bloß: „Mag ich zu spät gekommen sein, jetzt bin
ich hier.“ Ein Beifallklatschen, wieder aus der rechten Saalhälfte, folgte.
„Leicht zu gewinnende Leute,“ dachte K. und war nur gestört durch die
Stille in der linken Saalhälfte, die gerade hinter ihm lag und aus der sich nur
ganz vereinzeltes Händeklatschen erhoben hatte. Er dachte nach, was er
sagen könnte, um alle auf einmal oder, wenn das nicht möglich sein sollte,
wenigstens zeitweilig auch die andern zu gewinnen.

„Ja,“ sagte der Mann, „aber ich bin nicht mehr verpflichtet, Sie jetzt zu
verhören“ — wieder das Murren, diesmal aber mißverständlich, denn der
Mann fuhr, indem er den Leuten mit der Hand abwinkte, fort — „ich will es
jedoch ausnahmsweise heute noch tun. Eine solche Verspätung darf sich
aber nicht mehr wiederholen. Und nun treten Sie vor!“ Irgend jemand
sprang vom Podium herunter, so daß für K. ein Platz frei wurde, auf den er
hinaufstieg. Er stand eng an den Tisch gedrückt, das Gedränge hinter ihm
war so groß, daß er ihm [69]Widerstand leisten mußte, wollte er nicht den
Tisch des Untersuchungsrichters und vielleicht auch diesen selbst vom
Podium hinunterstoßen.

Der Untersuchungsrichter kümmerte sich aber nicht darum, sondern saß
bequem genug auf seinem Sessel und griff, nachdem er dem Mann hinter
ihm ein abschließendes Wort gesagt hatte nach einem kleinen
Anmerkungsbuch, dem einzigen Gegenstand auf seinem Tisch. Es war
schulheftartig, alt, durch vieles Blättern ganz aus der Form gebracht.

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„Also,“ sagte der Untersuchungsrichter, blätterte in dem Heft und wendete
sich im Tone einer Feststellung an K., „Sie sind Zimmermaler?“ „Nein,“
sagte K. „sondern erster Prokurist einer großen Bank.“ Dieser Antwort
folgte bei der rechten Partei ein Gelächter, das so herzlich war, daß K.
mitlachen mußte. Die Leute stützten sich mit den Händen auf ihre Knie und
schüttelten sich wie unter schweren Hustenanfällen. Es lachten sogar
einzelne auf der Galerie. Der ganz böse gewordene Untersuchungsrichter,
der wahrscheinlich gegen die Leute unten machtlos war, suchte sich an der
Galerie zu entschädigen, sprang auf, drohte der Galerie, und seine sonst
wenig auffallenden [70]Augenbrauen drängten sich buschig, schwarz und
groß über seinen Augen.

Die linke Saalhälfte war aber noch immer still, die Leute standen dort in
Reihen, hatten ihre Gesichter dem Podium zugewendet und hörten die
Worte, die oben gewechselt wurden, ebenso ruhig an wie den Lärm der
andern Partei, sie duldeten sogar, daß einzelne aus ihren Reihen mit der
andern Partei hie und da gemeinsam vorgingen. Die Leute der linken Partei,
die übrigens weniger zahlreich war, mochten im Grunde ebenso
unbedeutend sein wie die der rechten Partei, aber die Ruhe ihres Verhaltens
ließ sie bedeutungsvoller erscheinen. Als K. jetzt zu reden begann, war er
überzeugt, in ihrem Sinne zu sprechen.

„Ihre Frage, Herr Untersuchungsrichter, ob ich Zimmermaler bin —
vielmehr Sie haben gar nicht gefragt, sondern es mir auf den Kopf zugesagt
— ist bezeichnend für die ganze Art des Verfahrens, das gegen mich geführt
wird. Sie können einwenden, daß es ja überhaupt kein Verfahren ist, Sie
haben sehr Recht, denn es ist ja nur ein Verfahren, wenn ich es als solches
anerkenne. Aber ich erkenne es also für den Augenblick jetzt an, [71]aus
Mitleid gewissermaßen. Man kann sich nicht anders als mitleidig dazu
stellen, wenn man es überhaupt beachten will. Ich sage nicht, daß es ein
liederliches Verfahren ist, aber ich möchte Ihnen diese Bezeichnung zur
Selbsterkenntnis angeboten haben.“

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K. unterbrach sich und sah in den Saal hinunter. Was er gesagt hatte, war
scharf, schärfer als er es beabsichtigt hatte, aber doch richtig. Es hätte
Beifall hier oder dort verdient, es war jedoch alles still, man wartete
offenbar gespannt auf das Folgende, es bereitete sich vielleicht in der Stille
ein Ausbruch vor, der allem ein Ende machen würde. Störend war es, daß
sich jetzt die Tür am Saalende öffnete, die junge Wäscherin, die ihre Arbeit
wahrscheinlich beendet hatte, eintrat und trotz aller Vorsicht, die sie
aufwendete, einige Blicke auf sich zog. Nur der Untersuchungsrichter
machte K. unmittelbare Freude, denn er schien von den Worten sofort
getroffen zu werden. Er hatte bisher stehend zugehört, denn er war von K.s
Ansprache überrascht worden, während er sich für die Galerie aufgerichtet
hatte. Jetzt in der Pause setzte er sich allmählich, als sollte es nicht bemerkt
werden. [72]Wahrscheinlich, um seine Miene zu beruhigen, nahm er wieder
das Heftchen vor.

„Es hilft nichts,“ fuhr K. fort, „auch Ihr Heftchen, Herr
Untersuchungsrichter, bestätigt, was ich sage.“ Zufrieden damit, nur seine
ruhigen Worte in der fremden Versammlung zu hören, wagte es K. sogar,
kurzerhand das Heft dem Untersuchungsrichter wegzunehmen und es mit
den Fingerspitzen, als scheue er sich davor, an einem mittleren Blatte
hochzuheben, so daß beiderseits die engbeschriebenen, fleckigen,
gelbrandigen Blätter hinunterhingen. „Das sind die Akten des
Untersuchungsrichters,“ sagte er und ließ das Heft auf den Tisch
hinunterfallen. „Lesen Sie darin ruhig weiter, Herr Untersuchungsrichter,
vor diesem Schuldbuch fürchte ich mich wahrhaftig nicht, trotzdem es mir
unzugänglich ist, denn ich kann es nur mit zwei Fingerspitzen anfassen und
nicht in die Hand nehmen.“ Es konnte nur ein Zeichen tiefer Demütigung
sein oder es mußte zumindest so aufgefaßt werden, daß der
Untersuchungsrichter nach dem Heftchen, wie es auf den Tisch gefallen
war, griff, es ein wenig in Ordnung zu bringen suchte und es wieder
vornahm, um darin zu lesen. [73]

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Die Gesichter der Leute in der ersten Reihe waren so gespannt auf K.
gerichtet, daß er ein Weilchen lang zu ihnen hinuntersah. Es waren
durchwegs ältere Männer, einige waren weißbärtig. Waren vielleicht sie die
Entscheidenden, die die ganze Versammlung beeinflussen konnten, welche
auch durch die Demütigung des Untersuchungsrichters sich nicht aus der
Regungslosigkeit bringen ließ, in welche sie seit K.s Rede versunken war.

„Was mir geschehen ist,“ fuhr K. fort, etwas leiser als früher, und suchte
immer wieder die Gesichter der ersten Reihe ab, was seiner Rede einen
etwas fahrigen Ausdruck gab, „was mir geschehen ist, ist ja nur ein
einzelner Fall und als solcher nicht sehr wichtig, da ich es nicht sehr schwer
nehme, aber es ist das Zeichen eines Verfahrens, wie es gegen viele geübt
wird. Für diese stehe ich hier ein, nicht für mich.“

Er hatte unwillkürlich seine Stimme erhoben. Irgendwo klatschte jemand
mit erhobenen Händen und rief: „Bravo! Warum denn nicht? Bravo! Und
wieder Bravo!“ Die in der ersten Reihe griffen hie und da in ihre Barte,
keiner kehrte sich wegen des Ausrufs um. Auch K. maß ihm keine
Bedeutung [74]bei, war aber doch aufgemuntert; er hielt es jetzt gar nicht
mehr für nötig, daß alle Beifall klatschten, es genügte, wenn die
Allgemeinheit über die Sache nachzudenken begann und nur manchmal
einer durch Überredung gewonnen wurde.

„Ich will nicht Rednererfolg,“ sagte K. aus dieser Überlegung heraus, „er
dürfte mir auch nicht erreichbar sein. Der Herr Untersuchungsrichter spricht
wahrscheinlich viel besser, es gehört ja zu seinem Beruf. Was ich will, ist
nur die öffentliche Besprechung eines öffentlichen Mißstandes. Hören Sie:
Ich bin vor etwa 10 Tagen verhaftet worden, über die Tatsache der
Verhaftung selbst lache ich, aber das gehört jetzt nicht hierher. Ich wurde
früh im Bett überfallen, vielleicht hatte man — es ist nach dem, was der
Untersuchungsrichter sagte, nicht ausgeschlossen — den Befehl,
irgendeinen Zimmermaler, der ebenso unschuldig ist wie ich, zu verhaften,
aber man wählte mich. Das Nebenzimmer war von zwei groben Wächtern

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besetzt. Wenn ich ein gefährlicher Räuber wäre, hätte man nicht bessere
Vorsorge treffen können. Diese Wächter waren überdies demoralisiertes
Gesindel, [75]sie schwätzten mir die Ohren voll, sie wollten sich bestechen
lassen, sie wollten mir unter Vorspiegelungen Wäsche und Kleider
herauslocken, sie wollten Geld, um mir angeblich ein Frühstück zu bringen,
nachdem sie mein eigenes Frühstück vor meinen Augen schamlos
aufgegessen hatten. Nicht genug daran. Ich wurde in ein drittes Zimmer vor
den Aufseher geführt. Es war das Zimmer einer Dame, die ich sehr schätze,
und ich mußte zusehen, wie dieses Zimmer meinetwegen, aber ohne meine
Schuld durch die Anwesenheit der Wächter und des Aufsehers
gewissermaßen verunreinigt wurde. Es war nicht leicht, ruhig zu bleiben. Es
gelang mir aber, und ich fragte den Aufseher vollständig ruhig — wenn er
hier wäre, müßte er es bestätigen — warum ich verhaftet sei. Was
antwortete nun dieser Aufseher, den ich jetzt noch vor mir sehe, wie er auf
dem Sessel der erwähnten Dame als eine Darstellung des stumpfsinnigsten
Hochmuts sitzt? Meine Herren, er antwortete im Grunde nichts, vielleicht
wußte er wirklich nichts, er hatte mich verhaftet und war damit zufrieden.
Er hat sogar noch ein übriges getan und in das Zimmer jener Dame drei
niedrige Angestellte meiner Bank gebracht, [76]die sich damit beschäftigten,
Photographien, Eigentum der Dame, zu betasten und in Unordnung zu
bringen. Die Anwesenheit dieser Angestellten hatte natürlich noch einen
andern Zweck, sie sollten, ebenso wie meine Vermieterin und ihr
Dienstmädchen, die Nachricht von meiner Verhaftung verbreiten, mein
öffentliches Ansehen schädigen und insbesondere in der Bank meine
Stellung erschüttern. Nun ist nichts davon, auch nicht im geringsten,
gelungen, selbst meine Vermieterin, eine ganz einfache Person — ich will
ihren Namen hier in ehrendem Sinne nennen, sie heißt Frau Grubach —
selbst Frau Grubach war verständig genug einzusehen, daß eine solche
Verhaftung nicht mehr bedeutet als ein Anschlag, den nicht genügend
beaufsichtigte Jungen auf der Gasse ausführen. Ich wiederhole, mir hat das
Ganze nur Unannehmlichkeiten und vorübergehenden Ärger bereitet, hätte
es aber nicht auch schlimmere Folgen haben können?“

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Als K. sich hier unterbrach und nach dem stillen Untersuchungsrichter
hinsah, glaubte er zu bemerken, daß dieser gerade mit einem Blick
jemandem in der Menge ein Zeichen gab. K. lächelte und [77]sagte: „Eben
gibt hier neben mir der Herr Untersuchungsrichter jemandem von Ihnen ein
geheimes Zeichen. Es sind also Leute unter Ihnen, die von hier oben
dirigiert werden. Ich weiß nicht, ob das Zeichen jetzt Zischen oder Beifall
bewirken sollte, und verzichte dadurch, daß ich die Sache vorzeitig verrate,
ganz bewußt darauf, die Bedeutung des Zeichens zu erfahren. Es ist mir
vollständig gleichgültig, und ich ermächtige den Herrn
Untersuchungsrichter öffentlich, seine bezahlten Angestellten dort unten
statt mit geheimen Zeichen, laut mit Worten zu befehligen, indem er etwa
einmal sagt: Jetzt zischt, und das nächste Mal: Jetzt klatscht.“

In Verlegenheit oder Ungeduld rückte der Untersuchungsrichter auf seinem
Sessel hin und her. Der Mann hinter ihm, mit dem er sich schon früher
unterhalten hatte, beugte sich wieder zu ihm, sei es, um ihm im allgemeinen
Mut zuzusprechen oder um ihm einen besondern Rat zu geben. Unten
unterhielten sich die Leute leise, aber lebhaft. Die zwei Parteien, die früher
so entgegengesetzte Meinungen gehabt zu haben schienen, vermischten
sich, einzelne Leute zeigten mit dem Finger auf K., andere auf den
Untersuchungsrichter. [78]Der neblige Dunst im Zimmer war äußerst lästig,
er verhinderte sogar eine genauere Beobachtung der Fernerstehenden.
Besonders für die Galeriebesucher mußte er störend sein, sie waren
gezwungen, allerdings unter scheuen Seitenblicken nach dem
Untersuchungsrichter, leise Fragen an die Versammlungsteilnehmer zu
stellen, um sich näher zu unterrichten. Die Antworten wurden im Schutz der
vorgehaltenen Hände ebenso leise gegeben.

„Ich bin gleich zu Ende,“ sagte K. und schlug, da keine Glocke vorhanden
war, mit der Faust auf den Tisch. Im Schrecken darüber fuhren die Köpfe
des Untersuchungsrichters und seines Ratgebers augenblicklich
auseinander: „Mir steht die ganze Sache fern, ich beurteile sie daher ruhig,
und Sie können, vorausgesetzt, daß Ihnen an diesem angeblichen Gericht

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etwas gelegen ist, großen Vorteil davon haben, wenn Sie mir zuhören. Ihre
gegenseitigen Besprechungen dessen, was ich vorbringe, bitte ich Sie für
späterhin zu verschieben, denn ich habe keine Zeit und werde bald
weggehn.“

Sofort war es still, so sehr beherrschte schon K. die Versammlung. Man
schrie nicht mehr durcheinander wie am Anfang, man klatschte nicht einmal
[79]mehr Beifall, aber man schien schon überzeugt oder auf dem nächsten
Wege dazu.

„Es ist kein Zweifel,“ sagte K. sehr leise, denn ihn freute das angespannte
Aufhorchen der ganzen Versammlung, in dieser Stille entstand ein Sausen,
das aufreizender war als der verzückteste Beifall, „es ist kein Zweifel, daß
hinter allen Äußerungen dieses Gerichtes, in meinem Fall also hinter der
Verhaftung und der heutigen Untersuchung eine große Organisation sich
befindet. Eine Organisation, die nicht nur bestechliche Wächter, läppische
Aufseher und Untersuchungsrichter, die günstigsten Falles bescheiden sind,
beschäftigt, sondern die weiterhin jedenfalls eine Richterschaft hohen und
höchsten Grades unterhält, mit dem zahllosen unumgänglichen Gefolge von
Dienern, Schreibern, Gendarmen und andern Hilfskräften, vielleicht sogar
Henkern, ich scheue vor dem Wort nicht zurück. Und der Sinn dieser
großen Organisation, meine Herren? Er besteht darin, daß unschuldige
Personen verhaftet werden und gegen sie ein sinnloses und meistens wie in
meinem Fall ergebnisloses Verfahren eingeleitet wird. Wie ließe sich bei
dieser Sinnlosigkeit des Ganzen die schlimmste [80]Korruption der
Beamtenschaft vertuschen? Das ist unmöglich, das brächte auch der höchste
Richter nicht einmal für sich selbst zustande. Darum suchen die Wächter
den Verhafteten die Kleider vom Leib zu stehlen, darum brechen Aufseher
in fremde Wohnungen ein, darum sollen Unschuldige statt verhört lieber vor
ganzen Versammlungen entwürdigt werden. Die Wächter haben nur von
Depots erzählt, in die man das Eigentum der Verhafteten bringt, ich wollte
einmal diese Depotplätze sehen, in denen das mühsam erarbeitete

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Vermögen der Verhafteten fault, soweit es nicht von diebischen
Depotbeamten gestohlen ist.“

K. wurde durch ein Kreischen vom Saalende unterbrochen, er beschattete
die Augen, um hinsehen zu können, denn das trübe Tageslicht machte den
Dunst weißlich und blendete. Es handelte sich um die Waschfrau, die K.
gleich bei ihrem Eintritt als eine wesentliche Störung erkannt hatte. Ob sie
jetzt schuldig war oder nicht, konnte man nicht erkennen. K. sah nur, daß
ein Mann sie in einen Winkel bei der Tür gezogen hatte und dort an sich
drückte. Aber nicht sie kreischte, sondern der Mann, er hatte den Mund
breit gezogen [81]und blickte zur Decke. Ein kleiner Kreis hatte sich um
beide gebildet, die Galeriebesucher in der Nähe schienen darüber begeistert,
daß der Ernst, den K. in die Versammlung eingeführt hatte, auf diese Weise
unterbrochen wurde. K. wollte unter dem ersten Eindruck gleich hinlaufen,
auch dachte er, allen würde daran gelegen sein, dort Ordnung zu schaffen
und zumindest das Paar aus dem Saal zu weisen, aber die ersten Reihen vor
ihm blieben ganz fest, keiner rührte sich und keiner ließ K. durch. Im
Gegenteil, man hinderte ihn, und irgendeine Hand — er hatte nicht Zeit sich
umzudrehn — faßte ihn hinten am Kragen, alte Männer hielten den Arm
vor, K. dachte nicht eigentlich mehr an das Paar, ihm war, als werde seine
Freiheit eingeschränkt, als mache man mit der Verhaftung ernst und er
sprang rücksichtslos vom Podium hinunter. Nun stand er Aug’ an Aug’ dem
Gedränge gegenüber. Hatte er die Leute nicht richtig beurteilt? Hatte er
seiner Rede zuviel Wirkung zugetraut? Hatte man sich verstellt, solange er
gesprochen hatte, und hatte man jetzt, da er zu den Schlußfolgerungen kam,
die Verstellung satt? Was für Gesichter rings um ihn! Kleine [82]schwarze
Äuglein huschten hin und her, die Wangen hingen herab wie bei
Versoffenen, die langen Bärte waren steif und schütter, und griff man in sie,
so war es, als bilde man bloß Krallen, nicht als griffe man an Bärte. Unter
den Bärten aber — und das war die eigentliche Entdeckung, die K. machte
— schimmerten am Rockkragen Abzeichen in verschiedener Größe und
Farbe. Alle hatten diese Abzeichen, soweit man sehen konnte. Alle gehörten
zueinander, die scheinbaren Parteien rechts und links, und als er sich

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plötzlich umdrehte, sah er die gleichen Abzeichen am Kragen des
Untersuchungsrichters, der, die Hände im Schoß, ruhig hinuntersah. „So,“
rief K. und warf die Arme in die Höhe, die plötzliche Erkenntnis wollte
Raum, „ihr seid ja alle Beamte, wie ich sehe, ihr seid ja die korrupte Bande,
gegen die ich sprach, ihr habt euch hier gedrängt, als Zuhörer und
Schnüffler, habt scheinbar Parteien gebildet, und eine hat applaudiert, um
mich zu prüfen, ihr wolltet lernen, wie man Unschuldige verführen soll.
Nun, ihr seid richtig nutzlos hier gewesen, hoffe ich, entweder habt ihr euch
darüber unterhalten, daß jemand die Verteidigung der Unschuld [83]von
euch erwartet hat, oder aber — laß mich oder ich schlage,“ rief K. einem
zitternden Greis zu, der sich besonders nahe an ihn geschoben hatte —
„oder aber ihr habt wirklich etwas gelernt. Und damit wünsche ich euch
Glück zu eurem Gewerbe.“ Er nahm schnell seinen Hut, der am Rand des
Tisches lag, und drängte sich unter allgemeiner Stille, jedenfalls der Stille
vollkommenster Überraschung, zum Ausgang. Der Untersuchungsrichter
schien aber noch schneller als K. gewesen zu sein, denn er erwartete ihn bei
der Tür. „Einen Augenblick,“ sagte er. K. blieb stehen, sah aber nicht auf
den Untersuchungsrichter, sondern auf die Tür, deren Klinke er schon
ergriffen hatte. „Ich wollte Sie nur darauf aufmerksam machen,“ sagte der
Untersuchungsrichter, „daß Sie sich heute — es dürfte Ihnen noch nicht zu
Bewußtsein gekommen sein — des Vorteils beraubt haben, den ein Verhör
für den Verhafteten in jedem Falle bedeutet.“ K. lachte die Tür an. „Ihr
Lumpen, ich schenke euch alle Verhöre,“ rief er, öffnete die Tür und eilte
die Treppe hinunter. Hinter ihm erhob sich der Lärm der wieder lebendig
gewordenen Versammlung, welche die Vorfälle nach Art von Studierenden
zu besprechen begann. [84]

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[Inhalt]

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DRITTES KAPITEL

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IM LEEREN SITZUNGSSAAL · DER STUDENT ·
DIE KANZLEIEN
K. wartete während der nächsten Woche von Tag zu Tag auf eine neuerliche
Verständigung, er konnte nicht glauben, daß man seinen Verzicht auf Verhör
wörtlich genommen hatte, und als die erwartete Verständigung bis
Sonntagabend wirklich nicht kam, nahm er an, er sei stillschweigend in das
gleiche Haus für die gleiche Zeit wieder vorgeladen. Er begab sich daher
Sonntags wieder hin, ging diesmal geradewegs über Treppen und Gänge;
einige Leute, die sich seiner erinnerten, grüßten ihn an ihren Türen, aber er
mußte niemanden mehr fragen und kam bald zu der richtigen Tür. Auf sein
Klopfen wurde ihm gleich aufgemacht, und ohne sich weiter nach der
bekannten Frau umzusehn, die bei der Tür stehen blieb, wollte er gleich ins
Nebenzimmer. „Heute ist keine Sitzung,“ sagte [85]die Frau. „Warum sollte
keine Sitzung sein?“ fragte er und wollte es nicht glauben. Aber die Frau
überzeugte ihn, indem sie die Tür des Nebenzimmers öffnete. Es war
wirklich leer und sah in seiner Leere noch kläglicher aus, als am letzten
Sonntag. Auf dem Tisch, der unverändert auf dem Podium stand, lagen
einige Bücher. „Kann ich mir die Bücher anschauen,“ fragte K., nicht aus
besonderer Neugierde, sondern nur um nicht vollständig nutzlos hier
gewesen zu sein. „Nein,“ sagte die Frau und schloß wieder die Tür, „das ist
nicht erlaubt. Die Bücher gehören dem Untersuchungsrichter.“ „Ach so,“
sagte K. und nickte, „die Bücher sind wohl Gesetzbücher und es gehört zu
der Art dieses Gerichtswesens, daß man nicht nur unschuldig, sondern auch
unwissend verurteilt wird.“ „Es wird so sein,“ sagte die Frau, die ihn nicht
genau verstanden hatte. „Nun, dann gehe ich wieder,“ sagte K. „Soll ich
dem Untersuchungsrichter etwas melden?“ fragte die Frau. „Sie kennen
ihn?“ fragte K. „Natürlich,“ sagte die Frau, „mein Mann ist ja
Gerichtsdiener.“ Erst jetzt merkte K., daß das Zimmer, in dem letzthin nur
ein Waschbottich gestanden war, jetzt ein [86]völlig eingerichtetes

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Wohnzimmer bildete. Die Frau bemerkte sein Staunen und sagte: „Ja, wir
haben hier freie Wohnung, müssen aber an Sitzungstagen das Zimmer
ausräumen. Die Stellung meines Mannes hat manche Nachteile.“ „Ich
staune nicht so sehr über das Zimmer,“ sagte K. und blickte sie böse an, „als
vielmehr darüber, daß Sie verheiratet sind.“ „Spielen Sie vielleicht auf den
Vorfall in der letzten Sitzung an, durch den ich Ihre Rede störte,“ fragte die
Frau. „Natürlich,“ sagte K., „heute ist es ja schon vorüber und fast
vergessen, aber damals hat es mich geradezu wütend gemacht. Und nun
sagen Sie selbst, daß Sie eine verheiratete Frau sind.“ „Es war nicht zu
Ihrem Nachteil, daß Ihre Rede abgebrochen wurde. Man hat nachher noch
sehr ungünstig über sie geurteilt.“ „Mag sein,“ sagte K. ablenkend, „aber
Sie entschuldigt das nicht.“ „Ich bin vor allen entschuldigt, die mich
kennen,“ sagte die Frau, „der, welcher mich damals umarmt hat, verfolgt
mich schon seit langem. Ich mag im allgemeinen nicht verlockend sein, für
ihn bin ich es aber. Es gibt hiefür keinen Schutz, auch mein Mann hat sich
schon damit abgefunden; will er seine Stellung behalten, [87]muß er es
dulden, denn jener Mann ist Student und wird voraussichtlich zu größerer
Macht kommen. Er ist immerfort hinter mir her, gerade ehe Sie kamen, ist
er fortgegangen.“ „Es paßt zu allem andern,“ sagte K., „es überrascht mich
nicht.“ „Sie wollen hier wohl einiges verbessern,“ fragte die Frau langsam
und prüfend, als sage sie etwas, was sowohl für sie als für K. gefährlich
war. „Ich habe das schon aus Ihrer Rede geschlossen, die mir persönlich
sehr gut gefallen hat. Ich habe allerdings nur einen Teil gehört, den Anfang
habe ich versäumt und während des Schlusses lag ich mit dem Studenten
auf dem Boden. — Es ist ja so widerlich hier,“ sagte sie nach einer Pause
und faßte K.s Hand. „Glauben Sie, daß es Ihnen gelingen wird, eine
Besserung zu erreichen?“ K. lächelte und drehte seine Hand ein wenig in
ihren weichen Händen. „Eigentlich,“ sagte er, „bin ich nicht dazu angestellt,
Besserungen hier zu erreichen, wie Sie sich ausdrücken, und wenn Sie es z.
B. dem Untersuchungsrichter sagen würden, würden Sie ausgelacht oder
bestraft werden. Tatsächlich hätte ich mich auch aus freiem Willen in diese
Dinge gewiß nicht eingemischt [88]und meinen Schlaf hätte die
Verbesserungsbedürftigkeit dieses Gerichtswesens niemals gestört. Aber ich

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bin dadurch, daß ich angeblich verhaftet wurde — ich bin nämlich verhaftet
— gezwungen worden, hier einzugreifen, und zwar um meinetwillen. Wenn
ich aber dabei auch Ihnen irgendwie nützlich sein kann, werde ich es
natürlich sehr gerne tun. Nicht etwa nur aus Nächstenliebe, sondern
außerdem deshalb, weil auch Sie mir helfen können.“ „Wie könnte ich denn
das,“ fragte die Frau. „Indem Sie mir z. B. jetzt die Bücher dort auf dem
Tisch zeigen.“ „Aber gewiß,“ rief die Frau und zog ihn eiligst hinter sich
her. Es waren alte abgegriffene Bücher, ein Einbanddeckel war in der Mitte
fast zerbrochen, die Stücke hingen nur durch Fasern zusammen. „Wie
schmutzig hier alles ist,“ sagte K. kopfschüttelnd und die Frau wischte mit
ihrer Schürze, ehe K. nach den Büchern greifen konnte, wenigstens
oberflächlich den Staub weg. K. schlug das erste Buch auf, es erschien ein
unanständiges Bild. Ein Mann und eine Frau saßen nackt auf dem Kanapee,
die gemeine Absicht des Zeichners war deutlich zu erkennen, aber seine
Ungeschicklichkeit war so groß [89]gewesen, daß schließlich doch nur ein
Mann und eine Frau zu sehen waren, die allzu körperlich aus dem Bilde
hervorragten, übermäßig aufrecht dasaßen und sich infolge falscher
Perspektive nur mühsam einander zuwendeten. K. blätterte nicht weiter,
sondern schlug nur noch das Titelblatt des zweiten Buches auf, es war ein
Roman mit dem Titel: „Die Plagen, welche Grete von ihrem Manne Hans
zu erleiden hatte.“ „Das sind die Gesetzbücher, die hier studiert werden,“
sagte K., „von solchen Menschen soll ich gerichtet werden.“ „Ich werde
Ihnen helfen,“ sagte die Frau. „Wollen Sie?“ „Könnten Sie denn das
wirklich, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen? Sie sagten doch vorhin, Ihr
Mann sei sehr abhängig von Vorgesetzten.“ „Trotzdem will ich Ihnen
helfen,“ sagte die Frau, „kommen Sie, wir müssen es besprechen. Über
meine Gefahr reden Sie nicht mehr, ich fürchte die Gefahr nur dort, wo ich
sie fürchten will. Kommen Sie.“ Sie zeigte auf das Podium und bat ihn, sich
mit ihr auf die Stufe zu setzen. „Sie haben schöne dunkle Augen,“ sagte sie,
nachdem sie sich gesetzt hatten und sah K. von unten ins Gesicht, „man
sagt mir, ich hätte auch schöne Augen, aber [90]Ihre sind viel schöner. Sie
fielen mir übrigens gleich damals auf, als Sie zum erstenmal hier eintraten.
Sie waren auch der Grund, warum ich dann später hierher ins

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Versammlungszimmer ging, was ich sonst niemals tue und was mir sogar
gewissermaßen verboten ist.“ ‚Das ist also alles,‘ dachte K., ‚sie bietet sich
mir an, sie ist verdorben wie alle hier rings herum, sie hat die
Gerichtsbeamten satt, was ja begreiflich ist, und begrüßt deshalb jeden
beliebigen Fremden mit einem Kompliment wegen seiner Augen.‘ Und K.
stand stillschweigend auf, als hätte er seine Gedanken laut ausgesprochen
und dadurch der Frau sein Verhalten erklärt. „Ich glaube nicht, daß Sie mir
helfen könnten,“ sagte er, „um mir wirklich zu helfen, müßte man
Beziehungen zu hohen Beamten haben. Sie aber kennen gewiß nur die
niedrigen Angestellten, die sich hier in Mengen herumtreiben. Diese kennen
Sie gewiß sehr gut und könnten bei ihnen auch manches durchsetzen, das
bezweifle ich nicht, aber das Größte, was man bei ihnen durchsetzen
könnte, wäre für den endgültigen Ausgang des Prozesses gänzlich
belanglos. Sie aber hätten sich dadurch doch einige Freunde verscherzt. Das
will [91]ich nicht. Führen Sie Ihr bisheriges Verhältnis zu diesen Leuten
weiter, es scheint mir nämlich, daß es Ihnen unentbehrlich ist. Ich sage das
nicht ohne Bedauern, denn, um Ihr Kompliment doch auch irgendwie zu
erwidern, auch Sie gefallen mir gut, besonders wenn Sie mich wie jetzt so
traurig ansehn, wozu übrigens für Sie gar kein Grund ist. Sie gehören zu der
Gesellschaft, die ich bekämpfen muß, befinden sich aber in ihr sehr wohl,
Sie lieben sogar den Studenten, und wenn Sie ihn nicht lieben, so ziehen Sie
ihn doch wenigstens Ihrem Manne vor. Das konnte man aus Ihren Worten
leicht erkennen.“ „Nein,“ rief sie, blieb sitzen und griff nur nach K.s Hand,
die er ihr nicht rasch genug entzog. „Sie dürfen jetzt nicht weggehn, Sie
dürfen nicht mit einem falschen Urteil über mich weggehn. Brächten Sie es
wirklich zustande, jetzt wegzugehn? Bin ich wirklich so wertlos, daß Sie
mir nicht einmal den Gefallen tun wollen, noch ein kleines Weilchen
hierzubleiben?“ „Sie mißverstehen mich,“ sagte K. und setzte sich, „wenn
Ihnen wirklich daran liegt, daß ich hierbleibe, bleibe ich gern, ich habe ja
Zeit, ich kam doch in der Erwartung her, daß heute eine Verhandlung
[92]sein werde. Mit dem, was ich früher sagte, wollte ich Sie nur bitten, in
meinem Prozeß nichts für mich zu unternehmen. Aber auch das muß Sie
nicht kränken, wenn Sie bedenken, daß mir am Ausgang des Prozesses gar

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nichts liegt und daß ich über eine Verurteilung nur lachen werde.
Vorausgesetzt, daß es überhaupt zu einem wirklichen Abschluß des
Prozesses kommt, was ich sehr bezweifle. Ich glaube vielmehr, daß das
Verfahren infolge Faulheit oder Vergeßlichkeit oder vielleicht sogar infolge
Angst der Beamtenschaft schon abgebrochen ist oder in der nächsten Zeit
abgebrochen werden wird. Möglich ist allerdings auch, daß man in
Hoffnung auf irgendeine größere Bestechung den Prozeß scheinbar
weiterführen wird, ganz vergeblich, wie ich heute schon sagen kann, denn
ich besteche niemanden. Es wäre immerhin eine Gefälligkeit, die Sie mir
leisten könnten, wenn Sie dem Untersuchungsrichter oder irgend jemandem
sonst, der wichtige Nachrichten gern verbreitet, mitteilen würden, daß ich
niemals und durch keine Kunststücke, an denen die Herren wohl reich sind,
zu einer Bestechung zu bewegen sein werde. Es wäre ganz aussichtslos, das
können [93]Sie ihnen offen sagen. Übrigens wird man es vielleicht selbst
schon bemerkt haben und selbst wenn dies nicht sein sollte, liegt mir gar
nicht soviel daran, daß man es jetzt schon erfährt. Es würde ja dadurch den
Herren nur Arbeit erspart werden, allerdings auch mir einige
Unannehmlichkeiten, die ich aber gern auf mich nehme, wenn ich weiß, daß
jede gleichzeitig ein Hieb für die andern ist. Und daß es so wird, dafür will
ich sorgen. Kennen Sie eigentlich den Untersuchungsrichter?“ „Natürlich,“
sagte die Frau, „an den dachte ich sogar zuerst, als ich Ihnen Hilfe anbot.
Ich wußte nicht, daß er nur ein niedriger Beamter ist, aber da Sie es sagen,
wird es wahrscheinlich richtig sein. Trotzdem glaube ich, daß der Bericht,
den er nach oben liefert, immerhin einigen Einfluß hat. Und er schreibt
soviel Berichte. Sie sagen, daß die Beamten faul sind, alle gewiß nicht,
besonders dieser Untersuchungsrichter nicht, er schreibt sehr viel. Letzten
Sonntag z. B. dauerte die Sitzung bis gegen Abend. Alle Leute gingen weg,
der Untersuchungsrichter aber blieb im Saal, ich mußte ihm eine Lampe
bringen, ich hatte nur eine kleine Küchenlampe, aber er war mit ihr
zufrieden [94]und fing gleich zu schreiben an. Inzwischen war auch mein
Mann gekommen, der an jenem Sonntag gerade Urlaub hatte, wir holten die
Möbel, richteten wieder unser Zimmer ein, es kamen dann noch Nachbarn,
wir unterhielten uns noch bei einer Kerze, kurz, wir vergaßen den

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Untersuchungsrichter und gingen schlafen. Plötzlich in der Nacht, es muß
schon tief in der Nacht gewesen sein, wache ich auf, neben dem Bett steht
der Untersuchungsrichter und blendet die Lampe mit der Hand ab, so daß
auf meinen Mann kein Licht fällt, es war unnötige Vorsicht, mein Mann hat
einen solchen Schlaf, daß ihn auch das Licht nicht geweckt hätte. Ich war so
erschrocken, daß ich fast geschrien hätte, aber der Untersuchungsrichter
war sehr freundlich, ermahnte mich zur Vorsicht, flüsterte mir zu, daß er bis
jetzt geschrieben habe, daß er mir jetzt die Lampe zurückbringe und daß er
niemals den Anblick vergessen werde, wie er mich schlafend gefunden
habe. Mit dem allen wollte ich Ihnen nur sagen, daß der
Untersuchungsrichter tatsächlich viele Berichte schreibt, insbesondere über
Sie, denn Ihre Einvernahme war gewiß einer der Hauptgegenstände der
zweitägigen [95]Sitzung. Solche lange Berichte können aber doch nicht ganz
bedeutungslos sein. Außerdem aber können Sie doch auch aus dem Vorfall
sehn, daß sich der Untersuchungsrichter um mich bewirbt und daß ich
gerade jetzt in der ersten Zeit, er muß mich überhaupt erst jetzt bemerkt
haben, großen Einfluß auf ihn haben kann. Daß ihm viel an mir liegt, dafür
habe ich jetzt auch noch andere Beweise. Er hat mir gestern durch den
Studenten, zu dem er viel Vertrauen hat und der sein Mitarbeiter ist, seidene
Strümpfe zum Geschenk geschickt, angeblich dafür, daß ich das
Sitzungszimmer aufräume, aber das ist nur ein Vorwand, denn diese Arbeit
ist doch nur meine Pflicht und für sie wird mein Mann bezahlt. Es sind
schöne Strümpfe, sehen Sie — sie streckte die Beine, zog die Röcke bis
zum Knie hinauf und sah auch selbst die Strümpfe an — es sind schöne
Strümpfe, aber doch eigentlich zu fein und für mich nicht geeignet.“

Plötzlich unterbrach sie sich, legte ihre Hand auf K.s Hand, als wolle sie ihn
beruhigen und flüsterte: „Still, Bertold sieht uns zu.“ K. hob langsam den
Blick. In der Tür des Sitzungszimmers [96]stand ein junger Mann, er war
klein, hatte nicht ganz gerade Beine und suchte sich durch einen kurzen
schüttern rötlichen Vollbart, in dem er die Finger fortwährend herumführte,
Würde zu geben. K. sah ihn neugierig an, es war ja der erste Student der
unbekannten Rechtswissenschaft, dem er gewissermaßen menschlich

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begegnete, ein Mann, der wahrscheinlich auch einmal zu höhern
Beamtenstellen gelangen würde. Der Student dagegen kümmerte sich um
K. scheinbar gar nicht, er winkte nur mit einem Finger, den er für einen
Augenblick aus seinem Barte zog, der Frau und ging zum Fenster, die Frau
beugte sich zu K. und flüsterte: „Seien Sie mir nicht böse, ich bitte Sie
vielmals, denken Sie auch nicht schlecht von mir, ich muß jetzt zu ihm
gehn, zu diesem scheußlichen Menschen, sehn Sie nur seine krummen
Beine an. Aber ich komme gleich zurück und dann geh ich mit Ihnen, wenn
Sie mich mitnehmen, ich gehe, wohin Sie wollen, Sie können mit mir tun,
was Sie wollen, ich werde glücklich sein, wenn ich von hier für möglichst
lange Zeit fort bin, am liebsten allerdings für immer.“ Sie streichelte noch
K.s Hand, sprang auf und lief zum Fenster. Unwillkürlich [97]haschte noch
K. nach ihrer Hand ins Leere. Die Frau verlockte ihn wirklich, er fand trotz
allem Nachdenken keinen haltbaren Grund dafür, warum er der Verlockung
nicht nachgeben sollte. Den flüchtigen Einwand, daß ihn die Frau für das
Gericht einfange, wehrte er ohne Mühe ab. Auf welche Weise konnte sie ihn
einfangen? Blieb er nicht immer so frei, daß er das ganze Gericht,
wenigstens soweit es ihn betraf, sofort zerschlagen konnte? Konnte er nicht
dieses geringe Vertrauen zu sich haben? Und ihr Anerbieten einer Hilfe
klang aufrichtig und war vielleicht nicht wertlos. Und es gab vielleicht
keine bessere Rache an dem Untersuchungsrichter und seinem Anhang, als
daß er ihnen diese Frau entzog und an sich nahm. Es könnte sich dann
einmal der Fall ereignen, daß der Untersuchungsrichter nach mühevoller
Arbeit an Lügenberichten über K. in später Nacht das Bett der Frau leer
fand. Und leer deshalb, weil sie K. gehörte, weil diese Frau am Fenster,
dieser üppige gelenkige warme Körper im dunklen Kleid aus grobem
schweren Stoff durchaus nur K. gehörte.

Nachdem er auf diese Weise die Bedenken gegen die Frau beseitigt hatte,
wurde ihm das leise Zwiegespräch [98]am Fenster zu lang, er klopfte mit
den Knöcheln auf das Podium und dann auch mit der Faust. Der Student
sah kurz über die Schulter der Frau hinweg nach K. hin, ließ sich aber nicht
stören, ja drückte sich sogar enger an die Frau und umfaßte sie. Sie senkte

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tief den Kopf, als höre sie ihm aufmerksam zu, er küßte sie, als sie sich
bückte, laut auf den Hals, ohne sich im Reden wesentlich zu unterbrechen.
K. sah darin die Tyrannei bestätigt, die der Student nach den Klagen der
Frau über sie ausübte, stand auf und ging im Zimmer auf und ab. Er
überlegte unter Seitenblicken nach dem Studenten, wie er ihn möglichst
schnell wegschaffen könnte, und es war ihm daher nicht unwillkommen, als
der Student, offenbar gestört durch K.s Herumgehn, das schon zeitweilig zu
einem Trampeln ausgeartet war, bemerkte: „Wenn Sie ungeduldig sind,
können Sie weggehn. Sie hätten auch schon früher weggehn können, es
hätte Sie niemand vermißt. Ja, Sie hätten sogar weggehn sollen, und zwar
schon bei meinem Eintritt, und zwar schleunigst.“ Es mochte in dieser
Bemerkung alle mögliche Wut zum Ausbruch kommen, jedenfalls lag darin
aber auch der Hochmut [99]des künftigen Gerichtsbeamten, der zu einem
mißliebigen Angeklagten sprach. K. blieb ganz nahe bei ihm stehn und
sagte lächelnd: „Ich bin ungeduldig, das ist richtig, aber diese Ungeduld
wird am leichtesten dadurch zu beseitigen sein, daß Sie uns verlassen. Wenn
Sie aber vielleicht hergekommen sind, um zu studieren — ich hörte, daß Sie
Student sind — so will ich Ihnen gerne Platz machen und mit der Frau
weggehn. Sie werden übrigens noch viel studieren müssen, ehe Sie Richter
werden. Ich kenne zwar Ihr Gerichtswesen noch nicht sehr genau, nehme
aber an, daß es mit groben Reden allein, die Sie allerdings schon
unverschämt gut zu führen wissen, noch lange nicht getan ist.“ „Man hätte
ihn nicht so frei herumlaufen lassen sollen,“ sagte der Student, als wolle er
der Frau eine Erklärung für K.s beleidigende Rede geben, „es war ein
Mißgriff. Ich habe es dem Untersuchungsrichter gesagt. Man hätte ihn
zwischen den Verhören zumindest in seinem Zimmer halten sollen. Der
Untersuchungsrichter ist manchmal unbegreiflich.“ „Unnütze Reden,“ sagte
K. und streckte die Hand nach der Frau aus, „kommen Sie.“ „Ach so,“ sagte
der [100]Student, „nein, nein, die bekommen Sie nicht,“ und mit einer Kraft,
die man ihm nicht zugetraut hätte, hob er sie auf einen Arm, und lief mit
gebeugtem Rücken, zärtlich zu ihr aufsehend, zur Tür. Eine gewisse Angst
vor K. war hiebei nicht zu verkennen, trotzdem wagte er es, K. noch zu
reizen, indem er mit der freien Hand den Arm der Frau streichelte und

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drückte. K. lief paar Schritte neben ihm her, bereit, ihn zu fassen und, wenn
es sein müßte, zu würgen, da sagte die Frau: „Es hilft nichts, der
Untersuchungsrichter läßt mich holen, ich darf nicht mit Ihnen gehn, dieses
kleine Scheusal,“ sie fuhr hiebei dem Studenten mit der Hand übers
Gesicht, „dieses kleine Scheusal läßt mich nicht.“ „Und Sie wollen nicht
befreit werden,“ schrie K. und legte die Hand auf die Schulter des
Studenten, der mit den Zähnen nach ihr schnappte. „Nein,“ rief die Frau
und wehrte K. mit beiden Händen ab, „nein, nein, nur das nicht, woran
denken Sie denn! Das wäre mein Verderben. Lassen Sie ihn doch, o bitte,
lassen Sie ihn doch. Er führt ja nur den Befehl des Untersuchungsrichters
aus und trägt mich zu ihm.“ „Dann mag er laufen und Sie will ich nie mehr
sehn,“ sagte K. wütend [101]vor Enttäuschung und gab dem Studenten einen
Stoß in den Rücken, daß er kurz stolperte, um gleich darauf, vor Vergnügen
darüber, daß er nicht gefallen war, mit seiner Last desto höher zu springen.
K. ging ihnen langsam nach, er sah ein, daß das die erste zweifellose
Niederlage war, die er von diesen Leuten erfahren hatte. Es war natürlich
gar kein Grund, sich deshalb zu ängstigen, er erhielt die Niederlage nur
deshalb, weil er den Kampf aufsuchte. Wenn er zu Hause bliebe und sein
gewohntes Leben führen würde, war er jedem dieser Leute tausendfach
überlegen und konnte jeden mit einem Fußtritt von seinem Wege räumen.
Und er stellte sich die allerlächerlichste Szene vor, die es z. B. geben würde,
wenn dieser klägliche Student, dieses aufgeblasene Kind, dieser krumme
Bartträger vor Elsas Bett knien und mit gefalteten Händen um Gnade bitten
würde. K. gefiel diese Vorstellung so, daß er beschloß, wenn sich nur
irgendeine Gelegenheit dafür ergeben sollte, den Studenten einmal zu Elsa
mitzunehmen.

Aus Neugierde eilte K. noch zur Tür, er wollte sehn, wohin die Frau
getragen wurde, der Student würde sie doch nicht etwa über die Straßen auf
[102]dem Arm tragen. Es zeigte sich, daß der Weg viel kürzer war. Gleich
gegenüber der Wohnungstür führte eine schmale hölzerne Treppe
wahrscheinlich zum Dachboden, sie machte eine Wendung, so daß man ihr
Ende nicht sah. Über diese Treppe trug der Student die Frau hinauf, schon

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sehr langsam und stöhnend, denn er war durch das bisherige Laufen
geschwächt. Die Frau grüßte mit der Hand zu K. hinunter, und suchte durch
Auf- und Abziehn der Schultern zu zeigen, daß sie an der Entführung
unschuldig sei, viel Bedauern lag aber in dieser Bewegung nicht. K. sah sie
ausdruckslos, wie eine Fremde an, er wollte weder verraten, daß er
enttäuscht war, noch auch, daß er die Enttäuschung leicht überwinden
könne.

Die zwei waren schon verschwunden, K. aber stand noch immer in der Tür.
Er mußte annehmen, daß ihn die Frau nicht nur betrogen, sondern mit der
Angabe, daß sie zum Untersuchungsrichter getragen werde, auch belogen
habe. Der Untersuchungsrichter würde doch nicht auf dem Dachboden
sitzen und warten. Die Holztreppe erklärte nichts, so lange man sie auch
ansah. Da bemerkte K. einen kleinen Zettel neben dem Aufgang, ging
[103]hinüber und las in einer kindlichen ungeübten Schrift: „Aufgang zu den
Gerichtskanzleien.“ Hier auf dem Dachboden dieses Miethauses waren also
die Gerichtskanzleien? Das war keine Einrichtung, die viel Achtung
einzuflößen imstande war und es war für einen Angeklagten beruhigend,
sich vorzustellen, wie wenig Geldmittel diesem Gericht zur Verfügung
standen, wenn es seine Kanzleien dort unterbrachte, wo die Mietparteien,
die schon selbst zu den Ärmsten gehörten, ihren unnützen Kram hinwarfen.
Allerdings war es nicht ausgeschlossen, daß man Geld genug hatte, daß
aber die Beamtenschaft sich darüber warf, ehe es für Gerichtszwecke
verwendet wurde. Das war nach den bisherigen Erfahrungen K.s sogar sehr
wahrscheinlich, nur war dann eine solche Verlotterung des Gerichtes für
einen Angeklagten zwar entwürdigend, aber im Grunde noch beruhigender,
als es die Armut des Gerichtes gewesen wäre. Nun war es K. auch
begreiflich, daß man sich beim ersten Verhör schämte, den Angeklagten auf
den Dachboden vorzuladen und es vorzog, ihn in seiner Wohnung zu
belästigen. In welcher Stellung befand sich doch K. gegenüber [104]dem
Richter, der auf dem Dachboden saß, während er selbst in der Bank ein
großes Zimmer mit einem Vorzimmer hatte und durch eine riesige
Fensterscheibe auf den belebten Stadtplatz hinuntersehen konnte.

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Allerdings hatte er keine Nebeneinkünfte aus Bestechungen oder
Unterschlagungen und konnte sich auch vom Diener keine Frau auf dem
Arm ins Bureau tragen lassen. Darauf wollte K. aber, wenigstens in diesem
Leben, gerne verzichten.

K. stand noch vor dem Anschlagzettel, als ein Mann die Treppe heraufkam,
durch die offene Tür ins Wohnzimmer sah, aus dem man auch in das
Sitzungszimmer sehen konnte, und schließlich K. fragte, ob er hier nicht
vor kurzem eine Frau gesehen habe. „Sie sind der Gerichtsdiener, nicht?“
fragte K. „Ja,“ sagte der Mann, „ach so, Sie sind der Angeklagte K., jetzt
erkenne ich Sie auch, seien Sie willkommen.“ Und er reichte K., der es gar
nicht erwartet hatte, die Hand. „Heute ist aber keine Sitzung angezeigt,“
sagte dann der Gerichtsdiener, als K. schwieg. „Ich weiß,“ sagte K. und
betrachtete den Zivilrock des Gerichtsdieners, der als einziges amtliches
Abzeichen neben [105]einigen gewöhnlichen Knöpfen auch zwei vergoldete
Knöpfe aufwies, die von einem alten Offiziersmantel abgetrennt zu sein
schienen. „Ich habe vor einem Weilchen mit Ihrer Frau gesprochen. Sie ist
nicht mehr hier. Der Student hat sie zum Untersuchungsrichter getragen.“
„Sehen Sie,“ sagte der Gerichtsdiener, „immer trägt man sie mir weg. Heute
ist doch Sonntag und ich bin zu keiner Arbeit verpflichtet, aber nur, um
mich von hier zu entfernen, schickt man mich mit einer unnützen Meldung
weg. Und zwar schickt man mich nicht weit weg, so daß ich die Hoffnung
habe, wenn ich mich sehr beeile, vielleicht noch rechtzeitig
zurückzukommen. Ich laufe also, so sehr ich kann, schreie dem Amt, zu
dem ich geschickt wurde, meine Meldung durch den Türspalt so atemlos zu,
daß man sie kaum verstanden haben wird, laufe wieder zurück, aber der
Student hat sich noch mehr beeilt als ich, er hatte allerdings auch einen
kürzeren Weg, er mußte nur die Bodentreppe hinunterlaufen. Wäre ich nicht
so abhängig, ich hätte den Studenten schon längst hier an der Wand
zerdrückt. Hier neben dem Anschlagzettel. Davon träume ich immer. Hier
ein wenig über dem Fußboden [106]ist er festgedrückt, die Arme gestreckt,
die Finger gespreizt, die krummen Beine zum Kreis gedreht und ringsherum
Blutspritzer. Bisher war es aber nur Traum.“ „Eine andere Hilfe gibt es

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nicht?“ fragte K. lächelnd. „Ich wüßte keine,“ sagte der Gerichtsdiener.
„Und jetzt wird es ja noch ärger, bisher hat er sie nur zu sich getragen, jetzt
trägt er sie, was ich allerdings längst erwartet habe, auch zum
Untersuchungsrichter.“ „Hat denn Ihre Frau gar keine Schuld dabei,“ fragte
K., er mußte sich bei dieser Frage bezwingen, so sehr fühlte auch er jetzt
die Eifersucht. „Aber gewiß,“ sagte der Gerichtsdiener, „sie hat sogar die
größte Schuld. Sie hat sich ja an ihn gehängt. Was ihn betrifft, er läuft allen
Weibern nach. In diesem Hause allein ist er schon aus fünf Wohnungen, in
die er sich eingeschlichen hat, hinausgeworfen worden. Meine Frau ist
allerdings die schönste im ganzen Haus, und gerade ich darf mich nicht
wehren.“ „Wenn es sich so verhält, dann gibt es allerdings keine Hilfe,“
sagte K. „Warum denn nicht,“ fragte der Gerichtsdiener. „Man müßte den
Studenten, der ein Feigling ist, einmal, wenn er meine Frau anrühren will,
so durchprügeln, daß er es niemals [107]mehr wagt. Aber ich darf es nicht
und andere machen mir den Gefallen nicht, denn alle fürchten seine Macht.
Nur ein Mann wie Sie könnte es tun.“ „Wieso denn ich?“ fragte K. erstaunt.
„Sie sind doch angeklagt,“ sagte der Gerichtsdiener. „Ja,“ sagte K., „aber
desto mehr müßte ich doch fürchten, daß er, wenn auch vielleicht nicht
Einfluß auf den Ausgang des Prozesses, so doch wahrscheinlich auf die
Voruntersuchung hat.“ „Ja, gewiß,“ sagte der Gerichtsdiener, als sei die
Ansicht K.s genau so richtig wie seine eigene. „Es werden aber bei uns in
der Regel keine aussichtslosen Prozesse geführt.“ „Ich bin nicht Ihrer
Meinung,“ sagte K., „das soll mich aber nicht hindern, gelegentlich den
Studenten in Behandlung zu nehmen.“ „Ich wäre Ihnen sehr dankbar,“ sagte
der Gerichtsdiener etwas förmlich, er schien eigentlich doch nicht an die
Erfüllbarkeit seines höchsten Wunsches zu glauben. „Es würden vielleicht,“
fuhr K. fort, „auch noch andere Ihrer Beamten und vielleicht sogar alle das
gleiche verdienen.“ „Ja, ja,“ sagte der Gerichtsdiener, als handle es sich um
etwas Selbstverständliches. Dann sah er K. mit einem zutraulichen Blick an,
[108]wie er es bisher trotz aller Freundlichkeit nicht getan hatte, und fügte
hinzu: „Man rebelliert eben immer.“ Aber das Gespräch schien ihm doch
ein wenig unbehaglich geworden zu sein, denn er brach es ab, indem er
sagte: „Jetzt muß ich mich in der Kanzlei melden. Wollen Sie

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mitkommen?“ „Ich habe dort nichts zu tun,“ sagte K. „Sie könnten die
Kanzleien ansehn. Es wird sich niemand um Sie kümmern.“ „Sind sie denn
sehenswert?“ fragte K. zögernd, hatte aber große Lust mitzugehn. „Nun,“
sagte der Gerichtsdiener, „ich dachte, es würde Sie interessieren.“ „Gut,“
sagte K. schließlich, „ich gehe mit“. Und er lief schneller als der
Gerichtsdiener die Treppe hinauf.

Beim Eintritt wäre er fast hingefallen, denn hinter der Tür war noch eine
Stufe. „Auf das Publikum nimmt man nicht viel Rücksicht,“ sagte er. „Man
nimmt überhaupt keine Rücksicht,“ sagte der Gerichtsdiener, „sehn Sie nur
hier das Wartezimmer.“ Es war ein langer Gang, von dem aus rohe
gezimmerte Türen zu den einzelnen Abteilungen des Dachbodens führten.
Trotzdem kein unmittelbarer Lichtzutritt bestand, war es doch nicht
vollständig dunkel, denn manche Abteilungen [109]hatten gegen den Gang
zu statt einheitlicher Bretterwände, bloße, allerdings bis zur Decke
reichende Holzgitter, durch die einiges Licht drang und durch die man auch
einzelne Beamte sehen konnte, wie sie an Tischen schrieben oder geradezu
am Gitter standen und durch die Lücken die Leute auf dem Gang
beobachteten. Es waren, wahrscheinlich weil Sonntag war, nur wenig Leute
auf dem Gang. Sie machten einen sehr bescheidenen Eindruck. In fast
regelmäßigen Entfernungen voneinander saßen sie auf den zwei Reihen
langer Holzbänke, die zu beiden Seiten des Ganges angebracht waren. Alle
waren vernachlässigt angezogen, trotzdem die meisten nach dem
Gesichtsausdruck, der Haltung, der Barttracht und vielen kaum
sicherzustellenden kleinen Einzelheiten den höheren Klassen angehörten.
Da keine Kleiderhaken vorhanden waren, hatten sie die Hüte,
wahrscheinlich einer dem Beispiel des andern folgend, unter die Bank
gestellt. Als die, welche zunächst der Tür saßen, K. und den Gerichtsdiener
erblickten, erhoben sie sich zum Gruß, da das die Folgenden sahen,
glaubten sie auch grüßen zu müssen, so daß alle beim Vorbeigehn der zwei
[110]sich erhoben. Sie standen niemals vollständig aufrecht, der Rücken war
geneigt, die Knie geknickt, sie standen wie Straßenbettler. K. wartete auf
den ein wenig hinter ihm gehenden Gerichtsdiener und sagte: „Wie

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gedemütigt die sein müssen.“ „Ja,“ sagte der Gerichtsdiener, „es sind
Angeklagte, alle die Sie hier sehn, sind Angeklagte.“ „Wirklich!“ sagte K.
„Dann sind es ja meine Kollegen.“ Und er wandte sich an den nächsten,
einen großen schlanken, schon fast grauhaarigen Mann. „Worauf warten Sie
hier?“ fragte K. höflich. Die unerwartete Ansprache aber machte den Mann
verwirrt, was um so peinlicher aussah, da es sich offenbar um einen
welterfahrenen Menschen handelte, der anderswo gewiß sich zu
beherrschen verstand und die Überlegenheit, die er sich über viele erworben
hatte, nicht leicht aufgab. Hier aber wußte er auf eine so einfache Frage
nicht zu antworten und sah auf die andern hin, als seien sie verpflichtet, ihm
zu helfen, und als könne niemand von ihm eine Antwort verlangen, wenn
diese Hilfe ausbliebe. Da trat der Gerichtsdiener hinzu und sagte, um den
Mann zu beruhigen und aufzumuntern: „Der Herr hier fragt ja nur, auf was
[111]Sie warten. Antworten Sie doch.“ Die ihm wahrscheinlich bekannte
Stimme des Gerichtsdieners wirkte besser: „Ich warte —“ begann er und
stockte. Offenbar hatte er diesen Anfang gewählt, um ganz genau auf die
Fragestellung zu antworten, fand aber jetzt die Fortsetzung nicht. Einige der
Wartenden hatten sich genähert und umstanden die Gruppe, der
Gerichtsdiener sagte zu ihnen: „Weg, weg, macht den Gang frei.“ Sie
wichen ein wenig zurück, aber nicht bis zu ihren früheren Sitzen.
Inzwischen hatte sich der Gefragte gesammelt und antwortete sogar mit
einem kleinen Lächeln: „Ich habe vor einem Monat einige Beweisanträge in
meiner Sache gemacht und warte auf die Erledigung.“ „Sie scheinen sich ja
viele Mühe zu geben,“ sagte K. „Ja,“ sagte der Mann, „es ist ja meine
Sache.“ „Jeder denkt nicht so wie Sie,“ sagte K., „ich z. B. bin auch
angeklagt, habe aber, so wahr ich selig werden will, weder einen
Beweisantrag gestellt, noch auch sonst irgend etwas derartiges
unternommen. Halten Sie denn das für nötig?“ „Ich weiß nicht genau,“
sagte der Mann wieder in vollständiger Unsicherheit; er glaubte offenbar,
K. mache mit ihm einen Scherz, [112]deshalb hätte er wahrscheinlich am
liebsten, aus Furcht, irgendeinen neuen Fehler zu machen, seine frühere
Antwort ganz wiederholt, vor K.s ungeduldigem Blick aber sagte er nur,
„was mich betrifft, ich habe Beweisanträge gestellt.“ „Sie glauben wohl

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nicht, daß ich angeklagt bin,“ fragte K. „O bitte gewiß,“ sagte der Mann,
und trat ein wenig zur Seite, aber in der Antwort war nicht Glaube, sondern
nur Angst. „Sie glauben mir also nicht?“ fragte K. und faßte ihn, unbewußt
durch das demütige Wesen des Mannes dazu aufgefordert, beim Arm, als
wolle er ihn zum Glauben zwingen. Er wollte ihm nicht Schmerz bereiten,
hatte ihn auch nur ganz leicht angegriffen, trotzdem aber schrie der Mann
auf, als habe K. ihn nicht mit zwei Fingern, sondern mit einer glühenden
Zange erfaßt. Dieses lächerliche Schreien machte K. endgültig überdrüssig;
glaubte man ihm nicht, daß er angeklagt war, so war es desto besser;
vielleicht hielt er ihn sogar für einen Richter. Und er faßte ihn nun zum
Abschied wirklich fester, stieß ihn auf die Bank zurück und ging weiter.
„Die meisten Angeklagten sind so empfindlich,“ sagte der Gerichtsdiener.
Hinter ihnen sammelten [113]sich jetzt fast alle Wartenden um den Mann,
der schon zu schreien aufgehört hatte, und schienen ihn über den
Zwischenfall genau auszufragen. K. entgegen kam jetzt ein Wächter, der
hauptsächlich an einem Säbel kenntlich war, dessen Scheide, wenigstens
der Farbe nach, aus Aluminium bestand. K. staunte darüber und griff sogar
mit der Hand hin. Der Wächter, der wegen des Schreins gekommen war,
fragte nach dem Vorgefallenen. Der Gerichtsdiener suchte ihn mit einigen
Worten zu beruhigen, aber der Wächter erklärte, doch noch selbst nachsehn
zu müssen, salutierte und ging weiter mit sehr eiligen, aber sehr kurzen,
wahrscheinlich durch Gicht abgemessenen Schritten.

K. kümmerte sich nicht lange um ihn und die Gesellschaft auf dem Gang,
besonders da er etwa in der Hälfte des Ganges die Möglichkeit sah, rechts
durch eine türlose Öffnung einzubiegen. Er verständigte sich mit dem
Gerichtsdiener darüber, ob das der richtige Weg sei, der Gerichtsdiener
nickte und K. bog nun wirklich dort ein. Es war ihm lästig, daß er immer
einen oder zwei Schritte vor dem Gerichtsdiener gehen mußte, es konnte
[114]wenigstens an diesem Ort den Anschein haben, als ob er verhaftet
vorgeführt werde. Er wartete also öfters auf den Gerichtsdiener, aber dieser
blieb gleich wieder zurück. Schließlich sagte K., um seinem Unbehagen ein
Ende zu machen: „Nun habe ich gesehn, wie es hier aussieht, ich will jetzt

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weggehn.“ „Sie haben noch nicht alles gesehn,“ sagte der Gerichtsdiener
vollständig unverfänglich. „Ich will nicht alles sehn,“ sagte K., der sich
übrigens wirklich müde fühlte, „ich will gehn, wie kommt man zum
Ausgang?“ „Sie haben sich doch nicht schon verirrt,“ fragte der
Gerichtsdiener erstaunt, „Sie gehn hier bis zur Ecke und dann rechts den
Gang hinunter geradeaus zur Tür.“ „Kommen Sie mit,“ sagte K., „zeigen
Sie mir den Weg, ich werde ihn verfehlen, es sind hier so viele Wege.“ „Es
ist der einzige Weg,“ sagte der Gerichtsdiener nun schon vorwurfsvoll, „ich
kann nicht wieder mit Ihnen zurückgehn, ich muß doch meine Meldung
vorbringen und habe schon viel Zeit durch Sie versäumt.“ „Kommen Sie
mit,“ wiederholte K. jetzt schärfer, als habe er endlich den Gerichtsdiener
auf einer Unwahrheit ertappt. „Schreien Sie doch nicht so,“ flüsterte der
[115]Gerichtsdiener, „es sind ja hier überall Bureaus. Wenn Sie nicht allein
zurückgehn wollen, so gehn Sie noch ein Stückchen mit mir oder warten
Sie hier, bis ich meine Meldung erledigt habe, dann will ich ja gern mit
Ihnen wieder zurückgehn.“ „Nein, nein,“ sagte K., „ich werde nicht warten
und Sie müssen jetzt mit mir gehn.“ K. hatte sich noch gar nicht in dem
Raum umgesehn, in dem er sich befand, erst als jetzt eine der vielen
Holztüren, die ringsherum standen, sich öffnete, blickte er hin. Ein
Mädchen, das wohl durch K.s lautes Sprechen herbeigerufen war, trat ein
und fragte: „Was wünscht der Herr?“ Hinter ihr in der Ferne sah man im
Halbdunkel noch einen Mann sich nähern. K. blickte den Gerichtsdiener an.
Dieser hatte doch gesagt, daß sich niemand um K. kümmern werde, und
nun kamen schon zwei, es brauchte nur wenig und die Beamtenschaft
wurde auf ihn aufmerksam, würde eine Erklärung seiner Anwesenheit
haben wollen. Die einzig verständliche und annehmbare war die, daß er
Angeklagter war und das Datum des nächsten Verhörs erfahren wollte,
gerade diese Erklärung aber wollte er nicht geben, besonders da sie auch
nicht wahrheitsgemäß war, [116]denn er war nur aus Neugierde gekommen
oder, was als Erklärung noch unmöglicher war, aus dem Verlangen,
festzustellen, daß das Innere dieses Gerichtswesens ebenso widerlich war
wie sein Äußeres. Und es schien ja, daß er mit dieser Annahme recht hatte,
er wollte nicht weiter eindringen, er war beengt genug von dem, was er

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bisher gesehen hatte, er war gerade jetzt nicht in der Verfassung, einem
höheren Beamten gegenüberzutreten, wie er hinter jeder Tür auftauchen
konnte, er wollte weggehn, und zwar mit dem Gerichtsdiener oder allein,
wenn es sein mußte.

Aber sein stummes Dastehn mußte auffallend sein und wirklich sahen ihn
das Mädchen und der Gerichtsdiener derartig an, als ob in der nächsten
Minute irgendeine große Verwandlung mit ihm geschehen müsse, die sie zu
beobachten nicht versäumen wollten. Und in der Türöffnung stand der
Mann, den K. früher in der Ferne bemerkt hatte, er hielt sich am
Deckbalken der niedrigen Tür fest und schaukelte ein wenig auf den
Fußspitzen, wie ein ungeduldiger Zuschauer. Das Mädchen aber erkannte
doch zuerst, daß das Benehmen K.s in einem leichten Unwohlsein seinen
Grund hatte, [117]sie brachte einen Sessel und fragte: „Wollen Sie sich nicht
setzen?“ K. setzte sich sofort und stützte, um noch besser Halt zu
bekommen, die Ellbogen auf die Lehnen. „Sie haben ein wenig Schwindel,
nicht?“ fragte sie ihn. Er hatte nun ihr Gesicht nahe vor sich, es hatte den
strengen Ausdruck, wie ihn manche Frauen gerade in ihrer schönsten
Jugend haben. „Machen Sie sich darüber keine Gedanken,“ sagte sie, „das
ist hier nichts Außergewöhnliches, fast jeder bekommt einen solchen Anfall,
wenn er zum erstenmal herkommt. Sie sind zum erstenmal hier? Nun ja, das
ist aber nichts Außergewöhnliches. Die Sonne brennt hier auf das
Dachgerüst und das heiße Holz macht die Luft so dumpf und schwer. Der
Ort ist deshalb für Bureauräumlichkeiten nicht sehr geeignet, so große
Vorteile er allerdings sonst bietet. Aber was die Luft betrifft, so ist sie an
Tagen großen Parteienverkehrs, und das ist fast jeder Tag, kaum mehr
atembar. Wenn Sie dann noch bedenken, daß hier auch vielfach Wäsche
zum Trocknen ausgehängt wird, — man kann es den Mietern nicht gänzlich
untersagen, — so werden Sie sich nicht mehr wundern, daß Ihnen ein
[118]wenig übel wurde. Aber man gewöhnt sich schließlich an die Luft sehr
gut. Wenn Sie zum zweiten- oder drittenmal herkommen, werden Sie das
Drückende hier kaum mehr spüren. Fühlen Sie sich schon besser?“ K.
antwortete nicht, es war ihm zu peinlich, durch diese plötzliche Schwäche

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den Leuten hier ausgeliefert zu sein, überdies war ihm, da er jetzt die
Ursachen seiner Übelkeit erfahren hatte, nicht besser, sondern noch ein
wenig schlechter. Das Mädchen merkte es gleich, nahm, um K. eine
Erfrischung zu bereiten, eine Hakenstange, die an der Wand lehnte und stieß
damit eine kleine Luke auf, die gerade über K. angebracht war und ins Freie
führte. Aber es fiel soviel Ruß herein, daß das Mädchen die Luke gleich
wieder zuziehn und mit ihrem Taschentuch die Hände K.s vom Ruß
reinigen mußte, denn K. war zu müde, um das selbst zu besorgen. Er wäre
gern hier ruhig sitzengeblieben, bis er sich zum Weggehn genügend
gekräftigt hatte, das mußte aber um so früher geschehen, je weniger man
sich um ihn kümmern würde. Nun sagte aber überdies das Mädchen: „Hier
können Sie nicht bleiben, hier stören wir den Verkehr.“ — K. fragte mit den
Blicken, welchen [119]Verkehr er denn hier störe — „ich werde Sie, wenn
Sie wollen, ins Krankenzimmer führen.“ „Helfen Sie mir bitte,“ sagte sie zu
dem Mann in der Tür, der auch gleich näher kam. Aber K. wollte nicht ins
Krankenzimmer, gerade das wollte er ja vermeiden, weiter geführt zu
werden, je weiter er kam, desto ärger mußte es werden. „Ich kann schon
gehn,“ sagte er deshalb und stand, durch das bequeme Sitzen verwöhnt,
zitternd auf. Dann aber konnte er sich nicht aufrecht halten. „Es geht doch
nicht,“ sagte er kopfschüttelnd und setzte sich seufzend wieder nieder. Er
erinnerte sich an den Gerichtsdiener, der ihn trotz allem leicht hinausführen
konnte, aber der schien schon längst weg zu sein, K. sah zwischen dem
Mädchen und dem Mann, die vor ihm standen, hindurch, konnte aber den
Gerichtsdiener nicht finden.

„Ich glaube,“ sagte der Mann, der übrigens elegant gekleidet war und
besonders durch eine graue Weste auffiel, die in zwei langen, scharf
geschnittenen Spitzen endigte, „das Unwohlsein des Herrn geht auf die
Atmosphäre hier zurück, es wird daher am besten und auch ihm am liebsten
sein, wenn wir ihn nicht erst ins Krankenzimmer, sondern [120]überhaupt
aus den Kanzleien hinausführen.“ „Das ist es,“ rief K. und fuhr vor lauter
Freude fast noch in die Rede des Mannes hinein, „mir wird gewiß sofort
besser werden, ich bin auch gar nicht so schwach, nur ein wenig

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Unterstützung unter den Achseln brauche ich, ich werde Ihnen nicht viel
Mühe machen, es ist ja auch kein langer Weg, führen Sie mich nur zur Tür,
ich setze mich dann noch ein wenig auf die Stufen und werde gleich erholt
sein, ich leide nämlich gar nicht unter solchen Anfällen, es kommt mir
selbst überraschend. Ich bin doch auch Beamter und an Bureauluft
gewöhnt, aber hier scheint es doch zu arg, Sie sagen es selbst. Wollen Sie
also die Freundlichkeit haben, mich ein wenig zu führen, ich habe nämlich
Schwindel und es wird mir schlecht, wenn ich allein aufstehe.“ Und er hob
die Schultern, um es den beiden zu erleichtern, ihm unter die Arme zu
greifen.

Aber der Mann folgte der Aufforderung nicht, sondern hielt die Hände ruhig
in den Hosentaschen und lachte laut. „Sehen Sie,“ sagte er zu dem
Mädchen, „ich habe also doch das Richtige getroffen. Dem Herrn ist nur
hier nicht wohl, nicht im Allgemeinen.“ Das Mädchen lächelte auch,
[121]schlug aber dem Mann leicht mit den Fingerspitzen auf den Arm, als
hätte er sich mit K. einen zu starken Spaß erlaubt. „Aber was denken Sie
denn,“ sagte der Mann noch immer lachend, „ich will ja den Herrn wirklich
hinausführen.“ „Dann ist es gut,“ sagte das Mädchen, indem sie ihren
zierlichen Kopf für einen Augenblick neigte. „Messen Sie dem Lachen
nicht zu viel Bedeutung zu,“ sagte das Mädchen zu K., der wieder traurig
geworden vor sich hinstarrte und keine Erklärung zu brauchen schien,
„dieser Herr — ich darf Sie doch vorstellen?“ (der Herr gab mit einer
Handbewegung die Erlaubnis) — „dieser Herr also ist der Auskunftgeber.
Er gibt den wartenden Parteien alle Auskunft, die sie brauchen, und da
unser Gerichtswesen in der Bevölkerung nicht sehr bekannt ist, werden
viele Auskünfte verlangt. Er weiß auf alle Fragen eine Antwort, Sie können
ihn, wenn Sie einmal Lust dazu haben, daraufhin erproben. Das ist aber
nicht sein einziger Vorzug, sein zweiter Vorzug ist die elegante Kleidung.
Wir, d. h. die Beamtenschaft, meinte einmal, man müsse den
Auskunftgeber, der immerfort, und zwar als erster mit Parteien verhandelt,
des würdigen ersten [122]Eindrucks halber, auch elegant anziehn. Wir andern
sind, wie Sie gleich an mir sehn können, leider sehr schlecht und

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altmodisch angezogen; es hat auch nicht viel Sinn, für die Kleidung etwas
zu verwenden, da wir fast unaufhörlich in den Kanzleien sind, wir schlafen
ja auch hier. Aber wie gesagt, für den Auskunftgeber hielten wir einmal
schöne Kleidung für nötig. Da sie aber von unserer Verwaltung, die in
dieser Hinsicht etwas sonderbar ist, nicht erhältlich war, machten wir eine
Sammlung — auch Parteien steuerten bei — und wir kauften ihm dieses
schöne Kleid und noch andere. Alles wäre jetzt vorbereitet, einen guten
Eindruck zu machen, aber durch sein Lachen verdirbt er es wieder und
erschreckt die Leute.“ „So ist es,“ sagte der Herr spöttisch, „aber ich
verstehe nicht, Fräulein, warum Sie dem Herrn alle unsere Intimitäten
erzählen, oder besser aufdrängen, denn er will sie ja gar nicht erfahren.
Sehen Sie nur, wie er, offenbar mit seinen eigenen Angelegenheiten
beschäftigt, dasitzt.“ K. hatte nicht einmal Lust zu widersprechen, die
Absicht des Mädchens mochte eine gute sein, sie war vielleicht darauf
gerichtet, ihn zu zerstreuen oder ihm die Möglichkeit zu geben, [123]sich zu
sammeln, aber das Mittel war verfehlt. „Ich mußte ihm Ihr Lachen
erklären,“ sagte das Mädchen. „Es war ja beleidigend.“ „Ich glaube, er
würde noch ärgere Beleidigungen verzeihen, wenn ich ihn schließlich
hinausführe.“ K. sagte nichts, sah nicht einmal auf, er duldete es, daß die
zwei über ihn wie über eine Sache verhandelten, es war ihm sogar am
liebsten. Aber plötzlich fühlte er die Hand des Auskunftgebers an einem
Arm und die Hand des Mädchens am andern. „Also auf, Sie schwacher
Mann,“ sagte der Auskunftgeber. „Ich danke Ihnen beiden vielmals,“ sagte
K. freudig überrascht, erhob sich langsam und führte selbst die fremden
Hände an die Stellen, an denen er die Stütze am meisten brauchte. „Es sieht
so aus,“ sagte das Mädchen leise in K.s Ohr, während sie sich dem Gang
näherten, „als ob mir besonders viel daran gelegen wäre, den Auskunftgeber
in ein gutes Licht zu stellen, aber man mag es glauben, ich will doch die
Wahrheit sagen. Er hat kein hartes Herz. Er ist nicht verpflichtet, kranke
Parteien hinauszuführen, und tut es doch, wie Sie sehn. Vielleicht ist
niemand von uns hartherzig, wir wollten vielleicht alle gern helfen, aber
[124]als Gerichtsbeamte bekommen wir leicht den Anschein, als ob wir
hartherzig wären und niemandem helfen wollten. Ich leide geradezu

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darunter.“ „Wollen Sie sich nicht hier ein wenig setzen,“ fragte der
Auskunftgeber, sie waren schon im Gang und gerade vor dem Angeklagten,
den K. früher angesprochen hatte. K. schämte sich fast vor ihm, früher war
er so aufrecht vor ihm gestanden, jetzt mußten ihn zwei stützen, seinen Hut
balancierte der Auskunftgeber auf den gespreizten Fingern, die Frisur war
zerstört, die Haare hingen ihm in die schweißbedeckte Stirn. Aber der
Angeklagte schien nichts davon zu bemerken, demütig stand er vor dem
Auskunftgeber, der über ihn hinwegsah, und suchte nur seine Anwesenheit
zu entschuldigen. „Ich weiß,“ sagte er, „daß die Erledigung meiner Anträge
heute noch nicht gegeben werden kann. Ich bin aber doch gekommen, ich
dachte, ich könnte doch hier warten, es ist Sonntag, ich habe ja Zeit und
hier störe ich nicht.“ „Sie müssen das nicht so sehr entschuldigen,“ sagte
der Auskunftgeber, „Ihre Sorgsamkeit ist ja ganz lobenswert, Sie nehmen
hier zwar unnötigerweise den Platz weg, aber ich will [125]Sie, trotzdem, so
lange es mir nicht lästig wird, durchaus nicht hindern, den Gang Ihrer
Angelegenheit genau zu verfolgen. Wenn man Leute gesehen hat, die Ihre
Pflicht schändlich vernachlässigten, lernt man es, mit Leuten wie Sie sind,
Geduld zu haben. Setzen Sie sich.“ „Wie er mit den Parteien zu reden
versteht,“ flüsterte das Mädchen. K. nickte, fuhr aber gleich auf, als ihn der
Auskunftgeber wieder fragte: „Wollen Sie sich nicht hier niedersetzen?“
„Nein,“ sagte K., „ich will nicht ausruhn.“ Er hatte das mit möglichster
Bestimmtheit gesagt, in Wirklichkeit hätte es ihm aber sehr wohlgetan, sich
niederzusetzen. Er war wie seekrank. Er glaubte auf einem Schiff zu sein,
das sich in schwerem Seegang befand. Es war ihm, als stürze das Wasser
gegen die Holzwände, als komme aus der Tiefe des Ganges ein Brausen her
wie von überschlagendem Wasser, als schaukle der Gang in der Quere und
als würden die wartenden Parteien zu beiden Seiten gesenkt und gehoben.
Desto unbegreiflicher war die Ruhe des Mädchens und des Mannes, die ihn
führten. Er war ihnen ausgeliefert, ließen sie ihn los, so mußte er hinfallen
wie ein [126]Brett. Aus ihren kleinen Augen gingen scharfe Blicke hin und
her, ihre gleichmäßigen Schritte fühlte K., ohne sie mitzumachen, denn er
wurde fast von Schritt zu Schritt getragen. Endlich merkte er, daß sie zu
ihm sprachen, aber er verstand sie nicht, er hörte nur den Lärm, der alles

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erfüllte und durch den hindurch ein unveränderlicher hoher Ton wie von
einer Sirene zu klingen schien. „Lauter,“ flüsterte er mit gesenktem Kopf
und schämte sich, denn er wußte, daß sie laut genug, wenn auch für ihn
unverständlich gesprochen hatten. Da kam endlich, als wäre die Wand vor
ihnen durchrissen, ein frischer Luftzug ihm entgegen und er hörte neben
sich sagen: „Zuerst will er weg, dann aber kann man ihm hundertmal sagen,
daß hier der Ausgang ist, und er rührt sich nicht.“ K. merkte, daß er vor der
Ausgangstür stand, die das Mädchen geöffnet hatte. Ihm war, als wären alle
seine Kräfte mit einemmal zurückgekehrt, um einen Vorgeschmack der
Freiheit zu gewinnen, trat er gleich auf eine Treppenstufe und
verabschiedete sich von dort aus von seinen Begleitern, die sich zu ihm
herabbeugten. „Vielen Dank,“ wiederholte er, drückte beiden wiederholt
[127]die Hände und ließ erst ab, als er zu sehen glaubte, daß sie, an die
Kanzleiluft gewöhnt, die verhältnismäßig frische Luft, die von der Treppe
kam, schlecht ertrugen. Sie konnten kaum antworten und das Mädchen
wäre vielleicht abgestürzt, wenn K. nicht äußerst schnell die Tür
geschlossen hätte. K. stand dann noch einen Augenblick still, strich sich mit
Hilfe eines Taschenspiegels das Haar zurecht, hob seinen Hut auf, der auf
dem nächsten Treppenabsatz lag — der Auskunftgeber hatte ihn wohl
hingeworfen — und lief dann die Treppe hinunter so frisch und in so langen
Sprüngen, daß er vor diesem Umschwung fast Angst bekam. Solche
Überraschungen hatte ihm sein sonst ganz gefestigter Gesundheitszustand
noch nie bereitet. Wollte etwa sein Körper revolutionieren und ihm einen
neuen Prozeß bereiten, da er den alten so mühelos ertrug. Er lehnte den
Gedanken nicht ganz ab, bei nächster Gelegenheit zu einem Arzt zu gehn,
jedenfalls aber wollte er — darin konnte er sich selbst beraten — alle
zukünftigen Sonntagvormittage besser als diesen verwenden. [128]

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[Inhalt]

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VIERTES KAPITEL

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DIE FREUNDIN DES FRÄULEIN BÜRSTNER
In der nächsten Zeit war es K. unmöglich, mit Fräulein Bürstner auch nur
einige wenige Worte zu sprechen. Er versuchte auf die verschiedenste
Weise an sie heranzukommen, sie aber wußte es immer zu verhindern. Er
kam gleich nach dem Bureau nach Hause, blieb in seinem Zimmer, ohne
das Licht anzudrehn, auf dem Kanapee sitzen und beschäftigte sich mit
nichts anderem, als das Vorzimmer zu beobachten. Ging etwa das
Dienstmädchen vorbei und schloß die Tür des scheinbar leeren Zimmers, so
stand er nach einem Weilchen auf und öffnete sie wieder. Des Morgens
stand er um eine Stunde früher auf als sonst, um vielleicht Fräulein Bürstner
allein treffen zu können, wenn sie ins Bureau ging. Aber keiner dieser
Versuche gelang. Dann schrieb er ihr einen Brief [129]sowohl ins Bureau als
auch in die Wohnung, suchte darin nochmals sein Verhalten zu
rechtfertigen, bot sich zu jeder Genugtuung an, versprach, niemals die
Grenzen zu überschreiten, die sie ihm setzen würde und bat nur, ihm die
Möglichkeit zu geben, einmal mit ihr zu sprechen, besonders da er auch bei
Frau Grubach nichts veranlassen könne, solange er sich nicht vorher mit ihr
beraten habe, schließlich teilte er ihr mit, daß er den nächsten Sonntag
während des ganzen Tages in seinem Zimmer auf ein Zeichen von ihr
warten werde, das ihm die Erfüllung seiner Bitte in Aussicht stelle oder das
ihm wenigstens erklären solle, warum sie die Bitte nicht erfüllen könne,
trotzdem er doch versprochen habe, sich in allem ihr zu fügen. Die Briefe
kamen nicht zurück, aber es erfolgte auch keine Antwort. Dagegen gab es
Sonntag ein Zeichen, dessen Deutlichkeit genügend war. Gleich früh
bemerkte K. durch das Schlüsselloch eine besondere Bewegung im
Vorzimmer, die sich bald aufklärte. Eine Lehrerin des Französischen, sie
war übrigens eine Deutsche und hieß Montag, ein schwaches blasses, ein
wenig hinkendes Mädchen, das bisher ein eigenes Zimmer [130]bewohnt
hatte, übersiedelte in das Zimmer des Fräulein Bürstner. Stundenlang sah

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man sie durch das Vorzimmer schlürfen. Immer war noch ein Wäschestück
oder ein Deckchen oder ein Buch vergessen, das besonders geholt und in
die neue Wohnung hinübergetragen werden mußte.

Als Frau Grubach K. das Frühstück brachte — sie überließ, seitdem sie K.
so erzürnt hatte, auch nicht die geringste Bedienung dem Dienstmädchen —
konnte sich K. nicht zurückhalten, sie zum erstenmal anzusprechen.
„Warum ist denn heute ein solcher Lärm im Vorzimmer?“ fragte er,
während er den Kaffee eingoß, „könnte das nicht eingestellt werden? Muß
gerade am Sonntag aufgeräumt werden?“ Trotzdem K. nicht zu Frau
Grubach aufsah, bemerkte er doch, daß sie wie erleichtert aufatmete. Selbst
diese strengen Fragen K.s faßte sie als Verzeihung oder als Beginn der
Verzeihung auf. „Es wird nicht aufgeräumt, Herr K.,“ sagte sie, „Fräulein
Montag übersiedelt nur zu Fräulein Bürstner und schafft ihre Sachen
hinüber.“ Sie sagte nichts weiter, sondern wartete, wie K. es aufnehmen und
ob er ihr gestatten würde, weiter zu reden. K. stellte sie aber auf die Probe,
[131]rührte nachdenklich den Kaffee mit dem Löffel und schwieg. Dann sah
er zu ihr auf und sagte: „Haben Sie schon Ihren frühern Verdacht wegen
Fräulein Bürstner aufgegeben.“ „Herr K.,“ rief Frau Grubach, die nur auf
diese Frage gewartet hatte und hielt K. ihre gefalteten Hände hin. „Sie
haben eine gelegentliche Bemerkung letzthin so schwer genommen. Ich
habe ja nicht im entferntesten daran gedacht, Sie oder irgend jemand zu
kränken. Sie kennen mich doch schon lange genug, Herr K., um davon
überzeugt sein zu können. Sie wissen gar nicht, wie ich die letzten Tage
gelitten habe! Ich sollte meine Mieter verleumden! Und Sie, Herr K.,
glaubten es! Und sagten, ich solle Ihnen kündigen! Ihnen kündigen!“ Der
letzte Ausruf erstickte schon unter Tränen, sie hob die Schürze zum Gesicht
und schluchzte laut.

„Weinen Sie doch nicht, Frau Grubach,“ sagte K. und sah zum Fenster
hinaus, er dachte nur an Fräulein Bürstner und daran, daß sie ein fremdes
Mädchen in ihr Zimmer aufgenommen hatte. „Weinen Sie doch nicht,“
sagte er nochmals, als er sich ins Zimmer zurückwandte und Frau Grubach

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noch immer weinte. „Es war ja damals [132]auch von mir nicht so schlimm
gemeint. Wir haben eben einander gegenseitig mißverstanden. Das kann
auch alten Freunden einmal geschehn.“ Frau Grubach rückte die Schürze
unter die Augen, um zu sehn, ob K. wirklich versöhnt sei. „Nun ja, es ist
so,“ sagte K. und wagte nun, da nach dem Verhalten der Frau Grubach zu
schließen, der Hauptmann nichts verraten hatte, noch hinzuzufügen:
„Glauben Sie denn wirklich, daß ich mich wegen eines fremden Mädchens
mit Ihnen verfeinden könnte.“ „Das ist es ja eben, Herr K.,“ sagte Frau
Grubach, es war ihr Unglück, daß sie, sobald sie sich nur irgendwie freier
fühlte, gleich etwas Ungeschicktes sagte. „Ich fragte mich immerfort:
Warum nimmt sich Herr K. so sehr des Fräulein Bürstner an? Warum zankt
er ihretwegen mit mir, trotzdem er weiß, daß mir jedes böse Wort von ihm
den Schlaf nimmt? Ich habe ja über das Fräulein nichts anderes gesagt, als
was ich mit eigenen Augen gesehen habe.“ K. sagte dazu nichts, er hätte sie
mit dem ersten Wort aus dem Zimmer jagen müssen und das wollte er nicht.
Er begnügte sich damit, den Kaffee zu trinken und Frau Grubach ihre
Überflüssigkeit fühlen zu lassen. [133]Draußen hörte man wieder den
schleppenden Schritt des Fräulein Montag, welche das ganze Vorzimmer
durchquerte. „Hören Sie es?“ fragte K. und zeigte mit der Hand nach der
Tür. „Ja,“ sagte Frau Grubach und seufzte, „ich wollte ihr helfen und auch
vom Dienstmädchen helfen lassen, aber sie ist eigensinnig, sie will alles
selbst übersiedeln. Ich wundere mich über Fräulein Bürstner. Mir ist es oft
lästig, daß ich Fräulein Montag in Miete habe, Fräulein Bürstner aber
nimmt sie sogar zu sich ins Zimmer.“ „Das muß Sie gar nicht kümmern,“
sagte K. und zerdrückte die Zuckerreste in der Tasse. „Haben Sie denn
dadurch einen Schaden?“ „Nein,“ sagte Frau Grubach, „an und für sich ist
es mir ganz willkommen, ich bekomme dadurch ein Zimmer frei und kann
dort meinen Neffen, den Hauptmann, unterbringen. Ich fürchtete schon
längst, daß er Sie in den letzten Tagen, während derer ich ihn nebenan im
Wohnzimmer wohnen lassen mußte, gestört haben könnte. Er nimmt nicht
viel Rücksicht.“ „Was für Einfälle!“ sagte K. und stand auf, „davon ist ja
keine Rede. Sie scheinen mich wohl für überempfindlich zu halten, weil ich
diese Wanderungen des Fräulein [134]Montag — jetzt geht sie wieder zurück

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— nicht vertragen kann.“ Frau Grubach kam sich recht machtlos vor. „Soll
ich, Herr K., sagen, daß sie den restlichen Teil der Übersiedelung
aufschieben soll? Wenn Sie wollen, tue ich es sofort.“ „Aber sie soll doch
zu Fräulein Bürstner übersiedeln!“ sagte K. „Ja,“ sagte Frau Grubach, sie
verstand nicht ganz, was K. meinte. „Nun also,“ sagte K., „dann muß sie
doch ihre Sachen hinübertragen.“ Frau Grubach nickte nur. Diese stumme
Hilflosigkeit, die äußerlich nicht anders aussah als Trotz, reizte K. noch
mehr. Er fing an, im Zimmer vom Fenster zur Tür auf und ab zu gehn und
nahm dadurch Frau Grubach die Möglichkeit, sich zu entfernen, was sie
sonst wahrscheinlich getan hätte.

Gerade war K. einmal wieder bis zur Tür gekommen, als es klopfte. Es war
das Dienstmädchen, welches meldete, daß Fräulein Montag gern mit Herrn
K. ein paar Worte sprechen möchte und daß sie ihn deshalb bitte, ins
Eßzimmer zu kommen, wo sie ihn erwarte. K. hörte das Dienstmädchen
nachdenklich an, dann wandte er sich mit einem fast höhnischen Blick nach
der erschrockenen Frau Grubach um. Dieser Blick schien zu sagen, daß K.
diese [135]Einladung des Fräulein Montag schon längst vorausgesehen habe
und daß sie auch sehr gut mit der Quälerei zusammenpasse, die er diesen
Sonntagvormittag von den Mietern der Frau Grubach erfahren mußte. Er
schickte das Dienstmädchen zurück mit der Antwort, daß er sofort komme,
ging dann zum Kleiderkasten, um den Rock zu wechseln und hatte als
Antwort für Frau Grubach, welche leise über die lästige Person jammerte,
nur die Bitte, sie möge das Frühstücksgeschirr schon forttragen. „Sie haben
ja fast nichts angerührt,“ sagte Frau Grubach. „Ach, tragen Sie es doch
weg,“ rief K., es war ihm, als sei irgendwie allem Fräulein Montag
beigemischt und mache es widerwärtig.

Als er durch das Vorzimmer ging, sah er nach der geschlossenen Tür von
Fräulein Bürstners Zimmer. Aber er war nicht dorthin eingeladen, sondern
in das Eßzimmer, dessen Tür er aufriß, ohne zu klopfen.

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Es war ein sehr langes aber schmales einfenstriges Zimmer. Es war dort nur
soviel Platz vorhanden, daß man in den Ecken an der Türseite zwei
Schränke schief hatte aufstellen können, während der übrige Raum
vollständig von dem [136]langen Speisetisch eingenommen war, der in der
Nähe der Tür begann und bis knapp zum großen Fenster reichte, welches
dadurch fast unzugänglich geworden war. Der Tisch war bereits gedeckt,
und zwar für viele Personen, da am Sonntag fast alle Mieter hier zu Mittag
aßen.

Als K. eintrat, kam Fräulein Montag vom Fenster her an der einen Seite des
Tisches entlang K. entgegen. Sie grüßten einander stumm. Dann sagte
Fräulein Montag, wie immer den Kopf ungewöhnlich aufgerichtet: „Ich
weiß nicht, ob Sie mich kennen.“ K. sah sie mit zusammengezogenen
Augen an. „Gewiß,“ sagte er, „Sie wohnen doch schon längere Zeit bei Frau
Grubach.“ „Sie kümmern sich aber, wie ich glaube, nicht viel um die
Pension,“ sagte Fräulein Montag. „Nein,“ sagte K. „Wollen Sie sich nicht
setzen,“ sagte Fräulein Montag. Sie zogen beide schweigend zwei Sessel
am äußersten Ende des Tisches hervor und setzten sich einander gegenüber.
Aber Fräulein Montag stand gleich wieder auf, denn sie hatte ihr
Handtäschchen auf dem Fensterbrett liegengelassen und ging es holen; sie
schleifte durch das ganze Zimmer. Als sie, das Handtäschchen leicht
schwenkend, [137]wieder zurückkam, sagte sie: „Ich möchte nur im Auftrag
meiner Freundin ein paar Worte mit Ihnen sprechen. Sie wollte selbst
kommen, aber sie fühlt sich heute ein wenig unwohl. Sie möchten sie
entschuldigen und mich statt ihrer anhören. Sie hätte Ihnen auch nichts
anderes sagen können, als ich Ihnen sagen werde. Im Gegenteil, ich glaube,
ich kann Ihnen sogar mehr sagen, da ich doch verhältnismäßig unbeteiligt
bin. Glauben Sie nicht auch?“

„Was wäre denn zu sagen?“ antwortete K., der dessen müde war, die Augen
des Fräulein Montag fortwährend auf seine Lippe gerichtet zu sehn. Sie
maßte sich dadurch eine Herrschaft schon darüber an, was er erst sagen
wollte. „Fräulein Bürstner will mir offenbar die persönliche Aussprache, um

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die ich sie gebeten habe, nicht bewilligen.“ „Das ist es,“ sagte Fräulein
Montag, „oder vielmehr, so ist es gar nicht, Sie drücken es sonderbar scharf
aus. Im allgemeinen werden doch Aussprachen weder bewilligt, noch
geschieht das Gegenteil. Aber es kann geschehn, daß man Aussprachen für
unnötig hält und so ist es eben hier. Jetzt, nach Ihrer Bemerkung kann ich ja
offen reden. Sie haben [138]meine Freundin schriftlich oder mündlich um
eine Unterredung gebeten. Nun weiß aber meine Freundin, so muß ich
wenigstens annehmen, was diese Unterredung betreffen soll, und ist deshalb
aus Gründen, die ich nicht kenne, überzeugt, daß es niemandem Nutzen
bringen würde, wenn die Unterredung wirklich zustande käme. Im übrigen
erzählte sie mir erst gestern und nur ganz flüchtig davon, sie sagte hierbei,
daß auch Ihnen jedenfalls nicht viel an der Unterredung liegen könne, denn
Sie wären nur durch einen Zufall auf einen derartigen Gedanken gekommen
und würden selbst auch ohne besondere Erklärung, wenn nicht schon jetzt,
so doch sehr bald die Sinnlosigkeit des Ganzen erkennen. Ich antwortete
darauf, daß das richtig sein mag, daß ich es aber zur vollständigen
Klarstellung doch für vorteilhaft halten würde, Ihnen eine ausdrückliche
Antwort zukommen zu lassen. Ich bot mich an, diese Aufgabe zu
übernehmen, nach einigem Zögern gab meine Freundin mir nach. Ich hoffe
nun aber auch in Ihrem Sinne gehandelt zu haben, denn selbst die kleinste
Unsicherheit in der geringfügigsten Sache ist doch immer quälend und
wenn man sie, wie in diesem [139]Falle, leicht beseitigen kann, so soll es
doch besser sofort geschehn.“ „Ich danke Ihnen,“ sagte K. sofort, stand
langsam auf, sah Fräulein Montag an, dann über den Tisch hin, dann aus
dem Fenster — das gegenüberliegende Haus stand in der Sonne — und
ging zur Tür. Fräulein Montag folgte ihm ein paar Schritte, als vertraue sie
ihm nicht ganz. Vor der Tür mußten aber beide zurückweichen, denn sie
öffnete sich und der Hauptmann Lanz trat ein. K. sah ihn zum erstenmal aus
der Nähe. Es war ein großer, etwa 40 jähriger Mann mit braungebranntem
fleischigen Gesicht. Er machte eine leichte Verbeugung, die auch K. galt,
ging dann zu Fräulein Montag und küßte ihr ehrerbietig die Hand. Er war
sehr gewandt in seinen Bewegungen. Seine Höflichkeit gegen Fräulein
Montag stach auffallend von der Behandlung ab, die sie von K. erfahren

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hatte. Trotzdem schien Fräulein Montag K. nicht böse zu sein, denn sie
wollte ihn sogar, wie K. zu bemerken glaubte, dem Hauptmann vorstellen.
Aber K. wollte nicht vorgestellt werden, er wäre nicht imstande gewesen,
weder dem Hauptmann noch Fräulein Montag gegenüber irgendwie
freundlich zu sein, der Handkuß hatte sie für ihn [140]zu einer Gruppe
verbunden, die ihn unter dem Anschein äußerster Harmlosigkeit und
Uneigennützigkeit von Fräulein Bürstner abhalten wollte. K. glaubte jedoch
nicht nur das zu erkennen, er erkannte auch, daß Fräulein Montag ein gutes,
allerdings zweischneidiges Mittel gewählt hatte. Sie übertrieb die
Bedeutung der Beziehung zwischen Fräulein Bürstner und K., sie übertrieb
vor allem die Bedeutung der erbetenen Aussprache und versuchte es
gleichzeitig so zu wenden, als ob es K. sei, der alles übertreibe. Sie sollte
sich täuschen, K. wollte nichts übertreiben, er wußte, daß Fräulein Bürstner
ein kleines Schreibmaschinenfräulein war, die ihm nicht lange Widerstand
leisten sollte. Hiebei zog er absichtlich gar nicht in Berechnung, was er von
Frau Grubach über Fräulein Bürstner erfahren hatte. Das alles überlegte er,
während er kaum grüßend das Zimmer verließ. Er wollte gleich in sein
Zimmer gehn, aber ein kleines Lachen des Fräulein Montag, das er hinter
sich aus dem Eßzimmer hörte, brachte ihn auf den Gedanken, daß er
vielleicht beiden, dem Hauptmann wie Fräulein Montag eine Überraschung
bereiten könnte. Er sah sich um und horchte, ob [141]aus irgendeinem der
umliegenden Zimmer eine Störung zu erwarten wäre, es war überall still,
nur die Unterhaltung aus dem Eßzimmer war zu hören und aus dem Gang,
der zur Küche führte, die Stimme der Frau Grubach. Die Gelegenheit schien
günstig, K. ging zur Tür von Fräulein Bürstners Zimmer und klopfte leise.
Da sich nichts rührte, klopfte er nochmals, aber es erfolgte noch immer
keine Antwort. Schlief sie? Oder war sie wirklich unwohl? Oder
verleugnete sie sich nur deshalb, weil sie ahnte, daß es nur K, sein konnte,
der so leise klopfte? K. nahm an, daß sie sich verleugne und klopfte stärker,
öffnete schließlich, da das Klopfen keinen Erfolg hatte, vorsichtig und nicht
ohne das Gefühl, etwas Unrechtes und überdies Nutzloses zu tun, die Tür.
Im Zimmer war niemand. Es erinnerte übrigens kaum mehr an das Zimmer,
wie es K. gekannt hatte. An der Wand waren nun zwei Betten

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hintereinander aufgestellt, drei Sessel in der Nähe der Tür waren mit
Kleidern und Wäsche überhäuft, ein Schrank stand offen. Fräulein Bürstner
war wahrscheinlich fortgegangen, während Fräulein Montag im Eßzimmer
auf K. eingeredet hatte. K. war dadurch nicht sehr [142]bestürzt, er hatte
kaum mehr erwartet, Fräulein Bürstner so leicht zu treffen, er hatte diesen
Versuch fast nur aus Trotz gegen Fräulein Montag gemacht. Um so
peinlicher war es ihm aber, als er, während er die Tür wieder schloß, in der
offenen Tür des Eßzimmers Fräulein Montag und den Hauptmann sich
unterhalten sah. Sie standen dort vielleicht schon, seitdem K. die Tür
geöffnet hatte, sie vermieden jeden Anschein, als ob sie K. etwa
beobachteten, sie unterhielten sich leise und verfolgten K.s Bewegungen
mit den Blicken nur so, wie man während eines Gespräches zerstreut
umherblickt. Aber auf K. lagen diese Blicke doch schwer, er beeilte sich, an
der Wand entlang in sein Zimmer zu kommen. [143]

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[Inhalt]

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FÜNFTES KAPITEL

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DER PRÜGLER
Als K. an einem der nächsten Abende den Korridor passierte, der sein
Bureau von der Haupttreppe trennte — er ging diesmal fast als der letzte
nach Hause, nur in der Expedition arbeiteten noch zwei Diener im kleinen
Lichtfeld einer Glühlampe — hörte er hinter einer Tür, hinter der er immer
nur eine Rumpelkammer vermutet hatte, ohne sie jemals selbst gesehen zu
haben, Seufzer ausstoßen. Er blieb erstaunt stehn und horchte noch einmal
auf, um festzustellen, ob er sich nicht irrte — es wurde ein Weilchen still,
dann waren es aber doch wieder Seufzer. — Zuerst wollte er einen der
Diener holen, man konnte vielleicht einen Zeugen brauchen, dann aber
faßte ihn eine derart unbezähmbare Neugierde, daß er die Tür förmlich
aufriß. Es war, wie er richtig vermutet hatte, eine Rumpelkammer.
Unbrauchbare alte Drucksorten, [144]umgeworfene leere irdene
Tintenflaschen lagen hinter der Schwelle. In der Kammer selbst aber
standen drei Männer, gebückt in dem niedrigen Raum. Eine auf einem
Regal festgemachte Kerze gab ihnen Licht. „Was treibt Ihr hier?“ fragte K.,
sich vor Aufregung überstürzend, aber nicht laut. Der eine Mann, der die
andern offenbar beherrschte und zuerst den Blick auf sich lenkte, stak in
einer Art dunklen Lederkleidung, die den Hals bis tief zur Brust und die
ganzen Arme nackt ließ. Er antwortete nicht. Aber die zwei andern riefen:
„Herr! Wir sollen geprügelt werden, weil du dich beim
Untersuchungsrichter über uns beklagt hast.“ Und nun erst erkannte K., daß
es wirklich die Wächter Franz und Willem waren, und daß der Dritte eine
Rute in der Hand hielt, um sie zu prügeln. „Nun,“ sagte K. und starrte sie
an, „ich habe mich nicht beklagt, ich habe nur gesagt, wie es sich in meiner
Wohnung zugetragen hat. Und einwandfrei habt Ihr Euch ja nicht
benommen.“ „Herr,“ sagte Willem, während Franz sich hinter ihm vor dem
Dritten offenbar zu sichern suchte, „wenn Ihr wüßtet, wie schlecht wir
bezahlt sind, Ihr würdet besser über [145]uns urteilen. Ich habe eine Familie

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zu ernähren und Franz hier wollte heiraten, man sucht sich zu bereichern,
wie es geht, durch bloße Arbeit gelingt es nicht, selbst durch die
angestrengteste. Eure feine Wäsche hat mich verlockt, es ist natürlich den
Wächtern verboten, so zu handeln, es war unrecht, aber Tradition ist es, daß
die Wäsche den Wächtern gehört, es ist immer so gewesen, glaubt es mir;
es ist ja auch verständlich, was bedeuten denn noch solche Dinge für den,
welcher so unglücklich ist, verhaftet zu werden. Bringt er es dann allerdings
öffentlich zur Sprache, dann muß die Strafe erfolgen.“ „Was Ihr jetzt sagt,
wußte ich nicht, ich habe auch keineswegs Eure Bestrafung verlangt, mir
ging es um ein Prinzip.“ „Franz,“ wandte sich Willem zum andern Wächter,
„sagte ich dir nicht, daß der Herr unsere Bestrafung nicht verlangt hat. Jetzt
hörst du, daß er nicht einmal gewußt hat, daß wir bestraft werden müssen.“
„Laß dich nicht durch solche Reden rühren,“ sagte der Dritte zu K., „die
Strafe ist ebenso gerecht als unvermeidlich.“ „Höre nicht auf ihn,“ sagte
Willem und unterbrach sich nur, um die Hand, über die er einen Rutenhieb
bekommen [146]hatte, schnell an den Mund zu führen, „wir werden nur
gestraft, weil du uns angezeigt hast. Sonst wäre uns nichts geschehn, selbst
wenn man erfahren hätte, was wir getan haben. Kann man das Gerechtigkeit
nennen? Wir zwei, insbesondere aber ich, hatten uns als Wächter durch
lange Zeit sehr bewährt — du selbst mußt eingestehn, daß wir, vom
Gesichtspunkt der Behörde gesehn, gut gewacht haben — wir hatten
Aussicht, vorwärts zu kommen und wären gewiß bald auch Prügler
geworden, wie dieser, der eben das Glück hatte, von niemandem angezeigt
worden zu sein, denn eine solche Anzeige kommt wirklich nur sehr selten
vor. Und jetzt, Herr, ist alles verloren, unsere Laufbahn beendet, wir werden
noch viel untergeordnetere Arbeiten leisten müssen, als der Wachdienst ist,
und überdies bekommen wir jetzt diese schrecklich schmerzhaften Prügel.“
„Kann denn die Rute solche Schmerzen machen,“ fragte K. und prüfte die
Rute, die der Prügler vor ihm schwang. „Wir werden uns ja ganz nackt
ausziehn müssen,“ sagte Willem. „Ach so,“ sagte K. und sah den Prügler
genau an, er war braun gebrannt wie ein Matrose und [147]hatte ein wildes
frisches Gesicht. „Gibt es keine Möglichkeit, den zweien die Prügel zu
ersparen,“ fragte er ihn. „Nein,“ sagte der Prügler und schüttelte lächelnd

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den Kopf. „Zieht Euch aus,“ befahl er den Wächtern. Und zu K. sagte er:
„Du mußt ihnen nicht alles glauben, sie sind durch die Angst vor den
Prügeln schon ein wenig schwachsinnig geworden. Was dieser hier z. B.“
— zeigte auf Willem — „über seine mögliche Laufbahn erzählt hat, ist
geradezu lächerlich. Sieh an, wie fett er ist — die ersten Rutenstreiche
werden überhaupt im Fett verloren gehn. — Weißt du, wodurch er so fett
geworden ist? Er hat die Gewohnheit, allen Verhafteten das Frühstück
aufzuessen. Hat er nicht auch dein Frühstück aufgegessen? Nun, ich sagte
es ja. Aber ein Mann mit einem solchen Bauch kann nie und nimmermehr
Prügler werden, das ist ganz ausgeschlossen.“ „Es gibt auch solche
Prügler,“ behauptete Willem, der gerade seinen Hosengürtel löste. „Nein,“
sagte der Prügler und strich ihm mit der Rute derartig über den Hals, daß er
zusammenzuckte, „du sollst nicht zuhören, sondern dich ausziehn.“ „Ich
würde dich gut belohnen, wenn du sie laufen [148]läßt,“ sagte K. und zog,
ohne den Prügler nochmals anzusehn — solche Geschäfte werden
beiderseits mit niedergeschlagenen Augen am besten abgewickelt — seine
Brieftasche hervor. „Du willst wohl dann auch mich anzeigen,“ sagte der
Prügler, „und auch noch mir Prügel verschaffen. Nein, nein!“ „Sei doch
vernünftig,“ sagte K., „wenn ich gewollt hätte, daß diese zwei bestraft
werden, würde ich sie doch jetzt nicht loskaufen wollen. Ich könnte einfach
die Tür hier zuschlagen, nichts weiter sehn und hören wollen und nach
Hause gehn; nun tue ich das aber nicht, vielmehr liegt mir ernstlich daran,
sie zu befreien; hätte ich geahnt, daß sie bestraft werden sollen oder auch
nur bestraft werden können, hätte ich ihre Namen nie genannt. Ich halte sie
nämlich gar nicht für schuldig, schuldig ist die Organisation, schuldig sind
die hohen Beamten.“ „So ist es,“ riefen die Wächter und bekamen sofort
einen Hieb über ihren schon entkleideten Rücken. „Hättest du hier unter
deiner Rute einen hohen Richter,“ sagte K. und drückte, während er sprach,
die Rute, die sich schon wieder erheben wollte, nieder, „ich würde dich
wahrhaftig nicht hindern, loszuschlagen, [149]im Gegenteil, ich würde dir
noch Geld geben, damit du dich für die gute Sache kräftigst.“ „Was du
sagst, klingt ja glaubwürdig,“ sagte der Prügler, „aber ich lasse mich nicht
bestechen. Ich bin zum Prügeln angestellt, also prügle ich.“ Der Wächter

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Franz, der vielleicht in Erwartung eines guten Ausgangs des Eingreifens
von K. bisher ziemlich zurückhaltend gewesen war, trat jetzt nur noch mit
den Hosen bekleidet zur Tür, hing sich niederkniend an K.s Arm und
flüsterte: „Wenn du für uns beide Schonung nicht durchsetzen kannst, so
versuche wenigstens mich zu befreien. Willem ist älter als ich, in jeder
Hinsicht weniger empfindlich, auch hat er schon einmal vor paar Jahren
eine leichte Prügelstrafe bekommen, ich aber bin noch nicht entehrt und bin
doch zu meiner Handlungsweise nur durch Willem gebracht worden, der im
Guten und Schlechten mein Lehrer ist. Unten vor der Bank wartet meine
arme Braut auf den Ausgang, ich schäme mich ja so erbärmlich.“ Er
trocknete mit K.s Rock sein von Tränen ganz überlaufenes Gesicht. „Ich
warte nicht mehr,“ sagte der Prügler, faßte die Rute mit beiden Händen und
hieb auf Franz ein, während [150]Willem in einem Winkel kauerte und
heimlich zusah, ohne eine Kopfwendung zu wagen. Da erhob sich der
Schrei, den Franz ausstieß, ungeteilt und unveränderlich, er schien nicht
von einem Menschen, sondern von einem gemarterten Instrument zu
stammen, der ganze Korridor stöhnte von ihm, das ganze Haus mußte es
hören. „Schrei nicht,“ rief K., er konnte sich nicht zurückhalten, und
während er gespannt in die Richtung sah, aus der die Diener kommen
mußten, stieß er den Franz, nicht stark aber doch stark genug, daß der
Besinnungslose niederfiel und im Krampf mit den Händen den Boden
absuchte; den Schlägen entging er aber nicht, die Rute fand ihn auch auf der
Erde; während er sich unter ihr wälzte, schwang sich ihre Spitze regelmäßig
auf und ab. Und schon erschien in der Ferne ein Diener und ein paar
Schritte hinter ihm ein zweiter. K. hatte schnell die Tür zugeworfen, war zu
einem nahen Hoffenster getreten und öffnete es. Das Schreien hatte
vollständig aufgehört. Um die Diener nicht herankommen zu lassen, rief er:
„Ich bin es.“ „Guten Abend, Herr Prokurist,“ rief es zurück. „Ist etwas
geschehn?“ „Nein, nein,“ antwortete K. „es [151]schreit nur ein Hund auf
dem Hof.“ Als die Diener sich doch nicht rührten, fügte er hinzu: „Sie
können bei Ihrer Arbeit bleiben.“ Um sich in kein Gespräch mit den
Dienern einlassen zu müssen, beugte er sich aus dem Fenster. Als er nach
einem Weilchen wieder in den Korridor sah, waren sie schon weg. K. aber

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blieb nun beim Fenster, in die Rumpelkammer wagte er nicht zu gehn und
nach Hause gehn wollte er auch nicht. Es war ein kleiner viereckiger Hof,
in den er hinuntersah, ringsherum waren Bureauräume untergebracht, alle
Fenster waren jetzt schon dunkel, nur die obersten fingen einen
Widerschein des Mondes auf. K. suchte angestrengt mit den Blicken in das
Dunkel eines Hofwinkels einzudringen, in dem einige Handkarren
ineinandergefahren waren. Es quälte ihn, daß es ihm nicht gelungen war,
das Prügeln zu verhindern, aber es war nicht seine Schuld, daß es nicht
gelungen war, hätte Franz nicht geschrien — gewiß, es mußte sehr weh
getan haben, aber in einem entscheidenden Augenblick muß man sich
beherrschen — hätte er nicht geschrien, so hätte K., wenigstens sehr
wahrscheinlich, noch ein Mittel gefunden, den Prügler zu überreden. Wenn
die [152]ganze unterste Beamtenschaft Gesindel war, warum hätte gerade der
Prügler, der das unmenschlichste Amt hatte, eine Ausnahme machen sollen.
K. hatte auch gut beobachtet, wie ihm beim Anblick der Banknote die
Augen geleuchtet hatten, er hatte mit dem Prügeln offenbar nur deshalb
Ernst gemacht, um die Bestechungssumme noch ein wenig zu erhöhen. Und
K. hätte nicht gespart, es lag ihm wirklich daran, die Wächter zu befreien;
wenn er nun schon angefangen hatte, die Verderbnis dieses Gerichtswesens
zu bekämpfen, so war es selbstverständlich, daß er auch von dieser Seite
eingriff. Aber in dem Augenblick, wo Franz zu schreien angefangen hatte,
war natürlich alles zu Ende. K. konnte nicht zulassen, daß die Diener und
vielleicht noch alle möglichen Leute kämen und ihn in Unterhandlungen
mit der Gesellschaft in der Rumpelkammer überraschten. Diese
Aufopferung konnte wirklich niemand von K. verlangen. Wenn er das zu
tun beabsichtigt hätte, so wäre es ja fast einfacher gewesen, K. hätte sich
selbst ausgezogen und dem Prügler als Ersatz für die Wächter angeboten.
Übrigens hätte der Prügler diese Vertretung gewiß nicht angenommen, da
[153]er dadurch, ohne einen Vorteil zu gewinnen, dennoch seine Pflicht
schwer verletzt hätte, und wahrscheinlich doppelt verletzt hätte, denn K.
mußte wohl, solange er im Verfahren stand, für alle Angestellten des
Gerichts unverletzlich sein. Allerdings konnten hier auch besondere
Bestimmungen gelten. Jedenfalls hatte K. nichts anderes tun können, als die

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Tür zuschlagen, trotzdem dadurch auch jetzt noch für K. durchaus nicht
jede Gefahr beseitigt blieb. Daß er zuletzt noch Franz einen Stoß gegeben
hatte, war bedauerlich und nur durch seine Aufregung zu entschuldigen.

In der Ferne hörte er die Schritte der Diener; um ihnen nicht auffällig zu
werden, schloß er das Fenster und ging in der Richtung zur Haupttreppe.
Bei der Tür zur Rumpelkammer blieb er ein wenig stehn und horchte. Es
war ganz still. Der Mann konnte die Wächter totgeprügelt haben, sie waren
ja ganz in seine Macht gegeben. K. hatte schon die Hand nach der Klinke
ausgestreckt, zog sie dann aber wieder zurück. Helfen konnte er niemandem
mehr und die Diener mußten gleich kommen; er gelobte sich aber, die
Sache noch zur Sprache zu bringen und die wirklich Schuldigen, [154]die
hohen Beamten, von denen sich ihm noch keiner zu zeigen gewagt hatte,
soweit es in seinen Kräften war, gebührend zu bestrafen. Als er die
Freitreppe der Bank hinunterging, beobachtete er sorgfältig alle Passanten,
aber selbst in der weitern Umgebung war kein Mädchen zu sehn, das auf
jemanden gewartet hätte. Die Bemerkung Franzens, daß seine Braut auf ihn
warte, erwies sich als eine allerdings verzeihliche Lüge, die nur den Zweck
gehabt hatte, größeres Mitleid zu erwecken.

Auch noch am nächsten Tage kamen K. die Wächter nicht aus dem Sinn; er
war bei der Arbeit zerstreut und mußte, um sie zu bewältigen, noch ein
wenig länger im Bureau bleiben als am Tag vorher. Als er auf dem
Nachhauseweg wieder an der Rumpelkammer vorbeikam, öffnete er sie aus
Gewohnheit. Vor dem, was er statt des erwarteten Dunkels erblickte, wußte
er sich nicht zu fassen. Alles war unverändert, so wie er es am Abend
vorher beim Öffnen der Tür gefunden hatte. Die Drucksorten und
Tintenflaschen gleich hinter der Schwelle, der Prügler mit der Rute, die
noch vollständig angezogenen Wächter, die Kerze auf dem Regal und die
Wächter begannen zu klagen und [155]riefen: Herr! Sofort warf K. die Tür
zu und schlug noch mit den Fäusten gegen sie, als sei sie dann fester
verschlossen. Fast weinend lief er zu den Dienern, die ruhig an den
Kopiermaschinen arbeiteten und erstaunt in ihrer Arbeit innehielten.

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„Räumt doch endlich die Rumpelkammer aus,“ rief er. „Wir versinken ja im
Schmutz.“ Die Diener waren bereit, es am nächsten Tag zu tun, K. nickte,
jetzt spät am Abend konnte er sie nicht mehr zu der Arbeit zwingen, wie er
es eigentlich beabsichtigt hatte. Er setzte sich ein wenig, um die Diener ein
Weilchen lang in der Nähe zu behalten, warf einige Kopien durcheinander,
wodurch er den Anschein zu erwecken glaubte, daß er sie überprüfe, und
ging dann, da er einsah, daß die Diener nicht wagen würden, gleichzeitig
mit ihm wegzugehn, müde und gedankenlos nach Hause. [156]

Page 99

[Inhalt]

Page 100

SECHSTES KAPITEL

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DER ONKEL · LENI
Eines Nachmittags — K. war gerade vor dem Postabschluß sehr beschäftigt
— drängte sich zwischen zwei Dienern, die Schriftstücke hereintrugen, K.s
Onkel Karl, ein kleiner Grundbesitzer vom Lande, ins Zimmer. K. erschrak
bei dem Anblick weniger, als er schon vor längerer Zeit bei der Vorstellung
vom Kommen des Onkels erschrocken war. Der Onkel mußte kommen, das
stand bei K. schon etwa einen Monat lang fest. Schon damals hatte er ihn zu
sehen geglaubt, wie er, ein wenig gebückt, den eingedrückten Panamahut in
der Linken, die Rechte schon von weitem ihm entgegenstreckte und sie mit
rücksichtsloser Eile über den Schreibtisch hinreichte, alles umstoßend, was
ihm im Wege war. Der Onkel befand sich immer in Eile, denn er war von
dem unglücklichen Gedanken verfolgt, bei seinem immer [157]nur
eintägigen Aufenthalt in der Hauptstadt müsse er alles erledigen können,
was er sich vorgenommen hatte, und dürfe überdies auch kein gelegentlich
sich darbietendes Gespräch oder Geschäft oder Vergnügen sich entgehen
lassen. Dabei mußte ihm K., der ihm als seinem gewesenen Vormund
besonders verpflichtet war, in allem möglichen behilflich sein und ihn
außerdem bei sich übernachten lassen. „Das Gespenst vom Lande“ pflegte
er ihn zu nennen.

Gleich nach der Begrüßung — sich in das Fauteuil zu setzen, wozu ihn K.
einlud, hatte er keine Zeit — bat er K. um ein kurzes Gespräch unter vier
Augen. „Es ist notwendig,“ sagte er, mühselig schluckend, „zu meiner
Beruhigung ist es notwendig.“ K. schickte sofort die Diener aus dem
Zimmer mit der Weisung, niemand einzulassen. „Was habe ich gehört,
Josef?“ rief der Onkel, als sie allein waren, setzte sich auf den Tisch und
stopfte ohne hinzusehn verschiedene Papiere unter sich, um besser zu
sitzen. K. schwieg, er wußte, was kommen würde, aber, plötzlich von der
anstrengenden Arbeit entspannt, wie er war, gab er sich zunächst einer
angenehmen Mattigkeit hin [158]und sah durch das Fenster auf die

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gegenüberliegende Straßenseite, von der von seinem Sitz aus nur ein kleiner
dreieckiger Ausschnitt zu sehen war, ein Stück leerer Häusermauer,
zwischen zwei Geschäftsauslagen. „Du schaust aus dem Fenster,“ rief der
Onkel mit erhobenen Armen, „um Himmels willen, Josef, antworte mir
doch. Ist es wahr, kann es denn wahr sein?“ „Lieber Onkel,“ sagte K. und
riß sich von seiner Zerstreutheit los, „ich weiß ja gar nicht, was du von mir
willst.“ „Josef,“ sagte der Onkel warnend, „die Wahrheit hast du immer
gesagt, soviel ich weiß. Soll ich deine letzten Worte als schlimmes Zeichen
auffassen.“ „Ich ahne ja, was du willst,“ sagte K. folgsam, „du hast
wahrscheinlich von meinem Prozeß gehört.“ „So ist es,“ antwortete der
Onkel, langsam nickend, „ich habe von deinem Prozeß gehört.“ „Von wem
denn?“ fragte K. „Erna hat es mir geschrieben,“ sagte der Onkel, „sie hat ja
keinen Verkehr mit dir, du kümmerst dich leider nicht viel um sie, trotzdem
hat sie es erfahren. Heute habe ich den Brief bekommen und bin natürlich
sofort hergefahren. Aus keinem andern Grund, aber es scheint ein
genügender Grund zu sein. [159]Ich kann dir die Briefstelle, die dich betrifft,
vorlesen.“ Er zog den Brief aus der Brieftasche. „Hier ist es. Sie schreibt:
Josef habe ich schon lange nicht gesehn, vorige Woche war ich einmal in
der Bank, aber Josef war so beschäftigt, daß ich nicht vorgelassen wurde;
ich habe fast eine Stunde gewartet, mußte dann aber nach Hause, weil ich
Klavierstunde hatte. Ich hätte gern mit ihm gesprochen, vielleicht wird sich
nächstens eine Gelegenheit finden. Zu meinem Namenstag hat er mir eine
große Schachtel Schokolade geschickt, es war sehr lieb und aufmerksam.
Ich hatte vergessen, es Euch damals zu schreiben, erst jetzt, da Ihr mich
fragt, erinnere ich mich daran. Schokolade, müßt Ihr wissen, verschwindet
nämlich in der Pension sofort, kaum ist man zum Bewußtsein dessen
gekommen, daß man mit Schokolade beschenkt worden ist, ist sie auch
schon weg. Aber was Josef betrifft, wollte ich Euch noch etwas sagen. Wie
erwähnt, wurde ich in der Bank nicht zu ihm vorgelassen, weil er gerade
mit einem Herrn verhandelte. Nachdem ich eine Zeitlang ruhig gewartet
hatte, fragte ich einen Diener, ob die Verhandlung noch lange dauern werde.
Er sagte, das dürfte [160]wohl sein, denn es handle sich wahrscheinlich um
den Prozeß, der gegen den Herrn Prokuristen geführt werde. Ich fragte, was

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denn das für ein Prozeß sei, ob er sich nicht irre, er aber sagte, er irre sich
nicht, es sei ein Prozeß, und zwar ein schwerer Prozeß, mehr aber wisse er
nicht. Er selbst möchte dem Herrn Prokuristen gerne helfen, denn dieser sei
ein guter und gerechter Herr, aber er wisse nicht, wie er es anfangen sollte,
und er möchte nur wünschen, daß sich einflußreiche Herren seiner
annehmen würden. Dies werde auch sicher geschehn und es werde
schließlich ein gutes Ende nehmen, vorläufig aber stehe es, wie er aus der
Laune des Herrn Prokuristen entnehmen könne, gar nicht gut. Ich legte
diesen Reden natürlich nicht viel Bedeutung bei, suchte auch den
einfältigen Diener zu beruhigen, verbot ihm, andern gegenüber davon zu
sprechen und halte das Ganze für ein Geschwätz. Trotzdem wäre es
vielleicht gut, wenn Du, liebster Vater, bei Deinem nächsten Besuch der
Sache nachgehn wolltest, es wird Dir leicht sein, Genaueres zu erfahren und
wenn es wirklich nötig sein sollte, durch Deine großen einflußreichen
Bekanntschaften einzugreifen. Sollte es aber [161]nicht nötig sein, was ja das
Wahrscheinlichste ist, so wird es wenigstens Deiner Tochter bald
Gelegenheit geben, Dich zu umarmen, was sie freuen würde.“ „Ein gutes
Kind,“ sagte der Onkel, als er die Vorlesung beendet hatte, und wischte
einige Tränen aus den Augen fort. K. nickte, er hatte infolge der
verschiedenen Störungen der letzten Zeit Erna vollständig vergessen, sogar
ihren Geburtstag hatte er vergessen, und die Geschichte von der Schokolade
war offenbar zu dem Zweck erfunden, um ihn vor Onkel und Tante in
Schutz zu nehmen. Es war sehr rührend, und mit den Theaterkarten, die er
ihr von jetzt ab regelmäßig schicken wollte, gewiß nicht genügend belohnt,
aber zu Besuchen in der Pension und zu Unterhaltungen mit einer kleinen
18 jährigen Gymnasiastin fühlte er sich jetzt nicht geeignet. „Und was sagst
du jetzt?“ fragte der Onkel, der durch den Brief alle Eile und Aufregung
vergessen hatte und ihn noch einmal zu lesen schien. „Ja, Onkel,“ sagte K.,
„es ist wahr.“ „Wahr?“ rief der Onkel, „Was ist wahr? Wie kann es denn
wahr sein? Was für ein Prozeß? Doch nicht ein Strafprozeß?“ „Ein
Strafprozeß,“ antwortete K. „Und [162]du sitzt ruhig hier und hast einen
Strafprozeß auf dem Halse?“ rief der Onkel, der immer lauter wurde. „Je
ruhiger ich bin, desto besser ist es für den Ausgang,“ sagte K. müde.

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„Fürchte nichts.“ „Das kann mich nicht beruhigen,“ rief der Onkel, „Josef,
lieber Josef, denke an dich, an deine Verwandten, an unsern guten Namen.
Du warst bisher unsere Ehre, du darfst nicht unsere Schande werden. Deine
Haltung,“ er sah K. mit schief geneigtem Kopfe an, „gefällt mir nicht, so
verhält sich kein unschuldig Angeklagter, der noch bei Kräften ist. Sag mir
nur schnell, um was es sich handelt, damit ich dir helfen kann. Es handelt
sich natürlich um die Bank?“ „Nein,“ sagte K. und stand auf, „du sprichst
aber zu laut, lieber Onkel, der Diener steht wahrscheinlich an der Tür und
horcht. Das ist mir unangenehm. Wir wollen lieber weggehn. Ich werde dir
dann alle Fragen so gut es geht beantworten. Ich weiß sehr gut, daß ich der
Familie Rechenschaft schuldig bin.“ „Richtig,“ schrie der Onkel, „sehr
richtig, beeile dich nur, Josef, beeile dich.“ „Ich muß nur noch einige
Aufträge geben,“ sagte K. und berief telephonisch seinen Vertreter zu sich,
der in wenigen Augenblicken eintrat. Der [163]Onkel in seiner Aufregung
zeigte ihm mit der Hand, daß K. ihn habe rufen lassen, woran auch sonst
kein Zweifel gewesen wäre. K., der vor dem Schreibtisch stand, erklärte
dem jungen Mann, der kühl aber aufmerksam zuhörte, mit leiser Stimme
unter Zuhilfenahme verschiedener Schriftstücke, was in seiner Abwesenheit
heute noch erledigt werden müsse. Der Onkel störte, indem er zuerst mit
großen Augen und nervösem Lippenbeißen dabeistand, ohne allerdings
zuzuhören, aber der Anschein dessen war schon störend genug. Dann aber
ging er im Zimmer auf und ab und blieb hie und da vor dem Fenster oder
vor einem Bild stehen, wobei er immer in verschiedene Ausrufe ausbrach,
wie: „Mir ist es vollständig unbegreiflich“ oder „Jetzt sagt mir nur, was soll
denn daraus werden.“ Der junge Mann tat, als bemerke er nichts davon,
hörte ruhig K.s Aufträge bis zu Ende an, notierte sich auch einiges und
ging, nachdem er sich vor K. wie auch vor dem Onkel verneigt hatte, der
ihm aber gerade den Rücken zukehrte, aus dem Fenster sah und mit
ausgestreckten Händen die Vorhänge zusammenknüllte. Die Tür hatte sich
noch kaum geschlossen, als der Onkel ausrief: [164]„Endlich ist der
Hampelmann weggegangen, jetzt können doch auch wir gehn. Endlich!“ Es
gab leider kein Mittel, den Onkel zu bewegen, in der Vorhalle, wo einige
Beamte und Diener herumstanden und die gerade auch der Direktor-

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Stellvertreter kreuzte, die Fragen wegen des Prozesses zu unterlassen.
„Also, Josef,“ begann der Onkel, während er die Verbeugungen der
Umstehenden durch leichtes Salutieren beantwortete, „jetzt sag’ mir offen,
was es für ein Prozeß ist.“ K. machte einige nichtssagende Bemerkungen,
lachte auch ein wenig und erst auf der Treppe erklärte er dem Onkel, daß er
vor den Leuten nicht habe offen reden wollen. „Richtig,“ sagte der Onkel,
„aber jetzt rede.“ Mit geneigtem Kopf, eine Zigarre in kurzen, eiligen
Zügen rauchend, hörte er zu. „Vor allem, Onkel,“ sagte K., „handelt es sich
gar nicht um einen Prozeß vor dem gewöhnlichen Gericht.“ „Das ist
schlimm,“ sagte der Onkel. „Wie?“ sagte K. und sah den Onkel an. „Daß
das schlimm ist, meine ich,“ wiederholte der Onkel. Sie standen auf der
Freitreppe, die zur Straße führte; da der Portier zu horchen schien, zog K.
den Onkel hinunter; der lebhafte Straßenverkehr nahm sie auf. [165]Der
Onkel, der sich in K. eingehängt hatte, fragte nicht mehr so dringend nach
dem Prozeß, sie gingen sogar eine Zeitlang schweigend weiter. „Wie ist es
aber geschehn?“ fragte endlich der Onkel, so plötzlich stehen bleibend, daß
die hinter ihm gehenden Leute erschreckt auswichen. „Solche Dinge
kommen doch nicht plötzlich, sie bereiten sich seit langem vor, es müssen
Anzeichen gewesen sein, warum hast du mir nicht geschrieben. Du weißt,
daß ich für dich alles tue, ich bin ja gewissermaßen noch dein Vormund und
war bis heute stolz darauf. Ich werde dir natürlich auch jetzt noch helfen,
nur ist es jetzt, wenn der Prozeß schon im Gange ist, sehr schwer. Am
besten wäre es jedenfalls, wenn du dir jetzt einen kleinen Urlaub nimmst
und zu uns aufs Land kommst. Du bist auch ein wenig abgemagert, jetzt
merke ich es. Auf dem Land wirst du dich kräftigen, das wird gut sein, es
stehen dir ja gewiß Anstrengungen bevor. Außerdem aber wirst du dadurch
dem Gericht gewissermaßen entzogen sein. Hier haben sie alle möglichen
Machtmittel, die sie notwendigerweise automatisch auch dir gegenüber
anwenden; auf das Land müßten sie [166]aber erst Organe delegieren oder
nur brieflich, telegraphisch, telephonisch auf dich einzuwirken suchen. Das
schwächt natürlich die Wirkung ab, befreit dich zwar nicht, aber läßt dich
aufatmen.“ „Sie könnten mir ja verbieten, wegzufahren,“ sagte K., den die
Rede des Onkels ein wenig in ihren Gedankengang gezogen hatte. „Ich

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glaube nicht, daß sie das tun werden,“ sagte der Onkel nachdenklich, „so
groß ist der Verlust an Macht nicht, den sie durch deine Abreise erleiden.“
„Ich dachte,“ sagte K. und faßte den Onkel unterm Arm, um ihn am
Stehenbleiben hindern zu können, „daß du dem Ganzen noch weniger
Bedeutung beimessen würdest als ich, und jetzt nimmst du es selbst so
schwer.“ „Josef,“ rief der Onkel und wollte sich ihm entwinden, um stehn
bleiben zu können, aber K. ließ ihn nicht, „du bist verwandelt, du hattest
doch immer ein so richtiges Auffassungsvermögen und gerade jetzt verläßt
es dich? Willst du denn den Prozeß verlieren? Weißt du, was das bedeutet?
Das bedeutet, daß du einfach gestrichen wirst. Und daß die ganze
Verwandtschaft mitgerissen oder wenigstens bis auf den Boden gedemütigt
wird. Josef, nimm dich [167]doch zusammen. Deine Gleichgültigkeit bringt
mich um den Verstand. Wenn man dich ansieht, möchte man fast dem
Sprichwort glauben: „Einen solchen Prozeß haben, heißt ihn schon verloren
haben.“ „Lieber Onkel,“ sagte K., „die Aufregung ist so unnütz, sie ist es
auf deiner Seite und wäre es auch auf meiner. Mit Aufregung gewinnt man
die Prozesse nicht, laß auch meine praktischen Erfahrungen ein wenig
gelten, so wie ich deine, selbst wenn sie mich überraschen, immer und auch
jetzt sehr achte. Da du sagst, daß auch die Familie durch den Prozeß in
Mitleidenschaft gezogen würde, — was ich für meinen Teil durchaus nicht
begreifen kann, das ist aber Nebensache — so will ich dir gerne in allem
folgen. Nur den Landaufenthalt halte ich selbst in deinem Sinn nicht für
vorteilhaft, denn das würde Flucht und Schuldbewußtsein bedeuten.
Überdies bin ich hier zwar mehr verfolgt, kann aber auch selbst die Sache
mehr betreiben.“ „Richtig,“ sagte der Onkel in einem Ton, als kämen sie
jetzt endlich einander näher, „ich machte den Vorschlag nur, weil ich, wenn
du hier bliebst, die Sache von deiner Gleichgültigkeit gefährdet sah und es
für besser [168]hielt, wenn ich statt deiner für dich arbeitete. Willst du sie
aber mit aller Kraft selbst betreiben, so ist es natürlich weit besser.“ „Darin
wären wir also einig,“ sagte K. „Und hast du jetzt einen Vorschlag dafür,
was ich zunächst machen soll?“ „Ich muß mir natürlich die Sache noch
überlegen,“ sagte der Onkel, „du mußt bedenken, daß ich jetzt schon 20
Jahre fast ununterbrochen auf dem Lande bin, dabei läßt der Spürsinn in

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diesen Richtungen nach. Verschiedene wichtige Verbindungen mit
Persönlichkeiten, die sich hier vielleicht besser auskennen, haben sich von
selbst gelockert. Ich bin auf dem Land ein wenig verlassen, das weißt du ja.
Selbst merkt man es eigentlich erst bei solchen Gelegenheiten. Zum Teil
kam mir deine Sache auch unerwartet, wenn ich auch merkwürdigerweise
nach Ernas Brief schon etwas derartiges ahnte und es heute bei deinem
Anblick fast mit Bestimmtheit wußte. Aber das ist gleichgültig, das
Wichtigste ist jetzt, keine Zeit zu verlieren.“ Schon während seiner Rede
hatte er auf den Fußspitzen stehend einem Automobil gewinkt und zog jetzt,
während er gleichzeitig dem Wagenlenker eine Adresse zurief, K. hinter
sich [169]in den Wagen. „Wir fahren jetzt zum Advokaten Huld,“ sagte er,
„er war mein Schulkollege. Du kennst den Namen gewiß auch? Nicht? Das
ist aber merkwürdig. Er hat doch als Verteidiger und Armenadvokat einen
bedeutenden Ruf. Ich aber habe besonders zu ihm als Menschen großes
Vertrauen.“ „Mir ist alles recht, was du unternimmst,“ sagte K., trotzdem
ihn die eilige und dringliche Art, mit der der Onkel die Angelegenheit
behandelte, Unbehagen verursachte. Es war nicht sehr erfreulich, als
Angeklagter zu einem Armenadvokaten zu fahren. „Ich wußte nicht,“ sagte
er, „daß man in einer solchen Sache auch einen Advokaten zuziehen
könne.“ „Aber natürlich,“ sagte der Onkel, „das ist ja selbstverständlich.
Warum denn nicht? Und nun erzähle mir, damit ich über die Sache genau
unterrichtet bin, alles, was bisher geschehen ist.“ K. begann sofort zu
erzählen, ohne irgend etwas zu verschweigen, seine vollständige Offenheit
war der einzige Protest, den er sich gegen des Onkels Ansicht, der Prozeß
sei eine große Schande, erlauben konnte. Fräulein Bürstners Namen
erwähnte er nur einmal und flüchtig, aber das beeinträchtigte nicht die
Offenheit, denn [170]Fräulein Bürstner stand mit dem Prozeß in keiner
Verbindung. Während er erzählte, sah er aus dem Fenster und beobachtete,
wie sie sich gerade jener Vorstadt näherten, in der die Gerichtskanzleien
waren, er machte den Onkel darauf aufmerksam, der aber das
Zusammentreffen nicht besonders auffallend fand. Der Wagen hielt vor
einem dunklen Haus. Der Onkel läutete gleich im Parterre bei der ersten
Tür; während sie warteten, fletschte er lächelnd seine großen Zähne und

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flüsterte: „8 Uhr, eine ungewöhnliche Zeit für Parteienbesuche. Huld nimmt
es mir aber nicht übel.“ Im Guckfenster der Tür erschienen zwei große
schwarze Augen, sahen ein Weilchen die zwei Gäste an und verschwanden;
die Tür öffnete sich aber nicht. Der Onkel und K. bestätigten einander
gegenseitig die Tatsache, die zwei Augen gesehen zu haben. „Ein neues
Stubenmädchen, das sich vor Fremden fürchtet,“ sagte der Onkel und
klopfte nochmals. Wieder erschienen die Augen, man konnte sie jetzt fast
für traurig halten, vielleicht war das aber auch nur eine Täuschung,
hervorgerufen durch die offene Gasflamme, die nahe über den Köpfen stark
zischend brannte, aber wenig Licht gab. „Öffnen [171]Sie,“ rief der Onkel
und hieb mit der Faust gegen die Tür, „es sind Freunde des Herrn
Advokaten.“ „Der Herr Advokat ist krank,“ flüsterte es hinter ihnen. In
einer Tür am andern Ende des kleinen Ganges stand ein Herr im Schlafrock
und machte mit äußerst leiser Stimme diese Mitteilung. Der Onkel, der
schon wegen des langen Wartens wütend war, wandte sich mit einem Ruck
um, rief: „Krank? Sie sagen, er ist krank?“ und ging fast drohend, als sei der
Herr die Krankheit, auf ihn zu. „Man hat schon geöffnet,“ sagte der Herr,
zeigte auf die Tür des Advokaten, raffte seinen Schlafrock zusammen und
verschwand. Die Tür war wirklich geöffnet worden, ein junges Mädchen —
K. erkannte die dunklen, ein wenig hervorgewälzten Augen wieder — stand
in langer weißer Schürze im Vorzimmer und hielt eine Kerze in der Hand.
„Nächstens öffnen Sie früher,“ sagte der Onkel statt einer Begrüßung,
während das Mädchen einen kleinen Knix machte. „Komm, Josef,“ sagte er
dann zu K., der sich langsam an dem Mädchen vorüberschob. „Der Herr
Advokat ist krank,“ sagte das Mädchen, da der Onkel, ohne sich
aufzuhalten, auf eine Tür zueilte. K. staunte [172]das Mädchen noch an,
während es sich schon umgedreht hatte, um die Wohnungstüre wieder zu
versperren, es hatte ein puppenförmig gerundetes Gesicht, nicht nur die
bleichen Wangen und das Kinn verliefen rund, auch die Schläfen und die
Stirnränder. „Josef,“ rief der Onkel wieder und das Mädchen fragte er: „Es
ist das Herzleiden?“ „Ich glaube wohl,“ sagte das Mädchen, es hatte Zeit
gefunden mit der Kerze voranzugehn und die Zimmertür zu öffnen. In
einem Winkel des Zimmers, wohin das Kerzenlicht noch nicht drang, erhob

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sich im Bett ein Gesicht mit langem Bart. „Leni, wer kommt denn,“ fragte
der Advokat, der, durch die Kerze geblendet, die Gäste nicht erkannte.
„Albert, dein alter Freund ist es,“ sagte der Onkel. „Ach Albert,“ sagte der
Advokat und ließ sich auf die Kissen zurückfallen, als bedürfe es diesem
Besuch gegenüber keiner Verstellung. „Steht es wirklich so schlecht?“
fragte der Onkel und setzte sich auf den Bettrand. „Ich glaube es nicht. Es
ist ein Anfall deines Herzleidens und wird vorübergehn wie die frühern.“
„Möglich,“ sagte der Advokat leise, „es ist aber ärger, als es jemals gewesen
ist. Ich atme schwer, schlafe gar [173]nicht und verliere täglich an Kraft.“
„So,“ sagte der Onkel und drückte den Panamahut mit seiner großen Hand
fest aufs Knie. „Das sind schlechte Nachrichten. Hast du übrigens die
richtige Pflege? Es ist auch so traurig hier, so dunkel. Es ist schon lange her,
seitdem ich zum letztenmal hier war, damals schien es mir freundlicher.
Auch dein kleines Fräulein hier scheint nicht sehr lustig oder sie verstellt
sich.“ Das Mädchen stand noch immer mit der Kerze nahe bei der Tür;
soweit ihr unbestimmter Blick erkennen ließ, sah sie eher K. an als den
Onkel, selbst als dieser jetzt von ihr sprach. K. lehnte an einem Sessel, den
er in die Nähe des Mädchens geschoben hatte. „Wenn man so krank ist wie
ich,“ sagte der Advokat, „muß man Ruhe haben. Mir ist es nicht traurig.“
Nach einer kleinen Pause fügte er hinzu: „Und Leni pflegt mich gut, sie ist
brav.“ Den Onkel konnte das aber nicht überzeugen, er war sichtlich gegen
die Pflegerin voreingenommen und wenn er auch dem Kranken nichts
entgegnete, so verfolgte er doch die Pflegerin mit strengen Blicken, als sie
jetzt zum Bett hinging, die Kerze auf das Nachttischchen stellte, sich über
den Kranken hinbeugte [174]und beim Ordnen der Kissen mit ihm flüsterte.
Er vergaß fast die Rücksicht auf den Kranken, stand auf, ging hinter der
Pflegerin hin und her, und K. hätte es nicht gewundert, wenn er sie hinten
an den Röcken erfaßt und vom Bett fortgezogen hätte. K. selbst sah allem
ruhig zu, die Krankheit des Advokaten war ihm sogar nicht ganz
unwillkommen, dem Eifer, den der Onkel für seine Sache entwickelt hatte,
hatte er sich nicht entgegenstellen können, die Ablenkung, die dieser Eifer
jetzt ohne sein Zutun erfuhr, nahm er gerne hin. Da sagte der Onkel,
vielleicht nur in der Absicht, die Pflegerin zu beleidigen: „Fräulein, bitte,

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lassen Sie uns ein Weilchen allein, ich habe mit meinem Freund eine
persönliche Angelegenheit zu besprechen.“ Die Pflegerin, die noch weit
über den Kranken hingebeugt war und gerade das Leintuch an der Wand
glättete, wendete nur den Kopf und sagte sehr ruhig, was einen auffallenden
Unterschied zu den vor Wut stockenden und dann wieder überfließenden
Reden des Onkels bildete: „Sie sehen, der Herr ist so krank, er kann keine
Angelegenheiten besprechen.“ Sie hatte die Worte des Onkels
wahrscheinlich nur aus Bequemlichkeit [175]wiederholt, immerhin konnte es
selbst von einem Unbeteiligten als spöttisch aufgefaßt werden, der Onkel
aber fuhr natürlich wie ein Gestochener auf. „Du Verdammte,“ sagte er im
ersten Gurgeln der Aufregung noch ziemlich unverständlich, K. erschrak,
trotzdem er etwas Ähnliches erwartet hatte, und lief auf den Onkel zu, mit
der bestimmten Absicht, ihm mit beiden Händen den Mund zu schließen.
Glücklicherweise erhob sich aber hinter dem Mädchen der Kranke, der
Onkel machte ein finsteres Gesicht, als schlucke er etwas Abscheuliches
hinunter, und sagte dann ruhiger: „Wir haben natürlich auch noch den
Verstand nicht verloren; wäre das, was ich verlange, nicht möglich, würde
ich es nicht verlangen. Bitte gehn Sie jetzt.“ Die Pflegerin stand
aufgerichtet am Bett dem Onkel voll zugewendet, mit der einen Hand
streichelte sie, wie K. zu bemerken glaubte, die Hand des Advokaten. „Du
kannst vor Leni alles sagen,“ sagte der Kranke zweifellos im Ton einer
dringenden Bitte. „Es betrifft nicht mich,“ sagte der Onkel, „es ist nicht
mein Geheimnis.“ Und er drehte sich um, als gedenke er in keine
Verhandlungen mehr einzugehn, gebe aber noch [176]eine kleine Bedenkzeit.
„Wen betrifft es denn?“ fragte der Advokat mit erlöschender Stimme und
legte sich wieder zurück. „Meinen Neffen,“ sagte der Onkel, „ich habe ihn
auch mitgebracht.“ Und er stellte vor: Prokurist Josef K. „Oh,“ sagte der
Kranke viel lebhafter und streckte K. die Hand entgegen, „verzeihen Sie,
ich habe Sie gar nicht bemerkt. Geh, Leni,“ sagte er dann zu der Pflegerin,
die sich auch gar nicht mehr wehrte, und reichte ihr die Hand, als gelte es
einen Abschied für lange Zeit. „Du bist also,“ sagte er endlich zum Onkel,
der versöhnt nähergetreten war, „nicht gekommen, mir einen
Krankenbesuch zu machen, sondern du kommst in Geschäften.“ Es war, als

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hätte die Vorstellung eines Krankenbesuches den Advokaten bisher
gelähmt, so gekräftigt sah er jetzt aus, blieb ständig auf einen Ellbogen
aufgestützt, was ziemlich anstrengend sein mußte, und zog immer wieder
an einem Bartstrahn in der Mitte seines Bartes. „Du siehst schon viel
gesünder aus,“ sagte der Onkel, „seitdem diese Hexe draußen ist.“ Er
unterbrach sich, flüsterte: „Ich wette, daß sie horcht“ und sprang zur Tür.
Aber hinter der Tür war niemand, der Onkel kam [177]zurück, nicht
enttäuscht, denn ihr Nichthorchen erschien ihm als eine noch größere
Bosheit, wohl aber verbittert. „Du verkennst sie,“ sagte der Advokat, ohne
die Pflegerin weiter in Schutz zu nehmen; vielleicht wollte er damit
ausdrücken, daß sie nicht schutzbedürftig sei. Aber in viel teilnehmenderem
Tone fuhr er fort: „Was die Angelegenheit deines Herrn Neffen betrifft, so
würde ich mich allerdings glücklich schätzen, wenn meine Kraft für diese
äußerst schwierige Aufgabe ausreichen könnte; ich fürchte sehr, daß sie
nicht ausreichen wird, jedenfalls will ich nichts unversucht lassen; wenn ich
nicht ausreiche, könnte man ja noch jemanden andern beiziehen. Um
aufrichtig zu sein, interessiert mich die Sache zu sehr, als daß ich es über
mich bringen könnte, auf jede Beteiligung zu verzichten. Hält es mein Herz
nicht aus, so wird es doch wenigstens hier eine würdige Gelegenheit finden,
gänzlich zu versagen.“ K. glaubte kein Wort dieser ganzen Rede zu
verstehn, er sah den Onkel an, um doch eine Erklärung zu finden, aber
dieser saß mit der Kerze in der Hand auf dem Nachttischchen, von dem
bereits eine Arzneiflasche auf den Teppich gerollt war, [178]nickte zu allem,
was der Advokat sagte, war mit allem einverstanden und sah hie und da auf
K. mit der Aufforderung zu gleichem Einverständnis hin. Hatte vielleicht
der Onkel schon früher dem Advokaten von dem Prozeß erzählt? Aber das
war unmöglich, alles was vorhergegangen war, sprach dagegen. „Ich
verstehe nicht“ — sagte er deshalb. „Ja, habe vielleicht ich Sie
mißverstanden?“ fragte der Advokat ebenso erstaunt und verlegen wie K.
„Ich war vielleicht voreilig. Worüber wollten Sie denn mit mir sprechen?
Ich dachte, es handle sich um Ihren Prozeß?“ „Natürlich,“ sagte der Onkel
und fragte dann K.: „Was willst du denn?“ „Ja, aber woher wissen Sie denn
etwas über mich und meinen Prozeß?“ fragte K. „Ach so,“ sagte der

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Advokat lächelnd, „ich bin doch Advokat, ich verkehre in Gerichtskreisen,
man spricht über verschiedene Prozesse und auffallendere, besonders wenn
es den Neffen eines Freundes betrifft, behält man im Gedächtnis. Das ist
doch nichts Merkwürdiges.“ „Was willst du denn?“ fragte der Onkel K.
nochmals. „Du bist so unruhig.“ „Sie verkehren in diesen Gerichtskreisen,“
fragte K. „Ja,“ sagte der Advokat. „Du fragst wie ein Kind,“ [179]sagte der
Onkel. „Mit wem sollte ich denn verkehren, wenn nicht mit Leuten meines
Faches?“ fügte der Advokat hinzu. Es klang so unwiderleglich, daß K. gar
nicht antwortete. „Sie arbeiten doch bei dem Gericht im Justizpalast, und
nicht bei dem auf dem Dachboden,“ hatte er sagen wollen, konnte sich aber
nicht überwinden, es wirklich zu sagen. „Sie müssen doch bedenken,“ fuhr
der Advokat fort, in einem Tone, als erkläre er etwas Selbstverständliches,
überflüssigerweise und nebenbei, „Sie müssen doch bedenken, daß ich aus
einem solchen Verkehr auch große Vorteile für meine Klientel ziehe, und
zwar in vielfacher Hinsicht, man darf nicht einmal immer davon reden.
Natürlich bin ich jetzt infolge meiner Krankheit ein wenig behindert, aber
ich bekomme trotzdem Besuch von guten Freunden vom Gericht und
erfahre doch einiges. Erfahre vielleicht mehr als manche, die in bester
Gesundheit den ganzen Tag bei Gericht verbringen. So habe ich z. B.
gerade jetzt einen lieben Besuch.“ Und er zeigte in eine dunkle
Zimmerecke. „Wo denn?“ fragte K. in der ersten Überraschung fast grob. Er
sah unsicher umher; das Licht der kleinen [180]Kerze drang bei weitem nicht
bis zur gegenüberliegenden Wand. Und wirklich begann sich dort in der
Ecke etwas zu rühren. Im Licht der Kerze, die der Onkel jetzt hochhielt, sah
man dort bei einem kleinen Tischchen einen älteren Herrn sitzen. Er hatte
wohl gar nicht geatmet, daß er solange unbemerkt geblieben war. Jetzt stand
er umständlich auf, offenbar unzufrieden damit, daß man auf ihn
aufmerksam gemacht hatte. Es war, als wolle er mit den Händen, die er wie
kurze Flügel bewegte, alle Vorstellungen und Begrüßungen abwehren, als
wolle er auf keinen Fall die andern durch seine Anwesenheit stören und als
bitte er dringend wieder um die Versetzung ins Dunkel und um das
Vergessen seiner Anwesenheit. Das konnte man ihm nun aber nicht mehr
zugestehn. „Ihr habt uns nämlich überrascht,“ sagte der Advokat zur

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Erklärung und winkte dabei dem Herrn aufmunternd zu, näherzukommen,
was dieser langsam, zögernd, herumblickend und doch mit einer gewissen
Würde tat, „der Herr Kanzleidirektor — ach so, Verzeihung, ich habe nicht
vorgestellt — hier mein Freund Albert K., hier sein Neffe Prokurist Josef K.
und hier der Herr Kanzleidirektor [181]— der Herr Kanzleidirektor also war
so freundlich, mich zu besuchen. Den Wert eines solchen Besuches kann
eigentlich nur der Eingeweihte würdigen, welcher weiß, wie der liebe
Kanzleidirektor mit Arbeit überhäuft ist. Nun, er kam aber trotzdem, wir
unterhielten uns friedlich, soweit meine Schwäche es erlaubte, wir hatten
zwar Leni nicht verboten, Besuche einzulassen, denn es waren keine zu
erwarten, aber unsere Meinung war doch, daß wir allein bleiben sollten,
dann aber kamen deine Fausthiebe, Albert, der Herr Kanzleidirektor rückte
mit Sessel und Tisch in den Winkel, nun aber zeigt sich, daß wir
möglicherweise, d. h. wenn der Wunsch danach besteht, gemeinsame
Angelegenheit zu besprechen haben und sehr gut wieder zusammenrücken
können. — Herr Kanzleidirektor,“ sagte er mit Kopfneigen und
unterwürfigem Lächeln und zeigte auf einen Lehnstuhl in der Nähe des
Bettes. „Ich kann leider nur noch ein paar Minuten bleiben,“ sagte der
Kanzleidirektor freundlich, setzte sich breit in den Lehnstuhl und sah auf
die Uhr, „die Geschäfte rufen mich. Jedenfalls will ich nicht die
Gelegenheit vorübergehen lassen, einen Freund meines Freundes
[182]kennenzulernen.“ Er neigte den Kopf leicht gegen den Onkel, der von
der neuen Bekanntschaft sehr befriedigt schien, aber infolge seiner Natur
Gefühle der Ergebenheit nicht ausdrücken konnte und die Worte des
Kanzleidirektors mit verlegenem, aber lautem Lachen begleitete. Ein
häßlicher Anblick! K. konnte ruhig alles beobachten, denn um ihn
kümmerte sich niemand, der Kanzleidirektor nahm, wie es seine
Gewohnheit schien, da er nun schon einmal hervorgezogen war, die
Herrschaft über das Gespräch an sich, der Advokat, dessen erste Schwäche
vielleicht nur dazu hatte dienen sollen, den neuen Besuch zu vertreiben,
hörte aufmerksam, die Hand am Ohre, zu, der Onkel als Kerzenträger — er
balancierte die Kerze auf seinem Schenkel, der Advokat sah öfters besorgt
hin — war bald frei von Verlegenheit und nur noch entzückt, sowohl von

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der Art der Rede des Kanzleidirektors, als auch von den sanften
wellenförmigen Handbewegungen, mit denen er sie begleitete. K., der am
Bettpfosten lehnte, wurde vom Kanzleidirektor vielleicht sogar mit Absicht
vollständig vernachlässigt und diente den alten Herren nur als Zuhörer.
Übrigens wußte er kaum, [183]wovon die Rede war und dachte bald an die
Pflegerin und an die schlechte Behandlung, die sie vom Onkel erfahren
hatte, bald daran, ob er den Kanzleidirektor nicht schon einmal gesehn
hatte, vielleicht sogar in der Versammlung bei seiner ersten Untersuchung.
Wenn er sich vielleicht auch täuschte, so hätte sich doch der Kanzleidirektor
den Versammlungsteilnehmern in der ersten Reihe, den alten Herren mit
den schüttern Bärten, vorzüglich eingefügt.

Da ließ ein Lärm aus dem Vorzimmer wie von zerbrechendem Porzellan
alle aufhorchen. „Ich will nachsehn, was geschehen ist,“ sagte K. und ging
langsam hinaus, als gebe er den andern noch Gelegenheit, ihn
zurückzuhalten. Kaum war er ins Vorzimmer getreten und wollte sich im
Dunkel zurechtfinden, als sich auf die Hand, mit der er die Tür noch
festhielt, eine kleine Hand legte, viel kleiner als K.s Hand und die Tür leise
schloß. Es war die Pflegerin, die hier gewartet hatte. „Es ist nichts
geschehn,“ flüsterte sie, „ich habe nur einen Teller gegen die Mauer
geworfen, um Sie herauszuholen.“ In seiner Befangenheit sagte K.: „Ich
habe auch an Sie gedacht.“ „Desto besser,“ sagte [184]die Pflegerin,
„kommen Sie.“ Nach ein paar Schritten kamen sie zu einer Tür aus mattem
Glas, welche die Pflegerin vor K. öffnete. „Treten Sie doch ein,“ sagte sie.
Es war jedenfalls das Arbeitszimmer des Advokaten; soweit man im
Mondlicht sehen konnte, das jetzt nur einen kleinen viereckigen Teil des
Fußbodens an jedem der zwei großen Fenster stark erhellte, war es mit
schweren alten Möbelstücken ausgestattet. „Hierher,“ sagte die Pflegerin
und zeigte auf eine dunkle Truhe mit holzgeschnitzter Lehne. Noch als er
sich gesetzt hatte, sah sich K. im Zimmer um, es war ein hohes großes
Zimmer, die Kundschaft des Armenadvokaten mußte sich hier verloren
vorkommen. K. glaubte die kleinen Schritte zu sehn, mit denen die
Besucher zu dem gewaltigen Schreibtisch vorrückten. Dann aber vergaß er

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daran und hatte nur noch Augen für die Pflegerin, die ganz nahe neben ihm
saß und ihn fast an die Seitenlehne drückte. „Ich dachte,“ sagte sie, „Sie
würden allein zu mir herauskommen, ohne daß ich Sie erst rufen müßte. Es
war doch merkwürdig. Zuerst sahen Sie mich gleich beim Eintritt
ununterbrochen an und dann ließen Sie mich warten. [185]Nennen Sie mich
übrigens Leni,“ fügte sie noch rasch und unvermittelt zu, als solle kein
Augenblick dieser Aussprache versäumt werden. „Gern,“ sagte K. „Was
aber die Merkwürdigkeit betrifft, Leni, so ist sie leicht zu erklären. Erstens
mußte ich doch das Geschwätz der alten Herren anhören und konnte nicht
grundlos weglaufen, zweitens aber bin ich nicht frech, sondern eher
schüchtern und auch Sie, Leni, sahen wahrhaftig nicht so aus, als ob Sie in
einem Sprung zu gewinnen wären.“ „Das ist es nicht,“ sagte Leni, legte den
Arm über die Lehne und sah K. an, „aber ich gefiel Ihnen nicht und gefalle
Ihnen wahrscheinlich auch jetzt nicht.“ „Gefallen wäre ja nicht viel,“ sagte
K. ausweichend. „Oh!“ sagte sie lächelnd und gewann durch K.s
Bemerkung und diesen kleinen Ausruf eine gewisse Überlegenheit. Deshalb
schwieg K. ein Weilchen. Da er sich an das Dunkel im Zimmer schon
gewöhnt hatte, konnte er verschiedene Einzelheiten der Einrichtung
unterscheiden. Besonders fiel ihm ein großes Bild auf, das rechts von der
Tür hing, er beugte sich vor, um es besser zu sehn. Es stellte einen Mann im
Richtertalar dar; er saß auf einem hohen Thronsessel, [186]dessen
Vergoldung vielfach aus dem Bilde hervorstach. Das Ungewöhnliche war,
daß dieser Richter nicht in Ruhe und Würde dort saß, sondern den linken
Arm fest an Rücken- und Seitenlehne drückte, den rechten Arm aber völlig
frei hatte und nur mit der Hand die Seitenlehne umfaßte, als wolle er im
nächsten Augenblick mit einer heftigen und vielleicht empörten Wendung
aufspringen, um etwas Entscheidendes zu sagen oder gar das Urteil zu
verkünden. Der Angeklagte war wohl zu Füßen der Treppe zu denken,
deren oberste, mit einem gelben Teppich bedeckte Stufen noch auf dem
Bilde zu sehen waren. „Vielleicht ist das mein Richter,“ sagte K. und zeigte
mit einem Finger auf das Bild. „Ich kenne ihn,“ sagte Leni und sah auch
zum Bilde auf, „er kommt öfters hierher. Das Bild stammt aus seiner
Jugend, er kann aber niemals dem Bilde auch nur ähnlich gewesen sein,

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denn er ist fast winzig klein. Trotzdem hat er sich auf dem Bild so in die
Länge ziehen lassen, denn er ist unsinnig eitel, wie alle hier. Aber auch ich
bin eitel und sehr unzufrieden damit, daß ich Ihnen gar nicht gefalle.“ Auf
die letzte Bemerkung antwortete K. nur damit, daß er [187]Leni umfaßte und
an sich zog, sie lehnte still den Kopf an seine Schulter. Zu dem übrigen aber
sagte er: „Was für einen Rang hat er?“ „Er ist Untersuchungsrichter,“ sagte
sie, ergriff K.s Hand, mit der er sie umfaßt hielt, und spielte mit seinen
Fingern. „Wieder nur Untersuchungsricher,“ sagte K. enttäuscht, „die hohen
Beamten verstecken sich. Aber er sitzt doch auf einem Thronsessel.“ „Das
ist alles Erfindung,“ sagte Leni, das Gesicht über K.s Hand gebeugt, „in
Wirklichkeit sitzt er auf einem Küchensessel, auf dem eine alte Pferdedecke
zusammengelegt ist. Aber müssen Sie denn immerfort an Ihren Prozeß
denken?“ fügte sie langsam hinzu. „Nein, durchaus nicht,“ sagte K., „ich
denke wahrscheinlich sogar zu wenig an ihn.“ „Das ist nicht der Fehler, den
Sie machen,“ sagte Leni, „Sie sind zu unnachgiebig, so habe ich es gehört.“
„Wer hat das gesagt?“ fragte K., er fühlte ihren Körper an seiner Brust und
sah auf ihr reiches dunkles fest gedrehtes Haar hinab. „Ich würde zuviel
verraten, wenn ich das sagte,“ antwortete Leni. „Fragen Sie, bitte, nicht
nach Namen, stellen Sie aber Ihren Fehler ab, seien Sie nicht mehr so
unnachgiebig, gegen dieses Gericht kann [188]man sich ja nicht wehren, man
muß das Geständnis machen. Machen Sie doch bei nächster Gelegenheit
das Geständnis. Erst dann ist die Möglichkeit, zu entschlüpfen, gegeben,
erst dann. Jedoch selbst das ist ohne fremde Hilfe nicht möglich, wegen
dieser Hilfe aber müssen Sie sich nicht ängstigen, die will ich Ihnen selbst
leisten.“ „Sie verstehen viel von diesem Gericht und von den Betrügereien,
die hier nötig sind,“ sagte K. und hob sie, da sie sich allzu stark an ihn
drängte, auf seinen Schoß. „So ist es gut,“ sagte sie und richtete sich auf
seinem Schoß ein, indem sie den Rock glättete und die Bluse zurechtzog.
Dann hing sie sich mit beiden Händen an seinen Hals, lehnte sich zurück
und sah ihn lange an. „Und wenn ich das Geständnis nicht mache, dann
können Sie mir nicht helfen?“ fragte K. versuchsweise. Ich werbe
Helferinnen, dachte er fast verwundert, zuerst Fräulein Bürstner, dann die
Frau des Gerichtsdieners und endlich diese kleine Pflegerin, die ein

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unbegreifliches Bedürfnis nach mir zu haben scheint. Wie sie auf meinem
Schoß sitzt, als sei es ihr einzig richtiger Platz! „Nein,“ antwortete Leni und
schüttelte langsam den Kopf, „dann kann ich Ihnen nicht [189]helfen. Aber
Sie wollen ja meine Hilfe gar nicht, es liegt Ihnen nichts daran, Sie sind
eigensinnig und lassen sich nicht überzeugen.“ „Haben Sie eine Geliebte?“
fragte sie nach einem Weilchen. „Nein,“ sagte K. „O doch,“ sagte sie. „Ja,
wirklich,“ sagte K., „denken Sie nur, ich habe sie verleugnet und trage doch
sogar ihre Photographie bei mir.“ Auf ihre Bitten zeigte er ihr eine
Photographie Elsas, zusammengekrümmt auf seinem Schoß studierte sie
das Bild. Es war eine Momentphotographie, Elsa war nach einem
Wirbeltanz aufgenommen, wie sie ihn in dem Weinlokal gern tanzte, ihr
Rock flog noch im Faltenwurf der Drehung um sie her, die Hände hatte sie
auf die festen Hüften gelegt und sah mit straffem Hals lachend zur Seite;
wem ihr Lachen galt, konnte man aus dem Bild nicht erkennen. „Sie ist
stark geschnürt,“ sagte Leni und zeigte auf die Stelle, wo dies ihrer
Meinung nach zu sehen war. „Sie gefällt mir nicht, sie ist unbeholfen und
roh. Vielleicht ist sie aber Ihnen gegenüber sanft und freundlich, darauf
könnte man nach dem Bilde schließen. So große starke Mädchen wissen oft
nichts anderes, als sanft und freundlich zu sein. Würde sie [190]sich aber für
Sie opfern können?“ „Nein,“ sagte K., „sie ist weder sanft und freundlich,
noch würde sie sich für mich opfern können. Auch habe ich bisher weder
das eine noch das andere von ihr verlangt. Ja, ich habe noch nicht einmal
das Bild so genau angesehn wie Sie.“ „Es liegt Ihnen also gar nicht viel an
ihr,“ sagte Leni, „sie ist also gar nicht Ihre Geliebte.“ „Doch,“ sagte K. „Ich
nehme mein Wort nicht zurück.“ „Mag sie also jetzt Ihre Geliebte sein,“
sagte Leni, „Sie würden sie aber nicht sehr vermissen, wenn Sie sie
verlieren oder für jemand andern, z. B. für mich, eintauschen würden.“
„Gewiß,“ sagte K. lächelnd, „das wäre denkbar, aber sie hat einen großen
Vorteil Ihnen gegenüber, sie weiß nichts von meinem Prozeß, und selbst
wenn sie etwas davon wüßte, würde sie nicht daran denken. Sie würde mich
nicht zur Nachgiebigkeit zu überreden suchen.“ „Das ist kein Vorteil,“ sagte
Leni. „Wenn sie keine sonstigen Vorteile hat, verliere ich nicht den Mut.
Hat sie irgendeinen körperlichen Fehler?“ „Einen körperlichen Fehler?“

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fragte K. „Ja,“ sagte Leni, „ich habe nämlich einen solchen kleinen Fehler,
sehen Sie.“ Sie spannte den Mittel- und Ringfinger [191]ihrer rechten Hand
auseinander, zwischen denen das Verbindungshäutchen fast bis zum
obersten Gelenk der kurzen Finger reichte. K. merkte im Dunkel nicht
gleich, was sie ihm zeigen wollte, sie führte deshalb seine Hand hin, damit
er es abtaste. „Was für ein Naturspiel,“ sagte K. und fügte, als er die ganze
Hand überblickt hatte, hinzu. „Was für eine hübsche Kralle!“ Mit einer Art
Stolz sah Leni zu, wie K. staunend immer wieder ihre zwei Finger
auseinanderzog und zusammenlegte, bis er sie schließlich flüchtig küßte
und losließ. „Oh!“ rief sie aber sofort, „Sie haben mich geküßt!“ Eilig, mit
offenem Mund erkletterte sie mit den Knien seinen Schoß, K. sah fast
bestürzt zu ihr auf, jetzt, da sie ihm so nahe war, ging ein bitterer
anfeuernder Geruch wie von Pfeffer von ihr aus, sie nahm seinen Kopf an
sich, beugte sich über ihn hinweg und biß und küßte seinen Hals, biß selbst
in seine Haare. „Sie haben mich eingetauscht,“ rief sie von Zeit zu Zeit,
„sehen Sie, nun haben Sie mich doch eingetauscht!“ Da glitt ihr Knie aus,
mit einem kleinen Schrei fiel sie fast auf den Teppich, K. umfaßte sie, um
sie noch zu halten, und wurde [192]zu ihr hinabgezogen. „Jetzt gehörst du
mir,“ sagte sie.

„Hier hast du den Hausschlüssel, komm, wann du willst,“ waren ihre letzten
Worte und ein zielloser Kuß traf ihn noch im Weggehn auf den Rücken. Als
er aus dem Haustor trat, fiel ein leichter Regen, er wollte in die Mitte der
Straße gehn, um vielleicht Leni noch beim Fenster erblicken zu können, da
stürzte aus einem Automobil, das vor dem Hause wartete und das K. in
seiner Zerstreutheit gar nicht bemerkt hatte, der Onkel, faßte ihn bei den
Armen und stieß ihn gegen das Haustor, als wolle er ihn dort festnageln.
„Junge,“ rief er, „wie konntest du nur das tun! Du hast deiner Sache, die auf
gutem Wege war, schrecklich geschadet. Verkriechst dich mit einem kleinen
schmutzigen Ding, das überdies offensichtlich die Geliebte des Advokaten
ist, und bleibst stundenlang weg. Suchst nicht einmal einen Vorwand,
verheimlichst nichts, nein, bist ganz offen, läufst zu ihr und bleibst bei ihr.
Und unterdessen sitzen wir beisammen, der Onkel, der sich für dich

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abmüht, der Advokat, der für dich gewonnen werden soll, der
Kanzleidirektor vor allem, dieser [193]große Herr, der deine Sache in ihrem
jetzigen Stadium geradezu beherrscht. Wir wollen beraten, wie dir zu helfen
wäre, ich muß den Advokaten vorsichtig behandeln, dieser wieder den
Kanzleidirektor und du hättest doch allen Grund, mich wenigstens zu
unterstützen. Statt dessen bleibst du fort. Schließlich läßt es sich nicht
verheimlichen, nun, es sind höfliche gewandte Männer, sie sprechen nicht
davon, sie schonen mich, schließlich können aber auch sie sich nicht mehr
überwinden und da sie von der Sache nicht reden können, verstummen sie.
Wir sind minutenlang schweigend dagesessen und haben gehorcht, ob du
nicht doch endlich kämest. Alles vergebens. Endlich steht der
Kanzleidirektor, der viel länger geblieben ist, als er ursprünglich wollte,
auf, verabschiedet sich, bedauert mich sichtlich, ohne mir helfen zu können,
wartet in unbegreiflicher Liebenswürdigkeit noch eine Zeitlang in der Tür,
dann geht er. Ich war natürlich glücklich, daß er weg war, mir war schon die
Luft zum Atmen ausgegangen. Auf den kranken Advokaten hat alles noch
stärker eingewirkt, er konnte, der gute Mann, gar nicht sprechen, als ich
mich von ihm verabschiedete. [194]Du hast wahrscheinlich im seinem
vollständigen Zusammenbrechen beigetragen und beschleunigst so den Tod
eines Mannes, auf den du angewiesen bist. Und mich, deinen Onkel, läßt du
hier im Regen, fühle nur, ich bin ganz durchnäßt, stundenlang warten.“ [195]

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[Inhalt]

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SIEBENTES KAPITEL

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ADVOKAT · FABRIKANT · MALER
An einem Wintervormittag - draußen fiel Schnee im trüben Licht - saß K.
trotz der frühen Stunde schon äußerst müde in seinem Bureau. Um sich
wenigstens vor den untersten Beamten zu schützen, hatte er dem Diener den
Auftrag gegeben, niemanden von ihnen einzulassen, da er mit einer größern
Arbeit beschäftigt sei. Aber statt zu arbeiten, drehte er sich in seinem
Sessel, verschob langsam einige Gegenstände auf dem Tisch, ließ dann
aber, ohne es zu wissen, den ganzen Arm ausgestreckt auf der Tischplatte
liegen und blieb mit gesenktem Kopf unbeweglich sitzen.

Der Gedanke an den Prozeß verließ ihn nicht mehr. Öfters schon hatte er
überlegt, ob es nicht gut wäre, eine Verteidigungsschrift auszuarbeiten und
bei Gericht einzureichen. Er wollte darin eine kurze Lebensbeschreibung
vorlegen und bei jedem [196]irgendwie wichtigen Ereignis erklären, aus
welchen Gründen er so gehandelt hatte, ob diese Handlungsweise nach
seinem gegenwärtigen Urteil zu verwerfen oder zu billigen war und welche
Gründe er für dieses oder jenes anführen konnte. Die Vorteile einer solchen
Verteidigungsschrift gegenüber der bloßen Verteidigung durch den übrigens
auch sonst nicht einwandfreien Advokaten waren zweifellos. K. wußte ja
gar nicht, was der Advokat unternahm; viel war es jedenfalls nicht, schon
einen Monat lang hatte er ihn nicht mehr zu sich berufen und auch bei
keiner der frühern Besprechungen hatte K. den Eindruck gehabt, daß dieser
Mann viel für ihn erreichen könne. Vor allem hatte er ihn fast gar nicht
ausgefragt. Und hier war doch so viel zu fragen. Fragen war die
Hauptsache. K. hatte das Gefühl, als ob er selbst alle hier nötigen Fragen
stellen könnte. Der Advokat dagegen, statt zu fragen, erzählte selbst oder
saß ihm stumm gegenüber, beugte sich, wahrscheinlich wegen seines
schwachen Gehörs, ein wenig über den Schreibtisch vor, zog an einem
Bartstrahn innerhalb seines Bartes und blickte auf den Teppich nieder,
vielleicht gerade auf die Stelle, wo [197]K. mit Leni gelegen war. Hie und da

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gab er K. einige leere Ermahnungen, wie man sie Kindern gibt. Ebenso
nutzlose wie langweilige Reden, die K. in der Schlußabrechnung mit
keinem Heller zu bezahlen gedachte. Nachdem der Advokat ihn genügend
gedemütigt zu haben glaubte, fing er gewöhnlich an, ihn wieder ein wenig
aufzumuntern. Er habe schon, erzählte er dann, viele ähnliche Prozesse
ganz oder teilweise gewonnen. Prozesse, die, wenn auch in Wirklichkeit
vielleicht nicht so schwierig wie dieser, äußerlich noch hoffnungsloser
waren. Ein Verzeichnis dieser Prozesse habe er hier in der Schublade —
hiebei klopfte er an irgendeine Lade des Tisches —, die Schriften könne er
leider nicht zeigen, da es sich um Amtsgeheimnisse handle. Trotzdem
komme jetzt die große Erfahrung, die er durch alle diese Prozesse erworben
habe, K. zugute. Er habe natürlich sofort zu arbeiten begonnen und die erste
Eingabe sei schon fast fertiggestellt. Sie sei sehr wichtig, weil der erste
Eindruck, den die Verteidigung mache, oft die ganze Richtung des
Verfahrens bestimme. Leider, darauf müsse er K. allerdings aufmerksam
machen, geschehe es manchmal, daß die [198]ersten Eingaben bei Gericht
gar nicht gelesen würden. Man lege sie einfach zu den Akten und weise
darauf hin, daß vorläufig die Einvernahme und Beobachtung des
Angeklagten wichtiger sei, als alles Geschriebene. Man fügt, wenn der
Petent dringlich wird, hinzu, daß man vor der Entscheidung, bis alles
Material gesammelt ist, im Zusammenhang natürlich alle Akten, also auch
diese erste Eingabe, überprüfen wird. Leider sei aber auch dies meistens
nicht richtig, die erste Eingabe werde gewöhnlich verlegt oder gehe
gänzlich verloren und, selbst wenn sie bis zum Ende erhalten bleibt, werde
sie, wie der Advokat allerdings nur gerüchtweise erfahren hat, kaum
gelesen. Das alles sei bedauerlich, aber nicht ganz ohne Berechtigung. K.
möge doch nicht außer acht lassen, daß das Verfahren nicht öffentlich sei, es
kann, wenn das Gericht es für nötig hält, öffentlich werden, das Gesetz aber
schreibt Öffentlichkeit nicht vor. Infolgedessen sind auch die Schriften des
Gerichts, vor allem die Anklageschrift dem Angeklagten und seiner
Verteidigung unzugänglich, man weiß daher im allgemeinen nicht oder
wenigstens nicht genau, wogegen sich die erste Eingabe [199]zu richten hat,
sie kann daher eigentlich nur zufälligerweise etwas enthalten, was für die

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Sache von Bedeutung ist. Wirklich zutreffende und beweisführende
Eingaben kann man erst später ausarbeiten, wenn im Laufe der
Einvernahmen des Angeklagten die einzelnen Anklagepunkte und ihre
Begründung deutlicher hervortreten oder erraten werden können. Unter
diesen Verhältnissen ist natürlich die Verteidigung in einer sehr ungünstigen
und schwierigen Lage. Aber auch das ist beabsichtigt. Die Verteidigung ist
nämlich durch das Gesetz nicht eigentlich gestattet, sondern nur geduldet
und selbst darüber, ob aus der betreffenden Gesetzesstelle wenigstens
Duldung herausgelesen werden soll, besteht Streit. Es gibt daher
strenggenommen gar keine vom Gericht anerkannten Advokaten, alle, die
vor diesem Gericht als Advokaten auftreten, sind im Grunde nur
Winkeladvokaten. Das wirkt natürlich auf den ganzen Stand sehr
entwürdigend ein und wenn K. nächstens einmal in die Gerichtskanzleien
gehen werde, könne er sich ja, um auch das einmal gesehen zu haben, das
Advokatenzimmer ansehn. Er werde vor der Gesellschaft, die dort
beisammen sei, vermutlich [200]erschrecken. Schon die ihnen zugewiesene
enge niedrige Kammer zeige die Verachtung, die das Gericht für diese
Leute hat. Licht bekommt die Kammer nur durch eine kleine Luke, die so
hochgelegen ist, daß man, wenn man hinausschauen will, wo einem
übrigens der Rauch eines knapp davor gelegenen Kamins in die Nase fährt
und das Gesicht schwärzt, erst einen Kollegen suchen muß, der einen auf
den Rücken nimmt. Im Fußboden dieser Kammer — um nur noch ein
Beispiel für diese Zustände anzuführen — ist nun schon seit mehr als einem
Jahr ein Loch, nicht so groß, daß ein Mensch durchfallen könnte, aber groß
genug, daß man mit einem Bein ganz einsinkt. Das Advokatenzimmer liegt
auf dem zweiten Dachboden; sinkt also einer ein, so hängt sein Bein in den
ersten Dachboden hinunter und zwar gerade in den Gang, wo die Parteien
warten. Es ist nicht zu viel gesagt, wenn man in Advokatenkreisen solche
Verhältnisse schändlich nennt. Beschwerden an die Verwaltung haben nicht
den geringsten Erfolg, wohl aber ist es den Advokaten auf das strengste
verboten, irgend etwas in dem Zimmer auf eigene Kosten ändern zu lassen.
Aber auch diese Behandlung [201]der Advokaten hat ihre Begründung. Man
will die Verteidigung möglichst ausschalten, alles soll auf den Angeklagten

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selbst gestellt sein. Kein schlechter Standpunkt im Grunde, nichts wäre aber
verfehlter, als daraus zu folgern, daß bei diesem Gericht die Advokaten für
den Angeklagten unnötig sind. Im Gegenteil, bei keinem andern Gericht
sind sie so notwendig wie bei diesem. Das Verfahren ist nämlich im
allgemeinen nicht nur vor der Öffentlichkeit geheim, sondern auch vor dem
Angeklagten. Natürlich nur soweit dies möglich ist, es ist aber in sehr
weitem Ausmaß möglich. Auch der Angeklagte hat nämlich keinen Einblick
in die Gerichtsschriften und aus den Verhören auf die ihnen
zugrundeliegenden Schriften zu schließen, ist sehr schwierig, insbesondere
aber für den Angeklagten, der doch befangen ist und alle möglichen Sorgen
hat, die ihn zerstreuen. Hier greift nun die Verteidigung ein. Bei den
Verhören dürfen im allgemeinen Verteidiger nicht anwesend sein, sie
müssen daher nach den Verhören und zwar möglichst noch an der Tür des
Untersuchungszimmers den Angeklagten über das Verhör ausforschen und
diesen oft [202]schon sehr verwischten Berichten das für die Verteidigung
Taugliche entnehmen. Aber das Wichtigste ist dies nicht, denn viel kann
man auf diese Weise nicht erfahren, wenn natürlich auch hier wie überall
ein tüchtiger Mann mehr erfährt als andere. Das Wichtigste bleiben
trotzdem die persönlichen Beziehungen des Advokaten, in ihnen liegt der
Hauptwert der Verteidigung. Nun habe ja wohl K. schon aus seinen eigenen
Erlebnissen entnommen, daß die allerunterste Organisation des Gerichtes
nicht ganz vollkommen ist, pflichtvergessene und bestechliche Angestellte
aufweist, wodurch gewissermaßen die strenge Abschließung des Gerichtes
Lücken bekommt. Hier nun drängt sich die Mehrzahl der Advokaten ein,
hier wird bestochen und ausgehorcht, ja es kamen wenigstens in früherer
Zeit sogar Fälle von Aktendiebstählen vor. Es ist nicht zu leugnen, daß auf
diese Weise für den Augenblick einige sogar überraschend günstige
Resultate für den Angeklagten sich erzielen lassen, damit stolzieren auch
diese kleinen Advokaten herum und locken neue Kundschaft an, aber für
den weitern Fortgang des Prozesses bedeutet es entweder nichts oder nichts
[203]Gutes. Wirklichen Wert aber haben nur ehrliche persönliche
Beziehungen und zwar mit höhern Beamten, womit natürlich nur höhere
Beamten der untern Grade gemeint sind. Nur dadurch kann der Fortgang

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des Prozesses, wenn auch zunächst nur unmerklich, später aber immer
deutlicher beeinflußt werden. Das können natürlich nur wenige Advokaten
und hier sei die Wahl K.s sehr günstig gewesen. Nur noch vielleicht ein
oder zwei Advokaten könnten sich mit ähnlichen Beziehungen ausweisen
wie Dr. Huld. Diese kümmern sich allerdings um die Gesellschaft im
Advokatenzimmer nicht und haben auch nichts mit ihr zu tun. Um so enger
sei aber die Verbindung mit den Gerichtsbeamten. Es sei nicht einmal
immer nötig, daß Dr. Huld zu Gericht gehe, in den Vorzimmern der
Untersuchungsrichter auf ihr zufälliges Erscheinen warte, und je nach ihrer
Laune einen meist nur scheinbaren Erfolg erziele oder auch nicht einmal
diesen. Nein, K. habe es ja selbst gesehen, die Beamten und darunter recht
hohe kommen selbst, geben bereitwillig Auskunft, offene oder wenigstens
leicht deutbare, besprechen den nächsten Fortgang der Prozesse, ja sie
lassen sich [204]sogar in einzelnen Fällen überzeugen und nehmen die
fremde Ansicht gern an. Allerdings dürfe man ihnen gerade in dieser letzten
Hinsicht nicht allzusehr vertrauen, so bestimmt sie ihre neue, für die
Verteidigung günstige Absicht, auch aussprechen, gehen sie doch vielleicht
geradewegs in ihre Kanzlei und geben für den nächsten Tag einen
Gerichtsbeschluß heraus, der gerade das Entgegengesetzte enthält und
vielleicht für den Angeklagten noch viel strenger ist, als ihre erste Absicht,
von der sie gänzlich abgekommen zu sein behaupteten. Dagegen könne man
sich natürlich nicht wehren, denn das, was sie zwischen vier Augen gesagt
haben, ist eben auch nur zwischen vier Augen gesagt und lasse keine
öffentliche Folgerung zu, selbst wenn die Verteidigung nicht auch sonst
bestrebt sein müßte, sich die Gunst der Herren zu erhalten. Andererseits sei
es allerdings auch richtig, daß die Herren nicht etwa nur aus Menschenliebe
oder aus freundschaftlichen Gefühlen sich mit der Verteidigung, natürlich
nur mit einer sachverständigen Verteidigung, in Verbindung setzen, sie sind
vielmehr in gewisser Hinsicht auch auf sie angewiesen. Hier mache sich
eben der Nachteil einer Gerichtsorganisation [205]geltend, die selbst in ihren
Anfängen den geheimen Bericht festsetzt. Den Beamten fehlt der
Zusammenhang mit der Bevölkerung, für die gewöhnlichen mittleren
Prozesse sind sie gut ausgerüstet, ein solcher Prozeß rollt fast von selbst auf

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seiner Bahn ab und braucht nur hier und da einen Anstoß, gegenüber den
ganz einfachen Fällen aber, wie auch gegenüber den besonders schwierigen,
sind sie oft ratlos, sie haben, weil sie fortwährend Tag und Nacht in ihr
Gesetz eingezwängt sind, nicht den richtigen Sinn für menschliche
Beziehungen und das entbehren sie in solchen Fällen schwer. Dann
kommen sie zum Advokaten um Rat und hinter ihnen trägt ein Diener die
Akten, die sonst so geheim sind. An diesem Fenster hätte man manche
Herren, von denen man es am wenigsten erwarten würde, antreffen können
wie sie geradezu trostlos auf die Gasse hinaussahen, während der Advokat
an seinem Tisch die Akten studierte, um ihnen einen guten Rat geben zu
können. Übrigens könne man gerade bei solchen Gelegenheiten sehn, wie
ungemein ernst die Herren ihren Beruf nehmen und wie sie über
Hindernisse, die sie ihrer Natur nach nicht bewältigen [206]können, in große
Verzweiflung geraten. Ihre Stellung sei auch sonst nicht leicht und man
dürfe ihnen nicht Unrecht tun und ihre Stellung nicht für leicht ansehn. Die
Rangordnung und die Steigerung des Gerichtes sei unendlich und selbst für
den Eingeweihten nicht absehbar. Das Verfahren vor den Gerichtshöfen sei
aber im allgemeinen auch für die untern Beamten geheim, sie können daher
die Angelegenheiten, die sie bearbeiten, in ihrem fernern Weitergang kaum
jemals vollständig verfolgen, die Gerichtssache erscheint also in ihrem
Gerichtskreis, ohne daß sie oft wissen, woher sie kommt, und sie geht
weiter, ohne daß sie erfahren, wohin. Die Belehrung also, die man aus dem
Studium der einzelnen Prozeßstadien, der schließlichen Entscheidung und
ihrer Gründe schöpfen kann, entgeht diesen Beamten. Sie dürfen sich nur
mit jenem Teil des Prozesses befassen, der vom Gesetz für sie abgegrenzt
ist und wissen von dem Weitern, also von den Ergebnissen ihrer eigenen
Arbeit meist weniger als die Verteidigung, die doch in der Regel fast bis
zum Schluß des Prozesses mit dem Angeklagten in Verbindung bleibt. Auch
in dieser Richtung also können sie von der [207]Verteidigung manches
Wertvolle erfahren. Wundere sich K. noch, wenn er alles dieses im Auge
behalte über die Gereiztheit der Beamten, die sich manchmal den Parteien
gegenüber in — jeder mache diese Erfahrung — beleidigenderweise äußert.
Alle Beamten seien gereizt, selbst wenn sie ruhig scheinen. Natürlich haben

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kleine Advokaten besonders viel darunter zu leiden. Man erzählt z. B.
folgende Geschichte, die sehr den Anschein der Wahrheit hat. Ein alter
Beamter, ein guter stiller Herr, hatte eine schwierige Gerichtssache, welche
besonders durch die Eingaben des Advokaten verwickelt worden war, einen
Tag und eine Nacht ununterbrochen studiert — diese Beamten sind
tatsächlich fleißig, wie niemand sonst. Gegen Morgen nun, nach
24stündiger, wahrscheinlich nicht sehr ergiebiger Arbeit ging er zur
Eingangstür, stellte sich dort in Hinterhalt und warf jeden Advokaten der
eintreten wollte, die Treppe hinunter. Die Advokaten sammelten sich unten
auf dem Treppenabsatz und berieten, was sie tun sollten; einerseits haben
sie keinen eigentlichen Anspruch darauf, eingelassen zu werden, können
daher rechtlich gegen den Beamten kaum etwas unternehmen und müssen
[208]sich, wie schon erwähnt, auch hüten, die Beamtenschaft gegen sich
aufzubringen. Andererseits aber ist jeder nicht bei Gericht verbrachte Tag
für sie verloren und es lag ihnen also viel daran einzudringen. Schließlich
einigten sie sich darauf, daß sie den alten Herren ermüden wollten. Immer
wieder wurde ein Advokat ausgeschickt, der die Treppe hinauflief und sich
dann unter möglichstem, allerdings passivem Widerstand hinunterwerfen
ließ, wo er dann von den Kollegen aufgefangen wurde. Das dauerte etwa
eine Stunde, dann wurde der alte Herr, er war ja auch von der Nachtarbeit
schon erschöpft, wirklich müde und ging in seine Kanzlei zurück. Die unten
wollten es erst gar nicht glauben und schickten zuerst einen aus, der hinter
der Tür nachsehen sollte, ob dort wirklich leer war. Dann erst zogen sie ein
und wagten wahrscheinlich nicht einmal zu murren. Denn den Advokaten
— und selbst der kleinste kann doch die Verhältnisse wenigstens zum Teil
übersehn — liegt es vollständig ferne, bei Gericht irgendwelche
Verbesserungen einführen oder durchsetzen zu wollen, während — und dies
ist sehr bezeichnend — fast jeder Angeklagte, selbst ganz [209]einfältige
Leute, gleich beim allerersten Eintritt in den Prozeß an
Verbesserungsvorschläge zu denken anfängt und damit oft Zeit und Kraft
verschwendet, die anders viel besser verwendet werden könnten. Das einzig
Richtige sei es, sich mit den vorhandenen Verhältnissen abzufinden. Selbst
wenn es möglich wäre, Einzelheiten zu verbessern — es ist aber ein

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unsinniger Aberglaube — hätte man bestenfalls für künftige Fälle etwas
erreicht, sich selbst aber unermeßlich dadurch geschadet, daß man die
besondere Aufmerksamkeit der immer rachsüchtigen Beamtenschaft erregt
hat. Nur keine Aufmerksamkeit erregen! Sich ruhig verhalten, selbst wenn
es einem noch so sehr gegen den Sinn geht! Einzusehen versuchen, daß
dieser große Gerichtsorganismus gewissermaßen ewig in Schwebe bleibt
und daß man zwar, wenn man auf seinem Platz selbständig etwas ändert,
den Boden unter den Füßen sich wegnimmt und selbst abstürzen kann,
während der große Organismus sich selbst für die kleine Störung leicht an
einer andern Stelle — alles ist doch in Verbindung — Ersatz schafft und
unverändert bleibt, wenn er nicht etwa, was sogar wahrscheinlich ist, noch
geschlossener, [210]noch aufmerksamer, noch strenger, noch böser wird.
Man überlasse doch die Arbeit dem Advokaten, statt sie zu stören. Vorwürfe
nützen ja nicht viel, besonders wenn man ihre Ursache in ihrer ganzen
Bedeutung nicht begreiflich machen kann, aber gesagt müsse es doch
werden, wie viel K. seiner Sache durch das Verhalten gegenüber dem
Kanzleidirektor geschadet habe. Dieser einflußreiche Mann sei aus der
Liste jener, bei denen man für K. etwas unternehmen könne, schon fast zu
streichen. Selbst flüchtige Erwähnungen des Prozesses überhöre er mit
deutlicher Absicht. In manchem seien ja die Beamten wie Kinder. Oft
können sie durch Harmlosigkeiten, unter die allerdings K.s Verhalten leider
nicht gehörte, derartig verletzt werden, daß sie selbst mit guten Freunden zu
reden aufhören, sich von ihnen abwenden, wenn sie ihnen begegnen, und
ihnen in allem möglichen entgegenarbeiten. Dann aber einmal,
überraschenderweise, ohne besondern Grund lassen sie sich durch einen
kleinen Scherz, den man nur deshalb wagt, weil alles aussichtslos scheint,
zum Lachen bringen und sind versöhnt. Es sei eben gleichzeitig schwer und
leicht, sich mit ihnen zu verhalten, [211]Grundsätze dafür gibt es kaum.
Manchmal sei es zum Verwundern, daß ein einziges Durchschnittsleben
dafür hinreiche, um soviel zu erfassen, daß man hier mit einigem Erfolg
arbeiten könne. Es kommen allerdings trübe Stunden, wie sie ja jeder hat,
wo man glaubt, nicht das geringste erzielt zu haben, wo es einem scheint,
als hätten nur die von Anfang an für einen guten Ausgang bestimmten

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Prozesse ein gutes Ende genommen, wie es auch ohne Mithilfe geschehen
wäre, während alle andern verlorengegangen sind, trotz alles
Nebenherlaufens, aller Mühe, aller kleinen scheinbaren Erfolge, über die
man solche Freude hatte. Dann scheint einem allerdings nichts mehr sicher
und man würde auf bestimmte Fragen hin nicht einmal zu leugnen wagen,
daß man ihrem Wesen nach gut verlaufende Prozesse gerade durch die
Mithilfe auf Abwege gebracht hat. Auch das ist ja eine Art Selbstvertrauen,
aber es ist das einzige, das dann übrigbleibt. Solchen Anfällen — es sind
natürlich nur Anfälle, nichts weiter — sind Advokaten besonders dann
ausgesetzt, wenn ihnen ein Prozeß, den sie weit genug und
zufriedenstellend geführt haben, plötzlich aus der Hand genommen wird.
Das ist [212]wohl das Ärgste, was einem Advokaten geschehen kann. Nicht
etwa durch den Angeklagten wird ihnen der Prozeß entzogen, das geschieht
wohl niemals, ein Angeklagter, der einmal einen bestimmten Advokaten
genommen hat, muß bei ihm bleiben, geschehe was immer. Wie könnte er
sich überhaupt, wenn er einmal Hilfe in Anspruch genommen hat, allein
noch erhalten. Das geschieht also nicht, wohl aber geschieht es manchmal,
daß der Prozeß eine Richtung nimmt, wo der Advokat nicht mehr
mitkommen darf. Der Prozeß und der Angeklagte und alles wird dem
Advokaten einfach entzogen; dann können auch die besten Beziehungen zu
den Beamten nicht mehr helfen, denn sie selbst wissen nichts. Der Prozeß
ist eben in ein Stadium getreten, wo keine Hilfe mehr geleistet werden darf,
wo ihn unzugängliche Gerichtshöfe bearbeiten, wo auch der Angeklagte für
den Advokaten nicht mehr erreichbar ist. Man kommt dann eines Tages
nach Hause und findet auf seinem Tisch alle die vielen Eingaben, die man
mit allem Fleiß und mit den schönsten Hoffnungen in dieser Sache gemacht
hat, sie sind zurückgestellt worden, da sie in das neue Prozeßstadium nicht
übertragen werden dürfen, [213]es sind wertlose Fetzen. Dabei muß der
Prozeß noch nicht verloren sein, durchaus nicht, wenigstens liegt kein
entscheidender Grund für diese Annahme vor, man weiß bloß nichts mehr
von dem Prozeß und wird auch nichts mehr von ihm erfahren. Nun sind ja
solche Fälle glücklicherweise Ausnahmen, und selbst wenn K.s Prozeß ein
solcher Fall sein sollte, sei er doch vorläufig noch weit von einem solchen

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Stadium entfernt. Hier sei aber noch reichliche Gelegenheit für
Advokatenarbeit gegeben, und daß sie ausgenutzt werde, dessen dürfe K.
sicher sein. Die Eingabe sei, wie erwähnt, noch nicht überreicht, das eile
aber auch nicht, viel wichtiger seien die einleitenden Besprechungen mit
maßgebenden Beamten und die hätten schon stattgefunden. Mit
verschiedenem Erfolg, wie offen zugestanden werden soll. Es sei viel
besser, vorläufig Einzelheiten nicht zu verraten, durch die K. nur ungünstig
beeinflußt und allzu hoffnungsfreudig oder allzu ängstlich gemacht werden
könnte, nur soviel sei gesagt, daß sich einzelne sehr günstig ausgesprochen
und sich auch sehr bereitwillig gezeigt haben, während andere sich weniger
günstig geäußert, aber doch ihre [214]Mithilfe keineswegs verweigert haben.
Das Ergebnis sei also im ganzen sehr erfreulich, nur dürfe man daraus keine
besondern Schlüsse ziehen, da alle Vorverhandlungen ähnlich beginnen und
durchaus erst die weitere Entwicklung den Wert dieser Vorverhandlungen
zeigt. Jedenfalls sei noch nichts verloren und wenn es noch gelingen sollte,
den Kanzleidirektor trotz allem zu gewinnen — es sei schon verschiedenes
zu diesem Zwecke eingeleitet — dann sei das Ganze —, wie die Chirurgen
sagen, eine reine Wunde und man könne getrost das Folgende erwarten.

In solchen und ähnlichen Reden war der Advokat unerschöpflich. Sie
wiederholten sich bei jedem Besuch. Immer gab es Fortschritte, niemals
aber konnte die Art dieser Fortschritte mitgeteilt werden. Immerfort wurde
an der ersten Eingabe gearbeitet, aber sie wurde nicht fertig, was sich
meistens beim nächsten Besuch als gewisser Vorteil herausstellte, da die
letzte Zeit, was man nicht hatte voraussehen können, für die Übergabe sehr
ungünstig gewesen wäre. Bemerkte K. manchmal, ganz ermattet von den
Reden, daß es doch selbst unter Berücksichtigung aller Schwierigkeiten,
sehr [215]langsam vorwärtsgehe, wurde ihm entgegnet, es gehe gar nicht
langsam vorwärts, wohl aber wäre man schon viel weiter, wenn K. sich
rechtzeitig an den Advokaten gewendet hätte. Das hatte er aber leider
versäumt und diese Versäumnis werde auch noch weitere Nachteile bringen,
nicht nur zeitliche.

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Die einzige wohltätige Unterbrechung dieser Besuche war Leni, die es
immer so einzurichten wußte, daß sie dem Advokaten in Anwesenheit K.s
den Tee brachte. Dann stand sie hinter K., sah scheinbar zu, wie der
Advokat mit einer Art Gier tief zur Tasse herabgebeugt den Tee eingoß und
trank, und ließ im Geheimen ihre Hand von K. erfassen. Es herrschte
völliges Schweigen. Der Advokat trank, K. drückte Lenis Hand und Leni
wagte es manchmal K.s Haare sanft zu streicheln. „Du bist noch hier?“
fragte der Advokat, nachdem er fertig war. „Ich wollte das Geschirr
wegnehmen“, sagte Leni, es gab noch einen letzten Händedruck, der
Advokat wischte sich den Mund und begann mit neuer Kraft auf K.
einzureden.

War es Trost oder Verzweiflung, was der Advokat erreichen wollte? K.
wußte es nicht, wohl [216]aber hielt er es bald für feststehend, daß seine
Verteidigung nicht in guten Händen war. Es mochte ja alles richtig sein, was
der Advokat erzählte, wenn es auch durchsichtig war, daß er sich möglichst
in den Vordergrund stellen wollte und wahrscheinlich noch niemals einen so
großen Prozeß geführt hatte, wie es K.s Prozeß seiner Meinung nach war.
Verdächtig aber blieben die unaufhörlich hervorgehobenen persönlichen
Beziehungen zu den Beamten. Mußten sie denn ausschließlich zu K.s
Nutzen ausgebeutet werden? Der Advokat vergaß nie zu bemerken, daß es
sich nur um niedrige Beamte handelte, also um Beamte in sehr abhängiger
Stellung, für deren Fortkommen gewisse Wendungen der Prozesse
wahrscheinlich von Bedeutung sein konnten. Benutzten sie vielleicht den
Advokaten dazu, um solche für den Angeklagten natürlich immer
ungünstige Wendungen zu erzielen? Vielleicht taten sie das nicht in jedem
Prozeß, gewiß, das war nicht wahrscheinlich, es gab dann wohl wieder
Prozesse, in deren Verlauf sie dem Advokaten für seine Dienste Vorteile
einräumten, denn es mußte ihnen ja auch daran gelegen sein, seinen Ruf
ungeschädigt zu [217]erhalten. Verhielt es sich aber wirklich so, in welcher
Weise würden sie bei K.s Prozeß eingreifen, der, wie der Advokat erklärte,
ein sehr schwieriger, also wichtiger Prozeß war und gleich anfangs bei
Gericht große Aufmerksamkeit erregt hatte? Es konnte nicht sehr

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zweifelhaft sein, was sie tun würden. Anzeichen dessen konnte man ja
schon darin sehn, daß die erste Eingabe noch immer nicht überreicht war,
trotzdem der Prozeß schon Monate dauerte und daß sich alles den Angaben
des Advokaten nach in den Anfängen befand, was natürlich sehr geeignet
war, den Angeklagten einzuschläfern und hilflos zu erhalten, um ihn dann
plötzlich mit der Entscheidung zu überfallen oder wenigstens mit der
Bekanntmachung, daß die zu seinen Ungunsten abgeschlossene
Untersuchung an die höhern Behörden weitergegeben werde.

Es war unbedingt nötig, daß K. selbst eingriff. Gerade in Zuständen großer
Müdigkeit, wie an diesem Wintervormittag, wo ihm alles willenlos durch
den Kopf zog, war diese Überzeugung unabweisbar. Die Verachtung, die er
früher für den Prozeß gehabt hatte, galt nicht mehr. Wäre er allein in der
Welt gewesen, hätte er den Prozeß [218]leicht mißachten können, wenn es
allerdings auch sicher war, daß dann der Prozeß überhaupt nicht entstanden
wäre. Jetzt aber hatte ihn der Onkel schon zum Advokaten gezogen,
Familienrücksichten sprachen mit; seine Stellung war nicht mehr
vollständig unabhängig von dem Verlauf des Prozesses, er selbst hatte
unvorsichtigerweise mit einer gewissen unerklärlichen Genugtuung vor
Bekannten den Prozeß erwähnt, andere hatten auf unbekannte Weise davon
erfahren, das Verhältnis zu Fräulein Bürstner schien entsprechend dem
Prozeß zu schwanken — kurz, er hatte kaum mehr die Wahl, den Prozeß
anzunehmen oder abzulehnen, er stand mitten darin und mußte sich wehren.
War er müde, dann war es schlimm.

Zu übertriebener Sorge war allerdings vorläufig kein Grund. Er hatte es
verstanden, sich in der Bank in verhältnismäßig kurzer Zeit zu seiner hohen
Stellung emporzuarbeiten und sich von allen anerkannt in dieser Stellung zu
erhalten, er mußte jetzt nur diese Fähigkeiten, die ihm das ermöglicht
hatten, ein wenig dem Prozeß zuwenden und es war kein Zweifel, daß es
gut ausgehn müßte. Vor allem war es, wenn etwas erreicht werden
[219]sollte, notwendig, jeden Gedanken an eine mögliche Schuld von
vornherein abzulehnen. Es gab keine Schuld. Der Prozeß war nichts anderes

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als ein großes Geschäft, wie er es schon oft mit Vorteil für die Bank
abgeschlossen hatte, ein Geschäft, innerhalb dessen, wie das die Regel war,
verschiedene Gefahren lauerten, die eben abgewehrt werden mußten. Zu
diesem Zwecke durfte man allerdings nicht mit Gedanken an irgendeine
Schuld spielen, sondern den Gedanken an den eigenen Vorteil möglichst
festhalten. Von diesem Gesichtspunkt aus war es auch unvermeidlich, dem
Advokaten die Vertretung sehr bald, am besten noch an diesem Abend, zu
entziehen. Es war zwar nach seinen Erzählungen etwas Unerhörtes und
wahrscheinlich sehr Beleidigendes, aber K. konnte nicht dulden, daß seinen
Anstrengungen in dem Prozeß Hindernisse begegneten, die vielleicht von
seinem eigenen Advokaten veranlaßt waren. War aber einmal der Advokat
abgeschüttelt, dann mußte die Eingabe sofort überreicht und womöglich
jeden Tag darauf gedrängt werden, daß man sie berücksichtige. Zu diesem
Zwecke würde es natürlich nicht genügen, daß K. wie die andern im Gang
saß und den Hut [220]unter die Bank stellte. Er selbst oder die Frauen oder
andere Boten mußten Tag für Tag die Beamten überlaufen und sie zwingen,
statt durch das Gitter auf den Gang zu schauen, sich zu ihrem Tisch zu
setzen und K.s Eingabe zu studieren. Von diesen Anstrengungen dürfte man
nicht ablassen, alles müßte organisiert und überwacht werden, das Gericht
sollte einmal auf einen Angeklagten stoßen, der sein Recht zu wahren
verstand.

Wenn sich aber auch K. dies alles durchzuführen getraute, die Schwierigkeit
der Abfassung der Eingabe war überwältigend. Früher, etwa noch vor einer
Woche, hatte er nur mit einem Gefühl der Scham daran denken können, daß
er einmal genötigt sein könnte, eine solche Eingabe selbst zu machen; daß
dies auch schwierig sein konnte, daran hatte er gar nicht gedacht. Er
erinnerte sich, wie er einmal an einem Vormittag, als er gerade mit Arbeit
überhäuft war, plötzlich alles zur Seite geschoben und den Schreibblock
vorgenommen hatte, um versuchsweise den Gedankengang einer derartigen
Eingabe zu entwerfen und ihn vielleicht dem schwerfälligen Advokaten zur
Verfügung zu stellen und wie gerade in diesem Augenblick die [221]Tür des
Direktionszimmers sich öffnete und der Direktor-Stellvertreter mit großem

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Gelächter eintrat. Es war für K. damals sehr peinlich gewesen, trotzdem der
Direktor-Stellvertreter natürlich nicht über die Eingabe gelacht hatte, von
der er nichts wußte, sondern über einen Börsenwitz, den er eben gehört
hatte, einen Witz, der zum Verständnis eine Zeichnung erforderte, die nun
der Direktor-Stellvertreter über K.s Tisch gebeugt mit K.s Bleistift, den er
ihm aus der Hand nahm, auf dem Schreibblock ausführte, der für die
Eingabe bestimmt gewesen war.

Heute wußte K. nichts mehr von Scham, die Eingabe mußte gemacht
werden. Wenn er im Bureau keine Zeit für sie fand, was sehr
wahrscheinlich war, dann mußte er sie zu Hause in den Nächten machen.
Würden auch die Nächte nicht genügen, dann mußte er einen Urlaub
nehmen. Nur nicht auf halbem Wege stehnbleiben, das war nicht nur in
Geschäften, sondern immer und überall das Unsinnigste. Die Eingabe
bedeutete freilich eine fast endlose Arbeit. Man mußte keinen sehr
ängstlichen Charakter haben und konnte doch leicht zu dem Glauben
kommen, daß es unmöglich [222]war, die Eingabe jemals fertigzustellen.
Nicht aus Faulheit oder Hinterlist, die den Advokaten allein an der
Fertigstellung hindern konnten, sondern weil in Unkenntnis der
vorhandenen Anklage und gar ihrer möglichen Erweiterungen das ganze
Leben in den kleinsten Handlungen und Ereignissen in die Erinnerung
zurückgebracht, dargestellt und von allen Seiten überprüft werden mußte.
Und wie traurig war eine solche Arbeit überdies. Sie war vielleicht
geeignet, einmal nach der Pensionierung den kindisch gewordenen Geist zu
beschäftigen und ihm zu helfen, die langen Tage hinzubringen. Aber jetzt,
wo K. alle Gedanken zu seiner Arbeit brauchte, wo jede Stunde, da er noch
im Aufstieg war und schon für den Direktor-Stellvertreter eine Drohung
bedeutete, mit größter Schnelligkeit verging und wo er die kurzen Abende
und Nächte als junger Mensch genießen wollte, jetzt sollte er mit der
Verfassung dieser Eingabe beginnen. Wieder ging sein Denken in Klagen
aus. Fast unwillkürlich, nur um dem ein Ende zu machen, tastete er mit dem
Finger nach dem Knopf der elektrischen Glocke, die ins Vorzimmer führte.
Während er ihn niederdrückte, blickte er zur Uhr [223]auf. Es war 11 Uhr,

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zwei Stunden, eine lange kostbare Zeit hatte er verträumt und war natürlich
noch matter als vorher. Immerhin war die Zeit nicht verloren, er hatte
Entschlüsse gefaßt, die wertvoll sein konnten. Die Diener brachten außer
verschiedener Post zwei Visitenkarten von Herren, die schon längere Zeit
auf K. warteten. Es waren gerade sehr wichtige Kundschaften der Bank, die
man eigentlich auf keinen Fall hätte warten lassen sollen. Warum kamen sie
zu so ungelegener Zeit? — und warum, so schienen wieder die Herren
hinter der geschlossenen Tür zu fragen, verwendete der fleißige K. für
Privatangelegenheiten die beste Geschäftszeit? Müde von dem
Vorhergegangenen und müde das Folgende erwartend, stand K. auf, um den
ersten zu empfangen.

Es war ein kleiner munterer Herr, ein Fabrikant, den K. gut kannte. Er
bedauerte, K. in wichtiger Arbeit gestört zu haben und K. bedauerte
seinerseits, daß er den Fabrikanten so lange hatte warten lassen. Schon
dieses Bedauern aber sprach er in derartig mechanischer Weise und mit fast
falscher Betonung aus, daß der Fabrikant, wenn er nicht ganz von der
Geschäftssache eingenommen gewesen [224]wäre, es hätte bemerken
müssen. Statt dessen zog er eilig Rechnungen und Tabellen aus allen
Taschen, breitete sie vor K. aus, erklärte verschiedene Posten, verbesserte
einen kleinen Rechenfehler, der ihm sogar bei diesem flüchtigen Überblick
aufgefallen war, erinnerte K. an ein ähnliches Geschäft, das er mit ihm vor
etwa einem Jahr abgeschlossen hatte, erwähnte nebenbei, daß sich diesmal
eine andere Bank unter größten Opfern um das Geschäft bewerbe und
verstummte schließlich, um nun K.s Meinung zu erfahren. K. hatte auch
tatsächlich im Anfang die Rede des Fabrikanten gut verfolgt, der Gedanke
an das wichtige Geschäft hatte dann auch ihn ergriffen, nur leider nicht für
die Dauer, er war bald vom Zuhören abgekommen, hatte dann noch ein
Weilchen zu den lauteren Ausrufen des Fabrikanten mit dem Kopf genickt,
hatte aber schließlich auch das unterlassen und sich darauf eingeschränkt,
den kahlen, auf die Papiere hinabgebeugten Kopf anzusehn und sich zu
fragen, wann der Fabrikant endlich erkennen werde, daß seine ganze Rede
nutzlos sei. Als er nun verstummte, glaubte K. zuerst wirklich, es geschehe

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dies deshalb, um ihm Gelegenheit zu dem [225]Eingeständnis zu geben, daß
er nicht fähig sei, zuzuhören. Nur mit Bedauern merkte er aber an dem
gespannten Blick des offenbar auf alle Entgegnungen gefaßten Fabrikanten,
daß die geschäftliche Besprechung fortgesetzt werden müsse. Er neigte also
den Kopf wie vor einem Befehl und begann mit dem Bleistift langsam über
den Papieren hin- und herzufahren, hie und da hielt er inne und starrte eine
Ziffer an. Der Fabrikant vermutete Einwände, vielleicht waren die Ziffern
wirklich nicht feststehend, vielleicht waren sie nicht das Entscheidende,
jedenfalls bedeckte der Fabrikant die Papiere mit der Hand und begann von
neuem, ganz nahe an K. heranrückend, eine allgemeine Darstellung des
Geschäftes. „Es ist schwierig,“ sagte K., rümpfte die Lippen und sank, da
die Papiere, das einzig Faßbare, verdeckt waren, haltlos gegen die
Seitenlehne. Er blickte sogar nur schwach auf, als sich die Tür des
Direktionszimmers öffnete und dort nicht ganz deutlich, etwa wie hinter
einem Gazeschleier, der Direktor-Stellvertreter erschien. K. dachte nicht
weiter darüber nach, sondern verfolgte nur die unmittelbare Wirkung, die
für ihn sehr erfreulich war. [226]Denn sofort hüpfte der Fabrikant vom Sessel
auf und eilte dem Direktor-Stellvertreter entgegen, K. aber hätte ihn noch
zehnmal flinker machen sollen, denn er fürchtete, der Direktor-Stellvertreter
könnte wieder verschwinden. Es war unnütze Furcht, die Herren trafen sich,
reichten einander die Hände und gingen gemeinsam auf K.s Schreibtisch
zu. Der Fabrikant beklagte sich, daß er beim Prokuristen so wenig Neigung
für das Geschäft gefunden habe und zeigte auf K., der sich unter dem Blick
des Direktor-Stellvertreters wieder über die Papiere beugte. Als dann die
zwei sich an den Schreibtisch lehnten und der Fabrikant sich daran machte,
den Direktor-Stellvertreter für sich zu erobern, war es K., als werde über
seinem Kopf von zwei Männern, deren Größe er sich übertrieben vorstellte,
über ihn selbst verhandelt. Langsam suchte er mit vorsichtig aufwärts
gedrehten Augen zu erfahren, was sich oben ereignete, nahm vom
Schreibtisch ohne hinzusehn eines der Papiere, legte es auf die flache Hand
und hob es allmählich, während er selbst aufstand, zu den Herren hinauf. Er
dachte hiebei an nichts Bestimmtes, sondern handelte nur in dem Gefühl,
[227]daß er sich so verhalten müßte, wenn er einmal die große Eingabe

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fertiggestellt hätte, die ihn gänzlich entlasten sollte. Der Direktor-
Stellvertreter, der sich an dem Gespräch mit aller Aufmerksamkeit
beteiligte, sah nur flüchtig auf das Papier, überlas gar nicht, was dort stand,
denn was dem Prokuristen wichtig war, war ihm unwichtig, nahm es aus
K.s Hand, sagte „danke, ich weiß schon alles“ und legte es ruhig wieder auf
den Tisch zurück. K. sah ihn verbittert von der Seite an. Der Direktor-
Stellvertreter aber merkte es gar nicht oder wurde, wenn er es merkte,
dadurch nur aufgemuntert, lachte öfters laut auf, brachte einmal durch eine
schlagfertige Entgegnung den Fabrikanten in deutliche Verlegenheit, aus
der er ihn aber sofort riß, indem er sich selbst einen Einwand machte, und
lud ihn schließlich ein, in sein Bureau hinüberzukommen, wo sie die
Angelegenheit zu Ende führen könnten. „Es ist eine sehr wichtige Sache,“
sagte er zum Fabrikanten, „ich sehe das vollständig ein. Und dem Herrn
Prokuristen“ — selbst bei dieser Bemerkung redete er eigentlich nur zum
Fabrikanten — „wird es gewiß lieb sein, wenn wir es ihm abnehmen. Die
Sache [228]verlangt ruhige Überlegung. Er aber scheint heute sehr überlastet
zu sein, auch warten ja einige Leute im Vorzimmer schon stundenlang auf
ihn.“ K. hatte gerade noch genügend Fassung, sich vom Direktor-
Stellvertreter wegzudrehn und sein freundliches, aber starres Lächeln nur
dem Fabrikanten zuzuwenden, sonst griff er gar nicht ein, stützte sich ein
wenig vorgebeugt mit beiden Händen auf den Schreibtisch wie ein Kommis
hinter dem Pult und sah zu, wie die zwei Herren unter weiteren Reden die
Papiere vom Tisch nahmen und im Direktionszimmer verschwanden. In der
Tür drehte sich der Fabrikant noch um, sagte, er verabschiede sich noch
nicht, sondern werde natürlich dem Herrn Prokuristen über den Erfolg der
Besprechung berichten, auch habe er ihm noch eine andere kleine
Mitteilung zu machen.

Endlich war K. allein. Er dachte gar nicht daran, irgendeine andere Partei
vorzulassen, und nur undeutlich kam ihm zu Bewußtsein, wie angenehm es
sei, daß die Leute draußen in dem Glauben waren, er verhandle noch mit
dem Fabrikanten und es könne aus diesem Grunde niemand, nicht einmal
der Diener, bei ihm eintreten. Er ging zum [229]Fenster, setzte sich auf die

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Brüstung, hielt sich mit einer Hand an der Klinke fest und sah auf den Platz
hinaus. Der Schnee fiel noch immer, es hatte sich noch gar nicht aufgehellt.

Lange saß er so, ohne zu wissen, was ihm eigentlich Sorgen machte, nur
von Zeit zu Zeit blickte er ein wenig erschreckt über die Schulter hinweg
zur Vorzimmertür, wo er irrtümlicherweise ein Geräusch zu hören geglaubt
hatte. Da aber niemand kam, wurde er ruhiger, ging zum Waschtisch, wusch
sich mit kaltem Wasser und kehrte mit freierem Kopf zu seinem
Fensterplatz zurück. Der Entschluß, seine Verteidigung selbst in die Hand
zu nehmen, stellte sich ihm nun schwerwiegender dar, als er ursprünglich
angenommen hatte. Solange er die Verteidigung auf den Advokaten
überwälzt hatte, war er doch noch vom Prozeß im Grunde wenig betroffen
gewesen, er hatte ihn von der Ferne beobachtet und hatte unmittelbar von
ihm kaum erreicht werden können, er hatte nachsehn können, wann er
wollte, wie seine Sache stand, aber er hatte auch den Kopf wieder
zurückziehn können, wann er wollte. Jetzt hingegen, wenn er seine
Verteidigung selbst führen würde, [230]mußte er sich wenigstens für den
Augenblick ganz und gar dem Gericht aussetzen, der Erfolg dessen sollte ja
für später seine vollständige und endgültige Befreiung sein, aber um diese
zu erreichen, mußte er sich vorläufig jedenfalls in viel größere Gefahr
begeben als bisher. Hätte er daran zweifeln wollen, so hätte ihn das heutige
Beisammensein mit dem Direktor-Stellvertreter und dem Fabrikanten
hinreichend vom Gegenteil überzeugen können. Wie war er doch
dagesessen, schon vom bloßen Entschluß, sich selbst zu verteidigen,
gänzlich benommen? Wie sollte es aber später werden? Was für Tage
standen ihm bevor! Würde er den Weg finden, der durch alles hindurch zum
guten Ende führte? Bedeutete nicht eine sorgfältige Verteidigung — und
alles andere war sinnlos — bedeutete nicht eine sorgfältige Verteidigung
gleichzeitig die Notwendigkeit, sich von allem andern möglichst
abzuschließen? Würde er das glücklich überstehn? Und wie sollte ihm die
Durchführung in der Bank gelingen? Es handelte sich ja nicht nur um die
Eingabe, für die ein Urlaub vielleicht genügt hätte, trotzdem die Bitte um
einen Urlaub gerade jetzt ein großes Wagnis gewesen wäre, es handelte sich

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[231]doch um einen ganzen Prozeß, dessen Dauer unabsehbar war. Was für
ein Hindernis war plötzlich in K.s Laufbahn geworfen worden!

Und jetzt sollte er für die Bank arbeiten? — Er sah auf den Schreibtisch hin.
— Jetzt sollte er Parteien vorlassen und mit ihnen verhandeln? Während
sein Prozeß weiterrollte, während oben auf dem Dachboden die
Gerichtsbeamten über den Schriften dieses Prozesses saßen, sollte er die
Geschäfte der Bank besorgen? Sah es nicht aus wie eine Folter, die, vom
Gericht anerkannt, mit dem Prozeß zusammenhing und ihn begleitete? Und
würde man etwa in der Bank bei der Beurteilung seiner Arbeit seine
besondere Lage berücksichtigen? Niemand und niemals. Ganz unbekannt
war ja sein Prozeß nicht, wenn es auch noch nicht ganz klar war, wer davon
wußte und wie viel. Bis zum Direktor-Stellvertreter aber war das Gerücht
hoffentlich noch nicht gedrungen, sonst hätte man schon deutlich sehen
müssen, wie er es ohne jede Kollegialität und Menschlichkeit gegen K.
ausnützen würde. Und der Direktor? Gewiß, er war K. gut gesinnt und er
hätte wahrscheinlich, sobald er vom Prozeß erfahren hätte, soweit es an
[232]ihm lag, manche Erleichterungen für K. schaffen wollen, aber er wäre
damit gewiß nicht durchgedrungen, denn er unterlag jetzt, da das
Gegengewicht, das K. bisher gebildet hatte, schwächer zu werden anfing,
immer mehr dem Einfluß des Direktor-Stellvertreter, der außerdem auch
den leidenden Zustand des Direktors zur Stärkung der eigenen Macht
ausnutzte. Was hatte also K. zu erhoffen? Vielleicht schwächte er durch
solche Überlegungen seine Widerstandskraft, aber es war doch auch
notwendig, sich selbst nicht zu täuschen und alles so klar zu sehn, als es
augenblicklich möglich war.

Ohne besondern Grund, nur um vorläufig noch nicht zum Schreibtisch
zurückkehren zu müssen, öffnete er das Fenster. Es ließ sich nur schwer
öffnen, er mußte mit beiden Händen die Klinke drehn. Dann zog durch das
Fenster in dessen ganzer Breite und Höhe der mit Rauch vermischte Nebel
in das Zimmer und füllte es mit einem leichten Brandgeruch. Auch einige
Schneeflocken wurden hereingeweht. „Ein häßlicher Herbst,“ sagte hinter

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K. der Fabrikant, der, vom Direktor-Stellvertreter kommend, unbemerkt ins
Zimmer [233]getreten war. K. nickte und sah unruhig auf die Aktentasche
des Fabrikanten, aus der dieser nun wohl die Papiere herausziehn würde,
um K. das Ergebnis der Verhandlungen mit dem Direktor-Stellvertreter
mitzuteilen. Der Fabrikant aber folgte K.s Blick, klopfte auf seine Tasche
und sagte, ohne sie zu öffnen: „Sie wollen hören, wie es ausgefallen ist. Ich
trage schon fast den Geschäftsabschluß in der Tasche. Ein reizender
Mensch, Ihr Direktor-Stellvertreter, aber durchaus nicht ungefährlich.“ Er
lachte, schüttelte K.s Hand und wollte auch ihn zum Lachen bringen. Aber
K. schien es nun wieder verdächtig, daß ihm der Fabrikant die Papiere nicht
zeigen wollte und er fand an der Bemerkung des Fabrikanten nichts zum
Lachen. „Herr Prokurist,“ sagte der Fabrikant, „Sie leiden wohl unter dem
Wetter. Sie sehn heute so bedrückt aus.“ „Ja,“ sagte K. und griff mit der
Hand an die Schläfe, „Kopfschmerzen, Familiensorgen.“ „Sehr richtig,“
sagte der Fabrikant, der ein eiliger Mensch war und niemanden ruhig
anhören konnte, „jeder hat sein Kreuz zu tragen.“ Unwillkürlich hatte K.
einen Schritt gegen die Tür gemacht, als wolle er den Fabrikanten
hinausbegleiten, [234]dieser aber sagte: „Ich hätte, Herr Prokurist, noch eine
kleine Mitteilung für Sie. Ich fürchte sehr, daß ich Sie gerade heute damit
vielleicht belästige, aber ich war schon zweimal in der letzten Zeit bei Ihnen
und habe es jedesmal vergessen. Schiebe ich es aber noch weiterhin auf,
verliert es wahrscheinlich vollständig seinen Zweck. Das wäre aber schade,
denn im Grunde ist meine Mitteilung vielleicht doch nicht wertlos.“ Ehe K.
Zeit hatte zu antworten, trat der Fabrikant nahe an ihn heran, klopfte mit
dem Fingerknöchel leicht an seine Brust und sagte leise: „Sie haben einen
Prozeß, nicht wahr?“ K. trat zurück und rief sofort: „Das hat Ihnen der
Direktor-Stellvertreter gesagt.“ „Ach nein,“ sagte der Fabrikant, „woher
sollte denn der Direktor-Stellvertreter es wissen?“ „Durch Sie?“ fragte K.
schon viel gefaßter. „Ich erfahre hie und da etwas von dem Gericht,“ sagte
der Fabrikant, „das betrifft eben die Mitteilung, die ich Ihnen machen
wollte.“ „So viel Leute sind mit dem Gericht in Verbindung!“ sagte K. mit
gesenktem Kopf und führte den Fabrikanten zum Schreibtisch. Sie setzten
sich wieder wie früher und der Fabrikant sagte: „Es ist leider nicht sehr

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[235]viel, was ich Ihnen mitteilen kann. Aber in solchen Dingen soll man
nicht das Geringste vernachlässigen. Außerdem drängte es mich aber, Ihnen
irgendwie zu helfen, und sei meine Hilfe noch so bescheiden. Wir waren
doch bisher gute Geschäftsfreunde, nicht? Nun also.“ K. wollte sich wegen
seines Verhaltens bei der heutigen Besprechung entschuldigen, aber der
Fabrikant duldete keine Unterbrechung, schob die Aktentasche hoch unter
die Achsel, um zu zeigen, daß er Eile habe, und fuhr fort: „Von Ihrem
Prozeß weiß ich durch einen gewissen Titorelli. Es ist ein Maler, Titorelli ist
nur sein Künstlername, seinen wirklichen Namen kenne ich gar nicht. Er
kommt schon seit Jahren von Zeit zu Zeit in mein Bureau und bringt kleine
Bilder mit, für die ich ihm — er ist fast ein Bettler — immer eine Art
Almosen gebe. Es sind übrigens hübsche Bilder, Heidelandschaften und
dergleichen. Diese Verkäufe — wir hatten uns schon beide daran gewöhnt
— gingen ganz glatt vor sich. Einmal aber wiederholten sich diese Besuche
doch zu oft, ich machte ihm Vorwürfe, wir kamen ins Gespräch, es
interessierte mich, wie er sich allein durch Malen erhalten könne, und ich
erfuhr nun zu meinem [236]Staunen, daß seine Haupteinnahmsquelle das
Porträtmalen sei. Er arbeite für das Gericht, sagte er. Für welches Gericht,
fragte ich. Und nun erzählte er mir von dem Gericht. Sie werden sich wohl
am besten vorstellen können, wie erstaunt ich über diese Erzählungen war.
Seitdem höre ich bei jedem seiner Besuche irgendwelche Neuigkeiten vom
Gericht und bekomme so allmählich einen großen Einblick in die Sache.
Allerdings ist Titorelli geschwätzig und ich muß ihn oft abwehren, nicht nur
weil er gewiß auch lügt, sondern vor allem, weil ein Geschäftsmann wie
ich, der unter den eigenen Geschäftssorgen fast zusammenbricht, sich nicht
noch viel um fremde Dinge kümmern kann. Aber das nur nebenbei.
Vielleicht — so dachte ich jetzt — kann Ihnen Titorelli ein wenig behilflich
sein, er kennt viele Richter und wenn er selbst auch keinen großen Einfluß
haben sollte, so kann er Ihnen doch Ratschläge geben, wie man
verschiedenen einflußreichen Leuten beikommen kann. Und wenn auch
diese Ratschläge an und für sich nicht entscheidend sein sollten, so werden
sie doch meiner Meinung nach in Ihrem Besitz von großer Bedeutung sein.
Sie [237]sind ja fast ein Advokat. Ich pflege immer zu sagen: Prokurist K. ist

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fast ein Advokat. Oh, ich habe keine Sorgen wegen Ihres Prozesses. Wollen
Sie nun aber zu Titorelli gehen? Auf meine Empfehlung hin wird er gewiß
alles tun, was ihm möglich ist. Ich denke wirklich, Sie sollten hingehn. Es
muß natürlich nicht heute sein, einmal, gelegentlich. Allerdings sind Sie —
das will ich noch sagen — dadurch, daß gerade ich Ihnen diesen Rat gebe,
nicht im geringsten verpflichtet, auch wirklich zu Titorelli hinzugehn. Nein,
wenn Sie Titorelli entbehren zu können glauben, ist es gewiß besser, ihn
ganz beiseite zu lassen. Vielleicht haben Sie schon einen ganz genauen Plan
und Titorelli könnte ihn stören. Nein, dann gehn Sie natürlich auf keinen
Fall hin. Es kostet gewiß auch Überwindung, sich von einem solchen
Burschen Ratschläge geben zu lassen. Nun, wie Sie wollen. Hier ist das
Empfehlungsschreiben und hier die Adresse.“

Enttäuscht nahm K. den Brief und steckte ihn in die Tasche. Selbst im
günstigsten Falle war der Vorteil, den ihm die Empfehlung bringen konnte,
verhältnismäßig kleiner als der Schaden, der darin [238]lag, daß der
Fabrikant von seinem Prozeß wußte und daß der Maler die Nachricht weiter
verbreitete. Er konnte sich kaum dazu zwingen, dem Fabrikanten, der schon
auf dem Weg zur Tür war, mit ein paar Worten zu danken. „Ich werde
hingehn,“ sagte er, als er sich bei der Tür vom Fabrikanten verabschiedete,
„oder ihm, da ich jetzt sehr beschäftigt bin, schreiben, er möge einmal zu
mir ins Bureau kommen.“ „Ich wußte ja,“ sagte der Fabrikant, „daß Sie den
besten Ausweg finden würden. Allerdings dachte ich, daß Sie es lieber
vermeiden wollen, Leute wie diesen Titorelli in die Bank einzuladen, um
mit ihm hier über den Prozeß zu sprechen. Es ist auch nicht immer
vorteilhaft, Briefe an solche Leute aus der Hand zu geben. Aber Sie haben
gewiß alles durchgedacht und wissen, was Sie tun dürfen.“ K. nickte und
begleitete den Fabrikanten noch durch das Vorzimmer. Aber trotz
äußerlicher Ruhe war er über sich sehr erschrocken. Daß er Titorelli
schreiben würde, hatte er eigentlich nur gesagt, um dem Fabrikanten
irgendwie zu zeigen, daß er die Empfehlung zu schätzen wisse und die
Möglichkeiten mit Titorelli zusammenzukommen sofort überlege, [239]aber
wenn er Titorellis Beistand für wertvoll angesehen hätte, hätte er auch nicht

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gezögert, ihm wirklich zu schreiben. Die Gefahren aber, die das zur Folge
haben könnte, hatte er erst durch die Bemerkung des Fabrikanten erkannt.
Konnte er sich auf seinen eigenen Verstand tatsächlich schon so wenig
verlassen? Wenn es möglich war, daß er einen fragwürdigen Menschen
durch einen deutlichen Brief in die Bank einlud, um von ihm, nur durch
eine Tür vom Direktor-Stellvertreter getrennt, Ratschläge wegen seines
Prozesses zu erbitten, war es dann nicht möglich und sogar sehr
wahrscheinlich, daß er auch andere Gefahren übersah oder in sie
hineinrannte? Nicht immer stand jemand neben ihm, um ihn zu warnen.
Und gerade jetzt, wo er mit gesammelten Kräften auftreten wollte, mußten
derartige, ihm bisher fremde Zweifel an seiner eigenen Wachsamkeit
auftreten! Sollten die Schwierigkeiten, die er bei Ausführung seiner
Bureauarbeit fühlte, nun auch im Prozeß beginnen? Jetzt allerdings begriff
er es gar nicht mehr, wie es möglich gewesen war, daß er an Titorelli hatte
schreiben und ihn in die Bank einladen wollen. [240]

Er schüttelte noch den Kopf darüber, als der Diener an seine Seite trat und
ihn auf drei Herren aufmerksam machte, die hier im Vorzimmer auf einer
Bank saßen. Sie warteten schon lange darauf, zu K. vorgelassen zu werden.
Jetzt, da der Diener mit K. sprach, waren sie aufgestanden und jeder wollte
eine günstige Gelegenheit ausnützen, um sich vor den andern an K.
heranzumachen. Da man von seiten der Bank so rücksichtslos war, sie hier
im Wartezimmer ihre Zeit verlieren zu lassen, wollten auch sie keine
Rücksicht mehr üben. „Herr Prokurist,“ sagte schon der eine. Aber K. hatte
sich vom Diener den Winterrock bringen lassen und sagte, während er ihn
mit Hilfe des Dieners anzog, zu allen dreien: „Verzeihen Sie meine Herren,
ich habe augenblicklich leider keine Zeit, Sie zu empfangen. Ich bitte Sie
sehr um Verzeihung, aber ich habe einen dringenden Geschäftsgang zu
erledigen und muß sofort weggehn. Sie haben ja selbst gesehn, wie lange
ich jetzt aufgehalten wurde. Wären Sie so freundlich, morgen oder wann
immer wiederzukommen? Oder wollen wir die Sachen vielleicht
telephonisch besprechen? Oder wollen Sie mir vielleicht jetzt kurz sagen,
um was [241]es sich handelt, und ich gebe Ihnen dann eine ausführliche

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schriftliche Antwort. Am besten wäre es allerdings, Sie kämen nächstens.“
Diese Vorschläge K.s brachten die Herren, die nun vollständig nutzlos
gewartet haben sollten, in solches Staunen, daß sie einander stumm
ansahen. „Wir sind also einig?“ fragte K., der sich nach dem Diener
umgewendet hatte, der ihm nun auch den Hut brachte. Durch die offene Tür
zu K.s Zimmer sah man, wie sich draußen der Schneefall sehr verstärkt
hatte. K. schlug daher den Mantelkragen in die Höhe und knöpfte ihn hoch
unter dem Halse zu.

Da trat gerade aus dem Nebenzimmer der Direktor-Stellvertreter, sah
lächelnd K. im Winterrock mit den Herren verhandeln und fragte: „Sie gehn
jetzt weg, Herr Prokurist.“ „Ja,“ sagte K. und richtete sich auf, „ich habe
einen Geschäftsgang zu machen.“ Aber der Direktor-Stellvertreter hatte sich
schon den Herren zugewendet. „Und die Herren?“ fragte er. „Ich glaube, sie
warten schon lange.“ „Wir haben uns schon geeinigt,“ sagte K. Aber nun
ließen sich die Herren nicht mehr halten, umringten K. und erklärten, daß
sie nicht stundenlang [242]gewartet hätten, wenn ihre Angelegenheiten nicht
wichtig wären und nicht jetzt, und zwar ausführlich und unter vier Augen
besprochen werden müßten. Der Direktor-Stellvertreter hörte ihnen ein
Weilchen zu, betrachtete auch K., der den Hut in der Hand hielt und ihn
stellenweise von Staub reinigte, und sagte dann: „Meine Herren, es gibt ja
einen sehr einfachen Ausweg. Wenn Sie mit mir vorlieb nehmen wollen,
übernehme ich sehr gerne die Verhandlungen statt des Herrn Prokuristen.
Ihre Angelegenheiten müssen natürlich sofort besprochen werden. Wir sind
Geschäftsleute wie Sie und wissen die Zeit von Geschäftsleuten richtig zu
bewerten. Wollen Sie hier eintreten?“ Und er öffnete die Tür, die zu dem
Vorzimmer seines Bureaus führte.

Wie sich doch der Direktor-Stellvertreter alles anzueignen verstand, was K.
jetzt notgedrungen aufgeben mußte! Gab aber K. nicht mehr auf, als
unbedingt nötig war? Während er mit unbestimmten und, wie er sich
eingestehen mußte, sehr geringen Hoffnungen zu einem unbekannten Maler
lief, erlitt hier sein Ansehen eine unheilbare Schädigung. Es wäre

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wahrscheinlich viel besser gewesen, [243]den Winterrock wieder auszuziehn
und wenigstens die zwei Herren, die ja nebenan doch noch warten mußten,
für sich zurückzugewinnen. K. hätte es vielleicht auch versucht, wenn er
nicht jetzt in seinem Zimmer den Direktor-Stellvertreter erblickt hätte, wie
er im Bücherständer, als wäre es sein eigener, etwas suchte. Als K. sich
erregt der Tür näherte, rief er: „Ach, Sie sind noch nicht weggegangen.“ Er
wandte ihm sein Gesicht zu, dessen viele straffe Falten nicht Alter, sondern
Kraft zu beweisen schienen, und fing sofort wieder zu suchen an. „Ich
suche eine Vertragsabschrift,“ sagte er, „die sich, wie der Vertreter der
Firma behauptet, bei Ihnen befinden soll. Wollen Sie mir nicht suchen
helfen.“ K. machte einen Schritt, aber der Direktor-Stellvertreter sagte:
„Danke, ich habe sie schon gefunden,“ und kehrte mit einem großen Paket
Schriften, das nicht nur die Vertragsabschrift, sondern gewiß noch vieles
andere enthielt, wieder in sein Zimmer zurück.

Jetzt bin ich ihm nicht gewachsen, sagte sich K., wenn aber meine
persönlichen Schwierigkeiten einmal beseitigt sein werden, dann soll er
wahrhaftig der erste sein, der es zu fühlen bekommt, [244]und zwar
möglichst bitter. Durch diesen Gedanken ein wenig beruhigt, gab K. dem
Diener, der schon lange die Tür zum Korridor für ihn offenhielt, den
Auftrag, dem Direktor gelegentlich die Meldung zu machen, daß er sich auf
einem Geschäftsgang befinde, und verließ fast glücklich darüber, sich eine
Zeitlang vollständiger seiner Sache widmen zu können, die Bank.

Er fuhr sofort zum Maler, der in einer Vorstadt wohnte, die jener, in welcher
sich die Gerichtskanzleien befanden, vollständig entgegengesetzt war. Es
war eine noch ärmere Gegend, die Häuser noch dunkler, die Gassen voll
Schmutz, der auf dem zerflossenen Schnee langsam umhertrieb. Im Hause,
in dem der Maler wohnte, war nur ein Flügel des großen Tores geöffnet, in
dem andern aber war unten in der Mauer eine Lücke gebrochen, aus der
gerade, als sich K. näherte, eine widerliche gelbe, rauchende Flüssigkeit
herausschoß, vor der sich eine Ratte in den nahen Kanal flüchtete. Unten an
der Treppe lag ein kleines Kind bäuchlings auf der Erde und weinte, aber

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man hörte es kaum infolge des alles übertönenden Lärms, der aus einer
Klempnerwerkstätte auf der andern Seite [245]des Torganges kam. Die Tür
der Werkstätte war offen, drei Gehilfen standen im Halbkreis um irgendein
Werkstück, auf das sie mit den Hämmern schlugen. Eine große Platte
Weißblech, die an der Wand hing, warf ein bleiches Licht, das zwischen
zwei Gehilfen eindrang und die Gesichter und Arbeitsschürzen erhellte. K.
hatte für alles nur einen flüchtigen Blick, er wollte möglichst rasch hier
fertig werden, nur den Maler mit ein paar Worten ausforschen und sofort
wieder in die Bank zurückgehn. Wenn er hier nur den kleinsten Erfolg hatte,
sollte das auf seine heutige Arbeit in der Bank noch eine gute Wirkung
ausüben. Im dritten Stockwerk mußte er seinen Schritt mäßigen, er war
ganz außer Atem, die Treppen ebenso wie die Stockwerke waren übermäßig
hoch, und der Maler sollte ganz oben in einer Dachkammer wohnen. Auch
war die Luft sehr drückend, es gab keinen Treppenhof, die enge Treppe war
auf beiden Seiten von Mauern eingeschlossen, in denen nur hier und da fast
ganz oben kleine Fenster angebracht waren. Gerade als K. ein wenig
stehenblieb, liefen ein paar kleine Mädchen aus einer Wohnung heraus und
eilten lachend die Treppe weiter hinauf. K. folgte ihnen langsam, [246]holte
eines der Mädchen ein, das gestolpert und hinter den andern
zurückgeblieben war, und fragte es, während sie neben einander
weiterstiegen: „Wohnt hier ein Maler Titorelli?“ Das Mädchen, ein kaum
dreizehnjähriges, etwas buckliges Mädchen, stieß ihn darauf mit dem
Ellbogen an und sah von der Seite zu ihm auf. Weder ihre Jugend, noch ihr
Körperfehler hatte verhindern können, daß sie schon ganz verdorben war.
Sie lächelte nicht einmal, sondern sah K. ernst mit scharfem, aufforderndem
Blicke an. K. tat, als hätte er ihr Benehmen nicht bemerkt, und fragte:
„Kennst du den Maler Titorelli?“ Sie nickte und fragte ihrerseits: „Was
wollen Sie von ihm?“ K. schien es vorteilhaft, sich noch schnell ein wenig
über Titorelli zu unterrichten: „Ich will mich von ihm malen lassen,“ sagte
er. „Malen lassen?“ fragte sie, öffnete übermäßig den Mund, schlug leicht
mit der Hand gegen K., als hätte er etwas außerordentlich Überraschendes
oder Ungeschicktes gesagt, hob mit beiden Händen ihr ohnedies sehr kurzes
Röckchen und lief, so schnell sie konnte, hinter den andern Mädchen her,

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deren Geschrei schon undeutlich in der Höhe sich verlor. Bei der nächsten
Wendung der [247]Treppe aber traf K. schon wieder alle Mädchen. Sie waren
offenbar von der Buckligen von K.s Absicht verständigt worden und
erwarteten ihn. Sie standen zu beiden Seiten der Treppe, drückten sich an
die Mauer, damit K. bequem zwischen ihnen durchkomme und glätteten mit
der Hand ihre Schürzen. Alle Gesichter, wie auch diese Spalierbildung
stellten eine Mischung von Kindlichkeit und Verworfenheit dar. Oben an
der Spitze der Mädchen, die sich jetzt hinter K. lachend
zusammenschlossen, war die Bucklige, welche die Führung übernahm. K.
hatte es ihr zu verdanken, daß er gleich den richtigen Weg fand. Er wollte
nämlich geradeaus weitersteigen, sie aber zeigte ihm, daß er eine
Abzweigung der Treppe wählen müsse, um zu Titorelli zu kommen. Die
Treppe, die zu ihm führte, war besonders schmal, sehr lang, ohne Biegung,
in ihrer ganzen Länge zu übersehn und oben unmittelbar von Titorellis Tür
abgeschlossen. Diese Tür, die durch ein kleines, schief über ihr eingesetztes
Oberlichtfenster im Gegensatz zur übrigen Treppe verhältnismäßig hell
beleuchtet wurde, war aus nicht übertünchten Balken zusammengesetzt, auf
die der Name Titorelli [248]mit roter Farbe in breiten Pinselstrichen gemalt
war. K. war mit seinem Gefolge noch kaum in der Mitte der Treppe, als
oben, offenbar veranlaßt durch das Geräusch der vielen Schritte, die Tür ein
wenig geöffnet wurde und ein wahrscheinlich nur mit einem Nachthemd
bekleideter Mann in der Türspalte erschien. „Oh!“ rief er, als er die Menge
kommen sah, und verschwand. Die Bucklige klatschte vor Freude in die
Hände und die übrigen Mädchen drängten hinter K., um ihn schneller
vorwärtszutreiben.

Sie waren aber noch nicht einmal hinaufgekommen, als oben der Maler die
Tür gänzlich aufriß und mit einer tiefen Verbeugung K. einlud einzutreten.
Die Mädchen dagegen wehrte er ab, er wollte keine von ihnen einlassen, so
sehr sie baten und so sehr sie versuchten, wenn schon nicht mit seiner
Erlaubnis, so gegen seinen Willen einzudringen. Nur der Buckligen gelang
es, unter seinem ausgestreckten Arm durchzuschlüpfen, aber der Maler
jagte hinter ihr her, packte sie bei den Röcken, wirbelte sie einmal um sich

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herum und setzte sie dann vor der Tür bei den andern Mädchen ab, die es,
während der Maler seinen Posten verlassen [249]hatte, doch nicht gewagt
hatten, die Schwelle zu überschreiten. K. wußte nicht, wie er das Ganze
beurteilen sollte, es hatte nämlich den Anschein, als ob alles in
freundschaftlichem Einvernehmen geschehe. Die Mädchen bei der Tür
streckten eines hinter dem andern die Hälse in die Höhe, riefen dem Maler
verschiedene scherzhaft gemeinte Worte zu, die K. nicht verstand und auch
der Maler lachte, während die Bucklige in seiner Hand fast flog. Dann
schloß er die Tür, verbeugte sich nochmals vor K., reichte ihm die Hand
und sagte, sich vorstellend: „Kunstmaler Titorelli.“ K. zeigte auf die Tür,
hinter der die Mädchen flüsterten und sagte: „Sie scheinen im Hause sehr
beliebt zu sein.“ „Ach, die Fratzen!“ sagte der Maler und suchte vergebens
sein Nachthemd am Halse zuzuknöpfen. Er war im übrigen bloßfüßig und
nur noch mit einer breiten gelblichen Leinenhose bekleidet, die mit einem
Riemen festgemacht war, dessen langes Ende frei hin und her schlug.
„Diese Fratzen sind mir eine wahre Last,“ fuhr er fort, während er vom
Nachthemd, dessen letzter Knopf gerade abgerissen war, abließ, einen
Sessel holte und K. zum Niedersetzen nötigte. „Ich habe eine [250]von ihnen
— sie ist heute nicht einmal dabei — einmal gemalt und seitdem verfolgen
mich alle. Wenn ich selbst hier bin, kommen sie nur herein, wenn ich es
erlaube, bin ich aber einmal weg, dann ist immer zumindest eine da. Sie
haben sich einen Schlüssel zu meiner Tür machen lassen, den sie
untereinander verleihen. Man kann sich kaum vorstellen, wie lästig das ist.
Ich komme z. B. mit einer Dame, die ich malen soll, nach Hause, öffne die
Tür mit meinem Schlüssel und finde etwa die Bucklige dort beim
Tischchen, wie sie sich mit dem Pinsel die Lippen rot färbt, während ihre
kleinen Geschwister, die sie zu beaufsichtigen hat, sich herumtreiben und
das Zimmer in allen Ecken verunreinigen. Oder ich komme, wie es mir erst
gestern geschehen ist, spät abends nach Hause — entschuldigen Sie bitte
mit Rücksicht darauf meinen Zustand und die Unordnung im Zimmer —
also ich komme spät abends nach Hause und will ins Bett steigen, da zwickt
mich etwas ins Bein, ich schaue unter das Bett und ziehe wieder so ein Ding
heraus. Warum sie sich so zu mir drängen, weiß ich nicht, daß ich sie nicht

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zu mir zu locken suche, dürften Sie eben bemerkt haben. Natürlich bin ich
dadurch [251]auch in meiner Arbeit gestört. Wäre mir dieses Atelier nicht
umsonst zur Verfügung gestellt, ich wäre schon längst ausgezogen.“ Gerade
rief hinter der Tür ein Stimmchen, zart und ängstlich: „Titorelli, dürfen wir
schon kommen?“ „Nein,“ antwortete der Maler. „Ich allein auch nicht?“
fragte es wieder. „Auch nicht,“ sagte der Maler, ging zur Tür und sperrte sie
ab.

K. hatte sich inzwischen im Zimmer umgesehen, er wäre niemals selbst auf
den Gedanken gekommen, daß man dieses elende kleine Zimmer ein Atelier
nennen könnte. Mehr als zwei lange Schritte konnte man der Länge und
Quere nach kaum hier machen. Alles, Fußboden, Wände und Zimmerdecke
war aus Holz, zwischen den Balken sah man schmale Ritzen. K. gegenüber
stand an der Wand das Bett, das mit verschiedenfarbigem Bettzeug
überladen war. In der Mitte des Zimmers war auf einer Staffelei ein Bild,
das mit einem Hemd verhüllt war, dessen Ärmel bis zum Boden baumelten.
Hinter K. war das Fenster, durch das man im Nebel nicht weiter sehen
konnte als über das mit Schnee bedeckte Dach des Nachbarhauses.

Das Umdrehn des Schlüssels im Schloß erinnerte [252]K. daran, daß er bald
hatte weggehn wollen. Er zog daher den Brief des Fabrikanten aus der
Tasche, reichte ihn dem Maler und sagte: „Ich habe durch diesen Herrn,
Ihren Bekannten, von Ihnen erfahren und bin auf seinen Rat hin
gekommen.“ Der Maler las den Brief flüchtig durch und warf ihn aufs Bett.
Hätte der Fabrikant nicht auf das bestimmteste von Titorelli als von seinem
Bekannten gesprochen, als von einem armen Menschen, der auf seine
Almosen angewiesen war, so hätte man jetzt wirklich glauben können,
Titorelli kenne den Fabrikanten nicht oder wisse sich an ihn wenigstens
nicht zu erinnern. Überdies fragte nun der Maler: „Wollen Sie Bilder kaufen
oder sich selbst malen lassen?“ K. sah den Maler erstaunt an. Was stand
denn eigentlich in dem Brief? K. hatte es als selbstverständlich
angenommen, daß der Fabrikant in dem Brief den Maler davon unterrichtet
hatte, daß K. nichts anderes wollte, als sich hier wegen seines Prozesses zu

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erkundigen. Er war doch gar zu eilig und unüberlegt hierhergelaufen! Aber
er mußte jetzt dem Maler irgendwie antworten und sagte mit einem Blick
auf die Staffelei: „Sie arbeiten gerade an einem Bild?“ „Ja,“ sagte [253]der
Maler und warf das Hemd, das über der Staffelei hing, dem Brief nach auf
das Bett. „Es ist ein Porträt. Eine gute Arbeit, aber noch nicht ganz fertig.“
Der Zufall war K. günstig, die Möglichkeit vom Gericht zu reden, wurde
ihm förmlich angeboten, denn es war offenbar das Porträt eines Richters. Es
war übrigens dem Bild im Arbeitszimmer des Advokaten auffallend ähnlich.
Es handelte sich hier zwar um einen ganz andern Richter, einen dicken
Mann mit schwarzem buschigen Vollbart, der seitlich weit die Wangen
hinaufreichte, auch war jenes Bild ein Ölbild, dieses aber mit Pastellfarben
schwach und undeutlich angesetzt. Aber alles übrige war ähnlich, denn auch
hier wollte sich gerade der Richter von seinem Thronsessel, dessen
Seitenlehnen er festhielt, drohend erheben. „Das ist ja ein Richter,“ hatte K.
gleich sagen wollen, hielt sich dann aber vorläufig noch zurück und näherte
sich dem Bild, als wolle er es in den Einzelheiten studieren. Eine große
Figur, die in der Mitte über der Rückenlehne des Thronsessels stand, konnte
er sich nicht erklären und fragte den Maler nach ihr. Sie müsse noch ein
wenig ausgearbeitet werden, antwortete [254]der Maler, holte von einem
Tischchen einen Pastellstift und strichelte mit ihm ein wenig an den
Rändern der Figur, ohne sie aber dadurch für K. deutlicher zu machen. „Es
ist die Gerechtigkeit,“ sagte der Maler schließlich. „Jetzt erkenne ich sie
schon,“ sagte K., „hier ist die Binde um die Augen und hier die Wage. Aber
sind nicht an den Fersen Flügel und befindet sie sich nicht im Lauf?“ „Ja,“
sagte der Maler, „ich mußte es über Auftrag so malen, es ist eigentlich die
Gerechtigkeit und die Siegesgöttin in einem.“ „Das ist keine gute
Verbindung,“ sagte K. lächelnd, „die Gerechtigkeit muß ruhen, sonst
schwankt die Wage und es ist kein gerechtes Urteil möglich.“ „Ich füge
mich darin meinem Auftraggeber,“ sagte der Maler. „Ja gewiß,“ sagte K.,
der mit seiner Bemerkung niemanden hatte kränken wollen. „Sie haben die
Figur so gemalt, wie sie auf dem Thronsessel wirklich steht.“ „Nein,“ sagte
der Maler, „ich habe weder die Figur noch den Thronsessel gesehn, das
alles ist Erfindung, aber es wurde mir angegeben, was ich zu malen habe.“

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„Wie?“ fragte K., er tat absichtlich, als verstehe er den Maler nicht völlig,
„es ist doch ein Richter, der auf dem [255]Richterstuhl sitzt.“ „Ja,“ sagte der
Maler, „aber es ist kein hoher Richter und ist niemals auf einem solchen
Thronsessel gesessen.“ „Und läßt sich doch in so feierlicher Haltung
malen? Er sitzt ja da wie ein Gerichtspräsident.“ „Ja, eitel sind die Herren,“
sagte der Maler. „Aber sie haben die höhere Erlaubnis, sich so malen zu
lassen. Jedem ist genau vorgeschrieben, wie er sich malen lassen darf. Nur
kann man leider gerade nach diesem Bilde die Einzelheiten der Tracht und
des Sitzes nicht beurteilen, die Pastellfarben sind für solche Darstellungen
nicht geeignet.“ „Ja,“ sagte K., „es ist sonderbar, daß es in Pastellfarben
gemalt ist.“ „Der Richter wünschte es so,“ sagte der Maler, „es ist für eine
Dame bestimmt.“ Der Anblick des Bildes schien ihm Lust zur Arbeit
gemacht zu haben, er krempelte die Hemdärmel aufwärts, nahm einige
Stifte in die Hand und K. sah zu, wie unter den zitternden Spitzen der Stifte
anschließend an den Kopf des Richters ein rötlicher Schatten sich bildete,
der strahlenförmig gegen den Rand des Bildes verging. Allmählich umgab
dieses Spiel des Schattens den Kopf wie ein Schmuck oder eine hohe
Auszeichnung. Um die Figur der Gerechtigkeit [256]aber blieb es bis auf
eine unmerkliche Tönung hell, in dieser Helligkeit schien die Figur
besonders vorzudringen, sie erinnerte kaum mehr an die Göttin der
Gerechtigkeit, aber auch nicht an die des Sieges, sie sah jetzt vielmehr
vollkommen wie die Göttin der Jagd aus. Die Arbeit des Malers zog K.
mehr an, als er wollte; schließlich aber machte er sich doch Vorwürfe, daß
er so lange schon hier war und im Grunde noch nichts für seine eigene
Sache unternommen hatte. „Wie heißt dieser Richter?“ fragte er plötzlich.
„Das darf ich nicht sagen,“ antwortete der Maler, er war tief zum Bild
hinabgebeugt und vernachlässigte deutlich seinen Gast, den er doch zuerst
so rücksichtsvoll empfangen hatte. K. hielt das für eine Laune und ärgerte
sich darüber, weil er dadurch Zeit verlor. „Sie sind wohl ein
Vertrauensmann des Gerichtes?“ fragte er. Sofort legte der Maler die Stifte
beiseite, richtete sich auf, rieb die Hände aneinander und sah K. lächelnd
an. „Nur immer gleich mit der Wahrheit heraus,“ sagte er, „Sie wollen
etwas über das Gericht erfahren, wie es ja auch in Ihrem

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Empfehlungsschreiben steht, und haben zunächst über meine Bilder
gesprochen, [257]um mich zu gewinnen. Aber ich nehme das nicht übel, Sie
konnten ja nicht wissen, daß das bei mir unangebracht ist. O bitte!“ sagte er
scharf abwehrend, als K. etwas einwenden wollte. Und fuhr dann fort: „Im
übrigen haben Sie mit Ihrer Bemerkung vollständig recht, ich bin ein
Vertrauensmann des Gerichtes.“ Er machte eine Pause, als wolle er K. Zeit
lassen, sich mit dieser Tatsache abzufinden. Man hörte jetzt wieder hinter
der Tür die Mädchen. Sie drängten sich wahrscheinlich um das
Schlüsselloch, vielleicht konnte man auch durch die Ritzen ins Zimmer
hereinsehn. K. unterließ es, sich irgendwie zu entschuldigen, denn er wollte
den Maler nicht ablenken, wohl aber wollte er nicht, daß der Maler sich
allzusehr überhebe und sich auf diese Weise gewissermaßen unerreichbar
mache, er fragte deshalb: „Ist das eine öffentlich anerkannte Stellung?“
„Nein,“ sagte der Maler kurz, als sei ihm dadurch die weitere Rede
verschlagen. K. wollte ihn aber nicht verstummen lassen und sagte: „Nun,
oft sind derartige nicht anerkannte Stellungen einflußreicher als die
anerkannten.“ „Das ist eben bei mir der Fall,“ sagte der Maler und nickte
mit zusammengezogener Stirn. „Ich [258]sprach gestern mit dem
Fabrikanten über Ihren Fall, er fragte mich, ob ich Ihnen nicht helfen
wollte, ich antwortete: „Der Mann kann ja einmal zu mir kommen,“ und
nun freue ich mich, Sie so bald hier zu sehn. Die Sache scheint Ihnen ja
sehr nahe zu gehn, worüber ich mich natürlich gar nicht wundere. Wollen
Sie vielleicht zunächst Ihren Rock ablegen?“ Trotzdem K. beabsichtigte,
nur ganz kurze Zeit hierzubleiben, war ihm diese Aufforderung des Malers
doch sehr willkommen. Die Luft im Zimmer war ihm allmählich drückend
geworden, öfters hatte er schon verwundert auf einen kleinen, zweifellos
nicht geheizten Eisenofen in der Ecke hingesehn, die Schwüle im Zimmer
war unerklärlich. Während er den Winterrock ablegte und auch noch den
Rock aufknöpfte, sagte der Maler sich entschuldigend: „Ich muß Wärme
haben. Es ist hier doch sehr behaglich, nicht? Das Zimmer ist in dieser
Hinsicht sehr gut gelegen.“ K. sagte dazu nichts, aber es war eigentlich
nicht die Wärme, die ihm Unbehagen machte, es war vielmehr die dumpfe,
das Atmen fast behindernde Luft, das Zimmer war wohl schon lange nicht

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gelüftet. Diese Unannehmlichkeit [259]wurde für K. dadurch noch verstärkt,
daß ihn der Maler bat, sich auf das Bett zu setzen, während er sich selbst
auf den einzigen Stuhl des Zimmers vor der Staffelei niedersetzte.
Außerdem schien es der Maler mißzuverstehn, warum K. nur am Bettrand
blieb, er bat vielmehr, K. möchte es sich bequem machen und ging, da K.
zögerte, selbst hin und drängte ihn tief in die Betten und Polster hinein.
Dann kehrte er wieder zu seinem Sessel zurück und stellte endlich die erste
sachliche Frage, die K. alles andere vergessen ließ. „Sind Sie unschuldig?“
fragte er. „Ja,“ sagte K. Die Beantwortung dieser Frage machte ihm
geradezu Freude, besonders da sie gegenüber einem Privatmann, also ohne
jede Verantwortung erfolgte. Noch niemand hatte ihn so offen gefragt. Um
diese Freude auszukosten, fügte er noch hinzu: „Ich bin vollständig
unschuldig.“ „So,“ sagte der Maler, senkte den Kopf und schien
nachzudenken. Plötzlich hob er wieder den Kopf und sagte: „Wenn Sie
unschuldig sind, dann ist ja die Sache sehr einfach.“ K.s Blick trübte sich,
dieser angebliche Vertrauensmann des Gerichtes redete wie ein unwissendes
Kind. „Meine Unschuld vereinfacht die [260]Sache nicht,“ sagte K. Er mußte
trotz allem lächeln und schüttelte langsam den Kopf. „Es kommt auf viele
Feinheiten an, in die sich das Gericht verliert. Zum Schluß aber zieht es von
irgendwoher, wo ursprünglich gar nichts gewesen ist, eine große Schuld
hervor.“ „Ja, ja, gewiß,“ sagte der Maler, als störe K. unnötigerweise seinen
Gedankengang. „Sie sind aber doch unschuldig?“ „Nun ja,“ sagte K. „Das
ist die Hauptsache,“ sagte der Maler. Er war durch Gegengründe nicht zu
beeinflussen, nur war es trotz seiner Entschiedenheit nicht klar, ob er aus
Überzeugung oder nur aus Gleichgültigkeit so redete. K. wollte das
zunächst feststellen und sagte deshalb: „Sie kennen ja gewiß das Gericht
viel besser als ich, ich weiß nicht viel mehr, als was ich darüber, allerdings
von ganz verschiedenen Leuten, gehört habe. Darin stimmten aber alle
überein, daß leichtsinnige Anklagen nicht erhoben werden, und daß das
Gericht, wenn es einmal anklagt, fest von der Schuld des Angeklagten
überzeugt ist und von dieser Überzeugung nur schwer abgebracht werden
kann.“ „Schwer?“ fragte der Maler und warf eine Hand in die Höhe.
„Niemals ist das Gericht davon abzubringen. [261]Wenn ich hier alle Richter

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nebeneinander auf eine Leinwand male und Sie werden sich vor dieser
Leinwand verteidigen, so werden Sie mehr Erfolg haben, als vor dem
wirklichen Gericht.“ „Ja,“ sagte K. für sich und vergaß, daß er den Maler
nur hatte ausforschen wollen.

Wieder begann ein Mädchen hinter der Tür zu fragen: „Titorelli, wird er
denn nicht schon bald weggehn.“ „Schweigt,“ rief der Maler zur Tür hin,
„seht Ihr denn nicht, daß ich mit dem Herrn eine Besprechung habe.“ Aber
das Mädchen gab sich damit nicht zufrieden, sondern fragte: „Du wirst ihn
malen?“ Und als der Maler nicht antwortete, sagte sie noch: „Bitte mal’ ihn
nicht, einen so häßlichen Menschen.“ Ein Durcheinander unverständlicher
zustimmender Zurufe folgte. Der Maler machte einen Sprung zur Tür,
öffnete sie bis zu einem Spalt — man sah die bittend vorgestreckten
gefalteten Hände der Mädchen — und sagte: „Wenn Ihr nicht still seid,
werfe ich euch alle die Treppe hinunter. Setzt Euch hier auf die Stufen und
verhaltet Euch ruhig.“ Wahrscheinlich folgten sie nicht gleich, so daß er
kommandieren mußte: „Nieder auf die Stufen!“ Erst dann wurde es still.
[262]

„Verzeihen Sie,“ sagte der Maler, als er zu K. wieder zurückkehrte. K. hatte
sich kaum zur Tür hingewendet, er hatte es vollständig dem Maler
überlassen, ob und wie er ihn in Schutz nehmen wollte. Er machte auch
jetzt kaum eine Bewegung, als sich der Maler zu ihm niederbeugte und ihm,
um draußen nicht gehört zu werden, ins Ohr flüsterte: „Auch diese
Mädchen gehören zum Gericht.“ „Wie?“ fragte K., wich mit dem Kopf zur
Seite und sah den Maler an. Dieser aber setzte sich wieder auf seinen Sessel
und sagte halb im Scherz, halb zur Erklärung: „Es gehört ja alles zum
Gericht.“ „Das habe ich noch nicht bemerkt,“ sagte K. kurz, die allgemeine
Bemerkung des Malers nahm dem Hinweis auf die Mädchen alles
Beunruhigende. Trotzdem sah K. ein Weilchen lang zur Tür hin, hinter der
die Mädchen jetzt still auf den Stufen saßen. Nur eines hatte einen
Strohhalm durch eine Ritze zwischen den Balken gestreckt und führte ihn
langsam auf und ab.

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„Sie scheinen noch keinen Überblick über das Gericht zu haben,“ sagte der
Maler, er hatte die Beine weit auseinandergestreckt und klatschte mit den
Fußspitzen auf den Boden. „Da Sie aber unschuldig [263]sind, werden Sie
ihn auch nicht benötigen. Ich allein hole Sie heraus,“ „Wie wollen Sie das
tun?“ fragte K. „Da Sie doch vor kurzem selbst gesagt haben, daß das
Gericht für Beweisgründe vollständig unzugänglich ist.“ „Unzugänglich nur
für Beweisgründe, die man vor dem Gericht vorbringt,“ sagte der Maler und
hob den Zeigefinger, als habe K. eine feine Unterscheidung nicht bemerkt.
„Anders verhält es sich aber damit, was man in dieser Hinsicht hinter dem
öffentlichen Gericht versucht, also in den Beratungszimmern, in den
Korridoren oder z. B. auch hier im Atelier.“ Was der Maler jetzt sagte,
schien K. nicht mehr so unglaubwürdig, es zeigte vielmehr eine große
Übereinstimmung mit dem, was K. auch von andern Leuten gehört hatte. Ja,
es war sogar sehr hoffnungsvoll. War der Richter durch persönliche
Beziehungen wirklich so leicht zu lenken, wie es der Advokat dargestellt
hatte, dann waren die Beziehungen des Malers zu den eitlen Richtern
besonders wichtig und jedenfalls keineswegs zu unterschätzen. Dann fügte
sich der Maler sehr gut in den Kreis von Helfern, die K. allmählich um sich
versammelte. Man hatte einmal [264]in der Bank sein Organisationstalent
gerühmt, hier, wo er ganz allein auf sich gestellt war, zeigte sich eine gute
Gelegenheit, es auf das Äußerste zu erproben. Der Maler beobachtete die
Wirkung, die seine Erklärung auf K. gemacht hatte und sagte dann mit einer
gewissen Ängstlichkeit: „Fällt es Ihnen nicht auf, daß ich fast wie ein Jurist
spreche? Es ist der ununterbrochene Verkehr mit den Herren vom Gericht,
der mich so beeinflußt. Ich habe natürlich viel Gewinn davon, aber der
künstlerische Schwung geht zum großen Teil verloren.“ „Wie sind Sie denn
zum erstenmal mit den Richtern in Verbindung gekommen?“ fragte K., er
wollte zuerst das Vertrauen des Malers gewinnen, bevor er ihn geradezu in
seine Dienste nahm. „Das war sehr einfach,“ sagte der Maler, „ich habe
diese Verbindung geerbt. Schon mein Vater war Gerichtsmaler. Es ist das
eine Stellung, die sich immer vererbt. Man kann dafür neue Leute nicht
brauchen. Es sind nämlich für das Malen der verschiedenen Beamtengrade
so verschiedene, vielfache und vor allem geheime Regeln aufgestellt, daß

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sie überhaupt nicht außerhalb bestimmter Familien bekannt werden. Dort in
der [265]Schublade z. B. habe ich die Aufzeichnungen meines Vaters, die ich
niemandem zeige. Aber nur wer sie kennt, ist zum Malen von Richtern
befähigt. Jedoch selbst wenn ich sie verlieren würde, blieben mir noch so
viele Regeln, die ich allein in meinem Kopfe trage, daß mir niemand meine
Stellung streitig machen könnte. Es will doch jeder Richter so gemalt
werden, wie die alten großen Richter gemalt worden sind, und das kann nur
ich.“ „Das ist beneidenswert,“ sagte K., der an seine Stellung in der Bank
dachte. „Ihre Stellung ist also unerschütterlich?“ „Ja, unerschütterlich,“
sagte der Maler und hob stolz die Achseln. „Deshalb kann ich es auch
wagen, hie und da einem armen Manne, der einen Prozeß hat, zu helfen.“
„Und wie tun Sie das?“ fragte K., als sei es nicht er, den der Mann soeben
einen armen Mann genannt hatte. Der Maler aber ließ sich nicht ablenken,
sondern sagte: „In Ihrem Fall z. B. werde ich, da Sie vollständig unschuldig
sind, Folgendes unternehmen.“ Die wiederholte Erwähnung seiner
Unschuld wurde K. schon lästig. Ihm schien es manchmal, als mache der
Maler durch solche Bemerkungen einen günstigen Ausgang des Prozesses
[266]zur Voraussetzung seiner Hilfe, die dadurch natürlich in sich selbst
zusammenfiel. Trotz dieser Zweifel bezwang sich aber K. und unterbrach
den Maler nicht. Verzichten wollte er auf die Hilfe des Malers nicht, dazu
war er entschlossen, auch schien ihm diese Hilfe durchaus nicht
fragwürdiger als die des Advokaten zu sein. K. zog sie jener sogar bei
weitem vor, weil sie harmloser und offener dargeboten wurde.

Der Maler hatte seinen Sessel näher zum Bett gezogen und fuhr mit
gedämpfter Stimme fort: „Ich habe vergessen, Sie zunächst zu fragen,
welche Art der Befreiung Sie wünschen. Es gibt drei Möglichkeiten,
nämlich die wirkliche Freisprechung, die scheinbare Freisprechung und die
Verschleppung. Die wirkliche Freisprechung ist natürlich das Beste, nur
habe ich nicht den geringsten Einfluß auf diese Art der Lösung. Es gibt
meiner Meinung nach überhaupt keine einzelne Person, die auf die
wirkliche Freisprechung Einfluß hätte. Hier entscheidet wahrscheinlich nur
die Unschuld des Angeklagten. Da Sie unschuldig sind, wäre es wirklich

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möglich, daß Sie sich allein auf Ihre Unschuld verlassen. Dann brauchen
[267]Sie aber weder mich noch irgendeine andere Hilfe.“

Diese geordnete Darstellung verblüffte K. anfangs, dann aber sagte er
ebenso leise wie der Maler: „Ich glaube, Sie widersprechen sich.“ „Wie
denn?“ fragte der Maler geduldig und lehnte sich lächelnd zurück. Dieses
Lächeln erweckte in K. das Gefühl, als ob er jetzt daran gehe, nicht in den
Worten des Malers, sondern in dem Gerichtsverfahren selbst Widersprüche
zu entdecken. Trotzdem wich er aber nicht zurück und sagte: „Sie haben
früher die Bemerkung gemacht, daß das Gericht für Beweisgründe
unzugänglich ist, später haben Sie dies auf das öffentliche Gericht
eingeschränkt und jetzt sagen Sie sogar, daß der Unschuldige vor dem
Gericht keine Hilfe braucht. Darin liegt schon ein Widerspruch. Außerdem
aber haben Sie früher gesagt, daß man die Richter persönlich beeinflussen
kann, stellen aber jetzt in Abrede, daß die wirkliche Freisprechung, wie Sie
sie nennen, jemals durch persönliche Beeinflussung zu erreichen ist. Darin
liegt der zweite Widerspruch.“ „Diese Widersprüche sind leicht
aufzuklären,“ sagte der Maler. „Es ist hier von zwei [268]verschiedenen
Dingen die Rede, von dem, was im Gesetz steht, und von dem, was ich
persönlich erfahren habe, das dürfen Sie nicht verwechseln. Im Gesetz, ich
habe es allerdings nicht gelesen, steht natürlich einerseits, daß der
Unschuldige freigesprochen wird, andererseits steht dort aber nicht, daß die
Richter beeinflußt werden können. Nun habe aber ich gerade das Gegenteil
dessen erfahren. Ich weiß von keiner wirklichen Freisprechung, wohl aber
von vielen Beeinflussungen. Es ist natürlich möglich, daß in allen mir
bekannten Fällen keine Unschuld vorhanden war. Aber ist das nicht
unwahrscheinlich? In so vielen Fällen keine einzige Unschuld? Schon als
Kind hörte ich dem Vater genau zu, wenn er zu Hause von Prozessen
erzählte, auch die Richter, die in sein Atelier kamen, erzählten vom Gericht,
man spricht in unsern Kreisen überhaupt von nichts anderem; kaum bekam
ich die Möglichkeit, selbst zu Gericht zu gehn, nützte ich sie immer aus,
unzählbare Prozesse habe ich in wichtigen Stadien angehört und soweit sie
sichtbar sind, verfolgt, und — ich muß es zugeben — nicht einen einzigen

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wirklichen Freispruch erlebt.“ „Keinen einzigen Freispruch also,“ sagte K.,
als [269]rede er zu sich selbst und zu seinen Hoffnungen. „Das bestätigt aber
die Meinung, die ich von dem Gericht schon habe. Es ist also auch von
dieser Seite zwecklos. Ein einziger Henker könnte das ganze Gericht
ersetzen.“ „Sie dürfen nicht verallgemeinern,“ sagte der Maler unzufrieden,
„ich habe ja nur von meinen Erfahrungen gesprochen.“ „Das genügt doch,“
sagte K., „oder haben Sie von Freisprüchen aus früherer Zeit gehört?“
„Solche Freisprüche,“ antwortete der Maler, „soll es allerdings gegeben
haben. Nur ist es sehr schwer, das festzustellen. Die abschließenden
Entscheidungen des Gerichtes werden nicht veröffentlicht, sie sind nicht
einmal den Richtern zugänglich, infolgedessen haben sich über alte
Gerichtsfälle nur Legenden erhalten. Diese enthalten allerdings sogar in der
Mehrzahl wirkliche Freisprechungen, man kann sie glauben, nachweisbar
sind sie aber nicht. Trotzdem muß man sie nicht ganz vernachlässigen, eine
gewisse Wahrheit enthalten sie wohl gewiß, auch sind sie sehr schön, ich
selbst habe einige Bilder gemalt, die solche Legenden zum Inhalt haben.“
„Bloße Legenden ändern meine Meinung nicht,“ sagte K., „man kann sich
wohl auch vor [270]Gericht auf diese Legenden nicht berufen?“ Der Maler
lachte. „Nein, das kann man nicht,“ sagte er. „Dann ist es nutzlos, darüber
zu reden,“ sagte K., er wollte vorläufig alle Meinungen des Malers
hinnehmen, selbst wenn er sie für unwahrscheinlich hielt und sie andern
Berichten widersprachen. Er hatte jetzt nicht die Zeit, alles, was der Maler
sagte, auf die Wahrheit hin zu überprüfen oder gar zu widerlegen, es war
schon das Äußerste erreicht, wenn er den Maler dazu bewog, ihm in
irgendeiner, sei es auch in einer nicht entscheidenden Weise zu helfen.
Darum sagte er: „Sehn wir also von der wirklichen Freisprechung ab, Sie
erwähnten aber noch zwei andere Möglichkeiten.“ „Die scheinbare
Freisprechung und die Verschleppung. Um die allein kann es sich handeln,“
sagte der Maler. „Wollen Sie aber nicht, ehe wir davon reden, den Rock
ausziehn. Es ist Ihnen wohl heiß.“ „Ja,“ sagte K., der bisher auf nichts als
auf die Erklärungen des Malers geachtet hatte, dem aber jetzt, da er an die
Hitze erinnert worden war, starker Schweiß auf der Stirn ausbrach. „Es ist
fast unerträglich.“ Der Maler nickte, als verstehe er K.s Unbehagen sehr

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gut. „Könnte man [271]nicht das Fenster öffnen?“ fragte K. „Nein,“ sagte der
Maler. „Es ist bloß eine fest eingesetzte Glasscheibe, man kann es nicht
öffnen.“ Jetzt erkannte K., daß er die ganze Zeit über darauf gehofft hatte,
plötzlich werde der Maler oder er zum Fenster gehn und es aufreißen. Er
war darauf vorbereitet, selbst den Nebel mit offenem Mund einzuatmen.
Das Gefühl, hier von der Luft vollständig abgesperrt zu sein, verursachte
ihm Schwindel. Er schlug leicht mit der Hand auf das Federbett neben sich
und sagte mit schwacher Stimme: „Das ist ja unbequem und ungesund.“ „O
nein,“ sagte der Maler zur Verteidigung seines Fensters. „Dadurch, daß es
nicht aufgemacht werden kann, wird, trotzdem es nur eine einfache Scheibe
ist, die Wärme hier besser festgehalten als durch ein Doppelfenster. Will ich
aber lüften, was nicht sehr notwendig ist, da durch die Balkenritzen überall
Luft eindringt, kann ich eine meiner Türen oder sogar beide öffnen.“ K.,
durch diese Erklärung ein wenig getröstet, blickte herum, um die zweite Tür
zu finden. Der Maler bemerkte das und sagte: „Sie ist hinter Ihnen, ich
mußte sie durch das Bett verstellen.“ Jetzt erst sah K. die kleine Türe in der
[272]Wand. „Es ist eben hier alles viel zu klein für ein Atelier,“ sagte der
Maler, als wolle er einem Tadel K.s zuvorkommen. „Ich mußte mich
einrichten so gut es ging. Das Bett vor der Tür steht natürlich an einem sehr
schlechten Platz. Der Richter z. B., den ich jetzt male, kommt immer durch
die Tür beim Bett und ich habe ihm auch einen Schlüssel von dieser Tür
gegeben, damit er, auch wenn ich nicht zu Hause bin, hier im Atelier auf
mich warten kann. Nun kommt er aber gewöhnlich früh am Morgen,
während ich noch schlafe. Es reißt mich natürlich immer aus dem tiefsten
Schlaf, wenn sich neben dem Bett die Türe öffnet. Sie würden jede
Ehrfurcht vor den Richtern verlieren, wenn Sie die Flüche hören würden,
mit denen ich ihn empfange, wenn er früh über mein Bett steigt. Ich könnte
ihm allerdings den Schlüssel wegnehmen, aber es würde dadurch nur ärger
werden. Man kann hier alle Türen mit der geringsten Anstrengung aus den
Angeln brechen.“ Während dieser ganzen Rede überlegte K., ob er den
Rock ausziehn sollte, er sah aber schließlich ein, daß er, wenn er es nicht
tat, unfähig war, hier noch länger zu bleiben, er zog daher den Rock
[273]aus, legte ihn aber über die Knie, um ihn, falls die Besprechung zu

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Ende wäre, wieder anziehn zu können. Kaum hatte er den Rock
ausgezogen, rief eines der Mädchen: „Er hat schon den Rock ausgezogen“
und man hörte, wie sich alle zu den Ritzen drängten, um das Schauspiel
selbst zu sehn. „Die Mädchen glauben nämlich,“ sagte der Maler, „daß ich
Sie malen werde und daß Sie sich deshalb ausziehn.“ „So,“ sagte K. nur
wenig belustigt, denn er fühlte sich nicht viel besser als früher, trotzdem er
jetzt in Hemdärmeln dasaß. Fast mürrisch fragte er: „Wie nannten Sie die
zwei andern Möglichkeiten.“ Er hatte die Ausdrücke schon wieder
vergessen. „Die scheinbare Freisprechung und die Verschleppung,“ sagte
der Maler. „Es liegt an Ihnen, was Sie davon wählen. Beides ist durch
meine Hilfe erreichbar, natürlich nicht ohne Mühe, der Unterschied in
dieser Hinsicht ist der, daß die scheinbare Freisprechung eine gesammelte
zeitweilige, die Verschleppung eine viel geringere aber dauernde
Anstrengung verlangt. Zunächst also die scheinbare Freisprechung. Wenn
Sie diese wünschen sollten, schreibe ich auf einem Bogen Papier eine
Bestätigung Ihrer Unschuld [274]auf. Der Text für eine solche Bestätigung
ist mir von meinem Vater überliefert und ganz unangreifbar. Mit dieser
Bestätigung mache ich nun einen Rundgang bei den mir bekannten
Richtern. Ich fange also etwa damit an, daß ich dem Richter, den ich jetzt
male, heute abend, wenn er zur Sitzung kommt, die Bestätigung vorlege.
Ich lege ihm die Bestätigung vor, erkläre ihm, daß Sie unschuldig sind und
verbürge mich für Ihre Unschuld. Das ist aber keine bloß äußerliche,
sondern eine wirkliche bindende Bürgschaft.“ In den Blicken des Malers
lag es wie ein Vorwurf, daß K. ihm die Last einer solchen Bürgschaft
auferlegen wolle. „Das wäre ja sehr freundlich,“ sagte K. „Und der Richter
würde Ihnen glauben und mich trotzdem nicht wirklich freisprechen?“ „Wie
ich schon sagte,“ antwortete der Maler. „Übrigens ist es durchaus nicht
sicher, daß jeder mir glauben würde, mancher Richter wird z. B. verlangen,
daß ich Sie selbst zu ihm hinführe. Dann müßten Sie also einmal
mitkommen. Allerdings ist in einem solchen Falle die Sache schon halb
gewonnen, besonders, da ich Sie natürlich vorher genau darüber
unterrichten würde, wie Sie sich bei dem betreffenden [275]Richter zu
verhalten haben. Schlimmer ist es bei den Richtern, die mich — auch das

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wird vorkommen — von vornherein abweisen. Auf diese müssen wir, wenn
ich es auch an mehrfachen Versuchen gewiß nicht fehlen lassen werde,
verzichten, wir dürfen das aber auch, denn einzelne Richter können hier
nicht den Ausschlag geben. Wenn ich nun auf dieser Bestätigung eine
genügende Anzahl von Unterschriften der Richter habe, gehe ich mit dieser
Bestätigung zu dem Richter, der Ihren Prozeß gerade führt. Möglicherweise
habe ich auch seine Unterschrift, dann entwickelt sich alles noch ein wenig
rascher als sonst. Im allgemeinen gibt es aber dann überhaupt nicht mehr
viel Hindernisse, es ist dann für den Angeklagten die Zeit der höchsten
Zuversicht. Es ist merkwürdig, aber wahr, die Leute sind in dieser Zeit
zuversichtlicher als nach dem Freispruch. Es bedarf jetzt keiner besondern
Mühe mehr. Der Richter besitzt in der Bestätigung die Bürgschaft einer
Anzahl von Richtern, kann Sie unbesorgt freisprechen und wird es
allerdings nach Durchführung verschiedener Formalitäten mir und andern
Bekannten zu Gefallen zweifellos tun. Sie aber treten aus dem Gericht
[276]und sind frei.“ „Dann bin ich also frei,“ sagte K. zögernd. „Ja,“ sagte
der Maler, „aber nur scheinbar frei oder besser ausgedrückt zeitweilig frei.
Die untersten Richter nämlich, zu denen meine Bekannten gehören, haben
nicht das Recht, endgültig freizusprechen, dieses Recht hat nur das oberste,
für Sie, für mich und für uns alle ganz unerreichbare Gericht. Wie es dort
aussieht, wissen wir nicht und wollen wir, nebenbei gesagt, auch nicht
wissen. Das große Recht, von der Anklage zu befreien, haben also unsere
Richter nicht, wohl aber haben sie das Recht, von der Anklage loszulösen.
Das heißt, wenn Sie auf diese Weise freigesprochen werden, sind Sie für
den Augenblick der Anklage entzogen, aber sie schwebt auch weiterhin
über Ihnen und kann, sobald nur der höhere Befehl kommt, sofort in
Wirkung treten. Da ich mit dem Gericht in so guter Verbindung stehe, kann
ich Ihnen auch sagen, wie sich in den Vorschriften für die Gerichtskanzleien
der Unterschied zwischen der wirklichen und der scheinbaren
Freisprechung rein äußerlich zeigt. Bei einer wirklichen Freisprechung
sollen die Prozeßakten vollständig abgelegt werden, sie verschwinden
gänzlich [277]aus dem Verfahren, nicht nur die Anklage, auch der Prozeß
und sogar der Freispruch sind vernichtet, alles ist vernichtet. Anders beim

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scheinbaren Freispruch. Mit dem Akt ist keine weitere Veränderung vor sich
gegangen, als daß er um die Bestätigung der Unschuld, um den Freispruch
und um die Begründung des Freispruchs bereichert worden ist. Im übrigen
aber bleibt er im Verfahren, er wird, wie es der ununterbrochene Verkehr
der Gerichtskanzleien erfordert, zu den höhern Gerichten weitergeleitet,
kommt zu den niedrigen zurück und pendelt so mit größeren und kleineren
Schwingungen, mit größeren und kleineren Stockungen auf und ab. Diese
Wege sind unberechenbar. Von außen gesehn, kann es manchmal den
Anschein bekommen, daß alles längst vergessen, der Akt verloren und der
Freispruch ein vollkommener ist. Ein Eingeweihter wird das nicht glauben.
Es geht kein Akt verloren, es gibt bei Gericht kein Vergessen. Eines Tages
— niemand erwartet es — nimmt irgendein Richter den Akt aufmerksam in
die Hand, erkennt, daß in diesem Falle die Anklage noch lebendig ist und
ordnet die sofortige Verhaftung an. Ich habe hier angenommen, [278]daß
zwischen dem scheinbaren Freispruch und der neuen Verhaftung eine lange
Zeit vergeht, das ist möglich und ich weiß von solchen Fällen, es ist aber
ebensogut möglich, daß der Freigesprochene vom Gericht nach Hause
kommt und dort schon Beauftragte warten, um ihn wieder zu verhaften.
Dann ist natürlich das freie Leben zu Ende.“ „Und der Prozeß beginnt von
neuem?“ fragte K. fast ungläubig. „Allerdings,“ sagte der Maler, „der
Prozeß beginnt von neuem, es besteht aber wieder die Möglichkeit, ebenso
wie früher, einen scheinbaren Freispruch zu erwirken. Man muß wieder alle
Kräfte zusammennehmen und darf sich nicht ergeben.“ Das Letztere sagte
der Maler vielleicht unter dem Eindruck, den K., der ein wenig
zusammengesunken war, auf ihn machte. „Ist aber,“ fragte K., als wolle er
jetzt irgendwelchen Enthüllungen des Malers zuvorkommen, „die
Erwirkung eines zweiten Freispruchs nicht schwieriger als die des ersten?“
„Man kann,“ antwortete der Maler, „in dieser Hinsicht nichts Bestimmtes
sagen. Sie meinen wohl, daß die Richter durch die zweite Verhaftung in
ihrem Urteil zuungunsten des Angeklagten beeinflußt [279]werden? Das ist
nicht der Fall. Die Richter haben ja schon beim Freispruch diese Verhaftung
vorhergesehn. Dieser Umstand wirkt also kaum ein. Wohl aber kann aus
zahllosen sonstigen Gründen die Stimmung der Richter sowie ihre

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rechtliche Beurteilung des Falles eine andere geworden sein, und die
Bemühungen um den zweiten Freispruch müssen daher den veränderten
Umständen angepaßt werden und im allgemeinen ebenso kräftig sein wie
die vor dem ersten Freispruch.“ „Aber dieser zweite Freispruch ist doch
wieder nicht endgültig,“ sagte K. und drehte abweisend den Kopf.
„Natürlich nicht,“ sagte der Maler, „dem zweiten Freispruch folgt die dritte
Verhaftung, dem dritten Freispruch die vierte Verhaftung und so fort. Das
liegt schon in dem Begriff des scheinbaren Freispruchs.“ K. schwieg. „Der
scheinbare Freispruch scheint Ihnen offenbar nicht vorteilhaft zu sein,“
sagte der Maler, „vielleicht entspricht Ihnen die Verschleppung besser. Soll
ich Ihnen das Wesen der Verschleppung erklären?“ K. nickte. Der Maler
hatte sich breit in seinen Sessel zurückgelehnt, das Nachthemd war weit
offen, er hatte eine Hand darunter [280]geschoben, mit der er über die Brust
und die Seiten strich. „Die Verschleppung,“ sagte der Maler und sah einen
Augenblick vor sich hin, als suche er eine vollständig zutreffende
Erklärung, „die Verschleppung besteht darin, daß der Prozeß dauernd im
niedrigsten Prozeßstadium erhalten wird. Um dies zu erreichen, ist es nötig,
daß der Angeklagte und der Helfer, insbesondere aber der Helfer in
ununterbrochener persönlicher Fühlung mit dem Gerichte bleibt. Ich
wiederhole, es ist hiefür kein solcher Kraftaufwand nötig, wie bei der
Erreichung eines scheinbaren Freispruchs, wohl aber ist eine viel größere
Aufmerksamkeit nötig. Man darf den Prozeß nicht aus dem Auge verlieren,
man muß zu dem betreffenden Richter in regelmäßigen Zwischenräumen
und außerdem bei besondern Gelegenheiten gehn und ihn auf jede Weise
sich freundlich zu erhalten suchen; ist man mit dem Richter nicht persönlich
bekannt, so muß man durch bekannte Richter ihn beeinflussen lassen, ohne
daß man etwa deshalb die unmittelbaren Besprechungen aufgeben dürfte.
Versäumt man in dieser Hinsicht nichts, so kann man mit genügender
Bestimmtheit annehmen, daß der Prozeß [281]über sein erstes Stadium nicht
hinauskommt. Der Prozeß hört zwar nicht auf, aber der Angeklagte ist vor
einer Verurteilung fast ebenso gesichert, wie wenn er frei wäre. Gegenüber
dem scheinbaren Freispruch hat die Verschleppung den Vorteil, daß die
Zukunft des Angeklagten weniger unbestimmt ist, er bleibt vor dem

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Schrecken der plötzlichen Verhaftungen bewahrt und muß nicht fürchten,
etwa gerade zu Zeiten, wo seine sonstigen Umstände dafür am wenigsten
günstig sind, die Anstrengungen und Aufregungen auf sich nehmen zu
müssen, welche mit der Erreichung des scheinbaren Freispruchs verbunden
sind. Allerdings hat auch die Verschleppung für den Angeklagten gewisse
Nachteile, die man nicht unterschätzen darf. Ich denke hiebei nicht daran,
daß hier der Angeklagte niemals frei ist, das ist er ja auch bei der
scheinbaren Freisprechung im eigentlichen Sinne nicht. Es ist ein anderer
Nachteil. Der Prozeß kann nicht stillstehn, ohne daß wenigstens scheinbare
Gründe dafür vorliegen. Es muß deshalb im Prozeß nach außen hin etwas
geschehn. Es müssen also von Zeit zu Zeit verschiedene Anordnungen
getroffen werden, der Angeklagte muß [282]verhört werden, Untersuchungen
müssen stattfinden usw. Der Prozeß muß eben immerfort in dem kleinen
Kreis, auf den er künstlich eingeschränkt worden ist, gedreht werden. Das
bringt natürlich gewisse Unannehmlichkeiten für den Angeklagten mit sich,
die Sie sich aber wiederum nicht zu schlimm vorstellen dürfen. Es ist ja
alles nur äußerlich, die Verhöre beispielsweise sind also nur ganz kurz;
wenn man einmal keine Zeit oder keine Lust hat hinzugehn, darf man sich
entschuldigen, man kann sogar bei gewissen Richtern die Anordnungen für
eine lange Zeit im voraus gemeinsam festsetzen, es handelt sich im Wesen
nur darum, daß man, da man Angeklagter ist, von Zeit zu Zeit bei seinem
Richter sich meldet.“ Schon während der letzten Worte hatte K. den Rock
über den Arm gelegt und war aufgestanden. „Er steht schon auf,“ rief es
sofort draußen vor der Tür. „Sie wollen schon fortgehn?“ fragte der Maler,
der auch aufgestanden war. „Es ist gewiß die Luft, die Sie von hier
vertreibt. Es ist mir sehr peinlich. Ich hätte Ihnen auch noch manches zu
sagen. Ich mußte mich ganz kurz fassen. Ich hoffe aber verständlich
gewesen zu sein.“ „O ja,“ sagte [283]K., dem von der Anstrengung, mit der
er sich zum Zuhören gezwungen hatte, der Kopf schmerzte. Trotz dieser
Bestätigung sagte der Maler alles noch einmal zusammenfassend, als wolle
er K. auf den Heimweg einen Trost mitgeben: „Beide Methoden haben das
Gemeinsame, daß sie eine Verurteilung des Angeklagten verhindern.“ „Sie
verhindern aber auch die wirkliche Freisprechung,“ sagte K. leise, als

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schäme er sich, das erkannt zu haben. „Sie haben den Kern der Sache
erfaßt,“ sagte der Maler schnell. K. legte die Hand auf seinen Winterrock,
konnte sich aber nicht einmal entschließen, den Rock anzuziehn. Am
liebsten hätte er alles zusammengepackt und wäre damit an die frische Luft
gelaufen. Auch die Mädchen konnten ihn nicht dazu bewegen, sich
anzuziehn, trotzdem sie, verfrüht, einander schon zuriefen, daß er sich
anziehe. Dem Maler lag daran, K.s Stimmung irgendwie zu deuten, er sagte
deshalb: „Sie haben sich wohl hinsichtlich meiner Vorschläge noch nicht
entschieden. Ich billige das. Ich hätte Ihnen sogar davon abgeraten, sich
sofort zu entscheiden. Die Vorteile und Nachteile sind haarfein. Man muß
alles genau abschätzen. Allerdings darf man [284]auch nicht zuviel Zeit
verlieren.“ „Ich werde bald wiederkommen,“ sagte K., der in einem
plötzlichen Entschluß den Rock anzog, den Mantel über die Schulter warf
und zur Tür eilte, hinter der jetzt die Mädchen zu schreien anfingen. K.
glaubte, die schreienden Mädchen durch die Tür zu sehn. „Sie müssen aber
Wort halten,“ sagte der Maler, der ihm nicht gefolgt war, „sonst komme ich
in die Bank, um selbst nachzufragen.“ „Sperren Sie doch die Tür auf,“ sagte
K. und riß an der Klinke, die die Mädchen, wie er an dem Gegendruck
merkte, draußen festhielten. „Wollen Sie von den Mädchen belästigt
werden?“ fragte der Maler. „Benutzen Sie doch lieber diesen Ausgang“, und
er zeigte auf die Tür hinter dem Bett. K. war damit einverstanden und
sprang zum Bett zurück. Aber statt die Tür dort zu öffnen, kroch der Maler
unter das Bett und fragte von unten: „Nur noch einen Augenblick. Wollen
Sie nicht noch ein Bild sehn, das ich Ihnen verkaufen könnte?“ K. wollte
nicht unhöflich sein, der Maler hatte sich wirklich seiner angenommen und
versprochen, ihm weiterhin zu helfen, auch war infolge der Vergeßlichkeit
K.s über die Entlohnung für die Hilfe noch [285]gar nicht gesprochen
worden, deshalb konnte ihn K. jetzt nicht abweisen und ließ sich das Bild
zeigen, wenn er auch vor Ungeduld zitterte, aus dem Atelier
wegzukommen. Der Maler zog unter dem Bett einen Haufen ungerahmter
Bilder hervor, die so mit Staub bedeckt waren, daß dieser, als ihn der Maler
vom obersten Bild wegzublasen suchte, längere Zeit atemraubend K. vor
den Augen wirbelte. „Eine Heidelandschaft,“ sagte der Maler und reichte K.

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das Bild. Es stellte zwei schwache Bäume dar, die weit voneinander entfernt
im dunklen Gras standen. Im Hintergrund war ein vielfarbiger
Sonnenuntergang. „Schön,“ sagte K., „ich kaufe es.“ K. hatte unbedacht
sich so kurz geäußert, er war daher froh, als der Maler, statt dies
übelzunehmen, ein zweites Bild vom Boden aufhob. „Hier ist ein
Gegenstück zu diesem Bild,“ sagte der Maler. Es mochte als Gegenstück
beabsichtigt sein, es war aber nicht der geringste Unterschied gegenüber
dem ersten Bild zu merken, hier waren die Bäume, hier das Gras und dort
der Sonnenuntergang. Aber K. lag wenig daran. „Es sind schöne
Landschaften,“ sagte er, „ich kaufe beide und werde sie in meinem Bureau
aufhängen.“ [286]„Das Motiv scheint Ihnen zu gefallen,“ sagte der Maler
und holte ein drittes Bild herauf, „es trifft sich gut, daß ich noch ein
ähnliches Bild hier habe.“ Es war aber nicht ähnlich, es war vielmehr die
völlig gleiche alte Heidelandschaft. Der Maler nutzte diese Gelegenheit,
alte Bilder zu verkaufen, gut aus. „Ich nehme auch dieses noch,“ sagte K.
„Wieviel kosten die drei Bilder?“ „Darüber werden wir nächstens
sprechen,“ sagte der Maler. „Sie haben jetzt Eile und wir bleiben doch in
Verbindung. Im übrigen freut es mich, daß Ihnen die Bilder gefallen, ich
werde Ihnen alle Bilder mitgeben, die ich hier unten habe. Es sind lauter
Heidelandschaften, ich habe schon viele Heidelandschaften gemalt. Manche
Leute weisen solche Bilder ab, weil sie zu düster sind, andere aber, und Sie
gehören zu ihnen, lieben gerade das Düstere.“ Aber K. hatte jetzt keinen
Sinn für die beruflichen Erfahrungen des Bettelmalers. „Packen Sie alle
Bilder ein,“ rief er, dem Maler in die Rede fallend, „morgen kommt mein
Diener und wird sie holen.“ „Es ist nicht nötig,“ sagte der Maler. „Ich hoffe,
ich werde Ihnen einen Träger verschaffen können, der gleich mit Ihnen
gehen wird.“ Und [287]er beugte sich endlich über das Bett und sperrte die
Tür auf, „Steigen Sie ohne Scheu auf das Bett,“ sagte der Maler, „das tut
jeder, der hier hereinkommt.“ K. hätte auch ohne diese Aufforderung keine
Rücksicht genommen, er hatte sogar schon einen Fuß mitten auf das
Federbett gesetzt, da sah er durch die offene Tür hinaus und zog den Fuß
wieder zurück. „Was ist das?“ fragte er den Maler. „Worüber staunen Sie?“
fragte dieser, seinerseits staunend. „Es sind die Gerichtskanzleien. Wußten

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Sie nicht, daß hier Gerichtskanzleien sind? Gerichtskanzleien sind doch fast
auf jedem Dachboden, warum sollten sie gerade hier fehlen? Auch mein
Atelier gehört eigentlich zu den Gerichtskanzleien, das Gericht hat es mir
aber zur Verfügung gestellt.“ K. erschrak nicht so sehr darüber, daß er auch
hier Gerichtskanzleien gefunden hatte, er erschrak hauptsächlich über sich,
über seine Unwissenheit in Gerichtssachen. Als eine Grundregel für das
Verhalten eines Angeklagten erschien es ihm, immer vorbereitet zu sein,
sich niemals überraschen lassen, nicht ahnungslos nach rechts zu schauen,
wenn links der Richter neben ihm stand — und gerade gegen diese
Grundregel verstieß [288]er immer wieder. Vor ihm dehnte sich ein langer
Gang, aus dem eine Luft wehte, mit der verglichen die Luft im Atelier
erfrischend war. Bänke waren zu beiden Seiten des Ganges aufgestellt,
genau so wie im Wartezimmer der Kanzlei, die für K. zuständig war. Es
schienen genaue Vorschriften für die Einrichtung von Kanzleien zu bestehn.
Augenblicklich war der Parteienverkehr hier nicht sehr groß. Ein Mann saß
dort halb liegend, das Gesicht hatte er auf der Bank in seine Arme
vergraben und schien zu schlafen; ein anderer stand im Halbdunkel am
Ende des Ganges. K. stieg nun über das Bett, der Maler folgte ihm mit den
Bildern. Sie trafen bald einen Gerichtsdiener — K. erkannte jetzt schon alle
Gerichtsdiener an dem Goldknopf, den diese an ihrem Zivilanzug unter den
gewöhnlichen Knöpfen hatten — und der Maler gab ihm den Auftrag, K.
mit den Bildern zu begleiten. K. wankte mehr als er ging, das Taschentuch
hielt er an den Mund gedrückt. Sie waren schon nahe am Ausgang, da
stürmten ihnen die Mädchen entgegen, die also K. auch nicht erspart
geblieben waren. Sie hatten offenbar gesehn, daß die zweite Tür des
Ateliers [289]geöffnet worden war und hatten den Umweg gemacht, um von
dieser Seite einzudringen. „Ich kann Sie nicht mehr begleiten,“ rief der
Maler lachend unter dem Andrang der Mädchen. „Auf Wiedersehn. Und
überlegen Sie nicht zu lange!“ K. sah sich nicht einmal nach ihm um. Auf
der Gasse nahm er den ersten Wagen, der ihm in den Weg kam. Es lag ihm
daran, den Diener loszuwerden, dessen Goldknopf ihm unaufhörlich in die
Augen stach, wenn er auch sonst wahrscheinlich niemandem auffiel. In
seiner Dienstfertigkeit wollte sich der Diener noch auf den Kutschbock

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setzen, K. jagte ihn aber herunter. Mittag war schon längst vorüber, als K.
vor der Bank ankam. Er hätte gern die Bilder im Wagen gelassen, fürchtete
aber, bei irgendeiner Gelegenheit genötigt zu werden, sich dem Maler
gegenüber mit ihnen auszuweisen. Er ließ sie daher in das Bureau schaffen
und versperrte sie in die unterste Lade seines Tisches, um sie wenigstens für
die allernächsten Tage vor den Blicken des Direktor-Stellvertreters in
Sicherheit zu bringen. [290]

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[Inhalt]

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ACHTES KAPITEL

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KAUFMANN BLOCK · KÜNDIGUNG DES
ADVOKATEN
Endlich hatte sich K. doch entschlossen, dem Advokaten seine Vertretung
zu entziehn. Zweifel daran, ob es richtig war, so zu handeln, waren zwar
nicht auszurotten, aber die Überzeugung von der Notwendigkeit dessen
überwog. Die Entschließung hatte K. an dem Tage, an dem er zum
Advokaten gehen wollte, viel Arbeitskraft entzogen, er arbeitete besonders
langsam, er mußte sehr lange im Bureau bleiben, und es war schon 10 Uhr
vorüber, als er endlich vor der Tür des Advokaten stand. Noch ehe er
läutete, überlegte er, ob es nicht besser wäre, dem Advokaten telephonisch
oder brieflich zu kündigen, die persönliche Unterredung würde gewiß sehr
peinlich werden. Trotzdem wollte K. schließlich nicht auf sie verzichten,
bei jeder andern Art der Kündigung [291]würde diese stillschweigend oder
mit ein paar förmlichen Worten angenommen werden und K. würde, wenn
nicht etwa Leni einiges erforschen könnte, niemals erfahren, wie der
Advokat die Kündigung aufgenommen hatte und was für Folgen für K.
diese Kündigung nach der nicht unwichtigen Meinung des Advokaten
haben könnte. Saß aber der Advokat K. gegenüber und wurde er von der
Kündigung überrascht, so würde K., selbst wenn der Advokat sich nicht viel
entlocken ließ, aus seinem Gesicht und seinem Benehmen alles, was er
wollte, leicht entnehmen können. Es war sogar nicht ausgeschlossen, daß er
überzeugt wurde, daß es doch gut wäre, dem Advokaten die Verteidigung zu
überlassen und daß er dann seine Kündigung zurückzog.

Das erste Läuten an der Tür des Advokaten war, wie gewöhnlich, zwecklos.
„Leni könnte flinker sein,“ dachte K. Aber es war schon ein Vorteil, wenn
sich nicht die andere Partei einmischte, wie sie es gewöhnlich tat, sei es,
daß der Mann im Schlafrock oder sonst jemand zu belästigen anfing.
Während K. zum zweitenmal den Knopf drückte, sah er nach der andern

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Tür zurück, [292]diesmal aber blieb auch sie geschlossen. Endlich erschienen
an dem Guckfenster der Tür des Advokaten zwei Augen, es waren aber
nicht Lenis Augen. Jemand schloß die Tür auf, stemmte sich aber vorläufig
noch gegen sie, rief in die Wohnung zurück: „Er ist es,“ und öffnete erst
dann vollständig. K. hatte gegen die Tür gedrängt, denn schon hörte er, wie
hinter ihm in der Tür der andern Wohnung der Schlüssel hastig im Schloß
gedreht wurde. Als sich daher die Tür vor ihm endlich öffnete, stürmte er
geradezu ins Vorzimmer und sah noch, wie durch den Gang, der zwischen
den Zimmern hindurchführte, Leni, welcher der Warnungsruf des
Türöffners gegolten hatte, im Hemd davonlief. Er blickte ihr ein Weilchen
nach und sah sich dann nach dem Türöffner um. Es war ein kleiner dürrer
Mann mit Vollbart, er hielt eine Kerze in der Hand. „Sie sind hier
angestellt?“ fragte K. „Nein,“ antwortete der Mann, „ich bin hier fremd, der
Advokat ist nur mein Vertreter, ich bin hier wegen einer
Rechtsangelegenheit.“ „Ohne Rock?“ fragte K. und zeigte mit einer
Handbewegung auf die mangelhafte Bekleidung des Mannes. „Ach
verzeihen Sie,“ sagte der Mann [293]und beleuchtete sich selbst mit der
Kerze, als sähe er selbst zum erstenmal seinen Zustand. „Leni ist Ihre
Geliebte?“ fragte K. kurz. Er hatte die Beine ein wenig gespreizt, die
Hände, in denen er den Hut hielt, hinten verschlungen. Schon durch den
Besitz eines starken Überrocks fühlte er sich dem magern Kleinen sehr
überlegen. „O Gott,“ sagte der und hob die eine Hand in erschrockener
Abwehr vor das Gesicht, „nein, nein, was denken Sie denn?“ „Sie sehn
glaubwürdig aus,“ sagte K. lächelnd, „trotzdem — kommen Sie.“ Er winkte
ihm mit dem Hut und ließ ihn vor sich gehn. „Wie heißen Sie denn?“ fragte
K. auf dem Weg. „Block, Kaufmann Block,“ sagte der Kleine und drehte
sich bei dieser Vorstellung nach K. um, stehenbleiben ließ ihn aber K. nicht.
„Ist das Ihr wirklicher Name?“ fragte K. „Gewiß,“ war die Antwort,
„warum haben Sie denn Zweifel?“ „Ich dachte, Sie könnten Grund haben,
Ihren Namen zu verschweigen,“ sagte K. Er fühlte sich so frei, wie man es
sonst nur ist, wenn man in der Fremde mit niedrigen Leuten spricht, alles
was einen selbst betrifft, bei sich behält, nur gleichmütig von den Interessen
der andern redet, sie dadurch vor sich [294]selbst erhöht, aber auch nach

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Belieben fallen lassen kann. Bei der Tür des Arbeitszimmers des Advokaten
blieb K. stehn, öffnete sie und rief dem Kaufmann, der folgsam
weitergegangen war, zu: „Nicht so eilig, leuchten Sie hier.“ K. dachte, Leni
könnte sich hier versteckt haben, er ließ den Kaufmann alle Winkel
absuchen, aber das Zimmer war leer. Vor dem Bild des Richters hielt K. den
Kaufmann hinten an den Hosenträgern zurück. „Kennen Sie den,“ fragte er
und zeigte mit dem Zeigefinger in die Höhe. Der Kaufmann hob die Kerze,
sah blinzelnd hinauf und sagte: „Es ist ein Richter.“ „Ein hoher Richter?“
fragte K. und stellte sich seitlich vor den Kaufmann, um den Eindruck, den
das Bild auf ihn machte, zu beobachten. Der Kaufmann sah bewundernd
aufwärts. „Es ist ein hoher Richter,“ sagte er. „Sie haben keinen großen
Einblick,“ sagte K. „Unter den niedrigen Untersuchungsrichtern ist er der
niedrigste.“ „Nun erinnere ich mich,“ sagte der Kaufmann und senkte die
Kerze, „ich habe es auch schon gehört.“ „Aber natürlich,“ rief K., „ich
vergaß ja, natürlich müssen Sie es schon gehört haben.“ „Aber warum denn,
warum denn?“ fragte der Kaufmann, während er [295]sich, von K. mit den
Händen angetrieben, zur Tür fortbewegte. Draußen auf dem Gang sagte K.:
„Sie wissen doch, wo sich Leni versteckt hat?“ „Versteckt?“ sagte der
Kaufmann, „nein, sie dürfte aber in der Küche sein und dem Advokaten
eine Suppe kochen.“ „Warum haben Sie das nicht gleich gesagt?“ fragte K.
„Ich wollte Sie ja hinführen, Sie haben mich aber wieder zurückgerufen,“
antwortete der Kaufmann, wie verwirrt durch die widersprechenden
Befehle. „Sie glauben wohl sehr schlau zu sein,“ sagte K., „führen Sie mich
also!“ In der Küche war K. noch nie gewesen, sie war überraschend groß
und reich ausgestattet. Allein der Herd war dreimal so groß wie
gewöhnliche Herde, von dem übrigen sah man keine Einzelheiten, denn die
Küche wurde jetzt nur von einer kleinen Lampe beleuchtet, die beim
Eingang hing. Am Herd stand Leni in weißer Schürze wie immer und leerte
Eier in einen Topf aus, der auf einem Spiritusfeuer stand. „Guten Abend,
Josef,“ sagte sie mit einem Seitenblick. „Guten Abend,“ sagte K. und zeigte
mit einer Hand auf einen abseits stehenden Sessel, auf den sich der
Kaufmann setzen sollte, was dieser auch tat. K. aber ging ganz nahe
[296]hinter Leni, beugte sich über ihre Schulter und fragte: „Wer ist der

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Mann?“ Leni umfaßte K. mit einer Hand, die andere quirlte die Suppe, zog
ihn nach vorn zu sich und sagte: „Es ist ein bedauernswerter Mensch, ein
armer Kaufmann, ein gewisser Block. Sieh ihn nur an.“ Sie blickten beide
zurück. Der Kaufmann saß auf dem Sessel, auf den ihn K. gewiesen hatte,
er hatte die Kerze, deren Licht jetzt unnötig war, ausgepustet und drückte
mit den Fingern den Docht, um den Rauch zu verhindern. „Du warst im
Hemd,“ sagte K. und wendete ihren Kopf mit der Hand wieder dem Herd
zu. Sie schwieg. „Er ist dein Geliebter?“ fragte K. Sie wollte nach dem
Suppentopf greifen, aber K. nahm ihre beiden Hände und sagte: „Nun,
antworte!“ Sie sagte: „Komm ins Arbeitszimmer, ich werde dir alles
erklären.“ „Nein,“ sagte K., „ich will, daß du es hier erklärst.“ Sie hing sich
an ihn und wollte ihn küssen. K. wehrte sie aber ab und sagte: „Ich will
nicht, daß du mich jetzt küßt.“ „Josef,“ sagte Leni und sah K. bittend und
doch offen in die Augen, „du wirst doch nicht auf Herrn Block eifersüchtig
sein.“ „Rudi,“ sagte sie dann, sich an den Kaufmann wendend, „so hilf mir
doch, [297]du siehst, ich werde verdächtigt, laß die Kerze.“ Man hätte
denken können, er hätte nicht achtgegeben, aber er war vollständig
eingeweiht. „Ich wüßte auch nicht, warum Sie eifersüchtig sein sollten,“
sagte er wenig schlagfertig. „Ich weiß es eigentlich auch nicht,“ sagte K.
und sah den Kaufmann lächelnd an. Leni lachte laut, benutzte die
Unaufmerksamkeit K.s, um sich in seinen Arm einzuhängen und flüsterte:
„Laß ihn jetzt, du siehst ja, was für ein Mensch er ist. Ich habe mich seiner
ein wenig angenommen, weil er eine große Kundschaft des Advokaten ist,
aus keinem andern Grunde. Und du? Willst du noch heute mit dem
Advokaten sprechen? Er ist heute sehr krank, aber wenn du willst, melde
ich dich doch an. Über Nacht bleibst du aber bei mir ganz gewiß. Du warst
auch schon so lange nicht bei uns, selbst der Advokat hat nach dir gefragt.
Vernachlässige den Prozeß nicht! Auch ich habe dir verschiedenes
mitzuteilen, was ich erfahren habe. Nun aber zieh fürs erste deinen Mantel
aus!“ Sie half ihm ihn ausziehn, nahm ihm den Hut ab, lief mit den Sachen
ins Vorzimmer, sie anzuhängen, lief dann wieder zurück und sah nach der
Suppe. „Soll ich [298]zuerst dich anmelden oder ihm zuerst die Suppe
bringen.“ „Melde mich zuerst an,“ sagte K. Er war ärgerlich, er hatte

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ursprünglich beabsichtigt, mit Leni seine Angelegenheit, insbesondere die
fragliche Kündigung, genau zu besprechen, die Anwesenheit des
Kaufmanns hatte ihm aber die Lust dazu genommen. Jetzt aber hielt er
seine Sache doch für zu wichtig, als daß dieser kleine Kaufmann vielleicht
entscheidend eingreifen sollte und so rief er Leni, die schon auf dem Gang
war, wieder zurück. „Bring ihm doch zuerst die Suppe,“ sagte er, „er soll
sich für die Unterredung mit mir stärken, er wird es nötig haben.“ „Sie sind
auch ein Klient des Advokaten,“ sagte wie zur Feststellung der Kaufmann
leise aus seiner Ecke. Es wurde aber nicht gut aufgenommen. „Was
kümmert Sie denn das?“ sagte K. und Leni sagte: „Wirst du still sein.“
„Dann bringe ich ihm also zuerst die Suppe,“ sagte Leni zu K. und goß die
Suppe auf einen Teller. „Es ist dann nur zu befürchten, daß er bald
einschläft, nach dem Essen schläft er bald ein.“ „Das, was ich ihm sagen
werde, wird ihn wacherhalten,“ sagte K., er wollte immerfort durchblicken
lassen, daß er etwas Wichtiges [299]mit dem Advokaten zu verhandeln
beabsichtige, er wollte von Leni gefragt werden, was es sei, und dann erst
sie um Rat fragen. Aber sie erfüllte pünktlich bloß die ausgesprochenen
Befehle. Als sie mit der Tasse an ihm vorüberging, stieß sie absichtlich sanft
an ihn und flüsterte: „Bis er die Suppe gegessen hat, melde ich dich gleich
an, damit ich dich möglichst bald wieder bekomme.“ „Geh nur,“ sagte K.,
„geh nur.“ „Sei doch freundlicher,“ sagte sie und drehte sich in der Tür mit
der Tasse nochmals ganz um.

K. sah ihr nach; nun war es endgültig beschlossen, daß der Advokat
entlassen würde, es war wohl auch besser, daß er vorher mit Leni nicht
mehr darüber sprechen konnte; sie hatte kaum den genügenden Überblick
über das Ganze, hätte gewiß abgeraten, hätte möglicherweise K. auch
wirklich von der Kündigung diesmal abgehalten, er wäre weiterhin in
Zweifel und Unruhe geblieben und schließlich hätte er nach einiger Zeit
seinen Entschluß doch ausgeführt, denn dieser Entschluß war allzu
zwingend. Je früher er aber ausgeführt wurde, desto mehr Schaden wurde
abgehalten. Vielleicht wußte übrigens der Kaufmann etwas darüber zu
sagen. [300]

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K. wandte sich um; kaum bemerkte das der Kaufmann, als er sofort
aufstehen wollte. „Bleiben Sie sitzen,“ sagte K. und zog einen Sessel neben
ihn. „Sind Sie schon ein alter Klient des Advokaten?“ fragte K. „Ja,“ sagte
der Kaufmann, „ein sehr alter Klient.“ „Wieviel Jahre vertritt er Sie denn
schon?“ fragte K. „Ich weiß nicht, wie Sie es meinen,“ sagte der Kaufmann,
„in geschäftlichen Rechtsangelegenheiten — ich habe ein Getreidegeschäft
— vertritt mich der Advokat schon seitdem ich das Geschäft übernommen
habe, also etwa seit 20 Jahren, in meinem eigenen Prozeß, auf den Sie
wahrscheinlich anspielen, vertritt er mich auch seit Beginn, es ist schon
länger als 5 Jahre. Ja, weit über 5 Jahre,“ fügte er dann hinzu und zog eine
alte Brieftasche hervor, „hier habe ich alles aufgeschrieben; wenn Sie
wollen, sage ich Ihnen die genauen Daten. Es ist schwer, alles zu behalten.
Mein Prozeß dauert wahrscheinlich schon viel länger, er begann kurz nach
dem Tod meiner Frau und das ist schon länger als 5½ Jahre.“ K. rückte
näher zu ihm. „Der Advokat übernimmt also auch gewöhnliche
Rechtssachen?“ fragte er. Diese Verbindung der Geschäfte und
[301]Rechtswissenschaften schien K. ungemein beruhigend. „Gewiß,“ sagte
der Kaufmann und flüsterte dann K. zu: „Man sagt sogar, daß er in diesen
Rechtssachen tüchtiger ist, als in den andern.“ Aber dann schien er das
Gesagte zu bereuen, er legte K. eine Hand auf die Schulter und sagte: „Ich
bitte Sie sehr, verraten Sie mich nicht.“ K. klopfte ihm zur Beruhigung auf
den Schenkel und sagte: „Nein, ich bin kein Verräter.“ „Er ist nämlich
rachsüchtig,“ sagte der Kaufmann. „Gegen einen so treuen Klienten wird er
gewiß nichts tun,“ sagte K. „O doch,“ sagte der Kaufmann, „wenn er
aufgeregt ist, kennt er keine Unterschiede, übrigens bin ich ihm nicht
eigentlich treu.“ „Wieso denn nicht?“ fragte K. „Soll ich es Ihnen
anvertrauen,“ fragte der Kaufmann zweifelnd. „Ich denke, Sie dürfen es,“
sagte K. „Nun,“ sagte der Kaufmann, „ich werde es Ihnen zum Teil
anvertrauen, Sie müssen mir aber auch ein Geheimnis sagen, damit wir uns
gegenüber dem Advokaten gegenseitig festhalten.“ „Sie sind sehr
vorsichtig,“ sagte K., „aber ich werde Ihnen ein Geheimnis sagen, das Sie
vollständig beruhigen wird. Worin besteht also Ihre Untreue [302]gegenüber
dem Advokaten?“ „Ich habe,“ sagte der Kaufmann zögernd und in einem

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Ton, als gestehe er etwas Unehrenhaftes ein, „ich habe außer ihm noch
andere Advokaten.“ „Das ist doch nichts so Schlimmes,“ sagte K. ein wenig
enttäuscht. „Hier ja,“ sagte der Kaufmann, der noch seit seinem Geständnis
schwer atmete, infolge K.s Bemerkung aber mehr Vertrauen faßte. „Es ist
nicht erlaubt. Und am allerwenigsten ist es erlaubt, neben einem
sogenannten Advokaten auch noch Winkeladvokaten zu nehmen. Und
gerade das habe ich getan, ich habe außer ihm noch fünf Winkeladvokaten.“
„Fünf!“ rief K., erst die Zahl setzte ihn in Erstaunen, „fünf Advokaten außer
diesem?“ Der Kaufmann nickte: „Ich verhandle gerade noch mit einem
sechsten.“ „Aber wozu brauchen Sie denn so viel Advokaten,“ fragte K.
„Ich brauche alle,“ sagte der Kaufmann. „Wollen Sie mir das nicht
erklären?“ fragte K. „Gern,“ sagte der Kaufmann. „Vor allem will ich doch
meinen Prozeß nicht verlieren, das ist doch selbstverständlich.
Infolgedessen darf ich nichts, was mir nützen könnte, außer acht lassen;
selbst wenn die Hoffnung auf Nutzen in einem bestimmten Falle [303]nur
ganz gering ist, darf ich sie nicht verwerfen. Ich habe deshalb alles, was ich
besitze, auf den Prozeß verwendet. So habe ich z. B. alles Geld meinem
Geschäft entzogen, früher füllten die Bureauräume meines Geschäfts fast
ein Stockwerk, heute genügt eine kleine Kammer im Hinterhaus, wo ich mit
einem Lehrjungen arbeite. Diesen Rückgang hatte natürlich nicht nur die
Entziehung des Geldes verschuldet, sondern mehr noch die Entziehung
meiner Arbeitskraft. Wenn man für seinen Prozeß etwas tun will, kann man
sich mit anderem nur wenig befassen.“ „Sie arbeiten also noch selbst bei
Gericht,“ fragte K. „Gerade darüber möchte ich gern etwas erfahren.“
„Darüber kann ich nur wenig berichten,“ sagte der Kaufmann, „anfangs
habe ich es wohl auch versucht, aber ich habe bald wieder davon
abgelassen. Es ist zu erschöpfend und bringt nicht viel Erfolg. Selbst dort
zu arbeiten und zu unterhandeln hat sich wenigstens für mich als ganz
unmöglich erwiesen. Es ist ja dort schon das bloße Sitzen und Warten eine
große Anstrengung. Sie kennen ja selbst die schwere Luft in den
Kanzleien.“ „Wieso wissen Sie denn, daß ich dort war?“ fragte K. [304]„Ich
war gerade im Wartezimmer, als Sie durchgingen.“ „Was für ein Zufall das
ist!“ rief K. ganz hingenommen und die frühere Lächerlichkeit des

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Kaufmanns ganz vergessend, „Sie haben mich also gesehn! Sie waren im
Wartezimmer, als ich durchging. Ja, ich bin dort einmal durchgegangen.“
„Es ist kein so großer Zufall,“ sagte der Kaufmann, „ich bin dort fast jeden
Tag.“ „Ich werde nun wahrscheinlich auch öfters hingehn müssen,“ sagte
K., „nur werde ich wohl kaum mehr so ehrenvoll aufgenommen werden wie
damals. Alle standen auf. Man dachte wohl, ich sei ein Richter.“ „Nein,“
sagte der Kaufmann, „wir grüßten damals den Gerichtsdiener. Daß Sie ein
Angeklagter sind, das wußten wir. Solche Nachrichten verbreiten sich sehr
rasch.“ „Das wußten Sie also schon,“ sagte K., „dann erschien Ihnen aber
mein Benehmen vielleicht hochmütig. Sprach man sich nicht darüber aus?“
„Nein,“ sagte der Kaufmann, „im Gegenteil. Aber das sind Dummheiten.“
„Was für Dummheiten denn?“ fragte K. „Warum fragen Sie danach?“ sagte
der Kaufmann ärgerlich. „Sie scheinen die Leute dort noch nicht zu kennen
und werden es vielleicht unrichtig auffassen. Sie müssen [305]bedenken, daß
in diesem Verfahren immer wieder viele Dinge zur Sprache kommen, für
die der Verstand nicht mehr ausreicht, man ist einfach zu müde und
abgelenkt für vieles und zum Ersatz verlegt man sich auf den Aberglauben.
Ich rede von den andern, bin aber selbst gar nicht besser. Ein solcher
Aberglaube ist es z. B., daß viele aus dem Gesicht des Angeklagten,
insbesondere aus der Zeichnung der Lippen den Ausgang des Prozesses
erkennen wollen. Diese Leute also haben behauptet, Sie würden, nach Ihren
Lippen zu schließen, gewiß und bald verurteilt werden. Ich wiederhole, es
ist ein lächerlicher Aberglaube und in den meisten Fällen durch die
Tatsachen auch vollständig widerlegt, aber wenn man in jener Gesellschaft
lebt, ist es schwer, sich solchen Meinungen zu entziehen. Denken Sie nur,
wie stark dieser Aberglaube wirken kann. Sie haben doch einen dort
angesprochen, nicht? Er konnte Ihnen aber kaum antworten. Es gibt
natürlich viele Gründe, um dort verwirrt zu sein, aber einer davon war auch
der Anblick Ihrer Lippen. Er hat später erzählt, er hätte auf Ihren Lippen
auch das Zeichen seiner eigenen Verurteilung [306]zu sehen geglaubt.“
„Meine Lippen?“ fragte K., zog einen Taschenspiegel hervor und sah sich
an. „Ich kann an meinen Lippen nichts Besonderes erkennen. Und Sie?“
„Ich auch nicht,“ sagte der Kaufmann, „ganz und gar nicht.“ „Wie

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abergläubisch diese Leute sind,“ rief K. aus. „Sagte ich es nicht?“ fragte der
Kaufmann. „Verkehren sie denn so viel untereinander und tauschen sie ihre
Meinungen aus?“ sagte K. „Ich habe mich bisher ganz abseits gehalten.“
„Im allgemeinen verkehren sie nicht miteinander,“ sagte der Kaufmann,
„das wäre nicht möglich, es sind ja so viele. Es gibt auch wenig
gemeinsame Interessen. Wenn manchmal in einer Gruppe der Glaube an ein
gemeinsames Interesse auftaucht, so erweist er sich bald als ein Irrtum.
Gemeinsam läßt sich gegen das Gericht nichts durchsetzen. Jeder Fall wird
für sich untersucht, es ist ja das sorgfältigste Gericht. Gemeinsam kann man
also nichts durchsetzen, nur ein einzelner erreicht manchmal etwas im
Geheimen; erst wenn es erreicht ist, erfahren es die andern; keiner weiß,
wie es geschehen ist. Es gibt also keine Gemeinsamkeit, man kommt zwar
hie und da in den Wartezimmern zusammen, aber [307]dort wird wenig
besprochen. Die abergläubischen Meinungen bestehen schon seit altersher
und vermehren sich förmlich von selbst.“ „Ich sah die Herren dort im
Wartezimmer,“ sagte K., „ihr Warten kam mir so nutzlos vor.“ „Das Warten
ist nicht nutzlos,“ sagte der Kaufmann, „nutzlos ist nur das selbständige
Eingreifen. Ich sagte schon, daß ich jetzt außer diesem noch fünf Advokaten
habe. Man sollte doch glauben — ich selbst glaubte es zuerst — jetzt
könnte ich ihnen die Sache vollständig überlassen. Das wäre aber ganz
falsch. Ich kann sie ihnen weniger überlassen, als wenn ich nur einen hätte.
Sie verstehn das wohl nicht?“ „Nein,“ sagte K. und legte, um den
Kaufmann an seinen allzu schnellen Reden zu hindern, die Hand
beruhigend auf seine Hand, „ich möchte Sie nur bitten, ein wenig langsamer
zu reden, es sind doch lauter für mich sehr wichtige Dinge und ich kann
ihnen nicht recht folgen.“ „Gut, daß Sie mich daran erinnern,“ sagte der
Kaufmann, „Sie sind ja ein Neuer, ein Junger. Ihr Prozeß ist ein halbes Jahr
alt, nicht wahr? Ja, ich habe davon gehört. Ein so junger Prozeß! Ich aber
habe diese Dinge schon unzähligemal durchgedacht, sie sind mir das
Selbstverständlichste [308]auf der Welt.“ „Sie sind wohl froh, daß Ihr Prozeß
schon so weit fortgeschritten ist?“ fragte K., er wollte nicht geradezu fragen
wie die Angelegenheiten des Kaufmanns stünden. Er bekam aber auch
keine deutliche Antwort. „Ja, ich habe meinen Prozeß fünf Jahre lang

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fortgewälzt,“ sagte der Kaufmann und senkte den Kopf, „es ist keine kleine
Leistung.“ Dann schwieg er ein Weilchen. K. horchte, ob Leni nicht schon
komme. Einerseits wollte er nicht, daß sie komme, denn er hatte noch vieles
zu fragen und wollte auch nicht von Leni in diesem vertraulichen Gespräch
mit dem Kaufmann angetroffen werden, andererseits aber ärgerte er sich
darüber, daß sie trotz seiner Anwesenheit solange beim Advokaten blieb,
viel länger, als zum Reichen der Suppe nötig war. „Ich erinnere mich noch
genau an diese Zeit,“ begann der Kaufmann wieder und K. war gleich voll
Aufmerksamkeit, „als mein Prozeß etwa so alt war wie jetzt Ihr Prozeß. Ich
hatte damals nur diesen Advokaten, war aber nicht sehr mit ihm zufrieden.“
Hier erfahre ich ja alles, dachte K. und nickte lebhaft mit dem Kopf, als
könne er dadurch den Kaufmann aufmuntern, alles Wissenswerte zu
[309]sagen. „Mein Prozeß,“ fuhr der Kaufmann fort, „kam nicht vorwärts, es
fanden zwar Untersuchungen statt, ich kam auch zu jeder, sammelte
Material, erlegte alle meine Geschäftsbücher bei Gericht, was, wie ich
später erfuhr, nicht einmal nötig war, ich lief immer wieder zum Advokaten,
er brachte auch verschiedene Eingaben ein —.“ „Verschiedene Eingaben?“
fragte K. „Ja, gewiß,“ sagte der Kaufmann. „Das ist mir sehr wichtig,“ sagte
K., „in meinem Fall arbeitet er noch immer an der ersten Eingabe. Er hat
noch nichts getan. Ich sehe jetzt, er vernachlässigt mich schändlich.“ „Daß
die Eingabe noch nicht fertig ist, kann verschiedene berechtigte Gründe
haben,“ sagte der Kaufmann. „Übrigens hatte es sich bei meinen Eingaben
später gezeigt, daß sie ganz wertlos waren. Ich habe sogar eine durch das
Entgegenkommen eines Gerichtsbeamten selbst gelesen. Sie war zwar
gelehrt, aber eigentlich inhaltslos. Vor allem sehr viel Latein, das ich nicht
verstehe, dann seitenlange allgemeine Anrufungen des Gerichtes, dann
Schmeicheleien für einzelne bestimmte Beamte, die zwar nicht genannt
waren, die aber ein Eingeweihter jedenfalls erraten mußte, dann Selbstlob
[310]des Advokaten, wobei er sich auf geradezu hündische Weise vor dem
Gericht demütigte, und endlich Untersuchungen von Rechtsfällen aus alter
Zeit, die dem meinigen ähnlich sein sollten. Diese Untersuchungen waren
allerdings, soweit ich ihnen folgen konnte, sehr sorgfältig gemacht. Ich will
auch mit diesem allen kein Urteil über die Arbeit des Advokaten abgeben,

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auch war die Eingabe, die ich gelesen habe, nur eine unter mehreren,
jedenfalls aber, und davon will ich jetzt sprechen, konnte ich damals in
meinem Prozeß keinen Fortschritt sehn.“ „Was für einen Fortschritt wollten
Sie denn sehn?“ fragte K. „Sie fragen ganz vernünftig,“ sagte der
Kaufmann lächelnd, „man kann in diesem Verfahren nur selten Fortschritte
sehn. Aber damals wußte ich das nicht. Ich bin Kaufmann und war es
damals noch viel mehr als heute, ich wollte greifbare Fortschritte haben, das
Ganze sollte sich zum Ende neigen oder wenigstens den regelrechten
Aufstieg nehmen. Statt dessen gab es nur Einvernehmungen, die meist den
gleichen Inhalt hatten; die Antworten hatte ich schon bereit wie eine
Litanei; mehrmals in der Woche kamen Gerichtsboten in mein Geschäft,
[311]in meine Wohnung oder wo sie mich sonst antreffen konnten, das war
natürlich störend (heute ist es wenigstens in dieser Hinsicht viel besser, der
telephonische Anruf stört mich weniger), auch unter meinen
Geschäftsfreunden, insbesondere aber unter meinen Verwandten, fingen
Gerüchte von meinem Prozeß sich zu verbreiten an, Schädigungen gab es
also von allen Seiten, aber nicht das geringste Anzeichen sprach dafür, daß
auch nur die erste Gerichtsverhandlung in der nächsten Zeit stattfinden
würde. Ich ging also zum Advokaten und beklagte mich. Er gab mir zwar
lange Erklärungen, lehnte es aber entschieden ab, etwas in meinem Sinne zu
tun, niemand habe Einfluß auf die Festsetzung der Verhandlung, in einer
Eingabe darauf zu dringen — wie ich es verlangte — sei einfach unerhört
und würde mich und ihn verderben. Ich dachte: was dieser Advokat nicht
will oder kann, wird ein anderer wollen und können. Ich sah mich also nach
andern Advokaten um. Ich will es gleich vorwegnehmen: keiner hat die
Festsetzung der Hauptverhandlung verlangt oder durchgesetzt, es ist,
allerdings mit einem Vorbehalt, von dem ich noch sprechen werde, wirklich
[312]unmöglich, hinsichtlich dieses Punktes hat mich also dieser Advokat
nicht getäuscht; im übrigen aber hatte ich es nicht zu bedauern, mich noch
an andere Advokaten gewendet zu haben. Sie dürften wohl von Dr. Huld
auch schon manches über die Winkeladvokaten gehört haben, er hat sie
Ihnen wahrscheinlich als sehr verächtlich dargestellt und das sind sie
wirklich. Allerdings unterläuft ihm immer, wenn er von ihnen spricht und

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sich und seine Kollegen zu ihnen in Vergleich setzt, ein kleiner Fehler, auf
den ich Sie ganz nebenbei auch aufmerksam machen will. Er nennt dann
immer die Advokaten seines Kreises zur Unterscheidung die „großen
Advokaten“. Das ist falsch, es kann sich natürlich jeder „groß“ nennen,
wenn es ihm beliebt, in diesem Fall aber entscheidet doch nur der
Gerichtsgebrauch. Nach diesem gibt es nämlich außer den Winkeladvokaten
noch kleine und große Advokaten. Dieser Advokat und seine Kollegen sind
jedoch nur die kleinen Advokaten, die großen Advokaten aber, von denen
ich nur gehört und die ich nie gesehn habe, stehen im Rang unvergleichlich
höher über den kleinen Advokaten, als diese über den verachteten
Winkeladvokaten.“ [313]„Die großen Advokaten?“ fragte K. „Wer sind denn
die? Wie kommt man zu ihnen?“ „Sie haben also noch nie von ihnen
gehört,“ sagte der Kaufmann. „Es gibt kaum einen Angeklagten, der nicht,
nachdem er von ihnen erfahren hat, eine Zeit lang von ihnen träumen
würde. Lassen Sie sich lieber nicht dazu verführen. Wer die großen
Advokaten sind, weiß ich nicht, und zu ihnen kommen kann man wohl gar
nicht. Ich kenne keinen Fall, von dem sich mit Bestimmtheit sagen ließe,
daß sie eingegriffen hätten. Manchen verteidigen sie, aber durch eigenen
Willen kann man das nicht erreichen, sie verteidigen nur den, den sie
verteidigen wollen. Die Sache, deren sie sich annehmen, muß aber wohl
über das niedrige Gericht schon hinausgekommen sein. Im übrigen ist es
besser, nicht an sie zu denken, denn sonst kommen einem die
Besprechungen mit den andern Advokaten, deren Ratschläge und deren
Hilfeleistungen so widerlich und nutzlos vor, ich habe es selbst erfahren,
daß man am liebsten alles wegwerfen, sich zu Hause ins Bett legen und von
nichts mehr hören wollte. Das wäre aber natürlich wieder das Dümmste,
auch hätte man im Bett nicht lange [314]Ruhe.“ „Sie dachten damals also
nicht an die großen Advokaten?“ fragte K. „Nicht lange,“ sagte der
Kaufmann und lächelte wieder, „vollständig vergessen kann man sie leider
nicht, besonders die Nacht ist solchen Gedanken günstig. Aber damals
wollte ich ja sofortige Erfolge, ich ging daher zu den Winkeladvokaten.“

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„Wie Ihr hier beieinander sitzt,“ rief Leni, die mit der Tasse
zurückgekommen war und in der Tür stehenblieb. Sie saßen wirklich eng
beisammen, bei der kleinsten Wendung mußten sie mit den Köpfen
aneinanderstoßen, der Kaufmann, der abgesehen von seiner Kleinheit auch
noch den Rücken gekrümmt hielt, hatte K. gezwungen, sich auch tief zu
bücken, wenn er alles hören wollte. „Noch ein Weilchen,“ rief K. Leni
abwehrend zu und zuckte ungeduldig mit der Hand, die er noch immer auf
des Kaufmanns Hand liegen hatte. „Er wollte, daß ich ihm von meinem
Prozeß erzähle,“ sagte der Kaufmann zu Leni. „Erzähle nur, erzähle,“ sagte
diese. Sie sprach mit dem Kaufmann liebevoll, aber doch auch
herablassend. K. gefiel das nicht; wie er jetzt erkannt hatte, hatte der Mann
doch einen gewissen Wert, zunächst [315]hatte er Erfahrungen, die er gut
mitzuteilen verstand. Leni beurteilte ihn wahrscheinlich unrichtig. Er sah
ärgerlich zu, als Leni jetzt dem Kaufmann die Kerze, die er die ganze Zeit
über festgehalten hatte, abnahm, ihm die Hand mit ihrer Schürze abwischte
und dann neben ihm niederkniete, um etwas Wachs wegzukratzen, das von
der Kerze auf seine Hose getropft war. „Sie wollten mir von den
Winkeladvokaten erzählen,“ sagte K. und schob ohne eine weitere
Bemerkung Lenis Hand weg. „Was willst du denn?“ fragte Leni, schlug
leicht nach K. und setzte ihre Arbeit fort. „Ja, von den Winkeladvokaten,“
sagte der Kaufmann und fuhr sich über die Stirn, als denke er nach. K.
wollte ihm nachhelfen und sagte: „Sie wollten sofortige Erfolge haben und
gingen deshalb zu den Winkeladvokaten.“ „Ganz richtig,“ sagte der
Kaufmann, setzte aber nicht fort. „Er will vielleicht vor Leni nicht davon
sprechen,“ dachte K., bezwang seine Ungeduld, das Weitere gleich jetzt zu
hören und drang nun nicht mehr weiter in ihn.

„Hast du mich angemeldet?“ fragte er Leni. „Natürlich,“ sagte diese, „er
wartet auf dich. Laß’ [316]jetzt Block, mit Block kannst du auch später
reden, er bleibt doch hier.“ K. zögerte noch. „Sie bleiben hier?“ fragte er
den Kaufmann, er wollte seine eigene Antwort, er wollte nicht, daß Leni
vom Kaufmann wie von einem Abwesenden sprach, er war heute gegen
Leni voll geheimen Ärgers. Und wieder antwortete nur Leni: „Er schläft

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hier öfters.“ „Schläft hier?“ rief K., er hatte gedacht, der Kaufmann werde
hier nur auf ihn warten, während er die Unterredung mit dem Advokaten
rasch erledigen würde, dann aber würden sie gemeinsam fortgehn und alles
gründlich und ungestört besprechen. „Ja,“ sagte Leni, „nicht jeder wird wie
du, Josef, zu beliebiger Stunde beim Advokaten vorgelassen. Du scheinst
dich ja gar nicht darüber zu wundern, daß dich der Advokat trotz seiner
Krankheit noch um 11 Uhr nachts empfängt. Du nimmst das, was deine
Freunde für dich tun, doch als gar zu selbstverständlich an. Nun, deine
Freunde oder zunächst ich, tun es gerne. Ich will keinen andern Dank und
brauche auch keinen andern, als daß du mich lieb hast.“ „Dich liebhaben?“
dachte K. im ersten Augenblick, erst dann ging es ihm durch den Kopf:
„Nun ja, ich habe sie lieb.“ Trotzdem sagte [317]er, alles andere
vernachlässigend: „Er empfängt mich, weil ich sein Klient bin. Wenn auch
dafür noch fremde Hilfe nötig wäre, müßte man bei jedem Schritt immer
gleichzeitig betteln und danken.“ „Wie schlimm er heute ist, nicht?“ fragte
Leni den Kaufmann. „Jetzt bin ich der Abwesende,“ dachte K. und wurde
fast sogar auf den Kaufmann böse, als dieser die Unhöflichkeit Lenis
übernehmend sagte: „Der Advokat empfängt ihn auch noch aus andern
Gründen. Sein Fall ist nämlich interessanter als der meine. Außerdem aber
ist sein Prozeß in den Anfängen, also wahrscheinlich noch nicht sehr
verfahren, da beschäftigt sich der Advokat noch gern mit ihm. Später wird
das anders werden.“ „Ja, ja,“ sagte Leni und sah den Kaufmann lachend an,
„wie er schwatzt! Ihm darfst du nämlich,“ hierbei wandte sie sich an K.,
„gar nichts glauben. So lieb er ist, so geschwätzig ist er. Vielleicht mag ihn
der Advokat auch deshalb nicht leiden. Jedenfalls empfängt er ihn nur,
wenn er in Laune ist. Ich habe mir schon viel Mühe gegeben, das zu ändern,
aber es ist unmöglich. Denke nur, manchmal melde ich Block an, er
empfängt ihn aber erst am dritten Tag nachher. Ist Block [318]aber zu der
Zeit, wenn er vorgerufen wird, nicht zur Stelle, so ist alles verloren und er
muß von neuem angemeldet werden. Deshalb habe ich Block erlaubt, hier
zu schlafen, es ist ja schon vorgekommen, daß er in der Nacht um ihn
geläutet hat. Jetzt ist also Block auch in der Nacht bereit. Allerdings
geschieht es jetzt wieder, daß der Advokat, wenn sich zeigt, daß Block da

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ist, seinen Auftrag, ihn vorzulassen, manchmal widerruft.“ K. sah fragend
zum Kaufmann hin. Dieser nickte und sagte, so offen wie er früher mit K.
gesprochen hatte, vielleicht war er zerstreut vor Beschämung: „Ja, man
wird später sehr abhängig von seinem Advokaten.“ „Er klagt ja nur zum
Schein,“ sagte Leni. „Er schläft hier sehr gern, wie er mir schon oft
gestanden hat.“ Sie ging zu einer kleinen Tür und stieß sie auf. „Willst du
sein Schlafzimmer sehn?“ fragte sie K., ging hin und sah von der Schwelle
aus in den niedrigen fensterlosen Raum, der von einem schmalen Bett
vollständig ausgefüllt war. In dieses Bett mußte man über den Bettpfosten
steigen. Am Kopfende des Bettes war eine Vertiefung in der Mauer, dort
standen peinlich geordnet eine Kerze, Tintenfaß und Feder, sowie [319]ein
Bündel Papiere, wahrscheinlich Prozeßschriften. „Sie schlafen im
Dienstmädchenzimmer?“ fragte K. und wendete sich zum Kaufmann
zurück. „Leni hat es mir eingeräumt,“ antwortete der Kaufmann, „es ist sehr
vorteilhaft.“ K. sah ihn lange an; der erste Eindruck, den er von dem
Kaufmann erhalten hatte, war vielleicht doch der richtige gewesen;
Erfahrungen hatte er, denn sein Prozeß dauerte schon lange, aber er hatte
diese Erfahrungen teuer bezahlt. Plötzlich ertrug K. den Anblick des
Kaufmanns nicht mehr. „Bring ihn doch ins Bett,“ rief er Leni zu, die ihn
gar nicht zu verstehen schien. Er selbst aber wollte zum Advokaten gehn
und durch die Kündigung sich nicht nur vom Advokaten, sondern auch von
Leni und dem Kaufmann befreien. Aber noch ehe er zur Tür gekommen
war, sprach ihn der Kaufmann mit leiser Stimme an: „Herr Prokurist,“ K.
wandte sich mit bösem Gesichte um. „Sie haben Ihr Versprechen
vergessen,“ sagte der Kaufmann und streckte sich von seinem Sitz aus
bittend K. entgegen. „Sie wollten mir auch ein Geheimnis sagen.“
„Wahrhaftig,“ sagte K. und streifte auch Leni, die ihn aufmerksam ansah
mit einem Blick, „also hören [320]Sie: es ist allerdings fast kein Geheimnis
mehr. Ich gehe jetzt zum Advokaten, um ihn zu entlassen.“ „Er entläßt ihn,“
rief der Kaufmann, sprang vom Sessel und lief mit erhobenen Armen in der
Küche umher. Immer wieder rief er: „Er entläßt den Advokaten.“ Leni
wollte gleich auf K. losfahren, aber der Kaufmann kam ihr in den Weg,
wofür sie ihm mit den Fäusten einen Hieb gab. Noch mit den zu Fäusten

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geballten Händen lief sie dann hinter K., der aber einen großen Vorsprung
hatte. Er war schon in das Zimmer des Advokaten eingetreten, als ihn Leni
einholte. Die Tür hatte er hinter sich fest geschlossen, aber Leni, die mit
dem Fuß den Türflügel offenhielt, faßte ihn beim Arm und wollte ihn
zurückziehen. Aber er drückte ihr Handgelenk so stark, daß sie ihn unter
einem Seufzer loslassen mußte. Ins Zimmer einzutreten wagte sie nicht
gleich, K. aber versperrte die Tür mit dem Schlüssel.

„Ich warte schon sehr lange auf Sie,“ sagte der Advokat vom Bett aus, legte
ein Schriftstück, das er beim Licht einer Kerze gelesen hatte, auf das
Nachttischchen und setzte sich eine Brille auf, mit der er K. scharf ansah.
Statt sich zu entschuldigen, [321]sagte K.: „Ich gehe bald wieder weg.“ Der
Advokat hatte K.s Bemerkung, weil sie keine Entschuldigung war,
unbeachtet gelassen und sagte: „Ich werde Sie nächstens zu dieser späten
Stunde nicht mehr vorlassen.“ „Das kommt meinem Anliegen entgegen,“
sagte K. Der Advokat sah ihn fragend an. „Setzen Sie sich,“ sagte er. „Weil
Sie es wünschen“, sagte K., zog einen Sessel zum Nachttischchen und
setzte sich. „Es schien mir, daß Sie die Tür abgesperrt haben,“ sagte der
Advokat. „Ja,“ sagte K., „es war Lenis wegen.“ Er hatte nicht die Absicht,
irgend jemanden zu schonen. Aber der Advokat fragte: „War sie wieder
zudringlich?“ „Zudringlich?“ fragte K. „Ja,“ sagte der Advokat, er lachte
dabei, bekam einen Hustenanfall und begann, nachdem dieser vergangen
war, wieder zu lachen. „Sie haben doch wohl ihre Zudringlichkeit schon
bemerkt,“ fragte er und klopfte K. auf die Hand, die dieser zerstreut auf das
Nachttischchen gestützt hatte und die er jetzt rasch zurückzog. „Sie legen
dem nicht viel Bedeutung bei,“ sagte der Advokat, als K. schwieg, „desto
besser. Sonst hätte ich mich vielleicht bei Ihnen entschuldigen müssen. Es
ist eine [322]Sonderbarkeit Lenis, die ich ihr übrigens längst verziehen habe
und von der ich auch nicht reden würde, wenn Sie nicht eben jetzt die Tür
abgesperrt hätten. Diese Sonderbarkeit, Ihnen allerdings müßte ich sie wohl
am wenigstens erklären, aber Sie sehen mich so bestürzt an und deshalb tue
ich es, diese Sonderbarkeit besteht darin, daß Leni die meisten Angeklagten
schön findet. Sie hängt sich an alle, liebt alle, scheint allerdings auch von

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allen geliebt zu werden; um mich zu unterhalten, erzählt sie mir dann, wenn
ich es erlaube, manchmal davon. Ich bin über das Ganze nicht so erstaunt
wie Sie es zu sein scheinen. Wenn man den richtigen Blick dafür hat, findet
man die Angeklagten wirklich oft schön. Das allerdings ist eine
merkwürdige, gewissermaßen naturwissenschaftliche Erscheinung. Es tritt
natürlich als Folge der Anklage nicht etwa eine deutliche, genau zu
bestimmende Veränderung des Aussehens ein. Es ist doch nicht wie in
andern Gerichtssachen, die meisten bleiben in ihrer gewöhnlichen
Lebensweise und werden, wenn sie einen guten Advokaten haben, der für
sie sorgt, durch den Prozeß nicht sehr behindert. Trotzdem sind diejenigen,
[323]welche darin Erfahrung haben, imstande, aus der größten Menge die
Angeklagten Mann für Mann zu erkennen. Woran? werden Sie fragen.
Meine Antwort wird Sie nicht befriedigen. Die Angeklagten sind eben die
Schönsten. Es kann nicht die Schuld sein, die sie schön macht, denn — so
muß wenigstens ich als Advokat sprechen — es sind doch nicht alle
schuldig, es kann auch nicht die richtige Strafe sein, die sie jetzt schon
schön macht, denn es werden doch nicht alle bestraft, es kann also nur an
dem gegen sie erhobenen Verfahren liegen, das ihnen irgendwie anhaftet.
Allerdings gibt es unter den Schönen auch besonders Schöne. Schön sind
aber alle, selbst Block, dieser elende Wurm.“

K. war, als der Advokat geendet hatte, vollständig gefaßt, er hatte sogar zu
den letzten Worten auffallend genickt und sich so selbst die Bestätigung
seiner alten Ansicht gegeben, nach welcher der Advokat ihn immer und so
auch diesmal durch allgemeine Mitteilungen, die nicht zur Sache gehörten,
zu zerstreuen und von der Hauptfrage, was er an tatsächlicher Arbeit für K.s
Sache getan hatte, abzulenken suchte. Der Advokat merkte [324]wohl, daß
ihm K. diesmal mehr Widerstand leistete als sonst, denn er verstummte
jetzt, um K. die Möglichkeit zu geben, selbst zu sprechen, und fragte dann,
da K. stumm blieb: „Sind Sie heute mit einer bestimmten Absicht zu mir
gekommen?“ „Ja,“ sagte K. und blendete mit der Hand ein wenig die Kerze
ab, um den Advokaten besser zu sehn, „ich wollte Ihnen sagen, daß ich
Ihnen mit dem heutigen Tage meine Vertretung entziehe.“ „Verstehe ich Sie

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recht,“ fragte der Advokat, erhob sich halb im Bett und stützte sich mit
einer Hand auf die Kissen. „Ich nehme es an,“ sagte K., der straff
aufgerichtet wie auf der Lauer dasaß. „Nun, wir können ja auch diesen Plan
besprechen,“ sagte der Advokat nach einem Weilchen. „Es ist kein Plan
mehr,“ sagte K. „Mag sein,“ sagte der Advokat, „wir wollen aber trotzdem
nichts übereilen.“ Er gebrauchte das Wort „wir“, als habe er nicht die
Absicht, K. freizulassen und als wolle er, wenn er schon nicht sein Vertreter
sein dürfe, wenigstens sein Berater bleiben. „Es ist nicht übereilt,“ sagte K.,
stand langsam auf und trat hinter seinen Sessel, „es ist gut überlegt und
vielleicht sogar zu lange. Der Entschluß ist endgültig.“ [325]„Dann erlauben
Sie mir nur noch einige Worte,“ sagte der Advokat, hob das Federbett weg
und setzte sich auf den Bettrand. Seine nackten weißhaarigen Beine
zitterten vor Kälte. Er bat K., ihm vom Kanapee eine Decke zu reichen. K.
holte die Decke und sagte: „Sie setzen sich ganz unnötig einer Verkühlung
aus.“ „Der Anlaß ist wichtig genug,“ sagte der Advokat, während er den
Oberkörper mit dem Federbett umhüllte und dann die Beine in die Decke
einwickelte. „Ihr Onkel ist mein Freund und auch Sie sind mir im Laufe der
Zeit lieb geworden. Ich gestehe das offen ein. Ich brauche mich dessen
nicht zu schämen.“ Diese rührseligen Reden des alten Mannes waren K.
sehr unwillkommen, denn sie zwangen ihn zu einer ausführlicheren
Erklärung, die er gern vermieden hätte, und sie beirrten ihn außerdem, wie
er sich offen eingestand, wenn sie allerdings auch seinen Entschluß niemals
rückgängig machen konnten. „Ich danke Ihnen für Ihre freundliche
Gesinnung,“ sagte er, „ich erkenne auch an, daß Sie sich meiner Sache so
sehr angenommen haben, wie es Ihnen möglich ist und wie es Ihnen für
mich vorteilhaft scheint. Ich jedoch habe in der letzten Zeit die
[326]Überzeugung gewonnen, daß das nicht genügend ist. Ich werde
natürlich niemals versuchen, Sie, einen so viel älteren und erfahreneren
Mann von meiner Ansicht überzeugen zu wollen; wenn ich es manchmal
unwillkürlich versucht habe, so verzeihen Sie mir, die Sache aber ist, wie
Sie sich selbst ausdrückten, wichtig genug, und es ist meiner Überzeugung
nach notwendig, viel kräftiger in den Prozeß einzugreifen, als es bisher
geschehen ist.“ „Ich verstehe Sie,“ sagte der Advokat, „Sie sind

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ungeduldig.“ „Ich bin nicht ungeduldig,“ sagte K. ein wenig gereizt und
achtete nicht mehr so viel auf seine Worte. „Sie dürften bei meinem ersten
Besuch, als ich mit meinem Onkel zu Ihnen kam, bemerkt haben, daß mir
an dem Prozeß nicht viel lag; wenn man mich nicht gewissermaßen
gewaltsam an ihn erinnerte, vergaß ich ihn vollständig. Aber mein Onkel
bestand darauf, daß ich Ihnen meine Vertretung übergebe, ich tat es, um ihm
gefällig zu sein. Und nun hätte man doch erwarten sollen, daß mir der
Prozeß noch leichter fallen würde als bis dahin, denn man übergibt doch
dem Advokaten die Vertretung, um die Last des Prozesses ein wenig von
sich abzuwälzen. Es [327]geschah aber das Gegenteil. Niemals früher hatte
ich so große Sorgen wegen des Prozesses wie seit der Zeit, seitdem Sie
mich vertreten. Als ich allein war, unternahm ich nichts in meiner Sache,
aber ich fühlte es kaum, jetzt dagegen hatte ich einen Vertreter, alles war
dafür eingerichtet, daß etwas geschehe, unaufhörlich und immer gespannter
erwartete ich Ihr Eingreifen, aber es blieb aus. Ich bekam von Ihnen
allerdings verschiedene Mitteilungen über das Gericht, die ich vielleicht
von niemandem sonst hätte bekommen können. Aber das kann mir nicht
genügen, wenn mir jetzt der Prozeß förmlich im Geheimen immer näher an
den Leib rückt.“ K. hatte den Sessel von sich gestoßen und stand, die Hände
in den Rocktaschen, aufrecht da. „Von einem gewissen Zeitpunkt der Praxis
an,“ sagte der Advokat leise und ruhig, „ereignet sich nichts wesentlich
Neues mehr. Wie viele Parteien sind in ähnlichen Stadien der Prozesse
ähnlich wie Sie vor mir gestanden und haben ähnlich gesprochen.“ „Dann
haben,“ sagte K., „alle diese ähnlichen Parteien ebenso recht gehabt wie
ich. Das widerlegt mich gar nicht.“ „Ich wollte Sie damit nicht widerlegen,“
sagte der Advokat, [328]„ich wollte aber noch hinzufügen, daß ich bei Ihnen
mehr Urteilskraft erwartet hätte als bei andern, besonders da ich Ihnen mehr
Einblick in das Gerichtswesen und in meine Tätigkeit gegeben habe, als ich
es sonst Parteien gegenüber tue. Und nun muß ich sehn, daß Sie trotz allem
nicht genügend Vertrauen zu mir haben. Sie machen es mir nicht leicht.“
Wie sich der Advokat vor K. demütigte! Ohne jede Rücksicht auf die
Standesehre, die gewiß gerade in diesem Punkte am empfindlichsten ist.
Und warum tat er das? Er war doch dem Anschein nach ein

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vielbeschäftigter Advokat und überdies ein reicher Mann, es konnte ihm an
und für sich weder an dem Verdienstentgang noch an dem Verlust eines
Klienten viel liegen. Außerdem war er kränklich und hätte selbst darauf
bedacht sein sollen, daß ihm Arbeit abgenommen werde. Und trotzdem hielt
er K. so fest! Warum? War es persönliche Anteilnahme für den Onkel oder
sah er K.s Prozeß wirklich für so außerordentlich an und hoffte sich darin
auszuzeichnen entweder für K. oder — diese Möglichkeit war eben niemals
auszuschließen — für die Freunde beim Gericht? An ihm selbst war nichts
[329]zu erkennen, so rücksichtslos prüfend ihn auch K. ansah. Man hätte fast
annehmen können, er warte mit absichtlich verschlossener Miene die
Wirkung seiner Worte ab. Aber er deutete offenbar das Schweigen K.s für
sich allzu günstig, wenn er jetzt fortfuhr: „Sie werden bemerkt haben, daß
ich zwar eine große Kanzlei habe, aber keine Hilfskräfte beschäftige. Das
war früher anders, es gab eine Zeit, wo einige junge Juristen für mich
arbeiteten, heute arbeite ich allein. Es hängt dies zum Teil mit der Änderung
meiner Praxis zusammen, indem ich mich immer mehr auf Rechtssachen
von der Art der Ihrigen beschränkte, zum Teil mit der immer tiefern
Erkenntnis, die ich von diesen Rechtssachen erhielt. Ich fand, daß ich diese
Arbeit niemandem überlassen dürfe, wenn ich mich nicht an meinen
Klienten und an der Aufgabe, die ich übernommen hatte, versündigen
wollte. Der Entschluß aber, alle Arbeit selbst zu leisten, hatte die
natürlichen Folgen: ich mußte fast alle Ansuchen um Vertretungen abweisen
und konnte nur denen nachgeben, die mir besonders nahe gingen — nun, es
gibt ja genug Kreaturen, und sogar ganz in der Nähe, die sich auf jeden
Brocken [330]stürzen, den ich wegwerfe. Und außerdem wurde ich vor
Überanstrengung krank. Aber trotzdem bereue ich meinen Entschluß nicht,
es ist möglich, daß ich mehr Vertretungen hätte abweisen sollen, als ich
getan habe, daß ich aber den übernommenen Prozessen mich ganz
hingegeben habe, hat sich als unbedingt notwendig herausgestellt und durch
die Erfolge belohnt. Ich habe einmal in einer Schrift den Unterschied sehr
schön ausgedrückt gefunden, der zwischen der Vertretung in gewöhnlichen
Rechtssachen und der Vertretung in diesen Rechtssachen besteht. Es hieß
dort: der eine Advokat führt seinen Klienten an einem Zwirnsfaden bis zum

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Urteil, der andere aber hebt seinen Klienten gleich auf die Schultern und
trägt ihn, ohne ihn abzusetzen, zum Urteil und noch darüber hinaus. So ist
es. Aber es war nicht ganz richtig, wenn ich sagte, daß ich diese große
Arbeit niemals bereue. Wenn sie, wie in Ihrem Fall, so vollständig verkannt
wird, dann, nun dann bereue ich fast.“ K. wurde durch diese Reden mehr
ungeduldig als überzeugt. Er glaubte irgendwie aus dem Tonfall des
Advokaten herauszuhören, was ihn erwartete, wenn er nachgeben würde,
wieder [331]würden die Vertröstungen beginnen, die Hinweise auf die
fortschreitende Eingabe, auf die gebesserte Stimmung der Gerichtsbeamten,
aber auch auf die großen Schwierigkeiten, die sich der Arbeit
entgegenstellten, — kurz, alles bis zum Überdruß Bekannte würde
hervorgeholt werden, um K. wieder mit unbestimmten Hoffnungen zu
täuschen und mit unbestimmten Drohungen zu quälen. Das mußte endgültig
verhindert werden, er sagte deshalb: „Was wollen Sie in meiner Sache
unternehmen, wenn Sie die Vertretung behalten?“ Der Advokat fügte sich
sogar dieser beleidigenden Frage und antwortete: „In dem, was ich für Sie
bereits unternommen habe, weiter fortfahren.“ „Ich wußte es ja,“ sagte K.,
„nun ist aber jedes weitere Wort überflüssig.“ „Ich werde noch einen
Versuch machen,“ sagte der Advokat, als geschehe das, was K. erregte,
nicht K. sondern ihm. „Ich habe nämlich die Vermutung, daß Sie nicht nur
zu der falschen Beurteilung meines Rechtsbeistandes, sondern auch zu
Ihrem sonstigen Verhalten, dadurch verleitet werden, daß man Sie, trotzdem
Sie Angeklagter sind, zu gut behandelt oder richtiger ausgedrückt
nachlässig, scheinbar [332]nachlässig behandelt. Auch dieses Letztere hat
seinen Grund; es ist oft besser in Ketten als frei zu sein. Aber ich möchte
Ihnen doch zeigen, wie andere Angeklagte behandelt werden, vielleicht
gelingt es Ihnen, daraus eine Lehre zu nehmen. Ich werde jetzt nämlich
Block vorrufen, sperren Sie die Tür auf und setzen Sie sich hier neben den
Nachttisch.“ „Gerne,“ sagte K. und tat, was der Advokat verlangt hatte; zu
lernen war er immer bereit. Um sich aber für jeden Fall zu sichern, fragte er
noch: „Sie haben aber zur Kenntnis genommen, daß ich Ihnen meine
Vertretung entziehe?“ „Ja,“ sagte der Advokat, „Sie können es aber heute

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noch rückgängig machen.“ Er legte sich wieder ins Bett zurück, zog das
Federbett bis zum Knie und drehte sich der Wand zu. Dann läutete er.

Fast gleichzeitig mit dem Glockenzeichen erschien Leni, sie suchte durch
rasche Blicke zu erfahren, was geschehen war; daß K. still beim Bett des
Advokaten saß, schien ihr beruhigend. Sie nickte K., der sie starr ansah,
lächelnd zu. „Hole Block,“ sagte der Advokat. Statt ihn aber zu holen, trat
sie nur vor die Tür, rief: „Block! Zum Advokaten!“ und schlüpfte dann,
wahrscheinlich [333]weil der Advokat zur Wand abgekehrt blieb und sich um
nichts kümmerte, hinter K.s Sessel. Sie störte ihn von nun ab, indem sie
sich über die Sessellehne vorbeugte oder mit den Händen, allerdings sehr
zart und vorsichtig, durch sein Haar fuhr und über seine Wangen strich.
Schließlich suchte K. sie daran zu hindern, indem er sie bei einer Hand
erfaßte, die sie ihm nach einigem Widerstreben überließ.

Block war auf den Anruf hin gleich gekommen, blieb aber vor der Tür stehn
und schien zu überlegen, ob er eintreten sollte. Er zog die Augenbrauen
hoch und neigte den Kopf, als horche er, ob sich der Befehl zum Advokaten
zu kommen, wiederholen würde. K. hätte ihn zum Eintreten aufmuntern
können, aber er hatte sich vorgenommen, nicht nur mit dem Advokaten,
sondern mit allem, was hier in der Wohnung war, endgültig zu brechen und
verhielt sich deshalb regungslos. Auch Leni schwieg. Block merkte, daß ihn
wenigstens niemand verjage und trat auf den Fußspitzen ein, das Gesicht
gespannt, die Hände auf dem Rücken verkrampft. Die Tür hatte er für einen
möglichen Rückzug offengelassen. K. blickte [334]er gar nicht an, sondern
immer nur das hohe Federbett, unter dem der Advokat, da er sich ganz nahe
an die Wand geschoben hatte, nicht einmal zu sehen war. Da hörte man aber
seine Stimme: „Block hier?“ fragte er. Diese Frage gab Block, der schon
eine große Strecke weitergerückt war, förmlich einen Stoß in die Brust und
dann einen in den Rücken, er taumelte, blieb tief gebückt stehn und sagte:
„Zu dienen.“ „Was willst du?“ fragte der Advokat, „du kommst ungelegen.“
„Wurde ich nicht gerufen?“ fragte Block mehr sich selbst als den
Advokaten, hielt die Hände zum Schutze vor und war bereit wegzulaufen.

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„Du wurdest gerufen,“ sagte der Advokat, „trotzdem kommst du
ungelegen.“ Und nach einer Pause fügte er hinzu: „Du kommst immer
ungelegen.“ Seitdem der Advokat sprach, sah Block nicht mehr auf das Bett
hin, er starrte vielmehr irgendwo in eine Ecke und lauschte nur, als sei der
Seitenblick des Sprechers zu blendend, als daß er ihn ertragen könnte. Es
war aber auch das Zuhören schwer, denn der Advokat sprach gegen die
Wand, und zwar leise und schnell. „Wollt Ihr, daß ich weggehe?“ fragte
Block. „Nun bist du einmal da,“ [335]sagte der Advokat. „Bleib!“ Man hätte
glauben können, der Advokat habe nicht Blocks Wunsch erfüllt, sondern
ihm etwa mit Prügeln gedroht, denn jetzt fing Block wirklich zu zittern an.
„Ich war gestern,“ sagte der Advokat, „beim dritten Richter, meinem
Freund, und habe allmählich das Gespräch auf dich gelenkt. Willst du
wissen, was er sagte?“ „O bitte,“ sagte Block. Da der Advokat nicht gleich
antwortete, wiederholte Block nochmals die Bitte und neigte sich, als wolle
er niederknien. Da fuhr ihn aber K. an: „Was tust du?“ rief er. Da ihn Leni
an dem Ausruf hatte hindern wollen, faßte er auch ihre zweite Hand. Es war
nicht der Druck der Liebe, mit dem er sie festhielt, sie seufzte auch öfters
und suchte ihm die Hände zu entwinden. Für K.s Ausruf aber wurde Block
gestraft, denn der Advokat fragte ihn: „Wer ist denn dein Advokat?“ „Ihr
seid es,“ sagte Block. „Und außer mir?“ fragte der Advokat. „Niemand
außer Euch,“ sagte Block. „Dann folge auch niemandem sonst,“ sagte der
Advokat. Block erkannte das vollständig an, er maß K. mit bösen Blicken
und schüttelte heftig gegen ihn den Kopf. Hätte man dieses Benehmen in
Worte übersetzt, [336]so wären es grobe Beschimpfungen gewesen. Mit
diesem Menschen hatte K. freundschaftlich über seine eigene Sache reden
wollen! „Ich werde dich nicht mehr stören,“ sagte K. in den Sessel
zurückgelehnt. „Knie nieder oder krieche auf allen Vieren, tu’ was du willst,
ich werde mich nicht darum kümmern.“ Aber Block hatte doch Ehrgefühl,
wenigstens gegenüber K., denn er ging mit den Fäusten fuchtelnd auf ihn
zu, und rief so laut als er es nur in der Nähe des Advokaten wagte: „Sie
dürfen nicht so mit mir reden, das ist nicht erlaubt. Warum beleidigen Sie
mich? Und überdies noch hier vor dem Herrn Advokaten, wo wir beide, Sie
und ich, nur aus Barmherzigkeit geduldet sind? Sie sind kein besserer

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Mensch als ich, denn Sie sind auch angeklagt und haben auch einen Prozeß.
Wenn Sie aber trotzdem noch ein Herr sind, dann bin ich ein ebensolcher
Herr, wenn nicht gar ein noch größerer. Und ich will auch als ein solcher
angesprochen werden, gerade von Ihnen. Wenn Sie sich aber dadurch für
bevorzugt halten, daß Sie hier sitzen und ruhig zuhören dürfen, während
ich, wie Sie sich ausdrücken, auf allen Vieren krieche, dann erinnere ich Sie
an den alten [337]Rechtsspruch: für den Verdächtigen ist Bewegung besser
als Ruhe, denn der, welcher ruht, kann immer, ohne es zu wissen, auf einer
Wagschale sein und mit seinen Sünden gewogen werden.“ K. sagte nichts,
er staunte nur mit unbeweglichen Augen diesen verwirrten Menschen an.
Was für Veränderungen waren mit ihm nur schon in der letzten Stunde vor
sich gegangen! War es der Prozeß, der ihn so hin und her warf und ihn nicht
erkennen ließ, wo Freund und wo Feind war. Sah er denn nicht, daß der
Advokat ihn absichtlich demütigte und diesmal nichts anderes bezweckte,
als sich vor K. mit seiner Macht zu brüsten und sich dadurch vielleicht auch
K. zu unterwerfen? Wenn Block aber nicht fähig war, das zu erkennen oder
wenn er den Advokaten so sehr fürchtete, daß ihm jene Erkenntnis nichts
helfen konnte, wie kam es, daß er doch wieder so schlau oder so kühn war,
den Advokaten zu betrügen und ihm zu verschweigen, daß er außer ihm
noch andere Advokaten für sich arbeiten ließ. Und wieso wagte er es, K.
anzugreifen, da dieser doch gleich sein Geheimnis verraten konnte. Aber er
wagte noch mehr, er ging zum Bett des Advokaten und begann sich nun
auch [338]dort über K. zu beschweren: „Herr Advokat,“ sagte er, „habt Ihr
gehört, wie dieser Mann mit mir gesprochen hat? Man kann noch die
Stunden seines Prozesses zählen und schon will er mir, einem Mann, der
fünf Jahre im Prozesse steht, gute Lehren geben. Er beschimpft mich sogar.
Weiß nichts und beschimpft mich, der ich, soweit meine schwachen Kräfte
reichen, genau studiert habe, was Anstand, Pflicht und Gerichtsgebrauch
verlangt.“ „Kümmere dich um niemanden,“ sagte der Advokat, „und tue,
was dir richtig scheint.“ „Gewiß,“ sagte Block, als spreche er sich selbst
Mut zu, und kniete unter einem kurzen Seitenblick nun knapp beim Bett
nieder. „Ich knie schon, mein Advokat,“ sagte er. Der Advokat schwieg
aber. Block streichelte mit einer Hand vorsichtig das Federbett. In der Stille,

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die jetzt herrschte, sagte Leni, indem sie sich von K.s Händen befreite: „Du
machst mir Schmerzen. Laß mich. Ich gehe zu Block.“ Sie ging hin und
setzte sich auf den Bettrand. Block war über ihr Kommen sehr erfreut, er
bat sie gleich durch lebhafte, aber stumme Zeichen, sich beim Advokaten
für ihn einzusetzen. Er benötigte offenbar die Mitteilungen des Advokaten
sehr dringend, aber vielleicht [339]nur zu dem Zweck, um sie durch seine
übrigen Advokaten ausnützen zu lassen. Leni wußte wahrscheinlich genau,
wie man dem Advokaten beikommen könne, sie zeigte auf die Hand des
Advokaten und spitzte die Lippen wie zum Kuß. Gleich führte Block den
Handkuß aus und wiederholte ihn auf eine Aufforderung Lenis hin noch
zweimal. Aber der Advokat schwieg noch immer. Da beugte sich Leni über
den Advokaten hin, der schöne Wuchs ihres Körpers wurde sichtbar, als sie
sich so streckte, und strich tief zu seinem Gesicht geneigt über sein langes
weißes Haar. Das zwang ihm nun doch eine Antwort ab. „Ich zögere, es ihm
mitzuteilen,“ sagte der Advokat und man sah, wie er den Kopf ein wenig
schüttelte, vielleicht um des Drucks von Lenis Hand mehr teilhaftig zu
werden. Block horchte mit gesenktem Kopf, als übertrete er durch dieses
Horchen ein Gebot. „Warum zögerst du denn?“ fragte Leni. K. hatte das
Gefühl, als höre er ein einstudiertes Gespräch, das sich schon oft wiederholt
hatte, das sich noch oft wiederholen würde und das nur für Block seine
Neuheit nicht verlieren konnte. „Wie hat er sich heute verhalten?“ fragte der
Advokat, statt zu antworten. [340]Ehe sich Leni darüber äußerte, sah sie zu
Block hinunter und beobachtete ein Weilchen, wie er die Hände ihr
entgegenhob und bittend aneinander rieb. Schließlich nickte sie ernst,
wandte sich zum Advokaten und sagte: „Er war ruhig und fleißig.“ Ein alter
Kaufmann, ein Mann mit langem Bart flehte ein junges Mädchen um ein
günstiges Zeugnis an. Mochte er dabei auch Hintergedanken haben, nichts
konnte ihn in den Augen eines Mitmenschen rechtfertigen. Er entwürdigte
fast den Zuseher. So wirkte also die Methode des Advokaten, welcher K.
glücklicherweise nicht lange genug ausgesetzt gewesen war, daß der Klient
schließlich die ganze Welt vergaß und nur auf diesem Irrweg zum Ende des
Prozesses sich fortzuschleppen hoffte. Das war kein Klient mehr, das war
der Hund des Advokaten. Hätte ihm dieser befohlen, unter das Bett wie in

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eine Hundehütte zu kriechen und von dort aus zu bellen, er hätte es mit Lust
getan. Als sei K. beauftragt, alles was hier gesprochen wurde, genau in sich
aufzunehmen, an einem höhern Ort die Anzeige davon zu erstatten und
einen Bericht abzulegen, hörte er prüfend und überlegen zu. „Was hat er
während des ganzen Tags getan?“ [341]fragte der Advokat. „Ich habe ihn,“
sagte Leni, „damit er mich bei der Arbeit nicht störe, in dem
Dienstmädchenzimmer eingesperrt, wo er sich ja gewöhnlich aufhält. Durch
die Lücke konnte ich von Zeit zu Zeit nachsehn, was er machte. Er kniete
immer auf dem Bett, hatte die Schriften, die du ihm geliehen hast, auf dem
Fensterbrett aufgeschlagen und las in ihnen. Das hat einen guten Eindruck
auf mich gemacht; das Fenster führt nämlich nur in einen Luftschacht und
gibt fast kein Licht. Daß Block trotzdem las, zeigte mir, wie folgsam er ist.“
„Es freut mich, das zu hören,“ sagte der Advokat. „Hat er aber auch mit
Verständnis gelesen?“ Block bewegte während dieses Gesprächs
unaufhörlich die Lippen, offenbar formulierte er die Antworten, die er von
Leni erhoffte. „Darauf kann ich natürlich,“ sagte Leni, „nicht mit
Bestimmtheit antworten. Jedenfalls habe ich gesehn, daß er gründlich las.
Er hat den ganzen Tag über die gleiche Seite gelesen und beim Lesen den
Finger die Zeilen entlanggeführt. Immer wenn ich zu ihm hineinsah, hat er
geseufzt, als mache ihm das Lesen viel Mühe. Die Schriften, die du ihm
geliehen hast, sind wahrscheinlich schwer verständlich.“ [342]„Ja,“ sagte der
Advokat, „das sind sie allerdings. Ich glaube auch nicht, daß er etwas von
ihnen versteht. Sie sollen ihm nur eine Ahnung davon geben, wie schwer
der Kampf ist, den ich zu seiner Verteidigung führe. Und für wen führe ich
diesen schweren Kampf? Für — es ist fast lächerlich es auszusprechen —
für Block. Auch was das bedeutet, soll er begreifen lernen. Hat er
ununterbrochen studiert?“ „Fast ununterbrochen,“ antwortete Leni, „nur
einmal hat er mich um Wasser zum Trinken gebeten. Da habe ich ihm ein
Glas durch die Luke gereicht. Um 8 Uhr habe ich ihn dann herausgelassen
und ihm etwas zu essen gegeben.“ Block streifte K. mit einem Seitenblick,
als werde hier Rühmendes von ihm erzählt und müsse auch auf K. Eindruck
machen. Er schien jetzt gute Hoffnungen zu haben, bewegte sich freier und
rückte auf den Knien hin und her. Desto deutlicher war es, wie er unter den

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folgenden Worten des Advokaten erstarrte. „Du lobst ihn,“ sagte der
Advokat. „Aber gerade das macht es mir schwer, zu reden. Der Richter hat
sich nämlich nicht günstig ausgesprochen, weder über Block selbst noch
über seinen Prozeß.“ „Nicht günstig?“ [343]fragte Leni. „Wie ist das
möglich?“ Block sah sie mit einem so gespannten Blick an, als traue er ihr
die Fähigkeit zu, jetzt noch die längst ausgesprochenen Worte des Richters
zu seinen Gunsten zu wenden. „Nicht günstig,“ sagte der Advokat. „Er war
sogar unangenehm berührt, als ich von Block zu sprechen anfing. Reden Sie
nicht von Block, sagte er. Er ist mein Klient, sagte ich. Sie lassen sich
mißbrauchen, sagte er. Ich halte seine Sache nicht für verloren, sagte ich.
Sie lassen sich mißbrauchen, wiederholte er. Ich glaube es nicht, sagte ich.
Block ist im Prozeß fleißig und immer hinter seiner Sache her. Er wohnt
fast bei mir, um immer auf dem Laufenden zu sein. Solchen Eifer findet
man nicht immer. Gewiß, er ist persönlich nicht angenehm, hat häßliche
Umgangsformen und ist schmutzig, aber in prozessualer Hinsicht ist er
untadelhaft. Ich sagte untadelhaft, ich übertrieb absichtlich. Darauf sagte er:
Block ist bloß schlau. Er hat viel Erfahrung angesammelt und versteht es,
den Prozeß zu verschleppen. Aber seine Unwissenheit ist noch viel größer
als seine Schlauheit. Was würde er wohl dazu sagen, wenn er erfahren
würde, daß sein Prozeß noch gar nicht begonnen [344]hat, wenn man ihm
sagen würde, daß noch nicht einmal das Glockenzeichen zum Beginn des
Prozesses gegeben ist. Ruhig, Block,“ sagte der Advokat, denn Block
begann sich gerade auf unsicheren Knien zu erheben und wollte offenbar
um Aufklärung bitten. Es war jetzt das erstemal, daß sich der Advokat mit
ausführlicheren Worten geradezu an Block wendete. Mit müden Augen sah
er halb ziellos, halb zu Block hinunter, der unter diesem Blick wieder
langsam in die Knie zurücksank. „Diese Äußerung des Richters hat für dich
gar keine Bedeutung,“ sagte der Advokat. „Erschrick doch nicht bei jedem
Wort. Wenn sich das wiederholt, werde ich dir gar nichts mehr verraten.
Man kann keinen Satz beginnen, ohne daß du einen anschaust, als ob jetzt
dein Endurteil käme. Schäme dich hier vor meinem Klienten! Auch
erschütterst du das Vertrauen, das er in mich setzt. Was willst du denn?
Noch lebst du, noch stehst du unter meinem Schutz. Sinnlose Angst! Du

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hast irgendwo gelesen, daß das Endurteil in manchen Fällen unversehens
komme aus beliebigem Munde zu beliebiger Zeit. Mit vielen Vorbehalten
ist das allerdings wahr, ebenso [345]wahr aber ist es, daß mich deine Angst
anwidert und daß ich darin einen Mangel des notwendigen Vertrauens sehe.
Was habe ich denn gesagt? Ich habe die Äußerung eines Richters
wiedergegeben. Du weißt, die verschiedenen Ansichten häufen sich um das
Verfahren bis zur Undurchdringlichkeit. Dieser Richter z. B. nimmt den
Anfang des Verfahrens zu einem andern Zeitpunkt an als ich. Ein
Meinungsunterschied, nichts weiter. In einem gewissen Stadium des
Prozesses wird nach altem Brauch ein Glockenzeichen gegeben. Nach der
Ansicht dieses Richters beginnt damit der Prozeß. Ich kann dir jetzt nicht
alles sagen, was dagegen spricht, du würdest es auch nicht verstehn, es
genüge dir, daß viel dagegen spricht.“ Verlegen fuhr Block unten mit den
Fingern durch das Fell des Bettvorlegers, die Angst wegen des Ausspruchs
des Richters ließ ihn zeitweise die eigene Untertänigkeit gegenüber dem
Advokaten vergessen, er dachte dann nur an sich und drehte die Worte des
Richters nach allen Seiten. „Block,“ sagte Leni in warnendem Ton und zog
ihn am Rockkragen ein wenig in die Höhe. „Laß jetzt das Fell und höre dem
Advokaten zu.“ K. begriff [346]nicht, wie der Advokat daran hatte denken
können, durch diese Vorführung ihn zu gewinnen. Hätte er ihn nicht schon
früher verjagt, er hätte es durch diese Szene erreicht. [347]

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[Inhalt]

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NEUNTES KAPITEL

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IM DOM
K. bekam den Auftrag, einem italienischen Geschäftsfreund der Bank, der
für sie sehr wichtig war und sich zum erstenmal in dieser Stadt aufhielt,
einige Kunstdenkmäler zu zeigen. Es war ein Auftrag, den er zu anderer
Zeit gewiß für ehrend gehalten hätte, den er aber jetzt, da er nur mit großer
Anstrengung sein Ansehn in der Bank noch wahren konnte, widerwillig
übernahm. Jede Stunde, die er dem Bureau entzogen wurde, machte ihm
Kummer; er konnte zwar die Bureauzeit bei weitem nicht mehr so
ausnutzen wie früher, er brachte manche Stunden nur unter dem
notdürftigsten Anschein wirklicher Arbeit hin, aber desto größer waren
seine Sorgen, wenn er nicht im Bureau war. Er glaubte dann zu sehn, wie
der Direktor-Stellvertreter, der ja immer auf der Lauer gewesen war, von
Zeit zu Zeit in sein Bureau kam, [348]sich an seinen Schreibtisch setzte,
seine Schriftstücke durchsuchte, Parteien, mit denen K. seit Jahren fast
befreundet gewesen war, empfing und ihm abspenstig machte, ja vielleicht
sogar Fehler aufdeckte, von denen sich K. während der Arbeit jetzt immer
aus tausend Richtungen bedroht sah und die er nicht mehr vermeiden
konnte. Wurde er daher einmal, sei es in noch so auszeichnender Weise, zu
einem Geschäftsweg oder gar zu einer kleinen Reise beauftragt — solche
Aufträge hatten sich in der letzten Zeit ganz zufällig gehäuft — dann lag
immerhin die Vermutung nahe, daß man ihn für ein Weilchen aus dem
Bureau entfernen und seine Arbeit überprüfen wolle oder wenigstens, daß
man ihn im Bureau für leicht entbehrlich halte. Die meisten dieser Aufträge
hätte er ohne Schwierigkeit ablehnen können, aber er wagte es nicht, denn,
wenn seine Befürchtung auch nur im geringsten begründet war, bedeutete
die Ablehnung des Auftrags Geständnis seiner Angst. Aus diesem Grunde
nahm er solche Aufträge scheinbar gleichmütig hin und verschwieg sogar,
als er eine anstrengende zweitägige Geschäftsreise machen sollte, eine
ernstliche Verkühlung, um sich nur nicht der [349]Gefahr auszusetzen, mit

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Berufung auf das gerade herrschende regnerische Herbstwetter von der
Reise abgehalten zu werden. Als er von dieser Reise mit wütenden
Kopfschmerzen zurückkehrte, erfuhr er, daß er dazu bestimmt sei, am
nächsten Tag den italienischen Geschäftsfreund zu begleiten. Die
Verlockung, sich wenigstens dieses eine Mal zu weigern, war sehr groß, vor
allem war das, was man ihm hier zugedacht hatte, keine unmittelbar mit
dem Geschäft zusammenhängende Arbeit, aber die Erfüllung dieser
gesellschaftlichen Pflicht gegenüber dem Geschäftsfreund war an sich
zweifellos wichtig genug, nur nicht für K., der wohl wußte, daß er sich nur
durch Arbeitserfolge erhalten könne, und daß es, wenn ihm das nicht
gelingen würde, vollständig wertlos war, wenn er diesen Italiener
unerwarteterweise sogar bezaubern sollte; er wollte nicht einmal für einen
Tag aus dem Bereich der Arbeit geschoben werden, denn die Furcht, nicht
mehr zurückgelassen zu werden, war zu groß, eine Furcht, die er sehr genau
als übertrieben erkannte, die ihn aber doch beengte. In diesem Fall
allerdings war es fast unmöglich, einen annehmbaren Einwand zu erfinden,
[350]K.s Kenntnis des Italienischen war zwar nicht sehr groß, aber immerhin
genügend; das Entscheidende aber war, daß K. aus früherer Zeit einige
künstlerische Kenntnisse besaß, was in äußerst übertriebener Weise dadurch
in der Bank bekannt geworden war, daß K. eine Zeit lang übrigens auch nur
aus geschäftlichen Gründen Mitglied des Vereins zur Erhaltung der
städtischen Kunstdenkmäler gewesen war. Nun war aber der Italiener, wie
man gerüchtweise erfahren hatte, ein Kunstliebhaber und die Wahl K.s zu
seinem Begleiter war daher selbstverständlich.

Es war ein sehr regnerischer stürmischer Morgen, als K. voll Ärger über
den Tag, der ihm bevorstand, schon um 7 Uhr ins Bureau kam, um
wenigstens einige Arbeit noch fertigzubringen, ehe der Besuch ihn allem
entziehen würde. Er war sehr müde, denn er hatte die halbe Nacht mit dem
Studium einer italienischen Grammatik verbracht, um sich ein wenig
vorzubereiten, das Fenster, an dem er in der letzten Zeit viel zu oft zu sitzen
pflegte, lockte ihn mehr als der Schreibtisch, aber er widerstand und setzte
sich zur Arbeit. Leider trat gerade der Diener ein und meldete, der Herr

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[351]Direktor habe ihn geschickt, um nachzusehn, ob der Herr Prokurist
schon hier sei; sei er hier, dann möge er so freundlich sein und ins
Empfangszimmer hinüberkommen, der Herr aus Italien sei schon da. „Ich
komme schon,“ sagte K., steckte ein kleines Wörterbuch in die Tasche,
nahm ein Album der städtischen Sehenswürdigkeiten, das er für den
Fremden vorbereitet hatte, unter den Arm, und ging durch das Bureau des
Direktor-Stellvertreters in das Direktionszimmer. Er war glücklich darüber,
so früh ins Bureau gekommen zu sein und sofort zur Verfügung stehn zu
können, was wohl niemand ernstlich erwartet hatte. Das Bureau des
Direktor-Stellvertreters war natürlich noch leer wie in tiefer Nacht,
wahrscheinlich hatte der Diener auch ihn ins Empfangszimmer berufen
sollen, es war aber erfolglos gewesen. Als K. ins Empfangszimmer eintrat,
erhoben sich die zwei Herren aus den tiefen Fauteuils. Der Direktor lächelte
freundlich, offenbar war er sehr erfreut über K.s Kommen, er besorgte
sofort die Vorstellung, der Italiener schüttelte K. kräftig die Hand und
nannte lachend irgend jemanden einen Frühaufsteher, K. verstand [352]nicht
genau wen er meinte, es war überdies ein sonderbares Wort, dessen Sinn K.
erst nach einem Weilchen erriet. Er antwortete mit einigen glatten Sätzen,
die der Italiener wieder lachend hinnahm, wobei er mehrmals mit nervöser
Hand über seinen graublauen buschigen Schnurrbart fuhr. Dieser Bart war
offenbar parfümiert, man war fast versucht, sich zu nähern und zu riechen.
Als sich alle gesetzt hatten und ein kleines einleitendes Gespräch begann,
bemerkte K. mit großem Unbehagen, daß er den Italiener nur
bruchstückweise verstand. Wenn er ganz ruhig sprach, verstand er ihn fast
vollständig, das waren aber nur seltene Ausnahmen, meistens quoll ihm die
Rede aus dem Mund, er schüttelte den Kopf wie vor Lust darüber. Bei
solchen Reden aber verwickelte er sich regelmäßig in irgendeinen Dialekt,
der für K. nichts Italienisches mehr hatte, den aber der Direktor nicht nur
verstand, sondern auch sprach, was K. allerdings hätte voraussehn können,
denn der Italiener stammte aus Süditalien, wo auch der Direktor einige
Jahre gewesen war. Jedenfalls erkannte K., daß ihm die Möglichkeit, sich
mit dem Italiener zu verständigen, zum größten Teil genommen [353]war,
denn auch dessen Französisch war nur schwer verständlich, auch verdeckte

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der Bart die Lippenbewegungen, deren Anblick vielleicht zum Verständnis
geholfen hätte. K. begann viel Unannehmlichkeiten vorauszusehn, vorläufig
gab er es auf, den Italiener verstehn zu wollen — in der Gegenwart des
Direktors, der ihn so leicht verstand, wäre es unnötige Anstrengung
gewesen — und er beschränkte sich darauf, ihn verdrießlich zu beobachten,
wie er tief und doch leicht in dem Fauteuil ruhte, wie er öfters an seinem
kurzen, scharf geschnittenen Röckchen zupfte und wie er einmal mit
erhobenen Armen und lose in den Gelenken bewegten Händen irgend etwas
darzustellen versuchte, das K. nicht begreifen konnte, trotzdem er
vorgebeugt die Hände nicht aus den Augen ließ. Schließlich machte sich bei
K., der sonst unbeschäftigt, nur mechanisch mit den Blicken dem Hin und
Her der Reden folgte, die frühere Müdigkeit geltend und er ertappte sich
einmal zu seinem Schrecken glücklicherweise noch rechtzeitig darauf, daß
er in der Zerstreutheit gerade hatte aufstehn, sich umdrehn und weggehn
wollen. Endlich sah der Italiener auf die Uhr und sprang [354]auf. Nachdem
er sich vom Direktor verabschiedet hatte, drängte er sich an K. und zwar so
dicht, daß K. sein Fauteuil zurückschieben mußte, um sich bewegen zu
können. Der Direktor, der gewiß an K.s Augen die Not erkannte, in der er
sich gegenüber diesem Italienisch befand, mischte sich in das Gespräch und
zwar so klug und so zart, daß es den Anschein hatte, als füge er nur kleine
Ratschläge bei, während er in Wirklichkeit alles, was der Italiener,
unermüdlich ihm in die Rede fallend, vorbrachte, in aller Kürze K.
verständlich machte. K. erfuhr von ihm, daß der Italiener vorläufig noch
einige Geschäfte zu besorgen habe, daß er leider auch im Ganzen nur wenig
Zeit haben werde, daß er auch keinesfalls beabsichtige, in Eile alle
Sehenswürdigkeiten abzulaufen, daß er sich vielmehr — allerdings nur
wenn K. zustimme, bei ihm allein liege die Entscheidung — entschlossen
habe, nur den Dom, diesen aber gründlich, zu besichtigen. Er freue sich
ungemein, diese Besichtigung in Begleitung eines so gelehrten und
liebenswürdigen Mannes — damit war K. gemeint, der mit nichts anderem
beschäftigt war, als den Italiener zu überhören und die Worte des Direktors
schnell [355]aufzufassen — vornehmen zu können und er bitte ihn, wenn
ihm die Stunde gelegen sei, in zwei Stunden, etwa um 10 Uhr, sich im Dom

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einzufinden. Er selbst hoffe, um diese Zeit schon bestimmt dort sein zu
können. K. antwortete einiges Entsprechende, der Italiener drückte zuerst
dem Direktor, dann K., dann nochmals dem Direktor die Hand und ging,
von beiden gefolgt, nur noch halb ihnen zugewendet, im Reden aber noch
immer nicht aussetzend, zur Tür. K. blieb dann noch ein Weilchen mit dem
Direktor beisammen, der heute besonders leidend aussah. Er glaubte sich
bei K. irgendwie entschuldigen zu müssen und sagte — sie standen
vertraulich nahe beisammen — zuerst hätte er beabsichtigt, selbst mit dem
Italiener zu gehn, dann aber — er gab keinen nähern Grund an — habe er
sich entschlossen, lieber K. zu schicken. Wenn er den Italiener nicht gleich
im Anfang verstehe, so müsse er sich dadurch nicht verblüffen lassen, das
Verständnis komme sehr rasch, und wenn er auch viel überhaupt nicht
verstehen sollte, so sei es auch nicht so schlimm, denn für den Italiener sei
es nicht gar so wichtig, verstanden zu werden. Übrigens sei K.s Italienisch
überraschend gut und [356]er werde sich gewiß ausgezeichnet mit der Sache
abfinden. Damit war K. verabschiedet. Die Zeit, die ihm noch freiblieb,
verbrachte er damit, seltene Vokabeln, die er zur Führung im Dom
benötigte, aus dem Wörterbuch herauszuschreiben. Es war eine äußerst
lästige Arbeit, Diener brachten die Post, Beamte kamen mit verschiedenen
Anfragen und blieben, da sie K. beschäftigt sahen, bei der Tür stehn,
rührten sich aber nicht weg, bis sie K. angehört hatte, der Direktor-
Stellvertreter ließ es sich nicht entgehn, K. zu stören, kam öfters herein,
nahm ihm das Wörterbuch aus der Hand und blätterte offenbar ganz sinnlos
darin, selbst Parteien tauchten, wenn sich die Tür öffnete, im Halbdunkel
des Vorzimmers auf und verbeugten sich zögernd, sie wollten auf sich
aufmerksam machen, waren aber dessen nicht sicher, ob sie gesehen
wurden — das alles bewegte sich um K. als um seinen Mittelpunkt,
während er selbst die Wörter, die er brauchte, zusammenstellte, dann im
Wörterbuch suchte, dann herausschrieb, dann sich in ihrer Aussprache übte
und schließlich auswendig zu lernen versuchte. Sein früheres gutes
Gedächtnis schien ihn aber ganz verlassen zu haben, manchmal [357]wurde
er auf den Italiener, der ihm diese Anstrengung verursachte, so wütend, daß
er das Wörterbuch unter Papieren vergrub mit der festen Absicht, sich nicht

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mehr vorzubereiten, dann aber sah er ein, daß er doch nicht stumm mit dem
Italiener vor den Kunstwerken im Dom auf und ab gehen könne und er zog
mit noch größerer Wut das Wörterbuch wieder hervor.

Gerade um ½10 Uhr, als er weggehn wollte, erfolgte ein telephonischer
Anruf, Leni wünschte ihm guten Morgen und fragte nach seinem Befinden,
K. dankte eilig und bemerkte, er könne sich jetzt unmöglich in ein Gespräch
einlassen, denn er müsse in den Dom. „In den Dom?“ fragte Leni. „Nun ja,
in den Dom.“ „Warum denn in den Dom?“ sagte Leni. K. suchte es ihr in
Kürze zu erklären, aber kaum hatte er damit angefangen, sagte Leni
plötzlich: „Sie hetzen dich.“ Bedauern, das er nicht herausgefordert und
nicht erwartet hatte, vertrug K. nicht, er verabschiedete sich mit zwei
Worten, sagte aber doch, während er den Hörer an seinen Platz hängte, halb
zu sich, halb zu dem fernen Mädchen, das es nicht mehr hörte: „Ja, sie
hetzen mich.“ [358]

Nun war es aber schon spät, es bestand schon fast die Gefahr, daß er nicht
rechtzeitig ankam. Im Automobil fuhr er hin, im letzten Augenblick hatte er
sich noch an das Album erinnert, das er früh zu übergeben keine
Gelegenheit gefunden hatte und das er deshalb jetzt mitnahm. Er hielt es auf
seinen Knien und trommelte während der ganzen Fahrt unruhig darauf. Der
Regen war schwächer geworden, aber es war feucht, kühl und dunkel, man
würde im Dom wenig sehn, wohl aber würde sich dort, infolge des langen
Stehns auf den kalten Fließen, K.s Verkühlung sehr verschlimmern.

Der Domplatz war ganz leer, K. erinnerte sich, daß es ihm schon als
kleinem Kind aufgefallen war, daß in den Häusern dieses engen Platzes
immer fast alle Fenstervorhänge herabgelassen waren. Bei dem heutigen
Wetter war es allerdings verständlicher als sonst. Auch im Dom schien es
leer zu sein, es fiel natürlich niemandem ein, jetzt hierherzukommen. K.
durchlief beide Seitenschiffe, er traf nur ein altes Weib, das eingehüllt in ein
warmes Tuch vor einem Marienbild kniete und es anblickte. Von weitem
sah er dann noch einen hinkenden [359]Diener in einer Mauertür

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verschwinden. K. war pünktlich gekommen, gerade bei seinem Eintritt hatte
es 10 geschlagen, der Italiener war aber noch nicht hier. K. ging zum
Haupteingang zurück, stand dort eine Zeit lang unentschlossen und machte
dann im Regen einen Rundgang um den Dom, um nachzusehn, ob der
Italiener nicht vielleicht bei irgendeinem Seiteneingang warte. Er war
nirgends zu finden. Sollte der Direktor etwa die Zeitangabe mißverstanden
haben? Wie konnte man auch diesen Menschen richtig verstehn. Wie es
aber auch sein mochte, jedenfalls mußte K. zunächst eine halbe Stunde auf
ihn warten. Da er müde war, wollte er sich setzen, er ging wieder in den
Dom, fand auf einer Stufe einen kleinen teppichartigen Fetzen, zog ihn mit
der Fußspitze vor eine nahe Bank, wickelte sich fester in seinen Mantel,
schlug den Kragen in die Höhe und setzte sich. Um sich zu zerstreuen,
schlug er das Album auf, blätterte darin ein wenig, mußte aber bald
aufhören, denn es wurde so dunkel, daß er, als er aufblickte, in dem nahen
Seitenschiff kaum eine Einzelheit unterscheiden konnte.

In der Ferne funkelte auf dem Hauptaltar ein [360]großes Dreieck von
Kerzenlichtern, K. hätte nicht mit Bestimmtheit sagen können, ob er sie
schon früher gesehen hatte. Vielleicht waren sie erst jetzt angezündet
worden. Die Kirchendiener sind berufsmäßige Schleicher, man bemerkt sie
nicht. Als sich K. zufällig umdrehte, sah er nicht weit hinter sich eine hohe
starke an einer Säule befestigte Kerze gleichfalls brennen. So schön das
war, zur Beleuchtung der Altarbilder, die meistens in der Finsternis der
Seitenaltäre hingen, war es gänzlich unzureichend, es vermehrte vielmehr
die Finsternis. Es war vom Italiener ebenso vernünftig als unhöflich
gehandelt, daß er nicht gekommen war, es wäre nichts zu sehen gewesen,
man hätte sich damit begnügen müssen, mit K.s elektrischer Taschenlampe
einige Bilder zollweise abzusuchen. Um zu versuchen, was man davon
erwarten könnte, ging K. zu einer nahen kleinen Seitenkapelle, stieg ein
paar Stufen bis zu einer niedrigen Marmorbrüstung, und über sie
vorgebeugt beleuchtete er mit der Lampe das Altarbild. Störend schwebte
das ewige Licht davor. Das Erste, was K. sah und zum Teil erriet, war ein
großer gepanzerter Ritter, der am äußersten Rande des Bildes

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[361]dargestellt war. Er stützte sich auf sein Schwert, das er in den kahlen
Boden vor sich — nur einige Grashalme kamen hier und da hervor —
gestoßen hatte. Er schien aufmerksam einen Vorgang zu beobachten, der
sich vor ihm abspielte. Es war erstaunlich, daß er so stehenblieb und sich
nicht näherte. Vielleicht war er dazu bestimmt, Wache zu stehen. K., der
schon lange keine Bilder gesehen hatte, betrachtete den Ritter längere Zeit,
trotzdem er immerfort mit den Augen zwinkern mußte, da er das grüne
Licht der Lampe nicht vertrug. Als er dann das Licht über den übrigen Teil
des Bildes streichen ließ, fand er eine Grablegung Christi in gewöhnlicher
Auffassung, es war übrigens ein neueres Bild. Er steckte die Lampe ein und
kehrte wieder zu seinem Platz zurück.

Es war nun schon wahrscheinlich unnötig, auf den Italiener zu warten,
draußen war aber gewiß strömender Regen, und da es hier nicht so kalt war,
wie K. erwartet hatte, beschloß er vorläufig hierzubleiben. In seiner
Nachbarschaft war die große Kanzel, auf ihrem kleinen runden Dach waren
halb liegend zwei leere goldene Kreuze angebracht, die sich mit ihrer
äußersten Spitze überquerten. [362]Die Außenwand der Brüstung und der
Übergang zur tragenden Säule war von grünem Laubwerk gebildet, in das
kleine Engel griffen, bald lebhaft, bald ruhend. K. trat vor die Kanzel und
untersuchte sie von allen Seiten, die Bearbeitung des Steines war überaus
sorgfältig, das tiefe Dunkel zwischen dem Laubwerk und hinter ihm schien
wie eingefangen und festgehalten, K. legte seine Hand in eine solche Lücke
und tastete dann den Stein vorsichtig ab, von dem Dasein dieser Kanzel
hatte er bisher gar nicht gewußt. Da bemerkte er zufällig hinter der nächsten
Bankreihe einen Kirchendiener, der dort in einem hängenden faltigen
schwarzen Rock stand, in der linken Hand eine Schnupftabakdose hielt und
ihn betrachtete. „Was will denn der Mann?“ dachte K. „Bin ich ihm
verdächtig? Will er ein Trinkgeld?“ Als sich aber nun der Kirchendiener
von K. bemerkt sah, zeigte er mit der Rechten, zwischen zwei Fingern hielt
er noch eine Prise Tabak, in irgendeine unbestimmte Richtung. Sein
Benehmen war fast unverständlich, K. wartete noch ein Weilchen, aber der
Kirchendiener hörte nicht auf mit der Hand etwas zu zeigen und bekräftigte

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[363]es noch durch Kopfnicken. „Was will er denn?“ fragte K. leise, er wagte
es nicht, hier zu rufen; dann aber zog er die Geldtasche und drängte sich
durch die nächste Bank, um zu dem Mann zu kommen. Doch dieser machte
sofort eine abwehrende Bewegung mit der Hand, zuckte die Schultern und
hinkte davon. Mit einer ähnlichen Gangart, wie es dieses eilige Hinken war,
hatte K. als Kind das Reiten auf Pferden nachzuahmen versucht. „Ein
kindischer Alter,“ dachte K., „sein Verstand reicht nur noch zum
Kirchendienst aus. Wie er stehnbleibt, wenn ich stehe, und wie er lauert, ob
ich weitergehen will.“ Lächelnd folgte K. dem Alten durch das ganze
Seitenschiff fast bis zur Höhe des Hauptaltars, der Alte hörte nicht auf,
etwas zu zeigen, aber K. drehte sich absichtlich nicht um, das Zeigen hatte
keinen andern Zweck, als ihn von der Spur des Alten abzubringen.
Schließlich ließ er wirklich von ihm, er wollte ihn nicht zu sehr ängstigen,
auch wollte er die Erscheinung, für den Fall, daß der Italiener doch noch
kommen sollte, nicht ganz verscheuchen.

Als er in das Hauptschiff trat, um seinen Platz [364]zu suchen, auf dem er
das Album liegengelassen hatte, bemerkte er an einer Säule fast angrenzend
an die Bänke des Altarchors eine kleine Nebenkanzel, ganz einfach, aus
kahlem, bleichem Stein. Sie war so klein, daß sie aus der Ferne wie eine
noch leere Nische erschien, die für die Aufnahme einer Statue bestimmt
war. Der Prediger konnte gewiß keinen vollen Schritt von der Brüstung
zurücktreten. Außerdem begann die steinerne Einwölbung der Kanzel
ungewöhnlich tief und stieg zwar ohne jeden Schmuck, aber derartig
geschweift in die Höhe, daß ein mittelgroßer Mann dort nicht aufrecht stehn
konnte, sondern sich dauernd über die Brüstung vorbeugen mußte. Das
Ganze war wie zur Qual des Predigers bestimmt, es war unverständlich,
wozu man diese Kanzel benötigte, da man doch die andere große und so
kunstvoll geschmückte zur Verfügung hatte.

K. wäre auch diese kleine Kanzel gewiß nicht aufgefallen, wenn nicht oben
eine Lampe befestigt gewesen wäre, wie man sie kurz vor einer Predigt
bereitzustellen pflegt. Sollte jetzt etwa eine Predigt stattfinden? In der

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leeren Kirche? K. sah an der Treppe hinab, die an die Säule sich
[365]anschmiegend zur Kanzel führte und so schmal war, als solle sie nicht
für Menschen, sondern nur zum Schmuck der Säule dienen. Aber unten an
der Kanzel, K. lächelte vor Staunen, stand wirklich der Geistliche, hielt die
Hand am Geländer, bereit aufzusteigen und sah auf K. hin. Dann nickte er
ganz leicht mit dem Kopf, worauf K. sich bekreuzigte und verbeugte, was
er schon früher hätte tun sollen. Der Geistliche gab sich einen kleinen
Aufschwung und stieg mit kurzen, schnellen Schritten die Kanzel hinauf.
Sollte wirklich eine Predigt beginnen? War vielleicht der Kirchendiener
doch nicht so ganz vom Verstand verlassen und hatte K. dem Prediger
zutreiben wollen, was allerdings in der leeren Kirche äußerst notwendig
gewesen war. Übrigens gab es ja noch irgendwo vor einem Marienbild ein
altes Weib, das auch hätte kommen sollen. Und wenn es schon eine Predigt
sein sollte, warum wurde sie nicht von der Orgel eingeleitet. Aber die blieb
still und blinkte nur schwach aus der Finsternis ihrer großen Höhe.

K. dachte daran, ob er sich jetzt nicht eiligst entfernen sollte; wenn er es
jetzt nicht tat, war [366]keine Aussicht, daß er es während der Predigt tun
könnte, er mußte dann bleiben, so lange sie dauerte, im Bureau verlor er so
viel Zeit, auf den Italiener zu warten war er längst nicht mehr verpflichtet,
er sah auf seine Uhr, es war 11. Aber konnte denn wirklich gepredigt
werden? Konnte K. allein die Gemeinde darstellen? Wie, wenn er ein
Fremder gewesen wäre, der nur die Kirche besichtigen wollte? Im Grunde
war er auch nichts anderes. Es war unsinnig, daran zu denken, daß
gepredigt werden sollte, jetzt um 11 Uhr, an einem Werktag bei
greulichstem Wetter. Der Geistliche — ein Geistlicher war es zweifellos,
ein junger Mann mit glattem, dunklem Gesicht — ging offenbar nur hinauf,
um die Lampe zu löschen, die irrtümlich angezündet worden war.

Es war aber nicht so, der Geistliche prüfte vielmehr das Licht und schraubte
es noch ein wenig auf, dann drehte er sich langsam der Brüstung zu, die er
vorn an der kantigen Einfassung mit beiden Händen erfaßte. So stand er
eine Zeitlang und blickte, ohne den Kopf zu rühren, umher. K. war ein

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großes Stück zurückgewichen und lehnte mit den Ellbogen an der
vordersten Kirchenbank. [367]Mit unsichern Augen sah er irgendwo, ohne
den Ort genau zu bestimmen, den Kirchendiener mit krummem Rücken
friedlich wie nach beendeter Aufgabe sich zusammenkauern. Was für eine
Stille herrschte jetzt im Dom! Aber K. mußte sie stören, er hatte nicht die
Absicht hierzubleiben; wenn es die Pflicht des Geistlichen war, zu einer
bestimmten Stunde ohne Rücksicht auf die Umstände zu predigen, so
mochte er es tun, es würde auch ohne K.s Beistand gelingen, ebenso wie die
Anwesenheit K.s die Wirkung gewiß nicht steigern würde. Langsam setzte
sich also K. in Gang, tastete sich auf den Fußspitzen an der Bank hin, kam
dann in den breiten Hauptweg und ging auch dort ganz ungestört, nur daß
der steinerne Boden unter dem leisesten Schritt erklang und die Wölbungen
schwach, aber ununterbrochen, in vielfachem, gesetzmäßigem Fortschreiten
davon widerhallten. K. fühlte sich ein wenig verlassen, als er dort, vom
Geistlichen vielleicht beobachtet, zwischen den leeren Bänken allein
hindurchging, auch schien ihm die Größe des Doms gerade an der Grenze
des für Menschen noch Erträglichen zu liegen. Als er zu seinem früheren
Platz kam, haschte er [368]förmlich ohne weiteren Aufenthalt nach dem dort
liegengelassenen Album und nahm es an sich. Fast hatte er schon das
Gebiet der Bänke verlassen und näherte sich dem freien Raum, der
zwischen ihnen und dem Ausgang lag, als er zum erstenmal die Stimme des
Geistlichen hörte. Eine mächtige geübte Stimme. Wie durchdrang sie den
zu ihrer Aufnahme bereiten Dom! Es war aber nicht die Gemeinde, die der
Geistliche anrief, es war ganz eindeutig und es gab keine Ausflüchte, er
rief: Josef K.!

K. stockte und sah vor sich auf den Boden. Vorläufig war er noch frei, er
konnte noch weitergehn und durch eine der drei kleinen dunklen Holztüren,
die nicht weit vor ihm waren, sich davon machen. Es würde eben bedeuten,
daß er nicht verstanden hatte, oder daß er zwar verstanden hatte, sich aber
darum nicht kümmern wollte. Falls er sich aber umdrehte, war er
festgehalten, denn dann hatte er das Geständnis gemacht, daß er gut
verstanden hatte, daß er wirklich der Angerufene war und daß er auch

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folgen wollte. Hätte der Geistliche nochmals gerufen, wäre K. gewiß
fortgegangen, aber da alles still blieb, so lange K. [369]auch wartete, drehte
er doch ein wenig den Kopf, denn er wollte sehn, was der Geistliche jetzt
mache. Er stand ruhig auf der Kanzel wie früher, es war aber deutlich zu
sehn, daß er K.s Kopfwendung bemerkt hatte. Es wäre ein kindliches
Versteckenspiel gewesen, wenn sich jetzt K. nicht vollständig umgedreht
hätte. Er tat es und wurde vom Geistlichen durch ein Winken des Fingers
näher gerufen. Da jetzt alles offen geschehen konnte, lief er — er tat es
auch aus Neugierde und um die Angelegenheit abzukürzen — mit langen
fliegenden Schritten der Kanzel entgegen. Bei den ersten Bänken machte er
halt, aber dem Geistlichen schien die Entfernung noch zu groß, er streckte
die Hand aus und zeigte mit dem scharf gesenkten Zeigefinger auf eine
Stelle knapp vor der Kanzel. K. folgte auch darin, er mußte auf diesem
Platz den Kopf schon weit zurückbeugen, um den Geistlichen noch zu sehn.
„Du bist Josef K.,“ sagte der Geistliche und erhob eine Hand auf der
Brüstung in einer unbestimmten Bewegung. „Ja,“ sagte K., er dachte daran,
wie offen er früher immer seinen Namen genannt hatte, seit einiger Zeit war
er ihm eine Last, auch kannten jetzt seinen Namen [370]Leute, mit denen er
zum erstenmal zusammenkam; wie schön war es, sich zuerst vorzustellen
und dann erst gekannt zu werden. „Du bist angeklagt,“ sagte der Geistliche
besonders leise. „Ja,“ sagte K., „man hat mich davon verständigt.“ „Dann
bist du der, den ich suche,“ sagte der Geistliche. „Ich bin der
Gefängniskaplan.“ „Ach so,“ sagte K. „Ich habe dich hierher rufen lassen,“
sagte der Geistliche, „um mit dir zu sprechen.“ „Ich wußte es nicht,“ sagte
K. „Ich bin hierhergekommen, um einem Italiener den Dom zu zeigen.“
„Laß das Nebensächliche,“ sagte der Geistliche. „Was hältst du in der
Hand? Ist es ein Gebetbuch?“ „Nein,“ antwortete K., „es ist ein Album der
städtischen Sehenswürdigkeiten.“ „Leg es aus der Hand,“ sagte der
Geistliche. K. warf es so heftig weg, daß es aufklappte und mit zerdrückten
Blättern ein Stück über den Boden schleifte. „Weißt du, daß dein Prozeß
schlecht steht?“ fragte der Geistliche. „Es scheint mir auch so,“ sagte K.
„Ich habe mir alle Mühe gegeben, bisher aber ohne Erfolg. Allerdings habe
ich die Eingabe noch nicht fertig.“ „Wie stellst du dir das Ende vor,“ fragte

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der Geistliche. „Früher dachte ich, [371]es müsse gut enden,“ sagte K., „jetzt
zweifle ich daran manchmal selbst. Ich weiß nicht, wie es enden wird.
Weißt du es?“ „Nein,“ sagte der Geistliche, „aber ich fürchte, es wird
schlecht enden. Man hält dich für schuldig. Dein Prozeß wird vielleicht
über ein niedriges Gericht gar nicht hinauskommen. Man hält wenigstens
vorläufig deine Schuld für erwiesen.“ „Ich bin aber nicht schuldig,“ sagte
K. „Es ist ein Irrtum. Wie kann denn ein Mensch überhaupt schuldig sein.
Wir sind hier doch alle Menschen, einer wie der andere.“ „Das ist richtig,“
sagte der Geistliche, „aber so pflegen die Schuldigen zu reden.“ „Hast auch
du ein Vorurteil gegen mich?“ fragte K. „Ich habe kein Vorurteil gegen
dich,“ sagte der Geistliche. „Ich danke dir,“ sagte K. „Alle andern aber, die
an dem Verfahren beteiligt sind, haben ein Vorurteil gegen mich. Sie flößen
es auch den Unbeteiligten ein. Meine Stellung wird immer schwieriger.“
„Du mißverstehst die Tatsachen,“ sagte der Geistliche. „Das Urteil kommt
nicht mit einemmal, das Verfahren geht allmählich ins Urteil über.“ „So ist
es also,“ sagte K. und senkte den Kopf. „Was willst du nächstens in deiner
[372]Sache tun?“ fragte der Geistliche. „Ich will noch Hilfe suchen,“ sagte
K. und hob den Kopf, um zu sehn, wie der Geistliche es beurteile. „Es gibt
noch gewisse Möglichkeiten, die ich nicht ausgenützt habe.“ „Du suchst
zuviel fremde Hilfe,“ sagte der Geistliche mißbilligend, „und besonders bei
Frauen. Merkst du denn nicht, daß es nicht die wahre Hilfe ist.“ „Manchmal
und sogar oft könnte ich dir recht geben,“ sagte K., „aber nicht immer. Die
Frauen haben eine große Macht. Wenn ich einige Frauen, die ich kenne,
dazu bewegen könnte, gemeinschaftlich für mich zu arbeiten, müßte ich
durchdringen. Besonders bei diesem Gericht, das fast nur aus Frauenjägern
besteht. Zeig dem Untersuchungsrichter eine Frau aus der Ferne und er
überrennt, um nur rechtzeitig hinzukommen, den Gerichtstisch und den
Angeklagten.“ Der Geistliche neigte den Kopf zur Brüstung, jetzt erst
schien die Überdachung der Kanzel ihn niederzudrücken. Was für ein
Unwetter mochte draußen sein? Das war kein trüber Tag mehr, das war
schon tiefe Nacht. Keine Glasmalerei der großen Fenster war imstande, die
dunkle Wand auch nur mit einem Schimmer zu [373]unterbrechen. Und
gerade jetzt begann der Kirchendiener die Kerzen auf dem Hauptaltar eine

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nach der andern auszulöschen. „Bist du mir böse,“ fragte K. den
Geistlichen. „Du weißt vielleicht nicht, was für einem Gericht du dienst.“
Er bekam keine Antwort. „Es sind doch nur meine Erfahrungen,“ sagte K.
Oben blieb es noch immer still. „Ich wollte dich nicht beleidigen,“ sagte K.
Da schrie der Geistliche zu K. hinunter: „Siehst du denn nicht zwei Schritte
weit?“ Es war im Zorn geschrien, aber gleichzeitig wie von einem, der
jemanden fallen sieht und weil er selbst erschrocken ist, unvorsichtig ohne
Willen schreit.

Nun schwiegen beide lange. Gewiß konnte der Geistliche in dem Dunkel,
das unten herrschte, K. nicht genau erkennen, während K. den Geistlichen
im Licht der kleinen Lampe deutlich sah. Warum kam der Geistliche nicht
herunter? Eine Predigt hatte er ja nicht gehalten, sondern K. nur einige
Mitteilungen gemacht, die ihm, wenn er sie genau beachten würde,
wahrscheinlich mehr schaden als nützen würden. Wohl aber schien K. die
gute Absicht des Geistlichen zweifellos zu sein, es war nicht unmöglich,
daß er sich mit ihm, [374]wenn er herunterkäme, einigen würde, es war nicht
unmöglich, daß er von ihm einen entscheidenden und annehmbaren Rat
bekäme, der ihm z. B. zeigen würde, nicht etwa wie der Prozeß zu
beeinflussen war, sondern wie man aus dem Prozeß ausbrechen, wie man
ihn umgehen, wie man außerhalb des Prozesses leben könnte. Diese
Möglichkeit mußte bestehn, K. hatte in der letzten Zeit öfters an sie
gedacht. Wußte aber der Geistliche eine solche Möglichkeit, würde er sie
vielleicht, wenn man ihn darum bat, verraten, trotzdem er selbst zum
Gerichte gehörte und trotzdem er, als K. das Gericht angegriffen hatte, sein
sanftes Wesen unterdrückt und K. sogar angeschrien hatte.

„Willst du nicht herunterkommen?“ sagte K. „Es ist doch keine Predigt zu
halten. Komm zu mir herunter.“ „Jetzt kann ich schon kommen,“ sagte der
Geistliche, er bereute vielleicht sein Schreien. Während er die Lampe von
ihrem Haken löste, sagte er: „Ich mußte zuerst aus der Entfernung mit dir
sprechen. Ich lasse mich sonst zu leicht beeinflussen und vergesse meinen
Dienst.“

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K. erwartete ihn unten an der Treppe. Der [375]Geistliche streckte ihm schon
von einer obern Stufe im Hinuntergehn die Hand entgegen. „Hast du ein
wenig Zeit für mich?“ fragte K. „Soviel Zeit als du brauchst,“ sagte der
Geistliche und reichte K. die kleine Lampe, damit er sie trage. Auch in der
Nähe verlor sich eine gewisse Feierlichkeit aus seinem Wesen nicht. „Du
bist sehr freundlich zu mir,“ sagte K. Sie gingen nebeneinander im dunklen
Seitenschiff auf und ab. „Du bist eine Ausnahme unter allen, die zum
Gericht gehören. Ich habe mehr Vertrauen zu dir als zu irgendjemandem
von ihnen, so viele ich schon kenne. Mit dir kann ich offen reden.“
„Täusche dich nicht,“ sagte der Geistliche. „Worin sollte ich mich denn
täuschen?“ fragte K. „In dem Gericht täuschst du dich,“ sagte der
Geistliche, „in den einleitenden Schriften zum Gesetz heißt es von dieser
Täuschung: vor dem Gesetz steht ein Türhüter. Zu diesem Türhüter kommt
ein Mann vom Lande und bittet um Eintritt in das Gesetz. Aber der Türhüter
sagt, daß er ihm jetzt den Eintritt nicht gewähren könne. Der Mann überlegt
und fragt dann, ob er also später werde eintreten dürfen. „Es ist möglich,“
sagt der Türhüter, „jetzt [376]aber nicht.“ Da das Tor zum Gesetz offensteht
wie immer und der Türhüter beiseitetritt, bückt sich der Mann, um durch
das Tor in das Innere zu sehn. Als der Türhüter das merkt, lacht er und sagt:
„Wenn es dich so lockt, versuche es doch trotz meines Verbotes
hineinzugehn. Merke aber: ich bin mächtig. Und ich bin nur der unterste
Türhüter. Von Saal zu Saal stehn aber Türhüter, einer mächtiger als der
andere. Schon den Anblick des dritten kann nicht einmal ich mehr
vertragen.“ Solche Schwierigkeiten hat der Mann vom Lande nicht
erwartet, das Gesetz soll doch jedem und immer zugänglich sein, denkt er,
aber als er jetzt den Türhüter in seinem Pelzmantel genauer ansieht, seine
große Spitznase, den langen, dünnen, schwarzen, tartarischen Bart,
entschließt er sich doch, lieber zu warten, bis er die Erlaubnis zum Eintritt
bekommt. Der Türhüter gibt ihm einen Schemel und läßt ihn seitwärts von
der Tür sich niedersetzen. Dort sitzt er Tage und Jahre. Er macht viele
Versuche eingelassen zu werden und ermüdet den Türhüter durch seine
Bitten. Der Türhüter stellt öfters kleine Verhöre mit ihm an, fragt ihn nach
seiner Heimat aus und nach vielem andern, [377]es sind aber teilnahmslose

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Fragen, wie sie große Herren stellen, und zum Schlusse sagt er ihm immer
wieder, daß er ihn noch nicht einlassen könne. Der Mann, der sich für seine
Reise mit vielem ausgerüstet hat, verwendet alles und sei es noch so
wertvoll, um den Türhüter zu bestechen. Dieser nimmt zwar alles an, aber
sagt dabei: „Ich nehme es nur an, damit du nicht glaubst, etwas versäumt zu
haben.“ Während der vielen Jahre beobachtet der Mann den Türhüter fast
ununterbrochen. Er vergißt die andern Türhüter und dieser erste scheint ihm
das einzige Hindernis für den Eintritt in das Gesetz. Er verflucht den
unglücklichen Zufall in den ersten Jahren laut, später, als er alt wird,
brummt er nur noch vor sich hin. Er wird kindisch, und da er in dem
jahrelangen Studium des Türhüters auch die Flöhe in seinem Pelzkragen
erkannt hat, bittet er auch die Flöhe ihm zu helfen und den Türhüter
umzustimmen. Schließlich wird sein Augenlicht schwach und er weiß nicht,
ob es um ihn wirklich dunkler wird oder ob ihn nur die Augen täuschen.
Wohl aber erkennt er jetzt im Dunkel einen Glanz, der unverlöschlich aus
der Türe des Gesetzes [378]bricht. Nun lebt er nicht mehr lange. Vor seinem
Tode sammeln sich in seinem Kopfe alle Erfahrungen der ganzen Zeit zu
einer Frage, die er bisher an den Türhüter noch nicht gestellt hat. Er winkt
ihm zu, da er seinen erstarrenden Körper nicht mehr aufrichten kann. Der
Türhüter muß sich tief zu ihm hinunterneigen, denn die Größenunterschiede
haben sich sehr zuungunsten des Mannes verändert. „Was willst du denn
jetzt noch wissen,“ fragt der Türhüter, „du bist unersättlich.“ „Alle streben
doch nach dem Gesetz,“ sagt der Mann, „wieso kommt es, daß in den vielen
Jahren niemand außer mir Einlaß verlangt hat.“ Der Türhüter erkennt, daß
der Mann schon am Ende ist und um sein vergehendes Gehör noch zu
erreichen, brüllt er ihn an: „Hier konnte niemand sonst Einlaß erhalten,
denn dieser Eingang war nur für dich bestimmt. Ich gehe jetzt und schließe
ihn.“

„Der Türhüter hat also den Mann getäuscht,“ sagte K. sofort, von der
Geschichte sehr stark angezogen. „Sei nicht übereilt,“ sagte der Geistliche,
„übernimm nicht die fremde Meinung ungeprüft. Ich habe dir die
Geschichte im Wortlaut der Schrift erzählt. Von Täuschung steht darin

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nichts.“ [379]„Es ist aber klar,“ sagte K., „und deine erste Deutung war ganz
richtig. Der Türhüter hat die erlösende Mitteilung erst dann gemacht, als sie
dem Manne nicht mehr helfen konnte.“ „Er wurde nicht früher gefragt,“
sagte der Geistliche, „bedenke auch, daß er nur Türhüter war und als
solcher hat er seine Pflicht erfüllt.“ „Warum glaubst du, daß er seine Pflicht
erfüllt hat?“ fragte K., „er hat sie nicht erfüllt. Seine Pflicht war es
vielleicht, alle Fremden abzuwehren, diesen Mann aber, für den der
Eingang bestimmt war, hätte er einlassen müssen.“ „Du hast nicht genug
Achtung vor der Schrift und veränderst die Geschichte,“ sagte der
Geistliche. „Die Geschichte enthält über den Einlaß im Gesetz zwei
wichtige Erklärungen des Türhüters, eine am Anfang, eine am Ende. Die
eine Stelle lautet: daß er ihm jetzt den Eintritt nicht gewähren könne und die
andere: dieser Eingang war nur für dich bestimmt. Bestände zwischen
diesen beiden Erklärungen ein Widerspruch, dann hättest du recht und der
Türhüter hätte den Mann getäuscht. Nun besteht aber kein Widerspruch. Im
Gegenteil, die erste Erklärung deutet sogar auf die zweite hin. Man könnte
fast sagen, [380]der Türhüter ging über seine Pflicht hinaus, indem er dem
Mann eine zukünftige Möglichkeit des Einlasses in Aussicht stellte. Zu
jener Zeit scheint es nur seine Pflicht gewesen zu sein, den Mann
abzuweisen und tatsächlich wundern sich viele Erklärer der Schrift darüber,
daß der Türhüter jene Andeutung überhaupt gemacht hat, denn er scheint
die Genauigkeit zu lieben und wacht streng über sein Amt. Durch viele
Jahre verläßt er seinen Posten nicht und schließt das Tor erst ganz zuletzt, er
ist sich der Wichtigkeit seines Dienstes sehr bewußt, denn er sagt: „Ich bin
mächtig,“ er hat Ehrfurcht vor den Vorgesetzten, denn er sagt: „Ich bin nur
der unterste Türhüter,“ er ist nicht geschwätzig, denn während der vielen
Jahre stellt er nur wie es heißt „teilnahmslose Fragen“, er ist nicht
bestechlich, denn er sagt über ein Geschenk: „Ich nehme es nur an, damit
du nicht glaubst, etwas versäumt zu haben,“ er ist, wo es um
Pflichterfüllung geht, weder zu rühren noch zu erbittern, denn es heißt von
dem Mann, „er ermüdet den Türhüter durch seine Bitten,“ schließlich deutet
auch sein Äußeres auf einen pedantischen Charakter hin, die große
Spitznase und der lange, [381]dünne, schwarze, tartarische Bart. Kann es

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einen pflichttreueren Türhüter geben. Nun mischen sich aber in den
Türhüter noch andere Wesenszüge ein, die für den, der Einlaß verlangt, sehr
günstig sind und welche es immerhin begreiflich machen, daß er in jener
Andeutung einer zukünftigen Möglichkeit über seine Pflicht etwas
hinausgehn konnte. Es ist nämlich nicht zu leugnen, daß er ein wenig
einfältig und im Zusammenhang damit ein wenig eingebildet ist. Wenn auch
seine Äußerungen über seine Macht und über die Macht der andern
Türhüter und über deren sogar für ihn unerträglichen Anblick — ich sage,
wenn auch alle diese Äußerungen an sich richtig sein mögen, so zeigt doch
die Art, wie er diese Äußerungen vorbringt, daß seine Auffassung durch
Einfalt und Überhebung getrübt ist. Die Erklärer sagen hierzu: „Richtiges
Auffassen einer Sache und Mißverstehn der gleichen Sache schließen
einander nicht vollständig aus.“ Jedenfalls aber muß man annehmen, daß
jene Einfalt und Überhebung, so geringfügig sie sich vielleicht auch äußern,
doch die Bewachung des Eingangs schwächen, es sind Lücken im
Charakter des Türhüters. Hierzu kommt noch, daß [382]der Türhüter seiner
Naturanlage nach freundlich zu sein scheint, er ist durchaus nicht immer
Amtsperson. Gleich in den ersten Augenblicken macht er den Spaß, daß er
den Mann trotz des ausdrücklich aufrecht erhaltenen Verbotes zum Eintritt
einladet, dann schickt er ihn nicht etwa fort, sondern gibt ihm, wie es heißt,
einen Schemel und läßt ihn seitwärts von der Tür sich niedersetzen. Die
Geduld, mit der er durch alle die Jahre die Bitten des Mannes erträgt, die
kleinen Verhöre, die Annahme der Geschenke, die Vornehmheit, mit der er
es zuläßt, daß der Mann neben ihm laut den unglücklichen Zufall verflucht,
der den Türhüter hier aufgestellt hat — alles dieses läßt auf Regungen des
Mitleids schließen. Nicht jeder Türhüter hätte so gehandelt. Und schließlich
beugt er sich noch auf einen Wink hin tief zu dem Mann hinab, um ihm
Gelegenheit zur letzten Frage zu geben. Nur eine schwache Ungeduld —
der Türhüter weiß ja, daß alles zu Ende ist — spricht sich in den Worten
aus: „Du bist unersättlich.“ Manche gehn sogar in dieser Art der Erklärung
noch weiter und meinen, die Worte, „Du bist unersättlich,“ drücken eine Art
freundschaftlicher Bewunderung [383]aus, die allerdings von Herablassung
nicht frei ist. Jedenfalls schließt sich so die Gestalt des Türhüters anders ab,

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als du es glaubst.“ „Du kennst die Geschichte genauer als ich und längere
Zeit,“ sagte K. Sie schwiegen ein Weilchen. Dann sagte K.: „Du glaubst
also, der Mann wurde nicht getäuscht?“ „Mißverstehe mich nicht,“ sagte
der Geistliche, „ich zeige dir nur die Meinungen, die darüber bestehn. Du
mußt nicht zuviel auf Meinungen achten. Die Schrift ist unveränderlich und
die Meinungen sind oft nur ein Ausdruck der Verzweiflung darüber. In
diesem Falle gibt es sogar eine Meinung, nach welcher gerade der Türhüter
der Getäuschte ist.“ „Das ist eine weitgehende Meinung,“ sagte K. „Wie
wird sie begründet?“ „Die Begründung,“ antwortete der Geistliche, „geht
von der Einfalt des Türhüters aus. Man sagt, daß er das Innere des Gesetzes
nicht kennt, sondern nur den Weg, den er vor dem Eingang immer wieder
abgehn muß. Die Vorstellungen, die er von dem Innern hat, werden für
kindlich gehalten und man nimmt an, daß er das, wovor er dem Manne
Furcht machen will, selbst fürchtet. Ja, er fürchtet es mehr als der Mann,
[384]denn dieser will ja nichts anderes als eintreten, selbst als er von den
schrecklichen Türhütern des Innern gehört hat, der Türhüter dagegen will
nicht eintreten, wenigstens erfährt man nichts darüber. Andere sagen zwar,
daß er bereits im Innern gewesen sein muß, denn er ist doch einmal in den
Dienst des Gesetzes aufgenommen worden und das könne nur im Innern
geschehen sein. Darauf ist zu antworten, daß er wohl auch durch einen Ruf
aus dem Innern zum Türhüter bestellt worden sein könne und daß er
zumindest tief im Innern nicht gewesen sein dürfte, da er doch schon den
Anblick des dritten Türhüters nicht mehr ertragen kann. Außerdem aber
wird auch nicht berichtet, daß er während der vielen Jahre außer der
Bemerkung über die Türhüter irgend etwas von dem Innern erzählt hätte. Es
könnte ihm verboten sein, aber auch vom Verbot hat er nichts erzählt. Aus
alledem schließt man, daß er über das Aussehn und die Bedeutung des
Innern nichts weiß und sich darüber in Täuschung befindet. Aber auch über
den Mann vom Lande soll er sich in Täuschung befinden, denn er ist diesem
Mann untergeordnet und weiß es nicht. Daß er den [385]Mann als einen
Untergeordneten behandelt, erkennt man aus vielem, das dir noch
erinnerlich sein dürfte. Daß er ihm aber tatsächlich untergeordnet ist, soll
nach dieser Meinung ebenso deutlich hervorgehn. Vor allem ist der Freie

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dem Gebundenen übergeordnet. Nun ist der Mann tatsächlich frei, er kann
hingehn, wohin er will, nur der Eingang in das Gesetz ist ihm verboten und
überdies nur von einem Einzelnen, vom Türhüter. Wenn er sich auf den
Schemel seitwärts vom Tor niedersetzt und dort sein Leben lang bleibt, so
geschieht dies freiwillig, die Geschichte erzählt von keinem Zwang. Der
Türhüter dagegen ist durch sein Amt an seinen Posten gebunden, er darf
sich nicht auswärts entfernen, allem Anschein nach aber auch nicht in das
Innere gehn, selbst wenn er es wollte. Außerdem ist er zwar im Dienst des
Gesetzes, dient aber nur für diesen Eingang, also auch nur für diesen Mann,
für den dieser Eingang allein bestimmt ist. Auch aus diesem Grunde ist er
ihm untergeordnet. Es ist anzunehmen, daß er durch viele Jahre, durch ein
ganzes Mannesalter gewissermaßen nur leeren Dienst geleistet hat, denn es
wird gesagt, daß ein [386]Mann kommt, also jemand im Mannesalter, daß
also der Türhüter lange warten mußte, ehe sich sein Zweck erfüllte, und
zwar so lange warten mußte, als es dem Mann beliebte, der doch freiwillig
kam. Aber auch das Ende des Dienstes wird durch das Lebensende des
Mannes bestimmt, bis zum Ende also bleibt er ihm untergeordnet. Und
immer wieder wird betont, daß von alledem der Türhüter nichts zu wissen
scheint. Daran wird aber nichts Auffälliges gesehn, denn nach dieser
Meinung befindet sich der Türhüter noch in einer viel schwereren
Täuschung, sie betrifft seinen Dienst. Zuletzt spricht er nämlich vom
Eingang und sagt: „Ich gehe jetzt und schließe ihn,“ aber am Anfang heißt
es, daß das Tor zum Gesetz offensteht wie immer, steht es aber immer
offen, immer d. h. unabhängig von der Lebensdauer des Mannes, für den es
bestimmt ist, dann wird es auch der Türhüter nicht schließen können.
Darüber gehn die Meinungen auseinander, ob der Türhüter mit der
Ankündigung, daß er das Tor schließen wird, nur eine Antwort geben oder
seine Dienstpflicht betonen oder den Mann noch im letzten Augenblick in
Reue und Trauer setzen will. Darin aber sind [387]viele einig, daß er das Tor
nicht wird schließen können. Sie glauben sogar, daß er wenigstens am Ende
auch in seinem Wissen dem Manne untergeordnet ist, denn dieser sieht den
Glanz, der aus dem Eingang des Gesetzes bricht, während der Türhüter als
solcher wohl mit dem Rücken zum Eingang steht und auch durch keine

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Äußerung zeigt, daß er eine Veränderung bemerkt hätte.“ „Das ist gut
begründet,“ sagte K., der einzelne Stellen aus der Erklärung des Geistlichen
halblaut für sich wiederholt hatte. „Es ist gut begründet und ich glaube nun
auch, daß der Türhüter getäuscht ist. Dadurch bin ich aber von meiner
frühern Meinung nicht abgekommen, denn beide decken sich teilweise. Es
ist unentscheidend, ob der Türhüter klar sieht oder getäuscht wird. Ich
sagte, der Mann wird getäuscht. Wenn der Türhüter klar sieht, könnte man
daran zweifeln, wenn der Türhüter aber getäuscht ist, dann muß sich seine
Täuschung notwendig auf den Mann übertragen. Der Türhüter ist dann zwar
kein Betrüger, aber so einfältig, daß er sofort aus dem Dienst gejagt werden
müßte. Du mußt doch bedenken, daß die Täuschung, in der sich der
Türhüter [388]befindet, ihm nichts schadet, dem Mann aber tausendfach.“
„Hier stößt du auf eine Gegenmeinung,“ sagte der Geistliche. „Manche
sagen nämlich, daß die Geschichte niemandem ein Recht gibt, über den
Türhüter zu urteilen. Wie er uns auch erscheinen mag, so ist er doch ein
Diener des Gesetzes, also zum Gesetz gehörig, also dem menschlichen
Urteil entrückt. Man darf dann auch nicht glauben, daß der Türhüter dem
Manne untergeordnet ist. Durch seinen Dienst auch nur an den Eingang des
Gesetzes gebunden zu sein, ist unvergleichlich mehr als frei in der Welt zu
leben. Der Mann kommt erst zum Gesetz, der Türhüter ist schon dort. Er ist
vom Gesetz zum Dienst bestellt, an seiner Würdigkeit zu zweifeln, hieße
am Gesetze zweifeln.“ „Mit dieser Meinung stimme ich nicht überein,“
sagte K. kopfschüttelnd, „denn wenn man sich ihr anschließt, muß man
alles, was der Türhüter sagt, für wahr halten. Daß das aber nicht möglich
ist, hast du ja selbst ausführlich begründet.“ „Nein,“ sagte der Geistliche,
„man muß nicht alles für wahr halten, man muß es nur für notwendig
halten.“ „Trübselige Meinung,“ sagte K. „Die Lüge wird zur Weltordnung
gemacht.“ [389]

K. sagte das abschließend, aber sein Endurteil war es nicht. Er war zu
müde, um alle Folgerungen der Geschichte übersehn zu können, es waren
auch ungewohnte Gedankengänge, in die sie ihn führte, unwirkliche Dinge,
besser geeignet zur Besprechung für die Gesellschaft der Gerichtsbeamten

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als für ihn. Die einfache Geschichte war unförmlich geworden, er wollte sie
von sich abschütteln und der Geistliche, der jetzt ein großes Zartgefühl
bewies, duldete es und nahm K.s Bemerkung schweigend auf, trotzdem sie
mit seiner eigenen Meinung gewiß nicht übereinstimmte.

Sie gingen eine Zeitlang schweigend weiter, K. hielt sich eng neben dem
Geistlichen, ohne in der Finsternis zu wissen, wo er sich befand. Die Lampe
in seiner Hand war längst erloschen. Einmal blinkte gerade vor ihm das
silberne Standbild eines Heiligen nur mit dem Schein des Silbers und
spielte gleich wieder ins Dunkel über. Um nicht vollständig auf den
Geistlichen angewiesen zu bleiben, fragte ihn K.: „Sind wir jetzt nicht in
der Nähe des Haupteinganges?“ „Nein,“ sagte der Geistliche, „wir sind weit
von ihm entfernt. Willst du schon fortgehn?“ Trotzdem K. gerade jetzt
[390]nicht daran gedacht hatte, sagte er sofort: „Gewiß, ich muß fortgehn.
Ich bin Prokurist einer Bank, man wartet auf mich, ich bin nur
hergekommen, um einem ausländischen Geschäftsfreund den Dom zu
zeigen.“ „Nun,“ sagte der Geistliche, und reichte K. die Hand, „dann geh’.“
„Ich kann mich aber im Dunkel allein nicht zurechtfinden,“ sagte K. „Geh’
links zur Wand,“ sagte der Geistliche, „dann weiter die Wand entlang, ohne
sie zu verlassen und du wirst einen Ausgang finden.“ Der Geistliche hatte
sich erst paar Schritte entfernt, aber K. rief schon sehr laut: „Bitte, warte
noch.“ „Ich warte,“ sagte der Geistliche. „Willst du nicht noch etwas von
mir?“ fragte K. „Nein,“ sagte der Geistliche. „Du warst früher so freundlich
zu mir,“ sagte K., „und hast mir alles erklärt, jetzt aber entläßt du mich, als
läge dir nichts an mir.“ „Du mußt doch fortgehn,“ sagte der Geistliche.
„Nun ja,“ sagte K., „sieh das doch ein.“ „Sieh du zuerst ein, wer ich bin,“
sagte der Geistliche. „Du bist der Gefängniskaplan,“ sagte K. und ging
näher zum Geistlichen hin, seine sofortige Rückkehr in die Bank war nicht
so notwendig, wie er sie dargestellt hatte, er konnte recht gut [391]noch hier
bleiben. „Ich gehöre also zum Gericht,“ sagte der Geistliche. „Warum sollte
ich also etwas von dir wollen. Das Gericht will nichts von dir. Es nimmt
dich auf, wenn du kommst, und es entläßt dich, wenn du gehst.“ [392]

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[Inhalt]

Page 225

ZEHNTES KAPITEL

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ENDE
Am Vorabend seines 31. Geburtstages — es war gegen 9 Uhr abends, die
Zeit der Stille auf den Straßen — kamen zwei Herren in K.s Wohnung. In
Gehröcken, bleich und fett, mit scheinbar unverrückbaren Zylinderhüten.
Nach einer kleinen Förmlichkeit bei der Wohnungstür wegen des ersten
Eintretens wiederholte sich die gleiche Förmlichkeit in größerem Umfange
vor K.s Tür. Ohne daß ihm der Besuch angekündigt gewesen wäre, saß K.
gleichfalls schwarz angezogen in einem Sessel in der Nähe der Türe und
zog langsam neue, scharf sich über die Finger spannende Handschuhe an, in
der Haltung, wie man Gäste erwartet. Er stand gleich auf und sah die
Herren neugierig an. „Sie sind also für mich bestimmt,“ fragte er. Die
Herren nickten, einer zeigte mit dem Zylinderhut in der Hand auf den
andern. K. [393]gestand sich ein, daß er einen andern Besuch erwartet hatte.
Er ging zum Fenster und sah noch einmal auf die dunkle Straße. Auch fast
alle Fenster auf der andern Straßenseite waren noch dunkel, in vielen die
Vorhänge herabgelassen. In einem beleuchteten Fenster des Stockwerkes
spielten kleine Kinder hinter einem Gitter miteinander und tasteten, noch
unfähig sich von ihren Plätzen fortzubewegen, mit den Händchen nach
einander. „Alte untergeordnete Schauspieler schickt man um mich,“ sagte
sich K. und sah sich um, um sich nochmals davon zu überzeugen. „Man
sucht auf billige Weise mit mir fertig zu werden.“ K. wendete sich plötzlich
ihnen zu und fragte: „An welchem Theater spielen Sie.“ „Theater?“ fragte
der eine Herr mit zuckenden Mundwinkeln den andern um Rat. Der andere
gebärdete sich wie ein Stummer, der mit dem widerspenstigen Organismus
kämpft. „Sie sind nicht darauf vorbereitet, gefragt zu werden,“ sagte sich K.
und ging seinen Hut holen.

Schon auf der Treppe wollten sich die Herren in K. einhängen, aber K.
sagte: „Erst auf der Gasse, ich bin nicht krank.“ Gleich aber vor dem Tor
hängten sie sich in ihn in einer Weise ein, [394]wie K. noch niemals mit

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einem Menschen gegangen war. Sie hielten die Schultern eng hinter den
seinen, knickten die Arme nicht ein, sondern benutzten sie, um K.s Arme in
ihrer ganzen Länge zu umschlingen, unten erfaßten sie K.s Hände mit
einem schulmäßigen, eingeübten, unwiderstehlichen Griff. K. ging straff
gestreckt zwischen ihnen, sie bildeten jetzt alle drei eine solche Einheit,
daß, wenn man einen von ihnen zerschlagen hätte, alle zerschlagen gewesen
wären. Es war eine Einheit, wie sie fast nur Lebloses bilden kann.

Unter den Laternen versuchte K. öfters, so schwer es bei diesem engen
Aneinander ausgeführt werden konnte, seine Begleiter deutlicher zu sehn,
als es in der Dämmerung seines Zimmers möglich gewesen war. Vielleicht
sind es Tenöre, dachte er im Anblick ihres schweren Doppelkinns. Er ekelte
sich vor der Reinlichkeit ihrer Gesichter. Man sah förmlich noch die
säubernde Hand, die in ihre Augenwinkel gefahren, die ihre Oberlippe
gerieben, die die Falten am Kinn ausgekratzt hatte.

Als K. das bemerkte, blieb er stehn, infolgedessen blieben auch die andern
stehn; sie waren [395]auf dem Rand eines freien, menschenleeren, mit
Anlagen geschmückten Platzes. „Warum hat man gerade Sie geschickt!“
rief er mehr als er fragte. Die Herren wußten scheinbar keine Antwort, sie
warteten mit dem hängenden freien Arm, wie Krankenwärter, wenn der
Kranke sich ausruhn will. „Ich gehe nicht weiter,“ sagte K. versuchsweise.
Darauf brauchten die Herren nicht zu antworten, es genügte, daß sie den
Griff nicht lockerten und K. von der Stelle wegzuheben versuchten, aber K.
widerstand. „Ich werde nicht mehr viel Kraft brauchen, ich werde jetzt alle
anwenden,“ dachte er. Ihm fielen die Fliegen ein, die mit zerreißenden
Beinchen von der Leimrute wegstreben. „Die Herren werden schwere
Arbeit haben.“

Da stieg vor ihnen aus einer tiefer gelegenen Gasse auf einer kleinen Treppe
Fräulein Bürstner zum Platz empor. Es war nicht ganz sicher, ob sie es war,
die Ähnlichkeit war freilich groß. Aber K. lag auch nichts daran, ob es
bestimmt Fräulein Bürstner war, bloß die Wertlosigkeit seines Widerstandes

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kam ihm gleich zum Bewußtsein. Es war nichts Heldenhaftes, wenn er
widerstand, wenn er jetzt den Herren Schwierigkeiten bereitete, wenn [396]er
jetzt in der Abwehr noch den letzten Schein des Lebens zu genießen
versuchte. Er setzte sich in Gang, und von der Freude, die er dadurch den
Herren machte, ging noch etwas auf ihn selbst über. Sie duldeten es jetzt,
daß er die Wegrichtung bestimmte und er bestimmte sie nach dem Weg, den
das Fräulein vor ihnen nahm, nicht etwa, weil er sie einholen, nicht etwa,
weil er sie möglichst lange sehen wollte, sondern nur deshalb, um die
Mahnung, die sie für ihn bedeutete, nicht zu vergessen. „Das Einzige, was
ich jetzt tun kann,“ sagte er sich und das Gleichmaß seiner Schritte und der
Schritte der zwei andern bestätigte seine Gedanken, „das Einzige, was ich
jetzt tue, ist, bis zum Ende den ruhig einteilenden Verstand behalten. Ich
wollte immer mit zwanzig Händen in die Welt hineinfahren und überdies zu
einem nicht zu billigenden Zweck. Das war unrichtig, soll ich nun zeigen,
daß nicht einmal der einjährige Prozeß mich belehren konnte? Soll ich als
ein begriffstutziger Mensch abgehn? Soll man mir nachsagen dürfen, daß
ich am Anfang des Prozesses ihn beenden und jetzt an seinem Ende ihn
wieder beginnen will. Ich will nicht, daß man das sagt. [397]Ich bin dankbar
dafür, daß man mir auf diesem Weg diese halbstummen verständnislosen
Herren mitgegeben hat und daß man es mir überlassen hat, mir selbst das
Notwendige zu sagen.“

Das Fräulein war inzwischen in eine Seitengasse eingebogen, aber K.
konnte sie schon entbehren und überließ sich seinen Begleitern. Alle drei
zogen nun in vollem Einverständnis über eine Brücke im Mondschein, jeder
kleinen Bewegung, die K. machte, gaben die Herren jetzt bereitwillig nach,
als er ein wenig zum Geländer sich wendete, drehten auch sie sich in ganzer
Front dorthin. Das im Mondlicht glänzende und zitternde Wasser teilte sich
um eine kleine Insel, auf der wie zusammengedrängt Laubmassen von
Bäumen und Sträuchern sich aufhäuften. Unter ihnen, jetzt unsichtbar,
führten Kieswege mit bequemen Bänken, auf denen K. in manchem
Sommer sich gestreckt und gedehnt hatte. „Ich wollte ja gar nicht stehn
bleiben,“ sagte er zu seinen Begleitern, beschämt durch ihre

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Bereitwilligkeit. Der Eine schien dem Andern hinter K.s Rücken einen
sanften Vorwurf wegen des mißverständlichen Stehenbleibens zu machen,
dann gingen sie weiter. [398]

Sie kamen durch einige ansteigende Gassen, in denen hie und da Polizisten
standen oder gingen; bald in der Ferne, bald in nächster Nähe. Einer mit
buschigem Schnurrbart, die Hand am Griff des Säbels, trat wie mit Absicht
nahe an die nicht ganz unverdächtige Gruppe. Die Herren stockten, der
Polizeimann schien schon den Mund zu öffnen, da zog K. mit Macht die
Herren vorwärts. Öfters drehte er sich vorsichtig um, ob der Polizeimann
nicht folge; als sie aber eine Ecke zwischen sich und dem Polizeimann
hatten, fing K. zu laufen an, die Herren mußten trotz großer Atemnot auch
mit laufen.

So kamen sie rasch aus der Stadt hinaus, die sich in dieser Richtung fast
ohne Übergang an die Felder anschloß. Ein kleiner Steinbruch, verlassen
und öde, lag in der Nähe eines noch ganz städtischen Hauses. Hier machten
die Herren halt, sei es, daß dieser Ort von allem Anfang an ihr Ziel gewesen
war, sei es, daß sie zu erschöpft waren, um noch weiter zu laufen. Jetzt
ließen sie K. los, der stumm wartete, nahmen die Zylinderhüte ab und
wischten sich, während sie sich im Steinbruch umsahen, mit den
Taschentüchern den Schweiß [399]von der Stirn. Überall lag der Mondschein
mit seiner Natürlichkeit und Ruhe, die keinem andern Licht gegeben ist.

Nach Austausch einiger Höflichkeiten hinsichtlich dessen, wer die nächsten
Aufgaben auszuführen habe — die Herren schienen die Aufträge ungeteilt
bekommen zu haben — ging der Eine zu K. und zog ihm den Rock, die
Weste und schließlich das Hemd aus. K. fröstelte unwillkürlich, worauf ihm
der Herr einen leichten beruhigenden Schlag auf den Rücken gab. Dann
legte er die Sachen sorgfältig zusammen, wie Dinge, die man noch
gebrauchen wird, wenn auch nicht in allernächster Zeit. Um K. nicht ohne
Bewegung der immerhin kühlen Nachtluft auszusetzen, nahm er ihn unter
den Arm und ging mit ihm ein wenig auf und ab, während der andere Herr

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den Steinbruch nach irgendeiner passenden Stelle absuchte. Als er sie
gefunden hatte, winkte er und der andere Herr geleitete K. hin. Es war nahe
der Bruchwand, es lag dort ein losgebrochener Stein. Die Herren setzten K.
auf die Erde nieder, lehnten ihn an den Stein und betteten seinen Kopf
obenauf. Trotz aller Anstrengung, die sie sich gaben, und [400]trotz alles
Entgegenkommens, das ihnen K. bewies, blieb seine Haltung eine sehr
gezwungene und unglaubwürdige. Der eine Herr bat daher den andern, ihm
für ein Weilchen das Hinlegen K.s allein zu überlassen, aber auch dadurch
wurde es nicht besser. Schließlich ließen sie K. in einer Lage, die nicht
einmal die beste von den bereits erreichten Lagen war. Dann öffnete der
eine Herr seinen Gehrock und nahm aus einer Scheide, die an einem um die
Weste gespannten Gürtel hing, ein langes, dünnes, beiderseitig geschärftes
Fleischermesser, hielt es hoch und prüfte die Schärfen im Licht. Wieder
begannen die widerlichen Höflichkeiten, einer reichte über K. hinweg das
Messer dem andern, dieser reichte es wieder über K. zurück. K. wußte jetzt
genau, daß es seine Pflicht gewesen wäre, das Messer, als es von Hand zu
Hand über ihm schwebte, selbst zu fassen und sich einzubohren. Aber er tat
es nicht, sondern drehte den noch freien Hals und sah umher. Vollständig
konnte er sich nicht bewähren, alle Arbeit den Behörden nicht abnehmen,
die Verantwortung für diesen letzten Fehler trug der, der ihm den Rest der
dazu nötigen Kraft versagt hatte. Seine Blicke [401]fielen auf das letzte
Stockwerk des an dem Steinbruch angrenzenden Hauses. Wie ein Licht
aufzuckt, so fuhren die Fensterflügel eines Fensters dort auseinander, ein
Mensch, schwach und dünn in der Ferne und Höhe, beugte sich mit einem
Ruck weit vor und streckte die Arme noch weiter aus. Wer war es? Ein
Freund? Ein guter Mensch? Einer, der teilnahm? Einer der helfen wollte?
War es ein Einzelner? Waren es alle? War noch Hilfe? Gab es Einwände,
die man vergessen hatte? Gewiß gab es solche. Die Logik ist zwar
unerschütterlich, aber einem Menschen, der leben will, widersteht sie nicht.
Wo war der Richter, den er nie gesehen hatte? Wo war das hohe Gericht, bis
zu dem er nie gekommen war? Er hob die Hände und spreizte alle Finger.

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Aber an K.s Gurgel legten sich die Hände des einen Herrn, während der
andere das Messer ihm ins Herz stieß und zweimal dort drehte. Mit
brechenden Augen sah noch K., wie die Herren, nahe vor seinem Gesicht,
Wange an Wange aneinander gelehnt, die Entscheidung beobachteten. „Wie
ein Hund!“ sagte er, es war, als sollte die Scham ihn überleben. [402]

Page 232

[Inhalt]

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NACHWORT
Eigenartig und tief wie alle Lebensäußerungen Franz Kafkas war auch seine
Stellungnahme seinem eigenen Werk und jeder Publikation gegenüber. Die
Probleme, die er bei Behandlung dieser Angelegenheit austrug und die
daher auch Richtschnur jeder Veröffentlichung aus seinem Nachlaß bleiben
müssen, können in ihrem Ernst gar nicht überschätzt werden. Zu ihrer
wenigstens annäherungsweisen Beurteilung diene das Folgende:

Fast alles, was Kafka veröffentlicht hat, ist ihm von mir mit List und
Überredungskunst abgenommen worden. Damit steht nicht im Widerspruch,
daß er oftmals, in langen Lebensperioden, seines Schreibens wegen (er
sprach freilich stets nur von einem „Kritzeln“) viel Glück empfunden hat.
Wer ihn nur je in kleinem Kreise seine eigne Prosa mit hinreißendem Feuer,
mit einem Rhythmus, dessen Lebendigkeit kein Schauspieler je erreichen
wird, vorlesen hören durfte, der fühlte auch unmittelbar die echte unbändige
Schaffenslust und Leidenschaft, die hinter diesem Werke stand. Daß er es
trotzdem verwarf, hatte seinen Grund zunächst in gewissen traurigen
Erlebnissen, die ihn zur Selbstsabotage, daher auch zum Nihilismus dem
eignen Werk gegenüber führten; unabhängig davon aber auch in der
Tatsache, daß er an dieses Werk (freilich ohne dies je auszusprechen)
[403]den höchsten religiösen Maßstab anlegte, dem es allerdings, aus
vielerlei Wirrnissen entrungen, nicht entsprechen konnte. Daß sein Werk
trotzdem vielen, die zum Glauben, zur Natur, zur vollkommenen
Seelengesundheit hinstreben, ein starker Helfer hätte werden können, durfte
ihm nichts bedeuten, der mit dem unerbittlichsten Ernst für sich selbst auf
der Suche nach dem rechten Wege war und zunächst sich selbst, nicht
andern Rat zu geben hatte.

So deute ich für meine Person die negative Stellungnahme Kafkas zu
seinem eignen Werk. Er sprach oft von den „falschen Händen, die sich

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einem während des Schreibens entgegenstrecken“ — auch davon, daß ihn
das Geschriebene und gar das Veröffentlichte in der weitern Arbeit beirre.
Es gab viele Widerstände zu überwinden, ehe ein Band von ihm erschien.
Nichtsdestoweniger hat er an den fertigen schönen Büchern und
gelegentlich auch an ihren Wirkungen eine rechte Freude gehabt, und es
gab Zeiten, wo er wie sich selbst so auch sein Werk mit gleichsam
wohlwollendern Blicken, nie ganz ohne Ironie, jedoch mit freundlicher
Ironie musterte; mit einer Ironie, hinter der sich das ungeheure Pathos des
kompromißlos nach dem Höchsten Strebenden verbarg.

In Franz Kafkas Nachlaß hat sich kein Testament vorgefunden. In seinem
Schreibtisch lag unter vielem andern Papier ein zusammengefalteter, mit
Tinte geschriebener Zettel mit meiner Adresse. Der Zettel hat folgenden
Wortlaut:

Liebster Max, meine letzte Bitte: Alles, was sich in meinem Nachlaß (also im Buchkasten,
Wäscheschrank, [404]Schreibtisch, zu Hause und im Bureau, oder wohin sonst irgend
etwas vertragen worden sein sollte und Dir auffällt) an Tagebüchern, Manuskripten,
Briefen, fremden und eignen, Gezeichnetem und so weiter findet, restlos und ungelesen zu
verbrennen, ebenso alles Geschriebene oder Gezeichnete, das Du oder andre, die Du in
meinem Namen darum bitten sollst, haben. Briefe, die man Dir nicht übergeben will, soll
man wenigstens selbst zu verbrennen sich verpflichten.

Dein Franz Kafka.

Bei genauerm Suchen fand sich auch noch ein mit Bleistift geschriebenes,
vergilbtes, offenbar älteres Blatt. Es sagt:

Lieber Max, vielleicht stehe ich diesmal doch nicht mehr auf, das Kommen der
Lungenentzündung ist nach dem Monat Lungenfieber genug wahrscheinlich, und nicht
einmal, daß ich es niederschreibe, wird sie abwehren, trotzdem es eine gewisse Macht hat.

Für diesen Fall also mein letzter Wille hinsichtlich alles von mir Geschriebenen:

Von allem, was ich geschrieben habe, gelten nur die Bücher: Urteil, Heizer, Verwandlung,
Strafkolonie, Landarzt und die Erzählung: Hungerkünstler. (Die paar Exemplare der
‚Betrachtung‘ mögen bleiben, ich will niemandem die Mühe des Einstampfens machen,
aber neu gedruckt darf nichts daraus werden.) Wenn ich sage, daß jene fünf Bücher und die

Page 235

Erzählung gelten, so meine ich damit nicht, daß ich den Wunsch habe, sie mögen neu
gedruckt und künftigen Zeiten überliefert werden, im Gegenteil, sollten sie ganz
verlorengehn, entspricht dieses [405]meinem eigentlichen Wunsch. Nur hindere ich, da sie
schon einmal da sind, niemanden daran, sie zu erhalten, wenn er dazu Lust hat.

Dagegen ist alles, was sonst an Geschriebenem von mir vorliegt (in Zeitschriften
Gedrucktes, im Manuskript oder in Briefen) ausnahmslos, soweit es erreichbar oder durch
Bitten von den Adressaten zu erhalten ist (die meisten Adressaten kennst Du ja, in der
Hauptsache handelt es sich um .….….., vergiß besonders nicht paar Hefte, die .…. hat) —
alles dieses ist ausnahmslos, am liebsten ungelesen (doch wehre ich Dir nicht
hineinzuschaun, am liebsten wäre es mir allerdings, wenn Du es nicht tust, jedenfalls aber
darf niemand andrer hineinschauen) — alles dieses ist ausnahmslos zu verbrennen, und
dies möglichst bald zu tun bitte ich Dich

Franz

Wenn ich diesen so kategorisch ausgesprochenen Verfügungen gegenüber
dennoch ablehne, die herostratische Tat auszuführen, die mein Freund von
mir verlangt, so habe ich hierzu die allertriftigsten Gründe.

Einige davon entziehen sich öffentlicher Diskussion. Doch auch die, welche
ich mitteilen kann, sind meiner Ansicht nach durchaus hinreichend zum
Verständnis meines Entschlusses.

Der Hauptgrund: als ich 1921 meinen Beruf wechselte, sagte ich meinem
Freunde, daß ich mein Testament gemacht hätte, in dem ich ihn bäte, dieses
und jenes zu vernichten, andres durchzusehn und so fort. Darauf sagte
Kafka und zeigte mir den mit Tinte geschriebenen Zettel, den man dann in
seinem Schreibtisch vorgefunden hat, von [406]außen: „Mein Testament
wird ganz einfach sein — die Bitte an dich, alles zu verbrennen.“ Ich
entsinne mich auch noch ganz genau der Antwort, die ich damals gab:
„Falls du mir im Ernste so etwas zumuten solltest, so sage ich dir schon
jetzt, daß ich deine Bitte nicht erfüllen werde.“ Das ganze Gespräch wurde
in jenem scherzhaften Ton geführt, der unter uns üblich war, jedoch mit
dem heimlichen Ernst, den wir dabei stets einer bei dem andern
voraussetzten. Von dem Ernst meiner Ablehnung überzeugt, hätte Franz

Page 236

einen andern Testamentsexekutor bestimmen müssen, wenn ihm seine eigne
Verfügung unbedingter und letzter Ernst gewesen wäre.

Ich bin ihm nicht dankbar, mich in diesen schweren Gewissenskonflikt
gestürzt zu haben, den er voraussehen mußte, denn er kannte die fanatische
Verehrung, die ich jedem seiner Worte entgegenbrachte, und die mich in
den 22 Jahren unsrer niemals getrübten Freundschaft (unter anderm)
veranlaßte, auch nicht das kleinste Zettelchen, keine Ansichtskarte, die von
ihm kam, wegzuwerfen. — Das „ich bin nicht dankbar“ möge übrigens
nicht mißverstanden werden! Was wiegt ein noch so schwerer
Gewissenskonflikt gegenüber dem unendlichen Segen, den ich dem
Freunde verdanke, der das eigentliche Rückgrat meiner ganzen geistigen
Existenz war!

Weitere Gründe: die Ordre des Bleistiftblatts ist von Franz selbst nicht
befolgt worden, denn er hat später ausdrücklich die Erlaubnis gegeben, daß
Teile der ‚Betrachtung‘ in einer Zeitung nachgedruckt, und daß drei weitere
Novellen veröffentlicht würden, die er selbst mit dem „Hungerkünstler“
vereinigt und dem Verlag Die Schmiede [407]übergeben hat. Beide
Verfügungen stammen ferner aus einer Zeit, wo die selbstkritischen
Tendenzen meines Freundes den Höhepunkt erreicht hatten. In seinem
letzten Lebensjahre aber hat sein ganzes Dasein eine unvorhergesehene,
neue, glückliche, positive Wendung genommen, die diesen Selbsthaß und
Nihilismus derogiert. — Mein Entschluß, den Nachlaß zu veröffentlichen,
wird übrigens durch die Erinnerung an all die erbitterten Kämpfe
erleichtert, mit dem ich jede einzelne Veröffentlichung von Kafka
erzwungen und oft genug erbettelt habe. Und dennoch war er nachträglich
mit diesen Veröffentlichungen ausgesöhnt und relativ zufrieden. —
Schließlich entfällt bei einer postumen Veröffentlichung eine Reihe von
Motiven, zum Beispiel, daß Veröffentlichung weitere Arbeit beirren könnte,
daß sie die Schatten persönlich peinlicher Lebensperioden aufrief. Wie sehr
für Kafka die Nichtveröffentlichung mit dem Problem seiner
Lebensführung zusammenhing (ein Problem, das zu unserem

Page 237

unermeßlichen Schmerz jetzt nicht mehr stört), geht wie aus vielen
Gesprächen aus folgendem Brief an mich hervor: „… Die Romane lege ich
nicht bei. Warum die alten Anstrengungen aufrühren? Nur deshalb, weil ich
sie bisher nicht verbrannt habe? … Wenn ich nächstens komme, geschieht
es hoffentlich. Worin liegt der Sinn des Aufhebens solcher „sogar“
künstlerisch mißlungener Arbeiten? Darin, daß man hofft, daß sich aus
diesen Stückchen ein Ganzes zusammensetzen wird, irgendeine
Berufungsinstanz, an deren Brust ich werde schlagen können, wenn ich in
Not bin. Ich weiß, daß das nicht möglich ist, daß von dort keine Hilfe
kommt. Was soll ich also mit den Sachen? Sollen die, die mir nicht helfen
können, [408]mir auch noch schaden, wie es, dieses Wissen vorausgesetzt,
sein muß?“

Ich fühle sehr wohl, daß ein Rest bleibt, der besonders zartsinnigen
Menschen die Publikation verbieten würde. Ich halte es aber für meine
Pflicht, dieser sehr einschmeichelnden Verlockung des Zartsinns zu
widerstehn. Entscheidend ist dabei natürlich nichts von dem bisher
Vorgebrachten, sondern einzig und allein die Tatsache, daß der Nachlaß
Kafkas die wundervollsten Schätze, auch an seinem eignen Werk gemessen
das Beste, was er geschrieben hat, enthält. Ehrlicherweise muß ich
eingestehn, daß diese eine Tatsache des literarischen und ethischen Werts
genügt hätte (selbst wenn ich gegen die Kraft der letztwilligen Verfügungen
Kafkas gar keinen Einwand hätte) — meine Entscheidung mit einer
Präzision, der ich nichts entgegenzusetzen hätte, eindeutig zu bestimmen.

Leider ist Franz Kafka an einem Teil seines Vermächtnisses sein eigner
Exekutor geworden. Ich fand in seiner Wohnung zehn große Quarthefte —
nur ihre Deckel, den Inhalt vollständig vernichtet. Ferner hat er
(zuverlässigem Bericht zufolge) mehrere Schreibblocks verbrannt. In der
Wohnung fand sich nur ein Konvolut (etwa hundert Aphorismen über
religiöse Fragen), ein autobiographischer Versuch, der vorläufig
unveröffentlicht bleibt, und ein Haufen ungeordneter Papiere, die ich jetzt
sichte. Ich hoffe, daß sich in diesen Papieren manche vollendete oder

Page 238

nahezu vollendete Erzählung finden wird. Ferner wurde mir eine
(unvollendete) Tier-Novelle und ein Skizzenbuch übergeben.

Der kostbarste Teil des Vermächtnisses besteht mithin in den Werken, die
dem Grimm des Autors rechtzeitig entzogen [409]und in Sicherheit gebracht
worden sind. Es sind dies drei Romane. ‚Der Heizer‘, die schon
veröffentlichte Erzählung, bildet das erste Kapitel des einen Romans, der in
Amerika spielt, und von dem auch das Schlußkapitel existiert, so daß er
keine wesentliche Lücke aufweisen dürfte. Dieser Roman befindet sich bei
einer Freundin des Toten; die beiden andern — „Das Schloß“ und den
„Prozeß“ habe ich 1920 und 1923 zu mir gebracht, was mir heute ein
wahrer Trost ist. Erst diese Werke werden zeigen, daß die eigentliche
Bedeutung Franz Kafkas, den man bisher mit einigem Recht für einen
Spezialisten, einen Meister der Kleinkunst halten konnte, in der großen
epischen Form liegt.

Mit diesen Werken, die etwa vier Bände einer Nachlaßausgabe füllen
dürften, sind aber die Ausstrahlungen von Kafkas zauberhafter
Persönlichkeit bei weitem nicht erschöpft. Kann auch vorläufig an eine
Herausgabe der Briefe nicht gedacht werden, von denen jeder einzelne
dieselbe Natürlichkeit und Intensität besitzt wie Kafkas literarisches Werk,
so wird man doch in einem kleinen Kreise rechtzeitig daran gehen, alles zu
sammeln, was als Äußerung dieses einzigartigen Menschen in Erinnerung
geblieben ist. Um nur ein Beispiel anzuführen: wie viele der Werke, die
jetzt zu meiner bittern Enttäuschung in Kafkas Wohnung nicht mehr
vorgefunden wurden, hat mir mein Freund vorgelesen oder wenigstens
teilweise vorgelesen, teilweise ihren Plan erzählt! Wie unvergeßliche, ganz
originelle, ganz tiefe Gedanken hat er mir mitgeteilt! Soweit mein
Gedächtnis, soweit meine Kräfte reichen, soll nichts verlorengehen.

Das Manuskript des Romans „Der Prozeß“ habe ich im [410]Juni 1920 an
mich genommen und gleich damals geordnet. Das Manuskript trägt keinen
Titel. Doch hat Kafka dem Roman im Gespräch stets den Titel „Der

Page 239

Prozeß“ gegeben. Die Einteilung in Kapitel sowie die Kapitelüberschriften
rühren von Kafka her. Bezüglich der Anordnung der Kapitel war ich auf
mein Gefühl angewiesen. Doch da mir mein Freund einen großen Teil des
Romans vorgelesen hatte, konnte sich mein Gefühl bei der Ordnung der
Papiere auf Erinnerungen stützen. — Franz Kafka hat den Roman als
unvollendet betrachtet. Vor dem Schlußkapitel, das vorliegt, sollten noch
einige Stadien des geheimnisvollen Prozesses geschildert werden. Da aber
der Prozeß nach der vom Dichter mündlich geäußerten Ansicht niemals bis
zur höchsten Instanz vordringen sollte, war in einem gewissen Sinne der
Roman überhaupt unvollendbar, d. h. in infinitum fortsetzbar. Die
vollendeten Kapitel, mit dem abrundenden Schlußkapitel
zusammengenommen, lassen jedenfalls sowohl den Sinn wie die Gestalt
des Werkes mit einleuchtendster Klarheit hervortreten, und wer nicht darauf
aufmerksam gemacht wird, daß der Dichter selbst an dem Werke noch
weiterzuarbeiten gedachte (er unterließ es, weil er sich einer andern
Lebensatmosphäre zuwandte) —, wird kaum seine Lücke fühlen. — Meine
Arbeit an dem großen Papierbündel, das seinerzeit dieser Roman darstellte,
beschränkte sich darauf, die vollendeten von den unvollendeten Kapiteln zu
sondern. Die unvollendeten lasse ich für den Schlußband der
Nachlaßausgabe zurück, sie enthalten nichts für den Gang der Handlung
Wesentliches. Eines dieser Fragmente wurde vom Dichter selbst unter dem
Titel „Ein Traum“ in den Band „Ein Landarzt“ aufgenommen. [411]Die
vollendeten Kapitel sind hier vereinigt und geordnet. Von den
unvollendeten habe ich nur eines, das offenbar nahezu vollendet ist, mit
einer leichten Umstellung von vier Zeilen als Kapitel 8 hier eingereiht. —
Im Text habe ich selbstverständlich nichts geändert. Ich habe nur die
zahlreichen Abkürzungen transkribiert (z. B. statt F. B. „Fräulein Bürstner“
— statt T. „Titorelli“ voll ausgeschrieben) und einige kleine Versehen
berichtigt, die offensichtlich nur deshalb in dem Manuskript stehen
geblieben sind, weil es der Dichter einer definitiven Durchsicht nicht
unterworfen hat.

Max Brod. [412]

Page 240

[Inhalt]

GEDRUCKT BEI
POESCHEL & TREPTE
IN LEIPZIG

Page 241

Inhaltsverzeichnis

VERHAFTUNG · GESPRÄCH MIT FRAU GRUBACH · DANN
FRÄULEIN BÜRSTNER 1
ERSTE UNTERSUCHUNG 54
IM LEEREN SITZUNGSSAAL · DER STUDENT · DIE
KANZLEIEN 84
DIE FREUNDIN DES FRÄULEIN BÜRSTNER 128
DER PRÜGLER 143
DER ONKEL · LENI 156
ADVOKAT · FABRIKANT · MALER 195
KAUFMANN BLOCK · KÜNDIGUNG DES ADVOKATEN 290
IM DOM 347
ENDE 392
NACHWORT 402

Page 242

Kolophon

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Metadaten

Der
Titel:
Prozess
Franz
Kafka Information
Autor:
(1883– https://viaf.org/viaf/56611857/
1924)
Max Brod
Information
Beiträger: (1880–
https://viaf.org/viaf/11005481/
1959)
George
Salter Information
Designer:
(1897– https://viaf.org/viaf/59988302/
1967)
2022-11-11
Erstellungsdatum der
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Veröffentlichungsdatum
1925
des Originals:

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2022-11-10 Angefangen.

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ROMAN ***

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